Benvenuto. Ein Roman aus der Kunflerwelt.
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

F H a==-
F- e- =--
F= =-
E
A Bände.
Otto Janke in Berlin sind ferner
Fannn Le wald
alle
Buchhandlungen zu beziehen:
nedick.
Roman
von
nny Lewald.
E
. ?. geh. 1 Mark 50 Pf.
D
e Er löserin.
Roman vor fünfzig Jahren
von
Fanny Lewald.
Bände. Gr. S. geh. 1 Mark.
e sa m m e
lte erle
Fanny
19 Bände. Gr.
von
Lewald.
B. geh. I Mark.
n halt:
fasteine Lebensgeschichte. Bde. 1 Mart b Pf. -- Von
FGeschlecht zu Geschlecht. z Bde. 1 Mark. -- Clementine,
Hluf ruther Erde, Jenny, Eine Lebensfrage. Bde.
ßs Maue Pf. = Dao Mädchen von Hela. A Bde. Mr.
Fgedes Werk aus dieser Sammlung wird auch einzeln verkauft z
z
f

F

Benvenuto.
Ein Pom an aus der ßünfleruelt.
von
Fanny Lewald

Erster Band.
=.
H
Berlin, 187ß.
Verlag v on Dtto Janke.

Kapitel 01

z
.
- - - ? --=« - F?-. -
, -
z befanden uns im Jahre achtzehnhundertfünfnnd-
fünfzig in Paris; in jenen Tagen, in welchen man gleich
heiter wurde, wenn man nur an Paris dachte, in denen
Jeder, der einmal dort gewesen war, nicht müde wurde,
von dem lieblichen, dem gastlichen Paris zu sprechen,
und die schöne menschliche Anmuth und die heitere Ge-
sittung der Franzosen zu preisen, die sich denn auch
miehr als jemals sicher fühlten, auf der Höhe der
Eivilisation zu stehen, der ganzen Menschheit an Bildung
um ein gutes Theil voraus zu sein, und denen wir das
Alles ohne Weiteres glaubten, weil sie es mit solcher
Zuversicht behaupteten, und weil es gar so lustig her-
ging in ihren wohlversehenen Speisehäusern, in ihren
Theatern und tid elaiants, auf ihren Loretten-Bällen,
auf den im Lichterglanze strahlenden Boulevards, und


in den kleinen Zirkeln der gebildeten Gesellschaft, die
sich damals zum Theil noch ihrer alten Einfachheit zu
rühmen hatten.
Wer mochte auch in solchen Zuständen sich gern
daran erinnern, daß er auf eineut nicht erloschenen
Vulkane
Bastille,
Ströme
Blutes,
stand? Wer hatte Zeit, wenn
an dem Grsve-Plaz vorüberging,
des dort mit wilder Mordlust
er an der
sich an die
vergossenen
sich der Gräuel der grausamsten aller Re-
volutionen zu erinnern?
Wir Alle unterlagen mehr oder weniger dem Banne
gewisser erblich gewordener Begriffe und Vorstellungen,
und Lamartine hatte obenein die Geschichie der fran-
zösischen Revolution so abgedämpft und so wohlwollend
zurecht gemacht, daß man sich mit seelischer Erhebung
an ihren Helden und Heldenthaten erfreuen konnte, ohne
sich von dem erbarmenswerthen Untergang so vieler
Edeln mit Entsezen abzuwenden. Das achtzehnte Jahr-
hundert war begraben. Die Wunden, welche Napoleon l.
der Welt geschlagen, waren allgemach geheilt. Er sah
von seiner Säule auf dem Venddme -Plaz kalt auf das
frdhlich fluthende Menschengetriebe zu seinen Füßen
nieder. Sein Neffe, der das Kaiserreich des Friedens auf
- -- --

den Boulevards mit Kartätschen und mit dem nächtlichen
Blutbade auf dem Marsfelde getauft und eingeweiht,
hatte soeben durch den Telegraphen die Kunde von der
Einnahme von Sebastopol erhalken, während alle eivili-
sirten Völker der Erde von ihm nach Paris geladen
worden waren, zu einem Wettstreit in den Künsten und
in den Bereichen aller Indstrie.
Die erste große Weltausstellung war eröffnet, and
in vollem Zuge, als man zu Ehren deä Sieges der-
Franzosen über die Russen, Paris illuminirte und die
Straßen und die Häuser festlich schmückte.
Alles athmete Siegeslust, Freude und Genuß!
Von dem Pavillon der Tuilerien wehte in stolzer Sicher-
heit die Tricolore. Triumphirend fuhren der Kaiser
und die Kaiserin hinter den voransprengenden bunt
aufgeputzten Hundertgarden durch die Straßen zum
Tedeum nach der Kathedrale von Notredame. An dem:
Fuße der Napoleonösäule häuften sich die Jmmorteslen-
kränze alle Tage, und Niemand hätte damals ahnen
mögen, daß Franzosen selber dieses Ehrendenkmal der
Siege ihres vergötterten Kaisers niederreißen würden in
den Staub, daß Eugenie, die holdselig Lächelnde, einst
flüchten würde aus den Tuilerien, daß Franzosen selber

E
s

FZese stole Kdnigsburg und ihr eigenes Stadthaus den
Füpenmen überliefern, daß ihr Friedenstaiser sterben
Es
FZFrde, ein aus der Krieasaefanaenschast euialsener
FFeina. = = de-. == == - -n =-
Fhe . w - denci ap-e Atne =n-
=
FF Pars wan ema berauschender. nie alänznder
Fei =hs de woa une =u =
FFz =. = =a va =e == ==-
FFß=e == sp=e. =- =a = =a- = -
FF=- ==r on-ua =wae. c waee = Aenbe
FFe == =- ==- = = =-=-. -
Fs i =o ßaee naban == Ve. ==en
F nne =u= = =-
FF d Tae =s -r =e Heen bae
FJb =ob=ne Dee. = == == u ==-
FFgrlse Conue noch imer Zaiß geben
;
F mals aber, im Jahre sünfundfünfzig war
FFFis bn =s io ==o eee =ue =--
sgen, de Teii nahmen an den Schaffn ud Konen

FF Bi euaia, we wo i ve entaeiteuna
FFgz bo na art re. bee Ka=n
FF=aan= u Le- s =. =e b=a s=e
s
a

N
sich hier zusammenfanden und begrüßten. Denn auus
allen Lündern waren die Kinstler nach Paris geströmt,
die Einen ale Auösteller, um ihre Arbeiten mit den
Leistungen der Uebrigen zu vergleichen, die Anderen, um
zu sehen, was seit dem Anfang des Jahrhunderts über-
haupt Bedeutendes geschaffen worden war; und die
Franzosen durften sich ohne Neberhebung sagen, daß sie
in technischem und künstlerischem Vermögen die anderen
Völker bedeutend überragten. Das erhöhte ihr Selbst-
gefühl und machte sie zuvorkommend, wie es dem Gllc-
lichen und Siegreichen leicht wird und gebührt.
Müde von dem mehrstündigen Uhervandern und
Betrachten hatten wir uns eines Tages mnit unserem
Landsmann, dem Maler Adalbert, in dem Lesezimmer
der Speiseanstalt niedergelassen, die inn der Auöstellung
errichtet war, um dort unsern Augen auf den glatten
grauen Wänden ein Ausruhen zu vergönnen, als unser
Freund sich erhob, für uns von dem Tische, auf welchem
die Zeitungen auögebreitet lagen, ein Blatt herbei-
zuholen.
An der einen Langseite dieses Tisches saß unter all
den Andern ein schlanker Südländer, den Kopf auf die
Hand gestüzt und so vertieft in sein Journal, daß er es


- nicht bemerkte, als Adalbert, nach dem von ihm ge-
b wünschten Blatte suchend, dicht neben Jenem, eine um
,. die andere Zeitung aufhob. Erst als unser Freund,
; mit einer Bitte um Entschuldigung, sich des Journals
F bemächtigte, das zufällig unter dem Arme des Lesenden
F aEegen hatie, hob derselbe das duntelocge Haunt
F empor, und kaum hatten die Blicke der beiden Männer
F, sch getroffen, als sie mit dem Auödruck freudiger Veber-
F rashug einander auch die Hue reichten, und die
FLeitungen reresind da wir en fcsoe Jaütener
F, lsihkus t. uit üeis- gwecheite Wore raias
F u uns brnaten
Eine Reihe von Jahren war vergangen, seit wir
F in Nom am Tage nach dem Ceruaro-Reste von einander
. geschiden waren, das am Ende jdes Winters die Künstier
F aller Nationen und jnen Theil der Fremden-Gesellschaft,
ß welcher sich zu den Künstlern hieit, zu leztem yhon-
F tastischem Beisammensein auf deu Hügeilande der römischen
F Campagna in bunter Mastentracht zu vereinigen pflegte,
Fehe man bie ewige Start -ter gar Valien veriiek
- Die Freude des Wiedersehens war fir uns Alle
Febhaft. Die Eaen nach dem gegenseitigen Eaehen
Fwurden schnell gewechselt, und obschon wir von Benwenuto
E
E
y
e

ein paar vortreffliche Bildwerke in den Sälen für die
italienische Sculptur bewundert hatten, waren wir doch
überrascht, ihn hier zu sehen, da er, wie wir wußten,
eigentlich kein Freund des Reisens war, und seine
römische Heimath und deren nächste Umgebung selten
einmal verließ, seit er in frühen Jahren seine große
Tour beendet hatte.
Da sieht man, wozu die Ausstellungen gut sind,
denn ohne diese hätten wir Sie schwerlich hier getroffen!
rief heiteren Sinnes der große breitbrüstige Adalbert,
dem der dichte Vollbart und sein reiches volles Haupt-
haar das offene Gesicht umrahmten, daß er mit seiner
mächtigen Gestalt wie ein antiker Flußgott anzusehen
war, und jezt, im vorgeschrittenen Mannesalter, erst
recht den Namen ,, il grnn Mio' verdiente, mit welchen
die Römerinnen, in der Erinnerung an das herrliche
Bildwerk in den Galerien des Vatikan, ihn schon in
seiner Jugend zu kennzeichnen geliebt hatten.
Die Auöstellung hat mit meinem Hiersein im
Grunde Nichts zu schaffen, entgegnete Benvenuto. Daß
ich in Paris bin, daß ich die Freude habe, Sie Alle
hier wiederzusehen, ist ein reiner Zufall, wie fast Alles
in unserem Leben. Ich hatte es gar nicht im Sinne

z
s

?
?
hierher zu gehen. Aber eines Tages, gerade als ich
D
?
nach dem Landsiz eines Freundes aufzubrechen und zu
;
ihm in das Gebirge zu gehen dachte, lag der Sirocco
?
?
bleien über Land und Stadt, und ich verließ aus Un-
?
behagen mein Atelier früher, als ich pflegte, obwohl ich
?.
wußte, daß ich es draußen nur noch schlimmer finden

-



-
1
würde. Meiner Thüre gegenüber hielt der Wagen eines
Vetturins. Wollen Sie einen Platz, Signor? einen
Plaz für Florenz? rief mich sein Gehilfe an. -- Und
warum nicht einmal mit dem Vetturin, statt in dem
eigenen Wagen? Warum nicht einmal nach Florenz,
S? -
; so gut als in's Gebirge oder in mein altes Schloß?
z dachte ich. In Florenz wird's ja frischer sein, als hier.
- Also das Handgeld her, Padrone! und morgen nach
f - Korenz!
Am andern Morgen war ich auf dem Wege nach

der Medicäer Stadt. Am Arno war die Hize so
lastend, als am Tiber, aber ich war nun einmal unter-
wegs. Der Gevatter meines Vetturins, der zwischen Florenz
-
und Mailand seine Straße hatte, legte denn auch sofort
die Hand auf mich und brachte mich bis zu der Eisen-
bahn. So kam ich nach Mailand, wo ich die Stadt voll
-
Staub und leer von Menschen fand. Also weiter vorwärts!
-
1-:-
.
s
-

u
und weiter vorwärts noch einmal und noch einmal!
hinauf, hinunter; und wieder einmal allein und ganz
als Künstler gereist, wie in jungen Tagen, iber Berge
und Seen, durch Wälder und Felder, an die Grenze
und über die Grenze, bis ich hier gelandet bin, offenbar
geführt von guten Geistern, da ich Ihnen die Hand
hier geben kann.
Benvenuuto, wie er leibt und lebt! rief Aalbert,
während wir Alle mit Wohlgefallen in das feine, geist-
reiche Gesicht des Italieners blickten. An Ihnen ist die
Zeit ganz spurlos hingegangen, und was haben Sie Alles
geschaffen in den Jahren!
Zeit! wer spricht von Zeit? schalt der Jtaliener
eifrig. Das ist ein Wort, das ich nicht hören mag!
Es macht alt, so wie man es nur über seine Lippen gehen
läßt. Was will das sagen: die Zeit? Gestern, heute,
morgen! es ist ja Alles ganz dasselbe! Warum unter-
scheiden Sie es? Warum sammeln Sie die Tage in
ein Ganzeö? Gestern war ein Heute; morgen wird ein
Heute sein, und die Stunde, die wir eben leben, ist
doch ganz gewiß ein Heute! - Ich kenne gar Nichts
als das Heute, seit ich nicht mehr jung genug bin, von
der Zukunft sonderlich viel für mich zu erwarten. Und

E
E?
s
k
g
E
k
k
h
t
h
h'
?
k
4?-
ß
?
Nichts kennen, als den Tag, an dem man lebt, Nichts
denken, als ihn zu be
nuuzen, ihn zu genießen, daä dünkt
mich, heißt in einer
nicht endenden Gegenwart leben,
wie die leicht lebende:
-- --- -- ?T!
freveln, wenn wir sie mit unseren groben Mitteln dar-
ustellen unternehmen.
Und er hat eine Venus, eine Hebe, einen Mars
schaffen! rief Einer von uns aus.
Ich habe mehr Thorheiten gemacht in meinem
Leben, und mehr Sünden begangen, als nur diese
künstlerischen! warf der Bildhauer mit jener scherzenden
Melancholie uns ein, die wir an ihm kannten und die
k.
z
ud
eigentlich immer unerklärlich an ihm erschienen war.
uns
Sie dürfen wohl so spotten, sagte Adalbert, da
Sie
wissen, wie die Kenner Ihre Werke schäzen und wie
allgemein man sie bewundert.
Die Kenner! wiederholte Benvenuto in derselben
ggz Weise wie vorher. Die Kenner! und nun gar die allgemeine
E
FF=e =w apn == e=-
EHgals fehlt! Was gelten sie dem Künstler? was gilt
EeF
EEfülr,ghr Beifall, ihre Freude, wo ich selber keine rechte
Fs=== - = ==«s= == ==-
gk-.
gs - -
aE
-=-?
Cäne- -
kMe

1V
er hinzu: Was wollen Sie meine Freunde? Ich weiß
und darf es sagen, daß ich ein Künstler bin; und doch
ist ein Etwas in meiner Natur, das mich von je ge-
hindert hat, meines Schaffens und ueines Lebens einfach
Froh zu werden. Ich wollte, ich hätte meine Arbeiten
hier gar nicht wieder beisammen gesehen, denn sie
freuen mich nicht. Ich bin durch Naturanlage und
durch meine erste Erziehung zu grüblerisch für einen
Künstler. Nur das Nichtvorhandene reizt mich! Nur
so lange ich es im Geiste ahnend in mir trage, lebt in
mir mein schönes erschautes Jdeal in seiner Erhabenheit!
Ich besize, ich genieße dann, was keines anderen Menschen
Auge sah. Aber, fuhr er seufzend fort, die Stunde
kommt, in welcher dieses innere Alleinbesitzen mir nicht
mehr genügen will, in der ich auch von Auderen mit-
genossen und bewundert sehen möchte, was durch lange
Tage mir das Herz erhoben hat. Ich gehe also an die
Arbeit: die Skizze fliegt mir von der Hand; ein zu-
versichtliches Hoffen feuert meinen Eifer an; ich habe
Augenblicke einer völligen, einer göttlichen Befriedigung.
Indeß diese Stunden schwinden und sie werden immer
seltener, je mehr ich mich dem Ende meiner
Arbeit nähere. Die Hoffnung läßt dann ihre Flügel

i
f
=?
1
aE
sinken, die Begeisterung hebt das Haupt nicht mehr so
freudig empor, und wenn die Arbeit endlich gethan,

wenn der lezte Meißelstich gemacht ist, und daä Gllck
s es fügt, daß Andere sich meines Werkes freuen, so stehe
f
ich da, wie vor einer gestorbenen Geliebten: trauernd
?
E um ein Schönes, das nicht mehr vorhanden, das un-

?
E
K
?
wiederbringlich mir verloren ist, und das ich mir in
gewissem Sinne selbst zerstörte. -- Denn was ich dann
gestaltet vor mir sehe, ist nicht mehr und ist zoch nicht
s
. .?. -'

F==
h so auferbauen, wie ich es zuerst erschaut! Es ist für
z mich dahin auf immerdar!
- Wir kannten diesen sonderbaren Zwiespalt in
ß
unseres Freundes eigenartiger Natur. Indeß, wir hatten
D
F - uns in früheren Jahren der Hoffnung hingegeben, daß
-
?
z
sein großes, schöpferisches Können ihn mehr und mehr
zufrieden stellen, daß er Meister wekden würde über
jenes quälende Verlangen, ein Höchstes zu erreichen; und
k-
,sahen nun mit Erstaunen und Bedauern, wie völlig un-
k -
F' verändert er in seinen Empfindungen geblieben war.
k
Wir hatten ihm ruhig zugehdrt. Als er geendet
E
' - hatie, sagte Adalbert, der, von Jahr zu Jahr auf
E
E

1K
sicherem Wege rüstig fortgeschritten, für einen der ersten
Landschafter der Zeit galt: Ich verstehe Sie ganz
wohl, und in gewissem Sinne haben wir Alle das
Gleiche oder dochh ein Aehnliches in uns duurchzumachen,
wenn schon wir uns, im Gegensatz zu Ihnen, allmälig
zu bescheiden lernen. Um zufrieden zu sein, umt sich
glücklich preisen zu können, müßte der Künstler neben
der männlichen Kraft des schöpferischen Erzeugens, auch
die Begnügtheit des Weibes besizen, das sein Geschöpf
zu lieben vermag, wie unvollkommen es auch sei. Ent-
sagung ist aber nicht des Mannes Sache; und so stehen
wir denn nur zu häufig vor der großen unheilvollen
Kluft, die das Wollen von dem Vollbringen scheidet;
vor dem Zwiespalt zwischen dem Jdeal und der
Wirklichkeit, vor der alten ewigen Klage - vor der
Unzufriedenheit des wahren Künstlers mit sich selbst,
der gegenüber man jeden Stümper um seine glückliche
Selbstgenügsamkeit beneiden möchte.
Der Bildhauer schüttelte ablehnend das Haupt.
Nein, sagte er, das ist es nicht, oder ist es doch nicht
allein. Sie geben einer schlechten Seite meines be-
sonderen Wesens einen guten allgemeinen Namen. Eä
ist ein Mangel in meiner Natur, oder auch die Er-

n
k
;
s
e
1
;
, innerung an traurige Erlebnisse, die sich durch lange
F Jahre in meinem Leben hingezogen hat. Es ist ein
f falscher Jdealismus, ein thörichtes Hoffen und Suchen
E nach einem vollkommenen Genüügen, das vielleicht nie
F, und nirgends zu erlangen ist. Früher hat alles Neue,
alles Schöne mich gereizt, ja geblendet und gelockt, wiees
k
F ein Kind verlockt. Immer auf das Neue wähnte ich mein
E
g; Ieal gefunden zu haben. Ich wollte mir aneignen, was
F mich verlockte, ich setzte alle meine Kraft daran, und
F hatte ich es erreicht, so reizte das ndchste Rene. Scöne.
I das unerwartet mir vor die Augen trat, mich ebenso,
F Ich war jdem Eindruc offn und eben dadurc u?
F-beständig, war nie zfriden ud noch weniger glücieh
aE
- - Sie analysiren sich mit großer Klarheit! bemerkte
F= == =
F- - Wenn die Ertenntniß umgestalten kdnnte, entgegnete
Fder Jtaliner, so wdre mir lnge schon geholfen, den
Fzch tne nich sebr aeno: aber wa hiist utr bae?
FFteh habo uuich neh awaeh Ic b o abor=. so

Pggozrden! Und als ich einmal überzeugt war, Nuhe
Fz no. » =n w = tpu t
aAse
Fgymnnersein- Anderer gewprden zu sein - da fand ich
aeeFe
FHFFGb u »= Vene - n b =
gr
Ee? =-

u
nicht, wo ich es zu finden wünschen mußte. Was
wollen Sie meine Freunde? so ist das Leben! so ist die
Welt einmal!
Sie haben sich nicht verheirathet? fragte Adalbert.
Nein ! versetzte Benvenuto, und Sie wohl auch,
nicht?
Was denken Sie? rief Adalbert, indem er sich mit
scherzendem Pathos in die Brust warf, ich nicht ver-
heirathet?-- Sehen Sie es mir denn nicht an, wie
mich die Sorge für eine Familie niederdrückt? sezte er
hinzu, während sein helles Auge die Reihen der vorüber-
gehenden Frauen und Mädchen mit raschem Blicke
musterte.
Und was ist aus William, was aus Eberhard ge-
worden? wissen Sie von Helmar Etwas? fragte der
Jtaliener.
Das können Sie von ihnen selber hören, denn sie
sind sammt und sonders in Paris, und werden -- er
sah hinüber nach der Uhr -- wenn sie nicht Ab-
haltungen haben, in wenigen Minuten zu dem täglichen
Stelldichein erscheinen. Sehen Sie, da kommen sie auch
schon!
F. Lewald, Benvenuto. 1

1K
Wir gaben den Erwarteten ein Zeichen. Sie
waren rasch an unserer Seite, und ihre Freude,
Benvenuto anzutreffen, war nicht geringer, als es die
msere gewesen war.
Er allein hatte uns gefehlt, um den schönen
Kreis der Freunde vollständig zu machen, der einst so
fröhliche, fördersame Tage, so jugendfrische Zeiten in
der alten Weltstadt an dem Tiber, und in Ariccis
Casa Martorelli mitsammen verlebt hatte; und wie
Sonnenschein leuchtete es in uns Allen auf, als wir
zurückblickend in jene Zeiten, uns wieder einmal die
Hände reichen konnten.
Fast zehn Jahre lagen zwischen dem einstigen
Scheiden und dem jezigen Begegnen. Man hatte in
denselben die knstlerische Laufbahn der Freunde in
ihren Leistungen leichter als ihre persönlichen Erlebnisse
-- verfolgen können, aber die Theilnahme aneinander war
E -
H. die gleiche geblieben, das alte Vertrauen zeigte sich un-
F -permindert zwischen uns. Alte Scherze wurden rasch
FßHFndig; nGben bem semeinsamen, essen man ch =
FFanern hate, tducht auch bas Besonder wwieber auk
FzFspschn rchoinandern, man woe n=chbolen, was
en
Fßgn-ss lange persaumt hate. Helmar und Eberhar
F--
eee?- ;
tS

uS
!

hatten sich in den Jahren ebenfalls verheirathet; Willian:
sagte, er sei ein alter Junggeselle und Nichts weiter.
Und was ist aus Lisandra geworden? fragte ihn
Eberhard.
Das ist mit wenig Worten nicht zu sagen! ent-
gegnete der Engländer, mit der Zurückhaltung, die ihn
nicht leicht verließ; aber sie lebt in Rom, so wie vordem.
Benvenuto bemerkte, sie sei noch immer schön.
Noch kurz vor seiner Abreise sei er ihr hegegnet, und
ihre königliche Haltung sei auch an der nicht mehr
jungen Frau noch auffallend gewesen. Sie arbeite noch
immer und werde immer noch mit Vorliebe von den
Künstlern als Modell' benutzt.
Einer von uns machte die Bemerkung, sie sei
durch ihre Schönheit wie durch ihre wahrhaft künstlerische
Begabung eines der herrlichsten Modelle gewesen.
Sie war weit mehr als das! sagte William,
während wir uns anschickten, aufzubrechen, um wieder
in die Säle der Ausftellung zurückzukehren; aber wir
suchten doch noch in Eile die Verabredungen für ein
möglichst häufiges Beisammensein zu treffen, die leicht
angenommen und mit Freuden eingehalten wurden.

20
e
O
Jeber Mittag führte uns in dem Speisezimmer zu
einander und auch die Abende brachten wir, wenn nicht
besondere Einladungen uns in Gesellschaften zu gehen
veranlaßten, gemeinsam mit den Freunden, in einem der
zahlreichen Theater, oder in meinen Zimmern zu.
Wenn man die Tage zum Betrachten der Kunstwerke
verwendet hatte, war es ein belehrender Genußß, sich
mit den sachverständigen Männern über das Gesehene
zu besprechen; und weil man wußte, wie rasch die Zeit
vorüber sein würde, die uns für das Beisammensein
gegönnt war, hielt man sich um so mehr daran, sie
möglichst zu benutzen.
Indeß das unausgesezte Bildersehen fing uns Alle
zu ermüden an, und auf mich hatte es endlich eine
Wirkung, die mich krank zu machen drohte. Ich sah
?, die Bilder fort und fort, auch wemn wir nicht vor
F-. ihnen standen. Ich sah sie den ganzen g, die ganze
F Nacht; sie leßen mich nicht einschlafen, ja sie erschienen
F mir noch im Traume, wenn mir vor Ermüdung der
F? Schlaf die Augenliber endllch schoß. Ich erinnere mich
F kaum jamals einen quälenderen Zustand, oder eine
F- solche. peinliche Angst empfunden zu haben. Wie Ge-
F spenster tauchten sie vor mir auf und huschten in
k

jähem Wechsel an mir vorüber: Gericaults Schiff-
brüchige und das schlanke blonde Mädchen aus der
Dorfschenke von Knaus; die Venus von Ingres und
Gustav Richters schbnes Portrait seiner Schwester; die
Schlachtenbilder von Horace Vernet und die lebenö-
großen Steinklopfer vor Courbet. -- Die Hand-
zeichnungen, die Statuen, Alles wirbelte durcheinander,
daß ich mit schwindelndem Gehirne mich am Morgen
wie zerschlagen fü hlte, und Abends mich mit einer Art
von Angst auf's Lager warf; bis wir endlich zu der
Einsicht kamen, daß ein längeres Besuchen der Aus-
stellung für mich zunächst nicht möglich, und ein zeit-
weiliges Ausruhen für den Augenblick mir unerläß-
lich sei.
Am Mittag, als wir mit den Freunden davon
sprachen, erklärten sie einstimmig, daß auch sie sich
stumpf und müde fühlten, daß es auch ihnen erwüünscht
. sein wüürde, statt der Kunstwerke für eine Weile die
Natur zu Iehen, um dann mit neubelebten Sinnen
wieder in die Galerien und Museen zurückzukehren; und
so kamen wir denn nach einigem Berathen dahin über-
ein, Alle zusammen füür acht bis vierzehn Tage auf das
Land zu gehen, um unsere einstige gemeinsame Villeggiatur

!

-
im römischen Gebirge, hier auf französischem Boden zu
wiederholen.
Nur um die Wahl des Aufenthaltes waren wir
zuerst verlegen. Weit von Paris entfernen mochten wir
s
-
uns nicht, da Jedem von uns mehr oder weniger daran
gelegen war, erwarteten oder unerwartet ankommenden
Freunden leicht erreichbar zu bleiben; aber schon am
nächsten Tage hatten wir das in Thal der Bisvre ge-
legene onz en osese, und in demselben das kleine
: --
?
?
n,
F
-

e

?
-
-
Das Abkommten mit der Besizerin des kleinen:
Schlosses, sie war die Wittwe eineä Generals des ersten
Kaiserreichs, war zu allseitiger Zufriedenheit sehr bald
getroffen; und noch am Abend des nämlichen Tages
führte uns der Zug der Eisenbahn bis nach Versailles,
von wo wir den Rest unseres Weges mit einem ehrlichen
Land»Omnibus zurüchzulegen hatten, der uns etwa eine
halbe Stunde von unserem kleinen Schlosse ablud, denn
les Voges waren in der That ein wirkliches Schloß mtit
vier runden dickköpfigen Thürmen, mit ganz statilichem
Portal, und von einem Garten umgeben, dessen hohe
Bäume das Schlößchen durch mehrere Jahrhunderte

getreu beschattet und vor den Stürmen behütet zu
haben schienen, die über Frankreich dahin gezogen
waren.
Ein anmuthigeres Landhaus, eine lieblichere
Gegend sind mir selten vorgekommen, und noch während
unseres lezten Krieges haben wir oft mit Liebe und mit
Sorge daran gedacht, was aus dem Schlbßchen während
desselben geworden sein, und ob wohl irgend einer
unserer Bekannten aus dem Belagerungsheer vor Paris,
dasselbe betreten und in den Näumen Nast und Ruhe
gefunden haben mochte, in denen uns so glückliche
Herbsttage zu Theil geworden waren. Aber Keiner von
Allen war dorthin gekommen, und Niemand von denen,
die wir fragen konnten, hatte es jemals nennen hören.
Das Wetter war uns durchaus günstig. Es war
noch sonmerlich warm, selbst in den frihen Tagesstunden;
Mittags brütete die Sonne auf den niedrigen Obst-
spalieren, von denen die Terrassen um das Schloß be-
deckt waren, und auf den Rebenpflanzungen, deren große
reife Trauben wir aus den Fenstern unserer Zimmer
im ersten und im zweiten Stock des Hauses pflücken
konnten. Die Maler waren Einer um den Andern in
das Zeichnen und Skizziren gerathen; und da wir von

Rom her es gewohnt waren, sie zu begleiten, saßen
wir
p
oft stundenlang, bald mit Diesem, bald mit Jenem
unter irgend einem der alten schattigen Nuß- und
Kastanienbäume, oder an einem der Hage, von denen
die wuchernden Brombeerranken uns ihre schwarzen reifen
Frlchte fast in die Hände reichten.
Wenn wir dann mit dem Sonnenuntergange nach
Hause kamen, und das Mahl verzehrt war, so blieben
wir mit einander in dem Saale des oberen Geschosses
am Kamine sitzen, denn man konnte am Abend eines
guten Feuers nicht mehr entrathen, und der Anblick
F desselben machte unserm Adalbert regelmäßig nach seiner
ß Heimath, nach seiner Frau und nach den Kindern
Sehnsucht.
William lachte darüber. Wenn uns das noch be-
F aegnete, sagte er, mir oder unserem Jtaliener, die wir
wirklich einen Kamin in unserer Heimath haben, so
F su =es, die an b=r Eenane aunovewe sebnne
ihre Berechtigung, vorausgesezt, daß für ihn und mich
F V unserem Herde noch etwas Anderes zu finden wäre.
- als das Feuer und der Lehnstuhl. Aber Ihr, in deren
F Häusern kin lustiges, helles Feuer brennt, in denen der
F warme Ofen von früh bis spät versebe ist -
E
-- -s


Das ist'S ja eben! unterbrach ihn Adalbert, grade
die stille, behagliche Gleichmäßigkeit, ohne Schein und
ohne viel Geflacker, das Vorhalten, ohne immer neuen
Nachschub, die sind es, nach denen man sich sehnt, wenn
man an seine Frau, an seine Heimath denkt. Ihr mögt
immerhin lachen, aber der Ofen ist gar kein übles Sinn-
bild für die stille Dauerhaftigkeit, die wir in der Ehe
fuchen! Schon das alte deutsche Sprütchwort gesellt die
Frau dem Ofen zu, denn es sagt ausdrücklich Die
Frau und der Ofen bleiben im Hause!
Das heißt, wie Figura zeigt, neckte der Jtaliener,
sie werden zu Hause gelassen, wenn der Mann sich aus-
wärts erlustirt!
Freilich! rief Adalbert, aber welch' ein Vergnügen
ist es dann auch, wenn man aus der Fremde wieder
heimkommt in das eigene Haus, wenn der warme Ofen
uns behaglich lockt, wenn die Frau, zufrieden, uns
wieder zu haben, ihre lieben Arme um uns schlingt!
-- Ach! rief er, sich selber unterbrechend, es geht doch
in der Welt gar Nichts über eine glückliche Ehe und
über das Familienleben!
Er thut wahrlich, als hätte er dies Gllck bereits

s
ein Menschenalter hindurch genossen, und ist ller Fne
Flittertage gar nicht lang hinaus! meinte Helmar.
Und ein Ansehen giebt er sich, als hätte er sich

an wildflackerndem Feuer nie voll Lust ergözt, schalt
!
?. Eberhard.
Eben deshalb, wendete Benvenuto ein, ebendeshalb
, weiß er vermuthlich auch den Unterschied zu schätzen;
? und er wird es wohl an sich erfahren haben, wie Alles
? Gute, das in dem Menschen liegt, doch nur in der Ehe
F recht zum Durchbruch und zu seiner völligen Entfaltung
? kommen kann.
Aber Sie finden es für sich troz dem nicht angemessen, -
k -
F bemerkte Einer von uns, sich durch die Ehe zu dieser
-- vollkommenen Entwickelung zu verhelfen.
Scherzen Sie darüber nicht, entgegnete der Jtaliener,
denn Sie berühren damit in meiner Seele einen wunden
j Fleck. Ich habe es Ihnen schon neulich angedeutet, daß
s ich es vor ein paar Jahren lebhaft wünschte, mich zu
F denheirathen, und daß mir's nicht gelang, das ersehnte
Mädchen zu gewinnen.
Wir glaubten ihm das nicht, das heißt, wir glaubten
k
nicht an seinen ernsten Willen, denn die Frauen hatten
i
E

s



sich ihm, dem berüühmten Klnstler aus reichem altem Hause,
nur zu hold erwiesen; und troz seines in der Freund-
schaft treuen Herzens, war er wegen seiner Unbeständig-
keit in der Liebe in früheren Zeiten oft von uns ge-
scholten worden. Da er aber jener gewünschten Heirath
und des mit ihr zusammenhängenden Erlebnisses nun
zum zweitenmale gegen uns Erwähnung that, so hatten
wir das Necht, ihn darum zu befragen; und Helmar
bemerkte bei der Gelegenheit, daß wir in der Art und
Weise, in welcher wir im gewöhnlichen Leben und in der
Gesellschaft neben einander hergingen, überhaupt viel zu
wenig von einander wüßten.
Wir sehen oft mit einer gewissen Verwunderung,
sagte er, sogar auf unsere nahen Freunde hin, wenn
wir dieselben erst als fertige Menschen kennen lernten.
Einzelne ihrer Aeußerungen, manche ihrer Handlungen
bleiben uns unverständlich, weil uns der Weg und die
Umstände frend sind, auf denen und durch die sie eben
das geworden sind, als was sie uns erscheinen; und wir
können darüber zu keiner Aufklärung gelangen, da wir
die zur Schau getragene scheinbare Gleichgültigkeit gegen
die Verhältnisse und namentlich gegen die Vergangenheit
unserer Umgangsgenossen, als einen Beweis unserer guten

Erziehung und unserer weltmännischen Bildgt anzu-
sehen lieben.
- Nun, meinte ich, da wir Alle uns des ernsthaften
Antheils, den wir aneinder nehmen, sicherlich nicht schämen,
h
?
so wäre unser stilles Verweilen in diesem Schlosse recht
dazu angethan, daß wir, Jeder wie er sich dazu ge-
stimmt fühlt, einander von unferer Vergangenheit er-
zählen, d. h. daß Jeder seine Lebensgeschichte oder ein
Bruchstück aus derselben zum Besten giebt. Das zu
tN-
näher kommen.
Den Freunden gefiel der Einfall. wohl. Unser
Aufenthalt in den kleinen Schlosse, unser ganzes Bei-
V
s
?
?
ö-- -
k
einandersein waren uns aber nur für eine kurze Zeit
gegönnt; man mochte deshalb während desselben den
fröhlichen Wechsel eines rasch belebten Gedankenaustausches
nicht entbehren, und so machten wir Deutschen, in Er-
innerung an die Aufzeichnung der Lebensläufe, welche
der Abbs im Wilhelm Meister in dem geheimnißvollen
k
Thurme aufbewahrt, den Freunden den Vorschlag, daß
B N

?
29
aufschreiben möge, was ihm der Mittheilung werth zu
sein dünke. Diese Erinnerungsblätter sollten dann, von
Einem zu dem Andern gehend, schließlich mir als ein
Andenken an unsern Aufenthalt im Bisvrethale über-
sendet werden und verbleiben.
Dieser Plan ist denn auch zur Ausführung ge-
kommen, wie wir ihn entworfen hatten; die Freunde
haben Alle Wort gehalten. Ich besitze seit nahezu
zwanzig Jahren die von ihnen geschriebenen Erieruugan
und benutze jezt die mir gegebene Erlaubniß, zunächst
das Manuscript unseres italienischen Freundes, nachdem
ich es in das Deutsche übertragen habe, zu ver-
öffentlichen.
Er hatte über feine Aufzeichnungen zwei Verse
aus einem Liede von Salvator Nosa als Motto hin-
geschrieben, und ich gebe die Blätter, wie ich sie eu-
pfangen habe.

Kapitel 02

;
Sem;re ld stesso stra il mio luoeo!
Sempre ld stesso suro anch io!
Pzg Schreiben ist meine Sache nicht, und was ich
Ihnen zu berichten habe, ist
Weise, auf welche ich zum
Ich komme weder dabei, noch
vor Allemt die Art und
Künstler geworden bin.
im Verlaufe meiner Mit-
theilungen in die Verlegenheit, Gutes oder Bewunderns-
werthes von mir sagen zu müssen, das auszusprechen
meiner Bescheidenheit, zu verschweigen meiner Eitelkeit
beschwerlich fallen könnte.
ah habe ächt menschlich, fast durchweg mehr ge-
N,
wollt, als ich erreichte. Was ich heiß ersehnt, ist mir,
wenn ich es erreicht, nicht immer zum Heile, oft zum
Unheil ausgeschlagen. Ich habe erfahren, mannigfach
erfahren, daß ich mich über mich getäuscht, daß mein
Wüünschen mich betrogen hat, und doch blieb mein eigen-
williges Verlangen, das Glück, mein Glück, auf meinem
F. Lewald, Benv enuto. l.

H
eigenen Wege zu suchen, immer das Nämliche, wie der
Glaube, daß kein andereä Glitck mtir dauernde Be-
friedigung gewähren könne, außer dem Einen, das sich
mir versagte.
Von einem solchen Menschen zu reden, ist vielleicht
nicht der Mühe werth; aber ich habe Ihnen mein Wort
- gegeben, und so mag die Feder laufen, Ihnen die ge-
F wünschten Aufschlüsse zu bringen.
E
Ich bin um zwanzig Jahre jünger, als unser

F Jahrhundert, bin in Nom geboren und war, wie ich
C
g. IPnen einmal erzählt zu haben glaube, von meinen
Eltern dazu bestimmt, das geistliche Gewand zu tragen.
E
F Hätte das gesegnete Schicsal nicht mehr Einsehen und
Barmherzigkeit für mich gehabt, als die Familiensitte des
?
z Hauses der Grafen von Armero, dem ich angehöre, so wüürde
?
ich ein Diener der Kirche geworden sein und das Kreuz
K
k gepredigt und getragen haben, statt mich mit den
s
- griechischen Göttergestalten und mit profanen Menschen-
f kindern zu beschäftigen.
Man hatte es mit mir auf nichts Geringeres, als
auf einen Monsignore oder Bischof abgesehen; denn wie
in allen unseren alten Adelsgeschlechtern war man gewohnt,
diejenigen Söhne, welche man innerhalb des Familien-
?
;

I
vermögens nicht ausreichend versorgen zu können glaulte,
zu Dienern des Staates, oder was im Kirchenstaate
dasselbe ist, der Kirche zu erziehen, das heist, sie diesen
Beiden aufzuladen. Ein Graf Armero mußte sich aber
wirklich gar keiner Begünstigung durch die Natur zu
rühmen haben, um in den päpstlichen Garden, in den
Bureaus der Nunzien, in der Prälatur und auf den
tausend Stufen der langen Leiter keinen schicklichen Platz
für sich erlangen zu können, die aus den geistlichen
Seminarien und aus den Klosterzellen hinaufführen
zu deö heiligen Vaters Thron.
Mein ältester Bruder hatte das große Majorat in
Aussicht und war als achtzehnjähriger Jüngling unit
einer eben so reichen Erbin versprochen worden. Mein
zweiter Bruder, eine Gestalt wie Adalbert und kriegerisch
gesinnt, hatte sich von Kindheit an auf eine uilitärische
Laufbahn vorbereitet. Er trat, sobald er erwachsen war,
in die päpstliche Armee. Meine Schwester hatte man in
ihrem - fünfzehnten Jahre verheirathet, und auf eine
nachträgliche Vermehrung der Familie mochte man gar
nicht mehr gerechnet haben. Ich vermuthe deshalb, daß
meine Geburt weder von meinem Vater noch von nteinen

F
-

sw?

s-
1e
erwachsenen Geschwistern als ein besonders erfreuliches
Ereigniß angesehen worden ist; und auch meiner Mutter
kam sie nicht gelegen, denn ich hatte die Ungeschicktheit,
mit dem Neujahr auf die Welt zu koumen, und sie
dadurch in dem Genuß einer Gesellschaftszeit und eines
Carnevals zu beschränken, die sich eben in jenem Jahre
glänzender als gewöhnlich entfalteten. Indeß man gab
mir nichts destoweniger den Namen Benvenuto, und
meine Mutter that für mich, was ihre Pflicht war.
Sie ließ eine vortreffliche Anmme von unseren Gütern
für mich nach Nom kommen, und schickte mich mit dieser
und einer Vertrauensperson auf das Land hinaus.
Im Sommer kam sie selbst nach unserm Schlosse,
und wie immer folgte eine Anzahl von Gästen ihr
dorthin. Sie nannten mich, wie es sich gehörte, einen
kleinen Engel; meine Mutter fand, keines ihrer Kinder
habe so frühzeitige Beweise von Verstand gegeben als
ich, und weil meine anderen Geschwister feun waren und
in gar keinem Verhältniß mit mir standen, kam ich ihr
endlich wie ihr einziges Kind, und sie selber sich wieder
- hgendlich vor, wie in jnen Tagen, in welchen sie mit
ihrem Erstgeborenen ebenso ihre Villeggiatur in ihrem
Schlosse gehalten hatte.
i
-
- e

i
r?
Das gefiel ihr wohl. Ein damals in der besonderen
Gunst der Frauen stehender Maler, der in Rom vielfach
in unserem Hause gewesen und zu uns anf daä Lantd
geladen worden war, malte sie mit ihrem Kinde auf
dem Arm. Sie fand sich mit Fug und Recht in deu
wohlgetroffenen Bilde noch sehr schön. Ihr an das
Kind geschmiegter Kopf nahm sich in dieser Pose ganz
vortrefflich aus, und fie war Frau und Künstlerin
genug, zu wünschen, daß man auch im Leben sie in
dieser gefälligen Stellung sehen und bewundern könne.
Im Herbste, als man sich in die Stadt zurückverfügte,
wurde ich mit den übrigen Toilettengegenständen meiner
Mutter sorgfältig verpackt, und wie diese, mit hinein
nach Mom genommen.
Meine Mutter, eine edle und durchaus vortreffliche
Natur, zählte damals achtunddreißig Jahre; es war
also sehr in der Ordnung und natürlich, wwenn es ihr
Vergnügen machte, noch so schön zu sein, wie ein junges
Weib, das sein erstes Kind geboren hat. Sie hat es
oftmals auch in freudiger Erinnerung gegen mtich aus-
gesprochen, daß ihr durch mich eine neue Jugend zu
Theil geworden sei. Wer aber würde das Wesen nicht
von Herzen lieben, das ihm zu solcheu Gllick verholfen

1


hätte? - Die ganze Liebe meiner Mutter wendete sich
deshalb mir zu, und es war nichts Geringes, von ihr
geliebt zu werden, denn sie war eine edle und gütevolle
Frau.
Ich kam nicht mehr von ihrer Seite, als ich groß
- genug geworden war, ihr ohne andere Begleitung folgen
zu können, und meine Geschwister neideten mir die
Zärtlichkeit der Mutter nicht, denn sie waren in ihren
eigenen Verhältnissen befriedigt. Sie wußten auch, daß
ich sie nicht beeinträchtigte, da ich eben der Kirche zu-
gewiesen werden sollte; sie wendeten also gar nichts da-
- gegen ein, wenn meine Mutter es vor mir und ihnen -
aussprach, daß sie mich durch ihre Liebe schadlos halten
wolle für die Einsamkeit, die in der Jesuitenschule, in
- dem Vollsgio, bald genug mein Theil sein werde; daß
F sie mir eine Ahnung, eine Vorstellung von der Welt
F zu geben, mich die Welt und die Menschen, die ich beide
j lebte, mit ihren Augen sehen zu lassen wünsche, ehe
E man mich lehren würde, dieselben frühzeitig gering zu
, schätzen, um sie dereinst beherrschen zu lernen.
Mit der Besorgniß, daß ich die Welt einst gering-
schätzen könnte, that meine Mutter mir indessen Unrecht,
? denn es gefiel mir nur zu gut in ihr und in den Um-
?
l

s
I9
gebungen, in welchen ich mich zu bewegen hatte. Meine
Sinne waren scharf, mein Empfinden von früh auf
lebhaft, und ich beobachtete unwillklrlich, ohne mir
Nechenschaft darüber zu geben. Ich war glücklich in
den kunstgeschmückten Sälen meines väterlichen Hauses,
glücklicher in dem Walde von iumergrünen Eichen, der
die Gärten unseres Schlosses begrenzte, und an dem See
im Walde, an dessen Ufern
versunkener Herrlichkeit von
svrachen. Ich
Erziehers, eines
unsern Gütern,
gehabt mit den
hatie, freilich
die Marmortrümmer lang
längst vergangenen Tagen
unter der Aufsicht meines
klugen und weltgewandten Jesuiten, auf
von klein auf, einen häufigen Verkehr
Kindern meiner Amme, und er währte
fort, als wir uns sammt und sonders dem Jünglings-
alter näherten. Ich bewegte mich beständig unter den
Gästen meiner Eltern. Ich sah die schönen Frauen
unserer Aristokratie und die Huldigungen, mit welchen
man sie umgab; und es konnte mir nicht entgehen, daß
manche von den geistlichen Herren, welche in unserun
Hause oerkehrten, in diesen huldigenden Bewerbungen
nicht weniger eifrig und nicht weniger gliicklich waren,
als die Edelleute aus der Laienwelt.
Daneben machte ich unter der Leitung meines Abate

meine Studien und meine geistlichen Nebungen, wie es
sich von selbst verstand. Ich war lernbegierig, aber
mein Vater ermahnte den guten Abate wiederholt, meinen
Geist nicht zu sehr anzustrengen, damit mein Körper
sich entwickeln könne, und mich überhaupt nicht zu sehr
zu beschränken. Denn er war, obschon sonst ein strenger
Mann, darin durchaus der Meinung meiner Mutter,
daß es auch für einen Cleriker nothwendig sei, Bescheid
zu wissen auf der Erde, auf der er die Menschen einst
für das Jenseits und die himmlischen Freuden vor-
zbereiten habe.
Mein Abate wollte das nicht gelten lassen,
z
F. wenn gleich er in den weltlichen Angelegenheiten sehr
F genau ewandert war und dieselben, so weit sie
-mit seinem Orden zusammenhingen, niemals aus dem
F - atuge peror. Es gab also beweiie zeuich lebhakte
F Erdrterungen über das, was für mich zulässig sei, was
z
nicht; aber wir befanden uns damals noch in dem Zu-
F stande einer verhältnißmäßigen Unbefangenheit und
z-
z Duldsamkeit, und es kam dem: Abate vor allem Anderen
darauf an, seine Stelle in unserem Hause nicht zu ver-

F lieren und meine Erziehung nicht in andere Hände
e - übergehen zu lassen. Er sah also möglichst darüber
E
E

s
E
d;
Es
E
k
hinweg,
kreuzten,
von ihn:
deckten
nn mei
und zeigte
begehrte.
Anander
erkennen lernte,
m versehen n
nes Vaters und seine Ansichten sich
Seine Klugheit und seine Vorsicht
vollständig, daß ich erst sehr spät
r er war und wessen man sich von
we
tußte
sich nicht eben strenger, als man es

Kapitel 03

g
mir
I -rsten sechszehn Jahre meines Lbens gingen
auf diese Weise, wie ein einziger schöner Tag dahin.
Ich schwamm wie die Engel des Himmels in einem
Meere beständigen Behagens; ich pries wie sie, an jedem
Tage die Gnade Gottes, die mich in das Leben gerufen
und in die schbne Welt gesezt, und ich hätte mich nicht
zu sehr gewundert, wenn mir plözlich ein paar Flügel
gewachsen wären, mich damit emporzuschwingen, um mit
vollem Blicke aus der Höhe zu überschauen, was auf
der Erde Erfreuliches für mich vorhanden war. Ich
verlangte sehr nach diesen Schwingen, und heute noch
glaube ich, ihre Keime stecken dem Menschen irgendwo
im Blute, weil wir Alle in der Jugend uns nach ihnen
sehnen.

=z
Leider kamen jedoch bei mir die Flügel nicht zum
Durchbruch, wohl aber sproßte mir der Bart; und ein
Besuch, den wir zur Zeit der Villeggiatur in unserem
Schlosse empfingen, brachte eine völlige Revolution in
mir hervor.
Ein Vetter meiner Mutter, der bei einem der
Aufstände in der Romagna seinen Tod gefunden, hatte
seine Wittwe und seine einzige Tochier mittellos zurück-
gelassen, da das ohnehin nicht sehr bedeutende Vermögen
- des Vaters von der Regierung eingezogen worden war.
Nichts war Donna Erminia geblieben als ihre Trauer
und der stolze Name ihres verstorbenen Gatten, und sie
--- hatte es deshalb für ein Glück zu halten, als meine
Eltern ihr das Anerbieten machten, die Tochter in einem
F der rdmischen Klöster erziehen zu lassen, in welchem sie
F. später den Schleier nehmen, und für das sie von meiner
F Mutee die Ausstattung und Mitgist empfangen sollte.
Wir befanden uns in unserm Schlosse in Gebirge,
und waren im großen Saale des Erdgeschosses beisammen,
als der Wagen des Vetturins, welcher die beiden Frauen
zu uns brachte, in den Park einfuhr.
Meine Mutter ging ihnen geflissentlich bis unter das
Portal entgegen, um der Dienerschaft und den Gästen damit

a
s

4?
anzuzeigen, auf welchem Fuße sie Donna Erminia behandelt
wissen wollte, obwohl sie nur mit der Kutsche eines gewöhn-
lichen Vetturins bei uns anlangte; und sie rief, diese
Weisung zu verstärken, auch mich heran, den Aussteigenden
jene Dienste zu leisten, welche man sonst den Dienern
zn überlassen pflegte.
Einer unserer Leute nahm Donna
kleine Gepäck ab, das man ihr aus den
jedem andern Passagiere, hastig zureichte.
Erminia das
Wagen, wie
Als ich aber
ihrer Tochter dafür meine Hilfe anbot, weigerte diese sich
derselben, und mich
Lassen Sie es, Don
wohnt als Sie!
freundlich ansehend, sagte sie:
Benvenuto! ich bin das mehr ge-
Ich weiß nicht, wie Sie über die Gewalt der Liebe
und des Augenblickes denken, aber Julietta's Stimme und
ihr Blick trafen mich bis in das Herz. Es flammte
ein nie empfundenes Etwas in mir auf, ich fühlte mich
als einen Mann; ich war mit einem Male froher, als ich
es je gewesen war. Der Tag schien mir heller als je
zuvor, und doch war Nichts geschehen, als daß ein
fremdes Kind die Treppe unseres Hanses neben mir
emporstieg.
Wenn Sie sich deö kleinen, unter dem Nauen von

18
Dante's Beatrice bekayz, Bildes entsinnen, so wissen
Sa?
Sie, wie der Gegensiand meiner ersten Liebe aussah,
denn Julietta's Aehnlichkeit mit jenem Bilde war eine
vollkommene zu nennen. Es war dasselbe lichte Haar,
das sich in natürlichem Gekräusel um die classische
Stirn und um das feine Oval der Wangen schmiegte,
dieselben scharfgezeichneten Brauen und langen dunkeln
Wimpern über den tiefsinnigen und geheimißvollen
Augen.
Donna Erminia hatte nach ihres Gatten Tode den
kleinen Ort, in welchem sie mit ihm gelebt und in
welchem ihre Tochter geboren worden war, nie verlassen.
Julietta kannte also von der Welt nichts weiter, als
die menschenleeren Straßen jenes Städtchens, als die
verfallenen Gemächer ihres alten Hanses und den Garten
des Nonnenklosters, in welchem sie in die Schule, und
in dessen Kirche sie mit ihrer Mutter zur Messe ge-
gangen war. Sie hatte ihr dreizehntes Jahr eben erst
D
? zurückgelegt, aber sie war körperlich über ihr Alter ent-
wickelt, und in dem einsamen Stillleben mit ihrer
Mutter waren ihr Verstand und ihre Einsicht ihren
Jahren weit vorausgeeilt.
Während meine Augen sie immer wieder suchten,
E
r
h?
E
ks
h
E

- -
?
n
h
s
s -
i?
.
z s
49
bemerkte ich doch den lebhaften Eindruck, welchen ihre
ungewöhnliche Schönheit auf die Männer machte, als
sie schüüchtern neben ihrer Mutter in den Saal trat, in
welchem man sich zum Mittagsmahle versammelte.
Mein Vater sprach ihr freundlich zu, ihre frühreife
Erscheinung lobend und bewundernd. Keiner der An-
wesenden unterließ es, ihr bei der Vorstellung ein
Zeichen der besonderen Theilnahme zu geben, und mit
eifersüchtigem
zu erspähen,
sei, wie sie
wende, dem
zu sorgen,
Dache, daß
he
Neide bewachte ich jeden ihrer Blicke, umn
ob sie auch diesen Männern so freundlich
es mir gewesen, ob sie sich nicht mir zu-
meine Mutter es aufgetragen hatte, dafür
daß es ihr wohlgefalle unter unserem
sie des Lebens froh werde in der großen,
rlichen Natur, welche in uuserem Schlosse sie umgab.
Da meine Mutter Donna Erminia als Cousine
anredete, gaben diese und ihre Tochter auch mir den
verwandtschaftlichen Titel, der Julietta's
verminderte, und es mir möglich machte,
traulicher zu nahen.
don
Schüchternheit
Freilich sah ich sie nie anders, als -
nich ihr ver-
Gegenwart
Dritten; aber jedes Beisammensein mit ihr erhöhte
??? b =--==== ---

der Anblick ihrer Schönheit meine bis dahin schlum-
- uuewden ?g =wee.
Bei der Dürftigkeit und Weltabgeschiedenheit, in
welcher Julietta herangewachsen war, mußte für sie
Alles neu und überraschend sein, was sie in unserem
- Hause antraf: sowohl die reiche Einrichtung und das
Wohlleben, als die Gesellschaft und der galante Verkehr
der Männer mit den Frauen, der sich deutlich kund gab;
ja selbst das Leben in der freien Natur, dem man sich
meist bis weithin in die nächtliche Kühle überließ. Ich
erwartete deshalb, daß dies Alles sie erfreuen und ver-
gnügen würde, weil. diese Genisse mir selber größer
und in einem neuen Lchte erschienen, seit ich sie mit
Julietten theilte; aber meine Vermuthungen be-
trogen mich.
Julietta betrachtete die ihr neue fremde Welt, wie
man ein Bild betrachtet. Man sah, daß dieselbe sie
anzog und beschäftigte, es kam jedoch niemals ein Wort
der Neberraschung, nie ein lauter Ausruf der Freude
über ihre Lippen, und meine Zärtlichkeit für sie betrübte
sich darüber. Ich meinte, wenn es mir nur gelänge,
das Richtige, das ihr Gemäße aufzufinden, so müsse sie
davon ergriffen werden, ihr schdnes Antliz müsse die
s

zp
s
i==--
1
Freude widerstrahlen, und ihr Herz aufwallen, wie das
meine, so oft ich sie erblickte.
Natürlich war ich nicht der Einzige, dem ihre ab-
geschlossene Weise auffiel. Mein Abate rühmte die
fromme, der Welt abgewendete Erziehung, welche Donna
Erminia ihrer Tochter gegeben habe, und in der Ge-
sellschaft meiner Mnutter nauute einer der Männer sie
eines Tages die schöne Heilige.
Dazu schüttelte einer der älteren Cavaliere bedenklich
mit dem Kopfe. Man solle den Tag nicht vor dem
Abende loben und Niemand heilig sprechen, er sei denn
gestorben! warf er scherzend
Der Abate entgegnete,
dem Schutze ihres Klosters
ein.
die Signorina werde unter
in wenig Wochen den Ver-
suchungen der Welt entrückt sein.
Wenig Wochen sind eine lange Zeit und von hier
bis in das Kloster ist ein weiter Weg! gab der Cavalier
ihm zu bedenken.
Sie thun, als lebten wir noch in den Zeiten der
wegelagernden Barone! warf nteine Mutter ein, der die
Unterhaltung nicht gelegen kam. Aber da man nicht
gewöhnt war, sich in seinen Aeußßerungen einen Zwang
anzuthun, so blieb die Andeutung meiner Mutter ohne

Wirkung auf ihren Freund, und lachend sagte er: Der
Schönheit gegenüber sind wir Alle Wegelagerer, heute
wie vordem! und unter den schönen Augenlidern, welche
niederzuschlagen man Julietta gut gelehrt hat, liegen
Geheinnisse verborgen, die sie noch selbst nicht kennt.
Daß aber so hold geschwellte Lippen einst mehr noch
sprechen werden, als nur das Ave und den Engelgruß,
darauf nehme ich die Wette an.
Ich hörte nicht weiter, was sie sagten. Wie aus
einem brennenden Hause stürzte ich fassungslos hinaus.
Es versetzte mir Etwas den Athem; ich hatte eine
dumpfe Empfindung, als ob ein Furchtbares geschehen
sei, und daneben überkam mich der Gedanke, daß ich
Julietta retten, daß ich zurückkehren müsse, um ein noch
größeres Unglück zu verhüten. Nicht in den ärgsten
Verwickelungen, nicht in wirklichen Gefahren habe ich
im späteren Leben jemals solche sinnverwirrende Pein
gefühlt als an dem Tage.
Ich stürmte durch den Garten des Schlosses in
den Wald hinaus, ich wußte nicht weshalö. Ich warf
mich auf den Boden, sprang wieder empor, denn ich
meinte' Schritte, eine Stimme zu vernehmen - die
Stimme des Verhaßten, gegen den ich und mein zorniger

ls

Grimm doch Nichts vermochten. Ich sah mich um, und
fand mich ganz allein.
Sie waren ja sammt und sonders in dem Schlosse,
in welchem Julietia weilte; sie lauerten ihr sammt und
sonders auf! und ich, der Einzige, der sie heilig hielt,
wie die gebenedeite Mutter Gottes, ich, der sie warnen,
der bei ihr sein sollte, ich trieb mich wie ein irrsinniger
Träumer umher in des Waldes Einsamkeit.

Kapitel 04

-
s
lgreuten Sie es nicht, daß ich Ihnen von jener
ersten Liebe spreche. Sie war von entscheidender Wirkung
auf meine Zukunft, und ich möchte behaupten, daß man
im Allgemeinen das Liebesleid der frühen Jugend unter-
schätzt, weil man es so leicht vergessen sieht. Aber ab-
gesehen davon, daßß ein Martyrium nicht eben lange zu
währen braucht, um als ein solches emufuunden zu wwerden,
so hat die erste auflodernde Leidenschaft des Jünglings,
der sich selbst noch nicht versteht, der weit wehrloser als
der gereifte Mann der blinden Naturgewalt zum Opfer
wird, etwas Gewaltiges. Was wollen dagegen in späteren
Jahren die Herzenskränkungen und die Aufwallungen der
Eifersucht bedeuten, bei denen man sich an so und so
viel vorhergegangene ähnliche Erlebnisse erinnern kann?
bei denen man vergleicht, und mitten in welchen man

es mehr oder weniger bewußt empfindek, daß man auch
aus dieser Leidenschaft wie aus mancher andern hervor-
! gehen, und daß sie vielleicht nicht einmal die lezte

P
sein werde, die wir überwinden, nachdem wir ihr er-

legen sind?
Ich war schnell wieder in dem Schlosse; ich hatte

das Herz so voll, daß ich den Augenblick kaum erwwarten
konnte, in welchem ich Julietta sprechen würde. Weil
k
? die Gewohnheiten von Donna Erminia auch in unseren
s
Hause sehr regelmäßig blieben, durfte ich darauf rechnen,
sie und die Tochter um diese Stunde auf der Terrasse
f anzutreffen. Ich eilte die Treppe zu derselben hinan,
und in der That sah ich Julietta vor mir, aber ohne
ihre Mutter.
Hätte ich meinem ersten Eindruck nachgegeben, so
wäre ich, rasch wie ich gekommen war, davon gegangen;
hz denn statt der Freude, die mich sonst durchströmte, wenn
R
t
ich mich ihr nahte, fühlte ich jezt mit einem Male
ßJ- Nichts als eine große Augst.
z!
o
Ich hatte sie zuvor noch nie allein gesehen, und
E
z ich fand es unbegreiflich, daß ihre Mutter ste allein,
?
- allein den Männern hier zur Beute ließ, die es nicht
F, verhehlten, wie sie von den Frauen dachten. Weil ich
?

1

==
s
z
7
ihr aber nicht mit einem Worte alle die Pein und
Hual aussprechen konnte, die ich in der letzten Stunde
um sie erduldet hatte, stieß ich ungeschickt und hastig
nur den Vorwurf heraus: Warum sind Sie allein
Julietta? Sie sollten nicht allein sein!
Sie sah mich mit Verwunderung an. Mein Ton
mochte ungebührlich geklungen haben, mein verstörtes
Aussehen sie befremden; und ruhig, wie sie stets zu
sprechen pflegte, entgegnete sie, ihre Mutter sei in ihrem
Zimmer noch beschäftigt.
So sollten Sie bei Ihrer Mutter sein! sagte ich
mit einer Energie, die mich noch in der Erinnerung
zum Lachen reizt. Denn ich habe manchmal im Leben
die Thorheit begangen, den Weibern gegenüber mit mehr
oder weniger Bewußtsein und Selbstgenuß den Helden,
den Tyrannen zu spielen! Herrlicher und größer bin ich
mir indessen nie vorgekommen, als an jenemt Abende,
an welchem ich es zum ersten Male unternahm, ein
hilfloses Geschbpf entgelten zu lassen, was ich ohne sein
Verschulden um dasselbe litt; und weil ich Julietta er-
bleichen und erröthen sah, erschien ich mir berechtigt
zu rathen, zu befehlen und gehorsamt zu werden. Aber
auch in Julietta regte sich die Natur, und der leeren

60
Anmaßung den gebührenden Troz entgegensezend, sagte
sie: Ich thue, was meine Mutier mir gestattet, Herr
Cousin!
Das brachte mich außßer mir. Ich war nicht mehr
fähig, zurüczuhalten oder zu verbergen, was mich
h
? peinigte, und ohne eine Ahnung zu haben von der Un-
ß schicklichkeit, die ich damit beging, sagte ich: Sieht es
denn Donna Erminia nicht, von welchen Gefahren Sie
F hir mgeben in? Sehen Sie -s nlcht? uen Sie es
f denn nicht selber?
!
H
Gefahren? Hier in Ihres Vaters Schloß? fragte
sie, indem sie ihre Augen auf mich richtete.

Sie sollen in das Kloster gehen, fuhr ich fort,
F aber die Männer finden Sie zu schön dagu --
Wie mögen Sie das sagen, mein Cousin! fiel
sie mir mit Abwehr ein, während sie in ihrem Erröthen
k
nur noch schöner aussah.
E
In meinem Eifer achtete ich auf ihre Worte nicht.
s?
h Man will Sie Ihrem heiligen Berufe abwendig machen,
K
t man stellt Ihnen nach, Julietta! rief ich. Sagen
s
R R-
?
k
sehen sollte.
k
E

Ich weiß nicht, wie diese Worte sich mir auf die
Lippen drängten, denn an Juliettens Fortgehen, an eine
Trennung von ihr, an die Möglichkeit sie nicht wieder
zu sehen, hatte ich bis dahin nicht gedacht; aber diese
Vorstellung überwältigte mich derart, daß ich, in Thränen
ausbrechend, ihr um den Hals fiel und sie in meine
Arme schloß.
Sie werden lächeln, wenn Sie dieses lesen, denn es
war allerdings nicht die geeignetste Art, Juliettenö
künftigen Beruf zu ehren; ich handelte jedoch nach einem
inneren Müssen im festesten Glauhen an meine selbstlose
Gewissenhaftigkeit und im vollen Seelenfrieden. Was
aber besitzen wir noch, was erleben wir noch mit solcher
Inbrunst und mit so wahrhaftem Genuß wie in der
Jugend, wenn wir es im reifen Alter bereits an uns
selbst erfahren haben, daß von allen unseren Erinnerungen
so gar Weniges in der Gestalt bestehen bleibt, in der
es uns zuerst erschienen; daß wir zweifeln lernen an
Allem, woran wir einst wie an ein Uuwandelbares fest
geglaubt haben, ja endlich an uns selbst, an unserem
Lieben und an unserem Hassen, an unserem Denken und
Empfinden, an unserem Thun und Schaffen! -- Damals
jedoch war ich von der Vorstellung solcher Möglichkeiten


e
glücklicher Weise noch sehr weit entfernt. Ich empfand
Nichts als die Wonne, Julietta in mteinen Armen zu
halten, und einen bitteren Schmerz, da sie sich mir ent-
ziehen wollte.
Lassen Sie mich, um der heiligsten Madonna
willen, lassen Sie mich! riek sie aus. Ich hielt sie
indeß nur um so fester in meinen Armen, und alle die
Plane vergessend, welche für meine wie für ihre Zukunft
von den Eltern entworfen worden waren, bat ich wieder
und wieder: Geh' nicht fort, Julietta! geh' nicht fort!
denn ich überleb' es nicht!
Muß ich nicht? sagte sie leise, während ihre
Abwehr nachließ und ihr Köpfchen auf meine Schulter
sank. Ihr klagender Ton, ihre hervorbrechenden
Thränen fielen mir lähmend auf das Herz. Ich ließ
die Arme sinken, und wie ein Paar gute Kinder, die
wir waren, setzten wir uns Hand in Hand auf eine der
Steinbänke nieder, die auf der Terrasse im Schutz der
Taxuswände standen, um uns weinend wieder in die
Arme zu fallen, Jeder das eigene Schicksal und das des
Andern beklagend.
Plözlich stieg jener thörichte Gedanke in mir empor,
der sich in jebem Jüngling bei solchen Anlaß als die


nächste Hilfe regt. Ich beschwor Julietta, mit mir zu
fliehen. Ich betheuerte ihr, daß ich mich auf meine
Amme, wie auf deren Tochter und deren Sohn, der in
den Marken lebe, verlassen könne. Ich sei bereit ge-
wesen, meinen Eltern zu gehorchen, wie sie ihrer Muutter;
aber, sagte ich, seit ich Dich gesehen habe und Dich
liebe! -- und wie die Worte mich selber üüberraschend
über meine Lippen gekommen waren, erschrak ich davor,
daß ich verstummte, und war doch stolz sie auögesprochen
zu haben und es nun zu wissen, was mich durchglühte
und was ich für Julietta fühlte.
Ich warf mich, hingerissen durch mein eigenes Ge-
ständniß, und mit dem Bewußtsein, daß sich dies auch
fo gehöre, ihr zu Füßen, ich umschlang ihre Knie mit
' festen Armen. Sie hatte ihr Gesicht in ihren Händen
verborgen -- so traf uns ihre Mutter.
Natürlich sah ich Julietta nicht mehr wieder. Mein
Abate erklärte am nächsten frühen Morgen, daß er seinen
Bruder zu besuchen denke, der zwanzig Miglien entfernt
in einem kleinen Orte eine Pfarrstelle bekleidete, und ich
erhielt, ohne sie erbeten zu haben, die Erlaubniß, ihn
dorthin zu begleiten.
Wir blieben ein paar Wochen aus. Die Tage

ag
6
wurden mir durch ös1,zehnsucht nach Julietta, wie
durch die ErmahnungeHßtnd Bußübungen, zu denen ich
s
verurtheilt ward, in jedem Sinne zu einer Strafe; aber
Julietta's Bild wich nicht von mir, und da mein Abate
mich streng überwachte, wurden alle meine Plane, mich
auf irgend eine Weise der Geliebten kund zu geben, un-
ausführbar.
Als wir dann endlich zurückkehrten in das Schloß,
hatten Donna Erminia und ihre Tochter dasselbe bereits
verlassen. Niemand redete mit mir von ihnen, Niemand
schien sich ihrer zu erinnern. Es war, als ob sie gar
nicht dagewesen wären.
An diesem Widerstande erstarkte die Empfindung,
welche Julietta mir eingeflößt hatte. Ich sprach mit
ihr in meinem Herzen, während mein Abate mir die
Messe las. Ich machte Verse an sie, wenn ich meinen
Rosenkranz zur Buße beten mußte; indeß das Alles
befriedigte mich nicht. Ich wollte sie sehen, ihr Bilb
vor Augen haben, denn das Portrait der Beatrice, dem
man sie so ähnlich gefunden, war in unferem Hause in
der Stadt. Was blieb mir also übrig, als mir selbst
ihr Bild zu machen!
-

Man hatte mich zeitig im Landschaftszeichnen
unterwiesen, hatte sich des Geschickes gefreut, das ich
dafür zeigte und mich doch abgehalten, Figuren und
Portraits zu zeichnen, wozu ich weit mehr Neigung
fühlte. Jezt gab mein Verlangen, Julietta's Bildniß
zu besizen, mir die Feder und den Stift in die Hand,
und wie unvollkommen das Köpfchen auch gewesen sein
mag, das ich zu Stande brachte, ähnlich war es in
der That-- sehr ähnlich -- und das war Alles, was
ich davon forderte.
Ich bedeckte meine kleine Zeichnung mit meinen
Küssen, ich faltete sie zusammen, sie bei der Reliquie
zu verbergen, die ich seit meiner Firmelung auf der
Brust trug, und ich fühlte mich dadurch in Julietta's
Schutz und Nähe.-- Nun ich aber die Möglichkeit
gefunden hatte, mich also mit der Entfernten zu be-
fchäftigen, ward ich nicht müde zu versuchen, ob ich sie
mir nicht darzustellen vermöchte, wie sie neben mir
gestanden, wie sie dagesessen hatte, als ihre Mutter uns
getrennt; und es konnte denn nicht fehlen, daß bei
diesen Versuchen der Abate mich betraf, daß ich geloben
mußte, auf das Zeichnen so lange zu verzichten, bis
man mir die Erlaubniß dazu geben werde.
F Lewaso, Benvennto. l.

Dies Gelöbniß machte mir schweren Kummer, aber
ich gelangte sehr bald dahi,y mit demselben zu halten,
wie der Jesuitismns be;ee es mit solchen Ver-
sprechungen ü berhaupt zu thun pflegt, und die Arglist
des Herzens half mir auf den rechten Weg. Ich fing
zu modelliren an, weil ich angelobt hatte, das Zeichnen
einzustellen, und das Modelliren gelang mir über all mein
Erwarten. Ich traute meinen eigenen Augen nicht, als
ich aus dem Wachs, das von den Altarkerzen in der
Haus-Capelle niedergeflossen war, ein Köpfchen im
kleinsten Masßstab und doch unverkennbar, sich unter
meiner Finger Druck gestalten sah, und eine neue Freude,
groß und überraschend, wie die Liebe, und überwältigend
wie sie, durchströmte mich, als ich es unternahm, die
Flechten nachzubilden, die den kleinen Kopf umgaben,
die Lbckchen mit der Nadel in demu Wachse anzudeuten,
welche sich lieblich um Juliettens schöne Stirne
kräuselten.
Wie ich voll beglücktem Staunen stets vor ihr
gestanden, so hielt ich jezt das kleine Köpfchen in der
Hand. Ich konete nicht begreifen, daß ich das selbst
gemacht. Ich hätte es zerstören mögen, um mich zu
überzeugen, daß ich es wieder machen könnte, es erschien

e?
mir wie ein Wunder, das mich aber sehr beglückte; und
ohne irgend zu erwägen, was ich damit that und preis
gal, eilte ich in meiner Mutter Zimmer, stellte das
fingerlange Köpfchen vor ihr auf den Tisch und wie
sie, es erkennend, Juliettens Namen nannte, warf ich
mich mit dem Ausruf: ja, meine Mutter! ja! -
Julietta!-- und ich habe diesen Kopf, ihr Ebenbild,
gemacht!-- in meiner Mutter Arme und an
ihre Brust.
Mein: aneh lo! war gesprochen; die Zukunft
hatte es zu bethätigen.

Kapitel 05

Fizz Vater und die männlichen Gäste des Hauses
hatten sich der Jagd zu Liebe für einige Tage entfernt,
und da die zurückgebliebenen Frauen dadurch der gewohnten
Gesellschaft entbehrten, wurden ich und mein plözlich
wahrgenommenes Talent ihnen zu einem willkommenen
Gegenstande der Unterhaltung.
Bei der großen Nolle, welche die Liehe, und kleine
Liebesabenteuer in dem Leben unserer unbeschäftigten
Frauen spielen, war es dem unter einander eng ver-
trauten Kreise nicht unbekannt geblieben, weshalb man
mich so plözlich aus dem Schlosse fortgeschickt hatte,
und ein Verliebter darf, auch wenn seine Liebe nicht
ihnen selber gilt, des Antheils aller Frauen sich meist
versichert halten. Daß mich die Liebe erfinderisch
gemacht, daß sie mich die Begabung hatte entdecken
lassen, die in mir bis dahin geschlummert hatte, war

A
sehr nach dem Sinne und dem Geschutack der schönen
Einsamen. So fand ich mich denn, ohne zu wissen,
was mir geschah, von ihnen mit einemmale beachtet,
seit meine Mutter in der Freude ihres Herzens ihnen
das wächserne Köpfchen vorgezeigt hatte, dessen Aehnlich-
keit mit seinem lieblichen Originale sie, trotz seiner un-
behilflichen Ausführung, ganz unverkennbar nannten.
Da sie sehr daran gewöhnt waren, ihren WilO,
=weu=. tue a iawonn f wF
Seite, als mein Abate mir nun auch das ModellirA
alö eine mich zerstreuende und für mich unnütze Be-
schäftigung nicht gestatten wollte. Unrecht hatte er
damit freilich von seinem Standpunkte aus keineswegs,
denn ich dachte nichts Anderes mehr, ich mochte auch
von gar nichts Anderem mehr reden hören. Ich war
völlig hingenommen von der Neugier, zu versuchen, was
mir etwa gelingen möchte, und wenn meine Mutter es
auch in der Ordnuung fand, daß ich von meinent Abate
in gewohnter Weise beschäftigt wrde, so widersetzte
sie sich dennoch seiner Forderung, mich aus ihrer
Freundinnen Gesellschaft zu entfernen, die für die
Absichten, die man mit mir hegte, allerdings nicht die
fördersamste sein mochte.


Meine Mutter wünschte es selbst zu sehen, wie ich
mich bei dem Modelliren anließ. Man wußte mir
also einen groben Thon zu schaffen, ein Brett war bald
zur Hand, und die schöne Donna Carolina, deren scharf
ausgesprochenes Profil kaum zu verfehlen war, bot sich
mir zum Sitzen an. Die ganze weibliche Gesellschaft
wohnte lachend und scherzend meiner Arbeit bei. Man
bewunderte es, als ich Etvas herzustellen begann, das
man für den Anfang eines Reliefbildes gelten lassen
konnte, und ich erntete des Beifalls Fülle, da die
Aehnlichkeit mit meinem Original sich herauszustellen
anfing.
Daß ich ein Genie sei, ein großer Künstler werden
wütrde, daß ich Geistlicher nicht werden diürse, das stand
für die glaubensvollen Schönen schon in den ersten
Stunden fest; und da sie es nicht waren, welche mich
in der Welt zu versorgen hatten, kümmerte es sie auch
nicht, daß man mich nur darum für die Kixche bestimit
hatte, um sich der Pflichten gegen mich auf bequeme
Weise zu entledigen.
Meine Mutter indessen wußte das genau, sie wußte
auch, daß mein Vater von seinen Willen nicht algu-
gehen pflegte; aber geneigt, sich ihre sanfte Seelenruhe

?
nicht zu trüben, gab sie sich der Hoffnung hin, daß
mein künftiger Beruf mir Muße lassen würde, mich mit
den schönen Künsten nach Gefallen zu beschäftigen; und
einmal in dem Zuge, mich für ein bevorzugtes Talent
zu halten, zählte man die Klosterbrüder auf, die sich
in der Malerei heroorgethan, wie man sich mit Vorliebe
der plastischen Kunstwwerke erinnerte, die in alter und
neuerer Zeit von den berühmtesten Meistern zur Ver-
herrlichung des christlichen Cultus geschaffen worden
waren.
Die Namen des Fiesole, des Fra Bartolomeo, hatte
ich von je gekannt. Ich hatte die Christus-Statue und
die Pietä des Michelangelo in Snntu Kuria sopru
inerra und in Sanct Peter gesehen, und von dem
herrlichen Crucifix des zum Marchese d'Istria erhobenen
Canova oftmals sprechen hören. Ich hatte gekniet vor
der lieblichen Gestalt der heiligen Cäcilia in Trastevere,
und war in Rührung versunken vor Bernini!s heiliger
Theresei Aber heute schlugen alle diese Namen mit
nuem, fremdem Klange an mein Ohr, und ohne recht
zu wissen, was ich sagte, stieß ich die Worte aus: , Ja,
eine heilige Cäcilia, die möcht' ich machen können!
Die Damen lachten über meinen Eifer, und Donna


Earolina, deren kecke Einfälle sprichwörtlich geworden
waren, rief, indem sie mir auf die Schulter klopfte:
, Thun Sie das, mein Leber! es werden sich schon
Nonnen finden, Ihnen gottgefällig zu Ihren weiblichen
Heiligen als Modell zu dienen.'
Mir stieg das Blut zu Kopf. Meine Mutter wurde
roth vor Unwillen. Sie machte der Sizung mit einemt
Vorwande ein rasches Ende und es kam zu keiner andern
mehr. Aber während ich noch vor wenig Tagen nichts
Anderes begehrt hatie, als mir ein Bildniß von Julietta
zu verschaffen, kam jetzt allmälig der Gedanke in mir
auf, daß ich ein Künstler werden müsse, und Geistlicher
nicht werden könne und dürfe.
Gefügiger und achtsamer auf des Abate Lehren
. ward ich dadurch nicht, denn mir lag gar nichts mehr
im Sinne, als meine neu begonnene und so plötzlich
unterbrochene Arbeit. Das stolze Profil der Marchesa
war mir wie eingeprägt. Ich sah es deutlich vor mir,
auch wenn ich ferne von ihr war. uh suchte sie trozdem
lebhafter, bewußter, als ich Julietta kurz vorher gesucht,
und der ermunternde Zuruf, mit welchem sie mich stets
begrüßte, ihr freier, verheißungsvoller Blick, ihr neckendes
Wort und die Zutraulichkeit, in welcher sie sich gegen

-
mich in aller Freiheit gehen ließ, berauschten mich und
nahmen mich gefangen.
Donna Garolina war freilich alt genug, meine
Mutter sein zu können, aber doch noch jung genug, um
Bren fünfzigjährigen Gatten viel zu alt für sich zu
finden, um auch Erfahreneren als mir den Kopf zu
verrücken, und vor Allem jung genug, um meine un-
verhohlenen Huldigungen belustigend für sich zu finden,
s
wenn keine besseren sich ihr boten. Doch gab ich nF
damals über dieses Alles keine Nechenschaft. Se SF
eben Donna Carolina, und sie spielte mit mir wie ein
Kind mit seinem Balle. Sie schleuderte mich gen Himmel

?. und warf mich wieder auf den Boden. Sie nannte
n mich ihren Sohn, ihren lieben Benvenuto, oder Herr
g.
? Marchese, wie es ihr gefiel. Sie schmeichelte mir und
F schalt mich aus, sie hieß mich einen einfltigen Jungen,
s- wenn sie nicht in der Laune war, mich bei Dingen
ernsthaft um Nath zu fragen, von denen ich Nichts ver-
K- stehen konnte. Sie ermahnte mich am Morgen nach-

- drlcklich, mich dem Willen der Meinigen nicht zu wider-
? setzen und in den Dienst der Kirche freudig einzutreten,
während sie mir zwei Stunden später die schönen Hände
auf die Schulter legen, und mir tief in die Augen
A
P
b

R
sehend, mich beklagen konnte über das mir zugedachle
harte Schicksal.
Sie ein Pfaffe? rief sie eines Tages, nimmer-
mehr! Aber vergessen Sie es, wenn Sie ein Künstler,
und ein berühmter Künstler werden, niemals, mein
Lieber, daß es Ihre Freundin Carolina gewesen ist, die
Ihnen eine glänzende Zukunft prophezeit hat.
Ich küßte ihr die Hände, sie entzog sie mir. Ist
das die Art, in welcher man einer Dame seine Dank-
barkeit bezeigt'? fragte sie scherzend. Ich warf mich
ihr zu Füßen, und spbttisch scheltend rief sie: Schämen
Sie sich, Don Benvenuto! Ziemt es Ihnen, dem goit-
geweihten Jünglinge, vor einer Frau zu knieen? Waä
würde die fromme Julietta, die Sie zum Künstler machte,
dazu sagen, wenn sie den künftigen Pater Benvenuto
knieen sähe vor einer Sünderin, wie ich?
.ch lebte wie in einem Schwindel, wie in einem
Nausche. Ich kam nicht zu mir selbst, und Donna
Carolina hatte dafür gesorgt, daß meiner Mutter war-
nende Bemerkungen ohne Einfluß auf mich blieben.
Offen und in aller Anderen Beisein hatte sie es
ausgesprochen, daß die Familie fast in allen Fällen sich
ihren von der Natur bevorzugten Mitgliedern feindselig

erweise, bis sie anfange, dieselben für ihre Zwecke aus-
zubeuten.
Das Talent, das Genie, sagte sie, ist allezeit
genöthigt, sich seine eigene Bahn zu suchen. Es kostet
die Familie Nichts, die Jugend und die Schbnheit ihren
Zwecken unterthan zu machen, feurige Kräfte, große
Begabungen niederzuhalten, wenn dieses dem Vortheil
oder dem Vorurtheil der Familie angemessen scheint.
! Hat man mich gefragt, rief fie, piözüich auf ihr eigene
? Schlesaü deutend, ob ich, als man mich scze ,,F
-
weltfremd mit fünfzehn Jahren aus dem Kloster nahm,
geneigt sei, des Marchese Frau zu werden? Oder fällt
ihm selber jemals auch nur die Frage ein, ob ich an
- seiner Seite glücklich sei, und wie ich mit dem Leben
fertig werde?-- Leider kann ein Mädchen sich nicht
helfen und nicht retten; wir müssen wohl gehorchen.
- Ein Jüngling jedoch, der seinen Willen nicht durchzu-
setzen weiß, ist ein Feigling, wenn er kein Schwach-

s kopf ist!
Keineä ihrer Worte ging an mir verloren, und
jedes fachte die Leidenschaften, die in mir glühten, eine
die andere steigernd, höher an. Ich erwartete mit Un-
geduld die Rückkehr meines Vaters, um ihm zu erklären,

7
wie ich niemals Beruf gefühlt hätte, mich dem geistlichen
Stande zu weihen, wie nur die Ehrerbietung gegen seine
Befehle mich gehindert habe, ihm dies schon lange aus-
zusprechen, wie ich aber jezt, da ich mein eigenes Wesen
erkennen lernen, ihn um die Erlaubniß bitten müsse, mich
der Kunst widmen zu düürfen.
Wort für Wort sann ich mir die Nacht hindurch
die Rede aus, die ich vor meinem Vater zu halten
dachte. Ich wollte vollkommen offen gegen ihn sein,
ihm nicht verhehlen, wie ich darauf gekommen sei, mir
Juliettens Bildniß zu machen; während ich aber für
dieses Geständniß noch den rechten AuSdruck suchte, fiel
es mir plözlich auf, daß ich alle die Tage hindurch an
Julietta kaum gedacht, wenn Donna Carolina mir nicht
von ihr gesprochen hatte. Auch in dem Angenblick, daß
ich sie mir vergegenwärtigte, kam sie mir wie ein halbes
Kind vor und ich erschien mir älter, viel älter als sie,
und sehr viel männlicher und reifer, als an dem Tage,
da ich sie an meine Brust gedrückt hatte. Ich lächelte
umwwillkürlich, als ich auf jene Stunde zurücksah. Sie
dünkte mir, wer weiß wie fern, und es trennten mich
doch nur ein paar Wochen von derselben.
Das machte mich stuzig. Werde ich Donna Carolina

8
auch vergessen, wenn ich sie nicht mehr sehe? fragte ich
mich, und was ist die Liebe, was ist die Erinnerung,
wenn sie so rasch vergänglich sind?
Es fuhr mir kalt durch's Herz, der Dämon des
Zweifels hatte es mit frostiger Hand berührt. Ich fing
, zu feagen, z grübeln an; mein Glaube an mtich
selbst, an Liebe und an Treue wurde unsicher und
wankend. Nur daß ich Donna Carolinenä Bildniß machen
müsse, so großartig, wie ihr stolzer Kopf vor nF
inneren Auge schwebte, das stand in mir fest, u ße
diesem heroischen Vorsatze schlief ich ein.
Am frühen Morgen brachte der Reitknecht von dem
Vater Botschaft. Die Jagdgesellschaft sollte zur Mahlzeit
wiederkehren. Ein Edelmann, der, wie ich hatte sagen
hdren, für Donna Carolinens begünstigten Verehrer galt,
sollte mit den Jägern zu uns kommen und für einige
Tage bei uns bleiben.
Die Nachricht trieb mich, Donna Carolina aufzu-
suchen. Ich war unruhig, sie sah mir's an, und die
Ursache errathend, sagte sie in meiner Mutter Beisein:
- Sehen Sie Ihren Benvenuto an! wie er mir folgt!
wie er mich überwacht! Ich glaube in Wahrheit, er
hält mich nicht allein für ein brauchbares und geduldiges

81
Modell, sondern er bildet sich ein, in mich verliebt zu
sein! Nehmen Sie sich in Acht, mein Sohn! was wird
mein Mann zu diesem Ihrem Einfall sagen? und der
Herr Vater und Ihr Herr Abate?
Ich war keines Wortes mächtig. Meine Mutier
verwies ihr diese Art des Scherzens, die weder meinem
Alter, noch meinem künftigen Berufe angemessen sei, aber
Donna Carolina hielt man nicht leicht in Schranken.
Warum haben Sie ihn denn hier im Hause,
fagte sie, statt ihn in dem Collegio in Sicherheit zu
bringen? Wer ängstlich ist, muß den Zunder vor dem
Feuer wahren. Er hat ein zärtliches Herz! Er kann
nicht anders, er muß lieben. Er wird immer lieben!
Er liebte Sie, er liebte Julietta und nun auch mich,
und wie sollte er nicht, da er die Seele eines Künstlers
hat! -- Lieben Sie nur immer frisch drauf los, mein
Benvenuto, das ist das Beste! Man muß lieben,
wie man athmet - um zu leben, um zu fühlen, daß
man lebt.
Ein paar Stunden später kamen die Männer in
dem Schlosse an, und das Zwischenspiel, dessen komische
Figur ich gewesen war, haite seinen lezten Act gehabt.
?OF --- ==- - =

mich. Die Erzählung der Jagdabenteuer nahm die Ge-
sellschaft in Beschlag.
Spät Abends, als man in der Frische der Nachtluft
noch auf der Terrasse weilte, um sich zu ergehen, sah
ich Donna Carolina am Arme ihres Freundes von dem
mondbeglänzten Plane in die schattigen, verschwiegenen
Lorbeergänge nieder steigen.
Daß dies meine Andacht an dem Abende förderte,
möchte ich nicht behaupten; aber die Beiden dF
für sich selbst zu sorgen, nicht fir mich und
-P
Andacht!

Kapitel 06

Fünftes Capitel.

,t nächsten Morgen hatte ich mich kaum erhoben,
als mein Vater näch mir schickte. Er war ein strenger
Mann, und sein sarkastischer Geist gab seinen Tadel eine
schmerzende Härte.
Ich fand ihn allein in seinem Zimmer. Nun,
Signor, rief er mir entgegen, noch ehe ich ihm mit
einem Handkuß, auf welches Zeichen der Unterordnung
er von seinen Söhnen hielt, so lange sie in seinem Hause
lebten, den guten Morgen hatte bieten kdnnen, nuun,
Signor! Du bist in meiner Abwesenheit mit einem Male
ein Genie geworden, wie ich höre!
Ich war in großer Verlegenheit. Auf diese An-
sprache paßte die Rede, die ich mir im Stillen ausge-
klügelt hatte, ganz und gar nicht, und daß mit meinem
Vater nicht zu spaßen sei, wenn er in solcher Weise

8e
scherzte, darauf kannten wir ihn Alle. Dennoch ver-
suchte ich es, mit einem pathetischen: Erlauben Sie,
meins iheurer Vater! Aber über diesen Eingang kam
ich nicht hinaus.
Nichts erlaube ich! Nichtö! fiel er mir in's
Wort. Ich habe zu sprechen und Du hast zu schweigen
und zu hören. Ich habe Dich zu erinnern, daß Du
ein Armero bist, und daß Du Dich danach zu richten
hast! - Er üangte nach dem Tsche, und jezt eF!
wurde ich es gewahr, daß er Jliettens kiel szgF?
und das begonnene Reliefbild in seinem Zimmer hatte.
Er nahm die kleine Biste in die Hand, ließ seine
Augen flüchtig darüber hingleiten und sprach dann, in-
dem er sie wie ein werthloseä Stück Papier zusammen-
drückte: Weil Du Etwas zurecht geknetet hast, was
einem Menschenkopfe ähnelt, weil Du Geschick zum
Zeichnen hast, weinst Du ein Genie zu sein? Sieh um
Dich her! An jeder alten Mauer zeigen sich solche
Malerklnste; bei jedem Steinmmezen in Rom, bei jedem
Töpfer finden sich Bursche, die plastische Meisterwerke wie
die Deinen hier verfertigen. Er stieß dabei mit dem
Fuße gegen mein begonnenes Relief, daß es, auf den
Marmorboden fallend, in Stlcke brach.

?
Schon das Zerdrücken des Kopfes hatte mir leid
gethan, aber ich hatte die Zähne zusammengebissen. Alä
er jedoch auch das begonnene Bildnißß von Donna Ea-
rolina vernichtete, konnte ich mich nicht beherrschen,
und der Vorstellung Worte gebend, welche mich in
diesen Tagen oft beschäftigt hatte, sagte ich: Auch der
Canova, der große Marchese dJschia, war einst solch'
ein Bursche.
Der Canova! der
mein Vater höhnend,
Marchese dIschia! wiederholte
der neugebackene Marchese von
ehegestern! Ein Titel, gut genug für Einen aus dem
Volke, nicht für den Sohn eines Hauses, dessen Name
in dem goldenen Buche auf dem Capitol verzeichnet ist.
Gewiß! Canova war ein großer Mann, und die Kunst
ist etwas Großes! Indeß, einem Armero steht es zu,
die Künstler zu beschüzen, wenn er die Küünste liebt; sie
als Handwerk, als Gewerbe zu üben, das ist unschicklich
für ihn.-- Soviel für heute von der Kunst, Signor!
Das war in seinem Sinne eine ganz richtige aristo-
kratische Lehre, nur daß sie bei mir nicht auf den
rechten Boden traf, denn vor dem gebieterischen Worte
meines Vaters ward ich es erst völlig inne, wie glücklich
mein geringes Können mich machte, wie rasch und tief

88
der Wunsch sich in mir festgesezt hatte, von dem mir
zugedachten Berufe loszukommen, um mich ganz der
Kunst zu weihen. Mein Vater ließ mir indeß nicht die
Zeit, ihm dies auszusprechen.
Soviel von der Kunst! wiederholte er, und
nun zum Nebrigen, Signor! Er hatte bis dahin in
seiner spottenden Art gesprochen; jezt zogen seine starken
Brauen sich zusammen, und mich mit einem Blicke
messend, den zu scheuen wir gelernt hatten, spraO -
Nun zu dem Sohne, der sich gegen seines VaeF
Willen auflehnt, der sich gegen seines Vaters Dach ver-
sündigt hat.
Die Anklage fiel mir hart auf's Herz. Ich rief
mit flehender Bitte, daß er mich hören möge. Er befahl
mir zu schweigen.
- Hast Du es nicht gewusßt, Signor, sagte er,
daß Du der Kirche dienen sollst? Hat man es Dich
nicht gelehrt, Signor, wie selbst den Wilden der Gast
geheiligt ist, der über seine Schwelle tritt? -- Er
machte eine Pause, die mir sehr lang erschien. Du
hast Dich unterfangen, sprach ec dann, einer Juung-
frau aus edlem Hause mit ungebührendem Begehr zu
nahen, die unter Deines Vaters Schuze stand. Sie und

89
ihre verehrungswürdige Mutter hast Du fortgetrieben
von der Stätte, an welcher ich und Deine Mutter sie
willkommen geheißen. Ist das der edle Sinn eines
Armero? ist das die Sittlichkeit des künftigen Priesters,
und der Gehorsam gegen mein Gebot?- Aber als
wäre es daran des Frevels und der Thorheit nicht bereits
genng, hast Du eä Dir in der Verblendung Deiner
Eitelkeit noch beikommen lassen, den Frauen gegenüiber
den Cavalier zu spielen, ohne zu bedenken, daß ein Junge,
der den Verliebten macht, ein Gegenstand verdienten
Spottes wird. Ist dies, Signor! das Ehrgefühl eines
Marchese von Armero?
Mein Vater hielt sein Auge fest auf mir, ich konnte
das meine nicht erheben. Ich fühlte mich Julietten
gegenüber schuldig, und die Gewißheit, mich vor Donna
Carolina lächerlich gemacht zu haben, brachte mich zur
Verzweiflung. Ich hätte weinen mögen vor Zorn und
Scham, nur daß ich mich durch meine Thränen vor
meinem Vater, der selbst an Frauen das Weinen als
eine Schwäche haßte, noch mehr zu erniedrigen fürchtete.
So stand ich sprachlos vor ihm da.
Nun, Signor! fuhr er mich an, wie lange soll
ich warten auf die Antwort?

Ich raffte mich zusammen, ich wollte sprechen und
f
, kennte doch das Wort nicht fnden.
Sprich! befahl mein Vater, Du bist ja vor
k
Donna Erminia's edler Tochter und vor Donna Caro-
lina beredt genug gewesen. Sprich jezt aus, was Du
zu sagen hattest, rechtfertige Dich, wenn Dn es kannst!
Ich vermochte es nicht, da ich gewohnt war, meinen
Vater für unfehlbar zu halten, und brachte endlich nur
das Geständniß heraus, das ich bedauere, ihn erzight
und gegen seinen Willen mich verfehlt zu haüe. F
Gut, daß Du dies einsiehst, entgegnete er mir,
Du wirst mir's also zu danken haben, daß ich es Dir
unmöglich mache, in Zukunft ähnliche Thorheiten zu
begehen und noch einmal in den gleichen Fehler zu ver-
s ==
Ich sah besorgt zu ihm empor, er ließ mich nicht
t -
z, Iange im Ungewissen über seine Absichten mit mir.
E
Ich habe bisher dem Wunsche Deiner Mutter,

E-
r Dich in ihrer Nähe zu behalten, gegen meine Neber-
f
zeugung und, wie es sich erweist, nicht eben zu Deinem
ß Vortheil nachgegeben. Du bedarfst festerer Schranken

F und strengerer Zügelung als bisher. Morgen in der
Frlhe wird der Abate Dich nach der Stadt begleiten,
d

I1
um Deine sofortige Aufnahme in das Jesuiten-Collegium
zu bewirken. Bis Du in dasselbe eintrittst, verläßt Du
in der Stadt Dein Zimmer nicht, und daä Gleiche ge-
schieht hier bis zu Deiner Abreise. Deine Mutter wird
zu Dir komnen, Dir Lebewohl sagen und in ihrer Be-
gleitung wirst Du Dich bei den Herren und Frauen
verabschieden, die unsere Gäste sind.
Ich hörte das wie ein Gottesurtheil an. Mi
einem von Natur nicht bösen Menschen hat man immer
leichtes Spiel, wenn er über sein Verhalten kein gutes
Gewissen hat, und der Befehl meines Vaters, das Schloß
zu verlassen, kam mir in dem Augenblicke sogar er-
wünscht, denn mehr als alles Andere scheute ich mich
jetzt davor, Donna Carolina unter die Augen zu treten.
Dasß ich meine Studien im Collegium zu uachen habe,
nachdem ich durch den Abate, der dem Jesuitenorden an-
gehörte, zur Aufnahme in die rhetorischen und philo-
sophischen Klassen vorbereitet worden, das hatte ich
obenein ron je gewußt, und bis vor wenig Wochen hatte
ich es auch anders nicht verlangt.
Als aber mein Vater sich anschickle, das Zimmer
zu verlassen, überfiel mich der Gedanke, daß ich mit
meinem schweigenden Gehorsam, der meinem Schuld-

I
bewußtsein angemessen war, den Anschein auf mich laden
könnte, als unterwürfe ich mich für alle Zukunft dem
Willen meines Vaters, als entsagte ich den Hoffnungen,
welche ich auf die Auöbildung meiner kiinstlerischen An-
lagen in dieser lezten Zeit gebaut hatte, und all meinen
Muth zusammennehmend, rief ich, um es mit so wenig
Worten als möglich abgethan zu haben: Mein Vater,
für den geistlichen Stand fühle ich mich nicht gemacht!
Spare die Nedensarten! engegnee der Lr
mir, ohne eine Miene zu verziehen. Wie foltFß F,,
Beruf fühlen für Etwas, das Du noch nicht kennst.
Der Beruf wird Dir kommen, wenn Du in der Ge-
meinschaft derer lebst, in deren Orden zu treten Du
bestimmt bist. Daß Du dereinst die Maßnahmen segnen
wirst, die ich fltr Dich getroffen habe, dessen bin ich
sicher. Lebe wohl und vergiß es niemals wieder, welchen
Namen zu tragen, und welchem Hause anzugehören Du
die Ehre und das Glick hast!
Er reichte mir die Hand hin; sie nicht zu ergreifen,
sie nicht ehrfurchtsvoll zu küssen, wenn er sie mir bot,
würde mir unmöglich gewesen sein; aber wie ich seine
Hand berührte, konnte ich meinem Schmerze nicht ge-
bieten, und mich ihm zu Füßen werfend, sties ich, ge-

1
trieben von einer Gewalt, die stärker war als ich, die
Worte hervor: Entziehen Sie mir Ihren Namen, ent-
ziehen Sie mnir Alles, nur nicht Ihre Liebe, und lassen
Sie mich namenlos und unbekannt zu einem Meister
gehen, daß ich mich in der Kunst versuche!
Mein Vater wendete sich von mir ab.- Du
hast mit Deinem Vater, mit einem Manne zu thun,
nicht wie bisher mit Weibern, sagte er mit Strenge.
Steh' auf! ich will nicht gehört haben, was Du da
Vermessenes und Niedriges gesprochen hast! Steh' auf,
und Nichts weiter mehr davon!

Kapitel 07

z ch hatte in den nächsten vier und zwanzig Stunden
volle Muße darüber nachzudenken, wie ich dem mir
bestimmten Lebensweg anöweichen könne, ohne eine Wahr-
scheinlichkeit dazu zu finden, bis einer jener Zufälle,
welche man in der Dichtung als das roheste Auskunfts-
mittel zu verdammen pflegt, und die uns im Leben doch
häufig genug fördern oder hemmen, mir zu Hilfe kam.
Es ging an dem folgenden Morgen Alles genau
so vor sich, wwie es von meinem Vater angeordnet
worden war. Ich hatte im Beisein meiner Mutter
mich mit bitterer Beschämung von der Gesellschaft ver-
abschieden müssen, wir waren um die festgesezte Zeit
aus dem Schlosse aufgebrochen und ich hatte schon mehr
als eine Stunde in schweigender Niedergeschlagenheit
neben dem Abate in der alten Carosse gesessen, die uns
F. Lewal-, Benvenuto. l.

f
F
-
W8
s nach der Stadi bringen sollte, als wir vor uus, uitten
auf der Landslraße, eiuen zerbrochenen Wagen bemerkten.
f Näher herangekommen, erkannten wir in dem Eigen-
thümer desselben Monsignore Arrigo, den man an diesem
? Tage in meinem Vaterhause erwartete.
Er war einer der bekanntesten und beliebtesten
unter den römischen Prälaten. Geistvoll, fein gebildet,
sehr reich und einer der schönsten Männer Romö, war
er ein leidenschaftütcher Verehrer der Schbnheit in MF
?
wie in der Kunst, ein Lebemann in der vollsten A
n deutung des Wortes, und dabei von einem liebens-
würdigen Character und von gutem Herzen. Er hatte
? durch eine Neihe von Jahren erst in Frankreich, dann
in Desterreich in den Nunciaturen alä Sekretär und
- Rath fungirt, und seine Erfahrungen hatten ihm Geltung
und Einfluß in der päpstlichen Negierung verschafft.
h
s Mein Vater schätzte ihn, wie dieser Einfluß und seine
Eigenschaften es natürlich machten. Er war dazu ein
entfernter Verwandter meiner Mutter, die ihn für ihren
besten Freund hielt, und da sie ihn zu einem meiner
-Pathen erwählt, hatte er von Paris aus, wo er sich
damals aufgehalten, das Versprechen gegeben, daß ich
Theil haben solle an der Freundschaft, die er für sie hege.
A
A


Man hatte sich also grade auch von ihm für die För-
derug meiner litftigen Laufbahn als Geisilicer, Bei -
stand versprechen dürfen, bis meines Vaters Absic!,
mich um des Familienbrauches willen in das Jesniten -
collegium zu schicken, Arrigo, der kein Freund der Jesuiten
war, unzufrieden gemtacht hatte.
Mir persönlich war er jedoch stets utit Vorliele
geneigt geblieben, ich sah zu ihm wie zu einem Ideal
empor; und noch ehe wir ihm, rasch ausgestiegen,
unsere Dienste hatten anbieten können, rief er uns mit
seiner fröhlichen, hellen Stimme seinen Gruß entgegen.
Das heißt einmal recht als ein Benvenuto erscheinen!
sagte er. Es ist gut, daß Du daran gedacht hast, mir
entgegenzunkomuten, oder war's darauuf nicht abgesehen?
setzte er hinzn, als er bemerkte, daß wir Koffer auf den:
Wagen hatten.
Der Abate klärte den Irrthum mit der Bemerkung
auf, daß er angewiesen sei, mich in das Collegium z
bringen.-
Jetzt? mitten in den Sommerferien, da dic
frommen Väter mit den Scholaren in den Villeggiaturen
sind? Welch' ein Einfall! -- Es scheint Dir auch kein

s
1
sonderliches Vergnügen zu gewähren, Söhnchen! meinte
Arrigo, indem er mich betrachtete, und ich verdenke Dir
das nicht, die Luft ist ganz abscheulich in der Stadt.
Aber wir sprechen mehr davon, wenn wir erst wieder
unterwegs sind. Werft mnein Gepäck auf diesen Wagen,
gebot er seinen Leuten, und bleibt hier zurück, ich werde
Euch aus dem Schlosse die nöthige Hilfe schicken.
Er stieg mit diesen Worten in unsern Wagen, um
unter dem Verdeck desselben vor den heißen IF
struhlen Scy z suchen. ud utüigte us. ihnc
folgen. Das war jedoch nicht des Abate Meinuung.
Sie machen es recht, Monsignore! sagte er,
denn man erwartet Sie bei guter Zeit, aber erlauben
Sie, daß ich mit Benvenuto hier auuf die Rückkehr des
Gefährtes warte.
Arrigo wurde aufmerksan. Was soll das heißen?
und was bedeutet Ihre feierliche Miene? Schickt man
Dich zur Strafe fort?
Meine Verlegenheit hinderte mich zu antworten,
der Abate bejahte die Frage an meiner Statt.
Du siehst auch wie ein armer Süinder auö! scherzte
der Gutgelaunte. Sprich! aber rede Du selbst. Was
hast Du denn verbrochen?

!
s
=
=-
s
?
?
i
f
s.
e
?
s.
z
s
?
s
f
s
-
1t
Seine Heiterkeit machte mich neben dem feierlichen
Gesichte deä Abate und in der Erinnerung an die
Strenge meineä Vaterö ganz verwirrt, und obschon ein
Hoffnungsstrahl in mir aufleuchtete, fehlte mir doch der
Muth, es auszusprechen, was mir geschehen war.
Geduld war indessen deä Monsignore Sache nicht.
Vorwärts! vorwärts! rief er, rede! Waä kannst
Du denn begangen haben? Gemordet hast Du nicht,
beraubt wirst Du Niemand haben. Ungehorsamt konmnt
neben Deinem Vater nicht leicht auf-- was kann eö
also sein?
Monsignore haben trotzdem das Richtige getroffen,
sagte der Abate, sich meine Verlegenheit zu Nuize machend.
Benvenuto hat es sich beikommen lassen, gegen die Ab-
sichten des Herrn Vaters, gegen dessen Anordnungen sich
aufzulehnen.
Und deshalb diese verzweiflungsvolle Miene? Du
siehst ja wie ein junges Mädchen aus, das man auf
verbotenem Wege antrifft. -- Ah! das also ist's, mein
?
Sohn! rief er, da das Gesicht bei seinem Scherz mir
glühte. Ein Liebeshandel! nun verstehe ich! Ja, das
ist freilich eine andere Sache, und der Graf hat wohl
an Dir gethan! Aber steige vor allen Dingen ein! dem
-- ? JIgpJFäeessaBszse==a.=== ==- -

1
Sonnenstich sollst Du deshalb nicht verfallen! steig' ein!
und Sie, Abate, thun Sie desgleichen! Ich trage dem:
Grafen gegenüber die Verantwortung.
Der Abate lehnte diese Aufforderung jedoch ebenso
entschieden als höflich ab. Er sagte, daß die Verant-
wortung, welche Arrigo übernehmen wolle, ihn nicht
! seiner Pflicht entbinden könne; er habe sich unabweislich
s an meines Vaters ausdrücklichen Befehl zu halten. In
? zwei Stunden köne das Fuhrert mik frischen PferdF
- wieder hier zur Stelle sein, der Wagen des Mouflzu.»F
schütze uns vor der Sonne, und es bleibe uns dann
noch vollauf Zeit, die Stadt vor dem Abende zu er-
reichen. Aber mit seinem Widerstande hatte der Abate
nur Arrigo's Eigenwillen aufgeregt, und gewohnt zu
- befehlen, sprach er: Nun gut, so bleiben Sie in Ge-
horsam hier auf Ihrem Posten; Ihr Zögling aber wird
s mit mir gehen, mich während des Weges zu unterhalten.
? Vorwärts also! In den Wagen, mein Sohn! Und
Kutscher, in das Schloß!
Ich war nicht so thöricht, mir den angenehmen
Befehl erst wiederholen zu lassen, denn obschon mir nicht
ganz leicht um das Herz war bei dem Gedanken, meinem
Vater gegen dessen Willen unter die Augen zu treten,
A
-
A
A

1R
hatte ich doch die Vorstellung, daß ein Mann wie Mon-
signore Arrigo gewis; Nichtö unternehmnen wüürde, was
für ihn oder für sonst Jemand von verdrießlichen Folgen
sein könnte; und die Auösicht auf das Collegium war
mir in der lezten Zeit so widerwärtig, mein Wunsch,
vor dem geistlichen Stande bewahrt zu werden, so
dringend geworden, daß ich mich jedem Hoffnungsstrahl
begierig zuwendete, der sich unir zu zeigen schien. Ich
wußte zudem so gut wie alle Anderen, daß Arrigo ein
Gegner der Jesuiten war, wußte auch, daß meine Mutter
sicherlich zufrieden sein wüürde, wenn man füür mich eine
Aussicht eröffnete, im Laienstande ein schickliches Fort-
kommen zu finden; und über dieä Alleä hinaus ver-
gnügte mich die knabenhafte Schadenfreude, mit Mon-
signore Arrigo in das Schloß zurückzukehren, während
mein Abate es für angemessen hielt, in aller Qual der
Sonnenhitze auszuharren, um sich den Anordnungen
meines Vaters gehorsam zu zeigen und sich dem Willen
des Prälaten nicht zu unterwerfen.
Als wir eingestiegen waren, forderte Arrigo mich
auf, ihm ehrlich zu bekennen, was geschehen sei, und
fragend und nachhelfend, wo meine Verlegenheit das

11
Wort nicht auszusprechen wagte, erfuhr er Alles, was
er wissen wollte.
Und Du bildest Dir also ein, daß Du etwas
machen, etwas werden könntest, Söhnchen! sagte er,
das müsßte man allerdings erst sehen, um daran zu
glauben; aber für Den, der springen will, ist überall
ein Rhodus da!-- Hier! - und in die Wagentasche
greifend, nahm er das Brod heraus, das man uns zunt
Juiß mitgegeben hatte, reichte es uir hin unb !-F
lachend: Mache mir das Blniß Deiner SchduIF
wenn Du kannst!
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, sondern
- fing an, den lockeren Teig mit einigen Tropfen Wein
zusammenzukneten, bis er sich gestalten ließ, und von
der Hoffnung auf Befreiung, wie von der Eitelkeit ge-
trieben, that ich mein Bestes, während Arrigo in be-
ständigem Gespräche mit mir blieb und sich, wie ich
dies deutlich herausfühlte, über meine Bildung und Ge-
sinnung zu unterrichten suchte.
Es war nicht das erste Mal, daß ich mich in Er-
mangelung besseren Materials deä Brodes fite meine
Arbeit bediente, und ich hatte in den ersten Tagen nach

1
meiner Trennung von Julietten, ihr Köpfchen troz der
Lerbote und troz meiner geleisteten Versprechungen so
oft ganz unwillkürlich dargestellt, daß es mir sehr ge-
läufig geworden war, und daß ich denn auch während
der langsam entporsteigenden Fahrt es einigermasßen zu-
sammenbrachte.
Aä ich es dann meinem Pathen mit der Ver-
sichernng hinreichte, daß ich e besser machen köne, besh
er eö achtsam, ohne jedoch ein Wort dariber zu ver-
lieren und sprach, wwie man mit einem spielenden Kinde
wohl zu thun pflegt: Gut! nun mache rasch ein
Pferd! und als ich ihm gehorcht und in groben Um-
rissen ein laufendeä Pferd zusammengeknetet hatte, und
dann auf seinen weiteren Befehl auch noch einen Juungen
darstellte, der den Dudelsack, die Zampogna, spielte,
drückte er daä Alles in einen Klumpen zusammen und
fragte: Aber einen Paier Jesuiten, kbnntest Du den
machen? oder reicht Deine Kunst so weit noch nicht?
Sein freundlicher Blick, der heitere Ton seiner
prächtigen- Stimme gaben mir Zuversicht und muthiges
Vertrauen in ihn und mich, und mit dem Nebermuth
der Jugend, der durch die strenge Zucht der lezten
Wochen unnatürlich zurückgedrängt worden war, stellte

1e
ich, wenn auch plump genug, das Spottbild eines
betenden Jesuiten dar, daä Arrigo zu lautem Lachen
brachte.
Bravo! rief er, gut gesehen und gut gemacht!
schweig aber still, wenn wir einfahren in daä Schloß,
schlage die Augen nieder und schäme Dich, wie es Dir
flr Deine Dumheit von Nechtswegen gebührt, mit
Deinen sechszehn Jahren neben der gottgeweihten Julietta
den Noeo zu spielen. Dei Vater hat woßs an?F-
Dich fortzuschicen, und ich werde der Ltte sein, SF
zu hindern sucht, daß Du zu Deinem Gouverneur und
mit ihm in die Stadt zurückkehrst. Von den Weiteren
wird später vielleicht zu sprechen sein! Mache Dir in-
dessen keine falschen Hoffnungen, mein Lieber! Eines
Vaters Wille ist Gesez für seinen Sohn; also Gehorsam
und Gebuld! doch will ich sehen, was etwa für Dich
zu thun sein möchte.
Wir waren während dessen vor den Schlosse vor-
gefahren. Da man Monsignore Arrigo erwartete, kam
die Dienerschaft herbei. Auch mein Vater und verschiedene
der Gäste, welche sich gerade in den nach der Auffahrt
belegenen Zimmern aufhielten, traten auf die Balkons
vor ihren Fenstern hinaus, und man war allseitig nicht

u?
wenig erstaunt, statt den Wagen Arrigo's den unseren
vorfahren zu sehen, und in demselben den Monsignore
mit meiner Wenigkeit zu entdecken.
Dee Räthsel war mit wenig Worten rasch gelöst.
Mein Vater konnte, ohne seinen Gast zu tadeln, nicht
daran denken, mir einen Vorwurf aus meiner Anu-
wesenheit zu machen; man sendete augenblicklich die
nöthige Hilfe in das Thal hinunter, die zerbrochene
Kalesche herauufzuholen, und der Abate erhielt die
Weisung, mit derselben zurückznkommen, da unser Ab-
gang nach der Stadt um neue vierundzwanzig Stunden
aufgeschoben werden solle.
Das erhöhte meinen Muth wie meine Hoffnung,
und ich hatte alle Zeit, mich in dem Bereiche der
Möglichkeiten gemächlich zu ergehen, denn ich speiste
allein mit dem Abate, und nur meine Mutter kan
einen Augenblick, mich zu besuchen, ohne sich jedoch über
das inzwischen Vorgefallene mit einen Worte aus-
zulassen.
an der nächsten Frühe, als der Wagen, der uns
nach Nozn zu bringen hatte, wieder vor der Thüre stand,
wurde ich zu meinem Vater in sein Gemach beschieden.
Ich fand ihn mit meiner Mutter und mit dem Mon-

1
signore meiner wartend; auuch der Abate war bei
ihnen.
Ich habe Dich rufen lassen, sagte mein Vater,
damit Du in meinem Beifein Deinem verehrten Pathen,
Monsignore Arrigo, für die Theilnahme dankst, die es
ihm gefällt, Dir zuzuwenden. Du hast einen Beschützer
und Fürsprecher an ihm gefunden! Er hält es für
möglich, daß wirklich eine klnstlerische Anlage in Dir
verborgen ist, ud hat sich erboten, Dir die Gelegens
zu ihrer Ausbildung versuchsweise unter seine LF
zu gewähren. Du wirst in unserm Hause bleiben, bis
Monsignore Arrigo in die Stadt zurückkehrt, dann siebelst
Du in das seine über-- und es wird danach von
Deinem Talent, von Deinem Fleiße und von der Meinung,
Deines großmüthigen Beschützers alhängen, welchen Lebens-
weg man Dich nach der Probezeit, die wir für Dich
festgesezt haben, einschlagen lassen soll. Deine Studien
und Deine geistlichen Nebungen sezest Du inzwischen
unter der Leitung des Herrn Abate fort! Das Nebrige
wird Dein Herr Pathe fir Dich anordnen.
Mache seiner Güte Ehre und Deinem Namen keine
Schande!
Mein Vater reichte mir darauf, ohne mich anzu-

s
1
fehen, die Hand zum Kusse, meine Mutter umarmte
mich zärtlich; Arrigo's geistvolles Gesicht sah noch zu-
versichtlicher als gewöhnlich aus, und mir auf die
Schhultern klopfend, sagte er: Ende deä Monats bin
ich in der Stadt und dann, mein Lieber, heißt es an
die Arbeit! Du hast zwei Jahre Zeit! Bist Du dann
nicht auf dem Wege zum Olymp, so heißt es rück-
wärts, und in das Colleg!-- Und somit Lebewohl!
auf Wiedersehen!
ggäggggä AFpgE RFF

Kapitel 08

s
z
z-lit dem Tage begann der eigenkliche Frühling
meines Lebens, und mein Beschüüzer war die sreunudliche
Sonne, die ihn mir erschuf. Er war ebenso, wie man
es mit mir beabsichtigt hatte, von seiner Familie gegen
feine Neigung demt geistlichen Stande gewidmet worden,
weil man das Vermögen des Hauses dem ältesten Sohne
auöschließlich zuzuwenden gewünscht.
hatte sich diesen Berechnungen nicht
Sohn war schwermüthig geworden,
Jndeß das Schicksal
gefügt; der älteste
und das sehr be-
deutende Familienerbe war dadurch nach seiner Eltern
Tode an Monsignore Arrigo gefallen, der es in schönem
Lebensgenusse mittheilsam und fröhlich zu verwenden
wußte.
Er hatte in seinem Glauben an meine künstlerische
Anlage, den ich heute noch zu segnen habe, meinem
F. Lewald, Benvenuuto. l.

1
Vater ein Anerbieten gemacht, das ahzuweisen elbst
dessen starrer Sinn Bedenken hätte tragen missen. Ich
sollte zwei Jahre ihm überlassen, von ihm in die Lehre .-
zu dem berühmtesten Bildhauer von Nomt gegelen
werden, den er mehrfach beschäftigt hatte und der zu
seinen Freunden zählte. Erwies es sich innerhalb dieser
Zeit, daß man Hoffnungen auf meine Künstlerlaufbahn
gründen dirfe, so wollte er mich dieselbe ganz und gar
auf seine Kosten vollenden lassen, und uir, sv 1-VF
bebte, ein Jahrgeld, nach seinem Tode aber el. Ee
zuwenden, welches mir ein, dem Namen meiner Familie
angemessenes Auftreten in der Gesellschaft möglich machen
würde. Schlügen die Erwwartungen fehl, die er für mich
hegte, so sei es dann immer noch früh genug, mtich in
den Orden Jesu aufnehmen zu lassen, und es sollte mir
dann auch in der Soutane andauernd seine Förderung
gesichert bleiben.
Gleich nach des Monsignore Rückkehr in die Stadt
siedelten also der Abate und ich nach dem Palazzo
Arrigo über. Er hatte uns einige nach dem Garten
gelegene Zimmer in deun Erdgeschosse desselben einge-
räumt, und in diesen auch eine kleine Werkstatt für
mich herrichten lassen. Material und Geräthschaften für
z
T
T
s


-A


A
A
s
A
.W
z
-z
s
-
H

L

d


s


-
f
g
?

s
1?
die Arbeit fand ich vorbereitet, obschon ich mich der
lezteren noch gar nicht zu bedienen wußte, sondern gan.;
naturwüchsig mit den Fingern modellirte. Auf einemt
Borde an der Wand waren ein paar kleine Torsen,
einige Büsten, einige kleine Figürchen in guten Ab-
güssen aufgestellt; auch an Vorbildern für die einzelnen
Gliedmaßen fehlte es nicht, und mein Beschützer verlies:
mich inmitten dieser köstlichen Besizthüimter uit der Be-
merkung, es stehe mir jetzt völlig frei, mich nach Be-
lieben zu beschäftigen. Hätte ich etwas zu Stande ge-
bracht, das er gelten lassen könne, so würde von dem:
Weiteren zu sprechen sein.
Er ging
Nebengemache
meinem Leben
das kam mir
Ich suh
davon, mein Abate richtete sich in dent
ein, ich blieb mir zum ersten Mal in
für ein paar Stunden selber überlassen;
ganz unglaublich vor.
mich um; eine weiße Arbeitsblouse hing
-an der Wand und sie vollendete mein Glück. Ich hatte
immer mit einer gewissen Mißempfindung an den Tag
gedacht, an welchem ich mein gewohntes Kleid mit dem
schwarzen langen Rocke zu vertauschen haben würde; die
Blouse erschien mir also wie das Sinnbild meiner Frei-

heit. Ich konnte mich kaum enthalten sie zu kitssen,
F

116
als ich, meinen Rock von mir werfend, sie über meinen

F Kopf streifte; und mit der göttlichen Zuversicht, deren
P die Jugend zu ihrem Gllcke nie ermangelt, rief ich es
K
L mir selber wie einen Eidschwur zu: in hoc signo
z rneos!
Damit hatte ich nun freilich nichts weiter gethan,
F als den Vorsatz ausgesprochen, meiner Neigung naehzu-
?
gehen, da die Umstände mir so günstig waren; und
mühelos wie ein Königserbe sezte ich mich in den NF
zugefallenen Reiche fest.
Oz
ach versuchte es in den folgenden Tagen, eine
kleine Minerva nachzubilden, weil sie mir nicht die
? Schwierigkeit der nackten Gestalt zu überwinden gab;
ich eopirte einen Fuß und eine Hand, ich ließ mich
endlich darauf ein, das Reliefbild eines der Gärtner-
burschen zu unternehmen und war eines Nachmittags nach
Verlauf von sechs, acht Wochen in voller Arbeit, als
Arrigo mit einem mir fremden Manne in meine kleine
Werkstatt eintrat. Es war kein Geringerer als der
- große Meister, der mein Lehrer werden sollte.
Er war damals selbst erst in die jugendlichen
Mannesjghre eingetreten, aber sein Name stand unter -
den Bildhauern Jtaliens schon neben dem von Canova
z
T
z
I

-P
T
T
A
A
A
A
A
A
z
H

in erster Reihe fest. Er hatte seine Psyche und Venus,
seine liegende Venus, welcher Aor den Dorn aus deut
schönen Fuße zieht, und andere uythologische Gestalten
bereits vollendet, hatte mit gleichem Erfolge ein lebenö-
großes Crucifi; für eine der großen toscanischen Städte
modellirt, und verschiedene bei ihn bestellte Heiligen-
gestalten wwaren von ihuu in Augriff genouurn worden.
g,
h war in der Verehrung der Kunst erzogen, obschon
mein Vater ihre Ausübung für einen Edelutann uicl
schicklich erachtete, und ich sah deöhalb zu den Gefeierten,
der über meine Zuukunft zu entscheiden hatte, wie zu einer
Gottheit ehrfurchtsvoll empor.
Er betrachtete mein Machwerk und nannte es fir
Einen, der keinen Unterricht genossen habe, gut gefühlt
und nicht ungeschickt gefertigt. Es schien ihm auch zu
gefallen, daß ich die Blouse der Sontane vorzog, das;
ich den Ehrgeiz hatte, ein Künstler zu werden; und mit
freundlich ermunterndem Worte nahnt er mtich unter seine
Schi:ler auf.
Damit war der erste Schritt gethan, und ich lebte
in einem beständigen Freudenrausche. Der freie Verkehr,
dessen ich im Atelier uit den andern Schülern theil-
haftig wurde, hatte als etwas mir ganz Ungewohntes

11=
den höchsten Reiz für mich, und weil meine Mitschüler
mir, um meines Namen willen, antheilsvoll begegneten,
weil sie mich ermunterten, gewann ich die ungemessenste
Vorstellung von meinen Anlagen. Hätte ich in jenen
Zeiten mteiner Meinung von mir selbst den entsprechenden
Ausdruck geben sollen, so hätte ich anfangen müssen, an
der Statue zu arbeiten, von der ic üllerzrugt war, daß
man sie mir dereinst errichten wülrde.
Jndes: uit der wachseden Eiesichi iu da« WIF
der Kunst, j in das blose Haedert bers-iben, fogs
die Ernüichterung dem Frendenrauusche heilsau uach, bis
ich die Arbeit und die Ueberwindung der Schwierigkeiten
lieben und als Genuuß erkennen lernte.
Mein Abate, welcher sich zuerst nit den Absichten
meines großmüthigen Pathen sehr unzufrieden gezeigt
hatte, fing unter dem gastlichen Dache desselben sich, wie
es den Anschein hatte, mit ihnen auszusöhnen an, weil
er es Für möglich halten mochte, sie mit der seinen in
Mebereinstimmung zu bringen. Er war Jesuit geng,
sich überall den vorliegenden Verhältnissen fügsam an-
zupassen, sobald es galt, in denselben festen Fusß zu be-
halten; und wenn wir jetzt, wie das auch sonst geschehen
war, unsere Besuche bei den ihm befreundeten Brüdern
s
-
-T
T
z
A
A

T
s


t 10
im Jesuiten - Collegium machten, unterließ er es nicht,
mich jedesmal besonders darauf hinzuweisen, wie der
Orden sich unter seinen Mitgliedern auch bedeutender
Künstler zu rühmen gehabt habe, und daß derselbe die
Pflege der Kunst keineöwegs aus seinen Beschäftigungen
ausschließe.
Er mnachte utich aufuterksam darauf, daß es ein
Mitglied des Jesuitenordens, der Pater Grossi gewesen
sei, der den Plan zu der grosßartigen Kirche des heiligen
Ignatius entwworfen hale. Er ließ mich die Freökenu
bewundern, mit denen der Jesuitenpater Pogzi das
prächtige Tonnengewölbe der Decke geschmückt hatte, und
führte mich durch das Museo Kirchneriano im Jesuiten-
Collegium, dessen Kunstschäze ebenfalls von einemn Jesiten
gesammelt worden waren. Aber seit sich mir die Aus-
sicht eröffnet hatte, durch die Entwickelung meines Talents
vor dem Eintritt in den Orden bewahrt zu bleiben,
wirkten die Vorstellungen des Abate noch weniger auf
mich ein, als früher; und obschon er seine Macht über
mich mit aller ihm zustehenden Festigkeit aufrecht zu
erhalten strebte, konnte er sich nicht wohl darüber
täuschen, wie unser gegenseitiges Verhältniß mehr und
mehr ein ganz äußerliches wurde, und wie sehnsüchtig

k
12
ich den Tag erwartete, an welchem es endlich aufhören
F wurde zu bestehen.
Die zwei Probejahre, welche mein Vater m ir zu-
? gestanden hatte, brachten mich ein gut Stück vorwärts.
F Mein Beschüzer und mein Meister waren mit mir zu-
frieden, mit meiner Familie kam ich nicht häufig, eigentlich
F nur bei besonderen Anlässen zusammen. Meine Mutter
hatte, als sie sich für mich verwendet, mehr das glänzende
k
Ziel, als den mühevollen Weg im Auge gehabt; noZ
k
Vater sprach, wenn ich vor ihm erschien, niemaüs eF
f mir von meiner Bildhauerarbeit, sondern nur von den
Studien, welche ich mit dem Abate trieb. Er kan auch
nie in meines Meisters Werkstatt. Er mochte nicht
sehen, wie ein Jüngling, der seinen Namen trug, mit
riedrig geborenen Leuten die handwerksmäßige Arbeit
theilte, und er vermied es, mir die Hand zu reichen,
weil die Arbeit mir die Hand gehärtet hatte.
t
Eines Tages, als er mit einem seiner Freunde an
-- unserer Werkstatt vorüberfuhr, trat ich in der Blouse,
! utit bestäubtem Haar für einen Agenblick zufällig aus
- der Thüre derselben auf die Straße hinaus. Mein Vater
z sah mich, erkannte mich, wendete, als habe er mich nicht
? bemerkt, sein Auge von mir fort -- und ich lernte die
A
A
A
A
A
W

z Ds
gewaltige Macht des Voruriheils innerhalb des Familien-
herkommens erkennen. Das brachte eine große Sinnes-
änderung in mir hervor. Eä verwies mich auf mich
selöst, und auf ein rücksichtsloses Streben nach meiner
eigenen Zufriedenheit.
Weil mein Vater Alles mit einer gewissen Förm-
lichkeit zu thun liebte, sollte denn auch die Entscheidung
über meinen künftigen Beruf in aller Forut vollzogen
werden. Monsignore Arrigo hatte deshall nach Verlauf
der beiden Probejahre meine Eltern und meinen Meister
zu einer Besprechung bei sich eingeladen, und obschon
ich gewiß war, welche Ansichten mein Meister und mein
Beschüzer äußern würden, war ich in großer Aufregung
und Spannung. Denn da ich die fortdauernde Abneiguung
meines Vaters gegen meine Künstlerlaufbahn kannte, fühlte
ich mich seiner Billigung meines Vorhabens noch immer
nicht versichert, und nur die Verstimmung, welche ich
an mteinem bisherigen Erzieher bemerken konnte, bestärkte
mich in der Hoffnung, daß man mir meine Freiheit
geben werde.
Als man mich hereinkomnen ließ, stand mein Vater
an dem Tische, auf welchemt man meine Arbeiten für ihn
aufgestellt hatte. Es war eine kleine Portraitstatuette

j -7D
mneines Beschüzers, die ich in seinem Hause auögeführt,
daneben eine verkleinerte Copie des berühmten Crucifixes,
das utein Meister geschaffen, und eine ganze Menge von
Skizzen, die ich im Laufe der beiden Jahre angefertigt,
und von denen ich später, wenn auuch in mannigfach ver-
änderter Gestalt, eine und die andere zu benuzen Ge-
legenheit gehabt habe.
Wir haben zu Nath gesessen über D:
umnein Vater, und der berühute hochgeehrte
der Dich seiner Unterweisung gewüirdigt, ist der
sagte
A
öJa
daß man Dein Talent als ein nicht gewöhnliches zu
betrachten habe, daß es der Mühe lohne, es auszubilden,
weil es, richtig benutzt, Dir Chre machen könne. -
Merke das wohl, ich sage: Dir Ehre machen könne!
denn in unseremt Hause suchte bisher der Einzelne die
Vermehrung der Familienehre auf anderen Wegen.
gg A
Glauhz. Du Dein Glick zu finden im Betrieb der
Kunst?
Ich bin immer glücklich wenn ich arbeile, mein
Vater! sagte ich.
Aber Du kannst in Zukunft nicht arbeiten wie
bisher, allein zu Deiner Freude. Man wird Dir, wenn
es = -- wirklich glücken sollte, Dtch auszuzeichnen, Auf-
c=-

s
träge geben. Du wirst nach fremdem Willen, umt Lohn
zu arbeiten, um den Preis Deiner Arbeiten zu feilschen
und zu markten
schuldigen Sie,
neigend, sezte e
eines
ich;



s
?
k-
s
?

s
f

?.
D.
e.

k
Ich hoffe,
Signor! gegen meinen Meister ver-
hinzu: und Du trägst den Namen
aus altem Hause!
ihm keine Schande zu uachen, sagte
mein Lehrer und Meister--
- d . a- -
Stunde ab, mein Freund! von dieser Stunde ab, Mon-
signore, ist er der Ihre! - Ich hoffe, Du wirst es
Deinen edeln Beschützer nicht bereuen machen, daß er sich
Deiner annimmt, und Du wirst Deinem Erzieher, dem
Herrn Abate, für die Treue danken, mit der er Dich
bisher behütet hat. Du bist jetzt frei! Gebrauche Deine
Er
eiheit so, daß sie Dir nicht zum Unheil werde.
und
Er machte darauf ein Zeichen, daß er geendet hale,
ich fühlte, daß ich seine Lebe nicht wie sonst besaß,
dasß er sich mir entfremdet fand; aber Arrigo's frohe
Güte verscheuchte die Wolke, die mir diesen ersehnten
A
K
ß
Edelmannes
haben; und sich mit einem: Ent-
ugenblick verdüstern wollte.
Ich stehe für ihn ein! rief er, und sein Lehrer

.Il
und Meister wird das mit mir thun! Die Hand darauf,
mein junger Freund ! Wir wollen allesammt den Tag
erleben, an dem auch der Herr Vater mtit Dir zufrieden
sein soll. Bis dahin aber wollen wir unö in der
lchönen Welt, in die uns Gott gesezt, wie bisher des-
schdnen Daseins hoffnungsreich erfreuen!
Mein Vater lehnte es ab, ein Frühstück bei Arrigo
einzunehmen, der Abate entschuldigte sich mit Geschäften,-
meine Mutter sagte, fie hoffe mich jezt zum fk
bei sich zu sehen, ohne daß der Vater biese Elüavus
unterstützte. In mir kämpften widersprechende Em-
pfindungen.
=-g fühlte mich durchaus in meinem Nechte, fand
N,
- meinen Vater hart, nteine Mutter nicht güütig geng,
und hätte doch beide gern mit Kindesliebe um Ver-
zeihung dafür bitten mögen, daß ich gegen ihren Willen
handelte. So folgte ich ihnen schweigend und verlegen
bis zu ihrem Wagen.
Aber als derselbe dann fortgerollt war, als der
Abate mich verließ, ohne mich zu fragen, womit ich
mich die nächste Stunde zu beschäftigen gedenke, als ich
zum ersten Male, ohne ihn neben mir zu haben, mich
neben Arrigo und meinem Meister zu der Mahlzeit
A
A
A
A
g
D
A
A



s

niederließ, da empfand ich mehr als je zuvor die
Sklaverei, welche in der unansgesezten Ueberwachnng
bis dahin auf mir gelegen hatte. Das köstliche Gefühl,
fortan empfinden und denken zu dürfen, ohne in jedent
Augenblick einem Anderen davon Rechenschaft geben zu
müssen, ließ mich endlich aufathmen, wie ein freier
Mensch es thut. Mich durchströmte auf einmal jener
starke, die ganze Zukunft umfassende Glaube an duis
eigene Können, der zugleich ein Glaube an das Sollen,
an das Mlssen ist; denn noch heute ist es wahr, daßß
der rechte Glaube, der Glaube an die eigene Kraft, Berge
versetzen und Wunder thun kann, je nach dem Masß
der eigenen Kraft. -- Nehmet einem schaffenden Menschen
den Glauben an sich selbst, und er wird ohnmächtig vor
Euch stehen, wie Sinson, den man seines Lockenschmtuckes
beraubte.

Kapitel 09

I., he.e in den lezten Zeilen von einer jener
schönen Stunden gesprochen, deren ich mich immer zu
erinnern liebe, weil sie eine schattenlose Glücksempfindung
in mir hervorruft.
Bis dahin hatte ich uur die Hälfte meiner Zeit
auf die Kunst verwenden dürfen; jezt gehörte ich ihr

ganz an. Meine Einbildungskraft regte sich nach meiner
Befreiung lebhafter, ich gewahrte auch die mich um-
gebende Wirklichkeit deutlicher und mannichfaltiger, seit
der Abate nicht mehr jeden meiner Blicke üllerwachte.
Aber obschon ich es mir mit immer neuer Freude vor-
hielt, daß ich frei sei, daß ich thun und machen
könne, was ich wolle, spürte ich jetzt weit weniger
Anreiz als vordem, das Verbotene, das Ungehörige
zu thun.

F
s.
F. Lwald, Benvenuuto. l.


9
Dagegen konnte ich, bald nach der ersten stolzen
Freiheitsfreude und dem zuversichtlichen Glauben an mich
selbst, einselbstquälerisches Grübeln in mirnicht unterdrücken.
Anfangs erschien mir dies uur komisch, und ich
hoffte es bald los zu werden. Ich hielt es für den
Schatten, den der von mir geschiedene Jesuit noch über
meinen Weg zurückwarf. Er hatte mich von frühester
Kindheit an so sehr daran gewöhnt, j,den meiner Ge-
danken zu beachten, um ihm Nechenschaft da gg
geben, und von ihm jeden meiner Gedanten auuf dessßh
s
geheimste Beweggründe zurückgefihrt zu sehen, daß ich
ganz unwillklrlich jezt das Gleiche an mir selbst vor-
nahm. Ich hatte es als einen wahren Segen für mich
zu betrachten, daß Arrigo's Heiterkeit mir über diese
selbstquälerische Unart forthalf. Ohne einen besonderen
Gehorsam oder ein besonderesVertrauen von mirzu begehren,
behandelte er mich wie einen Sohn, dem er mit seiner
Erfahrung zu Hilfe kommen, und von welchem er seine
Nathschläge befolgt zu sehen wünschte. Da er selber
sich keinen Lebensgenuß versagte, und an seine Zwecke
reichliche Mittel zu sezen gewohnt und in der Lage war,
e
gewährte er auch mir eine Freiheit, die nicht ohne Ge- j
fahren für mich war.

-
3
Ich hatte plözlich über ein verhältnis mäßig sehr
beträchtliches Jahrgeld zu verfügen, während ich vorher
über gar Nichts Herr gewesen war, und es für mich
schon zu den bemerkenswerthen Ereignissen gehört hatte,
wenn man mich einmal in das Theater gefiührt, oder
wenn mein Erzieher mit mir in einem Cafs ein Gla?
Sorbetto eingenommen hatte. Was mich aber daä
eberraschendste bedünkte, war, daß ich mich von der
Gesellschaft, in die ich unter dem Schutze von Mon-
signore Arrigo eintrat, mit Antheil und mit Gunst
beobachtet und empfangen fand, vor Allem von den
Jünglingen meines Alters und von den Frauen.
Ich wurde, um das einzig richtige Wort dafür zu
gebrauchen, ganz unverdientermaßen Mode, wie eine
neufarbige Tracht, wie ein neuer Hut; und Donna
Carolina war es, die mich in die Mode brachte? utit
all' der Keckheit, und doch wieder mit all' den Geschick,
mit welchem sie für sich selbst und an sich selbst die
übertriebensten Moden annehmbar erscheinen zu machen
wußte. Die Gesinnung ihres Publikums kam ihr dabei,
ich weiß nicht, ob zu meinem Glücke, auf halbem Wege
entgegen.
g -

In unserer damaligen Gesellschaft herrschte in Folge
der französischen Ronanlectüre der Glaube an die titanen-
haften Männer, die sich nuur durch Schrankenlosigkeiten
und Gewaltthaten genug thuun lounten, und an die er- -
habenen unverstandenen Frauenseelen, welche fitr diese-
Männer keine Opfer schheuten, denen ihr Rnf, ihre Ehre
gar Nichts galten, die mit allem Herkommen sehr bald
fertig waren, wenn und wo es darauf ankam, sich einem
dieser , Titanen. gleichvies welchem Stande nn F
dungsgrade er angehörte, frischweg an den Hals zu eit
Wo diese Hallgötter sich in unseren Kaffeehäusern, in
unseren Theatern und Salons zu ihrer Hihe heran-
gebildet, wo sie unter unserem Volke plözlich aufgetaucht,
oder was in den Seelen jener Frauen unverständlich sein
sollte, die in dem müßigsten Leben, in den gewöhnlichsten
Liebeshändeln ihre völlige Befriedigung, und für dieselben ,
weit mehr Duldsamkeit fanden, als von den Nauchkommen
eines Collatin und Cato zu erwarten stand, darüber
nachzudenken nahm man sich nicht die Mühe. Es ge-
hörte eben in der schönen jungen Welt zum guten Ton,
die Tyrannei der Sitte zu verwünschen, und für Jeden

ohne Weiteres Partei zu nehmen, der sich auf irgend z
eine Art mit den gewöhnlichen Verhältnissen in Wider- Z

f
1B
spruch versezte. Ein Marchese Armero, der die Kituustler-
blouse anzeg, der seinem Vater nicht gehorsamt hatte,
den obenein ein vornehmter Prälat vor den Eiulritl ie
den geistlichen Stand bewahrt, und den er sich zum
Hausgenossen und zum Pflegesohn erkoren, hatte ebenso,
went nicht noch mehr Aussicht auf Erfolg, als die
Bauerburschen und Tischlergesellen, die in den Nomanen
von George Sand ihre Augen zu den Frauen der vor-
nehmen Welt erhoben und Erhörung von diesen fanden.
Dait die Sache aber noch einen besonderen Reiz
bekam, hatte Donna Carolina nicht ermangelt, die ein-
fache und oft dagewesene Historie, wie die Liebe mich
zum Künstler gemacht, mit so viel Zuthaten ihrer eigenen
Erfindung aufzustuzen, dasß sie wirklich einem Nomane
mehr ähnlich sah, als der schlichten Wirklichkeit und den
ersten Liebesregungen eines sechszehnjährigen Burschen.
Es war also in der That ein wahres Gllck fitr mich,
daß ich in meiner ernsten Hingebung an die Kunst ein
Gegengewicht gegen die Beachtung und die Anözeichnung
besaß, von denen ich mich ohne jegliches Verdienst mit
einemmale umgeben sah.
Während ich in der Werkstatt meines Meisters
:
mich in den folgenden Jahren der Erlernung des
?

11
Handwerks eifrig unterzog, fing ich zu Hause an, mich
öfter und immer öfter in eigenen Entwürfen zu ver-
suchen, und vor Allem war es die Gestalt einer trägi-
schen Muse, die mich viel beschäftigte. Ich hatie sie
frühzeitig unternommen und immer wieder verändert,
weil es mir nicht gelingen wollte, den Ausdruck geistiger
Erhabenheit in dem Kopfe derselben so überzeugend
auszudrücken, wie er mir in der Seele lebte, und wie
ich ihn bisher in der Wirklichkeit niemals angetroffen
hatle. Da machle uit einemu Mal eine unerwartete
Begegnung allem meinem Suchen und Schwanken rasch
ein Ende.
Vor jenen sechszehn, siebenzehn Jahren, als die
1eberfluthung Noms durch die Fremden noch nicht
begonnen hatte, welche, seit die Eisenbahnen uns so
nahe gerückt sind, unsere alten Gewohnheiten umgestaltet
hat, war, wie Sie sich erinnern werden, das gesellige
Leben, selbst der vornehmsten Gesellschaft, ein sehr ein-
faches, sehr zwangloses in Rom, und darum ein äußerst
angenehmes. Man war in der guten Gesellschaft völlig
unter sich, Einer kannte und würdigte die Verhältnisse
des Andern, man hatte also gar nicht nöthig, sich in
Scene zu setzen wenn man zusammenkam, und es
g
W
A
A
A

A
HA
A

18
herrschte damals noch die gute Sitte, daß die Frauuen
von Stande ihr Haus an bestimmten Tagen und
Stunden gedffnet hielten, um ihre Freunde zu einer
Conversazione zu empfangen, wobei denn mitunter die
Eine oder die Andere irgend eine besondere Art der
Unterhaltung, sei es eine musikalische oder literarische,
für ihre Gäste vorzubereiten, sich bemüht erwies.
Donna Carolina, die überall ihre eigenen Wege
zu gehen liebte, sah das ganze Jahr hindurch, wenn sie
nicht auf deu Laede var, ihre Freunde amn Sonnlag
bei sich, ehe man sich zu der täglichen Promenade auf
den Monte Pincio begab. Das waren die Vorntittags-
stunden, in denen die Frauen nicht viel mit sich anzu-
fangen wußten, während die Männer doch ohnehin auf
den Beinen waren; und so konnte sie also darauf
rechnen, immer von einer zahlreichen Gesellschaft auf-
gesucht zu werden, um so mehr, als sie gern die
Beschützerin der Künste spielte, und junge Künstler und
Künstlerinnen, die ihrer Studien wegen nach Nom ge-
kommen waren, vielfach an sie empfohlen wurden und
bei ihr anzutreffen waren.
Da sie die Glte hatte, mich zu den regelmäßigen
Besuchern ihres Eirkels zu rechnen, versäumte ich es


18
kaum einmal, mich bei ihr einzustellen; und es war
schon seit einigen Wochen die Nede davon gewesen, daß
Donna Carolina eine höchst interessante Entdeckung -
gemacht habe, daß sie ihren Gästen eine höchst eigen-
artige Neberraschung vorbereite, als sie an einem der
Sonntage Jeden der Gekommenen mit der ausdrücklichen
Bemerkung entließ, in der nächsten Woche nicht zu
fehlen, da sie ihren Freunden eine genußreiche Stunde
zu versprechen habe. Sie that dabei sehr geheimnißvoll,
wich jeder Frage, worauf es abgesehen sei, mit
ß Bestimmtheit aus, und machie dadurch die allseitige
Neugier derart rege, daß am Sonntag der ganze Kreis
z ihrer Bekannten fast vollständig beisammen war.
Die Erwartung machte uns Alle guter Laune.
Wir scherzten und lachten, wir bemühten uns in das .
Geheimniß einzudringen, und blickten endlich sammt und
sonders mit Spannung nach dem Nebengemache, in das
Donna Carolina sich zurückgezogen hatte. Endlich thaten
die Thüren sich auf und sie kehrte wieder, begleitet von
einem Mädchen, dessen Schönheit, selbst in unserm an
weiblicher Schönheit so reichen Vateclande, etwas
Ueberwältigendes hatte.
Das unverkennbare Erstaunen machte Donna
A
»A
-A
e

D
»A
A
A


H
D
W
e
T
a
H

A
z

Carolina Freude, und die junge Schöne einführend, die
sich mit edlem Anstande verneigte, sagte sie: Erlauben
Sie mir, meine Freunde, daß ich Ihnen eine junge
Landömännin vorstelle. Sie trägt den glückverküündenden
Namen Gloria und wird ihn zu verdienen suchen,
indem sie, wenn es Ihnen gefällt, einige Stanzen aus
dem befreiten Jerusalem vor Ihnen recitiren wird.
Die Anwesenden verlangten es gar nicht besser,
denn der Vorschlag verhieß ihnen zunächst schon den
Genuß,
können.
Zimmer,
das herrliche Mädchen ungestört betrachten zu
Man schaffte eine kleine Estrade in das
Gloria bestieg sie, und ruhig um sich
chauend, ließ sie es uns fühlen, daß sie es bereits
gewohnt sei, eine Versammlung mit dem Auge zu
beherrschen.
Sie war in der That eine unvergleichliche Erschei-
nung, diese hohe Gestalt, deren Arme und prachivolle
Blste daä nach der Antike gemodelte weiße Gewand in
ihrer ganzen Schönheit zeigte, während ein grüner
Epheukranz Zas schwarze Haar zusammenhielt, das ihr
in reichen Wellen lang herniederfloß. Und machtvoll,
wie ihr schöner Körper, waren auch ihre Stinme und
ihr Ausdruck.


118
Donna Carolina hatte für den Vortrag, den
Gloria halten sollte, jene Strophen des sechszehnten
Gesanges aus dem befreiten Jerusalem gewählt, in,
? welchen Armida es versucht, den Geliebten, der von ihr
s entfliehen will, zu sich zurückzufihren.
Mlle Augen waren auf Gloria gerichtet, und nach

j kurzem Schweigen begann sie die ersten Verse mit einem
feierlichen Zögern so nachdenkend zu sprechen, als
tauchten die Ereignisse, von denen sie zu reden hatte,
s nur langsam und allmälig in ihrer Erinnerung empor.
Ihre Art zu declamiren, ihr Mienenspiel, ihre
s
f Bewegungen waren nicht regelrecht und waren doch
F hinreißend, weil sie ein so eigenthümliches, durchaus
persönliches Gepräge trugen, daß man sah, hier habe
die Schule wenig oder Nichts, die freigebige Natur
h etwas Vollkommenes geschaffen. Nur langsam und
? ganz allmälig erwärmte sich ihr Vortrag und von
?
f dem Schmeichelwort, mit welchem Armida den Rinald
? an das Glüc vergangener Stunden mahnt, von der
flehenden Bitte, er möge ihr, der Herrscherin, vergönnen,
ihm zu folgen, als Sclavin ihm zu folgen, wenn er
ß wirklich von ihr scheiden müsse, bis zu dem Zorn
? verschmähter -Liebe, bis zu dem wilden Haß, der in
s
A
A


A
zA
F
z
»O
A

.

ß

1
dem glühenden Herzen der Zauberin gegen den Mann
auflodert, der sie zu verschmähen wagt, gelang es dem
wunderbaren Mädchen, die ganze Reihe der wechselnden
und sich steigernden Empfindungen in einer Weise aus-
zudrücken, daß es die ganze Versammlung an sich bannte
und mit sich fortriß.
Jeder von Gloria's Zuhörern gestand es sich ein,
daß er bis zu dieser Stunde niemals eine solche
Armida gesehen oder gehört, daß keine der berühmten
Künstlerinnen auf der Bühne die Zauberin so voll-
ständig nach dem Sinn des Dichters in sich verkörperi
und
wiedergegeben habe,, als eben dieses junge Mädchen.
Der Beifall, den sie hervorrief, die Bewunderung,
fnit welcher man sich ihr
nahte, als sie ihren Vortrag
geendet hatte und von
--- - T
Zufriedenheit, ein Lächeln des Dankes abgewonnen haben;
Gloria aber verzog keine Miene. Die breiten schweren
Augenlider senkten sich üüber ihr dunkles Auge, der
düstere Ernst, der mir bei ihrem Eintreten, troz
ihrer Schönheit, unheimlich an ihr aufgefallen war, lagerte
sich wieder über ihrer niedrigen und schmalen Stirn, die
feinen Lippen preßten sich wieder zufammen, und nur

1
; mit Widerstreben schien sie auf die Fragen zu antworten,
s
; welche man von allen Seiten an sie richtete, während
ich nicht satt werden konnte, sie zu betrachten; denn
F jener Ausdruck von tragischer Erhabenheit, den ich in
- meiner Seele getragen, und den ich vergebens wiederzu-
? geben gestrebt hatte - in Gloria's Antliz fand ich
ihn verkdrpert.
Erst als sie sich nach kurzem Verweilen aus der
Gesellschaft entfernte, ward ich inue, dasß ich gar nicht
- zu ihr gesprochen hatte, ünd nun sie uns verlassen,
bestürmte man Donna Carolina mit Erkundigungen
- über die Weise, auf welche sie die Bekanntschaft Gloria's
gemacht habe. Man wollte etwas von ihrer Herkunft,
von den Verhältnissen erfahren, unter welchen sie lebte,
und die eine und die anderen waren dazu angethan, die
Theilnahme für sie womöglich zu erhöhen.
a
einem jungen Manne aus guter Familie in eifersüchtigem
Jähzorn begangenen Mordversuches zu einer zwölfjährigen

-
zu San Spirito getragen und war frühzeitig gestorben.

»
A
A

Galeerenstrafe verurtheilt worden; die Mutter, ihres
Ernährers beraubt, hatte die Tochter in das Findelhaus
ä
»
. Ihr Vater, ein Handwerker aus Trastevere, war
zu der Zeit, in der sie geboren wurde, wegen eines an
A
A

W

Ee
D
E
E
De

E-
s-
d
D
worden auf die besondere Weise, in welcher die Kleine
die auswendig gelernten Gebete sprach, und hatte daran
gedacht, sie, wenn sie das Alter überschritten haben
e, in einem der Klöster unterzubringen, in welchem

t
-



s
Aber schon in dem Findelhause war man achtsam ge-
s.Irde, während dessen man die Kinder in San Spiriko
. k

t11
E
man sich mit Erziehung und Unterricht beschäftigt.
Gloria war auch in einem solchen aufgenommen worden,
indeß ihr störriger Sinn und die völlige Unlust, welche
sie jeder Art von weiterem Unterricht entgegenlrachte,
hatten deit frommen Schwestern wenig Aussicht auf
Erfolg geloten; und ein solches Mädchen, das keine
Mitgift brachte, in dem Kloster lebenslänglich zu ver-
sorgen, hatten die frommen Schwestern nicht eben
wünschenswerth gefunden. Als daher Gloria's Vater,
nach verblißter Strafe halb erblindet, in die Welt
zurückgekehrt, und gekommen war, die Tochter, auf die
er seine Plane gründete, zurückzufordern, hatte man sie
ihm nicht vorenthalten mögen und kbnnen, da sie selber
mit ihm zu gehen und das Leben, das er zu führen
absichtigte, mik ihm zu theilen verlangt hatte.
Er war nämlich von Jugend an um seiner schönen
Stimme willen untex seinen Genossen bekannt gewesen,
Eu
Da
E

a
hatte noch ein mächtiges, wenn auch rauhes Organ,
und da er sich während seiner Sirafzeit gut gehalten,
war es ihm gelungen, sich die Erlaubniß zu erwirken,
als Bänkelsänger sein Brod zu verdienen. Dazu hatte
er eine Gehilfin ndthig, und die Tochier, welche immer
sehnsüchtig aus der Klosterzelle in die Welt geblickt,
hatte sich hocherfreut gezeigt über die Aussicht auf das
herumziehende Leben, das sich vor ihr aufthat.
. Der schöne, dem Erblinden nahe Mann, das schdne
Kind, fesselten, als sie zuerst die Hilfe der Vorüber-
gehenden in Anspruch nahmen, die Blicke an sich, und
Geschichte und die Mordthat auf die Leinwandstandarte,
deren er als herumziehender blinder Bänkelsänger nach
der Landessitte benöthigt war; und von Gloria begleiket,
die in der freien Luft und bei der beständigen Be-
wegung sich rasch und in aller ihrer Schbnheit ent-
wickelte, machte der Vater in der Stadt und in deren
Umgebung bald gute Geschäfte, so daß es ihnen auf
ihre Weise an keinem Nothwendigen gebrach.
A
A
A
A
c
A
Griffe darauf zu thun, ein mitleidiger Künstler malte
ihm in guter Laune mit raschem Pinsel die Heiligen-
A
T
begegneten vielen offenen Händen. Eine alte Guitarre
war bald angeschafft. Der Vater wußte die paar nöthigen
W
»
A
- W
W
-
A
z
»W
F
»
H
z
W
W

1 1
Der Vater hatte seit Jahr und Tag seine beiden
Geschichten abgesungen, und Gloria dazwischen die
beliebtesten Volkslieder zum Besten gegeben, als bei
einer Wanderschaft ein Zufall ihr in einem ihrer
Nachtquartiere ein halbzerrissenes Buch in die Hände
spielte, das sie ebenso zufällig zu lesen begann, weil' sie
eben seit langen Jahren kein Buch mehr in die Hände
bekommen hatte. Es war ein Band des Tasso, der sich
einmal, wer weiß wie? in diese Herberge verirrt hatte,
und Gloria fühlte sich ergriffen von den Vorstellungen,
welche da Gedicht in ihr erweckte.
Unwillkürlich laä sie laut und lauter, man horchte
erstaunt. Niemand hatte in der Schenke jemals auf das
Buch geachtet, jezt nahm man den Vortrag aus dem-
selben mit Erstaunen auf. Man spendete Gloria
Beifall, man ließ sie noch einmal lesen, al Abendä
die gewohnten Gäste aus dem Flecken sich in der
Osteria versammelten, und nie zuvor hatte der Vater
mit seiner Heiligen- und Mordgeschichte, eine so reiche
Einnahme erzielt, als Gloria mit dieser ihrer ersten
Vorlesung.
Der Vater war ein kluger Kopf. Er sagte sich,
was in dem entlegenen Flecken gelungen war, könne und

11
werde auch anderwärts gelingen. Er hatte wenig Mühe,
für die schöne Tochter das bewußte Buch zum Geschenk
zu erhalten. Gloria lernte davon so viel man immer
wollte auswendig, und fing bald an, in denjenigen
Straßen von Nom, in welchen man auf Zuhörer unter
dem Volke rechnen konnte, einzelne Stellen aus dem
Heldengedichte herzusagen, nachdem der Vater seine
beiden Geschichten abgesungen hatte.
Bei einer Ausfahrt, bei welcher Donna Carolina
zusällig über Piazza Montanara gekommen war, hatte
die große Menge von Zuhörern, welche sich dort um
einen Bänkelsänger versammelt, ihre Aufmerksamkeit er-
regt. Sie hatte den Wagen halten lassen, Gloria's
große Schönheit und ihre eigenartige Gesticulation waren
ihr aufgefallen, obschon sie die Worte, welche das
Mädchen sprach, nicht hören können, und von allem Un-
A
AA
A
A
A
W
A
I
I
A
I
=
S
z
A
entsendet, um den Bänkelsänger mit der Tochter für-
W
einen der nächsten Tage in den Hof ihres Palastes
- Der Bänkelsänger kam. Donna Carolina erkannte
z
die außerordentliche Begabung des Mädchens, und ihr
gutes Herz, wie ihre Begeisterung für die Kunst, trieben

A
gewöhnlichen rasch hingenommen, hatte sie ihren Diener
zu bestellen.
- I
A
F
W

«
K
ß
g
14k
sie zu dem Anerbieten, die Erziehung und die Aus-
bildung Gloria's auf ihre Kosten vollenden zu lassen.
Sie fand indeß weder den Vater noch die Tochter diesem
Vorhaben geneigt. Es war vergebens, daß sie ihnen
vorstellte, wie Gloria eine große Künstlerin werden, wie
sie und ihr Vater in Wohlleben und Reichthum leben
könnten, wie Gloria von den Mächtigen und Vornehmen
als Künstlerin gefeiert werden würde, statt daß sie jetzt,
ein unsicheres Brod essend, bei ihrem Herumziehen in
dem Lande, allen übeln Zufällen eines solchen Lebens
ausgesetzt bleibe. Der Vater schütttelte zu all' den Ver-
heißungen und Bedenken ablehnend den Kopf, und auch
auf Gloria machten die goldenen Berge, die man ihr
ersprach, nicht Eindruck.
Der Vater
Mächtigen und
Verlangen. Er
was sie werth
gut bewahrt, so
sagte, nach einem Leben unter den
Vornehmen trage er für Gloria kein
habe es zu seinem Schaden erfahren,
seien.
lange
Die Tugend seiner Tochter sei
sie bei ihm sei, und später solle
kA?
bis das tausendmal verwünschte Dazwischentreten eines
reichen und vornehmen Jünglings ihn in das Elend ge-
F. Lewald, Benvenuto. l.

116
schleudert habe. -- Gloria aber erklärte ebenso bestimmt,
sie habe keine Lust, sich wieder in die engen Häuser
- einsperren zu lassen, um zu lernen; sie lerne und kenne
ihr Gedicht, das wolle sie hersagen, und daä Weitere
gehe sie Nichts an.
Indeß grade dieser Widerstand hatte Donna Carolina
gereizt, ihn zu besiegen. Sie hatte jedoch mit allen ihren
Anerbieten nicht mehr erreichen können, als die Zusage,
daß Gloria, nach Angabe Donna Carolina's gekleidet,
vor ihr eine Probe ihrer Declamation ablegen, und in
demselben Costüm dann an einem Sonntag Vormittage
diese Declamation gegen eine für ihre Verhältnisse sehr
ansehnliche Bezahlung in dem Kreise einer Gesellschaft
wiederholen werde. Der Vater hatte dem zu Folge die
Tochter an dem festgesetzten Tage bis in den Vorsaal der
Empfangszimmer geleitet; und nachdem dieselbe ihren
Vortrag beendet, ihr antikes Costüm abgelegt und das
für die Declamation ausbedungene Geld empfangen, hatten
Beide sofort den Palast auch verlassen.
Fagggggpgggggg
E

z

T

A
T
z
-
--

Kapitel 10

Aeuntes Capitel.


-
-
PJed Carolina's ganze Gesellschaft war durch
das romantische Abenteuer aufgeregt. Die Frauen wie
die Männer hatten nur die schöne Gloria im Sinn.
Man beschäftigte sich damit, wie dieses Mädchen aus
seinem zigeunerhaften Herumziehen zu erlösen, wie e für
die ihm von der Natur bestimmte Laufbahn einer dra-
matischen Künstlerin zu gewinnen sei. Der und Jener
dachte daran, neue überredende Versuche bei dem Vater
und bei Gloria zu machen, die von Seiten der Männer
nicht immer uneigennüzig sein mochten; und in dem
Sprechen über die Beiden erfuhr man den Namen und
die Wohnung der Leute, bei welchen der Bänkelsänger
die Kammer inne hatte, in der er mit der Tochter
hauste, wenn er sich in Rom aufhielt.

15
ach hatte beschlossen noch in derselben Stunde die
angegebene Wohnung auufzusuchen, weil ich überzeugt
war, daß ein Mädchen, welches auf den öffentlichen
Straßen vor aller Welt Augen seine Declamationen hören
ließ, sich nicht weigern wülrde, mir unter ihres Vaters
Begleitung Modell' zu stehen. Aber ein Zusammen-
treffen verschiedener Umstände hinderte mich daran, mein
Vorhaben an dem nämlichen Tage auözuführen, und es
war schon gegen den Abend hin, als ich am folgenden
Tage nach dem elenden ruinenhaften Genäuer neben
dem verfallenen und verödeten ehemaligen Palazzo
Eastellani in Trastevere hinkam, in welchem der Bänkel-
sänger hausen sollte.
Ein paar alte Weiber saßen vor der Thüre, eine
Menge Kinder trieben sich in dem wüsten Hofe umher.
Ich war ein Gegenstand der Verwunderung für die
Leute und wurde sofort ein Gegenstand des Mißtrauens
für dieselben, als ich mich nach dem Bänkelsänger und
seiner Tochter erkundigte.
Sie sind verreist! gab man mir kurz zur Antwort.
Ich wendete ein, daß ich sie ja am verwichenen Tage
noch gesehen und gehört hätte.
T
A
A
A
A
-Ȋ
=H
-A
A
A
A
S
A
A
D

La

Aa
H
H
A
A
A
W

151
Wohl möglich, sagte die Wirthin des Hauses, aber
sind verreist.
Und wohin? fragte ich.
Wer weiß das? entgegnete die Alte.
Auch mneine Fragen, wann sie wiederkehren würden,
wie lange sie fortzubleiben pflegten, hatten leinen besseren
Erfolg.
Sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt,
meinte die Wirthin trocken, und ich bin nicht von der
Polizei. Ich bin nicht dafir besoldet, ihnen nachzu-
spüren. Sie bezahlen ihre Miethe und ich verwahre ihr
bischen Sachen, wenn sie aus der Stadt gehen. Da
ist Alles!
In den folgenden Tagen suchte ich, und suchte
nicht ich allein, nach Gloria, aber Niemand konnte sie
entdecken. Sie hatten in der That die Stadt ver-
lassen, weil die mißtrauische Vorsicht des Vaters die
Tochter jeder Nachforschung entziehen wollte, und ich
machte mich an meine Arbeit, mit Gloria' idealem
Bild im Sinne.
Gs war die erste lebensgroße Gestalt, an die ich
mich gewagt hatie, diese tragische Muse, welche nun den
Gesichtsansdruck der schönen Gloria tragen sollte, und

u
ich pries mich glücklich, daß mir derselbe mit so großer
Deutlichkeit gegenwärtig war. Je länger ich mich damit
beschäftigte, um so mehc verklärte sich das Bild des
schönen Mädchens in uteinner Vorstellung. Es uachte
mich gleichgültig gegen die Schbnheit der Frauen, die
mir in der Wirklichkeit begegneten, und als ich dann
endlich nach ernster, langer Arbeit mein Thonmodell
vollendet hatte, als ich es einige Tage vor mir selbst
verhüllte, um mit neugestärktem Auge es noch einmal
zu hetrachten, ehe ich es meinenBeschüüzerund meinenMeister
sehen ließ, da preßte, als ich am frühen Morgen vor
mein Bildwerk hintrat, das schmerzliche Gefühl, nicht
erreicht zu haben was ich gewollt, mir zum ersten Male
die Brust zusammen, daß ich völlig muthlos vor meiner -
Arbeit dastand.
Ich hatte nach einem guten lebenden Modell ge-
arbeitet, hatte von dem Individuellen soweit abgesehen,
als dies für jede tzpische Jdealgestalt nothwendig ist,
und diesem also stylisirten Kopfe den antiken Ausdruck
gegeben, der in Gloria so wundervoll zum Vorschein
gekommen war. Ich durfte mir auch sagen, daß die-
Arbeit nichi gerade mißlungen sei, daß man sie als eine

15H
Melpomene wohl gelten lassen dürfe, und doch befriedigte
sie mich nicht.
Es half mir dabei gar Nichts, daß mein Meister
und Monsignore Arrigo, als sie die Arbeit sahen, mir
Beifall spendeten, daß der Meister mir verhieß, ich
würde Ehre mit diesen Erstlingswerke einlegen, und
mein Freund mir großmüthig die Möglichkeit darbot,
die Statue in Marmor auszuführen, wenn der Meister
mich dieser Arbeit schon gewachsen glaube. Ich bat
mir einen Aufschub ans, ich wollte das Modell noch
durchgehen, den Ausdruck noch vertiefen, ehe ich es dem
Former überließ; und was ich nicht vor meinen Richtern
aussprach, ich hegte die geheime Hoffnung, Gloria doch
noch aufzufinden, obschon ich im Verlauf des Jahres
zu verschiedenen Malen in des Bänkelsängers Stand-
quartier vergebens nach ihm und seiner Tochter Erknn-
digungen eingezogen hatte.
Es war gegen Weihnachten hin, und der ganze
Herbst war in jenem Jahre ungewöhnlich rauh gewesen.
Heftige Regengüsse und Stürme hatten durch viele Tage
arg gewüthet, die kalte Feuchtigkeit machte den Aufent-
halt im Freien widerwärtig. Es fiel mir daher auf,
als ich eines Mittags aus der Via Tordinone auf den

1L
Plaz vor der Engelsbrücke hinauökommend, trotz des
D
scharfen Nordwindes eine große Menschenmenge vor mir
fah, die sich eben zu zertheilen anfing. Ich ging näher
hinzu -- und der Bänkelsänger stand mir gegenüber,
wie er mit tastender Hand eben seine Fahne zusammen-
rollte. Man sah, daß er das schwache Augenlicht jetzt
gänzlich verloren hatte.
Während ich mir durch die Menge den Weg zu
ihm bahnte, hatte Gloria ihre Geldsammlung beendet
und trat an den Vater heran, den Inhalt des kleinen
wohlgefüllten Tellers in seine dargehaltene Hand zu
leeren.
In meiner Freude sie endlich wiedergefunden zu
»D
Ae
haben, rief ich sie mit ihren Namen an. Sie wendete
sich verwundert nach mir um, und ich vermochte mein
Erschrecken nur mühsam zu bemeistern, denn die Ver-
änderung, welche mit ihr vorgegangen war, konnte sich
s
- auch dem Auge eines Gleichgültigen nicht entziehen; und
- doch war noch kein Jahr verstrichen, seit sie an
jenem Morgen in dem Saale Donna Carolina's aufge-
- treten war.
Ihre Gestalt war freilich noch dieselbe, auch der
Adel ihrer Kopfbildung war unzerstörbar, aber man sah
A
A
H
W


A
A
W

17
es, diese Augen hatten weinen lernen, iüber diese Wangen
waren Thränen hinabgeflossen, der Schmerz hatte ihre
Lippen zusamuengepresßt, das stolze Selbstgenigen war
won ihrer Stirn verschwunden. Aber sie war noch
immer schdn, ganz unvergleichlich schön.
Was wollt Ihr von mir? fragte sie, sich auf
meinen Anruf zu mir wendend.
Ich sagte ihr, daß es mich fpeue, sie endlich wieder-
gefunden zu haben. Sie sah mich forschend an.
Mich wiedergefunden zu haben? Ich kenne Euch
nicht! Wer seib Ihr? entgegnete sie mit ihrem finsteruBlicke.
Ich bin ein Bildhauer und habe Euch früher schon
manchmal gehört; aber Ihr wart lange von der Stadt
entfernt. Wo seid Ihr gewesen?
Sie blickte mich noch einmal prüfend an; mein
alter verschabter Sammtrock, mein zerdrückter Filzhut
schienen ihr Zutrauen zu mir zu geben. Wir sind weit
herum gewesen: in Umhrient, in den Marlen, iu Venedig!
- und ihre Augenbrauen zogen sich noch engee z-
sammen, als sie dieses sprach.
Der Vater war aufmerksaut geworden, er fcagte,
mit wem sie spreche; ich trat an ihn heran und erkun-
digte mich, ob er gute Geschäfte gemacht habe.

a
So, so! gab er zur Antwort.
Da hättet Ihr besser gethan, Euch die Mühe des
Umherziehens zu ersparen, meinte ich, denn Ihr habt,
wie ich gesehen, hier ein großes Publikum.
ach liebe den Wechsel und ich wollte an daä Meer,
die Meeresluft zu athmen. Aber es ist in Winter kalt da
oben, wir kehrten also heim.
Ich sagte, daß mich dieses freue.
Weshalb? fragte der Blinde.
Weil auch ich Gloria zu hören liebe! ent-
gegnete ich.
Sie sah mich spottend an. Habt Ihr sonst weiter
Nichts zu thun?
Gerade so viel und so wenig wie Alle die Andern,
die Euch eben hier umstanden haben! aber recitirt Ihr
- immer noch das nänlliche Gedicht? Sie bejahte das.
Ich fragte, ob sie daä nicht ermlde? Sie ver-
stand nicht, was ich damit meinte, sondern es auf die
körperliche Anstrengung beziehend, räumte sie ein, daß
ihr bisweilen die Brust von der Arbeit etwas schwach
sei, so daß sie dann den Husten habe; das schade in-
dessen Nichts. Der Schlaf und ein guter Becher Wein
A
A
A

A
e
A
A
AA
A
zA
z
A
A
H
A
W
stellten sie immer wieder her; und der Alte setzte
p
A

!
-

k.
s
k
f
s
n
s
!
. V
nzu, die Tochter sei brav und stark, sie hale das
Weg
ihm.
An der nächsten Straßenecke bogen sie ein. Mein
ging nach derselben Richtung, aber alle ihre
worten waren so kurz und abweisend, daß ich sie
mißtrauischer zu machen fürchtete, wenn ich ihnen
weiter folgte. Ich sagte ihnen also Lebe
wie beiläufig die Bemerkung hin, wenn
meiner Straße arbeiteten, so möchten sie
noch
noch
vohl und warf
sprechen, ich sei ein Bildhauer und hätte
statt im Hofe des Hauses von Monsignore
einen Becher Wein und noch ein gut Stick
Gi
Ant-
sie einmal in
bei mir vor-
meine Werk-
Arrigo; und
Gold könnten
Beide bei mir finden, wenn der Alte einmal zu einem
eisenkopfe bei mir sitzen wolle.
Er blieb stehen, wendete die erloschenen Augen nach
--?? .?:
nt.
agte er sofort.
Sein Kopf war so kräftig und charakteristisch, daß
man ihn wohl verwerthen konnte. Einen alten rümtischen
Feldherrn, den blinden Belisar oder den griechischen
König Dedipus, der auch des Augenlichts entbehrte,
sagte ich rasch entschlossen.

17
Und was wollt Ihr bezahlen für die Stunde? aber
bedenkt wohl, daß dies nicht mein Handwerk ist und
daß ich es nur thue, weil es mir gefällt einen Helden
vorzustellen, sprach er stolz und listig.
ae nannte ihm einen Preis, der ihn befriedigen
mußte; er nahm den Vorschlag an. Der Tag, die Stunde
wurden gleich verabredet und ich durfte nun auch Gloria
zum Defteren wiederzusehen erwarten.
s
z


?
A

ü
A
AA

Kapitel 11

Zehntes Capitel.

A
Ich hatte bis dahin im Entferntesten nicht daran
gedacht, einen Dedipus zu machen, aher der Bänkelsänger
war für einen solchen wohl geeignet, und ich richtete
mich denn auf diese neue Skizze ein, während mir Gloria
nicht aus dem Sinne kam.
Je länger ich an sie dachte, desto räthselhafter
wurde sie mir. Ihre Kälte, ihre Herhigkeit waren
trotzig geworden, sie hatten sogar etwas Widerwärtiges
bekommen, und der spottende Ausdruck, der im Laufe
dieses Jahres ihren Lippen zur Gewohnheit geworden zu
sein schien, lag eigentlich nicht in dem Character der
Frauen aus dem Volke; sie selber hatte ihn auch nicht
gehabt, als ich ste vor dem Jahre zum ersten Mal ge-
sehen. Es mußte mit ihr etwas vorgegangen sein, sie
also zu verändern.
F. Lewald, Benvenuto. l.

=
16
-
Im Geiste ganz mit Gloria und ihren vermutheten
Erlebnissen beschäftigt, nahm ich, als ich in meiner
Werkstatt mich allein befand, die feuchten Tücher herab,
die meine Statue umhüllten, und ich athmete mit be-
freitem Herzen auf. Meine Melpomene war ebler, war
schöner, als die Gloria, welche ich heute gesehen hatte,
und sie war ihr doch so ähnlich, daß ich es fast beklagte,
sie heute angetroffen zu haben, daß es mich jammerte,
F
-
sie, wie ich es nannte, so unter sich selbst herabgesunken
zu sehen.
Der Alte, der, wie alle römischen Modelle, und
feiner eigenen ahenteuerlichen Natur getreu, von dem Z

Verlangen einen Helden darzustellen, ganz erfüllt war,

ließ um die bestimmte Stunde nicht auf sich warten.
Gloria kam natürlich mit ihm. Ich hatte in den drei z
-K
Tagen meine Vorarbeit fir eine Männerbüste voll-
endet und konnte also an das Werk gehen. Die
Tochter saß in einer Ecke mir gegenüber und sah mir
schweigend zu.
Ich hatte sie und ihren Vater mit dem verheißenen
-b
-
A
Becher Wein bewirihet, die Wärme der Werkstätt that
allen Beiden wohl. Gloria lehnte sich in den bequemen
I
Stuhl zurück, die weit von sich gestreckten Fiße schdn

F
=

1
gekrenzt, die Arme über die Brust geschlagen, in einer
so natürlich edeln und so durchaus klassischen Haltung,
daß ich weit lieber sie als ihren Vater hätte modelliren
mögen. Indeß ich mochte sie dazu nicht auffordern,
weil ich sie bei ihrer Eigenart zu verscheuchen fürchten
mußte, und ich ließ sie daher still gewähren.
Meint Hedipns hingegen war geneigi zu sprechen.
Er erzählte von den Wanderungen, die sie in diesen:
Jahre unternommen hatten, und damals war noch von
anderen Wanderungen die Rede als jetzt, wo jedee
herunziehende Savoyarde die Eisenbahn benutzt. Gloria
hatte sich währenddeß erhoben. Sie sah, hinter mir
stehend, meiner Arbeit zu. Es machte ihr ersichtlich
Vergnügen, und sie fing nach einer Weile an, in meiner
Werkstatt umherzugehen, um sich die Büsten und die
dort aufgestellten Dinge näher zu betrachten. Mit einent
Male trat sie an die verhlüllte Statue heran.
Was ist das? fragte sie, zum ersten Male in gll'
der Zeit die Rede an mich richtend.
Ich sagte, es sei eine Frauengestalt von meiner
Arbeit. Kann man sie sehen? fragte sie.
Freilich! entgegnete ich und stand auf, die nassen
e
aüücher abzunehmen. Neugierig wie ein Kind, und doc
1


s
k
?
i.
16
z. immer ernsthaft, folgte sie jeder meiner Bewegungen, -
bis ich die Hülle von dem Kopfe nahm und die Aehn-
F lichkeit mit ihrem eigenen schönen Antüiz ihr entgegen-
leuchtete.
-
s

k
f
s


-


i
?
-

Sie zuckte zusammen, griff nach meiner Hand, sah -
nach dem Spiegel hinüber, den sie mit dem Blicke er-
reichen konnte. Es war deutlich, sie hatte sich als Vor-
bild dieser Melpomene erkannt, aber ihre Neberraschung,
ihre Bewegung waren nicht größer als die Herrschaft,
welche sie über sich behielt. Sie entfernte sich von der
Statue, hob den Kopf unwillklrlich in die Stellung,
welche ich meiner Muse gegeben hatte, und ihre Augen
fest auf derselben ruhen lassend, sagte sie: Sie ist schdn
und ich war auch einmal so schön an jenem Tage, wo
ich so gekleidet war, wie diese hier! Ihr habt mich so
gesehen, Signor!
ach bejahte das. Sie wollte wissen, wie ich in
däs vornehme Haus gekommen sei. Ich sagte, Donna
?
-
-
?
R
z



F
F

z


=
F
Carolina habe mir vor dem Jahre verschiedene Auufträge
F
gegeben und mir erlaubt, der Declamation beizuwohnen, -
damit ich Gelegenheit fände, Gloria in der Nhe und in ?
Ruhe zu betrachien. Sie glaubte das natürlich und - I
erkundigte sich grglos, ob Donna Carolina auch diese ,
. H
F

1
Statue bekomme? ob sie fertig sei? ob sie auch in Stein
gehauen werden würde? und was dergleichen Fragen mehr
noch waren.
Der Vater verstand nicht, wovon wir redeten.
Gloria bedeutete ihm, indem sie mir zuvorkam, ich hätte
ihr Bildniß gemacht in dem Costüme, in welchem sie
einmal in Donna Carolina's Hause aufgetreten sei.
Dafür habt Ihr uns nichts bezahlt, Signor! fiel
der Vater augenblicklich ein, und sie haben doch in
Carrara und in Florenz, wie in Venedig und auch hier
zu Lande, mir viel Geld dafür geboten, wenn ich meine
Tochter Modell stehen lassen würde, allein sie hat es
nicht gewollt!
Dieser plözliche Ausbruch seiner Habsucht brachte
mich zum Lachen. Gloria jedoch faßte ihn von einer
andern Seite auf, und mit dem harten Gesichtsauödruck,
der mir am verwichenen Tage so unangenehmt an ihr
erschienen war, rief sie: Was fällt Euch ein, Vater!
Donna Carolina hat uns ja bezahlt, und gut bezahlt,
für alle ihre Gäste. Daß er ein gutes Gedächtuiß hat,
das ist seine Sache, dafür ist er uns Nichts schuldig.
Ich widersprach ihr, indem ich mich auf ihres
Vaters Seite stellte. Ich sagte ihr, daß ich zu ver-


1

Fschiedenen Malen in ihrer Wohnung Nachfrage nach --

g
Gelbstück hin. Gloria zuckte verächtlich mit den Schultern.
Te
=a
? Es ist eine Schande! eine wahre Schande! stieß sie
»

Aa

J hervor, aber -- sie zbgerte, sah mich noch einmal an

z und sagte dann rasch und entschlossen: aber wenn Ihr mich -
. S
-e
braucht, so will ich zu Euch kommen. Doch nur zu
z- Euch! und Ihr müßt davon schweigen.

Ihr Ehrgefühl, ihr feines Empfinden hatten sie
windung, welche es sie gekostet hatte, und wie ich bis jetzt
»
- -
Ich beeiferte mich, Gloria bei ihrem Wort zu -
Morgen zu, und der Vater bekräftigte ihr Versprechen

R

-»»
-T
Flefem Jüngling gehen, wenn ich es nicht wollte; da
k. -

-
z
z


e

SSbrauche ich nicht dazu. - Ich würde auch nicht zu
I
e

F; Von Euch ist nicht die Nede, Vater! rief sie, Euch
k

ön
F mit einem: Ja! wir werden kommen!-- Indeß die.
A
I
-S
halten. Sie sagte mir eine Sizung für den nächsten -
I
a

des Mädchens Schbnheit bewundernd angestaunt, so erschien -
-. Tochter lehnte sich gegen seine Absicht auf.
W
e
mich sie nicht ermessen konnte; ich sah aber die Neber-
a
.
zu einem Anerbieten fortgerissen, dessen Bedeutung für
es mir nun plötzlich als Character ebenso ungewöhnlich.
D
Ȋ
z entledigen wollen, und reichte dem Vater das begehrte
T
A
AM

ihnen gehalten hätte, weil ich mich meiner Schuld hätte
A
W
Ie
D

u?
ich's aber will, so gehe ich allein ! Ihr wißt, scheint
müir's, ich stehe fi:r mich selber!
Der Vater brummte ein mürrisches: Nach Belieben!
zwischen die Zähne, indeß die Frage, wie viel ich für
die Stunde zu bezahlen gedächte, konnte er doch nicht
unterdrücken, und auuch jetzt wieder lrat die Tochter ihm
mit der Herrschaft, welche sie über ihn gewonnen zu
haben schien, fest entgegen.
Bin ich von denen, rief sie, die Bezahlung
fordern, wo sie sich aus gutem Willen angeboten
haben? Ich gehe, um diesem Jünglinge einen Gefallen
zu thun, ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen, und er
wird mir nichts dafür bezahlen. Auf morgen denn,
Signor! und um die gleiche Zeitl
Sie rückte mit den Worten den silbernen breiten
Kamm zurecht, der ihre auf den Nacken tief hernieder-
fallenden schweren Haarflechten am Hinterkopf zusammen-
hielt; schlug den groben großblumigen Shawl um ihre
Schultern, nöthigte den Vater, die Sizung zu beendigen,
ohne auch nur zu fragen, ob mir das angenehm sei,
und entfernte sich mit ihm, indem sie mir zum Abschiede
die Hand reichte, als wären wir alte Kameraden.

Kapitel 12

PFg Erlebniß war durchaus überraschend gewesen.
Ich wußte es mir nicht zu deuten, welchem Beweg-
grunde ich Gloria's Zutrauen und die Bereitwilligkeit
zu danken hatte, die sie mir erwies; ich konnte mir
auch nicht erklären, wodurch sie über ihren Vater die
Gewalt erhalten hatte, die sie ihn offenhar mit
Genugthuung emtpfinden uachte, denn seine Blindheit
allein schien mir dafür nicht der ausreichende Grund
zu sein.
Obschon mir nichts im Sinne lag, als die schöne
Gloria, sprach ich doch mit meinem Beschüzer, als wir
zusammen speisten, nicht davon, daß ich sie wieder-
gefunden hätte, und ich konnte mir selber nicht ver-
bergen, daß ich neben dem Verlangen, sie wiederzusehen,
eine heimliche Scheu davor hegte.


H


Ich stand vor meiner Melpomene mit dem -
Bewßtsein, daß sie schöner, edler sei als Gloria, daß-
ich auf diese Gestalt Nichts von dem harten und leiden- -
schaftlichen Ausdruck übertragen dürfe, den Gloria's-
Züge angenommen hatten, und doch erschien mein Werk
mir kalt, wenn ich an des Mädchens flammendes Auge -
und an den Blick gedachte, mit dem es mir die Hand -'
gereicht. Die Wirklichkeit und die Kunst, das Leben z
-- D
und das Ideal, machten sich mir in ihrem Gegensatze Z
kenntüich.
Am nächsten Tage trat Gloria, wie sie es mir
verheißen hatte, zu mir in meine Werkstatt. Da bin
A
ich! sagte sie, und ganz geschäftömäßig fiigte sie die
Frage hinzu: Was werden wir jetzt machen?
z
=-9
Sie sah weniger ermüdet und auhiger aus, als
an dem verwichenen Tage. Ich ließ sie niedersetzen, bot
ihr von den Brod und Wein, die ich in meiner Werk-
S
H

S

statt hatte, sie genoßß davon, ohne daß ich sie zu ndihigen
brauchte; aber noch während sie sich erfrischte, wieder-

-
- 8

--
- holte sie die Frage, was ich mit ihr zu machen denke.
Fs
»
a-d sagte, zuörderst wolle ich ihr danken, daß fis F
T,
überhaupt gekommen sei.
z
»
Davon ist keine Rede! erwiderte sie. Ich kam un ZHg

u?
mmeinekwillen, nicht umn Euretwillen! -- Ich versland
nicht, was sie damit meinte.
Selbst das arme Thier, sagte sie, will einmal für
sich selber sein, will seinen Willen haben, geschweige
denn ein Christenmensch. Ich aber bin niemals allein,
ich habe den Athem in der Brust nicht mehr mein
eigen, und ich wollte eben einmal thun, was mir gut
dünkte, mir selber!
Und deöhalb seid Ihr zu mir gekominen? fragle
ich mit wachsendem Erstaunen.
Sie bejahte das bestimmt. Ich wendete ihr ein,
daß mich dieses freue, dasß sie mich jedoch nicht kene
und nicht wisse, ob ich ihr Vertrauen verdiene.
Ich soll Nichts von Euch wissen? wiederholte sie.
Habe ich denn gestern nicht gesehen, daß Ihr mich nicht
vergessen, daß Ihr an mich gedacht habt? und wer die
Männer kennen gelernt hat, die vornehmen und die
geringen, wie ich in diesem Jahre, der sieht es, daß
Ihr aus einem anderen Teig wie sie gemacht seid, und
ein Frauenzimmer nicht für eine Dirne haltet, weil es
mit seinem blinden Vater sich sein Brod auf den
Straßen und auf den Wegen zu verdienen hat. --

1?1
Aber laßt uns an die Arbeit gehen, zum Sprechen ist
nachher die Zeit.
Ich sagte ihr, daß ich in diesem Augenllick zu
arbeiten nicht fähig, daß mir mehr daran gelegen sei,
ihr zu helfen, daß ich von ihrem Schicksal durch Donna
Carolina damals unterrichtet worden sei, und daß ich
geglaubt hätte, sie habe ihr Kloster freiwillig verlassen,
sie sei ihreu Vater gern gefolgt.
Das ist auch Alles wahr! bestätigte sie mir. Ich
konnte nicht länger still sizen, es erstickte unich in deuu
Kloster, und ich sah, daß andere Mädchen ihren Vätern
folgten, ihre Väier liebten. Ich wollte es machen wie
diese Andern, ich wollte auch meinen Vater lieben und
mit ihm gehen. g glaubte den Nonnen nicht, was
,
sie von ihm sagten. Ich glaubte meinem Vater, der
Nichts hatte auf der Welt, als mich allein; und konnte
ich wissen, was vierzehn Jahre im Bagno aus dem
Menschen machen?
So behandelt Euch der Vater schlecht?
Nicht mit seinem Willen! entgegnete sie mir. Er
S
A
A
A
A
-A
s
A
H
»
DA

-Te

A
A
A
- A
W
»A
z
A
A

weiß es nicht anders, und zuerst ging Alles gut. Weil zzF

er eifersüchtig von Natur ist, war er eifersüchtig auch
auf mich, wie er es auf meine arme Mutter gewesen
WA
A
A
A
=r

s»?
7?
war. Niemand sollte mir nahe kommen, wir wollten
viel Geld verdienen, wir verdienten auch viel Geld.
Der Vater sagte, wenn wir genug Geld haben wütrden,
so würden wir ein Haus kaufen mit der Zeit, würden
zu leben haben wie die Herren, und ich glaubte ihm
das Alles. Aber-- -- ich war ein Kind, und was
weiß ein Kind von den Menschen und von der Welt!
sagte sie mit einen schweren Seufzer.
Ich musßte sie mit der Frage, was denn jezt
anders geworden sei, zu weiterem Sprechen bringen.
Was anders geworden ist? Alles, Alles! Mein
Vater ist alt geworden seit den fünf Jahren, die ich
bei ihm bin, weit älter als seine Jahre. Die schwere
Arbeit in der Gefangenschaft hat seine Kräfte aufgezehrt,
und man lebt nicht vierzehn Jahre in derselben, ohne
Freundschaften zu schließen. Ein solcher Freund kam
uns zum Ungllck auf einer unserer Reisen in den Weg.
Gut essen und gut trinken hatte mein Vater immer
wollen-- der Arme hatte ja auch lange genng ge
hungert und entbehrt! Aber seit wir jenem Elenden
begegnet waren, wollte der Vater sich auch noch ver-
gnügen, und er that's. Sie spielten, sie gingen ihre
Wege; was wir gewonnen, verschwand in ihren Händen.

=
:R
»ze
1
=
?
E
Wir hatien oftmals Nichts. Die Menschen sahen das
und die Menschen taugen Nichts. Sie dachten, ein
Frauenzimmer, das mit solchen Männern in der Welt
unherzog, sei zu kaufen und werde sich verkaufen.
Anfangs hatte ich an meinem Vater doch noch
?

-
einen Schutz. Er wollte nicht, daß ich zu den Künstlern
ging und ich wollte es noch weniger. Der Andere, der
Nichtswürdige, machte den Vater allmälig anderen
Sinnes. Er blieb, wohin wir immer zogen, stets in
unserer Nähe, er führte mir immer neue Männer in
den Weg. Ich wollte fort, aber mein Vater war ein- -

F
.=
-
-
=

mal mein Vater. Er war inzwischen blind geworden, S
ich konnte ihn doch dem Elend und dem Elenden nicht -?
überlassen, ich mußte also bleiben. So ist dies I
gegangen auch durch dies ganze Jahr, und jetzo sind -
-
wir wieder hier.
,
Die Txockenheit, mit welcher sie erzählte, steigerte Z
die Wirkung ihrer Worte. Ich fragte, ob der Genosse
ihres Vaters ihnen auch hierher gefolgt sei.
F
z
Nein! gllcküicher Weise ist er todt, verunglückt J
in der Trunkenheit, aber er hat meinem Vater das ?
Herz gewendet und den Sinn verrückt, daß ihm Alles nichts,
mehr gilt, nicht ich, nicht meine Ehre! Nichts als Geld! -
-

u
Welch ein Elend! rief ich in dem Hinblick auf
ihr Schicksal unwillklirlich aus; sie jedoch verstand
das falsch.
Was wollt Ihr! entgegnete sie mit bitterem Lachen,
das Geld ist nichts Geringes! Golb ist eine grosße
Sache. Glaubt Ihr, daß es leicht sei, sein Leben in
den Straßen zu gewinnen? Und ich könnte reich sein,
könnte in einer Carosse fahren wie maunche Andere, die
nicht schöner ist als ich-- hätte ich nur gewollt!--
Ich könnte mich malen lassen, wie die Damen, anstatt
daß ich hier sitze, die Figur ansehend, die Ihr nach
mir gemacht habt, und mir sagend: das bist Du
nicht mehr!
Versündigt Euch nicht an Euch selber! rief ich,
von ihrem Wesen überrascht und mehr und mtehr ge-
wonnen. Ihr seid schn wie damals.
Wollt Ihr auch den Verliebten uit mir spielen
wie die Anderen! Wollt Ihr mich vertreiben? rief sie,
indem sie sich erhob. Und ich habe Euch doch gesagt,
daß ich davon Nichts hören mag!
aeh nahm mich zusammen ihr zu begegnen, wie
sie es verlangte. So sprecht, was kanu ich für Euch
thun? fragte ich.
F. Lewald, Benv enuto. l.

Nichts sollt Ihr für mich thnn!
s
z
s
z
-
Aber weshalb seid Ihr denn gekommen? fuhr
ich sort.

1K
?.
B
-
-?
Weshal0? Weshalb? wiederholte sie, ich hab's Euch ,
j gesagt! Ich bin gekommen, Euch ein Vergnügen zu
bereiten, und meinent Vater zu zeigen, daß ich thun - -
z
kann, was mir gefällt.
Ich wußte nicht, was ich mit ihr machen sollte.
h
Mir hatte das Glick gelächelt seit der Stunde meiner Zg
Gebnrt, ich kannte für mein Theil das Leben nur von
- -
seiner Sonnenseite, kannte die Menschen wenig, das - -.?
Unglück und seine vernichtenden Wirkungen noch weit-
weniger. Ich konnte mir nicht denken, daß eine -'
D
Schbnheit und eine Characterstärke, wie dies herrliche =
-
- ?
Mächen sie besaß, nicht zum Glücke bestimmt sein
-=
kömnten, und weil ich Gloria in einer Weise darzustellen,
1
F
vermocht hatte, an der sie sich erfreute und erhob, so
meinte ich sie auch im Leben über ihr gegenwärtiges

I
Schicksal erheben zu können. Ihr Character, ihr Ver-
vrauen zu mir, flößten mir dazu den Muth ein. Ich FF
hielt mich meiner völligen Uneigennüzigkeit gewiß, ich F
wappnete mich in meiner bescheidenen Blouse mit dem F
-
I
- aznezsn -itterichen Bewwuktsein der Armero's, =nd Zzzg

--'
z


z

D

e
?
E-
F
z

H
Rt- - --
ein
nicht
Acht, sondern schickte sich zum Gehen an.
Ich bat sie wiederzukehren, sie nahm das als
selbstverständlich an, weil ich ihren Vater zu modelliren
angefangen hatte, und wir verabredeten, daß sie ihn am
k
E
besseres Schicksal, eine schönere Zukunft ihr nicht
fehlen könnten, wemn sie danach verlange; sie gab darauf
nderen Morgen zu mir bringen sollte.
?

Hand reichend, sagte ich ihr, sie solle es nicht zu
die
e
H
u7
E
k
W
E
E
E
E
PgK

Kapitel 13


F
s
ee Sie sich in die Seeie eines Jünglings.
eines Künstlers von zwanzig Jahren, und Sie werden
sich die Aufregung vorstellen können, in welcher ich mich
befand. Phantastische Plane für Gloria's Zukunft, und
nüchterne Neberlegungen, wie man den Bänkelsänger
dahin bringen könne, sich in Ruhe versorgen zu lassen,
damit die Tochter frei über sich selbst verfügen und in
die theatralische Laufbahn eintreten könne, für welche
nach meiner Meinung ihre Anlagen sie bestimmten,
wahres Mitleid mit dem unglücklichen Mädchen und
eine romantische Eingenommenheit für dasselbe, wechselten
in mir ab.
Ich wollte Gloria so rasch als möglich, so ent-
schieden als möglich helfen, aber obschon ich zuversicht-
lich wußte,' daß ich ebensowohl von Donna Carolina,


e -
E
?
18
wie von Monsignore Arrigo zweckmäßjgeren Rath und
weit wirksameren Beistand als ich ihr zu bieten ver-
mochte, für Gloria erlangen konnte, blieb ich bei meinem
Vorsatze, es ihnen für das Erste zu verschweigen, daß
ich das schöne Mädchen so unerwartet wiedergesehen
hätte, daß es bei mir gewesen sei und mir sein Ver-
- trauen zugewendet habe. Ich fürchtete Arrigo's welt-
- männische und lebenskundige Scherze. Ich besorgte,
Donna Carolina's vielgeschäftiger Eifer möchte auf
Maaßregeln für Gloria verfallen, welche sie meinent
Einfluß entziehen, mich des Glückeö berauben könnten,
sie zu sehen und sie, wie ich es mir verheißen hatie,
selbst aus ihrem Unglück zu erlöfen. Und wenn es
mir inzwischen durch den Kopf ging, daß dies Alles
., nur Vorwände meiner Selbstsucht seien, so half ich mir
J mit der Erwägung, daß ich Gloria's Vertrauen nicht
--
z. täuschen, ihre Mittheilungen nicht verrathen dürfe, über
?. j,des vernünftige Bedenken fort.
Am nächsten Morgen stellte sie sich, wie sie es
versprochen hatte, mit dem Vater um die festgesetzte
Stunde pünktlich bei mir ein, und da ich darauf aus
war, mir einen dauernden Verkehr mit ihr zu sichern,
so beschloß ich, meinem ersten Einfall' nachgebend, den

-
z
s
-I
T
A
A
»
A

18
Vater und die Tochter alä Modelle für einen von
Antigone geführten Dedipus zu benutzen.

s
s
ss
s
F-
E
e
?
L

t
E
s
F
P.
?
s-
k
E
E

Ezs
A
eS
E
kE
K
E
s
F
dr
Der Vater verlangte es gar nicht besser, Gloria
widersezte sich diesem Vorschlag nicht. Ich sah sie also
an jedem Morgen in der Frühe wieder, und im späteren
Verlauf des Tages gingen sie ihcem Bänkelsänger-
werbe nach.
War der Vater mit ihr, so verhielt Gloria sich
still und fiel ihm nur bisweilen mit kaltem und hartemt
Worte in die Rede, wenn er irgend Etwaä vorbrachte,
was ihrem feineren Sinne widerstrebte; und fitr den
Augenblick fügte er sich dann gewöhnlich der Gewalt,
die sie ihm anthat. Aber ich hatte nuur wenig Tage
nöthig, um mich zu überzeugen, welche unausgesezte
Erniedrigung die Tochter in dieseä Mannes beständiger
Gesellschaft zu erdulden habe, und um daneben zu der
Einsicht zu gelangen, daß auch auf sie der Auöspruch
bis zu einem gewissen Grade seine Anwendung finde,
den sie über die Wirkungen gethan, welche der lange
A
ufenthalt im Bagno auf ihren Vater ausgeüübt hatte.
Von der Natur groß und gut angelegt, hatte die
strenge und religiöse Erziehung, deren sie biö in ihr
dreizehntes Jahr in dem Schutze des Klosters genossen,
k

1
ihr sittliche Vegriffe eingeprägt, die sie bis dahin davor
bewahrt hatten, den groben Versuchungen zu erliegen,
welchen sie in dem herumziehenden Leben preisgegeben
war. Aber der Widerwille gegen ihre Umgebung, selbst
der Widerstand, den sie zu ihrem Schutze fortwährend
aufzubieten genöthigt war, hatten sie verbittert und
verhärtet, und ihr eine Verachtung der Menschen und
der Welt gegeben, gegen die schwer anzukämpfen war,
weil sie sich mit grausamem Behagen in diese Sinnesart,
wie in eine Rolle hineingelebt hatte. Es lag das ohne
Frage in ihrer künsilerischen Anlage, aler es quälte
und beleidigte mtich deshalb nicht weniger, wenn diese
Nichts achtende Härte, wie eö oft geschah, sich roh und
unvermittelt kund gab; und ich sellst gerieth ihr gegen-
über in einen Zwiespalt, der mir bald die Ruhe und
den Frieden raubte, und der mtich aus einer Stimmung
in die andere warf.
War ich von Gloria entfernt, so erschien sie mir
in ihrer ganzen ursprünglichen Schönheit, daß ich sie
wie ein Jdeal bewunderte; war sie neben mir, so
schwand dieser Zauber, ja ich konnte in einzelnen Auugen-
bicken einen wirklichen Widerwillen gegen sie fühlen.
Indeß das Mitleid, welches sie mir einflößte, die Zu-

u8?
neigung und das Vertrauen, welche sie mir bewies, und
ihre Schönheit überwältigten mich und meine Sinne
immer auf daä Neue, und daßß ich vor ihr meine
wachsenue Leidenschaft und das Verlangen nach ihr ver-
bergen musßte, die in mir aufgelodert waren, verstärlte
deren verzehrende Gewalt.
Gloria schien von dem Alle. ---=- z ahnen,
s Da
Nichts zu fühlen. Dte Absicht, ueine Melpomene nach
ihrem lebendigen Vorbild noch einmal durchzugehen,
hatte ich bald auufgegeben. Denn sie hatie Necht gehalt
mit ihreu Ausdruck: sie war nicht ue hr dieselbe; und
doch war der Zauber, den sie auf meine Phantasic
auäübte, ein so lelhafter und ausschli:ßlicher, das ich
sicher war, den idealen Auödruck der typischen Gestalt
unwiederbringlich zu zerstören, sobald ich es unlernahm,
Gloria noch nachiräglich alö Modell fir dieselle z
benuutzen.
-ie Statue ward also dem Formner übergeben, ic
hatte danach das Gypsodell vllig durchgearbeitel und
bis in die kleiusten Einzelheiten ausgefithrt. Arrigo's
Güte schaffte mir den Marmorblock, und es hatte dann,

so oft ich auch dergleichen aechnik zugesehen, etwas
Geheimnißvolles, etwas Neberraschendes für mich, als

18
ich zum ersten Male in meiner Werkstatt den Punktirer
damit beschäftigt sah, aus dem leblosen Gestein die
Gestalt herauszuarbeiten, die meines Geistes Kind war,
die ich geschaffen hatte, und die schließlich durch meine
Hand ihr volles Leben, ihre Vollendung erhalten sollte,
um weit hinaus zu dauern über meines eigenen Daseins
Schranke.
Monsignore Arrigo hatte eben dauals die Stadt
für längere Zeit verlassen, ich hatte also mehr noch,
als sonst das Reich für mich allein in meinem Garten-
flügel, und es lag eine beständige Feiertagsstimmung
über mir, wenn ich einsam in meiner Werkstatt war,
wenn ich die kurzen, gleichmäßig sich folgenden Hammer-
schläge des Punktirers hörte, und mit jedem Tage die
Umrisse meiner Melpomene deutlicher gestaltet aus dem
Steine sich entwickeln sah. Aber sobald ich Gloria'S
nur gedachte, war mir das Alles wie verwandelt. Und
ich sah sie täglich.
Sie brachte den Vater an jedem Morgen zu mir.
Sie sah der Arbeit des Punktirens in der großen
Werkstatt zu, während ich den Vater modellirte, oder
sie saß und wanderte in dem Garten umher, ü ber dessen
schöne Regelmäßigkeit sie ihr Vergnügen anssprach; und
H
-T
V
z
z
z
A
A
A
A
H
A
A
A

18
wie ich dann nach einem anderen Mädchen, das ich als
nacktes Modell früher schon benutzt hatte, den Körper
der Antigone entworfen hatte, fand sich Gloria gleich
bereit, mir für die bekleidete Ausführung Modell zu werden.
Sie hatte sich von mir die Hedipussage erzählen
lassen, und sich dieselbe auf ihre Weise angeeignet.

-

-
weiß auch, wie es thut, von Land zu Land zu wandern!
Und in der That dachte sie sich völlig in die Antigone
I dabei mit so natürlicher Schönheit zur Erscheinung, daß
ich ihr kaum etwas anzudeuten, sondern mich nur nach
s

Ich weisß, wie man einen blinden Vater führt, und
hinein, und Stellung, Haltung, Gesichtsausdruck kamen

F
Das kann ich machen, das bin ich! sagte sie.
hielt mich überzeugt, daß sie endlich selber erkennen

H
zs
?
?
?
Ihr darstellendes Talent war über alle Zweifel
erhaben, sie entzückte mich in jedem Augenblicke. Ich
--
z
ihrer Eingebung zu richten hatte.
müsse, welche ungewöhnliche Begabung sie besaß, daß
sie früher oder später von selbst darauf verfallen würde,
- sich durch die Ausbildung ihres Talents aus den Ver-
hältnissen zu befreien, die sie als erniedrigend empfand,
unter deren Last sie sich so unglücklich fühlte; aber ich
g-
=.
z =uschte mich darin.
k?
Ef -
F

1
Ich erzählte ihr, während wir arbeiteten, von
dem Theater, und wie die Gestalt, zu der ich sie als
Modell benuzte, schon vor alten Zeiten und bis auf-
unsere Tage, auf der Bühne von den Dichtern ver-
herrlicht worden sei; ich suchte ihre Neigung für die
Bühne zu erregen, indessen es gelang mir nicht.
Ich bin im Theater gewesen, in Tagtheater zu
verschiedenen Malen, sagte sie, und nannte mir die
Orte, in denen es auf der Wanderschaft geschehen war.
Aber ich möchte nicht so dastehen mit angemaltem
Gesicht, möchte nicht zu thun haben mit den Männern,
mich nicht umtarmen lassen von dem ersten Besten vor
aller Leute Augen, und von Liebe sprechen, so vor
aller Welt, daß es eine Schande, eine wahre
Schande ist!
Aber thut Ihr nicht dasselbe? wendete ich ein,
Ihr sprecht ja auch von Lebe vor aller Leute Ohren
auf der Straße!
Sie machte mit Hand und Kopf eine abwehrende
Bewegung. Das ist etwas Anderes! sagte sie. Das
ist ein Gedicht! Und ich habe mit Niemandem dabei
zu thun, ich spreche von den Anderen und nicht von -
mir. Ich verstelle mich nicht, ich male mich nicht an,

1U
,ich maskire mich nicht. Ich bin ich selbst, und treibe
ein ehrliches Gewerbe! Das ist ganz etwas Anderes,
Signor! -- Es ist hart, mein Handwerk und mein
Brod, aber eine Schauspielerin mbchte ich nicht sein!
Nein! niemals!
Mein Erklären, mein Zureden fruchteten Nichts
bei ihr. Es war eine starre Beschränktheit in ihrer
ganzen Natur. Sie zeigte nicht die geringste Neigung
irgend etwas Anderes zu lernen, als daä eine Gedicht,
-
welches sie sich selbstständig zu eigen gemacht hatte; und

ohne es zu wissen, bezeichnete sie ihren Zustand richtig:
sie betrieb ihre durchaus künstlerische Leistung wie ein
S!
k
Handwerk. Was uns Andere in derselben entzückte,

F war ihr selber unbewußt, ja sogar das Gedicht, ds sie
? Anfangs hingerissen hatte, machte ihr jezt keine Freude
F-mehr und war ihr gleichgiltig geworden.
E.
s= Fast ebenso verhielt es sich mit ihrer Lebenslage.
F
FSie war ihr zwider, ohne daß sie jdoch an die
FMoglichkeit dachte oder glaubte, sich in andere oder
F bessere Verhäütnisse zu bringen
F Was wollt Ihr, daß ich mache? Stille sizen
F
z und die Nadel führen, das ist nicht mein Geschmack!
F Heirathen? -- Ich habe die verheiratheten Männer
h
H -
E


lennen lernen; sie sind schlimmer als die anderen, die
doch bisweilen auch sich selbst betrügen, wenn sie
Liebeshändel suchen. Und wen soll ich heirathen? --
Einen Armen?- Armu bin ich schon selber. Einen
alten Neichen? -- Das Alter ist häßlich und mißtrauisch! z
-- und ein junger, der Etwas besizt und sich gut
ernähren kann, der trägt nach meines Vaters Tochter,
die jahrelang in Lande herumgezogen ist und ihren
Vater zu ernähren hat, beim Himmel! kein Ver-
langen. Ich muß bleiben, wie ich bin. Es ist -
Nichts für mich zu machen.
Inzwischen war der Vater krank geworden. Sie IF
konnten in der Strasße Nichts verdienen, und GloriaS
ließ sich, da man, wie sie es nannte, doch leben mußte, --I
das Modelliren von mir bezahlen. Mir war das sehr-
I
viel lieber. Sie kam wie ich's bestellte, jezt an jedem.
Tage, blieb den ganzen Morgen bei mir, und verkehrte
mit mir in einer Arglosigkeit, die mir die größte
eberwindung auferlegte, wenn ich mteiner selber
Meister bleiben, und sie aus ihrer Sicherheit nicht auf-
schrecken wollte.
Sie sprach mit mir von allen ihren Erlebnissen
und sie wgren oft bitier genug! Sie bat mich, ihr
s
=
i
A
=A
A
A

?

ß
?
z

s
L
sH
E
h
e
T
E
E
19
an jedem Tage die Hälfte des Geldes aufzuheben, das
ich ihr bezahlte, damit sie etwas Eigenes habe und
einen Rückhalt für den Nothfall; und es war wirklich
rihrend, es zu beobachten, wie die verhältnismäsige
Ruhe, deren sie jht genoß, ihr wohl that. Ihre
Schbnheit bllhte von Neuem auf, ihre Züge erweichten
sich allmälig, ihre Stimme verlor den rauhen, scharfen
Klang, den das laute Sprechen und singende Recitiren
in der Straße ihr gegeben hatte.
meiner Werkstatt mehr Ordnung
darin zu halten pflegte, und sie
Modell. Wenn ich sie ermahnte,
Sie bemühte sich, in
herzustellen, als ich
war unermüdlich als
sich nicht zu sehr an-
zustrengen, wenn ich es in ihr Belieben stellte, die
Sizung zu beenden, bekam ich immer nur die gleiche
Antwort: Es ist nicht so ermüdend, als das Arbeiten
in der Straße, und es ist viel besser mit Einem zu
arbeiten, als sich von Vielen bezahlen zu lassen und
seine Bezahlung wie eine Bettlerin einfordern zu
gehen. Mein Tagewerk gefällt mir, und ich komme
n zu Euch.
z
Fg vor
Aeußerte ich ein Verlangen danach, so recitirte sie
mir aus dem befreiten Jerusalem, was immer ich
s
F Lewald, Benvenuto. l.
E

14
begehrte. Mußte sie sich ausruhen, so trat sie gewöhn-
lich dicht an mich heran, mit mir gemeinsam meine
Arbeit zu betrachten, und es war schon öfter vor-
gekommen, daß sie sich dabei auf mich gestützt hatte, um
es sich bequem zu machen, wenn sie müde war.
Es waren Tage und Tage also hingegangen, da
trat sie eines Morgens zeitiger als sie pflegte, und mit
der kurzgesprochenen Frage bei mir ein, ob ich sie noch
brauche?
Ich erkundigte mich, was das heißen solle? Das
könnt Ihr Euch wohl denken! gab sie mir zur Antwort.
Der Vater ist wieder auf den Füßen, wir müssen wieder
an die Arbeit.
Und Ihr wollt mit ihm gehen? rief ich erschreckend
bei dem Gedanken, mich von ihr zu trennen. Du willst
gehen? und weißt doch, daß ich Dich nicht entbehren
kann!
Sie wechselte rasch die Farbe und sagte: Was
hilft'8? wir müssen gehen und gleich morgen!
Morgen! rief ich, meiner selbst nicht länger mächtig.
Nein, Du wirst nicht gehen, morgen! und Du willst
auch gar nicht gehen!
Schweigt, Signor! bat sie, sich von mir wendend, -

z
19
schweigt! Da hilft das Neden nicht! Kein Wort mehr
davon, Signor!
Und doch muß es gesagt sein! fiel ich ihr in di:
Rede, obschon es dessen nicht bedarf. Ich hale ja
geschwiegen, seit ich Dich wiedersah, denn D solltes
Deinen
daran
Wozu
Du es
Willen haben. Du solltest sehen, daß mir mehr
gelegen war, Dich zu befriedigen als mich
hat es geholfen? Sieh mich offen an! Weifßr
nicht, daß uuich die Leideuschaft fitr Dich ver
zehrt? Weißt Du es nicht, daß Du nur deshalb alle
Tage zu mir gekommen und sanft und glücklich bei mi
gewesen bist, weil auch Du mich liebft?
Sie hatte den Arm auf den Modellirtisch, die
Stirn gegen ihre zusammengehallte Hand gestützt und
blickte gesenkten Hauuptes vor sich auf den Boden nieder.
Mit einem Male hob sie das Haupt empor. Nein
sagte sie, und blickte mich mit festent Auge an, nein!
ich habe es nicht gewußt. -- Nichts habe ich gewusßi
bis gestern, nicht einmal daß Ihr mit Lüüge gegen mich
gehandelt habt. - Aber nun kenne ich Euuch, und nun
lst's
auch zu Ende zwischen Euch und mir.
Jetzt errieth ich, was geschehen war, und ich sagte

E ihr Alles, was meine Leidenschaft, was mein Verlangen
z
t
H

zF

10
sie zu beruhigen und zu halten, mtir eingaben; denn
ihre unschuldsvolle Wahrhaftigkeit entzückte müich, und
ihr Widerstand steigerte mein Begehren. Ich drang in
sie, sich auszusprechen, weil ich gewiß sei, mich recht-
fertigen zu können und sie that es endlich.
Ich habe Euch vertraut und nicht an Euch ge-
zweifelt, denn Eure Worte waren bescheiden, und die
Mtiene, utit welcher Ihr zu mir redetet, war symnpathisch,
sagte sie. Ihr habt mich glauben machen, Ihr wäret
aus dem Volke so wie ich, Ihr wäret ein Künstler, den
Donna Carolina und Monsignore Arrigo unterstützten;
und wie mit meines Gleichen habe ich mit Euch ver-
kehrt. Nichts habe ich Euch verschwiegen, Nichts
verhorgen von Allem, was ich Aermste erlebte, denn ich
kann nicht Ligen sagen, aber Ihr habt das vermocht.
-- Gestern noch, fuhr sie fort, während ihre Stimme
wankte, gestern noch ging ich in gutem Glanben ruhig
von Euch fort. Ich nahm Euer Geld, wie Ihr vorgabt,
selber Geld für Eure Arbeiten zu empfangen. Da -- -
sie hielt inne und fuhr dann rascher und mit steigender
Bewegung fort: Als ich aus dem Portale des Palastes
kam, hielt ein Wagen vor demselben. Ein vornehmer
Herr saß darin. Er sah mich und rief mich an mit

d
z
A
z
-K
N
T

A
A
A
A
z
A

s

s
=.

P

us

z
D=
meinem Namen, ich wußte nicht, wer er war. Er
wunderte sich, wie Ihr dereinst gethan, daß ich in
der Stadt sei.
bei Donna Car
ich hier käme.
Er sagte, er habe mich damals gesehen
olina, und er fragte mich, von wannen
Ich wollte mich aus dem Wege machen,
denn seine Freundlichkeit war von der Sorte, die ich
kenne; aber der Thürsteher
wannen sie her komuitt? fragte
Marchese, der sie zum Mobell
trat dazwischen. Von
er, nunn vonu demt Herrn
hat, für sich ganz allein.
= Als ich darauf sagte, ich arbeitete hier mit einemt
Bildhauer und wüßte Nichts von einem Herrn Marchese,
lachten sie mir in's Gesicht, und der Fremde meinte, er
selber sei freilich kein Bildhauer wie der Herr Marchese
von Armero, aber wenn ich ihn auch besuchen wolle,
so solle es nicht mein Schade sein! - Sie biß die
Zähne auf einander. Ich versuchte zu sprechen, aber
ließ mich nicht zu Worte koumen.
Macht Euuch keine Mühe, sagte sie, es geschah mir
damit recht. Warum bin ich zu Euch gegangen?---
Aber ich wollte Ihr wüßtet, wie mir dabei zu Muthe
E
F
1?
war, und wie ich Euch von Herzen dafür haßte! Wie
ich von dem Platze, von Eures Hauses Schwelle fort-
kam -- ich kann's nicht mehr sagen. Ich konnte vor

18
dem Thürsteher die Augen nicht mehr aufschlagen.
Driben in die Kirche flüchhtete ich mich hinein mit
meinem Grimm. Da habe ich gesessen, lange, lange;
und habe mich hingeworfen vor die heilige Muiter
Gottes und hale beten wollen, und die Worte sind mir
weggewischt gewesen aus den Kopfe. Perle un: Perle
ist durch meine Hände gerollt von meinem Rosenkranz,
und ich habe geweint, geweint! Beten kann ich nicht
seitdem. -- Ich bin nach Hanse aegangen wie eine
Verdammte, und habe nicht finden können, was mir
war. a'a hat - aler zu sprechen angefangen und
dö=- M
=- gelagk, er könne wieder vorwärts, und wir müßten
s.-s
an die Arbeit. Das ist mir duurch's Herz gefahren,
und nun h.. -» ? gewußt -- und Euch verwiinscht -
- 1.
und mich!
Gloria! rief ich trunken vor Eutzücken, und hielt
ihr meine beiden Hände hin. Sie aber trat rasch von
mir zurück.
Nichts da von Gloria! rief sie, ich werde froh
fein, wenn ich fort bin, weit fort von hier und weit
von Euuch!
Ich konnte mich nicht länger halten. Ich schloß sie
in meine -==e, indeß sie bog das stolze Haupt zuruck,
Ns»-s
-
u
g
I
z
»
A
F

b

i
s
k
?
k -
E


D
f
E -
gW-
k
E
E
e?
s
E
AB
109
nd mit einer Angst, die mir das Herz erschütterte,
flehte sie: Lasßt mich um aller Heiligen willen! LFt
mich gehen, Signor! So -- gerade so hab' ich Euch
gesehen in meinem Trauume diese Nacht! Und ich hahe
Euch umfangen, wie Ihr mich! Aber die Madonna h:
sich niedergesenkt zwischen Euch und mich, und hat ds
Schwert gezegen auus ihrem blutenden Herzen und hat
es mir durch die Brust gestosen, das; ich mit einen:
Schrei erwacht bin!-- Und wie ich dann emporfuhr,
war es tiefe Nacht und ich hörte eine Stimme, die mir
sagte: Hüte Dich vor ihm, es ist Dein Unglück we
u bleibst!
Sie brach in heftiges Weinen aus, wir lagen Bruust
an Brust, meine Lippen tranken ihre Thränen. Eä war
von Scheiden keine Rede mehr.

Kapitel 14


F=
E
E
k
k
z
k
s
k
h
k.
keh
F
u Hochsommer, als Monsignore Arrigo wieder-
rte, war meine Melpomene aus dem Marmorblock int
Groben lange schon herausgefördert. Ich legte selber die
letzte auöführende Hand an
thuung, mit welcher mein
war mir ein hoher Lohn.
dankte. Er lobte
Beschützer vor derselben stand,
Er behauptete, mir eine der
.nes Lebens schuldig zu sein, während
reinsten Freuden sei
ich doch all' mein
diese Arbeit, und die Genug-
Glick seinem Zutrauen zu mir ver-
mich, daß ich um meiner Arbeit
willen die Stadt auch während der heißen Monate nicht
verlassen hätte, und ich stieß in ihnt auf keine Strenge,
als er es dann inne wurde, wie nicht allein gewissen-
after Fleiß mich in der Werkstatt festgehalten.
Ich konnte in dem folgenden Winter meine Mel-
pomene noch zeitig genug beendigen, um sie auf die

W1
Auöstellung von Kunstwerken zu senden, welche in

Frühling jenes Jahres auf dem Capitole stattfand, und
ich hatte das Gllck, meine Arbeit mit dem ersten Preise
gekrönt zu sehen. Man beglückwünschte die Eltern zu
meinem Erfolge, sie hörten es in ihren Lebenskreisen
vielfach rühmend erwähnen, daß sie dem Talente ihres
Sohnes die freie Entwickelung gegönnt hätten. Meine
Mutter, die sich sagen durfte, daß sie in dieser Hinsicht
keine unverdiente Anerkennung finde, hatte eine große
Freude an meinem Gelingen, mein Vater suchte sich
mit meiner Laufbahn auszusöhnen; es widerstrebte ihm
aber trotzdem sehr entschieden, als ein Fremder meine
Arbeit zu kaufen wünschte. Monsignore Arrigo, dessen -
Großmuth nichts halb zu thnn vermochte, nahm deshalb -
diese meine erste Statue für sich in Anspruch. Er

brachte sie meiner Mutter als eine Huldigung dar,
und in dem Empfangzimmer derselben fand sie ihren
Plaz.
Wenn ich in jenen Tagen einmal die Nuhe gewann,
über mich selber nachzudenken, so schwindelte mir fast
vor meinem Glücke. Meine Mutter behandelte mich
wieder mit der besonderen Zärtlichkeit, welche sie mir
früher hatte angedeihen lassen. Die Gesellschaft, der ich
A
- ez
A
-
--F
T
z


k
E
E
LB
durch meine Geburt angehörte, interessirte sich für meine
- Arbeiten wie für die Erfolge eines Familien-Mitgliedes,
und Donna Carolina und Monsignore Arrigo theilten
sich in die Genugthuung, von Anfang an Zutrauen zu
mir gehabt zu haben. Die Erstere namentlich wußte
sich Etwas damit, daß sie es gewesen sei, die mir das
Modell zu meiner Muse zugeführt hatte.
Sie kam öfters in meine Werkstatt, die Fremden,
welche in ihrem Hauuse eingeführt waren, folgten ihrem
Beispiel, und weil sie selber mich weit über die Gebühr
bewunderte und empfahl, fand ich auch unter den
F Fremden früher, als es sonst geschehen sein würde.
E
Fg Aufträge zur Ausführung der Stizzen, die ich gelegentlich
entworfen hatte, und damit Anreiz zu einem muthigen
Vorwärtsgehen.
Auch mit meinen Fachgenossen lebte ich auf bestem
FF Euße. Sie fühlten es, wie mein ganzer Sinn der Kuns
FF angehörte, sie freuten sich der Lust, mit welcher ich mich
ihnen anschloß, der Ehrlichkeit, mit der ich mich ihnen
unterordnete und von ihnen zu lernen trachtete, und si:
mißgönnten mir nicht einmal den Preis, den ich ge-
, wonnen hatte, weil ich es ihnen und mir selber nich:
verhehlte, daß meine Ausnahmestellung nicht ohnr

2e
Einfluß auf das Urtheil der Jury gewesen sein mochte.
Nur um Gloria beneideten sie mich, um das schöne
Geschöpf, das sich mir mit einer Liebe und einer Leiden-
schaft zu eigen gegeben hatte, die ich mit ihr theilte
und die mir ein neues, mich berauschendes Glück er- -
schlossen hatie.
Dafß ich sie nicht neben ihrem Vater lassen konnte,
verstand sich ganz von selbst. Sie hatte eigentlich kein
Herz für ihn, und er verdiente es auch nicht anders.
Nur Mitleid, nr ein instinctives Pflichtgefihl und die
Verlassenheit, der sie anheimgefallen war, nachdem sie
ihm auf sein Ueberreden aus dem Kloster in die Welt
gefolgt war, hatten sie neben ihm festgehalten. Sie
war deshalb sehr zufrieden, daß ich für ihn in einer
angemessenen Weise sorgte, um sie von ihn entfernen zu
können; aber sie war der Nnhe und der Einfamkeit
entwöhnt und ihre Unkenntniß der Welt hatte sie glauben
machen, daß sie nun inuer bei mir sein, daß ich für
sie ausschließlich leben würde. Sie fand sich daher
schwer enttäuscht, als sie erkenien mußte, daß dies nicht
also sein konnte.
Unter den Künstiern und Kunstfreunden hatte
Gloria seit ihrem Auftreten den Namen der Zauberin
ä
e
V
A
V
A

zg
- -
-

k
s
T
E
E
t.
E
z
s?
k
N?
behalten, in deren Darstellung sie uns zuerst bekannt
geworden war, und wie abhold sie allemt Scheine sich
auch erwies, gefiel ihr dieses wohl, denn sie verlangte
wie Armida den Geliebten abzutrennen von seiner Ver-
gangenheit, von seinen Freunden, von der Welt. Es
war ganz vergebens, wenn ich ihr vorhielt, daß ich troz
meiner Leidenschaft für sie, doch mehr und Anderes
erstreben und mehr begehren müsse, als nur mich ihrer
Schönheit und ihrer Liebe zu erfreuen.
Wenn ich von meiner Arbeit oder aus den Kreisen
der Gesellschaft, der ich angehörte, zu ihr zurückkam,
entzückt, sie wieder zu sehen und bei ihr zu verweilen,
fand ich sie meist traurig, oft in Thränen, und fand
schwer, sie zu erheitern.
Du sprichst zu mir in guten Worten, sagte sie,
aber Du brauchtest sie mir alle nicht zu geben, wenn
Du so fühltest wie ich's thue. Du sagst mir, daß Du
glücklich bist, wieder bei mir zu sein, daß keine Andere
Dir gefällt und Keine schön ist so wie ich, daß Du
die Stunden zählest, die Dich von mir fern in der
Gesellschaft oder bei der Arbeit halten. Nun denn,
wenn dem also ist, weshalb gehst Du dahin, wo Du
Dein hdchstes Gllck nicht findest? weshalb hast Du mich

7
-
z
s
nicht immer neben Dir bei Deiner Arbeit? weshalb
verkehrst Du mit den Frauen, die mir lange nicht
gleichen? - Du hast Deine Lorbeeren gewonnen mit
dem Bildwerk, das Du mir nachgebildet hast. Sie
bewundern die Antigone, die Du ebenfalls nach mir ,
geschaffen, und doch gehen Deine Augen andere Schön-
heit suchen. Ich aber, was liebe ich außer Dir?
wonach verlange ich, als nach Dir allein? Du bist die
Erde, auf der ich stehe, aus Dir schöpfe ich meine
Nahrung, von Deiner Angen Sonne kommt mir all
mein Licht; und könntest Du jemals wanken oder weichen, -
so wär's mein lezter Tag! Denn besser in die Hölle
fahren, als Dich untreu sehen, neben mir!
Ihre Klagen, ihre Zweifel wie ihr Drohen beun-
Ausdruck ihrer Liebe und durchaus unbegründet, während
Wiederholung derselben geläufig geworden waren, ihrer
Sprache einen großen Neiz verliehen. Weil' ihre Be-
gabung so ungewöhnlich war, verfiel ich natürlich auf
den Wunsch, sie einigermaßen unterrichten zu lassen und
so viel an mir war, auszulilden; indeß sie lehnte jeden
solchenVorschlag, jedessolcheBestreben entschiedenvonsichab.

A
T

t

A
A
ruhigten mich nicht. Sie waren nur ein wechselnder
die dichterischen Wendungen, die ihr durch jahrelange
z
A
A
»A
-A
A

»

E
E

E
E
K
E
E
E



G
ä
N9
Ich kann lesen, sagte sie, was Du mir schreibst,
ich kann auch schreiben um Dir zu sagen, daß ich Dich
liebe, müßtest Du einmal auf eine kurze Weile von mir
gehen, und um da Andere kümmere ich mich nicht.
Ich werde nicht in fremde Lnder reisen ohne Dich;
mülßtest Du in der Freunde leben, so wüirdest Du mich
.t Dir
- unk
fallen.
nehmen, daß ich Dir nur zu folgen brauchte
in Büchern zu lesen, daran habe ich kein Ge-
Schöner als der Tasso, den ich kenne, sind sie
nicht, erhabener sind sie auch nicht; und sellst die
Schicksale und die Liebe jener Helden rühren mich jezt
nicht mehr. Ich liebe Dich mehr als Armida und
Chlorinde liebten, ich kann Nichts mehr von ihnen
lernen; ich habe genug an Dir und mir. Du hast
mich
als
lieb gewonnen wie ich war, so laß mich wie ich
ich kann und will nicht anders werden.
Sie hatte mit dieser letzten Bemerkung mehr Recht,
sie es vielleicht wußte. Uneigennüzig bis zum
höchsten Grade, fern von eitler Gefallsucht, gleichgiltig
gegen ihre Schönheit, wie die in einer Wildniß auf-
blühende Blume, und einzig darauf gestellt mir zu
beweisen, wie ihr Alles gar Nichts gelte neben mir und
mserer Liebe, stand sie wie ein schönes Wunder vor
F. Lewald, Benvenuto. l.

L
mir. Sie war eine in sich vollkomene Natur. Eben
dadurch aber fehlten mir, ihr gegenüber alle jene tausend
Möglichkeiten sie zu erfreuen, mit welchen man leichter
gesinnten Frauen das Leben erheitern und verschönern
kann; und der Schrankenlosigkeit des Anspruchs zu
genüügen, den sie an mich machte, ward mir auf die
Länge imuter schwerer, ja endlich ganz nnmöglich.
.ch hatte in dem ersten Fener meiner Leidenschaft
mehr Zeit, mehr Hingebnng an sie verwendet, als ich
vor mir zu verantworten vermochte. Meine Freunde,
meine Gesellschaft hatie ich über sie verabsäumt, selbst
meine Arbeit, sofern nicht Gloria mir den Vorwurf
dafür geboten, hatte neben ihr zurückgestanden, bis ich
es eines Tags deutlich inne ward, wie vollkommen und-
ausschließlich sie meine Phantasie beherrschte, wie jedes
Motiv, das ich erfaßte, sich an sie anlehnte; und doch
war ihre junonische großartige Schönheit eben nur für
classische und ernste Bildungen verwendbar.
Sie hatte Recht, ich dankte ihr meinen ersten durch-
schlagenden Erfolg, ihr auch dankte ich die Anregung
zu der Gruppe des Dedipus und der Antigone, die ich -
in dem folgenden Jahre in Angriff genommen hatte;
aber je weiter ich in der Auäführung der Antigone-
K
A

z
s

l

opt j
Gestalt vorwärts kamt, um so mehr dimnkte es mir, als
fehle derselben eine gewisse Zartheit, als entbehre sie
des Ausdrucks sanfter Jungfräulichkeit, wie meine erste
Liebe, die schöne Julia, ihn besessen; wie ich ihn mit
Wohlgefallen an manchen Frauen wahrnahmt, denen
ich in der Gesellschaft zum Hefteren begegnete. Ich
wollte es dabei in der Anutigone erkemnen lassen, daß es
der Tochter nicht leicht falle, des Vaters Halt und
FF hreri z sein. Ma soe es ihr ansehen, wie nr
die Liebe es ihr möglich mache zu vollbringen was sie
leiste, und des Weibes Schwäche in sich zu überwinden.
F Ich dachte mir umwillturüch biese oder je schsantere
- Gestalt als die Stütze eines blinden Greises; aber
Gloria's stolze, gewaltige Kraft drängte sich immer
in den Vordergrund mteiner Phantasie. Meine Antigone
F behieit gegen weine Abieht mehr Heroisces. =l- ch ibr
zu verleihen wüünschte. Ich hätte sie zarter, feiner dar-
stellen mögen, ich meinte, sie wüirde dann liellicher, sie
würde dann rührender auf den Betrachter wirken; und
E
weil ich so im Geiste nach einer andern Schönheil
suchte, fing Gloria an, mir nicht mehr als der
FFF =-un == = ==- o= ==te- =eu-
erscheinen.
E
1



Eine Grazie, eine Hebe, oder überhaupt eine
mädchenhafte jugendliche Gestalt nach ihren Vorbilde zu
schaffen, daran konnte man auch füglich nicht mehr
denken. Sie hatte mit ihrem mächtigen Körper, mit
I
ihrer gebietenden Haltung immer älter ausgesehen, als ;
sie war. Das jezige ruhige Leben hatte sie stärker
werden lassen, der Ernst und die Festigkeit ihres
Characters ihren Zügen eine große Strrnge eingeprägt.
Sie war trotzdem immer noch sehr schön. Für eine
Sybille, eine Penelope, konnte man kein vollkommeneres
Modell erwünschen; aber mir standen eben jetzt andere
Motive vor der Seele, und das Verlangen, sie zu ver-
wirklichen, wurde immer lebhafter, wenn ich, meine
Gruppe betrachtend, mir endlich sagen mußte, daß ich
an ihr nichts mehr zu ändern vermöge, daß ich sie, so
wie sie sei, als vollendet gelten lassen müsse, wenn-
gleich sie mir selber auch noch nicht genügte.
Weil meine Aubeiten das Einzige waren, woran
Gloria lebhaft Antheil nahm, und wofür sie mit ihrem
angeborenen Kunstsinn wirklich ein Verständniß hatte,
sprach ich vor ihr meine Unzufriedenheit mit der Antigone
aus, aber sie begriff nicht, was ich meinte.

A
T
zs

Al
A
Ht
St
Se
e
Z
- A
»A

I
»W
Laß die Antigone so wie sie ist; ich verstehe mehr
ae

A
ä

O s
davon als Du und sonst ein Anderer. Ich habe di:
Antigone gemacht auf langer Wanderschaft. Ihr Fus
muß fest sein, ihre Schulter stark, ihr Auge offen! Ei
zartes Jüngferchen hat dazu nicht die Kraft, hat nich
die Kraft fütr zwei! Aber stelle jezt eine solche jugendliche
Schönheit dar, wenn's Dir gefällt! Du bist der Herr
Wir wollen an die Arbeit gehen.
Da stand ich nun an der Klippe, der ich mic
lang schon nah gewußt hatte; indeß weil mir Glori::
sehr lieb und theuer war, wüünschie ich sie an derselben
so behuthsamn, als ich es vermochte, vorbeizuführen.
Ich sagte, sie habe das Richtige getroffen, ich
wolle und müsse zur Abwechslung mich jezt in kindlichen,
in jugendlichen Gestalten üben. Ich wolle einen Amor
und eine Psyche machen. Ich erklärte ihr was dieses
sei, und sagte, für den Amor habe ich ein treffliches
Modell, fitr die Psyche müsse ich es suchen.
Ein glühendes Roth flog über ihre Stirn. Wa«
hast Du da gesprochen? rief sie, bin ich denn nicht
mehr da?
Unwilltürlich musßte ich iber ihren Einfall lachen.
Das erzürnte sie. Ich stellte ihr also ruhig vor, daß

=1
ich für meine nächste Arbeit sie nicht benutzen könne,
dasß ich jezt andere Modelle halen mütsse.
Sie fuhr zornig auf. Und wenn Du mir das -
noch einmal und immer wieder sagst, so werde ich's
nicht glauhen; und mehr als das, ich werde es nicht
dulden! sprach sie heftig.
a ermahnte sie, sich zu beruhigen, mich zu hören.
ach versuchte ihr ernsthaft zu erklären, welch' uner-
fillbare Forderung sie an mich stelle; ich führte sie an
den Spiegel und bat sie scherzend, sich in die Pose eines
jungen Mädchens hineinzufinden, ich schalt sie endlich
wegen ihres Mißßtrauens und ihrer Herrschsucht. Es
ging das Alles spurlos an ihr vorüüber.
Ich höre Dich sprechen, sagte sie, aber was thut
und hilft mir daö? Ich war ohne Schuld und ehrbar,
als ich Dich kennen lernte, und Du warst kein Wüstüing.
Ich habe ir vertraut und Dir vertraut.-- Was ist
daraus geworden? Soll ich von einer Anderen besser
denken, als von mir selber? oder Dir vertrauen, da ich
erfahren habe, daß Du wie die Anderen bist? Ich bin «
-
Dein geworden, Dp -bist mein, und ich werde Dich nicht
lassen, obschon der Priester uns noch nicht verbunden
z
S

?
k
S
K
z
K -
f?
s
H
F
ä;
Dt
= K. e.?
hat; aber der Tag wird ja einst kommen, wenn ich ihn
auch nicht ersehnen darf.
Ich achtete auf diese Worte nicht. Sie hatte bis
dahin niemals davon gesprochen, daß sie erwarte mir
rechtmäßig verbunden zu werden, und weil Verhältnisse
wie das unsere in der Künstlerwelt nur zu gewöhnlich
waren, hatte auch ich mich in demselben gehen lassen,
vollkommen in mir bernhigt, da ich für Gloria und
ihren Vater nach ihren Wünschen sorgte, und mich
überzeugt hielt, daß fie sich in ihrer Lage gsücklich
fühle und sich in unsere Zustände hinein gefunden habe.
ach durfte mir sagen, daß ihr Loos neben mir ein
beneidenswerthes im Vergleich zu jenem Leben sei, das
ihr Vater sie zu führen gezwungen hatte. Meine
Leidenschaft fltr sie war auch keineswegs erkaltet, die
Gewohnheit hatte mich bis zu einen gewissen Grade
sogar mit der Schroffheit ihrer Natur und uit den
Herbheiten ausgesöhnt, welche das herumziehende Leben
ihr eingeprägt; aber ich konnte die Gesellschaft und die
Welt, in denen ich heimisch war, um Gloria's Willen
nicht vergessen, nicht entbehren. Ich genoß mit Freuden
die Auszeichnung, mit welcher man mich in derselben
behandelte, denn bei der reinsten Begeisterung für die

=1s
Kunst war ich doch ehrgeizig und fest entschlossen, mir
als Künstler diejenige Stellung zu erringen, welche es
meiner Familie darthun sollte, daß ich dem Namen der
Armero's, den sie durch mich beeinträchtigt zu sehen
befürchtet hatte, eine neue und ehrenvolle Bedeutung zu
verleihen, die Fähigkeit besäße.
Mit meinen dreiundzwanzig Jahren hatte ich an
die Ehe nicht gedacht, und an eine Ehe mit Gloria um
so weniger, da wir die bequeme Freiheit, welche wir
in unserem Verkehr mit den Frauen uns gestatten,
als ein uns von der Natur ihnen gegenüber verliehenes
Vorrecht ansehen und benutzen.
Es kam mir deshalb sehr gelegen, daß mir eben
in jenen Tagen der Auftrag ertheiit wurde, ein Grab-
Denkmal auszuführen, für dessen Gestalten Gloria
durchaus nicht zu benutzen war; und die Eifersucht,
mit welcher sie mich ohne Grund verfolgte, der zornige
Mißmuth, den sie nicht verbergen konnte, die thränen-
reichen Vorwürfe, in denen sie sich erging, brachten es
dahin, daß ich sie weniger suchte, sie zu meiden anfing,
da es mir nicht gelingen wollte, sie zu beruhigen.
Ich hatte sie seit mehreren Tagen nicht gesehen,
als sie eines Morgens, ohne daß ich es gefordert hatte,

?
!
E
E
A
in meine Werkstatt kam. Dies zu thun, hatte ich ihr
verboten, weil ich in den frithen Stunden abwechselnd
das Modell für meinen Genius, und eben für dasselbe
Grabmal auch eine Mutter mit ihrem Kinde bei mir
hatte. Zufällig aber hatte ich an dem Morgen keine
Sizung angesagt; ich war allein, und bemerkte gleich
bei Gloria' Eintritt, daß ihr etwas Ungewöhnliches
begegnet sein mußte. Sie sah bleich aus, ihre Augen
waren von vergossenen Thränen müde, indeß ihr Aus-
druck war weicher, als ich ihn seit lange gesehen, und
vot
r Besorgniß um sie ergriffen, fragte ich sie, was sie
nir führe.
Was mich zu Dir führt? wiederholte sie, sonst
hast Du mich das nicht gefragt. Aber freilich, die
Zeiten haben sich geändert, und es ist eine
ott, daß er selber mir zu Hilfe gekommen
Sie nahm sich darauf zusammen und
unbewegter Stimme: ich habe heute in der
Botschaft
riefen müich
? de
E
z
heilige
braucht
Gnade von
lst.
fagte mit
Frühe eine
aus dem Blinden-Hospital erhalten. Sie
hin und ich bin gegangen. Mein Vater ---
Franziscus sei seiner armen Seele gnädig!
nicht mehr zu leiden. Er ist gestorben in
Nacht, sie begraben ihn am Nachmittage.

D
Das war freilich in jedem Betrachte eine wahr-
hafte Erlbsung, doch sprach ich Gloria herzlich zu, wie
ich's empfand. Sie aber gab mir in einer Weise
Antwort, die trotz der obwaltenden Umstände etwas
Befreundliches für mich hatte, und die eö fast ungehörig
erscheinen ließ, daß ich sie um ihrer Nuhe willen lobte.
Wie sollte ich nicht ruhig und dem Himmel dank-
bar sein, da mein Gewissen frei ist, sagte sie. Ich habe
nie um meines Vaters Tod gebetet,-- Gott weiß es!
sondern in Geduld gewartet, bis es dem Himmel
gefallen hat, ihn abzurufen und mich zu befreien. Auch
von Dir hale ich nie gefordert, waä bis heute Du mir
nicht gewähren konntest. Meines Vaters Tochter konntest
Du nicht heirathen. Aber der Aermste ist nun nicht
mehr am Leben, sein Vergehen und die Erinnerung an
seine harte Strafe sind mit ihm begraben, und die
Heiligen, die gerechter sind als die Gerechtigkeit der
Menschen, werden Erbarmen haben mit seiner armen
Seele, für die auch ich beten will so früh wie spät:
Jezt aber bin ich ganz allein und frei, und meiner
hat sich kein Mensch zu schämen. Thue jez, wie sich's
gebührt. Dann wird meine Eifersucht Dich nicht mehr
I


A

V
I
=
T
A
A
A

peinigen, und ich werde mich nicht in ihr verzehren
müssen, wie in dieser letzten Zeit!
Ihre Festigkeit hatte sie allmälig verlassen, die
-ihränen brachen ihr aus den Augen und fielen mir
schwer auf die Seele. Wenn ich mein Verhältniß zu
ihr auch niemals angesehen hatte wie sie es that, so
erschütterte mich doch ihr schlichtes rücksichtsloses Rechts-
gefühl bis in das tiefste Herz; aber mich gegen mich
selbst mit jener Grausankeit waffnend, die wir uns als
Characterstärke anzurechnen lieben, sagte ich: Lasß das,
ich bitte Dich! Du mußt nicht von mir fordern, was
ich Dir, wie Du weißt, zu gewähren nicht veruag
Und weil ich mich zu diesen Worten zwingen mußte,
klangen sie, ich fühlte das sehr wohl, noch weit härter
als sie waren. Gloria blickte mich mit starren
Augen an.
; an
f

Ich verstehe Dich nicht! sagte sie, indem sie nahe
ihr,
mich herantrat, Du denkst mich nicht zu heirathen?
Ich wich der Frage aus. Du weißt, entgegnete ich
daß Du auf mich zählen kannst, das; Di einen
Freund an mir besizest -
Sie ließ mich nicht vollenden. Was geht uich
z Deine Freundschaft an! Ich brauche keinen Freund !


Ich bin Dein Weib vör Gott und fordere von Dir
Deinen Namen, wie mir's zukomnmt vor den Menschen!
sagte sie entschlossen und gebieterisch.
Ihre stolze Sicherheit reizte mich in diesem Falle
mehr als je, und ihrem sittlich allerdings berechtigten -
Trotze den Trotz jener Selbstsucht entgegensezend, von
der die Welt regiert wird, welche wir die beste zu nennen
lieben, weil wir es uns in ihr so bequem gemacht haben,
wiederholte ich ihr mit einer Bestimuutheit, die von
meinem wahren Empfinden sehr verschieden war: Du
mußt nicht fordern, was Dir zu gewähren mir nicht
möglich ist. - Aber daä Entsezen, das über ihr Antliz
fuhr, brachte mich zur Besinnung, und ihre Hände er-
greifend, bat ich sie, sie möge mich nicht drängen, mich
nicht zwingen wollen, sie möge die Zeit gewähren lassen.
Indeß sie achtete nicht darauf, und mir ihre Hand
entziehend, wiederholte sie: Mein Vater ist ja todt!
Aber der meine lebt und wird, ich hoffe es, noch
lange leben, und meine Mutter auch! entgegnete ich mit
dem Wunsche, ihr für den Augenblick es damit klar zu
machen, was uns trennte. Gloria's Geradheit machte
jedoch ein solches Hoffen eitel.
Was kümmern mich Dein Vater und die Mutter?

A
»!
A

A
A
A
A
A
A
A
A
z
Dc
z


A
Du bist nicht gegangen Deinen Vater und Deine
Mutter zu befcagen, als Du mich für Dich gewonnen
hast, rief sie, und ich habe meinen Vater auch nicht erst
befragt, denn ich liebte Dich und Du hast mich geliebt.
Aber ich sehe es und habe es lange gesehen, mit Deiner
Liebe ist's vorbei. Die Liebe kennt ja Nichts als sich
selbst, sie fragt Niemand, und sie kümmert sich um
Nichts! Du aber --
Sie unterbrach sich, weil ihre wachsende Leiden-
schaft ihre Stimme erstickte. Ich versuchte sie zu be-
fänftigen, sie hörte mich nicht, und es half nicht ihr
nicht mir, daß ich ihr betheuerte, ich wirde sie nicht
verlassen, daß ich ihr versicherte, sie sei mir werth und
werde es mir immer bleiben.
Sie lachte höhnisch auf. Gch! sagte sie, geh!
Vater und Mutter und Deine Vornehnheit sind Dir
werth, nicht ich! Ich habe mit Deinem Vater und
Deiner Mutter und mit Deiner Vornehnheit gar Nichts
zu schaffen! Was wußte ich von Dir, als ich Dich sah
und liebte? Für einen armen Künstüer hielt ich Dich
und als einen solchen gabst Du Dich ja aus. -- Des
Bänkelsängers, des armen Blinden Tochter war Dir
nicht zu schlecht, da Du sie um ihrer Schönheit willen


ülebtest. Jetzt, da Du Andere m Sinne hast, dünkt
Dir der Marchese Benvenuto, der berühmte Künstler,
für Dein Weib, für mich armes Weib zu gut! -
So geh', wohin Du magst! Ich werde dafür sorgen, daß
Du mich auch in den Armen einerAndern nie vergessensollst!
Und sich mit ungebändigter Leidenschaft von mir -
wendend, stieß sie mit starker Hand den Modellirtisch
um, auf welchem das nahezu fertige Modell des Grab-
denkmales stand, daß es mit dem Tisch zu Boden fiel.
Dann warf sie die Thüre hinter sich zu, daß es schallte,
und schritt in wildem Zorn davon.
Ich stürzte nach meiner Arbeit hin, ich rief meine
Gehilfen herbei, wir versuchten die Gruppe, die ich in ,
halber Lebensgröße entworfen hatte, so gut es gehey ,
wollte, aufzurichten, aber sie war theils zerfallen, theils F
flach geschlagen. Indeß, wie hart mir das auch ankam, -
s
denn die liebevoll durchgeführte Arbeit war fast neu zu
machen, athmete ich in meiner zornigen Empörung gegen
rH
F
Gloria doch leichten Herzens auf. Gegenüber ihrer
Maßlosigkeit und Wildheit schwieg die Stimme meines
F
Gewissens, die Stimme des Mitleids, und ich fühlte mich
berechtigt, nur an mich zu denken, nicht an sie.
I
A
F
N
,
z
T
I

Kapitel 15

Pierzehnles Capitel.

Ie ieb den ganzen Tag bei meiner Arbeit, lange
schwankend zwischen den Versuchen sie herzustellen, und
dem Vorsatz, sie noch einmal aufzubauen. Endlich ent-
schied ich mich für das Leztere, machte mich casch an
TD.?? -- -- --
k
P
Ich kam mit guter Fassung um die Stunde der
Abendmahlzeit, die ich immer noch mit Arrigo einnahm,
zu ihm hinauf, und weil selten ein Tag verging, an
welchem er mich nicht in meiner Werkstatt aufsuchte,
theilte ich ihm sofort mit, daß mir eine große Wider-
wärtigkeit begegnet, daß mein Modell zerschlagen und
ich genöthigt gewesen sei, die Arbeit von Neuem zu be-
ginnen.
F. Lewald, Benvenuto. l.

1
Er fragte natürlich, wie das geschehen sei? Ich
sagte, es sei im Vorübergehen daran gestoßen worden-
Er konnte das nicht begreifen und es war auch nicht
wohl zu glauben, da die dreibeinigen starken Tische fest
wie angenagelt stehen. Er wollte also wissen, wer das
Ungeschick begangen habe.
Die Frage war mir nicht gelegen, um aber über
die ganze Sache so schnell als möglich fortzukommen,
erzählte uh, Gloria sei dagewesen und habe im Fort-,
gehen durch eine ungeschickte Wendung das Uuglück an-- z
gerichtet.
Arrigo schütielte langsam das Haupt. Unbegreiflich!
rief er. Ein Frauenzimmer, das seit Jahren in der I
»
Werkstatt ein- und ausgeht!-- Dann fing er an, aus den ,
Früchten, die auf der Tafel standen, sorgfältig die besten
und reifsten der kleinen Mandarinen hervorzusuchen, die
er vorzugsweise liebte, und sich, nachdem er sie ge-
funden, umblickend, ob die Diener, welche, wenn wir
allein beim Nachtisch saßen, stets das Zimmer verlassen
mußten, schon hinausgegangen wären, sagte er, wähvend
er behuthsam die duftende Schale von der Frucht abzog:
Nimm Dich mit dieser Gloria in Acht! Sie ist noch
schn und Du mußt wissen, was sie für Dich werih ist,
I
ä
A
-
K
A
A
A
zz
D
»
»A
z
»a
A

;

s
s

s
f
E
k.
Ae?
aber ihr Ausdruck gefällt mir nicht. Er ist herrisch
geworden, und das ist Deine Schuld; ein Werkzeug, ein
todtes oder lebendes, muß eben ein Werkzeng sein und
bleiben, und nicht mehr.
Es war das erste Mal in all' den Jahren, daß
Arrigo eine Aeußerung über Gloria that, die sich auf
ihren Character, wie auf mein persönliches Verhältniß
zu ihr bezog. Sie trieb mir das Blut in das Gesicht,
obschon er mich nicht ansah; und mit so viel Nuhe,
als mir dem älteren und erfahrenen Manne gegenüber
eben zu Gebote stand, entgegnete ich, Gloria sei aller-
dings von einem leidenschaftlichen Temperament, aber ihr
Character sei im Einklange mit ihrer Schönheit und
Gestalt, groß angelegt, ja fast antik zu nennen.
Um so schlimmer! sagte mein Freund mit lächelndem
Munde, indem er das Glas Falerner, daß er zun
Schluß der Mahlzeit regelmäßig zu trinken pflegte,
langsam gegen das Tageslicht in die Höhe hob, um sich
mit leise zugezogenem Auge von der Klarheit des Weines
zu überzeugen. Um so schlimmer! Sie sind nie und
nirgends angenehm, die großangelegten Frauennaturen.
E
Sie sind anspruchsvoll in der Liebe, unbequem in der
Ehe, und nun gar an einem solchen Frauenzimmer!

28
s
-
Nimmn Dich uit Gloria in Acht! Ich bin ihr begegnet
heute Morgen, als sie von Dir ging, und sie hat mir
mtehr als sonst mißfallen. Es liegt ein finsterer, un-
heilvoller Zug auf ihrer engen Stirn.
=
Er stand mit diesen Worten von der Tafel auf,
sprach von gleichgültigen Dingen, und an das Fenster -
tretend, feagte er mich, da sein Wagen vorfuhr, ob ich
Neigung habe, eine Fahrt mit ihm durch die Villa zu -
machen. Ich lehnte das ab, weil ich trotz der vorge- ,
rückten Stunde noch in meine Werkstatt gehen müsse, ?
und damit schieden wir von einander.
Als ich mich dann aber an meine Arbeit machen Z
wollte, ward ich es erst inne, wie ich zerstreut und wie
ich gar nicht fähig sei, mich zu rhigem Schaffen zu-; ?
sammenzunehmen. Als hätte ich noch nie vor einem ?
ersten Entwurf gestanden, so ungefügig zeigte sich mir z
Alles. Ich wußte nicht wo ich die Hand anlegen Z
solle. Nicht das Geringste entsprach dem, was ich wollte;F
und in dem quälenden Unbehagen, welches mir daraußz
erwuchs, wallte mein Zorn gegen Gloria auf das Neue,
empor. Sonderbar genug, machte er jedoch gugenblicklich?
vem Aitieie Piat, als ich der Veukerung as=R
welche Arrigo über und gegen sie gethan hatte.
T
Je-

?

k-
K
t

E
b
e
?
So lange ich mich erinnern konnte, hatte es mein
Gefihl beleidigt, wenn mein Abate es anögesprochen,
wie der Zweck die Mittel heilige, wie es nicht nur er-
laubt, sondern dem Einsichtigen eine Pflicht sei, jeden
Menschen zu dem Zwecke zu benuzen, dem zu entsprechen
er vor Anderen vermöge; und es berührte mich wie ein
schriller Ton, wie ein schmerzlicher Niß, daß der von
mir so hoch verehrte Arrigo sich zu diesen mir verhaßten
Grundsätzen mit so vollkomtmnener Unbefangenheit be-
kannte. Wider meinen Willen nahm ich Partei fir
G
oria, denn Arrigo that ihr Unrecht. Sie war nur
der Liebe anspruchsvoll, sie war nur eifersüchtig;
d wie sollte eine Liebe, wie die ihre, das nicht sein,
un-
sie mit Recht sich sagen mußte, daß Nichts mich an
binde, als mein freier Wille und die Fortdauer
meines Wohlgefallens an ihrer Schbnheit. Und schbn
war sie gewesen mehr als je, in ihrent wilden Zorn an
iesem Morgen.
Ich konnte nicht bei
meiner Leute war mehr in
selbst die nassen Tücher übe
de.
der
Arbeit bleiben. Keiner
Werkstatt, ich legte also
r die neuu begonnene Gruppe,
kleidete mich um und ging in's Freie. Man läutete
k
z
N
un Ave Maria, die Spaziergänger, die Fuhrwerke der

7
A
A

vornehmen Welt hatten die Passeggiata schon verlassen,
es war einsam in den Laubgehegen des Monte Pincio,
der Mond kam hervor, und unter dem Schwirren der -
Eikaden flogen die Glühwürmchen von Busch zu Busch.
In der milden Stille des warmen Frühlingsabends ließ -
die Spannung nach, in welcher ich mich den ganzen -
Tag hindurch befunden hatte.
Ich dachte an Gloria, an alle die glücklichen, -
s
wonnetrunkenen Stunden, die ich mit ihr genossen, und ?
ich sah sie wieder vor mir in ihrem ganzen Schmerze- J
wie an diesem Morgen; sie, die Niemand hatte auf der Z
Welt, als mich. Ich machte es mir zum Vorwurf, - V
daß ich sie eben heute nicht mehr geschont, daß ich mir -
nicht vorgehalten hatte, wie der Anblick ihres todten Vaters ?
sie erschüttert, wie sie an seiner Leiche es lebhafter, -
stärker als je empfunden haben mußte, daß sie allein z

auf mich angewiesen sei. Ich trug plözlich große Sorge Z
um sie, und die Passeggiata verlassend, machte ich mich -
s
auf den Weg zu ihr.
Ich nannte sie in meinem Herzen mit zärtlichen J
Namen, ich fand die starke, ungebrochene Einheit ihrr?
Empfindung groß und schön, ich bewunderte ihr schlichtes,
Sittülchkeits- und Rechtsgefühl. Arrigo's Grundsätzg

s
d
E
ß
?
ß
ß

k
s
f
k
Ee
?
K
f

mein weltlicher Leichtsinn und die Sophistik meiner
Sinnlichkeit und Selbstsucht erschienen mir daneben in
ihrem wahren Lichte. Ich wünschte Gloria's Einfalt
und Sinneseinheit zu besizen, und ohne jeden Rückhalt
empfinden zu können, so wie sie.
Ich hätte dem Zuge folgen mögen, der mir sagte:
ist in aller ihrer Schönheit Dein geworden in
Glauben und Vertrauen, sie ist Dir treu gewesen un-
wandelbar, so werde ihr gerecht, und ihre Liebe ohne
Gleichen wird Dir's lohnen. Aber diese Sinnes-
einheit Gloria's besaß ich nicht, und konnte sie auch
nicht besizen.
Während ich mit Liebe, mit Zärtlichkeit und mit
Sehnsucht an sie dachte, während ich ihr um ihrer Liebe
willen von Herzen den Schaden verzieh, den
gerichtet, übersah ich mit ihrer und meiner
heit, mit ihren und meinen Verhältnissen
sie mir an-
Vergangen-
zugleich die
Zukunft, welche ich mir bereitete, wenn ich mir es bei-
kommen ließ, ihrem Begehren nachgebend, mich mit
meinen Eltern, mit meiner Familie, mit der Gesellschaft,
in einen nicht heilbaren Zwiespalt zu bringen; und
meine Selbstsucht, oder, wie ich es nannte, meine Ver-
nunft und mein Selbsterhaltungstrieb, lehnten sich gegen


Gloria's Forderung ebeso entschieden auf, als sich eine
Stunde vorher mein Herz gegen Arrigo's Grundsätze
aufgelehnt hatte, denen nachzuleben ich mich doch ge-
zwungen hielt.
Ich kannte in dem Kreise meiner Kunstgenossen eine
und die andere Ehe, die aus ähnlichen Verhältnissen
hervorgegangen war, und sie waren den Männern, welche
in ihnen lebten, nicht zum Heile ausgeschlagen. Freilich
war Gloria's Character mit der Sinnesweise und der
Vergangenheit jener Frauen nicht zu vergleichen, und
T
?


-A

»
-z

A
- -
-z
eben weil sie sich, biä ich sie wiedergefunden, ihres guten I
Wandels bewußt gewesen war, schlug sie es mir so hoch
an, daß sie sich mir ergeben. Andererseits hatte sie es
F
oftmtals von mir auussprechen hören, daß mir mein ?
Talent und das Leben in der Kunst weit mehr werth
sei, als meine Herkunft von einem alten Geschlechte. z.
Sie konnte es auch im Entferntesten nicht ermessen, wie z

Erziehung und Bildung, wie mein Denken und Em
-
pfinden mich von ihr unterschieden, von ihr trennten,
und wie die Zuneigung, welche ich im Laufe der Jahre Z
füg sie gewonnen hatte, doch nicht ausreichend war, mir y
eine Ehe mit ihr, mir die Aufopferung meiner eigent- Z
lichen Lebenssphäre um ihretwillen, erträglich oder gar-z
-

e

?
2
nothwendig erscheinen zu lassen, nachdem das leiden-
schaftliche Verlangen, mit welchem ihre Schönheit mich
erfüllt, seine Befriedigung gefunden hatte.
Ich wußte mir Etwas mit der Klarheit, mit welcher
ich dies Alles einsah, und hätte doch viel darum ge-
geben, wäre es mir möglich gewesen, die Stimme in
mir niederzukämpfen, welche mitten in diesen kalten Er-
wägungen für mein eigenes Bestes, mir unablässig die
sorgenvolle Frage vorhielt: und Gloria? was wird
aus ihr? was wird aus der Armen, die Nichts ver-
schuldet hat, als daß sie Dir mehr als Aderen ver-
traute, daß sie in ihrer Unschuld besser von Dir dachte,
als Dus um sie verdient hast?
So ging ich über die Piazza Barberini nach Quatro
Fontane hinauf, bis zu dem Hause, in welchem ich sie
eingerichtet hatte. Es war heller Mondschein, die Frau
und die Tochter des Tischlers, der da Erdgeschoß inne
hatte, saßen vor der Thüre. Sie waren die einzigen
Menschen, mit welchen Gloria einen Verkehr hielt, seit
ich diese Wohnung für sie genommen hatte, und natürlich
war auch ich ihnen gut bekannt geworden.
Der Bräutigam der ältesten Tochter lehnte an dem
Prellstein, der sich vor dem Hause befand, und wie ich

NR
den Frauen den gutenAbend bot, sagte die Mutter:
Sie ist ausgegangen, die Gloria!
s


s

z
Das war am Abende niemals geschehen, wenn ich
nicht dabei gewesen war, ich hatte auch an diese Mög-
A
-
lichkeit nicht einmal gedacht, als ich es von ferne wahr- F
genommen, daß sie kein Licht in ihrem Zimmer hatte,

sondern hatte mir vorgestellt, sie werde in ihrer I
Niedergeschlagenheit vielleicht im Dunkeln sitzen geblieben
sein, wie sie das beim Mondschein wohl bisweilen that.
Aber die Frauen ließen mir keinen Zweifel übrig.
Sie ist mitgegangen am Nachmittag mit ihres I

Vaters Leiche, sagten sie, dann ist sie nach Hause ge- =
kommen und zu Hause geblieben bis nach Ave Maria. I
Darauf, als wir schon vor der Thür saßen, ist sie noch -
??
einmal fortgegangen.
Und sie hat Euch nicht gesagt, Padrona, wohin sie
gehen wollte?
I
Sie kennen sie ja, Signor! sie spricht nicht leichh, -,
wenn man sie nicht fragt! entgegnete mir die gute Z
Frau. Selbst am Tage, als sie von dem Kirchhofe J
heimkam, und die Agnesina ihr Muth einsprechen wollte, -F
weil es doch immer hart ist, einen Vater zu verlieren,.z-
»=z=
auch wenn er nur ein Blinder ist, wollte sie nscht mit ?
-=

s
sich reden lassen. Wie sie nun wieder an uns vorüberkam,
fragten wir sie nicht. Sie hatte ein großes Bündel in
der Hand. Vielleicht ist sie zu ihrer Schneiderin ge-
gangen, sich ihr Trauerkleid zu schaffen.
So spät am Abend? wendete ich ein.
Ich habe mich auch gewundert, sagte die Padrona,
doch weiß ich es nicht anders.
So will ich hinaufgehen, ihr aufzuschreiben, daß
ich sie morgen brauche, sagte ich.
s
?
8
f
Al ich an ihre Thre kam, hing der Schlüssel
nicht an dem Platze, an welchem ich ihn nach unserem
ebereinkommen sonst zu finden wußte, und da ich fir
den Abend ein Zusammensein mit Freunden verabredet
hatte, blieb mir Nichts übrig, als ihr auf einer Karte,
die ich in das Schlüsselloch steckte, die Weisung zu geben,
daß ich, falls ich nicht noch zu ihr käme, sie am nächsten
Morgen zur Arbeit um die gewohnte Stunde bei mir
in der Werkstatt zu sehen wünsche.
Je weiter ich ging, desto mehr fing es an mir
aufzufallen und mich zu beunruhigen, daß ich Gloria
nicht getroffen hatte. Sie war außer sich gewesen als
sie mich am Morgen verlassen hatte, aber ich zweifelte
nicht, daß ihr im Laufe des Tages die Einsicht ge-


kommen sein müsse, welch' einen Schaden sie mir zu-
gefügt habe. Sie war immer sehr empfindlich gewesen
T
gegen meinen geringsten Tadel, hatte es nicht ertragen ? -
können, wenn sie mich unzufrieden mit sich wußte. Jezt
mußte sie mich in Zorn gegen sich glauhen, während
sie sich zugleich von mir in ihren Erwartungen getäuscht,
von mir in ihren Hoffnungen betrogen, und in ihrer
Liebe tief gekränkt empfand. Es lag, wie ich sie kannte,
also nicht außer dem Bereich des Möglichen, daß sie
mit raschem Entschlusse sich von mir zu trennen dachte;
und an der Unruhe, welche mir die Besorgniß einflößte,
=
=
z
sie könne eine Unbesonnenheit begehen, sie könne sich ?
Widerwärtigkeiten bereiten, einen Schritt gethan haben,
den sie bedauern müsse, erkannte ich wieder und wieder,
daß ich sie mehr und zärtlicher liebte, als ich mir dessen
in der Gewohnheit des Verkehrs mit ihr bewußt war.
-
Ich sann hin und her, was sie vorgehabt haben, wohin
sie gegangen sein könne, und dazwischen schalt ich mich
einen Thoren und sagte mir, sie werde am Tage nicht
die Nuhe gehabt und sich nicht die Zeit genommen haben ,
ordentlich zu essen, und werde ausgegangen sein, sich ein z
Abendbrod zu kaufen. Ich lachte über meine unnöthige F
Sorge, als ich auf diese sehr natürliche Lösung des =
SeäsJaag
K

A
Räthsels gekommen war, aber die Unruhe wollte deshalb
doch nicht von mir weichen.
Schwankend, ob ich nicht umkehren und sehen sollte,
ob Gloria inzwischen nach Hause gekommen sei, und mich
meiner Sorge auch wieder wie einer Schwäche schämend,
gelangte ich nach meiner Wohnung. Es war bereits
völlig Nacht geworden. Der Thürhüther, der mich kommen
sah, händigte mir ein Billet aus, das man in meiner
Abwesenheit für mich abgegeben hatie.
Sonst Nichts? fragte ich.
Ja, Herr Marchese! Die Gloria ist gekommen und
weil sie sagte, daß sie den Herrn erwarten solle, und
weil Sie dem Diener Urlaub gegeben hatten, habe ich
die Lampe für sie angezündet, meldete der Wohlgeschulte,
ohne eine Miene zu verziehen, obschon es noch niemals
geschehen war, daß Gloria außer den Stunden, in
denen ich sie zum Modell gehabt, Arrigo's Haus be-
treten hatte.
Das Räthsel war damit gelöst. Ich wste jeht,
weshalb ich sie zu Hause nicht gefunden. Sie war zu
mir gegangen, sie hatte es auf Erklärungen, vielleicht
auf eine Entschuldigung, vielleicht auf neue Vor-
stellungen, auf eine Scene abgesehen; und lästig, wie

288
mir die Aussicht auf eine solche war, athmete ich doch
leichter auf.
Die Nacht war herrlich, der Mond stand hoch am
Himmel, die Fontaine im Hofe plätscherte lustig in
seinem Strahl, und die schlanken Zweige der frisch be-
laubten Bäume wiegten sich in dem leichten Windhauch,
der, von dem Tiber kommend, die Luft erfrischte.
Ich trat in mein kleines Vorgemach, es war still
und dunkel. Ich dffnete mein Zimmer, ich sah durch
seine aufstehende Thüre in die Schlafstube hinein, es
war kein Licht in meiner Wohnung außer dem hellen
Scheine, den der Mond verbreitete. Ich rief nach
Gloria, es gab mir Niemand Antwort. Ich mußte sie
also in meiner Werkstatt vermuthen, und obschon mir
ihr Einfall grillenhaft erschien, mich an der Stelle zu
Werkstatt -- und wie ein Blizstrahl durchflog mich das
A
--.
=
Fe

F

erwarten, an welcher sie mir heute einen so empfind-
lichen Schaden angerichtet hatte, ging ich nach der:
Entsetzen.
s
- I
z
n=
Zu den Füßen der Melpomene, deren Gipsabguß I
am oberen Ende des Zimmers stand, lag Gloria, ge- I
kleidet wie ich sie zuerst gesehen hatte, in ihrem Blute z
schwimmend, auf dem Boden.
s
-'-
-
D



z
s

89
Mit einem Aufschrei stürzte ich zu ihr hin. Ich
ergriff ihre Hände, ich rief um Hilfe, ich versuchte sie
aufzurichten. Es war vergebens. Sie war kalt und starr.
Ich hielt eine Leiche in meinen Armen.

Kapitel 16

Ez-: Bursche, welcher im Hofe beschäftigt war, hatte
meinen Hilferuf vernommen. Die ganze Dienerschaft des
Hauses war rasch beisammen. Ich hieß sie, Aerzte her-
beizuholen. Der Thürhüther, der Kammerdiener, treue
erfahrene Leute, schüttelten das Haupt.
Das ist umsonst! Da ist Nichts mehr zu machen,
Herr Marchese! sagte der Eine, während der Andere sich
rasch entfernte, um den Herrn des Hauses von dent
Ungllicksfalle zu unterrichten.
Monsignore Arrigo hatte sich eben fir eine Ge-
sellschaft ankleiden lassen, sein Wagen stand unter dem
Portale, er war auf dem Punkte gewesen, das Hans zu
verlassen.
Wie gut, daß ich noch da
er festen Schrittes zu mir trat.
bin! rief er, während
Welch' ein Glck, daß
1g

214
sie sich, nicht Dich-, erstochen hat, die Unglückselige!
Erinnere Dich! Noch heute hatte ich Dich vor ihr ge-
warnt! Heute Mittag noch hatte ich Dir gesagt: nimm
Dich in Acht mit dieser Gloria! Sie hatte einen wilden,
kückischen Character wie ihr Vater, der Galeeren-
züchtling! -- Ich habe ausgeschickt, die Polizei zu
rufen; wir wollen im Hause bleiben, bis sie kommt, die
Thatsachen festzustellen. Aber wir wollen gleich morgen
eine Novena ansagen lassen drüben in der Kirche, der
heiligen Mutter Gottes für den Schutz zu danken, den
sie Dir gewährt hat, und Du kannst mehr noch thun,
als das! Du mußt Messen lesen lassen für die arme
Seele Gloria's! Komm, mein Freund! das hier ist ein
schlechter Anblick! Komm!
Er hatte das Alles mit einer Festigkeit gesprochen,

welche dazu bestimmt war, der Dienerschaft die Weise
Kammerdiener bei der Leiche bleiben und ihn benachrichtigen,
wenn die Behörde gekommen sein wür e. Mich aber führte
er in meine Wohnung und schloß die Thüre zwischen
-
-

I


dieser und meiner Werkstatt ab.
K
?
-
=.


-. =
-
F
demselben geredet haben wollte. Dann befahl' er seinen- ;'
z

=
anzudeuten, in welcher er das Ereigniß ansah und von I
anderen Leuten, die Werkstatt zu verlassen, hieß den
- ?

25
Ich brach in meinem Schmerz zusanmen, Arrigo
ging schweigend in dem Zimmer auf und ab, bis
er,' vor mir stehen bleibend, die Hand auf meine
Schulter legte.
Muth, mein Lieber! sagte er, Fassung! Fassung,
mein Lieber! Es ist allerdings ein Mißgeschick ! Eine
traurige, eine widerwärtige Geschichte, und man muß
sehen, daß man sie todt schweigt, sie baldnöglichsl ver-
gessen macht. Aber es ist gut, sehr gut, daß Du
wenigstens nicht im Hause gewesen, nicht dabei gewesen
bist, als sie sich in ihrer wahnsinnigen Leidenschaft das
Messer in die Brust stieß.
Oh! wäre ich nur dagewesen, als sie kam! rief ich
aus, aber ich war zu ihr gegangen -
Arrigo ließ mich nicht weiter sprechen. Allerdings,
agte er, trägst Du Schuld an ihrem: Tode; ich spreche
Dich auch keineswegs frei! Deine Schwäche, Deine
Empfindsamkeit haben sie verwöhnt und endlich über-
spannt! -- Welch' eine Thorheit, mit einem Modell,
mit einer Straßensängerin den Liebenden zu machen!
Nicht Herr zu bleiben und nicht Meister in einem solchen
Handel! Welch' ein Unverstand! -- In Wahrheit! wenn
jedes Modell, das man nicht mehr brauchen kann, weil

46
es zu alt, zu stark geworden ist, die verlassene Dido
spielen und sich in Liebeöflammen dem Untergange weihen
wollte-- bei Gott! es wäre danach angethan, die Kunst
den Künstlern zu verleiden, wie es Dich hoffentlich von
Deiner Empfindsamkeit kuriren wird!- Ein junger
? RN T? ---- -
Schon am Morgen hatten die Kälte und die Ge-
ringschätzung mich verwundet, mit welcher Arrigo von
der Unglücklichen gesprochen. Jetzt erschienen sie mir als
die fürchterlichste Härte, und allen weiteren Erörterungen
ein Ziel zu sezen, rief ich, von Schmerz und Neue über-
wältigt: Sie war mehr werth als ich! Ich werde ihrer
nie vergessen!
z
Für das Erste sicher nicht! fiel mir mit Bitterkeit .
Arrigo ein, denn Du wirst Wochen brauchen, Deine ?
Arbeit neu zu machen, und sie hat dafür gesorgt, Dir-I
- F
einen langen dunklen Schatten auf Deinen schönen -.
hellen Lebensweg zu werfen. Das ist's, was ich be-
klage, was ich ihr nicht vergeben kann. -- Und wieder HF
wandelte er mit wachsender Ungeduld in dem Gemach I
- -
umher.
Ich vermochte dagegen Nichts zu sagen. Ich er- -
F-


L?
kannte in seinen Worten seine Freundschaft, seine Sorge
um mich, und sie rüihrten mich; aber die Herrschaft,
welche er über meinen Schmerz gewinnen wollte, er-
schien mir unmenschlich. Ich fühlte mich ihm dadurch
entfremdet, und sehnte lebhaft die Ankunft der Polizei-
beamten herhei, denen ich Rede zu stehen hatte, und nach
deren Entfernung ich mir überlassen zu bleiben hoffen
durfte.
Sie ließen sich lange genug erwarten, dafür war
aber nach ihrer Ankunft die Sache um so schneller ab-
gethan; denn gegenüber dem einflußreichen Prälaten gab
es für die Beamten keinen Zweifel und nicht einmal
Bedenken.
Arrigo berichtete den Vorgang und die Verhältnisse,
welche ihn herbeigeführt hatten, wie er sie ansah. Wie
er es angab, befragte man den Portier, der Gloria in
meiner Abwesenheit in die Wohnuung eingelassen, den
Knaben, der meinen Hilferuf gehört, den Kammer-
diener,, welcher die Todte bei meiner Ankunft schon er-
starrt gefunden hatte. Nach Arrigo's Worten verfaßte
man das Protokoll. Kaum daß man eine Frage an
mich richtete.
Es war ja Niemand da, von dem Tode der armen
- - SoSaws-ß « «s« u

L18
Gloria Rechenschaft zu fordern; Niemand, außer ihren
Wirthsleuten, den ntan davon zu benachrichtigen gehabt
hätte, oder der außer mir geneigt sein konnte, des
Grabes in der entlegenen Kirchhofsecke zu gedenken, in
welcher man Diejenigen bestattet, die ein Leben von sich
geworfen haben, das ihnen in einem Augenblick der
Verzweiflung nicht mehr der Mühe es zu leben, werth
erschienen war.
Arrigo's Leute sprachen von Gloria's häßlichem
Character, wie sie ihren Herrn davon hatten reden hören.
Die Beamten beklagten ihn und mich über den Schreäken
und die Unbequemlichkeit, welche der Vorfall uns ver-
anlaßt haben mußte. Sie versicherten, daß ich mit
dieser Angelegenheit nicht weiter behelligt werden würde.
Die fromme Brüderschaft, welche am anderen Morgen
die Leiche bestatten sollte, wurde sofort davon in
Kenntniß gesetzt. Die Beamten der Polizei verließen
den Palast, sobald sie ihrem Amte genügt, die Diener-
schaft ging, ihre Aufregung in der gewohnten Disciplin
T
verbergend, wieder an ihre Geschäfte, nur der Polizei-
Z
direktor, der auf Arrigo's Bitte selbst herbeigekommen, . -
war noch im Gespräche mit demselben, als man dem J
Prälaten melden kam, daß sein Wagen vorgefahren sei. I
.
z.
-

L19
Er zog die Uhr aus der Tasche, es war spät ge-
worden. Aber, sagte er zu dem Polizeichef, ich hale
noch alle Zeit, Sie in Ihre Wohnung zu geleiten, oder
Sie hinzuführen, wohin Sie sonst gebracht zu sein
wünschen. -- Dich, mein Freund, werde ich bei Donna
Carolina wegen Deines Nichterscheinens entschuldigen;
und da ich Deine Eltern dort zu finden hoffe, ihnen
die nöthigen Mittheilungen machen, für den immerhin
möglichen Fall, daß diese Angelegenheit irgendwie zu
ihrer Kenntniß käme. Morgen in der Frühe sehe ich
Dich wieder. Inzwischen lege Dich zu Bett, die Nuhe
zu suchen und den Schlaf ! Das ist das Nöthigste
flr Dich! Von dem Nebrigen wird morgen mehr zu
sprechen sein.
wie
mir
und
Er verließ mich, und ich brauche nicht zu sagen,
ferne die Ruhe und der Schlaf mir blieben, die er
gewünscht hatte.
Die ganze Nacht ging ich in meinem Zimmer auuf
nieder, umhergetrieben von Erinnerungen, die in
wildem Durcheinander spukhaft mich verfolgten. In
dem Raume weniger Stunden lebte ich die ganzen Jahre
wieder durch, von dem Morgen, an welchem ich Gloria
zuerst erblickt, bis zu diesem Abende, da ich sie entseelt
yat,s=V-= =- - -
i

27O
vor mir gesehen hatie; und die Leidenschaft, die ich für
sie gefühlt, flammte wie ein verzehrendes Feuer wieder
in mir auf. Der Gedanke, daß diese herrliche Gestalt
zerstört war, daß ich sie nicht mehr würde vor mir
sehen in ihrer stolzen Majestät, daß die kalte Erde den
schönen Leib verschlingen werde, den ich mit solcher
Wonne in meinen Armen gehalten, preßte mir die
heißen Thränen aus und schlug uich nieder, als wäre
mit ihr der beste Theil meines Könnens und Schaffens
uir entrissen.
Ich hatte ein unaussprechliches Verlangen, sie noch
einmal zu sehen, zum lezten Male mir die Seele zu
erfüllen mit der Schönheit, der ich meine ersten mir die
Hahn brechenden Erfolge zu verdanken gehalt hatte. Ich
ging nach meiner Werkstatt, aber ich fand sie ver-
schlossen; und als ich von dem Hausmeister den
Schllssel forderte, sagte er mir, der Schlüssel sei nicht
da, Monsignore habe ihn vermuthlich aus Versehen mit
sich genommen.

?
-

I
. I
I

F
.=
Es war lange nach Mitternacht, als sein Wagen

in den Hof fuhr, aber den Schlüssel fordern zu lassnn, -H
hätte geheißen, ihn selbst zu mir entbieten; und ihn zu ,?
sprechen, trug ich in meiner Verfassung kein Verlangen. I
e
aT
- z-

zzR
Müde vom Umhergehen sezte ich mich endlich nieder und
sah in die stille Nacht hinaus, während der Blüthenduft
berauschend zu mir in das Zimmer drang, und der
leichte Wind, der durch die Zweige der Bäume zeg, daß
ich ihr fächelndes Bewegen hörte, den feuchten Staub
des Springbrunnens kühlend nach mir hintrieb.
Ohne daßß ich es gewahrte, wirkte der Zauler der
Natur erquickend auf mich ein. Die marternde Span-
nung meiner Nerven, die herzbeklemmende Pein, die mich
gefoltert hatte, wurden linder. Ich konnte zusammen-
hängend denken, konnte, wie von einem Hihenpunkte die
Jahre, die ich mit Gloria durchlebt, als Ganzes über-
schauen, und was in diesen Stunden aus der Per-
gangenheil eutporslieg, war Alles hell und mild und
freundlich wie die Nacht, die mich umgab, und so
lebendig, daß ich auch Gloria's nicht wie einer Todien
dachte. Ich sehnte mich nach ihr, als wäre sie mir
nicht verloren, und merkte es nicht, wie allmälig der
Traum mein Denken mehr und mehr umspann, bis er
mich völlig in Vergessenheit wiegte und mir ein Glück
vorspiegelte, das mir nimmer wiederkehren konnte.
Ich wußte nicht, daß ich geschlafen hatte, als
schwere Schritte und der Ton fremder Stimuen mtich

A
erweckten. Ich sprang empor und eilte hinaus. E
war nicht lange nach Sonnenaufgang. Die Thüren
meiner Werkstatt waren offen. Leise, daß ich es nicht
gehört, hatte man Gloria's entseelte Hille für die
Beerdigung vorbereitet; jetzt waren die Kapuziner, die
sie zu Grabe tragen sollten, herbeigekommen. Sie hatten
den Sarg bereits emporgehoben, die Dienerschaft lag
betend auf ihren Knieen. Schweigend und ohne die
Todtengesänge anzustimmen, schritt die Brüderschaft mit
der Leiche in den Garten hinaus; und auf daä Neue
ergriffen von der Gewalt meines ceuevollen Schmerzes
stürzte ich nach dem Sarge hin. Ich wollte sie noch
einmal sehen!
Eine feste Hand hielt mich davon zurück. Ich wendete
mich um, es war Pater Cyrillus, mein früherer Erzieher.
Ich war mit ihm in den lezten Jahren nur noch
selten zusaumengekommen. Er hatte die grosen Weihen
empfangen, und bekleidete jetzt ein ansehnliches Amt in
dem Collegium, das ihm eine erhöhte Geltung auch in
F
e
der weltlichen Gesellschaft verlieh; indeß er hielt sich von z
derselben fern, obschon er in dem Hause meiner Eltern-
und auch in anderen unserer angesehenen Familien häufig ;
=?
aus- und einging.
-
--

s e
=- -=
F Söos=F=z= Jz K z= ggggpggaa ? F7 ss z,a R
Man wußte, daß seine scharfsinnige Klugheit, seine
Umsicht und sein Eifer für den Orden ihm zu großßer
Geltung
wußte.
fammen
verholfen hatten, und daß er diese zu benutzen
Mir war er, wenn er zufällig mit mir zu-
getroffen war, stets freundlich und mit Aner-
kennuung meiner Leistungen begegnet, ohne mich jemals
daran zu erinnern, daß nan früher auuf eine andere
Zkunft für uich gerechnet hatte, und ohne es mich
ahnen zu lassen, daß er von meiner gegenwwärligen
Lebensführung uehr als daöjenige wisse, was sich von
derselben in neinen Arbeiten und in meinen gesell-
schaftlichen Verbindungen offen kund gab. Er war
gleichmüthig und sicher, als hätten wir uns am ver-
wichenen Abende gesehen, als wäre nichks Außer-
gewöhnliches hier vorgegangen.
Bleiben Sie, mein theurer Freund! sagte er mit
jenem Tone sanfter Neberlegenheit, den anzunehmen er
immer mehr gelernt hatte, lassen Sie die Brüder ihr
frommeä Werk vollenden. Stbren Sie die Nuhe der
ueodten
genug!
wir d?
meiden
nicht; ihr Leben war ruhelos, war unheilvoll
Und wozu verrathen, was besser nicht verrathen
Wozu ein Aergerniß geben, wenn man es ver-
kann?

27
Die Stimme, der ich zu gehorchen durch lange
Jahre gewohnt gewesen war, die Scheu vor den
beobachtenden Blicken der Dienerschaft, übten ihren Einfluß
auf mich aus. Ich gab der Hand nach, die mich zurück-
hielt, ich sah den Leichenzug unter dem Portale des
Vorderhauses verschwinden und ging, dem Pater folgend,
mit ihm zurück in meine Wohnung.
Ich hatte mich schweigend auf einen Sessel nieder-
geworfen und das Gesicht mit meinen Händen verhüllt,
ich wollte Niemanden sehen lassen, was ich litt. In
meiner Versunkenheit fiel es mir nicht auf, den Pater
neben mir zu finden, denn die Nähe eines Menschen
war mir tröstlich, und er störte mich in meinem Brüten
nicht. Wie ein geduldig beobachtender Wärter neben
dem ihm anvertrauten Kranken, saß er an dem andern
Ende des Gemachs still' in seinem Brevier lesend, bis
ich ihn mit der Frage anging, welchen Tag des Monats
wir zählten.
Wir haben heute den Frühlingsanfang, sagte er,
lassen Sie sich das, mein theuerer Benvenuto! ein gutes
»gwe?
Zeichen und auch eine Mahnung sein.
Ich hörte nur mit dem Ohre, was er sprach,
denn ich suchte mir in meinen Erinnerungen die letzten
i
s
-

27
Ia
friedlichen und freundlichen Begegnungen mit der Ver-
lorenen zu vergegenwärtigen, als der Paier seine Worte
wiederholte.
Lassen Sie sich diesen Beginn einer schöneren Zeit
ein gutes Zeichen sein, mein theurer Benvenuto! ein
Zeichen und eine Mahnung! Das Jahr steht heute an
einer seiner Krisen, an eineut feiner Wendepunkte. Die
Zeit der Stürme, der jähen Wechsel ist vorüber; es
beginnen die Tage voll reineren helleren Lichtes, segens-
räiche und die Frucht reifende und zeitigende Tage. Sie
bringen dem Menschen die Gewährung der Hoffnungen,
welche immer und immer wieder von der gütigen Hand
der Vorsehung erfüllt zu sehen wir in glaubensvoller
Zuversicht erwarten dürfen und müssen. Lassen Sie
uns hoffen, mein Benvenuto! daß nach der furchtharen
Lehre, welche es dem Herrn über Leben und Tod ge-
fallen hat, Ihnen angedeihen zu lassen, die Stürme der
Leidenschaft sich auch in Ihnen sänftigen, daß Sie nicht
mehr von denfelben in wildem Wechsel unhergetrieben
und von Ihren eigentlichen Zielen abgewendet werden.
Es ist nichts Geringes, es ist ein Zeichen hoher Gna de,
wenn der, der Herr ist ütber Leben und Tod, ein Meschen-
leben opfert, um einen Begnadigten dadurch zu befreien,


um ihn zu erlösei auä der Sünde und ihn auf einen neuen
Weg zu führen. Was Ihre zaghafte Nachgiebigkeit und
Schwäche gegen sich und gegen die Gefährtin dieser
Schwäche, nicht zu ihun vermocht, das hat in seiner
Weisheit und Barmherzigkeit der Himmel jezt für Sie
gekhan. Also blicken Sie getrost und fest empor, mein
Lieber! Schauen Sie nicht zurück in dieser Stunde,
sondern vorwärts in die Zukunft, in welcher Sie unter
dem Beistand der heiligen Jungfrau segnen werden, was
Sie jezt so schmerzlich beugt und drlckt. Richten Sie
sich auf, mein Freund!
Ohne es zu wissen, gab ich dieser lezten Mahnung
nach; aber wenn die Seele eine Menschen von einem
ausschließlichen Gedanken hingenommen ist, wird all'
sein Thun, sofern es nicht mit jenem ihn beherrschenden
Gedanken zusammenhängt, seelenlos und äußerlich. Ich
hörte, sah, beobachtete, als thäte ich es nicht selbst, als
erlebte ich es in einemt Traume, den ich mit Bewußtsein
als solchen empfand, ohne mich jedoch aus seinen
Banden befreien zu können.
Die Anschauungsweise meines Erziehers war mir
vordem geläufig genug gewesen. Oft genug hatte ich
es ihn aussprechen hbren, daß unser Herrgotk, der seinen

eigenen Sohn für die
D
Erlösung der Menschheit ge-
opfert hat, auch jezt noch in seiner Alloissenheit und
Gnade das Opfer eines Menschenlebens zu Gunsten eines
andern von ihm für große Zwecke auserlesenen Menschen,
wohl verhänge. Diese Theorie, wie der Pater sie mit
doppelsinniger Arglist nach den Grundsätzen der Geselt-
schaft Jesu deutete, hatte ich immer verabscheuungswerth
und gotteslästerlich gefunden, wenn schon auch ich mich
überzeugt hielt, daß in der Natur überall das Geringere
dem Größeren dienen und aufgeopfert werden müsse.
In diesem Augenllicke aber gefiel mir plözlich die Vor-
stellung sehr wohl, daß nicht mein und Gloria's eigenes
Verschulden, sondern Gottes Raihschluß sie in den Tod
getrieben habe. Denn leichter war es in der That, dent
Höchsten für seinen mir erwiesenen Beistand, für eine
gewaltsame Erlösung aus den Banden eines drückend
gewordenen Verhältnisses zu danken, als mir es vorzu-
halten, daß ich Gloria meiner Leidenschaft geopfert, und
daß sie leben und vielleicht glüücklich sein würde, hätte
ich sie ziehen lassen, als sie mich zu meiden entschlossen
gewefen war. Weil man aber sich in selbstsütchtiger
Bequemlichkeit eine tröstende Widerlegung der Anklagen
gern gefallen läst, zu welchen das Gewissen uns zwingt,
F. Lewald, Benvenuto. l.

28
gab ich mich jezt ohne Scheu dem Ergusse meines
Schmerzes und meiner Neue vor dent Pater hin.
Er ließ mich ruhig wie in der Beichte sprechen,
und eine Veichte von mir selber war es, in welcher ich
mich erging. Als ich dann inne hielt, trat er still an
mich heran, und seine Hand kaum merkbar mir auf
die Schulter legend, sagte er: Und haben Sie denn es
so ganz verlernt, sich in der ewig wachenden Ohuth
unsers Herrn Jesuö Christus zu fühlen? Erkennen Sie
es denn in dieser Stunde: nicht schon selber, mein armer
Freund! wie der Mensch hallloö auf deut Hcean des
Lebens umhergetrieben wird, sobald er aufhört sein Auge
zu dem Allgegenwärtigen emporzurichten, welcher allein
den Weg kennt und daä Ziel, das er einem Jeglichen
vorgezeichnet hat?- Sie wollten nach eigenem Ermessen
Genuß und Glück erjagen, und haben Leid gefunden
und Untergang bereitet, so daß Ihre angstbeladene Seele
doch endlich wieder an das mit Ihnen leidende Herz
des Freundes flüchtet, den des Höchsten Nathschluß
Ihnen zum Führer Ihrer Kindheit und Jugend aus-
ersehen hatte.
Er neigte sich bei den Worten zu mir und faßte
meine beiden Hände. Muß ich es Ihnen erst noch sage,

259
Benvenüto! daß meine Sek aufgehört hat, fir
in sorgendem Gebete darauf zu vertrauen, es müsse
werde auch an Ihnen des Herrn vorbestimnter Wille
erfillen, wenn gleich wir den Pfad nicht übersahen,
Sie
und
sic
den
er für Sie vorbedacht hat, und die Stunde nicht wußten,
in welcher er Ihnen seinen Nathschluß erkemibar uachen
und Sie in die ruhige Klarheit und in die Gemeinschaft
derjenigen beufen wüirde, die sich hienieden vor allen
Anderen der Ausbreitung seines Reichs und der Ver-
herrlichnng seines Nanenö gewidek habenu?
Seine Rede überraschte mich, ich wurde achtsam.
Vorsichtig wie er sonst immner war, hatte der Pater
doch eine ebereilung begangen, indem: er daä Eisen
zu schnell schmieden wollte, weil er es grade weich sah;
aber freilich richtete er mich mit seinen Worten auf,
gab mich mir selber wieder, wenn auch nicht in
Sinne, in welchem er es beabsichtigt haben mochte.
besann mich plötzlich, wen ich vor mir hatte; und
und
dem
Ic
tit
rasch erwachtem Mißtranen legte ich ihm und mir die
Frage vor, wer ihn von den Vorgefallenen unter-
richtet, wer ihn in dieser Morgeufrüühe zu mir gesendet
habe?--
;?

26e
Er ward seinen Mißgriff sofort inne, indeß seine
Gewandtheit ließ ihn nicht im Stiche, und weit davon
entfernt, zurüczuweichen, ging er enischlossen auf dem
eingeschlagenen Wege vorwärts.
Unwahr zu sein gegenüber einem jungen Manne
wie Sie, mein Lieber, sagte er, oder Sie über die Ab-
sicht täuschen zu wollen, in welcher ich gekommen bin,
würde mir nicht wohl anstehen, und würde auch Nichts
fruchten, da ich Ihnen, den ich in der sicheren Erwwartung
rrzogen hale, ihn eiust uferer heiligen Gemneinschaft
einverleibt zu sehen, frühzeitig von der nicht endenden
Vatersorge des Ordens für seine Angehörigen gesprochen
habe. Denn was bedeutet die Sorge eines leiblichen
Vaters, den wie zum Beispiel in Ihrem Falle die eng-
herzigen Vorurtheile deä Adels und des Erstgeburtsrechts
beherrschen, gegen die Vatersorge unserer Gemeinschaft?
Unser Orden keunt solche Vorurtheile nicht. Er hält
jedes seiner Mitglieder unparteiisch hoch. Er sucht es
in seinen Eigenschafien zu fördern und zu ehren, weil
er sich bewußt ist, daß Niemand ohne Gottes besondere
Fügung ihm einverleibt werden kann, und da jedes
uns einverleibte Glied, in demt Orden die von unserem
Herrgott vorgeschenen Absichten zu erfüllen, seine von

v ßw
Oc
h --
iht vorher bestiuute Verwendung in dem Allgemeinen
zu finden hat. Der Herr Graf, Ihr Vater, vermochte
von seinem Vorhaben, Sie der Kirche zu weihen, alzu-
stehen, sobald der weltliche Vortheil seines Haufes Ihr.n
Eintritt in den Orden nicht mehr zu erheischen schien.
Unsere Gemeinschaft kann und darf ihre Plane so leicht-
herzig nicht wechseln, darf die ihr zugewiesenen Seelen
nicht achtlos sich selber überlassen. Wir sind Ihnen iu
Geiste immer nah' geblieben; denn es ist ichht nnr Ihr
diesseitiges und jenseitiges Wohl, mein Freund! es i't
das große, ganze Allgemeine, es ist die Verherrlichung
Gottes, die wir im Auge haben. Wie sollten wir also
gewissenlos und leichtgesinnt darauf verzichten, die so
herrliche Ihnen verliehene Begabung anders als zu der
Ehre dessen von Ihnen verwendet zu sehen, der sie Ihnen
eingegeben hat, als er Sie werden ließ? Wir habe:
nie aufgehört, für Sie zu sorgen und zu beten, uuser
Auuge hat nicht aufgehörl, Ihnen zu folgen, unsere Hanud
war da, Sie zu stüzen, wenn jemals die Stunde käme,
in welcher Sie der Stütze sich bedürftig fühlen mufßten
--- und sie ist gekommen, und wir preisen den Herrn
dafür, daß er sie Ihnen so früh gesendet hat!
Sein Ton, seine Miene und Haltung hatten jenen

c1=
bestrickenden Zauber, der aus einemt von starker Ueber-
zeugung erfillten Herzen kommt, aber ich wußte, wie
fest und enge Neberzeugung und Berechnung in dem
Geiste des Ordens, und in dem Geiste meines Paters
verbunden waren, und selbst die furchtbare Erschütterung,
welche ich erlitten, machte mir den Gedanken, mein
freies, schönes Künstlerleben mit demt Zwange eines Ge-
lübdes zu bela.sten und mich, denn darauf allein hatte
Pater Cyrillus es algesehen, als weltliches Mitglied
dem Orden anzuschließen, nicht einlenchtender oder
wünschenswerther.
Ich erklärte ihm deöhalb unumwunden, wie die
Vorstellung, an dem Orden gegen meinen Willen, einen
mich und mtein Thun und Lassen erspähenden Beobachter
zu haben, mich deuselben wo möglich noch abgeneigter
mache als vordem, indeß ich brachte ihn damit nucht
aus seiner Ruhe.
Mit der Milde höchster Selbstgewißheit entgegnete
er mir, daß ihm dies Geständniß nicht auffallend er-
scheine, daß es ihu aber umt uteinetwillen Kummer
mache. Er habe gehofft, die gnadenvolle Warnung,
welche der Himmel mir eben jezt habe angedeihen lassen,
würde genügt haben, uich erkennen zu machen, wie
h
e
- e
-
e

- z-

Jps-
g
O)7D
unzulänglich die eefcg einzelnen Menschen sei. sieh
aufrecht zu erhalten in den Tagen großer Versuchnng
und großer Prüfungen. Darin habe er sich geirrt, doch
dürfe ihn das nicht hindern mnir seine Vorsorge, seiur
Theilnahme und seine Gebete zuzuwenden, bis neue
Versuchungen und Prüfungen, die mir sicherlich niczt
fehlen würden, meinen vermessenen Glauben an die eigene
Kraft und an die freie Selbstbestimuung erschütttepn
uund zu Schande machen, und mich Naih, Trost d
Zuflucht suchend, in die Arme der Geuweinschaft führr
würden, die mich seit meiner frühsten Kindheit als einen
der Ihrigen betrachtet habe. Sie sei auch jezt bereit,
mir mit ihrem Einfluß beizustehen, falls irgend welchhe
unangenehmte Verwicklungen aus dem Selbstmord Gloria ä
für mich erwachsen sollten.
Für dieseä Anerbieten dankte ich ihn uit der B -
merkung, daß Monsignore Arrigo bereits gestern die
nöthigen Schritte in der Angelegenheit gethan, und daß
ich gar Nichts zu befürchten hale.
Pater Cyrillus sagte, daß er dieses Alles wisse,
und zeigte sich von allen Masßnahmen Arrigo's bin
in ihre Einzelheiten unterrichtel; trotzdem wwiederholr
er mir sein Anerbieten, und verließ mich dann mit der

e
zuversichtlichen Haltung eines Mannes, der sich bewußt
ist fir das Gelingen eines guten Werkes das Nöthige
gethan zu haben.
Ich aber war aus meinem dumpfen Schmerze
herauögerissen, denn die herrschsüchtige Beharrlichkeit des
Ordens empörte mich, und ich dachte mit Mißtrauen
und Widerwillen darüber nach, wer von meiner Umgebung
den Kundschafter neben mir gemacht haben mochte, als
Monsignore Arrigo mich zu sich bitten ließ.
Ende des ersten Vandes.
Beuliner Buchdruckerei-Actien-Gesellschast
Setzerinnenschule des Lette-Verein?.

Band 02
Titel

Im Verlage von Otto Janke in Berlin sind ferner
dlgende Werke von
Fannn Pewald
rschienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
z e ll a.
An
Eine Weihnachtsgeschichte
von
Fauny Lewald.
Gr. S. geh. 5 Mark B Pf.
Die Anzertrennlichen.-- Eflegeeslern.
Zwei Erzählungen
von
Fanny Lewald.
Gr. S. geh. s Mar? 50 Pf.
FsspFFKo
Bil Riunione
Eärzählungen eines alten Tanzmeisters
von
Fauny Lewald.
L Bände. Gr. S. geh. 1 Mark.
Inhalt:
etnzesfin Aurora. Eine traurige Geschichte.
Ein Schiff aus Euba. =- Domenico.

Benfenuto.
Ein Poman aus der Pünßlerwelt.
Von
Fanny Lewald.
Zweiter Band.
Berlin, 187s.
Verlag von Otto Janke.

Kapitel 01

Ieh fand Arrigo bei seinem Frühstück sitzend, das
nach englischer Sitte reicher war, als wir Jtaliener es
einzunehmen gewohnt sind.
Er hieß mich mit ungestörtem Gleichmuth will-
kommen, und mich nöthigend, den Platz einzunehmen,
den er für mich hatte vorbereiten lassen, sagte er: Du
hast, wie ich hoffe, nach der gewaltsamen Erschütterung
am gestrigen Abende den nöthigen Schlaf in dieser Nacht
gefunden; aber Du hast viel Kraft verbraucht, und D
wirst gut thun, sie mit tüchtiger Nahrung baldigst zu
ersetzen. Im Nebrigen habe ich gestern bei Donnc
Carolina Deinen Vater und Deine Mutter gesehen, habe
der redseligen Fama rasch vorangehend, den Weg so fest
vorgezeichnet, den wir sie nehmen lassen wollen, daß

T
ein Abirren von demselben, ihr nicht recht möglich sein
wird. Denn in der That, man kann im Leben, das im
Grunde weit weniger ernsthaft ist, als unsere Eitelkeit
es nimmt, des Erfolges unter den Menschen immer
ziemlich sicher sein, wenn man ihnen, wie der geschickte
Taschenspieler die Augen stets dahin richtet, wohin sie
sehen sollen, und ihnen die Karte hinhält, die man von
ihnen gezogen haben will.
Wie ich meinen Freund kannte, durfte die Weise,
in welcher er zu mir sprach, mich nicht befremden, wenn
sie mich auch heute ebenso wie gestern, peinlich berührte,
aber an seine Worte anknüpfend, theilte ich ihm mit,
daß Pater Cyrillus, und in welcher Absicht und mit
welchen Vorschlägen, er bei mir gewesen sei, und wie
also das Gerücht von Gloria's Tod doch bereits seinen
selbständigen Weg unter die Leute genommen haben müsse.
Arrigo zeigte sich davon keinesweges überrascht. Sie
sind, wie die Maulwürfe überall und nirgends, und
wo sie eine lockere Stelle finden, tauchen sie sofort
emyor, sagte er. Ich war überzeugt, daß sie den Anlaß,
sich an Dich zu machen, nicht versäumen würden; und
wer will sagen, ob sie nicht in irgend einer Weise an
der wilden That der armen Gloria ihren Antheil haben!

Ich faßte seine Meinung nicht. Weißt Du, wer
der Beichtiger von Gloria war? erkundigte er sich.
Die Frage fiel mir auf; denn Gloria hatte iut
Laufe des verwichenen Winter ihren Beichtiger ge-
wechselt. Sie war bis dahin zur Beichte immer in das
Kapuzinerkloster gegangen, in dessen Nähe sie gewohnt
hatte, so lange sie bei ihrem Vater gewesen war. Sie
hatte mir auch oftmals erzählt, wie Pater Franziscus ihr
Ehrbarkeit und Treue in dem Verhältniß zu mir zur
heiligen Pflicht gemacht, wie er sie stets ermahnt habe,
durch einen frommen Lebenswandel den Heiland auszu-
söhnen mit der Abweichung von seinen Geboten, und
wie er sie dafinn belobt habe, daß sie die Messe nie
versäumt, daß sie wöchentlich gebeichtet und es an guten
Werken nicht habe fehlen lassen. Sie war dabei meist
heiter und zufrieden gewesen. Je fester ich aber rück-
wärts blickte, um so deutlicher erinnerte ich mich, daß
Gloria's Eifersucht, daß die Verdüsterung und Herbigkeit
ihrer Stimmung sich erst seit dem Zeitpunkte kund-
gegeben hatten, in welchem sie sich von dem friedfertigen
und nachsichtigen Kapuziner losgesagt, und in einer der
Jesuitenkirchen in der Nhe des Corso zur Messe und
zur Beichte gegangen war. Ich hatte damals auf diese

lenderung ugrer bisherigen Gewohnheit kein Gewicht
zelegt, denn Gloria hatte mir gesagt, daß der Weg
von ihrer Wohnung zu den Kapuzinern ihr jezt zu
weit sei; und da ich die Neigung der Frauen aus den
niederen Ständen kannte, sich, wenn sie gute Kleidung
haben, in den Kirchen sehen zu lassen, welche vorzugs-
weise von der vornehmen Welt besucht zu werden pflegen,
so hatte ich Gloria's Vorhaben mit dem neuen Shawl
tuch in Verbindung gebracht, das ich ihr zu ihrem
Namenstag gegeben. Ich hatte es deshalb nicht beachtet,
daß die Kirche, der sie sich zugewendet, in den Händen
der Jesuiten war, und daß sie den Berichtiger, dem sie
sich in derselben anvertraute, schon ehe sie den Wechsel
vorgenommen, in der Familie ihrer Wirthsleute hatte
kennen lernen, mit der er weitläufig verwandt war, und
der er sich, bald nachdem ich Gloria bei ihnen unter-
gebracht, näher anzuschließen begonnen hatte.
-Welch ein Leichtsinn! rief Arrigo, als ich mich
allmälig dieser Thatsachen erinnerte. Und Du kannst
Dich wundern, daß Pater Cyrillus in der Frühe bei
Dir par? Du kannst Dich wundern, daß er von Gloria's
Tode sofort Kunde hatte? - Du hast einen Jesuiten
um Erzieher:gehabt, und bist arglos genug ef-ee

Deine Geliebte einem jesuitischen Beichtvater zu über-
lassen, bis er ---
Sie in den Tod getrieben! rief ich, von neuem
Schmerze überwältigt.
Gemach, mein Freund! sagte Arrigo mit ernster
Abwehr, solchen Anschuldigungen soll man das Wort
nicht ohne festen Anhalt geben, nicht vor sich selber,
geschweige denn vor einem Anderen, wäre er auch, wie
ich, ein Freund dessen man sich sicher weiß. - Aber,
fügte er hinzu, während das Lächeln, das ihm selten
fehlte, wieder seinen Mund umspielte, ziehe Dir aus
diesem traurigen Ereignisse die Lehre, daß man eines
Weibes, welchem Stande und Bildungsgrade es an-
gehdre, und in welchem Verhältnisse es zu uns stehe,
sofern es der Kirche ergeben und gläubig ist, niemals
gewiß sein kann, wenn man mit dem Beichtiger desselben
nicht im Klaren, und mit ihm nicht in einem ver-
ständigen Einvernehmen ist. Der Character des Beichtigers
ist wichtiger für unsern Frieden, als der des Weibes,
dem wir huldigen oder das wir lieben. - Und nun,
mein Lieber, keine Rückblicke mehr, sondern vorwärts
und muthig vorwärts! Was hinter uns liegt, mußß
zurülckgelassen werden wie ein ausgewachsenes Kleid.




Wir können in die Vergangenheit doch nicht mehr zurück!
Also vorwärts!r=- vorwärts mit der Klugheit, welche
die Erfahrungen uns geben sollen! Am Tag die Arbeit
und' am Abend das Vergnügen! Wir speisen heute bei


Deinen Eltern, bringe eine möglichst klare' Stirne mit,
-
Deiner Mutter Augen zu erfreuen, und ihr zu beweisen,
daß Du es nicht ndthig hast, Dich für eine Weile zu
-
entfernen, wie sie es gegen Deines Vaters Meinung

gerathen hat und für Dich wünscht.
Ich aber griff diesen Gedanken meiner Mutter
lebhaft auf, denn er wär auch der meinige gewesen. Ich
- konnte meine Werkstatt nicht betreten, ohne Gloria's
- gntseelte Hülle vor mir zu gewahren, ich komnte den
Abguß der Armida und die anderen Gestalten, zu denen
Gloria mein Modell gewesen war, nicht ansehen, ohne
daß der Schmerz um sie mich immer wieder über-
mannte, und ich glaubte durch eine zeitweilige Ent-
fernung, durch das Aufnehmen neuer Eindrücke, mich
zerstreuen und beruhigen zu können; indeß Monsignore
Arrigo wollte das nicht gelten lassen.
-? ? Nichti doch! rief er, in einem für uns kritischen
Augenblick das Feld zu räumen, ist der grdßte Fehler.
Wö-wir unseren Platz verlassen, tritt das übelwollende
z?

v
z
Gerücht an die von uns geräumte Stelle. Nur wo
wir uns zu behaupten wissen, haben wir's in unserer
Hand, abzuwehren, was uns schaden könnte, heran-
zuziehen, was uns fördern muß. Und nun vollends mit
drei und zwanzig Jahren in dem Augenblicke davon zu
laufen, in welchem alle schdnen Augen sich auf Dich
richten, um anf Deiner Stirne die blasse Schwermuth
zu betrachten, die dem Helden eines solchen romantischen
Abenteuers ja nicht fehlen kann! Welch ein Einfall!
Vorwärts! Vorwärts an die Arbeit, und auf heute
Abend!
ktaaaeeuAszseeuiagef -
Weeegg»esSasSso

Kapitel 02

Z bie Arbeit machte ich mich denn auch bald,
und sie kam mir treu zu Hilfe, sowohl wenn sie mir
glückte, mehr noch, wenn sie mir mißlang. Denn in
den mannigfachen Stunden, in welchen ich Noth und
Mühe hatte, die von Gloria zerstörte Gruppe wieder
herzustellen, kam ein Gefühl des Mißmuths und des
Zornes immer öfter gegen Gloria in mir auf. Ein
Todter aber, dem wir, aus welchem Grunde es immer
sein mag, zu zürnen beginnen, hat in unserer Erinnerung
ein verloren Spiel. Er kann sich nicht vertheidigen
kann nichts mehr vergüten. Die Lebenden und das Leben
stehen wider ihn, und Beide zeigten sich mir günftiger,
als ich's verdiente, ja, günstiger noch, als selbst mein
Freund in seiner Kenntniß und Geringschätzung der
Menschen und ihres Urtheils, es erwartet haben mochte.

a
z

- -
--
-

g
F
.



1
Schon am Tage nach Gloria's Bestattung hatte
das Zeitungsblatt, das unter dem Einflusse der Jesuiten
stand, den Tod der schönen Gloria in einer Weise er-
zählt, daß Jeder mich, und den Zusammenhang, in
welchem ich zu demselben stand, erkennen mußte, auch
ohne daß mein Name dabei genannt war; und die
- Darstellung war dabei doch wieder mit einem so hinter-
listigen Geschick abgefaßt, daß es zweifelhaft erscheinen
konnte, ob Gloria von meiner oder von der eigenen
Hand den Tod gefunden hatte. Der Bericht erzählte,
von einem Künstler, dem des Schöpfers Gnade ein
herrliches Talent für die Seulptur verliehen, der es
aber verschmäht habe, diese seine Gaben ausschließlich
zu Gottes Ehren anzuwenden, wie der Wille seiner
fcommen und hochangesehenen Eltern, die ihn der Kirche
und dem heiligen Orden Jesu weihen wollten, es für
ihn bestimmt hatte. Dafür werde er nun zur Strafe

unihergetrieben auf den Bahnen der Weltlust, sei in
Fallstricke und Versuchungen gerathen, in denen er
nicht; nur selbst erliege, sondern in welche er auch die
Vsgössin seiner Lust verstrickt habe, so daß nicht ein
gotßeliger, christlicher Tod, sondern ein Messerstich ihrem
Figen, Leben. ein schreckliches Ende gemacht habe. Ohne

s
- --

die Wohlthat des heiligen Sacramentes, ohne Gebet
und Absolution sei sie in ihrer Sündhaftigkeit dahin
gegangen und also einer Verdammniß anheimgefallen,
aus der selbst die Messen, welche die fromme Mutter
des Verführers der Todten zur Erldsung für ewige
Zeiten angeordnet, Mühe haben würden, sie in Jahr-
hunderten aus den Flammen des Fegefeuers zu befreien.
Der Artikel war völlig in dem Style gehalten, in
welchem die Bänkelsänger ihre Schilderungen der Mord-
thaten auf unseren Straßen abzusingen pflegten, und
wie diese machte er in jenen Tagen durchaus noch die
gewollte Wirkung auf das Volt. Meine Arbeiter,
meine Modelle, und die Frau und Tochter unseres
Thürstehers, denen sonst ein braöer Messerstich und der
Tod eines Menschen durch einen solchen, nicht eben als
etwas Ungewohntes oder Entsezliches erschienen, be-
trachteten mich mit einem gewissen scheuen Mitleid; und
wie man einem Kranken auch ungefordert ein Mittel zu
seiner Heilung vorzuschlagen wagt, faßte des Thürhüthers
Frau sich am Abende ein Herz, und ertheilte mir den
Rath, die nahe bevorstehende Osterwoche für mein
Seelenheil zu benutzen, und sie in einem guten Kloster
in büßendem Gebete zu verbringen.

Meinen Vater kränkte der Artikel mehr, als
Gloria's Tod, der ihm nicht ungelegen war, ihn kümmerte.
- -
Er erwähnte gegen mich indessen weder des Einen noch
des. Andern, aber er behandelte mich fremd und kalt,
--wie ich es von ihm erwartet und verdient hatte. In
einer. Unterhaltung aber, die er mit einem Freunde in
- meinem Beisein führte, warf er die Bemerkung hin,
? daß das Glück, Kinder zu haben, immer ein sehr
zweifelhaftes sei, besonders in den Ländern, in welchen
i man seinen unangetasteten Namen auf alle seine Söhne
, zu vererben habe, ohne zu wissen, wie sie ihn tragen
- und-zu ehren wissen würden. Meiner Mutter Augen
- füllten sich dabei mit Thränen, und wenn das lebhafte
ob, welches der Freund dem Gllcke meines Vaters
--spendete, dem Söhne wie die' seinen zu Theil geworden
wären, dem Vorwurf' auch die Spize abbrach, so hatte
-' ich seine Schärfe doch empfunden. Weniger noch als meine
Eltern schonten meine Geschwister mich.
; Was Wunder also, wenn ich meine ganze Familie,
- so viel ich konnte, mied? Wenn ich mich zu der
- Gesellschaft unserer vornehmen Welt hielt, die weit
- entfernt mich zu verdammen, mich mit offenen Armen
, '.zSaöe

h

aufnahm, und es gar nicht besser forderte, als mich mir
selber und meinem Schmerze zu entziehen.
Es war für die mythenbildende Phantasie dieser
- müßigen schönen Welt gar nicht genug, daß Gloria
ihrem Leben ein Ende gemacht hatte, es war vielmehr
nach ihrem Sinne und Geschmack, daß - wie der
Zeitungsartikel, es für möglich annehmen ließ - ich sie
in einem Anfall wilder Eifersucht erstochen hätte. War
doch Paganini der Held dieser Gesellschaft geworden,
weil man ihn eines ähnlichen, in langer Kerkerhaft
gebüßten Verbrechens schuldig sagte. Und was waren es
anders als Zügellosigkeiten und Vergehungen, welche in
Alexgnder Dumas! ,Geschichte der Dreizehn' das
schaudernde Entzücken der vornehmen Frauenwelt er-
regten? Es war Mode geworden, das Verbrechen als
ein Zeichen des Heroenthumes anzusehen. Man hatte
sich in eine Verehrung roher Kraft und Selbstsucht
hineinphantasirt, man erkannte denselben eine Freiheit
von jedem Zügel, von jeder Schranke des Gesetzes und
der Sitte zu, man schmachhtete nach starken Leidenschaften,
und war bemüht, dieselben in sich zu erzeugen, und sie
so viel als möglich kund zu geben, wenn man sie zu
empfinden glaubte.
F. Lewald, Benvenuto. 1.

- Wäre ich damals reifer, in mir gefestigter gewesen,
ich hätte mich mit Widerwillen abwenden müssen von
der zur Schau getragenen Geflissenheit, mit welcher die
Frauen mir begegneten. Aber ich war jung, frühe
künstlerische Erfolge hatten mich eitel gemacht, die
natürliche Auflehnung gegen die peinliche Strenge, mit
welcher man meine erste Jugend überwacht, und das
Beispiel der mich umgebenden Gesellschaft verleiteten
mich deshalb ohne Mühe, mich auch als ein Ausnahme-
pesen zu betrachten, und als solches mein willkürliches
Belieben als das einzige für mich zu Recht bestehende
Gesez zu halten.
- Fortgerissen von der eigenen wie von fremder
Leidenschaft und Thorheit, flossen mir die Jahre, welche
dem Tode Gloria's folgten, in einer Weise hin, an die
ich mich nicht gern erinnern mag. Es war mein Glück,
daß das schdpferische Verlangen des Künstlers und mein
Ehrgeiz in dem wilden Treiben nicht untergingen; und
frgge ich mich ehrlich, was mich rettete, so war es
schließlich jene Unzufriedenheit mit Allem was ich
geschaffen hatte, jenes grübelnde Zweifeln an mir selber,
die ich doch wiedex oft genug als einen unheilvollen
h
s

s

A
Zug in meiner Natur zu beklagen und von öenen ich
immer auf das Neue zu leiden hatte.
Ich habe mich später, wenn ich jener Zeit gedachte,
oft vergebens bemüht, einen Ausdruck zu finden, welcher
meinen damaligen Zustand mit wenig Worten wieder-
gäbe, und weiß ihn auch heute noch nicht anders zu
bezeichnen, als indem ich sage: meine Phantasie war
unbeständig, war leicht zu fesseln und zu beherrschen,
aber mein Herz und mein Gedächtniß waren beständiger
als meine Phantasie. Meine Erinnerungen traten den
neuen Eindrücken, die Vergangenheit trat dem Reiz des
Augenblickes stdrend in den Weg. Dadurch glaubte
ich weder an die Liebe, die ich fühlte, noch an jene, die
man mir entgegenbrachte, recht von Herzen. Ich genoß
sie, ohne den Glauben an die Dauer der Empfindung,
welcher der Liebe doch allein die Begeisterung und die
Würde verleiht. Und wie der Augenblick mich auch zu
berauschen, wie in raschem Wechsel Schdnheit, Geist und
Anmuth mich auch hinzureißen vermochten, dennoch
tauchte die melancholische Erinnerung an Gloria immer
wieder in mir empor, und, wurde endlich recht eigentlich
zu meiner Retterin. Denn das Leben, welches ich führte,
die Gesellschaft, in der ich mich bewegte, und der sie
g


beherrschende Geschmack, waren nicht ohne Einfluß auf
meine künstlerische Laufbahn geblieben.
Zierliche Schönheit, feingliedrige Gestalten hatten
mich verlockt, sie in Marmor nachzubilden. Canova's
Beispiel war ohnedies verführerisch genug; und die
Vorliebe oberflächlicher Kunstkenner, der kauflustigen,
fremden Mäcene, that auch bei mir das Ihre, dem
weichlich gefälligen Style und Genre Vorschub zu leisten,
den die neuere Bildhauerschule meines Vaterlandes zu
großer Fertigkeit in sich ausgebildet hat.
Ein paar Figürchen, in denen diese oder jene von
mir gefeierte Schönheit eine Erinnerung an ihre Reize
dankbar wieder zu finden glaubte, waren mit Hilfe
unserer geschickten Marmorarbeiter immer bald gefertigt.
Sie ernteten um so größeren Beifall, je leichter sie in
einent Saale oder Cabinette unterzubringen waren,
je weniger ernsten Sinn und ernste Betrachtung sie
begehrten.
Ich konnte den Anforderungen, welche die Kauflust
an mich stellte, weitaus nicht genügen. Man zahlte
mir für die kleinsten Arbeiten Preise, die den Werth
derselben nach meiner Ansicht beträchtlich übertrafen;
und obschon gerade in jenen Tagen eine Umgestaltung

in meiner Lebenslage eintrat, die mich jeder Noth
wendigkeit enthob, um des Erwerbes willen zu arbeiten-
stand ich, verlockt von der Leichtigkeit des Geldgewinnes,
wie von der Geldverschwendung, an die ich mich ge-
wöhnte, durchaus in der Gefahr, auch als Künstler mir
selbst entfremdet zu werden, herabzusinken unter die
Erwartungen, zu welchen meine ersten Arbeiten be-
rechtigt, und die großen Ideale aus dem Gesichte zu
verlieren, zu denen ich mein Auge bei dem Beginn
meiner Künstlerlaufbahn mit so ernster Sehnsucht empor-
gehoben hatte.
zTessasaaet=eSwzoesesasBas=s-soawsäuFaeStEwrazase= =.FSö-FKT,Fe TSsaägF Jäu

Kapitel 03

?

s

-
st.
Ich hatte meine Werkstatt noch immer in Arrigo's
Hause, aber seine Gllte hatte mir eine andere Wohnung
in demselben eingeräumt, die er mir selber hergerichtet
hatte; und da die heimische Gesellschaft und mein leb-
hafter Verkehr mit den Fremden mich sehr in Anspruch
nahmen, war ich auch nicht mehr sein täglicher Tisch-
genosse wie vordem.
Er ließ mich darin völlig frei gewähren, denn
eben weil ich ihm so tief verpflichtet war, hielten ihn
seine Großmuth wie sein Stolz davon zurück, mir als
ein Richter entgegenzutreten. Eine andere Seite seines
Wesens aber hinderte ihn, mir es offen auszusprechen,
wie es zu thun sein Recht gewesen wäre, daß er weder das
Leben, welches ich führte, noch die klinstlerische Richtung
billigte, in die ich hineingerathen war.

2s
Was ihn in meinem Thun kränkte, war im Grunde
die Planlosigkeit desselben. Auch er war genußsüchtig
gewesen und war es noch; aber der ihm angeborene
- Schönheitssinn ersetzte in ihm den innern Halt, welcher
der Mehrzahl der Menschen entweder durch die Religion
- oder durch das von ihnen anerkannte Sitten- und
Moralgesez gegeben wird. Er blieb im Genusse
immerdar wählerisch, edel und Herr über sich selber, weil
- er sich selbst und die Gestaltung seines Lebens eben auch
mit edlem Künstlersinn behandelte. Das machte ihn,
großmüthig und zu raschem Einschreiten geneigt, wo es
nach -seiner Meinung Gutes oder Schönes zu fdrdern
- galt; aber es entsprang aus diesen seinen Eigenschaften
auch eine Scheu vor unangenehmen Berührungen oder
-' peinlichen Erdrterungen, die bis zur Schwäche gehen
konnte; und ich fühlte, daß er mich nicht mehr so wie
früher suchte, um nicht sehen und nicht tadeln zu müssen,
pas zu billigen er nicht vermochte.
, Jedoch dies Ermahnungen, die er mir zu ertheilen
Bedenken trug, die Aufforderung zur Einkehr in mich
-Helbst, sollten mir darum nicht fehlen; denn während ich
- in-wechselnder Zerstreuung mir selber zu entfliehen
suchte, waren in rascher Folge schwere Schicsalsschläge
g
?


e
auf meiner armen Eltern Haupt und unser Geschlecht
. -
s
zg

Ks
gV
=TßF
herniedergefallen.
Wenige Wochen nach dem Tode Gloria's hatte
meinen zweiten Bruder, der in der Armee des Papstes
diente, ein jäher Tod ereilt. Er war bei einem Streif-
zuge, den man gegen eine versprengte Insurgentenbande
angeordnet hatte, von der Geliebten des Bandenführers
meuchlings erschossen worden; und nicht zwei volle
Jahre waren nach dem verflossen, als eine in Rom
mit verheerender Gewalt auftretende Krankheit, auch
meinen älteren verheiratheten Bruder hinwegraffte, nach-
dem sie ihm wenige Tage zuvor den einzigen Sohn
entrissen hatte.
Damit trat ein Stillstand in dem Strudel des
Lebens ein, der mich bis dahin in seinem wüsten Wirbel
rastlos umhergetrieben hatte. Wider alle Wahrschein-
lichkeit fand ich, den man- in der Kirche zu versorgen
getrachtet, um das Gesammt-Vermögen der Familie
dem ältesten Sohne ungeschmälert zu erhalten, mich
plötzlich an seine Stelle versetzt, und als den künftigen
Besizer des Familien-Majorates. Es war ein großes
Erbe, das mich in diesem Falle aber nicht erfreuen
konnte.
==a=öeeaaaosAeaPeöWszpSös R eEEneSaSes nzeiaüäüseEwöSheEMKTaEöaaeaFFöHggikh

S
Ich hatte meine Brüder trotz der Altersverschieden-
heit, welche uns trennte, und trotz der abweichenden
Ansichten und Meinungen, welche zwischen uns herrschten,
lieb gehabt. Ich sah die Mutter schmerzzerissen, ich
wußte, daß der Vater meinen Tod weit weniger schwer
empfunden haben würde, als den seiner beiden älteren
Söhne; und da ich meinen Stolz darein gesetzt hatte,
meines Gllckes eigener Schmied zu sein, hatte ich an
das väterliche Erbe nie gedacht, es nie begehrt.
Jetzt erhielt ich in meines Vaters Augen eine
völlig veränderte Bedeutung. Auf mir beruhte nun
seine Hoffnung, den Namen der Armero's fortgepflanzt
zu sehen, aber wie ich mich dem Vater in der uns
Allen gemeinsamen Trauer um die Hingegangenen auch
anzunähern versuchte, konnte ich ihm kein Ersatz für die
Verlorenen werden, um so weniger, weil ich seiner bestimmt
gestellten Forderung, fortan auf die Ausübung meiner
Kunst, und vor Allem auf die Verwerthung und den
Verkauf meiner Arbeiten zu verzichten, nicht willfahren
durfte.
Ich konnte nicht lebenslang für mich allein
arbeiten, konnte mir auch die Ausführung jener größeren
Arbeiten nicht zur Unmöglichkeit machen, welche selbst

der begüterte Privatmann aus eigenen Mitteln herzu-
stellen sich nicht lange zu gestatten vermag, während es
das berechtigte Verlangen des Bildhauers sein muß,
nBedeutende monumentale Arbeiten als ein Zeichen seines
Könnens, auf die Nachwelt übergehen zu lassen, und
sich in ihnen seine Fortdauer über den Tod hinaus zu
sichern.
Der schwarze Flor, welcher das alte Wappen über
dem Portal meines päterlichen Palastes verhüllte, war
nur eine schwache Andeutung der Trauer und der
Düsterkeit, die in demselben herrschten. Meine ver-
wittwete Schwägerin war mit ihren beiden Töchtern
zu ihren Eltern nach Florenz gezogen. Mein Vater, der
das Gllick, das er besessen, immer als sein Recht und
sein. Verdienst betrachtet hatte, sah das Unglück, welches
ihn getroffen, wie eine Art von Ehrenkränkung an, die
ihn, in den Augen, der Menschen herabsetzen mußte.
Er mochte seine Freunde, denen ihre Söhne lebten, nicht
mehr um sich sehen. Er gxollte mit der Welt und mit
dem Himmel, während meine Mutter, ihr von Gott so
schwer getroffenes Geschlecht, durch ihre fromme Unter-
werfung unter seinen Willen mit ihm auszusdhnen
trachtete. Mit der ganzen Fülle ihrer Mutterliebe

80
klammerte sie sich jetzt an mich, an den letzten Sohn,
der ihr geblieben war; und doch konnte sie sich des
auälenden Gedankens nicht entschlagen, daß der Himmek
an dem Hause die Misseihat räche, zu welcher Gloria
durch mich getrieben worden war, und daß nur meine-
Bekehrung zu Gebet und Buße das Unheil von ihr
abwenden könne, auch mich sterben und das Geschlecht,
das so statilich dagestanden hatte, noch vor ihrem und .
des Vaters Ende völlig erlöschen zu sehen.
Sie war wie umgewandelt, und ich hatte keine
Mühe, mir die Gründe ihrer Sinnesänderung zu erklären.
Das Gllck, das sie von Jugend auf begünstigt, hatte
sie in ihrer Weise schön entwickelt. Ihr ganzes Wesen
war auf Frieden und auf Heiterkeit gestellt; und weil
sie in ihrer Herzensgüte das Bedürfniß fühlte, Alles
um sich her, wo möglich in gleicher Verfassung zu sehen,
überwand sie sich gern und mit Freundlichkeit, wo es
darauf ankam, Andere zufrieden zu stellen. So war
sie meinem strengen und gebieterischen Vater eine ergebene
Gattin, ihren Kindern eine zärtliche Mutter, und mir
eine Fürsprecherin und Beschützerin geworden, als es
darauf angekommen war, mir die ersehnte Freiheit zu
verschaffen. Selbst ihre Gottesverehrung und ihre
=s =4 - a=assaH seueso sas»eaWeaes=»Hee üaSaueeroaSaSeaegäieggauaagEgoSegag yaGEggggg
-I
n

s

K

g


Frdmmigkeit hatten den Character heiterer Dankbarkeit
in sich getragen. Auch sie hatte sich ihres Gllckes
gern, aber mit demüthigem Sinn zu rühmen geliebt.
Meine Erfolge hatten sie gefreut, und über die Unregel-
mäßigkeit. meiner Lebensführung hatte sie so viel als
möglich fortgesehen. Denn obschon selber rein und edel,
und strenge gegen sich von Jugend auf, hatte sie den
Anderen gegenüber nie engere Sitten- und Moralbegriffe
kund gethan, als die Gesellschaft, in welcher sie geboren
war, und in deren Mitte sie lebte. Ihre Duldsamkeit
überließ sich gern dem Glauben, daß man die männliche
Jugend, sofern in ihr ein guter Kern sei, ruhig
gewähren lassen müsse, um sie dann früher oder später,
aus eigener Einsicht auf den rechten Weg und in die
gebührenden Grenzen zurückkehren zu sehen. Wie hätte
sie sich also um meinetwillen mehr Sorgen machen, oder
von ihtem Sohne, dem seine lebhafte Phantasie bei
ihr zur Entschuldigung gereichte, schlimmer denken und
weniger Gutes hoffen sollen, als von der Jugend
überhaupt?
Aus diesem heiteren Seelenfrieden hatte sie das
Unglick aufgeschreckt. Sie war sich keiner eigenen
Schuld bewußt. Sie hatte in ihrem frommen Gottes-
HFHeFeSaHreeSSaagueiKhaa

dienste niemals nachgelassen, und vor den schweren
Verlusten, die sie erlitten, zusammenschaudernd, drängte
sich in ihrer Schmerzzerrissenheit der verzweifelnde Ruf
auf ihre Lippen, dessen sich selbst der Gottessohn am
Kreuze nicht enthalten kdnnen: Gott! mein Gott!
warum hast Du mich verlassen? -- Ihr diese Frage
auf seine Weise zu beantworten, hatte es aber an dem
rechten Manne nicht gefehlt.
Pater Cyrillus hatte nur gethan, was die natür-
lichste Empfindung und die Pflicht der gewöhnlichsten
Höflichkeit von ihm gefordert, als er gekommen war,
der Familie, deren Hausgenosse er zehn Jahre lang
gewesen, seine Theilnahme an ihren Verlusten auszu-
drücken. Ebenso natürlich und eben so selbstverständ-
lich war es gewesen, daß das in seinem Grame über-
strömende Mutterherz sich auch ihm erschlossen, daß
meine Mutter auch ihm die Frage aufgeworfen hatte:
was habe ich denn verschuldet, daß der Himmel mich
und mein Geschlecht mit solchem schweren Zorne heim-
fucht? Was kann und muß ich thun, ihn zu versöhnen,
damit mir nicht auch der lezte meiner Söhne entrissen
werde?
Er hatte auf diese Weise mit der Trauernden ein

g
T
,
leichtes Spiel gehabt. Nur eine geringe Neberredung,
ja eigentlich nur die Andeutung einer solchen Möglichkeit
hatte es ihn gekostet, um meiner armen Mutter die
Neberzeugung aufzudringen, daß der Himmel ihr die
Söhne in der Fülle ihrer Manneskraft und das auf-
bllhende Leben ihres Enkelsohnes nur deshalb entrissen
habe, weil sie von weltlichem Verlangen dazu angetrieben,
sich dereinst geweigert, ihm den Sohn zu weihen, der
von der Stunde seiner Geburt an, dem Dienste der Kirche
und ihrer Verherrlichung, in den Reihen der Gesellschaft
Jesu, bestimmt gewesen war. Diese Vorstellung hatte
einen furchtbaren Eindruck auf ihr ohnehin zerschlagenes
Herz gemacht. Ihr ganzes bisheriges Verhältniß zu
ihrem Schöpfer war dadurch erschüttert worden.
Sie hatte bis in das Alter hin ihren Gott als
einen gütigen Gött geliebt, Pater Cyrillus lehrte sie
zittern vor dem unerbitklichen Nichter, der die Missethat
des Einzelnen vergilt und rächt bis in das zehnte Glied;
und in der Furcht vor einem solchen erbarmungslosen
und rächenden Gotte, brach meiner armen Mutter Kraft

zusammen.
Es war vergebens, daß Monsignore Arrigo, der

sonst großen Einfluß auf ihre Denkungsart geübt, sie
, E. Lewald, Benvenuto. 1.

aufzurichten versuchte. Es fruchtete jetzt nicht mehr das
Geringste, wenn er ihr zu beweisen trachtete, wie auch
andere unter den edlen Geschlechtern unseres Landes
von ähnlichen Geschicken getroffen worden seien, und wie
sie, wenn die Fortdauer unserer Familie ihr am Herzen
liege, mich zu gewinnen, mich fester als je zuwor an sich
zu fesseln, und zu meinem eigenen Heile, wie um der
Erhaltung unseres Namens willen, mich dahin zu
bestimmen trachten müsse, je eher, je lieber eine an-
gemessene Heirath einzugehen. - Meine Mutter hatte
bald nur noch den einen Gedanken und den -einen
Wunsch, den sie immer wieder vor mir auszusprechen jetzt
als ihe heilige Pflicht ansah: meinen Eintritt in den
Orden Jesu.
Ihr Zustand ward allmälig hdchst beklagenswerth.
Ihr bis dahin trotz ihrer vorgeschrittenen Jahre immer
noch gesunder Körper, ihre edle matronenhafte Schönheit
litten unter ihrem Seelenleid, unter den finsteren Vor-
spiegelungen, mit welchen Pater Cyrillus ihre Phantasie
erfüllte; und da heidnische Bilder ihr neben denen des
christlichen Mythus stets geläufig gewesen waren, kam
sie unablässig darauf zurück, sich als eine Niobe zu be-
zeichnen, deren eitle Selbstwilligkeit des Himmels Zorn

, :
auf sich geladen, der ihr letzter Sohn genommen werden
würde, wenn er nicht des Gnadenschatzes theilhaftig zu
werden suche, der von den frommen Vätern der Gesell-
Fchaft Jesu angesammelt, erldsende und büßende Kraft
für die Genossen der Gemeinschaft'in sich trage.
Weder meine feste Erklärung, daß ich nicht daran
dächte, mich in irgend einer Weise dem Orden zu ver-
, binden, noch der Unwille meines Vaters, der seine Ab-
sichten mit mir, durch die Einreden meiner Mutter,
wenn auch nicht gehindert, so doch verzdgert zu sehen
fürchtete, vermochten sie, ihre bittenden Ermahnungen
einzustellen. Sie die sich einst gefreut hatte, mich dem
Weltleben wiedergegeben zu sehen, konnte jetzt mit
flehender Beschwörung in mich dringen, der Welt zu
ß entsagen, um Buße zu thun für meine Brüder, für
meines- Neffen Tod, und flr Glorias frühes selbst-
mörderisches Ende.
Nicht nur die Freude war aus meinem Vaterhause
entschwunden, auch die Eintracht meiner Eltern war
zerstört, und ein finsterer Geist waltete Allen erkemnbar
und doch spukhaft an- der Stätte, an welcher Dank
meiner freundlichen Mutter und der edeln zaftlichkeit
T. - -zssa=a,s=gC.eegodsagssceszKTFFggHsgg. ? z

8S
meines Vaters, bis dahin ein großer Kreis von Menschen
sich oft und gern versammelt hatte.
Mein Vater, der jetzt noch weniger als in seinen
jüngern Jahren Widerspruch ertragen konnte, war gegen den
Pater Cyrillus, auf den er bis dahin immer viel ge-
halten, und in dessen Character und Einsicht er ein
großes Vertrauen gesetzt hatte, mißtrauisch geworden, um
der Herrschaft willen, die er über meine Mutter gewonnen
hatte. Er würde deshalb sicherlich nicht angestanden haben,
ihm den Eintritt in sein Haus zu wehren, hätte er
nicht gewußt, daß er damit der Einwirkung des Paters
auf die Gesinnung meiner Mutter keine Schranken setzen
konnte, und das um so weniger, da meine Mutter sich
mehr und mehr dem Verlangen überließ, der Welt ganz
zu entsagen, und in kldsterlicher Einsamkeit Buße zu
thun, für ihre und für meine Sünden.
Sie machte es endlich zu einer ausdrücklichen Be-
dingung ihres Verbleibens in der Welt, daß ihr der
Beistand des Paters ganz nach ihrem Bedürfen gewähr-
leistet würde, und unter seiner Leitung lebte sie in
unserem Hause bereits wie hinter Klostermauern. Sie
hatte das Zimmer, das sie seit der Trauerzeit aus-
schließlich bewohnte, jades Schmuckes und jder Bequem-

h
1
s

lichkeit berauben lassen. Sie genoß bei den Mahlzeiten,
die mit uns gemeinsam einzunehmen mein Vater sie
kaum noch üüberreden konnte, nur die geringe Kost,
welche die strengste Observanz verordnet. Sie verließ das
Haus nur noch, um die ihr von dem Pater vorge-
schriebenen guten Werke ausüben zu gehen, und selbst
mit ihren beiden nächsten Freunden, mit Monsignore
Arrigo und mit Donna Cgrolina, fing sie an, sich den
Verkehr allmälig zu versagen. Denn der Pater hatte ihr das
Geflhl herzlicher vertrauender Freundschaft, welches sie
seit ihrer Jugend mit Arrigo verbunden, zu verdächtigen,
und sie gegen Domna Carolina mißtrauisch zu machen
verstanden, weil dieselbe meine Neigung, mich der
Kunst zu weihen, von Anfang an begünstigt, und die
Veranlasung zu meiner Bekanntschaft mit Gloria ge-
boten hatte.
eAgggg
a=s.espaoazewwsagKhesaenESs=aoFFAKnSzagag=eaSs

Kapitel 04

s
s
DF
D
.
L
Gtuelicherweise ließen weder Monsignore Arrigo
nöch Donna Carolina meinen Vater oder mich die kalte
Zurückwweisung entgelten, die sie von meiner Mutter er-
fahren mußten, und die Verhältnisse in unserem Hause
hatten sich derart umgestaltet, daß mein Vater sich
jenen Freunden meiner Mutter, mehr als früher anzu-
schließen Ursache und Bebüürfniß fühlte.
Mein Vater zeigte sich jezt weniger erzürnt, wenn
Arrigo sich mit Entschiedenheit gegen die Herrschsucht
der Jesuiten aussprach, wenn er den Einfluß, welchen
sie auf den Einzelnen zu gewinnen suchen, als unheil-
voll und als das Familienleben und den ruhigen Ver-
mögensbesitz der Familien gefährdend bezeichnete; demn
er selber. machte die Erfahrung, daß Pater Cyrillus in
den Bemühungen um meiner Mutter Seelenheil auch
andere und sehr weliliche Zwecke zu verfolgen wußte.
zgßSzgE.epa esaäee Ie»=K.tn nsaKeeK==aSAöF EeesSäeTaaüuöägeuggegFFgSeSöEk?hgggFF Fg

4
Mein Vater war beträchtlich älter als die Mutter,
ihre Verwandten hatten also, als die Ehe meiner Eltern
geschlossen worden, auf den Fall Bedacht genommen,
daß ihr Gatte vor ihr, und zwar in einem Zeitpunkte
sterben könne, in welchem es ihr noch wünschenswerth
erscheinen dürfte, zu einer neuen Verheirathung zu
schreiken. Ihr ganzes beträchtliches Vermögen war des-
halb in einer Weise für sie sicher gestellt worden, daß
es von jedem Anspruch und jeder Beaufsichtigung ihres
Gatten unbeeinflußt, völlig frei zu ihrer alleinigef
Verfügung stand. Bei dem guten Eiwvernehmen, in
welchem meine Eltern sich stets befunden, war dieser -
Sachverhalt nie abgeändert worden, und meine Eltern
waren übereingekommen, daß das mütterliche Vermögen
einst als Erbe auf den zweiten Sohn und dessen Kinder
übergehen solle, während man die Schwester aus dem
väterlichen Vermögen ausgestattet, und für meine Mit-
gift in das Kloster auch aus demselben zu sorgen beab-
sichtigt hatte.
Aber die Erwartung, meinen zweiten Bruder ver-
heirathet zu sehen, hatte sich nicht erfüllt. Er war ehelos
gestorben, und Pater Cyrillus, der die Neberzeugung
gewonnen haben mußte, daß für das Erste mir nicht
e-=u=söepeaaeeesHuseeeags==sa=wasaa.==.tg,

j



;

f-
s

beizukommen sei, hatte, um seine Zeit nicht zu verlieren,
vorläufig sein Augenmerk darauf gerichtet, wenigstens
das ansehnliche Vermögen meiner Mutter, der Kirche,
das hießß in seinem Sinne, der Gesellschaft Jesu, zuzu-
wenden.
Mit einem wahrhaft gotteslästerlichen Ernste hielt
er es meiner' armen Mutter vor, wie unser Herrgott
auch noch in unseren Tagen durch Zeichen zu den
Menschen spreche, nur daß sie in der Zerstreutheit des
Weltlebens, der sie sich mit bewußter Geflissentlichkeit
überließen, es sich möglich machten, auf seine Zeichen
! - nicht zu merken und seine deutlichsten Winke unbeachtet
zu lassen, um ihnen nicht Folge leisten zu müssen.
Er machte sie aufmerksam darauf, wie es nichts Zu-
fälliges geben könne in der Welt, welche von der All-
wissenheit und Allweisheit eines allmächtigen Gottes
regiert werde. Er erinnerte sie daran, wie lebhaft man
- meinen zweiten Bruder zum Heirathen angetrieben, wie -- -
. der schdne liebevolle Mann, der sonst dem Wunsche
-Feiner Eltern gern gehorcht, von einem inneren Abmahnen
dazu getrieben, freiwillig zur Ehelosigkeit sich entschlossen
habe, und wie damn, als ob des Herrn Wille gar nicht in
Zweifel gezogen werden solle, die unerwartetste Todesart

z4
ihn aus dem Leben fortgerifsen. Auch mir werde
ein unheilvolles Ende sicher nicht erspart bleiben, wenn
dem Höchsten nicht auf die eine oder andere Weise
Genugthuung bereitet werde, für das ihm und seiner
Kirche einst von meinen Eltern und von mir versagte -
Opfer.
Meine Mutter stand in ihrer Schwäche gar nicht
an, diese Blasphemien sowohl vor mir und meinem
Vater, als vor Arrigo und Donna Carolina glaubens-
voll zu wiederholen. Aber wenn Arrigo sich rückhaltslos
über die Umtriebe des Paters zu äußern nicht enthielt,
war es Donna Carolina, welche ihn in Schutz nahm
und vertheidigte.
Sie nannte ihn einen treuen Freund unseres
Hauses. Sie rühmte es mit gewohnter froher Keckheit,
daß er meiner Mutter gegenüber, selbst ihrer nicht
schonte, daß er sich von ihr nicht verblenden ließ, und
sich die Freiheit nähme, strenger in ihrem Urtheil über
sie zu sein, als ihr eigenes leicht zu besänftigendes Ge-
wissen. Sie versicherte, daß sie schon zum Defteren dar-
über nachgesonnen habe, ob ein so ernster Gewissensrath

ihr nicht für die Tage ihres herannahenden Alters heil-
sam sein möchte. Da sie das Alles aber scherzend zum
- agAeaeHuaeoHegEs»aeawssuäagössSaeeägggggs
aas=eaaua ssaösäu-=-e wsoeaz-D--KT. ?
- . aeu

:aee -
Vorschein brachte, gab man darauf nicht weiter Acht,
und meine Mutter sah darin nur den Beweis von
Carolinas gutem Herzen und von ihrem guten Willen,
zwischen meiner Mutter und meinem Vater so viel als
immer möglich zu vermitteln, während Arrigo eines
Tages die Bemerkung machte, daß Donna Carolina des
Paters gute Eigenschaften erst zu würdigen scheine, seit
das Ansehen, dessen derselbe in dem Orden genieße, ihm
auch in der Welt zu Einfluß verholfen und Bedentung
verliehen habe.
Eben in jener Zeit, als ich eines Morgens mitten
- in meiner Arbeit war, ließ sich Domna Carolina in
meiner Werkstatt melden. Das war nichts Ungewöhn-
liches; denn da sie sich immer als meine Patronin und
einstige Beschlttzerin darstellte, und ihr frisches Wesen
der schdnen Frau auch jetzt noch wohl anstand, so sah
ich sie stets gern bei mir erscheinen. Sie führte auch
noch immer Fremde bei mir ein, um ihnen dann -
regelmäßig zu erzählen, wie sie zuerst in mir das große
Talent erkannt, wie sie die Erste gewesen sei, die mir
Modell gesessen, und wie jenes Relief, an welchem ich
mit dem Herzklopfen jugendlicher Leidenschaft gearbeitet
- denn damals habe sie wirklich noch ganz leidlich

16
ausgesehen - eigentlich viel geistreicher und auch weit
ähnlicher gewesen sei als die Marmorbüste in ihrem
Salon, mit welcher ihr berühmt gewordener Schützling
ihr später' eine dankbare Verehrung bewiesen habe. Und
weil sie sich in Aussprüchen wohlgefiel, die man, als
von ihr kommend, wiederholen konnte, so pflegte sie
diese kleine Scene gewöhnlich mit der Bemerkung abzu-
schließen: Freundschaft und Dankbarkeit seien schbne
Empfindungen, aber nur die Liebe mache den Künstler
und schaffe das wahre Kunstwerk.
Mit dem schwarzen Schleier über dem Haupte, der
sie noch ganz vortrefflich kleidete, aus der Messe kommend,
mit dem Gebetbuche in der Hand, trat sie rasch herein,
und ohne mir die Zeit zu gehdriger Begrüßung zu ver-
gönnen, fragte sie mich, ob ich eine halbe Stunde für
sie übrig hätte.
Ich stellte mich ihr völlig zur Verfügung. Sie
ließ sich nieder, schlug den Schleier zurück und sich es
bequem machend, sagte sie: Das freut mich, mein Lieber!
freut mich sehr; denn heute bin ich nicht gekommen,
den berühmten Meister Benvenuto zu bewundern, sondern
einmal hier unter vier Augen mit dem Marchese von,
Armero ein Wort Vernunft zu sprechen. Schicken Sie
l
g g -e - ssaHeas -=ea=HüesbGzewweaäwn=Hssaaa»V=aseseeeagptaHeeweoa=ua=s=a=
-a-a. aaa

s
z
-,
meinen Wagen fort, ich werde zu Fuß nach Hause
gehen. -=
Ich sah sie verwundert an, denn beide Befehle
mußten dem Hauswart und meinen Leuten auffällig er-
scheinen, die sie bei mir eintreten gesehen hatten. Ich
sagte daher scherzend, ich fände es nicht vorsichtig, ein
tsts-ststs so gewaltsam anzumelden, doch sei ich so
bereit als glücklich, ihrer Weisung nachzukommen.
Das war ein Scherz wie sie ihn liebte. Sie
lachte hell und frdhlich auf. Fürchten Sie Nichts für
Ihre Tugend, Bester! rief sie, ich spiele nicht die
Potiphar mit Ihnen und führe Sie nicht in Versuchung.
Ich bin vielmehr gekommen allen den Schönen, welche
derlei Gellste haben könnten, den Weg zu Ihnen zu
verlegen. Mit einem Worte, Bewwenuto! Sie müssen
heirathen und ich habe eine Frau für Sie.
Und dazu kommen Sie am frühen Morgen und
gerades Weges aus der Messe zu mir? fiel ich ihr
gleichfalls lachend ein.
Da ist Nichts zu lachen! entgegnete sie. Ich bin
in Wahrheit nicht zum Scherzen hier. Die Sache ist
sehr ernsthaft. Ich habe fie nicht nur mit Monsignore
Arrigo, sondern auch mit dem Herrn Vater durchge-
ue zs=HszaseaTHzgseKKKeFsSspeAegeSgS.

18
sprochen, und habe heute in der Beichte, natürlich mit
aller Discretion mein Vorhaben mit Pater Cyrillus
berathen.
Seit wann ist Pater Cyrillus denn Ihr Beichtiger?
fragte ich höchlich verwundert, und mißtrauisch ge-
worden.
Oh! schon seit längerer Zeit! entgegnete sie mit
geflissenilicher Leichtigkeit. Ich erzähle Ihnen ein ander-
mal, wie sich das gemacht hat. Heute lassen Sie uns
nur von Ihren Angelegenheiten sprechen. Der Patex
weiß es ja, wie ich seiner Zeit die allerdings sehr
unschuldige Veranlassung zu Ihrer Bekanntschaft mit
Gloria gewesen bin. Er kennt besser als jeder Andere
die Verwirrung und den Schmerz, der daraus für Sie
erwachsen ist. Er ist der Vertraute des Kummers, in
welchen Ihre Familie durch jenen Liebeshandel und
seinen traurigen Ausgang gestürzt worden ist; und da
er ein eben so kluger als frommer Mann ist, begriff
er augenblicklich, wie beruhigend es für mich sein müßte,
wenn Sie jetzt aus meiner Hand die Frau empfingen,
in deren Besiz Sie die Vergangenheit vergessen, und
die äls Tochter zu begrüßen Ihre Eltern beide sehr
gllcklich sein würden.
i
HgöaaeseaaöU
-
asa

p ?
.

s
!
Ich hatte Donna Carolina ruhig angehört. Ihr
Vorschlag hatte nichts Auffälliges für mich, denn di:
Frauen lieben es bei uns wie überall, sich mit dem
- kleinen Intriguenspiel der Ehestiftung die Zeit zu ver-
treiben, und durch dieselbe ihren Einfluß über die Grenze
des eigenen Hauses auszudehnen. Zu verschiedenen
Malen waren mir von verschiedenen Gönnerinnen ähnliche
Eröffnungen gemacht worden, und seit man mich als
den Erben der Familiengüter ansehen durfte, natürlich
noch häufiger als vordem. Aber Donna Carolina's
vertrauter Zusammenhang mit Pater Cyrillus war mir
eben so neu als verdächtig; und wenn daneben ihre
Lebendigkeit und feste Zuversicht auch etwas Heraus-
forderndes und Belustigendes für mich hatten, zdgert
- ich dennoch ihr zu antworten. Bei ihrer leicht zu
erregenden Ungeduld brachte sie mein Schweigen so-
fort auf.
Nun, rief sie, nm! was soll das heißen? Sie
sehen,, wie: die Sache mir am Herzen liegt, Sie wissen,
wie ndthig es ist, Ihre Mutter aus ihrer Melancholie
herauszureißen, und Sie sitzen und sehen mich an, als
verlangte ich pon Ihnen, mich selber aus meinem
4
F. Lewald, Benvenuto. .

10
Wittwenstande zu erlösen und mit mir vor den Altar
zu treten.
Und wenn ich Sie beim Worte nähme? fcagte
ich in dem Ton, auf dem sie gern mit sich verkehren ließ.
So würde ich Ihnen antworten, sagte sie, indem -
sie mir mit ihrem Fächer einen Schlag gab: Sparen
Sie mir diese schönen Redensarten für den Salon auf,
und füttern Sie mich nicht mit Zuckerwerk, wenn ich
gekommen bin, an Ihnen ein gutes Werk zu thun.
Also, wollen Sie meinen Vorschlag annehmen?
Doch nicht, ehe ich mindestens den Namen der mir
Zugedachten kenne?
Carolina schlug sich vor die Sticne. Ja so! So
bin ich nun - das habe ich vergessen! rief sie. Aber
Sie werden meiner Meinung sein, wenn Sie erfahren,
daß es die einzige Tochter des Marquis ist, - sie
nannte den Namen einer alten französischen Legitimisten-
Familie - die man Ihnen zudenkt.
Der FrenndeSeifer Donna Carolina's ward mir
damit viel verständlicher. Der Marquis hatte mit den
vertriebenen Bourbons sein Vaterland verlassen und sich
in Rom heimisch gemacht. Er war ein Wittwer, ein
reicher Mann, ein strenger Legitimist, mit allen Standes-
j - --=
=..e a st. .saeassas»Ma =? «.ae -
. -- aa

h -
:
?
?
f
Vater hochgeschätzt. Seine Schwester, welche die Haus-
. frau neben ihm ersetzte, war eine vertraute Freundin
Carolina's, und ich selbst war in dem Hause seit Jahren
gastlich aufgenommen worden. Ich hatte sagen hören
daß die zärhliche Liebe, welche der Marquis für seine
Gattin gehegt, ihn von der Eingehung eines zweiten
Ehebundes abgehalten habe, und ich wußßte, daß seine
Tochter in einem belgischen Kloster erzogen wurde, weil
die Aebtissin desselben eine Schwester ihrer Mutter war.
Aber ich kannte das Alter des Mädchens nicht, ich
hatte nie ein Bild desselben in dem Hause des Marquis
gesehen, und ich sagte dieses Donna Carolina.
s
voruriheilen eines solchen, und deshalb von meinen:
Bravo! sagte sie, diese Bebenken kann ich heben
und sie sind von guter Vorbedeutung. Die Marchesina
ist so alt, als die schdne Julia in der Zeit, in welcher
sie Ihr Herz zuerst erregte, und blond wie diese. Ein
Pastell-Bild von ihr hängt in ihres Vaters Arbelts-
zimmer; ein liebliches, gltckversprechendes Gesicht mit
blauen Augen.
Ich war jetzt so ernsthaft geworden, als meine
Freundin es nur wünschen konnte. Ich hatte mein
fünfundzwanzigstes Jahr beinahe vollendet, und mein

Vater hatte die Mitte der Siebziger überschritten. Mich
verheirathet zu sehen, war ein natürlicher, und wie die
Verhältnisse lagen, unter der Anschauungsweise meines
Vaters ein doppelt berechtigter Wunsch, dem ich selber
keine vernünftigen Gründe entgegenzusetzen hatte. Die
Verbindung, welche man für mich geplant hatte, war
in aller äußeren Beziehung in der That eine wünschens-
werthe. Die Traditionen der beiden Häuser mußten die
beiden Väter dem Gedanken an diese Heirath geneigt
machen, und meiner Mutter konnte es vielleicht zu einer
Befriedigung gereichen, wenn sie mich an der Seite einer
in strenger Kirchlichkeit erzogenen Frau, in den Weg
eines geregelten Familienlebens eintreten sah.
Ich sprach also meiner Freundin den Dank für
ihre Fürsorge aus, und sie war so höchlich zufrieden mit
dem, was sie in ihrer Lebhaftigkeit als meine Ein-
willigung bezeichnete, daß ich ndthig hatte, sie daran zu
erinnern, wie ich das Mädchen doch erst sehen, erst
prüfen müsse, ob ich es lieben, ob ich seine Neigung ge-
winnen und mit ihm glücklich zu werden hoffen dürfe,
da die Altersverschiedenheit zwischen uns nicht unbe-
trächtüüich sei
Altersverschiedenheit! scherzte sie, unb Sie haben

t3
mir vor zehn Minuten noch gesagt, daß Sie fähig
wären, mich zum Altar zu führen.
Ich hoffte in dem Falle, daß Ihr Ernst und Ihre
Erfahrenheit mir zu Statten kommen und mich die
schwere Kunst des Lebens lehren würden! sagte ich
lächelnd.
So lassen Sie Ihren Ernst und Ihre Erfahrenheit
der Marchesina zu Statten kommen, und ersparen Sie ihr
die Schicksalslehren, durch welche ich und Sie zu der
Weisheit und Erfahrung gelangt sind, deren wir uns
rühmen dürfen. Und lieben? Was will das heißen,
lieben? -- Wen haben Sie nicht schon geliebt? Das
Lieben ist ja nuur eine Sache der Einbildungskraft, be-
sonders für einen Künstler! Lieben kann man immer
und eine jede Frau, wenn man es nur will! Begeistern
Sie sich für Alphonsina und Sie werden bald in ihr
ein Ideal bewundern, wie einst in der blonden Julia,
wie einst in Gloria, wie in meiner Wenigkeit und wie
in so viel Anderen. Im Nebrigen spielen Sie vor mir
nicht den Bescheidenen. An dem Geliebtwerden zweifeln
Sie gewiß noch weniger als jeder andere Mann, denn
Sie waren mehr als Ihnen gut ist, schon vielfach der
Benvenuto!

IH
Es war nicht möglich, Donna Carolina wirklich
ernsthaft zu erhalten. Die Gewohnheit leichtfertiger
Galanterie war ihr zur anderen Natur geworden, und
sie verließ mich endlich mit der Erklärung, daß sie
glücklich sei, die Sache in so guten Gang gehracht zu
haben, daß sie sich wie eine wohlthätige Fee erscheine,
die dem irrenden Ritter die hilfreiche Hand gereicht habe.
Nun, da das rechte Wort gesprochen sei, werde sich wie
in einem Märchen mit fröhlichem Anögang Alles zn
einem guten Ende rasch zusammen finden.
Also Alphonsina! füsterte sie mir noch in's Ohr,
als ich sie bis vor des Palastes Thüre begleitet hatte
und sie von mir schied.

Kapitel 05

Fünstes Capilel.

Pz« Ruhe, zu meiner Arbeit zurüchukehren, wollte
mir nicht kommen. Die Vorstellungen, welche Donna
Carolina in mir angeregt, beschäftigten mich. Ich ging
in meiner Werkstatt auf und nieder, ließ die Augen
über Fertiges und Werdendes in zerstreutem Betrachten
hingleiten, und dazwischen kam es mir selber nothwendig
vor, mich zu verheirathen, weil ich der Stammhalter
unseres Hauses geworden war.
Ich hatte mich um das Fortbestehen desselben bis-
her nie viel gekümmert, oder gar gesorgt; einmal, weil
man es als gesichert ansehen konnte und zweitens, weil
die Anerkennung, die man mir etwa um meiner Ahnen
willen zollen mochte, mich nicht eben reizte. Ich lebte
freilich in der vornehmen Gesellschaft, aber in ihr wie
in den Kreisen der Künstler, hatte ich seit Jahren meine

5K
Geltung nicht als Mitglied des Hauses der Armero,
sondern als ein geschickter Bildhauer gefunden, und ob-
schon ich gewohnt war, mich, wohin ich immer kam,
als einen Gllcklichen bezeichnen zu hören, und mich auch
als einen solchen zu betrachten, fühlte ich mich gerade
seit der Unterredung mit Donna Carolina niedergeschlagen,
und ergriffen von einem Wunsche nach beruhigteren Zu-
ständen, als sie sich mir geboten, oder als ich sie mir
bisher zu bereiten verstanden hatte.
In meinem Elternhause lasteten die aristokratischen
Vorurtheile meines Vaters und die trübe, immer kirch-
licher werdende Frömmigkeit meiner Mutter schwer auf
mir. Die Auszeichnung, die ich in der Gesellschaft er-
fuhr und die mich Jahre lang in hohem Grade be-
friedigt, fing an, ihre Bedeutung für mich zu verlieren.
Donna Carolina aber war mir eben heute als die nicht
erquickliche Verkörperung jener Gesellschaftskreise entgegen-
getreten, die sich die große Welt zu nennen lieben, ob-
schon sie sich von der Allgemeinheit strenge abzusondern
trachten.
Dieser Gesellschaft nun sollte ich mich durch die
für mich geplante Ehe eng anschließen, dauernd ver-
binden! - Aber was hatte diese Gesellschaft mir bisher

19
geboten? Was hatte ich in ihr gefunden und gesucht?
-- Vorurtheile, welche ich nicht theilte, einen zerstreu-
enden Genuß, und die- immer neue Nahrung einer
äußeren Eitelkeit, die eben, weil sie eine solche war, auch
unersättlich und unbefriedigt bleiben muste.
Nun sollte durch eine Heirath meinem Leben eine
neue Gestalt gegeben werden und ich richtete meinen
Sinn bedächtig darauf hin. Ich kannte die Weise,
in welcher man Ehen wie die gewollte abzuschließen
pflegte. aF kontte darauf rechnen, das Bild meiner
N,
Zukünftigen zu sehen, einen oder den anderen kindlichen
Brief an ihren Vater oder ihre Tante lesen zu dürfen, und
wenn man sich meiner Zustimmung versichert hatte, sie
aus dem Kloster in ihr Vaterhaus zurückkehren zu sehen,
aus welchem ich sie dann nach wenig Wochen und
kurzen, flüchtigen Begegnungen unter der Aufsicht ihrer
Tante, als Gattin in unser Haus zu führen hatte.
Ich konnte darauf hoffen, ein reines, schuldloses Kind
in ihr zu finden, aber auch Donna Carolina und die
meisten unserer Frauen waren einst aus eines Klosters
Mauern rein und schuldlos in das Leben eingetreten, und
was hatte dte Gesellschaft aus Carolina werden lassen,

60
was hat sie aus nur zu vielen der Ehen gemacht, die
unter ähnlichen Bedingungen geschlossen worden waren?
Ich sollte einem Kinde meine Zukunft anvertrauen,
das ich nicht kannte, für dessen einstige Entwickelung sich
noch keine Art von sicherer Aussicht geben ließ; und
weil Reichthum und ein alter Name mir zur Seite
standen, war man gewillt, mir das Schicksal eines
jungen Mädchens in die Hand zu geben, das in seiner
Neinheit zurückschrecken mußte vor den Erlebnissen, die
meine Vergangenheit erschüttert hatten. Wer konnte
ihm, wer konnte mir verbürgen, daß eine wirkliche Zu-
neigung sich zwischen uns entwickeln, daß sie stark genug
sein werde, uns dauernd an einander zu fesseln? -
Ich hatte gelernt, mir zu mißtrauen; was berechtigte
den Vater der jungen Marchesina, besser von mir zu
denken, als ich selbst es that? Wie mochte er, der vor-
gab, seine Gattin in unwandelbarer Treue noch über
das Grab hinaus zu lieben, über sein einzig Kind ver-
fügen, als habe es keinen eigenen Willen und kein eigen
Herz? Ich fühlte Mitleid mit dem Mädchen! Gab es
der liebeleeren Ehen in der großen Welt nicht ohnehin
geng? Oder nahm man in ihr wirklich an, daß die

e1
Ehe Nichts sei, als eine Nebereinkunft zur Macht- und
Besizvergröserung der Familien, und daß die Liebe und die
Leidenschaft erst über dem Verbrechen des Ehebruches
ihre Herrschaft geltend machen dürften?
In dem Augenblicke traf mein Auge auf die Blste
Gloria's, die ich in liebetrunkenen Tagen einst gemacht,
und das Herz wallte mir auf in schmerzvoller Gluth.
Waö wußte die große Welt und die Frauen, die
ihr angehören, von der reinen, starken Liebe, in welcher
Gloria mein geworden war, aus freiem, eigenem Müssen,
ohne den Hinblick auf das, was ich ihr an Hab und
Gut und Namen zu gewähren hatte? Oder welche von
den Frauen dieser großen Welt besasß die schlichte Grösße
jenes Mädchens auus dem Volke? Sie erschienen mir wie
bleiche Schatten, ihr Lieben und ihr Leiden wie ein
Spiel, neben der antiken Einfalt Gloria's. Alles an
ihr war einheitlich und wahr gewesen, das Gllck sowie
das Leid. Es war ihr keine andere gleich!
Eine tiefe, gewaltige Sehnsucht nach der Verlorenen
bemächtigte sich meiner. Ihre großen Augen blickten
unter den breiten, schweren Lidern tiefsinnig nach mir
hin; ihr stolzer, festgeschlossener Mund schien mich zu
fragen: was hast Du geschaffen und was bist De ge-

62
worden, seit Dein Auge mich nicht mehr sah, seit Dein
Sinn sich abgewendet hat von der strengen Schönheit,
deren tadelloses Vorbild Du in mir besessen hast?
Sie standen in der Werkstatt vor mir, in kleinen
Hilfsmodellen, in vollen Abgüüssen, das Grabdenkmal
und die zahlreichen Figuren, welche in den letzten Jahren
aus meiner Werkstatt hervorgegangen waren - Alle
zierlich, Mlle weichlich, wenn ich sie mit meinen ersten
Arbeiten verglich, Alle die leichtsinnige Heiterkeit deö
Lebens auf der Stirne!- Ich mochte sie nicht sehen!
Ich konnte mich selber nicht begreifen, es fiel wie ein
Schleier von meinen Augen. Hätte ich sie mit einem
Schlage vernichten, sie ungeschaffen machen und hinweg-
zaubern können aus dem Besiz derjenigen, in deren
Händen sie sich befanden, es hätte mir das Herz er-
leichtert. Die sanften Mienen, die lächelnden Lippen
schienen mein zu spotten. Ihnen und uir selber zu
entfliehen, eilte ich von dannen.
Es war hoher Mittag, der Sonnenschein des
winterlichen Tages lockte mich in die Straße hinaus.
Ieh ging die Höhe hinan; die Villa Ledovisi war ge-
öffnet, ich hatte sie lange nicht betreten, das Museum
lange nicht besucht, die hehren Gestalten lange nicht ge-

e
sehen. Die Erhabenheit des Junokopfes, die Gewalt der
einfachen Größe in den antiken Bildwerken wirkte auf
mich wie in den Zeiten, da ihre Herrlichkeit mir zu-
erst verständlich geworden war. Ich konnte mein Auge
nicht sättigen an ihrer feierlichen Schönheit, und ging
erst von dannen, als eine Gesellschaft vornehmer Eng-
länder, die ich kannke, in das Museum kam und sich
mir zugesellen wollte.
Planlos, wie ich meine Werkstatt verlassen hatte,
schlenderte ich weiter, über den Barberinischen Plaz
hinweg, die Straße nach Santa Maria Maggiore hin-
auf, an Gloria's einstiger Wohnung vorüber. Ihre
Fenster glitzerten im Sonnenschein, aber keines war ge-
öffnet, und sie stand nicht mehr am Fenster, meiner
wartend, um mit mir hinauSzuziehen ans den Manern
der Stadt in die weithin lockende Ferne der Campagna,
die sie mit ihrem Vater einst durchzogen kreuz und guer,
von Ort zu Ort; und in der an meiner Seite umher-
zuwandern ihre grdßte Lust gewesen war.
Stundenweit, meilenweit waren wir so gegangen,
sie erzählend, ich horchend in liebevollem Staunen, denn
sie wußte und kannte von der Welt und von den:
Leben nichts, als was sie selbst gesehen und erlebt hatte,

6s
aber sie erzählte das Erlebte mit einer plastischen Kraft
und einer Ungeschmücktheit, daß man nie vergessen
konnte, was man von ihr einmal gehört. Es war mit
ihr nicht lange zu verkehren, ohne daß man sich der
Natur genähert, der Wahrheit wiedergegeben fand, von
denen unsere künstliche Erziehung und die uns zur Ge-
wohnheit gewordenen Formen gesellschaftlicher Lüüge, uns
entfernen.
Der Sonnenschein funkelte und wärmte wie im
Sommer, als ich aus den Mauern der Stadt hinaus-
kam. Mein Auge freute sich an der Schönheit der
Campagna, an den Linien des Gebirges, das sie ab-
schloß. Ich sah die Stäbtchen glänzen an den Abhängen
der Berge und die Karren der Weinhändler, die von
den Castellen herabgekommen waren, an mir vorüber-
fahren nach der Stadt. Ich hörte das Klingeln ihres
Schellengeläutes und ihre Antwort auf meinen Anruf,
und doch empfand ich das Ales wie in einem Traume.
Denn wie im Traume war mir, als ginge Gloria wieder
neben mir, als spräche sie mir wieder von ihrem Leben
in jenen Tagen, in denen ich sie nicht gekannt hatte.
Und ich hatte sie doch in ihrem Blute schwimmend, todt
zu meinen Füßßen liegen sehen, und hatte an der Stelle

gestanden in meines Schmerzes Einsamkeit, an der man
ihren schönen Leib der Erde übergeben.
Ich ging und ging! Gloria war immer bei mir!
Zwei Stunden vor der Stadt liegt eine Osterie.
Gloria hatte es geliebt dort einzukehren, weil sie mit
ihrem Vater regelmäßig dort gerastet, und die stattliche
Wirthin immer viel auf sie gehalten hatte. Sogar zur
Gevatterin hatte sie Gloria gebeten und sie den jüingsten
Sohn des Hauses aus der Taufe heben lassen, dem man
auf Gloria's Anstiften den Namen ihres Lieblingshelden
beigelegt. Seit ihrem Tode war ich nicht mehr in der
Ostexie gewesen.
Als ich mich derselben näherte, stand der Wagen
Zines Vetturinos vor dem Hause. Die Wirthin saß an
der- Thütre oben an der Treppe wie vordem. Zwei
Mdnche; bie bei ihr gefrühstückt hatten, brachen eben
wieder, aüf. Rinaldo hielt sich an dem Wagenschlage,
um neben' dem Segen der frommen Väter, dessen er ge-
wiß war, womöglich auch einige Bajochi zu erwischen.
Aber er' erkannte mich gleich wieder, und in der Freude,
mich zu sehen, vielleicht auch in der Erinnerung, daß
ich ein besserer Segenspender zu sein pflegte, als die
F. Lewald, Benvenuto. 1.

6e
meisten Mönche, ließ er den Wagen ganz im Stich und
eilte mir entgegen.
Er war ein schöner, schlanker Junge geworden in
den beiden Jahren, und die großen Augen freundlich auf
mich richtend, rief er: Aber wo ist denn die Gloria, Signor'?
Die Mönche waren während dessen langsam ein-
gestiegen. Die Wirthin winkte ihnen noch den Gruß
zum Abschied, und mich willkommen heißend, ohne ihre
bequeme Stellung aufzugeben, oder auch nur die Hände
zu bewegen, die sie unter der Brust gekreuzt hielt, sagte
sie: Es ist lange her, Signor! daß Ihr nicht hier ge-
wesen seid; aber heute ist das Wetter schön! recht ge-
macht für einen Gang vor's Thor hinaus.
Daß sie mich nicht nach Gloria fcagte, traf mich
tiefer als des Buben wiederholter Ausruf: aber wo ist
die Gloria, Signor?
Ach was, Gloria! schalt die Wirthin, indem sie
mit ihrem Strohstuhl etwas auf die Seite rückte, damit
ich eintreten und mir meinen Platz an dem Tische
nehmen konnte, der gleich neben der Thüre ihr zur
Rechten stand. Sei still mit Deiner Gloria! Dumm-
kopf! Hast Du denn nicht gehört, daß die Gloria in
das Paradies gegangen ist? - Und sich mit einer

I?
ernsten und bedeutungsvollen Vertraulichkeit an mich
wendend, sezte sie hinzn: denn ich glaube in Wahrheit,
Signor! daß sie inS Paradies gegangen ist, obschon
sie ihrem Leben selbst ein Ende machte. Sie hat' in
einem Anfall. von Naserei gethan, die Aerntste! und
unser Herrgott wird mit ihr nicht inB Gericht gehen!
=- Aber was wollt Ihr essen, Signor? Ihr uisl
Hunger haben, es ist Zeit zum Pranzo! -- Wollt Ihr
Eier? wollt Ihr Schinken und den Orvieto, den die
Aermste, die Gloria liebte? Sie war ein braveä Mädchen,
tapfer und herzhaft schon als junges Kind!
Mir war wunderbar zu Muthe. Niemand hatte,
seit Gloria nicht mehr war, ihrer mit solchem Freimuth
gegen mich gedacht, ich hatte auch mit Niemandemn frei
und offen über sie gesprochen; und die schlichte Zun-
neigung, mit welcher die Wirthin von ihr redete, schloß
auch mir das Herz auf und den Mund. Die Wirthin
hatte, wie sie mir unumwunden sagte, Dies und Jenes
über Gloria's Ende verlauten hören, was nicht gut zu
wiederholen sei; aber sie setzte rasch hinzu, sie habe mir
, nichts Bdses zugetraut, denn sie habe ja gesehen, daß
ich Gloria gut behandelt habe und nicht heftigen Ge-
müthes sei. Freilich habe sie es der Gloria stetö gesagk,

68
daß sie sich mit falschen Hoffnungen betrüge; die habe
das jedoch nicht hören, das nicht glauben wollen, und
die Welt sei eben doch die Welt!
Ich stand ihr Rede, wie der Anlaß es erheischte,
und sie war nicht die Frau, sich Zweifeln hinzugeben,
wo sie glauben zu dürfen meinte; oder sich lang bei
Dingen aufzuhalten, die nicht mehr zu ändern waren.
Inzwischen war ihr Mann hinzugekommen, der in
der Osterie den Dienst versah, während die Padrona
sich mit ihren Gästen unterhielt. Auch er begrüßte
mich, aber er machte sich weiter nicht mit mir zu
schaffen, trug herbei, was ich bedurfte und setzte es vor
mir nieder. Mir fiel das gar nicht auf. Er that nie
mehr, als was zu thun er nicht unterlassen durfte,
ohne daß die Frau es rügte; und für gewöhnlich war
ihr's recht, wenn er nicht redete, wo man ihn nicht
fragte. Sie lobte ihn sogar deshalb und hatte ihn
immer als das Muster eines Ehemannes vor mir
gerühmt. Diesmal jedoch schien ihr sein Schweigen zu
mißfallen.
Setze den Teller dorthin! mir gegenüber! befahl sie
ihm, damit die Sonne dem Herrn nicht in die Augen
scheint. Und thue die Lippen auf, den Herrn zu be-

grüßen. Er hat mit den Tode der Gevatterin nicht
mehr zu thun als ich und Du! - Wollt Ihr Ks.,
Signor? Frischen eaeeia-aartlo? Neiche ihn her, Lorenzo!
-- Cs ist, wie ich es immer sagte. Sie hat selbst die
Hand an sich gelegt! Ich kannte sie ja alle Beide! und
ich sagt' es immer, der Signor Benvenuto ist nicht
von denen, welche mit dem Messer spielen!- Aber die
Gloria war gewöhnt an's Messer, und der Jähzorn lag
in ihrem Blute bon dem Vater her, der nicht viel
werth war. - Alles liegt im Blut, Signor! und
-dagegen hilft kein Messelesen und kein Beten! - Seht
-den Jungen da! Er wird groß werden und von starken
Schultern wie der Vater. - Er ist arbeitssam und
zgehorcht wie der Lorenzo, er wird einen guten Ehemann
Fgeben, so wie der! = Aber - und sie deutete mit deun
CZeigefinger auf ihre kluge Stirne - da ist Nichts
dahinter! Langsam, langsam im Verständniß wie der
Vater, und eigensinnig so wie der! doch ein gutes Herz
und guten Willen! döe Heiligen segnen ihn!
Sie war dabei endlich von ihrem Stuhle an der
Thüüre aufgestanden und hatte sich zu mir gesetzt, um
mich hilfreich zu bedienen; indeß meine geringe Esßlust
wollte ihr nicht gefallen. Sie meinte, ich hätte besseren

7
Appetit gehabt, als Gloria mit mir gewesen sei, und
auch besser ausgesehen vordem. Alles sei lustiger an
mir gewesen, selbst die helle Tracht, die ich derzeit
getragen.
Ich erzählte ihr, daß meine Brüder mir gestorben
wären, daß ich jetzt meiner Eltern lezter Sohn sei.
Der arme Vater! die arme Mutter! rief sie. Die
Leute haben nun das Castell dort oben im Gebirge, den
großen Grundbesiz dabei, den Palast in der Stadt, und
nur noch einen Sohn! Die armen Leute! Aber die
Menschen kommen und gehen und wir können sie nicht
halten! -- Was ist da zu machen? Das Trauern und
das Weinen hilft den Todten nicht, nicht uns! Es sind
andere Mittel nöthig! Ihr müßt heirathen, Signor!
je eher, je lieber! Euren Eltern ein Vergnügen zu be-
reiten und Enkel für sie in die Welt zu setzen.
Es war als wenn ich meinen Vater oder Donna
Carolina reden hörte, nur daß müir die Vadrona ihre
Ansicht weit kürzer und gebieterischer als jene Anderen
aussprach.
Ich kenne Euch jetzt fünf, -- nein! wartet, es
sind schon sechs Jahre, sagte sie, Ihr müßt über die
halben Zwanziger hinaus sein, und ohne eine Frau, die

ihm gehört, treibt ein junger Mann, wie Ihr, kein
gut Gewerbe. Die Gloria ist todt, die konntet Ihr
auch nicht zur Ehe nehmen, denn Ungleiches soll sich
nicht zusammen thun! Ihr dürft Euch also nicht be-
sinnen, und Ihr habt wohl auch die Rechte schon
gewählt.
Das habe ich nicht! aber mein Vater spricht wie
Ihr, und hat schon eine Frau für mich in getio! ent-
gegnete ich ihr.
Nun gut! so gehet hin und laßt Euch mit ihr
trauen! das wird Euren Herrn Vater und die Frau
Mama vergnügen!
« Und wo bleibe ich und mein Vergnügen? fragte
ic ste scherzend.
-- Ach was! rief sie, eine Alte und eine Häßliche
wird man Euch nicht bieten, und mit einem jungen
häbschen Weibe findet sich von selber das Vergnügen.
- Unb dann: Vergnügen! Die Ehe ist kein Vergnügen,
die ist des Herrgotts Wille, ist eines Christen-Menschen
Pflicht. Euer Vergnügen und Euer Liebesspiel habt
Ihr mit der armen Gloria gehabt, die's schwer genng
bezahlt hat. Geht jetzt und thut dem Herrn Vater
,ure Pflicht. Er hat Euch in die Welt gesezt, Ihr


seid ihm Eure Kinder schuldig! - Und wenn sie nach
Euch schlagen, werdet Ihr bald anders sprechen. Ihr
wißt noch nicht, wie Kinder Freude bringen in ein
Haus - je mehr je besser! Ich habe deren elf geboren!
aber das Dutzend jetzt noch voll zu machen, obwohl der
Rinaldo acht Jahre alt ist, sollte mich nicht kränken,
wenn Gott es also wollte!
Sie schenkte mir, während sie also redete, von dem
Weine wieder ein, und mehr als dieser erfrischte mir ihre
gesunde Heiterkeit die Seele. Es war im Grunde Alles
wie sie's sagte, und sie sagte es so einfach, daß keine
Gefühls»Sophismen Stich dagegen hielten. Sie hatte
völlig Recht, ich hatte bisher nur mit selbst gelebt,
das Leben, das ich geführt, war kein edles gewesen, ich
hatte auf keine reinen Freuden zurückzusehen, und ich
hatte Pflichten gegen meinen Vater, der hoch in Jahren
war, gegen die Mutter, die in trübem Grame sich der
Welt entzog, weil der einzige Sohn ihr in derselben
nicht zur Stütze werden wollte.
Klug wie die Frauen unseres Volkes in der Regel
sind, merkte die Wirthin es, wie sehr sie mich er-
heitert hatte, und es freute sie, als ich ihr scherzend

sagte: wenn ich eine Frau gefunden haben würde, wollte
ich sie zu ihr bringen, denn sie habe mich bekehrt.
Spottet nicht, Signor! und bildet Euch nicht ein,
entgegnete sie gut gelaunt, daß ich zu gering für solch
ein Werk sei. Bekehrungen sind immer Wunder, und
Wunder hat die heiligste Madonna schon durch Geringere
gethan, als ich bin. Wann also bringt Ihr mir die
junge Frau, die hoffentlich es nicht vergessen wird, sich
bei mir mit einem schönen Geschenke, wie's Euch
zukoamt, für die Bekehrung zu bedanken, von der sie
profitiren soll?
Ich sagte, ich müsse meine Zukünftige doch vor
allen Dingen sehen. - Gewiß, entgegnete sie mir, aber
zacht das rasch ab! Wer lang handelt, läßt dem
Anderen Zeit, ihn zu betrügen, und Euer Herr Vater
wird ja wohl ein Kenner sein. Verlaßt Euch darum
auf ihn, wie hier auf mich. - Sie shenkte mir das
Glas noch einmal voll: Durstig seid Ihr jungen Leute
ra re.D?
Ihr Gleichniß brachte mich zum Lachen. Ich
stand auf, es war hohe Zeit den Heimweg anzutreten.
Sie rief -den Mann herbei, daß er die Rechnung mache,

?
und steckte dann das Geld ein. Auch der Bube kam
hinzu und ließ sich's gern gefallen, daß ich ihm ein
Andenken an seine Pathin gab.
Die Wirthin hatte sich ebenfalls erhoben, sie stieg
die Steintreppe mit mir hinab und wiederholte mir, daß
sie mich nun bald mit meiner jungen Frau zu sehen
erwarte. Rinaldo wollte noch ein Ende mit mir laufen.
Als ich schon einige Schritte vom Hause fort war, rief
sie mich zurück.
Signor! sagte sie, ich weiß, Ihr habt eine offene
Hand und habt es der Gloria niemals fehlen lassen.
Laßt reichlich beten für die arme Seele, denn wenn
der Herrgott anch gerecht ist: sie ist ohne Sacrament
gestorben, sie hat's nöthig, daß unser Herr Jesus und
die heiligste Madonna Fürbitte flr sie thun. -- Und
mit noch einem: auf Wiedersehen! entließ sie mich.

Kapitel 06

Zechstes Capitel.

zwei Stunden, die ich bis zur Stadt zurück-
zulegen hatte, wurden mir nicht lang. Die Unter-
redung, welche ich am Morgen mit Donna Carolina
gehabt, die Gespräche, welche ich mit der Schenkwirthin
in der Campagna gepflogen, die Wünsche meines Vaters
und mein eigenes, von den erhabenen Werken der alten
Kunst lebhaft angeregtes Verlangen, mich zusammenzu-
fassen, um zu einer neuen besseren Thätigkeit die Kraft
in mir zu finden, das griff Alles so unerwartet in
einander, daß es mir von guter Vorbedeutung schien
und mich zuversichtlich machte.
Als ich wieder in die Stadt und tiefer in die
Straßen hineingekommen war, lagen schon die Schatten
des Abends in feuchter Schwlle über ihnen ausgebreitet,
und gegen den hellen Sonnenuntergang, von dem ich

7K
herkam, gegen die scharfe frische Luft, die ich den Tag
hindurch geathmet hatte, fand ich die Mauern und die
Wärme, die in ihnen herrschte, drückend und be-
klemmend. Aber ich ging eilig vorwärts, ich dachte an
meinen Vater, an meine Mutter, an ihr leer gewoxdenes
Haus, und es zog mich, meinen Platz an ihrem Tische
einzunehmen.
In den Straßen herrschte die Lebendigkeit des
Sonnabendes. Ich hatte diese Stunde, seit ich selbst zu
arbeiten angefangen und kennen lernen, was die Ruhe
nach wohlgethaner Arbeit sagen wolle, immer gern
gehabt, und gern die heitere Geschäftigkeit beobachtet,
mit welcher die Leute nach ihrem Tagewerk es sich an-
gelegen sein lassen, sich und den Ihren am Abende
etwas zu Gute zu thun und ihres Daseins froh zu
werden. In den letzten Zeiten war ich jedoch auch
dagegen gleichgiltig geworden, und nun mit einem Male
freute es mich wieder, wie die Feuer in den Defen der
Hökerinnen glühten, wie die Fritturen in den Pfannen
brodelten, wie Männer und Frauen sie umstanden, das
ihnen Gemäße für das Nachtessen zu kaufen. Ich sah
die Handwerker in raschem Gange von der Arbeit
kgmmend, inne halten und bedächtig trotz der Eile, noch

7
ein Stück Käse oder ein paar Früchte auswählen, umt
sie als erwüünschte Zugabe nach Hause bringen zu können.
Ich mußte lachen über die Buben, welche die Mütze, in
der sie die gerösteten Kastanien trugen, an die Nase
hielten, sich an ihrem Dufte schon im Voraus zu er-
laben. Es hatte Alles, weil ich ausnahmsweise einmal
darauf achtete, für mich den Reiz des Neuen und war
mir doch so heimathlich vertraut.
Ich freute mich, als känte ich nach langer Ent-
fernung aus der Fremde wieder; der eigene Herd, die
eigene Familie verkörperten sich mir in den Bildern,
die ich vor mir hatte. Ich dachte mit Wohlgefallen
an die Ehe und den eigenen Herd. Sie erschienen mir als
etwas WünschenSwerthes, wenn Liebe das Haus errichtet,
die Familie begründet, und Zutrauen und Verständniß
an dem Herde wohnen. Eine solche Liebe freilich hatte
ich noch nicht gekannt, ein solches Verständniß hatte ich
in der armen Gloria nicht besitzen können. Durfte ich
hoffen, ihm in dem klösterlich erzogenen Kinde zu
begegnen, dem man mich zu verbinden wünschte?
Ich hatte das Portal meines Vaterhauuses während
dessen erreicht, es war der Abend, an welchem meine
Mutter sonst ihre Freunde zu empfangen gewohnt ge-

8
wvesen war, aber ihre Säle waren selbst für ihren engeren
Freundeskreis geschlossen. Es war Alles still' in dem
Portal, still in dem weiten Hofe, den die Laternen
eben nur ausreichend erhellten. Ich stieg die Treppe
hinan. Auf der ersten Wendung derselben kam mir raschen
Schrittes eine schlanke, schwarz gekleidete und tief in den
großen Mantel eingewickelte Gestalt entgegen. Eä war
Pater Cyrillus. Als er mich erkannte, blieb er stehen
und reichte mir mit einer Herzlichkeit die Hand, die
mir auffallen mußte, da unfer Verkehr seit lange ein
sehr erkalteter gewesen war.
Sie kommen zu guter Stunde, Theuerster! sagte
er, und es thut mir leid, daß ich nicht umkehren, Sie
nicht begleiten kann. Wenn wir einsehen, daß wir
einen anderen, als den von uns bisher erkannlen Weg
zu gehen haben, muß er so rasch als möglich von uns
eingeschlagen werden, und Sie haben wohl gethan, sich
nicht lange zu besinnen. Ich wünsche Ihnen Gllck!
Sie werden heute ganz andere, heitere Mienen oben
finden! Ich wünsche Ihnen Gllck!
ac war wie aus den Wolken gefallen. Der
- E,
freudige Eifer des Paters konnte sich nur auf die für
mich beabsichtigte Heirath beziehen, die noch weit im

Felde stand, und die Weise, in welcher er sich mir auf-
drängte, verdroß mich ebenfo, als daß er von Allem
und Jedem, was in unserem Hause vorging, stets im
Voraus unterrichtet war. Ich that deshalb, als ob ich
seinen Glückwunsch nicht verstände, aber er klopfte mir
vertraulich auf die Schulter und sagte: Sie sind zurück-
haltend, wie es einem Cavalier geziemt, aber mit einem
alten Freunde darf man offen sein, und wenn ich Ihnen
schon im Voraus gratulire, so hat das seinen guten
Grund. Die Marchesina ist jung, ist schön und frommen
Sinnes. Man hat sie uns als das Muster edler
Bildung, trefflicher Erziehung bezeichnet. Dazu hat sie
ein sehr beträchtliches Vermögen - und Sie wundern
sich, daß man Ihnen dazu Glück wünscht! Nun! ich
hoffe, Sie thun es auch selber!
Mir fiel bei seinem Lob der jungen Dame auf,
daß er sich auf eigene Nachrichten zu beziehen schien,
aber ich mochte ihn mit keiner Frage deshalb angehen.
Doch war ich stutzig geworden und aus meiner guten
Stimmung aufgeschreckt. Eine Gattin durch seine Ver-
mittelung zu empfangen, lag nicht in meiner Absicht.
Die Reihe der lautlosen Vorsäle entlang, kam ich
in meines Vaters Zimmer. Er saß von Papieren
F. Lewald, Benvenuto. l.

umgeben an seinem Arbeitstische. Ich kannte diese
Aktenhefte, es waren alte Familiendokumente. Meine
Mutter lag auf einem Ruhebette, ein Lichtschirm, dessen
ihre vom Weinen angegriffenen Augen bedürftig waren,
entzog mir den Anblick ihres Gesichtes, aber es war
schon an und für sich ein gutes Zeichen, daß ich sie in
meines Vaters Nähe fand. Wie immer empfing sie mich
mit Zärtlichkeit.
Mein Vater hatte wesentlich gealtert. Sein Anblick,
die hohl gewordenen Schläfen, dig eingesunkenen Augen
und die Schärfe aller seiner Züge, rührten mich so oft
ich sie bemerkte. Heute, da das Licht der vor ihm
stehenden Lampe sein Antliz hell beleuchtete, war mir
der Verfall seines einst so kraftvollen Gesichtes dogwelt
auffällig; aber er wendete sich, da ich eintrat, lebhaft
nach mir hin, und mir die mager gewordene Hand
entgegenreichend, hieß er mich willkommen.
Ich bin heute fleißig gewesen, sagte er, die Papiere
in Ordnung zu bringen, die doch in nicht zu ferner
Zeit in Deine alleinige Obhut übergehen werden. Du
wirst einst finden, daß es einen Mann vollauf beschäftigt,
ein ansehnliches Familienbesitzthum mit Klugheit zu
verwalten und vor der Welt würdig zu repräsentiren.

8I
Aber was hast Du getrieben, diesen Tag? Du siehst
frisch aus wie Einer, der aus dem Freien kommt.
Solch' heitere Freundlichkeit lag nicht in meines
Vaters Art, und wie die meisten selbstwilligen Naturen,
liebte er es auch nicht, gegen Andere seiner vorge-
schrittenen Jahre und seines Todes zu erwähnen. Ich
sprach ihm also von Herzen den Wuusch ans, daß der
Zeitpunkt, dessen er gedenke, noch ein ferner sein mige.
Laß uns das hoffen! entgegnete er, denn Lang-
lebigkeit hat bis auf die traurigen Ereignisse der lezten
Jahre zu den schönen Vorrechten unseres Hauuses gehört;
und es soll mich freuen, wenn mir noch die Zeit bleibt,
Dich in die Geschäfte einzuweihen. Ich habe eine
brauchbare Hilfe verloren durch Deines ältesten Bruderö
Tod. Er hätte es gut verstanden, meine Stelle aus-
zufüllen. Du? -- Nun! DaS sind vergangene Zeiten!
-- Es hat Dir gefallen, Dich in Liebesabenteuern und
als Kümnstler zu versuchen --
Ich wollte ihn unterbrechen, denn ich merkte bald,
wohin die ganze Unterredung zielte und weöhalb meine
Mutter in ihrem Schweigen mir die Hand so innig
drückte. Aber der Vater ließ mich nicht zu Worte
kommen, und sich von seinem Sessel erhebend, sezte er

freundlich hinzu: Glaube nicht, daß ich rückwärts blicke,
um Dir Vorwüürfe zu machen! In Wahrheit nicht! Du
warst der jüngste Sohn, warst nicht des Hauses Stamm-
halter und Erbe und thatest nach Deinem Vergnügen
-- was freilich nicht das meine war. Aber Du warst
jung und davon ist nicht mehr zu sprechen! Komn'! --
Der Diener erschien in der Thüre, zu melden, daß die
Mahlzeit aufgetragen sei - komn'! gieb derMutterDeinen
Arm, es wird nach der Mahlzeit weiter davon zu reden sein.
Wir saßen, wie fast inmer in den letzten Zeiten,
nur zu Dreien bei einander, doch über meine Eltern
schien plözlich ein anderer Geist gekommen zu sein.
Meine Mutter zeigte sich gesprächiger als seit lange.
Ich erfuhr von ihr, daß Donna Carolina bei ihr ge-
wesen sei, daß sie sich auch wohl genug befunden habe,
den Besuch des Marquis und seiner Schwester anzu-
nehmen. Sie rühmte es, wie Donna Carolina trotz
ihrer weltlichen Gesinnung eine treue und zuverlässige
Freundin sei, und wie selbst Pater Cyrillus sie in diesem
Punkte sehr hoch schätze. Es war danach von den an-
genehmen Umgangsformen viel die Rede, deren die alte
franzdsische Aristokratie mehr als alle Anderen sich zu
rlhmen habe;und von dem Allgemeinen zn dem Vesonderen

8K
übergehend, erwähnte mein Vater der Umsicht, mit
welcher der Marquis bei dem Sturze der Bourbons,
zur Zeit seiner freiwilligen Auswanderung, es verstanden
habe, sein Vermögen ohne Verluste ans Frankreich
herauszuziehen. Er pries an ihm seine Hingebung an
das legitime königliche Haus von Frankreich, für das
er große Opfer gebracht habe. Meine Mutter zeigte sich
von der Treue, mit welcher der Marquis dgs Andenken
seiner Gattin heilig halte, eben so gerührt, als erbaut
von seiner und seiner ganzen Familie tiefen Religiosität,
und zwischendurch bemerkte mein Vater beiläufig, der
Marqnis sei gar nicht abgeneigt, einen Theil seines
großen, in der englischen Bank befindlichen Vermögens,
in Grundbesitz anzulegen, falls sich im Kirchenstaate ein
vortheilhafter Ankauf für ihn machen ließe.
Die Unterhaltung bewegte sich durchaus in den
Grenzen, welche die Anwesenheit der aufwartenden Diener
nothwendig machte. Alles was meine Eltern sagten,
war von ihrem Standpunkte völlig richtig, aber es war
nicht zu verkennen, daß sie sich meiner Zustimmung z
ihrem Plane in einer Weise sicher fühlten, der zu ent-
sprechen ich nicht ohne Weiteres im Stande war, und
an die zu glauben, sie nur durch Donna Carolinas

8
leichtsinnigen Eifer bewogen sein konnten. Daneben be-
griff ich weder, welches Interesse eben sie an dem Zu-
standekommen meiner Heirath mit der Marchesina nahm,
noch warum der Pater sich derselben so geneigt erwies.
Ich ersehnte deshalb den Augenblick herbei, in
welchem ich mich gegen meine Eltern in Nnhe ann-
sprechen und von ihnen die nothwendigen Erklärungen
empfangen konnte, und da ihre sichtliche Zufriedenheit mit
mir und ihre Heiterkeit, die zu sehen ich so lange ent-
behrt hatte, mich erfreuten, hatte ich den besten Willen,
mnit ihnen zu einem Einverständniß zu gelangen. Indeß
da es sich hier nicht um eine Gefälligkeit von meiner
Seite handelte, sondern um zweier Menschen Glück und
Schicksal, durfte ich nicht anstehen, meine Eltern sobald
als möglich zu enttäuschen. Ich that das auch, sobald
ich mich nach aufgehobener Tafel allein mit ihnen sah.
Ich sagte, da Domna Carolina heute bei ihnen
gewesen sei, werde sie auch ihnen von dem Heiraths-
vorschlage gesprochen haben, mit welchem sie mich beehrt
habe. Die günstige Meinung, welche ich die Eltern heute
eben wieder über den Marquis und seine Familie hätte
ußern hören, mache es mir zur Freude, ihnen sagen
zu kdnnen, daß ich kein Widerstreben gegen die Ehe

fühle, falls ich in der Tochter des Marquis ein Md-
chen finden sollte, das ich lieben und mit welchem ich
dauernd glücklich zu werden hoffen kdnnte.
Mein Vater sah mich mit großen Augen an. Es
war das offenbar nicht, was er von mir zu hören er-
wartet hatte, und sein lebhaftes Temperament wollte
auffahren; aber er bezwang sich rasch. Bravo! rief er,
das ist gesprochen, wie es einem Manne in Deiner Lage
ziemt! Indeß, fügte er hinzu, Du hast Dich, wie mir
scheint, die Jahre hindurch des Suchens sehr befieißigt
uund im Finden noch kein Gllck gehalt. Nun haben
wir flr Dich gesucht und sind erfreut, das Mädchen
gefunden zu haben, das wir mit Genugihuung als die
Gattin unseres Sohnes zu empfangen bereit sind.
Das ging weiter, als es schweigend hinzunehmen
für mich möglich war. Ich zweifle nicht, mein Vater,
sagte ich deshalb, daß Sie vorsichtig erwogen haben,
was mir nüzlich sein kann, aber in diesem Falle kommt
es doch auf mein eigenstes Entscheiden an. Mademoiselle
Alphonsine ist noch nicht hier.
Der Marquis wird sie hierher bescheiden, fiel mir
der Vater in die Rede, sobald wir mit einander fertig
sind; und nur ein Punkt ist es, mein Sohn, über den

wir uns zuvor zu verständigen suchen, auf dessen Er-
füllung aber der Marquis sowohl als ich bestehen
müssen!
Verzeihen Sie, mein Vater, wendete ich ein, wenn
ich Sie bitte, über diese Angelegenheit nicht weiter
sprechen zu wollen, ehe ich die junge Dame nicht gesehen,
nicht kennen gelernt habe. Gewinne ich die Neigung
der Marchesina, glaube ich glücklich mit ihr werden zu
kdnnen, so kennen Sie mich genugsam, um zu wissen,
daß ich in materiellen Dingen keine Schwierigkeiten
mache. Kann ich mich für das Fräulein nicht ent-
scheiden - -
Wie? fuhr mein Vater auf -- Dich nicht ent-
scheiden? Was willst Du damit sagen? Dich nicht
entscheiden?
Er hat das Bild noch nicht gesehen, begüütigte die
Mutter, ex wird anders sprechen, wenn er ihr Bild ge-
sehen haben wird.
Nein! liebe Mutter, entgegnete ich, auch wenn ich
das Bild gesehen und es schön und liebenswerth ge-
funden hätte, würde ich es nicht versprechen kdnnen, ein
Mädchen zu heirathen, dessen Wesen mir trotz der
Schdnheit antipathisch sein könnte. Will der Marquis

89
mir die Gelegenheit geben, die Bekanntschaft seiner
Tochter zu machen - -
Meines Vaters Augen flammten auf. Was denkst
Du? rief er. Ist der Marquis ein Handelsnann und
seine Tochter eine Waare, die er auf den Markt bringt,
umt sie annehmen oder zurückveisen zu lassen, je nach
den Belieben eines Dritten? Soll er sie aus dem
Kloster rufen, wo sie in heiliger Obhut ist, um sie
dorthin zurüchuschicken, wenn es Dir nicht gefällt, ihr
Ehem:ann zu werden? Es ist von Deiner künftigen
Gattin, von der wir sprechen, von einer Dame aus
edelm Geschlecht, und nicht von einem der Modelle, die
man sich auf der Straße auswählt.
Mein Vater! bedenken Sie Ihre Worte! bat ich
ihn mit leberwindung, aber wenn seine Heftigkeit erregt
war, fiel ihm Selbstbeherrschung schwer, und mit spotten-
der Lippe wiederholte er: Ein Graf Armero kann sich
seine Gattin nicht so suchen, wie der Bildhauer das
Modell, das er fortschickt, wenn er seiner satt geworden!
So ist der Bildhauer ohne Frage besser daran,
als der Graf! gab ich ihm zur Antwort, denn auch
mich verließ die Nuhe.
Ohn' alle Frage! wenn er kein Gewissen hat und


öffentliches Aergerniß zu geben sich nicht scheut! ent-
gegnete mein Vater mit seinem bittern Lachen.
ach hatte mich erhoben, und mich zu mäßigen
suchend, weil ich den leidenden Zustand meiner Mutter
zu schonen wüinschte, sagte ich: Erlauben Sie, mein
Vater, daß ich mich entferne. Ich glaube, wir sind zu
Ende mit der Verhandlung über diese Angelegenheit.
Nein! rief meine Mutter, indem sie mich bei der
Hand zurückhielt, nein! mein Sohn! Hört mich, meine
Lieben! Laßt mich die Vermitklerin machen zwischen
Euch, zwischen den beiden Letzten, die der Himmel uir
noch gelassen hat. Laß Dich des Vaters Wort nicht
kränken. Es ist seine zornige Liebe, die es ausgestoßen
hat, weil er Dich Deln Gllck verschmähen sieh;. --
Sei nicht hart mein Gatte, mit dem Sohne! Er hat
Dein heißes Blut, er ist jung gewesen, er hat gefehlt
und hat es schwer gebüßt. Aber unser frommer Freund,
der edle Pater Cyrillus, hat es heut' noch ausgesprochen,
es steht geschrieben: es wird mehr Freude sein im
Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über
hundert Gerechte! -- Hilf unserem Sohne, mein Gatte,
daß er zur Freude unseres Alters, zur Ehre unseres
Hauses auf den rechten Pfad gelange, von dem er nicht

O
mehr lassen wird, wenn er den Segen und die reine
Freude kennen gelernt hat, die nur auf der von Gott
gewiesenen Bahn zu finden sind.-- Es ist ein Ausweg
möglich! Ich will mit dem Marchese sprechen. Ben-
venuto soll daä Mädchen kennen lernen, das wir ihmu
bestimmnen. Man kann, Gesundheitsrücksichten vorschüzend,
Fräulein Alphonsine für die kalten Monate hierher be-
rufen! -- Nur entscheidet in diesem Augenblicke Nichts,
und um der Liebe willen, die ich flr Euch Beide hege,
und die allein mich noch an diese Erde knüpft - geht
nicht mit Groll im Herzen von einander.
Sie legte meine Hand in die des Vaters, der
Bllck auf ihr vergrämtes Autliz that das Üebrige.
Wir schwiegen Alle eine Weile, bis die Mutter, sich zu
mir wendend, noch einmal daä Wort ergriff.
Ich zweifle nicht, sagte sie, daß die Erinnerung
an die Liebe, welche er für seine Gattin hegte, dasß der
hohe Begriff, den der Marquis von der Heiligkeit der
Ehe hat, ihn bestimmen werden, dem Wunsche zu will-
fahren, welchen Benvenuto in dem gewissenhaften Ver-
langen ausgesprochen hat, kein Bündniß einzugehen, an
das er sich nicht von ganzem Herzen und für immer
mit Auöschließlichkeit hinzugeben vermöchte. Aber nicht


allein um Deine Forderungen handelt es sich hier mein
Sohn! auch der Marquis hat Forderungen an Dich zu
stellen. Er hegt Wünsche für seines einzigen Kindes
Gllck, die wir Dir an das Herz zu legen, versprochen
haben, und über deren Gewährung wir sicher sein müssen,
ehe wir von ihm verlangen dürfen, daß er um Deinet-
willen seine Tochter in sein Haus bescheidet.
Ich bat meine Mutter, mir diese Wütnsche mit-
zutheilen. Muß ich sie Dir noch besonders nennen?
fragte sie, da ich doch mit Freuden sehe, daß Deine
Begriffe von der Bedeutung einer Ehe ernst und würdig
sind? Du willst das Mädchen kennen lernen, um zu
prüfen, ob Du versprechen kannst, es ausschließlich zu
lieben; so hast Du sicher auch daran gedacht, welch'
eine andere Auäschließlichkeit dereinst eine Gattin von
Dir zu begehren das heilige Necht besitzt. Oder hättest
Du Dir'S niemals vorgestellt, wie es in einem jungen
keuschenHerzen die Scham und Eifersucht erregen muß, wenn
der Ehemann Blick und Seele weidet an den Neizen
fremder Frauen? Und soll ein Vater nicht Bedenken
tragen, seine Tochter solchem Schmerze auszusezen?
Ich wußte jezt, wohin man wollte. Aber als fürchte
mein Vater, es mich auösprechen zu lassen, was er von

K
mir nicht hören wollte, setzte er rasch hinzu, wie es sich
hier nicht nur umt die Sorge eines Vaters für das
Glück der Tochter handle, sondern um eine Ehrensache,
um die Berücksichtigung jener Ehrenforderung, welche
zwei Edelleute an den Stammhalter ihrer beiderseitigen
Familien zu erheben genöthigt wären, und auf welche
einzugehen, mir die Pflicht gebiete, da man bereit sei,
auch meinen Ansprüchen uud Verlangnissen vollauf gerecht
zu werden.
Meine Lage war im hohen Grade quälend. Ich
bat meinen Vater, die Verhandlungen abzubrechen, um
es nicht wieder zu Erörternngen über unsere verschiedenen
Begriffe von Demjenigen kommen zu lassen, was Jeder
von uns für seine Ehre und für Standesehre hielt. Ich
sprach mit großer Behutsamkeit, da ich jeden Zwiespalt
zu vermeiden wüünschte. Auch mein Vater zeigke sich
gelassener und milder, als ich es je von ihm erfahren
hatte, und das rührte mich; denn in den Tagen seiner
Kraft war er vor einer noch so gewaltsamen Entscheidung
nicht zurückgewichen. Jetzt machten das Alter und sein
Ungllick ihn zur Schonung, zum Verhandeln geneigt, und
es that mir wehe, als er sich selber anklagte, wo ich
erwartet hatte, einen Vorwurf pon ihm zu erfahren.

94
Ich habe mich zu tadeln, mich und meine Nach-
giebigkeit gegen Dritte, nicht Dich! sagte er, während er
gedankenvoll vor sich niederblickte; aber was fruchtet
diese Erkenntniß uns in dieser Stunde? Ich handelte
nicht weise, nicht als Edelmann, da ich auf Zureden
Monsignore Arrigo's, auf Bitten Deiner Mutter, Dir
vergönnte von der Sitte unserer alten Geschlechter, von
unseren Familientraditionen abzuweichen; als ich Dir
verstattete, den Künstler, den gewerbtreibenden Bildhauer
zu machen, statt Dich Deinen Weg unter der Führung
jener verehrungswürdigen Gemeinschaft suchen zu lassen,
aus deren Neihen Dein Vetier der Bischof und Dein
Großoheim der Cardinal hervorgegangen find, die Ring
und Hut aus den Händen des heiligen Vater empfan-
gen haben. Ich wußte wohl, daß ich damit nicht gut
that. Aber Du warst ein nachgeborener Sohn, Dein
Talent war bedeutend, ich glanbte Deinem Wunsche
Gehör geben zu dürfen, denn zwei andere Söhne und
ein Enkel standen mir zur Seite, den Namen und das
Ansehen der Fgmilie aufrecht zu erhalten. - Er machte
eine Pause, und mit einem Schmerze, den er schwer
bewältigte, sagte er danach: Sie Alle sind uun nicht

mehr! Du bist mein letzter Sohn, und meine Tage find
gezählt. Das bedenke, ehe Du entscheidest!
Ich konnte Nichts thun, als versichern, daß es mich
glücklich machen würde, mich den Wünschen meiner
Eltern anzupassen, sofern man von mir nicht begehre,
was zu leisten mir unmöglich sei.
Nun denn! rief mein Vater, so werden wir diesen
Tag zu segnen haben, und Du selbst wirst es erkennen,
wie ich bemüht gewesen bin, Deiner Mutter Wünsche
und die Deinen mit den Pflichten in Einklang zu brin-
gen, die zu erfüllen die Ehre unseres Hauses mir ge-
bietet.
Er schwieg darauf eine Weile, und sich in seinen
Armsessel zurücklehnend, wie er es zu thun pflegte, wenn
er es auf eine längere Auseinandersezung abgesehen
hatte, sagte er: Ich bin alt geworden und das Miß-
trauen, das dem Alter eigen sein soll, habe ich gegen
mich selbst empfinden lernen. Ich habe nicht allein
entscheiden wollen, sondern habe Rath gepflogen mit dem
Manne, den ich zu meinem Nachtheil eine Zeit lang
hindurch verkannt habe, und von dem auch Du Dich
vorurtheilsvoll entfernt hast, obschon er nicht aufgehört
hat, unserem Hause in ergebener Treue anzuhängen, und

96
Dich mit Freundesaugen auf Deinen Wegen zu begleiten.
Er ist es denn auch gewesen, Pater Cyrillus ist es ge-
wesen, der das Mittel gefunden hat, meine Wünsche und
die Deiner Mutter, mit Deinem künstlerischen Ehrgeiz
zu vereinen, und zugleich dem Herzen unserer armen
verwittweten Schwiegertochter eine tröstliche Erhebung zu
bereiten.
Ich traute meinen Ohren nicht, und nur besorgter
werdend, da ich diesen Namen nennen hörte, versetzte ich:
einer Verwendung des Paters zu. meinen Gunsten sei ich
mir in der That nicht gewärtig gewesen, da er in ver-
schiedenen Zeitpunkten versucht habe, nich wenigstens
einer Affiliation mit dem Orden zuzuführen, deren ich
mich geweigert hätte.
Mein Vater wiegte langsam das Haupt. Und
glaubst Du, sprach er, es hätte Dir Schaden gethan,
Dich eines so mächtigen Beistandes zu versichern? Der
Einfluß des Ordens ist weithin wirksam, und auch der
Starke und Mächtige kann zu Zeiten die Beihülfe einer
so großen, fest organisirten Kraft sehr wohl gebrauchen.
Aber davon vielleicht ein andermal! Für heute laß
Dir die Versicherung genüügen, daß ich es bereue, Pater
Cyrillus eine Zeit hindurch verkannt zu haben. Er hat

I?
sich seit den Ungllicksfällen, die uns heimgesucht haben,
uns als ein mitfühlender und ergebener Freund
bewiesen, und seit Deine Lebensaussichten sich verändert
haben, ist er eifrig bemüht gewesen, unsere Zuversicht zu
Dir neu zu beleben. Er hat mit dem Glauben an
Dein Herz und an den guten Sinn, den er in Dir der-
einst gekannt, Deiner Mutter Seele über Deine Irrthüümer
getröstet, sie mit neuen Hoffnungen für Dich erfüllt.
Er hat sie dazu beredet, unter uns und mit uns zu
verweilen, weil ihr in unserem Hause noch Freude durch
Dich erblühen könne. Er ist eifrig bemüht gewesen, Dir
eine Gattin ausfindig zu machen, deren Schönheit,
Namen, Reichthum allen Deinen Ansprüchen genügen
müssen; und ihm auch dankst Du es, dasß der Marquis,
troz der Bedenken, welche Deine stürmische Vergangen-
heit einem Vater wohl erregen durfte, bereit ist, Dir
das Glick seines einzigen Kindes anzuvertrauen. -
Gestehe ein, mein Lieber, schloß er, daß dies nichts
Kleines ist.
-Aber zu irgend einem Zugeständniß fand ich nicht
in mir den Anlaß. Ich sah vielmehr mit wachsender
Bestürzung, daß Cyrillus auch meinen Vater wieder in
sein Netz zu ziehen verstanden hatte, daß er jezt völlig
F. Lewald, Benvenuto. ll.

WK
Herr in unserem Hause war. Ich konnte nicht daran
zweifeln, daß er meines Vaters angeerbte Neigung für
den Orden neu zu beleben verstanden hatte. Ich mußte
besorgen, in meinem Vater vielleicht einen weltlichen
Verbündeten desselben vor mir zu sehen; aber wie dem
auch sein mochte, ich ward es mit Bestürzung inne, wie
fremd ich den inneren Vorgängen in meiner Familie,
durch meine eigene Schld geworden war.
Daß der Eifer und die Theilnahme des Paters an
meinem Schicksale nicht ehrlich gemeint sein konnten,
daß er nicht mir, sondern seinen und des Ordens Zwecken
in unserem Hause diente, dessen war ich sicher. - Ich
sollte auch sofort erkennen, auf welches Ziel es abgesehen
war, denn meine Mutter ließ es sich angelegen sein,
IR--
Sie sagte, daß sie vor einiger Zeit, hingenommen
von ihrem Schmerze und auch von der Sorge um mein
Heil, das Verlangen gehegt habe, sich in das Stamm-
schloß ihrer mütterlichen Familiezurückzuziehen, welch8be-
stimmt gewesen war, mit dem dazu gehörenden Landbesitz
das Erbe und die Ausstattung meines zweiten Bruders aus-
zumachen. Da es diesem Zweck jetzt nicht mehr dienen


könne, habe sie aus dem Hause ein Kloster für Schwestern
vom heiligen Herzen Jesu unter der Bedingung machen
wollen, daß in demselben fortdauernde Gebete für unser
Haus gehalten würden; und in der Gemeinschaft dieser
Schwestern zu leben und zu sterben habe sie gewülnscht.
Von diesem Vorsatz habe der Pater sie zurückgebracht.
Er habe sie überredet, ihr Erbe zu weltlichen Zwecken, zur
Ehre ihres sie überlebenden Geschlechtes zu verwenden.
Damit sei mein Vater, der ihr Fortgehen aus dem
Hause schwer empfunden haben würde, einverstanden ge-
wesen. So habe sie denn den Colleg der Jesuiten
einen Theil ihres liegenden Besizes mit meines Vaters
Billigung zugewiesen, damit von dem Zinsertrage des-
selben zwei reich ausgestattete Stipendien für zwei junge
Kleriker aus ihrem und unserem Geschlechte gegründet,
und Diesen unter Leitung des Ordens eine möglichst
vollständige Ausbildung gegeben werden könnte. Den
Rest ihres Grundbesizes und daä kleine Schloß habe
mein Vater käuflich für unser Hans übernommen, und
mit dem dadurch frei gewordenen Capitale wünsche sie
dem Andenken ihrer heimgegangenen Söhne durch mich,
durch ihren letzten Sohn, für alle Zeiten ein würdiges
Denkmal zu errichten.

1
Mein Vater hatte die Mutter ruhig ihre Aus-
einandersetzuugen machen lassen, nun nahm er das Wort.
Er sprach sich sehr zufrieden mit den Entschließungen
der Mutter aus, und erinnerte mich dann daran, wie
schwer es ihm gefallen sei, sich darein zu finden, daß
ein Mann, der seinen Namen trage, daß sein Sohn,
den Arbeiter für Fremde mache. Ihn habe es verlezt
und werde sein Ehrgefühl verletzen bis auf den letzten
Tag, wenn der erste beste über die Alpen oder den
Dcean herübergekommene Fremde sagen könne: Ich habe
den Marchese Armero für seiner Arbeit Mih und
Schweiß bezahlt. Der Marchese hat mein Bild gemacht!
ich gab ihm Geld und Brob! -- Den Stammhalter
seines Geschlechts in so erniedrigender Abhängigkeit fort-
leben zu lassen, das gehe gegen seine Pflicht und sein
Gewissen. Aber, fuhr er fort, Du hast die künstlerische
Neigung und Du hast mir dereinst gesagt, des Künstlers
Ehre fordere es, ein Denkmal seines Könnens für die
Nachwelt hinzustellen. Nun! ich weiß auch des Künstlers
Ehrgefühl in Dir zu achten. Es soll ihm ein volles
Genüge zugestanden werden.
Er hielt inne wie Jemand, der dem Empfänger
Zeit vergömnen will, sich auf eine große Gunst im Ge-

11
müthe vorzubereiten, und sprach dann langsam seine
Worte wägend: Das Haus der Armero entbehrt biä
heute einer eigenen Grabkapelle, wie die Geschlechter--
er nannte verschiedene Namen - sie sich in unseren
Kirchen in alter und in neuer Zeit gegründet haben.
In der Kirche . - - (es war in einer der Jesuiten-
Kirchen Romss will Deine Mutter eine solche Grab-
kapelle stiften, dort sollen die Messen für unser Haus
gelesen werden für alle kommende Zeit. Dir wird der
Bau und die ganze Ausschmückung des Denkmals über-
lassen. Die Mittel, die Dir zur Verfüügung stehen,
geben Deiner künstlerischen Phantasie die Möglichkeit,
sich in aller Freiheit zu bethätigen. Wir bieten Dir
für Jahre eine Beschäftigung nach Deiner Neigung, die
Deinem Namen als Künstler eine Zukunft sichert; aber
wir verlangen dafür, im Verein mit dem Marquis, die
Zusage des Edelmannes, daß er nach Beendigung dieses
Werkes, als Edelmann lebend, die Kunstausübung An-
deren überlasse, und aufhöre den Bildhauer zu machen!
Das ist Pater Cyrillus! stieß ich unwillkürlich aus.
Mein Vater sah mich mit finsterem Blicke an.
Ich hatte von Dir ein anderes Wort, eine andere Ant-
wort erwartet! sagte er.

1
Ich bedurfte eines Augenblicks, mich zu fassen.
Das Anerbieten, das man mir machte, mußte den größten
Ehrgeiz reizen. Es würde mir wie ein hohes Glück
erschienen sein, und ich würde es mit warmem Danke
empfangen haben, ohne die Bedingung, die man daran
knüpfte. Jetzt empörte die Arglist, mit welcher der
Pater zu Werke gegangen war, mein Herz und erfüllte
mir die Seele gegen ihn mit Hasß. Der Plan war
mit genauer Kenntniß der Betheiligten und mit großer
Klugheit ausgedachtr Meine eigenen künstüerischen Wünsche,
das Verlangen meiner Eltern mich zu verheirathen, die
Trauer wie die Frömmigkeit meiner Mutter, und meines
Vaters aristokratische Vorurtheile, waren von ihm so
richtig berechnet und so geschickt mit einander verknüpft
worden, daß meine Weigerung, auf das mir von mei-
nen Eltern Dargebotene einzugehen, wie ein Mangel an
Kindesliebe, ein Mangel an Liebe für die vor mir ge-
storbenen Brüder erscheinen mußte; und mein Zurück-
weisen der durchaus vortheilhaften Heirath konnte in
noch üblerem Sinne gedeutet werden.
Meine Mutter schüttelte traurig das müde Haupt.
Er hat verlernt auf uns zu hören, sagte sie, und ich

13
hatte so fest darauf gebaut, ihn zu erfreuen, ihn er-
kennen zu lassen, was die Mutterliebe ist!
Ich wurde, wie ich mich auch zu fassen suchte,
aus einer Empfindung in die andere geworfen. Ich
hatte viel gut zu machen, ich wünschte zu versöhnen.
ach sah, daß mein unwillkürlicher Ausruf meinen Vater
gekränkt, meiner Mutter wehe gethan; und sie waren
beide in der Hand eines Mannes, dessen Absicht mich
von meinen Eltern zu trennen, sie gegen mich einzu-
nehmen, mir erst in dem Augenblicke völlig klar ward,
in welchem er mich unvorbereitet zu einer Entscheidung
hingedrängt hatie, über deren Ausfall er keinen Zweifel
hegen konnte. Indeß seiner Arglist ohne Kampf das
Feld zu räumen, war ich nicht gesonnen. Ich hatte
nicht allein mich, auch meine Eltern hatte ich gegen
die Absichten des Ordens, in dessen Dienst der Pater
handelte, zu vertheidigen, und mit der Gewalt, welche
die Nothwehr mir zur Pflicht machte, beschwor ich meine
Eltern, mich zu hören, mir zu glauben und mir zu
dertrauen.
Ich gestand es ein, daß ich nur mir und meinen
Neigungen lebend, bisher den Pflichten gegen sie nicht
Genüge gethan hätte. Ich versicherte sie, daß es

1s
mir eine Herzens- und Ehrensache sein solle, zu ver-
güten und zu ersetzen, was ich so lang versäumt hatte,
ihnen Freude zu machen, so weit ich es vermöchte. Ich
sprach es ihnen aus, daß ich selber mich nach einer
Festigung meines Lebens sehne, daß ich mtich zu ver-
heirathen wünsche, und stolz sein würde, unserem Hause
das Denkmal zu errichten, dessen Ausführung man mir
anvertrauen wolle, nur dürfe man nicht fordern, was
ich nicht zugestehen könne. Nur das Unmögliche, mein
Vater, rief ich aus, fordern Sie nicht von mir.
Mein Vater hatte mich ohne Unterbrechung reden
lassen. Was ist unmöglich, wo es sich gm Pflicht und
Ehre handelt? fragte er mit einer Kälte, die mir eine
üble Vorbedeutung war.
Ich kann mich nicht begraben in dem Mausoleum
der Armero's! sagte ich, um es mit kurzen Worten
auszudrücken.
Laß die Phrase! rief mein Vater, triff mit
geradem Worte Deine Wahl und suche nicht beschö-
nigende Ausflucht.
Es ist keine Ausfiucht, kein Beschönigen, das ich
suche, betheuerte ich ihm, und ich habe keine Wahl,
wenn es mir nicht gelingt, Sie, mein Vater, anderen

10
Sinnes zu machen! Soll ich mich lebendig den Todten
zugesellen? Meinen Namen, meinen Künstlernamen soll
ich heften an die Todtengruft für ferne Zeiten, und
auf meine Freiheit verzichtend, mein frisches Künstler-
leben betten in den Sarkophagen meiner Brüder? Das
vermag ich nicht, mein Vater! Das zu thun, kann ich
nicht versprechen. Denn in Freiheit schaffen, das allein
heißt leben für den Künstler, und zum: Künstler hat
mich die Natur gemacht. Das Herz würde eö unir er-
drücken und den Sinn verdüstern in Verzweiflung, wenn
ich dastände vor der vollendeten Grabkapelle, mit dem
Gedanken: es ist der letzte Meißelschlag, den Du gethan
hast! -- Oer welches Gllck, welchen Trost und Ersaz
kdnnte ich finden in den Armen einer Gattin, die, um
sich meiner Treue zu versichern, mich untreu machen
wollte, an mir selber, an meinem eigensten Sein, an
dem Berufe, durch den ich mir selber, durch den ich in
den Augen der Menschen Etwas bin?
Du bist ein Graf Armero! fiel mein Vater mit
stolzer Härte ein, schlimm genng, daß Du's so lang
vergessen hast.
Ich vergaß das nie, mein Vater! sagte ich bestimmt
und ehrfurchtsvoll. Er aber achtete nicht darauf.

10
Schlimm genug, daß ich Dich daran mahnen, daß
ich Dich erst daran erinnern muß, wie mein Wille noch
der meine, wie Deine Zukunft noch in meiner Hand ist,
setzte er hinzu.
Die Drohung brachte mich um meine Fassung, und
kalt von ihr berührt, erwiderte ich ihm auch mit Kälte:
Ich habe nie daran gedacht auf Ihren Willen, auf Ihre
freiesten Entschließungen zu meinen Gunsten irgend einen
Einfluß auözuüben. Ich habe nie, und darauuf mein
Vater! empfangen Sie mein Wort, auf irgend eine
Begünstigung gerechnet, die mir von Ihnen kommen
könnte. Denn was ich auch verschuldet haben mag,
von Eigennutz, von Habsucht, von Berechnung weiß ich
meine Seele frei. Ich war mir selbst genug - und
ich denke es zu bleiben.
Mein Vater hatte sich mit Heftigkeit erhoben, und
. dicht an mich herantretend, sagte er: Also Dir steht
nicht an, was ich Dir biete?
Nein, mein Vater! sagte ich.
Du denkst die Verbindung mit der Tochter des
Marquis nicht einzugehen?
Nein, mein Vater! wenn man für dieselbe andere

1?
Bürgschaft von mir fordert, als meinen Treuschwur
und mein Manneswort - gewiß nicht.
So denkst Du den Künstler zu spielen fort und
fort? rief er mit wachsendem Zorn; Du denkst fort und
fort in niederer Gemeinschaft für Deines selbstgemachten,
großen Namens Ehre und Unsterblichkeit Dich in aller
Freiheit nach immer neuer Nahrung umzuthun?--
Nun denn! so geh! hohnlachte er, so geh! und vergiß
es, daß Dun einen Vater hatlesl, der Dich zurückhusü hren
wünschte, Dich wieder einzureihen wünschte in die Reihen
Derer, die seines Geschlechtes Namen mit Ehre und
Würde trugen! -- Geh! weit, weit weg von mir und
meinem Hause auf Nimmerwtedersehen! damit nicht jeder
Tag mich schmerzlich mahne, daß ich einst einem Sohne
das Leben gab, der - -
Ein Aufschrei meiner Mutter machte ihn verstum-
men. Sie war zusammengebrochen. Ich sprang hinzu,
sie aufzurichten, mein Vater hatte mit solcher Gewalt
die Schelle gezegen. daß ihre Schnur in seiner
Hand blieb.
Tragt die Gräfin in ihr Zimmer! befahl er der
herbeigeeilten Dienerschaft, und mir abwehrend die Hand
entgegenstreckend, da ich mich anschickte, der Ohnmächtigen

18
zu folgen, sagte er: Lassen Sie es genug sein mit diesen
Beweis der Kindesliebe, Herr Bildhauer! es gelüstet
uns nach keinem weiteren. Aber seien Sie überzeugt, daß
ich sie zu nutzen wissen werde, die Freiheit über mein
Eigenthum zu verfügen, die Ihr hohes Selbstgefühl mir
so großmüthig vergönnt.
Der kalte Spott fiel erstarrend nieder auf mtein heiß-
bewegtes Herz. Ich konnte daneben keine Vertheidigung
versuchen, und mich vor seinemt Worte beugend, verließ
ich das Gemach und meines Vaters Haus.

Kapitel 07

iebentes Capilel.

Ez Ig nlchts Klelnes seines Vaters Zorn auf sich
geladen, dem Auge der Mutter Thränen des Schmerzes
erpreßt zu haben, fortzugehen von des Vaterhauses
Schwelle alä ein Ausgewiesener; und ich empfand die
Schwere dieses Schicksals in ihrer ganzen Wucht, als
ich einsam meines Weges ging.
Es war spät am Abend. Die Straßßen waren
menschenleer und dunkel, und krüb und dunkel war es
auch in meinem Innern. Da, als ich aus der Enge
der Gasse auf den Plaz hinaustrat, fingen die Wolten
über meinem Haupte sich zu erhellen an. Ein flimmern-
der Schein glizerte in den Fenstern der oberen Gestocke,
und die Nacht, die Alles unterschiedlos in ihrem Schatten
verborgen, mit siegender Gewalt erhellend, trat der
Mond lber die Gipfel der Häuser hellleuchtend empor

1
und brachte Licht, und mit dem Lichte tröstliche und
hoffnungssichere Klarheit auch in meine Seele.
Nachdröhnend wie ein schwerer Schlag hatte das
höhnende Wort meines Vaters, jenes verächtliche: , Herr
Bildhauer!'' auf mir gelastet. Nun empfand ich's als
meine Freisprechung; und was mich niederschmettern
sollte, ward mir zur Stütze, an der ich mich emwor-
richtete. Mochte mein Vater über den Namen und
Besiz, der ihm und uns von seinen Ahnen kam, ver-
fügen wie er es für gut hielt. mochte er ihn auf die
Verwandten übergehen lassen, die mehr seines Sinnes
waren als sein Sohn, und der Kirche zuwenden, was
sie mit arger List erstrebte: mein Können, meine Freude
an dem künstlerischen Schaffen konnte keines Vaters
Wille, keines Menschen Macht mir rauben. Nie deut-
licher als in jener Stunde, da ich mich als einen Ent-
erbten zu betrachten hatte, empfand ich es, welch' einen
Schatz und welche Quelle eines eigensten Gllckes der
wahre Künstler in sich und seiner Kunst besizt.
Spät, wie es war, konnte ich mir es nicht versagen,
noch in meine Werkstatt einzutreten. - Wie ich mit
gebeugter Seele und gebeugtem Haupte aus dem Portale
unseres alten Grafenschlosses fortgegangen war. so

z z H
richtete ich mich jezt, fest und sicher in mir selbst empor,
und unwillkürlich wiederholte der zum Manne gewordene
Jüngling sich den Ausruf, den der Knabe einst in frohen
Erstaunen über sein ungeahntes Können vor der Mutter
ausgestoßen hatte: . .g bin ein Bildhauer und Bild-
N,
hauer will und muß ich bleiben,-- komme was
immer mag.?
Ich erwachte mit neugestärktem Sinne. Das
Erlebte zitterte in mir nach, wie die Erinnerung an
einen schweren Traum, aber es waren eine Ruhe und
Stille in mir, die mir wohlthaten. So war mir in
den Tagen meiner frühen Jugend in der Neujghrsnacht
wohl zu Sinn gewesen, wenn füür meine Vorstellung
das alte Jahr begraben und von dem neuen noch durch
eine große Kluft getrennt war.
aeh sah meine Arbeiten darauf an, wie weit sie
vorgeschritten waren und bedachte, in wie viel Zeit sie
zu beenden sein dürften; denn ich wüünschte, je eher je
lieber ein Ende zu machen mit der Art des Schaffens,
der ich mich in den lezten Zeiten überlassen hatte.
Ein paar Büüsten, die ich unternommen, ein paar Fi-
gürchen, die ihre Käufer bereits gefunden hatten, waren
F. Lewald, Benvenuto. l.
8

1
von den Hülfsarbeitern soweit vorgearbeitet, daß es nur
der letzten Ausführung von meiner Hand bedurfte. -
Auch das Grabdenkmal, dessen Vorarbeiten zu dem ersten
Zerwüürfniß zwischen mir und Gloria den Anlaß gegeben,
war so weit fertig, daß die Verabredungen für den
Zeitpunkt seiner Aufstellung genommen worden waren.
Ich blieb den ganzen Tag in meiner Werkstatt,
Niemand störte mich in meinem Nachdenken. Ich sah,
wie viel ich fördern konnte, wenn ich mich in Sammlung
an meine Arbeit hielt, und ich versprach mir, daß der
Anbeginn des Sommers vollendet sehen sollte, was von
angefangener Arbeit unter meinen Händen war. Daß
ich wieder einen festen Vorsatz faßte, that inir förmlich
wohl.
Erst, als das Licht mir zu fehlen begann und die
Müdigkeit mich überwältigte, ging ich hinaus, aber in
dem Augenblicke überkam mich auch die Erinnerung an
meine alten Eltern mit allem ihrem Schmerze. Mein
Selbstgefühl verstummte vor der Liebe zu ihnen. Ich
konnte an meine Zukunft nicht denken, ohne mir zu
sagen, wie nahe ihr Lebenöziel vor ihnen liege, und ich
setzte mich nieder, ihnen zu schreiben, was ich Vermit-
ielndes zu finden wußte, was das Herz mir eingab.

11
Ich sendete den Brief zu ihnen. Er enthielt am
Schlusse die Versicherung, daß es nur ihres Wortes
bedürfe, mich in derselben Stunde zu ihnen zu führen,
und unruhig in meinem Zimmer bald zu dieser, bald
zu jener Beschäftigung greifend, wendete sich mein Auge
immer wieder nach dem Zeiger der Uhr, die Zeit be-
rechnend, in welcher der Bote wiederkehren konnte.
Er ließ mich nicht zu lange auf sich warten, aber
schon die Aufschrift von des Paters Hand verküündete
mir, was ich von dem Inhalt zu erwarten habe. Im
Aufträge meineä Vaters meldete er mir, daß meine
Mutter ernstlich erkrankt sei, daß man es nicht wagen
dürfe, sie durch eine Erinnerung an mich auf das
Neue zu erschilttern, und daß mein Vater, hingenommen
durch seine Sorge umn die Kranke, sich nichl von ihr
zu trennen vermöge. Sein Wille sei mir bekannt. Sei
ich gesonnen diesem nachzugeben, so möge ich dies er-
klären; wo nicht, so werde er, den Wüünschen der Mutter
nachgebend, den Bau der Grabkapelle sobald immer
möglich anderen Händen als den meinen anvertrauen,
und im Nebrigen diejenigen Maßnahmen und Ver-
füügungen treffen, die er in Bezug auf die Ordnung
der Familienverhältnisse für unerläßlich halte. In

116
einer Nachschrift, die der Pater als eine eigenmächtige
bezeichnete, ermahnte er mich zur Fügsamkeit, und er
erbot sich zudem in derselben, sich zu mir zu begeben,
um eine Ausgleichung herbeizuführen, die für mich in
jeder Beziehung so geboten als wüünschenswerth erscheine.
Einen brieflichen Verkehr, oder gar eine Begegnung mit
mir, so setzte er hinzu, habe nein Vater entschieden ab-
gelehnt, da die Racksicht auf seine Gesundheit es ihm
verbiete, sich noch einmal solcher Gemüthserschütterung
auszusetzen.
Ich faltete das Blatt zusaumed und ging planlos
in die Straße hinaus, den Stadttheilen zu, in denen
ich darauf rechnen konnte, in dieser Stunde nicht leicht
einem von meinen Bekannten zu begegnen. Unter
fremden Leuten mittleren Standes nahn ich meine
Mahlzeit ein und kehrte, chne Jemanden gesprochen zu
haben, in meine Wohnung zurück. Ich konnte in der
Nacht tein Auge schließen. Die Vorstellung, meiner
kranken Mutter nicht nahen zu dürfen, muit meinem
Vater unerwartet zusammenzutreffen und ihn mich
meiden zu sehen, brannte mir iu Herzen. Ich hatte
von frühester Kindheit an so sehr an Nom gehangen,
daß mir der Wunsch, es für längere Zeit zu verlassen,

ue
eigentlich niemals gekommen war; jezt aber regte sich
in mir das dringende Verlangen, meine Arbeit bald
beendigen und dann fortgehen zu können, und der Ge-
danke trieb mich schon in aller Frühe an daä Werk.
E war noch zeitig, als sich Donna Carolina bei
mir melden ließ. Sie zu sehen, war mir unerwartet
und auch nicht willkommen, aber sie ließ mich über
den Anlaß, der sie zu mir führte, nicht lange im
Zweifel.
In Wahrheit, Benvenuto! rief sie mir entgegen,
Sie haben ein wirkliches Genie, Ihre Freunde in Ver-
legenheit zu sezen! Wissen Sie, daß ich böse auf Sie,
daß ich in Empörung über Sie bin! Auch Ihr Vater
ist außer sich! Der Mutter Zustand nennt der Arzt
mehr als bedenklich, und der Marquis hat mir ungefähr
die Thüre gewiesen, während Pater Cyrillus mit einem
Male Alles in Frage stellt, was er mir füür meinen
Neffen fest verheißen hatte, wenn ich Sie dahin
brächte, den Eltern zu willfahren und diese ganze
unnöthige Bildhauerei an den Nagel zu hängen, das
heißt, an dem Wappen der Armero's aufzuhängen.
Und an eine solche Möglichkeit haben Sie geglaubt?
fiel ich ihr ein, während daä Gewebe der Arglist, mit

118
welchem der Pater ntich umsponnen hatte, mir inumer mehr
erkennbar wurde. Sie haben wirklich geglaubt, ich
könne aufhören zu arbeiten, zu schaffen?
Warumt denn nicht? entgegnete sie mir. Ist
es denn ein so besonderer Genuß, den nassen Thon zu
kneten, und sich mit dem Eisen in der Hand, am harten
Stein die Hände zu verderben? Daß Sie ein Künstler
sind, wenn's Ihnen so beliebt, das haben Sie ja be-
wiesen! Nun treten Sie Ihres Stammes Güter an
und nehmen sich eine reiche hübsche Frau, wie's Ihnen
ziemt, und damit basta!
Und was hat Pater Cyrillus Ihnen denn eigentüich
dafür zugesagt, wenn Sie mich von mir selber abzufallen
bereden? fragte ich die Aufgeregte.
Sie fuhr zusammen, es war ihr unlieb, sich soweit
verrathen zu haben. Zugesagt! zugesagt! wiederholte
sie. Er hatte mir versprochen, daß mein Neffe Seba-
stiano die Stelle im Ministerium der Finanzen haben
solle, auf die er lange speculirt, und die es ihm möglich
machen wüürde, die Wittwe deö reichen Filangieri zu
heirathen, der er doch eine Position zu bieten haben muß.
Also damit Ihr Neffe eine Liebesheirath schließen
kdnne, soll ich mich verknppeln lassen? Vielen Dank!

1'
Signora! rief ich aus. Ich bin nicht gesonnen, fremdes
Glück mit meinem eigenen zu bezahlen! Aber der
Pater kannte mich und wußte, was er that. Sie und
meine Eltern und die Familie des Marquis hat er mir
der Art gegenüber zu stellen verstanden, daß die Weigerung,
die ich gegen Sie Alle aus Nothwehr auszusprechen
gezwungen bin, Sie aus meinen Freunden in neine
Gegncr verwandeln mußte. -- Und Sie, Carolina! die
noch vor Jahr und Tag so sehr geneigt war, über die
Arglist der Pfaffen, über die Ränte der Jesuiten sich
im bittern Spotte zu ergehen, Sie lassen sich jetzt dazu
gebrauchen, dem Orden durch des Paters Hände, ihre
nächsten eigenen: Freunde anözuliefern?
Was heißt das ausliefern? entgegnete sie utir
heftig, und welche Worte brauchen Sie? Gut nachen
habe ich wollen! Gutes habe ich thun wollen! Denn
das Leben mein Lieber! sieht sich anders an, in reifent
Alter als in unbesonnener Jugend. Sie wissen, ich
habe nie die Heilige gespielt, und canonisirt zu werden
hab' ich wenig Hoffnung. Aber die Zeit ist ernsthaft
geworden, und ich bin es mit ihr. Auch für Sie ist's
Zeit, ein anderes Leben zu beginnen! Sie haben genug
den Don Giovanni gespielt und Herzen gebrochen, und

1
die arme Gloria hingeopfert. Es ist häßlich von Ihnen,
daß Sie von den Modellen und von dem Leben mit
diesen lockern Frauenzimmern nicht lassen wollen! Sehr
häßlich von Ihnen, Benvenuto! In der That! -
Kommen Sie! seien Sie vernünftig! Sie heirathen die
Marchesina, mein Sebastiano verbindet sich mit der
schönen Filangieri - und Sie haben an mir die alte
Freundin wie zuvor, und ich posaune als Fama Ihre
Umkehr zu dem Pfade der Tugend durch die Welt.
Seit ich zu einem eigenen Urtheil gekommen war,
hatte ich Carolina niemals ernsthaft in Betracht gezogen.
Dennoch erzürnte und erschreckte es mich in hohem
Grade, daß auch sie der listigen Versuchung des Paters
ihr Ohr geliehen hatte, und sich gegen mich auf seine
Seite stellte. Ich fand es unerträglich, mich mit einem
Male von den mir nächststehenden Personen bevormundet,
mit Bekehrungsversuchen behelligt, in meiner Freiheit beein-
trächtigt, und da ich ihren Verlangnissen nicht Folge
leisten konnte, gewaltsam verlassen zu sehen. Das Ge-
fühl der Kränkung, der Beleidigung, das ich vor meinen
Eliern mühsam zum Schweigen verdammt, brach der
Leichtfertigen gegenüber rückhaltslos hervor; und mich
mit aller Kraft verwahrend gegen jede Beeinflussung

uu
durch sie, sprach ich ihr lebhaft aus, zu welcher thörichten
und schlechten Rolle fie sich unter der Leitung des
Paters hergegeben, der es mit Sicherheit gewußt habe,
daß ich nie und nimmer darauf eingehen könne, mitten
in der Fülle des Lebens einen geistigen Selbstmord an
mir zu begehen. Ich versuchte es ihr einsichtlich zu
machen, wie der Pater das ganze Gerüst seiner auf
meine Besserung hinzielenden Beglückungsplane auf
einem Boden aufgebaut, von dem er wußte, daß er
hohl sei, wie er sicher darauf gerechnet habe, mich den
Hals brechen zu sehen, sobald ich es berührte, und wie
wohl er Alles vorbereitet habe, soweit als möglich den
Orden in mein Erbe eintreten zu machen.
Carolina nannte daä Alles Hirngespinnste meiner
Phantasie. Sie gehörte zu der großen Zahl der Frauen,
welche Nichts zu hören, Nichts zu verstehen vermögen,
was ihren jeweiligen nächsten Begehrnissen entgegen ist,
und wie sie von diesen beherrscht werden, sich auch in
blindem Glauben Demjenigen anvertrauen, der ihnen
zur Erreichung ihrer augenblicklichen Absichten die Aus-
sicht und die Wahrscheinlichkeit eröffnet. Immer selbst-
willig beschäftigt, war und blieb sie auf diese Weise
fortdauernd in der Abhängigkeit von fremdem Willen.

?
Bald dies, bald jenes eifrig wünschend, wurde sie nach
den verschiedensten Richtungen hin und her gezogen, diente
sie oft den Andern, wo sie für sich selbst zu wirken
meinte; und so konnte sie in dem Wahne, für ihre
Freunde treu und verläßlich zu sein, ihnen zu einer
gefährlichen Feindin werden, wie ich es jeht zu spät
für mich erfuhr.
Meine Heftigkeit regte die ihre auf. Wir kannten
und wußten von einander gerade genug, uns tddtlich
kränken und verletzen zu können, ohne harte Worte laut
werden zu lassen. Obschon sie mit lächelnden Munde
von mir Abschied nahm, als ich sie nach ihrem Wagen
hinausgeleitet hatte, war ich gewiß, daß fie in dieser
Stunde mir Feind geworden war, und daßß ich mich
vor ihr zu hüten hatte, weil ihr Leichtsinn nicht Be-
denken tragen würde, mich völlig preiszugeben, wenn sie
sich dadurch des Paters Mitwickung zu der Heirath
ihres Neffen und dereinstigen Erben, mit der reichen
Wittwe zu erkaufen hoffen durfte.

Kapitel 08

Kctes Capilel.

war
KHuflgore Arrigo war nicht in der Stadt. Er
für ein paar Tage auf das Land gegangen, und
seine Abwesenheit war mir willkommen. Ich hatte bis
dahin, auch seitdem ich weniger mit ihm zusammen
gewesen war und seine Zufriedenheit nicht mehr wie
vordem besessen hatte, mich doch stets an ihn gewendet,
wo ich mich des Raths bedürftig wußte, und er hatte
mir denselben auch niemal fehlen lassen, ja er war
mir mit demselben in treuer Freundschaft oft zuvor ge-
kommen.
So hatte er mich auch bei verschiedenen Anlässen
auf den wachsenden Einfluß aufmerksam gemacht, welchen
Pater Cyrillus in seinem Orden sowohl, als in den
regierenden Kreisen gewonnen, und auf die zunehmende
Herrschaft, die er in meinem Vaterhause sich zu erobern

z O
-ai
verstanden hatte. Er hatte mich ermahnt, mich gegen
die Eingebungen zu verwahren, die Cyrillus meinen
Eltern nachen könnte, und uir vielfach e zu bedenken
gegeben, was ein reicher Besitz dem Menschen werth sei,
und welche Macht und Freiheit er verleihe.
Ich sah also voraus, daß er auözugleichen, zu ver-
mitteln suchen würde, schon um meiner Mutter ein
Herzleid zu ersparen; aber mein Bedürfniß mir genug
zu thun und endlich einmal mit Pater Cyrilluö meine
Abrechnung zu halten, war so groß, daß ich mich eines
Abends niedersezte, um es ihm unumwunden auszu-
sprechen, wie verächtlich ich seine Handlungsweise fände.
Daß es nicht klug gehandelt war, den Pater in
solcher Weise herauszufordern, wußte ich sehr gut. Trotz-
dem fühlte ich mich freier, als ich es gethan hatte, und
sicher war, seiner heuchlerischen Freundschaft nicht mehr
begegnen zu düürfen, nachdem ich ihm offen ausgesprochen
hatte, wie ich in ihm meinen und meiner Eltern Feind
erkannt hätte.
Bald nachdem ich daä Schreiben an Cyrillus ab-
gesendet hatte, kehrte Arrigo in die Stadt zurück. Ich
hatte die Tage still für mich gelebt, hatte mich völlig
in mir selbst zurecht gefunden, und konnte mit verhält-


nißmäßiger Ruhe dem alten Freunde von dem Geschehenen
Nachricht und Auskunft geben.
Er hörte mich an, ohne eine Neberraschung z
verrathen. Ich habe Dich zum Hefteren gewarnt, sagte
er, als ich geendet hatte, und würde Dich vielleicht ab-
gehalten haben, dem Pater Deinen Handschuh hinzu-
werfen. Du hast, weil Du dies wußtest, auch ohne
mich entschieden, und wo ein Ausweichen oder Umkehren
nicht mehr möglich ist, thut man wohl daran, entschlossen
vorwärts zu gehen. Du hast jetzt einen Feind Dir
gegenüber, der großes Spiel zu spielen liebt, wenn er
es auch nicht verschmäht, sich dabei der kleinsten, elendesten
Mittel zu bedienen; und weil er Dich kennt, verläßt er
sich, wie die Schlechten und Gewissenlosen es in solchen
Fällen immer thun, auf Deine Wahrhaftigkeit und auf
Dein Ehrgefühl. Denn wer sichert ihn, als eben diese,
daß Du nicht nach den weisen Lehren handelst, mit denen
er Deine frlhe Juugend so freigebig genährt hat?
Ich verstand nicht, was Arrigo damit meinte.
Ein Lächeln flog über sein noch schönes Antliz, und
mit einer der sprechenden Handbewegungen, deren Adel
man von je an ihm bewundert hatte, sagte er: und diesen
Menschen haben sie zum Jesuiten machen wollen! Dich!

128
der auch in diesem Augenblicke noch nicht auf die Mög-
lichkeit verfallen ist, sich mit einem inneren Vorbehalte,
durch eine zeitweilige Unterwürfigkeit unter den thörichten
Willen zweier Greise, eine völlige Freiheit für sein Thun
nach ihrem Tode zu erkaufen!
Nein! in Wahrheit, rief ich, solch ein Gedanke war
und ist mir fern.
Ich weiß das und der Pater weiß das ebenso;
aber ich zweifse nicht, das er sich selbst flr diesin Fall
vorsehen, und Deine augenblickliche scheinbare Unter-
werfung für Deine spätere Freiheit unwirksam zu machen
wissen würde, indem er Deinen Vater dahin bringt,
Dich nach seinem Tode der Aufsicht des Ordens zu
überantworten, auf dessen Wachsamkeit er sich verlassen
darf. Also großes Spiel gegen großes Spiel! -- Voll-
ende die Arbeiten, zu denen Du Dich verpflichtet hast,
und dann rasch fort von Deinem Vaterhause, von Rom,
und in die Welt! Du warst nicht des Hauses Erbe
als Du geboren wurdest, hattest nicht darauf rechnen
können, es zu werden, so darf's Dich auch nicht schmerzen,
jetzt ein Enterbter zu sein. Geh' Deines Weges, und
warte das Ende ab. Ich bleibe hier, Dein Platz in

129
meinem Hause bleibt Dir auch, und von hier fortzu-
kommen wird Dir wohl thun.
Die freundliche Beflissenheit, die großmüthige Nach-
sicht, mit welcher Arrigo sich in diesen Zeiten wieder meiner
annahm, ohne mich jemals fühlen zu lassen, daß ich
auch ihn verabsäumt hatte, machte mich ihm noch mehr
zu eigen, als ich es je gewesen war. Sie flößten mir
jene erhebende Liebe, jene begliückende Dankbarkeit für
ihn ein, die ich meinem Vater gegenüber nie hatie
empfinden lernen.
Alles was ich in den folgenden Tagen und Wochen
Peinliches zu erfahren hatte, ward für mich gemildert,
da er sich zu dem Neberbringer der Nachrichten machte,
welche mir nicht vorenthalten werden durften.
Er hatte es vergeblich versucht, meine Eltern zu
meinen Gunsten umzustimmen. Meine Mutter hatte
ihn nicht empfangen, weil, wie man ihm sagte, ihr
Befinden dies verbiete. Mein Vater hatte sich mit
großer Erbitterung gegen mich geäußert und ihm mit-
getheilt, wie er seines verstorbenen Halbbruders Sohn,
der das nächste Erbrecht an das Majorat des Hauses
hatte, eingeladen habe für die kommende Villeggiatur
F. Lewald, Benvenuto. Ü.

18
sein Gast zu sein, und wie er mit den Architekten
Seiner Heiligkeit Rücksprache wegen der Kapelle genommen,
in der er selber einst neben den Seinen sich die Ruhe-
stätte zu bereiten wünsche. Er hatte hinzugefügt, daß
sein Neffe soeben seine Studien in dem Collegium der
Jesuiten beendigt, daß er, obschon jünger als ich, mir
doch an ernster Sittlichkeit und richtiger Lebensauffassung
voraus, und also unter allen Verhältnissen besser als
ich geeignet sein würde, einem Vater sichere Bürgschaft
für seiner Tochter Gllck zu geben.
Die Nachrichten fanden mich nicht unvorbereitet
und ich nahm sie wie ich mußte auf. Widerwärtig aber
war es mir, die Kunde von meinem Zerwürfniß mit
den Eltern, von der für mich geplanten und nicht zu
Stande gekommenen Heirath, in dem ganzen Kreise
meiner Bekannten mit einer so geflissentlichen Entstellung
ber Wahrheit verbreitet zu finden, daß ich über die
Quellen, aus welcher sie entstammte, nicht im Ungewissen
bleiben konnte.
Gewohnt, mich als einen Glücklichen gepriesen zu
sehen, mich überall mit Freuden und Zuvorkommenheit
empfangen zu sehen, beleidigten mich die fragenden An-
deutungen und das vorsichtig. zur Schau getragene Mit-

leid meiner Umgangsgenossen. Man ließ mich ahnen,
daß man mein Fortgehen als nothwendig habe bezeichnen
hören. Man erzählte sich, wie ich es dem rechtzeitigen
Dazwischentreten des Paters Cyrillus, dieses treuen
Freundes, zu verdanken gehabt hätte, daß man damals
über Gloria's Tod keine weiteren Nachforschungen ange-
stellt, und es bei dem vorgegebenen Gerücht von einem
Selbstmorde habe bewenden lassen; und dieselben Frauen,
welche mich einst als den Helden jenes traurigen Aben-
teuers in besondere Gunst genommen hatten, nannten es
jetzt plötzlich selbstverständlich, daß unter so bewandten
Verhältnissen, ein zärtlicher und gewissenhafter Vater
nicht hätte daran denken können, meiner Werbung um
fein Kind Gehör zu geben.
Es war unverkennbar darauf abgesehen, meinen
guten Ruf, meine gesellschaftliche Stellung zu unter-
graben, mir den Aufenthalt in der Heimath zu verleiden;
und mein ausgesprochener Vorsaz auf Neisen und in
das Ausland zu gehen, lieh den gegen mich verbreiteten
Gerüchten Nahrung.
So kam die Zeit heran, in welcher die Gesellschaft
sich in Rom zu trennen, und je nachdem auf ihre Güter,
oder auch in ihre transalpinische Heimath zurlickzukehren

18A
pflegte. Mein Grabdenkmal war fertig geworden, und
der Besteller desselben nahm meine Erklärung, daß ich
geneigt sei, es selbst in England abzuliefern und an dem
ihm bestimmten Platze aufrichten zu lassen, mit großer
Freude an, während es mir willkommen war, auf diese
Weise ein nächstes und bestimmtes Ziel vor mir zu
haben. Die Gruppe war verpackt und eingeschifft, meine
andern Arbeiten waren auch vollendet, und ich war da-
bei, die Vorkehrungen für meine Abreise zu treffen, als
Arrigo mich an einem Mittage mit der Nachricht
empfing, daß der Cardinal-Staatssecretair ihn am Morgen
habe zu sich entbieten lassen, um ihn zu fragen: ob er
Neigung habe, sich der Nebermittelung eines Auftrages
an dem Hofe zu unterziehen, bei welchem er schon früher
in ähnlichen Geschäften verwendet worden war. Der
Cardinal hatte ihm die Angelegenheiten in einer Weise
gestellt, die daä Anerbieten als eine besondere Vertrauens-
sache, als eine ehrende Anerkemnung seiner früher ge-
leisteten Dienste erscheinen machte, und eine Ablehnung
kaum zuließ; denn Arrigo erfreute sich troz seiner vor-
geschrittenen Jahre einer trefflichen Gesundheit, hatte
immer sich mit Vorliebe seines Aufenthalts und seiner
Wirksamkeit an jenem lebenslustigen Hofe erinnert,

uV
und die sommerliche Jahreszeit mußte ihm eine Neise
und ein Verweilen jenseits der Berge nur annehmbarer
erscheinen lassen.
Und Sie werden gehen? fragte ich.
Nein! entgegnete er mir, da man mich fortzuschicken
wünscht, gewiß nicht! Der Kdder, den der Gardinal
mir vorhielt, als er wie zufällig der neuen bevorstehen-
den Cardinals-Creirungen gedachte, konnte mich nicht
verlocken. Mit den Gesinnungen, die man an mir kennt,
hat man jetzt meine Ernennung nicht im Plane, und
die Mission, mit welcher man mich betrauen will, ist
eine, die nothwendig erfolglos bleiben muß. Man würde
also, wenn ich verblendet genug wäre, sie anzunehmen,
nicht ermangeln, mir das Mißlingen derselben zuzuschrei-
ben, würde es mir allenfalls verzeihen, indem man aus-
sprengte, daß ich nicht mehr im Vollbesiz meiner früheren
Gewandtheit sei, und während meiner Abwesenheit würde
Pater Cyrillus nicht zu befürchten haben, daß ein ver-
ständiger Einfluß, ein mahnendes Abrathen, ihn in den
Planen störte, welche er in Deinem Vaterhause weiter
zu verfolgen denkt. - Denn unverkennbare Zeichen
deuten darauf hin, daß die Berufung des Lehnsvetiers
nichis als eine Finte ist, hinter welcher die Absicht,

1H
das ganze Erbe der Armero dem Orden zuzuwenden,
vorläufig sich noch verbirgt. Packe Du also Deinen
Koffer. Ich bleibe hier als Dein Geschäftsträger,
und gehe im Nebrigen in Freiheit meinen Neigungen
nach, wie ich's seit lang gehalten habe. Mir ist es
am Wohlsten in der Heimath, und Dir wird's gut ihun,
als ein Fremder in der Fremde eine freiere Luft zu
athmen, als die, in welcher wir hier leben.
Wenige Tage darauf, stand ich noch einmal an
meiner Eltern Thüre und wurde abgewiesen. Ich schäme
mich der Thränen nicht, die ich zerdrückte, als ich von
meines Vaterhauses' Schwelle schied, und auch Arrigo
wußte sie zu ehren. An demselben Abende verließ ich,
von seinem treuen Segenswunsch begleitet, ihn und meine
Heimath für eine längere Zeit, als ich es in jener
Stunde vorausgesehen hatte.

Kapitel 09

Meuntes Capilel.

Ze habe Ihnen, als wir uns kennen lernten, von
meinem Leben im Auslande zum Defteren gesprochen
und Ihnen den überraschenden Eindruck zu schildern ver-
sucht, welchen in jenen Zeiten, in der Mitte der vierziger
Jahre unseres Jahrhunderts, ein Aufenthalt in England
und Frankreich auf einen jungen Römer machen mußte,
der die in ihren mittelalterlichen Traditionen hin-
träumende Hauptstadt des Kirchenstaates und der ka-
tholischen Welt, bis dahin nicht verlassen, und keine
andere Gesellschaft gekannt hatte, als die der römischen
Aristokratie. Selbst bie Ausländer, welche ich innerhalb
derselben kennen gelernt, hatten sich mehr oder weniger
zu dem, unter der alten römischen Adelswelt herrschen-
den Credo bekannt, oder dasselbe doch aus geselliger
Höflichkeit zu schonen gewßt. Nun war ich diesem ge-

188
feiten Kreise wie mit einem Zauberschlage entrückt, und
hatte unablässig erstaunend, zu bewundern und zu
lernen.
Ich brachte, nachdem ich meine Arbeit abgeliefert,
den ganzen Sommer und einen Theil des Herbstes in
England und in Schotiland zu, und fühlte mich wie in
ein Wunderland versezt. Von einer Cultur des Bodens,
von einer Thätigkeit in Handel und Gewerbe, wie ich
sie dort antraf, von -gemeinnüützigen, auf das Wohl-
befinden des niederen Volkes berechneten Einrichtungen,
von einer persönlichen Freiheit, wie ich sie dort kennen
lernte, hatte mir in der Heimath die Vorstellung gefehlt.
Ich wurde es nicht mülde, in den großen Hafenstädten
die Schiffe kommen und gehen zu sehen, welche in fdr-
derndem Verkehre alle Theile der Erde mit einander
verbanden. Ich sah die Bekenner der verschiedenen Reli-
gionen in eigenen Gotteshäusern ihren Cultus unge-
hindert üben, sah überall einen Wohlstand, einen Reich-
thum mich umgeben, den die freie Bethätigung der
Kräfte immer neu erschuf. Ich konnte die Erfahrung
machen, wie die herrschende Sitte ein strenges Erbrecht
mit den Anforderungen der Zeit allmälig vermittelt
hatte; wie frei und ungehindert dort die jungen Söhne

D
der ältesten Adelsgeschlechter sich erwerbenden Geschäften
zuwenden durften, während aus ihren Reihen, wie aus
den unteren Klassen des Volkes diejenigen, welche sich
zu hervorragender Bedeutung emporgearbeitet hatten,
von der Regierung mit neuen Adelstiteln belehnt, neue
Adelsgeschlechter als Stützen des monarchischen Systems
begründeten.
Aber noch während ich mich in England meiner
Freude an dem Lande überließ, meldete mir ein Brief
des Pater Cyrillus in Auftrage meines Vaters, den Tod
meiner Mutter. Den Briefe war eine Abschrift ihres
Testamentes beigelegt, in welchem sie mit Bewilligung
ihres Gatten, über ihr ganzes beträchtliches Vermögen,
soweit der Kapellenbau es nicht in Anspruch nahm, zu
Gunsten frommer, unter dem Schutze des Jesuitenordens
stehender Stiftungen verfügt hatte. Der Brief erwähnte
der Gottergebenheit und des Seelenfriedens, in denen
die Gräfin gestorben sei, berichtete, daß der Graf die
Trauerzeit in seines Neffen tröstlicher Gesellschaft fern
von der Stadt auf seinen Gütern zuzubringen denke,
und daß man von der Nuhe und der guten Luft die
Kräftigung seiner ebenfalls wankenden Gesundheit wohl
erhoffen dürfe. Aber kein Wort in dem ganzen Briefe

1
deutete es an, daß ein Gedanke der Sterbenden sich
ihrem letzten Sohne zugewendet habe, und nicht ein Mal
in dem ganzen Briefe hatte Cyrillus meinen Vater oder
meine Mutter als solche bezeichnet. Er wollte mich es
empfinden machen, daß ich, der es verschmäht hatte in
die Mutterkirche und in die Bruderschaft des Ordens
aufgenommen zu werden, von meiner leiblichen Mutter
enterbt, von meinen nächsten Blutsverwandten vergessen
und verlassen sei. Ung, leugnen kann ich's nicht, es
traf mich schwer und tief, mich von meiner Mutter so
völlig aufgegeben zu finden, bis ein Brief des treuen
Freundes, Monsignore Arrigo's, mich erreichte, und mir
das Herz erhob.
Meine Mutter hatte ihm, wie ich aus ihrem Te-
stament ersah, das Bildniß zum Andenken hinterlassen,
das bald nach meiner Geburt gemalt, sie noch in ihrer
vollen Schönheit zeigte, und sie darstellte, wie sie mich
auf ihren Armen trug. Einen Tag vor ihrem Tode,
so schrieb mir Arrigo, hatte sie ihn zu sich fordern
lassen, um ihm ein letztes Lebewohl zu sagen. Indeß
er war eben nur in ihr Krankenzimmer eingetreten, als
auch der Pater angemeldet und vorgelassen wurde. Bei
der Schwäche der Kranken hatte Arrigo nicht lange

11
neben ihr verweilen dürfen, aber mitten in seiner Trauer
um den nahen Verlust der ihm so werthen Fran, hatte
er an ihr eine ängstliche Unruhe bemerkt, die ihn ver-
muthen machen, daß sie ihm etwas anzuvertrauen ge-
wünscht, was auszusprechen die Anwesenheit des Paters
sie verhindert. Er hatte sie also ausdrücklich befragt,
ob sie ihm vielleicht einen Auftrag zu geben habe, und
sie hatte das verneint. Als er sich dann aber zu ihr
herabgebeugt, ihre Hand noch einmal zu erfassen, hatte
sie ein kleines, eng zusammengefalietes Blättchen in die
seine gleiten lassen, und ihn danach ruhig und gefaßt
scheiden sehen.
Noch heute trage ich dies Blatt Papier auf meinem
Herzen. Es hat mich die Bedeutung der Reliquien kennen
lehren; und obschon die Zeit die wenigen mit schwacher
Hand geschriebenen Worte fast erlöscht hat, stehen sie
vor meinen Auge heute noch ebenso deutlich wie an
jenem Tage da.
Wir hießen Dich den Willkommenen, mein Ben-
venuto! als Du uns geboren wurdest! lauteten die Worte.
Möge in dem Paradiese, in das ich durch des Heilands
und seiner gebenedeiten Mutter Fürsprache einzugehen
sehnlich hoffe, ich Dich einst als einen unserm Herrn und

1H
Heilande Willkonmenen wiedersehen. Die heiligste Gottes-
Mutter sei mit Dir, wie das Dich segnende Gebet der
Mutter, die Dir das Leben gab. Sie fieht Dich an,
es würdig und zu Gottes Ehren zu gebrauchen und
Deine Seele zu erlösen durch Gebet und Buße. Dem
Freunde, der Dir ein zweiter Vater wurde, habe ich mein
Bildniß hinterlassen, damit es später Dir verbleibe,
Dich an Deine Mutter zu erinnern. Und somit segne
Dich unser Herr Jesus Christus!
Die ganze Liebe meiner Mutter und die tyrannische
Gewalt, unter welcher der eiserne Wille des Paters sie
zu bannen gewußt hatte, sprachen auus diesen Zeilen;
aber sie sezten mich, den von seinem müiterlichen Hab
und Gut Enterbten, in das volle Erbe ihrer Liebe wieder
ein, und gaben mir die Beruhiguung und den tröstenden
Halt, deren ich bedurfte.
Unter dem Eindruck und der Nachwirkung des eben
erlittenen Verlustes kam ich nach dem lebenslustigen,
freudestrahlenden Paris, und wie das Leben in England
mich von Anfang an für sich eingenommen und mir
Theilnahme und Vorliebe für das Land und für das
Volk eingeflößt hatte, so wirkte die helle, vielgestaltete
und vielfarbige Frdhlichkeit der franzdsischen Hauptstadt

143
zuerst fast abstoßend, oder doch wenigstenö verstimmend
und niederschlagend auf mich ein.
In England hatte ich in den Besitzern von ver-
schiedenen meiner Arbeiien Bekannte vorgefunden, und
war nach der gastlichen Landessitie rasch in das mir
völlig fremde und mich doch anmuthende Familienleben
des reichen Bürgerstandes und des grundbesizenden Adels
aufgenommen worden. In Paris war ich ein Fremder,
und in meiner Traurigkeit nur wenig dazu gemacht, die
Empfehlungsbriefe zu benutzen, mit welchen Arrigo's
Freundschaft mich versehen hatte.
Wenn ich in England einsam in den buschigen
Wiesen und in den schattigen, wasserreichen Thälern des
Landes umhergewandert war, hatte ich mich nicht allein
gefühlt, denn in der freien Natur ist ein Jeder, der
Empfindung für sie hat, in seiner Heimath. Aber
wenn auf den Pariser Boulevards die genuußsuchende
Menschenmenge mich umwogte, wenn am Abende die
Ströme von Licht aus den Tausenden von Magaginen,
aus den Kaffeehäusern und den Vorhallen der Theater
mich umflutheten, so wendeten sich, ohne daß ich's wollte,
meine Gedanken von der lauten, hellen Fröhlichkeit nach
jenem engen, stillen Platze hin, auf welchem die dunklen

14
Steingewölbe meines Vaterhauses sich erhoben. Mit
einem Schmerz und einem Heimweh, wie ich sie noch
nicht gekannt hatte, dachte ich des Greises, der dort in
schweigender Verlassenheit, habsüchtiger Priesterherrschaft
anheimgefallen, seinen letzten Sohn von sich gewiesen
hatte, den Einzigen, der ehrlich und von Herzen mit
ihm trauerte um die Gattin und die Söhne, welche er
verloren hatte.
Ich war nach Paris gegangen, um dort jene Studien
nachzuholen, welche gewissenhaft zu betreiben, mein
rasches und erfolgreiches Vorwärtskommen mich bisher
gehindert hatte, während ich doch selber fühlte, daß sie
mir unentbehrlich waren. Ich wollte einen gründlichen
Eursus der Anatomie durchmachen, die Geschichte der
Kunst studiren, und nachdem ich in Rom sehr vorzeitig
als fertiger Meister aufgetreten und gefeiert worden war,
wieder in Zurückgezogenheit mir selber und meinen Ein-
gebungen folgend, das allein fördersame, ruhig schaffende
Leben eines unbekannten Künstlers führen.
Eine Werkstatt in einem der stillen Stadttheile war
bald gefunden. Niemand kannte mich dort, Niemand
beachtete mich außer den Künstlern, die gleich mir in
dieser Gegend wohnten und mit denen ich zu Mittag

14k
speiste. Es war das erste Mal, daß ich auf solche
Weise ausschließlich als Künstler unter Künstlern lebte,
und ich fand daran ein ungekanntes Wohlgefallen.
In Rom hatte ich immer meine Ausnahmsstellung
eingenommen. Ich war für die heimischen Künstler
stets der Marchese Armero geblieben, und in den mir
angestammten Umgangs - Kreisen hatte es mich aus-
gezeichnet, daß ich ein Küinstler war. In England
waren meine Adelstitel und mein Künstlername mir
gleichmäßig zu Gute gekommen; in Paris aber, unter
der großen Anzahl der dort studirenden fremden Künstler,
erregte der Einzelne nicht leicht die Neugier der Per-
sonen, mit welchen sein tägliches Leben ihn in Berührung
brachte. Ich war ihnen eben ein Jtaliener, ein Bild-
hauer und Nichts mehr. Man war mir bereitwillig
zur Hand, wo ich für meine ersten Einrichtungen des
Raths bedurfte, man ließ mich gehen, wo ich ihn nicht
forderte. Man war es gern zufrieden, wenn ich mich
der leichtlebigen und höflichen Geselligkeit, in der man
sich ohne allen Zwang hewegte, auf meine Weise an-
schloß, aber man -suchte mich nicht besonders auf, Nie-
mand fragte mich um das, was ich von mir nicht
selber sagte. Wie verschieden sie auch von einander
F. Lewald, Benvenuto. l.

16
waren, schienen die Künstler doch Alle nur dem Augen-
blick zu leben, und wenn der Ehrgeiz auch in ihnen
brannte und sie vorwärts trieb, wenn Manchen heim-
liche Sorge bedrückte oder der Sturm der Leidenschaften ihm
das Herz durchtobte, ward davon nur wenig auf der
Oberfüäche sichtbar. Jeder benutzte auf seine Weise die
in Frankreich herrschende Freiheit der Sitte und des
Verkehrs. Man lebte, man kleidete sich nach eigenem
Ermessen und nach der emsigen und ernsten Tagesarbeit,
wie im Fluge hinschwärmend durch die Genisse, die sich
von allen Seiten boten, wußte man sich etwas damit,
nirgends gefestet, und wie der Zigeuner überall zu Hause,
in stack bemessener Willklr nach allen Richtungen bis
an die äußerste Grenze des Erlaubten vorzuschreiten.
Man nannte sich in der That nach den Zigeunern,
l Bohöme, und nicht nur die bildenden Künstler, auch
die jüngeren unter den Dichtern, Musikern und Bühnen-
künstlern hielten sich zu dem schwungvoll bewegten
Kreise; und wieder einmal hatte ich es zu empfinden,
wie fördersam und fruchtbringend der Verkehr mit Kunst-
genossen für den Künstler wird.
Ich war nach den Erlebnissen, die hinter mir
lagen und nach dem schmerzlichen Verluste, den ich eben

1?
erst überstanden hatte, wenig geeignet, mich rasch in die
mich umgebende Lebenslust hineinzufinden; ich war im
Grunde auch weit älter als meine Jahre, da eine fröh-
liche Jugend mir nie zu Theil geworden war. Aus
der quälerischen Zucht meines Jesuiten war ich in
den engen und vertrauten Verkehr mit meinem edeln
Freunde gezogen worden; und ehe ich selber noch das
Leben und die Menschen kannte, hatten seine genaue
Kenntniß und seine weltmännische Geringschätzung der-
selben, mir viel von jener Ursprünglichkeit und jenem
beglltckenden Glauben und Vertrauen zu den Menschen
und an die Welt geraubt, in denen das große aber
freilich vergängliche Gllck der Jugend beruht, das man
aber gekannt haben muß, um sich seiner Jugend gern zu
erinnern.
Eine geraume Zeit hindurch blickte ich auf die
Gesellschaft, in welcher ich in Frankreich lebte, mit dem
wohlgefälligen Erstaunen hin, mit welchem der Zuschauer
einem ungewohnten, eigenartigen Schauspiel beiwohnt.
Indeß der rasche Austausch der Gedanken, die schnellen
und oft wie mit einem Schlage den Zweifel über-
windenden Einfälle, beschleunigten mein eigenes Denken.
Die immer wiederholte Gelegenheit, das Auge an den
1

148
werdenden Werken der neuen Kunst zu üben, schärfte
mein Urtheil und ggh mir neue Maßstäbe; aber während
ich unter den fröhlichen Genossen mich allmälig wieder
jnger und wie neugeboren fühlen lernte, tauchte trotz-
dem in all dem bunten Treiben und in der strahlen-
den Herrlichkeit des lebendurchflutheten Paris, in über-
wältigender Majestät die Erinnerung an meine Vater-
stadt und mit derselben die höchste Bewunderung für
die Erhabenheit der antiken Kunst wieder in mir empor.
Und ich war nicht der Einzige, der also empfand.
Damals, in jenen Tagen war es, daß ich zuerst
mit unseren deutschen Freunden zusammeutraf und mit
ihnen, die bereits in Rom gewesen waren, in Neber-
einstimmung empfand und dachte. In der Malerei
hatten die Franzosen alle anderen Nationen überholt
und die Maler aller Nationen hatten von ihnen zu
lernen. In der Saulptur schienen sie mir dagegen hinter
demjenigen weit zurückgeblieben, was einst Jean Goujon
und Le Puget geleistet, und was nach ihnen noch Pigalle
und Houdon für die französische Saulptur hatten er-
warten lassen. Canova's weichlicher Styl war, weil er
sich an die glatte Oberfläche haltend, am Leichtesten
nachzuahmen war, auch in Frankreich zur Herrschaft

19
gelangt, und Diejenigen, welche dem oppositionellen
Sinne von David dAngers folgend, zu der Darstellungs-
weise von Le Puget zurückkehren zu wollen schienen,
waren in eine Unruhe und Gewaltsamkeit verfallen,
welche dem Wesen der Plastik entschieden widersprachen
und den Adel und das Insichberuhen der antiken
Sculptur nur um so unwiderleglicher als die einzig
zu erstrebenden Vorbilder erscheinen ließen.
Oft, wenn ich darüber nachsann, fiel es mir auf,
wie sonderbar mein Weg mich geführt hatte. Ich war
nach Frankreich gegangen, um unter Franzosen zu leben,
um die französischen Bildhauer zu studiren, und es
waren vornehmlich die dort lebenden deutschen Künstler,
welchen ich mich zugesellte, weil ich mit ihnen in der
Liebe für Italien und für meine Vaterstadt, in der un-
bedingten Bewunderung der Antike mich zusammenfand.
Aber auch in unserer Sinnesart zeigte sich eine Ver-
wandtschaft, und sie trafen ohne es zu wissen das
Richtige, wenn sie scherzend behaupteten, es müsse vor
alten Zeiten, vielleicht von irgend einer longobardischen
Aeltermutter her, deutsches Blut in meinen Adern fließen,
das mich zum Grübler mache, mich ihnen annähere,
und mich, so wie sie verhindere, gleich den Franzosen

15
völlig im Genuß des Augenblickes aufzugehen, wenn
schon derselbe uns bisweilen auch in seine Wirbel zog
und mehr als billig, mit sich fortriß.
Die Freundschaft, welche ich damals mit Adalbert
und Helmar schloß, war für mich ein Glück, und wenn
sie diese Blätter lesen, werden sie selber es am besten
wissen, wie viel ich ihnen danke.
Abalbert war um mehrere Jahre älter, Helmar
war jünger als ich. Beide waren sie bürgerlicher Her-
kunft, selbstgemachte Männer, wie der Engländer das-
nennt, und Beide Protestanten. Sie brachten Erinne-
rungen an ein beschränktes inniges Familienleben, an
beglückende, weil von der Familie getheiüte Sorgen und
Leiden mit. Ich sah bei ihren zufälligen Erzählungen
in eine bewußte Gesittung, in eine freiwillige Selbst-
beschränkung, in eine Welt voll Liebe, Treue, Pflicht-
gefühl hinein, die mir viel fremder war als Alles, was
mir in England und in Frankreich auf der Oberfläche
des Lebens, fremd begegnet war. Dazu waren sie groß
gczogen in der Kenntniß und in dem Verständniß einer
idealistischen tiefsinnigen Literatur, an der sie mit solcher
Vorliebe hingen, daß ihre Vaterlandsliebe aus ihr immer
neue Nahrung schöpfte, und daß sie mich endlich dahin

15
brachten, mir einen deutschen Lehrer anzunehmen, um
ihre Sprache zu studiren, um die Werke ihrer Denker
und Dichter kennen, und ihre melodischen Lieder singen
zu lernen.
Was ich dem Studium Winkelmanns und Lessings,
was ich der Vertrautheit mit Göthe und Schiller schul-
dig geworden bin, das brauche ich Ihnen Allen, denen
die Verehrung Ihrer Klassiker ein Cultus ist, und die
Sie mich ja kennen, nicht zu sagen. Sie wurden mir
zu lauter neuen Offenbarungen, und sie lösten mir auch
das Geheimniß in der eigenen Brust.
Ich verzweifelte nicht mehr an mir selber, wenn
ich mir im Schaffen nicht genügte, wenn mein Können
und mein Wollen sich nicht deckten, wenn ich hinter
meinem Ideale weit zurückblieb. -- Sie trieben mich
an, mich in mir selber zu versenken, mit größerer Hin-
gebung an mein Werk zu gehen, dem Idealen unablässig
nachzustreben, und in dem ernsten, geduldigen Vorwärts-
gehen auf dem erkannten Wege, Befriedigung zu finden.
Sie machten mich sehnsüchtig nach dem unschuldsvollen
Liebesglück, das sie in ihren Liedern priesen, nach der
verständnißvoll getheilten Liebe, nach der Treue sonder
Wank. Sie gaben mir die Jugend des Herzens zurück!

Und wie der Wüstenwanderer sein Auge sehnsüchtig auf
die Spiegelbilder der kata morgsme richtet, so dachte
ich oftmals, wenn ich die deutschen Dichter las, an ein
Liebes- und Eheglück, das ich in meiner Heimath und
innerhalb der Lebensbereiche, in denen ich geboren
worden war, zu finden keine Aussicht hatte.

Kapitel 10

Iehntes Capilel.

Pe volle Jahre blieb ich in Paris. Was ich
in jener Zeit geschaffen, das haben Sie, wenigstens in
den Abgüssen und Hilfsmodellen gesehen, als Sie mich
in Rom zuerst in meinem Atelier besuchten, und ich
glaube, daß der lange Aufenthalt in Paris und jene
ernste Arbeitszeit nicht ohne Nutzen für mich gewesen sind.
Ueber meine Erlebnisse in jenen Jahren gehe ich
hinweg. Ich habe kein Bedenken getragen, Ihnen und
den Freunden von den Leidenschaften und Irrthümern
meiner frühen Jugend mit aller Offenheit zu sprechen,
weil sie meine künstlerische Laufbahn wesentlich beein-
flußten. Was darauf folgte, war wenig unterschieden
von den Herzensangelegenheiten und Abenteuern, deren die
Mehrzahl der Männer sich je nach dem, mit Vergnügen
oder mit Reue zu erinnern hat.

17
Keine der Frauen, die ich in Frankreich kennen
lernte, hatte mich dauernd festgehalten, mich voll und
ganz beschäftigt. Ich galt ihnen für wankelmüthig und
für treulos, während ich mich anklagte, immer noch von
dem Reiz der äußeren Schönheit geblendet, hinter ihr
auch die entsprechende geistige Schönheit zu suchen und
zu erwarten, die ihr oft genug gebricht; und während
meine Freunde mir den Antheil neideten, den die Frauen
an mir nahmen, weil meine rasche Empfänglichkeit ihnen
schmeichelte und wohlgefiel, fing ich an, geringer von
ihrem Werth zu denken, ohne sie deshalb weniger zu
suchen und zu umwerben. Die Frauen' und ich spielten
mit einander oft ein frohes Spiel, aber ich ward all-
mälig des Spielens wie des Spielzeuges müde und es
freute mich nicht mehr.
So nahte sich das vierte Jahr meines Aufenthalts
in Frankreich seinem Ende. Mit Monsignore Arrigo
war ich in ununterbrochenem Verkehr geblieben, mein
Vater aber hatte alle meine Versuche, mich ihm wieder
anzunähern, vollständig unbeachtet gelassen.
Seine Sinnesart hatte sich noch mehr verdüstert,
seit der freundliche Einflüß meiner Mutter ihm nicht
mehr zur Seite stand. Die Gesellschaft seines in der

1
Schule der Jesuiten zu gänzlicher Willenlosigkeit herab-
gedrückten Neffen war ihm bald zur Last geworden. Er
hatte ihn deshalb in seine Familie zurückgeschickt und
von der Adoption, deren gesetzliche Schwierigkeiten mein
Vater ebensogut als Pater Cyrillus gekannt, war zu-
nächst die Rede nicht gewesen. Niemand aber hatie
weniger Ursache gehabt, sie zu betreiben, als eben der
Pater, der sie nach Arrigo's und nach meiner Ueber-
Zeugung auch nur vorgeschlagen hatte, weil er in dem
Augenblickedes Zerwürfnisses mit mir, den Gedanken meines
Vaters eine Ableitung zu geben gewünscht, während er
mit Sicherheit vorausgesehen hatte, daß mein Vater
eben an diesem Neffen kein Gefallen finden, und auch
der Marchese ihn nicht zum Gatten für seine Tochter
wählen würde, wie er dieselbe denn auch anderweit ver-
heirathet hatte.
Der Pater war inzwischen in seinem Orden zu
immer höherer Bedeutung emporgestiegen. Er galt für
einen Vertrauten des Generals, hatte überall einen
wesentlichen Einsluß, und in der Gesellschaft nahm man
es als festbehend an, daß das rasche Emporkommen
von Donna Carolina's Neffen, ihrer vertrauten Freund-
schaft mit dem Pater zuzuschreiben sei. In meines

158
Vaters Hause war er fast der alleinige Gast. Er
war auch fast immer der Begleiter des Grafen, wen
derselbe an jedem Tage um die gleiche Stunde nach der
Kirche fuhr, das Fortschreiten des Kapellen -Baues zu
beaugenscheinigen.
In der Mitte des Sommers stellte man die letzten
Verzierungen an der Kapelle her. Ihre Vollendung und
Ausschmückung waren fr den Grafen der Gegenstand
jeines lebhaftesten Interesses geworden. Er hatte selbst
Alles auf da Genaueste überwacht und ausgewählt:
die Bilder, welche sie zieren sollten, wie die Art der
Silbergeräthschaften für den Altar, sögar die Stickereien
der Altardecke und des Teppichs; und es war von ihm
beschlossen worden, am Tage des heiligen Ignatius von
Loyola, der auch sein Namenstag und zugleich der Tag
war, an welchem er sein achtzigstes Jahr vollendete, die
Kapelle weihen, und die Leichen seiner Gattin, seiner
Söhne und seines Enkels in dieselbe überführen zu
lassen.
Alles war seit Wochen und Monaten für diese
Geremonie vorbereitet worden. Der Graf zeigte sich
geneigt, bei diesem Anlaß noch einmal den Glanz und
den Reichthum seines Hauses zu entfalten, und bei

159
einer feierlichen Frühstücksmahlzeit die Gllcwünsche der-
jenigen Personen entgegenzunehmen, welche er zu der
Einweihungsceremonie einzuladen dachte.
. Arm an wechselnden Vergnügungen, aber desto
reicher an einer müßigen Gesellschaft aus allen Ländern
der Welt, wie Rom es stets zu sein pflegte, war das
Begehren, von dem Grafen zu diesen Feierlichkeiten ein-
geladen zu werden, unter den Einheimischen wie unter
den Fremden ein sehr großes. - Donna Carolina,
welche in dem Hause meines Vaters an dem Tage die
Gäste empfangen und begrüßen sollte, zeigte sich hoch-
erfreut über die ihr zugedachte Ehre und über die
Mdglichkeit, Gunst zu gewähren, wo es ihr beliebte,
und Zurückweisung zu üben, wo sie es für gut fand,
ihren Abneigungen einen schweigenden Ausdruck zu
geben.
Sie war in beständigem Briefwechsel mit' den
Fremden und mit der befreundeten heimischen Aristokratie,
welche Alle zu dem Tage eigens von ihren Villeggiaturen
nach Rom zu kommen dachten. Sie fand sich, was
sonst nicht der Fall gewesen war, fast an jedem Tage
in dem Palast meines Vaters ein. Aber sie sowohl, als
der Pater bekundeten gegen die Außenstehenden eine so

1
agstliche Sorgfalt um das Befinden desselben, sprachen
mit solchen Bedenken davon, ob der Graf auch im
Stande sein würde, die Ermüdung zu ertragen, welche
der Einweihungstag ihm auferlegen mußte, und welche
Folgen sie für ihn haben könnte, daß man sich unwill-
kürlich zu der Frage hingedrängt fand, weshalb zwei so
besorgte Freunde den Greis nicht von einem Vorhaben
abzubringen trachteten, das durchzuführen über seine
Kräfte gehen konnte.
Aber nicht nur in der vornehmen Welt beschäftigte
mgn sich mit der Grabkapelle der Armero, auch das
Volk war darauf gestellt, die Procession, zu sehen, mit
welcher der weihende Bischof, oder gar am Ende der
Papst in Person, sich zu dem feierlichen Acte hinbegeben
würde. Dazwischen tauchte in der Stadt immer leb-
hafter das Gerücht auf, Graf Armero habe seinen ganzen
bedeutenden Besiz dem Orden der Jesuiten verschrieben,
und werde an dem Tage nach der Einweihung in den
Orden eintreten, um die ihm noch gegönnten Lebenstage.
in einem ihrer Klöster beschaulich zu verleben.
Meiner gedachte man dabei wohl hier und da mit
F Bedauern, indeß die vorsichtigen Mahnuungen an mich;
sIgggsche von Seiten seiner Standesgenossen gelegentlich an

18l
meinen Vater herangekommen waren, hatte sein Stolz
als eine Anmaßung kalt zurückgewiesen; und wie meine
rdmischen Kunstgenossen und jene Leute, die ich beschäftigt,
oder die sonst mit mir zu thun gehabt hatten, es be-
klagten, daß die Habgier der Pfaffen ernten wüäde, was
man dem letzten Sprossen eines edeln Geschlechts ent-
ziehe, das kam nicht zu meines Vaters Ohren. Ich
selber war schließlich froh, wenn Arrigo meiner voraus-
sichtüchen Enterbung gar nicht weiter gegen mich er-
wähnte, da dieselbe zu Gunsten der Kirche viel leichter
als zum Besten eines Blutsverwandten auszuführen war,
und die unter den obwaltenden Umständen zu hindern
mir die Mdglichkeit gebrach.
Ich hatte mich in den Jahren, welche ich in
Frankreich zugebracht, ganz und gar daran gewöhnt,
ein Künstlerleben zu führen, ein Künstler zu ssin und
nichts Anderes vorzustellen. Ich hatte daneben einen
reichlichen Erwerb, und wäre es nicht der Schmerz ge-
wesen, dem kein Mensch entgeht, wenn sich die Liebe
seines Vaters ihm entzieht, so hätte ich mich ebenso
freien und frohen Muthes gefühlt, wie in den Tagen,
in welchen meine Brüder und mein Neffe noch zwischen
mir und dem Familienerbe gestanden hatten. Indeß
F. Lewald, Benwenuto. N.

1
Arrigos Freundschaft für mich und sein tiefer Wider-
wille gegen jene Art von Priesterherrschaft, von welcher
Pater Cyrillus in unserer Familie das Beispiel gab,
ließen ihn nicht einen müßigen Zuschauer bei dem
Ereigniß bleiben, das sich in meinem Vaterhause vor-
bereitete.
Je näher der Tag der Kapellen-Weihung heran-
rückte, um so häufiger hörte er von dem schlechten Be-
finden meines Vaters, von den bedenklichen Zufällen
sprechen, denen derselbe unterworfen sei. Daneben wollte
man selbst in geistlichen Kreisen mit völliger Bestimmt-
heit wissen, daß er die Schenkungen an den Orden be-
reits vollzogen habe, und daß er zu diesem Entschlusse
gekommen sei, weil sich ihm Vermuthungen, die er von jeher
über meine Geburt gehegt hätte, zu der Zeit, in welcher
seine Gattin gestorben war, zur Gewißheit erhoben hätten.
Mit derselben Geschicklichkeit,mitwelcher die Urheberdes Ge-
rüchtes sich verbargen, braehte man Arrigo's großmüthige
Freundschaft für mich, das Verlangen meiner Mutter, ihn
noch einmal vor ihrem Tode wiederzusehen und das
Vermächtniß des Bildes, welches sie und mich zusammen
darstellte, mit einander in Verbindung. Man ging
endlich so weit, zu behaupten, daß die für mich seiner

16s
Zeit beabsichtigt gewesene Heirath mit der Tochter des
Marquis, sich aus dem gleichen Grunde zerschlagen
hätte, und daß der Beginn von meineä Vaters finsterer
und der Welt abgewendeter Stimmung, auf den Zeit-
punkt zurüczuführen sei, in welchem er die unwider-
leglichen Beweise von dem Verrath Arrigo's und von
der Untreue seiner Gattin erhalten habe.
Arrigo besaß die Geringschätzung gegen das Urtheil
der Meuschen, welche mnan gewinnt, wenn man erfahren
hat, durch welche elende Mittel es zu bestimmen, zu
verwirren und zu beherrschen ist, und wie bequem die
Schlechten es finden, an das Niedrige und Schlechte,
besonderä in den Fällen zu glauben, in welchen es
einem Menschen angedichtet wird, den sie bis dahin über
sich zu stellen und widerwillig zu verehren hatten. Er
war mit großer Unbekümmerniß durch sein Leben ge-
gangen, aber die Gerüchte, welche man jetzt plötzlich in
der Gesellschaft gegen die Ehre meiner Mutter in Um-
lauf setzte, und die zugleich auch seine Ehre und meine
rechtmäßige Geburt verdächtigten, mußßten nothwendig
seinen Zorn und seine Empörung erregen. Neber die
Quelle, auf welche er den Ursprung jener Verleumdungen
zurückhuführen hatte, konnte sein Scharfsinn natürlich
1

16
nicht im Zweifel sein. Und weil er sie kannte, ver-
schmähte er es, sich an die Urheber der auf die öffent-
liche Meinung wohl berechneten Verleumdung zu wenden,
sondern fuhr geraden Wegs zu meinem Vater, obschon
seine letzten Besuche bei demselben von dem Thürsteher
mit dem Bemerken abgewiesen worden waren, daß
Krankheit den Grafen hindere, Jemanden, wer es auch
sei, zu empfangen und zu sprechen.
Auch an dem Morgen versuchte man es, die er-
haltenen Befehle vorschützend, Arrigo abzuweisen, indeß
derselbe bestand darauf, zu dem Grafen geführt zu
werden, und erlangte denn auch seinen Einlaß.
Der Graf empfing ihn kalt und fremd. Er war
jedoch so wohl bei Kräften, als man es bei einem so
hohen Alter nur irgend fordern konnte, und ungebrochenen
Geistes, wenn auch schroff und finster.
Was an dem Tage in der langen Unterredung
zwischen den beiden Greisen vorgegangen und verhandelt
worden ist, das ist geheim geblieben zwischen ihnen.
Ich aber befand mich am Morgen des fünfundzwanzigsten
Julius in meiner Werkstatt ruhig bei der Arbeit, als
ein Brief mir ausgehändigt wurde, der durch eine
Estafette nach Paris gesendet worden war.

185
Er enthielt Nichts als die von Arrigo's Hand
geschriebenen Worte: Angesichts dieses Blattes mache
Dich auf und kehre ohne eine Stunde zu verlieren, heim.
Sichere Deine Ankunft auf jede Weise und steige wie
immer bei mir ab. Dein Vater befindet sich gut.
Dem Briefe mehr als dieses zu vertrauen, hatte
Arrigo bei seiner Kenntniß der römischen Postverwaltung
nicht gewagt, und daß ich kommen würde, wenn er
mich kommen hieß, dessen hatte er sich versichert halten
dürfen. Dazu konnte ich berechnen, daß ich, wenn ich
der erhaltenen Weisung folgte, eben noch am Vorabende
der Kapellen-Weihung meine Vaterstadt erreichen würde;
und um dem Nathe meines Freundes zu entsprechen,
der mir angedeutet, daß ich meine Ankunft geheim zu
halten habe, vermochte ich Adalbert, die Neise mit mir
zu machen, sich von der preußischen Gesandtschaft, in welcher
er bekannt war, für sich und einen Diener einen Paß
geben zu lassen, und mich als solchen über die Grenze
und in Monsignore Arrigo's Haus zu schaffen.
Noch an dem nämlichen Abende, an welchem die
Estafette mich erreicht hatte, fuhr ich aus den Mauern
von Paris dem Süden und der lang entbehrten Heimath
Zu; und am Vorabend des Festes trat ich, da die Sonne

15
schon zur Rüste gegangen war, in das Zimmer meines
Freundes ein.
Sein Haar war völlig weiß geworden in den
Jahren, aber sein Greisenantliz war noch immer schön.
Seine großen Augen leuchteten noch in dem alten Feuer,
und mir mit froher Neberraschung die Hände entgegen
reichend, rief er: Willkommen, Du Willkommener, und
nicht allein für mich, und nicht allein in diesem meinem
Hause! Es geschehen noch Wunder in der Welt, wenn
man ihnen nur die Wege bahnt, sich kundzugeben! -
Damit trat er rasch an seinen Schreibtisch, warf ein
paar Worte auf ein Blatt Papier, das er seinem
Diener zur sofortigen Besorgung an den Grafen von
Armero übergab.
Ich verstand nicht, was ich sah und hörte, ich
mußte wirklich an ein geschehenes Wunder glauben und
ich sprach das aus. Aber Arrigo ließ sich auf keine
Auseinandersetzung ein, und schön in seiner Herzensfreude
rief er: Spiele nicht den Thomas, den Ungläubigen!
dann, auf das Bildniß meiner Mutter hindeutend,
das die Hauptwand seines Zimmers schmückte, setzte er
hinzu, indem er mich vor dasselbe hinführte, das ist
die Heilige, die mir das Wunder hat vollführen helfeü.

1?
Deine Mutter ist's und Deines Vaters Liebe und Ver-
ehrung für ihr heiliges Gedächtniß, die uns zum Siege
füühren, und die endlich wenigstens in Eurem Hause
das stolze in hoe signo der Allmächtigen zu Schanden
machen werden.

Kapitel 11

Pee fßen ln ebhaftem Gespräche bei der Mah -
zeit noch beisammen, als der von Arrigo abgesendete
Diener die Antwort meines Vaters . überbrachte.
Sagen Sie meinem Sohne, hatte er geschrieben,
daß ich morgen kommen werde, ihn zu der Feierlichkeit
mit mir zu nehmen; und ersuchen Sie ihn bis dahin
wie wir es verabredet haben, Ihr Haus nicht zu ver-
lassen.
Die Neberraschungen wurden für mich immer
größer, die Näthsel häuften sich. Daß mein Vater
mich nicht zu sich beschied, daß er mich in Arrigo's
Haus aufsuchen wollte, war mir unbegreiflich; und wie
Arrigo sich auch darin behagte, mich unter lauter
Wundern umhergehen zu sehen, mußte er sich endlich
doch dazu bequemen, mir sie zu deuten, damit ich mich

u
in den Wandlungen zurechtfinden lernte, von denen ich
mich hier umgeben sah und die, wenn man das Ge-
schehene und den Character meines Vaters in Erwägung
zog, doch sehr erklärlich wurden.
Stolz auf den Namen, den er trug, und gehoben
von dem Bewußtsein der eigenen Ehrenhaftigkeit, hatte
er von je kein anderes Ziel gekannt, als die Erhaltung
seines Stammes und die Erhöhung des Ansehens und
des Reichthums seiner Nachkommen. Diesem Verlangen
hatte jede weichere Empfindung in ihm nachgestanden,
diesem Ziele hatte er ohne Rücksicht auf das Wünschen
oder Wollen der Seinen zugestrebt. Nicht abzugehen
von seinen Vorsätzen hatte er sich gern berühmt, und
er hatte es nicht verschmerzen, es mir und auch Arrigo
und meiner Mutter nie vergessen können, daß er sich
um meinetwillen von seinen Planen, von seinen An-
sichten über dasjenige hatte abwendig machen lassen,
was einem Mitgliede seines Hauses zustehe und was
aicht. Zum: ersten Male hatte er sich nach seiner
Meinung einer Schwäche, eines Fehlers anzuklagen ge-
habt, weil er meiner Neigung nachgegeben hatte. AlS dann
nach dem Tode seiner älteren Söhne und seines Enkels
Niemand von seinem Geschlechte ihm mehr geblieben war

als eben ich, dem er die Möglichkeit gegeben, abzufallen
von den Traditionen der Armero's und den Namen
derselben, wie mein Vater es bezeichnete, durch Lohn-
arbeit zu schänden, da hatte jene Unzufriedenheit, die er
gegen sich selbst gefühlt, sich in eine bittere Reue um-
gewandelt, die Pater Cyrillus vorsichtig und doch mit
sicherer Hand zu nutzen verstanden hatte.
Zwischen meinem Vater und meiner Mutter an-
scheinend zu meinen Gunsten vermittelnd, hatte er ein
Doppelspiel gewagt, das meiner Mutter arglose Fröm-
migkeit und meines Vaters Bedürfniß, seinen Willen in
seinem Hause aufrecht zu erhalten, ihm erleichtert hatten.
Und nach meiner armen Mutter Tode von Erfolg zu
Erfolg fortschreitend, hatte Cyrillus in der össentlichen
Meinung endlich Alles darauf vorbereitet, meine völlige
Enterbung dereinst nicht auffallend, ja als eine berech-
tigte erscheinen zu lassen, während die Zurückgezogenheit,
in welcher mein Vater lebte, die Gerüchte von seiner
Bekehrung zu strenger Kirchlichkeit, und den Glauben an
seine körperliche Schwäche derartig genährt hatten, daß
man seinem allmäligen Absterben entgegensah, und
Niemand es vermuthen konnte, wie in dem Greise die
einst so mächtige Kraft noch keineswegs erloschen war,


und wie in ihm der Lebensfunke nur angefacht zu werden
brauchte, um noch zu heller Flamme auflodern zu
kdnnen.
Die ganzen langen Jahre hatte er dagesessen in
der Verdüsterung seines Sinnes, dem Himmel grollend,
der ihm sein Gliick und seine Hoffnungen zerstört. Jede
Stunde des Tages und der Nacht hatte ihm die Vor-
stellung vergällt, das stolze Erbe seines Hauses mittel-
losen Seitewverwandten hinterlassen zu sollen, die er
gering achtete, oder es in die Hände der Kirche über-
gehen zu sehen. Er haßte deshalb jene Anverwandten.
Auch den Orden Jesu, den er einst hochgehalten hatte,
fing er an zu hassen, und nicht minder den Priester,
der als des Ordens beflissenster Diener, sich neben ihm
eingenistet und eine Gewalt über ihn gewonnen hatte,
die er mit Grimm empfand und der er sich zu entziehen
doch nicht mehr vermochte. Er haßte endlich auch mich,
der sich ihm nicht gefügt, und zulezt sich selber, weil
er mich früh aus seiner Hand und der Führung eines
Anderen übergeben hatte.
In bitterem Lebensüberdruß hatte er sich hinsterben
Lassen, bis Arrigo's Ankuf ihn plözlich aufgeschreckt und
ihn gezwungen hatte, noch einmal einzutreten für seines

B
Hauses Ehre, für den guten Namen seiner verstorbenen
Gattin, der Mutter seiner Kinder; und einmal auf diesen
Weg gelangt, hatte das tief gekränkte Herz des Greises
mit wahrer Wollust sich der Aussicht hingegeben, die
Fäden, mit welchen man in Arglist ihn umsponnen hatte,
gewaltsam zu zerreißen.
Mit derselben Behuthsamkeit und Umsicht, mit
welcher Pater Cyrillus ihn zu umgarnen verstanden,
hatte mein Vater getrachtet, keinen Argwohn gegen sich
in dem Pater Cyrillus aufkommen zu lassen, um die
Machinationen desselben in der rechten Stunde plözlich
und unerwartet vernichten zu können. Dem schleichenden
Schritt der Pfaffen wollte er mit dem festen Tritt des
Edelmannes begegnen, der sich noch Manns genng emt-
pfindet, Herr zu bleiben in dem eigenen Hause und es
forterben zu lassen in dem eigenen Geschlecht.
Mir zu verzeihen und mir nachzugeben, hätte mein
Vater aus freiem Antriebe sich wahrscheinlich nie ent-
schlossen. Aber daß die Umstände, daß freude Ver-
messenheit ihn zwangen, mir seine Hand zu reichen unt
seiner eigenen, wie um meiner Mutter und meiner Ehre
willen, das hatte er, ohne daß er's ausgesprochen, offenbar
als eine Befreiung für sich selbst empfunden. Mit neu

1s
belebtem Sinne hatte er mit Arrigo Edächtig Alles
vorbereitet, seinen Racheplan in einer Weise auszuführen,
welche ihn vor der Gesellschaft, der er angehörte, noch ein-
mal in seiner vollen Selbstherrlichkeit erscheinen ließ,
während er die zuversichtlichen Hoffnungen seiner heuch-
lerischen Freunde vor aller Welt Augen mit fester
Hand zu Boden schmetterte.
Ich brachte die Nacht fast schlaflos zu, und doch
war mir'S beständig wie in Träumen. Mein ganzes
Leben zog so deutlich an meinem Geiste vorüber, daß
ich es eben erst zu erleben meinte, und mir Alles wie
ein großes Ganze, wie eine überwältigende Hegenwart
erschien. Ich entsann mich jeder Einzelheit mit unge-
wohnter Klarheit, und es kam mir doch Alles fast un-
glaublich vor: mein langes Künstlerleben in Paris, wie
meine Heimkehr. Ich war an den Gedanken meiner
Enterbung so gleichmüthig gewöhnt gewesen, daß die
mir nun plötzlich wieder eröffnete Aussicht dereinst in
den Besiz des Majorats einzutreten, etwas Befremdliches
für mich besaß; und während mir die Ceremonie vor
Augen schwebte, durch die wir an dem folgenden Tage
zn gehen, und in welcher ich unfreiwillig eine Haupt-
rolle zu spielen hatte, dachte ich an mein Pariser


Atelier, an die Arbeiten, die ich dort begonnen, und an
die Nothwendigkeit, dorihin zurüchukehren.
Ich wunderte mich, wenn ich um mich schauend,
mich in Arrigo's Hause fand. Der Reihe nach zogen
sie' an nir vorüber, die Mitglieder der römischen Adels-
gesellschaft, in deren Mitte ich morgen als der will-
kommen geheißene verlorene Sohn erscheinen sollte. Ich
konnte die Sympathien berechnen, auf die ich hoffen
durfte, wie die Antipathien, welche ich bei allen Den-
jenigen zu erregen sicher war, die durch irgend ein
Interesse mit dem Orden zusammenhingen, dessen Nänke
ich durchkreuzte. Als athme ich sie mit der Lunge ein,
so lastend fühlte ich den geheimen Bann, die nie rastende
leberwachung, die engherzige, mißtrauische Herrschaft,
unter deren vielgestalteter finsterer Tyrannei man im
Kirchenstaate seufzte, und wie zur Rettung wendete mein
Auge sich nach der Seinestadt zurück; bis die beglückende
Empfindung, wieder in Rom, in meiner Heimath, in
der Stadt der Städte, der Versöhnung mit meinem
greisen Vater sicher zu sein, mir wie Sonnenschein die
Nacht erhellte und ihren Stunden Flügel lieh.
Und ein goldenes Sonnenlicht ergoß sich an dem
Morgen auch über die Höhen der Stadt und durch-
F. Lewalö Benvenuto. 1.

1
fluthete ihre Straßen und ihre Plätze und glitzerte in
buntem Farbenschimmer in dem Wasserstrahle, den der
alte moosbewachsene Triton in Monsignore Arrigo's Hof
lustig in die Höhe blies, als meines Vaters schwerer
Galawagen über die Quadern rollte, und zu dem Auf-
gang vor der Wohnung anhielt.
Der Graf hatte gewünscht, daß ich ihm nicht ent-
gegenkommen, sondern in Arrigo's Zimmern ihn erwarten
möchte, weil er die Dienerschaft nicht zu Zeugen unseres
Wiedersehens machen wollte. Ich sah es also, wie die
alten Diener ihm aus dem Wagen halfen, sah, wie die
Jahre ihn gebeugt hatten, wie er sich auf den Krück-
stock stützte, Er, der es immer unmöglich genannt, sich
solcher Hilfe zu bedienen; und von Rührung, von Mit-
leid, von altgewohnter Liebe überwältigt, warf ich mich
in seine Arme, als die Diener die Thüren vor ihm
aufgethan hatten und endlich, nach Jahren der Trennung,
meines Vaters Augen wieder auf mir ruhten.
Gemach! gemach! Marchese! sagte er, das Alter
will sanfter angefaßt sein! aber es scheint mir, daß Du
wie wir Armero Alle, gut bei Kräften bist, und das
freut mich! Sei willkommen hier in Rom!
Seine Stimme drang mir freudig in das Herz,

1D
sie hatte noch den alten starken Klang. Da ich mich aber
niederbeugte, seine mager und knochig gewordene Hand
zu küssen, wie in den Tagen, die nicht mehr waren,
fühlte er, daß meine Augen überflossen, während er mir
seine Linke auf das Haupt legte.
Laß das, Marchese! laß das, mein Sohn! rief er,
mich nun auch umarmend; und sich zu Arrigo wendend,
in dessen edeln Zügen sich unsere Nührung widerspiegelte,
setzte er hinzu: Das Herz seiner Mutter! Er hat seiner
Mutter Herz! Er ist gefühlvoll! Sie haben Recht,
Arrigo, man muß Geduld haben und Nachsicht mit
ihm üben!
Er war während dessen vorwärts gegangen, und
als er Arrigo seine Hand hinreichte, war ihm der Stock
entglitten. Ich bückte mich, ihn aufzuheben, er schob
ihn mit dem Fuße weiter fort.
Bemüh' Dich nicht, sagte er, das ist jezt ein über-
flüssiges Ding! Du wirst ja künftig da sein, mir Deinen
Arm zu leihen, wenn ich ihn brauche! Aber ich fühle
mich heute gut! sehr gut! Ich denke, es soll noch lange
währen, ehe Du mich für immer nach der Kapelle bringft,
die selber für uns zu erbauen, Du verschmäht hast!
;g

18
Er hatte sich bis dahin geflissentlich in dem Tone
einer ihm von Natur fremden Heiterkeit erhalten, wie
es seine Art war, wenn er eine weiche Gemüthsbewegung
zu verbergen wünschte, und mit der ihm angeborenen
Großmuth sofort bemüht, mich den Vorwurf vergessen
zu machen, den er kaum absichtlich gegen mich erhoben,
trat er einen Schritt von mir zurück, musterte mich mit
festem Blicke und sagte dann: Wie er dem Aeltesten,
dem armnen Euilio, gleich geworden ist! Nur größer,
stattlicher, als Emilio es mit dreißig Jahren war.
Ein Armero von Kopf bis Fuß! und er kleidet ihn
gut, der Bart, den er al kraneeso trägt! -- Plözlich
hielt er inne, sah nach dem Bilde meiner Mutter hin-
über und verdeckte seine Augen mit der Hand.
Das währte jedoch nur einen Moment, dann richtete
er sich auf. zog die Ühr hervor und sagte: Arrigo, mein
Theurer! Benvenuto dankt Ihnen viel, sehr viel, und
so auch ich! Glauben Sie's, mein Freund, daß ich dies
lebhaft fühle! Aber es ist zehn Uhr und wir haben
keine Zeit mehr zu verlieren.
Arrigo schellte, die Diener brachten uns die Hüte,
er gab Befehl, die Wagen vorfahren zu lassen.
Deinen Arm, Marchese! sagte mein Vater, und

18
mit dem Lächeln triumphirenden Spottes, dessen ich
mich aus seinen guten Tagen wohl entsann, setzte er
hinzu: Ich bin in Wahcheit sehr begierig, die Freude
zu sehen, welche die unerwartete Rückkehr meines Sohnes
dem braven Pater Cyrillus und unserer Freundin
Earolina heute bereiten wird. Vorwärts also, und in
die Kapelle!

Kapitel 12

« Firche war von einer großen Menschenmenge
dicht umringt. Die Carabinieri, die den Dienst ver-
sahen und die Livrse des Grafen kannten, bahnten uns
den Weg.
Auch die Kirche war von Leuten voll. Die ge-
schicktesten Ausschmücker hatten das Mögliche gethan, sie
mit den schweren, golddurchwirkten Seidenstoffen, mit
Laubgewinden und vergoldeten Emblemen aller Art in
Farbenfülle aufzupuzen; und troz des hellen Tageslichtes
flammten überall die Kerzen, flimmerten die Glas-
behänge an den Kronen, die von den Decken niederhingen
und von den Wandleuchtern, die man an den Säulen
und Pfeilern angebracht hatte, wo es irgend zulässig
gewesen war. Der Duft des Weihrauchs. gemischt mit
dem Geruch der Kerzen und des frischen Laubes hatte
etwas Berauschendes, das Flüstern der Menge etwas

18
Geheimnißvolles; und die leise an uns vorübergleitenden
Geistlichen drückten dem mir fremd gewordenen Bilde,
noch das eigentlich rdmische Gepräge auf.
Hinter den Broncegittern der neuen Kapelle, deren
Thüre ein Saeristan nur den Geladenen erschloß, hatten
dieselben sich dereits vollzählig eingefunden. Donna
Carolina in reichem Schmucke, noch immer eine Be-
wunderung fordernde Gestalt, hatte sich, da sie es über-
nommen, den weiblichen Gästen die Ehrenbezeugungen
zu machen, auf den Sitzreihen der Damen zunächst dem
Altar niedergelassen, und inmitten der anwesenden Geist-
lichkeit hatte Pater Cyrillus den ihm gebührenden Platz
eingenommen, die befriedigte Herrschsucht und den durch
sie genährten Ehrgeiz, hinter der ihm zur Natur ge-
wordenen demüthigen Haltung dem Unkundigen geschickt
verbergend.
Alle Blicke wendeten sich dem Eingange zu, als
mein Vater die Stufen zu der Kapelle mit gehobenem
Haupte, auf meinen Arm gestützt, festen Schrittes hin-
aufstieg. Ein unterdrückter und doch hörbarer Ausruf
des Erstaunens schlug an unser Ohr.
Der Graf! der Graf und der Marchese! - hörten
wir es hier und dort erklingen.

u?
Hier stand Einer auf, sich zu vergewissern, daß er
sich nicht täusche, dort erhob sich ein Anderer, meinem
Vater und mir in froher Neberraschung die Hand bieten
zu kommen. Das Aufsehen, das Erstaunen waren all-
gemein. Aber wie der Vorgang mich selber auch in
Anspruch nahm, ich sah den Blick, der von Donna
Carolina zu dem Pater schnell hinüberflog. Ich sah das
Antliz des Paters sich entfärben und seine schmalen
Lippen sich zusammenpressen, als müsse er gewaltsam
den Ausruf unterdrücken, den das Erschrecken ihm ent-
- locken wollte, und der sicher keinen Segenswunsch für
mich enthielt.
Und noch einmal öffnete sich die Eingangsthüre.
In der Kirche wie in der Kapelle beugten sich die Kniee,
senkten sich die Augen. Der Chor der Sänger intonirte
den Weihegesang, und während man die Reliquie voran-
trug, welche durch die Huld des Papstes der Kapelle
überwiesen worden war, schritt der Weihbischof, ein
stattliches Gefolge von Priestern hinter sich, zu dem
Altar, die Weihung zu vollziehen und die erste Messe
zu lesen für die Seelen derer, die jetzt ihre Ruhestätte
hier gefunden hatten.
Wie es während des Gottesdienstes in den Herzen

188
der Anderen aussah, wage ich nicht zu sagen. Ich
fürchte, es wird von wahrer Andacht in ihnen nicht viel
zu finden gewesen sein, und auch meine Gedanken
schwärmten unruhig hin und her.
Ohne daß ich's wollte, betrachtete ich den Bau
und seine Ausschmückung. Ich dachte der Todten, deren
Büsten in den Nischen über ihren Sarkophagen standen.
Ich sah, wie meines Vaters Blick mit stolzer Energie
den Pater wieder und wieder suchte, und ich hatte eine
knstlerische Freude an dem Ausdruck verständnißvoller
Ruhe, den Cyrillus allmälig in allen seinen Mienen
zn zeigen, über sich gewann. Man hätte glauben sollen,
er sei in daä Geheinniß meiner Ankunft eingeweiht ge-
wesen, so freundlich blickte er mich an. Kaum aber waren
die lezten Accorde der Musik verstummt, die lezten Ge-
bete gesprochen und die Ceremonie beendet, als auch der
Pater, den höheren Würdenträgern, wie es sich gebührte,
den Vorrang lassend, die meinem Vater ihre Glück
wünsche zu des Baues Vollendung und zu meiner un-
erwarteten Heimkehr abstatteten, sich uns zu nähern
strebte. Indeß Donna Carolina kam ihm noch zuvor,
und von der Frauentribüne niedersteigend, rief sie,
meinem Vater rasch entgegengehend: Aber was haben

18
Sie denn gemacht, Don Ignatio? Sie laden uns ein,
der Beisezung von Todten beizunsohnen, und wir haben
das unerwartete Vergnügen, die Auferstehung eines
Lebendigen in Ihrer Grabkapelle zu begehen. Wir kleiden
uns zu einer Trauerceremonie, man singt ein Requieu,
und wir kommen hier zu einem Freudenfest! Jn Wahr-
heit, Don Ignatio! Sie machen Ihre Freunde ganz
verwirrt!
Mein Vater konnte sich eines triumphirenden
Lächelns nicht erwehren. Sind Sie empfindlich, schöne
Freundin, sagte er, daß Ihnen ein alter Mann einmal
Ihr Vorrecht streitig macht, die Gesellschaft durch etwas
Unerwartetes zu überraschen? Verzeihen Sie es mir,
Carolina! Es wird meines Sohnes Pflicht sein, Sie zu
versöhnen; denn der Marchese bleibt in Rom und zwar
bei mir - und Sie waren ja immer seine Gönnerin
und Freundin.
Carolina hatte lange genug in der großen Welt
gelebt, um schnell ihre Fassung wieder zu gewinnen und
ihre Partie zu nehmen. Sie sprach mir mit heiterster
Lebendigkeit ihre große Zufriedenheit mit meinem Ent-
schlusse aus, und wir schüttelten einander wie in alter
Zeit die Hände. Sie betheuerte, daß ich ein sehr schöner

1
Mann geworden sei, mein Vater nahm das als eine
Huldigung für seine Fämilie mit der erneuten Bemerkung
entgegen, ich hätte in der That den Kopf und die Haltung
der Armero; und währenddessen war auch Pater Cyrillus
bis zu uns herangekommen.
Willkommen! willkommen, Don Benvenuto! welch'
eine glückverheißende Wandlung erleben wir an diesem
Tage! sagte er, indem er die Augen mit ernstem Auf-
schlage erhob, so daß er dem Blick des Grafen auswich;
und wie würde erst die Frau Gräfin, die hier vor uns
ruht, die Stunde gesegnet haben, die den Sohn in's
Vaierhaus zurückgeführt hat. O, welch' ein Gllck
ist das!
Er bot mir seine Rechte; ich konnte mich jedoch
nicht überwinden, sie anzunehmen, und er ließ die Hand
sinken, als sei es eine absichtslose Bewegung gewesen,
die er vorher gemacht. Er fragte nach meinem Ergehen,
nach der Stunde meiner Ankunft. Er stimunte endlich,
da die kurzen Antworten, die er erhielt, ihm nicht
Anlaß zu längerem Gespräch boten, und er sich doch
vor den Leuten von dem ihm bis dahin so geneigten
Grafen nicht als einen Abgewiesenen zeigen wollte, in
Donna Carolina's wiederholten Ausruf über meine Aehn-

191
lichkeit mit meinem Vater ein, und nuun hielt der Graf
sich länger nicht.
Die Last der Jahre hatte seinen Rücken gebeugt,
aber er hob den mächtigen Kopf doch noch fest empor,
wemn ihm die Kraft seines Zornes zu Hülfe kam, und
seine Hand auf des Paters Schulter legend, daß er den
Druck derselben fühlen mußte, rief er: Nicht wahr, nicht
wahr, mein Pater Cyrillu8? das ist mein echter Sohn!
und ich bin sicher, er wird es machen, wie sein Vater!
Er wird die Augen aufihun, ehe es zu spät ist, und
Herr bleiben in dem Hause der Armero!
So es Gott gefällt! schaltete Cyrillus fromm er-
geben ein. So es Gott gefällt, dessen Nathschllssen und
wundersamen Fügungen wir uns unterwerfen müssen,
ohne daß wir sie voraussehen und verstehen.
Dritte Personen trennten uns, Monsignore Arrigo
befand sich unter ihnen. Ich hatte meinen Vater nie
so wohlgemuth gesehen. Er lehnte sich auf meinen Arm,
er war voll offener Freundlichkeit für mich, und mit
einem Seitenblick den Pater streifend, sagte er zu Arrigo:
-Er verdient General zu werden; ein geschickter und ent-
schlossener Nückug ist ein halber Sieg!
Aber der Pater hatte sich bereits von uns ent-

1
fernt, die Fremden hatten die Kapelle verlassen, es war
Zeit, an unsere Heimfahrt zu denken; denn die Stunde,
für welche der Empfang in unserem Hause vorgesehen,
war nicht mehr fern, und während man der Todten-
feier kaum gedachte, fand ich mich, wie Donna Carolina
es bezeichnete, als den Helden des Tages, mit welchem
neues Leben einziehen sollte in das lang verödete, freuden-
lose Haus.

Kapitel 13

Ireischntes Capttel.
F. Lewald, Benvenuto. l.

Jufgeregt von den Eindrücken der letzten vierund-
zwanzig Stunden, müde von den Anfragen, denen ich
nach allen Seiten Rede zu stehen gehabt, von den
Freundschaftsversicherungen, mit denen ich mich über-
schütttet fand, war ich gegen Abend, wie ich es mit dem
treuen Freunde, mit Adalbert, verabredet hatte, der die
Todtenfeier und den ihr folgenden Empfang in unserem
Hause mit durchgemacht, nach dem Gasthofe hingegangen,
in welchem er abgestiegen war, um ihn zu einem ge-
meinsamen Spaziergange abzuholen. -- Er wird sich,
wenn er diese Zeilen liest, des Abends wohl so gern
erinnern, als ich dessen denke.
Der Tag war selbst für unser Klima und für
diese Jahreszeit sehr heiß gewesen und die Schwüle
brütete zwischen den hohen Häuserreihen in den engen
zFe

t0
Straßen. Neberall waren die Fenster weit geöffnet,
leicht gekleidete schöne Frauen saßen an den vorspringenden
Eisengittern derselben, um eines erfrischenden Luftzuges
theilhaftig zu werden und suchten ihn, sich fächelnd, zu
verstärken. Auf den Balkonen, vor den Thüren und in
den Gärtchen der Conditoreien eilten geschäftig die Kellner
mit den Sorbettogläsern zwischen den Plaudernden um-
her und traten auf die Straße hinaus, die vornehmen
Kunden in den vorgefahrenen Carossen zu bedienen; während
um die Buden der Limonadenverkäufer Männer und Frauuen
aus dem Volke, Alt und Jung in buntem Durcheinander,
sich in immer neuen Gruppen zusammenfanden, um das
erhitzte Blut mit der unentbehrlichen geeisten Limonade
zu erfrischen.
Ich aber fühlte nicht die Hitze, nicht den Staub,
mich drückte auch die Schwüle nicht, so glücklich war ich.
Wohin ich sah war Etwas, das mich freute, und mal
auf mal schoß mir der Gedanke durch den Sinn, so
fröhlich, so wunschlos und in sich befriedigt müsse der
Zustand sein, den die Gläubigen in der Seligkeit des
Paradieses anzutreffen hoffen.
Seit meiner frühen Jugend hatte ich in meinem
Vaterhause nicht gewohnt, und ich hing doch an dem

1?
altehrwürdigen Bau. Meine Vaters Freundlichkeit war
mir niemals so zu Theil geworden wie in diesen letzten
Stunden, ichh hatte nie das Glück gekannt, ihm hilfreich
meine Hand zu reichen, nie von seinem Munde das
Wort vernommen, das er heute gesprochen: er hoffe die
Stütze seines Lebensabends in mir zu finden, er rechne
darauf, daß ich trachten werde, ihm die Verlorenen zu
ersetzen.
Eä war die erste Forderung einer Liebesleistung,
die er an mich machte, und sie lieh mir einen neuen
Werth in meinen Augen. Sie verband mich mit meinem
Vater, denn nicht die Liebe, die man uns gewährt, die
Liebe, die wir üben und mit der wir dienen und be-
glücken, ist es, die uns an die Menschen fesselt, die uns
ihnen zu eigen giebt.
e,
aah hatte meinen Vater eben erst verlassen, weil
er allein zu bleiben und auszuruhen verlangte, aber ich
sorgte um ihn mehr und ängstlicher als in all' den
Jahren, die ich ferne von ihm zugebracht. Ich hatte
ein wahrhaftes Verlangen, irgend einem Menschen eine
Liebe zu erweisen, eine Freude zu bereiten, heitere Mienen
zu sehen, freundliche Worte zu vernehmen, und- um
es so auszudrücken, wie ich es an dem Abend dachte:

198
ich wäre am Liebsten unser Herrgott und allmächtig ge-
wesen, um alle Menschen so glücklich zu machen, als ich
mich selber flhlte.
Adalbert fand ich mich bereits erwartend. Er fragte
mich, ob ich Etwas dawider hätte, wenn er zu unserem
Spaziergang eine Dame mit uns nähme.
Irgend einem Menschen ein Verlangen abzuschlagen
oder ein Vergnügen zu verderben, wäre mir an dem
Abende unmöglich gewesen, und sich in der Gesellschaft
eines nicht liebenswürdigen Frauenzimmers ein paar
gute Stunden zu verderben, das lag nicht in unseres
Freundes Weise. Ich erklärte mich also mit seiner
Absicht einverstanden und erkundigte mich nur, wer die
Dame wäre.
Sie ist eine Landsmännin von mir, sagte Adalbert,
ein Mädchen aus einer norddeutschen adeligen Familie.
Der Vater war Offizier, Magdalenenö Brüder dienen,
wie der Vater es gethan, in der preußischen Armee.
Die Eltern Beide sind ihr früh gestorben, und eine Groß-
tante, eine kinderlose Frau von großer Bildung, die
einsam auf ihrem Gute lebte, hat sie zu sich genommen
und erzogen. Auf dem Landsiz dieser Großtante habe
ich Magdalenen kennen lernen, als ich mich einmal, um

199
Studien zu zeichnen, in der Gegend aufhielt. Die treffliche
Frau war damals schon krank und Magdalene ihre aus-
schließliche Pflegerin. Das wird nahezu zehn Jahre her
fein, und ist die ganze Zeit so fortgegangen. Im ver-
wichenen Herbste ist die Großtante gestorben, hat, wie
sich das gebührte, ihr Gut Magdalenen hinterlassen,
und da diese ihr Leben bis zu der Tante Tode, namentlich
in den lezten Jahren, in einer wahrhaft klösterlichen
Einsamkeit zugebracht hat, die nur in den Sommer-
monaten hie und da einmal durch ein paar Gäste, unter
denen ich gelegentlich mitzählte, unterbrochen wurde, so
benutzt sie jetzt ihre Freiheit, und sieht sich Etwas in
der Welt um. Sie war im Herbste in Paris und ging
dann hierher. Gestern ist sie mit anderen Bekannten
von Albano herübergekommen, die Kapellenweihung mit-
zumachen. In der Kapelle habe ich sie unerwartet an-
getroffen, und da ich gern mit ihr verkehre, habe ich
selbst ihr heute das Anerbieten gemacht sie abzuholen,
weil ich sicher war, daß ihre Gesellschaft Ihnen nicht
stdrend sein würde, da sie eine durchaus verständige und
bequemlebige Person ist.
Ich wußte damit mehr, als ich zu erfahren ein
Interesse hatte. Wir sprachen dann von meinen Ange-

s


e
s


s
f
z-

f
h
?
?
n

s
s
g.

I


legenheiten, von dem Bau der Kapelle, von ihrer künst-
lerischen Ausstattung. Ich sezte es Adalbert mit wenig
Worten auseinander, wie ich die Sache mir anders ge- ,
dacht, was ich selbst daran anders und, wie ich meinte,
besser gemacht haben würde, ohne in zu auffallender Weise ,
von dem Nococostyl abzuweichen, der in der Kirche, wie'
fast in allen Jesuitenkirchen vorherrschend war. Da- -
durch wendete das Gespräch sich auf mein Pariser
Atelier, auf die Schwierigkeit, die dort begomnenen-
Arbeiten nach Rom hinüberzunehmen; und da ich er-
wähnte, daß es mir leid sein würde, meinen Vater - -
deshalb bald und wieder für eine längere Zeit zu ver-
lassen, erbot sich Adalbert mit einer Bereitwilligkeit, für -
die ich ihm noch heute dankbar bin, sich in Paris der -
Mühewaltungen für mich zu unterziehen. Mit Hilfe -
meines sehr geschickten Marmoraren, der gar nichts--
Besseres verlangte, als gleich mir in unsere rdmische-.
Heimath zurüchukehren, versprach er die ganze Neber-. -
siedelung in's Werk zu setzen.
Darübex waren wir von dem Gedanken an unsere -
Begleiterin völlig abgekommen und ich stand, innerlich ;.
mit Neberlegungen beschäftigt, die sich alle auf mein
Atelier bezogen, in gelassener Erwartung vor der Thüre -

-
z
s-
fs


g
-
F

E
-
-



--
-
A
1
des Hauses, in welchem Magdalene wohnte, als Adalbert
mit ihr in die Straße hinaustrat.
Ich war betroffen bei ihrem Anblick. Nicht, daß
sie mir als eine ungewöhnliche Schönheit auffiel, aber
ich hatte nach den Mittheilungen des Freundes in
Magdalenen ein älteres Frauenzimmer zu finden erwartet,
und es überraschte mich deshalb angenehm, als die
schlanke jungfräuliche Gestalt, anmuthig grüsßend, sich
mir näherte.
Da Adalbert italienisch gesprochen hatte, als er
uns einander vorgestellt, setzte Magdalene die Unter-
haltung in gleicher Weise fort, und die große Sicherheit,
mit welcher sie meine Muttersprache handhabte, machte
mir Vergnüügen. Alles gefiel mir an ihr, gleich in dieser
ersten Stunde. Ihr mittelgroßer feiner Wuchs, ihre
edeln Züge und der sanfte ruhige Blick ihrer schönen
Augen, denen man es anzusehen meinte, daß sie gut und
richtig zu beobachten im Stande wären. Das schlichte
weiße Kleid, das sich fügsam an ihren Körper legte,
das schwarze Spitzentuch, das ihre vollen Schultern leicht
umgab, der kleine Strohhut, in dem die dunkel-
bonden Locken in weichen Wellen ihr an den Wangen
und biszum Busen niederflossen, kleideten sie vortrefflich. -
...

-

s
i
i
!

z

s
;
f
s
i
s

zp


Sie gefiel mir sehr, und doch war sie nicht schön! Aber
da sie den einen ihrer Handschuhe noch nicht aufgezogen
hatte, bemerkte ich ihre zierliche und dabei kräftige Hand,
und wie mir, als sie aus dem Hause herausgekommen
war, ihr kleiner Fuß aufgefallen war, so nahm mich
der ruhige und sichere Schritt, mit welchem sie zwischen
uns herging, für sie ein; denn ich habe immer gefunden,
daß der Character der Frauen sich mit großer Deutlichkeit
in ihrem Gange ausspricht.
Wir gingen den Corso entlang zum Capitol hinauf
und stiegen dann in das Campo vaccino hernieder, da.?
wir es darauf abgesehen hatten, die Sonne von der Höhe
des Colosseums untergehen zu sehen.
Magdalene war in Rom vollkommen zu Hause.
Sie hatte ihren Winter gut benutzt, man hatte ihr gar
Nichts zu erklären. Aber sie theilte meine und Adalberts-
Freude an der Stadt und an der Gegend mit warmer -
Lebendigkeit, und ihre Art sich auszudrücken und zu be-
haben, war so einfach und natürlich, daß man gar nicht
daran dachte, wie man ein junges Frauenzimmer neben
sich habe, bis irgend eine ihrer Aeußerungen oder eine
ihrer Bewegungen und Mienen durch ihre weibliche An-
muth erfreuten uhd bezauberten.

R
Friedlich und vertraulich, als wären wir Drei seit
Jahren schon zusammengewesen und auf diesen Wegen
gemeinsam gegangen, kamen wir vor dem Colosseum an,
durchwandelten die Arena und stiegen seine hochgestuften
Treppen empor, so weit es möglich war. Magdalene
bedurfte auch dabei keiner Hilfe, und ich lobte das.
Sie meinte, dabei sei gar Nichts zu loben. Ich
bin auf dem Lande aufgewachsen, sagte fie, und habe
bei meiner armen gelähmten Großtante von Kindes-
beinen an, mich immer ruhig halten und viel stille
sitzen müssen. Wurde ich dann einmal hinausgelassen in
das Freie, so bin ich umhergelaufen und herumgeklettert,
wo ich nur immer konnte. Das hat mich sicher auf
den Füßen und schwindelfrei gemacht, ohne daß ich's
wußte oder wollte.
Langsam vorwärts gehend, pflückte sie hier eine
Federnelke, dort einen Goldlackzweig oder eine Epheu-
ranke, die aus den Fugen des Getrümmers empor-
gewachsen waren; und tief aufathmend, mit freude-
strahlendem Blicke um sich schauend, setzte sie sich endlich
nieder, als wir an unser Ziel gekommen waren.
Die Sonne war schon im Sinken. Von der weiten
Ebene der Campagna zeg ein erfrischender Lufthauch zu

We
uns herüber, purpurgesäumt stieg, von der Sonnengluth
gefärbt, goldenes Gewölk bis hoch zum Horizont empor,
wo es blaß und blässer werdend, sich endlich in rosigem
Schimmer in daä Blau des noch vbllig hellen Hiut-
mels auflöste. -- Und wieder überwältigte uns die
Herrlichkeit des Panoramas, das sich vor unseren Augen
aufthat.
Da lagen sie nebeneinander: die hohen Wblbungen
der Basilita Aemilia, der Tempel der Venus und Noma,
der Boge des Constantin und die bebuschten Hügel,
unter denen sich die Trümmer der Kaiserpaläste bargen.
Weithin zur Nechten, über dem Bogen des Constantin
hinweg, starrten in wild romantischem Gezack die
Trümmer der Caracalla -Thermen in die Luft. Fernab
zur Linken hatte man die Ruinen der Titusthermen vor
sich, und über das Alles hinaus that sich die weite
schweigende Ebene, die römische Campagna auf, während
am Horizonte die feinen scharfen Linien des Albaner-
gebirges sich tiefer und tiefer zu röthen begannen. -
Man konnte sich nicht genug thun im Betrachten und
Schauen!
Gllcklich diejenigen, welche hier ihre Heimath
haben! rief Adalbert aus, während ich dasselbe dachte.


In den Menschen, die hier geboren werden, die von ihrer
Jugend an umgeben sind von den Monumenten großer
Zeiten, die früh gemahnt werden an gewaltige Thaien
und an die Geschlechier, welche sie volllraclen, uus;
ein anderes Bewußtsein, eine andere Weltanschauung
erwachsen, als in unser Einem, der in Sand und
Sumpf zu Hause ist, und in dessen heimischen Kiefern-
wäldern Bären und Wölfe noch die Herrscher waren,
während hier die Cäsaren die Kunstschätze Egyptens und
Griechenlands um sich versammelten, und Horaz und
Ovid ihre Oden und Liebespoesien dichteten.
Ach! bat Magdalena, schelten Sie unsere Heimath
nicht! Auch an unseren Seen und in unseren Wäldern
ist es schön! Und diese Herrlichkeit, diese Farbenfülle,
die uns hier umleuchtet - sie hielt inne, sie war un-
verkennbar gerührt, aber sie überwand sich schnell, und
hinüber blickend in das wogende Farbenspiel des fluthen-
den Lichtes sagte sie: sie ist ja unvergeßlich, diese
Schönheit! wir nehmen sie ja mit uns, wenn wir
scheiden!
Als eine quälende Sehnsucht, die uns nicht mehr
verläßt! schaltete Adalbert ihr ein.
Oder, die uns antreibt, wieder aufzusuch en, wa

2e
uns lieb geworden ist! bedeutete sie, ihrer Bewegung
wieder völlig Meister.
Ich fragte sie, ob sie Rom bald zu verlassen
gedenke. Sie verneinte das. Sie habe keine Eile, heim-
zukehren, sagte sie, ihre Angelegenheiten in der Heimath
wären in guten Händen und sie habe sich also auch
kein Ziel gesteckt. Sie hoffe, noch manch liebes Mal
auf diesem Platze zu stehen und sich zu fceuen, daß ihr
dies gegönnt sei.
Darüber war die Sonne ganz hinabgesunken und
wir wendeten uns nach der Stodt zurück. Adalbert.
wollte in wenig Tagen wieder nach Paris gehen,
Magdalena in der nächsten Frühe nach Albano hinaus-
fahren; und auch mein Vater wollte sich auf unseren
Landsitz begeben, auf dem Monsignore Arrigo mit uns
die heißen Monate verleben sollte. Da man sich auf
diese Weise bald zu trennen hatte, schlug Adalbert vor,
noch in das Cafs Ruspoli zu gehen, um in dessen
Gärtchen das Beisammensein noch eine Stunde zu ver-
längern. Magdalena war damit gleich einwerstanden.
Der Gedanke, daß dies Beisammensein eines jungen
Frauenzimmers mit zwei ebenfalls jungen Männern an
einem dffentlichen Orte gegen die Landessttte anstieß,

A?
schien ihr nicht zu kommen, und ich selber dachte nicht
daran, so lange wir bei einander waren.
Ich hatte unter meinen Bekannten, sowohl unter
den Engländern als unter den Franzosen, Frauen
getroffen, die sich in voller Freiheit in der Welt und
in der Männergesellschaft bewegten, aber sie hatten dies
Alle mehr oder minder mit dem Bewußtsein gethan.
sich über Schranken hinwegzusezen, die ihnen lästig
geworden waren. Sie hatten es in trotziger Auflehnung
gegen die herrschende Sitte und mit dem Willen gethan,
sich als gleichberechtigt mit den Männern zu behaupten
In Magdalena war von solchem Willen und Bewußtsein
keine Spur. Alles, was sie that, geschah so absichtslos
wie ein Gesunder athmet, und eben deshalb nahm man
es in gleicher Weise auf.
Die Stunde verging uns wie im Fluge. Wir
begleiteten Magdalena nach ihrer Wohnung zurück,
Adalbert sagte ihr vor der Thüre sein Lebewohl. Sie
dankte uns, daß wir sie mitgenommen hätten, und
bedauerte, daß er schon wieder scheide und daß sie ihn
wohl so bald nicht wiedersehen würde.
Nun, meinte Adalbert, dafür lasse ich Ihnen
meinen Freund hier. Den Marchese haben Sie heute

8
nicht zum letzten Mal gesehen. Von seines Vaters
Schloß bis nach Albano ist es ja nicht weit. Der
reitet wohl hinüber, Ihnen aufzuwarten; und da er
eine große Vorliebe für uns Deutsche, für unsere
Dichter und für unfere Musik gewonnen hat, so kdnnen.
Sie ein patriotisches Werk thun, wenn Sie ihn auf
diesem guten Wege erhalten und ihm noch weiter vor-
wärts helfen.
Ich hatie selbst im Sinne gehabt, sie in Albano
aufzusuchen. Ich bat also um die Erlaubniß, ihc meine
Aufwartung machen zu dürfen. Sie nahm das Wieder-
sehen als selbstverständlich an, und mir die Hand
reichend, sagte sie: Kommen Sie, Herr Marchese! und
dann sprechen wir auch deutsch! -- Das waren die ersten
deutschen Worte, die ich von ihr hörte.

Kapitel 14

Pierzehnles Capitel.

PFe Abstand von meinem Leben in Paris zu den
stillen Tagen, die ich in der Gesellschaft und als der
Gesellschafter der beiden Greise inunserem Schlossezubrachte,
war sehr groß; aber wenn ich auch mit mancherlei
Sorge an mein Atelier und oftmals mit innerer Un-
geduld an meine Arbeiten dachte, so that mir dennoch
die Einsamkeit wohl. Ich genoß wie nie zuvor die
Schönheit der Gegend, die Freude an dem Besiz, den
wir in derselben hatten, und das Glück, meinem Vater
willkommen und angenehm zu sein.
Seit den Tagen, in welchen Arrigo's Freundschaft
mich vor der schwarzen Soutane bewahrt und in seinen
Schutz genommen, hatte ich nicht wieder auf dem Lande
gewohnt und unser Schloß nicht wieder betreten.
Damals hatte mein Erzieher mich auf Schritt und
Tritt überwacht, damals war ich, in dem ersten
1

u
Jünglingsalter und eben erst zum Bewußtsein meiner
selbst gekommen, gleich in den Kampf um meine freie
Entwicklung verstrickt worden, und hatte die Gunst meines
Vaters eingebüßt. Jetzt war ich ein freier und gemachter
Mann. Mein Vater sah, wie mir daran gelegen war,
ihn zufrieden zu stellen. Arrigo that das Seine, es ihm
beständig in das Gedächtniß zu rufen, daß ich ein
Künstler sei und bleiben müsse, und ich selber gewann
daneben ein Interesse an der Verwaltung der Güter
und des Besizes, der mein Vater sich lebenslang mit
Gewissenhaftigkeit gewidmet hatte und die er noch immer
mit großer Umsicht leitete. Wir naren auf diese Weise
alle drei mit einander zufrieden. Selbst der Todten fing
mein Vater an mit ruhiger Wehmuth zu gedenken, und
weil es ihm gelungen war, sich aus den umstrickenden
Banden des Paters zu befreien und die habsüchtigen
Plane des Ordens mit Arrigo's Hülfe noch rechtzeitig
zu Schanden zu machen, hatte er Glauben an seine
Kraft, und damit an eine noch längere Lebensdauer
gewonnen, so daß er mich mit Heirathsvorschlägen nicht
bedrängte, sondern sich oftmals in guter Laune über
das bequeme Junggesellenleben, das wir in dem Schlosse
führten, scherzend vernehmen ließ.

L3
Ich war dabei in eine Beschaulichkeit hineingerathen,
die ich nie gekannt hatte. Mein ganzes bisheriges Leben
war mir wie von mir selber loögelöst, ein Gegenstand
ruhiger Prüfung und Betrachtung. Ich dachte, mich
felber kritisirend, an meine Handlungen wie an die
Arbeiten, die ich geschaffen hatte. Ohne daß ich
modellirte oder auch nur den Stift zur Hand nahm,
empfand ich, wie das prüfende Rückvärtsblicken im
Verein mit der Anschauung der belebten Natur mich
innerlich förderten, wie neue Bilder, neue Vorstellungen,
neue Entwürfe durch zufällige äußere Eindrücke in mir
rege wnrden, wie sie feste Gestalt annahmen und sich
so vollständig vor meinem inneren Auge entwickelten,
daß ich eben jenes Gllickes genoß, welches, wie ich Ihnen
klagte, die Ausführung mir oft zerstört, diese Gestalten
als Jdeale zu erschauen, und sie als solche, wenigstens
für mich selber eine Zeitlang zu besitzen.
Der ganze Monat war uns in diesem Seelenfrieden
hingegangen. Ich war mit meinen beiden Alten, wenn
die Hitze sich gemäßigt hatte, in der Gegend eine Stunde
umhergefahren und oftmals allein weit umhergeritten,
um wieder heimisch zu werden in den Lande, das mir
fremd geworden, unter den Leuten, die in unseren

1
Besizungen angesessen waren, und deren Herr ich dereinst
werden sollte. Dabei fing das Behagen an dem Besiz
des eigenen Grundes und Bodens sich in mir zu regen
an, auch die Lust zum Verschönern dieses eigenen Besizes
ward lebendig. Ich sah jeden Punkt, an dem ich vor-
überkam, darauf an, welche Aussicht sich von demselben
etwa eröffnen ließe; und jedes kleine Kapellchen, jedes
ungestaltete Madonnenbildniß unter einem Baum am
Wege wurden mir wichtig, weil ich mir vorstellte, wie
es mir leicht sein wüürde, die einen geschickter auszu-
schmücken, und die anderen durch bessere Arbeiten der-
artig zu ersezen, daß sie auch dem Auge des Künstlers
Freude machen müßten.
Dies stille innere Schaffen hatte mich in seinen
engen Kreis gebannt, und obschon ich mich recht häufig
des schönen angenehmen Abendes erinnerte, den ich am
ersten Tage nach meiner Rückkehr mit Adalbert und
Magdalenen zugebracht, hatte sich immer Etwas zwischen
meinen Vorsatz, das liebenswürdige Mädchen aufzusuchen,
und seine Ausführung gestellt. Endlich an einem
sonnigen Nachmittage ritt ich von unserem Castell
hinunter, durch die Ebene und nach Albano hinüber.
Erst unterwegs fiel es mir ein, daß ich die junge

1?
Deutsche leicht möglich nicht mehr in Albano treffen
wiade. Ich hatte nicht gehört, ob sie den ganzen
Sonmer dort verweilen wolle; und selbst, wenn sie sich
noch ku Albano aufhielt, war es sehr leicht möglich,
daß ich sie nicht bei sich zu Hause antraf. Je länger
ich ritt, je unruhiger machte mich die Aussicht, sie am
Ende zu oerfehlen, und doch glaubte ich auch wieder
nicht, daß mir etwas so Verdrießliches begegnen könne.
Wie ich dann mit dem Gedanken an sie beschäftigt, von
Castel Gandolo herabkommend, mich gen Albano hin,
dem Ausgange des Waldes näherte, trat sie mir unter
dem Schatten der immergrünen Eichen, im weißen
Kleide, wie ich si zuerst gesehen hatte, mit einem Mal
entgegen. Sie war nicht allein. Sie hatte eine ältere
Dienerin mit sich und einen Knaben, der ihr einen
Feldstuhl und eine kleine Mappe nachtrug.
Ich konnte den Ausruf meiner Freude nicht unter-
drücken, und rasch vom Pferde springend, bot ich ihr
die Hand. Auch sie sah mich mit Vergnügen wieder,
und sie hdrte mir freundlich zu, als ich ihr erzählte,
wie ich besorgt gewesen sei, sie zu verfehlen, und wie
ich daneben doch eigentlich die Neberzeugung gehegt hätte,
daß mir dies nicht geschehen würde.


Das ist sonderbar! meinte fie, aber was gab Ihner
diese letzte Zuversicht?
Soll ich es Ihnen ehrlich bekennen, entgegnete ch,
während ich in ihre Augen sah, soll ich es Ihnen ehr-
lich bekennen, so war es der felsenfeste Glaube, dnß Sie
keinen Menfchen einen Verdruß oder eine Enttäuschung
bereiten könnten.
Gern thue ich das freilich nicht! sagte si, während
ein Lächeln so sonnig über ihr Gesicht gltt, daß es
kaum zu sagen war, ob der helle Schimmer von dem
Lichte herkam, das durch die Zweige streie, oder ob es
aus ihrem klaren Innern wideustrahlte. Aber die
Hauptsache ist, es freut mich, setzte sie hinzu, daß wir
uns hier gefunden haben; und nun lassen Sie uns
hinuntergehen nach der Stadt, damit Sie sich nach dem
langen Ritt in meinem kühlen Zimmer erst erfrischen.
Ich gab dem Knaben den Zügel meines Pferdes,
die alte deutsche Frau, die in ihrem weißen Häubchen
hier ganz landfremd aussah, nahm ihm dafür den
Feldstuhl und die Mappe ab, und auf meinen Arm
gestützt, ging Magdalena mit mir durch die Galerien
nach Albano hinunter.
Sie hatte in dem besten Hause der Stadt eine

A
Wohnung inne, und gleich bei dem Eintritt in dieselbe
empfand man den Geist und merkte man die Hand, die
hier gewaltet hatten.
Die Einrichtung in demselben war nicht anders,
als man sie in jedem solchen Hause antrifft; aber jeder
Stuhl und jeder Tisch nahmen den Platz ein, an
welchem sie am Besten dienen konnten. Alles glänzte
vor: Sauberkeit. Vasen und Gläser voll Wald - und
Gartenblumen standen, wo sich der Raum dafür nur
finden wollte; und die Notenhefte und Bücher, die auf
dem bescheidenen Pianino lagen, die Arbeitskdrbchen und
ein Tisch, auf welchem neben einem Zeichenbrette, sich
ein Kästchen mit Wasserfarben befand, verriethen, daß
die Bewohnerin des Hauses sich zu beschäftigen liebe
und verstehe.
Da Magdalena beim Eintreten in ihr Zimmer, der
Alten, deutsch sprechend, den Befehl gegeben hatte, uns
Kaffee und Eiswasser zu bringen, und ich dies an-
genommen, führte ich die Unterhaltung, ohne besonders
daran zu denken, in derselben Sprache fort. Magdalena
freute sich darüber, denn indem sie ihren Hut abnahm
und ihren Schirm in eine Ecke stellte, sagte sie: Nun
setzen Sie sich und seien Sie schdn willkommen! Und

N1
ich danke Ihnen, daß Sie heute deutsch mir mir svrechen
wollen, denn so oft ich eine fremde Sprache reden muß,
komme ich mir wie maskirt vor.
Ich wendete ihr ein, daß mir dieses auffalle, da
sie sich im Jtalienischen sehr frei bewege. Sie meinte,
frei bewegen könne man sich unter Verhältnissen in jeder
Tracht und in jeder Verkleidung, da es ja immer ganze
Völker gäbe und ganze Zeiten gegeben habe, denen die
uns fremde Tracht die angemessene und bequemste
erscheine und erschienen sei; indeß, derjenige, der sie als
eine fremde trage, könne es nicht leicht vergessen, daß
er etwas Anderes vorstellen und bedeuten solle, als das,
was er eben sei, und ihr falle das ein für alle Male
ganz besonders schwer.
Die alte Dienerin brachte während dessen den Kaffee
in das Zimmer, dem sie nach eigenem Ermessen eine
Menge Backwerk, und Brot und Butter hinzugefügt
hatte, weil sie meinte, nach einem weiten Ritte müsse
ich Eßlust haben.
Nun, scherzte Magdalena, wenn der Herr Marchese
sie uns auch nicht mitbringt, so hast Du Recht, wenn
Du die Gelegenheit benutzest, uns einmal einen ordent-

9
lichen deutschen Imbiß zu bereiten; und wer weiß, ob
unser Gast sich denselben nicht gefallen läsßt.
Sie deckte selbst das weiße Tuch über den Teppich
des Tisches, legte dann mit Hand an, die Geräthschaften
darauf zu stellen, und die alte Hanna war dabei eben
so ruhig geschäftig, als die schlanke Herrin. -
Magdalena erzählte mir, die alte Hanna sei ihre
Wärterin gewesen, als sie die Mutter verloren habe,
sie sei immer bei ihr geblieben, und sie finde sich in
dem Reiseleben, welches sie seit einem Jahre führten,
besser zurecht, als sie es Beide erwartet hätten. Aber,
setzte sie neckend hinzu, Hanna und ich sind ein paar
alte Jungfern, und denen wird es überall gleich heimisch,
wo sie ihren Theetopf und ihre Kaffeekanne finden. Jm
Nebrigen, fuhr sie gegen mich gewendet fort, hänge ich
nicht wie die Katzen an dem Hause, sondern wie die
Hunde an den Menschen. Mit ein paar guten Büchern,
ein paar Blumentöpfen, mit einem Jnstrumente, das
sich ungefähr wie ein Clavier anhört, und in jedem
Zimmer wo das Gesicht meiner alten Hanna zur Thüre
hineinguckt, da bin ich überall zu Hause und sie ist es
mit mir.
Sie schnitt während sie sprach, den Kuchen in

A
Stücke, strich Butter auf das Brot, reichte mir den
Kaffee -- es war das Alles eben so gewöhnlich, wie
das Geplauder, das sie dabei führte. Aber die
italienischen Frauen aus den höheren Ständen geben
sich zu solchen häuslichen Diensten nicht leicht her, und
ihr stand das Alles so wohl an, es nahm sich Alles
so natürlich und zugleich so vornehm an ihr aus, daß
trotz ihrer typisch deutschen Gestalt der Adel ihrer
Stellungen und Bewegungen mich beständig an die edle
Gemessenheit antiker Vorbilder gemahnte. Ich hätte
fort und fort so sitzen und sie sehen und hören mögen;
und doch bemerkte ich es eben in diesen Stunden,
daß sie älter sein mußte, als sie mir an dem ersten
Abende vorgekommen war, daß sie wohl fünfundzwanzig
Jahre und darüber zählen konnte.
Wir redeten von Dem und Jenem: von ihrer und
von meiner Heimath, von deutscher und italienischer
Musik und Poesie, von den Kunstwerken, die sie hatte
dennen lernen. Ich fragte, ob sie singe, spiele, zeichne?
Sie sagte, sie könnte von dem Allen gerade so viel, um
sich über eine einsame Stunde fortzuhelfen, ohne irgend
einen Anspruch darauf gründen zu dürfen. Sie habe
das Wenige aber schätzen lernen, weil es ihrer alten

Lu
Großtante Vergnügen gemacht habe. Und, bemerkte sie,
wenn man so wie ich, schon in früher Jugend das Alter
und seine Leiden vor Augen gehabt hat, so wird man
wirklich dankbar für das Wenige, das man thun kann,
um in die trüben Tage des Lebenswinters etwas Licht
und Sonnenschein zu bringen. Ich singe die Lieder, an
denen meine Tante sich erfreute, und liebe meine kleinen
Blumen- und Landschaftsskizzen, die sie bewunderte, noch
heute, obschon ich weiß, daß sie recht schlecht und gar
Nichts werth sind.
Ich erzählte ihr, wie auch ich in diesem Augen-
blicke für zwei Greise zu sorgen und ihnen Gesellschaft
zu leisten hätte, und wie mir ihre Bemerlung so eben
die ruhige Befriedigung erklärlich mache, die ich in
diesen Wochen zu meinem Erstaunen in der Einsamkeit
unseres Schlosses genossen hätte.
Nicht wahr, meinte sie, wir sind Alle Egoisten,
Alle darauf gestellt, Freude zu haben an unferem
Thun. Sich zu sagen, daß man in dem Leben eines
anderen Menschen der Sonnenschein ist, das ist ein an-
genehmes Ding.
Wie gut sind Sie! rief ich. Wenn man Sie hört,

AA
sollte man meinen, Sie hielten das Opferbringen und
das Leisten für ein Gllck!
Nennen Sie es nicht das Leisten und das Opfer-
bringen, sondern einfach die Möglichkeit, helfen zu können,
und Sie werden es ebenso wie ich betrachten, wenn Sie
die Menschen lieben, mit denen Sie's zu thun haben.
Ich bringe Ihnen kein Opfer und leiste Ihnen Nichts,
wenn ich Ihnen dies Eiswasser eingieße; aber ich glaube,
daß es Ihnen angenehm ist, und so macht Ihr Durst
mir Vergnügen! setzte sie scherzend hinzu, so kaß man
sah, sie liebe es nicht, sich eingehend über sich selber
auszusprechen. Indeß sie war mir zu neu und zu an-
ziehend in ihrer einfachen Selbstlosigkeit, als daß ich
ihrem ablenkenden Winke nachgegeben hätte, und ich fragte
also weiter: ob sie es nie ermüdend gefunden hätte,
mit dem Alter zu verkehren? ob nicht das Verlangen
nach wärmerer Liebe sich in ihr geregt, ob mit einem
Worte, sich ihr Herz denn nicht in Liebe und Leiden-
schaft für einen Mann geöffnet habe?
Sie fragen Viel auf ein Mal und legen mir
lauter Gewissensfragen vor, entgegnete sie, aber ich
kann sie Ihnen leicht beantworten. Nein! ich habe nie
geliebt. Indeß das ist für mich weder ein Tadel noch


ein Lob, denn so lange ich auf unserm Gute war, bin
ich kaum einem Manne begegnet, der geeignet gewesen
wäre, in mir die Liebe zu erwecken; und da unsere
Umgebung immer auf uns wirkt, so mag wohl von
dem Grau des Alters, früh ein Wenig an mir hängen
geblieben sein und sich wie eine erkältende Asche über
mich gebreitet haben.
Sie sprach auch das ohne Verlegenheit, als redete
sie nicht von sich, obschon ein leichtes Roth sich über
ihr Gesicht ergoß und ihr Hals und Nacken färbte.
Ich begrisf es dabei nicht, wie sie mir noch kurz vorher
lber die erste Jugendbllthe hinweg zu sein geschienen,
denn sie sah in dem Momente jinger als die Jüngste
aus, weil sie so offen und so ehrlich war, wie nur die
Kinder es noch sind. Aber ihr Gleichniß von der Asche
aufnehmend, sagte ich: Sie haben's wohl gesehen, wie die
Gluth unter einer leichten Aschenlage nur kräftiger und
reiner fortrennt!
Ja, wenn sie erst entfacht war! versezte sie, sich
den Scherz gefallen lassend. Sie lenkte jedoch augen-
blicklich davon ab, und wir kamen auf andere Dinge zu
sprechen. Die Zeit verging uns rasch und angenehm.
Ich hatte endlich an meinen Aufbruch zu denken, wenn

»Z s
ich meinen Vater zu der gewohnten Stunde nicht auf
mich warten lassen wollte.
Der Knabe holte mein Pferd aus den Gasthofe
herbei, nach welchent ich es hatte führen lassen, wir
gingen in der Straße auf und nieder bis zu der
Schlucht, die nach Arriccia führt, und von deren
hohem Rande das Auge weit hinauöschaut bis zum
Meere.
Wir standen, uns des Anblicks erfreuend. Sie hatte
meinen Arm angenommen und sich auf ihn gelehnt.
Als der Knabe mit dem Pferde kam, schraken wir
Beide auf. Es fiel mir schwer zu scheiden, weil der
Abend schdn zu werden verhieß, und weil Magdalena
sagte, daß sie ihn mit Bekannten, die täglich von
Arriccia herüber kämen, zu genießßen hoffe. Ich gönnte
das den Anderen nicht, und mit schnellem Abschied,
weil es doch geschieden sein muußte, sugte ich ihr Lebe-
wohl, die Gunst des Wiebersehens von ihr erbittend.

Kapitel 15

Fünfzehntes Capitel.
, Benvenuto. l
gLF.LLF

Ie eitt heiter durch das schöne Land, mich mii
Vergnügen jedes Wortes erinnernd, das wir gewechselt
hatten; und heiter in der von Magdalena mir erregten
Vorstellung, als Lebenssomnenschein den Abend des
Vaters und des Freundes zu verschönern, langte ich eben
noch in dem Augenblicke im Schlosse an, in welchem
man sich zu der Abendmahlzeit niedersetzen wollte.
Die Tafel war gedeckt, die beiden alten Diener,
denen man einen jüngeren Gehülfen beigegeben hatte,
versahen, da wir zu Dreien an der Tafel saßen, wohl-
geschult den Dienst. Indeß, es kam mir Alles unbehilf-
lich und hölzern vor, was sie thaten und machten, und
zum ersten Male, seit wir in dem Schlosse beisammen
waren, vermißte ich die erheiternde Auuuuth weiblicher
Gesellschaft.
1

L8
Ich hatte jedoch von dem freundlich verlebten Nach-
mittag genug Licht und Wärme mit mir gebracht, um
die Liebespflicht, die Magdalena mir in so schönem Bild
verkörpert hatte, gut erfüllen zu können; und an einem
der nächsten Tage nöthigten Geschäfte, welche sich auf
die Ankunft des Schiffes bezogen, das meine Arbeiten
von Frankreich brachte, mich, nach Rom zu gehen.
Es war nothendig, in meinem Vaterhause für
die Unterbringung derselben die angemessenen Räume zu
ermitteln, sie nach meinem Bedürfen herrichten zu lassen,
und ich hatte angestanden, die Verabreduungen darüber
mit meinem Vater zu treffen, bis es unerläßlich ward. Aber
da er durchaus gewohnt war, Alles in großem Styl zu
unternehmen, stieß ich auf keine Art von Schwierig-
keiten.
Er hatte sich nun darein ergeben, meine Marmor-
blöcke in dem Hofe seines Palazzo liegen zu sehen, die
pickenden Hammerschläge der Marmorarbeiter erklingen
zu hören, wenn er durch die Galerie zu seinem Wagen
niederstieg. Denn seit er einmal in einer guten Stunde
das Wort gefunden, daß alle Armero einen harten Kopf
und ihre Schrullen hätten, ließ er mir es endlich hin-
gehen, daß ich eigenwillig wie wir Alle, die Schrulle


hegte, als ein gräflicher Bildhauer eine Seltenheit in-
der Gesellschaft, und ein Unicum zu sein in unserem
alten Hause.
Ich wurde länger als ich es erwartet hatte, in
der Stadt zurückgehalten. Als ich dann wieder auf das
Land hinauskam, führte mich mein erster Ritt zu
Magdalenen, und es folgte ihm sehr bald der nächste
und ein dritter.
Der Anblick meiner halbvollendeten Arbeiten, die
Skizzen und Entwürfe hatten meine Lust zum Schaffen
neu belebt. Ich sehnte mich nach der Arbeit, die neuen
prächtigen Räume meiner Werkstatt lockten mich förmlich;
und die große Lebensfreiheit, der Reichthum, die ich
jetzt vor mir in Aussicht hatte, hoben mir den Muth,
und machten mir Verlangen, sie als Künstler auszu-
nutzen. Ich konnte die Ungeduld endlich kaum be-
meistern, die mich zu meiner Werkstatt hinzog, und nur
ein Mittel gab es, sie zu beschwichtigen - ich ritt zu
Magdalenen hin.
Sie bat mich nicht, zu kommen, sie wunderte sich
nicht, wenn ich mich häufig bei ihr einfand, nicht, wenn
ich länger ausblieb. Sie war sich immer gleich, immer
gastlich, immer freundlich und gefällig, und ich ge-

7e
wöhnte mich allmälig, mit ihr zu verkehren wie mit
mir selbst. Nur daß sie mich oft besser als ich mich
selbst verstand.
Im Herbste, als wir unsern Landaufenthalt ver-
ließen, war auch sie schon von Albano fort und wieder
in die Stadt gezogen, und es verging seitdem kaum noch
ein Tag, an dem ich sie nicht sah und sprach. Alles
gewann für mich an Reiz, wenn sie es mit mir theilte.
Es war mir ein Genuß, mit ihr durch die Museen und
Galerieen zu wandern, ihr schönheitsdurstiges Auge mit
Entzücken auf den Meisterwerken der Kunst verweilen
zu sehen, ihrer glücklichen Auffassungsgabe erklärend vor-
wärts zu helfen, oder mit ihr umherzuwandern in der
Umgebung der Stadt und unter den Monumenten, die
aufrecht und in Trümmern, von vergangenen Jahr-
hunderten und Jahrtausenden erzählen.
Ohne daß sie's wußte, lernte ich von ihr an jedem
Tage. Denn wie mir einst in Gloria die großartige
Formenschönheit der Antike unerwartet entgegengetreten
war, so hatte ich an Magdalenen immer auf das Neue
jene Harmonie in der Bewegung und im Ausdruck an-
zustaunen, die wir in den Gebilden der griechischen
Kunst als den Geist der Antike bezeichnen; und weil

Nu
ihr Thun ein so ruhiges und gleichmäßiges war, und
ich mich ihren Gewohnheiten anzupassen trachtete, um
sie sehen und sie begleiten zu können, kam auch in
meine Tageseintheilung eine feste Regelmäßigkeit, die ich
bis dahin niemals eingehalten hatte. Dadurch gewann
ich Zeit für Alles, was mir oblag: für meine Arbeit,
für meinen Vater, für Magdalena; sogar das Leben in
der Gesellschaft kam nicht dabei zu kurz. Ich habe
niemals mehr und mit mehr Glück gearbeitet, als in
jenen ruhig befriedigten Tagen, und Magdalenens still-
beglückte Mienen zu beobachten, wenn sie mit einer oder
der andern von ihren Bekannten von Zeit zu Zeit mein
Atelier besuchend, das Fortschreiten meiner Arbeiten sah
und pries, war mir jedes Mal ein Fest. Mit feinem
Verständniß errieth sie, was ich wollte, sah sie, was
mir gelungen war. Ich konnte mich bald des Gedankens
nicht erwehren, daß sie, und sie allein es wisse, wie
mein Jdeal beschaffen sei; daß sie mit mir empfand, wo
ich es nicht erreichte, wo der Geist des Stoffes nicht
vollkommen Meister geworden war.
Magdalena ging nicht in die großen Gefellschaften,
obschon ihr die Wege dazu durch Freunde und Empfeh-
lungen geöffnet waren. Dennoch traf ich sie hier und

2
dort, da sie von ihren in Rom lebenden oder zeitweise
dort verweilenden Landsleuten sehr gesucht uud geschätzt
wurde; und wo immer ich ihr begegnete, kam das er-
quickliche Gefühl des Heimischseins gleich über mich.
Wo sie mir fehlte, fehlte mir die Ruhe, überkam mich
Langeweile. Ich vermißte sie in den Sälen der vor-
nehmen Welt. Ich dachte, wenn das kokette Federball-
spiel galanter Unterhaltung mich gefangen nahm, an
die Vorabend -Stunde des nächsten Tages, an dem ich
in heiterem Gespräch mit ihr verkehren würde. -
Wenn ich die Gefallsucht der Frauen und Mädchen sich
abmühen sah, jeden ihrer Reize in das rechte Licht zu
stellen, um jedem seine zündende Wirkung zu ermög-
lichen, so sah ich im Geiste Magdalenen vor mir, die
gar nicht wußte, wie das feine Spiel ihrer keusch ver-
hüllten Glieder den Sinn beschäftigte.
Ich hegte großes Vertrauen zu ihr und ihrem
Verstande. Es war mir etwas Neues, ein Frauenzimmer
ihres Alters mit so ruhigem Ernste über die Verhält-
nisse ihres Vermögens und Besizes sprechen zu hören,
wenn ihr regelmäßig die Berichte ihres Verwalters ein-
gesendet wurden, von dem sie schon in den letzten LebenS-
jahren der Großtante in diese Geschäfte eingeweiht

28
worden war. Ich überlegte, ich berieth mit ihr meine
eigenen Angelegenheiten gern. Ich fühlte mich ihrer und
ihrer Theilnahme vollkommen sicher, weil ich ihr sehr
ergeben war, und kein Mißverstehen, keine der kleinen
Eifersüchteleien, welche sogar der Freundschaft eigen sind,
störte unseren Frieden. Die Gewißheit, sie an dem
nächsten Tage zu sehen, ließ mich vergessen, daß auch
dieser entschwinden, daß die Tage, welche ihm folgen
würden, flüchtig sein würden, so wie er. Ich glaube,
ich habe mich nie gefragt, was ich für sie empfinde,
was mich zu ihr ziehe. Ich ging zu ihr, gab mich ihr
hin und nahm sie in mein Leben auf, wie reine Luft
und warmen Sonnenschein: als hätte ich ein Recht
darauf und als kdnne mir das niemals fehlen. Wie
ein Kind lebte ich im Glück des Augenblicks, und das
allein ist das Glück.
Mein Vater, der mich ein und das andere Mal
mit ihr gesehen hatte, wenn seine tägliche Ausfahrt ihn
über die Passegiata des Monte Pincio geführt, hatte
mich nach ihr gefragt. Ich hatte sie ihm genannt, ihm
von ihren Verhältnissen gesprochen und dabei erwähnt,
daß ich viel mit ihr verkehre. Ich hatte das mit voller
Unbefangenheit gethan, mein Vater es ohne Arg hin-
= rsF= »aasJöässaJsw=s Gg... « «

284
genommen. Ein deutsches, protestantisches, nicht durch
Schönheit auffallendes Edelfräulein lag so ganz und
gar außer dem Bereich seiner Heirathspläne für mich,
daß es gar nicht in Betracht kommen konnte; und
wenn er mir auch bei jedem schicklichen Anlaß von
seinem Wunsche, mich zu verheirathen, sprach so schien
er mir zunächst die freie Wahl zu gönnen und sich
damit zu hegnügen, daß ich die Kreise viel besuchte, in
welchen allein nach seiner Ansicht eine passende Wahl
für mich zu treffen möglich war.
Von Pater Cyrillus hörten wir, nur durch Donna
Carolina. Er hatte kurze Zeit nach meiner Rückkehr
in die Heimath, ein paar Mal bei meinem Vater vor-
gesprochen, und war schließlich noch einmal gekommen,
ihm Lebewohl zu sagen, weil er Nom und seinen bis-
herigen Wirkungskreis auf Befehl seiner Oberen verließ,
um in Frankreich eine anderweitige Verwendung zu
finden. Er hatte dabei nach mir gefragt, hatte die
vdlligste Sicherheit des Betragens an den Tag gelegt,
und sich sehr geehrt gezeigt, durch die Mission, mit der
man ihn betraut, nachdem man die Neberzeugung ge-
wonnen haben mochte, daß jene Mission, der er sich in
unserem Hause freiwillig unterzogen hatte, unter den

2
obwaltenden Umständen von ihm nicht mehr erfolgreich
durchzuführen sei. Er hatte im Nebrigen auch sein
Theil gethan. Das ganze Vermögen meiner Mutter war
auf die eine und die andere Weise in des Ordens
Hände und Besitz gekommen.
Donna Carolina aber hatte äußerlich ihren Frieden
ganz und gar mit mir gemacht, und mein Vater und
Arrigo riethen mir, mich nicht dagegen aufzulehnen.
Sie sprach es unumwunden aus, daß sie von mir und
unseren alten Familienbeziehungen aus alter Gewohn-
heit nicht lassen kdnne. Die Liebe könne und dürfe
treulos sein, die Freundschaft nicht; und eine treue,
wohlmeinende Freundin, das würde ich selber wissen,
fei sie mir stets gewesen.
Des Paters erwähnte sie immer nur, um mir oder
meinem Vater mitzutheilen, mit welcher Auszeichnung
man demselben, in Folge der ihm von Nom mit-
gegebenen Empfehlungsbriefe, im Faubourg St. Germain
entgegenkomme. Gelegenilich hatte sie aber auch darauf
hingedeutet, daß ich eine große Thorheit begangen hätte,
als ich die Hand von Fräulein Alphonsine nicht an-
genommen, da sie jezt zu den gefeiertsten Frauen des
Faubourg gehöre. Sie rühmte mir dann auch diefe

28e
oder jene junge Dame, warnte mich davor, nicht allzu-
lange zu wählen, weil man gemeiniglich aus Neberdruß
an seiner Unentschlossenheit, etwas recht Uebereiltes und
Unzweckmäßiges zu thun pflege, und ich ließ das an
meinem Ohre vorübergehen wie Baumesrauschen aus
der Ferne, als Etwas, das mich gar nichts anging.

Kapitel 16

Becsschnles Capilel.

zSeuber war der Winter verstrichen, das Früh-
jahr herangekommen, und mit ihm der Todestag meines
ältesten Bruders. Wir waren, mein Vater und ich,
nach unserer Kapelle gefahren, in welcher die Seelen-
messe für den Verstorbenen gelesen wurde. Die nächsten
Freunde unseres Hauses hatten der Feierlichkeit mit
angewohnt, und sie hatte meinen Vater sehr erschüttert.
Alä wir miteinander bei der Heimfahrt allein im
Wagen waren, saß mein Vater eine Weile in seine
Gedanken versunken schweigend neben mir. Dann richtete
er sich auf und sagte mit einer müden Ruhe, die sich
jetzt bisweilen an ihm kund gab: Im nächsten Jahre
wirst Du vielleicht allein dem Bruder die Ehren- und
Liebespflicht zu leisten haben, und wer wird da sein,
wenn die Reihe einst an Dich kommt?

1
Ich suchte ihn mit den Hoffnungen zu ermuthigen,
zu welchen seine kräftige Natur mir den Muth gab
und die meine Liebe für ihn erfüllt zu sehen begehrte.
Er ließ das unbeachtet.
Ich spreche nicht von mir, von Dir ist es, daß
ich rebe! sagte er. Du bist gesund, bist im kräftigsten
Alter, ein jugendlicher Mann. Aber Delne Brüder,
waren sie das nicht? Des Schickfal, wie Du die Vor-
sehung zu nennen liebst, hat seine Launen. Die Vor-
sehung führt den Menschen und die Menschengeschlechter
auf Wege, welche von denselben nicht erwartet werden.
Ich hatte nicht gedacht, als Du uns geloren wurdest,
daß mir in Dir die Hoffnung meines Lebensabendes
gegeben würde. Was ich von Dir wünsche und erwarte,
weißt Du! Ichh habe Dir Zeit gelassen, habe Dich
nicht bedrängen, Dir freie Wahl vergönnen wollen.
Du hast Dich bisher zu einer solchen nicht entschließen
können, obschon in den uns befreundeten Familien jetzt
sehr schickliche Heirathen mit liebenswürdigen Personen
für Dich zu finden waren. Du wirst mir einwenden,
daß Du keine Eile, daß Du keine zwingende Reigung
zu solchem Schritte habest, denn die Jugend pflegt nur
an sich zu denken; aber, vergiß es nicht, mein Sohn,

41
ich habe Eile, und wenn ich meine Augen schließe, bist
Du allein!
Der Wagen war in das Portal eingefahren, die
Diener dffneten den Schlag, ich führte meinen Vater
die Treppen hinauf, er zog sich in sein Zimmer zurück,
die Unterhaltung hatte ein Ende. Mir aber waren die
lezten Worte, welche er zu mir gesprochen hatte, wie
ein elektrischer Funke in das Herz geschlagen, daß es
aufwallend in heißer Gluth sie wiederholen und wieder-
holen mußte, um zu erkennen, was unerkannt in mir
gelebt, fast seit ich Magdalenen zum erstenmal gesehen
hatte.
Allein! allein! klang es in meinem Innern nach.
Und ist sie denn nicht da? ist Magdalena denn nicht
da? rief ich, daß ich es hörte, als hätte es ein Anderer
mir gesagt. E überraschte mich und war mir doch
nicht neu. Ich war mir der Liebe bewußt gewesen,
mit der ich an ihr hing, der Zärtlichkeit, mit der ich
um sie sorgte. Unermüdlich hatte mein Auge sich an
ihrer Anmuth, ihrer Wohlgestalt geweidet. Jeden Iug,
jede Miene ihres sanften Gesichtes liebte ich, jeden Blick
und Aufschlag ihrer Augen kannte ich, sie war mir
F. Lewald, Benvenuto. 1l.

LB
immer reizend, immer beachtenöwerth erschienen. Im
Traume hatte ich sie einst umfangen, war aufgeregt von
der Erinnerung bei ihr eingetreten, und ihre ahnungs-
lose, unschuldige Ruhe hatte das leidenschaftliche Ver-
langen schweigen machen, daß mich jetzt um so mächtiger
ergriff und fortzog --- hin zu ihr.
Weil mein ganzes Empfinden sich zusammendrängte
in einen einzigen Gedanken, weil ich meiner so sehr
sicher war, zweifelte ich noch weniger an ihr. Ich
stand vor ihrem Hanuse, ich trat in ihre Wohnung ein,
gewiß sie zu Hause anzutreffen. Ihre alte Begleiterin,
des Dienstes sehr gewohnt, öffnete mir die Thüre. Ich
fragte nach der Herrin, sie war ausgegangen. Ich sollte
sie erwarten, sagte die Dienerin, fie müsse sehr bald
wiederkehren.
Magdalenens Zimmer waren mir' vertraut und
lieb. Ich kannte jeden Plaz, jedes ihrer Bücher, jede
ihrer Nähgeräthschaften. Ich hatte sie alle oft in
Händen gehabt: mit der Scheere gespielt, die Maaß-
Bandrolle oft um meinen Finger gewickelt, wenn ich in
ruhigem Gespräch mit ihr, auf dem Stuhle vor ihrem
Ecksopha gesessen hatte. Ich ging hin und her. Ich
blätterte in ihren Büchern, ich sah ihre kleinen Blumen-

24
malereien durch. Sie ließ sich lange erwarten und sie
war sonst immer pünktlich.
Ich rief ihre Dienerin, ich fragte, wo die Herrin
hingegangen wäre. Sie wußte es nicht zu sagen, und
wieder schritt ich in dem Zimmer umher und stand am
Fenster, voll Sehnfucht, endlich die liebe schlanke Ge-
stalt die Straße hinaufkommen zu sehen. Daneben
dachte ich mit Beklommenheit daran, daß ich neuen
Kämpfen mit meinem Vater entgegenzugehen hätte.
Magdalena war Nichts weniger als eine Heirath, wie
sie sich nach seinen Ansichten für den Erben des Ar-
mero'schen Besizes schickte. Ihr bescheidenes Vermögen
kam neben dem unseren nicht in Betracht. Sie war
sechsundzwanzig Jahre, sie hatte weder eine Schönheit,
noch einen großen Namen, die für den fehlenden Reich-
thum als eine Entschädigung gelten konnten; vor Allem
aber war sie keine Katholikin, und daß ein Armero
daran denken konnte, sich mit einer Protestantin zu ver-
binden, das mußte meinem Vater nothwendig als eine
Unmöglichkeit erscheinen. Indeß weil ich meiner dauern-
den und opferwilligen Liebe für Magdalena sicher wr,
so hielt ich mich der gleichen Empfindungen auch von
-

L44
ihr gewiß; und wenn sie sich entschloß, um meinet-
willen sich zu unserer Kirche zu bekennen, hoffte ich alle
anderen Schwierigkeiten, wenn auch nur langsam und
mit geduldiger Beharrlichkeit, überwinden zu können.
Beharrlichkeit! Gerade sie war es, die mir bis dahin
gefehlt hatte. Meine Wünsche, meine Neigungen, meine
Leidenschaften hatten oft gewechselt. Ich wußte das,
ich sagte mir das, und fühlte daneben, daß ich von
Magdalenen niemals lassen könne, denn ganz andere
Bande, ein ganz anderes Verständniß, eine Liebe, die
ich nie gekannt hatte, bis ich sie gefunden, ketteten mich
an Magdalena. Aber Geduld? -- Wie konnte ich ge-
dnldig sein, da fie nicht kau, da sie gegen alle Voraus-
sicht so lange auf sich warten ließ?
Ich dachte darüber nach, wo fie nur sein kdnne,
ich fühlte mich versucht, ihr entgegen zu gehen, ohne
zu wissen, wohin-- nur weil sie mir hier in diefem
Raume gar so schmerzlich fehlte. Ich besann mich auf
den gestrigen Abend und auf die lezten anderen Male,
in denen ich sie zuletzt gesehen hatte, und ich meinte
mich zu erinnern, daß sie nicht so heiter, daß sie
weniger gleichmäßig gewesen sei, als ich sie zu sehen
gewohnt war.

I1
Gestern noch waren ihr bei einem gleichgültigen
Anlaß, als ich ihr davon gesprochen hatte, wie ich im
nächsten Herbste an die Ausführung der Penelope gehen
würde, zu der ich einmal eine kleine Skizze modellirt.
die Thränen in die Augen gekommen. Auch neulich war
das Nämliche geschehen, als sie mir davon erzählte, wie
man auf den Gütern in ihrem Vaterlande die Vollendunzz
der Ernte als Fest begehe, und wie sie in dem Sommer
dieses Jahres dabei zum ersteu Male als Herrin walten
werde, da sie den lezten Sommer außer Landes zu-
gebracht habe.
Jetzt, weil ich's wünschte, deutete ich dies Leztere
zu meinen Gunsten aus; und wie ich dann noch einmal
an das Fenster trat, um nach ihr zu spähen, vermißte
ich plötzlich in der Ecke zur linken Hand eine kleine
Terracotta und einige andere kleine Kunstgegenstände,
welche immer dort gestanden hatten. Die ganze kleine
Etagere war heute leer, und auch die Mappen mit den
Kupferstichen und den Ansichten von Rom, die ich in der-
selben Ecke immer stehen sehen, waren heut' verschwunden.
Gleichgültig, zufällig, wie solche Aenderung mir
in jedem anderen Falle vorgekommen sein würde, fiel
sie mir jezt auf. ,ch sah mich um, die Sachen waren an

L4e
keinem anderen Platze zu entdecken, und nun erst entsann
ich mich, daß bei meinem Eintritt, in dem Vorflur eine
Holzkiste gestanden hatte, die ich bisher dort nie bemerkt
hatte. Ich wollte hinausgehen, die Dienerin zu fcagen,
was das zu bedeuten habe. In dem Augenblick trat
Magdalena ein, und mich an das Aeußerlichste haltend,
weil mir das Herz so voll war, rief ich, ohne sie nur
zu begrüßen: Wo haben sie denn die Mappen hin-
gebracht und die Sachen von der Etagöre?
Ich habe sie verpacken lassen! gab sje mir zur
Antwort; aber sie reichte mir nicht die Hand, und sah
nicht zu mir auf. Ihre Begleiterin war eingetreten,
ihr den Hut und den Shawl abzunehmen, sie selber
ging in die andere Ecke des Gemachs, ihre Handschuhe
und ihren Fächer fortzulegen.
Ich sah das, ich hatte ihre Worte auch vernommen,
aber weil sie in solchem Widerspruch mit meinem
Herzen und der Absicht standen, in der ich zu ihr ge-
kommen war, in der ich die Minuten und die Secunden
bis zu Magdalenens Heimkehr an dem Zeiger der Ühr
hatte vorübergleiten sehen, kamen sie mir unvernünftig
vor, und sie nachsprechend, ohne es recht zu wollen,
sagte ich: Verpacken lassen? Weshalb denn verpacken lassen?

Iu?
Ich wünsche sie zu Hause vorzufinden! bedeutete
sie mir. Jedes ihrer Worte fiel mir wie ein kalter
Tropfen auf mein heißes Herz. Zum ersten Male erschien
mir ihre Ruhe fürchterlich - und wie in einen
Zauberspiegel tauchte in meiner Seele jener Morgen auf.
an welchem Gloria gekommen war, mir von ihrer be-
vorstehenden Abreise zu sprechen. Ein Blick, ein Aus-
ruf waren genug gewesen, sie in meine Arme, an meine
Brust zu führen, denn sie hatte mich geliebt. Magdalena
hingegen schien nicht zu sehen, nicht zu hören, nicht
zu ahnen, was in diesem Augenblicke in mir vorging.
Ich war wie gelähmt. Wie sollte ich ihr von
Liebe sprechen, die so kalten Blutes von mir gehen
wollte? Wie konnte ich erwarten, daß sie bereit sein
würde, mir das Opfer zu bringen, daß ich von ihr
fordern mußte? Daß sie einwilligen wüirde, mit mir gegen
die großen Hindernisse geduldig anzukämpfen und auszu-
harren, welche unserer Verbindung schwer entgegenstanden?
Sie, die vorsorglich darauf bedacht war, es sich bequem
und angenehm zu machen in der Heimath, in dem eigenen
Hause, fern, ach wie fern von mir!
Ich nannte mich in meinem Herzen einen eiteln
Thoren, ich kam mir lächerlich vor, aber ich war dabei

218
sehr unglücklich; und unfähig, ein Wort zu finden, setzte
ich mich schweigend nieder.
Jetzt wurde sie aufmerksam. Was haben Sie?
Weshalb sprechen fie nicht mit mir? Was ist Ihnen denn
geschehen, mein Freund? fragte sie.
Mein Zustand war ein unerträglicher. Ich wußte,
daß das erste Wort, welches über meine Lippen käme, ein
Vorwurf sein würde, der ihr verrieth, was ihr zu ge-
stehen ich nicht mehr wünschen konnte. Endlich aber
hielt ich mich nicht mehr länger; und mit dem bös-
willigen Ungeschick gekränkter Lebe sagte ich: Sie haben
eine sonderbare Weise, Ihre Absichten vor Ihren Freun-
den zu verbergen. Sie rüsten sich zum Aufbruch, Sie
wollen Rom verlassen, und ich erfahre das nur bei-
läufig, nur durch einen Zufall.
Sie zuckte zusammen, ich sah, wie sie die Antwort
unterdrückte, die ihr auf den Lippen schwebte, und leise
den Kopf bewegend, sprach sie: Sie tadeln mich! und
ich hatie es wirklich gut gemeint. Ich wollte Ihnen
wenigstens das Erwarten der Trennung ersparen, das
immer weh thut, wenn man gern beisammen war, und
von einander geht, ohne zu wissen, ob man ein Wieder-
sehen haben wird.

49
Ihre Fassung raubte mir die meine völlig, und
ihre Hände fest ergreifend, sagte ich ihr Alles, was ich
für sie auf dem Herzen hatte. Ich sagte ihr, wie ich
neben ihr hingelebt in einem ungekannten Glück und
Frieden, wie ein neuer Sinn in mich gekommen, seit ich
sie kennen lernen, wie mein Wollen, mein Thun, mein
Wünschen umgewandelt seien durch sie; und mit all meiner
Liebe bot ich ihr meine Hand an, bat ich sie, die Meine
zu werden. Aber ich wartete vergebens auf ihr Wort
der Zusage. Ihre Hände waren kalt geworden, ihre
Lippen preßten sich krampfhaft zusammen, ich sah, wie
angstvoll ihre Brust sich hob und senkte, sie war so
blaß geworden, daß es mich erschreckte.
Ich rief sie mit ihrem Namen, meine Angst um
sie steigerte meine Leidenschaft. Ich beschwor sie, mir zu
antworten, mir zu sagen, daß sie mich liebe. Sie hatte
sich von mir frei gemacht, und die gefalteten Hände
gegen die Brust gedrückt, flehte sie: Wenn Sie mich
lieben - nicht weiter! nicht weiter! Es geht über
meine Kräfte, Sie zerreißen mir das Herz!
Ich stand ihr rathlos gegenüber und auch mir
krampfte sich das Herz zusammen in der Brust. Es ist
hart und bitter sich verschmäht zu sehen, beschämend,

25
sich eingestehen zu müssen, daß man mit eitlem Hoffen
sich betrogen hat. Aber das Verlangen, sie mir zur
Gattin, zur Lebensgefährtin zu gewinnen, war mächti-
ger, als jedes andere Gefühl, und um mich herauszu-
finden aus dem Chaos widerstreitender Gedanken fragte
ich: Magdalena! also lieben Sie mich nicht?
Die Thränen tropften ihr still' aus den Augen,
die sie mit der Hand verdeckt hielt, sie schllttelte leise
das Haupt: Nein! nicht, wie Sie es wünschen, wie
Sie's fordern müssen! sagte sie kaum hörbar, und ging
schnell hinaus.
Ich stand und sah ihr nach. Ich hätte ihr zürnen
mögen, denn es war mir schlecht zu Muthe. Aber wie
sollte ich ihr zürnen, da ich ihren Schmerz gesehen hatte
und voll Mitleid, voll Sorge um sie war.
Die Dienerin, die mir das Geleit gab, fragte mich
zutraulich, ob ich am Abend wiederkäme. Ich hatte ihr
nicht wie sonst die Antwort darauf zu geben. Noch
einmal blickte ich nach dem Zimmer zurück, über dessen
Schwelle ich manch liebes Mal in froher Zuversicht ge-
schritten war, dann ging ich meines Weges. - Aber
meine Gedanken fanden keine Nuhe.
Ich erschdpfte mich in Muthmasßungen über

Bt
Magdalenens Weigerung. Ich sann und sann, mir zu
erklären was sie zurückhalte, sie hindere, sich mit mir
zu verbinden. Ein früheres Versprechen konnte es nicht
sein, denn sie selber hatte mir gestanden, sie habe nie
geliebt; und an ihrer Wahrhaftigkeit zu zweifeln, kam,
trotz, meiner Verwirrung nicht einen Augenblick in meinen
Sinn. Ich erinnerte mich ihres Betragens seit der
ersten Stunde unserer Bekanntschaft. Ich konnte mir jede
Stunde unseres Beisammenseins mit Deutlichkeit zurück-
rufen. Mir fielen Worte, Mienen, Freundlichkeiten von
ihr ein, die mich sicher neben ihr gemacht, die mich zu
dem Glauben berechtigt hatten, daß ich ihr theurer sei,
daß sie mich liebe. Der Tag verging mir in wirrer
Pein, in einem Schmerz, dessen ich mich hätte schämen
mögen, hätte ich es vermocht.
Gegen den Abend brachte ihre Dienerin mir einen
Brief von ihr. So klar und ruhig, daß mir gar kein
Zweifel über ihre Gesinnung bleiben konnte, sezte sie
mir auseinander, wie sie eine ernste und herzliche Freund-
schaft für mich habe, wie sie diese zu den besten Er-
werbnissen ihres Lebens zähle; aber wie jene innere
Stimme, von der sie sich habe führen lassen bis auf
diesen Tag und die sie nie betrogen habe, ihr die un-

od7D
umstößliche Neberzeugung gebe, daß fie weder mich glück-
lich zu machen, noch in der Ehe mit mir glücklich zn
werden im Stande sei. Habe ich Achtung vor ihr,
hege ich Vertrauen zu ihr und liebe ich sie, so möge
ich sie in ihrem Entschlusse, der nach ihrer festen leber-
zeugung zu unserm beiderseitigen Heil gereiche, nicht
beirren. Ihre Vorbereitungen für die Abreise seien schon
seit Tagen vollendet. Morgen mit dem Frühesten werde
sie gen Norden in die Heimath ziehen; und sie begehre
es von uir als einen Liebeödienst, daß ich sie ohne
weitere Erörterungen scheiden lasse. Habe ich dereinst
das Glück gefunden, das sie muir nicht bereiten könne,
so möge ich ihrer darüber nicht vergessen, sondern an
sie denken, wie an die Genossin schöner Tage und
Stunden, die als leuchtende Erinnerung ihr Leben ver-
schönen würden, wie es in der Zukunft sich auch ge-
stalten möge.
Der Brief war edel, würdig, gütig, aber er wirkte
doch anders als dgs Wort von ihrer Stimme. Er
kränkte meine Liebe und beleidigte meinen Stolz. Sie
sollte ihren Willen haben. Jedoch in Rom zu bleiben,
so lange sie dort noch verweilte, das vermocht' ich
nicht.

=5I
Ich schrieb ihr: Sie sollen gehorsamt werden!
Leben Sie wohl! -- Ihrer Entschlossenheit gegenüber
war ja auch weiter Nichts zu sagen.
Mein Vater hatte schon seit einigen Tagen ge-
äußert, daß es ihm lieb sein würde, wenn ich einmal
in das Gebirge ginge, nach unseren dortigen Angelegen-
heiten zu sehen. Ich ließ mein Pferd satteln und ritt
hinas. Wie ich an das Thor kam, wie sich das osfene
freie Land vor meinen Augen aufthat, erschreckte mich
die Weite.
Gewaltsam zeg es mich zurück und hin zu ihr.
Aber als Schwächling wollte ich der Willensstarken nicht
erscheinen - - und hier endet der Roman!
Als ich vier Tage später nach der Stadt zurück-
kam, war Magdalena schon lange abgereist. Die Fenster
ihrer Wohnung waren weit geöffnet, die Dienstboten
des Hanses handtirten mit Bütrsten und Besen in den
Zimmern umher. Ich machte, daß ich aus der Straße
fort kamn. Ich konnte das Haus nicht sehen, ich konnte
viele Tage lang die Promenade nicht betreten, die Pfade
und Wege nicht gehen, auf denen ich in glücklichen
Stunden ihr Begleiter gewesen war. Sie fehlte mir
überall! überall! und-- sie fehlt mir hente noch!

B?s
Einmal, wenig Wochen nach unserer Trennung,
ich stehe nicht an, es Ihnen zu bekennen, habe ich ihr
geschrieben. Sie hat mir auch geantwortet, wie sie es
vordem gethan, und ich habe mich beschieden.
Seitdem ist mein Vater hingegangen, ich bin allein
in unserem Hause und ich fühle es oft genug, wie es
nicht gut ist, daß der Mensch allein sei, wie es gerathen
wäre, mir eine Frau zu nehmen, eine Gattin, eine
Herrin einzuführen in mein ödes Haus. Aber Magda-
lena steht zwischen mir und jeder anderen Frau!
Ich habe schönere, glänzendere Frauen gekannt,
geliebt, als sie; und ich denke jener Frauen, als läge
ein halb Jahrhundert und die ganze Welt zwischen mir
und ihnen. Sie bedeuten Nichts mehr für mein Leben.
Magdalena kann ich nicht vergessen. Unbeständig,
wie ich es gewesen bin, hänge ich an ihr noch heute.
Und nun werden Sie e verstehen, das Bekennt-
niß, das ich Ihnen bei unserem lezten Beisammensein
gethan habe und das Sie damals lachen machte: daß
ich verschmäht ward, als ich zum ersten Male wahrhaft
liebte. Lachen Sie auch heute darüber, wenn Sie
mögen. Ich vermag es nicht!

Kapitel 17

Ziebenzehntes Capilel.

,Fenvenuto's Aufzeichnungen endigen damit, und ih
habe nicht gelacht bei ihrem Schlusse.
Es war ein wunderbarer Zufall, der uns ihn
wiederfinden lässen in der Pariser Ausstellung, und der
mir damit die Fäden seines Schicksals und nicht allein
des seinen, in die Hand gegeben hatte. Denn ich kannte
Magdalena, und ich wußte mehr von ihr, als sie Ben-
venuto zu sagen für gut befunden hatte.
Ihre Mutter war mir eine Freundin gewesen bis
zu ihrem frühen Tode. Ich hatte Magdalena aus der
Taufe gehoben und war, da auch ihre Großtante mir
nahe gestanden hatte, nicht ohne Einfluß geblieben auf
die Erziehung, die man ihr gegeben. Nach dem Tode
ihrer Pflegemutter, und nachdem ihr das Vermögen
derselben zugefallen war, hatte ich selber sie veranlaßt,
F. Lewald, Benvenuto. P.

L78
ihre Heimath zeitweilig zu verlassen, um sich selbst-
ständiger zu bewegen, als es bis dahin möglich für sie
gewesen war, um sich einen weiteren und freieren Blick
in die Welt zu verschaffen, und einen belebenden Menschen-
verkehr zu suchen und kennen zu lernen. Ich hatte den
Reiseplan für sie entworfen, und alle ihre Briefe sprachen
mir es aus, daß ich das Richtige für sie getroffen hätie,
daßß sie ihres Lebens froh sei, wie nie zuvor.
Namentlich seit sie sich in Rom befand, schien ein
neuer Geist über sie gekommen zu sein. Ihre Briefe
waren schwungvoll, ihre Schreibweise hatte einen ande-
ren Rythmus bekommen, ihr ganzes Wesen eine uner-
wartete Entfaltung. Ich schob das auf die Einwirkung
von Nom, auf den Verkehr mit Menschen aus den ver-
schiedensten Gegenden, auf den Unigang mit den
Künstlern.
Plözlich blieben ihre Briefe aus. Es war nach
dem neuen Jahre, der Carneval halte begonnen, ich ver-
muthete also, daß die gesellschaftlichen Zerstreuungen sie
in Anspruch nähmen, und ich machte mir keine Sorge
um ihr Schweigen. Indeß es fiel mir endlich dennoch
auf, und mit ein paar Zeilen, die ich unter ihrer
rdmischen Adresse an sie abgehen ließ, erkundigte ich mich

259
nach ihr. Die Antwort ließ mehrere Wochen auf sich
warten, und als ich sie in Händen hielt, fand ich zu
meiner Verwunderung, daß der Brief den Poststempel
des deutschen Landstädtchens trug, in dessen nächster
Nhe Magdalenens ererbtes Gut gelegen war.
In der Stunde, in welcher ich ihn erhalten, hatte
der Brief mich sehr erschüttert. -- Ich las ihn wieden,
als ich Benvenuto's Bekenntnisse beendet hatte; und ich
theile ihn hier mit, da keine Rücksicht irgend einer Art
es mir verbietet. Er enthält die Lösung für Magda-
lenens räthselhaftes Fortgehen, wie er die Zauberformel
in sich schloß, das Dunkel zwischen den beiden Liebenden
aufzuhellen, und das Leid in Freude zu verwandeln.
Du wirst Dich wundern, meine treue mütterliche
Freundin, so lautete das Schreiben, wenn Du aus
meinem Dorfe die Antwort auf den Brief empfängst,
mit welchem Deine Güte mich in Rom aufsuchen wollte.
Ist es mir doch selbst noch unbegreiflich, daß ich hier
bin, wo unter einem trüben Himmel der Schatten
unserer alten Linden mein Zimmer heut' noch dunkler
macht, und wo ich hingegangen bin, um das Land voll
Licht und Sonne zu vergessen, um Alles! Alles zu be-
graben, was ich doch nicht vergessen kann und nicht ver-
z

O
gessen will. Nein! ich will es nicht vergessen; denn
mein Leben hat erst Werth bekommen, seit ich weiß was
Leben heißt, seit ich an Glück und Leid erprobt habe,
was ich zu genießen und was zu tragen ich im
Stande bin.
Das klingt geheimnißvoll, klingt Dir vielleicht auch
überspannt. Aber glaube mir, ich habe kein Geheim-
niß zu verbergen, dessen ich mich vor Dir, oder, was
noch mehr ist, vor mir selber schämen müßte. Das was
ich that, würde Dir, ich bin deß sicher, von der Ver-
nunft, ebenso wie von der leidenschaftlichen Liebe als
Nothwendigkeit geboten erscheinen, die ich für ihn hege.
Frage um Nichts! Was ich Dir sagen kann, will
ich Dir sagen. Es wird mir noch schwer, davon zu
sprechen; es ist Alles noch zu neu, zu frisch. Das
Herz blutet noch und schmerzt mich noch. Es ist auch
nicht viel davon zu berichten, es ist Mlles mit wenig
Worten abzuthun.
Ich habe einen Mann kennen lernen, den ich liebte,
bald nachdem ich ihn gesehen hatte. Er war aus-
gezeichnet durch Schönheit, durch vornehme Geburt, ein
Künsler von hoher Bedeutung. Ich wußte, daß ihm
die große Welt, in der er lebte, huldigte, daß er zu

21
wählen hatte unter den schönen Frauen, die von alle:
Völkern in Rom zu treffen sind. Man hatte mir aucz
gesagt, daß sie ihm schmeichelten, daß er viel Leiden-
schaften angefacht, viel Leidenschaft durchlebt, daß e
schwere Schicksale bestanden habe, schwere Familien-
Zerwürfnisse ihn Jahre hindurch aus seinem Vaterlande
fortgetrieben, von seinem Vater getrennt hatten, und daß
er eben erst heimgekommen sei, ausgesöhnt mit diesem
stolzen Greise, um neben demselben in dessen letzten Tagen
die Sohnespflicht in liebender Ergebung zu erfüllen.
Ich hatte das angehört, wie ich in meiner Kindheit
den Schilderungen von dem fernen Süden gelauscht
habe. Es war mir Alles so fremd, lag gar so weit
ab von den Bereichen, in die ich mich hineingehörig
fühlte. Es zog mich an, doch sagte ich mir, derlei sei
nicht für mich vorhanden; es kümmerte mich persön-
lich nicht.
Aber wie des Sütdens Sonne, als ich so unerwartet
nach Jialien gelangte, mir das Herz erschloß, daß es
mit schnelleren Pulsen schlug; wie ich es inne wurde
unter Jtalienö lichterfülltem Himmel, daß auch ich
geboren sei, um das Glück des Daseins mit menschlichem

2
Entzücken zu empfinden, so wachte ich zum Vollgefühl
der Liebe auf, als ich ihn sah.
Ich wußte bald, was mir geschehen war; aber
statt zu fliehen, statt zu meiden, was ich begehren
lernte und was nicht für mich da sein konnte, blieb ich.
Das war ein Fehler, war die Schuld, die ich jetzt büße.
Ich vertraute meiner Kraft. Sie reichte eben hin, mir
schweigend den Stachel in die Brust zu drücken, und
mit einer Lütge von ihm fortzugehen für immerdar.
Auch das wirst Du wieder nicht verstehen. Nun
denn! Weil ich gewöhnt war, ehrlich in dem eigenen
Herzen zu lesen, las ich bald in dem seinen mit der
gleichen Deutlichkeit. Ich sah, wie sein Antheil an mir
sich in Zuneigung verwandelte, wie es ihm behaglich
war, dem an die Frauen der romanischen großen Welt
gewöhnten Manne, in der stillen Umgebung, die wir
Deutsche nicht entbehren kdnnen; wie die Beschränkung
ihm wohl that, wie er sich in ihr sammelte und ver-
tiefte, und wie neu es ihm war, sich von der Vorsorge
einer ihn liebenden Frau, statt von einer eihe bezahlter
Domestiken bedient zu sehen. Er kannte unsere Sprache,
er lernte mehr und mehr und endlich mit tiefem Ver-

2L
ständniß unsere Dichter, unfere Lieder lieben. -- Es war
Alles Liebe zwischen mir und ihm, und er ahnte nicht
die meine, er war sich der seinen nicht bewußt. Wie
follte er es auch? -- Ich war den Frauen, die er
bisher geliebt hatte, so wenig ähnlich. Ich war nicht
schön, nicht glänzend, ich war nicht einmal jung! Nach
römischen Begriffen war ich alt mit meinen sechsund-
zwanzig Jahren. Ich sagte mir das an jedem Tage.
An jedem Tage wiederholte ich mir, daß mein
Gllck nicht lange währen würde. Ich hielt mir Alles
vor, was ich von seiner Unbeständigkeit vernommen
hatte. Ich sagte mir, daß er des friedlichen Verkehrs
mit mir bald müde werden würde; und sah ich ihn
dann auf der Promenade an der Seite einer jener
stolzen Römerinnen, deren flammende Augen das be-
zaubernde Lächeln auf seine Lippen lockten, so kehrte ich
heim und dachte: heut kommt er nicht! Er kommt
wohl auch gar nicht wieder! -- Und wenn er dennoch
kam! immer wieder kam- -- Aber die Tage sind
ja dahin!
Sein Vater hatte glänzende Verbindungen für ihn
im Auge. Sein altes Geschlecht, von je eine Stütze der
Kirche und ihr ganz zu eigen, war dem Erlbschen nahe.

2l
Ich wußte, daß des Sohnes Weigerung, die von dem
Vater gewünschte Ehe einzugehen, jenes Zerwürfniß
herbeigeführt hatte, von dem ich Dir berichtet habe.
Ich wußte das Alles, und ließ einen Tag hingehen nach
dem andern; denn ich liebte ihn mit der Liebe, mit der
Leidenschaft, denen keine andere folgen kann. Ich sah es
endlich mit unaussprechlichem Entzücken, wie er sich
fester und fester an mich anschloß -- und wenn ich
mir am Abende, auf meinem Lager in der dunklen
Nacht, es zugerufen hatte, das vernichtende: hoffnungs-
los! -- so sagte ich mir in meiner bitteren Pein, weil
ich nicht anders konnte: nur morgen noch! Und der
Morgen ging mir auf mit allem seinem mich mehr
und mehr verstrickenden Zauber, mit allem seinem
goldenen Glück.
Ich kannte mich selbst nicht mehr. Oftmals
betraf ich mich auf dem frevelhaften Wunsch, seine Un-
beständigkeit möge mir zu Hilfe kommen, mich zur
Besinnung bringen! Und grade in solchen Augenblicken
dachte ich daran mit Schaudern, daß ich rettungslos zu
Grunde gehen müßte, wäre ich sein Weib und sähe ihn
einer Anderen zugewendet.
Ich war völlig haltlos. Wie in einer Brandung

2B
trieb ich umher, das Auge in meiner Angst bald dem,
bald jenem Punkte zugekehrt. Nur das Eine wuiste
und empfand ich immer: einen Mann wie ihn dauernd
zu beglücken, war ich nicht die Frau; und seine Untreue
zu ertragen, fehlte mir die Kraft.
So raffte ich mich endlich auf. Ich machte
heimlich die Vorkehrungen zu meiner Abreise, denn mit
ihm davon zu sprechen, fehlte mir der Muth. Er sollte
es nie erfahren, was es mich kostete, von ihm zu scheiden,
nie erfahren, daß mein Leben begonnen hatte und be-
schlossen war in der kurzen Spanne Zeit, in der die
Schönheit seines ganzen Wesens es erleuchtet hatte.
Er sollte in Frieden meiner denken, mich ohne Bedauern
vergessen können.
Aber ein so sanftes Ende meines schönen Traumes
ward mir nicht beschieden. Die Mahnung seines Vaters,
an die Wahl einer Gattin zu denken, hatte ihm sein
Herz enthüllt. Er kam und begehrte mich zur Frau.
Er forderte von mir, mit ihm die Hindernisse zu be-
kämpfen, die seines Vaters Ueberzeugungen und Ansichten
uns entgegenstellen würden. Ich sah neue Kämpfe,
r

2e
Schönheit offenen Sinn. - Ihm und mir wollte ich
zu Hüülfe kommen, Leid ersparen. Aus Liebe zu ihm
verfuhr ich grausam mit mir selber.
Er ist an jenem Tage von mir gegangen, ohne
es zu wissen, daß ich ihn geliebt habe, und ich habe
ihn im Unmuth von mir scheiden sehen. Nun bin ich
hier und bleibe hjer.
Mehr sage ich Dir heute nicht. Es ist nicht
einem Jeglichen beschieden, glücklich zu werden auf der
Erde, seine Ideale verwirklicht zu sehen, seine höchsten
Wünsche zu erreichen. Es giebt Epistenzen, die, wie
manche Pflanzen, für den Schatten geschaffen sind:
farblose Epistenzen, die des Künstlers Aug' nicht lang
erfreuen, wenn sie es auch auf eine kurze Zeit beschäf-
tigen können. Eine solche farblose Natur bin ich.
Wohl mir, daß die Strahlen seiner Schbnheit und
einer großen Liebe mich getroffen haben! Sie leben
und wirken unablässig in mir fort. Ich kann und werd'
es nicht bereuen, daß ich ihn abgehalten habe, ihn, in
dem sich mir mein Ideal verkörpert, noch einmal
seines Vaters Zorn auf sich zu laden, sich um meinet-
willen in Zwiespalt zu bringen mit der Welt, in der
er lebt, um sich an eine Frau zu binden, der es das

e?
Herz gebrochen haben würde, ihn auch nur in einen
Stunde es wünschen zu sehen, daß er nicht eben dies:
Wahl, daß er eine andere getroffen hätte.
Und nun denke meiner mit der gewohnten Güüte
und ohne jede Sorge. Daß es mir nicht beschieden
sein könne ihn zu besitzen, das habe ich mir an jeden
Tage gesagt und wiederholt, seit ich jhn sah und liebte
und ich war gefaßt in dieser Erkenntniß, gefaßt und
ergeben. Aber ihn verlieren zu müssen, nachdem ich
ihn besessen hatte, das würde mein Tod gewesen sein
Ich wußte, was ich that, als ich von ihm ging
und ich wußte, warum ich's that. Ich bin noch müde
von dem schweren Kampfe gegen mich selbst -- müde
und auch traurig; indessen mein Gewissen ist ruhig, und
hier ist es einsam und still genug, sich in sich selbst zurecht
zu finden, ohne Andere sehen zu lassen, daß man leidet.
Bin ich gesammelt genug, mich bei Dir einzu-
stellen, so komme ich von selbst zu Dir.-- Ich denke,
Du wirst mich nicht weniger freundlich willkommen
heißen, weil ich nun selber aus eigenster Erfahrung
von dem Glück und von dem Leid zu sagen weiß, die
Du uns so oft geschildert hast.

Kapitel 18

se Betenntnisse der beiden theuren Menschen
lagen vor mir. Ich brauchte mich nicht lange zu be-
denken, was mir hier zu thun oblag. Es galt wieder
einmal einen Roman zu einem befreienden und beglücken-
den Abschluß zu bringen.
Noch an demselben Abende sendete ich Magdalenens
Brief nach Nom, und Benvenuto's schriftliche Erinnerungen
in das stille Haus, in welchem das treffliche Mädchen
segensreich nnd voll Entsagung waltete und wirkte.
Wenige Monate später fand Magdalenens Trauung
mit dem Grafen Armero statt, zog die junge, deutsche
Hausfrau als Herrin ein, in den alten römischen
Palast, in dessen prächtigen, von alter und neuer
Kunst geschmückten Näumen sie in ungetrübtem Glücke
lebt seit der Stunde, da sie ihn zuerst betreten hat.

A
Monsignore Arrigo war während der ersten Jahre
ihrer Ehe noch am Leben, und noch geistesfrei und
geistesfrisch genug, die Gesellschaft, welche sich über des
Grafen Heirath mit einer Deutschen, mit Magdalenen,
sehr verwunderte, nach des alten Grafen Beispiel mit
den Worten zu beschwichtigen, daß jeder Armero seinen
Kopf und seine besondere Grille habe.
Donna Carolina, so geneigt sie der Nomantik
auch noch in ihrem vorgeschrittenen Alter war, konnte
sich jedoch in diese neue Laune des Grafen gar nicht
finden. Sie verlangte, Monsignore Arrigo solle ihr
erklären, weshalb Benvenuto eben auf diese Wahl be-
standen habe. Und man erzählte, daß er ihr mit seinem
unzerstörbaren sarkastischen Humor darauf erwidert habe:
Was wollen Sie? was ist da zu erklären? Man bedarf
doch endlich einer kleinen Abwechselung. Sonst bekehrten
unsere römischen Jesuiten die deutschen Frauen, jezt hat
einmal eine Deutsche die Sache umgedreht. Donna
Magdalena hat das Wunder vollbracht, einen Römer
zu bekehren, indem sie Don Benvenuto zu dem Muster
eines treuen, würdigen Familienvaters machte. Wenn
der gute Pater Cyrillus nicht schon heute darauf anträgt,
Donna Magdalena dafür zu canonisiren, so liegt das

K
nuur daran, weil weder er, noch Einer seines Ordens,
jezt in den Palast der Armero kommuen, und weil sie
also gar nicht wissen, welch eine Art von heiliger Familie
in demselben weilt.
Der innere Frieden und die Selbstbeschränkung,
welche mit seiner Ehe über Benvenuto gekommen, sind
seiner künstlerischen Entwickelung von großem Nutzen
gewesen. Sie prägen sich in allen seinen späteren Werken
aus. Seine rastlose quälende Unzufriedenheit mit dem,
was er geschaffen, hat einem besonnenen Urtheil, einer
strengen Selbstkritik Plaz gemacht. Er weiß jetzt, was
er will und muß. Er wird nicht mehr von einer idealen
Vorstellung zur andern fortgezogen, sondern beharrt mit
festem Sinne bei der jedeämaligen Arbeit, bis er sich
sagen darf, daß er geleistet habe, was ihu überhaupt
zu leisten möglich sei, daß er die Arbeit vollendet habe.
Er hat gelernt, sich wie jeder Künstler vor seinem
Werke zu bescheiden. Er lebt und webt in Schönheils-
freude und innerer Harmonie, und diese Seelenstimmung
verleiht seinen Gestalten den beruhigenden Zauber, den
die Antike auf uns ausübt.
Manche aber von unseren Landsleuten, denen diese
Blätter in die Hände kommen, werden bei dem Lesen
F. Lewald, Benwenuto. 1,

e
derselben sich an die guten Stunden zu erinnern haben,
die sie zu Nom der Gastfreundschaft im Palazzo Armero
verdanken. Sie werden mit Freuden zurückdenken an
das edle Paar, das, von seinen stattlich aufbllhenden
Söhnen und Töchtern froh umgeben, sich eines Daseins
erfreut, welches man beneidenswerth nennen müßte,
wäre das Glick, das Benvenuto und Magdalena
mit einander bewusßt genießen, nicht zugleich ein
wohlverdientes.
E n d e.
Berliner BuchdruckereiActien-Gesellschan
Setzerinnenschule des Lette-Vereins.