Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Band 01
Titel

Die Erloserin
--
Roman.
- von
Fanny Lewald
Erster Band.-
Das Recht der Nebersetzung ist vorbehalten.
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Ferlin, 1s.
Druck und Verlag von Dtto Janke.


Erau Emma Lobedan
und-
ihren lieben Töchtern
widmet dieses Buch
zur Erinnerung an äie gemeinfae Heiuatä
in alter treuer Freundschaft
Janny Fewald-Ptaßr.
Berlin, im März 18.

Kapitel 01

Ersles Gapiles
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Was Einsamkeit ist? wer weiß das noch, seit hie
Dampfschife und die Lokomotiven den Erdball um-
sausen, seit der elektrische Funke auf dem die Erde
umspannenden Drahte die Welttheile mit einander ver-
bindet, seit die Begüife von Raum und. Zeit sich in
einer Weise verwandelt haben, daß Diejenigen, die
noch unter anderen Lebensbedingungen, geboren wor-
den sind, Mühe haben, sich dareinzufinden.
Aber in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhun-
derts, da konnte man noch in gar vielen Gegenden
unseres Vaterlandes von tiefer Einsamkeit sprechen.
Und vollends in den nördlichsten Theilen von. Dst-
Preußen, da, wd die Fluthen des Baltischen Meeres
den Strand bespülen, da war es einsam, sehr einsam,
vor jenen fünfzig Jahren in dem Dorfe ain Strande
und in dem Pfarrhause desselben.
Das Pfarrhaus üoar sehr klein und eng und
niedrig, und das Leben, welches der Pfarrer und die
Seinen in demselben führten, war ebenso beschränkt.
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-- - hatten die Pfarre inne gehabt und hatten das Pfarr-
-- haus ganz in demselben Zustande bewohnt, in welchem
- es sich noch befand. Das weitete für das Bewußt-
- . sein der Familie die engen Räume aus, und der
Pfarrer fühlte sich in seinem Hause ebenso fest ein-
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. gewurzelt, wie die Grafen, die seine Patrone waren
-und seiner: Väter Patrone gewesen waren,, in ihrem
, alten Schlosse, das eine halbe Stunde voit dem Dorfe
- und von öem Meere, auf der einzigen Erhöhung des
Landes, auf der bewaldeten Düne gelegen war, von
der man' die beiden Wasser, die Ostsee und das Kurische
Haff, und zugleich die Landenge, man nennt sie die -
; KurischeNehrung, übersehen konnte, welche die peiden
- Wasser trennt.
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- Auch das Dorf war nur klein und- die Kirche
war klein, abex für die öde und menschenarme Gegend
- war sie groß gennng, und obgleich sie unschön und nur
aus rohen Feldsteinen gufgerichtet war, -galt sie für

eine' der Merkwürdigkeiten des Landes und wurde
- hoch -in Ehren gehalten. Es hieß, der heilige Bischof
- Adalbert; ber Bekehrer der heidnischen Preußen, habe
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sie-erbaut und mit. seiner Predigt eingeneiht. Durch
- Dokumente: zu erweisen war das freilich nicht; aber
alt war die Kirche wirklich. - Und wem that es denn
zu nahe, wenn den Pfarrer in seiner Einsamkeit und
- - Armuth die Vorstellungi beglückte und erhob, das Wort
des »Herrn an einer besonders geheiligten Stelle zu
perkünden?
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- -. Die Gegend um das Dorf herum war nur schwach
bevölkert, des schlechten Bodens wegen fpärlich an-
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gebaut, und in den ohnehin armseligen, am Meeres-
straide liegenden Fischerdörferß hatten die einander
folgenden Durchzüge der Franzosenf und der Russen
noch verwüstet, was dort irgend, zu' verwüsten ge-
wesen war. ?
Man konnte lange fahren, ohne an ein Dorf zu
kommen, selbst die Posthaltereien wwarsn immer drei
Meilen weit von. einander- entfernt. Rur zweimal in
der Woche legte die sogenamnte Reitpost, ein Postillon,
welcher nit einem Pferde einen Briefkarren fuhr, den
Weg zwischen der Hauptstadt und- der -Grenze über
die Nehrung -zurück, und kein-Herbst und. kein Früh-
ling vergingen, in denen ;mgn nicht, davon sprechen
hörte, daß wieder ein Postillon bei der Fahrt am
Ufer auf Triebsand gerathen, aund init Pferd und
Wagen spurlos verschwunden sei.
Im Frühjahr und im Herbste jagt der Sturm
dort wildschnaubend über die schmale Sandscholle von
Meer zu Meer, und die Winter;find oft unbarmherzig
kalt. Das Haff bebeckt sich fest niit Eis, Felbst das
Meer gefriert eine Strecke. weit hinein, und, nur über
die beschneite Eisfläche hinwweg, Jieht' man dann den
dunklen Streif des Wassers oder das Funkeln des
Sonnenlichtes auf demselben, in, der Ferne;den Horizont
begrenzen.
Unter diesen. Umständeniwurde der Verkehr mit
der Umgegend und mit der Hauptstadt zu-jenen Zeiten
im Winter für Monate und Monate ein sehr seltener.
Selbst die Post kam dann nicht mehr durch das Dorf,
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fondern wurde zu Schlitten über das gefrorene Haff
befördert; und so gleichförmig wurde dann das Leben,
daß es in dem Pfarrhause in folchen Tagen zu den
Ereignissen gehörte, wenn man bisweilen die langen
Reihen kleiner Transport - Schlitten, von kurischen
Bauern oder von polnischen Juden geführt, in weiter
Ferne durch die mühsam aufgethauten Fensterscheiben
worüberziehen sah. Fuhr dazwischen einmal eine Extra-
Post' durch das Dorf, hatten in der nächsten Post-
haltereig-die weit genug von dem Pfarrhause entfernt
war, Reisende sich ein paar Stunden aufgehalten
oder gar bei besonders schlechtem Wetter eine Nacht
dort zugebracht, so kam gewiß nach einigen Tagen
der -Posthalter, - ein lahmer und als Hauptmann .
entlassener Offizier, in die Pfarre zum Besuch, um von
der Begebenheit zu erzählen, und zu berichten, was er
über die Reisenden, oder von ihnen erfahren hatte.
Das gab dann immer einen schönen Abend. Der
Pfarrer und der Hauptmann zündeten ihre Pfeifen an,
und wenn die außerordentlichen Neuigkeiten abgethan
waren, ging man weiter und weiter auf frühere
-Ereignisse zurück. Der Hauptmann erzählte von den
Feldzügen und von Paris, wo er nach dem Einzuge
eder Alliirten als Verwundeter viele Monate lang ge-
wesen war, von seinen Verwandten, die am Rheine
lebten. Der Pfarrer, der schon ein Mann in Jahren
-war, sprach von den Zeiten, in denen er auf der
Universität gewesen, und von seinem Leben als Lehrer
in der gräflichen Familie, und die Pfarrerin und des
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Pfarrers einzige Tochter hörten diesen Erzählungen
immer wieder zu, als hätten sie sie nicht schon wer
weiß wie oft vernommen. Sie waren ihnen jedesmal
ein neuer poetischer Genuß, weil rsie sie in ferne und
ihnen völlig fremde Zustände versetzten.
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Kapitel 02

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Bweites Gapites
Alles im Pfarrhause war alt, Alles war so ge-
wesen und geblieben seit drei Menschenaltern und
darüber. Mlles hatte seinen immer gleichen täglichen
Verlauf.
Der Pfarrer und sein Vater und sein Großvater,
der eines gräflichen Jägers Sohn gewesen war, hatten
alle Drei mit gräflichen Stipendien in Königsberg
studirt, und nachdem der jetzige Pfarrer seine theologi-
schen Prüfungen bestanden, hatte er der gräflichen
Fämilie als Erzieher des ältesten Sohnes gedient, so
daß der gegenwärtige Majoratsherr und Kirchenpatron
einst durch Jahre sein Schüler gewesen war. Daß es
ihm vergönnt gewesen war, diese lange Zeit in völliger
Sorgenfreiheit, in dem vornehmsten Hause der Haupt-
stadt zu verleben, sich dört in den Wissenschaften zu
vervollkommnen und sich daneben in der gräflichen
Familie eine Bildung anzueignen, wie nicht viele
seiner Standesgenossen ihrer theilhaftig wurden, das
sah des Pfarrers fromme Seele als eine der beson-
deren Gnaden Gottes an, für die er und die Seinen
dem Herrn alltäglich noch zu danken hatten.
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Es war in den Zeiten seiner Hauslehrerschaft
Sitte gewesen, die jungen adeligen Herren mit ihren
Erziehern auf Reisen gehen zu lassen, und wweil man
mit dem Kandidaten und Gouverneur im gräflichen
Hause so wohl zufrieden gewesen war, und Zutrauen
zu ihm gehegt, hatte man beabsichtigt, ihn dem
jungen Grafen bei der großen Reise als Begleiter bei-
zugeben. Aber, pflegte: der Pfarrer zu sagen, Gott
hatte es anders über ihn bestimmt. Sein Vater war
in einer Weise erkrankt,. die ihm einen Adjunktus
nöthig gemacht hatte. Der Graf hatte also, um die
Einkünfte der Pfarrers-Familie nicht zu schmälern, den
Sohn des Pfarrers zu dessen Gehilfen ernamnnnt, und
wie große Hoffnungen' der damalige Kandidat auch
auf die Reise mit seinem Zöglinge gebaut haben
mochte, war er doch bereitwillig. und freudig in die
Einsamkeit seines Geburtsortes zurückgekehrt. Sein
bescheidener Sinn und. fein ergebenes Herz hatten nie
einen eigenen: Willen neben demGlauben an die gött-
liche Allweisheit gekannt, und sein festes Vertrguen in
die Wege der Vorsehung zvar auch die. Quelle ge-
blieben, aus welcher durch sein ganzes Leben seine im-
mer gleiche Zufriedenheit entsprungeu war.--
- Troz seiner unheilbaren Krankheit hatte des Pfarr-
Adjuncten Vater aber noch länge gelebt, und erst nach
dessen Tode, als er selber die Pfarre angetreten,' hatte
der Sohn daran denken können, sich eine Frau zu
nehmen, denn die Eiükünfte der Pfarre waren sehr
gering. Damals hatte er schon in seinem sechsund-
dreißigsten Jahre gestanden, und die schöne Simonene,

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gerichtet; seit:er sie im Konfjrmanden-Unterrichte ge-
habt und: sie eingesegnet hatte, war bedeutend jünger
der Gräfin in Litthauen, zu Hause, war armer Leute
Kind gewesen, war frühzeitig verwaist, und weil sie
. ungewöhnlich schön gewesen war, hatte die Herrschaft
sich'ihrer angenommen und sie dem Amtmanne zu er-
ziehen -gegeben, der im Amtshause neben - dem gräf-
lichen Schlosse mit seiner Schwester haushielt.
Daß ihr Lehrer, daß der Herr Pfarrer sie zur
Ehe begehren könne, das hatte die schöne Simonene
nie für möglich gehalten, und auch nachdem sie seine -
Frau geworden war, sah fie zu ihm immer wie zu
einem höheren Wesen empor, obschon er, des Lehrens
und Erziehens sehr gewohnt, sie liebevoll zu sich
herangebildet hatte.
-? Zwei Kinder, welche sie ihrem Manne, in den
ersten Jahren der Ehre geboren hatte, waren bald ge-
storben, und man hatte kaum gehofft, diesen Verlust
ersetzt zu sehen, als die Pfarrerin zehn Jahre später
noch einer Tochter genesen war. In der Einsamkeit,
in welcher die Gatten lebten, und bei der bedeutenden
Altersverschiedenheit, welche zwischen ihnen herrschte,
war das besonders für die Mutter ein großes Glück
gewesen. Als daher der Pfarrer in seinem Dankgebete
für die Wöchnerin der Huld und Gnade gedachte,
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auf, die sichsein Auge und seine heimlichen Wünsche
gewesen :als er. - Sie war auf den Familiengütern
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mit welcher der Himmel ihnen diesen Ersaz für die
verlorenen Kinder gewährt, hatte er seiner Neu-
geborenen- neben dem Namen der Mutter, den sie
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eigentlich hatte tragen sollen, in der freudigen Auf-
wallung seines Herzens noch den Namen Hulda zu-
gelegt, bei dem man die Kleine dann auch rief.
War das Leben im Pfarrhause bis dahin sanft
und friedlich gewesen, so wurde es nun noch glück-
licher, und wie in der milden Wärme' eines von be-
ständigem Lichte überglänzten Frühlingstages, wuchs
das einzige Kind des Hauses schön heran. Was die
Zärtlichkeit der Elternliebe ihr in den beengten Ver-
hältnissen gewähren könnte, wurde Hulda unausgesetzt
zu Theil. Ein Tag ging gleich dem andern, hin.
Sie hatte ihre Unterrichtsstunden von dem Vater,
lernte es frühzeitig, der Mutter geschickt: zur Hand zu
sein, half im Sommer den Eltern Beiden in der Be-
stellung und Pflege ihres Gartens, und las zur
Winterszeit, als sie herangewachsen war, gm Abende,
wenn der Vater studirte und sie mit der Mutter an
dem großen, grünen Kachelofen saß, in dem die Abend-
suppe kochte, eine Stunde aus denjenigen Büchern
und Dichterwerken vor, welche die Pfarrerin unter
ihrer besonderen Obhut hielt. DerVater' hatte sie in
den guten Zeiten angeschafft, in denen er, in der gräf-
lichen Familie lebend, Geld für solche Ausgaben hatte
verwenden können, und später hatten die Herrschaften
bei anderen besonderen Anlässen den bescheidenen Bücher-
vorrath ihres Pfarrers mit einem -oder dem anderen
guten Dichterwerke bedacht.
Es war Hulda's Ehrenamt, diese Dichterwerke,
die auf einem eigenen, mit einem Vorhange von
grünem Rasch. geschüzten, Borde in der Wohnstube

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über der Komode der ßfarrerin hingen, allwöchent-
lich vom Staube zu säubern; und in einem dieser
Bücher, welche, selbst die Mutter immer nur mit einer
Art von Ehrfurcht in die Hand nahm, allein und nach
Belieben lesen zu können, war an des Winters Sonn-
und Feiertagen Hulda's größte Freude. Schon sie in
Händen. zu haben, war ihr ein Genuß; und wenn
draußen der grause Schneesturm die dicken weißen
Flocken gegen die niederen Fenster trieb, daß die bleich-
gelbe Nachmittagssonne kaum hineindrang, während
das Meer in dumpf rollenden Schlägen auf die zu
Eis gefrorenen Ufer niederfiel, konnte sie oft lange
sizen, und ohne zu lesen die aufgeschlagenen Vände
ansehen,: als müßte aus dem rauhen -grauen. Papiere
und zwischen. seinen Linien noch etwas ganz Anderes
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herauszulesen sein, als was darin gedruckt stand: -Es
schien ihr immer, als wäre ein Zauber darin verbor-
gen, zu dem sie nur den Schlüssel aufzufinden brauchte,
um - sie wußte selber nicht, welcher Herrlichkeit theil-
haftig zu werden.
z -Man besaß überhaupt im Pfarrhause noch jene
- Liebe ,Für, die Bücher und jenen wahren unbewußten
-Cultus ;des Genius, der nur von den. Armen und von
den. Einsamen in seiner ganzen Reinheit ausgeübt
wird. : Wenn es sich aber einmal fügte, daß nach
solchem stillen Sinnen der Postmeister sich zufällig
in der Pfarre einstellte, wenn er wie immer auf die
Wergangenheit und auf seine Erlebnisse zu sprechen
kam, so tauchten vor des jungen Mädchens Geist un-
bestimmte und doch verlockende Bilder einer Welt
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auf, die ihm fern und fremd war, pie die Sterne,
die am Himmel leuchteten, und zu Ider. es hinaufsah
wie zu den Gestirnen: neugierig - danach verlangend
und sicher, sie nicht erreichen zu können.
War dann der Winter wieder, einmal' überstan-
den, kam der Sommer heran, die MMenschen aus den
Ketten und Banden des Eises und der Fälte zu er-
lösen, zogen am fernen Horizonte wieder.die Segelschife
wie Riesenschwäne auf den Fluthen,. und die Schwal-
ben und, die wilden, Gänse pieder, durch die blauen
Lüfte hin, senkten des Pfgrrers Störche sich wieder
auf das Dach der Sakristei herab, dann - kam auch
neues Leben in das Dorf. Dann stachen die Kähne
wieder in See, dann ging die Pfarrerin mit, ihrer
Tochter sehen, was der Fang gebracht hatte,' dann
fuhren dieFischer, die so glücklich waren, ein Pferdchen
zu besizen, in den hellen Nächten bis nach der Haupt-
stadt hin, ihre frischen und geräucherten Fische zu
Markte zu bringen; und sie waren es dann auch, die
des Pfarrers Haushalt mit manchem Nothwendigen
versahen. Denn ein Pferd zu halten, xeichten die
Einkünfte des Pfarrers weit nicht aus, und in dem Dorfe
konnte man Nichts kaufen und Nichts haben, was man
nicht selber dem Boden abgewann. Der brachte aber,
so hart am Meere, außer den gewöhnlichsten Kräu-
tern, außer der Stachelbeere, der Johannisbeere und
der kleinen sauren Kirsche, in seinem Dünensande
Nichts hervor.
Die vier Kiefern in dem Pfarrhofe, die Hollunder-
Büsche, welche vor der Thüre die Bank beschatteten,

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der Sonnenglanz, das Tausendschön und der Lavendel,
das waren des Pfarrers und der Seinen ganze Freude.
Die beiden Rosenstöcke, welche Mamsell Ulrike, des Amt-
manns Schwester, ihrerPflegetochter aus demAmtsgarten
indiePfarre mit gegebenhatte, kamen nicht injedeniJahre
zu ihrer vollen Blüthe, weil der Garten dem Seewindezu
sehr offen lag, und nicht in jedem Jahre genoß die schöne
Hulda den Triumph, mit einem Strauß von Rosen
vor der Brust, zur Kirche gehen zu können, und sich
dabei in einer poetischen Verklärung zu empfinden,
die ihr noch das Herz erwärmte, wenn der Duft der
welken Rosenblätter ihr im Winter bei dem Deffnen ihrer
Lade, des Sommers und der Rose Pracht in das Ge-
dächtniß rief.
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Kapitel 03

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Drittes Vapiies.
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Der Frühling; in wwelchemu der Pfarrer seine
Tochter eingesegnet hatte,' versprach durch seine Wärne
ein fruchtreiches Jahr, und mit den Pfingsten, die
vor der Thüre waren, stand der Familie das -große
Ereigniß jedes Sommers, der Tag bevor; an welchem
alljährlich der Amtman und seine Schwester, man
hieß sie in der ganzen Umgegend nur Mamsell Ulrike
oder schlechtweg die Mansell, zun Essen in -die Pfarre
kamen. Freilich sprachen der Amtnann und die
Mamsell auch sonst bisweilen nach der Kirche bei deb.
Pfarrerin vor, denn sie. hatten -sie ja' erzogen, hatten -
also bei der Tochter auch Gevatter gestanden, aber das
-aren doch' immer nur kurze Besuche. - Sie hielten
außex dem Hause überhaupt nicht biel Werkehr, ob-
schon sie überall sehr hoch in Aisehen standen. und im
Amte die Thüre immer offen und der Tisch für Gäste
stets gedeckt war.
Jn der Gegend' legte man dem Amtmanne und -
seiner Schwester diese Zurückhaltung als Hochmuth
aus, und zu leugnen bar es nicht, daß sie auf sich
hielten, als wären sie die Herrschaft selber. Das war

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- h Grunde aber ganz natürlich. Der Graf lebte seit
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vielen Jahren auswärts als Gesandter, war seit dem
Tilsiter Frieden nicht wieder auf das Schloß gekom-
men, und Mamsell Ulrike hatte Recht, zu sagen, sie
wisse nicht, weßhalb sie Besuche machen sollte, die
Leute kämen ja zu ihr, wenn sie dieselben haben wolle.
Dazu gebe es immer irggnd wie, Verdruß, wenn sie
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. z. Sie hatte überhaupt ihre Wunderlichkeiten, und
es; ging allerlei Gerede über sie, weil in ihrer Wirth-
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schaft keiner: von den üblen Zufällen vorzukommen
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pflegte, die doch sonst nicht leicht in einem Hause
fehlen.. Was sie in die Hand nahm, schlug -ih ein. .
Sie hatte. Glück mit Menschen und mit Vieh, sie
wußte in Krankheiten besser Rath als selbst der Doktor,
zund auf das Wetter verstand. sie sich besser als irgend
ein anderer Mensch. Der- Amtmann behauptete, das
komme, weil. sie die Augen überall. und immer, ofen
habe; die Leute aber sagten, sie schlafe auch mit
offenen Augen, und sehe deshalb ganz besondere Dinge,
won denen sie nicht rede und vgn denen auch nicht
gut zu reden sei. War man in Noth, so wendete
-man jich an sie; beliebt aber war sie deshalb nicht,
- -ünd- sie wußte das auch selber und machte sich gar -
, Nichts daraus.
:-Gerade deshalb wurde aber in der Pfarre für
-den Pfingstsonntag Alles aufgeboten, was der dürf-
- Jtige, Haushalt nur zu leisten im Stande war- Für
die Pfingsten wurde aufgespart, was man als seltenen

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Leckerbissen erachtete, -und von dem Pfingstsonntage
rechnete die Pfarrerin vorwärts und. rückwärts wie

von des Heilandes: Geburt.
In dem Jahre fielen die Pfingsten ganz beson-
ders spät. Das Wetter war sehr schön. Man hatte
die ganze Woche hindurch im Hause; gescheuert und
geputtzt, und Hulda's weißes Kleid, das zu dem Tage
zum erstenmale wieder angezogen werden sollte, weil
Tante Ulrike die wweißen Kleider liebte, flatterte be-
deutend verlängert und wohlgewaschen; auf. -der Leine
zwischen den blühenden Kirschbäumen: im frischen
Frühlingswinde. Es war Freitag gegen -Abend, der
Pfarrer studirte seine Predigt ein, die Pfarrerin schnitzte
neue Lichtmanschetten zu den beiden Leuchtern, die im-
mer auf ihrer Komode vor dem- Spiegel ftanden
und deren Lichter niemals angezündet wurden, und
Hulda fältelte, ihr gegenüber an demMNähtisch sizend, die
Tüllstreifen um ihrer Mutter Sonntagshaube, als sie,
von der Arbeit aufblickend, von ferne einen Wagen in
raschem Trabe auf das Dorf zufahren sah.-
Des Mädchens scharfe Augen erkannten ihn so-
fort.,Amtmann's Wagen!'! rief sie, indem sie auf-
stehend die Arbeit niederlegte. Die Mutter wollte
es nicht glauben. Als der Wagen jedoch näher heran-
kam, erkannte auch sie des Amtmanns kleine Lithauer
Falben, und Mamsell Alrike, die im Wagen saß.
, Da muß Etwas geschehen: sein,.rief sie. ,Die
Mamsell so dicht vor den Feiertggen unterwegs und
von der Wirthschaft fort! Was kann das nur be-
deuten?'

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- Aber es blieb den Beiden keine lange Zeit zum -
Neberlegen.. Der Wagen hatte dazwischen in dem
tiefen Sande lautlos das Haus erreicht, der Kutscher
ließ die lange Peitsche kunstgerecht im Doppelzuge
durch dieCSuft jausen, damit Niemand daran zweifeln
könne,: daß - der Christian vom Herrn Amtmann da
sei;-und von dem Peitschenknalle aus seinen Betrach-
tungen aufgestört, trat der Pfarrer fast gleichzeitig mit
den beiden Frauenzimmern vor die Thüre hinaus, zu
- sehen, was es gäbe.
n? '' Indeß gleich der erste Anblick von Mamsell
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Ulrike bestätigte. die. Vermuthung der Mutter, daß
etwas ganz Außerordentliches, daß ein Unglück ge-
schehen sein müsse. Die Mamsell - sie war Lein
und mager und troz ihrer vorgerückten Jahre noch
berührsam wie die Jüngste - war schon aus dem
Wagen heraus, ehe man ihr nur die Hand zum Aus-
-Feigen hatte bieten. können, und die ßfarrerin be-
merkte, daß Ulrike sich nicht einmal die Zeit genom-
men hatte,-sich, nach ihrer Redeweise, reputirlich

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anzuziehen, was zu thun sie sonst nie versäumte, ehe
fie ihr Haus verließ. Sie war in ihrem Hausrock
von -gestreiftem, selbstgewirktem Leinen, nicht einmal
eine von den großen Hauben hatte sie aufgesetzt, ohne
die sie den Bereich des Hofes sonst nicht überschritt,
weil es sich gehörte, daß des Amtmanns Schwester
sich vor den Leuten nur wie sich's gebührte sehen ließ.
,,Erschrecken Sie nicht, Herr Pfarrer,.' rief sie,
sowie sie des Pfarrers nur ansichtig wurde, ,erschrecken
- Sie ja nicht und wundere Dich nicht, Simonene,.!
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sagte sie zur Pfarrerin, ,daß ich gekommen bin, so
wie ich ging und stand. Aber es wird Ihnen gerade
so in die Glieder fahren wie dem Bruder und
wie mir =-
, Also, dem Herrn Amtmann ist kein Unglück zu-
gestoßen?' unterbrach sie der Pfarrer, dessen sanfte,
würdevolle Haltung Mamsell. Ulrike doch sonst immer
zu einer verhältnißmäßigen Ruhe nöthigte. -
, Nein, Gott sei gedankt, nein; Herr Pfarrer!
Der Herr Bruder ist ganz wohl. älber ich kann
Ihnen denSchrecken einmal nicht ersparen, und Ihnen'
wird's noch doppelt yahe gehen, wweil er ja Ihr
Schüler und zehn Jahre jünger gewesen ist als Sie!'
, Der Herr Graf ist doch icht todt?' fragte der
Pfarrer tonlos und erbleichend.
, Ja, leider, ja leider, werthester Herr Pfarrer!
Sie haben es getroffen! Der Herr Graf sind todt!
Gestern früh it die Staffette än den Herrn Bruder
der Frau Gräfin, -an den Herr Baron Emanuel nach
Königsberg gekommen, und heute hat der Herr Baron
einen Reitenden hieher geschickt. Er hat, Alles ganz
genau geschrieben, ganz genau! Nur ein paar Tage
sind der Herr Graf zu Bette und krank gewesen. Es
ist gekommen, sie wußten selbst nicht wie. Uid ein-
balsamirt haben sie ihn, weil er doch hierher muß, auf
das Gut, in die Familiengruft. Der bleierne Sarg
ist jezt schon unterweges. Auch die Herrschaften haben
sich schon aufgemacht. Der Herr Baron it ihnen gleich
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sonders: die Frau Gräfin und Comtesse Clara und
der -Herr Baron Emanuel, der jüngste Bruder
der Frau Gräfin. Der war seit seiner frühesten Kind-
heit nicht mehr hier. Auch die ganze Dienerschaft- kommt
mit --Sogar' der: Koch und die alte englische Miß,
die: immer noch bei der Herrschaft ist, und die guch
bleiben wird bis an ihren Tod. Nur der Bräutigam
unserer Comtesse, der kommt erst später, und der junge
Herr Graf muß noch auf seinem Posten bleiben und
kann dem Vater nicht einmal die lezte Ehre anthun.r!
, Sie hätte noch lange fortsprechen können, denn
die, Pfarrer-Familie war wie verstummt im Schrecken
und in dem Schmerze über das jäh hereingebrochene
Geschick. Erst als Mamsell lrike innehielts stieß
die Pfarrerin mit einen Seufzer den Ausruf her-
vor: ,,Die arme Frau Gräfin! Die arme Comtesse
Elarlsse!?
, Freilich, freilich!' fiel Mamsell Ulrike augen-
bllcklich wieder ein, es ift gar zu schrecklich: So plöz-
lich, wwie aus der Pistole geschossen! Indeß die Herr-
schaften, die sizen nun im Wagen und können sich
ausweinen; und sich besinnen in aller Ruhe. Aber ich?
In Schloß und in der Gruft soll Mlles fir und fertig
sein, Alles soll parat gehalten werden. In vier Wochen:
spätestens. treffen sie hier ein. Mit den Pfingsten,
mit übermorgen Mittag ist es also Nichts. Ich kann
vom - Hause jetzt nicht fort. Ich bekomme morgen
schon das Haus voll' Leute!''
Sie sprach so heftig, daß ihr die hageren Wangen
brannten und die Augen funkelten. Man nöthigte sie
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einzutreten, bat, sie möge doch wenigstens Plaz neh-
men, aber sie ließ sich nicht dazu bewegen, und ohne
auf die Bestürzung ihrer Freunde, auf des Pfarrers
Schmerz zu achten, ohne irgend wem die Möglichkeit
zu einer Frage zu vergönneu, erzählte sie stehenden
Fußes. wie viel Männer und Frauen sie zur Arbeit
in dem Garten und in dem Haüse angenomnen habe,
wie der Hofmann fortgeschickt wördei sei, gleich mor-
gen die nöthigen Handwerker herbeizuholen und in der
Umgegend von Geflügel aufzükaufen, waönüur zu haben
sei. Sie rechnete darauf ihrer' ehemaligen! Pflege-
tochter noch in aller Eile vor, was das Amt trotz
der vorgeschrittenen Jahreszeit noch an Vorräthen ent-
hielt, und war eingestiegen und wieder fortgefahren,
ehe man sich deß versah.
Der Pfarrer ging still in das Haus' zurück. Als
die Seinen ihm dorthin folgten, fanden sie ihn' in
seiner Stube an dem Fenster stehen. Er schäute ge-
dankewvoll auf das Meer hinaus,in dessen leise
wogende Fluthen die Sonne eben niedertauchte. Die
Mutter trat an ihn heran. - Er legte seinen Arm
um ihren Hals und gab der Tochter die andere Hand.
Sein Antliz war ruhig, aber von Traurigkeit be-
schattet.
,,Seinen Vater habe ich gebettet zü der ewigen
Ruhe,. sprach er wie zu sich selber, ,,und meinen
Vater; seine beiden' ältesten Söhne und den meinen
-- und nun ist er auch dahingegangen!f! Er fuhr
sich mit der Hand über die thränenschweren Augen, und
langsam das Haupt bewegend, sagte er: , Unser Leben
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fährt dahin wie ein Traun und wie ein Rauch! So
steht es geschrieben, und das wissen wir; und doch ist
er-unsmmer' überraschend, immer geheimnißvoll, des ,
Menschen' Tod! Doch ist er uns ein Gegenstand der
Trauer, wie' dort drüben der Sonne Niedertauchen in
das Meer, so gewiß wir auch ihrer strahlenden Wieder-;
kehr und unserer verklärten Auferstehung sind.'!
-- Er versank in ein tiefes langes Schweigen, dann
-' sprach er seufzend: ,Ich hätte ihn noch wiedersehen
mögen hienieden! Gern, sehr gern! Auf ihn hatte ich
für Euch gehofft. Es hat nicht sein sollen!f' Er ließ
- Frau und Tochter aus seinen Armen, nahm sein
Käppchen ab, faltete die Hände und sprach:,,Der
Herr hat es nicht gewollt, sein Wille sei gepriesen,
immerdarl'! Darauf blieb er im stillen Gebete noch
eine Weile stehen. Dann ging er fort und sezte sich
still an seinen Arbeitstisch.
Die Mutter hatte den Kopf gegen die Scheiben
gelehnt und blickte in die beginnende Dämmerung
hinaus; Hulda mußte weinen. So ergrifen hatte sie
den Pater nie zuvor gesehen, so lebhaft war die Vor-
stellung ihr noch nie gekommen, daß ihr Vater schon
-bejahrt sei, daß auch er bald sterben könne, daß dies
alte kleine Haus einmal plötzlich aufhören werde, ihre
Heimath zu sein, und' daß sie und ihre Mutter dann
- würden fortziehen müssen, arm und ganz allein, sich
- einenneue Heimath aufzusuchen.
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Tochter und drückte sie zärtlich ai das Herz.
sie sprach kein Wort, als fürchtete sie, das leben-
dige Wort könne das Unglück' hexaufbeschwören, das,
näher oder ferner, doch- unabweislich über ihren
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Häuptern schwebte.
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Kapitel 04

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Biertes Gapites
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Es war von der Stunde an im Pfarrhause nur
noch von den Herrschaften die Rede, von den Grafen
und von den Brüdern der Frau Gräfin, von den
Baronen, die auch, wie die Grafen, vor jenen Jahr-
hunderten mit den deutschen Rittern nach Preuzen gee;
kommen, und also alte Adelsgeschlechter waren.
Der Pfarrer sprach zum Defteren vgn dem schönen
Hause mit dem schönen Garten, welches die Grafen in
der Städt besaßen, und von der prachtvollen Karosse,
in welcher des jetzt verstorbenen Herrn Grafen Vater bei
feierlichen Gelegenheiten zu fahren gepflegt hatte, mit
zwei Heyduken auf dem Wagentritte und zwei Läu-
fern dicht voraus. Er erzählte dann auch, wie der
Graf ein gelehrter, in der Latinität sehr wohl be-
-chlagener Herr gewesen sei, in dessen Hause die Pro-
fessoren. von der Universität viel aus- und eingegangen
wären. Wie er eben deßhalb Sorge dafür getragen
habe, seinem Sohne die gründlichste Bildung zu ver-
schaffen, und er ließ es dann niemals unerwähnt, wie
schöne Manieren der jetzt verstorbene Herr Graf ge-
habt, wie er von Jugend auf das verbindlichste Wefen

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und eine solche Feinheit des Betragens besessen habe,
daß man schon früh gesehen, er sei geboren zum
Diplomaten. Die Frau Gräfin ihrerseits, eine Tochter
aus dem alten und reich begütexten Hause der
Freiherren von Falkenhorst, sei denn aber auch die
Frau gewesen, wie sie für einen solchen Herrn sich
gepaßt habe.
Ebenso sprach gtan von der Familie Ferer von
Falkenhorst, auf deren Gütern die ;Pfarrerin geboren
war. Es wurde damn jedesmal. erpähnt, wiesstattlich
und zahlreich das Geschlecht geweseß Fei, wie cber jezt
von den fünf Brüdern der Frau Eräfinunur noch der
leider kinderlose Majoratsherr und'der Jüngste, Baron
Emanuel, am Leben wären,?der seiner schwankenden
Gesundheit wegen sich meist -in Süden »aufgehalten
habe und auf dessen Verheiratung doch' die Hofnung
für das Fortbestehen des Geschlechtes beruhe:
Man lebte und webte. in der Pfarre nur in dem
Gedanken an die Herrschaften,.und in dem Anitshause
war es natürlich' auch nicht anders. ? -
Dort hatten alle Hände mit bden Vorkehrungen
für die Ankunft der gräflichen Besizei unter Mamsell
Ulrikens Aufsicht immierfort zü thun.. - Nicht einmal
den gewohnten sonntäglichen Kirchenbesuch gönnte sich
nach Pfingsten die Unermüdliche, und es waren nahezu
drei Wochen seit. dem Feste hingegangen, als die
Pfarrerin sich eines Tages- entschloß, mit ihrer Tochter
ihren früheren Pflege-Eltern einen Besuch zu- machen,
um zu hören, wie' weit man in dem Schlosse mrit den
Vorbereitungen gekommen sei -


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Ein Besuch im Amthause, das war an und für
sich ein Ereigniß, welches unaufgefordert selten genng
uund auch, dann nur an einem Sonntage stattzufinden
pflegte. Man hatte mehr als eine halbe Stunde weit
-von der Pfarre nach dem Schlosse zu gehen; es hatte
am Wochentage in seiner Wirthschaft Jeder vollauf
zu thun, und besondere Freunde waren die Mamsell
und ihre frühere Pflegetochter nicht. Ulrike hielt nicht
viel von Kindern und hatte seiner Zeit die schöne
kleine Simonene nur im Amte aufgenommen, weil
die Gräfin es glso befohlen. Sie hatte dem Mädchen
in ihrem Hause das Leben auch nicht leicht gemacht,
und Simonene's Heirath hatte später nicht dazu bei-
getragen, ihr dieselbe lieber oder werther zu gaehen.
W war immer das Gerede unter den Leuten ge-
gangen, die Mamsell habe selber ihre Absichten auf
den Pastor gerichtet gehabt, und Hehl hatte sie es bis
auf diese Stunde nicht, daß nach ihrer Ansicht der
Ffarrer seiner Zeit nicht klug daran gethan habe, ein
so junges und so armes Mädchen in sein Haus zu
Führen, da er ja Besseres hätte haben können. Wen
sie. damit meinte, das sprach sie niemals aus, so daß
es sich ein Jeder auf seine Weise deuten konnte, und
die Leute thaten es denn auch.
Diesmal aber war Mamsell Ulrike durch die An-
kunft der Pfarrerin ofenbar erfreut. Sie hatte so
viel gearbeitet, hatte in kürzester Zeit so viel geleistet
und geschaft, daß sie eine wahre Genugthuung darüber
fühlte, es der sachverständigen Pfarrerin in allen
Einzelheiten vorzuführen und zu erklären. Die Pfarrerin

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verstand es doch besser zu würdigen und wärmer anzu-
erkennen als die Frau Gräfin, welche -es nach der
Gewohnheit solcher Herrschaften immer nur natürlich
fand, wenn Alles für ihren Dienst und für das Be-
dürfen ihrer Familie in jedem Augenblicke bereit war,
ohne daß sie jemals daran dachte, wie viel Mühe es
gekostet hatte, das Geforderte zur rechten. Zeit herzu-
stellen und zu leisten.
Hulda war nur ein einziges Mal, und zhar als
kleines Kind, in dem Schlosse gewesen, denn män hatte
es in all den Jahren nur betreten, um es zu lüften
und zu reinigen, und das war natürlich nicht an den
Sonntagen geschehen. Sie hatte also von jenem Be-
suche nur die Erinnerung an eine Reihe großer,
dunkler Zimmer in ihrem Gedächtnisse bewahrt, in
welche durch die einzelnen geöfneten Fensterladen das
Tageslicht mit langen gelben Strahlen grell hinein-
gefallen war. Nun sah das freilich anders aus.
Die Fenster standen ofen, -der helle Sonnen-
schein und die warme Sommerluft zogen durch alle
Räume. Hulda hatte nie etwas Anderes gesehen als
hie und da einmal die Wohnungen von ihres Vaters
Amtsbrüdern, oder von einem der Gutsbesizer in des
Vaters Sprengel, unter denen sich damals keine be-
sonders wohlhabenden Leute befanden. Das allerdings
sehr stattliche Schloß kam ihr also wie ein Königs-
palast vor, und die hastigen Bemerkungen, mit denen
die Mamsell die beiden Gäste durch die Zimmerreihe
der beiden Stockwerke geleitete, vollendeten den Jau-



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ber, den das Schloß auf die Phantasie des jungen
Mädchens übte.
e. -Mlles dünkte ihr in dem Schlosse merkwürdig, und-
Vieles hatte in der That eine historische Bedeutung.
Unten in dem Gartenzimmer der ovale Tisch, das war
der-Tisch, an welchem der König und die verklärte
Königin mit ihren Kindern das Frühstück eingenom-
men, als sie, vor den siegreichen Franzosen fliehend,
sich nach der äußßersten Grenze des Reiches begeben
hatten. In dem anstoßenden Kabinete hatte die schöne
Königin auf dem kleinen Kanapee geruht, an dem
Ankleidetische sich von ihrer Kammerfrau ihr blondes
Häar- feststecken lassen. Dben in der großen Stube,
in welcher das Hochzeitsbett der Herrschaften sich mit ,
den rothseidenen Gärdinen prächtig wie ein Thron er-
hob, hatte der französische Marschall, der nur ein
Mensch von ganz niedriger Herkunft gewesen war, auf
dem Zuge nach Rußland drei Nächte geschlafen, und
so hart es Mamsell Ulrike angekommen war, sogar
dies Bett für solch einen Menschen, und was nur im
Hause gewesen war, für die Feinde hergeben zu müssen,
war des Marschalls Anwesenheit doch noch ein Glüc!
gewesen, denn sie hatte das Schloß vor der Ausrau-
bung bewahrt. -
- An jedes Zimmer, an jedes Kämmerchen knüpfte -
sich eine Erinnerung, und obschon von all' den Ereig-
nissen wer weiß wie oft die Rede gewesen war, meinte
Hulda heute lauter Neues zu erfahren, da sie an Ort
und Stelle von ihnen sprechen hörte, da sie Alles nun
mit. ihren eigenen Augen sah. Sie konnte gar nicht

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vorwärts kommen, und vollends- von dem großen
Saale, in dem die Familienbilder, hingen, vermochte
sie sich nicht loszureißen. Es gab da des Sehens-
werthen gar zu viel.
Als Mamsell Ulrike die Mutter nach den Erker-
und Bodenstuben hinaufführte, um ihr- zu zeigen, wie
sie da oben für die Dienerschaft ;gesoxgt habe, blieb
Hulda unbemerkt zurück; aber sie bereute es beinahe,
denn die ernsten und feierlichen Gestglten der Grafen
mit den Rüstungen und mit t den großen. Allonge-
Perrücken, die vornehmen Mienen dex gräflichenFrauen,
die in ihren steifen Halskragen und -mit dens kleinen
Kronen in den thurmhohen Frisuren, so kalten Blickes
auf sie niederschauten, als wollten sie sie fragen, wer
sie sei und was sie hier zu suchen habe, wurden ihr
allmälig unheimlich. Sogar die- Bilder der Kinder,
der Knaben wie derMädchen, schienen sie;perwundert
anzusehen; und wie sie; dann wwollends um sich blickte
und sich selber in all den kleinen Wandspiegeln, die
zwischen den Bildern hingen, von allen Seiten auf
einmal zu sehen bekam, überfiel sie eine solche un-
ruhige Scheu, daß sie eben zum Saale hinauseilen
wollte, als unweit der Thüre, durch welche die beiden
Anderen sich entfernt hatten, ein Jünglingsbild ihre
Blicke auf sich zeg.
Es war im Gegensaze zu den übrigen Familien-
porträts, die alle in Lebensgröße aufgenommen waren,
nur ein Kopf in rundem Rahmen, und noch dazu
hörte das Bild kurz unter dem Halse, auf, so daß man
es nicht einmal ein Brustbild nennen konnte. Aber



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der Kopf war so schön, das lange schwarze Haar
wallte in so weichem, natürlichem Flusse von deü
Scheitel an den feinen, bleichen Wangen nieder, die,
großen dunkelblauen Augen sahen so tiefsinnig, der
Mund so freundlich aus, daß das junge Mädchen es
anfangs gar nicht merkte, welch ein schwermüthiger
Ausdruck auf der Stirne des schönen Jünglings lagerte.
-- -,Der ist schön!' rlef sie unwillkürlich, und als
sie den Ton ihrer Stimme in dem weitei Raume
wiederhallen hörte, schoß ihr das Blut in das Gesicht,
daß sie sich umsah, ob die Mutter und Mamsell.
Alrike nicht schon wieder in ihrer Nähe wären und sie
vernommen haben könnten. Sie schämte sich des Aus-
rufes, aber ihre Scheu' vor den feierlichen Bilhern der
anderen Herrschaften, und die Furcht vor der Wieder-
spieglung ihrer eigenen Gestalt, waren über dem Ver-
langen, zu wissen, wen dies Bildniß darstelle, mit
einemmale verschwunden. Oben über dem Kopfe des
Bildes da stand es geschrieben; indeß das Bild hing
ziemlich hoch, und auf dem dunkeln Hintergrunde war
die Schrift nicht recht erkennbar.
Sie ging nach rechts und ging nach links, und
konnte es doch nicht heraushringen, weil das Glänzen
des Firnisses sie hinderte. Wissen mußte sie es aber,
denn die geheimnißvollen Augen ließen ihr keine Ruhe.
Vorsichtig horchte sie, ob sie keine Schritte hörte, . dann
stieg sie mit einem Bewußtsein, als beginge sie einen
Kirchenraub, auf einen der großen alterthümlichen
Sessel rasch. hinauf - und nun konnte sie es lesen,
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mun wußte sie, wer das war. Es war Baron Emanuel,
der Gräfin jüngster Bruder.
Der Name und das: Jahr, in welchem das Bild
gemalt worden war, und das damalige Alter des Ba-
rons standen, wie es sich gebührte, über dem Bilde
verzeichnet. Als sie dem schönen Kopfe so nahe war,
da sahen die großen Augen sie noch viel. ergreifender
an. Der Blick prägte sich ihr ganz unwergeßlich ein,
und sie wußte in dem Augenblicke' nicht, -ob es die
Freude an dem Bilde oder der Schrecken über das
Herankommen der Mutter und Mamsell. Ulrikens war,
die :hr das Herz so schlagen machten. -
Sie sprang von dem Sessel hinunter, denn sie
wollte sich nicht vor dem Bilde betreffen lassen, und
um recht sicher zu sein -- sie fragte sich freilich nicht,
wovor sie sicher zu sein wünchte - trat sie weit weg
von dem Bilde, an das letzte der geöffneten Fenster
heran, und sah in die Allee hinunter, die sich eine
. ganze Strecke weit von dem Schlosse landeinwärts, bis
zu den Feldern hinzog. -
Die Mutter fragte, wonach sie sähe, Hulda blieb
ihr die Antwort schuldig. Sie konnte doch unmöglich
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sagen, was sie dachte: ,Durch diese Allee wird ex bald
kommen!!- Glücklicherweise bemerkten die beiden
Frauen aber des Mädchens Schweigen nicht, da eben
auf einem Braunen ein Reitknecht, der ein Handpferd
führte, in den Baumgang einritt.
,Der hat sich schon seit drei Tagen hei uns ein-
gefunden,'' sagte die Mamsell, als sie des Reiters an-
sichtig wurde. , Es ist der Reitknecht des Herrn Barons.

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Er behauptet, sein Herr hätte ihm befohlen, voraus-
zugehen, damit er bei seiner Ankunft die Pferde ge-
hörig ausgeruht im Stalle fände, denn der Herr Baron
soll' ein' passionirter Reiter sein. Geschrieben stand von
deütBefehle' in dem Briefe freilich nichts -- aber
man kennt das ja! Fremder Hafer macht fett, die Pferde
und' den Kutscher!'
, -- Sie ging damit an das obere Ende des Saales
und fing an, die Fenster desselben zu schließen, damit
von dem gufsteigenden Nebel die Vergoldung an den
Spiegel- und Bilderrahmen nicht leide. Die- Pfarre-
rin und Hulda gingen ihr dabei zur Hand. Dann
machte, sie auch die Laden nach der Morgenseite zu und
das schöne Bild verschwand dadurch im Dunkel.. Aber
nicht für Hulda. Sie sah die wunderbaren Augen
fort und fvrt.
Sie sah dieselben, während sie an'' der Mutter
Seite durch die thauige Dämmerung nach Hause wan-
derte, sie sah die schönen Augen auch in ihrem Traume
in dex Nacht, und sie wartete den folgenden ganzen
Tag von Stunde zu Stunde gespannt' darauf, ob' nicht
der Vater oder die Mutter auf den Baron- zu spre-
chen kommen würden. Aber von der ganzen Familie,
von- allen Schicksalen' derselben war die Rede, nur von
Baion Emamüel sagten sie kein Wort. Orei-, viermal
setzte fie an, nach ihm zu fragen? und immer wieder
unterließ sie es.
- Was sollte sie auch fragen.-- Wie alt er sei?
Das hatte sie in der Nacht gleich nachgerechnet.
Er war nach ihren Begriffen nicht mehr jung, demn'

su
er stand schon im Anfange der Dreißiger. - Wie er
aussähe? Das wußte sie ja.' So schwärmerisch, wie
- sie sich den Tasso und den Posa dachte; anders als
alle anderen Männer, und so schön!.- Ja, der
mußte, wie ihr Vater es einmal, ausgesprochen hatte,
eine edle Seele haben, der mußte die Musik und Dicht-
kunst lieben, und, wie es ingggem, Dichter hieß, der
- Liebe der Edlen werth sein! Diese großen, schönen
Augen konnten gar nicht lügen.
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Kapitel 05



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Fünftes Gapites-
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Der Pfarrer hatte den Amtmann ersuchen lassen,
ihn sofort von dem Eintreffen der Herrschaften zu be-
nachrichtigen, und- man wartete in der Pfarre täglich
auf die Botschaft. Die Anzeige wollte jedoch nicht kom-
men, und doch dachte Hulda an jedem Morgen, heute
müsse man sie bringen.
Sie hatte noch in ihrem Leben auf Nichts so sehn-
süchtig gewartet, und obschon ihre täclichen Beschäf-
tigungen in regelmäßiger Reihenfolge ihre Stunden
ausfüllten, wollte es sie plözlich bedünken, als nähmen
die Tage gar kein Ende. Die Zeit währte ihr zum
erstenmale lang, und als wieder an einem Abende
die Sonne sich niederzusenken begann, litt es sie vor
innerer Ungeduld nicht in dem Hause. Sie war
gewiß, heute müsse der Bote endlich kommen, sie
- mußte sehen, ob er nicht schon auf dem Wege wäre.
Sie trat in das Gärtchen hinaus, es ließ sich
Niemand blicken. Sie öffnete das Gitter aber das half
auch nichts; und wie sie dann erst draußen war,
meinte sie, sie brauche nur einmal um den Garten
herum und nach dem Landwege zu gehen, dann. könne
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, es nicht fehlen. Und sie ging.; Das Gehen war weit
besser, weit lustiger, als immerfort in der. Stube still
sizend zu warten. Der Abend war so schön!
Der frische Luftzug, dervon dem Meerekam und ihre
Kleider und ihre Locken durchzog, trieb sie fast land-
einwärts. Ihr langer Schatten lief ihr dabei weit
voraus. Er flimmerte in demunkelnden Sonnen-
lichte so vergnüglich, daß- sie ihm nachlief, als könnte
sie ihn einholen, oder als hoffte,sie irgendwo mit ihm
anlangen zu können, wo es ihnen Beiden wohl, werden
sollte. So war sie rasch und! fröhlich eine Strecke
vorwärts gegangen, als sie än' die ersten Roggen-
felder kam.
Die Aehren hatten schon abgeblüht, aber das Feld
war voll Kornblumen, und als wäre dies ihres Weges
Zweck gewesen, fing sie an, die schönen blauen Blumen
zu. pflücken, bis sie deren genug für einen Kranz bei-
sammen hatte. Der Vater liebte die Kornblume
mit ihrem sanften, an das künftige nährende Mehl
erinnernden Etruche, und die Seinen ließen. es ihm
in dieser Jahreszeit an einem Strauße ode Kranze
von Kornblumen auch nie fehlen.
Um die Hände für weiteres Pflücken frei zu be-
kommen, sezte sie sich unter einem blühenden Hage-
buttenbusche an dem Raine nieder, flocht mit' eiliger
Hand den Kranz zusammen, knüpfte ihn mit Halmen
zu, drückte ihn sich auf den'Kopf, und fing auf's Neue
zu suchen und zu pflücken an..Sie hatte auch schon
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melt,t hatte auch ein paar Iweige von, wilden Rosen
äbgebrochen,- und wollte eben sich-zumi Heimgehen
wenden, als- sie das helle Wiehern eines Pferdes wahr-
nahmi und ein Reiter auf einem Braunen in raschem
Trabe sich der Stelle nahte, an der sie' sih befand.
Den Braunen hatte sie neulich schon gesehen, als
der Reitknecht ihn in der Schlo߻Allee. geritten, und
neugierig: ging sie ein paar Schrite vorwärts, ün sich
zun erkundigen, ob die Herrschaften gekommen wären.
Aber zu ihrem Erstaunen war es nicht der Reitknecht,
der dieses Mal' den Braunen ritt.
- - .. Es war ein Mann in einem Kleide vonischwar-
zem Tuche, mit kleiner Pelerine, mit schwarzen Klap-
penstiefeln und schwarzem Flor um seinen Hut? Er
war -groß und hager. Dunkles Haar umrahmte sein
feines blatternarbiges Gesicht, und trotz der kleinen
Helexine,- wwelche damals nach englischer Sitte einen
wesentlichen Bestandtheil eines vornehmen Reitanzuges
machte, sah man, daß die eine Schulter des Reiters
höher als die andere, daß er etwas verwvachsen war.
- ? - Hulda blieb erschreckend stehen, nachdem sie fast
bis an das Pferd herangegangen war. Auch der Reiter
-hieltign, um das Mädchen zu betrachten, das sich ihm
so, unerwartet in den Weg gestellt hatte, und den Hut
leicht abziehend; fragte er, ob es das Pfarrdorf sei,
das dort vor ihm läge. Sie bejahte es.
-, Sie sind vermuthlich dort zu Hause, Madewoi-
selle? erkundigte er sich.
- ,Ja! In der Pfarre!! gab sie ihm zur Antwort
und wollte gehen, um der Verlegenheit und der quä-

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lenden Empfindung, loszuwerden, die ihr denHals zu-
schnürte. Aber sie hatte die Wortes eben nur aus-
- gesprochen, als. der Reiter sich aus dem Sattel,schwang.
,So will ich Sie begleiten,! sagte er, , denn das
Pfarrhaus ist mein Ziel. Werde ich den Herrn Pastor
jezt zu Hause finden?-
Sie hejahte auch dieses, und der Reiter, der sich
wohl sagen mochte, daß sie vor Schüchternheit nicht
sprechen könne,. schien, ihr-. Muth mgchen; zu wollen.
,Ich binschon amMittage indemSchlossegngekommen,'
erzählte er, , und der Gräfin geflissentlich vorausgeeilt,
denn es ist traurig bei der Ankunft in der Heimat,
von Keinem der Seinen, empfangen zuswerden. Treffen
meine. Schwester und meine Nichte morgen nun hier
ein =!
, Clso, Sie sind doch der Bruder der Frgu Gräfin?
rief Hulda achtlos, und konnte es in ihrer plötzlichen
Enttäuschung nicht unterlassen, ihn darauf anzusehen.
Alber in demsßelben Augenblicke fühlte sie auch, was sie
mit deni unwillkürlichen Ausrufe gethan,hatte, und sie
wußte nicht, wohin sie sich mit ihren Blicken wenden
oder was sie sagen sollte. -
Dem Baron entging ihre Bestürzung nicht. Er
rat näher an sie heran, und den Blick freundlich auf
sie gerichtet, fragte er: ,Für. wen hatten Sie mich
denn gehalten, oder was fällt Ihnen dabei auf?
Der schöne, seelenvolle Blick nahm ihr den lezten
Rest der Fassung. Sie war, keines, Wortes mächtig,
so sehr schämte sie sich und so unglücklich fühlte sie
sich mit einemmale. Sie mußte sich zusammennehmen,
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um nicht zu' weinen. So ging sie neben ihm, ohne
auch nür die Augen aufzuschlagen.
- - Er hatte die Zügel des Pferdes um den Arm ge-
schlungen und obschon Hulda die Augen nicht aufzu-
heben wagte, fühlte sie, daß der Baron sie aufmerk-
, sam betrachtete. Mit einemmale sagte er: ,Sch muß
doch aber ergründen, was mit Ihnen vorgeht, liebes
Mädchen? Sie waren so fröhlich, als ich Sie zuerst
erblickte: - Sie sahen mir mit Ihrem Kranze und mit
dem Rosenschmuck an Ihrer Brust wie die schöne
Tochter der Ceres selber aus. Sie kamen mir so frei
- entgegen, daß es mich hier, wo ich noch ein Fremder
bin, wie ein gutes Omen anmuthete und freute; und
mun Sie meinen Namen kennen, wenden Sie sich von
mir. ! Er ergrif ihre Hand, und sich zu ihr neigend,
, fragte er: ,Hat man Ihnen Nebles von mir gesagt,
oder was fürchten Sie von mir?
,O, Nichts, Nichts!' rief sie aus, und wie sie
den klaren, melodischen Ton seiner Stimmne und seine
sanften Worte hörte, konnte sie ihre Herzbeklemmung
nicht bemeistern. Die Thränen traten ihr in die
Augen, sie wollte ihre Hand aus der seinen lösen, und
da er sie festhielt, zog sie seine Hand an ihre Lippen
und küßte sie. Sie hatte ein Schuldbewußtsein gegen
hn, sie wollte ihn um Verzeihung bitten, und konnnte
es ihm nicht sagen.
- Der Baron hielt sie zurück. ,Mäbchen, um
Gotteswillen, liebes Mädchen, was thust Du? rief er,
,Du zitterst. Was hast Du? Wie soll' ich das ver-
stehen? Soll ich an Zauber, an gute oder böse Geister

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glauben? Es muß doch Etwas vorgegangen sein, das
Dich so aufregt und. ergreift?- Rede, ich bitte Dich,
Du mußt es wirklich sagen, damit ich Dich verstehe.
- Was hast Du, liebes Kind?? -. -
Aber jedes seiner Worte; wie wohlgemeint sie
waren, steigerte nur ihre Verwirrung, und ihrer nicht
mehr mächtig, sagte sie: ,Nichts, nichts! Ich hatte nur
im Schlosse Ihr Bild gesehen. - Kaum ,edöch waren
diese Worte über ihre Lippen gekommen, so wurde ihre
Herzensangst noch stärker, und sie empfand das schmerz-
liche Lächeln, das über sein, ernstes Antsiz glitt, als
eine schwere Strafe.
,Ja so!' sagte er, indem er ihre Hand frei gab,
nun kann ich Dich verstehen. Ist es mir dereinst doch
selber so ergangen. Ich war auch erschrocken und
kannte mich kaum wieder, als ich, von den Blattern
auferstehend, mich zum erstenniale betrachtete. Nun
begreife ich Ihr Erstaunen, armes Kindl?
Er brach in seiner Rede ab, und sie konnte kein
Wort sprechen, denn sie wußte selber nicht, was sie
dachte oder wie ihr eigentlich zu Muthe war. Sie
schwiegen alle beide. Als sie dem Pfarrhguse schon
nahe waren, hatte aber der Baron seinen Gleichmuth
wiedergewonnen. Er sah Hulda hell und freundlich
an und sagte scherzend: , Wir haben bereits ein Aben-
teuer mit einander erlebt, mein liebes Mädchen, und
ich kennne Ihren Namen noch nicht einmal.!
Sie nannte ihm denselben.
- ,Das ist ein schöner Name, der für Sie paßt,
und dessen Trägerin nicht weinen sollte!r sprach er.

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MNun; ich hoffe, ich wenigstins presse Lhnen nicht
wiederThränen aus, und wwenn Sie sich nur daran
gewöhnen' köinen, daß ich nicht mehr siebzehn Jahre.
nicht mehr wie zu siebzehn Jahren bin, so wollen wir

; nöch'Fute Freunde werden. Kommreit Sie, mein' Kind, -
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sägenSie mir, wo ich Jemanden finde,-der mir das


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Pferd'abnimmt; und dann melden Sie Ihrem Herrn
Pater, daß ich ihn zu sprechen wünsche.
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Kapitel 06


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Sechsies Gapites
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Die Leiche des verstorbenen Grafen - war mit
großer Feierlichkeit bestattet worden; die Herrschaften
suchten sich, wie sie es nannten, zu fassen und zu
sammeln, und die Frau Gräfin sagte, daß die Stille
und die Zurückgezogenheit in ihrem- Schlosse sehr be-
ruhigend auf sie wirkten.
Sie mußte aber von Stille und Zurückgezogen-
heit Fesondere Begrife haben, denn schon zur Bestat-
tung des Grafen hatten die beiderseitigen Verwandten
sich zahlreich eingestellt. »Als diese sich entfernten,
waren nähere und fernere Bekannte- herbeigekommen,
ihre Theilnahme zu bezeigen; und' wie dann erst die
rechte Wärme uund die Zeit der? Seebäber- begannen,
fanden sich so Viele unter den'' alten guten Freunden
der gräflichen Familie, für welche es eine nothwendige
Erfrischung war, ein paar Wochenamn dem Meere zuzu-
bringen, daß es -nach - der Ansicht. der Besizerin un-
gastlich gewesen sein würde, ihnen die Bequemlichkeit
in ihrem Schlosse zu versagen.
Das Schloß war also immerfort vdll. Menschen,
und Mamsell Ulrike klagte bitterlich darüber, wie sie

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mit ihrem alten Kopfe sich vor Arbeit und immer
neuem Einrihten nicht mehr zu lassen wisse, wie die
mitgebrachten Domestiken der Frau Gräfin und die
Dienerschaft der Fremden überall das Unterste zu oberst
kehrten, und Ansprüche erhöben, als wäären die Franzosen
wwieder in das Land gekommmen,
Wer die Unermüdliche aber recht darauf ansah,
konnte es' wohl merken, daß sie bei all, dem Kommen
und Gehen, Schaffen und Befehlen recht eigentlich in
ihrem Elemente. schwamm, und welch ein Vergnügen
ihr, die geheimen Mittheilungen der vexschiedenen
Kammerjungfern, welch eine Genugthuung ihr das
Lob gewährte, das die Herrschaften ihren achtsamen
Dienstleistungen zu zollen nicht ermangelten. Sie hm
trotz aller ihrer Arbeit jetzt auch piel häufiger als ssnst
in die Pfarrs, denn es drängte sie, der Pfarrerin von
den wichtigen Dingen zu erzählen, welche sie erlebte
und erfuhr, und:es war Hulda dabei stets zu Muthe,
gls sei das alte Pfarrhaus von seiner alten Stele
fortgerückt, von einem Zauberer plötzlich mitten in die
große Welt versezt.
-- - Sie konnte gar nicht aufhören zu staunen und
zu bewundern. Die schöne, gebietende Gestalt der
Gräfin, die schlanke Tochter, die' troz der heißen Jah-
- reszeit .in: denn schweren Trauergewäydern -mit, den
schwarzenkSchneppenhauben einhergingen, die, Diener
in: den schwarzen Livreen, die alte, mit dem grauen
Lockenköpfchen leise zitternde Engländerin, welche der
Gräfin und dann auch deren Tochter Erzieherin ge-
wesen :war, und, wie die Mamsell behauptete, noch bis



41
auf diese Stunde die Vertraute und beständige Be-
ratherin der. beiden Frauen machte, beschäftigten unab-
lässig die Phantasie der Pfarrerstochter. Es verging
kein Tag, ohne daß ein äußerer Vorgang ihr sonst so
einförmiges Leben unterbrach.
Bald ritt die schöne Gräfin- Clapisse mit wehen-
dem Schleier,' von anderen vornehmen Fräulein und
von vornehmen Männern begleitet, in der Abendkühle
an dem Pfarrhause vorüber, bald sprengte ein Offizier
in glänzender Uniform. durch das Dorf. Dann wieder
brachten die leichten Jagdwagen die ganze Schloß-
gesellschaft zu einer Wasserfahrt bis an das Meer
hinunter, und die Bedienten bereiteten dann amStrande
einen Imbiß für die Stunde der Rückkehr vor. Kurz,
die Woche war vgrüber, ehe man es merkte, der Sonn-
tag schien weit häufiger heranzukommen als in ande-
ren Zeiten, und am Soannntage vexsäumte die Gräfin
es niemgls, mit ihren Gästen die Fiche zu besuchen.
Hulda hatte sich von frühester Kindhsst an die
ganze Woche hindurch auf den Sonntag gefreut, und
vollends während der Sommerszeit war er ihr- stets
ein doppelter Festtag gewesen. Mit einer herzerhebenden
Rührung hatte sie neben der Mutter der Kanzel gegen-
über in der Pfarrbank gesessen, wenn das helle Son-
nenlicht durch die niederen Fenster, in die Kirche fiel,
und die goldene Taube- an dem Kanzeldache über des
Vaters Haupt beleuchtete, daß sein Antliz pon dem
Widerscheine erglänzte, während das Anschlagen der
sanft verfließenden Meereswellen seine Worte mit gleich-
mäßigem Takte begleitete, und der Hauch des Seewin-

»cL
des den gestreiften Vorhang an der Kirchenthüre hob
und senkte, daß die Luft vom Meere frisch und feucht
Pis in, das Gotteshaus hineindrang. Das war jetzt
Alles noch wie sonst, aber Hulda empfand nicht mehr
die frühere, in sich selbst begnügte Freude.-Es war
nicht mehr die Predigt, nicht mehr das Wiedersehen
dieses und jenes bekannten Mädchens, auf die- sie
-hoffte,wenn sie des Sonntages gedachte. Es war die
, Frage: wird Er in der Kirche sein? und sie wußte
selber nicht, ob sie seine Anwesenheit erhoffte oder
fürchtete. -
auf dem Wege nur bei der Bestattüng des Grafen
wiedergesehen, und wie sehr die feierliche Handlung
mit ihrem düsteren Gepränge ihre Aufmerkfankeit sonst
auch beschäftigt und ergrifen haben würde, hatte sie
kalt gelassen, weil ihr Auge unverwandt auf den
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Baron gerichtet, ihre ganze Theilnahme darauf be-
schränkt gewesen war, ob er sie bemerken, ob er sie
erkennen, sie begrüßen werde. Sie verlangte danach
init wahrer Sehnsucht, sie hoffte es in seinem Blicke
zu lesen, daß er ihr nicht zürne. Sie warf es sich vor, ihn
mit ihrem thörichten Ausrufe verletzt zu haben, und es
- lastete schwer auf ihrem Herzen, daß sie, die sie wissent-
lich noch keinem Menschen ein Leides zugefügt, gerade
dem - Baron, der wohl ohnehin nicht glücklich sein

h
!
- - Sie hatte den Baron seit jenem ersten Begegnen
- mochte, gerade ihm zu nahe getreten war.
- Indeß, die Beerdigung war vorübergegangen, ohne
- daß ihre Hoffnung sich erfüllt. Die gräfliche Familie
- hatte, als man aus der Gruft gekommen war, einige

-
48
Worte mit dem Pfarrer: gewechselt,- dann hatten sie
sammt und sonders die Kirche verlassen, und nur die
Gräfin hatte im Vorübergehen der Pfarrerin leise mit
dem Haupte zugenickt, ehe sie Alle in den Wagen ge-
stiegen und davongefahrenn waren.
Später hatte die Gräfin den Pfarrer zu verschie-
denenmalen zu sich kommen lässen, um mit ihm über
die Angelegenheiten der Gemeinde' und der Schule,
und über die Ansuchen zu sßrechen, welche von den
Bedürftigen an sie gerichtet worden waren. Sie hatte
ihn auch zu Tische geladen, ihn - theilnehmend nach
seinem und der Seinen Ergehen befragt und dabei
verheißen, sie werde nächstens in das Pfatrhaus kom-
men, nach ihnen selbst zu sehen.
Der Pfarrer war dadurch wie neu belebt. Die
Anwesenheit der Herrschaften erquickte ihn. Weil der
Verkehr mit ihnen, ihmdie Zeiten seiner Jugend in
das Gedächtniß rief, in welchen es ihm vergönnt gewesen
war, ihr Hausgenosse zu sein, kam er sich wieder ganz
verjüngt vor, und der Wiederschein seiner Freude strahlte
auf die Pfarrerin zurück. - Es war eine Geschäftigkeit
ohne Ende in dem sonst so stillen Hause, denn man
hoffte an jedem Tage auf den Besuch der Gräfin.
Man legte in der Woche die Kleider an, die man sonst
ntr an den Sonntagen zu tragen pflegte, und an
jedem Morgen hielt sich Hulda die Frage heimlich
vor, die sie nicht auszusprechen wagte, ob der Baron
die Gräfin wohl begleiten würde, wwenn sie endlich
in das Pfarrhaus kommen würde.
Der Pfarrer hatte ausdrücklich erwähnt, wie sehr


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die Gräfin diesen jüngsten Bruder liebte, wie glücklich
es sie: mache, daß seine Gesundheit jetzt so gut sei,
und wie der Baron sich mit seiner festen Willenskraft
in einer Weise abgehärtet habe, daß er sich mit vie-
len Stärkeren und. Gesunderen messen dürfe. Er
hatte- ihn bei jedem seiner Besuche iinn Schlosse längere
Zeit gesprochen, hatte in seinem Arbeitszimmer die
Sammlung von. Volksliedern gesehen, mit welcher der
Baron sich beschäftigte, und es war auch die Rede
davon gewesen, daß. er einmal kommen werde, um die
lithauischen und kurischen Lieder, welche die Frauen in
der Pfarre kannten, von ihnen selber in der Original-
sprache:zu hören. Indeß, man hatte ihn bisher ver-
gebens erwartet; sogar in der Kirche war-er- gh :er-
schienen wie die - anderen Schloßbewohner. --
- So war man bis zu, dem dritten. Sonntage nach
der Bestattung gelangt. Die Gräfin hatte -mit den
Ihren so wie immer, ihren Platz, in der mit Glas-
fenstern' versehenen Herrenbank eingenommen, der Ba-
ron jedoch fehlte auch an diesem Sonntag wieder, und
als, die Predigt und das Singen vorüber waren, ver-
ließon: die Herrschaften ihre Size und die Kirche. Im
Hinausgehen aber gab die Gräfin der Pfarrerin ein
Zeichen,. daß sie ihr folgen sollte. Die Pfarrerin erhob
sich augenblicklich, nahm, obschon der Pfarrer noch eine
Taufe zu verrichten hatte, die Tochter mit sich, und
traf an der Kirchenthüre mit ihrer gräflichen Wohl-
thäterin zusammen.
,Ich werde eine Weile bei Dir bleiben,! sagte
die Gräfin, als die Pfarrerin sich neigte, ihr die Hand

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zu küssen. , Mein junges Volk will. in das Meer
hinausfahren und ich werde die Rückkehr des Wagens
bei Dir abwarten. Nur mein Bruder fehlt noch.!
, Also sind der Herr Baron ooch wenigstens nicht
krank? fuhr die Pfarrerin unbedacht heraus.
-' ,Woher hast Du das geglaubt? entgegnete die
Gräfin in ihrer kurzen, bestimrmnten Weise, da sie es
wie alle Vornehmen nicht liebte, von ihren Unter-
gebenen, und als solche betrachtete sie die Pfarrerin,
befragt zu werden. Das machte die ßfarrerin so-
gleich verlegen. ,Ich meinte, weil der: Herr Baron
die ganze Zeit her nicht zur Kirche kamen,! sagte sie
entschuldigend.
,Er ist des Kirchenbesuches entwöhnt!r versezte
die Gräfin, trat dann durch das Gärtchen in das
Haus und in die Stube, sah sich, das Lorgnon vor
das Auge haltend, in dem freundlichen Raume um
und sagte, während die Pfarrerin, um ihrem Gaste
Platz zu machen, hastig den.Tisch- zurüchog, der vor
dem Sopha stand: , Wie ordentlich Du das Alles
hältst, es sieht ganz artig bei Dir aus! Du hast Dich
auch selber gut erhalten, und Ihr seid zufrieden, höre
ich. Das freut mich. Auch Deine Tochter sieht sehr
gut aus!' fügte sie hinzu, indem sie das Mäbchen
achtsam durch ihr Augenglas betrachtete: , Wie alt ist
sie und wie heißt sie?
Sie hatte das Mlles freundlich gesprochen, aber
es besiegte weder die Befangenheit der Mutter, noch
befreite es das Herz der Tochter. Als die Pfarerin die
Fragen der Gräfin beantwortet hatte, sagte diese:

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46
,Das Mädchen ist so stattlich, daß man es für älter
halten:könnte. Hast Du Aussicht, es hier in Deiner
Näheszu versorgen? -
-' , Hulda ist ja noch so jung!! wendete die Pfar-
kerin ein, und ihre Miene: verrieth es, wie fremd es
ihr noch wwar, an irgend eine Selbstständigkeit für die
Tochter zu denken. Aber entweder sah die Gräfin
dieses nicht, oder sie fand es nicht angemessen, es zu
- beachten, denn sie entgegnete: , Freilich ist sie jung.
aber Dein Mann ist in Jahren und Du hast des-
halb' allen Grund, an Deine und Deiner Tochter
Zukunft ernst zu denken. Darum eben fragte ich:
Hast Du Aussicht, sie in Deiner Nähe zu versorgen?
Ist irgend ein junger Geistlicher in der Nachbarschgft, .
dem Du sie verheiraten möchtest? Mau könnte einen
Solchen Deinem Manne adjungiren, da Ihr keine
Söhne habt. Mein theurer Verstorbener hat einmal
davon mit mir gesprochen, hat ausdrücklich erwähnt,
daß er in, diesem Falle für die Dotation- des Pfarr-
gehilfen sorgen, und damit überhaupt die Einkünfte
der Stelle zu verbesseren gedenke. Er war Deinem
Manne stets geneigt, und ich denke, in jeder Hinsicht
nach des Grafen Absicht zu verfahren. Sprich Dich
-also unumwunden aus.!
Das war Alles richtig, war gütig und groß-
müthiger, als die Pfarrerin es in ihren vielen sorgen-
vollen Stunden erwartet hatte, aber die einstige Ver-
heiratung ihrer kaum der Kindheit entwachsenen Tochter
zum Gegenstande der Berechnung zu machen, wider-
strebte ihrem Herzen ebenso wie ihren religiösen Be-

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grifen. Die kurze, rückhaltlose Weise der Gräfin er-
schreckte sie, und weil sie doch besorgt war, durch eine
abweisende Aeußerung das Wohlwolleii der Herrin zu
verscherzen, sagte sie mit ausweichender Vörsicht: , Das
liegt ja Alles in unseres lieben Herrgotts Hand!?
Die Gräfin lächelte. Sie gehörte zu jenen ent-
schiedenen und rasch entscheidenden Naturen, welche
immer nur das Ziel im Auge haben, und die, weil
ihnen dadurch viel gelungen ist, sich schonungslos über
die Bedenken Derjenigen hinwegzuseten; pflegen, deren
Woklen und Handeln von ihren Empfindungen be-
stimmt wird.
,Freilich, sagte sie, , das liegt in Gottes Hand,
so wie der Erfolg der Ernte und die Frucht des Jah-
res - vorausgesetzt, daß man zur rechten. Zeit gesäet
und das Seine für das Gedeihen der Frucht gethan hat.
Du weißt es nun, wir möchten die Pfarre in der
Familie belassen. Hulda sieht gut aus, und wenn die
hiesige Stelle aufgebessert wird, ist das Mähchen für
einen jungen Geistlichen eine vortheilhafte Heirath.
Sieh Dich also, wenn Du nicht schon eine Aussicht
für Deine Tochter hast, in dem Kreise Eurer Be-
kannten um, denn wie fest man auch an die weise
Führung Gottes glauben. mag, die Ehen, die nicht
in dem Himmel der Liebe, -sondern nach reiflicher
Prüfung und vorsichtiget Neberlegung geschlossen wer-
den, pflegen am besten auszuschlagen. Inzwischen
könnte man vielleicht für des Mädchens Ausbildung
noch Etwas thun. Was kannst Du, Kind? Was hast

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Du gelernt?! fragte sie, indem sie sich an Hulda
wendete und sie zu sich heranwinkte.
Es war ein Glück, daß in dem Augenblicke der
Pfarrer nach beendeter Amtshandlung in sein Haus
und, da er von der Anwesenheit der Patronin er-
fahren- hatte, noch im Ornate in das Zimmer trat.
Es enthob daskvöllig verwirrte, fassungslose Mädchen
der: Nothwendigkeit, zu antworten, denn man war
kaum über die erste Begrüßung hinaus, als die Gräfin
dem Pfarrer ihre Anerbietungen wiederholte und ihm
die Frage vorlegte, welche sie vorhin an seine Tochter
gerichtet hgtte.
Der Pfarrer beantwortete sie an ihrer Statt. Er-
wußte die Gunst, welche die Gräfin ihnen zu gewwähren
dachte, in ihrer Bedeutung besser als die Seinigen zu
übersehen, und er sprach ihr seine Erkenntlichkeit
mit jener Wärme aus, die der Vornehme und der
Reiche von Denjenigen zu erwarten pflegen, denen sie
unaufgefordert Hilfe bringen. Das befriedigte die
Gräfin. Sie war aufgestanden und an Hulda heran-
getreten.
,Ei, da hast Du ja einen ganz hübschen Anfang
gemacht, sagte sie. , Kenntnisse sind auch ein Kapital,
das seine Zinsen trägt, und da man ja nicht voraus-
sehen kann, wie bald sich eine Heirat für Dich findet,
wollen wir überlegen, ob sich inzwischen. nicht noch
Etwas für Dich thun läßt. Das will indessen über-
legt sein.? Sie hlelt wieder ihr Glas vor das Auge,
musterte das Mädchen von Kopfn bis Fuß und fragte
dann: ,Ist sie so gesund als sie den Anschein hat?

9
- Die Eltern, bejahten es mit einem Danke gegen Gott.
,Ist sie geduldig? Ist sie gicht empfindlich? erkun-
digte sich die Gräfin weitex., Der Vatex meinte, man
habe sie mit anständiger Gelgsfenheit gerecht behandelt,
und also auch nicht Ursache gehabt, sich über ihr Ver-
halten zu beklagen.
Da legte die Gräfin ihre Hand auf seine Schulter,
und den schönen Kopf langsam auf den stolzen Schul-
tern wiegend, rief sie: , Mein lieber Pastor! Da wird
sie aber noch sehr viel zu lernen haben. Denn mit
der Vernunft und der Gerechtigkeit ist es nicht weit
her in dieser Welt, in der wir doch zu leben haben.?
Sie brach darauf ganz plözlich ab, denn der
Wagen kam, von dem Baron begleitet, den Weg nach
der Pfarre heran. Die Gräfin verließ das Haus.
Unter der Thür reichte sie dem jungen Mädchen ihre
Hand. Hulda neigte sich, die -Hand zu küssen; die
Gräfin klopfte ihr freundlich die Wange. , Sei un-
besorgt, ich werde Dich nicht vergessen,! sprach sie,
,und Du sollst es bald erfahren, was ich über Dich
beschlossen habe.
Comtesse Clarisse und die beiden anderen in dem
Wagen sizenden Personen grüßten nach der Pfarre
hinüber, der Baron kam mit seinem Pferde bis an
den Garten heran. Er wechselte einige freundliche
Worte mit dem Pfgrrer, forderte ißn zum Besuche
auf, erbot sich, ihm für diesen Fall den Wagen in
das Dorf zu schicken, und sich danach zu Hulda wen-
dend, fragte er: , Warum haben Sie denn heute
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- Dtnäch Früßte er sie- Alle mit det Häid, nd
ehe- Hulsä nöch''Süßte; wie ihr' geschehen, waken'sie
sammt' üidsonders schön verschwündeü die Giäfinnen,
ihre Gäste ünd' der Baüöir Aber böse, däs'wußte sie
jetzt, wwär der Baron ihr nicht.
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Kapitel 07

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Hiebentes Gapiies
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An einem. der folgenden Nachmittage war ein
starkes Gewitter aufgestiegen. Es hatte lange gewährt
und doch die Luft nicht abgekühlt. Es regnete leise
fort, die Fenster in dem Wohngemach der Gräfin. waren
offen, aber kein frischer Luftzug drang hinein, und
obschon man noch über eine Stunde bis zum Sonnen-
untergange hatte, war es dünkel. Man konnte in dem
dichten Regengeriesel' nicht einmal ds Meer erkennen.
Die Gräfin. beschäftigte fich -mrit einer leichten
Handarbeit, ihr Bruder saß lesend in! einer' der Fenster-
nischen. Aus Clarissens Zimmer tönte Musik' herüber.
Mit einemmale legte: der Baron ldäs Buch aus der
Hand.
,Sonderbar,! sagte er,. ,der-Rhythmus der Can-
zonetten ist dem Rhythmus der Gediche,, die ich eben
las, so vollstäändig entgegen, däß ich es wie eine grelle
Dissonanz empfinde.!-.
, Es ist im Grunde auch nicht mehr hell genng,
weder zum Lesen, noch für, meine. Arbeitl! meinte die
Gräfin und legte die feinen Nezgewebe nieder. Dann
sich' nach dem Fenster wendend, fügte sse hinzu:' Der
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Wind kommt von Südost und ist schwül wie der
Scirocco. In solchen Tagen sehnt man sich nach
Jtaliens hohen kühlen Sälen, nach seinen Loggien
zurück.?
,Und wie mag erst drüben in den engen, nie-
deren, von Menschen überfüllten Häusern und . Hütten
die Luft heut drückend sein! bemerkte der Baron.
,Das ist Sache der Gewohnheit, ist auch Sache
einer Art von Aeelimatisirung,! entgegnete die Gräfin,
Isie empfinden das nicht wie wir. Aber ich glaube,
die Enge, in welcher jene Leute leben, beengt ihren
Blick ünd nimmt ihnen das freie, weite Denken. Ess
hat mich das neulich wieder einmal. überrascht, als ich
in der Pfärre gewesen bin. Nainentlich die Frauen-
sind wwon einer wahrhafti kindlichen, um nicht zu sagen -
kindischen Sorglosigkeit. Sie nennen es Gottvertrauen;
und- sien- haben es doch vor Augen, wie ihre Ge-
schlechter rasch zu Grunde gehen, während die unseren
sich durch die Jahrhunderte erhalten und wachsen? und
gedeihen.!-
,Doch auch mit Ausnahmen. Und wir haben
andere Möglichkeiten als das Volkl' warf der Baron
ihr ein, ohne' zu, wissen, welches besonderen, Falles
seine Schwester dabei gedachte.
- zFreilich können solch traurige Ausnahmen vor-
kommen, wenn man die günstigen Möglichkeiten nicht
benüzen, willl fiel sie lebhaft ein.
Der Baron, der die ganze Unterhaltung bis da-
hin mit einer Art von Lässigkeit betrieben hatte, hob
plözlich den Kopf empor, und mit einem Lächeln,

:
das ihn sehr wohl kleidete, fragte er: , Sind diese
Bemerkungen vielleicht nur die, Einleitung zu einer
neuen Variation,des zwischen uns, schon oft behandelten
Motives??-
,Durchaus nicht! rief die Gräfin. ,Wie kommst
Du nur darauf?
,Du hast mich argwöhnisch gemacht!' versetzte er.
,Weil Du Dir selbex Unrecht Hust,? entgegnete
sie ihm, ,weil. Du mißtrguisch geggn Dich selber bist.
Und ist denn die Voxsorge einer Schwester für den
Bruder ein Angrif,guf tseine Freiheit??.-
,Nicht ein Angrif auf seine Freiheit, gbex viel-
leicht ein' Mangel an Zutrauen, in seine Einsicht; be-
sonders, da das dem Menschen angehorene Glücks-
bedürfniß ihn schon von selber antreibt, Befrjedigung
zu snchen und die ihm dargehotenen,,günstigen Be-
dingungen zur Erreichung derselbeg- zu henützen.!
Die Gräfin fühlte die Zurßgwgisung;, ohne sich
dagegen aufzulehnen, denn sie hatte,' wwie schon gesagt,
für ihren jüngsten Bruder fast, pzehr, Säxtlihfeit und
weit mehr Nachsicht, als für die eigeneg, Kindex, und
gleich ablenkend von einer Richtung,; die, , ihm, nicht
willkommen zu sein schien, erklärtezsie, -dgß sie bei
jenem Ausspruche nicht ihn und ihxe Wünsche für die
Gestaltung, seines Lebens, sondern nur das Schicksal der
Pfarrerfamilie und namentlich der Pfarxerstochtex im
Sinne getragen habe. Sie gab darauf nit einigen
Worten den Inhalt ihrex Pexhgndlungen mit der
Pfarrerfamilie wieder und meinte dgnn; inzwischen
sei ein anderer Gedanken ihr gekommen. Das Mäd-

s
1
B4
chen sei wirklich noch sehr jung, und wenn man auch
den Plan, die Zukunft der Pfarrerin durch die Ver-
sorgung der Tochter festzustellen, im Auge behalten
müsse, so würde es daneben doch gerathen sein, auch
für die weitere Erziehung und Ausbildung des Mäd-
chens noch Etwas zu thun, um ihm damit für den
Nöthfall die Möglichkeit eines selbstständigen Fort-
kommens in der Welt zu bereiten.
- - Emanuel fragte, auf welche Weise die Schwester
-dies ins Werk zu sezen denke.
,Ich möchte sie vielleicht für einige Zeit in das
Schloß nehmen!' entgegnete sie ihm.
Ihr Bruder sagte, damit werde sie ihm ein Ver-
f.
gnügen machen.
s
-
,Dir? rlef die Gräfin, , und wie das?
,Das Mädchen ißt sehr schön!?
,Es ist unser guter Volkstypus. Die Mutter
ist auch eine hübsche Person gewesen,! versetzte die
Gräfin.
, Die Tochter hat mich neulich durch ihre Schön-
helt völlig überrascht,? meinte der Baron. ,Cls ich
zum erstenmale nach der Pfarre ritt, stand sie am
Rande eines Kornfeldes plötzlich wie die leuchtende
Göttin der Aehren vor mir da, als wäre sie mitten
aus ihnen frisch emporgeschossen. Es war ein sehr
anmuthiges Bild, ein reizender Eindruck; und danach
hatte ich noch ein kleines Abenteuer mit dem Kinde,
das mich auch gerührt hat. !
Die Gräfin wollte wissen, was das gewesen sei;
der Bruder verweigerte ihr scherzend die Mittheilung.

5s
Das machte sie dringender, zyud er sagte endlich, er
habe der schönen Pfarrerstochter, ghne gs zu wollen,
vielleicht die erste Enttäuschung ihres jungen Lebens
bereitet. Sie habe dahei ein liebenswürdiges Gemüth
enthüllt, es würde ihn also freuen, wenn ihr Gutes
dafür widerfahre.
Die Gräfin entgegnete ihm: darauf weiter Nichts,
aber sie erhob sich von ihremt Sessel und nahm ihm
gegenüber in der Fensterhrüstung Plaz.
Sein Verhalten gegen,die Frauen war schon häufig
ein Gegenstand der Erörterungen zwischey ihm und ihr
gewesen. Er bewunderte ;die weibliche Schönheit mit
der ganzen Wärmne seines Herzens und seiner für
Schönheit in ungewöhnlicheg. Gxgde empfänglichen Na-
tur. Weil er sich gber durch die Bhttern und durch
seinen Wuchs weit mehr beeinträchtigt glaubte, als es
in der That der Fall war, und weil er den Abstand
zwischen der Schönheit seiner frühen, Sngend und
seiner jezigen Erscheinung gicht pergessen -komnte, hatte
er sich in den Gedanken hineingeleht, um seiner selbst
willen die Neigung der, Frguen nicht gewinnen zu
können. Diese Neberzeugung hatte jhn bewogen, sich
von den Frauen fern zu halten, wie sie ihn dazu ge-
bracht hatte, dem Andrängen seiner Familie zu wider-
stehen, die ihn zu verheirathen, gmd durch ihn das
dem Erlöschen nahe freiherrliche Geschlecht fortgepflanzt
zu sehen wünschte.
Daß Emanuel ihr von dem kleinen Abenteuer,
welches ihm doch einen angenehmen Eindruck hinter-
lassen, nicht früher schon gesprochen hatte, da er solcher

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6
Dinge 'sonst gerne zu erwähnen pflegte, fiel der Gräfin
-auf; noch mehr aber wunderte es sie, daß er, der
täglich ein' paar Stunden zu Pferde zubrachte, nicht
Tngst einmal'' nach der Pfarre hinübergeritten war,
das Mädchen wiederzusehen, das ihm so wohl gefallen
hatte. War dies eine Zurückhaltung gewesen, die auf
- einen besonderen Eindruck schließen ließ, oder war es
Gleichgiltigkeit, und hatten nur ihre Worte ihü jenes
erste Begegnen wieder zufällig in die Erinnerüng ge-
rufen?-- Darüber mußte die Gräfin in das Klare
ömimmnen,'denn: nach dieser Seite hin war die Gemüths-
verfassing ihres Bruders ihr von Wichtigkeit.
- ,Ich habe gestern schon des Amtmanns Schwester
kömmen lassen,- sagte sie, , und ihr angezeigt; aaß
Tch ihr das Mädchen, wie früher dessen Mutter, zur
Schulung übergeben wolle, und nebenher soll meine
Kenney sich der jungen Person in ihrer' Weise an-
nehmen. Die Mutter ist unter der Leitung von Ulrike
-wohlgerathen, und da die Tochter eine andere, und
wie ich sicher bin, eine gute Vorbereitung erhalten
hat, auch durch die kultivirtere Familie des Vaters
eine feinere Natur besitzen mag, wird vielleicht mehr
aus ihr zu machen sein.!
,Mehr? was nennst Du mehr in diesen Falle?
fragte sie der Bruder.
- Die Gräfin hielt ein wenig inne, denn sie liebte
es, selbst in kleinen Dingen nicht ihre- Absichten im
Voraus völlig kundzugeben, um dadurch bei späteren
Meinungsänderungen nicht behindert zu werden; doch
-wich sie diesesmal von ihrem Grundsatz ab.


-
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,Ich finde, daß die Kenney altert,' sagte sie. ,Sie
war bei dieser lezten Reise angegrifener, als ihre Jahre
es nöthig machten, und ich könnte nach Clarissens Ver-
heiratung vielleicht mehr als bisher zu einem Reise-
leben Anlaß haben. Die Kenney hat mich seit meiner
frühesten Kindheit nicht verlassen, hat uns immerdar
begleitet. Sie kann sich also ein Leben ohne uns
Kum denken, und doch kann ich' eö vor mir selber
nicht verantworten, sie immer auf das Neue unnöthigen
Anstrengungen auszusetzen. - Das Reisen und der
Aufenthalt im Süden sind ihr schonl seit Jahrenn nicht
bekommen, dagegen sagt ihr, wie allen Engländerinnen,
die Seeluft zu--
,Du willst sie als künftig nicht nehr mit Dir
nehmen, willst ihr einen Ruhesiz im Schlosse geben!
unterbrach sie der Bruder.
,Sage nicht, däß ich sie nicht mit mir nehmen
will, entgegnete die Gräfin. ,Ich fürchte vielmehr,
daß ich mich um ihretwillen früher vder später werde
entschließen müssen, sie hier zürüchuhgssen. Sie wird
mir freilich fehlen, denn ich bin an sie gewwöhnt, und
auch ihr wird es zuerst wohl hart erscheinen, hier zu
bleiben, wenn es mir nicht gelingt; hier einen Beruf
für sie zu finden, der sie mit dem Gedanken aussöhnt.
Noch habe ich ihr nicht davon gesprochen, da die Zeit
mich noch nicht drängt, und ich habe es schon seit
langen Jahren gelernt, die Zeit und den Tag als
TäI. --== =-
Sie stüzte bei den Worten das Haupt auf ihre





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Hand und blicte pie in shwermüthfgegz, Sinnen in
die Fexne. Der Bargn sah das mit einem Lächeh,
weil es gegen ihre Art war.
? - ,Du bist über diesen Betrachtungen von Deinen
-Plgnen, für, die schöne Pfarxerstochteg, ghgekognmen!r
»lzgte,s. --
- .Purchaus icht!' ;vexsezte Zie Gräfin, dje es
-nicht hessex verlangte, gls den Faden, der, Unterhaltung
,gieder gufnehmen zu können. , Meine Absichten mnit
dgr Kezney hängen, mit denen füür die Pfarrersfayzäie
z genag zusammen, doch kann, und mag ich Nichts ;ent-
,scheiden,-ehe ich das Mädchen beobachtet habe. Ich
muß sehen, wozu es sich am besten eignen wzird. Paß
-es den Haushalt erlernt, ist , ihm, in jedem, Fgge von
Nuzen; hat es Anlagen hesserer Art, so gnag die
Kenney diese in ihm entwickeln. Sie findet ja Be-
friedigung im Lehren und Erziehen, wie Jedem Freude
macht, ;wwas er als Meister übt. Gefällt, ihr Hulda,
,gemöhnt; sie sich an dieselbe, so würde ich sie, ihr
-dauernd als Gesellschaft geben: und später, fände dann
,Flarisse in dem Mädchen eine gutgeschulte, in der
, Anhänglichhkeit für unsere Familie geborene und -er-
eggge Pextrauenspexsxn, die ein Bedürfnjß und ein
zFegen, für ygine Frgu ist, welche in der Welt zu, lehen
I hgt. Sollte sich inzwischen in der Pfarre eine Per-
zForgung für das Mädchen hieten,. nun, jo, entläßt mian
-ge, zgd;hat Fn einer Erziehung ein gutes Werk
zethan.? -
Der Baron fragte, oh Hulda's Eltern, ob das


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W9
Mädchen selber mit den Absichten der Gräfin ein-
verstanden wären. -. -
Die Gräfin entgegnete, -Leuten, pelche wie
die Pfarrerfamilie selten in die Lage kämen, Entschlüsse
fassen zu. müssen, dürfe man aricht mit Forschlägen,
sondern nur mit bestimmten, Anordnungen' entgegen-
treten. Sie habe. das neulichIwieder beobachten
können. Jeder unerwartete äörschlag mache solche
Leute zuerst stutzig, . dann bedenklich und scheu. Vor
Bedenken und Mißtrauen, versäumten sie das Zugreifen
und kämen deshalb zu Nichts; während sie, durch ihre
Verhältnisse an Unterordnung überhaupt gewöhnt, sich
sehr bald glücklich zu schäzen pflegten, wwenn man sie,
ohne ihnen die Nothwendigkeit einer, Wahl aufzu-
erlegen, an den ihnen angemessenen Plaz hin-
gestellt habe.
Da ihr Brder zu dieser Bemerkung schwieg,
wurde die Gräfin ungeduldig. ,Dir -mißfällt Etwas
in meinem Vorhaben, sagte: sie, ,und doch hast Du
mir eben ausgesprochen,. daß- des Mädchens: Anwesen-
heit im Schlosse Dir selbst Vergnügen machen würde.
,Das war eine -sehr harmlose Aeußerung, wwie
der gelegentliche Anblic des, Mädchens mir sicherlich
eine sehr harmlose Freude hereiten würde!? gab er ihr
zur Antwort. , Aber die Leute - haben nur das Eine
Kind, der Pfarrer ist ein alter Mann und ich weiß
es aus seinem Munde, daß in, ihrer Weltabgeschieden-
heit die Tochter ihre ganze Freude ist. Ich finde es
auch gewagt, in solcher Weise über das Schicksal eines
Mädchens, einer Familie zu verfügen; und härter noch,

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ein solch armes Kind den sicherlich sehr widersprechen-
den Erziehungsversuchen der Kenney und der Wirth-
schafterin zu überantworten.!
,Wenn es nichts weiter ist, so bin ich unbesorgt!?
rief die Gräfin, , denn das freie Selbstbestimmungs-
recht des in abhängigen Verhältnissen Geborenen will
und kann nicht viel bedeuten; und wie Du Dir die
Zukunft der Menschheit auch in idealen Farben aus-
malen magst, Du hebst das Grundgesez nicht auf, daß
-in der ganzen Natur das Niedere dem Höheren be-
wußt oder unbewußt zu dienen hat.!
,Gewiß nicht! Nur daß ich mich nicht als eines
jener höheren Geschöpfe betrachte, weil Rang und
Besiz miir zufällig angeboren wurden, wäährens die
Natur mich=?
Die Gräfin wollte ihn hindern, seine Gedanken
auszusprechen. ,Ich möchte es erleben, sagte sie, ihm
in die Rede fallend, , wie Du in den Falle handeln
würdest, wenn das Verlangen der Selbstbefriedigung
und' Deine Theorien einmal in Widerspruch geriethen.!
,Sei gewiß, daß ich versuchen würde, den Letzteren
gerecht zu sein!' behauptete der Baron.
,Sch zwweifle nicht daran,! entgegnete die Gräfin,
,Du würdest es versuchen, und Dich dann, wie wir
Olle, damit beruhigen, daß Dn es versuchtest.!
,Mahne mich daran, wenn Du das an mir er-
lebstl' rief Emanuel mit ruhiger Selbstgewißheit.
,Die Weisung will ich nicht vergessen!r versicherte
die Schwester, , denn nach meinen Neberzeugungen
werde ich Dich nur zu loben haben, wenn Du, aus
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1
der Welt der Ideale in die wahre Welt zurückgekehrt,
es einsehen solltest, daß wir und unsere Geschlechter
nicht bestehen könnten, wenn wir daran dächten, uns
Hhilantropisch in der Allgemeinheit zu verlieren. Das
Alleinstehen, Bester, macht Dich träumerisch. Hättest
Du, wie wir es wünschen müssen, Dich verheiratet,
hättest Du Kinder, so würdest. Du es lernen, wie
man zunächst das Förtbestehen ünd das Wohlbefinden
des eigenen Geschlechtes begehren muß.!
Der Baron sah, sie freundlih an. Sie fragte,
was er habe, ,Oh!f antwortete, er, , ich freute mich
darüber, wie Dir das diplomgtishe Verhandeln zur
Natur geworden ist, und wie für, den Kundigen ;alle
Wege nach Rom hinführen.!
Sie nahm das so heiter auf, wie es gesagt ward,
und Beide begaben sich in bester Stimmung zu den
Onderen.
Hwoww ; ,

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Achles Gapitel.
oaaawas;
-- Die Gräfin hatte die Pfarrerfamilie richtig
beurtheilt. Ihr Besuch und die- Erörterungen über
Huldä's Zukunft hgtten die stillbefriedete Ruhe im
Pfarrhause, ja selbst die bisher ungetrübte Einigkeit
seiner Bewohner, und ihre Zufriedenheit mit eingnder,
angetastet.
Der Pfarrer machte es seiner Frau zum Vor-
wurfe, daß sie die Vorsorge der Gräfin nicht dankbar
genug erkenne, daß sie die Gnade des Himmels, welche
ihnen die Theilnahme der Gräfin zugewendet, nicht
nach Gebühr würdige; und während die Pfarrexin
unablässig darüber nachsann, ob und wo in dem
Kreise der ihr bekannten Familien etwa der junge
Theologe zu finden sein möchte, der sich zum Adjunktus
ihres Mannes und zum Gatten ihrer Tochter eignete,
konnte sie es nicht verhehlen, wie ihr der Gedanke
widerstrebe, ihr einziges Kind als Einsatz zu brauchen,
um damit ihre eigene Zukunft sicherzustellen. Ihre
Empfindung und ihre Einsicht blieben in einem be-
ständigen Zwiespalte, und noch mehr als sie, wwar Hulda

Kapitel 08

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6L
die durch Aüssichtenn, welche die Gräfin fü' sie eröffket
hatte, aufgeregt, um nicht zu sagen erschrect worden.
Die Anwesenheit der Schloßbewohner Pätte alle

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ihre Vorstellimigen vetwandelt, -hatte den unbestimmten
Träumen und Wünschen'ihrer jüngen Beele eine festere
Gestalt verliehen, und ihr altes Begehren,' in Leben
mehr zu sehen, als der enge Bereich des Vaterhauses
ihr vergönnte, zu einem so: ünkuhigen Verlangen auf-
gestachelt, daß ihr- wie dürch einen bösen Lauber
plözlich Alles werthlos dünkte, was sie bisher befriedigt
und erfreut hatte. Der: Gedänke, !daß sie nit'all' der
Lebenslust im Herzen dazu bestinmut? sein söllte, ihr
ganzes Dasein in den' niederen Mauern des' alten
Pfarrhauses abzuspinnen, das seit'nahezu einem Jahr-
hundert Wiege und Sarg der Ihriteit -mschlossen
hatte, wurde ihr zu' einer Herzeßsangst! Sie llebte
den kleinen Garteii und seine viet alten Kiefern nicht
mehr, in denen sie-bis dähin Jo iel Genuß gefunden
hatte; sie hatte keine Rühe' niehi ifihtei Vaterhanse.
Ihre Gedanken wäken' imnnekfork ime Schlosse? All-
tääglich wartete sie darauf,' däß itgend Jemand von
seinen Bewohnern 'sich'iitdeü Döfe blicke lasse, aber
die Herrschaften waren zu einer Siücäidien' Familie
weiter in das Laid hineingefähren, und aüch aus dem
Amnte hatteman mehr als acht Tage lang Nichts ge-
sehen und gehört. Dä kan endlich- eittes Abends der
r.r EanD
in das Haus hinein.
Als die Fraüeit ihm entgeeiiginngen, ihn zu be-

a.
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64
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grüßen, erkundigte er sich mit Geflissenheit, ob der
Pfarxer nicht zu, Hause sei, und da dieser inzwischen
auch hinzugekommen war, sagte der Amtmann, nach-
dem man ihn in die Studir - Stube hineingenöthigt
und. er, seinen Plaz genommen, chatte, auf die, Frage,
wgs er Gutes bringe, er hringe allexdings Etwas, und
er wwolle hgffen, daß es etwgs Gutes sei. -
- --- ,Ich,hätte schon, vor acht Tagen kommen sollen,?
sagte, er, ;, und ich komme nicht von meinetwegen.
Pie Hülda soll in's Schloß!?
gIn das Schloß? fragten wie aus Einem Munde
der Pfgrrer und die beiden Frauen, während. eine
helle, Freyde, in der Tochter Antliz aufleuchtete.
-. -,Ja!- In's Schloß oder vielmehr zu, mfr in's
Anu!ß,,hesttjgte der Amtmann. , Sie sgllte gleich
den Fag nach der Abreise der Herrschaften hinüber,-
fügte gg, gggen die Pfärrerin gewendet, hinzg, ,aber
Du, kennst jg, die Schwester von altersher, Was sie
nicht selber in ihrem Kopfe ausheckt, das ist ihr nie-
mglß xecht, und so hat sie denn zuerst auch nicht
herangewollt, die Hulda in das Haus zu nehmen.?
- Der Pfarrer sah den Amtmann, sah seine Frgu
und Tochter- mit unverkennbarem -Erstaunen gn, und
meinte, nicht ohne eine gewisse Empfindlichkeit, es
scheins sich hier um einen Plan odex um eine ßer-
abredung z handeln, von denen er nicht unterrichtet
sei. - Er wenigstens erinnere sich nicht, jemals eine
solche Anforderung an die Madmoiselle Schwester ge-
richtet zu haben.!
,Bewahre! bewahre!' rief der Amtmann, ,es ist

6d
E
zwischen uns die Rede nicht davon, gewesen; es ist die
Frau Gräfin, die es gngeordnet hat.!-
Dem Pfarrer fiel das auf. -,Die Frau Gräfin
hat doch neulich eine andere -Ansicht über die Zu-
kunft unserer, Tochter an den Tag gelegt;! meinte er.
Der Amtmann, sagte, er wisse davon Nichts. Die
Gräfin habe ihn rufen lassen, habe ihmn gesagt, sie
wolle. Hulda, wie frühex deren Mutter, bei Ulriken
die Wirthschaft lernen lassen, und, ienn sie ngch Hause
käme, solle das Mädchen im: Amte eingerichtet sein.
Des Pfarrers Neberrgschung, würde dadüxch nicht
vermindert, sein Mißfallen an dem, ßorschläge nicht
beseitigt. Er kannte Ulrikens Eigeart, ex wußte, wie
manche bittere Stunde diese einst seiner Frau exeitet
hatte; er -kannte auch, was ihm noch bedenklicher er-
schien, den abergläubischen Zug in' ÜlrikensWWesen, das
thörichte Gerede, das ehen deßhalh über sie imSchwange
war, und das er beständig, unter seinen Eingepfarrten
zu bekämpfen hatte. Ps par ihm, daher pöllig aus
der Seele gesprochen, als dje Mutter den Ausruf that:
,Aber was bringt denn die Frag Präfin guf diesen -
neuen Einfall, und wie kommt-sie nur darauf, sich
so viel. mit Hulda zu beschäftigen?.
Der Amtmann, von dessen offenem, treuherzigem
Gesichte die selbstzufriedene Heiterkeit nur selten wich,
lachte über diesen -Ausruf. ,Was sie darauf bringt?
Ja,' frage sie das einmal selbst! Das kommt denn so
bei ihnen. Darin sind sie Alle gleich!. Lieber Gott!
RAeD- -==-
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Täge, was' zu thun. Hier auf' dem Lande hat sie das
jetzt nicht. Da verfällt sie denn auf Dies und Das:
auf das Bauen, auf die Schulen, auf das Glücklich-
machen, wwie's just trift. Aber sie hat einen festen
Kopf, geht frisch drauf los und meint es gewiß auch
gut. - Man muß ihr nicht dawider sein.?
Der Ausspruch des immer besonnenen und wacke-
ren Rannes beruhigte den Pfarrer, der ohnehin die
beste Meinung von der Gräfin hegte und dem nur das
ihr-sonst fremde Schwanken in ihren Anordnungen
aufgefallen war. Der Mutter gingen andere Bedenken
durch den Sinn. Es war ihr unvergessen, was sie
in ihrer Jugend von der Leichtfertigkeit der jungen
Edelleute in dem Schlosse zu erdulden gehabt hatte, und
ihre-Lage war doch eine gndere gewesen als die dei
Tochter. -Sie, das Kind armer höriger Leute, hatte
niemals an eine Heirat mit einem Edelmanne denken
können. Wer aber bürgte ihr dafür, daß Hulda nicht
den Worten eines Solchen Glauben schenkte, daß nicht
einmal Wünsche und Hoffnungen in ihr rege wurden,
die ohnehin in ihrer Seele lagen, und die doch befriedigt
zu sehen keine Aussicht vorhanden war? Was sollte das
Mädchen in dem Schlosse und bei Mamsell Ulrike, da
die Gräfin es in der Pfarre zu versorgen gedachte? -
Sie' versuchte es, Einwendungen zu machen; da sie
aber ihrf'' eigentlichen Befürchtungen nicht aussprach,
schlug der Amtmann ihre Einwände einen um den
anderen nieder; und gewohnt, rasch zu verhandeln,
fragte er, sich an Hulda wendend, die mit wachsender
Spannung der ganzen Unterhaltung gefolgt war:



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,Nun sprich Du auch einnal ein Wort, Mädchen!
Willst Du mit mir in das Schloß??
Hulda wurde roth vor Freude. Sie sah den
Vater, sah die Mutter an. Es lag nichts Ermuthigendes
in ihren Mienen, aber ihre Sehnsucht, in das Leben
hinauözukommen, war mächtiger als, die Fügsamkeit,
die sie bisher bewiesen hatte, und von der natürlichen
Selbstsucht der Jugend fortgerissen, sagte sie, während
ihr ganzes Antliz lachte: ,Ich habe' mir es ja''so sehr
gewünscht, Herr Amtmann!?
,Nun denn, Herr Gevatter!' rief der Amtmann,
der sich diese Anrede gegen den Pfarrer nur in' beson-
ders vertraulicher Stunde erlaubte, s,mun, dann sind
wir einig und Alle eiwverstanden. Morgen lasse ich
sie holen, Sonntags soll sie immer in die Kirche kom-
men.-- Es ist ja gerade, als wäre sie noch zu Hause.
Und berhungern thut bei mir im Amte Niemand.
Darüber sind Sie ja auch nicht besoxgt:!
Er stand damit guf und wollte sich entfernen,
denn er sagte, sein Fuchs stehe nicht lannge ruhig, und
er müsse auch nach Hause; aber die Pfarrerin, hielt
darauf, daß er vorher Etwas genießen müsse, und, wäh-
rend sie die Tochter fortschickte, den kleinen Imbiß
herbeizuschaffen, wurde die Stunde verabredet, in wel-
cher sich Hulda fertig, und zur Fahrt nach dem Schlosse
bereit zu halten habe. Dann nahm der Amtmann ein
paar Bissen, trank rasch sein Glas aus, klopfte Hulda
auf die Schultern und meinte: ,Nun, ich denke, es
soll. Dein Schaden nicht bei uns sein, denn nun, sie
sich's bedacht hat, ist es der Schwester Recht.


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6
Sie kann auch Hilfe brauchen in dieser Zeit, und
im Grunde hält sie von Dir mehr als von sonst
Einem.
Er stieg mit der Wiederholung, daß er morgen
am Nachmittage den Wagen schicken werde, auf sein
Pferd, grüßte noch, ehe er um die Ecke bog, und die
Eltern und- die Tochter standen an der Gartenthüre
ünd sahen ihm nach.
,Da wirst Du nuun also morgen auch hinaus-
fahren, um Deine ersten Schritte unter Fremden und
unter eigener Verantwortung zu versuchen!! sprach der
Vater mit seinem feierlichen Ernste, indem er der
Tochter prüfend in das Auge schaute. Aber selbst diese
Mahnung vermochte den Ausdruck des Vergnügens und.
der freudigen Erwartung pon ihrem Antlize nicht zu
verscheuchen. Sie küßte dem Vater die. Hand, sie fiel
der Mutter um den Hals, sie versicherte, daß sie sich
gewiß bemühen werde, Tante Ulriken's Zufriedenheit
zu erlangen, und währnd es die Eltern still bewegte,
die Tochter, die noch keine Stunde ihres Lebens von
ihnen fern gewesen war, jezt für eine unbestimmte
Zeit entbehren zu sollen, während die Mutter über-
dachte, was bis morgen für Hulda noch zu beschaffen
nöthig sei, hatte diese uur den einen sie ganz aus-
füllenden. Gedanken: In das Schloß!
In das Schloß zu kommen, darauf hatte ihr
Verlangen gestanden, seit sie im Frühjahre züerst die
großen Säle desselben durchwandelt hatte; und wie ihr
Herz auch bisher den Eltern zu eigen gewesen war,
sie konnte jetzt die Stunde kaum erwarten, bis der

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89
Wagen, der sie holen sollte, vor dem Pfarrhause er-
scheinen würde.
Die Furcht, es könne irgend ein Hinderniß da-
zwischentreten, die Ungeduld ließen sie kaum schlafen.
Die Stunden des Tages entflohen ihr zum erstenmale
nicht schnell genug. Und wie dann das kleine Wägel-
chen gegen den Abend hin, ,am Gitter des Gartens
hielt, wie sie endlich in dem kleinen Einspänner saß
und das Gefährte sich in Bewegung setzte, fühlte sie
eine Freude, wie sie sie bis auf diese Stunde noch
nicht gekannt hatte. Sie kniete auf den Siz des Wa
gens, sie warf den Eltern über das niedere, zurück-
tzeschlagene Verdeck desselben mit beiden Händen ihre
Grüße und ihre Küsse zu; dann ßber lehnte sie sich
weit zurück, wie sie es von den Herrschgften hatte
machen sehen, und wie eine Schaar von Genien
schwebten zwischen dem goldig schimmernden Gewölke
des Sonnenunterganges die freudigsten Erwartungen
verlockend vor ihr her.
Wie sollte ihre Lebenslust der Wehmuth denken,
mit welcher die Eltern nun zum erstenmale allein auf
der Bank im Gärtchen saßen? Wie konnte sie ahnen,
mit welch tiefer Inbrunst die Pfarrerin in ihrem
Abendgebete ihr Kind für alle Zeit dem Schuze Gottes
und seiner Barmherzigkeit empfahl. -
oowooooooooo=wV

Kapitel 09


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- In jenen Gegenden ist das Wetter, wie überall
am Meere, auch in der guten Jahreszeit sehr wechselnd,
und dem klarsten Abende folgt oft ein trüber Tag.
Die Sterne hatten hell gefunkelt,. als Hulda nach dem -
- Wbendessen in ihr Stübchen eingetreten war; am Mor-


Aeuntes Gapites.
gen -fjel ein dichter Regen nieder und eine ganze Reihö

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von nassen, kalten Tagen folgte diesem Morgen. Alle
Fenster waren im Amte geschlossen, der Amtmann, -
dem das plözliche Regenwettter Sorge machte,' weil
das Getreide noch Alles in Garben auf dem Felde
-stand, ging -mißmuthig in dem Hause hin und her.
Hie Wirthschafter kamen verregnet aus den Scheunen
aund StMllen in die Schreiberstube, der Schäfer lehnte
unter der ofenen Thüre des Stalles und sah zur
Rechten und zur Linken nach den Wolken; und Tante
Ulrike, wie sie ausdrücklich von ihrer neuen Haus-
genossin genannt zu werden forderte, war noch ver-
drießlicher als ihr Bruder, denn sie hatte eben in
diesen Tagen für ihre Haushalts-Verrichtungen gutes
Wetter nöthig, und der Regen machte ihre ganze Seit-
eintheilung nun mit einemmale zu Wasser. Alles ge-

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rieth in Stillstand. Und, sagte die, Tante, , Stillstand
ist der Tod.
Von Stunde zu; Stunde traten der -Amtmann
und die Schwester an -das Fenster und klopften, an
das Wetterglas, um sich zu überführen, ob das;Qmeck-
silber noch fnicht steigen, ob das trockene Wettex nicht
bald kommen wolle; und Hulda ging der Tante nach
und sah auch nach dem Wetterglase, denn die Herr-
schaften hatten einen Boten geschickt und mielden;lassen,
daß sie nicht wiederzukehren gedächten,, bis die Regen-
kage vorüber wären.
Das gab denn neue Unterbrechung in den An-
- ordnungen und Maßnahmen der Tante, aber ss ver-
ursachte auch Arbeit aller Art, und für das in der
Enge und in der stillen Einfömigkeit des Pfarrhauses
herangewachsene Mädchen hatte ,das Umhergehen in
dem weiten Hause, hatte die wechselnde' Thätigkeit, ja
selbst das laute Wesen, mit dem, der Amtmann und
die Mamsell in demHause und in demHofe schalteten und
walteten, um des Lebens und der Neuheit willen ihren
Reiz. Freilich merkte es Hulda jetzt. sehr bald, daß
nicht nur die langen Korridore den Flügel des Schlosses,
den der Amtmann innehatte, von dem-Schlosse selber
trennten; indeß sie konnte aus dem Stübchen, das
Ulrike für sie hergerichtet hatte, weit hineinsehen in
den Park, der sich an der hinteren Seite des Schlosses
ausdehnte; sie konnte auch hinübersehen in die Fenster
des Schlosses, und wenn die Herrschaften nur erst nach
Hause kamen, mußte ja Alles noch ganz anders wer-
den, mußte alltäglich Neues' und Besonderes geschehen.
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-hatte, äüch Ulrike war mit ihrer Anwesenheit schon
nach wenig Tagen sehr zufrieden. Das sichtliche Ver-
gnügen, mit welchem das junge Mädchen zu ihr und
in ihr Hais gekommen war, hatte ihr ndhl' gefallen,
denn troz der Gastfreiheit, auf die ihr Brgder hielt,
war die Mamsell sich's wohl bewußt, daß die Leute
kein rechtes, offenes Zutrauen zu ihr hegten, und sie
hatte auch immer viel zu viel mit ihrem Haushalte
zu thun gehabt, um sich mit den Menschen nachhaltig
-schafft, Jedem seine Arbeit zugewiesen; hatte eisern -

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keit der Jugend schnell in dem Amthause zurechtgesetzt
Hause lebten. Sie hatte für Jeden das Nöthige be-

-Aber nicht nur, daß Hulda sich mit der Leichtig-
. zu beschäftigen, die in ihre Nähe kamen und in ihrem
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darauf' gehalten, daß diese Arbeit auch geleistet ward,
hatte eben so eisern auf Zucht und Recht gesehen, und
es war ihr nie daran gelegen gewesen, was die Leute
wwon ihr sagten und dachten, wwenn sie nur gehorehten
und thaten, was sie sollten. Daß sie es besser, Alles
Desser als die Anderen verstand, dessen war sie ganz
- unfehlbar sicher. Sie fand es deßhalb nur natürlich,
daß man ihr mehr zutraute als jedem Anderen, daß
män meinte, sie wisse ganz besondere Dinge und könne
noch weit mehr, als sie kundzugeben nöthig finde. Daß
man sie scheute, daß man sie fürchtete und sie reden
ließ, das war ihr eben recht. So war es gehalten
worden zwwischen ihr und ihren Leuten von altersher;
so war es auch gehalten worden mit der Simonene,
die immer eine geheime Scheu vor ihr gehabt hatte.
Alrike war daher verwundert und erstaunt, alssie nach

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wenigen Tagen es gewahrte, daß Hulda sie nicht fürchtete,
daß sie frei und offen mit ihr umging, daß sie heiter ihren
Tadel hinnahm, daß sie gern in ihrer Nähe war, sich
freiwillig zu ihr hielt, und daß sie die Erzählungen, in
denen die Mamsell sich zu ergehen liebte und zu denen
die Herrschaften und deren -Gäste meist den Anlaß
gaben, mit staunender und glaubensvoller Neugier in
sich aufnahm.
Sonst, wenn man das Abendbrod gegessen, wenn
der Amtmann sich mit den Wirthschaftern und den
Hofleuten zur Abrechnung in die Schreiberstube be-
geben, und die Mamsell ihr großes Stricheug in die
Hand genommen hatte, war sie' in den letzten Zeiten
bisweilen eingenickt. Jetzt, seit Hulda mit ihr lebte,
hielt sie sich aber wieder munter. Denn, meinte sie,
,man kann mit Dir im Grunde weit besser reden gls
in früheren Jahren mit der Muttet. Die Mutter,
Du mußt nicht denken, daß ich Eiwas gegen Deine
Mutter habe. Gott bewahre! das würde ich Dir ja
gar nicht sagen, aber die Mutter wär nicht herzhaft,
hatte nicht Courage; und wenn es die' Männer auch
nicht wahr haben wollen, ohne Courage kommt ein
Frauenzimmer nicht durch die Welt. Courage, das
ist Mlles! Das kann man ja an unserer Frau Gräfin
bemerken. Die nimmt es mit einem Jeden auf, die
ist so wie ich. Die weiß an jedem Mörgen, was sie
will, und hat's am Abend fir und fertig so wwie ich.
Und darum glückt ihr Allea.
Hulda hörte ihr ernsthaft zu. -, Wenn Ihnen nie

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Etwas mißlungen ist,! sagte sie nach einer Weile, da
müssen Sie doch eigentlich recht glücklich sein.?
- Ulrike sah Hulda mit ihren dunklen Augen for-
schend gn, dann versetzte sie, langsamer und gemessener
sprechend als sie sonst pflegte: , Freilich! Freilich!
nur -= und sie hielt eine Weile inne, und sagte da-
nach, als müsse sie es doch einmal vom Herzen haben
-- nur einmal ist mir es nicht geglückt, und ist nicht
geworden, wie es hätte sein müssen und wie es gut ge-
wesen wäre für alle Theile; und das nur, weil ich
nicht die richtige Courage gehabt und gesprochen und
gehandelt habe, wie es an der Zeit gewesen wääre.
Aber' das ist nun einmal so, das ist nicht zu ändern,
und Du sollst es nicht entgelten - nicht entgeltey, da .
verlass! Dich fest darauf.?
Sie schien zu glauben, daß das Mädchen sie ver-
stehen werde; Das aber sah sie ganz verwundert an
und sagte: ,War ich denn schuld daran, daß Sie da-
mals nicht die nöthige Courage hatten? -
- Mamsell Ulrike wurde ärgerlich. ,Gerade wie
die-Mutter! rief sie und brach plözlich ab.
Hulda fürchtete, daß sie böse sei. , Was ist Ihnen
denn, mißglückt und weßhalb hatten Sie denn das eine
Mal nicht den rechten Muth? fragte sie, um die
Tante zu begütigen und die Unterhaltung wieder in
den Gang zu bringen.
,Weil!= sie hielt inne - ,weil,! stieß sie
dann hervor, , weil ich eine schwache Seite hatte.!
Aber das erklärte für Hulda das Ereigniß vollends
nicht, und die Mamsell, die es bemerkte, daß das

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Mädchen sie immer weniger perstand, und die es gar
nicht besser verlangte, als immer wieder von sich selber
sprechen zu können, sagte: , Hat denn die Frau Gräfin
nicht ihre schwache Seite, so wie ich? Geht es ihr
mit dem Bruder, mit dem Baron Emanuel, denn
anders? Kann sie denn den, wie alle Anderen, zu
ihren Absichten bewegen?-- Aber mit dem Herrn
Baron hat es freilich auch sein Bewandtniß, und die
alte Miß hat Recht: der Baron Emanuel ist nicht
wie ein Anderer, der Baron ist heilig.!
- Hulda horchte freudig auf. Wie ein Stern, der
durch die Trübe wirrer Nebel aufblickt, tauchte dieser
Name endlich aus den ihr völlig räthselhaften Worten
der Tante auf; wenngleich diese letzte Aeußerung ihr
ebenfalls ein Räthsel blieb. Weßhalb sollte gerade der
Baron, der einzige von allen Schloßbewohnern, der
den Gottesdienst versäumte, besonders heilig sein? Sie
konnte nicht umhin, den Zweifel auszusprechen.
,Cch!r rief die Mamsell, ,wennn ich sagte heilig,
so heißt das ja nicht heilig, wie es Dein Vater von
der Kanzel nennt, sondern heilig! - heilig, wie ein
altes Erbstück oder wie die gräfliche Familiengruft.!
Sie besann sich, weil sie mit all ihrer Beredtsamkeit
das rechte Wort nicht finden konnte, und sagte dann
leise und geheimnißvoll: , Hast Du denn nie davon
gehört? Hast Du es denn nicht gesehen? Auf ihm
ruht ja der Fluch!
Hulda fuhr erschrocken auf. ,Tante!! rief sie
voll Entsetzen, , doch nicht auf Baron Emanuel?

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Das kann ja gar nicht sein. Was kann der denn ver--
brochen haben?
-,Er? wiederholte die Mamsell und ihre Blicke-
wurden immer ernster und ihre Redeweise langsamer,
,er hat Nichts verbrochen, gar Nichts auf der Welt.
Du hast es ja gesehen drüben in dem Saale. Er ist
schön gewesen wie ein Engel, und ein Leben und eine
Heiterkeit, wie er als kleiner Knabe mit der Mutter
hier gewesen ist! Gar nichts ist zu merken gewesen
an ihm und seinen Gliedern; und gekommen ist es
doch. Denn kommen thut es immer bei Einem aus
dem Geschlechte. Die Kleinen lassen nicht mit sich
spaßen und spaßen selber nicht. Das weiß Baron-
Emanuel und darum allein kann die Gräfin ähn nicht
bewegen, eine Frau zu nehmen. Das Geschlecht stirbt
mit ihm aus.!
-- Die Stimme der Mamsell klang fremd und wie
von fern an Hulda's Ohr. Es, überlief sie heiß und
kalt. Die Tante, die Stube, das Schloß und der
Baron wurden ihr mit einemmale unheimlich. Sie
hatte das größte Verlangen, zu erfahren, was das
Mlles heißen solle, und sie scheute sich doch, danach zu -
fragen, denn jetzt begriff sie, was ihr Vater damit
gemeint hatte, als er sie an dem Abende vor ihrer Neber-
siedlung in der Tante Haus nachdrücklich davor ge-
warnt, auf Mamsell Ulrikens abergläubige Phantasien
und Grillen nicht zu achten und sich davon fernzuhalten.
- Aber, als läse diese in des Mädchens Seele, rückte
fie ihren alten Lehnstuhl näher an die Erbangende
heran, und ihre schmale, magere Hand auf Hulda's

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Arm legend, so daß diese nicht. entweichen konnte, sprach
sie, sich nahe zu ihr überneigend: ,Gehört wirst Du
, schon von ihnen haben, wenn das dumme Menschen-
pack jetzt auch behauptet, sie wären weggezogen, über
das Wasser binweg, seit die Kirchen bier im -Lande
stehen, und diesseits der See gäbe es jetzt keine kleinen
Leute mehr. Die brauchen sich aber vor den Kirchen
nicht zu fürchten, denn sie glauben an Gott und sind
nicht gottlos. Aber sie gehen nicht über das Wasser
und gehen nicht. wweg, wo sie sich angesessen haben, so
lange man sie in Frieden läßt. Die sind hier im
Lande gewesen von Anfang an, und vor, wem sis sich
blicken lassen, mit dem meinen Fie-es gut. - Es ist
fester Verlaß auf sie, wenn man sich mit ihnen stellt.
Nur reizen und schädigen muß man; sie nicht, denn
bei ihnen ist kein Verzeihen und kein Vergeben.!
, Aber Tante!'' rief Hulda ungläubig und doch
von dem geheimnißvollen Ernste der Erzählerin, wider
ihren Willen so erfaßt, daß sie nicht zu lachen wagte,
,Tante, das sind ja doch nur Kindermärchen! Has
ist ja Mlles Aberglauhen!! -
,Meinst Du? entgegnete die Mamsell, und ihre
Augen richteten sich fest auf die Ecke; Fn welcher seit
Urväter Zeiten der große grüne Kachelofen standh mit
der breiten Bank dahinter, diean dem Boden fetgenggelt
war. ,Meinst Du? wwiederholte sie.. Ja, es meinen
Viele, daß das Alles nur Märchen wären, weil sie auch
an das, dumme Sprichwort glauben,,das -aus, den
Städten stammt, die voller Menschen! sind, an- das
Sprichwort: ,,Die Nacht ist keines Menschen Freund!r

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- ; = = --, »-
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Wenn man jedoch hierzulande und in den alten

- Schlössern lebt, in denen und unter denen noch die
weit älteren Keller und Mauern liegen, und wenn
man denn doch seine Schuldigkeit thut, und ab und I

,, zu auch bei nachtschlafender Zeit einmal herungeht,
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um nachzuhören und nachzusehen, ob Alles so ist; wie

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es sein soll, dann kann man mehr davon erfahren, J
-' wie die- Kleinen ihr gutes, stilles Wesen treiben und
- Wache halten und warnen, wwenn die Menschen sie
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in den schweigenden Stunden schweigend walten, lassen
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-' am Abende in die Ecken setzt, und das Bischen Baum- -
und Feldfrucht, das sie nehmen.'
- - .
Hulda wurde von den Worten der Erzählerin
mehr und mehr befangen. Sie mußte unwillkürlich
ihren Blicken folzen, die nicht von der dunklen Ecke
wichen, indeß sie konnte in derselben Nichts entdecken
als die beiden großen gelben Kazen, die dort an jedem
Abende ihr Lager suchten; und um sich aus dem Banne
herauszureißen, der troz ihres Widerstrebens ihre Ver-
nunft gefangenzunehmen drohte, sagte sie: ,Was hat
denn das Alles aber mit dem Herrn Baron zu
schaffen?
,Was es mit dem Baron zu schafen hat, das
könnte Deine Mutter Dir am besten sagen, wwenn sie
wollte, denn sie ist auf den Gütern der Herren von -
Falkenhorst geboren, und dort weiß es jedes Kind, daß
in der alten Preußenburg, die schon gestanden hat,
als die Herren von Falkenhorst mit den Deutschen
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in das Land gekommen sind, die kleinen Leute ge-
haust haben und mit den Baronen in das neue Schloß
gezegen sind, das sie über den Trümimnern des alten
Schlosses aufgerichtet haben. Die Falkenhorst haben
die Kleinen hundert Jahre lang und darüber -als
Freunde gehalten und sich gut dabei geständen. Ihr
Geschlecht ist gediehen und es sind lauter schöne Menschen
gewesen, die Männer- wie -die Fräuen;. Einer immer
schöner als der Andere, daß sie' dafür berühmt worden
sind allerbegen in der Welt. Die Kleinen haben sich
still gehalten, daß man von ihnen Nichts -gehört und
gesehen, und nur überall ihren Segen'gemerkt hat.
Mit einemmale, zu den Zeiten des Baröis Wilde-
brand, welcher der Urgroßvater von unserer Frau
Gräfin gewesen ist, hat man ab und- zu, bei Tage
wie bei Nacht, allerlei ungewohntes Geräusch' in dem
Schlosse vernommen. Die Einen haben gesagt, es
hätten sich Fledermäuse in den Schloten perfangen;
die Anderen haben gedacht, weil es ein kalier Winter
gewesen war, so hätten die Marder sich in den alten -
Mauern festgesetzt. Es ist aber nirgend ein Schaden
zu bemerken gewesen, und der Herr- Baron, der ein
sehr kluger Herr gewesen ist, hat gleich seine beson-
deren Gedanken darüber gehabt. - Eri hat Alles- ruhig
gehen lassen. Darüber ist der Tag vor Johannni
herangekommen, und an dem Mittage sitzt der- Baron
unter der Linde in seinem Garten, welche die größte
und älteste in unserem ganzen Lande ist. Es war keine
lebendige Seele außer ihm in dem ganzen Garten,
denn es war Alles zum Essen gegangen und es war
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im Garten Nichts zu sehen und zu hören als die
, Käfer,, und die Bienen. Mit einemmale kommt es
ihm vor, als hörte er es rund um sich ganz leise
klingen. Er blickt auf, da hebt sich zwischen deg
großen- Wurzelarmen der Ainde die EErde auf, als
wenn ein Maulwurf darunter arbeitete. Der Baron -
sieht hin, die Erde fällt gach beiden Seiten pon den
Wurzeln zurück, und ein kleines Männchen steigt - F
daraus hervor, als wenn es von unten in die,Höhe ge-
hoben würde.- So klein es war, sah der Baron -es
ihm gleich an, daß es ein König war. Der -Kleine
- hatte eine kleine Königskrone auf dem Kopfe, einen
goldenen Mantel um die Schultern und ein Scepter
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in der Hand; und das Alles leuchtete und funkelte.
daßIder Baron sich darber exschreckte, und peiwun--
derte. Der Kleine nickte, ihm abex, mit dem kleinen
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Köpfchen freundlich zu und sagte, er, solle ganz -un-
hesorgt-Fein, er und seine Peute wären doch nicht erst
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yan'gestexn in dem Schlosse, und die Barone wüßten
auch nur, um einen Freundschaftsdienst von ihm zu
fordern.-Seine junge, schöne Königin sei ihm ge-
- stotben, er müsse nun eine andere nehmen. Dazu
habe er sich das schöne, fünfzehnjährige Küüchenmädchen
ausgewählt. Mit dem wolle, er morgen Mittag, am
Johannistage, wenn die Sonne am höchsten stehe im
ganzen Jahre, in, dem großenSaale seine Hochzeit halten.
,Sieh! also darauf,! hat er zum Baron gesagt, ,daß,
ich um diese Zeit die junge Magd in Deinem Saale
, finde, daß kein aideres lebendes Wesen in die Rähe
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des Saales kommt und keines Menschen Auge sieht,
was dort geschieht. Wenn Du das thust, so soll
es nicht Dein Schaden sein. Aber wehe Dir, wenn
Du uns verräthst, denn wir sind, treu in Lohnen und
im Strafen.'-- Wie er das gesagt hat, ist er ver-
schwunden, wie er gekommen war; und so schnell ist
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es gegangen, daß der Baron geglaubt hat, er sei viel-
leicht bei der Mittagshize ein wenig eingeschlafen und
hätte das Alles nur geträumt. Er war aber ein vor-
sichtiger Mann und beschloß -Alles zu thun und zu
raarra
ihrem Essen in den Häusern oder auf dem Felde
waren, er befahl der Baronin, bei ihren Kindern zu
bleiben und darauf zu achten, däß, keines derselben die
Stube verlasse, ehe die Mittagsstunde nicht ganz
vorüber sei, denn ihm habe geträumt, um Mittag am
Johannistage wwerde ein Unglück' geschehen. Wie sr
denn das Alles angeordnet hatte, schickle er das Küchen-
mädchen in den Saal hinauf, schloß hinter ihm die
Thüre zu und steckte den Schlüssel' in seine Tasche,
wonach er sich in sein Gemach begab. - Darüber kam
die Sonne hoch am Himmel hinauf, und wie die
Baronin so allein bei ihren Kindern saß und Alles
still blieb, und auf der weiten Gotteswelt und in dem
Schlosse Nichts, gar Nichts geschah, fiel ihr das schwer
auf das Herz, und es kam eine Angst und ein Miß-
trauen über sie, weil ihr Mann sonst keine Geheim-
nisse vor ihr hatte und ihr Nichts verbörgen hielt. Sie
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. L.. -

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schloß deshalb ihre Kinder, es waren ihrer drei, zwei
Töchter und ein Sohn, und das vierte war im An-
zuge, in die Kinderstube ein und schlich sich vorsichtig
loch zu gucken. Verwundert sah sie, daß ihr Mann
- - Jgllein' seik'. es war auch sonst nichhs Besonderes zu
?- sehen.. - Nun wußte sie sich aus dem Verbote vollends
. - Herz und sie fiel mit solchem Schlage zu Boden, daß
Worten ausgesprochen; jedoch es steht von seiner Hand
- geschriehen, noch heute in einem alten- Pergament zu
lesen.. Die Thüren des Saales standen offen; mitten
in dem großen Saale lag starr und todt. das junge
- Küchegmädchen, wie eine Königin angezogen, zu den
- Füßen eines scharlachrothen Thrones. Auf dem Throne
- sgßsder König, und so klein er:war, war er schreck-
-' lch anzusehen. Er streckte- zornig und mit finsterem
- Blcke sein flammendes Scepter gegen den Baron aus;
-' ,Weih, Ou,nicht Herr gewesen bist in Deinem eigenen
- Hause,' sprach ;er mit lauter vernehmlicher Stimme,
-- ,,wwollen,, wir; nicht mehr unter Deinem Dache wohnen;
z Weil ;u die Aygen Deiner Frau nicht. in Zucht ge-
, - hahen hast, sgllen meine Augen. nicht' mehr über Dei-
- nem Hause -wwachen, und weil Deine falsche Frau mir
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ihr Mann es in dem stillen Schlosse unten in' seinem
. er -dg gesehen undi gehörtn hat, das hat er nie üüit


-- Thüre, bis sie an den großen Saal kan. NAber wie
. - -Joch hindurchgucte, ;fuhr es ihr plözlich durch das
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-- keinen Pers zu machen, und ging von Thüre zu
- - Fe- sich daniederhückte: und wieder durch das Schlüssel-
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. nach ihres- Mannes: Zinmer, um durch das Schlüssel-
. - Zimmer hörte und die Treppe rasch hinauflief. -Was
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die Hochzeit mit meiner jungen Königin nicht ge-
gönnt hat, soll Dein Geschlecht nicht mehr wachsen wie
bisher, wenn ihr es nicht mit jungem, frischem Blute
erlöst. Der Sohn, den Deine Frau jetzt unter ihrem
Herzen trägt, soll so krumim werden, wie sie sich vor
dieser Thüre gebückt hat. WievielSöhne die Männer
Deines Hauses zeugen mögen, essollen Eures Namens
nie wieder sieben auf einnial' leben so' wie jetzt, und
Einer von ihnen soll, so lange Euer Naine fortbesteht,
zur Erinnerung an Deiner- Frauen Missethat einen
Höcker mit sich durch dasrLeben tragen! -Daniit Ihr
aber meiner Worte eingedenk bleibt, nimm hier den
Ring! - Den Ring- sall immer der Verwachsene
tragen, und wehe Euch Allen, wenn er ihn jemals
von sich thut!'-- Damit ist der Kleine und sein
Thron und das Küchenmädchen verschwunden.'' Ein
Bliz aber ist aus hellem Himmel niedergefahren in
das Schloß und in den Saal, daß er gleich in lichten
Flammen gestanden hat, und man die größte Noth
gehabt hat, des Feuers Herr zu werden.- Der Baron
und seine Frau haben, wie. Du Dir denken kannst,
zu Niemandem ein Wort von dem gesprochen, was
eigentlich geschehen war. Es hat im ganzen Lande
geheißen, der Bliz habe eingeschlagen und das'Küchen-
mädchen sei verbrannt. Als die Baronin dant aber
mit einem Knaben niederkam, und an dem nämlichen
Tage der eine Bruder des Barons ganz plötzlich mit
dem Tode abging, und vollends, als der Neugeborene
zu verwachsen anfing, da hat der Baron Mlles in dem
pergamentenen Familienbuche für ewige Zeiten auf-
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geschrieben und auch wegen des Ringes Alles fest-
gesetzt. Es ist auch Mlles so gekommen, wie der
Kleine prophezeit hat. Es haben nie wieder sieben
Herren von Falkenhorst zu gleicher Zeit gelebt, und
- unter ihnen ist immer ein Perwachsener gewesen, der
den Ring getragen hat. Ja, es sind mit jedem
Menschenalter der Falkenhorste immer weniger gewor-
. den, bis nun nur, ihrer Zweie noch am Leben sind:
der kinderlose Majoratsherr und der Baron Emanuel,
an dessen Aeinem Finger den Ring ein Jeder sehenu
kann.-Er trägt ihn an der linken Hand, und jein
- Diener sagt, er lege ihn selbst bei Nacht nicht ab,
-denn er ist eng und ist ihm wie angewachsen- an
dem kleinen Finger.
Sie erhob sich bei den Worten, fing in dem Zim
mer in dem großen Schranke aufzuräumen an, ging
? dann wie an jedem Abende noch durch ihre ganze
- Wirthschaft, wobei Hulda sie zu begleiten und die
nöthigen Handreichungen zu machen hatte, und sie be-
merkte es gar nicht, wie stumm das Mädchen war,
wiezängstlich es sich heute in ihrer Nähe hielt, wie
es geflissentlich vermied, allein in die dunkeln Wöl-
bungen des Kellers, allein denKorridor entlang zu gehen.
- Hulda schämte sich vor sich selber, aber sie hätte
viel. darum gegeben, hätte sie an dem Abende nicht
in dem Amthguse gewohnt, sondern -in dem engen
Kämmerchen des Pfarrhauses neben ihrer Eltern
Stube zur Ruhe gehen können. Ihr war angst und
hange, als sie sich, allein in ihrer Stube fand. Es
war vergebens, daß sie sich diese Furcht als eine Thor-
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heit vorhielt, daß sie sich sagte, die Erzählung von
Mamsell Ulrike sei im Grunde gar Nichts weiter als
das Märchen von Schneewittchen und den Zwergen,
das sie wer weiß wie oft vernommen hatte. Es klang
ihr heute nun einmal Alles anders, Mlles wunder-
barer und doch viel wahrscheinlicher als sonst. Es
war ihr nahegerückt, so nahe, daß.- es huschte Etwas
an der Außenmauer hin und schlug wwie mit breitem,
leisem Flügelschlage gegen die kleinen inBlei gefaßten
Scheiben, daß sie, sich schwingend; klirrten.? =- Was
war das? Auch auf dem Boden huschte etwas hin.
Was war das? Sie stand' vor dem kleinen Spiegel
und zog die Nadeln aus den' reichen blonden Flechten,
daß sie ihr tief und lang an dem schlanken Rücken
niederfielen. Wenn es nun nach ihren Flechten grife
-- oder wenn sie jezt in ihrem Spiegel das Gesicht
des kleinen Königs oder das bleiche Antliz des kleinen
todten Mädchens sehen würde? Sie fuhr' erschreckt
zusammen. Sie sah sich um, es war. Alles still, es
war Mlles dunkel in der Stube, und als wäre sie in
demselben geborgen, warf sie sich auf ihr Bett und
hüllte sich tief in ihre Decke ein.
Indeß der Schlaf, der treue Gefährte der gesun-
den Jugend, ließ fie zum ersten Male auch im Stiche.
Sie lag und lag und horchte und horchte, obschon sie
sich sagte, nicht in diesem Schlosse, sondern viele
Meilen weit von hier, in dem Stammschlosse der
Gräfin, hätten, nach der Tante Berichten, die Kleinen
gehaust. Für wen füllte aber die sonst so sparsame
Ulrike in der Kammer das kleine Näpfchen allabend-

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Lch mit Milch? Für wen streute sie, der. sonst jedes
Stäubchen, im Wege ein Aergerniß gab, die Körnchen
guf die Kellertreppe, wenn es nicht für die Kleinen
war? Wer, konnte es denn auch wissen, ob sie nicht
, demFerfluchten durch, das Leben. folgten, über den Ring
zun wachen, der ihn und seine Brüder an sie band?
wollte sie gewaltsgm von sich weisen, aber sie konnte
ihm, wenn er den Ring verliert?-Nicht einmal beten
- konnte sie, sie- hatte über ihre Gedanken nicht Gewalt.
ss flogen lauter fremde Bilder unfaßbar durch ihren
Sinn. Sie glaubte zu wachen und fuhr erschreckend
aus wirrem Kraume auf, um bald wieder in neues
räumen! zu versinken; und immer und immer wieder
sah -sie den Baron und seinen Ring, bis der helle
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- Morgen-- ihr' in die Augen schien und allem Spuk
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----Und doch, auch am Tage dachte sie daran, auch-
am Tage konnte sie, es nicht vergessen, daß ein böser
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und Machtgebild ein Ende machte.
-Zauber ; auf ihm ruhte, dem er schuldlos unter-
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? - Sie schauderte zusammen bei der Vorstellung, fie
sich gricht losmachen von der Frage: Was wird aus
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legen war.
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Kapitel 10

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Behutes Gapitel!!
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Um Bartholomäi beginnt in jenen Gegenden die
Jagd; drei Tage vor Bartholomäi träf deshalb die
Herrschaft, und zwwar gleich mit verschiedenei Gästen,
in dem Schlosse wieder ein. Man erwartete für den
nächsten Abend den jungen Fürsten, den Verlobten der
Gräfin Clarisse, deren Hochzeit durchgden Tod' ihres
Vaters hinausgeschoben worden war,! und erst gegen
das Neujahr hin in dem Schlosse bollzogen werden
sollte. Wenn man nun auch ders Trauer wegen zu
keinen lauten Festlichkeiten sich aufgelegt'fand, so
waren doch alle Theile voll. freudiger Erwartung. Die
Gräfin wünschte, daß ihr Schwiegersohn, der noch nie-
mals auf ihren Besitzungen gewesen! war, von dem
Schlosse am Meeresstrande einen guten- Eindruck. em-
pfange, daß der Stammsiz seiier künftigen- Frau ihm
in seiner ganzen Würdigkeit erscheine,' und sie wollte
daneben, daß der Tochter die letzten Tage und Wochen,
die sie als Mädchen in ihrem Vaterhause zu verleben
hatte, als freundliche Erimnerung:im Gedächtnisse blei-
ben möchten. -

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Es war ein klarer Nachmittag, die Sonne schien
sehr hell, die rothen Früchte der Ebereschen, die den

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Wirthschaftshof einfaßten, glänzten feurig zwischen ihren
grünen Blättern, als des Fürsten Wagen durch das
weit geöffnete Eingangsthor hereingefahren kam. Die
-- Gräfin und ihre Tochter standen an dem Fenster,
Glarissens weißes Tuch wehte dem Ersehnten schon aus
der Ferne ihre Grßße zu, und begleitet von dem
Baron, der dem Erwarteten eine Strecke entgegen-
geritten war, fuhr er freundlich grüßend an dem Amt-
hause vorüber.

- Hulda war neugierig vor die Thüre hinaus ge-
treten. Sie sah, wie der Fürst den Wagen rasch ver-
ließ, wwie- Clarisse ihrem Bräutigam auf der Ammpe
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des Schlosses entgegentrat, wie er sie umfaßte und an
seinem Arme in das Schloß hineingeleitete, wie die
Diener ; das Gepäck vomi Wagen nahmen und wie
Baron Emanuel's Augen den Reitknecht suchten, der
nicht gleich zur Stelle wax. Ohne sich zu besinnen,
eilte, sie über den Hof, ihn herbeizurufen; aber in dem
selben Augenblicke war auch der Reiter schon an ihrer
Seite,. und sich freundlich zu ihr niederbeugend,
während er stille hielt, um' dem herankommenden
Knechte sein Thier zu übergeben, sagte er:,Müssen
- Sie mich. denn immer durch Ihr- Erscheinen so liebens-
würdig überraschen?? -
- Er war abgestiegen, zog den Handschuh ab und
nahm die Erröthende freundlich bei der Hand.' So
ging er mit ihr über den Hof: und dem Amte zu.
Er fragte sie, seit wann sie in dem Schlosse sei und
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wie es ihr in demselben gefalle; aber sie antwortete
ihm verlegen und verwirrt, denn ihre Augen suchten
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den Ring an seiner Hand und brauchten ihn nicht
lange zu suchen. Der schmale Goldreif mit dem
dunkelrothen Steine war der einzige, den er;trug.
Es ward ihr sonderbar zu Muthe,, gls sie. ihn be-
rührte. Sie zuckte zusammen und hcb ihre Aügen zu
denen des Barons empor, daß sie seinem schönen
Bllcke begegneten.
, Wie Sie in diesen lezten Monaten gewwachsen
sind!r sagte der Baron. ,Als ich Ihnen zuerst be-
gegnete, reichten Sie mir noch nicht so Aug' inn Auge.
Sie werden bald die stattliche Höhe meiner Nichte
haben. Auch kräftiger und blühender sind Sie noch
geworden. Nun, ich hoffe, das Leben hier im Schlosse
soll Ihnen Nichts anhaben. Wenn aber,i' fügte er mit
einem so vertraulichen Lächeln hinzu, daß er ihr jung
wie sie selber und wie ein alter Freund erschien,
,wenn Ihnen aber dennoch von dem Einen oder von
dem Anderen hier einmal zu viel geschieht, so geben
Sie mir nur ein Zeichen, irgend eines-- ich werde
es schon merken, und dann komme ich und schaffe
Rath und Luft. Ich muß Ihnen doch den Dienst
vergelten, den Sie mir heute leisten wöllten.?! Er
schükkelte ihr mit Herzlichkeit die Hand und ging da-
von, ohne daß sie nur den Muth gewonnen hätte, ihm
zu danken. Es war für sie eben Alles so besonders,
was er sagte und wie er's sagte, daß sie darüber jedes
Mal das Antworten vergaß. --


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- Während sie aber in Küche und Keller hantierte
und der Mamsell beim Vapbereiten für die Lieferungen
zur Seite stand, welche jezt' reichlicher als je in die
Hände des Koches abgegeben werden mußten, dachte
Fie an den Baron. Was hatte er nur damit gemeint,
daß er ihr Hilfe bringen wollte? Was konnte ihr

denn- geschehen oder was konnte man von ihr begehren,
das über ihre Kräfte gehen möchte? Sie fühlte sich
zu jeder Arbeit fähig, und wie sie sich darauf im
Spiegel ansah, bemerkte sie es selber, daß sie groß
und Istark geworden war.
- lSie freute sich darüber, sie war überhaupt so -
fröhlich- und - so munter, daß sie an das Schlafengehen
gar nicht dachte. Die Nacht war noch so warm. Sie
machte das Fenster noch einmal auf, um Luft zu
schöpfen. Aus dem Schlosse tönte Musik zu ihr herüber.
Es war die schwermüthig pathetische Polonaise, welche
der polnische Graf Dginski der schönen Königin von
Preußen zugeeignet hatte. Man sagte, er, habe seine
Augen in verschwiegener Liebe bis zu ihr erhoben und
sei gestorben bald nach ihr.
Hulda hatte diese Polonaise immer gern gehört und
gern gespielt. DerVaterhatte sie mit ihrstudirt, sie kannte
sie genau, indeß so wie heute war sie ihr überhaupt noch
nicht in'sHerz gedrungen. Sie meinte es zum erstenMale
zu empfinden, wie die Musik zum Menschen spricht;
und zum ersten Male dachte sie mit Rührung an den
Schöpfer dieser Polonaise. Die Lichter verschwanden,
die Bogenfenster des Saales wurden dunkel. Dafür
begann es aus den Seitenfenstern herüber zu leuchten.

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Auch in den Stuben des Barons wurde es hell, bis
endlich die Lichter in dem ggnzen Schlosse erloschen
waren und der spätaufgehende Mond langsam über
den Bäumen emporzukommen und zwischen dem auf-
gestiegenen Gewölk seine sichere Bahn zu wandeln
anfing. Die vorüberziehenden Wolken parfen leichte
Schatten auf die Rasenpläze des weiten Gartens. Aus
der großen Kieferngruppe flog Nachtgevögel auf, das
Käuzchen rief vom Thurme, aus dem Weiher klagten
die Unken, und hie und da huschte wieder eine Fleder-
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maus dicht an dem Fenster hin wie gestern. Aber
heute erschreckte sie kein Naturlaut mehr, es störte äsie
nichts in ihrer stillen Glücksempfindung, keine Furcht,
auch nicht ein Bangen nach dem Vatexhause.
Sie war ja nicht allein, sie hatte den Beschüzer
hier in ihrer Nähe; und mit der Frage; ob sie. ihn
morgen wiedersehen werde, machte sie ihr Fenster zu, als
der Mond schon um das Schloß herum gezogen war
und sich zum Niedergange neigte.


Kapitel 11

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Gilstes Gapitel
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- ! Am Morgen, als die Sonne noch nicht völlig ,
über die Nebel Herr geworden war, welche um diese ,
-Jahreszeit in den Nächten von der See aufsteigen, aaitt
Glarisse mit ihrem -Verlobten, von dem Baren -be- -
gleitet, schon über den Hof und zum Portal desselben -
hingus, Man wollte ihm die Gegend bis zum Meere,
zeigen, ehe der Tag zu heiß ward. Wer nur ab-
kommen konnte von der Arbeit, trat auf den Hof
hinaus, den Bräutigam zu sehen, und es war der
Mühe werth, denn er saß wie angewachsen auf dem
Pferde und blickte mit den großen Augen so lebens-
froh umher, daß es eine Lust war, ihn zu betrachten.
Die Gräfin winkte den Reitern ihre Grüße nach, die
alte Engländerin stand mit ihr am Fenster.
Während die Gräfin so wohlgefällig ihrer Tochter
nachblickte, streifte ihr Auge Hulda, und sich zu der
Kenney wendend, sagte sie: ,Ich sehe die Pfarrers-
tochter drüben in dem Amte, hast Du sie schon rufen
lassen?
Miß Kenney verneinte es mit Hinweis auf ihr

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übeles Befinden während der Abwesenheit der Herr-
schaften.
,Du hast recht gethan, Dich zu schonen, denn
Deine Gesundheit ist wirklich schwach gewörden, aber
da Du Dich jezt besser fühlst, so lasse das Mäbchen
kommen und zwar gleich, damit: wir dann das Wei-
tere besprechen,! beschied die Gräfin sie und begab sich
darauf in ihr Arbeitszimmer, da es mit der Ankunft
des jungen Fürsten zugleich auf die Regelung der
Erbschafts-Augelegenheiten abgesehen war, und man
Vieles zu thuk hatte, was in nicht zu -langer Zeit
beendet sein sollte.
Auch Miß Kenney machte sich sofort' daran, der
Weisung zu gehorchen. Man hatte ihr, weil sie sich
gern im Freien aufhielt, nach der Gartenseite hin'zu
ebener Erde zwei Stuben eingeräumt, vor deren
Fenstern sich ein kleiner Blumengarten hinzog, und
ihr ein Zeltdach hergerichtet, nnter dessen Schatten sie
selbst am Mittage der Luft genießen konnte. Dorthin
ließ sie Hulda rufen.
In dem Glauben, daß es sich nur um irgend
ein Bedürfniß für die Beauemlichkett der alten Dame
handeln könne, eilte diese rasch nach dem Gartenflügel
und trat mit ihrem besten Knixe und mit der Frage,
was sie befehle, vor Miß Kenney hin.
,Sch befehle Nichts, mein Kind, ich wünschte nur,
Sie einmal zu sehen. Sezen Sie sich nieder. Da
Sie die Pathe der Frau Gräfin sind, so sind Sie
mir willkommen.! Sie sprach das leise, mit sanftem
Tone, und ihr ganzes Wesen stimmte damit ganz zu-

sammen, Es war Alles an ihr angenehm und wohl-
gefällig. Sie war nicht groß, nicht klein, und noch
fein,. ihre Farben so frisch, daß man darüber all die
vielen feinen Fältchen. übersah, welche das Alter und
und ihre Wangen einfaßten, verdeckten es, daß diesen
Wangen und Schläfen die Rundung der Jugend schon
seit. vielen langen Jahren fehlen mußte. Der weiße
Neberrock, das Häubchen mit den wasserblauen Bän-
dern, das blaßblaue türkische Shawltuch, das sie um-
geschlagen hatte, sahen hübsch an ihr aus, ugd die ;
völlig mädchenhafte Anmuth, welche der Greisin eigen
geblieben war, machte auf Hulda einen seltsamen, aber
herzgewinnenden Eindruck, der durch die Leichtigkeit,
mit welcher Miß Kenney es verstand, sie zum Sprechen
zu bewegen, noch gesteigert ward.
dem Wissen und dem allgemeinen Bildungsgrade ihres
arglos antwortenden Gastes zu machen, und als Hulda
.
dabei erwähnte, daß sie unter des Vaters Leitung viel
Müsik getrieben habe, daß sie ihr Klavier im Amts-
hause vermisse und sich mit der Guitarre, welche der
Vater ihr mitgegeben habe, so gut es gehen wolle,


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schadlos halte, sagte Miß Kenney, sie habe Vorliebe
für:dieses' Instrument, Hulda möge gegen den Abend,
wenn sie ihre Geschäfte für Mamsell Ulrike abgethan
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Ohne daß Hulda es bemerkte, wwußte die welt-
gewandte und erfahrene Erzieherin sich ein Bild von

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ihre Empfindungen ihrem Antliz eingeprägt hatten,
und die Menge grauer Löckchen, welche ihre Schläfen

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so schlank und aufrecht, daß es aus der Ferne über
ihr:Alter täuschen konnte. Ihre Gesichtszüge waren

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habe, mit ihrer Guitarre immer zu' ihr kommen. Und
wenn sie sich im Klavierspiele üben wolle, so könne
sie das Instrument benuzen, das in ihrer Stube stehe.
ja sie selber wolle sich gelegentlich wohl mit ihr noch
in vierhändigem Zusammenspiele versuchen. Sie stand
dann auf, führte das Mädchen in ihre kleine Woh-
nung hinein, ließ sie ein wenig präludiren auf dem
Klaviere, das ofen stand, und da Hulda dabei eine
der lithauischen Melodien anschlug, die sie liebte,
machte es sich wie von selber, daß Miß Kenney sie
aufforderte, das Lied zu singen. -
Hulda ließ sich das nicht zwweimal' sagen. Sie
kannte in ihrer Unbefangenheit keine Furcht und Scheu,
und nachdem sie ihr kleines Vorspiel noch einmal
wiederholt hatte, sang sie:
Ich will, ich arme Dirne,
Im Lenze, wenn im Garten
Die Rauten um die Beete,.-
Die Lilien in der Mitten, -
In ihrer Blüthe stehen,- -
Ich will sodann ein Sträußchen,.
Ein Pfand der Liebe, binden,
Und will' es in die Eerne,?
Ihm, den ich liebe, senden;
Nicht känn jch's selber bringen!
Und nicht durch And're spenden;'
Ich will die Stürme bitten, -
. e Daß sie's hinüber' weh'n!
Das Lied bewegte sich mit-elegischer Klage in
sanften Molltönen, gber selbst diese -gewannen durch
des Mädchens frische volle Bruststimme etwas Kräf-


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tiges, und als bei der Bitte in den lezten beiden
Versen die Haltung des Liedes sich zu hofender Zu-
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versicht erhob und die Sängerin diese Endverse zum
zweiten und dritten Male mit leiser Variation wieder-
holte, wie die Volkesweise es mit sich brachte, scholl
ihr von außerhalb ein Händeklatschen und ein mehr-
stimmiges Bravo entgegen.
Sie fuhr von ihrem Sitze auf und trat erschrocken
zurück, denn draußen vor dem Fenster standen die
Gräfin Elarisse mit dem Fürsten Severin und der
Baron; und Clarisse meinte, das sei eine der lieb-
lichsten lithauischen Melodien, die sie je gehört habe.
Hulda solle ihr die Noten gleich hinüberschicken. Auch
der Fürst lobte die Melodie, nannte sie sanfter als
die Melodien seiner Heimat und lobte noch mekr die
liebliche Stimme der Sängerin. Einer um den An-
dern fragte sie, öb sie schon Unterricht gehabt habe.
Man nahm ihre Antworten freundlich auf. Clarisse er-
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kundigte sich, seit wann sie in das Schloß gekommen
sei, und wie es ihren Eltern ergehe? Nur der Baron
war still und fragte Nichts.
Sie waren alle Drei noch in ihrem Reitanzuge,
waren, wie Clarisse sagte, eben erst vom Pferde ab-
gestiegen und hungrig und durstig zu Miß Kenney
gekommen, denn,! sagte sie zum Fürsten, , seit ich
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denken kann, habe ich ptein zweites Frühstück immer
bei und mit der guten Kenney eingenommen, und ich
bin sicher, es steht auch heute schon etwas Gutes hier
auf dem Tische für mich hergerichtet.!
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Indeß diesmal hatte fie sich in' ihrer Voraus-
sezung geirrt. Miß Kenney hatte nicht erwartet, daß
Glarisse auch nach der Aikunft ihres Verlobten an der
alten Gewohnheit festzuhalten denke, ußd, sie hatte den
Besuchern zu ihrem Bedauern also Nichts zu bieten.
Hulda aber hatte das kaum gehört, als sie es für eine
Kleinigkeit erklärte, aus der Wirthschaft der Mamsell,
die weit näher gelegen sei, als die herrschaftliche Küche,
sofort das Nöthige herbeizuholen; und sie war schon
auf dem Wege, noch ehe man es ausgesprochen hatte,
daß es willkommen sein werde. Auch' dauerte es nicht
lange, bis sie, von einer Magd gefolgt, wieder in dem
Gärtchen anlangte, und auf dem Tische, der unter dem
Zeltdache stand, mit rascher Sicherheit das Tischtuch
aufdeckte, die Teller und Schüsseln, die Weinflasche,
die Gläser und den kalten Jmbiß ordnete, und dann sich
freundlich und schnell, wie sie gekommen'war, entfernte.
Glarisse und ihre Begleiter hatten von dem Ritte
einen tüchtigen Hunger mitgebracht, sie nannten das
Frühstück unvergleichlich. Ihre gute Laune wurde
durch die bescheidene Umgebung wie durch die Freude
ihrer Wirthin belebt, und in ihrer Heiterkeit verlangte
die glückliche Braut, der Fürst solle in dem Schlosse,
das er gewöhnlich zu bewohnen pflege, in irgend einem
hübschen Theile seines Gartens eine solche Wohnung
mit solchem Gärtchen für ihre alte Freundin herstellen
lassen, denn auf dem Lande so ganz in nächster Nähe
zu Gaste gehen zu können, sei gar zu angenehm, und
bei der Kenney sei es ein- für allemal hübscher als
an jedem anderen Orte.
Fanny Lewald, Die Erlöserin. L
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Der Fürst versprach Alles, was Clarisse wünschte.
Miß Kenney war voll dankbarer Rührung über die
Anhänglichkeit der jungen Gräfin wie über die Ge-
- neigtheit des Fürsten, und weil sie in ihrer Bescheiden-
heit jedem lebhaften Lobe gerne auswich, meinte sie:
,Dann müssen Durchlaucht aber auch Sorge dafür
tragen, daß ein Mädchen wie die Pfarrerstochter das
Mahl aufträgt, denn das gehört gewiß mit zu dem
Wohlbehagen, das Sie heute hier empfinden.'
Der Fürst nahm ihren, Einfall auf. , Sie haben
Recht,. entgegnete er. ,Es ist durchaus nicht gleich-
gilig, wer uns das Essen zuträgt, den Wein kredenzt.
Die Fürsten und Herren früherer Jahrhunderte, die
- sich von schönen Edelkneben bedienen ließen, staaden
uns in richtiger Einsicht nach dieser Seite weit vor-
- als unsere sogenannte Dienerschaft: rohe Bursche, die
alle unsere Fehler von uns annehmen, ohne sie durch
unsere Bildung auszugleichen; Beobachter, die uns oft-
- mals feindlich sind, und vor denen wir uns dennoch
- gehen lassen.- Es ist das ein großer Nebelstand, der
mir immer doppelt einleuchtend gewesen ist, wenn ich
auf meinen Reisen in der Schweiz oder in Tirol mich
wwieder einmal von den artigen und perhältnißmäßig
guch gebildeten Töchtern der Wirthe bedient gefunden
habe. Sollte man denn dies hübsche Mädchen nicht
für unsern Dienst gewinnen können??
,Oh!r rief Clarisse, , die Pfarrerstochter? Daran
ist nicht zu denken, und was würde uns das eine
Mädchen helfen?
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aus. Es giebt. ja auch in der That nichts Lstigeres
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,Man müßte es nur für unsere persönliche Be-
dienung verwenden,! meinte der Fürst, ,so wäre man
wenigstens in dem engen Beisammensein die galonnirten
Horcher los.
Glarisse gefiel der Gedanke; auch die Kenney,
deren Herz an der jungen Gräfin hing, so däß sie
sich nichts Besseres denken konnte, -als dauernd mit
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ihr beisammen zu sein und ihr zu dienen, fannte ihn
sehr glücklich, und sie bemerkte dahei,, so viel Fie es
heute in den paar Stunden habe beobachten können,
! s besize Hulda eine Bildung, wwie man sie selbst in den
bevorzugten Ständen nicht eben häufig finde. Der
j ? sehr unterrichtete Vater habe die Tochter ofenbar muut
dem Einzigen ausgestattet, das er ihr mitzugeben im
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wohl belesen in der guten deutschen Poesie, sei des

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Stande gewesen sei. Sie sei für ihre Jugend sehr
Französischen ziemlich mächtig, habe eine recht hübsche
Fertigkeit in der Musik, und ihr gutes Organ, das
besonders im Sprechen wohlklinge, sei äuch eine an-
genehme Zugabe.
Die junge Gräfin lachte. , ch, die gute Kenney!
die gute Kenney!'' rief sie; sie ist schon wieder auf
dem besten Wege, sich in ihre Schülerin zu verlieben!
Sie ist grade wie Jean Paul.r?
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Der Baron, der bis dahin keinen Antheil an der
Unterhaltung über die Pfarrerstochter genommen hatte,
fragte, was sie mit diefem Ausruf meine.
,Sean Paul sagt irgendwo,! versezte sie: , Gieb
mir einen Tag und eine Nacht, und ich will lieben,
wen Du willst!? Bei unserer Kenney heißt es:
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,Gieb mir zu unterrichten, wen Du willst, und ich
will' ihn gleich von Herzen lieben. Die Mutter
hat sie aufgefordert, sich des Mädchens ein wenig an-
zunehmen, und die Gute hat nun nichts Eiligeres zu
zthun,- als sich gleich beim ersten vorbereitenden Ver-
süche für die neue Schülerin zu entflammeu. Weißt
Du, Liebe, daß Du mich eifersüchtig machen wirst?
Du bist viel schneller als Pygmalion. Du wartest
,Hast Du niemals einen wahren Künstler vor
seinem Marmorblocke oder vor seiner leeren Leinwand
stehen und sie liebevoll betrachten sehen?! fragte scher-
zend der Baron. , Er schaut sie schon mit den'Augen

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nicht erst, bis das Kunstwerk fertig ist, Du beginnst
gleich mit der Anbetung.!
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seines Geistes, die Schönheit, die er schaffen wird, wwo I
unsere weniger seherische Natur nur das rohe Material-=
erblickt. Das soll aber auf Hulda keine Anwwendung
haben, denn sie hat auch mich gleich das erstemal, als ?
ich sie- sah, für sich gewonnnen, und daß Deine Mutter
dies schöne Geschöpf den Händen der grillenhaften Z
Maisell Ulrike überantwortet hat, das finde ich
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nicht wohl gethan.!
- Die Kenney, welche jede Anordnung der Gräfin ,
aufrecht hielt, vertrat Ulrike, da sie dieselbe angegriffen J
sah; abex in ihrer fröhlichen Laune gefiel die junge P
Gräfin sich darin, ihrem Verlobten die abenteuerlich-

sten Schilderungen von der Mamsell zu machen, bis
auch sie- zu der Behauptung kam, daß Hulda durch-
,; aus nicht bei,ihr bleiben dürfe; und da sie wußte,
?? - wie-bereitwillig man ihr in den meisten Fällen nach- -,
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,Nimm sie doch zu Dir hinüber! Lu Dir gehört sie
hin. Hier kann sie uns, so lange wir noch hier ver-
weilen, unser Frühstück besorgen, uns ihre lithauischen
Lieder singen, sich an unsexe Bedienung gewöhnen,
denn ich finde den Gedanken, -sie für unseren beson-
deren Dienst mit uns zu nehmen, um so glücklicher,
als es mich freuen, ja einen geheimnißyollen Reiz für
mich besizen würde, Jemanden von unseren Gütern in
der neuen Heimath neben mir zu haben.!-
Troz ihrer Gefügigkeit machte die Kenney mit
der vorsichtigen und schwerfälligen Bedenklichkeit des
Alters Einwendungen gegen diesen Plan Clarissens,
soweit derselbe sie und ihre kleine Häuslichkeit betraf.
Glarisse jedoch war ihrer Mutter Kind und besaß die
ganze unbefangene Rücksichtslosigkeit der an das Be-
z fehlen gewohnten alten Geschlechter. Sie wollte es
nicht gelten lassen, daß in dem kleinen Stübchen nicht
hinlänglich Plaz für Hulda sei, daß es in der Schlaf-
stube an Raum zu einem zwweiten Bette fehle.
Scherzend und neckend führte sie den Fürsten,
wie sie es nannte, in den Vestatempel ein, und da
man sich in die fröhlichste Laune hineingeplaudert
hatte, fing der Fürst an, die Wände des kleinen
Schlafzimmers abzuschreiten, während er, da er musi-
kalisch war und trefflich sang, das erste Duett des
Rigaro, das: ,Sehne, zwwanzig, dreißig! ja, ja es geht!r
- mit heller Stimme lachend intonirte. Clarisse fiel
augenblicklich mit der Partie der Susanne ein, man
. schob das eine, dann das andere Möbel auf einen an-
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deren Plaz. Je lebhafter Miß Kenney sich dagegen
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gegenüberstand, um so herzlicher lachten die Stören-


friede; und die alte Freundin mit der Versicherung
umarmend, daß die ganze Einrichtung durchaus zu
ihrem Besten ausschlagen und daß Niemand mehr da-
miit zufrieden sein werde als gerade die gute Kenney
selber, eilte die junge Gräfin endlich davon, um sich
für die Mittagstafel anzukleiden.
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Kapitel 12

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Bwiftes Gapites
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Es kam der Gräfin sehr gelegen, daß' ihre'Tochter
in der fröhlichen Laune jener Morgenstünden eine Ein-
richtung vorbereitet hatte, die zu treffensie selber willens
gewesen war, und die. gute: Kenney z wa -- keine pon
den Naturen, bei denen man auf einen ernstgemeinten
Widerstand gegen die' Wünsche der Heiden Gräfinnen
-zu rechnen hatte. Sie wagte freilich ihre: kleinen Ein-
wendungen, erhob verschiedene: Bedenken, machte auf
mancherlei Schwierigkeiten' aufmerksgm, aberz da die
Gräfin von vornherein einschlossen wax, sie sammt
und sonders nicht anzuerkennsn, uitd- da ßlarisse, weil
sie durch Hulda's rasche Dienstwilligkeit einen an-
- - genehmen Morgen genossen hatte;, für dieselbe mit

größer Wärme eintrat, ja sie als zihren Schüzling
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erklärte, ward die Sache noch an' demn nämlichen Tage-
abgemacht, und Mamusell Alriken der Befehl gesendet,
Hulda zu Miß Kenney hinühegzieheß, zu;lassen.
JndeßMamsell Ulrlkefßte dieDingeaüf ihreWeise
auf. Sie wollte sich nicht vergebens überwunden, nicht
vergebens das Zugeständniß gemacht haben, Hulda bei
sich aufzunehmen. Sie hatte sich in den' wenigen

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Wochen daran gewöhnt, das Mädchen, das man ihr
als Stütze zugewiesen hatte, um sich zu haben, und
Hulda war ihr so zu sagen lieh geworden. Sie
- empfand es daher als einen Eingrif in ihre Rechte,
ja geradezu als eine Beleidigung, die sie sich nicht ge-
ließ, ihre neue Pflegetochter solle fortan Miß Kenney
zugetheilt und zu dieser übergesiedelt werden, und sie
ließ sich sofort bei der Gräfin melden, um ihr vorzu-
stellen, daß ; dies ganz unmöglich sei. Ihr habe der
- Pfarrer seine Tochter anvertraut, damit sie bei ihr den
- Haushalt erlerne und ihr zur Hand gehe, denn sie
brauche jetzt, wo das Schloß voll Menschen sei, und
- die Hochzeit noch mehr Gäste bringen werde, .eine .
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- Hilfe:. Ohne daß sie mit dem Pfarrer gesprochen habe,
könne und dürfe sie das Mädchen so wenig von sich
lassen, wie sie etwas von dem Inventarium, das ihr
- übergeben sei, aus der Wirthschaft in fremde Hände
- überweisen könne. Aber sie wolle noch am selbigen
I - Abende, in das Pfarrhaus fahren, und wenn der
- ? Vater dämit' zufrieden sei, so möge Hulda in Gottes
?- Namen zu der Engländerin ziehen, obschon es, nach
hrer bescheidenen Meinung für ein Mädchen, das auf
.; der Gotteswelt Nichts habe und besize, weit besser sei,
ordentlich in der Wirthschaft Bescheid zu wissen und
bei Leuten zu sein, die hierorts heimisch wären, als
feine Manieren und eine Sprache zu erlernen, die hier
herum kein Mensch rede, nach der auch weit weniger
- Nachfrage zu erwarten sei, als nach einer Wirthin, die


fallen lassen wollte, als man ihr ohne Weiteres sagen
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ihr Fach verstehe, und obendrein zu einer Person ge-
than zu werden, die doch wieder bald von dannen gehe.
Die Gräfin hatte fie ruhig sprechen, hatte sie alle
ihre Einwendungen völlig erschöpfen lassen, und weit
entfernt, sich ungehalten darüber zu, zeigen, sagte sie
sehr freundlich: , Ieh hatte das nicht anders von Dir
erwartet und Deine Gewissenhaftigkeit, die sich auch
hier bewährt, erfreut mich. Aber sei unbesorgt. Mit
dem Pfarrer werde ich selber sprechen; Wird Dir zu
schwer, was Du zu leisten hast, so kannst Du Dich
zur Ruhe sezen, sobald ich jemand Anderes sür Dich ge-
funden habe. Im Nebrigen ist es noch nicht gesagt,
ob Miß Kenney nicht für längere Zeit hier in dem
Schlosse bleiben wird. Mache Hir also keine un-
nöthigen Gedanken um das Mädchen, sondern sieh zu,
daß ich es morgen bei Miß Kenney finde, die ich eben
heute damit beauftragt habe, Hulda fortan in ihre
ausschließliche Obhut und Aufsicht zu nehmen.!
Sie fügte darauf mit freundlichem Worte eine
Anerkennung für Ulrikens bisher geleistete Dienste
hinzu. Die Betroffene war also genöthigt, sich dafür
zu bedanken; aber die Andeutung, daß sie allenfalls
zu ersezen sein würde, die Aussicht, daß Miß Kenney
länger als die Herrschaften auf dem Gute weilen könne,
hatten ihren schwersten Zorn erregt. Und wem Anderes
als Hulda hatte sie es zu verdanken, daß die Frau
Gräfin ihr sozusagen den Stuhl vor die Thüre gesezt,
und sie auf die Seite geschoben hatte, als ob nicht sie
und sie allein den ganzen Haushalt so im Gange ge-
halten hätte, alle die langen Jahre und Jahre hindurch.

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. Die Lippen fest aufeinandergepreßt, die Zähne zu-
sammengebissen, und Allem aus dem Wege gehend,
was ihr begegnete, so kam sie nach der Amtswohnuung,
um sich mitten in der Stube auf einen Stuhl zu
setzen und bitterlich und laut zu weinen.
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Hulda und der Amtmann eilten erschreckend zu
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r. Der Bruder wußte es, daß keine Rührung jenals
der Schwester Augen feuchtete, daß nur der bittere
Zorn sie weinen machte, aber es war lange Zeit ver-
gebens, daß man in sie drang, nur wenigstens zu
, sagen, was ihr widerfahren sei.
- Mit harter Hand stieß sie Hulda von sich, als
diese sich ihr zu nahen wagte. Sie nannte sie schel-
tend ihrer Mutter wahres Kind. Sie betheuerte, daß,
sie sich ihr ganzes Leben lang von keinem Menschen,
in dem auch nur ein Tropfen lithauischen Blutes sei,

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eines Anderen als - der Falschheit zu versehen gehabt
habe. Sie machte es dem Amtmanne zum schweren
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Vorwurfe, daß er sie überredet habe, der Gräfin zu
Willen zu sein und der falschen heuchlerischen Si-
- - monene und des unüberlegten, undankbaren Pastors
. Kind in ihr redliches Haus aufzunehmen. Weder des
Amtmanns Begütigen noch des Mädchens stummes,'
schmerzliches Erschrecken konnten die maßlose Empö-
rung der Mamsell besänftigen. Der Amtmann schickte
also' endlich Hulda fort, und als sei damit ein Bann
von ihr genommen, legte Ulrike mit einemmale beide
Arme auf den Tisch, senkte ihr Haupt darauf nieder,
als wolle sie die Welt, in der ihr so Etwas geboten
werden konnte, keines Blickes weiter würdigen, und
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wiederholte nur von Zeit zu Zeit ingrimmig: , Mir
zu sagen, daß eine andere an nieine Stelle kommen
könnte! Mir das zu sggen, das ist mein Todesstoß!
So hatte der Bruder sie noch nie gesehen. Kein
Zureden, keine Vernunft fanden Eingang bei ihr, und
was das Schlimmste war, der ganze Ingrimm, den
sie gegen die Gräfin empfand - und nicht zu äußern
wagte, richtete sich gegen den armen Pfarrer und die
Seinen. Sie verschwor sich hoch und heilig, die Kirche
nie wieder zu betreten, selbst wenn ihr ewiges Seelen-
heil dabei verloren gehen sollte. Sie versicherte, daß
weder der Pfarrer noch Simonene oder deren Tochter
jemals wieder ihre Füße unter ihren Tisch setzen,
oder auch nur über ihre Schwelle kommen sollten;
und da ihr bei der Gewohnheit, thätig zu sein, der
müßige Zorn bald beschwerlich zu werden anfing,
sprang sie urplözlich auf und erklärte, wenn man denn
Hulda von ihr nehmen wolle, so solle es auch gleich
geschehen. Noch an diesem Abende solle das Mädchen
zu der englischen Mamsell, hinüberziehen, - bei der das-
selbe es besser als bei ihr zu haben: glaube.
Es half Nichts, daß der Amtmann, daß Hulda sie
daran erinnerten,' wie diese Letztere. jar gar keine
Schuld an den neuen Anordnungen, der Gräfin trage.
Es war vergebens, daß der Bruder ihr bedeutete, wie
sie gar kein Recht habe, Hulda eher,- als sie dort er-
wartet werde, zu der Engländerin hinüberzuschicken,
wie sie damit dem Mädchen einen: üblen Empfgng
und sich selber Verdruß mit. der Gräfin bereiten könne.
Sie ging, ohne sich aufhaltenzu lassen, in Hulda's

-
Simmer, befahl ihr, ihre kleine Habe sofort zusammen-
zupacken, und es blieb dem geängstigten Mädchen denn
Nichts übrig, als nach einer flüchtigen Verständigung
-- mit dem Amtmamne sich an Miß Kenney zu wenden,
sie ihr nicht schon für diese Nacht das Obdach gewäh-
ren möchte, das sie in Zukunft neben ihr finden sollte.
- Hulda war sehr verzagt, als sie über die Schwelle
? - des Amthauses hinausschritt. Es war die erste Un-
gerechtigkeit, die erste Härte, denen sie zu stehen hatte,
und die ersten bitteren Erfahrungen sind schwer. Der
- kleine Weg, den sie zu machen hatte, kam ihr so weit
- vor, so weit, daß sie sich fragte, ob es nicht besser sei,
- -' sich nach der anderen Seite hin zu wenden und üach
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ihr das Geschehene mitzutheilen und sie zu bitten, ob

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dem Elternhause zurückzugehen, wo warme Liebe, wo
ein herzlicher Empfang ihr sicher waren, wo sie nicht
dem Schlosse? Das war die Welt, in die einzutreten
sie so sehr verlangt hatte? Jezt verstand sie, was der
Vater gemeint hatte, als er mit ihr, da sie fortgegan-
gen war, von dem festen Herzen und dem bescheidenen
Sinne gesprochen hatte, die man haben müsse, wenn
man unter Fremden lebe. Nun erinnerte sie sich;
was es auf sich gehabt habe, wenn die Mutter es bis-
weilen-hervorgehoben, wie das trockene Brot im Eltern-
hause ein Läbsal und ein Glück sei gegen den Lecker--
bissen;in fremder Dienstbarkeit. Sie konnte nicht vor-
wärts gehen, so schwer fiel ihr der Gang.' Es war ihr
gar zu bitter, so auf die Straße gestoßen zu werden;
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zu bitten brauchte, um des zärtlichsten Willkomms
theilhaftig' zu werden. Das also war das Leben in

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und weil sie trotz ihrer Stattlichkeit doch noch ein un-
erfahrenes Kind war, setzte sie sich nieder, und weinte
inbrünstig. Sie ward sich selber rührend, es kam ihr
vor, als sei sie von einem schweren Schicksal ,schwer
verfolgt, und tief aufathmend rief sie plözlich aus:
,Ach! Er hat es wohl gewußt! Er' hat es jä Alles
vorausgesehen! Er hat mir es ja gesagt, wenn mir
einmal zu viel geschähe, solle ich ihm ein Zeichen geben,
dann werde er kommen, dann werde er mir helfen!?
Kaum aber hatten ihre Gedanken diese Richtung
eingeschlagen, als sie sich sofort ermuthigt und, wie sie
es in der unschuldigen Phantastik ihrer:Jugend nannte,
entschlossen fühlte, auf dem Plaze auszuharren und zu
dulden, auf den der Wille Gottes sie gestellt: Sie kam
sich damit plötzlich wie verwandelt vor. Sie hatte
keine Ahnung von dem raschen Selbstbetruge, mit wel-
chem sie ihr eigenes Sein und Wesen zu einer Roman-
figur verklärt, um es arglos bewundern zu kön-
nen. Sie ahnte es ebensowenig, daß damit eine neue
bewegende Kraft in ihr rege und zugleich Herr über
sie geworden war.
Als sie an die Thüre von Miß Kenney. klopfte,
als diese Hulda's Augen von Thränen geröthet fand, als
sie, deren weiche Seele Niemanden weinen sehen konnte,
die Frage an sie richtete, was ihr geschehen sei und
was sie zu dieser ungewohnten Stunde zu ihr führe,
da kam jenes phantastische Empfinden des Verstoßen-
seins auf's Neue über Hulda, und die Arme um den
Hals der Greisin werfend, während sie das schöne
Antliz an der Brust derselben barg, bat sie dieselbe


so dringend um ihren Schutz, als stünde ihr nicht in
nächster Nähe das liebevollste Vaterhaus noch offen.


10
-
- Auch Miß Kenney schien daran nicht zu denken.-
Der Anblick, die Lage, die Bitte des Mädchens gingen
ih. zu Herzen. Sie verlangte es ja im Grunde gar





KKE

nicht besser als helfen, trösten, lieben und sich in
Sorge für Andere selbst vergessen zu können. Alle
ihre kleinen Bedenken, alle ihre Scheu vor. unbeque-
mer Störung ihrer Ruhe traten schnell davor zurück.
Sie umfaßte Hulda, sie schloß sie mit Zärtlichkeit an
ihre Brust. Sie nannte sie ihr Kind, ihre Tochter,
.
sie:wußte, was der Jugend wohlthat: und wie dann

nie. zuvor gefühlt zu haben, selbst gegen die eigene
. Mutter nicht.
-. -- Was die Gräfin geplant und allmälig zu er-
? - reichen gewünscht hatte, das hatte ganz unerwartet der
- Eine Tag geschaffen. Die fröhliche Willkür der Ver-
- lobten, die eifersüchtige Reizbarkeit von Mamsell Ulrike
J - hatten Hulda und Miß Kenney schnell zusammen-
- geführt; denn daß sie das junge Mädchen im entschei-
denden Augenblicke aus freier Entschließung bei sich
aufgenommen hatte, das machte der an Abhängigkeit
Gewöhnten, der man selten eine freie Wahl gelassen
hatte,' ihren Schützling nur noch lieber und noch werther.
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derselben emporsah, meinte sie ein so volles Vertrauen

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Kapitel 13

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Neber Hulda's Eintrltt ln Miß Kenney's Woh-
nung mußte ein guter Stern gewaltet haben,: denn es
stiegen damit, heitere bewegte Tage- für das schöne Kind
empor. Da die Gräfin und -das Braütpaar ihre be-
sonderen Absichten mit Hulda hatten, und die Kenney
geneigt war, die Nebersiedlung ihrer neuen Pflege-
befohlenen als ihr eigenstes Werk zu betrgchten, nah-
men sie Alle mehr, als es sonst irgend zu erwarten
gewesen wäre, Theil an ihr. Jeder -wollte Etwas für
sie gethan wissen, man wollte He porwärts bringen,
und da ihre ntürliche Geschicklichkeit, wie ihre gute
Gewöhnung und Bildung, ihre Dienste den Frauen
angenehm machten, ihre Schönheit dieMärinei für sie
einnahm, so ward sie bald von dieser, ;bald voi jener
Seite in Anspruch genommen. Wo! aber wohlwollende
und dazu unbeschäftigte Menschen ihreiAchtsamkeit erst
freundlich auf Jemanden gerichtet haben, der von ihrem
guten Willen abhängt,-gehört nicht. viel' dazu, ihnen
denselben lieb und ihn zu' einem besonderen Günstling
zu machen. Es par, als suche man nach den Grün-
den und Anlässen, welche eine so plözlich entständene

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. Vorliebe erklären könnten, so eifrig hob man die klei-
-' nen Fertigkeiten des Mädchens hervor, so geflissentlich -
- begehrte man seiner Dienste.
Heute rief man sie in das Schloß, damit sie der
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jungen Gräfin versuchsweise das Haar nach lithauischer
Sitte in Flechten, wie sie selbst sie trug, kranzartig
um die Stirne winde; morgen ließ man sie kommen,
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knüpfen, welche in Lithauen die landesüblichen Liebes-
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gaben sind; und da die Verlobten ohnehin nach jenem z
ersten Morgen daran festhielten, Miß Kenney zum
Frühstück zu besuchen, ward Hulda mehr und mehr z

daran gewönt, sich unter den Augen der Schloßherr- -
schaft zu bewegen, wie diese sich daran gewöhnt, sie ,
um sich zu haben, und zutraulich mit ihr zu ver-- ?
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Einige Wochen waren so entschwunden und sie
hatten eine auffallende Veränderung in dem Mädchen,
heryorgebracht. So lange Hulda im Amthause ge-
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wesen, war sie, wie man dies als selstverständlich an-

gesehen hatte, an jedem Sonntag-Morgen zur Kirche
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geschickt. worden, und die Mutter hatte ihr gegen den
- Abend hin, das Geleite bis in die Nähe des Schlosses
gegeben, so daß sie mit den Eltern in einem bestän-
digen, Verkehre geblieben war. Jetzt aber, seit man
anfing, ihre Dienste im Schlosse zu verwenden, mußten
der Kirchenbesuch und die Heimkehr in das Vaterhaus
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der Jagdzeit noch häufiger -als- sonsk im Schlosse vor-
sprachen; und da' man am Sonntage nicht jagen
mochte, war man eben für -diesen Tag aufl andere
Zerstreuungen bedacht. - Das Tanzen-' war wegen der
Familientrauer ausgeschlossen, eine:Unterhaltung wollte
män für die länger werdenden Abende dennoch haben,
es wurde also zu dramatischem Lesen; zu Musik: und
zu allerlei Schaustellungen-gegrifen. Das machte
schon in den Morgenstunden mänichfache Vorrichtungen
nöthig, für die mann Hulda'sHilfö! brauchbar fand,
und da man allseitig gewöhnt war, über die zum
Schlosse gehörenden Personen in völlig freier Un-
bekümmertheit zu verfügen, so dachte man, sofern man
Hulda nöthig hatte, weiter nicht daran,-ob sie die
Eltern und die: Kirche besuchen- konnte oder nicht.
Wenn sie dann. nach längerem Ausbleiben, wie-
der einmal nach Hause kam, erschiensie. ihren Eltern
bald wie eine Fremde. Ihrei schlichte, fast ärmliche
Tracht. hatte durch die Geschenke, welche:Elarissens ver-
schwenderische Geneigtheit ihr beiIjedem Anlasse zuzu-
wenden liebte, sehr bald sein: anderes Aussehen ge-
wonnen. Sie wußte sich und ihre Kleidung -anders
zu tragen als bisher, und da sie viel-Anlage zum
Beobachten und Nachahmen besaß; nahmsie, ohne es
zu - wissen, allmälig. -die. Redeweise. der- Personen an,
in deren Nähe sie so, häufig- weilte. Ihr Gesichts-
kreis, ihre Maßstäbe veränderten sich ebenso, und wenn
gleich ihre Liebe und ihre Ergebenheit für die Eltern ganz
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kurzer Frist so völlig in. ihre neuen Verhältnisse hin-

engewachsen und so: ganz von ihnen hingenommen
und erfüllt, daß die Mutter mit Besorgniß bemerkte,
wie jehr . ihre Voraussicht sich bestätigte. - Auch der

Pfarxer, konnte, es sich- nicht verbexgen, Ndaß das Su-
sammenleben. mit, den Vornehmen auf - seine Tochter
anrders, wirke, gls dereinst auf ihn. Das war freilich

igzihrer verschiedenen Stellung und bei ihren verschie-
. denen.- Charakteren sehr erklärlich. - Denn wwie zu-
- trauensvoll und schicklich man dereinst in der gräflichen
-' Familie. ihn auch begegnet wgr, -hatte gerade sein
- Selbstbewußtsein, ihn daran gehindert,jemals: seiner
Abhängigkeit, oder: der: Entfernuung. zu - vergessen?
- , welche, seine Lebenslage von der Lebenslage. jeiner,
- Patrgne trennte. Das war bei Hulda nicht der
- Fgll., Sie hatten gar keinen Anspruch zu: erheben,
keines amtliche Würde oder sonstige Bedeutung zu
behaupten. Sie konnte sich also in völliger Unbe-
fangenheit dem angenehmen Eindrucke überlassen,
. welchen, die Freundlichkeit, die man ihr erwies;
- -- in; ihr, hervorrief, und da es ihr nebenher uicht
-'' entging, daß die jungen Männer sie um ihrer Schön-
heit-willen, beachteten und suchten, während, der aus-
drückliche Schutz, den Comtesse Clarisse ihr angedeihen
ließ, sie vor jeder. ungebührlichen Annäherung behütete,
war es ganz natürlich,. daß sie befreite und erhob,
was ihren Vater in engen Schranken festgehalten hatte.
-z ;Ihre sichtliche Sufriedenheit, ihre glückliche Heiter--
keit, welche ihr in dem Schlosse Freunde machten, beun-
- ruhigten die Eltern. Hulda schien es völlig zu ver-
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währen, daß die Herrlichkeiten, deren sie sich. freute,
mit welcher sie das Nebelwollei von Mamsell. Ulrike
trug, seit sie sich nicht mehr in, demi Bereiche ihrer
Grillen fühlte, wollte und konnte den Eltern. nicht ge-
fallen, denn sie hatten dässelhe-zu sentgelten; dennoch
wagten sie aus Unterordnung unter öen Willen der
Gräfin es nicht die Tochter öhneweiters in nihr Haus
zurückzunehmen; aber. beide Eltern Fahen, esl als, ihre
Pflicht an, sie mit ernsten Erniahnnungenunahlässig an
die Enge ihres Vaterhauses undan -ihre beschränkten
Aussichten füt die Zuküift mahbend zu Ierinnern.
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gessen, daß der Aufenthalt der Herrschaften nicht ewig
bald zu Ende gehen würden.. Selbst. die Leichtigkeit,
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Was konnte das in. deniSinne des lbhaft in die
Ferne strebenden und ohne sejn Suthun. zu freier Ent-
faltung angeregten Mädchens- abeüffruchten, als daß
es dieses scheu vor dem Besuche im. Waterhause und
ihm das Schloß und seine Bewohner nur noch werther
machte.
WennHulda liebevsll indfreudig zu ihren Eltern
hingekommen war, schied'sievon deiselbenfgst immer
eütmuthigt und mit schweren Sorgen. Hatte sie die-
selben am Sönntage nicht besuchen-können, o dachte
sie die Woche hindurch stets' daran, daß dies den Eltern
unlieb sein, daß es ihr Tadel: zuziehen werde, und
weil es sie so unglücklich mächte; sich nicht wie sonst
der unbedingten' Zufriedenheit' ihrer Eltern wersichert
zu wissen, hatte sie bisweilen, bwenn man ihrer im
Schlosse gerade nicht bedurfte, die Erlaubniß erbeten
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und erhalten;n einen der Wochentage bei den Eltern

zuzuhringen: - -



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. -!. -Vön: einen solchen Besuche kehrte sie an einem
Machmittage -heim. - Die Eltern Beide waren eine
Strecke' mit ihr gegangen und hatten ihr noch auf
dem Wege in einer Weise ermahnend zugesprochen,
die. sie nicht zu verdienen glaubte. Ehrerbietig schwei-
gend hatte sie sich inihrem Herzen dennoch gegen die Vor-
stellungen derEltern aufgelehnt, aber in demAugenblicke,

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als siesvon ihr geschieden waren, als sie sichi nach. ihnen
umwendete und wieder umwendete. und, die theuren Ge-
stalten-ihrem Auge fernund ferner zu entschwinden be- P
ganmnen, hatte sich ihrer eine- bittere Reue über ihre innere F
-Widerspenstigkeit bemächtigt. Sie hatte sich kaum ent-


-haltenkönnen, ihnen, nachzueilen, um:ihnen, noch einmal L
-um den Hals zu fallen und ihre Verzeihung zu erbitten.
-Man war jedoch zufällig an diesem Nachmittage später
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als gewöhnlich aus der Pfarre aufgebrochen, der Abend
sank also bereits hernieder, und der lezte Theil des
Weges, den Hulda zurüczulegen hatte, ging durch' den
dichtbewaldeten Theil des Schloßgartens, in dem es
immer früher dunkel wurde. Dazu, hingen. heute die
dicken grauen Wolken bei der Winbstille tief und be-
wwegüngslos hernieder; troz der späten Jahreszeit war
es noch sehr schwül und Hulda fühlte sich davon be-
klommien und gedrückt. -
- - Als sie- an das Gehege des Parkes kam, fing es
zu regnen an. -Sie schlug ihr Tuch über den Kopf
-und beschleunigte den Schritt. Aber es wurde dunkler
und dunkler, und sie sah den Ausgang des Waldes
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immer noch nicht vor sich. Von,den. breiten Aesten
der alten Tannen tropfte. der Regen nieder,. die anderen
Bäume hatten ihr Laub schon abgeworfen. Das Laub
war trocken. Es -raschelte unheimlich unter ihren
Füßen. Alle Augenblicke meinten sie, daß Jemand
käme, daß irgend etwas ihr begegnen würde. Sie sah
sich ängstlich nach allen Seiten um; und wenn sie
dann Nichts, gar Nichts, erblickte, als die tiefe, graue,
Alles mehr und nehr -in ihre Schatten verhüllende
Nacht, so wurde ihr nur' noch: banger und sie ging
endlich rastlos vorwärts, ohne einen Blick nach rechts
oder nach links zu: wagen. Mit. -einemmale fuhr
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sie auf.
Wie aus der Erde gewachsen, stand des Fürsten
Kammerdiener neben ihr.- Er- hatte sich einen.
freien Nachmittag erbeten, um auch einmal auf die
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Jagd zu' gehen; denn obschon- das: nicht seines Amtes
war, war er doch ein guter Schütze, und nebenher
sozusagen des Fürsten rechte Hand, dessen,Milchbruder
er war. Der Fürst setzte um dessetwillen einbesonderes
Vertrauen in ihn, und . hatte ihm:immer eine bevor-
zugte Stellungrin Feinem Haushalt. zuerkannt. Es
war auch für seine Erziehung -allerdings weit mehr
geschehen, als sonst für einen. Diener z geschehen
pflegte. Er war mit der Feder wohlbewandert, wußte
sich sehr gut zu betragen und machte auf Reisen oder,
wenn es sonst nöthig: war, selöst desFFürsten Sekretär,.
so daß die Dienerschaft im Schlosse ihm höflich diesen
Titel gab, wenn siewvielleicht im Geheimen auch anders
von ihm sprach. -

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- Hulda erschrak, wie sie den Kammerdiener des
Fürsten- sö'unerwartet neben sich erblickte: -Er lachte
übeö? dies Erschrecken.: So schreckhaft? Und doch -so
Siendein her?! fragte er, und es fiel. ihr unangenehm
aüf, -däß er sie nicht mit ihres Vaters Namen an«
er -ihr, in? den Zimmern einmal' einen Auftrag über-
mitteln mußte: Sie sagte, daß sie bei ihren Eltern
I , Das ist kein Unglück, darüber machen: Sie sich
keine Sorge! meinte er. ,Man muß die,err-;

schaften durchaus nicht mit seiner Pünktlichkeit? ver-
wöhnen; sie werden dann immer. nur: noch anspruchE-
voller hnd. denken zuletzt, daß man eine ;Maschine sei,
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unserem Hause sein werden.!
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- Hulda verstand nicht, was er damit sagen wollte,
- -aber da sein vertraulicher- Ton sie belästigte, gab sie
- ihüi Jeine Antwort, sondern ging -raschen Schrittes
- votwärts, umso bald alsmöglich seiner Gesellschaft
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JJedig zu werden. Das schreckte ihn indessen. keines-
wegss ab.; - -
- ,Ich -sehe wohl,! sagte er,, Siefinden meine
Deikungsart nicht in der Ordnung. Im Herrendienste
- ift e- aber anders als imVaterhause, und wenn' man
es nicht dahin bringen -kannn, als Herr mit stolzem
Selbstbewußtsein sich und seinen edelen Neberzeugungen
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sprach,. wie er es im Schlosse stets gethan hatte, wenn
treten habe. - -
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spätftund so allein, Mamsell Hulda? Wo- kommenI
gewesen; sei und ihren Rückweg leider zu spät ange-
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und Reigungen zu leben, so muß man sich entschließen,

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zu sehen, wwie man sich als Dienender behaupten, und
doch dabei für sich noch ein Stückchen menschlicher
Freiheit herausschlagen, kann. -Freilich, jo lange mit
mir Milchbruder -vorgestellt und Spielkamerad auf-
geführt wurde, wwar ich auch sehr edel; sehr pflichttreu,
und wer weiß was sonst. noch:Mlles! Seit ich aber
die hohe Ehre genieße, meines fürstlichen Herr Milch-
bruders Kammerdiener zu. sein, Nhabe ich' darin all-
mälig nachzulassen gehabt. Man hmuß- durchahrs nicht
edler sein wollen als sein Stand: Ichthue als Diener
meine Schuldigkeit, im MNebrigen sorge ich für mich.
und weil sie gerade so wie ich daran sind, und mir
auch so voll guten Glaubens zu sein scheinen,. wie ich
es einst gewesen bin, Mamsell Hulda, so thun Sie mir
in Wahiheit leid: Ich mein' ses auf Ehre gut mit
Ihnen, denn mir könnte es ja huur Lieb sein, wenn Sie
mit uns kämen. Aber Sie sind -gütex Leute Kind,
sind jung und schön; also jehen Sie sich vor ünd be-
sinnen Sie sich zwweimal; ehe Sie' sich entschließen.!
Hulda wußte sich keinen Rath. : Der. Gebanke,
sich mrit diesem ihr fremden, zur Dienerschaft gehörenden
Mapnne -in der Einfamkeit und in, der von ihm an- -
geschlagenen Weise in Erörterungen- über ihre Zu-
kunft einlassen zu sollen, bwiderstrebte ihr je. länger
umsomehr. Seine Andeutungen, und Ermahnungen
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mußten sich jedoch auf irgend Etwas gründen, er mußte
von den Absichten, welche - die Herrschaft über sie hegte,
mehr wissen, als man ihr gesagt hatte, und sie ent-
schloß sich also endlich zu der: Erklärung; wie nie
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davon die Rede gewesen sei, daß sie ihre Eltern ver-
lassen,: oder daß die Herrschaften sie mit sich nehmen

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s ,Sie wissenn' noch Nichts davon? fragte der,
Sekretär; ,mun, damn werden Sie wohl so ziemlich die
Einzige in dem ganzenSchlossesein, die es noch nichtweiß,
daß: der Fürst von Ihrer Schönheit ganz bezaubert ist
und' däß er es ist, der die Comtesse auf den Gedanken ge-
- brächt hat;Siezu ihrerpersönlichenBedienung mitsichzu
nehmen. lWissenSie es wirklich nicht, daß Sie-nur

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des Anlernens wegen zu der Engländerin gegeben
eäk=n werden, amit Sie sic gehsrg i =e =s (
- sind? däß Sie nur darum so oft in däs Schloß ge-
Dienste einarbeiten, die Siesfürdie Comtesse zuleisten -
häben werden? Ob man üicht: nebenher noch vielleicht
andere- gute Dienste- vön Ihnen fordern wird,' das
wiid sich dann' wohl später zeigen. Aber so viel weiß!
ich,. und das werden Sie sich wohl auch selber sagenn
Kammerjungfern oder Gesellschafterinnen - denn das
läuft ja Alles ganz auf Eins hinaus - mit einem
Worte; schöneFrauenzimmer, die der Mann bewundert,
habenauf die Gunst der Frau nicht lange Rechiung;
und wenn Sie nicht einen guten Freund in Ihrer
Nhe haben, Mamsell Hulda, auf den Verlaßi, so
-- wirds es mit Ihnen aüch nicht lange gehen. Das
sage ich Ihnen schon im Voraus und das können Sie
mit glauben.! -
-- Jedes seiner Worte war für Hulda wie ein Stichh
durch's Herz. Was sie verstand und was der Sekretär
sie i arglistiger Vertraulichkeit errathen lassen wollte,
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erschrecte und empörte sie.-Niemals waren auch nur
ähnliche Dinge in ihrer Gegenwart besprochen, niemals
solche Gedanken in ihr rege geworden. Es fehlte ihr
daher die Möglichkeit, sich gegen- diese Mittheilungen
- zu verwahren, oder nur zu -sagen, wiie sie sich davon
beleidigt fühlte: Sie schwieg und machte es: sich doch
zum Vorwurfe, daß siees that:Sie suchts nach einem
Worte der Abwehr aund konntegeswüichtfinden, weil
sie unwillkürlich mit gespannter- Angst der Rede ihres
Begleiters folgen: mußte, die: ebenso'' wie' der Regen,
der stark und jtärker: gewordenrwar, auf siehernieder
fiel. Sie konnte sich gegen denselben auch-nicht anders
schützen, als indem siet:sottschnellzals r nöglich die
Lichtung des Parkes ünd den GartenflügelkdesSchlosses
zu erreichen strebte,. in welchem sie' bei Miß: Käenney
ihre Wohnung hatte. --
Als sie nur erst. das Licht'aus den. Fenstern der
Gärtnerwohnung schimmern sah, an welche die ihre an-
stieß, kam sie sich wie gebörgen vor. Aber in dem
Augenblicke, in, welchem sie den Fuß: auf die Schwelle
setzte und nach, dem Drücker der- kleinen Phüre faßte,
trat der Sekretär -ihr häher, n ergrifcihre Hand und
sagte: ,Ich sehe' an Ihrem Erschreckeü; : daß meine
ehrliche Warnung-l bei Ihnen haüft denhrechten' Boden
gefallen ist. - Die Aügen gehen beiso Etboasfreilich auch
dem Stärksten!über, uüd: man käim nichk gleich' deutlich
sehen, wenn man im Dunklen gesesen hätuuunnd plötzlich
in ein helles Licht gebracht. wird.' Neberlegen: Sie sich
die Sache also; Mamsell. Hulda, :und. wenn Sie einmal
um Rath verlegen sind, so bin ich da. Rath giebt es

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-für-Alles in der Welt!' Wollen Sie mit uns kommen;
so- sagen Sie es mir: Ich für mein Theil könnte es
nur, wünschen. Es sind-am Ende auch Mittelchen
und:Wege:da, auf denen es Ihnen, so wie mir zum
Besten dienen könnte, wenn - Sie. mit uns kämen,
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z - Sie' hatte. sich gleich von ihm loszymachen ge-
strebt, er' hatte sie aber bei den Händen festgehalten,
znd- zu -rufen - hatte- sie nicht gewagt,. weil sie um
keinen Preis' mit ihm. gesehew- werden mochte. Wie er
jedoch. bei. seinen lezten: Worten ihre Hand an seine
Lippen!ziehen -und siekumfasseii wollte, stieß sieihi
mit- einem leisen ?Aufschrei von' sich fort, drückte die -
Thüre auf und eiltesin das Haus.
-- Indeß bei der tiefen Stille hatte troz' des nieder-
fallenden Regens die Gärtnersfrau, die in der Hinter-
stube beschäftigt gewesen war, den leisen. Schrei; und
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Hulda entgegnete, sie. sei schnell gegangen, wweil' der

Regen'sie-überrascht habe. Zulezt sei sie gelaufen
und vor; der Schwelle ausgeglitten. Als sie das schwer
durchnäßte Tuch. zurückschlug, das ihr Haupt bedeckte,
fiel. der -Frau ihr ganz verstörtes Aussehen auf.- Sie
wollte ihr helfen, rasch die nassen Kleider abzulegen,
wolltesiezun Trocknen aufhängen, indeß Hulda wies-all
ihre Dienste ab. Sie schämte sich vor ihr, als könne die
Frau ihr ansehen, daß sie die Unwahrheit gesprochen

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das Iheftige Deffnen der Hausthüre gehört. Sie kam
mit dem- Lichte in: der Hand, zu sehen, was es gäbe.
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und; wenn -Sie so viel freundlichen Antheil an mir
- nehmen,:wollten, alssich -an Ihnen,:schöne: Hulda!? :

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Kapitel 14

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Vierzehntes Gapitel. -- -

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-. Miß Kenney war noch nicht zu Hause. Sie
- pflegte, wenn die Gräfin nicht anderweit beschäftigt
-war, immer gegen den Abend zu ihr hinüberzugehen,
und je nach den Wünschen derselben in dem Schlosse zu
bleiben oder sich zurückhuziehen.
Weil es durch den Regen in den Stuben dsa
, tief gelegenen Erdgeschosses kühl' und feucht war, hatte
die Gärtnersfrau, welche Miß Kenney zu bedienen
hatte, ein Feuer angezündet, die beiden Lichter auf den -
Tisch gestellt und sich danach entfernt. Wie dann
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Hulda sich umgekleidet hatte und sich allein fand, über-
fiel: sie eine wahre Herzensangst.

Sie nahm das Licht. und leuchtete in den beiden

-- keinen Stuben rund umher. Sie öffnete die Thüren
- der Schränke, sie schob, obschon sie es selber kindisch
und unwernünftig nannte, die Vorhänge an den Fen-
stern zurück, sie schloß die Laden an der Hinterstube
und hätte auch gerne die an der vorderenSeite zuge-
, macht, hätte man fie nicht immer offen gelassen, bis
-- das alte Fräulein von dem Schlosse zurückgekommen
war. Jedes Gefühl des Behagens, ja der einfachsten

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Sicherheit war von Hulda gewichen, sie war in einer
Aufregung, die ihr keine Ruhe ließ. -
Um sich zu beschwichtigen, nahm sie eine Stickerei
zur Hand. Miß Kenney hatte dieselbe zu einem Hochzeits-
geschenke für Clarisse. bestimmt; Hulda sollte:ihr bei
deren Vollendung behilflichl sein. IndeßdienGeängstete
vermochte nicht zu nähen. Sie kan iichtshon-der Stelle.
Sie verzählte die Stiche,. sie versahles in den Farben
über dem Gedanken,: wem -jie. es sagen sollte, daß sie
nicht im Schlosse. bleiben. könne. Am liebsten' hätte
sie es den, Eltern unumwunden. -angezeigt, wäs ihr
geboten worden war; aber sie hatten- sie Geide: so ernst
verwarnt, besonders. die-Mutter lhatte. es ihr so nach-
drücklich vorgehalten, daß ihr, einem: Mädchen aus
guter Familie, des Pfarrerst Tochtety -keine Kränkung
widerfahren könne, wenn ihr Betragen nicht dazu den
Anlaß gäbe, daß sie troz ihres guten Gewußtseins sich
vor ihrem Tadel ifürchtete! Sich. an die junge Gräfin
oder an die Gräfin-Mutter zu wenden. und ihnen zu
sagen, daß sie sich nach Hause-sehne, schien ihr ebenso
unthunlich. Ihre bisherige heitere:Zufriedenheit mußte
die Unwahrheit solchen, ßorgebens ghne weiteres ent-
hüllen; und wenn ihr, Baron Emanuelauch angeboten
hatte, sie in Schutz zunehmen, -gerade' in diesem Falle
konnte er ihr nicht helfen, weil ihm zu bekennen, was
sie eben jetzt erlittenß hatte, vollends. ganz unmöglich
war. Es blieb also Niemaid als Miß Kenney übrig,
und eben. heute ließ die Kenney auf- sich warten,
und mit jeder Viertelstunde wuchsen Hulda's Ungeduld
und Pein.


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- Sie war schon zu, verschiedenenmalen: än däs
Fenster getreten und -hatte auf den Weg hinaus-
gesehen. -Der .Abend war sehr dunkel, das Licht in
der-kleinen Handlaterne, mit welcher Miß Kenney sich
vonr gSchlosse in ihre Wohnung- hinüber 'zu leuchten
pflegte, wollte sich nicht blicken lassen. Hulda' mnuußte
gfehen, wwie sie sich über das -Alleinsein und das
lange' Warten forthalf. Glücklicherweise fiel es ihr
ein, daßn der Vater ihr ein paar neue Nebersetzungen
vonl lithauischen Liedern mitgegeben hatte, die sie für
den Baronin das Reine schreiben sollte, und weil dies
in jedemFFalle gethan wwerden mußte,ehe sie das
Schloß' berließ, wwollte sie des lieber gleich besorgen.
Es war aber' wirklich, als sollte ihr heute Alles schwer
, und. Alles nur zum Schmerze werden; als hätten die-
Lieder, die sie wer -wweiß wie oft von ihrer Mutter
hätte singen hörew und die sie selbst pon Kindheit än
hnvollex. Seelenheiterkeit gesungen hatte, sich mnit
einemmal''verwandelt. - :
- -- Wie: eiw altvertrautes Wiegenlied, fast bedeutungs-
- los waren die Verse:
. .
-Aröhlich in der vielgeliebten. Deimat,
-- Eine rothe Preiselbeere, sproßt' ich; --
..- - - In der Eremde,liebeleerem Lufthauch,. --
- Weh, zu welkem Birkenlaube werd' ich!
vön Kindheit auf an ihrem Ohre hingeglitten;' jett,
da-sie Hie niederschreiben sollte, gingen sie ihr tief zu
Herzen, Ehe' sie es hindern konnte, fielen ein paar
, Thränen, die lezten Worte verlöschend, auf das Blatt;
- und da die Jugend es liebt, sich in ihrem Schmerze

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zu steigern, weil der Schmerz sie noch - wie älles Neue
reizt, gefiel sie sich darin, sich den Abstand ihres
früheren und ihres gegenwärtigeü Zustandes in grellstem
Gegensaze auszumalen, bis die Vorstellung, wie es
ihr sein werde, wenn sie nicht mehrin diesenhübschen
Stuben wohnen, nicht mehr die Personen sehen und
sprechen werde, die sie Alle so gütig-behandelt hatten
und die ihr Alle; Alle so werth -geworden waren,
die Oberhand über sie gewann und'sie zu neuen
Thränen rührte.
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vor der Schwelle vor demHause. -Sl ?Ftand äuf,
trocknete rasch die Augen-und öffnetes die Siubethüre,
um ihrer Beschützerin sogleich zur Hand zu sein. Statt
der Erwarteten stand jedoch Baron Emanuel 'vor ihr,
und den leichten Mantel von sich werfend; den er des
Regens wegenumgenommen hatte, sagte er: ,Machen
Sie die Thüre zu, damit Miß Kenney- keinen Luftzug
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In dem Augenblicke hörte fie Schritte draußen
fühlt; ich trete augenblicklich ein!r .
Hulda, die das uwvorhergesehene Kommen des
Barons sehr überraschte, denn er wax' noch niemals

am Abende bei ihnen gewesen, bemerkte, daß Miß
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Kenney noch nicht vom Schlosse heimgekommen sei.
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,Wäre ich denn zu früh gekommen?n fragte der
Baron, indem er, eintretend, die Ühr herauszog. , Sie
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hatte mir gesagt, sie würde um sieben Ühr zü Hause

sein, und ich wollte einige Briefe von meiner Mutter
und verschiedene kleine Aufzeichnungen derselben, die
sich auf uns und unsere Erziehnng beziehen,' bei, ihr
- einsehen.!
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18
---? Er ;sezte sich auf den Lehnstuhl neben dem Tische
-
nieder, Nder wwor dem Sopha stand, und wie er. nun
imLichtezu Hulda hinüberblickte, die an dem Tische
stehen. geblieben war, fiel ihm die Thränenspur an
ihren' Augen und der Ausdruck ihrer Mienen auf.
?- - Sie bemerkte, daß er sie beobachtete und wendete: sich
-, gon?ihm; ab. !-Aberser-ließ' es nicht dabeibewenden.
-lnge nichti gesehen. Sie waren heute uund gestern
nicht im Schlosse?- - -
I,Miß Kenney war gestern. leidend!! bedeutete.sie.
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- , Und heute?! fragte er.
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. - Er, erkundigte sich nach dem Ergehen des Vaters,

sie, gab Iefriedigenden -Bescheid, aber weil ihr das
Herz so schwer war, fielen ihre -ntworten. so kurz
und -so.: befangen aus,. daß es Emanuel befremden
muußte- Er neigte sich zu ihr, sah ihr mit dem Wohl-
pollen, das er. ihr stets bewiesen hatte, voll und
freundlich in, das Auge- und fragte: ,Haben. Sie
einen:- Verdruß gehabt? Hat Mamsell Ulrlke Sie
gekränkt? Denn geschehen. ist Ihnen Etwas. Ich
kenne Sie. gar nicht wieder.. Wo haben Sie denn
heute Ihre fröhliche Stimme und Ihre hellen Augen,
liebes. Kind?? -.
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- - . Heute bin ich bei den,Eltern. gewesen!! gab -jie
ihm zur, Antwoxt. -'
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es, indeß sie, beruhigte ihn damit nicht. -
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- Sieschwankte, schien ihm Etwas sagen zu wollen,
'unterdrückte es dann gewaltsam, und weil ihr dgs so ,
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schwer ankam, sezte sie sich, niedex und jtüzte ihre
Stirne auf. die Hand.
So hatte Emanuel' ie nie, gesehen. - Er, wußte
nicht, was er von ihr denken -sollte und Frug doch
Scheu, noch weiter in jie zu Iringeg, wejl seine
Kragen ihre traurige Befangenheit gesteigert ,hatten.
Er erhob sich von, seinem Sessgl,zaud, übex sie ge-
beugt, auf das Blatt herniedersehend, gn- dem sie ge-
geschrieben hatte, sagte ler, um ihr gu Hihße zu kommen:
,Oh, Sie waren für, mich. beschäftigt? Dafür bin ich
Ihnen dankbar.! Hr' gmuahm dgbei, das Blatt zur
Hand und las die Verse, laut. - y
,Wie einfach und wie schön ist das,hny Alusdruck
und in dem Heranziehen, der, nächstliegenden Ver-
gleiche!! bemerkte. er, indem er; diePerse,atoch einmal
wiederholte. ,Wenn die Melodie dem Porte entspricht,
ist das wirklich ein Muster, von einemt Polksliedchen.
Hat Ihr Vater mir die Melodie wuielleicht guuch auf-
geschrieben?-
Sie verneinte es; da sie,aber sagte, daß Fie sje
kenne und daß die Melodie sehr weich und traurig sei,
verlangte er sie zu hören, und ging selbst, nach der
Ecke, in welcher Hulda's Guitarre an der Pand hing,
um sie ihr zu reichen..
Es kam ihr schwer an, eben jetzt, und eben:dies
Liedchen singen. zu sollen, das -sie cheute selbst so sehr
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gerührt hatte, doch gab sie der Forderung des Barons
in der Gewohnheit des Gehorsams, nach, ;und gtachdemt
sie mit leichter Hand den Saiten! ein, pagx, Akkorde
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Fanny Lewald, Die Erlöserin.; F-
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zür Einleitung entlockt hatte, sang sie ihm das kleine
Lied. Indeß die Gemüthsbewegung, die sie bis dahin
zu'untekdrücken getrachtet, ließ sich, nun sie derselben
in Tönen wider ihren Willen den rechten Ausdruck
geben mußte, länger nicht bemeistern. Ihre Stimme
Fitterte, ihr ganzer Kummer - und der erste Kummer
eines jungen Herzens ist immer leidenschaftlicher und
tiefer; als sein Ailaß es erfordert. = klang aus den
Tönen wieder. Emanuel, völlig hingerissenvon dem
Tiede und von ihrem Vörtrage, wollte ihr eben' mit
währer Künstlerfreude seine Bewunderung aussprechen,
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da legte sie die Guitarre'fort, und rasch aufstehend,
wollte siesich in die andere Stube flüchten.-
- Er vertrat ihr den Weg, um sie zurüchuhalten.
Er wußtesich ihr Betragen nicht zu deuten, und tkoz -
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jungfräulichen - Verschlossenheit des Mädchens immer'
ein Zug von Leidenschaft verborgen, der, wenn er ein-
mal'' hervorbrach, ihn überwältigte und hinriß. Hulda
war ihm inzmer schon wie die verkörperte Volkspoesie
erschienen. Ihr ganzes Wesen stimmte für sein Em
-pfinden nit ihrer eigenartigen Schönheit vollkommen
zusammen, und alle Jugendschöne erfreute ihn doppelt,
»weil er die seinige einst so schwerZverschmerzen lernen.
Wäbeinkonnte er sich jenes Mitleides nicht entschlagen,
Adaser mit Hulda von Anfang an' gefühlt hatte, seit -
die' Gräfin:' sie aus dem Elternhause fortgenommen, -
-undümwdillkürlich seinen Gedanken Worte gebend, sagte
er: , Sie gehören nun einmal nicht hieher.
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-seiner Welterfahrenheit fühlte er sich nicht frei wie
-sonst. Es lag in der völligen Natürlichkeit, in der


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Das wär'mehr, älssie erträgen konnte. - , Nein,
nein!r rief sie, indem sie sich niedersetzte und. ihr Ge-
sicht' mit den! Händen verhüllte. =ch muuß auch fort,
ich mnuuß zu meinen' Eltern! Morgen! mnorgen gleich!
Und Sie; ach Sie werdenSwohlösot-gut sein-und, es
der Frau Gräfin sagen?!tSie- brachten weiter Nichts
hervor.
,Cber was denn? Was soll ich neiner Schwester
sagen?
,Daß ich nach Haass' muß!! sagtezsie- kaum ver-
nehmbar: -? -
Er schüttelte,in-schweigender Besoxgniß das Haupt.
-, Wenn Sie nur.Vertrauen zu gnirghären!k sprach er
nach einerWeile -und fügte dann hggzu: ,Eie kann
ich Ihnen helfen, wenn ichicht einmgl weiß,-was
Sie so quält?? .Er hatte ihre-Hand ergrifen und
mit der anderen Hand ihren Kopf leise emporgehoben.
Wie er sie so ansah, wie sie die; schönen, kummer-
vollen Augen auf ihn richtete, wallte ihm das Herz
von einer Zärtlichkeit äuf, die er nie empfunden hatte,
und sich zu ihr niederbeugend, küßte er ihre Stirne.
In dem Augenblicke trat Miß Kenney. in die
Stube. ,Ich habe Sie ohne mein Verschulden
warten lassen, Herr Baron!' sagte sie; aber als sie
Hulda in der Ecke an der Thüre des Nebenzimmers
sizen sah, als sie ihre Aufregung, und die Bewe-
gung Emanuuels gewahrte, hielt sie inne. Sie war
zu vorsichkig, -um -eine Frage thun zu wollen, auf
welche sie die Antwort nicht zu hören, oder doch wenig-
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,steüsanicht jetzt zunhören wünschte;: und Emanuel' kam
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. J;Wiesgut, -daß Sie. nur endlich,. kommen!! rie
Näsüigt-eineräEahrhaftigkeit, die hre Besorgniß schnell
Gbeischsuchte lyIch häbe Sie. schon lange. undfmit An-
dgebüld?eiwärtet? Den armen Mädchen' muß irgend
Etwas zugestoßen sein, und ich konnte mich nicht ent-
-chließei, es sich selber zu. überlassen.. Nün, Sie wer-
denja erfahren, was es ist, und besser zu helfen ver-
- stehen,t als äich in meiner: Unbehilflichkeit.! -
-- Er lächelte dabei, gab der alten Freundin die
-Hand, prach Hulda noch freundlich zu, und sagte im
-Hinausgehen: ,Wegen der Briefe meiner-Mutter
komme ich morgen wieder, nnind. .dann höre. ich auch
?wohl- von Ihnen, liebe Kennney, was hier geschehen
ist, und- ob und wie man helfen kann. -
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Kapitel 15

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ünfzehntes Gapites.
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Die Gräfin hatte sich inzden lezten,Tagen nicht
ganz wohl befunden-nd -deßhalh- den, ?oxnittag -in
ihren Zimmern zugehracht, zu;denen,in ohhen Zeiten-
außer ihrer. alten;Gopverngnteh derey zücksichtsvoller
Beschesdenheit HeHicher war, Riemzand - Zutritt hatte
den sie- nicht zu sich fordern ließ.; -? --
Miß Kenney wgGsan- dem Moxgen: zeitiger ge-
kommen, als;sie pflegte,rund hatte, git aller nöthigen
Rüücksicht auf den , Charakter, der, Gräfin und auf alle
obwaltenden -exhältnisse, Jexselhen, Mittheiltng von
den Vorgängen' gemachth, diezsichs- am-'perwichenen
Abende zugetragen -hatten. ,;
- - Die Gräfin Pörte- ihr zu, ohnesie guch gur mit
einem Worte oder mit,,eineßtzZeicheg, dex Mißhilligung
zu untexbrechen; zghegsnech Vehgzeie;Feney, Sejt ge-
wann, die Frage, aufzuwerfeg, oh die, Gxäfin es ges
rathen finde, dem Perlangen Hulda?s zngchzugeben, die
sogleich zu den Eltern zurüchukehxen, wünsche, rief sie:
,Ich habe-mih also, doch, jn dem Menshen nicht, ge-
täuscht! - Er ;hat etwas Lauerndes'Fn seigen. Mienen,
etwas Zweideutiges in. seinem, ganzen: Betragen; er


1Bs
war mir vom Anfang an verdächtig. Dieser Michael
-- - muß fort! - Nicht als ob ich Etwas von Demjenigen
g'- glaubte, was er seinem Herrn anzudichten sich unter-
fängtl' fügte sie ebenso schnell hinzu. ,Der Fürst -
! llebt Clarisse und ist ein Ehrenmann. Er weiß, was
. er seinem Hause und seiner Ehre schuldig ist, und es
kommt kein Zweifellin niir gegei ihn aüf. Indeß, wenn
- «
schön Jugendfreunde an und für sich eine bedenkliche


Zugabe für eine junge Ehe sind, so ist es ein solches
Mittekbing - von Freund''und Diener sdoppeltß' und
.
diseöhät'dbeiein niehr von einems Seapii in sich,
- - glsfür deiFrieden eines Hauses gut ist: Die Be-
-? illigkeit eines solchen Dieners findet ' immer-die Mög-
lchkeitI zu schaden, weil sie alle Wege und Hiitei«
, thüren kennt. Er muß fort, gleich in den nächsten
Tägen, und zwwar für imimer- fort.! -
- Miß KenneE war der nämlichen Ansicht. 1Und -
ineinte sie, ,die Stellung,' welche -das Brautpaar -in
sinem künftigen Haushalte Hulda einzuräumen ge-
- denkt1 hat auch' etwäs Gefährliches für alle heile -
- Die Gräfin sah sie verwundert an. ;Du häsk
-- döch ßichtsgeglaubt, daß ich ernsthaft daran denke, sie
Cläihssenkitzugeben? fragte sie. --
Wuichlaucht und die Comtesse haben aber mit
- mir sehr !aüsführlich und sehr ernsthaft davon ge-
spxochen;'bemerkte die' Gouvernaite. -
- -- -,Glarisse' war imnner ernsthaft in allem ihrem
Spiel' und -würde desselben doch leicht überdrüssig,
wenmn man sie darin nicht störte,! entgegnete die Gräfin.
- FDas eißtDu so gut als ich. Und der: Fürst? =--
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Er hat jetzt nur Ein Verlangen-- ßlarissens. Besiz.
Weil er sie begehrt, nimmt en- jeden Einfall, jeden
Wunsch von ihr als einen, Theil;ihres Wesens ;in sich
auf und macht sie zu den seinen; und ich hin weit
davon entfernt, dies ;irgendwie zu stören,: Mitgehen
aber soll Hulda nicht ,mit, ihnen. Sie- bleiht, in Deiner
Obhut, und sie bleibt zunächst im Schlosse, pdamit man
sich nicht etwa fragt,- weshalb wir;sie, die wvir eben
erst bei uns aufgenommen, haben, wieder von uns
thun müssen.! -
Die sichere Festigkeit der Gräfin, war- für ihre
alte Gouvernante stets der Gegenstand= einer stolzen
Bewunderung, und Einsprache gegen sie zu' thun, war
überhaupt nicht ihre Art. Indeß, sie, schien diesmal
doch noch Etwas auf dem Herzen zu haben, das sie
nicht ohne weiters zu - sagen, und doch anzuhringen
wünschte.
Die Gräfin hatte sich zrhohen und war gn ihren
Schreibtisch gegangen. Da ihre, alte Freundin sich
nicht entfernte, wendete sie sich nach jhr um. ,Pün-
schest Du noch Etwas, meine Liebe,! fragte sie, , oder
worauf wartest Du?
,Ich stehe noch Jier, entgegnete;Miß Kenney,
,weil ich nicht einig guit mir hin, ob ich besser thue,
zu sprechen oder zu, schweigen.?
Die Gräfin sah sie mit ihren klaren Augen prü-
fend an.
,Ich dächte, versezte sie darauf, Du und ich
kennten einander lang genug, um- Dir darüber keinen
Zweifel zu lassen. Ist es Etwas, was Fch wissen muß,

=-- - =feeew=g.r rD :- -
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sosage mir auch das Verdrießliche und grad heraus.
Isk es - Etwas, was- ohne mich, was durch Dich oder
duich! Andere ätuusgeglichen werden kann, so laß- mich
äus' dem SpieleR -
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Pä st''nur'ehne Vermuthung, die ichhege und
die -ich' Ihnen' nticht sorenthalten'möchte, weil Stemich
döch bielleicht ? früher oder'' später dafür'- verantworilich

-Iinchen könniten,'sagte Miß Kenney; und' noch leiser
sprechend, als sie es öhnehin zu thun -pflegte, fügte
sie, hinzg: ,Ich glgube, Baron Emanuel hat mnehr als
eine FewöhklichesTheilnahme' für Hilda.-'
?? -Es glitt ein Läicheln über die ernsten Züge der
Gfii,Ich Pgbe duch bemerkt, versezte sie, zdaß
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ikein Briüder sehr freundlich niit ihr verkehrt, daß se
sie öiel beträchtek, aber wir dürfen ihn wohl gewähren
lässe. Bei seiner Denkungsart, bei denFEntschlusse,
.-
den er leider für sich und seine Zukunft gefaßt hat,
bei' öek' Kälteß welche' er manch freundlicheni' Entgegen-

kommnen vöin' Frauen bisher entgegensezte - mit einer
-- Art 'bon -Eigensinn entgegensezteist es ja recht
FiEt'und'ihnnzi gönnen, daß seine Phantasie ihr auch
- einmah das Herz erwärmt, es vielleicht aufthaut; und
- GrleiöeSröhüehin kicht' lange mehr hier. =- Da-

fskt wollte sie ihre alte Freundin entlassen, als diese
jedoch schon in der Thüre stand,' rief ste dieselbe noch
siümcl'züäck!
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- ,Daß gber in dem Mädchen keine Einbildungen
- -äüfkominen! sagte sie mit Strenge. ,Erinnere sie
- stets dargn, daß ihres Bleibens unter uns nicht ist,
belche!äiideie Andeutungen' Clarisse ihr vielleicht auch

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machte oder. machen könnte. ? = Sie hielt einen Augen-
blick inne und setzte damn hinzuc- ,Ich-ühabe einmal
selbst daran gedacht, sie, ims: fpäter Sielleicht !bienstbar
heranzuziehen, aber sie ist dazu zu schön. - Sie fällt
den Männern auf, siebeachten sie schonn jettt. zu sehr,
und Clarissens Vorliebe für sie -würde däs Nebel.
ärger machen. Sie bleibt also am besten, woCsie ist.
So lange ihre ßltern leben, ist das ja äucher. ihr
vom Geschicke zugewiesete Platz, wenn- sich' nicht eine
Heirat für sie: findet: Lunächst-also- Hehälst Du- sie
bei Dir. Es wäre; -wie ich schon' gesagt, sehr unge-
schickt, sie plözlich zu entfernen. -Sie muiß es lernen,
vorsichtiger zu werden -e sie und auch die- Eltern.
Gieb ihr und ihnen, dieses zu' verstehent!= Dann
aber, als käme ihr plözlich nöch ein Gedanke, sprach
sie: , Hast Du mir nicht gesagt, mein Bruder habe
heute zu Dir kommen wollen, die - Briefe unserer
Mütter bei Dir einzusehenr und sich?zu erkundigen,
was dem Mädchen gestern zugestoßen sei? ,
Die Kenney bestätigte ihr dies. MNun gut!!
veksezte' dieGräfin, -,so gehe gleich hinüber,schicke
ihm die Briefe und theile ihm -dabei schriftlich mit,
was jch von Dir erfahren habe. Sass? ihn jedoch. nicht
ahnen, daß ich darum weiß. Er ist ein: Freund des
Fürsten, hat ihn'seiüerzeit zü uns geführt und Severin
gibt viel auf meines Bruders Urtheil. Mäche Emanuel,
aufmerksam auf die Gefahren, welche ein Diener wie
Michael einer jungen Ehe bringen kann. Sage ihm
in Deinem Namen Alles, was Du als meine Ansicht
von mir hörtest. Du kannst das um so eher thun.
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18
da ich. Hulda Dir- übergeben, habe und Du mir, wie
den:Eltern,s für. sie, einzustehen hast. Füge hinzu, daß
. Du' ihn in das Vertrauen zögest, um mir einen un-
angenehmen Eindruck zu ersparen. Ich wünsche: der
- Angelegenheit fern zu bleiben, die wir am besten den
beiden Männern überlassen.?


.t? FSie dankte' darauf. der Greisin, und. es war
nicht-das erste Mal, daß die Treue sich eines -solchen
geheimen Auftrages- zu entledigen hatte. Sie hatte,
so, oft es geschehen war, eine Genugthuung darin em-
pfunden; denn auszugleichen, zurechtzulegen, um Zu-
sammenstöße zu vekmeiden, das hieß wecht eigentlich
in ihrem Sinne handeln,- und wie sehr sie auch; in
den Ansichten der Gräfin aufging, wie auch das Wohl-
ergehen des gräflichen Hauses und der beiden gräf-
lichen Frauen den. Mittelpunkt aller ihrer Gedanken
bildete, ß. hatte sie auch ihr bescheiden Theil von
Selbstsucht, und hatte der eignen Jugend und der Er-
fahrungen nnicht vergessen, welche sie in ihrer Dienst-
bärkeit gemacht hatte.
D -»Hulda war ihr lieb und werth geworden. Sie
neben sich zu behalten, sie zu fördern, zu beschützen,
war: der guten Seele jetzt eine Herzensangelegenheit,
und sie kannte den Ton, den sie Emanuel gegenüber
anzuschlagen hatte, als sie sich zum Schreiben niedersetzte.
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Kapitel 16

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Sechszehntes Gapiies --
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Die Männer hatten eben. indem-- großen' Saale
des Erdgeschosses die Billard»Partie beendet,' die Je
nach der Tafel- zu spielen- pflegten, und wollten sich
bei der hereinbrechenden -Dmunkelheit für ein paar
Stunden in ihreZimmer zurücziehen, als man Emnanuel'
einen Brief überbrachte. äDa es nicht der Posttag
war, bemerkte der Fürst es als etwas. Besonderes;
Emanuel jedoch, der die Handschrift-kannte und nach
dem Umfange des Briefes den Inhalt errathen zu
können glaubte, steckte ihn ruhig ein. Man stieg ge«
meinsam plaudernd die Treppe hinauf und. trennte
sich erst oben in dem Korridor. -
In seinem Zimmer angelangt, eröffnete Emanuel
das Päckchen, und kaum hatte er die Augen auf Miß
Kenney's Schreiben geworfen und Hulda's Nanen in
demselben bemerkt, als er die pergilbten Blätter von
seiner Mutter Handschrift schnell zur' Seite legte, um
ben Brief der Kenney zu durchfliegen..
,Das also war es!! rief ers zornig; mit dem
Fuße aufstampfend; , da muß Hilfe geschäfft Eerden
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! - nach beiden Seiten hin, und zwar sogleich!! Uid ohne


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- Fich weiter aufzuhalten, schritt er eilig durch das kleine
. Vorgemach, welches seine Zimmer von denen des
Fürsten trennte, klopfte an dessen Thüre und meldete
sich selber an.
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n- Es war noch dunkel in dem Gemache, nur in
- ds anstoßenden Schlafzimmer standen die Kerzen be-


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reits angezündet,, dex;Fangegßßzgg,gr in demselben
-beschäftigt. Als der Fürst die- Stimme des Barons
vernghm, erhob er sich, ihm entgegenzugehen, und be-
fähl Michäel,, die: Lichter zu bringen. -Da man im
- Schlosse. .daraufi hieltzh einander-in, den Stunden,
nelche.iricht dem Beisammnensein! gewidmet waren, z
nicht zustöreii, entschuldiFte Emanuel .sein Kommen.
FEs isk obenein: ein' äigerlicher Vorfall?sagtu:er,
- ,der mich veranlaßt, gegen alle Drdnung?bei. Ihnen
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einzudriügen.b
Bn Michael: hörte; das, während er die Armleuchter
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auf deitTisch' stellte; er' sah auch den Brief, welchen
man- dem Baron. vorhin überbracht -hatte, in dessen
Hand,' und es mochte eine böse Ahnung in: ihn auf-
sßeigen, denn er erkundigtersich,i -ob der Fürst noch -
Etwas jü befehlen habe, oder ober sich entfernen' dürfe.
-' Der Baron kam des Fürsten Entscheidung. zuvor.
- ;HeißenlSie ihn warten,! sagte er, wir. könnten seiner
noch bedürfen.?
,So warte!!: gebot -der Fürst, dem Ennanuels
Verhalten auffiel: Michael zog sich zurück, der Fürst.
nöthigte seinen Gast, sich nniederzulassen, und der Baron,
dem die Befremdung-seines Freundes- nicht entging.
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erklärte ihm sofört, er konime geradedieses Menschen
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wegen.-
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,Ich befinde mich Ihnen' gegenüber, in einer mir
sehr peinlichen Lage!' sagte er. ,Ich bin,igezwungen,
Ihnen Fragen vorzulegen, die mir- niht zustehen, und
von denen ich im Voraus sicher bin,wwie Sie sie mir
beantworten werden. Undb doch muß ich die Ant-
wort von Ihren Lippen hörenf?I I
Der Vorgang wurde deni Fürsten dadurch nur
noch räthselhafter. Er ,war ernsthäft ehborden wie
jeder Mann; dessen Fersönliche. »Veihältisse män
unberufen -anzutasten unternimmt, -aber sein.- Auge
ruhte mit offener Festigkeit auf. dem. Oheim seiner
Braut. ;ch stehe zu jeder Aüskunft bereit,k sagte
er, ,die Sie von mir begehren können!? -
- ,Nun denn, mein Freund,sind -Sie Ihres
Dieners völlig sicher? fragte der Baron. .
,Die Frage ist weitreichend und nicht einfach mit
einem Ja oder Nein zu beantworten. Seiner Fhr-
lichkeit bin ich durchaus versichert;.imebrigen.ist er
ein Diener! Ich känn ihn benüzen, Sie Jeden, dessen -
Eigenschaften und- Fehler ich kenne. Er liebt es, sich
ein Ansehen zu geben, und das zwingt mich, ihn kurz
zu halten, sonst ist er brauchbar. Aber- welch? eine
Bedeutung kann das für Sie haben? Ich verstehe
Sie in Wahrheit nicht.! --
,Nur noch das Eine! -' Hat Ihr Diener etwa
Kunde von Clarissens Plan beksmmen, die Tochter
unseres Pfarrers mit sich in ihr Haus zu nehmen?!
,Es ist möglich, daß er uns davon reden hörte!r

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-unterbrach ihn der Fürst, der seine Lebhaftigkeit''und
Ungeduld nur schwer bemeisterte.
,Und: haben- Sie vielleicht. zufällig einmal in
seinem: Beisein Ihre Bewunderung für Hulda's Schön-
-heit ausgesprochen? Haben Sie irgend eine Aeußerung
gethan, die glauben machen -könnte, daß Ihnenf =
-Emanuel betonte: seine Worte nachdrücklich -- , daß
Ihnen persönlich daran gelegen wääre, Clarissens Vor-
haben ausgeführt zu sehen?!
-- . Der Fürst fuhr auf. , Die Frage tastet meine
-Ehre än!? rief er. Aber sich schnell und gewaltßam-
- bemneisternd, setzte er. hinzu: , Und Sie, Clarissens
Onkel, Sie, mein Freund, können mich das fragen,
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Iers Sies wissen, wie. ich Clarisse liebe und ihr zu
, -
eigen bin? -
Emanuel reichte ihm die. Hand hin. ,Verzeihen
Sie mir, Severin!r sagte er. - ,Ich hatte es- Ihnen
ausdrücklich gesagt, daß ich die Antwort von Ihren
Lippen hören müsse, obschon ich im Voraus überzeugt
sei, wie sie lauten werde. Trotzdem war ich gezwungen,
- die Frage an Sie zu stellen, ehe ich Ihnen zumuthen
sduxfte, den Brief einzusehen, den jh vorhin von der
-euen. Kenney empfangen habe. - Ich bitte, lesen Sie
ihn und entscheiden. Sie dann selber!?- ,
. -
- - Er? erhob- sich, sie wechselten noch einige aus-

gleichende Worte mit einander,-dann entfernte sich
Enanuel, wweil der Fürst endlich zu erfahren wünschen - I
- Der Fürst trat sogleich an das Licht heran und ?
Imußte, was, geschehen sei. --
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Zeile zu Zeile, seine Wangen färbten .sich in zorniger
Erregung, die Adern aufi seinex Stirne-schwollen
mächtig an, und das Blatt, als er es durchflogen, ;mit
heftigem Ausruf auf die Erde werfend, schritt er auf
die Thüre des Nebenzimmers zu. Auf halbem Wege
jedoch hielt er inne, Sein Selbstgefühlh sträubte sich
dagegen, es einen Diener sehen zu lassen, daß er im
Stande gewesen sei, ihn zu beleidigen, ihn. zu ver-
wunden. Er ging in dem Zimmer auf und nieder;
was ihm zu thun oblag, darüber war er nicht im
Zweifel, aber er wollte und mußte yrt jich beinig
werden, wie es gethan werden sollte,und eswährte
auch nicht lange, ehe er, mit. einer Stimme, der man
nicht mehr die geringste Bewegung anhörte, den
Kammerdiener mit seinem Namen anrief,
Ein Blick auf das Antliz seines Herrn, belehrte
Michael, daß ihm ein Gericht bevorstand. - Er blieb
mit der Frage, was Durchlaucht zu befehlen habe, an
der Schwelle stehen.
- -
, Hier heran!r befahl. der Fürst, und auf den
Brief hinweisend, herrschte er: ,Lies den Briefl?:
Michael wollte mit dem Briefe an den Seiten-
tisch gehen. So aber hatte sein Herr es nicht gemeint.
,Hier heran! und laut und deutlich!? gebot er
,noch einmal.
Alles Blut wich aus Michael's Gesicht.. Er hatte
aus den ersten Zeilen, die er- schweigend -gelesen,
augenblicks erfahren, was geschehen war, und er-kannte
seinen Herrn. Vor den Aufwallungen desselben ngr
ein Ausweichen nicht schwer, vor seiner Entschlossenheit


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war es unmöglich.: Michael. wußte, daß er gehorchey
müsse, und wenn schon ihm die Lippen zittexten, wie
eri lesend dasAuge des Fürsten so kalt und fest auf j
sich gerichtet sah, gab er. sich doch noch nicht verloren.
Sls. er:jedoch an die Stelle des. Briefes kam, die es
aussprach, wie;er den Fürsten geheimer und unedler
»AAlbsichten- auf;Hulda bezichtigt, verstummte er, -nd
-die Hgnd, sankmuieder, mit det er den: Brief gehalten
hatte. - -

et: j,Weiter; nurt weiter!n rief der Fürsßß, und das- s
Fächelhrides Grimimnes in. seinen Mienen war fuchtbar
-anzusehen. ,u sollßt - mir wiederholen., was Du
-gestexzsa geläufig demMädchen zu erzählen wwußteßt.!
- z,Durchlaucht, ein Scherz, den ich mir mit dem
Mädchen machte -! stammelte Michael, näch Fassüng- y
ringend. -

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- , ,Du unterfängst Dich, Elender, zu. scherzen mit z
-der. Ehre: -Deines Herrn! rief der Fürst -empört.
,Du untexfängst Dich, Lügen auszuhecken, zu welchem
WDirguch der Schatten. eines Anlasses. gebricht? Woher
nahnst Du die Frechheit, Dich dem Mädchen nur zu
nahen, das unter dem Schutzes -
. - Da schoß es wien ein Bliz.über Michaells Gesicht.
Er dachte;sich mit einem frechen Wagnisse. doch vielleicht
noch behaupten zu können, und gegen ale, Ordnung
Ien Fürsten gnterbrechend, stieß er die: Worte:hervor:
,.Ich wußte, ja' nicht, daß der Herr Baron sich das
Mäöchenausersehen hat!? -
- Aber. noch ehe er geendet, hatte ihn des Fürsten
mervige Hand bei der Brust gefaßt und ihn zu Boden
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gedrückt, daß er in die Knie sank. Ein Hieb mit der
Reitgerte, die auf -dem Tische gelegen, fuhr' durch
Michael's Gesicht, und ihn von sich stoßend, rief der
Fürst, indem er nach der Thüre wies: ', Hinaus,
Elender, hinaus, auf Nimmerwiedeikehr!' Johann
wird Dir meine Befehle: bringen. In einer Stunde
bst D au ö=z Fßhz.?.«
Der Fürst wendete' shch- pih ging; rasch
in das Seitengemach. -Michael-sßrangs emjor, sschien
ihm folgsn-zuwollen, Gllebersten.=Nuh; jein
Blick schoß dem Fürstenfwild-ah, -Fässhwenn hr?ihn
durchbohren wollte. anngvaEf erssichlfäit? Geflhssen-
heit in, bie Brust, und -fuhx, in den Spiegel blickend,
mit der Hand durch, seinschwarzeszrkrggses Hagr. -
. zlso zndlich frei!? pief zn«. ,Fezilich auf die
etwas brutale Art, welche solche Pexxen htehen, -Aher
er soll sich einst noch wwundernn, mejnzduxclauchtiger,
reitpeitschender Herr Milchhruderhfdäß,ich, ihm ;emals
diente! Pnd jch. kenne Semanden,sder gn?mich, und
an siese Stunde, denkensoll!? ; -
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Fanny Lewal, Die Ertsseri. t.-
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Kapitel 17

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Hiebenzehntes Gapiies
. = -
?- IeAmthause stand bereits der Tisch zum Nacht-
essen- gedeckt', als Michael. hereintrat. Er pflegte,
went-det' Dienst ihn frei ließ, bisweilen dort vor-
züsßSschen, -und-wär, obschdns der-Amtmniann das gar




-
ntcht -gerne sah, von-Maeüsell' Alrike gelegentlich, zum.-
Mitessen eingeladen worden; denn Michäel war recht ein
junger Maiii, wie sie ihn mochte, sagte sie. Er sah
vöriiehn aüs! üidthat: Nichts weniger als vornehm
geeüü Diejenigen die er brauchen zu können glaübte:'

Er wüßte güt zu'sprechen,' viel zu erzählen, und wußte
- errathen zu lassen, was zu sagen bedenklich gewksen -
wäre! Dazu war er, wie Ulrike es nannte, nicht so
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-, ?. .
- stolz, daß er nicht auch Andere neben sich aufkommen
ließ, und klug geng, einzusehen, daß Jeder etwas
wisse, was der Andere brauchen könne.
Sie hieß ihn also auch diesmal schön willkommen,
freute sich, daß er ihnen wieder einmal das Ver-
gnügen mache, sie zu besuchen, und war schon daran,
noch ein Gebeck' für ihn herbeizuschafen, als Michael
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mit gewohnter heiterer Höflichkeit erklärte, er könne
heute von ihrer Güte nicht profitiren, denn er müsse
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fort, und zwar sogleich. Er sei eben nur gekommen,
von dem Herrn Amtmann im Auftrage Seiner Durch-
laucht ein Fuhrwerk nach dem - nächsten Postamt zu
erbitten.
Der Amtmann, der das Ansuchen durch die offene
Thüre der Nebenstube vernommen, hatte aund; dem die
vielen Bedürfnisse der im Schlosse;:yeilenden Bäste
jezt, wo er Vieh und Menschen nöäh fzur-Kartoffel-
Ernte brauchte, ohnehin zu schafen machten,: kam
langsam, den Dampf: aus seiner. Pfeifß ziehendz mit
schwerem Schritte hinein und fragte, oh es denn so
eilig sei.
- Michael sagte, er müsse poch, in Fieser Stunde
fort, sein Mantelsack sei schon gepackt.. -
,Es nüzt Ihnen zu Nichts,!, wendete der Amt-
mann ein, ,wenn ich Sie. jetzt auch fahren lasse. Es
geht ja vor morgen Abend keine. Postk weder rechts
noch links. Wo wollen Sie denn-hin? -. n
,Durchlaucht sendet. mich mitn eizen. Auftrage
fort!? gab Michael ihm ausweichend zur Antwort.
,So mit einemmale? Und, das kann nicht
warten? Morgen, Nachmittag -schicke ichja doch -nach
der Siation!' meinte der Amtmann. , Es ist gleich
sieben Ühr, ehe ich anspannen: lasse und ehe sie dort
sind, wird es neune! Solll denn. dort Exrapost ge-
nommen werden? - - -
,Je nach dem!? gab Michael zur Antwort und
fügte dann, um den ihm nicht genehmen Fragen ein
Ende zu machen, lächelnd und mit den Achseln zuckend
die Bemerkung hinzu: , Sie kennen ja: die Herr-
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schaften, was fragen die nach Können und Nichtkönnen,
wenn ihnen Etwas durch den Kopf geht.!
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- Der Amtmann stopfte ärgerlich, als müßte er
nun seinerseits doch auch etwas Unnützes thun, in die
ruhig brennende Pfeife so viel Tabak nach, daß sie
zhm auszugehen drohte, pafte dann darauf los, was
seine Lungen halten wollten, und machte das Fenster
seiner Arbeitsstube auf, um mit dem lauten Pfif,. den
Alle auf dem Hofe kannten, einen der Knechte aus
dem Stalle herbeikommen zu machen.
- Inzwischen hatte Ulrike dem Gerngesehenen mit
gastlicher Rührigkeit einen kleinen Imbiß zurechtgestellt,
weiln es doch immer besser sei, Etwas zu genießen, ehe
man sich bei Nacht und Nebel auf die Reise maes.

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18
Sie erkundigte sich, ob er auch warm in Kleidern sei,
ob er !nicht eine von den großen Decken bis zur
Station mit sich nehmen wolle; ünd schließlich wagte
sie dann doch' die Frage, wohin er gehe und wann er
wieder zurückzukommen denke.
Michael sah um sich, wie Einer, der nicht gehört
zu werden wünscht, und den schwarzen Schnurrbart,
nachdem er sein Glas geleert, mit gezierter Wichtigkeit
putzend, sagte er leise und vertraulich, indem er nahe
an Hie. herantrat: , Unter uns, Mamsell. Ulrike, denn
Sie sind meine Freundin gewesen von Anfang an,
ich weiß das, und sind eine ßerson, welche die Welt
kennt, wiensie ist - zwwischen mir und -dem Fürsteit
ist es aus.!
,Herr Sekretär,! rief Ulrike. ,wie ist denn das
nur möglich? - aus.!
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, Ehrlich gesagt, bin ich recht froh,! entgegnete
er, ohne ihr Erstaunen zu beachten, , daß es -endlich
so weit ist. Ich war es, wer weiß wie lange satt,
immer und immer den- gehorsamen Diener zu spielen,
lebenslang sein gehorsamer Diener zu ;bleiben. Ich
hatte längst schon Anderes im Sinne, ich ,wollte von
Jugend an höher hinaus. -Aber ich hatte sie eingesogen
mit der Muttermilch, die Anhänglichkeit,, und es hat
auch wohl sonst noch seine Bewandtniß damit= denn
meine Mutter war' eine schöne Frau-- daß ich immer
nicht von dem Fürsten lassen-konine Indesßen, er
treibt es jetzt zu arg; und erzhat es ;guch ßnjr ;zu geg
gemacht.!
Er schien Nichts weiter sagen zu wolku,!' lilke
jedoch ließ ihn -so leicht nicht los, und -ihie Be-
theuerungen, daß man -ich auf sie perlassen, könne,
waren so nachdrücklich, daß Michael, ihr endlih, wie
er sagte, unter dem Siegel der tiefsten Perschwiegenheit,
sein Geheimniß anzuvertrauen beschloß. -?;
,Sie sind ja auch einmal' jung geweseg, Mamzsell
Ulrike, sagte er, ,und schön ist das !Mädchen, und
sieht gut und brav aus, so daßmän deiEkt, sie,sei die
Unschuld selber. Sie werden. FichN also; nicht, wündexn,
daß sie mir in die Augen tach und (daß ich dachte,
die Hulda, das wäre endlich- einmal eine; Frau
für mich.
,Die Hulda? rief -lrike so verwundert, als
stürzte der Himmel vor ihr ein. ,Doch nicht die
Hulda? Die ist ja noch das reine. Kind, - die ist ja
gar noch nicht werth, daß--? -

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, Kind oder nicht!r fiel chr Michael. schnell in
das Wort,!-Pdenn er mußte seine Sache zu Ende
bringen, ehe der Amtmann wiederkehrte, ,Kind oder
kicht,,'sie ist ein schönes Frauenzimmer. Und weil ich
inich zu verändern wünschte; und weil ich sie wirklich
Adas Herz geschlossen hatte, und sah, daß Andere
Auuch'nicht blind sind, die es nicht so redlich mit einem
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15D
solchen Mädchen meinen, wie doch unser Einer =--
,Andere?! unterbrach ihn die Mamsell, uid ihre
Augen funkelten. , Andere?! wiederholte sie, indem
sie ihre magere Hand auf den Arm- des Kammer-
dieners legte. , Herr Sekretär, auf mich können Sie
sich ja verlassen. Wer sind die Anderen? So wahr
Botk lebt;' über meine Lippen' kommt es nichtr! -
' Mleber meine auch nicht!? versetzte der Listige,
,denn diese Stunde bin ich noch in seinem Dienste.
Mnd er ist es nicht alleinl? Er brach ab und trat
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än's Fenster. ,Ich wollte, der Wagen wäre da,!
sagte er, ,ich werde froh sein, wenn ich fört bin,

Henn ich sicher weiß, daß sie mir nicht mehr vor die
Augen kommt!?
- ! -Voi böser Neugier brennend, ging die Mamsell.
ihm nach. -, Herr Sekretär,! sagte sie, ,Sie sind mir
däs -schuldig, Sie wissen, ich habe die Hulda her-
gebracht und sie ist meine Pathe: Was ist denn vor-
zegangen zwwischen Ihnen Beiden? Wissen muß ich
es, und ich glaube Ihnen mehr als ihr; denn sie
Ht ebenso scheinheilig wie die Mutter ihrerzeit.!
IMdichael Hhat, als peinigte ihn lriken's Drängen.
,Wsäs -soll denn vorgegangen sein? meinte er.
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,Gestern Abend bin ich ihr im Parke, im Busche
begegnet, wie sie vpn den Eltern kam. Es wwar schon
dunkel. Ich wunderte mich, warum ie so spät des
Weges sej, und ihre scheue, Pnruhe fiel uir dabei
auf; denn ein honnetes Frauenzimmex, das um diese
- Zeit noch allein im Walde wax, -hätte doch froh und
zufrieden sein müssen, einen Maun, -den, es kannte,
anzutrefen. Ich bot ihr, wje, Fch- das von selbst
verstand, meine Begleitung an. Sie sagte nicht Ja,
nicht Nein; und wie wir nun so porwärts; gingen
und ich dachte, ich bekäme sie, vielleicht Jobald nicht
wieder gllein zu sehen -- mein ,Fott, Mamsell Ulrike!
Sie wissen, wwie das jst -- dg ging mir das Herz
auf und über, und, ich zsägte jy, .was ich auf dem
Herzen hatte und wie es grr um'sHerz war: ldaß ich
ein redlichex Mann sei, Jder redliche Absichten hätte
und eine Frau ernähren, könnte. Und- weil ich denn
doch nebenher Ohren und Augen habe und. meine Er-
fahrungen obenein, so wvarnte-ich, sie. -- nun, -ich will.
und brauche Ihnen picht- zu Iageg, just yor wem!!
,Nun? rief Ulrike, der die Mittheilungen
Michael's, obschon er lebhaft sprach, immer noch nicht
schnell geuugvomFlece kamen, ,nun, undwassagte sie-
,Was sie sagte?-- Als wenn-es ein Attentat
und gegen ihre Ehre, wäre, so. nahm Fie es- auf. Sie
konnte, gar - nicht, rasch, genng aach iHause kommen,
und ich war -dumm genug, und ehrlich genug, ihre
jungfräuliche Schüchternheit noch gnzustaunen, Später
begriß ich dann diese Jungfräulichket und -auch die
große Eile. Sie ist zu Hause nicht, lange allein ge-

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1
Blieben und- hat es sehr eilig gehabt mit ihrem Dank
füt meine Liebe und für meinen redlichen Begehr. -
-Die Heuchlerin!?
Sein Ausdruck war so finster, sein' zorniger
Schmerz schien so lebhaft, -daß Mamsell Alrike ganz
von ihm' entzückt war. Sie hatte noch niemals so
viel Vergnügen gehabt, als bei der Erzählung dieses
Liebesleides: Es hörte sich so verzweifelt und so
rührend an, aund es eröffnete ihr eine Aussicht, die ihr
über Alles ging.
- ,Sie' Armer! ach, Sie Aermster! Ja, das thut
weh!r seufzte die Mamsell, indem sie abermals ihre
-Hand auf die seine legte, sehr entschlossen, sie festzu-
halten, bis sie erfahren haben würde, was sie ug
jeden Preis erfahren wollte. ,Aber-- sagen Sie,
Herr Sekretär, sagen Sie, wer war demn' bei ihr?
- Michael' sah sie verwundert an und gab ihr keine
Antwort. -
-' ,Denn wissen muß ich es,! fuhr sie fort, ohne
sich dürch sein Schweigen einschüchtern zu lassen.
,Ich habe es ja selber schon bemerkt, wie er ihr
immer -nachgesehen hat. Und wenn es wirklich sich
sözerhält: und sie hat es ihm gesagt, was Sie mit
ihr im Sinne hatten, dann freilich'ist es kein Wunder,
daß er -Sie nicht länger um 'sich haben will.?
. Michael, der in die Nacht hinaus gesehen hatte,
wendete sich langsam nach ihr um und fragte,' als
verstehe; er sie nicht, von -wem sie spreche und was sie
damit meine?
Sein Staunen sah so natürlich aus, daß es sie
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158
außer Fassung brachte: -,Ich dachte,! skammelte sie,
,Seine Durchlaucht=? . -
,Wie kommnen Sis denn-aüf Seine Durchlaucht,
Mamusell Ulrlke? rief er in demselben Tone der Ver-
wunderung. ,Wer hat Ihnen demn gesagt, daß der
Fürst dabei -im Spiele ist? E ist' ja kein Wort
davon über meine Lippen gekomnen. Sch glaube,
ich habe seinen Namen nicht einmal genannt, außer
vielleicht bei der Bemerkung, däß 'er heute gegen Abend
einen Streit mit dem Baron gehakt' hat;''dem man
derlei Phantasien' freilich dich nicht zutkäuen sollte;
und daß er mir nachher,' weillich es-ganz' ohne mein
Verschulden: mit angehört, und eilich'niich unter-
standen hatte; zu sagen, daß ich auch ein Mann sei,
der ein Herz und Ehrgefühl-im Leibe habe =-?
Ulrike wurde mehr und mehr verwitrt, obschon
sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte, abgewiesen
und zum Schweigen gebracht züböserdein -
,Clso' der Baron' ist es gewesen, ref sie, indem
ihre Hand den Arm Michael's-iie'Hüt einer eisernen
Zange gefangen hielt, ,der Baron hat es ihin gesagt??
Das wurde Michael- zw-viel.- Ei ßnchteisih mit
hastiger Bewegung vonihrloshHuund miteinen bitteren
Lachen sagte er: , Einer von uns BeidenzHhänitasirt,
Mamsell! Wie fallen. Sie denn nun-wieder därauf,
daß Baron Emamuel: denFreiwerberFür mich gemacht
hat? Ich selber hab' es hr zesagk- Abee' das st
Alles ganz einerlei, da das Mädchen!aidere Gedaiken,
andere Projekte im Kopfe hat, als eines ' honneten
Mannes Frau zu werden und mit Ehren unter die

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Haube, zu kommen. Mir, das kann ich. sagen, mir

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kann es im Grunde recht sein. Mag sie es halten,
wie sie will und mit wem sie will. Mir würde sie
-auf dem Wege, den, ich schon lange hätte- gehen sollen,
auur eine Kette am Fuße gewesen sein, und-ich sehe
essgpieder recht, wie unsex Herrgott oft den richtigen
-
ekstand. hat, wo ein ehrlicher Mann einmal eine
Dummheit machen will.?-
-. Er ließ sie darauf ohneweiteres stehen und ging
in des Amtmannes Stube, bei dem er sich mit Fragen
und, Erkundigungen zu schafen machte, bis das Fuhr-
,werk vor die Thüre kam, das ihn, fortbringen sollte.
- Mit all der Wichtigkeit, die er sich zu geben ver-
Ftgnd, sgh er darauf, daß sein Mantelsack, den man
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ihm vom Schlosse herübergebracht hatte, gehörig auf-
zgeladen wurde, dannn, nachdem er sich fest in seinen
Mantel. eingewickelt und die Reisemüze vor dem kleinen
Spiegel aufgesetzt hatte, trat er noch einmal, an Ulrike
,heran und- dankte ihr so- laut, daß der -Bruder es
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TF ? - ==== -- - =-
-.. , Im Nebrigen, Mamsell Ulrike,' sezte er hinzu,
vergessen Sie, was Sie vorhin von mir höxten. Ich
zwwill Nichts- gesagt haben, gegen Niemanden. Ich denke
zwie: der -alte Friz: es muß Jeder auf, seine Fagon
Felig. werden, und da ich künftig Nichts mehr- damit
? zu schafen: habe, so mögen sie es treiben, wie es
zhnen gut dünkt! Aber einsehen wird er es. einmal!
- Er war damit hinausgegangen, man gab ihm
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Zis pox die Thüre das Geleite. Sowie jedoch die bei-
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15
den Pferde angezogen hatten, xief. Ulrike, indem sie
den Bruder triumphirend ansah: ,Wer hat nun
Recht gehabt mit der Hulda? Wer hat von, Anfang
an gesagt, daß sie eine falsche, Schlange ist, -wie ihre
Mutter? - Der hat nun schon,dargn gläuhen mnüssen,
der schöne, anständige junge Mensch! Und zu denken,
daß unsere arme Comtesse auch-yoch - in Ahr Unglück
kommen soll durch solch' ein, schamloses Geschöpf; und
die Frau Gräfin erst!?
Es war ein Glück, daß ihre,Hast gund Aufregung
ihr den Athem versezten,' denn die Anrufe des Brüders,
der nicht wußte; was er, aus -ihrem wirren, leiden-
schaftlichen Gerede machen sollte, -vermochten nicht, ihr
Einhalt zu gebieten. -' Ein - Ausdruck- der Empörung
überholte den anderen. Sogar die bestimmtsgestellten
Fragen des Amtmiannes,-der ess. dochs gewohnt war,
der Heftigkeit der Schwester, die- Zügek -anzulegen,
halfen diesmal nicht, sie - auch; nurbeinigermaßen zur
Ruhe und zur Besonnenheit!- zurüchuhringen. MIhie
Phantasie und ihre Redseligkeik; die-ämnmer zleicht mit
ihr durchzugehen pflegten; verloxen,- sich, mehr- und
mehr in das Schrankenlose, da- das geheine Nebelwollen
gegen die Pfarrerin sie, aufstachelte;und: zusanimen-
reimend und ausdeutend, -wwas derz arglistige Michael
gesagt und nicht gesagt hatte, wwob ie ein.so dichtes
Nez von Verleumdungen um das-arme Mädchen, das
ohne sein Verschulden ihre ngunsts iauf! ,ich ge- -
zegen hatte, daß sie endlich- sich selber,. init dem ; Aus-
drucke Luft zu machen suchte; -, Es zist richt zu sglau-

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156
-Hen! Gar nicht zu glauben von solchem jungen Frauen-
zimmer!?.
-'-, Nün, so glaub's nicht!! rief der Amtmann, der
Fich inzwischen ganz gemächlich in seinen alten Lehn-
-stuhl' niedergelassen 'ünd die Pfeife wieder angezündet
-hatte.' ,Glaüb's nicht!r rief er,- indem er den -ge-
rauchten Fidibus ausblies und wieder in den! zinner-
Aen Becher steckte. ,Glaüb's nicht! Dä swirst Du
sehr wohl daran thun! Denn ich glaube es' duch nicht!?
-- ;DDu glaubst es nicht? rief die Schwester in
-einer Entrüstung, als zeihe man sie selber einer Eüge.
? --,Dem weggejagten'Haselanten?! entgegnete der
Amwtniänn, , nicht Ein Wort 'glaube ich' dem Men-
schen. -Der Kerl ist ja ein Narr! Aber so alt Dy .
Bist, Redensarten, die unter einem gewichsten Schnurr-
bart vorgebracht werden, an die glaubst Du, auf die
-beißest' Du dn, wwie der Karpfen auf den Brocken.?
- - Ulrike gab sich' nicht für überwunden. Sie war
anerschöpflich im Auffinden von Sügen, die gegeß
Huldä und gegen den Fürsten und gegen Baroit'
Emanuel' zeugen sollten. Mit wahrer Wollust gab sie
ihier- Erbitterung gegen die Schwachheit und die
Charakterlosigkeit der Männer nach, um sich noch
härter'' über - die Verderbtheit gewisser Frauenzimmer
aüszulassen. Der Bruder störte sie nicht mehr. Er
hatte die' Füße über Kreuz geschlagen, die Hände üher
die Brust' gelegt und'' sah uwverwandteit Blickes auf
den' ruhig fortrückenden Zeiger der großen Ühr, die in
altem, säulenartigem Gestelle ihm geFenüber an der
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Wand stand. Diesen Gleichmuth hielt Ulrike endlich
nicht mehr aus.
, Es ist, als ob er aicht mehr hörte!r xief sie be-
leidigt aus.
,Freilich höre, ich's,! verßezte der Amtmann,
,aber lass' Dir Zeit!? und -in- dem, nämlichen Augen-
blicke mit aller seiner Rüstigkeit -äufstehend- und sich
fest auf seine Beine stellend, jggte er, -indem er auf
die Ühr hinwies: ,Du hast noch eine Glocken-Viertel-
stunde Zeit, zu reden und zu glauben, was Du zoillst:
aber - wenn um Sieben die Wirthschgfter, zum Essen
kommen. und wenn dann auch zur Eine- Sylbe vgn
all den Lügen über Deine Lippen- geht, Fie;Du Dir
wider die Herrschaften und das grme Ding, -won dem
Lumpen hast aufbinden lassen- dann Mansell=- das
merke Dir - dann hast Du es mit,mir, zu-thyn. Und
wenn ich Ernst mache, dann versteh' jch;einen Spaß!?
Er kehrte sich ab und gißg- Iin seine Stube.
Unter der Thüre, drehte. er sich, wieder-um. .,ßenn
- ich,! rief er, ,von der;ganzen Geschichte icgendwo ein
Wort vernehme, merke Dir das, wohl!- - ein peinzig
Wort vernehme, das dem Mädchen, irgendwie zu nahe
tritt, so halte ich mich, an Dich.. Was im M Nebrigen
daran ist, das werde ich Dir morgen sagen. - Und
heute rührst Du Dich nicht, von, dieser, Stelle., Es
wird nicht hinüber gegangen in, das Schloß, nicht zu
Mausell Babette und zu Niemandem.!-
Er warf die Thüre hinter sich zu, daß sie in das
Schloß fiel. Ulrike sah ihm grimmig nach: ,Einer
, wie der Andere!' brummte sie zwischen die Zähne. , So

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158
alt er ist, hat sie ihn auch an derHand. Ich hab es wohl
nicht gemerkt, wie es blos seine Erfindung gewesen ist;

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daß ich sie zu mir nehmen mußte? Gerade wie die
Mutter! Sie ist gerade wie die Mutter!r sagte sie. In-
deß -sie wußte, daß mit dem Bruder, wie mit seinen
großen Stieren, Nichts zu machen und an kein Aufkom-
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men gegen ?ihn zu denken war, wenn manihn einmal
aus seiner schwerschrötigen Ruhe aufgeschreckt und wild
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gemacht hatte.
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- Se Biß die Zähne zusammen und schwieg. Ihren
rinn herunterschlucken, das konnte sie indessen nicht.
- Sie mußte:durchaus Etwas haben, woran sie ihn, wenn
, auch im Stillen, ausließ;- und das große Schlüssel-

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- bund ergreifend, weil ihr nichts -Anderes' zur Hayd .
wa, warf ssieeO mit wildem Schwunge vön sichh daß
es Heithin -durch die ganze Stube fahrend, dem alten
ausgedienten Jagdhunde an die Beine flog, der unter
der Bank am Ofen auf seinem Kissen, friedlich all
- denZanke !zugesehen hatte. Das arme' Thier fuhk.
heulend duf und kläffte gegen sie an.
- FVönehs!- gebot lrike, ,eouebs! Willst du
küschen, Du Bestie! Wenn ich kuschen muß, so kannst
Du's'aüch.!-Und sich dieThränen abtrocknend, setzte
fiessich in ihren Winkel hinter den Ofen, wo- dieKaten
lagen, und fing nachzudenken und zu' überlegen an.
wasmit der Hulda Alles -geschehen sein konnte und
was ihr. heute eben jetzt geschehen- war.!

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- SoEtwas- war noch gar nicht dagewesen, und sie

- war doch wahrhaftig nicht von gestern und hatte ihr -
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reölich Theil erlebt.
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Kapitel 18


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Achtzehues sapites
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Wie eine Flucht aufgeschreckter Tauben,s gmn-
ruhig flog an dem Abende die-Dienerschäft äitf den -
Treppen und auf den Gängen des'' Schlosses umher;
und wo Zwei zusammentrafen, wär überäll' die erste
rage: ,issen Sie es schon; der Michae! sfoet?
Die Einen fanden das'natürlich, dein! sie sägten,
er habe immer einen hohen Nagels'ini'Kopfeffsgehabt!
Er sei ein Narr' gewesen, habe sich eingebildet, noch
weit mehr zu sein, als blos derMilchbruder' seines
Herrn, und er habe stetsdavon gesprochenk däß er
noch eimmal' so dastehen wwerde, däß' nicht blos de
Fürst vor ihm den' Hut' abnehmen' sollte?' Die An
deren meinten, es müsse'döch' noch stpas Besonderes
vorgegangen sein' denn ein'Nairbsef der. Michael' ja
immer gewesen, das habe Dukchläücht?FFöhl' gewüßt;
und blos deshalb würde er'ihnnnicht eitässe Paben;
da er ja so viel' auf ihn Fehaltsn. I
--
Man rieth guf Sies and Senes, auf denh wahren
Anlaß konnte man im Schlosse nicht vexfalleit; aber
- eben darum blieb man' auf denHintertreppen und

seerrerr;??;, - ? ?. --
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18O
in den Mansarden um so eifriger damit beschäftigt,
denselben zu ermilteln.
In den Gemächern der Herrschaften war natür-
lich kaun- davon die Rede. Der Fürst erwähnte flüchtig,
er habe Michael wegen einer Besorgung nach der
Stadt gesendet, werde ihn sogar möglicherweise direkt
nach Hause gehen lassen; und da er sich nicht weiter
darüber ausließ, nahm, man, an,.; daß der bewährte
Diener vielleicht einen Vertrauensauftrag auszurichten
oder eine Neberraschung vorzubereiten habe, man unter-
- ließ also,, mpehr danach zu fragen.
Dem Fürsten war die Sache jedoch ärgerlichex,
als er sich es merken ließ, gmmnd vor Allem ,bedauerte
er es, daß er die nöthige Epekution yicht im Beisein,
Emanuels vollzogen habe. Er meinte sich diese Genug-
thuung schuldig gewesen zu sein, warf es sich als eine
Nebereilung vor, so rgsch gehandelt zu -haben, und
konnte sich nebenher des Gedankens nicht entschlagen,
ob nicht. doch vielleicht in der Andeutung, welche ihm
der entlassene Michael gemacht hatte, eine gewisse
Wahrheit gelegen habe. Der Fürst meinte sich jetzt
zu entsinnen, daß Emanuel sich der Absicht Clarissens,
Huldg, mit sich zu aehmen, von Anfang an nicht son-
derljch ggeneigt erwiesen;habe. Selbst gegen ihre Ent-
fernung aus dem,ßaterhause hatte er sich einmal aus-
gesgtpchen,pzährend -er doch viel, von Hulda und von
ihren glücklichen Anlagen hielt; und in den letzten
Tagen hgtte er sogar an die Möglichkeit gedacht, ein-
mal, versuchsweise einen Winter im Norden, und zwwar, J
-auf, dem Schlosse der Gräfin zuzubringen, weil die z


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Seeluft sich ihm über sein Erwarten zusagend erwies.
Nebenher war Severin nun auch genöthigt, sich gegen
Glarissens Vorhaben mnit Hulda auszusprechen, was ihm
leid that und verdrießlich dünkte, da er sich mit dem-
selben bisher eiwwerstanden erklärt hatte.' Und ss wie
-' es ihm mit Emänuel' erging,'so ergingl es dieseüi mit
dem Fürsten.
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Die Männer schätzten sich gegenseitig, dachten gut
von einander, trauten einander nichts Unedles und
Niedriges zu, aber ob der Fürst nlcht' in seiner leb-
haften Jugendzeit sich zu einer Vertraulichkeit mtit
Michael hatte verleiten lassen, welche auch' etzt noch'
die Möglichkeit von Aeußerungen zuließ, die der Arg-
listige mißdeutet und mrißbraucht haben konnte, dessen
fühlte sich Emanuel nicht sicher. Sie wren doch eben
Alle nur Menschen, man lebte auf: der' Erde, mricht im
Paradiese, und er hatte kein Recht; von Aideren jene
feste Entsagung zu erwarten, zu' der ihn,- wwie er
sich selber eingestand, ja auch nur sein' trauriges Ge-
schick und der Glaube bewogen hatte, daß er nicht im
Stande sei, eine wahre, uneigenützige Liebe zu er-
wecken.
Der Fürst hatte ioch in derselben Stunde den
Baron von der Entlassung Michael's in Kenintniß ge-
,ezt; man hatte das gegenseitige Verhalten mit war-
mem Danke anerkannt, par sehr' zufrieden mit ein-
ander gewesen, und doch war etwas Fremdes zwischen
die beiden Männer gekommzn, Etwas anders gewor-
den als bis bisher. Das fühlien Beide, fanden es
Beide nicht recht erklärlich, Jund waren doch dadurch
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. L -

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- erschien,'bar -das'Unbehagen, mit welchem er an Hulda -
-- dachte,. seit- er Miß Kenney's Brief erhalten hatte.
- Er mochte sich nicht daran erinnern, daß ein Diener

von Möglichkeiten und Verhältnissen gesprochen hatte,
- die man sonst dem Ohre junger Mädchen ferne hält.
-
Es war ihm im höchsten Grade zuwider, daß es über
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sie' zu Erörterungen zwwischen ihm und dem Fürsten,
zwischen dem Fürsten und dessen Kammerdiener ge-
- .
kommen war; und wie Severin es sich zum Vor- ,
z.-. wwuxfe machte, daß er Michael nicht im Beisein des
Barons verhört habe, so tadelte sich dieser, daß er,
-. ghne ixgend welche andere Schritte zu veranlassen, .
-- nicht' geradenweges nach dem Pfarrhause geritten sei,
und dört den Rath gegeben habe, die Tochter aus
s ? ; =- =============
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- sie- begehrenswerth gefunden, sich ihr genähert, ihr
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veistimnit, Was jedöch dem Baron noch auffallender
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deg; Schlosse fortzunehmen.
-- Allerdings hatte auch das seine entschiedenenBeden-
cheß, , das aus seiner friedlichen Heimat im Gruirde

- völlig planlos fortgenommen worden war.- Er war
- - unzufrieden mit sich selbst, weil er nicht entschiedener
davon -abgerathen hatte, und- daneben schdß ihm
plöttlich. die Frage durch den Sinn, woher ihn
denn die Angelegenheit so sehr beschäftige? Er gab
- sich jedoch nicht Rechenschaft darüber, sondern suchte in
seiney Unzufriedenheit nach einem Andern, dem er zur
Lask' legen konnte, was ihn verdrießlich machte, und er
brauchte nicht weit danach auszuspähen. Es waren ,
die herrschsüchtigen Gelüste seiner Schwester, welche
szsE - -



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-
diesen ganzen -unnöthigen Porfall, möglich, gemacht
hatten. Er erinnerte, sich sehk'deutlich der Erörterun-

der Herausforderung, welche sie seinem wgrnenden Ab-
Er war verstimmt auch gegen sie, er fühlte sich
tische kam, und nahm eine harmlose Bemerkung, welche
die Gräfin darüber machte, übel auf. Diese, welche
nicht ahnen, konnte, was in Fden ;letzten Stunden in
ihm vorgegangen, und die von jeiner Seite einer
ähnlichen Antwort nicht. zu begeggenr gewehnt- war,
man sich augenblicklich wieder in die pechte, Form
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zurückfand, blieb etwas Gexeiztes zwischen ihnen, das
den anwesenden Gästen nicht entging.-
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unmuthig, als er später dennn genöhnlich zum Thee-
wies ihn in seine bestimmte Schränken; und obschon
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gen, welche sie an jenem Abende darüher gehght, und
mahnen entgegengestellt hatte. ,
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Auch der Fürst war gicht gut aufgelegt; dann gls
heine Braut endlich in dem Bestreben, die joystige
seitere Geselligkeit herzustellen, den orschlgg gachte,
sie wolle nach Hulda FHhickn,, ggi, die, ngusich ein-
studirten Qmuartette einmzal durchzusingen, schüttelte er
mißmuthig den. Köpf und rief, iit einer fü; Clarisse
völlig unerklärlichen Herhigkeßt: ,, Kannst. Du denn
ohne dieses Mäpchen nicht mehx, leben?.- Freilich -
lenkte er schnell und freundlich zin, da er die Be-

troffenheit seiner Brgut Femerkte, gher es, war der
erste nichtangenehme Abend, welchenman in,demrSchlosse
?
gemeinsam verlebtg.. Die Gräfin, sswsohl. als der' Fürst
und der Baron sagten sich heimlich Jedes, daß ig Be-
zug auf Hulda eine enderung nothweg dig sei, wenn
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Meinung darüber in' sich hegte.

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- - Einer aber, der sich nicht viel mit besonderer
Vorsicht oder Rücksicht abgab, das war der Amtmann.
Der mußte und wollte einfach Drdnung haben, wo
sein Auge und sein Arm hinlangen konnten. Als er
, däher am nächsten Moxgen sein zwweites Frühstück ein-
genommen und seig Gläschen gegen die neblige Luft ge-
trunken hatte, knöpfte er den braunen Flausrock zu,
setzte' die dick wattirte Müze auf das volle krause Haax
ünd schritt, den Schirm derselben tief in die Augen
ziehend und mit der ganzen Schwere seines Körpers-
-- sich auf den eisenbeschlagenen Krückstock stüzend, gergdes-,
vegs, wie ersdas alle Tage that, aus dem Hause nach
den Scheunen, um selber nachzusehen, was die Drescher
seit dem Morgen dort geschaft hatten. Wie er sich
dort' dannn umgeschaut hatte, ging er zur Hinterthüre
- . hinaus, bog in die Gemüsegärten ein und stand bald
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führen dachte, und Jedes von ihnen seine besondere
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- äuch Jedes von ihnen diese in anderer Weise auszu-
!-
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darauf gm Gartenflügel in Miß Kenney's Stube. ?
-- Weil es noch nebelig war, hatte sie den großen
. Stickrahmen nahe an das Fenster rücken lassen, und
-.- Fe und Hulda arbeiteten -gemeinsam an demselben,
denn die alte Dame war Meisterin in englischer
- Stickerei und sezte ihren Stolz darein, daß ihre Augen
ihr die Arbeit noch erlaubten. Im Ofen brannte ein
hstiges Feuer, die Myrthe, die Monatsrosen und der
- Goldlack am Fenster grünten und blühten wie im
Sommer, das ganze Zimmer sah wie das Behagen - ,
-'selber aus; aber als Hulda aufstand, um dem un-

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erwarteten Gaste einen Stuhl zu holen, da fielen ihm
ihre verweinten Augen auf.
, lm Vergebung, liebe Mamsell Kenney!! sagte
er, denn er hatte sich nie dazu gewöhnen können, das
englische Miß über seine Lippenzu bringen, obschon er die
treue Anhängerin der gräflichen Familie kännte, seit-
, dem sie mit der jungen Herrschaft auf däs Gut ge-
kommen war, und sie auf seine Weise, respektirte, was sie
ihm erwiderte. , Um Vergebung!' Aber ich komme
nicht zum Spaße her, Mamsell Kenney! Und ich sehe
auch an den rothen Augen hier, daß Etwas passig ist,
denn sonst' wurde ja hier wohl nicht geweint. Also
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kurz und gut: Wissen Sie, was gestern zwwischen dem
ß Noss- Vw=et d b=r Sh= pemaa=naen ne
Hulda zuckte zusammen bei der Frage, die Thränen,
stürzten ihr auf das Neue aus den Augen, ind- be-
theuernd die Hand- auf die Brust legend, rief sie:
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,So wahr Gott lebt, Dnkel! ich kann Nichts dafüx!
ß? Aber auf den Knieen willich's Ihnen daßkei, wenn -
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zh Sie mich noch heute zu'' den Eltern,chickkn,' Ich habe
das schon Miß Kenney auch gesagt, äber -- -

,Cber,' fiel die Greisin der Weinenden sehr ruhig
l-
und bestimmt in's Wort,. ,abet, Miß Kemney hat es
Dir gesagt, mein Kind, daß: Du nicht nach Hause
gehen wirst und daß man zu der- Unporsichtigkeit
- Deiner Mutter, die Dich der ganzen Verlegenheit un-
nöthig ausgesetzt hat, Dich nicht noch eine zwweite Un-
vorsichtigkeit begehen lassen dürfe. Was;sollte man
im Schlosse denken, wenn män Dich gleichzeitig mit
jenem frechen Menschen von hier entfernte, der, jwie
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-Dü andem Besuche des Herren Amtniännes siehst,


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bereits irgend Etwas gesagt oder gethan haben muß,
das Dir selbst in den Augen Deiner Angehörigen eine
Art von Mitschuld auferlegt? Das edle Herz des
Herrn Baron, an das ich mich vertrauensvoll gewen-
det, und die uinsichtige Gerechtigkeit des Fürsten' haben
dafür gesorgt, daß Aehnliches nicht wieder geschehen
känn; und es ist für Dich die heiligste: Pflicht der
Dankbarkeit, daß kein Wort von dem, im Grunde sehr
unbedeutenden. Vorfall, jemals über Deine Lippen oder
gär Feinen großmüthigen Wohlthäterinnen zu Ohrek
Tommt, deren reiner Sinn davon beleidigt werden
könnte.
Sie sprach das mit der ihr gewohnten feieklichen
, Sanftmuth. Hulda stand bleich, ein Bild der Er-
zebung,. an dem Stickrahmen. Der Amtmann ver-
ständ' kein. Wort von der Geschichte. Er hob den
,dicken Keückstock, den er zwwischen den Händen hielt,
-' gzal' äuf mal leise in die Höhe und ließ ihn leise
wieher-sinken, wpährend die Adern aüf seiner Stitne
himer stärker schwollen.' Er hätte den Stöck in seiner
zofnigen Ungednld gär zu gerne einmal recht derb und
Fest' guf den Boden gestoßen, hätte die alte Englän-
A!R-
- ,Das ist' Alles recht gut und schön, und es wird
von der einen Seite wohl auch Alles seine Richtigkeit
so haben, aber rund heraus muß- ich's doch wissen,
was ist denn passirt? fragte er noch einmal , und,! -
Fügte er hinzu , ich muß mir es ausbitten, liebe Mam=-



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sell Kenney, daß dieHulda mir es selbst erzählt, daß
sie selbst auf meine Fragen»Antwort gibt: Denn was
der Mosje in meinem Hause: meiner Schwester vor-
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geredet hat, das pfiff aus einem schlimmen Tone.!
ihm Antwort, Miß Kenney legte sich aüsgleichend und
begütigend in das Mittel, wo Hulda's Verlegenheit
sie hinderte, offen- mit der Sprache herauszugehen;
und die Ausrufe, mit welchen der Amtmann ihre Er-
zählung unterbrach, die Schimpfworte, mit' welchen er
-.
Er fing darauf zu fragen an, das Mädchen gab
--- jedesmal dafür von der Matrone Vetzeihung for-
dernd - den weggeschickten Michäel bezeichiete, be-
wiesen, daß sie bei ihm Glauben fand. Trotzdem
hatte Hulda sich getäuscht, wenn sie erwartete, er werde
ihr zu ihrer Rückkehr in das Vaterhaus verhelfen.
Er befahl ihr im Gegentheile, ebenso wie Miß Kenney,
mit Niemandem, auch nicht mit den- Eltern von dem
Abenteuer zu sprechen. Man -sägte iht sie dürfe so-
gar vor dem Baron nicht merken lassen, däß sie um --
seine Verwendung und um den Eiüfluß wisse, -den er
auf die Entfernung des Kammerdieners ausgeübt habe.
Jmi Nebrigen müsse sie auf ihreniPlaze bleiben, da-
mit äuf diese Weise alle Eiüflüsterungen, welche
Michael versucht haben könnte, ünglaüblich und zu
Schanden gemacht würden.
- Er stand dann auf, brachte. noch einmal seine
Entschuldigungen wegen seines Kömiens vor, und
Hulda auf die Wange klopfend, sagte er: ,Ja, da
hast Du es nuun, Du kleiner Gelbschnabel! Es st
Dir lang genng zu eng im Nest gewesen, und ich
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Höre noch, das: , Ach, könnte ich doch Pinaus! Ach, -
wvie schön, muuß es im Schlosse sein!' Nun probir' -
-es auch- und halt' es durch. Ewig wird's nicht währen, -
. und künftig wirst Du dann wohl Ruh' zu Hause haben!!
-
-. Er sah darauf noch im Vorübergehen nach den
-'- Blumen,' fühlte mit dem derben Finger, ob die Erde
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Fn; den Töpfen die rechte Nässe habe -- denn er
- zuußte- sein .uge haben überall; und -damit- ging er
!? -
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- fort und pieder in das Feld hinaus.
- Am Mittag aber, als er nach Hause kam, pfiff
er sich ein Lied. Das war bedenklich wie des Regen-
-- huhnes Ffiff; es brgchte meistens Sturm. Er stellte

den Krückstock in die Ecke, schüttelte mit. weitem Arm-
1;; schwunge das Nebelgeriesel pon der Müte und.sah .
nu -
, sich dann langsam in der Stube um1 Ulrike stand
- amSpinde und nahm die Löffel aus dem großenn
- Schube. - Sie bot ihm nicht guten Tag, nicht -guten
I? Weg, Der gestrige Abend lag ihr noch in allen Gliedern.
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Mit einemmale rief er sie an. , Schwester, es
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-ist, pie ich es gesagt habe, Nichts als Lug und Trug,
was der -wweggejagte Lump Dir gestern vorgeredet hat.
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. Setzzt. weiß ich Bescheid und es bleibt bei meinem Wort. --
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-? Sowie ich davon reden höre, oder wenn davon auch-
nur Eine Sylbe an den Pastor und die Frau kommt,
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so sage ich Dir aui den Kopf zu, das kommt von Dir!?
-' ,Als ob ich allein im Schlosse uuud auf dem
Hofe wäre!r fie Ulrike ihm zornig in die Rede. -
,Einerlei, ich halte mich an Dich!r entgegnete
der Amtmann, der in solchen Fällen nicht rechts, nicht ,
FP links sah und nicht vom Fleck zu bringen war.
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,Aber Keiner hat eine Zunge so wie Du!r meinte
der Amtmann. , Wenn Du Deinen Mund hältst, so,
bleibt Mlles stlll.
,Ich kann doch. nicht dafür, wenn der arme
Menseh auch Anderen sein Leid geklagt hat!?
,Aber Du kanisk' dafür, wönn Du den Aumpen
zärtlich einen armen Menschen nennst! Und wenn er
sich auch an Andere gewagt hat, so pirst u, diesen
Anderen sagen, daß er frech gelogen hat, und damit
Holla! Denn wenn der Huldä von irgend' wem auch
nur ein schief Gesicht gemacht wird, so bleibt sie ganz
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bei mir und hält mir Haus, und -Du gehst in das

Stift. wo ja Dein Plaz bezahlt ist: Lch bin Deine
sauertöpfischen Mienen und Dein ganzes Wesen ohne- -
hin lang satt.!
Und wieder ging er zornig von, ihr fort, wie am
verwichenen Abende, und wieder warf er -die Thüre
heftig hinter sich zu, aber Ulrike sagte:heute Michts und
weinte heute nicht. Sie lächelte nur vor sich hin. Es
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. , Es haben doch auch Andere hier ihre Augen und
ihre Ohren!r warf Ulrike ein.
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war gut, daß die arme Hulda dieses böse Lächeln .
nicht zu sehen brauchte.
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Kapitel 19

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Aeunzehntes Gapites
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--- Der Haushalt in dem Schlosse war gut eingerichtet,
dazu war der Fürst auch noch in dem jugendlichen Alter,
-- in welchem man der eigentlichen Bedienuung nicht viel
- bedarf. Die vorhandene Dienerschaft konnte. alh mit ,
- . - Leichtigkeit die Lücke ausfüllen, welche Michael's Ert-
fernung in der Bedienung des Fürsten gelassen hatte,
- -die Ordnuung brauchte deshalb nicht gestört zu werden.
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-Aber-wie in jedem Sommer. eine Stunde kommt, in
? - pelcher man ganz plötlich einen veränderten, Hauch
F Zin; derSuft wahrnimmt,. eine Stunde, in welcher män
- ganz heiß herniederscheint, und die Blumen noch von .
-. allen. Beeten duften, so trat in die bisher, so leichte
-- und heitere Geselligkeit des Schlosses plözlich eine Art
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- - sich sagt: der Herbst fängt an, obschon die Sonne
- pon Stockung ein. Jeder Einzelne bemerkte sie, Allen
suchte ihre Ursache an der Stelle, an welcher sie' ihren
Ursprung genommen hatte.
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- fiel. sie mehr oder minder unbequem und Niemgnd
Es war bis dahin Alles so glattaund einfach von
statten gegangen, darum empfand man die kleinsten

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Hindernisse um so schwerer. Michael's Dienste wur-
den von dem Fürsten nicht entbehrt, aber er vermißte-
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den Menschen, den er immer um sich, gehaht, der ihn
in hundert Fällen fust der Mühe sdss Wöllens und
Denkens enthoben hatte: Er gestand! sich's ein, daß
Michael's Entlassung spätex' injeden; Fglle nohwen-
dig geworden wäre, indeß, daß erjetzts dazu, und im
Grunde unnöthig veranlaßtwar, das Taft ihni troz-
dem ungelegen. Michael war mit allen seinen Chor-
heiten eben auf dem Lande im höchsten Grade be-
auem und recht ein Mensch gewesen; wie: man ihn
gebrauchte. Für alle die kleiien geselligen Unterneh-
mungen hatte er auf ein bloßes Wort das Nöthige
mit Sicherheit verschafft. Er -hatke. leine ganz un-
gewöhnliche Gewandtheit für alles Dasjenige besessen,
was sich irgend auf Verkleidungen oder!auf kleine Dar-
stellungen bezog. Ein Zimner für lebende Bilder
herzurichten,' aus dem Unscheinbarsten für Kostümrirun-
gen Vortheil zu ziehen, den Souffleur zu machen,
war Niemand so geschickt gls er; und! weib er es mit
eigenem Vergnügen that, hatte er auch niemals
Schwierigkeiten dabei gemacht. Nüir fehlte es balb
hier, bald dokt. Andererseits hatte Glarisse sich ge-
wöhnt, auf Huldä eben so unbedingt zu' rechnen, ihre
Person, ihre hübsche musikalischeBildung, ihre mannich-
fache Handfertigkeit überall- in Anschlag zu bringen,
und wie es den Fürsten verdrießlichmachte, daß Michael
nicht mehr zur Stelle war, so verdroß :es Clatisse,
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wenn die Kenney jetzt urplötzlich so piel Ansprüche an

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Hulda erhob, daß sie den Bedürfnissen der jungen
; Gräfin'dadurch mehr und mehr entzogen wurde. -'
Elarissen zu bedenken, daß man das Mädchen doch zu-
nächst um seiner selbst willen und seiner Ausbildung
wegen, in das Schloß genommen habe. Es sei' deß-
halb eine Pflicht gegen Hulda's Eltern, daß man die
Tochter hier nicht so ausschließlich für das augenblick-
liche Vergnügen der Gesellschaft arbeiten lasse. Man
habe bereits mehr Zeit verloren, als billig sei; nun,
da die Abende länger würden, müsse man das ein-
--' zubringen suchen. Hulda müsse fleißig studiren, und,
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, was dann Glarisse später einmal thun wolle,- das .
- könne ja' später- entschieden werden, wenn aus dem
Mädchen erst etwas Ordentliches geworden' sein würde.
- Sonntags erinnerte Miß Kenney jetzt stets an den
-? --- Besüchsder Kirche, weil die Gemeinde Anstoß daran
- nehmen und es der Herrschaft zur Last legen könnte,
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- wenni man die Tochter des Pfarrers, wie es während
- des Hochsommers nur zu oft geschehen war, von dem
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regelmäßigen Besuche der Kirche ferne halte; und da -
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es an, daß Hulda, wenn sie am Sonntage bei den
J Eltern- gewesen. war, die Nacht dort bleiben und erst
sollte.» Das war Alles richtig, ja nothwendig. Clarisse-
- säh das ein. Hulda's Eltein waren mit diesen neuen
- Bestimmungen weit mehr' einverstanden als mit dem
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die Tage merklich kürzer geworden waren ordnete man
-- am -folgenden Morgen in das Schloß zurückkehren
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seitherigen Verhalten, auch sie selber mußte sich es
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sagen, daß sie die Zeit, in welcher, sie des Unterrichtes
von Miß Kenney theilhaft. werden könne, fortan mehr
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zu nüzen habe; aber auch in den kurzen Fommer
ihres Glückes war jener geheimnnißvolle Bruch, gekom-
men,. es war Alles mit einemmale nicht mehr so
wie sonst!
Das Brautpaar kam nicht mehr alltäglich, sein
Frühstück bei der alten Freundin einzunehmen. Eine
kleine Erkältung der jungen Gräfin hatte die erste
Unterbrechung in dieser freundlichen Gewohnheit ver-
anlaßt. Dann waren einige sehr- rauhe Tage ge-
kommen, während deren der Fürst seiner Braut' das
Ausgehen widerrathen; -inzwischen hatte die Gräfin
ihrer Tochter zu bedenken gegehen, daß -es im Grunde
doch kindisch von ihr sei, dem Fürsten an jedem Vor-
mittage einen so unnöthigen Besuch bei einer- Greisin
zuzumuthen, die für ihn persönlich keine eigene Be-
deutung habe, und Miß Kenney hatte ihrerseits nicht
einmal eine Bemerkung über das ?Ausbleiben ihrer
bisherigen Gäste gemacht. - Sie schien das ebenso-
wenig zu beachten, als daß der Baron nicht mehr wie
früher bei ihr vorsprach. -
Sonst, wenn er durch den Garten gegangen war,
und er ging sonst viel spazieren, war er fast regel-
mäßig an Miß Kenney's Fenster herangetreten, um
ein par Worte mit ihr zu wechseln, um gelegentlich
zw sehen und zu hören, was Hulda krieb, und welche
Nachricht sie von ihren Eltern, hatte. Später, als
man nicht mehr die Fenster des Zimmers offen hielt
und man nicht mehr bei Miß Kenney frühstückte,
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- hatte er' doch ab und- zu am Morgen, wenn auch im-
mier- nurfür kurze Augenblicke, vorgesprochen; und an - -
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- dem -Abende, -an welchem er Hulda allein und durch
hatte er ausdrüe'lch verheißen, daß er wiederkehren
- die Begegnung mit. Michael so erschreckt gefunden,
werde, um - nachzufragen, was geschehen sei. Aber ge-
- - kommen.war er. nicht! Und Hulda -wwußte es doch,
- Miß Kenney, hatte ihr es ausdrücklich gesagt; daß er
- - gsgewesen.sei; der .mit dem Fürsten Rücksprache gef,
-. - - gmmeg und- dadurch. die Entfernung des -verläum
P;! dexischen Kammerdieners veranlaßt hatte. -
? hatte: sie,es sich ausgedacht, daß und. wies e zjhw ,
- älten Beschüzerin zu thun gemeint, dann war ihr dies--
unmöglich vorgekommen. Miß Kenney, verlangte im-
- mer, daß Alles, was man that, ruhig, gemessgn,. - mt
-- -. Anstand gethan, und ausgesprochen werden sollte, und
, - - -- - == ==-
- wwo-Follte Hulda zu einer langen höflichen Rede den
- solche, da der Baron fast immer wußte, was,sie
pollte, auch ohne daß, sie sprach. Wie oft war es ihr
- hegegnet, daß er errathen hatte, was sie dachte. Wie
oft war er freundlich einem Wunsche -zuvorgekommen,
n.

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Neber alle die Veilegenheit, die sie zuerst in der Nähe -
der-Herrschaften gefühlt, hatte er ihr, sie, wußte sel-
! ber kaum wie, mit einem Blicke, mit einem Worte
- hinweggeholfen. Den. Schuz, den er ihr einst im
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- -.Von.Stunde' zuStunde hatte Hulda seitdem auf-
- Muth hernehmen? Wozu aber brauchte sie auch eine
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-- danken- wolle. Erst hatte sie es in Gegenwart ihöex
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; ( den-argn gewartet- - FStill bei, ihrer Arbeit jipeyd;
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Vorübergehen scherzend zugesagt,, den hatte er ihr, auch
ohne daß sie ihn erbat, gewähit. Bei Allem, was sie
gethan, hatte sie sich darauf verlassen, daß er da sei;
bei all den kleinen Leistungen, zu denen man fie heran-
gczegen, wzg seine Zufriedenheit es gewesen, auf die
sie sich gefreät. Oft, sehr oft hatte sie gedacht, daß
f aeesenhei ein Segen für sie fei; und gerade dam
Gott ihn eigens zu ihrem Heile hergesendet, daß seine
war ihr jedesmal wieder der unheimliche Ausspruch vgn

sich selber unter- dem Banne ehnesFluches glaube! -Er,
der gütigste der Männer, unter: demi Banne eines
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Fluches! Aber es gab ja Erlösungz bon -jedwedem
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Fluche, Erlösung durch' die Liebe- und konnte die
ihm fehlen? -
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Mamsell Ulrike eingefallen, daß er vyerfhtcht ;sei und
Es half ihr nicht, daß sie sich diese Vorstellung
als eine Thorheit, als ein Märchengebilde vorhielt.
? Es giebt geheimnißvolle Dinge, die man mit demn, Ver-
h stande nicht begreifen kannn gund die man dennoch
; wahrnehmen muß, weil sie Herrschaft üher den Men-
schen üben. Sie erfuhr das an- sich selbst. Sie war
plötzlich selber wie von einem Banne umstrickt;' pie
von unsichtbaren Banden festgehalten, so daß ihre eigenen
Gedanken davon wie befangen waren und! sie selber
j; - und die Menschen ihr wie ganz vexwandelt dünkten.
,Was ist dennn geschehen? fragte sie sich oftmals.
DrPben lag das Schloß wie sonst; aber eine
unsichtbare Mauer hatte sich zwwischen ihr und dem
Schlosse aufgebaut; es trennte' sie Etwas pön dem-
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selben. Die Kammerjungfer der Gräfin kam nicht
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mehr, sie zu rufen, kein Diener meldete, daß man
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Vormittag ging sie noch hinüber; der Gräfin Clarisse
das Haar zu flechten, indeß auch diese hatte viel, von
ihrer Heiterkeit verloren. Sie war Vß, nordischen
Wind griffen ihre Stimme an, verboten ihr die ge-
wohnte tägliche Bewegung in freier Luft. Das nahm
ihr alle ihre Munterkeit. Dazu hatte man Nachrichten
- über das Befinden des alten Fürsten, welche die Ab-
reise des Sohnes als möglich erscheinen ließen, und
ob und wann er danach wiederkehren, oder ob man
ihni später folgen und ihn dann in der Stadt erwarten
- würde, wo man leichtere Verbindung mitihm hatte,
darüber war man unentschieden. Es war überhaupt
»?F?- z Nemad mehr das alte, gleichmäßige mnd frend-
.

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. mrt einemmale Alles ungewiß geworden, es hatte Nichts
- lche Gesicht.
- Die Kammerjungfern stießen einander an, wenn
- - sie Hulda begegneten, die Bedienten beklagten,.als sie
einmal durch den Speisesaal ging, während man die
-' Tafel' deckte, laut und geflissentlich den armen Michael,
der sich auf so nichtswürdige Weise habe fortschicken
- - lassen müssen, weil Andere, die pfiffiger gewesen wären,
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ihrer bedürfe. Nur einnial des Tages, am frühen
F;= Herbst nicht gewöhn, die Nebel, der RFen und der
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sich fest in den Sattel gesetzt hätten. Die Frau des
Gärtners, eine gute und wohlgesinnte Person,' erkun-
digte sich eines Tages bei Hulda ohne allen Anlaß,
ob es wahr sei, daß sie im Hause bleiben werde, auch
wenn Miß Kenney mit den Herrschaften von dannen
gehe? Und als Hulda sie darauf verwundert ansah
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- und erwiderte, was sie denn hier solle, sie werde na-
türlich gleich wieder zu ihren-Eltern zurückkehren, hatte
die Gärtnersfrau gebeten, sie möge die Frage nicht
, übel nehmen, sie habe es auch nicht'geglaubt und hätte

-. -? - -
es nur so gehört. -
Wenn Hulda einmalb niit einemi Auftrage nach
dem Amte hinübergehen miußte, so 'sah Ulrike sie nur
über die Achsel'än und gönkte ihr kauni! das Wort.
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Sprach der Amtmann guit' der alten Freundlichkeit zu
ihr, so machte Jene. gewiß - eine bitteke Bemuerkung
- dazu, und wie dann Hulda simniäl; in Thränen aus-
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brechend, die Frage wggte, was sie denn verschuldet
habe, daß sie ihr so zürne,, hatte Alrikeihr gnlt spöt-
tischem Lächen die Antwort gegeben: zSo schöne junge
Frauenzimmer dürften niemal6-weinen, das mache
Falten und rothe Augen, und' dann-sei dieKunst vor-
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bei, denn das gefiele den -vornehmeii Herren ein-
mal nicht.!-
Selbst in der Kirche und bei, dem Fortgehen aüs
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derselben blickte ntan sie so- besonders!än. Freilich
trug sie jetzt jast lauter neue und weik bessere Kleider
als vordem, denn Gräfin Clarisse warfreigebig und
hatte ihr in den letzten Zeiten soggr eine hübsche Brust-
nadel und Ohrgehänge und allerlei Zierrath geschenkt.
Es war auch ganz ngtürlich, daß die Amtmgnns- und
GutsbesizersTöchter, mit denen fie herangewachsen und
eingesegnet worden war, sie fragten, wo sie denn das
Alles her bekäne? Sle kannten ja die Großmuth -
der jungen Gräfin nicht, aber hinter diesen an sich
fauny' Lewald, Die Erlöserin. L-
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- - sehr erklärlichen Fragen lag noch immer- ein Etwas,
? das sich lhalh persteckte, halb sich zeigenwollte: etwas
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- das Blut in die Wangen trieb und ihr das Wort im
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-' rechtes, hgtte Niemandem bein Leid gethan und konnte
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gegentrgt, Sie konnte sich nicht erklären, was sie
-sie hätte. klagen können, wie. ihr das Herz so, volllund .
- schwer, wie ihr- so, bang und muthlos zu Sinne sei.
-- Dgzu rückte die Jahreszeit immer weiter vor und
dgs Wettex wurde immer trüber. Der Regen fiel
-, Tag für Tag langsam und dicht herab, hie und da
-' zgigteg sich schon, Schneeflocken dazwischen, die freilich
- noh in der uft zerschmolzen. Die Sonne kani nur -'
selten einmal zum Vorscheine, tauchte bisweilen erst in
- I der, Stunde des Unterganges zwwischen dem dichtenGe-
-- gelhlichen Scheine nur noch: das welke, auf dem Boden
- - liegendes Lgub, und die kahlen Aeste, von, denen-der
-,- Regen, niedertropfte, oder die weißen Wachsbeeren an
- den entblätterten Spireensträuchen und die düsteren
-
- Tamnen, und Kiefern, über deren Wipfeln die langen
Züge der pilden Gänse, hoch oben in der Luft, mit
- kreischendem Abschiedsrufe gen Süden wanderten.
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,- IhxeFröhlichkeit, ihre Unbefangenheit hielten nicht
- - wölke hervor, und beleuchtete dann mit. ihrem matten,
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- genommen;,hatte:. -
- - Stgndzpgr dem persteckten üblen Willen, der ihr ent-

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jg Richts,hafür, daß die Frau Gräfin fie in das Schloß

-- ängftigte, , was sie empfand; es war Niemand da, dem
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-; Eunde,stocken machte. Und sie hatte doch nichts Un-
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Mehrere Wochen waren -so hingeschwunden. Der
- Gäste im Schlosse waren -immer? weniger geworden;
Besuche aus der Umgegend- kamen auch:'gmr selten,
weil die grundhJen Wege den:Verkehrr erschwerten,
und auch im Säosse wie draußen in der Natur ließ
sich kein fröhlicher Gesang mehrchören) Die. Krank-
- heit des alten Fürsten,hielt. die. Sorge um ihn wach,
die Tage vergingennim -Erwarten dertGriefe, es wur-
den für alle möglichen Fälle Vorkehrunget getroffen. -
Man zog die Reisewagen aus den Remisen, um
sie nachzusehen uuund, in. Stand-zg Fehen! --Es war eine
Ungewißheit in' alle Zustände gekominen, jelbst Miß
Kenney -sprach davon,' ihre Söachen einzupacken, und
wies Hulda gn, in welcher Art Fie: ihre hegonnenen
Studien fortzusetzen habe, wwenn?man'frühet pon den
Schlosse scheiden und sie dänn früher zu ihren Eltern
heimkehren sollte, als man- es -uxsprünglich beabsich-
tigt hatte. -
Hulda sah und, hörte das Alles, wie män Quä-
lendes, Beängstigendes in einemjener Träume durch-'
macht, bei denen. man das Bewußtsetn hat, dgß man
von einem Traum befgngen sei, ohne sich aus den
Banden desselben befreien zu können,; ohne sich deß-,
halb weniger von seinen Eindrücken gepeinigt und ge-
auält zu fühlen. Denn- mut allemu-- ihxem Henken kam
sie micht, über dieimmer gleichen Fragen hinaus:-
, Was habe ich denn verschuldet, daßs ich nicht mehr
glücklich bin? und ,Wie ist -es; nööglich, »gß de:
Baron, daß er, der Gütige, mit Fine Gunst ent-
? , u

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f'h. z-be Es u-s t- h »= Re =a bapn= =
' heß. ihr. am Fage keine Ruhe. Die Augen waren ihr
- güide zum. Susinken, -das Herz kopfte ihr beständig.
h? -h;zs erwvarte- si Etwas. Sie konte,hei keiner Arbeit
- lgnge;bleihen, es war eine RastlosiFeh über sie ge-
- I? ? Aommen,. die sie hin und her trieb und sie nur noch
h.
s-- ? -' zuüider machte.
-- . ,Wie übel' siehst Du aus!r sagteClarisse, deren
I,? Zegung, ihr; immer zugewendet blieb, eines Tages
FIganz betroffen, als Hulda ihr an einem Nachmittage
z'einekleige: Arbeit herüber brachte, welche sie ihr. auf-
- -. getragen hatte.-. Wo hast Du Deine frischen Farben
. zoass= D bist oa botouug =ah rrr
--
- ,Sie it zu schnell gewachsen,' fiel Miß Kennas
' ein, noch ehe Hulda die Antwort geben konnte, , das
-Jat ße ein wwenig angegriffen, und die pöllig ver-
ßI? - änderte Lehensweise bat ihr vielleicht auch geschadet. -
! -- Sie haben, ganz Recht, Hulda sieht nicht gut aus.
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,Wir haben vielleicht, nahm die Gräfin das
- Wort, , mit all unserem guten Willen für sie nicht -
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., das Richtige gethan, als wir sie hiehergenommen haben.
- I Sie hatte möglicherweise noch eine Weile Ruhe für
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- , ihre Körpexbildung nnöthig; aber ich hielt fie für fertig-
- muit, ihrem Wuchs, als ich sie sah, und wollte ihr doch
? -' zugute kommen lassen, was wir ihr hier zu bieten
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- -hatten. Die Ruhe bei den Eltern sezt das hoffent-

- - gch schnell. wieder, in das Gleiche. Wenn Du Dich
, heute übrigens nicht ganz wohl fühlst, Kind, wenn
F. ? -D etwa hinübexgehen willst, so mußt Du das nr
- sagen.-
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,Oh! ich bin ganz wohl!r entgegnete Hulda,
und doch hatte ihr im. Leben däs Herz noch nicht so
geschlagen wie' in dem Aügenblicke, denn der Baron,
der mit dem Fürsten hor den' Schachbrett saß, wen-
dete sich sangsam nach ihr um, üid den isäßften Blic
prüfend aüf sie gerichtet, sagte eri! ,Erimnersk Du
Dich unserer Unterredung, Schwester, und derBedenken,
die ich gleich damals! gegen Deine Plane hegte? Es
ist ein alter weiser Ausspruch; das fHorazische: Was
ruhig ift, das soll man nicht' benegeß!f -
Die Geäfin hielt' fich geflisseitlch n seiie lezten
Worte. , Das ist ein schöner unb echk, äristokratischer
Grundsatz, den wir Alle in - die Wappen über den
Thoren unserer Häuser und Schlösset aufnehmen soll-
ten,! sagte sie, ,eben weil er zu' den'Aüsprüchen,
Neigungen und Gesinnungen um üns Her, und ge-
- legentlich auch zu den'Deinen, in ehnem so heilsamen
Widerspruche steht. ich kann Dich ülrjgens vetsichern,
daß ich mir diese Erfahrung zurfLehkelnehmen werde,
und daß sie mich vorsichtiger machenfwirh.? -
,Dessen bin ich sicherl? -vehseste Emanuel.
,Schade nur, daß nsexe nachträgliheEinsicht keine
rückwirkende Kräft besizt, undmeist üühuns zugute
kommt, während Dritte unseren ftüheren Irrthum
büßen.? -
- Er hatte das aüsgesprochen, dhne von seinem -
Spiele- aufzusehen. - Dgs war der GGräfii lieb, denn
die Fassungslosigkeit, in welcher Pulda jich befand,
hätte ihm sonst nicht verborgen- bleibzn können.. Ihre
Farbe wechselte schnell, ihre-Lippen -bebten und' ihre

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- Augen hingen so angstvoll' an dem Baron; als wolle
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und müsse sie errathen, was seine Aeußerung für sie
bedeute, und in welcher Weise er sich ohne ihr Wissen,
- -?
F - mit ihr und irem Schiesale beschäfg: habe.
?. Die Gräfin beobachtete sie scharf. Das, was sie
sf.; ===e = = = ==nee= = e
F dabei' eitdeckte, war ihr nicht willkommen; aber sie
?- zlüheFde Wänge legend, sagte sie: ,Du bist verhipt,
- J - ;es-- st vielleicht in meinen Zimnern wwärmer, als Di -
F es gewöhnt bist. Geh' hinüber, Kind, und rühe Dich
I 'ausk Wir wollen morgen überlegen, was Dir dient
l=?, d =önes.
Hulda wollte gehorchen, Clarisse hielt sie noch
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-.-..-' beiden Männer waren aufmerksam geworden. Der
ß.? Baron, den eigenes Leiden achtsam für Andere ge-
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macht hatte, trat theilnehmend an sie heran und ergriff
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- mit' der Frage, ob sie Schnnerzen, ob sie Fieber habe,
ihre Hand.
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,Mir fehlt Nichts,' gar Nichts!r rief sie, und doch
zuckte sie zusammen,- während ihre Wangen glühten
. und ihre Augen hell aufleuchteten. ., Mir fehlt Nichts!
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- Ich bin ganz gesund,! wiederholte sie, und wollte
F - tHe, =oe gee Epka i =ia - ia
F- - ihre Hand aus der des Barons und eilte hinaus, als
ob eine unsichtbare Gewalt sie von dannen triebe.
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- Mädchen Et. krank! Rch fürchte, sehr krank!r sagte er
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- Emanuel' blickte ihr mit Besorgniß nach. ,Das
- - und machte den Vorschlag, seinen Reitknecht gleich am
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nächsten Morgen. zu der Pfarrerin und nach dem Arzte
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zu senden. Die, Gräfin, und die sonst leicht' zu he-
unruhigende Kenney wollten jedöch von keiner Be-
sorgniß wissen.
,Macht das Nebel, das Ihr angerichtet- habt, nicht
ärger!! meinte die Gräfin mit einer gewissen, Herbig-
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keit. , Emanuel hat mir. zu verstehen' gegeben,i ich
hätte besser gethan, das Mädchen!s'in sdeg -Vater-
hause zu belassen, und ich habe dgs -nn ;Hulöa's Bei-
sein nicht erörtern mögen. Aber häitt!lIhr Fie nicht
aus dem Bereiche, entfernt, in den-sie hingehört ünd
für den ich sie bestimmt, hätte Clarisse und' auch Du.
mein Bruder, nicht, von Hulda's gutem ;leußeren be-
stochen, sie in unseren Kreis hineingezogen, in dem zu
s?
leben ihr nicht zukam und in dem sie ja niemals
leben kann und wird, so wären ihre. Phantasie, und
ihre Nerven nicht so aufgexegt worden und sie wäre
frisch und gesund geblieben wie zu Hguse., ch werde
morgen nach der Mutter schicken, sie soll Hülda für
Fg; einige Tage mit sich nehmen, dann wirh die kleine
.
Neberrezung vorüber sein; und sg wird, sich einmal.
-
As später dieses Aufenthaltes bei uns wie eines un-
As
gewöhnlich hellen Sonnenscheines, wie; eines schönen

Traumes erinnern. Macht Euch doch Feine unnöthige
Sorge um das Mädchen. Das Leben hat der Sorgen,
Ak
Z! - der ernsten Sorgen ohnehin genng, und.D=-!- -
,Eine Estafette!' riefen sie. fast!Mlle' wie aus
einem Munde, denn durch die sanfte Stille- des nieder-
sinkenden Dämmerlichtes schallte plözlich ds iSignal
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eines Posthornes über den weiten Hof. Der Hufschlag

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- - üßd fölgtg ihm.
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- zusuchen. braucht. Die Sorge kommt uns schon von
, selbet Fn das, Haus. Was bringt Ihr? fragte sie,
- wiederkehrten.
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, Wir müssen noch an diesem Abende fort! Ich und
Clarisse - und also guchFie, theuerste Mutter.--


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- fügte sje gefaßt hinzu. -.
,. - ,Mein Vater schreibt mir selber. - Er -hat nach,
- yeiner. Besprechung mit dem Arzte, von dem er -un-
-' edingte Offenheit verlangte, die Bestätigung erhalten,
-, daß sein Zustand hoffnungslos, sein Ende möglicher-
s.
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-- ,Wenn Sie das fordern,' entgegnete die Gräfin, -
- wwer hat Sie gerufen und was schreiht man Ihnen?
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-- ,und mich noch verbunden zu sehen, uns zu segnen,
-. ehe ,er, seine lieben Augen für uns schließt! -- Der-
, Fürst hatte das mit ruhiger Selbstbeherrschung aus-
-- ihndieäorstellung, die Stimme versagte ihm, Clarisse
. schlgng ihre ,Arme um seinen Hals, und der Empfin-
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,-ungi nachgebend, barg er sein Aitliz an ihrer Brust.
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- wweise nicht mehr ferne sei, und er wünscht Clarisse
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- ,muß es unerläßlich sein und muß es geschehen! Aber.
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- , Sie mnüssen wieder einmal beweisen, theure
? Muter!r sagte der Rürst, , daß Sie Sie selbst find.-
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- Jäls, die Verlobten bleich und mit bewegter Miene
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,Ich hatte wohl Recht, zu sagen,! sprach die
- räfin, , daß man die unnöthigen Sorgen nicht auf-
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? ,eilte;nach der Thüre, ßlarisse hing sich an seinen Arm
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eines,Pferdes kam mit großer Schnelle-näher, der Fürst
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Die Gräfin sah nach. der Ihr, die auf dem Ka-
mine stand. , Es ist nahezu-FFünf, sagte fie, ,um
acht Ühr können wir reisefertig sehn und, reisen, Sind
Sie damit zufrieden, Severin?
Der Fürst und Elarisseküßten danklär ihre Hände,
, und der Erstere wollte sich eben entfernen, um dem
Postillon selber den Befehl zu geben, daß man auf
der nächsten Station -die Pferde für die Wagen
bereit zu halten habe, als ihm noch ein anderer Ge-
danke kam.
,Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll, theure
Mutter, bat er, ,und gestatten Sie, daß ich in Ihrem
Wagen fähre. Wir haben Aussicht, vtel schneller fort-
zukommen,' wenn wir morgen meinen Wagen uns nit
dem sämmmntlichen Gepäcke folgen lässen, und somit heute
nicht die doppelte Anzahl von Pferden nöthigi haben,
Die Gräfin überlegte eine- kleine. Weile Man
hatte es immer als feststehend angenommen, daß der
Baron an Stelle von Clarissens Vater die Braut zum
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Altare führen sollte, und diese selber gochte auf den
hr liebgewordenen Gedanken nicht verzichten. Nun
hegte man die Besorgniß, oh es für Emnuel nicht
zu ermüdend sein werde, in einemWagen selb Dreien
-die mehrtägige Reise durchzuhalten, Aber Glarisse erin-
nerte daran, wie man ja in diesem gut gebauten Wagen
schon oft zu Vieren, die Eltern und sie und der
Bruder, gereist sei, wie ihr alter Plaz im Wagen ihr
jetzt noch lieber sein werde, wenn sie ßatt des Buders
den Verlobten an ihrer Seite habe; auch der Baron
erklärte sich mit der Einrichtung - dugsnblicks, zufrieden.

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.- -thun und ohne jegliche Erörterung das Zurückbleiben
- von Miß Kenney feststellte. In ihren Absichten hatte
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; es schon lange gelegen, sie zurüchulassen.
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im Grunde sehr willkommen, weil er ohne ihr' Zu-
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- die-Size böt fünd hinter dem großen Wagen den
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; aöthigen' Raunt, und der Gräfin war- der Vorschlag
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' Für die, Fammerjungfer und für zweiDiener boten .
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Bwanziglkes Gäpiiet.
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Die Ankunft der Estafette, die plötzlich, angeordnete-
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-. Abreise der Herrschaften hatten den gagzen Hof in
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Zs, Aufruhr versezt. An allen Ecken und Enden wurde
e - es lebendig, jeder Einzelne hatte sich zu rühren und
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Z ; zu hasten.
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In den Ställen und Remisen sah mann die Leute
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s j mit den Laternen sich hin und her bewegen, Koffer
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- wurden über den Hof getragen, die Kammnerjungfern
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; und die Diener gingen eilig in den Cotridoren und
, in den Zimmern umher, die beiden Gräfinnen, der
Zs Fürst und dek Baron baren beschäftigt,; aus ihren
I? Schreibtischen und ihren Sachen dasjenige zusammen-
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' zulegen, wwas sie selber als das Unerläßlichste mut sich
F ? zu nehmen wünschten, und man hatte umsomehr zu
- thun, da man nicht wissen konnte, ob und wann man

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Die Gräfin hatte den; Amtmann rufen lassen,.
um ihm die nöthigsten Anweisungen zu ertheilen.
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Kapitel 20

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- Hand gn, sogar Miß Kenney half nach besten Kräften,.
- aber ihre Kräfte hielten nicht' lange vor, und sich -
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niedersezend, rief sie: ,Wie schade, daß uns gerade z
heute Hulda fehlt!?
,Ich' muß auf jeden Fall noch zu ihr gehen, umI,
. ihr Lebewohl zu sagen,! meinte Glarisse, ,und Du ;
mnuußt mir in Deineni nächsten Briefe schreiben, wwie es-
mit ihr steht, denn ich' fand sie heute so verändert!r
.Da Du jezt allein bleibst, liebe Kenney, und- I

- es jezt still im Schlosse wird, schicke sie nicht nach z
Hause, sondern behalte sie auf alle Fälle bei Dir.
Die Ruhe wixd Euch Beiden heilsam sein!' sagte die,
Gräfin, der sich eben' heute'' eimmdl Alles ganz vor-
trefflich fügte. ,Macht es: Euch recht begtem und
? ordne Alles nach Deinem Bedürfen, bis Du von mir
' srfäährst, was mit uns Anderen wird.!
--? -Miß Kenney schien erst durch diese Mahnuung gn
die ihk bevorstehende Trennung von den beiden Frauen
, zu denken, denen sie ihr Leben seit so langen Jahren
- ausschließlich gewidmet hätte, und troz ihrer Ergebung
hn den Willen der Gräfin konnte sie die Klage über
die-Verlassenheit nicht ünterdrücken, der' sie jetzt; bei
demn Anbruche -der schlechten Jahreszeit, in der ihr
immerhin fremden Umgebung anheimfallensollte: Aber
muit sich und. ihien allerdings jetzt unabpeislichen An-
gelegenheiten ausschließlich beschäftigt, ächtete bie Gräfin
nicht darauf. Nur Clarisse mahnte tröstend: ,Nimn
- Dich Hulda's nur recht' an, Sie ist so begabtund gut,
und ich will nicht eifersüchtig werden, wenn sie mich bei
- Dir ersezt. Ich liebe sie, als gehörte sie zu uns, und

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sie wird gm Ende noch nicht, einmgl erfahren haben,
? daß wir von hier fortgehen!!
Die Gräfin meinte, die Estafette und die Unruhe
I auf dem Hofe würden das Jedem längst zu wissen ge-
J. than haben. Sie wundertesich, daß Hulda nicht herüber
-- gekommen sei, ihre Dienste anzubieten; denn ihr Nebel-
befinden sei wohl nur ein vorühergehendes gewesen.
? Man könne nach ihr schicken -odex Frch im Vorüber-.
- fahren an dem Hause halten, wennöClarisse daran ge-
z legen sei, ihr noch die Hand zu geben.
Aber nicht allein Clarisse, auch ein Anderer, auch
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Emanuel hatte daran gedacht, daß man -von Hulda
scheideamnud daß ihr die Trennung von dem Menschen- -
kreise, in den man sie ohne ihr Zuthun; hggeingezegen.
- und in welchem sie unverkennbar ein neues Leben be-
gonnnen hatte, schwer zu Herzen -gehen werde. Ihm
?- selber that es leid und doppelt leid, weil' er sie in der
f lezten Zeit nicht so wie sonst behandelt, weil er sie,
ß die Schuldlose, den unangenehmen Eindruck hatte ent-
h? - gelten lassen, den der -lästige.Handel mit des Fürsten
Diener ihm gemacht hatte.
Während er sich für die Abäise porbereitete,
j - während er eilig sonderte und anordnete, was in dex
! Beschränkung, welche man sih aufzulegen hatte,' mit-
genommen werden konnte, und was man nachzusenden
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hatte, fiel. sie ihm immer wieder ein. Er legte ein-
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paar Bücher zurück, die er ihr. zum Andenken zu geben
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dachte, und war eben, dabei, ein Wort, des Abschiedes
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und dek theilnehmenden Neigung als Widmung in -
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das Buch zu schreiben, als er ein Verlangen danach
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fühlte, sie noch einmal zu sehen. Er wollte von ihr,
die ihm hier zuerst in tiefer Einsamkeit und in so-
-- - eigenthümlicher Weise hegegnet, die ihm durch ihre;
Schönheit und- Eigenartigkeit so - lieb geworden war,
- nicht-scheiden, ohne sie noch einmal wie bei dem exsten
Zusammentreffen alletn gesehen,, sich noch einmal ihr
schönes Bild recht eingeprägt, und ihr gesagt zu haben, -
daß sie an ihm, wie immer ihr Leben sich gestalten -
möge,. einen Freund besizen werde.
Er warf den Reisemantel um und stieg die ?
Seitentreppe. schnell hinab. Der Abend war trocken, ?
im Garten regte jich kein -Laut. Das Licht aus- dem -
. Fenster von Miß Kenney's Wohnung leuchtete still und Z
- fimmernd hurch das Dunkel, und wie es heler und. ZF
- größer vor ihm wurde, ging er schneller und schneller- z
darauf zu. Er sagte sich, daß er sich nicht versäumen -

dürfe, daß er bald wieder in Schlosse sein müsse, daß-
der Augenblick der Abreise sehr nahe sei; und mit der F
Eile, die er sich auferlegte, fing sein Herz zu klopfen an,
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, daß er sich davgn beängstigt und bewegt fühlte, ja daß
er sich räthselhaft erschien. Er vermied sonst unnöthige
, Gemüthserregungen, wo er es konnte, und er war
nahe daran, es thöricht zu finden, daß er zu diesem
Aberteuer ausgegangen war. Trotzdem vermochte er
nicht umzukehren;, denn wie er nun- das Fenster in
nächster Nähe vor-sich sah, und durch die leichten

weißen Vorhänge die hohe schlanke Gestalt bes Mädchens
- -I gewahrte, da zuckte der alte, niemals überwundene
. Schmerz durch seine Brust. --
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, So jung! so schön!r rief er aus, und erschrak
davor, als hätte ihm nicht der alte Zweifel an sich
selber die Worte auf, die Lippen- gedrängt.; Aber
sehen, sprechen, mußte er sie doch noch einmgl. -
Bei der tiefen Stille hatte sie denTritt des Kom-
menden gehört, und sie kannte diesen Tritt. -Während
er die kleine Außenthüre öffnete und der Hund des
Gärtners anschlug, hatte sie die Stubenthüre schon auf-
gemacht, der Gärtner und die Frgu, waren auch aus
ihrer Wohnung auf den ;kleinen Flur sgetreten, denn
es kam sonst um diese Stunde felten Jemand in ihr,
Haus, Sie zogen sich mit Geflissenheit zurück, als
sie den Baron erkannten. Ihm.entging das nicht,
Hulda ließ ihre Unruhe nicht, die Zeit, es zu be-
merken, -
,Soll ich hinüber kommen?? elef sie, ihm ent-
gegen, während er eintrat und die Thüte; hinter- sich
znzeg. ,Ich habe gewartet und gewartet, ob mgn
mich nicht holen kommen' würde, denn, von jelbex
konnte ich doch nicht kommen. Eswar. znirt ja be-
fohlen, hier zu bleiben. Ist es denn wahr, reisen-die
Herrschaften wirklich heute noch? . -
-- --
,Der Wunsch -des Fürsten zwwingt uns dazu,!
gab Emanuel ihr zur Antwort, ,Inn einer Stunde
- brechen wir Alle auf.! --
,Clle? fragte Hulda, indem sich ihre.Augen fest
auf die seinen richteten, , Alle, Herr Baron? Auch Sie?
Ihr angstvoller Blick, der bebende Ton ihrer
Stimme hatten etwas Erschütterndes und- trafen
Emanuel tief, denn er war bewegter, als er selbst -es

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für'niöglich gehaltsn hatte. Die Gewohnheit, sich den-
Frauen gegenüber zu beherrschen, die ihm zur anderen
Natur geworden war, kam ihm jedoch zu Hilfe, so daß er
in der freundlichen Weise, in welcher er stets mit ihr ver-
kehrt hatte, ihr sagen konnte: er werde mit den An-
dernb'gehen, um seine Nichte gn den Traualtar zu

-br.-
---Daflog es wie ein wildes Feuer durch-' des- F
- -. Mädchens Lüge, und sich mit ihren Händen an' die
---, ssinen klammernd,-' rief Hulda wie im Triebe der
- Selbsterhaltung: ,Nein! Nein! Sie nlcht!?
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F F Enianuel traute: seinen Sinnen guicht. ,Kind! ,
-- Was sdll das heißen?r fragte er, sich mühsani übet-
-- - windend, während ein nie' gekanntes WonnegefühFihn -
warm durchströmte. ,Was soll das heißen?! wieder-
- holte er,. und ließ sein Auge mit ahnüngsvoller Freude
-
auf ihren schönen Antlize ruhen.
-- ,Ich sterbe, wenn Sie gehen!'' sagte sie kaum
? - hörbar, und zusammenbrechend unter der Gewalt ihrex
- - eigenen Leidenschaft, sank sie, die Augen schließend,
ihm'an das Herz.
,Mädchen,! rief er, ,lage es mir, sprich es mir
aus==- liebst Du mich, Hulda? und sein Antliz
leuchtete, wie in den Tagen seiner Jugend, daß sein

Blick auuf sie niederstrahlte, wie von dem Bilde, wel- -
-- ches,ihre- Seele an sich gefesselt, noch ehe sie ihn je

inLeben selbst gesehen hatte. Aber sie vermochte nicht
.
zu sprechen. Sie war erschrocken über ihr Thun und
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, konnte sich nicht fassen, nicht in sich finden. Sie hatte


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den Kopf an ihn gelehnt, er hielt sie fest umfangen
er fühlte das Klopfen ihres Herzens an dem seinen.
, Und sie schreckenDich nicht, die Mißgestalt, und

die Narben, die mein Gesicht entstellen? fragte er.
Sprachlos schüttelte sie den.Kopf, und die Augen,
-aus denen ihre ganze Liebe strahlte, hoben sich in
stummer Anbetugg,zu zgziggEz?;, - -
,Ja!r ref er, ,läl'''DsAAiSese, die un-
eigemnüzige, die reine Liebe, die ich ersehnt und- nicht
erhofft; und was ich in der Jugend nie, exwerhen zu
können glaubte wasdie FFeite, Ftöße' Weli niie nicht
geboten, das bringst Dif mie ini- Sefmäisände'' jezt
entgegen ==? -'
,Erlösung!r sagte sie leise--FAebeerlösi!?
Er hörte es und es rührte ihn, obschon er es
nicht in ihrem Sinne nahm. ,Jä, sie etlöst und
bindet!r rief er,' inden eri nit neueni!'Kdüsse sich von
ihr trennte. ,Ja, sie bindet mich mit!schöein Bande
an die Heimat und das Leben. Denn jeht gehör'
ich Dein und bleibe hier!? -
- rgr--=, .. -
Fanny Lewalb, Die Erlöserin. L. -'

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Kapitel 21

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Ginundzbänzigsiss Gapitet. ?
F - zwsnaawwV
,... Dee- schwere Reisewagen, den dis Knechte auf. die
Rgmpe zvgr;das Schloß Finaufgezogen hatten, war
schön vollständig bepackt. Die Kammerjungfer yteckte
die Flakons in die. kleine Settentasche zur linken,zd -
- des Platzes, den die.Gräfin einzunehmen gewohnt war.
Fex Vorxeiter hatte sein Pferd ;an einem der eisernen
Riyge gmten;an der Rampe festgebunden und ging
dem,-Futscher bei dem Anschirren der pier mächtigen
Fgunens an die Hand, -Die beiden ;großen Spize
waren aus dem Stalle mit hinaufgekommen ngch dem
Schlosse, und -sahen dem ungewohnten Vorgange mit
Verwunderung zu, demn in dieser Jahreszeit pflegte
man so spät nicht abzureisen. Sie liefenunruhig und
kläffend um den Kutscher, um die Pferde, um den
Wagen her; sie hinderten die Diener und die Kammer-
jungfer, an ihn heranzutreten, und selbst der Peitschen-
hieb, mit dem der Stallknecht sie fort und fort zur
Ruhe zu bringen suchte, schien ihnen kein vernünftiger
Beweisgrund für die ungehörige Reisestunde, für das
nächtige Fortgehen des Kutschers und der Pferde.
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1B
Oben in dem Saale war man auch schon reise-
fertig. Die Mäntel und Pelze lagen bereit, die Gräfin
hatte die Chatulle, welche die Reisekasse und die
nöthigen Papiere enthielt, vor sich stehen. Miß Kenney
hielt sich, ihre Rührung mühsam unterdrückend, in
Clarissens Nähe, an deren Shawl und Anzug sie
immer noch Etwas fester zu ziehen und. zu verbessern
fand, während sie ihr dazwischen die Hände drückte
und sie umarmte. Clarisse war eben so bewegt.
Sie am wenigsten konnte es voraussehen, ob und
wann sie jemals in diese Räume, in ihrVaterhaus zurück-
kehrenwerde, und Mutter undTochter empfanden esBeide
schmerzlich, daß die Plözlichkeit ,der Abreise sie hin-
derte, die Grabstätte des verstorbenen Grafen noch ein-
mal zu besuchen. Aber man verbarg das dem Fürsten
rücksichtsvoll, der ohnehin -ergrifen genug war, und
da nun das Unerläßlichste besorgt, ein Weiteres zu
thun nicht mehr vergönnt war, suchte die Gräfin das
Fortgehen möglichst zu beschleunigen, um aus jenem
Zustande des müßigen Wollens herauszukommen, in
welchem man, unbehaglich schwankend zwischen dem
Hier und Dort, nach beiden Seiten vorsorglich ein-
greifen möchte, während man nur, noch zu denken und
zu wünschen, nicht mehr selbstständig Etwas zu thun
oder zu leisten vermag. -Man vermißte allein noch
den Baron, und doch war er, nach. Aussage der Leute,
früher als die Anderen mit seinen Vorbereitungen für
die Abreise fertig gewesen.
Die Gräfin gab endlich den Befehl, ihn zu be-
nachrichtigen, daß man bereit sei. Der Diener, den
1

!
19

siei damit beauftragte, sagte, er habe den Herrn Baron
vor einer Weile nach dem Gartenflügel gehen sehen,-
sein Gepäck sei auf dem Wagen.
- - , So wollen wir einsteigen,! schlug Clarisse vor,
, ihn vonsdort' abzuholen, und ich sage dannn. gleich der
armen Hulda Lebewohl!?
-Der Gräfin, in deren feinem Mienenspiele schon
e
.
eii der Auskunft, welche der Diener gegeben hatte,
ihr Mißfallen an derselben erkennbar gewesen, war die
Zumithung nicht recht. Da ihr jedoch vor Allem
daran lag, nuur fortzukommen, willigte sie ein, und
man hatte eben die. Mäntel umgenommen und den
Alnitmannund Mamsell Ulrike noch herein bitten
lassen, als der' Baron von der anderen Seite in das -
Zimmer trat.
,Wir haben Dich erwartet und waren eben daran,
Dich abzuholen!r sagte die Gräfin.
-- , Ich bedaure das umfomehr,! versetzte er, ,als ich
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genöthigt bin, Euch noch ein paar Augenblicke hier.
festzühalten, um Euch zu erklären, daß und weshalb
ich Euch erst morgen oder übermorgen folgen werde!?
Und gegen den Amtmann und dessen Schwester ge-
wendet, bat er sie, ihn mit den Seinen noch allein
zu lassen. -
- Sie gehorchten seiner Weisung, die Dienerschaft
ging ebenfalls hinaus, auch Miß Kenney wollte sich
entfernen, aber Emanuel hielt sie zurück.
,Sie, liebe Freundin,! sagte er, ,sind vielleicht
die Einzige, welche ich mit dieser meiner Mittheilung
weniger überrasche, als ich selber überrascht worden bin. s

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Denn nun ich mit schnellem Neberschauen rückwärts
blicke, meine ich, Sie müßten in meinem und des
holden Kindes Herzen längst gelesen haben, was des
geliebten Mädchens überwallende Empfindung mir zu
meinem Glücke in dieser Stunde klar gemacht hat.'? =
Er hielt inne, und setzte dann fest und bestimmt hin-
zu: ,Ich habe Hulda geliebt, seit ich, sie zuerst gesehen
habe. Ich werde von ihr. geliebt-ind ich bleibe hier,
um morgen von ihrem. Vater; ihre Hand, und. seine
Einwilligung zu unserer Verbindung zu fordern.!
Weil er sich ruhig zu erscheinen zwang, bekamen
.eine Worte und sein Tön etwasTrockenes und Kaltes
das im Widerspruche mit ihrem Inhalteßtand, und die
ohnehin sehr unerwartete Eröffnung noch befremdlicher
machte.
, Unmöglich!r rief die Gräfin, während der Fürst
betroffen schwieg und-selbst Clarisse, die nach allen
bisherigen Aeußerungen und nachk des Oheims ganzem
Verhalten an eine Verheiratung; desselben nicht mehr
gedacht hatte, sich versuchkfühlte, in den Ausruf ihrer
Mutter einzustimmen. Sie hatte, sich Hülda als die-
nende Gesellschafterin anzueignen -gewünscht; sich des
Pfarrers Tochter als des. Dheims Braut, als ihre
Tante vorzustellen, widerstrebte ihr nicht minder als
der Gräfin.
Der Baron empfand den Ausruf seiner Schwester
und das Schweigen der. beiden -Anderen, übel. Sein
leicht verleztes Selbstgefühl lehnte; sich dagegen auf,
und jenes Mißtrauen, das er immer gegen sich gehegt
hatte, trieb ihm das Blut in die Wangen.

198
- ,Wohin zielt Dein Ausruf, Schwester? fragte
er, ,und wwäs dünkt Dich daran so unniöglich, daß ich,
meiner'Neigung folgend, mich zu heirathen entschließe?!
- -Aber es erging' der Gräfin woie den meisten Men-
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schen, die gewohnt sind, sich' zu beherrschen, wenn sie
ihre Fassung einmal verlieren; denn von ihrer heftigen
Enipfindüng foktgerissen, sagte sie:' , Unmöglich dünkt
niich, daß Du vergessen könntest, was Du Dir und

Deinem Namen schuldig bist, und wie Du nicht: allein
stehst inf der Welt!?
- , Unddoch läßt eben dieser:Augenblick es mich
erkenien,; wiesehr ällein ich stehe undwie verschieden
wit sempfinden!? sagte er.. ,Indeß -- davdn wird
spätsr ja'zu reden-sein.?--
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- Es entstand eine Pause; sie steigerte die Miß-
- eiüfindung' in den Gemüätherü.? Jeder hatte Etwas
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auf, dein Herzen, wwas er auszusprehen wünschte, Reder
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hielt es zurück. Endlich machte der Fürst die Be-
nerkung, daß die für die Abreisei festgesezte Zeit schon
überschritten' sei. Der Gräfinwwar das willkommen,
und doch' wünschte sie deit Bruder, wenn auch nur für
benige Minuten, noch- allein zu sprechen. Sie deutete
ihmu däs an, - er wollte es nicht verstehen. Wie sie es
dänn geradezu begehrte, lehnte er es ab. -
,Wirsind Beide erregt und der Augenblick drängt,!
sagte er; ,so -sind wir zu -keinen Erörterungen geeig-
netD= dieiohnehin Nichts fruchten würden! . -
- Daß er sie so' bestimmit zurücküies, kräkte die
Gräfin nur noch mehr: Sie hatte imnier viel Werth
auf den Einfluß gelegt, den sie über den jüngeren

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Bruder ausgeübt,. und der Schritt, den er zu thun ent-
schlossen schien, beleidigte ihren Stolz, vexstieß gegen
alle ihre Neberzeugungen. - Daß dieser unangenehme
Vorfall im Beisein von Clarissen undwvor -ihrem künf-
tigen Schwiegersohne zur Sprache gekommen war,
daß ihr Bruder in dem Augenblicke, in welchem er
ihre Tochter in dem Fürstenschlgsse Jzum »Altar führen
sollte, mit der Tochter -eines Pfarrexs; mit einem
Mädchen, dessen Mütter noch. alsußörigegeboten wor
den war, sich trauen: lässen wollte, war ihr' unerträg-
lich. Zwischen der Kränkung, die ihr die. Eippen zu-
sammenpreßte, und zwwischen demVerlängen schwebend,
das drohende Ereigniß abzuwenden, oder, mindestens
doch aufzuhalten,. wendete sielsich,, alsi die Verlobten,
von. Miß Kenney gefolgt, das Zimmet, bereits ver-
lassen hatten, noch einmal- zuEmanuel zurück, der am
Kamine stehen geblieben;war. --
- ,Du denkst also; wirklich hier Fu bleihen?. Du
gehst nicht mit uns? fragte die-Gxäfin; und ihr Ton
verrieth es, wie sehnlich sie aufeineerwünschte,Ent-
scheidung hoffte.-.
. ,Nein!s entgegnete er fest und unbewegt,. ,aber
ich hoffe, Deine Gastfreundschaft hier zicht lange mehr
zu mißbrauchen.! -
-- ,lso hate Michael doch Rechtl? stieß die.Gräfin
in ihrer Empörungfr fafts ohne es zu wissen, heraus,
so daß der Amtmänn: und die» Mapasell,, die an der
ofenen Thüre standen, es vernehmen Jonnten; und
dem Fürsten und Clarissen folgend, ßtiieg,sie, von dem







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Hausz und Gutspersonale geleitet, die stattliche Treppe
hingb gnd -in den Wagen.
- -- Der. Baron blieb oben in dem weiten Saale ganz
allejn gurück.. Die Worte seiner Schwester -hatten ihn
wie, ein Dolchstoß getroffen. Sie verriethen ihm zu-
gleich, daß Miß Kenney ein abgekartetes Spiel mit
ihm -getrieben. Die Jezte Stunde hatte viel Erleben
auf. ihn' gehäuft.
- Die, Thüren. standen offen, der scharfe Zugwind,
der. vom Vorsaale kam, wehte: die Flammew der Kerzen
unxuhig.hin und' her. Emanuel hörte, wie man den-
Schlag des Reisewagens zuwarf, er hörte den weithin
challenden Peitschenknall; mit welchem der Kutscher
und- der Vorreiter die Abfahrt einleiteten, das;,Adiau? .
und ,Glückliche Reise', welches die scheidenden'Herr-
schaften undz die zurückbleibenden Beamten und Diener
einander zuriefen und das der Hufschlag' der Pferde
und das Rollen der Räder in sich verschlang.. Dann
wurdel das Portal geschlossen. Auf dem wechen Boden,
des großen Hofes verhallte das Kommen und Gehen
der Leute. Es wurde Alles wieder still, nur der Wind,
der gufgestanden und heftig geworden war, zeg heu-
lend; durch die:Luft, und stieß gegen die Fenster, daß
fie klirrten. Im Schlote rieselte der. Ruß hexunter,
die. Eule, die- im Thurme nistete,' hatte sich auf dem
Balkon dicht vor dem Simmer niedergelassen, und ihr
Ruf tönte melancholisch durch die Stille. -
-- Pie der Baron. sich umsah und sich so verlassen
in dem Saale fand, überschlich ihn ein schmerzliches
Gefühl. In der Stunde, in welcher ihm zum ersten-

z

I

At
male die Liebe eines Weibes, wie er sie sich ersehnt,
entgegengekommen war, wendeten die Seinen sich von
ihm ab, beleidigte ihn die Frau, die er mehr als eine
- Schwester, die' er fast wie eine Mutter geliebt, in der
er eine Freundin verehrt, und die sein volles Vertrauen
besessen hatts. Sie, die es wußte, wie die Entstellung
seines Aeußeren ihn von Jugend auf gedrückt, wie er
um dieses Mißgeschickes willen kein Glück für sich er-
hofft, gerade sie hätte ihm nicht' anthun dürfen, was
sie ihm nun gethan hatte. War: ee denn nicht der
Herr über sich selber nach seinem Ermessen und Be-
dürfen in aller Freiheit zu entscheiden? -- -
Weil sein Herz sehr weich, seine Anhänglichkeit
an seine Schwester lebhaft war, bliebihnMichts übrig,
als sich mit Zorn gegen sich und sie zuwwaffnen, Es
empörte ihn mit Recht; daß sie imn Augenblick des
Scheidens die nichtswürdige Verleumdung eines fort-
gejagten Dieners ihm in das Antliz zu schleudern,
- daß sie damit nicht nur ihn, sondern auch das Mäd-
chen zu beschimpfen gewagt hatte;' welches in kürzester
Frist den Namen führen sollte, den zu tragen die
Gräfin selber so stolz gewesen war. Auch er' hatte es
freilich niemals gut geheißen, wenn Mitglieder- der
alten Adelsgeschlechter Verbindungen mit Bürgerlichen
eingegangen waren und dadurch jene Reinheit des
adeligen Blutes getrübt hätten, die er ebenso. wie seine -
Schwester immer als einen Vorzug aitgesehen hatte.
Er hatte auch nie an die Möglichkeit gedacht,
außerhalb der adeligen Familien sich eine Frau zu
suchen. Aber hatte er denn hier- gewählt?=-- Wie

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aus der Hötter Hand, wie eine Huld des Schicksals,
so-ungesucht;iso unerwartet, -so plötzlich und so über-
wältigend -war die Liebe' des himmlischen Geschöpfes
- ihm zu Theil geworden, die. ihn vorahnend schon so-
sehribeglückt hatte! -Niemals hatte er -sich innerlich so
- ausgeglichen, so versöhnt mit seinem Loose empfunden,
z


als seit dem Tage, an welchem Hulda ihm begegnet
war; und wie sie ihm damals als die: Tochter der
Segennspendenden Göttin erschienen, so war sie ihm
auch zu einem Segenrgeworden und mußte dies iwer- -
den mehr und mehr, je vollkommener ihre schöne-
Natur sich unter. der Pflege -entwickeln würde, welche
seine Liebe ihr zuzuwenden dachte.
- Siestand wieder vor ihm in aller ihrer Jugend- -
herrlichkeit. Er fühlte sie' wieder an seinem Halse
,. hängen, ihr Haupt an seinem Gusen ruhen, es trieb
ihn sie wieder aufzusuchen, um in- ihrem Anblick, in
ihrer Liebedie-peinlichen Eindrücke der lezten halben
Stiide zu vergessen: ! -
--? In dem -Vorzimmer kam sein Diener ihm ent-
gegen.. -Er wollte wissen, ob er auspacken solle, -er
hatte fich zu erkundigen, won der Baron das Nachtessen
einzunehmenwwünsche; ober-es im Speisesaale oder in
seiem Zimmer aufgetragen habenwwolle.. Dazwischen
gingen ein paar Hausmägde an ihm- vorüber; welche

? unter Aufsicht der Mamsell mit häuslichei Verrich-
tungen beschäftigt waren. Die Auflösung der bis-
herigen Zustände gab sich schon jezt in vielen kleinen
Zeichen-kund, und Emanuel sagte sich, morgen um
diese Stunde werde er wahrscheinlich das Schloß

W8
ebenfalls verlassen haben. Er hatte schöne Tage mit
den Seinen, mit der Schwester, mit'Clarisse und dem
Fürsten hier verlebt- schöne Tage, die nach dem
Vorgegangenen nie wiederkehren konnten.
- Wie er in das Freie' hinaustreten wollte,- drängte
der Sturm vom Meere her so heftigngegen die Thüre,
daß er Mühe hatte, sie zu öffnen, -und-Mühe, draußen
die kleine Strecke vorwärts zu kommen. Die Aeste
in der Tannenallee neigten sich unter Fem Orucke des
Windes tief hinab und schnellten sausendin die Höhe,
während es in den Kronen und Wipfeln knarrte, und
von dem Eichenkampe her, das scharfe, welke Laub wie -
ein hartes, braunes Schneegestöber durch die Lüfte
jagte. Er war froh, als sein Fuß die Schwelle des
schüzenden Gärtnerflügels betrat, froh der Aussicht,
in des geliebten Mädchens Nhe Alles zu vergessen,
außer dem Glücke, sich geliebt zu wvissen. - -
Aber auch hier fand er es nicht; wie-er's:erwartet
hatte. Er hätte gehofft, die'Holde würde jhw ent-
gegengekommen, den Widerschein der jungen Liebe auf
dem blühenden Gesichte: Statt dessenlsaß Mdiß-Kenney
in stillem, sich bescheidendem Schnerze versunken in
den Polsterkissen ihrer Sophaecke, und Hulda, erhob
sich von der anderen. Seite des Tisches undnblieb scheu
und ohne ihn auch nuur anzusehen,' aufihrem Platze
stehen.
,Was bedeutet das? Was ist geschehen, Geliebte?
fragt er, obschon er sich es. sehr wohl erklären konnte.
Er hatte ihre Hand ergrifen und seinenArm um -sie
gelegt. Sie entzog sich ihm mit Aengstlichkeit, und

--?

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-
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Ws
sich niederbeugend, um seine Hand zu küssen, brachte
fie mrühsam - die Worte: ,Verzeihen Sie mir, Herr
Baron!r über ihre bebenden Lippen.
,Ich soll Dir verzeihen, Geliebteste!? -rief er.
,Was für ein Wort ist das! Ich soll Dir, verzeihen,
daß ich glücklich bin,' daß Du mich llebst! Daß Du mir
Dein liebes Herz geweiht? = Welch ein Wahn, welch
ein Böser Zauber hat Dich denn ergrifen? Was könnte
ich Dir, ich Dir denn zu verzeihen haben, die Du die
Reinheit und die Liebe selber bist? -
- - ,aß ich mein!Auge zu Ihnen erhoben, daß ich
Unfrieden gebracht habe, wo ich Wohlthaten empfan-
gen,- daß ich-- daßichk sie konnte nicht' weiter
sprechen und verhüllte ihr Gesicht mit ihren Händen
, - zAlso dazu, hat meine liebe Freundin Kenneydie
kurze Zeit benüzt in der ich von Dir entfernt gewesen ?
bin? Diese Lektion hat man Dich lernen lassen?
sagte iEmanuele mit einem- Lachen,-dasi Feineö Ent-
rüstung nur schlecht verbarg. ,Welch ein Glück, daß
Dein,Gedächtniß nicht schneller ist, und daßDein' Herz
sicherlich keine: Silbe von der unvergleichlichenLektion
begrifen: hat. Aber ich sehe es, Deines Bleibens ht
hier nicht und auch des meinen nicht. Morgen in der
Frühe bringe ich selber Dich' nach Hause, bis dahin
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lebe' wohl, mein Kind!? -
, ,Verzeihen Sie mir,! sagte Miß Kenney, wäh- Z
rend sie ihn mrit. ihrem sanftesten Blicke freundlich an-
-
sah, - ,verzeihen Sie mir, wenn ich zum erstenmale
Ihren Anordnungen entgegentreten muß, Herr Baron, z
Hulda ist mir von ihren Eltern und von' der Frau,

W5
Gräfin awvertraut, und ich habe von der Letzteren den
ausdrücklichen Befehl: erhalten,. daß ich -sie morgen zu
ihren Eltern bringen und bis, dahin sie. unter meiner
alleinigen Obhut behalten soll.? -
Emanuel fuhr auf. Sich in solcher Weise be-
vormundet und gehindert zu sehen, war ihm unerträg-
lich. ,Die Gräfin ist sehrbesorgt füx meine. Braut,
sagte er, ,aber sie wird --mir das Vertrauen schenken
müssen, daß ich selbst bestimme, was mir in meinem
besonderen Falle als das Angemessenste erscheint. Hülle
Dich warm ein, !Geliebte, in einer halben Stunde bin
ich hier. -Du sollst schon diese Nacht unter dem Dache
Deines Vaters schlafen, das Du nie verlassen haben
würdest, hätte die Gräfin mir gefolgt. ? - -
Er schritt der Thüre zu. Hulda stand - willenlos
wie ein Kind inmitten. des kleinen. Gemaches. Ihre
Hilflosigkeit und die Empörung; des Barons gingen
Miß Kenney zu Herzen und warfen älle?ihre Vorsäze
über' den Haufen. Sie wußte,nicht, was sie wünschte,
was sie thun sollte. Sie war einst Felber jung, und
schön gewesen wie das Mädchen, das hier vor ihr stand,
sie war geliebt' worden von dem Sohne des reichen
Edelmannes, dessen Pächter ihr - Vater ;gewesen war,
hatte demüthig entsagend ihre Fämilie und. ihke Heimath
verlassen, um dem Wohlergehen der Ihrigen nicht
zum Hinderniß zu werden, und sie hatte Friedei und
Ruhe und eine. neue Heimat und eine neue Familie
in dem gräflichen Hause gefunden, n das sie ein-
getreten war. Warum. sollte diesen: Mädchen nicht
ebenso gelingen, wasi ihr gelungen wwar? Warum



!
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S eowuge
sollte sie: durch ihr Beispiel und ihren Rath nicht zum
z weitenmale'der Friedensengel: in einem edeleni Hause
werden können? Nachgiebigkeit und Entsagung lagen
so sehr in ihrer Natur, daß sie nicht begrif, wie
nichtein Jeder seine höchste Befriedigung in-der Selbst-
verleugnungfinde.
-- Sie hatte sich erhoben und ihre Hand auf Ema-



z

nuel's Arm gelegt, um ihn zurückzuhalten. ,Lassen
Sie mich keine Fehlbitte thun,! sagte sie, ,zwingen ?
Sie mich nicht, zum erstenmale den Anordnungen der
Frau Gräfin zuwider zu handeln. Und wiegt, denn
die unbedachte Neigung eines Kindes die alten, heilhgen
Bande der- Geschwisterliebe auf? Denn=- Sie kennen
die Gräfin ja so gut wie ich- sie opfert Mlleseher
alsihke Neberzeugung!!
- Das ermahnende leise Bitten der Greisin, die-
Willenlosigkeit, in der er Hulda vor sich sah, regten
Emanuel's ohnehin an diesem Abende übermäßig an-
gespannte Nerven heftig auf, und die- letzten Worte
machten jdas Nebel ärger. , So wird die Gräfin es
-um so iratürlicher finden,! rief er, , wenn auch ich
meiner Neberzeugung folge. Halte Dich bereit, Mädchen!
In kürzester Zeit steht der Wagen vor der Thüre!?
---'- Er schritt rasch hinaus, Hulda setzte Fich wie be-
täubt in eine Ecke nieder. Die gute alte Kenney
schwankte zwischen ihrem Gewissen und ihrem Herzen,
zwwischen Pflichttreue und Empfindung, zwwischen ihren
Standesbegriffen und ihrer Gefühlsseligkeit. unschlüssig Z
hin. und her. Sie warf es. Hulda vor, daß ihr Mangel
an wahrer Sittsamkeit all dies Unheil verschuldet habe.
D
-

A
und fühlte ihr ängstlich den Puls, denn das Mädchen
war sichtlich leidend. Sie erklärte, daß sie:Hulda nicht
mit dem Baron in Nacht und Nebel und oobendrein
in solcher Sturmnacht fortgehen lassen' könne. Sie ver-
langte, Hulda selber solle es aussprechen, daß sie bei
ihr bleiben wolle, daß sie erst morgen zu den Ihren
zurückzukehren wünsche, und daneben - rührte sie. das
Schicksal des jungen Mädchens und des Barons, denn
sie konnte es ermessen, welche Saiten- heute in dem
Herzen Emanuel's erklungen waren.. -Aber was sie
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auch sagte, um Hulda anderen Sinnes zu machen, es
blieb Mlles wirkungslos. .
,Ich gehe mit ihm! Und ich muß nach Hause
-- heute noch und gleich!!: sagte sie-wieder und, wieder,
als ob kein anderer Gedanke -daneben Raum - in
- ihrer Seele hätte; und plözlich aufspringend wie in
jähem Schreck, fügte sie; hinzu: ,Genn er nur erst
käme! Es zieht mir amHerzen, daß.ich nachiHause muß!?
Sie war in die Nebenstube gegangen, Fch zur
Abfahrt anzukleiden, Ndann' trat sie ian das Fenster,
sah in die Nacht hinaus, und gingugleich. wieder nach
der Ühr zu sehen. Ihre Unruhe, wurde ämmer größer.
Miß Kennney sagte ihr, sie sei ernstlich, krank, sie habe
Fieber.
,Nein!r versezte sie. ,Aber angst ;ist mir, so
unaussprechlich angst; äls müßter ich zu Fuß nach
- Hause, wenn's nicht anders wäre!.. Wenn- er nur erst
käme - so war mir noch nie!?=- -Mit peinemmale
eilte sie auf's Neue an das Fenster und: öffnete zs.
Der Wind schlug es mit Heftigkeit zurück. Das eine
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der, beiden Lichter, die auf dem Tische standen, erlosch
davor. -Miß Kenney, von dem eisigen Luftstrom
scharf getrofen, fragte, was das heißen solle.
- - ,Hörten Sie es nicht?! entgegnete Hulda, und
sah verwirrt um sich. ,Es war mir gerade, als
ob ich meine Mutter rufen hörte. Es ging mir
durch Mark und Bein! Ein lauter, ein entsezlicher
Hilferuf!
Miß Kenney schloß das Fenster und holte sie
zurück. Es wurde ihr selber bange, sie fürchtete, das
Mädchen sei- nicht bei- sich, so krankhaft war sein
Verlangen, fortzukommen, seine Sehnsucht nach der
Mutter.
Aber auch der Baron stand im Schlosse gm-
Fenster seines Zimmers und wartete in einer Ungeduld,
die ihn verzehrte, auf die Pferde, und das Schweigen
um ihn her machte seinen Zustand quälender.
- Er hatte den Befehl gegeben, Feinen Wagen an-
zuspannen, seinem Rdeitknechte, sich zum Vorreiten bereit
zu 'machen, denn obschon der Weg vom Schlosse nach -
der Pfarre kurz und völlig eben war, machten die tiefe
Dunkelheit und der Sturm die Vorsicht nöthig. Auf
die Frage seines Dieners, ob er den Mantelsack auf
den Wagen zu legen, ob er den gnädigen Herrn zu
begleiten habe, hatte er verneinend geantwortet, ohne
zu erwähnen, wohin er gehe und wann er wieder-
kehren werde. Der treue Mann, der den Baron seit
Jahren auf allen seinen Reisen begleitet hatte, machte
sich leisen in dem Gemache zu thun. Ihn drückte die
Vereinsamung, in der sein Herr zurückgeblieben, der

A
Unfriede, in welchem die Gräfin von ihm geschieden
war. Er hoffte im Stillen, daß der. Baron sich eines
Anderen besonnen, daß er sich entschlossen habe, den
vorangegangenen Reisenden noch in dieser Nacht zu
folgen.
Emanuel bemerkte die Anwesenheit des Dieners
kaum. Es gingen ihm andere Dinge durch den Kopf.
Auch in ihm wogten Empfindungen und Gedanken in
raschem Wechsel hin und her. Denn erst jetzt, da er
für wenig ruhige Augenblicke sich' selber überlassen
war, kam ihm die deutliche Vorstellung, wie er eben
in diesen Stunden an einem Scheidewege auf seiner
Lebensbahn gestanden und über seine Zukunft gegen
- alle seine bisherigen Absichten entschieden. habe.
Er fühlte sich wie verwandelt. Das Glück, sich
geliebt zu sehen, hatte seinen Unglauben an sich selbst
besiegt; aber das drohende Zerwürfniß mit seiner
Familie dämpfte die Empfindung, mit welcher er an
Hulda dachte, und neben dem Unbehagen, das seinem
edlen und auf ruhige Entfaltung der Dinge gestellten
Sinne die Art und Weise verursachte, in welcher er
sich das geliebte Mädchen jett anzueignen hatte, konnte
er nicht darüber in Zweifel sein, wie man in den
Kreisen, in deren Gesellschaft er zu leben und auf
deren Meinung Gewicht zu legen er gewohnt wwar, den
Schritt beurtheilen würde, den er zu thun beschlossen
hatte.
Seine innere Bewegung steigerte sich an der
Nothwendigkeit des Wartens. Er war froh, als sein
1s
Fanny Lewald, Die Erlöserin. L-


!



!




-

1d
Wagen endlich vor der Thüre hielt, als er Hulda
wieder vor sich sah und sie ihm, da er in das Zimmer
trat,. wie einem Befreier mit dem Ausrufe: ,Gottlob,
-daß Sie da sind!? um den Hals fiel.
Wie er sie fortgeführt, wie Miß Kenney, von
dem Ereignisse überwältigt, all ihrer Einwendungen
vergessen, und von ihrer Liebe für Hulda, von ihrer
Freundschaft für Emanuel- hingerissen, sie segnend um-
armt, wie sie trotz ihrer sonstigen Sorge für die eigene
Gesundheit die Beiden hinausgeleitet hatte bis vor die
Thüre er wußte es selber kaum. Und er vergaß es
völlig in dem beseligenden Gefühle, mit welchem er
das Mädchen in seinen Armen hielt.
=sSoows
z
-

-

Kapitel 22

Bweiundzwanzigstes Gapiies.
-=
Die Nacht war ungewöhnlich duükel! der Sturm
heulte, vom Meere kommend, in weitem, wildem Zuge
über die große Ebene hin, daß die starken Pferde
mühsam dagegen angingen und das Licht in den
wohl verwahrten Laternen des Vorreiters und des
Wagens nur flackernden Schein urch die Finsterniß
warf; aber weder die Gewalt des Windes, noch die
rauhe Nachtluft fochten Emanuel an.' Er war sehr
glücklich.
Unschuldig und vertrauensboll' wie ein Kind,
zärtlich und hingebend wie ein liebendes Weib, hatte
sich Hulda an ihn geschmiegt. Ihr Kopf ruhte an
seiner Schulter, er hatte seinen weiten Mantel auch
um sie geschlagen, er hielt sie in seinen Armen fest,
und mit einer sanften Wonne, die er nie zuvor ge-
kannt hatte, drückte er seine Lippen auf ihr Haupt,
auf ihre Stirne und auf ihren Mund.
Was ihm noch vor wenigen Minuten ein Gegen-
stand des Unbehagens gewesen war, das entzückte ihn.
nun er mit der Geliebten wie nit einem holden Raube
1 -

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A1e
durch das Toben der Sturmnacht einsam über die
nordische Haide nach dem Meere hinfuhr. Er hatte
Hulda in seinem Herzen und auch vor den Anderen
oftmals als die verkörperte Volksdichtung bezeichnet,
und nie hatte er sie reizender gefunden, als wenn sie
ihm die Lieder des Volkes zur Guitarre gesungen.
Nun fielen ihm plötzlich wieder die Verse ein, die er
von ihr gelernt, und Bei denen er»- er entsann sich
dessen deutlich - immer an sich und an sie gedacht
hatte, so oft er sie von ihr gehört. Es klang in ihm
-wieder, jezt, da er sie an sich drückte, jenes:
Din zu mir, dem Düstern,
Der es nicht bemerkte,
Spähte von der Seite,
Blickte still und sinnend,
Venes schöne Kind;
Und ich sah in's Aug' ihr
P -
Und es traf ihr Blick mich
Wie ein Strahl des Jimmels,
Tröstlich und gelind.
Allsofort ein Dringen
Am Gemüthe spürt' ich,
Daß mit ihr vertraulich
Holder Red' ich pflag'
Und erklingen hört' ich
Ihre süße Stimme,
Und entschweben fühlt' ich
Meiner, Geele Trübsal,
Aufgefunden war mir,
Was das Serz bedurfte,
Aufgegangen war mir
Tief in Nacht und Dunkel
Das ersehnte Licht.
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Die sanfte Schüchternheit, mit welcher sie seine
Liebesworte, seine Fragen beantwortete, das kindliche
Bangen, mit dem sie von den Eltern sprach, und da-
neben die stille Freude, mit -der sie seine Hände
drückte, wenn er ihr sagte, daß er sich neben ihr jung
wie sie selber und dem Leben neu gewonnen fühle,
ließen ihn es kaum beachten, wie zu dem, wilden
Sturme sich ein heftiges Schneetreiben, gesellt hatte,
in welchem seine Leute nur mit zgroßer Vorsicht vor-
wärts kommen konnten. Mit einemnüale schreckte
Hulda aus dem sanften Ruhen auf.
,Das ist Pluto! das ist unser Hund!r rief sie,
und das Gesicht an- das Wagenfenster lehnend, fragte
sie verwundert, ob man denns schon zu Hause sei?
Der Baron zog das Fenster herunter, man war
noch ganz im freien Felde. Hulda erkannte beim
Scheine der Laternen den alten Wegweiser, der unfern
vom Eingange in das Dorf. die drei Richtungen nach
dem Schlosse, nach- dem Dorf,' und nach dem Meere
anwies; aber es war des-Pfarrers. Hund, der, wie sie
ihn anrief, in hohen Sätzen- mit lautem Gebell. immer
und immer wieder in seinem Laufe innehielt, und an
dem Wagen emporzuspringen suchte.
,Wo er nur herkommt? sagte Hilda, als der
Baron das Fenster wieder geschlossen hatte. , Er
kommt um diese Stuide niemals von der Kette los!
- Und, fügte sie hinzu,' da sie inzwischen an den
ersten Häusern des Dorfes vorübergefahren waren:
,was muß denn hier geschehen sein? Gs ist noch
Licht in allen Häusern, und die Leute sind noch

-

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draußen! Noch in allen Häusern Licht! =- Wenn
nur nicht -Kähne in dem Sturme draußen sind.!


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,In dem Augenblicke hielt der Kutscher an. Es
war Jemand an den Vorreiter herangetreten, und
obschon der Wind darüber hinfuhr, hörte man Rede
und Gegenrede.
,Gas geht da vor?! fragte der Baron seinen
Diener, indem er sich zum Fenster hinausbog.
,Sie fragen,! gab der herbeigekommnene Reitknecht
zur Antwort, , ob wir vielleicht der Kalesche vom Post-
halter begegnet sind; wir kommen ja aber von der
anderen Seite:
,Wie kommt man denn darauf, das Fuhrwerk
zu suchen? erkundigte sich der Baron.
? s ,
Da trat, noch ehe der Reitknecht. Auskunft geben
konnte,' ein alter Mann in vielkragigem Mantel, die
Pelzmüze tief in die Augen gedrückt, eine Stalllaterne-
in der Hand,' an den Wagen heran; und ohne ?in
seiner angstvollen Eingenommenheit- von dem Er-
scheinen des Wagens, von des Barons und von Hulda!s
Kommen um solche Zeit und Stunde im entferntesten
überrascht zu scheinen, rief er, wie er die Leztere er-
kannte: ,Gottlob, daß Sie wenigstens nur da sind!
Da ist doch Einer, zu dem der Herr Pfarrer reden
kann!? - -
Es faßte Hulda wie mit Todesangst, als sie die
Worte von des Küsters Mund vernahm.
' ,Wo ist denn meine Mutter?! rief sie, ,Herr

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Falk! wo ist die Mutter? Sie ist doch nicht krank?
Wer soll denn kommen in des Posthalters Kalesche??
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,Die Frau Pfarrerin sollte kommen!! sägte der
Küüster. ,Die Frau Posthalterin ist krank und hat
heute Morgens nach der. Frau Pfarrerin geschickt, und
sie hatte von dort gleich nach dem Mittag abfahren
und um die Kaffeezeit zu Hause sein wollen. - Und
sie ist noch nicht da.!
,Sie wird des schlechten Wetters wegen zurück-
geblieben sein!! meinte der Baron, umu Hulda zu be-
schwichtigen und fortzukommen, obschon ihn selber eine
schwere Bangigkeit befiel.-
,Nein!! sagte- der Küster, ,abgefahren ist sie,
lang vor der Reitpost, die um fünf Ühr hier vorbei-
gefahren ist!?
Hulda stieß einen Schrei des - Entsetzens aus,
troz der Kälte brannten ihre Hände wie im Fieber.
Der Baron befahl, rasch zuzufahren,uin wenig Minuten
hielt man vor der Pfarre. - .
Die Gartenpforte und. die-Hausthüre standen
offen, der Pfarrer, die Magd,ein paar Frauen kamen,
als sie den- Wagen hörten,. aus dem Hause rasch
heraus.
,So weißt Du's schon!r rief der Pfarrer, als
fich Hulda ihm in die Arme warf, ,Du weißt es
schon?
,Nichts! Nichts wissen wir!! entgegnete Emanuel,
während er sich bemühte, den Greis und das Mädchen,
dgs sich kaum auf den Füßen halten -konnte, der
Unbill der Sturmnacht zu entziehen und sie in das
Haus zu führen.

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, Sie ist am hellen Tage um drei Ühr -abgefahren,!
klagte der Pastor. ,Es ist nicht anders, sie sind auf
Triebsand- gerathen, sie ist hin!?
- Hulda rief in lautem Schmerze nach der Mutter,
sie war wie außer sich. Däs Entsetzen, das an den
Vater langsam schreitend herangetreten war, überfiel.
sieplötzlich und warf sie nieder. Emanuel. strebte
vergehens, die Hoffnung in den beiden Verwaisten,
wenn auch nur noch für Stunden, lebendig zu' erhalten,
um sie wie einen milden Vermittler zwischen die Sorge
und! die unabweisliche Gewißheit zu stellen; aber seine
Trostgründe fanden bei den Beiden kein Gehör. Er
wollte seinen Reitknecht aussenden; er schlug vor, auch
mit den vier Wagenpferden Leute beritten zu machen,
um, wie er es nannte, die Verirrten aufzusuchen.
Indeß, er; wußte in seinem Innern wohl, daß der
Pfarrer Recht hatte, wenn er behauptete, hier sei kein-
Verirren möglich, als in das Meer.
- ,Der Postillon, der die Briefpost fuhr, hat das.
Wagengeleise verfolgt, sagte der Pastor mit der Ruhe
der Hoffnungslosigkeit. ,Er ist es selber eine halbe!
Stunde lang gefahren, dann war -es zu Ende. Der
Strand kam ihm auch verändert vor, es war' ein:
Stück wie abgefallen, und er ist weiter landeinwärts
gefahren!?
,Der Wind wird den Dünonsand jherabgejagt,
die Spur verweht haben!! tröstete Emanuel, den die
Staörheit in des geliebten Mädchens Sügen ängstigte
und der allein ermessen konnte, wie die Schreckens-

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kunde es eben jetzt in dieser Stunde mit doppeltem
Gewichte treffen mußte.
Der Pfarrer schüttelte ungläubig das müde Haupt:
,Der Wind? Auf dem nassen Sande? - Ganz un-
möglich! -- Und wo sollten sie geblieben sein? Wir
haben sie ja gesucht von hier bis zu des Posthalters
Haus - seine Leute, das ganze Dorf, die Kreuz und
Quer, als ob es möglich wäre, sich hier zu verirren!
Und die gefalteten Hände gegen die -leiche Stirn
gepreßt, rief er: ,Gott hat' es-so gefügt und wird das
Weshalb wissen; aber es ist hart! Sehr' hart für
mich alten Mann und für das' Kind! - Das beste'
Herz! Die allerbeste Mütter!-- Das arme, arme
Kind!-
Die Thrären flossen ihm -über die gefurchten
Wangen herab, Hulda war vor ihm iriedergesunken,
er hatte seine Hände auf ihr Haupt gelegt. Emanuel
stand herzbeklommen ihnen gegenüber. -
,Gin ich nicht da, mein Freund? - Hulda, bin
ich nicht da?! sprach er, indem er'sich zu ihr beugte.
Aber sie wendete sich mit einer ihn inerklärlichen
Scheu von ihm fort und klammerte sich; fnit den Aus-
rufe: Hier! Hier! -- Ich kann nicht bon hier fbrt!?
an ihres Vaters Knie.
Er wwagte nicht, ihr weiter zuzusprechen, dem
natürlichsten Schmerze hingegeben, wie sie wwar; und
von dem Vater eben jetzt der Tochter Haid zu' fordern,
Verzweiflung und Hofnung so ineinander' zu mischen.
sein Glück unterzutauchen in diese Fluth von Leid und

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Schmerz, wäre ihm vollends als ein Unrecht, ja wie
eine doppelte Entweihung erschienen.
Erst als-unter den Kommen und Gehen der
Leute aus dem Dorfe, die, solcher Ereignisse mehr
oder weniger gewohnt, sich nur davon betroffen zeigten,
daß derlei auch ihrem Herrn Pfarrer begegnen, daß
die Frau Pfarrerin so gut wie jeder Andere ein so
grauses und -plözliches Ende nehmen könne, Emanuel's
Diener mit der Frage an seinen Herrn herantrat, ob
er in das Schloß zurückzukehren oder noch hier zu
bleiben denke, wurde der Pfarrer achtsam darauf, daß
das Kopnen seiner Tochter in nächtiger Stunde und
in ,der Begleitung des Barons einen besonderen Anlaß
haben müsse.
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Er fragte, was den Baron hierher geführt habe,
weshalb er Hulda zu ihm bringe: Emanuel berichtete
also, wie man auch im Schlosse eine Trauerpost er-
halten habe, wie man rasch aufgebrochen sei, wie nur
er d und. Miß ; Kenney noch zurückgeblieben wären..
Das zog die Theilnahme des Pfarrers auf sich, ohne
die Ankunft Hulda's zu erklären, und da Emanuel
bemerkte, daß es dem Greise wohl that, wenn auch
nur auf-Minuten von dem Gedanken an sein Unglück
abgelenkt zu werden, sagte er: , Weshalb ich Ihnen
diese Meldung selber mache, weshalb ich Ihnen Hulda,
die mir theuer ist wie -Ihnen selbst, noch an diesem
Abende nach Hause brachte, das sage ich Ihnen morgen,
weün wir Alle nicht mehr von dem Unglück; das wir
erlitten haben, so überwältigt sind, als jezt; wemn

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etwas Anderes Raum in unserer Seele findet, als die
Klage um die theure Todte.!- -
,Also Sie wußten es wirklich nicht? fragte der
Pfarrer noch einmal, da die Anwesenheit Emanuel's
ihm mehr und mehr zum Räthsel wurde.
,Ja!! rief Hulda, noch ehe Jener die Antwort
geben konnte. ,Ja!. Vater! Ja! Ich wwußte es! --
Sie rief mich einmal, zwweimal,. so laut, daß-ich an's
Fenster eilte und es öffnete - aber ich sah Fie nicht.
-- Jezt aber, jezt seh! ich sie! Dort! Dort! --
Mdutter! Ach liebe Mutter!? - stieß sie mit herz-
zerreißendem Jammer hervor, und,. mit ausgebreiteten-
Armen sich rasch nach dem Fenster hin bewegend,
brach sie bewußtlos zusammen, noch ehe sie es er-
reicht hatte.
Der Vater, Emanuel, die -alte-Magd jprangen
schnell hinzu. Man trug sie nach ihrer kleinen Kammer,
man brachte sie zu Bette; jie wvar' pöllig ohne Be-
wußtsein, ihre Phantasie warf die»Eindrücke, welche
sie zuletzt empfangen hatte, in Fiebergluth wirr durch-
einander, und was Emanuel dem Vater rst morgen
mitzutheilen gedacht hatte,- das perrieth ihm Jetzt die
Tochter, ohne es zu wissen, das machte ihm Emgnuel's
Sorge um die schwer Erkrankte -deutlich. »Abex der
Pfarrer wies jede nähere Mittheilung -zurück! --
,Gott hat den Todesengel herabgesendet auf mein
Haus , sagte er in schmerzlicher Ergebungi gwie
dürfen wir an das-Feben denken, sö. laitge, seine
schwarzen. Fittige noch über unseren HäupternFchweben!
Wie ziemte uns Entscheidung, ehe der Herr entschieden

Kind 'sich nachholt. Die Trennung fiel ihi schon
hienieden schwer genug.- Ich denke, der Herr wird'
baermherzig sein mit ihr und auch mrit' mir? Er wird
- nicht' lange trennen, wwas er einst vereint hät

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Die Fensterladen standen ofen, man hielt an dem
Gedanken fest, ein Zeichen damit zu geben, falls' die
Vermükßten wider alle Wahrscheinlichkeit dennoch etwa
kommen sollten. - Die Leute aus dem Dorfe zogen
sich allgemach zurück, sie wußten; daß zur Rettung
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der Verschwundenen -heut' nichts mehr - zu thun'war.
Ihren Pfarrer zu' trösten, warensie sich viel zu shlecht, -
spät war es schon und morgen war auch sin Tag.
Endlich lging äiich der ernste pflichtgetreue Küster stll
und traurig fort. Aber die Thüre des Hauses wurde
nicht verschlossen, der Hund lag auf der Schwelle und
I Emanuel' hatte'nach dem Arzt gesendet, er konnte
jedoch vor Tagesänbruch selbst im glücklichsten Falle

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nicht eintreffen. Von Schmerz und' Sorge überwältigt
unds'umhergetrieben, wanderte' der alte, müde Vater
von dem Fenster nach der Thüre in das Freie. Er
-sah hinaus- hinaus, so weit die alten Augen tragen
wollten aber es war nicht zu ersehen, was -er suchte.
Der Wind jagte langsam die Wolken vom Lande
nach' öem Meere, die Fahne auf dem Kirchthurme
drehte sich und drehte sich wie sonst, und wenn der
Mond durch die Wolken brach, leuchtete er auf das
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Draußen fing der Sturm sich zu besänftigen' an.
hielt spähend Wache. -
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zu denken, ehe wir wissen, ob die Mutter nicht ihr
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hat? Oder wozu könnte es frommen, an Ihre Absichten

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Gärtchen und auf die Kiefern und guf das kleine
Haus gerade so sanft hernieder, gls schliefe das treue
Weib wie sonst an ihres Mannes Seite, und läge, nicht
tief unten im kalten Meeresgrunde. Er konnte es
nicht aushalten, daß das Alles gerade so wär wie
sonst, es trieb ihn in das Haus zurück, wo sie ihm
fehlte.
Hulda merkte nicht sein -Komen, nicht sein
Gehen. Ihre unstäten Gedayken waren jn die Mär-
chenwelt gerathen, mit der sie Jich so oft beschäftigt
hatten. Sie hielt sich für das kleine Küchenmädchen,
das der König der kleinen Leute zum WZeibe nehmen
wollte, und flehte Emayuel gn,. dies nicht zuzugeben
und sie nicht von sich gehen zu: lgssen. ie habe ihn
ja erlöst pon seinem Flüche mit ihrer, Liebe, und er
;ei ja wieder jung und schön wie auf, dem Bilde im
Schlosse. Ihn wolle sie ;eirgten und Königin mit
ihm sein.
Wenn sie das Alles in, einzelnen abgerissenen
Säzen kundgegeben hatte;, djg, ahex sowohl der Pfarrer
als Emanuel, welche Beide die,alte Sage zur Genüge
kannten, sich leicht zusammenreimten, so schrie sie auf,
die Mutter komme, die Mutter steige aus dem Wasser,
blaß und todt, und nehme sie mit Hich in das kalte,
tiefe Meer, und sie puisse sterben wie das kkeine
Küchenmädchen, denn dieMdenschen hätten bös hinein-
gesehen in ihr Herz und in ihr Glück. -- Es war
eine entsezliche Nacht!. Die schleichenden Minuten
wollten und wollten nicht vorwärts. Der Tag ließ

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lange auf sich warten--und was konnte er auch
bringen, als traurige Gewißheit?
. Von der Pfarrerin, von dem Wagen und dem
Pferde und dem Postillon, der sie gefahren hatte,,
fand - sich keine Spur. Sie waren und blieben ver-
sunken. Der Arzt erklärte, was sich die beiden
Männer selbst gesagt hatten, daß Hulda von einem
Nervenfieber schwer befallen sei;es müsse abgewartet
werden, ob ihre Jugend und Gesündheit es besiegen
würden. Als ob zu solchem Abwarten nicht die feste
und muthige Geduld einer vorsorgenden Frau gehörte!
Und die Frau, die hier gewaltet hatte, die hier mit
sicherer Hand geholfen haben würde, war nicht mehr.
- Während die unbehilflichen Männer noch beriethen,
was hier zu thun sei, während Emänuel daran dachte,
sich zunächst in der Pfarre einzüquartieren, und der
Pfarrer ihm bewies, wie in dem verwaisten Hause es
nun vollends unmöglich sei, den nothwendigsten Be-
dürfnissen egtes solchen Gastes auch nur einigermaßen
zu entsprechen, langte ein Bote aus dem Schlosse mit
einem Priefe der Gräfin für den Bruder, und einem
anderen Briefe für den Pastor in der Pfarre an.
Ein drittes Schreiben hatte er für Miß Kenney mit-
gebracht. Die Gräfin hatte sie, während man u-
spannte, alle drei schnell auf das Papier geworfen,
und' sie ihren rückkehrenden Leuten zur Besorgung
mitgegebet. Sie waren alle drei nur kurz.
,Ich habe mir eine Nebereilung vorzuwerfen,
Dir, mein Bruder, eine Härte abzubitten, wie eben
nur der Schrecken sie entschuldigen kann,! schrieb sie

-

dem Baron. , Dich verheiratet zu sehen =- Du weißt
es, wie sehnlich ich es wünsche. Abex das Mädchen,
auf das Deine Wahl gefallen, ist sehr jung und Dir
in keiner Weise ebenbürtig. Wird die- Neigung,
welche Du für dasselbe fühlst, stark genng sein, Dir
die Mühe seiner Erziehung nicht lästig und- die Un-
bequemlichkeit, die Namenlose in unserer. Gesellschaft
zu behaupten, nicht schwer werden zu lassen? Hast
Du kein Widerstreben bei dem Gedanken, daß Deinen
Kindern um ihrer bürgerlichen. Mutter willen die
alten, schönen Familiengüter verloxen gehen müßten,
von denen wir den Namen tragen? Du -siehst, ich
bin nicht eigensüchtig, denn das Majorat würde das
Erbe meines Sohnes werden. Ich wollte also mit
diesen Zeilen Nichts erreichen, gls Dich um Verzeihung
bitten, und Dich auffordern, Alles noch einmal reifllch
zu erwägen, ehe Du Dich bindest. Daß mir die
Aussicht, ein Mädchen, welches ichzugunserer Dienerin
heranzubilden meinte, als meines Bruders Frau zu
denken, nicht willkommen ist, habe ich Dir daneben
auch nicht Hehl! --
Noch unumwundener sprach sie sich gegen Hulda's
Vater aus. Da er sie kenne; sagte sie, wwerde er sich
nicht wundern, daß sie mit dem Vorhaben ihres -
Bruders nicht einverstanden sei. Sie' halte es für
eine flüchtige Aufwallung, an welcher Hulda's naive
Uwvorsichtigkeit gewiß nicht ohne Schuld sei. Sie
selber sehe es jetzt zu ihrem Bedauern ein, wie be-
denklich alle Erziehungsversuche blieben , wenn sie
darauf gerichtet sind, ein Mädchen aus dem ihm durch

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die Geburt zugewiesenen Kreise zu entfernen. Sie
perlgsse sich aber in diesem Falle auf die Weltkenntniß
des Pastors wie auf seine Anhänglichkeit für die
gräfliche Familie, und auf die Dankbarkeit, welche
Simonene ihr schulde. Sie hoffe deshalb, daß die
Eltern selber das Unstatthafte dieser völlig unpassenden
-Verbindung einsehen und, so viel an ihnen wäre, es
verhindexn pürden, ihre Tochter in eine Familie ein-
treten zu lassen, der sie Alle Gutes zu verdanken
hätten, und in welcher Hulda doch niemals freudig
aufgenommen werden könnte.
Ihrer Vertrauten endlich gab sie, wenn auch in
freundlichster. Weise, zu verstehen, wie sie dieselbe in
gewissem Sinne verantwortlich für das Gesgehene,
halte, und verantwortlich mache für das, was jetzt noch
geschehen könne. Sie sagte ihr, daß sie ihr nicht zu
erklären -brauche, wie unverträglich mit seinen Ver-
,hältnissen, dieses Heiratsprojekt Emanuel's ihr scheine,
und wie sie zuversichtlich darauf rechne, daß Miß
zFeggey thun gverde, was in ihren Kräften -stehe,' um
Emanuel von seiner Verblendung zurüchubringen und
die Pfarrersfamilie an ihre Pflichten gegen das gräf-
liche und das freiherrliche Haus zu mahnen.
Emanuel sowohl als der Vater lasen Jeder den
an ihn gerichteten Brief. Aber wo man dem Tode
erst das Leben abzuringen hatte, konnte man über das,
was der Augenblick erforderte, nicht weit hinaussehen.
Nur das Eine, daß Emanuel nicht in der Pfarre
bleiben könne, wie daß man nach einer Pflege für
die Kranke suchen müsse, stellte sich als unabweislich

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heraus, und Emanuel' ließ anspännen,' umninnach dem
Schlosse zu fahren- und von doit die nothwendige
Hilfe herbeizuschaffen.- -
Als ek dort anlangte, hate -sich. die Kunde
von dem Unglücksfalle; der' die- Pfarietin be-
troffen, schon im Schlosse' erbreitet' 'ünd - Ent-
setzen erregt. Selbst Mamsell Ulölkö hatte' Alles
vergessen, was sie seit langenJahrei gegen die
Pfarrerin auf dem Herzen' gehäbt hätte. -Sie fehlte
überhaupt nicht leicht, wo -es einfNnglück zu beklagen.
einer Noth entgegenzutreten galt,' denn sie genoß sich
selbst imr Hilfeleisten und in Verschontsein. Nur
dem fremden Glücke gegenüber fand Fie sich immer
vom Schicksäle nicht' nach Gebührä bedacht, und das
regte ihren Zorn und ihre Galls äuf.
Sie und der' Amitmann waren schvn in den
. Kleidern, um nach der Pfarre hitüberzufähren, als
Emanuel- auf den Hof kan!' Der Alte? der -die Hof-
wache hatte, hielt' den Wagen'an!: Diei englische
Mamsell, sagte er, häbe des GärtnersMbchen schön
zweimal' hinausgeschickt, zu hören, ob' der. Herr'Bäron
noch nicht zurück sei. -'
Es war Alles in Aufregung. Man dräiigte sich
mit sotgenvoller Neugier 'an Emamiel und seine
Leute heran; die anspruchslose, werkthätige Pfarrers-
frau war bei Jedermann beliebt gewesen. --
Emanuel begab sich geradenwegs'zg Miß Kenney
und beschied den' Amtmann und Mamsell Ulrike eben-
falls dahin, um über die bestmögliche Versorgung
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Fanny Lewalb, Die Erlöserin. 1. - -

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des Gxeifes, und der Kranken zu herathen;, aber die
Herzensgßteder pielbewährten Kenney half mit rascher
Eirtscheidung über jede Verlegenheit hinweg. -Man
hgttg,,dje ggnze,,weibliche Diegerschaft zur Verfügung.
welche wwährend der, Anwesenheit der Herrschaft und
zahlreicher, Gäste zu;Hilfeleistungen angenommen wor-
den,,wvar;;. Kines der jungen Mädchen hatte sich Pe-
sonders anstellig und vexläßlich erwiesen, und Miß
Kenney erkläärte sich sofort bereit, mit dem, Beistande
djesex, jungen Dienerin die Pflege von Hulda bis zu
deren zollständiger Genesung, auf die man bei- so
ungehrochenen Jugendkräften, rechnen dürfe, über sich
zu -yehmen. Für sie, sei leichter ein Unterkommen in
dem Pfgxxhause herzurichten, als für den Baron»und -
seinen Diener. Sie könne weit mehr-nüzen, Fagte -
sie ,: als der, Baron.., Nebenher finde der Pfarrer,
wenn er, dessen bedürfe, an ihr eine Unterhaltung und
eine. Gesellschafterin, -auf welche er weniger Rücksicht
- alaufEmanuel zu,nehmen habe; sie werde auchbei ihren -
gexjngen, Bedürfnissen weniger entbehren, als Emanuel.
in glejchem Falle. Zur» Vermittlerin zwwischen- dem-
Arzte und der Kranken sei sie geeigneter,- als die.
- beiden, Männer, sie könne dem Baron Ja so oft er
wolle, Nachricht, von der, Kranken. zukommen, lassen;
sieswerde'von, Mamsell Ulrike fordern, was,man für
Hulda nöthig habe, und komme, diese wieder; zur, Be-
sinnung, stellten ihre Kräfte sich ;wieder'her, so sei es
gerade, damns ?am nothwendigsten, jede Aufregung, vor,
Allem natürlich das Wiedersehen und das Beisammen- -
sein mit dem leidenschaftlich liebenden Geliebten, noch

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für die erste Zeit hinauszuschieben.! Ai däsj Be-
sammensein mit ihr sei Hulda seit den letzten Monaten
gewöhnt, und in diesem fortgesetzten Beißtmmensein
werde dieselbe also am leichtesten zu - jener -gleich-'
mäßigen Stimmung kommen, welche der Genesenden
nothwendig sei.
Es war. das gllesssa zyyßgegleglich richtig, es
fügte sich aüf bies- Telfs' Asä ss gut ineinander,
daß Emanuel mit warmer Dankbarkeit guf das An-
erbieten der alten Freundin einging. Selbst Maiselt
ulrike ließ sich zu' der Erkläryiig herbei, es sei er-
staunlich, wie solch!'AinesDgnüe,, die nicht bei der
Wirthschaft hetgekömmmen sei, ddch einmali auf das
Praktische verfallen könne, wobei freilich ßicht gesagt
sei, daß Hulda all das Aüfhehei'' serdiete, -üselches
man jetzt' um ihretbillen mäche! Däimu föas-äs mit
ihr und dem Baron Eüaüüel Juf'sich, gehabt habe,
schon die ganzen Zeiten het,. ögs reideh üuk' wohl
Jeder wissen; und'' jezt wepde äait öeän äuch wohl
einsehen, wie deüPünen'Meüschez, denMichael, das
schwerste Unrecht äügethän Gssiöeit sei --
- Dabei abee pgcte'sie! döch. Alles'züfäfmen, was
für Miß Kenney' Pnd für -die KSßkeüiothwendig sein
konnte;''und wär -tiit ihrem: Fiüdei Pld äuf dem
Wege, um nach' dem erwitteten!Pästöt zü''hören,
und sich in der Pfärxe selber'sdanäch''unzuthün, wo
es etwwa fehlen und Aüshilfe'ziBiinFensein üiöchte.
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Kapitel 23

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- Dreiundzwanzigstes Gapites.
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--. Dem lebhaften Schrecken und der Angst dieser
schweren Tage folgte eine. Seit. voll stiller Sorge, im
Schlosse wie im Pfarrhause. Nur die regelmäßig
eintreffenden Briefe de Gräfin vexursachten ,für,
Emanuel eine Unterbrechung.
,,;; Bei, der durch die Gewohnheit verstärkten Sy-
nejßuyg,, welche die Gräfin und den Bruder verhand,
hei dem Einfluß, den ihre genaue Kenntniß seines
Henzens zmd seiner Anschauungen ihr über ihn, möglich
machte, war es, ihr nicht, schwer gefallen, eine Art von
ausgleichender Annäherung zwwischen ihnen herbeizu-
fühgen, Fesonders da die gefährhche und langwierige
Krankheit des von ihm erwählten Mädchens ein Ver-
bleihen,, im Schlosse für ihn zum Bedürfniß und da-
nehen die Peröffentlichung seiner Verlobung mindestens
bis zu, dem Zeitpunkte unmöglich mgchte, in welchem
man mit Sicherheit darauf rechnen konnte, Hulda dem
Leben zu erhalten.
Inzwischen hatte der Spätherbst sich mit seiner-
ganzen unheimlichen Trübe und Rauheit eingestellt.

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Die Sonne war oft wochenlang nicht. zu sehen, Regen,
Schneetreiben und Stürmelößten-einander in raschem
Wechsel ab, die Wege waren grundlös geworden. Die
adeligen Gutsbesitzer, welche auch' in der- Stadt an-
gesessen waren, hatten das öffene Lärd bereits ver-
lassen, ein paar andere, mit welchen- Emanuel einigen
Verkehr gehabt, wohnten so weit' ab,' daß man bei
dei übeln Wegen Aistand nahm, sie um - geringer
Unterhaltungen willen in solcher Entfermung aufzu-
suchen. Selbst die täglichen Fahrten?nach dem Pfarr-
hause nahmen allmälig die doppelts Zeit hin, wwelche
man in guter Jahreszeit dafür zu' verwenden pflegte.
Emänuel' hatte' es sich nicht nehmen lassen, Hulda
an jedem Tage zu sehen. Wenn er tief in seine
Pelze gehüllt in dem geschlofsenei Wagen; äus dessen
verschneiten Scheiben oft kaun ein-Ausblick möglich
war, den täglich gleichen. Weg pvni Schlosse näch dem
Dorfe fuhr, begegnete es ihm wohl bisweilen, daß er
sich selber fragte: Wie komme ich denn eigentlich
hieher und wieit es möglich,, daß ich hier im rauhen
Norden einsam lebe? -. --
- Er hatte seit seiner frühen Jügend nie einen-
Winter in det' Heimat zugebrachi, sich' ie in solch
völliger Abgeschiedenheit vgn der Welt befunden. Er
war an den Süden,l an die fortbausrnde Bunst und
Schönheit der Nätür' ebeüso Ngewöhnt wie an das
Leben in -den Kreisen derr' dürch ihre Herkunft' oder
durch eigene Bedeutung ünd Bildung ausgezeichneten
Menschen. Nun entbehrte -er das-?Beiöes plözlich;
nnd wenn er, an dem Läger Hulda's sizend, seine

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Augen auf. -das bleiche verfallene: Gesicht des ärniei

Mädchens; richtete, das ihn. in seinen. Phantasien mit
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sehnsüchtsvoller Liebe zu sich rief, und Beistand -und
Rettung aus den Gefahren, in die es sich versetzt
glaubte, -von ihm erflehte, war es ihm oft selbst zu

- täuschenden- Freuden und Leiden, als sei er wirklich
in- jene-Märchenwwelt verstrickt, mit welcher Hulda: seine
und ihre; Erlebnisse unablässig in Verbindung brachte!
--.Phne, irgend: einen Gedanken an sich -elbst, ohne
eine lebhafte: Hoffnung für seine Zukunft, nur-um
seinex Schwester willen,i war er nach langem Wander-
lebenzin, die, ihm,remdgewordene Heimat zurückgekehrt,
und- hier, -wo -er sie -am wenigsten gesucht, nwwar für
ihn die Blume der Liebe in schöner Naturwüchsigkeit
erblüht, um zu verwelken, da er sie berührte. -''
- - War das- der Fluch, der jeit Jahrhunderten, auf
seinem Geschlechte gelegen und sich inkmer an einem,
seiner, Sprossen kundgegeben hatte? Es war ein böset
- hrügexischerSchein des Glückes gewesen, der ihn äffte;
!.
-der ihm entzog, was er schon sein zu -nennen ge-
j- er, Fich so sanften Frieden und so süßes Ruhen er-

- glgubt; hsder: ihm -einen Widerstand bereitete; wo
hofft hatße. i -
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, daß. Niemand. sich ;der Fiebe freute, die ihm zu Thei!

geworden' zwwar: nicht die Seinen, nicht -einmal' der
Fater.des, Mädchens; dem-er :mit seiner:Hand-Reich-
thum und jede weltliche Ehre darzubieten hatte. - Frei-
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.?., Es schmerzte ihn und schloß ihm, essen weichem
Herzen- Mittheilung ein Bedürfniß. war, den Mund,

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Muthe, als -umfange ihn:: ein-: Traum t mit seinen
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lich vermochte er das Ehrgefühl des-Vaters nicht ein-
mal zu tadeln, der seine Tochter' einer Fämilie' nicht
aufzudringen wünschte, welcher er sich für' empfangene
Gutthaten, wie durch -seine langen Dienste angeeignet
fühlte, und deren Adelsvorurtheile er in seine eigenen
Lebensansichten aufgenommen' hatte. Er' konnte' Miß
Kenney auch kaum widersprechen, -wenn sie ihm in
Bezug auf Hulda zu bedenken gah, wie sehr' die Jugend
geneigt sei, einem Aufwallen ihreb Neigung mehr Be-
deutung beizulegen, als 'sie verdiene,' guid, wies leicht
solche Neigung oftmals zu überwinden Fej ! ,,
Aber wenn er' an Hulda's Sager saß, wenn sie
ihn rief mit aller- Kkaft ihrer jungen Seele wenn sie
zu ihm eilen wollte, daß man' Noth hatte,' sie auf
ihrem Lager festzuhalten, so hatte er'keinen änberen Ge-
danken als sein Verlangen, sie hergestellt' zu sehen.
Er erinnerte sich dänn -miit zärtlicher Rührung der
einzelnen Augenblicke, -in' welchen- die Ahnung ihrer
Liebe wie ein Meerleuchten flüchtig und bezaubernd
vor ihm - aufgetaucht war. - Er hieß - sie in seinem
Herzen, wie sie selber' sich gegen ihn' genannnt Fatte,
seine. Erlöserin; er fand eine Füße Genugthuüng in
ihrer Pflege, er sorgte' sich' üm siej indeß jene Ge-
wohnheit eines verständnißvollen Beisanimeiseins, durch
velche allein die Gellebke' äns zu einenUientbehr-
lichen, zu einem Theile'von gns selbstwird; hatte noch
nicht Leit gehabt, in ihm ihre ' Wüz.l -;uf Ig lag
Er liebte Hulda innig, ußd'!doch'hätts: sich, weil er
um seiner früheren Kräiiklichkeht ?illeü,, selbst sehr
lange der Gegenständ liebevollerVöksöige gewesen war,



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trotz seiner angebornen Herzensgüte ein Zug. von Selbst-
fucht in ihm ausgebildet, der ihn zu andauernder Hin-
gebung, -wo diese ihm keine Erwiderung eintrug, noch
ungeeignet muachte. Er litt daneben schwerer, als er
»gß; den Zdexen eingestand, von, dex, Unbill- des ihm
Fremd gewordenen Klimas, der er sich um Hulda's
willen täglich auszusetzen hatte; und wenn die Schwester
in, ihn drang, den Norden zu verlassen, wenn auch
der -Pfarrer und Miß Kenney ihm den - Vorschlag
mnachten, dem Winter auszuweichen und Hulda's Ge-
nesung im Süden gbzuwarten, so hielten bisweilen
nur, as Mißtrauen gegen die Quelle, aus welcher
diese Rathschläge entsprangen, und der Wunsch, Hulda
im Augenhlicke ihres Wiedererwachens nicht zu fehlen,
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. Das Weihnachtsfest war auf diese Weise traurig



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und melancholisch vorübergegangen. Die Briefe, welche
der Baron von den Seinen erhielt, hatten ihn auch
nicht zu erheitern vermocht. Der alte Fürst war-bäld
ngch der, Ankunft des Sohnes und nach dessen Trauung
mit ßlarisse gestorben; dgs yjunge Paar brachte, die
schönen ersten Tage. der Ehe in Trauerkleidern zu.
,ie: Gräfin -hatte sie pexlassen, Sie wollte das Bei-
sammensein der, Neuvermählten nicht durch ihre An-
wefenheit stören und wgx nach der Residenz gegangen,
um, dort die Anhunft. ihres, Sohnes zu erwarten, der
bei, semnex ,erseung zu, einer -anderen Gesgndtschaft
zßß ge geshägshndigen,Putter zusammentrefen und

mit ihr die, Erhschafts-Angelegenheiten ganz zum Ab-
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schlusse brängen sollte. -Indeß; seine Ankunft verzögerte
sich gegen seinen Pilen pon Fag zu Tag. Die
Gräfin, welche zum- erstenmale ihre,ganze Familie und
zugleich die Gesellschaft, ährer ' alten Begleiterin ent-
behrte, klagte darüber, wwie das Alter, den: Menschen
vereinsame, wie alle verständige Voraussicht durch den
Zufall zu Schanden gemacht werde, und wie thöricht
es sei, sich einzuhilden, -man müsse ernten, wo man
gesäet, und Liebe empfangen, wweil man sie gespen-
det habe.
Nur um die Verstjmmung los zu' wwerden, welche
der lezte am Morgen angelangte Briefeiner Schwester
ihm veranlaßt, hatte, fuhr der -Baron; am- Sylvester-
tage früher als sonst nach dem Dorfe hinunter.. Er
hatte seit Monaten keine einzige -erfreuliche Nachricht
empfangen, seit Monaten nur Trauer und Krankheit
yor Augen gehabt, seit-Wochen- keinen Sofnenstrahl
äus den grauen Wolken auftauchen, sehen, die Land
und Meer bedeckten. - Er fühlte, sich. niedergeschlagen,
und was; noch schlimmer, war, unentschlossenrund mit
sich selbst zerfallen. Zum erstenmale hatte. er sich heute
selbst gesagt, daß er- vielleicht, eine Thörheit begangen
habe, als er, seiner Neigung und der Leidenschaft von
Hulda nachgegeben- habe! Er-hielt es sich. vor, daß
er hier eine sonderbare Rolle -spiele, daß er sich in
einer Lage befinde, än die zu gerathenzer für unmög-
lich gehalten haben: würde.. .Fr-machte den yom Vater
nicht willkommen geheißenen, Gewerher um eineISter-
bende geringen Standes.- Das fielshni lästig,? so
lästig, daß er sich lebhaft sehnte, aus dieser Aage fort-
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- zukommen; und - doch widersprach in seinem Herzen ein
unwiderstehliches EEmpfinden allen seinen Gedanken
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und all den Einwänden, die er sich selber vorhielt.-


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- ,Wenn- sie jetzt vor mir stünde wie an jenem
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FFrühlingsabend! Wie gerne wollte ich geduldig harren,
wenn ich ihres Lebens sicher wäre!r rief er unwillkür-
lich aus. Da zuckte plözlich, als sein Wagen sich dem
Strande näherte, ein heller Sonnenstrahl' leuchtend' aus
den Wolken hervor, die kalten Meereswogen schim-
mmerten und glänzten, ein määchtiger Zug von' Möben
schwang'sich -mit schrillem Schrei vonr -Wasser auf,
und diei weißen Flügel -voll' entfaltet,' daß sie wie
Silbet funkelten, zogen sie ihm voian über den Kirch-
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thurm -und über das kleine -Haus-hinweg';'' wieder
H ? = r- = v, = p = -
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- -Er sah ihnen lange nach. Er hätte-sich mögen-
aufschwingen wie sie, sich emporschwingen über sich ,
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selbst? - Er fühlte ein unbeschreibliches Verlangen nach -
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Fichth -nach Wärme, nach dem Frühling' und nach -
Freude! Das -Herz -war ihm zun Springen voll,
als er wieder in die niederek kleine Stube trat, in die -
heute freilich die Sonne hineinschien, als wieder der
Pfarrer -- und die Kenney ihn mit geduldiger Miene- -F
- begrüßten- und er sich wieder an dem Krankenbette
niedersezte: Aber' war es die Sonne, die ihn, mit ?
ihrem Scheidegruße am Jahresende täuschte oder hatte - ?
die Ruhe der lezten. Nacht, welche die Pflegenden
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rühmten, ein Wünder an Hulda gethan?
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, Emanuel hatte sich ihrem Lager kaum genähert,
als sie die Augen aufschlug und sie an ihm haften
ließ. Miß Kenney gab ihm ein Zeichen, sich ruhig
zu verhalten; die Kranke wendete keinen Blick von
ihm. Es war, als traue sie ihren Sinnen nicht. Mit
einemmale flog ein Lächeln über ihre hleichen Lippen-
Der Baron konnte sich nicht länger halten. Er' nannte
leise ihren Namen, jie horchte auf und reichte ihm die
schwache, matte Hand. - -
,Ech, Sie sind's! Sie sinb'e!r rief sie mit einer
Zärtlichkeit und einer Freude, die ihren Wiederhall in
seiner Seele fanden. --
- Er,. kniete an- ihrem Lager nieder, seine Augen
füllten sich mit Thränen.' Er hießsie; sein holdes
Kind, seine Hulda, seine Geliebte.Kr kßßte -ihre
Hände, ihren Mund. Sie versuchte ?sich enporzu-
richteg, aher die Kraft. dazu gebrach ihr.ie Sinne
schwanden ihr, es war zu viel -für, sien gewesen, und
wie draußen der helle, -Sonnenblick wieder: in, :ie
Trübe versank, entschwand auch. wieder ihrBewußtsein.
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Kapitel 24

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Bierundzwanziglles Gapiies.
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Es war spät am Abend. Das Jahr hatte vot
seinem Eide nur noch -ein paar Stunden' zu durch-
laufen. -Emänuel' hatte sichden Tag über mt seinen
gewohnten Studien zu beschäftigen- versucht; aber es
hatteihm nicht gelingen wöllen. - Er sehnte' sich nach-
einen Meirschen, demi er vertrauen konnte;' was ihn -
heute erschüttert, dem er von seinem Hoffen,-seinem ,
Fürchteninbefreiendem Gespräche reden konnte, dessen- -
irterhaltung ihn abzöge von demt ermüdenden eigenen ;
Denken. Aber woher sollte ein solcher Gast ihm kom-
men, hier und in dieser kalten Winternacht?
Im Schlosse war Alles still. In dem großen I
Dfen prasselte das Feuer, die Funken stoben knisternd
hervor, wenn ein Windstoß die Flamme in das Zim-
mer trieb, auf dem altväterischen Schreibtische tickte
die Uhr, die hier schon vielen Geschlechtern die Stunde
der Geburt und des Todes, sowie das Kommen und
Gehen der Jahre angezeigt und geschlagen hatte.
Draußen fiel der dichte Schnee hernieder.

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Vor einem Jahre hatte er den Sylvesterabend
freilich anders, im Hause seiner Schwester, in Italien,
in heiterer, erfreulicher Gesellschaft' zugebracht: der
Graf damals in voller rüstiger Gesändheit; Fürst
Severin und Clarisse eben erst verlöbt, des - Fürsten
Vater heiter über des einzigen Sohnes Wahl und
Glück, und dazu ein kleiner landsmännischer: Kreis,
in welchen auch ein paar Familien aus den russischen
Ostsee-Provinzen eingerechnet waren, die sich, obschon
seit Menschenaltern in Esthland und Finnland an-
gesessen, um ihrer deutschen Abstammung willen immer
noch zu den Deutschen zählten, und sich Etwas damit
wußten, das deutsche Blut und den alten deutschen
Adel in aller Reinheit unter sich aufrecht erhalten zu
haben.
Es hatte so viel fröhliche Zuversicht zum Leben
. in dem kleinen Kreife geherrscht; Alles. hatte so gut
zusatnmengestimmt. Nun: hatte: der- Tod schon zwwei

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der damals Versammelten: hinweggeraft, und wo
mochten die. Anderen sich befinden, denen die schöne
Konradine in der Verkleidung eines WPostillons an
jenem Abende die kleinen sinnreichen Geschenke über-
bracht, welche ihre Mutter mit heiteren dichterischen
Briefen begleitet hatte, in denen sich ihr schärfer Geist
in seiner ganzen epigrammatischen Eigenthümlichkeit
verrathen.
- Emanuel hatte -in den letzten - Monaten an
diese Familie kaum einmal gedacht, obschon er zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenen: Orten
- auf seinen Reisen mit ihr zusamnengetrofen war.

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W8
Die-Mutter , sie war eine Jugendfreundin der
Gräfin'und , sehr jung verheirathet worden, hatte den
Ruf einer loriginellen, geistreichen iFrau.- Sie war!
früh?zursWittwbe geworden, hatte mit ihrem einzigen?
KindeiZimmer.ein. Wänderleben: -geführt, und ihres-
Reisenhätten dazu beigetragen, jenem Mdufe ihrer
Originalität. eine möglichst weite Verbreitung zu geben.
Eskaften -daneben wohl auch Gerüchte von mancherlei
Verpicklungen - zur Sprache,' in welche fremde ünd
eigeneLeidenschaft die junge, ihrerzeit vielumworbene:

und. reichbegüterte Frau gebracht haben: sollten,-aber.
da man sie: nur für unbedacht, nicht für eigensüchtig
oder intrigant hielt, ging man gutwillig darüber hinweg.
Ihr Ruf- war- durchaus nicht angetastet;' undweis man
, sich nun einmal daran gewöhnt hatte, die Mutter:
gelten. zu lassen, wie sie eben war, besonders da sie,
wie, sie lachend zu behaupten pflegte, nicht im ent-
ferntesten. Anspruch darauf. machte, als das Musterbild;
einer ehrwürdigen Matrone angesehen zu werden, so
- fandz man' es nur natürlich, wenn Konradine auch ihre
eigenen.egehging,' wwennsie, die- den Oreißigern nichs ?
mehr: fexnek-par und diesigeflissentlich hervorhöb;xun- -
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umwounden -erklärte, ihre Freiheit gehe ihr über Alles. -
An,das.iSusgmmenleben mit: der Mutter seis sie. bon -
Sgend:tauf gewöhnt, sie verstäänden es daher sehi-gut. -,
sich in die gegenseitigen Launei wohl zu schicken,t ohne. ;
einander zu beeinträchtigen; fremde Launen und die -
Tyrannei eines Ehemannes zu ertragen, fühle sie sich;
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aber nicht. gemacht, weil sie es ohnehin schwer genng ;
finde,' mit sich selber fertig zu werden. '
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79
Die beiden Frauen waren es auch gewesen, duxch
die vor Jahren Emanuel zuerst auf die lettischen,
esthnischen und lithauischen Lieder aufmerksam gewor-
den war. Er hatte in Italien Frauvon Wildenau
und die Tochter einmgl in einer Sprache, sprechen
hören, die, an Wohlklang keiner südlichen,nachstehend,
doch gewisse, nur dem Norden angehörende Töne in
sich geschlossen hatte, und, auf sein Befcagen aufahren,
daß es esthnisch, daß es die Sprache sei,b welche auf
ihren Gütern gesprochen werde. Er erinnerie sich deut-
lich des ersten Liedchens, das er auf jeine Bitte da-
mals von Konradine, hatte singen-hören. Es war
eine sanfte Liebesklage um einen jugendlichen Kranken.
Tio war so lieb und' gut, -?! -
Tio war mein einzig Gut.
Tio ward so krank, so krank,-.;-
Tio weltte, Tio sank.
Heute rührten ihn die schlichten Porte noch ganz
anders, als an jenem sonnnigen Nachmittage guf dem
Balkon über den Wassern des großen Kanales in
Venedig. Er hatte seit Monaten selber- oft genng
jenes: ,so krgnk, so krank!? in schwerer. Sorge seuf-
zend ausgesprochen, und wer wollte ihm verbürgen,
daß ihm Hulda nun pirflich erhalten pleiben, daß sie

nicht wie Tio welken- und in die Grube sinken würde?
Er ging an den Flügel, um die Melodie zu ver-
suchen; da meinte er mit einemmale ein Posthorn,er-
tönen zu hören. Er traute seinen Sinnen nicht. Es
ging um diese Stunde keine Post an dein, Schlosse
vörüber. Er horchte auf, er hatte sich nicht ge-

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täuscht. Das Signal wiederholte sich in nächster
Nähe. Die Klingel am großen Hofthore wurde ge-
zogen,-das Thor geöffnet. Bei der Stille; die imi'
Hofe herrschte, unterschied man jeden Laut. -Ein Reiter
sprengte? über den nachb dem Schlosse führenden ge?
pflasterteiWeg. -Der Hufschlag kang Pell in dei!!
Säal hinauf. Der Poftillon hielt auf der Rampe
an. Emgnuel. trat an das Fenster.
- Weil. er die Phantasie voll trüber Vorstellungen
hatte, weibihm jener schreckliche Abend, an welchem;
dem Fürsten die Estaffette die Botschaft von seinemti!
Vater gebracht, durch den Schall' des Posthornes wie-
der vergegenwärtigt wurde, schreckte er davor züsami-
men; und es war. mit unheilvoller Ahnung, daß er .
den Brief eröffnete, den sein Diener dem Expressen ab-
genommen hatte.
Er trug als Aufschrift den Namen des Barons
und war von einer Frauenhand geschrieben, die Emanuel
sofort erkannte. Was konnte die Baronin ihmi so-
Eiliges zu melden haben. Mit hastiger Neugier öffnete -
er den Brief. -
- ,Man muuß Glück sögar in Unglück haben!?
hieß es in- der ersten Zeile. ,Zwei gute Bekannteer-
bitten 'von Ihnen ein Asyl für eine Nacht und freund-
lichen- Empfang. Alles Andere mtit dem Neujahrs-
gruße, wie im verwichenen Jahr äs rirs roos; wenn-
gleich der Postillon, der diez Blättchen zu Ihnen
bringt, ein gut Theil robuster ist als Jener, welcher I
Ihinmni am lezten Sylvesterabend unsere guten Wünsche ?
aussprachi!

L41
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Das Briefchen war mit dem Namen der Frau
von Wildenau unterzeichnet und von der nächsten
HPosthalterei datirt. Er begrif nicht, wie die Baronin
und ihre Tochter dorthin gekommen seinhnochten; aber
die Aussicht, diese beiden Frauen,-an die, er eben in
freundlicher . Erinnerung gedacht hatte, so völlig un-
erwartet wieder zu sehen, sie im- Schlosse- zu beher-
bergen und zu bewirthen, erschien Emanuelt sehr an-
genehm.
Auf die Nachfrage, die Emanuel' machen ließ,
hatte man von dem Postillon erfahren, daß der
, Wagen der Damen jenseits der Station umgeworfen
und schwer beschädigt worden, daß der Postillon, der
sie gefahren, nach der Posthalterei gekommen sei, um
Hilfe und eine Kalesche zum Fortbringen der Rei-
senden herbeizurufen. Danach, so berichtete der Bote,
hätten die Herrschaften in der Posthalterei nächtigen
woklen, und es sei schon Alles' dazu' bereit ?gewesen,
als sie gehört hätten, daß sie nur anderthalb Stun-
den von dem Schlosse der Gräfin entfernt wären.
Das hätte sie anderen: Sinnes gemacht. Sie hätten
den Brief hierher geschickt, und es wäre sofort ein Post-
wagen angespannt worden, weil die -beiden Damen
mit der Kammerjungfer gleich näch dem Schlosse fahren
gewollt.
Emanuel sah nach der. Ühr. Ncch den Angaben
des Postillons konnte man die Reisenden in einer
Stunde, also noch vor Mitternacht erwarten. Im
Amte und in den Domestikenstuben war. mün des
- 1 --
Fanny Lewald, Die Erlöserin. L

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Sylvesterabends wegen noch wach und auf den Beinen;
und der Baron' kannte seinen Diener und kannte auch
Mamisell' Alrlke darauf, daß sie ihren Stolz und ihre
Ehre - darein setzen würden, in außergewöhnlichen
Fällen' Außergewöhnliches zu leisten.
- - Er befahl, daß ein Reitknecht mit einer Laterne
den Erwarteten entgegenreiten solle, dann schickte er
in das Amt hinüber und ließ Mamsell Ulrike zu sich
entbieten, ihr die Ankunft der Gäste anzuzeigen, von
der sie natürlich schon Kunde erhalten hatte, und ihr, -
seine Wünsche für deren Aufnahme und Bequemlich-
keit an das Herz zu legen.
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Das war aber recht ein Ereigniß, wie die Mamsell
es liebte. Fremde, die noch nie im Schlosse gewesen - -
waren,' von' deren Leuten man Meues hören komnte; ?

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ein Anlaß, mitten im Winter einmal zu zeigen, was
das ;Schloß vermöge, und wenigstens doch wieder einen
Theil- von' all den Vorräthen und Herrlichkeiten zum
Vbrschein zu bringen, die sie in Bereitschaft gehalten,
weil: man auf einen längeren Aufenthalt der Gräfin
und auf die Möglichkeit gerechnet hatte, daß die Hoch-
zeit von Comtesse Clarisse im Schlosse gefeiert wer-
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den würde, das Alles war ihr eine große Genug-
thuungä Sie war es satt und müde, all' die feinen !
Früchte immer nur einzupacken, wenn der Baron nach -
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Man konnte es ihr ansehen, wie viel Vergnügen -
ihr die Aufforderung und die freundliche Bitte Ema-
muels machten. Die große Glocke in ihrer Wirth- ?

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48
schaftsstube brachte Alles in Bewegung, die Fenstet des
Schlosses erhellten sich nach wenig Augenblicken. In
kürzester Zeit brannten die Feuer in den Defen und
in den Kaminen, der Diener des Barons ging der
Beflissenen bei den Zurüstungen fleißig und -mit um-
sichtiger Erfahrung an die, Hand, und Emanuel selber
ließ aus seinen Zimmern die Bumenstöcke in,den
kleinen Saal tragen, in welchen die Lichter bereits
auf der schweren alten Gaskrone über den; Eßtisch
leuchteten. Denn er wollte die Gäste. nach alter nor-
discher Sitte, mit einem Nachtessen und, einer dampfen-
den Bowle, zum Jahresschluß begrüßen!! ;-
Auch war in der That die letzte Stunde des
Jahres noch nicht angegangen, gls der Wagen vor
dem Schlosse eintraf. Emanuel wgr hinuntergeeilt,
die Gäste gleich an dex Thüre pillfommen zu heißen,
und das helle Lachen, der freundliche, Anruf, die ihm
entgegenschallten, als die Frauen ihn exhlickten, waren,
ihm eine wirkliche Erquickung. Er hatte seit so lange
nicht mehr lachen gehört, seit so Pange nuur mit Trüb-
sal, mit Leiden, mit, bangen, Sorgen und peinlichen
Erörterungen zu thun gehabt. -
Scherzend und erzählend und eingnder die Freude
aussprechend, welche man durch das unyerhoffte Wie-
dersehen genoß, so war man in den Eßßsaal gekommen.
Die beiden Frauen konnten sich gar nicht genug thun
-in dem Ausdrucke des Vergnügens, welches die glück-
liche Wendung und der Ausgang ihres eben erlittenen
Unfalles ihnen verursgchten. Sie wollten Nichts dävon
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hören, daß sie sich erst in den für sie bereit gehaltenen
Zimmern erholen, die Kleider wechseln, es sich bequem
machen sollten.
- ,Die Kleider wechseln,! rief die Mutter, ,wie
sollen wir das machen, lieber Baron, haben wir denn
Kleider? Das liegt ja Alles über drei Meilen weit
von hier noch mit unserem Wagen tief im Graben,
und Gott mag wissen, wie man es herausbringen,
wie es zugerichtet sein wird. Wir haben den Diener
dabei zurückgelassen und sind wie die Schiffbrüchigen
zu Ihnen geflüchtet, um Ihnen hier das Sprichwort:
LTT ==- -»=
Sie warfen mit den Worten rasch die Reisepelze
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und Kapuzen ab, und Mutter so wie Tochter, die
immer wie ein paar Schwestern ausgesehen, man hatte
sie auch' meist für Schwestern angesprochen, erschienen
ihm dabei noch schöner als in früherer Zeit. Die ,
Mutter war stärker geworden und sah dadurch noc F
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Jacke von pelzverbrämtem schwarzem Sammet, und
dem vielfarbigen seidenen Tuche, das sie nach Art der j
nordischen Landleute se um den Kopf gebunden, daß ?
es ihr Haar verhüllte und ihr ganzes Gesicht fest ein-
schloß, hatten die vollendete Regelmäßigkeit ihrer Gestalt j
und ihrer Züge, wie der Glanz ihrer dunkelbraunen s
Aigen und ihres ungemein hellen Teints wirklich etwas -
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Dabei fiel ihr der Kamm aus dem Haare, es floß
prachtvoll wie ein Strom von -rothem Golde an
- ihrem Rücken und über ihre Schultern nieder, ünd
bie Mutter trat schnell heran, es zusammenzudrehen
und aufzustecken.
Emanuel konnte nicht umhin, die Schönheit ihres
Haares zu bewundern. - Konradine nannte. es ihre
Lebenslast. ,Ich kannn den Kopf nichtgzum. Schlafen
anlehnen, wemn mein Haar geflochten ist,! sagte sie,
,und ich bin also genöthigt, es auf Reisen immer
ungeflochten zu tragen, wodurch ichdenn gelegentlich,
wie jetzt, Unbequemlichkeiken habe und verursache.
i-
Aber das kleine Zwischenspiel war bald zu Ende,
und wie man dann wenige Augenblicke später sich an
der wohlbesezten Tafel niedersetzte, wie man die ersten
Glser Wein zum Willkommsgruße äneinander klingen
ließ, und Frau von Wildenau, umherblickend die
blühenden Blumen und die flammenden Kerzen und
das lodernde Feuer im Kamine betrachtete, meinte sie:
,Wenn dies nicht ein reizendes Abenteuer, ein ro-
mantisches Begebniß und Ereigniß- ist, so hat es nie
eines gegeben. Wer hätte denken sollen, als wir
wirklich mit einem Todesschreck uns -plötzlichh in dem
Schnee des Grabens fanden und mühsam herausgeholt
wurden, daß wir gegen all unser Erwarten einen so
köstlichen SylvesterAbend feiern könnten!?-
Emanuel, der an ihrem Behagen selber große
Freude hatte, fragte, auf welche. Weise sie von seiner
Anwwesenheit im Schlosse erfahren hätten, und sie er-
zählte mit jener leichten Heiterkeit, welche. den Personen,


die' vielJund rasch-zü erleben gewohnt sind, üieist zu



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eiggn ist;iesi als sie in der Posthalteret zur Be-

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lassen, un sich- zu erkundigen, 'Fo sie sich - denn
eigentlich befänden. Sie habe dann wissen' wollen,.
obinanvön der näächsten Stadt sehr weit eitfernt
seikkob- mau. Handwerker in derNähe habe, die den


sinüung -gekommreü wwäre, den Posthalter habe rufen
WägeiFiStand sezen könnten, und wie sie endlich, -
da der Hosthalter gemeint, die Reparatur würde sicher-
lich- ein, paar Tage hinnehmei; auf den Einfall-ge-
konümen,wäre, daß das Schloß der Gräfin in dieser
Gegend liegen müsse. Sie scilderte darauf die Freude,
die sie gehabt habe, als sie erfahren, daß sie dem
Schlosse Jo nahe wären und daß Emanuel in dem- -
selben weile. Mit beste Laüne beschrieb siedas: Er-
staunen des Posthalters über die Verschwendung, mit
welcher sie das bestellte Nachtquartier und Nachtessen
im- Stiche' gelassen habe. Sie freute sich, daßdie
Pösthalter-Familie dadurch zu, einem für' sie- gewiß -
ungewohnten Sylvesterschmäuse gekommen wäre,. und -
sagte: Nun wisset Sie'Alles, was uns zugestoßen
ist; nun erklären Sie mir, aber auch-das Räthsel
Ihrer ihiesigen Anwesenheit. Wie kommr es, daß:Sie
hierz; daß Sie, ini Norden und allein sind? Waen -'
Siet;deiin nicht Bei Plarissens Trapung- anwwesend?
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N,Das zind:viel. Fragen auf einmal, und mehr
, als ich Ihnen in diesem Jahre' beantworten. kann!?
entgegnete Ematuuel, denn' in den Augenblicke schlug.

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der Hammer der großen Uhr den ersten Schlag der
lezten Jahresstunde an, und sein Glas emporhebend,
sprach er: , Eassen Sie uns hoffen, daß dies schöne
unerwartete Zusammentreffen am Schlusse des Jahres
uns gutes Beisammrensein für, das beginnende Jahr
bedeute, und daß dies Jahr uns ;die Erfüllung unserer
Wünsche bringe!?
,Sofern Sie vernünftig und uns heilsam sind!'
schaltete Frau von Wildenau leichthin ein, während
man die Gläser gegen einander gnstieß. Aber so
allgemein die Worte gehalten waren und ;so nctürlich
im Grunde dieser kleine Nachsaz schien, fiel er Emanuel
auf, weil solche Gedailen sonst nicht in Frau von
Wildenau's Weise lagen. Als er sich zu Konradinen
neigte, kam es ihm auch vor, als habe deren Angesicht
fich wesentlich verdüstert. Sie vermochte es nur
mühsam, die zusammengepreßten Eippen zu einem
lächelnden Danke zu- öfnen, als Emanuel ihr und
der Mutter die Blumensträuße anhot, die er als
Neuahrsgabe für sie bereitgehalten, hatte, und wie sie
wieder und wieder, das Haupt neigte, um sich an dem
Duft der Blumen zu erquicken, neinte er, zu sehen,
daß in ihren langen Wimpern Thränen schimmerten,
die, sie mit rascher Handbewegung zu verbergen strebte.
Kaum aber hatte man nach den, Glückwünschen,
welche man für die entfernten Freunde und Lieben in
den ersten Minuten- des neuen Jahxes aussprach, von
demselben Besiz genommen, als Frau yon Wildenau
die bei aller ihrer Rgschheit und Leichtlebigkeit an,
ihren Gedanken, festzuhalten pflegte, noch einmal auf




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die Frage zurückkam, welches Wunder den Baron zu
seinem Verweilen- im Schlosse veranlaßt habe.
,Ein Wunder allerdings,! entgegnete Emanuel,
um sich mit raschem Entschlusse gegen ein inneres
Widerstreben fortzuhelfen, ,ein Wunder insofern, äls
der Mensch sich oftmals zu Entschlüssen geführt und
zu Handlungen gedrängt findet, die außer dem Bereich
desjenigen' liegen, was er für sich als wahrscheinlich
und möglich angesehen hatte. Ich habe mich verlobt,
sagte er mit einer gewissen Hastigkeit, , aber meine .
Braut ist schwer krank und ich bin hier geblieben, um
in ihrer Nähe ihre Genesung abzuwarten.!
,Kommt denn heute aber alles Gute, alles Un- -
erwartete und Erfreuliche auf einmall' rief die Mutter, .
und aüch Konradinens schönes Gesicht hatte, sich er-
hellt und ihre Augen leuchteten ihm freundlich ent-
gegen, als sie ihm mit ihrem Glückwunsche die Hand -
gab. ,Das ist endlich einmal ein höchst vernünftiger
Entschluß! sagte die Baronin. ,Ihre Familie hat
das;ja mit Recht so sehr gewünscht! Die Gräfin vok
allen Anderen! Wie wird sie damit zufrieden sein! ?
,Weniger, als Sie glauben,! entgegnete der-
Baron, , denn meine Wahl hat nicht das Glück, nach
dem Sinne meiner Schwester zu sein. Ich habe mich
mit einem bürgerlichen Mädchen, mit der Tochter
unseres Pastors verlobt und-?
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,Aber was wird denn aus Ihrem Majorat, z
Baron? fiel die Mutter ihm gegen alle ihre gute
Sitte in die Rede. ,Sie können doch - wenn Sie Z
sich überhaupt verheirathen - nicht daran denken,

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- - -- ? '=
--- - skueerwesm = '
, sus
den herrlichen Besiz auf Andereübexgehen zu lassen?
Er verbarg ihr, wie unangenehmibie Bemerkung
und die Frage ihm waren. ,Würden Sie mich
trdeln,! sagte er, ,wenn ich Ihnen bekenne, daß ich bei
meiner Wahl: mehr ans mich und? an nein Glück als
an das Majorat gedacht habez mit, dessen Gründung
es unserem Anherrn gefallen hat; uns zu einer fort-
dauernden Abhängigkeit von seinen' Vorurtheilen und
den Vorurtheilen seiner Zeit zu'vedazzimen?! ;
,O, die Verdammung: zu -einem solchen Ein-
kommen wie das des Masorates,? meinte die Baronin,
, die ist schon zu ertragen; diefinde- ich nicht eben be-
klagenswerth.?
,Ich habe aber den Besiz des Majorates, das
mein Bruder inne hat, nie entbehrt,? gäb er ihr zur
Antwort, ,und nur zu bedauern gehaht,i daß ihm die
Söhne fehlten, denen er es vererben könnte!?
,Natürlich,! rief Frau von Wildenau, , das
AllobialVermögen Ihrer Fämilie ist ja, groß! Aber
Ihr Bruder hat keine Kinder- undi Sie' werden die
Sache fraglos anders ansehen; wwennsie' erst eine
eigene Familie haben werden. Ein guter' alter Näme,
der auf festem Grund und Boden ruht, ift gar' ein
köstlich Ding. Dazu wird er es immer mmehr,, seit die
reich gewordenen Bürger sich üitihreii oft'so: rasch
vergänglichen Reichthune äls Gleichberechtigte an unsere
Seite- stellen möchten. - Ich habe mich des Gedankens
nie entschlagen können, daß ein Fanilienleben niemals
glücklich sein kann, wennn die Söhne wissen; daß sie
durch ihre' bürgerliche Mutter-' un den hnen zu-

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stehenden Besiz gebracht worden sind, und ich bin
gewiß,i auch für den Vater müssen manche Stunden
kommen, in denen er es bedauert, um einer augen-
Vortheile aufgeopfert zu haben. Denn im Grunde
--- wer glaubt nach zehn, nach fünf Jahren noch


Hlicklichen Gemüthsbefriedigung willen, große, dauernde
daran, daß er ohne diesen Mann, ohne dieses Mädchen -
mit einem anderen Manne oder einem anderen Mädchen
nicht ebenso glücklich hätte werden können? Ich bitte
Sie; Baron, entweder man ist für die Ehe geboren,
oder man ist es nicht. Ist man es, ist man leicht-
lebig und verträglich und beständig, so wird man in
jeder Ehe glücklich. Ist man es nicht - sie lachte
-=- ,nun, so wählen Sie die Venus von Milos ,huit
den Eigenschaften einer Heiligen und dem Geiste einer
! Korinna, und Sie werden nach drei Jahren eine Fülle
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von Mängeln und Fehlern an der geliebten Voll-
kommenheit gefunden haben. Sie werden sich nach
drei Jahren mit dem vollständigen Ideale langweilen, P

und sich zur Abwechslung vielleicht mit der ersten A
besten Maritorne besser unterhalten als mit Ihrem
einst eißgeliebten und begehrten Idol. Es giebt gar-
Nichts, was so trügerisch, so vergänglich wäre als die !
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sogenannte Liebe, und Nichts, was weniger der Prüfung P
werth ist, als die Person, mit der man sich verbindet. s
Ich wiederhole es Ihnen aus voller Neberzeugung?
nur: sich selber muß man prüfen, ob man für die ?
Ehe geschaffen ist oder nicht, und dann die Person -
erwählen, die uns die meisten Vortheile zu bieten hat. Z
Wer anders handelt, bereitet sich Enttäuschungen. Die
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Zeit ist auch gewiß nicht fern, in der man über die
sogenamnteniebesheirathen wie überKinderspiele lachen,
und in der kein Mensch mehr glauben pird, daß
man aus Liebeskummer sterben oder sich das Leben
nehmen könne.!
Sie hatte das Alles in - jener Weise rasch hin-
geworfen, in der sie ihre. augenblicklichen Einfälle
gelegentlich wohl, an den Mann zu, bringen pflegte,
aber Emanuel konnte es nicht begreifen, wie sie, die-
selben eben gegen ihn und in dem Augenblicke geltend
machen konnte, da er ihr mitgetheilt hatte, ;daß er
entschlossen sei, eine Liebesheirath einzugehen. Die
Freundschaft für die Gräfin allein, entschuldigte diesen
Mangel an Rücksicht nicht, am wenigsten bei einer
Frau, zu deren liebenswerthen Eigenschaften jene Gut-
müthigkeit gehörte, welche eine Befxiedigung darin
findet, den Anderen Angenehmes gy erweisen., Es
mußte ihrer Härte etwas Besonderes zu Grunde liegen;
und hart wie die Worte der Mutter klang es, als
Konrkdine die Bemerkung machte: , Schade nur, daß
nicht in allen Naturen dieSebenslust ,ho gxoß-gnud die
Freude am Genusse des Daseins -stärker ift, als alle
anderen Empfindyngen.?!-
Sie brach damit ganz plözlich von dem Gegen-
stande ab, um Emanuel mit Wärmes den.Antheil. aus-
zusprechen, den sie;gn, seiner ßerlobuauug mmähme. Da-
mit kam auch die Mutter auf den rechtenSeg. zurück.
Die Frauen fragten um den Namen seinex, Braut,
man erkundigte sich um ihr Befinden, er mnßte pon
ihrem Aeußeren, von ihrem Wesenz Auskunft geben,

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Das erwärmte ihm das Herz und löste den unbehag-
lichen Bann, der auf ihm gelegen hatte. Frau von
Wildenau nannte ihn einen Mann, dessen maßvolle
Güte' ihn recht' eigentlich für die Ehe bestimme, einen
Mann, mit dem jede Frau sich einer glücklichen Häus-
lichkeit versichert fühlen dürfte: Er sagte, daß er auf
eine solche für sich auch zuversichtlich hoffe. Er sprach
mit Freude von Hulda's Schönheit, von ihrer musika-
lischen Begabung, erwähnte, wie lieblich fie die
lithauischen Volkslieder finge, und es machte sich fast
von selbst, daß Konradine an das Klavier ging, um
ihm wieder einmal das Liedchen von dem armen -
kranken Tio zu singen, das ihn heute an sie erinnert -'
und das er sich vor ein paar Stunden mit so weh-
müthigem Empfinden selber vorgespielt hatte. Er -
fand es, da er es jetzt von ihrem Munde hörte, noch
- lieblicher, und ihre Stimme klang ihm ergreifender ?
als in früherer Zeit. Sie war seelewvoller, ihr Ton
bei aller Fülle milder, ihr Vortrag natürlicher ges
worden.
- Einmal am Klavier und im Musiciren, kamen
fie von einem Liede zu dem anderen. Franzöfische
und spanische Romanzen, italienische Ritornell und
Canzonetten, das russische und deutsche Volkslied
wechselten mit einander ab, und die ersten Stunden -
des Jahres vergingen ihnen schnell und schwungvoll
in heiterer Gemeinsamkeit.
Emanuel geleitete die Gäste bis in das Vor-
gemach, als sie sich zurüchuziehen hegehrten. Als sie -
sich trennten, reichte die Tochter ihü die Hand. ,Gute -
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Nacht, mein theurer Freund!! sagte sie, , möge dies
Jahr wenigstens Ihnen zu einem glücklichen werden!'
Die Worte und ihr Ernst,' sowie der feste, ver-
ständnißvolle Händedruck, mit welchem sie dieselben
begleitete, thaten ihm wwohl. Aber was war ihr ge-
schehen, daß sie ihm ein Glück erwünschte, welches sie
für sich offenbar nicht zu erhoffen schien? - Hatten
die ihm mißfälligen Aeußerungenn der Mutter sich auf
die Tochter bezogen? Das Verhalten der beiden
Frauen gegen einander war immer ein besonderes
gewesen; jetzt traten die Unabhängigkeit Konradinens
und ihre Reizbarkeit, welche die Mutter nachsichtig
ertrug, sehr auffallend hervor. Hatten Herzens-
erfahxungen Konradine so: verwandelt, ihre Stimme
so seelewwoll, ihre Augen so viel anziehender gemacht?
Er konnte sich ngch dem, was er vernommen
hatte, keine bestimmte Antwort auf diese Fragen geben,
und eben diese Ungewißheit hielt seine Gedanken
antheilvoll an Konradine fest, bis der Schlaf ihn
übewwältigte.
RweGaouo -''

Kapitel 25

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Fünfundzwanzigstes Gapites
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- Man war, als man sich in der Nacht getrennt
hatte, übereingekommen, daß die beiden Frauen un-
gestört ihrer Ruhe pflegen sollten, um sich von' dem
Schrecken und der Ermüdung zu erholen, und- es
waren die Vorkehrungen getroffent worden, ihr Gepäck -'
vondem verunglückten Wagen nach dem Schlosse zu -
schaffen. --
- Emanuel' war also für den Vormittag sich selber I
äiberlassen. Das Neujahr hatte sich'mit hellem Sonnen-
schein und schöner Schlittenbahn eingestellt; er ließ-
also den Schlitten vorfahren, um sich in der Pfarre z
schon bei guter Zeit nach Hulda's Ergehen zu er- ?
kundigen.
Als er durch den Vorsaal schritt, kam ihm zu
seinem Erstaunen Konradine schon entgegen. Sie
war völlig ausgeruht und sah leuchtend wie, der,
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Morgen jelber aus. Sie versicherte, sie bedürfe immer
nur sehr wenig Schlaf, sie sei schon lange wach und -
habe Abrechnung mit sich und mit dem Jahr ge-
halten.

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Wie sie darauf: bemerkte, daß er zu einer Aus-
fahrt gekleidet und sein Schlitten vor der Thüre sei,
fragte sie ihn, ob er seine Braut besuchen, und ob er
fie mit sich nehmen wolle. Er bejahte Beides; Sie
ließ sich ihre Pelze bringen, man machte sich augen-
blicklich auf den Weg, und als der Schlitten dann
den Hof verließ und in die lange Allee einbog, deren
mächtige Bäume schneebeladen nur noch höher schienen,
während die im Somnenlicht leuchtenden. Aeste;einen
flimmernden Schneeregen über den Weg. hernieder-
fallen ließen, sagte Konradine: ,Gie prachtvoll das
aussieht! wie leuchtend und flimmernd! und ist doch
Mlles so kalt! und zerfließt in Nichts, sowie wir es
berühren!. Aber weil wir gewöhnt sind, überhaupt
nur im Scheine zu leben, so lieben wir den Schein
und freuen uns an ihm, bis die-iackte Wirklichkeit
uns einmal rauh und,hart begegnet Luund uns die
Augen öffnet. Dann ist es freilich-aus!?-
Emanuel konnte nicht umhin, diese Worte mit
den Bemerkungen in: Zußammenhang zu hringen,
welche die Mutter am verwichenen -Abende -gemacht,
als er ihr von seiner Verlobung gesprochen hatte.
Weil er aber dauüber in das Klare kommen, und zu-
gleich seiner Gefährtin die Möglichkeit eröffnen wollte,
sich weiter mitzutheilen, wenn sie eben danach Ver-
langen trüge, antwortete er ihr, mmuan habe bei einem
verständnißvollen und liebevollen Erfassen der Wirk-
lichkeit es gar nicht nöthig, sie ihres schönen Scheines
zu entkleiden.






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. ,Das, was wir bisweilen unmuthig und ungerecht
nur als einen schönen Schein bezeichnen, ist oft ein
wesentlicher, Bestandtheil der Dinge und ein dem,
Menschen Angeborenes,! sagte er. ,Mdir ist die Schön-

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heit etwas so Nothwendiges, daß ich selbst den Schein -
der Schönheit nicht entbehren mag; und fragen Sie
sich. zum Beispiel ehrlich: würden Sie Sie selber sein
ohne die Schönheit, welche wir an Ihnen bewundern,
und ohne den Schein jener immer gleichen Heiterkeit,
den wir an Ihnen lieben, selbst wenn es nur die Er-
ziehung wäre, welche Ihnen diesen Schein der Heiter-
keit zur Gewohnheit und damit zu einem Theile Ihres
eigentlichen Wesens hätte werden lassen? -
- - Sie blieb ihm die Antwort auf seine schmeichel-
haften Worte schuldig. Das war ihr sonst nicht leicht
begegnet, denn sie war Meisterin im Gespräch, und
von sich jelber absehend, sagte sie: ,Ihre Braut ist
also eine Schönheit und besizt die geistige Anmuth
einer solchen?! -
- ; ,Ja, sie ist schön, entgegnete er mit Befriedigung,
,und ihr Liebreiz beruht vor Allem in ihrer völlig
kindlichen Natürlichkeit. Sie ist das wahre wilde
Heideröschen, von dem der Dichter singt.!
,So werden Sie's wohl. brechen!! rief Konradine.
- Die Worte und ihr Ton machten Emanuel stuzig
und verlezten ihn. ,Was wollen Sie damit sagen?!
fragte er.
,Nichts und Alles!r entgegnete sie. ,Eö war
, ein Einfall, dem ich unbedachten Ausdruck gab.!

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,Dem aber doch eine bestimmnte,Ansicht zu Grunde
liegen muß!!- -
. ,Insofern,wohl; als ich an Liebesglück nicht glaube,
wo es darauf ankommt, daß ein Mann eing,Opfer
bringt; und Sie hahen ,es gzesternzzon meiner Mutter
hören können, die Frauen z selber jinden -es -in der
Ordnung, daß man dem ,ldange und dem Gesize die
Liebe nachstellt.? -
Sie warf dabei den Kopf stolz in den, Nacken,
ihre ippen schwellte dex Zoxn, daß das Lächeln, zu
dem sie sich zwwang, bitter und trozig ward wie eines
Mannes Lächeln. Emanuel hatte sie niemals so ge-
sehen, sie einer so heftigen Empfindung nicht füx fähig
gehalten. Die Veränderung, die er, schon gestern an
ihr wahrgenommen hatte, trat ihm noch viel deutlicher
entgegen.
,Sie sprechen in Räthseln zu nir,! jgte er,
, die mich ,erschrecken.- zehen Sie, muir die Lösung
derselben, damit meine Freundschaft sie nicht vergebens
sucht. Sie haben, seit., wwir uns nicht gesehen, den
Glauben an Ihr Selbstgenügen eiygehüßt, ;Sie haben
also geliebt - und. jch fürehte,, znglücljch geliebt.
Sagen Sie. mir es, wenn, meine Permuthungen mich
täuschen. Ich will wünshen, dgßäsie zs hhun. Ich
fürchte, Sie sind auicht mehr glücljch, Fgyxadine?
,Glückllch? rief sie und fßlug, mit beiden Hän-
den den schwarzen Schleier zurück,, ,wer ist denn glück-
lch? Sind Sie glücklich? Ich gßube ;nicht daran.
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verschleieit Sie' iü mein Gesicht. Gleich, gestern kam
mir es wie des Himmels Fügung vor, daß ich auf
der: Greüzscheide dieses mir unheilvollsten Jahres Sie,
bei-Sie' und nöch obenein als den Verlobten einer
Ardein fiüden miußte. Denn ich bedarf einesMen-
schenß !dem ich sagen kann,' was mir das Herz abdrückt,
zu dem ich sprechen kann von dem, was mir geschehen
ist, und der mich sicher nicht verachten wird, weil ich
meine' ganze Liebe einem Manne hingegeben'habe, dem -
ich Nichts gewesen bin als ein Spiel' wie jedes andere,
Nichts als ein Zeitvertreib, zu dem er sich berechtigt
hielt, weil'er'an eines Thrones Stufen geboren worden.
Nichts äla- sie lachte, während ihre Lippen bebten
--- ,als das arme Heideröschen, -das der. freche Kygbe
brach. N-Daß ich ihn nicht stechen konnte,. daß ich's
leiden mußte, und ihn noch nicht hassen kann, daß sie
ünich' verlachen, mich tadeln, selbst die eigene Mutter,
weil''ich mrich nicht für zu gering hielt, einer Fürsten-
kochter' vorgezdgen zu werden, das -das, mein-Freund,
das ist, es,' was mir däs Blut vergiftet ünd das Leben
zg'einerschweren Bürde macht. - Wie eine Last:' liegt
et'jetzt äuf!neinem Nackei, mein schöner;' prächtiget,
Fschlägee Stolz! ch beuge ntich mnter ihm; -ich
tkage äß'ihin, daß' niir die Kine brechen - ich schäme-
mich Sor mir, selber, ich hasse mich, weil ich so thöricht,
FoFindisch gläubig lieben konnte. Und man geht achsel-
zuckend'' än' mir' -vorbei-- Jeder, Jeder!-- Keiner
Höch'hat mir dieHand gereicht und mir gesagt:',Steh';
düf ünd wwändlel? Und' ih köinte ihn doch wie mei-
nen Heiland lieben, den Menschen, der mir die Hoff- I

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nung gäbe, daß Aufstehen undWandeln für mich noch
möglich sei!? -
Ihr Gesicht flammte; sie brach plözlich ab, und
-- mit einer Nichtachtung des eigenen, eben, erst- kund-
gegebenen Schmerzes, die etwas Furchtbares -Zatte,
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sagte sie im Tone der gleichgiltigsten Pnterhaltung:
,Wie man sich. nur bei solcher Kälte, so. unöthig er-
hizen kann!. Es -ist'im Grunde-doch zum Fachen.!
, Welch ein entsezliches Wort:ist das!r, rief Ena-
muel. ,Ihnen ist nicht zum Lachengund Fmir-auch nicht.
Vulkanische Flammen, die aus, dem-'stillenz schneeigen
Boden einer Ebene jählings gen Himmel - lodern, find
erschreckend, sind furchtbar, und nicht lächerlich: Fügen
Sie zu dem Grausamen, das Sie erlitten haben, nicht
die Grausamkeit der Selbstverspottung -noch hinzu.
Halten Sie Ihren Schmerz in -Ehren, -wwie ich Ihr
Vertrauen ehre. -Sie werden mir anehr, Sie-werden
mir Alles sagen, Konradine, was Sie drückt; gnd Sie
wissen es, ich pürde glücklich sein, Shnen tragen zu
helfen, Sie stüzen und trösten, zu können.!--
,Das weiß ich!! sagte sie,: und darauf schwiegen
sie Beide: Sie hatten das Dorf erreicht und hielten
vor der Pfarre. Nun Emanuel. ihrnaus dem,Schlitten
half und sie in das Haus zu führenhatte, bereute er
es, sie mit sich genommen zu haben. Sie zugr den
Pfarrer fremd, eine-Vorstellung,. eine Bekanntschaft
einzuleiten, war, das Zimmer neben. der Krankenstube,
- deren Thüre immer ofen stand, nicht der Ort, und
waren sie auch Alle nicht gestimmt. Indeß der Zufall
war ihm günstig.
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Der Neujahrs»Gottesdienst hielt den Pfarrer noch
in der Kirche fest, und Miß Kenney hatte Koinadine
won deren Kiüdheit an gekannt. Ihre Freude, sie so-
völlig-unerwartet vor. sich zu sehen, die Fragen um
,dieUrsache ihrer Anwesenheit halfen der an Selbst-
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eherrschung ohnehin gewöhnten Konradine über den
ersten. Augenblick' hinweg, und die Nachricht,: daß die
Kranke sich sehr gut befinde, daß sie kräftiger und Herr
ihrer' Gedanken und Erinnerungen sei, that. Emanuel
--wohl! -Hulda war am verwichenen Abende zum ersten-
- male. -mit Bewoußtsein auf den: Tod der Mutter zu
sprechen gekommen, hatte in der Frühe nach Emanuel
verlangt, und sehnsüchtig von Stunde zu Stunde auf
seine Ankunft gewartet.
Da Miß Kenney. bei dem Gaste blekben mußte,
ging Emanuel allein zu seiner Braut. Man hatte
-' den Vorhang am Fenster aufgezogen, das Licht, das
durch die dicht beeisten Scheiben drang, streifte Hulda's
Bett. und ihre. weißen schmalen Hände,. in denen sie-
eine Monatsrose hielt, die man ihr gezeigt hatte. - Sie
war ebeu erst am Morgen aufgeblüht. Hulda hatte-
Fie äbschneiden lassen,' um sie ihm geben zu können.
- -Er, sezte sich zu ihr, sie reichte ihm die Rose und -
woünschte hm Glück.
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- --, Ist' es denn nicht schon ein Glück,! sagte er, -
indem er ihre Hände in die seinen nahm, ,und; ein
-schönei Sahresanfang, daß Du lebst, daß Du uich
wieder kennst??

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Er that, was er konnte, sie zu, beruhigen. End-
lich zog er ein kleines Kästchen aus der Tasche, das
er öffnete und ihr darbot. Es enthielt einen ein-
fachen Goldreif, dem Ringe ähnlich, den er selbst an
Finger trug, nur daß statt des- Rubins ein Türkis,
von Diamanten umgeben, in denselben eingeschlossen
war. In der Innenseite waren die Worte: , Dich
und mich trennt Niemand!=- schön und klar gravirt.
Es flog ein seliges Lächeln über Hulda's bleiches
- Gesicht, wie er ihr die Worte vorsprach, sie hatte es
ihm oftmals singen müssen, das Volkslied:
eines Lieb, halt feste,'
Wie der Baum die Aeste,
Wie der Ring den Demant,
Dich und mich trennt iemand!
,Niemand! Niemand!? wiederholte sie, leise und
s heng, als er ben Reifew an ihren Ringer stecte; ,aber,
k fügte sie hinzu, ,ich kann, von hier nicht: fort. Wer
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; soll bei meinem Vater bleiben? Er ist ganz allein.?
Emanuel tröstete sie mit der Zusage, daß davon
nicht die Rede sei, daß der Vater mit ihnen gehen,
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mit ihnen leben werde. Sie achtete nicht recht darauf,
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sondern schien in ihren Erinnerungen irgend Etwas -
auffinden zu wollen. Mit einemmale sprach sie: ,Ich
hab' es wohl geträumt, aber so deutlich! Alles so
deutlich!-- Ich kniete. am ,Altare wie -- wie zur
Hochzeit -- sagte sie mit leblicher Verschämtheit. --
,aber ich war ganz allein in der Kitche.-Ich -hörte
die Trauungsworte, ohne daß ich Jemanden sah. Wie
ich damn um mich blickte, stand mein' Vater an meiner
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Seite, meine verkläärte Mutter schwebte über uns und
hatte mich dem Vater angetraut!? -
-- Sie-schauerte zusammen bei der Vorstellung, auch
Emanuel überlief es wider seinen Willen, wenn schon
er's ihr verbarg und sie durch freundlichere Bilder zu
zerstreuen suchte. Leise und langsam, wie ihre Schwäche
es erforderte, sprach er ihr von? dem Emporsteigen des
Jahres; von ihrer wachsenden Genesung, von dem
nahen Frühlinge, in' dem er sie und ihren Vater gen
Süden' führenwerde in sein Haus an dem schönen
blauen Bergsee, und lächelnd seinen Worten lauschend,
während ihre Hände noch in den Feinen xuhten, schlum-
merte sie ein.
Um sie nicht zu erwecken; blieb er an ihren Bette,
sizen. Sie lag da, schön und weiß und regungslos,.
als--wäre sie in' ein Gebild verzaubert,i aber auch er
hätte diesen Winter wie unter-demZauber des schla-
fenden Schlosses' zugebracht, und es war Seit,. hohe
Zeith daß er denselben endlich brach. Nicht nur sich,.- -
auch Hülda hatte er zu befreien, die ihm eine Erlöserin
gewesen war. Er mußte sie sobald als möglich fort-
bringen' von dem Orte, an- dem Alles ihr das schreck-
liche Ende der Mutter in dasrGedächtniß! rief, fort
aus' demengen Kreise, den ihre lebhafte Einbildungs-
ckraftmit spukhaften Erscheinungen, mit märchenhaften'
Vorstellungen bevölkerte: Ps mußte nur,:selbst im glück-
kichsten Fallenoch viel Zeit vergehen, ehe man darauf
rechnen dürfte, Hulda von. hier. entfernen zu können.
Rk Er sh den Ring an, den er ihr heuteals Pfand:
Jjeiner Liebe und seiner Treue gegeben hatte, und jeine
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Gedanken wandertn dabei so unruhig hin und her,
daß das Stillesizen ihm zur Qual ward. Er sah nach
der Uhr und steckte sie wieder ein. Er hatte geglaubt,
daß es weit später sein müsse. Er betrachtete Hulda's
sanften Schlaf und dachte an -Eonradinens, wilde
Leidenschaft. Endlich machte ex sich behutsam von
Hulda los. - Er konnte Konrading niht so lgnge auf
-'- -?
sich warten lassen!? -
Als er sie wieder vor sich säh, als er mit ihr
aus den kleiien niederen Zimmern, aus dem engen
Hause wwieder -in das Freie, in den(hellei Sonnenschein
hinaustrat, athmete er erleichtert auf:;-
Die stolzen Rappen wieherten Fn ,der. jcharfen
Kälte und warfen die mit ederbüschen- geschmückten
Köpfe in den Nacken. Wie, auf Windesflügeln brausten
sie vorwärts, als es nach Hause zurückging; und guch
Emanuel freute sich, gls er -in -dem leichten Gefährte
über die schneeige, funkelnde Ebene,, durchsdie, im Reife
flimmernde Allee wieder -dem mächtigen, breit hingela-
gerten Schlosse entgegenfuhr.. -
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Kapitel 26

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Hechsundzwanzigsles Gapites
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-- Frau von Wildenau saß an ihrom Frühstücks-
tische, Mamsell Ulrike stand vor ihr und bediente sie.
Sie' hatte es als ein Recht' erachtet, das ihrselbst durch
diekAnwesenheit des Barons nicht entgehen konyte, in.
Abwesenheit der Schloßherrin sich persönlich' nach dem
Befinden wie- nach' den- Wünschen und -den Bedürf-
risseE der Gäste zu erkundigen, und ihnen in allei
Veiehrung ihreGlückwoünsche zumNeujahrdarzubringen.
I FSielhatte deshälb in-der Wlrihschaft Alles stehe
und liegen lassen, hatte sich' in gute Kleider geworfen,
und Frau von Wildenau war ganz dazu gemacht, das-
großblumige französische Kattunkleid, die dicke goldene
Kette, die Haube mit der Fülle der goldgelben Bänder. ß
zu bewundern, die wie eine majestätische Sonnenblume
ihrer Wirthin bewegliches Gesicht umgab, und sie hatte I
auch Nichts dawider, sich in solch' müßiger Stunde von
der Dienstfertigen etwas vorplaudern zu lassen, deren z
Driginalität der erste Blick ihr kundgab.
Ein paar Dankesworte über die vortreffliche Auf- z
nahme, welche ihr gestern bereitet worden war, die
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Anerkennung, daß eine so plözlich geforderte Gast-
freundschaft nur in einem sehr wohlgehaltenen Hause,
und nur von der erfahrensten, durch keinen Zufall
zu beirrenden Wirthin in solcher Weise geleistet werden
könne, hatten Mamsell Ulrike über sich selbst erhoben-
Ihr Antliz strahlte heller als der Somnenglanz, der
es umgab. Alle Schleusen ihres Herzens und ihrer
Erinnerungen waren aufgeschlossen; 'sie war ganz dazu
gestimmt, ihre Redseligkeit fließen und steigen zu lassen
wie die Wasserfälle und die Springhrunnen bei einem
Extrafeste.
Noch ehe sie ihr Frühstück beendet hatte, -wußte
Frau von Wildenau Alles, was die Mamsell geleistet,
von den Franzosenzeiten an bis auf den Tag, an wel-
chem die Estafette' die gräfliche Familie so plözlich von
dem Schlosse abgerufen hatte. Sie hatte erfahren,
wie es auf ein läängeres Verweilen, auf eine stattliche
Wintergesellschaft und auf dieHöchzeit hierin Schlosse
abgesehen gewesen war, und wie dgnn der Tod des
alten Fürsten das Alles mit einemmälesungestößen habe.
,In drei Stundens wären' sie sammt und sonders
auf und davon,!' sagte Ulrike, ,aber gnädige: Frau
haben ganz Recht, per erßt' einmal' die' richtige Erfah-
runng hat, dem miacht das weitex'nicht viel: aus. Denn,
lieber Gott, die Menschen kommen und gehen, und auf
ein Kindelbier und eiien Todtenschmaus mnß man
in einem anständigen Haushalte alle Tage eingerichtet
sein. Das ist Gottes Wille, und der Laif- der Welt
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und''vollends, weshalb wsir ihn behielten, und als denn
auch noch, in derselben Stunde das Unglück, mit, der
Pfarrerin passirte, daß Jeder sah und sagte, wwie das
unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein konnte,
da stand mir doch auch der Verstand einmal-stille und
ich schlug die Hände über dem Kopfe zusammen.! ;
,Ja,! sagte Frau von Wildenau, die von den
Vorgängen durch den Baron am verwichenen Ahende
eine- oberflächliche Kenntniß erhalten hatte, ,ein Z-
grundegehen, wie das der Pfarrerin, muß für die Hinter-
bliebenen etwwas ganz Entsezliches haben.!
,Freilich, freilich! fiel die Mamsell ihr ein, ,ie-
dennoch, lieber Gott, das kommt ja hierzulande öfters
vor; das meinte ich im Grunde nicht. Unser Herrgott -
kommt uns suchen, wo es ihm gefällt, und auf Trieb-
sand ist ja Mancher schon gerathen. Das ist nicht das-
Schlimmste und ist ja gleich vorbei Aber daß der -
Herr Baron, sich nun noch verlobt -hat, dgß er, nun
noch an das Heirathen denkt, nachdem er es von früh-
auf, verschworen, und bis in dieses sein vierunddreißig- I?
stes Jahr auch festgehalten hatte, das, mneinte ich nur,
das ging ntcht mit rechten Dingen zu.- Gnädige-
Frau' sind ja auch eine erfahrene Dame und, mit un-
seren,Herrschaften, wie ich vernommen, nach Heiden
-Seiten -hin bekannt. Sie werden's also wohl gehört
,haben,' was, auf den freiherrlichen Gütern Jeder weiß,
und da Sie den Herrn- Baron, auch, schon von früher
kennen, so-müssen Sie- ja auch den Ring gesehen haben
mit dem blutrothen Rubinstein, und - werden wissen,
wie es damit zusammenhängt.! -


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Frau von, Wildenau warwvon, dem,Schiecken, den
sie am Abende gehäbt,. und pon der Fahrt in. des
Posthalters elendem Fuhrwerk mehr angegriffen zund
- ermüdet, als sie es zuerst emyfunden hatte. Sie hatte
sich lässig auf dem Sopha ausgestreckt -und die Erzäh-
lungen Ulrikens als einen bequemen Zeitvertreib an
ihrem Ohr vorübergleiten lassen.. Die lezten Woxte
machten sie mit einemmale gchtsamer; Sie hatte von
der Gräfin allerdings einmal' gehört, jwie; Emanuel
aus einer Art. von Neberspannung der Ehe ausweiche.
Die Gräfin hatte, ihr auch nicht vorenthalten, welcher
Anlaß in ihrem Bruder- diesen, sie betxübenden Ent-
- schluß hervorgebracht' habe, und JFeide;Frauen. hatten
denselben für die Familie umsomehr, beklagt, als der
- Baron trotz, seiner Blatternarben aznd des gllerdings
bemerkbaren Fehlers in seinem-Wuchse, keineswegs so
z entstellt war, als er sich selbst erschjen. - Er hatte im
Allgemeinen sogar die Gunst der Frauen -leicht, ge-
! wonnen, weil. er , sich, ihnen, ohne jeden persönlichen
Anspruch nahte, während seine Herzensgüte und seine
f Bildung ihn anziehend machten, -und seine;ursprüng-
h lich edlen Züge wwie jein seelenplles Auge , füt ihn
! einnahnen. Noch an dem vexwichenen -Abende hatten.
F Mutter und Tochter Fich wiederan ; seiner Liebens-
! würdigkeit gefreut, und -eswar ein zvirklichet Antheil,
s nicht leere Neugier, wwelche, die ,Baronin;zu; der Srage
bestimmte, was die Mamsell, mit-ihren Worten meine.
- Ulrike zuckte mit den Schultety. ,Waszich damit
meine? Gnädigste Frau! was zaußex. meinem Bruder,
der einmal psrtout Alles besser weiß als alle anderen
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Menschen, ünd der ein- für allemal an garNichts glaubt,
hier sammt und sonders Alle meinen. Aber sie hat
es meinem Bruder' gerade so angethan wie den
Michael und dem Herrn Baron. Es war ja sogar
darauf und dran, daß Seine Durchlaucht sie mit' sich
nehmen wollten, um sie nur immer bei sich zu haben.
Als wenn die Frau Gräfin und die Comtesse -das,
hätten leiden können!. Und mit der Mutter war es
ganz genau dasselbe seinerzeit. =- Aber befehlen die
gnädige Frau vielleicht, daß der. Samovar heraus- z
getragen werde? Oder soll' vielleicht eine Platte herauf- z
gelegt werden und etwas Ksa äs- Darenäs oder etwwas .
Bernstein darauf verdampfen?- Es ist das Eine wie,
das Andere im Hause.!
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. Frau von Wildenau - dankte für Beides, indeß,
als die Mamsell anstandshalber Miene machte, sich zu :
entfernen, hielt sie dieselbe noch mit einer kleinen An- Z
forderung zurück.' Es widerstrebte ihrem guten Sinne,
däß sieies that. Aus dem trüben Pfuhl vdn Verdächti-
gung und Aberglauben, auf welchem dis Mamsell'sicher -
indbehaglich hin und wider schwamm, blizte jedoch .,
hie!und da etwas so Mefremdliches hervot, daß die -
Baronin sich endlich'sagte, es liege vielleicht sogav'in -
den Interesse des Barons und ihrer Freundin, die;
möglicherweise von dieser Rederei gar Nichts wüßten,
-
demi Unwesen nachzuspüren, um- ihm ein Ende zu -
machen;' und sich fest' in ihren'' Shawl einwoickelnd, I
während sie die Füße mit den goldgestickten, pelzver-
bkäinten Korduan-Pantöffelchen' in Gemächlichkeik über- -
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einanderschlug, fragte sie, ob es die verunglückte Pfar-
rerin sei, von der Mamsell. Ahike rede?
,Von der Mutter und von der Tochter!k fuhr
die Mamsell heraus, , denn die find sich Beide darin
völlig gleich. Es hat es ja dazumalen auch kein Mensch
begreifen können, daß: der Pfarrer, der sein Lebelang
unter vornehmen Herxschaften gewesen;war zund doch
nachher auch mit Leuten! - sie' warfssich in die Brust
und schlug die Augen nieder --,ßerkehr und Freund-
schaft gehalten hatte, die Etwas vor ßch gebracht hatten,
die sich sehen lassen konnten, und die ihn nicht zurück-
gestoßen haben würden, denn er war ein feiner; und
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ansehnlicher Mann, der gut zu reden, wußte-- daß
der Pfarrer, wollte ich sagen, gerade auf die Simonene
verfallen war, die Höriger Leute Kind war, die' kein
Stück auf ihrem Leibe hatte, als pas die Frau Gräfin
an sie wendete, und die Nichts kannteaundNichts wußte,
als das Bischen, was sie denn, so gn -anieren und
sonsten, bei unser' Einem abgesehen, hatte. - Und nun
mit der, Hulda, das ist ja noch weit ärger! das, muß
selbst dem Blindesten inls Auge springen.! - -
,Ich höre, sagte Frgu von. Pildenau, ußn den
Herzensergießungen der Mamsell- eine Schranke zu
setzen, , die Braut' des Herrn Baron soll eine Schön-
heit sein.?
,Schönheit? Güüädige Frau, wie man das nehmen
will! Groß, beinahe die Höhe, von unserer Tomtesse,
und schlank,' und. roth und weiß und Dlondes Haar.
Gnädige Frau kennen solche Frauenzimmer ja! So
wie das hierherum und weiter hinauf in Lithauen im
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die da oben und die Lithauer können' mehr als Brod-
essen; das -wissen' die- gnädige Frau wohl auch.!
-- - ,Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß man in
ISithäüeti und in' unseren Provinzen- Zaübertränke ,
Ziel zu führen, , oder was-meinen Sie mit Ihren-
Worten sonst?
--'-'önädige Frau, ich sage Nichts und neine Nichts,
-nurwas ich weiß, das weiß ich. Gnädige Frau wer-
denn wohll' auch die Liebesbänder kennen und-gesehen ;
- hahen, mit den Sprüchen und den Herzen undIden ?
Schwertern, welche die lithauischens Frauenzinner für
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Felde unter- den gemeinen Leuten aufwächst!: Aber
-bkcut?- fragte Frau von Wildenau, um Ulrikean ihr ,
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sich' und für die Männer machen. Was sie da sonsten
noch hineinthun, das kommt nicht so zum Vorscheine.
-Ich' habe es aber mit meinen eigenen leiblichen-Augen
gesehen, von der Mutter, sowie von der Tochter, daß
sie von ihrem eigenen Haare hineingeflochten haben.




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Sölche Liebesbänder hat die Hulda machen müssen,

weil die Comtesse es lernen wollte. -Daß sie vgn -.-
ihrem Haare gewiß auch- da hineingeflochten hat, das -!
wird sie aber wohl für sih behalten haben, denn da--;
wit- hat sie es gezwungen' bei der- Durchlaucht. Dem ;
arnien -jungen Menschen, dem Sekretär von Seiner I
Durchlaucht, dem Michael, dem muß sie auf andere Z
IWeise beigekommen sein, denn der'war nicht von heute,
der wißte über sie Bescheid!' Aber mit dem Herxn

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Bäron setzt sie es nicht durch. Da sind; sie sah
sich um, trat an Frau von Wildenau herän und sagte
Isg,, da ' können die Anderen ihr doch über!? --.
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, Was soll das heißen? fragte diese, der des aber-
gläubigen Geredes, das sie anfangs wohl belustigt hatte,
nun genuug war. ,Sie müssen sich deutlicher erkläären.
Von wem sprechen und- was meinen Sie?.-
, Gnädige Frau -haben es bereits vernommen!!
entgegnete Ulrike mit einer eisernen Zuversicht. ,Die
Hulda hat ja gleich in der Stunde, in dex sich der
Herr Baron mit ihr verloben wollte, ihr Zeichen schreck-
lich genug bekommnen; denn sie- wußte es end ich habe
es ihr zu ihrer Verwarnuung selbst' ganz klar gemacht,
wie es mit dem Herrn Barone stand. -Aber hät sie
hören wollen? Nun sind der Schreckei' gtnd das böse
Gewissen ihr in die Glieder gefahren. Nun liegt sie
da und steht nicht wieder auf. -' Die Freiherren ster-
ben auch aus,'und es komunt Alles an unseren jungen
Grafen, früher oder später!?
Frau von Wildenau gab ihr keine Antwort. Sie
erkundigte sich nur nach den Umständen, welche dem
Erkranken Hulda's, dem Verschwinden - der Pfarrerin
vorangegangen waren. Sie fragte, wer der Michael
sei, dessen die Mamsell erwbähnt hatte, und ohne pöllig
klar - in das Wirrsal hineinzublicken, daß diese-in ihren
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Anspielungen auf den Fürsten zu Markte. gebracht
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hatte, meinte sie es vollkommen begreifen -zu können,
wie' der Gräfin der Gedanke- widerstehenfmußte, ihren
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trefflichen Bruder eineMißheirath mit einem Mädchen
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schließen zu sehen, das übel berüchtigt! und eins jener
dienenden Frauenzimmer -zu: sein schien, welche nur
zu oft eine Plage in den Häusern begüterter und vor-
nehmer Familien sind. - -

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blicklich wider Hulda und wider die Heirathsplane des -'
Bardns Pgrtei. Sie versezte sich in die Seele ihxex -
Freundin, und lehhaft, wie sie es war, malte sie sih's - F
aus, wwwie-die Gräfin es, ihr, danken, welch ,eine; PJohl- -
that sie der gräflichen und der freiherrlichen Familie--
damit' erzeigen würde, wenn es ihr gelänge, Emanuels --
-abenteuerliche Heirath uf die eine der die zandere , -
Art zi hitertreiben, oder, was schljeßlich auf,dasselbe.-
,hinauslaufen konnte, ihre Ausführung vorläufig nur -;
Finauszuschieben. Daßß ein Mann von Emanuel's Z
Sinnesart sich in die Netze eines solchen jungen i«
Frauenzimzmers vexstricken könnte, fand sie nicht eben,
auffallend, denn unter, den in der Beurtheilgng - der -
Frauen. überhaupt, nicht schgrfsichtigen Männexn,' hatte -
sie die sittlichen Jdealisten immer als die Blindesten;
und Leichtgläubigsten gefunden., In ihre alte Freund--?
schaft für die Schwester mischte sich deshalb ein Mit- - ;
leid für Emanuel, als wenn er ihr eigener Bruder z
Fgehgenheit sie selbst betroffen hätte,- .

- - Ihr weibliches Standesbewußtsein nahm -augen- ,
gepesen wäre, und ein Antheil, als wenn -die, An- JZ
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. Sie hatte eben der Mamsell die Weisung ertheilt, --
daß sie für, das Erste weiter Nichts bedürfe, und-sie
mnicht. länger von ihren, Geschäften, abhalten wolle, gls -
, Konradine und der Baron von ihrer Ausfahrt wieder- -H
kehrten. Fast gleichzeitig mit ihnen ließ sich der Amt-
mann bei ihr melden.
. Er war:'nach der gestrigen, Verabredung mit dem
Baron gleich am Morgen nach der Poststation ge- ?
fahren, um nachzusehen, wie es mit dem zerbrochenen z
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Wagen stehe, und das Gepäck füt älse,Fälle ngch dem
Schlosse schaffen zu lassen. - Nun-lautetenhdieNach-
richten, die. er brachte, für das Foxtkogmen er, Rei-
senden: nicht günstig. -Der Wagenpgr; koch, exheb-
Licher beschädigt, als man -es- erwgxtet hatte.- . Der
Schmied und der Stellmacher des ;Stgtionsoxtes ge-
trauten es sich wohl,. ihn, in, zwwej Fagen-hegzustellen;
der Amtmann -jedoch gieinte; daß-es weßt gergthener
ei, den trefflichen Pagen lieber, äuf, Fyfegf nach sdem
nicht allzu fernen Städtchen, bringen Endihnsdgrts pgn
einem Manne, den er als verläßlich, nannte, grßndlich
repariren zu' lassen, worüber denn freilich, mmindestens
fünf, sechs Tage hingehen könnten. .
Während Konradine achrechnetezs dgßI se auf
diese Weise. in jedent Falle ein,verabxedetesZüsamnen-
treffen mit Verwandten pexsäumen, wjrden,-. und die
Mutter sich mit Sachkenntniß exkundigte,, -oh Jbei -der
leichteren Ausbesserung, dex Wägen atict gyenigstens für
die Fahrt bis, nach, der, Hguptstadt, it,Sichexheit zu
benüzen sein dürfte, -jgte Fgugyuelzs ,Sie ßellen
meine Selbstsucht, auf zine- schwere. Frghe,, zverhe
Freundin! - Der Wahcheit die Ehre gu gehen, guß
ich Ihnnn sagen, daß meine Reisekalesche, und zi Pack-
wagen, den die Gräfin hier, zurßckgelgsßen hat, gzn
Ihrer Verfügung stehen,zpd, im Nohfglle,Ihre,Peigr-
reise möglich machen. - Aber ist Ihr Fortgehen denn
so dringend und fällt es Ihnen degn -g schwer, zir
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. Fanny Lewald, Die Erlöserin. 1.
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- ,Ich möchte,' fiel der Amtmann ein, , den gnädi--?
gen - Herrschaften auch zu bedenken geben, daß der
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Barometer höher gestiegen ist, als ich ihn je gesehen-
habe, und die Kälte hat nach Sonnenaufgang zue ZZ
genommnnen.. Es stehen uns also sehr kalte Tage- vor
der Thüre. Wenn die Herrschaften nicht recht fest auf
der»Brust und das Reisen in solcher Witterung nicht
von früher her gewohnt sind, thäten sie vielleicht doch
besser, es hier ein Weniges abzuwarten. Und,! setzte
er hinzu, indem er sich zu Emanuel wendete, ,wenn
ichl mir herausnehmen darf, dem Herrn Baron meine

Meinung auszusprechen, so glaube ih, Sie sollen sich
auch bei diesem Nordostwinde nicht der Luft aussetzen,
denn, der greift hier am offenen Meere den Menschen-
anders an als in der Stadt, besonders wenn man,
wie der Herr- Baron, die Winter immer in warmen I
Ländexn zugebracht hat.-
- . Frau voi Wildenau -stimmte ihm darin völlig -
bei,-und ihre' eigene Angelegenheit - zunächst-eiseite I
setzend, sagte sie: -,Ich habe das heute schon den gan- -
zenMorgen selbst gedacht, lieber Baron, als ich -es -
erfuhr;-wie Sie bei dieser schneidend kälten' Luft mit
Konradinen im offenen Schlitten ausgefahrenwären. -
Das-ii wirklich unverzeihlich. Sie dürfen das sich '
und dei Ihrigen nicht anthun. Ich finde es ein Un-
recht, daß man Sie nicht längst bewogen-hat, auf -
Ihre Besizungen an den Genfersee zu gehen.! -
-- - Er meinte, sie wisse es ja, welche Sorge und z
welche Pflicht ihn hier zurückgehalten' hätten, obschon --?
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er in der That gegen die Härte des Klimas nicht un-
empfindlich sei. ?
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, Um Pflichten erfüllen zu- köimen,! entgegnete
Frau von Wildenau, , muß-mnan-doch,vor allen Dingen
am Leben bleiben, denn -das- französische Sprichwort
hat auch in diesen Falle Recht: -diewernünftige Barm-
herzigkeit fängt bei sich selber an!s. Midda ich nicht
in den Fehler Derjenigen verfallen - will, die Sie hier
so unnöthig festgehalten haben. - , .!-
,Verzeihung,! unterbrach sie Emgnuel, der diesen
versteckten Tadel gegen Hulda und, deren Vatex; nicht
zuzulassen vermochte, ,es hat»Nienjand - daxan gedacht.
mich festzuhalten, -nicht daran denken Pönnen. - Ganz
im Gegentheill? -
,Nun denn, gleichviel!' so muß ich Sie gegen sich
selber beschüzen, lieber Freund!? rief xie -uit heiterer
Lebendigkeit zIch will mit: Shnen, einAbkömmen zu
treffen sachen, das mir frommt- und - Ihnenz wie ich
hoffe, nicht entgegen ist. Wit wollen hiex. an Ihren
warmen Defen und hellen. Feüern- die Herstellung un-
seres Wagens wie den ersten, haxten »toß der-Kälte
abwarten, wenn Sie dafür, versprechen, ebenfglls ge-
duldig' in den Zimmern. auszuhalten; und zdann he-
gleiten Sie uns in die Stadt, »we zesenn doch so
rauh nicht ist als. hier, wenn Sie sich nichtauoch-zweck-
mäßiger entschließen'den-: Nörden für: die nächsten
Monate zu verlassen und mit uns gen Süden -Fort-
zuziehen.!
Emanuel dankte ihr für diesen liebenswürdigen
Vorschlag. Er sagte, er habe es heute selbst gefühlt,
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daß er die große Käilte wohl vermeiden müsse. Er
nehme deshalb das erste ihrer Anerbieten um so freu-
diger an, da' er jetzt mit verhältnißmäßiger Unbesorgt-
z
heit an seine Kranke denken könne. Neber die nächsten
Tage hinaus permöge er eine: Entscheidung nicht zu-
treffeü ein Versprechey nicht zu geben. Nur das Eine

könne er versichern, daß er darauf halten werde, den
Wagen so gründlich und so dauerhaft als möglich her-
stellen zu lassen. -
-- Frau von Wildenau ließ sich damit genügen.
Sie und der' Baron gaben dem Amtmann scherzend
die widersprechendsten Anweisungen in Bezug auf das
z
Fuhrwerk. Der Amtmann, dem in jeder Hinsicht
fühlte, sich' dadurch beruhigt, daß Emanuel zunächst das
Zimmer' zu hüten versprach, und gab sich deshalb mit
doppelter Gefälljgkeit zu allen Anordnungen her, die
man zu treffen wünschte.
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? Ebenso bereitwillig zeigte sich die Mamsell.' Das
Gepäck war angelangt,' man fing an, sich für einige
Tage- einzurichten. Man siedelte aus den Fremden-
zimmiern in die noch behaglicheren Zimmer der Gräfin
über. Die Gäste zeigten ein, sichtliches Gefallen an der
Schönheit und Stattlichkeit des Schlosses, sie sprachen
davon, dem Gott des Zufalles- einen Altar zu errichten,
der ihnen dieses durchaus romantische Begegnen mit -
- Emanuel bereitet habe, und Konradine meinte, als
- man am Mittag im besten Eiwverständniß fröhlich an
der Tafel saß: , Eigentlich, wenn wir unseren Vor-
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sehr daran gelegen war, daß der Baron' ihm nicht.
stwa in -Abwesenheit der Giäfin ernstlich erkrankte,--
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theil recht verstünden, verheimlichten wir dies Bei-
sammensein vor aller Welt, denn dadurch Hekäme es
erst seinen wahren, rechten Reiz.!
Die Mutter, die es offenbar. erfreute, ihre Tochter
wieder einmal wirklich heiter zu sehen, meinte, der
Einfall sehe ihr ähnlich und stamme aus ihrer tiefsten
Seele. , Konradine hat vonfrühauf,! sagte sie, ,den
sonderbaren Zug gehabt, das, was ihr das Liebste war,
an äußerem Besiz wie an liebevoller Neigung, zu ver-
bergen und zu verschweigen. -Sie ist, in einer, Weise
ausschließlich, die ich oft mit Besorgniß angesehen habe
, Und, warf Konradine -hin, ,das Leben hat mich
dafür gezüchtigt, indem es mit meinem heiligsten Em-
pfinden an die große Glocke der Deffentlichkeit ge-
schlagen hat. Aber lassen wir das.!-
Sie fuhr sich dabei hastig übex die Stirne, warf
die langen röthlichen Locken. mrit -der schönei weißen
-


Hand in den Nacken zurück und machte sich mit ihrem
Armbande zu schafen.
Emanuel' sah, wie ihre Aeußerung und ihr ganzes
Behaben der Mutter peinlich waren. Auch ihm miß-
fiel dies rückhaltlose Preisgeben, dies wilde Aufzucken
ihres Schmerzes. Es erschien ihm unweiblich und un-
schön, während es ihn doch interessirte. Uin das ein-
getretene Schweigen zu unterhrechen, sagte er endlich:
,Ein Eigenstes, Etwas, was er ausschließlich besizt,
will im Grunde Jeder besizen. Was Alnderes ist es
denn, das in manchen Fällen,. der Diplomatie und den
sogenannten verbotenen Liebeshändeln' ihren Reiz für
uns verleiht, als der Vorzug, ein Geheimniß sein zu


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nennen, und die unterhaltende Nothwendigkeit, sich in
ein Geheimniß hüllen zu müssen. ßersonen, die sie
in irgend ein geheimes Abenteuer, in einen Ehren-
oder Liebeshandel,' oder was es immer sei, verstrickt
glaubt, gewinnen schon um deshalb eine Bedeutung
für die Gesellschaft. Sie werden ohne ihr eigenes Zu-
- Hie Muttet stimmte i im Wesentlichen seinem Aus-
sprüche: bei. Sie führte mit guter- Art einige Bei-
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thun Gegenstände einer ganz besonderen Beachtung für
die große?Menge.!
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spiele dafür aus ihrer persönlichen Erfahrung an und

erwähnte- dabei einer ihrer Bekannten, welcher das
durch einen- Zufall entstandene, völlig unbegründete
Gerücht, sie: habe um einer unglücklichen Liebe willen
auf die Ehe verzichtet, zu dem Piedestal geworden war,
von -den aus sie zu einer höchst bevorzugten Stellung ?
erhoben und zu einer sehr glücklichen Ehe geführt wor-
den war.
Man lachte darüber, die Unterhaltung blieb mit
allerlei romanhaften Abenteuern beschäftigt, und die
Mutter hatte. wohl' nicht recht erwogen, wwas sie danit
- thätz als sie die- Aeußerung. machte,' wie ihr in der
Liebe -das Nebermaß immer ein Entsetzen eingeflößt,
nd wie sie von jeher förmlich Scheu vor jenen ge-
waltsamen Empfindungen getragen habe, welche man
als! eine große Leidenschaft bezeichne.
-- - ,Ja! fuhr daKonradine auf, ,Mama hat durch-
aus Recht. -Sie sind auch schrecklich, diese großen
Leidenschaften mit ihrem: ,ls jeu est kit, rien vs-
rs plas !-- bei denen der Mensch sein Alles einsetzt
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und dann mit einemmale vor - dem Nichts dasteht.
Aber-- so ein kleines Rapuschchen der Liebe, bei
welchem man nur wenig wagt, nicht viel. gewinnt,
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nicht viel verliert, das ist eigentlich der allerbeste Zeit-
vertreib. Wenn ich es pecht bedenke, lieber Freund!
müßten wir, um das romantische Abenteuer dieser Be-
gegnung vollständig zu machen, uns hiex, in aller Eile
in einander verlieben. Denken Sie, ?wie- originell das
wäre! Wir haben? einander gekannt sseit langer Zeit,
sind immer gleichgiltig neben' einander ,her gegangen;
nun werden wir als:: halbe Schiffhrüchige, zusammen
auf eine wüste Insel verschlagen, werden-ngthgedrungen
auf einander angewiesen -- das ist ja Fllles, wie' ein
Dichter sich's nur wünschen kann. Und daß ich
Ihnen die Wahrheit frei gestehe, ichs finde Sie hier;
wo Sie so vorsorglich sich für uns -henzühen,' so lie-
benswürdig, daß ich mir einbilde; meine gexührte Dank-
barkeit müsse auch schon einen gewissen Eindruck auf
Sie gemacht. haben.!
Er sagte, daß sie ihm nie anders: als in dem
Lichte aller ihret Vorzüge etschienen sei,, daß -er es
jedoch niemals habe wagen mögen, sich ihr den: Kreis
ihrer glänzenderen Verehrer einzureihen.;' Sie gab- ihm
- diese Schmeichelei mit anmuthiger Verkindlichkei zurück,
und man war im besten Zuge, dies Federballspiel ge-
selliger Galanterie heiter fortzusetzen, jals die Mutter
ihnen mit dem Finger drohend die Bemerkung. machte
mit dem Feuer solle man nicht spielen. - ,Denn,!
meinte sie, ,wie mir die großen Leidenschaften immer
etwas Unheimliches gehabt haben, so ist. mir auch alles





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Herausfordern des Geschickes bedenklich. Es ist: etwas;
Dämonisches in solchen Dingen, mit dem zu scherzen -
sehr gefährlich ist.
- - Emanuel lehnte sich gegen diese Warnung auf:- -?
Er hatte all die Zeit her außer seinen Büchern keine

andere Unterhaltung gehabt, als den von Kummer z
schwer gebeugten Pfarrer, oder die sentimentale, be--I
schräänkte Gewissenhaftigkeit der treuen Kenney. -Nun-

baef Konrädinens: Keckheit mit übermüthiger Hand- z
einmal die enge Schranke nieder, welche' ihnr- den An-
blick der Welt entzogen hatte, und, er ward es mit-
Erstaunen' inne, wie sehr er trotz vielfach abweichender
Meinung durch die Gewohnheit langer Jahre: mehr,-
als er es selber gewußt und geglaubt hatte,. mit dieser
großen Welt und ihrer: Gesellschaft zusammEnhing.
Das Licht war grell, der Ton war schrill, die ihm von
- dort' herüberdrangen, und doch regtei sie ihn. erfreu-
lich auf, wie- den an Wein Gewöhnten - das feurige be-
Tebende Geträänk, wenn er es lang entbehrt' hat.
- : Könradinens Natur und Art. waren. keineswegs -

die seinen,l aber er und sie waren auf' dem nämlichen
gesellschaftlichen Boden erwachsen, sie hatten die Frei-
heit gehabt, sich innerhalb gleicher Voraussetzungen -
eigenartig hu entwickeln, sie- kannten -Beide:große.
weite Menschenkreise aus ähnlichen -Lebensbereichen. z
das ganze Nebereinkommen der sogenannten Gesell-
schaft, der großen Welt, das sich von den Axtheile
über: das Erlaubte urdiNichterlaubte, über' Sittlichkeit
und :Moral. bis auf die Bedeutung des Wortes in. der
Sprache ausdehnt, war ihnen gleich geläufig! und ge-
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meinsam wie eine fertig ausgeprägte Münze, wie ein
gleiches Gewicht und Maß. Emanuel vermochte des-
- halb selbst in den Nebertreibungen, zu welchen Kon-
radine sich in ihrer jezigen Verfassung verleiten ließ,
? deutlich zu unterscheiden, was daxin eonventionell oder
durch Rückerinnerung an dichterische Gestalten gefärbt,
was echt und selbstempfunden war. Das Erborgte
beleidigte ihn also weniger, das Wahehafte flößte ihm
? mehr Mitempfindung und mehr Reugier ein, als es
?
sonst vielleicht der Fllgewesen wäre. Sogar die
? schroffen Nebergänge, nit denen sie svön schmerzlicher
F Bitterkeit, sobald sie achtsam därauf , wurde, zu -einer
gleichgiltigen Frage oder Bemerkung übergehen konnte,
hatte für ihn nichts Neberraschendes, dä er diese Art
von Selbstüberwindung als einen der ersten Er-
ziehungs-Grundsätze, als eine der nothwendigsten Eigen-
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schaften für das Leben in der Gösellschaft zu würdigen
nnd, wo es noth that, selbst zu' üben wußte.
Er würde aus seiner Natur heraus auf eine
Unterhaltung, wie Konradine sie ängeschlagen hatte,
kaum verfallen sein. Nun, da sie' eine augenblickliche
Zerstreuung in ihr zu finden schien, lockte es' ihn, ihr
darin das Paroli zu bieten, und es'gewährte ihn eine
gewisse Belustigung und Genugthiüung, daß er sich
sagen konnte, er habe in seiner Einsämkeit die heitere,
gewandte Schlagfertigkeit doch' noch kicht eingebüßt.

,Was ist nicht gefährlich, was ist'nicht bedenklich
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für den Ungeübten? sagte Emanuel scherzend. ,Feuer
und Pulver sind gefährliche Dinge in eines- Knaben
Hand, und wie erfreuen uns- trotzdem die Raketen

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und Leuchtkugeln wenn sie aus den Flammengarben
der. Girandola -nach allen Ecken und Enden durch
die Lüfte fliegen. Dazu stehen wir bäld am Be-
ginne , des Karnevals, und ich werde hier keine
Maskenschexze haben wie in den fröhlichen Straßen
vonRonfoder - unter den Hallen des geselligen Markns-
Plgzes. Ich finde deshalb Fräulein Konradinens I
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Einfall ebenso. glücklich als verlockend. Wir improvisiren
füb die Fage unseres hiesigen Beisammenseins eine
kleine Komödie. Sie theilt sich in derselben eine Rolle
- zu, in welcher sie Meisterin ist. Ich werde versuchen,
mich, so gut ich kgnn, in dem mir neuen Fache zu,;
bewegen. Sie, theure Freundin, sind unser Publikum,
und fällt der Vorhang, verlassen Sie das Schauspiel-
haus-- so bin ich es allein, der die Kosten dieses
frohen Spiels zu tragen haben wird, für den allein ?
, Gefahr daraus erwachsen kann.!
,Sie? rief Konxadine, ,als ob Sie nicht burch
Ihre Liebe gefeit, durch Ihre Verlobung sicher wären? ;
Sie denken innerlich an Ihre schöne, kranke Braut
und an Ihre Hochzeit, ich an das Stiftskreuz, das
man mir zugedacht hat und für das ich mir schon
die würdige Hgltung vor dem Spiegel einstudire, wenn
ich sonst njchts Anderes zu denken und zu thun habe;
deng- eben dadurch, daß wir Beide innerlich mit völlig
andergn Fingen beschäftigt sind, wird das, Komödien-
spiel-erst recht zu einem Spiel und ungefährlich. Nur
- -, müüßte, man eigentlich dazu auch im Kostüme sein.!.
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-; -- ,Befehlen Sie Watteau oder Renaissance? fragte
Emgnuel,,es ist zu beidem das Material im Schlosse.!

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Sie wollte es nicht glauben. Er gab den Befehl,
die Mamsell möge aus den alten GardexobeZimmexn
die Kleider, welche er bezeichnete, herbeischaffen. Sie
wurden nach kurzer Zeit gebracht und machten den
beiden Frauen viel Vergnügen. Die, Anzüge stammten
von den Vorfahren der jetzigen Besizer, cher. Sie
waren reich und prächtig und waren,,in Ordnung gee
bracht und aufgefrischt worden, als mgn sich ihrer im
Herbste bei den Schaustelhtmgen und Aufführungen
zum Defteren bedient hatte. Sie wurden genau
besehen, in ihrer Besonderheit beurtheilt. Man ver-
glich sie mit der Kleidung, in welcher man sich jetzt
gefiel, und erinnerte sich der sogenannten griechischen
Trachten, in die man sich am Anfange des Jahr-
hunderts gekleidet hatte. Frau von Wildenau schilderte,
welche lächerlichen Scenen, welche Unbequemlichkeiten
und Unschicklichkeiten diese zweite Auflage der griechischen
Nacktheit an den Höfen im Norden herbeigeführt hätte.
Dadurch kam sie auf die Zeit zu sprechen, in welcher
sie während ihrer Erziehung in einem adeligen Fräulein-
stifte die Mutter des regierenden Kaisers zu ver-
schiedenenmalen gesehen hatte. Es war auch von den
gegenwwärtigen Berhältnissen des russischen Hofes die
Rede, an welchem die beiden Frauen in diesem
Herbste wieder gelebt hatten, und wie man sich endlich
von der Tafel erhob, dachte man der alten Kostüme
gar nicht mehr, und auch des phantastischen Vorhabens
hatte man bald vergessen, mit dem man sich während
des Essens, eben wie mit einem Feuerwerk die Zeit
vertrieben hatte.

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hgtten' aber manches Verborgene mit' ihrem -caschen Fs!
Lchte -beleuchtet und enthüllt, manches bedeutende Zs
h -- - Signal gegeben, Run war Ales -ruhig 'und vorhei z,
Nürdie Erinnerung an'' ein eigenthümliches'Erlebniß»h
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Blieb in' Emanuel' zurück! -'
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Kapitel 27




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Hetendzpsßötgts Söts?.
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Der Baromteter;und der Amtmann, hattey richlig -
prophezeit, die Kälte, war eine. außexordentliche ge-
worden. Emanuel, konnte,-uicht dgran, geyken , jeine
Verlobte zu besuchen. -Als die,gewohnte Ftunde, hergn-
kam, machte ihn, das unruhig, ;esonders,,das er; sich
einer kleinen Nachlässigkeit gegen sßazzu zehen Jatte
schmerzlich gewesen wwar. -. -
die ihrem weichen und empfindsamen,Oerzen , gewiß-
Er hatte gestern, als-ex, stch pon, ähxem - Bette
- entfernte, die Rose -liegen lassen,. welche sie ihm am
-
Neujahrstage im Wiedererwachen -ihres, Bepußtseins






als erste Liebesgabe. dargereicht, und- er;, hätte zviel
darum gegeben, hätte- er -dies -ungeschehen mngchen
können. Nun blieb ihm, nichts -übxigg äls -ihr, dies in
dem Briefchen bedauexnd-guszusprehenz hn gvelchem- er
ihr meldete, wie die Kälte,ihn zwwinge, sich zu; Hause
zu halten.- Er ermahnte sie daneben, guten Muthes
zu sein, sich die heiteren Bilber einer schönen Zukunft
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besitze, und machte den Vorschlag, daß er an jedem - T
Nachmittage einen verdeckten Schlitten nach der Pfarre I?
hinunterschicken werde, um abwechselnd den Vater und V
Miß Kenney zum Kaffee in' das Schloß zu holen, da -
allen Beiden diese kleine geistige Erfrischung endlich I
auch nöthig und pohlthuend sein werde. Er bat ;
Hulda, ihm die gestrige, Rose dgrch, hen Boten zu ;
übersenden,' da er' sie nicht' enthehren wolle, schickte ihr z
frische Blumen dafür, wie die Treibhäuser sie boten, -
und obschon er sich sagte, die Genesende werde ihn -
veimissen, wwar es ihm ini Grunde gar icht -unlieb I
daß er 'sich mit-seinem Briefe und der Bluniet- '-
sendung, des Besuches einmal entheben konnte. Am- -
Bette eines kranken Mädchens zu sitzen, das.er wie -
ein Kind init sanftem, gaukelndem Kosen zu' beschäftigen ? -
hatte, -däzu fühlte er sich heute gar nicht aufgelegt, -
und vog ihrem' Ergehen hoffte er durch den Boten, - ;
und später am Nachmittage durch den Vater oder durch z
die treue Pflegerin günstigen' Bescheid zu erhalten.
- Als Ti den Reitknecht abgesendet hatte, ließ er -;
Fich Bei'selnen Gästen melden.' Die Mutter war be- ,
schäftigt, Konradine nahm seinen Besuch' in ihrem T
Zimmer an. -Sie war noch in einem Morgenkleide; -=
- und' hatte ein Fanchontüchelchen über' deit Kopf''ge- -
worfen und unter dem Kinne zugeknüpft,. so daß die Iz
, Forn ihres Gesichtes sich schön darin abzeichnete! -'-
- b- Einanuel entschuldigte sich wegen seines zeitigen -'
Besuches mit der Bemerkung, wie ihn das lange -'
Alleinseh wahrJaft durstig nach belebendem Verkehr, ?
und damit unmäßig in dem Wunsche gemacht habe, -
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ihrer Gesellschaft während dieser kurzen Tage so viel
nur möglich theilhaftig zu werden. - Sie jagte, er
komme ihr eben gelegen, denn sie' habe' ihn zu sehen,
und sich gegen ihn zu rechtfertigen gewünscht.
,Wenn Sie' sich des Unmraßes ? anklagen, was
soll ich dann von mir sagen, die ich Festern den ganzen
Tag hindurch und auch schon am Abeide -vother aus
einem Unmaß in' das andete gefallen' hin?sprach sie.
zIch war aber gestern wirklich nich- Herrüber lich,
habe mir Vorwürfe' deshalb gemacht äus'Aerger- dar-'
über nicht schlafen kömnen. Uidi doch'vertschte'ich eben
nur durch diese Gewaltsamkeit nir über -die' Gedanken
fortzuhelfen, die das Wiedersehen mit htien und die
Erinnerung an unser harmloses' lezes Beisaümnensein
im Hause der Gräfin mir heüaüfbeschworen- hatten.
- Ich habe in den lezten Monaten- zu'wvtel' eileht, zu
grelle Gegensäze durchemnpfündein--Meine Gesundheit
hat gelitten. Ich wükdesbisweileit?raftlos zusammnen-
brechen, wennn ich mich nicht nit'lautef'Seli pidrüali
über die Abgrßnde förtschwänge, die sich vob mir aif-
- thun, so oft ich rückwits blicke.-Sie müssen mich
- sehr verändert finden, däucht nüir:? -
Da er ihr dies an-verwicheneiTage dhne ihr
Zuthun ausgepsrochen, hatte, trug er kein-Bedenken,
es ihr auf ihre Frage' zu wiederholei. -FSie haben
; Ihr früheres Wesen eingebüßt,? sagte er, ,um ein
tieferes und noch - viel' anziehenderes dafür zu' ge-
winnen. Nur macht Alles, was ich in' diesen wenigen
Tagen von Ihnen sah und hörte, mich fürchten, daß
- Sie die gewonnene Vertiefung schwer erkauften.!

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.. ,Sehxschwer!? ggb Konradine ihm: -ur Antwort.
,Ich;hgbe sie um, -so perßchwenderischer hezahlt, als
diessgewonnene trostlose, Erkenntniß mir kein Ersaz
ist, für die, in, sich gefeßigte,Sufriedenheit, die mir hss,
Fahin das,Eeben Fieh,gytd leicht -gemacht hat -
.; - Sie' saßen-einander :amFamine gegenübex, Kon-
rahine, hatte sich in ihren -Sessel. zuxückgelehnt, Sie -

- schgutez nachdenklich;zu, wie die Flammen an den
Scheiten,in,die Höhe stiegen, wwie sie dort ayfzucten,
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wiezhiex jeinex, der Bpände Feuer: fing; dort- einer hell
gufloderte; und -wie ein gnderer , verlosch, Sie,. war in
sich,, persunken.; Emanuel wagte sie nicht zu stören;-
- ,Das; Beste, ist, noch,; hub sie mit einenmgle -
an, ,dgß Flles vergänglich ist, daß Alles so pis-diese. - -
Flgmmen endlich in sich zusammenfällt und daß mgn-
das Interesse an sih,jelbst verliert, weil -man, wenn -
man,ßich -nicht -ahsichtlich, yexhlendet, sich sagen muß;-
Selhst,der Schmerz und gex, Sorn zund die verzweifelnde -
Empörung jind ;nicht in ihrer ursprünglichen Gewglt-
lebendig, zu erhalten, Pnd was. kommt's denn daxguf
an, pb solch ein vergängliches, Wesen, wie der Mensch,
sich glücklich oder elend fühlt?-;
-; -Sie wwar nahe daran, wieder in ihr schweigendes ,
Brüten tzurßckzufallen,. Emanuel, aber jggte:, ,Sie I
gönnen esmir, Ihren Gedanlengängen zu folgen, gnch -
jn , Ihxen Kummer einzuweihen;, aber ich kenne Die-
Quelle nicht, aus welcher, er entspringt, obschon Sie
es gestexn,Abends angedeutet' haben, daß Ihx Schicksa -

den Menschen nicht verborgen geblieben ist.!
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89
,Ich sehe, wie zurückgezogen Sie ;gelebt haben
müssen, entgegnete sie, , daß Sie nicht davon erfahren
haben. Die Geschichte ist sehr natürlich, sehr mensch-
lich - und so erbärmlich wie gar manches Mensch-
liche. Ihnen, hub sie danach an, J,brauche ich nicht
zu versichern, daß ich nie coquett- wwgr. Sie kennen
mich ja lange und Sie haben mich gestern -gewiß nicht
mißdeutet, als ich es ausspxgch, daß die Tauschgeschäfte
mit jener billigen Scheidemünze ,dex Fieheständelei,
wie ich sie von frühauf in der Gesellschaft betreiben
sah, nie nach meinem Sinne gewesen sind. Sie
ließen mir die sogenannte Liebe als eine gbgeschmackte
Spielerei erscheinen, für die ich mich, zu - gut hielt.
Auch die Ehe, wie ich sie in meiner Umgebung. viel-
fach vor Augen hatte, hatte nichts Verlockendes für
mich. Da nuun meine Mutter sich fxei zu hewegen
liebte, hatte ich auch -ehen ,so piel Freiheit, als, ich
brauchte, um mich auf. die eigenen Füße zu stellen
und mir mein Leben auf meine eigene, Weise einzu-
richten. Ich hatte Bepzunderer, Anbeter, Bewerber,
und gewann Freunde auunter Denen, die es nicht als
eine Beleidigung ansehen, wenn man sie nicht un-
widerstehlich fand, oder gicht Neigung fühlte, als
Herrin ihres Hauses zu ihrem Haussklaven zu werden.
Kalten Herzens und kalten Blutes,- ohne einen wirk-
lichen Ausgleich meine Freiheit aufzuopfern, hätte ich
für eine Thorheit gehalten.!
,So habe ich hingelebt, mein Dasein genossen
und-- Sie haben es ja mitangesehen; anich durch-
. I1 -

Eanny Lewald, Die Erlöserin. L - -

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aus heiter und im Gleichgewichte gefühlt, bis wir auf
den Einfall'' kamen, in dem verwichenen Herbste vön
unseren Gütern für einige Wochen nach Petersburg
und-an den Hof zu gehen, weil der Kaiser' es gerne
sieht, wenn die Familien' aus unseren Provinzen' sich
von Zeit zu Zeit am Höfe präsentiren. -Wir langten
dort an, als die Herrschaften aus dem Süden des
Reiches in die Residenz zurückkehrten, und' wurden sehr
gnädig äufgenommen. Aus Deutschland hielten sich -
eben füistliche Herrschaften am Hofe als Gäste auf,
das Gesellschaftsleben begannn also früher als gewöhn-
lich und mit großem Glanze.!
-'-- , Unter' diesen deutschen Gästen befand sich auch
Prinz Friedrich von' -- Sie nannte den Ncmen
einer jener deutschen Dynasten-Fämilien, die in jenen
agen,' äls -die Eisenbahnendie Bedeutung des
- Raumes noch nicht zusammenschrumpfen machten, sich
mnnächtiger' und'wichtiger glauben durften als in unserer
Zeit?, Was jetzt folgt,! sagte sie, und ein bitteres
Lächeln flog über ihre stolzen Lippen, ,das ist bald
eizählt. Es ist derlei, in vielen unserer landläufigen
Romane' zu lesen. Es warw aber nur meine Schuld,
daß ich' mir einbildete, Prinz Friedrich sei' nicht' ein -
Füist woie alle anderen Fürsten, er sei zugleich ein
Mensch' =- und daß ich die Gewalt der Liebe, meiner
LieböF lberschätzte.
- ,Der Prinz stand nicht in direkter Linie zur Erb-
folge. Er war also in der verhältnißmäßigen Freiheit ,
eines appanagirten Fürsten aufgewachsen, hatte sich
glänzend ausgebildet, und er gefiel. sich darin, seine

-
1
Freiheit als ein unschäzbares Gut zu preißen, Ies bei
jedem Anlasse zu wiederholen, wie glücklich es ihn
mache, daß er nicht genöthigt sei, als ein, moderner
zwerghafter Titane in Tschako und Uniform die Sorgen
für ein Volk und für ein Land auf seine Schultexn
zu laden. Sein ungebundener Nebermuth rstand ihm
vortrefflich neben seinem angebrenen Stolz. Ich
habe nie einen schöneren Mann gesehen, nie einen
Mann, dessen Ausdruck' in Wort und Blick wahr-
haftiger erschienen wäre als der seine? Er, ist, mehr
als einnehmend, er ist überzeugend und unwiderstehlich,
- wenn er es sein will.! -
,Der Kaiser fand großes Wohlgefallen an ihm,
die Frauen zeichneten ihn aus und fuchten: ihn zu be-
schääftigen. Auch ich gestand mir, däß er unvergleichlich
sei; und ich hatte' nicht nöthig, seine Aufmerksamkeit
auf mich zu ziehen, er hatte mich vom Anfange an
bemerkt. Eine Art vön Geistesverpandtschaftnzog uns
sehr rasch zu einander. Wir waren keine Neulinge,
die ihr Herz nicht kannten, ich war völlig, frei, er
nannte sich unbedenklich Herr -über seine :Wahl. Wir
hatten also keinen Grund, es einander zu verbergen,
wie schnell und gewaltig. die Leidenschaft(uns erfaßte
-- und heute noch sag' ich ess es war eine schöne,
eine prachtvolle Leidenschaft.! . -
Sie hatte das Alles' berichtet, als sei es nicht
eben ihr, sondern einer Anderen, begegnet.-Nur das
Stocken ihres Athems verrieth bisweilen, wie-sie ihre
Empfindung niederzukämpfen hatte. Bei den letzten
Worten hielt sie inne.
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- - Emanuel war, von ihrer Mächtigkeit, von ihrer
Schönheit hingerissen. Diese Kraft, diese -Fähigkeit,
- sich betrachtend über sich selber zu stellen, hatte er ihr
-und den- Frauen überhaupt nicht zugetraut; und seiner
»Gedaitkenreihe unwillkürlich Ausdruck gebend, rief er:
gDer neidenswerthe Mann!?
--- Konrädine sah mit leuchtendem Blicke zu ihm
hinüber. ,Ja,! sagte sie, , er war beneidenswerth!?
Damit eihob sie sich, Emanuel folgte ihrem Bei-
spiele: Sie öffnete die Thüre des angrenzenden Saales,
es war frischer in demselben, und sie schritten eine
kleine Weile schweigend neben einander hin. Es
hatten in ihnen Beiden die angeschlagenen Akkorde
und Dissonanzen auszuklingen.
-. ,Ohne die Zustimmung seiner Femilie, sagte
- Konradine endlich, , konnte der Prinz keine Ehe ein-
- gehen, am wenigsten eine Ehe mit einer nicht eben-
bürtigen Frau. Da das- Bestehen der herzoglichen -
Familie aber gesichert war, fand seine Absicht, eine
Verbindung zu' schließen, deren Nachkommen man--
mricht aus den Staatseinkünften als Prinzen des Hauses -
- zu, versorgen brauchte, wenig Widerstand. Er unter-
-zeichnete' für sich und seine zu erwartenden Kinder die
übliche Entsagungsakte, unsere Verlobung wurde an-
dem nämlichen Abende in. dem Kreise unserer ver-
trautesten Bekannten vollzogen. Ir den nächsten.

-

- Tagen- stand unsere Vorstellung als Brautleute und
Kaiser, der meiner Mutter und mir stets geneigt ge- Z
die förmliche Erklärung unserer Verlobung bevor. Der
wesen war, billigte durchaus des Prinzen Wahl, und -

Az
wir sahen in die Zukunft wie in ein Paradies. Ich
kannte meines Glückes kein Ende.!.; -
,Da langte an dem Tage,wwelcher der Präsentation
vorherging, plötzlich ein. Courier von degr-Oheim -des;
Prinzen, dem regierenden Herzoge, 'an: Er -neldete,
daß ihm glänzende Aussichten, r für:Friedrich eröffnet
worden wären, und daß er vorläufig, Falls sogar die
Entsagungsakte bereits unterzeichnet sein sollte, sie. als
nicht vorhanden betrachtei wolle: Die Tochter eines
der großen deutschen Regenten-Geschlechter wvar in
heirathsfähigem Alter. Die,hunge Piinzessin und ihre
Mutter waren dem Prinzen im- Sonimer in -einem
Badeorte begegnet. Die Prinzessin hatte Augen und
Verstand genug gehabt, den Prinzen liebenswürdiger
als jeden Anderen zu finden, die Mutter hatte das
mit zustimmendem Wohlgefallen wahrgenommen: Der
Gedanke einer Liebesheirath n an' dens Stufen?,eines,
Thrones hatte doppelten Reiz fük sie, da sieunglücklich
und gegen ihre Reigung. perheirathet worden war.
Ihr Verlangen, die einzige Tochter -glücklicher, zu
wissen, war natürlich, und Friedrich wie das. fürstliche
Haus hatten den Antrag- in' jeder Beziehung -als eine
Ehre und eine Auszeichnung zu betrachten.- -.
,Er selber brachte mir däsSchreiben seinesOheims.
Ich las es mit völliger Seeleinuhe? und gab- eeihm
zurück. Das sezte ihi iü Verwunderung, uund er
sprach mir diese aus. N, Sie schlagen -die Vortheile
nicht eben hoch an,'die ich- Ihnen H opfexn- habe!!
sagte er, während sein Blick, seine-Haltung änd mehr
noch seine Worte es verriethen, daß' die -Aussicht;


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jenem mächtigen Hause so eng verbunden- zu: werden,
seinen Ehrgeiz aufregte und ihm verlockend schien.
- SeineleWörte- trafen mich in meiner Liebe und in
meinem Stolze. ,Sie nannten sich gestern noch den
glücklichsten der Männer,! sagte ich, ,gibt es heute
- Etas; das Ihnen'begehrenswerther scheint als jenes
Glück, pwelches wir' in- einander zu finden geglaubt

haben, so trog uns eben eine falsche Hofnung, und
meine Liebe ist stark genug, Sie von dem glänzenden.
Lose nicht zurückhalten zu wollen, welches heute ofenbar
-Ihnen als bäs- Begehrenswerthere erscheint.!. -
'eIch hatte erwartet, ihn dadurch auf sich selbst
und auf uisere Liebe, zurückzuführen; er machte mir
den Vorwurf, daß ich seiner spotte, daß ich, überhaupt -
nicht tief empfinde.
- s, EineFrau, die wahrhaft liebt,! entgegnete er.
mir, , könnte?eines solchen Gedankens nicht fähig sein;
aber-ich glaube wirklich, bei Ihnen würde der Ehr-
geiz -die Liebe wohl besiegen können.! -Ich traute
mneinen Sinnen nicht. - Es war uwverkennbar,, er suchte
einen'! Streit' mit mir, um - seinem Mißmuth einen
Auswegzu verschaffen. - Er schuldigte mich des Ehr-
geizes an, während der seine es ihn bereuen ließ, daß
er sich Febunden hatte.' Er schien Alles vergessen zu ?
haben, was wir für. einander gefühlt, pas wir ein- -
-
ander zugeschworen hatten. Ich wollte mich beherr-
schen,. mich gegen meine Empfindung waffnen, sie war.
stärker als. ich. -Ich wollte ihm Vorwürfe machen und.
enthüllteihm die ganze Zerrissenheit des Herzens, das
erIkalt. verwundete. Er stand unbeweglich vor mir. .'
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, Glauben Sie,! sagte er, , daß ich nicht dasselbe. fühle?
Glauben Sie, dgß mir dgs Herz nicht blutetez als ich jetzt
zu Ihnen kan? Aber-ich bin nicht so;gllcklich pie Sie,
nur an mich und-meine, Liebe Jenken;!zu :dürfen.
Mein Haus und das Fand haben Ansprüche an mich,
die ich zu hören pexpflichtet bin,.. Die. Verbindung
mit dem mächtigen Königshguse, ist von der höchsten
Wichtigkeit fßr uns. ch habe nicht das, Recht, Rück
sicht auf mein Gefühl. zu nehmen,. wwo Höheres in
Frage kommt, ich, habe, mit kaler »nerhittlchkeit. zu
überlegen. Es ist keine Kleinigkeit, füxzuns, die Hand
der Prinzessin auszuschlagen, Sie, ist eine Nichte und
Enkelin von Königen, sie ist... : Da übermannnte
muich die Empörung. -,Sie ist jünger, als ich und
durch ihre Mutter eine, der reichsten Erbimner aufn den
Thronen Deutschlands!? zief ich aus. -Er gab mir
keine Antwort. Erst nach langer Pause sagte er:
,Ich kam, um mit Ihnen gemeinsam zu berathen,
wie ich mich, diesem Falle,gegenüherzzu verhalten. habe.
Ich hatte darauf gerechnet, Fei Ihnen, ein Verständniß
für die schwierige und delikate-Eage zu. finden, in die -
ich so unerwartet persetzt worden hin. Ich hatte auf
Ihren starken Verstand, auf. Ihre Liebe, und Freund-
schaft für mich, auf Ihre. Weltkenntniß: vertraut. Ja,
so groß hatte ich von Ihnen gedacht, daß ich in Ihnen
eine Stüze gegen mmeine, Schwäche- zu finden' gehofft
hatte. Ihre Heftigkeit,, abex wirft Alles -iber den
Haufen, selbst die billigste Rücksicht und Gerechtigkeit.?
Ich konnte es nicht ertragen,. diese Komödie mit mir
spielen zu lassen. Er und seine Liebe waren für mich

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berloren, es blieb mir also nuur noch Eines übrig;
großes Spies - zu spielen, und ihm hinzuwerfen!' nilt
einem -großen Wurf, was er mir selber'zu entziehen
wohl entschlossen'' war - und ich that' es! - Das
hatte er gehofft und nicht erwartet. Er stand' vsr
mir, schön- und mit einer so' wundervollen Haltung;
als: hätte er mir nicht eben die tiefste Beleidigung zu-
- gefügt, die schwerste Deniüthigung von mir hingenom-
mnen. Aber ich' fühlte es, er war unentschlossen, ob ek
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seiner Eitelkeit die Zügel'' schießen lassen, ob er ver-
rathen sollte, was er wider seinen Willen als Mensch
und Mann empfand, oder ob er' sich als Fürst über
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alles Menschliche, über mein Herz und auch über das
- seine -- denn ich weiß es, er hat' mich geliebt, wieser
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nie wiedek eine Aidere löben wird - emporschwingen,
und schließlich noch mir den Verxath und Wortbruch
E verzeihen sollte, den er an mir beging. Endlich fad
P - - er einen anderen, einen noch-erhabeneren -Ausweg: -
g - Er - warf-sichi por' mir nieder, er zeigte sich vom - -'
? Schmerze überwältigt. Er bat 'mich, es zu vergessen,-
s.
- daß er- mich einen Augenblick verkannt,' an meiner, --
? Charaktergröße auch -nur einen Aügenblick gezweifelt -
ß habe. -Er pries die bewundernswerthe Seelenstärke;
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mit dersich ihn- auf seine Pflicht verwiesen hätte,' und z
F so -hinreißend ist der trügerische Ausdruck von Wahr-
; Itaraäk arr
schied, daß ich in dem Augenblicke fast vergessen hatte.
s was ich eben erst erlitten und gethan.

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Sie brach plözlich ihre Erzählung ab, und die
Arme über den Rücken gekreuzt, das Haupt gesenkt,
ging. sie wieder eine Weile neben Emnäkniel her.
,Sett begreife, jezt verstehe ich Sie!r sägte er
nach langem Schweigen.
Sie antwortste ihm nicht daräuf. ,Der Prinz
suchte an dem Abende eine Audieiz' beiden Käiser
nach, am folgenden Morgen- vekließ'' er den Hof.
Meine Mutter ünd ich winden züür Täfel befohlen
und mit besonderer Gnade aufgenönmen. Die-Kiunde
von meiner edelmiüthigen Entsagung! » sie lachte,
als sie diese Worte aussprach --',würde sofokt' in
Umlauf gesetzt und fänd' den gebührenden Gläuben.
Man hatte mich sehr beneidet; man fand lso einen
Genuß darin, mich zu beklagen ünd zu trösten.' Der
Boden, auf dem ich stand, rannte mir unter den
Küßen. Die Lüft, die' ich' in den Sinüeiexn' äthmete.
in denen ich mit -ihm gelebti hätte, lastete üie Blei
auf mir. Ich konnte die Gegenstände, die'er beiühit,
auf denen sein Auge' geruht hätte, nicht äisehen, Ich
hatte nur das einzige Verlangen,'''foxtzükoßek -
und ich mußte bleiben; ümu deö' Schicklichkeit' hillen.
Alle Welt suchte guch. -Män wollte''sshei, -wie Iich'
meine Rolle spielte, wie -ich' üuch ' de Schleiei
der mir aufgedrungenen Erhäbenheit: dsäpirte. -Man
fand des Prinzen'HandliFsweise boi der Pflicht ge-
boten. Sogar neine Mütteä räünite dieses ein,' ünd be-
klagte ihn so sehr' dls näich! -Sie Serständen- Alle
seinen Ehrgeiz, sie nannten ihir' natürlich?' Mich 'uüd
die Liebe verstanden sie eben nicht.=- Des'Prinzen' -
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Oheim bot mir eine Präbende in dem reich dotirten
Damenstifte des Landes. Meiner Mutter war dgs
eine Genugthuung. Sie war nahe daran, an meinen
Edelmuth zu glauben, weil die Kaiserin ihn rühmte
und der regierende Herzog ihn in seinem Handschreiben
an mich bewunderte. Es fehlte nur noch, daß ich
selber an ihn glauhte, daß ich vergaß, wie feig und
grausam man mir mitgespielt, wie man mich gezwun-
gen hatte, mich ayfzuraffen, um mich nicht, unter die
Füße treten zu lassen!- Es war die elendeste Posse
von der Welt. - Und jetzt =-jetzt, denke ich, werden
Sie sich nicht mehr wundern, theuxer Freund, daß ich
nicht mehr die heitere Konradine, daß ich nicht mehr
dieselbe bin.?-
, Sie warf sich auf einen Sessel und nahm das
kleine Tuch von ihrem Kopfe. Ihre Wangen glühten,
ihre Stirne bedeckte ein dunkles Roth. ,Emanuel hatte
großes Mitleiden mit ihr, aber seine Bewunderung
für sie war noch größer. - Sie sah, wie er sie he-
- trachtete, und reichte ihm die Hand, Er drückte sie
ihr wie,einem Freunde und sie erwiderte es ebenso.
, , Glicken Sie nicht mehr zurück, schauen. Sie vor-
wärts, Fonradine!? rief er, und er wagte nicht mehr
zn sagen, zpeil er sich erschüttert fühlte und weil. er
nußte, wie ,hr, Herz noch blutete. Auch hinderte es
der Dienex, dex ihm die Antwort aus der Pfarre brachte.
,; Miß Kenney verhieß ihr Kommen für den Nach-
mittag. Sie meldete, daß die Kranke sich recht gut
befände, daß es sie bexuhige, wenn der Baron sich
schone, und sendete ihm die verlangte Rose mit Hulda's

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besten Grüßen. Er machte das Blättchen auf, die
Rose war welk geworden und duftete kaum noch. Er
steckte sie in sein Taschenbuch. Konradine sah es.
,Es ist spät und Seit, daß ich mich ankleiden
gehe,! sagte sie; ,aber Sie sind mir nun auch Aüf-
schlüsse über sich schuldig, mein Freund, und ich
werde sie von Ihnen in der gsten ghigen Stunde
fordern.! -
,Die sind bald gegeben,! entgegnete er. ,Ich
hatte nie geglaubt, die Theilnahme der Frauen gewin-
nen zu können und, ich verhehle es Ihnen niht, mit
Schmerz darauf verzichtet. -Hulda's Unschuld und
Arglosigkeit verriethen mir, dgß Fie mich ldebte.--! -.
- , Als ob das solch ein Pundex wwäre!?. rief Kon-
radine aus,. und hätte, das Wort zurückhghen gögen,
denn Emanuels bleiches, Antliz-färbte,sich mit dunkler,
Röthe, und sie wußte: sich, nichh zu erklären, was ihn,
so, verwirrte, oder, weshalb --er seine Mittheilung mit.
einemmale abbrach. -. -
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Kapitel 28

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Achtundzwanzigstes Gapiiet.
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- Emanuel war beschäftigt, als am Nachmittages
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Miß Kenney zum Besuch der Gäste in das Schloß
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kam, das sie seit der Abreise der Herrschaften nicht
wieder betreten hatte. Die wöchentliche Briefpostging
am folgenden Tage des Weges, es mußten also' alle-
Briefe,' die man' abzusenden- hatte, bis zum -Abende -
nach der nächsten Posthalterei befördert werden, und?
dex eben!-' erfolgte Jahreswechsel gab ihm mehr noch?-,
als sonst zu thun. Aber die Frauen vermißten seine
Anwesenheit eben heute nicht. Es war in der gräf-; -
lichen Familie in diesem Jahre so viel vorgegangen,
worüber Niemand besser Auskunft. geben konnte als? I
Miß Kenney, die treue Anhängerin des Hauses, und! ?
wie man sich denn nur erst zusammengefunden hatte, -
war' die Verlobung des Barons nicht der letzte Gegen- -I
stand, auf den die Unterhaltung sich hinwendete. '
Miß Kenney fand sich indessen diesen Fragen
gegenüber in einem Zwiespalt, der ihr lange schon
peinlich gewesen war, und der ihr nur noch deutlicher
wurde, da sie nun ihren Gedanken Worte geben

8O1
sollte. Die aufopfernde Sorge und Pflege, welche sie
Hulda angedeihen lassen, hatten sie ihr noch viel wer-
ther gemacht. Sie fand eine Freude darin, vor den
beiden Frauen der guten Eigenschaften ihres Schüz-
lings rühmend zu gedenken,: und. ; aus -voller Neber-
zeugung die Verdächtigungen zurüchuweisen,?mit denen
das grillige Nebelwollen von Mamsell. Ulrike den guten
Namen und die Sittenreinheit Hulda's vor den Frem-
den anzutasten gewagt hatte.-Sie -sprach es sogar
offen aus, daß für sie in der demüthigen Aiebe, welche -
, das junge Mädchen Emanuel, weihe, etwas: poetisch
Erhabenes läge, aber es war, als höbe sie das Alles
nur hervor, um es doppelt zu beklagen,. daß diese
Heirath dennoch eine unstatthafte sei, und um es da-
neben doch wieder traurig und hart zu finden, daß
nicht nur Frau von Wildenau, sondern auch Kon-
radine sich in diesem letzten Punkte mit ihr wuollkom-
men einverstanden zeigken. - -
,Oh!r rief Konradine, ,es sind aach meiner An-
sicht gar nicht die Standesrücksichten, welche mir gls-
das eigentliche Hinderniß bei dieser Heirath! etscheinen.
Ob ein Mann für sich, und seine Nachkommenschaft
auf die Vorzüge verzichten zwwill,' zu deren,Genuß,seine
Geburt ihn berechtigt, das muß. er für sich, selbst ent-
scheiden - und in der Beziehung -pflegt ähr Eggis-
mus den Männern ein ausreichender Bergther zu sein.
Aber Miß Kenney rühmte die lebhafte Phantasie, und
die poetische Richtung der, Pfarrexstochtex als eine
ihrer Eigenschaften, und solchen Eigenschaften gegen-
über macht die Eitelkeit die Männer nicht -nux, un-

=zeez ---- --
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vorsichtig, sondern völlig blind. - Gerade die Phan-
-tastik, auf. deren Böden des Mädchens Liebe erwachsen,
-ist die gefährlichste Mitgift für die Ehe. Wie soll ein
-Mann den Anforderungen-entsprechen, welche eine
-solche geistergläubige Unschuld an ihn macht, die, ihn
in dem Lichte' eines Feenprinzen betrachtet? Sie- träumt
von einem Paradiese -mit ewigem Sonnenschein, sie
hofft- in demselben mit dem Geliebten in immer glei-
cher' Jugendschöne -und Heiterkeit- zu wällen -- und
-das Jahr -seztNsich aus vier Jahreszeiten zusammen,
mit dumpfer Schwüle,' mit Sturm und Schnee und
Regen. - Es seztisich zusammen aus finsteren Nächtei
und aus all- den Tagen'' voll Widerwart und Hinder-
niß, voll Unmuth und Mißlingen; und' jedes Jahr
-macht den Menschen älter und unliebenswürdiger, wie
er sich V auch- dagegen sträübt. Da legt dann Einer
dem--Anderen zur' Last,' was' der -ganz natürliche Lauf
unseres höchst prosaischen Lebens ist. - Da gibt es
Thränen, wenn die Ereignisse dem Manne den gol-
denen Schimmer der Bräutigamslaune von den ge-
knickten Flügeln streifen; da fühlt sich solch ein poeti-
-sches Frauengemüth in- seinen idealen Erwartungen
betrogen und enttäuscht, weil' man nicht im Himmel,
sondern auf der Erde lebt, deren Gottheit nicht die
Liebe, sondern die Selbstsücht ist. Und Baron Ema-
nuuel vollends -ist recht dazu geschaffen,' durch die
Fidealische Unerfahrenheit eines Mädchens unglücklich
zu werden. Er vor Mllen!?
Die Kenney meinte, Baron Emanuel sei selber
ein Jdealist.

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,Ulm so schlimmer!' sagte Konradine.
, Ulnd, fügte die Kenney hinzu, wwelche Konra-
dinens Herbigkeit dazu verleitete, dasjenige vermittelnd
zu vertheidigen, was sie selber als unstatthaft bezeichnet
hatte, ,Baron Emanuel ist nicht. selbstsüchtig!? -
,Nun, dann lassen Sie ihn auf den Straßen
und Pläzen als ein Wunder sehen!' lachte Kon-
radine. ,Ein Mann und nicht selbstsüchtig! Freilich,
er ist kein roher Egoist. Aber der feine Egoismus der
Männer ist der gefährlichste, weil er sie und uns zu--
gleich betrügt. Fühlen Sie es denn nicht, hören Sie
es denn nicht aus jedem Worte, daß es nur das Gott-
gelüsten des Glücklichmachens ist, welches Emanuel
zu diesem jungen Mädchen hinzieht? Es hebt ihn
über die Schranken der gemeinen Wirklichkeit hinaus,
ein Wesen vor sich zu sehen, das ihn Alles dankt,
das in ihm, wie es in der griechischen Kirche
von dem heiligen Johannes heißt, seinen Er-
wecker und Erleuchter anbetet. Wer jedöch will es
dem Baron verbürgen, daß dem immer so sein werde?
daß er das Ideal des Mädchens bleiben wird, wenn
es später in der Welt Männer kennen lernt, die
schöner sind und glänzender als s? Und welcher
Mann wäre geduldig genug, nicht ungedüldig zu wer-
den und nicht empört darüber zu sein, wenn er denn
doch einmal bemerken muß, daß die Opfer, die er
gebracht, das große Glück, welches er zu hereiten ge-
glaubt hat, nicht so glücklich machen, als er es er-
wartet hat? Sehen Sie, rief sie, , Menschen, die
das Leben kemnen, müßten einander vor dem Trau-

==eerrer--.


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altare schwören,, daß sie für sich und von einander in -
der ßhe kein besonderes Glück erwarten, ja sie müßten ,
eigentlich das Dante'sche;, Laßt jede Hoffnung draußen!?
zu ihrem Wahlspruche machen, um mehr zu finden,
als sie -geträumt haben, um zufrieden und glücklich
zu werden und glücklich zu machen. Aber zwei Jdealisten
in einer Ehe, da wird das , Laßt jede Hoffnung
draußen! mit Naturnothwendigkeit zu einer unerbitt-
lichen Wahrheit.?
Die Mutter bemerkte mißbilligend, Konxgdine s
gefalle sich in solchen übertriebenen Behauptungen,
auch. die Kenney, welche ohne alle Kenntniß von Kon-
radinens Erlebnissen war, meinte, wenn diese sich bis-,
her auch niht zur Ehe habe überreden lassen, sg,hahe
sie doch früher weniger hart über dieselbe, geuxtheilt.? ,
.. ; ,Erüher, früher!r wiederholte. Konradfne,g,das I
ist hgnge her. Glauben, Sie dennn, daß ih nicht bis- -
wweilen, jene früheren Zeiten zurückwwünsche, in denen
ich selbst noch wie ein, Kind zu glauhen, zu vertrauen
zund zu hoffen vermochte? Aber kann ich mein Be-
wvußtsein rückwärts schrauben? Kann ich meiner Ein- -
sicht gebieten, nicht zu sehen und zu verstehen? Oder
soll ich mich zum Selbstbetrug yerdammen, ym Andere;
nicht zu enttäuschen? Früge mich Baron Emianuel um
meine Meinung, ich würde sie ihm nicht vorenthalten,
ud er, ßßt guch viel. zu gescheidt, um ohne, Ahnung -
über das Bedenkliche seinex Wahl zu fein!?-
Miß Kenney wollte das nicht gelten lässen. Sie ;
sagte, er habe alle Einwendungen, welche man ihm ;
gegen diese Verbindung gemacht, zurückgewiesen und --

5
es schließlich beleidigend genannt, daß man ihn eines
Wortbruches fähig glaube. Trozdem, habe sie öfters
daran gedacht, welche Wirkung es auf Hulda's em-
pfindsame Seele machen müßte, wenn in der Thgt
Emanuel jemals dahin kommen sollte, seine Verbin-
dung mit ihr nicht mehr als etwas ihm Nothwendiges
zu betrachten. Ihn von seinem Vorhaben abzubringen,
das werde jedoch in keinem Falle möglich sein.'-
,Mit offener Widerrede sicher nicht,! warf Frau
von Wildenau ihr ein. , Es käne indessen auf den!
Versuch an, ob die Bande, welche ihn gn das Mäd-
chen fesseln, einer Trennung widerstehen.- Ps iß schon
mancher Faden zerrissen, wenn man ihn ,weiter aus-
dehnte, als sein Gehalt vertrug; und der. Baron
hat uns halbwegs die Zusage -gethan, uns eine Strecke
zu begleiten.! -
,Er wird nicht gehen!! seufzte Miß Kenney,
auf das Neue zwischen ihren Neberzeugungen,zuud ihren
Wünschen schwankend.
, Ein Mädchen, das ihn liebt, wäre auch sehr
thöricht, wenn es ihn nicht hielte!r meinte. Konradine.
, Hulda ihn halten? rief die Kenney, und ihr
ganzes Vertrauen in des Mädchens Charakter klang
aus diesen Worten wieder, ,ihn halten, wenn man ihr
sagt, daß das Fortgehen für ihn dienlich sei? -- Sie
kennen Hulda nichtl?
,Sie machen mich begierig, sie kennen zu lernen!?
sagte Konradine. Die Kenney äußerte ihre Bedenken
dagegen, Konradine blieb jedoch bei ihrem Einfall und

Fanny Lewald, Die Erlöserin. L

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wiederholte ihr Verlangen, als der Baron sich danach
zu ihnenn gesellte. - Emanuel entgegnete, er hätte wohl -
gewünscht' ihr Hulda zeigen zu' können, wie er sie- zu-
erst erblickt. Jezt sei sie nur der Schatten ihrer selbst,
- obschon selbst die Leiden der Krankheit die Reinheit
ihrer Gesichtsformen nicht angetastet habe.: Er hoffe
aber, sie ihnen in nicht ferner Zeit wieder in aller-
ihrer Frische vorstellen zu können. Von solchem Auf-
schub wollte Konradine jedoch nicht hören. -
- ,Wer weiß,- sagte sie, ,wie Ihre und. unsere -
Südergänge- und Weltfahrten uns wieder auseinander Z
führen. Eine kleine Zerstreuung ist jedem Kranken
gut. Es muß Hulda ja auch freuen, wenn eine lang--
jährige Freundin des Barons ihr die Hand zu geben
wünscht. Sagen Sie ihr, liebe Kenney, ich würde;
da die Kälte den Baron hier noch gefangen hält, in
den' nächsten -Tagen zu ihr kommen, ihr seine Grüße
selbst zu bringen.!
Emanuel freute sich der Theilnahme, welche Kön-
radine' für die Kranke zeigte. Auch die Kenney fühlte
sich allgeniach' geneigt, ihr zu willfahren, ohne es aus-
zusprechen, welche heimliche Hoffnung sie darauf baute.
Man verabredete also, daß der Pfarrer, der seinen
Besuch für einen der nächsten Nachmittage perheißen
hatte, Bescheid darüber bringen sollte, ob seine Tochter -
sichi die Kraft zutraue, die Freundin der gräflichen-
Fämilie' zu empfangen, und man blieb noch eine WeileZ
mit Hulda und ihrer Eigenartigkeit beschäftigt, nach-
dem die Kenney bereits den Heimweg angetreten hatte.

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Aber die selbst für jene nordischen Gegenden un-
gewöhnlich harte Kälte hielt den Pfarrer und Miß
Kenney, die in ihrem vorgeschrittenen Alter die Un-
bill des Wetters doppelt zu scheuen hatten, an den
folgenden Tagen von dem Schlosse fern. Nur der
Bote, welchen Emanuel täglich nach der Pfarxe sen-
dete, brachte Kunde, und zwwar gute Kunde aus der-
selben, und Miß Kenney meldete in einem besonderen
Briefchen, daß es Hulda freuen würde, wenn Konradine
sie besuchen wollte. Diese war' mit ihrer Igewohnten
Lebhaftigkeit augenblicks dazu bereit. Eniamuel jedoch
sprach nun Bedenken dagegen aus, welche den Frauen
nicht stichhaltig erschienen, die: sie indeß gelten zu
lassen hatten; und in einem angenehmen Beisammen-
sein waren wieder mehrere Tage hingeschwunden, als
man aus dem benachbarten Städtchen die Meldung
erhielt, daß der zerbrochene Wagen hergestellt und
wieder zu benützen sei.
Kein Tag war seit der Ankunft der Gäste ver-
gangen, ohne daß von dem Wagen und von der Ab-
reise der beiden Frauen die Rede gewesen wäre; den-
noch empfand Emanuel es wie eine unerwartete und
unangenehme Unterbrechung, als Frgu von Wildenau
ihre Zufriedenheit mit der Botschaft aussprach und
Tag und Stunde ihres Fortgehens bestimmnte. Man -
hatte die Zeit, welche man zusammen verlebt, jo be-
auem und behaglich zugebracht, und war einander
in ganz neuer Weise nahegetreten; Emanuel hatte. in
der Mutter mehr Ernst und mehr besonnene Er-
- Agn --


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88
fahrung gefunden, als er ihr zugetraut, und Konradi- -
nens trotzige Herzzerissenheit, der wilde Zorn, mit
welchem sie sich gegen ihr Geschick wie gegen den
Schmerz empörte, den sie wider ihren Willen fühlte
und doch nicht zu besiegen vermochte, hatten ihm eineI
fo lebhgfte Theilnahme eingeflößt, daß er sie zu längerem
Verweilen zu überreden strebte. Indeß er erreichte da- ,
mit Nichts, als daß man ihn mit Lebhaftigkeit dazu be- s
stimmen wollte, das Schloß so bald als thunlich mit -
einem südlicheren Aufenthalt zu vertauschen.
,Ich bin mein Lebenlang nicht ängstlich um das I
Urtheil der Leute besorgt gewesen,! sagte die Mutter, I
als sie sich mit Emanuel allein befand und man wieder
auf das Thema zu sprechen kam; ,aber wir. sind in
diesem Augenblicke in einer Lage, welche uns doch -
Rücksicht zu nehmen zwwingt. Konradinens Herzens--
angelegenheit hat Aufsehen gemacht. Neben den Gut--
denkenden, welche sie beklagen, finden sich, wie in allen
solchen Fällen, auch Nebelwollende und Personen,
welche ihr den Antheil. neiden, den die beiden Höfe --
hr bewiesen haben. Diesen würde Nichts willkommener,
sein, als irgendwo einen Anlaß zu der Behauptung I
zu finden, daß meine Tochter nicht eben schwer von
dem Bruche jenes Verhältnisses betroffen worden sei,
daß nur ihr Ehrgeiz unter demselben leide. Wer will
voraussehen, welche Absichten man mir unterlegen
würde, wenn wir länger, als es durchaus erforderlich
ist, hier die Gastfreundschaft eines unwerheiratheten
Mannes annähmen, der nicht einmal der Herr des
Hauses ist. Es gibt Leute genug, die es bezweifeln

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werden, daß wir von Ihrer Anwesenheit im Schlosse
nicht unterrichtet waren, daß uns wirklich nur ein Un-
glücksfall hiehergeführt hat; und von allen thörichten
und unwürdigen Rollen, welche ich im Laufe meines
Lebens von Frauen habe spielen sehen;' ist mir keine
widerwärtiger erschienen, als die Rolle jener Mütter,
die ihre Töchter, wie es in der Volkssprache heißt, an
den Mann zu bringensuchen. Selbst vor den Schatten
eines Verdachtes möchte ich mich nach dieser Seite hin
bewahren - mich und Konradine!? fügte sie hinzu.
, Im Nebrigen mag man von mir und. von meiner
Tochter denken, was man will. Wir beruhen, Jede
von uns in ihrer Weise, in uns selbst, und was wir
vielleicht an einander im Einzelnen auch anders wün-
schen muchten- wir dürfen uns auf einander ver-
lassen. Und das ist immerhin schon Etwas in der Welt,
wie sie nun eben ist,? -
Frau von Wildenau setzte Emanuel mit dieser
Unumwundenheit in Erstaunen, so daß er im ersten
Augenblicke um die Antwort darauf verlegen war.
Daß sie ihn, eben ihn, zu den Männern zählte, wwelche
der Welt geeignet scheinen könnten, ihier Tochter Trost
und Ersaz für das zu bieten, -was sie erlitten und
verloren hatte, das schmeichelte, wenn er sich dessen
auch nicht klar bewußt war, seiner Eitelkeit. Es brachte
ihm plözlich den Ausruf: ,Als ob es solch ein Wun-
der wäre, wenn man Sie liebtl' in das Gedächtniß,
den Konradine gethan, als er ihr berichtet, wie er
und Hulda sich gefunden hätten.'

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- -- War es denn möglich, daß er sich über sich selbst -
getäuscht hatte, war er nicht so unschön, als er es bis- ,
her geglaubt? Konnte er Neigung gewinnen, Liebe
erwecken, und war es wirklich nicht ein Wunder, wenn
ugend und Schönheit sich zu ihm wie zu anderen
Glücklicheren wendeten?
Die Gedanken schossen. ihm mit Blizesschnelle ,
durch' den Sinn, während er sich gleichzeitig den Vor-
wurf-machte, daß er, von dem oberflächlichen Uriheil ?
oberflächlicher Menschen verleitet, Fraü von Wildenau z
früher nicht nach Gebühr geschäzt habe, daß auch er -
in den Fehler verfallen sei, nach fertigen Maßenn und ß
hergebrachten Vorstellungen zu messen und zu urtheilen, -
und wie er nahe genug daran gewesen sei, zus vet- ?
urtheilen und nicht für vollwichtig zu halten, was in ,
irgend einer Weise gegen das Hergebrachte anstieß, oder
mit dem Mittelmaße nicht genau zusammenstimmen -
wöllte. Er erfuhr dadurch eine innere Wandelung h
und zugleich eine völlige Umgestaltung seines Verhält- s
nisses zu den beiden. Frauen. Er konnte nicht mehr I
daran denken, sie zu längerem Verweilen aufzufordern,ß
nur daß ihre Anwesenheit ihm ein Glück gewesen und
ihr Fortgehen ihm sehr leid sei, das sprach er mit
großer Wärme ihnen aus. Frau von Wildenau knüpfte
daran die Hoffnung auf ein baldiges Wiederbegegnen. ,
Emanuel sagte, daß er, wie sie sich nun selber über- -
zeugt haben werde, über seine nächste Zukunft und
Feine nächsten. Entscheidungen nicht Herr sei.
- Die Baronin hörte das an, schwieg eine Weile,
dann sagte sie: ,Ich habe mich so freimüthig über

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mich und unsere Lage gegen Sie ausgesprochen, lieber
Freund, daß ich aus dieser Hffenheit den Muth schöpfe,
Ihnen die Entfernung von hier noch einmal -pecht
dringend anzurathen. Sie dürfen den Winter -und
das verderbliche Frühjahr hier nicht' ahwarten; und da
ein Augenblick, ich möchte sagen, ein bloßer Zufals,
Ihre Perlobung veranlaßt -hat, ist es pirklich eine
Nothwendigkeit, daß Sie von dem Poden Ihrer glten
früheren, Lebensverhältnisse aus, Fie Prghe; gachen,
welchen Werth. diese so -plözlich- erfolgte ßexhindung -
und dieses Mädchen thatsächlich für Sie besizen, Ich
hatte Sie in der ersten heiteren Erregung unseres hie-
sigen Wiedersehens überreden wollen, mit uns zusam-
men von hier aufzubrechen. »ieselben Gründes pelche
unser längeres Verweilen unzulässig machen,; hindern
mich natürlich, auf jenem früherenWßorschlage zu be-
stehen. Aber gehen Sie bald, von hier ?fort, lassen
Sie die Zeit, die Entfernuung, beruhigend guf. sich
wirken. Sorgen Sie sich um das junge, Mädchen
uicht zu sehr. Selbst die Kenney, die, doch -mupfind-
sam- genug ift, und an dem Mädchen- hängt, ist , be-
denklich und hat uns gebeten, Sie zu einerspotkäufigen
Entfernung zu vermögen. - Wiederzukehren;steht, jg in
jedem Augenblick in Ihrer Macht; und wenn nicht? -
=-- Nun, man stirbt wirklich nicht aus-Liebesgram, ob-
schon Ihr Männer dieses gerne gsauben möchtet. Aher
an einer unpassenden Ehe sind schon viele der Besten
zzu Grunde gegangen. - - Unter allen, Dichterworten- ist
sicherlich keines von einer unwwiderleglicheren Wahr-
heit als jenes: ,Orum prüfe, wer sich ewig bindet

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-- - der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang!? Es
gibt nach meiner Erfahrung pirklich gar keine bedenk-
licheren' Verbindungen als - diejenigen, in welche die
leichte Bestechbarkeit der Männer durch kindliche Neber-
runpelungen hineingetrieben wird, und -- ein wenig,-
lieber Freund, ist das auch Ihr Fall gewesen.! ?
- - Sie' lächelte bei den letzten leichthin gesprochenen
Worten, aber gerade diese traten ihm zu nahe und
zerstörten den Eindruck, welchen die wiederholtenVor-
stellungen' duf' ihn zu machen begonnen hätten.' Er -
hatte die' ganze Selbstbeherrschung seiner Wohlerzogen-
heit nöthig, ihr nicht kundzugeben, daß sie zu weit ge-
gangen sei; aber nachdem er sich bis dahin dem Be-
suche nicht geneigt gezeigt, den Konradine der Kranken -
hatte machen wwollen, erinnerte er plözlich sich jetzt an
denselben, ünd schickte fragen, ob das Fräulein viel-
leicht den Sonnenschein eben dieser Mittagsstunde zu
der Fahrt benützen wolle.
- Konradine war sofort dazu bereit. Als sie in den
Saal' trat, fand sie zu ihrem Erstaunen den Baron
ebenfalls für die Ausfährt angekleidet.- Sie versuchte
ihm Einwendungen gegen seine Begleitung zu machen;
er entgegnete, er wolle und müsse die kleine Fahrt doch
einmal wagen. Man könne die Dauer der Kältenicht
poraus berechnen, er trage. Verlangen danach, seine
Verlobte wiederzusehen, und mache sich einen Vor-
wurf darüber, der selbstsüchtigen Sorge für seine Ge-
sundheit schon zu lange rücksichtslos nachgegeben zu
haben.

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Frau von Wildenau wußte, wie sie sich diese Be-
merkung zu deuten hatte und- nahm sie gelassen hin.
Da sie in bester Absicht, ohne einen Nebengedanken
gehandelt, hatte sie sich nur den Vorwurf. zu großen
Eifers zu machen,' und sie verschwieg selbst der Tochter
die Zurechtweisung, welche sie durch Emapuel in diesem
Augenblicke erfuhr.. Indeß, es war vonn dem Hespräche
eine innere Erregung in dem Baron zurückgeblieben,
und wie er nun an der Seite seines -schönen. Gastes
abermals wie an dem Tage nach, der FrauenAlnkunft,
jber die weite weiße Fläche ,inflog, kanes ihm vor,
als sei seit jener Fahrt schon eine lange- Zeit ver-
gangen, als stehe er an dem- Vorabende eines unab-
weislichen Schmerzes.
Es verwirrte ihn, wie er sich auf dieser Empfin-
dung betraf. Er nannte sie wunderlich, schalt sich um
seiner Weichheit willen, denn jedes Abschiednehmen war -
ihm von Jugend auf eine Pein gewesen, und weil- er
meinte, seiner Gefährtin über Fein Schweigen eine
Aufklärung zu schulden, bekannte er ihr seineSchwäche,
indem er es ihr herzlich aussprach, wie viel das Bei-
sammensein mit ihr ihm werth gewesen sei.
Sie sah ihn mit ihren schönen Augen ernsthgfi
an. , Das ist mir eine große Genugthuung,! ver-
setzte sie darauf, , denn wenn man sich selber Nichts
mehr gilt, hat man doppelte Fkeude daran, für An-
dere doch noch Etwas sein zu können, und ich vetberge
es Ihnen nicht, ich gehe auch nicht gerne fort. Um
ein Wanderleben wie das unsere. angenehm zu finden,
muß man Wünsche, Lebenslüst und Hoffnung haben,

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die- mir sammt und sonders fehlen. Schmerz will
stille sigen! Die Ruhe hier bei Ihnen hat mich wwider
?

mein Erwarten so erguickt, daß ichi förmlich Sehnsucht
nach einem festen' Heim, mnach einem Orte Iekommen
s
habe, an dem ich wandellos verweilen könnte;'und so
müde bin ich, daß mir die Aussicht auf das Stifts-

kreuz uid das Fräuleinstift, die mir vor wenig Wochen
?
trostlos' dünkte, allmälig lieb zu werden anfängti!
,Die Einsamkeit täuscht Sie über sich selbst,?
entgegnete Emanuel. ,Sie werden anders denken,
wenn Sie wieder in Ihren gewohnten Kreisen leben
- werden. Naturen wie die Ihre brauchen Raum und
Licht, sich zu entfalten und ihrer selber froh zu
werden.?
deren Gedanken, bis sie an das- Dorf kamen und das
Pfärrhaus wieder vor: sich liegen sahen.-.

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e - Der Pfarrer war zu: einem Sterbenden in das
nächste- Amt gerufen worden, nur die Kenney empfing -
- .r =- ===- - -
f Er fand: Hulda seiner bereits wartend. Sie hatte
den Schlitten' komnen hören, seine Stimme schon ver-
nommen. . ?
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,So länge Sie noch Sie selber sind! warf
Konradine-ein, und sie versanken Beide in ihre beson-


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- ,Ech, wie habe ich mich nach Ihnen gesehnt;!
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riefusie: ihin entgegen, ,aber es ist so kalt. Sie hätten
döch nicht kommen sollen!
Wie er an sie. herantrat und ihr die Hand gab,
zog sie, diese, ehe er es hindern konnte, an ihre Lippen,
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und bot ihm dann mit schüchternem Lächeln ihren
schönen Mund.
Er küßte sie sanft, sprach ihr seine Freude aus,
sie so viel kräftiger zu finden und fragte, wie ihr sei.
,Wie soll ich's Ihnen sagen? entgegnete sie.
,Ich begreife es noch Mlles nicht, denn seit ich meine
Gedanken wieder beieinander habe, ist'es mir erst völlig
wie ein Traum. - Aber wenn die Kälte- Ihnen nur
nicht schadet! Wenn Sie krank würden und ich läge
hier gebannt, und müßte Sie den Fremden über-
lassen?
Ihre ganze Seele lag in diesen Worten.! Emanuel
versicherte ihr, daß er wohl sei, daß er die Kälte-heute
gut ertragen habe, und daß er hoffe, sie von nun an
wieder an jedem Tage sehen zu können. Aber die
Unterredung, welche er während der- Fahrt gehabt
hatte, klang noch in ihm nach. Sie hatte ihn, wie
Alles, was Konradine that und sprach, eigenthümlich
ergrifen. Er fühlte sich zerstreut, und weil er dies
nicht merken lassen' wollte und doch die warme Zäxt-
lichkeit des Mädchens nicht, wwie sie es verdiente, zu
erwidern vermochte; fragte er Hulda scherzend, indem' er
an ihre Worte anknüpfte, ob sie eifersüchtig sei?-.
,Ja!' entgegnete sie mit ihrer gewohnten Wahr-
haftigkeit, ,es sind ja Alle mehr als ich!' und
ihr schlichter, knapper Ausbruck traf ihn wieder bis
,- -
in das Herz.
Da er ihr nicht gleich die Antwort gab, wurde
sie besorgt. Er sollte sagen, ob er ihr böse deshalb sei

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,Nein, nein!! versetzte er, ,ich bedauere nur, daß -
Du Dich solchen Grillen überläßt und ich weiß jezt
nicht, ob Du das Fräulein, das mit mir hieher ge-
fomnmen ist, guch wirklich sehen willst!?
,Ich habe ja alle die, Tage darauf gewartet!?
sagte, Hulda und richtete sich empor, als Emanuel die
Thüre öffnete, und Konradine, begleitet von der Kenneyz
fxeundlich an das Bett der Kranken trat. Neber Hulda's
bleiche Pangen, flog eine jähe Röthe. Sie sah die
Fremde an, sah Emanuel. an,- die Thränen traten ihr
in die Augen, und ihre Arme mit Heftigkeit um den
Hals des Barons schlingend, der an ihrem Bette saß,
rief Fie:-, Emanuel, ich will, Niemgnden sehen als
Dich, als Dich,allein! Schick sie fort, schlck sie fortlr
und damit barg sie ihr Gesicht an seiner Brust, während
sie ihn heftig an sich preßte.
, -. Er gund die beiden Frauen waren sehr erschrocken.
Konradine, zog sich gleich zurück, die Kenney folgte
ihr, Emanuel hielt das Mädchen in seinen Armen
und, vexsuchte es zu beruhigen,. ohne daß es ihm ge-
lingen wollte. Sie weinte und bat ihn um Ver-
gebung, sie nannte ihn Emanuel und Du und ihren
Geliebten, gvas sie nie zuvor gethan hatte. Sie hing
sich fest und fester anihn, und küßte ihn mit Leidenschaft.
Dazwischen verlangte sie, Konradinen noch einmal
zu sehen.- Sie wollte wissen, wann die Fremden das
Schloß verlassen würden, und dann wieder rief sie,
lautaufweinend: ,Sie wollen mich ja Alle von Dir-
reißen, die Gräfin und der Vater und die Kenney
und gewiß die Fremden auch! Ich habe Niemanden

H
auf der Welt als Dich allein, Dich allein! Du darfst
mich nicht verlassen und ich lasse nicht von Dir, dennin
dem Ringe da steht es geschriebei: , Dich und mich
trennt Niemand!?
Sie war außer sich, Emanuel war erschüttert bis
in das tiefste Herz. Er that, was er immuex, konnte,
sie zu beschwichtigen, die Fenney,nugf;-auch hinzu-
gekommen, aber Hulda wies sie mtut Heftigkeit zurück.
,Niemand! Niemanden will ich sehen als ihn
allein, als Dich!' rief sie laut und leidenschaftlich ein
um das andere Mal. Sie blieb jedem berühigenden -
Zuspruche Emanuels unzugänglich, bis sie sich erschöpft
hatte, und eine ohnmächtige Ermattung sie in Schlum
mer fgllen ließ.
Man konnte es sich nicht verbergen, man hatte
einen großen Fehler begangen, indem man Konradinens
Wunsch, die Verlobte Emanuels' kenneii' zu lexnen,
nachgegeben hatte. Emanuel konnte es sich nicht ver-
zeihen.
Diesmal war der Heimweg von der Pfarre für
den Baron und Konradine nicht so heiter und so an-
genehm als am Neujahrstage. Konradine machte ein
paar flüchtige Bemerkungen über Hulda's Schönhejt;
nur einige Worte über die begangene Unvotsichtigkeit
wechselten sie mit einander, und im Schlosse angelangt, -
trennten sie sich schweigend.
wwGaGSGSzuzössgsspppugpsssHgspGösss

Kapitel 29



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-'Aeunundzwanziglles Gapites
; oawooawo

- Noch einen Tag hatten die beiden; Frauen -in
- ß
Emanuels Gesellschaft zu - vexweilen, eß, ging äußerlich
i

Alles, den guten hergebrachten Gang. Man Jam an
den bestimmten Stunden in den gewohnten Räumen-
sg wie, bisher zusammen, allein die zuversichtliche un-
befgngene Heiterkeit, welche den Freunden die Stunden
perschönt, hatte, wwaltete nicht mehr zwischen ihnen.
? Man; sgß einander-noch gegenüber, und war innerlich
doch nicht mehr beisammen wie bisher.
.- Frau von Wildenau ggatte sich in ihrer Phgntasie
! ein, Fest dargus gemacht, ihrer, Freundin den Bruder
zuzuführen, gmnn damit die ;grsten Schritte zur Lösung
«
z jener ßexlobung zu thun, welche der Familie so wenig
paßte. ,Daß dies Vorhaben ihr nicht gelungen war,
das wwerstimmte sie, und dg jie von den Männern sehr
verwöhnt war, fing die kleine Zurückweisung, die sie
von Emanuel erhalten hatte, sie nachträglich zu ver-
drießen an.-- Konradine ihrerseits scheute sich, wie
sie es Emanuel gestanden hatte, vor der Rückkehr in
die große Welt, und sie verhehlte es sich auch nicht,

19
daß sie die Gesellschaft des Barons, auf dessen ver-
ständnißvolle und nachsichtige Theilnahme sie in jedem
Augenblicke hatte rechnen dürfen, sehr vermissen werde.
Emanuel aber war völlig in sich selbst vörsunken.-
Hulda's Leidenschaft, die Tiefe ihres Empfindens,
die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich kundgab, das
eigentlich Dämonische in ihrer ganzen Natur, das ihn
immer so mächtig angezogen, hatteihn auch jtzt wieder
überwältigt. Ihre Eifersucht hatte sie mit ßeherischem
Blick in seinem Herzen lesen, und errathen lassen,
was er selber, nicht vermuthet, nicht erkannt. Und-
doch wußte und fühlte er, daß seine Liebe,ihr unver-
ändert eigen war, obschon Konradinens. Schicksal ihn
sehr beschäftigt, und er eine sehr große Theilnahme für
sie gewonnen hatte. Daßß Hulda's Wesen jo aus
Einem Gusse war, daß es ihr unmöglich fiel, sich. zu
beherrschen, um sich zu verstellen,' dgs gehörte zu dem
Bilde, welches er von ihr im Herzen trug; aber eben
diese tiefe wilde Gewaltsamkeit hatte doch im Augen-
blicke, wie jede ungezähmte Naturkraft, etwas Er-
schreckendes und Unheimliches für ihn gehabt, und er
verhehlte es sich nicht, daß Hulda's Eigenartigkeit unter
Verhältnissen für sie und ihn, eine Quelle manches
Leidens werden könne, daß sie schwer in die nothwen-
digen Schranken zu bannen sein würde, . in welchen
alles Empfinden innerhalb unserer geselligen Verhält-
nisse sich zu bewegen hat.
Er dachte immerfort an Hulda, auch wenn er
mit Konradinen und ihrer Mutter war. Er fand es
gut und nöthig, daß seine Gäste morgen von ihm

s


F

schieden, trozdem that es ihm leid und wehe, daß er -
leisten und zu sein.
. -Es fiel ihm- an dem Tage und an dem Abende
samkeit zu üben. Es glückte Alles nicht wie sonst.
Mai fing die Gespräche an und ließ sie fallen, keine
Unterhaltung wwurde nachhaltig. Man versuchte, Ab-
reden für die Zukunft zu nehmen, und auch damit,
wollte es nicht gelingen, weil Emanuel keine be-
stimmten Anhaltspunkte zu bieten vermochte. Am
Abende versuchte man noch einmal Musik mit einander
zu machen, aber auch das wurde bald wieder aef-
gegeben, denn Konradine fühlte sich nicht aufgelegt
zum Singen, und so trennts man sich früher, als es

?
je geschehen - war. Die zeitig angesetzte Abreise der -
Gäste bot dafür, den Vorwand.
-Emanuel schlief wenig in der Nacht, der rauhe
Nördwind, unter demi die Fenster klirrten, ließ ihn -
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dann nicht mehr vergönnt sein werde, ihr Etwas zu
schwer; die: Rolle des Hausherrn mit gewohnter Acht-
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dann Konradinen nicht mehr sehen und daß es ihm -


8O
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die Fieundinnen beneiden, die gen Süden- zogen.' -Am -
Morgen, da man sich zu demr letzten gemeinsamen
Frühstücke zusammenfand, war es draußen noch völlig
dunkel. - Glücklicher Weise hatte Frau vou Wildenau
ihre gute Laune wiedergefunden. Die Aussicht, in-
einer verhältnißmäßig kurzen Zeit in wärmerem k
Himmelsstriche und in einer ihr zusagenden befreun-
deten Geselligkeit zu sein, lockte sie vorwärts. - Das
kleine angenehme Zwischenspiel dieses einsamen Schloß-
lebens hatte nun lange genug gewährt, und weil sie

BA1
wußte, daß uns von einem Erleönisse kaum Etwas so
deutlich und über seinen Werth entscheidend in der
Erinnerung bleibt, als seine letzten Stünden, war sie
bemüht, ihre volle Liebenswürdigkeit' zum Schmucke
derselben aufzuwenden.- Selbst--diese wollte jedoch
heute nicht die gewohnte Wirkung thun. - Konradine-
und Emanuel sprachen Beide wenig, aber der Letztere
war in so herzlicher Vorsorge für die Scheidenden
bemüht, daß Beide ihrer Anerkennung und - ihres
Dankes gar kein Ende finden konnten. Auf Hulda
kam Keine von ihnen auch nur mit einem Wörte
, zurück. Emanuel erwähnte ihrer auch nicht.
Als er die Frauen endlich die Treppe hinunter
und nach dem Wagen geleitete, war ihm noch -schwerer
um das Herz als in der Stunde, da die gräfliche
Familie das Schloß verlassen hatte. Damals- hatten
ein ihm neues Empfinden und eine leidenschaftliche
Erregung ihn getragen, heute fühlte er sich von Sorge
mancher Art bedrückt.
Die Sterne standen noch am Himmel, es war
schneidend kalt, man hörte den Schneekiistern unter -
dem Tritte der Leute, welche bei der Abieise behilflich
zu sein hatten. Der Amtmann in seinsn Pelzrocke
und die Mamsell miit ihrer schwarzen Sammtkappe
waren zeitig in das Schloß gekommen. Die lebhafte
Freundlichkeit der Fremden, welche von der Zurück-
haltung der gräflichen Frauen weit verschieden war,
hatte dem Amtmanne wohlgefallen; die' reichen Ge-
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dacht, hatten die hohe Meinung, welche diese von
ihnen hegte, noch gesteigert. Sie erschöpfte sich, als
oh sie des, Hauses Herrin gewesen wäre, in der. Bitte;
man möge gn dem Schlosse nicht vorübergehen, wenn
man wieder dieses Weges komme; man möge ihr die
Ehre gönnen,, die vortreffliche gnädige Frau und das
liebe -schöne Fräulein wieder einmal bedienen zu
können.-
Sie war ganz außer Athem vor Diensteifer und
vor, Bewunderung, als Emanuel die Mutter in den
Wagen hob, als Konradine ihm noch einmal die
Hand darbot.- ,Seben Sie wohl, mein Freund, ver-
gessen Sie meiner nicht!? sprach Konradine noch zu
ihm. ,Wie könnte ich das! gab er ihr zur Antwort,
und der Wagen entführte sie seinem umwölkten Blicke.
. Schweigend ging er in das Schloß und in seine
Gemächer zurück. Ulrike sah ihm nach und schüttelte-
mißbilligend den Kopf.
,Das schöne Fräulein,! meinte sie, , das wäre
eine andere Frau für den Baron gewesen, als des
Pastors Hulda!?
Sie hatte das zu ihrem Bruder und, nach ihrer
Art, nicht laut gesprochen; aber bei ihrer hellen scharfen
- Stimme ging in dem stillen Raume kein Wort davon
verloren. Emanuel. wollte, er hätte es nicht gehört,
denn, jn seiner Gewissenhaftigkeit zürnte er sich selbst
darüber, daß dies Scheiden ihm so schwer geworden
war, daß er sich des Wunsches nicht zu entshlagen
vermochte, er hätte Konradinen so gekannt wie jezt,
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He8
bevor der Schmerz zerstörend in ihr Leben eingegrifen
hatte, oder er wäre ihr gar nicht mehr begegnet.
Er ging durch die Zimmer, welche die Frauen
bewohnt hatten, er ging in das Frühstüczimmer, es
war Alles leer. Selbst als er in seine stille Stube
kam, fehlte ihm Etwas, denn die Notenhefte, die er
von Konradinen entliehen, und ein, paar Bücher, die
sie ihm gegeben, lagen nicht üiehr an derselben Stelle:
Er sezte sich an den Schreibtisch nieder und fing in
seinen Papieren zu kramen und sie zu, ordnen an,
aber er hatte auch dazu keine Ruhe. Er war kieder-
geschlagen und traurig, und der Tag kam ss, langsam
herauf.
Er sah in tiefem Sinnen in das Moigengrauen
hinaus. Wie Schatten- zogen die Gedanken an ihm
vorüber. Er, bemerkte jeden einzelneni und konite sie
doch nicht festhalten-- und hätte-er's Pekonnt, er
hätte es nicht gewollt..
Als die Hähne zu krähen dnfingen, als der Sturm
sich draußen legte und der gelblich blasse Schein am
Horizonte sich zu färben und zu röthen,i und als es
-dann im Osten über dem Meere flammend aufzuleuchten
anfing, wurde er endlich freier. - Er mußte aufathmen,
er mußte eine Pause machen, ehe er weiterleben konnte,
und wie er sich niederwarf, um womöglich noch eine
Stunde der Ruhe zu genießein, sagte er, ohne es zu
wollen: , Das ist nun vorbei!? - Er erschrak, als er
die Worte hörte.
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Kapitel 30



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Dreißigstes Gapites
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Da ihm die Ausfahrt nicht Schaden gethan hatte,
wollte Emanuel am Mittage abermals nach der Pfarre
hinüber, um Hulda zu sehen. Er war sicher, daß sie
nach ihm - verlangen mußte. Denn er selber- fühlte
das Bedürfniß, das gestrige Erlebniß in einem neuen,
friedlichen Beisammensein aus ihrer Seele zu ver-
scheuchen. Sich und sie wünschte er zu beruhigen. Er
hoffte zum erstenmale auf ein eigentliches Gespräch
mit ihr, zu dem es bisher nie hatte kommen können,
und er wollte, nun sie auf dem sicheren WZege dex
-Genesung war, auch endlich die übliche Zusage ihres
Vaters fordern, welche derselbe bis dahin zu geben
wermieden hatte, weil, wie er gesagt, des Menschen,
Entscheidung nutzlos sei, ehe Gott nicht selbst ent-
schieden- habe.--
-- Gegen alle seine Gewohnheit kam der Pfarrer
aber schon in den ersten Morgenstunden zu Emamuel
in das Schloß. Er sagte, es habe sich ihm öurch den
Postmeister eine Gelegenheit zu der Fahrt geboten,
und er habe sie sofort benüzt, um Emanuel zu sprechen,

85
um sich mit ihm zu verständigen, und ihm und seinem
Kinde neue Aufregungen zu ersparen.
Es war eine Reihe von Tagen vergangen, seit
Emanuel den Vater nicht gesehen hatte, und er fand
ihn auffallend verändert. Erst jetzt, da er ihn zum
erstenmale nach der Unglücksnacht in den Kleidern vor
sich sah, welche der Pfarrer außerhalb seines Hauses
zn tragen pflegte, benerkte .er, wie der-bis dahin
immer noch rüstige und verhältnißmäßig. wohlerhaltene
Mann verfallen und abgemagert, wie der sonst so -
helle Glanz der alten Augen matt' und trüb geworden
war. Es lag unverkennbar ein schwerer Druck auf
ihm, der nicht allein von der Trauer um die perlorene
Lebensgefährtin stammte. Emanuel. konnte sich nicht
enthalten, es dem ihm sehr werth gewordenen Manne
auszusprechen, daß er ihn angegriffen finde, und wie
er sich getröste, daß Ruhe und Pflege und die Gunst
eines milderen Himmelsstrichs herzustellen vermögen
würden, was Sorge und. Leiden ihm genommen
hätten.
Der Pfarrer sah ihn freundlich än. ,Ja, sagte
er, , ich habe das gleich gefühlt; um solches Geschick
ungebrochen zu ertragen, muß man jünger sein. Für -
mich alten Mann war es allzu schwer. Aber der Herr
hat mich doch nicht sinken lassen. Ich habe mein Amt
versehen können bis auf diesen Tag, und ich hoffe,
Gott wird mir dazu auch die Kraft verleihen,' bis an
mein Ende, das mir -ja nicht ferne sein kann.'!
Emanuel wollte dieser Voraussicht keinen Glauben
schenken. , Lassen Sie mich hoffen, mein Freund,!

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sprach er mit Wärme, ,daß Sie sich über ihre Kräßte Z
täuschen, und eben deshalb lassen Sie es uns be-
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denken, ob es nicht gerathen für Sie wäre, Ihrer
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anstrengenden Amtsthätigkeit baldigst zu entsagen, um
fortan in beschaulicher Ruhe mit uns zu leben, und- j
Ihrer Tochter den Schmerz der Trennung zu er-
spären;!

Dee Pfarrer machte eine leise abwehrende Be-

wegung mit der Hand. , Nicht weiter, Herr Baron!?
bat er. , Nöthigen Sie mich nicht, Herr Baron, däs
großmüthige Anerbieten, welches Sie mir, für Hulda
und auch für mich zu machen denken,' mit aus-
gesprochenem Worte abzulehnen. Führen Sie mich
nicht in die Versuchung, mich in der Schwäche meiner
Vaterliebe gegen die große Dankbarkeit zu versündigen,
welche wir seit drei Menschenaltern der gräflichen
Famile schuldig geworden sind, oder dem Wunsche
meines Kindes zuliebe meiner Pflicht untreu zu werden,
und wie ein fauler Knecht von dem Posten fortzugehen,
die Arbeit aus der Hand zu legen, ehe der Herr
mich abruft, der sie mir zugewiesen hat. Ich kann
- nicht-darein willigen, daß meine Tochter Ihre Frau
- wird, und ich darf ebenso wenig daran denken, mein

Rra ErE
- -. köünen.s n
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meine Absichten, seit der ersten Stunde, in welcher sie
in mir rege geworden waren.!
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n ,Aber Ihre Tochter liebt mich,! fiel Emanuel
ihm in die Rede, , und Sie kannten meine Wünsche;


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,Ihr Vorwurf ist gerecht, ich habe ihn mir selbst
gemacht,! entgegnete der Pfarrer sanft, ,und gerade
heute war ich gekommen, Ihnen mein Verhalten zu
erklären, für meine Schwäche die Verzeihung von -
Ihnen zu erbitten.! Er hielt inne, als falle es ihm
schwer zu sagen, was ihm noch zu sagen blieb. ,Ich
war überwältigt von dem Schlage, der mich getrofen
hatte, als Sie Hulda zu mir brachten', hub er darauf
an. In solchen Augenblicken sieht man über ldie nächste
Stunde nicht hinaus. Dann brach mir auch das Kind
zusammen, und weil Hulda in ihrer Krankheit bitterer
Noth so angftvoll nach Ihnen, und immer' nur nach
Ihnen rief, weil ich an ihrem Aufkommen verzweifelte
und weil es mir auch selbst ein Trost war - ich klage
mich dieser Schwäche offen vor Ihnen an -- daß Sie.
mit mir Vereinsamten um das liebe junge Leben
trauerten und sorgten, that ich und ließ ich geschehen,
was ich nicht hätte zugeben dürfen, und was die Frau
Gräfin in dem, Briefe, den sie mir auch an' diesem
Neujahrstage nicht entzogen hat, mir mit Recht zum
Vorwurfe macht; denn sie hatte es mich gleich anfangs
wissen lassea, daß sie dieser Verbindung nicht geneigt
sei, und sie konnte-es auch nicht sein.! --:
- - Troz der Demuth, mit welcher, der Pfarrer zu
ihm sprach, kränkten seine Worte denBaron, wwährend
die Gewißheit, daß seine Schwester heimlich seinenn
Wünschen entgegengearbeit hatte, ihn obenein beleidigte
und reizte. , Sie übersehen in Ihrer Anhänglichkeit
an Ihre Patrone, wie mich dünkt; mein Freund, daß

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-
-
es sich hier um mich und nicht um die gräfliche Familie
handelt!' sagte er mit Lebhaftigkeit.-
. ,Ich weiß das, Herr Baron! Aber darf ich
der Gemeinde Entsagung, Selbstbeherrschung, Deniuth
predigen-=!
-- ,Ihre Demuth schließt ein stolzes Selbstgefühl
nicht aus!' warf Emanuel ihm ein.
Neber des Pfarrers bleiches Antliz flog ein leises
Roth, und die Augen zu dem Baron erhebend; sprach
er. ,Könnten Sie dies Selbstgefühl Demjenigen miß-
gönnen,' der sonst nichts Anderes besizt? Dder soll
ich Denen, von welchen ich Gutes empfangen habe
mein Lebenlang, mein einzig Kind aufdrängen, das
-
sie. nicht unter sich aufzunehmen wünschen?? - -
==E. -
Unterredung' steigerte; , meine Frau wird nie die
Schwelle eines Hauses überschreiten, in welchem man
sie nicht mit offenen Armen und offenen Herzens auf--
nimmt.! -
,Gewiß nicht, Herr Baron, aber das ist es ja
eben. Soll: der Bund Ihrer Ehe über den Trümmern
einer schönen, heiligen Geschwisterliebe, eines ein-
trächtigen, würdigen Familienlebens aufgerichtet werden?
Es ist ja nicht die Frau Gräfin allein, es. ift ja auch s
- Ihr verehrter Bruder, von welchem Siesich loszureißen,
es sind großer Besiz und große Vortheile, die in
Ihren Händen einst für Viele nutzbar wwerden könnten;
denen Sie zu entsagen hätten, um eines jungen Kindes ;
willen, welches Sie für solche große Dpfer nicht ent-

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IW
schädigen kann. Das hat Hulda gestern in ihrer auf-
zuckenden Leidenschaft instinctiv gefühlt, das wird sie
immer wieder fühlen neben den Frauen Ihres Standes-
und Ihker Lebenskreise.
, Ich wußte, was ich that,! entgegnete ihm
Emanuel, ,als ich mich entschloß, ein so junges
Mädchen in meine Zukunft aufzunehmen. Ich kenne
auch die Aufgabe, welche diese Wahl mir stellt; aber
ich kenne ebenso auch Hulda und weiß, daß es mir
gelingen wird, ihre Fortentwicklung glücklich zu voll-
enden. Haben Sie doch einst in Ihrer Ehe das
Näämliche vollbracht.
Der Pfarrer schüttelte ablehnend das Haupt.
,Nicht das Nämliche! Ich stand ganz allein, ich hatte
keine Angehörigen, die meine Wahl betrübte, die ich
zu opfern, von denen ich mich abzutrennen hatte. Die
angebornen Bande der Verwwandtschaft zerreißt man
nicht, ohne sein Herzblut daran zu setzeno. Ich habe
gerade deshalb der Frau Gräfin erst vor. wenigen
Tagen freiwillig und aus eigener Neberzeugung ein-
geräumt, daß Ihre Verbindung mit meinem Kinde
nicht zu wünschen ist, daß ich nicht in dieselbe willigen
werde. Und Sie werden doch nicht wollen, Herr
Baron, daß ich an des Grabes Schwelle zum Ver-
räther werde an meinem freiwillig gegebenen Worte
und an meiner Gönnerin?? --
,Eieber zum Verräther an des eigenen Kindes
Glück! Lieber zum Verrääther an dem Manne, der
Ihnen wie ein Freund vertraute, Ihnen eines Sohnes
Herz entgegenbrachte!r rief, empört über des Greises

gwwwenFprre- --
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demuithige Gewaltsamkeit, Emanuel. zornig aus, und
es flammmte,da män sie ihm versagen wollte, diejtärke
Zuneigüng, idie er für Hulda gefühlt hatte, wieder so
mächtig in ihm auf, daß er darüber der abweichenden
Enipfindungen, derr verwirrenden- Erlebnisse seiner
letzten! Tage gar nicht-mehr gedachte.
--i -Der,Pfarrer? neigte sein Haupt vor jenen Worteni.
,Ich war gefaßt auf -diesen Vorwurf, auf Ihren Zorn;
und ich -wiederhole es, ich verdiene ihn für meine
Schwäche!k: sagte er. Das entwaffnete Enanuel, und
Vergebung für, sich selber fordernd, reichte er dem
Greise seine Hand. Der Pfarrer hielt sie fest. .. ?
FLassen Sie dasn einenHaidschlag,. lassen Sie
es-eine Zisage: sein, bat. er dringend, ,daß Si?
meiner MchnungIcolgen. -Vertrauen Sie mit mir,
daß Gott-miriidie Kraft. verleihen werde, mein Kind
auf deüi-Weg undin-die Bahnen zurückzuführen, die
es nie' Lerlassen haben würde, hätte ich dem. besorgten
Sißne.seiner klugen;nhfrömmen -Mutter mehr vertraut
als meinext Einsicht, und als des jungen Kindes welt-
lichem Verlangen.? -
n -iEmanuel hatte ihm die Hand entzogen. ,Das
Veösprechenr gebe ich nicht und Sie dürfen es nicht
fordern!k- sagte: er. ,Sie dürfen Hulda, Sie. dürfen
unsnicht dahin bringen! =- er' hielt inne und jagte
dann: , eine Hoffnung an: die Stunde zu knüpfen,
die :Sie uns,' dereinst entzieht. Drängen Sie das
theure Mädchen nicht zu der' Wahl zwischen seiner
Kindespflicht und seiner Liebe, zwischen mir undIhnen.
Das dürfen unds das werden Sie nicht thun.!
-?

--
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,Nein,' entgegnete der Vater, ,,nein! Auf diese
Probe durfte ich sie allerdings nicht stellen, und -ich
habe es auch nicht gethan.'!- Emanuel verstand
nicht, was er damit sagen wollte.
,. Heute in der Frühe,' hub darauf: der Pfarrer
wieder an, ,,hat meine Tochter nach mnir;'verlangt.
Sie wollte mir ihr Herz ausschütten, wolte mir be-
kennen, welche wilden Leidenschaften gestern. in ihr
aufgestiegen waren. Sie wollte Ihnen schreiben und
dem Fräulein schreiben, Beide um Verzeihung an-
gehen. Da habe ich zu ihr gesprochen j in: meiner
doppelten Pflicht, als ihr Vater und als dex iMann,
dem Gott die Sorge für ihre junge Seele anvertraut hat,
und Gott ist mit mir gewesen und mit meinemr Worte!'
, Weiter, weiter!'' rief Emanuel, dem; die zu-
versichtliche Gelassenheit des Greises marternd das
Herz bedrückte. Sie haben Hulda zum - Entsagen,
zum Verzichten hingedrängt!!!-
- -
,, Ich habe sie nur daran erinnert, daß mein Amt
mich nach des Herrn Rathschluß an dieser Stelle fest-
hält. Ich habe sie daran erinnert, daß ich alt und
einsam bin.. Ich habe: sie gebeten, nicht von ihrem
alten Vater fortzugehen, und das hat sie mrir ver-
- - -
sprochen!'
Ein schweres, hartes Wort der, Anklage schwebte
auf den Lippen des Barons,, nur die Achtung vor dem
greisen Manne hielt es zurück. - Er- stand auf; und
wendete sich von ihm, seiner Erregung Herr zu werden,
seine Gedanken erst zu sammeln und zu klären. Bald
dünkte ihm die Handlungsweise des Pfarrers erhaben

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und verehrungswerth, dann wieder erschien sie ihm wie !
eine Arglist; wie eine jesuitische Berechnung, zu der
die. Gräfin ihm die Anweisung gegeben habe. Tiefes
Mitleid mit Hulda, deren Liebe er gewiß war, Miß-
trauen? gegen ihren Vater und gegen die Kenney,
zornige Empörung gegen seine Schwester wechselten in
rascher Folge in ihm ab. Nur das Eine stand in
ihm fest, wie Hulda den Bann von seinem Sinne
genommen, so mußte er jetzt sie befreien aus den
Banden einer Entsagung, von der, wie er überzeugt
war, ihr Herz Nichts wußte, und die auf sich zu nehmen
man sie' nur in ihrer jetzigen Schwäche überredet haben
konnte.
- - Er sagte dem Pfarrer, daß er Hulda sprechen
müsse, und daß er sich jedes Urtheiles enthalten wolle,
bis er sie gesehen haben würde. Der Pfarrer ent-
gegnete, Hulda habe auch nach ihm verlangt, aber sie
bäte ihn, erst am nächsten Morgen zu ihr zu kommen,
die- Unterredung mit demVater habe sie angestrengt
und sie bedürfe noch des' Ruhens. -
e- Der Aufschub mißfiel Emanuel. Er besorgte, da
sein Mißtrauen -rege geworden- war, daß der Vater
ihn'benützen' werde, Hulda in ihrer von ihm angeregten
Geistesrichtung zu befestigen; doch durfte er nicht daran -
denken, die mühsam Genesende einer Anstrengung aus-
zusezen, der sie sich nicht gewachsen glaubte. Er mußte
sich also noch einmalzu jenem Abwarten entschließen, das
durch alle die Monate so schwer auf ihm gelastet hatte;
däs''ertragen zu haben er sich vorwarf, während er
doch bis zu den allerletzten Tagen kaum eine andere

88s
Wahl oder die Möglichkeit eines entschiedeneren Han-
delns besessen hatte.
Als der Pfarrer sich entfernen wollte, hielt
Emanuel ihn noch zurück. ,Ich hatte gehofft,. sprach
er, , daß nach dem heutigen Tage unsere Zukunft eine
gemeinsame sein sollte und daß wir in gegenseitiger
Neigung einander stützend, tragend, fördernd verbunden
sein würden. Mit Ihnen gemeinsam hatte ich Hulda's
schöne Natur heranzubilden'' üid üiis an ihrer Ent-
faltung zu erfreuen gedacht. Mit Hulda! vereint hatte
ich Ihr Alter zu verschönen gewünscht. Nun drängt
- verzeihen Sie mir, daß ich es Fage- Ihre, vor-
urtheilsvolle Unterwerfung unter die Gräfin- mich
zu einem Kampfe, bei dem, ich nicht für mich allein
einzutreten, habe, und. bei welchenich guf IhreRedlich-
keit vertrauen muß. Sie haben Ihrer Tochter Herz
in Ihrer Hand. Sie sehen sie heute und ich bin fern.
Wer bürgt mir - dafür, gvie Sie diese Freiheit gegen
meinen Wunsch, benüzen?-- Wollen Sie. mir ver-
sprechen, Hulda sich, selbst und ihrem--eigenen Nach-
denken und Empfinden zu, überlassen, bis ich morgen
komme und sie: selber spreche?-
Der Pfarrer sagte- ihm das mit einen Hand-
schlage zu.
-- --- -
,,Dannn bin ich ruhig!'sprach Emanuel, und so
schieden sie von einander. -
-=-e,

Kapitel 31

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-- Einundreißigstes Papites,
- - ==== -
-- Ein Tag und eine? Nacht sind eine lange Seit,-
wenn mans sie wie Emanuel' einsam -mit sich und
seinen Gedanken hinzubringen hat, und er war froh,
als! er amMorgen sich endlich auf den. Weg' machen
konnte. ?. -
Der Tag war hell;; die Luft von wundervoller
Klaxheit.I Er selber hatte sich aus der Trübe' heraus-
gerungen, welche seit gestern auf: ihm gelastet hatte,
und- da er, rückblickend auf die hier im Schlosse ver-
lebte Zeit und: auf sein ganzes Verhältniß zu Hulda,
zu jenem freien Neberschauen! der Zustände gelangt
war, mit welchem man der befriedigenden Entwicklung
einer Dichtung entgegensieht, wenn die Träger der-
selben, von keiner wirklicheit Schuld beladen, zur Er-
kenntniß ihrer Irrthümer und ihres eigentlichen Be-
dürfens und Verlangens gekommen sind, so fühlte er
sich gewiß, auch das geliebte Mädchen über sich selber
beruhigen und aufklären, und Alles zu einem glück-
lichen Ende führen zu können.

885
Als er in dem Pfarrhause anlangte und in die
Stube eintrat, kamen der Vater und Miß Kenney
ihm zugleich entgegen. Sie waren Beide schwarz
gekleidet, wie zu einer feierlichen Handliüng, und sahen
heiterer aus, als er sie in allen diesen letzten Monaten
gesehen hatte. Es lag, eine wahre Sonntagsruhe über
den beiden alten Gesichtern.: Sie drückten. ihn mit
ganz besonderer Herzlichkeit die Hände; sie sagten ihm
Beide, wie wohlaussehend und wie ruhig er Hulda
heute finden werde, aber es war in dem Allem eine
Geflissentlichkeit, die ihn besorgt und unbehaglich
machte.
Der Vater selbst führte ihn zu Huldä und ließ
ihn dann mit ihr allein. Sie saß, von Kissen gestützt,
aufrecht auf ihrem Lager, ihre iAugen voll aufn ihn
gerichtet. Ihre Stimmenhatte schon:wwieder den r alten
schönen Klang, als sie ihn'willkomien: hieß, aber sie
reichte ihm nicht wie sonst die Hand entgegen. - Es
war etwas Fremdes in ihrer Haltung. Wie Emanuel
sie jetzt vor sich sizen sah, fielen ihn die Worte
Shakspeare's ein:,Sie sizt wie die Geduld auf einem
Grabdenkmal.r'
Er sprach es ihr aus, wie es ihn gefreut. habe,
zu hören, daß sie sich gut befände, und er wollte sie
dazu, ie stets, umarnen. Sie' aber hielt ihn mit
sanfter Abwehr von sich ferne.
,. Ja, es ist mir wieder wohl,. sagte sie?,Es
war so lange her, daß ich nicht mehr beten konnte.
Alle die letzten Wochen im Schlosse nicht!-- Dann
kamen meiner armen Mutter Tod und meine Krankheit!

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88s
Ich war gar nicht mehr ich selbst, und vorgestern vollends
nichtl'? sezte sie sanft hinzu indem sie die Augen
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schüchtern- zu' ihm emporhob.
.- Er:bat, sie möge nicht mehr daran denken. Er
allein träge die Schuld. Er habe Unrecht gethan, das
Fräulein: zu ihr zu' führen, Konradine habe das auch
selbst gefühlt; pindeß,. fügte er hinzu, lass' Dich's
nicht geregen, daß. die Leidenschaft Dich übermannt;
konnte ich doch die: Stärke Deiner Liebe daran er-
messen.'!.
-,,Nein,' versetzte sie,,,es war Alles gut und Gott
hat es ja auch zugelassen, damit ich Alles einsehen
lernte. Sie sah gedankewvoll vor sich hin und sprach
danach: ,Ich sagte es Ihnen schon neulich; seit ich
meine Sinne erst wieder zusammenhalte, kam mir
es uimmer wiei ein Traum und' ganz unmöglich vor.
Als:ich dann neulich das Fräülein mit Ihnen sah,. so
schön, so: vornehm wie,. die junge Fürstin; und jah
dann auf mich selbst. = da!? sie stockte, nahm sich
zusanimen und sagte dann mit Neberwindung - , da
wußte ich, daß es nicht sein könne --- und das brachte
mich so außex mir.!
,,Hulda!'' rief Emanuel in gerührtem Staunen
über ihre Charakterstärke. und Seelengröße, ,,besinne
Dich doch, Mädchen! Du sprichst zu mir, zu mir, der
sich Dir anverlobt hat, der Dich liebt! Dein Herz
weiß Nichts vgn Allem, was Du mir jeyt sagst. Sieh',
ich bin ja hier'! er schlang seine Arme um sie -
,und hast Du denn vergessen, ,,daß Du meine Braut
bist? : Hast Du das Alles ganz vergessen?
1

A
, Ja!'' versezte sie, , Alles hatte ich vergessen ---
Alles!- Aber das ist nun vorbei, denn mein Vater
hat mir es wachgerufen durch sein Wort. Ich habe
nur an mich und an mein Glück gedacht, und nicht
an ihn und meine Pflicht und seine, Ich kann nicht
von ihm fort.r!
Sie trocknete sich die Augen, ihre Stimme wurde
matter. Emanuel sprach ihr mit sanftem Worte
dringend zu. Er wünschte sie zu überzeugen und
wollte ihr doch keine Aufregung veranlassen. Sie
hörte ihm zu, sie lächelte zu seinen Woxten; aber als
er meinte, sie überredet zu haben, schüttelte sie ab-
lehnend das schöne Haupt.
,,Es kann nicht,i sprach sie,,,es kann nicht sein.
Ich hatte keine Ruhe seit der Stunde, in der meine
Mutter umkam gmnnd nach mir xief -- einmal, zwwei-
mal. Ich sagte es ja dgmgls gleich. In allen den
langen Nächten voll schreclicher Gebilde kam es wieder
und immer wieder. Ich hörte jie rufen und rufen
--- auch neulich am Tage, als Sie fortgegangen waren
und ich schlief. Sie hat es nicht gewollt, daß ich aus
dem Pfarrhaus ginge, sie könnte es: jetzt noch weit
weniger wollen, und mein-Väter will es aüch nicht.r
,, Dein Vater ist bejahrt!'' wendete Emanuel ein.
, Das gerade ist es!'' xlef sie. , Er kann von
seinem Amte nicht fort. Wie könnte ich also von ihm
gehen, da er Niemanden hat als allein mich? Wie
er mir das gesagt hat und wie mir es wieder ein-
gefallen ist, daß meine Mutter mich im Traume ihm
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. l.

s
888
angetraut hat - da habe ich es gefühlt - ich kann
nicht fort von ihm.'
, Und mich, mich willst Du lassen? fragte
Emanuel, der sich überzeugt hielt, daß Hulda aus
dem Bereiche der Phantastik, in den sie wieder hinein-
gerathen war, sich zurückfinden würde zu ihm und
seiner Liebe.,Hast Du mir nicht Dein Herz ge-
schenkt, hast Du mich nicht befreit von dem Unglauben
an mich selbst? Liebst Du mich denn nicht mehr?'
- ,Alch!'' stieß sie hervor mit einem Tone, der ihm,
bis in das Herz drang; aber im nächsten Augenblicke-
ergrif sie seine Hände, und sie an ihre Brust drückend,
flehte sie:,Machen Sie es mir nicht schweret, es-
ist schwer genug. - Wenn er stürbe,' fuhr sie lebhafter
fort, ,wenn er mich riefe in seiner lezten Stunde,
wie die Mutter mich gerufen hat, und ich wäre nicht
bei ihm, der Niemanden hat als mich- es würde
mir nicht Ruhe lassen mein Lebelang, auch im Paradiese
nicht! Ich hatte ßeute das Abendmahl genommen,
ich hatte Verlangen danach, und mein Vater hat es
mir gereicht. Da habe ich mir gelobt und ihm in
seine Hand gelobt, nicht von ihm zu gehen, und für
ihn zu leben = für ihnn ganz allein -- und nicht für
mich!?- setzte sie mit unterdrücktem Weinen still
hinzu -- ,so lange Gdtt ihm noch das Leben schenkt.!
- Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Er
wußte sich keinen Rath. Er hatte sie nie mehr geliebt als
eben jetzt und durfte doch bei ihrer eigenthümlichen
Geistesrichtung nicht daran denken, in diesem Augen-

89
blicke mehr in sie zu dringen. Er fühlte das tiefste
Mitleiden mit ihr.
Er sah sie einsam in dieser Dede, an des Vaters
Seite Tag um Tag, und vielleicht Jahr um Jahr
trauernd und verblühend in aufgezwungener Entsagung,
und er sah auch in die eigene Zukunft, und sie kam
ihm farblos vor nnd leer, da die schönen Plane nnn
zusammenbrachen, mit denen ex sie ausgefüllt.
Wie er noch so dasaß, ihre Hände in den seinen,
trat der Pfarrer ein. Emanuel- machte eine leise Be-
wegung, Hulda glaubte, er wollte sich entfernen, und
die Augen weit öfnend in starrem Schrecken, rief sie:
,Du gehst, Emanuel?
,Sage, daß Du mir folgst -- und ich bleibe!
entgegnete er voll Liebe.
,Seien Sie barmherzig!! mahnte der Vater.
,Stellen Sie sie nicht auf jene harte Probe, die Sie
selber grausam nannten. Sie war ruhig, seit sie sich
zu ihrem Heiland hingewendet hatte, und sie wird den
Frieden in sich finden, wenn kein neuer äußerer Anreiz
sie mehr stört.
Hulda hatte die Hände gefaltet, ihre Augen hin-
gen an Emanuel, aber des Vaters Worte und ihr
Schweigen schnitten ihm durch das Herz. Er erhob
sich, um zg gehen, Hulda streifte mit zitternder Hand
den Ring vom Finger, den er ihr gegeben hatte.
Davor konnte er sich nicht halten.
,Nein! rief er, ,nein! wir scheiden nicht für
immer! Der Ring sei Dir ein Pfand! wir sehen uns
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840
wieder!?- und einen Kuß auf ihre Stirne drückend,
eilte er hinaus.
Er hörte nicht, was der Pfatter, der ihn geleitete,
zu ihm sprach, nicht wie Miß Kenney ihm mit sanf-
tem Wört versicherte, er möge ihr in voller Zuversicht
das theüre Mädchen überlassen. Er war in das Schloß
gekommen und in seine Zimmer, und die Augen der
Geliebten, die so thräneiischwber, so schmerzvdll an ihm
gehgngen' hatten, und die Lippen, die der Schmerz
zusammengepreßt und die sich nicht' zu öffnen' gewagt
hatten, er säh sie imnier vor sich. Er wai traurig
bis in däs tiefste Herz. Schöne, saifte Hofnungen,
in denen er sich gewiegt, waren ihm zerstört worden,
und auch der Glaube an die Seinen war für ihn zer-
stört. Er grollte ihnen, dem Pfarrer, der Kenney,
sich selbst und seinem Schicksal; und dazwischen dachte
er, die echte Liebe, die Liebe, wie er sie in Hulda zu
besizen geglaubt, wie er sie ihr zugetraüt hatte, der
würde kein Eid und keiiies Vaters Machtspruch den
Mund geschlossen haben, die hätte nicht geschwankt
zwischen dem Vater und zwischen dem Geliebten, wenn
dieser bittend vor ihr gestanden hätte, jo wie er. Und
wenn er dieses dachte, ward ihm das Herz noch' schwerer.
Er ließ den Diener kömmen, befahl zu packen
und Mlles für die Abreise herzurichten. Hier hatte er
jetzt Nichts mehr zu erwarten und zu hoffen, hier war
seines Bleibens nun nicht mehr.
In wenig Stunden war Alles geordnet und ge-
thän. Es war gegen den Abend hin, als seine Kalesche
voufuhr. Er ging noch einmal durch die lange Zimmer-

H41
reihe, wie an dem Tage, an welchem er die Gräfin
und larisse hier erwartet hatkei Es kam ihm vor,
als lägen Jahre zwischen jenem Sommertage und
dieser Abendstunde, so weit' war der Schmerz, der auf
ihm lastete, von dem rühig entsagenden Gleichmuthe
entfernt, mit' welchem er in diese Gegend und in das
Schloß gekommen war. Heute begrif er die Ent-
muthigung und den -Widernillen, mit welchem Kon-
radinie daran - dachte, in die Welt und in' die Gesell-
schaft zurückzukehren - uid doch - auch die Ein-
samkeit ward ihm hier zu eiiier Tual! -
Der Aintmann und Ulrike fehlten natürlich auch
an diesem Nachmittage nicht. Die Abreise des Barons
hatte Beide' überrascht. Es war vorher' die Rede nicht
davon gewesen, es war auch kein Brief gekommen,
auf dessen Nachrichten man die plözliche Eütschließung
hätte schieben können. Maisell Ulrike sagte, man
komme sich ganz dunnim vor, wenn man so Etwas ge-
schehen sähe, ohne doch zu wissen, was es zu bedeuten
habe. Der Antnnänn meiite, was nicht seine Sache
sei, darüber mmache er sich keine Sorgen, aber gut und
gerathen sei es' freilich nicht, daß -der Baron bei dieser
Kälte reise.
. -
Ulrkke wendete sich an den. Kammerdiener. Er
gab ihr keine Auskunft. Er war zu gut geschult
und seineni Herrn zu ergeben, umi sich gegen Fremde
auf seine Vermuthungen einzulassen.
Ehe der Baron zu seinem Wagen ging, ließ er
Ulrike zu sich rufen und legte ihr dringend die fort-

Bsc
gesetzte Fürsorge für Hulda an das Herz. Es solle
Mlles für sie geschehen und geliefert werden wie bisher.
. , Gewiß, gewiß, Herr Baron,' fiel, die Mam-
sellihm freudig ein, weil sich ihr damit die Möglichkeit
zu einer Frage aufthat. , Herr Baron jollen sich bei
Ihrer Rückkehr äberzeugen, daß ich das Meinige gez
than habe. Aber wann denken der Herr Baron denn,
wieder zurückzukehren, damit man sich doch danach
richten kann? sezte sie neugierig und diensteifrig hinzu.
,Ich werde es Sie wissen lassen!!. entgegnete ex, -
,Man wird es ja auch im Pfarxhguse erfahren
können, denn dahin werden der Herr, Baron ja schrei-
ben!?, mpeinte die Mamsell.-
- Kr gab darauf nicht Antwort. Ulrike wurde stutig.
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Als zr fortgefahren war, als man das Hofthor
schloß und ,sie noch auf der Raywe neben dem ßruder
stand, zog. sie ihr Gesicht,in. Falten, daß der Amtmann
dachte, fie; fange, an zu weinen, was sie doch immer
nur vor ;erger that. -
,Ordentlich wie ein Todtengräber kommt man
sich por, wenn Einer nach dem Anderen geht, und
man. sieht-ihm nach und schließt- hinter ihm Thor
und Thürengu!' klagts sie. ,Still wird eOnun wie-
der; werden hier, -bei uns; und Ruhe wird man
haben und Zeit mehr als genng. Aber,! setzte sie rasch
hinzu und Iit ihrer, Rührung war es vorüber, ,mit
dem Baron und Deiner, Mamsell Hulda, Bruder, ist
es aus. Gestern mit einemmale früh Morgens der
Pastor hier im Schlosse! Heute der Baron in aller
Frühe schon wieder in der Pfarre - und nun mit
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einemmale bei der Kälte fort, und gleich heute noch
auf und davon; und keine Ankwort, als ich sagte, daß
er doch nach der Pfarre schreiben würde! Nicht ein-
mal ein Gewiß! oder ,Ja freilich, freilich, Mamsell!
Da steckt etwas dahinter. Mit der vornehmen Heirath
ist es vorbeil?
Bist Du schon wieder auf der Unglücksjagd? Be-
halte Deine Weisheit doch für Dich, bis man sie von
Dir fordert!! zürnte der Amtmann, und sie hörte es
ihm an, daß es gerathen für sie sei, zu schweigen, und
so wie er selber ihres Weges zu gehen.
Emanuel aber fuhr schwermüthig und brütend
in die sinkende stille Nacht hinaus, über die weite,
unabsehbare Ebene hinweg, die der Schnee farblos und
kalt bedeckte; und in der Pfarre wgchte die arme Hulda
die ganze Nacht hindurch auf ihrem Lager und ver-
suchte es vergebens, sich an ihrer Pflichterfüllung empor-
zurichten, und vorwärts zu blicken auf den Weg durch
das Leben, das auch so kalt und farblös und so un-
übersehbar lang und traurig vor ihr lag.
Ende des ersten Bandes.
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