Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Band 02
Titel

Die Erloserin
Roman -
von-
Fanny Lewald.
Zweiter Band.
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Das Recht ber Lebersezung ist vorbehakten.
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On7D
Ferlin, lo==-
Druck und Verlag von Otto Janke.

Kapitel 01

Grsies Gapites!
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Emanuel hatte sich bei seiner Reise nur die un-
abweisliche Ruhe gegönnt, und doch war an den glück-
lichen Ufern des Genfersees der Frühling schon im
Erblühen, als er sein doxtiges Landhaus; wiedersah,
denn die Beförderungsmittel. wwaren auch für den Be-
güterten, der mit Extrapost nach eigenem Eimessen
reiste, noch sehr unvollkommen. Aber selbst der er-
freuliche Abstand zwwischen der -eisigen Starrheit des
nordischen Winters und dem lieblichen Erwachen einer
südlicheren Natur vermochte diesmal nicht, ihm das
Herz zu lösen und den umdüsterten Sinn zu erheitern.
Er hatte es vermieden, die Gräfin wiederzusehen,
sondern ihr nur angezeigt, ggß er das Schloß verlasse,
und sich dabei mit schwerer Anklage gegen ihre un-
berufenen Eingrife hn -seine Verhältnisse und Plane
ausgesprochen. Sie, hätte darauf ihre Handlungsweise
zu rechtfertigen, eine Ausgleichung und Verständigung
herbeizuführen versucht, Emanuel war jedoch für eine
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zugänglich gewesen, und des Pfarrers Absicht, den
Frieden und die Eintracht in der gräflichen und der
freiherrlichen Familie auf Kosten seines Kindes zu er-
halten, war damit mißglückt.
Das Opfer, welches er der Tochter auferlegt, hatte
Niemandem gedient, als nur der Gräfin, der es ge-
lungen war, ihre Absichten in jeder Hinsicht durch-
zusetzen. Nicht nur die Verbindung ihres Bruders
mit der Pfarrerstochter war verhindert, sondern auch
Miß Kenney und Hulda waren, wie die Gräfin es
gewünscht hatte, für die nächste Zeit zu einander ge-
führt und an einander gebunden worden, ohne daß
die Gräfin nöthig gehabt hätte, darauf mit besonderer
Bestimmung einzuwirken. Miß Kenney hatte äus
eigenem Antriebe erklärt, daß sie unter den obwalten-
den Umstäiden Hulda nicht sich selber überlassen könne,
daß sie es vielmehr als eine Pflicht erachte, in des ihr
theuren Mädchens Nähe zu verweilen, bis es sich ge-
faßt und in sich selbst zurechtgefunden haben werde.
- Es, war aber ein stilles und freudenarmes Leben,
das Hulda nach ihrer Genesung in der Pfarre führte.
Das Frühjahr war wiedergekommen, die Kirschbäume
blühten wieder Fo wie sonst, indeß Hulda's weißes
Kleid flgtterte nicht sg lustig als im verwichenen Jahre
zwischen den blühenden Bäumen auf der strafgespannten
Leine, und man rüstete sich nicht mehr auf den Fest-
besuch der Gäste aus dem Amte, die sonst in jedem
Jahre gekommen waren. Hulda saß still und einsam in
ihrer Trauerkleidung bei der Arbeit, und wenn ihre
Wangen sich auch wieder gerundet und geröthet hatten,
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so blickten ihre Augen doch nicht mehr mit der hoff-
nungsvollen Neugier der Kindheit und der frischen
Jugend in die Zukunft. Das Gewicht ihrer Erinne-
rungen hielt ihre Gedanken an der Vergangenheit fest,
und kein Tag verging, an dem sie sich , nicht fragte:
,Habe ich das Mlles denn erlebt? und wenn ich es
erlebte, wie konnie es vorübergehen gleich einem
Traumte? Wie kann er ferne von mir bleiben, da
mein Herz ihn ruft zu jeder Stunde, da sein Ring
es mir sagt und immer sagt: ,Halt feste, wie der Baum
die Aeste, wie der Ring den Deniant, Dich und mich
trennt Niemand.! -
Das Pfingstfest stand wieder vor der Thüre, aber
weder Hulda noch der Vater hatten daran denken
mögen, Manisell Ulrike zu besonderem Besuche auf-
zufordern. Sie hatte immer, wenn siegekommen war,
dem Pfarrer sowohl als Hulda wehe gethan mit ihren
Andeutungen wie mit'ihren Fragen, mit ihrem Bemit-
leiden wie mit ihrem Trösten.
Nur der, Amtmamn sprach wie früher mit ver-
trauensvoller Freundschaft in der Pfarre vor, wenn
seine Geschäfte ihn des Weges führten, und Miß
Kenney, welche nach Hulda's Genesung ihre Wohnung
in dem Gartenflügel' des Schlosses wieder bezogen
hatte, kam zum Defteren zu' ihren Freunden, da der
Amtmann ihr auf Anordnung der Gräfin ein kleines
bequenies Fuhrwerk zur freien Verfügung hatte stellen
müssen.
Hulda ging niemals nach dem Schlosse, wenn
ihre alte Freundin sie nicht gusdrücklich dahin beschied.
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Sie mochte den Vater nicht verlassen, mochte Mam-
sell. Ulrike nicht umnöthig begegnen, und die Stätten,
an denen alle ihre Erinnerungen hafteten, standen
ohnehin immerfort vor ihrer Seele. Wenn nicht eine
Liebespflicht sie in das Dorf rief, kam sie oft die ganze
Woche hindurch nicht über den Bereich ihres Gärtchens
hinaus. Sie hatte draußen Nichts zu suchen, sie hatte
auch gar Nichts zu erwarten. Und doch warkete sie
,auund wartete;von Tag zu Tag, und wie Jang ihr die
einzelne Stunde auch wurde, die Tage schwanden in
ihrer unterschiedslosen Eintönigkeit ihr so rasch dahin,
daß es sie verwunderte, wenn die Kirchenglockey, wieder
den Sonntag einläuteten, und wieder eine Woche, um
war, ohne daß eine Kunde zu ihr gekommen war von
ihm, der ihr die Welt war, ihre ganze Welt.
Die Gräfin hatte dem Pfarrer nach der Herstellung
seiner Tochter noch einmal geschrieben, ihn wiederholt
für die verständige Selbsterkenntniß und Selbstbeschrän-
kung zu beloben, mit denen er, in diesem Falle ge-
handelt, und sie hatte ihn dabei versichert, daß er und
seine Tochter in allen Fällen auf sie und auf den
Beistand der beiderseitigen Familien rechnen könnten.
Wenn Hulda etwa Plane und Wünsche für ihre Zu-
kunft hegen sollte, für welche sie einer Förderung be-
dürfe, so brauche sie dies nur auszusprechen, um der
Gewährung sicher zu sein. Indeß Hulda hatte keine
,Pläne, keine Wünsche außer dem einen, dem Niemand
mehr als eben die Gräfin entgegen war. Ihre Auf-
gabe lag eng begrenzt vor ihren Augen. Selbst die
leidenschaftliche Sehnsucht, die sie gerade in Augen-

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blicken der tiefsten Entmuthigung hinausziehen wollte
in das Leben und in die Welt, in welcher der Geliebte
lebte, in welcher ein Zufall ihn ihr entgegenführen
konnte, hatte sie in sich wie eine Sünde zu unter-
drücken. Denn Befreiung aus den Banden, welche sie
an diese Stelle fesselten, konnte ihr nur der Tod des
Vaters bringen und sie exjchrgk vor sich selber, wenn
sie sich mit ihrem hoffenden Gedanken umwillkürllch
auf dem Wege antraf, der jenseits seines Grabes für
sie anfing.
Arbeit, fleißige Arbeit, das war die Stüze, an
welche sie sich jezt- allein- zu' halten: hatte, und das
tüchtige Wissen ihresVaters wie der Schaz von Sprach-
kenntnissen, welchen ihre- alte Freundin sich angeeignet
hatte, kamen ihr wwesentlich dabei zu Hilfe. Die Ar-
beit. bewahrte sie vor- dem -Versinken, aber sie konnte
ihr doch die Flügel nicht verleihen, sich in fröhlichem
Aufschwunge zu jenemunabsehbaren Hoffen zu erheben,
wie die Jugend es bedarf, und wie das Leben in wei-
ten wechselnden Bereichen- es selbst Demjenigen er-
möglicht, der sich die Kraft. dazu verloren glaubte.
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Kapitel 02

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- Sie hatte bei ihrer Ankunft in der Residenz die
Ernennung zur Stiftsdame bereits ausgefertigt vor-
gefunden und' sich augenblicklich zur Abreise inn das.
ersten sechs Monate nach der Ernennung in der Stille
desselben zuzubringen.
. Es war ihr sonderbar zu Muthe gewesen und sie
hätte in gezwungener Fassung tdie Zähne aufeinander-
, schwarze: wollene: Kleid mik der dicken Güxtelschnur
und den weiten Aermeln, das weiße Busentuch, die
dichte, vielfaltige Haube mit dem schwarzen. Schleier
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angelegt, und das Ordenskreuz auf ihrer Brust' be-
festigt, welche sie während der Monate zu tragen hatte,
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die sie in jedem Jahr in dem Stifte verweilen mußte.
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- Konradine war glücklicher daran als Hulda.
gepreßts als sie zum erstenmale versuchsweise das

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Stift angeschickt, um, wie das Ordensgesez es heischte, die


- Iweites Gapitel!
Aber ihr eigenes Bild überraschte sie, wie es ihr aus
dem Spiegel dann entgegentrat. Die Regelmäßigkeit
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- ihrer Gestalt und ihrer Züge erschien ernster nnd rei-
ner in der strengen dunklen Tracht; für ihre hellen,

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klaren Farben, für ihr röthlich schimmerndes Haar
bildete der schwarze Schleier einen unvergleichlichen
Hintergrund; und weil sie sich in der Kleidung wohl-
gefiel, welche sie von der Gewohnheit ihrer bisherigen
Gesellschaft abschied, gab sie sich der Hoffnuung hin, daß
auch die zeitweilige Abgeschiedenheit von dieser Gesell-
schaft selbst, ihr wohlthun, und sie in der Einsamkeit -
des Klosters Sammlung und Befriedigung in ruhigem
Selbstgenießen finden werde.
Die Trennung von der Mutter fiel ihr dabei
nicht schwer. Sie hatten Beide das Bedürfniß, nur
den eigenen Neigungen zu leben. Konradine betrat
also ihre nene Heimat mit jener Zyversicht, welche man
sonst nuur gegenüber von freigewählten Verhältnissen
zu empfinden pflegte.
Das Stift war schön gelegen. Es war ein statt-
licher Bau, den die einzelnen Wohnungen der Stifts-
damen mit ihren Gärten freundlich umgaben, und der
Empfang, den man Konradinen bereitete, war dazu
angethan, ihrer Selbstschätzung durchaus zu genügen.
Es hatte natürlich in der Geneinschaft der Stifts-
damen kein Geheimniß bleiben können, durch welches
Schicksal ihnen die neue Genossin zugeführt worden
war, und ihr Antheil an Konradine hatte sich dadurch
gesteigert. Manche unter den älteren Damen, welche,
wie die gräfliche Aehtissin, auf eigene schwere Lebens-
wege zurüchusehen, oder Herzenskräänkungen zu beklagen
hatten, waren gern bereit, mit der Verlassenen, falls
sie danach verlangte, über die Treulosigkeit und den
Leichtsinn der Männer erbarmungslos den Stab zu

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brechen, während die jungen, durch die Bedeutung
ihrer einflußreichen Familien zu den Präbenden ge-
langten Fräulein, sich Konradinen mit jenem Antheil
näherten, den romantische Erlebnisse der Jugend immer
einzuflößen pflegen. Im Grunde hatte Jede von
ihnen nicht übel Lust, pie die neue Stiftsdame von -
einem fürstlichen Manne geliebt zu werden, besonders
weil Jede,sich es zutraute, ihn besser fesseln und fest-
halten und ihr Lebenslos glücklicher gestalten zu kön-
nen, als es Konradine vermocht zu haben schien.
- Indeß weder zu dem Anschluß an die Einen
noch an die Anderen fühlte diese sich geneigt, wenn
schon ihre neue Lebenslage ihr bald nicht. mehr mißfiel.
Die Sorge füx die Herstellung ihres eigenen HauE-
haltes, die dem Menschen angeborene Freude an dem
eigenen Besiz und Heerde, beschäftigten sie angenehm.
Die Möglichkeit, sich, wenn sie danach verlangte, völlig
abzuschließen, war ihr in hohem Grade erwünscht,
und ihr scharfer Verstand fand sich von der Beob-
achtung des ansehnlichen Frauenkreises unterhalten,
- auf den sie zunächst angewiesen war, während ihm
durch mannigfache Gäste und einen lebhaften Verkehr,
mit den in. der Provinz angesessenen vornehmen Fa-
milien, auch die Abwechslung nicht fehlte.
Weil Konradine durch die unruhige Reiselust
ihrer Mutter von Kindheit an ein unstätes Wander-
leben geführt hatte, that es ihr wohl, in dem Stifte
jetzt nach eigenem Ermessen ungestört verweilen zu
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ihrer Gefährtinnen durch irgendwelche Mitiheilungen
über sich selbst zu entsprechen, obgleich sie mit ihrer
sicheren Weltgewandheit und iatürlichen Gefälligkeit
Allen eine heitere Stirne zu zeigen und freundlich zu
begegnen wußte, rühmten die Aebtissin und die älteren
Stiftsdamen ihr bald nach, daß sie sich mit würdigem
Stolze zu bescheiden und zu trösten vermocht habe,
und wie ihre Fassung und Haltung einen Seelenadel
und eine Charakterstärke bekundeten, denen man die
höchste Achtung nicht versagen könne. Diese An-
erkennung wurde Konradinen für den Augenblick zu
einer sie erhebenden Kraft. Sie war an Beachtung,
an Bewunderung gewöhnt, aber dieselben hatten sie
immer nur gefreut, wenn sie sich. hatte sagen dürfen,
ihre Schönheit, ihr Geist, oder welche ihrer anderen
Eigenschaften eben dabei in Betracht gekommen waren,
verdienten die gute Meinung, die man von ihr hegte.
Denn während eine eicht zu befriedigende Eitelkeit
durch Huldigungen zu feiernder Selbstgenügsamkeit
verleitet wird, so reizten dieselben in diesem wie in
allen früheren Fällen nur den Ehrgeiz' Konradinenö
auf, und sie fand es ihrer Würde angemessener, ein
Schicksal wie das ihre mit. Fassung zu ertragen, als
der Welt das Schauspiel einer untröstlichen Verlassenen
zu geben.
Es war ihr eine Beruhigung, daß Niemand in
ihrer jetzigen Umgebung die Einzelheiten dieses Schick-
sals kannte, Niemand sie, wie die Mutter es in guter
Absicht oft gethan hatte, darauf ansah, ob sie ge-
schlafen oder ob sie in zornigen Thränen die schleichen-

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den Stunden der Nacht gezählt habe; und es währte -
denn auch nicht lange, bis sie es zu bereuen anfing,
daß sie Emanuel so tief in ihrem Herzen -hatte lesen
lassen. =- Was hatte es ihr gefrommt? Was konnte
es ihr frommen? Sie häätte ihn jezt gern vergessen
machen mögen, was sie ihm im Schlosse in leiden-
schaftlicher Erregung unaufgefordert anvertraut hatte.
Sie verstand sich jezt selbst nicht mehr in jenem
heftigen, Verlangen nach Theilnahme, das sie damals
ihm gegenüber gefühlt hatte, und da sie sich in ihrer
neuen Umgebung als einen Gegenstand der Verehrung
behandelt fand, fing die Vorstellung, daß ein Anderer,
daß eben Emanuel sie bemitleide und sie für beklagens-
werth halte, sie zu drücken und zu peinigen an..
Sie waren nicht besonders übereingekommen, daß
sie einander schreiben würden. Es hatte sich, da sie
Fich so nahe getreten, waren, ganz von selbst verstanden,
und Beide hatten eine Erleichterung darin gefunden,
sich in den Briefen. frei und völlig auszusprechen.
Emanuel, der in der Stille seines einsamen Land-
hauses ganz- auf sich und seine Erinnerungen und
Betrachtungen angewiesen war, empfand die Zerstörung
der Hofnungen, in denen er sich eine Zeit hindurch
gefallen hatte, je länger um so schwerer; und wie er
sich auch anfangs dagegen sträuben mochte, es tauchte
allmälig ein Schuldbewußtsein in ihm auf, das ihm
das Herz beschwerte.
-- Wenn er in melancholischem Sinnen auf der
Terrasse seines Gartens umherging und es sich aus-
malte, wie er Hulda in dem Schatten dieser Laurus-

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gänge umherzuführen, wie er ihrem staunenden Blicke
die Herrlichkeit dieser so lieblichen: und zugleich so er-
habenen Natur zu zeigen gehofft hatte, und wenn es
ihm dann wehe that, auf diese- erwartete Freude ver-
zichten zu müssen, so konnte er den -Ausruf nicht
unterdrücken: , Und sie, wie mag sie meiner, wie mag
sie hieher denken!? Gerade in solchen Stunden aber,
in denen seine Erinnerungen sich. mit erhöhter Zärt-
lichkeit zu dem geliebten Mädchen zurückwendeten,
konnte er es am wenigsten verschmerzen, daß Hulda's
Liebe nicht stark genng gewesen war, ihr töchterliches
Pflichtgefühl zu überwinden. Wenn er in dem einen
Augenblicke sich sagte, an ihm, an, dem unabhängigen,
lebenserfahrenen Manne, wäre. eö gewesen, das junge
Mädchen über alle Bedenken fortzuheben, es mit allen
Mitteln, auch gegen des Vaters;Willen, zu der Heirath
mit ihm zu überreden, da derlVater nachträglich über
dem Glücke seines Kiudes wohl seine Einwendungen
vergessen haben würde, so -trat gleich daneben sein
altes Mißtrauen gegen sich selber feindlich wider jene
gute Stimmung auf, und. selbst der' Stolz des alten
Edelmannes machte sich dabei -geltend.' Er fragte sich,
ob Hulda's Kindesliebe entschieden haben würde, wie
sie es gethan, hätte -eiw-schönerer Mann vor ihr ge-
standen? Nun , er sie.. nicht, mehr vor sich. sah, der
zärtliche Blick ihres Auges,, die. schmerzliche Angst und
der verzweifelnde Ton ihrer Stimme ihn nicht mehr
berührten, konnte er ;bisweilen, an ihr zweifeln. Er
konnte sich' sagen, daß es ihm am Ende doch auch
nicht zugestanden habe, um die Hand eines Mädchens

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zu betteln, dem er so große Opfer zu, bringen, dem
er einen Namen zu bieten bereit gewesen war, welchen
zu tragen die Tochter -der edelsten Geschlechter des
Landes stolz sein durften. Sehnsucht nach der Ent-
fernten und der Vorsaz, sie zu vergessen, wechselten
dann oft in rascher Folge in ihm ab, bis er in seiner
Einsamkeit wieder heimisch wurde und der lebhafte
briefliche Verkehr mit Konradinen ihm dieselbe weniger
fühlbar -zu machen begann. - -
- . Es verfloß' keine Woche, in welcher er nicht
Nachricht von seiner Freundin und Vertrauten aus
dem Stift erhielt, und jeder ihrer Bkiefe-wiederholte
es ihm, daß sie in ihren' jetzigen Verhältnissen einer
Befriedigung genieße, die sie vorher nicht gekanut, ja
die sie für eine Natur wie die ihre nicht -erreichbar
geglaubt habe. Sie sprach ihm von ihrer Leidenschaft
für den Prinzen, von ihrer ersten Verzweiflung über
dessen Untreue mit einer so klaren Ruhe, als wären
es Ereignisse, welche nicht sie selber, sondern eine
Andere in lang vergangenen Tagen betroffen hätien;
und weil sie für diese Selbstüberwindung auch die
Bewunderung ihres Freundes erntete, kam sie dahin,.
sich immer mehr in diesem neuen Standpunkte fest- -
zusetzen, bis sie sich endlich dazu emporschwang, die
' Handlungsweise des Prinzen durch die Vorstellungen
und Anschauungen erklärlich zu nennen und zu ent-
schuldigen, in denen er erzogen worden war. Sie
erkannte. es gegen Emanuel ganz ausdrücklich an, daß
der Prinz wohl eine Pflichterfüllung in einer Hand-
lungsweise habet erblicken können, die jedem' anderen,

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nicht an den Stufen eines Thrones geborenen Manne
zur Unehre und Schande gereicht haben würde. Daß
es ihrem stolzen Herzen leichter dünkte, der unab-
weislichen Nothwendigkeit geopfert, als leichthin auf-
gegeben worden zu sein, das sprach sie dem Freunde
allerdings nicht aus; aber sie versicherte ihm, daß es
ihr wohlthue, jezt ohne Sorn und Widerwillen Des-
jenigen gedenken zu können, den sie so sehr geliebt
habe; und, fügte sie hinzu, gerade darin werde es
ihr klar, daß nicht in der erwiderten Liebe, sondern
in dem Lieben, und vor Allem in dem Beruhen auf
fich selbst, das höchste Glück des Menschen liege.
Wie viel sie davon anfangs als eine Wahrheit
in sich selbst empfand, das zu, bestimmen möchte
schwierig sein; aber die Anschauungsweise, in welche
sie sich so lebhaft hineindachte, und die sie eben des-
halb auf alle ihre Verhältnisse zur Anwwendung brachte,
übte allmälig ihren Einfluß auf sie aus. Sie ward
endlich Herr und Meister über sie, und was im Be-
ginne vielleicht nur ein freiwilliger Selbstbetrug ge-
wesen war, das bildete sich im Verlauf der Tage in
ihr, zu einer Gemüthsverfassung aus, die errungen zu
haben, die behaupten zu können, sie mit Genugthuung
erfüllte. Es that ihr wohl, sich, wie sie es nannte,
wieder gefunden zu haben, wieder die alte Konradine
geworden zu sein., Sie versichexte, ihr Stiftskleid mit
wahrem Stolze zu tragen, weil es, ohne die Freiheit
ihrer späteren Entschließungen im mindesten zu beein-
trächtigen, doch eine Art von äußerlicher Schranke auf-

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richte zwischen ihr und jenen anderen unvermählten
Frauenzimmern, denen erst durch die Ehe ein Rang
und jene Selbstständigkeit der Stellung gegeben werde,
deren ihr weltliches Ordenskreuz sie jetzt theilhaftig
machen würde, auch wenn sie sie nicht durch ihr
eigenes Bewußtsein ohnehin besäße.
- Da sie die Vorzüge einer adeligen Geburt sehr
hochhielt, war sie, eben so wie ihre Mutter, von der
ersten Stunde an in' ihrem Innern dem bürgerlichen -
Heirathspläne ihresFreundes abgeneigt gewesen. Hulda's
eifersüchtiges Gebahren gegen sie hatte sie gegen die-
selbe persönlich eingenommen, und wenn sie sich in
ihrer damaligen Stimmung auch -nicht- entschieden
gegen die Absichten des Freundes ausgelassen hatte,
weil sie selber der Gewalt von Standesrücksichten
zum Dpfer gefallen war, so legte sie sich jezt in der
Beziehung keinen Swang mehr auf.
Sie machte in ihren Briefen an Emanuel keinen
Hehl daraus, daß sie die Sorge und das Bedauern,
mit denen er an Hulda denke, übertrieben finde. Sie
habe, schrieb sie ihm, nie ein besonderes Gewicht
auf die sogenannte erste Liebe zu legen vermocht.
Liebe, sei die höchste Kraftäußerung eines vollent-
wickelten Herzens, und auch das Herz müsse seine
Kraft erst üben und erproben lernen, ehe es jener
großen Liebe fähig werde, die das ganze Wesen eines
Menschen so hinnehme, daß ihr, wenn sie eine
Täuschung erleide, keine andere mehr folgen könne.
Er möge sich einmal ehrlich fragen, ob er das junge,

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kaum der Kindheit entwachsene Mädchen einer solchen
Liebe fähig glaube? ob er wähne, daß Hulda's Leben
njcht auch ohne ihn; eine sie völlig befriedigende und
vielleicht ihren Anlagen noch gemäßere. Gestaltung ge-
winnen könne? und ob er wirklich glaube, daß ein
solches junges Kind den blöden, schüchternen Traum
seines Frühlingsmorgens nicht vergessen, daß es un-
tröstlich sein und bleiben könne, wenn selbst eine reife
Frau wie sie, Ruhe und Frieden wieder gefunden
habe, nachdem ein höchstes, frei erwähltes und ihr
bereits zu eigen gewesenes Glück ihr entrissen und
zertrümmert worden sei? -
Emanuel blieb ihr, und wohl auch sich, die be-
stimmte Antwort auf diese Frage schuldig. Es war
nach der Kenntniß, die er von Hulda's Eigenartigkeit
besaß, ein Etwas in ihr, was sie von anderen Mäd-
chen unterschied. Die spröde, tiefe Innerlichkeit ihres
völlig unentweihten, Herzens verbot ihm, den -gewöhn-
lichen Masßstab an sie zu legen.. Was für hundert
Andere richtig sein konnte, fand keine Amwendung auf
sie und ihre glaubens- und vertrauensvolle Weltfremd-
heit.= Aber er stand mit Konradine in einem un-
ausgesetzten lebhaften Verkehr, und Hulda war ihm
ganz entrückt.
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Einen Brief, den er bald nach seinem Fortgehen
von dem Schlosse an sie- gerichtet, hatte der Pfarrer
ihm mit der Bitte zurückgesendet, er möge seine Tochter
schonen; und Miß Kenney, an die er sich später ge-
wendet, uum Nachricht von Hulda zu erhalten, hatte

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ihm betheuert, daß dieselbe sich mit jedem Tag erhole,
daß die Kraft und Lebenslust der Jugend sich auch an
ihr heilbringend bewähren. Sie erwähnte, daß Hulda
sie bei einer kleinen Reise nach der Stadt begleitet-
habe, dgß sie acht Tage dort verweilt und ihre junge
Freundin durch die Eindrücke, welche sie dort empfan-
gen, namentlich durch die ersten theatralischen und
musikalischen Aufführungen, denen sie beigewohnt habe,
im -höchsten Grade ergrifen, -ja völlig von sich selber
abgezogen worden sei. Dem Baron werde also der-
einst die Genugthuung gewiß nicht fehlen, das Mäd-
chen, dem er so viel Antheil. zugewendet, heiter und
dem Leben wiedergegeben zu sehen. Es werde bei an-
gemessener Zerstreuung und Behandlung sicherlich ge-
lingen, Hulda die Hofnungen vergessen zu machen, in
denen ihre Jugend sich eine kurze Spanne Zeit hin-
durch gewiegt habe; nur Ruhe zu innerer Sammlung
müsse man ihr gönnen, und Emanuel möge ihr die-
selbe durch erneute Annäheruug nicht unmöglich machen.
- Eu las das, las es wieder, es machte ihn allmälig
ungewiß in seiner Neigung, hesonders, da der Amt-
mann, der ihm im Hochsommer eine geschäftliche Mel-
dung zu machen hatte, sich in gleichem Sinne äußerte.
Er berichtete am Ende seines Briefes ganz unaufge-
fordert, im Pfarrhause stehe Alles wohl und seine
Pathe blühe wieder wie eine Rose. -- Der Amtmann
hatte genau gewußt, weshalb er diese Nachricht gab.
Er hielt Etwas auf Hulda, er gönnte also dem Baron
den Glauben nicht, daß sich das Mädchen seinetwegen
härme und verzehre.

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Man hatte eben nicht viel Mühe, Emanuel die
Ansicht aufzudringen, daß ein schönes junges Mädchen
ihn vergessen, seine Liebe verschmerzen könne. Wehe
that es ihm -- aber es enthob ihn einer großen
Sorge, einer ernsten Reue - es befreite sein Ge-
wissen.
=Güööööööööööööööööasssssss
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Fauuy Lewald, Die Erlöserin. Ü
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Kapitel 03

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Drittes Gapites
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Darüber ging der Sommer hin, Als die Ernte-
zeit vorüber und der Herbst im Enzuge war, fing Miß-
Kenney davon zu sprechen an, daß sie bei ihren vor-
gerückten Jahren und ihrer schwankenden Gesundheit,
welche ihr doch öfters den Rath eines Arztes wünschens-
werth mache, unmöglich daran denken könne, noch einen
zweiten Winter in dem entlegenen Schlosse zuzubringen.
Die Gräfin, welche sich eben damals auf dem Schlosse
der Fürstin befand, deren erster Niederkunft man ent-
gegensah, machte also ihrer alten Freundin augenblicks
den Vorschlag, sich vorläufig in dem Hause nieder-
zulassen, welches die gräfliche Familie in der Haupt-
stadt der Provinz besaß, und dort abzuwarten, wie die
Gräfin nach der Entbindung und Genesung ihrer
Tochter, sich über die Wahl des eigenen Winteraufent-
haltes entschieden haben würde.
Miß Kenney zeigte sich damit einverstanden. Als
fie in der Pfarre von ihrem Entschlusse Kunde gab,
nahmen ihn nicht nur der Pfarrer, sondern auch Hulda
als etwas Selbstverständliches mit Ruhe hin. Sie

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hatten nicht erwarten können, die Freundin der Gräfin
dauernd in ihrer Nähe zu behalten, der Pfarrer war
an Einsamkeit gewöhnt, und Hulda meinte Alles ent-
behren, jeden Verlust ertragen zu können, nachdem sie
an sich erfahren hatte, daß sie zu leben vermochte ohne
den Mann, an welchem ihre Seele hing und auf den
alle ihre Gedanken gerichtet waren. Dazu war sie
von einer anderen Sorge schwer bedrängt.
Die Gesundheit ihres Vaters war ins Schwanken
gekommen. Es zeigte sich mit einer allgemeinenSchwäche
eine Abnahme des Augenlichtes, die bedenklich wurde,
und der herbeigerufene Arzt hatte den Ausspruch ge-
than, daß der Pfarrer womöglich nach der Hauptstadt
gehen müsse, um sich dort der nachhaltigen Behand-
lung eines Augenarztes zu'' bedienen. Das war aber
nicht ohne weiteres möglich! Der Pfarrer bedurfte dazu
eines Urlaubes von der ihm vorgesetzten Behörde, es
war nöthig, einen Stellvertreter für' ihn anzustellen,
und bei seiner Mittellosigkeit kamen in erster Reihe
auch die Ausgaben in Betracht, welche ein - mehrmonat-
licher Aufenthalt in der Hauptstadt in seinem Gefolge
haben mußte. Neber diese lezte Sorge half jedoch die
theilnehmende Gunst der Gräfin fort, sobald sie durch
Miß Kenney Nachricht davon erhielt.
Sie rieth dem Pfarrer, sich - zugleich mit ihrer
alten Freundin nach der Stadt zu begeben und Hulda
natürlich mit sich zu nehmeu. Dort in ihrem Stadt-
hause, das er ja als Erzieher ihres verkläärten Gatten,
in seinen jungen Jahren lange geng bewohnt habe,
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anöge er sich in den ihm vertrauten uud lieben Zim-
-metn einrichten, und als ihr Gast so lange verweilen,
als -es ihn erwünscht und nöthig sei. Daß sie
den Stellvertreter besolde, den man ihm geben werde,
daß sie alle die Kosten decke, welche die Kur und
der Aufenthalt in der Stadt erfordern würden, be-
zeichnete sie als etwas Selbstverständliches, da es sich
ja darum handle, ihren Gütern den treuen Seelsorger,
ihrem Hause den vielbewährten Freund in erneuter
Rüstigkeit noch ferner zu erhalten. -
Das hob schnell alle Schwierigkeiten, und der
schlichte Sinn des Greises an die Abhängigkeit von, der
gräflichen Familie von jeher gewöhnt, fand sich durch
den Gedanken beruhigt und erfreut, daß ihgs der Bei-
stand dieses edlen Hauses auch jetzt nicht fehle, und daß
er also auf denselben auch über seinen Tod hinaus
für seine Tochter rechnen dürfe. Anders aber wirkte
diese Gunst der Gräfin- auf das junge Mädchen.
.. -.- Hulda konnte keinen Zweifel daxüber hegen, daß
man, das, Anerbieten der Gräfin gls ein Glück zu he-
trachten und es dankbar anzunehmen habe. Indeß wie
sie sich dies auch vorhielt, wie redlich sie sich's sagte,
daß es hier auf Nichts nkomme als auf die Möglich-
keit, das Augenlicht und das Leben, ihres Paters zu
erhalten, es war- in ihrem Innern ein unüberwind-
-lichss Widerstreben dagegen, das Haus der Gräfin zu
Hetreten, ihrer Großmuth irgend Etwas zu verdanken.
Schon während der wenigen Tage, welche sie im Som-
mer mit Miß Kenney in der Stadt verlebt hatte, war
es ihr beständig gewesen, als wolle eine geheime Ge-

A.
walt sie nicht in jenen ernsten, schönen Räumen dul-
den, und selbst die Aussicht auf das Neue jener Ge-
nüsse, theilhaftig zu werden, an welche auch nur zu
denken, etwas Berauscheudes für sie hatte, konnte das
gekränkte Ehrgefühl in ihr nicht zum Schweigen brin-
gen, so oft sie sich's auch im Gebete als einen falschen
Stolz und einen Mangel an Kindesliebe, ja als eine
Auflehnung gegen die Wege Gottes zum Vorwurfe
machte.
Der Herbst brach früh herein, Miß Kenney und
der Pfarrer wünschten, nun die Angelegenheiten ein-
mal geordnet waren, die Nebersiedelung nach der Stadt
so viel als möglich zu beschleunigen; und das Laub
war noch nicht von den Bäumen abgefallen, als der
Pfarrer wieder, wie vor langen Jahren, aus dem
Fenster seines einstigen Wohnzimmexs in den Garten
des gräflichen Stadthauses hinäussah, in dessen grad-
linigen Alleen Miß Kenney, von Hulda begleitet, ihren
täglichen Spaziergang machte.
Es war das erste Mal, daß der Pfarrer seine Eirche
für längere Zeit verließ, daß er seiner Amtsthätigkeit
nicht obzuliegen hatte, und die volle Muße dünkte dem
müden Manne süß, da der Ausspruch des Arztes, daß
er sich dieselbe nothwendig zu- vergönnen habe, sein
Gewissen beruhigt. Er kam sich wie. verjüngt vor,
wenn er in dem Büchersaale umherging, dessen Bücher
er einst geordnet hatte. Er nahm den Katalog zur
Hand, den er in doppelten Exemplaren ausgeführt,
und freute sich, daß seine Handschrift troz seiner vor-
gerückten Jahre noch nicht wesentlich verändert war.

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Daß ihm unter seinen Amtsbrüdern und in manchen
anderen.:emtern noch hie und da einer der Freunde
lebte,. mit denen er dereinst studirt und - die ihn nicht
vergessen. hatten, obschon er sie inzwischen zur selten
und immer nur in flüchtigem Besuche wiedergesehen,
das'erhöhte sein Behagen.
- Auch Miß Kenney fühlte sich in der Stadt zu-
frieden.. Sie- liebte den, Perkehr mit Menschen, sie
war heimisch und sehr geschätzzt in den adeligen Fa-
milien;: mit welchen die Gräfin befreundet und; ver-
wandt war, und, ,ie Freigehigkeit der Letzteren- legte
es ihrer alten Freundin förmlich als eine Pflicht auf,
für. sich und den Pfarrer -die Einrichtungen so zu
treffen, als ob sie in ihrem eigenen Hause wäreg, und
zu schalten und zu walten wie in einem solchen. Es.
kamen auf diese Weise häufig Besuche zu Miß Kenney,
auch der Pfarrer, entbehrte der, Gesellschaft nicht, und
Hulda wurde bisweilen voi ihrer Beschüzerin, die eine
große Theaterfreundin war, zu den besten Aufführungen
in das Theater mitgenommen.- -
- Das waren denn für' Hulda Stunden, iu welchem
fie Alles zu vergessen vermochte: die Gefahr, die ihrem
Vater drohte, und ihr eigenes Herzeleid.. Sie. ward
sich selbst entrückt. Sie stand im Geiste selber an, der
Stelle- der Schauspielerin, deren Rolle sie am mäch-
tigsten' ergrif. Sie durchlebte und durchlitt, was sie
auf der. Bühne erleben und erleiden sah; und wenn.
es Liebesworte, Liebesklagen waren, neidete sie es den
Künstlerinnen, daß sie sagen, daß sie aussprechen durf-
ten, was. sie selber still in sich verschließen mußte.

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Sie mußte lächeln, wenn sie sich dieses Gedankens
einmal bewußt ward, konnte sich es aber dennoch nicht
versagen, dem Vatex, dem- sie vorzulesen hatte, die
Mongloge und die Scenen nachahmend zu wiederholen,
welche ihr am mächtigsten in's Herz gedrungen waren.
Der Pfarrer ließ sich das gerne gefallen. Er freute
sich der Wärme, mzit. welchex das Schöne und Erhabene
auf die Tochter wirkte; annd sie, wenn auch, nur für
Stunden, von- sich und von ihren trüben Erinnerungen
abgezogen, sie heiter und erhoben zu sehen, machte ihn
selber froh und glücklich.
- Man war schon seit ein pagr Monaten in der
Stadt, als die Nachricht vgn der bevorstehenden An-
kunft einer der größtenBühnenkünstlerinnen jener Tage,
die Theaterfreunde in eine gespangte Erwartung ver-
sezte. Wer Gelegenheit gehaht- hgtte, die berühmte
Gabriele früher einmal spielen zu sehen, erinnerte sich
dessen als eines wahrhaften Genusses. Nicht nur in
tragischen Rollen nannte man sie, unvergleichlich, auch
das Muntere und Scherzhafte,solte ihr in demselben
Maße gelingen, denn jie wax immer, noch jung und
schön zu nennen. Vor Allen aber konnten Diejenigen,
welche ihr persönlich in der Gesellschaft begegnet waren,
sich nicht geng thun in der Schilderung ihrer natür-
lichen Anmuth, ihrer selbstgewissen Freimüthigkeit, ihres
edlen Künstlerstolzes; und allen diesen Aussagen stimmte
Miß Kenney hei. Sie hatte Fie Künstlerin zuerst auf
der Bühne in der Residenz bewundert und sie danach
in Jtalien wiedergesehen,. gls dieselbe bei einer ihrer
Erholungsreisen im Hause der Gräfin fast täglich em-

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pfangen worden war. Seitdem waren allerdings meh-
rere Jahre verflossen.
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-- Man berechnete, daß Gabriele wohl die erste
Hälfte der Dreißig überschritten haben müsse, und wie
man eines Abends in dem kleinen Zimmer von Miß
Kenney wieder einmal' auf die Erwartete zu sprechen
kam, that eine der anwesenden Personen der Gerüchte
Erwähnung, welche über die Künstlerin im Schwange
waren.
Man erzählte, daß fie die ausgezeichnetesten Män--
ner, Künstler, Schriftsteller und Fürsten zu ihre Füßen
gesehen, und wie ein junger, begabter Schauspieler sich
aus Liebe zu ihr das Leben genommen habe. Dann
wieder hieß es, sie habe für einen berühmten Musiker,
dem sie ihre Neigung zugewendet, große Ofer aller
Art, gebracht und sei von ihm leichtsinnig- auf-
gegeben und verlassen worden; mnd nachdem man ihr
noch diese und jene vorübergehenden Herzensangelegen-
heiten iachgesagt hatte, behauptete man schließlich auf
das Bestimmteste, daß sie seit einigen Jahren heimlich
einem regierenden Fürsten vermält sei, und daß diese
morganatisch geschlossene Ehe nur deshalb verheimlicht
werde, weil. Gabriele vor allem Anderen Künstlerin
sei und es sich ausdrücklich vorbehalten habe, auf der
Büihne bleiben zu dürfen, so lange sie dazu den An-
trieb in sich fühle.
' Wohlwollen und jene Abgeneigtheit, welche- die
regelrechte Mittelmäßigkeit allem Außerordentlichen
gegenüber naturgemäß empfindet, welterfahrene Duld-
samkeit und unnachsichtige Sittenstrenge machten sich


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berühmten Künstlerin geltend. Darin aber stimmte
man überein, ihre großeu Eigenschaften des Geistes und
des Herzens anzuerkennen. Nur eine alte entfernte
Verwandte der Gräfin blieb hartnäckig bei ihrem Tadel.
Sie behauptete, man dürfe über die mancherlei Ver-
irrungen und über die Verstöße gegen das Herkommen
den kommen lassen; denn die Nachsicht, welche man in
diesem Betracht gegen weibliche Berühmtheiten, nament-
lich gegen Bühnenkünstlerinnen übe, sei überhaupt nicht
zu verantworten.
Die Heftigkeit, mit welcher sie ihre Meinung ver-
trat, reizte die duldsamen Verehrer der Künstlerin zu

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lebhafter Entgegnung, und da man, auf diesen Weg
gelangt, einander rasch zu den äußersten Grenzen der
Meinungsverschiedenheiten hindrängte, so stand die alte
Dame bald nicht an, es unumwenden auszusprechen,
daß in ihren Augen eigentlich jedes Frauenzimmer,
welches die Bühne betrete, das Anrecht verliere, von
der guten Gesellschaft und von gesitteten Frauen als
ihresgleichen behandelt zu werden. Sie für ihre Person
habe sich niemals entschließen können, mit einer Frau
Verkehr' zu halten, welcher der Erstebeste öffentlich sein
Mißfallen bezeigen könne, wenn er das Geld an sein
Eintrittsbillet einmäl gewendet, habe. Natürlich rief
das eben so heftige Entgegnungen hervor nnd die
Unterhaltung war nahe daran, gegen die gute Gewohn-
heit des Kreises, eine persönlich verletzende Wendung
zu nehmen, als der Pfarrer sich in das Mittel legte.

auch in diesem kleinen Kreise in der Beurtheilung der
nicht hinwwegsehen, welche Gabriele sich habe zu Schul-
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-. Er, hatte den Erörterungen, hinter seinem Licht-
schirm, sizend, bis dahin mit schweigender Aufmerksam-
keit zugehört, denn das bevorstehende Gastspiel Ga-
brielens interessirte ihn, obschon sein Zustand ihm den
Besuch des Theaters untersagte.- Er hatte aber in
seinen jungen Jahren das Theater sehr geliebt und die
Eindrücke, -welche er dort empfangen, nie vergessen.
Wie er in seiner langjährigen Einsamkeit Frau und
Tochtex an den Werken, unserer großen Dichter, heran-
gebildet und erhoben, hatte er ihnen an manchem
langen Winterabende davon gesprochen, in welcher
Weise die Dichtungen, die er besonders liebte, von den
großen Bühnenkünstlern, die er noch gesehen, von
einem Eckhoff, einem Schröder, einem Iffland auf-
gefgßt worden waren. - Er hatte seine achtsam Zu-
höxenden damit entzückt, als würden sie der' Genüsse
selber theilhaft, die er ihnen zu schildern versuchte.
Seinex verständigen Bildung wie seinem milden Sinne
mißfiel deshalb die Herbigkeit, mit wwelcher jene Frau
sich gegen die abwesende, Bühnenkünstlerin zu äußern
für nöthig hielt.
,Ich brauche es pohl nicht.erst besonders hervor-
zuhehen,' sagte er endlch,, , daß ich die Bedenken gegen
alles öffentliche Auftreten von Frauen theile, und daß
ich ein solches für Frauen, die mir angehören, nicht
gutheißeu würde. Gott hat die Frau ihrer Natur nach
zur Gefäährtin eines Mannes, zur Mutter Einer Fa-
milie, zur Mitbegründerin Eines Hauses bestimmt,
und die Frau, welche diese Schranke überschreitet, ver-
läßt damit die Grenze des Bereiches, für welches sie

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Gott erschafen hat,' wofern es nicht Liebespflichten und
Werke der Barmherzigkeit sind, welche sie zu einem
Heraustreten aus ihrem natürlichsten Wirkungskreise
veranlassen. Sie ist innerhalb der Familie fraglos vor
allem Irren und Fehlen, vor allen Anfechtungen und
verleitenden Leidenschaften am sichersten behütet.
Die Dame, welche sich gegen Gabriele ausge-
sprochen hatte, glaubte damit gewonnenes Spiel zu
haben. Sie stimmte also dem Pfarrer lebhaft bei, bis
dieser noch einmal das Wort- nahm. , Vielleicht,?
meinte er, , hat man das eigentliche Wesen der Frauen
in jenen Zeiten richtiger gewürdigt, in, denen man
ihnen das Auftreten por allem Volk verwehrte, und
selbst die Frauenrollen von Jünglingen und Knaben
zur Darstellnng bringen ließ, Fwie dies, unbeschadet
ihrer Wirkung auf die Menge, hei den Alten und bis
weit hinein in unsexe Zeit bei den größten dramatischen
Werken geschehen ist. Aber da wir die Welt und die
Zustände in ihr doch in der Entwickelung anzuerkennen
haben, welche sie ohne Zulassung der Vorsehung nicht
genommen haben könnten, so dürfen wir denjenigen
Frauen, welche ihre Aebensaufgabe gußerhalb der schö-
nen Schranken einer Häuslichkeit zu erfüllen haben,
keine zu strengen Richter sein. Wer in öer Darstellung
großer Leidenschaften und Igewaltiger, Seelenkämpfe
seine Gedanken immer mit hochgespannten Empfin-
dungen zu erfüllen hat, wer sich gewöhut, sie in dem
Augenblicke des Darstellens als die seinen vor aller
Welt Ohren auszusprechen, wer als Schauspielerin sich
mit seiner Person dem Blicke und dem Urtheil von

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28
Tausenden von Männern immer auf das Neue preis-
zugeben und ihren Beifall auf jede Weise zu erringen,
nöthig hat, dessen Gefühlsleben muß mit der Zeit
nothwendig durch solche gewaltige Anspannung über-
Fpannt werden, der muß eine gewisse Zartheit und
Keuschheit des Empfindens einbüßen, und allmählich
das rechte Maß für die Grenze der Sitte, die rechte
Würdigung für die schlichte Erhabenheit verlieren, mit
welcher ein gottergebenes Gemüth sich in engster Be-
schränkung und Zurückgezogenheit schweigend in stiller
Pflichterfüllung zu bescheiden und sich glücklich zu
fühlen vermag.!
,Ich sehe nicht, Herr Pfarrer,! meinte die Sitten-
richterin, , daß Sie meiner Ansicht widersprechen, Sie
bestätigen nur für die Allgemeinheit, was ich von einer
bestimmten Person behauptete, und Sie verurtheilen
die Schauspielerinnen im Grunde härter noch als ich.
,Nein!r entgegnete der Greis; , ich bin weit da-
von entfernt, die Frauen zu verdammen, die wir zu
beklagen haben, weil ihnen mit der zarten Scheu der
sich achtenden Weiblichkeit, die sie in ihrer Lebenslage
schwer bewahren können, die schönste Zierde und die
sicherste Schutzwehr ihres Geschlechtes nothwendig ver-
loren gehen muß. Gerade deshalb hat man aber es
mit doppelter Anerkennung zu betrachten, wenn eine
Frau, die sich den großen Prüfungen und Versuchungen
einer Schauspielerin aussetzt, sich im Leben Achtung
und die Freundschaft edler Menschen zu erwerben weiß,
wie ich es hier von der Künstlerin, die Sie erwarten,
doch vielfach habe aussagen hören.?

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Die Unterhaltung blieb darauf noch eine geraume
Zeit mit dem Theater und mit den verschiedenen
Schauspielern beschäftigt, aber Hulda beachtete kaum
noch, was man von ihnen sagte.- Sie konnte ihres
Vaters Ausspruch nicht vergessen. Er hatte begütigen
sollen und kam ihr härter vor als Alles, was man
Anklagendes geäußert hatte. Sie vermochte nicht zu
glauben, daß man das Große, das Schöne darstellen
könne, ohne selbst davon erhoben zu, werden. Neber-
lief es sie doch jedesmal mit einem heiligen Schauer,
wenn ihre Lippen die Worte unserer Dichter sprachen;
und wenn sie von der Bühne aus ihr Ohr berührten,
war es ihr feierlich wie in der Kirche. Bei aller
Demuth, welche sie vor dem Prtheile ihres Vaters
hegte, sträubte sich ihr Gefühl, gegen seine soeben ge-
äußerte, Meinung, und der Glaube, daß er,. in diesem
Falle von einem Vorurtheile-befangen, den Schau-
spielerinnen Unrecht thue, daß es Ausnahmen auch
unter ihnen gebe, viele Ausnahmen geben müsse und
daß Gabriele zu diesen zähle, befestigte sich in ihr.
Sie hatte Gabrielens Bild seit Wochen an den Fen-
stern derKunsthandlungen aushängensehen, und derAdel
ihrer schönen Züge hatte sie mächtig. angezogen. Diese
reine Stirne konnte nichts Unedles denken. Die großen
Augen sahen so sicher in die Welt, als kennten sie
dieselbe und wüßten sie zu überwinden. Selbst das
Lächeln auf ihren Lippen wai stolz bei aller Freund-
lichkeit, die ganze Haltung des Bildes hatte etwas
Majestätisches. Hulda meinte, so könne nuur eine

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Frau' den Kopf erheben, die auf sich selbst vextrauen
dürfe und ein gut Gewissen habe. -
Sie hatte sich mit der rasch zu belebenden Be-
geisterungsfähigkeit der Jugend ein Ideal aus der
Künstlerin gemacht, und da man es anzutasten, es
von seiner Höhe herabzuziehen wagte, schloß sie es nuur
noch-fester -in ihr Herz. So jung, so: ohne Welt-
kenntniß sie sich wußte, meinte sie es doch schon
nach, eigener Erfahrung ermessen zu können, daß män
unverschuldet. Nebelwollen gegen sich erregen,' und wie
Neid und Pöser Wille dem Rufe einer Frau zu nahe
treten- könnten. -
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- Alles, was man an dem Theetische für und
gegen Gabriele vorgebracht, trug nur dazu bei,' die
Spannuung zu erhöhen, mit' welcher 'sie der Ankunft
derselben entgegensah, und mit einer Freude, wie
sie sie so lange nicht mehr gefühlt hatte, vernahm
sie die Zusage, daß sie Miß Kenney bei dem ersten
Auftreten der Künstlerin,' zu welchem dieselbe die Prin-
zefsin in Göthes ,Tasso' gewählt' hatte, in das Theater
begleiten solle.
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Kapitel 04


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Biertes Gapitel -
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Es war ein finsterer, kalter Wintetabend,' an dem
die beiden Frauenzimmer, tief Fn. ihre -Mäntel und
pelzverbrämten Kappen eingehüllt,'den Weg' nach dem
Theater einschlugen. Der Schiee küisterte unter den
Füßen des Dieners der ihnen die Sköcklaterüe durch
die menschenleeren Straßeii! voktrug!? Nür''vor' dem
Schauspielhause war Leben und Bewegung. Wagen
um Wagen fuhren in raschet Folge auf.-Männer
und Frauen schritten durch die engen Vorhallen und
Treppen. Aus der Konditorei drang der Geruch heißer
geistiger Getränke heraus, git'denen einzelne der an-
gekommenen Männer' sich stehenden Fußes zu' erwär-
men suchten. Aber Alles eilte, Alles hastete,''als er-
warte man etwas ganz Ungewohntes; und' die ersten
mächtigen Töne- der Duvertüre, drangen schon an ihr
Ohr, als die beiden Frauen in,das Theäter traten.
Der Raumwar von Menschen -überfüllt, alle
Blicke hingen an dem Vorhang. Er rauschte empor,
eine italienische Landschaft breitete sich vor dem Auge
aus, helles Sonnenlicht bestrahlte die Kronen der

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Pinien, die Gipfel der Cypressen. Es glänzte wider
von der Marmor»Balustrade der Terrasse, auf der die
beiden Leonoren, Kränze windend, dagesessen hatten,
und nun sich erhebend und zwischen den Hermen Vir-
gil's und Ariosto's aus dem Hintergrunde langsam
vorwärtsschreitend, trat Gabriele, welche die Prinzessin
darstellte, von ihrer Mitspielerin begleitet, ruhig und
gemesfenen Schrittes in den Vordergrund.
El Beifallssturm empfing sie. Ihr bloßes Er-
scheinen entsprach der Erwartung, mit der man ihr
-entgegengesehen hatte. Ihr schönes uge überflog die
Pexsammlung, aber, sie ;hatte. Geschmack genug, ihre
Darstellung nicht durch, jene Zeichen, des Dankes zu
unterbrechen, muit welchen die Masse der- Scckauspieler
in solchen Fällen sich nicht scheut, aus; ihrer Rolle
herauszutreten und die Phantasie der Zuhörer zu be-
Peidigen; und in freundlicher Gelassenheit tönte die
Frgge pon ihren Fippen: -
-- Dü -siehst -mich lächelnd an,' Eleonore, -
A ;71 Und,siehst Dichh.selber an und lächelst: wieder!?-
-. -- Was.hast Du? Las es eine Vreundin; wisen; ;
, Du scheins bebenklich, boch Du scheinst vergnßg.
. Es war, als ,ob ein Zauber mit den Worten
ausgesprochen worden wäre. Man fühlte sich dem
Leben, daß man zu leben - gewohnt' war, wie entrückt.
Man athmete in einer anderen Luft, man empfand
mit. Sinnen, von denen der Oruck des mühevollen
Ringens, des arbeitsamen Tages, von denen alles
Sorgen und Wünschen fortgenommen war, und gab

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88
sich in feiernder Betrachtung dem Augenblicke und dem
- Genusse der Schönheit hin.
Selbst Diejenigen unter den Zuhörern, welche
sich sagen durften, daß sie vollauf mit dem Geiste des
Gedichtes vertraut wären, daß jedes Wort desselben in
ihnen lebendig sei, mußten sich eingestehen, daß sie es
bis zu dieser Stunde nicht in seiner ganzen Schön-
heit gewürdigt hatten, weil heute zum erstenmale eine
Prinzessin Leonore vor ihnen stand, wie sie dem Dichter
vorgeschwebt haben mußte in dem scheuen Liebebedürf-
Z niß ihrer zu entsagender Abgeschlossenheit herangebil-
deten Natur. Die Künstlerin beherrschte und rührte
?
durch ihre schlichte Erhabenheit. Man ward so sehr
- von der maßvollen Schönheit -ihrer Bewegung, ihrer
Stimme und Sprache ergrifen, daß selbst der be-
geisterte Beifall, den sie erntete, in seinem Ausdrucke
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durch eine Art von Ehrfurcht gemäßigt wurde. Und
jenes Zutrauen, das Hulda ihr entgegengebracht hatte,
noch ehe sie Gabriele gesehen, steigerte sich zu einer
liebenden Hingebung an die seltene Erscheinung.
Das Herz schlug ihr seit der Trennung von
, Emanuel zum erstenmale leicht und frei, zum ersten-
male fühlte sie wieder ein lebhaftes Verlangen,
das sich nicht auf ihn bezog. Sie wollte Gabriele
- sprechen. Was sie davon erwartete, das hätte sie
nicht sagen könner. Es war ein reines Bedürf-
niß, zu verehren, und jene unbestimmte Hoffnung
- in ihr, die den Gläubigen sich vor einem wun-
derthätigen Bilde neigen machen, und es erschien ihr
-
Fanny Lewald, Die Erlöserin. N.
zgSae-= Haöud-=. --
- - gggassssdasoess-=- - - -

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deshalb wie die sichere Anwartschaft auf ein großes
Glück, als Miß Kenney, ebenfalls ergrifen durch die
Darstellung, die Absicht kundgab, Gabrielen für den
gehabten Genuß brieflich zu danken, sie an ihr frühe-
res Zusammentreffen zu erinnern und daran den
Wunsch eines Wiedersehens anzuknüpfen.
- Das Briefchen wurde denn auch gleich an dem
nächsten Tage geschrieben und abgesendet, und erhielt
sofortigen und freundlichen Bescheid. - Gabriele lehnte
es ab, den Besuch der altgnDame zu empfangen, da sie
über. ihre Zeit nicht Herr und in ihrem Gasthofe wenig
sich selbst überlassen sei; aber sie verhieß zu kommen,
sobald ihr eine freie Stunde bleibe, und sie drückte da-
neben die Erwartung aus, Miß Kenney werde auch
ihren ferneren Darstellungen mit gleichem Antheil
folgen.
Das verstand sich für die alte Theaterfreundin
ganz von selbst. Wer es nur irgend erschwingen und
sich eines Plazes versichern konnte, versäumte in diesen
Tagen das Theater nicht, und jede neue Rolle, in
welcher Gabriele erschien, wurde zu-einem neuen
Triumphe für sie. Heute entzückte sie die Zuschauer
als Mirandolina, morgen bewunderte man sie als
Julia, und worin immer man sie' sah, meinte man,
sie in ihrer besten Rolle gesehen zu haben. Sie machte
fast' den einzigen Gegenstand der Unterhaltung aus, -
und mit jedemmale, daß man von ihr in Beisein
Hulda's sprach, bedauerte diese es lebhafter, daß sie
keine Aussicht hatte, Gabriele noch einmal auf der
Bühne zu sehen. Bald wollte sie den Vater, bald

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85
Miß Kenney darum bitten, ihr die Freude noch ein-
mal zu bereiten, aber sie hatte in beiden Fällen Be-
denken, es zu fordern. Wenn ihr dann dazwischen
der Einfall kam, an Gabriele zu schreiben, ihr zu
sagen, wie glücklich sie sie machen könne, so wies sie
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solchen Gedanken schon im nächsten Augenblicke wieder
von sich, und schalt sich für die thöxichte Vermessenheit,
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s aus welcher er entsprungen war. -
Darüber vergingen die Tage, welche für Gabrielens
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j Gastspiel bestimmt waren. Sie war zum zweitenmale
als Julia aufgetreten, weil' man sie ebeü in dieser
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? troz ihrer Jahre durch ihn in eine völlige Aufregung
versetzt worden war. Noch in den späten Abendstunden
wurde sie nicht müde, dem Pfarrer und seiner Tochter
mit solcher Lebhaftigkeit davon zu sprechen, daß sie
dadurch endlich selbst in dem Greise den Wunsch an-
s regte, des erhebenden Genusses auch einmal theilhaftig
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geworden zu sein.
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Am folgenden Tage spielte Gabriele nicht. Der
Pfarrer und Hulda waren also Abends, wie gewöhn-
lich, in Miß Kenney's Zimmer gegangen, um ein
paar Skunden mit gemeinsamem Lesen äuszufüllen,
als ein Wagen in den stillen Vorhof des Hauses ein-
fuhr, und Gahriele sich melden ließ. Gleich darauf
und noch ehe Hulda, wie ihr befohlen, die Lichter auf
dem Seittische zum Empfange des ersehnten Gastes
hatte anzünden können, trat die Gefeierte schon bei
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ihnen ein, so freundlich und so strahlend, daß man
meinte, sie bringe das Licht mit sich, welches das Zim-
muer jetzt erhellte.
, Sie haben wohl an mir zu zweifeln angefangen,
-
weil -ich mich gar so lange habe erwarten lassen,!
sagte sie, indem sie rasch auf Miß Kenney zuschritt
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und mit. anmuthiger Bewegung ihrer alten Bekannten
die beiden Hände reichte, ,aber bei solchen Kunstreisen
gehört man sich ja nicht, und thut am seltensten Das-
jentge, was man eben thun möchte, denn: ,Schau zu
spielen- ist ja unser Fall!? Ich habe mir die Stunde
bei Ihnen, liebe Freundin, auch nur dadurch frei machen
können, daß ich mich früh zu dem Balle bei dem
Gouverneur ankleiden ließ, auf welchem ich mich heute
Abends von nahebei ansehen und ausfragen zu lassen
habe. Dafür will ich mich aber hier im voraus schad-
los halten. Sie sollen mir eine Tasse Thee geben und
mir erzählen, wo die Gräfin ist, wie sie lebt, wie
Glarisse-und der junge Graf sich entwickelt haben,
und wie es zugeht, daß ich Sie hier ohne die gräfliche
Familie finde.
Sie hatte das Alles schnell wie eine Fürstin ge-
sprochen, die es weiß, daß man sich glücklich schäzt,
sie, reden zu hören, und daß man sich durch die Theil-
nahme, welche sie erweist, geehrt fühlt. Nun wendete
fie sich gegen den Pastor und dessen Tochter,
fagte, sie freue sich, daß ihre alte Freundin nicht
allein zu leben scheine, und erkundigte sich bei der-
selben, ob es Verwandte wären, welche sie hier bei
sich hätte.

-

Miß Kenney stellte ihr die Beiden vor, gab Aus-
kunft auf alle Fragen ihres Gastes und während der
Pfarrer sich mit Sicherheit, wie es sich eben schickte,
in die Unterhaltung mischte, sah Hulda, welche den
Thee bereitete, mit stummer Freude unverwandt zu
Gabriele hin. Sie erschien ihr jünger und schöner
noch als auf der Bühne, aber sie konnte sich nicht
darin finden, daß diese nach der lezten Mode mit
Blumen und mit Edelsteinen reichgeschmückte Frau,
Tasso's Prinzessin Leonore' sei, daß sie lache und
scherze, daß sie zum Balle gehen und tanzen werde.
Sie meinte eine Enttäuschung zu erleiden, und doch
entzückte Gabriele sie, denn Alles an ihr war schön
und ausgebildet. Ihre Stimme, ihre Sprache, ihre
Ausdrucksweise und jede ihrer Mienen, wwaren im Ein-
klang mit einander, daß sie bei äller Natürlichkeit wie
ein Kunstwerk wirkte und erfreute.
Als Hulda herantrat ihr den Thee zu reichen,
schien sie erst achtsam auf das junge Mädchen zuu wer-
den. Sie sah Hulda mit Neberraschung an, und rief,
indem sie dieselbe fest ins Auge faßte: , Sonderbar!
aber ich glaube, so muß ich einmal ausgesehen haben!'
-- und sich zu Miß Kenney wendend, während Hulda's
Wangen sich in dunkler Röthe färbten,' fragte sie:
, Sie haben mich ja gekannt, als ich zehn, zwwölf Jahre
jünger war; finden Sie nicht, daß dieses Mädchen
mir sehr ähnlich sieht?
Miß Kenney wollte das nicht gelten lassen. Eine
gewisse Gleichheit der Farben, sagte sie, sei wohl vor-
handen, eine wirkliche Aehnlichkeit der'' Züge könne sie


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nicht- auffinden. Indeß Gabriele war nicht gewoohnt,
daß -man ihr Unrecht gab, und sich rasch erhebend,
nahmn sie Hulda bei der Hand, trat mit ihr an den
Spiegel' heran, und mit prüfendem Blicke über die
beiden. Köpfe hingleitend, wiederholte sie: -,Aber ganz
auffallend. gleichen Sie mir,. liebes Mäbchen! Nur
schlagen Sie ;die Augen nicht so nieder: und machen
Sie kein so ängstliches Gestcht, denn zum :Erschrecken
ist es doch, wirklich nicht, daß Sie mir ähnlich sehen.
Sie bog sich dabei freundlich zu Hulda hinüber, küßte
fie, auf die Stirne und sagte: ,Nun darf ich nicht
einmal, mehr:sagen, daß Sie mir gefallen, und Sie
haben also doch- gleich. einen Nachtheil. durch die
schlinime Fehnlichkeit mit mir!! -
- Sie ging darauf an, den Theetisch zuräckf fragte
den Pfarrer, dem die Freude, welche die berühmte
Frau an seinem Kinde hatte, gar: wohl. that, wie er sich
innexlich wegen, dieser Eitelkeit auch tadelte,' ob er die
Fochter, auf- dem Lande erzogen habe,und weil Miß
Kenpey, dien voru allemAnderen immer Gouvernante
undi Erzieherin war und rblieb, -die große Beachtung
nicht für angemessen hielt, welche Gabriele guf Hulda
wendete, meinte sie, die Frage der Künstlerin plötzlich
unterbrechend, das Beste an, Hulda's. Erziehung: sei,
daß sie:ihr Empfindung für: das Große und das
Schöne -gegeben habe. Hulda' sei sehr glücklich ge-.
wesen, Gabriele neulich als Leonore zu bewundern.
, Und in welchen Rollen haben Sie mich sonst
gesehen? fragten die Künstlerin. Hulda sagte, daß sie
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- nur das eine Mal im Theater gewesen sei, obschon sie

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sehnlich gewünscht habe, sie als Julia sehen zu können.
Selbsk der Pfarrer drückte ihr sein Bedauern aus,
daß ihm diese Freude, versagt worden jei, und Miß
Kenney, erwärmte sich -auf- das Neue, als sie es
Gabrielen aussprach, wie einzelne ihrer Worte und
Bewegungen sie ergrifen hätten.--
Die Künstlerin hörte es mit der heiteren Ge-
nugthuung an, welche jede ehrliche- und warm-
herzige Anerkennung auch dem Vielgefeierten bereitet.
Dann sich zu Hulda wendend, an welcher sie ein
unverkennbares Wohlgefallen -zu haben schien, sagte
sie; ,Die Julia spiele ich hier nicht: wieder, dazu
kann ich Sie leider nicht; mehr einladen, aber ich
halte sie selbst für eine mneiner besten Rollen und
freue mich,immer, wenn. die Peute das ebenfalls
finden. Indeß- da Sie so, sehr -gewünscht haben,
mich als Juliazu, sehen, so:muß man,versuchen, wwie man
Ihnen,, soweit alssmöglih,,einenErsaz, dafür bietet, und
zugleich den, Herrn Pfarrex füp diese Stunde entschädigt,
in der Sie sonst. seine Porleserin machen. Sie zog
die Uhr aus, dem Gürtel-ihres Kleides, sah nach der
Zeit und meinte dann:,Eine Falbe. -Stunde habe
ich noch vor mir. Haben Sie einen Shakespeare hier
im Hause, so will ich Ihnen, ein haar Scenen lesen,
wenn Sie mir die Gegenparte Jhalten wollen.!
,Ich? Ihnen? Ach, das kann ich nicht!? rief
Hulda, der immer unwahrschheinlicher wurde, was sie
eben jezt erlebte. -
«
,Probiren Sie es nur, es kostet nicht das Leben,!

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scherzte Gabriele, ,und nun schnell das Buch herbei,
denn wir dürfen keine Zeit verlieren!?
Das Träuerspiel war gleich zur Hand. Hulda
hatte es in den Tagen gelesen, da es' ihr nicht ver-
gönnt gewesen war, der Aufführung beizuwohnen.
Gabriele schlug die erste Scene zwischen Romeo und
Jülie auf und wies Hulda an, den Romeo zu lesen,
während sie ihre Rolle aus dem Gedächtniß sprach.
Sie war in allerbester Stimmung. Sie begann mit
der Bällseene, ließ die Zwiesprache vom Balkone darauf
folgen und reihte daran die Scene, in welcher Julia,
Kunde von Romeo erwartend, den Tod Tybalt's
erfährt. Dann ging sie zu dem Abschiede der
Liebenden bei Tagesanbruch über, und so in geschickter
Wahl von Seene zu Scenee bis an däs Ede der
Dichtung fortschreitend, spann sie ihre drei Zuhörer
mit jedem Worte fester in die Täuschung ein, welche
sonst nur der Anblick der Darstellung gewährt. Sie
hatte die Liebesscenen und das Selbstgespräch, bevor
sie den: Schlaftrunk nimmt, mit einer so überwältigen-
den Wahrheit gesprochen, daß den beiden Alten die
Thränen in die Augen gekdmmen waren.- Was Hulda
jedoch dabei empfand, das ging weit hinaus über eine
solche Rührung.
Das Herz hatte ihr laut geschlagen, als sie die ersten
Worte der Dichtung vor Gabrielen hatte aussprechen
müssen, aber je weiter sie gelesen hatte, um so mehr
hatte sie sich selbst vergessen, um so freier war ihre
Seele in der Bewunderung Gabrielens geworden. Wie
man im Traume Dinge erlebt und vollbringt, die man,

- zu
während man sie thut, mit seinem eigentlichen Bewußt-
sein für unmöglich hält, so hatte sie sich ganz an die
- Dichtung und an die' Darstellerin ihingegehen. Sie
hatte fort und foxt gelesen iind zulezt in beglücktem
Staunen dagesessen, als die' Künstlerin ihren letzten
Monolog mit den Worten ---
IO utoFenee Dohehn --
Dies üerde deine Scheide. Roste da -
Und laß michh sterben!f!?
beschloß. '
Gabriele erhob sich dangch rasch, warf, aüfathmend
und lächelnd, die reichen Locken des schönen Hauptes
zurück, die ihr über die Stirne -gefallen waren, und
sagte, weil die Macht des Eindruckes ihre Hörer ver-
stummen ließ, sich zg, Hulda wwendend, indem sie ihr
die Hand reichte: ,Nun, habe ich es gut gemacht? Sind
Sie mit mir zufrieden liebes Mädchen
,Ja!' sagte Hülda; und selbst das Eine Wort
zu sprechen fiel ihr schwer, aber sie neigte sich, während
der Vater und Miß Kenney der Meisterin mit Wärme
dankten, küßte Gabrielens Hagd und blieb dann stehen
und sah sie an. Die Thränen flossen ihr vor Begei-
sterung über die Wangen nieder.--
,Wie lebhaft Sie empfinden!! sagte Gabriele,
der die stille, leidenschaftliche Huldigung des jungen
Mädchens wohlgefiel. ,Ihre Tochter liest sehr gut,
Herr Pastor!r fügte sie hinzu,,wirklich ungewöhnlich
gut. Sie hat mich durch keinen falschen Ton gestört,
bisweilen sogar überrascht. Dafür soll Sie mich nun
auch noch als Donna Diana in meiner Abschiedsrolle

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sehen. Sie sind jä ein Kind vom Lande,! scherzte sie
gegen ? Hulda, ,also wohl früh auf. Kommen Sie
morgen um neun Uhr zu mir, dann sollen Sie Eintritts-
karten, für Sie und für, Miß Kenney haben, und nun
muuß ich machen, daß ich fortkomme,. denn ich mag nicht
auf mich warten lassen!
Damit wickelte sie, sich in die, Zobelpalatine ein,
die sie bei ihrem Eintritte umgehabt hatte und ver-
- ließ die dankbar ihr Folgenden mit der Versicherung,
daß sie ebenso viel Freude an ihrem Beifall ge-
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habt, als hätte sie, vor. dem, größten Hublikum
gespielt.
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Kapitel 05


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- Fünftes Gapites
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Die Sonne war noch nicht über die hohen Giebel-
däächer der alten Häuser in den schmalen Straßen
emporgestiegen, und. es war bitterkalt, als Hulda nach
damaliger Eandessitte in ihrem festanliegenden Pelz-
rock, mit dunklem Wollenzeuge, überzggen, die kleine,
das Gesicht umschließende Sammetkappe auf dem
Kopfe, sich am Morgen auf den Peg zu Gabrielen
machte.
Zwei mit Postpfexden bespannte Bagen standen
vor dem Gasthof. Unten in' dem Hausflur brannten
die Lichter noch, denn es wird im Winter in jenen
Gegenden spät Tag. Der Hauswart, an welchen sich
Hulda, die noch nie allein in ein Gasthaus eingetreten
war, mit perlegener Frage wendete, sagte ihr, daß
Mademoiselle schonaufgestanden sei und Befehl ge-
geben habe, wenn ein junges Mädchen käme, es bei
ihr vorzulassen. Man mochte sie als eine Hilfesuchende
betrachten.

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Gabriele saß in einem dunkelen seidenen Morgen-
rocke mit hellen Aufschlägen an ihrem Frühstückstische.
Das Feuer flackerte mit lustigem Scheine in dem
Ofen, silberne Armleuchter erhellten den Tisch. Troz
der befrorenen Scheiben standen blühende Blumen in
Töpfen an den Fenstern und blühende Sträuße in
den Vasen auf den Tischen. Bücher, Zeitungen,
Briefe und eine Menge von Kleinigkeiten aller Art
nahmen den Schreibtisch ein. Die Kammerfrau trug
ein Kostüm von rothem, goldgesticktem Sammet durch
das Zimmer.
Hulda hatte in dem Schlosse wohl Lehnliches ge-
sehen, es hatte jedoch hier, wwie sie meinte, Alles einen
anderen Anstrich. Es sah Alles hier weit frejer, zue
fälliger,' komantischer aus. Es gefiel' ihr besser, ohne
daß sie sich während des flüchtigen Blickes Rechenschaft
darüber geben konnte, denn Gabriele rief ihr freundlich
,Guten Morgen!' zu. Sie sagte, nach solchem
Gange durch den kalten Morgen habe Hulda gleich
eine Erwärmung nöthig. Sie befahl also noch eine
Tasse'zu bringen, und hieß Hulda den' Pelz und die
Kappe äblegen,' um ßit ihr zu' frühskücken.'
- Sle selber rückte ihr: den Stühl heran,' schenkte
ihi die-Chökölade ein, und wie sie Huldä dämi' noch
einmäl änsah, meinte sie: ,Jetzzt, da Sie mit den
frischen rothen Faxben von der Straße kommen, sehe
ich erst recht, wie jung sie sind. Gestern täuschte mich
Ihre stattliche Figur darüber. Wie alt sind Sie eigent-
lich, mein liebes Kind?
Hulda sagte, sie stehe im achtzehnten Jähre.
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45 - -
, Und Sie waren immer auf dem Lande?--
Sie haben, wie Ihr Vater mir gestern sagte, Ihr
Vaterhaus nicht viel verlassen, - Dafür haben Sie
merkwürdige Töne in Ihrer, Stimme, und in Ihrer
Brust =- Töne, die man in, dex Kinderstube doch nicht
zu erlernen pflegt. Wo haben Sie die her??
Hulda sah sie an, als -perstehe ;sie die Frage
nicht recht. ,Ich meine, ob Sie sonst schon ähnliche
Versuche wie den gestrigen gemacht, ob Sie schon
öfters Dramen mit vertheilten Rollen gelesen haben?-
Hulda bejahte das. , Man hat mich im verwichenen
Winter bisweilen in das Schloß hinüberkommen lassen,!
sagte sie, ,um bei dem Lesen auszuhelfen.!
,Da also haben Sie es gelernt? Mit wem haben
Sie denn dort gelesen?!
,Es war oft größere Gesellschaft beisammen, bis-
weilen aber waren es nur Comtesse Clarisse und
der Fürst und- sie stockte -,und der Herr Baron.?
, Was für ein Herr Baron??
,Garon Emanuel!! sagte Hulda, während eine
dunkle Röthe ihr Gesicht übergoß und sie die Augen
nicht aufzuheben vermochte,' weil sie fühlte, daß sie sich
verrieth.
,Ja so! nun versteh' jch's! Nun verstehe ich es,
mein Kind! wo Du den tiefen, wweichen Ton der Klage
her hast, den man nicht bom , Hörensagen lernt - am
wenigsten mit fiebzehn Jahren!? rief Gabriele aus,
uund wie sie dabei dem jungen Mädchen mit ihrem
klugen, klaren Blick bie Hand reichte, da hielt sich Hulda
länger nicht.


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? -Alles, was sie das ganze Jahr hindurch still und
klaglos in sich verschlossen hatte, all das schöne Hofen,
das ihr mit einem harten Schlage zertrümmert worden
war -und das neu: aufzubauen sie sich' verbieten mußte,
die''ganze trostlose'Entniuthigung, die. selbst das Vor-
wärtsblickenAr die Zukunft scheute, und' das nicht zu
ertödtende Vetlangen nach einem nahe geglaubten Glück,
das-Alles stürmte mit einemmale und»so gewaltig auf
sie ein, daß sie, hingerissen von dem freundlichen Ent-
gegenkommender -Frau, i der sie ein höheres
Wesen'' verehrte, sich unwillkürlich zu Gabrielens Füßen
warf und; das Gesicht' äuf deren Knieen bergend, unter -
stürzenden Thränen die Worte hervorstieß: ,Ach ver-
geben Sie niir! ich kann nicht anders! ich bhß so un-
glückllch.
,Steh' auf, Kind! liebes armes Kind! so steh'
doch auf!? rief Gabriele, indem sie die Weinende em-
porhob und in ihre Arme schloß, die, beschämt über
ihr leidenschaftliches Thun, ihre Augen -trocknete und
sich zu fassen suchte: Aber Gabrielens Theilnahme,
dies zuerst durch jene Aehnlichkeit' erregt' wworden war,
welche Hulda wirklich mit derselben besaß, zeigte sich
auch jetzt. Sie hatte Mitleid mit dem Zwange, - den -
das junge Mädchen sich auferlegte. -
- ,Quäle Dich nicht!r sprach sie; ,weine Dich nur ,
aus. Es giebt Thränen, die Vater und Mutter, nicht !
sehen dürfen, die aber doch geweint sein wollen' und
sanfter fließen, wenn ein Anderer es sieht, der - es gut
- mit uns meint. - und ich meine es gut mit Ihnen!
Sehr, sehr gut! Also reden Sie, weinen Sie sich. nuur



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aus! Was ist Ihnen denn geschehen? Erzählen Sie
mir Alles! Ich werde es verstehen! Denn ich habe auch
vielerlei, gar vielerlei erleben und' erleiden müssen! Mir
dürfen Sie Alles sagen, Mlles!?
Und Hulda erzählte Alles, Alles! mit all ihrer
Wahrhaftigkeit. Es war ihr wie eine wirkliche Erlö-
sung, daß sie endlich einmal sprechen konnte, daß
endlich über ihre Lippen kam, was keines Menschen
Ohr von ihr vexnommen, was sie! dem Geliebten nie
zu sagen vermocht und was ihr faft das Herz zersprengt
hatte, weil sie es allein in sich getragen hatte, bis auf
diese Stunde.
Draußen war es völlig Tag geworden. Die Sonne
schien hell durch die beeisten Scheiben, die Kerzen
brannten noch immer auf dem Tische, aber keine der
beiden Frauen bemerkte es, keine dachte daran sie aus-
zulöschen. Erst als -Hulda mit einem stillen Seufzer
ihre einfache Erzählung schloß, und Gabriele auf ihre
Erkundigung, was denn nach der Entfernung des
Barons und nach Hulda's Genesung noch geschehen
sei, die Antwort erhalten hatte, fragte sie: , Und was
erwarten Sie nun ferner? Was denken Sie zu thun?
Hulda hob die Augen traurig zu ihr empor.
,Was kann ich thun, als meine Pflicht erfüllen! Mufß
ich doch Gott danken, daß er mir die Möglichkeit dazu
noch gönnt!' entgegnete sie mit leiser Stimme.
,Ja!' versezte Gabriele, ,ich fühle Ihnen das
wohl nach, Sie müssen jetzt bei ihrem Vater bleiben.
Aber ich hätte nicht also gehandelt, und der Baron
rechnet Ihnen Ihre Kindesliebe sicher nicht als Tugend

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an. Ich kenne ihn seit Jahren!? = Sie sah,' wie
das. Gesicht des Mädchens bei den Worten von einer
schnell aufzuckenden Freude leuchtete. - ,Ich kenne Baron
Emanuel genau und gut, fügte sie danach hinzu, ihn
und sein schwärmerisches, weiches Herz, und ich kann
begreifen, daß Sie ihn lieben, wie daß er Sie liebte.
Aber er ist ein Mann, und eben ein schwärmerischer
Mann, und er hat -die ganze empfindungsvolle und
-mißtrauische Selbstsucht, eines solchen. Ein Mann,
wie Baron Emanuel, fordert andere-Liebesproben, als
Sie ihm geboten haben; der anerkennt keinen Anspruch,
als nur denjenigen, welchen sein Herz und seine Liebe
an- Sie zu machen hatten. Er -wwollte ein ? Dpfer
bringen für Sie, so waren Sie ihm auch ein Opfer
schuldig. -Er hat sich ganz gewiß gesagt, die rechte
Liebe kennt Nichts als sich selbst, die rechte Liebe muß,
wwie, es ja auch in der Bibel heißt, Vater utd Mutter
-vexlassen und dem Manne folgen! Sie haben ihn in
diesen Frwartungei getäuscht. Wie soll er an Ihre
Fiebe glauben, da Ihr kndlicher Gehorsam stäärker ge-
wesen ist, als Ihre- Liebe für den Geliebten Ihres
Herzens?
Huldg hatte eine jolche Antwort nicht erwartet,
sie that ihr deshalb wehe. , Konnte ich denn gegen
meines Vaters Willen handeln?! fragte sie. , Konnte
ich =e
Gabriele ließ sie nicht vollenden. ,Freilich
konnten Sie das, freilich mußten Sie das! Und auf

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Händen hätte Sie deg Baron dafür getragen - denn
gerade er hatte eines solchen Liebeszeichens nöthig. Aber
Ihr leset und lernet Euere Dichter und beherziget sie
nicht!- Sie haben es gewiß schon oftmals ausge-
sprochen das tiefsinnige: , Und sehnt' ich mich nach un-
gemeinen Schätzen, ich muß; dgs, Ungemzeine daran
setzen!! - und jenes ewig wahie:, Was du von der
Minute ausgeschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück!? =-
Haben Sie danach gehardelt?
Hulda verstummite davor! Gabriele ergriff ihre
Hand. ,Ich will Ihnen nicht wehe thun, Kind !
sagte sie sanft. ,Im Gegentheile!- Ich möchte Ihnen
nuur beweisen, daß Ihnen Nichts widerfahren ist, was
Sie nicht selbst beranlaßt haben;. denn: ich finde, man
wird immer ruhig, wenn. mgn sich einer vernünftigen
Folgerichtigkeit der Dinge gegenüber weiß. Deshalb halte
ich Sie dber Seineswegs für schuldig.- Man erzieht
Euch jafin den jogenannnten guten' Bürgerfamilien in
einer Anschauungsweise, die Euch den Muth Euerer
Meinung nimmt. Man erzieht Euch für den Haus-
gebrauch, und nur Wenige kommen darüber hinaus.
Auch Sie, mein Kind, haben das nicht vermocht. Sie
trauten sich zu, den Bann zu brechen, der über Ihrem
Geliebten lag, und konnten sich selbst nicht losmachen
von den Banden, die Sie für heilige hielten, und die
ein Jeder bis zu einem gewissen Punkte auch zu ehren
hat. Das werden Viele loben und bewundern. Ich
freilich lobe und bewundere es nicht. Es ist Jeder von
uns um seiner selber willen auf der Welt, und wenn

Fauny Lewald, Die Erlöserin. K

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die Liebe die stärkste Kraft des Frauenherzens ist, so
ist. der Muth der Liebe in meinen Augen des Weibes
höchsteTugend. Sie machte eine kleine Pause, sah
Hulda, die sprachlos und- überwältigt an ihrer Seite
saß; eine kleine Weile an und sagte danach: , Sie haben

den Romeo' so gut gelesen und die Juliä so. schlecht
.a :-
,Sie mußten also Ihr Vaterhaus und Ihre Eltern
auch verlassen? fragte Hulda schüchtern.
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-?? .,Ich?-- Ich habe' keine Eltern und kein Vater-
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haus gekannt. Was ich geworden, das bin ich durch
mich selbst geworden!! sagte Gabriele, indem Fie ernst
und stolz den. Kopf erhob. Meiner früh verstorbenen
Mutter. Schwester, eine Tänzerin wie sie, hat mich
aufgenommen; erzogen hat mich Niemand. Ich bin
herangewachsen -- das war Alles. Wie eine junge:
Ente in das Wasser, bin ich, wie in das mir ange-
borene Elenent, in das Leben hineingegangen -=- und
es ist nicht immer ein helles, klares Wasser gewesen,
das vor mir gelegen hat. Alles' habe ich mir erschaffen
und erobern müssen, sogar mein PflichtEewußtsein und
die Achtung vor mir selbst. Was ich gewonnen und
verloren habe, gewann, verlor ich mir allein, bis- auch
mir die Stunde dee Erlösung-- der Erlösung durch
den großen, erhabenen Glauben eines ,Einzelnen an
mich, einmal gekommen ist, die mich neu geboren hat;
und: folch eine Stunde, solch eine erlösende Schicksals-
gunst:' fehlt kaum einem Menschenleben.. Sie kommt
s
ä in wechselnder Gestalt - nur daß wir sie so oft ver-

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du
träumen, daß wir sie nicht festzuhalten und uns in und
an ihr nicht emporzuheben wissen.?Sie unerbrach sich,
über ihre Hingebung verwundert, und sagte dann:
,Cher das hat mit Ihrer, Lgge;im Grnnde Michts zu
schaffen.-Sie sagen mir, dgßgSie, die. Hoffnung auf-
gegeben haben, Baron Emanuel, zu Ihnen zurückkehren
zu sehen, da er, Ihnen, jeit o lange kein Seichen der
Theilnahme- mehr, gegehen hgt, -uund, ich glaube, daran
thun Sie wohl, denn sglches, zuwartende Hoffen bricht
die Kraft entzwei. Aber; haben, Sie Jemgnden, zu
dem Sie sich wenden können,, dex für Sie sorgen
würde? Oder was denkenSie zu,hun, penn IhrVater,
der ja betagt und nicht der Stärkste mehr,zg sein scheint,
die Augen einmal schließen wixd?;. - -
Kaum ein Tag war vergangey, an welchem sich
Hulda diese Fxage icht vgrgehglen, und seif Monaten
hatte sie sih, gesagt;; daß sie agch nicht die entfernteste
Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit Emanuel
zu bauen habe, daß sie bestimmut, sei, ihren Aeg im
Leben einmal selbst zu suchen gund ihr Brot zu ernten,
wie sie können würde,,. Ietzt, ,da sie dieses vor Ga-
brielen auszusprechen hatte, ,fühlte sie, wie sie nicht
glauhte, was sie sagen wollte, wie gll- ihr Hofen an
dem Entfernten hing; und,unfähig, ß zu:unterdrücken,
rief sie: ,Er kann mnich, Ja niht;vergessen haben!?
- Der Ton,. mit dem sie dieses sggte,. entzückte Ga-
briele- durch ,seine Naturwahrheit, und erhöhte ihre
Theilnahme und ihr-Mitgefühl für,Huldg. ;.
,Vergessen? wiederholte Isie. ,Wer kann er-
gessen? Was vergißt man denn? Abex, auch Unver-
- g?

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vergeßliches wird aufgegeben, muß oft aufgegeben,

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werden, und dann' je' eher, um so besser, gutes
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- Ihie Dienerin unterbrach sie mit einer Meldüng.
Der Direktor eines größeren Theaters in -der benach-
- barteii Provinz wär in der Frühe angelangt und wünschte
vorgelassen zu wwerden. Er hatte Gabrielen den An-
-trag gemacht, zwwei oder drei Vorstellungen auf seinem
g ?
Kind!?
Theätet- zu geben; und war, da sie es -nicht bewilligen
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zu können glaubte, mun selbst 'Fekommen, um sie wo-
Anöglich dazu zü bestimmren.- Da sie'sich'ereit erklärte,
ihn zu empfangenn, wollte Hulda sich entfernen, aber
Gabriele hieß sie bleiben, denn' män hatte ihr die
Eintrittskarten noch nicht gebracht, wwelche'sie ,en beiden
Frauen geben wollte.'
- Der Direktor war ein großer und noch sehr
stattlicher Mann, obschon er den Sechzigern nicht ferne
-sein mochte. Hulda hatte von ihrem Vater seinen Na-
men schon als Kind vernommen, denn er,gehörte einer
-altbekannten SchauspielerFanilie an, die in früherer
Zeit das Theater in der Hauptstadt''in Pacht gehabt,
und der Pfarrer hatte''damals Gelegenheit gefunden,
ihn als jugendlichen Liebhaber mehrfach zu bewundern.
Auch schien der Direktor sich in der Rolle eines solchen
noch immer zu gefallen. Er war -modisch und mit
einer Sorgfalt gekleidet und frisirt, die an Nebertreibung
grenzte. Sein Ton, seine Haltung waren zuversichtlich
und auf eine besondere Wirkung berechnet. Man
aEkarr

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kommen. Er spielte sogar sich selber; und auch der
Enthusiasmus und die Vertraulichkeit, auit denen er
sich Gabrielen nahte, waren berechnet und gemacht.
,Ich hoffe, -Unvergleichlichste,! rief-er, als sie
ihm sagte, sie sei überrascht,, ihn, hier- zu sehen, , Sie
glauben nicht, was Sie mir sagen. Hielten Sie mich
denn für , so sehr aus dex Art geschlagen,! daß ich
Sie so nahe wissen konnte;- ohne, Ihnen die schöne
Hand zu küssen, und hätteich meinen Weg, nicht nur
durch die Schneefelder, sondern ,durch eine Welt von
Plagen machen sollen!-- -Er zog, dabei den Hand-
schuh ab, drückte mit einer geflissentlichenMlebertreibung
Gabrielens Hand an' seine Lippen, and. als sie darüber
lachend den. Kopf. schüttelten und. ihm einen leisen Schlag
gab, rief er:',Immer dieselhe, bezauhernde Anmuth!
das unwiderstehliche Lachen-aus den. ,Krziehungs-Re-
sultatenl?= Weinen,z- weinen, das kann der ganze
große Troß! Aber wer kann lachen wie Gabriele?
Wer hat je gelacht wwie FSie? - Nur Sie wieder
einmal lachen zu hören-- das wäre schon die Reise
werth!?
Sie lachte wieder, denn es elustigte sie, zu be-
merken, wie. er sich in, den Jahren, während - deren
sie ihn nicht gesehen hatte, -gleich geblieben war, und
auf seinen Ton eingehend; . versetzte, fie:- ,Damit also
könnten Sie denn wieder gehen; Werthester! Und
noch jenseits meiner Thüre, sollten Sie mich lachen
hören über die phantastische Latune, die. Sie hieher
gebracht hat. Aber, Scherz bei Seite - was führt
Sie eigentlich hieher, da ich Ihnen ja geschrieben habe,


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Bs
daß ich gegenwwärtig nicht bei Ihnen spielen könne,
wenn ich es auch wollte?
-- Was mich hieherführt? Wollen Sie, daß ich
es Ihnen sage, und wollen Sie mir nicht darüber
grollen?=- Es ist meine Kenntniß von den Frauen und
mein Glaube, daß Sie keine Ausnahme von der Regel
machen würden. Ein Nein zu schreiben, fällt den
Fräuen leicht. Dem Hofenden, dem Bittenden,i' er
betonte dieses Wort pathetisch und begleitete es mit
der entsprechenden Miene, ,,dem Bittenden ein Nein
zu sagen, wird dem weichen Herzen schwer. Und,'?
fügte er schnell hinzu, ,,Sie können Ihre Bedingungen
machen, wie Sie wollen, ich gestehe Ihnen jede imt
Voraus mit' tausend Freuden zu. Die Hälfte, drei
Viertel. des Reinertrages! Man will Sie sehen um
jeden Preis; zu verdoppelten Preisen' bin ich sicher,
auszuverkaufen bis- auf den lezten Plaz. Ich stelle
Ihnen Exträpost, ich besorge Ihnen die Wohnung,
wie Sie dieselbe wollen. - Sie bestimmen Ihre Rolle,
aber-- ich muß nach-Hause kommen und sagen
können: ,Die Gabriele kommt!!' Ich muß die Er-
innerung behalteni Gabriele hat bei mir gespielt!''
-- Wie wäre es mit der Eboli?=- Erinnern Sie
sich, welchen Beifall wir errungen haben, als ich den
Earlos noch mit Ihnen spielte? Oder wählen Sie
die Thekla! Sie werden mit dem Map-zufrieden
fein! Ein großes, vielversprechendes Talent, schöne
Gestalt, vortreffliches Organ, bequemer Partner. Ent-
scheiden Sie, Verehrteste!-

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Gabriele hatte ihn seine Rede ruhig zu Ende
führen lassen. Da er endlich innehielt, sagte sie: ,Es
thut mir in der That sehr leid, verehrter Freund, daß
die unabweisliche Nothwendigkeit miich zwingt, Ihre
Kenntniß des Frauenherzens Lügen zu strafen. Mich
bindet mein Kontrakt, und wenn Sie mirt auch goldene
Brücken bauen und mir einen Cherub! zum Partner
bieten, ich muß Jauch -mündlichs bei dem Nein ver-
harren, daß ich Ihnen schrieb. - Ich bin ermüdet,
darf mir bei der Kälte keine so großen Anstrengungen
auferlegen, und die Reise, die ich vor mir habe, ist
lang und schwer. ?
Der Direktör wollte' sich damit, iioch nicht ab-
weisen lassen. Bald als beünuündernderVerehrer, bald
als eifriger Geschäftsmannredendschneichelnd, scherzend,
Gewinn versprechend, versüchte er däsMögliche=Gabütele
ging je läniger, je mehrb auf lseine-' Scherze ein und
ließ vor ihm endlich die Hoffnungllduxchblicken, daß
sie, wenn das Gastspiel in der nordischei Kaiserstadt
sie nicht zu sehr ängegrifen haben sollte, bei der Rück-
kehr zwei oder drei Vorstellungen-äüf seiner Bühne
geben wolle. Er war ganz Freüde bei der Aussicht.
Man hraf für diesen Fall die müüdlichen Verab-
redungen, man sprach auch von seinem Personale! Es
kam dabei in freiem Tone Manches aus dem Privat-
leben desselben und aus dem- Privatleben gemeinsamer
Bekannter auf das Tapet, -das dem Dhre -des zu-
hörenden jungen Mädchens befremdlich und fast er-
schreckend klang, und nicht bevoi' der Theatetdiener
eintrat, der -Gabrielen die Billete brachte, erhob sie

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sich, um den Direktor zu entlassen. Da erst wurde
der Letztere auf Hulda achtsam, die sich zurückgezogen
hatte. und an einem der Seitentische saß. -i
- Er trat an sie heran, betrachtete sie, daß ihr das
Blut zu Kopfe stieg, und fragte dann: ,,Einen junge
Kollegin?: eine: Anöerwandte? hat Aehnlichkeit mit
Ihnen., Vortheilhafte Erscheinuung!: Würde mit. dem
,schönen'Haar, wie?Sie! zu Ihrer -Zeit,eindreizendes
Käthchen von Heilbronn geben! Ein Käthchen, wie's
imz Buuche steht!? - -
Huldavermochte die Augen nichtniaufzuschlagen,
aber ihre Verlegenheit und ihr Erröthen ließen sie
nur schöner' erscheinen. Gabrielens Blicke -ruhksn mit
jenem Wohlgefallen auf iht, das sie von der zrsten
Minute, da Hulda vor sie hingetreten' war, für sie
gefühlt hatte.
- - Michts da von Kollegin!'' sagte sie, , Mademoiselle
ist .eines:Eandgeistljchen, eines Pfarrers Tochter!. Aber
Sie- finden also auch, daß sie mir ähnlichi sieht? Es
hat,imich gesternz überrascht,i und Sie- haben -Recht,
sie würde -ein hübsches Käthchen -machen.- Sie ist,
wie ich:glaube, auch nicht ohne ein gewisses, Talent.
Wir haben gestern mit einander gelesen, und sie, hat
ihre Sache ganz. artig, ganz. geschickt gemacht.!-:
-- Sie reichte Hulda dabei die Hand und das war
gut, denn es war derfelben, als brenne, als wanke
der Boden ihr unter den Füßen. Der Direktor, hatte
die Brille aufgesetzt und sah sie unverwandten Flickes
an. , as ist ein Lob, auf das Sie stolz sein können,
Mademoiselle! ein Lob,. nach dem Erprohte geizen

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d?
wwürden. Sie haben, wahrscheinlich. Lust, zur Bühne
zu gehen? Haben Sie Vexsuche dafür. gemacht?
,,Ich? rief Hulda, und es war ihr unmöglich,
ein weiteres Wort zu finden, so:, dgß-Gabriele -dem
Direktor, die. Erklärung gah, darch welche zufällige
Veranlassung das Mädchen zu ihr geführt und wie sie
mit demselben bekannt geworden sei.-
Das schien jedoch den Direktor in seinem Plane
nicht im geringsten zu beirren. ,Es heißt im ,Faustr',
sagte er: IEin Komödiant köinit'' einen Pfarrer lehren!
-- aber es ist auch schon Mancher aus dem Bereich
des Pfarrhauses, ja Mancher, der für die Kanzel be-
stimmt gewesen, auf die Bühne gegangen; denn zur
Bühne wie nach Rom fähren alle Wege. Der Weg
dahin ist aus einem Pfarrdorfe nicht weiter wie aus
jedem anderen Orte. Wenn Sie meinen, daß Ma-
demoiselle Talent hat, und wenn Mademoiselle in sich
Beruf verspürte ==-
,,So und so weiter!' fiel ihm Gabriele in das
Wort -,,und damit lassen Sie es auf sich beruhen,
mein Bester! Sie sehen, Sie ängstigen, Sie ver-
wirxen das arme Kind. Man muß mit solchem Scherz
nicht Ernßt machen. Nicht wahr, liebe Hulda? Es
wird Ihnen bange unter uns Komödianten - und
ganz Unrecht haben Sie damit nicht.- Glücklicher-
weise sind die Billete jetzt auch da!'
Sie ging an den Seitentisch, gab ihr die beiden
Karten, trug ihr Grüße an ihren Vater und an Miß
Kenney auf, sagte, sie möchte sich ihrer erinnern, möchte

Kapitel 06

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Behniss Säpiteü-
----'
Wie Hulda' nach Hause' gekommen wwar, wie der
Tag ihr vexgangen, was sie am Abende im Theater
gedacht, gefühlt hatte, das wußte sie nach wenig Tagen
schon nicht mehr. Nüt daß der Direktor'äus der
Prosceniums-Loge, in' der er. sichr befuüden, sie durch
die Brille mit seinen' großen, -hervortretenden- Augen
immer wieder -angesehen, daß et sie tüit einer Ver-
traulichkeit begräßt hatte, als ob. er ein -alter Bekannter
von ihr wäre, dessen'' erinnertesie sich. genau, und es
war ihr beruhigend, daß Miß Kenney es nicht gesehen
hatte. Die Achtsamkeit, welche der Direktor aüf sie
gerichtet, hatte-sie förmlich befangen und gepeinigt.
Das Spiel Gabrielens war -ihr darüber zum Theil
verloren gegangen. - Sie hatte- voit dem Direktor so-
gar' in- der Nacht geträumt. - Es war -plözlich ein
ganz' neues, ihr unheimliches Element in ihr Leben
gekomnien, eine Angst? eine Uirihe, über die sie nicht
,Herr zu werden vermochte. Sie wagte es weder dem
Vater noch ihrer alten Freundin zu erzählen, wwas sich
an dem Morgen bei Gäbrielen zugetragen, was sie






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dort erlebt und an welche Möglichkeiten man für sie
gedacht hatte; und doch lag ihr jener Morgen immer-
fort im Sinne, doch sagte sie sich unaufhörlich: wenn
Er, wenn Emanuel es wüßte, daß man sie Gabrielen
so sehr ähnlich fand, daß man die Laufbahn einer
Schauspielerin als eine ihr angemessene erachte!
Die Tage und Wochen und die Jahreszeit nahmen
inzwischen ihren still'' gewohnten Lauf. Hulda that
an jedem Tage, was ihr oblag, sie pflegte den Vater,
leistete ihrer Beschützerin die kleinen häuslichen Dienste,
deren -sie bedurfte, und wenn man, sie ;daneben oft-
mals uoch still, und in sichwversunken, sah, so- ließ mgn
sie gewähren,: denn man: war gewiß,-sie bei; der,
Gesundheit ihrerß Natür -getrost, sich selber übeglassen
zu dürfen.. - Man, hoffte, die Zeit würde die Wunde
ihres Herzens Nheilen, und vernarben;machen, besonders;
da. Pmanuel' Nichts weiter von sich hören ließ und
Niemand iin ihrer: jetzigen Umgebung einen Zusammen-
hang:zwischen Hulda und dem ,aron auch nur, ver-
muthete. i
Her Pfarrer freute sich, daß. Hulda's Lust, sich
zu unterrichten, ihre Vorliebe für die, elassische Literatur
mit jedem: Tage zunahmen, daß: sie. ihr Gedächtniß
mit den--schönsten Stellen deutscher Dichtkunst. füllte.
Er und Miß Kenney bemerkten es mit Wohlgefallen,
welch einen Einfluß auf Hulda's Vortrag die flüchtige
Begegnung mit Gabriele! ausgrübt hatte. Mit der
Blindheit, welche man fast immer für das Seelen-
leben seiner Nächsten hat, ahnte es keiner von den
Beiden, was in des jungen Mädchens Seele vorging,

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und wie gerade in: den' Stunden, in wwelchen sie am
schmerzlichsten! um - die verlorene. Liebe trauerte, eine
Hoffnung und ein Verlangenswor -Huldg aufstiegen,
von deren blendendem Glanzesie wwie: Hör teiner gefähr-
lichen Verlockung noch ih? Aüge schloßhfbesonders da
eben jetzt die gesteigerte Sorgeunliden. Vater, sie von
sich selber abzeg.
Das Augenleiden des Pfarrers hatte sich troz
der Sorgfalt und -Kunst des Arztes nicht gebessert.
Eine Dperation, auf dienianfich vertröstet, stellte sich
als nicht: ausführbar heraus. ? Män -hatte also im
besten Falle zu erwärten, daß des Greises Augenlicht
nicht ganz erlöschen, daß-er noch' fähig bleiben werde,
seinen Amtsgeschäftent'unter 'Beistand des Adjunkten,
den man ihm -gegeben hatte; theilweise tvorzustehen;
aber zu einemfoktgesetzten Aufenthalte iw der. Stadt,
war nach solchem.Ausspruch-desArztesnfür. den-Pfarrer
keine Nothwendigkeit zißehr vörhanden. -Der Greis,
für den -der' wwerhältnißmäßig lebhafte Menschenverkehr,
dessen er durch die Nebersiedelung in die Stadt theil-
haftig geworden, am Anfange erfreulich und belebend
gewesen war, fing an, sich nach seinem n Dorfe, nach
feinen Pfarrkindern, nach seiner ihm noch möglichen
Thätigkeit zu sehnen. Der Gedanke, daß wachsende
Erblindung ihn behindern könne, die Stätten und
Plätze, an Fenen seine ganze Seele hing, noch ein-
mal mit' leiblichen Augen zu schguen, lag ihm be-
ständig im Sinne, und- trieb ihn'noch mehr dazu an,
auf die Rückkehr in die Heimat mit einer ihm sonst
fremden Hast zu dringen. ?

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- Miß Kenney hatte: zuerst. Einwendungen dagegen
gemacht. Sie war an Hulda als. Gesellschafterin,. als
Vorleserin gewöhnt, sie- behagte sich als Herrinß- des,
Hauses, in welchem sie den Winter mit ihren Freunden
zugebracht hatte. Die Unabhängigkeit, in der sie zum
erstenmale ausschließlich nach ihrem eigenen Gefallen
hatte leben können, war ihr, da das Bequemlichkeits-
Bedürfniß- des Alters sich endlich auch. bei ihr ein-
gestellt, wohlthuend geworden, guund sie hatte :sich also
ganz allmälig in die Aussicht. hineingelebt, die Sahre,
welche noch vor- ihr liegen mochten, abwechselnd auf
dem Schlosse und in dem gräfllichen Hause in -der
Stadt zuzubringen, wobei sie- die Gesellschaft Hulda's
äls etwas sich von selbst. Verstehendes in- Fdechnuung
gebracht hatte. Sie wünschte deshalb auch Hulda.
und mit ihr den Vater, dessen Amtsthätigkeit doch
keine nachhaltige mehr sein konnte, bei sich in der
Stadt zu behalten, bis es ihr selber passen würde,
guf das. Land hinauszugehen, und: die Gräfin durfte
sich, so, weit es ihre, Plane für ihre glte. Erzieherin
betraf, wieder einmal dex. Scharfsicht, und Voraussicht
xühmen, mit denen sie das derselben Angemessene. er-
kannt und für sie vorbereitet hatte. Trozdem be-
stimmten Nnstände, welche völlig außerhalb ihrer,Be-
rechnung gelegen, die Gräfin, über; die, greise
Dienerin und Freundin noch einmal. in anderer Weise
zu verfügen.
Ihr Schwiegersohn wünschte, durch Familien-
Angelegenheiten dazu veranlaßt, nach Paris zu gehen
und seine Frau mit sich zu nehmen. Die Gräfin war

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geneigt, sich ihnen anzuschließen, aber die junge Fürstin
konnte es nicht über sich gewwinnen,, ihren nur wenige
Monate alten Erstgeborenen mit der Dienerschaft allein
zurückzulassen, und den Knaben bei der immer noch
winterlichen Jahreszeit den. Zufällen einer so weiten
und langwährenden Reise auszusetzen, trug der Vater
Bedenken. Die Gräfin schlug glso por, die- Kenney
herbeizurufen, um dem fürstlichen jungen Paare über
alle Besorgnisse hinwegzuhelfen. Damit war man
augenblicklich einverstanden. Die Anweisung, sich auf
den Weg zu machen, wurde der Vielbewährten in der-
selben Stunde noch ertheilt, die Zeit, in welcher der
Brief in ihre Hände gelangen mußte, der Abgang der
nächsten schicklichen Postgelegenheit waren dabei genan
berechnet. Die Gräfin schrieb jhr, wann sie auf der
Station einzutreffen habe, auf welcher das Fuhrwerk
des Fürsten ihrer warten würde; und weder in dem
Gedankenkreis der an unbedingten, Gehorsam gegen
ihre Anordnungen gewöhnten Herrin, noch in dem
Bereiche dessen, was die unbedingte Untexordnung von
Miß Kenney, für möglich hielt, lag die Voraussetung. ,
daß irgend etwas Anderes als schwere Krankheit sie
behindern könne, der empfangenen, Weisung sofort
pünktlich nachzukommen, Aber der zögernde Pulsschlag
des Alters steht mit raschen Entschließungen, mit plöz-
licher Umgestältung seiner Plane im Widerspruche, und
wie das Vertraüen, das man in sie setzte, und die
Aussicht, das Kind ihrer Clarisse' zu sehen und zu
behüten, die Greisin auch erfreuen mochten, die Noth-
wendigkeit, innerhalb der nächsten vierundzwanzig
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Stunden aufzubrechen, um, nur von- einer Magd be-
gleitet; eine längere Postreise anzutreten, erschreckte
sie und vermehrte in ihr die Unbehilflichkeit des
Alters. --
- Sie- wollte bald- dies, bald das, und wollte vor
Allem doch gehorchen. Hätte die Gräfin sie in solcher
Rathlosigkeit gesehen, es hätte' sie die -Auskunft be-
reüen machen müssen, die fie für ihr Enkelkind ges
troffenhatte. Sie gab Hulda und dem Dienstmädchen
Befehle, diesich widersprächen,und'es. blieb det-Ersteren
dennendlichJuchmichtsAnderes übrig, als nach eigenem
Ermessen-einzugreifen und für ihre Beschüzerin vor-
zusorgen, wie sie es für ihren Vater schon seit lange
thun mußte. -
zDer Tag verging in =astlsser Geschäftickeit, es
ivar visl des nächsten Nothwendigen zu besorgen, zu
bedenken; es mußte ;brede getroffen werden für die
Heimkehrdes Pfarrers und Abrede auch auf den Fall,
daß Miß Kenney, wie sie es für wahrscheinlich hielt,
für längere Zeit bei dem' jungenPrinzen zu bleibei
haben sollte.' Man,nkam wenig zur -Ruhe, weniger
noch zü -einem -gesammelten Gespräche.- Der Abend
war da, behe man sich deß versah. Auf ein so plöt-
liches Scheiden hatte man nicht gerechnet, äber die
Gottergebenheit des Pfarrers und das Pflichtgefühl der
Greisin gaben Beiden Fassung, als sie sich vor Nacht
um die gewohnte Stunde trennten. -
- zPerlassen Sie meine Tochter nicht!'' sagte der
- Pfatrer, das war Mlles. Miß Kenney drückte ihm
die Hand.,,Hulda weiß es,'' entgegnete sie ihm, ,wie

65
fie auf uns Alle zählen kann. Sie wird nie verlassen
sein, wenn sie sich getreu bleibt wie bisher.'! Damit
trennten sich die Beiden.
Die Post ging in den frühen Mötgenstunden
fort. Hulda hätte sich sehr zeitig erhoben, umn der
Reisenden den Aufbruch zu erleichtexn. Sie fand
dieselbe ebenfalls schon angekleidet, und beschäftigt, ver-
schiedene Besorgungen gufzuschreiben,Iwelhe Hulda
im Schlosse für sie ausrichten: sollte. Wie sie ihr
diselben mit jener ängstlicheit Geiauigkeit des Alters
eingeschärft hatte, welches von der'' eigenen Schwäche
und Unzulänglichkeit auf die der. Anderen zu schließen
liebt, sagte sie, während sie noch die lezten Stücke in
ihre Reisetasche steckte: ,Ich mtäche nit einen Vor-
wurf daraus, daß ich mich mit Dir gicht längst ein-
mal über Deine Zikunft ausgesßxgchen habe; indeß
ich hatte nicht erwartet, so bhld änd so plözlich vonn
Dir gehen zu müssen. - Nun drängt der Augenblick
und solche Dinge machen sich müdlich doch' immer
leichter ab als schriftlich. Der Arzt, hat mir gesagt.
daß Deines Vaters ganzer Zustand besorgnißerregend
ist. Sein Augenleiden ist Folge einer ällgemeinen
Erschöpfung, die bei seinen Jahren keine Hofnung auf
neue Belebung der Kräfte zuläßt. Ich habe Dir dies
bisher verschwiegen, wweil ich mit Euch zu bleiben und
Dir im Nothiall, in der entscheidenden Stunde, zur
Seite zu stehen hofte; das kann nun anders kommen.
Du wirst voraussichtlich auf Dich und Deine eigene
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66
Du wirst Dich zu bewähren und das Zutrauen zu
rechtfertigen wissen, das wir in Dich gesetzt haben.
Glücklicherweise ist ja auch der Adjunktus draußen,
der ein wackerer und gemüthvoller Mann zu sein
scheint. Indessen eben seine Anwesenheit wird Dich
in betreffendem Falle nöthigen, die Pfarre sobald als
möglich zu verlassen, und Du wirst dann am besten
thun, wenn Du zu dem Amtmanne gehst, der Dir
wohlgesinnt ist, bis sich eine Stelle für Dich gefunden
haben, wird, die wir natürlich so bald und so wünschens-
werth als möglich für Dich zu ermitteln suchen werden.!
Sie packte während dessen die warmen Schuhe
ein, die sie im Postwagen anzuziehen dachte, unter-
suchte die Stöpsel und Korke an ihren Aether- und
Riechfläschchen, sah, ob die Bonbons ihr lescht zur
Hand wären, und sie hätte noch lange fortsprechen
und noch lange unter ihren Sachen kramen können,
ohne daß Hulda sie unterhrochen haben würde.
Es-war nicht lange her, daß Gabriele die
schmzrzende Frage an sie' gerichtet hatte, was sie zu
thun denke, wenn ihr Vater einmal die Augen schließen
werde? Aber wie traurig diese Frage sie auch ge-
macht, sie hatte nicht die niederwerfende, die völlig
entmuthigende Wirkung auf sie hervorgebracht, wie
Miß Kenney's eben gehörte Worte. Gäbriele hatte
doch nicht voll ermessen können, welch ein. Sonnen-
schein einmal über Hulda's Leben aufgegangen war,
wie hell' die Zukunft ein paar kurze Tage hindurch sich
vor ihr ausgebreitet hatte, und wie unglaublich es sie
deshalb dünken mußte, daß all die Liebe und Hoffnung,

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und all die Freude und all das Glück nicht dagewesen
sein sollten; daß ihre heiße, treue Liebe, ihr Glaube
und ihre Zuversicht zu dem Manne, in dem sie das
Urbild allen Seelenadels verehrt hatte, sie betrogen
haben könnten. Miß Kenney wußte dieses Alles--
und benahm ihr trotzdem jede Hoffnung, jede! Miß;
Kenney hatte es ihr so häufig wiederholt, welch
mütterliche Zärtlichkeit sie für sie hege und konnte an
ihr Riechsalz und an die kleinsie ihrer Bequemlich-
keiten denken, während sie über das Schicksal eines
armen treuen Herzens den Stab in kühler Seelen-
ruhe brach.
Es par vergebens, daß Hulda mit sich rang,
vergebens, daß sie sich es vorhielt, wie viel sie ihrer
alten Beschützerin an Unterricht und Pflege, an Unter-
weisung und Erziehung, an tragender und stüzender
Geduld und Güte schuldig geworden sei. Der Gedanke:
sie nimmt Dir alle Hoffnuung, sie findet es in der
Ordnung, was Dir geschehen ist und was Du leidest,
und daß Dein Leben -wie eine öde Haide weit und
grau und farblos vor Dir liegt, preßte ihr das Herz
zusammen und schnürte ihr die Kehle zu. Hätte sie
sprechen wollen, sie häätte ihre Lippen' nur mit einem
Aufschrei öffnen können. Die Bitterkeit, welche sie in
ihrem Schweigen zum erstenmale in sich aufsteigen
fühlte, steigerte ihre Pein, und- machte ihr auch das
kleinste Wort des Dankes zur Unmöglichkeit.
Glücklicherweise war die gute Kenney viel zu sehr
mit sich beschäftigt, um Huldg's starres Verstummen
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sonderlich zu merken. Die Anstrengungen und Un-
bequemlichkeiten, welche ihre Rückkehr zu der gräflichen
-Familie ihr auferlegte, machten sie alles Andere ver-
gessen. Hätte sie es nicht gls ihre Aufgabe ergchtet,
ihre. Oflicht. auf jedem Plate, auf den sie das Geschick
gestellt, bis auf das Fezte gewissenhaft zu erfüllen, so
hätte sie, vielleicht in -der Spannung und Aufregung,
in welche der,plözliche, Befehl der Gräfin sie versezt
hatte, ,überhaupt! kaum noch aran gedacht,; Hulda in
FolchersWeise»voraussichtig,zu berathen. -
- - ; -Aber;sie war beruhigt, daß, sie. es doch noch ge-
than hatte, ehe der Wagen vorfuhr, der sie nach der
,ost zu bringen hatte. Sie. forderte Hulda noch in
aller Eile auf, ihre mufikalischen Mebungen! und ihre
Sprachstudien fleißig fortzusetzen, weil paunu döese an
einer Gouvernante am meisten suche und bezahle. Sie
rieth. ihr,: auch das Zeichnen nicht zu vernachlässigen,
in welchem -ie -unter ihrer Leitung gute Fortschritte
zemacht hätte; sie, versicherte, daß sie der Gräfin und
der Fürstin, über Hulda's verständiges Verhalten das
Allerbeste sagen- werde, und daß diese sicher sein könne,
nie -des Schuzes, und des Beiständes der Herrschaften
zentbehren zu, müssen, durch deren empfehlende: Ver-
wwendung ein Unterkommen für jie, sich gewiß leicht
Finden werde, sobald es einmal erforderlich sein sollte.
Darauf. küßte sie Hulda ganz gerührt, drückte sie mut
wirklicher Zärtlichkeit an ihr Herz, als Hulda ihr in
-den Wagen half, rief ihr noch zu, sie möge den Vater
-grüßen und möge es ihr gleich schreiben, wenn Etwas
vorkommen sollte, und Hulda sah, wie sie sich die





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Hulda stand unter dem Portale und schaute dem
Wagen nach. ,,Sie wird den Baron gewiß bäld wieder-

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Augen trocknete, als ihre Dienerin der Mörgenkälte
wegen das Wagenfenster schloß.
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sehen,' dachte sie, , sie pird ihm fagen, daß ich mich
getröstet habe!'' fügte sie hinzu,i und die verhaltenen
Thränen, die ihr, his dähiß dgs, Henz belastet hatten,
stürzten ihr aus deü'' Auge N-?-

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Kapitel 07


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Hieöenies Gapiies!
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, Ein paar Tage später, gerade als der Adjunktus
des Pfarrers wieder einmal in das Schloß gekommen
war, den Amtmann und Mamsell' Ulrike zu besuchen,
traf ein Brief von Hulda ein. Sie schrieb dem Amt-
mann im Auftrage von Miß Kenney, daß diese zu
der jungen Fürstin hinbeschieden sei, theilte danach
dem alten Freunde das Urtheil mit, welches der Arzt
über den Zustand ihres Vaters ausgesprochen hatte,
und bat ihn im Namen des Letzteren, er möge ihnen,
so bald es sein' könne, für die Heimkehr ein Fuhr-
werk in die Stadt senden, da der Vater sich danach
sehne, in sein Haus und in seine Heimat zurückzu-
kehren.
Der Amtmann, der mit unerbittlicher Strenge
darauf hielt und darauf zu halten Ursache hatte, daß
die Schwester keinen Brief in die Hände bekam, der .
an ihn gerichtet war, wie unverfänglich sein Inhalt
auch immer sein mochte, faltete das Blatt, nachdem
er es gelesen hatte, mit Genauigkeit zusammen, steckte
es in die Brusttasche seines Flausrockes und fuhr ruhiz


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zu rauchen und mit dem Kandidaten weiter zu con-
versiren fort.
,,Sie werden's nicht durchsetzzen, Herr Adjunktus!
das mit Ihrer Sabathfeier!'' sagte er. ,Wir sind
hierlands nicht' Engländer und auch nicht Juden.
Sehen Sie sich vor. Die Leute beharren hier auf
ihrem Kopf, auf den Gütern so gut wie in der Kate.
Es geht hier nicht wie in der Stadt. Wir haben
sammt und sonders an manchem Sonntag alle Hände
nöthig, um den Segen nicht zu Schanden werden zu
lassen, den unser Herrgott uns gegeben hat; und wer
sechs Tage in der Woche bei- der Arbeit -gekeucht hat
und geschwizt, der will' am siebenten Tage vor Ver-
gnügen keuchen und zum Vergnügen schwizen. Sehen
Sie sich vor! Was man durchzuführen nicht gewiß
ist, das muß man mit den Leuten gar nicht erst pro-
biren. Ein Pferd, das Ihnen vor dem Graben Kehrt
gemacht hat, über den Sie es springen lassen wollten,
das haben Sie nie wieder sicher in der Hand. Und
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an unserem Herrn Pastor auch nicht.!
Der Adjunktus schwieg. Es war ihm Ernst mit
seinem Amte, Ernst auch mit der Heilighaltung des
Sönntags, wie man sie einzuführen strebte, seit sich
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Makrer
- junger Mann von reinen Sitten und von gutem
Herzen, kurz- ein Mann, gegen den der Amtmann sonst
Nichts einzuwenden hatte, als daß er ihm zu welt-

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fremd und zu fromm war, und daß er nicht rauchte:
Aber er dachte bei sich: das Rauchen lernt er wohl
aus langer Weile goch, und die, übergroße Frömmig-
keit, die wird sich auf dem Lande legen, wenn er sie
nicht mehr mit Seinesgleichen in bequemer Gesellig-
keit, sondern ganz für sich alleine zu betreiben hat. -
-, Auch die Mamsell wwar ganz für den Adjunktus.
Sie sah es gerne, daß er fast in jeder Woche einmal
fn, das Amt kam, sie ließ sich's gerne gefallen, wenn
er zu ihr von seiner Mutter sprach, die ihn nach des
Vaters frühem Tode mit Opfern aller Art erzogen
hatte, - bis auch sie gestorben war. Sie nannte ihn
ein dankbares Gemüth, einen wohl zu leidenden sanften
Menschen, und der Amtmann lachte, wenn ,Jie in des
Adjunktus Beisein ihre Stimme dämpfte und - ihrer
Rede Gewalt gnthat, als besorgte sie, ihn zu erschrecken
oder, zu verscheuchen.
, -- ,Sie wird sich aus Narrheit noch auf die Sanft-
.muth und - Frömmigkeit verlegen, denn die. Pfarr-
Adjunkten sind einmal ihre Leidenschaft!s! sagte er, im
Scherze zu seinem alten, Freund, dem königlichen Ober-
förster. Auch heute, wieder, so schwer ihr's ankam,
ihre Neugierde zu zügeln, denn sie, hatte, die Hand-
schrift auf dem Briefe erkannt, ging-die Mamsell auf
des jungen Mannes Unterhaltung ein, und stellte sich
auf seine Seite, weil sich der Bruder gegen ihn
erklärte.
, Nein, weiß Gott, nicht!'' sagte sie so sanft und -
leise, als sie konnte. ,An dem Bruder finden Sie
Ihren Rückhalt nicht, Herr Adjunkt! Der kennt Nichts

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als Arbeit, immer Arbeit, gm. Sonntage wie am
- Wochentage und -Hich -im Stillen freuen hat er nie
gekonnt.??. -
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Der Amtmann schlug-sein-hellstes: Lachen auf.
,,Nein!!' rief er,. ,,nein, da hat; sieiRdecht, und zu dem
Vergnügen,n, das Sie, mir»heute bereiten, nicht zu

lachen, da müüßte ich ficht aehr ich selher, sein. Aber,
nun ist Alles möglich!- Das ist ja mehr als bloß Be-
kehrung, das -st, die reine Hexerei. - Die Schwester,
die sich auf die Sonntagsruhe und auf die Heiligkeit
verlegt! Das-ist ein Mirakel; Hexr Adjunkt! Wenn
Sie mir Die zurSanftmuth, .wweni Sie mir Die zur
Stille gund zum Schweigen bringen; Fo; sollen Sie
mein. Mann sein, mehr noch alsibisher.!..
Ulrike ; wurde: feuerroth.. -,Statt den Herrn
Adjunktus zu, verhöhnen, undrmich zu verspotten, weil
ich mich; noch nicht-zu alt erachte;äeine Fehler abzu-
legen, wenn man, sie-mir fdurch gutes GBeispiel deut-
lich macht, solltest. Du-? sie- hrach plözlich ab und
biß sich auf die schmalen. Lippen. .
Dem guten Sinne des jungens Geistlichen waren
diese, Vorgänge zwwischen dem-Amtmann: und der
Schwester sehr zuwider. Er, war klug gundt verständig
genug, die;, rechtschaffene. Tüchtigkeit des. Amtmannes
trotz seiner gelegentlichen Derbheiten zu achten und zu
schätzen, und doch noch aunerfahren genug, sich einzu-
bilden, daß es ihn wwohl: gelingen.könnte, in Mamsell
Ulrike, die sich immer -seiner»nsicht -zeigte, so oft der
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Bekehrung und Erhebung zu bewirken. Es war ihm bis-
weilen auch geglückt, Ulrike zu besänftigen, so daß er
sich die Neberwindung, mit welcher sie in diesem Augen-
blicke innehielt, als sein Verdienst anrechnete und ihr
zu Hilfe' kommen wollte, als der Amtmann ihm diese
Möglichkeit mit der an die Schwester gerichteten Frage
abschnitt:,,Na, komm' nur damit heraus! Was soll
ichdenn??
- ,Du solltest,. fuhr Ulrike, ihrer selbst jezt nicht
länger mächtig, fort, , Du solltest wissen, daß ich es
nun einmal für den Tod nicht leiden kann, wenn Du
so die Briefe von der Hulda für Dich allein behältst
und wegsteckst, als ob die heiligen zehn Gebote oder
die heilige Offenbarung darin ständen,' die unser Herr-
gott!!- der Verkehr mit dem Adjunkten hatte ihre
Gedanken auf den Bereich der Bibel hingelenkt -
,,die-unser lieber Herrgott denn doch nicht' bloß für
einen Einzigen in die Welt geschickt' hat.! -
ne gStehen auch gar keine Geheimnisse in dem
Briefe,i' entgegnete der Amtmann, hdem es Spaß zu
machentschien, daß seine Schwester die ihr neue Rolle
der Gehaltenheit und Mäßigung bei jedem Anlasse
wiest ein- lästig Kleidungsstück vonihren Schultern
warf,. und der das Necken nicht leicht lassen konnte.
,,Steht Nichts darin, wwas ich Dir nicht hätte sofort
sagen können, hätte ich nicht befürchtet, Dir und dem
werthen Herrn Adjunktus damit Bedenken zu erregen,
daß ich das Fuhrwerk für den Pastor am Sonntag
abgehen lassen'will.'

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, Wozu das Fuhrwerk?' fragte die- Mainsell auf-
horchend.
Der Amtmann ließ sich mit der Antwort Zeit.
Seine Pfeife hatte sich verstopft, er mmußte sie in
Ordnung bringen. Ulrike klopfte mit: den spizen
Fingern ungeduldig auf den - Tisch. - Der Amtmann
schien das gar nicht. zu bemerken.,Die Frau Gräfin'',
sagte er endlich, ,die Frau Gräfin hat die Kenney
zur Frau Fürstin hingerufen, sie ist vor einigen Tagen
abgereist =--
,, Und das sagst Du mir erst jezt,. und als ob
das gar Nichts wäre? fiel: die -Schwester dem Amt-
mann mit freudestrahlendem Triumphe in die Rede.
,,Das ist ja ein wahres Glück! Die also wäre man
doch nun wieder los! Und das leise Kommandiren
und all das bescheidene Hofmeistern- und Besserwissen
hat doch wieder auch einmal,sein Ende« Ich wollte
nur, sie holten -'! -
Aber sie besann sich eines Besseren. Sie sprach
nicht aus, was sie erwünschte; und fragte statt dessen
nur, was denn sonst noch Gutes' in -dem Briefe
stände. .
, Nicht viel Gutes,'- vexsogte,der Amtmann. ,Ich
hatte es aber bald gedacht, daß zLeine- Hilfe mehr für
unseren guten Pastor sein würde.. 'Er, weiß- das jezt
auch selbst; das arme Kind, die Hulda aher, weiß noch
mehr, als der, Doktor ihm zu sagen. ßir,gut befunden
hat. Der kranke Mann sehnt sich nun, nach Hause,
und die Hulda bittet mich,ihnen ein Fuhrwerk in die

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Stadt zu schicken, was ich-denn gleich übermorgen
thun will, ehe die Wege vollends grundlos werden.'!
,,Da sie so lange weggeblieben sind;'' meinte die
MamsellUlrike,,,so könnten sie nun schon bleiben, bis=
- - ,Bis die Wege' vollends 'grundlos werden,'! fiöl
der' Amtmann ein,,,oder bis der arme Mann die
Heimat,' in die er wiederkehrt, gar nicht mehr sehen
kann? Nein, dasn' Mädchen hat ganz Recht. Sie
müssen je. eher je lieber in, ihr Haus zurück, wo der
Pfarrer Alles an seinem Flecke kennt und findet, und
wo er, wie die Hulda es mir schreibt, selbst dasjenige
. noch zu sehen glauben wird, was er vielleicht nicht
mehr genau erkennt.!
- Der Amtmann war gegen seine Gewohnheit ganz
gerührt über diese Vorstellung und über seines alten
Freundes trauriges Geschick. ,Für Sie, Heir Ad-
junktus,' sagte er, ,,wird es auch -recht gut sein, wenn
die Beiden erst wieder in dem Hause jein' werden.
Der- Pfarrer ist. hier geboren, er kennt die Leute hier
undwird Ihnen noch besser als' ich' selber sagen kön-
nen, wwas hier geht'ünd nicht geht; Und die- Tochter
-- nun, Sie haben sie ja gesehen, die drei Tage die J
Sie in der Pfarre vor-des Pastors Abreise iiöch zu-
sammen gewesen sind. - Ich' halte große Stückö von
dem Mädchen. Es ist brgv und gut!' und als wolle
er die Empfehlung'' Hulda's, die er mit Geflissenheit
ausgesprochen hgtte, doch nicht gar zu merklich' machen,
fügte' er hinzu: ,,Auch die Mutter war eine brave
Frau, die mit ihrem Wenigen gut hauszuhalten
wußte.r!
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Ulrike hatte Hulda's Lob nur mit Neberwindung
angehört; seit sie aber in dem Verkehr mit dem Ad-
junktus angefangen hatte, sich - der Milde und der
christlichen Liebe zu befleißigen, hatte sie die selige
Paftorin in den Kreis derjenigen -ihr ungefährlichen
Personen aufgenommen, von denen Fie nichts Nebles
fagte und auf die sie auch Nichts kommen ließ. ,Ja!'
versetzte sie, ,,die selige Simonene -war eine gute Frau
und hatte auch bei uns mancherlei Gutes angenom-
men in der Wirthschaft und im Hause. Sie und ich
haben es auch nicht fehlen lassen an der Hulda! Aber,
was dem Mädchen mangelt, das läßt sich nicht erlernen
und nicht geben; das muß aus dem -Herzen kommen,
das muß angeboren sein.'
,. Und was mangelt denn der Hülda?' fragte der
Amtmann, der seinerSchwester.mie recht traute, wenn
sie, wie er sich aüsdrückte, wwie ein Igel, der für sich
Gefahr merkt, ihre Stacheln einzog. -
,,Demuth! Demuth mangelt ihr;'' und halblaut,
wie zu sich selber spiechend, sezte sie hinzu: unter
einem Baron thut es die Hulda einmal nichtl'
Der Amtmann zog die Augenbrauen in die Höhe
und gab der Schwester einen Wink, den sie nicht über-
fehen und nicht mißverstehen konnte. Sie stand auf
und ging, mit den Schlüsseln an ihrem Bunde klap-
pernd, rasch hinaus. Dor Amtmann schrits im Zimmer
auf und nieder. Es ging ihm Etwas im Kopfe
herum, er konnte nur nicht mit sich einig werden. Mit
einemmale blieb er vor dem aste stehen.




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78
,,Ich müßte die Menschen hier herum, und ich
müßte meine Schwester nicht. kennen,'' hub er ohne
alles Weitere an, oder Sie haben schon allerlei von
dem Gerede zu hören bekommen, das die Schwester
Ihnen da eben wieder als ein rechtes Zeichen ihrer
Art von Nächstenliebe aufzutischen dachte. Glauben
Sie davon kein Wort, es ist Mlles Lüge und Ver-
leumdung,. Alles! Alles! Das arme Kind ist zu be-
klagen, und einem freundlichen Gesicht im Hause zu
begegnen, wird dem Mädchen gut thun. Denken Sie
daran.'!
IEs lag so viel redliche Güte in seinen Worten
und in seinen Mienen, daß sie den graden Sinn des
jungen Mannes überwältigte und ihm das Herz erschloß.
,,Es ist wahr,. entgegnete er, Jund es'' ist mir
befremdlich aufgefallen, daß man auf den bei uns ein-
gepfarrten Gütern, und auch daß Mamsell Ulrike der
Tochter des Herrn Pastors nicht geneigt ist. Soweit
ich sie aber in den paar Tagen kennen lernte, die ich
mit ihr verlebt habe, kam sie mir sanft und gut und
schlicht vor, und die -geringen Leute hängen ihr in
Liebe an. Man hat auch Nichts offen gegen sie aus-
gesagt-b!.
,,Weil man Nichts auszusagen hat! Weil selbst
der Neid, der hier im Spiele ist, Nichts vorzubringen
hatl'! xlef der Amtmann, der sich zu erhitzen anfing.
,Sezen: Sie bei allen Weibern, bei den jungen wie
bei, den alten, und bei meiner Schwester obenan, nur
immer einen rechten gründlichen Neid voraus, wenn ?
sie von einem schönen braven Mädchen reden, und eine

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heimliche Schadenfreude, wenn ihm etwas Nebles wider-
fährt, und Sie werden solch armen Mädchen wie der
Hulda, damn gerecht sein.' :
Der Adjunkt hörte das mit Freudet Man hatte
ihm Hulda gleich bei den Antrittsbesuchen, die er zu
machen hatte, als eitel, als gefallsüchtig und intrigant
geschildert. Man hatte arglistig gelächelt, wenn er aus-
gesprochen, daß sie-ihm nicht alsg erschienen sei, und
hatte angedeutet, der schöne Sekretär des Fürsten, und
Seine Durchlaucht selber, und der Bruder der Frau
Gräfin wüßten von der schlichten Pnschuld mehr zu
lagen. Er hatte von solchen Beinerkungen gleich ab-
gelenkt, hatte mit richtigem Empfinden auch von Nie-
mandem Auskunft über die: Tochter seines vorgesetzten
Amtsbruders verlangen wollen; aber-die. Aussicht, mit
einem Mädchen; dessen Ruf so-schwer geschädigt schien,
in täglichem und engem iVerkehr zu leben, -war ihm
bei seiner strengen Sittlichkeit und in feiner' amtlichen
Stellung gleich widerwärtig erschienen, und des Amt-
manns Worte, das Lob, das derselbe der Pfarrers-
tochter mit solcher Liebe spendete, erfreuten deshalb
den wackeren jungen Mann. - Zum erstenmal erlaubte
er sich nun die Frage, was denn Anlaß geboten häbe
zu den Gerüchten, die über Hulda umliefen, und der
Amtmann, dem das Verhalten des Adjunkten in dieser
Angelegenheit sehr, wohl gefiel, gab ihm offenen und
völligen Bescheid. -
Darüber wurde das Essen in der Nebenstube auf-
getragen, Mamsell Ulrike rief zu Tisch. Der Amt-
mann sagte während der Mahlzeit dem ältesten Inspektor,

8
daß Sonntag in der Frühe der Reiseknecht' mit deni
halhverdeckten Holsteiner in die Stadt zuäfahuen habe,
! - um den Herrn Pastor und MämsellsHulda herauszu-
holen,und es war danach dieRede weiter nicht'von ihnen. -
-: -Nur als der Adjunktus :sich enfahl und Nam
sell. Ulriken. zunAbschiede die Hand -gab, -drückte sie
ihm dieselbe: leiseJund sagte, flüsternd..- Sie werden
Ihr Eunder erleben, Hexr Adjunkt!lAber fü Sie ist
mir nicht bange!!! ?? -
:FEr:that, als hörtes oder- wwerstände. 'er-es nicht.
- Ulrikezwwar :hm-plötlich?seht zuwider: Eüidkamernst
und mit,sich, gmzufrieden::inxder-Ffarrel an. .Sein

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- MangelSan Welt-' ünd Menschenkenntnißsdrückte -ihn.
,,Mdan Follte. uns nicht in so- jungenJahren solche
, Aemtex anyertrauen,!'dachte er-.in ängstlkcher -Ge-
pissenhaftigkei, und mit dem Gelöbniß; böser -Rede
nig-sein.Ohrzu leihen, schloß er an dem -Abend'sein

- Gebet.?- -
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Kapitel 08

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Achtes Gäpitet
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Des Amtmanns Reiseknecht hatte den Befehl er-
halten, die Pferde in dem Stglle des gxäflichen Hauses
vierundzwanzig Stunden ruhen zu lassen, Den Tag
danach führte der alte Wagen, gen, dex Antmzann ihnen
zu dem Zwecke in die,Stadt geschich, dei, Pfarrer und
seine Tochter wieder, iß dgs, Jogß, zuxßck.-
Es war die ßchlinmste,Zeit, füx eine, solche Fahrt.
Das Thauwetter wwar früher als,gewöhnlich eingetreten;
die Wege hielten nicht und brachen nicht, es par nicht
von der Stellezu kommen. Obschon man am Morgen
mit der Abfahrt nicht gezögert hatte, dämmerte der
Abend bereits herein, als man an dem Schlosse vor-
überfuhr, dessen, hohe, breite Mauern sich schwer und
massig gegen den weißlich-grauen Himmel, abzeichneten,
von dem zerschmelzender Schnee dicht und leise auf
die Erde niederrieselte.
Die Fahrt in dem halbverdeckten Wagen kam
dem kränkelnden Greise bei dem naßkalten Wetter recht
hart an, aber nach seiner geduldigen Weise ließ er
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. M.


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kein Wort der Klage hören. Er drückte nur von Zeit
zu Zeit freundlich seine Zufriedenheit darüber aus,
daß er nun bald in seinem Hause, in seiner Gemeinde
sein werde. Er rühmte es zu verschiedenenmalen mit
dankbarer Genugthuung, daß er selbst im Dämmer-
lichte die Gegenstände noch immer unterscheiden, daß
er seine Heimat wirklich noch wiedersehen könne; und
wie man dann an dem Schlosse vorüberfuhr, verweilte er
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, - -
mit' freundlicher Erinnerung bei all dem Guten, das
ihm durch der Gräfin Großmuth in der Stadt zu
-Theil geworden war, wie bei der tröstlichen Aussicht,
welche- ihm ebenfalls die Gunst der Gräfin für seine
fernere Amtsführung durch die Anwesenheit seines
-, -- -
jungen Gehilfen bereitet hatte.
Seine Ergebung, seine Geduld und Dankbarkeit
rührten und beschämten Hulda, aber sie konnte bei dem
besten Willen ihr Herz nicht dazu bringen, fie zu
-
theilei. Sie konnte die' Mauern des Schlosses nicht
vor sich aufsteigen sehen, ohne sich daran zu erinnern,
was sie dort erlebt hatte, und wie es dunkler und
dunkler würde, überwältigte sie die Erinnerung an
jene sturmdurchtobte Herbstnacht, in welcher sie dieses
Weges auch gefahren war, in des Geliebten Arm, den
Kopf an seiner Brüst, in berauschenden Glückesträu-
men, aus denen das Entsezen über der Mutter Tod
sie aufgeschreckt hatte. Alles, was sie seitdem erlebt,
erlitten, was in den lezten Tagen in der Stadt er-
hebend, aufregend und beunruhigend an sie heran-
getreten war, zog wie Wolkengebilde, die der Sturm-
wind jagt, deutlich und doch rastlos durch ihren Sinn.

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Ihr Sollen und Müssen, ihr Wünschen und Wollen
standen wider einander. Das tiahm -ihr den Gläuben
an das Gute in ihrem Herzen. Sie fühlte sich zer-
rissen und verwirtt, unzufrieden mii sich selbst, ver-
zweifelnd an sich selbst, und' ohne einen Strahl von
Hofnuung, von Befürchtungen allerAit bedrängt. Das
ist sonst nur des Alters Stimmiung, wenn es sich zu
bescheiden nicht' verniag, und Hulda kam sich auch mit
ihren achtzehn Jahren alt, undfertig mit dem Leben
vor, nach dessen Glück sie doch' so sehr perlangte.
Es war schon völlig dunkel, lals deCWagen'' durch
das stille Dorf' fuhr.' Nur die Hunde schlugen an
wie in jener wilden Herbstnacht des verwichenen Jahres.
Vor den Fenstern -waren die' Strohmuatten nieder-
gelassen, wo man solche hatte, -die Läden geschlossen.
Der Schulz des Dorfes trat, wie er den- Wagen kom-
men hörte, an die halbgeöffnete Thüre und'' rief dem
Pastor sein treuherziges Willkömnren durch die Nacht zu.
Durch' die kleinen Scheiben. des Pfarrhauses schim-
merte ihnen das Licht entgegen; als der Kutscher por
dem Gitter des Gärtchens stille hielt. Der Küster,
der seinen Herrn Pfarrer schon' den ganzen Nachmittag
erwartet hatte, war der Eiste an dem Wagen, der
Adjunktus folgte ihm auf dem Fuße. Ernst und be-
scheiden, wie es seine Art war, bot erHulda die Hand.
Er half dem Pfärrex, behutsamn gzis deni Wagen, er
ging vorsichg neben jhn her, äuch sein Willköme
kam vom Herzen. -
Aüf dem Tische braniten die beiden' Lichter, das
Feuer knisterte in dem alten grünen Kachelofen. Die
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Wärme that, dem Pfarrer und auch Hulda nach der
Pangen-- kalten Tagfahrt wohl, und der Pfarrer setzte
sich mit Pehagen in den Lehnstuhl, den der Küster
ihm an den Ofen herangerückt hatte. Der Thüre
gegenüber, hing der. Schattenriß der Mutter so wie
sonst.,Der Adjunktus hatte- einen schönen Kranz von
frischem Moos und Tamnengrün -darum gewunden.
Man sah, hier. hatte guter Wille den Empfang be-
zrettet, und es erschreckte Hulda, daß, es sie,nicht mehr
erfreute. Ihr -hatte vor dem guahen, Susammenleben
mit dem fremnden jungen- Manne gebangt, nun kam
er ihnen so gutwillig entgegen; und doch lastete
eine wahre Angst auf ihr. Das Haus war ihr nie
so, klein, die Stube nie so eng und niedrig vorgekom-
men, als heute, da sie dieselbe durch, mehrere Monate
nicht gesehen und betreten hatte. Es umfing sie wie
die Mauern eines Kerkers. - Sie hätte fort mögen,
hinaus, zurück in Nacht und Dunkel, den Weg zurück,
zurück und hin zu ihm, von dem fie nicht abzulassen
-vermgchte,, wie fern er ihr auch war, wie wenig sie
ihmz galt.-
Es war gut, daß, die häuslichen Verrichtungen
jie zwwangen, rasch das Zimmer zu verlassen, daß sie
ihre Augen ungesehen,. trocknen Fonnte,; und daß die
Einrichtung ,des ins Stocken.;gerathenen Haushaltes
sie an diesem Abende und durch viele Tage ganz in
Anspruch nahm. Die heilende Gewohnheit konnte sich
während dessen wieder besänftigend über die Wunde
legen, die bei jedem neuen Anlaß blutend aufsprang,
Hulda konnte wieder lerzen, ihr Geschick. gelassen zu

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ertragen. Nur fich aufzurichten war sie nicht im
Stande.
Das Beisammenleben mit deü Adjunktus ge-
staltete sich inzwischen gut und sleicht. Weil' er in
seiner Gewissenhaftigkeit ess sich zum Vorwurf machte,
daß er auf,. üble Nachrede hin ungünnstig von Hulda
gedacht hatte, kam er ihr mit' erhöhter Achtsamkeit ent-
gegen. Er fand sie ernst und still, er sah sie dienst-
, ferig und fleißig, ihre vorsorgende Hingebung für
ihren Vater blieb sich immer gleich; 'und da sie ihrer-
seits bemerkte, daß der Pfarrer die Hilfe und die Ge- -
sellschaft des jungen Mannes als ein Glück erachtete,
war sie bemüht, demselben durch!Freundlichkeit zu ver-
gelten, was er dem Vater war! und- leistete. Selbst
der Zuschuß, den die Gräfin dem Pastok um des Ad-
junktus wegen in seinen Einnahmen und in den ihm
zustehenden Lieferungen bewoilligt- hatte;' kam der haus-
haltenden Tochter wohl zu statten, ünd beide Männer
erkannten es ihr: dankbar an wie sie mit Wenigem
viel zu schaffen, wie sie durch Anmuth allem Gelei-
steten und Geschafften höheren' Werth zu geben wußte.
Der Adjunktus, den seine geringen Mittel immer
zur Zurückgezogenheit genöthigt, hatte wenig unter
- Menschen gelebt, noch wweniger Vetkehr mit jungen
Frauenzimmern gehabt. Die iuhigeSicherheit, die völlige
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Unbefangenheit, mit welcher Hulda ihm begegnete,
hatten deshalb' für ihn einen fremdartigen Zauber.
Die gute Schulung, wwelche ihren natürlichen Anlagen
in der Gesellschaft des Schlosses und durch die Kenney
zu Theil geworden war, ihre Kenntnisse und ihre


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Bildung,hohen sie weit hinaus über die wenigen jungen
Frauenzimmer, welche er bisher gekannt, über. die
Töchtek dex Geistlichen und Gutsbesizer, denen ep nach
Nebernahme seiner jetzigen Stellung seine Aufwartung
zg, machen gehabt hatte.-;Und da er ohne , Schwester
in seinem Elternhaus erwachsen war, gingen ihm in
degp täglichen Beisammensein mit Hulda neue Freuden-
ggellen guf..
-; - -Alles, was sie- hat und wie sie's that, Alles, was
er nit ihr gemeinsam unternehmen konnte, ward ihm
zum Henuß. Es freute ihn, wenn er den Porleser
des;Pfarrers machen durfte, denn Hulda saß an ihrer
Näharbeit ihm, gegenüber.- Es machte ihn glücklich.
wenn er jehen dem Greise am- Sonntag in die Kirche-
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und zur Kanzel ging, denn Hulda ging miit -ihnen:
Es, exhob ihn, wenn ex. statt des Pfarrers die Son-
tggspredigt, halten konnte, denn Hulda's Augen, hingen z
in, aydächtigem Sinnen an den seinen, . und liehen ihm
Fgrte, gnd, gaben ihm Bilder, und: eine Wärme,, die
ex Frühex nicht besessen hatte, und von denen ex, nicht
saggn, konnte, woher sie ihm gekommen waren, »=
Gott ist mit mir!, dachte er, wenn Der und Fener
ihm, zu, hören gab, daß er, gut gepredigt habe und dgß
man den Herrn Pastor gar nicht mehr vermisse,, wenn
der- Adjunktus auf der Kanzel stehe. Nur Mamusell
Ulrike hatte ihm dies nie gesagt, und sie kam auch
nicht mehr so oft zur Kirche als im Winter, obschon
die, Kälte und die Nässe nachgelassen hatten und die
Sonne schon an manchen Tagen jo- warmu hernieder-
schien, daß der Schnee und das Eis davor geschmolzen



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waren. Bisweilen krümelten wohl noch weiße Stern-
chen nieder, aber der Himmel war doch. schon wieder
blau, und man freute sich gn dem sonnendurchleuch-
teten Geglizex in dex. Auft.-
Die Ostern waren da, man wußte in der Pfarre
selbst nicht wie. Die Tage waren leise dahingeschwun-
den, es war für Hulda an ihnen nicht? Besonderes zu
verzeichnen gewesen, einer hatte dem anderen geglichen.
Wo aber die Tgge sich nicht von einander unterschei-
den, da ist der Rückblick in die Fergangenheit und
das Zeitmaß für dieselbe ungewiß und schwankend.
Sie konnte es bisweilen gar ;ujcht ;fassen, daß noch
nicht zwei Jahre vergangen wgren, seit sie Emanuels
Bild zuerst erblict, noch nicht fünfzehn, Monate, seit
sie ihn zulezt gesehen. hgtte.. yFftials gußte sie sich
fragen, wie lange es denn her,sei, daß Fie bei Gabrielen
gewesen war? Sie hatte Mühe,. sich dargg, zu erinnern,
daß es eine Zeit gegeben, in der sie nicht an Emanuel
gedacht, in der Fie Jeinen, Rinng gicht . an der Hand
getragen hatte. - Weil ihre Liebe;ihr Alles war, schien
sie ihr ghne Anfang wie das All, und fühlte sie die-
selbe in sich ohne Ende pie die Ewigkeit. Was konnten
daneben die-Tage und Wochen für sie ioch bedeuten?
Sie liebte - und die Tage flossen still an ihr vorüber.
Am Ostersonntag wollte,der Pfarxer. selbst die
Kanzel besteigen, Fegn,he mehr seine Kräfte nachließen,
umsomehr hielt er darauf, an den großen Feiertagen
noch selber zu der Gemeinde zu sprechen, weil er doch
nicht wissen konnte, ob es ihm in dem ächsten Jahre
noch gegönnt sein werde. Die Taufe aber sollte nach-

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her'der Adjunkt abhalten, denn es waren alle die
Kindei aus den eingepfarrten' Dörfern in die christliche
Gemeinde' aufzunehmen, welche während' der kältesten
Zeit geboren worden waren, und die' man eben dess
halb nicht hatte zur Kirche tragen können.
--' Eine halbe Stünde vor dem ersten Läuten, wäh-
rend der -Vater in seiner Stube noch seine Predigt im
Geiste' wiederholte, trat Hulda vor die Thüre hinaus,
um' die'Blumenstöcke, die sie seit langer Zeit zum
erstenmale wieder hatte hinaus setzen und in der freien
Liüft' begießen können, in das Zimmer und äuf das
Fensterbrett zurückzüütragen, wo sie hübsch aussahen
zwischen den frisch gewaschenen Gardinen.
-- Der- Adjunktus ging langsam in den kleinen
Wegen hin' und her;' bald bückte er sich zur Erde und
suchte Etwas' auf den Beeten, dann musterte er die
erreichbaren Aeste der vier Tannen und die Sträuche
ii denü Garten. Er hielt ein paar Schneeglöckchen und
einige Weidenzweige in der Hand, an denen die ersten
silbergrauei Blüthenkätzchen schimmerten, die' das Land-
volk in der' Gegend Palmen nennt. - Als er Hulda vor
die Thüre kömmen sah, trat er an sie heran. -
- -' ,Es' ist heute ein pechtes Aüferstehungswwetter,?
sagte sr. ,Die ersten Palmen sind heraus, in dem
Häselnußstrauche regt es-sich, und sogar ein paar
Schneeglöckchen sind' schon hervorgekommen. Er reichte
ihr die Zweige und die Blumen hin, sie sprach ihre
Freude daran! aus und strich leise, wie ein spie-
lend Kind, mit den weichen Weidenkätzchen über ihre
Wagenn:
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,Ich trug Bedenken,! meinte' er darauf, , die
Blümchen abzubrechen und Ihnen'' die Lüst des Fin-
dens zu entziehen; aber ich habe züeiner Mutter immer
am Ostertage einen wenn auch' noch so'kleinen Strauß
gesucht, und so wollte ich äuch Ihneä einen bringen.
Es- hat sie immet so gefreüt!?
, Oh, es freut mich äuch, und ich' danke Ihnen;
es freut mich wirklich sehr!! entgegnete sie ihm.
,Sie sehen so selten aüs, als ob Sie Etwas
freute!! sagte' er.
,Hab' ich denn zu immer neuet Sorge nicht
täglich neuen Grund? versezte sie. ,Mein Vater ist
so schwach!?
,Aber Gott ist mächtig und gnädig!r gab er ihr
zur Antwort. -
, ,Ach, für den Einzelnen geschehen keine Wunder
- mehr, der hat zu tragen;' hat sich' zu bescheiden -
,lnd zu vernrauen änd zu hoffen!r fügte er
- . -
hinzu.
Sie schüttelte das Haupt.. ,Was mich bedroht,
das weiß ich. Niid höffen? --' Sle biach in ihrer
Rede ab! Er stand verlegen vör ihr, nicht wissend,
ob er reden oder schweigen solle? Er hätie ihr sagen
mögen, daß er durchi den Amtmann vön' ihren Er-
lebnissen' unterrichtet sei,' äbek'ei- selber: dachte' so un-
gerne an dieselben und mit solcher Abneigung an
Baron Emanel, daß er sie bollends nicht an ihn
erinnern mochte.
,Ich glaube, hüb er' eidlich än, , Ihnen fehlt
die feste, zuversichtliche Ergebung in den Willen Gottes,




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dig, mig, Ihren Vater, so - verehrungswürdig und zu
einem ,o; eyhehenden Beispiele macht.?!.-
, ;., PFs, zggr es, aher gar icht' gewesen, wvas, er, ihr
hgtte-ßggen wollen, ünd es schien,, ihr, auch nicht zu
gefalen, denn sie entgegnete ihm mit einem gewissen
Trotze gegen seine Mahnung: ,Gott, hat diese Ee-
gehgng ngn, einmal, nicht jn mein Herz gelegt!'!
- Der, Ausruf yrscreckte ähn,, degn Ier. wähne,
dgß gie seine -Gläubigkeit damit verspotten wolle. und
ohne die ruhige Neberlegung, die' ihm sonst nicht fehlte,
xßef,er; -. Fch, hätten Sie Ihr Vaterhaus doch nie
perlassen!'!.. ,
- Der Wunsch kam so voll aus seinem Pegzen, die
Lehhgftigkeit, mit welcher er ihn aussprach, pih durch-
aus -von seiner sonstigen gehaltenen Weise;ab? Hulda
sgh,ihn hefremdeh gn,, Pie ihr Blick aber den seinen
traf, ;konnte; er es njcht ertragen, und in, einer Ver-
mingzng. de, ih; dgs Blut zu Kopfe rieb, sggte er;
,Vergeben Sie mir die Anmaßung!!
g. Fey, guch Hlda wuxde vexwigt znd groch; dennn
sozyig deg, Adjunkt'jezt vor ßr, stand, so, hatte auch
s,g,ginst fßfßungslos und, ihrer selhst, nich,mächhig dg-
gesgnden pox Emanuel,, und sie wwußte, was -das zu
behegten hgtte.,Eine, ggnze, Menge, kleinex, Vorgänge
zwischen ähr, und, dem Adjunktus: Worte, Mienen,. die
jn alh, deng , lezten Wochen an, ihr, unbeachtet vorüber-
gggangen wwaren, Irängten sich nun plötzlich wie die
kleinen Theilchen in einem Kaleidoskop gnit einemmale
zu einer festen, bestimmten Gestaltung zusammen, die
sie nicht mnißkennen konnte und vor der sie wie vor

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einer heiligen Enthüllung deüthig das Auge senkte.
Indeß ihre Wahrhaftigkeit sieß ihr keine Wahl, und
mit rascher Selbstüberwindung Fragte sie; zWas soll
ich Ihnen perzeihen? ; Daß Sie Theil an mir und
meinem Schicksale gehmen, odex -daß auch Sie er-
fahren haben, wwas hier in der Gegend gewiß vielfach
besprochen worden ist? - Sie stockte, weil es ihr hart
ankam, vor einem Anderen. laut ;werden zu lassen,
was sie sich selber an jedem Fage wiederholte, aber
die Bewegung, die lie in den Zügen, des Adjunktus
las, trieb sie vorwärts und half ihr über ihre mädchen-
hafte Schüchternheit hinneg.;
- ,E ist wahr, sagtn sie, ,ch hin nicht glücklich,
und vielleicht häben Sie xecht,; daß,es gnir besser ge-
wesen päre, ih, hätte; gnsex,Ifarrhggs ,nig, verlassen.
Aber. glauben, Sie mir!, -- und jhxe Sprache zittege ,
in schönem, pollemn , Kange, gnd -ihre, Stinune wurde
belebt wte sie das sagte =F.Ees giht ein. Unglück, das
doch beglückendex als manches Glück ist, ein Unglück,
das man mit gllen seinen Schmerzen,liebt. Ja! wenn
ich selbst mir ein anderes, sogenanntes ruhiges Geschick
durch Vergessen meines Leids; etkaufen könnte, ich
müßte wie der ritterliche König sagen; lisur sims
mon maartzxs!es denn es ist mein Leben und mein
Seln!?
. Sie wendete jih rasch, von ihm und ging in
das Haus zurück. Sie mochte, nicht, Iaß er es ge-
wahrte wie ihre Augen sich ipit Thränen füllten, noch
weniger mochte sie ihn ansehen. Er blieb gesenkten
Hauptes stehen wie angehannt. Wäre sein Ebenbild,

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sein Doppelgänger vor' ihm emporgestiegen, er selbst
und doch nicht er selbst, und ihm so fremd, wie er
sich in-seinem ganzen Enifinden in diesem Augen-
blicke war, so fremd wie' Alles um ihn her ihm jetzt
mit einemmale erschien -- es würde ihn nicht mehr
erschüttert' haben als der Blick, den er in sein Herz
und' in Hülda's. Herz gethän hatte.
- - Die Kirchenglocks schreckte ihn empor. Sie klang
ihm ntißtönig und dumpf, als wäre sie geborsten, und
er'' hatte' sie doch- sonst so gern gehört. - Ei konnte es
nicht' aushalten' in der freiei Natur. Der Tag und
die Sonne, Baum und Strauch, es sah ihit Alles mit
klarenAugen klug und forschend an. -Es war nicht
zum Ertragen. Es drängte ihi in die Enige, in?die
Ensankeit Purück, er nußte allein sein und sich' sam-
meln. Wie sollte er die Taufe heute vollziehen? wie
konnte er' vör der Genieinde von der heiligen Gemein-
schaftsder ganzen Christenheit in einer Stünde spre-
cheiff'iin der e sich'' wie' dusgestoßen und öon Gött
veilssir fühlte!' Er' Ate in seine Stube, er Hollte
Jächikktkei, Sas' eigentlich geschehen wär, er wöllte sich
sammieln,'' er fältete in seiner Pein die Hände zum
Gebet,' aber es war Alles vergebens. Er konnte den
Weg nicht finden, auf dem er sonst' dem Herrn ge-
naht war, die Himmelsthüre war ihm wie verschlossen,
und wie er auch mit sich dang und sich aufzuraffen
und emporzuschwingen sttebte, wie er es versuchte, sich
zu denüthigen und zu bescheiden, es gelang ihm nicht.
Die unseligen Worte: , dlisa sime mon murtzrs!
schwirrten ihm mit ihrem fremden Klange unheimlich

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-vor dem Ohr. Er hörte, er sah sie, sie standen wie
mit Flammenschrift in seinem Snnern, sie versengten
ihm Brust und Hirn, daß selbst sie Thränen ihm
davor versiegten, daß er nicht weigen; konnte-- und
er hatte doch solches Mitleid gut ihr, und auch mit sich!
Darüber ward es Zeit, zur Kirche zu gehen. Er
hatte den Pfarrer seit dessen, Rückkehr immer hin-
geleitet, er mochte ihm guch heute, nicht fehlen. Der
Vater in der Mitte, Hulda gn seiner Rechten, der
Adjunkt zu seiner Linken, so schritten sie durch das
Gärtchen und über die Dorfgasse und den Kirchhof,
durch die Kirche bis in die Sakristei. So war es alle
die Sonntage gewesen, so war's auch diesmal anzu-
jehen, und doch so anders; -,
Hulda sprach von dem schönen Wetter, und wie
gut es - dem Vater thun,. wwerde, und wvie. gut es für
die Täuflinge, sej. Der, Adjunkt, hörte es und hörte es
nicht. Es lag, eine Welt -zischen ihyz und ihr, der
er doch zu eigen war ,mit feiner ganzen Seele.
,,Kann ich hier, bleihen? Darf ich hier bleiben?
und wie wär es denn möglich, daß, ich ginge, fort-
ginge von ihr?- Das waren, die einzigen Gedanken,
die er festzuhalten vermochte.- -
Er,hörte es, wie der Pfarrer von der Kreuzigung
sprach, die Jeder in seinen ;Innern an seinen bösen
Neigungen vollziehen müsse zu seiner eigenen Erlösung,
um dann seine Auferstehung und neue Menschwerdung
unter dem Beistande Dessen zu feiern, der sich an
das Kreuz schlagen lassen zur Erlösung der Mensch-
heit. Bisher hatte der Adjunkt, wie er glaubte, redlich

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dn sich gearbeitet. Er hatte seine Seele rein erhalken,
sein Gewissen frei bewahrt und nichts Höheres gekannt,
als lehrend in seinem Amte seinen Glauben zu be-
kennen. Was ihn davon hätte abziehen können, würde
er, als Sünde erachtet und niederzukämpfen gestrebt
haben.' -Aber heute war es ihm unmöglich,' ihr Bild
aus seiner Seele'zu verscheuchen, das ihn von der
andächtigeü Theilnahme an dem Gottesdienste abzog.
- -' Er' liebte sie, wie sie ihr Leiden liebte, er verstand sie
bis in ihr tiefstes Herz, seine Augen chingen aßi'ihr,
unö''während derKüster von der Orgel die feieklichen
Klänge ses- -Schlußliedes herniederschallen machte,
während das trostreiche Lied: , Aufersteh'n, ja auf-
erstehen wirst du mein Leib nach kurzer Ruh'! Un
sterblich Leben wird der dich schuf dir geben!'' mit
seinem Hallelujah, von gläubigen Herzen gesungen,
durch die kleine Kirche schallte, stimmten nur die
Lippen des jungen Geistlichen in den verheißungs-
vollen Hymnus ein, denn Hulda's: dlisar aime
mon martzrs!r hatte sein ganzes Wesen hingenommen.
Zerstreut und -mit sich selbst zerfallen, trat er
nach der: beendeten Dsterfeier vor den Altar, um die
Taufhandlung zu vollziehen.- Es waren ansehnliche
Familien am den Altar versammelt,' denn auch der
Anütsrath, der die benachbarte königliche Donäne ver-
walteke, ließ seine Zwillingsknaben taifen, die 'schbit
zwei Moiate alt waren, und die Eltern waien also
Beide mit' zur Kirche gekommen. Der Amtmann und
Mamsell Ulrike- standen bei ihien Gevatter, ein paar
hübsche GutsbefizersTöchter hielten die Knaben über


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die Taufe; und auch für die minder vörnehmen Täuf-
linge mangelte es nicht an ansehnlichen Pathen, denn
der Aermste und Geringste will seinem Kinde, dem
er vielleicht sonst Nichts zu' bieten hät,' doch gerne einen
angesehenen ßathen und' einen schönen Namen für den
Weg durch's Leben zugute -kömmen lassen. - Hulda
fehlte unter den Taufzeugen natütlich äich heute nicht,
denn die Armen im Dorfe wußten., was sie an ihr
hatten. Aber ihre. Anwesenheit' machte dem Adjunktus
seinen' Zustand vollends unerträglich! --
Weil er sie nicht ansehen pollte und seine Blicke
sich doch immer zu ihr wendetenn, erschien- er unkuhig.
Seine Sprache war hgstig und abgebrochen, er ver-
wirrte sich in seiner Rede.' -Eshwwa nicht allein
Mamsell Ulrike, welche die Bemerküng machte, daß
dex Adjunktus heüte völlig wiesverwandelt sei, und daß
man noch keine so -schlechte Rede und keinen ,solchen
schlechten Vortrag von ihn vernommen habe; aber es
war allein Ulrike, die seinen Blicken gefolgt wac, und
die mit der scharfen Beobachtüngskraft der Abneigung
die Ursache seiner Fassungslosigkeit vermuthete.
Der kälte Schweiß stand ihhn duf der Stirne.
ä überlief ihn, gls er von, den Altare in die
Sakristei kam; währeud der Aintsrath mit der Frau
zu ihm' hereintrat. Sie-wollteff, wie ühlich, sich bei
ihm bedanken und' ihnJgeiF daß'der Wagen gleich
vor der Pfarre porfahren werde, uni ihn abzuholen,
denn es war große Taufgesellchäfkf dei' Donüänen-
Amtshause und der Adjunktus hätke die Einladung zu
derselben angenommen, während der Pfarrer um seiner

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Gesundheit willen sie für sich und seine Tochter ab-
gelehnt. hatte. Man trug nach der Anwesenheit der
Letzteren guch kein besonderes Verlangen, weder die
Amtsräthin, noch ihre beiden Nichten, die Gutsbesizers-
Töchter.,Um so erstaunter war man jedoch, als auch
der,Aldjunktus sich entschuldigte, und auf ihn nicht zu
rechnens bat. Fr sei, nicht wohl und könne also leider
nicht dabei sein, erklärte- er. - Pagegen war Nichts zu
sggen aund auch Nichts zu machen. Man bedauexe es,
man gab ihm guten Rath, denn er sah wirklich übel
aus.' WDann stieg man ,in die Wagen und Fjuhr davon.
;;Mamsell. Ulrike und die beiden Mädchsn fuhren
mit der Amtsräthin. ,,ßs kann mir leid thun,' sagte
diese, daß der Adjunktus krank ist, aber, auf der
anderen Seite -ist es doch beruhigend. Denn. solch
eine Rede! Es war wirklich als hätte er nur Fischer
und Kinlieger por sich gehabt und nicht gebildete
Menschen, ;die -eine gute Predigt werth sind und zu
schäten, wissen, und die sich. von solch feierlichem Tage
, doch auch für das Gemüth Etwas zur Erimnerung mit-
zunehmen wünschen. Ich habe mir von allen meinen
Kindern aus den Taufreden etwas aufgeschrieben und
es oft recht mit Erbauung durchgelefen---aber heute!
Es war nicht aus, nicht ein! Der Adjunktus sah auch
gleich pon Anfang sehr erbärmlich aus. Wenn ihm
nur nicht as Fieber in den Gliedern steckt, es ist die
Jahreszeit dazu.!
- Mdamusell Ulrike lchelte. Die Amtsräthin fragte,
was das bedeuten solle.
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, In den Gliedern wird ihn wohl Nichts stecken,'
warf Ulrike hin, ,,aber was ihm im, Sinne steckt und
was ihn heute so zerstreut hat, darüber bin ich nicht
im Zweifel. Ich habe gesehen, wo- feine Augen hin-
gegangen sind, und' da werdet seine Gedanken ver-
muthlich auch gewesen sein.. Es ist -immer wieder
dasselbe alte Lieb!'
Die drei Anderen verstanden sie nicht gleich und
wurden neugierig; die Mamsell wich aus. Das machte
die Anderen dringlicher. Sie spielta die Zurückhaltende.
, Was ist denn darüber viel. zu sägen,'' meinte sie
endlich, ,,es ist ja immer die nämliche Geschichte. So-
wie nur- ein junger Mann in ihre Nähe: kommt, wirft
sie ihre Neze aus, und es gelingt ihr jedesmal. Man
sollte wirklich sagen, daß es nicht mit rechten Dingen
zugeht.! Sie'hatte keinen Namen! ausgesprochen, aber
jetzt wußten die Amtsräthin und auch die Mädchen
nur zu gut, was und wen Ulrike?meinte.
,,Der Adjunkt ist schon der Vierte!'' sagte sie
, er Vierte? fragte die jüngste der beiden
Schwestern. -
, Freilich,' bekräftigte Ulrike, ,mit dem Bruder
unserer Frau Gräfin hat es angefangen, dann kam
Seine Durchlaucht an die Reihe, und dann. Seiner
Durchlaucht Sekretär, ein anständiger und hübscher
junger Mensch. Unb sebst den armen Herrn Adsunktus,
der gewiß an Nichts weniger gedacht hat, als an
Frauenzimmer ihrer Art, hat sie nun auch schon in
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herauszieht wie der Herr Baron und daß sie wieder
einmal, das Nachsehen hat.r!
-, Es ist schrecklich,'' meinte die Amtsräthin, ,.wirk-
lich eine Schande, und obenein für eine Pfarrers-
tochter und so braver Leute Kind l' -
- ,Was sie nur dabei denken muß?'! sagte die eine
Schwester.
-- -,,Und was soll' denn aus ihr werden, wenn ihr
Vater einnal stirbt? warf die Andere ein.
- -,,Hier kann sie natürlich nicht mehr bleiben,r' be-
merkte die Amtsräthin,,,hier ist viel zu viel- von ihr
gesprochen worden!'! .
zOh, man wird noch mehr zu sprechen haben
und noch mancherlei erleben. Mir ist. es nur -um den
armen jungen Menschen leid, den sie um sein An-
sehen und um die Stelle bringen wird!'' versicherte
Mamsell Ulrike, und brach plözlich ab, da man auf
dem halben Wege eine kleine Weile anhielt, die Pferde
verschnaufen zu lassen. -
- Der Amtsrath und' der Amtmann traten an den
Schlag heran, zu sehen, wie die vier Frauenzimmer
sich die: Zeit vertrieben. Sie fanden sie- alle Viere
munter, und vergnügt; und sie hatten doch so eben über
eine- Abwesende, die sich nicht vertheidigen konnte, er-
barmungslos Gericht gehalten und eine moralische
Hinnrichtung vollzogen. -
- Sie fuhren in aller Seelenruhe weiter, von Hulda
war nicht mehr die Rede. Wer hatte denn an solchen
schönen, vergnüügten Fest- und Feiertagen auch Lust. und

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Zeit, sich mit so unangenehmen Dingen und Ver-
hältnissen noch einmal zu befassen?
Mochten sie in der Pfarre zusehen, wie sie selber
mit sich fertig wurden, und mochte dann der Ad-
junktus die Erfahrung machen, wer es redlicher mit
ihm gemeint hatte, die alte treue Freundin, der seine
Zukunft so am Herzen lag, edex Hulda, die nuur daran
dachte, sich einen Mann zu schffen und sich zu ver-
sorgen.
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Kapitel 09


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Aeuntes Gapites.
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Redlich meinen! Wer, hat sich nicht, schon im
Leben einmal auf' seine redliche Meinung ggßütt, wenn
er, um seinen Willen durchzusetzen, eiFäin Anderen
- Gewalt angethan hatte? Wer hat sinicht einmal
mit seiner redlichen Meinung beruhigt, wenn er durch
den unberechtigten Eingriff in fremde Verhältnisse ein
Unheil angerichtet, das leichter heraufzubeschwören als
wieder gut zu machen war?
- Auch die Gräfin berief sich auf ihre redliche
Meinung, als die Entfernung, in wwelcher der Bruder
ssch von ihr hielt, ihr zu lange währte und zu schmerz- -
lich wurde; es wollte ihr jedoch nicht recht gelingen,
ihn dadurch zu versöhnen. Emanuel beantwortete ihre
-Briefe Anfangs gar nicht. Er vermißte offenbar den
Zusammenhang mit seiner Schwester nicht, der Brief-
wechsel mit Konradine schien ihn schadlos dafür zu
halten.'
,,Wenn ich nur nicht mehr von den sogenannten
guten Absichten, von redlicher Meinung und ehrlichem

Rathe, von reiferer Einsicht und von ruhigerer Be-

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trachtung reden hören müßte; von all jenen faden-
scheinigen Mäntelchen,. in welche die Selbstsucht sich
verhüllt, wenn es ihr daxum zu: thun ist, fremden
Willen zu unterdrücken, um den, ihren durchzusetzen,''
schrieb er einmal seiner Freundin; die unausgesetzt in
ihrem Stift verweilte.,,Aber wir verhalten uns
solcher seelischen Verkleidung-' gegenüber wie zu den
Vermummungen auf einer Familien»Maskerade. Wir
wissen, wer hinter diesen Masken. steckt, wir wissen,
wie wir das Gesagte zu nehmen und zu deuten haben;
wir sind indeß viel zu wohlerzogen, üm in Zweifel zu
ziehen, wasänan uns glauben, mahen. will, -und gesell-
schaftlich zu gpk' geschult, un;Piejengegzu erkennen,
die sich in iFter Vekleidungwohlgefälleg: Darüber-
geht nur leider der Abend, Heht' uns' däs Peben hin!
Wir streifen an einander vorüber,- ohnefeigentlichen in-
neren Erwexb, und müssen schließlich fxohsein; wenn wir
ohne peinliche Berührung bleiben, wenn wir nicht in
aller Eile erfahren haben;- was nicht erfahren zu
haben, was vergessen zu können, wwir sehnlich wünschen
,nüssen,'?
- - Er schrieb Konradinen nicht, worauf oder auf
wen sich diese Betrachng eigentlichIbeziehe, und
Konradine ihrerseits -übte mit feinem Verständnisse
. aus, was er über dienWohlerzogenheit geäußert hatte,
die in solchen Fällen nicht- erkäth; -wwas man nicht
ausdrücklich errathen haben -will.- Sie nahm den
Saz so allgemein, wie errihn hingestellt hatte, um

aber der Erörterung doch näher zu! kömmen, bezog sie
ihn auf sich, auf ihr persönliches Geschick und ihre
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Handlungsweise,' und sie wußte es am besten, wie viel
Grund-sie' dazu hatte.
: ,Es, muthet mich eigenartig an,'! gab sie ihm
zur. Antwort, ,,von Ihnen so: deutlich ausgesprochen
und wwiederholt zu sehen,. was ich an mir selbst erleidend
- und ausübend erfahren habe. Ich ziehe mir daraus
den Schluß, daß Herxschsucht und Gewaltthätigkeit nebst
dem Glaubenn jedes Einzelnen an seine ganz besondere
Weisheit zu, den: Angeborenheiten des Menschen ge-
hören, gegen die er selbst sich zu wehren hat,. und
gegen welche auch die Anderen sich zu verwahren haben,
da des Menschen Wohlgefallen an sich selbst ihn doch
meist behindert, ordentliche, wirklich durggreifende Er-
-ziehungsversuche mit sich vorzunehmen. Mit welchen
- Massen von reiferer Einsicht und ruhigerer Erwägung
bin ich überhäuft worden, als man mich glauben machen
ollte, : daß mir nichts. allzu Ungerechtes, nichts Grau-
sames widerfahren sei. Man wollte vermuthlich mit der
Ascheuder Weisheit, die man über mich zu schütten für
angemessen ;hielt, das Feuer ersticken,. das in meiner
Seele brannte, und das doch nicht eher sich zu be-
ruhigen begann, bis es die eigentliche Lebenskraft ver-
zehrt hatte,. aus der es seine- Nahrung zog. Und doch!
-- Kaum hatte ich die Erfahrung gemacht, mit welcher
leichtfertigen Selbstgewißheit man es unternommen,
Lber meine Empfindungen aund über die meiner Natur
- nothwendigen Glücksbedingungen munter abzuurtheilen,
so that, ich Ihnen gegenüber ganz genau dasselbe. Ich
habe es Ihnen nicht verborgen, daß ich jene Verbindung,
an welche Sie damals dachten, für Sie als eine Un-



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möglichkeit betrachtete. Auch heute noch glaube ich,
daß wir Alle, ich und meine Mutter und die Gräfin,
die wir damals mit so viel Sorge auf die Eitwicklung
blickten, welche Ihre Herzens-Idylle nehmen würde,
Sie und Ihr wahres Wesen und hr Bedürfen richtiger
beurtheilt haben, als Sie selbst. Wenn Sie also nicht
auch mich mit den Anderen sammt und - sonders zu
den unheilbarVerblendeten und Unverbesserlichen zählen,
und mit denselben verwetfen und verdammen wollen,
so müssen Sie sich entschließen, falls Sie mir ver-
zeihen, dies auch bis zu einem gewissen Grade gegen
die Anderen, und gegen die Menschen im Allgemeinen
in Ausübung zu bringen. Sie müssen es über sich
gewinnen mit und unter der unvollkommenen großen
Menge weiter fortzuleben, wie es eben geht, und wie
ich es auch in meinen jetzigen Verhältnissen zu thun
nöthig habe. Dabei äber mache ich zu meinem Er-
staunen die Erfahrung, wwie leicht man Herrschaft ge-
winnen kann, wenn man sich' mit' der Masse auf die
gleiche Stufe stellt, statt sie von der Höhe aus leiten
zu wollen, akf die' man sich erhoben hat oder erhoben
zu haben glaubt.?
Sie erwähnte dann noch flüchtig, daß sie Ge-
sundheit der Aebtissin sich nicht besere, daß dieselbe sie
in ihr besonderes Vertrauen gezogen habe, ihr manche
Theile der Verwaltung und der Verhandlungen zu
ordnen überlasse, in denen sie mit den. Behörden viel-
fach zu verkehren habe, und daß diese Art von ge-
schäftlicher Thätigkeit sie, als ein ihr Neues, unterhalte
und auch unterrichte. ,,Aber auch in allem diesem

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Thun,' so schloß sie. ihren Brief, ,,liegt wiederum die
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- Freude an dem Einflasse, an der Macht, mit einem
Worte die Freude an der Herrschaft verbunden. Da
es mir nicht zu Theil ward, eines geliebten Mannes
und eines Fürsten Frau zu werden, so male ich es
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mir jetzt mit wachsender Vorliebe immer bestimmter
aus, wie es mich, kleiden würde, als Lebtissin ein
solches weibliches Gemeinwesen zu beherrschen und zu
regieren; denn aus dem Grabe der Liebe steht nur zu
oft der Ehrgeiz siegreich auf.
Für Emanuel waren die Tage, an welchen er
die Briefe seiner Freundin erwarten durfte, eigentliche
Festtage. Der kühne Freimuth, mit welchem sie sich
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selber preisgab, ihre Fähigkeit sich unparteiisch zu be-
trachten, flößten ihm Achtung ein; und was er am
meisten an ihr bewunderte, das war die Entschlossen-
- heit, mit welcher sie sich über ihre getäuschte Hoffnung
zu erheben und mit ihrem Herzen fertig zu werden
trachtete.- Das war mehr, als er selber vermochte.
Konradine gefiel ihm gus der Ferne fast noch mehr,
als wenn er sich in ihrer Gesellschaft befand. Denn
wenn sie vor ihm ihre Ansichten mündlich aussprach,
trat sie damit häufig der Vorstellung zu nahe, welche
er von dem Wesen schöner Weiblichkeit als Jdeal in
seinem Herzen trug, während er, wenn sie ihm schrieb,
sich rein und voll an. ihrer Eigenartigkeit zu erfreuen

vermochte. Er wurde es nicht müde, es sich und ihr
- zu wiederholen, daß er in ihr gefunden habe und be--
size, was er stets ersehnt und was für ihn auch sicher
das Angemessene sei: einen verständnißvollen Freund
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mit einem Frauenherzen; die tiefsteZusammengehörigkeit,
ohne daß man auf dieselbe Ansprüche gn eine Aus-
schließlichkeit begründe; welche zu erfüllen beschwerlich
fallen könnte, und endlich einen Vertrauten, dessen
man sich vollkommen sicher wisse: - ,
Auch waren seine Offenheit und- sein Vertrauen
zu ihr ganz unbegrenzt. Weil sie bei jedem Anlasse
ihre Karten rückhaltlbs auf den Tisch warf, hielt er
es bei seiner Geradheit für unmöglich, daß sie - mit
jener Taschenspielerkunst, in welcher alle Herrschsüchtigen
und insbesondere ein großer Theil der Frauen Meister
sind - die letzte entscheidende Karte in der Hand- für
sich zurück behielt. Konradine hattelihm aunumwunden
ausgesprochen, daß auch sie schon zum öfteren ge-
nöthigt gewesen sei, sich, Aber ihre Handlungen mit
ihrer redlichen Absicht. und muit ihrerßgüten Meinung
zu beruhigen; indeß sie hatte. es doch nicht für an-
gemessen gehalten, ihm mnitzutheilek, in welch innige
Verbindung sie mit seiner Schwester getreten war, seit
er sich von derselben, ferne hielt. -
Die Gräfin hatte Konradinen, gls' diese ihr für
die gastliche Aufnahme in ihrem Schlosse Dank ge-
sagt, lebhafte Theilnahme an ihrem, Schicksale aus-
gesprochen und ihr dayn aus fteiemi, Aitriebe aber-
mals geschrieben, gnachdem Konradine in das Stift
eingetreten war.. -Bis zu jenem Zeitpunkte hatte kein
brieflicher Verkehr zwischen ihnen Beiden stattgefunden,
der von Konradinens Seite über, einen gelegentlichen
Glückwunsch, von Seiten der Gräfin über einen
freundlichen Dank hinausgegangen wäre. Das be-

, flissene Entgegenkommen der so bedeutend älteren und
einflußreichen Frau hatte Konradine in ihrer damaligen
Gemüthsverfassung angenehm berührt, wenn schon sie
es sofort auf seine richtigen Beweggründe zurüchu-
führen' verstanden hatte. Aber sie hatte in jenen
Tagen einer Beschäftigung und neuer Antriebe bedurft,
und die Verbindung mit der Gräfin hatte ihr solche
dargeboten.- Anfängs hatte die Gräfin nur pebenher
- bemerkt,. daß sie seit einiger Zeit ohne direkz Nach-
richten- von ihrem Bruder sei, dann hatte sie an-
, gedeutet, daß eine Spannung zwischen ihnen obwalte,
über deren Gründe Konradine sich nicht im Unklaren
- befinden könne, da sie eben in den Tagen, in welchen
das Zerwürfniß zwischen der Gräfin und ihrem Bruder
platgegrifen, sich in der Gesellschaft des Lezteren be-
funden, und, wie die Gräfin von der Baronin zu ihrer
besonderen Genugthuung vernommen, eine wirkliche


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Freuudschaft für denselben gewonnen habe:
- - So war man raschen und leichten Schrittes von bei-

Lebensverhältnissen ausgesprochen hatte, sich endlich dazu
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erboten, den Freund unmerklich und allmälig zu einer
Aussöhnung mit der Schwester hinzuführen. Daß
eine solche nur zu ermöglichen sei, wenn man Emanuel
überzeugen könne, daß er Hulda überschäzt habe, daß
ihre vermeintliche Liebe für ihn nur eine flüchtige,

leicht von ihr verschmerzte Aufwallung, und sie durch-
aus nicht im Stande gewesen sei, seine wirkliche Be-
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den Seiten vorwärts gegangen, bis Konradine, die der
- Giäfin fortdauernd ihr Wohlgefallen an ihren euen
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deutung zu ermessen, darüber waren beide Frauen
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einig, ohne daß darüber eine Silbe zwwischen ihnen
gewechselt worden war. Sie handelten dabei, die
Eine wie die Andere, in der redlichsten Meinung, nach
der besten Absicht; nur daß Jede von Ihnen noch
Voraussichten und Plane hegte, welche über den nächsten
Zweck, über die Aussöhnung -der Entzweiten hinaus-
ging, und eben, in diesen Planen wichen die beiden
neu befreundeten Frauen weit von einander ab.
Die Gräfin, wsche ihren Bruder in seinem tiefsten
Wesen kannte, wußte es, daß er denspäten, zerstörten
Jugendtraum von Liebe, nicht leicht vergessen werde.
Er hatte es vor Konradinen auch nicht Hehl, daß sein
Herz noch blute, und daß es ihn ewig schmerzen
werde, sich eben in diesem Mädchen getäuscht zu haben,
an dessen Liebe er mit einer fatalistischen Zuversicht
geglaubt. Voiu seiner Schwester Hprach en in den
Briefen an Konradine nur- sehr, selten. Die Stifts-
dame hingegen erwähnte der Gräfin, so oft sich ein
schicklicher Anlaß dazu darbot undl sie that des immer
mit warmer Anerkennung ihrer großen: und seltenen
Eigenschaften, die es dem Bruder i doch beklagenswerth
machen müßten, von der bewährten und ältesten Freun-
din nun getrennt zu sein. Sie machte diese Bemer-
kung niemals, ohne dabei hervorzuheben, wie uneigen-
nüzig sie in dem Wunsche sei, die Geschwister ausgesöhnt
zu wissen, da sie fraglos eine Einbuße dadurch erleidet
werde, und weil Emanuel dadurch genöthigt wird sich
über den Charakter seiner Schwester und über die
Beschwerden, welche er gegen sie hatte, auszulassen
gewöhnte er sich allmälig. wieder daran, sich wenigstens

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in feinen Briefen wieder mit der Schwester zu be-
schäftigen. Wenn er sie anklagte, vertheihigte Konradine
-Fie, aber sie hob dabei Fehler an ihr hervor, wwelche
die. Gräfin nicht besaß, so daß der Bruder es als seine
Pflicht erachtete, dieselbe dagegen in Schutz zu nehmen;
, und war er dabei aus alter Gewohnheit und in wirk-
licher Schätzung ihrer Verdienste, wider seinen Willen
ihr Lobredner geworden, so begrüßte die Freundin dies
mit, solcher Herzlichkeit als ein gutes Zeichen, daß
Emanuel dadurch veranlaßt ward, nur um so größer
Mehr als anderthalb Jahre hatte dieser Brief-
wechsel zu beiderseitiger Befriedigung bereits gewährt
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- von Konradinens edler Uneigennützigkeit zu denken.
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und er war mit der Länge der Zeit nur immer inniger

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geworden. Aber das geschriebene Wort hat, um richtig
zu wirken, oft einer Verstärkung, ja einer gewiijen
Nebertreibung nöthig, damit ersetzt und ausgeglichen
werde, was Ton und Blick, Stimme und Geberde dem
lebendigen Worte zugute kommen lassen. Jedex Brief-
wechsell führt deshalb, wenn er lange und ohne erneute
- persönliche Berührung fortgesetzt wird, die Gefahr einer
Neberspamnung mit sich, und wird daneben leicht abstrakt,
besonders wenn die Schreibenden, in Zurückgezogen-
heit lebend, wenig Wechselndes und Aeußerliches zu
berichten, also nur von ihrem Denken und Empfinden,
von - ihren Studien und Betrachtungen zu- melden
haben. -
Emanuel bemerkte dieses vornehmlich, so weit es
ihn betraf, und ward sich dgdurch seiner Abgeschieden-
heit als eines Nachtheiles bewußt. Freilich hatte er
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auch vordem immer einen großen Theil des Jahres
in der Schweiz auf seinem Landsitze zugebracht, aber
sein Aufenthalt am See war ihm durch die Anwesen-
heit der Schwester und ihrer Familie belebt. uns ver-
schönt worden, und er hatte sie dann wieder in ihrer
jeweiligen Heimath aufgesucht,' oder man war einmal
an drittem Orte nach Verabredung zusammengetrofen,
wenn Emanuel sich von seiner Reiselust weiter hatte
in die Ferne locken lassen. Jezt fehlte ihm zum Reisen
aller Antrieb.
Er hatte die Welt gesehen, soweit sie ihm für
- seine Interessen. Anziehendes geboten, er hatte die
Länder und die Orte,. -nGelche ihn; lieb. geworden
waren, zum großen Theile. wiederholt besucht. Die
Schwester und die Nichte aufzusuchen,. ifühlte er sich
nicht gestimmt; anmuthigen Erleinissen zu begegnen,
wie die Jugend' sie bei, dem Antritte jeder Reise ihrer
wartend glaubt, hatte er niemals erwartet, kam ihm
jetzt noch weniger als früher in, den Sinn; und weil
er sich das Liebesglück, das ihm ein paar Stunden
lang geleuchtet, aus Mangel an Entschlossenheit und
an Vertrauen nicht,dauernd-anzueignen verstanden
hatte, hielt' er sich vom Geschicke verabsäumt und für
ebenso unglücklich, gls er es Hulda hatte werden machen.
Gericht und Strafe erwuchsen in seiner Brust ihm aus
der eigenen Natur, und mitten' in seiner Liebebedürftig-
keit und Liebefähigkeit war er sich nicht bewußt, wie
viel Eitelkeit und Selbstsucht sich verbargen in seinem
Zweifel an sich selbst, wie in seinem Zweifel an
Hulda's Liebe.

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Schon während des Winters, als Konradinens
Mutter, bei ihrem Wanderleben zu einem längeren:
Verweilen an den Genfer See gekommen war, hatte
er gegen Konradine in seinen Briefen zum öfteren den
Wunsch geäußert, sie möge diesen Anlaß benützen,
um ihm die Gunst eines. Wiedersehens -zu gewähren.
Auch die Mutter hatte sich seinem Vorschlage an-
geschlossen; aber Konradine hatte zu kommen abgelehnt.
Der, kurze Besuch,' den die Mutter ihr einmal. im
Stifte abgestattet, hatte es Konradinen klar bewiesen,
daß die Baronin in ihrem Lebensgenusse durch die Ab-
wesenheit der Tochter eher gefördert' als beeinträchtigt
werde, und Konradinen war inzwischen ihre Unab-
hängigkeit so sehr zur Gewohnheit und zu einem Be-
dürfnisse geworden, daß sie es sich nicht mehr, auf-
erlegen mochte, sich in die wechselvollen. Stimmungen-
und- Einfälle der Mutter einzupassen, oder es sich mit-
jener sogenannten Freiheit genügen zu lassen, welche
ihr zu gewähren die Mutter sich immer gerne ge-
rühmt: hatte.
.- Daneben hielt auch in der That ihr Ehrgeiz,
über den sie zu scherzen und zu spotten liebte, weil sie
ihn dadurch. am leichtesten der. tadelnden: Beobachtung
entzog, sie in dem Stifte fest. Die Zeit, welche sie
in demselben zugebracht, und das Ende ihres dreißig-
sten Jahres waren bei ihrer Eigenartigkeit zu einem
besonderen Lebensabschnitte geworden, weil' sie sich darin
gefiel, es als einen sölchen zu betrachten. - chr leb-
hafter Geist hatte sich mit derselben - Entschiedenheit

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und Sicherheit in die neue Laufbahns hineinbegeben,
mit welcher sie sich auf der verlassenen bewegt hatte.
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Sehr frühzeitig in die Gesellschhft eingetreten,
lebhaft umworben, hatte sie, nach Fkaueiwveise,; die
glänzende und bevorzugte Stellung, zu, welcher sie sich
berechtigt gefühlt,. aus der Hand eineslgeliebten Man-
, nes zu empfangen erwartet. »Aber was ihr der Eine
dargeboten, hatte ihrem heißen Hetzen nicht genügt,
die Verhältnisse des Anderen hatten ihrem Ehrgeize
nicht entsprochen, bis ihr dann in des Prinzen Liebe
jenes Glück gewinkt hatte, das sie insihren kühnsten
Hoffnungen für sich ersehnt. Als diese Hoffnung sie
betrogen und der erste wilde Sturm - schmerzlicher
Leidenschaft sich in der Tage Lauf gesänftigt, da hatte
sie, wie Einer, dem eine-Feuersbrunst; sein Haus zer-
stört, ruhig zu überschauengetrachtet,- was ihr aus
dem Untergange zu retten gelungen; und was damit
noch zu beginnen sei. Liebesglück und-Leid waren in
wildem Andrange rasch wie ein: Flanimenstrom über
sie dahingerollt -und hatten in ihrem Herzen viel zer-
stört. Nur der Zorn über des Prinzen. Untreue war
unwermindert noch in ihr lebendig, wie sehr sie es
auch perstand, nach außen hin die Handlungsweise des
Treulosen erklärend zu'rechtfertigen, un die Beleidigung,
welche sie. erfahren hatte; weniger groß erscheinen zu
lassen.
Indeß eben an der Stärke und Gleichmäßigkeit
dieses Zornes konnte- sie es -für und für ermessen,
wie stark ihre Liebe und was der Prinz ihr gewesen
sei, und wie wenig sie ihn vergessen habe. All ihr

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Thun und Treiben bezog sich nach wie vor auf ihn.
Sie wollte sich fassen, damit er sie nicht untröstlich
über seinen Treubruch glaube. Sie wünschte sich eine
bevorzugte Stellung zu erwerben, um ihm zu beweisen,
daß es nicht der Glanz einer solchen gewesen sei, um
dessen willen sie ihn geliebt habe; und wenn sie, wie
sie es jetzt im Sinne hatte, ehelos verblieb, so konnte
sie keine Lebenslage' für sich finden, die ausgezeichneter
und ihrer Selbstständigkeit nach bedeutender gewesen
wäre, als die der Aebtissin des reichsten Fräuleinstiftes
imande, eine Stellung, welche einzunehmen selbst
Töchter des regierenden Hauses nicht unter ihrer Würde
erachtet hatten. -
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Die Aebtissin des Stiftes war betagt und kränkelte, I
gber sie war in jedem Betrachte eine ausgezeichnete

Frau und hatte von der ersten Stunde an, die geistige
Bedeutung Konradinens zu würdigen, den Umgang
mit ihr zu schäzen gewuußt. Ihre Thätigkeit, ihre
Klugheit und Neberredungsgabe zeigten sich der viel-
erfhrenen Aebtissin ebenfalls als brauchbar, und sie ?
hatte nach Art der Herrschenden, auch: diese Eigen-
schaften Konradinens für sich nüzlich zu mgchen und
praktisch zu entwickeln verstanden; so daß sie in ihren Z
vertrauten Mittheilungen an die Behöxden auf das
Fräulein von Wildenau als auf die geeigneteste Nach-
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folgerin für sich hingewiesen, und die Ermächtigung P
erlangt hatte, Konradgren während der Badereise, Z
welche die Aebtissin zu machen genöthigt war, mit ihrer

Stellvertretung zu betrauen. Das hatte den Bedürf-
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nissen Konradinens ganz und gar entsprochen. Es hatte Z


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sie beschäftigt, hatte sie zerstreut und von sich selber ab-
gezegen. Es hatte sie den Reiz der Herrschaft und der
Macht auch in beschränktem Maßstabe empfinden, und
sie inne werden lassen, pas es mit dem alten Aus-
spruche auf sich habe, daß es befriedigender sei, im
engeren Kreise der Erste, als -der, Zweite in einem
weiteren zu sein. Ihr Ehrgeiz hatte damit ein ganz
bestimmtes Ziel gewonnen, und sie hielt es vor sich
selber aufrecht, daß sie nach diesem Ziele -zu streben
habe, daß sie es erreichen könne und erreichen mwüsse.
Gegen alles Erwarten, war jedoch die Aebtissin
von ihrer Reise sehr gekräftigt, in das Stift zurück-
gekehrt und hatte die Fäden der Verwaltung wieder
in die eigenen Hände. genommen. conradine fand
sich dadurch, troz des - fortdauernden- Vertrauens
ihrer älteren Freundin zu, einer perhältnißmäßigen
Unthätigkeit verdammgt, aundJ: die-Fage des. sinken-
den Sommers erschienen ihr sehr,, lng und leer
und öde. Sie war nun üher zwwei-Jahre nicht
ags dem Stifte fortgekommen,. die sämmtlichen Damen
hatten es während dieses Zeitraumes zu verschiedenen-
malen auf längere oder kürzere Zeit verlassen. Kon-
radine ging also mit sich zu Rathe; ob es nicht an-
gemessen für sie sei, es durch eine, zeitweilige Entfernung
der Aebtissin recht fühlbar zu machen, welche Gesell-
schaft und welche Stüze sie in ihrer jüngeren Freun-
din besize; während es ebenso. zwweckmäßig erschien,
wenn Konradine sich wieder einmal mit denjenigen
ihr geneigten Personen in lebendigen Verkehr brachte,
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

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ünd vön Entscheidung sein konnte. Sie hatte es auch
keineswegs nöthig,- sich aus- der Welt, in der sie' ge-
glänzt hatte und gefeiert worden war, zurückzuziehen.
hängigkeit einer verheiratheten Frau, es ermächtigte sie
zul einer Freiheit des'Handelns und Bewegens, welche
sie ohne dasselbe in! ihren Lebenskreisen nicht besessen
hatie, so lange sie sich uwvermählt unter dem Schutze
ihrer Mütter befunden.' -Dazu durfte sie'mit ziem-
licher»Gewißheit darauf rechnen, wweder ii Deutschland,
noch am Genfersee eben jetzt mit dem Prinzen zu-
sammenzutreffen, den der sehr bedenkliche Gesundheits-
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deren Einfluß für sie im betreffenden Falle wichtig
- Ihr Stiftskreuz verlieh ihr den Titel und die Unab-'
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zustand seiner jungen Gattin auf deren italienischer
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Besizung festhielt; und während Emanuel's Bitten sich. z
erneuerten, brachte endlich der Vorsaz der Gräfin,
ihrei Pruder ohneweiters aufzusuchen, um so die'
Aussöhnuung herbeizuführen, die sie in jedem Betrachte
wünschte; Konradine' zu dem Entschlusse, das Stift
füweie Weile wieder mit dem Leben in der Welt zu
vertauschen.
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Kapitel 10

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Behntes Eapites
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In noch weit größerer Unentschlofsenheit als die
mit allen Mitteln zu freier Entscheidung' ausgestattete
Stiftsdame hatte der arme Adjunktus - den Sommer
hingebracht. Sein Gemütht war jeit dem Ostermor-
gen, an welchem ihm so tmnerwartet- die Erkenntniß
gekommen' war, -daß gr -Hulda liehe; nicht' mehr zu
dem Frieden gelangt, in welchener -bis dahin sich
glücklich gefühlt und, eine ßngde Gottes zu. erkennen
geglaubt hatte. Das war nun Alles,. Alles mit einem-
male hin, und Alles anders..- -
Er hatte seit jenem. Tage seine ganze Amts-
führung, die ihm doch ein Heiligthum und eine Herzens-
sache war, nur noch wie eine, mechatiische: Aufgabe zu
erfüllen vermocht. Wenn er von, der Kanzel oder dem
Altar zu der Gemeinde sprach,;suchten -seine Augen
Hulda, hing sein Blick an ihr. Ei hielt es sich ver-
gebens vor, daß er nicht wwürdig sei, mit so getheiltem
Sinne das Wort' des Herrn -zu verkünden. Er sagte
sich, daß er nicht an dieser Stätte bleiben, an ihr nicht
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erfolgreich als Seelsorger wirken könne, wenn es ihm
nicht gelinge, Hulda's Neigung und ihre Hand zu ge-
winnen, und so die verlorene innere Einheit und den
Frieden seiner Seele wieder herzustellen. Aber wenn
er einmal am Abende im ernsten Sinnen und Ge-

bet, die Kraft errungen zu haben glaubte, deren er be-
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durfte, um sich von Hulda loszureißen, so machte am
Morgen sein erstes Zusamnientreffen mit ihr, alle seine
gute Worsätze zunichte.


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- Wenn sie ihm in ihrer ruhigen Freundlichkeit
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wie jedem Anderen: den ,guten Tag'' böt, wenn er
die Genauigkeit bemerkte, nit der sie auch auf seine
geringen Bedürfnisse Bedacht nahm, und vollends
wenn .er mit ihr für den hinsterbenden Väter Sorge
tragen,' ihn pflegen,. ihm das Schwinden des -Augen-
lichtes minder fühlbar machen und sich dafür Hlda's
warmer Dankbarkeit erfreuen- durfte, kam ihm sein
Fortgehen ganz unmmöglich, kam es ihm undenkbar vor.
daß keine Hoffnung für ihn vorhanden sein, daß eine
treue Hingebung Hulda's Freundschaft nicht perdienen,
seine-reine Liebe von der ihren nicht endlich erwidert
-werden, sollte. -
Er schalt sich ungeduldig, wenn er sich ent-
muthigt und hoffnungslos fühlte, er wollte um sie
dienen sieben Jahre und länger. Er sagte sich, daß
Gottes Fügung ihn ja eben auf diesen Plaz geführt.
und daß es also Gottes Zulassung sei, wenn er sich
hier erproben müsse. Er hielt es für seine Pflicht,
neben dem Greise auszuharren, dem man ihn zum
Beistande gegeben, und zu dem er jetzt in ein herz-
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liches Verhältniß getreten war. Dann wieder, wenn
der Gedanke des Fortgehens durch-einen' neuen An-
laß wieder in ihm lebendig. wurde,' überlegte er, wie
er dem Pfarrer für sein Scheiden doch' unmöglich die
wahren Gründe angeben könne; wie dasselbe dem
kranken Greise schwer fallen; wie das Zusammenleben
mit einem neuen. fremiden Gehilfen demselhen pein-
lich werden würde. Und wenn all diese Rücksichts-
nahmen ihm doch nicht ausreichend genug erschienen,
sein Bewußtsein zu beschwichtigen, wenn er sich es
eingestehen mußte, wie er sich nicht die volle Wahr-
heit sage, so hielt er denn' auch vor sich selber schließ-
lich' mit dem Bekemütnisse nicht zurück, daß er Hulda
nicht allein zu lassen'ermögen der schhoeren Stunde,
die immer nääher, an sie herciwückte, daß er bleiben
müsse um ihretwillen, damit? doch -Jemand- in ihrer
Nähe sei, der sie liebe, der sie würdige, wie sie es
verdiene,' der -sie beschüzen' könne gegen das neidische
Nebelwollen, von dem er sie, und nicht allein durch
Mamsell Ulrikens geflissentliche Andeutungen, umgeben
und verunglimpft wußte.
In solchen Augenblicken fühkke er sich glücklich,
fühlte er sich wie verwandelt, und -er war dies auch,
mehr als er's selher glaubte.'' Die Amtsführung hatte
sein Selbstgefühl gehoben, die Nothwendigkeit, Andere
auch in den Angelegenheiten zu berathen, in denen
ihre weltlichen Interessen betheiligt waren, hatte unter
des Amtmannes Anleitung seinen Blick zu rweitern
angefangen. Er durfte sich nicht mehr so wie früher
ausschließlich mit seinem Seelenheile befassen, er hat

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118
- seiner inneren Demüthigung wie seiner äußeren De-
muuthreine Grenze zu sezen, weil er in der Lage war,
h I-- Anerkennung und Verehrung für sich fordern zu
!-
? müssen;' und was sein Amt an :ihm begonnen hatte,
den Bann jener frömmnelnden Kirchlichkeit zu durch-
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,brechen, in welchem er nach der in gewissen Regionen
herrschenden Strömung von seinen Lehrern und Vor-
- bildern gehalten worden war, das war die Liebe nahe
daran, zu vollenden, die sein Mannesgefühl erweckte
und- es in die Schranken rief.
-
- hingekommen, als eine geschäftliche Anfrage den Ad-

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junktus in das Amt zu gehen,nöthigte. Es war schon
, gegen den Abend hin, doch stand die Sonne noch höch
- amiHimmel, denn die Sommertage sind lang in jenen
- Gegenden, und es war noch immer drückend heiß.
- Nur:der feuchte Hauch, der vom Meere kam, erfrischte
??-

- die ;Euft, und das sanfte, gleichmäßige Anschlagen der
breitenl. Wellen wirkte, angenehm auf die Einbil-
- - dungskraft. -
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So war man bis in die Zeit der Roggen-Ernte
- Dem Adjunktus, der immer in den engen Straßen
- der alten Stadt gelebt und das Meer nicht gekannt
hatte, bis' er. in dieses Pfarrhaus gekommen, war der

Eindruck immer noch ein überwältigender. Er blieb



deshalb guch, als er das Haus verlassen wollte, unter
der Thüre stehen, auf das in goldigem Feuer fluthende
Meer hinausschauend, bis er, von dem funkelnden und

flimmernden Glanze geblendet, die Augen mit der
Hand bedecken mußte. Wie er dann emporblickte, sah
er Huldg auf der Bank unter dem Hollunderbusche
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sizen, von welcher sie durch das. niedrige Fenster das
Zimmer ihres Vaters überblicken konnte. - Der Pfarrer
ruhte schlummernd in dem alten Lehnstuhle, es regte
sich kein Blatt. Nur die Käfer hörte man summen
und die Bienen,. die von des. Küsters Stöcken in das
Pfarrgärtchen herüberflogen. - -
Um nicht mit einer lauten Anfrage die Ruhe des
Schlafenden zu stören, ging der Adjunkt zu Hulda in
den Garten. Er erkundigte sich, ob sie im Amte Et-
was zu bestellen habe. Sie verneinte das, bat ihn aber,
dem Amtmann ihre Grüße auszurichten, pobei sie be-
merkte, er werde einen gngenehmen Spaziergang und
besonders einen schönen Rückwegn haben. ?
,Es ist heute recht ein Fag, wie er im Liede be-
schrieben wird, sagte sie::
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soee g ss, fsgze =s,.
An der Welt wie wonniiig isi es,-
Trägt die Erd' ihr Aeeitlei! -
Grün ist Alles weitt und breit; -
Mit- Gezwitschee- und mit Jubel . - .
Schwingt sich in die Luft die Lerche;- -
dichte schwankt und Birrte wiegt sich.
uf der Wiese dufien'Kräuter, '
Arüchte prangen im Gezweig ?--
Nur die Zeit des Vogelsanges ist schon vorüber,
und troz der Wärme werden, die Sonnen-Untergänge
schon herbstlich. Sie sind dann abex gerade bei uns so
majestätisch. daß sie nirgends herrlicher zsein können.
Sie müssen nicht zu lgnge im Amte verweilen, wenn
Sieas Schauspiel recht genießen wollen!? -

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-? Troz' dieser Mahnung blieb er zögernd neben ihr
stehen? ,Er brauche nicht eben heute nach dem Schlosse
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zn -gehen; sagte er. - -

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; - yDann würden Sie sich um den Anblick des


Sonnen-Unterganges bringen,! bedeutete sie ihm, , denn
er sieht sich, wenn man von dem Schlosse hinunter-
kommt, weit schöner'an, als hier von unserm Hause!
z Wär- das guter Wille für, ihn oder' eine Weisung
sich, zu, entfernen? Ei wußte es nicht. Sie hätte seit
demu Dstertage jedes längerefAlleinsein mit ihm vor-
fichtig gemieden, aber- der schöne, heiße Sommertag,
der die Blumen auf den beiden Beeten und Hulda's
beide Rosenstöcke ihren ganzen Duft ausströmen machte,
schloß aüch ihm das Herz auf. Er sehnte sich danach mit
ihr zu sprechen und ein freundlich Wort von' ihr zu hö-
ren, und weil ihm nicht gleich einfiel, was er sagen
Tönne, wollte er wissen, von wem die Verse wären,
die sje gngeführt habe.
-- der Kiefernsamen, -den die Luft verstreut, irgendwo
Wurzel, geschlagen und sich erhalten, bis dann Andere
, gekommen sind und gemerkt haben, daß da ein hüb-
sches,Bäumchen stehe. Es ist eines'unserer Volkslieder,
wpie:wwir dexen viele haben!?
. . ,Der Herr Pfarrer hat mir, als er einmal von
der -hiesigen Volkspoesie mit mir gesprochen, angedeu-
tet, daß er für den Bruder der Frau Gräfin viele
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-Das Lied ist hier irgendwo irgendeinmnal an der, See
zusammen mit seiner Melodie entstanden'und hat wie
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-, -.Eex weiß das? entgegnete Hulda, , das müssen-
Sie die Sonne und die Luft und die Wellen fragen.


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dieser Lieder zusammengestelltiund übersetzt habe, und
daß Ihre verstorbene Frau Mutter und' auch Sie die
Lieder früher vies gesungen hgben!? - -? -
,Ja früher!? --
,Und Sie singen sie jezt nicht mehr? fragte er
mit einem Tone, der den Wunsch, sie zu hören, in
sich schloß.
,Sie sind meist traurig,! gab sie ihm zur Ant-
wort, ,aber mein Vater liebte sie früher sehr, und ich
liebte sie auch, denn wir hatten sie vdn der Mutter.
Jetzt verlangt. mein Vater nicht mehr kach ihnen, und
für mich ist das recht: gut.!
Er schwieg, denn er errieth; daß sich Erinnerun-
- gen an jene Lieder für sie'knüpfenmnßten,- die sie viel-
Teicht im Beisein Diitter: nichtgufzuwecken wünschte.
Hulda stand- aufundniahnte ihn an das Fortgehen.
Sie folgte ihm an die Pfotendes. Gitters, von der
man weit hinaus sah über das Meer, und wie sie es
in seiner Herrlichkeitibor Augen Ihatte, sagte sie, die
Luft mit Wonne einathmend: ,Der Abend ist wirklich
von einer seltenen Herrlichkeit.! Dabei flog ein Aus-
druck des Entzückens und der Freüde über ihr eben noch
so schwermüthigss Antliz, daß der junge Mann sie noch
niemals so schön gesehen zu haben glaubte, und weil
es ihn danach verlangte, sie noch länger ii dieser hei-
-teren Schönheit vor sich zu sehen, bat er: Gehen Sie
eine Strecke mit mnit, oderf, fügte er, sich besinnend,
rasch hinzu. ,gehen. Siespazieren undlassen Sie mich
Bei dem Herrn Pfarrer: bleiben; denn daß Sie sich

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--' freuen, daß Sie heiter sind, ist ja viel mehr werth, als

der-schönste Sonnen-Untergang.!
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- Seine Empfindung hatte ihn fortgerissen, Hulda
war davon gerührt. , Sie sind sehr gut!! sagte sie.
,sehr gut! Könnte ich Ihnen danken, wie sie- es ver-
dienen!?
- Aber wie sie ihn änsaß, wie sie die beglückte
Neberraschung wahrnahm, die aus seinen Augen leuch-
tete; bereute sie die'soeben gesprochenen Worte, und sich
nach dem. Haufe wendend, sagte sie, daß sie nach dem
Vater sehen müsse und daß es für ihn selber die böchste
- Zeit zum Gehen sei. Sie brachte jedoch die Hofnung, -
die in seinem Herzen aufgeflammt war,. damit nicht
zum Erlöschen. Er blieb: stehen und sah ihr zärtlich
nach. - Mit einemmale konnte er sich nicht länger halten.
Er folgte ihr mit raschen Schritten, und ihre Hand-
ergreifend, sagte er in einem Tone, in dem sein gan-
zes Wünschen hörbar war: ,Ach gewiß, Sie werden
die Fieder schon noch einmal singen!! und ihre Hand
-jchüchtern an: seine Lippen, drückend, eilte er von dan-
auen, ehe sie! ihm die Antwort geben konnte.= Was

hätte sie ihm auch sagen sollen? Wie hätte sie im
wehe thun sollen in diesem Augenblicke?- Sie dachte
gut von ihm, sie hatte ihn schätzen gelernt und er that
ihr leid.: Aber was konnte ihm das helfen und was
half es ihr?
' Er ging während dessen rüstig und gehobenen Sin-
nes seines Weges. Er konnte den Hut nicht auf dem
Haupte dulden, er mußte den Rock aufknöpfen, den er
anstandshalber sonst stets geschlossen zu tragen pflegte.


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Sein Herz war ihm so voll, so weit, er athmete so
viel mächtiger und freier, er war noch nie so glücklich
gewesen. Die Welt, in die sein Schöpfer ihn hinein-
gesetzt, war ihm nie herrlicher, und sein und ihrSchöpfer
ihm niegrößex, mächtiger, anbetungswerther erschienen,
als in dieser Stunde,. in der er- zum erstenmale vol
zu empfinden glaubte, wie viel Glück der Herr dem
Menschen zu genießen vergönne.- Er besann sich mit
Freude auf Mlles, wäs heute zwischen ihm und Hulda
sich ereignet hatte! Er erinnerte sich jedes Wortes, das
sie und er gesagt; er war entzückt von dem, was er
in seinen Gedanken ihr,Vertrauen und ihre Güte nannte.
und er war auch sehr zufrieden mit seiner eigenen ra-
schen Kühnheit, die er sich, nicht zugetrant hatte. Er
war im Schloßhofe und im Amte, ehe er es gedacht.
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Kapitel 11


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- Die Ernte war im vollem Gange, die schwerbe-
ladenen Wagen schwankten langsam zu dem einen Thore

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des weiten Hofes hinein, während man uoch dabei war,
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andere die abgeschirrt vor den Scheunen standen, ab- !
zuladen,' und leere Wagen rasch durch das entgegenge- -
setzte Hofthor schon wieder nach dem Felde fuhren. -
Denn der ganze Roggen sollte heute noch herein. Man-
wöllte die lange Helligkeit benützen, damit nicht etwa I-
- ei solcher Hize wohl' gewärtig sein mußte, de reiche
- Gottesgabe schädige. Deshalb brach man auch die
sonstige feste Tageseintheilung. Der Amtmann ließ ,
auf- seine Kosten um die gewohnte Feierstunde einen
Imbiß unter die Leute austheilen, und es sollte da-
nach fortgearbeitet werden, bis man mit dem Einbrin-
gen ganz und gar zu Stande wäre.
Wie der Amtmann den jungen Geistlichen so hei-
teren Schrittes und baarhäuptig über den Hof und
nach dex Rampe kommen sah, guf der er selber unter
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-' ein Gewitterregen, dessen man in dieser Jahreszeit und- ,

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Gitstes Gapites
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s dem Schatten der Linden seine vorläufige Mahlzeit ein-
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nahm, rief er ihn freundlich an. -
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er ihm treuherzig die Hand schüttelte und ihn zum
Sizen nöthigte, ,wahrhaftig, Herr .Adjunktus! Sie
gehen hier auf wie Weizenteig. Die Luft hier, bei uns
an der See schlägt Ihnen an.- Sie sind gar nicht
mehr derselbe. Sie sehen aus, daß man Ihnen gleich
ein Pferd unter den Leib geben und einen rechtschaffe-
nen Landwirth aus Ihnen machen, könnte. So sind
Sie mein Mann! Und nun setzen Sie sich und- lassen
es sich mit, uns schmecken. Gestern haben wir auch Be-
such gehabt. Aber Sie- sehen!--- erb wies auf die
herankommenden Wagen hin. =--,im nächsten WJinter
verhungern wir noch nicht, wenn auch, noch ein gut
Theil Gäste kommen.!..
Der Adjunkt,ließ-Fich -nicht, nöthigen..nnd es gab
kein Lob und keine-Anerkennung in der, Welt, die ihm
inseiner gegenwärtigen Stimmungn hättenwillkommener
fein Fönnen, als das Zugeständniß, daß er ein Mann sei,
der sich neben Anderen sehen- lassen düxfe. - Auch die
Mamsell, die inzwischen' herausgekommen war, rühmte
sein gutes Aussehe, erwähnte ebenfalls des gestrigen
unerwarteten Besuches, aber da der Amtmann sich er-
kundigte, was den Adjunktus zu ihm geführt habe,
begann dieser von seinem Ansuchen zu berichten, und
die Mamsell konnte mit ihrer Erzählung nicht sofort
heraus. Wie man nun bei. Speise und Trank die
kleine Geschäftsangelegenheit rasch abgefertigt hatte -
denn gegenüber dem reichen Gottessegen, den man ein-
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,Wahrhaftig, Herr Adjunktus!! jagte er, indem
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-brachte, bewilligte der Amtmann ohne Zaudern die
kleinen Ausbesserungen an der Kirche und an dem
Pfarrhause, welche der Adjunkt im Auftrage des Pastors
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zu fordern gekommen war-=- so erkundigte sich der
- - Amtnänn- denn auch nach dem Pfarrer und nach Hulda.
Der Adjunkt gab ihm Bescheid. Er sagte, daß
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es sich mit dem Pfarrer offenbar zu Ende neige, daß

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nach seiner innersten Meinung und seines Herzens Be-
dürfniß ihr Lob weiter auszusprechen, stieg ihm das
Blüt in das Gesicht.' Ulrike wendete das Auge nicht
von ihm, das machte ihn verwirrt, und zu seinem Un-
glück wurde der Amtmann eben abgerufen. Das kam
Denn der Bruder hatte die Rampe noch nicht ver-
lassen, als Ulrike sich des Worts bemächtigte. Es freue
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feiner Pflege sei. Als er aber im besten Suge war,
Ulriken eben recht.
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die-Tochter von einer unermüdlichenBeharrlichkeit in
sie, sprach sie, daß es ihm hier Orts gefalle und daß
ihnr seine Stelle nicht' zu schlecht sei. Sie könne, ipn
auch persichern, daß die Gemeiide ihn gern zum Nach-
folger des Pastors haben möchte.. Bei der Ostertaufe
hätten die' Leute, hätten die Amrtsräthin und auch sie
selber, sich allerdings nicht recht aus seiner, Predigt ver-
nehmen können, aber die Einsegnung' und die Pfingst-
predigten, die wären- ihnen wieder -sehr zu Herzen
gegangen und, sie wären Alle überzeugt, wenn er ein-
mal völlig -freie Hand haben und sonst auch, wie es
ihm zukäme, freigestellt und Herr auf der Kanzel und
im Pfarrhause sein würde, so würde Alles noch viel
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- besser werden. Die Leute würden , dannn- auch weiter
Nichts zu reden und zu sagen haben.-
Der Adjunkt entgegnete, et schäze sich glücklich,
wenn es ihm gelinge, dem geistigen Bedürfen; der Ge-
meinde zu entsprechen, und weit :entfernt, mit seiner
gegenwärtigen kage unzufrieden zu: jein, wünsche er
sehnlich, Gott möge dem Pfarrer seine Lebenszen noch
länger fristen, als man es zu hoffen wage. -
,Ach!r rief Nlrike,, um den Pfarrer ist es ja auch
- nicht, gegen den Herren ßfarrer hat mtan, Nichts ein-
zuwenden. Ich sagte das auch -gestern dex Frau Ba-
ronin. Ihr Gehalt ist nur, zu gering für einen jungen
- Mann wie Sie, und überhauhtist unsere Pfarre keine
von den guten hierzulande., Ein. paar Meilen. weiter
hinein sehen die. Pfarrhäuser ganz anders aus, und
auch die Einkünfte: sind anders, und die :Pfarrerstöch-
ter rechtschafen, und. gut erzogen.?. ;
- Der Amtmann, der äinzwischen:; zurückgekommen
war, hatte nür die letzten Worte noch gehört. Aber
er ! nerkte an dem Gesichteides jungen Mannes, mebr
noch an der Schwester plözlichem Abbrechen,. daß sie
Etwas vorgehabt habe, was fortzusetzen ihr in einem
Beisein nicht gerathen schien.. Er' fragte, also, wovon
die Rede gewesen sei. Ulrike, sagte, sie hätten davon
gesprochen, daß die Pfarre piel zu schlecht bezahlt sei,
als daß ein junger Mann in jetzigen'Seiten daran den-
- ken könnte. sein Leben in derselben zuzubringen.
. ,Wobei ich mir aber zu bemerken erlauben muß,!
fiel der Adjunkt ihr in das Wort,,daß es die Mamsell
Schwester gewesen ist, die das behauptet hat, nicht ich.
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- ? Ulrike fuhr auf. - Es lag die offenbarste widersez-
.! liche Anklage in seinemr Tone. Das hatte er früher ne
gewagt. - Die Sache stand also schlimmer, als sie bis

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dahin geglaubt, war weiter gediehen, als sie bis dahin
gewußt hatte. Indessen der Bruder ließ ihr nicht die
Zeit, die Bosheit auszusprechen, die ihr auf den Eippen
schwebte, denn er sagte mit seiner ruhigen Wahrhaftig--
keit: ,Das ist. muir lieb, mein werther Herr Adjunkk!!
Ui- sof wie' die Frau- Gräfin die- !Stelle üm Ihres
Eiitretensswillen, meuerdings dotirt hat, und auch.
wenn unser armer -Pastor das Zeitliche gesegnet haben
wirds dotirt -lassen wird - ;
,Ja! rief Ulrike, ihrer selbst - nicht länger mächtig,
ihm -in die Rede fallend, ,wenn die Hulda in der
Pfarre bleibt. Aber der Herr Adjünkt' sieht uhr nicht
aus wie Einer, der sich, wie das früherdie Herrschaf-
ten so im Brauch hatten, versorgen lassen wird, weil:
maw ein Frauenzimmer abfinden oder aus dem Wege
haben will!?-
. - ,ReitetDich denn wieder einmal heut der Teufell?






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rief der Amtmann, indem er zornig mit der Hand auf:
den Tisch schlug, daß die Teller und die Gläser !
klirrten. ,Das einzige Frauenzimmer, das hier in ;
Wege ist--
. - Der Adjunkt ließ ihn nicht zin-seinem Zorne zu
Ende sprechen. Es war ihm heiß und kalt geworden P
- bei den Worten der Mamsell, aber der gehobene und
befreite Sinn, den er schon diesen ganzen Nachmittag in

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sich gefühlt hatte, gab ihm guch jezt die Kraft, seine
sonstige zaghafte Schüchternheit zu überwfnden, und mit
einer Sicherheit, die in seiner Liehe und, feinem Ver-
trauen zu der Reinheit des von ihm geliebten Mäd-
chens ihren Ursprung hatte, sagte er; ,Zürnen Sie der
Mamusell Schwester nicht, Herr Amtmann! Sie hat
ganz Recht. Ich würde gewiß dex Letzte sein, unter
Bedingungen, die sie voraussezt, einEmt zu ühernehmen
- auch das einträglichste und allerhöchste nicht; aber
wenn die Frau Gräfin mir in dem alle, der denn ein-
mal doch eintreten muß, die Pfarre anvertrguen wollte,
würde ich es als ein großes Glück füx mich erachten,
eine Frau zu finden, so gut und sg, von Herzen hrav wie
Mamsell Hulda.? -
Ulrike stand wie vom Hönner gerührt, jhre Lip-
pen waren' weiß gewgrden, und- zitterten, daß sie nicht
sprechen konnte,- Der Adjunkt shlug jm Schrecken über
seine ihm bis dahin fremde - männliche Entschlossenheit
die Augen nieder, sie waren ihm ganz feucht geworden.
Der Amtmann jedoch xeichte ihm die kräftige Hand
hinüber und rief mit voller Stimme: ,Bravo, Herr
Adjunkt! Schlagen Sie ein; es soll' ein Wort sein!
Denn es war eiw Wort, wie es sich für einen honet-
ten Menschen gegenüber solchem Altenweiber-Gewäsche
ziemt. Kommen Sie! Ich muß fort, und ein Stück
Weges gehen wir poch zusammen. Interdessen hat die
Alte Zeit, sich auszutohen und, wenn sie. will, auch
- -auszuweinen und Gott und dieMenschheit wieder ein-
mal zu verwünschen.!-
Fanny Lewald, Die Erlöserin. 1..-.
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Er stand damit auf, nahm die langschirmige Müze
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und den schweren Stock zur Hand und, sich auf den
Arm des jungen' Mannes stützend - wwas ein großes
Zeichen seiner Freundschaft war - machte er sich mit
ihm auf den Weg.
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- Dicht vor dem Hofthore trafen sie den Knecht, der
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zweimalin der Woche die Briefe und die Zeitungen
on' deö Post zu holen hatte. Der Amtmann blieb
, stehenündließ sich hie Posttasche vin Pferde herunter-
- reichenh zu der er' den' Schlüssel' an seineii Bunde trug.
Er schlöß sie auf, sah den Eingäng'nach, schickte die
Täsche in das Amt hinauf und behielt- nur einen der
Brlefe bei sich, dessen Aüfschrift die Hand' derjungen
Fürstin zeigte. Den nahm er mit sich und' brach ihn
gleich' im Gehen auf. - Aber' kaum hatte er die ersten
Zeilen gelesen, als er stehen blieb, um ihn mit einer
sichtlichen Bewegung zu Ende zu lesen.
-- -,Wie das manchmal' doch im Leben kommt,! sagte
er, als er das Schreiben durchgelesen hatte und in die
Tasche steckte, , man sollte manchmal sggen, die alten
Sptichworte hätten einen prophetischen Verstand. - Es
ist wirklich, äls könnte ein Unglück nicht allein kom-
men - Er schüttelte nachdenklich den Kopf.- ,So
geht Einer nach dem Andern hin. Sie hat uns na-
mentlich in jungen Jahren manchmal mit ihrem süß-
lichen'' Gequengel hier unsere liebe Noth gemacht, aber
eine anständige und rechtschaffene Person ist sie gewe-
- sen. Der Frau Gräfin wird es nahe gehen-?
Der Adjunktus mußte ihn unterbrechen, er wußte
nicht, von wem der Amtmann sprach.
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,Ja so,' rief dieser, ,ich dachte, ich hätte es Ih-
nen gesagt. Die englische.Miß; die alte: Kenney ist
auf dem Schlosse des Fürsten gestorben, und: die Frau
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Fürstin schreibt's mir selber mit der Anweisung, es in
der Pfarre mitzutheilen.- Sie ist -mir ein paar Tage
krank gewesen und hat ein sanftes Ende gehabt. Das

lernt man als ein Glück betrachtei, wenn man selber
- nicht mehrr weit dadön ist.-Sie war ein- hübsches
Frauenzimmer, alösie jung war, und zuerst hierherkam.
-' Deö Amtmain war offenbar -mehr ergriffen,i als
er es zu zeigen für angemessen fänd, denn, die Nätur
stand wieder einmal als die unerbittliche Gläubigerin
- vor ihm, die Keinem- seine Sahlung; an: sie schenkt.
wenn sie sie dem Einzelnen auchniitunterzlänger stun-
-' det. Der Adjunkt'benerkte; dießriodesfall?wwerde in
der. Pfarre,! namentlich :bei Hulha; wiel -Betrübniß
-
erregen. ;
,Das glaube' ich Sohl,? versettte I?urzweg der
Amtmann, der ohnehin bet, trgurigen. Gedänken nicht
-zu verweilen lieht, ,aber dagegen -ist nun einmal
Nichts zu machenz undß wer weiß,' wozu es für sie
-- gut ist. - -
- Der Adjunkt'fragte, ob depAmtmänn' von Hulda
spreche und wie er das verstehe. - --
,Ich meine, gutfür das Mädchen undauch für
-Sie, niein Bester!' entgegnete er:Amtmaimm, xdenn
wie ich heute Sie. undlIhre Absichten, die' mir sehr
wohl gefallen, habei kennen lernen, -dürfen und müssen
- wir einander reinen Wein einschenken? Sie wissen es
-:.- s-


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vermuthlich, daß mich der Pastor - gebeten hat, die
Vormnundschaft über das Mädchen zu übernehmen, wenn
er die Augen schließen wird.!
- Der Adjunkt verneinte däs.
? - ,Die Sache verstandisich im Grunde von selbst,!
fuhr der Anitmann fort, , sie haben ja sonst Niemand.
Von des Pastors Seite sind keine Blutsverwandte. da,
und wenn von der Mutter Seite etwa Jeniand leben
sollte; so sind das arme Leute auf den freiherrlichen
-Gütern, von denen weiter nicht die Rede sein kann.
Auf'die Engländerin aber wird sich' Hulda wohl ver-
lassen haben, denn nachdem sich der Handel' mit dem
Baron zerschlagen - dem ich nie vergeben werde, wie
er sich gegen das Mädchen gehen lassen, das. zu heirathen
er ernstlich wohl nie gedacht hat =- seitdem hat die Miß,
Gott habe sie selig, der armen Hulda allerhand Zeug -
in den Kopf gesetzt, daß sie nach England gehen solle,
-wie die Miß ihrerzeit nach Deutschland gegangen sei,
F däß die- Miß dort füri sie ein Unterkommen suchen
- wolle, und was derart.noch mehr gewesen. ist.? Er

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-schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:' ,Das hat 'dem
Mädchen doch im Sinne herumgespukt, und meine
-Schwester, die den Mund mun einmal nicht' halten
Tann, hat mit ihren Erzählungen von all dem Geklat-
sche, das leider über das arme' Kind zumeist durch
mneiner Schwester ewiges Gerede hier im Schwange
ist, das Nebrige gethan. Hulda hat es einmal unum-
wunden gegen mich geäußert, sie wisse, daß sie hier
nicht bleiben könne und sie wolle auch nicht hier blei-
ben, sondern wenn es einmal sein müsse, sehen, wie

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und wo sie sich anderweit in der Welt ihr Brod ver-
dienen könne.?
Der Adjunkt hatte ernsthaft zugehört, die Mt-
theilung dünkte ihm entmuthigend, denn Hulda hatte
nach derselben nicht an ihn gedacht. DerAmtmann errieth,
was in dem jungen Manne vorging, und schhug ihn
auf die Schulter. , Munter, munter,' Herr Adjunktus,
und unwerzagt! Was solch ein Mäbchenkopf auf sei-
nen Schultern denkt, das ist so ernsthaft nicht zu neh-
men, das ändert sich, wenn man ihn nach. einer andern
Seite hinlenkt, an welcher ihm etwas Besseres winkt.
Und jezt sind wir ja unserer Zweizum Hinlenken, und
zwei Männer!r fügte er hinzu.
Sie waren unterdessen an den Platz gekommen,
an welchem ihre Wege auseinandergingen, Zur Rech-
ten dehnte sich die weite Fläche: des- neuen Stoppel-
feldes aus, auf dem die Arbeit :nöch in' vollem Gange
war, zur Linken stieg die strahlende. Sonne langsam
in das blaue fluthende Meer hinab. Der Amtmann
blieb stehen.
,Bringen Sie es denen in, der Pfarre glimpflich
vor, daß die arme Kenney todt ist!? sagte er. , Der
Pastor hat sie auch lange gekannt, und wie man sich
auch auf die Ewigkeit getröst mag=- sehen Sie
sich einmal um - wenn es so schön ist:hienieden, da
ist das Fortmüssen doch eine ganz -verdammte Sache.
Aber darum Nichts für ungut! Wenn es dazu kommt,
wird's auch abzumachen sein wie ein ander Stück
Arbeit.

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Der Adjunkt, gegen dessen Anschauungen solche
Worte schwer verstießen und den sie sehr verletzten,
war heute nicht in der Verfassung, sich dagegen auf-
zulehnen. Er dachte nur daran, wie er Hulda die
Trauerbotschaft berbringen, wwie. sie: und. der Vater
dieselbe aufnehmen würden, und weil er sich heute vor
Ulriken ; ünd dem Amtmanne über seine Wünsche und
Absichten gusgesprochen undfür dieselben des Leztern
Zjstimmunge erhalten hätte, fühlte!er. sich nur, noch
mehtn an Hulda gebunden, ihr. glejchsamverlobt und
für sie zu soigen verpflichtet.- Seine innere Freudig-
keit, sein Vertrauen zu sich sogen darausneue Nahrung=-
und er war noch in dem Alter, in welchem die Todes-
fälle greiser Menschen ihn nicht eben tief berührten.
-- Als er sich mit herzlichem Dankesworte von dem
Amtmanne getrennt hatte, rief dieser ihn noch einmal -
zurück. ,Erzählen Sie doch in der Pfarre, daß gestern
die Frau von Wildenau bei uns gewesen ist und bei
uns gefrühstückt hat!r sagte er.--
Der Adjunktus fragte, wwer das sei?- Das werde
er zu Hause schon erfahren, entgegnete derAmtmann,
deö' nun Eile hatte. , Sie ging nach Rußland,! fügte
er indessen doch hinzu, , weil sie zum Oktober neue
Pächt-Kontrakte abzuschließen hat; und sie bestätigte,
was. ich schon auf dem Markten in der, Stadt gehört
hattef daß es mit dem ältesten Bruder der Frau Gräfin,
mit dem Majoratsherrn, wirklich: schlecht steht. Das
wär?denn Wasser auf Ulrikens Mühle:! -
Der Adjunktus wollte wissen, inwiefern?


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,Hat sie Ihnen denn nie von dem sogenannten
Falkenhorster Perggmente und won, dem-alten Aber-
glauben geredet, der sich dargy knüpft? -,
Der Adjunkt perneinte es. , ,Nun, da hat sie sich
vor Ihnen eben in Acht genommen, meinte der Amt-
mamn, , denn es ist sonst eines ygn jhren Stecken-
pferden, die Geschichte zu erzählen, daß die Falkenhorst's
von den Unterirdischen, von den kleinen Leuten verflucht
sind und gusstexben müssen, wonach denn die Güter
an unsere gräfliche Familie fallen pürden.!
Die ganz harmlose, Begerkung mnachte auf den
jungen Geistlichen einen traurigen, Eindruck. ,Daß
ich mit solchen ßlementen hieg, zu kämpfen, hätte, rief
er, , daran habe ich nie gedacht,
,Ja, versezte dex Pmgmzann, g das steckt hier so
dazwischen;doch noch, in dey FFpfez, und ih rathe
Ihnen, rühren Sie gicht an -den Mbexglauben, da
kommt, die Naxrheit am ehesteg in's Vergessen. Aber
mit dem Aussterben der Freiherren von Falkenhorst
. kgnn es Ernst, werden, wenn sich, der Baron nicht doch
znoch zu heirathen entschljeßt. Es gird ahexwohlnicht um-
,sonst sein, daß gunsexe Gräfin, ggße ggestern -die Frau
Baronin, uns erzählte,,in, hen -nächsten, Wochen mit
dem Fräulein Konradine zu Fgron ßmgnuuel in die -
SSchwejz geht Hie Beiden hatten sich hier im Schlosse
,ichon ge, und yer,weiß, gh; She, Herg Adjunkt, sich
, nicht bei ,der schönen Stifsdage dgfür zu bedanken
,haben, wenn die Hulda, wie jch gs wwünsche, einmal
Ihre Frau wixd.!.-

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- Er hatte den Kopf bei den Worten schon nach der
andern Seite hingewendet, um dem auf dem Erntefelde
befindlichen Wirthschafter einen Wink zu geben, und
während er mit seinem noch immer raschen stampfen-
beir Schritte in das Feld zurückkehrte, ging der junge
Geistliche wie ein verwandelter Mensch dem stillen
Pfarrdorfe zu:
- Mit dem ausgesprochenen Vorsaze, sich zu ver-
heikäthen, war den Adjunkt in einen neüen Abschnitt
seines Lebens eingetreten. Er hatte wohl' früher auch
daxgn' gedacht, aher' es hatte Alles noch in wweiter Ferne
zinrungeßissemn Lichte vor ihm gelegen, und deshalb
keinen esentlichen Einfluß auf seine Entüdicklung aus-
geübt. Das Entfernte kann das Begehren wecken, die
Richtung und das Bestreben bestimmen, den Ehrgeiz
spornen, eine wirkliche Umgestaltung bringt es nicht
herpor. Erst das festgestaltete, nahegerückte Ziel, erst
ein bestimmtes Vorhaben, das uns bestimmte Pflichten
idntit ihnen bestimmte Sorgen auferlegt: zwingt den
Tüngling das traunhafte Wünschen von sich' äbzuschüt-
lit, niit entschiedenem Schtitte, mit wachem Auge in
die Wirklichkeit einzutreten und den Plaz in derselben
zu besetzen und zu behaupten, in dem er Herr sein,
sein Haus errichten, seine Familie begründen soll Der
Vorsatz, sich zu verheirathen, ist für den ernsthaften
Jüngling der plözliche Nehergang iw- das Mannesalter,
der eigentliche Eintritt in das bürgerliche Leben, der
Anfang jener gefesteten Gesittung, die ihn mit der
Allgemeinheit, mit dem Staate, in eine für ihn selber

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nothwendige und dem Allgemeinen förderliche Verbin-
dung bringt.--
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Es waren völlig neue Gedanken und ganz ver-
änderte Empfindungen, mit denen der Adjunktus durch
den Abend hinging. Er war ernsthafter, sorgenyoller,
als er sich jemals gefühlt hatte, und trug doch eine
Freudigkeit und eine Zuversicht in sich, die ihn beglück-
ten. Während er sein Auge auf das Nächste gerichtet
hatte, blickte er darüber hinweg wweit in seine Zukunft
hinein. Er fühlte, daß er hier feste Wurzeln in der
Erdenwelt zu schlagen habe, daß er fortan inehr als
zuvor nach dem Diesseitigen zu trachteni habe, und sein
Herz ward dadurch nur fester in dem Glauben und Ver-
trauen auf die Güte und. Allioeisheit dessen, dessen Reich
auf Erden zu verbreiten, die Aufgabe seines Lebens war.
Mit einer Freude, die' eiier Anbeung -des Schöpfers
glich, genoß er die Herrlichkeit :des- Abends und des
Sonnenunterganges,- welche Hülda ihm vorausgesagt.
Er hätte sie so gerne bei sich gehabt, ihr schönes Ant-
liz gegn in der Verklärung dieses Lichtes leuchten sehen.
Der Weg von dem Schlosse nach der Pfarre, der ihm
sonst nie weit erschienen war, kam ihm heute gar zu
lang vor. Er sehnte sich nach Hause zu kommen, und
bangte doch davor, die Nachrichten die er mitzutheilen
hatte, den Seinen -- das Herz' schwoll ihm auf,
als er sie innerlich so nannte- dei Seinen zu über-
bringen: dem Mädchen, das sr liebte, seiner künftigen
Gattin, demi Geise, der?nun auch sein: Vater werden-
sollte. Er war an irdischem Besiz noch ganz so
arm als wie bisher, und kam sich doch mit einemmale
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reich. vor, wweil er die beiden theuren Menschen als sein
Eigenthum betrachtete, weil er beschlossen ,hatte, für sie
sorgend einzustehen.
Es lag noch heller warmer Sonnenschein über dem
hohen Dache der niedern Kirche, als er an das Dorf kam,
als er sich dem kleinen Hause näherte, das er heute
seine liebe Heimat nannte. Er ging hastiger darauf
zu, er- fragte sich, wie er es dort finden werde, und
das Herz klopfte ihm freudig, als er das geliebte Mäd-
chenn noch in dem Garten sitzen sah.
I Weil der Abend so ungewöhnlich schön war, hatte
man auf des Pfarrers WSunsch. den Lehnstuhl in das
Bärtchen hinausgetragen und so hingestellt, daß der
Greis den Untergang der Sonne, ohne pon dem Pur-
purglanz des Meeres geblendet zu werden, in dem
herrlichen farbenschimmernden Gewölk genießen konnte.
Aber da der Adjunkt ihn also vor sich sah, erschien
ihm das feine, schmale Gesicht des Greises noch blei-
- cher und durchsichtiger als sonst, und es bewegte ihn
kief,' als der Pastor mit freundlichem Tone sagte:
s,Nun Herr Adjunktus! heute haben sie es doch erfah-
en,n wienschön es bei uns sein kann? Da wir Staub-
geborene uns in unserem kindlichen Glauben gar so
wichtig vorkommen, meine ich bisweilen, unser Herr-
.gott gönne uns diesen wunderyollen Sommer und solch
-einifruchtreiches Jahr, damit ich noch einmal die rechte
Freude, dargn hgben; könne.! Er lächelte dgbei, siill
,üher ich selber, Der Adjunkt und Hulda wollten ihm
-beweisen, daß er wohl noch manchen Sommer zu Fe-
,grüßen habe, er aber wehrte ihnen mit der Hand, und
d

189
fragte, sich von dem Gedankengange abwendend, was;
der Adjunktus bei dem Amtmann;ausgerichtet habe.




Der junge Mann gah die,Auskuyft, , wie, es sich
gebührte; der Pfarrer war damit wohl. zufreden. Er
lobte den Amtmann, rühmte die, Freigebigkeit, welche
die Herrschaften immer in solchen Fällen bewiesen hät-
ten, und meinte, es werde wghrscheinlich nur- auf sei-
nen Nachfolger, ankommen, obs. ein neues Pfgrrhaus
errichtet werde oder nicht. Der Herr;Graf habe schon
vor langen Jahren einmal daran gedacht, die Frau
Gräfin habe auch daygn gesprochen, und so ;werde denn
der junge Herr Graf, wohl ebenfalls dazu geneigt sein,
der Kirche und ex Pfarre diesen-ßortheilgyzuwenden.
Er füx sein Theil habe gicht dangch perlaggt,. m ei
das Haus zu lieb und als Erinnerungsstätte- auch gn
heilig gewesen.. ,Füx Sie', schloß,er, ,dex Sie, ja
wohl nach -mir hier,das Fmt, vergglten Fvexden, wird
das ein Anderes, sein,-Shßen wixgz ejhn besseres Pfarr-
haus wohl erwünscht, dünken,. znd Hulda hat sich ja
eine Zeichnung von diesem lieben alten Hause gemacht,
die sie einmal mit sich nehmen kann.?
- Dem Adjunkten fuhr es heiß duxch asle Glieder.
,Ich hoffe.- xief er, und hrgch dann plözlich ab.
Er wagte nicht -auszgspxehen, ggs-er,dgchte, was er
hoffte. Weil aber dey Pgtex. zgg, dieFochter ihn bei
feinem plözlichen Ferstummen gujt fczgendem Blicke
betrachteten, sagte -er: ,Ech hofe, ggy, Zaß, die Bot-
schaft, die ich koch außerdem zu , melden-hahe, nicht
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den Werth der guten Ngchricht vermindert, die ich bis-
her aus dem Amte mitgebracht hahe! -er Herr Amt-

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mann hat von der Frau Fürstin Durchlaucht einen Brief
erhalten, der eine Todesnachricht in sich schloß. Die
Erzieherin und Freundin der Frau Gräfin ist gestorben,
ist nach kurzer Krankheit sanft entschlafen.?
-' Hulda that einen leisen Ausruf des schmerzlichen
Erschreckens, der Vater blieb anscheinend unbewegt.
,Es ist Erntezeit, sprach er, ,und die Saat ist reif;
dg -jammelt der himmlische Schnitter in die Scheune,
was aufgehen soll als neues Leben und fortbestehen un-
wandelbar inEwigkeit.- Wohl ihr, sie hat über standen!
- - Er neigte das Haupt ein wenig, faltete die Hände
uid blieb so ein paar Augenblicke in sich vesunken
sitzen. Hulda war an ihn, herangetreten und hatte ih-
ren Arm um seinen Hals gelegt, als wolle sie ihn
hälten, so lange er ihr noch gelassen ward. -- Endlich
richtete er sich wieder auf, und that ein paar Fragen.
Der Adfunkt beantwortete sie nach seinem besten Wissen.
DieFrau Fürstin hat denTodesfall gemeldet, wie sie
sagen, bemerkte der Greis, , war denn die Frau Gräfin
bei dem Tode unserer alten Freündin nicht zugegen?
,Nein! Die Frau Gräfin ist mit der Stiftsdame
von Wildenau auf dem Wege zu ihrem Bruder nach
der Schweiz,! bedeutete der Adjunkt. -
Mit der Stiftsdame von Wildenau? wiederholte
Huldg, und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach ih-
rem Herzen, während sie ihr Haupt senkte, um ihr -
Erschrecken zu verbergen. Eine brennende Eifersucht,
ein- leidenschaftlicher Schmerz durchzuckte ihre Brust.
Es war kein Zweifel, Emanuel sollte ihr entrissen wer-
den, und er hatte sich ihr doch anverlobt, er hatte noch


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im Augenblick des Scheidens es ausgesprochen, daß
der Ring, der nie von ihrer Hand gekommen war,
ihr ein Pfand des Wiedersehens sein sollte. Hatte
Emanuel das vergessen? Hatte er Konradine gerufen?
Denn ohne daß er es gefordert hatte, konnte sie ja
nicht zu ihm gehen?- Er verlangte also nach der-
selben, er liebte Konradine -- und was war dann
Huldas Loos? Was hatte dann der Ring an ihrem
Finger ihr noch zu bedeuten?
Der Schmerz, die Eifersucht erstickten ihre Stimme.
Sie hätte gerne sprechen, gerne Etwas sagen mö-
gen, sie wußte nur nicht was. Sie sah es, daß der
Vater sie mit zärtlicher Sorge betrachtete, daß der
Adjunktus, welchem ihre tiefe Erschütterung nicht ent-
gehen konnte, verlegen vor ihr stand, aber es fiel ihr
gar Nichts ein, gar Nichts - und sagen mußte sie
doch Etwas.
,Es freut mich,! bxachte sie endlich mit leiser und
stockender Stimme heraus, ,es freut mich, daß die Frau
Gräfin nach so langer Trennung mit ihrem Bruder
zusammenkommen und vermuthlich längere Zeit bei ihm
verweilen wird.! Sie hatte im Sinne hinzuzufügen,
daß Emanuel sich auch an dem Wiedersehen mit Kon-
rrar aa
rasch: , Woher haben Sie diese Neuigkeit??
Der Adjunkt erzählte, öaß Frau von Wildenau
auf der Duxchreise nach Rußland bei dem Amtmanne
gefrühstückt und ihm von der Reise Konradinens Mit-
theilung gemacht habe.


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Hulda überlief es kalt. ,Es wird kühl Vater,
rief sie- aus, , wwollen wir nicht in das Haus
gehen?
Der Greis stüzte sich auf die Lehne seines Stuh-
les, und sich langsam erhebend, sprach er: ,Ja mein
Kind; -es will Abend werden. Und wenn die Tage
des Lebens dem Vergehen zuneigen, vermag man selbst
den schönsten Abend, den die Natur uns schenkt, nicht
bis zu jeinem Erlöschen zu genießen. Aber bleiben
Sie noch draußen, junger Freund! Erläben Sie sich
an den lezten Strahlen der Sonne, wie ich in jünge-
ren Jähren an solchen Abenden diesen Platz niemals
zu verlassen pflegte, bis der letzte goldene Streifen an -
-
dem Firmamente von dem lichten Rande, der die See
für unser Auge begrenzt, nicht mehr zu unterschei-
den war.!
Hulda ergrif den Arm ihres Vaters und führte
ihn langsam in die dunkle Stube zu dem alten So- ?
pha, auf welchem er so oft an der Seite der Mutter
gesessen und ihr vorgelesen hatte. Wie in den Tagen
ihier Kindheit sezte sie sich auf den Schemel zu ihres
-Vaters Füßen nieder, seine Hand strich, wie damals
auch, sanft und leicht über ihr weiches Haar. Sie
schwiegen Beide, es war dunkel geworden und still in
dem Gemach.
Plözlich ergrif Hulda des Vaters Hand, küßte
Fie mit' Inbrunst, und eilte rasch hinaus. Dek Greis -
seufzte leise; seiner Tochter schwere heißen Thränen
waren' auf seine Hand gefallen.
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Kapitel 12

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Bwölftes Gapites.
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Konradine hatte das Stift sehr wohlgemuth ver-
lassen, um mit der Gräfin verabredeter Maßen auf
ihrem Wege nach der Schweiz zusammen zu treffen.
Die Frauen hatten einander seit mehr als drei
Jahren nicht gesehen, und dieseJahre hatten an ihnen
viel gewandelt, hatten sie durch ihre Eilebnisse ein-
ander näher gerückt, als der bloße Verlauf der Zeit
es. vermocht haben würde? Die schöne, in sich selbst
beruhende Stiftsdame von Wildenau-' war nicht mehr
jene in übermüthiger Heiterkeit strahlende Konradine,
die sich so gefällig zu den Sylvesterscherzen hergegeben,
welche ihre Mutter in Turin in Seene zu setzenn be-
liebt hatte; und von dem Leben der Gräfin wär durch
die Hand des Todes der stolze Freudenschimmer abge-
streift. Beide hatten, Jede auf ihre Weise, schwere
Leiden durchlebt, Beideneue Stellung im Leben nehmen
müssen, und wie bevorzugt die Gräfin- an Einfluß,
Rang und Reichthukn -sich neben der Stiftsdame auch
noch fühlen durfte, Eines hatte diese doch' vor' ihr
voraus, der Lebensweg vor ihr war länger. Ihrem

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Hoffen war ein weiteres Ziel gesteckt, es konnte ihr
-mehr Unerwartetes, mehr sie selbst Beglückendes begeg-
nen als der Gräfin, deren persönliches Hofen abge-
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schnitten war, soferne sie. es nicht. auf ihre Kinder
ncht daz gemoch, sics mit soüchm Hote fue es ?
oder auf das Bestehen und Gedeihen der Geschlechter
richtete, denen sie angehörte. Ihr Herz aber war
dere, mit Glück aus' zweiter Hand' wahrhaft befriedigen -
zu können, wenn schon es ihr ein Bedürfniß war, z
für die Ihrigen zu sorgen und das Ansehen ihres-
Hauseszu befestigen. Dafür aber fand sie in ihren -
Kindern uicht die Theilnahme, welche sie, ersehnte.
-- Der junge Graf, welcher der Gesandtschaft in
London beigegeben war, überließ ihr. vertrauensvoll I
die;Zügel des Regimentes. Er wußte dieVerwaltung--
des Vermögens in der Mutter Händen wohl, gehorgen ;
und war zufrieden, wenn er sich dem Genusse seiner
Sugend überlassen durfte. Er war leichtherzig, ohne -
eigentlich leichtsinnig zu sein. Ihm wie seiner Schwester I
hatte-das Glück, seit ihrem ersten Athemzuge?gelächelt;-
Besizesfreude, hatte als solche noch Leinen Reiz: für -
ihn.- Der hrgeiz war noch nicht in, ihm lebendig,
das Vergnügen verlockte ihn noch ganz ausschließlich,
und in gewissem Sinne war es mit der Fürstin ebenso. F
Ihr Liebes- und Eheglück, die Freude an ihrem -
Kinde -üllten ihr ganzes Wesen und Verlangen aus, -
und der Reichthum des fürstlichen Hauses, in das sie -
als Gattin des einzigen Erben eingetreten war, machte--
sie für das Erste noch gleichgiltig gegen eine Vermeh- ,
rung desselben, wie gegen das Bestehen der Geschlechter, ,

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deren Namen sie nicht mehr trug. Ihr fehlte der
stolze Sinn der Mutter, der eigentlich auf das Er-
halten des Bestehenden gerichtete Sinn. - Sie nannte
sich, mit dem Nebermuthe, den' erwachsene und selbst-
ständig gewordene Kinder, oft mit einer' wahrhaft kin-
dischen Genugthuung ihren Eltern gegenüber an den
Tag zu legen lieben, im Gegensaz! zu ihrer Mutter
gerne liberal. Sie hatte es. der Gräfin' wiederholt
versichert, daß sie die Verbindung ihres Oheims mit
der schönen Pfarrerstochter gern gesehen, und diese ro-
mantische Heirath als eine änmuthige Bereicherung
ihrer ohnehin sagenreichen, - mütterlichen Familien-
---
geschichte, und keineswegs' als ein Unglück erachtet ha-
ben pürde.
Mit Konradinen war das dndeks Sie; war um
zehn Jahre älter als die junge Fürstin hatte unter
der sogenannten Führung ihrer Mutier -e von Früh
auf nöthig gehabtz für sich selber-zus denken und zu'
handeln, und auf die äußern,Verhältnisse selber Acht
zu haben. Sie hatte- daher deren Bedeutung zeitig er-
messen und würdigen gelernt.' Die Gräfin wußte,
daß die Stiftsdame die Vorzüge der Geburt um der
Vorree willen, welche sie verleihen,' sehr hoch an-
schlage, und dgß sie selbes sich eben deshalb auch in
Bezug auf Emanuel und Hulda ;it' Konradinen' von
Anfang an in vollständiger Nebereinstimmüng befunden
habe.
Man war daher auch nicht lange bei einander,
ohne von Emanuel zu sprechen. Die Gräfin fragte,
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- Fanny Lewald, Die Erlöferin. K. -

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ob Konradine dem Baron Nachricht davon gegeben
- habe, daß sie in dem Bade zusammentreffen, und ihre
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Reise von demselben gemeinsam fortsetzen würden.
- Konradine verneinte es.
-. ,Cber er weiß, daß Sie kommen? er erwartet I
uns? fragte die Gräfin weiter. -
g,Er weiß, daß ich komme, und er erwartet mich!?
- entgegnete. Konradine. ,Er weiß auch, daß ich einmal
an. Sie. geschrieben, eine Antwort von Ihnen erhalten,
, und daß Sie in derselben ein tiefes Bedauern über
Ihre Tremnung von ihm und die Sehnsucht nach
baldigster Verständigung mit ihm, ausgesprochen haben. .1
Ihn. mehr wissen zu lassen, habe ich nicht gewagt.!

, Und weshalb nicht? fragte die Gräfin mit
- einem Anflug'von Unzufriedenheit, denn Konradine hatte
dieser, Zurückhaltung in ihren Briefen nie erwähnt.
- zEr hätte nicht mehr an die Unabhängigkeit meines
Urtheiles glauben. können, hätte er mich unter Ihrem
Einflusse wwermuthet!?, erwiderte Konradine mit einer .
sosverhindlichen Bescheidenheit, daß die Gräfin nichts-
dggegen einzuwenden vermochte. ,Ich. wollte: sogar,? -
fügte die Stiftsdame hinzu, ,wenn es Ihnen so ge-
-!
nehm ist, demr Baron erst wenn wir von; hier aufge-
brochen sein werden, die Mittheilung machen, daß wir
auf der Reise zufällig zusammengetroffen wären, daß
ih. Thren Punsch, ihn wiederzusehen, lebhafter als
- je gefunden hätte, und daß ich es um der Freundschaft
, willen, die ihn und mich verbindet, von ihm fordere,
mir das Glück zu gönnen, in diesem Werk der Liebe
und des Friedens die Vermittlerin zu machen.

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Diesem Briefe folgen wir dann auf dem Fuße, und
wenn auf diese Weise unserem Freunde nicht die Zeit
! - gelassen wird, sich grübelnd die Relhe der von ihm
durchlebten peinlichen und schmerzlichen Empfindungen
zu wiederholen, wird das Wiedersehen, -wird Ihre
Gegenwart ihn klar erkennen lassen, was er diese
Jahre hindurch entbehrt hat, und daß er dafür auch
, in der verläßlichsten Freundschaft den vollen Ersaz un-
möglich finden könne.!
Die Gräfin hatte ihr schweigend zugehört und
zögerte zu antworten. Konradine hgtte, in der Auf-
! s fassung der Verhältnisse wie in der Anlage des
-; Planes mit voller Kenntniß des Barons. gehandelt.
Sie hgtte das Mißtrauen, welches Emanuel gegen die
ältere Schwester und gegen deren Neigung, ihren
Willen durchzusezen, stets gehegt hatte, richtig in Be-
tracht gezogen, und es ehenso richtig. erwogen, daß man
- seinem Hange zu trüber Grübelei -nicht Spielraum
- lassen dürfe. Diese Klugheit Konradinens gefiel der -
Gräfin wohl. Sie fand sich in derselben bis zu einem
gewissen Grade wieder, aber eben dieses wollte ihr nicht
! - in gleichem Grade gefallen.
G machte sie stuzig, daß die Stiftsdame die
-- Leitung der Verhältnisse auf solche Weise -selbst-
stäändig in die Hand genommenhatte. - Daß Kon-
rgdine sie daneben- jetzt so u vorsichtig zu schonen
trachtete, daß sie sich, während sie nach dem eigenen
Ermessen gehandelt hatte, jetzt den Anschein gab, sich
,- der Gräfin in jedem Betrachte unterzuordnen, das
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vexrieth eine Menschenkenntniß und Selbstbeherrschung,
deien eben in der Freundin ihres Bruders zu begeg-
nen der Gräfin nicht recht erwünscht war. Sie hatte
nach ihrer früheren Vorstellung von Konradine, wie
nach der Freimüthigkeit, mit welcher dieselbe sich in
ihren Briefen tundgegeben, in ihr eine leicht bestimm-
bare Gefährtin zu finden erwartet; jetzt sah sie plözlich
ein, daß sie' es hier mit einer selbstständigen, ihr eben-
bürtigen Kraft zu thun habe, und ihr Entschluß wwar
schnell gefaßt.
- , Ich erfahre hier wieder einmal,! sagte sie, , daß
das Auge des Fremden, weil sein Herz nicht so lebhaft
dabei betheiligt ist, richtiger sieht, und daß es also besser
entscheidet, als das der nächsten Angehörigen; und ich
danke Ihnen, daß Sie mir den Weg zu meinem Bruder
so behutsam vorbereitet haben. Emanuel hat sich nun
lange genug in seine Einsamkeit vergraben, dem Be-
dauern lange genug darüber nachgehängt, daß sich
liebliche Träume nicht festhalten und in Wirklichkeit
verwandeln lassen. Aber darf man, oder möchte man
ihn anders wollen, wenn man sich, wie Sie und ich,
seiner so wweichen und so anschmiegsnden Neigung zu
erfreuen hat?
Konradine meinte, die Gräfin thüe sich und ihrem
Bruder Unrecht, wwenn sie die Freundschaft, welche
der Baron ihr gönne, mit der tiefen Zusammengehörig-
keit vergleiche, die ihn an die Schwester binde.
Die Gräfin zuckte die Schultern. ,Eine Schwester,
die dem Matronenalter entgegengeht, und eine Freundin,
jung und schön wie Sie!r sagte sie lächelnd. , Fra-

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gen Sie sich selber, liebe Konradine, wwie zwischen diesen
Beiden die Entscheidung fallen wird- besonders, da
Sie Nichts von ihm verlangen!
,Ich von ihm? -- Nein, gewiß Nichte!r rief
Konradine betheuernd und mit fester Neberzeugung aus.
,Ich hingegen, fügte die Gräfin hinzu, , mnß
bestiminte Forderungen an ihn stellen.- Ich will und
muß ihn an seine Pflichten gegen die Familie mahnen,
und werde ihm den -falschen Glauben selbst durch
Thatsachen nicht leicht benehmen können, daß ihn
Niemand je geliebt hat, außer' jener Pfarrerstochter, und
daß wir ihn durch unseren Einfluß auf- den Vater
und das Mädchen, um sein sogenanntes Glück betrogen
haben.' Ich werde Ihrer freundlichen Vetmittelung
neben ihm, mehr als sie glauben,' nöthig haben, denn
das Gedächtniß seines Herzens hält Neigungen und
Abneigung in gleichem Maße fest. Sie sehen also,
wie sehr Sie gegen mich im Vortheile sind.
Konradine fand es nicht für angemessen, dabei
zu verweilen. ,Ich habe,! sagte sie, , mich bisweilen
selbst befragt, ob die Erinnerung an Huldä wirklich
noch fehr lebhaft in ihm ist? Ob er nach des Pfarrers
Tode, doch noch daran denken könnte, sie zu seiner Frau
zu machen? Denn das allein hätte man im'Grunde zu
befürchten.?
,Ich habe dieselbe Frage auch erwogen,!. meinte
die Gräfin, ,aber über diese Besorgniß hebt mich ein
Brief hinweg, den ich gestern von unserer alten Haus-
hälterin empfangen habe. Sie wird Ihnen in ihrer
grilligen Wunderlichkeit wohl auch noch erinnerlich sein.

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Ich hatte unseren Amtmann nach dem lezten Willen
meiner guten Kenney angewiesen, das kleine Vermögen,
das sie bei uns erworben, und das der Amtmann ihr
verwaltet hat, ihrem in Schottland lebenden Neffen
und Erben zu übermachen, und Hulda ein Legat von
einigen hundert Thalern, das die Gute dem Mädchen
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zuzuwenden gewünscht, sofort auszuzahlen. Vorige
Woche nun meldete mir der Amtmann, daß er diese
Aufträge vollzogen habe, und er erwähnt daneben, wie
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das kleine Kapital vielleicht in nicht zu ferner Zeit für
Hulda -doppelt nüzlich werden könne. Er berichtet
dannn noch über, den Zustand des Pfarrers, rühmt denI;
Stellvertreter, welchen ich ihm halte, und fragt endlich bei -
, mir an,, ob ich geneigt sein würde, den jungen Mann, der Z
das Vertrauen- der Gemeinde gessonnen habe, nach des-
Pfarrers Tode in dem Amte zu bestätigen, und die
Gehaltsaufbesserung, welche ich dem Pfarrer zugestanden,
guch seinem Nachfolger zu gewähren, wenn dieser sich
zu verheirathen wünschen sollte.!
- Und Sie vermuthen, daß es Hulda ist, auf welche
der Kandidat sein Augenmerk gerichtet hat?
, Es war mir wahrscheinlich nach des Amtmanns
Mittheilungen. Gestern aber schrieb seine Schwester
gn mich wegen einiger Effecten, die meine gute alte
Kenney in dem Schlosse zurück gelassen hat, und die bös-
- willige,Geschwäzigkeit der alten Mamsell, der ich- sonst
nicht eben Glauben schenke, setzt jene angedeutete That-
sache außer allen Zweifel. Im Grunde verstand sich -
diese Sache sehr von selbst. Eine unglückliche Liebe -z
für einen Edelmann und eine schließliche Heirath mit z
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des Vaters Adjunktus, das ist so der gewöhnliche
Hergang in einem Pfarrershause auf. dem Lande -
und es ist vielleicht ebensoviel, vielleicht mehr Poesie
und Glück in solchem engbegrenzten Dasein, als in
unserm vielbewegten Leben.!.
Sie hatte die lezte Bemerkung leicht hingesprochen,
Konradine nahm sie ebenso achtlos auf. Es war eine
der herkömmlichen Betrachtungen, mit welchen die
Reichen und Bevorzugten sich über das Schicksal ihrer
weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen abzufinden
wissen. Konradine beschäftigte nur die Nachricht, die
sie eben erhalten hatte. .
,Das ist ein günstiges Ereigniß,! meinte sie.
,Es wird die feinfühlige Gewissenhaftigkeit des Barons
beruhigen.!
,Würde ich der Sache sonst erwähien? parf die
Gräfin ein. ,Vor allen Dingen wird es ihn er-
nüchtern, und das ist um so'nöthiger, als nach meiner
festen Neberzeugung die Phantasie meines Bruders
in jener Angelegenheit mehr als sein Herz bethei-
ligt war.?
äPch habe das Mädchen nur einmal und nuur
flüchtig auf dem Krankenlager gesehen, aber seine
Schönheit war wirklich ungewöhnlich!k'sagteKonradine.
, Es warz wie ich glaube, nicht' einmal des Mäd-
chens Schönheit, die Emanuel'' sg beinnahm, obschon
sie ihn gleich Anfängs überraschte,! entgegnete die
Gräfin. ,Aber Hulda ist. recht eigentlich, was Göthe
mit dem Worte , eine Natur! bezeichnet hat; und wie
eine. Naturkraft hat sie- ich habe sie beobachtet,-







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152
wveil ich sie in unseren Dienst. zu ziehen dachte -
etwas Ergreifendes, etwas Fortreißendes. Zum Dienen
war sie also nicht gemacht. Es ist in ihr nichts Neber-
legtes. Alles kommi unwillkürlich, man möchte sagen
stoßweise und gewaltsam zur Erscheinung, und das
reizt und fesselt. Ich hatte Mühe, es zu hindern, daß
meine Tochter sie in ihren Haushglt aufnahm. Sie
ünd der Fürst wwwaren ebenso wie; mein Eruder von
Hulda eigenommen, und selbst die auch Ihnen wohl-
ekannte Gabriele; die jie im verwichenen Winter in
ünserem Hause in der Stadt gesehen hat, fühlte sich ,
von ihr angezogen. Sie hat sogar mit ihr einmal
gelesen, wie die Kenney schrieb. Zu' derlei hatte Hulda
unverkennbares Geschick.' Wir hatten damals, als das
Abenteuer mit Emanuelsich in dem Schlosse entspann,
merkwürdig genug, auch ein wirkliches dramatisches
Talent in unseren Diensten. Es war des Fürsten
Kammerdiener, der zur Bühne gegangen ist, weil der
Fürst sich genöthigti fand, ihn zu entlassen. Man sagt,
er!solle auf dem Wege sein;: ein bedeutender Charakter-
spieler zu werden. Bei uns in dem Schlosse hat er seine
Rolle freilich schlecht genng gespielt.' Aber es- ist nicht
Jeder; ein guter Diener, der dafür erzogen worden
ist; man!muß dazu gebören sein.!
- ?WDie Unterhaltung war damit' von ihrem eigent-
lichen Ursprung abgekommen und gerieth einen Augen-
blick ins Stocken; bis Konradine die Bemerkung machte,
empfindlich werde die Nachricht dem Baron zuerst
doch sein.

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15
,Da er ein Mann ist, ganz gewiß!! entgegnete
K die Gräfin. Aber man tröstet sich über den Verlust
? einer Geliebten, die sich mit einem Geringeren zu
befriedigen vermag. Ein unbedeutender Nebenbuhler
s LF? -===
,Wollen Sie wirklich das schmerzliche Mißtrauen,
! welches Baron Emanuel leider gegen sich selber hegt,
f als die gewöhnliche männliche Eitzlkeit bezeichnen?
fragte Konradine im Tone sanften Vorwurfes.
Die Gräfin sah sie forschend än.- Sie hatte die
Bemerkung gegen die. Eitelksit: der Männer pls eines
jener Stichworte hingeworfen, miit !deüen die Frauen
aller Stände, wenn auch auf den verschiedensten Wegen
und in den verschiedensten Formeh eiOVerständniß
anzuknüpfen, ein engerespersönlichesektrauen ein-
zuleiten lieben. Sie hatte' dabei erwartet, daß ihre
jüngere Gefährtin: sich durch dieses Vertrauen, wwelches
sich nicht scheute, die Schwäche des nächstei Angehö-
rigen einzggestehen, geschmeichelt finden, ünd daß sie
sich, nach den Erfahrungen, welche der Prinz sie hatte
, machen,lassen, veranlaßt fühlen würde, die Ansicht der
Gräfin zu bestätigen,' und bei der Gelegeiheit auch von
Fich selbst zu sprechen. Indeß nicht das Eine,, nicht
-das Andere traf zu, und die Gräfin mußte sich ein-
- gestehen, daß'-sie Konrädine: nach einemAnderen als
dem gewöhnlichen Maßstabe zu schätzen habe. - Troz-
dem war sie sich über dieBeweggründe, aus- welchen
Jene handelte, nicht recht klar. War es Vorsicht gegen
sie? oder war die Freundschaft der jungen Stiftsdame

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15
für den Baron wirklich so lebhaft, daß ihr der leichte
Tadel nicht gefiel, welchen die Schwester geflissentlich
gegen ihn ausgesprochen hatte? Unmöglich war das
nicht.
-- Emanuel hatte den Frauen stets gefallen, er
hatte stets ihr Vertrauen und ihre warme Theilnahme
gewonnen, -weil er nie Etwas für sich zu fordern ge-
Fchienen hatte. Es war daher leicht denkbar, daß
Emanuel seiner schönen Freundin werther war, als sie
es selber wußte, daß: er einen Theil der: Lücke aus-
-füllte, welche die Trennung von dem Fürsten in Kon-
radinens Herzen offen gelassen hatte. Sie waren
Beide geistreich, hatten Beide eben erst ein Liebesleid
erfahren, als sie einander nahe getreten waren, . und
-ein. Briefwechsel ist immer verführerisch. Schön war
Konradine! -Sie dünkte der Gräfin sogar schöner, als
Fn jenen Tagen. da sie dieselbe zuletzt gesehen hatte.
Ihr Ausdruck war ernster, ihre Haltung ruhiger, ihre
ganze Erscheinung dadurch edler' und bedeutender ge- -
worden. Das Geschlecht, dem sie entstammte, war
eines der ältesten deutschen Geschlechter, ihr persön-
liches Vermögen war bedeutend, von dem ihrer Mutter
abgesehen. Sie war am Hofe wohlgelitten, die Mutter
war nachgerade auch über die Zeit hinaus, in welcher
man irgend eine verdrießliche Thorheit von ihr zu
befürchten hatte, und klug war Konradine, ungewöhn-
lich klug. Das aber war nach der Gräfin Meinung
und Erfahrung eine der unerläßlichsten Eigenschaften
für eine Frau, die, hochgestellt, sich auf einem beach-
-teten Platze zu bewegen, zu bshaupten hatte. Eine

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Schwiegertochter von Konradinens Selbstgefühl wünschte
sich die Gräfin nicht,r eine solche Schwägerin konnte
jedoch unter Verhältnissen dem Interesse der Familie
wesentlich von Nuzen? sein.. In'Fedem-Falle aber
mußte und durfte man sie für das Erste? ihrem eige-
nen Ermessen überlassen, denn daß ihr an der Gräfin
Theilnahme gelegen war, das sah und fühlte diese
deutlich.
Konradine hatte den prüfenden Blick der Gräfin
ruhig auf sich weilen lassen, nun, reichte diese ihr die
Hand. ,Verzeihen Sie mir, Beste!b sagte sie, , daß
ich Sie auch nur einen Augenblick läng nicht schäzte,
wie ich mußte, daß ich Sie zu, jenen Naturen zu zäh-
len Sermochte, die das Leiden herbömacht: Sie hat es
erhoben, und darin besteht ja- der pahre Adelsbrief
des Menschen, darin vor Cllmu verräth sich die Groß-
artigkeit eines Frauenherzens.- Lassen Sie sich mit
dem Bekenntnisse genügek, daß' ich gelernt habe, Sie
hoch zu halten, und daß es mir viel werth ist, Sie
zu kennen, wie ich es jetzt thue.!
, ,SSie machen mich stolz, Frau Gräfin, und be-
sorgt zugleich. Ich würde untröstlich sein, Ihre gute
Meinkng einzubüßen. Das bürgt Ihnen dafür, wie
sehr ich danach trachten werde, sie mir zu erhalten,!
erwiderte ihr Konradine.
Die Frauen drückten einander die Hände, sie
waren Beide mit sich und miteinander wohl zufrieden,
man sprach voit anderen Dingen. Erst puehrere Stun-
den später fragte die Gräfin, ob Konradine dem Baron
vielleicht den Tag ihrer bevorstehenden Ankunft schon

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gemeldet habe. Sie entgegnete, sie habe dies nicht
gewagt, um -der Gräfin die Entscheidung freizulassen.
,Würden Sie Etwas dagegen haben, ihm heute
moch zu schreiben? Wären Sie bereit, dem Briefe
dann, wieiSie- es vorgeschlagen haben, bald zu folgen,
und- morgen oder übermorgen mit mir in kurzen Tage-
reisen. von; hier fortzugehen?!
- Konradine stellte sich ihr völlig zur Verfügung.
- ,EErfreuendes erlangen kann man ja nicht schnell ge-
nug!: sagte sie, ,und es würde mich so glücklich-
. machen, Sie und' den Baron einander wieder gegeben -
zu sehen. Ich schreibe unserem Freunde noch in dieser I
Stunde, und will ihn dabei wissen lassen, was ich
-
eben heute durch Sie erfahren habe.!
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Kapitel 13

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Dreizehntes Gapites
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Es ließ Hulda keine Rühe, nicht Tag, uicht Nacht.
Die glühende Eifersucht, die schnell und gewaltig wie
ihre Liebe in ihr' aufgelodert war; als- sie Konradine
mit dem ersten flüchtigen Blicke ggesehen, und die' ge-
schlummert hatte, so lange jie dieselbein ,dem Stifte
vermathet, war bei der Nacfrichtz. daß Konradine ihr
Stift verlassen habe, ün rit Emanuel. zusammenzu-
treffen, neu entbrannt. - - -
Wo sie ging und stand, sah, sie Konradine vor
fich, wie sie an jenem Wintertage strahlend- in frischer
Schönheit an ihr Krankenbett herangetreten war. Da-
mals,hatte ihr Unglück angefangen, an dem Tage war
Emanuel zum erstenmale mit ihr unzufrieden gewesen,
an dem Tage war der Gedänke in - ihr äufgestiegen,
daß er eine Andere, daß er Konradine einmal' mehr
lieben könnte als sie, denn ohne diesen Gedanken
würde sie nicht darein gewilligt haben, auf Emanuel
zu verzichten, und ihn scheiden zu lassen, wie sie es
gethan hatte.

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158
Hundert- und aber hundertmale hatte sie im
Laufe der Jahre sich jenen Abschied und die Stunden
und Tage, welche ihm vorangegangen waren, und jene-
ungezählten anderen, die ihm gefolgt waren, in das
Gedächtniß zurückgerufen. Sein Verhalten und das
ihre hatte sie immer auf das Neue erwogen und ab-
gewogen, und je weiter sie sich von dem Zeitpunkte
entfernte, um so fester war in ihr die Neberzeugung
geworden, daß nicht- Emanuel die Schuld an ihrer
Trennung trage, sondern daß sie und sie allein die-
selbe herbeigeführt habe, daß sie allein die Schul-
dige sei.
-. Er' hatte sie mit so dringendem Liebesworte daran -
gemahnt,. die Seine zu bleiben, er hatte den RingF
nicht angenommen, mit dem er sich ihr awverlobt, und
den sie ihm hatte wieder geben wollen - er trug die
Schuld an ihrem Unglück nicht. Es war ihr stets ein -
Trost gewesen, sich sagen zu können: es haftet keine -
Schuld an ihm! Und wenn ihr dann das Herz doch -
allzu schwer geworden :wwar bei der. Vorstellung, daß
sie allein, also, die - Schuldige sei, daß sie das Glüc?
gestört habe, welches er ihr und sich zu, bereiten ge-
hofft hatte, daß sie ihn nicht erlöst habe aus der Ver-
einsamung, zu der er sich verdammt geglaubt, so hatte
sie sich an der Vorstellung aufgerichtet, daß sie, ohne
ihre Pflicht gegen den Vater zu verletzen, nicht anders
habe handeln dürfen. Mit dem Troste der Glääubigen,
Gott, habe es anders nicht gewollt, Gott habe,ihr dies
Opfer auferlegt, hatte sie sich beschwichtigt, so gut es-
gehen wollte.


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Jezt aber, da Konradine plözlich wieder zwischen
sie und den Geliebten trat, stürzte vor ihrer flam-
menden Eifersucht der ganze Bau ihrer religiösen Er-
gebung und Entsagung rasch zusammen, und wie vom
Sturme getrieben, zogen Entschlüsse und Vorsäze wild
durch ihren Sinn. Bald wollte'sie ihm schreiben und
ihm sagen, daß sie nie aufgehört habe, ihn zu lieben,
auf ihn zu hoffen, an ihn zu glauben - denn der
Ring an ihrem Finger hielt noch fest, und der Türkis
hatte sein sanftes Blau noch nicht geändert, wie er es,
der Sage nach, doch thun sollte, wenn des Gebers Treue
wankt. Und er hatte ihr ja den Ring als Pfand ge-
lassen. Aber wenn sie nun schrieb? ihm, der in all.
den Jahren ihr kein Lebenszeichen mehr gegeben --
und einen Gruß, kin Wort hätte er doch zu ihr ge-:
langen lassen können, wenn -er ihreri noch gedachte,
wenn er sie noch liebte -? penn sie ihmIschrieb? und
ihr Brjef erschreckte ihn, statt ihn zu erfreuen? Wie
dann?- Was konnte und -sollte sie ihm auch sagen?
-- Sollte sie ihm von ihrer Liebe: sprechen vielleicht
in dem Augenblicke, da er sich mit Konradine zu ver-
binden dachte?-- Sollte sie ihn ;bitten, auf sie zu
warten, bg -= -
Sie fuhr sich. angstvoll mit den Händen nach
dem Kopfe. Nein! Sie hatte ihm Nichts mehr zu
sagen, es war zu spät, es war' Alles vorbei, lang vor-
bei. Es war ihr geschehen, wie der Dichter es gesagt,
wie Gabriele es an jenem unvergeßlichen. Mcorgen
ausgesprochen hatte:

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180
-- - Was du von der Minute aüsgeschlagen,
, Bringt kine Ewigkeit zurück.
Es war nicht anders- sie mußte vergessen.
Alles vergessen, ihn vergessen. Aber konnte sie das?
- Sie trug ja seinen Ring am Finger. Sie wachte -
in der. Nacht auf und fühlte, ob er noch an seiner -
Stelle. sei. Sie zündete das Licht an, um zu sehen,
obFein Blau noch freundlich schimmere. Sie war in. -
einer: fortwährenden Unruhe, sie war gepeinigt, wie. ,
seit lange nicht. Es ging ihr wie dem deutschen Kaiser
-mit .dem -Ringe der Geliebten, mit Fastradens Ring.
Sie konnte, nicht von :Emanuel lassen, sie konnte ihn
-
nicht: vergessen, so lange sie den Ring an ihrem Finger:
trug.-= Und was sollte aus ihr, werden, wenn Sie
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Emanuel' nicht vergessen konnte, auch jetzt immer noch
-
ihn nicht vergessen konnte?
Es litt sie nicht in ihrer Kammer, es litt sie
nicht im, Hause, sie ging hinaus, hinab ans Meer und
sezte sich auf. die Bank am Strande, welche die Fischer



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dort für ihre Frauen aufgeschlagen hatten. Aber das
-
Kommen und Gehen der. Wellen steigerte ihre: ual -
=- sie kamen nicht von dorther, wo er weilte, und ?
keine, keine ging zu ihm. Sie stiegen empor und j
fielen nieder und zerschellten, und flossen dahin - -.
ungehört und ungesehen von ihm- wie ihr Schmerz -
und: ihre Klage und ihr ganzes, ganzes Leben,. das:
gegenwwärtige und das künftige. Sie hätte aufschreien -
mögen' in ihrer Pein und Angst. Sie rief endlich - I
nach ihm mit seinem Namen, aber der Wellenschlag- ;
verschlang den Ruf. Nicht einmal der Widerhall gab I

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Antwot, und wie sie ihn dennoch rief und ysieder xief,
kam ein Grauen über sie. Es war, als fühlte sie,
wie die leisen Schwingen des Wahnsinns sich ährem
Haupte nahten und näher und nähex sie umdrängten.
So konnte es nicht, bleibef, Fo konnte sie, niht
weiter leben. Es mußte Etwas geschehen, sie mußte
Etwwas thun, sie mußte ßch helfen, sch, errettep gder
untergehen; und den Rig pon jhrem- Finger strei-
fend, wollte sie ihn von sich, schleudern, weit hingus
in das Meex.-Aber wie sie,an pas Wassex trgt und
die Hand erhob, ging es über ihxe Kräfte. Sie Fezte
sich, nieder und. weinte Zttexlich. .-
Als sie sich aufrichtete, stand der Mdjunkt,gn,ihrer
Seite. Das Rauschen dey, Pelleg hatte; sein Heran-
kommen auf dem weichen, Sande vollends unhörhgr
gemacht. Da er sie in Thränen vor sich sahz wußte
er nicht, was er, ihr Fgep sollte. -Er swolte es ent-
schuldigen, daß er, sie stöxe, ynd hrachte endlich Nichts
als die Worte- heraus: ,Sie haben geweint!?-
aber das Mitleid,, das aus seinen Mienen sprach, er-
gänzte, was er dabei dachte.
Hulda hatte sich so verlassen gefühlt, daß der An-
blick eiies ,Menschen, der Fon, einer menschlichen
Stimne ihr eine Wohlthat waren,-und; forgerissen
von den sie überwältigenden Gedanken, sggte sie, ehenso
wie er ihr ganzes Empfinden in einen Satz zusammen
drängend: ,Ich wollte;ein-Ende machen!?-
Er fuhr erschrocken auf. ,Wie darf ein solches
ß
s Wort von Ihrem Munde ommen!! -rief, er, seinem
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Fanny Lewald, Die Erlöserin. K.
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Ohre- nicht trauend, mit sittlicher und zorniger Ent-
iüstung. -
- Das brachte sie zu sich selber und zu einer Fassung;
und weil sie fühlte; daß sie solchem Sweifel nicht -
Raum in seiner Seele lassen durfte, und weil ihr das
Herz auch gar so schwer war und so voll, daß es sie
zum Sprechen 'drängte, sagte sie: ,Ich. hatte nichts
Sündhaftes- im Sinne. Ich wollte nur ein Ende
machei mit mir selbst für alle Zeit.
--- Sie wußte nicht, daß sie in ihrer inneren Ver-
wirrung nur die Worte wiederholte, die sie vorhin
ausgesprochen hatte, und das machte ihm ihren Zustand
nur noch unheimlicher.
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,Ich verstehe Sie nicht! sagte er, ,und möchte
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Sie doch nicht mißverstehen, nicht zweifeln müssen an
Ihnen.!
- Die Innigkeit seines Tones entging Hulda selbst
- in ?ihrer gegenwwärtigen Verstörtheit nicht, aber sie ver-
mochte' mit der Eigensucht des Schmerzes an Nichts zu
denken, als allein an sich, und plötzlich von- einer neuen
Vorstellung ergriffen, sagte sie: ,Nein! Sie sollen
auch nicht an mir zweifeln müssen. Ich will offen
gegen Sie sein, wenn Sie mir versprechen, daß Sie
mir helfen, daß Sie thun wollen, was ich von Ihnen
fordern werde.!
Er wollte ihr die Zusage leisten, er. reichte ihr
die Hand, aber seine Gewissenhaftigkeit war stärker als
selbst die Liebe zu ihr, und er hielt zögernd die Hand
zurück. ,Was verlangen Sie?- fragte er.

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18
Sein Zögern mißfiel der Aufgeregten, und rascher
und heftiger, als er sie jemals hatte sprechen hören,
stieß sie die Worte hervor: ,Ich muß ein Ende machen
mit mir und meiner Liebe! Ich -muß den Ring von
mir thun, der mich an ihn bindet! Heute noch sende
ich ihn zurück; denn es ist -um mich geschehen,
wenn ich es nicht thue. - Besorgen- Sie den Ring zur
Post, und heute noch!? -
Die Lippen bebten ihr, als sie das Wort aus-
sprach, und selbst ihre Stimme klang herb und rauh;
aber der Adjunkt ergrif: ihre, Hände, und- sic festhal-
tend, während er ihr voll Liebe in das Antliz blickte,
rief er: ,Ja, das will ich! Und Goitsei' Dank, daß
er Ihnen zu dem Entschlusse verholfen hat! Gott se!
Dank dafüe!-
Er wollte noch Etwas sagen, aber er überwand
sich und drängte es in sein Herz-zurück.- Wie hätte
er von seinem Hoffen-sprechen mögen,' -da sie das
ihrige begraben mußte? Aber er hing an ihr mit jedem
Tage mehr, er sorgte sich um sie mehr, als er je um
sich selbst gesorgt, und der Glaube, daß Gott ihn eben
hiehergesendet habe, um dieser Einsamen, Verlassenen
nach dea' Vaters Tode ein Trost und eine Stütze zu
werden, machte, daß er sich begnadigt vörkam durch
die Sorge und die Liebe, die er in sich wachsen fühlte.
Ohne miteinander mehr zu sprechen, kamen sie
nach Hause. Vor der Thüre blieb der. Adjunktus
stehen. ,Wann wollen Sie, daßich gehe? erkun-
digte er sich.

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184

- -' -,Kann, es heut. noch. sein?! fragte Hulda, die '
sich picht, sicher fühlte, morgen noch zu vermögen, was -
sie;sich heute abgewonnen hatte.

-. - Der Adjunkt: zog die Ühr hervor, die er an einem ;
schlichten: schwarzen Bändchen trug. , Haben Sie den -
Bpief bereits: geschrieben??-
- ,Ich habe meinem Vater zugesagt, es nie zu-
thun!' gab sie kurz zur Antwort.
-. ?-- ,So will ich warten, bis der Ring verpackt ist!?
sagte der- Adjunkt, und sie gingen Beide in das Haus;
er, umu sich. für den Peg- zum Postamt anzuschicken, -
sie, um den Goldreif einzusiegeln, an dem ihr Herz
ünd, wie-sie fühlte, auch ihr Schicksal hing. -
-- -- Sie hielt das Päckchen in der Hand, als sie wieder
vor die Thüre hinaustrat. Sie hatte den Ring in ein
Kästchen hineingethan, das ihr noch: von der - Mutter
kam. , Was sie dabei empfunden, wie sie gezweifelt
und geschwankt, wie sie gezaudert hatte, und dann in
--. die:Fnie, gesunken war,, um das Kästchen zum letzten-
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-anales noch Jan -die -Lippen zu drücken, das. konnte
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Fer Adjunkt nicht wissen; aber er las in, ihrem bleichen
Antlize den Kampf, den sie gekämpft hatte, und er --
wagte es doch nicht, sie mit ermuthigendem Worte auf -
die, Zukunft zu verweisen, weil er seine Hoffnung auf I
dieselbe baute.
, Verlieren Sie es nicht!'' sagte Hulda mit jener -
Zerstreutheit, mit welcher man in den schmerzlichsten -
Augenblicken oftmals gerade das Gleichgiltigste sagt, I
und ausspricht, was man nicht gedacht hat.'- -
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, Verlassen Sie sich auf mich !' entgegnete er,
ihre Hand ergreifend und zum erstenmale küssend;
dann ging er bewegten Herzens rgsch davon.
Sie hatte seine Worte und seine Huldigung kaum
beachtet. Sie stand und sah ihm nach, und muußte
sich halten, daß sie ihm nicht folgte, daß sie ihn nicht
zurückrief. Der Gedanke, daß sie jezt freiwillig über
ihr Geschick entschieden, daß sie es sei, die das letzte
Band zerrissen habe, welches sie, mit -dem geliebten
Manne noch zusammengehalten bis auf' diese Stunde,
stürmte beängstigend auf sie ein: Sie- wußte sich nicht
zn sagen, ob sie recht; ob unrecht damit gethan, ob sie
an sich, an ihm damit gesündigt habe, nur daß sie
unglücklich, und daß nun Mlles für. immerdar zu Ende
sei, dieses. Bewußtsein lag -über ihr undBrückte sie
darnieder.
Als sie in das Haus, zurückkam rief derVäter sie
zu sih. - Sie half ihm von dem Sagsr,-auf -dem er
ausgeruht, nach' dem alten Lehnstuhl, und setzte sich,
wie sie es gewohnt war, auf den keinen' Schemel zu
seinen Füßen nieder. Seit er sich nicht mehr selbst
beschäftigen konnte, war ihr Gespräch und ihr Ge-
plauder ihm Bedürfniß, wenn. sier ihm nicht- vorlas,
und ihre Liebe hatte, wie eng ihr Lebenskreis' auch war,
doch immer Eines oder das Andere gefunden, ihn zu
unterhalten. Heute fiel ihr Nichts, nicht das Geringste
ein; selbst ihre Näharbeit zur Hand zu nehmen, war
sie nicht im Stande. Sie saß an seiner Seite und
hielt seine Hand in der ihrigen.? Ihr Schweigen fiel
ihm auf.

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166
- ,,Du bist so still mein Kind,. sagte er.
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- - Und wie vorhin das Kommen des Adjunktus, so
löste jetzt die Stimme ihres Vaters den eisernen Reif,
der; ihr,. dasiHerz zusammenpreßte, denn unfähig eines -,
anderen Gedankens -als -des Einen, xief sie: ,,Jetzt -
hab' ich: auf der Welt Nichts mehr als Dich! Nichts,
Nichtstmehr, Vgter! Ich habe ihm den Ring, ich habe
Emanuel seinen Ring zurückgeschickt.r
. gDa sei Gott gelobt!'' rief der Greis, und erfaßte
ihre, beiden- Hände und zog die Tochter an sein Herz.
Er legte ihr von Thränen überströmtes Antliz an das
seine,' wie man, es mit einem Kinde thut, das manz
beschwichtigen will. - ,,Komm! komm! mein Kind!
weine Dich aus und schäme Dich der Thränen nicht,-
da unser Herr und Meister sie sich gegönnt hat in L
der Stunde der Entmuthigung; aber wie er den Kelch
des- Schmerzes geleert in gläubigem Vertrauen auf - ;
seines Vaters Betstand und auf seine Auferstehung,
so joll es Jeder von uns thun, so thue Du es auch.
Denn auch Du wirst neu erstehen nach diesem Kampf I
und. Sieg.!
,Ich kann nicht, Vater! ich kann es nicht!!' weh-
klagte sie an seinem Herzen.
,,Auch nicht, wenn Dir Dein Vater sagt, daß
Du ihm damit sein müdes Herz erleichterst, weil Du
das Wort eingelöst hast, das er für Dich verpfändet
hatte??
-- Sein milder Zuspruch machte sie verstummen. Er
ließ ihr eine Weile Zeit. Sie kniete immer noch an
seiner Seite, er hielt ihre Hände in den seinen fest.
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18?
Als das heftige Schlagen ihres Herzens nachließ, als
ex fühlte, daß ihre. Thränen sanfter, flossen, hub er
noch einmal zu sprechen an. - gDu häst gut -gethan,
gut und reck, mein Kind, daß;Du- hen Eing, zurück-
gesendet hast, ehe, der Bargn genöthigt;way,; jhn won
Dir zu begehren, wgs über kuxz oder lang hätte ge-
schehen müssen. Denn das heporstehende gönde seines
Bruders legt ihm Pflichten auf, denen er sich nicht
entziehen darf; und ich glaube, wie Du es wohl auch
geglaubt hast, daß er seine Wahl getroffen hat. Der
Entschluß, den Du heute unter Gottes Beistand gefaßt
und ausgeführt hgst, nimmt mir, die letzte schwere
Sorge von der Seele. Is hätte mit. im ,Grahe nicht
Ruhe gelassen, mein Kind als M ehexlästige zurück-
gewiesen zu denken.!?-.
Er hielt inne, Hulda regte sich nichs. ,Der
Sommer, ist, zu Ende, gex Hexhst ßonuy,hexgn,.s sprach ,
er, zind seine fallendenzBläätter, pexden mich,bedecken;
aber meine lezten Tage sind von. Gott gesegnet, Deine
Liebe, die Ergebenheit unseres wgckexen jungen Freun-
des, des Amtmanns feste Treue und die immey gleiche
Gunst unserer Frau Gräfin zrhellen je mir und gachen
sie mir schön. Und auch Di wirst nicht perlassen sein!
Der Amtmannn hat mir zuzegg, Pig eine ,Heiat
bei sich zu gewähren; auch diSrau Gräfin, jst bereit,
sich Deiner gnzunehmen, Fu darfst ihres: Schuzes
jetzzt mehr noch als bisher,, versichert sein,; Und wer
will und kann, es voraussehen, oh es-dem Herrn, nicht
gefällt, noch anders über Deine Zukunft zu, verfügen,
ob es Dir nicht bestimmt ist, in Frieden da weiter zu

-

verweilen, wo ich und Deine Mutter unser stilles Lebens-
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glück gefunden haben. Also getrost, mein Kind! Auch
wenn ich von Dir gehe! Dein himmlischer Vater geht
nicht von Dir und seine Hand führt Dich und sein
Aüge leuchtet Dir, wenn sich das meine schließt.'
Er hatte seine Hände segnend auf ihr Haupt ge-
legt, sie weinte still in schweigender Ergebung, sie hatte
nür''Einen Wünsch -- dem Enbe ihres Lebens wie
ihö Vater nahe zu sein, und vdn dannei gehen zu
köimnen, so fie er. - Wäs sollte sie noch äüf der Welt?
- Diaüßen' üeigte die Sonne sich in das Meer, in der
mrledören Stube ward's schon dunkel, aber Vater und
Töchtet-säßeii, noch beisammen und schwiegen alle
Beibe Es war Nichts mehr zu sagen, muir hinzu-
nehmen in Ergebung, was bevorstand, früher oder
später.
- Wie es von dem altei Thurme sieben Ühr schlug
üitd der Abendsegen eingeläutet ward, richtete der Vater
, -
sich empot.
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- IEs wied spät' werden, sagte er, ,ehe der Ab-
jüilkt nach Hause köminen kann, und er wird müde
sein. -Denke daran, ihn zu erquicken. Dü bist ihm
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heute däs doppelt schuldig, denn der Weg ist weit und
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188
,Ja! ch hab' es ihm gesagt, entgegnete sie
leise und ging hinaus an ihre Arbeit.
-- -Wer ie sie nun da stand an denselben Platze,
an welchem sie an jedem Abende am Herde' stehend
für den Vater und für' den Adjunkt die Abendsuppe


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kochte, war es ihr unbegreiflich, daß sie es that, daß
sie es gethan hatte all' die Zeit, und daß sie' es thun
sollte fort und foxt, auch über ihres Vaters Töd -
hinaus. Denn jetzt, als sie darüber'nachsakmnn, wie der
- Adjunkt vorhin von ihr geschieden war, und was ihr
Vater ihr gesagt hatte, konnte sie üticht niehr darüber
im Unklaren sein, was ihr Vater hoffte, was- der Ad-
F junktus wünschte. Die Röthe der Scham -stieg ihr
in das Gesicht, als es ihr einfiel, wie dieser sichi es aus-
E gedeutet haben konnte,- daß sie eben ihn zun Ver-
- trauten und zum Träger ihrer heutigen Sendung aus-
ersehen hatte, und doch war»esnicht ihr' Wille, nicht
ihre Absicht -gewesen es zu' thui! Ihre- Eifersucht, ein
wilder Zug ihres Herzens, ein ihr selberunerklärliches
Gefühl des Müssens, des Nichtanderskönnens, hatten
sie zu dem Entschlusse getrieben, für den ihr Vater
sie belobte, und den gefaßt z'haben, sie jezt völlig
muth- und rathlos' machte. - --
Es war' weit über die gewohnte Zeit des Nächt-
t?
essens hinaus. Der Väter hatte seine Mahlzeit ein-
t?
1
ß? genommen und sich zur Ruhe begeben. - Sie hatte
l! ihm, wie an jedem Abend, seit sein Augenlicht ver-
sagte, das Capitel' aus der. Bibel vorgelesen, das er
ihr bezeichnete, und mit einen Wörte det segnenden
Liebe hatte er sie entlassen. A sß sie in der kle-
j! nen Stube und wartete auf den Adjunktus, denn lange
konnte er nicht mehr von Hause ferne bleiben.
- In dem Stübchen -wär es warm und' stils. Die
! -
- Fensterladen waren' offen wie- immer, wenn Einer aus
, dem Hause am Abende noch bauswärts weilte. - Die
! -
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Phr, die, hier seit Menschenaltern: auf, demselben Flecke
stand, zrückte mit xuhigem- Pendelschlage Sekunde um
. Sekunde, vorwärts. Auf dem uralten Messingleuchter
brannte still das Licht, wie es seit Menschenaltern hier
gebrannt hatte, und draußen fielen die Wellen- mit
dumpfem. SSchlage wie seit Jahrtausenden auf das
Ufer gieder.- ßs- war hier Alles alt, Alles sich, gleiche
geblieben, ,es -war-ein, todtes Seben, ein lebendiger-
Tod;»undsin dieses immer. gleiche Dasein, hatte auch
siezunterzutauchen,. hatte sie Alles zu begraben, was -
sie- gehofft und ersehnt. Sie mußte Alles; vergessen,
was- durch eine -kurze Spanne Zeit hellleuchtend an I
ihrem-Horizonte vorübergezogen war. Sterben, wie
hier,.lles -gestorben war, mußte hier, auch, sie muit -
ihrem- heißen Herzen.-- Und lebte -sie: denn; wirk- ,
lich, noch? -.
z g Sie hatte das Licht in die Hand genommen und z
ging, ein paar Besorgungen zu machen, aus der Stuhe I
in,dte, Kammer, aus der Kammer in die Küche. - -
Es ,sah sieMNiemand,- denn; die Magd -wwar hingus- -
gegangens in Zen Stall, -es hörte sie Niemand -und jie
Felber hörte sich nichh,. Sie kan sich wie Einer der I
kleinen Leute vor, von, denen die Mamsell zu sprechen I
liebte,. wie Einer der Unterirdischen,, die in den alten ,
Häuusern ihrFtilles -Wesen treiben, spukhaft -und ge- -
spenstisch. -
Es -wwar ihr, unheimlich in dem Hause, sie wvar I
sich es selbst.- Ein kalter Windhauch strich durch das z
offene, Kammerfenster über sie hin, sie schauerte zu- -
sammen. - ,Das ist der Todesengel!! rief, es in ihr,
-



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und in dem nächsten Augenblicke stand se gn des
Vaters Bett. Aber er lag ruhig da, sein warmer
Athem berührte sie, wie sie sich zu ihm niederbeugte,
und sich zusammennehmend, verließ sie, ihn, lund setzte
sich an ihre Arbeit.
Sie hatte. ihr Stricheug vorgeholt; ein Buch zur
Hand genommen. Die Hände verrichteten,. mechanisch
ihren Dienst, die Augen -glittenxüber dis Zeilen und
Seiten hinweg, sie wendete die Blätter -um, und wußte
nicht, wwas sie gelesen hatte, denn- sie zählte innerlich
die Tage, dien es währen wvürde, -bis der Ring in die
Hände des Barons gelangte. - Sie zermarterte ihr, Herz
und ihr Gehirn mit der Frage, wo und. wie er ihn
empfangen, ob er, ihn behalten, was ex damit machen,
was er dabei empfinden, ob ex zufrieden;' oh;er traurig
sein, ob und wie, er ihrer dabei, denken wvürde? Ihre
armen Gedanken wirbelten in:haltlosen Treiben durch-,
einanher, Jis sie wie durchpeinen.iZauber mit einem-
male Konradine vor sich-sah, die den Ring aus seinen
Händen nahm und Ihn ankihren Finger steckte. -
-- Sie sprang empor. -Hätte,siejezt Allmacht besessen,
hätte es einen Zauber gegeben,. sicher;' fernhin,treffend,
wie des kleinen Geisterkönigs Fluch. = sie mochte; nicht
ausdenken, was durch ihr. Gehirn, ging.. Sie - starrte
in das Licht, bis die Augen ihr, übergingen. und -ein
weiter vielfarbiger Bogen das kleine Eichtmuumigabl Wie
sie die Augen trocknete. und - näher :hinsah, hingen in
vielgewundenem Gekräusel,die Hobelspäne an der Kerze
nieder, die nach des Volkes- Glauben eine Leiche in
dem Hause. künden; und wieder kam, wie, sie sich, auch
-



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dagegen wehrte, das Bangen über sie, das Grauen
vorihrer Einsamkeit. Sie war unfähig es länger zu er-
tragen,' sie nahm das Licht und ging mit hastigem
Schritte hinaus, die Magd zu suchen. In dem Fugen-
blicke trat der Adjunktus in das Haus. - -
-- ,Ach! Sie sind es! Das ist gut!r rief sie ihm
entgegen; aber wie der Klang der Worte ihr Ohr be-
rührte, wünschte sie dieselben nicht gesprochen zu haben,
denn gveill das Kommen des jungen Mannes dem un--
heimlichen Mlleinsein nun ein Ende machte, hörte ihr -
Anruf sich warm und freudig an, und sie sah, wie er
ihn unwillkürlich in ganz anderem Sinne erfaßte und
auf sich bezog.
-- -,Ihr Auftrag ist besorgt, sagte er, indem er die
Müze und den Neberrock an den Nagel hing, wäh- - K
rend Hulda mit dem Lichte in der Hand ihm in dem -
kleinen dunkeln Vorsaale leuchtete. Die Hausthüre
stand offen, es hatte während der letzten Stunde zu
regnen angefangen, der Wind trieb die warme feuchte-
Luft bon Meere in das Haus. - Die Kleider und das-
Haar des jungen Mannes waren naß; und sich mit
dem uche' die Stirne trocknend, sagte er: , Die Luft
ist nochJsehr warm und ich bin rasch' gegangen. Ich
wollte Sie und den Herrn Pfarrer nicht auf mich I
warten lassen. Nun komme ich doch zu späät.! -
- - Sein guter, freundlicher Wille war -ganz unver-
kennbar, Hulda - dankte ihm und sagte, der Vater habe
sich schon zur Ruhe begeben. Der Adjunkt fragte, ob--
er sich' denn schlecht befunden habe? - , Nicht übler -
als sonst,! entgegnete sie ihm und brach dann ab. -

-


-
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1s
. So kamen sie in die Stube. Der Tisch stand
für zwei Personen gedeckt, die Magd trug: die Suppe -
auf. Als der Adjunkt das Tischgebet sprach, das sonst
der Vater sagte, als sie sich -niedersetzten: einander
gegenüber und allein,. das Licht it seinem stillen
Scheine zwischen ihnen und Alles uun sie her so still,
fiel ihr Mlleinsein Beiden auf. Sie konnten' das rechte
Wort für einander nicht finden, denn sie hatten die
alte Unbefangenheit nicht mehr.
- Der Adjunkt blickte ein um das'. anderemal nach
Hulda's Hand, an der. sie. den goldenen Reifpgetragen
hatte, den er so oft mit ,ytillem Schmerzbetrachtet,
und Hulda grif, ohne es zu wissen, immer und immer
wieder nach der Stelle, an welcher der Ring. ihr fehlte.
Ihre Gedanken trafen. auf die Art- zusammen: und
gingen doch weit von einander. Denn sein. Sinn
war fester als je zuvor an -diesen Platz gebannt, all
sein Wünschen war an ihn geknüpft; sie, aber dachte,
während sie ihm die kleinen, ihr obliegenden Dienste
der Hausfrau freundlich leistete,. iit schwerem Herzen
in die Ferne, und mit noch bangerer Seele an die
Stunde, in der sie von hier scheiden würde für immer-
dar; dennbleiben konnte sie hier nicht. Und denSchlusse
einer langen Gedankenreihe plözlich,. Wörte gebend,
fragte sie den Adjunktus, ob er, anAhnungen glaube.
Er wollte wissen, wie Fie das verstehe, was sie
zu der Frage bringe. -
,Mein Vater hat Abschied von mir genommen,
sagte sie kurz'und; mit jener stillen Gewaltsamkeit, mit
der sich zu bemeistern ihr. eigenthümlich war., Glauben









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Sie;, daß es eine Ahnung seines Endes ist, die ihn
dazu bestimmt- hat?! -'
- -,Däß besonders gesammelten Gemüthern ein Vor-
emifinden ihres Heimganges vergönnt ist, hat die Er-
fahrung'uns an Beispielen bethätigt!! entgegnete ihr
der. Adjunkt. ,Daß Andere eine solche Ahnung thei-
len, glaube ich nicht.?
--- ,Nicht? wiederholte Hulda. - , Da -irren Sie!
. Ich habe meiner Mutter Tod empfunden fernvön ihr,
, ünd sie hat mich gerufen, einmal, zwweimal, daß ich -
aufgesprungen bin von meinem' Size. Aber heute? = ,
Mein Väter schläft so ruhig!- Ich habe an seinem - -
Bette' gestanden, seine Athemzüge still' gezählt.- Lch I
kann es mir nicht denken, kann es nicht glauben, daß
ich ihn schon jetzt verlieren soll, so lange die Befürch-
tung auch vor mir steht. Und nun ich nicht mehr -
ganz allein bin, nun Sie da sind, schweigt' meine- ?
Angst auch wieder, und mein Herz ist still, und ohne -
unheilvolles Vorgefühl. Er wird mir noch erhalten-
bleibei Glauben Sie-es' nicht? -'
- Sie ständ von dem Tische auf und trat horchend ?
an die Thüre.' Ein paar Minuten blieben sie schwei-
gend'nebeneinander' stehen. Es regte' sich in der' Kam- -
mer Nichts. -Hulda ging vorsichtig hinein und beugte
sich zu dem Vater nieder. Sie hörte Nichts. Es fuhr,
ein Schrecken durch ihr- Hetz. Sie neigte sich, legte -
ihre Wange an die seine und sank mit einem Schrei --
zusammen.
-- Der Pfarrer hatte - still' geendet. Sanft wie sein I
-
Leben war sein Tod gewesen.

Kapitel 14

Bierzehntes Gapiies -
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Emanuel hatte die Ankunft seinerschönen Freundin
schon seit einigen Tagen erwartet, bals ihö Brief in
seine Hände gelangte. Ihre Mittheilung, daß sie mit

-

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der Gräfin zufällig zusammengetroffen ?sei, übekraschte
ihn, ohne ihm jedoch irgend- ein Mißtraüen -einzu-
flößen. Wie sollte es auch?= Män -war'äuf den
verschiedenen Reisen- oft -genug in -gleicher-ünvorberei-
keter Weise zusammengekommen, und da ein heimliches
Planen, wie die beiden Frauen bes Betrieben, seiner
offenen Seele fern' lag, kam der Gedanke, -daß man
ihn, wenn auch in bester Absicht;. täüsche, gar'nicht in
ihm auf. Ebensowenig' aber konnte es ihn-unter den
obwaltenden Verhältnissen befremden, daß diözGräfin
1
sich gegen Konradine übet. ihr Zerwürfniß muit dem
Z Brud er ausgesprochen hatte. -- -
Der Wunsch seiner Schwesier, ihn wieder zu
l
l
sehen, ihm die Hand zu reichen, war sehr -natürlich.
Sie konnten ja, wer mochte -sagen in- wie' naher
i
Zeit? eckander an dem Sterbebette ihres Bruders
egenüberstehen, und dieser selber hatte Emanuel mnit

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dringender Bitte zu einer Aussöhnung mit der Gräfin
angetrieben, als er gekommen war, den Kranken zu
!
besuchen. Er hatte es Emanuel zu bedenken gegeben,
wie dieser und die Schwester bald die letzten direkten
!
- - -
1
- Abkömmlinge ihres edeln Geschlechtes sein würden, und -
wie er es eben deshalb dem Andenken seiner Eltern-
- und seiner Vorfahxen schuldig sei, durch Eingehung -
einer ehenbürtigei Ehe woinöglichden Namen des -
alten Geschlechtes fortzupflanzen, und die Güter bei
den direkten Nachkommen Derjenigen zu erhalten, von,
denen, sie durch frühe Heldenthaten unter den, Fahnen -
des Peutschen Ordens -erworben und gegründet worden I
waten! , -
- ;. -Eslag in diesen Erwägungen Vieles, was Emanuel?
sich,wwohl, selber vorgehalten hatte. Er war in den. ?
Anschguungen seines Standes hergekommen, er, war z
welterfghren und verständig genug,. dieFortheile eines -
grgßen; Besizes und Permögens nach Gebühr- zu
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schäten. Abex Hulda'sLeidenschaft hatte ihn - über-
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-- aschtgund so:-gewaltig :ergrifen, daß vor ihr alle seine
Bedenken und Erpägungen überwunden worden waren.
Getrennt - von ihr, hatten dieselben sich jedoch, in, dem
Mißauthe und dex Niedergeschlagenheit seines Sinnes
l
bald pieder geltend gemacht. Die Ermahnungen seines
Bruders waren hinzugekommen; indeß weil, ihm vor
der Begegnung mit Hulda der Gedanke an die Ehe
I

nicht geläufig gewesen war, war es immer ihr Bild,
Fas ihm vor der Seele chwebte, wenn er an eine
yHattin?für sich dachte, während doch eben eine Wex-
bindung mit: ihr den Plänen seiner Familie und dem


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j Vowet- fes Swes =aeaen en. z h.
sein Unbehagen noch zu erhöhen, das Zerwürfniß mit
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der Gräfin und die Scheu - des an lange und völlige
Ungebundenheit gewöhnten Mamnes vor einer Ent-
scheidung, die seiner freien Entschließung .ein Für alle-
mal ein Ende machen und ihm,. der bisher ;nur sich
und seinem jeweiligen Belieben nachgekommen war,
Pflichten gegen Andere auferlegen ollte, denen er sich
dann nicht mehr entziehen, durfte;. Pflichten, . vor denen
sein persönliches Wollen und Wünschen künftig bis zu
einem gewissen. Grad zu schweigen hatte. Er wurde
es. mit Erstaunen inne, daß troz .er' Liebe:und Hin-

gebung, deren er sich fähig wußte, wenn ein augen-
blicklicher Anreiz sie in ihm erregte,. dgs. selbstsüchtige
Verlangen der Hagestolzen uach völliger:Unabhängig-
keit mächtiger in ihm geworden; war;-als ex - es -elber
geglaubt;- und daß die- Vorstellung,:ämmner:och - Herr
über seiner- Eztschließungzu sein, - ihm die Trennung
arr
V
liebe ihn und könne ihm nicht fehlen, wenn er früher
oder später, ihr mit. erneuter Werbung, nahen wolle.
Ohne daß er sich Rechenschaft . darüber,. gab, ge-
- fiel es ihm sich zwischen Hulda's Liebe und der Freund-
schaft Konradinen's immer:noch in voller,Freiheit be-
wegen, und dieser warmen Freundschaft ,genießen zu
können, ohne daß dadurch der Sehnsucht Abbruch ge-
schah, die ihn in einzelnen. Stunden mit süßem pgeti-
schem »Erinnern zu Hulda zog. Die geistige Genuß-
1 -
- Eanny Lewald, Die Erlöserin. .

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' sucht, die geistige' Schwelgerei, zu denen seine Kränk-
lchkeit-ihn früher langeJahre hindurch verleitet hatte;
machten sich jezt bedenklich geltend, sie ließen ihnin-
Zuständen schwankend. verharren, welche ihm je nach
semner Stimmung trübeund beklagenswerth oder be-
haglich und begehrenswürdig däuchten.
e Er -hatte mit Freuden Konradinen's Brief em-
pfangen.' Der fkische, herzliche Ton desselben, die
Nachrichten, welche sie ihm über die Gemüthsverfassung
seiner Schwester gab, waren ihmi erfreulich und er-
wünscht.! Ihre uwverkennbare Heiterkeit wirkte an-
genehm auf ihn' zurück, und die unumwundene Weise,
in welcher sie ihm von der Nothwendigkeit seiner Ver-
heirathimg sprach, ihm, dessen Mißtrauen in das Wohl-
gefallenh. -welches- er etwa erregen könne, zu einem -
Grundzug seines Wesens geworden war, der immer
wieder zum Vorschein kam, sobald er an die Mög-
lichkeit dachte, als ein Bewerber um Frauengunst auf-
zutreten, versetzte ihn in die allerbeste. Stimmung.
- -', Ich weiß Alles,? -schrieb sie ihm, ,was Sie mir
dagegen einzuwenden für i nöthig halten werden, aber
treten Ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen nicht
als Beweise-gegen Ihre melancholischen und selbst-
auälerischen -Zweifel auf? Sind Ihnen Liebe und -
Freundschaft nicht in diesen letzten Jahren von Frauen
entgegengebracht worden, ohne daß Sie dieselben auch
nur suchten? Haben Sie sich bemüht um Hulda's
Liebe? - Haben Sie meine Freundschaft auch nur be-
gehrt? Nein! Beide sind Ihnen, wie reife Früchte
dem harmlos Vorübergehenden, so zu sagen in die Hand

?
-
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gefallen, und es hat allein in?Ihrem Belieben ge-
legen, die Hand zü schließen undsie Sich gnzueignen,
f- oder sie als unerwünschte Gunstdes Zufalls unbeachtet
auf den Boden gleiten zu lassen.Daß Sie in: meinem
Falle zugegrifen haben, ist -üiir -ein Glück geworden,
welches ich Ihnen gerne vergelten möchtei Ich habe
durch Ihre Freundschaft die Kraft gewonnnen, ruhig in
meine einsame Zukunft zu blicken, und das Leben über
mich zu nehmen, wie es eben kommen mag. Ihnen
jedoch, dem Manne, dem, das Wählen frei steht, der
sein Geschick nicht hinzunehmen, sondern es nach seinem
Bedürfen frei zu geftalten' hat, Ihnen ist mehr ver-
gönnt gls nur die Möglichkeit, sich mit-dem,Leben ab-
? zufinden. Sie können, ja' ich hoffe es, s Siewerden
glücklich werden; und damit kein ischmerzliches, kein
sorgendes Rückwärtsdenken - Ihr Gewissen beunruhige
und Ihre Entschließungenshindere, mußich Sie pie-
der einmal' garan- erinnern,: - daß- dieß ersteß Eugend
anders empfindet als Sie und ich. , Die Jugend will
vor Allem sich ihres Daseins freuen und- das kommt
ihr zu. Dieses Verlangen ist ihr Recht, denn in dem-
selben beruht jene Kraft, die, alles-Eeiden überwindend,
sich immer wieder -in ein gesundesnGleichgewicht- zu-
rückbringt. Diese Herstellung hat:sich -= und ich sage
zu Ihrem Gläck, mein theurer;Freund! nun auch an
dem jungen Mädchen vollständig vollzogen, dessen An-
denken Ihnen immer noch so werth ist. Die Einsam-
keit wird dazu- gekommen jein, dienWantdlung zu be-
schleunigeg, -und das zur Liebe einmak erregte Herz
versteht nicht zu darben, so lange' es jung ist.? -
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180
Emanuel hielt inne. Er vermuthete, was dieser
Einleitung. jezt folgen mußte. Aber es widerstrebte
ihm, es zu erfahren, und die Hand, in welcher er das
Blatt-hielt, bebte leise, als er die Worte las: ,Der
Amtmiann hat an die, Gräfin geschrieben,um von ihr
eine feste Zusage wegen der Exhöhung der Pfarr-
einkünfte auch. nach des Pastoxs- Tode, den man dem-
nächst erwarten muß, zu fordern... Er berichtet gleich-
zeitig. übex ein kleines Vermächtniß,. wwelches Miß
FkenneysOhrer jungen'Freundin hinterlassen, hat, und -
fügt hinzu, daß dieses Leztere für Hulda doppelt ge-
legen: komme, da ihre Verheirathung: mit dem jungen -
PfarrAdjunktus, dem -er beilääufig das- ehrewwollste
Zeugniß ausstellt, auicht. lange auf sich warten lassen
werde. Er nennt dies eine günstige Schicksalswen- -
-
dung, und mich dünkt, mein Freund!. wir Alle haben -
es so zu nennen; denn.über, ein Kurzes wird die
junge- schöne, Pfarrersfrau, und werden auchs Sie, gn-
das kleine Abenteuer jener Tage sich nur noch wie. an,
einen?schönen:raun Jerinnern, dem Dauer. nieht. zu -
wünschen gewesenbwärel! -
-. - Er las das. Alles-- es klang so einfach, war so -I
natürlich, so erklärlich, so berechtigt! -- Er las es I
wieder, es blieb ganz dasselbe! Und doch glaubte er es ,
nicht, konnte er's nicht glauben, obschon er es allein -
verschuldet hatte, was er eben jetzt erlebte und erlitt.
i
- Er setzte sich nieder und stützte das Haupt auf
die Hand. Die ganzen Tage und Monate von jenem
sonnigen Sommerabende, da er sie zuerst erblickt, bis

hin zu der schmerzlichen Stunde, in der er sie zuletzt
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gesehen hatte, zogen an seinem Geiste vorüber. Sie
war sich immer gleich geblieben, immer dem Orange
ihres Herzens ohne weitere Rücksicht folgend. Wie
hatte er es ihr verargen können,wenn dies kindlich
wahre Herz sie antrieb, den ersten und iatürlichsten
der Pflichten, der Kindesliebe uid dem Gehorsam gegen
ihren Vater nachzukommen? Wie hätte er trachten
follen, sie diesen Pflichten zu' entziehen. und sie in
Widerspruch mit. sich selbst zu bringen, da doch gerade
die schöne Einheit ihres' ganzenWesens ihn zü ihr
gezogen hatte. Er durfte sich auch nicht darüber
wundern, daß ein-jüngerer Bewerber,-der- in, dem.
engsten täglichen Beisanimensein- müit ihr öerkehrte,
über ihn, den Entferntens den .Sieg-davonngeträgen
hatte. War es ihm doch wwie?ein;ukerwärtet Glück
erschienen, daßsie sichh nihufzugepseüdet;ebenjihüu!
Er- hielt sich Alles- vorn des VäterEf?Wünsch, das
Verlängen der Tochtet, dein Sterbenden zu willfahren,
der Freunde Neberredung; -der- Gewohnheit !Mächt -
und dennoch, dennoch könnte er-es:nicht glauben. Eine
Zuversicht in seinem Herzen lehnte -sich gegen alle
Neberlegungen seines Verstandes äüf.; Wie' ei sich es
auch vorhielt, daß er kein Recht habe, nach so langem
Schweigen mit einer Anfrage vielleichtt störend'in den
mühsam errungenen Frieden'ihres Herzenns einzugreifen;
es war ihm nicht möglich, - es einem Anderen als
Hulda selbst zu gläuben,. daß sie'ihn vergessen habe,
ihn, der ihrer noch mit solcher Zärtlichkeit z gedachte.
rmr L:EED

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18A
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koünte. er in seiner Erinnerung ihr schönes Antliz, ihre
herrliche Gestalt micht finden, wie er danach auch rang;
und alslanüsse er seinemn gedrückten Herzen in lautent
Ausdruck- eine Befreiung schafen, rief er: ,Selbst ihr
Bild- entzieht sich miir!? -
.; Eine geraume Zeit blieb er an seinem Arbeits-
tische sizen. Er hatte angefangen,l ihr- zu schreiben und
däs Blatt: zerrissen.- Er hatte! Konradinen's Brief
zun Ende lesen. wollen und ihn unmuthig wwieder auf
die SeiteFgelegt. -Er -mochte -nicht erfahren, was sie
ihn-etwa c:noch zu mielden ?hatte - es war daran
,penug! Aber eri mußte -es- iht. danken,. daß: sie es
über Hich genonimen hatte, - ihm die Mittheilung zu
machen, denn sie - von der Gräfin zu' erhalten, ;wwürde
ihn'-härter auoch gewesen sein.- u -'
Er: war sehrbewegt, sehr aufgeregt. Er schwankte
von einemVorsatze zu demn anderen? - Er beneidete
Diejenigen, erenLeidenschaften sie gewaltig und ohne
allenFüchalttwworwärtstreiben;. und doch war die Em
pfindung, diefihn!anHulda:kettete; so. tief, so-wahr!
Döch wwar; es:Liebe!=»Nur :daß seiniunsesiger Zweifel
an-sich selbsteund frühe Reflexion die Kraft des raschen
frischen Wollens, die Macht der Leidenschaft in ihm
gebrochenhatten.. -
;et.?. In dem Augenblicke aber, in welchem er sich dieses
vorhielt,: zuckte eine leidenschaftliche' Sehnsucht nach
der Fernen, ein leidenschaftlicher Schmerz um die ihm
Verlorene durch. seine Brust. , Hulda! Hulda! Es ist
ja gar nicht möglich!? rief er!und sprang empor, deir --
er, fühlte es, er mußte. sie wiedersehen,n er mußte sie

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und sich erlösen, koste es, was es, immer wolle. Noch
in dieser Stunde mußte er ihr. chreiben, daß er
kommen, daß er seinem Briefe auf dem Fuße- folgen
werde, daß sie keine Entscheidung über. ihremund damit
über seine Zukunft treffen dürfe,, ehe er sie: nicht ge-
sehen habe.
-. Mit rascher Hand, mit leidenschaftlicher Bewegung
warf er die Zeilen auf das; Papier.-Er, sagte ihr.
Alles, was er in dieser Stunde fühlte.. Er, beschwor
sie, nach so langem traurigem Entsagen jetzt auf Nichts
mehr zu hören, als auf ihr Herz. und ihre Liebe; an
Nichts mehr zu denken gls an sein Glück -und :an das
ihre. Er wendete Fich auch. anihren,ßater und hielt
ihn vor, wie hart es gewesen; sei; dies Pochter-zu dem
Verzichte zu drängen-Kr schrieh ihm, wweil ihm Alles
daran gelegen wwar- die Zustimmung des fgrxers zu
gewinnen, daß er, die Gräfn, erwarke, daßäerzauf dem
Punkte, stehe; sich.mit, ihrs auszusöhney,' daß er z
Gunsten ihres Sohnes-schön,jetztiauf, das Anxecht: des
Majorates verzichten wolle. Er that;Alles, was; er in
so manchen Stunden thun wollen, uund zögernd unter-
lassen hatte. Er. meldete, daß er-gleich, nach der Ent-
fernung seiner Schwester aufbrechen; werde, um -die
Geliebte wiederzusehen, und obschon yr xwußte, aß die
Post erst am nächsten -hende nach orden gehe, trug
er dem Diener auf, den Brief augenblicklich zu be-
sorgen.
Alles, was ihn vorher: beschäftigt hatte, trat, davor
zurück. Er dachte an,die, ihm bevorstehende Begeg-
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nung mit der Gräfin, die nach so langer Trennung

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18s
immerhin etwas Peinliches haben mußte, an die An-
kunft seiner Freundin, auf die er sich die ganze Jeit
hinduichNgefreut hatte. -Aber er dachte daran, nur um
- es zu berechnen, wie lange diese Besuche etwa währen,
und wann er im Stande' sein würde, seine Reise in
die Heimat anzutreten. Er verstand sich selber nicht
insdemp- trüben Hinbrüten, in welchem er die ganze
Zeit hindurch gelebt hgtte;'und weil er redlichen Sinnes
zu' vergüten'wünschte, wo er' sich eineriSchuld.bewußt
war, konnte er nicht -glauben, daß- ihm dieses nicht
gelingen,e daß er nicht sollte durch erhöhte Liebe sich
und Hulda für die verlorene Zeit entschädigen können.-
b-- Sich schließlich mit der Gräfin zu verständigen, sah
er, da sie ihm ja entgegenkam, nicht als eben schwer
an. -Wenn' sie auch lebhaft gewünscht hatte, das Erbe
ihres Hauses bei ihren Brüdern und durch diese der
Familie erhalten zu sehen, so stand doch eben jetzt ihr
Sohn, auf dem Punkte, sich zu verheirathen. Ema-
nuel,welchem neben dem ihm in jedem Falle zu-
stehenden»beträchtlichen AllodialVermögen der Familie,
der Erwerb. jener im Norden'gelegenen Majoratsgüter
keine Lebensfrage, und der Aufenthalt auf -denselben -
NichtO wveniger-als erwünscht war; glaubte also' auf
keine- Abneigung bei -seinen Geschwistern zu stoßen!
wenn er ihnen' den Vorschlag machte, den Besiz des. -
Majorates gar nicht anzutreten, sondern es sofort an-Z
den jungen Grafen übergehen zu lassen, dem des ;
Königs -Gnade es sicherlich nicht verweigern konnte,
daß er in diesem Falle neben seinem Namen fortan -

18d
auch den Namen Derer von Falkenhorst führte, und in
seinem Hause fortvererbte. -
Er war in diesen Erwägungen raschens Schrittes
auf der Terasse vor seinem Arbeitszimmer umher-
gegangen. Als es schon zu dünkeln begann, kehrte
der Diener von der Post zurück. Er meldete, wie er
in dem Postbureau ein Päckchen vorgefunden habe,
das eben mit der Packpost für den Herrn Baron an-
gekommen sei, und daß der Postmeister ihm dasselbe .
, der Bequemlichkeit wegen gleich mitgegeben habe.
Emanuel nahm -es ihm ab.' Der Wiederschein
von den Bergen gab eben noch Licht genug,' das Post-
zeichen und die kleine, feine Handschrift zu -erkennen.
Er hatte diese zierlichen Lettern- öft sgenig -gesehen,
wenn er die Volkslieder zur. Hand- genomnien, die sie
in jenen ersten ahnungslosen NTägen für ihn abge-
schrieben. Die Sonderbarkeit der Zufalles überraschte
ihn. In dem nämlichen Augenblicke,''in welchem er sich
z
g
ihr wieder mit voller entschlossener Hingebung genähert
hatte, kam ihm die erste Kunde von ihr selbst. Das
Wahrscheinlichste voraussetzend, glaubte er durch sie die
Nachricht von dem Tode ihres Vaters zu' erhalten, den
-
Konradine ihm als bevorstehend gemeldet' hatte, und,
der Hul zur Herrin über ihre Zukunft -machen
mußte. -
h
Mit rascher Hand brach er die'Siegel' auf, zerriß
- er die Umwicklung des Päckcheis; dessen geringen' Um-
fang er sich nicht-erklären konnte, bis er, das Schäch-
telchen eröfnend. den Ring in Händen hielt

-
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18B
: - Er ,traute -seinen. Augen, seinen Sinnen nicht:
Mit beklommener Hast wendete er die Blättchen. um,
jnwwelche sie das Kleinod eingewickelt hatte:. Vorsichtig
, nahm. er sie auseinander, jedes einzelne darauf an -
sehend, ob nicht ein,Wort darauf verzsichnet wäne, ihm
zu erklären, was ihm im Grunde nicht unerklärlich
sein, konnte, und: was zu verstehen ihm deshalb doch
nicht wwenigerschwer ankan. Anklggen konnte er sie
nicht«r ganzi allein Frug alle Schuld. Er allein
hatte sich durch -seine Schwäche um das Glück gebracht;
dessen Größe er wie. immer, erst recht zu würdigen
glauhte, da, es für ihn verloren war. Aber wie.er
auch sann und grübelte, wie ex sich auch auflehnte -
gegen das Ertragen dessen, das wis ein schwerer harter
Schlag auf -ihn; herniedergefallen war, er kam nicht -'
hinaus über jenes armselige: , Also doch! =- über -
jenes güederbeugende: ,Zu spät!?-- die einmal. mit-
Zorn gegen sich selher,-- mit . widerwilliger Entsagung ?
auszusprechenz-kaum einem. Erdgeborenen erspart bleibt? ,
Erzstand noch. immer; auf der Terrasse«und - sah - '
in, die Dämmerung hnaus..; Er kannte, jeden Pünkt -
der Landschaft, die eben noch tagerhellt -sich vor ihm
ausgebreitet hatte, und doch, vermochte- er, die- Gegen--
stände nicht mehr zu erkennen. So ging es ihm mit
Hulda. Ihre Seele hatte hell und licht vor ihm ge-
legen,-er hatte in ihr- gelesen wie in einem offenen,
Buche, nun Hand er sich nicht mehr in ihr zurecht. Ihr -
gerade' hatte. er eine Treue; ohne Wanken zugetraut!
Daß sie vergessen könne, hatte er nicht , für möglich
gehalten. Darauf hin hatte er vertraut, und in ver-


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messenem Vertraüen' gesündigt! an' ihr; an sich. Und
jezt hitreten -mit' erneuter Werbung,'da sie freien
Eischlusses über sich selbst entschiedenHhatte, da sie
voraussichtlich in deriLiebe zu einenr gleichalterigen
Manne glücklich war, vielleicht glücklicherz,als:sie. mit
ihm geworden sein: würde söllte er das -thun?
Durfte er es thun, da sie ihnmitt ihrem Schweigen
den Wegr anwwies, den! sie eingehalten zu haben
wünschte?-
:- Er rief seinen Diener und hieß ihnn augenblicklich
den Brief zurückholen, den er vorhin.zur Post be-
fördert hatte; aber es war mit diesem Entschluß für
seine innere Berühigung. noch -Nichts. t!geschehen.
Sein' Sinn war bedrückt, seine Gedankenund Em-
pfindungen wollten sich nicht klären. Er konnte es
nicht fassen, daß sie keine Zeile für ihn geschrieben,
daß sie kein Wort mehy, ßg hg, äehah, hatte. Warum
Fagte' sie es ihm nicht, däß sie sich Aber ihr Gefühl
für ihn getäuscht habe, däß sie einen Anderen liebe?
Sie besser als irgend ein Anderer wußte es; wie
wenig er daran geglaubt hatte, Liebe erwecken zu. können,
und sie wußte es doch auch, wie theuer sie ihm ge-
wesen war, wie herzlich er sich um sie gesorgt, ehe er
im entferntesten daran gedacht hatte, daß sie ihn lieben,
daß er sie die Seine nennen könnte. -
;- ? Er sah den Wolken zu, die schwer und langsam
vom anderen Ufer emporzusteigen begannen, und hier
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einen hellen Stern verhüllten und dort wieder Einen,
bis sie den ganzen Horisdnt bedeckten und die Nacht
sich still und schwül und lichtlos über See und Land

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verbreitete. - Fs kam ihm endlich vor,i als warte er
auf einen Stern; aber, wie er sein Auge auch nach -
der Stelle richtete, an welcher der letzte helle Stern
verschwunden war, er wollte nicht wiederkehren. Es
blieb Alles dunkel.
-- Er- fuhr sich über die Augen; es, war damit vor-
bei. -,Möchten Dir glücklichere Sterne leuchten!k rief
er,. indem er: den kleinen Reif an seinen Finger steckte.
Er -wollte ihn tragen zur Erinnerung an sie, die
ihnigeliebt :hatte; an jie; um die er trauerte, wie man -
um diePugend trguert, die nicht wiederkehren kann.
Undimit der schlimmsten aller Qualen, mit dem Be-
wußtsein sichn selber' um sein Glück gebracht zu haben,
durchwachte: er die-stille, schwüle- Nacht. -
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Kapitel 15


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Fünfzehntes Gapites
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Die Ankunft der beiden Fiauen war Emanuel
in diesem Augenblicke durchaus willkomniien. Er war
lange einsam gewesen, und hatte eben in seiner gegen-
wärtigen Stimmung keinen angenehmen Gesellschafter
an sich selbst.-
Die Gräfin, deren Neigung, aüf-Andere bestim-
mend einzuwirken; ihm bisher'oftmälsAunbequem ge-
wesen war, sagte sich, daß er'ihr,?nch seiner Aisicht,
Manches zu verzeihen, habe und hielt sich deshalb vor-
sichtig in ihren Schranken. Sie fragtes ihn um Nichts,
was von sich auszusagen-er nicht für angemessen fand,
aber sie sprach ihm freimüthig und ohne allen Rück
halt von sich selbst, von Elarissenz Glück, von dem
Guten, das sie von ihres Sohnes Heirath für den-
selben hoffte. Als Emanuel bei diesem Anlasse ihr
seine Absicht kundgab, zu. Günsten hes jungen Grafen
auf das Majorat zu verzichten, wenn es durch den Tod
des Bruders an ihn fallen' würde, wies sie diese Ge-
danken zwwar von sich, jedoch ohne dabeigauf ihre frü-
heren Plane für ihn zurüchzukommen. Sie meinte


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nur, es mache ihr immer bange, wenn sie Menschen
in nicht abzgändernder Weise über ihre Zukunft ent-
scheiden sehe, solange dieselben sich noch in einem
Lebensalter befänden, das neue Aussichten vor ihnen,
neue Gedanken in ihnen entwickeln könne. Besonders
solle man nicht derartige Beschlüsse fassen, wenn keine
zwwingende Nothwendigkeit es erfordexe. Vollends in -
solchen Fällen abei, wd vöidem Eihalten oder Auf-
geben von Hab und Gut, oder gar von dem Ver- -
zichten auf Rechte die Rede sei, die noch mehr werth
wären- als Hab und Gut, da sei das alte Bauernwort
an: seinem Platze:: Es jolle Niemand seine Stiefel .
ausziehen, ehe er sich niederlege.
- Sie; sagte ,das mit einer ßeiteren Leichtigkeit, die
ihr doppelt wohl anstand, weil sie nur selten an ihr,
zur Erscheinung kam, Sie erwähnte dann noch, daß
es. bei der: sorglosen Lebenslust ihres Sohnes sogar
Gefahren: für ihn haben könne,- wwenn sein ohnehin
reichlicherzBesiz in, solcher Weise. und so- viel. frühex,
aleJet esnirgend.izu:erwarten berechtigt, gewesen wäre,
verdoppelt würde, und He: gab- Emanuel. auch zu be- .
denken, daß -er wohl der Mann- sei, große Mittel in
roßartiger Weise für wwürdige,. seinem und'des, Hauses -?
Mamen Ehre. mgchende Zwecke,. zu verwenden. Es lag,
etwas Schönes, etwas durchaus Uneigennütziges in den
.Exwägungen ;und. Rathschlägen der Gräfin, das auf
Emanuel-seineWirkung auicht verfehlte.. Auch er mßte
ihr dakin beipflichten, daß, awie die Verhältnisse jetzt -
-lagen, kein Srund zu' der. Entsagung vorhanden wwär, --
zuwelche ertsich:aun IHulda's willen vor Iwwenigen

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Tagen geneigt gefunden-hatte? Hulda's oder der
Pfarrerfamilie gedachte die Gräfin nicht mit einem
Worte. Auch Emanuel sprach nicht von ihnen, weder
mit der Schwester noch. mit seiner Freundin, und
Konradine ihrerseitö -war -herzenskundig' genng, sein
Schweigen zu ehren und es sich zudeuten. D - -
Emanuel wußte ihr das Dank: ?Ihre. ganze Art,
ihr ganzes Wesen waren ihm eifkeulich! Daß sie nicht
in seinem Hause wohnte, sondern sich mit ihrer Be-
dienung in einer der am See gelegenen- Pensionen
eingerichtet hatte, deren Anzahl jn jenen Tagen im
Vergleiche zu heute- noch geringwar, das erhöhte durch
das jeweilige Entbehren desselben den Reiz; wwelchen
das Beisammensein mit ihr schon in': dem- Schlosse
seiner Schwester für ihn gehabt hatte: Aber'der Ver-
kehr mit ihr war ihm jetzt noch aftgenehmer, als vor-
dem, denn ihr Beruhen' in sich selbst wwäi; jezt voll-
kommen, und ihre. Stimmung von einer Gleichnäßig-
keit, die beruhigend und vertrauengebend wirkte: Selbst
die edle Einfachheitihrer Kleidung, der geringe Werth,
den sie auf alle jene Aeußerlichkeiten und Kleinigkeiten
legte, von denen das Wohl und Wehe der Frauen
sonst so vielfach abzuhängen scheint, die Sicherheit,
mit welcher sie sich das Recht. zusprach, nach: eigenem
Ermessen zu handeln und; sich so Irei'zu zeigen, als

zsie sich mit ihremtüchtigen Bewußtsein fühlen, durfte,
machten es Emanuell im Verkehre'mitrihr bisweilen

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ganz vergessen, daß sie -nochjung, und daßusie schön
sei, während das Wohlgefühl; pas er: in ihree Nhe
fühlte, doch durch eben diese: Eigenschaften wesentlich

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gesteigert ward. - Fazu wiesen die Lebensgewohnheiten
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Die Gräfin hatte sich während ihres langen Auf-
enthaltz in Italien vgn jeder körperlichen Bewegung
fast völlig entwöhnt. Sie kannte keinen Naturgenuß,
als. denjenigen, dessen Hie von der Terrasse eines Gar-
tens oder: in den Polstern;. ihres Wagens theilhaftig
werdenukonnte, änd vollends sich der Stunden. des -
Morgenszu. erfreuen, trug sie kein Verlangen, wäh-
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der Gräfin, ihn und die schöne Stiftsdame noch- be-
sonders- auf - einander an.
endkdas Wachen in der Nacht ihr zu einer Gewohn- -
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heit geworden war. Emanuel hingegen konnte nicht ,
-leben ohne Naturgenußg
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-? Durch seine? ganzefJugend hin, in. welcher ihn ,
Rücksicht auf seine daßals sehr schwankende Gesünd«
heit, und der auch nbch nicht überwundene Schmerz
über die Entstellung seiner Wohlgestalt von den Sälen
- der Gesellschaft fern: gehalten hatten, war die Natur
ihmeineZuflucht, -und die Quelle gewesen, aus der er-
FFreude geschöpft, inder er seineKräfte gestähltgytd-duxch -
immner neue Nebung erprobt hatte,. bis er sich' ißEr-
tragen von körperlichen Anstrengungen mit den -Ge-
sunden messen durfte. Er genoß sich selber und. sein -
Dasein nie ;in volleren Zügen, als wenn er auf raschem
Pferde durch die Thäler hinflog, mit sicherem, rüsti- -
ngem Fuße die Höhen der Berge überschritt, oder mit
-kräftigem Arme die Wellen des Wassers überwand. -
-- Einsam in der Natur dachte er nie daran, daß er -
nicht schön, daß er nicht mehr dazu gemacht sei, dieBlicke-z
-der Menschen wie früher freundlich auf sich zu ziehen und 1
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an sich zu fesseln. Die Sonne schien auf sein blatter-
? - narbiges Gesicht so freundlich nieder wie auf die selt-
sam zerrissene Rinde des ßaumes; dieLuft umfächelte
-' und nährte ihn so frisch, wie, sie die Stämme um-
- - spielte, die auch nicht alle gerade in die Höhe wuchsen
und an deren Laub und Schatten man sich, doch er-
freute; und das Landvolk, mit dem er bei seinem Herum-
streifen zusamnentraf, legte nicht den Werth auf die
äußere Wohlgestalt des Menschen, wie die Gesellschaft,
in welcher er hergekommen war, und wie, seine eigene
Mutter, deren Bedauern über die Entstellung. des einst
-' so schönen Sohnes damals den Stachel der, verletzten
Selbstgefälligkeit, -der Emanuel ohnehin empfindlich
genug war, immer tiefer in das weiche Herz des Jüng-
lings gedrückt hatte.
- Er liebte und verstand die Natur in allen ihren
Aeußerungen; Er hatte(in er Natur, auch die Men-
schenverstehen gelernt, die, ihr noch nahe standen, und
es traf sich gut, daß Konradine seine Freude an der-
j? selben theilte, daß sie rüstig war wwie er, Das Wander-
leben, welches sie an ihrer Mutter Seite von Kindheit
an geführt, hatte sie frei von, allen hemmenden Ge-
wohnheiten werden lassen. Sie war körperlichen An-
l-
strengungen ebenso wie Emanuel gewachsen, und für
den Augenblick hatte das verhältnißmäßige Stillleben,
ß -- de sle im Stift geführt, ihr Wechsel und Bewegung
doppelt erwünscht gemacht.
Wie früh man die Morgenstunde auch festgesetzt
hatte, in welcher Emanuel und sie zu Pferde ihre
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- Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.
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Streifzüge in das Land unternehmen wollten, er fand.
sie immer fertig, immer seiner wartend, und in Frische
strahlend, daß sie ihm wie die Verkörperung des Mor-
gens selbst erschien. Fest wie in' ihrem Sattel, war sie-
in allen Sätteln gerecht und überall an ihrem Platze.
Wenn man das Frühstück in den Sälen eines Gast-
hofes oder in dem ersten besten Bauernhause einnahm,
wenn man es Wanderburschen gleich, auf-grünem Rasen -
unter Bäumen am Quellenrande verzehrte; es schien
jedesmal, als sei dies gerade die Lage, in welche sie
hineingehöre, in der sie ihre anmüthige Selbstbestimnit-
heit am -vortheilhaftesten entfalten könne.' Jeder. zu--
fälligen -Begegnung' mit anderen Reisenden wußte sie-
eine -gute Seite und jedem Menschen das Beste abzu-
gewinnen, das an ihm sein mochte. Die -Bauerfrau
und das Kind am Wege wendeten sich ihr vertraulich
aüfgeschlossen zu,' weil sie natürlich und ohne -jene'kin- -
dische Herablassung mit ihnen zu verkehren wußte,
hinter -welcher die Eitelkeit und der Hochmuth der
sogenannten Vornehmen und Reichen,' sichi ländliche -'
Festezu' bereiten lieben, bei denen sie erst rechtnin ihrer
ganzen Lächerlichkeit erscheinen; und ohne daß. sie be-
sonders darauf aus war, oder daß man esbemerkte,
hatte sie hier einen guten Rath ertheilt, dort eine Lehre
in so knapper und bestimmter Form gegeben, daß sie
Aussicht hatte, schnell verstanden und nicht leicht ver-
gessen zu werden.
-' Als ihr Emanuel einmal seine Verwunderung ;
über diese ptaktische Gewandtheit aussprach, die sie zum

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Handeln und Befehlen wie wenig. Andere befähige,
räumte sie ihm ein, daß sie dieselbe allerdings besize.
,Cber, sagte sie lachend, ,es ist. nicht mein Verdienst,
daß diese Anlage sich in mir so ausgebildet hat. Sie
hat sich an den entgegengesetzten: Eigenschaften meiner
Mutter nothwendig entwickeln müssen. Ich lernte von
Kindesbeinen an, wie die Wilden, mneine Umsicht üben,
mich zurechtfinden und mir helfen und nicht nur mir
allein, denn wir lebten damals immer in einer Art
von Wildniß. Noch ehe ich lesen und schreiben konnte,
mußte ich im Gedächtniß Jehalten, was uns nöthig
war, und in der Heimatlosigkeit, zu welcher meine
Mutter sich freiwillig vekdammte,-alle paar Tage ein
neues Zuhause für uns zu bereiten, war eine Noth-
wendigkeit für mich. Das geht' denn ss allmälig in
des Menschen Sein und Wesen über, und meine zigeu-
nerische Praxis hat seitdein im Stifte mehi Form und
Halt bekommen, so däß ich jetzt selber Lust an ihr ge-
wonnen habe. Ich überrasche mich bisweilen in diesen
Tagen darauf, wie ich mit Sorgen an die Verwal-
tungs-Angelegenheiten unseres Stiftes denke, die unsere
Lebtissin mir während ihrer Krankheit und Abwesen-
heit überlassen hatte. Und es war doch nicht einmal
mein persönliches Eigenthum, das ich verwalten half,
und um dessen Erhaltung und Vermehrung ich be-
N,müht war.!
,Das scheint mir zu dem Wohlgefallen an solcher
Thätigkeit auch keinesweges nothwendig zu sein,! meinte
Emanuel, ,sie ist verlockend an sich selbst. Wir Alle
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sind von Kindheit an mehr oder weniger, darauf ge-
stellt, Etwas zu schafen. Wir wollen Etwas hinstellen,
Etwas vor uns bringen, Etwas werden sehen. Das
Kind schon macht sich im Garten ein Gärtchen für
den Nachmittag zurecht, Fer Knabe macht sich Samm-
lungen, von Auszügen aus den Büchern, die doch sein
eigen sind. -Der Jüngling macht sich seine eigenen
Liebeslieder, obschon unendlich schönere vorhanden sind.
Der Mann, der Herrscher, dem schöne Besizungen,
dem schöne Schlösser als Erbe zufallen, will, augen-
blicklich in denselben irgend einen Neubau, eine Aen-
derung machen, in denen er sich selbst und sein eigenes
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19B
Wesen bethätigt und ausspricht. Er will Etwas hin-
stellen, das er als von ihm geschaffen vor sich sieht;
und ich- glaube, daß die sogenannte Freude am Erwerb
und Besiz ebenso viel von dieser Lust am Schaffen
als am Besizen in sich trägt.!
Konradine nannte das nach ihrem eigenen Erfahren
- richtig, gber sie wollte, wissen, wie er sich selbst dazu
verhalte,
Emanuel ward nachdenklich. , Es ist das eine
Krage,! Fagte er, ,die weit in das Leben zurückgreift,
und ich habe leider, wenn ich das thue, nicht sonder-
lich viel Gutes von mir zu sagen, sondern auf eine
Lange Reihe von Unterlassungssünden, auf viel ver-
lorene Zeit, auf wenig oder eigentlich auf nichts Ge-, F
leistetes zurüchusehen.!
,, Sie thun sich Unrecht, meinte Konradine, , denn
seit ich Sie kenne, und wir sind ja sehr alte Be-
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kannte, fügte sie mit ihrem reizendsten Lächeln hinzu,
,habe ich Sie immer beschäftigt, immer mit...

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, Mit mir und meiner Selbstbefriedigung beschäftigt
gesehen, fiel er ihr in das Wort. -,Wenn Sie offen
gegen mich sein wollen, werden Sie mirt das nicht in
Abrede stellen können. Die große Liebemeiner Mutter,
der angeerbte Fapiliensinn, der die Erhältung eben
unserer Familie als etwas Wesentliches ansah, hat auch
auf meine Erhaltung, so viel. Mühe, Dpfer, Achtsam-
keit verwendet, daß ich schließlich mir selber um meiner
selbst willen wichtig vorgekommen bin. Und es:ist doch
im Grunde so gar wenig daran: gelegen; ob' ein Mensch
da ist oder nicht, wenn er nicht etwas ganz Beson-
deres zu werden verspricht.! -
, Oder wenn er nicht so glücklich ist, daß er in
seinem Glücke jenes vollendete Selbstgenügen dar-
stellt, um dessen willen es sich verlohnt, zu sein!'' rief
Konradine im Rückbllcke auf sich selbst. -
,,Bei mir,. versetzte Emanuel, Itraf weder das
Eine noch das Andere zu. Aber weil man mich so
wichtig nahm, wurde ich mir wichtig, und weil man
sich so gar viel Mühe damit gab; mich zu befriedigen,
gewöhnte ich mich daran zu glauben, daß ich den An-
spruch auf eine besondere Befriedigung,' auf ein beson-
deres Glück zu machen hätte. Man erzog mich auf
diese Weise förmlich zum Egoisten, und ich war doch
von der Natur mit meinem weichen, liebebegehrenden
Herzen nicht darauf angelegt. Es gelang deshalb nicht
einmal, mich zu einem völligen Egoisten heranzubil-
den. Nur unbrauchbar für mich selber hat man

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mich für lange Zeit gemacht. Man umgab mich mit
einer Liele und einem zuvorkommenden Wohlwollen,
denen in der. Welt. zu begegnen, ünter meinen' Alters-
genossen'zg begegnen, ich in meiner Lage nicht erwarten
durfte.: Von den. Kreisen der jungen Männer hielt
meine damals üble Gesundheit mich zurück, die weib-
liche Jugend wendete ich Männern von gefälligerem
Aeußeren zu: - Ich fand mich also einsam; und je H
weniger'ich sie in mir selbst besaß, um so sehnsüchtiger
begehrte ich nach Schönheit. Was mir das Leben nicht
gleich bieten wollte, das begann ich in der Kunst. zu
suchen.. Ich hatte Zeiten, in denen ich meinte, zu ihrer
Ausübungn als Maler, als Dichter berufen zu sein;
aber ich wurde bald inne; daß die. Fähigkeit, das
-SchöneIzu exkemnen und sich an ihm zu freuen, kein
Bürge ist für die Kraft, es zu erzengen. - Alles, was
ich leistete, -ging über die Grenze des Dilettantismus -
nicht hinaus, und wenn es Andere hie und da auch -
freute;Imulch selber befriedigte, mich förderte es nicht.
Meih Mißtrauen gegen mich, meine innere Unzufrieden-
heit. steigerten sich dgran. - Ich kam mir geistig -so
wenig hegabt, so ungenügend wie. leiblich vor, und
weil ich dabei doch immer nur an mich selber dachte,
verfiel ich nicht darauf, daß vielleicht dennoch Gaben -
und Anlagen in mir zu entwickeln wären, die für An-
dere nutzbar werden dürften, und deren Anwendung
meinem Dasein in meinen eigenen Augen Werth ver-
leihen könne.'
, Und doch meine ich mich zu erinnern,! bemerkte
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Konradine, , daß Sie mannigfache Studien getrieben,

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19
die, auf das praktische Leben, selbst bei der Bewirth-
schaftung Ihrer Güter, angewendet, Ihnen und den
- Leuten auf denselben, zu' Gute kommen, mußten.'!
, Freilich!'' entgegnete er, aber ich egtschloß mich
nicht, Verwalter meiner Güter zu wwerden, weil ich
das Leben in südlicherem Klima vorzog, und weil. der
Besiz der Güter für mich nur eine zeitweilige Bedeu-
tung hatte.!.
Konradine wollte wissen, was er damit meine.
,,Um am Besiz- und- vollends an -jeiner Ver-
mehrung die eigentliche Besizesfreude. zu finden, muß
- man entweder große kostspielige Bedürfnisse, oder Men-
schen haben,. denen man den Besiz:zu vererhen wünscht.,
Das Beides trift bei mir nicht zu. Ich habe mehr,
als ich für die Befriedigung-meiner Gewohnheiten be-
darf, und- Vermögen aufzuhäufen;, umöimitdemselben -
das glänzende Fortbesteheneies bestimmten.Geschlechtes
- oder, wie. in unserem -Falle,. vielleicht :nur das Fort-
bestehen eines bestimmten Mamens,. undi für- den Haupt-
träger dieses Namens, die Aufxechterhaltung eines Vor-
urtheiles zu verewigen, -wwelches die Freiheit seines
Handelns beschränkt, dazu bin ich nicht Aristokrat genug.
Vielleicht bin ich auch sogar dazu; noch -zuselbstsüchtig
gewesen.'!.
Er hielt eine Weile inne,- Konradine schwieg.
,Es war das erstemal, daß Emanuel. sich so offen und
-weitlääufig über sich selber ausließ, und sie. hütete sich
um so sorglicher, ihn zu unterbrechen,: als sie es einst
selbst erfghren hatte, wie wohlthuend- es unter Ver-
hältnissen sein kann, einmal vor einem Theilnehmen-
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den dasjenige auszusprechen, was man, mit schmerz-
lichem Brüten lang in sich verschlossen hatte. --
,,ch glaube, das lange Alleinsein hier auf Ihrer
Oilla ist Ihnen nicht gut gewesen, lieber Freund,.
sagte -sie endlich, um seine Mittheilungen wieder in
Fluß zu bringen. ,Sie sind dadurch in sich ver-
,sunken, und das hat für gewissenhafte Menschen im-
mer sein Bedenkliches. Man nimmt es in solcher
Selbstbetrachtung mit sich und seinen Schwächen dann
meist zu genau. Durch das Mikroskop betrachtet, hat
Jeder Etwas von einem Ungeheuer an sich. Muß doch
selbst unser Herrgott Gnade oft für Recht an uns
ergehen lassen, um uns aufnehmen zu können in
sein Reich.r
,,Sie scherzen, Konradine, das steht Ihnen sehr
wohl an,'' entgegnete er ihr, ,,und ich freue mich, daß
Sie dazu wieder fähig sind. Aber selbst auf die Ge-
fahr hin, Ihnen in Ihrer heutigen Stimmung schwer-
fällig: zu scheinen, kann, ich heut' nicht scherzen.'
=. Sle fühlte den Fehler, den sie gemacht hatte,
lenkte sofort wieder ein, und Emanuel ließ sich das
gefallen.- Ich finde im Gegentheil,.' hub er danach
gn, ,,daß Jeder von uns es nöthig hat, bisweilen mit
,sich selber allein zu sein, um, wie die Schrift es nennt,
in sich zu gehen, und Abrechnuung, mit sich zu halten.
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Sch habe das gerade in den Tagen vor Ihrer Ankunft
zü thun Anlaß gehabt; und da ich mir auf die Weise- z
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klärer in meiner eigentlichen Wesenheit geworden bin,
hoffe ich, fortan mein Leben zwseckmäßiger zu gestalten
und zu nützen.'




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,, Und was hat Ihnen eben jetzt den. Anlaß ge-
boten zu solcher Selbstbetrachtung?' fragte sie.
- ,Die Nachricht, welche ich zuerst durch Sie erhalten
habe und die sich -mir nachher als eine richtige be-
stäätigt hatl'' sagte er, und machte eine neue Pause.
Dann, als wünsche er darüber keine weitere Erörterung,
fuhr er fort: ,Auch -eine Erwägung, die meine
Schwester mir vorgehalten, hgt mich zu.Getrachtungen
veranlaßt, welche Einfluß auf die Gestaltung meiner
Zukunft haben werden. Ich habe bisher mich für un-
selbstisch gehalten, weil ich keinen besonderen Werth
auf Geld und Gut gelegt, weil. ich. keine Neigung ver-
spürt habe, den Besiz des Majotates änzutreten, statt
mir zu sagen, daß eben darin - meine Lust an hin-
träumendem, müßigem Selbstgenügen. sich am ent-
schiedensten kundgegeben hät.- Der - Besiz, hat aber
nicht nur Bedeutung' durch -das, t: wwas:l er für unsere
eigene Befriedigung möglich miacht, sondern auch durch
jenes Andere, was wir: mit - demselben für Andere,
für Einzelne oder Viele leisten können; und ich habe
in dieser Nacht, die mir in mannigfachem Sinnen
hingegangen ist, den Vorsatz gefaßt, wwenn-- wie es
leider in naher Zeit vorauszusetzen ist= die Majorats-
güter an mich fallen, sie nicht an: den Sohn meiner
Schwester abzutreten, sondern hinzugehen, ihre Ver-
, waltung zu übernehmen, auf Vihnen und an ihren
Eingesessenen- zu fördein, was der Förderung bedürftig
ist, undi somit zu versuchen, ob ich nicht im Leisten
und Schaffen die Zeit einbringen kann, die ich in


müßiger Sehnsucht nach einem für muich nicht zu
erreichenden .lücke habe an mir vorübergehen lassen.'!

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-- Konrädine hatte nicht erwartet, daß seine Ge-
danken, und Entschlüsse -eben diese Wendung nehmen
könnten, aber sie vermochte sich zu erklären, wie er
auf diesen Weg gekommen war, und die schlichte ernste
Redlichkeit, mit wwwelcher er sich selbst beurtheilte, flößte
ihr eineäerneute Achtung vor ihm ein. Es war darin
Nichts ygn: jenerselbstgefälligen Reue, die sich. schön-
rednexisch (huundgiebt, um sich mit der -Versicherung
trösten zu lassen, daß sie gar Nichts zu bereuen habe,
sgndern daß' fie sich bewundern und fremder. Bewun-
derung sicher sein dürfe. Es war die einfache Erkenntniß
eines begangenen Fehlers und der Vorsatz, ihn durch
eine richtigere Handlungsweise auszugleichen- Dagegen -
war kein beschönigender Einspruch zu erheben, und
Konradine dachte an einen solchen umsoweniger, als --
die Absichten Emanuel's auf das Beste mit den Wün-
schen der Gräfin zusammenstimmten. Nur ein Be-
denken hegte sie, und dieses bezog sich auf die Gesund-
heit des Barons. Sie meinte, daß er' dem nordischen
Winter auf' die Dauer nicht würde. widerstehen können.
-. Emanuel ließ das nicht gelten.. ,,Sie haben es
ja erlebt, wie gut ich ihn ertrug, als Sie mir dort
erschienen,' sagte er.,,Meine Gesundheit ist seit
ahren fest genug und wird immer besser, - je weniger
ich Rücksicht auf sie nehme. Was ich ertragen konnte,
weil Liebe und Sorge für ein bestimmtes Wesen mich
achtlos auf mich selber machten, das werde ich ebenso
ertragen können, wenn die Zuneigung und die Sorge

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. für eine ganze Gemeinschaft mich an den Norden
fesseln. Wenn ich auch der Jugend und der Schön-
heit auf die Dauer nicht eben liebenswerth erscheinen
kann, so meine ich, es solle mir gelingen, mir da oben
unter den Leuten, die uns lange kennen, lange lieben,
eine dauernde Zuneigung zu perdienen.- Im Grunde
find wir ja Alle, Jeder nach seiner Weise auf Ent-
sagung angewiesen; und Sie selber lehren mich,
wie man in derselben wachsen und sich erheben kann.
Will des Frühlingstages schöne Sonne uns nicht
leuchten und erwärmen, so muß ein tüchtiges Reisig-
feuer uns am Abend schadlos halten. Und auch däs
kann schön sein,' kann zum Glücke, perden,!! fügte er
hinzu, wenn Freunde wie Sie. es nicht yerschmähen,
sich bisweilen an unseren: Heerd zu, setzen - und sich
mit uns an seiner Gluth zu freuen.!.
Er hielt bei den Worten Konradinen, seine Rechte
hin, sie schlug herzlich. ein, sie schüttelten einander, die
Hände recht als Freunde, mrud Konradine meinte die
ursprüngliche Schönheit seines Antlizes nie, so klar
erkannt zu haben als in dem Augenblicke, da ein
schwermüthiges Lächeln sanft über, seine Züge glitt.
Hulda's erwähnte er mit -einer Sylbe, weiter,
auch die Frauen vermieden es. Aber- sie -Femerkten
Beide, daß er einen Ring,-von dem alten Familien-
ainge nur durch die bedeutungsvolle Farbe des Steines
unterschieden, an seiner:Hand trug, und sie wußten
sich zu sagen, was ihm dieser Ring bedeute. -
==oGsu===osaa z

Kapitel 16

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Hechszeßntes Gapites
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-- Man hatte den Greis zur Ruhe bestattet. Die
Kirchenglocken, die ihm so oft das Herz erhoben, wenn,
sie ihn gerufen,' des Herrn Wort vor der Gemeinde -
zu verkünden, tönten noch durch die Luft und gaben-
ihn-das lezte irdische Geleite. Der Todtengräber
schüttete die Erde über den schlichten Sarg, der Küster
und die Schuljugend, die Frauen und die Männer aus -
dem Dorfe -gingen'schweigend von dem Kirchhofe heim,
und' wo-Zwei' bei einander waren, sprachen sie von -'
ihremseligen Herrn Pastor,' der ihnen ein getreuer
Hirt und Führer, ein treuer Berather und Seelsorger
gewesen war, durch all' die langen Jahre und in mancherI
schweren Zeit. Es tröstete sie aber Alle, daß er doch ;
in seinem Bette gestorben war, daß er ein schönes - -'
christliches Begräbniß bekommen habe, und nicht so y
elend umgekommen und zu Grunde gegangen sei wie --
die arme selige Frau Pastorin. Nun war Pastor's
Hulda ganz allein.






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Im Pfarrhause standen die-Fenster: in der Kam-
mer offen. Das Zimmer, die Flur und dieiSchwelle,
bis hinaus durch das Gärtchen und hinf bis; an, das
Kirchhofsgitter, hatte man den.Wegmlt Sand -und mit
gehacktem Tannengrün bestreut:. Ii -der:Wohnstube
saß der Amtmann auf dem Sopha und -spraäh; ges
dämpften Tones mit dem PfarrAdjunkten;:der noch
den Talar anhatte.
Mamsell' Ulrike, die gleich, herübergekommen
-wwar, als man im Amte die Todesnachricht- erhalten,
und die in der Pfarre geblieben war, weil mmgn doch
das Mädchen mit demjungen Manne mricht allein dort.,
lassen konnte, Mamsell Ulrike. hantierte imitHilfe der
Küsterin eifrig in der Kammer-umher;r aus welcher
man den Greis hinweggetragen hatteR Sie gvar nun
schon drei ganze Tage von ihrer:Wirihschäft fört und
mußte sorgen, aß man hier bald: fertigSward, demn
noch lange vom Hause wegzubleihen, hatte sie ntcht Zeit.
- Hulda hörte nicht, was -der Amtmannhund- der
Adjunkt besprachen, sie:bemerkte es auch, nicht;wie und
was Ulrike in der Kammer schaffte. -Sie: stand am
Fenster und sah hinüber nach der Stelle, an der, sie
ihren Vater eingesenkt hatten. - So-hatten. sie einst
dagestanden, der Vater und die- Muttex urnd; auch sie,
als die Kunde von dem Tod des Grafenin,dgs'Dorf ge-
kqpmnen war, und damals :war es- gewesen, daß sie
zuerst der Nothwendigkeit gedacht hatte,. einmal erleben
zu müssen, was sie hente erlebte.
,,Unser Leben fährt daßin wie ein Traum und
wie ein Rauch!' hatte der Vater damals ausgerufen,

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und schöne, erhebende Worte hatte er daran geknüpft.
Sie erinnerte sich ihrer wohl. Er war schon damals
mätt-und schwach gewesen. Sie wußte es noch ganz
genau, wie die Mutter ihn ängstlich angesehen, wie sie
sie dann an ihre Brust zedrückt; und wie die Vorstel-
lung fie darauf ergrifen hatte, daß sie einmal mit der
Mutter werde von dem Hause scheiden müssen, sich
eine neue Heimat aufzusuchen.- Mit der Mutter!
=-- Und jetzt war sie allein, ganz verlassen und allein
- verlassen auch von ihm!
,,Wenn er es wüßte!'' rief es in ihrem Herzen
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und laut aufweinend wider ihren Willen, sank sie auf
den Stuhl. am Fenster nieder und verbarg ihr Antliz
in den- Händen.
Dem Amtmianne ging es nahe, wie er das sah -
und hörte. Es war ihm überhaupt sehr weich um's
Herz, und der schwarze Anzug, den er nur bei großen
Gelegenheiten trug und der ihm schon seit langen
Jahren -viel' zu eng geworden war, machte sein ge-
rührtes Unbehagen noch weit ärger.
,Nimm Dich zusammen, Kind, rief er Hulda
freundlich zu, ,komm' her, genieße Etwas, es hilft ja
Nichts, in das Grab kannst Du Dich doch nicht legen,
und es blos zu denken ist eine Sünde! Sieh nicht
dort hinüber, komm' her! Ich bin hier und der Herr
Adjunkt. ist hier; und er und ich, wir üteinen es gut
mit Dir! Komm' her, mein Kind!
, Ich fühl' das ja, lieber Onkel, und ich dank'-
es Ihnen! Und auch Ihnen danke ich für alle die
Güte, die Sie mir erwiesen haben, und- für die

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Thränen,' fügte sie hinzu, indem sie dem Adjunktus
ihre Hand gab, ,,die Sie auf meines lieben Vaters
Grab geweint haben. Die werd' ich Ihnen nicht ver-
gessen!''
,,War er mir denn nicht ein Vater? Waren wir
denn nicht verbunden durch die Liebe, die wir für ihn
hegten, durch die Sorge, die wir um ihn trugen?
sagte der Adjunkt.,,Ach, es wird auch für mich sehr
einsam sein hier in dem Hause, und sehr traurig,
-wenn Sie von hier gehen!!!
Sie sah ihn an, sein ernstes Auge sprach noch
mehr als zu sagen diese. Stunde zuließ; und scheu
und schüchtern zog sie ihre Hand zurück, während
Ulrike, welche die letzten Worte, auch vernommen hatte,
aus der Kammer in das. Zimmer trat.
,Es ist Rath für Alles!. Es wird auch für Sie
schon Rath sein, Herr Adjunktus,k meinte Ulrike und
sah mit ihren scharfen Augen um sich her, als könne
sie auch mit den Augen noch in. gller Eile Etwas
schaffen oder thun. ,Aber die Hauptsache ist, fuhr
sie fort, , daß die Hulda von hier forkommt, und daß
ich in meine Wirthschaft komme, in der viel nachzu-
holen ist und wo. sie mit Hand anlegen kann. Das
wird ihr' gut thun, ganz gewiß; das thut Jedem gut,
denn leben hilft leben! Und wenn' sie nur erst. eine
Nacht in ihrer alten Stube bei uns geschlafen haben
wird, so können wir ja ab und zu auch hier wieder
nachsehen kommen, und dann wird es sich ja später
finden, wie es mit ihr wird und wo sie hin soll.?


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Sie. hatte das auf ihre Weise gut gemeint'und
sich alle die Tage hindurch auch gutwillig gezeigt, denn
große Unglücksfälle hatten auf sie immer eine erhebende
und für den Augenblick auch ihre Gesinnung reinigende
Wirkung, nur daß die Erhebung und Veredlung nicht
zben- länge-währten und daß selbst ihrer Milde noch
immer- genug Schärfe und Herbigkeit innewohnten,
um dienSchmerzesäußerung zurüchudrängen und die
;
28
Thränen gefrieren und versiegen zu machen, die zu
stillen sie gekommen, und die zu trocknen ihr nicht ge-
geben war. Aber Hie wußte sich damit -Etwas und
rühmte es von sich, daß man in ihrer Gegenwart sich
auf das Weinen und Klagen nicht verlege, weil sie
herzhaft seiund kräftig, und also die Menschen auch
gleich auf herzhafte und kräftige Gedanken bringe.
-- Hulda hatte schon am Abende vorher das für sie
Nöthige zusammenpacken müssen. Die Trauerkleider,
die sie nach der. Mutter Tod getragen, waren noch
zur Hand gewesen, und mehr bedurfte sie ja für - das
Erste nicht. Des Amtmanns Wagen stand und war-
tete, die Pfsrde wurden ungeduldig. Mamsell Ulrike
hing sich das schwarze Tuch um, welches sie immer
umlegte, wenn sie zu Leichen fuhr. Der Amtmann war
auch aufgestanden, Hulda's kleines Köfferchen hatte der
Christian hinten fest auf dem Wagen aufgeknebelt.
,Nun. können wir wohl fort!r- sagte der Amt-
mann, indem er seine Uhr herauszog. -
Hulda sezte ihren Hut auf und nahm das Körb-
chen in die Hand, in das sie noch die letzten Stücke
eingepackt hatte. Ulrike ging an den Tisch, auf dem

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die Kuchen und der Wein standen, die sie aus dem
Amte zum Begräbniß hatte kommen lassen und sah,
wie viel davon noch übrig war. ,Verschließen Sie
das doch, Herr Adjunktus!! rieth sie, , auch den
Kaffee und den Zucker. Im Nebrjgen wird die Frau
Küsterin schon für Sie sorgen, ich hab' ihr Alles über-
geben und angewiesen; und wenn Sie dazwischen
herüberkommen wollen, das Wetter ist ja noch' immer
schön, so kommen Sie nur. Ein Plaz am Tisch ist
immer da.!
Der Adjunkt dankte ihr, aber seine Seele war
nicht dabei. Er zllein ermaß, was in dem armen
Mädchen vorging. Auch er hatte einen Verlust er-
litten in dem Greise, dessen arilde, menschenfreund-
liche Gesinnung dem jüngeren Amtsgenossen aufllärend
und erziehend zu Hilfe gekommen war, dessen schlichte,
tiefe Frömmigkeit ihn aus den Fesseln einexüberstrengen
Kirchlichkeit zu: befreien und ihn dem Leben in werk-
thäätiger Duuldung zuzuwenden begonnen hatte; und
auch er erlebte ein Scheiden in dieser Stunde, das
ihm durch das Herz schnitt. Er war es so gewohnt,
Hulda zu sehen, auf ihr Gehen und Kommen im
Hause zu achten, wenn er in jeinem Erkerstübchen saß;
ihre Stimme zu hören, wenn er in das Zimmer zu ebener
Erde eintrat. Nun sollte er das entbehren! Nun
, sollte er ße gehen lassen und nicht wissen, ob sie
wiederkehren, zu ihm wiederkehren würde, um nicht
wieder von jm fortzugehen? - Er, stand neben ihr und
sah sie an, und folgte ihrem schwermüthigen Blicke,
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Fauny Lewald, Die Erlöserin. .

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der sich im Scheiden-' zögernd noch an- jeden Plaz,
an jede. Ecke und an jedes Möbel heftete.
-- - ,Sie werden es ja nicht vergessen!! sagte er
endlich:
-- -,Wie könnte ich?! gab sie ihm zur Antwort.
-' -, Vergessen Sie auch mich nicht,r bat er. ,Den-
ken Sie bisweilen-meiner, ich werde hier für Alles
sorgen!! -
-- ,Sie komnien auch wohl bald in das Amt hin-
über! entgegnete sie ihm, und er hörte an ihrem
Tone, daß sie darauf hoffte. Er war ja der Einzige,
mit dem sie von dem Vater reden konnte, wie es ihr
um das Herz war. Er und er allein-hatte mit ihr
die Sorge um den Greis getheilt, seit sie wieder in
dem Pfarrhause weilten, und er allein wußte auch,
daß für sie nun Alles aus und zu Ende war, seit sie . -
den Ring zurückgesendet hatte. Sie reichten einander
und drückten einander die Hände. Ulrike saß schon
fest in ihrem Wagen, der Amtmann' stand an dem
Schlage Der Adjunkt geleitete das von ihm -geliebte
Mäbchen siill' hinaus' und half ihm einsteigen, denn
die Augen Hulda's schwammen in Thränen.
- Christian, der auf dem Bocke saß, merkte davon
Nichts. Er schwang die Peitsche in dem unvergleich-
lichen, weithin schallenden Doppelschlag, an dem ihn
in der ganzen Gegend Jedermann erkannte, die Brau-
nen zogen lustig an, weil es endlich nun' nach Hause
ging. Die Küsterin und die Magd weinten ihre bit-
teren Thränen. - Im Dorfe traten die Leute unter die
Thüre. Es trocknete sich Mancher still die Augen ab. -?

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grüßten von rechts und grüßten von links, sagen
Keiner Etwas. -
Der Adjunkt konnte es nicht mit ansehen, daß sie
von dannen fuhr. Er ging in das Haus zurück und
in sein Erkerstübchen. Da hatte er sie nie gesehen,
da konnte er verweilen ohne sie. Er setzte sich hin
und sah auf das Meer hinays und überdachte, was er
hier erlebt hatte. Uid wie' er'saß und sann, da fühlte
er plötzlich, daß seine Gedanken wieder bei ihr waren,
und mit Sehnsucht vorwärts blickend, rief er: ,Möge
ihr Eingang einst gesegnet sein, wenn der Herr, der
mir gnädig gewesen ist bis auf diese Stunde, ihr Herz
also lenkt, daß. sie!wiederkehrt in dieses liebe-Haus!-
- Er blieb den ganzen Abend-still bei seinen, Büchern
sizen, und war zufrieden, daß ihn Niemandtörte, daß
er traurig sein durfte nach Herzenslust.---
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Kapitel 17





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- Hiebenzehntes Gapites
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? Has Stübchen, welches Hulda in dem Amte inne-
-gehabt hatte, ehe man sie zu Miß Kenney hinüber-
genommen, ward wieder für sie aufgethan; man
schaffte' ihre Sachen schnell hinein. Sie sollte stch nur,
Alles gleich zurechte machen, sagte die Mamsell, damch I
solle sie dann zu ihr kommen, und sie wollten weiter ,
zusehen.
Das Einrichten war bald besorgt. Sie war leicht ?
damit fertig, denn sie war so unglücklich, daß sie auf -
ihr äußeres Behagen keinen Werth legte und Nichts -
- ;
- empfand, als daß sie eben lebte und leben mußte.
Dazu hatte Hulda seit der Mutter Tod allein ihr -
Haus versorgt, und weil sie in diesem Augenblicke -
Leinen eigenen Wunsch und kein Verlangen hatte, war
ähr jede Arbeit recht und lieb, welche ihr dazu ver-,
half, an jedem Tage die Stunden desselben zu über- -
winden.
Mamsell Ulrike sah das gern. Sie fand, daß I
dem Mädchen die Arbeit jetzt ganz anders als vordem -
von Händen gehe, nur daß Hulda gar so still war,

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das gefiel ihr nicht und gefiel ihr mit jedem neuen
Tage weniger. Sie mochte nun einmal keine Men-
schen um sich haben, die nicht bei ihrer Arbeitredeten,
sie mißtraute Denen sogar ein- für- allemal, die so
schweigend und in fich versunken herumgehen konnten,
denn sie wußte das aus eigener Erfahrung: gute,
offenherzige Menschen haben immer das. Herz auf
ihrer Zunge so wie sie. Was hatte Hulda denn auch
zu verschweigen? Daß sie traurig war, das sah man,
das konnte sie auch einem Jedew sagen. Sie war in-
dessen, wer weiß wie lanng, auf ihres aters Ende vor-
bereitet gewesen, und- es war ein großes Glück zu
nennen, daß er endlich noch entschlafen war, ehe sein
Augenlicht ihn ganz - verlassen hatte. Um den Baron
konnte sie sich jetzt doch auch nichtmehr so- härmen,
da er sie vergessen hatte und aufs dem Punkte stand,
sich eine Frau zu nehmen, wwie sie ihmzebührte.
Hulda konnte es jetzt ja deutlich sehen, daß es ihm
nie Ernst gewesen. war mit ihr: Wenn sie sich aber
etwa Hoffnungen auf den Herrn Adjunktus machen
sollte, so war das wieder einzig ihre Schuld. Der
Adjunktus konnte doch unmöglich daran denken, sie,
über die hierorts und rundherum soviel geredet wor-
den war, zur Frau zu nehmen. Das' lag -ja Alles
auf der Hand, das mußte Jeder sehen, - wie Mamsell
AUlrike meinte: Und weil' sie, wie sie gleichfalls meinte,
ein ganz redliches Gemüth war, ohne Falsch und ohne -
Hinterlist, so brauchte sie auch kein Batt vor ihren
Mund zu nehmen, und durfte unumwunden sagen,
was sie dachte.

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Kein Tag verging deshalb, an welchem sie das
Hulda nichd erklärte. Sie waren niemals bei einander?
ohne daßf!die. Mamsell ihr vorhielt, wie es nun genng:
des Trauerns wäre, und wie sie sich tapfer aus dem- ,
Sinne schlagen müsse, was nicht zu ändern sei. - Ein
trauriges Gesicht und einen stummen Menschen um
sich und neben sich zu haben, das gehe ihr gegen die.
Natur. Vorwärts! das sei die richtige Parole für
Alt und Jung, für Mann und Weib. Vorwärts mit
Eourage! damit, komme man auch vorwärts.
-:: ,Vorwärts! -- Vorwärts!? Hulda hörte das in.
einemfort, es war: zuletzt das Einzige, was sie von
Ulrikens Reden hörte, was sie sich selber sagte und als
Nothwendigkeit. erkannte. Denn dauernd -in der quäle-
rischenNähe der ihr abgeneigten und rgstlosen Mamsell: -
zu bleiben, daran konnte sie ebensowenig denken, als
an eineEhe. mit dem PfarrAdjunkten, wenn ihr dieser
seine Hand-antragen sollte. Ihr Herz und ihr Ge-
wissen,lehnten. sich gleichmäßig dagegen auf. y
s -.Aber was denn -sonst? fragte sie sich oftmals.
Was thun? -Was - beginnen in der Welt,u. die ihr ;so
fremd und eben,deshalbsso trostlos leer und weit erschien.
- Sie ging in mancher nächtlichen Stunde, die sie -
bang durchwachte, alle ihre Möglichkeiten durch. Sie
hatte mancherlei Kenntnisse erworben; der Vatex soe
wohl- als Miß Kenney -hatten ihr oftmals wiederholtz
daß sie im Stande sei, als Lehrerin in guten Familien --
ihren Plaz -mit Ehren auszufüllen. Aber solch eine--
Stellung fand- sich ja - nicht. gleich, und--- darüber.
hatte sie sich auf die Länge nicht verblenden können --

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hier in ihrer Heimat stand ihr ein Vorurtheil im
Wege, dem sie nicht entgegenzutreten wußte. Man
hatte sie verdächtigt, ihr guter Name wai, angegrifen,
und wenn ihr Bewußtsein sie aüch freisprach, sie hatte
in den letzten Jahren durch die lächelnden Mienen,
durch die thörichten Fragen und die uwvernünftigen
Anspielungen der wenigen Frauenzimmer, ymit denen
sie zusammengekommen war, schon genug gelitten. Sie
ahnte es seit lange, daß Ülrike ganz allein diese
Zweifel an ihrer. Sittlichkeit erregt haben konnte, und
sie mochte nicht in einer Umgebung leiben, in wel-
cher sie sich gegen ein heimliches Nebelwollen unab-
weislich zu vertheidigen hatte. Aber wöhin? an wen
sich wenden? von wem den Rath-begehren, den Bei-
stand fordern, deren sie so sehr -benöthigt'war. Sie
stand immer wieder vor derselben .bangen Frage.
, Sie dachte daran, z daß: die Gräfinsesn zu ver-
schiedenenmalen den verstorbenen Eltern zugesagt hatte,
sich ihrer anzunehmen. Die Gräfin hatte es auch dem
Amtmann, als dieser ihr des Pfarrers Tod gemeldet,
ausdrücklich wiederholt, daß sie ihre Hand von Hulda
nicht abzuziehen denke, daß dieselbe:ihre Wünsche nur
auszusprechen habe, und daß sie gerne- bereit sei, sich
für sie um ein Unterkommen zu bemühen, wenn Hulda
vielleicht die verständige Absicht hegen. sollte, im Aus-
lande als Gouvernante Fch eine Stellung zu erwerben.
Aber in des armen Mädchens Seele erweckte dieses
Anerbieten Nichts als einen Mißton. Denn eben von
der Gräfin irgend einen Beistand zu begehren, dazu
hätte sie in der größten Noth sich kaum entschlossen.

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- Sie wußte,. was die: Gräfin damit meinte;
wenn sie: sie aufi das Auskand hin verwies; und doch
durfte man fich, wie Hulda meinte, wohl darauf ver-
lassen, daß: sie Ehrgefühl genug besaß, sich von dem
Manne fern zu halten, -der ihr zu begegnen nicht mehr
wünschen komnte. Sie hatte ihm jg unaufgefordert
das Liebespfand zurückgesendet, mit dem er sich ihr
einstmals anverkobt.
Sie, kannte sich oft selist nicht wieder, wenn sie
iw:ihrer Einsamkeit: mit sich zu Rathe ging- Sie
wußte kuicht, weshalb sie nicht mehr zu vertrauen, nicht.
mehr:mit so gutem Glauben um sich her zu blicken
vermochte. Sie erschrak vor sich selbst, wenn sis ge-
wahrte, wie scheu sie geworden war, seit ihres Vaters
Haus und Ansehen sie nicht mehr beschützten. Sie er-
schien sich hier unter den Menschen, neben denen sie
herangewachsen war, wie verlassen, wie fremd und aus-
gestoßen; und während diese Gefühle sis ängstigten
und guälten, kam es ihr wie die einzige Rettung vor,
von hter , fortzugehen, an einen anderen Ort, -aw wel-
chenr siezwar noch fremder, noch verlasfener fein- mußte,
aber an denisie nicht wie hier, immer nur an sich zu den--
kenhakte, immer nur das Gleiche fah und hörte, immer
wteder in fich selbst zurückgewiesen ward.-Gkück, das
gab es für sie nirgends. Was also konnte sie für sich
begehren, als ihr Unglück und woniöglich Alles zu
vergessen, was ihr Herz bedrückte, ihren Sinn ver-
düsterte. Aber - wohin? Und was beginnen und
- wem sich anvertrauen?
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Der Fürst und die Fürstin hatten sich ihr im
Schlosse vorzugsweise geneigt erwiesen. Clarisfe war
überhaupt ihr Jdeal. Iw den wenigen glücklchen Tagen,
welche nach Hulda's Krankheit bis zu der Abreise des
Barons vergangen waren, hatte die,Genesende sich der
Hoffnung hingegeben, die junge Fürstin werde nicht,
wie die Gräfin, sich ihrer Verbindung mit Emanuel
entgegenstellen, sie werde ihr es gönnen, von ihm ge-
liebt zu werden, sie werde ihr helfen, sich auf dem
Plaze zu behaupten, auf den er sie- zü skellen dachte.
Ihr Vertrauen in Elarissen's Hegzensgüte war sehr
groß. Erfahren mußte- die-Fürstin es jetzt durch ihre
Mutter ohne Frage haben, daß der:Pfarrsr hingegan-
gen war, und doch hatte fie Hulda kein Zeichen ihrer
Thsilnahme gegönnt. Freilich, der Fürstin! Leben war
so bewegt und reich. Es gingen- in dem beständigen
Wechsel ihres- Aufenthalteseso viele Menschen rasch an
ihr vorüber, und' sie' war so glücklich. Sis konnte es
ja nicht ermessen, welch ein Segen' dem Einsamen,
der sich verlassen fühlt, ein Wort des Trostes werden
könne. Sie mochte der armen Pfarrerstochter vielleicht
vergessen haben, sie konnte auch, wie so mancher Andere,
irre an ihr geworden sein, wenn Etwas von den ver-
dächtigenden Gerüchten zu ihr' gedrungen war, welche
der gewissenlose Michael im Schlosfe verbreitet hatte;
und von Clarisse zurückgewiesen, von der Schwelle
fortgeschickt zu werden, die sie einst als Angehörige
des Hauses frohen Herzens zu betreten gehofft hatte,
vor dieser bitteren Möglichkeit wgllte sie sich wenigstens
bewahren.


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; Wie, sie nun immer länger auf diesen Vorstel-
lungen verweilte, traten alle die kleinen Kränkungen,
welcheJ sie in den beiden letzten Jahren von ihren
wenigen Bekannten erfahren hatte, in ihrer Erinne-

rung: schärfer und deutlicher hervor, und jene. Ver-
zagtheit,. welche fast noch schlimmer ist als das Unglück
selbst, bemächtigte sich ihrer. - Sie fing an, sich' ihres
Unglückes.zu schämen, »Siesschämte sich endlich sogar
ihrer Liebe aund;der Hoffnungen,- welche:,sie dereinst
auf -ie gehaut hatte Sie konnte es nicht aushalten,
wenn man sie ansgh, weil sie- meinte, man wolle sich
überzeugen, wwie sie sich jn die Zerstörung aller ihrer
Lehensaussichten Ju schicken wisse. Sie mochte;dem
Adjunkten ;nicht mehr begegnen, so dankbar sie,sich ihm
verpflichtet fühlte,- denn sie konnte. ihm nicht lohnen,
wie er es wünschte. Kurz Alles, was sie sah und
hörte -und was sie hier umgab, ward ihr zur Pein,
und,:dasVerlangen, zu vergessen und vergessen zu
wexdenz;und an einen -Drt zu kommen, an'. dem Nie-
mand zvonsihr, wußte, wurde immer überwältigender
in, ihr..? - -
-.- - Darüber schwanden-die Wochen hin- und im Amte
fing es an, recht lustig herzugehen. Da die Herr-
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schaften-wieder, fort waren, hielt der,Amtmann
mit den; Gutsbesizern und den Freunden aus der
Nachbarschaft die großen Jagden ab; nach einer Ernte,
wie man, sie in diesem Jahre hierzulande gehabt hatte,
brauchte!' man ,nicht ängstlich zu berechnen, jondern
konnte etwas daraufgghen lassen. Es gab der Gäste
und der Arbeit viel im Hause, und es war eine Reihe


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von Tägen hingegangen, ehe Hulda an den Amtmann
die Bitte richten konnte, er möge mit ihr einmal nach
dem Pfarrhause hinüberfahren, -wwo sie seit des Vaters
Tode nicht wieder hingekommen war: - -
Der Amtmann, der sie ygch, wie, vgr gern in seiner
Nähe hatte, war an dem Morgen, besonders gut auf-
gelegt, und wie er denn überhaupt mit ihr zu scherzen
liebte, sagte er: , Hält es dieWoche: übex nicht mehr
vor? Wir sind heut' erst äm Donnexstag und Sonn-
tags war ja der Herr Adjunktus Fier, Aber mir ist
es nicht zuwider. Fuhrwerk ist frei und - ich hah' auch
eben Zeit.! Damit stand er auf,-um Jden Kutscher
herbeizuschafen. Hulda' trat ihy,in, den-Weg..
,Onkel,- sagte sie verlegen, ,Sie wissen es wohl,
das habe ich nicht gemeint. Um iden»Adjunktus war -
mir es nicht, aber alle meine Sachen sind noch in der
Pfarre.!
,Und Du willst nach dem-Deinen, sehen! Das
ist recht, mein,Schaz!! fiel; dex Amptnann ihr in das
Wort, ,das wird dem Adjunktus wsohl von Dir ge-
fallen.!
,Ich dachte nicht an das Nachsehen, Dnkel; ich
wollte mir nur von dort herübexholen, was - ich, für
die kalten Tage brauche, und vielleiht ejn, paar Bücher,
und den Nähtisch von der Mutter, penn es sein kann,!
entgegnete sie ihm, um ihn abzulenken, von dem. Scherze,
der nicht nach ihrem Sinne war. Aber hintex diesem
Scherze verbarg sich bei dem treuen Freunde sein
voller, gutgemeinter Ernst, und ihr auf die Schulter
klopfend, sagte er: ,Deine Kleider und- Deinen Mantel

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und die Bücher, Die wollen wir Dir holen, Schaz!
Des Nebrige, das laß Du nur in Gottes Namen ste-
hen. Däs hat dagestanden alle die Jahre lang und
wird mit Gottes Hilfe auch die kommenden Jahre
dorten stehen, wenn ich es auch nicht in Abrede stellen
will, daß ich und Du - denn Du hast ja jetzt Dein
eigen Geld von Mamsell Kenney her = daß ich und
Dü -nicht hie' und da ein neues Stück, eine Wiege
oder so Etwas,' dazwischenstellen werden. Ihr kommnt
von Vaters Seite aus dem Hause her, und es ist gut
ünd schön, daß sich auch wieder Einer zu Dir gefun-
den -hat, dem das alte Haus in das Herz gewachsen
ist, und neben dem Du dort sicher und in Frieden Ftzen
Girst' Dein Lebenlang, wie Dein Vater' und.-Deine
Müttek' dort gewaltet und gelebt haben bis an ihr selig
Ende. -'
Er war, ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen,
nach dem Fenster gegangen, um mit dem Eulenpfiff,
den Jeder' anf dem Gute- kannte, dasZeichen zu geben,
daß der Hofmann kommen sollte,- dem es oblag, -den
Leuten die Befehle des Amtmanns zu übermrnitteln!
Wie er' aber das Fenster öffnen wollte, kam des Ober-
försteis Wagen in den Hof. Mamsell Mlrlke rief nach
Huldä, aus der Fahrt in das Pfarrhaus konnte heute
nun Nichts werden, und dem Mädchen war das lieb
und recht.- Es möchte gar nicht daran denken.' - -
- Wie eine Last, unter der sis sich nicht regen konnte,
wwie eine schwere Angst waren des Amtmanns gut-
gemeinte Worte: , Dort wirst Du sizen Dein Leben-
lang- auf Hulda herniedergefallen. Alle die langen,
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bangen Tage, alle die schweren Stunden, die, sie im
Pfarrhause in den letzten Jahren zu durchleben gehabt
hatte, hingen für ihr Empfinden' über demselben wie
der Deckstein eines Grabgewölbes, dernHich nun auch
über sie herniedersenken sollte. -Die Aussicht, ihr ganzes
Leben lang immer und immer an dem kleinen Fenster
zu sizen, an dem sie gesessen von :frühsr Kindheit an,
immer aur die Kirche. vor Augen zu haben und den
Kirchhof, und immer Nichts zu hören, als das Wogen
und Rollen der Wellen und den: schrillen. Schrei der
Möwe, die über die Ufer nach dem Meere eilt, das
war ihr rentsetzlich.. Es schnürte ihr das HerzIzusam-
men. Es war ihr, als gäbe es hier aicht agehr den
Frühling und nicht den. sommerlichen. Sonnenschein,
an dem sie sich doch sonst erfreut hatterDie unbe-
stimmte Sehnsucht; mitndex. sie schonfin?früher Kind-
heit dem Fluge der wweit hinwandernden. Pögel nach-
gesehen, bemächtigte sich'ührerh mnit neuer und stärkerer
Gewalt. - Es zog sie förmlich:in die Ferne inaus
aus der Enge und der Bewegungslosigkeit, die sie hier
in Fesseln schlagen sollten. Und das sollte das Glück
sein, das größte Glück, auf welches zu rechnen:für sie
möglich war? Nimmmnermehr! -Die Lebenslust und-
LebenEfülle in ihrem Innern empörten sich dagegen.
Es stiegen ein Zorn, ein Trot gegen ihr Schicksal in
ihr auf, wie sie sie urhe zuvor gefühlt. hatte.
,Soll ich dazu jung- unnd schönn jein,! dachte sie,
und ihre Wangen erglühten vor cham, wie sie sich
Das eingestand, , dazu jung und schön sein,. um hier
in grauer, träger, freud- und hoffnungsloser Einsamkeit

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ein Dasein zu vertrauern? Und soll ich Liebe heu-
cheln, einen braven Mannn betrügen, einen Meineid
schwören,' um mir dies traurige Geschick erst zu erkau-
fen?== Nimmermehr!?
, Sie: wendete, ohne zu überlegen, was sie that,
ihe Antliz nach dem Spiegel hin, es strahlte ihr in
dem hellen Scheine der Nachmittagssonne leuchtend
aus demselhen wider. Ihre blonden Flechten -schim-
nerten wie-Gold. ,Ein Käthchen, wie es im Buche
steht!? Hätte der TheaterDirektor gesagt, als er sie bei
Gabriele gngetroffen hatte.
- - Sie wußte nicht, wie: grade diese Worte ihr
eben jetzt, mitten in ihrer Traurigkeit in den Sinn
kamen, aber sie klangen so deutlich in ihr wieder, als
hätte ein Anderer sie in ihrer Nähe ausgesprochen, und
Alles, was an jenem Morgen geschehen war, an wel-
chem sie dieselben von des Direktors Mund vernom-
men, wurde mit einmal in ihr lebendig.
- - Sie sah Gabriele wieder vor sich auf der Bühne,
inz alll ihrer Erhabenheit; getragen von der Bewunde-
-rung jenes Püblikums,' das mit athemloser Freude zu
ihr emporblickte; sie war wieder bei ihr in dem trau-
-lichen -Gemach, in welchem an dem kalten Winter-
-morgen die. schönsten Blumen sie umgaben. Sie sah -
Briefe ankommen von hier und dort, sah wieder den
Direktor mit einschmeichelnder Huldigung als Bittenden
vor der selbstgewissen, heiteren Künstlerin erscheinen.
Die prächtigen Kostüme, welche die Kammerfrau durch
das Zimmer trug, die werthvollen Schmucksachen, die
zierlichen Kleinigkeiten, die auf den Tischen umher-
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gelegen hatten: sie erinnerte sich jedes einzelnen Stückes.
Auch der Verhandlungen, welche zwwischen dem Direk-
tor und der Künstlerin gepflogen worden waren, ent-
sann sie sich genau. Gleich damals- hatten ihr die
Hindeutung auf die Reisen, auf den'Drtswechsel, die
Gabrielen bevorstanden, das Herz vor Sehnsucht nach
gleichem Glücke schlagen machen; und wie siefnun wie-
der daran dachte, klang ihr des Amtmanns wohl-
gemeintes: ,Dort wirst Du sizen -Dein Lebenlang,!
immer in dem Pfarrhause, immer an derselben
Stelle, wie der härteste Bann, der über eines
Menschen Dasein ausgesprochen- werden konnte, wie
der böse Fluch einer feindlichen Fee, der das Leben-
dige in Stein verwandelt und -zur Unbeweglichkeit
verdammt.
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--;?
Wer aber zwang sie denn, sich solchem Fluche
ohne Widerstand zu unterwerfen? - Sie hatte'ihrem
Vater gehorsamt, so. schwer ihr es angekömmen war.
Ihre Jugend, ihre Liebe, ihre Aussichten auf das er-
sehnteste und neidenswertheste Glück hatte sie ihm still
geopfert. Jahre des Schmerzes und der hoffnungslosen
Trauer hatte sie durchlebt, von denen nursie es wußte,
wie schwer die einzelnen Stunden auf ihr gelastet und
wie langsam sie ihr hingegangen waren:- Jezt hatte
sie nicht Vater und nicht Mutter, jetzt. hatte' sie nicht
die geringste Hofnung- mehr, dem geliebten: Manne
zu gehören. Sie war ganz allein, es lebtsNiemand,
gegen den sie Pflichten, der an sie Rechte hatte. Wes-
halb sollte sie sich freiwillig in ein Schicksäl -fügen,
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vor dem ihr graute wie vor einem langen, leidens-
vollen, Sterben? Nimmermehr! -

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- Gabriele war das einzige Menschenwesen, vor
dem sie von sich und ihrer Liebe frei gesprochen, wweil -
ihr warmes, verständnißvolles Auge ihr das Herz er-
schlosßep, weil ihre Güte ihr dazu den Muth gemacht -
hatte: - Sie hatte kein Wort vergessen von Allem, was I
die-Künstlerin ihr damals ernst und wenig cröstend -
zuzhedenken gegeben hätte. Es war Alles gekommen,
wie dielWelterfahrene es vorausgesehen. Hulda hatte
jetzt selber. ihren Weg zu suchen, und wie zu einer
jener, Hernen Leuchten, zu denen der verirrte müde ;
Wanderer seine Blicke wendet, richteten Hulda's Ge-
danken ch auf die berühmte Frau.
Gabriele hatte ihr es ausdrücklich erlaubt, Eich an-
sie zu wenden, wenn sie jemals auf ihrem Lebenswege
sich ihres Rathes, ihres Beistandes bedürftig fühlen
sollte. Se länger, je fester fie sich die Vorgänge jenes-
Morgens :zu aergegenwärtigen strebte, amm so unwrider-
stehlicher jezte. sich. in ihr die. Neberzeugnng fest, gn '
welchen ebensweg die Künstlerin für jie gedacht, zu ,
welchem Zwecke sie ihr ihren. Beistand angeboten-
hatte.
Auf das Theater gehen! Schauspielerin wwerden! -
==- Es fuhr blendend und erschreckend wie ein jähes
Licht durch den Sinn der Pfarrerstochter, und doch - -
wwar ihr die Vorstellung nicht neu. Tag und Macht -
-atte dieselbe sie beschäftigt, als sie Gabriele geßehen, -
und volends, nachdem sie mit ihr den Romeo. ge-
lesen, und den unvergeßlichen Morgen in ihrem Zim- -

L2B
mer zugebracht hatte. Ohne daß sie es gewgllt, hatte
sie sich danach in den lgngen, ejnsamen Tagen im
Pfarrhause es ausgemglt, wie es ihr jein zvürde, wenn
sie dastünde vor den Augen eines ähr huldigenden
Publikums. Mit heimlichem Wohlbehagen hatie sie
sich der kleinen Erfolge erinnert, welche sie Sei den
gelegentlichen Darstellungen- im, Schlosse. errungen,
und oft genug waren ihr die Worte des Direktors ein-
gefallen: ,Auf das Theater führen alle Wege, wwie
nach Rom!
Damals hatte der Direktor ihr mißfallen. Sein
ganzes Behaben, die Dreistigkeit, mnt welcher er ihr
entgegentrat, hatten sie perletzt; indeß, - das. war im
Grunde ihre Schuld gewesen und yicht die jeine. Was
hatte er ihr denn gethan? Ihre Aehnlichkeit mit Ga-
briele war ihm aufgefallen. Weil er sie bei Gabrielen
fand, hatte er jie für eine junge Schauspielerjn ge-
halten und sie darauf angesehen, welche Bedeutung
und welchen Werth sie für die Bühne haben mochte.
Er hatte ihr Aeußeres, auf das so viel ankam, erg-
minirt, wie ihr Vater das geistige Vexmögen der
Kinder geprüft hatte, welche ihm zum Unterrichte im
Christenthume zugeführt worden waren; und ihres
Aeußeren, ihrer Mittel hatte sie sich nicht zu schämen.
Sie trat unwillkürlich wieder vor den Spiegel hin,
hob das Haupt stolz empor, und das Antliz, das sie vor
sich hatte, strahlte von einer siegreichen Selbstgewißheit.
Ihre Gedanken gingen mit raschem Fluge vor-
wärts, erhoben sich zu weitgesteckten, xuhmgekrönten
Zielen, aber mit der Gewissenhaftigkeit, zu der sie er-
1B
fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

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zogen worden war, zwwang sie sich, in ihren verlocken-
den Träunien innezuhalten und, rückwärts blickend,
sich es vorzustellen, was jenen Aussichten und Plänen
entgegenstand, in denen sie sich mit freudiger Auf-
regung- zu wiegen angefangen hatte.
- Sie wußte es, wie die Frauen, denen es be-
schieden ist, in guten, wohlumfriedeten Familiewwer-
hältnissen ein ruhiges Dasein hehaglich hinzubringen,
geneigt sind, über die- dem allgemeinen Urtheile preis-
gegebene Bühnenkünstlerin mit hochmüthiger und kurz-
sichtiger Ungerechtigkeit zu urtheilen. Sie hatte gerade
in Bezug guf Gabriele' Härten aussprechen hören, die
ihr empörend gewesen waren und gegen welche ihr
Vater Gabriele und die Künstlerinnen im Allgemeinen
in Schutz genommen hatte.- Er war überhaupt keiner
von jenen engherzigen Eiferern gewesen, welche das
Theater verurtheilten; er hatte es vielmehr geliebt,
-und hatte es als berechtigt anerkannt, daß Frauen fich
der Bühne widmen, um jene Meisterwerke darstellen --'
zü helfei, an deren Aufführung er sich nöch erfreüte;-
als sein Augenlicht erlosch und nuur seines Geistes Auge
noch klar und hell geblieben war.
Sie hatte an den beiden Abenden, an denen sie
Gabrielen spielen gesehen, lebhaft daran gedacht, mit
wwelch priesterlicher Freude es die herrliche Frau erfüllen-
müsse, Tausenden von Menschen die Verkörperung und
die Vermittlerin der großen Dichterwerke zu sein. Sie
hatte sich oftmals im Geiße die ersten Worte des.
Dialoges wiederholt, mit denen Gabriele in der Auf-
führung des ,Tasso' auf die Bühne getreten war.
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Jetzt zum erstenmale sprach sie. dieselben mit lauter,
voller Stimme vor dem Spiegel', für: sich selber aus,
und wie der Klang ihr Ohr berührte, ergrif er sie
mit einer fortreißenden Gewalt und erschütterte. er. ihr
das eigene Herz.
,Ja! so dazustehen, auf der hohen Bühne, die
Blicke eines zustimmnenden; bewundernden Publikuns
an sich zu fesseln, es zu empfinden, wie in. Hunderten
von Herzen das Schöne, das Erhabene, das die eigene
Brust mit bebender Begeisterung erfüllte, wiederklang,
das muußte ein Glück sein, über das man..llles ver-
gessen konnte- Mlles-- auch verschmähte Liebe und
gebrochene Treue.-- Und wenn; er dann Jdasäße unter
den Hunderten, die ihr huldigten. und Beifall katschten,
wenn er sich dann sagen müßte:: ,Uid Du hast. sie
verschmäht und hast . sie: aufgegeben und pergessen,
weil sie ihre Pflicht gegen ihren armen'alten. Vater
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höher geachtet als ihr -eigenes, Ach, -o heiß ersehntes
Glück. -=- --
-- -.
Sie konnte nicht weiter, sie schlug die Hände vor
das Gesicht, es wollte ihr das Herz brechen und sie
mußte bitterlich weinen. Ahr Liebesleid, das ließ sich
nicht vergessen!
Draußen fing es inzwischen allgemach still zu
werden an. Der taktmäßige Schlag der Dreschflegel
verstummte, und die Drescher gingen, mit den schweren
Holzschuhen auf dem Pflaster -des Hofes klappernd,
noch an Hulda's Fenstern-vorüber nach dem Dorfe.
Drüben machten der Hofmann und der Schäfer die
Thüren der Scheunen und der Ställe zu, die Eggen

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wurden zusammengestellt, die Wagen neben einander
.in gerader -Linie aufrangirt. Am Brunnen scheuetten ? -
aind spülten die Mägde die Gefäße, deren man in den
Milchkammern bedurfte. Der Hofmann ging an ihnen
vorüber, machte einen Scherz mit der Jüngsten und
Derbsten unter ihnen, dann trat er in das Amt, die
Schlässeli in der Schreibstube aufzuhängen. Dbenüber
Hulda'sZimmer stimmte der Wirthschafter seine Flöte,
Aum wieder eine der Melodien zu versuchen, die klar
und rein- herauszubringen ihm nun einmal auicht ge-
Lingen wwollte. Das war einen Tag so wie den an-
deren! Und ein Menschenleben konnte doch lange Jahre
wvähren und der Tage waren so viel- in einem Jahre!
- - Sie lehnte hinträumend am Fenster: Drüben in
-dem Schlosse schimmerte aicht mehr der Kerzenschein -
wie in jenen glücklichen Tagen, die nicht wiederkehren-
Lonnnten. Aber durch die keinen Scheiben ihres Fen-
sters leuchtete das erste Mondesviertel von dem hellen-
Himmel freundlich in ihr Stübchen, und ihm zur
Seite schwammmu der schöne Abendstern sanften Glanzes
durch das leichte schimmernde Gewölk. Sie konnte
ähre.Augen nicht abwenden von denmilden, tröstlichen -
- Gestirnen.
-
,Die sind treu, die werden mit mir gehen!! ?
ragte sie zu sich selbst; und wie über ihrem Haupte ;
-das schwebende Gewölk, so zogen in kaum merklichem--'
Entstehen und Vergehen ihr traumhaft die Gedanken Z
durch den Sinn, bis der schrille Ton von Mamsell -
-Alrlkens Wirthschaftsglocke sie aufschreckte und an ihre ,
Arbeit rief.
zgppggegwwwwwww

Kapitel 18

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Achizehates sabts?
- -==- ? - !
Der Oberförster, hatte sich? bereden. lassen, die
Nächt in- Amte zuzubringen, weil hnigerade Richts
nach Hause rief.. r- war ein;Mann noch in den
besten Jahren, nicht peit in die Fünfziger hinein, war
kinderlos und hatte, vor' einigen Monaten; seine Frau
verloren, so daß-er froh war wenn er ;ausdem leeren
Hause fort war, in wwelchem,die . Fran- ihm- an allen
Ecken und Enden fehlte. Er liebte eine gute Schüssel,
ein gutes Glas, ein freundliches Gesicht; und wwemn er
diese drei Dinge vor sich hatte, ging ihm, leicht das
Herz auf.
Der Amtmann und die Mamsell sahen ihn Beide
gern kommen. Er war überhaupt angesehen in der
Provinz, und da -er häufig unterwegs und bald Rin
diesem, bald. in jenem Hause. war, wwußte -er immer
Neues zu erzählen, und zwar von Dingen, von denen
in der Zeitung und in dem Amtsblatte Nichts zu
finden war. Er und- der -Amtmann waren- gute
Freunde von Alters, her, er stand- auch mit Mamnsell
Ulrike auf dem besten Fuße. Er nannte sie ein kluges,


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scharfsichtiges Frauenzimmer, und ihre Schrullen und
Launen gingen ihn Nichts an, sie hielt sich auch vor
ihm in Schranken.

Da er seit dem Tode seiner Frau öfter in das
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Amt gekommen war, wußte Hulda, was für ihn zu
beschaffen war, und machte sich daran, es zu besorgen.
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Aber war es, daß die Mamsell, heute eine andere Ein-
richtung im Simne'' Jatte ober hatte Hulda ihre Ge-
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danken nicht genug beisammen, kurz, sie machte es
Jener wieder einmal in keinem Punkte recht. Ulrike
warf ihr vor, daß sie keine Art voi Hilfe von ihr
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habe, daß sie Alles selbst bedenken, selber leisten: müsse,
und wenn sie erst einmal in das Schelten kam, war
fie in ihrem Eifer nicht gewohnt, ihre Worte auf die
Goldwage zu legen. Ihr Mißmuth und ihr Zorn
mischten sich dann wie Hagel und' Regen und fielen
peinlich erkältend auf Jeden nieder, der in ihre-

Nähökämr:' -?
- Schon während des Abendessens hatte sie Hulda
.bald dffen, bäld- bersteckt getadelt, und: Huldas hätte
schweigend zu verbessern' gesucht, was der Erzürnten ?
nicht genehm gewesen war; als aber der Inspektör und
die Wirthschafter sich -entfernt hatten und die beiden
Männer sich auf dem Sopha zu einander setzten, um
die Früchte und das Backwerk zu verzehren, die den
Nachtisch bildeten, und bei einer Bowle ihre Pfeife
vor dem Schlafengehen zu rauchen, kam das Unwetter
von Ulrikens übler Laune ganz zu seinem Ausbruche.
Sie fänd die Goldreinetten nicht blank genug geputt
das, Wasser kochte nicht genug, die Eitronenpresse war

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- nicht sauber, der Tabakskasten und die Fidibus den
Herrn Oberförster nicht zur Hand gestellt. Sie kamr
gus dem Verweisen, aus dem verächtlichen Achsel-
zucken, aus dem verzweifelnden Kopfschütteln gar nicht
mehr heraus. Es machte den Amtmann endlich - un-
geduldig.
,So gib Dich doch zufrieden und laß sie doch
in Frieden!' sagte er endlich und hieß Hulda sich nit
ihrer Arbeit an dem Tische niedersetzen. Auch der
Oberförster meinte, es sei ja Alles gut und recht,
, ,undr, fügte er hinzu, , wenn Alles zu Alleni kommt,
- ist doch ein fröhliches Gesicht noch bessex- anzusehen,
als der allerschönste Apfel.- Er erhob sich bei den
- Worten, rückte für Hulda: einen Stuhl -heran, und
zwwar an seiner Seite, und machte:ihr auf emTische
Play, damit sie ihr Nähkörbchen, unteihringen könnnte.
So aber hatte Ulrike es nicht: gemeint? - -
?
,Bestärken Sie sie nur in diesem Glauben, Herr
Oberförster!r rief sie höhnisch, ,nachher hat Unsereiner
- es im Hause auszubaden. Unordnung läßt sich nicht
weglächeln, und freundliche Mienen und vornehme
Manieren helfen in der Wirthschaft nicht. Da muß
- man auf den Kern sehen. - Ich muß doch wohlam
, Besten wissen, was ich än ihr habe.!
,ber Schwester! Schwester!? zürnte der Ant-
mann, dem es verdrießlich war, daß sie sich in des
Gastes Beisein in ihrer üblen Weise gehen ließ. Hulda
erhob sich, um das Zimmer zu verlassen.-Der Ober-
förster hielt sie bei der Hand- zurück:
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Er wußte von dem Amtmann, wie es Hulda mit
dem Bäron ergangen war, er kamnte auch das un-
nütze Gerede, mit welchem man die Arme in der Um-
gegend verfolgte, und weil' er sah, daß Hulda bei
Mamsell Ulrike keine guten Tage hatte, war es ihm
ein Bedürfniß ihr freundlich zu begegnen. Die gute
Art, mit welcher sie ihre Obliegenheiten erfüllte, die
Freundlichkeit, mit der sie dem imr Amte geehrten
Gaste stets entgegen kam, hatten ihm immer ein be-
sonderes Vergnügen gemacht. Er fand dazu, wie die
mreiften älteren Männer, große Freude an der Iugend.
und er hatte es Ulriken nie verborgen, daß er, ebenso
wie. ihr Bruder, viel von Hulda halte und die beste-
Meinung von dem Mädchen habe.
Als nun an den Abende die Mamusell des Ta-
delns und des Scheltens gar kein Ende finden konnte,
als selbst des Amrtmanns Mahnung sie nicht zu be-
schwnichtigen vermochte, meinte der Dberförster sie mit -
einemr Scherze zur Vernunft bringen zu können. -
- ,Temnte: Ulrikek Tante Ulrikelr warnte er, ,sehen
- Sie stch vor? Heute dürfen Sie Mamsell Hulda
nicht so schelten, denn heute hat sie doppelten Suc-

ewrä!?

,Freilich!! entgegnete Ulrike spiy, ,darauf ver-
lüßt sie sich ja auch!?

- , Und daran thut sie wohl!' rief der Oberförster
immer noch im wohlgemuuthen Scherze. Wenn es ?
die Tante Ihnen einmal gar zu arg macht, Mamsell -
Hulda! so gehen Sie ihr davon und kommen Sie zu

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28.
mir. Solch einen guten Hausgeist könnte ich just ge-
brauchen, und mir macht man es sehr leicht zu Dark!??
Das freundliche Wort des wackeren. Mammtes war
den Mädchen nach Ulrikens beleidigender;Härte eine
Wohlthat, und die schönen schwermüthigen Augen auf
ihn richtend, sagte Hulda: ,Man thut jr auch so herz-
lich gerne, was man kann!?
Der Amtmann, der vor seinem Freunde weder
die Schwester bloßgeben, noch Hukda Unrecht thun
lasfen wollte, meinte: , Du solltest sie auch wahl ver-
missen, Schwester!?. -
,Ich? fragte, die Mamsels, in einemr Tone und
mit einer Miene, die bitterer und spöttischer nicht sein
kornten.
, . e !
Des Oberförters- gutes Herz? emwörte fich gegen
diese Härte. Er konnte es: nichtnpit:anßehen, daß man
das Mädchen ohne Anlaßschlecht behandelte, und' einem
Einfalle, der ihm durchnden Kopf fchoß, rasch,- ohne
viel Bedenken Worte gebend, sagtel er: ,Ich habe es
im vollen Ernfte gemeint, Mamrsell Hulda!,Hier zu
bleiben, das halten Sie auf die Länge ja yicht gus,
und bei mir zu Hause brauche ich Jemanden. Kommen
Sie zu mir!?
Ulrike traute ihren Ohren nicht. - Daß man sich
unterfangen wollte, ihrer Herrschsucht und ihrem Ein-
fluß auf des Mädchens Schicksak o hmit ;einemmale
ein Ziel zu: stecken, das schien ihr-eine nicht. zu,er-
tragende Vermessenheit zu fein, und von ihrer. zor-
nigen Heftigkeit über jede Schicklichkeit und- jede Rück-
sicht fortgerissen, rief sie: -,Ja freilich, eine junge



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glatte'Haushälterin, das ist so recht der Herren Ge-
schmack!? - -
, Der Amtmann fuhr hastig empor, aber der Ober-
förster trat gelassen zwischen ihn und seine Schwester,
und. obschon er bisher: im. entferntestenn nicht daran gs-
dachtshätter' nahm: er Hulda's Hand in die seine und ?
sagte: ,Es steht in der Bibel geschrieben: jie ge-
dachten ess böse mit mir zu machen, und siehe dä, sie -
haben es -gut gemächt! So geht -es Ihnen auch,
Mamsell-clrlke! -. Es könnte ja noch Eineu oder der!
Andere auf Gedanken wie die Ihren !kommen, und ich
nieine es ha gut mit Ihnen,' liebe Hulda!' ==- Er zog
an.dem Kragen- seines grünen Uniformrockes und
knöpfte den Haken auf. Das, was er zu sagen hatte,
wollte ihin nicht gleich so kommen, wie er es wünschte.
Er war ja kein junger Mann mehr, und sie konirte
seine: Tochter sein; aber heraus mußte' es mun doch.
DasMädchen, wie es so dastand, that ihm leid- ünd
war -ihm hehzlich lieb.; Endlich gab er sich den nöthigen
Stoß:i z, Allein Ibleiben -ann ich nicht und will' ich
nicht,i sagte-ier, z,das hab'-ich niir von Anfang.an ge-
sagtr Ich brauche eine Frau für das Haus und auch für
mich. Wollten Sie meine Frau werden, fo söllte mir es
lieb sein, und äuf mein Wort, zu bereuen sollten Sie es .-
nicht' haben.'e !-
nt. Er fuhrisich mnit der Hand über 'däs ganze Ge-'
sicht,ium esinicht merken zu lassen, daß ihm die Aügen
feucht geworden waren; und weil' Keiner der Anwwesen-
den;'jaer selbernicht; eine solcheErklärung vorausgesehen
hgtte, wußten sie: im ersten Augenblicke sich sammrt und.
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sonders nicht zu fassen. Der Amtniann schlug,' ohne
zu sprechen, dem Freunde mit derbem Schlage auf die
Schulter, als habe er an seinem männlich entschlossenen
Vorgehen Freude. Ulrike war blaß- geworden und
preßte die ohnehin schmalen Lippen noch festet auf-
einander, und Hulda, die im erschreckten Staunen die
Hände wie die Jungfrau auf een Bildern der Ver-
kündigung über die Brust gefaltet hatte, sagte mit ge-
rührter Stimme leise Nichts weiter als: ,Lieber Herr
Oberförster!'
Indeß die drei Worte brachten doch wieder Leben
in sie Alle, und der Oberförster; den das schöne
Mädchen nie so schön wie eben jezt erschienen war,
und dem sein Wohlgefallen an demselben das. Herz
rascher und wärmer schlagen machte, als er es. seit
lange gewohnt war, rief, Hulda nachsprechend: ,,Eieber
Herr Oberförster! Lieber Herr Oberförstee! Was will
das sagen, Kind? Heißt das ja? Heißt das nein?
Sag' es rund heraus!'!
Hulda sah ihn an, wollte sprechen, schwieg aber
dennoch und reichte ihm - die Hand. Ihre Lippen
bebten, man sah, sie rang einen schweren Kampf init
sich. Ulrikens Blicke hingen -lauernd' an jeder ihrer
Mieen. Die bloße Vorstellung, daß sie Hulda, des
Pfarrers Tochter, Simonenen's Tochter,, als Frau des
Oberförsters vor sich' sehen, däß sie diesenr Mädchen,

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wo immer sie es künftig treffen würde, in der Kirche
oder bei Taufen und auf dew Gütern in der Nach-
barschaft, den Vortritt lassen solle, -brachte sie ggnz
außer sich.

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. ,Also ja?' rief der Oberförster, und schlang seine s
beideu kräftigen Hände um des Mädchens Rechte. z
Aber Hulda schüttelte leise das Haupt, und die Augen -
zu dem stattlichen Mane erhebend, sagte sie mik z
einer Stimme, deren Ton fester wurde, während sie:
sprach, und. deren Wahrhaftigkeit etwas Neberwältigen-
des hate: ,Ich fühle es ja, wie gut Sie sind; his
in das Herz geht es mir, wie gut Sie es mit mir.
meinen, und ich werde es Ihnen nie. vergessen, aber
ich kann nicht, ich kann es nicht, Herr Dberförsterl???
,Natürlich nlcht!'' stieß Ulrike mit schlecht ver-
hehlter Genugthuung hervor. , Es ist ja kein.
Baronk!!
Der Oberförster hatte ihre Hand losgelassen.
,,Das thut mir leid für Sie und mich!'n sagte er
fest, aber man hörte es ihm an, daß er die rasch ent-
standene Hafnung ungern schwinden sah und daß es
ihm, dem älteren und angesehenen Manne, sehr em- j
pfindlich war, sich in seines Freundes und Ulrikens,
Beifein-älso abgewiesen und verschmäht zu sehen,
nn -- Der Amtmann fühlte ihni -das nach. - Er wollte. ,
begütigen, und da ihnn das Anerbieten des Freundes! -
in- jedem Betrachte der Erwägung wwerth, ja, so weit;
es äußere Vortheile betraf, der Heirath mit dem künf-:
tigen Pastor noch vorziehbar erschien, denn der Ober-
förster. hatte von Haufe aus ein: namhaftes Ver-
mögen, sagte er: ,Du hast. sie überrascht, mein alter.
Freund! Sie konnte sich jg dessen nicht versehen. So
Etwas will doch überlegt sein, gönne ihr nur Zet!?

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Aa?
Der Oberförster schüttelte abwehrend das Haupt.
,Nein!'' entgegnete er, laß es so gut sein. So Etwas
müß man ohne viel Besinnen thun.? Hätte Fie zu
mir den Zug und das Vertrguengehabt,' wie- ich zu
ihr, so wäre es gegangen; dhne das geht es micht,
denn ich bin alt und sie ist. jung.- Sie muuß das
felber fühlen, und''=- Ulrikens hoshaftes Wort hatte
ihn getroffen und seine schlinune Wirkung nicht per-
fehlt - ,,vielleicht findet sich auch noch ein Besserer
für sie.! - Er wendete sich mit-diesen Worten ab,
sah nach der alten Steh-Ühr inn der Ecke und meinte,
es sei spät, und Zeit zuBettezu gehen, denn: amnorzen
müsse er in aller Früheifort. -
Es war das freilich gegen die Abrede, indeß wie
es nun gekommen war, konnte ma ihn' zunBleiben
nicht wohl überreden. Der Amtmann auahm den
Leuchter, seinen Gastselbstnach Feinem Zimwmer zu: ge-
leiten, Ulrike. müzte auEf' ihve Weise das Alleinsein mit
dem Mädchen. Sie warf es Hulda vor, die ältesten
Freunde des Hauses dürch ihre Gefallsucht dem Hause
zu entfremden; sie that und jprach, als wären der An-
trag und die beabsichtigte Heirath durchaus nach ihrem
Sinne gewesen. Sie fragte, worauf Hulda denn
warte oder was sie von sich denke, und prägte es ihr
mit schneidendem Spotte ein, wie sie nun wieder sich
einen neuen Feind geschafen habe, wie der Ober-
förster ihr das ganz gewiß gedenken werde. Jetzt
dürfe sie nun vollends nicht mehr darauf rechnen, hier
in dieser Gegend Aufnahme in einer auch nur halb-
wegs angesehenen Fämilie zu finden, und daß der

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Amtmann Fie jetzt nicht hier behalten könnte, wenn er-
es selbst.wollte, das sei doch sonnenklar.
- Hulda vertheidigte sich mit keinem Worte. Sie I
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ging -auf ihr Zimmer und schrieb die halbe Nacht.
Dann steckte sie den Brief in die Ledertasche des ?
Knechtes, die in der Schreibstube. hing und die der-
selbe am Morgen mitzunehmen- hatte, wenn. er bei
Tagesanbruch zum Wochenmarkte in den nächsten -
Flecken, fuhr.
- Wie sie sich dann niederlegen wollte, waren die
Sterne und der Mond, die ihr am Abende so tröst-
lich gewesen waren, lange schon am, Horizont nieder-
gesunken, aber es waren dafür andere ihr ebenso per-
traute Sternbilder emporgekommen, und sie sagte sich:
,,Die gehen seit aller Ewigkeit die ihnen von Gottbe-
stimmte, immer gleiche Bahn, der Allweise wird auch ;
mir die meine vorgezeichnet haben. Wenn die Ant-
wort auf. mein Schreiben ausfällt, wie ich es erwarte,-

so soll mir das ein. Zeichen sein, -daß ich aüf dem h
rechten Pege bin, und ich willl ihn dann, mein Ziel
iniAuge, in Gottes Namnen freudigen Herzens gehen!!! j
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Kapitel 19

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Neunzehntes Gapites
spöoowewoooeAeeoaeoeoe ?
Der Aufenthalt in der Villa ihres Bruders sagte
der Gräfin mehr als früher zu. Seit dem Tode ihres
Gatten hatte ihr Lebenskreis sich doch iniehr verengt,
sie kam allmälig auch in die Jahre, in denen das un-
ruhige Gesellschaftstreiben der großen Welt ihren Reiz
für fie zu verlieren begann, besonders ?weil', sie dort
nichts Wesentliches mehr'zu juchen -oder zu Fördern
hatte, denn ihr -Ehrgeiz -wwgr immer mehr duf ihre
Familien-Angelegenheiten als aufeine große! persön-
liche Bedeutung gerichtet gewesen. Jezt war Clarisse
glänzend versorgt, ihres Sohnes Laufbahn auf dem
besten Wege, und seine bevorstehende Heirath ihren
Wünschen in jeder Beziehung entsprechend. Ihre eigenen
Vermögens -Angelegenheiten befanden -sich in bester
Ordnuung, sie hielt es sich also mit Wohlgefallen vor,
daß sie jetzt keine zwingenden. Verpflichtungen mehr
habe und mit Behagen feiern dürfe. Indeß ihre nicht
zur Beschaulichkeit geneigte: Natur-- ward durch Nichts
schneller und leichter ermüdet als eben dürch die Ruhe;
sie mußte, wenn sie dieselbe ertragen sollte, mindestens

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zinen Plan haben, dessen Durchführung ihr nicht
zweifellos erschien, der ihr das Gefühl des Beschäftigt-
seins, und sie damit in der Aussicht auf einen bevor-
stehenden Erfolg erhielt. Das Alles aber bot ihr dies-
mal das Beisammensein mit ihrem Bruder und mit-
Konradinen.
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mit einander zu verbinden, hielt sie in einer ihr an-
genehmen Spannung. Er erheiterte sie oder gab ihr
sorgend- zu denken, j nachdem die Aussicht, ihn' erfüllt
zu Hehen ihr nähstzurücken oder -fernerzutreten. schien.
- - Im Hinblicke auf diesen Sweck waren ihr die
Mdittheilungen, welche ihr der Amtmann üiber Hulda's -
Alussichten gemacht hatte, sehr anaenehm- gewesen, und ;
sieJhatbe, darsie nach einem Vebereinkommen mnit ührem -
Sohne, die Verwaltung jener -reußischen Familien-
güter :auch ferner in derHand behielt, die Ernennung
desAhjunkten zu dem Pfarramnte unter den von ähm
gewüüschten: Bedingungen sofort vollziehen wollen. -
Alber ihre Erfahrungen hatten sie. zurückhaltend ge-
macht. - -
.. - ?
.zSie kannte die Menschen ebensogut als Kon-
radine;:sie wußte, wie man sie behandeln anüsfe, sich-
ihres:Dankes' zu versichern, und war es deshalb richt-
gewohnt,, durch zu rasches Handeln- und eiliges Ge-
währen ihre Bunstbezeigungen in den Augen Der-
jenigen herabzusetzen, denen sie zugute kommmuen sollten,, -
- - Der Adjunktus war in jedem Falle verpflichtet, sein-
Amt bis zu dem Ende des laufenden Halbjahres fortzu- -
- -



F

L41
führen, und seine feste Berufung und Ernennung zu
demselben gewannen bei seinen Heirathsplanen für ihn
offenbar an Werth, wenn er sie einige Zeit Kng für
zweifelhaft gehalten und zu erwarten, gehabt hatte.
Inzwischen wußte die Gräfin des Pfarrers Tochter,
deren sich anzunehmen sie für ihre Pflicht erkgnnte,
in des Amtmannes Hause wohl geborgen; dem Ad-
junktus ging in der Pfarre auch Nichts ab, und ihre
Guts»Insassen waren nach des verstorbenen Pfarrers
wie nach des Amtmannes Anficht durch den Adjunktus
wohl versorgt. Sie hatte deshalb, als sie ihrem Sohne,
den seine bevorstehende Heirath in diesem Augenblicke
ganz gefangen nahm, einmal von der Angelegenheit
des Pfarr-Adjunktus geschrieben, scherzend hinzygefügt,
sie polle den jungen Leuten das zsüße Hangen und
Bangen in schwebender Pein, icht gllzu sehr per-
kürzen, da ja für solche Leute thatsächlih muit dem Ein-
tritte in die Ehe die Lebensmühe- beginne und die
Poesie in der Regel ihr Ende finde.
Der junge Graf hatte die Angelegenheit in seinem
Antwortschreiben gar nicht der Erwähnung werth ge-
achtet. Er war seit seiner Kindheit nicht in Preußen
und auf dem Schlosse gewesen, des verstorbenen
Ffarrers erinnerte er sich dunkel, pon, dessen Tochter
hatte er nur gehört, daß sein Oheim nahe daran ge-
wesen sei, eine Mißheirath mit ihr einzugehen, jedoch
noch rechtzeitig dapon zurückgekommen sei. Ihn küm
merte also das Schicksal. dieses Mädchens ganz und
gar nicht. Für die Besetzung des Amtes nach bestem
1s
Fanny Lewald, Die Erlöferin. Ü.

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Ermessen zu entscheiden, war die Sache der Gräfin,
und diese hatte keine Veranlassung, weder gegen Konra-
dinen noch gegen den Baron, der Vorgänge auf -den -
Gütern besonders zu gedenken. Kam' man einnial zu-
fäällig auf den letzten Aufenthalt zu sprechen, den man

im Schlosse gemacht. hatte, so ging man wie auf' Ver-
abredung schnell darüber hinweg. Es hatte Jedes von
den Dreien genug gelebt, um sich zu sagen,' daß man
nicht vorwärts schreiten könne, ohne immer und iminer
wieder einen Theil der Erinnerungen von sich abwerfen
zu müssen, die uns iniederbeugen-- und zurückhalten
wwürden, wenn wir uns ihnen widerstandslos über-
ließen; und vollends die Gräfin hielt es aufrecht, daß
ves -ganz unmöglich sei, allen den Menschen gerecht zu


werden, mit denen der Lebensweg den Einzelnen in
Berührung bringe. Wie sie sich das Recht zuerkenne,,
Den und Ienen aufzngeben und zu vergessen, der
seine Bedeutung für sie verloren habe, so fechte es sie
ebenfalls keineswegs an, wenn ihr Gleiches wider- -
fahre. Ja sie behauptete, es immer als ein Zeichen
von Engherzigkeit und von Mangel an Entwicklungs-
fähigkeit betrachtet zu haben, wenn Menschen an'einer
-sogenannten unglücklichen Liebe oder an den ersten Ein-
drücken und Verbindungen ihrer Jugend haften ge-
blieben wären. Sich eines unveränderten Wesens,
eines Gleichbleibens zu berühmen, heiße Nichts mehr
und Nichts weniger, als sich für eine gering angelegte
Natur -erklären. Jedes Wachsen eines Organismus
RRrna.
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fähig, und dieselbe sei ein Bedingniß seines Fort-
bestehens.
, Sie sprechen damit,.' sagte Konradine, ,,die
Neberzeugung meiner Mutter aus, nur daß diese die
Sache in ihrer Weise ausdrückte, wenn sie hehauptete,
es gäbe gar keine Beharrlichkeit, und es könne keinen
Menschen geben, der versprechen könne, sich selber oder
einem Anderen treu zu bleiben. Deshalb sei der Eid
der Treue, den zwei Menschen einander vor dem Altare
leisteten, eine Vermessenheit und ein Frevel. Und wie
sie denn in ihrer Lebhaftigkeit leicht weiterzugehen
pflegte, als sie selber wollte, hat sie mut den Schil-
derungen aller der Ehen, die in gutem Glauben an
ein bevorstehendes Glück geschlossen, dies Glück, nicht
gewährt, und zu Wortbruch und Untrepe Veranlassung
gegeben hatten, mir frühzeitig das Zutrauen zerstört,
mit dem die Jugend eigentlich an gas Leben, an die
Menschen, an Glück und Liebe und an akes Gute
und Bestehende glauben muß, um sich zu ihrem eigenen
Heil und zu Anderer Freude harmonisch zu entwickeln.
Ich habe an der Liebe gezweifelt, ehe ich sie kannte,
und-- vielleicht hat sie sich eben deshalb auch an
mir gerächt!'' fügte fie kurz hinzg. -
Nach der geläuterten gesellschaftlichen Sitte, deren
die Freunde sich zu rühmen hatten, nahm Keines vön
ihnen das hingeworfene Wort weiter auf. Emamuel
jedoch meinte, indem er sich gegen stine Schwester
wendete, er verstehe sie nicht in dem, ihrer sonstigen
Gesinnung nach durchaus auffälligen Zugeständniß,
ze?

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welches sie eben heute der Unbeständigkeit mache. Er
sei vielmehr gewiß, daß sie troz ihrer Versicherung
des Gegentheils höchlich betroffen sein würde, wenn
man sich die Freiheit nehmen wollte, ihr gegenüber
von dem Rechte der Wandelbarkeit, das sie sich ein-
. räume, den entsprechenden Gebrauch zu machen.
- ,Auf die Gefahr hin, Dir meine Beste, dadurch
wenig entwickelungsfähig zu scheinen,' sagte er endlich,
,,bekenne ich Dir, daß für mich, seit ich denken kgnn, -
in dieser unaufhaltsamen Wandlung alles Bestehenden -
etwas Schmuerzliches, etwas Beängstigendes gelegen
hat, gegen das ich mich nur mit dem Gedanken zu
stählen vermochte, daß diese Wandlung, sofern keine
Gewaltthätigkeit ihren folgerechten Lauf verhindert,
oftmals eine Umgestaltung zum Besseren, ein Fort-
schritt auf gutem Wege ist. Ich erinnere mich sehr-
deutlich, wie mich als werdenden Jüngling Schiller's
Wort, daß,,Alles im ewigen Wechsel kreist'' ergrifen. ,
und wie mich später bei reiferer eigener Erfahrung -
das Goethe'sche:,,ch! und in demselben Flusse ;
schwimmst du nicht zum zwweitenmal'', gerührt hat. ;
Frage ich mein geheimstes Inneres, so trage ich in -
demselben ein tiefes Verlangen nach Dauer, nach Be- z
ständigkeit dessen, was mir einmal an Dingen, Men-
schen, Zuständen werth geworden, ist. Mit dieser Em
pfindung hängt denn auch meine Scheu zusammen,
Gegenden, in denen ich einmal sehr glücklich gewesen
Hin, die mir also deshalb in einemu idealischen Lichte
Nr

Vd
Man verliert in solchen Fällen gar zu häufig eine
Vorstellung, an der. man sich in der Erinnerung
erfreute, und wird in einer schmerzlichen Weise an die
Wandelbarkeit und Vergänglichkeit gemahnt, mit dexen
Erkenntniß für uns auch nur insofern, Etwgs ge-
wonnen ist, als sie uns antreibt, den Augenblick, der
unser ist, werkthätiger zu benutzen.!!-
, Du bleibst eben der liebenswürdige Schwärmer,.
meinte die Gräfin, ,,dem das Schicksal, wenn es ihm
gerecht sein wollte, die Gunst ewiger. Jugend zuerken-
nen müßte ==-
,Cch,! rief Konradine mit einer Wärme, die
Emanuel sehr wohl that, ,besizt denn unser Freund
in seinem schönen, weichen Sinne nicht : wirklch jene
Jugend, die uns Anderen abhanden gekommen iß??
,Sung bleiben in einer Welt, ,in welcher Alles
altert, was mit uns jung gewesen ist, das, heißt ver-
einsamen und geflssentlich auf dasjenige, perzichten,
was die Jahre uns lehren und bringen!! warf die
Gräfin ein.
,Was lehren, was bringen sie uns denn ?! znt-
gegnete Konradine. , Selbst zugegeben, daß sie uns
klüger machen, was ist denn dgmit für unser Glück
gewonnen? Wir werden durch die Klugheit, diegie uns
aufdringen, glaubenslos und mißtrauisch, werden eng-
herziger und selbstsüchtiger. Wir lernen rechnen und
berechnen, wägen und erwägen, unsere Vortheile hoch-
halten, und kommen mit alledem doch. zuletzt nicht
weiter, als an jedem Tage die Befriedigung für diesen

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Tag zu suchen und sie gelegentlich auch einmal zu er-
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langen.!
,Das ist nicht eben wenig!! gab die Gräfin zu
bedenken, , das ist viel, denn aus Tagen setzt das Leben
sich zusammen.!
, Gewiß, es ist nicht wenig,! gab ihr Konradine
zn, ,indeß es ist nichts Großes, Nichts, das uns er-


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1
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freuen kann, sobald des Tages Befriedigung vorüber
ist. Es ist das materielle Wohlbefinden, das auf solche
Art erstrebt .und auch erreicht wird. Aber' ist es denn
nicht eine Freude, einmal mitten unter' allen Denen,
die nach solchem billigen Wohlbefinden trachten, einem
Herzen zu begegnen, das den glaubensvollen Traum -
der Jugend in sich festzuhalten wünscht und strebt?
das sich nach der unvergänglichen Dauer des von ihm
geliebten Schönen sehnt, und eine ideale Erinnerung
höher hält und achtet, als das Mitgehen und Mitleben
in einer nüchternen Alltäglichkeit? Ich wollte, ich ver-
möchte'zu empfinden wie der Baron. Und ich versichere
Sie, mein Freund, daß ich es in Ihrer Nhe immer-
müit einer Art von Beschämung und Rührung empfinde,
um wie viel Sie jünger und um wie viel Sie eben ,
deshalb auch vertrauensvoller und besser sind, als ich.
Enüanuel dankte ihr für dieses Zugeständniß, und
die Gräfin erhob keinen Einwand dagegen, weil- es I
ihr erwünscht war, die Beiden auf dem Wege eines,
so guten Einwernehmens anzutreffen. Da sie sich je-
doch nicht leicht für überwunden zu erklären vermochte,.
warf sie das Bedenken auf, ob sich in dem geflissent-
lichen Festhalten an dem schönen Scheine der Erinne-

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da?.
rungen nicht ein gewisser Selbstbetrug, ein muthloses
Zurückschrecken vor den, Bedingungen, der harten Wirk-
lichkeit verberge, und ob man sich nicht eben durch jene
Verklärung des nicht mehr Vorhandenen, des Ent-
fernten, ungerecht gegen das mehr oder weniger Gute
und Schöne werden lasse, welches det Augenblick und
die Gegenwart uns zu -bieten vermöchten.
, Sich durch die Vergangenheit um den. Genuß
und die Schaffenslust in der, Gegenwart, und um die
Hoffnungen für die Zukunft, berauben u-lassen, wäre
gewiß eine: große Thorheit,! entgegnete Emanel.
,Aber mich dünkt,. daß man gllent, Gewöhnlichen und -
Alltäglichenl sehr-gerecht sein und:' es nach-einem
Werthe und seiner, Bedeutung fortdauernd, wwßrdigen
kann, ohne darum die Heilighaltung eines Idealen
aufzugeben. Man kann in dem Thale, in dep man
seine Heimat gründet, sehr: zufrieden sein,. und-schafen,
und ernten, selbst wenn maw auf den Gipfeln!dex Hoch-
gebirge reinere Luft geathmet und weiter hinausgeschaut
hat in die Herrlichkeit der Welt. Wse, ist, ein. Unterschied
zwischen einem Idealisten. und einem müßig schwärme-
rischen Träumer.! -
,Freilich, freilich,! sagte' die Gräfin mit einem
Anfluge von Ungeduld, Denn, durchaus nur auf das
Positive gestellt, konnte; sie sich nicht Fange mit allge-
meinen Betrachtungen beschäftigen, ohneadaß sie dieses
Allgemeine auf ein Besonderes, auf, ein, Persönliches
bezog. Und so Fügte sie. denn jenem.raschen; gustim-
menden Ausrufe auch sofort die Bemerkung hinzu, ?daß
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troz alledem der Idealismus ihr immer und vollends,

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wenn sie an die Ehe denke, als etwas sehr Gefähr-
liches erschienen sei. Wie will' denn ein Ehemann;.
es mit- Gleichmuth - um nicht zu sagen mit der
nothwendigen liebenden Ergebung-hinnehmen;' daß P
seine Gattin altert, an ihrer Schönheit, an ihrer Fri-
sche, an ihrem jugendlichen Frohsimne allmäligäEin-
buße erleidet, während er in idealistischer Empfindung'
sich selbst nöch immer jung fühlt? Wie könnte eine
Frau' es erträgen, wenn irgend eine Jugendliebe ini ewig
unwandelbarer Schönheit und Heiterkeit vor dem jungen
Auge ihres Mannes schwebte? Uid wie müßte es voll-
ends auf einen solchen Idealisten wirken, wenn ein
unholder Zufall ihn einmal das einst geliebte Ideal,
seinen Inbegriff der Jugend und der Schönheit, als
eine sehr alltägliche und gealterte Hausfrau wieder
sehen ließe?
Sie hatte es damit auf eine leichte Beendigung
der Unterhaltung abgesehen, aber da es ihr ein- für
allemal an jener Harmlosigkeit gebrach, welche einem
Scherze seine Anmuth verleiht, so- hatte- sich ihrer

Phantasie' soforr der besondereFall ihres:Brudersäuf-
gedrängt, und sie hatte dies in einer Weisekundgegeben,
die weder diesem noch Konradinen einen Zweifel. über
ihre Meinung lassen konnte. Sie bereuete das auch I
sofort, denn gegen ihre Absicht und gegen-ihr
Erwarten nahm der Baron ihre Aideutungen auf,
und mit jener sanften Gelassenheit, welche einen Grund-
zug seines Wesens machte, sagte er: , Ich habe mich
selbst bisweilen gefragt, ob es, wie die Verhältnisse z
sich nun einmal entwickelt haben, mich freuen
=-

4s
könnte, Hulda wieder zu. sehen, und. ich habe mir das
verneinen müssen; nicht etwa, weil- ich dgran: zweifle,
daß sie sich gleich, sich selbst gleichbleiben:werde, son-
dern weil ich dazu noch. nicht uiselbstisch genng zmd
noch über unser und über pein:. Verschulden gegen
sie, und über die Folgen desselben für sie, nicht beru-
higt bin.?.
,Unser Verschulden gegen sie? rief die Gräfin;
,ich bin mir keines solchen gegen sie bewußt!
,Das wundert mich,! entgegneteihr: Emanuel,
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ohne sich -von ihrer Lebhaftigkeit beirren zu lassen.
,Ich für meinen Theil erinnere muich sehr deutlich: jenes
Gewitterabendes, bald. nach unserer Ankunft auf dem
Schlosse, an welchem zwischen uns Beiden zum ersten-
male die Rede von:der Pfarrerfaniilie:iund von deren
Tochter war. Ich hatte Hulda dämals eben nur ge-
sehen, aber ihre. Schönheit und ihr sanftes nsich-
beruhen hatten mir die Nebetzeugung gegebön, daß
man dieses, unter eigenartigen'Verhältnissen eigenartig
aufgewachsene Mädchen, seinerr eigenen Entwkckelung
überlassen müsse. Du aber hattest andere Plane für
sie, Plane, mit deren Ausführung es schließlich auf
Deine und Clarissen's spätere Bequemlichkeit hingus-
lief, und denen gegenüber Du meiner warnenden Bitte,
an dieses Mädchens Dasein nicht zu-rühren, diese holde
Menschenblume nicht in fremdes Erdreich zu' verpflänzen,
kein Gehör gabst. Du wiesest meine Warnung mit
der Bemerkung ab, daß in der Natur ein- für allemal
das Geringere sich dem Höheren unterördnen, ihm
dienstbar sein müsse; und ohne auch nur ein sicheres

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Urtheil. über die Begabung und Bedeutung dieses Mäb-
chens haben zu können, hieltest. Du Dich deshalb für
berechtigt, den Eltern mit einer entschiedenen Gewalt-
thätigkeit das freie Selbstbestimmungsrecht über ihre
Tochter aus der Hand zu nehmen.!
- Emanuel's Bemerkung erzürnte die Gräfin. ,Du
hast dabei es nur vergessen,! entgegnete sie, , daß Dü
selber an jenem Tage mir ausdrücklich sagtest, des
Mädchens Anwesenheit im Schlosse würde Dich er-
freuen. - Auch Dir hatte ich ein Vergnügen durch die-
selbe bereiten wollen. Im Nebrigen hat Hulda bei
uns wie- bei der guten Kenney in jedem Betrachte'För-
derung- erfahren. Für ihre Zukunft. ist zudem jezt:
ausreichend gesorgt, man kann in Erinnerung an ihren
Vater auch weiterhin noch Etwas für sie thun, und da
Du auf das Selbstbestimmungsrecht des Menschen so viel
Gewicht legst, nun! so hat sie ja durchweg nach ihrem
eigenen Bedürfen über sich entschieden, sowohl damals,
als sie gegen Deinen Wunsch bei ihrem Vater blieb,
wie er' es vollberechtigt von ihr fordern durfte,
als jetzt, wo sie nach eigenem Ermessen ihre Zu-
kunft feststellt. Mein Gewissen ist deshalb: sehr
ruhig!
- -
,Ich wollte, ich könnte das auch von mir selber
sagen!! rief Emanuel.
Die Gräfin zuckte ungeduldig mit den Schultern,
und um der. Unterhaltung kurz ein Ende zu machen,
die ihr in' Konradinens Beisein peinlich war, sagte
sie: ,Du bestärkst mich mit Deinen reuevollen Sörgen
nur in meiner Meinung von der Gefährlichkeit des

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Idealismus. Das Mädchen hat. sich einem Manne
ihres Standes jetzt verlobt; was konnte es: Besseres
erwarten? Und sich von ihrem -Plätze erhebend, meinte
sie, sich mit lächelnder Miene gegen Konradine wen-
dend: , Wie doch, selbst einn von Eitelkeit sonst freier
Mann, den Gedanken nicht zu' fassen vermag, daß ein
Mädchen ihn vergessen und an der Seite esnes An-
deren glücklich, wahrscheinlich glücklicher als an der
seinen werden könne.?
Emanuel hielt sich an diese lezten Worte, und
mit einem Ernste, der gegen den leichten. Ton der
Gräfin fast feierlich erklang, rief er: -,Gib mir diese
Gewißheit, Schwester, und Du wirst eine schwere
Sorge von mir nehmen. Denn Du hast Recht, ich
habe mich einer uwverzeihlichen, selbstsüchtigen Eitel-
keit anzuklagen, wenn schon nicht in den Sinne, in
dem Du es voraussetzest!? -
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit
dem Freimuthe imnerster Wahrhaftigkeit fort: , Mein
Leben lang hatte ich mich nach einer Liebe gesehnt,
wie sie mir in Hulda, ohne all mein Zuthun, wider
all mnein Hoffen entgegenkam, wie ich sie reiner, schöner
gar nicht finden konnte. Aber statt sie zu hegen, zu
pflegen, zu stützen und groß werden zu lassen in
meines Herzens Dbhut, verlangte ich von ihr eine
Probe, die zu bestehen über ihre Kraft ging, überließ
ich sie einem Einflusse; der heilige, alte, angeborene
Rechte auf sie geltend machte, und -- ich. stehe nicht
an, auch dieses auszusprechen = von Konradinens
Anwesenheit und ihrem Antheil mehr beschäftigt und

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geschmeichelt, als mir zustand, von der gewaltigen
Leidenschaft unserer Freundin falsche Rückschlüsse
machend auf die Liebesstärke und Charakterkraft des
um so viel jüngeren und von schwerer Krankheit kaum
genesenen Mädchens, glaubte ich mich in verblendeter
Eitelkeit nicht genug geliebt, meinte ich, Hulda solle
in der Trennung fühlen lernen, was sie an mir be-
sessen: habe, und sich mir früher oder später in lie-
bender Erkenntniß wieder nahen. Daß sie schwieg,
daß ihrgekränktes Herz, ihr Ehrgefühl, und wer will
sagen, welcher Einfluß ihres in Abhängigkeit um seinen.
Mannesmuth gebrachten Vaters, sie zu schweigen
zwangen- das einzusehen war ich aus Eitelkeit zu
blind, zu eigenfinnig. Erst, da sie mirwortlos den
Ring zurückgesendet hatte, kam mit der vollen Reue.
über mein Vergehen gegen sie, die ganze schmerzende
Erkenntniß des Verlustes über. mich, den ich mir selber
zsgezegen hatte; während doch der Zweifel, ob sie
wirklich vergessen konnte, und ob sie wirklich glücklich
ist, mich bis auf diese Stunde nicht verläßt.! -
,So lege ihr offen diese Srage vor!! rief die
GAfih, der' es immer und überall' nur um die Be-.
friedigung ihrer Angehörigen zu thun war.
- ,Soll er neue Unruhe, darf er Zwiespalt in ihre
Seele werfen,! wendete Konradine ein, die mit tiefer
Theilnahme dem Gange des Gespräches gefolgt war,
,wenn sie vielleicht nicht ohne Kampf zum Frieden
gekommen ist? Oder soll' er trübe Schatten an dem
Heiligthume eines Glückes heraufbeschwören, wenn sich
ihr junges Herz, wirklich geheilt, in froher Liebe einem

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anderen jungen Herzen zugewendet hat? Solche Fxage
nach so langem Schweigen kann gefährlich, kann min-
destens so unheimlich verwikrend und erschreckend wir-
ken, wie die Erscheinung eines Todtgeglaubten!! --.
,Das ist es! Das ist es, was ich mi. sage, und,
was mich hindert, ihr jene Frage vorzulegen!? rief
Emanuel mit lebhafter Bewegung aus. ,Ich habe
mein Recht an sie verscherzt, ich darf mir nicht er-
lauben, jetzt mit. einer Frage vor sie !hinzutreten, die
neuen Zwiespalt in ihr Leben bringen könnte. Aber
die Stunde, in welcher ich sie wiedersehen, sie glück-
lich auch an eines Anderen Seite ;wiedersehen würde,
diese Stunde würde ein schmerzliches Gefühl der Reue
von mir nehmen; und wenn' dann auch an- ihr der
Lauf der Jahre nicht ohne Spur. geblieben wäre, wenn
sie nicht ausgenommen wäre: von! dem Gesetze, dem
wir Alle unterliegen --- mir, ich schäme Nmmich nicht,
es auszusprechen, mir wird sie unverändertin der
Seele leben als die leuchtende Göttin der Aehren,
wie ich sie zuerst geschaut, als ein Ideal der unent-
weihten, frischen Jugend, und ich werde es: ihr nicht
vergessen, daß sie mich geliebt hat!? -
Er stand mit diesen Worten. auf und verließ das
Zimmer. Konradine sah, daß er im Hinausgehenmit
der Hand die Augen trocknete. Auch ihre:Augen waren
feucht geworden. Er war' ihr nie werther gewesen, sie
hatte ihn nie höher gehalten und lieber gehabt, als in
diesem Augenblicke.
,Wie Wenige giht es, die ihm gleichen!r sagte
sie zur Gräfin.

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2ds
?- ,Ich wollte zu seinem Heil und zu dem unseren,
daß er anders wäre!! entgegnete ihr diese, unmuthig
seufzend. ,Er wird die Menschen und die Welt nie ' Z
kennei lernen: wie sie sind, und eben dadurch nies zu
jenem mäßigen, aber gesunden und dauernden Be-
hagen kommen, das die bedingten irdischen Zustände
doch allein ermöglichen. Er wird leiden und leiden
machen, so- lange er nach dem Idealen, Absoluten
strebt; gleichviel ob er es für sich, für einen An-
deren oder für das Allgemeine fordert.! -
, Um so mehr hat er selbstloser Liebe, selbstloser-
Freundschaft nöthig, ihm Wirklichkeit und Jdeal aus-
gleichend zu' vermitteln!! meinte Konradine. .
- - ,So machen Sie sich ihm zu der Vermittlerin,?
fiel: ihr die Gräfin lebhaft ein, ,und mein Herz, das
mit weit mehr Liebe an ihm hängt, als Sie es viel- -
leicht glauben, wird dankbar die Stunde segnen, in
der Sie sich dazu entschließen.?
Konradine blickte ihr fest in das Auge. Sie sah,
daß die Gräfin sehr bewegt war, und ernst wie diese
entgegnebe sie ihr: , Heute, eben in. dieser Stunde
habe ich es gedacht, daß es ein Großes sein müßte,
mit -einem Manne wie Emanuel in dem Aether jenes
wreinen Denkens uid Empfindens zu leben, von dem
auns im Getriebe des Alltagslebens kaum ein Hauch
noch übrig bleibt. Aber mit allem meinem Selbstge-
tfühle oder vielleicht um dieses Selbstgefühles willen,
und weil ich die Elemente kenne, aus denen es sich
zusammensetzte, habe ich mir sagen müssen, dazu ge-
hört ein anderes Herz als meines, ein weniger ge-


?
2d
trübter Sinn, als der meine. Emanuel, wie seine
Zukunft sich auch. gestalten mag, Emanuel ist, selbst
wo er irrt und fehlt, uns überlegen. Man muß ihn
seine eigenen Wege gehen gassen?.;
,Und wohin werden sie ähn führen?! warf die
Gräfin ein. .
, Gewiß zu einem ihm. gemäßen Ziele.;-
,Es liegen jetzt ernste Pflichten, es liegt gewie-
sene Arbeit vor ihm!! erinnerte die Gräfin..,

,Wenn er es sich zutraut, sie bewältigen zu können,
wird er sie ergreifen!.-
, Und wenn nicht?? -
,Nun, dann hat unter den Millionen,. ie sich
auf der Erde nach Erwerb begierign, und -nach, Ehre
durstig, jagend drängen,-einmal- Jemand eine. Aus-
nahme davon gemacht, weil ihn sein,Geschick derMühe
des Erwerbes enthob, wei! ihn,fühe Krgnkheit von
der allgemeinen Rennbahn, fexnhielt..nd wenn er
unter diesen besonderen Bedingungen: sich zu' einem
Manne entwickelte, dessen milder Sinn, gtns stets er-
freut, wenn er in sich den. Glauben; an das Gute,
an das Große, an das Schöne, das Vertrauen zu den
Menschen aufrechtzuerhalten wußte,-die, verlgren zu
haben wir Anderen als ein Unglück erkennen, sollen
wir ihn deshalb nicht als einen Glücklichen bezeichnen?
Sollen wir uns nicht daran erfreuen, daß er ist, wie
er ist, und daß wir von ihm besser denken dürfen als
von un?
,Konradine, rief die Gräfin, ,so seherisch und
so gerecht ist nur die Liebe.
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- ,Ja, die Liebe, die keinen Anspruch irgend einer
Ait für sich erhebt,! sezte Konradine hinzu, ohne
durch den Ausruf der Gräfin irgendwie beirrt zu
werden, ,und ich wollte, theure Frau, auch Sie ließen
ihn gewähren, auch Sie verlangten, erwarteten von
ihm Nichts für die Förderung Ihrer Zwecke. Um wie
viel reiner und inniger würden Sie sich' zu einander
finden!?
Die Gräfin umarmte sie. Es war schon dunkel
-geworden. Emanuel' kam, wie es früher oder. später-
an jedem Abende geschah, die Freundin nach ihrer
Wohnung hinüber zu geleiten. Die Gräfin äber fer-
eigte noch in derselben Stunde das Schreiben aus,
das- denAdjunktus unter wesentlich verbesserten Be-
dingungen die frei gewordene Pfarrerstelle! zusprach;
und fie schrieb daneben ihrem Amtmanne, daß sie sich
der Verlobung Hulda's mit dem Pfarrer aufrichtig er-
freue, daß damit der Wunsch des verstorbenen Pfarrers -
inErfüllung gehe, daß man die Hochzeit je- eher je-
lieber feiern möge, und daß eine nicht unbeträchtliche
-Summne, die zu -zahlen sie den Amtmann anwies, als .
das Brautgeschenk der Gräfin für Hulda's Einrichtung
verwendet werden solle.
zssGGowooooow

Kapitel 20


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Bwanzigstes Gapites
- =,
- Das offene Aussprechen hatte gut. gewirkt,-denn
es hatte fortan die scheue Voxsicht,- welche--Emanuel
und die Gräfin seit ihrer- Wiedervereinigung gegen
einander beobachtet hatten,. unnöthig-gemacht. : Ein
Jeder wußte jetzt unwiderleglich, was- und wie der
Andere dachte, man konnte sich also, freier, -rückhalt-
loser gehen lassen, und wwie Konradinens Neigung. für
den Freund mit jedem Tage an Wärme und an Zärt-
lichkeit gewann, so hatte auch der Gräfin, Antheil an
Konradine sich erhöht. Sie wußte Weichheit und Hin-
gebung in einem starken Frauenherzen wohl zu wür-
digen, und da sie ihren Bruder wirklich liebte, war
es ihr eine Freude, ihn selbst in jenen Eigenschgften,
welche ihr als Schwächen an ihm exschienen, von der
schönen Stiftsdame verstanden und gewürdigt zu -
finden, die sie jezt mit Zuversicht als seine künftige
Gattin anzusehen begann.
Es hatte sich zwischen den Beide auch ein schönes
Vertrauen herausgebildet. Sie genossen mit Be-
r
Eanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.


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- -




L58

wußtsein eines freien, beständig wachsenden Einver-
ständnisses, das eben, weil es zwischen Personen ver-

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schiedenen Geschlechtes stattfand, einen erhöhten, be-
lebenden Reiz gewann. Konradine hatte sich in der
Zurückgezogenheit des Stiftes ernsterem Lesen und
dauernderem Nachdenken hingegeben, sie fand daher
Freude und zeigte Theihahme gn,Emanuel's mannig-
s
fachen Studien, die hinwiederum zu' erörternden Ge-
sprächen reichen Anlaß ggben. Während man so in
müheloser Muße, in vornehmer Beschaulichkeit, nur -
mit einander und mit den eigenen Gedanken und
Empfindungen angenehm beschäftigt, die ganze Herr-

lichkeit eines frischen sonnigen Spätherbstes genoß,
flossen die Stunden unmerklich dahin. Die Zeit, welche
-
für Konradinens Aufenthalt an dem See bestimmt ge-
wesen war, nahte ihrem Ende, und ohne daß man
es einander eingestand, begann man heimlich die Zahl
der Tage nachzurechnen, während deren man sich dieses ;
beglückenden Beisammenseins noch versichert halten
konnte. - -
- Aber man meinte -noch auf manche schöne Stunde
hoffen zu dürfen, als ein Brief des jungen Arztes,
der den Majoratsherrn und dessen Gattin nach ihrem
gegenwärtigen Aufenthalt im Süden geleitet und dort.Z
seine Pflege übernommen hatte, die;Geschwister' des .
Kranken davon in Kenntniß setzte, daß sie nicht säumen
dürften, sich zu demselben zu verfügen, wenn sie ihm
k.?F == === »== == -

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29
Man hatte diese Kunde an jedem Tage erwarten
= müssen, der bevorstehende Tod des'Majorätsherrn hatte
in allen Planen der Gräfin seinen Pläz, gehabt, man
?
hatte im Voraus um den droheüden-Verlust des treff-
lichen Mannes, des geliebten rudersöft gelitteit und
F geklagt, es war Nichts in der Botschaft, das. bestürzen
! oder irgend Jemanden übeiraschen konnte. Aber das
?
Leben schreckt immer zusammen, wenn der Tod an

f
dasselbe herantritt, und so nothwendig ist für Jeden
der Glaube wenigstens an eine verhältnißnäßige Dauer
der Zustäände, in denen zu exiftkren - ihm leben heißt,
daß man Mkhe hat, ihr Ende, magres in langsamer
F Annäherung oder plözlich über uns hereinbrechen, zu
begreifen, zu ertragen. Die Gräfin war nindeß noch
is
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ganz besonders von der Kunde erschüttert.i-
, Es ruht ein eigener Unstern.über den Hochzeits-
festen meiner Kinder,! sagte sie zu: Könradinen, als
diese, von Emanuel benachrichtigt, aus ihrer Villa
hinübergekommen war, den Freunden in solchein Augen-
blicke nicht zu fehlen. , Glarissens Trauung,, die wir
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ßt im Kreise der ganzen beiderseitigen Familien' zu feiern
gedacht hatten, mußte im Trauerjahre: um ihrän' Vater,
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an dem Sterbebette ihres Schwiegervaters vollzogen
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- werden; und selbst wenn ich darauf -berzichten wollte,
der Ceremonie beizuwöhnen, wird jetzt meines,Sohies
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Hochzeit nothwendigJ einen. Aufschub- erleiden: müssen.
Man kann es nicht darauf ankommen lassen, daß er
vielleicht eben in demselben Augenblicke den Bund für
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- das Leben schließt, in welchem wir den: Bruder aus
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dem Leben scheiden sehen. Bei der lebhaften Phan-
tasie seiner Braut, bei ihrem Zuge zu religiösem My-
sticismus könnte das leicht einen verwirrenden Ein-
druck in, ihrem Gemüthe zurücklassen, und sie würde
bei all den mehr oder weniger unheilvollen Zufällen,
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von denen kein Menschenschicksal frei ist, auf ihren
Hochzeilstag. zurückblickend, an eine üble Vorbedeutung
glauben. Davor muß man sie in jedem Falle be-
wahren.! - -.
,Tlarissens Beispiel könnte es ihr aber doch be-
weisen,! meinte Emanuel, ,wie wenig das Glück der
Ehe von den Umständen abhängt, unter welchen sie
eingesegnet wird.!
,Ja, wenn träumerisch grübelnde Naturen, wie
die ihre, mit Vernunftgründen zu überzeugen wären,'
entgegnete die Gräfin, , oder wenn mein Sohn und
seine Braut einander im Denken und Empfinden so
ähnlich wären als Clarisse und der Fürst. Aber da
meines Sohnes rasche. Lebenslust, seine Gewohnheit,
die Dinge leicht zu nehmen und das Unbequeme von
sich abzuweisen, und die Insichgekehrtheit seiner Braut,
ihre Neigung zu fürchtenden Sorgen und bangem,
Alles zu vermeiden, was das Gemüth des lieben
Mädchens beunruhigen könnte. Denn daß ich es nuur
gestehe, trotz der ungewöhnlichen Gunst aller äußeren
Glücksbedingungen kann ich mich bisweilen der beun-
ruhigenden Frage nicht entschlagen, wie so verschieden
geartete Naturen, wenn sie sich auch zu einander

-

ahnendem Verbinden des Zufälligen, sich einander
schroff entgegenstehen, so erfordert es die Vorsicht,

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finden konnten, sich dauernd in einander schicken
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werden.!
,Vielleicht müheloser als Du es erwartest,! ver-
sezte Emanuuel, ,lofern sich nur' in Beiden Elemente
finden, die einander ergänzen und sich an, einander
entwickeln können. Weng Deines Sohnes Frohsinn
F und Julia's zur Schwermuth neigendes Gemüth sich
mit einander in das Gleiche setzen, so würde daraus, -

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wenn auch nicht das helle Licht, das über Clarissens
Haus leuchtet, so doch ein ruhiges Pbisroseuro ent-
stehen, in welchem -es sich wie in einer gemäßigten
Zone behaglich leben läßt, besonders wenn der Maimn
und die Frau, wie dies hier sicher zu erwarten steht,
doch Jedes noch seine eigene Welt für sich in Anspruch
nehmen werden. Das gibt dann freilich nicht das
allerhöchste Glück, aber doch jenen mittleren. Zustand,
js in welchem die Mehrzahl der Menschen sich sehr wohl
behagt.
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kommen pflegten und die es gar nicht besser verlangte,
als sie verscheucht zu sehen, stimmte ihm ohneweiteres
bei Auch Konradine meinte, daß ihr' völlige Gleich-
heit der Charaktere durchaus kein Erforderniß für
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Die Gräfin, der ähnliche Sorgen nuur selten zu
das Glück der Ehe zu sein scheine, vorausgesezt, daß


nur eine Nebereinstimmung in den sittlichen An-
schauungen, und in den Hauptforderungen worhanden
sei, welche man an das Leben stelle.
,Und daß der Mann ein ganzer Mann,' die Frau
in ihrer Hingebung ein echtes Weib sei,! fügte die
Gräfin hinzu, der es aus Vorliebe für das Her-

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gebrachte gelegentlich wohl- begegnen konnte, derartige,
Sätze auszusprechen, selbst wenn sie und ihre Eigen-
art: als. Beweis des Gegentheiles gelten durften. Denn
Niemand besaß jene sogenannten echt weiblichen Eigen-
schaften, auf die sie hinwies, weniger als gerade sie,
und doch hatte fie ihren verstorbenen Gatten sehr be-
glückt :iund ihre Ehe hatte als ein Porbild gelten
dürfen. .? s
.. Auch konnten die beiden Anderen, da ihre Blicke
sich bei der Gräfin Ausspruch trafen,. das flüchtige
Lächeln ihres Einverständnisses nicht ganz verbergen,
und!Konradine bemerkte: ,Es füllt mir auf, eben
on' Ihnen,. theure Frau, den Glauben an die absolute
Geschiedenheit der Eigenschaften in den beiden Ge-
schlechtern so scharf hervorheben zu sehen, da wir doch -
fortdauernd von dem Gegentheile die Beispiele vor
Augen- haben. Ich kenne Frauen, auf welche, neben
jenen Eigenschaften, die wir als die weiblichen zu be-
zgichnenf gewohnt -sind, sich unverkemnbar ein großer-
Theil' der väterlichen Begabung --- und oft auch der
väterlichen. Züge -=- fortgeerbt: hat. Und -ebenss be-
gegnet man sehr tüchtigen,- bedeutenden Männern, äus -
deren:charaktervollem Antliz uns ein paar Augen mit
so mildem, Glanze an sehen,- aus deren breiter Brust
uns eine so weiche Stimme. änspricht, und in denen
Kraft. und Weichheit sich so eigenartig mischen, daß
man durchaus behaupten darf, es sei ein Gemüth, eine
Hingebung, ein Liebesbedürfniß und auch eine Liebe-
fähigkeit in ihnen vorhanden, wie man sie herge-
brachterweise nur den Frauen zuzuschreibenpflegt.


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Warum sollten derartig angelegte Menschen sich nicht
zusammenfinden, sich; nicht- ineinander schicken und
einander zu ihrem Heil ergänzenz können, ohne - daß
auch nur Einer von Beiden jenes ollendete Bilö der
Mänlichkeit oder Weblichkeit in sich-darstellt, das
Sie mit den Worten: ,ein ganzer. Mann, ein echtes
Weib- vorhin bezeichnen wollten??-
Die Gräfin hatte ihr achtsam zugehört. Sle
mochte diese Anschauung in Konradinen nicht woraus-
gesetzt haben, aber sie ließ sie ohne Einwand gelten und
versetzte, dieselbe nach der einen.. Seite -bekräftigend:
,Was Sie von der, ungleichen Vererbung der. Eigen-
schaften auf die verschiedenen, Gefchlechter, sagen, an-
erkenne ich für meinen Theil unbedingt, Ich habe
mehr von meines Paters als von der Mutter Natur
in mir. Auch bei Ihnen -möchte man: das Mämliche
behaupten; während meine Kinder-Beide ihrem Groß-
vater väterlicherseits- bis -in, seine kleinen Eigenheiten
ähnlich sind, und meinen Brüdern, vor Allen Emanuel,
die Gemüthsanlagen und die zemüthstiefe -unserer
Mutter zu Cheil geworden sind. Das-sind Sgple der
Natur, und glücklich genug, wenn sie zu unserem Heil
ausschlagen.!-
- Sie erhob sich mit den Worten und verließ die
beiden Anderen, da die Zeit por der am nächsten
Mittage beporstehenden Abreise-. noch pon mancherlei
Anforderungen -hingenommen - war. - Konradine trat
auf die Terrasse hinaus, Emanuel folgte ihr dorthin.
Die Sonne stand hoch, am Himmel, es war wie
im Sommer hell und warm, kur daß die Luft sich



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erquickender und leichter athmen ließ. Die Rosen

blühten noch und hingen in reicher Fülle von den
Zweigen des Laurus und von den Aesten der Feigen-
bäume hinab, zu denen sie emporgeklettert waren, und
mischten sich dort oben mit der. zweiten Fruchtreife.
Auch aus dem dunkeln Grün der Cypressen, die sich
an, den Seiten der Terrasse hinzogen, 'sahen die
Rosen leuchtend hervor, und nach diesen' hinblickend,
sagte Emanel: ,as ist recht ein Bilb der Zustände,
in- denen,wir uns jezt befinden, Rosen von Cypressen
rings- umgeben. Und es ist' doch schön, dieses In-
einanderranken von Trauer und Freude, einedie
andere sänftigend, Trost verheißend und zur Bescheidung -,
mahnend.!

Konradine folgte seinem Blicke, und wie ihre
Augen dabei weiterschweifend die schimmernde Fläche
des Sees betrachteten, den die schneebedeckten Berge
in sich umschlossen hielten, sagte sie: ,Daß wir das
Alles mrgen nicht mehr sehen, daß diese Schönheit
schon nach wenigen' Stunden für uns nicht mehr vor-
handen, sein wird!=- Man kann es kaum glauben
und man denkt es auch nicht. gern.!
,Es waren sanfte, schöne Tage, die wir hier verleb-
ten, diewir Ihnen hier verdankten,! entgegnete Emanuel,
,und es geht mir wie Ihnen.' Auch ich habe Mühe
mir vorzustellen, daß sie nun vorüber sind. Wir leben
uns in das Gute, in das, was uns gemäß ist, so leicht Z
ein. Wie spielende Kinder überlassen wir uns immer
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? lich von einer Stromschnelle gewaltig fortgezogen,
schrecken wir empor, weil wir uns weit ab von dem
Ziele finden, dem wir zugestrebt haben, nd weil wir
wieder einmal die melancholische Erfahrung ; machen,
wie wenig Sicherheit des Glücks es für uns giebt.
,,Das Bild, das Sie brauchen,' petsetzte Kon-
radine, ,,ist heute auch für mich und' meinen- Zustand
sehr bezeichnend. Ich habe am Mörgen einen Brief
von unserer Aebtissin empfangen mit einer Nachricht,
die meine innere Ruhe angetastet hat, und die meinen
Planen für die Zukunft und meinen Erwartungen
von derselben wahrscheinlich ein Ende machen wird.'?
Emanuel' fragte, was das heißen' solle. -?
,,Sie wissen,. gab sie ihm zur Antwort, , daß
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F vor einjgen Wochen eine unserer jüngeren Damen,
? die sich verlobte, das Stift verlassen hat. - Heute
meldet mir die Aebtissin, daß man, Abständ iehmend
von der ganzen Reihe der- eingeschriebenen- Aspiran-
tinnen, jene Stelle der Prinzessin Marianne, der
j? ältesten Schwester des Prinzen Sriedrich, zugesprochen
hat, und daß diese noch im Laufe des Herbstes ihren
ersten Aufenthalt bei uns zu nehmen gedenkt.? - --
, Und Sie scheuen die Begegnung miitlihr?
, Eine Begegnuung mit ihr, würde: ich leicht er-
tragen, aber hie Aussicht auf ein langes, dauerndes,
, unvermeidliches Zusammensein mit ihr, ist mir nicht
willkommen. Dazu unterliegt es keinem Zweifel, daß
man ihr diese Stelle nur angewiesen hat, um sie
später zur Aebtissin zu ernennen, denn nur in' dieser
Voraussicht wird sie dieselbe angenommen - haben.
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Sich mit uns Anderen dauernd auf gleiche Stufe hin-
zustellen, ist sie viel zu stolz und viel zu herrisch.
Damit sind denn nun die Schritte, welche die Aebtissin
bei ihrer letzten Reise in meinem Interesse gethan hat,
vergeblich gewesen, und die fast bindenden Susagen,
welche ihr höchstenorts in dem Betracht gegeben worden
sind, natürlich aufgehoben. Man war so weit
gegangen, mich schon im Beginne des nächstenJahtes
zu? ihrer offieiellen -Stellvertreterin bei -Krankheits-
fällen, oder sonstigen Störungen ernennen zu wollen,
und sie schreibt mir, dies zu thun, sei man auch jetzt
noch gesonnen. Natürlich! denn man will der
mich ihr zu einem bequemen Beamten machen. Aber
unter den obwaltenden Verhältnissen paßt diese Auf-
gabe mir nicht mehr.!
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Prinzessin für die Zukunft die Mühe und die Arbeit
im voraus von den Schultern nehmen; man möchte
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- ,Haben Sie denn wirklich daran denken können,'!
wendete-Emanuel ein, ,,Ihre Zukunft ganz dem
Stifte zu weihen, die Angelegenheiten dieser kleinen
Frauengemeinde als Ihre Lebensaufgabe über sich zu
nehmen?
, Und warum nicht? entgegnete sie ihn ,Sch- -
habe in unserem Stifte eine feste Heimat und eine
dauernde, zusammenhängende Beschäftigung gefunden,
zwei Dinge, die ich bis dahin nicht gekannnt habe, und
die ich auf unserem esthländischen Gute nicht finden
würde, so lange - und ich hoffe, es wird lange -
sein - so lange meine Mutter lebt, die es ihrem
Verwalter überantwortet hat, in den sie mit Recht


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Vertrauen sezt. Dazu handelt es sich, wie Sie wissen,
bei uns im Stifte nicht nur um die' Einkünfte des-
selben. Es hängen Ortschaften mit ihren Einwdohnern
von dem Stifte ab, es ist eine kleine Herrschaft, die
man dort zu leiten hat, für derenInsassen. man ver-
antwortlich ist. Ich habe viele von den Leuten, habe
ihre Bedürfnisse kennen -gelernt, konnte persönlich
manche Hilfe leisten, mancher Ungerechtigkeit begegnen.
Ich war gerne in dem Stifte und dachte mit Zuver-
sicht an meine Rückkehr in dässelbe, an den mir lieb
gewordenen Wirkungskreis.?- -
Sie brach ab, Emaruel schwieg ebenfalls; so
blieben sie, ihrenGedanken nachhängend, eine geraume
Weile neben einander stehen, bis ,er'Nleise seine Hand
auf ihre legte, ihre Achtsamkeit auf sich zuziehen. Wie
sie ihn ansah, fiel ihr, der Ausdruck seiner Mienen
auf. Sie fragte ihn, was ihn, bewege.; - -
,Ich gehe: mit mir zü Rathe, ob-ich es wwagen
darf, Ihnen eine Frage vorzulegen, die sich mir in
dieser Stunde aufdrängt!'! gab er ihr zur Antwort.
Dann hielt er inne, und mit einer schüchternen Zu-
rückhaltung, die ihm bei seinem Ernste sehr wohl an-
stand, sagte er:,Sie besorgen, die Ihnen lieb ge-
wordene Heimat, den Ihnen gemäßen Wirkungskreis
im Stifte nicht unverändert wiederzufinden.. Sie
fürchten, auf dieselben aus. Gründen, die mir ein-
leuchten, vielleicht verzichten zu müssen. Es scheint
mir aber, als ob Sie keine weiteren besonderen Plane
für sich hätten, als ob Sie nicht danach verlangten,
in die Gesellschaft der großen Welt zurückzukehren, in

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welcher Auszeichnungen aller Art Ihnen jetzt noch
weniger als früher fehlen würden, und Sie haben es -
mir zu meiner großen Freude ausgesprochen, daß unser
Beisammensein auch Ihnen lieb gewesen ist, auch
Ihnen wohl gethan hat.?
Er hielt zögernd inne, und mit einer Stimme,
in welcher das Klopfen seines Herzens hörbar wieder-
klang, sagte er danach: ,Ich bin nicht dazu gemacht.
Konradine, einer Frau wie Sie, von Liebe zu sprechen,
und meine neuesten Erfahrungen würden mir das be-
stätigt haben, hätte ich irgendwie im Zweifel darüber -


sein können. Dazu haben Sie einen Mann geliebt,
mit dessen glänzenden, fortreißenden Eigenschaften ich
mich in keiner Rücksicht messen darf. Aber eine wür-

dige Heimat und einen segensreichen Wirkungskreis,
die kann- ich Ihnen bieten auf den Gütern, die mir
zufallen, und die ich freudiger übernehmen würde, wenn
Sie sich entschließen könnten, dort mit mir zu woh- -
nen; wenn die Gewißheit, einem Manne, der Sie
von Herzen hochhält und Ihren Werth mit liebender-
Bewunderung erkennt, das Leben lieb und zum Ge-
iusse zu machen, Sie schablos halten könnte für jene I
Eigenschaften, die mir fehlen; wenn Sie gewillt
wären, wahr zu machen, was Sie heute so tief und
richtig von den sich ausgleichenden und einander er-
gänzenden Elementen in der Ehe ausgesprochen haben.?

Konradine hatteNichts weniger als das erwartet,
aber seine ernste Gefaßtheit ergrif sie, und ihr er-
glühendes Antliz in ihren Händen bergend, rief sie:
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,Ach! warum haben Sie mir das gerade heute, gerade
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sein. Vergessen Sie es; wwie ich vergessen will, daß

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Er trat erschreckend von ihr fort; aber sich ge-
ich mehr wünschte und erstrebte, ,als Sie mir ge-
währten.?
-,Soll ich Bhrem Mitleib schulden,r eief sie,
,was Sie mir ohne dasselbe nicht zu bieten dachten?

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,Welch ein Wokt ist das! Wie mögen Sie sich
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und mir also wehe thun, wo Sie in so hohem Grade
die Gewährende find? Nicht die Anistände, welche
Ihnen vielleicht die Entfernung aus dem Stifte wün-
schenswerth machen, es sind die Gedanken,, wwelche Sie
heute als Ihre Neberzeugung dargelegt, die mich er-
muthigt haben, Ihnen mein' Wünschen zu ofenbaren,
Ihnen meine Händ zu, bieten.. Nehmen Sie sie an.
Auch jenseits der glänzenden Erwartungen, auf deren
Verwirklichung das Herz der ersten Jugend hofft, ist
Glück vorhanden, wird es für uns, ich hoffe es voll
Zuversicht, vorhanden sein können.'?
, Und ich sollte Ihnen, sollte der Gräfin den
Glauben aufnöthigen, daß ich mit jenen Worten, die
ich heut' Gott weiß wie arglos! ausgesprochen habe,
Ihrer oder meiner dachte?? -
Emanuel fand in seiner Seele, für diese Be-
denken weder Ursache noch Wiederhall, aber sein altes
Mißtrauen in sich selbst ward vor ihnen rege. - Er
besorgte, Konradine suche Gründe für eine Weige-

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rung, und obschon es ihm sehr wehe that, sagte er
sanft und ruhig: ,Ich will Sie nicht bedrängen, will
Ihnen-nicht zurückgeben oder auf mich anwenden, was -
Sie vonMitleid sprachen, und was in IhremMunde
so unberechtigt war. Neberlegen Sie in aller Ruhe.
Nur das Eine lassen Sie mich sagen und das glauben
Sie mir: Ihre Nähe ist für mich ein großer Segen:
Ihre eigung gewinnen, zu Ihrer Zufriedenheit bei-
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tragen zu können, würde niich glücklich machen; und
wenn Sie, wie ich hoffe, die leicht erregbare Verwun-
derung der - Unbetheiligten-?
Konradine ließ ihn nicht vollenden. ,icht wei-
ter!r rief sie; ,das hieße wirklich Ihnen zu nahe
thun und mir,? fuhr sie fort;',aber ich habe das
verdient mit meinem alten, falschen Stolz. Lassen
Sie mich es nicht entgelten. Ich bin sicher, Sie
fühlen es, wie theuer Sie mir sind, und was wir
wünschen und erstreben, wissen wir. Mit voller Zu-
versicht bin ich die Ihre!? Sie reichte ihm beide
Hände hin, er küßte ihr die Hand, er nannte sie mit
Zärtlichkeit die Seine, und bewegten Gemnüthes, herz-
lich einander zugeneigt, voll guten Willens und voll z -
guten Glaubens an die Zukunft, so schritten sie Arm -
in Arm dem Hause zu, sich der Gräfin als Verlobte
vorzustellen.
Es geschah der Gräfin selten, daß die Freude sie
überwältigte, wie in dieser Stunde. Sie nannte Kon- -
radine ihre Schwester, ihre Tochter; sie pries es als -
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ihres sterbenden Bruders erhelle, und von der her-
gebrachten Sitte absehend, sobald es die Genugthuung
eines der Ihren galt, sprach sie den Wunsch aus, daß
die Verlobten Beide sie auf der Reise, die man mor-
gen anzutreten hatte, begleiten möchten, um noch den
Segen des Bruders zu empfangen, in dessen Rechte
Emanuel jetzt eintrat, in dessen Stammsitz er und
Konradine künftig walten sollten. Aber Emanuel
wehrte den Vorschlag von sich ab.
Seine vorsorgende Zärtlichkeit wünschte der Braut
die schweren Tage zu ersparen, denen er - entgegen--
s ging, und weil es seinem feinen Empfinden-ohnehin
widerstrebte, dem hoffnungslosen Bruder so reich an
eigenen Hoffnungen zu nahen, stimmte er-Konradinen
s: noch entschiedener darin bei, daß sie nicht als Verlobte
? aufträten, ehe man die Mutter benachrichtigt und sich
s. ihrer freilich zweifellosen Zustimmung versichert hätte.
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eben bei der Ankunft der Prinzessin nicht zu fehlen.
Man hatte also in den wenigen Stunden, deren
man noch gemeinsam ficher war, vollauf zu thun, und
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?- erst am Abende kam man dazu, das nächste Wieder-
g- sehen und die nothwendigsten Verabredangen mit ein-
? ander so weit als möglich festzusetzen. - An rächstei
F Morgen brachen die Gräfin ünd der Bruder gen
ß Süden auf. Vierundzwanzig Stunden später trat
F Konradine in dem Wagen ihres Bräutigams, unter
F dem Schutze seines Kammerdieners, den er ihr zurück-
h gelassen hatte, ihre Reise in öas Stift an. -
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Kapitel 21

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Einundzwanzigstes Gapites-
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- Während die Reisenden sich noch hellen, Wetters
und warmer Mittage erfreuten, wehte der Wind schon
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wieder rauh und eisig von dem Meere über das Pfarr-
haus und, das Schloß hinweg, und trieb unablässig y
neue Regenwolken über das Land, daß die Wege von
der langen Nässe bereits wieder fast grundlos gewor-
den waren. Wen nicht eben Geschäfte dazu nöthigten,
der machte. sich nicht hinaus, um WZagen und Pferde
nicht unnöthig zu, strapaziren, sondern saß nach des -'
Tages Arbeit stille in seiner warmen Stube an dem
wohlgeheizten, Ofen. -
- Auch. der Amtmann kam nicht viel heraus. Die-
Kartoffeln waren eingebracht, die Felder neu bestellt,
und seine gewohnten wöchentlichen Fahrten nach der
Oberförsterei hatte er in den letzten Zeiten eingestellt;
denn, obschon der Amtmann es uwvernünftig nannte,
war doch von Seiten des Oberförsters gegen ihn eine- ,
Verstimmung eingetreten. Der Oberförster ging dem -'
alten Freunde gerne aus dem Wege, und wenn der
Amtmann auch zu gerecht war, seinen Verdruß darüber -


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Hulda zur Last zu legen, oder ihr, wie:Ulrike es that,
beständig vorzuwerfen, daß sie nnverantwortlich ge-
handelt, als sie den angesehenen. Mannk.rdes Oikels
Freund, zurückgewiesen habe, so-sehnte er?och nun
auch seinerseits den Tag herbei; aii welchen die Gräfin
dem Adjunktus die Pfarre verliehen haben würde, da-
mit die Sache mit dem Adjunktus. und mit. Hulda
endlich in das Reine, Hulda aus'dem Hause, und
zwischen ihm und. seinem Freunde dex' gewohnte be-
hagliche Verkehr wieder in das vernünftige alte' Ge-
leise käme.
Inzwischen war es ihm; ganz recht und lieb, daß
der Adjunktus immer öfter in das Amt herüberkam.
Er ließ fich es sogar bisweilen,nicht verdrießenj -Abends
für den Rückweg den. Einspäimer -an ihn zu wenden,
denn der Amtmann kam auch allmäligiin die Jähre;
in denen man gerne ?spricht,, weilman dass Lesen: satt
hat.' Er kannte seinef alteir Lisblingsbücher von: An-
fang bis zu Ende, die neuen Büchert machten ihm
aber nicht halb so viel- Vergnügen; 'ünd den ganzen
Abend, so wie sonst, über den Zeitungen. zu'sitzen,
war ihm nicht mehr recht. Es war-in denselben so
oft vom Volke die Rede, und-von Rechten und pon
Freiheiten, mit denen nach seiner Meinung- die lOrd-
nung nicht bestehen konnte;, und an diefvordem kein
Mensch auch nur gedacht hatte. Diei Augen wurden
ihm dabei nur müde, sie fielen ihm gelegentlich sogar
zu, und- das ärgerte ihn doppelt, wwenn die Schwester,
in deren Unermüdlichkeit und eiserner:Festigkeit gar
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--- -Man hätte: meinen können, daß Ulrike, wenn
man sie' so sah, sich von den Kräften frisch erhielt,
die sie: die Anderen unnöthig verbrauchen machte; denn
im: Spätherbst, wenn es- im Hause recht. viel zu
schaffen gab, wenn sie Alles und Jeden in beständiger.
Bewegung erhielt, daß weder sie noch sonst: Jemand
von: Denen, wwelchen jie zu befehlen hatte, ?zur Be-
finnung -und zu Athemn kam, war sie immer am ge«
sündesten,i und sie- sagte es oft. selber, daß sie solches.
Arbeiten auf -ein Jahr verjünge. Selbst' wenn: sie
endlich einmal stille saß, mußte sie noch immer Etwäs
thun, und wenn. es nichts Anderes war, sich poch die
Karten legen,i um zu wissen, was ihr am nächsten

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Tage glücken, was mißglücken werde, und ob ,Gutes
oder Böses an ihrem Horizönte stehe. - Es focht sie z
dabei nicht im-geringsten an, daß der Bruder es
Narrenspossen nannte, daß der Adjunkt ihr freundlich
mahnend zu! bedenken gab, wie dem Menschen nach
Gottes weisem Rathschlusse kein Blick vergönnt. sei in z
die,Zukunft. Sieisagte, das sei Alles gut und schön,
abexkder-Mensch nrüsse ja an. so Vieles glauben, was ,e
auch: nicht zu beweisen und deshalb doch aicht. minder
wahr-sei. -Was' sie wisse, das wisse sie;. und wenn
auch' das alte Kartenlegen ihr: nicht immer ganz, und
gar: zugetroffen sei, die Patience,. welche Monsieur
Michael sie, gelehrt, die habe sie noch nie im Stiche
gelassen,' wenn sie mit Ja und Nein gefragt habe, und
auf' die lebe und- sterbe sie.
Der Adjunkt war gerade da, als sien wieder ein-
mal, ihre Karten legend, diese Behauptung aussprach.



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- Der Amtmann hatte ihn nach der Kirche mit, in das
Amt gebracht und sich erboten, ihn - nach Hause zu
schicken. Es war nach dem Abendessen, und sie mgchten
ihre Schachpartie; aber weil des jungen Mannes Theil-
nahme auf Hulda gerichtet war, die mit ihrer Arbeit
an Ulrikens Seite saß, hörte er auf Alles, was sie
an dem Tisch am Ofen sagten. Eö, hatte also die
letzten Worte auch vernommen,. und um auf diese Art
wieder eine Unterhaltung mit den Frauen anzuknüpfen,
f; in die er Hulda hineinzuziehen hoffte,, fragte er, ween
der Monsieur Michael gewesen sei, dem sie ihre ge-
j; heimrißvoll untrügliche Patienee verdanke.
,Habe ich Ihnen denn nie von ihm erzählt? Ein
ganz charmanter junger Mensch, der GeheimSekretär
des Fürsten Severin.!--
, Hat sich was vom Geheim-Sekretür!? fiel der
Amtmann ihr in die Rede; ,er war des Fürsten Kam-
merdiener, ein eitler, geriebener, nichtsnutziger Gesell,
den der Fürst wegjagen mußte, wie, ich Ihnen vordem
einmal erzählte. Er ist dann auch auf! seinen rechten
Weg gekommen, denn er soll unter die Komödianten
gegangen sein.!
,Wer hat. das gesagt? elef ulrike, die bei ihrer
-' Verachtung gegen, Alles, was dem -Theater gngehörte,
diese Anschuldigung auf ihrem , Günstling nicht sizen
lassen wollte..
,Wer das gesagt hat? Des Posthalters Sohn,
der ihn hier gesehen hat, wenn Michael des Fürsten
Briefe expedirte, hat es hergeschrieben. Er hat ihn
selber spielen sehen.!
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,Das ist freilich ein' trauriges Gewerbe und ein
gefährlicher Beruf!r meinte der Adjunkt.
- ,Ich glaub's nicht! Es ist nicht wahr, daß er
beim Theater ist! behauptete Ulrike.
- , Lege Dir doch seine unfehlbare Patience darauf
mit Ja und Nein, da wirst Du's j erfahren!! neinte
der Amtmann.
,Was nicht sein kann, das frage ich nicht erst!?-
, entgegnete fie trozig und legte ihre Karten fort.
-,Es sind schon ganz Andere auf die Bretter ge-

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,ebee tt boneen Vesah!' sage ve Neefea. j
gangen!! warf der Amtmann hin.
ohne daß der Bruder ihr eine Antwort darauf gab,
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denn der Adjunktus bot ihm schon zum zwweitenmale -z
,ein Schach der Königink, und er hatte nun an An-
deres zu denken als an die Freundschaften und an die P
Grillen seiner Schwester. Kaum aber bemerkte sie,
sie die Karten wwieder in der Hand und fing an sie -!
daß der Bruder nicht mehr auf sie achtete, so hatte -
in langen Reihen neben und über einander zu ord-
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nen: hier eine fortzunehmen, dort eine hinzulegen; und
sie schien es mit Erstaunen zu gewahren, wie die sonst
so ungefügen Blätter sich heute leicht zusammenbringen Is
ließen, wie rasch die Asse oben lagen und die ganze
Zahlenreihe neben einander ihr entgegenlachte. Sonst
war ihr das meist eine Genugthuung, heute legte sie
ie Karten schnell wieder zusammen, steckte sie in die
fH =- =- = =-- ====-
Auch die Anderen hatten ihre Partie beendet, der
A;

Amtmann hatte sich danach entfernt, um ein paar
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Schriftstücke zusammenzusuchen, die der Adjunktus für
den Schulzen des Pfarrdorfes mit hinunternehmen
sollte. Hulda saß noch bei ihrer Näharbeit, die Er-
innerung an Michael, die ganze Unterhaltungwar ihr
auf das Herz gefallen. Der Adjunktus sah ihr an,
daß Etwas sie bedrückte, als er an sie herantrat :und
sie die Augen zu ihm aufhob.
,Es muß Ihnen manchmal doch recht schwer
fallen, sagte der Adjunktus, , die Verkehrtheiten von
Mamsell Ulrike zu ertragen, Sie sind so still gewor-
den und so abgeschlossen.?
Hulda entgegnete, sie habe sich wie ihre Mutter
in Ulrike schicken lernen, und da dieselbe gerne spreche,
gewöhne man sich ihr zuzuhören und zu schweigen.
,Sie glauben mir es wohl,' hub er darauf
wieder an, , wie sehr ich hieher denke, wennn ich zu
Hause in Ihre Stuben kommne;! Ihr Klavier benütze.
Es kommt mir immer wie ein. Unrecht, wie eine An-
massung vor, weil Sie das Mlles und obenein die
Ruhe, hier entbehren. In den ersten Wochen nach
Ihrem Fortgehen mochte ich die leeren Räume nicht
betreten, jezt aber freut es mich, darin zu sein. Die
guten Stunden, die herzerguickenden Gespräche, die
wir dort mit Ihrem Vater hatten, findianir dann in
der Erinnerung so lebendig, so erhebend!? --
Sie hatte ihm bis dähin eben nur das Uner-
läßliche geantwortet, denn das Alleinsein, mit ihm war
ihr mit jedem Besuche, den er in dem Amte gemacht-
hatte, peinlicher geworden, und das Erlebniß mit dem
Oberförster hatte sie noch scheuer und noch Lvrsichtiger




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werden lassen; aber diese. Erinnerung an ihren, Vater
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traf sie bei den Gedanken, mit denen sie sich heimlich
trug, mur um so tiefer, und mit einem Seufzer rief
sie: ,Glauben Sie, ich dächte nicht zurück?
Die Worte belebten ihn, denn er deutete sie sich
in seinem Sinne. ,Ich weiß es, o, ich weiß es!?-
rief er. ,Ich meine manchmal, -Sie müßten es em-
pfinden, wenn ich Sie- dort suche, wo Sie mir so
gegenwärtig sind; es müßte Sie dorthin ziehen, wie
den jungen Vogel zu dem heimischen Neste =-- ?

Seine Wärme, seine wächsende Lebhaftigkeit
machten sie besorgt, und ihn geflissentlich unter-
brechend, um ihn am Weitersprechen zu verhindern,
sagte sie, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen: ,Man

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merkt es, Sie sind nicht auf dem Lande groß ge-
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worden, Sie. glauben an die Fabel! Kein flügger
Vogel kehrt in das alte Nest zurück, wenn Vater und
Mutter es verlassen haben.?
- »Mamsell Hulda!r rief er schmerzlich, aber die -'
Rückkehr des Amtmannes hinderte ihn mehr zu sagen. Z
- Er hatte die Papiere in Empfang zu nehmen, den y j
Amtmann knüpfte ein paar Bemerkungen daran, die
der Adjunkt ausrichten sollte. Darüber kam auch die
Mamsell zurück,' und da sie troz ihrer Engherzigkeit z
gern Hilfe leistete und schenkte, weil sie sich dahei ihrer !
?
guten Lage und des Neberflusses, dessen sie sich zu
erfreuen hatte, echt bewußt wward, so hatte sie Back- ;
werk und Honig und einige von ihren schönsten Gold- -;
Reineiten mit herbeigebracht, die sie, an dem großen -
Tische stehend, dem Adjunktus für die nächsten Tage
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noch zusammenpacken wollte. Wie sie dabei nach dem
Lichte hinübersah, fiel ihr ein blaues Flämmchen auf,
das an besonderem Faden an dem Dochte zitterte.
,Aber Herr Adjunktus,? rief sie,,Herr Adjunktus,
Ihnen brennt ein Brief, und zwwar ein großer! Mor-
gen wird er kommen! Sie sollen sehen, morgen kommt
die Vokation! Sie sollen sehen, das wird zutreffen- ?
, Wie Kälte um Lichtmeß!? fiel' ihr der Amt-
mann in die Rede, denn morgen ist Posttag, die
Vokation hat lange genug auf sich warten lassen, und
wenn sie nun endlich einmal komnt, so ist es das blaue
Wunder! Und die Unfehlbarkeit vön des Komödianten
Patience hat sich wieder neu bewährt.?
Ulrike entgegnete, davon sei die Rede nicht ge-
wesen, äber Briefe kämen mörgen, auch für' Hulda
einer. Indeß, weder Diese noch der Adjunkt machten
eine Bemerkung dazg. Nux wie er ihr,im Förtgehen
die Hand zum Abschied reichte, sagte sr ihr heimlich:
,Ich hoffe, das vom Vogel und vom. Neste haben Sie
nicht auf sich hezogen !?
Des Amtmanns Zuruf, daß der Wagen vor-
gefahren sei, ersparte ihr die Antwort; und seinem
Zweifeln und seinem Hoffen überlassen,' fuhr der Ad-
junktus in die Nacht hinans.
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Kapitel 22



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Fweiundzwanzigstes Ggpites
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,..- Am anderen Morgen, saß der Amtmann schon -
Pei,, dem zweiten-Frühstück, als der Knecht mit der
Posttasche in das, Zimmer, trat, und sie, wie immer
vgx dem Herrn auf den Tisch niederlegte. Der' Amt-
mamnn nahm den Schlüssel zur Hand, und die Tasche
öffgend, sagte er, wie er in sie hinein blickte:
,Das ist ja heute eine ganze kadung!
- zWar auch für die Pfarre Etwas? fragte die
Mgnell,,die, nach ihrer , Gewohnheit dem Knechte auf
dem Fuße gefolgt war.
? Wa, Mamtsell, ein Brief, und noch ein großer
daneben wie ein Schreiben.?; s.
I ,Habe ich es nicht gesagt, rief Ulrike, ,die Vo-
kation ist da - und da ist ja für die Hulda auch
der Brief!? Sie langte gleich danach, aber der Bru-
der bedeutete ihr mit einem Winke, den Brief liegen
zu lassen, und ordnete mit gelassener Pünktlichkeit die
Zeitungen auf die eine, die- amtlichen Schreiben und
die Briefe, die an ihn gerichtet waren, auf die andere -'
Seite. Dann sah er noch einmal nach, ob sich viel-
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leicht für einen der Wirthschaftei odex' einen der Leute
in der Tasche sonst noch Etwas fände, und erst nach-
dem er sich überzeugt hatte, daß weiter, Nichts darin
sei, reichte er Hulda, die kein Auge von dem Tische
verwendet hatte, ihren Brief hinüber und fragte: ,,Von
wem kommt denn der ?
,Von Emilie und von der Frau Kastellanin!?
antwortete sie und wendete sich ab, damit er es nicht
sehen sollte, wie sie roth geworden war;
,Also die Freundschaft dauert fört!r sagte der
Amtmann arglos, denn der Kastellan des gräflichen
Hauses in der Stadt war ein alter Diene; derFaüiilie;
und der Amtmann wußte, daß IHulda während ihres
dortigen Aufenthaltes mit der Tochter, desselben, die
gnt erzogen war, Verkehr gehalten hatte-:,Was. schrei-
ben sie Dir denn? -
Hulda war an das :andere Fenster hingetreten und
hatte unbemerkt einen Brief, der in dem Schreiben
ihrer Freundin enthalteit gewesen wär, in der Tasche
ihres Kleides verborgen, und die Zeilen, welche die
Freundin ihr geschrieben, rasch durchfliegend; ant-
wortete sie: ,Sie laden mich zu sich ein.?
, ,Bei den Wegen? Ja, auf so' Etwas verfallen
sie in der Stadt, am Ofen und mit dem Steinpflaster
vor dem Fenster. Es wird damit zunächst wohl keine
Eile haben,? sagte er und stand auf, um sich mit
seinen neu eingegangenen Papieren an den- alten
Schreibtisch hinzusezen.
Hulda wollte in dem Augenblicke auch hinaus
gehen, um den zwetten Brief zu lesen, aber' Ulrike

8
hielt sie in der Stube fest. Sie hatte erst dies, dann
jenes noch -von ihr- zu fordern,' sie schickte sie hierhin
-- - und dann dorthin, und als ahne: sie es; welche-Pein.
sie ihr damit bereite, legte fie ihr endlich ein- großes
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Gebinde Wolle auf die Hände, damit sie esl ihr zum
Wickeln halte.
- Die- arme Hulda zählte in ihrer: Ungeduld die ;
Minuten;- die Sekunden; die Wangen flammten ihr
- , vor Aufregung; Das - künmerte aber Ulrike-nicht und
Michts, bie alte Ühr. Die uhi tickte ruhig fort, und ;
- Ulrikewickelte und wickelte und zerrte anden Fäden,
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- - die. sich' perschlungenn'hattenj und- gab Hulda bäld einei -z
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aber wollte und mußte sie gerade in solchen Stunden -- J
Semanden bei sich haben, der ihr die Langeweile tragen
half. Hulda's Gedanken schwärmten während dessen

abet weit, weit ab von der sie ermüdenden Arbeit, - -
-. - an welcher ihre. Quälerin sie festhielt.
- -Sie hatte den Brief, den sie, Rath und Hülfe -
- suchend, in jener. Nacht:an Gabriele gerichtet, denbes
- freundeten jungen Mädchen nach det Stadt geschickt,
-und um -seine Weiterbeförderung mit der Anweisung
gebeten, daß man ihr, falls eine Antwort einginge,
dieselbe auf gleiche Weise übermachen möge. Run war
der Brief in ihrer Hand, ihre Zukunft hing an seinem
--- Inhalt, und sie konnte nicht erfahren, was er für: sie -
brachte, denn ein tückischer Dämon schien heimilich-
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immer neues Garn zu spinnen. Das Garn. nahm gar
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kein Ende, und noch lagen ein paar Gebinde auf ihren H
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Händen, als ein Wagen über den gepflastertenDamm
in den Hof fuhr und vor der Thür des Amtes stille
hielt.
Ulrike war bei dem ersten Hufschlag aufgestanden
und, eifrig an dem Knäuel wickelnd, nach dem Fenster
gegangen. , Habe ich es nicht gesagt!r rief sie, ,da ist
Er! Um Nichts ist er nicht ausgefahren, die Voka-
tion ist da! Der Schulze hat denn auch ein Nebriges
gethan und für den neuen Herrn Pfarrer angespannt!?
-- und das Fenster öffnend, rief sie mit ihrer hellen
Stimme: ,Guten Tag, Herr Pastor! schönen guten
Tag! Nun: werden es der Herr Pfarrer ja wohl selber
in die Hand bekommnen haben, daß unsereiner auch
nicht immer als einer von den falschen- Propheten zu
verspotten ist!?
Der junge Mann war schnelk. pom Wagen und
im Hause. - Der Amtmann ging ihm bis an - die
Stubenthür entgegen. Er hatte den betreffenden Brief
der Gräfin ebenfalls erhalten, er konntees sich also den-
ken, was den Gast zu so ungewohnter Stunde zu ihm
führte; aber er ließ es sich nicht merken, Er gönnte
Jenem die Freude, sich in seiner neuen Würde selber
einzuführen und die gute Botschaft vdr dem Mädchen
auszusprechen, mit dem er seine Zukunft zu verbinden
dachte. Auch ließ der Eintretende sie nicht lange er-
warten.
,Verzeihen Sie es mir, sagte er mit heiterer
Lebendigkeit, ,daß ich schon wwieder hier bin, aber es
litt mich nicht allein zu Hause. Meine Vokation ist
angekommen!! -
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- ,GGratulor, Herr Pfarrer!- rief der Amtmann.
,Gratulor!. es freut mich, daß Sie bei uns bleiben,
freut mich sehr! und es wird auch manchen Anderen -
freuen, denke ich! sezte er, nach Hulda hinübersehend,
mnit einem nicht mißzuverstehenden Lächeln rasch hinzu;
äber Hulda sah es nicht. Sie hatte seit des jungen
Mannes Eintritt kaum die Augen aufgeschlagen, üund
der Amtmann meinte es zu wissen, wie er sich das zu
deuten habe. , Schwester, eine Flasche Wein!. denn
das ist gute Botschaft und so'Gott will, für eine lange
Zei!r gebot er.
,Sa, es war eine gesegnete Stunde für mich, in -
der es Gott gefiel, mich herzusenden, möchte mir es
- gelingen, sie unter seinem Beistande auch für Andere
, - segensreich zu machen!' sagte der junge Pfarrherr;
während die Mamsell' die Schlüssel von dem Bunde
- hakte;: und Hulda anwies, was sie aus dem Keller und
der Vorrathskammer herbeizuschaffen habe.!
- Diese war froh, wenn auch nur für Minuten

fortzukommen, der Angst und der Verlegenheit, die
auf ihr lagen, für eine Weile zu entgehen. Als sie
wieder in das Zimmer trat, hctte die eifrige Ulrike
für die beiden Männer das Gedeck schon aufFelegt.
Der Amtmann saß bereits am Tische und ließ sich gut-
- müthig, obschon er es selbst am besten wußte, von dem
- jungen Maune die Begünstigungen herzählen, welche
ihm von der Gräfin bewilligt worden waren. Als er
aber die Bemerkung machte, daß sein Glück weit über
sein Erwarten gehe, stand der Amtmann auf, nahm
selbst noch zwei Gläser aus dem Wandschrank, füllte
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sie ebenfalls, und der Schwester und Hulda winkend,
sprach er: ,Dazu müssen doch die Frauenzimmer auch
heran!-- Auf Ihr Wohl, Herr Pfarrer!- und auf
gute Nachbarschaft, Hert Pfarrer! und nun. in Gottes
Namen vorwärts, dann: kann -Alle: bleiben, wie es
steht und liegt. Damit. Ihnen aber doch noch einmal
mehr zu Theil werde, als Sie sich erwartet,' so will.
ich es Ihnen nuur gleich heute sagen, daß ich auch noch
Etwas für Sie in pstto habe, aber freilich nicht
direkt für Sie und nicht für Sie. allein.r - -
Der Amtmann gefiel. sich außerordentlich in die-
sem andeutenden Scherze, der nach:'-seinerr Meinung
gar nicht mißzuverstehen war und der dem Pfarrer
einen bequemen Eingang zu dem Antrage bieten'sollte,
den er nach des Amtmanns Ansicht zu keiner schickli-
cheren Stunde machen konnte: IndeßHuldä's Aeuße-
rung am verwichenen Abende hatte-den Liebendensbe-
sorgt gemacht; und wenn ei- sie in seines Herzens
Freude sich auf dem Wege auch wieder aus dem Sinne
geschlagen und als zzufällig und harmlos ausgedeutet
hatte, so wachte doch, wie er jetzt Hulda so in sich
verschlossen und so wortkarg vor sich sah,, derZweifel
wieder in ihm auf, und er konnte am wenigsten in
der beiden Alten Beisein über s eine Lippen»bringen,
wovon ihm sein bewegtes Herz doch übervoll war.
Mamsell Ulriken's sonst oft unbequeme Neugier
kam ihm jetzt zu Hülfe. Sie wollte wissen, was des
Bruders geheimnißvolle Versprechungen bedeuten soll-
ten, und der Amtmann ließ sich diesmal nicht' lange
bitten. , Das steht Alles in dem Briefe;? sagte er,
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während er für sich und seinen Gast auf das Neue
. die Gläser füllte, ,und wir können, denke ich, nun ge-
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trost noch. einmal anstoßen auf die Anzeige, die ich
heute' von unserer Frau Gräfin empfangen habe.
Es hat seine Richtigkeit gehabt mit den Nachrichten

über das Fräulein und Baron Emannel. Sie haben
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sich verlobt und-=-?

- , Hab' ich es nicht gesagt, fiel Ulrike ein, ,gleich
damals, als sie hier gewesen. sind!
Der Amtmann hatte die Mittheilung mit reifli-
chem Bedacht gemacht. Er meinte, sie müsse auf
Hulda's Entschließung einen guten Einfluß haben;
aber wie er dieselbe von ihrem Plaze aufstehen, er-
bleichen und nach der Thür gehen sah, ward es ihm
leid, daß er gesprochen hatte, und verdrießlich mit dem
Kopfe schüttelnd, rief er: ,Hulda, Hulda, was sind
denn das für Possen!'
Indeß ehe er die Worte noch vollendet, war der
junge Pfarrer schon an ihrer Seite. Seine Sorge
um das geliebte Mädchen. trug über die schmerzliche .
- Eifersucht den Sieg davon: -
? -
-- ,Sie befinden sich nicht gut, Mamsell Hulda!
sagte er, und mit einer Sicherheit, die er sich noch
einen Augenblick vorher nicht zugetraut hatte, Fat er,
sie möge ihm erläuben, sie zu begleiten. Weil fie
wußte, daß sie der. Unterredung, die er wünschte, nicht
, entgehen konnte, sagte sie es ihm zu. Ulrike wollte
sich dazwischen legen, aber der Bruder bannte sie mit
einem: ,Du sizest still!r an ihren Plaz, und Hulda
und der Pfarrer verließen das Gemach.
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Recht nach seinem Sinne war dem Amtmann
diese Art und Weise nicht, und über ,den Ausgang
war er nach dem, was er eben jetzt gesehen hatte, guch
nicht mehr so zuversichtlich, als die ganze Seit zuyor.
Er hatte feft geglault, -ulda habesich, die -ganze
Sache mit Baron Emanuel lange aus dem Sinne
geschlagen, er hatte ihre Weigerung, des Dberförsters
Frau zu werden, ohne alles Weitere auf den Adjunkten
bezogen. Nun sah er, daß der Spuk, noch- nicht vor-
über war, und obschon der Pfarrer heute anders auf-
trat, und sich unter dem Nimbns seiner zneuen Würde
auch ganz anders als vordem zu fühlen, schien, war
der Amtmann doch nicht sicher, ob und wie sich Jener
aus, dem Handel ziehen, und welch' ejn Ende, es mit
demselben nehmen werde, wenn er, selber-sich nicht
dabei ins Mittel legte. Er par schon, auf dem Wege
nach der Thüre, kehrte gber wieder um.- Ulrike gachte
höhnisch.
,Was für Umstände Ihr mit dem Frauenzimmer
macht, Einer wie der Andere!' sagte Ulrike, ,und
man soll hier sizen und abwarten, wozu es -hr, be-
lieben wird, sich zu entschließen!?-
- Der Amtmann ward auch ungeduldig, -nur daß
er es nicht in Worten zeigte. Er ging in der Stube
auf und nieder, schüttelte die, Pfeife aus, stopfte sie
und zündete sie wieder an.' Von den, Beiden war
noch immer Nichts zu hören. Er sah in seinen Büchern
Etwas nach, er setzte sich nieder, jndeß,er hatte keine
Ruhe. Es war ihm selber sehr daran gelegen,Idaß
es mit dem Mädchen nun endlich ein vernünftig Ende

nahm, es war des Geredes darüber schon zu viel ge-
wesen Er- begriff nicht, wie die da oben so viel Zeit
zu einer Sache brauchen konnten, die doch mit zwei
Worten abzumachen war. Er stand,wieder auf, trat
-

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. an- den Barometer heran' und klopfte an das Queck-
filber.
,Du denkst wohl, sagte Ulrike, ,er soll Dir an-
zeigen, was der Prinzeß belieben wird?
Ehe er ihr darauf die Antwort geben konnte,
-- hörte mawrfeste Schritte,die von dem langen Gange
hinunterkamen. Der Amtmann und die Schwester
wendeten sich Beide nach der Thüre, durch die der
- Pfarrer eintrat. -
- ,Allein, Herr Pfarrer?! fragte der Amtmann
mit sichtlicher Bestürzung, während über Ulrikens
Antliz ein unheimliches Lächeln des Triumphes zuckte.
- Des jungen Pfarrherrn ernstes Antliz gab die
Antwort, noch ehe er, sich männlich zusammenfassend,
sie ausgesprochen hatte. , Es hat nicht sein sollen,!
sagte er, ,es wäre vielleicht zu viel Glück für mich
gewesen!
,Ist denn das Mädchen ganz von Sinnen!! fuhr
der Amtmann zornig auf und wollte nach der Thüre
gehen.
Der Pfärex hielt ihn davon zurück, ,Eassen Sie
fie, verehrter Fieünd! Es trifft sie kein Tadel und
kein Vorwurf. -Gott hat ihr Herz in seiner Hand -
er hat es gelenkt. - Er weiß am besten, was ihr
- frommt und mir. Nicht sie, nur mein eigenes Wün-
schen täuschte mich. Es war nicht ihre Schuld.?
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,Schuld hin, Schuld her,! rief der Amtmann.
,Das sind ja Alles Redensarten! Ein Frauenzimmer
ist zum Heirathen auf der Welt ünd- hat in jezigen
Zeiten seinem Herrgott sehr zu danken, wenn ein
Mamnn wie Sie sich zu ihm findet. Mit der Narrheit
muß es doch ein Ende haben, und es solltgleich heut',
gleich jetzt ein Ende haben!? -- Und wieder gab er
Ulrike das Zeichen, daß sie nach' Hulda schellen solle;
indeß Ulrike saß in: ihrer Ecke und rückte und rührte
sich nicht. Der Pfarrer aber hatte nach seinem Hut
gegriffen und schickte sich zum Aufbruch' an. Der
Amtmann durfte ihn -nicht halten. -Sie wechselten
noch ein paar Worte; der Amtmann meinte, so ein
Mädchenkopf besinne sich wohl. noch, der Pfarrer
achtete nicht darauf. Er sehnte sich danach, allein zu
sein, denn die Fassung, die er zeigte, fiel ihm schwer.
Der ganze Vorgang hatte nur wenige- Minuten ein-
genommen, und wie der Pfarrer- nun- eingestiegen
war, wie der Wagen wieder über- den gepflasterten
Steindamm dem Hofthor zufuhr, der Amtmann mit
heftigem Schritte in die Stube zurückkam, stand Ulrike
auf und sagte mit kaltblütigemTone:- ,Das ist nun
der Dritte, den sie aus dem Hause bringt.
, Und es soll der Letzte sein!' fuhr der Amtmann
auf und zog mit solcher Macht die Glocke, die nach
Hulda's Stube ging, daß die Schnur ihm in der
Hand blieb. Er warf sie in die. fernste Ecke- und setzte
sich in den großen Stuhl an seinem Schreibtisch, in
den er sich immer niederließ, wenn er Jemanden vor-
Fanny Lewald, Die Erlöserin: . - .-
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zunehmen hatte. Auch Ulrike setzte, sich noch -einmal
. und kmnit einem iGehagen nieder, als wenn 1sie im
Theater wäre;und fing die Maschen an ihrem Strumpfe
zubzählenr an.
n.,Was hat.es da oben gegeben zwischen Euch?
rief, der. Amumamn ihr entgegen, alsHulda bleich umd
mitverweinten Fugen vor ihn, hinträt. e!. l! -
gtSiestkonnedie Worte nicht über diefEippen brin-
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genlü: ,Rdede!!ifuhrder:Amtmann :sie,-an. , denn Du
, - hasß jaoben sicher reden können!! =?
e- Hulda hob-die.Augen zu ihm auf, und selbst in
deniibebenden Schmerze. par:ihr Gesicht noch schön,
als sie, die:Hände flehend nach :ihm ausgestreckt, die
- Bittesaussprach:-,Swingen Sie mich nicht zu wiedere
holen, twas mir zu sagen so hart -und schwer ge«
--? wesen, ist.!?r -t
h-t- ,Schwer?? spottete Ulrike, ,ich. denke, Du solltest
- nuz,ischon.ßraxis darin- haben, anständige: Männer
vör den Fopf zustoßen, denn das ist schon der Dritte!
- ü: ;SStill!.Wer spricht mit. Dir?- herrschtei der
Amtmann, ider -schon wieder ?mit:Hulda Mitleidfühlte;
weil fie im rundedoch ;in der. Welt verlassen war,
und der sofort-für sie Partei nahm, wenn :der. Haß
- gegen die: Schönheitund die glücklichere Jugend, den
Ulrike.. von. der Mutter auf die Tochter übertragen
- hatte, sich gegen diese äußerte., ,Steh! nicht soda
und;weine.wie: ein, Kind,! fuhr er, sich. ian -Hulda
wendend,'fort, ,denn das ist kindisch und ich kmun's
- nicht ausstehen! Rede, daß man weiß, woran. man ist.
Was stellst Du Dir denn vor??
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Sie wußte darauf keine Aimtwwort,' das regte ihm
den Zorn schnell wieder auf. - ,Ich sage nicht wie die
Schwester,! sprach er, , das ist nun der Dritte, denn
der Michael war ein Taugenichts-und Nichts mehr.?
Der Amtmann freute sich des-Stiches, -dens er' Ulriken
damit gab. , Von Baron Emanüel' rede ich'' nicht erst,
denn damals warst Dü nöch sin halbes Kind und das
ist abgethan;' da lebten ioch dieElteän, die hatten für
Dich einzustehen, nicht ich. - Iezt -äber''ht das meine
Sache und ich' will' in's' Klare mit Dir komnnen.!
Er räusperte sich, zog' an der Pfeife;'' die ihm aus-
gegangen' war, stellte- sie hinter'' deik Tisch, sezte sich
wieder, und die Hände über deö'Biust gefaltet, sagte
er: ,Der Oberförster, der unter den adeligen Fräulein
nur die Hand auszustrecken hät,' um!morgen eine Frau
zu haben, der-war Dir zu: alt,' und könimt uns
nicht mehr in das Haus. Der Pfärter, öen die Gräfin,
die Dir noch obenein'die Aussteüek' geben wollte, eine
schöne Stellung' zubereitet hat, der ist' Dir auch nicht
recht und wird auch nicht mehr über die Schwelle
kommen wollen, so lange Du hier im Hause bist.
Soll ich ntir alle meine Freunde' von'Dir zuFeinden,
soll ich mir mein Hciis Jüini Deinetwillen zumn Ge-
spött und zum Geede mächen lassen?--
,Du gehst uns ja' im Gkunde gax Nichts ai!r?
warf Ulrike, die sich nicht' länger haltei konite, ein.
,Ich weiß es, daß ich fott muiß!r sagte Hulda,
und sie fügte dann leiser noch hinzu, ,und ich hili
auch gerne fort.! -
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-. Der Amtmann, sgh sie mit großen Augen an.
,Pu willst fort? Und wo denn. hin? Was stellst Du
Dit, denn por?
-;g Pulda, hatte, sich die Stunde, in welcher, diese
Frage an sie gerichtet werden und in der sie dieselbe
zu beantworten haben würde, seit vielen Wochen un-
ablässig durchgedacht, und sie par immer entschlossen
, -
gewesen, ihr Vorhaben ofen auszusprechen. -Sezt aber,
da sie es thun sollte, fehlte ihr dazu, der Muth. Naeh
dem, wie der Amtmann sich gestern erst über den Be-
ruf und die Stellung. eines Schauspielers hatte ver-
pehmen lassen, konnte sie es nicht wagen ihre Absicht
kundzuthun, am, wenigsten, ehe sie es wußte, was
Gabxiele ihr zu thun xieth; und sie hatte den Brief
ehen erst erbrechen können, als der Amtmann sie zu
jich gerufen. Sie sagte also, sie wolle es versuchen,
sich ihr Brot selber zu verdienen,
,. , , lnd wie denkst Du das zu machen?! fragte der
Amtmann spöttisch, der an dem Glauben, festhielt, ein
gehildetes Frauenzimmer könne sich auf die Dauer
selher nicht vgrsorgen. ; .
- gzIch bin jg auferzogen jn der ßoraussicht zd
Gepißhet, dgß ich mnir selbst zu helfen haben würde,
entgegnete sie mit wachsender Festigkeit, weil. ihr Ehr-
gefühl sich gegen die spottende Nichtachtung ihres bis-
herigen Beschüzers aufzulehnen anfing. ,,Mein guter
armer Vater und Miß Kenney haben mich darauf
vorbereitet, und ==?
,,Also Du willst wie die Kenney Lehrmamsell
wwerden und alte Jungfer!!' unterbrach sie der Amt-
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mann, dem Gouvernanten und alte Mädchen unter
allen Umständen zuwider wärei -Aber wer wird
Dich denn nehmen- hier''hetuii, selbst penn er ein
solches Frauenzimmer'brauchief söbäld -s eist aus-
kommt, daß Du nun zum zwweitenmale Dein Glück
von Dir gestoßen und die Aiträge der gngesehensten
ünd brausten Männer abgewsiesen hast?=- Und herum-
kommen wird es, velasse Dich darauf,' ich kenne meine
Leute!'' sezte er hinzu mit eineür Seitenblick auf seine
Schwester.
,,ch wollte Sie eben deshalb bitten, mnir einen
kleinen Theil der Summe zü -geben, Abelche Miß
Kenney mir hinterlassen hat; und--mich in die Stadt
zu schicken, wb ich der?Aüfnahme. in''der Familie des
Kastellans gewiß bin; bis-sich irgeiid eine passende
Stellung für mich finden: wird!!'' etgegnete das
eaarb-
,Das älso ist der Plan! älso Alles wohl be-
rechnet, Alles hübsch äüsgedacht ünd''' überlegt!' Und
dazu den Adjanktus Hoffmungen'' gemachtund mit
ihm schön gethan,'' höhnts steNlkEke;nd! zuni ersten-
male wies der Amtmann- sie'nicht zurück, sondern in
den Ton der Schwester einstimnjend, sagte er bitter:
,, Und das Alles unr dek eleüden Liebschaft willen mit
dem Baron, dersich mut seihet Fraü -auf seinem
Schlosse kein Haar darun grau werden lassen wird,
wo und wie Du einmal»zu Grunde gehst.! -
Das war mehr, - als sie ertragen konnte. Sie
richtete sich hoch auf, und obschon das Blut ihr in den

- .
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Ag,
Schläfen -hämmerte und, ihre Lippen mühsam- die
Worte aussprgchgn, sggte sie: ,,Ich werde nicht zu
Grunde gehen, Herr Agymann, auch wenn sich Nie-
mgnd um mich kümmert!,- Und, ich habe,= dessen
hßt; Gott nein Zeuge. -- nie ,mit Jemandemschön. ge-
. Pgn;, hghe dem, Herxu Pfarrer, das hat, ex selber zu-
gestehen, mssen, -muit keinem Wort und keinem Blick
eine falsche Hofnung angexegt. Ich wußte, seit, lange,
Pgß ich hier ;uicht hleihen, konnte, und.;ch bitte; S, ?
flehentlich bitte ich Sie, erzeigen Sie mir die Liebe und
schhcken Sie pnch sobald gls möglich fort. Hier müßte
jchzzu Grunde gehen!? -
;; Pem Amtmann schwollen die Adern auf der
Stirne,, -Er wollte einen Fluch ausstoßen, aber er
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schluckte ihn hinunter, denn ex wußte nicht, gegen wen
- eg jo erhittert, so ergrimmt war, daß der Aerger pihm -
- gn dem, Herzen fraß: ob gegen das Mädchen, das
nun einmal nicht in die vernünftige Bahn zu bringen
war, : und das er doch so, gerne in seiner Nähe behalten
und unter, seinen Augen,,glßcklich hätte sehen mögen,
oder gegen gie Härte, und; den Hexzenswahnsinn seiner -
Schwester, die denz Mädchen sein Leben so verbittert
hatte, daß es leber unter Frege in die weite Welt -
gehen, als diese Unbill. länger tragen wollte. -
:.-r, war, mit raschem Schritt vor Hulda hin-
zetreten, yblieb dann stehen wvie: Einer, der sich selber
- - gißtraut, und maß. sie mit finsterem Blick pom Kopfe
- bis zum Fuß. Sie sah, wie, die, Unschuld, wie die
Sgnftmuth -Felber aus, er konnte es, kaum ertragen.
Fr hatte nicht Weib,, nicht Kind, und an der Schwester

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hatte er keine Freude gehabtz'so lange sie zusammen
lebten. Auf Hulba aber hielt er. Er hatte!sie lieb,
als wäre sie sein eigen Kind, und' daß sie das nicht
wußte, daß sie- iu die Welt'' gehen wollte, das verdroß
ihn, das empörte ihn, 'während er ihr nicht sagen
konnte,' daß sie bleiben solle, denn er jelber sah es ein,
sie mußte für das Erste fort. =- Es war ihm noch
niemals Etwas so vollkommen gegen seinen Sinn ge-
gangen. Er sollte thun' und. geschehen lassen, was er
nicht wollte, was er für verkehrt hielt. Aber ein Ende
mußte es jetzt haben; ein - Ende- mußte -er mit ihr
machen,. sie mußte. erst eimntal fühlen Nlernen, was sie
aufgab, probiren, wie es draußen wäre. Sie sollte
ihren Willen haben. - Und ging es nachher nicht,
nun, so stand das Schlöß ja äuf dem alten Flecke
und sie konnte wieder kommen = zahmer' wieder kom-
men, als sie sich heut' anließ. Dessen war er ficher.
Mit dieser Einsicht und mrit der- Gewißheit kam
ihm auch sein alter Gleichmuth wieder. Er legte die
Hände auf dem Rücken zusammen, was er immer
that, wenn er sich so recht auf seinen Füßen fühlte,
besah sich Hulda noch einmal und sagte mit gemessener
Langsamkeit:,Also Du willst fort und morgen schon?'
Sie versezte, wenn es sein könne, bäte sie darum.
Der Amtmann ging nach dem Kalender, zu sehen,
was für den Tag notirt war, und sagte dann: ,Es
steht Nichts im Wege! Mach! Dich fertig, Du kannst
fort. Geld kannst Du bekommen, so viel Du für das
Erste brauchst, das Nebrige findet sich nachher. Was

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insder?äfarxe jetzt zu thun ist, das werde ich besor-
- gen, »w,acht Uhr Morgens kannst Du reisen.! -
J- ,Sie dankte ihmleise,' er sagte, dazu habesie nicht
- »rsache, und, das Fchnitt ihr in das Herz,, denn sie war
, ihm'anhänglich von Kindheit gn' und wußte,: daß:er
es? redlich mit ihr meinte. - Er nahm die Mütze, und
wpie sie-ihmenach- gewohnter Weise den Kiückstock aus
der Ecks holen wollte, meinte er: ,Eaß es -gut sein,
ch.kann -ihi. mir-schon heute selber holen!!! Damit
-ging ier. in:en. cof hhnaus. -? -
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-s Sie -iß die . Zähne' zusammen, denn sie wollte
nicht weinen, . sie-mußte sich zusammennehmen :lernen.
--0 Alrike sagte;' ,sie olle den- Koffer wichsen lassen,

damit er; doch. nach Etwas aussähe; und den Tisch
-besorgen, könne heut' die Magd, sie wolle: nach dem
Ihren sehen. --
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Kapitel 23

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Deiundzwanzigstes, Gapitet. -
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,Nui ist es geschehen!r = Dgs war Alles, was
Hulda denken konnte, als Fie sich'iü ihrei Siübe müde
und zerschlagen niedeksezte; Erwartet hätte' sie es
lange. Sie hattsich dthweßdig'befreien müssen aus
einer Lage, die in' jeder Besiehung unerträgbar'' für sie
geworden war, aber es war heute' Alles Fö' mrit' einem
Schlage über sieFekomnbirs kd pie beEicschsidung
nin vor ihr stand, sähnAllessüErsisher so nackt, so
roh, so' öde aüs. =Der verkläeeibe Schißmner, der die
Zukunft geheimmrißooll'uniwwöben, Har dahin, es war
ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte?- -?
a Jezt kam es darääuf an,? wasGabriele' schrieb.
Sie zog den Brief heraus; 'schon die:klare, festeHand-
schrift hatte etvas Tröstliches füEsie. zWas' Sie mir
mitiheilen,! hieß es nach' der ersten Seilef-,hat nichts
Befrenrdliches für mich. - Jeöe vdi'inis trägt mehr
oder weniger bewußt ein Verlangen nnach einem be-
sonderen Glück, oder -nach' einer idealeit! Bethätigung
seines Wesens in sich, und wennu das Eiste' uis nicht
winken will, trachten wir danach, die Zweitezu erreichen.

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Das ist Ihr Fall, und manche Ihrer Anlagen scheinen
' Ihrein Vorhaben Erfolg zu versprechen. Aber der
Weg einer Bühnenkünftlerin ist schwer und rauh, und
selbst an dem glänzend errungenen Ziel finden stch der
-verletzenden Dornen unter den Kränzen des Triumphes
noch genuug. Ob Ihr Talent ausreichend ist, kann nur
die Probe darthun, Ob Sie den Muth, die nichts-
achtende Entschlossenhet i das Bersichselbstberuhen
besizen, ohne welche die äheatralische Laufbahn nicht
zurüczulegen ist, darüber können nur Sie selbst ent-
Fceideggz kegen Sie sich die, Frage ernsthaft wver. -=
Fing- Sie, mit, sich,, einig, so melden Sie es- dem:
Direktor des Thegters, den. Sie, bei mir: an jenem
Morgen, sahen. -»Ich-habe -ihm geschrieben, ihn, auf
Ihre Ahsicht,vorhereitet, ihm meine Meinungüber die
,Ihgenjgemäßen Studien mitgetheilt,, und Sie, ihn auf
-

W98
dgs Rachdrücklichste empfohlen. Fürchten Sie von
Feiteg, Ihrer Angehöxigen, auf: Hindernisse bei-der
Auusführung ;Ihres Flanes, zu stoßen, Ao mrüssen Sie
Fugheg, jhn;wohne, deren,Zystimmung zur Ausführung
zu bringen, zdenn-in, diesensFalle, wie ,in, mmnanchem -
andexen;kann -man, nichtsdurchkommen, ohne .yach dgm
Hgnstzühel herufenen örundsatze zu handeln, aß.der
Zpeckzie;Mitel-heiligt.? ; -
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teSie,kügte;hgmn;och. hinzu, daß sie Sutrauegzu
Hulda!sz Beggbung- habek daß Ideren übexraschende
Aehnlchkeit, mit ihr ,eine- gute Vorbedeutung für, sie
Fein,mnüge,' und wie det ,ganze Brief in einem, durch-
as einfachen, geschäftsmäßigen Tone gehalen, war,
Fg. sggte Fie denn auch ganz am Schlusse, da; Hulda

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sich Rath fordernd -an sie gewendet, so verstände es
sich von selbst, daß sie von ihr auch die Mittel an-
, zunehmen habe, ohne welche sie jene Rathschläge nicht
befolgen könne, Sie sende ihr, deshalh für alle Fälle
das nöthige Reisegeld bis- auach dem Aufenthaltsorte
des Direktors. Bei diesem werde sie eine kleine An-
weisung auf einen' dortigeg- Bankier, vorfinden, deren
Ertrag ausreichen dürfte, fie zu unterhalten, bid der
Direktot sich, überzeugt hgben- werde, pb sie für ihn
zu hrauchen sei, und ph ihre-Ausbildung, überhaupt
eine, hohnende zu werden - versprehe: -Wenn das ent-
schieden sei, jo möge, Hulda -sie zdavon in Kenntniß
fezen, bis dahin wünsche, sie; ihr Muth, Geduld
zd Glück. - -
. Hulda athmete:auf, zals.zsie:den.Brief zu Ende
gelesen' hatte, , Er brachte ihrzdie»Ermuuthigung. die
Anweisung, deren ze Fedurftshatte,; Man hörte jedem
Worte des Briefes- die, reifeM Nebelegung, einer Viel-
erfahrenen, an, Die Güte;' die-Großmuth, mit welcher
sie sich Hulda's annahm, gingen über ihr, Erwarten,
aber auch diesemBriefe fehlte-der helle Schimmer,
der-jenen; Wintermorgen bei -Ggbriele. für Hulda's
Phantasie, so zaubexhaft umleuchtethatte;t die Wirk-
lichkeit war, nicht, so lchtunflossen, jie: wwar zrnst und
begehrte festes, ernstes;Fhun; Neri. -
Eines Nebeilegens bedurfte Hulda nicht. Was
ihr, als -Kind ;in unbestimmten Bildern verlockend vor-
geschwebt hatte, das zu erreichen--sollte, sie; jetzt streben.
Das Glück hatte sich. ihr versagt, fie wollte, wie es
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Gabriele schön genannt, nach einer idealen Bethätigung

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ihres nWesens trachten. - Die selbstgewählte Aibeii ihies
Lebeis HFänn mit diesem Tage und in dieser Stunde
De ,Die Kindheit, die Heimat, die Jügenö ind die
Lebe sind dähin!r sagte sie'zu sich selbst; ,.ich niüß
abschließen mit der Vergangenheit, und vorwärts gehein
an mein- Ziel!? -
- - Ihre Vorkehrungen'' für die Abreise waren-- bald
gemacht, ihr Besizwad sehr' gering.' ihre bescheidene
Gärderobe, die wenigen Bücher und Musikalien,' die
kleinen' Andenken- an ihre:Eltern, die sie bei sich hatte,
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waren bald -eingepackt, die' Guitarre in ihreni Kasten
wohl. verwahrt. Es war' noch lange bis zum Abend
hin, lang noch bis zum' andern Morgen. -'
Als die Mittagsglocke läutete, ging sie hinab zum
Essen, der Antmann, die Wirthschafter' kamen an den
Tisch, Mlles lag ünd stand wie sonst, nur -daß sie es
nicht. mehr auf den Tisch gebracht- hatte wie sonst.
Der Amtmann sprach mit seinen Leuten, Mamsell
Ulrike machte, ohne von ihrer Abreise zu sprechen,
alleilei Bemerkungen, die es Hulda fühlen' ließen, dcß
sie- aus dem Kreise dieses Hauses -schon entlassen''sek.
Der Amtmann gönnte ihr kein Wort.' Die Wirth-
schafter sahen neugierig nach ihr hin,- sie wüßten es
schon,' daß sie dem Pfarrer einen Korb- gegeben; habe
und daß der Amtmann sie deshalb länger nichk' be-
j-; - -! -
halten wölle. b-
- - AndMachmittage, als sie sich zu den gewohntei
Diensten dnschickte, wies- Alrike- sie zurück. -,Das sei
für sie Nichts' mehr,! meinte sie, , eine Städtdame,
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eine Gouvexnante, müsse ihre Hände. schonenr! Aber
sie sah. höse ,aus, als sie:das sagte.?
Hulda hatte den ganzen. Rachmittag für sich.
Sie las -wieder unud - wieder. Gabrielens. Brief, sie
kramte in den wenigen. apieren, die sie hatte, und
band die Volkslieder zusammen; nach denen sie die
Abschriften füt Emanuel, gemacht:. - Es waren Kor-
rekturen' von ihres Vaters Hand, und guch von seiner
Hand darin, sie konnte das Auge. - nicht davon ver-
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- -, Sie ging, an das Fenster und sah in. die Nacht
hinaus. Wie oft hatte sie an dem. Plaze gestanden
und hinübergeblickt. nach seinen.Simmern.im Schlosse,
den sanften Klängen seiner Phantasien lauschend. Jetzt
war da drüben; Alles dunkel,. Alles, . still. Es drang
kein Ton von, dort. zu ihr, und seine Gedanken suchten
sie nicht mehr. Wie sollten sie das auch? Was war
sie ngch füx ihn;in seinem Glücke?KEr wußte sich ge-
liebt, ex, war. exlöst!,=- Erlöst durch, sie!-- Der Fluch
aber war zurückgefallen auf ihr Haupt. -Sie war die
Aufgegebene, die Vergessene, die Ungeliebte! und hei-
matlos und einsam mußte sie fortan -des -Lebens neue
Wege gehen-
Sie stgnd noch; auf, denselben Flecke, als der
Amtmuann zu ihr, in die-Stube, kam. Er brachte ihr
das Geld, das sie bekommnen sollte, und hieß sie, es
einzunähen in ihr Kleid. -.
,Wegen Deiner Möbel und des Vaters Bücher,.-
sagte er,,will ich mit dem Pfarrex ein Abkommen zu
treffen suchen. Er kann das Alles brauchen, und rückt

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man den alten Kram von seinem Plaz, so ist er gar
Nichts werth. Was es ergibt, wird für Dich-auf-
bewahrt.?
Sie versetzte, sie sei deswegen ohne Sorge; er
antwortete nicht darauf und ging davon. -
Spät, als im Hause Alles schon zur- Ruhe war
und' sie noch einsam wachend die Erlebnisse des Tages
an sich vorübergehen ließ,' kam eine Rührung über fie.
Sie dachte an den jungen' Pfarrer. --
,,Der wird auch noch wachen und wird traurig
sein! sagte - sie zu sich selbst, und die Vorstellung,
oc
dgß unter deniDache, in demHause, welches ihr Ge-
schlecht und sie so lang beschirmt, man ihrer in Schmerz
und. Unmuth denke, drückte sie wie eine schwere Last.
Sie konnte so nicht -fortgehen, nicßt so von ihm
scheiden:Auf dem lezten Blatt Papier, das ihr zur
Hand wär, schrieb sie ihm.
IVergessen Sie, daß Sie wünschten, was zu gee
währen nicht ii meiner Macht lag,? bat sie ihn. ,ch
habe: Sieüie wissentlich getäuscht, ich durfte Sie auch
jetzt nicht täuschen, ohne eine schwere Sünde zu be-
gehen. Wir haben wie Geschwister friedliche Tage
unter meines theuern Vaters Schutz verlebt, nur
dieser erinnern. Sie ,sich, wenn Sie an mich ge-
denken, aber nicht der schmerzensvollen Stunde, die
uns. trennte. Und wollen Sie mir eine Gunst ge-
währen, so behalten Sie zu meines Vaters Angedenken
und Izu meinem, das Klavier, mit dessen Tönen wir
gemeinsam ihn' erheitert haben, als wenig andere Et-
heiterung ihm mehr vergönnt wwar. Ich danke Ihnen

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von Herzen für die Liebe, öie Sie ihm, für die
Freundschaft und Treue, die Sie mir erwiesen haben.
Denken Sie seiner in Ihrem Gebete und auch' meiner.?
Es war ihr leichter um das Herz, als sie den Brief
geschrieben hatte. Am Morgen, wie der Wagen kam,
übergab sie ihn dem Amtmann unwersiegelt. Er las
ihn, da sie es wünschte, und hieß ihn gut. Es zuckte
dabei Etwas über sein Gesicht, was man sonst darin
nicht sah. Er umarmte sie, wie sie in den Wagen
stieg und sagte, sie solle nun ihr Heil versuchen, es
rERud
Gute, das sie ihrem Vater und auch ihr gethan hätten.
,Pavon ist keine Rede!'r -sagte Ulrike, die nicht
Abschied nehmen konnte, und ging in das Haus.
Els der Wagen fort war, und' der Amtmann
wieder in die Stube kam, saß die Schwester wei-
nend hinter dem Ofen.
,Du hast's ja so hahen wollen!r sagte der Amt-
mann und ging an ihr vorüber in die Schreiberstube.
,Sie hat es danach gemacht! entgegnete Ulrike,
stand auf und trat an das Fenster.
Der Wagen war schon weit hinaus im Felde.
An der Stelle, Hulda kannte sie so genau, da hatte
sie Emanuel zuerst gesehen.
Ende des zweiten Bandes.