Die Erlöserin.
Fanny Lewald
Band 03
Titel

Die Erloserin
Roman
- von
Fanny Lewald.
Dritter Band.
Das Recht der ebersetzung' ist vorbealten.
Perkin, 18.
, Druck und Verlag von Dtto Janke.

Kapitel 01

Erstes Gapites
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Der Brief Gabrielens, in welchem sie ihrem alten
Bekannten, dem TheaterDirektor Holm, die Anzeige
machte, daß das schöne junge Mädchen, welches er vor
einem Jahre an jenem Wintermgrgen hei ihr ange-
troffen habe, Schauspielerin'zu werdei' beäbsichttige, kam -
demselben recht gelegen. Er erinnerte sich des Vor-
ganges und des Mädchens sehr genau, und er lächelte
über die flüchtige Auskunft,' welche die gefeierte
Künstlerin neben den dringenden Empfehlungen,, ihm
über die Herkunft ihres Schüzlings zu geben für ge-
nügend gefunden hatte.
Er war erster Heldenspieler gewesen, beyor er die
Direktion des Theaters übernommen, ünd hatte auf
der Bühne und bei den Fraüen Erfolge gehabt, deren
er nicht vergessen hatte. Er kannte auf seine Weise,
wie die Welt und die Menschen, so die Frauen im
Besonderen; und er war der Ansicht, daß es unter
Verhältnissen gerathen und geboten sei, zwwischen den
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Fchriftlich auszusprechen man für nicht angemessen er-
achtet hatte. Er kannte daneben auch sein Publikum
und wußte, wie er dasselbe zu nehmen habe. Er zö-
gerte also nicht, Gabrielen der Bereitwilligkeit zu ver-
sichern, mit welcher er ihr zu dienen geneigt sei.
Die Theilnahme an dem Theater war in der alten
großen See- und Handelsstadt in jenH stillen Friedens-
zeiten eine ganz allgemeine. Die Holm'sche Direktion
stand in gutem Ansehen. Der Direktor galt dafür,
manchem Talent zu schöner Entfoltung verholfen zu
hahen, und die geselligen Verhältnisse der Stadt waren -
den Künstlern günstig. Der Adel der Provinz und des
angrenzenden Landes, welcher während des Winters
von seinen Gütern in die Stadt kam, hatte ebenso
wie die reichen Kaufherren und diplomatischen Konsuln
und Agenten seine festen Logen im Theater. DieOffi-
ziexe der Garnison, die jungen Beamten der ver-
schiedenen Kollegien und Behörden bildeten ein sehr
behbtes und dankbares Publikum. Es nahm schnell
und' lhhhaft Partei für den und jenen Küistler, aber.
es wai eben deshalb aüch nicht leicht zufriedenzustellen,
wenn es Jarauf ankam, für einen ihm werth gewor-
deten Schauspieler, den es entbehren sollte, den passen-
deh Ersatz, zu finden; und einen solchen schaffen zu.
müssen, war der Direktor gerade in dem Falle.
Die erste Liebhäberin für das ernste Fach wollte
in einigen Monaten für immer von der Bühne schei-
den. Sie war durch mehrere Jahre der unbedingte
Liehling des Publikums gewesen, hatte aber schon seit
längerer Zeit ein Liebesverhältniß mit einem reichen

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Kaufmannssohn gehabt, der sie jetzt, nach dem Tode
seiner Eltern, heimzuführen beabsichtigte. Ihr Kontrakt
ging bald nach dem neuen Jahr zu Ende, gerade in
dem Zeitpunkte,, in welchem die länger werdenden
Tage und das bessere Wetier die regelmäßigen Besucher
des Theaters von demselben, fortzulocken beginnen.
Der Direktor hatte deshalb schon seit Monaten dar-
auf gedacht, wie er durch. Gastspiele and neue Dar-
bietungen den eigentlichen Stamm der Theaterfreunde
auch über diesen Zeitpunkt, hinaus in dem Interesse
für das Theater' festhalten könnte. - Eine junge An-
fängerin vorzuführen, welche Gabriele ihm als sehr
talentvoll schilderte, die von ihr empfohlen, die neben-
her ihr ähnlich und sehr schön war - etwas Anziehen-
deres konnte er sich gar gicht wünschen. Er entschloß
sich also, gegen seine, sonstige,öeschäftspraxis, das An-
erbieten, -welches man ihm machte, ohne Vorbehaltung
anzunehmen.
Er schrieb noch in derselben Stunde, in welcher
er Gabrielens Brief empfangen hatte, um Hulda zu
benachrichtigen, daß sie sich auf die Reise machen möge,
da er in Folge derFFürsprache ihrer Beschüzerin, nicht
abgeneigt sei, sich ihrer Ausbildung zu unterziehen,
falls ihr Talent sich ausreichend erweisen und ihr Fleiß
seine Bemühungen zu lohnen versprechen sollte. Er
gab ihr dabei, an, wie sie ihre Reise einzurichten habe,
meldete, daß er zu jhrer Ankunft eine Wohnuung für
sie vorbereiten wolle und sagte ihr Alles, was sie sonst
noch wissen mußte. Wie er dann aber ihren Namen
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auf die- Adresse schreiben wollte, welche -- Gabriele
ihm -angegeben hatte, fiel ihm der prosäische Klang
desselben auf, und er hedeutete ihr noch sofort, daß sie
ihren bisherigen Namen auf der Bühne ahgulegen, und
einen wohllautenderen dafür zu- führen haben werde.
. - Bei der Probe am Vormittag zeigte er sich sehr
wohl aufgelegt. Er sprach mit dem Regisseur von dem
bevorstehenden Eintreffen einer sehr viel versprechenden -
Aspirantin, von, deren Erwerbung er bisher geflissent-
lch geschwiegen habe, obschon seit Jahr und Tag sein
Aügenmerk auf sie gerichtet gewesen sei. Er scherzte
Aiit der ersten Liebhaberin, in welcher er jetzt bereits
die Lünftige Frau des reichen Kaufherrn zu verehren
ainfing, darüber, daß jie nur noch die Zeit nützen solle,
sich in dem Gedächtnisse ihrer Bewunderer festzusetten,
denn er habe eine Nachfolgerin für sie in Aussicht, die
zunächst durch ihre jugendliche Schönheit dem Anden-
ken an sie gefährlich werden könne. Er ließ sich aber
itichtBewegen, weder dein Regisseur noch Feodoren den
Nameit' der' Erwarteten, oder'irgend etwas Näheres
Aber=ehre Verhältnisse mitzutheilen; und eben weil' er
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dienlngelegeiheik mit kuFer Berechnuung als ein Ge-
heimiitiß behandelte, sprach man davon am Abende
in,' den' Garderoben wie in den Koulissen, -und gleich
an dem- nächsten Tage war unter: den täglichen Be-
suchern des Theaters- schon davon die Rede, daß der
Direktor irgend etwas mit -der Einführung einer neuen
jungen Schauspielerin im Sinne häbe, das er sonder-
barerweise geheimnißvoll' behandle.

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Als der Direktor in das Kaffeehaus an der Pro-
menade kam, in welchem man die Zeitungen zu lesen
pflegte, fand er zwwei der eifrigsten Verehrer Feodoren's
an einem der Tische sitzend. : Der Eine war ein
reicher Land-Edelmann, der: den Winter immer in der
Stadt zubrachte, der Andere einer der beliebtesten
erzte der Stadt, der in seiner Jugend. Theater-Arzt
gewesen und aych später mit dem Theater, für, das er
eine große Vorliebe besaß, noch immer im Susammen-
hang- geblieben war.' Sie waren Beideunverheirathete
Lebemänner, Beide noch in dem -Alter, das sie bei den
Frauen wohlgelitten machte, und da sie neben ihren
Fachkenntnissen ästhetische Bildung -und künstlerischen
Geschmack besaßen, zählten sie in Allem, was sich auf
die Künste, besonders aber: in demjenigen, was sich
auf das Theaters bezog, zu den Autoritäten, auf die
man sich berief. Ihr Schweigen oder ihr Beifallspenden
war von Einfluß auf das Schicksal:eines Stückes, wie
auf den Erfolg eines neuen oder eines gastirenden
fremden Schauspielers.
Auch hatte man kaum -die ersten Grüße und
Worte mit einander gewechselt, als Herr von Hoch-
brecht die Frage aufwarf, was es denn -mit dem Ge-
rüchte auf sich habe, von den ihm Feodore heute ge-
sprochen, als er ihr nach der Probe aufgewartet habe.
,Wollen Sie damit den. Eifer ,er Eifrigen anspornen,
so haben Sie das nicht nöthig,! sagte er, ,denn Feo-
doren's Ehrgeiz war nie reger, als eben jetzt, weil es.
sie danach verlangt, als der fortdauernd gefeierte
Günstling des Publikums von der Bühne zu scheiden.?



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,Wäre es auch nur,! sezte der Doktor mit sei-
zem sarkastischen Lächeln hinzu, ,um ihren Gatten
lebenslang daran erinnern zu können, welchen Trium-
phen sie um seinetwillen entsagt, und nche Huldigun-
gen er ihr dafür als Ersaz zu gewähren habe.! -

Der Direktor aber versicherte, daß hier weder
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von einer Kriegslist noch sonstigem heimlichemAntreiben
die. Rede' sei. Er habe natürlich seit lange auf eine
künftige'Stellvertreterin für Feodore denken' müssen,
und da die unselige deklamatorische Schule, welche die
-Bühnen mehr und mehr zu beherrschen anfange, kaum
ein Subjekt finden lasse, das Feodoren in ihrer natür-
Lichen Grazie zu vergleichen sei, in welcher doch gerade
der Reiz: bestanden habe, den sie namentlich in ihrer
ersten Zeit für den gebildeten Theaterfreund gehabt,
so habe er sich unter der Hand fortdauernd nach einer
Fungen Perssn umgethan, die er sich heranbilden und
allmälig in die Rollen einführen könne, welche durch
Feodoren's Abgang neu zu besetzen sein würden. -
,Und dieses Mädchen glauben Sie nun auf-
gefunden zu haben? fragte Hochbrecht.
- ,Ich kann, kaum sagen, daß ich es gefunden habe,!
entgegnete' der Direktor. ,Es ist mir ohne alle mein
Bemühen zugekommen wie ein Vogel, der uns in' das
Renster fliegt.
. Als darauf die beiden Anderen wissen- wollten,
was damit gemeint sei, erzählte er ihnen, wie er die
junge. Person vor einem Jahre bei Gabrielen ange-
tröffen,,habe, und daß schon damals für sie die Rede
von einer theatralischen Laufbahn gewesen sei. Man

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fragte, wo sie her stamme. Der Direktor sagte, sie sei
in einem Pfarrhause auf dem Lande herangewachsen
und erzogen.
, Und ist es ein hübsches Mädchen?! erkundigte
fich Hochbrecht.
, Eine Schönheit!r versicherte der Direktor, wäh-
rend er, um seiner Versicherung Ausdruck zu geben,
seine Finger küßte und in die Luft warf. ,Eine Schön-
heit ersten Ranges, für die Bühne wie geschaffen.
Groß, stohzer Nacken, schöne Büste, hellblond, mäch-
tige Augen - die ganze Mutter.!
,Sie kannten die Eltern' also? fragte Hochbrecht.
, Nein! Das Mädchen ist verwaist.r?
,,Aber Sie erwähnten , doch eben erst der auf-
fallenden Alehnlichkeit zwischen der Tochter und der
Mutter!' erinnerte der Doktor.'
, Bewahre!! rief der Direktor. ,Ich habe die
Eltern nie gesehen!r Und da nun die Freunde, deren
Neugierde rege geworden war, in ihn zu dringen an-
fingen, versicherte er mit- dem Tone eines Mannes,
der sich über eine von ihm begangene Ungeschicklichkeit
ärgert, er begreife nicht, wie er zu dem Worte ge-
kommen sei, es müsse ihn'wwie eine landlääufige Redens-
art über die Lippen geschlüpft sein. Er habe gar keine
Kenntniß von des Mädchens Herkommen, als die-
jenige, welche er von Gabrielen erhalten habe, die
dessen Beschüzerin mache. -
,Wem aber sieht sie denn ähnlich? erkundigte
sich Hochbrecht,' der ßicht -leicht von-einer Sache ab-
zubringen war, die er sich in' den Sinn gesetzzt hatte.

, öahteleg!'' sagte der Direktor, als habe er das
porher, schon gesggt -

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Die Freunde lächelten verständnißvoll. Der Di-
,rehgx jndessen, meate, dabej sei wixklich Rgs zum
Lachen. Er könne auf seine Ehre betheuern, daß jene
Eegeweggg;ggrFchts habe sagen fgllen odgr-können.
Egzgissß;nicß, ißnal,. pie, Gghrjele selber mnt dem
Mädchen hekannt geworden se. Indeß die Aehnlich-
Fejt, desselbenn, mit seiner Beschüyexin sei, wirklich über-
-raschend.. , ßr verguthe alss, Ggbriele sei, ehen durch
,diese von ihr bemerkte, ehnlichkeit, auf Hulda auf-
merksgm,ggwenßen,- denn sie selber sei -es gewesen, die
ihn auf dieses eigenthümliche Spiel des Zufalles hin-
ggwiesen hahe. -
- ,Flug und voraussichtig pon beiden Seiten!?
scherzte der Doktor mit jener leichten Neberlegenheit,
wpelche, er gje Anderen inmex fühlen -zu lassen wußte,
ehge ßße,;soz stark zu, betonen, daß sie ihnen lästig
werden Jonnte. Und dem Direktot auf die Schulter
Aopfend, fügte ex, hjnzu; ,So schlingt ein Mann, der
n dex Schule; der, rauen dgs Schweigen lernte, wenn
es, sein,gnuß,. das eigene Woxt' hinuunter, um seine Jn-
iskxetign-zu;verhergen. ; Also seien Sie ganz unbe-
Forgt.. Sie; haben Nichts gesagt, wir hahen Nichts ge-
Ihört, und, Ihre;junge Schönheit debutirt für- uns wvie
Hür das Publikum als die schöne Unschuld aus dem
Pfarrhause.!
-- - ;Man gefiel, sich in, dem scherzenden Gespräche und
kam dghei guf die Art und Weise zu reden, in welcher
früher die Heränbildung für die Bühne erfolgt sei.



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Man wwerglich -Fie, mit den blichh ggewordenen Ein-
studiren einzelner -Pargdexollen; und erst als man sich
trennte, fragteHochbrechtgyn,den Namen, der Erwarteten.
Das; mahnte gen-äirektor,, an den? Ramens-
wechsel, zu dem er Huldaf ergnlassen lwollte, und
ohne sich, zu- fragen, oh sie mit dem -ßerfahren ein-
verstanden, ob ie. geneigtzseinzwerde, ihren ehrlichen
Vaternamen abzulegen, nannte; er- mit, der dreisten
Entschlossenheit, die ihn in seinem Leben schon äber
manche Bedenklichkeit mit Erfolg hinwweggehoben hatte,
den Namen einer glten;SSchauspielerFamilie, die,: weit
verzweigt, seit nahezuz einem Jahrhunderte ihre An-
gehörigen äuf vielen Thegtern hatte, und mit- der von
Seiten ihrer Mutter; auch. ahriele -zusammenhing.
Der Name hatte für diesen Fall-den-Vorzug, kein
ungewöhnlicher zu sein, so daß man auch zufällig
darauf verfallen konnte, ihn anzunehmen, wenn man
sich zu verbergen wünschte. Er klang in der Su-
sammensetzung mit , Hulda! dem Ohre angenehm, er-
weckte, wenn eine Schauspielerin ihn fährte, ein gün-
stiges Vorurtheil, und der Direktor meinte Hulda
leichtlich davon überzeugen zu können, daß sie ihrer
Beschützerin ein Zeichen ihrer Dankbarkeit gebe, wenn
sie sich unter die Aegide ihres mütterlichen Familien-
namens stelle. -
Welche Schlässe die Welt bei Hulda's Aehnlichkeit
mit Gabriele etwa dargus ziehen könne, daß das Mäd-
chen eben diesen Namen führte, das kam dabei für
den Direktor gar nicht in Betracht. Mochte man sich
die Sache zurechtlegen wie man eben wdllte. Der Reiz

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Ziße ermutheten Geheimnisses konnte der Debutantin
zFFch zes Direktors Menschenkenntniß nr zugute
-hmmmnen1 -Fr bemyfahl' natürlich den Theaterfreunden,
Abeifbie! Sache vorläufig noch zu schweigen. da gggn
exshZehen-müsse, was sich aus dem Mädchen maähen
llsß,;Setnännten das Belde selbstverständlich. Aber
ogsßFGeFtEr=ygr in jenen Tagen politischer Windstille
wcFgschländ»die große Angelegeiheit der gebildeten
eglschaftj'ügd -noch ehe zwwei Tage hingegangen
wgreßgnsprach- man in allen Eirkeln der Stadt von
eööPßkgnft eiter- schönen, jungen Debutantin, und
guuFfökanfsießundihre Hetkunft Vermuthungen, die
chiEg,Gerüchte umgewandelt, und bald als That-
emetzähltzznd angenommen wurden.
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Kapitel 02

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; Bweites Gapites
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Hulda hatte bei der Ausführung ihres Planes
weniger Schwierigkeiten gefunden; äls sie exioärtet
hatte. Sie war in der Familie ies Kästellans' freund-
lich aufgenommen worden, hatte ihr bertraut, daß sie
genöthigt und gewillt sei; fortan selber für ihren
Lebensunterhalt zu sorgen; und wie man dabei die
Vorzüge und Nachtheile erwogen hatte, welche mit der
Stellung einer Erzieherin verbunden zu'sein pflegen,
hatte Hulda gestanden, daß ihr, seit sie Gabtiele spielen
gesehen habe, wohl' bisweilen der Gedänke gekommen
sei,' auf die Bühne zu gehen, indeß eine solche Absicht
vor ihrem Vormunde auszusprechen, habe sie nie ge-
wagt. Ihre Gaftfreunde fanden diesen Einfall aber
keineswegs ungehörig oder überraschend. Sie hatten
Verwandte, die Schauspieler waren, und eben erst unter
günstigen Bedingungen bei dem Theater in ihrer
Vaterstadt eine Anstellung gefunden hatten. Mit' diesen
war Hulda bald bekannt geworden, ihiten hatte sie sich

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anvertraut, und der Rath und Beistand dieser Beiden
hatte ihr dazu geholfen, ihrem Vormunde und der Fa-
milie des Kastellans den Glauben beizubringen, daß
sie an dem Orte, nach welchem sie sich begeben wollte,
eine Stelle als Erzieherin gefunden habe.
Es war ein Spätabend, als sie l F alten
Handelsstadt, die für das Erste ihre Heimat werden
sollte, auf der Post von der Matrone in Empfang ge-
nommen wurde, bei welcher sie nach der von dem
Direktor getroffenen.Veranstaltung ihre Kost und ihre-
Wohnuung finden sollte.-
Frau Rosen war die Wittwe eines Beamten, die
jich gach ihres Mannes frühemz Tode in dex Noth-
zendigkeit befunden hatte, sich, mit ihren Kindern, wie
Fie, fonnte, durchzuhelfen; und da ihr ganzes Erbe in
einem kleinen Häuschen bestanden, welches ihr Mann
zinige Zahre, por seinem Tode erworben, hatte sie sich
aund die Ihren in die. Dachstübchen desselben unter-
zzgbngcht, un, die übrigen Räume miethweise an Fremde
äherlasseg, zu,können.
I Die Nähe des Thegters war ihr dabei zg tatten
zz?ggggen.,- ßfner gderr det gndere fremgen Sühnen-
Fnßßr,gzgr sich zu lngetem Gastspies an dem Orte
zfgehalten, Jatte, sih in, ihrem Hause einguartiex,
werschjedene, junge Schauspielerinnen lange bei ihr ges
zwghnt. Jeder, hatte sie dienstfertig mnd umsichig. ge- -
Fanden,. Jeder sie dafär geyihmt, bis endlich ihr Haus -
zg, inem heliebten Absteigeguartier für Schauspieler
-geworden war, als welches es sich eines guten und
,ggsgebreiteten Rufes, erfreute.


Als Hulda ihr von dem Direktor zugewiesen
wurde, hatte Frau Rosen ihre eigenen Kinder bereits
versorgt. Nur die jüngste Tochter war noch bei ihr
zurückgeblieben, und da sie: geschickte Hände hatte und
Kleider und Putzsachen mult besondereüi Geschmnäcke zu
fertigen verstand, war diese Göschicklichkeit zu einer
neuen und vortheilhaften Erwerbsaüelle fürdie Frauen
geworden,' so daß von Noth und-Sörgen füi sie nicht
mehr die Rede, und der Aufenthalt in ihrem Hause
für die Gäste nur um so angenehmer geworden' war.
Da Hulda genöthigt war, fich in ihren Ausgäben
auf das Unekläßliche zu beschränken, hatte man ihr
ein kleines Stübchen zurechtgemacht; äber es war be-
haglich und fteundlich eingerichtet, wöhl durchwärnt,
die beiden Erkerfenstet sähen in diesjetzt nackten Wipfel
der Bäume hinein, welche die Mleen der Promenade
bildeten. Sie gönnten dadurch der än Licht und Luft
Gewöhnten, den Blick auf einen weiten Horizont, und
- die gutwillige, ihnen durch Gewohnheit: zur Natur ge-
wordene Freundlihkeit, mit welcher Mutter und Tochter
dem fremden Ankömmlinge begegneten, machten Hulda
einen Muh, dessen sie recht sehr bedurfte.
- Alles, was ihr schwer, was ihr bedenklich däuchte,
wovor sie sich scheute, das war den beiden Frauen
altvertraut, schien ihnen einfach und das Natürlichezu
fein. Sie kannten den Direktor, den Regisseur, sie
kannten das ganze Persönal des Theaters und alle
Beamten desselben, bis hinab zu den Schneider und
dem Friseur und deren Gehilfen.

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.. - ; Sie zählten mit sichtlicher Gemugthuung alle die
Berühmtheiten auf, welche zu beherbergen sie die Ehre
gehabt hatten. Die gefeierte Feodora, wwelche die Bühne
nun bald verlassen sollte, fehlte unter ihnen nicht; ja
Feodora hatte in diesem Hause sogar einmal den Be-
such der unvergleichlichen Gabriele empfangen, von
deren Schönheit und von deren majestätischer Haltung
Frgu Rosen mit wahrhafter Begeisterung sprach.
-Kaum, aber -hatte die Mutter Gabrielens Er-
wähnuung gethan, so wurde ihre Tochter, die bleiche,
kränkliche Beate, die immer Puz und Schmuck für
Andere verfertigte und sich selbst so unscheinbar als
nur gmöglich tgng, auf Hulda!s Aehnlichkeit,, mit Ga-
briele achtsam, und die beiden Frauen versichexten, leb-
haft, schon dieser Umstand sei für dieselbe ein unge-
meines Glück und werde ihr bei dem Publikum mehr
nützen, gls Fie jetzt noch irgend zu ermessen fähig sei.
z - Hulda; hatte es gar nicht besser treffen können,
gls es ihr hier geboten ward. Wedex ihre Schüchtern-
hgg, zgch,ßng geringe Eusstgtung, deren sie selber sich
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- fgß,hgmte, ßbexxgschten ihreFWsirthinnen. Sie hatten
- schon mehr als einmal Anfänger in chrem Hase-auf-

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gengmmen,'.die dürftig und ungekannt unter ihrem
Dache gelebt, und deren Name nachher im weitesten
Kreise gefeiert, deren Talent eine Quelle der Ehren
und des Reichthums für dieselben geworden war.
Beate ging ihr gefällig und geschick zur Hand, als
Hulda sich in ihrer kleinen Stube einzurichten anfing,
und als sie sie danach verließ, blib Hulda endlich
mit einem Gefühl beginnenden Wohlbehagens in dem

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engen Raum zurück, das zu empfinden sie bei ihrer
Ankunft weit entfernt gewesen, war.-
Es gefiel ihr in dem Stübchen, es that ihr wohl,
daß sie sich vor Mamsell. Ulrikens hassendem Nebel-
wollen nun, geborgen wußte, daß. sie dem jungen
Pfarrer nicht mehr zu begegnen brauchte, dessen Liebe
und Bewerbung sie geängstigt hatten, daß sie sich nicht
mehr gegen das Nebelwollen fremder Leute zu ver-
wahren hatte, welches nicht verdient zu haben sie sich
bewußt war. Sie pollte und mußte jetzt vergessen,
was unwiderbringlich für sie verloren war, und es war
ihr eine Erleichterung, zu denken, daß jetzt Niemand
von ihr wisse, daß sie selbst für Emanuelw verschwunden
sei, der sie verlassen und ihr die Treue gebrochen hatte.
Ihre Vexgangenhejt mußte-ngn für sie vergangen
sein, es konnte sie hier kaum Etwas an dieselbe mahnen.
Nur die Sterne des Himmels, die ihr geleuchtet hatten
am fernen Meeresstrande und denen -sie zuerst ihr
Lieben und. ihr Leiden anvertraut, die- waren als treue
Gefährten, mit ähr gegangen und leuchteten ihr auch
hier, und sprachen -ihr pon der Kindheit und der
Heimat, von Mutter und von Pater; und sie gelobte
sich und ihnen, sich selber treu zu bleiben und fest-
zuhalten an dem Glauben und der Sitte, in denen
die geliebten Eltern sie erzogen hatten..
Aber wie der Schlaf sich dann auf jhre müden
Augen niedersenkte, tauchten andere Bilder vor ihr
auf. Sie stand wieder in dem großen Saale des
gräflichen Schlosses wie an jenem Morgen, an welchem
sie Emanuel's Bild zuerst gesehen hatte, und das gol-

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- Siöülkcht schien wieder so hell und blendend
vonbee Seeseite in den Saal hinein, daß der blanke
aßbödeßsäSoi in-Flanmen leuchtete, und sie es kaum
oaEtzzwie aüs seiner Mitte der König der kleinen
Fptdöö-olöenen Krone auf dem Häupte, em-
egeFeffwar gefolgt von seinem ganzen Tröß.
zsnßieh-Schreinen und Gefäßen trugen dieKleinen
Fülle»döii Perrlichkeiten-heran: farbenprangende
wwadsi ällerArt; sstrahlende Diademe und grüne
oeeEkkänze: Uid- der kleine König ließ sich die
eticchksttenreichen und bot sie Hulda dar; und wenn
F Fßpbrgehoben' wurden aus den kleinen Truhen,
ouchssüüFsieüid wurden stattlich,-daß Hulda sah, sie
wgreiihr bestimmt und konnten ihr passen und wohl
aaistehen.' Undsie'freue sich all des Schönen und all
desBisizes; uüd streckte die Hand aus nach des Dia-
denjes funkelnder Pracht. Aber wie sie es ergrifen
hättes'ütd vdr den Spiegel trat, der goldumrahmt
-zschen- den Fenstern hing, sah sie in demselben, hoch
üher' ihtem Haupte, den schönen Kopf Eüanuel's, und
seineAugen-blickten sie an, so traurig und so vor-
iürfspoll; daß sie erschrocken die Hände sinken und
ogzDiadem zu Boden fallen ließ. Das gab einen
-auteß,schweren Schlag, und so festgeschmiedet und
ggßßgtß der Schmnick erschien, sprang er in tausend
Bicke: Die' flogen wie schwirrende Sternschnuppen
-nnexhßis sorihin, däß sie ihnen mit dem Auge kaumi
-sfFlgen-permochte.. Wie darauf der lezte dieser Licht-
-ieC FnderkEuft erlosch und Hulda sich in dein
ynerrüiisah;' wär'Alles, Alles fort: der König und
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die kleinen Leute, und die Kleider und. die Geschmeide,
die sie vor ihr ausgebreitet hatten. Sie war wieder
in, dem großen Saale ganz- allein. Nur einen Ring
mit blauem Steine hatten die. Kleinen ihrr zurück-
gelassen. Sie. bückte sich,: ihn aufzüheben, und wwie ,
sie ihn an ihren Finger stecken -wollte, war es der
Ring, den sie Emanuel zurückgesendet hatte, und die
unvergeßlichen Worte: , Dich und mich trennt Nie-
mand!! glänzte ihr von dem goldenen Reifen- zaube-
risch hell entgegen.
-- Sie erwachte mit einem Freudenschrei und faßte
nach der Hand, aber es saß kein Ring daran, se hatte ihn
ja selbst zurückgesendet. Sie mußte um sich blicken,
sich zu besinnen, wo sie sei und ob sie wache oder
träume. Sie fuhr sichi über Stirn -ünd Augen, als
wolle sie die Truggebilde, oder als könne sie damit
die Erinnerungen bannen, die wider ihren: Willen vor
ihr aufgestiegen waren, und sie bemerkte mit Erstau-
nen, daß das bleiche Licht des Wintermorgens schon
durch ihre Fenster fiel.
, Die Hausuhr schlug die achte Stunde, Frau Rosen
klopfte an die Thüre. Sie käm sich nach dem Befin-
den ihrer neuen Hausgenossin und nach deren nächsten
Bedürfnissen zu erkundigen.
Die waren nun freilich bescheiden genuug! Und
doch lag für das Mädchen, welches bis dahin immer
nur Anderen gedient und Anderer Verlangen zu be-
friedigen gehabt hatte, ein Reiz darin,' daß jetzt Jemand
seinen Befehlen und Wünschennachzukommengenöthigt
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- Fanny Lewald, Die Erlöserin. . -

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und gewillt war. Denn wie nahe Abhängigkeit und
Freiheit,. wie dicht das Gehorchenmüssen und das Ge-
bietenkönnen auch auf einander folgen, die Kluft, welche
sie trennt, ist sehr bedeutend, und man überschreitet sie
nicht, ohne in sich eine Wandlung dadurch zu erfahren.
Hulda erschien sich plötzlich in einem neuen Lichte, sie
dünkte sich in aller ihrer Bescheidenheit vornehmer
und wwichtiger als bisher, und wie die Stunde dann
herankgmm,in welcher sie sich in die hart am Theater
gelegene Wohnung des Direktors zu begeben hatte,
machte sie sich voll wachsender Hofnung auf den Weg.
? Die Probe war beendigt und gut von statten ge-
gangen. Der Direktor war in der besten Laune. Er
trat;von dem Regisseur begleitet, eben aus der Vorhalle
des Schauspielhauses auf die Strgße hinaus, und da
er. Hulda erwartete, erkannte er sie sofort, als sie
herankgm,-und hieß sie mit freundlicher Anrede will-
kommen,
-,Nun,! fragte er, ,habe ich nicht Recht behalten
mit meiner vorjährigen Bemerkung, daß zur. Bühne
alle Wege führten; wie nach Rom? Ihnen sah ich
esgleich auf den ersten Blick an, noch ehe Ihre treff-
licheFeschüzerin mich auf Sie hingewiesen hatte, daß
, Sie von den Unseren wären, und' daß ich Sie früher
oder später auf der Bühne wiederfinden würde.!
. ,Er stellte sie darauf dem Regisseur als die erwar-
tete Schülerin vor; die anderen Schauspieler, welche
inzwischen ebenfalls das Theater verlassen hatten und
auf die Straße gekommnen waren, gingen grüßend an
dem Direktor vorüber, sahen, Hulda neugierig und

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scharf in das Auge, und am Abende wußte das ganze
Personal, daß die Tochter Gabrielens angekommen
sei, daß sie wirklich schön und der Mutter ähnlich sei,
daß sie aber dagestanden habe; als wäre sie vom
Sirius niedergefallen in die ihr fremde- Welt.
Und fremd, völlig fremd war die Welt für Hulda,
in die sie sich versetzt fand. Mlles war ihr fremd,
Alles verwirrte sie, Alles widersprach den Aschauungen,
in denen sie erzogen worden' war. Mit, klopfendem
Herzen, mit flammenden Waigen stand sie in dem
Arbeitszimmer des Diiektörs; diesem und dem Regisseur
gegenüber, um vor den Beiden, wie der Direktor es
nannte, Auskünft darüber zu geben, was sie könne
und wolle, und feststellen zu lässen, was für sie zu
thun, und wie sie zunächst zu fördexn-, und. zu ver-
werthen sein möchte.
Der Direktor hieß sie irgend ein Gedicht sprechen.
das sie auswendig kannte. Er gab ihr eine Scene zu
lesen, die ihr Ifremd war; der, Regissepr: machte ihren
Gegenpart dabei, und da sie auf Befragen erklärt
hatte, ein wenig musikalisch zu sein,- ersuchte sie der
Direktor, ihm am Klaviere ein Lied zu singen. Er
wollte wissen, ob sie sich jemals im Komödienspiel ver-
sucht habe, und obschon die Blicke der beiden Männer,
die das Auge nicht von ihr wendeten, sie beunruhigten
und ängstigten, gab sie sich alle Mühe, tapfer ihr
Möglichstes zu thun. - Denn neben: der Schüchtern-
heit und Scham, die ihr das Herz bedrückten und die
sie nur mit Aufbietung ihres festen Willens über-
-- n.




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-Adaid,. wachte in ihr ein neues Empfinden auf: eine
Frotige-Freude darüber, daß sie an diesen Platze stand,
heit that und unternahm, was Alle, die bis zu dieser
Stunde an' ihrem Schicksale. theilgenommen- hatten,
mit Ausnähme von Gabriele, ihr zu thun widerrathen
und verboten haben würden, was -- und sie hatte
Kine Art von Wollust in dem Gedanken. - was vor Allem
Emanuel sie beschworen haben würde, nicht zu thun.
z -Ohne daß sie ein Bewußtsein davon hatte, wirkte
diese. Stimmung auf ihre Erscheinung und: auf ihre
Ausdrucksweise ein. Sie hob sich stolzer, sie, sprach
bbhafter und freier, sie bemerkte es, daß sie den bei-
den Männern wohlgefiel, daß die prüfende Achtsam-
keit, mit der sie sie zuerst betrachtet hatten, sich in Zu-
friedenheit verwandelte; und die kleinen Beifallszeichen
- desr Einen- oder des Anderen, hoben ihren Muth und
- Fteigerteiö' ihre junge Kraft.



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äß sieäus'eigeneö Wahl und eigener Machtvollkommen-
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tlsderdienOrüfung beendet hatte, ließ der Direktor
sichszu der- Aeüßerung herbei, daß sie gut beanlagt
sei-und daß ern'sich deshalb geneigt fühle, ihre Aus-
bildung zu übernehmen. Der Vortheil des Versuches
Liege dabei zünächst allein auf ihrer Seite. Es werde
Monate unausgesetzter Arbeit und fortdauernden Un-
terrichtes bedürfen, ehe man daran denken könne, sie
vor dem Publikum erscheinen zu lassen. Gefalle sie
diesem auicht-- und sein Publikum sei sehr wählerisch
und schwer zu befriedigen- so habe er Zeit. und
Mühe verloren, während sie eine gute Schulung ge-
winne, die ihr in allen Fällen von Nutzen sein werde.

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Indeß um Gabrielens willen sei er bereit, sich auf das
Unternehmen einzulassen. Sie möge das ihrer Be-
schüzerin und ihrem Vormund schreiben, und inzwischen
an die Arbeit gehen.
Er sagte ihr das Alles mit einer würdevollen
Freundlichkeit, die er sehr wohl an den Tag zu legen
wußte. Sie hörte ihm wie der Stimme ihres Schick-
fals zu. Es ging Alles weit leichter, weit. schneller,
als sie es erwartet hatte. Sie wollte danken, wollte
versprechen, das Ihrige zu thun, und konnte vor Er-
regung das Wort nicht finden, konnte sich selbst nicht
sagen, ob Hoffnung oder Bangen, oh Freude oder welch'
ein anderes Empfinden, ihr Herz bewegten.
Der Direktor entließ sie mit einem Händedruck,
der Regisseur nannte sie scherzend die. künftige Kollegin.
Als sie sich schon abgewendet hatte und ihre Straßen-
kleidung anlegte, meinte der Direktor, da sie nütn die
Bretter zu betreten denke, welche die Welt bedeuten,
werde sie gut thun, ihre etwas urwaldliche Kleidung
der jetigen Seit und ihren künftigen Verhältnissen doch
mehr anzupassen. - Mamsell. Beatens geschickte Hände
würden ihr dazu gewiß behilflich sein.
,Mit Ihrem Haare müssen Sie beginnen,! sagte
er. ,Die schönen um den Kopf gewundenen Flechten, -
die, wie ich Ihnen vor einem Jahre sagte, wenn Sie
sie niederhängen lassen,. einem Käthchen von Heil-
bronn vortrefflich anstehen werden, sehen im Leben
doch zu ländlich aus. Ein schöner Apollo- Knoten,
lange englische Locken, werden Sie vortrefflich kleiden.
Ziehen Sie noch heute unseren Friseur zu Rathe,

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wenn- Sie selbst damit nicht zu Stande kommen
sollten. -Man muuß schön aussehen, so schön als mög-
lich;'das ist eine Pflicht für Sie, Mabemoiselle, und
Sie werden sie erfüllen können, wie mir, scheint!?
-' Er meinte ihr mit diesem Komplimente ein Ver-
gnügen bereitet zu haben und sah mit Verwunderung,
daß sie es nicht als solches aufnahm, sondern sich seiner
Anordnung mit. ernstem Schweigen unterwarf und
still von dannen ging. Er konnte sich das nicht
erklären, denn was wußte er von ihr? wie konnte er
zhnen, daß seine Forderung,. sie möge ihre Haartracht
ändern, sie mit einemmale, weit zurückwarf von dem
Ziele, das er ihr 'verlockend vorgehalten hatte.
h . Ihre Flechten sollte sie nicht mehr um - ihren
schlichten Scheitel winden? und Emanuel hatte diese
Haarträcht so an ihr geliebt!
- Sie erschrak, wie ihr das plötzlich bei den Worten
des Direktors durch den Sinn schoß. Es lag wie ein
Zauber über. ihr und in ihr. Was sie auch dachte,
was sie that, es führte sie Mlles, Mlles auf ihn zurück,
zurück zu.ihm. Sie hätte sich hassen und- ihn hassen -
können, weil. es ihr so ganz unmöglich -war, ihn zu
vergessen, der sie doch vergessen hatte ganz und gar.
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Kapitel 03


asr.
Drittes säpitet
=====- --
Der Direktor und der Regisseur sahen Hulda mit
zufriedenem Lächeln nach, als sie über den Theater-
plaz nach ihrer Wohnuung ging.
,Königlicher Anstand! Natürlich majestätische Hal-
tung, troz der elenden altmodischen- Fähnchen; die sie
an sich hat, sagte der Direktor, und: ihm beistim-
mend, meinte der Regisseur;- FIn untergeordneten
Rollen, und vollends für das kleine Lustspiel. wird sie
kaum verwendbar sein.!.
,Ich habe den Gedanken, daß sie sich die Bühnen-
praxis allmälig. selber machen solle, -nachdem ich sie
heute hier in Ruhe gesehen und gehört habe, auch
schon aufgegeben,' erklärte der Direktor. , Das Profil
ist ernst, der Ausdruck der Augen und die Stimme
zum Tragischen geneigt. -Sie kam mir damals, als
sie sich bei Gabrielen so vetlegen in die Ecke drückte,
weit weniger bedeutend vor. Das Talent ist: unbe-
streitbar; der rechte sichere Instinkt: Aber eben weil sie
schön ist, muß man sie erst auf die Bühne bringen,
wennn man sie sehen lassen kann, und da sie ganz in

-- ,unserer Hand ist, da sie Begeisterung hgt, wird man
- ihr leicht einige Rollen einstudiren können. Damit
-; perpflichten gir uns Gabriele, und überreden dieselbe
- wielleicht, bei uns zu spielen, um sich zu überzeugen,
- - wie wir den rohen Diamant, den sie uns anvertraut,
- - geschliffen haben.?
Man perabredete darauf, was für Hulda zunächst
- zu thun sei, und als die beiden Praktiker sich trennten,
warf der Direktor seinem Regisseur leichtweg noch die
Bemerkung hin, er möge darauf sehen, daß man sie
guutnbehandle und ihr die Wege guöglichst ebne.

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- : -,Ich meine die anderen Frauenziminer,.? setzte er
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- wixd sie zu gewinnen bald verstehen. Aber die Del-
-Kar wird. je älter, um so intriganter, hat noch immer
-einen Anhang, und selbst Feodorens bin ich in diesem
FFalle nicht, ganz sicher. Die Weiber sind fast alle
keinlich, und wo ihre Eitelkeit in das Spiel kommt,
fast alle unberechenbar. Den Rosens, bei denen ich Hulda
gntergehracht habe, willl ich. es. selber sagen, daß sie sich
Ahrer! anzunehmen, sie gut zu halten haben. - Und da
Fnan jggöjetztAlles ? mit Dampf betreibt und Allss
,schnellkvön. statten- gehen soll, so'wollen wir doch ein-

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hinzu, ,wegen der Männer bin ich unbesorgt; die
malSzüsehen,Iob wir dasjenigei nicht in einigen Wochen
Aeistenlkönnen,' wozu man sonst wwohl ein paar Jahre
,wigebrauchenspflegte. Das Mädchen bringt eine gute
-Bildung, Kenttniß der Klassiker' und eine gute Hal-
stßiigumit;! das erspart eiü gut Stück Arbeit und wird
-
- unsdas Wünderthun sehr erleichtern.
- ei ;- -
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Und wie ein Wünder erschien äuch Hulda Mlles,
was vorgegangen war, seit sie die Schwelle des
Theaters einmal überschritten hatte. WiseinWunder
betrachteten Frau Rosen üid die Töchter die Dring-
lichkeit, mit welcher der Direktoe jien'' die: junge
Mietherin besonders zu empfehlen kans.
Freilich, Hulda war sehr schön, sie hielt sich auch
anders, als die Anfängerinnen es zu thuk pflegen.
Sie war einfacher und vornehmer, zutraulicher und
zurückhaltender, als die Andere sich zu zeigen pflegten.
Sie nahm Rücksichten, ohne sie für sich zu fordern;
und die freundliche Schonung, mit welcher sie der
kränklichen Beate dienstfertig begegnete, hatte diese und
noch mehr die Mutter von der ersten Stunde an so
sehr für Hulda eingenommen, daß esder Empfehlung
des Direktors gar nicht erst bedürfte. Indeß eine be-
sondere Bewandtniß, darüber waren Beide einig,
mußte es trotzdem mit Hulda haben, und daß man
dieses mit der Zeit erfahren würde, dessen waren sie
gewiß. Inzwischen hhaten sie, was nur in ihren
Kräften stand, die nöthige Metamorphose'in des jungen
Mädchens Tracht und Kleidung in ein paar Tagen so
viel als möglich hervorzubriugen, und Hulda'sWangen
färbten sich in helleni Roth, ihre Augen leuchteten,
ihre Lippen konnten das zufriedene Lächeln nicht ver-
bergen, als sie sich, modischer gekleidet und frifirt, zum
erstenmal in ihrem Spiegel sah.-?
Wie eine Krone saß der Apollo-Koten höch auf
ihrem Scheitel. Die Fülle der langen Löcken, die ihr
- fast bis zum Gürtel' niederflossen, umrahmte die schöne



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Form der Wangen; das volle Kinn sah rosig aus der
breiten Halskrause hervor, die über dem knappen
Spencer ihren Hals umschloß, während die engen
Aermel die Form der schönen Arme zeigten, und die
weichen Falten ihres schlichten wollenen Kleides, die
ganze Mächtigkeit ihrer. Gestalt verriethen. -
,.- Wenn er mich so, sähe? dachte sie, und es schoß
ein triumphirendes Gefühl durch ihre Brust, denn sie
empfand es, wie sie schön sei, schöner, weit schöner
und weit jünger als Konradine, die er ihr vorgezogen
hatte - so schön, daß es fie xeizte, gesehen zu wer-
den, um der Wirkung wilen, die hervgrzubringen fße
zewiß war. Ud mit der Arglist der, plözlich in ihr
erwachten gefallsüchtigen Eitelkeit neigte sie sich zu
Beaten nieder und fragte, dann ganz verschämt, ob sie
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nicht häßlich sei in dieser neuen fremden Tracht.-
- Es war die erste geflissentliche Lüge ihres Lebens,
Fie sie aussprach, das erstemal, daß sie absichtlich
Komödie mit sich und vor den Anderen spielte. Aber,
gls wäre sie, in ihrem Innern wie. in ihrem Aeußern'
zmgewandelt, freute sie es, daß sie es zu thun peh-
mocte, gtmd die Betheuerung - der beiden Frauen, daß
sie bezgubernd sei, erfüllte sie mit ungekannter Lust.
Sie konnte die Stunde kaum erwarten, in welcher
sie sich zur Zeit der Probe in das Schauspielhaus be-
geben sollte. Rastlos ging sie von dem Spiegel nach dem
Fenster, um zu sehen, ob die Thurmuhr drüben noch
immer nicht die zehnte Stunde weise, und von dem
Fenster nach dem Spiegel, um noch einmal und noch
einmal sich zu überzeugen, daß sie es sei, deren Antliz

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ihr entgegenlenchte -- Sie, die Ulrike so feindselig ver-
folgt, die es hatte als ihr höchstes Glück exachten sollen,
ihr Leben hindurch in einem weltentlegenen Pfarr-
hause dem öden Wellenschlage des Strandeß, zu lau-
schen, und sehnsuchtsvollen Herzens dem Fluge der
Vögel nachzuschauen.
Sie ahnte es nicht, wie reizend es sie kleidete,
als sie fröhlich wie ein Kind die Hände zusammen-
schlug bei dem Klange der Musik, unter welchet festen
Schrittes eine Abtheilung Soldaten der Garnison zur
Parade zog. Alles gefiel ihr heute: die vorübergehen-
den Menschen, die dahinrollenden Eauipagen, ja selbst
die alte Brotverkäuferin an der Ecke, zu deren Zeit-
vertreib und Unterhaltung die wechselnden Bewohner
des Rosen'schen Hauses wesentlich -gehörten, und die
von manchen derselben mehr, zu Fagen ßußte, als sie
selbst ihren besten Kunden zu erzählen nöthig - fand.
Sie hatte auch Hulda die Tage hindurch beobachtet
und hatte ihre eigenen Gedanken darüber, als das
schöne Mädchen zum dritten- viertenmale das. Fenster
öffnete und nach der Ühr und auf die Straße schaute.
Hulda mußte lachen, als die glte Hökerin sie so
aufmerksam betrachtete, und erschrak heute nicht mehr
so, wie noch am verwichenen Tage, als ein Vorüber-
gehender ebenfalls aufmerkjam auf sie wurde, und sich
umwendete, um sie noch einmal anzusehen. Sie war
ja da, um angesehen zu werden; sie mußte wie ihre
altmodische Kleidung auch ihre ländliche, altväterische
Schüchternheit abzulegen suchen. Sie miußte es lernen,
aufzutreten stolz und frei, wie Gabriele, wie die Fürstin
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und pie Konradine; denn wie wollte sie sich auf der
Bühne behaupten, wenn schon das Auge eines Vor-
übergehenden sie in Verwirrung setzte? Behaupten
aber wollte, mußte sie sich von jetzt an um jeden
Preis; darin bestand die Rechtfertigung des Schrittss,
den sie eigenmächtig unternommen hatte, damit allein
vermiochte sie es zu entschuldigen, daß sie entflohen
war und auf die Bühne ging.
Das trockene, mild zum Froste neigende Wetter,
der leicht bewölkte Himmel, der doch die Sonne durch-
schimmern ließ, ständen den altersgrauen Häusern, den
spizen Giebeln, den mächtigen Rathhausthürmen und
dem weiten Theaterplatze sehr wohl an. Es sah. heute
Alles klar und sauber aus. Die Menschen bewegten
sich leicht und schnell, die Wagen rollten lustig an ihr
vorüber, sie merkte es deutlich, wie sie die Blicke man-
ches Vorübergehenden auf sich zeg, und es gefiel ihr
Mlles: die Stadt, die Menschen, ihre neue Freiheit,
und sie sich selbst am Besten.
- Mit. einer Entschlossenheit, -die weitab lag von
der: Bangigkeit, mit welcher sie vor wenigen Tagen
an der gleichen Stelle gestanden hatte, trat fie in die
Voihalle des Theaters ein. - Es standen dort wieder
berschiebene Männer beisammen, aber dieselben kannten
sie bereits, denn Einer von ihnen, ein junger, schöner
Mann, näherte sich ihr, nannte sie mit dem neuen
Namen, welchen der Direktor für sie ausgewählt hatte,
und erbot sich, sie nach der Bühne zu geleiten. -
- Sie folgte ihm durch lange Gänge, über Treppen
und' durch Korridore, in denen Dunkelheit und schwacher

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Lampenschimmer phantastisch mit einander wechselten,
bis sie die ebenfalls nur sparsam - erleuchtete Bühne
erreichten, vor welcher die Weitung des Zuschauer-
raumes in geheimnißvollem Schweigen dunkel dalag,
während rund um sie her sichh für ihr ungewohntes
Auge ein. wüstes Durcheinander in lauter,, hastiger
Urruhe hin und her bewegte. - Hier Fchoh man
Wände hin, dort rückte man eine wackelnde Stein-
Balustrade auf ihre rechte Stelle. Im Hintergrunde
zeg man eine im Windzuge flatternde breite Wand
empor, die nach Nichts weniger aussah, als nach dem
blauen. Himmel, den sie zu bedeuten hatte. Zur Rechten
stellte man: ein paar Hermen unter die vorgeschobenen
Bäume, zur Linken trug man einen fahlen Rasensitz
aus der Coulisse in den Vordergrund. Da. hingen
Schnüre nieder, dort lagen noch Lattew auf dem Boden,
und dazwischen standen die Schauspieler -und- Schau-
spielerinnen in. sorglosem Gespräche -bei einander,
schritten die Arbeiter in ihren schmutzigen Jacken, mit
geschäftsmäßiger Gleichgiltigkeit zwißchen ihnen durch.
- Man hatte den ,Tasso! zu probiren, den alle
Betheiligten wer weiß wie oft gespielt. hatten. Es zeigte
Keiner ein besonderes Interesse, Keiner von Allen
sprach von der am Abende bevorstehenden Aufführung;
Niemand konnte, ahnen, was es- für Hulda zu be-
deuten hatte, daß man, eben heute den ,Tasso! spielen
würde und welch ein glückverkündendes Omen es- sie
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- Bühne. Als er Hulda mit dem jungen Manne aus
- dem Hintergrunde hervorkommen sah, trat er an sie
heran.
,Ei, sieh' da, meinte er, , da haben Sie sich ja
bereits mit Ihrem künftigen Partner zusammen-'
gefunden, und ich sehe mit Vergnügen, daß selbstSie
für unsern Lelio nicht zu groß sind. Ja, wir können -
- uns- sehen -lassen neben Groß und Klein; mein lieber
Löliö l scherzte er, indem er dem Genannten die Hand
zun Willkommen bot; und auf Hulda hindeutend, setzte
er hinzu, es werde darauf ankommen, wie Mademoi- -
selle sich mache, und ob und wie bald sie für Feodo-
rens jugendliche Partien zu brauchen sein werde. Er
glaube, wenn Lelio sie ein wenig unterstütze, könne
man-Mademoiselle in wenigen Monaten ihr Glc
versuchen lassen; und wenn man wieder eine neue
Innge LieChaberin vorführe, so werde die Delmar sich
gewordenen'neunundzwanzig Jahre festsetzen.!
-- ,D! sie wird wieder einmal außer sich gerathen,
aber doch hoffentlich den Gedanken aufgeben, sich eine
, oder die andere - von Feodorens Rollen' anzueignen. --
-

.- Der Regisseur befand sich auch schon auf der'
exst röcht in ihre-seit mehr' alszwei .Sustren chronisch

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Der bloße Gedanke, mit ihr spielen zu sollen, hat wie
ein Alp auf'mir gelegen; wie ein Alp, den das son-
nige' Erscheinen von Mademoiselle mir von der Seele
nimnt. Ich meine!, gundl Lelio stellte sich stolz auf-
gerichtet und sehr selbstgefällig neben Hulda, ,wwir.
werden besser zu einander passen, als =-?

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IAls Pötiphar und Josef!r fiel der Regisseur
ihm lachend ein, wwährend Lelio: ebeüfalls lachend sich
den Anschein gab, das böse Gleichniß aus Sartgefühl
zurückhuweisen, und plözlich' abbrach, als eine Laum
mittelgroße, schwärzgelockte Däne an sie' herankam,
die von ihnen als Mademoiselle' Delmar begrüßt und
angeredet wurde. Die Delmar betrachtete Hulda, zeg,
als könne sie dieselbe nicht' deutlich' genug erkennen,
die Augen leise zusammen, hielt sich' endlich das Lorg-
non vor und fragte:, Vermuthlich Mäbehiöiselle Hulda,
des Direktors neuer Schüzling? !
Dann wendete sie sich, noch ehe sie eine Ant-
wort erhalten hatte, von den Oreienf ab, und Hulda
hörte deutlich, daß sie gegen einen Anderen die Be-
merkung machte, man sehe es an der plunpenGröße,
daß diese junge Person vom Lande staünme. Mit
solcher Körpergestalt sei man für die Bühne nicht zu
brauchen.
In dem Augenblicke aber trat der' Direktor ein,
und mit ihm eine schöne, noch jugendliche Frau. Sie
trng einen mit kostbarei Pelzwerk verbrämten eng
anliegenden Dberrock von weißem Atlas, einen kleinen
mit weißen Federn gezierten' Hut' von schwarzem
Sammet, und wie sie den Hut vom Kopfe nahm und
achtlos auf die Seite legte, bemerkte Hulda, daß ein. -
mit Edelsteinen reich besezter Kanm iht' Haar zu-
lammenhielt.
Nach Frau Rosens und Beateis Schilderung
konnte das nur Feodora sein, die hier wie eine Herrin
auftrat F, Aber eszfreute Hulda, weil es sie an Ga-


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brielens edle schöne Art erinnerte. Die Angekommene
reichte Lelio die Hand, der ihr entgegenging und schritt
mit flüchtigem Gruße an der Delmar rasch vorbei.
Das Zeichen wurde gegeben, die Nichtbetheiligten traten
auf die Seite, die Arbeiter entfernten sich schnell, die
Probe nahm ihren Anfang, und die feierlich ahnuungs-
volle Stimmung, mit welcher Hulda an jenem Abende,
an welchem sie Gabriele zuerst gesehen, vor dem noch
niedergelassenen Vorhange gesessen hatte, bemächtigte
sh ihxer Seele wiedex. -
- Der Zauber der wundervollen Dichtung ergrif
sie auch heute mit seiner unwiderstehlichen Gewalt,
als die beiden Leonoren aus dem Hintergrunde her-
vortraten. Sie sah den öden Raum nicht mehr, der
sie umgab. Die Latten und die Brettergerüste waren
für sie plözlich wie verschwunden. Die todte Lein-
wand, das angestrichene Holz belebten sich. Die Bäume
hoben ihre immergrünen Aeste zu dem blauen Himmel
hell empor, die Rosenhecken blühten auf das Neue.
Es war wieder Italiens Himmel, das schöne Belri-
guardo in dem sie athmete, und es bewegte Hulda bis
in das tiefste Herz, als wieder die beiden Leonoren
mit einander in den Vordergrund schritten und aber-
mals die Worte:
Du siehst mich lächelnd an, Eleonore,
Und siehst dich selber an und lächelst wieder.
Was hast du? Lafs' es eine Ereundin wissen?
Du scheinst bedenklich, doch du scheinst vergnügt.?!
ihr Ohr berührten.


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- -Ihre Freude, ihre Begeisterung, wuchsen. mit jeder
Scene. --Ihre: Wangen glühten hei; dem: Gedanken
wie es ihr sein würde, wvenn jie an diesex Stelle diese
Worte auszusprechen hätte, die ihr vertraut und eigen
waren wie die- Lieder ihrer, Kigdheit; und der erste
Akt war an jhr voxüßbergegangen, phne allen Anstoß,
schön und -- ahgerundet. -. Die Jerbe Delmar, deren
Feindseligkeit gegen; die, bevgrzugtexe - anmuthsvolle
Feodora selbst im. Spiele immer;leise duxchklang, ent-
- sprach dem:, Charakter, dex,Sgnwitale wohl,. Feodore war
eine vollendete Prinzessin, - Der Direktor, der Gewicht
darauf legte,-sich gelegentlich auch. noch als Schau-
spieler zu zeigen, war ein passender Darsteller für den
Herzog. Der Regisseur zeichnete den, Antonio bestimnnt
und deutlich, und Lelio war mit- der, hohen; schlanken
und vornehmen Gestalt, mit dem feinen, Profil und
der Fülle seines brtunlichen Geloces ein Tasso, wie
man ihn bessex kgum perlangen, konnte.; Sie. er-
schienen Alle mit sich, und soweit als miöglich, guch mit
einander wohl zufrieden.- g
In der Pause, welche dem ersten Akte folgte, sah
der Direktor sich nach Hulda um und sprach Fie mit
ein paar, flüchtigen Woxten- an. Während dessen hatte
Lelio, der mit Feodoren guf dem besten Fuße stand,
sich dieser zugesellt.--
, Haben Sie gesehen,? fragte ex, ,da drüben steht
- die Tochter Gabrielens?,
, Und ist sie ihr denn wixklich so ähnlich, als
man es sagt?!
? -; Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ül..-
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? I ,ngemein, nur noch viel schöner, als die Mutter
Fegewesen sein kann. Wie geschaffen für eine Jülia,
Fellli Mekltta! =- Die Delmar sah sie mit wwahrem
Fräisöän: -
- ,Und der Grimm verschönt die Holde nicht und
Fhelügt söe'' jedenfalls gauch nicht!r meinte Feodora
Tched;Fvährend sie, von Lelio begleitet, guer über die
FhheFitnb-gerädenwweges zu Hulda ging.
TälSai geFenüber 'einem fremden, ihr ganz nn-
vnmFtßteEjüngen-Frauenzimmer etwas so Auffallendes
oao-Msöllig?Fegen-ihre' Art, daß der Direktor es mit
VcnähetüßgFenietkte, -wie sie sich mit freundlicher
dtegs- zFöseöberraschte wendete. , Hatte ich Un-
t»?FigteFErFuseinem Vertrauten, dem Regisseur,
SEhgßnhgestern'dussprach, dab Reebora nicht
EFFsss- =-- -
älöhörübeigeheide Laune, eine Neugier und
cyp SitöblAeinte dieser.-Aber Feodora gab in
ea PüFblickS-keiner' Laune' nach. Sie wußte es
epr äiEffpFu ste wollte, und was sie mit ihrer
nwwworksüßFeißeitföehweckte:
SiEiiiübertsGabiiele; sie hatte sich nach der-
zAlöesFebildöuüblebte sie aufihreWeise; und da sie
SäßsöFeälgäls-dle Aiderendaran zwweifelte, daß
Süldä-Gäbrielen angehöre, beschloß sie sich zur Gön-
aFFh)-deschönen Mädchens aufzuwerfen, hesonders
wheil'ste' der ihr widerwärtigen und abgeneigten Del-
zHr daiüit' etoas Verdrießliches zu thun sicher war.
Sie konnte' dies auch in voller Ruhe wggen. Sie war
hioch schön' genug, die Nebenbuhlerschaft selbst mit

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der ersten Jugend nicht. scheuen zu dürfen, und die
Zeit war für sie nahe, in welcher, sie: als eine der
reichsten Frauen der Stadt, nur noch Beifall' zu spen-
den, und ihn nicht mehr zu erringen haben sollte.
Gütig und herablassend zugleich.ifragte sie die
freudig überraschte Hulda,. wann' sief von ihrer Be-
schüyerin die lezten Nachrichten. erhalten hätte. Sie
naunte es die schönste- Bürgschaft für die Zukunft
Hulda's, daß eine Gabriele sie ihres Antheils werth
erachte, und sagte, sie sei sehr gern bereit, sich ihrer um
Gabrielens willen anzunehmen, soweit ihre Dienst--
verhältnisse und ihre Pflichten. gegen ihren Bräutigam
es thunlich machen würden. Später aber,. wenn sie
ganz frei sein werde, könne sie wohl noch mehr für
sie thun, und sie wolle das umn Fo lieber, als sie,
weil kein besseres da wäre, doch immer ein ganz er-
trägliches Vorbild für sie sein dürfte. . -
Sis hatte die lezten Worte absichtlich so laut ge-
sprochen. daß sie der Delmar nicht entgehen' konnten,
die spöttisch mit den schmalen Lippen zuckte. , Feodora
thront heute wieder auf dem Golde des Hauses Van
der Vlies!' sagte sie zu dem neben ihr stehenden
Schauspieler.
,Und doch wird sie sich manchmal hierher sehnen!?
meinte dieser.
- ,Manchmal?! rief die, Delmar, , sie wird vor
angweile sterben in dem goldenen Käfig, in- den sie
nie hineingehen würde, wenn sie es nicht selber fühlte,
daß ihre Zeit vorbei ist; oder wenn Van der Vlies
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die Claque noch so, wie früher, durch seine Leute be-
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zahlew- und verstärken ließe. Sie kann nicht leben
ohne das t Theater, ohne das Publikum, mit dem sie
koquettirt.!- -
- ;Oh! fiel Lelio ein. ,Ich glaube, sie wird es
gar nicht übel finden; behaglich aus ihrer Prosceniums-
Löge auf uns -herabzusehen, und --mir und Ihnen
ihren- Beifall oder ihr Mißfallen auszudrücken, je
aiach Jdem.? -
z zNun! Sie werden es ja' wohl wissen, wie Sie
sich Feodorä's Gunst erhalten!? entgegnete die Delmar,
indeirtfsie -sich im, Zorne von ihm wendete, als
das Zeichen zum Beginn des zweiten Aktes -gegeben -
wurde.
.? Die Probe ging danach ruhig ihren Weg. Als
sie zu Endewar, nahm der Direktor Hulda mit sich in
das Büreau, ihr die Rollen zuzutheilen, die man sie
memöriren lassen wollte; und ohne eine Ahnung da--
wontzu hahen, daß sich schon in dieser Stunde eine
Meimung füb und wider: sie gebildet, daß sie ohne all
ihiffuthun eine Pariei für sich gewonnen' und, ohne
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es -zuswissen, sich eine Feindschaft zugezogen habe, kam
Fe. froh und guten Muthes nach Hause. -
- Arglos wie ein Kind erzählte sie Beim Mittags-
hische den beiden Frauen von den Erlebnissen des Mor-
gens; aber was sie überrascht' hatte, was ihr'sonderbar
erschienen war, das Gute wie das Böse, Fkau Rosen
and Beate wußten es ihr;zu deuten, ihr den Zusam
menhang der Dinge darzulegen. - Sie sprachen von
Feodorens' mehrjährigem Liebesverhältnisse mit ihrem



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jezigen Verlobten, von der Leidenschaft der Delmar
für den schönen Lelio, den seine Liebe zu einem be-
güterten jungen Mädchen, das man ihm versage, un-
empfänglich mache. für die Fallstricke, welche die Del-
mar ihm lege, und für die rasende Eifersucht, mit der
sie ihn verfolge, so daß sie zum Gespött darüber werde.
Daneben wurden in BetreffIder übrigen Männer und
Frauen des Theaterpersonals in größter Unbefangenheit
noch Abenteuer aller Art berührt.
- Es waren Erzählungen, Vorstellungen, Worte,
Redewendungen, die so natürlich. und so harmlos aus-
gesprochen wurden, als liefe das, was sie enthüllten,
nicht fast durchweg gegen die Moral und Sitte, als
herrsche die Freiheit, welche man sich in jenen Be-
reichen aus eigener Machtvollkommenheit vergönnte,
auch durch die ganze andere Welt. Eine widerwärtige
Erinnerung tauchte dabei in Hulda's reiner Seele auf.
Nur einmal. in ihrem Leben, nur Einen Men-
schen hatte sie in, solcher Weise: sich vor, ihr äußern
hören. Und doch schreckte sie heute vor den Mitthei-
lungen der beiden Frauen nicht zurück, wie einst im
Walde vor den Gedanken und vor den Worten Mi-
chaels. Die schöne Feodora, der schöne Lelio, der
reiche Kaufmann, die Eifersucht der Delmar, inter-
essirten sie. Es beschäftigte sie, es zog sie an, sie fühlte
fich damit verbunden, es reizte sie und stieß sie doch
auch wieder ab. Sie blieb sich die Antwort schuldig,
als die Frage sich in ihr erhob: , Was würde Dein
frommer Vater, was würden die Mutter, der Ad-
junkt, der Amtmann, was würde Emanuel empfinden-

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säßen- sie in diesem Augenblick an Deiner Seite,
und hörten sie die: Erzählungen, die man Dir eben
macht?!. -
Emnanuel? Wer hatte es verschuldet, daß sie- hier
war, als nur er allein!-- Es flog ein schmerzlich
trotziger Gedanke durch ihren Sinn. Er hatte sie
immer mit der blonden Tochter der Ceres verglichen.
Jetzt hatte- sies!gekostet von des Granatbaumes unheil-
voller Frucht und war der Welt verfallen; in der die-
selbe'reifte= der Welt, die fortan auch die ihre sein
sollte. Sie konnte und sie wolltejetzt nicht mehr zurück.
.r Wiebeiden. Rollen lagen- vor ihr, das Lernen
derselben war ihr ein Genuß. Sie arbeitete, bis' amr
Abend die Stunde herankam; die sie in das Theater
rief, und der: Eindruck, den die treffliche Vorstellung
des ,Tassorr wieder auf sie machte, vollendete den zau-
Herischen. Bann.
-- 'Früh am anderen Morgen trug sie selbst den
Brief zur Poft, in welchem- sie dem Amtmanne von
sich unid ihrem Vorsazze, Schauspielerin zu werden,
festen zHerzens Nachricht sendete.
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Kapitel 04

Bieries Gapitel
z Soooooo -
Emanuel hatte gleich nach dem Tode - seines Bru-
ders die Reise nach -dem Schlosse -seiner Väter an-
getreten. Nur ein paar Tage hatte, er daran gewen-
det, Konradinen in ihrem- Stifte aufzusuchen, aber
auch dies flüchtige Beisammensein hatte die Verlobten
wieder auf das Neue überzeugt, wie wohl sie einander
! verstanden und wie viel Gutes fie von ihrer gemein-
f samen Zukunft zu erwarten. berechtigt wwären.
Man war der Trauer wegen--übereingekommen,
die Verlobung den Bekannten erst gegen das Reujahr
p
-


zu melden und die Hochzeit nicht vor dem Beginne
der guten Jahreszeit zu feiern. Inzwischen wollte die
Gräfin, um den Verkehr zwwischen dem Brautpaare
und zugleich die Einrichtungen zu erleichtern, welche
für den neuen Haushalt von beiden Seiten beabsichtigt
wurden, ihren Winteraufenthalt in- der Residenz, jn
ihrem Hause nehmen, und Frau. von. Wildenau und
die Tochter hatten verheißen, ihr bald dorthin zu fol-
gen. So war Alles auf das schicklichste und beste

vorbereitet, und Emanuel setzte rühigen Sinnes die
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Reise nach seinen Gütern fort. Er hatte zum ersten-
male in seinem Leben eine ernste, nicht aufzuschiebende
Arbeit, er hatte nothwendige Geschäfte, eine bestimmte
Aufgabe vor sich, und er empfand darin eine un-
gewohnte Genugthuung.
-. Seine Verlobung mit Konradinen, der Tod des
einzigen Bruders, die Erbschaft, welche ihm in dem
großen Majorate zugefallen, wwaren einander rasch ge-
-folgt, gnd bildeten eben deshalb einen neuen Abschnitt


40
-in seinem Leben. Er hatte bis dahin in voller Frei-
-
heikmnursichund seinen Neigungen gelebt,' jezt hatte
ern fürAidere' zu sorgen. Es traten Ansprüche aller
-Arts an ihnheran, denen zu entsprechen er sich' binden
und biszu eiiem gewissen' Gradö selbst auf jene per-
sönliche Freiheit verzichten mußte; die er doch als sein
höchstes Gut zu erachten gewohnt gewesen war. Aber
zu' seinem - eigenen Erstaunen sagte ihm diese neue
Lage zu, und während- er sonst immer mit' einem ge-
heimen Widerstreben gen Norden gefahren war, überfiel
ihni diesmal, je, mehr er sich dem Ziele seiner Reise
nghte;'einWerlangen nach der Heimat, obschon er
wußte, daß: dort keiner seiner Angehörigen ihn erwarte,
und daß er dort zunächst Nichts finden werde als ver-
laässene Räume und wehmüthige Erinnerungen aller Art.
t,i!.' An- der letzten Poststation standen -die eigenen
Pferde für ihn bereit. Der Kutscher, der Vorreiter
waren ihm Beide fremd. Er war seit Jahren nicht
in der Heimat gewesen, auch der verstorbene Majorats-
herr hatte sich schon lange nicht mehr dauernd auf
dem Schlosse aufgehalten. Die -Güter- waren ver-

1
pachtet, die Pachtzeit ging zu Ende. Es war auch in
diesem Betrachte unerläßlich, daß er nach Hause kam,
um, so gut er es vermochte, nach dem Seinigen, nach
dem Besize und Erbe der Familie zu sehen. -
Es war nicht eben spät, aber die Sonne neigte
sich schon, als er sich dem Flusse nahte, der nach dieser
Seite die Grenze seiner Güter machte. Der Prahm,
mit dem manihn zu überschreiten hatte, wartete seiner
am Ufer; die Klänge''eines schwekmüthigen Liedes,
mit dem die Leute sich die Zeit des Wartens kürzten,
schlugen an sein Ohr, noch -ehe er däs Wasser sehen
konnte. Er kannte dieses. Lied von Sugend an, aber
er hatte es später auch gehört. Er wußte Tag und
Stunde, er wußte, wie es ihn gerührt, als Hulda es
ihm zum erstenmale gesungen hatte. ?
! -
Die Fährleute drängten sich mit freudiger Ge-
schäftigkeit zu des Gutsherrn Dienst. Der Alte, der
sie führte, war seit seiner Jugend auf der Fähre. Er
hatte auf derselben Emanuel' hinübergeführt, als er
noch ein Kind gewesen war und auf der Mutter
Schooß gesessen hatte. Er sprach nur wwenig deutsch,
aber er ergriff des Herrn Rock gnd- Hände, sie zu
küssen, wie sehr es dieser ihn auchh wehrte. Db-
schon Emanuel des Litthauischen nicht eben mächtig
war, verstand er es doch genugsam, um zu' hören, daß
der Alte und die Anderen sich jetzt guter Zeit getrösteten,
da die Nachricht sich verbreitet hatte, daß dee neue
Erbe in dem Schlosse seiner Väter leben -werde nach
der Väter Brauch; und Emanuel sagte sich dies still-
schweigend selber zu. --





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die,wier, Rappen: aus dem eigenen: Gestüte ihn durch
die mächtigen alten Kiefermvälder, die sich erst kurz
- nicht gnehr: sehen, als er: den Wald verließ, und ss
marzvölig dunkel. geworden, als der Hufschlag seiner
Pferde auf denFflaster des Dorfes- die Funken stieben
machteJ als: .er einfuhr in die Mauern. seines Hofes,
wol die, Kienfackeln, die man vor demselben angezündet
hatte, ihn mit.ihxem flackernd wilden. Lichte dis schweren
Massen seines alten Stammschlosses erblicken ließen.?
-Emanuels Bruder die. Feldzüge gegen die Franzosen mit-
gemacht,r in. denen dieser sich den Keim zu seinem
-




Tode.geholt, und. war dann von dem Verstorbenen
als eastellan?des Schlosses in, den. Ruhestand versetzt
-

-. -Der Kastellan hatte sein Möglichstes gethan. Er
war schon in des Vaters Diensten gewesen, hatte mit
-

vor dem Dorfe zu lichten begannen. Er konnte den
Thurm, er--Kirche und die Zinnen seines Schlosses


-f F Durch den sinkenden Abend, auf dem breiten, -
von dem beginnenden Froste getrockneten Wege, trugen
--

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-worden. - -
-. ?Er ,kanntedes Hauses Sitte und GGebrauch,
ez wußte,. wekcheZimmer.Smanuel bewohnt hatte,. als
eräzuletzt. im. Schlossetgeweilt, und was guter Wille
leisten: konnte, war gethan. worden, Alles freundlich
and behaglich -zu machen. Aber die Hallewar, so
- groß . und leer, dieSchritte schallten wvon denschwarzen
Steinfließen des Bodens so. laut'und so vereinzelt
wider, das Licht in den schweren Laternen, die von der
Decke niederhingen, warf so blassen Schimmer auf die
eisernen Geländer der Galerien, daß Emanuel un-

4s
willkürlich an sein kleines schönes Heim am Genfersee
gedachte und sich eines bangen Schauers - nicht er-
wehren konnte, als ihm der Gedanke durch den. Kopf
schoß, wie er nun als Letzter von dem Stamm der
rechten alten Linie in dem Hause seiner' Väter. weile.
Es war in dem Schlosse Ide, kalt und feierlich wie in
einem Grabgewölbe, und die erzwungene Freundlichkeit
mit welcher der Pächter, die ehrlich geweinten,Thränen,
g mit' welchen seines Bruders Leute -ihn empfingen,
waren nicht dazu angethan, ihm ein Wohlbehagen zu
bereiten. Aber was kam es darauf an?=- -
Er war nicht hier, um Wohlbehagen : für sich
- allein zu suchen, er hatte. nicht erwarten. können, esHa
finden. Er war gekommen, es den. Insassen zeiner
Güter, so weit dies möglichg zu bereiten;: erwolltefür
Konradinen, für seine künftige Frau,füx sich? und- für
die Familie, die, wie er hoffte, in demJalten Falken-
horste neu erstehen sollte, eine neue und freundliche
Heimat hier eröffnen. Und als ob der kräftige Geist
der Männer, die lange vor ihm hier: gewaltet hatten,
sich auf ihn übertrüge, fühlte er in sich Lust 'und
Muth zur Arbeit, wie er sie nie zuvor gekannt hatte..
Arbeit aber lag von allen Arten vor ihm. Gleich
der erste Blick aus,seinen Fenstern, der erste Rit
durch das Dorf und die ersten Besprechungen mit
seinem Pächter und mit seinem Pfarrer, mußten ihmn
die Neberzeugung geben, daß sein Kommeir nothwendig
gewesen sei, und daß hier ein Feld der Thätigkeit für
ihn vorhanden sei, dem-zu genügenr'er große Mühe
haben werde.

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:. Die vieljährige Kränklichkeit seines Bruders, die
Kinderlosigkeit desselben, hatten; da Emanuel ehelos zu
bleibenund- der Hauptstamm dadurch dem Erlöschen
entgegenzugehen schien, dem Verstorbenen die Freude
an' seinem Besitz geraubt, und ihm die eigene Ver-
waltung desselben zu einer Last gemacht. Er war zu-
frieden gewesen, wenn der reichbemessene Pachtzins ihm
regelmäßig einging, hatte, wo, eine Klage. der Leute
-persönlich rNan- ihn herantrat, im einzelnen Falle frei- d. -
- gehig. ohne besondere Prüfung Hilfe geleistet; aber es
ewar seit Jahrennfür: die Erhaltungund Verbesserung
des Besizes nicht: das Nöthige. und -Für das Wohl-
befinden der Insassen so:gut: wie Nichts geschehen.
Der Pächter hatte, da seine. Pachtzeit ihrem Ende
nahte und man vermuthet hatte, der künftige Besizer
werde die. Bewirthschaftung ebenfalls nicht selbst be-
jorgen; ein Interesse daran, die Ertragsfähigkeit der
Güter: nicht zu steigern, ehe ihm nicht ein neuer und
dauernder Kontrakt in Aussichtl stand; und die Insassen
warens trotznder seit einem halben -Menschenalter'. aufs
gehobenen Hörigkeit noch nicht selbstständig geng, mehr
für sich zufordern und zu begehren als den noth-
- dürftigsten Schuz gegen. des Wetters Unbill' und eine -
adürftige Ernährung: Der Abstand zwwischen den Ver-
hältnissen-des Landvolkes, unter welchen Emanuel.am
Genfersee zu leben' gewohnt wwar, und zwwischen der
Eage: seiner Insassen traf ihn wie ein schwerer. Vor-
wurf. Seine Menschenliebe, seine innere Gerechtigkeit
klagten seinen Bruder und ihn selber an, bei Allem
was er sah und von dem gutgesinnten und verstän-

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digen Pfarrer hörte. Es war hohe Zeit, daß er ge-
- kommen war, und nicht' einertStuixde jdurfte fortan
mehr verloren werden. :
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Als er den Pächter und. den. Pfarrer gesprochen
hatte, stieg er zu Pferde, sich auf denGute umzu--
sehen, aber was er fand, bestärktefihnhiütu in'-seiner
Selbstanklage. Die Wege waren' schlecht gehalten, die
niedrigen, den Boden wenig überrägenden:Hüttenviel-
fach sehr verfallen, und -er vermochtes sich. icht mit
jenem Glauben seiner Schwester. zukberühigen;die bei
ähnlichem Anlasse gegen ihn geäüßert ?hatte; daß Ge-
wohnheit jede Lage sehr erträglich mnache und daß die-
Natur des Menschen. erst: durch, Verfeinerung,. des
Lebens Noth und Mühsal'schwer empfinden lerne: Er
kam voll Sorge, aber nicht entmuthigt n das Schloß
zurück, obschon er sich es eingestehenmußte, daß- sein
guter, fester Wille die ihmn mangelnde Einsicht und
das ihm fehlende Wissen nicht' ersetzenkönne. . -
Er hatte es Konradinen zugesagt; ihr gleich nach
seinem Eintreffen in dem SchlossexNachrichtn von sich
zn geben, und er hielt Wort, ohne ihr jedoch die Ein-,
drücke zu schildern, die er dabei empfangen hatte. Er
wollte sie nicht mit dem Einblicke in Nothstände be-
unruhigen, ehe er ihr nicht die Hoffnuig aussprechen
konnte, ihnen angemessen zu begegnen; und'um schnellen,
sicheren Rath verlegen, ritt er an einem der folgenden
Tage über Land, seinen Nachbar, einen. dett erfah-
rensten und büchtigsten. Landwirthen der Provinz, um
denselben anzugehen. -

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--. Die Herzlichkeit, mit welcher der alte Herr von
Barnefeld ihn aufnahm, gab ihmguten Muth. Er
war der Freund seines Vaters gewesen, hatte sich in
jungen Jahren in der Welt behufs seiner landwirth-
schaftlichen Interessen umgesehen, und danach Haus
und Hof nicht oft und immer nur auf kurze Zeit
verlassen. Dafür galt seine Wirthschaft für ein Muster
in der Provinz und in dem ganzen Lande. Sein
Pauswesen -war gastlich unter der klugen Obhut sei-
aer Frau.-Seine Söhne und Töchter waren ini Lande
weiheirathet- und meist gngesessen so. wie er, und die
Faniilie des -Jüngften, der in seinem Hause lebte
And voraussichtlich, nach freiem Mebereinkommew»ntit
öen Anderen, eben. dieses Gut- denn die Barnefelds -
-hatten kein Majorat begründet - einmal übernehmen
sollte, war in schönstem Aufblühen.
- Er hieß es gut, daß Emanuel. gekommen war,
nach dem Besize zu sehen, lobte es, als dieser erkläärte,
-er. habe nicht nur eine Inspektion, sondern ein dauern-
des Verweilen auf den Gütern im Sinne, und er
, hielt dabei weder mit seiner Ansicht über den gegen-
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6
wärtigen iStand der Güter, noch mit seinem Fadel
gegenden Verstorbenen zurück, der sie also habe herun-
. terkommen lassen?-
.- ,Ich bin kein Freund der Majorateh? sagte er,
,aber ich bin ein Freund der Ordnung, und ich
halte Etwas auf die Rücksicht, welche man der Familie
schuldet, wenn man einer guten Familie angehört oder
selber eine gründet. Das Herumjunkern der Guts-
herrschaft, das Verzehren des Gutsertrages fern vom

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Gute, das Aufgeben des Zusammenlebens der Besizer
und der Leute, sind für Beide ein Verderb. Wenn Sie
damit Ernst machen, hier zu leben, werden Sie hier
so viel zu thun finden, daß Ihnenswenig Seit ver-
bleiben wird, sich nach den Dingen und: Vergnügungen
zu sehnen, die Ihnen anderweitig lieb gewesen sind.!
Offen und unumwunden, wie er' seine Meinung
aussprach, bot er auch, er nannte das'Menschenpflicht,
seinen Rath und seinen Beistand dar. Er nahm es
als selbstverständlich an, daß der gegenwärtige Pächter
entlassen werden, und Emanuel' selber die -Verwaltung
der Güter in die Hand nehmen müsse; und als dieser
erklärte, wie er bis jezt dazu nicht fähig sei, zeigte
Barnefeld sich gleich bereit, ihm einen seiner Wirth-
schafter zuzuweisen, der vollständig befähigt sei, die Lei-
tung einer großen Verwaltung zu übernehmen, und
wohlerzogen gennng, dem -Herrn derselben ohne Selbst-
? überhebung ein Lehrer zu werden.
Die nöthigen Vorkehrungen und Verabredungen
wurden sofort und schnell getroffen. Barnefelö versprach,
so oft Emanuel es wünsche, ihn hmit Rath und That
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zur Hand zu sein. Er und die Seinen, vor Allen die
Frauen des Hauses, lobten es höchlich, daß Emanuel
sich zu verheirathen gedenke. Die noch immer statt-
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selbst viel herzustellen und Vieles zu. beschaffen war,
- um es einer jungen Frau wie Konradine, angenehm
F zu machen, fing Emanuuel gleich an dem Tage, an
? welchem er von Barnefeld nach Hause kam, sich auf
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die. Lebensweise einzurichten an, wie er- sie seine Nach-

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batiführen sah. -Kr ordnete die Stunden seines Auf-
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stehenszund seiner Mahlzeiten; er nahm den - jungen
Snspektor zum Tischgenossen und durchritt und durch-
wwgndexte mitihm troz der winterlichen Jahreszeit den
ihmijezt. eigenen Besiz; und wennI er. vor Jahren
hatte' die Erfahrung machen können, wie er,'gegen,
seine frühere. deinung, das. nordische Klina seiner
wachsender Genugthuung, daß er auch -einer Arbeit,
- - Er konnte, da der Pächter noch in seinem Rechte
, pgr, nicht daran denken, seinen jungen Inspektor,schon
jezt die beabsichtigten wirthschaftlichen Umgestaltungen


? -
vornehmen zu lassen; aber es war ihm unverwehrt,

sich mit, dem persönlichen Wohlergehen der Guts-
Insgssen zu beschäftigen, und je mehr dabei verab-

säumt: worden war, um so lebhafter Ftellte die kleinste-
Perhessexung,' die .er- auszuführen vermochte, die Leute
-
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=PDie Stunden- entschwanden ihm, er wußte selbst
V - nichthwwie, und, die Müdigkeit;. die er am Abend fühlte.
- war ihm ein Fenuß. Mit jedem Tage, mit jeder
- Woche längeren Verweilens wurden ihm sein Aufent-
- halt undzseine-Aufgabe bedeutender und lieber. -
.. - ,Sch habe,? schrieb er eines Abends an Konradine,
. als er, nach gethaner Arbeit in seinem stillen Zimmer
- sgß, ,in- diesen lezten Tagen und Wochen Lehren er-
- halten;, und durch Selbstbeobachtung und fremdes Bei-

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Heimat :wohl ertragen könne, so gewahrte er' jetzt mit
dieier sich nie zugemuthet; vollauf-gewachsen sei. -
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fpiel Erfahrungen gemacht, die,eine,vollständige Wand-
lung in gnir erzeugen, eine der Fgndlgngen,wie
man sie durch die Worte ,in sich gehen?gud ,sich neu
auferbauen'' bezeichnet. Ich fühle mjch, von. Reue,
von Beschämung durhdrungen, Piezich giät, guigder-
kämpfe, weil ich hoffe, daß sie uns Allen, ghnen, mir
und Denen, deren Leben-und Dasein,. das ;Schicksal
mit dem meinen verknüpft hat, zugute ,Igmmen. joll;
und ich denke, Ihr Antheil gn, mir Foll. dadurch nicht
geringer werden, daß ich hiex, guf. dem; Frhe und- in
dem Besize des Erbes meiner Väter, es nit einer mich
erschütternden Klarheit empfinde, zu welchem Irrthume
die Selbstsucht mich verleitet hatte, in der man mich
von Jugend auf erzogen und der ich mich denn guch
so bereitwillig überlassen habe. -

,Ich habe bisher vielerlei getrieben, lediglich um
mich zu unterhalten, und Nichts gelexggt,, dgs mir
und Anderen nüzen könnte. Ich gneintg, daß, wvenn
der Mensch, dem dis Sorge gum des Lehens Rothduxft
durch eines unverdienten Glückes, Guns ,genonmen sei,
sich selbst entwickle, wemnn -er gus sich, selbepEtwas
zu machen strebe, damit, auch für die Gesammtheit
Etwas geleistet und geschaffen werde. Weil meine
Natur das Große, das Schöne und das Gute zu em-
pfinden fähig ist, hielt ich mich berufen, es auch aus
mir heraus hervorbringen zu können, uund übersah es,
wie mir der allein maßgebende und das Talent per-
kündende Antrieb für ein bestimgues Schaffen. fehlte.
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tenden Dilettantismus' ausgebildet, und stehe hier mit:
-den Kopf voll' vdn Liedern, voll Poesie und voll' von
einem Wisseii, das nicht' Ersaz leistet, für die prakti-
- schen Keüntnisse, die ich ebenso dringend nöthig habe,
wiedie»hiesigen Zustände eine Aenderung und Hülfe;
Jand ch'koüeäe sst' hier zu der richtigen Erkenntniß:
-Tiber' Hingabe an:'Andere völl' und ganz entwickeln-
J kafii!' -Dies Bibel' spricht!'wwahr, wenn sie das Geben
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den?Spateii!ünd' den Hänmer zu gebrauchen - habe
- däß kein Mesch sich in' sich selbst und für sich selbst,
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der''Feder und- dein Pinsel- in der Hand, wo es gilt,
; Föideri nür im Zusammenwirken mit Anderen und.
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50

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, seliger -als das -Nehnien -nennt. Es liegen in dem
- Gewähren eines Guten, in dem Leisten eines Noth--
wendigen, in dem Schaffen' des Zweckmäßigen, eine
Freude und eine'Beruhigung, die ich an jedem Tage
als einen Segen -neu empfinde. Ich erkenne es daher
als sin gxößes Glück, daß mir mein Schicksal in dem-
selben Zeitpünkt, in welchem es mir die- Aussicht auf
eine schöüe Zukunft an Ihrer Seite eröffnet, auch neue
ernstePflichten gegen unsere Gutsinsassen, und zugleich
auch Verantwortlichkeiten''gegen' das Haus und die Fa-
ainilie auferlegt hat, denen ich angehöre. Es kommt dä-
durch ein Gleichgewicht in alle meine Plane. In jener
Selbstsücht, zu der man mich erzogen, und der ich mich
nuur allzulange überlassen, bei all' der Wichtigkeit, die
ich mir beigelegt, war ich nie befriedigt, bin ich des-
Gefühls' nie ledig geworden, unnütz und einsam in der
, Welt zü sein. Ich war es ebenso müde, immer nur
an mich und meine Befriedigung zu denken, als ich


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jezt zufrieden bin, so viel Unekläßlicheskfür Andere zu
thun zu haben, daß ich mitunter däöor nicht zu mir
selber, und bisweilen nicht:einial? däzu'gekommnen bin,
Ihnen die nöthige Rechenschaft-von meinem Thun zu
geben, wenn schon der Gedanke an Sie und die Hoff-
nung, Sie hier' in einer angemessenen Weise schalten
und walten zu sehen, -mir in aller. Arbeit stets wie ein
freundlich Sternbild leuchtet.!
Konradine - hatte es an sich selber erfahren, wie
heilsam eine zwwingende Beschäftigungeist; Hie freutesich
derselben also auch für Emanuelh für den ihre Nei-
gung an Herzlichkeit' gewann, je mehr sie die Milbe
seines Sinnes und die Schönheit seiner Enipfindungs-
weise kennen lernte. Sie hattesimmer gern mit. ihm
verkehrt und Sutrauen und Freündschaft-fürihn ge-
faßt, als sie in jenem- Winter?inrdein?gräflichen
Schlosse neben ihm verweilt; undJwiesie' ihn- nun
unter den neuen' Lebensbedingnissen und unter der
neuen Aufgabe, die ihn gestellt worden'wwar, sich in
einer fast unerwarteten Hingebung aii' dieselben; mit
einer Energie, die sie ihm nicht zuugetraut, bewähren
sah, da faßte sie einen Glaubenund eine Zuversicht
für seine und ihre gemeinsame Sukunft, welche sie an
dem Tage, da sie sich ihm verlobte, in dem Grade
nicht besessen hatte. Es schien, als ob ihin in der
Berührung mit dem väterlichen Boden neue Kraft'er-
wachsen, als ob er aller der kleinen- Nebel undKränk-
lichkeiten, über welche er -gelegentlich swohlb noch zu
klagen gepflegt, mit eineinmale ledig geworden sei.
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Ser-' Ausspruch der Aerzte bewahrheitete sich, daß
in, den reifen, Mdannesjahren die letzten Spuren des
Btustleidens und -der Nervenleiden,: von denen seine
frühen- Jahre,bedroht worden waren, vexshwundey sein
würden. Wie viel zu dem. Eintreffen dieser günstigen
Wendung in den veränderten Verhältnissen- lag,
brgchte: man dabei doch noch Kange nicht genug in
Anschlag.
. . Er -hatte, bis er als Besizer- der Güter nach
Schloß, Falkenhorst. gekommen war, jich zumeist in
-- jener, reichen aund vornehmen Gesellschaft bewegt, deren
ganzes Sinnen:und Trachten auf den- mehr oder we-
niger -durchgeistigten Genuß ihres völlig arbeitslosen
Lebens. :gestellt wwar. Nun sah er sich, plözlich, in einen
- Menschenkreid -oersetzt, der tüchtig arbeitete, um eine
verhältnißmäßige- Lebensleichtigkeit durch; den Ertrag

-
der -Arbeit. für, sich- zu ermöglichen, und in welchem
ananebey in -der; Arbeit-und in dem Beobachten ihres
-

? -. ämner' neuen:wachsenden -Ertrages, seine Befriedigung
-'. fayd, ::. Die Männnernund.Frauen in, seiner;Rachbar-
Fchaft-standen an Flbgeschliffenheit der. Umgangsformen,
-
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, ansLeichtigkeit des.Tones jener ausschließlich vornehmen
Fesellschaft ngch,n ohne: deshalb. einer, guten Bildung,
der,Freude. an einem -guten Buche, oder der,Theil-
nahme für die Fortschritte zu entbehren, welche die
Menschheit auf .den werschiedenen Gebieten des Wissens
and der allgemeinen Entwickelung machte; und Ema-
muel hatte sich noch nicht lange unter ihnen, auf-
gehalten, als er zu bemerken g laubte, daß ihr Sinn
freier und unabhängiger, daß sie zu selbstständigem,


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eigenem Denken und Handeln-geneigter und-geschickter
wären als die sogenannte große Gesellschaft. -
Barnefeld und die Seinen'waren verhältnißmäßig
wenig herumgekommen in der Welt, aber sie wwußten
in ihrer Heimat und in ihrer Provinz umso genauer
und gründlicher Bescheid. Sie- machten' von feineir
Empfindungen kein besondepes Wesen, indeß ihrFami-
lienleben war musterhaft, sie hielten- fest zu ihren
alten Freundschafts-Verbindungen, und ein Anruf, an
ihre Hilfsbereitschaft war immer sicher, eineme geneig-
ten Ohr, einer offenen Hand zu begegnen. Sie ver-
langten nach keinen besonderen Serstreuungen, da des
Dichters Wort, von den,sauren Wochen, frohen Festen
unter ihnen von selbst- zu einer -Wahrheit wurde.
Män dachte nicht an besondere Erholungen,nahm eine
gelegentliche Geschäftsreisek nach- der Restdenz-mit
Freuden hin, erzählte monatelgng, mitunter jahrelang
von den dort gehabten Vergnügungen; was aberEma-
nuel, dem seine langjährige Kränklichkeit: das Leben
viel verbittert hatte, eigentlichl am meisten bewunderte,
am höchsten schätzte: man war so arbeitslustig, so von
Herzen zufrieden, weil' man so- gesund war, daß man
es fast als eine Demüthigungansah, von irgend einer
Krankheit oder einem Gebreste befallen zu werden.
Das Gesunde, das Tüchtige, die Pflicht, das als
richtig Erkannte auch mit. Opfern sofort zur Ausfüh-
rung zu bringen, schien diesen Menschen förmlich im
Blute zu liegen, und ihnen gegenüber: sich über : ein
Unwohlsein, über eine körperliche oder geistige Ver-
stimmung zu beklagen, würde Emanuel Scheu getragen

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BabenHas Alles nun-wirkte günstiger auf ihn zu-
iück, als er es selber wußte, und Konradine sowohl
alE dieGräfin gewahrten es mit: inniger.- Genug-
thuung- -
.wDie Gräfin war, um -die weite Reise, nicht in der
Zeit! zurücklegenzu müssen, in welcher die schlechten
WegeIsie! nochibeschwerlicher machten, gleich nach der
Hochzeit:ihres Sohnes, in ihre - heimische . Provinz zu«
rückgekehr und hatte, sich seit langen Jahren, dort zum
berstenmale wieder in ihrer städtischen Wohnung auf
einen -längeren, Aufenthalt eingerichtet.FrauJ von
Wildenau war ihr dahin gefolgt, und auch Konradine
warigegen das Ende des Jahres,- nach dem Austritt
aaus dem Stifte,. bei ihr eingetroffen. .
-- - Der:Ekreis. der gräflichen Verwandten, die: be-
fieundeten .Adelsfamilien begrüßten. die Gräfin mit
Freüdeßn; Da. sie Leid trug um ihres Bruders Tod,
zrdfKoiradine, -als- künftige, Verwandte des Hauses
sichsder-rauet um denselben anschloß, konnte;die Rede
yichttdavon sein, das.. Haus -in der alten glänzenden
Weiseifürdie-Gesellschaft -zu eröffnen. Aber es stand
-- dergFämilie cdoäh,auch, andererseits ein, erfreuliches- Er-
eignißupch die HeirathfEmanuelsrbevor; weder dje
-Gräfi: pochtFrau von Wildenauwaren auf Abge-
schiedenheit gestellt, und daß an. eine Braut, eine
neue Angehörige?des alten Geschlechtes im Hause hatte,
der nian es schuldete, sie in dem ihr fremden Kreise
einzuführen und heimisch zu machen, das bot -den; er-
,wüüschten: Anlaß. zu einer Geselligkeit, die sich mehr

? - und - mehr belebte, je weiter der Winter vorschritt---


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Wenn auch die Gräfin und Konggine die großen
Feste nicht besuchten und sich hauptfächlich, darauf be-
schränkten, die. Gäste im Hause zu egyfgngen, so, per-
sagte sich die lebhafte Vergnügungssust. pon Konra-
dinens, Mutter auch nicht die gußerhäusjge Geselligkeit,
und wenn jene Beiden dazwischen sich mit Behagen
eines stilleren Beisammenseins exfgeuten, so brachten
die Nachrichten und kleinen- Neuigkeiten, it ,denen
Frau von Wildenau dann in heiterster Stimmung
heimzukehren und die sie, mist gleich: hei jhrem Ein-
tritte mitzutheilen pflegte, noch einen Fbglanz. ,hres
genossenen Vergnügens in das einsamere Gemach der
Gräfin mit zurück.
An einem solchen Abende ;saße pie ,künftigen
Schwägerinnen, deren gutes Einwernehmen durch die
jezige Gemeinsamkeit ihrer Interessen sßh gug geßgger;
hatte, noch. an dem Theetische hefammen,- als Frau
von Wildenau wider ihre Gewohnheit zeitig won einem
Balle nach Hause kam, der in dem Hause des, kom-
mandirenden Generals stattgefunden hatte. In der
Befürchtung, daß ein Nebelbefinden. sie; dazu veranlaßt
habe, erhob sich Konradinezund ging ihr, rasch ent-
gegen; aber die Mutter versicherte, daß sie sich gut
- befinde und daß nuur eineMachricht, welche der General
durch eine Estaffette während des Balles erhalten und
die sich durch die Unvorsichtigkeit seiner Frau auch jn
der Gesellschaft verbreitet, fie aufgeregt und Pewogen
habe, sich zurüchuziehen. --
,In die estlichkelten und die Polleitenfeeuben
wird nun auch eine Umwälzung hineinkonmen, denn

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der Hof legt Traer an für die drei nächsten Wochen,!
sägte' sie uüd hielt' dann in einer so absichtlichen Weise
-nie, daß''die Aideren es herausfühlen mußten,' wie
li' der Nachricht, die sie mitzutheilen denkej Etwas
-enthalten-sei; ?das-eine besondeke Bedeütüng für
se: hahe. - -
- ,st deiün' 'psn dem Hause unserer Herischaften
SeJt'Tööe äbgegägei? frgte die GiKfl.
--


- ?? -PSeiher'ßa!' Und'' weün man sich iucht scheute,
öeßn än sich'nicht ein Gewissen aus solchen Vot-
siellungen?niachte,? entgegnete Frgu vön Wildenau,
Asof'mchie mian sagen, das sei Göttss Finger. Ich
-wenigstens, obschon ich die Gründe ndch heute zügeben
miuß, mit. denen' mani von Seiteir der Familie des
Prinzen Friedrich, und mit denen er selberseine
Hahdlungsbeise gegen Konradinen zu rechtfertigen be-
Fdebt war,'ich konnte mich des Gedankens dennoch
fmrcht sntschlagen: das ist das Walten der gerechten
Memöfle!? --
,er;Ptinz ist' doch nicht todtr rief Konradine,
Fit einenFFrschrecken, das sie' nicht verbergen konnte.
MNelii, lcht deöf Priiz, ber die Prizessin st
-än HrerNöberkünft gestorben' und auch das Kind
'At tobt!r sagte Fraü voi Wildenau ,DieGeneralin,
felche die Priiizesfin erzogen hat, war erschüttert, als
, bäe ihr'das;eigene Kinö' gestorben. Sie konnte es
Fü'keiner Fässung bringen, nzan sah, sie war ficht bei
dem Feste. Das wirkte natürlich auf' die ganze Ge-
Jellschäft zurück, und exschüttert hat mich die Nachricht

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auch, eben weil ich das Walten der Nemesis darin zu
erkennen glaubte.!
Ihre weitläufige Mittheilung hatte Konradinen
Zeit gegeben, sich zu fassen. Die Farbe war wieder
in ihre Wangen zurückgekehrt, und die Lippen in stolzer
Bitterkeit erhebend, sagte sie: ,Ich sehe darin kein
Walten einer strafenden Gerechtigkeit. Der Prinz
hat die Vortheile erreicht, die er für sich und für
sein Haus durch die Verbindung mit des mächtigen
Landesherrn Nichte angestrebt hat, und der Verlust eiger
jungen, unbedeutenden und ungeliebten Frau wird ihn
so wenig niederwerfen, als die getäuschte Hoffnung
auf das Kind. Er ist ünd bleibt der Neffe eines
Königs, und diesen Vorzug für seine Zukunft zu be-
nüzen, ist er ganz der Mann.? -' ? -
Sie stand auf und holte gnscheinend' miit Gleich-
muth ihren Arbeitskorb herbei. Diö Gräfin,- die sich
ihrem Charakter nach vollständig in' die Emnpfindungs-
weise der Verlobten ihres Bruders zu versetzen wußte,
freute sich der fesien entschlössenen Haltung, der raschen
Selbstbeherrschung, welche Könradine auch in diesem
Falle wieder dargethan hatte. Sie kam ihr mit der
Frage gleich zu Hilfe, ob Frau' von Wildenau für
dieses Ereigniß die nöthige Kleidung bei sich habe,
ob sie eine TrauerToilette mit sich führe; und man
hatte niemals großer Mühe nöthig, die Leichtbewegliche
von einem Gegenstande abzuziehen, auf dem man sie
verweilen zu lassen nicht für angemessen fand.
==öööööööaössss

Kapitel 05

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-;.ls regnete und hagelte bei scharfem Winde, daß
-man kaum das Fenster öffnen mochte und daß der
Dampf in der Wirthschaftsküche, in welcher Mamsell
Ulrike gerade eine der großen Herbstarbeiten abzumachen
hatte, durch die offenen Thüren dem Knechte schon
-bis weit, in den Hof hinein entgegenauglmte, als er
-früh, -am- Pormittage mit der Posttasche durch das
zxeßg Fhx, hereinnitt. -
z ,zgFls er. pgm Vferde tieg, schütelte ex unter dem
Foxdache öäs Wassee, von der, ledernen Tasche und


- Fünftes Gapites
,wishte sie, dann noch mit dem Aermel. ab, ehe er. sie
zn der. Stube dem Amtmanne reichte. Der Amtmannn
sah;nach deg h.
, ; ,Fs ist nei hr porbei,' wso Fst. D denn so
lange geblieben? fragte er.- -
- Der Knecht entgegnete, er habe für die Maiüsell
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noch Ausrichtungen machen müüssen und der Weg sei
grundlos, nicht vom Flecke fort zu kommen. Damit
ging er ab und der Amtmann schloß die Tasche auf.


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.-, Endlich!'r rief er, nachdem er dis,Zeitungen und
die beiden Geschäftsbriefe, die er in der Tasche vor-
gefunden, auf ihren gewohnten Fleck gelegt hatte, und
wollte rasch den dritten Brief erhrechen, den, die heu-
tige Sendung ihm hrachte, ,er besgnn sih zndessen
eines Besseren, Er machte, erst; die ayderen Briefe
auf, las sie bedächtig durch, nahmj die- Zeitungen
zur Hand, um die Kornpreise ges lezten Marktes
einzusehen, die sich zu. seiner Freude, höher als in der
verwichenen Woche stellten,- und steckte sich dann erst
die Pfeife an, um den Brief, den er sich aufgespart,
in möglichster Behaglichkeit zu genießen. Aber gleich
die Neberschrift desselben sezte ihn in Erstaunen, und
er hatte die ersten Zeilen- kaum, gelesen, als er mit
einem Fluche aufsprgng; und nach dex Thüre gehen
wollte, um die Klingel zu. ziehen. Ex hielt sich jedoch
wie mit Gewalt davon zurück, sezte sich wieder in den
alten Stuhl an seinem Schreihtisch nhgder, zuud-den Kopf
schüttelnd wie Einer, dex njcht. persteheg Fann, was er
doch vor seinen Augen hat, ließ er vgn Zeit, zu Zeit
einen Ausruf zornigen Erstaunens- über seine: Lippen
gleiten, bis er mit den Worten: ,Ist: das, Frauen-
zimmer denn ganz von Gott verlassen?! sich abermals
erhob, das Fenster aufriß;und seinen bekannten Pfifff
über den Hof so laut exschallen ließ, daß jn den
Scheunen und in Stalle und in der Werkstatt Alles
an die Thüren kam, und der Stallknecht, den, er ein
Seichen gab, sich sogleich in Trab zu sezen, anfing.
,Den' Fuchs sätteln!! rief, er, sobald der Knecht
nahe genug war, ihn verstehen zu können,,und Io-

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hann soll kommen! Damit zog er das Fenster wieder
zu, und'wie er sich umwendete, stand -Ulrike hinter
ihm. Er hatte eben nur noch' Zeit, den' Brief in die
Brusttasche zu stecken, den er zuletzt gelesen hatte.' -
- - zWas ist denn' passirt? fragte sie, während sie
die' Hände -noch an der großen Küchenschürze trocknete.
- -',Was soll denn passirt sein? entgegnete er, und
fich von ihr -zu dem herbeigerüfenen Kutscher wendend,
befahl er ihm, die weite, lederne Reithose zu' holen,
die er sich über sein Beinkleid knöpfen ließ, wenn er
einmäl in besoiders schlechtem Wetter draußen sein
inußte. -'
-- Alriks war so leicht nicht abzuweisen. ,Passirt
muß Etwas sein,? meinte sie, ,denn in dem Wetter
reitet doch kein Mensch aus, wenn er nicht eben muß,
und Du' mit Deinen Gliederschmerzen ganz gewiß
nicht!?
, Ich will' einmal probiren, wie das Wetter und
- die Gliederschmerzen sich vertragen!! antwortete er'in
eiieniTöne und mit eineßn- so bitteren Humor, daß
-Sr'Ulrike nur in ihren Vermuthungen bestärkte, und
däsie' es gesehen hatte, daß er einen Brief vor' ihr
Jpethörgenfrief fie; sich' kikt ihrer gewohnten Ent-
schlossenheit in dreistem -Sprunge auf ihk iel -lbs-
stürzend: ,Was ist dennvorgegängen mit der Hulda?
-' - Der Aütmiann fuhr auf. Die scharfe Frage kam
ihm' in dem Beisein des Knechtes, der ihm das Reit-
kleib-berknöpfte, döppelt ungelegen. -,Wie koüinist
--Du denn mit' einemnale darauf? fragte: et. ?

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- ,Ich habe es wohl nicht gesehen, wie Du den
Brief instecktest?! - -
.So laß ihn, stecken, wa zr,stsckhk- gah er ihr
zur Antwort, schloß den, Schreihtsche; lheß ßch, den
Flusrock überziehen, und im ßorbeigehenzdie Mütze
mit dem großen, Schirme und ,die Feitsche gon dem
Haken nehmend, schritt er der Thüre zu. - .
- - Die Schwester' trat ihm Fn den.Geg. ,Du, wirst
doch sagen können,' wo Du hingehft??- - -
,In das Feld!? versetzte er. -,Es- liegt mnir auf
der Brust, Ihr habt ja überheizt, als ob. das Holz
gestohlen wäre. Laß die Fenster aufmachen, alle-
beide.?-
Das ging Ulriken, über den Spaß, sie wwußte
nicht, was sie denken, sollte, es am etwas wie, eine
Besorgniß um den Bruder. über sie. -,AberFuekommst
zum Essen doch zurück? fragte;sie; -- -
,Eaß sie essen, wennn ich um die Zeit nicht da
binl! gab -er ihr -zux Flntwort,' Aund: war zauf das
Pferd gestiegen und davongeritten,- ohne sich über
irgend Etwas guszulassen.- -
Ulrike nahm die Schürze über den. Kopf und
ging vor die Thüre: hinaus.. ,Dahinter steckt kein
Anderer als die Hulda! sagte sie, wie sie den,Bruder
aus dem Hofthor sich zur Einken gwenden und nach
dem Dorfe hinunter, reiten sah. :,Er reitet zum
Pastor!?
- Und in der, That, sie - hatte Fich in ihrer Vor-
aussicht nicht getäuscht. Der Amtmann konnte die
erhaltene Nachricht nicht mit sich selber abmachen, er

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mußte einen Msnschen haben, mit dem er sprechen,
mit dem er überlegen konnte, und wenn es auch nur
ein junget Mann war wie der Pastor. I Er ritt, als
wäre er um zwwanzig Jahre jünger. Der Fuchs wußte
nicht, was ber von seinem Reiter- denken sollte. - Sie
waren''in dem Dorf und vor der Pfarre schneller als
in bester Zeit. - .e
.--Der Amtmänn fand den Pastor still ei -seinen
Büchern sizen. Ws stand und lag in der Wohnung
noch ziemlich' so;'wie zu derfrüheren'Bewohner Zeiten.
Nur diejenigen Bücher und die: anderen Gegenstände;
agf!welche: Hilda Werthn gelegt, hatte der Amtmänn
nach dem Schlosse genommen, um sie dort aufzuheben.
Oäs -Nebtige hatte der Pfarrer' angekauft, und - beide
Theile hatten sich gut dabei gestanden, denn, von ihrer
Stelle- einmal fortgerückt, hatten die alten Möbel und-
Geräthe kaum noch Werth, und sie zu einem billigen
Preises an sich zu bringen, war für den jungen Pfarrer
immerhin vortheilhaft gewesen bei der Kostspieligkeit
des mehrmeiligen Transportes von der Stadt. Dazu
liebte er die kleinen stillen Räume so wie er sie vor-
gefunden hatte, und wollte sie so behalten, bis ihn
einmal- eine andere-Wendung seines Schicksals jie zu
- verlassen' oder zu' verändern zwingen' würde. --
. Des Amtmanns Ankunft in dem bösen Wetter
kam ihm höchlich überraschend. Er war vor der Thüre,
hatte dem Knechte, den er sich jetzt, seit der besseren
Besoldung seiner Stelle, halten konnte, das Pfetd zum
Herumführen-gegeben und den geehrten Gast' des
Fchweren, nassen Reitanzuges entledigt, ehe er in seinem

-
68
Erstaunen zu der Frage --gekommen war, was den
Amtmann in sein Haus gebracht habe. Auch ließ es
dieser dazu gar nicht kommen. -'
Er sah sich rasch in der kleinen Stube um, ob
die Kammerthüre nicht etwa offen stände, schritt dann
nach dem wohlgeheizten Ofen hin, an dem er sich die
Hände und den Rücken wärmte,' und sagte rasch und
mit gedämpfter Stimme: ,Ich bin herübergeritten,
weil ich mit der Schwester nicht davon reden kann.
Sie darf es vielmehr nicht einmal' wissen, und es ist
mir selber noch unglaublich, obschon ich doch - mein
Theil erlebt habe in der Franzosenzeit und wie danach
die Russen im Lande gewesen sind. Es ist da gennng
und alles Mögliche vorgekommen mit den Frauen-
zimmern, aus den vornehmen Familien so' gut wie
unter Unseresgleichen' und unter, dem gemeinen Volke,
aber so Etwas ist' noch gar nicht, dagewesen - guter
Leute Kindl?
Der Pfarrer, welcher Erziehung geng besaß, den
älteren Mann ruhig anzuhören und ihm die Zeit zu
lassen, sich nach seiner Ansicht zu erklären, hatte nicht
verstehen können, wo hinaus der Amtmann wolle,
indeß die letzten Worte hatten etwas unheimlich Be-
unruhigendes für ihn. , Von wem sprechen Sie Herr,
Amtmann?! erkundigte er sich mit böser Ahnung.
, Habe ich es Ihnen nicht gesagt? fragte der
Amtmann, dem das Herz von seiner zornigen Sorge
so- erfüllt war, daß er meinte, auch der Pfarrer müsse
darum wissen. ,Ich dachte, ich hätte es Ihnen gleich
gesagt. Stellen Sie sich vor - es ist gar nicht zu

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glauben - die Hulda ist unter die Komödignten ge-
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gangen!f - .
, Unmöglich! da sei Gott vor!r rief dex Pfaxrer,
und sein Aussehen zeigte, was er dgbei fühlte. -
nn: ,Wie; ich Ihnen -sage,! wiederholte - dex, Almt-
mann, ,es ist, als ob sie ganz von Gott perlassen
wäre! Eines ßfarrers Tochter und Folch brayer Leute
einzig. Kind. Ein Mädchen, -auf,, das ich, gehalten
hahe,. mehr, als, auf mein eigen Fleisch und Blut. Man
mag--es;aticht äber seine Lippen bringen, damit nicht
auch Andexe es hören; aber es ist, wie ich es Ihney
sage: sie ist unter die Komödianten gegangen!! -
-. Hie Aufregung, das ungewöhnlich; lebhafte
Sprechen -des treuen Mannes verriethen dem jungen
Geistlichen, wie, nahe es dem Greise ging, und ihn
-' selber hatte es sehr schwer getrofen. Aber die ernste
und strenge, Schulung für sein Amt,' hatte ihm troz
seiner jungen Jahre Selbstbeherrschung früh zur Pflicht
-gemacht; und seine Bewegung, so gut er es vermzochte,
in Schranken haltend, fragtesnet den Amtmamn, woher
er; diese;Kunde habe.
I Geschrieben, selbst, geshrieben, hat sie es mir,
ohne jalle:lScheu und Scham!? pief der Aptmamn.
,Dg lesen Sie es selbst.!. Er xeichte ihm den Brief
hin, -der, Pfarrer trgt ,damit ans Fenster. - Er kannte
die feine, wohlgefügte Schrift, es war ein Buchstabe
klar gmd deutlich wie der andere, die Zeilen folgten
einander in schönster Gleichmäßigkeit, ihre Hand hatte
nicht gezittext, sie hatte nicht geschwankt, als sie es
niedergeschrieben: wie sie den Gedanken, die Bühne zu


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Hetreten, schon seit länge in der Seele gehegt, wie ihr
Sinn darauf gestanden habe, sich in freierer Lebens-
bahn zu bilden und zu entwbickeln, und wwie'gern sie
das Alles dem Vormunde gestanden, wie sie' ihn um
seinen Rath gebeten haben'wvürde; wäre sie nicht seines
Widerstandes gewiß gewesen. Sie' schrieb dann noch,
welche günstigen Ereignisse -ihr zu' Hilfe gekommen
wären, wie gütig sich die berühmte Gabriele ihrer an-
genommen habe, und bat schließlich den Amtmann,
ihr zu verzeihen, daß sie mit einer Unwährheit von
ihm geschieden sei. Sie hoffe ihm dereinst. Ehre zu
machen, und er möge zu ihr das Zutrauen haben,
daß sie, ihrer Eltern eingedenk, nie pön dem rechten
Pfade weichen werde.
Dem Pfarrer flirrten die Büchstuben por den
Augen, als er die lezten Wörte las.I Er müußte die
Augen schließen und' mit der Händ perdeckei. ,Die
Unglückliche, die Aergste!r üef, ek: schmerzlich aüs.
,Ja, bekräftigte der Amimgnn, ,aher was ist
da zu machen??
,Man muß hin - man müß sie sehen -- mit
ihr sprechen, sie von dem unheilvollen Pfade zurück-
zuführen, sje hieher zurückzubringen suchen!! meinte
der Pfarrer.
,Und was nachher? fragte der Amtmann. , Soll
ich sie wieder zu mir nehmen? Das fällt mir nicht
ein. Das geht auch mit meiner Schwester mun und
nimmermehr, wenn die erst weiß, von wänneg Hulda
kommt und weß Geistes Kind sie ist. Ich häbe auch
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Fanny Lewald, Die Erlöserlu. .


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-Felber keine Lust dazu, den Zuchtmeister zu machen,
denn wer sagt mir gut dafür, daß sie nicht bald
wieder heimlich so Etwwas unternimmt und wieder auf
und davon geht. Der Oberförster kommt mnir auch-
nicht in das Haus, wenn sie darin ist; und Sie
Für Ihr Theil würden ebenfalls kein sondexliches Ver-
gnügen davon haben.!
-; ,Mdan darf sie aber nicht sich selber überlassen,?
fiel der zunge Pfarrer- ein, ,man muß versuchen, -
ihr klar zu machen, was sie thut. Es müssen Ein-
piküngen, Einflüsse stattgefunden haben, die sich
LEnseret Beobachtung enhzogen haben-??-
- ,Was ist da zu beobachten?! meinte der- Amt-
mann ungeduldig. ,Das vornehme,eben im Schlosse,
die feine Erziehung durch die Miß, der ich mit ihren
fremden Redensarten nie getraut habe, und der un-
glückliche. Liebeshandel mit dem verwünschten Baron
Einänuel, die sind iht in den Kopf gestiegen, und ich
will. Den sehen, der ihr das wieder austreibt. Aber
das wäre ir Alles einerlei, wenn ich nur erst wüßte,
was man nit ihr macht. Holen kann und werde ich
sie, nicht, denn ich kann sie hier nicht brauchen.!
, , Sie ist so sanft, so unterrichtet, und obschon sie
uns getäuscht hat - ich habe sie stets so aufrichtig,
so von Herzen wahrhaftig gefunden,! sagte der Pfarrer.,
zIch kann es mir nicht denken, daß sie auf einem
solchen falschen Wege dauernd beharren. sollte. Ich
habe das Zutrauen zu ihr noch nicht verloren.!
,.. ,Aber Sie würden sich doch hüten, Sie noch
jetzt zu Ihrer Frau zu machen! Sie würden doch

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nicht die Courage haben, einer Familie, die Jemand
für ihre Kinder nöthig hat, zu sagen: ,Rehmen Sie
das Mädchen zu sich!
Der Pfarrer schwieg, weil er öas nicht aus-
drücklich eingestehen mochte, und der Amtmann fand
dies völlig in der Ordnung. ,Sehen Sie,! rief er,
,das ist es ja eben, das habe ich' auf dem ganzen
Wege in mir rüminirt. Mit einem -Frauenzimmer,
das erst einmal. derlei im Kopfe gehabt hat, ist in
einem ordentlichen Hause gar Nichts mehr zu machen,
und ich bin und bleibe doch ihr Vornund. - Hieher
will ich sie nicht nehmen, unter den Konödianten will.
ich sienicht lassen. Wenn ich ihr befehle, zu ordentlichen
Leuten in die Kost zu gehen -- bezahlen wollte ich's
ja herzlich gerne -- so weiß ich- nicht,' ob sie es-thun,
und ob sie mir nicht wieder fortgehen wird;' wie aus
dem Hause des Kastellans; und- ihr einen Steck
brief nachschicken, kann ich doch auch nicht. Ich mruuß
sie eben laufen lassen, mag fie sehen, wie es nachher
thut. Es ist nur ein Glück, daß sie doch wenigstens
ihres Vaters Namen nicht beschimpft und sich einen
anderen gegeben hat. Was die Leute sagen werden,
daran denke ich noch gar nicht. - Und nun meine
Schwester erst! Es ist um gleich dreinzuschlagen.!
Er hatte sich in Zorn gesprochen und trommelte
ärgerlich mit den Fingern. auf dem Tische, an dem er
sich niedergelassen hatte. Der junge Geistliche saß
ihm schweigend gegenüber. Die Nächricht ging ihm
sehr zu Herzen, dem Amtmamne war indessen mit
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seinem Schweigen nicht gedient. Er wollte wissen,


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was er denke.
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bar die Wege Gottes sind und wie es uns oft nicht
- leicht fällt, seine Führung zu verstehen und ihr richtige
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Folge zu leisten. Ich dachte an die Freude, welche s
die Eltern über die Schönheit der Tochter empfunden
Haben mögen, die für sie zu einer schweren Versuchung
, geworden;ist; und ich erinnerte mich, wie' es uns ge-
Hoten,ist, dem Irrenden die Hand zu reichen, um ihn
auf- den: rechten Pfad'zu führen.! -
? ,Das i Alles recht gut und schön,! fiel. der
Amtmann ihm ungeduldig und zornig in das Wort.
Aber einen Jagdhund, der den Appell verloren hat,
den bringen Sie mit keinem Pfeifen mehr zurecht,
der verlangt das Stachelhalsband; und das Leben
- wird es ihr schon bringen. Darüber bin ich un-
, Fsorgt?
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,Ich überlegte,! sagte der Pfarrer, , wwie wunder-
»».MNicht' weiter, nicht peiter, Herr Amtmann!?-
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arief' der Pfarrer. mit bewegter Abwehr. ,Wer will.
-poraussehen, :was ihr noch beschieden ist! Aber Sie
Find erzürnt: und haben kein Vertrauen mehr zu
, Hulda.. Ich für meinen Theil gebe die Hofnung für
sie nochnicht auf. Lassen Sie mich schreiben. Ich
werde es noch heute thun. Vielleicht verleiht mir der
Herr die- Kraft, das -Wort zu -finden, das zu ihrem
Herzen dringt. Und bis wir darüber nicht Gewißheit
haben, möchte ich Sie bitten, geheimzuhalten, was
Sie mir awvertrauten. Neber meine Eippen kommt
Tein Wort davon.!



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Der Amtmann sah ihn an, und es zuckte wunder-
lich um seinen Mund, als er dem jungen Manne
über den Tisch hin seine Hand böt? ,Ich' glaube,?
sprach er, ,es ist so etwas von des seligen Pastors
Geist auf Sie gekommen. Sie warekt anders, als
Sie hier bei uns anlangten, anders ganz und gar,
und ich hätte Sie damals gerne wieder fortgehen
sehen. Aber Sie sind ein braver und ein guter
Mensch. Ich verstehe das Frauenzimmer nicht.
Fortzulaufen unter solch Gesindel, auf die Bretter zu
gehen, wie der nichtsnuzige Bursche, der Michael, vor
dem sie einen wahren Abscheu hatte! Guter, braver
Leute Kind, das es hier mrit Ihnen sehr gut haben
konnte! Ich verstehe es nicht. Ich versteh's psrtout
nicht!?
Er stand dabei auf, zog die Ühr mit det großen
Schildpattkapsel aus der Tasche, sah nach der Zeit
und sagte: ,Ich will doch lieber, noch ehe sie bei mir
zum Mittagessen klingeln, wieder auf dem Hofe sein.
Ich muß fort.?
Der Pfarrer bat ihn, Etwas zu: genießen, schon
wegen der nassen, kalten Luft, indeß der Amtmann
wies es dankend ab. Er habe von dem schweren
Aerger alles Blut im Kopfe, sagte er, und dann sei
Fasten ihm das Beste.
Der Knecht mußte das Pferd vorführen, der
Amtmann legte den dicken Rock von Düffel wieder
an, zog den Kragen hoch über bie Ohren, drückte die
Müze in die Stirne, und schwang sich troz seiner
Schwere und seiner Jahre noch so rüstig auf das


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Pferd, daß es den Pfarrer, der ihm das Geleite gab,
freute.-
,lso Sie schreiben ihr, und recht eindringlich,
lieber Herr Pastor! und es bleibt Alles unter uns.
Ich -verlasse mich darauf!k rief der Amtmannn, noch
einmal, ,als er schon fest im Sattel. saß, und dem
Pferde das Zeichen gebend, ritt er in seinem kurzen
Schauukelkrab von dannen.
- -.'
=G=Gss=«G=sss«==«=Gsssuss

Kapitel 06

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Hechstes Gapites
gggggggggg
Als Hulda dem Amtmanne von ihrem Vorhaben
die erste Kunde gegeben, hatte sie mit Scheu daran
gedacht, wie er die Nachricht aufnehmän und ob er
versuchen und was er versuchen werde, sie, von ihrem
neuen Wege zurüczubringen.' Sie war daher be-
troffen, als statt der Antwort ihres Vormundes, ein
Brief des jungen Pastors in ihre Hände kam. Aber
seine bittenden Ermahnungen, seine nicht zu werber-
gende zärtliche Sorge für ihr Heil, wie er es nannnte
und verstand, thaten ihr nur wehe, ohne einen be-
stimmenden Eindruck auf sie zu machen. Sie hatte
sich das Mlles selher wohl gesagt, als der Reiz des
neuen Lebens, das sich vor ihr aufthat, sie noch nicht
gefangengenommen hatte.- Jetzt war das überwunden.
Sie dachte mit flüchtiger Rührung des dahein-
gebliebenen Freundes, sie beklagte ihn, weil er sie ohne
Hoffnung liebte, aber es freute sie, daß mur sein Brief
sie noch erreichen konnte, daß sie ihm selber nicht mehr
zu begegnen brauchte. Sie mochte nicht mehr rück-
wärts blicken, rückwärts denken; sie sah nur vorwärts

n.
auf das Ziel, das in verlockender Nähe immer deut-
- licher und -bestimmter vor ihrem Auge aufzuleuchten
- anfing.
,Eine neue Weiberlaune,'! hatte der Direktor es
- gengnnt, ls Feodora sich gleich bei dem ersten Be-
gegnen mit Hulda zu deren Beschüzerin gufgeworfen
.- -, hatte. Indeß zum Erstaunen aller Anderen war diese
J aune nachhaltig geworden, und ohne daß man sich's
-- erklären konnte, wie sie darauf hatte verfallen mögen,
hatte Feodora sich von dem Direktor die Zusage
- machen lassen, daß er es ihr ausschließlich awvertrauen
wolle, Hulda für ihr erstes Auftreten zu schulen. Auch
die Wahl. des Stückes hatte sie treffen zu dürfen ver-
langt, je nachdem sich Hulda's Anlagen entfalten wür-
den, und er hatte ihr dies Alles endlich nachgegeben,
-' denn er war sicher, daß ihre Klugheit wie ihre Eitel-
keit sie davor bewahren würden, Etwas zu unternehmen,
was die große Vorliebe und das Zutrauen beeinträch-
tigen konnte, mit denen sie von dem Publikum aus-
- auch in diesem Falle für ihre schöne Schülerin.
- Feodora hatte es sowohl in ihrer Künstlerlauf-
bahn alsim? geselligen Leben stets erfahren, wie zu
früh oder zu lebhaft gespendetes Lob die Erwartungen.
der Menschen überspannt, so daß danach das Beste
-
und däs -Schönste ihren phantastischen Vorstellungen.
nicht genug thut; und sie wußte ebenso, wie eifrig die-
- Neugier wird, die zu befriedigen man zögert. Sie
, wies deshalb ihre neue Schülerin, obschon es dessen
kaum bedurfte, ausdrücklich an, sich ausschließlich an

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gezeichnet wurde. Diese Klugheit bewährte sich denn:

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ihre Aibeit zu halten, den Verkehr mit ihren künftigen
Kollegen für das Erste noch zu meiden und sich auch
in der TheaterLoge nicht umnöthig in Seene zu setzen.
Selbst Feodoxens künftiger Gatte und ihre nächsten
Freunde sahen und sprachen Hulda nur in flüchtigem
Begegnen, und wo sie sich über deren Fähigkeiten äußerte,
geschah es stets mit vorsichtiger Gemessenheit. Aber
gerade dadurch erreichte sie ihten Zweck. Man wurde
neugierig auf Hulda, man fragte sich' in den Coulissen
und bald auch unter den Theaterfreunden,: was Feodora
mit diesem geheimnißvollen Thun beabsichtige, und
kam endlich zu dem Schlusse, daß sie irgend Etwas
im Schilde führe, womit sie bei ihrem Abgange von
der Bühne es noch auf einen besonderen Effekt an-
lege; und darin täuschte man sich nicht.-- -
Feodore war Schauspielerin mit Leib und Seele.
Komödie zu spielen, war ihr so sehr ein Bedürfniß,
daß sie sogar sich selbst in ihren jeweiligen Stimmungen
und Launen, wie in einer darzustellenden Rolle, künst-
lerisch zur Erscheinung zu bringen wußte, und ihr
Freund, der Doktor; hatke nicht Unrecht,' wenn er be-
hauptete: fie empfinde in Wahrheit nur die Leiden-
schaften, die sie spiele; und Ernst. sei es ihr nur mit
jenen Dingen, die sie im Scherze von sich aussage. -
Niemand wußte, was es bedeuten solle, daß sie
sich der jungen schönen Schauspielerin- so eifrig ait-
nahm, daß sie geflissentlich die Alternde -spielte; denn
man hatte sie niemals angeregter und reizender, frischer
und jugendlicher,- zufriedener: und selbstgewisser ge-
sehen als in diesem Winters niemals hatte sie mit so

-

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.
--






- - Ihr Kontrakt ging mit dem Jahre zu Ende, und
man wußte seit Monaten, daß sie in der Rolle der
stein's Tod ihr Gastspiel angetreten hatte, auch zum
- letztenmale' vor dem Publikum erscheinen wolle, um es
darzuthun, wie sie an Jugendfrische noch dieselbe sei,
während sie an künstlerischer Kraft gewonnen habe.
-' Der Tag dieses lezten Auftretens kam denn nun
Direktion hatte es- für den' Abend auf eine Abschieds-
feierlichkeit angelegt, wie Feodorens Hingebung an ihre
Kunst und an das Institut sie vollauf verdiente. Die
sich,: man konnte nicht einmal sagen' durch wen, auf
, det»Bühne die Rachricht verbreitete, Feodora habe für
dey heutigenAbend eine Neberraschung für das Publikum-
ini Sinne.. Arfangs lachte man darüber, denn es

-
Bühne'nahe wwar.
Pröbe für den Abend hatte bereits hegonnen, als
-

hingegeben gls jezt, da ihr leztes Erscheinen auf der
Thekla,' mit welcher sie hier vor Jahren in Wallen-
I

unausgesetztem Eifer sich ihren theatralischen Stüdien
hexan, alle ßlätze waren im voräus bestellt, denn die
.


-war -Alles' mit der nöthigen Genauigkeit für die kleine
- Scene vorbereitet, in welcher nach Beendigung des
- Trguerspieles der- Scheidenden: von ihren Kollegen ein.
Lorbeerkranz und das Gedicht überreicht werden sollten,
das der Doktor. gemacht und das Lelio zu sprechen
übernommen hatte, und es blieb innerhalb dieses festen
Rahmens nicht wohl Raum für ein freiwilliges Unter-
nehmen von Seite der Gefeierten.! Als es dann aber
verlautete, daß der Direktor, Lelio und der Regisseur
in den letzten Tagen mehrfach bei Feodoren gewesen

ger -
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=Vc eeer-eerg --aeerr

wären, daß sie am verwichenen Abende mit Van der
Vließ, mit Herrn von Hochbrecht und dem Doktor
bei ihr gegessen hätten, daß sie danach, Hulda habe
spielen lassen, und daß die säämimnutlichen Anwesenden
höchlich von der Leistung desjungen Mädchens be-
friedigt worden seien, da wurde man- über Feodorens
Vorhaben unruhig, und auf dasselbe neugierig ge-
spannt. Zuneigung und Abneigung machten sich
in günstigen Erwartungen und übelwollenden Bemer-
kungen in aller Freiheit Luft. --
Man erging sich darüber in Vermuthungen, ob
es auf eine Entgegnung von Seiten Feodorens, auf
einen Dank für ihre Kollsgen und für das Publikum,
oder worauf sonst immer abgesehen sei. Die Einen
meinten spottend, fie werde wohl als Erato oder als
Melpomene erscheinen, wenn die Scene. vor sich gehe;
die Anderen, es werde eines der Schiffe des Hauses
Van der Vließ im Hintergrunde- herangeschwommen
kommen, um ihr Potosis. Schäze symbolisch zu Füßen
zu legen und sie als Königin von Golkonda fortzu-
führen. Man lachte, man scherzte, und während man
unter allen diesen Scherzen von Lelio ünd den beiden
Eingeweihten zu erfahren strebte, wer der künftigen
Schauspielerin denn in ihren gestrigen Versuchen zur
Seite gestanden habe, kam es heraus, daß Hulda nicht,
wie es zuerst im Plane. des Direktors gelegen hatte,
als Käthchen von Heilbronn, sondern als Emrilia Ga-
lotti, als Louise Miller und danach als Thekla de-
bütiren werde.

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- , Und das erfahre ich erst jetzt! Ich, die doch mit.
ihr zu spielen haben wird!? rief die Delmar, zu deren
Lieblingsrollen die Orsina und die Lady Milfort ge-
hörten; und in der Aufregung sich heftig an den Direktor
-'
wendend, erklärte sie; daß sie nicht gewillt sei, sich wwie
das Publikum Neberraschungen gefallen zu lassen, deren
- Kosten sie zu tragen habe; wenn die Versuche der mit
so.!beispielloser Wichtigkeit - behandelten: Anfängerin,
eben wie Versuche von Anfängern kläglich ausfallen
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sollten. Sich in ihren vorzüglichsten Leistungenr durch
fremde Unzulänglichkeit behindern zu lassen, dazu werde
fie sich in keinem Falle hergeben.
-
-


N-. .,Ngun denn! So muuß ich Rath schaffen und
Jemanden finden, der sich dazu hergiebt!! entgegnete
der Direktor mit der Ruhe und Gelassenheit, welche
er gegenüber den Aufallungen. der Reizbaren meist
zu bewahren pflegte, und vor denen die Heftigkeit der
- Delmar dann auch zur Besinnung kam. Aber es lag
heute -ein Etwas in seinem Tone, es ging ein Lächeln
düxch-sein Gesicht, die ihr unheimlich und unheilkündend.
- däuchten, und die siegesgewwisse Heiterkeit, mit welcher

- Feodore auftrat, steigerte- ihre Sorgen, daß sie nicht
wußte, ß wasssie thun sollte - Ein paarmal, war sie
-
-



--
-'

-nahe däran, Feodore: zur Rede zu stellen, aber sie stand
dann- wieder davon ab, weil sie derselben die Ehre,
- nicht gönnen wollte, sie irgendwie beunruhigt zu haben;-
und wenn dann inzwischen die Erinnerung an die-
Feindschaft sie überwältigte, welche die beiden Frauen
gegen einander hegten, seit Feodore den einzigen Mann
von der Delmar entfernt, den sie wirklich geliebt hatte,


so tröstete sie sich mit den Gedanken, daß Feodore
heute doch zum letztenmale neben ihr auf den Bret-
tern stehe, und daß aller Reichthum dieselbe nicht
werde schadlos halten können für die Entbehrung des
Glückes, sich als die gefeierteSchauspielerin von demBei-
falleeinesbegeistertenAuditoriumsgetragenzu empfinden.
Die Probe verlief indessen mit gewohnter Regel-
mäßigkeit. Die beiden Frauen gingen mit der alten
erheuchelten Gleichgiltigkeit an einander vorüber. Die
Delmar verrieth gegen Feodore nicht, wie sehr sie sich
gekränkt fand, aber sie verlor ihre Feindin nicht eine
Minute aus den Augen, und erst im Fortgehen, als
sie unter der Halle auf: Feodoren und Lelio traf, trat
sie in ihrer herrischen Weise rasch an sie heran und
sagte: ,Wenn Sie wieder einmal Plane entwerfen,
ohne mich dabei zu Rath zu ziehen, so bitte ich Sie,
wenigstens nicht darauf zu rechnen, daß ich mich für
dieselben brauchen lasse.- Ich bin nicht gesonnen, mich
zum Opfer zu bringen für die neue Göttin, -die Sie
dem Publikum vorzuführen denken. -In solchen Ko-
mödien spiele ich nicht mit.? . -
,Nicht?! entgegnete Feddore mit einem Tone,
als überrasche sie die- Delmar- sehr unangenehm.
,Wirklich nicht? Ach, das thut mir leid. Aber was -
ist da zu machen?= Sie wissen es, ich interessire
mich für das liebe Mädchen schon um Gabrielens
willen, die uns dasselbe hiehergesendet hat. Rath ge-
schafft muß also werden, und schlimmsten Falles,! sie
besann sich einen Augenblick, dann sagte sie, als käme

.
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ihr soeben, ein glücklicher Gedanke, ,nun, schlimmsten -
Falles mnuuß ich dann mit Hulda spielen.? -
,Sie? rief die Delinar höhnisch, ,meine Rollen?
Und nach Ihrem feierlichen Abggng von der Bühne?
Vielleicht als Madame Van der Vließ?
: Feodore sah sie mit dem sanften Ausdruck ruhiger
Vörnehmheit an, der sie in vielen ihrer. Rollen so
vortrefflich. kleidete, und meinte: ,Sie scheinen das
,für so unmöglich zu halten, daß Sie mich dazu ver-
führen-könnten, den Versuch zu wagen. Fordern Sie
niich nicht so dreist heraus. Sie wissen, ich bin ehr- -
geizig und eitel, und das Neue, das Originelle reizen
I mich!k. und. sich anmuthig mit leichtem Gruße vernei-
-
-
77s
gendg perließ-sie in' Lelio's Begleitung das Theater.
-



- Die Delmar blickte ihnen sprachlos nach. Sie
kannte dieses Lächeln Feodorens, sie kannte die kalte
Entschlosseiheit, welche sich bei ihr hinter dieser Art
von Freundlichkeit verbarg, und der Gedanke, daß sie
es in ihrerHand habe, das heutige letzte Auftreten und
die; feierliche - Entlassung Feodorens unmöglich zu -
machen, zuckte in ihr auf. Aber das Publikum erwar-
tete' etwas -Besonderes für diesen Abend, es liebte
Feodören, und die Delmar, die bei der Bühne blieb,
-durfte - die üble Laune Derjenigen nicht gegen sich
erregen, auf deren Gunst und Beifall jie angewiesen
war. Sie mußte heute spielen,. und weil. sie es mußte,
wollte sie es darthun, wwas sie vermöge und was sie
für die Bühne werth sei.
-' Das Theater war am Abend bis in die-letzten
Plätze von dem gewähltesten Publikum der Stadt be-

! -

ks
setzt, die Darstellung eine der vollendetsten, der bei-
gewohnt zu haben man -Hich erinnerte. Man war ein-
stimmig darüber, daß eine- solche Vereinigung von
frischen Kräften und ein so sicheres Zusanminüenspielen,
selbst in den königlichen Theatern der Hauptstadt kaum
mehr zu finden wäre. Die Frauen beklagten es, daß
Feodore von der Bühne. scheide, wo sie doch ganz an-
ders an ihrem Platze gewesen sei, als künftig in der
Gesellschaft, die immerhin Zeit. gebrauchen' würde, ihre
ctheatralische Vergangenheit und ihren freien Liebesver-
kehr mit Van der Vließ zu vergessen. Die Männer
hingegen fanden es sehr natürlich, daß derselbe für
sich allein die Frau besizen wolle, deren öffentliche
Bewunderung er bisher mit Anderen theilen mußte,
und die warme Sympathie, von welcher Feodgre sich
heute mehr als je getragen fühlte, gab ihrem Spiele
eine Begeisterung und Kraft; die auf alle ihre Mit-
spieleri zurückwirkte, so daß von Akt zu Akt der Bei-
fall sich steigerte, und der Direktor wie. die Schau-
spieler Feodorens Austritt. aus ihrem Verbande in der
That als einen schwer zu ersetzenden Verlust empfin-
den mußten.
Als der Vorhang gefallen war und sich dann
nach längerer Pause wieder hob, eine Garten»Dekoration
enthüllend, in welcher das ganze Personal des Theaters
in bürgerlicher Kleidung aufgestellt war, führte der
Direktor Feodore in den Kreis. Die rhythmnische An-
sprache Lelio's, die Neberreichung des Kranzes gingen
in üblicher Weise vor sich. Feodorens natürliches Ge-
rührtsein und die schöne Weise,' in welcher, sie es

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allseitiger Beifall umrauschte die Künstlerin. Man
warf ihr Kränze und Blumen von allen Seiten zu,
daß sie Mühe hatte, sie zu sammeln und mit ihrem
grüßenden Verneigen für die Gunst zu danken, die
man ihr bezeigte. Mit einemmale aber, als des Bei-
falls gar kein Ende wurde, trat sie, hoch empor-
- gerichtet, mitten in die Seene, und die Hände bittend
erhoben, um Gehör zu fordern, sprach sie es aus, wie
kreise falle,i dessen. Gunst sie über das Verdienst geehrt
habe- und demein. Zeichen ihrer Dankbarkeit zu geben

-
-ihr ein Bedürfniß sei. Sie: habe also, in der Vor-

-, -
-
kundgab, bewegten und entzückten die Zuschauer. Lauter
Fchwer auch ihr das Scheiden wvon einem Zuschauer-


80
aüssetzung, daß es ihren geneigten Gönnern nicht miß-


fällen werde, von dem Direktor die Erlaubniß gefor-
dertund erhalten, noch dreimal als Gast in diesem Hause
aufzutreten. Sie wünsche zugleich bei dieser Gelegen-
heit, dem ihr so wohlgesinnten Publikum die Schülerin
vorführen zu. dürfen, die bestimmt sei, sie zu ersettzen,


und erbitte für dieselbe im Voraus einen Theil der
Nachsicht und der Gunst, mit denen man sie geehrt
und - ihr in der Stadt, die künftig ihro- Heimat sein
und bleiben werde, die theatralische Laufbahn- und die ,
Erfüllung ihres' Berufes in derselhen, zu einem fort-
dauernden Genusse gemacht: habe, --' -
- Das! schlug wwie eine Freudenbotschaft in alle -
Herzen ein; selbst die in jenen Zeiten mit solchen Kund-
egehungen noch sehr zurückhaltenden Frauen klatschten
-insdie Hände.' Man-rief ihr'immner neues Brävo zu,
und?währeid die Delmar sich mit einem von den Bei-

Lt
fallszeichen übertönten Aufschrei an die Balustrade
der Coulisse lehnte, fiel der Vorhang.
Draußen aber sagten die in der Halle angebrachten
Theaterzettel es dem Publikum, daß in der Mitte des
beginnenden Monats Feodore in den Rollen der Or-
sina, der Lady Milfort, der Gräfin Terzky, als Ehren-
gast auftreten, und Mademoiselle Hulda Vollmer, ihre
Schülerin, dabei als Emilie, als Loüise und als Thekla
debutiren werde.
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Kapitel 07

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Die Proben für dieses Gastspiel und für das
erste Auftreten von Hulda hegannen an dem nächsten
Tage, uund schon am frühen Morgen waren die
Meldungen für die Pläze bei der Theaterverwaltung
eingegangen. Der Direktor hatte seine Freude an
Feodorens Klugheit, denn in der ganzen Stadt sprach
man nur von ihr und ihrer schönen Schülerin, mit
der mgn sie am Morgen hatte zur Probe fahren
sehen. Diese Probe nun hatte alle Erwartungen des
-Direktoxs, übertroffen, hatte selbst bei den Schausptelern,
ngmentlich bei den Juungen und Begabten unter ihnen,
jenen' belebenden Eindruck hinterlassen, den ein un-
erwartetes und glückliches Ereigniß, ein vollkommenes
Gelingen stets auf Denjenigen, ausüben, der zu seinen
-Bunsten davon mitberührt wird.
Die Delmar hatte sich krank gemeldet, und der
Direktor hatte in diesem Augenblicke keinen Anlaß,
ihr die Ruhe zu mißgönnen, deren sie zur Neber-


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windung ihrer eingebildeten oder wirklichen Leiden
nöthig zu hgben behauptete. Aber die Kuunde, die

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ihr von ungeschickter Freundschaft und von feindseliger
Diensibeflissenheit in ihr Krankenzimmer zugetragen
wurde, war nicht dazu geeignet,,ihre gereizteü Nerven
zu beruhigen; denn das - ganze Personäl war durch
das; was man den originellen. Gedanken Feodorens
nannte, wie elektrisirt, und man sah ihrem Gastspiele
mit einer Erwartung und Heiterkeikk entgegen, als
wäre sie nicht sechs Jahre hindurch Mitglied und
täglicher Genosse des Theaters gewesen. --
Was man gelegentlich unter ihren bisherigen
Kollegen an ihr auszusetzen gehabt, was man an ihr
bemängelt und bekritelt hatte: ihre Herrschsucht, ihre
Eitelkeit, ihren Hochnuth- und - das Ansehen, das sie
sich als künftige Milllonärin'gebe, däs war mit einem-
male Alles ganz vergessen, da man-sich durch ihren
Ginfall und in ihrer Genreinschgft gxoße Erfslge zu
versprechen hate.. Det Schauspieler, dessen Schaffen
mit dem Augenblicke vergeht, in welchem. er es als
fertiges Gebilde vor demsZuschauer entfaltet, ist- eben
deshalb auch ein Anbeter des Aügenblicks, und mit
innerer Nothwendigkeit mehr als jeder andereKünstler
auf den augenblicklichen Erfolg gestellt.. Wer ihm zu
einem solchen hilft, dem hängt erNäut, dem folgt er,
auf den schwört er. Wie häätte man in diesem Augen-
blicke also nicht Fesdoren folgen sollen, die es durch
ihr beabsichtigtes Wiedererscheinen aufdeö- Bühne jezt
unwiderleglich darthat, daß sie-ihre Ehrs'in - ihre
Künstlerlaufbahn setze, daß 'ihr künftiger Reichthum
ihr nicht höher dünke als dieKunst, und die-nebenher
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es möglich gemacht hatte, in wenig Monaten ein
junges, allerdings gebildetes und sehr begabtes, aber
doch in, allerBühnenpraxiswwöllig unerfahrenes Mädchen,
in einer Weise für die Bühne vorzubereiten, die ihm
den sichersten Erfolg versprach. -
. -Feodore war die Heldin des Tages, Alle und
-Jeder machten sich ihr mit Freuden dienstbar. Man
zar einstinmig der Meinung, daß- in diesen drei Vor-
stellungen das Mögliche geleistet, daß Feodore und
Hulda ngch besten Kräften unterstüzt wwerden mwüßten,
damit, der-- Ersteren -eine schöne und erhebende Er-
innerung. als letzter Eindruck von ihrer theatralischen
Laufbahn-in ihr künftiges Privatleben mitgegeben
werde: -Ann die Delmar dachte Niemand, wenn man
nicht über ihren Aerger scherzte. Es waren eben
-Schauspieler und sie waren also wie die Kinder unter
dem Bann jener naiven Selbstsucht, die da liebt und
aricht liebt, nach dem Bedürfniß und nach der Be-
friedigung desselben im Moment.
Darüber kam der Tag heran, an wwelchem Hulda
zum erstenmale als Emilia vor dem Publikum er-
scheinen sollte, denn Feodore hatte mit vorsichtiger
Berechnung aller Umstände gerade diese Rolle für ihr
erstes Auftreten gewählt.
Der ersteAkt des Lesfing'schenMeisterwerkes und die
fünf ersten Scenen des zwweiten Aktes waren in schöner
glatter Abrundung vorübergegangen. Lelio hatte als
Hettore Gonzago, der Regisseur als Marinello ganz
yortrefflich gespielt, und ClaudiaGalotti ihrezweifelnden
Betrachtungen über des Gatten ihr unbehagliche strenge

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Tugend vor sich selber ausgesprochen, als die Thüre
des Hintergrundes hastig geöfnet ward, und raschen
Schrittes ,in ängstlicher Verwirrung; wie des Dich-
ters Vorschrift es erheischt, Emiliä in die Seene
eilte.
Die Worte: ,Wohl mir! wohl- mir!- Nun-
bin ich in Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt?
=- kamen in der Befangenheit, und in der Erregungz
welche der erste Anblick des -gefüllten Zuschauer-
Raumes, der erste vor demselben auszusprechende Laut
in der Seele der Debutantin erregte, mit' wundervoll.
der dichterischen Absicht begegnender Natürlichkeit von
Hulda's Lippen. Die Schüchternheit, die Verwirrung,
die selbst der begabteste Anfänger in: den ersten Augen-
blicken nicht zu überwinden vermiag, das Schwanken
in der Bewegung, die Unsicherheits des Blickes, das
leichte Beben der Stimnez dienten in -diesen Falle nur
dazu, Emilia's leidenschaftliche Unruhe zu verdeutlichen.
Das Publikum war überrascht von dieser meisterlichen
Naturwahrheit in dem Spiele einer Debutantin, und
wie Emilia dann, sich umwendend, den Schleier, der
sie bis dahin verborgen hatte, mit schneller Bewegung
von ihrem Antlitze zurückschlug, und aus den leichten
Falten des dunklen Gewebes das edle Gesicht des
jugendschönen Mäbchens sich den Bllcken enthüllte,
ging ein hörbarer Ausruf freudiger Neberrgschung
durch das Haus, und machte Huldä's Herz in auf-
wallender Freude stärker und stärker klopfen.
Feodore hatte sich in ihrer Voraüssicht nicht ge-
käuscht. Es wäre nicht möglich gewesen, eine Rolle



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86
aufzufinden, in welcher Hulda's Bildung, ihre Eigenart
und Schönheit ungesuchter zu ihrer vollen Geltung
gekommen wären. Selbst daß sie von ihrer Be-
geisterung gehoben, von ihrer Rührung fortgerissen,
erst allmälig freier und wärmer in dem Ausdruck ihrer
Empfindung wurde, entsprach dem Charakter der Rolle.
--- - Die Zuschauer erwärmten sich dadurch, ebenfalls,
und wie dann Feodore als Orsina erschien, anziehender
wie jemals, und so geistreich im Erfassen ihrer Rolle,
daß man. meinte, erst jezt vollständig einzusehen,
selch, bedeutende Künstlerin sie sei, da kannte das
ublikum. in- seinen.. Beifallsbezeigungen, kein, Maß.
, . Lehrerin und Schülerin wurden nach dem Schlusse
des Stückes vorgerufen und wieder hervorgerufen.
Man wollte die beiden schönen Frauengestalten noch
einmal, und noch einmal, neben einander sehen, und
wie Feodore ihrer Schülerin zu einer ohne fie nicht
FgS erlangenden Theilnahme ,und Anerkennung ver-
Pglfen;hatte, iso kamen doch auch Hulda's Schönheit
Aind' der:Reiz, den. sie als eine neue Erscheinung für
die Theaterfreunde hatte, Feodoren wesentlich zugute.
- . Man hätte sagen können, es sei kein Unzufriedener
in; dem ganzen Theater zu finden gewesen, so wohl
gelnygei, war die ganze Vorstellung. Die Zuschauer
wie-Nder- Direktor waren gewiß, an Hulda in kurzer
Zeit die Schauspielerin zu besitzen, deren man an Stelle
Feodorens bedurfte. Daß die Delmar nach diesen
Gastrollen ihrer Nebenbuhlerin ihr, Möglichstes thun,
würde, die glänzenden Erfolge derselben womöglich
wergessen zu machen, darauf durfte man zuversichtlich

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rechnen, und: als Huldä sich dani in der Garderobe
Feodoren zu Füßen warf,. ihres Häide, unter Freuden-
thränen küsfend, schloß-dieselbei sie mitt-einer' Zärt-
lichkeit, mit einer Mütterlichkeit in ihretAime, die ihr
so vortrefflich auszudrücken gelangeyund anstanden,
daß es ihr leid that, nicht auch diese Scene vor dem
Publikum gespielt zu haben. !'
Die Proben und oie Aüfführungen schlossen sich
nun in rascher Folge aneinander, und beide Frauen
leisteten im ,Wallenstein' und in., Kabale und Lieber,
wasvon ihnen zu erwarten' man nach der Aufführung
der ,Emilia Galottir berechtigt. gewesen war. Sie
und das Personal und die Theaterfreunde blieben in
einer freudigen Erregung, wie. eine schöne'Festzeit sie
hervorruft; und mit einem Feste sölltendiese Gastvör-
stellungen Feodorenls auch beschlössen werden.
Sie hatte von Van der Vließ die Zustimmung
zu denselhen und zu ihrem dadurch wverlängerten Ver-
weilen auf der Bühne, mur unter der Bedingung er-
langt, daß an dem Tage unmittelbar' nach ihrem
lezten Auftreten, ihre Trauung- im- Beisein weniger
Freunde inaller Stille erfolgensollte. Gleich nach dersel-
ben aber sollte die große Reise angetreten werden, die
Herr Van der Vließ schon, lange beabfichtigt- hatte,
und mittelst deren er Feodore für Jahr und Tag von
dem Kreise ihrer bisherigen Gesellschaft und voin dem
Schauplaze . ihrer bisherigen Triumphe zu entfernen
für passend und wünschenswerth erachtete. - -
Feodore hatte das Alles selber als richtig aner-
kannt, und nach der mehrjährigen-Verbindung, welche

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zwischen ihr und ihrem künftigen Manne bestanden,
hatte sie vont selbst nicht dargn denken können, aus
ihter Trauung mit ihmeinen - besonderenIffentlichen
- At zu machen. Aber ohne Lustrund Freude,i öhne
Sangfund Klang von. ihrer Künstlerlaufbahn fortzu-
gehen, das lag nicht in ihrem Sinne, das zu thun,
erkläärte, sie als eine Undankbarkeit gegen die Vergan-
Fenheit, in welcher sieglücklich gewesen sei. Ehe sie den
entscheidenden Schritt, aus der freien Selbstherrlichkeit
des Künstlerlebens in die engen und festen: Schranken
Fex iEhe. und- der bürgerlichen Gesellschaftthat; wollte
sisnoch einmal mit Denen, - die bei ihren letztengroßen
.Erfolgen mitgewirkt hatten, nach alter Weise fröhlich
- in der Wohnuung - beisammen sein, welche -Van der
Vließ seinerzeit mit verschwenderischer Freigebigkeit für
sie eingerichtet hatte, und die der Zeuge manches frohen
Festes, manches ausgelassenen Thuns und Scherzes
gewesen! war. Sie hatte für das von ihr geplante
Fest, mit der sorglosen Großmuth, zu. welcher die Nach-
sicht ihres reichen Liebhabers sie verleitet, Hulda eigens
mit :einem, schönen Gesellschaftsanzuge beschenkt, und
sie. gleich aus dem Theater mit sich in ihre:Wohmung
genommen, wo die geschickte Kammerjungfer den bei-
den»Schönen -rasch zur, Hand war, sich für das Nacht-
essen zu schmücken. -
. Der Direktor, der Regisseur, Lelio und die näch-
Ften Freunde Feodoren's und ihres künftigen Gatten

waren schon in dem hellerleuchteten Saale beisammen,
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8D
Feodore reich geschmückt? wie eine fFürstin, Hulda mit
Rosen im Haare, in einem Anzuge von rosenfarbener
Seide, der, ihre schöne . Brustjt ihre-edelgeformten
Schultern und Arme dei Blicke freigab, sich- selber
immer noch ein Räthsel und ein Wundet in-solcher
Tracht und Pracht.
- Die Kerzen flammten, gls die Thüren des Speise-
zimmers geöffnet wurden. Die Tafel- stand bereit,
mit Blumen und Früchten geschniückt krozdes Win-
ters, dessen Kälte die Fenster beeiste, dessen Sturm
den Schnee durch die Straßen jagte- Feodore hatte
dem Direktor den Arm gegeben. -Siö wies ihren Ge-
liebten an, ihre junge Freundin zurTafel. zu führen.
,Du sollst den neuen Frühling führen,r'sagte sie,
,zum Löhne däfür, daß- Du mich Amorgen -dem Nor-
den entführst, um mich in des'-Südens-Frühling zu
verpflanzen.! Herr von Hochbrechtnahm an- Hulda's
anderer Seite Plaz, Lelio saß ihr gegenüber. -
Sie hatte an dem Morgen -dieses Tages den
Kontrakt unterschrieben, mittelst dessen der Direktor
unter sehr günstigen Bedingungen! sie für die beiden
nächsten Jahre als Mitglied seiner Gesellschäft enga-
girte. Sie war jezt Schauspielerin, war frei, war
unabhängig. Sie befand sich zum srstennäle in Ge-
sellschaft unterihren Kollegen, der Direktorß der Re-
gisseur und Lelio fähön' sie' als eine det' Ihren an.
Es war überhaupt die erste Gesellschaft, welche sie als
gleichberechtißter Gast derselben mitmachte ' die erste,
in welcher sie mit Männern freiverkehrte, undlin der
ihr von Fremden, wie hier, hüldigend begegnet wward.

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Sie sah, pie. man sie schön fand, und man sagte es
ihr Izu wiederholtenmalen. Jeder der Amwesenden
schien,, sich eines freien Anrechtes an sie bewußt zu' sein,
und wenn ihr die Blicke, die- auf ihr hafteten, wenn
ihr das. Lob,: das man ihr spendete, das Blut auch
wallen machte, daß die Röthe ihrer Wangsn sich höher
fätbte; -sie wwagte es nicht, die Augen niederzuschlagen.
Sie mußte; trachten; dem an sie gewendeten Worte
mitheiterexFFreiheit zu begegnen, sie:mußte. es lernen
mnitfihren,Glicken, ebenso wie -Feodore, den. ganzen
-hier -ersetzen,und Feodore hatte ihr gesagt, sieimüsse,
aum-ihres- Erfolges auf, der Bühne-auch für die Zu-
anft-gewiß:zu sein, sich des Doktors und Hochbrecht's
Freundschaft zu versichern, streben. Sie müsse Lelio
für sich :haben, sich, des Direktors Gunst, den guten
Willen, des Regisseurs gewinnen. Sie müsse: liebens-


9
. - -r-? --
Kdreis der, Männer,gu heherrschen.: Sie sollte Feodore
- würdig sein, hnüsse gefallen lernen und sich fügen, um,-


- -=--
ehnez,es Zzufordern, erreichen zu. können, was sie
wünsche, durchsetzen zus können, was sie wolle. .
» Esatte inzallen diesenFehrenetwas Pnheimliches,
etpas Beängstigendes' für sie gelegen. Hulda war da-
vox zurückgeschreckt, so oft. ihr Feodore ganzbeiläufig
einen, dieser Fathschläge ertheilte.- Aber die Lust, Fch
zu versuchen,- zu sehen, was die. Weisung, Feodorens
fruchte, dgs Verlangen, sich die Stütze zu bereiten, eren
sie sich jezt nach Feodoren's Abgang erst recht benöthigt
wußte,, wirkten. in ihr lebhaft nach. Die- Macht des
Augenblickes that, das Nebrige, -als im Verlaufe des
Mahles der feurige Wein die Rede belebte und das

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Wort befreite, als Scherz und Spott und Erinne-
rung an frühere Zeiten in dreistem, raschem Worte
einander folgten, als man von: Dritten und bon ver-
gangenen Tagen lachend wiederholte, was man von
sich und von dieser Stunde auszusagen kalten. Blutes'
wohl ein Bedenken getragen haben würde.
Der Direktor war unerschöpflich in komischen
Anekdoten, die er mit großem mimischem-Talente und
mit ungewöhnlicher Meisterschaft im Machahmen von
Provinzial-Dialekten vorzutragen wußte. Er hatte
nebenher in den Zeiten, in welchen er als jugendlicher
Heldenspieler an den meisten Hoftheatern gaftirt, viele
der Fürstlichkeiten aus nächster Nähe beobachten und
kennen lernen dürfen, deren, Artenund Unarten, er mit
überwältigendem Humor wiedergab. Man kam aus
dem Lachen nicht heraus. Es schwirrte klingend -durch
die Luft, es wirkte förmlich ansteckend. -s ergrif so-
gar den in der Regel sehr gemessenen Geliebten. Feo-
dorens, und selbst der Doktor, der seine. Gehaltenheit
sonst niemals daran gab, konntesich der allgemeinenStim-
mung nicht entziehen. Wie hätte Hulda widerstehen
können?
Der mäßige Genuß des ihr ungewohnten schäu-
menden Champagners. hatte ihr Blut. erhitzt, das
Sprechen und Lachen um sie her, das Lob, das man
ihrer Leistung nicht minder wie ihrer Schönheit zollte,
ja selbst der eigene Anblick derselben, wenn- ihr Auge
in den ihr gegenüberhängenden großen Spiegel fiel,
hatten etwwas Berauschendes für sie . Sie fühlte sich
wie in den Kreis der leichtlebenden Götter aufgenom-


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men. - Die alte Eistenz auf der heimatlichen Scholle,
wo Lsie in dunkler Kammer, in Trauerkleidern so viel
bittere: Thränen geweint hatte, die Zeit, in welcher sie
den Einen nicht vornehm genug, den Anderen nicht
einfach und bürgerlich genuug- gewesen war, in welcher
Jeder an ihr Etwwas zu tadeln gefunden, und Jeder
- siefgetadelthatte, wie es ihm gefiel, lag nun' hinter
ihr; für immner. Fremde und Bewwunderer umgaben-
sie. Eine. schöne, freie; Glück versprechende Zukunft
that'sichwie eiweites, lachendesGefilde vor' ihr auf, und
siefühltesich dazugeschafen, sie zugenießen und zu nützen.
D Zu erzählen, wie die Anderen, hatte sie-Nichts.
Sie hatte ja Nichts erlebt, was diesen Kreis erheitern
konnte. Die'Nachahmung des Geringen, des Niedri-
gen, das Auffinden des Lächerlichenn und Unschönen
widerstrebten 'ihrem auf das Edle und Schöne ge-
stellten Sinne. Auf- die Galanterien zu antworten,
mit' denen mian ihr huldigte, fehlte ihr noch die sichere
Gewandtheit. So erschien sie schweigsam und nicht -
zufihreme Vortheile, und das verdroß sie,- denn -sie
fühltereii- Verlangen, zu gefallen und geistreich und
belebt zu sein wie Feodore, deren Augen mit den
Diamanten um die Wette leuchteten, die sie in' ihrem
Hals- und Ohrgeschmeide trug. -
. - Auch Feodore wünschte ihre Schülerin weniger
Fchweigsam zu - sehen, denn ein Schweigender macht
in einer erregten Gesellschaft immer den Eindruck eines
Bevbachters, und sich mit kaltem Blute beobachtet zu
fühlen, wenndie Freude in uns übermüthig aufwallt,
schlägt die hellen hohen Wellen nieder und lähmt den

9 -
neuen Aufschwung. Wo aber der Ungeübte das eigene
Wort nicht findet, kommt ihm des-Dichters Wort zu
Hilfe, und. wo er sich. nicht emporzuschwingen vermag,
da tragen ihn die Macht und Kraftt des Tones.
Es traf sich glücklich, daß eben einer der Gäste,
Philibert, ein Freund von Van der, Vließ, und reich
und jung und angesehen wie dieser, ein Mann, der
lange Jahre in Handelsgeschäften in den baltischen Pro-
vinzen von Rußland verweilt hatte, ein kleines Aben-
teuer zum Besten gab, das ihm auf einer Poststation
in Esthland begegnet war. Er brachte dabei einige
esthländische Worte in das Spiel, man verlangte ihre
Bedeutung zu kennen, Feodore fragte Hilda darum,
fie sagte, daß sie das Esthnische jicht' perstehe, wohl
aber - und Feodore wußte das=- dds Litihauische
ein wenig kenne. Dadurch. machte es sich ganz von
selbst, daß Jene sie auforderte; ein' paär litthauische
Lieder, die sie ihr einmal vorgesungen hatte, auch den
Fremden hier zum Besten zu geben!'
Hulda ließ sich dazu. nicht lange bitten. Sie erhob
sich und sezte sich an das Instrument. - Aber wie sie
die schönen Hände präludirend'über die Tasten gleiten
ließ, fühlte sie, daß jene schwermüthigen Melodien,
die zu singen sie sonst. gewohnt ;gewesen: war, hier
nicht an ihrem Plaze seien, sondern wie eine grelle
Dissonanz in die laute Fieude hineinklingen würden;
und eines der beiden kleinen Tanz- oder Liebeslieder
vorzutragen, die sie nie gesungen,l aber aüs den Auf-
zeichnungen behalten hatte, welche fie nach ihres Vaters
Nebersetzungen für Emanuel hatte machen müssen, trug

=e=e - --
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sie eine Art- von Scheu. Indeß, sie -hatte keine
Wahl, da man mit lebhafter Bitte in. sie drang,' und
dem fröhlich einladenden Tone der Melodie ent-
sprechend, sang sie mit munterem Ausdrucke das kecke
Tanzliedchen:
- ,Deutigen Tags,
- - -
. -
-
Heutigen Tags,
leberall. ist der Tanz los:
Diese beschuht,-
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Veie besttumpft,
Einige tänzen ganz bloß.!
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- S Jtte -s,ek litthaiisch gefngen, man woüie
g ganach geutsch hören, pgßte es, wieder hören und
noh, Anderes' hören, sg. daß Fe sich entschloß, auch
noh die,zärtliche Mahnung yogzuttnnagenz -

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-? ,,ingt, o fingt mit frohem Munde!
,; Oder, harrt ihr eurer Stunde?
-- -. Kenn ihr eurer Stunde harrt.
Leben euch und Lieo estarrt.!
z. -Und da'-man. jetzt einmal im Zuge war; -Alles
schön zu;finden und zu bewundern, was Hulda that,
weil. mnan fie selber schön fand und bewunderte, erregte
sie Beifall über Beifall. Man wollte sie auch künftig
auf! der Bühne singen hören. Man verlangte, der
Direktor solle Stückefinden, in denen ihr Spiel und ihr
Gesang gleichmäßig' zur Geltung kommen könnten.
Feodore meinte, sich. im Singspiel zu versuchen, wozu
allein die Stimme und musikalische Bildung Hulda's
ausreichend sein würde, könne ihr nur zum Vortheile
gereichen, weil es ihr zu jener leichteren Bewegung ver-



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-
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helfen würde, die der strengeStyl des -Trduerspieles
nicht gebe, und die:doch in einer gewissen Grazte und
Freiheit, wenn man, fie einmal erworben habe,' auch den
Leistungen im Trauerspiele zu Nutzen komme. Wäre
sie selber gegenwärtig länger in Hulda's. Nähe geblie-
ben, so würde sie vielleicht dazu gerathen haben, Hulda
auch in Rollen, wie. die Fanchon oder Pieziosaauf-
treten zu lassen, ohne daß sie.sichnjedoch verpflichtet
gehalten haben würde, dann- aus Großmuth und Kunst-
eifer neben ihr auch die Zigeunermutter zu spielen.
Man war mit. diesem.Scherze: wieder wvon-dem kleinen
flüchtigen Kunstgespräche abgekommen, und man er-
ging sich bis tief in. die Nacht hinein in lauter Freude.
Hulda mußte noch deutsche Lieder ünd fränzösische
Romanzen fingen, Feodoren's, beidealte Freunde er-
klärten, daß sie jetzt zu. Hulda'sgFahne schwören. wür-
den, da Feodore sich zhnen- entziehe nund dersMensch
doch wissen müsse, was er mit seinemHerzen machen
und wo er »mit seinem,' Enthusiasmus,bleiben?solle.
Feodore entließ sie lachend ihres Fahneneides,. sie Hollten
ihrer Nachfolgerin im Reiche treu?und Fzewärtig- sein.
Lelio brachte den Toast in Vorßchlag: gls rejns
s'en ea! Kre. s rsins!ff,, Und wie. dann endlich
Philibert, der sich von Hulda's Schönheit und Liebe-
reiz völlig überwältigt zeigte, sie lange nach:Mitter-
nacht in seinem Wagen nach ihrer Wohnung fuhr,
drückte er, als er sie aus dem Wagen hob, einen Kuß
auf ihren entblößten Arm, daß sie erschrocken davor
bis in das Herz erbebte.


-
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wegtes. Rückerinnern zauberten wechselnd phantastische
Bildet vor ihr empor, die sie nicht festzuhglten ver-
mochte.?-
--- Es schwamm vor ihren - Augen Alles in goldig
glänzendem- Lichte, wie- einft deu Ahnensaal in dem
gräflichen Schlosse an jenem Nachmittageß' an welchem
sie: Emanuel's Bild zuerst gesehen hatte. Wohin: sie
das Auge: wendete, es ward geblendet von der Helle.
Sie konnte Nichts klar, Nichts deutlich sehen und er-
- kennen; -aber: geradedas Ungewisse hatten einen magi-
hensaüf dem Pfade'ihresieuen märchenhaften Glückes.
s
-
D Sie koimmte nicht schlafen, denn Freude und be-
schen (Rdeiz für sie und verlockte sie; vorwärts zu ge-
- --

98!
Selio's-Schönheit, Philibert's weltmännische Haltung,
die parodirte Huldigung von Feodoren's Freunden,
es :erfreuteg es vergnügte sie, das Alles. Hätte nur
Philibeit-sie nicht nach Hause begleitet! Hätte sie die
Lieder nicht gesungen!-
1-Siev hörte die beiden Melodien noch in ihrem
Fraume; aber sie war es nicht; die siesang. Sie
hönten, durchhdie Stille einer'' Sommiernächt über die
schweigendenFüsche und Rasenpläze des WParkes zu
ihrliw- das Gärtnerhaus hinüber - aus den'Fenstern
seines Zimmers, in rdenen - das Licht schon lange er-
loschen' wwar.
==z=ss

Kapitel 08

se ? -- -
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Achtes Gapitet
-- ==-
Das Jahr hatte nur noch wenig Stunden bis
zu seinem Ende, und in dem Hause der Gräfin war
es troz der frühen Abendstunde so -still, daß man das
Ticken der UBren und den behutsamen Schritt der
Diener hgrte, die über die teppichbelegten'Korridore
hinschteitend ihrem Dienste nachgingen.' ?--
Frau von Wildenau lag aüf -einem -Ruhebette
und sah den Spiel' der Flammen zu; die im Kamine
loderten. In dem geöffneten -Nebenzinimer saß''Kon-
radine der Thüre gegenüber an' ihremSchreibtische.
Mit einemmale erhob die Mutter sich, und die Arme
in die, Höhe hebend, stieß sie einen Seufzer aüs, der
wie ein Aufschrei klang, so -daß die. Tochter erschreckt
von ihrem Stuhle aufsprang und mit' der- Frage, was
ihr fehle, bei der Mutter eintrat. -- -
,Nichts! Nichts!' entgegnete diese;- ,bleibe bei
Deinem Briefe, laß Dich durch mich nicht' stören.? -
,Aber Sie schrien auf, beste Mutter! - wendete
die Tochter ein. -
- Fanny Lewald, Die Erlöserin. u. -
:




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--
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88
,Ich probirte nur, ob ich noch lebe,? gab die
Mutter ihr lachend zur Antwort, ,ob ich noch ich
selber und imi Vollbesize meiner Kräfte sei, denn die
nicht menschliche, maschinenmäßige Ordnung dieses
Hauses lähmt niich förmlich. Ich verliere die Bewe-
gung, ich verlerne das Denken durch sie. Wie ich so
da lag und Dich schreiben sah und mir dachte: jetzt
wird -sie -den Brief beendei, ihn siegeln, guf die Ecks
des Kamines legen, auf welche auch die Gräfin ihre
Briefe hinlegt, und morgen um neun Ühr wird, wie
an jedemgWPosttage, der: Diener ganzIon, Felber
koßmey, die Briefe, ahzuholen; und- nach Vorschrift zu
beforgen, da hemächtigte sich meiner ein solches Grauen
ygr, gller gieser-gewohnten Sicherheit, daß ich mich
- versucht fühlte, die ggnze hier niedergelegte Korrespon-
denz in das Feuer zu werfen, nur damit döch einmal
eig, Abweichen pon der Regel stattfände, damit einmal
Etwas gesucht, Etwas versehen würde. In der That,
ich zähle, die Stunden bis zu Deiner Hochzeit, dennn
Du wvie. ich; wir altern unter, dem Einfluß dieser ver-
steinerten Unfehlbarkeit.! - - -
- ,nd -doch.liegt. in der;. rdnung eine Zeiter-
sparniß,. und also' in. gewissem-Sinne eine Verlän-
gerung des. Lebens,? bemerkte die Tochter.-
,Als ob diese Deine Bemerkung nicht schon, ein
Zeichen; des Alterns wäre!r -rief die- Mutter lebhaft.
,Du würdest sie nicht gemacht- haben,' ehe: Du - im
Stifte, und ehe Du mit der Gräfin so lange zu-
sammen warst. Wann hätte wohl die Jugend, im
Gefühle ihrer Unendlichkeit, je an das Hingehen der

g-
-
Zeit gedacht, als um das Heranrücken eines Festes zu
berechnen? Wann hätte die Jugend -Freude an der
Regelmäßigkeit gehabt, da sie, in jedem Augenblicke
auf eine überraschende Gunst des Zufalles hofft? Mit
der Zeit zu geizen, ist des Alters Sache, weil es arm
an Zeit ist. Wer aber will sich dieser Armuth immer-
fort erinnern? Und, nun vollends, wie die Gräfin,
selbst den letzten Tag des Jahres mit lauter Pflicht-
erfüllungen zu beladen, gewaltsgm Rechimngen abzu-
schließen, seine Angelegenheiten abzuthun, als wäre
der nächste Morgen für uns kein Morgen ;mehr: das
heißt sich freiwillig an jedem Abende die Todtenglocke
läuten und mit jedem Tage auch sich selbst begrabenlr
Sie ging lebhaft im Zimmer hin und her, Kon-
radine antwortete ihr nicht. Sie»wußte,. daß man die
Mutter in solchen Stimmungen, deren Ursprung oft
tiefer lag, als man es, vermuthete, gewähren lassen
mußte, wenn sie sie überwinden sollte; und sie hatte
sich eben an dem Feuer niedergelassen, als die Mutter
vor ihr stehen blieb.
,Während Du an Deinem Schreibtische saßest,'
hub sie noch einmal an, ,dachte jch unwillkürlich an
den Sylvester»Abend, der uns in das Schloß der Gräfin
und zu Emanuel geführt hat. Wie heiter war das
Wiedersehen in dem Schlosse, wie anmuthig und viel-
bersprechend der Empfang, den er uns dort bereitet
hatte. Und heute? -
,Sie rechnen der Gräfin den Verlust. nicht an,
den sie in diesem Jahre eben erst erlitten hat!! wen-
dete Konradine ein.
--


- -

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,gelten lassen. ,Man hat mich: oftmals dei Selbst-
zu'' genießen wünsche. Wann aber hätte ich um meiner
persönlichen Betrübniß willen je fremde Lebenslust
gestorben. Aber ist Emänuel nicht da? Bist Du nicht
-
-
bei Dir zu sein in -der ersten Stunde des neuen
Jahres, das Dich ihm verbinden soll?
,,EEr ist von Geschäften hingenommen und die
Jahreszeit ist hartl'' sagte entschuldigend Konradine.
,Ich habe erst gestern seinen Brief erhalten.?
- Die Mutter legte die Hand auf ihrer Tochter
Schulter. ,Wie ernst das klingt! Wie entsagungs-
voll! -- Deine Stimme hatte einen anderen Klang,
als Du'an jenem ersten Sylvester»Abend iu Schlosse
vor dem Spiegel standest und lachend Dein Haar zu-
Fammienfaßtest, das über»Deine Schultern niederfloß.
- Hu wärst' in' jenem Augenblicke heiterer als jezt.!

? - -



- -
sein Recht pie seine Pflicht, Dir über die melancho-
lische Einsamkeit dieses Sylvester»Abendes fortzuhelfen?


gestört? Es ist wahr, der Gräfin kranker Bruder ist-
da?- Bist Du nicht seine Braüt? Und wäre es nicht

-
Dis Mutter wollte solche Entschuldigung nicht
, sucht angeklagt,? meinte sie, ,weil ich das Leben heiter


10
-- ,Heiterer vielleicht! doch nicht' in mir gesammmelt,
g
nicht so' einig mit mir selbst und auf die Zukunft
nicht vertrauend, so wie jetzt.!
- Frau von Wildenau hatte sich der Tochter gegen-
über an dem Kamine niedergelassen und schürte mit
dem Eisen die zusammensinkenden Brände zu neuen
Flammen an. Sie schwiegen Beide. Konradine sah

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nachdenklich in das Feuer, die Mutter hatte ihr Auge
auf sie gerichtet.
,Du nennst Dich gesammelt, einig mit Dir selbst!
Das war genug für die Stiftsdgme, die das. Ordens-
kreuz auf ihrem Herzen trug. -Aber im Leben, in der
Welt, verlangt man mehr, muß man mehr verlangen;
und glücklich, vollkommen glücklich bist Du nicht!?
Konradine zuckte vor dem Worte zusammen, aber
sich schnell beherrschend versezte sie: ,Wie mögen Sie
mich also fragen, Mutter? Wer glaubt denn an voll-
kommenes Glück, wenn er das Leben kennen lernte?
,Man glaubt nicht daran und kann's doch nicht
entbehren und jagt ihm nach ohn'. Unterlaß!k rief die
Mutter. , Und das gerade ist es, was mich ängstigt.
Wirst Du es, ertragen, Dich Dein Lebenlang mit
Freundschaft, mit Verehrung, -nit- der Anerkennung,
von Emanuel's guten Eigenschaften, zu hegnügen? Wird
Dir es genug sein an dem.Bewußtsein,;geliebt zu
werden und glücklich zu, machen?-- Ich sah Eure
Verlobung gerne, denn Du Fchriebest mir in freudiger
Gehobenheit. Nun -ich Dich, vor mir sehe, nun ich
mir sagen muß, mein Blut fließt auch in Deinen
Adern, und nun das neue Jahr herankommt, das ent-
scheidend und bindend für Dich werden soll, nun
kommt, wie über die Gräfin, das Bewußtsein noth-
wendiger Pflichterfüllung auch- über mich, und ich frage-
Dich, da es noch Zeit ist: Liebst Du Emanuel? Wirst
Du glücklich sein mit ihm? Wirst Du immer- jenen
Abend segnen, der uns zu ihm-in das Schloß ge-
führt hat?

-

.
-
1D
- Und wie an jenem Abende in dem weiten Hofe
des Schlosses, tönte der Schall des Posthorns plözlich
durch die Stille. Die beiden Frauen eilten an das
Fenster. Die Klingel an dem Portale der Mauer,
die das Haus mit seinem Garien einschloß, schallte
durch die Zimmer, der Kastellan ging hinaus zu
öffnen,. und unter dem hellen Scheine der Wagen-
läternen brgchten die, dampfenden Pferde Emanuel's
- leichten' Wagen vor das' Haus.
= Könradine eilte die Treppe hinunter und warf
! Fihfihmt müt einemiFreudenrufe in die Arme: Sie
? - Fries sals''De Gllcks' däß er gekommen' sei; sie
-
Hanite ihn' mult den zärtlichsten Namen, sie führte ihn

-

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-
-'
wie im Triumpphe zu den Anderen hinauf. In so
zärtlicher Erregung hatte Emanuel sie nie zuvor ge-
sehen, und er empfand dieselbe als ein großes Glück.
.? Das ganze Haus war in Bewegung gekommen.
Die-Gräfin zeigte sich über des Bruders gutes Aus-
sehen und Befinden sehr erfreut, Frau von Wildenau
fühlte sichdurch die Neberraschung neu belebt und nit
ihrem Schiviegersohne plözlich ausgesöhnt. Sie selber
Fchilderte,' als man am Abende beisammen war, es
sehr ergözlich: wie sie in Verzweiflung und übellaunig
und schivermüthig gewesen sei bei' dem Gedanken, die,
lezten Stundun des alten und die ersten Stunden des
neuen Jahres ohne irgend ein außergewöhnliches und
freudiges Ereigniß verleben zu müssen. Sie erzählte,
wie sie nahe daran gewesen sei, der Tochter melan-
cholische Bilder der Zukunft vorzumalen, die ihrer
warte, wenn sie und Emanuel bei dem Beschluß ver-


18
hgrren sollten, ihr Leben auf den weitentlegenen Gütern
zuzubringen; ja sie gestand ganz unumwunden, daß
sie ihr vorgehalten habe, noch einmal zu bedenken, ob sie
die Kraft besize, ein so wechselloses Dasein zu ertragen.
Sie erschien sehr geistreich, sehr liebenswürdig in
der Selbstverspottung, in der sie sich erging, aber
weder die Gräfin noch Emanuel legten, weil sie sie
kannten, ein Gewicht auf ihre Selbftanklagen, denn
sie hatte niemals irgend welchen Einfluß auf der
Tochter Sinn gehabt; und freudigen Gemüthes um-
armte Emanuel in des Jahreswechsels Stunde die
Braut, die nicht müde wurde, ihm zu danken, daß er
gekommen war, sie ihr durch seine Anwesenheit zu
einem Fefte zu gestalten.
--- --

Kapitel 09

- Fr- -
z. - - -

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Aeuntes Gapites
. -' -= ,, ; -
-,Ihr Bruder ist wie verwandelt,,k sagte Frau von
- Wildendu zur. Gräfin, als an einem der folgenden
Tage das Brautpaar in den Wagen stieg, um einige
Besuche in der Stadt zu machen. ,Man sollte be-
haupten, er sei jünger geworden und der Bann, der
nach den alten Neberlieferungen Ihres Hauses auf ihm
- -
gelegen, sei von ihm genommen, seit er sich entschlossen

hat, auf dem Grund und Boden seiner Familie zu

-. Fhejg Er neniut sich einen Gesunden, fühlt sich als
- -eineg solchen und bietet sich die Anstrengungen eines
solchen; und da er stark geworden ist, bemerkt man die.!




-
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Blatternarben und die kleine Entstellung seiner Figur,
die er in seiner Jugend so schwer empfand, weit
g
weniger -als vordem. Konradine selber, obschon sie
gleichgiltig gegen äußere Vorzüge zu sein behauptet,
ist doch Weib genug geblieben, mich heute mit Ge-
mugthuung zu fragen: ob ich nicht Emanuel jetzt weit ,
besser aussehend fände als vordem, und ob er sich nicht
in der That verschönert habe.?

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1d
Die Gräfin erwiderte ihr Nichts darauf. Sie
selber fand Emanuel in jedem Betrachte vortheilhaft
verändert, und es war' ihr: von Anderen das Gleiche
angedeutet worden. Dennoch -verletzte es sie, als die
Baronin. es por ihr so unumwunden äussprach, und
mehr noch mißfiel' es ihr,' daß-,Konradine vor der
Mutter, deren Unzuverlääßlichkeit sie kännte, sich zu
jenen Aeußerungen hatte verleiten- lassen, da es gar
nicht zu berechnen war, ob sie dieselben -nicht auch
gegen Emanuel, ebenso wie gegen die Gräfin wieder-
holen würde. Hatte Konradine es denn 'gar so schwer
gefunden, die Mängel in dem Aeußeren ihres Ver-
lobten zu verschmerzen? Waren sein seelenvolles- Auge,
der Adel seinet Süge, die Eigenschaften seines Herzens,
- seines Geistes nicht genüügend, hie-dafür zu entschä-
digen? Dder' konnte' sie: des Prinzen -heldischs Gestalt
noch imhmnner nicht -vergessen? -e? ---
Sie hatte von Emanuel's Braut mehr gehalten
als von den meisten Frauen, und' doch überkgm sie in
diesem Augenblicke der Gedarke; daß imGrunde das
einfache Naturkind Hulda, des Pfarrers Tochter, in
diesem Falle richtiger und größer empfunden'und ge-
dacht habe als Konradine; denn,-- Miß Kenney
hatte sich zum Defteren darüber äusgesprochen =- Hulda
hatte ihn bedingungslos -geliebt, und in voller Hin-
gebnng zu ihm emporgesehen. - -'
Die Gräfin hatte an Hulda lange nicht gedacht,
lange Nichts von ihr gehört. Der Amtniann hatte,
seit die Gräfin um ihretwillen die Wfarre besser
dotirt, seiner Mündel in den geschäftlichen Briefen

- -
wyeiter -nicht erwähnt. - Der Tod des ältesten Frei- -
-
-

s
herxn, die Perlobung Emtanuel's, des Sohnes Heirath,
-und, ihre eigenen, verschiedenen, Reisen waren gleich
-gach- jenen Maßnahmen rasch aufeinander gefolgt und
--
Fgtten, die -räfin vollauf beschäftigt.; Nun fiel. es
-
I' hr zum erstenmale auf, daß man ihr von des Pfarrers
-- -eirgth Nichts zgemeldet habe, daß in dem Schreiben,
-s ?- yelches Fie beim, Jahreswechsel von ihm. erhalten hatte,
- zmit kejnem ;Sorte von seiner Heirath und von seiner

-Frgu, die Rede gewesen war.. - Sie wußte sich- das

-njcht zu deuten und- nahm sich wors den Amtmann,
den sie;in die Stadt beschieden hatte, deshalb zu be-

Iragen- --
, Inzwischen dehnte sich der Aufenthalt. Emanuel's
h,,seinex Schwester Hause weiter aus, als er es zuerst
-ih; Sinne; gehabt hatte, und, die Gräfin erfraute sich
- -
- - dessen, denn es bewies ihr, daß es ihm wohl sei in
- -der, Nähe, seiner Braut. Auch ließen Konradinens

»Pexzlichfeitt zür ihren ßerlobten, ihre Aufmerkjamkeit
Jauf FeiüeWünsche, selbst für die, großen Ansprüche der

g
-
Ds
,Gräfin,Eichts. zu, wwünschen:übrig, und-- da. Konradine


sichfoxtdaüernd in - gleichmäßiger Heiterkeit- bewegte,
zdg zsie, in jeder Weise Emanel zu längerem Ver-
-weilen zu,güberreden strebte, und man auf ihren, An-
-trieb -die Hochzeit noh etwas früher zu -feiern beab-
-
sichtigte, als es zuerst beschlossen worden war, schwanden
, die, flüchtigen Sweifel, welche die Gräfin gegen Kon-
-radinens, Neigung für Emanuel gehegt hatte, wieder
,aus, ihrem Sinne.
? -
- -

-
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adk
---
Man war so in allseitiger Zufriedenheit bis nahe
in die Mitte des Monatee gelangt?- Emanuel. pollte
am nächstfolgenden Tage die Stadt verlässen, und man
saß nach eingenommener.Abendmahlzethöch- beisam-
men, als der Diener mit- derZeitung - das Wochen-
blatt in das Zimmer brachte, -welches -sich fast aus-
schließlich mit den literarischen huund artistischen Vor-
kommnissen beschäftigte. Dadie bildenden Künste in
jenen Tagen in unserem Vaterlande noch ganz da-
niederlagen und von ihnen also nur wenig die Rede
sein konnte, waren die Mittheilungen aus den Theatern
und den Konzerten von um so' größerem Interesse.
Während Emanuel' sich- der Zeitung bemächtigte, hatte
daher' Frau von Wildengu däs Wochenblattzur Hand
genommen und- die. erstenBlätterFlüchtigsdurchgeseheg,
als ein Artikel ihre AufmerksamkäEtEmehi «äls die an-
deren auf sich zog. - -
,Da ist doch endlich wieder einnal eine Hoff-
nuung,! rief sie, ,und es ist nur zu wünschen, daß der
goldene Morgen, den man uns perkündigt, nicht, wie
das oft genug geschehen ist, einen sehr prosäischen und
alltäglichen Tag heraufführt. -
Man fragte, was das sagen wolle. , Oh!r ent-
gegnete sie,.,ich finde da eben einen Theaterbericht,
der sicherlich von Hochbrecht herstammt, der sich ja ge-
legentlich in solchen Mittheilungen zu ergehen pflegte.
Er war immer ein leidenschaftlicher Verehrer der Feo-
dore, und es sind Aeußerungenin deßr :Artikel ent-
halten, welche er, als -ich ihm in voriFen- Jahre im
Seebade begegnete, fast wörtlich auch gegen mich ge-

- -

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- .

18
than hat, denn es stand schon damals fest, daß Feo-
dore beim, Jahresschlusse die Bühne verlassen würde.?
Die Gräfin bemerkte, da eben jetzt auch Gabriele
auf den. Wunsch ihres Gatten sich ganz in das Privat-
leben. zurückgezogen habe, so seien dadurch dem Fhesg
in der That - die beiden. bedeutendsten Darstellerinnen
für das ;Fach der ersten tragischen Liebhaberinnen ent-
--zegen worden, und so weit sie darüber urtheilen
-könne, hgbe sich nirgends ein neues hervorragendes
Talent unter -den jüngeren. Schauspielerinnen gefunden.
- : ,Das aber ist es gerade,? erklärte Frau von
Wildengu,. ,was dieser- Bericht vexheißt. Er erzählt

- -nebenhers von, einem originellen Einfalle Feodorens.
- ? Sie,ist acht- Tage, -nachdem sie unter allen theatra-

Tischen Ehren, von - der Bühne, welcher sie bis dahin
angehört hatte, geschieden war, auf derselben noch drei-




, -

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- -

E
- mal in älteren, leidenschaftlichen Rollen aufgetreten,
un, sich- auch in diesem Fache bewundern zu lassen
und; zugleich eine Schülerin von sich und Gabrielen,
eine Mademoiselle' Hulda Vollmer, einzuführen, die
in ihr- bisheriges Rollenfach' eintreten soll.: Dieses MAd-
chen nun, das die Emilia, Thekla, Louise Miller ge-
spielt hat, schildert der Artikel-nicht nur als ein un-
.gewöhnliches Talent, sondern als eine außerordentliche
-Schönheit.? -
.. - ISie griff dabei noch einmal nach dem Blatte,
daß sie zur Seite gelegt hatte, suchte nach der Stelle,
und las dann die Worte: ,eine hohe, majestätische
Gestalt, ein Kopf und Farben, welche an Tizian'sche
Bilder gemahnen, und eine Beweglichkeit der Physio-

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F
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19
gnomie, die sich mit dem seelewvollen Blickr der mäch-
tigen, blauen Augen jedem Ausdrucke der Leidenschaft,
von der weichen Rührung bis zum höchsten Schmerze
fügsam anzupassen weiß, machen Mademoiselle Vollmer
zu einer ungewöhnlich anziehenden Erscheinüng.- Wir
erinnern uns in der That -nicht,'jemäls außer- der un-
vergleichlichen Gabriele eine Emilia gesehen zu haben,
deren Aeußeres den Jdeale des Dichters besser ent-
sprochen hätte, als' diese in jedei Betrachte viel ver-
heißende junge Künstlerin.!
Konradine machte eine scherzende Bemerkung über
die leicht zu erregende Begeisterung des Theater- .
Enthusiasten. - ,Wie oft, sagte sie, ,hat er- uns von
irgend einer jungen Schauspielerin oder Sängerin als
von einem Wesensgesprochen, das eine'neue Aera für
die Kunst heraufzuführen bestinint -jei.' Alle' paar
Jahre hat er eine neue- theätralische'Bottheit in dem
Heiligenschreine seines Herzens aufgestellt,- und wenn
er nicht, gleich den Lazzaroni,' sich der Heiligen ent-
ledigt, welche die von ihm erwarteten Wunder nicht
zu leiften vermögen- so muß sein Herz -allmälig zu
einem wahren Pantheon werden.?
,Zu einem Pantheon,? fiel -die Mutter ihr in
das Wort, ,in welchem, eben weil'es wie das römische-
Pantheon nicht nur allen Göttern geweiht, sondern
auch allen Einflüssen der Tages- und -der Jahreszeiten
offen ist, die Verwüstungen nicht fehlön können. Als
Hochbrecht noch jünger wär, gehörte fük ihn eine un-
glückliche Liebe zu den Vergnügungei und Abwechs-
lungen, ohne welche er nicht leben zu können jchien.

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Simnes ztritt -er offenbar schon- wieder an die rosen-
z bekränzte Schwelle eines neuen Abenteuers. heran.? -
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ln den Anforderungen geworden war, welche sie aß
-den»Menschen und an' sein vernünftiges Handeln stellte;
wgllte, vön Enthusiasmus ggr nicht reden hören, weil
das; wgs gan, so nenne, nuur zu häufig eine bloße
- Aufwallung augenblicklicher -Emwfindung sei, die por
demzz Verstgnde keiße Berechtigung. habe.; Sie nannte
Menschen,, den -wir enthusiastisch bewundert haben:
-
-
- - Die Grääfin, die mit den Jahren immer strenger
-, den -Enthusjasmus ejne gefährliche Sache. - ,Einen


Ryn- hat ex es übexwunden, daß Feodore ihmden
reicheren Bewerber, porgezogen-hat, und getrösteten


sind,wix,immner in Gefahr zu hgssen,? sagte sie, ,denn
er -beleidigt uns' in unserer Selbstschätzung, sobald er
deg Bilde nicht entspricht, das wir uns von ihm ge-
macht Jatten. Ein Skeptiker kann ein treuer, ein, un-
schätzbarer- Fxeund für uns sein, ein Enthusiast ist es
niemals; und ich, kenne nichts Nüchterneres, nichts Un-
zufrjedenexes,als einen Enthusiasten, der endlich ein-
zugß,zun, kharen Finsicht jn, die Wirklichkeit der Dinge

al=tu -- -





1u
,? -Fie,hrgchh dgmit ab und sagte dannn, ohne daß

-' für die Nothwendigkeit, dieses Nachsatzes in dem Augen-,
blicke, ein, Anlgß, erkennhar zar: -.Sie wissen es. ja,
ich Pin üherhaupt keine- Natur, die auf Gefühlsleben
gngelegt ist -und jich Fin auch nicht geneigt, der so-
genannten großen Leidenschaft, dem unwiderstehlichen
Zuge der Herzen, eine besondere Berechtigung zuzue
gestehen. Wo mein Verstand mich hinweist, dahin
-

==- - -
g

Aur
richtet sich mein Herz. Meine Augen, meine Sinne
haben nie eine eigentliche Gewalt über muich ausgeübt,
und wie man, um der bloßen' Schönheit willen selbst
da zu lieben vermag, mo man nicht achtet, wie man
sich enthusiaömiren kann für äußere Vorzüge oder
für das zufällige Talente, dafür geht. mir das Ver-
ständniß ab.?
Die Gräfin hatte diese lezten Behauptungen mit
einer nicht-zu verkennenden Ausschließlichkeit an Kon-
radine gerichtet. Konradine fühlte das und es ver-
droß sie, da sie Hich, nicht zu erklären wußte, womit
sie diese herbe Erörterung verdient oder herausgefor-'
dert habe. Weil sie aber der älteren Frgu, zumal in
ihrem besonderen Verhältnisse zu derselben, nicht gerne
eine ihr mißfällige -Entgegnung. machen wollte, wen-
dete sie sich an Emanuel, damhit zr seine Meinung
sagen sollte.
Zu ihrem. Erstaunen mnußte -sie' jedoch bemerken,
daß er der Unterhaltung nicht gefolgt war. Denn er
fuhr sich, ohne ihr zu antworten, ein waarmgl, wie
das in solchen Fällen seine Art war, mit der Hand
rasch durch sein reiches Haar und, fie freundlich an-
sehend, fragte er: ,Meine Meinung? Worüber? Wo-
von sprach die Schwester?? -
,Und woran dachtest Du?! entgegnete die Gräfin.
. ,O, ich war zerstreut, entschuldige'mich! -Aber
ich entsinne mich,! sezte er hinzu; indenersich schnell
zusammennahm, ,es war pon Eiihusiasten- die :Rede
und vom Enthusiasmus; und densoll nian ja nicht
schelten. Wer ist denn, um das Wort in seines. Sinnes


-

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die schönsten Gefühle, deren wir fähig sind, in Einen
Empfinden in sich zu vereinen? der leicht fähig ist,
zu glauben, zu lieben und zu hoffen, wie man es thut,
wenn man etwas Großes, etwas Schönes gefunden
und erkannt zu haben, glaubt, Auf dessen wachsende
- Vollendung und auf desseu Bedeutung für sich und
Andere. man mit liebevoller Freude hofft?=- Frage
ich. mich, in welchen Zeiten meines Lebens ich das
, reinste. Glück genossen ihabe, so waren es die Augen-
blicke, die Tage, die Wochen, in denen ein unbedingtes-


Glauben und zuversichtliches Hoffen mich beseelten, in
denen ich von. der Schönheit, von der Güte eines
Menschen, von der Größe eines Gedankens so völlig


.
!
als , Derjenige, dem eö durch eine hesondere Anlage

1 ?
eigentlicher Bedeutung zu gebrauchen, des Gottes voller'
, seiner Natur gegebenist, wo sich der Anlaß bietet;
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hingenommen war, daß mir keine Hoffnung, keine Er-
wartung, welche ich darauf gründete, zu groß oder gar
unwwghrscheinlich dünkte, und -=


--.
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. ,nd-:wemn dann die Enttäuschung eintrat?
ftagte' die-Gräfin.
-- zün,? -versetzte Emanuuel, ,so hatte ich doch
- geglaubt, !geliebt, gehofft!' so war ich doch glücklich
gewesen in den Tagen, in welchen ich es that; und
unser Leben setzt sich ja aus Tagen zusammen.?
IFrau von WSildenau,. die. mur an demjenigen-
hheilzunehmen-vermochte, das sie in irgend einer Weise
mit'sich selber in Perbindung sezen konnte;: und die
in ihren Erlebnissen eine gute Anzahl von Belegen
für die Behauptung zu finden glaubte, daß troz aller

;
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Eüttäuschüngenin dem Gläuben, Lieben, HoffenFchon
das eigeirtliche Glück'verborgen -lege, sprach: sich mit
großerWärme für diel von lEnänuel unternommene
Vertheidigung des EnthusiasntüisJääuus. Aber:sei es,
daß Konradine zu deutlich wiißte, welchen»Quellen und
Erinnerungen. dieZustimünung'ihreö Muttet entsprang,
oder daß sieselber öas Unglüäkeiner Enttäuschung zi
bitter geschmerzt hatte! = genng, Nauch sie wollte, so-
wie die Gräfin, den Enthüfiasmis nicht recht gelten
lassen. Sie meinte, -er lende das Auge,- mache den
Blick und damit das Urtheil' unsicher, und'verleite zu
Trugschlüssen und zu falschen»Mafßnahmnen, die man
dann später oft zu bereuen habe! Ia sie ckönne es
Emanuel nicht verbergen,' daß ihr der Zweifel' weit
nthwendigeräüund - heilbringender erscheine als der
Glaube und däs Höffen, wenn sie natürlich öie Kraft
der Liebe auch als eine für sich besteheide ümnd wir-
kungsreiche anerkenne. In der abstraktenWissenschaft,
so fern von einer solchen bei dem Zusanmenhange
derselben mit den Fortschritten' auf ällen Gebieten des
Lebens überhaupt die Rede sein könne, sei es übrigens
doch allein der Zweifel, der die Menschheit vorwärts
bringe. -'
Gewiß,' sagte Emanuuel.'' ,Der Zweifel ist der
Pionier, -der die üwälder der falschen,.- uns -von
Generationen übermachten Vorstellüngen, mtit. statkem
Arm und schärfer Axt' zu lichten' hak, der -bielBäüne
ausrodet, das Schlingktaut wegbrennt, denkBodeit auf-
reißt; aber das feherische Glaüben-und Hoffewschafft
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tannv Lewal, Die Eetsfeel.'' t. -!'-

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diefSaat -der neuen Wahrheit, amnnd das enthusiastische
- Wollen; säet, sie mit liebevoller Hand, und' pflegt und
hilft- siezeitigen anit- stiller hoffnungsseliger!Geduld.
Der' Zweifel an -Hch ist unfruchtbar, die; Liebe allein
ist. schöpferisch. nd,k -fügte er. hinzg, ,vollends auf
dem -Gebiete;desI Ethischen:ift:ohne, Enthufiasmus gar
Richts:auszuxichten. Wies wollte-ich vgrwärts-kommen
-und ,durchdringen: mit den verßktlichenden. Aufgaben;
- dieich amtir auf;mneinen, Gütern gestellt habe; ohne den
enthufiastschen,iGBlauben,ndaß ich, meinWSiel. erreichen
werde;:ohnefdenHißblickhaufi die.tüchtigen, swackeren
Leute -in meiner-Nachbarschaft, die, -alle:Ssoeifel von
sich weisend,: mit, denen man ihnen entgegengetreten
ist,, sich fest auf ihren Glauben stüzten, daß das Zu-
trauen: des - durch Jahrhunderte in Hörigkeit verkoin-
menen Arbeiters zu: ?gewinnen sein müsse, und ohne
jene starke Menschenliebe, die an sich Enthusiasmuus
ist,:tund;, die, allein -seit, den. Zeiten Jesu. Christi die
sittlichens.Wundersvexrichtet hat, welche die Menschheit
bisher,inz ihren Annalen zu verzeichnen berechtigt ges
wesensist?? - -
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, -?-Man hatte »sich, damit von' dem ursprünglichen
Anlaß des Gespräches weit genug entfernt, und es war
spät geworden, Die, Baronin,. für welche ohnehin die
Behandlung des Themas durch Emanuel zu ernst ge-
worden war, -erhob: sich, um jichh in; ihre. Zimmer
zurßczuziehen. Emanuel,, der mit- der Schwesterauf
demselben Flügel wohnte, blieb noch mit. ihr zurück;
nachdem die. beiden Gäste sie verlassen -hatten. Die
Gräfin räumte mit gewohnter Ordnungsliebe noch ein





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pgar- Kleinigkeiten in ihren ;Arbeitskorb: zusammen,
Emanuuel' sah dem! achtlos zuf. bis erplözlichh die Frage
aufwarf: ob die: Gräfin Nächrichten vdnsHulda habe.
Die Frage übetraschtes seinefSchwester'' nicht. Es
war ihr im Grunder - auffällig gwesen, daß er sich
weder brieflich, ndch indiesemflängskenBeisammensein
jemals nach Huldakerküidigt hatte,Edenk sein weiches
und hiefes: Gemüth war treu in Zer Anhänglichkeit an
Alles, was es einmall ergriffeü und geliebt hatte.
Weil sie ihm aber?nicht -ohneweiterseingestehen wollte,
daß sie sich um die Tochter eines Mamnes, der so ent-
schiedene. Ansprüche-an ihre Theilnähüie besesfen hatte,
seithex. nicht -gekümmert t habe begegnete Jie seiner
Frage mit der Gegenfrage; wie er eben: jetzt darauf
perfalle, sie um Hulda zu befragen.
Mdich dünkt,='' versezte er, ,dasisölltelDi nicht
auffallen.- Es war der Naine' der'Schauspieleäin, der
mich an sie erinnerte,-. uid dieiisonderbar zutreffende
Aehnlichkeit. mit, ihr,die sich aus der. Schilderung der
jungen Künstlerin ergab; denndich felberbinmitünter,
wenn ich Hulda sah, - lebhaft: an. Gäbriele erinnert
worden.- Aber wie geht es Hilda?-Weißt DulEtwas
darüber? Ist sie glücklicheßu der: Ehe? Mich haben
sehr begreifliche Gründe abgehalten, mich nach ihr zu
exkundigen; indeß ihr Schicksal- liegt- mir sehr' am
Herzen, und- ich will -hofen; daß-ühr Gefühl sie nicht
betrogen, daß sie die Wahl, zu der?fiesich'entschlössen,
nicht zu bereuen hat. -Ich denke mit großer Theil-
nahme an sie.? -
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.aIch glaube,! entgegnete die Gräfin, ,sie gehört
auch ein wenig in die Zahl derjenigen Personen, die
Du - überschäzest, weil Du sie mit dem Glauben,
Hoffen,- Lieben. Deines Enthufiasmuus betrachtetest.
Aber ich bekenne Dir zu meiner Schande, daß ich seit
Fange nicht- nach ihr gefragt und Nichts von ihr ge-
höxt habe. Indeß wird das Versäumrte gleich morgen
zachzuholen.sein. Ichn habe -den Amtmann in die
Stadt beschieden. Er hvird heute. Abend eingetroffen
ein, .uund wir werden. morgen das Nöthige von ihin
erfahren.. Ich binübrigens im Voraus sicher, daß
Alles auf, das Beste rsteht, da er mich von dem Gegen-
cheile wohl gelegentlich unterrichtet haben würde.!
- Emanuel nahm das hin, obschon ihn die wenig
antheilvolle Weise verletzte, mit welcher die Gräfin sich
über Hulda äußerte. Er gab noch an dem Abende
dem Diener den Befehl, ihi zu benachrichtigen, wenn
der, Amtmann kommen würde, und suchte ihn am
andexen. Morgen in dem Zimmer der Schwester auf,
Fobgldiderselbe-sich bei der. Gräfin eingefunden hatte.
.Die Gräfi saß an ihrem Arbeitstische, der Anrt-
ananw hatte uht einiger Entfernung von ihr,' mit seinen
Büchern?lünd ?Päpieren:Plazgenommneü. Er erhob
sich, als Emanuuel. eintrat; aber dieser sah sofort, daß
die Papiere noch, nicht aufgebunden waren,' und noch
während der Amtmann den-Baron begrüßte, rief die
Gräfin: -,StelleDir vor, wäs ich soeben - zu meinem
größten Erstaunen erfahre und was der Amtmann
mir durchaus früher mitzutheilen verpflichtet gewesen




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wäre: die, Heirath zwischef Huldg. und dem Pfarrer
ist gar nicht zu Stande gekönmienF -
,Nicht zu Stander gekommen? fragte Emanuel
mit einer Bewegung, dienihn, die Fäbe nbechseln'machte.
,Und weshalb nicht? Was cst ?dnn- geschehen?
,Sa, Herr, Baron,:weshalknrcht?wiederholte
der Amtmann. ,Das ist es eben! und -ich sätte der
gnädigsten Frau. Gräfiw: gerade,' ich' hätte kicht er-
mangelt, es zu, melden, wenn es- nicht- eben'Das ge-
wesen wäre. Aber wer: mag denn:solche Dinge sagen,
wenn man den, Vater und die Mutter Freunde ge«
nannt, und das Mädchen selber bei sich gehabt hat, so-
wie wir.!
, Die weitschweifige Vorsicht des Amtmannes stei-
gerte Emanuel's -ngednld, unde alsn er danach leb
hafter seine Frage piederholte; was geschehen sei; er-
zählte Jener mit nicht zü verbergender Entrüstung:
wie Hulda die Bewerbung seines wackeren Freundes,
des Dberförsters, und des trefflichen jungen Pfarrers
ausgeschlagen, wie sie das Schlöß unter dem Vorgeben
perlassen habe,'' eine Gouvernantenstelle annehmen zu
wwollen, und: wie. sie dann hier, eben aus: diesem Hause,
heimlich davon und- auf :das Thegter: gegangen sei.
,ninöglich!?- rief Emanuel; dem die Nachricht
durch das Herz schnitt, obgleich- ihin schon jeit gestern
eine, heimliche, xicht. zu üherwindendenBesorgniß um
das einst geliebte Mädchen beunruhigend:in denüSinne
gelegen hatte. ,Dasalso-:wärs es!? Mnd sich mnit
der-Anmaßung, an den Amtmann wendend, von welcher
selbft gutgeartete Menschen nicht leicht! frei zu sein

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pflegen; menn sie: schon.in früher Jugend Untergebenen
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und Abhängigen zu befehlen gehabt haben, setzte er
im, Tone hexben Vorwurfes. hinzu: ,Und Sie ließen
daE. geschehen? Sie, meldeten. -es, der Gräfin: nicht
sofort?- Siegthaten MNichts, das unberathene Mädchen
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von denwwerhängnißvollen. Schritte zurüchuhalten?!
- ? -Um FFergebung, Herr Baron!! entgegnete mit
festen Selbstgefühl der' Amtmann,' den langer Herren-
dienßt, dienEigenheiten Derjenigen -hatte kennen lernen,
mit,denen ei es zuchunhatte. -,Es war'hier von
Geschehenlassen:keine Rede,, denn ich kanntesdie Absicht
nicht,- mitider Hie uns verließ.- Als sie mir dieselbe
meldete, war der Schritt gethan, und in mein Haus
konnte' fie. von den Brettern' doch nicht mehr zurück.
Trotzdenn hat: auf meine Bitte, unser junger' Herr
Pastor, um den Hie es wdahrhaftig nicht -verdient hat,
ihr. Alles, redlich und mit Eifer vorgestellt.!
,? zUnd was: hat. sie darauf: erwidert? fiel ihmu
Emaruel lehhaft ein. ?
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n:;,Was i konntentsie darauf erwidern?? -meinte der
Almtmann. zSieshat: einen längen Brief geschrieben
pöll Redensarten, wie sie. sich in deü Romanen finden:
von höherem, Beruf, -von- unwiderstehlicher Begeiste-
rung,nvon ireinem Lebenswandel' und so mehr.'? Er
machte eine kleine Unterbrechung und sagte dann: ,Die
Herrschaften haben. es'ja-gut genieint, und Hulda hat
aon Mdiß Kenney, äuch wohli Mancherlei gelernt, wwo-
mnpit sie; ihr. Brot in Ehren -hätte verdienen mögen.
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in der Pfarre;' und-ich brauchtes mich, vor den Herr-
schaften -nicht''zu rechtfsrtigen-über Eiwäs,! was zu
vertreten nicht meiies Amrtes ist. Deiür?daszMäöchen
gehörtei uns Jnicht'an, uid was nrir als seines:Vaters
Freund und als sein Vormunds öblag,das »habe ich
an ihm gethan, darüber bin ich in meinenGewissen
auch ganz ruhig.? -
- Emanuel aber war zu exregt, um sich mit dieser
Antwort zu befriedigen. ,Daß wir Nichts, gar Nichts
davon erfuhren!r bwiederholte er JDaßSie der Gräfin
es perschwiegen!r -
- -,Herr Baron,' versezte der Amtmann, Fweshalb.
sollte ich dasjenige der Frau Gräfin nielden,' dessen
Hulda selber sich insoweitlschämte=' daßrsie ihresl ehr-
lichen Vaters Mamen nicht -iehr-zu füheen -Hagte.
Und Ihnen, Herr Baron?Bchb? konnte ja nicht
vermuthen, daß-Sie=ioch, in irgendeinersäeise an
das Mädcheü dächten. Wie- Hülda sich nun entlarvt
hat und sich' ausweist, ist es auch' keineü Manne zu
verargen, wenn er sie ihrer Wege gehen läßt. Aber
leugnen will ich es nicht, ich hatte besser von ihr ge-
dacht, und Anderes voi ihr erwartet.?ni N
-- Hulda geringschätzig äburtheilen zu hören, konnte
Emnanuel' nicht' ertragen, denn vör-seinem Blicke legte
sich jezt plözlichh Alles, was ihnsin öes Mädcheüs
Verhalten unklar und' unverständlich geblieben war,
helll und deütlichauseinander. Erk meinte es jetzt zu
wissen, wie man Huldal überredet üöder, gezwuungen
habe, ihm den Ring zurüchusendei, und nsichstdem
Pastor zu verloben; und wie dann endlich die innere

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-Unmöglichkeit, sich einemsungeliebten. Manne, zu vers
hinden,, sie, dahin gebrachthabe,, einen, Lebensberuf- zu
wählenhzu, welchem sie, wie- es sich'zeigte, bedeutende
Anlagen besitzen, und für, welchen ihre Schönheit- ihr
so sehr,zu, statten; kommen mußte. Aber, nicht nur
Huldg(wünschte er zu rechtfertigen, er suchte: diese
Rechtfertigung auch für sich selbst, als er dem Amwt-
manne:'einwendete, wie, Hulda vielleicht. das -Richtige
und Beste für Hch erwählt habe, wie große, Begas
üngen zu unwwiderstehlichen- Antrieben uwwürden, wie
man diesen ihre Berechtigung unbedenklich zugestehen
müsse,. und wie schon. jetzt. bei, dem ersten. Beginne
ihrer Laufbahn die. theatralische Kritik der jungen
Künstlerin eine glänzende. Zukunft verspreche. - -
; Der Amtmann nicte mit dem Kopfe. - ,Ja,!
sagte er, ,die Herrschaften haben es ;also auch ges
lesen? Ich fand es hier im Wochenblatte heute früh,
als ich auf: meinem Wege -hierher, im Rathhauskeller
vgrsprach. Das Blatt. lag auf dem Tische. Der und
Jener hatten, Hulda's Namen im Munde. Man,sprach
,von ihr wwie man von Komödianten und wvon solchen
Leuten in Weinstuben- zu sprechen pflegtt Ich stand,
so bald, ich konnte, auf. Wenn die Eltern, das hätten
erlebent müssen! dachte ich. Berühmt?»Run Ja, be-
rühmwts kann sie wohl werden, denn sie ist. schön. genng
dazu.: Mit -ihrer Ehre und Reputation:ist es doch
einmah vorbei. , Denn welcher honnete; Mann.- kann
eine Komödiantin heirathen! Und eine uwverheirathete
Komödiäntin - daran mag ich gar nicht denken.!z ;

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Die -ganze Unterhaltung guälte Kmanuel und
wurde auch der Gräfin lästig,l; um des Bruders wie
um des leisen Vorwurfs ;willen, den; der, Amtmann
gegen sie anzudeuten gewagtuhatte. - Der Vorwurf er-
innerte sie peinlich an ähres Bruders FSarnung, als
sie ihm zuerst ihre Absicht, ausgesprochen- hatte, die
Pfarrerstochter ihrem Haushalte: einzuverleiben. Sie
brach also plözlich das Gespräch mit der Bemerkung
ab, daß es nothwendig sei, jede Natur ihre Selbst-
vollendung nach eigenem Bedürfen -suchen zu lassen,
und daß der Amtmann, einen Fehler und ein Unrecht
begehe, wenn er die,: engbeschränkten. Maßstäbe des
Kreises, in dem -er sich»bewege, auf Febensverhältnisse
übertrgge,, welche gußer; den Grenzen desselben- lägen;
- ,Genn Sie heute, wor uOgldauhinträten,sagte
sie mit der ihr eigenen;Gestimtpmtheßt, Fndz sie; um
ihre Meinung fragten, so würde siesicherlich die Stunde
segnen, in welcher, mir, der Gedanke zgekommnen ist,
etwas für ihre.Ausbildung,. zu thun. Wer -will es
demn voraussagen, ob:sie -nicht wirklich zu einer Be-
deutung gelangt, die, uns. -stolz -darauf macht, ihre
ersten Schritte geleitet zu; haben, und ob sie sich nicht
einst eine Stellung in, der Felt erringt, wie Ga-
briele und andere Bühnen - Künstlerinnen fie besessen
haben, die wir mit Vergnügen und mit Auszeichnuung
in unserer, Gesellschaft willkommen hießen?-Sölchen
Ereignissen gegenüber erscheint. man, sich dann -n spä-
terer Zeit oft recht, eigentlich wie ein Werkzeug in der
Hand der Vorsehung, und--ich glaube zn dr Thgt,

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daß uis dies'bei Hulda wohl begegnen kann. - Talent
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sich darzustellen hatte- sie entschieden.r!
Sie'sah dabei nach' der Ihr, miachte den Amt-
mann aufnierksam darauf, daß man wviel Zeit ver-
loren. habe, ünd sie gingen an die Arbeit? -Emänuel
blieb. sichJselber- überlassen. -Auch- er hatteGGeschäfte vor
sich, diegeordnet und dbgethän sein' muußten,'ehe-ök
wieöouß das Land hinausFing. Sie Fogen'ihn mit
Ethüendihkeit=uön dem. Gedanken'' an- Huldas ab-
Weini er; dannkin denwischenzeiten wiederNauflsie
zürückkänm; fiitgs ersdnß die:Angelegenheitniit irühigss
zeü. Slüäed kühlereür Bltezu betrachten, bis-e?
bähinkgelangte, sie in die ReiheBet eigenartigen Eni
wickluigs -Prozesse,. ders besonderen und- langsamen
Bildungswege' einzufügen, -zu welchen är auch seinen
eigenen zählte. Die' sorgfältig verzeichnetens Lebenss
lufe, welche Gösthe's Abbs im zWilhelm Möistee?
vön den ihm nahestehenden Menschenkreise in den
geheimnrißvöllen Thürme, aufbewbahrts fielen ihmr dabei
eint, so daß Fer'dieser Aüfzeichuigen Erwähning that,
dls sich inVerlaufe des- Tages zwischen'ihn und den
drei Fräueit das Gespräch auf - die-Entdeckung?richtete;
die man über -Hulda's- theatralische Läufbahn 'gemcht
hatte7 -
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- Mai ütde, meinte er, ' däs Erdichten vdn
Römanen Isparen können; wenn' es -überall nöglich
wäres' den' geheimen Einflüssen nachzukommen; welche
die Menfchen äirfeinander aüsübten, oftnnals ohne -es
zu issen, oft mit bewußter bester Absichk' und in''gar
vielen Fällen eine durchaus andere Wirkung als die-

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jenige erzeugend, die man zu macheu' gewillt war.
Man hat eben deshalb einzelner, fastzufällig - vor uns
gesprochener Worte, bisweilen in sich als epochemdchend
in dem einen oder dem anderen Sinne, äls Gutes
oder Nebles erzeugend, zu gedenken; und welcheFölge
ein' anscheinend- alltägliches und kaumbeachtetes Zu-
sammentreffen bdn Personei für deren ganze- Lebens-
richtüng haben kann, das jeigt sich einemr Jeden, der
einigermaßen befähigt list,das Seben, das? eigene oder
frende, im Großen- und- Ganzen-zu - beträchten.
Konradine nannte diese Ansicht auch' die. ihre.
Und,r fügte'sie hinzu, ,Jean Päul inuß, so weit es
den Einflußdes Mannesduf! däs Weib betrifft, der
gleichen Meinung gewesen sein,kalser den' Ausspruch
that: ,Das Schicksal miacht- den»Mann zuni Unter-
schicksal des Weibestr' -Iähhabe daraw-oft gedächt, wemn
ich die Ereignisse betrachiete, 'dieänich in'das Stift
geführt und aus demselben entfernt haben. Ich bin
anir dabei jedesmal' der inneren Mmgestaltungen' be-
wußt geworden, welche- mir, dex an rauschende Lebens-
lust Gewöhnten und näch derselben Verlangenden, nun
die Aussicht so angenehm erscheinen mächen, in fleißi-
gem, gemeinsamen Schaffen und Wirken' mit Ihnen,
in umfriedeter Häüslichkeit, zu jener inneren Ruhe des
Abschlusses zu gelangen, -in welcher mir -das -eigent-
Tiche Glück zu -liegen- scheint und in der allein auch
eine- wirkliche Fortentwicklung des- Menschen mög-
: -
Tich wird.? -
h- Frau von Wildenaulächelte DieGräfinftagts,
wbas sie bei ihrem Lächeln denke. ?.


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-- . ,Ich lächle über die. Tieffinnigkeit der jezjgen
Generation,' sagte sie, ,die alles dasjenige erklären,
ergründen, in Zusammenhang. bringen: will,. wwas wir
unsererzeit einfach, hinnahmen: wie gutes und schlechtes
Wetter, und womit wirßertig zu wverden, oder.was wir
zuvergessen. suchtens jetmachdem- esl nöthig wwar..Ab-
schlußltForentwicklung! Das- klingtsAlles, so prächtig,
soagehildet undgelehrt. Das klingt; als.ob Verlo-
bung und:Hochzeit.Zaubermittel. wvären, -die Frieden
bringen,. Glück erschaffenohneweiters: Als: ob Ver-
- hbungen nicht rückgängigf-Ehenmie- geschieden-worden
wärenh -Als. ob nicht in; der. Ehe erst däs wahre
Suchen, und? das Versuchen anfinge, wie. man am
Besten,mit. einander fertig zu werden:vermöge. All
- unser;Sein ist Thun, und Erleiden, all' unser Thun
iInur ein beständiges Versuchen; und einen wirklichen
Abshluß habe ich im Menschenleben niemals noch ge-
-funden. Es würde hinter demselben auch, die Unend-
- lichkeit,der; Langenwweile -liegen. Man ergeht. sich in
Versuchen pvof. heute zu. morgen: bis an sein Lebens-
ende, :und; darinxbesteht das, Vergnügen,: besteht der
untexhaltendeReiz.. der Reugier, gegenüber dem Nn-
gewissßn:: -Man, schließt immer :auf das;MNeue- Nebex-
einkünfte. - Das einzig: ahsolut. Wahre,. das einzig
Dauernde ;aber, dasnich im Leben: aufgefunden habe,
- - ist, dex, Glaube, mit welchen Jederimmer wieder, das
Zauberwort. entdeckt zu haben meint, welches ihm den'
Stein der Weisen überantworten, die hesperischen
Härten ,erschließen, die wahre Seligkeit bereiten soll.
==- Nicht nur ,Kinder' und Bettler sind,? -wie Goethe



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sagt, ,hoffnungsvolledThoreiü!r Wir fiid- es sammt
und sonders;undnjetthötichierüiidleichter bir hoffen,
um so- leichter und genuußreicher üiäd das Leben.RFü?
die Enttäuschüngen sorgen schondieAiderewl? ? 1
Diese Welteisheit?der:Barönintswai keinem ihrer
Hörer fremd, -dochi mißfiel ihne diefelbeheute noch
mehr als sonst. Die Gräfin meinte eiüleikend, es sei
sehr gut, daß jede Natur sichihte eigene Philosophie
erzeuge und daß kuicht Allenn alsGlaubensartikel und
Leitfaden vorgeschrieben werde,' wasifürnden Einzelnen
sich bequem erweise. Konradineaber lehnte sich mit un-
gewohnter Heftigkeit gegen, dieTheorielihrer Mutter äuf.
Nach den Fragen, welche die Baüönin ihr-am
Sylvesterabende vorgelegt, nachden Zweifeln, kwelche
sie in ihrlleichtsinnigzulerregen bersucht hatte,komnten
die heutigeü Aussprüche derselben ihrnüukh alsKpott
erscheinen,tunisomähr,r als anihr einTreübruch von
deh Prinzen begangei üüd'' NdnnEnräruel einsölcher
gegen Hulda geschehen war- Es beleidigts und quälte
sie, daß-die:Mutter. ihr: gleichsän dn dereSchwelle
ihrer Zukunft ein tunheilverkündeüdes Zeichen -aufzu-
stecken strebe, und ? wie die Muttei den Wechsel' als
einer natürlichen Berechtigung dasWoit geredet hatte,
so -sprach sie sich mit großeö Entschiedenheit für das
Festhalten: an demJ als- recht:nindzgut Erkannten aus.
,Sch gebezu, ' sprach sie, ,daß die Cekemonien
einer Verlobung, einer - HHochzeit hicht:an sich dieKraft
besizen, Frieden zu bringen- oder Glück-zu: spenden;
dsnn nicht der Akt ist es, sondern der: Sinn: und das
Bewußtsein Derer, die ihn schließen, sind es, welche

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über die Zukunft entscheiden. Wer will: die Beweg-
gründe mit raschemWorte zählen, aus denen von dem
Einen oder dem Anderen der Betheiligten unüberlegte
Verbindungen geplant, nicht erwogene Gelöbnisse ge-
than werden? Wo immer aber sich zwei Menschen,
die sich selber und einander innerlich geprüft, die ein-
gnder -durch Erfahrung achten, und aus. Erkenntniß
ihrer? Eigenschaften lieben! gelernt haben, einander -für
deSukunft angeloben,. da noch von Wechsel zu sprechen,
scheinntmir, eine, Beleidigung, ja eine Sünde zunsein.
Denn ;wohin;. kämen-!avir,-wenn. wir auf -uns selbex
nicht, von 0heuteslbis zu Jmörgen, rechnen könnten?und
was wäre all' unser Wollen werth, wenn der eine Tag
dgs -treben des vergangenen' als Kinderspielrund
Seifenblgse in das Nichts zerfließen machte!? -
Der Zwiespalt zwischen Mutter und Tochter; that
sich wieder einmal deutlich auf. Die Mutter meinte
-ironisch, es müsseeine. köstliche Empfindung sein, sich
so,gvie ihre Tochter über jedes Irren erhaben zuglauben'
- ,Irren!r, rief Konradine, ,wernhat -nicht geirrt,
nex(wird, nicht einräumen, daß er: wieder irrenlönne?
Aber-es-ist doch sicherlich ein Unterschied,. obwir einen
Irrthum als ein, Unglück betrachten und beklagen, ob
wir, wwas in mnseren. Kräften steht, dagegen aufbieten,
uns, vgr, demselben zu-hüten,. die Folgen unseres Irr-
thuyue: für uns -und Andere möglichst wenig nach-
theilig werden zu lassen, oder ob wir aus einem Irr-
thume nur auftauchen, um uns leichten Herzensifin
den nächsten zu versenken; ob wir das ewige Irren


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alsunsepefschhnsten»Pggzug hetyachtenzsoder: das- ge-
legentliche»Srrenkönnenund Heirrthahenzalseine;der
jrauxigen -Möglichkeitencasehenztvdr:denen: uneza
hüten;andnach Kräftenn zuwahrenzdigtnothwendigste
unserex sittlichen-Aufggben-istE n gin E -
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---. - Die;Mutter, die: allein;eEwwußtepdaloherzKonra-
dinens Heftigkeit entsprang, nahmüßiegawieAlless.mit
leichtem Sinne hin, und sich mit dem Lächeln, das ihr
schon aus schwereren Verlegenheiten fortgeholfen hatte,
an die Gräfin wendend, sagte sie: ,Man behauptet,
jede Mutter sei eine Art' vdü Madonna. Ich für mein
bescheiden Theil stehe vor Konradinen immer wie die
Madomna da, die ihren Sohn im Tempel vor allem
Volke die Weisheit des Herrn verkünden hörte --
staunend, daß solche Erhabenheit von mir armen Sün-
derin hat ausgehen können; und, im Augenblicke auch
zu Buße und zu Besserung geneigt, falls meine
Atome dazu nicht schon zu steif in einander ge-
wachsen find.!.
Sie stand dabei guf, hob die Arme, sich deh-
nend, mit zierlicher Bewegung über den Kopf, so daß
die immer noch schöne Schlankheit ihrer Gestält sich
anmuuthig darstellte, und rief lachend: , Ach! ich könnte
die Enkel, die wir erhoffen, um die wundexvolle Er--
ziehung beneiden, welche sie von Dir erhalten werden,
falls ich neidisch wäre, oder wenn man auf Enkel
neidisch sein könnte!r
Die Heiterkeit, mit welcher sie das sagte, war so
unwiderstehlich, daß sie die Anderen mit sich fortriß

Kapitel 10


-
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Behnles. Gapites.
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Der Winter war wieder einmal' vorüber, die
Straßen der Stadt waren' wieder trocken, nur noch in
den entlegensten Ecken der eng verbauten Höfe, wo die
Sonne niemals hinschien, war noch hie und da ein
wenig Schnee zurückgeblieben. Die Kinder spielten
schon wieder vor den Thüren,- und- die- älte' Brotver-
käuferin, welche gegenüber von Hulda's Wohnung an
der Ecke des Plazes ihre Bude hatte, ließ Mittags
schon den Schirm von grauer Leinwand' nieder, damit
die Sonne ihr die Waare nicht äusdörre. Der Schirm
ging aber nicht so tief hinunter, daß er ihr das Be-
trachten und Beobachten ihrer Nachbarschaft unmöglich
machte, und just an diesem Mörgen gab es drüben
in dem Hause bei der Wittwe Rosen mehr noch als
sonst zu sehen und zu' bemerken. - -
,Das ist nun der vierte Rosenstock, der heute da
drüben hineingetragen wird,! sagte sie zu dem jungen
Mädchen, das, vor der Bude stehend, wie an jedem
Tage, sich die Backwaare für den täglichen Bedarf der
Fanny Lewald, Die Erlöserin. lll. -

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Herrschaft in ihr Körbchen zählen ließ. , Vier Rosen-
stöcke ünd ein großer Pomeranzenbaum mit Blüthen
und mit Früchten wie für eine Königin: Die Blumen-
Bouquets nicht erst zu rechnen, die ihr die Herren
selber in das Haus getragen haben. Und das ist
mttoch das Wenigste. Früh Mörgens, gleich als ich hier
gufgemacht habe, kam ein Toilettentisch. Der war von
dem reichen Philibert, bei dem mein Sohn in Diensten
ist, und Alles von schwerem Silber darauf. Danach
--
sind noch zweimal von den großen Schachteln in das
- -Haus Igetragen worden, wie sie aus den vornehmen
--- PuzhandlunFen kommen. Und das Alles für die Voll-
aer, die heute ihren Geburtstag hat. Da! da kommt




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sie eben. an das Fenster!?
, Sie deutete mit den Worten nach den Mittel
fenstern des ersten Stockwerkes hinüber, an welchem
Hulda flüchtig erschien und ebenso schnell wieder ver-
schwunden war.
-,Schön ist sie,! meinte das Mädchen, , und bei
uns im Hause machen sie auch viel Aufhebens von
ihr. Ich höre das so im Vorübergehen.?
- - ,Eenn ich es so, denke,! nahm die Alte darauf
wieder das Wort, , lo schnell wie ihr ist es doch keiner
Anderen noch geglückt. Just fünf Monate wird es
her sein, daß sie hier angekommen ist. Es war kurz
vor Martini. Ich sehe sie noch wie heute, in dem
engen Oberrocke und mit dem kleinen Koffer hinter
sich, den ihr das Mädchen von drüben nachtrug, als
die Rosen sie von der Post geholt hatte. Oben in der
einfenstrigen Erkerstube hat sie dazumal gewohnt und

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Morgens die Sperlinge gefüttert mit ihrem Frühstücks-
brot. Das war freilich nicht so vornehm wie jetzt der
Papagei, den Herr Philibert ihr angeschaft, und den
mein Sohn auch hingetragen hat.!
Das Brot war eingezählt, das Mädchen legte das
Geldstück hin, die Alte suchte in ihrer Lade nach der
kleinen Münze, die sie darauf herauszugeben hatte,
während Jenes noch einmal nach den uit Blumen
besezten Fenstern der Schauspielerin hinaufsah und
seufzend das erhaltene Geld in ihre Tasche steckte. Die
Alte fragte, was ihr fehle.
,ch, Nichts,! entgegnete die junge Magd, ,aber
-- zu leiden ist Unsereins ja doch auch -- und wenn
man sich es so überlegt, wie man sich ,zu quälen, und
was man Alles stillschweigend hinzunehmen, und wie
man seine. Kräfte zuzusetzen hat,. und sieht daneben,
wie so Eine es gut haben kann nur mit ihrer Schönheitl?
,Der Vollmer ist Nichts nachzusagen!! bedeutete
die Alte warnend.
Die junge Magd warf den hübschen Kopf, den
das Häubchen mit den breiten bunten Bändern zierlich
einschloß, kokett in den Nacken und warf die rothen
Lippen spöttisch auf. ,Nichts nachzusagen? Dazu kemnt
man doch die Herren auch -genug.- Meinen Sie, ich-
könnte es nicht auch ganz anders haben, wenn ich es
wollte und mich, darauf verlegte! Aber freilich für
Nichts gibt es Nichts, und sie sind ja Eine wie die
Andere beim Theaterl'' sezte sie hinzu, indem sie rasch
pon dannen ging, die perplauderten Minuten leichten
Schrittes einzubringen.
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-' ,Sie sind Eine wie die Andere bei dem Theater,!
hatte die junge Magd gesagt, und sie hatte damit
nur ausgesprochen, was sie oftmals an dem Tische und
von der Gesellschaft ihrer Gebieterin hatte behaupten
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hören. Sie hatte, ohne sich dessen irgendwie bewußt
zu sein, die landläufige Ansicht wiederholt, deren Wir-,
kung Huldg Fowohl in der zudringlichen Galanterie
der Mämner, als in der vorsichtigen Abwehr kräänkend

, exschienen war, mit welcher die Frauen der bürgerlichen
- Gesellschaft sich gegen die Bühnenkünstlerinnen zurück-
hielten.
-. Und doch hatte das Glück Hulda seit der Stunde
- ihres ersten Auftretens auf der Bühne unausgesezt ge-
lächelt- Es war in der That, wie die Alte es gesagt
hatte.
- Käum einer anderen jungen Schauspielerin war -
? - es'jemals so wie ihr gelungen, gleich bei dem ersten
- - Schritte, den sie in die Deffentlichkeit' that, den Plazz
einzunehmen, den sonst jahrelanges Streben und Ar-

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beiten'nur mühsam erringen, so wie sie die Vorliebe
des Publikums im Allgemeinen, und einen bestimmten
petsönlichen Anhang, gleichsam durch Erbschaft anzu-
- treten. - Ps hatten eben wieder einmal über dem Leben
eines Menschen jene freundlichen Sterne am Horizonte
gestanden, unter deren heilbringendem Einflusse er als
der rechte Mensch auch zur rechten Stunde in die frei
gewordene Stelle eintritt. Fast ohne ihr Zuthun hatte
fie den' Platz ausfüllen, in ihm Wurzel schlagen,
wachsen und sich in einer Weise entfalten können, daß,

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sie sich oft fragen mußte, wie -das Alles denn ge-
schehen und möglich geworden sei?
An ihrem Geburtstage mehr denn jemals hatte
auch sie sich jenes grauen November-Abendes erinnert,
an dem sie, wie die alte Höckerin es sehr genau gee
schildert, in dem schlechten Oberrocke, das Köfferchen
mit ihrer ärmlichen Habe als einziges Besizthum, un-
befreundet und weltunkundig, oben in das Erkerstübchen
eingezogen war, das manchen ihrer stillen Seufzer ge-
hört und in welchem sie in sorgenvoller Ungewißheit
über ihre Zukunft manche Stunde der langen Winter-
nächte arbeitend und lernend zugehracht hatte.
Das Stübchen hatte' sie, noch auf Feodören's Rath,
gleich an dem Tage aufgegeben, an welchem sie ihr
zweijähriges Engagement bei dem Holi'schen Theater
unterschrieben. hatte, denn die Zeit der sorgenvollen Un-
gewißheit über ihre Zukunft war damit vorüber. Sie
war ihres Talents wie ihrer Schönheit sich sehr be-
wußt. Ein Rückwärtsschreiten war für sie auf dem
Pfade der Kunst nicht möglich, wenn sie sich in ihrem
Arbeiten und in ihrem Streben gleichblieb. Nur von
ihr, das fühlte sie, hing es fortan ab, was jie aus
ihrem Leben machen wollte. Der Weg, auf welchem
Gabriele und Feodore ihre Lorbeern gepflückt, ihre
Triumphe errungen und Freude, Genuß, Erfolge aller
Art geerntet hatten, lag' vor ihr, wie er vor' Jenen
einst gelegen hatte. Heute schon blühten troz der frü-
hen Jahreszeit die Rosen auf ihren Tischen und an
ihrem Fenster, wie einst in Gäbrielen's Zimmmner. Sie-
war jung, sie fühlte es als ein Glück, daß sie Künst-



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lerin, daß sie berufen war, den Menschen die herrli-
chen Gebilde der Dichtkunst zu verkörpern. Ihres,
Vaters feines Verständniß hatte sie frühzeitig zu der
Bewunderung derselben angeleitet, und ihre junge
Seele hatte sich an diesen Dichtungen erhoben, wenn
Frost und Schnee und Eis das einsame Pfarrhaus-
am Meeresstrande halbe Jahre lang umgeben hatten,
und wenn in ihrem Gärtchen die langen, stillen Som-
merabende sanft und wechsellos an ihr vorübergezo-
gen waren.
Es war ihr immer noch feierlich zu Muthe, so oft
, der Vorhang sich hob, so oft die Seene herankam, in
welcher sie hervorzutreten hatte, feierlich und andächtig,
wie in des Vaters Kirche, wenn der leichte Wind vom
Meere' her zur Sommterszeit die Vorhänge an der Eichen-
thüre leicht bewegt hatte, und eine große, reine Freude -
erfüllte ihr Herz, wenn sie die Worte unserer Dichter
vor dem lauschenden Ohre ihrer Hörer aussprechen und
sich es sagen durfte, daß sie den rechten Ton getroffen
habe, daß ihr Wort Anklang und Widerhall finde in
den Herzen der Menschen.
- NeuesLeben, neue Kräfte und Empfindungenwaren
in ihr wach geworden, seit sie dieGedanken und Ge-
fühle, welche der Dichter in seine Gestalten gelegt hat,
sich angeeignet und in sich durchlebt, durchlitten hatte.
Alte Erinnerungen an unvergessene Tage hatten in
ihrem Herzen ihre immer wiederholte Auferstehung
gefeiert, und ihre erweiterte Einsicht und Erkenntniß
hatten ihr Licht auch über ihre Vergangenheit gewor-
fen. All das blöde Lieben und das stille Leiden ihrer

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ersten Jugend, wie blaß, wie ohnmächtig erschien es
ihr, neben der gewaltigen Leidenschaft, die sie jetzt aus-
zudrücken gelernt hatte. Jezt erst meinte sie die Kluft
ermessen zu können, die sie damals von Emanuel ge-
trennt hatte, und einsehen zu können, durch welche
Eigenschaften ihrer Natur und ihrer, Bildung, ihm
Konradine mehr verwandt gewesen sei, als sie. Sie
hatte seiner nicht vergessen und konnte ihn nicht ver-
gessen, denn die Liebe zu ihm und die Trennung von
ihm waren die beiden Ereignisse gewesen, welche ihrem
Leben die bestimmende Richtung gegeben hatten; und
an ihn und an ihren Vater dachte sie, wenn der freudig
rauschende Beifall bes Publikuns sie über sich selbst
hinaushob, oder wenn das Bewußtsein, daß ihre Auf-
gabe' ihr gelang, ihre Brust mit stiller. Befriedigung
erfüllte.
Indeß keinem wahren Künstler ist es gegeben,
sich gleichmäßig genug zu thun; keinem wird der
Schmerz erspart, mit seinem Können hinter seinem
Wollen weit zurück zu bleiben, und entnuthigt an
sich selber irre zu werden, wenn das Bild, das er im
Innern trug, sich nicht so wie er es in sich hegte, zur
Erscheinung bringen lassen wilk; denn Selbstgenügen ist
das sicherste Zeichen der Mittelmäßigkeit und der Be-
schräänktheit. Mit der wachsenden Einsicht in die
Kunst, wächst der Zweifel über das selbstgeschaffene
Kunstwerk, und kein Künstler darf des Erfolges seiner
Leistung im voraus weniger gewiß sein, als der Büh-
nenkünstler, dessen Wirksamkeit unabänderlich auf das
Mitwirken Anderer, auf ihr Können, auf ihren guten

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Willen angewiesen und dem es nicht einmal vergönnt
ist, das, was ihm im, Augenblicke mißlang, im näch-
sten Augenblicke zu verbessern. Seine beste Leistung
,ist das Werk des Augenblicks, an diesen gebunden,
vergänglich wie er; und nur als Schatten des Augens
blickes, als Erinnerung fortlebend in dem Gedächtniß
Derer, welche Zeugen der augenblicklichen Schöpfung,
ihrer Vorzüge, ihrer Mängel gewesen sind.
z - Hulda aber hatte es nach Feodoren's Abgang
-peinlich zu erfahren gehabt; was der gute Wille. eines
Mditspielexs für den Schauspieler bedeute. Denn die
.Delmär konnte es nicht verschmerzen, sich von Feodoren
n ihren besten Rollen verdunkelt, sich, wie sie es nannte,
pon ihr heimtückisch gekränkt zu sehen; und da es ihr jetzt
Jrnicht mehr vergönnt war, sich an der Entfernten, von
jedem Zusammenhange mit dem Theater losgelösten
Frau zu rächen, ließ sie ihr Nebelwollen und ihre üble
Laune gegen Hulda aus, sofern sie es thun konnte,
ohne, ihren eigenen Erfolg dadurch zu schädigen.
gr Huldahatte das entgegenkommende Zusammenspiel,
das andeutende Fordern des im nächsten Augenblicke
zu Leistenden, an das die kluge und gefällige Berech-
nung Feodoren's sie im wohlverstandenen gemeinsamen
Interesse bei ihren drei Probevorstellungen gewöhnt
hatte, empfindlich zu vermissen, wenn sie mit der Del-
mar spielte, was bei der verhältnißmäßigen Beschränkt-
heit des Personals nur selten nicht der Fall war; und
die Delmar unterließ es nicht, dasjenige, wwas sie in
solchen Fällen verschuldete, der mangelnden Achtsamkeit
und dem mangelnden guten Willen ihrer jüngeren

ur
Kollegin zur Last zu legen. Der Direktor, öer Re-
gisseur und Lelio sahen deutlich, wo der Fehler lag
und weshalb manche Einzelnheiten Hulda jetztwweniger
als in ihren Antrittsrollen glückten. Sie selber em-
pfand es noch viel bitterer, und die Männer kamen
ihr eben deshalb in den Scenen, welche sie mit Hulda
spielten, wie es sich gebührte, bereitwillig entgegen.
Aber die sämmtlichen- Frauen, und namentlich die jün-
geren, die sich, berechtigt oder unberechtigt, mit der Hoff-
nung geschmeichelt haben mochten, einmal Feodoren's
Nachfolgerinnen zu werden, stellten sich auf die Seite
der Delmar; und so wie Hulda im-Publikum die Erb-
schaft von Feodoren's Freunden angetreten hatte, fiel
ihr auf der Bühne, ohne ihr Verschulden, auch die
Feindschaft aller Gegner Feodoren's zu, deren Zahl. nicht
klein gewesen war.
Sie war kaum einige Wochen auf der Bühne
gewesen, -als es bei dem weiblichen Personale zu einer
feststehenden Behauptung geworden war: daß Hulda
noch weit eitler,, noch mißgünstiger und noch berech-
nender als Feodore sei; daß sie, um keine andere
Schauspielerin an dem Beifalle des Publikums theil-
nehmen zu lassen, den sie etwa ernten könne, in den
Scenen, welche sie mit den Frauen spiele, Mlles mit
geflissentlicher Gleichgültigkeit abthue, wie die italieni-
schen Sängerinnen, die ihre Kräfte für die Bravour-
Arie sparen. Erst wenn sie die Männer sich gegen-
über habe, wenn sie nicht nur das Publikum verblen-
den, sondern Lelio und auch den älteren Männern auf
der Bühne den Kopf verdrehen wolle,i dann wache sie






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auf aus ihrer kühlen Ruhe, dann werde sie Feuer und
Flamme, dann reiße sie die Anderen und das Audi-
torium mit sich fort. Die Zustimmung und das Bei-
fallsklatschen aber würden dann von der leicht zu er-
kaufenden Galanterie ihrer Mitspieler, huldigend ihx
allein, der unvergleichlichen Schönheit, zugewiesen und
zugeschrieben.
-- Der Direktor und die andern Männer traten all
diesen kleinen Fallstricken, welche man dem begabten
und-für die Kunst begeisterten Mädchen in' den Weg -
zu legen suchte, geschickt genuug entgegen. Sie traten
auch mit offenem Worte und mit gewandter Abwehr
für Hulda ein, wo es sich eben thun ließ. Das machte
jedoch das Nebel nur noch ärger, denn es reizte den
Groll der Delmar bei jedem Anlasse, es verstärkte den
Neid. der anderen Frauenzimmer gegen Hulda, es
befestigte dieselben in dem Glauben, daß sie unter
-dem Anschein ruhigsten Betragens sehr wohl die
Kunst verstehe, die Männer an sich zu ziehen und zu
fesseln; und da Hulda, so viel an ihr war, sich be-
mmuühte, mit den Frauen, namentlich mit den jüngeren
Schauspielerinnen - zu- einem guten Einvernehmen
-zu gelangen, sah die Delmar darin nur den
pölligen Beweis dafür, daß Feodore ihre. Nachfolgerin
dazu angeleitet habe, ihr sogar die Anhänglichkeit ihxer
bewährtesten Freundinnen mißgünstig und herrschsüchtig
zu entziehen. Sie -war aus selbstsüchtiger Be-
schränktheit unfähig, etwas Anderes zu denken, als
sich selbst, und eben deshalb auch genöthigt, den Hand-
lungen eines jeden Anderen Beweggründe unterzus
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schieben, welche sie auf sich zurückführen und als für
oder gegen sie gerichtet, betrachten konnte. Sie hatte
gegen Feodore unablässig intriguirt, hatte sich von die-
ser endlich überlistet und besiegt gefunden, ihr Cha-
rakter hatte sich dadurch noch mehr verbittert und ver-
fchlechtert, und Hulda hatte die Wirkungen davon zu
tragen.
Es gab der kleinen Zwischenträgereien, der mit
Voreingenommenheit gehörten und gedeuteten Nach-
reden gar kein Ende. Ein verdächtigendes Nebel-
wollen wie dasjenige, welches sie in ihrer Heimat nach
ihrem ersten Aufenthalte im Schlosse nur schattenhaft
und doch so verlezend berührt hatte, trät jetzt in den
Koulissen fest und deutlich gegen sie auf, und un-
fähig, ihm zu trozen oder sich davor zu wwahren, blieb
ihr Nichts übrig, als sich von demselben'abzuwenden
und sich an Diejenigen zu halten, die sich ihr ergeben
und zugethan erwiesen - an digg Männer.
Der Doktor, lächelte, wenn Hulda sich darüber
beschwerte, daß ihre Kolleginnen sich ihr abgeneigt be-
zeigen. , Haben Sie geglaubt,! fragte er, , daß un-
bedeutende Menschen eine Bedeutung anzuerkennen
vermögen? Oder haben Sie erwartet, daß Frauen
von gewöhnlichem Aeußeren sich an fremder weiblicher
Schönheit erfreuen sollen?=- Mißtrauen Sie allen
mittelmäßigen Frauen! Sie werden mit Naturnoh-
wendigkeit immer Ihre Feindinnen sein.!- In
gleicher Weise suchte Lelio ihr zuzusprechen.
,Man muß, wie Sie, aus der Eiisamkeit des
fernen Thule kommen,! sagte ihr der erfahrene Künst-

- ler, der Hulda lieb und werth hielt, weil sie ihm die
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erwünschteste Partnerin und weil er selbst gebildet und
ehrenhaft genug war, ihr ehrliches Streben und ihren
reinen Sinn zu schätzen, ,man mnß weltfremd sein
wie Sie, um auf den Brettern die Verwirklichung
seiner Ideale zu suchen. Denken Sie des Morgens, da
ich Sie zum erstenmale durch die dunklen Gänge auf
die Bühne führte. Es scheint kein helles Tageslicht
auf diese Pege. Wenn. Sie nicht eine Sonne in sich
, tragen, die Ihnen leuchtet und vorleuchtet, wenn. Sie-
sich nicht- zum voraus mit einem guten Harnisch waff-
nen, der Sie gleichgültig macht gegen Alles, was um
Sie her und wider Sie. geschieht, wenn Sie sich nicht
neben der Theaterwelt, in Ihrem Innern eine eigene
Welt erbauen, und es nicht lernen, auf sich selber zu
beruhen, sich selber, Gesetzgeber zu sein und Richter,
so gehen Sie nöch heute in Ihr Dorf zurück. Denn
auf den Brettern heißt es wie im Feenmärchen: , Vor
mir Licht und hinter mir dunkell? Man muß vor-
- wärts sehen auf das Ziel, das man erreichen will, vor-
wärts, wo in dem Lichterglanze des Hauses, der freu-
dige Beifall der Menge uns entgegenkommt, und hinter
sich im Dunkel der Koulissen liegen lassen ,im wesen-
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Z?F =- = =e =w- == --- s

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. Es lag in allen solchen Rathschlägen. und trösten-
den Bemerkungen neben einer Wahrheit, für welche
Hulda selbst in der Beschränktheit ihres Erfahrungs-
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zu entziehen vermochte, und dem- sie sich. bald bereit-
willi; überließ. Wer widerstände auch der Genug-
thuung, sich schon in früher Jügend als ein von der
Gunst des Himmels bevorzugtes Wesen betrachten zu
dürfen? Wer trüge den Kopf nicht unwillkürlich höher,
wenn er sich mit Freuden beobachtet, wenn er sich be-
wundert, von der Bewunderung der Menge gehoben,
von ihrem Beifalle umrauscht findet? wenn unerwar-
tetes Gelingen ihn muthig. und selbstvertrauend macht,
und wenn man ihm noch zu dem Allen die;Prophe-
zeiung giebt, daß dies nur schwache Alnfänge seien,
und daß er berufen sei, sich über seine Umgebung weit
hinaus zu einer ganz ausnähmsweisen Stellung em-
porzuschwingen?
- Solche Voraussagungen aber machte man für
Hulda, und ein stolzes, freudiges Etwas iü ihrex Seele
ermuthigte sie an dieselben zu glauben Was focht
sie daneben das kleinliche Gebahren ihrer Nebenbuh-
lerinnen an? Feodore hatte ihr -es oftmäls wieder-
holt, wie Neid und Nebelwollen der Schauspielerinnen
sie gepeinigt, wie die spießbürgerliche Scheelsucht der
Frauen sie verkleinert und verleumdet, welche es ihr
nicht gegönnt, wenn die Bewunderung und Huldigung
ihrer Söhne und ihrer Männer sich ihr zugewendet
hatten. Sie hatte es ihr geschildert, wie der Starr-
sinn der Famrilie Van der Vließ, die- sich ihter Heirath
mit dem Geliebten und Liebenden beharrlich widersetzt,
sie endlich dahin gebracht habe, auf Herkommen' und
Ehre und sogenannten guten Ruf niit, vollem Be-
wußtsein zu verzichten, um sich und deü Geliebten

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genug zu thun, und jenen beschränkten Hochmüthigen
mit offenem Visir zu trozen. Hatte denn Gabriele
nicht ebenso gehandelt und anders handeln können,
ehe sie dem Fürsten heimlich in morganatischer Ehe
verbunden worden war? Was blieb denn auch den
Bühnenkünstlerinnen übrig, an deren Leistungen die
anderen Frauen sich erfreuen, die zu sehen und zu be-
wundern sie sich herandrängen, die gelegentlich als Merk-
-würdigkeiten in ihren Sälen vorzuführen, sie sich zum
Pergnügen machen, und die sie dennoch weit entfernt

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sind, als ihresgleichen unter sich leben zu lassen -
was blieb denn den Künstlerinnen übrig, als es sich
zunute zu machen, däß man sie ais den engen bürger-
Tichen Schranken ausschloß? Was konnte sie Besseres
thun, als die schöne Ungebundenheit und Freiheit nun
auch wirklich zu genießen,. zu welcher die oftmals nur
erheuchelte Sittsamkeit der Anderen sie verdammen zu
wollen -schien? Konnte man denn leben wie Iene?
Könnte man sich entfalten, eng eingekeilt in veraltete
Begriffe, angekettet an Vater und an Mutter, gebun-
den an die Stunde und an des Hauses Schwelle?
- Konnte man in solchem Käfig die Flügel regen, wie
gn sie regen muß, um sich aufzuschwingen in höhere
Regionen? Konnte man sich abfinden mit dem be-
scheiden winkenden Gruße eines blöden Schäfers, wenn
man sich aus den Armen eines Max Piccolömini ge-
gissen, oder das ganze Elend des menschlichen Daseins
in Gretchen's Gefängnißzelle schaudernd und erzitternd
in sich durchlebt hatte?

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Nein! Hulda sah es mit jedem Tage klarer, deut-
licher, empfand es in sich selbst fortreißender und ge-
waltiger: wwer große Leidenschaften darzustellen, sie also
in sich zu durchleben hat, wer sich gewöhnt, sich immer
wieder mit seinen Gedauken zu den Höhen des Da-
feins emporzuheben und sich in seine- Tiefen zu ver-
senken, wer wie ein Künstler vielfaches Emwpfinden,
vielfach gestaltetes Leben in sich aufzunehmen, in sich
und durch sich zu vexkörpern hat, dem darf die
Schranke nicht zu eng gezogen, dem muß die Freiheit
zugestanden werden, deren er. sich benöthigt fühlt.
Der schöpferische Mensch muß im Leben die Kraft aus-
leben dürfen, welche das künstlerische Gestalten in ihm
erweckt und löst, und kann nur in sich selber die
Grenze erkennen, an welchex für ihn, für seine Natur,
für seine sittliche Erkenntniß öas,,Bis, hieher und
nicht weitet!' aufzustecken und festzustellen ist: Großes,
freies, kühnes Schaffen und ängstliches Sichanklam-
mern an Gesetze, -die für- andere Verhältnisse gegeben
worden sind,' können mit einander nicht bestehen. Der
Direktor, Lelio, Feodore - sie Zatten recht! Hulda
konnte als Bühnenkünstlerin nicht die Pfarrerstöchter
bleiben, durfte sie nicht spielen wollen. Und weshalb
sollte sie es auch, da sie, nichtsBöses dachte oder that?
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Kapitel 11



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Eilftes Eapites.
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Der ganze Morgen ihres Geburtstages war Hulda
in heller Freude hingegangen. Sie hatte Besuche ge-
habt von all. den Männern, die sich ihre Freunde
nannten, und sie war es nun schon lange gewohnt,
Männer bei sich zu sehen und mit ihnen sicher zu
verkehren. Es gehörte zu den Bedingungen ihres
jetzigen Berufes.
Sie konnte es nicht verweigern, die Besuche der
Recensenten anzunehmen, auf deren guten Willen sie
angewiefen war, und die Kollegen zu sehen,. deren
Mitwhirken ihr eigenes Leisten unterstüzte. Es wäre
eine Thorheit gewesen, sich den fördernden und unter-
haltenden Verkehr mit den beiden älteren, kunsterfah-
kenen Freunden Feodorens zu verjagen, oder Lelio's
,Besuch zurüczuweisen, zu dem sie ein Vertrguen und
eine Zuneigung gewonnen hatte, die er ihr ebenso
ehrlich erwiderte.
- Kaum ein Tag verging, ohne daß Lilio sie be-

suchte. Er war von einer guten Familie, hatte eine
-- gute Bildung genossen, war aus Liebe zur Kunst,

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troz des Widerstrebens der Seinen, Schauspieler ge-
worden, und seine ganze Erziehung und Vergangen-
heit machten ihn dazu geeignet, Hulda's eigentlichen
Werth zu erkennen und' zu schäzen. Ihk' auf das
Edle gerichteter Sinn, ihre reine Gesittung machten
sie ihm werth; die Ordnung uid Saüberkeit, die in
ihrer Wohnung herrschten, mutheten ihn heimisch an.
Er, mehr als alle Anderen, komnte ihr nachempfinden,
was Alles sie bei ihrem Eintritt in die neue Lauf-
bahn in sich zu überwinden gehabt hatte; und er
stand ihr deshalb gern zur Seite; wö ihr Muth ein-
mal schwankend wurde, oder wo immer er ihr nütz-
lich sein konnte.
Da sie fast regelmäßig ihre Paitien mit ihm z
spielen hatte, las er mit ihr die Rollen, die sie all-
mälig einstudiren mußte, und die'ihmi' langef geläufig
waren, und sein Rath, seine Bühnenerfahrjing halfen
ihr aus. Er nahm sich ihrer in jedem' Betxgchte an'
wie er nur immer konnte, und''es wähfte denn auch
nicht lange, bis man in den Köulisfen der Ansicht
war, Lelio könne' und werde üni seiner neuen Mit-
spielerin willen die entfernte Geliebte wohl vergessen.
Aber gerade diese Liebe war es, die dem Verkehre
zwischen Lelio und Hulda eine'rühige Sichetheit gab,
weil sie es fühlte,' daß er keine' Art'von Anspruch an
sie mache.' Er war der Einzige von allen Männern,
die ihr nahten, dessen Verhalten zi ihr, Nichts von
jener begehrlichen Huldigung an sich trug, gegen die
sie auf ihrer Hut zu sein gelernt hatte. Er allein
Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ü.
1

I46
zßte es agh,. wwie, sie dazu -gekommen wär, die Hei-
zät, zu ;gerlassen und in die effentlichkeit zu treten.
Ihin' konnte sie -es sagen, wenn. inmitten. ihrer un-
exwarteten. Erfohge,. es sie plözlich wie ein Schmerz,
wig ejn Heimweh. ggch der arglosen Unerfahrenheit
ihrer frühexen Fage, wie eine Sehnsucht nach sich selber
bekfjeh..;
, Sie, hatte es ihm, geschildert, wie liebevoll die
Wtter, und, der, Vgter,, troy, der Aermlichkeit?hres.
Lebens, dgch,,tn jedemy, Jahre, eine-unerwarteteFreude
s
z =-

- für, sie, erymöglßcht ,hatten, wie herrlich ihr das schlichte;
neue Kleid, erschienen, wie unschätzbar das neue Buch
ihr gewesen sei; und er hatte sie eben erst verlassen,.
e hatte ehen, erst die Thränen, liebevoller Exinnerung
R? zgz
unter seinem freundlichemzSuspruche hinweggelächelt;
al Philibexg bei ihr exchien.-
-. Er wzar ein noch junger, Mann von: stattlicher
Gestalt., In sgner. bleichen, feinen Farbe, in, seinen

dunklen. Augen, wwie in sejnex feuxigen Lebendigkeit gab
.

ßhshgs spgnfsche, Bluut der Mutter, kund. Aus seiner
seßßgewissez Sicherhejt sprach-eben das Bewußtsein
des, reichgehornen Kaufmannssghnes;von patrizischem
Geschlechte,, guch die, Eeihtigteit des lebenslustigen
Weltmannes fehlte, ihm . nicht.;, Aber;er, hatte Hulda
an dem Abende, ,als;er -sßgwvon Feodoxens Doltergbend
heimgeleßet,, durch den,; uygestüguenMAusdruck, jeiner;

lgenschgftlichen, Bewunderung helejdigt und- erschreckk.
- ? ,ßz,an jhm deshglb, jg; yiel-an,ihr. wwar,-immer
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1i?
Darüber' hatteer sich brieflich bei seiner Freundin
Feodore schwer beklagt, und diese -hattesihm bei'Hulda
scherzend das Wort geredet. Er war dann in des
Doktors oder in Hochbrecht's Gesellschaft bei'ihr vor-
gesprochen, hatte sie; da; sr bei seiner Bekanntschaft
mit dem Direktor freienn Zütritt zu der Bühne hatte,
in ihrer Garderobe' gelegentlich -besucht-- wie es in
jenen Tagen' in' den Theatern gang und gäbe' war =
und Hulda- hatte sich allmälig darangewöhnt; ihn, so
öft siespielte, auf 'seinemPlatzezunächst' der:Bühne
zu erblicken, ihn seine Bewunderugt lebhafter kund-
geben zu hören, als es die Anderen thaten, und den
, Blumenftrauß mit dankendem Blicke aufzunehmen,
den er ihr zuzuwekfennicht verfehlte; wenn irgend sich
dazu der Anlaß bot? Sie hatte' sich endlich auch
darein -gefunden, -ihn gelegentlich inn ihrer -Behausung
zu empfangen.
Aber seiner: Besuche wurden mehx Iund- mehr.
Die kleinen Aufmerkjamkeiten,- wwelche -er; ihr dürch
mancherlei. Neberraschunngen erwies,- wiederholten sich
häufig, und Hulda hatte sich nicht dagegen gesträubt,
jene kleinen Nichtigkeiten von ihm Anzunehmen, mit
-denen man einer Frau eine flüchtige Freydezumachen
s wohl berechtigt ist. Indeß, ihr Einpfindenilehnte sich
lebhaft-dagegen auf, - einem fremden. Manne Jund
gerade Philibert ein Geschenk zu verdanken; wie er:es
durch Mitwirkung ihrer Hauswirthin uüd ihrer Die-
nerin in ihrem Zimmer hatte -aufstelleni Hssen ehesie
am Morgen in dasselbe eingetreten war.
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Sie hatte ihn den ganzen Vormittag mit inne-
rem Mißgefühl erwartet, und seine Ankunft über-

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18
raschte sie trotzdem.
- ,Ich komme spät,! rief er, noch ehe sie die Zeit
gefunden hatte, ihm ein Wort zu sagen, ,ich komme
spät, weil' ich wenigstens heute Sie einmal nicht mit
Anderen theilen wollte. Ich wußte, daß Sie heute
keine Probe haben, ich wartete also, bis die Glocke für
die Anderen geschlagen hatte,, und ich komme' nun,
Holdeste! Ihnen immer das altef Lied zu singen.,: -
äe; ,Das ich. kenne!!: fiel sie ihm mit einemLächeln
indie. Rede.
- ., Und das ich Ihnen so lange wiederholen werde,!
fuhr er fort, ohne sich durch ihre Unterbrechung stören
zu lassen, , bis Sie es mir glauben, daß Sie mich
zuf keine Weise dazu bringen können, Sie nicht an-
zubeten, und bis Sie sich darein ergeben, in mir einen
Freund auf jede. Probe zu besizen, über den Sie un-
beschränkt gebieten können.!
! ,Die Erfahrung habe ich eben heute nicht ge-
macht!!;entgegnete sie ihni - -
. Er fragte, was sie damit sagen wolle.
.. -- Hulda fühlte, daß sie ihm. in diesem Augenblicke
die beabsichtigte Erklärung geben mußte, und das
machte sie ängstlich. Aber sie überwand ihre Verlegen-
heit, so schwer ihr es wurde, und mit ruhiger Miene,
bittend zu ihm emporsehend, sprach sie: ,Es liegt
etwas sehr Kleinliches darin, sich gegen Güte zu ver-
wahren, die man uns erweist. Aber wenn ich, wie
Sie es nennen, nur zu befehlen habe, weshalb geben

19
Sie meiner Bitte nicht Gehör, die ich an Sie schon
einmal gerichtet habe?
Sie machte eine kleine Pause, und da sie sah,
wie seine unterdrückte Heftigkeit ihm -das Blut zu
Kopfe trieb, ging sie von ihm fort, zu dem Tische,
auf welchem die Blumentöpfe standen, die er ihr ge-
sendet, und von denen sie eine vollblühende Rose ge-
pflückt und an die Brust gesteckt hatte: ,SSehen Siej
fuhr sie fort, ,wie ein Kind habe ich miäh heute von
Herzensgrund gefreut, die schönen Rosenstöcke zu be-
sizen. Eine blühende Rose- wie diese, war eine große
Seltenheit für mich in meinem Vaterhause. Warum
mußten Sie mir diese harmlose Freude schmälern
durch ein Geschenk, dessen Größe mich erschreckt und
mich drückk?
,Eine solche Kleinigkeit!r rlef- Philibert. ,Wie
mögen Sie nur ein Wort darum verlieren. Der
trübe Spiegel in Ihrem Simmer hat mich schon lange
verdrossen. Es däuchte mir eine Sünde, daß Sie
allein nicht wissen sollten, wie schön Sie uns er-
scheinen! Und welcher Spiegel wäre gut genng, Ihr
Bild zurüchustrahlen, da er doch mur ein todtes
Metall, nicht wie das Auge, ein Herz zu seinem
Hintergrunde hatl?
Sie nahm die Schmeichelei, diese Spielmarke der
Empfindung, mit dem ebenso cowventionellen An-
scheine des Vergnügens auf, ohne. sich dädurch von
ihrem Vorsatze abbringen zu lassen; und auf seine letzte
Wendung eingehend, versetzte sie: ,lnd wwenn ich' nun
heute eine Bitte' wagte an das Herz, das hinter Ihren

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15O
Augenlebt? wenn ich eine. ganz bestimmte Forderung
an dasselbe stellte, würden Sie sie mir gewähren?
,Alles, was Sie. wollen!! entgegnete Philibert,
dem das Mädchen, wie es sich ernst und bewegt an
seiner Seite niederließ, noch schöner dünkte, als er
es je im Lampenlicht vor sich gesehen hatte.. -
, Sie zögerte indeß zu sprechen, schien das Wort
nicht finden zu können, und sagte endlich stockends und
mit gepreßter. Stimme: ,Ich stehe ganz allein, bin
ohne zngehörige allein auf mich gewiesen, habe Nie-
- manden, der -Hür mich eintritt,- als ,mich, selbst, -und
Nichts, was ich mein Eigen nenne, als mein gutes
Gewissen und meinen guten Namen.!=- Sie hielt
inne, versuchte zu lächeln, wie sie ihn ansah, aber es
gelang ihr nicht, denn das Herz war ihr zu schwer.
,Ich -möchte gerne,! fuhr sie fort, zdaß Sie mir
glaubten, daß Sie, nicht dächten wie so Manche: eine
Schauspielerin, welche; die Predigerstochter auf der
Bühne: spielen pill!=- All! mein Können, all' mein
Talent,-ja mein ganzes,Streben pürden für mich un-
möglich- werden, wenn ich - pich von den Menschen
wergchtet-denken müßte, wenn ich mir nicht selber sagen
dürfte, daß ichpor, den Menschen und vor mir selber
bestehen kann.
- , Habe ich Sie beleidigt? Bin ich Ihnen je zu
nahe getreten? Oder was habe ich gethan, was an
meiner Stelle nicht jeder Andere gethan hätte? - rief
Philibert, dem diese Seene- in dem Zimmer einer
- ..a7are

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druck machte? ch anke'SFnen üüb AheeüTalente
immer wieder neue Freüde=- istes ein Uiiecht, wenn
ich Ihnen' dieses zu vergelten- suche??- -
,Ich spiele nicht füe Sie Mlleli, ich'splele für
Alle, es ist mein Beruf zu- spielen, und ich wwerde ja
dafür belohnt!f entgegnete sie fest.--
,Sie werden von der Direktion belohnt für das,
was Sie ihr und der großen Masse leisten!'' warf
Philibert ihr lebhaft ein. ,Wenn äbek Ihr Spiel,
wenn Sie, wenn die Freude Sie zu sehen, mir mehr
werth sind, als die große Menge, die sich durch den
Kauf ihrer Billets mit dem- Direktor abgefunden,
irgendwie ermessen kann, -wein ich''einen Getgßß em-
pfinde, von dem jene Anderen vielleichi Nichts' zu'ver-
stehen fähig. sind-- soll ich Ihnen dies gicht zeigen,
nicht anerkemnen,' nicht ausshrechenf uü daiikeirdürfen,
wie zu thun mir es ein Glück lsi?=- Söllih' Ihnen
für ein unwergleichliches Entzückeii, däs Sie mir
bereiten, nicht bieten dürfen, was auch Sie er-
freuen kann?? .
Sie schüttelte verneinend däs Haupt?' ,Ihr Bei-
fall freut mich, ermuthigt mich,' erwiderte sie. AAber
ich bitte Sie darum, und ihre Stininie bebte, als
sie es ihm sagte, , machen Sie: mthr-iticht' Geschehke
die mich verdächtigen! Bringen Sie mich nicht in
die Lage, erröthen -und die Augen niederschlagen zu
müssen, wenn man mich ihn Besize' voSHerklichkeiten
findet, die ich nicht erworben'haben kait? Bewahren
Sie mtch' davor, daß ich Sie erzürnne,' däßich eiü häß-

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lches Aufsehen errege, wenn ich - die Geschenke, die
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Sie mir machen, Ihnen zurücksenden muß.?
, Sonderbares Mädchen!! sagte Philibert, den
Hulda's Verhalten aus der, gewohnten Stimmung
brachte. Sie bemerkte es und es gab- ihr Muth.
,Ich glaube es,! rief sie, ,ich weiß, Sie haben
es gut, mit mir gemeint. Aber Sie haben Hochbrecht's
Befremdung gicht gesehen, als er diesen Ankleidetisch,
dessen eine Füxstin sih zu freuen hätte, in meiner
Stube fand.. Sie, haben des Doktors Lächeln nicht
empfunden wie ich, als er die Toilette in ihren reichen
Einzelnheiten mit -Fennerblick betrachtete, und Sie
hgben meines Freundes. Lelio Frage nicht gehört: wie
kommt Philibert darauf, Ihnen ein solches Geschenk
zu machen? - Ich habe es ihm sagen müssen, daß
Ihr, Geschenk mich, nicht erfreue, daß ich keinen An-
laß dazu gegeben habe, von irgend Jemandem solche
Großmuth zu erfahren! - Und er hat es mir ge-
glaubt!?
Sie hatte, während sie zu ihm sprach, die volle
Sicherheit ihres guten Fepußtseins wiedergewomnen,
und ihr schönes Antliz flammte vor Erregung, als sie
ihr, Haupt stolz por Philibert- erhob. Er sah und
höxte ihr zu, git einem Vergnügen, als ob er sie auf
der Bühne vor sich hätte. Ihre Würde -bei so viel
ugend, der fittliche Ernst, mit welchem sie sich auf
sich selber stüzte, der schöne' Sorn, die, liefe Empfin-
dung, mit welcher sie sich und ihren Ruf zu wahren
trachtete, ergrifen und rührten, ihn, wie sie ihn in
einer von Hulda's Rollen ergrifen haben würden. Er

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fühlte sich in einzelnen Augeblicken sogar nahe dazu
bereit, sich überzeugen, sich überwältigen lassen. Aber
er ;war gewohnt, nur sich und seinen persönlichen Er-
fahrungen zu trauen, nach ihnen die Anderen zu be-
urtheilen, und er gehörte daneben zu jener Zähl von
sogenamnten Weltklugen, welche sich eine Neberlegen-
heit über alle Diejenigen zuerkennenn, ai Denen zu
zweifeln sie sich etlauben. -Er wußte nicht, oder wollte
es sich nicht eingestehen,, daß der Zweifel an sich zer-
störend wirkt, und daß er wie ein häßlicher Rost das
Schöne entstellt, sobald er es berührt.
Seine Menschenkenntniß wie sein Urtheil über
die Frauen waren auf sehr wechselndem und auf
manchem schlechten Bodew aufgewachsen. Eine Schau-
spielerin wie Hulda hatte er noch nicht' gekannt, eine
Scene wie diese in dem Zimmer einer Schauspielerin
noch nicht. erlebt. Er würde also gering gedacht haben
von sich und seiner Klugheit, hätte er nnicht an die
Möglichkeit geglaubt, daß hinter diesem Scheine der
Unschuld sich trotz alledem Berechnung bergen könne,
daß Hulda sich Susannen's Worte im ,Figaro! ge-
merkt und es beherzigt habe, daß ,gering geachtet
wird, wer sich zu leicht ergiebt. Indeß sie verlor
durch ihren Widerstand in seinen Augen nicht. Er
kleidete sie vortrefflich, er beschäftigte und reizte ihn,
und es untexhielt ihn,' sich einmal zur Abwechslung zu
der Rolle brauchen zu lassen, die Hulda ihm zuzue
theilen dachte, bis es an ihm sein werde, den Ton an-
zuschlagen, der seinen Wünschen, Feiner Leidenschaft

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entsprach. Und Hulda Sutrauen einzuflößen, sie zu
täuschen,:war nicht eben-schwer. -
- Ky,versprach ihr, was sie wollte. Er zeigte sich
gerühxt pon ährem reinen Sinn; er lobte ihre''Vor-
sicht und die Sorgfalt, mit welcher sie selbst den
bösen, Schein: zu meiden juche, ünd-klagte 'sich an,
ggß er gnicht, selber.Bedacht darauf -genommen'habe!
Nr- zu ,ängstlich, meinte er, dürfe sie nicht seinn.
- - zEine, Schauspielerin ist kein schlichtes Bürger-
mädchen!! sagte er. ,Sie steht da, sofern sie' schön
ist, vor den Augen alles Volkes sichtbar wie ein Kultus-
bild, und. muß es sich gefallen lassen, wie ein solches,
wegn. die Anbetung ihr huldigend Gaben darbringt,
dje,sie nicht- begehrt: Gaben,. durch welche' man nur
sich selhst, genugthun will. Wollen Sie denn strenger
sein,! scherzte er, ,und käälter als die heilige Jung-
fxgy, selber,, die. den Pilger nicht zurückweist, wenn er
vgl Bewyyderung- ihren Altar schmückt und- das fun-
kzlde, Geshmeide hr zu. Füßen legt? Und,? fihk ee
-fogg, -,Sig,zrwähnten porhin Lelio's, wie eines Ritters
vgn dgr,heihhgen; Tafelrunde:- Glauben Sie- wirklich;
dgß, ey, hineg, anderen -Gedanken hat, als für' alle
Zetten ayith, Ihnen die zrste-Seene des MRomeo? zu-
sptelen?, Mdeigen.Sie, er wird Ihrem schönen Münde
gggenüher, Ihrer - Versicherung, ,Gebet ist Idie Be-
shimmnmng, Aller!s äuf, die Dauer Glauben schenken?
-z.Fie yissen,! entgegnete Hulda; ,Eelio ist ge-
bugdenhf , und sie wuurde roth, als sie es ausgesprochen
Pgz.ggn Fe; empfand,adaß Fie mit dieser, Gemer
-
Düng ehenddiesem Manne lächerlich erscheinen mußte.
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Auch lachte er hell -guf. -.Eig moralisch Led!?
rief er spöttßsch, Mephtg's Won;ggghraucend. Aber
ex nahm jich sofort, wwiedex, zusgygnen, ayg sich er-
hebend, gum -sie zu pexlassen, sagtg, exz, ,Ich- habe- es
heute erfahren, daß Sie mirgnißtggugn; weil ich Ihnen
nicht verhehle, was ich, füx, Sig, gmpfinde, ragen
Sie Feodore, frggen Sie, IhreMuttex =? --
,Meine Muttex? fiel, Hulda ein, -
,Ich meine Gabxjele,! sggte Philibext, ohne auf
ihre Verwunderung zu achten und ohne daß jie in
ihrer Arglosigkeit, einen Anstoß daran nahm, , kragen
Sie Gabriele, oder wem Sie sonst Vertrauen -jchenken,
ob ein junges Mädchen in Ihrex hage mit ,einem frei-
emüthigen. Manne, wie mit- muir, nicht. wweit, siherer
daran ist, als mit den sogengynten ;älteten ßefannten,
oder -zar, mit einem Lelio. zumzgeigennützigen:Fxeunde
und Berather, Ich, häbe, Ihyen verspxochen,- Ihnen
zg gehorchen, Alles, zu pexmeiden, -was Sie wor der
Welt beeinträächtigen könnte. Sie pissen es, zpie leiden-
schaftlich ich Sie bewundere, und Sie sind, pox mir
auf Ihrer, Hut. Was können Sie also perlangen,
das ich nicht thäte, oder-wwgs- Lögnen »Sie Fei der
Herrschgft fürchten, gie -ih,Ihnen ßher mich einxäume?-
Klgrgelegte Verhältnhsse, sind, nie gefährljh, gnd eine
Gunst zu erschleichen päre;nicht, ngch gneineg zSinne.
,Pürfen Sie, sich vertraueg, so köngen; ßie gch, mmir
und jedem,ßnderen vextrguen-; She Hnd,Gexrhn ühex
mih -=- und jßch.!, z
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ihr, die Hand; Dannn, gls, er shons.ay, deg Fhüxe

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stand,' sägte er: ,Der arme Spiegel aber - nicht
wahr, der' darf in Ihrem Zimmer bleiben? Sie thun
mir die Schmach nicht' an, ihn zu entfernen. Und zu-
letzt glauben Sie mir das, Hamleis Wort ist furcht-
bar-' wahr: , Sei so keusch wie Eis, so rein wie
Schnee, du wirst der Verleumdung nicht entgehn!? -
Er küßte ihr noch einmal die Hand, schüttelte sie
ihr: treuherzig und ging von dannen.
-- Sie stand einen Augenblick regungslos an der
Stelle, an der er sie verlassen hgtte. Die Wore
Hamlet's klangen ihr wie ein Fluch aus seinem Munde.
Ihr- schauderte vor seinem Freimuthe, und doch lag
Wahrheit in dem, was er ihr gesagt: Sie hatte Nichts
zu fürchten, wwenn sie ihrer selbst gewiß war, sie war
Herrin über sich und ihren Weg.
-' -Daß ihr Weg kein dornenloser, daß er ein glatter,
ein -Weg sei, der seine Gefahren habe, das hatte auch
Gabriele ihr nicht verborgen, ihr zu erwägen ge-
geben; und sie hatte diesen Weg gewählt im festen
Vertrauen auf sich selbst. Sie durfte auch heute zu-
frieden müt sich sein. Unterihres Vaters stilleni Dache
hätte' sie es' nur -nicht nöthig'gehabt, sich''gegen die
Begehrlichkeit der Männer zu verwahren so wie jezt.
- Sie möchte nicht weiter daran denken. Sie fuhr
sich mit den Händen über die Stirn und das Gesicht,
als wolle sie - die Bilder und die Erinnerungen von
sich'schsuchen, die vor ihr emporgestiegen waren. Wie
sie sich umwendete, fiel ihr Blick in den Spiegel, den
ihö'Philibert geschenkt hatte. - Es war ein Gläs von
gäößer Schönheit, Alles daran glänzte. Philibert' hatte

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Recht, sie hatte sich nie jn solchemr hellen Scheine ge-
sehen. Sie hätte indessen viel darum gegeben, hätte
der Arkleidetisch -nicht an -diesem Platze -gestanden,
hätte sie vergessen können, zu welchem Geshräche, zu
welchen Erörterungen er den Anlaß eben jetzt ge-
geben hatte, zu welcher Nachrede er-noch Anlaß geben
konnte.
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Kapitel 12

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Bwökftes Gapites
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. Emanuel war erst wenige Tage von seiner Braut
entfernt, als sich in der Stadt die Nachricht verbreitete,
der. konmandirende General sei abberufen worden, um
in der Nähe des Monarchen eine andere Stelle zu
bekleiden.
Man hörte das mit Erstaunen und wollte es
nicht glauben. Der General führte seit einer Reihe
von Jahren das Kommando in der Provinz. Man
war daran gewöhnt, ihn, der ein ansehnliches Ver-
mögen besaß, und wie seine Frau dem hohen Adel der
Provinz angehörte, in dem stattlichen Amtsgebäude in
würdiger Weise. seine Stellung behaupten zu sehen,
und man;fragte sich, weshalb man ihn, da es auf
seine Verabschiedung nicht abgesehen sei, von einem
Posten entfernen möge, den er, selbst wenn ihm eine
Rangerhöhung bevorstand, in seinem Alter nicht mehr
gern verlassen komnte.
Er selber hatte sich darüber noch gegen Nieman-
den ausgesprochen, auch über seinen Nachfolger ver-
Jutete noch Nichts. Neugier und wirkliche Theil-

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nahme. führten also eben' deshalb dn-denwöchentlichen
Empfangsabende fast:den-ganzen'Kreis derjenigen Per-
sonen in seinen Sälen zusammen;-denen ' der- Zutritt
zu diesen regelmäßig wiederkehrenden -Gesellschaften
gestattet war.
Die Grääfin, welche dem General' verwandt wak,
hatte diese feststehenden-Susammenkünfte selbst während
der Trauerzeit, so oft sich es thun ließ, besucht. Ihre
beiden Hausgenossinnen hatten sie dann begleitet, und
es verstand: sich ganz- von. selbstz- daß man än dem
nächsten Gesellschaftstagein der- Kommaidantur nicht
fehlen, es nicht versäumen dürfe, llden-General -und
seiner Gattin es auszudrücken; wie sehr man. ihr Fort-
gehen, bedauere, und' lwieschwer :mandie angenehme
Geselligkeit entbehren'werde, die manihreredlenGast?
feiheit zu: verdanken gehabt hatkeeurc. ? -
- Die Säle waren: schon ivondGästen voll,- alO die
Gräfin und ihre Begleiterinnen= doEkerschienen. Man
saß plaudernd auf den Polstern, man stand in Grup-
pen beisammen, und ohne daß man hätte sagen können,
es gehe etwas Besonderes vor, fiel . den Eintretenden
doch eine. Art von. unruhiger Spannung auf; sobald
sie die Schwelle überschritten- hatten. Die Gesellschäft
war nicht so wie sonst in sich bexuhigt. - Es schien ein
gemeinsames. Interesse ihre : Aufmerkjämkeit ansich zu
ziehen. Die Augen wendeten sich nach -dem Mittel-
saale. Man sprach, indem man dorthin blickte:. Man
hatte offenbar irgend Etwas erfahren, was. alle An-
wesenden beschäftigte, wofür. der Anlaß oder die Lösung
in jenem Zimmer zu finden sein. mußte; und Frau

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von:Wildenau, war nahe daran, die Frage aufzuwerfen,
was denn geschehen sei, oder was man denn' erwarte,
als, Konradine, plözlich der. Mutter' Arm ergriff und
wie -im jähen Schrecken festhielt. -
Sie wendete sich rasch zur Tochter hin. Kdn-
radine war fassungslos. zer Prinz!k istieß sie leise
herygt, indegt,sie, den Armzder Mutteinlosließ und
sichJan;dieBrüstung-der Thüre lehnte, um einen Halt

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1O

zu -haben,, denn die Kniee wankten ihr. - -
; - Mitten, in dem Saale, so daß man ihn sehen
pußte, Fobald- man. indie Thüre trat, ständ er an der
Seite des Generals, umgeben vön den höheren Offi?
zieren, in -belebter Unterhaltung mit dem bersten nicht
militärischen, Würdenträger der Provinz, alle anderen
Männer überragend durch seine hohe Gestalt. . -
Auch die Baronin erschreckte es, als sie ihn, er-
blickte, und mehr noch erschreckte sie der Zustand ihrer
Tochter.. ,Du bist. sehr unwohl,! sagte sie, ,willst
Du,ich entfernen?!,
, --=,Ich mich entfernen?! wiederholte die Tochter,
-und, das Blut, das ihr im Herzen gestockt, schoß ihr
heißf empor, daß- es ihre bleichen Wangen dunkel' färbte.
,Mich, entfernen, und weshalb? =-- Ihm ausweichen
unter der Gräfin; Augen?= Nimmermehr!? -
Sie hatte. die Worte leise und abgebrochen hin-
geworfen, wie die Gedanken und Gefühle ihr gekom-
nten waren, aber die wenigen Sekunden hatten ihr
dazu genügt, die verlorene Selbstbeherrschung wieder
zugewinnen. Denn als die Gräfin, durch des Her-
zogs- mnerwartete Ankunft nicht minder betroffen als


11
die beiden Anderen, sich nach Konradinen- umwendete,
trat diese an sie heran und sagte:'' ,Das also ist der
Nachfolger des Generals? Warum man es nur nicht
eher verkündigt haben mag?! -
-' ,Ich fragte mich das eben selbst, und hätte es
für Sie gewünscht!kentgegnete- die Gräfin. ,Solch
ein Begegnen erschüttert imünet.!-
,Das habe ich empfunden. Aber ich war sicher,
daß es mir früher oder später doch einmal bevorstand;
und hat man es durchlebt, so ist es auch überwun-
den!f versezte Konradine' mit einer Fassung, an wel-
cher die Gräfin ihre Freude hatte,
Sie waren wwährend dessen in den Saal gelangt,
der General ging ihnen' entgegen Das machte den
Prinzen aufmerksam auf'sie? Er schien seinen Augen
nicht zu trauen, sah noch einmal hin, und sich mit der
Leichtigkeit, die seine Haltung auszeichnete, von den
Personen freimachend, -mit -denen er verkehrt hatte,
schritt er rasch auf die Gräfin zu. -
- , Sie hier, Frau Gräfin!' rief er, indem er ihr
die Hand bot. ,Ich glaubte Sie auf Ihren Gütern.
Und auch Sie? setzte er leiser hinzu, Konradine und
ihre Mutter ebenso begrüßend. ,Welch eine Neber-
raschung ist mir das! Wir haben viel erlebt, seit wir
uns nicht mehr sahen.!
,Durchlancht haben einen schweren Verlust er-
litten!' nahm -die Gräfin das Wort, die ihm und
Konradinen zu Hilfe zu kommen wwünschte. Denn
wie ruhig die Beiden sich auch gaben, die vielerfah-
1
Fanny Lewald, Die Erlöserin. .

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18
rene, in die Verhältnisse eingeweihte Frau mußte es
sich doch sagen, daß dieses unerwartete Zusammen-
treffen für den Prinzen wie für Konradine nicht leicht
zu überstehen sein konnte. Es war von der Gräfin
deshalb wohl berechnet, daß sie Beide gleich ngit ihren
ersten Worten daran mahnte, was zwischen ihnen ge-
standen hatte, und daß sie damit dem Prinzen die schick-
lichste Veranlassung gab, sich von dem Vorgange
dieses Augenblickes abwenden zu können. Auch, benutzte
er Fie sofort.
-- ,Sa,! -sagte er, ,es war ein schweres Leid; ein
bitterer Verlust, den ich erlitten habe. Es ist hart,
eine. so anmuthige Jugend langsam sterben zu sehen.
Ich danke es der Gnade Sr. Matestät daher in jedem
Sinne, daß sein Befehl mich hieher sendet, um mich
von. dem Orte zu entfernen, der mich an eine lange
Reihe trüber, sorgenvoller Tage mahnt.!
Man- hörte es seinen Worten an, daß sie ihm
vom Herzen kamen, und Konradine, die jeden Zng
und jede Mdiene seines Antlizes kannte, bemerkte, daß
sichz ein ,trüber. Schatten über seine sonst so helle
Stirne gebreitet, hatle, daß sein ganzer. Ausdruck ern-
ster, und ;wie seine majestätische Gestalt noch. gefesteter
aund ammännlicher gewgrden war. Es war ihr unerträg-
lich, die Klage anzuhören, mit welcher er der Geschie-
denen gedachte. Sie -mußte die Zähne zusammen-
beißen, um den Aufschrei ihres zornigen Schmerzes
z unterdrücken, und sie blieb geflissentlich zurück, da
er Prinz in ruhigem Gespräche ihre Mutter und die

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18
Gräfin nach.dem oberen Ende des. Saales zu der
Herrin des Hauses hingeleitete.
Aber an diesem - Abende hatte Konrgdiie es dar-
zuthun, wie weit sie Meister sei in der schweren Kunst
der Selbstbeherrschung, hne welche keine pollständige
Bildung möglich ist, und ohne die man sich, in der
Gesellschaft nicht mit Sicherheit, behaupten kann. Denn
nur wer seiner selbst vollkommen und in allen Lebens-
lagen Herr ist, gewinnt. jene ruhige Herrschaft über An-
dere, auf welche alle Bedeutung in der Gesellschaft
zurückzuführen ist. Sie konnte es nicht wissen, wer
und wie viele der anwesenden Personen, pon ihrem
früheren Verhältnisse zu dem Prinzen Kenntniß hätten,
oder wie weit sie von demselben. unterrichtet wären.
Daß es aber in diesem -Kreise guicht, unbekannt sein
könne, daß man sie beobachte, dessen warsie sicher, und
sie war entschlossen, wie sie, es sich und auch Emanuel
schuldig war, wwomöglich gleich in, diesen ersten Stunden
- die Neugier und den Zweifel dex Fremden ein- für
allemal zurückzuweisen. Sie wollte es auch den Prin-
zen fühlen lassen, daß sie' vergessen-habe, so wie er,
- daß sie, ebenso wie er, in einer edlen, sanften Liebe
Ersaz gefunden habe für die glühende Leidenschaft,
welche sie Beide einst für. kurze Zeit-perbunden hatte.
Bei dem Prinzen mochten ähiliche, Beweggründe
sich geltend machen, als er im Verlaufe, des Abends
sich der einst Geliebten und von ihm Verlassenen nä-
herte. Der-Adjutant des Prinzen, der neben ihr
gesessen hatte, erhob sich,-als sein Herr heran-
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kam. Der Prinz nahm an seiner Stelle neben Kon-
radinen Platy.
,Ich möchte es einen Gutes verkündenden Zufall
nennen, sagte er, , daß gleich der erste Abend, den ich
hier verweile, Sie mir entgegenführt. Ihnen früher
oder später zu begegnen, darauf hatte ich, als ich hie-
her gesendet wurde, mit Sicherheit gerechnet, da Sie
ja künftig in dieser Provinz Ihre Heimat haben wer-
den. Ich mußte Sie auch einmal sprechen, und ek ver-
langte mich danach, es hald zu thun.?
,Durchlaucht sind sehr gütig!' versezte sie, indem
sie sich, Allen sichtbar, mit freundlichem Lücheln vor
ihm neigte, , aber,! fügte sie leiser hinzu, , ich kann
anir dieses Verlangen nicht erklären, und mehr noch,
ich vermag nicht einzusehen, welche Bedeutung die
Befriedigung desselben für Sie haben könnte.
Der Prinz nahm das gelassen hin. , Sie weisen
mich zurück,'? sagte er, ohne eine Miene zu verziehen,
,und wenn Sie auch dazu berechtigt sind, hatte ich es
doch nicht erwartet. Er schwieg dann einen Augen-
blick und sprach danach: ,Ich habe, ehe ich hieherge-
kommen bin, einen Tag bei meiner Schwester in dem
Stifte zugebracht. Ant Theetische war zwischen der
Gräfin,? er nannte den Namen der Aebtissin, , und
mir und meiner Schwester auch die Rede von Ihnen.
Ich hatte üm Sie gesorgt, als Sie in das Stift ge-
treten waren. Es paßte nicht für Sie. Ich hörte es
deshalb seinerzeit mit wahrhafter Beruhigung, daß Sie
es verlassen würden, und freute mich der Aussage, daß

16
Sie zuversichtlich und voll Hofnung in die Zukunft
blicken.
, Ia, zuversichtlich!' wiederholte Konradine mit
einem Tone, der wider ihre Absicht sich wie ein Troz
anhörte. Der Prinz aber, der, wie alle auf den Höhen
des Lebens Geborenen und Erzogenen, immer nur das-
jenige vernahm und verstand, was zu hören und zu
verstehen er gewillt war, versetzte ruhig, es freue ihn
von ganzem Herzen, dies von ihr selber zu erfahren,
und er habe es erwartet.
,Ich kenne Sie genngsam,' sagte er, , un zu
wissen, daß Sie immer nur nach den freien Ein-
gebungen Ihres Herzens handeln, und, setzte er hinzu,
indem er sie ruhig anblickte, ,selbst wo dies nicht der
Fall gewesen ist, kann dem Menschen eine tiefe und
herzliche Neigung erwachsen. ßs gibt eben eine Liebe,
eine Beharrlichkeit in der Güte, die nicht anzuerkennen-
man ohne Empfindung sein müßte, und die nicht schmerz-
lich zu vermissen, ganz unmöglich sein würde. Es ist
wunderbar genug, wie wenig man sich selbst im Grunde
kennt, und wie oft wir im Leben Anlaß finden, uns
übeg uns selber zu verwundern-- durch uns
selbst mehr als durch Andere überraschk zu werden.
Aber,' setzte er hinzu, indem er sich erhob, , wir spre-
chen mehr daron! Wo sind Sie etablirt? Ich vergaß.
danach zu fragen.
Konradine sagte, daß sie mit ihrer Mutter der
Gast der Gräfin sei.
, Um so besser! So treffe ich Sie bald, und das

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ist nöthig, denn ich habe eine Mission für Sie, die
zu erfüllen mir Pflicht und Herzenssache ist.
,Für mich? fragte Konradine. , Ulnd von wem
das?
,Ich sage Ihnen daö vielleicht schon morgen,!
sprach er und entfernte sich, um sich einer Gruppe
von anderen Damen zuzuwenden.
Es war darüber spät geworden. Einzelne der
Gäste entfernten sich bereits, auch die Gräfin machte
den wohlgemeinten Vorschlag, sich zurüchuziehen. Die
unerwartete Erscheinung des Prinzen, seine Ernennung
zum Kommandirenden in der Provinz, das Fortgehen
des Generals und seiner Frau, die möglichen Verän-
derungen, welche durch des Prinzen Anwesenheit in der
Geselligkeit der Adelsgesellschaft hervorgerufen - werden
könnten, beschäftigten während der Heimfahrt die bei-
den älteren Damen ganz ausschließlich. Konradine -
ging lebhaft auf die Vermuthungen derselben ein. Weder
die Mutter noch die Grääfin machten eine Bemerkung,
die sie persönlich anging. Keine von Beiden richtete
irgend eine besondere Frage an sie. Man hielt sie
auch nicht zurück, als man zu Hause angelangt war,
ja selbst die Gräfin und die Baronin, die sonst ge-
wöhnlich noch ein Viertelstündchen im Saale zu ver-
plaudern pflegten, zogen sich zurück.
Der große Sinn der Gräfin, die Erfahrung der
Baronin, trafen ohne besonderes Nebereinkommen darin
zusammen, daß man selbst den Schein vermeiden müsse,
alskönne Konradine den Gegenstand einer besonderen Be-
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sprechungzwischen ihnen bilden. Was sie an diesem Abende
durchlebt hatte, was jetzt vor ihr, und was zu thun ihr
oblag, das war, nach der beiden Frauen- Meinung,
die es nicht in der Art hatten, sich unberufen zu mo-
ralischen Hilfsleistungen und zu einem unbegehrten Mit-
leiden heranzudrängen, ausschließlich KKonradinens Sache.
Sie in aller Freiheit gewähren zu lassen, war Alles,
was man für sie thun konnte, war das Einzige, dessen
sie bedurfte.
Es klang wie ein Schrei, das Aufathmen, mit
welchem Konradine in ihr Zimmer trat; und mit bei-
den Händen durch ihr Haar fahrend, schleuderte sie
den Blumenkranz, den sie getragen, von sich, daß er
zu Boden fiel. Rastlos und in heftiger Bewegung
auf und nieder gehend, nahm sie die Spangen von
ihren Armen, die Perlen von ihrem Halse und warf
sie achtlos hierhin, dorthin. Es drückte, es quälte sie
Alles-- Alles-- sie wußte nicht, was sie that, nicht,
was sie wollte.
,Im Hafen vom Wirbelwind ergrifen!'' stieß sie
endlich hervor -- ,zurückgeschleudert weit! weit!'--
die Worte versagten sich ihr und auch die Thränen.
Sie warf sich auf das Sopha, die Arne vor sich
ausgebreitet, den Kopf auf die Arme gestüzt. So blieb
sie liegen eine geraume Zeit. Es regte sich Nichts in
dem Zimmer, nur ihr eigenes schweres Seufzen hörte
sie. Sie konnte es nicht ertragen, sich so angst-
voll seufzen zu hören. Es war ihr ein Entsezen, so
unglücklich zu sein. Es ließ ihr keine Ruhe, sie fing
wieder an umherzuwandern.

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, Und er hat sie geliebt! wirklich geliebt!' sprach
sie vor sich hin, ohne daß sie es wußte. , Er trauert
um sie. Er bringt ihr sogar das Todtenopfer, mir
dies besonders noch zu sagen! mir!-- Unbegreiflich!
unbegreiflich!?
Sie hatte Mühe, es für wahr zu halten. Einem
Anderen als dem Prinzen selber, würde sie es bestritten
haben. Aber es war unverkennbar, er hatte Schmerz
und Sorgen kennen lernen. Er hatte gelitten, er ge-
stand das ein, ihr, Konradinen, gestand er es ein, und
Nichts in seiner ganzen Haltung verrieth es, daß
irgend eine ihr gehörende Erinnerung sein Gemüth
erschütterte. Er fühlte sich ihr gegenüber also frei,
fühlte sich in seinem Rechte. Es schien ihm gar nicht
beizukommen, daß es anders sein, daß sie es anders
empfinden könne, alö er es that. Wie konnte das ge-
schehen?- Besaß die Ehe wirklich die wunderbare
Kraft zu binden und zu lösen?-- Gab es aber eine
beharrliche Güte, von der nicht gerührt und durch
welche nicht beglückt und nicht gefesselt zu werden so
unmöglich war, als der Prinz behauptete- nun, so
durfte auch sie ja zuversichtlich vorwärts blicken, so
durfte sie ja hoffen, vergessen zu können und glücklich
werden zu können, so wie er es gewesen.
Sie konnte ihren Gedanken nicht folgen, ihnen
nicht gebieten in der verworrenen Trübe, die über sie
gekommen war, und angstvoll die Hände ineinander
schlagend, rief sie noch einmal: , llntergehen! Im
Hafen stranden!'-- Sie konnte das Bild nicht aus
ihrer Seele bannen. Sie sah es, als stände sie da-
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189
vor, sie durchlebte es, als brandeten die Wogen um sie
her und zögen sie in ihrer rückströmenden Wasser wil-
dem Schwalle mit sich fort, tief und immer tiefer
hinunter in die bodenlose Nacht.
,Ruhen, nur ruhen!' rief es in ihr. Sie schellte,
als könne ihr das helfen, ihrer Kammerjungfer, ließ
sich entkleiden und legte sich nieder. Aber als wäre
der lezte Widerstand gebrochen, den sie aufrechten
Hauptes zu leisten vermocht, so wild und überwälti-
gend stürmte die Fluth der Leidenschaft auf sie hernieder.
Sie fluchte der Stunde, da sie Friedrich zuerst
gesehen, und weinte im nächsten Augenblicke im Ent-
zücken über seine Schönheit. Sie hörte den Klang
seiner Stimme, als spräche er zu ihr, und stieß den
Gedanken an ihn von sich, wenn sie sich dann er-
innerte, was er zu ihr gesprochen hatte. Sie wollte
ihm schreiben, daß sie ihn nicht wiedersehen möge
und könne, und lachte im Grimme über die feige
Schwäche, die sie zu solchem, sie entehrenden Einge-
ständnisse verleiten wollte. Er hatte es ja gefordert,
sie zu sprechen, sie mußte ihn also wiedersehen, viel-
leicht schon morgen. Aber was war es mit der Mis-
sion, von der er ihr geredet hatte, was konnte er ihr
zu sagen haben? War es nur ein Vorwand, unter
dem er ihr zu nahen suchte? Und was bezweckte diese
Annäherung an sie? Was konnte er im Sinne haben,
was von ihr begehren? Er, der in liebender Erinne-
rung an dem Angedenken einer Todten hing!
Neue Fragen, neue Zweifel drängten damit auf
sie ein. Ihre Dual und ihre Angst wuchsen von Mi-

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nute- zu Minute, ihre Unruhe war unertragbar. Das
Eager litt sie nicht, sie mußte sich wieder erheben.
Wie sie sich aufrichtete, wieder auf ihren Füßen stand,
den Kopf emporhob und sich wieder fühlte, traf ihr
Auge auf das Bilb Emanuel's. Und wie das milde
Licht, das vor dem weit entfernten Heiligenbilde an-
gezündet, dem irrenden Schiffer trostreich leuchtend,
ihm den Pfad durch das Dunkel weist, so fiel der
stille ernste Blick Emanuel's in ihre Seele.
,Wie sanft er schlafen mag!' dachte sie, und die
heißen Thränen stürzten ihr aus den Augen und be-
freiten ihr das Herz.
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Kapitel 13

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Dreizeßnles Eapites
Die Mutter und die Gräfin sahen es am Mor-
gen, daß Konradine nicht geschlafen hatte, aber Keine
von Beiden befragte sie darum. Am Mittag ließ der
Prinz sich bei der Gräfin melden.-
Er erzählte ihr, wie plözlich und ohne sein Zu-
thun seine Ernennung zu der Stelle erfolgt sei, welche
er hier angetreten habe. Er sprach von, den Verhält-
nissen der Provinz, in welcher er wenig persönliche
Bekannte vorfinde, und ging dann zu Fragen nach
den Angehörigen der Gräfin über. Theilnehmend er-
kundigte er sich, wie ihre verwittwete Schwägerin sich
in ihr Schicksal finde, wie sie in ihrer Vereinsamung,
die nach seiner Erfahrung schwer genug zu tragen sei,
über ihre Zukunft entschieden habe.
Die Gräfin entgegnete, Emanuel habe der Wittwe
feines Bruders die kleine Besizung in der Schweiz
überlassen, da er nach seiner Verheirathung auf den
Familiengütern leben werde, und der Prinz ergrifß die
Gelegenheit, es der Gräfin auszusprechen, wie be-

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ruhigend es ihm sei, Fräulein von Wildenau's Schicksal
einem Manne von Baron Emanuel's Charakter an-
vertraut zu wissen. , Welch lebhaften Antheil ich an
Konradinen's Zukunft nehme, brauche ich nicht zu ver-
sichern!'' setzte er hinzu.
Alle seine Aeußerungen waren so würdig als ge-
messen. Sein offener Freimuth berührte die Gräfin
angenehm und bestimmte sie, soweit es geboten schien,
sich auch gegen ihn mit Aufrichtigkeit zu äußern. Sie
sagte, daß sie in der That mit zuversichtlicher Hoff-
nung auf die Zukunft der Verlobten blicke, besonders
weil ihre Verbindung nicht Folge einer Leidenschaft,
sondern einer durch mehrere Jahre bewährten Freund-
schaft, und einer beständig wachsenden gegenseitigen Zu-
neigung gewesen sei. Sie wären aneinander gewöhnt,
einander durch Gewöhnung lieb geworden, kennten die
Eigenheiten, die sie gegenseitig zu schonen hätten, und
da bei Jedem von den Beiden der beste Wille für
den Anderen vorhanden sei, so zweifle sie nicht, daß
man die Stunde zu segnen haben werde, in welcher
diese Ehe geschlossen werden würde.
,Ulnd Frau von Wildenau? denkt sie künftig sich
bei ihrer Tochter aufzuhalten?! fragte der Prinz.
Die Gräfin verneinte es einfach. Der Prinz
meinte, er habe dies auch nicht vermuthet. Sie ver-
standen sich ohne weitere Erkläärung. Er blickte dann
nach der Ühr hinüber, die auf dem Kamine stand,
meinte es bliebe ihm eben noch eine Viertelstunde
Zeit, und so ersuche er die Gräfin, Fräulein von
Wildenau zu fragen, ob sie geneigt sei, ihm die Unter-

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redung zu gewähren, um welche er sie gestern schon
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gebeten habe.
Die Gräfin hatte dies Begehren nicht voraus-
gesehen, doch fiel es ihr nicht auf. Nach ihren An-
sichten war die seinerzeit beabsichtigte Verbindung des
Prinzen mit Konradinen eine Ungehörigkeit, daß Auf-
geben dieser Absicht also nur in der Ordnung gewesen.
Nicht den Prinzen hatte dabei ein Vorwurf treffen
können, sondern Frau von Wildenau allein, welche die
Tochter in das Abenteuer hineingehen lassen, ohne
Würdigung der Hindernisse und möglichen Zwischen-
fälle, die sich ihr denn auch wirklich in den Weg ge-
stellt hatten. Die Gräfin zweifelte gar nicht daran,
daß Konradine jetzt diese Angelegenheit in ihrem wah-
ren Lichte sähe. Trotzdem war es, wie sie zugab, sehr
begreiflich, daß dieselbe gestern Abends von dem un-
erwarteten Zusammentrefen mit dem Prinzen ergrifen
worden war, und ebenso erklärlich, daß dieser sich aus-
gleichend gegen Konradine zu erklären wünschte, um
für das ihnen jetzt bevorstehende öftere Begegnen die
schickliche Weise festzustellen. Daß er aber Konradine
um diese Unterredung durch die Gräfin, durch die
Schwester ihres Verlobten, ausdrücklich ersuchen ließ,
das nahm die Gräfin nur noch mehr zu seinen
Gunsten ein; denn nur wahrer Seelenadel und das
feinste Ehrgefühl konnten solcher rücksichtsvollen und
zarten Vorsicht fähig sein.
Sie nahm es deshalb selber über sich, ihre künf-
tige Schwägerin herbeizurufen. Der Prinz erhob sich,
ging durch das Zimmer und blieb in Betrachtung vor

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einem der alten Familienbilder stehen, die an den
Wänden hingen. Als Konradine eintrat, ging er ihr
entgegen. Er dankte ihr, daß sie gekommen sei, und
sagte, er werde ihre Zeit nicht lange in Anspruch neh-
men. Sie hatte sich auf dem Sopha niedergelassen,
er nahm ihr gegenüber ßlatz.
,Ich komme,! sprach er, ,mich eines Auftrages
zu entledigen, der mir ein theures Vermächtniß ist,
und Ihnen ein Andenken zu übergeben, welches ich,
für den Fall, daß es mir möglich würde, selbst in
Ihre Hände zu legen versprochen habe.
Die sanfte, fast feierliche Weise, mit welcher er
die Worte sprach, nahm Konradinen wider ihren
Willen gefangen. Nichts von alledem, was sie auf
dem Herzen gehabt, was sie bei einem ersten Mllein-
sein mit dem Prinzen diesem zu sagen gedacht hatte,
paßte zu seiner Ruhe, zu seiner Zuversicht und seinem
Tone. Das raubte ihr die gewohnte Sicherheit, und
sich verneigend, sagte sie, daß sie zu seinen Diensten
stehe.
,Der Auftrag, den ich habe, sagte er, , kommt
von der verstorbenen Prinzessin, von meiner Frau.
Ich darf also wohl darauf rechnen, daß Sie mir ge-
statten, Ihnen den Zusammenhang mit wenig Worten
zu erklären. Liegen doch Jahre zwwischen den Ereig-
nissen, die uns trennten, und stehen Sie doch auf
dem Punkte, ein Glück zu finden, das ich nicht mehr
besize. Glück aber macht versöhnlich.
Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er fort: ,Ich
war in einer traurigen Verfassung, in einer inneren

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Zerrissenheit, als die Prinzessin meine Frau ward,
denn ihr Vertrauen, ihre Liebe demüthigten mich, weil
ich sie in jenem Zeitpunkte nicht verdienen konnte.
Wir waren unglücklich, sie wie ich. Und müßige Dienst-
beflissenheit, die ihr hinterbrachte, wie unfreiwillig ich
mich ihr verbunden hatte, machte das Nebel nicht ge-
ringer. Aber weit entfernt, mich zu verdammen, fand
ihre Liebe sich stark genng, mich- und auch Sie =-
mit einer so unschuldigen Wahrhaftigkeit zu beklagen,
daß ich, von solcher Selbstlosigkeit gerührt, das holde
Wesen bewundern mußte, bis seine immer gleiche
Güte mein Herz gewann. Er unterbrach sich noch
einmal und sagte danach: , War ein Menschenwesen
fähig, das Wort des Dichters: , Das ewig Weibliche
zieht uns hinan!' zu einer Wahrheit zu machen, so
war es die Prinzessin. Ich scheue mich nicht, es Ihnen
auszusprechen, denn ich schulde das der Prinzessinn,
es sind mir schöne, herzbefreiende Tage mit ihr zu
Theil geworden und ich habe die beruhigende Zuver-
sicht, daß auch sie glücklich gewesen ist. Nur der Ge-
danke, daß dies Glück sich auf den zertrümmerten
Hoffnungen einer Anderen auferbaute, hat sie stets ge-
schmerzt. Erst als sie erfuhr, daß Sie Ersaz gefun-
den, daß auch Ihnen die Befriedigung Ihres Herzens
zu Theil geworden sei, hat sich ihre Seele ganz be-
ruhigt, und doch ist sie auf jenen Vorwurf ihres
zarten Gewissens in ihren lezten Lebenstagen noch ein-
mal zurückgekommen.!
Er sprach das Alles mit ruhiger Festigkeit, wie
ein ernster Mann Thatsachen zu berichten gewohnt ist.

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Nur bei den lezten Worten bebte seine Stimme leise.
,,Sie hatte das Abendmahl genommen, fuhr er fort,
,und fand sich troz der unabweislichen Gewißheit,
daß ihrex Stunden nicht mehr viel sein könnten,
wundersam beruhigt. Ich habe, sagte sie, mit meinem
Wissen oder Willen keinem Menschen je ein Leid ge-
than, und so denke ich, werdet Ihr Alle meiner auch
in Liebe Euch erinnern. Nur Einer habe ich, wenn
auch unwissentlich, sehr weh gethan.-=- Der Prinz
zeg ein ganz kleines Etui aus seiner Brust hervor,
öffnete es mit leisem Drucke, es lag ein unscheinbarer,
kleiner Ring darin. , Den Ring, sagte er, , hat die
Prinzessin stets getragen. In jener Stunde zog sie
ihn vom Finger. Gieb ihn Konradinen, sprach sie,
wenn Du sie einmal wiedersiehst, und sage ihr, sie
snlle mir vergeben, daß ich auf ihre Kosten so glück-
lich mit Dir gewesen bin.'
Er preßte die Lippen zusammen, reichte Kon-
radinen das Etui und trat von ihr fort an das Fen-
ster, das in den stillen Garten auf die beschneiten
Bäume niedersah. Konradine hatte ihr Gesicht mit
ihren Händen verhüllt, ihre Thränen floßen nieder.
Aber schon nach wenigen Augenblicken hatte der
Prinz sich wieder gesammelt. Wie er sich zu ihr zu-
rückwendete, reichte Konradine ihm die Hand. So
slanden sie einander eine Minute schweigend gegen-
über, denn sich in solcher Weise wiederzusehen, hatten
Beide nicht erwartet, als sie einst geschieden waren.
Konradine steckte den Ring an ihren Finger, der
Prinz küßte ihr die Hand. , Mein Auftrag ist aus-

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gerichtet, sagte er, , verzeihen Sie mir, daß ich Sie
traurig machte.
,Nennen Sies mit solchem Worte nicht!' rlef
Konradine, aufathmend wie in reiner hoher Luft.
Sie begleitete den Prinzen, der sich entfernte.
An der Thüre des Nebensaales, als er sie abhalten
wollte, ihm noch weiter zu folgen, wandte er sich noch
einmal nach ihr zurück. , Wollen Sie mich dem
Baron empfehlen, wollen Sie mir erlauben, Sie wie-
derzusehen?
,Das Eine wie das Andere mit Freuden!! ver-
sezte sie.
, Also, auf Wiedersehen! sagte er, schüttelte ihr
die Hand und ging von dannen.
Sie ging an das Fenster und schaute ihm nach.
Sie sah, wie der Diener, der ihm den Mantel um-
geworfen hatte, ihm voraneilte, den Wagenschlag zu
öffnen; sie sah ihn mit seinem raschen, energischen
Schritte über den Hof bis an den Thorweg gehen,
welcher die Gartenmauer gegen den Hof äbschloß. Es
war ihr Alles so merkwürdig, so neu, als hätte jie es
nie zuvor gesehen, als wäre er nicht- wie vielemale
--- ebenso nach seinem Wagen gegangen, wenn er in
der fernen Kaiserstadt bei ihr gewesen war.
Er war noch garz derselbe, ganz derselbe - und
doch völlig ein Anderer geworden. Solcher Tiefe der
Empfindung, solch weicher Liebe hatte sie ihn nie für
fähig gehalten, er war's auch nicht gewwesen in jener
alten Zeit. Große Liebe also besaß die Kraft, das
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Sie blieb an dem Fenster stehen, an dem auch
er gestanden hatte. Es war windig geworden, die
leichteren Zweige der Bäume bewegten sich, der trockene
Schnee fiel hie und da herab und zerstäubte glizernd,
daß man ihm mit dem Auge nicht folgen konnte, in
der Luft, als wäre er nicht dagewesen. Und doch hatten
die kleinen Sterne gefunkelt hier und dort, wenn die
Sonnenstrahlen sie getrofen hatten. Auch ihre Ge-
danken flimmerten auf und verschwammen. Sie konnte
sie ebensowenig festhalten und verfolgen, sie kamen und
gingen. Bisweilen war es ihr, als habe sie das Mlles
nur geträumt, als werde sie erwachen und Alles nicht
gewesen sein. Aber es war in ihrem Herzen stille
wie nie zuvor; der kleine Ring saß fest an ihrer Hand,
der Prinz war wirklich dagewesei, sie hatte ihn ge-
sprochen, und war in Frieden und befreiten Sinnes
von ihm geschieden. War das denn möglich, und wie
war es möglich geworden, und wodurch?
Sie hatte Mühe, sich auf sich selber zu besinnen
und auf das, was sie mit dem Prinzen eben erst
durchlebt hatte. Sie hatte geweint mit ihm, um die
von ihm geliebte Frau. Sie trug an ihrer Hand den
Ring zum Andenken an die junge Fürstentochter, die
einst zwischen sie und ihre Hoffnung getreten war. Sie
hatte eingewilligt, den Mann wiederzusehen, den sie
geliebt und dann gehaßt hatte mit aller Kraft ihres
starken Herzens, und dies Herz war jetzt voll tiefer,
sanfter Rührung, voll innigster Theilnahme für den
Prinzen; war voll Sicherheit und Ruhe, als sie, an
ihrem Schreibtische sizend, es Emanuel meldete, daß

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sie den Prinzen gestern in dem Hause des Genera!s
getroffen habe, und was seitdem geschehen war.
Sie enthielt ihm Nichts vor: nicht ihr Erschrecken
nicht die Qualen, welche das Rückerinnern ihr in der
Nacht bereitet hatte. Sie wiederholte ihm jedes Wort
des Prinzen, obschon, wie fie ausdrücklich bemerkte
die Art, in welcher er gesprochen, seinen Worte
eigentlich erst ihre wirkliche Bedeutung gegeben haben
, Und, fügte sie hinzu,,es kommt mir vor, mein ge-
liebter Freund, als wäre ich Dir nie so vollkommen
zu eigen, Deiner noch nie so würdig gewesen als
heute, da die bittere Erinnerung an das Unrecht, das
ich erlitten hatte, aus meiner Seele wie erloschen und
ausgetilgt ist. Neben der Liebe wohnte noch der Haß
in mir, und eatzog Dir einen Theil meines Herzens.
Das ist nun vorüber. Wie dürfte ich noch rechten,
wo die Hand des Schicksals so sichtbar gewaltet und
gerichtet hat? Es hat den Mann, der sich an einem
Frauenherzen schwer versündigt, durch das reinste aller
Frauenherzen von seiner Nichtachtung der Frauen ganz
und gar bekehrt. Es hat ihn, der mit der Liebe leicht-
sinnig sein Spiel getrieben, die Heilizkeit der Liebe
kennen lehren. Es hat ihm gezeigt, welch ein Glück
in einer getheilten Liebe, in einer liebevollen Ehe liege,
und hat ihm allen diesen Segen nur kurze Zeit ge-
gönnt, um ihn auch den Schmerz der Liebe empfinden
zu lassen, den er Anderen einst zu tragen gab. Darin
liegt eine hohe poetische Gerechtigkeit, eine Befreinng
der aufgeregteu und gespannten Leidenschaft, wie sie
uns in einem wohl angelegten und gut durchgeführten
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dichterischen Kunstwerke zu Theil werden soll. Ich
bin noch, während ich Dir schreibe, unter dem Ein-
drucke des Erlebten. Ich erwäge in meinem Herzen,
wie wahr es ist, wie wahr und schön, daß die rechte
Liebe Wunder wirken kann noch über das Grab
hinaus; und wenn ich heute in mein Inneres schaue,
finde ich den gestrigen Ausspruch des Prinzen, daß
wir im Leben Anlaß finden, uns über uns selbst zu
verwundern, auch an mir bestätigt.!
Sie kam dann noch einmal darauf zurück, wie
sehr sie Emanuel eben jetzt vermisse, wie wohlthuend
es ihr sein würde, sich gegen ihn von Grund des
Herzens aussprechen, und sich mit ihm über eine An-
schauung verständigen zu können, die sich ihr im Laufe
des Tages, ja, während sie ihm geschrieben, zu ver-
schiedenenmalen aufgedrängt habe.
,Ich besorge, schrieb sie ihm, ,auch wir sind
nicht so tadellos, als wir uns vielleicht empfunden
haben. Man entdeckt an sich in hellem Lichte Flecken,
über die man bis dahin achtlos fortgesehen hat, und
das Beispiel der verstorbenen Prinzessin ist wie ein
Sonnenlicht in meine Seele gefallen. Als der Prinz
mir sagte, wie sie voll Theilnahme um mich gesorgt,
da habe ich beschämt die Augen niederschlagen müssen.
Ich hatte mich um Hulda's Schicksal nicht gekümmert,
sondern gethan, so viel an mir war, sie aus Deinem
Gedächtnisse verschwinden zu machen; und doch war
sie vielleicht auf dem neuen Lebenspfade, den sie für
sich erwählt hat, mehr als jede Andere, des stüzenden
Beistandes benöthigt. Können wir und müssen wir

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in unserem friedensvollen Glücke ihrer nicht gedenken,
wie die Prinzessin meiner dachte? Sollen wir ihr
nicht, da wir's noch lebend können, die Hand versöh-
nend bieten, wie die Prinzessin sie mir gereicht hat in
der Stunde ihres Todes?-- Ich möchte Frieden
schließen mit den Menschen allen, da ich ihn in mir
gefunden habe, und ich denke mir unsere Zukunft heute
schöner, reiner, unwandelbar beglückter als je zuver.
Möchte das glückselige Empfinden, das mich
auch in Deine Seele übergehen, wenn
ief Deiner Konradine erhalten wirst.
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Da man gerade ausfuhr,
beendet hatte, verlangte sie ihn
durch den Diener abreichen zu
erinnerte sie, daß die Post erst
Tage befördert werde, daß sie
Hause behalten und, wenn es
weiter daran schreiben könne.
Brief gesiegelt, wollte ihn nicht
als sie
auf der
lassen.
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ihren
belebt,
diesen
Brief
Post selber
Die Gräfin
am nächstfolgenden
ihn also ruhig im
ihr gutdünke, noch
Aber sie hatte den
öffnen, wollte auch in
den nächsten Tagen nicht wieder schreiben, und da sie
die kleine Angelegenheit mit lebhafter Wichtigkeit be-
trieb, so that man ihr den Willen. Die beiden
älteren Frauen waren einsichtig genug, Konradinen's
Gemüthsbewegung erklärlich zu finden, wenn schon sie
die Handlungsweise der Verstorbenen weniger enthu-
siastisch beurtheilten und weniger bewunderten.
Weil sie den kleinen Ring zu tragen dachte, war
sie genöthigt gewesen, von ihrer Unterredung mit dem
Prinzen ihrer Mutter und der Gräfin mehr und Ge-
ueres mitzutheilen, als sie ohne diee Absicht viel-

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leicht gethan haben würde. Die Mutter wollte den
Ring besehen. Er bestand aus mehreren künstlich in
einander verschlungenen Reifen, welche eine emaillirte
Platte mit der Aufschrift: , Kimer-mdi torjours!
zusammenhielt. Nur die feine Arbeit hatte Werth
daran.
Die Baronin betrachtete ihn un derselben willen
mit Kennerblick, und während fie damit beschäftigt
war, die aufgelösten Reifen wieder ineinander zu fügen,
sagte sie: , Das ist wirklich ein kleineö Kunstwerk und
ein sehr rührender Gedanke. Aber man sollte in den
lezten Augenblicken eigentlich nicht mehr zurücksehen,
denn wenn man den Sinn dem Irdischen abgewendet
hat, vergißt man die Bedingungen desselben nur zu
leicht. Daß die Prinzessin Dir durch den Prinzen
gerade einen Ring mit dieser Aufschrift sendete, daß
er ihn wirklich selber in Deine Hände legte, das er-
scheint mir - nun, wie soll ich's nennen- doch zu
unirdisch, zu idealisch.
,An die Möglichkeit solcher Deutung hat die
arme Sterbende schwerlich denken können, und auch
mir würde sie wohl ebensowenig jemals eingefallen
sein!'' fuhr Konradine auf, während die Röthe einer
zornigen Scham ihr Antliz übergoß.
, Es ist hier nicht von Deinen, oder von
den Voraussezungen der Prinzeß die Rede, sagte
die Baronin, ,aber wir leben doch nicht in dem seli-
gen Zwischenreiche, in welchem den Reinen Alles rein
ist. Und da es mir als eine Wunderlichkeit der
Sterbenden aufgefallen ist, Dir diesen Ring mit seiner

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188
Bitte um Liebe durch den Prinzen zustellen zu lassen,
so fürchte ich, daß es Anderen ebenso ergehen kann.
Ich würde deshalb in Deiner Stelle diesen Ring nicht
tragen.!
,Den Ring lege ich nie wieder ab, der wird mit
mir begraben!! sagte Konradine mit großem Nach-
druck, während ihre Augen flammten.
, Es würde auch kränkend für den Prinzen sein,
wenn Sie es thäten!r gab die Gräfin zu bedenken,
die, jeder Aufregnng und jeder Scene abhold, sofort
einzulenken trachtete, obschon sie der Baronin inner-
lich nicht Unrecht gab und die ganze Sache nicht nach
ihrem Sinne war.,Man hat es ja nicht nöthig,
sezte sie hinzu, ,Rechenschaft abzulegen über jeden
Ring, den man an seiner Hand trägt, und die Reifen
find so unscheinbar, daß sie die Neugier nicht er-
wecken. Wahr aber ist es, fügte sie halblaut gegen
die Baronin gewendet noch hinzu, während Konradine
sich entfernte, , die Herrschaften werden von Kindheit
an so lange daran gewöhnt, selbst aus ihrem Denken
und Empfinden eine Staatsaktion zu machen, bis sie
schließlich Nichts mehr einfach, wie wir Anderen, ab-
thun können -- nicht einmal das Sterben und das
Trauern um die Todten. Es müssen Andere in Mit-
leidenschaft gezogen werden, es muß Nachrede davon
geben können!!-- Sie brach mit diesen Worten
plözlich ab und erhob sich, unzufrieden mit sich selbst.
Es begegnete ihr sonst nicht, am wenigsten im Bei-
fein der Baronin, sich tadelnd über ein Mitglied des
königlichen Hauses vernehmen zu lassen, in dessen

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Verehrung sie hergekommen, und die ihr ebenso Sache
des Herzens, als Folge ihrer monarchischen Neberzeu-
gungen war.
Die Baronin aber ermaß mit richtigem Takte an
dieser. Unvorsichtigkeit die Stärke des Unmuthes, wel-
chen das Dazwischentreten des Prinzen in der Gräfin
erregt hatte, und auch ihr selber, der alle Empfind-
samkeit zuwider und bedenklich war, kam dasselbe in
diesem Augenblicke keineswegs gelegen.
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Kapitel 14


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Bierzehntes Eapites.
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Emanuel war es gewohnt, an jedem der beiden
wöcentlichen Posttage Nachricht von seiner Braut zu
erhalten, und er hatte es in seiner Einsamkeit mit
zärtlichem Hoffen ausgerechnet, wie viel dieser ersehnten
Briefe er noch erwarten müsse, ehe das dauernde
Beisammensein aller Sehnsucht ein erfreuliches Ende
machen werde.
Weil er sich auf Konradinens Pünktlichkeit ver-
lassen durfte, pflegte er an dem Posttage seine Ge-
schäfte und Arbeiten immer so einzutheilen, daß die
Ankunft des Briefes ihn völlig frei antraf, um dann,
wenn das Wort der Entfernten sie ihm nahe gebracht
hatte, ihr gleich unter dem ersten Eindrucke dieser Be-
friedigung, die ersten Zeilen der Antwort schreiben zu
können. Es überraschte ihn sehr angenehm, als er
diesmal den Brief schwerer und wuchtiger als gewöhn-
lich fand. Schon die schöne, immer gleiche Hand-
schrift seiner Braut war ihm wieder ein Vergnügen.
Mit heiterem Behagen las er die ersten beiden Seiten
des Briefes, in welchem sie ihm harmlos von den


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kleinen Vorgängen der lezten Tage Bericht erstattete.
Dann hatte sie einen Strich gemacht, um einen Ab-
schnitt zu bezeichnen, und mit schlagendem Herzen ließ
Emanuel plözlich sein Auge rasch von Zeile zu Zeile
vorwärtsgleiten, denn die Erschütterung, welche Kon-
radine erfahren hatte, ergrif auch ihn. Und doch
wollte er ruhig bleiben, um den Schrecken und die
bösen Geister, welche dieser in seinem Gefolge mit sich
führte, keine Gewalt über sich gewinnen zu lassen.
Mitten im Lesen des Briefes sprang er empor.
Er wollte Befehl geben, seinen Wagen bereit zu
halten, Pferde für ihn nach der nächsten Station zu
senden. Er mußte hineilen, wo Gefahr herantrat
an die Frau, die er schon jetzt die Seine nannte. Er
konnte in vierundzwanzig Stunden bei ihr sein. Wenn
sie es wollte, wenn sie darein willigte, konnte ihre
Heirath bald, in wenig Tagen, vollzogen werden, und
er konnte sie heimführen in sein Haus, in welchem
ihrem und seinem Glücke keine Störung und keine
Gefahr mehr drohte. Wenn er morgen zeitig auf-
brach, konnte er am nächstfolgenden Tage bei guter
Stunde vor sie hintreten. Aber sie erwartete ihn
nicht, sie hatte nicht gefordert, daß er kommen solle,
und womit sollte er es ihr erklären, was er jetzt
empfand, was ihn vorwärts, hinwegtreiben wollte von
dieser Stelle, hin zu ihr?
Er schämte sich, es auszudenken. Wie hätte er es
aussprechen sollen gegen sie, daß jenes Gefühl, welches
er immer als eines der niedrigsten bezeichnet hatte,
daß eine wilde Eifersucht in ihm emporgelodert war,

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die ihn das Urtheil fäälschte und verwirrte. Denn
was war geschehen? Was hatte Konradine ihm ge-
schrieben, das ihn berechtigte, ihr zu mißtrauen, die er
seit Jahren ofenherzig, wahrhaft und redlich gegen
sich selbst wie gegen ihn gefunden hatte?
Der Prinz war ohne sein Zuthun, wie der Wille
des Königs es für ihn entschieden hatte, nach dem
Orte versetzt worden, an welchem Konradine sich
ebenso zufällig befand. Er war ihr begegnet, ohne
daß er sie gesucht, und hatte sich eines Auftrages ent-
ledigt, den das zart empfindende Gemüth einer Ge-
storbenen ihm für sie gegeben hatte. Eine glückliche
Ehe hatte den Prinzen von dem stürmischen Neber-
muth der Jugend geheilt. Er hatte, weit entfernt, mit
irgend einer zärtlichen Erinnerung Konradine an das
Verlöbniß zu mahnen, welches zwischen ihnen einst
beschlossen war, vor ihr mit traurigem Herzen den
schweren Verlust beklagt, den er erlitten hatte, und sie
war, weniger durch das Begegnen mit dem Prinzen
und durch das Mitgefühl mit seinem Schmerz, als
durch den Hinblick auf die geheimnißvollen Wege des
Schicksals und die ausgleichende Kraft der Zeit er-
griffen worden.
Das war so natürlich, so berechtigt! Die Art,
in welcher sie ihrem Verlobten ihr ganzes Empfinden
bei diesen Ereignissen in seiner ganzen Stärke ent-
hüllte, das rasche Vertrauen, mit welchem sie sich ihm
in die Arme warf, sich an ihn lehnte, waren so schön
und so beglückend, daß Emanuel, als er den Brief
zum zweitenmale las, es kaum verstehen konnte, wie


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Besuch unternehmen sollte, was bei der rastlosen
Wanderlust ihrer Mutter durchaus unverfänglich sein
würde.
Emanuel kannte seine Schwester. Er hatte den
Inhalt ihres Schreibens vorauögesehen, noch ehe er es
erbrochen hatte. Trotzdem wünschte er, den Brief
lieber nicht empfangen zu haben. Er wußte es der
Schwester wenig Dank, daß sie sich in diesem beson-
deren Falle, und schon im Voraus, zum Sprachrohr
und Ausdruck jenes Theiles der sogenannten allgemei-
nen Meinung machte, welche möglichst von sich fern
zu halten, er als die Aufgabe eines selbstgewissen
Mannes ansah. Was ihm gegenüber dieser Mahnung
zu thun obliege, darüber war Emanuel in keinem
Zweifel. Er würde es nicht über sich vermocht haben,
seine Braut in einem solchen Falle, um solcher Gründe
willen, zu Schritten und zu Vorsichtsmaßregeln zu
veranlassen, die ihr als ein Zeichen seines Mißtrauens
gegen sie erscheinen mußten; und noch weniger durfte
er bei dem Charakter der Gräfin dieser irgend einen
Eingrif in sein Verhältniß zu seiner Braut, oder eine
bestimmende Meinung über dasjenige gestatten, was
dieser Lezteren zu thun oder zu lassen gebührte.
Er schrieb der Schwester deshalb, daß er in der
Anwesenheit des Prinzen kein Ereigniß sehe, welches
auf seine oder auf die Entschließungen seiner Ver-
lobten Einfluß haben müsse; und da er sich in dem
Briefe durchaus ruhig auszudrücken strebte, beruhigte
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war denn auch wieder voll und ganz in ihn zurück-
gekehrt, als er sich anschickte, seiner Braut zu ant-
worten; weil aber ihre Aufrichtigkeit ihm wohl gethan
hatte, so meinte auch er, ihr Nichts verhehlen zu dür-
fen, nicht einmal die Eifersucht, die nahe daran ge-
wesen war, ihn in der Besorgniß seiner Liebe zu ihr
zu führen. Er erwiderte die Grüße, welche sie ihm
von dem Prinzen ausgerichtet hatte, in gebührender
Weise, ersuchte sie, wenn sie denselben wiedersähe, ihm
sein Beileid auszudrücken, und nannte es immerhin
möglich, daß ihnen noch einmal ein dauernder Zu-
sammenhang mit dem Prinzen bevorstehen könne.
,Pergleichen aber,! schrieb er, , soll man, wie ich
glaube, weder von sich weisen, noch es suchen. Es ist
dem denkenden Menschen ein künstlerischer Genuß, das
Dunkel sich lichten, die Perwirrung sich ordnen, das
Getrübte sich klären zu sehen. Unsere Freude an der
Dichtung beruht darauf in vielen Fällen. Aber wie
in der Dichtung, so muß auch im Leben die Ent-
wicklung aus der eigenen Natur der Betheiligten als
etwas für sie Nothwendiges hervorgehen; und ob für
den Prinzen, für Dich und mich erneutes Begegnen
wünschenswerth, ob es nöthig sein wird, darüber wird
die Zeit uns Aufschluß geben. Es zu suchen, ist in
seiner Hand; es zu vermeiden in der unseren. Und
vollends wenn wir in wenig Wochen hier am eigenen
Heerde sein werden, wird uns Nichts nahen dürfen,
was zu empfangen wir nicht wünschen könnten.!
, Eben meine Neberzeugung,? fügte er dann noch
hinzu, daß man das eigene Bedürfniß des Menschen

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über seine Handlungen entscheiden lassen müsse, mahnt
mich daran, auch der liebevollen Regung Deines Her-
zens in Bezug auf Hulda vorläufig nicht nachzugeben.
Es steht nicht immer in unserer Macht, zu vergüten
und auszugleichen, wie unser Gewissen es fordert un.
zu seiner Beruhigung bedürfte. Was sollten oder was
könnten wir ihr sagen, was ihr bieten, da wir die
Zustände nicht kennen, in denen sie sich jetzt bewegt?
Was wir davon durch die Zeitungen erfahren, ist
günstig. Sie schreitet mit großer Anerkennung vor-
wärts in einem Lebensberufe, zu dem sie einen An-
trieh in sich gefühlt haben muß; und es würde ge-
fährlich sein, sie rückwärts blicken zu machen, während
in dem ungebrochenen Streben, vorwärts zu kommen,
vielleicht ihre Stärke und Sicherheit beruhen. Ich
habe sie nicht vergessen und habe Dir es nie verbor-
gen, daß ich sie nie vergessen werde. Ich strebe nicht
einmal danach, so wenig ich danach streben würde,
einen sonnigen Frühlingsmorgen zu vergsssen, in
dessen hellem Lichte ich glückbeseligt einst geathmet
habe. Mein Gefühl für sie hat mit der festen Nei-
gung, die ich für Dich hege, Nichts gemein. Und doch
-- nenne es eine fatalistische Idee, nenne es eine Er-
innerung an Goethe's unvergleichliche Dichtung -- ich
würde Scheu tragen vor dem geflissentlich gesuchten
Hereinziehen eines neuen Elementes in das enge
, Bündniß, das zu schließen wir im Begrife stehen.
Laß auch darin die Zeit gewähren. Käme ein Augen-
blick, der uns Hulda entgegenführte, wie jener, der den
Prinzen zufällig in Deine Nhe brachte, und fänden

18
wir sie dann geneigt, die Hand zu ergreifen, die ich
ihr einst in anderem Sinne geboten habe, so würde
es mir ein hoher Gewinn sein, sie ihr reichen zu
können, und ich weiß es Dir von Herzen Dank, daß
auch Deine Arme ihr in diesem Falle geöfnet sein
würden.!
Er rechnete seiner Braut dann die Zahl der Tage
vor, die sie Beide noch von ihrer Vereinigung trenn-
ten, gab ihr Auskunft über sein Schaffen und die für
ihre Bequemlichkeit getroffenen Einrichtungen, schilderte
ihr, wie schön es troz des Winters an den Mittagen
in den hohen Wäldern sei, wie eigenartig der Bllc
aus dem Schlosse selbst in dieser Jahreszeit ihn an-
muthe, und wie er sich dagegen auch sträubte, konnte
er am Ende des Briefes die Bitte nicht zurückhalten,
sie möge, da Alles zu ihrem Empfange früher, als er
es erwetrtet habe, fertig sein werde, ihm das Zu-
geständniß machen, auch früher, als es zuerst beschlossen
gewesen wäre, als Herrin in das Stammschloß seiner
Väter einzuziehen.
- Er war guten Muthes, als er den Brief beendete,
aber als er denselben abgesendet hatte und er den
Boten schon auf dem Wege nach der Station wußte,
kam eine Unruhe über ihn. Er hatte sich sonst wohl
auch gesragt, was Konradine eben in dieser Stunde
thun, wo sie weilen, womit sie beschäftigt sein möge;
aber dies Denken an sie war ihm immer ein durchaus
erfreuliches und sorgloses gewesen. Heute regte es
ihn peinlich auf.
Eanny Lewalr, Die Erlöserin. .
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Es war gegen Abend hin um die Stunde, in
welcher die Gräfin an ihrem Theetische Besuche zu
empfangen pflegte. Emanuel kannte den Kreis der
Freunde und Verwandten, welche sich mit einer ge-
wissen Regelmäßigkeit bei der Schwester einzufinden
pflegten. Daß der Prinz sich diesen Freunden zu-
gesellen würde, war nicht anzunehmen, war wenigstens
für das Erste nicht wahrscheinlich; indeß unmöglich
war es nicht.
Er hatte die leichten Umgangsformen stets ge-
liebt, die Etikette-Rücksichten gering geachtet. Er konnte
zudem in seiner jetzigen Stimmung unmöglich Freude
an großer Repräsentation, an allgemeiner Geselligkeit
empfinden. Jemanden zu haben, mit dem er sich ver-
traulich unterhalten konnte, gegen den er sich zwanglos
gehen lassen durfte, mußte ihm willkommen sein; und
er hatte Konradinen sein Herz erschlossen, er hatte sich
auch gegen die Gräifin über seinen Kummer aus-
gesprochen. Zwei solche Frauen öfter zu sehen, in denn
Hause der Gräfin, in ruhigem Iwiegespräch Ersaz
für die verlorene Häuslichkeit zu suchen, mußte ihm
ein Bedürfniß, eine Wohlthat sein.
Aber Emanuel war ja auch einsam, er entbehrte
der ersehnten Nähe seiner Braut, der Abend war sehr
lang in dieser Winterszeit, und dem Prinzen sollte
eine Zerstreuung, eine Erheiterung geboten werden,
die Emanuel noch vorenthalten wurde. Es machte
ihn ungeduldig und verdrießlich, wenn er daran dachte.
Der Abend wollte kein Ende nehmen, keine Arbeit
freute ihn, keine Beschäftigung fesselte ihn. Er mochte


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nicht schreiben, nicht lesen, noch viel weniger denken,
und war schließlich froh, als die Stunde herankam,
in welcher er sein Lager suchen konnte. Der Schlaf
jedoch, weit entfernt, ihm ein Befreier zu werden,
verschlimmerte seinen Zustand; denn was er im Wachen
mit festem Willen von sich abzuwehren wußte, das
trat, vom Traume heraufgeführt, ihm in unheilvollen
Vorstellungen gegenüber und schreckte ihn in jähem
Schmerze empor.
Draußen war es tiefe Nacht, es regte sich Nichts
in der Natur. Im Schlosse war' es todtenstill, die
Lampe, die er angezündet hatte, warf ihren
durch das einsame Gemach. Lautlos schritt
dem weichen Teppiche hin und her, daß er
spenstisch vorkam, wenn er sein Bild an dem
vorübergleiten sah.
Warum war er von sich selber abgefallen?
Schein
er auf
sich ge-
Spiegel
Warum
hatte er nicht beharrt auf dem Entschlusse, in eheloser
Einsamkeit zu leben? Freilich war er in seiner Ehe-
losigkeit nicht glücklich gewesen, denn er hatte von
früher Jugend an die Liebe einer Frau ersehnt, nach
dem Glücke der Ehe stets verlangt;' aber er hatte da-
mals in richtiger Selbsterkenntniß daran gezweifelt,
die Liebe einer Frau um seiner selber willen gewinnen
zu können, er war ehelos geblieben aus Neberzeugung.
Und als ihm dann
worden war, rein,
gütiges Geschick sie
eine reife goldene
so unerwartet Liebe zu Theil ge-
fest, stark, uneigennützig, als ein
ihm 'in die Hand geworfen, wie
Frucht - da hatte er die Hand
nicht geschlossen, um sich des kostbaren Kleinods zu
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wversichern für immerdar. Er hatte die Arme in
Schlaffheit niedersinken, er hatte das Kleinod auf die
Erde fallen lassen, und es war hinweggerollt auf einen
Boden, auf dem es unter die Füße getreten werden
konnte.
Hulda hatte ihn geliebt! Er hatte nie ein Weib
geliebt wie sie! Das Bewußtsein tauchte bei jedem
Anlaß wieder in ihm auf, und diese Erkenntniß, die
er sich nicht eingestehen mögen, hatte ihm den Vor-
schlag unheimlich erscheinen lassen, den ihm Konradine
in ihrem Briefe eben jetzt gemacht hatte. Was ihn
und Konradine zusammengeführt, war nur ein schönes,
herzliches Vertrauen, sie hatten das einander auch
ofen eingestanden. Es war ein Nebereinkommen, das
Beiden zum Vortheil gereichte, das ihm eine edle
Hausfrau, eine geistvolle Gesellschaft, eine freundliche
Gefährtin, ihr einen ergebenen Beschüzer, einen großen
Namen und volle Lebensfreiheit durch reichen Besiz
verlieh. Ob dieser Besiz bestimmend auf ihre Ent-
schließung eingewirkt habe, diese Frage hatte er in sich
geflissentlich zurückgedrängt. Denn durfte er es ihr
verargen, wenn sie in dem äußeren Besitz, den er ihr
bieten konnte, einen Ausgleich suchte für die persön-
lichen Vorzüge, die ihm fehlten?
Was die Nachricht von des Prinzen Ankunft be-
gonnen, das hatte der wirre Traum der letzten Stun-
den in Emanuel's Seele vollendet. Er konnte sich es
nicht verbergen: nur sein Ehrgefühl hielt ihn zurück,
es kundzugeben, daß er aus Mißtrauen in sich selbst
der Frau mißtraue, die bald seinen Namen tragen,

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seine Gattin werden sollte; daß seine plözlich rege ge-
wordene Eifersucht, ihm keine Ruhe ließ.-- Eifer-
fucht!- War sie je zu dämpfen, wo sie einmal em-
pfunden worden war? Würde die Ehe sie zum
Schweigen bringen?-- Und wer als er selber trug
die Schuld der Pein, die er empfand in dieser
Stunde?
Er war mit sich selhst zerfallen, er machte sich
sein Mißtrauen gegen Konradine schwer zum Vor-
wurfe. Bald klagte er sein Schicksal an und bald
sich selbst. Dann wieder rang sich ein ruhiges, ge-
faßtes Bewußtsein in ihm durch, und gerade der
Wechsel dieser beiden Stimmungen flößte ihm ein
Grauen vor sich selber ein. Nichts war ihm stets
eines Mannes unwürdiger erschienen, als eine Lage,
die ihn zur Eifersucht verdammte, Nichts ihm wider-
wärtiger gewesen als ein Eifersüchtiger und die Schil-
derungen der Eifersucht in der Dichtung. Und sie
waren doch richtig gewesen bis auf das Haar!-
Denn er erlebte, er erlitt, was sie gezeichnet hatten.
Er stand auf dem Punkte, auf welchem er Grund
und Ungrund, Wahrheit und Einbildung nicht von
einander zu unterscheiden vermochte, auf dem er Alles
in einem wechselnden, die Dinge verschiebenden und
verzerrenden Lichte sah, in einem Lichte, das schließ-
lich auf ihn selbst zurückfiel, das ihn lächerlich, ja ver-
ächtlich erscheinen machen konnte.
Selbst der Morgen brachte ihm nicht Ruhe, der
Tag nicht Klarheit. Er blieb zerfallen' mit sich selbst,
es sah traurig in ihm aus.
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Kapitel 15

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Fünfzehnies Gapites
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Inzwischen hatte man sich in dem Hause der
Gräfin schon wieder zurechtgefunden, und Konradine
war nahe daran, die Bekenntnisse, welche sie Emanuel
gemacht hatte, zu bereuen, nachdem sie den Brief des-
selben gelesen und wieder gelesen hatte. Sie kannte
die geheime Wunde, an welcher das Gemüth ihres
Verlobten krankte; sie hatte darauf die nöthige Rück-
sicht nicht genommen, und sie sah es jezt zu spät ein,
daß es ein Gemeinplatz sei, wenn man behaupte, die
Liebe dürfe dem Geliebten Nichts verschweigen, Offen-
heit, unbedingte Offenheit sei die erste Bedingniß
zwischen Menschen, die sich durch die Ehe dauernd zu
verbinden denken. Ihre unbegrenzte Offenheit war
das Werk selbstsüchtiger Fassungslosigkeit gewesen. Sich
im ersten Augenblicke zu befreien, hatte sie einem
Anderen eine schwere Bürde aufgewälzt; und weil sie
dies Unrecht gutzumachen wünschte, stand sie nicht an,
ohne Bedenken zu gewähren, was Emanuel von ihr
erbat.
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Sie schrieb ihm, daß ihre Wünsche mit den sei-
nigen in diesem Falle, wie zum Glück fast immer, zu-
sammenträfen, sie gebe es also ganz in seine Hand,
den Tag für ihre Verheirathung festzusezen. Ihre
Mutter sei mit dieser Aenderung des ursprünglichen
Planes einverstanden, weil sie dadurch zeitiger gen
Süden reisen könne, und da die Fastenzeit, während
welcher keine Trauungen vollzogen zu werden pflegen,
in diesem Jahre mit dem Beginne des Frühlings zu
Ende gehe, so hoffe sie in wenig Wochen, zusammen
mit dem Frühling, bei ihm einzuziehen, um dauernder
als der Frühling bei ihm zu verweilen. Sie meldete
ihm dann noch, daß der Prinz seinen Besuch bei der
Gräfin wiederholt habe, daß sie ihn jm Beisein an-
derer Personen, welche sie ihm nannte, wiedergesehen
habe, daß sie ihn in jedem Betrachte zu seinem Vor-
theil verändert finde, und daß sie nie größer von der
Ehe gedacht habe als eben jezt, wo sie an dem
Prinzen die versittlichende und veredelnde Macht dieser
heiligen Verbindung beobachten können.
Es gewährte ihr eine große Genugthuung, Ema-
nuel's Wunsch zu befriedigen; die Gräfin nahm die
Nachricht mit unverhohlenem Wohlgefallen auf, und
Konradinen selber war es angenehm, dem Prinzen,
als sie ihm in einem befreundeten Hause begegnete,
die Mittheilung machen zu können, daß in Schloß
Falkenhorst die Einrichtungen, die Baron Emanuel
für nöthig erachtet habe, beendet worden wären und
daß sie in Folge dessen, sich schon in den ersten Früh-
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lingstagen verheirathen werde.



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Der Prinz wwünschte ihr dazu mit jener Thei!-
nahme Glück, welche zu zeigen Sache der Schicklichkeit
ist. Sein Betragen gegen sie war immer ruhig, stets
gemessen, und Konradine hätte sehr eitel sein müssen,
sich nicht zu sagen, daß die Ergrifenheit des Prinzen
bei ihrem ersten Zwiegespräch wirklich nur der ver-
storbenen Prinzessin und nicht einer anderen Erinne-
rung gegolten habe. Gefallsüchtig oder herausfor-
dernd war sie überdies nie gewesen, über ihre Zukunft
hatte sie jezt nach besonnener Wahl entschieden. Des
Prinzen Schicksal hatte sie mit ihm und mit jener
Gerechtigkeit ausgesöhnt, der wir zu begegnen ver-
langen, wo wir Unrecht erlitten haben, ohne uns Recht
dafür schaffen zu können; und da der Prinz jetzt noch
mehr als früher sich überzeugt hielt, daß er nicht nur
einer unabweisbaren äußeren Nothwendigkeit, sondern
der Fügung einer höheren Macht gefolgt sei, als er
sich von Konradinen losgesagt habe, um sich mit der
Prinzessin zu verbinden, so stellte sich in kürzester
Zeit zwischen den Beiden ein freies Empfinden und
ein so ruhiger Verkehr heraus, daß sowohl die Ba-
ronin als die Gräfin sich von dem Ungrund ihrer ge-
hegten Besorgnisse überzeugten.
Zufällig waren sie Beide gegenwärtig, als Kon-
radine dem Prinzen von ihrer jetzt nahe bevorstehenden
Verheirathung erzählte. Sie hörten es, wie der Prinz
es verständig hieß, die Zeit des Brautstandes möglichst
abzukürzen, besonders wenn es sich wie in diesem Falle
um eine Verbindung zwischen reifen und fertigen
Menschen handle.


21
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Verlangen nach völliger Vereinigung zu einem deut-
lichen Bewußtsein gekommen und dies Verhältniß fest-
stellend ausgesprochen worden ist, da muß dem Worte
auch die That schnell folgen. In der halben Freiheit,
welche der Brautstand gewährt, ist ein wirkliches
Wachsen des gegenseitigen Verständnisses weit weniger
wahrscheinlich als das Aufkommen von Mißverständ-
nissen und das Dazwischentreten von störenden Hin-
dernissen. Was man aber aneinander hat und für
einander sein und werden kann, das bewährt sich doch
schließlich erst in der Ehe selbst, wenn die Mehrzahl
der landläufigen Aussprüche über die Ehe in ihr
Nichts zusammengefallen sind.
Frau von Wildenau, zu deren Vergnügungen
Gespräche über die Ehe gehörten, weil sie bei den-
selben sich in ihrer Geringschäzung der Ehe gehen
lassen und zeigen konnte, nahm die hingeworfene Be-
merkung des Prinzen augenblicklich mit der Entgeg-
nung auf, daß die allgemeinen Aussprüche über die
Ehe schon darum haltlos wären, weil jede Ehe ein
Unikum sei, jede ihre eigenen Erfahrungen von An-
ng an zu machen habe.
,Die Ehe ist ein Experiment, sagte sie, , das
meist auf bloße Vermuthungen hin gewagt wird und
dessen glücklicher Erfolg immer zu bewundern bleibt.
Wir sind angenehm überrascht, wenn wir nach be-
dächtigem Prüfen und Wählen einen Schuh oder
-andschuh finden, der -- ohne eigens für uns ge-

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macht zü sein -- unö paßt, der uns nicht drückt, nicht
preßt; und wir gehen doch zumeist Mlle mit dem
Glauben in' die Ehe, ein Wesen gefunden zu haben,
das uns noch ganz anders anpassen und sich uns noch
ganz anders anschmiegen soll, als ein Handschuh oder
unser Schuh. Da ist denn, um diesen verwegenen
Leichtsinn vor dem eigenen Gewissen zu entschuldigen,
natürlich gar Nichts übrig geblieben, als sich mit dem
. Glauben an die höhere Fügung zu beruhigen, nach
welcher eben dieses Menschenwesen eigens für uns ge-
macht und herangebildet worden sein soll. Und die
Menschheit will noch immer nicht begreifen, wie oft
sie mit diesem Glauben die Vorsehung für einen
Stümper erkläärt, der für uns das Richtige zu schaffen
und auszuwählen nicht verstanden hat.!
Der Prinz hatte sich in früheren Zeiten mit den
Paradopen der Baronin unterhalten; sie waren aber
jezt, nicht mehr nach seinem Sinne. Zudem glaubte
er zu bemerken, daß sie auch Konradinen und der
Gräfin nicht genehm waren. Er wies sie deshalb init
der Bemerkung zurück, daß er bei seiner Aeußerung
nicht die traurigen Fälle im Sinne gehabt habe, in
welchen die Ehe nicht den Erwartungen entspreche,
mit denen man sie eingegangen sei.
, Ulng woran dachten, oder was meinten Hoheit
denn sonst, mit den herkönnnlichen und trotzdem un-
richtigen Behauptungen über die Ehe? fragte die
Gräfin.
,Alle unsere Vorstellungen von dem Glück der
Ehe,! entgegnete der Prinz, , beruhen mehr oder
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weniger auf dem alten Bibelworte: , Und er soll Dein
Herr sein!? Das heißt schließlich auf der Anerkennt-
niß der Macht, welche der Starke über den Schwächeren
auszuüben vermag.!
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chen wir Frauen zur gegebenen Stunde diese Macht
des
Stärkeren nicht zu erfahren gehabt hätten.
, Gewiß nur wenig Fälle! rief der Prinz. , Wie
sollte es auch anders sein, da man uns zu der Selbst-
bewunderung unserer Kraft und Stärke, und nach dem
Grundsatze erzieht, daß uns den. Frauen gegenüber
das Regiment von rechtswegen gebühre? Ich habe
auch lange genug mit einem solchen angelernten Selbst-
bewußtsein auf die Lehre von dem starken und dem
schwachen Geschlechte geschworen, und mich nur da-
rüber gelegentlich gewundert, wie es dem schwachen
Geschlechte so gar häufig möglich wird, das starke Ge-
schlecht zu beherrschen. Aber auch dafür hat die alte
Tradition ihre Erklärung für uns und zu unseren
Gunsten vorbereitet: es ist die männliche Großmuth,
die sich freiwillig herbeiläßt, die goldene Kette zu
tragen -- wohlgemerkt, so lange sie weder drückt, noch
ernstlich zu fesseln denkt.-- Er hatte die lezten
Worte scherzend ausgesprochen, aber gleich wieder ernst-
haft werdend, fügte er hinzu: , Ich glaube, und daran
dachte ich eigentlich vorhin, daß wir uns, um den
Frauen gerecht und damit auch den Bedingungen der
Ehe gerecht zu werden, zunächst darüber klar zu wer-
suchen müssen, daß wir nicht mehr von männ-


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licher Kraft und weiblicher Schwäche, sondern von
zwei in. ihrer Art verschiedenen, aber, jede in ihrer
Art, gleichbedeutenden Kräften zu reden haben. Da-
von würden wir uns sehr bald überzeugen, wenn es
möglich wäre, die beiden Kräfte, die wir gewohnt sind,
in irgend welchen besonders dazu herausfordernden
Augenblicken an einander zu messen, in ihrer ganzen
allhemeinen und dauernden Kraftentfaltung verglei-
chhend wägen zu können. Ich wenigstens bin nicht
sicher, zu wessen Gunsten die Schale sich senken würde:
ob zu Gunsten unseres starken, energischen Kraftauf-
wandes im gegebenen Momente, oder ob zu Gunsten
der im beständigen Gleichmaß ruhig beharrenden weib-
lichen Kraft. Und zwar bin ich umsoweniger darüber
sicher, als in der entscheidenden Stunde die willens-
starke Entschlossenheit der Frauen uns Nichts nachzu-
geben pflegt. Fassung in verwickelter Lage, bei plöz-
lich hereinbrechendem Unheil, besitzen die Frauen in
gleichem Maße, ja vielleicht mehr, als wir--
,Weil wir es von Jugend an weit mehr nöthig
haben als der Mann, uns in der Selbstbeherrschung
zu üben, ohne die wir gar nicht bestehen und uns
nicht behaupten könnten!r meinte die Gräfin.
,Nun, warf die Baronin ein, , in dieser Kunst
werden die Männer, freilich sehr ohne es zu beab-
sichtigen, unsere Lehrer, nur daß sie es dann obenein
noch übel nehmen, wenn der Schüler sie zu über-
treffen anfängt. Darin, wie in jedem anderen Punkte,
trifft der Ausspruch Iphigeniens zu: ,Der Frauen
Schicksal ist bekagenswerth!- Uns wird nur zu oft

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5
als Fehler angerechnet, was der Mann als Eigenschaft
an sich zu schäzen weiß. Seine Selbstbeherrschung
----- wenn er sich die Mühe nimmt, sie sich aufzu-
erlegen-- ist in jedem Falle edle Fassung. Die unsere
wird, wer weiß wie oft, als eine Folge und Frucht
der Verstellung bezeichnet. Sucht der Mann mit Be-
hutsamkeit seine Frau zu beeinflußen, so ist das eine
weise Führung. Thun wir aber das Gleiche, so ist
das versteckte Herrschsucht. Und wie Goethe's Iphi-
genie sehr richtig das traurige Geschick der Frauen be-
klagt, so preist Klärchen mit ihrem: , Oh wär' ich ein
Mannsbild das Glück, ein Mann, das heißt ein
Selbstbeherrscher und ein Tyrann zu sein, noch lange
nicht nach Gebühr.
Eine Meldung, welche man der Gräfin zu machen
kam, unterbrach die Unterhaltung, die abermals durch
der Baronin Schuld von ihrem Ursprung und von
des Prinzen Gedanken in einer Weise abgekommen
war, welche der Gräfin und Konradinen um des
Prinzen willen, und auch diesem selber peinlich ge-
.wesen war
Da man sich erhoben hatte, trat der Prinz mit
Konradinen einige Schritte zurück, und das Recht
ihres früheren Zusammenhanges zum erstenmale ver-
traulich benuzend, sagte er: , Es ist merkwürdig, wie
Frau von Wildenau sich selber gleich geblieben ist,
wie die Zeit gar keinen Einfluß auf sie gehabt hat.
Sie sieht heute noch ganz so aus wie in dem Winter,
in welchem ich sie kennen lernte, jugendlich und

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206
frisch, und sie empfindet und denkt auch noch vollkom-
men so wie damals.!
, Hoheit wissen es, bedeutete Konradine mit be-
hutsamer Abwehr des versteckten Tadels, , daß meine
Mutter in ihrer Ehe nicht glücklich gewesen ist. ?
,Ich weiß! ich weiß es!r sagte der Prinz, der,
wie Alle seinesgleichen, sich auch in dem Kleinsten
nicht gerne widersprechen, und seine Meinung nicht
leicht zurückweisen ließ. , Wo es sich aber um all-
gemeine Grundsätze handelt, muß man doch von sich
abzusehen vermögen.!
, Und doch sind es eben Ihre eigenen wohl-
thuenden Erfahrungen, die Sie gegen meine Mutter
geltend machten!! wendete Konradine ein.
, Gewiß! gewiß!' rief der Prinz; , subjectiv sind
wir ja bis zu einem bestimmten Grade in diesen
Dingen immer. Indeß seiner übeln Erfahrungen,
seiner unangenehmen Erinnerungen, muß man sich
- entschlagen. Wie will man sonst durch das Leben
hmmen, das uns dergleichen nie erspart, uns der-
gleichen immer neu aufbürdet?-- Früher war die
Baronin übrigens der gleichen Ansicht; sie nannte es
Weisheit, zu vergessen, was uns nicht erfreut.
,Der Meinung ist sie auch noch immer. Doch
giebt es Dinge, die man nicht verschmerzen, nicht ver-
zeihen, und darum nicht vergessen kann.!
Konradine hatte, als sie das sagte, in Wahrheit
nur an die Erlebnisse der Mutter gedacht. Wie sie
die Worte aber aussprach, schoß ihr das Blut in die
Wangen, denn sie fühlte die Bedeutnng, welche sie

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für den Prinzen in ihrem Munde haben mußten; und
ihr plötzliches Erröthen drängte ihm auch wirklich den
Glauben auf, daß die Bemerkung ihr persönliches Em-
finden ausgesprochen u also ihm gegolten habe.
Denn mit eben solchem plötzlichen Erglühen, das sich
von der Stirne bis hinab über den ganzen Hals er-
goß, hatte sie vor ihm gestanden in ihrem zornigen
Schmerz an jenem Morgen, an welchem sie geschieden
waren. Er war ihm schwerer zu überstehen gewesen,
als sie es ihm glauben wollen - und sie war noch
immer stolz und schön, wie damals.
Sie vermochte ihn nicht anzusehen; er fand das
Wort nicht zur Entgegnung. Sie waren Beide un-
angenehm betrofen, sie schwiegen Beide. Der Prinz
glaubte einen in diesem Augenblicke nicht geforderten,
durch die neulich erfolgte Aussöhnung nicht mehr be-
rechtigten Vorwurf von ihr erlitten zu haben, und er
hatte es in seinem Leben nicht nöthig gehabt, ein ihm
zugefügtes Unrecht schweigend hinzunehmen. Er wollte
auffahren, aber sein Ehrgefühl hielt ihn zurück, und
als er Konradinen ansah, bemerkte er, wie gewaltsam
sie ihre Bewegung niederkämpfte. Diese Bewegung
ergriff auch ihn, er wußte selbst nicht wie.
,Ihnen gegenüber vertheidige ich mich nicht!
sagte er und wußte dabei, daß im Grunde diese Er-
klärung oder dieses Zugeständniß durch Konradinen's
Aeußerung keineswegs gefordert worden war.
,Ich dachte nicht an mich! Verzeihen Sie mir!
Glauben Sie mir daö!- entgegnete sie mit weicher,

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bebender Stimme, und als thäte die Bitte ihr noch
nicht genug, reichte sie ihm ihre Hand hin.
Er behielt sie in der seinen. , Wie gern, mit
wie viel Freude will ich es glauben! rief er. ,Ist
mir es doch ein solches Glück, mich Ihrer Theil-
nahme, Ihrer Freundschaft versichert zu halten! Nur !
mißverstehen Sie mich nicht wieder, so wie heute.
,Gewiß nicht! betheuerte sie ihm.
,Ich meinte ja nichts Anderes,! fuhr er fort,
,als daß man nicht in der Erinnerung bewahren
dürfe, was unser Herz verbittert, unsern Geist ver-
düstert. Wie könnte man denn vergessen wollen, was
man einmal geliebt hat. Wie sollte man jemals
gleichgiltig werden gegen Etwas, das man als schön
bewundert, als gut erkannt hat? Das hieße ja sich
selbst berauben!?
Er hatte das Alles in rascher Aufregung ge-
sprochen, ohne dgmit seiner oder ihrer Verwirrung
völlig abzuhelfen, und nur um sich von derselben zu be-
freien, rief er: , Also kein solch hartes Wort mehr
zwischen uns, denn vor Ihnen stehe ich ganz waffen-
los!? Er zog dabei ihre Hand an seine Lippen, ihre s
Augen begegneten einander. Es war der alte, heiße,
unvergessene Blick; sie empfanden es alle Beide.
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Kapitel 16

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Hechszeßntes Eapites
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Der soeben erzählte flüchtige Vorgang hatte so-
wohl den Prinzen als Konradine achtsam gemacht und
damit zur Vorsicht gemahnt. Der Prinz mußte sich
sagen, daß er in diesen ersten Wochen öfter als nöthig
in dem Hause der Gräfin erschienen sei, daß er seinem
Verlangen nach einem Verkehr mit den ihm bekannten
und zusagenden Frauen, zu viel nachgegeben habe. Aber
seine Dienstverhältnisse, die ihm namentlich zum An-
fang mannigfache Rücksicht und Arbeit auferlegten, und
sein persönliches Geschick boten ihm den besten Vor-
wand, sich, sobald ihm dieses nöthig dünkte, mehr als
bisher von der Gesellschaft zurückzuhalten, und es da-
durch unauffällig zu machen, wenn er sich auch bei
der Gräfin seltener zeigte.
Konradine wußte ihm für diese Rücksicht Dank.
Seinem und ihrem Gewissen, ihrem beiderseitigen
Schlcklichkeitsgefühle geschah damit Genüge. Die Gräfin
machte nicht die kleinste Bemerkung über das Fort-
bleiben des Prinzen, sie empfand es jedoch wieder
einmal, welch ein Glück es sei, wenn man es in schwie-
Fanny Lewald, Die Erlöserin. Ük.
-14



1


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A1O
rigen Lebenslagen mit Personen von Erziehung zu thun
habe, die sich und die Verhältnisse zu achten wüßten.
Es war nach Außen Alles so ruhig und so glatt, als
man es nur wünschen konnte; im Innern aber glimmte
das Feuer still und heimlich fort.- Das Vermeiden
machte die Entbehrung deutlich, die Entbehrung fachte
die Sehnsucht an.
Der Prinz hatte sich in den Tagen seiner Ehe
daran gewöhnt, einen Theil seiner Abendstunden in
den Gemächern seiner kränkelnden Gattin zuzubringen.
Jezt, wo eine größere Arbeitslast und größere Ver-
antwortlichkeit auf ihn gelegt woygen waren, fehlte
ihm die Möglichkeit jenes Ausruhens in traulich ver-
ständnißvoller Unterhaltung, und die einsamen Abend-
stunden kamen ihm lang und traurig vor. An dem
Theetische der Gräfin, in Konradinens Gesellschaft,
hatte er die Lücke nicht empfunden, die Zeit war ihm
leicht und schnell genug vergangen. Die leeren Säle,
das neue Arbeitszimmer des weiten Palastes, den er
imne hatte, sprachen noch nicht zu ihm, sagten, bedeu-
teten ihm Nichts; und Zerstreuung in Gesellschaft
fremder Menschen aufzusuchen, fühlte er sich oftmals
nicht geneigt. Das Theater bot ihm also noch am
leichtesten, was er nöthig hatte. Er war dort nicht
allein, die Vorstellung zeg ihn von sich selber ab,
Niemand hatte Ansprüche an ihn zu machen, und in
eine Loge zu Personen seiner Bekanntschaft einzutreten,
war ihm unbenommen, wenn ihm die Laune kam, in
den Zwischenakten einige Minuten zu verplaudern.
Kaum Einen Abend ließ er vorübergehen, ohne das

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Theater für kürzere oder längere Jeit zu besuchen, denn
der Direktor, der vom Hofe unterstützt ward, hatte eine
Gesellschaft zusammengebracht, die sich für eine Pro-
vinzial-Hauptstadt wohl sehen lassen konnte. Der Land-
Adel hatte für den Winter einen Theil der Logen
inne, und auch die der Gräfin war selten unbesetzt.
Die Zeit der Gesellschaften neigte sich gegen das
Frühjahr ihuem Ende zu, die Tage wurden schon be-
trächtlich länger, den Abend allein zuzubringen war
nicht nach dem Sinne der Baronin. Es mußte immer
Etwas vorgenommen werden, wenn sie sich zufrieden
fühlen sollte, und da die Gräfin eine Freundin der
dramatischen Kunst war, zeigte das Theater sich den
beiden Frauen als das bequemste Auskunftsmittel.
Auch Konradine benuuzte die Loge jetzt öfter als in
des Winters Anfang. Sie sagte sich mit Recht, daß
ihr in Zukunft derartige Genüsse weniger erreichbar
sein würden, und wenn sie sich es ehrlich eingestand,
war es auch ihr jetzt lieb, über ein paar Stunden
ohne Selbstthätigkeit hinwegzukommen.
,Die Tage, die mich noch von Dir und unserer
Vereinigung trennen,' schrieb sie Emanuel, , kangen
an, mir lang zu werden. Was ich noch vorzubereiten,
abzuthun dachte, ehe ich die Stadt verlasse, das ist
besorgt und fertig. Neues zu unternehmen, hält eine
geheime Ungeduld mich ab. Es ist mir zu Muthe,
wie dem Reisenden am Ende seines Wanderns, wenn
die Thürme der Heimat ihm zu winken beginnen. Ich
möchte den Schritt, die Zeit beflügeln können, um an
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dem ersehnten Ziele zu rasten; und wie des Reisenden
in solchem Falle, bemächtigt sich meiner eine zwei-
felnde Ungewißheit, die ich eine abergläubische Furcht
benennen würde, wenn ich mich nicht schämte, mir
selbst und Dir eine solche Schwäche einzugestehen.
Meine Phantasie ist unruhig, meine Träume sind
lebhafter als je, und ängstigen mich oft mit bösen
Schreckensbildern. Die schlechten Wege in der Pro-
vinz und die wilden Pferde, welche Du reitest und
mit denen Du zu fahren liebst, spielen auch eine Rolle
in meinen Besorgnissen, und mein Wunsch, Dich
wiederzusehen, bei Dir zu sein, ist so lebhaft, daß ich
es Dir danken würde, wenn Du bald von Hause
aufbrechen und zu uns kommen könntest. Einer be-
stimmten Sorge würde ich stehen und die Stirne
bieten kömnen. Aber gegen die unbestimmte Unruhe
weiß ich mir keinen Rath. Da ich sie mit der Ver-
nunft nicht erklären kann, kann ich sie auch nicht fassen
und sie mit der Vernunft nicht niederkämpfen. Ich
zähle die Tage und zähle des Tages Stunden. Ich
frage mich bisweilen, worauf ich denn gerade an diesem
Tage warte, und finde, daß ich nach der Ühr gesehen
habe, um mich zu überzeugen, daß die Theaterstunde
noch nicht da ist. Und wenn wir Abends aus dem
Theater nach Hause kommen, ist meine Unruhe keines-
wegs verschwunden, und die Erinnerung an eine flüch-
tige Unterhaltung mit dem Prinzen, der gelegentlich
in unsere Loge eintritt, ist oft das Beste, was ich in
dem Theater für mich gewonnen habe. Ich glaube
in der That, des Prinzen neuliche Behauptung war

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sehr richtig. Man sollte
ersparen, man sollte sich
besonnenen Sinnes den
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sich
die Zeit des Brautstandes
sofort verbinden, wenn man
Entschluß gefaßt hat, es zu
thun. Mir wenigstens nimmt dies Warten und dies
Sehnen alle rechte Ruhe,
ob wir nicht mehr im
Bruders gehandelt haben
damals in der Schweiz
und ich frage mich oftmals:
Sinne Deines verstorbenen
würden, hätte ich Dir gleich
die Hand gereicht, mit Dir
gemeinsam Schloß Falkenhorst nach unserem Gefallen
eingerichtet und uns so die Trennung erspart, die ja
uch Dir schon allzu lange gewährt hat.
Sie war immer ruhig und in sich befriedigt, so
nnge sie an Emanuel schrieb. Sie sprach genau, wie
sie es fühlte, sie sagte ihm, was sie sich selber sagte,
Alles, womit sie sich selbst beruhigte, wenn die Angst
zu mächtig in ihr wurde, wenn sie ihre Unruhe nicht
bezähmen, die Stunde nicht erwarten konnte, in welcher
der Wagen sie nach dem Theater bringen, in dem sie
ihn sehen, den Prinzen sehen würde, wie er ihr gegen-
über in der Seitenloge saß, hinfräumend, in seine Ge-
danken versunken, bis ihre Blicke sich rasch begegneten,
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sich noch rascher zu meiden, und bis er, getrieben
feinem Wunsche sie zu sprechen, wenn auch nur
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aesen kurzen Unterredungen gepflogen wurde. Sie
galt nicht einmal Konradinen im Besonderen, sie war
zumeist an die Gräfin gerichtet, wenn der Prinz nicht,
was er nie vergaß, sich ausdrücklich bei Konradinen
ach Baron Emanuel erkundigte, oder sie scherzend

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fragte, wie lange der Baron ihm noch die Freude
gönnen werde, sie hier zu trefen und ihr seine Hul-
digung darzubringen.
Wie lange noch?- Das fragte sich auch Kon-
radine, wenn sie Abends die Tage zählte, welche bis
zur Ankunft ihres Bräutigams, bis zu ihrem Hoch-
zeitsmorgen, bis zu der Stunde noch zu verstreichen
hatten, in welcher sie Emanuel nach Schloß Falken-
horst zu folgen hatte. Ihr Verlangen, dort zu sein,
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F! in Rbe. alein auf sics =naewiesen ud auk iön
dessen sanfter Ernst sich immer gleich blieb, dessen
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sichtig, wie kaum ein Anderer, wuchs immer mehr
und mehr. Sie konnte es sich nicht versagen, ihm
das täglich auszusprechen. Der Ton ihrer Briefe
wurde immer wärmer, die Ausdrücke, mit denen sie
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Güte so verständnißvoll war, der mild war und nach-
ihn ihren einzigen Freund, ihre Stütze, ihre Zuver-
sicht nannte, hatten etwas Leidenschaftliches, das sie
früher nicht gehabt hatten. Emanuel's Freude darüber
erhöhte auch die Wärme seiner Worte.
Er pries es als ein Glück, daß sie sich gefunden
hatten, er erging sich frohen Herzens in den Gedanken,
wie zwischen ihnen die Liebe eine Frucht der Achtung
und der Freundschaft sei, wie sie also mehr als An-
dere, ihrer Zukunft voll fester Glücksgewißheit ent-
gegengehen dürften; und er hatte es ihr auch nicht
Hehl, daß er unentweihten Herzens leidenschaftlich da-
nach verlange, sie nun bald völlig zu besizen und sich
in ihren Armen des Glückes der Liebe zu erfreuen.
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1?
Sonst hatten Emanuel's Briefe immer erquickend
auf Konradinen eingewirkt. Sie war heiter und ruhig
gewesen, ihr innerer Friede hatte ihr an den Tagen
immer besonders wohl gethan, und sie hatte von Ena-
nuel und von dem Inhalt seiner Briefe gern ge-
sprochen, den beiden Frauen viel erzählt. Jetzt war
das anders. Die Unruhe, welche sie peinigte, war nie
schlimmer, als wenn ein neuer Brief ihres Verlobten
in ihre Hände gelangte. Sie schrieb und schrieb die
ganzen Tage, man sah ihr die Aufregung an, in der
sie sich befand. Sie klagte, daß sie nicht schlafen könne,
ihre blühende Farbe fing an sich zu verlieren, sie
schreckte bei dem geringsten Geräusche, das sich hören
ließ, empor, und als man sie, wie man es gewöhnt
war, zum Musikmachen veranlassen wollte, erklärte sie,
daß ihr dies unmöglich sei, daß fie nicht singen, nicht
einmal spielen könne, und daß ihr selbst Musik zu
hören nicht wohlthue, so daß sie auch das Theater
deshalb meide.
Es war unverkennbar, daß ihre Nerven ange-
griffen waren, und weil sie sich immer einer vorzüg-
lichen Gesundheit zu erfreuen gehabt hatte, machte ihr
übles Befinden die Gräfin ängstlich. Die Baronin
aber nahm es leicht.
, Um munter und fröhlich wie in einen Frühlings-
morgen in die Ehe hineinzugehen, muß man unter
zwanzig Jahre sein,! meinte fie, , und womöglich direkt
aus seiner Pension herkommen. Konradine ist ein
altes Mädchen, denn sie lebt seit fünfzehn Jahren in
der Welt. Sie hat ihr dreißigstes Jahr vassirt, hat im

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Stifte die Selbstständigkeit einer Frau unter den gün-
stigsten Bedingungen kennen gelernt; wie wollen Sie, -
daß ihr in dem entscheidenden Momente nicht An-
wandlungen von Bedenken kommen? Sie hat es an
sich erfahren, daß eine Leidenschaft erkalten und über-
wunden werden kann, und sie sollte sich nicht bisweilen
fragen: Wird die Freundschaft dauernder sein als die
Liebe? Wird eine Ehe, die aus Freundschaft, aus
Achtung, aus den verständigsten Rücksichten geschlossen
wird, mich schadlos halten für die Träume meiner
Jugend, mich bewahren können vor allem neuen An-
reiz, den mir das Leben in Zukunft noch entgegen-
führen dürfte? Vor dem Eintritte in die Ehe noch
einmal stille zu stehen in ernstem Sinnen, scheint mir
nur natürlich.!
Die Baronin hatte das mit der Leichtigkeit hin-
geworfen, mit welcher sie Alles abzuthun liebte, indeß
die Grääfin war sehr ernst geworden. , Es wäre ein
Unglück, sagte sie, , wenn solche Bedenken Konradinen
noch in diesen Stunden kommen könnten.!
,Sie müßte nicht dreißig Jahre und nicht meine
Tochter sein,! meinte die Baronin, ,wenn es anders
sein sollte, dessen bin ich gewiß. Und, sezte sie hinzu,
, darin stimmen Sie mit mir gewiß zusammen, das
Glück der Ehe ist nie wahrscheinlicher als in den Fällen,
in welchen man in ihr nicht die Verwirklichung seiner
Ideale zu finden erwartet. Für Konradine bin ich
unbesorgt; für Emanuel kann man fürchten, da er ein
Idealist ist und in Konradinen gegenwärtig das Ur-
bild aller weiblichen Vollkommenheiten erblickt,

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,Aber sie ist krank, wendete die Gräfin ein.
, Um so besser für den Baron! lachte die Mutter.
,Er hat sich in früheren Zeiten zu sehr nachgegeben
und sich damit geschadet. Eine nervenschwache Frau,
die er zu pflegen hat, läßt ihm nicht Zeit, an sich zu
denken. Sorgen Sie sich nicht, Beste, es ist eine vor-
trefflich assortirte Ehe. Lassen Sie sie gewähren. Ich
war keine ängstliche Mutter, Konradine ist daher ge-
wöhnt, sich selbst zu beachten, und wenn sie keine
Hilfe fordert, bedarf sie auch einer solchen nicht.
Die Gräfin ließ es dabei bewenden. Hinter dem
Leichtsinne der Baronin verbargen sich jedoch in der
Regel eine scharfe Beobachtung, eine nicht geringe
Lebensklugheit, und wenn wirklich, wie die Gräfin es
befürchtet hatte, die Begegnung mit dem Prinzen beun-
ruhigend auf Konradine
nöthig und gerathen, sie
nicht mit unvorsichtigem
Pfade abzubringen, auf
diger Entschlossenheit zu
wirkte, so war es doppelt
sich selber zu überlassen, sie
Anruf oder Rath von dem
dem sie mit fester und wür-
gehen schien.
Da das Trauerjahr um den verstorbenen Bruder
noch lange nicht verflossen war, hatte man es vom
Anfange an nur auf eine Trauung im Beisein weniger
Personen abgesehen, und seit des Prinzen Ankunft den
Kreis derselben, ohne besondere Erörterungen allmälig
noch enger gezegen, um seine Anwesenheit bei der-
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kroffen. Emanuel hatte versprochen, mehrere Tage vor

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derselben einzutrefffen, man erwartete seine Ankunft an
dem nächsten Abende.
Der Tag war schön, die Gräfin war ausgefahren,
die Baronin machte Abschiedsbesuche, denn wie die
jungen Eheleute, wollte auch sie gleich nach der Hoch-
zeit sich auf die Reise machen, und, wenn Emanuel
mit seiner Frau nach Osten gezogen sein würde, sich
gen Westen wenden.
Konradine hatte sich den Morgen über in ihren
Zimmern aufgehalten, die Nacht war ihr wieder schlaf-
los vergangen, sie hatte den Muth verloxen, ehrlich
mit sich selber zu verkehren, ihr Zutrauen zu sich selbst
verließ sie, und die Scham über ihre Schwäche besserte
ihren Zustand nicht. Manchmal brannte ein Zorn
gegen den Prinzen in ihr auf.
,War es nicht genug, meine erste Liebe eigen-
süchtig zu zertreten? Muß er, der Glück gefunden ohne
mich, das meine stören kommen, da ich es sanft und
friedensvoll zu finden sicher war? klagte sie in ihrem
Herzen.
Indeß der Zorn hielt niemalö lange an, ihre
Vernunft wies ihn zurück; und ohnmächtig, sich frei-
zumachen, klagte sie den Zufall an, der Herr ist über
Alle, weil ihr dies ein Recht gab, sich so unglücklich
zu nennen, als sie sich fühlte. Aber auch unglücklich
zu sein, war ihr nicht mehr vergönnt, denn sie gehörte
sich selbst nur noch für wenige Tage an. Emanuel
hatte das Recht, eine Gattin zu verlangen, welche zu
schäzen wußte, was er ihr bot. Er hoffte, mit der
Gattin die Freude einziehen zu sehen in die Burg

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seiner Väter, sie durfte nicht als Trauernde, ohne
Selbstachtung, ohne Lebensmuth und ohne rechten
Glauben an sich selbst, seines Hauses Schwelle über-
schreiten. Er mußte zu Ende gekämpft sein der Kampf,
unter welchem ihre Seele litt. Sie mußte wieder
Herr geworden sein über sich, ihr Haupt frei erheben
können vor dem Prinzen und vor Emanuel. Es mußte
aus sein mit der Schwäche ihres Herzens, deren sie
nicht gedenken
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sein klares
konnte, ohne an sich selber irre zu
Ende sein, ehe Emanuel vor ihr stand,
Auge in ihrer Seele las, ehe sie ihm
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trennten sie von der entscheidenden Stunde, wenige
Stunden von der Ankunft ihres künftigen Gatten;
und wie sie sich es auch vorhalten mochte, ihr Herz
lechzte nach der Liebe des Prinzen, der sie vergessen
hatte um einer Hingegangenen willen, dessen Gedanken
einer Todten angehörten, während sie, die lebensvolle
und noch immer schöne Konradine, sich in der alten
Leidenschaft für ihn verzehrte.
Wie sie es auch anfing, ihre Gedanken kamen
immer wieder auf dafselbe Ziel zurück-- und Ema-
nuel sollte morgen kommen.
Ihre Unruhe zu dämpfen, ihrer Rastlosigkeit
durch Bewegung ein Gegengewicht zu bieten, verließ
sie das Haus. In der kurzen esthnischen Jacke, deren
Pelzverbrämung den Hals einschloß, das violette, sei-
dene Tuch, nach des Landvolkes Sitte, wie sie es immer
zern gethan, um den Kopf geknüpft, ging sie in den

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Garten hinunter, und die breiten, in einander greifen-
den Alleen mit raschem Schritte hin und wider.

- Es war die Mittagsstunde, die Leute, welche be-
reits bei der Gartenarbeit beschäftigt waren, hatten sich
entfernt, die Thüre des Treibhauses stand offen. Kon-
radine war schon zu verschiedenenmalen an demselben
vorbeigekommen und hatte mit zerstreutem Sinne auf
die Blumen hingeblickt, die des Gärtners vorsichtige
Hand, um ihnen Luft zu geben, an die geöffneten
Fenster gestellt und vor die Thüren hinausgetragen
hatte. Wie sie noch einmal an die gleiche Stelle kam,
fiel es ihr ein, nach dem Myrthenstocke zu sehen, von
welchem ihr der Brautkranz geschnitten werden sollte.
Die kleinen, festgeschlossenen Knospen hatten sich schon
in den verwichenen Tagen an ihren Deckblättern
dunkelroth zu färben begonnen, die Sonne der letzten
Mittage war ihnen dienlich gewesen, sie plazten eben
auf. Sie betrachtete sie mit einer Rührung, die ihr
im Herzen wehe that. ,Es ist Zeit, daß er kommt!'
sagte sie. ,Ich wollte, er wäre da!' sezte sie hinzu,
als fie das Rollen eines Wagens hörte; nnd von jenem
Glauben an die Macht des Wünschens erfaßt, den in
aufgeregten Seelenzuständen Jeder einmal an sich zu
beobachten gehabt hat, eilte sie, ohne sich Rechenschaft
über ihr Thun zu geben, raschen Schrittes durch die
Haupt-Allee des Gartens dem Hofe zu, gewiß, es müsse
Emanuel's Wagen sein, der in das Thor hinein ge-
fahren kam.
Indeß sie hatte noch nicht die Hälfte des Weges
zurückgelegt, als sie ihres Irrthums inne wurde. Es
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war nicht der Baron, es war des Prinzen Wagen.
Der Diener war in das Haus gegangen, die Meldung
zu machen, der Prinz blickte zum Wagenfenster hinaus,
ersah Konradine, und ohne die Rückkehr des Dieners
ahzuwarten, stieg er aus, sie zu begrüßen.
Am Eingange des Gartens, wo eine Reihe von
alten Sandstein-Figuren einen weiten Rasenplatz um-
gab, trafen sie auf einander. Der Prinz war rasch
gegangen, und wie er an sie herantrat, reichte er ihr
beide Hände entgegen.
,Wie lange habe ich Sie nicht gesehen,' rief er,
, und wie freue ich mich, Sie hier zu treffen! Ich
fürchtete, Sie wären krank, weil ich Sie nirgends,
auch im Theater nicht mehr traf. Und in der That,
Sie sehen nicht so wohl aus, als sie pflegen! Er
ließ dabei mit einem prüfenden Blicke sein Auge auf
ihr ruhen, und sein Ausdruck war so freundlich und
so heiter, wie sie ihn noch nicht gesehen hatte.
Sie sprach ihm ihren Dank für seine Theilnahme
aus, und wollte ihn nach dem Hause geleiten. Er
fragte, ob es ihr zu kühl sei, und als sie das ver-
neinte, sagte er: , So lassen Sie uns draußen bleiben.
Der schönen Stunden sind noch immer wenige, die
Luft
dem
mir:
ist so belebend und es plaudert sich im Gehen gut. !
,Wie Hoheit wünschen!' entgegnete sie ihm, in-
sie sich verneigte.
,as Wort ist freundlich, aber Ihre Miene sagt
im Grunde würde es mir willkommener sein,
wenn Sie mich verließen!'' rief der Prinz. -- , Indeß
das Glück, Sie einmal allein zu trefen, wird mir so

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überaus selten zu Theil, daß ich mich nicht zurück-
schrecken lasse, und Sie mir nicht zürnen dürfen, wenn
ich es benutze, da es sich mir heute bietet. Sie ver-
lassen uns ja ohnehin in wenig Tagen.?
Sie sagte, daß sie ihren Brääutigam am nächsten
Abende erwarte.
,Ich hörte das von der Gräfin, als ich sie vor
wenig Tagen sah!r versezte der Fürst, und sie gingen
schweigend einige Schritte neben einander her. -- ,Im
Grunde,! hub er dann mit einemmale an, als ob er
nur den Schluß einer längeren Gedankenreihe aus-
spräche -- , im Grunde leben wir Alle doch unter dem
Einfluß von Vorstellungen, die unser Wunsch und
unsere Phantasie erzeugen, und wir bereiten uns immer
schmerzliche Enttäuscungen, weil wir vergessen, daß
der Andere, auf dessen Mitwirkung wir zur Erfüllung
unserer Wünsche umwillkürlich gerechnet hatten, diesel-
ben
um
und
mit uns nicht getheilt hat. Wir sind und bleiben,
es mit des Dichters Wort zu nennen: , Kinder
hoffnuungsvolle Thoren.
Konradine wollte wissen, was er damit meine.
Er zögerte einen Augenblick es zu erklären, dann
sagte er, und die stolze Offenheit, welche sie dereinst
bezaubert hatte, leuchtete wieder einmal auf seiner
schönen Stirn: ,Ich bekenne Ihnen, ich hatte mir
unser Wiederfinden anders vorgestellt. Die Zeit, in
welcher ich mich davor scheute, Ihrer zu gedenken oder
gar Ihnen zu begegnen, ist lange vorüber. Sind wir
doch, wenn auch noch wir selbst, doch nicht mehr die-
selben, die wir gewesen sind; und mich dünkt, geringer,

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weniger geeignet als vordem, einander zu verstehen
und zu schäzen sind wir nicht geworden. Sie sind
sehr oft der Gegenstand unserer Unterhaltungen ge-
wesen, meine Freundin!?
,Ich? fiel ihm Konradine ein, indem sie ihm
mit Erstaunen in das Auge blickte.
, Sweifeln Sie daran? fragte er, , ia freilich,
dann haben wir uns früher noch weniger verstanden,
als in diesem Augenblicke, dann bleibt mir Nichts hin-
zuzufügen, und ich bin eben ein Phantast gewesen,
wie ich's vorhin sagte.
Sie waren inzwischen an das Ende der Allee ge-
kommen, nnd statt zur Rechten abzubiegen, wo die
Seiten-Allee sich aufthat, wendete Konradine um, und
lenkte den Schritt dem Hause zu. Der Prinz folgte
dieser Weisung. Als sie aber ein Stück gegangen
waren, blieb er stehen. Er war nachdenklich geworden,
und mit einem Ernste, der gegen seine bisherige Heiter-
keit sehr abstach, sprach er: , In wenig Minuten werden
wir uns trennen, wer weiß, ob nicht für immer! E
könnte also vielleicht gerathen sein, zu verschweigen,
was Sie nicht hören zu wollen scheinen, Ihnen nicht
die Hand zu bieten, deren versöhnenden Druck zu er-
widern Sie nicht geneigt sind. Aber auch das Herz
hat sein Ehrgefühl, und ich möchte mich vor Ihnen
rechtfertigen, ehe ich Sie heute verlasse. Wollen Sie
mir das zugestehen, Konradine?
Sie erklärte sich dazu bereit.
, So lassen Sie uns noch einmal durch den

Ls
Garten gehen,! bat er, und führte sie wieder in den-
selben zurück.
,Sie haben daran gezweifelt, daß Sie oftmals
der Gegenstand unserer Unterhaltung gewesen sind,'?
begann er auf das Neue, , und doch beruhte das tiefe
Zutrauen, das mich und die Prinzessin nach den ersten
melancholischen Monaten unserer Ehe verbunden hat,
auf ihrer Kenntniß der Leidenschaft, die ich für Sie,
Konrgdine, empfunden hatte, auf der Kenntniß des
lange nachhaltenden Schmerzes, den Ihr Verlust mir
erzeugte, Sie haben mir Kälte und Eigennuz vor-
geworfen, ich bin Ihnen hart und roh erschienen -
Sie wollte ihn unterbrechen, aber er litt es nicht.
,Nein!'- sagte er, ,mildern Sie Nichts an meinen
Worten. Ich habe jener Tage, jener Stunden nicht
vergessen, wie ich Ihrer nicht vergessen habe. So nahe
Sie aber den Verhältnissen auch gestanden haben, die
mich damals zwangen, Ihnen mein Wort zu brechen,
Ihnen zu entsagen, so haben Sie sie doch nicht geng
in ihrer für mich völlig unabweislichen Verpflichtung
zu würdigen vermocht. Wir waren ja Beide keines
gerechten Urtheils fähig unter der Wucht des Leidens,
das uns auferlegt ward. Sie konnten es nicht nach-
fühlen, wie alle Gründe der Vernunft mir nicht dazu
verhalfen, mich zu dem Opfer willig zu machen, das
ich bringen mußte. Sie erkannten es nicht, wie mir
Nichts übrig blieb, als mich gegen mich selber mit
einer Härte und Grausamkeit zu bewaffnen, mit denen
ich mich ertödten wollte, und mit denen ich doch Nichts
erreichte, als Sie zu verwunden. Glauben Sie mir

f

i
b
NB
. .? :
wen nicht unglücklicher als ich, und--
,Nicht weiter! nicht weiter! ich ertrag es nicht!'
stießß Konradine jäh hervor, und sich an eines der
steinernen Poftamente lehnend, schlug sie beide Hände
vor das Gesicht, dem Prinzen den Anblick der leiden-
schaftlichen Bewegung zu entziehen, die in ihr kämpfte
sich in ihrem schmerzdurchbebten Antliz aussprach.
A?? A. A
ihe
nommen, seit er sie wiedergesehen hatte, der Klang
eckte das Echo auf in seiner Brust.
rief
Du
Er legte feine Hände auf ihre Schultern. , Sprich!?
er, , sprich ein Wort, Konradine! Ich bin frei -
hist es
Geschiedene
als sie die
auch.-- Noch ist es Zeit! und die holde
selber hatte an diese Lösung oft gedacht,
Hoffnung zu leben nicht mehr hegte. Ich
Konradine! und Du hast vergessen und
liebe Dich,
Sprich es aus, das Wort! ich beschwöre
vergeben.
ich! Sprich es aus, daß Du die Meine werden willst!'
, Nein!' sagte sie bestimmt und fest, indem sie
h von ihm entfernte, ,nein !?
Er sah sie an, die Gewalt,
achte ihre Züge starr und kalt.
eine
Wou
die
Sie
sich anthat,
schritt langsam
Hause zu, er ging schweigend
= - ===- ===»P.!.
Pause, , sind Dein und mein!'-
, Nein!'' wiederholte sie, als könne sie kein anderes
mehr sprechen.
Fanny Lewald, Die Erlöserin. 1l.

As
Sie waren, so neben einander hergehend, bis
gegen den Ausgang des Gartens gekommen. Keiner
von ihnen sah den Andern an. Sie blickten stumm
und schweigend vor sich nieder. Endlich richtete der
Prinz das Haupt empor: ,ch hatte, als ich Dich
wiedersah, nicht die Absicht,? sagte er, , von Dir zu
fordern, was ich jetzt von Dir erflehe. Du warst ver-
lobt, Du priesest mir Deinen Frieden und Dein Glück.
=-- Du täuschtest mich - Du täuschtest auch Dich
selbft. Willst Du, darfst Du dabei beharren, Dich zu
hintergehen und auch den Baron? Darfst Du ihm
Freundschaft bieten; wo er die Liebe eines Ehewweibes
fordert? Neberlege, Konradine! Was denkst Du zu
thun?
,Mdein Wort zu halten, das ich einem edlen
Manne frei verpfändet!! entgegnete sie bestimmt.
,Und einen Eid zu schwören, von dem Dein Herz
Nichts weiß!r
,Einen Eid zu schwören,? fiel sie ihm in die
Rede, ,wwie Sie ihn blutenden Herzens der Prinzessin
geschworen haben, ihn zu halten, mich zu überwinden,
wie Sie es gethan haben; und zu beglücken -- mit
völligem Vergessen meiner selbst. - Leben Siewohl!?
,Leb' wohllr wiederholte er tonlos. Sie drückten
einander die Hand. An des Hauses Thüre schieden
sie von einander stumm und thränenslos.

Kapitel 17

Hiebenzeßntes Gapites.
Am näächsten Abende traf Emanuel ein, Konra-
dine eilte ihm entgegen, mnd wie er sie an seine Brust
schloß, warf sie ihm beide Arme mm den Hals und
drückte ihn mit einer Zärtlichkei an sich, die ihn bs-
glückte. Dann neigte sie sich, wie Hulda es einst ge-
than hatte, noch ehe er es hindern konnnte, auf seine
Hand hernieder und küßte sie.
,Theure Geliebte,! rief er, ,was thust Du?
Was soll das heißen? Aber fie gab ihm keine Ant-
wort darauf, und er war zu frohen Herzens, zu glück-
lich sie wieder zu sehen unnd wieder zu haben, um
eine Frage zu wiederholen, auf welche seine eigene
Zärtlichkeit, die sich nicht genng zu thun vermochte,
ihm die Anwort gab.
Das hellste Abendroth lagerte noch auf den Bän
men mnnd ftreute seine Rosen in den Saal. Konrädine
hatte sich weiß gekleidet, wie Emanuel es liebte. Sie
ließ es sich nicht nehmen, ihn, sobald die erste Be-
grüßunng mit den beiden Frauen vorüber war, selbft

A4
bis nach seinen Zimmmern zu begleiten. Er sollte sehen,
daß fie dieselben mit den Blumen hatte schmücken
laffen, die er vorzugsweise gerne hatte. Es sah Alles
froh und festlich aus, es lag ein Schimmuer feierlicher
Verklärung über der Natur, über dem Hause, vor
Allem über Koradinen selbst.
Sie kam ihm jünger vor, als er fie wußte. weit
jünger als in der Sylvesternacht, da er sie in dem
Schlosse seiner Schwester gaftlich aufgenommen hatte.
Damals hatte die schmerzliche Herbigkeit ihres Wesens
ihn zuerst abgestoßen, auch später noch war ihre stolze
Selbftgewißheit ihm bisweilen unweiblich erschienen
und hatte ihn irre an ihr gemacht. Jetzt war das
Ales bis auf die lezte Spur verschwunden. Ihre
weiche Hingebung hatte etwas Bezauberndes, ihre De-
muth war überwäältigender als ihr früherer Stoh.
Süie war wie verwandelt. Aher was war dennn ge-
schehen? Woher kam ihr der sanfte, ruhig auf ihm
verweilende Blick, der seine Seele in Glückeshoffnung
wiegte, woher der weiche schmelzende Ton der Stimrmne,
der ihm das Herz bewegte?
Der Abend entschwand ihm in reinem Glüc
gefühle. Tros ihres häufigen Briefwechsels hatte er
Konradinen viel zu melden. Die Einsamkeit in seinem
Schlosse hatte ihn zur Mittheilung geneigt gemacht,
aber obschon er sehr erfüllt war von Nnternehmungen
und Verbesserungen, welche auf den Gütern eingeleitet
unnd im Gange waren, und von denen er ihr sprach,
fiel es ihm auf, daß sie bisweilen gar nicht gehört zu
haben schien, was er ihr erzählt hatte, daß fie mit-

k
untsr in ihre Gedanken versank und aufschreckte, wennn
sie selbft dessen inne ward. Er fragte sie freundlich,
ob sie Etwas habe, das sie beschäftige. Sie verneinte
das, klagte aber, daß sie schon seit einiger Zeit eine
lästige Zerstreutheit an sich gewahr werde, gegen welche
sie oft vergebens anzukämpfen suche. Die Mutter und
die Gräfin schoben es auf die Abspamnunng, die sie an
ihr beobachtet hatten, und meinten, Ruhe und Behagen
in dem eigenen Hause würden das unter Emanuel
liebevoller Pflege bald in das Gleiche bringen.
Konradine nahm das scherzend auf. ,Das haft
Du mummu davon, mein Freund!r sprach sie, ,daß Dn
Dir statt eines mmunnteren jungen Mädchens die alte
Stiftsdame zur Frau erwähltest. Statt Lachen unnd
Frohfinn bringt sie Dir Nervenleiden in das Haus,
und als Liebesgabe fordert sie Geduld und Pflege.
Indeß sei unbesorgt, ich will. das Alles allein ab-
machen und werde schon mit mir selber fertig werden,
das verspreche ich Dir! Ganz allein! Du sollst durch
mich nicht leiden.?
Er sah fie betroffen an. Ihr Ton, ihre Miene
waren ernsthafter geworden, als der Anlaß es erfor-
derte, ihre Stimwmnne selbst klang ihm verändert. Be-
sorgt erkundigte er fich, was dennn geschehen, ob ste
etwa mnnpaß gewesen sei? ob man ihm irgend Etwwaas
verschwiegen habe? Aber der Schatten, der über Kon-
radinens Heiterkeit gefallen, war im nächsten Augen-
blick schon wieder verschwunden. Sie versicherte ihm,
daß sie sich ganz wohl befände, daß sie Scherz ge-
trieben habe, mnnd da auch die beiden Frauen seine

WO
esorgniß unbegründet nannten, war weiter die Rede
nicht davon.
Es war inzwischen spät geworden, und man hatte
sich bereits erhoben, umu sich zu trennen, als die Gräfin
die Frage that, wann ihr Bruder dem ßrinzen auf-
zuwwarten beabsichtige.
Emanuel sagte, er habe nicht im Sinnne gehabt,
fich demselben vorzustellen. Die Gräfin und Frau von
Wildenau hielten dies für unerläßlich, er aber wollte
das nicht einsehen. Er meinte, seine Begegnungen
mit dem Prinzen wären immer sehr vorübergehend ge-
wesen, eine wirklicheTheilnahme für sich bei demselben
vorauszusetzen, habe er keinen Grund, und da der Hoch-
zeitktag so nahe sei, nach welchem er mit seiner Frau
die Stadt verlassen werde, habe die Vorstellung keinen
rechten Zwweck.
,Ich würde es nicht vermeiden, mich nicht wei-
gern, den Prinzen zu sehen,! sagte er, ,ihn zu suchen
habe ich keinen Anlaß. Es sei denn, daß Konradine
es von mir verlangte, um das Maßihrer verzeihen
den Großmuth voll zu machen. Sie darf vergeben
-= was zu vergessen mir nicht ansteht.?
, Die Gräfin entgegnete, sie begreife sein Emwpfin-
den, indeß man müsse den Verhältnissen des Prinzen
auch gerecht sein. Mamu dürfe nicht außer Acht lassen,
daß die Prinzesfin des Laudesherrn Nichte gewesen sei,
daß der Prinz sich jetzt seit seiner Ankunft ebenso fein-
fählend als würdig betragen habe, daß er im Osten
der Monarchie gegenwwwärtig die höchfte militärische Ge-
walt repräsentire, daß Emnanuels Güter in diesen

Au
Provinzen gelegen und die Beziehungen nicht im vor-
aus zu berechnen seien, in denen man zu einander ge-
rathen könne. Auch Fran von Wildenau sprach sich
zu Gunsten des Besuches aus, wenn schon nicht mit
der Dringlichkeit der Gräfin. Sie gab mur zu be-
denken, daß mann dem Angehörigen des Herrscherhauses
Rückichten schulde, daß sie und ihre Tochter am Hofe
immer gütig aufgenommen worden wären, daß man
fich gegen Konradine besonders gnädig bewiesen habe,
als sie gr Stiftsdame ernannt worden und als sie
ans dem Stifte ausgetreten sei, ,undr, fägte sie hinzu,
,am Ende müssen doch wir Alle uns an das barm-
herzige Wort erinnern: Wer ohne Fehl ist, werfe
den erften Stein auf sie! an jenen Ausspruch un-
seres Herrn mnnd Heilands, den wir hier unter dem
herrlichen Kupferstich nach Tizian's schönem Bilde all-
täglich vor mnseren Augen haben.?
Diese Mahmung, mit welcher seine künftige
Schwiegermnutter ihn uwvorsichtig daran erinnern zu
wollen schien, daß er, sowie der Prinz, ein gegebenes
Wort nicht eingelöft habe, traf Emannel an der Stelle,
welche in seinem Gewissen wund war. Weil er sich
jedoch in diefem Augenblicke nicht nachgeben, sich nicht
getroffen zeigen durfte und wollte, ließ er die leztere
Bemerkung der Baronin fallen, und sich gegen den
Theil ihrer Rathschläge wendend, in welchem die
Gräfin mit ihr zusammentraf, sagte er: ,Ich fürchte
vor Ihren Angen wenig Gnade zu finden, wenn ich
geftehe, daß ich die Rücksichten für mich nicht zwwingend
erachte, welche Sie sowohl als meine Schwester, mm

Ae
mnseres Hofes und der Gunst des HHerrscherhauses
willen, von mir auf den Prinzen genommen zu sehen
wünschen. Sie wissen es, die Hofluft war nie die
Atmosphäre, die ich suchte. Sie paßte nicht für mih
und meine Reigungen, und seit ich mich nun ewt-
schlossen habe, das Erbe unseres Hauuses anzutreten,
in dem Hauuse unserer Väter, unnter den Menschen zu
leben, die zu uns gehören seit vielen Generationen, ist
der Sinn des Land»Edelmamn's der auf seiner Scholle
sitzt mnd, weil er Herr ist auuf derselben, nach Ris--
madem zu fragen hat, sehr lebhaft in mir gewworden.
Ich bin zufrieden mit meinem Falkenhorst, ich hoßfe,
Konradine, deren Reigungen auch nicht mehr auf die
große Welt gerichtet sind, wird dort zufrieden sein,
wie ich; unnd wenn sie ihrerseit nicht irgend ein Be-
dürfniß hat, den Prinzen noch zu sprechen, so wüßte
ich in der That nicht, was ich ihm darzubringen, oder
von ihm zu erwwarten hätte. Sie aber sagt mir, daß
sie ihn geftern erst gesehen mnd Abschied von ihm ge-
nommmen habe,?
,Abschied für imwmner!? fiel ihm Konradine in das
Worr und sprach sich danmmn entschieden für die Ayficht
ihres künftigen Gatten aus. Emammmel hatte e anders
nicht erwartet. Die Frauen jedoch zeigten sich verletzt.
Ihre Mißstimmmung fiel auf das Brautpaar mnnangenehmm
zurück, mnd Emanmel sehnte den Tag mnd die Stunde
herbei, in welcher er, von dem Wollen und der Meb
mung Anderer mnngestört, mit Konradinen sich selber
überlassen sein würde.

Ls
Als Fran von Wildenan mnd Konradine fich zu-
rückgezogen hatten mnd auuch Emannel sich entfernen
wollte, nöthigte die Schwester ihn, noch ein wenig bei
ihr zu verweilen. ,Bei Deinem Vorfaze, in Falken-
horst g leben, den ich in hohem Grade billige, wer-
den wir mns voraussichtlich nicht häufig sehen,! sagte
fie, ,und das Leben ist so kurz.!
Er entgegnete ihr, er hoffe, sie werde geneigt sein, in
der guen Jahresgeit sich häufig in ihrem Vaterhause
aufzuhalten; und wie er darauf mit Besizesfreude ihr,
die in dem alten Schlosse so von Herzen heimisch war,
die Aenderungen schilderte, welche er dgrt vorgenommen
hatte, erwähnte er der freundlichen Hilfe, welche die
Familie von Barenfeld ihm dabei geleistet habe.
Die Gräfin hörte das an, pries den Vorzug nach-
barlicher Geselligkeit und meinte, er habe- wohl ge-
than, den Zusammenhang mit diesen Rachbarn schon
im Vorans recht zu pflegen, denn an Einfamkeit sei
Konradine doch im Enutferntesten nicht gewöhnt, unnd
es stehe dahin, wie sie sich in dieselbe schicken werde.
Emanuel bemerkte, es habe ihr ja in dem Stifte wohl
behagt; die Schwester gab ihm jedoch zu bedenken, daß
dort die müßige Geselligkeit mehr als sonst irgendwo
zu Hanse sei, und daß schon mit dem bloßen Eintritt
in die Ehe ein großer Anreiz, eine bewegende Kraft,
aus dem Leben des Einzelnen hinwoeggenommnen werde.
So sehr man es ersehne. an ein festes Ziel zu ge-
langen, so höre, wennn man es erreicht habe, das Strs-
ben nach einem solchenn auf, und es trete damit eine
Lücke in das Leben ein, die selbst durch. die Befrio-

Ws
- digung, die man erfahre, nicht immer völlig aus-
gefüllt zu werden pflege. Eine gänzliche Lurück-
gezogenheit sei eben deshalb in den ersten Zeiten der
Ehe oft ein großer Prüfstein.
Emanmuel, welcher eine derartige Besorgniß amu
wenigsten vorausgesehen hatte, fragte, ob Konradine
dennn Aeußerungen gethan habe, welche dieselbe in der
Gräfin wachgerufen hätten. Sie verneinte ihm das,
mnd sie hatte auch wirklich nicht ausschließlich an Kon-
radine gedacht, als sie jene Behauptung ausgesprochen
hatte. E war ihr mur ein Bedürfniß unnd zu einer
Gewohnhett geworden, Rath zu geben, ihren Scharf-
blick, ihre Erfahrung geltend zu machen, mnd wo irgend
möglich, auf Jeden, der in ihre Rähe kam, einen mehr
oder weniger bestimmmnnenden Einflnß auszuüben. Daß
der Bruder ihr in dem Beisein der beiden anderen
Frauen mit solcher Enutschiedönheit entgegengetreten
war, das lag ihr noch im Sinnne und trieb sie mn-
willkürlich an, ihre einstige Neberlegenheit gegen ihn,
wenigftens noch auf dem Felde der allgemeinen Er-
fahrungen, versuchsweise aufrechtzuerhalten.
Indeß zu solchen allgemeinen Erörterungen war
ihr Brnder eben nicht aufgelegt. Er hatte e mit
einem beftimmten, seine ganze Seele erfüllendenu
Ereignisse z thun. Konradinens Zufriedenheit lag
ihm sehr am Herzen, mnd weil es ihm selbft in seinem
Schlosse so gar wohlgefiel, hatte er nie daran ge-
zweifelt, daß der Geliebten gefallen mwüsse, was für
sie mit so viel Sorgfalt vorbereitet worden war. Er
sprach das also auch vor seiner Schwwester aus.

s -
Sie lenkte augenblicklich ein: ,Mißverstehe mich
nicht,! sagte sie, ,denn es thäte mir leid, wenn ich
denken müßte, ich hätte Dir auch mur einen Augen-
blick Dein Glück getrübt. Halte mur den Zweifel an
allem mngetrübten Glück meinem Alter zugnte. Er
ist der traurige Gefährte desselben, mnd ohne Schaden
ist es immer, wenn man auch an dem sonnigften Tage
sich im voraus auf einen Wolkenschatten -- denn mehr
ist es ja nicht - gefaßt gemacht hat. Konradine hat
es heute, wie ich glaube, mit ihrem Scherze ernst-
hafter gemeint, als Du es aufgenommen hast. Sie
ist kein junges Mädchen mehr, fie hat geliebt, sie hat
gelitten, hat Eindrücke emwpfangen, Erfahrungen ge-
macht, die sich nicht verwischen lassen; und obschon sße
fich in edelster Haltung zu bewwähren verstanden hat,
ist das Beisammensein mwit dem Prinzen doch nicht
leicht für sie gewwesen. Der. Abschied, den sie, wie sie
sagte, gestern von ihm genommen hat, erklärt mir
ihre gestrige Erschöpfung, erklärt die Zerstreutheit,
deren sie sich vorhin angeklagt hat, und Du bist ihr
deshalb Nachsicht schuldig - Nachsicht mnd ein Ver-
tranen, wie sie es Dir gewährt.!
Emnanuel war aufgeftanden unnd ging in dem
Zimmnuer auf und nieder. Die Gräfin war am Ende
nicht gewwiß, ob er ihren Worten auch gefolgt sei.
Plözlich blieb er vor ihr stehen.
,Und mit dieser Ansicht von Konradinen, von mn-
seren Zuständen,! sagte er, indem er die dunkeln Augen
fest und ruhig auuf seine Schwester richtete, ,wolltest

s
Du mich überreden, den Prinzen noch besonders auf-
zusuchen! Zu welchem Zweck? was sollte daa?
,Es sollte dem Prinzen sowohl als Konradinen
darthun, daß Du Dich ihrer Liebe sicher fühlst. Es
sollte Denen, die: Kunde haben von jenen frühere
Verhältnissen, beweisen, daß fie ausgeglichen, vergessen,
daß sie nie dagewwesen find!? bedeutete die Gräfin
ernsthaft.
Emanuel zuckte verächtlich mit den Schultern.
,,Komödie zu spielen vor Gleichgiltigen, vor der
Menge, bin ich nicht gemacht,! sagte er, ,mir selber
eine Komödie vorzuspielen, bin ich nicht gewwohnt unnd
habe ich in diesem Falle auch nicht nöthig. Aber -
ich wollte, Du hättest vergangen sein lassen, was ver-
gangen ist. Du hast es wohl gemeint, des bin ich
sicher. Wohlgethan hast Du mir nicht.?
Er bot ihr gute Nacht und verließ sie, ohne ihr
wie sonst die Hand zu reichen. Die Gräfin blieb noch
lange in ihrem Wohngemache allein. Sie war feft
überzeugt, wie immner das Richtige gethan zu haben.
Trotzdem war sie in Sorgen umn den Bruder. Zur
rechten Stunde hatte er sie nicht hören, als der Prinz
gekommen war, sich nicht warnen lassen wollen. Ietzt
komnte sie Nichts mehr für ihn thun, als ihn vor Ent-
täuschungen' bewahren, die seinem weichen Herzen schwer
zu tragen sein mußten.
Konradine und Emnanuel schliefen Beide nicht in
dieser Nacht. Als sie am Morgen einander wieder-
fahen, war es ihnen, als bedürften sie einer Aus-
söhnung, unnd es hatte doch kein Streit, kein Zer-

A
würfniß am verwichenen Tage zwischen ihnen statt-
gefunden. Emannel war freundlich, aber weniger ge-
sprächig als am letzten Abende, Konradine sanft und
nachgiebig wie ein Kind, das Vorwürfen behutsam aus
dem Wege gehen will.
Während man noch im Frühstüchimmer war,
brachte man der Gräfin einen Brief. ,Von seiner
Hoheit dem Prinzen! meldete der Diener.
Die Gräfin eröfnete ihn, die Blicä der Anderen
waren unwwillkürlich auf sie gerichtet.
,Das enthebt uns aller Schwierigkeiten!k sprach
sie, nachdem fie die wenigen Zeilen durchflogen hatte.
Der Prinz schreibt mir: eine Rachricht, die er gestern
in der Frühe erhalten, nöthige ihn, seine beabsichtigte
Inspektionsreise schon heute anzutreten. Er empfiehlt
sich Ihnen und Ihrer Mutter, liebe Konradine, und
bittet mich, Ihnen seine Wünsche für das Glück Ihrer
Zukunft zu übermitteln!?
Konradine verneigte sich, die beiden anderen
Frauen äußerten sich wie immer zu des ßrinzen Gn-
sten, es kam aber zu keiner rechten Unterhaltung. Der
Theaterzettel und die Zeitung mußten aushelfen. Als
danach die Baronin mit der Tochter das Zimmmer ver-
lassen hatte, fragte Emanuel, ob die Gräfin ihm er-
lauben wolle, den Brief des Prinzen einzusehen. Sie
ftand an, es zu bewilligen.
,Ndicht etwa,! sagte sie, ,als ob Anderes darin
enthalten wäre, als ich Euch vorhin mitgetheilt habe.
Indeß bei der Voreingenommmuenheit, welche Du gegen
' den ßrinzen hegst, und bei der Art, wie Du jezt

88
nachträglich die Verhältnisse zu nehmen scheinft, nach-
dem Dn meine frühere, Dir geänßerte Vorsicht zu-
rückgewiesen haft, fürchte ich, der Brief des Prinzen
werde Dir mißfallen. And doch versichere ich Dich
aus vollster Neberzeugung, daß Du keinen Grund, auch
nicht den geringsten hast, ihm oder Konradinen einen
Vorwnrf zu machen. Ihr Verhalten gegen einander
war ebenso tadellos als würdig; mnnd ich habe sie in
der That mit Achtsamkeit begleitet.!
,Du denkst mir also den Inhalt des Briefes
nicht mitzutheilen?! fragte der Brnder, dessen feinem
Ehrgefühle die Versicherungen der Gräfin weder be-
ruhigend noch angemessen- dünkten, und der es im
Hinblicke auf dieselben und auf die Gräfin nöthig
fand, sich durch ihre Warnung nicht beeinflussen zu
lassen.
Statt drr Antwort reichte die Gräfin ihm den
Brief hin. Er enthielt eben die Rachricht, welche sie
den Anderen vorhin gegeben hatte, und schloß mrit den
Worten: ,Ich bitte Sie, mich der Baronin und Frän-
lein von Wildenau angelegentlichßt zu empfehlen, mnnd
der Letzteren meine Wünsche für ihre Zukunft auszu-
sprechen. Möchte ihr ein Glück zu Theil werden,
das nicht wiederzufinden ich jezt gewwiß bin.?
Die Wore sagten Richts, was auszusprechen in
des Prinzen Lage nicht durchans natürlich war, und
doch fuhren sie Emuanuel wie ein Stich durch das
Herz. Er gab der Schwester, ohne eine besondere
Bemerkung daran zu knüpfen, das Blatt zurück. Der
Tag und die folgenden Tage vergingen in einem

As
euhigen Gleichmaß, aber auf Emanuel lag ein dum
pfer Druck, unud die heiter gehobene Zuversicht, welche
nach dem erneuten Wiedersehen seiner Braut sein.
Herz erfüllt hatte, war von ihm gewichen.
Konradine war nicht weniger rücksichtsvoll, nicht
weniger achtsam ald in jenen ersten Stunden, allein
ihre warme Erregtheit, ihre frohe Hingebnng waren
verschwunden. Sie zeigte sich herzlich, gntwwillig und
freundlich, mur die Braut, deren Umarmuung ihn an
jenem ersten Abende entzückt hatte, fand Emarmel
nicht mehr in ihr wieder. Der goldene Somnen
schein, in welchem seine Zukunft sich in jenen Stun-
den vor ihm ausgebreitet hatte, leuchtete nicht mehr
an seinem Horizonte; fie lag vor ihm wie eine schöne
weite Ebene an einem überwwölkten Tage - ohne
Licht, ohne Farbe und ohne frohen Klang.
Er war melancholisch und mochte sich nicht fra-
gen, weshalb er es sei, weil er sich die Antwort darauf
nicht geben wollte. Nnd die Geflissenheit, mit welcher
Konradine auf jeden seiner Wünsche lauschte, die
völlige Gleichgiltigkeit gegenn dasjenige, was sie selbft
betraf, weit entfernt, ihn zu erfreuen, trugen nur noch
dazu bei, seine Schwermuuth zu erhöhen und ihn mit
einer Unruhe zu erfüllen, die sich steigerte, je näher
sie dem Hochzeitdtage kamen.
Sie gingen endlich neben einander her, wie zwwei
Kranke, die sich mit liebender Schonung behandeln.
ll' ihr redlicher Wille, all' ihr Pflichtgefühl bs-
wahrten Konradine nicht davor, in Verzweiflunng zu.
sein. Al' sein Zutranen zu ihr, half Emuamwuel nicht

0
über seinen Schmerz hinaus, nicht über seine KrE
kung hinwweg. Unglücklich waren sie alle Beide. Ema
mel geftand sich's ein, daß ein solcher Zustand auf
die Länuge mnauushaltbar sei, und konnrte doch nicht zu
dem Entschlufse komumnuen, ob und wie er ihm ein Ende
machen solle.
Er sezte kein Mißtrauen in Konradine, sofern es
ihre sogenanmmnte Treue und seine Ehre anging, aber mit
jedem Tage befeftigte fich in ihm die Neberzengnng,
daß in dem Beisawmensein mit dem Prinzen ihre
Liebe für denselben neu erwacht sei, und des Prinzen
Brief an seine Schwester beftärkte ihn in dieser Neber-
zeugung. Ohne eine Andeutung von Konradinen's
Munnde, ahnte er was geschehen, errieth er, daß es zu
einer Erklärunng zwwischen ihr und ihrem früheren Ver-
lobten gekommen sein mußte, und daß fie ihn ab-
gewiesen hatte, um ihrem gegebenen Worte mit Selbst-
verleugnung treu zu bleiben. Der Aufregung des
Kampfes, der Freude über den Sieg, welchen sie über
sich selbst gewomnen, hatte er die lebhafte mnud demü-
thige Zärtlichkeit zu danken gehabt, mit der sie ihn
zuerst empfangen hatte. Nun kamen die Ermüdunng,
die Befinnmuunng nach. Nun folgte das Erwwägen, das
Vergleichen. Und wennn nach diesem vergleichenden
Erwwägen Konradine es bereuen sollte, Emaunuels
Braut geworden zu sein? = Was danuuu?
Das unbeftimumnte wilde Auflodern der Eiferfucht,
das ihn gemartert, als er die Nachricht von des
trmn rr arnK

B
dung mnnmöglich. Aber der alte Zweifel an sich selbft
war in Emanuel dafür um so lebendiger empor-
geftiegen. Konnte man ihn denn lieben, wenn man
des Prinzen herrliche Gestalt im Simne hatte? Konnte
er daran denken, sich ein Weib anzueignen, das viel-
leicht ein Opfer zu bringen glaubte, indem es sich ihm
verband? Durfte er Konradinen,' die er hoch hielt in
reiner, starker Liebe, dazu erniedrigen, sich einem
Mannne hinzugeben mit dem Bilde eines anderen mehr
geliebten Mamnes in ihrem Herzen? Und anderer-
seits =wennn er sich in seinen Voraussetzungen täuschte?
Wenn Konradine ihn wirklich freien Herzens liebte?
Wenn ihr einst gekränktes Ehrgefühl, ihr schwer ver-
wundetes Herz fie angetrieben hatten, den Prinzen -
von sich fern zu halten? Wenn es sie befriedigte,
denjenigen jetzt verschmähen zu können, der sie einst
verschmäht hatte? Wenn sie eine Genugthuung darin
empfand, mit sich selber und in sich selber entschieden
und abgeschlossen zu haben, was für sie zu Ende sein
sollte an dem Tage, an welchem sie mit dem Wechsel
ihres Namens sich von ihrer Vergangenheit lostrennte
- stand es ihm zu, ihm, der ihr vor allen Anderen
Achtung schuldete, ihr mit Zweifeln unud mit einem
Mißtrauen zu begegnen, die eine nicht zu vergessende
Beleidigung für sie enthielten? = Durfte Er, berufen,
der Schützer ihrer Ehre, wie der Wahrer seiner eige--
nen zu sein, sich es unterfangen, ihre beiderseitige
zn

R
knftigen Gattin zu erkennen gab, daß er sie unehren-
hafter Gesinnnung, mnnehrenhaften Handelns fähig halten
konnnte?
Er nannte das selber eine Unmöglichkeit, denn
Konradine war offen gegen ihn gewesen immerdar,
und fie war nicht geartet, einen Zweifel an . ihrer
Redlichkeit zu vergeben, zu verschmerzen. Sollte er
sie durch Mißtrauen von sich stoßen, wenn sie aus
freier Enntschließung die Seine werden wollte? =- And
was hatte sie denn verschuldet? =- Wie waren ihm
alle diese trüben, schmerzlichen Gedanken gekommen?
Wie hatten sie ihm kommen können? - Er nannte
seine Bedenken, seine Sorgen, ein Unrecht, das er sich
selber anthue, eine Sünde gegen Konradinen. Er
-bemühte sich seine Befürchtungen zu vergessen, und
gewamn es über sich, seine trübe Stimmung zu
verbergen; indeß seine heitere Zwversicht war einmal
dahin.
So war man bis zu dem Tage vor der Hochzeit
angelangt. Auf eine besondere Vorfeier derselben hatte
man es nicht abgesehen, doch stellten eben deshalb die
Frauen und Mädchen, mit welchen Konradine wäh-
rend ihres Aufenthaltes bei der Gräfin bekannt ge-
worden war, nach Landessitte sich am Vormrittage noch
einmal bei ihr ein, ihr Lebewohl zu sagen und ihr
diese und jene kleine Liebesgabe als ein Andenken in
den nenen Haushalt mittzugeben.
Das Zimmer war festlich geschmrückt, die An
gebinde zierlich aufgestellt, die Damen kamen und
gingen, man stand und saß plaudernd bei einander,

R1s
die Diener in großer Livree boten Erfrischungen um-
her. Die ganze Seene hatte den Beifall der Gräfin.
Sie sah mit immer neuem Wohlgefallen, wie vor-
trefflich Konradine zu repräsentiren vermochte, wie
schön sie ausfah, wie gut Emanuel sich darein fand,
sich bei diesem immerhin ermüdenden und einförmigen
Vorgange mit gefälliger Würde zu behaupten. Es
war der Gräfin in den letzten Wochen ernstlich bange
davor gewesen, daß des Prinzen Dazwischentreten oder
Emanuel's scheue Empfindlichkeit das Zustandekommen
der Heirath hindern könnten. Sie war dadurch end-
lich selber unsicher über die Haltung geworden, welche
fie unter diesen Verhältnissen den betheiligten Per-
sonen gegenüber anzunehmen habe. Nun hatten alle
drei sich so würdig, so edel und mit so vorsichtiger
Gemessenheit in dem Konflikte behauptet, daß man
Nichts mehr zu befürchten hatte, und die Gräfin
athmete in Frieden wieder auf. Denn daß ihr Bru-
der und Konradine sich in einander schicken und in
beglückendem Frieden mit einander leben würdet,
wenn sie mur erst einmal verbunden wären, dessen
hielt sie sich gewwiß.
Die Besucherinnen hatten sich zum großen Theile
schon entfernt, mur Konradinens Brautjungfrauen
waren noch bei ihr geblieben und ein paar ältere
Frauen, welche gekommen waren, Frau von Wildenau
für ihre Abreise Glück zu wänschen. Sie geleitete diese
eben nach der Thüre, als ein Wagen rasch in den
Hof hineinfuhr und eine junge Verwandte der gräf-

Kapitel 18

B
lichen Familie, deren Gemahl das KürasfierRegiment
komwmnaaudirte, in sichtlicher Aufregung in das Zim-
mer trat.
Sie zeigte sich betroffen darüber, daß die anderen
Freundinnen die Braut bereits verlassen hätten, sagte,
sie hätte gefürchtet, zu spät zu kommen, aber sie habe
einen furchtbaren Schreck gehabt. Ihr Marnn hätte,
gerade als sie in den. Wagen steigen wollte, eine Nach-
richt bekommwon, die ihn genöthigt habe, augenblicklich
fortzufahren. Sie habe also warten muüssen, bis er
zurückgekommnen sei, und damit möge man es ewt-
schuldigen, daß sie die verabredete Stunde nicht ein-
gehalten habe.
Man beachtete dies Letztere kaum vor der n
ruhe, von welcher die junnge Frau sich ergriffen zeigte,
und es war Fran von Wildenauu, welche die Frage
that, ob mamu wissen dürfe, was geschehen sei.
- ,ch!k entgegnete die junge Generalsfran, ,man
sollte so ewwwas an einem solchen Tage gar nicht mit-
theilen, und ich hatte mir eigentlich auch vorgenom-
men, es nicht zu thun, obschon wir ja Alle keinen
Aberglauben haben und nicht an böse Vorzeichen
glauben. Aber erfahren würden Sie es ja doch in
jedem Falle noch heute - und besser heute als mor-
gen durch die Zeitung. Stellen Sie sich vor, bei der
Rdevne, die geftern in? =- fie namnnte den Ort =
,abgehalten worden, hat das Pferd des Prinzen Fried-
rich, man weiß nicht wovor, plötzlich gescheut. Er
hat es mit Gewalt pariren lassen wollen, es hat sich
gebäumnt, sich überschlagen, der Prinz ist geftürzt mnnd,

Dd
wie mamu meldet, am Kopfe lebensgefährlich beschädigt
worden!?
Aber noch ehe sie das leze Worr gesprochen
hatte, rang sich ein furchtbarer Schrei aus Kon-
radinens Bruft hervor, und die Hände über dem
Haupte zusammmengeschlagen, sank sie ohnmächtig zu
Boden, bevor mann ihr zu Hilfe eilen konnte.
Der Schrecken, die Bestürzung waren allgemein.
Die Mutter und Emamuel hoben fie auf, um fie auf
eines der Kanuapees zu legen, die Dienerschaft ward
herbeigernfen, die Gräfin entfernte die Gäste aus dem
Saale und versuchte, den mnnangenehmen Vorfall
mit der Nervenüberreizunng zu erklären, welche die
zahlreichen Besuche und der ftarke Blumenduft
ihrer Schwägerin verursacht hätten, wonach dann der
Schrecken eine so ungemeine Wirkung habe auf sie
üben kömnnen. Man sprach von dem Prinzen, von
Konradinen, wünschte für Beide das Beste, hoffte,
daß es für Keines von ihnen nachhaltige Folgen haben
werde, daß die Hochzeit durch das Nebelbefinden der
Braut nicht Aufschub erleiden müsse. Die Grfin
zeigte sich sehr ruhig mnd sehr zuversichtlich. Sie war
jedoch wie erlöst, als die lezten Personen fie verlassen
hatten, als sie gehen konnwte, sich selber von Konra-
dinen's Zuftand, von ihres Bruders Verfassung z
überzeugen.
Oben in dem Wohnzimmer ihrer Gäste fand sie
Fran von Wildenau. Sie sagte, ihre Tochter habe
sich augenblicklich wieder erholt, sie habe sich nicht einn-

D4s
mal entkleiden lassen. Emnanuel sei bei ihr, sie hätten
gefordert, allein zu bleiben.
Die Gräfin meinte, das sei auch das Beste. Frau
von Wildenau sprach sich gar nicht aus. Die Gräfin
bat, man möge ihr melden, wemm Konradine wieder
sichtbar sei, sie wolle inzwwischen in der Kommandantur
sich um genaue Rachrichten erkundigen lassen. Damit
zog sie sich zurück. Es war beiden Frauen daran ge-
legen, sich nicht äußern zu dürfen, dennu die Eutschei-
dung lag nicht in ihrer Hand, hing nicht von ihrem
Wollen oder Wünschen ab.

Achtzehntes Gapites
Koradine lehnte matt in ihrem Sessel. Emanuel
saß schweigend vor ihr. Sie hatte ihm die Hand ge-
reicht, auf seiner edlen Stirne lagerte ein tiefer Ernst,
die Stunde lastete schwer auf allen Beiden.
,ßergieb mir, Emanuel!? hub sie endlich an,
denn sie konnnte diese Stille länger nicht ertragen.
,ßergieb mir! Wende Dein Auge nicht so von mir!
Ich war meiner nicht Herr, es war stärker als ich!?
,Ich weiß es!k entgegnete er. ,Ich sah es. Was
ist da zu entschuldigen oder zu vergeben? Laß es
ruhen. Es ist vorbei!? Er that sich Gewalt an,
seine Stimummne, seinen Ausdruck zu beherrschen, der
Schmerz versteinerte seine Züge, aber der ganze ur-
sprüngliche Adel seines Kopfes trat um so klarer da-
durch hervor.
,Ich kann Dich so nicht sehen!! nahm sie wiedex
das Wort. ,Verdamme mich nicht, ehe Du mich ge-
hört hast. Ich war Dein, und dachte es zu bleiben.
Ich hatte abgeschlossen mit mir selbst. Erst an dem
Tage vor Deiner Ankunft trat der Prinz mit be-

V18
stimmnter Werbung an mich heran. Ich habe sie eben
so entschieden abgelehnt. Kein Wort von ihm hatte
mich bis dahin begehrend an die Vergangenheit ge-
mahnt, mnd ich war entschlofsen, Dir feft und treu
mein Wort zu halten =e
,Wohl Dir und mir, daß es Dir mnmöglich
ward,! fiel ihr Emanuel in die Rede, ,daß das
Schicksal Dich davor bewahrte, Dich zu erniedrigen
und mich,!
Und wieder trat das schwere, finstere Schweigen
zwwischen sie, bis Konradine, die es nicht übewwwinden
konnte, sein Leid mit anzusehen, ihre Hand auf die
seine legte mnd mit Thränen im Auge sagte: ,Ich
war Dir so von Herzen eigen, ich war gewwiß, ein
schönes, friedliches Leben an Deiner Seite zu führen;
mein Glaube an Dich, mein Vertrauen zu Dir sind
mnnbegrenzt-
,Und Du sollst Dich nicht in ihnen täuschen!r
warf er ein. ,Ich klage Dich nicht an. Ich, ich
allein bin anzuklagen für den Verstandesfehler, den
mein Herz mich hat begehen lassen. Man kann keine
Ehe aus Freundschaft schließen, wemnn man, wie Dn,
berechtigt ist, Liebe zu erwecken und zu empfangen. -
Ich hätte mich nicht verblenden dürfen über mich,
nicht glauben dürfen, daß ich dazu gemacht sei, Juugend
und Schönheit in Liebe an mich zu fesseln. Ich hätte
mir genügen lassen sollen an der Freundschaft, die Du
mwir zu bieten hattest - hätte einsam bleiben, mein
Haus und mein Geschlecht mit mir zu Grabe tragen

4O
sollen, wie der Fluch es prophezeit hat, der auf uns
ruht seit alter Zeit.?
,Emanuel,! rief sie, ,wprich nicht so! Wohin
verirrt sich Dein so klarer Sinnu?-
,Zu Träumen!! entgegnete er. ,Aber was ist
Traum mnnd was ist Wirklichkeit? Eine Einbildung,
ein Traum haben mich glücklich gemacht durch diese
ganze Zeit. Er fällt in Nichts zusammen vor einem
traurigen Erwachen. Dos ist nicht zu ändern. Oder
kannst Du es, kann ich es ungeschehen machen? Und
wenn wir e vermöchten, dürften wir es wünschen,
daß wir uns verbunden hätten zu der engften, imnig-
sten Vereinigung - ich in einem falschen Glauben
==- Du mit einer Liebe in der Brust, gegen welche die
mitleidsvolle Neigung-!
,Emanuel!? rief Konradine mit bittender Ah-
wehr -=
Aber er wiederholte das Wort: ,die mitleidsvolle
Neigung und die freundschaftliche Achtung, die Du
für mich hegtest, kalt' und ungenügend scheinen muß-
ten. Das Schicksal hat es wohl mit mns gemeint.
Laß uns danach trachten, seinem Fingerzeig zu folgen.!
Er erhob sich und trat an das Fenster heran.
Er wünschte, Konradinen die Thränen nicht sehen zu
lassen, die ihm in das Auge traten. Während dessen
klopfte es an die Thüre. Er rief, man solle ein-
treten. Der Gräfin Kamumerfrau fragte an, ob die
Gräfin das Fräulein sehen könne. Emanuel, ohne
Konradinen's Entscheidung abzuwarten, sagte, die
Schwester werde willkommnnen sein.

B0
Die Gräfin folgte der Botin auf dem Fuße.
Sie zeigte sich ruhig theilnehmend, als wäre zwwischen
den Verlobten nichts Besonderes geschehen, als handle
es sich einfach um ein flüchtiges Nebelbefinden der
Braut. Und als könne mur von einer Besorgniß für
den ßrinzen die Rede sein, sagte fie: es freue sie, -
bessere Nachrichten bringen zu können, als die hastige
Lebhaftigkeit der Generalin zu hegen erlaubt habe.
Des Prinzen Verwundung sei nicht unbedeutend, von
einer Lebensgefahr jedoch bei seiner gesunden Ratur
nicht die Rede. Man hoffe, ihn in wenig Tagen in
sein Palais bringen zu könnnen, mnd ihn in nicht zu --
ferner Zeit ganz und völlig herzustellen.
Emanuel hörte dem Berichte ruhig zu. Als die
Gräfin ihn geendet hatte, wendete er sich gegen Kon-
radine: ,Sie sehen,? sagte er, ,der erste Schrecken
hat, wie immer, übertrieben. Sie dürfen also ohne
Sorgen sein, und ich kann reisen.?
,Rdeisen? riefen die Frauen wie aus Einem
Munde. ,Dn willst fort? sezte die Gräfin hinzu.
,Konradine hat Ruhe nöthig und sie wird auch
mir gut thun!r entgegnete Emanuel.
Die Gräfin stand noch in des Zimmers Mitte.
Sie sah Konradine, sah den Bruder an; sie war sehr
erschrocken. Da sie nicht wußte, was an jenem Tage
im Garten zwwischen Konradinen und dem Prinzen
vorgefallen war, hatte sie das Zusammmnenbrechen der
Ersteren zwwar ald einen unangenehmen Vorfall, aber,
da man doch einmal vor dem Hochzeitstage stand,

B
nicht als den Grund zu einer völligen Trennung an-
gesehen, auf welche Emanuel's und Konradinen's Hal-
tung doch hinzudeuten schien.
Sie war zum erstenmale fassungslos. Der Zorn -
gegen Konradine, des Bruders Schmerz, ihr verletztes
Familiengefühl und der Widerwille gegen das Auf-
sehen, welches der in der lezten Stunde erfolgte Bruch
dieser vielversprochenen Verbindung zu erregen nicht
verfehlen konnte, beftürmten sie mit einemmale. ,Ent-
scheide nicht in dieser Stunde!r bat sie den Bruder.
,Sie dürfen ihn nicht gehen lassen! mahnte sie die
in sich versunkene Konradine. Aber Emanuel beachtete
es nicht, und als wolle er einen Zeugen seines Schei-
dens von der ihm Verlobten haben, trat er rasch an
sie heran, reichte ihr die Hand und sagte: ,ieben Sie
wohllr
Da raffte Konradine sich empor, warf sich ihm
zu Füßen und seine Knie umklammernd, rief siet
,Geh' nicht so von mir, Emanuel! Du weißt es,
wie theuer Du mir bist! wie mir es das Herz zer
-reißt, Dir Schmerz zu machen; sage mir . - -
Er hob sie sanft empor, und ihr die Hand
gebend, sprach er: ,Was soll das, Konradine? Ihr
Herz wird heilen in Ihrem Liebesglückl?
,Und Du, und Du? rief Konradine.
,Ich werde mein Schicksal tragen, wie ich kannn
und muß. Leben Sie wohl!r
Sie hing sich weinend an ihn; er machte sich
sanft von ihr los, führte sie nach ihrem Sessel, und
,

A2
ihr noch einmal die Hannd drückend, sprach er mit
gepreßter Stimnmne: ,Werden Sie glücklichl?
Dannn verließ er das Gemach.
Der Nachmittag fand ihn schon auf dem Wege.
Im Hause der Gräfin ging die Dienerschaft flüsternd
und verlegen umnher.
Die Gräfin hatte den vertrauten Hausarzt kom
men lassen und lange mit ihm berathen. Vor ihm
sich weinend das Herz zu erleichtern, hatte die stohze
Frau sich nicht gescheut. Er hatte auch Frau von
Wildenau besucht und Konradinen gesprochen, die sich
auf sein Zureden entschlossen hatte, sich niederzulegen.
Ihr Zustand machte Ruhe nöthig, und sie ersehnte
die Einsamkeit des Krankenzimmners. Die Gräfin
schrieb die Liste der Personen auf, denen zu melden
war, daß ein Erkranken der Braut es nöthig mache,
die Hochzeit hinauszuschieben. Frau von Wildenau
verließ ihr Zimmer nicht, die Gräfin schrieb Briefe
bis in die späte Nacht.
Am anderen Morgen ward ihr Zimmer nicht von
Besuchen leer. Sie hielt ihnen mit großer Selbft-
beherrschung Stand, indeß in den Garderobezimmernn
der Damen fing man bereits zu packen an, und drei
Tage später brach die Gräfin auf, um ihrer Tochter
den lang versprochenen Besuch zu machen. Die Ba-
ronin und Konradine folgten ihr, noch ehe die Woche
zu Ennde war. Der Prinz war noch nicht in die
Stadt gebracht worden, aber die Nachrichten, die man
erhielt, waren günstig, seine Herstellung unzwweifelhaft.

Kapitel 19

eunzehntes Gapites
Die Gräfin hatte schon lange bei ihrer Tochter
geweilt, Frau von Wildenau und Konradine hatten
sich für den Sommner absichtlich in einem der besuch-
testen Badeorte niedergelafsen, in welchem sie vielen
Bekannten zu begegnen hoffen durften, um auf die
Weise den etwa in Umlauf gesetzten Gerüchten per-
sönlich entgegentreten zu können, und des Prinzen
Kopfwunde war lange schon geheilt, als man sich in
der Provinz, in welcher die gräfliche und die Familie
der Freiherren von Falkenhorst zu Hause waren, noch
immner mit dem plözlichen Bruch von Baron Ema-
muels Heirath beschäftigte, über dessen Anlaß mamn all-
mälig das Richtige zu vermuthen und zu erfahren
angefangen hatte.
Aber was die Gesellschaft der ProvinzialHaupt-
stadt und die mit Emanuel oder mit Konradinen ver-
wandten und bekannuten Adelsfamilien in Erstaunen
gesezt, was für einige Zeit ihre Reugier erregt, ihr
Urtheil herausgefordert, davon hatte man in der
Welt, in welcher Hulda lebte, Nichts erfahren. Nur

B
von dem Unglücksfalle, welcher den ßrinzen betroffen,
hatten die Zeitungen ausführlich berichtet.
Hulda hatte das gelesen, wie man derlei zu lesen
gewohnt ist. Sie wußte von dem Prinzen Nichts als
seinen Namen und daß er mit einer Nichte des Herr-
scherhauses vermählt gewwesen war, die ein früher Tod
hinwweggerafft hatte. Von seinem Zusammenhang mit
Konradinen hatte sie nie etwwas gehört; und da bald
nach der Stelle, in welcher sie jene Nachricht in der
Zeitung gesehen, eine Theaterkritik begonnen hatte, die
zum Theil auch ihr und ihrem ersten Auftreten in
einer neuen Rolle gegolten, war der Unglücksfall des
Prinzen um so unbeachteter von ihr geblieben.
Jahr und Tag waren danach vergangen, ohne
daß irgend eine auf Emanuel bezügliche Kunde zu ihr
gedrungen wäre. Da erwähnte der Doktor, während
er der Ordensverleihungen gedachte, mit welchen bei
Anlaß eines glücklichen Ereignisses in der königlichen
Famnilie ein paar geachtete Beamte der Provinz aus-
gezeichnet worden waren, ganz beiläufig, der König
habe an dem nämlichen Tage auch eine ehemalige
Stiftsdame, ein Fräulein Konradine von Wildenau,
in den Grafenstand erhoben, um ihrer Vermählung
mit dem verwwittweten Gatten seiner Nichte, mit dem
Prinzen Friedrich, eine shicklichere Form zu geben.
,Wen,? rief Hulda, ihrem Ohr nicht trauend,
,wen hat der König in den Grafenstand erhoben?
,Eine Stiftsdame Konradine von Wildenau!r
wiederholte der Doktor gleichmnüthig.

2s
,Unmöglich! rief Hulda, ,Kontadine von Wil-
denau ist ja die Gattin des Freiherrn von Falken-
horst.
Der Doktor besann sich einen Augenblick. ,Wie
ist mir denn? sagte er, ,mich dünkt, ich habe von
dem Abenteuer einmal reden hören. Es handelte sich
um eine rückgängig gewordene Verlobung, um eine
Untreue oder so Etwas. So viel jedoch weiß ich ganz
bestimmt, der Besizer der Falkenhorst'schen Güter,
Emanuel Falkenhorst, der Majoratsherr, ist nicht ver- .
heirathet. Jemand, der in jenen Gegenden zu Hause
ist, sprach erst neulich bei einem Mittagbrod davon,
daß das Geschlecht mit Baron Emanuel zu Ende
gehen und die Güter an die weiblichen Erben fallen
würden, falls Jener, der ein Mann von etwa vierzig
Jahren sein mmuuß, sich nicht verheirathen sollte. Woher
aber kemnen Sie und was wissen Sie von der künf-
tigen Prinzessin Friedrich? setzte er hinzu.
Hulda gab eine flüchtige Antwort, mit welcher
der Doktor leicht befriedigt war, aber die Nachricht
kam ihr lange nicht aus dem Sinne, und sie wußte
nicht, ob sie sie schmerze, ob sie ihr willkommen sei.
Stand doch das Eine fest, Emanuel hatte auch nach
der Löfung seiner Verlobung ihrer weiter nicht gedacht,
er hatte sie aufgegeben, fie vergessen; mnd was sie bei
diesem Gedanken in sich auch durchzukämpfen hatte,
in ihren äußeren Lebensverhältnissen brachte es keine
Aenderung hervor.
Sie hatte sich mit den Jahren in ihre neue
Stellung eingewöhnt. Ihre Aufgabe war ihr deutlich

A5s
gewworden, ibr wachsender Erfolg hatte ihr Selbft-
gefühl gehoben. Das Publikum, vor dem sie spielte,
wendete ihr seine volle Gunst zu, der Direktor und
der Regisseur wußten, was sie einer Bühne werth
war, und daß man auf ihr Fortschreiten mit Sicher-
heit zu rechnen habe, weil eine nicht gewwöhnliche Bil-
dmnng und edle Gesittung allen ihren Leistunugen eine
höhere Bedeutunng, einen eigenthümlichen Adel verlieh.
Sie kamen ihr also Beide mit großer Geflissenheit
entgegen. Es lag ihnen daran, das schöne, begabte
Mädchen, auf welches man in Folge der ihm günstigen
Kritiken bereits an anderen Orten aufmerkHam gewwor-
den war, der Holm'schen Gesellshaft zu erhalten, mnnd
es waren Hulda schon von verschiedenen Seiten Ap
träge zu Gastvorstellungen zugegangen. Selbst ein
Auftreten auf dem Hoftheater der Residenz stand ihr
in Ausficht, seit ein älterer Charakterspieler der könig-
lichen Bühne sie bei seinem Gastspiele in der Holn'-
schen Gesellschaft hatte kennen lernen.
Ihre Einsicht hatte sich erweitert, ihr Verstaaud
entwickelte sich selbstständiger, ihr Verlangen, sich zu
bilden, wuchs mit dem Bestreben, sich und Anderen in
der jedesmaligen Aufgabe genng zu thun, die vor ihr
lag. Die redliche Pflichterfüllung, zu welcher fie in
ihrem Vaterhause erzogen worden war, kam ihr als
Künstlerin in hohem Grade zu statten, dennn keine
Kunst kann des stillen, geduldigen Fleißes entbehren,
der sich von ketnem Erfolge verblenden und in der
beharrlichen Arbeit nicht irre machen läßt. Der un
bestimmte Idealidmuus, an welchem sich in dem welt-

B
abgeschiedenen engen Pfarrhause Hulda's Sinn er-
hoben hatte, war zu einer bewußten Begeisterung für
ihre Kunst geworden.
Sie empfand es als ein Glück, wenn es ihr ge-
gönnt war, die schönen Gestalten zu beleben, welche
die großen Dichter, der Menschheit als ihr Erbe hin-
terlassen haben. Sie hatte ihre Freude daran, wenn
sie im Cowversationsstücke die anmmuthige Sicherheit
ihrer Haltung geltend machen konnte, wenn sie es
darzuthun vermochte, wie fein und scharfsichtig sie in
die Seelenzustände der Personen einzudringen wußte,
die sie vorzustellen hatte; und sich in gewählter Klei-
dung vor dem Publikum sehen zu lassen, zu wissen,
daß ihre Schönheit sich in vortheilhaftestem Lichte
zeige, daß sie bewundert werde um dieser ihrer Schön-
heit willen, das war ihr allmälig auch zu einem un-
entbehrlichen Genuß, der Beifall des Publikums zu
einem Bedürfnisse geworden. Ihr Ehrgeiz, ihre Eitel-
keit waren groß und rege. Das verhältnißmäßige
Wohlleben, dessen sie genoß, selbst die Art von Frei-
heit, welche ihre Stellung ihr geftattete, hatten Reiz
für fie gewomnen, und weil ihr Sinn rein und allem
Niederen abgewendet war, hatte sie es gelernt, die
Theilnahme der Männer, mit denen sie verkehrte, an
sich zu fesseln, ohne ihnen mehr zuzugestehen, als
Frauen der gesitteten Stände, unter dem Schutze
ihrer Väter unnd Gatten den Männern einzuräumen
TD=== == =- -
Ihre Freunde ließen sie demn auch als eine be-
Fanny Lewwalp, Die Erlöserin. I.

58
begehrliche Leidenschaft sich nur schwer in ihren
Schranken - hielt, hatte sich allmälig darein gefunden,
von ihr nicht mehr Begünstigung als Andere zu
erfahren; und Hulda hätte in den gegebenen Ver-
hältnissen es besser nicht verlangen können, hätte sie
es mur mit sich, mit der Kunst und mit ihrem
Publikum zu thun gehabt. Aber der Gunst, welche
sie auf der Bühne shön und warm begrüßte, stand
die Mißgunst schroff entgegen, mit welcher man sie
hinter den Coulissen ansah.
Ihr rasches Emporkomnmnen, ihr ungewöhnlicher
Erfolg hatten alle jene Mittelmäßigen uner ihren
Kollegen gegen sie eingenommen, welche jedes sieg-
reiche Aufsteigen eines Lebensschicksales als eine ihnen
zugefügte Beleidigung empfinden, alle diejenigen, denen
es eine Genugthuung gewährt, an dem Emporkom-
mendeu zu zerren, um ihn dadurch womöglich zurück-
zuhalten, und die eine Befriedigung genießen, die sich
gehoben fühlen, wenn es ihnen möglich wird, das
Gute und das Bedeutende hinabzuziehen in den
Staub, aus dem sie selber sich emporzuschwingen nie
vermögen.
Die jugendlichen Liebhaberinnen zweiten und
dritten Ranges, die es erwartet haben mochten, die
Erbschaft Feodorens sowohl in ihrem Rollenfache als
in der Gunst der Zuschauer wie der Kritik wenigstens
theilweise und allmälig anzutreten, waren durch Hulda
um ihre Hoffnungen betrogen worden. Sie hatten
sich also mit einer Art von Raturnothwendigkeit der
Delmar zugesellt und mit ihr Partei ergrißfen gegen

9
Feodorens Schüzling, gegen Hulda. Denn die Delmar
hatte es Hulda nicht vergessen, daß sie um ihretwillen
bei Anlaß ihres ersten Auftretens, durch Feodore eine
Kränkung in ihrer Künstlerehre hatte erleiden müssen.
Sie komnte es nicht verschmerzen, daß man sich, wenn
immer sie die Gräfin Terzky, die Orfina, die Lady Mil-
fort spielte, der verhaßten Nebenbuhlerin mit Bewun-
derung ertmnerte, noch weniger verzieh sie's Hulda,
daß Lelio ihr ein Freund geworden war. Wo man
aber auf der Anderen guten Willen so unabweislich
angewiesen ist, wie bei dem Zusammenwirken auf der
Bühne, fällt es der Mißgunst leich, emppfindlich z
behindern und zu kränken.
Heute war es eine anscheinende Achtlosigkeit, mit
welcher man Hulda geflissentlich die Wirkung einer
Scene, eines Abganges störte, und morgen machte die
Delmar, mit welcher sie das Garderobezimmer theilte,
es ihr durch irgend eine kleine Tücke fast unmöglich,
im rechten Augenblicke auf der Scene zu erscheinen.
Bald ließ man es sie fühlen, wie man sie immer mur
als eine Amfängerin geringschätze, bald wieder behaw
delte mann sie mit einer so spöttischen Verehreng, daß
Hulda sich es nicht verbergen konnte, wie man ihr
damit Andeutungen mache, die sie nicht beachten durfte,
wenn sie sich selber nicht zu nahe treten wolle.
Alles, was ihr redlicher Fleiß, was ihr braves,
sittliches Verhalten ihr eingetragen hatte, des Direktor
Zufriedenheit, die Rücksicht, welche der Regifeur auf
sie nahm, die Gunst, welche das: Publikumn ihr ge-

A
währte, das Zutrauen, welches ihre Freunde ihr be-
wiesen, die keinen und großen Aufmerkankeiten, die
Geschenke, welche die Galanterie ihr je bisweilen dar-
zubringen liebte und die zurückzuweisen nicht in ihrer
Macht stand, selbst die günstigen Beurtheilungen, mit
denen die Kritik ihrem Vorwärtskommen folgte, das
Ales sollte nach den Andeutungen ihrer Gegnerinnen
von ihr in einer Weise herausgefordert und belohnt
sein, an welche nur zu denken ihr das Herz empörte.
Mau blickte sich über die Schultern an, wenn
ihr für die historischen Stücke neue Costüme zugestan-
den wurden. Man lächelte über die plözliche Ver-
schwendungslust des Direktors, der sich daarin gefiel,
seine neue Berühmtheit herauszuputzen, demn man wollte
es nicht sehen, daß für Hulda's große mnnd üppige Ge-
stalt die Gostüme Feodoren's nicht wohl zu verwenden
waren. Man machte seine Bemerkungen darüber,
wennn Lelio besondere Leseproben mit Hulda hielt, um
sich zu versichern, daß sie in seine Absichten so sicher
als früher Feodore einzugehen wisse; und mancher
hämische Blick, manuch böses Wort, das zu hören sie
nicht vermeiden komnute, traf Hulda bis in das Herz,
wenn eben erst der Beifall es in freudiger Aufwallung
erschlossen hatte.
Ihre Versuche, sich mit ihren Gegnerinnnen zu
verständigen, zu versöhnen, waren nicht geglückt. Ihr
guter Wille, durch Rücksicht und Gefälligkeit sich Wohl-
wollen zu erwmerben, blieb unbeachtet, wenn man ihn
irgend unbeachtet lassen konnnte. Mau sah in ihrer
Zwworkommuenheit das Eingeständniß ihrer Verein


samung, welche fie recht empfinden zu lassen man sich
angelegen sein ließ. Und doch mußte jede ihrer Geg-
nerinnen es sich sagen, daß Hulda, als sie in die Ge-
sellschaft eingetreten war, im entferntesten nicht daran
gedacht hatte, die Stellung zu beanspruchen oder ein-
zunehmen, auf welche ein Zusammenwirken der Ver-
hältnisse sie sofort gehoben hatte.
So lange sie noch an eine Abhilfe dieser Miß-
stände geglaubt, hatte sich Hulda gegen ihre näch-
sten Bekamnten über dieselben wohl beklagt. Der
Doktor hatte sie dafür gescholten. ,Eine gütige Fee
hat Ihnen die Gabe siegreicher Schönheit und noch
dazu eine anerkennenswerthe künstlerische Begabung
als Pathengeschenk in die Wiege gelegt,! sagt er.
,Sie finden die Männer bereit, Ihnen zu huldigen,
wo immer Sie erscheinen, und Sie verlangen nach
der Freundschaft untergeordneter Frauenzimmmer. Das
ist ein krankhaft unmäßiges Gelüsten! Man muß
genügsam sein, mein Kind!?
Hochbrecht und Philibert nahmen die Sache aus
einem anderen Tone. ,Sie schildern die Liebe, die
Leidenschaft, daß Sie rühren und die Herzen über-
wältigen,! meinten fie, ,und Sie wollen, daß talent-
lose Frauenzimmer Ihnen glauben: all dies Kömnen
und Erkennen sei ein Werk der ßhantasie, sei nicht
Folge des Erlebens und des Wissens. Dazu müßten
die Anderen ja Ihre Phantasie besitzen. Sie haben
sich nicht zu beschweren. Wir allein sind dabei zu
beklagen, denn man hält uns für glücklicher, als wir
wirklich sind.

8
Aber weder die Menschenkenntniß des Doktors,
noch die galanten Scherze ihrer anderen Freunde
konnten Hulda dahin bringen, sich mit dem eigewt-
lichen Theaterleben, mit dem heimlichen Getriebe der
gegenseitigen Ausforschung und überwachenden Reu-
gier, mit den vielfach sich verschlingenden Wegen aus-
zusöhnen, auf denen kleinliche Eitelkeit und beschränkte
Selbstsucht ihre wechselnden Absichten und Zwwecke zu
erreichen suchten.
Ess widerte sie an, sich Gesinnungen und Plane
angedichtet zu sehen, von denen keine Spur in ihrer
Seele war. Sie dachte nicht daran, sich nach Feo-
dorens Beispiel einem reichen Lebemamne wie Phili-
bert zn verbinden, noch hatte sie's im Sinne, die Er-
oberung von Lelio zu machen. Denn wie die immer
neuen Aufgaben ihres gegenwwärtigen Lebens ihre Zeit,
ihre Kraft und ihr geistiges Vermögen auch in An-
spruch nahmen, in dem Innersten ihres Herzens be-
wahrte sie Erinnerungen, die Nichts gemein hatten
mit ihrer Gegenwart, und in die sie sich, ohne es zu
wollen, flüchtete, wemnn Tag und Stunde sie hart be-
rührten und ihr zu tragen schmerzlich wurden.
Oftmals, wenn sie Somntags in der Frühe die
Fenster ihres Zimmers öffnete, und die Gipfel der
Bäume von der Promenade sich im Winde wiegend
hoben und senkten, wenn der Vogelsang durch die
Stille zu ihr hinüberönte und das Geläute der Glocken
die Gemeinde in die Kirche rief, kam eine Sehnsucht
über sie, die ihr zugleich wohl und wehe that.

As8
Weitweg von der Rolle, welche sie durchging, um
ihrer in der Probe sicher zu sein, wanderten dann
ihre Gedanken in die Heimat und in ihre erste Igend
zurück. Sie sah sich in dem engen Vaterhause, sie
hörte den Sand im Flure knistern unter ihrem Fuß-
tritte, wenn sie hinabkam aus ihrer kleinen Kammer,
die Flechten ihres Haares schlicht um das Haupt ge-
legt, in dem knappen, jedes Schmuckes baren An-
zuge, die Mutter zu erwarten und mit ihr dem Vater
in die Kirche zu folgen, in der er in seines Herzens
erhabener Einfalt das Wort Gottes an der Stelle ver-
kündigen sollte, an welcher seine Väter es vor ihm
verkündigt hatten. Sie saß wieder in der Kirche, wie
in jenen Tagen, an der Mutter Seite, sie fühlte wie-
der den frischen Hauch des Meeres hineinziehen durch
den niedergelassenen Vorhang an der Eingangsthür.
Sie sah sie wieder um sich, die harten, von der Arbeit
gefurchten, von der scharfen Luft verwitterten Gesichter
der Männer und der Frauen, die rothbackigen, weiß-
blonden Knaben und Mädchen, und das junge Volk
und die Gutsbesizer aus der Rachbarschaft, die Alle
von ihr wußten, die Alle sie kannten und Gutes von
ihr hielten, weil sie des Pastors Hulda war. Wie
ihre Brust nach frischer Luft in Gottes freier Natur,
wie nach dem Hauche des Meeres, an dem sie auf-
gewwachsen war, so sehnte sie sich dann zurück in jene
Tage, und immer klangen ihr dann die Worte Goethe's,
sie bis zu Thränen rührend, in dem Herzen wider'
,In diesor Armmuth welche Fülle!?


Anfangs hatte fie, wenn der Dienst sie frei ließ,
wohl in die Kirche zu gehen versucht. Aber in dem
großen, weiten Raume, in welchem Alles ihr fremd
war -und Niemaud sie kamnte, hatte ihr Sinn sich
nicht zu sammmneln vermocht. Ihr war bange zu Muthe
geworden, dennn gerade in der Gemeinde, in welcher
die Anderen ihre Verbindung hatten, war ihr Allein-
sein, ihr Verlassensein, ihr mehr als in ihrer Häus-
lichkeit fühlbar und traurig bis zur Angst gewworden.
Später, als man fie auf der Bühne kennen gelernt,
hatten die neugierigen Blicke, welche sich auch in der
Kirche auf sie richteten, sie unruhig gemacht und sie
zerstreut. Es war ihr unmöglich gewesen, der Predigt
zu folgen, wie fie ihres Vaters Rede gefolgt war;
nicht einmal stille zu beten war sie im Stande ge-
wesen. So war fie endlich - selbst wenn sich die
Zeit zum Kirchenbesuche einmal gefunden hatte -=-
von der Kirche fortgeblieben, und Niemandem war
das aufgefallen, denn ihre Wirthin und Beate hielten
auch vom Kirchengehen nichts, und die Personen, mit
denen fie verkehrte, waren alles andere, nur nicht
kirchlich. Sie vermißte auch nach Monaten die sonn-
tägliche Andacht nicht mehr. Hatte sie die Kirche doch
auch manchmal versäumen müssen, während sie im
Schlosse gewesen war, und der Vater selber hatte sie
dann auf ihr Gebet im stillen Kämwmuerlein verwwiesen.
Aber auch das Gebet versagte sich ihr mur zu oft,
wenn sie Abends mit aufgeregten Sinnen, vom Er-
folge berauscht, oder über irgend eine Störung zornig
und erbittert, mit den Einzelheiten der Vorstellung,

Ass
mit persönlichen Ereignissen und Begegnungen noch in
der Erinnerung beschäftigt, von dem Gedanken an die
nächste Vorstellung hingenommen, endlich mit bebenden
Rerven, aufgeregt und müde ihr Lager suchte. -
Sie faltete die Hände und - die Schleppe fiel
ihr ein, welche der Theaterschneider ihr anzuprobiren
hatte. Sie wollte sich und die Gedanken prüfen, die
am Tage durch ihren Geist gegangen waren, aber sie
mochte nicht zurückkommen auf das Unangenehme, das
so mancher Tag ihr brachte, und wenn die Worte des'
Gebetes mechanisch über ihre Lippen glitten, ohne daß
ihre Seele daran Antheil hatte, graute ihr vor diesem
hohlen Gottesdienst. Es war ihr, als kniete sie wie
das arme Gretchen einsam an dem einsamen Altar,
als hörte sie ihres Dgmons Stimme die Worte rufen:
,Wie anders, Gretchen, war dir's,
Als du noch voll Unschuld
ßier zum Altar tat's,
Aus dem vergrifffnen Büchelchen
Gebete lalltest,
Halb Kinderspiele,
Palb Gott im Perzen!k
Danmnn schlang sie ihre Hände fest, ganz fest zu-
sammen, damn dankte sie Gott, daß ihr Herz noch
rein, ihre Seele noch schuldlos war, damn dachte sie
mit tiefer Liebe des todten Vaters, der auf dem klei-
nen Kirchhof ihrer Heimat ruhte, und der treuen
Mutter, die der Meeresgrund verschlungen hatte, und
ihr ganzes Gebet drängte sich in das Flehen zusam-
o

L6s
men: ,Führe mich nicht in Versuchung und bewwahre
mich vor dem Nebel!?
Sie hatte außer diesem heiligen Verlangen sonft
nicht viel zu wünschen. Ihr ehrgeiziges Vorwärts-
streben - und darin war neben der Liehe für die
Kunst auch viel Eitelkeit verborgen -- gehörte nicht
vor das Ohr des Herren. Für wen aber hatte sie
sonst zu wünschen und zu hoffen und zu beten, als
für sich allein?
Ihre Eltern hatte fie verloren, ihr Vormnund
hatte sich von ihr abgewendet. Er schicte ihr halb-
jährig, ohne ihr ein Wort dabei zu schreiben, die
wenigen Thaler, die sie von dem kleinen Kapital,
welches Miß Kenney ihr vererbt, als Zins bezog, mnd
ließ ihre Dankesbriefe völlig unbeachtet. Von dem
Pfarrer, von der gräflichen Familie hörte und erfuhr
sie Nichts. Der Einzige, an den sie dachte bei
allem ihrem Thun, der Mann, auf den sie des Him
mels ganzen Segen herabzubeschwören wünschte, wie
weh er ihr auch gethan und wie hart er in ihr Schicksal
eingegriffen hatte, Emanuel bedurfte ja ihrer Segens-
wünsche nicht und nicht ihres Gebetes, demnn er muußte
ja wohl glücklich sein! glücklich ohne sie und fern
von ihr. - Und doch war er bei ihr, doch lebte ste
im sein Gedenken.
Alle die Töne der beseligten Liebe, alle die Töne
der Trauer, mit denen sie die Herzen ihrer Hörer er-
schütterte, ihm verdankte sie sie, er hatte sie in ihr
erweckt.

ww -
Ra
An ihn dachte sie, wenn das Unedle an sie heran-
trat, sein sanfter Ernst, seines Wesens edle Gefittung,
sein Glaube an ihrer Seele Reinheit, standen als
Hüter an ihrer Seite und wachten über sie in jedem
Augenblick. Ob sie ihn wiedersehen würde, wer konnte
ihr das sagen? Aber das Eine hatte sie sich gelobt:
wo immer und wie immer er vor fie hintreten würde,
er sollte sehen und erkennen lernen, was sie werth
gewesen war. Er sollte die Künstlerin in ihr zu achten
haben und eingestehen müssen, daß sie der Liebe wür-
dig gewesen wäre, die er ihr entgegengebracht, die er
ihr entzogen hatte.
Wie an den treuen Sternbildern, zu denen sie ihr
Auge erhoben von früher Kindheit an, wie an diesen
unseren stillen Begleitern und Gefährten, so hing fie
auch an ihm, als an ihrem Sterne. Sein Bild folgte
ihr überall: ernst wie die Stimme in ihrer Brnft
und mahnend und unbestechlich, wie ihr anderes
Gewissen.

Kapitel 20

Bwanzigstes Gapites
Hulda war schon über drei Jahre bei der Bühne,
als die Zeitungen eine Nachricht verkündeten, welche
nicht nur die eigentlichen Theaterfreunde, sondern die
sämmutlichen gebildeten Einwwoher der Stadt lebhaft
erfreute. Es war dem Direktor Holm gelungen, den
schnell berühmut gewwordenen Charakterspieler Lippow für
sechs Gastvorstellungen zu gewinnnen, und gleich an dem
Tage, an welchem der Theaterzettel den Rollen-Gyklus
angegeben hatte, in welchem Lippow auftreten würde,.
waren alle Logen- und Estraden-Plätze und die ersten
Plätze des Parterre für sämmutliche Vorstellungen mwit
Beschlag belegt worden, so daß man es als eine
Gunst betrachtete, noch eine Zusage für diese oder jene
Aufführung g erlangen.
Man wußte von Lippow's Vergangenheit nichts
Bestimmtes, desto mehr fabelte man davon. Nur so
viel stand, wie man behauptete, entschieden fest, daß
er von guter Familie sei, früher eine andere Stellung
und einen anderen Lebensberuf gehabt, und daß kein
Geringerer. als der unwergleichliche Ludwig Devrient

LO
ihn in die Schule genommen habe und sein Vorbild
gewesen sei Er war wenig über dreißig Jahre alt.
Man rühmte seine Sprachkenntnisse, seine ausgezeich-
nete Haltung, seine vornehmen Manieren unnd sein
außerordentliches Talent, sein Aeußeres für jede Rolle
förmlich zu verwwandeln. Ihn als Mephisto wieder-
zuerkennen, wemn man ihn als Garlos im ,Glavigo!,
gesehen hatte; in seinem Nathan den Marinelli heraus-
zufinden, sollte für den Richtgeübten fast unmöglich
sein; und es sahen eben deshalb auch die Mitglieder
des Theaters selber, vornehmlich diejenigen, welche mit
ihm zu spielen hatten, seiner Ankunft mit großen Er-
wartungen entgegen.
Nach dem ausgegebenen Programme sollte er zu-
erst als Marinelli auftreten. Glavigo und Nathan
sollten folgen, ein paar Lustspiele und ein Schauspiel
dazwischen fallen, und für den Schluß war die Auf-
führung des Goehe'schen Faust angesezt, in welchem
zngleich Lelio zum erstenmale den Faust, Hulda zumn
erstenmale das Gretchen übernehmen sollten.
Für den Ehrgeiz der beiden schönen und begab-
ten jungen Künstler war das ein ersehntes und außer-
ordentliches Ereigniß. Schon seit Monaten hatte das
Einftudiren der neuen Rollen sie beschäftigt, und seit
es nun festgesetzt worden war, daß ihr erstes Auftreten
im ,Fauft! mit Lippow's Gaftspiel zusammenfallen
würde, hatten ihr Eifer und ihr Fleiß sich verdoppelt.
Lippow war nach Ablauf seines gegenwärtigen Kon-
traktes für das Wiener Burgtheater engagirt. Lelio's
Kontrakt bei der Holm'schen Bühne lief im Spät-

We
herbst ab, das Engagement von Hulda ging mit dem
Jahre zu Ennde. Wenn das Zusammmnenspiel mit Lippow
leistete, was man davon zu hoffen berechtigt par --
wer wollte voraussagen, welche günstigen Folgen sich
für Lelio und Hulda daran knüpfen konnten? A
dem Wiener Theater bedurfte man neuer Kräfte, und
dorthin, wenn auch nur zu Gastspielen, berufen zu
werden, war eine höchlich verlockende Aussicht.
Es war in der heißeften Zeit dss Jahres. Lippow,
der in Allem den großen Herrn zu spielen liebte,
hatte dem Direktor gemeldet, daß er, da er mit eige-
nem Wagen und ExtrapostPferden zu reisen gewwohnt
fei, die Nächte zu Hilfe nehmen mnd also mit Tages-
anbruch in dem Gafthofe eintreffen werde, in welchem
er eine Wohnung für sich bestellt hatte. Es bleibe
ihm dann immer noch die Zeit, einige Stunden der
Ruhe zu pflegen, er erwarte danach den Direktor,
um mit ihm das Frühftück einzunehmen, und um die
festgesezte Stunde werde er zu der Probe auf der
Bühne an seinem Platze sein.
Auch die Schauspieler hatten sich pünktlicher noch,
als das Theatergesetz es forderte, auf der Bhno ein-
gefunden, und keines der Franenzimmer hatte es ver-
schmäht, heute auf die Kleidung mehr als gewöhn-
liche Sorgfalt zu verwwenden. Sie waren Alle schon
beisammen, nur Hulda, die bsi all ihrer natürlichen
Bescheidenheit doch auch allmälig die Arten und Un
arten bevorzugter BühnenKünstlerinnnen- angenommen
hatte, ließ sich, wie Lippow, noch erwarten.

e
Die Delmar, welche troz der Morgenstunde sich
schon in meergrüne Seide gekleidet, den Florentiner
Strohhut mit dem Paradiesvogel aufgesetzt und es an
reichem Goldschnmuck nicht hatte fehlen lassen, hatte
sich in einen Stuhl geworfen, und putzte mit dem
spizenbesetzten Taschentuche sorgfältig die Gläser ihres
goldenen Lorgnons.
Der Regisseur neckte sie damit, daß sie ihr
Augenmerk gleich so energisch auf den Erwartetsn zu
richten vorhabe.
,Auf Lippow?r rief sie, ,glauben Sie, daß ich
mir für diesen mein Glas zurechtmache? Durchaus nicht.
Er ist ein geschulter Künstler, an einem solchen kann
nie ewwas Auffälliges zu sehen sein. Ich warte mur
auf unsere göttliche Erscheinung, auf unsere Venus
Anadyomene, als welche Hochbrecht sie in seinen ge-
druckten und ungedruckten Sonetten mit wohlgezählten
Versen ansingt. Mich soll es wundern, was fie heute
vor Lippow darzuftellen und als was sie vor ihm zu
erscheinen denkt. Etwas ganz Besonderes wird es in
jedem Falle sein.
Sie hatte aber die Worte eben erst vollendet, als
der Direktor mit Lippow in die Scene trat und fasst
in demselben Augenblicke auch Hulda aus der Coulisse
henauskam. Sie sah wie der Sommer selber aus, in
dem leichten weißen Kleide mit dem runden Stroh-
hute, den ein Kranz von Kornblumen und Aehren
schlicht mnd anmuthig ummgab, während sie einen pracht-
vollen Strauß von Moosrosen in der Hand hielt, den

- E
ihr Philibert beim Eingange in das Theater noch in
Eile überreicht hatte.
Uwwillkürlich wendeten die Augen der Männer
sich mit erheitertem Ausdrucke ihrer Schönheit zu, der
Direktor deutete mit der Hand nach ihr hin. Er
wollte sie nöthigen, heranzutreten, um so die Vorstel-
lung des Gastes mit einemmale für das ganze Per-
sonal abgemacht zu haben; indeß, kaum hatten Lippow
und Hulda einander wahrgenommen, als Beide mit
uwverkennbarer Neberraschung wie im plözlichen Er-
schrecken stehen blieben. Ein Name, ein Anruf dräng-
ten sich auf Hulda's Lippen, ein Blick, etn warnender
Blick von Lippow machte sie verstummen.
Die Delmar, der Direktor, der Regisseur und
Lelio, sie Alle hatten das sonderbare Spiel bemerkt.
Man sah einander an, man wnßte nicht, was es be-
deuten sollte.
Lippow faßte sich jedoch schon in dem nächsten
Augenblicke- wieder. Er trat mit der vornehmen Ge-
wandtheit, zu welcher er jede Bewegung seiner an sich
edeln Gestalt herausgebildet hatte, rasch auf Hulda zu,
und ihr beide Hände entgegen reichend, rief er: ,It
es demnn möglich, sehe ich recht? Sie sind es, Fräu-
lein Hulda?
Er hatte mit den Manieren der großen Gesell-
schaft auch die eben zur Sitte werdende Gewohnheit
angenommmen, alle jungen Mädchen, auch die nicht dem
Adel angehörenden, mit dem Worte Fräulein anz-
reden, mnd die bis dahin für die Büürgerlichen übliche

LK
franzöfische Ansprache, das Mademoiselle zu meiden.
,It es möglich, Fräulein Hulda? Sind Sie es
wirklich? Wer hätte denken sollen, daß wir uns hier
zusammenfinden würden, als wir uns auf dem Schlosse
der Gräfin so plözlich und so unerwartet trennten?
In der That, ich würde Sie fragen, welch ein guter
Stern führt Sie hierher? hätten Sie mir die gleiche
Frage nicht auch vorzulegen, und hätten wir Beide
nicht allen Grnd, dieses holden Sternes Gunst zu
segnen!?
Er hatte seine Anrede geflissentlich verlängert, um
Hulda Zeit zu geben, und sie nahm sich auch zusam-
men, wie sie es vermochte. Aber im Vergleich zu der
Zufriedenheit, die er so wortreich an den Tag gelegt
hatte, klangen ihre Worte sehr gezwungen. Ihr Blick
war kalt, sie suchte dem seinen auszuweichen. Ihr war
zu Muthe, als thue sich ein Abgrund vor ihr auf,
als tauchte die Gestalt dieses Mamnes wie ein dämo-
nischer Versucher vor ihr empor; und der Gedanke,
mit diesem Manne, gerade mit ihm, mit Michael all-
täglich zusammmnnen zu sein, mit ihm an jedem Abende
spielen zu mwüssen, seine Nähe, seine Berührung zu
ertragen, neben und mit ihm das Gretchen spielen zu
müssen, das waren Aussichten, vor denen ihr ein
Grauen ankam.
Daß zwischen diesen beiden Menschen bereits
etwas geschehen sein müsse, daß sie ein Geheimniß
mit einander theilten, defsen hielten Alle, die dem Vor-
gange beigewohnt hatten, eder nach seiner Ratur und
kamy Lewalb, Die Eröserbn. Ml.

s
Sinnesart, sich durchaus versichert. Das aber genügte,
um Alle, selbst Lelio nicht ausgenommmen, zu achtsamen
Beobachtern jedes Wortes und jeder Miene zu machen,
welche zwischen Lippow und Hulda gewechselt wurden.
Die Probe der ,Emilia! hatte lang begonnnen,
Hulda hatte ihre erste Scene gespielt, Marinellis erste
Scene mit dem Prinzen war auch bereits vorüber,
und noch immmuer war fie unter der Einwwirkung des
Schreckens, welchen das Zusammnentreffen mit Michael.
in ihr hervorgerufen hatte. Wie war es dennn mög-
lich, daß sie nie daran gedacht hatte, Michael Lippow,
von dem sie oft genug hatte sprechen hören, könne des
Fürsten Kammnnerdiener, könne jener Mann sein, der
auf die Wendung ihres Schickfals seinerzeit einen so
entscheidenden Einfluß ausgeübt hatte? Sie erinnerte
sich jetzt sogar, daß der Amtmamnn in ihrem Beisein
einmal erzählt hatte, Michael sei zum Theater ge-
gangen, und für einen Menschen, wie dieser, sei das
auch eben recht; aber sie hatte Michael's Familien-
namen, als er im Dienste des Fürsten auf dem Schlosfe
gewesen war, niemals nennnen hören, und weil sie ihm
nichts Gutes, nichts Schönes oder irgendwie Bedeu-
tendes zugetraut, hatte sie, wenn sie von den theatra-
lischen Leistungen und Erfolgen Michael Lippows ge- -
hört, an Riemauden weniger gedacht, als an jenen
- Gänstling von Mamnsell Alrlke, durch dessen Zudring-
lichkeit und böswillige Rachrede Hulda die ersten bitte-
WTe

z
s
hatte. Er trug sein schlichtes Haar auf der linken
Seite des Kopfes in einem dicken Lockenbusch ge-
kräänselt, das Schnurrbärtchen, welches er früher mit,
lächerlicher Liererei beftändig in die Höhe gedreht,
war dem Scheermesser zum Opfer gefallen. Sein un-
ruhiger Blick war durchdringend und fest geworden,
die Rothwendigkeit, starke Leidenschaften und wechselnde
Gemnüthszustände auszudrücken, hatte seinem sonst noch
jugendlichen Antliz tiefe, mächtige Süge eingeprägt,
und weil er seine Physiognomie mit Meisterschaft be-
herrschte, weil er seineLüge fast umzugeftalten vermochte,
hatte Hulda in dem Bilde, das sie von ihm einmal
gesehen, mnd in welchem er sich in heldenhafter, stolzer
Haltung darstellen lassen, den Kammmerdiener des Für-
sten, den geschmeidigen, ewig lächelnden sogenannten
Herrn Sekretär nicht wiedergefunden, wemn schon eine
Lehnlichkeit mit demselben ihr aufgefallen war. Numu
ftand er vor ihr, und aller Widerwille, den sie gegen
ihn fühlte, komnte sie nicht abhalten, ihn als Künstler
z bewunndern.
Seine Auffassung der Rolle war tief und eigen-
artig, aber Hulda wrde den Gedanken nicht los, er
habe in diesem Falle nur nöthig, sich und seine Er-
imnerunngen abzuschreiben; und obschon er sich mit ab-
. geschliffenster Höflichkeit in laut auusgesprochener Be-
wunderung ihrer raschen Fortschritte und ihres treff-
lichen Spieles erging, war sie von Herzen froh, als
die Probe endlich ihr Ende erreicht hatte und fie das
Theater verlaffen konnte. Sie hatte Ruhe nöthig

s
sich zu sammeln, und die Vergangenheit, die durch
Michaels Erscheinen wie in einem Zauberspiegel vor
ihr aufgestanden war, wieder in den stillen Grund
ihrer Seele zurüchudrängen. -
Michael' erstes Auftreten war, um ihm nach der
anstrengenden Reise einen Rasttag zu vergönnen, erst
für den nächsten Abend festgesezt. Die Theaterfreunde
hatten das benutzt, dem Gaste gleich am ersten Tage
eine freundliche Begrüßung zu bereiten. Im Vereine
mit dem Direktor und den ersten männlichen Schau-
spielern hatten sie ein Frühstück herrichten lassen, zu
welchem man sich in seinem Gasthofe versammmelte.
Es dehnte sich bis zum späten Nachmittage aus.
Die Mahlzeit war vortrefflich, die beften Weine waren
im Neberflusse vorhanden, und wie ihr flüssiges Feuer
die Geister zu erregen und die Lippen zu lösen bs-
gamnn, war Michael nicht nur der Held, sondern die
eigentliche Seele des Festes.
Er war in der Welt herumgekommen, wie es in
jenen Tagen nur selten einmal einem Anderen zu
Theil wurde. Er kannte die großen Hauuptstädte von
Europa, hatte in London und in Parid Kemble und
Talma ftudirt. Er wußte von ihnen zu erzählen,
war offenbar auch in der guten Gesellschaft nicht uw
bekannt, und sprach von denu Personen, mit denen er
in Berührung gekommuen war, von den Erlebnissen,
welche er mwit ihnen gehabt haben wollte, mit einer so
sorglosen Leichtigkeit, daß es seiner eigenen persön-
lichen Bedeutung zu einer Folie wurde. Je mehr
man ihn bewunderte, um so anspruchsloser zeigte er

en
sich, um so offener und unbefangener sprach er von
sich. Aber während die Anderen warm und wärmer,
und in ihren Berichten und in ihren Fragen freier
und dreister wurden, blieb seine Stirne ruhig, sein
Blick fest und sein Kopf klar und kalt wie das Herz
in seiner Bruft. Er beherrschte die Gesellschaft buch-
stäblich mit seinem Willen, er erfuhr von Allen, was
er von ihnen wissen wollte.- Er erhielt genaue Aus-
kunft über Hulda, hörte mit Erstaunen, was man
über ihre Herkunft fabelte, und Lelio hatte ihm von
seiner uneigennützigen Freundschaft für die Schöne,
Philibert von seinen Hofnungen gesprochen, sie früher
oder später doch noch zu besitzen, ohne daß es Einem
von allen Denen, welche sich es herausgenommen
hatten, ihn darum zu fragen, gelungen wäre, auch nur
das Geringste über seine frühere Bekanntschaft mit
Hulda von ihm zu erfahren.
Man gab, weil man den Mitgliedern des Theaters
nach diesem Frühstück keine besonderen Anstrengungen
zuzumuthen wagte, an dem Abende eine oft gegebene
Posse, und Hulda, die ohnehin das Theater nur be-
suchte, wenn an den Aufführungemn Etwas ihre Theil-
nahme in Anspruch nahm, hatte beschlossen, zu Hause
zu bleiben.
Es war sechs Ahr, die beschäftigten Schauspieler
mwußten nun auf ihrem Posten sein. Diejenigen unter
ihnen, welche nicht zu spielen hatten, schliefen das
Frähstück aus; das Theater blieb an dem Abende, wie
man es vorausgesehen hatte, ziemlich leer. Man
machte gewohnheitsmäßig die oft gethane Arbeit ab.

Az
Lauudleute, welche der Markttag in die Stadt geführt
hatte, bildeten das leicht zufriedenzustellende Publikum
und halfen die Tageskosten decken.
Draußen fing der Abend sich zu kühlen an. Ein-
zeln und in Gruppen zogen die Menschen in der
Feierstunde vor die Thore, in die Gärten, in die be-
nachbarten Ortschaften, in das Freie hinaus. Böh-
mische Musikanten spielten auf dem Plaze die Melodie
des Liedes: ,Von der Alpe tönt das Horn!! Der
junge Mann, der die Oberstimme blies, hatte einen
seelewvollen Vortrag.
Hulda's Fenster standen offen, sie war allein.
Der leise Windhauch bewegte die Blätter des Myrthen-
stockes, der vor ihr auf ihrem Tische stand, die Rosen,
welche ihr am Morgen Philibert gegeben, hatten sich
entfaltet, ihr Geruch füllte das ganze Gemach, und
von den Kängen der Muusik wie von ihren eigenen
Gedanken fortgezogen, sah sie sinnenden Auges dem
Spiel des glänzenden Gewölkes zu, das, von Osten
herüberkomwmnnend, ihr mit dem erfrischten Luftzug Grßße
von der Heimat, Grüße von dem fernen Strande zu
bringen schien.
Wie eine Gefangene schmachtete sie nach frischer
Luft, nach freier Bewegung in der freien Natur. Ea
zog sie förmlich hinaus zu den langen Reihen der
Felder, auf denen jetzt unter der Last der reifenden
Frucht die kräftigen Aehren sich beugten; hinaus in den
Schatten des Parkes, an dessen Rande sie mit Miß
Kenney einst gewohnt. Ihr Verlangen wieder einmal
am Meeresftrand zu sien, zu sehen, wie die-Wellen

e9
kommnnen und gleitend wieder gehen, auf dem schim
mernden Sande die langen Streifen des braunglän-
zenden Seegrases hinter sich zurücklassend, war leb-
haft bis zum Wehethun.
Vater und Mutter hatte sie gehabt im Pfarr-
hause am fernen Meeresufer und der treuesten Liebe ,
die Fülle; und sie batte sich trozdem fortgesehnt in
kudisch ungeduldiger Reugier. Hingesehnt hatte sie
, sich nach den Mauern der Städte; nach wechselndem
Erleben, nach dem Verkehr mit Menschen, nach der
Bewunderung der Leute. Nach Schmuck, nach Ge-
nüssen und nach Interessen, wie sie ihr jetzt gewworden
waren, hatte ihr Sinn gestanden. Nun hatte sie das
Alles, undAussicht, davon noch immer mehr zu erwerben,
zn gewwinnen. Und sehnte sich ihr Herz jetzt nicht ebenfo
lebhaft in die altvertraute Vergangenheit zurück, als
früher nach einer unbeftimmten, unbekannten Zukunft?
War sie glücklicher in ihrer jezigen glänzenden Ver-
lassenheit?
Sie wagte es nicht, sich darauf die Antwort zu
geben. Was sie besessen und verloren hatte, das
ermaß sie deutlich, was fie zu gewwinnen hoffen durfte
= wer wollte ihr das sagen?
Sie war in ihr träumendes Sinnnen tief ver-
sunken, als es an ihre Thüre klopfte und Frau Rofen
mit hastiger Geflissenheit, als ob sie ein Gläck und
eine Ehre zu verkünden habe, die Meldung brachte,
der Held des Tages, Herr kippow, wünsche seine Auf-
wartung zu machen.

W80
Hulda's erster Gedanke war, ihn nicht zu em-
pfangen. Aber die flüchtigste Neberlegung fagte ihr,
daß fie damit Nichts erreiche, daß sie ihn sehen, bei
sich sehen müsse, früher oder später, wäre es auch nur,
um die Schranken zwwischen ihnen feftzustellen, die sie
nicht überschritten zu haben wünschte. Sie ließ ihn des-
halb bitten einzutreten, und befahl die Lichter anzuzünden.
Beate, die sich es nicht entgehen laffen wollte,
den fremden Künstler in der Nähe zu sehen mnd ihn
außerhalb der Bühne sprechen z hören, nahm der
Mutter in der Treppenflur die Kerzen ab, und von
dem bleichen, unscheinbaren Mädchen gefolgt, trat
Michael bei Hulda ein.
Beate sah es, wie er sich Hulda mit heiterer Ge-
wandtheit nahte, ihr die Hand küßte und sie ver-
sicherte, daß er niemals eine angenehmere Neber-
raschung erfahren habe als in dem Augenblic, in
welchem er sie nach so langer Trennung unerwwartet,
und obendrein als eine Kollegin, als eine so vortreff-
liche Künstlerin wiedergefunden habe. Sie hörte auch
noch die zurückhaltende Antwort, welche er von Hulda
darauf erhielt, und sie dachte in ihrem Herzen, daß
Hulda recht vornehm thue, recht hochmüthig geworden
sei, und wohl anders geantwortet haben würde, hätte
ein solcher Mann sie vor zwwei Jahren also angespro-
chen, als sie in dem engen Oberrock mit dem kleinen
Koffer bei ihnen in dem Erkerstübchen angekommen
war. Sie hatte, ihren Aerger über dies Gebahren,
denn sie wußte, was sich in diesem Falle shickte, und
so ging sie still hinaus.

ger
A
Kaum aber hatte sie die Thüre hinter sich zu-
gezegen, so warf sich Michael an Hulda's Seite auf
das Sopha, ergriff noch einmal, aber mit zwwang-
losefter Pertraulichkeit, ihre Hand, und sie zwwischen -
den seinen festhaltend, während er sich zu ihr hin-
.neigte, rief er: ,Wahrhaftig, schöne Freundin! Ihre
meisterhafte Haltung hat mich heut' entzückt. Wissen
Sie Hulda, daß Sie eine excellente Künstlerin ge-
worden sind?
Hulda hatte sich, obschon er ihre Hand noch in
der seinen hielt, von ihm zurückgezogen, und ernst
und gemessen, wie sie ihn empfangen hatte, entgegnete
sie, es freue sie, wenn er ihr Talent zuspreche und sich
mit ihrer Auffassung der Emilia einverstanden finde.
Michael lachte hell auf. , Eassen wir es gennng
sein des grausamen Spieles!r rief er. ,Wer denkt
denn an Emilia? Was schiert uns das Komödien-
spiel, mit welchem wir, wie's eben glückt, den süßen
Pöbel unterhalten, dessen Beifall wir haben mwüssen,
weil wir sein Geld gebrauchen. Nein, was mich ent-
zückt hat, das war Ihre Haltung heute in der Probe,
Ihre Haltung in diesem Augenblicke. Durchlaucht
Glarisse könnte sich nicht fürstlicher betragen. Ganz
vollendet, ganz vollendet! Aber basta Signora, busta
sdssso!?
,Ich hatte nicht gewußt,! sagte Hulda, der seine
Vertraulichkeit sehr guälend war, ,daß ich in Ihnen-
,Ich weiß, oh, ich merkte es,! fiel er ihr in das
Wort, ,und Sie werden sich überzeugt haben, Gnä-
o?

W8
digste, daß ich zu verstehen, zu gehorchen und zu
schweigen weiß.?
Er verneigte sich mit komischer Ehrerbietung, da
aber Hulda's Gesicht sich nicht erheitern wollte, änderte
auch er die Miene und den Ton. Er gab ihre Hand
frei, lehnte sich mit gekreuzten Armen in die Ece-
zurück und sagte: ,SSie wollen die Sache ernsthaft
nehmen? Gut denn, ich habe Nichts dagegen. Ea ist
ohnehin mit wenig Worten abzumachen, denn wir
haben von beiden Seiten einige Rücksichten zu neh-
men. Sie, Verehrteste, werden die Gnade haben, es
zu vergessen und zu verschweigen, daß Sie mich im
Schlosse der Gräfin, in der Gesellschaft des Fürsten
Severin, nicht als freien Herrn meiner selbst und
meines freien Beliebens angetroffen haben; ich ver-
gesse und verschweige dafür die kleinen Freiheiten und
Zerstreuungen, die Sie sich damals im Hause der
Gräfin, unter der Aufsicht der gar tugendsamen Kenney,
mit dem schwärmerischen Freiherrn und dem leicht-
beweglichen Fürsten zu gewähren für gut befunden
haben. Unser Leben fängt von gestern an. Ich bin
von vornehmer Familie, bin gegen den Willen der-
felben Schauspieler geworden aus Leidenschaft für das
Theater. Sie? =- Sie werden mir befehlen, als was
ich Sie vor den Anderen zu verehren habe. Nur mit
mir, Theuerste, spielen Sie nicht Komödie im tdts-
d»tsts. Denn kurz und gut, ich finde Sie noch viel
schöner als zu jener Zeit - zum Rasendwerden schön!?
Er hatte versucht, sich ihr abermals zu nähern,
sie war aufgestanden, in Schreck, in Scham, in Zorn

7
erglühend, angstvoll nach dem Worte suchend, das ihm
ausdrücte, was sie empfand.
,Ich dachte nicht mehr an Sie!? stieß sie endlich
hervor. ,Sie haben Nichts von mir zu fürchten.
Ihr Name kam nie über meine Lippen und soll nicht
über meine Lippen kommen, wemn ich es vermeiden
kannn. Thun, sagen Sie, was Sie vertreten können!
Ich habe Nichts zu scheuen, Nichts zu verbergen -
,Nichts? fragte Michael höhnisch, ,aber Sie
haben es in aller Ihrer Unschuld doch für gut be-
funden, Ihres Vaters Namen abzulegen und sich eine
illustre Mutter anzudichten.!
,Ich?- rief Hulda, die nicht verstand, was seine
letzten Worte meinten.
,Oh,? fiel er rasch in ihre Rede, ,ich tadle Sie
dafür nicht. Im Gegentheile, ich bewunderte Sie um
Ihrer Klugheit willen. Es hat ja Jeder, der gesehen
werden soll, es nöthig, sich auf ein gutes Piedestal zu
stellen, und da Gabriele jetzt in fürstlicher Zurück-
gezogenheit an ihres Gatten Seite all unserer holden
Thorheit längft entrückt ist, so gönnwt sie Ihnen wohl
den Abglanz ihres einstigen Ruhmes - besonders da
Sie ihrem Namen Ehre machen. Nur vor mir,
schöne Freundin, der ich Sie bewunderte, während Sie
an Ihrer Mutter Seite die Wäsche von den Leinen
nahmen, und an Mamsell Ulrikens Seite - verlieb-
ten Angedenkens - das Glück Ihrer Gesellschaft ge-
nossen habe, vor mir und für mich, Theuerste, steigen
Sie von Ihrem fürstlichen Piedeftal herab; und ich
hoffe, auf gleichem Boden verständigen wir uns dann.!

Ls
,Das ist unerhört!? rief Hulda, der jetzt plö-
lich die mannigfachen Andeutungen verständlich wur-
den, in denen man sich die Jahre hindurch über
Gabriele geäußert hatte, wemn man mit ihr von der-
selben einmal gesprochen hatte. ,Das ist unerhört!
Wer hat das behauptet? Wer hat das erfunden?-
,Weiß ich es, Beste? Redenfalls nicht ich!?
entgegnete Michael mit kühlem Gleichmuuthe. ,Aber
darum lassen Sie Ihr goldenes Haar nicht grau wer-
den. Denn wie mitunter bei gerichtlichen Entschei-
dungen, kommt es hier auf die Frage an, ob man sich
zu der Person der That versehen könne? Und die
Wege, welche von der Bühne in die Fürstenschlösser
führen, sind nicht klösterliche Bußstationen. Es sind
Wege, die sich zwwischen Rosen- und Myrthenhecken
freundlich ladend hinziehen. Eine Tochter wie Sie?
=- Welche Mutter würde sich ihrer nicht erfreuen?
welcher Mann nicht stolz sein, sich Ihren Erzeuger zu
nennnen F?
Hulda hatte fich auf einen Stuhl am anderen
Ende des Zimmers finken lassen; und die Arme auf
den Tisch gestüzt, weinte sie uwverholen. Das Andenken
ihres frommen Vaters, ihrer sanften Mutter, den
Namen Gabrielens beleidigt zu sehen, es erleben zu
müssen, daß man sie selber der Verbreitung eines -
Gerüchtes anschuldigte, das diesen ihr so theuren Men-
schen zu nahe trat, und das ihr eigenes Dasein mit dem
Stempel der Schande brandmarkte, das war mehr als
sie ertragen zu können für möglich gehalten hatte.
Und doch - sie konnte es sich nicht verbergen -=-

28ä
das Gerücht war verbreitet. Michael hatte es nicht
erfunden, es war im Umlauf gewesen, seit sie bei der
Bühne war. Sie allein hatte es in der Sicherheit
ihres guten Glaubens nicht beachtet, sie hatte sich durch
ihre Arglosigkeit sogar zur Mitschuldigen an dem Auf-
kommen desselben gemacht. Aber woher stammte e6?
Wer hatte es ersomnen? Zu welchem Zwece und zu
wefsen Schaden hatte man es erdacht und verbreitet?
Ihre Gedanken wendeten sich von dem Einen zu
dem Anderen, und ein Grauen kam sie an vor Allem,
vor der GeseEschaft und der Welt, in der sie lebte.
Michael saß noch immer auf dem Sopha und
sah ihr ruhig zu. Mit einemmale kam ihr der Ge-
danke, daß er ihre Thränen sähe und sie dünkten ihr
dadurch entweiht. Sie richtete sich rasch empor und
trocknete die Augen.
,Vortrefflich!r ref Michael. ,In jeder Bewegung
bewundernswerth. Gerade so müssen Sie die Arme
vor sich hinftrecken, wenn Sie als Gretchen in der
Kirche vor dem Altar liegen, die Hände gerade so ver-
schlingen und das Haupt auf dieselben legen. Das
ist schöner nicht zu machen; und Ihre Kopfform ist
ja wundervoll.?
,Abscheulich!? rief Hulda und wendete sich von
ihm ab. Er ließ sich dadurch aber in seiner betrach-
tenden Gelassenheit nicht stören, er schien vielmehr ein
Wohlgefallen an dem Widerwillen zu finden, den sie
Teaere=e=

W8s
Tage sind Sie mir ja ohnehin verfallen; und da Sie
offenbar zu jenen naturalistischen Künstlern gehören,
die sich selber und ihr eigenes Empfinden darstellen
müssen, um ihr Höchstes zu leisten, so bestärken Sie
sich die nächsten vierzehn Tage hindurch mur noch voll-
auf in Ihrem Hasse gegen mich, und -= wir werden
Furore machen mit dem ,Fauustk.
Er hatte sich inzwwischen erhoben; Hulda lagen
die Worte: ,Für die nächsten vierzehn Tage sind Sie
mir ja ohnehin verfallen!k wie ein Fluch auf dem
Herzen.
,Ja,! rief sie, ohne recht zu bedenken, was sie
that, , vierzehn Tage! aber damn nie piederl
Michael lächelte. ,Holde Unschuld!r sprach er,
,,denken Sie denn nicht mehr daran, wie hoch und
heilig Sie es an jenem Regenabende im Walde ver-
schwworen haben, mich nie mehr zu sehen? Nnd heute
stehen wir hier beisammen, auf einander mnabweislich
angewiesen, zwwei Bühnenkünstler, das Entzücken einer
Wel! Sie sind sehr jung geblieben, wie es scheint.
Haben Sie sich wirklich noch nicht gefragt: wie wer-
den wir Beide zu einander stehen heut' in vierzehn
Tagen, wenn wir es erfahren haben werden -=- und
die Ecfahrunng machen wir gewiß =- was wir für
einander werth sind, und wie wir die Theater kom
mandiren kömnen, die Theater und die Direktoren und
das Publikum, wenn wir uns verständigen?!
,Ich verlange nicht danach!k sagte Hulda kalt,
,Alles was ich fordere -

L
,Endlich!r rief Michael, ,also scheint es, ich
kann zu meiner Freude doch Etwas für Sie thun!?
,Ja!! versetzte Hulda, ,und ich fordere es als
mein Recht.? =- Sie hielt imne, denn ihre Lippen
bebten, und sich zusammennehmend, daß ihre Stimme .
dumpf und klanglos tönte, sprach sie: ,Sagen Sie
es Allen, Allen, die von mir wissen, daß Sie mich
gesehen haben in meiner guten Eltern unbescholtenem
Hause, daß Sie mich kannten, als ich in Mamusell
Ulrikens Diensten war! - sie hatte das Wort ab-
sichtlich gewwählt, ihrem Verlangen den stärksten Aus-
druck zu geben - ,lagen Sie, daß ich ehrbarer,
guter Leute Kind bit, und daß zwischen Gabrielen
und mir kein anderes Baand vorhanden ist, als das-
jenige meiner Dankbarkeit für ihre Großmnuth gegen
mich.!
Sie meinte, ihn damit entlassen zu haben, und,
hoffte, er werde sich entfernen. Er blieb aber stehen,
die Augen fest auf sie gerichtet, denn sie dünkte ihm
immmner schöner, je länger er sie betrachtete. Sein
Bllck that ihr förmlich wehe. Das entging ihm nicht,
er genoß ihre Verwirrung wie den Anfang seines
Triumphes. Er verneigte sich zustimmend. Freund-
lich, als stände zwwischen ihnen Alles auf das Beste, -
sagte er: ,Ihnen soll gehorsamt werden, schöne Freun-
din! verlassen Sie sich daraufr - und ein Eitat aus
seiner Rolle nüzend und parodirend, fügte er scher-
zend hinzu:
,Sch will michh hier zu Deinem Diest verbinden,
Auf Deinen Wink nicht raften und nicht ruh'n -

W88
wenn wir uns aber wieder hier zusammen finden,
so hoffe ich, meine schöne reizende Freundin, Sie nicht
wieder so unnahbar, und so gar untraitable für mich
armen Sterblichen zu treßen, den zu verachten Sie
sich den Anschein geben, weil er es keinen Hehl hat,
daß er ein Erdensohn und nicht ein Seraph ist.?
Er ergrißf und küßte mit Leidenschaft ihre Hand,
noch ehe fie es hindern konnte. Dann ging er mit
- einem ,s. rirsäsre!t rasch davon.
Hulda hörte, wie er die Treppe hinabstieg, wie
die Hauusthüre in das Schloß fiel. Sie athmete auf,
sie häte schreien mögen, ihrem gepreßten Herzen Luft
zu machen. Sie zog heftig die Klingel, als drohe ihr
noch immer die Gefahr. Beate kam herbei, die Mutter
folgte ihr auf dem Fuße. Sie fragten Beide, was sie
wünsche, was geschehen sei.
,Wenn Herr Lippow wieder kommnt, sagte Hulda,
,so bin ich nicht für ihn zu Hauser
Die beiden Frauenzimmer trauten ihren Ohren
nicht. Sie meinten es gut mit Hulda. Frau Rosen
versuchte ihr eingänglich zu machen, was sie damit
thue und auf das Spiel setze. Hulda war nicht in
der Verfafsung, auf solche Einwände zu achten. Sie
wiederholte ihre Weisung während sie sich an ihrem
Arbeitstische zu thun machte.
Mutter und Tochter gingen unzufrieden von ihr.
,Genn man mur wüßte,! meinte Beate, zwwas oder
wen sie eigentlich im Sinne hat? Denn ein Spiel
spielt sie doch am Ende auch! Nnd sie ließ fich

W0
Anfangs wie ein Kind an; daß mamu sie liebe,
mwusßte.?
,Freilich spielt sie ein Spiel!? bedeutete die
Mutter, ,und sie wird's gewinnen und ihr Glack
machen mit dem reichen Philibert; dennn sie ist ebenso
wie Feodore kalt und klug und vorsichtig.!
rr-
- Fauy wwaE, Die Enösen. a. I

Kapitel 21

Ginundzwanzigstes Gapiies.
Das Theater war an jedem Abende trotz der er-
höhten Preise bis in die letzten Pläze voll von Z-
schauern; die Vorstellungen gelangen über alles Er-
warten. Michael's außerordentliches Talent, der Scharf-
finn, mit welchem er in den Charakter der Rollen
einzudringen, der Schwmung mnd die Klarheit, mit wel-
chen er sie zu verdeutlichen wußte, wirkten nicht mur
auf daas Publikum, sondern zunächst auf die Mitspio-
lenden zurück, so daß Jeder sich selbst gehoben und
fortgerissen fühlte, Jeder sich selbst und darum auch
den Anderen wieder in vollem Maaß Genüge that.
Der Direktor hatte solche Einnahmen seit Feo-
dorens Gaftvorstellungen nicht wieder erzielt. Er war
stoh, der Leiter einer so befähigten Gesellschaft zu sein;
man war allseitig in der besten Stimmung, und wennn
Hulda sich auch in ihrem Innern nicht von dem
Drucke frei zu machen im Stande war, welchen ihr
- der Verkehr mit Michael und seine zudringliche Ver-
traulichkeit in dem Zusammnenspiel mit ihm auferlegten

-- daß er ein großer Küustler gewworden sei, das
konnnte sie sich nicht verbergen.
Der Direktor, der Regisseur, Lelio, die Theater-
frennde, Philibert an ihrer Spize, waren auf das
Höchste von ihm eingenommen. Er besaß gute Sprach-
Lenntnisse, die er auf seinen früheren Reisen mit dem
Fürsten fleißig ausgebildet hatte; bei seinem Talente
zur Rachahmnng waren ihm die Manieren und die
Ausdrucksweise der gwten Gesellschaft ganz geläufig,
geworden, er hatte viel gesehen, mehr noch gehört,
wßße gut zu erzählen und geschiät errathen zu lassen,
was er zu verschweigen, für angemessen fand, wenn
er in erregtem Mänmerkreise bis nahe an die Grnze
des Erzählbaren gegangen war. Und wie er die
Mämner für sich zu gewwinnen wußte, so hatte e bald
auch diejenigen Framuen für sich eingenommnen, deren
Zartgefühl nicht eben fein, deren Hauuuptverlaugen es
war, fich gnt unterhalten und über die Stunden,
gleichviel wodurch mnud wie, fröhlich fortgetragen g
finden.
Bald nach sainem ersten Besuche hatte sich Michael
abermals bei Hulda melden lassen, war abgewwiesen
worden, hatte fich noch einmal eingestellt und war
wieaer aeicht angenommmen worden. Derbei war er
nicht gewohnt mnd, besonders in diesem Falle, zu er-
tagen keineswegs gewwillt. Die Fraen, nmit welchen
er es im Allgemeinen bei der Bühue g thun ge-
habt, hatten ihm manche Freiheit zgeftanden, mnd
die ZnrüEkweifung, die er von Hulda zu erfahren hatte,

-,
We
beleidigte deshalb seine Eitelkeit in demselben Grade,
in welchem ihre Schönheit sie ihm reizend machte.
Er versuchte es jedoch, die Sache scherzhaft zu
behandeln, sie durch den Schein argloser Zutraulichkeit
in Sicherheit zu wiegen, durch Gewöhnung ihren
Stohz und ihre Kälte zu besiegen. Als er sie am
Abende auf der Bühne traf, machte er ihr im Beisein
der Delmar, mit der er schnell vertraut geworden
war, Vowwürfe darüber, daß fie gegen einen so alten
Bekannuten, gegen einen Kollegen die Unnahbare spiele.
Hulda schüzte Nebermüdung vor und sprach von
der Rothwendigkeit, die wenigen Stunden, welche der
anstrengende Dienst ihr jetzt noch freiließ, zu dem
Studium der neuen Rolle zu verwwenden.
Die Delmar meinte, Hnlda habe sich doch bisher
eines vortefflichen Gedächtnisses gerühmt.
,Und kann doch ihre Freunde so vergefsen!? fiel
Michael rasch ein; ,hat doch die schönen Korridore
und die Seitentreppen des alten Schlosses offenbar
vergessen, auf denen wir junges Volk durch die Etagen
eilten, auf denen man sich mnangemeldet und ohne zu
antichambriren lssts' st josnu zusammmnenfand, und in
denen Lachen und Geplauder wie Sonnenstrahlen durch
die alten Mauern glitzerten. Aber Temapi gassnti!
Pfarrers schöne Hulda ist eine große Künftlerinn ge-
worden, und mann hat nicht mehr das unschätzbare
Gllck, ihr Lebens- mnd Hausgenosse in einem Grafen
schlosse z sein.?
Der leichtfertige Ton, mit welchem Michael die
Worte sprach, beleidigte Hulda noch mehr als die n

W
wahrheit der Aussage, und daß dies Alles in dem
Beisein der Delmar ausgesprochen wurde, nahm ihr
die Besomnenheit.
,Ich habe Richts vergessen,! sagte fie, ,Richts!
Ich erinnere mich sehr deutlich der Verhältnisse im
Schlosse. Sie wecken aber keine angenehme Erinne-
rung in mir auf, und ich weiß nicht, wie eben Sie
mich an dieselben mahnen mögen.
Das Stichwort rief sie in die Seene. Lippow
schttelte den Kopf und lächelte. ,Immer derselbe
entzückende Eigenfinn und Troz,! sagte er, ,immmer
das reizende Kammerkäzchen, reizend im eigentlichen
Sinnne des Wortes; und mit Bewußtsein reizend mnd
herausfordernd wie dazumal.?
Die Delmar machte große Augen. ,Eammer-
käzchen?! wiederholte sie.
,Kammmerkäzchen oder - Gesellschafterin bei einer
ausgedienten Gesellschafterin!k warf er leichtwweg hinn.
,Rennen Sie es, wie Sie's wollen. Die Mutter
hatte im Schlosse gedient, war eine Hörige gewesen
auuf den Gütern der Gräfin, war schön gewwesen wie
die Tochter und hatte Wohlgefallen vor der Herrschaft
Augen gefmnden. Man hatte sie schließlich dem Pastor
nach Landesbrauch zur Frau gegeben, und die Tochter
war im Schlosse dann ihrerseits bei Alt und Junng
auch sehr wohl gelitten.!
,Aber wie ist es dennn mit Gabrielen? Wie
hängt sie demn mit der zusamumnnen? Wie kamu fie
dennn zu Gabrielen?! fragte die Delmar, voll. Er-
ftamnen aufhorchend.

Ws
,Zu Gabrielen? Sie hat vielleicht bei ihr ge-
dient.?
,Gedient? Sie soll ja Gabrielens Tochter sein!?
sagte die Delmar, mehr mnd mehr von dem Gespräche
angezogen.
,Welch' ein Einfall! Wer hat das erfunden?
rief der Arglistige mit erheuchelter Entrüstunng. ,Wie
darf man Gabrielen derlei nachsagen ohne allen Gruud!
Und obenein einer Frau in' ihrer jegigen Stellung!k
Die Delmar versicherte, das Gerücht sei gang,
unnd gäbe, sei geglaubt und angenommen seit Hulda's
Ankunft bei der Bühne. HHulda habe es auch nie ge-
leugnet, wennn man darauf hingedeutet; sie habe sich
des Schuzes von Gabrielen vielmehr stets gerühmnt.
, Und eine Kamumerjungfer ift fie gewesen?! rief
die Delmar triumphirend. ,SSie haben sie gekannt als
eine solche?! sezte sie voll Entrüstung noch hinz.
,Kine Kammerjungfer und sich solche Airs zu gebent
Das ist beispiellos!?
Michael legte beruhigend seine feine Hannd auf
ihren entblößten Arm. ,Rduhig, mueine Beste, und nicht
zn mnngerocht. Ein schönes Kammerzöfchen gehört in
die Weltordnung und in einen vornehmen Haushalt,
so gut wie andere nüzliche Geschöpfe, und ist durchans
nicht zu verachten, am wenigften, wenn es eine Künst-
lerin wird, die sich, wie unsere schöne Hulda, vor
Meister und Gesellen sehen lasfen kann. Beklage ich
sekber mich doch nicht über sie. Nnd weiß der Himmmuel,
ich hätte Grund dazu, denn ich hatte ihr mnud ihr
allein, ein recht peinliches Zusammentreßßßen mit dem

Fürten Severin und dem Baron Emanuel zu dannlen,
dem Scwiegersohne mnd dem Brnder der Gräfin.
Sie hatte übrigens ihre Karten für eine Anfängerin
geßchickt gewg gemifcht, mnr meine Hitze und Leiden-
schaft verdarb ihr die Partie. Die AfFaire brachte
mich aus meinen eigemtlichen Bahn, aus meiner Ge
sellschaft schließlich aauuf die Bühne, mnd Mademoiselle
Hnlda in ihr Vaterhaus zurlück. Nun, ich habe mich
darüber nicht eben zu bellagen, wie mich dünkt, mnnd
der schönen Hulda hat vermuuthlich die Protektion der
,beiden Kavaliere den Weg eröffnet, auf dem ich sie
hier zu meiner großen Neberraschung wiedergefunden
habe.!
Der zwweite Akt des Stückes war in demu Augen-
blicke zu Ede, Hulda und Lelio, welche die lezte
Scene gehabt hatten, wurden gerufen, traten, wähvennd
man die Coulissen bereits wechselte, in das Proscenium,
gingen in ihre Garderoben und trafen erst wieder amn
Beginn des neuen Aktes zufammen. Die ganze Tor-
stellung rolte, wie Perlen auf einemu Schnürchen,
glatt und schnell. dahin. Das Publikamu war von den
Künftlern sehr befriedigt, die Schauuspieler lobten die
Einsicht der Zuschauer, manu hatte einen neuem Erfolg
gehabt und ging mit fröhlichem Bewwußtsein aus dem
Theater fort.
Auch Hulda hatte sich während des Spöeles bs-
ruhigt und zurecht gefunden, aber sie hätte viel darum
gegeben, das herausfordernde Wort nicht ausgesprochemu
zu haben, denn sie kannte Michael unud hatte sein.
Lächeln fürchten, vor seinem Scherze schaudern lernen.

Ws
Der Gedanke an ihn und seinen bösen Willen lag
wie eine schwere Laft auf ihr und machte sie beklommnen;
das Mleinsein fiel ihr schwer.
Sie hätte Jemanuden haben mögen, den sie fragen
konnte: ,Gas meinst Du, das er thun wird? was
ich von ihm besorgen mwuuHß? Es wäre ihr schon eine
Erleichterung gewesen, sich schreibend das Herz ewt-
laften zu können. En wen aber sollte sie sich wenden?
Gabriele war ihr ganz entrückt, fie hatte ihr ja auch
vorhergesagt, daß die Künstlerlaufbahn ihre Dornen
und ihre schweren Stunden habe, fie durfte sich also
nicht gegen sie beklagen, wennn eine dieser Stunden
jetzt an sie herantrat. Feodore war mit ihrem reiso-
lustigen Gemahl beständig unterwwegs mnud hatte Ales
imwmuer leicht genommen - und sonst hatte fie ja
Niemauud.
Niemamnd! - dennn von den altenn treuenn Freum-
den in der Heimat hatte sie sich losgelöst. Der Amwt-
mamn schrieb ihr nicht, unud der Pfarrer, der es gut
mit ihr gemeint, der sie wohl auch nicht vergefsen
hatte, was komnnte der ihr helfen oder rathen in der
Welt, in der sie sich bewegte unnd vor der er sie ge-
warnt, aus der er sie zurüczuführen getrachtet hatte,
in sein kleines Hauus. Sie dachte mit tiefer Rührunng
an das alte enge Haus. Mam lebte still in solchem
Hause: ungekannnt, unangefochten, in bescheidenem frie-
densvollem Thmnu und Schaffen. Es war auch ihr
einmal ein solches sanftes Loos gefallen. Es hatte
mr an ihr gelegen, ihr Leben sorglos zu geftalten
mnter eines wackern Maannes Schutz, in seiner Liebe

W
ficherer Hut, und sie hatte ihn verschmäht. - Aber
konnte sie dafür, daß die Liebe für Emanuel in ihr
aufgegangen war, fast mit ihrem ersten selbftbe-
wußten Denken und Empfinden?
Michael's Anwesenheit rief ihr die Vergangenheit
beständig wieder wach. Sie war sich ihrer Liebe,
ihrer unglücklichen, verschmähten Liebe wieder einmal
mit tiefem Schmerz bewußt. - Was war das Bei-
fallsklatschen fremder Menschen gegen den freundlich
dankbaren Blick, mit welchem Emannel einst ihrem
Lied gelauscht hatte? Wie glücklich war fie gewwesen -
neben ihm. Welch selige Hoffnungen hatten sie um
schwebt auf ihrem Krankenlager, als er den goldenen ,
Reif an ihre Hand gesteckt hatte. Und jetzt? Wo war
das Glück hin, das seine Liebe ihr verheißen hatte?
Wo war das Alles hin? = Was hoffte sie denn
noch? Was konnte ihr denn blühen, als der Er-
folg, an dem ihr Ehrgei, ihr Künstlerbewußtsein
sich berauschten, und der das Herz nicht füllte, nicht
erguictte? War das denn Glück? En Glückh wie sie
es sich ersehnt, erhoffte
Sie durfte sich den Gedanken nicht überlassen.
Sie fruchteten ihr nicht, fie brachen ihre Spannkraft!
KgaSie muußßte vor sich selber fliehen, und Frieden suchend
in den Tönen, die ihr von der Heimat sprachen und
von ihm, dem sie sie oft gesungen hatte, spielte sie
die alten Weisen, die sie als Kind von ihrer Mutter
Mdund gelernt, bis die Nacht herankam.
aaoaeaooaa

Kapitel 22

Bweiundzwanzigstes Gapites
Am folgenden Abende sollte der ,Faustk in Seene
gehen. Lelio, dem das erste Auftreten in demfelben
fast eben so sehr wie seiner Freundin Hulda eine
Feierlichkeit war, hatte ihr zugesagt, fich am Vormit-
tage noch bei ihr einzufinden. Er blieb indessen aus.
Dagegen kam Philibert, sich, wie er, sagte, ein wenig
bei ihr auszuruhen.
Der vertrauliche Ausdruck fiel ihr auf. Philiber
war jedoch so voll von dem Vergnügen über das
wohlgelungene Fest, welches er am verwichenen Abende,
nach dem Theater in seiner am Strome gelegenenn
Villa für Michael veranftaltet hatte, er erzählte fo viel
von den ergözlichen Geschichten, mit denen Zener sie
unterhalten, daß Hulda darüber kaum zu Worte,
kanmmu zu rechtem Rachdenken über all das Gehörte ,
gelangen konnte.
Gä war aber heute etwas Besonderes an Phili-
bert. Sie konnte sich nicht erklären, was mit ihm
geschehen sei, was er im Sinne habe; demnn er und
sein Betragen gegen sie erschienen wie umgewwandelt. -

W0
Ess kam ihr vor, als ahme er geflissentlich die
Vertraulichkeit nach, in welcher Michael sich gegen
Frauen wohlgefiel, als gäbe er sich wie dieser, den
Anschein, an Hnlda eine Art von Anrecht zu haben.
Er nannte sie unablässig bei ihrem Taufnamen, er
ergriff ohne jeden Anlaß ihre Hand, und hatte sich zu
ihr in das Sopha geworfen, als stände es ihm in der
That frei, sich in ihrer Wohnung und neben ihr, nach
Belieben auszuruhen. Sie wochte ihn deshalb nicht
zur Rede stellen, weil dies sich selber schon zu nahe
treten hieß, und weil er ihr, seit sie sich einst an
ihrem Geburtstage mit ihm verständigt, nie einen An-
laß gegeben hatte, gegen ihn auf ihrer Hut zu sein.
Heute jedoch fand fie sich gezwungen, ihm durch ihre
Zurückhaltung anzudeuten, daß sein Betragen sie ver-
letze; indeß sie erreichte ihre Absicht damit nicht.
Philibert lachte über ihren Ernst. ,Um aller
Heiligen willen, beste Hulda,! rief er, ,können Sie
demn gar nicht mehr heraus aus Ihrer Rolle? Was
haben Sie nur davon, fich und uns die Juugend zu
verbittern? Muuß man denn durchaus ein Fürst oder
wenigstens ein Baron sein, um bei Ihnen Gnade und
Gehör zu finden?
Hmlda that einen Ausruf des Erschreckens, demnn
jetzt wußte sie, wie sie sich Philibert's Betragen as-
zulegen hatte, und wohsr die Veränderung in demselben
stamwte, aber er dentete den Ausruf sich auf seine
J. -= = -- -
,Sie können sich nicht über mich beklagen, Hulda!r

800
trachtet, was zu verschweigen Ihnen angemesener
dünkte; und ich bin gewiß der Sezte, der Sie verkennt,
oder weniger zu Ihren Füßen liegt, weil Sie sich nnd
Ihr Herz vor jenen Tagen, in denen ich Sie kennen
lernte, vielleicht weniger streng als jetzt verwwahrten.
Das Einzige --
Hulda hielt sich nicht länger, mnd mit glühenden
Wangen rief sie, ihm in die Rede fallend, während
Thränen des Zornes sich in ihre Augen drängten:
,Das Einzige, was ich Ihnen noch zu sagen habe,
ist, daß ich es empörend finde, wie Sie dem Worte
eines fremden Mamnes, der von dem Fürsten Severin,
in dessen Dienst er stand, entlassen wmrde, weil er
sich ungebührlich gegen mich betragen hatte, mehr
Glauben schenken als mir; mir, die Sie kennen, unnd
die weder Ihnen noch sonst Jemandem Anlaß oder
gar ein Recht gegeben hat, ihr in irgend einem Zeit-
puntte ihres Lebens ewwas Unehrbares zuzutranen.?
Sie erhob sich und ging in ihr Nebenzimmer.
Er machte Miene, ihr zu folgen und blieb auf halbem
Wege stehen. Er hatte sich, wie er merkte, offenbar
verrechnet, sich auf fremde Aussage hin, die vielleicht
doch nicht ganz zuverlässig gewesen sein mochte, in
eine falsche Unternehmung eingelassen, und sie war
denn auch mißglückt. Statt des Gewinnes, den er
von ihr erwartet hatte, war fie zu seinem Rachtheil
ausgeschlagen. Das verdroß ihn. Er hielt sehr viel
von seiner Einficht, von seiner Renschenkenntniß mnd
von seiner umfichtigen Gewandtheit im Verkehre.
Eine Unüberlegtheit, eine Uwworsichtigkeit hatten ihn,

KU
wie er es sich sagte, um die treulich aufgewandte
Mühe und um die Vortheile gebracht, die er in Hulda's
Gunst allmälig doch errungen hatte. Er wuußte in
seinem Aerger sich nicht gleich zu rathen.
Es paßte ihm nicht, sich einzugestehen, daß er
Hulda beleidigt habe. Hatte er nach Art der Egoisten
in dem Verkehre mit ihr doch immnner mur an sich mnnd
nicht an sie gedacht! Es paßte ihm auch nicht, ihre
Vergebung zu erbitten, denn nach seiner Meinung
hatte seine fügsame Huldigung sie über die Gebühr
verwöhnt, und noch weniger lag es in seinem ßlane,
es mit ihr, von der bevorzugt zu werden er sich stets
gerühmt hatte, zu einem offenkundigen Bruch zu bringen.
Es mußte ein anderesMittel geben, es mmußte ein Ausweg
zu finden sein, auf welchem man mit ihr verhandeln, mit
ihr fertig werden, und auf welchem man ihr begreiflich
muachen konnte, was die Gunst und Huldigunng eines
Mauumues von seiner Stellung unnd von seinem Ein
flusse für eine Bühnenkänstlerin bedeuteten. Er glaubte
nach kurzem Neberlegen auch zu wissen, was er zu
thun und wie er sie zu zähmen habe, ohne daß man
deshalb zu erfahren brauchte, was hente zwischen ihr
und ihm geschehen war.
Er zog eine Karte aus seiner Brieftasche hervor,
schrieb darauf Fauft's Worte:
,Wie ste kurz angebunden war,
Das war nn zum Entzüeen gark
sezte noch ein ,unwwandelbar der Iheek über seinen
Namen hin, mnnd entfernte sich darauf, nachdem er die

Hc
Karte so hingelegt hatte, daß Hnlda's erster Blick sie
Lreffen muußte.
Sie trat in das Zimmuuer, sowie er es verlassen
hatte. Die Karte sehen, sie lesen, zerreißen und im
Zorne von sich schleudern, das war Eins.
Denn das war es, was sie nicht verschmerzen
komnte, was ihr die Sonderstellung, in welche süe fich
freiwillig begeben hatte, oft so unerträglich machte.
Es gelüstete sie nicht nach der bedenklichen Freiheit,
welche die allgemeine Meinung den Bühnenkünst-
lerinnen zuerkamnte unnd von der eine große nzahl
der Schauspielerinnen einen noch bedenklicheren Ge-
brauch machten, eben weil das orurtheil der anderen
Frauen fie ganz ausschließlich auf den Verkehr mit
Männnern anwwies. Es half ihr nicht, daß sie ihre
Seele und ihr Leben rein bewahrte. Die Mänener
nahmen das als eine Grille auf, die sich wohl legen,
die Einer oder der Adere früher oder später zu be-
siegen im Stande sein werde. Man sah eine Schan-
fpielerin wie ein Wild an, das auf die Länge dem
geschickten Jäger sich nicht entziehen könne, mamn höelt
gegen sie erlaubt, was neben einer anderen Fran zu
denken, man als Beleidigung angesehen habe würde.
Und gelang, es endlich einer Schaufpielerin, ich empor-
zuschwingen, fich einen Ramen zu machen, luden die
Reichen und Vornehmen, die sich mächtig gemng fühl-
ten, sich über die gewwöhnlichen Vornrtheile hinweg-
sezen z dürfen, sie aus persönlicher Reugier oder um
das nengierige Interefse Anderer zu befriedigenn, in
ihre Häuser ein, so war mann deshalb doch weit davon

H0
entfernt, eine Gleichgestellte oder eine Gleichßerechtigte
in einer solchen Künstlerin zu erblicken. Man stellte
sie allenfalls über sich, um fie mr als Ausnahme,
gelten lasfen zu kömnen, und nicht zu dem Glauben
Anlaß z geben, daß eine Schauspielerin mit den
anderen Frauen auf demselben wohlumfriedeten und
wohlbeschüzten Boden stehe.
Hulda hatte das erfahren, als Miß Kenney
Gabrielen's Besuch in dem gräflichen Hause erwartet,
fie hatte es später zu beobachten Gelegenheit gehabt,
als Feodore die Gattin des Herrn van der Vließ ge- -
worden war. Man hatte beiden Frauen die Freiheit
nachgesehen, die sie sich genommmen, weil sie Schau-
spielerinnnen gewwesen waren, man hatte ihnen aber des-
halb die Auflehmung gegen die Sitte, die sie sich er-
laubt hatten, weder vergessen noch vergeben, und Nis-
mand hatte es ihnen angerechnet, wie mann fie im
voraus zurückgewiesen, ehe sie schuldig geworden waren,
wie manu sie sich selber und dem Begehren der Män-
ner überlassen, wie man fich an ihrer Kunst und
ihrer Leiftung erfreut, erhoben und entzückt hatte,
während mann sie doch als Ausgestoßene geringgeschäzt
und von sich ferngehalten hatte.
Was half ihr der Beifall der gesammmten Sn-
schaner, dessen lebhafter Ausdruck sie mit frendigem
Stohze erfüllte, wennn sie in der Surücgezogenheit
ihres Privatlebens vor Beleidigungen ihrer Würde und
ihres stttlichen Empfindens nicht gesichert war? Was
konnuten die Blumuen ihr bedeuten, mit welchen schöne
Hände ihr im Theater die künstlerishe Leistung lohn-

g
L0
er-
ten, wenn dieselben Frauen, die sie ihr gespendet, sich
vo ihr wie der Brahnine von dem Paria geschieden -
fählten? = Es war ein Widerspruch in diesen Ver-
hältnissen, in den sich Hulda zu finden, den zu löfen
sie nicht vermochte. Ihr gntes Bewußtsein, ihr reines
Gewoifsen waren ihr kein Troft dafür. Die Bewmnnde-
rung, welche man ihr als Kännstlerin zu zollen gerne
bereit war, hielt sie nicht schadlos dafür, daß man sie
als Weib nicht ehrte, wie es ihr gebührte. Sie fühlte
sich nicht dazu gemacht, sich immer wieder angezwweifelt,
angegrifen zu finden; es erniedrigte fie in ihren eige-
nen Augen, daß sie sich zu vertreten, zu vextheidigen
genöthigt war, unnd gerade heute, an dem Tage der
FauuftAufführung, der fie frohbewwegten Herzens ewt-
gegengesehen hatte, lag der Druck dieser Mißverhält-
nisse schwerer als je zwwor auf ihr.
Das Wetter war von einer herrlichen Klarheit,
als sie sich aam Abende nach dem Theater begab. Die
Somne brannte zwar noch, aber es zog ein frifcher
Ostwind durch die Pläze der Stadt, der die Bänder
von Hulda's großem runden Strohhut vor sie hinflattern
machte, wie sie oft im lustigen Seewind geflattert
hatten, wennn sie an solchen klaren Rachmittagen des
Augustmonats hinausgegangen war mit Vater und
Mutter, den Amutmannn zu befuchen, wennn die Ernte
ggogen hatte bis zm Pfarrdorf. Sie meinte den !
sich auf den wetten gräflichen Roggenfeldern hin
Duft des Meeres zu fühlen, den Kang des Sensen-
Erarr:ae

H0ö
niß, aber sie that ihr nicht wohl, dennu sie erhöhte das
Bewußtsein dss Abstandes, der sie von jener friedens-
vollen Ruhe trennute.
Die weite Vorhalle des Theaters war voll Men
schen. Man umdrängte die Kafse. Diejenigen, welche
sich schon im voraus Billets verschafft, eilten sich der
vorderen Plätze in den Logen zu versichern.
Jm Vorübergehen erkannte Dieser und Jener
Hulda, man zeigte fie einander: es waren gerade viele
Fremde des Wollmarktes wegen in der Stadt. Sie
hörte ihren Ramen nemnnen, man trat geflissentlich in
ihren Weg; sie war froh, als sie aus dem Gewühl in
den langen Korridor eintrat, der hinter die Goulissen
führte, aber die drückende Schwüle in demfelben be-
klemmnte ihr die Brust,. und unwwillkürlich kam ihr
Faust's klagender Ausruf:
,Geh! steck ich in dem Kerker nochk?
auuf die Lippen. Es drückte sie heute Alles, Alles; sie
konnte nicht Herr werden über die Schwermuth, die,
auf ihr lag.
Vor ihrer Garderobe traf sie Michael und Lelio,
Beide schon angekleidet. Sie hatte Lelio bisher nur
in Trachten gesehen, die seine jugendliche Mannes-
schönheit zur Geltung brachten, er war ihr also in
dem Faauust»Gostüme des ersten Aktes wie ein Fremder,
aber er betrug sich gegen, fie auch wie ein solcher. Er
bot ihr nicht die Hand wie sonst, er hatte nicht die
Sz=nen

Hs
ausgeblieben war, fragte sie ihn: ,Ist Ihnen etwas
Unangenehmes begegnet? Fehlt Ihnen Etwas, Lelio?
Er bejahte das. Sie bat ihn, er möge ihr er-
klären, was ihm geschehen sei. Er wich ihr aus, mnd
sie meinte ein unheimliches Lächeln in Michael's Gs-
sicht zu lesen. Sie komnte aber sich nicht deutlich
machen, ob dieses Lächeln in der Maske lag, die er
fich selber meisterhaft gezeichnet hatte, oder ob es ihr
und ihren Fragen galt, und Michael ließ ihr auuch
nicht Zeit dazu.
,Sehen Sie nun wohl, Allerholdseligste!k sagte
er, da Lelio sich entfernte, ,daß nicht Jeder so gedul-
dig ist, wie Ihr allerunterthänigster Diener? Daßß nicht
Jeder Ihre Launnen so geduldig hinnnimmnt wie Ihr
alter Freund, der Alles vergessen hatte, so wie er Sie
mur wiedersah? = Alles, Hulda! Alles! = And heute
noch werden wir eine gemeinsame Genugthuung emb
pfinden, heute werden Sie noch mit mir ein ,lo
trioako! singen!k
,Ich verstehe Sie nicht!k sagte Hulda mit jener
Angst, von welcher sie in der Nähe dieses Mannes
sich niemals frei zu machen wußte, denn daß er nicht
nur von ihrem Erfolge als Künstler sprach, meinte sie
herauszufühlen.
,Haben Sie Geduld und Sie werden es erleben!k
sagte er, sich mit der gemachten Höflichkeit seiner Rolle
verbeugend und hinkte von dannen. Sie mußte gehen,
sich anzukleiden; die Dwverture hatte begomnen, sie
wurde vortrefflich ausgeführt, der erste Akt ging mit
glänzendem Erfolge vorüber.

H
Mephisto's feines, nirgends zur Nebertreibunng hin-
neigendes Spiel überwwältigte nicht mur das Publikumn,
es ergriff die Mitspielenden, es übte auf Hulda's
Phantasie eine Ar von Bannn aus. Ihr kam es vor,
als sehe fie Michael erst heute in seiner wirklichen
Gestalt, als sei er ihr bis heute immer nur in belie-
biger Verkleidung erschienen, mnd es schauerte ihr vor
ihm in Wirklichkeit, wie sie es in der Darstellung des
Gedichtes auszudrücken hatte.
Endlich war die Musik des Zwwischenaktes vorüber,
der Vorhang flog empor, Gretchen trat von der rechten
Seite dex Seene aus der Kirche in den Mitelgrund,
das Haupt gesenkt, das Gebetbuch in den Händen.
LelioFaust nahte sich ihr mit raschem Schritte, sie
hob das Auge bei seiner Ansprache, mnd wie sie in
die Höhe sah, erblickte sie in der ßrosceniumGLoge
des ersten Ranges Glarisse und den Fürsten Severin.
Das also war es! Das hatte Michael gewnß,
gemeint! -
Es flog ein Erbeben durch ihre Glieder, eine
heiße Röthe übergoß ihre Wangen und färbte ihren
Nacken, sie komnte die Blicke nicht erheben, sie brachte
die zei Verse, die sie zu sprechen hatt, zaghaft und
schüchtern wie ein Kind heraus und kam erst wieder
zu sich selber, als fie sich hiner der Seene nicht mehr
von dem Fürsten beobachtet, nicht mehr Glaarissens
MSnr

808
funden, man war einftimmnig der Meinung, das mäd-
chenhafte Erschrecken nie mit solcher Naturwahrheit
ausgedrückt gesehen zu haben. Mamu versprach sich im
voraus das Beste von Hulda's neuer Rolle, und sie
war auch für dieselbe durch ihr Aeußeres wie ge-
schaffen.
Wie sie durch ihre Rolle kam? - Sie wußte es
selber nicht, dennn das Herz war ihr zum Zerspringen
voll und schwer. Die Erinnnerungen überflutheten sie,
daß sie sich dagegen kaum zu behaupten wußte. Ein
grenzenloses Verlangen, nur einmal noch von Emanuel
g hören, ihn nur einmmal noch wiederzusehen, kam
über sie, wie sie Glarisse erblickte und fie hatte
Glarisse selber so geliebt! Glarisse war zu ihr gütig
gewesen wie zu einer Schwester. - Was mochte sie,
denken, wenn sie sie jetzt vor sich sah, in Gemeinschaft
mit jenem Michael? Wie mochte sie es auffassen,
daß Hulda ihr Vaterhaus verlassen hatte, daß sie
Schauspielerin geworden war?
Sie brauchte sie nicht zu erkünsteln, die Sehn--
fucht und die Thränen, mit denen fie am Spinnrad
sang. Sie hatte nur Mühe, der Emwpfindung Jügel an-
zulegen, welche ihr die Thränen in die Augen lockte,
und nie hatte fie es so deutlich, so schmerzlich und so
übewwwältigend empfmnden, wie sehr sie Emanuel zu
eigen, wie er allein ihr die Welt gewesen war, unnd
wie leidenschaftlich sie ihn noch immnuer liebte - ihn
allein - als in dem Augenblicke, da sie mit dem auf-
zuckenden Wahnsinn der Verzweiflung, alle Scheu der
Zucht und Sittsamkeit von sich abthuend, die letzten

L
beiden Strophen des Liedes mit aller Macht der ver-
langenden Liebe aus ihrer Brust heraussang:
,Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ac, dürft ic fafsen
Und halten ihn!
Und kfsen ihn,
o wie ich wollt,
An seinen Küßßen
Vergehen soEe f-
Der rauschendste Beifal lohnte die Scene. Der
Fürft bog fich weit aus der Loge heraus unnd applan
dirte lebhaft. Er wollte offenbar Hulda's Aufmerk-
samkeit auf sich ziehen. Glarisse trocknete sich die
Augen, mnd wie Hulda zu ihr emporsah, meinte sie
zu bemerken, daß fie ihr mit den schönen Augen --
sie hatte den seelewwollen Blick Emanuel' - einen
Gruß zuwwinkte.
Hulda faltete, sich vor dem Publikam verneigend,
ihre Hände vor der Brust =- ihre Gedanken waren
bei Clarisse, ihre demüthige Geberde galt mur ihr.
Sie hätte allen Ruhm der Welt darumm gegeben, sich
einmal, nur einmal in die Arme der Fürstin werfen,
unnd einmal wieder mnur des Pfarrer Tochter, nur sie
selber sein zu dürfen.
Die Gewohnheit des verständnißvollen Zusammen-
spieles mit Lelio half ihr äber die nächste Seene im
Garten fort, die gewwaltige Kraft des Gedichtes nahm
sie gefangen. Sie vergaß alles Persönliche, die Ed-
habenheit der Dichtung hob sie über sich selbft hinauus,

Ld
und nur als sie in der Kirche betend vor dem Altare
lag, als die Stimme des bösen Geistes ihr:
,Wie anders, Gretchen, war dirs,
Als du noch voll UnschuEd
sier zum Altar tat'st,
Aus dem vergrifffnen Büchelchen
Gebete lalltest,,
Palb Kinderspiele,
gl Got im deren!!
an ihr Ohr tönte, da wachte das eigene sehnsuchtsvoll.
wehmüthige Erinnern noch einmal in ihr auf, um
, dannwn zu verschwinden in dem großen Strome der
Poesie, der fie umfluthete, nnd sie auf seinen mäch-
tigen Wogen an das Ennde trug.
Els der Vorhang am Schlusse des Dramas ge-
fallen war, verlangte man mit begeistertem Zurufe die
Träger der Hauptrollen noch einmnal zu sehen, und als
damnn, von Michael und Lelio geleitet, Hulda in den
Vordergrund trat, rief der Fürst der Lezteren zu wie-
derholtenmalen sein ,Brava!? ,Graval mit solcher
Wärme zu, daß das Publikum, von seinem Beispiele
hingerissen, fie mit Beifall überschüttete und ihr damrit in
gewissem Sinne den Siegerkranz des Abends zuertheilte.
Neber Michaells Antliz flog ein Ausdruck wilden
Zornes, er kannte sich nicht in seinem Grimme. Jahre-
lanng hatte er den Tag herbeigewünscht, an welchem er
seine Prophezeiunng wahrzumachen dachte, daß sein ehe-
maliger Herr mnd Gebieter, der Mannn, der ihn un
geftraft mißhandeln durfte, mit Bewunderung und mit
Scham zu ihm emwporsehen sollte. Heute hatte er sich

; au
an dieser Genugthuung zu erlaben gehofft, die goldene
Frucht hatte vor seinen lechzenden Lippen geschwebt,
denn Mephistopheles war die Rolle, in welcher er,
wo immnner er sie gespielt, die glänzendsten Erfolge
errunngen hatte; und heute hatte er sich selber über-
troffen. Von Scene zu Seene war die wachsende und
zftimmnnende Bewunderung der Menge ihm gefolgt,
mr des Fürsten und Glarissens Mienen waren an-
theillos für ihn geblieben, und in dem lezten ewt-
scheidenden Augenblicke hatte des Fürsten Mißgunft,
ihm den Triumph entrissen, dessen er sich versichert
halten dürfen, um, wie Michael es in seinem Innnern
nannte, diesen Triumph einem hübschen Lärvchen zu-
zuwenden.
Er kannte sich nicht in seinem Grimmme. Er
haßte Hulda mit dem bittersten Hasse. Er hätte sie
unter die Füße treten und sie vernichten mögen in
dem Augenblicke, und, die schmalen Lippen kaum be--
wegend, flüsterte er laut genug, um von Hulda so-
wohl als von Lelio verstanden zu werden: ,Der treue
Seladon! Eine kleine Nachzahlung aus guter, alter
Zeit, eine Anzahlung für die nächste Zukunft!?
,Abscheulich!? stieß Hulda herwor, ihre Hand aus
der seinen befreiend, während sie sich gemeinsam mit
ihm und Lelio hinter den Vorhang zurüctzog; aber
ihre Freude an dem Erfolg de Abends war dahin.
Michael hatte sie in der widerwärtigsten Weise
herausgerissen aus der Erhebung, welche sie während
ihres Spieles emppfunden hatte. Traurig, beleidigt,
in sich selbst nicht einig, und an Leib und Seele

su ,
mwüde, kehrte sie von dem großen Trinmphe, den fie
errungen hatte, in ihre Einsamkeit zurüc, umu mit
Wehmrauth der Tage z gedenken, in denen sie neben
Gomuesse Glarisse gerst in lebenden Bildern figurirt,
mnd sich so mgeduldig hinamsgesehnt hatte in die Welt,
in welcher sie jezt lebte.
Sie sah anderd aus, diese Welt, als sie es er-
wartet hatte. Sie wae kein Paradies, und Ruh' nnd
Frieden wohnten nicht in ihr.

Kapitel 23

Ireiundzwanzigstes Gapitel.
Wäre es nach dem Sinne der Fürstin gegangenn,
so hätte sie Hulda noch an demfelben Abende wieder-
gesehen. Sie war von Hulda's Schönheit, von ihrem
Spiele, völlig hingenommen. Sie erinnerte den Für-
sten mit Stolz daran, wie fie imwmner behauptet habe,
daß Hulda ein ganz besonderes Wesen sei.
,Wäre der mir so widerwäärtige Michael nicht
neben Hulda gewwesen,! sagte die Fürstin, ,ich würde
diesen Abend und diese Vorstellung z dem Erfreu-
lichften rechnen, das erlebt zu haben ich mich entfinne.
Ich bin selten so viele Stunden hinter einander in
einer angenehmeren Stimmung gewesen als heute in
dem Theawter, mnnd habe es recht empfunden, wie werth
mir Hnlda doch gewwesen ist.
Auch der Fürst sprach mit Antheil und Ver-
gnügen von der schönen Entwicklung des jungen Mäd-
chens, während er, gerechter als Glarisse, auch die
großartige und viel bedeutendere Leistnng Michael's
hervorhob. ,Es liegt aber,k bemerkte er, ,in mnserer
Natur, daß die schöne, leidende Unschuld, selbst in der

B1
Dichtung und in deren Darstellung, unser Urtheil
leichter für sich gewinnt, als die größte Meisterschaft
in Schilderung des Bösen; und nach der Art, in
welcher ich Michael seinerzeit entlassen- habe und ewt-
lafsen muuußte, meinte ich sein Selbstgefühl zu schonen,
wenn ich mich, so weit es ihn betraf, von jeder Kund-
gebung zurückhielt.?
Glarisse äußerte, es werde Hulda auch nicht leicht
sein, wieder mit Michael zu verkehren und mit ihm
zu spielen.
Der Fürst zuckte leicht mit den Schultern. ,Du
siehst in Hulda immer noch das junge Mächen, das
Dir im Hause Deiner Mutter eine Peile diente, die
kindliche Pfarrerstochter,! sagte er. ,Indeß, sie ift in-
zwischen eine Künstlerin und damit auch wohl eine
Andere geworden. Wer will von der Loge aus ent-
scheiden, ob die unschuldsvolle Miene, die Dich er-
freute, nur noch ein Bewoeis von Kunstbegabung, oder
ob sie noch Deines Schüglings wahres Antnliz ist?.
Sie ist zwei Jahre auf der Bühne, und das Podiumu
eines Theaters ist ein glatter Boden für den Fuß der
Juugend und der Schönheit. Dazu verkehren Frauen
in keinem Falle zu ihrem Vortheil mit Männern von
Eippow's Art, und deren giebt es auf den Brettern
und in den Vorzimmern der Theater nur zu Viele,?
Glarisse hörte die Bedenken ihres Gatten an,
meinte aber trozdem Hulda's sicher sein zu dürfen.
Der Fürst wollte das nicht unbedenklich gelten laffen.
,Es ist möglich,r versezte er, ,daß Dich Deine
Zwwersicht nicht trügt, aber Deine schöne Pfarrers-

H1
tochter war von der Neberspanntheit solcher Bürger-
mädchen keineswegs frei, und Neberspamntheit ist ein
Verführer schon an sich. Das mnuß uns Hulda gegen-
über zu großer Vorsicht mahnen, denn es wäre für
beide Theile gleich peinlich und verletzend, Schritte zu
thun, die man später nicht gethan zu haben wünschen
müßte, und Erwwartungen zu erregen, die man nicht
befriedigen könnte.?
Glarisse zog ihn mit scherzendem Schmollen wegen
seiner Vorsicht auf. - Sie nannte dieselbe die Folge
von Erfahrungen, auf welche sie eigentlich eifersüchtig
fein müßte. Er gab ihr das mit der Bemerkung zu,
daß man sie sich trozdem mutzbar zu machen hgbe,
vor allen Dingen diesem Mädchen. gegenüber; aber die
junnge Fürstin wollte das nicht gelten lassen. Sie be-
stand auf ihrem Wunsche, Hulda zu sich zu entbieten.
Daneben beschäftigte sie die Frage, ob Baron Emanuel
Hulda auf der Bühne gesehen, was er dabei empfun-
den haben möge, und ob sie selber in ihrer Kunst
Ersaz gefunden habe für die Liebe. ,Denn,! sagte
fie, ,Hulda's Leidenschaft für unsern Oheim war doch
rein und schön.?
,Emanel hat sie auch geliebt und sehr geliebt;
er hatte das nicht Hehl!? warf der Fürst mit jenem
Gleichmuthe hin, mit welchem man eines lange ab-
gethanen Ereignisses gedenkt.
,lm so uwverantwortlicher, daß er sie aufgab!?
rief Glarisse.
,Wie ihr mur gleich als uwverantwortlich bezeich-
net, was in die Schablone euerer Romandichter nicht

B1s
einzufügen ist. Du verdienteft in Wahrheit eine
Pfarrerstochter aus der Provinz zu sein,? scherzte der
Fürst, als eben der Kamwmnerdiener die Meldung machte,
daß das Rachtessen bereit sei
Inn dem Saale, in welchem man die Mahheit
aufgetragen hatte, erwartete der Befizer de Gasthofes
die Herrschaften. Er wollte sich's nicht nehmen lassen,
ihre Bedienung persönlich zu überwwachen, mnd es kam
dem Fürsten recht gelegen, daß der Wirth, während
fie sich niederließen, sich die Frage erlaubte, ob die
Herrschaften mit der Vorstellung im Theater zufrieden
gewesen wären.
Der Fürst sprach sich über Hulda, Lelio und
Lippow günstig aus; der Wirth erwähnte, daß Herr
Lippow auch in seinem Hause wohne. Geftern bei
Sr. Durchlaucht Ankunft habe er sich des Vorzuges
gerühmt, Durchlaucht früher schon gesehen und gekamnt
zu haben.
Der Fürst sagte darauf Nichts, sondern sah nur
mrit feinem Lächeln nach seiner Frau hinüber, aber
dem Wirthe, der, wie fast alle seinesgleichen, sich Etwas
damrit wuußte ein guter Beobachter zu sein, entging das
nicht, obschon die Färstin sich in dem Augenblicke mit
der Frage an ihn wendete, ob er vielleicht auch Hulda
kenne und Näheres von ihr wisse.
,Richt mehr, Eer Durchlgucht,! entgegnete der
Wirth, ,als was am Ende ein Jeder von den
Damen vom Theater weiß und hört Sie lebt sozu-
sagen sehr für fich, und wird gewiß ihr Gläck hier
machen. Sie ist schön und klug, fie hält, so viel

L
man hört, auf Anstand, und damit wird sie bei einem
unserer großen Kaufleute ihren Zweck wohl durchsezen,
so gut wie ihre Vorgängerin, die der reichste Mann
in der Prooinz zur Frau genommen hatr?
Der Fürst bemerkte, daß diese rühmende Aussage
nicht nach dem Geschmacke der Fürstin war, und wie
immnuer bemüht, ihr unangenehme Eindrücke fern zu
halten, fiel er dem Gesprächigen mit der Frage in das
Wort: ,Manu sagt ihr also doch nichts Nebles nach?
Sie ist achtbar und unangefochten?-
,Richt das geringste Neble, seit sie hier istr?
entgegnete der Wirth, die lezten Worte absichtlich be-
Lonend.
Der Fürst wurde achtsam. ,Was wollen Sie
damit sagen?! erkundigte er sich.
Der Wirth sah den Fürsten, dannn die Fürstin
an. ,dan weiß nicht recht,! erwiderte er, zwie die
junge Dame auf die Bühne kam unud wo sie her-
ftammut. Es gehen allerlei Gerüchte über die Ver-
gangenheit -- Herr Lippow scheint sie auch genau ge-
kannut zu haben.?
Das war dem Fürsten unud seinem edeln Sinne
doch zu viel. ,Herr Lippow,' sprach er sehr bestimmnt,
,hat Mademoiselle gewiß nicht mehr gekannt, und
besser nicht, als ich und die Frau Fürstin. Wir neh-
men mehr als gewwöhnlichen Antheil a der junngen
Künftlerin, weil fie die Tochter eines Geistlichen von
den Kamiliengütern der Frau Fürstin, mnd eine zeit-
lang in deren mtterlichem Haushalte gewesen ift.
Erinnern Sie Herrn Lippow doch daran, wennu er es

818
vergessen haben sollte, und sagen Sie ihm unum-
wunden, Sie hätten das aus meinem Munde ver-
nommen. Richten Sie das aus, ich bittel
Er brach damit die Unterhaltung ab. Glarisse
war verlegen und zeigte sich verstimmut. Der Fürst,
jedoch hatte die Genugthunng, es ihr durch eigenne
Erfahrung dargethan zu wissen, welchen Angriffen
und Verdächtigungen Bühnenkünstlerinnen ausgesezt
zu sein pflegen. Das gerade machte ihn aber geneigter,
dem Wunsche der Fürstin in Bezug auf Hulda zu
willfahren, und ohne seine Gattin von seinem Vor-
haben zu benachrichtigen, verließ er am Morgen zeitig
den Gasthof, weit vor der Stunde, in welcher man
den Frauen sonst aufzuwarten pflegte.
Unten in dem Vorsaale trat der Wirth beflissen
aus seiner Schreibestube. Er fragte nach den Befehlen
Seiner Durchlaucht.
Der Fürst verlangte die Angabe von Hulda's
Wohnung. Der Wirth rief einen Diener herbei, ihn
zu geleiten, aber der Fürst lehnte die Begleitunng ab;
und Lelio, der ebenfalls früher als gewöhnlich aus-
gegangen war, um Michael zu einer Geschäftsbespre-
chung in seinem Gasthof aufzusuchen, sah es, wie
der Fürst den Beg nach Hulda's Wohnunng einschlug.
Michael hatte nämlich, gleich nach den ersten Vor-
ftellungen, in welchen er mit Lelio und Hulda ge-
spielt, den Plan zu einem Gastspiele entworfen, in
dem er mit den Beiden gemeinsam zu wirken dachte,
und er hatte Lelio aufgefordert, seine Freundin diesem
Unternehmen geneigt zu machen.

H19
Noch am Morgen des verwichenen Tages hatte
er Lelio weitläufig die großen Vortheile auseinander-
gesetzt, welche man sich von diesem Zusamwmmuenspiel in
der nordischen Kaiserstadt versprechen dürfe, und wie
damit der sicherste Weg gebahnt werden könnte, Lelio
und Hulda von dem ProvinzialTheater an eine der'
großen Bühnen zu versetzen. Heute jedoch schien er
völlig anderen Sinnes geworden zu sein. Er gab
vor, bei der Heimkehr aus der Faust-Darstellung,
einen Brief vorgefunden zu haben, in welchem der Jn-
tendant jenes Hoftheater die Mitwirkung von Hulda
zurückwweise, da er sie auf einer Durchreise spieken
sehen, und ihre sentimentale Ziererei geschmacklos ge-
funden habe. ,Dazu,! sagte Michael, ,ist sie für ein
wirkkames und eigentliches Zusammenspiel mit Anderen,
auch viel zu eitel, und viel zu ausschließlich allein auf
sich bedach.
Lelio, der doch seit Jahren mit ihr zusammmnen-
gespielt und sich nicht über sie zu beklagen gehabt
hatte, machte seine eigene Erfahrung zu ihren Gunsten
geltend. Michael hingegen behauptete, sie spiele mit
dem Publikum und nicht mit ihrem Partner; fie agire
solo auf augenblickliche Erfolge, stelle sich beständig
in den ersten Plan, und koqnettire mit den Mänmnern
in der ProsceniumsEoge.
,Sahen Sie denn nicht,! sagte er, ,gestern, wo
einer ihrer ersten Freunde und Gönner in derselben
saß, waren ihre Manoeuver völlig unerträglich. Ihre
Augen gingen und hingen so uwverwandt an dem
Opernglase des Fürsten Severin, daß Sie in den

H0
Liebesscenen mit ihr geradezu lächerlich erschienen, demn
Sie deklamirten gegen Hulda's Kinn und Hals, wäh-
rend die Blicke der Holdseligen den Fürsten be-
gnadigten. Dafür standen Sie und ich dennn gestern
auch wie die schildhaltenden Statisten neben der Un-
vergleichlichen, als der Fürst es angemessen fand, ihr
seine Bewunderung einmal vor aller Leute Augen
kundzuthun, selbst vor denen der schönen jungen Fürftin,
die es längft gelernt hat, zum bösen Spiele eine gute
Miene zu machen.!
Lelio war eine redliche Natur und nicht geneigt,
leicht Nebles zu glauben; aber er war Schauspieler
mit Leib und Seele, der tägliche Erfolg sein höchstes
Ziel; er hatte die Logik seiner Standesgenossen wie
ihren leicht zu bestimmenden Glauben und Sinn.
Wer ihm zu einem Erfolge verhalf, auf den vertraute
er; wer ihm einen solchen schmälerte, dem meinte er
mißtrauen zu müssen; und Jeder der ihn überstrahlte,
war sein Feind.
Er sagte sich nicht, wie er von dem Nebeln allen,
das Michael ihm vorhielt, gestern während seines
Spielens Nichts wahrgenommen habe, wie er sich des,
reichen und warmen Beifalls gefreut, den man auch
ihm gespendet hatte, und wie herzlich Hulda ihm in
ihrer eigenen Ergriffenheit die Hand gedrück, als sie
noch einmal vorgerufen worden waren. Er hörte nur-
die Worte Michael's, und jedes derselben bohrte ihp
TASerae

HAu
zu haben, dessen erste Anfänge er gutmüthig und ge-
fällig unterstützt, mit dem er eigens und gemeinsam
sich für diese Aufführung des ,Fauftr vorbereitet hatte.
Er begriff nicht, wie er es nicht gestern gleich em-
pfunden hatte, daß Hulda die Aufmerksamkeit ganz
ungebührlich auf sich zu lenken getrachtet, wie aus-
schließlich der Fürst ihr seinen Beifall gespendet hatte;
und unfähig, in diesem Augenblicke seiner Kränkung
Worte zu geben, sagte er wie zu sich selber: ,Eben
jetzt ist er auch wieder zu ihr gegangen.?
,Wer? fragte Michael.
,Der Fürst zu Huldalr erklärte Lelio. ,Er
fragte den Wirth um ihre Wohnung, als ich an dem
Bureau vorüberging.?
, Um sich den Anschein zu geben, als ob er sie
nicht wisse!? fiel Michael schnell ein. ,Oder halten
Sie es für zufällig, daß der Fürst eben an dem
Morgen des Tages, an welchem die Schöne zum
erstenmale das Gretchen zu spielen hatte, hierorts an-
kam, ihr den nöthigen Sukkurs zu leisten? Die holde
Unschuld war immer klüger, als man dachte, und
wußte den schönen Nacken immmuer so geschickt aus der
Schlinge zu ziehen, daß die Schlinge Anderen um
den Hals fiel, die sich nicht vorgeßehen hatten. Dawor
wollen wir uns demn doch bewwahren.?
Er sprach davon nicht mehr, Lelio ließ es eben-
falls auf sich beruhen. Man verhandelte die An-
gelegenheit des Gastspieles. Aber in Lelio brannte
ein Gefühl von Kränkung und von bitterer Scham.
HannyLewalb, Die Erlöserin. l.

Le
Er hatte von Hulda viel gehalten, gut von ihr
gedacht, fie gefördert, wie er konnte; und sie war des
Einen wie des Anderen nicht werth gewesen - sie
hatte ihn getäuscht in jeglichem Betracht. Er war
ein Werkzeug gewesen in ihrer Hand, zu ihren Zwwecken
von ihr angewendet. Das war weit mehr, als eines
Mannes und vollends eines Bühnenkünstlers Eitelkeit
zu verzeihen vermochte. -- Er war mit Hulda fertig;
ja, er verachtete sie jetzt.
Während defsen war der Fürst in Hulda's Woh-
nung angelangt, ohne sie zu Hause anzutreffen. Frau
Rosen sagte, fie sei eben ausgegangen. Er erklärte,
ein paar Worte- für sie hinterlassen zu wollen, die
Wirthin öfftete ihm Hulda's Zimmer, er schrieb einige
Zeilen, siegelte sie und ließ sie auf ihrem Schreibtische
zurück.
Els er in den Gasthof kam, erwartete ihn bereits
die Fürstin. Das Frühstück ward hereingetragen, und
wie das junge Paar dann allein in seinem Zimmer
war, gab der Fürst Glarissen es zu rathen auf, wes-
halb und wohin er so früh ausgegangen sei. Sie
hatte keine Mühe, es zu finden und wußte es ihm
Dank, als er ihr sagte, daß er Hulda aufgefordert
habe, sich bei ihr einzustellen.
,Und wie sah es in ihrer Wohnung aus?! er-
kundigte sich die Fürstin.
,So zierlich und so ängstlich sauber, daß ich mich
immner nach Miß Kenney umsah!' entgegnete der Fürst.
Glarisse nannnte das ein gutes Zeichen, er wider-
sprach dem nicht. ,Indeß,? sagte er, ,iel ein ge-

88
wisser bedenklicher Luxus mir doch auf. Der Schreib-
tisch war sehr gut ausgestattet; in dem Rebenzimmer,
dessen Thüre offen war, stand im Fenster ein An
kleidetisch, wie man ihn auch mit der größten Gage
eines ProvinzialTheaters nicht bezahlt, und daß der
obligate Papagei nicht fehlte, versteht sich ganz von
selbst. Der ebenso unerläßliche Bologneser wird wohl
auf der Promenade mitgenommen worden sein.?
Glarisse schalt ihn wegen seines Mißtrauens und
seines Spottes, er rühmte sich im Gegentheil der vor-
urtheilslosen Gefäälligkeit und Nachsicht, mit welcher er
ihr zu ihren ethischen Erfahrungen die Hand dar-
biete. Sie waren wie immer mit einander sehr zu-
frieden, und da man die Abreise für den Rachmittag,
festgesetzt hatte, um die kühleren Stunden des Abends
und der Racht für die Reise zu benuten, entfernte ,
sich der Fürst, dem ein paar Regiments»Bekannt-
schaften in dem Orte lebten, welche er bei der Gelegen-
heit flüchtig zu begrüßen hoffte.
Er hatte Glarisse noch nicht lang verlassen, als
ihr Diener ihr einen Kranz von Kornblumen mit dem
Bemerken in das Zimmer brachte, daß die Dame,
welche ihm denselben übergeben habe, um die Gunst
ansuche, die Frau Fürstin sehen zu dürfen.
,Das ist Hulda!? rief die Fürstin, denn solche
Kränze hatte diese ihr oft genug gewunden. Sie
hieß dem Diener, die Dame einzuladen, und bei ihrem
Anblicke von freundlichen Rückerinnerungen bewegt,
reichte sie Hulda, sich rasch erhebend, ihre Hände dar.
M-

8s
Hulda neigte sich, ihr in zärtlicher Neberraschtheit die
Hanud zu küsfen, aber fie wehrte es ihr und berührte
mit ihren Lippen Hulda's Stirne.-
Die Fürstin hatte dabei dem Zuge ihrer Em
pfindung ohne weiteres Neberlegen nachgegeben, aber
der nächste Blick auf die vornehme, statliche Erschei-
nung machte fie betroffen. Sie war es nicht gewohnt,
Hulda in solcher Art gekleidet zu sehen? Der werth-
volle Shawl, den sie am Arme trug, der kostbare
italienische Strohhut fielen ihr auf. Des Fürsten Be-
denken gegen die Eleganz in Hulda's Wohnung kamen
ihr wieder in den Sinn, und machten sie mit einem-
male verlegen und zurückhaltend, so daß es Hulda
nicht entgehen konnte.
,Ich habe von Durchlaucht wegen meiner Zu-
dringlichkeit Verzeihung zu erbitten,? sagte sie. ,Aber
als ich Sie geftern so unerwartet in der Loge sah,
kam ein Heimwweh über mich, das mir nicht. Ruhe
ließ. So ging ich früh am Morgen aus, und dachte,
die Kornblumen sollten für mich sprechen.!
,Als ob es dessen bedurfte! rief die Fürstin;
Iglauben Sie mir, ich hatte Sie nicht vergefsenc Wir
freuten uns gestern, Sie zu einer solchen Künstlerin
herangereift zu sehen. Der Fürst selber ist sogar hente s
in Ihrem Hause gewesen, sich nach Ihnen zu erkun-
digen und Ihnen zu sagen, daß ich mich freuen würde,
Sie einmal zu sehen.!
Hulda wußte das noch nicht. Sie war aus
freiem Antriebe gekommen, und nun sie da war, nunn -
sie die sonderbare Unficherheit der Fürstin fühlte,

82
däuchte es ihr ungehörig, unbegreiflich, daß sie über-
haupt gekommen war. Denn hier in Glarissen's
Nähe drückte die Treue, mit welcher sie fast wider
ihren Willen noch immer an dem Manne hing, der
dieser Treue und ihrer Liebe lange nicht mehr be-
gehrte, fie wie eine schwere Last und wie ein Unrecht,
dessen sie sich schämnte.
Sie konnnte sich es nicht verhehlen, sie war nich
um Glarissen's willen hier. Die Hoffnung, von Ema-
muel zu hören, hatte sie hiehergeführt, und diese Ein-
sicht nahm ihr mit der inneren Freiheit auch die
äußere sichere Haltung, die ihr allmälig zur Natur
gewworden war. Sie wünschte, sie wäre lieber nicht
gekommen.
Ihre Befangenheit, ihre Gedrücktheit wirkten auf
Glarisse zurück. Beide saßen nach der ersten Be-
grüßung verlegen einander gegenüber. Die Fürstin be-
trachtete Hulda mit prüfender Verwwunderung.
,Wie die Bühne und die Kunst uns Andere doch
täuschen!? hub sie endlich an. ,Gestern sahen Sie
mir völlig wie an dem Tage aus, an welchem
der Fürst und ich Sie zu dem Erschrecken unserer
guten Kenney in deren Wohnung einguartierten, und
heute . ..
,Damals nannwten Sie mich Du!r fiel Hulda
ein, in deren Herzen mit der Erinnerung an jenen
Morgen, ihr ganzer unschuldsvoller Liebestraum aus
R:---
,Damals waren Sie fast noch ein Kind und

L2s
so wie sie es ausgesprochen hatte, besorgte sie, ihre
Worte möchten Hulda nicht angenehm gewesen sein,
oder sie kömne darin eine Zurückweisung erblicken.
Das machte sie ungeduldig und mnzufrieden mit sich
selöst. Sie konnte nur leider den rechten Ton, das
rechte Wort hente nicht wie sie wollte, finden. Sie
war es nicht gewohnt, ihre Worte erst besonders suchen
zu müssen; und mit der Schauspielerin, mit der
Pfarrerstochter, die ihre Untergebene gewesen war, frei
wie mit Ihresgleichen zu verkehren, das wollte ihr
nicht gelingen, obschon sie gestern erst in ihr die
Künstlerin bewundert hatte.
,Sie haben uns am vewwichenen Abende in der
That entzückt,? hob sie noch einmal an, ,Sie haben
gewiß eine bedeutende Zukunft vor sich, und ich hoffe,
Sie fühlen sich glücklich in dem Berufe, den Sie er-
wählten.
Hulda las deutlich in der Seele der fürstlichen
Frau, deutlicher als diese selber. ,Ja!r sagte fie, ,ich
denke groß von meinem Berufe, und der Beifall, den
Sie, gnädigste Frau und Ihr Durchlauchtiger Ge-
mahl mir gespendet haben, machte gestern mich sehr
glücklich!?
,,Gestern? mur gestern? Sie sind es also doch
nicht immer?! wendete die Fürstin ein.
,Wer könnte das wohl von sich rühmen?! ent-
gegnete ihr Hulda, mit gebotener Zurückhaltung.
,Freilich! Frellich! seufzte herkömmlich die Für-
stin. ,Aber =- fügte sie hinzu, von jener fast kind-
lichen Reugier verleitet, welche die wohlversorgten und

ze?
wohlbeschützten Frauen der Reichen und der Vorneh-
men gegenüber jenen Anderen zu empfinden pflegen,
die für sich selber einzustehen haben - ,aber wie
kamen Sie eigentlich nur darauf, Ihre Heimat zu
verlassen? Ihre Verlobung mit dem Pfarrer aufzu-
lösen, und sich dem Theater zuzuwenden?
Hulda überlief es wie ein kalter Sirom. Sie
hatte in der jungen Fürstin Theilnahme für sich vor-
ausgesetzt, und nicht einmal von ihrem äußeren Schick-
fale war dieselbe unterrichtet. Indeß sie hatte von
ihr ja Nichts zu fordern, und sich bescheidend, sagte
sie: ,Durchlaucht befinden sich insofern in einem Irr-
thum, als ich dem Pfarrer nicht verlobt war.!
,Nicht? Mich dünkt, man hatte mir geschrieben,
er habe Sie zu heirathen gewünscht, Sie hätten sich
mit ihm verlobt,?
,Er hatte allerdings um mich gewworben!r
,Und Sie haben ihn zurückgewiesen? fiel die
Fürstin ein. ,Weshalb das? Meine Mutter hält ihn
sehr in Ehren, rühmt ihn sehrr
,,Er verdient das auch in jedem Sinne, und ich
selber schäze ihn sehr hoch -- indeß -?
,Indeß? wiederholte die Fürstin.
,Ich hatte ihm kein Herz zu bieten!! sagte Hulda
fest und ernst.
Der Ton, mit dem sie diese Worte sprach. die,
Röthe, die ihre Wangen überflog, brachten die Fürstin
zur Erkenntniß ihrer Uwworsichtigkeit, und ihres Un-
rechts gegen Hulda. Es entstand ein kleines Schwei-
gen. Hulda machte Miene sich zu verabschieden, die
oF
F u
e =-
r..sR

82s
Erwartung, welche sie von diesem Wiedersehen gehegt
hatte, schien sich nicht erfüllen zu sollen. Glarissen
mochte wohl ein ähnlicher Gedanke kommen.
,Sie wollen gehen? rlef sie, ,schon wieder
gehen?! =- Nnd die Zneigung, welche sie für Hulda
wirklich fühlte, ward mächtig über alle ihre Vorur-
theile und Bedenken. ,Haben Sie denn nicht muehr
Zeit für mich? Ich hatte mich darauf gefreut, Sie
wiederzusehen, Ihnen auszusprechen, wie sehr ich Ihnen
den großen Eindruck danke, den ich gestern durch Sie
empfangen habe,! sagte sie. ,nd vor Alem hatte
ich darauf gehofft, von Ihnen zu vernehmen, daß Sie
glücklich wären und frohen Muthes in Ihre Zukunft
blickten! Indeß mir scheint, Sie sind nicht so zufrie-
den, als meine Theilnahme es für Sie wünscht. Ihre
Miene ist nicht heiter. Haben Sie Etwas, das Sie
drückt? Sprechen Sie's doch aus! Sie sagen es einer
Freundin, liebe Hulda!?
Sie hatte dabei ihre Hannd ergriffen und sie
neben sich auf dem Sopha noch einmal niedersitzen lassen.
Huldg komnte sich nicht gleich in der Fürstin Wand-
lung finden; aber der plözlich weich und frei gewor-
dene Ton von Glarissens Stimme drang ihr rührend
und vertraut in das Herz und riß sie hin. Sie wollte
ihr nicht undankbar erscheinen, nicht von ihr verkannt
werden, und sich zusammemnehmend, sprach sie: ,Ich
darf mir nicht vergönnen, es Durchlaucht zu erklären,
wie ich auf die Bühne kam, es würde mehr Zeit er-
heischen, als Sie mir zuzuwenden haben, und ich
wiederhole es, ich übe meine Kunst mit Freuden aus.

8W
Indeß die Welt, in der ich leben muß, ist sehr ver-
schieden von jener anderen, in welcher ich erwachsen
bin. Sie ist mrir fremd, und ich muß wünschen, immer
in ihr fremd zu bleiben.rr
Die junge Fürstin war ernst und nachdenklich ge-
worden, wie Hulda selbst. ,Das thut mir leid, zu
hören,! sprach sie, ,recht sehr leid. Ich hatte gedacht,
mit einem Talente wie das Ihre, mrüsse man glück-
lich sein, wenn so viel Jgend und Anmuth sich mit
ihm vereinen. Man täuscht unns also, wenn mann von
der Befriedigung spricht, die in jedem wahren Können
und Vermögen liegen soll.?
,Das Schaffen ist freilich ein Genuß, eine gei-
stige Befriedigung, aber glücklich macht es nicht. Das
Kömnen hat mit unserem Herzen Nichts zu schafen.
Mamr kamnn gewwiß ein großer Künstler sein, ein größe-
rer, als ich je zu werden hoffen darf, und doch sich
einsam fühlen, einsamn inmitten vieler Menschen -
und dadurch erst recht einsam, recht alleiul?
Sie brach ab, fie wußte kaum, wie sie dazu ge-
kommen war, so viel von sich und eben das zu sagen.
Aher sie konnte es nicht bereuen, denn es erleichterte
ihr das Herz.
Glarisseschütelte sichtlich betrübt das schöne Haupt.
,Der Fürst hat also Recht,' sagte fie, ,als er gegenn
mich behauptete, die Lauufbahn einer Bühnenkünstlerin
fei nicht so herrlich, gls ich sie mir stets dachte, sei
vielmehr hart, sei rauh und von Gefahr mmringt. Sie
haben das empfunden, leiden vielleicht noch darunnter
- undr = Sie vollendete nicht, was sie hatte sagen

88
wollen, sondern setzte rasch hinzu: ,Run ist mir es
doppelt lieb, daß ich Sie sehe!r =-
Dann hielt sie wieder imnne, und Hulda's Hand
ergreifend, sprach sie: ,Mdamn hat Ihnen mur in das
Auge zu blicken, um sich zu überzengen, daß Sie Ihr
Auge vor Niemandem niederzuschlagen brauchen, daß
Sie sich selber treu geblieben sind. Aber werden Sie
das immer könnnen? Es würde mir ein Schmerz
sein, Hulda, wenn ich Sie wiedersähe und Sie hätten
den glänzenden Versuchungen nicht widerstanden, welche
Sie verlockend wohl nmringen mögen! - Ich habe
von Ihnen immer gut gedacht, habe Sie lieb gehabt
und sehr gewünscht, Ihnen in unserem Hause eine
Heimat, in der Erziehung unserer Kinder einen sanften,
friedlichen Beruf zu schaffen.? -
Sie machte wieder eine kleine Pause, denn sie
war klug genug, sich zu erimnern, wodurch diese ihre
wohlgemeinten Absichten nicht hatten zur Ausführunng
gelangen können; und der Abstand zwischen Hulda's
gegenwwärtiger Lage und dem Lose, welches sie ihr einst
zu bereiten gedacht hatte, entging ihr ebensowenig.
Indeß die Vorstellung, Hulda könne, wie die Fürstin
es in ihrem Herzen nannte, verloren gehen, überwand
jede andere Erwägung, und mit der ganzen Dring-
lichkeit ihrer reinen Seele sagte sie: ,Glauben Sie
nicht, daß ich mich an dem Schönen, wie Sie es uns
gestern dargeboten haben, nicht erfreute; daß ich Sie
nicht ganz so warm bewundert habe, als wir es Ihnen
ausdrückten. Halten Sie mich auch nicht für eine
Frömmlerin, die unbefugt sich Ihnen aufdringt -

Ls1
aber - hat man es Ihnen denn nicht widerrathen,
Sie nicht zurüchuhalten versucht, als Sie zur Bühne
gehen wollten?
,Was hätte mir das helfen können ?! entgegnete
die Künstlerin. ,Ich fühlte das Bedürfniß, mich aus
drückenden Verhältnissen zu befreien, in weiterem
Kreise mich zu verfuchen. Ich handelte deshalb nach
eigenem Ermessen, und mich dünkt, das muß ein Jeder,
wo ss sich um eine für sein Leben bestimmmende Enwt-
scheidung handelt!?
,Und haben Sie es nie bereut, daß Sie die
Schranken Ihrer angeborenen Verhältnisse überschrttten
haben? fuhr Glarisse fort.
Hulda antwortete nicht gleich; dann sagte sie:
,Mdein Beruf hat mich genöthigt, mich in mannnig-
fache fremde Seelenzustände zu versezen, mnd da ich
viel allein gewesen bin. habe ich zum Nachdenken viel
Zeit gehabt. Ich glaube, mit einem freigewählten
Berufe ist es wie mit einer Ehe.!
,Ich verstehe Sie nicht, erklären Sie mir Ihre
Meinung!s sagte Glarisse, die zu abnen begann, daß
Hulda's Entwicklung selbstständiger als die ihre ge-
worden war, und daß sie nicht im Stande sei, ihr
Rath zu geben oder sie zu stüten.
Hulda sah vor sich hin und sagte: ,Mdan mnuuß
in seinem Berufe nicht auf eine unbedingte Zufrieden-
heit mit demselben rechnen, man muß das Gute ge-
nießen, das Schwere ertragen, das er uns bringt.
Ich mache mir es bisweilen auch wohl selbst zum Vor-
wurfe, daß ich das Erstere nicht genugsam anerkennne,

a
und das Andere zu genau zergliedere. Man muß
eben Nachsicht haben mit seinem Berufe, denn man
hat ihn ja gewwählt, weil man ihn liebte. Das ist
nicht immer leicht -- doch geht es mit gutem Willen
wohl. Ich hoffe das zum wenigsten.?
Glarisse überraschte der Vergleich, sie verstand ihn
aber völlig, mnd sann darüber nach. Mit einemmmale
,sagte sie: ,Wie aber, wennn man sich getäuscht hat?
Und das kann doch bei der Wahl eines Berufes ebenso
wie bei der Wahl eines Gatten, der Fall sein. Wenn
Sie es einmal erkennen würden, daß Sie nicht das
Richtige für sich getroffen haben? Wenn Sie das
Ihrige gethan hätten und es fruchtete Ihnen nicht
und Sie fühlten sich unglücklich in der Ehe mit Ihrem
freigewählten Gatten, oder mit dem ebenso frei ge-
wählten Berufe? Was aber dann?
,Dann,! versetzte Hulda, und ihr mächtiges Auge
sah fest und klar in das Antliz der Fürstin, ,damn
würde kein Vortheil der Welt mich dazu bringen, in
dem Beruf zu bleiben, denn im Zwiespalt mit mir
selbst, ginge ich zu Grunde. Und wie ich einst über
mich entschieden habe, in kindischem Selbstvertrauen
auf eine Kraft, die noch unerprobt war, so würde ich
handeln und entscheiden nach eigenstem Bedürfen, mnd
mich verlassen auf die Kraft, die mir Gott zu meinem
Glücke gegeben, und in welcher meiner theuren Eltern
Te

88
,Sch werde Emanuel's nie uwwwerth werden!? und sie
erhob sich, um sicher vor sich selbst zu sein.
Glarisse war ebenfalls aufgestanden. Sie em-
pfand die Neberlegenheit der jungen Schauspielerin;
das demüthigte sie, und sich gedemüthigt zu fühlen,
war sie nicht gewohnt. Aber auch jetzt wieder siegten
ihr gutes Herz und ihre Zuneigung für Hulda über
ihre kleine Schwäche. Sie bedauerte nur, daß nicht auch
der Fürst sich überzeugen kömne, zu wieviel Kraft und
Bildung ihr früherer Schüzling sich emporgeschwungen
habe. Sie fragte, öb Hulda nicht bis zu des Fürsten
Rückkehr bei ihr bleiben wolle?
Hulda zog die Uhr aus ihrem Gürtel und ent-
gegnete, sie müsse eilen, denn sie habe in der Probe
eines Lustspiels mitzuwirken.
,Sezt, nach mnserer Unterhaltung eine Lustspiel-
probe? Das ist - das muß recht schwer sein,? rief
die Fürstin.
,Man wird es gewohnt, sich zu beherrschen und
in der Arbeit von sich abzusehen!k antwortete Hulda,
und sie sah dabei so sanft und so geduldig aus, daß
fie Glarissen unwwiderstehlich dünkte.
Sie war nach dem kleinen Sopha hingegangen,
auf welcher Hulda's Shawl lag und trug ihn ihr
selber zu; denn sie hatte das Bedürfniß, ihr irgend
Etwas zu leisten, und während sie ihr die Mousselin-
Gamail umhing, die Jene im Laufe der Unterhaltung
abgeworfen hatte, sagte sie: ,Meine Mutter wird recht
erfreut sein, Rachricht von Ihnen zu erhalten; sie hatte

ssu
wie wir Alle, für Ihre Familie so viel Theilnahme
und Freundschaft.?
Huldafragte nach dem Befinden der Frau Gräfin.
Glarisse entgegnete, es gehe ihrer Mutter wohl, sie
sei bei dem jungen Grafen, dem der erste Sohn ge-
boren worden, und sie hoffe, sie im Herbfte wiederzu-
sehen, wenn fie von dem Befuche, den sie jezt mit
dem Fürsten zu machen denke, heimgekehrt sein würde.
Sie sagte aber nicht, wohin sie gehe, mnnd gerade des-
halb meinte Hulda, es errathen zu können.
Sie empfahl sich der Fürstin, Glarifse gab ihr
noch einmal die Hand, aber als Hulda schon in der
Thüre war, stieg muit einemmale ein großes Mitleid
mrit ihr in der jungen Fürstin auf. Es war, als
werde ihr plözlich wie durch eine Offenbarung Alles
deutlich, was Hulda erlebt, erlitten, was sie in dieser
Stunde neben ihr empfunden hatte, unnd ihr nach-
eilend, schloß sie dieselbe in ihre Arme und drückte sie
,fest an das Herz.
- ,Sebe wohl,? rief sie, von ihrem Gefühle über-
wältigt, ,und was Dir auch begegnenn mnöge, denke,
daß ich Dich heute recht von Herzen habe schäzen und
lieben lernen, und daß Du eine trene Freundin an
mir hast. Lebe wohl und denke meiner!?
Sie waren Beide sehr gerührt, fie umarmwten
und küßten einander, damnn ging Hulda in die Probe,
an die Arbeit. Die Fürstin stand am Fenfter und
bliche ihr nach, soweit ihr Auge fie erreichen konnte.
,Das wäre die Frau gewwesen für Emanuel!r


88d
dachte sie, und der Fürst, als er nach Hause kam,
fand sie noch ganz hingenommen von der Begegnung
mit der jungen Künstlerin, von der Unterredung, wie
sie eine ähnliche noch nie zuvor mit einer Frau ge-
habt hatte.

Kapitel 24

Bierundzwanzigstes Gapitel
Der Fürst und Glarisse waren niemals in Schloß
Falkenhorst gewesen und hatten Baron Emauel nicht
wiedergesehen seit dem Abende, an welchem die Nach-
richt von des verstorbenen Fürsten schwerer Erkrankung
in dem gräflichen Schlosse eingetroffen war. Damals
waren sie in möglichster Eile aufgebrochen und, von
der Gräfin begleitet, an des Fürsten Sterbebett geeilt,
während Emanuel um Hulda's willen zurückgeblieben
war, deren Mutter eben in jener Nacht ihr unheim-
liches Ende gefunden hatte.
Darüber waren nun die Jahre hingegangen.
Emanuel hatte sich in dem Schlosse seiner Väter
völlig festgesetzt, und es nach seiner Trennnung von
Konradinen nur verlassen, wenn Geschäfte ihn für
kurze Zeit in die Staadt zu gehen genöthigt hatten.
Weder die Bitten der Gräfin, noch die Aufforde-
rungen ihres Sohnes und des Fürsten, hatten ihn
hinausgelockt; und während die Seinen sich immer
noch der Sorge nicht entschlugen, daß die rauhere
Natur des Nordens auf die Länge seiner Gesundheit

La
nachtheilig werden, oder die Zurückgezogenheit, in wel-
cher er lebte, ihm das Gemüth verdüstern könne, sprach
sich in allen seinen Briefen eine ernste, ruhige Zu-
friedenheit mit seiner Lage aus, so daß man fich end-
lich zu der seltenen Einsicht bequemte, er werde besser
wissen als die Anderen, was ihm frommnue unnd ge-
nehm sei, und sich dennn auch alles weiteren Drin-
gens enthielt; ihn gewähren lassend, wie er es für
gut fand.
Damit aber war für ihn sehr viel gewwomnnen.
Denn da man aufhörte, sich unberufen um ihn mnd
seine Angelegenheiten zu bekümmern, da er nicht immer
auf das Reue genöthigt wurde, mit unfruchtbaren Er-
örterungen dessen zu gedenken, wovon er seine Seele
zu befreien wünschte, und sich in beständiger Abwehr
gegen unnöthige Besorgnisse und Rathschläge zu er-
müden, so komnten die Tage ihr heilendes Werk an
ihm vollziehen, zwweckmäßige und erfolgreiche Arbeit
sich zwwischen die Gegenwwart und die Vergangenheit
stellen, und, während sie ihn in die Zukunft hinein-
wies, ihn vor vergeblichen Rückblicken bewahren.
Niemand hatte ein Wort von seinen Lippen ber
den Schmerz und die Kränkung vernommen, welche
ihm durch Konradine zugefügt worden waren. Nur
seinem Freunde und Rachbarn, dem alten Herrn von
Barnefeld, hatte er es mitgetheilt, daß und auf welche
Weise seine Heirath rückgängig gewworden sei Der
H?re=

888
daß dergleichen ja im Leben nichts Unerhörtes sei, und
es war dann von der Thatsache weiter keine Rede
mehr gewefen. Man hatte es weder darauf angelegt,
Emanuel durch wärmere Freundschaftsbewweise einen
heimlichen Trost zu bereiten, den er nicht gefordert,
noch hatte man ihn geflissentlich gemieden, als ob er
einer besonderen Schonung nöthig hätte. Man war
mit ihm auf dem alten freundnachbarlichem Wege
ruhig weiter fortgegangen, und hatte es seiner freien
Selöftbestimwmnunng überlassen, ob und wann er kom-
men, ob und wann er seine Freunde bei sich sehen
wolle. Dadurch war er äußerlich in dem gewohnten
Lebensgeleise geblieben, hatte Ruhe zum Neberdenken
feines Zuftandes gehabt, und das fortschreitende Früh-
jahr, das die Thätigkeit und Achtsamkeit des Land-
beizers sehr in Anspruch nimmt, wenn er seine Güter
felbst verwalten, seine Ländereien selber bewirhschaften
will, hatte Emanuel zwweckmäßig von einem Nach-
denken und Brüten abgezogen, die nuzlos waren und
Geschehenes nicht ungeschehen machen konnten.
Es waren der erste Frühling und der erste Som
mer, die er als Landwirth auf seinen Gütern zu-
brachte, und er bemerkte e selber kaum, wie er im
Laufe de Winterä in ein neues und viel ernsteres
Verhältniß zu der Natur und zu dem Boden getreten
war, auf dem er lebte. Früher hatte er die Ratur
nuur als Liebhaber betrachtet, von ihr nur angenehme
Stimmungen, Freude und Genuß begehrt. Zetzt war
er eine Ehe mit ihr eingegangen, und sie erschien ihm

88
dadurch in einem neuen Lichte, wenn auch nicht we-
niger schön.
Er konnte nicht mehr, wenn er durch Wald und
Flur und Feld ritt, sich wie früher seinen Träumen
überlassen, er hatte für den Boden zu sorgen, von
dem er Leistungen erwartete; er hatte ihm neue Kräfte
zugeführt, ihn pflegen und schonen lassen, um von
ihm zu erlangen und zu ernten, was herzugeben seine
Eigenart vermochte. Es lag ihm am Herzen, zu
sehen, wie die gestreute Saat emporkam, wie die
Halme wuchsen, die Aehren sich füllten und reiften,
und da die Frucht eines solchen weitlandigen Besiz-
thumes, weit über das Bedürfniß des Einzelnen und
der zu ihm Gohörenden hinausging, hatte er es im
Auge zu halten, wo der Ertrag seiner Felder, Wiesen
und Wälder am einträglichsten verwerthbar sei - -
Inn den engumgrenzten ausschließlichen Kreisen, die
man sehr unrichtig als die große Welt bezeichnet, wie bei
seinem im Grunde planlosen Wandern durch die
Welt, hatte er wenig Theilnahme gehabt für jenen
großen Zusammenhang, den das Bedürfniß zwwischen
den verschiedenen Ländern und ihren Bewohnern er-
zeugt. Iezt, da er in der entlegenen Grenzprovinz
bei bestimmter Arbeit auf seiner Scholle lebte, weitete
sein Blick sich auch in dieser Richtung aus; und wie
er die Natur in neuem Sinne hatte lieben lernen, so
erwuchs ihm neue Freude auch in dem Antheile,. den
er an den Verzweigungen des Handels, und dem durch
die Wissenschaft geförderten Aufkommen des Land-
baues und der Industrie zu nehmen anfing.

840
Er war immer gern im Freien, immer gern zu
Pferde gewesen; das kam ihm jetzt bei seiner neuen
Thätigkeit zu statten, unud seinem eigenen körperlichen
Wohlbefinden noch weit mehr. Seine Rachbarn hatten
ihre Frende daran, was für ein kräftiger, gesunder
Mannn er wurde, wie auf den Gütern Alles in den
chreent Zug kam, und wie er sich, nach des alten
Barnefeld Bezeichnung, nach Jahresfrist aus einem
Kawalier allmälig in einen rechtschafenen Landjunker
z verwwandeln anfinng.
Emamwuel hatte es bald nach seiner- Ankunft auf
den Gütern, in einem seiner Briefe gegen Konradine
ausgesprochen, daß er es nöthig habe, sich völlig neu
aufzuerbauen, seit er mit eigenen Augen auf eigenem
Grund und Boden um sich schaue. Er hatte aber
damals selber es noch nicht ermessen könnnen, wie tief-
gehend diese Umgeftaltung sein werde, und in welcher
d=, elche =n buch ie Bewinbscaf s-iee sue s
Weise die nicht vorherzusehende Tremnnung von seiner
Verlobten, und die Erfahrungen dabei mitwirken wür-
zu machen haben sollte.
Mamu war nämlich eben um jene Zeit in den Oft-
provinzen mnnseres Vaterlandes darauf gekommen, Acker-
bauer aus dem nördlichen England und Schottland
auf den großen Gütern anzufiedeln, um die englische
Bodenkultur auf unsere Heimat zu übertragen, unnd
die Landleute so allmälig an den Gebrauch der eng-
lischen, vielfach verbesserten Ackergeräthschaften zu ge
wöhnen, und sie in demselben unterwweisen zu lassen.

B41
Da die Anlage der sogenannten Holländereien sich
fünfzig Jahre früher heilsam gezeigt, mnd vortheilhaft
bewährt hatte, hoffte man von den englischen Kolonien
jetzt das Gleiche; und wo, wie auf den Gütern der
Barnefeld und auf den Falkenhorst'schen Befitzungen,
der Boden dem englischen und schottischen nicht alhzu
ungleich war, ttrog auch diesmal die Erwartung nicht.
Aber nicht allein die englischen und schottischen Kolo-
nisten forderten andere, bessere Lebensbedingungen als
der heimische, nicht lange erst von der Hörigkeit be-
freite ländliche Arbeiter; selbst die besser kultivirten
Thiere, die man zur Veredlung der alten Landeszucht
einführen ließ, verlangten eine weit größere Vorsorge,
und man komnte mit den fremden Kolonisten nicht
vowwärts gehen, man durfte ihnen nicht das ihnen
Zukommende und Zugesagte gewähren, ohne zugleich
den eigenen Leuten gerecht zu werden, indem muan
ihnen ein menschenwwürdigeres Dasein bereitete, als sie
es bisher geführt.
Der Arbeit aller Art gab es also in den nächsten
Jahren so viel, daß man fie kaum zu bewältigen ver-
mochte. Dabei aber stellte sich der Nachtheil der alhe
großen Güter im Vergleiche zu den mäßig großen, mn-
abweislich klar heraus; denn abgesehen davon, daß der
Kulturstand der Güter, welche Herr von Banefeld
besaß, und jener Andern, welche seine Söhne erworben
hatten, schon seit Jahren ein höherer als jener der
Falkenhorst'schen Güter gewesen war, erzielte man auf
den Ersteren mit verhältnißmäßig geringerem Kapital-
aufwande bei gleicher Arbeit größere und schnellere

BuL
Erfolge, als Emanuel mit dem Aufgebote aller seiner
Kraft und Mittel sie aufzuweisen hatte. Das stachelte
seinen wirthschaftlichen Ehrgeiz auf, und aus seiner
betrachtenden unfruchtbaren Muße lang schon auf-
geschrect, lernte er nun auch den gesunden, auf das
Richtige gestellten Ehrgeiz, als ein Glück und als eine
Quelle immer neuer Kraft und immer neuer Genug-
thuungen empfinden.
Bis er zu dem Majorat gekommmuen war, hatte er
den Besiz im Grunde doch mur als ein Mittel für
die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse be-
trachtet, in welche allerdings eine shöne Freigebigkeit
mit eingeschlossen war. Iezt ward ihm die Wechsel-
wirkung einsichtig, in welcher der Besiz und die Arbeit
des Einzelnen zu dem Bedürfnisse der Gesammuutheit
stehen. Er begann das Erschaffen dessen, was Allen
zugute kommnt, als eine sittliche Pflicht zu erkemnen.
Mit dieser Erkenntniß entwickelte sich gleichzeitig seine
Freude an dem eigentlichen Erwerben; und er war
gebildet und gut gennng, es sich zu sagen, wie großer
ererbter Besiz, Demjenigen, welchem er, ohne eigenes
Zuthun ein bedeutendes Leistenkönnen möglich macht,
, auch die Verpflichtung auferlegt, Gemeinnüzliches und -
der Gesammtheit Fördersames in das Werk zu setzen.
Die Gräfin komnte sich Anfangs in des Bruders
jetzige Lebensrichtung gar nicht finden; denn die Arbeit,
welche er sich auferlegte, und die Ziele, welche er sich
stellte, hatten nach ihrer Anficht keinen direkten Zweck
für ihn, wenn er nicht an seine anderwweitige Ver-
mählung dachte. Davon war aber im Entferntesten

L
nicht die Rede, und die Gräfin hatte auch aufgehör,
deshalb in ihn zu dringen.
Seit ihrem Sohne der erste Knabe geboren wor-
den war, hatte Emanuel einen Theil seiner Bedeutung
für sie verloren. Ihre ganze Liebe hatte sich dem
Enkel zugewendet, und die Vorstellung, die Namen
und die Majorate der beiden Geschlechter vereint, und
als einen höchst bedeutenden Besiz, auf diesen Knaben
vererben zu sehen, war ihr allmälig geläufig und
wünschenswerth geworden. Sie lebte meist in der
Familie ihres Sohnes, ihr Briefwechsel mit Emanuel
und mit ihrer Tochter litt Abbruch durch die Aus-
schließlichkeit, mit welcher sie sich der Pflege und Be-
achtung jenes Knaben zuwendete; und da Emanuel
sein Lebenlang sich gegen die Herrschsucht der Schwester
zu wehren gehabt hatte, vermißte er den Zusammen-
hang mit ihr jetzt, da er nach allen Seiten auf seine
freie Selbstbestimmung halten muußte, auch nicht eben
schwer.
Aehnlich wie Emanuel war es aber auch dem
Fürsten Severin und seiner jungen Gattin mit der
Gräfin ergangen, seit der Fürst im Hinblicke auf seine
, Kinder angefangen hatte, ebenso wie der Baron, die
Bewirthschaftung seiner großen Befizungen selber in
die Hand zu nehmen.
Er sowohl als Emaauel waren klug genug, eß zu
erkennen, daß die Tage vorüber wären, in welchen es
dem reichen Geundbesitzer vergönnt war, Andere mit
dem Grund und Boden nach Belieben schalten und ,
walten zu lassen, und selber als große Herren an den

4s
Hofhaltungen der Fürsten sorglos genießend dasjenige
zu verbrauchen, was der Boden bis dahin der fremden
Arbeit mehr oder weniger reichlich und bereitwillig ge-
liefert hatte. Der Fürst war das einzige Kind seines
Vaters, und obschon derselbe das Vermögen des Hauses
stark benutzt hatte, war Fürst Sewerin immer noch
reich genng geblieben, als sein Vater verschieden war.
Er selber war ebenso unbekümmert gewesen, so lange
der Vater ihm freigebig hatte zukomnmnen lassen, was
er irgend als wünschenswerth bezeichnet hatte. Aber
seines Vater Tod, seine Verheirathung, und die rasch
aufeinander folgende Geburt seiner Kinder, hatten ihn
zum Rachdenken, zum Neberlegen, und endlich zu einer
Umgestaltung seiner bisherigen Lebensweise veranlaßt.
Er hattte noch zur rechten Zeit den kostspieligen Auf- -
enthalt in der Hauptstadt und am Hofe aufgegeben,
dem rastlosen Umherreisen gunächst entsagt, hatte wie
Emnamuuel, und faft zu gleicher Zeit mit diesem, sich
zum Landwirthe heranzubilden unternommnen, und Gla-
risse, der ihr Haus, ihr Gatte und ihre Kinder die
Welt waren, in der sie ihre reinsten und höchsten Be-
friedigungen fand, hatte diese Eutschlüsse des Fürsten
aus voller Seele als ein Glück für fich begrüßt.
Auch waren es die landwirthschaftlichen Unter-
nehmunngen des Fürsten, welche ihn zunächst zu dem
Besuche bei dem Oheim seiner Frau veranlaßt hatten.
Er wünschte sich persönlich davon zu überzengen, wie
die Nebertragung englischer Saaten, englischer Zucht-
thiere, auf den heimischen Boden und die heimischen
Thierracen wirkten, wie der englische Pflug fich auf

, sus
dem leichten und auf dem schweren Boden bewwähre;
ob die großen zweiräderigen Arbeitswagen mit den
masfigen ßferden, welche die englischen Kolonisten aus
ihrem Vaterlande mitgebracht hatten, auf den zum
großen Theile unchaussirten Lehmwegen des Landes
zwweckmäßig zu benützen seien, und was dergleichen
Dinge mehr noch waren. Da - aber sowohl der Fürst
als Glarisse ebensoviel Freundschaft für den Oheim
als historischen Familienfinn besaßen, wurde die Reise
ihnen durch die Aussicht, Emanuel wiederzusehen und
den alten Stammsiz des Hauses, den alten Falken-
horst, für ein paar Wochen zu bewohnen, zu einer
wirklichen Freude.
Emanuel war ihnen mit seinen Pferden bis an
den Fluß, der seine Grenze bildete, rntgegengefahren.
Er machte sich ein Fest daraus, den Fürsten auf die
mannnigfachen Veränderungen und Verbesserungen hin-
zuwweisen, welche er zur Ausführung hatte bringen
lassen, seit er Herr der Güter geworden war.
Die Wege, die Brücken, die Zäune, die Häuser
der Arbeiter, wie diese selber, hatten einen anderen
Charakter gewomnen. Liebevolle Beachtung hatte be-
gomnen überall ein liebevolles Gedeihen zu erschaffen;
und während dem Fürsten, dessen Auge sich zu solchen
Beobachtungen geübt hatte, dieser erfreuliche Zustand
nirgends entging, machte Glarisse, als man sich dem
Schlosse näherte, die Bemerkung, daß auch dieses ein
viel freundlicheres Ansehen angenommen habe, als sie
es nach den alten Bildern erwartet habe.

es
,Bei aller Liebe für den alten Siz,! sagte sie,
,ist er mir mit seinen nach Außen abgeschlossenen fen-
sterlosen Mauern, in der Vorstellung immmer unheimlich
wie ein alter Donjon vorgekommen; und wie junge
Menschen fröhlich in solcher Zwwingburg leben komnten,
das habe ich zu der Mutter großer Unzufriedenheit
mir nie denken kömnnen. Ich habe es ihr nie geglaubt,
daß man im Falkenhorst getanzt und muusicirt hat.
Selist die Strenge meiner Mutter habe ich unwwill-
kärlich immer mit den finsteren Mauern dieses Schlosses
in Verbindung gebracht. Ea ist also wirklich ein
Segen, daß Du, lieber Onkel, Licht und Luft auch von
Außen in das alte Haus hineingebracht hast.?
Emanuel freute sich des wohlverdienten Lobes,
denn das Schloß sah in der That mit den schönen
Bogenfenstern, welche er in die nach Osten gelegene
Hauptwänd hatte einbrechen lassen, viel freundlicher
und viel wohnlicher aus. Der alte, weit vorspringende
Thurm war ebenfalls mit Fenstern versehen worden,
um neben dem Hauptsaal eine Art Erkerzimmerchen
zu erlangen, das für Konradine bestimmt gewesen, und
nun schon mit den unten gepflanzten Schlinggewächsen
freundlich und dicht umrankt war. Englische Ein-
richtungen hatten dem vielgereisten Besiger dabei als
Vorbilder gedient, und selbst die Flagge auf des Thur-
mes Zinne war bereit gewesen, die junge Schloßherrin
bei ihrer Ankunft zu begrüßen. Diesem Swwecke hatte
sie mun freilich nicht gedient, aber heute, da das junnge,
schöne Paar das Schloß betrat, flatterte sie lustig in
der hellen Abendluft, den werthen Gäästen mit den be-

su?
kannten Farben der Familie den fröhlichen Willkomm
zuzuwwinken.
Emanuel war in heiterster Stimncuung. Der
Fürst,sowohl als Glarisse versicherten, während sie sich
seiner frischen Rüstigkeit erfreuten, ihn nie zuwor so
munter gesehen zu haben; und er selber ward sich der
Vorzüge mnd der Schönheit seines Besizes mit beson-
derem Vergnügen bewußt, da er den Angehörigen dar-
thun konnte, wie derselbe sich unter seiner sorgsamen
Hand verwandelt hatte.
Unter gegenseitigem Behagen stellte sich zwwischen
Glarisse und dem Onkel das alte trauliche Verhältniß
schon nach wenig Stunden wieder her. Er hatte
immer eine besondere Vorliebe für sie gehabt, und das
Glück, dessen sie sich in ihrer Ehe zu rühmen hatte,
wie die ruhige Sicherheit des Benehmens, die ihr das
Bewußtsein verlieh, jetzt schon Mutter von zwwei Kin -
dern zu sein, gaben ihr in Emanuel's Augen einen
neuen und höheren Reiz. Es freute ihn, als sie am
nächsten Morgen ihn und den Fürsten auf flüchtigem
Rosse durch die weite Gemarkung begleitete, und es
freute ihn, wie sie dannn später mit dem Behagen der
an reichen Besiz gewöhnten Hausfran, durch die Zim
mer und die Räume des mit allem Wünschenswerthen
wohl versehenen Hauses ging: muusternd, lobend, hie
und da eine Aenderung vorschlagend, aber immer ge-
fällig und immer belebend durch die Theilnahme, die
T-=
Der erste Morgen und der Mittag waren auf


den. Am Nachmittage, als Glarisse sich zurückgezogen
hatte, um von dem starken Ritte auszuruhen, gingen
die Mänmuer plaudernd in dem kühlen Laubgange hin
und wieder.
Es war während der Mahhheit von den mancherlei
Enutbehrungen' gesprochen worden, welche das Leben
auf dem Lande auch unter den günstigsten Bedingungen
mit sich bringe. Diese Unterhaltung war zwwischen den
beiden Männnern während ihres Luftwandelns noch
weiter ausgesponnen worden, und hactte sich dann auf
den kurzen Aufenthalt gerichtet, den der Fürst mit
Glarissen, während ihrer Reise, eben jetzt in jener
Haudelsstadt genommmen hatte, in welcher Hulda en-
gagirt war.
Der Fürst fragte dabei, ob seine Frau dem Oheim
vielleicht schon von ihrer neuerlichen theatralischen Be-
gegnung gesprochen habe.
Emanuel, der es wußte, daß Hulda auf dem dor-
tigen Theater spiele, verneinte es, und der Fürst ver-
setzte darauf: ,Erinnern Sie sich meines Kammer-
dieners, des Menschen, dem ich aus dem Schlosse
meiner Schwiegermutter seinen Laufpaß geben mußte,
welchen er, beiläufig gesagt, schon längft vorher ver-
dient hatte? Der Mensch ist Schauspieler geworden,
und hat seit ein paar Jahren von sich reden gemacht.
Das Zeug dazu hatte er, dennn er war ein geborner
Komödiant, den seine nichtsnutzigen Streiche in be-
ständiger Nebung seiner Kunst erhielten. Sie sind
dem Namuen Lippow wohl in den Zeitungen begegnet.
Ich hatte ihn aber nie auf der Bühne gesehen, und

8
komnnte mich des Lachens kaum erwwehren, ald mir, so-
bald wir in unsere Zimmer gekommen waren, der
Wirth die wichtige Mittheilung machte, daß der be-
rühmte Michael Lippow in seinem Hause wohne, mnd
an diesem Abende als Mephisto auftrete. Wir wollten
uns natürlich den Spaß nicht versagen, den guten
Freund agiren zu sehen, und fuhren hin.! -
, Und wie haben Sie ihn gefunden? erkundigte
sich Emanuel.
,Vortrefflich! geradezuvortrefflich! entgegnete der
Fürst, ,so daß ich mich fortdauernd auf der Frage
wiederfand, wie ein so charakterloses Subject zugleich -
ein wirklich bedeutender Künstler sein könne. Meine
Achtung vor dem künstlerischen Können ist, wie Sie
denken mögen, dadurch nicht eben gesteigert worden.
Im Nebrigen aber war es eine sehr gelungene Dar-
stellung.!
Er brach damit ab. Emanuel ließ unentschlossen
eine kleine Weile hingehen. Danun plözlich sein inneres
Widerstreben überwindend, sagte er: ,ch vermuthe,
daß Sie auf diese Weise auch Hulda gesehen haben
werden. Man lobt sie vielfach. It sie eine gute
Schauspielerin geworden?
,Mehr als das!k entgegnete der Fürst. ,Sie hat
Töne, Mienen, Geberden, die unwwiderstehlich zu nennen
find, und sie ist fast schöner noch als früher. Glarisse
war so sehr von ihrem Spiel gerührt, daß fie darauf
bestand, sie bei sich zu sehen und zu sprechen. Ich
wundere mich, daß sie Ihnen davon noch Nichts gesagt
hat. Sie hatte ja immer eine durchaus berechtigte

H5
Vorliebe für Hnlda - wie wir Alle. Sie ließ es sich
also auch nicht nehmen, ihr noch ein Andenken zu
schicken, als wir abreisten. Sie mrüssen sich das von
ihr selbst erählen lassen.!
Ein Diener, der die Meldung brachte, daß einer
der jungen Herren von Barnefeld gekommuen sei, machte
dem Gespräch ein Ennde, und befreite Emanuel. Er
war es wieder einmal innne geworden, wie mnnmöglich
es ihm fiel, voi Hulda in gleichgiltigem Tone zu
sprechen, oder sprechen zu hören, und wie werth, er
hätte sagen mögen, wie heilig ihm ihr Angedenken sei.

Kapitel 25

Fünfundzwanzigstes Gapites
Die Anwesenheit der Gäste im Falkenhorst war
von jenem herrlichen Wetter begünstigt worden, das
unter dem Wehen eines warmen, frischen Ostwindes
in jenen Landstrichen am Ennde des August - Monates
und im September, in denen das letzte Kernobst reif
wird, zu herrschen, und von dem Landvolke deshalb
als die Zeit des AepfelOstes bezeichnet zu werden pflegt.
Die ersten achtTage waren so schnell entschwunden,
daß man darauf denken mußte, jene anderen, welche
ihnen folgen sollten, so geschickh als möglich zu ver-
wenden, da man doch auch der lebensfrohen, offenen
Gastfreiheit der Gutsnachbarn mannigfach gerecht zu
werden hatte. Denn den Fuß auf Barnefeld'schen
Grund zu setzen, ohne auch in dem Hause eines Jeden
von ihnen eine Bewirthung angenommen zu haben,
das würden die Eltern und die Kinder gemeinsam,
wie jede der einzelnen Haushaltungen für sich im Be-
sonderen, als eine Ehrenkränkung angesehen haben;
und die Herzlichkeit des Tones und Behabens, denen
das junge fürstliche Paar bei ihnen überall begegnete,

85e
machte den Verkehr mit diesen wackeren Renschen an-
genehm und leicht, obschon Glarisse sich zum erstenmal
in ihrem Leben außerhalb des Bereiches der hohen
Aristokratie bewegte.
Die Barnefelds gehörten nicht dem alten hohen
Adel an. Sie hatten, seit der Erste von ihnen geadelt
worden war, sich auch mehrfach mit Frauen aus reichen
Kaufmannshäusern, und mit Töchtern von Gelehrten
verheirathet. Ihre Güter waren zusammengekauft, mnnd
nach Ermessen von denselben auch einzelne Theile und
ganze Güter wieder verkauft worden, um Zweckmäßi-
geres zu erwerben, oder den Besiz besser abrunden zu
können. Barnefeld'she Töchter hatten sich mit ge-
bildeten bürgerlichen Beamten und Gutsbesizern ver-
bunden; es waren Barnefelds in hohen Givil- und
Militär»Aemtern angestellt, und wenn auch manchem
der hier im Lande angesessenen -Glieder der Familie,
jener lezte Schliff abging, der den Hofmann auszeich-
net, mnnd wenn vielleicht keine von allen diesen Frauen
die richtige bei der Gour gebotene Verbeugung zu
machen fähig war, so hatte man doch bei ihnen in
jedem Augenblicke die wohltbuende Empfindung, mit
Menschen zu verkehren, denen im Leben Nichts ab-
ging, die an allem Bedeutenden aus der Enge ihres
Kreises heraus, lebhaften und klugen Antheil zu nehmen
vermochten, die innerhalb dieses Kreises Meister in
Allem waren, was in demselben erheischt werden konnnte,
und die, weil es ihnen wohl war, eine Genugthuung
darin fanden, daß auch den Anderen, so weit als
immer möglich, Wohlsein bereitet werden möchte.

85s
Dazu waren es stattliche, frische Männer und Frauen,
freimüthig bereit, sich an der schönen Vornehmheit der
fürstlichen Gäfte unbefangen zu erfreuen, mnnd nebenher
Emamwuel so herzlich zugethan, daß sowohl Clarisse als
der Fürst schon deshalb Zuneigung zu ihnen faßten.
An dem letzten Rachmittage, welcher der festge-
setzten Abreise des Fürsten vorherging, war er noch
einmnal hinübergerttten, dem alten Herrn von Barne-
feld ein Lebewohl zu sagen. Glarisse war, weil ein
schweres Gewölk am Himmel stand, zurückgeblieben,
und Emanuel hatte sich selbstverständlich erboten, ihr
Gesellschaft zu leisten. Wie es mun draußen heftiger
zu wehen mnd auch bereits zu regnen anfing, so daß,
man selbst in dem Pavillon nicht mehr verwweilen
mochte und sich in das Zimmer zurüczog, saßen Gla-
risse und Emaruel schon eine geraume Zeit einander
gegenüber, ohne daß sie mit einander gesprochen hätten.
Die rasch über die weite Ebene hinfliehenden Wolken
zogen ihre Gedanken an sich und mit sich, und ver-
lockten sie weit hinaus in die Ferne und in die Zu-
kunft, um fie dann wieder auf Einkehr in sich selbst
zurüchuweisen.
Mit einemmnale legte Glarisse ihre Hand auf die
des Onkels und sagte: ,Wenn ich hier so hinaussehe
in die Weite, und zurück in das große, schöne Schloß,
und denke, daß Du hier allein bist, allein in Deinen
Wäldern und auf Deinen Feldern, allein in diesem
W?ae

Hds
schwere Last, denn als ein Glück vor. Du hast her-
zustellen, was die Geschlechter vor Dir verabsäumwt
haben, mnd wennn Du hier allein bleibst, so arbeitest
Du fär die Familie, ohne selber die rechte Freude an
der Vermehrung des Besizes haben zu können. Man
will doch wissen, wofür und für wen man arbeitet
und sich bemrüht?
Emamuel sah sie freundlich an. ,Du bist die
Erste,! sprach er, ,die sich die' Frage vorlegt, ob ein
so großer Besiz eben mir ein erwünschter sein konnte,
und ich stehe deshalb nicht an, Dir zu bekennen, daß
ich ihn in den Zeiten, in denen des Bruder Krank-
heit ihn mir in Aussicht stellte, keineswwegs als einen
solchen angesehen habe. Als dann in dem Augen-
blicke, da der Bruder starb, sich mrir die Hoffnung er-
öffnet hatte, für Konradinen und für eine mir ge-
hörende Familie, hier eine schöne gesicherte Heimat be-
reiten zu können, faßte ich Liebe zu dem Besiz; und,!
setzte er nach kurzer Pause ruhigen Sinnes hinzu, ,als
jene Erwartunng sich dann nicht erfüllte, war die Arbeit
mir schon ein Bedürfniß und die Stütze geworden,
mit der ich meinen Weg weiter vorwärtsgehen konnte.
Ich hatte sehen gelernt was fehlte, ich wünschte das
Manngelnde zu schaffen, ich hatte den Trieb, das Be-
gomnene zu vollenden. An die Stelle der mrir Ange-
hörigen, für die ich hier zu sorgen gehofft hatte, traten
allmälig jene Anderen ein, die hier geboren und durch
ihre unbehilfliche Beschränktheit hier eingewnnrzelt und
auf uns angewiesen waren--

H55
,Und Du bist also zufrieden?! fragte die junge
Fürstin; ,das Bewußtsein, die Güter in die Höhe zu
bringen, macht Dir an sich Freude?!
,s ist die Landwirthschaft an sich, die mir
Freude macht,k berichtigte Emanuel, ,nicht, wenn ich's
offen gegen Dich bekennen soll, die Gewißheit, Deinem
Bruder, für den ich, wie Du weißt, nicht eben eine
lebhafte Sympathie besize, ein reicheres Erbe in dem
Majorate zu hinterlassen; und dies umsoweniger als
mir die Nüzlichkeit der Majorate für das zweckmnäßige
Fortbestehen und die zweckmäßige Fortbildung der Ge-
schlechter, hier in dem Hinblicke auf die Barnefeld's
und ihresgleichen, mehr als früher zwweifelhaft geworden
ist. Soviel steht bei mir fest,? setzte er hinzu, ,ich
würde, hätte ich mich verheirathet und Söhne gehabt,
Alles dazu gethan haben, neben dem Majorate für
meine Kinder AllodialGüter zu erwerben, über die sie
nach freiem Belieben hätten schalten und walten mögen,
ohne daß mit deren Vererbung, ihrer Reigung und -
ihrer freien Entschließung von den Altvordern Ketten
angelegt werden, die man zu Zeiten als sehr drückend
empfinden kann, und von denen man, eben aus ein-
gesogenen Vorurtheilen, sich doch mehr als billig und
verantwortlich binden und bestimmen läßt.
Glarisse schwieg eine Weile, nachdem er geendet
hatte. Sie blickte nachdenklich und liebevoll in sein
edles, ernstes Antliz, als wolle sie darin lesen, ob sie
es wagen solle, ihm eine Frage vorzulegen. Ihre
Freundschaft und ihre Liebe für den Oheim hatten sich
o

H5
in diesem engen, vertraulichen Beisammmnensein nur noch
gesteigert, ihr eigenes Glück ihr die Vereinsamung des
Oheims noch trauriger erscheinen machen; und wie ihr
Auge also freundlich auf ihm weilte, bemerkte fie, daß
in der Fülle des dunklen Haares, welches seine Stirne
umwwallte, einzelne weiße Fäden sichtbar wurden. Das
rührte ie, und von dieser Rührunng fortgerissen, sagte
fie: ,Du bist ja noch jung, Emanuel, wenig älter als
Severin; indessen wir bleiben doch nicht immner jung,
unnd allein zu sein im Alter muß sehr schwer sein.
Denkst Du dennn gar nicht mehr an eine Frauk
,Die Erfahrungen, die ich gemacht,! versetzte er,
,sind niäst ermuuuthigend gewesen.!
,D,! rief Glarisse, ,ich will nicht in Dich dringen,
wie es die Mutter wohl bisweilen that - gewiß nicht,
Lieber! - Aber Du und Konradine, ihr gehörtet ja
auch nicht zu einander, Du hast sie nie geliebtrr!
,Und als ich liebte,? fiel er ihr in die Rede, ,als
ch einmal liebte, mit großer Wärme liebte, und mich
geliebt wußte mit einer Liebe ohnegleichen, da - leß
ich mich gefangen nehmen von den Ketten dieses Ma
jorates; da gab ich um seinetwillen ein Glück auf, das
ich nicht wieder finden werde, und beschwor in thö-
richter Verblendunng gleichsam den alten Fluch herauf,
von dem die Liebe mich erlösen wollte.!
Er stand auf, Glarisse war erschrocken. Diese Er-
imnerung in ihm zu erwwecen, dem Oheim einen
Schmerz zu bereiten, hatte sie nicht erwartet. Er ging
mehrmals in dem Zimmner auf und ab. Sie erhob
sich unnd hing sich an seinen Arm.

a
,Vergib mir!r bat sie freundlich.
,Was hast Du denn verschuldet? entgegnete er,
und ihr die Hand drückend, sprach er: ,Eaß das ruhen!
Aber ich höre von dem Fürsten, Du hast Hulda auf
der Bühne gesehen, und bei Dir gesehen. Erzähle mir
davon Alles, so wie es war. Von Deinem Munde
werd' ich's gerne hören, denn Dir war sie werth. Er-
zähle, Beste! Wie hast Du sie gefunden, wie geht es
ihr? und ist sie glücklichr ist sie noch so schön, so
sanft, so in sich Eines wie in jenen guten Tagen?
Er hatte sich auf das Sopha niedergesezt, Gla-
risse war ihm dahin gefolgt und hatte ihren Arm
wieder in den seinen gelegt. So nahe an ihn ge-
rückt, während der Tag sich senkte, sprach sie ihm von
der Geliebten, wie er es begehrte, wie sie es in ihrer
Seele trug.
Sie enthielt ihm Nichts vor: nicht die Neber-
raschunng, mit welcher sie Hulda auf der Bühne ge-
sehen, nicht das Entzücken, welches sie ihr als Künst-
lerin verdankt, nicht den Beifall, mit welchem man fie
überschüttet hatte. Sie erzählte ihm, wie der Fürst
sie vor der Begegnung mit Hulda vorsichtig gewarnt,
wie er leichtfertig über ihre häusliche Einrichtung ge
scherzt, wie er sie selber damit unwwillkürlich mißtrauisch
gegen die Schauspielerin gemacht habe; was danach
zwischen ihr und Hulda vorgegangen war, bis sie mit
Verehrung und Liebe, und mit einem wirklichen Tren-
nungsschmerze, in ihren Armen gelegen habe, und von
ihr geschieden sei.

858
Sie hatte sich, enthufiastisch wie fie war, in dieser
Erzählunng mehr und mehr erwwärmt. Emanuel hatte
fie nicht ein einzigesmal unterbrochen. Bisweilen kam
es ihr vor, als zucke seine feine nerwige Hannd, die sie
Nn der ihren hielt; aber die Dunkelheit war herein-
gebrochen und sie komnnte seine Züge nicht genau mehr
sehen. Als sie geendet hatte, stand er auf.
,Und ich wähnte sie ganz hingenommnnen von dem
Berufe, der ihr als halbes Kind immuer schon verlockend
gedünkt; ich stellte sie mir imwmner mur umringt von
Bewunderung vor, berauscht von ihren Erfolgen, wennn
ich das Lob las, das die Krltlk ihr spendet. Ich dachte
sie mir gernn zufrieden, dachte sie mnir glücklich!k sagte er.
Glarisse meinte, in ihrem Berufe fühle Hulda sich
auch durchaus gllcklich.
,Mit einem innneren Zwwiespalt ist das Niemand,?
wendete Emanuel ihr ein, zund Hulda noch weit we-
niger als jeder Andere.!
Glarisse kam damn noch einmal darauf zu sprechen,
wie der Abschied von Hulda sie bewwegt habe. ,Als
sie mich verlassen hatte,' sagte sie, ,kam es mir vor,
als hätte ich ihr nicht gemg gezeigt, wwie hoch ich sie
halte; und weil ich man doch Nichts mehr für sie thun
konnte, und eben Nichts zur Hand hatte, womit ich
ihr ein Zeichen der Zuneigung geben komnwte, schrieb
ich ihr ein paar Zeilen für ein Stammubuchblatt, und
schickte ihr ein kleines Kreuzchen, das ich von Kindheit
an getragen, mnd das sie, als sie bei uns im Schlosse
war, immmuer sehr bewwundert hatte.!

859
,Das kleine Goldkreuz mit dem Seraphköpfchen?
fragte Emnanuel.
,Ja!r entgegnete Glarisse mit wirklicher Ver-
legenheit, ,das Kreuzchen von der Baronin Erdmuthe.
=- Ich hätte es vielleicht nicht geben dürfen, und ich
möchte nicht einmal, daß die Mutter es erführe. Aber
ich haatte in dem Augenblicke wirklich gar nichts An
deres zur Hand; und da es nach der Familiensage vor
Gefahr beschüzen soll, so dachte ich, Hulda könne
es mehr als ich gebrauchen, - und gefreut hat e sie
ganz gewiß. Sprich nicht davon. Es war ein rascher
Immpuls - und verarge mir es nicht.?
,Ich? rlef Emanuel. ,Glaube mir, das ver-
gesse ich Dir nier! Er küßte ihr die Hand, sagte aber
weiter Nichts.
Der Diener brachte gleich danach die Lampen in
das Zimmer. Wie man dann bei ihrem milden
Scheine bereits eine Weile beisammen gewesen und die
Erinnerung an das eben geführte Gespräch im Aus-
klingen begriffen war, sagte die Fürstin: ,Als wir
vorhin von dem kleinen Erucifir gesprochen haben,
fiel mir ein, daß hier im Schlosse noch die alten
Silbergeräthe und mancherlei Erinnnerungen an unnsere
Vorfahren vorhanden sind, deren die Mutter oft er-
wghnt hat. Möchtest Du mich dieselben sehen lassen,
ehe ich den Falkenhorst und Dich verlasse?
Emammuel erklärte sich sofort dazu bereit. Er ließ
den alten Kastellan benachrichtigen, der schon seit zwei
Generationen diese Gegenstände in seinem besonderen
Gewahrsam hatte, unnd es währte nicht lange, bid der

6d
Greis feierlich, als trage er die Reichskrone oder das
heilige Sakrament, der Reihe nach die schweren, alten
Humpen, den großen, kunstvoll gearbeiteten Suppen-
napf, den Tafelaufsaz, die wuchtigen Leuchter und end-
lich auch die alten, mit vielen silbernen Rägeln be-
schlagenen Schmuuckkästchen herbeibrachte, und sie Stäck
für Stück in schöner Ordnunng vor der jungen Fürstin
niedersetzte.
Der Silberbesiz war von beträchtlichem Werthe,
aber dasjenige, was man in den kleinen Schreinen
aufbewahrte, das waren keine eigentlichen Kostbarkeiten;
sondern Schmucsachen und Zierrathen, an die sich
irgend eine besondere Erinnerung knüpfte; und Ema-
muel, der sich von jeher mit den Sagen der Familie
gern beschäftigt hatte, wußte zu Glarissen's Freude fast
von jedem Stücke eine Auskunft gu ertheilen. Ihre
Rnuugier mnd ihr Famrilienfinn fanden eine gleiche
Unterhaltung darin, jede dieser einzelnen Keinigkeiten
eigens herauszunehmen, zu betrachten, fie anzulegen,
. sofern es thunlich war, mnnd sie hatte das letzte der
Kästchen schon in der Hannd, als der Alte aus dem
Nebenraume noch eine Art von Tasche aus verblichenem
rothem Sammnnet, mit goldener Schnur umwmunden,
z Vorscheine brachte.
,Eaß das mur liegen!r sagte Emanuel, als er egß
bemerkte; doch gerade diese Weisung machte Glarisse
aufmerksam darauf. Sie fragte, was das Säckchen in
sich schließe. Emannuel entgegnete, es enthalte das alte
handschriftliche Dokument, in welchem die Geschichte
von dem König der kleinen Leute und von dem Fluche
s

88
berichtet werde, den jener märchenhafte kleine König
gegen das Geschlecht der Freiherren von Falkenhorst
ausgeftoßen haben solle.
Die Fürstin wollte das Dokument sehen. Ema-
muuel wehrte es ihr nicht. Er löste die goldene Schnur,
öffnete vorsichtig die Hafteln, welche die alte Tasche
zusammenhielten, nahm gus derselben einen Umschlag
von dickem Leder, und aus diesem einige Blätter ver-
gilbten ßergamentes heraus, auf welchen jene Sage
von dem Freiherrn von Falkenhorst selber, in breitester
Ausführlichkeit niedergeschrieben war.
Obschon der Fürstin diese Erzählung aus muüünd-
licher Wiederholung von früher Kindheit auf bekannt
war, wünschte sie doch dieselbe zu lesen; aber die
krausen, wunderlichen Schriftzeichen upnd die ganz ver-
, altete Sprache und Rechtschreibnng machten ihr das
unmöglich. Emanuel mnterzog sich also der Mühe,
es ihr vorzulesen, und wie er dannn am Schlusse der
Erzählung langsam mnd gewichtig, Wort für Wort den
schweren Fluch des kleinen Königs wiederholte, jenen
Fluch, der sich in fast mnbegreiflicher Weise durch die
Jahrhunderte fortgesetzt, und das Geschlecht der Falken-
horst seinem Erlöschen in der Person Emanuel's nahe
gebracht zu haben schien, komnwte Glarisse sich eines
Schauers nicht erwehren.
Das alte Schloß, der alte Kastellan, die alten
Geräthschaften, ja selbst der Oheim und ihre eigene
Anwwesenheit in diesem Schlosse kamen ihr mit einem-
male unheimlich und spukhaft vor; mnd die Hand ab-
wehrend gegen die alten Pergamente ausgeftrect, rief

L8e
sie, absehend von aller ihr anerzogenen Verehrung des
Althergebrachten: ,Aber das ist ja entsezlich! Wie hat
man das mur aufbewahren, solch böse Vorstellung
durch die Jahrhunderte an dem Geschlechte haften
lassen mögen? Und an ihre beiden schönen Knaben
denkend, setzte sie, von ihrer warmen Mutterliebe fort-
gerissen, rasch hinzu: ,Wenn solche Sage sich an das
Schicksal unseres Hauses, an das Geschlecht des Fürsten
knüpfte, ich würde sie vernichten, damit ihr trüber
Schatten nicht auf die Seele meiner Kinder fiele.!
Emanues lächelte. ,Gernichten? fragte er. ,Dmuu
wolltest vernichten, was im Märchen zierlich ausge-
stattet in den Besiz des ganzen Volkes übergegangen
ist, dessen Kinder sich harmlos daran ergötzen?
Nimmermehr! und wenn es möglich wäre, möchte
ich's nicht wollei. It denn die Aussicht, durch Jue-,
gend und durch Liebe von cinem Bannne erlöst und
neu belebt, und durch sie auferbaut zu werden, nicht
beseligend und schönR-
Er hatte die Blätter in die Hand genommnen und
legte sie sorgfältig zusammen, um sie wieder in ihre
alte Umhüllung zu legen. Glarisse sah ihm schweigend
znu, wie er die Hafteln schloß, die goldene Schnur
verknüpfte.
,Oheim,' versetzte fie plöglich, ,kamnte Hulda
diese alte Sage? -
,Ja,! versezte er, ,lie kannte sie.! Er legte
mit diesen Worten die rothe Tasche in den Schrein,
Glarisse war ihm dabei behilflich. nten in der Ecke
desselben stand ein kleines Kästchen von neuer Form.

8s
Ohne Emanuel's Erlaubniß zu fordern, nahm fie es
heraus. Es lag ein Goldreif darin mit hellem,
blauem Steine; mnd wie sie ihn betrachtete, las fie
in seinem Imnern die Worte: ,Dich mnd mich trennwt
Ndiemand!r
Sie sah Emnannel an, sie wagte nicht zu fragen,
wem der Ring bestimmt gewesen sei, wer ihn ge-
tragen hatte. Sie sezte das Kästchen schweigend auf
den ßlaz, an dem sie es gefunden hatte. Darüber
kam der Fürst von seinem Ritte heim.
Er besah die Gefäße, die Geräthe, lobte ihre
schönen Formen, und da er eben mit Emanuuels
Nachbarn mannigfache Gespräche über den Werth des
baaren Geldes in der Landwirthschaft gepflogen hatte,
verfiel er bald darauf, auch den mnngefähren Werth
dieses Silberbefizes abzuschäzen, der, wie Emanuel es
ihm angeben komnte, sehr beträchtlich war.
,Was würden die Baarnefelds mit solcher Sumwmne
Elles unternehmenl, sagte er, indem er noch einmal
einen der riesigen Humpen in der Hand wog.
,Daran habe ich besonders oft gedacht, als ich
vor Jahren hieher kam, und um verfügbare Kappitale
bisweilen verlegen war!s gab Emamuel ihm zu. ,Es
ist mit dem Aufstapeln solcher alten Besizstücke in der
That eine ebenso bedenkliche Sache, wie unter Ver-
hältnissen mit der Anantastbarkeit der Majorate. Hat
man Freude daran, ich der massiven, wenig hand-
lichen Geräthe täglich mit dem Bewußtsein zu bedienen,
daß schon seit Jahrhunderten Menschen, die zu uns
gehörten, in Glüc nnd Leid von diesen Gefäßen Ge-

6-
brauch gemacht haben, so lasse ich das gelten. It man
reich und freigebig gemng, fie einem Kunftkabinete ein-
zuverleiben, und dort meinetwegen als Falkenhorst'sches
Legat aufbewahren zu lassen, so hat das einen ge-
meinnnüzigen und zugleich einen die FamilienEitelkeit
entschädigenden Sinn. Aber sie hier in einem ent-
legenen einsamen Schlosse, mur mm des Herkommmuens
willen, in verborgener Kammner durch die Jahrhun-
derte als todtes Kapital unter Schloß und Riegel zu
halten, während mit denTausenden, welche sie werth sind,
für den Familienbesiz und das FamilienVermögen weit
Vortheilhafteres geschaßfen werden könnte, darin liegt
eine Pietät, welche aufrecht zu erhalten mir mit meiner
jezigen Einficht oftmals schwer gefallen ist.? -
Der Fürst stimmute dieser Ansicht bei. Barne-
felds Einfluß und seine Lehren hatten die beiden
jüngeren Landwirthe ganz für sich gewomnen. Man
sprach eine geraume Weile von den Verbesserungen,
die auf den Gütern des Einen und des Anderen im
Werke waren, die Nothwendigkeit freier Verfügung
über die Güter wie über das Kapital, stand dabei
überall in erster Reihe. Der Fürst ging endlich so
weit, in der Majoratebegründung einen Verstaides-
fehler, einen Mangel an Voraussicht und eine un-
zwweckmäßige Tyramnei zu finden.
Glarisse lachte dag. ,Eaßt daas die Muutter nicht
hören!r rlef sie. ,Ran ist jezt zwwischen Euch Bei-
den wie unter Revolutionären, denen Nichts mehr
heilig istrr

6s
,Wir verbrennen aber doch noch keine Familien-
Chroniken und keine Dokumente !? scherzte Emamuel.
fie an ihren früheren Gedanken mahnend. ,ebrigens
kann die Muutter unbesorgt sein. Dein Bruder soll,
wennn er nach mrir im Falkenhorste Herr sein wird,
die alten Famrklienstücke mit all ihrem Zubehör, und
wird hoffentlich auch noch den Alten, hier an seinem
Plaze finden.
N
Glaisse und der Fürst wehrten Beide den Ge-
danken ab. Emarmuel entgegnete darauf Nichts.
Der Kastellan hatte inzwischen angefangen, die
silbernen Gefäße und die sonstigen Herrlichkeiten wie-
der zu entfernen. Als er endlich auch den kleinen
Schrein verschließen wollte, in welchem der Ring mit
dem blauen Steine und der Jnschrift lag, bemerkte
Glarisse, wie Emanuel den Ring aus seinem Käft-
chen nahm, mnd ihn an seinen Finger steckte.
A
A
-A
I

Kapitel 26

Hechsundzwanzigstes Gapitel.
A
Die Freunde des Theaters hatten sich während
Lippow's Gastspiel vollauf Genüge gethan. Man war
alltäglich im Theater gewesen, die Künftler, welche mit
Lippow zusammengespielt hatten, waren sehr in An
spruch genommen worden und hatten eine verhältniß-
mäßige Ruhe nöthig. Das Publikum war ebenfalls
müde.
Die Hitze war, wie in jenen Gegenden immer,
gegen das Ende des Augustmonates sehr drückend ge-
worden, und die heißen Somnenstrahlen, welche in die
langen Korridore des Schauspielhauses drangen und
sich mit ihrem gelben Lichte durch die geöffneten Logen-
raaarkrBnr
Man spielte vor ziemlich leeren Bänken oft gesehene
Schauspiele, kleine Lustspiele, alte Possen, an denen --
die Gutsbesizer, die zum Markte kamen, nichtsdesto-
weniger ihr Vergnügen fanden, und bei welchen Nio-
mand wesentliche Mühe hatte; nicht einmal der
Souffleur, denn diese Stücke hatte man aus langer
Nebunng wie am Schnürchen.

- 8a?
Auch Hulda hatte nicht eben viel zu thun, und
nach der angestrengten Arbeit, der sie sich bingegeben,
feit sie Schauspielerin geworden war, umfing die Art
von Ruhe und von Muße, deren sie jezt zum ersten-
male genoß, fie wie eine ihr fremd gewordene Er-
auickung. Sie komnte wieder bi zu einem bestimmten
Grade, über ihre Zeit verfügen, sie konnte sich auf sich
selbst besimnen, sich es hinträumend wiederholen, was
zwwischen ihr und der jungen Fürstin sich begeben, und
mit welcher Zärtlichkeit und Wärme Glarisse sie am
Ende ihrer Unterredung dann entlassen hatte.
Jede Miene der ihr so theuren Frau war ihr
noch gegenwwärtig, jedes Wort klang in ihrem Herzen
nach. War es doch seit Jahren das erstemal gewesen,
daß ein reines, edles Frauenherz sich ihr gütig zu-
gewendet hatte, daß sich Jemand um ihr inneres
Leben, um den Frieden ihrer Zukunft besorgt gezeigt
hatte, daß ihr eine Theilnahme erwiesen worden war,
die ihr selber, ihrem Glück und Heil, und nicht allein
der Künstlerin und ihren Erfolgen gegolten hatte.
Der ganze Kag, an welchem sie Glarisse gesehen,
war ihr wie verklärt davon gewesen. Abends, als sie
nach dem Theater in ihre Wohnung gekommen war,
hatte ein Brief auf ihrem Tische gelegen. Fran Rosen
sagte, der Diener des Fürsten Severin habe ihn ge-
bracht, und gefordert, ihn nebst dem Kästchen, das da-
bei stand, selber in ihre Stube zu tragen; weiter habe
ITeerrr
s ,

L8s
standen auch mur vier Zeilen, mur die wenigen Worte
darauf:
,Bleibe Dir selber getreu!
Laff' ott fär das Nebrige walten.
Glckic, wem man, wie Dir -
Besseres wünschen nicht kam.!
Die Schreiberin hatte ihren Taufnamen darunter-
gesezt, und Hulda las mit überströmenden Augen den
kurzen herzlichen Zuruf, drückte mit heißem Kusse das
kleine Kreuz a ihre Lippen. Roch an dem verwwichenen
Morgen hatte dasselbe fie wieder, wie ein Wahrzeichen
aus alter ferner Zeit, vertraulich angemuthet, als ie
es an dem Halse der Fürstin hängen gesehen. Glarisfe
hatte es stets getragen, nicht Tags, nicht Nachts hatte
sie es von sich gethan, weil es für eine Art von
Amwulet gegolten hatte; und Hulda verstand deshalb
den Sinnn, verstand die treue Meinung, welche allein
die Fürstin dazu bewogen haben konnten, sich des
kleinen in der Famrilie werth gehaltenen Erucifites zu
entäußern, um eine Fremde, nicht dem Hause An-
gehörige, gleichsam mnter die Obhut seiner guten Genien
zu stellen.
In den streng protestantischen Anschauungen ihres
Vaterhauses auferzogen, hatte Hulda sich es früher
nicht vorzustellen vermocht, was dem Herzen des Gläu-
bigen der Schuzheilige mnd die von ihm stamumnuende
Reliquie bedeuten; als sie aber an jenem Abende das
Kreuzchen um ihren Halk hing, wurde es ihr wie
durch eine poetische, das Gemüth erwärmende, den

869
Sinn beruhigende Offenbarung plöslich klar und
deutlich.
Sie war nicht mehr allein, nicht mehr verlassen
auf sich selbst gestellt. Ihre Gedanken hatten jezt
wieder ein festes Ziel, zu dem sie sich wendeten, wemnn
sie sich selber nicht genügen konnte. Sie hatte einen
Namen, den sie in ihrem Herzen anrief, wenn es sie
nach Theilnahme verlangte; und das Wesen, welches
diesen Namen trug, war rein und schuldlos, war eine
Frau, an welche nie ein Zweifel sich herangewagt, an
welcher kein Makel haftete, wie an Feodoren und wie
selbst an Gabrielen.
Was waren denn alle Triumphe, welche jene
Frauen gefeiert hatten, jene Bewunderung, nach wel-
cher Hulda diese Jahre hindurch so heiß gestrebt, und
die zu erringen sie manchmal-ihr besseres Empfinden
hatte zum Opfer bringen müssen, was war alle Ehre
und Anerkennung der Welt gegen den Frieden, der
aus Glarissens Augen und von ihrer reinen Stirne
leuchtete? Oder was war in diesen Jahren ihres
Bühnenlebens Hulda zu Theil geworden, das sie so
erfreut, so in sich selbst erhoben und gekräftigt hätte,
als das Anerkemntniß, das die Fürstin ihr mit diesen
wenigen Woren gegeben hatte? als Glarissens Zuver-
sicht, daß Hulda sich und ihre sittliche Würde zu
wahren wissen werde in den Versuchungen, die sie
umringten, auf dem Pfade, den sie sich erkoren hatte
erkoren freilich, ehe sie seine Dornen kannte.
Und an Dornen sollte es -Hulda auch zunächst
nicht fehlen. Schon während Michael's Gastspiel hatte
Fauny Lewalb, Die Erlöserbn. Ü.

ze
Hochbrecht, als er sie einmal besuchte, ganz beilänfig
die Frage aufgeworfen, wie sie eigentlich mit Gabrielen
zählt, in welcher Weise die berähmnte Künftlerin auf s
zusammmenhänge? und sie hatte der Wahrheit nach er-
sie achtsam gewworden sei. Hochbrecht hatte gemeint,
das klinge freilich anders als die bisherige Angabe.
Hulda hatte natürlich sofort gewwußt, wohin die Frage
ziele, und eben deshalb ihn veranlaffen wollen, sich
deutlich auszuusprechen. Er war aber darüber mit der
Bemerkung hinweggegangen, am Ende sei jeder be-
deutende Mensch das, was er sei, und was er aus
sich mache; mnd eine junge Künstlerin wie sie, habe
es amm wenigsten vomnöthen, sich an Traditionen an-
zulehnen, da sie auf eigenen Füßen stehe und sich
durch eigene Kraft behaupten kömnne.
Damit aber war ihr jezt nicht mehr gedient. Sie
verlangte, daß Hochbrecht sich bestimmwt erklären solle,
unnd er sprach dann unnumwwunden die Frage aus, wie
sie darauf gekommen sei und was fie dazu bewogen
habe, sich für Gabrielens Tochter auszugeben, für die
mann fie hier auch allgemein gehalten habe, bis Lippow
es verrathen, daß er sie in dem Schlosse der gräf-
lichen Famnilie habe kennen lernen, und daß sie. nicht
die Tochtek eines Herzogs und Gabrielens, sondern
eines Pfarrers Tochter sei.
,Ja, Gottlob!r rief Hulda. ,Ja, gottlob!r =-
Nnd mit schamrother Stirne fügte sie hinzu: ,Aber
noch heute kann ich es nicht begreifen, wer diese Lüge
erfunden haat! Wer Gabrielen das angethan, mnd mrir
und meiner guten Eltern Angedenken! -= Tnd daß

a1
Niemand, kein Einziger von allen Denen, die fich
meine Freunde nannten, es auch nur einer Erwwähnunng,
werth gefunden hat! Daß man mich hier hat leben
lafsen unter der Schmach eines solchen Makels =-
ohne mir ein Wort davon zu sagen! =-
Ihre Mißemwpfindung, ihre Kränkung schnürten
ihr den Hals zu und nahmen ihr das Wort.
Hochbrecht zeigte sich darüber ganz verwwundert,
ja er schien, ihrer Entrüstung mißtrauend, anzuneh-
men, es sei die Aufdeckung der Täuschung, die sie ver--
drieße und sie in zornige Verlegenheit verseze. Er
lächelte zu allen ihren Betheuerungen. Er namnte es
am Ende eine sehr zu verzeihende Kriegslist, daß sie,
ihre auffallende Rehnlichkeit mit Gabrielen benuzend,
fich deren mütterlichen Familiennamen angeeignet habe,
um sich auf solche Weise einer größeren Theilnahme
im Voraus zu versichern; und es half ihr nicht, daß
sie betheuerte, wie der Direktor ihr diesen Ramen
ausgewählt, und wie sie nicht einmal gewußt habe,
daß Gabrielen's Mutter ihn getragen habe. Er glaubte
ihr es nicht, glaubte es noch weniger, daß sie es bis-
her nicht innegeworden war, wie man über ihre Ab-
kunft von Anfang an gesprochen hatte, sondern rühmte
ihre Klugheit und ihre richtig berechnende Menschen-
kenntniß.
Sie nahm ihm das übel, verbarg ihm das nicht,
und erklärte in ihrer Gereiztheit, ihn nicht mehr sehen
zu wollen. Er war es nicht gewöhnt, daß eine der
Künstlerinnen, die auf seinen kritischen guten Willen

aA
vielfach angewiesen waren, und namentlich eine Schauu-
spielerin, der er sich unausgesetzt ergeben bezeigt hatte,
wie ihr, mit ihm rechtete und seine Besuche abwies.
Er scherzte gegen Philibert über die Ungnade, in
welche er bei Hulda gefallen sei, weil er sich es habe
beikommen lassen, ihr den Verstand und die Berech-
nung zuzutrauen, die zu verbergen sie für angemessen
halte, und er fand bei diesem ein geneigtes Ohr.
,Man hat sie um ihrer Schönheit woillen sehr
verwöhnt,! sagte Philibert. ,Sie hat mit ihren un-
schuldsvollen Mienen gar zu leichtes Spiel bei uns
gehabt. Das hat sie sicher werden lafsen. Aber
Mittel giebt es ja wohl, die spröde Göttln etwwas huld-
reicher zu machen. Stellen wir die Opfer ein, unnd
sie wird den Weihrauch bald vermissen, den wir ihr
so freigebig gestreut haben. Wenn wir ihr im Theater
fehlen, wird sie schnell genug danach verlangen, uns
in ihrem Zimmer zu begrüßen. Denn ohne den fort-
reißenden Beistand ihres fürstlichen Gönners hätte sie
schon bei der Faust-Aufführung - obschon sie ganz
vortrefflich spielte - den Unterschied zwischen zurüc-
haltenden und beflissenen Freunden bemerken sollen.r
Hochbrecht war ganz seiner Meinung. ,Ein paar
Seenen aus der ,Bezähmten Widerspenstigen! können
diesem Käthchen gar nicht schaden! scherzte er; mnnd
sie hatten, der Eine wie der Andere, ihre Befriedigung
in der Vorstellung, der spröden Hulda gegenüber den
männlichen Benedikt zu spielen. Es war mur schade,
daß sie es nicht gleich bemerkte, weil eine andere


B
Sorge sie bekümmerte: Lelio war wie verwandelt gegen
sie und hielt sich von ihr ferne.
Er hatte schon während der Tage, welche der
Aufführung des ,Faust vorangegangen waren, weni-
ger zutraulich mit ihr verkehrt; nach derselben wurde
ihr das noch fühlbarer. Freilich that er ihr gegen-
über in den Proben und im Zusammenspiel mit ge-
wohnter Gewissenhaftigkeit, was seine Pflicht war; in-
deß es schien ihn nicht wie sonst zu freuen, wenn er
mrit ihr gemeinsam beschäftigt war, und als sie ihn
endlich mit der Frage anging, was ihn drücke? was
ihn verstimme? behauptete er, in der besten Laune
und nur durch den Gedanken an das in Rußland ihm
bevorstehende Gastspiel mit Michael, ein wenig hin-
genommen zu sein.
Hulda kanne ihn genau und hatte ihn lieb; fie !
war älso nicht leicht zu täuschen, und er schien es auch
kaum darauf abgesehen zu haben. Das wurde ihr
mit jedem Tage schmerzlicher. Sie sagte ihm, sie
habe ihm viel zu erzählen, habe viel erlebt, habe ihre
alten Gönner wiedergesehen; der Fürst sei bei ihr ge-
wesen, sie habe auch die Kürstin aufgesucht und sei
sehr gütig von ihr aufgenommen worden.
Er entgegnete darauf mit einer Verneigung, die
ihr auffallen mmuußte: davon habe er gehört. Wie sie
sich dann bei ihm erkundigte, ob und wamn er zu ihr
kommnen werde, beklagte er es, so beschäftigt zu sein,
daß er dies für die nächsten Tage nicht bestimmen könnne;
und sie wußte doch, daß er nach denselben seinen
Urlaub anzutreten denke.

K
Dies ablehnende Verhalten hatte sie auf der Probe
sehr gekränkt. Als sie es zu Hause überdachte, fiel es
ihr schwerer noch auf das Herz. Das Bewußtsein,
den treuen Freund, den einzigen Mann, zu welchem
in den zwei Jahren ihr Verhältniß gleich frei und
zutraulich und fördersam gewesen war, ihr abgeneigt
zu wissen, war ihr unertragbar.
,Was habe ich Ihnen gethan, mein Freund,?
schrieb sie ihm, ,daß Sie sich von mir wenden? Wo-
mit habe ich es verdient, daß Sie - und Sie thun
das offenbar - mngünstig von mir denken, ohne mir
auch nur die Möglichkeit einer Rechtfertigung gegenn
das Mißtrauen zu vergönnen, das man Ihnen gegenn
mich eingeflößt zu haben scheint? Zu wissen, wefsen
man ihn anklagt, hat am Ende Jeder das Recht;
der Freund dem Freunde gegenüber hat es doppelt.
Ich erwarte Sie noch heute. Ich will nicht noch ein-
mal die Nacht mit dem guälenden Gedanken hinbrin
gen, daß der Freund, den ich mir so sicher verbunden
glaubte, mir verloren gehen könnte. Kommen Sie zu
mir, ich rechne fest darauf.?
Hulda hatte erwartet, daß es mur der Aufforde-
runng bedürfen, und daß Lelio sogleich bei ihr erschei-
nen würde. Indeß er ließ den Morgen, ließ den
Mittag auch vergehen, als wolle er sie es ganz ewd-
schieden fühlen machen, daß ihr Verhältniß zu ein-
ander nicht mehr das bidherige sei; und es war schon
spät am Rachmittage, als er sich endlich bei ihr mel-
den ließ.

as
,Ich habe angestanden, zu Ihnen zu kommen,!
sagte er, ,um mir und Ihnen eine Unterredung zu
ersparen, die für Ieden von uns sein Trauriges hat.
Sie wissen, Hulda, wie wertb Sie mir gewesen sind;
wie es mich gefreut hat, zu Ihnen ein Verhältniß zu
haben, daß ohne den Schatten einer begehrlichen Her-
zensneigung doch so herzlich gewesen ist; und wie ich
Ihnen und Ihrer Wahrhaftigkeit in der That mehr
als mir selbst vertraut habe.
,Aber was ist denn geschehen? fiel ihm Hulda
ein. ,Was ist denn anders gewworden? Glauben
Sie mir denn jetzt nicht mehr? Und was habe ich
denn begangen, daß Sie mir nicht mehr glauben
dürften?
Er gab ihr darauf keine beftimmrte Antwort. Er
hatte sich zu ihr auf bas Sopha gesezt und das
Haupt nachdenklich auf den Arm gestüzt. ,Ich mache
Ihnen keinen Vorwurf aus Ihrem Thun!? hub er
nach wenig Augenblicken an. ,Ich bin kein Moralist,
habe selbst im Leben viel gefehlt, geirrt, die Leiden-
schaft in allen ihren Gestalten kennnen gelernnt und
weiß genau, wie wenig es die Reichen, die Vorneh-
men, die Mächtigen und Welterfahrenen kostet, die
Uperfahrenheit nach ihrem Belieben zu umstricken.?
,Aber wie kommnuen Sie darauf? rief Hulda
noch einmal, ,oder weshalb sagen Sie mir das
Alez? Was soll die Vorrede, die mir doch Gutes
nicht verkündet?-
Sie hielt inne Er bliche ihr finster in das
Gesicht. ,Sehen Sie, rief er, ,as ist es, was ich

s
Ihnen nicht verzeihen, nicht vergeben kamn, wodurch
Sie mir geradezu mnheimlich gewworden sind: diese
dreiste Unwahrheit mit dem Anscheine der reinsten
Unschuld. Das hat etwas so Dämonisches, etwwas
so ==
,Selio ,? rief Hulda, ,was soll das heißen?
Wann habe ich Sie getäuscht? Wer wagt es, mich
einer Lüge anzuklagen? Hat Lippow das gethann, so
ist er es, der Sie getäuscht, der Sie betrogen mnd
sich an mir versündigt hat; und Sie haben ein schweres
Unrecht an mir begangen, wenn Sie dieses Mannues
Worten glaubten.!
,Ich spreche nicht davon,! sagte er, ,daß Sie auch
mich in dem Glauben gelassen haben, daß Gabriele
Ihre Mutter sei --
,Habe ich Ihnen, gerade Ihnen nicht oft, nicht
immer von meinen Eltern gesprochen? Habe ich
Ihnen nicht erzählt, wie entsezlich meine arme Mutter
umgekommuen ist?-
,Das haben Sie; -- aber Sie haben jenem
Gerüchte, das Sie in Umlauf setzten, seit Sie zu
uns kmen, niemals, auch gegen mich nicht wider-
sprochen--?
,Weil ich es nicht kannte, weil ich noch heute
nicht verstehe, woher es seinen Ursprung nehmen
konnnte -
,Und doch kannn es Gabrielen eben in ihren
jezigen Verhältnissen ein schweres Unrecht thun! gab
Lelio zu bedenken. ,Aber das ist es nicht aGein. -
Was zwang Sie, mir von Ihrem Leben in dem gräf-

K
lichen Schlosse, von Ihrer Verbindung mit Baron
Emanuel, mit dem Fürsten Severin zu sprechen?
Was zwwang Sie, Verhältnisse zu berühren, die Sie
in Ihrer Wahrheit nicht enhüllen konnten? Diese
Freude an der Täuschung, diese Lust, sich auf so ge-
fährlichem Pfade aus reinem Wohlgefallen an der
Unwwahrheit, und in der blinden Zuversicht zu bewegen,
daß Riemand kommen werde, Ihnen das ,Halt!s zu-
zurufen und Sie aus Ihres Gleichgewichtes Sicher-
heit emporzuschrecen; dieses Spielen mit der Wahr-
heit, mit der Gefahr, mit uns! dies kecke, leicht-
finnige Selbstvertrauen -= das ist es, was mich von
Ihnen so entfernt hat, das mich Ihnen nicht mehr
tauen läßt; nicht etwa, daß sich jene Männer Ihre
Jgend und Abhängigkeit zu mutze machen konnten. Wir
sind Alle keine Heiligen, keine Engel! Gabriele war
es nicht, Feodore noch weit weniger; aber sie spielten
nicht die Umnahbaren, sie waren frank und ehrlich.?
Hulda war aufgestanden, ihre innere Aufregung
hatte einer festen Ruhe ßlas gemacht. ,Sie gehen
zu weit, Lelio!r sagte sie bestimmt. ,Es giebt An-
klagen, die ein Freund nicht über seine Lippen bringen
darf, ohne die Freundschaft zur Unmöglichkeit zu
machen; unnd gegen welche sich zu verrheidigen, sich
selber schänden hieße. Sie haben Michael Lippow an-
gehört - Sie glauben seinen Worten und nicht mir.
Ich kann also Nichts thun, als eben schweigen; und
RA?Re

a
wenig andere Menschen lieb gehabt, besser von ihr
gedacht, sie höher gehalten als irgend eine der Franen,
mit welchen er in seinem Bühnenleben bekannt ge-
worden war; und ihre sittliche Entrüstung, ihre maß-
volle Fassung, sowie der reine weibliche Ausdruck ihres
ganzen Wesens, weckten sein Gewissen auf, Er fing zu
fürchten an, daß er zu weit gegangen sei, daß er ihr
Mnrecht gethan, falscher Verdächtigung leichtsinnig
nachgegeben haben kömne. Das beschämte ihn, und
feine Seele war nicht freimüthig gennng, sich eines
Irrthumes offen anzuklagen, nicht groß genng, das
Mißempfinden, welches ihn überkam, Derjenigen nicht
zur Last zu legen, die es ihm, freilich ohne ihr Ver-
schulden, hervorgerufen hatte. Trozdem wünschte er
einzulenken, den Weg einer Versöhnung zu versuchen.
Indeß statt ihn entschlossen gradeaus zu gehen, ver-
suchte er es mit einem Seitenpfade, und meinte
schmollend: ,Hätten Sie mir je auch mur mit Einem
Worte davon gesprochen, daß Sie Lippow kannten!?
,Wußte ich denn, daß dieser Lippow des Fürsten
früherer Kammerdiener sei? Und wie sollte ich es
wissen, da er selber lauter Märchen über seine Kind-
heit und Jugend in Umlauf sezt, da die Zeitungen,
wenn sie von ihm sprachen, sich jenen Märchen an-
beguemtten? Oder was hätte mich bewegen sollen,
Ihnen von einem Menschen noch besonderd zu er-
zählen, an den mich nicht mehr zu erinnern, mir ein
Bedürfniß war?
Lelio hatte ihr dagegen Richts zu sagen, sie
schwwiegen Beide; er hätte sie eigentlich verlassen müssen, -

a7o
und komnte sich nicht dazu entschließen. Er sah die
müde Gleichgiltigkeit in Ihren Mienen, in ihrer Hal-
tunng, mnd sie rührte ihn mehr als alle ihre Worte.
,So kamnn ich Sie doch nicht verlassen? rief er
endlich aus. Sie antwwortete ihm nicht. Er fing an,
sich zu erklären, das Gewebe der Verleumdungen auf-
zudecken, welche Michael gegen Hulda in Umlauf ge-
setzt hatte; und so widtig es ihr war, sie vertheidigte
sich dagegen mnwillkärlich.
Sie kamen auf diese Weise einander wieder näher,
sie meinten endlich, sich verständigt, sich mit einander
ausgesöhnt zu haben. Lelio schlug ihr vor, sie auf
einen Spaziergang zu begleiten, und sie nahm e ann,
denn das war oft geschehen. Sie sehnte sich, die heiße
Stirne in der Abendkühle zu erfrischen. Sie gingen
neben einander wie sonst auch; und Hulda fühlte sich
doch wer weiß wie fern von ihm. Sie sprachen mit
einander und hatten sich nichts Rechtes mehr zu
ar.arrEdd
war vorbeil
Als sie heimkehrend, vor Hulda's Thüre stan-
den, gab ihr Lelio die Hand. ,Söschen Sie die letzten
Tage und die lezten Stunden aus Ihrem Gedächt-
nisse aus,? bat er, ,und denken Sie nicht schlecht von
mir. Wir Männner taugen Alle nicht viel; aber die
Frauen tragen die Schuld daran, wenn wir nicht gut
genug von ihnen denken.?
,Beim Theater mag das wohl sein!! gab Hulda

80
zu. Er meinte, die Welt sei ziemlich äberall dieselbe;
fie sei nirgendwo ein Paradies.
,Es gieht doch Sphären, in denen man leichter
lebt und in reinerer Luft athmetlk wendete fie ein.
,Sie denken an die schöne Fürstin und an das
Ernelfix,! entgegnete er, denn sie hatte ihm zu ihrer
Rechtfertigung davon erzählt; ,aber kennen Sie die
Erfahrungen, welche in jenen höchsten Regionen Män
ner und Frauen an einander machen? Man hat auch
fie nicht zu beneiden.r
Sie schieden einfilbig und gedrückten Sinnes, mit
Verabredungen für die nächfte Probe. Sie hatten
nur noch ein paarmal mit einander zu spielen, dann
ginng Lelio auf seine Reise mnnd zu seinem Gastspiele
mit Michael. Es war allen beiden lieb, daß die
Reise mnd die Trennung nahe waren.

Kapitel 27

Hielenundzwanzgstes Gapitel
Lelio's Urlaub war ihm für sechs Wochen zuge-
sichert. Das Repertoire wuurde dadurch beschränkt, und
der Direktor hatte beizeiten Sorge dafür getragen,
seinem Publikum während dessen einen nenen Anreiz
zum Besuch des Theaterd zu bieten.
Die Vaauudevilles waren durch die, an verschiedenen
Orten entstandenen Sommmuertheater in Aufnahme ge-
kommnenn, unnd auf einem dieser Sommertheater hatte
ein junnges Franenzimmer, das die Soubretten spielte,
durch ihren kecen, bis an die äußerste Grenze des,Er-
laubten gehenden Nebermruth, durch ihre gewagten Im-
promptus, besonders aber durch ihre Reize viel von
sich sprechen machen; mnd nicht eben wählerisch, wenn
es den Geldewerb betraf, hatte Direktor Holm die
kleine schwarzköpfige Toska zum Gastspiel bei seiner
Bühne eingeladen.
Man konnte sie nicht sehen, ohne zu lachen, dennu
sie sah wie das Mensch gewwordene Lachen aus, und
wenn sie selber lachte, war ihr nicht zu widerstehen.
Die Einen hielten sie für eine Jüdin, die Anderen

8
behauupteten, sie sei die Tochter einer Zigemnuerin mnd
eines Franzosen. Sie war sehr brünett, Richts an ihr
war eigentlich schön, nicht einmal ihr Ganug; selbst in
diesen wnßte ßie jedoch eine Originalität z legen, mnd
Alles an ihr war verlockend. Ebenso verhielt es sich
mit ihrem Talente. Mamu hätte sagen mögen, es sei
keine Spur von Kunft in ihr, hätte sie nicht die Kunft
besefsen, fich mnd ihre natürlichen Rege beständig in
das beste Licht z setzen, jede Rolle diesem Zwwecke
dienstbar zu machen, mnd sozusagen jedem einzelnen
Mamnne, der im Theater war, den Glauben einzuflößen,
ihre Angen fuchten ihn und fie spiele für ihn allein.
Sie war Komödiantin in jedem Angenblick, im
Verkehr mit Anderen wie auf der Bühne, und eben
dadurch immer mur sie selbst, imwmuer nur bemüht die
Mdännner zu gewwimnen und Aufsehen zu erregen, gleich-
viel nm welchen Prei. Sie war noch keine drei bis
viee Tage in der Stadt, als schon .Anekdoten über
Enekdoten von ihr im Umlauuf waren. Da fie nie
anders als an der allgemeinen Tafel des Gafthofes
speiste, hatte der Gaftwirth großen Zspruch; mnd lachend
mnd Champagner trinkend, und mit Jedem, der e
wünschte, frei verkehrend, hatte fie nach wenig Tagen
aAraR err rraa
sonders umu ihre Gunst bemühten, und sich, wenmn
immer möglich, auch den Anfchein gaben, nicht ver-
geben um dieselbe z werben.
Der Gastwirch mnd die Kellner, die Schauspieler
selber, der Direktor nicht zm mindesten, waren von -

888
ihrer rücksichtslosen und lebendigen Keckheit einge-
nommen und bezaubert. Alles ging nach ihrem Willen,
kanzte nach dem Takte, den sie anschlug. Weil sie
selber rastlos und im Vergnügen unermüdlich war,
gerieth die Männerwelt, so weit sie irgendwie mit dem
Theater zusammmenhing, durch sie in einen Taumel
von Belustigungen. Ohne ein lautes, lärmendes Racht-
essen durfte fast kein Abend ihr vergehen, und wie sie
nur erst einen festen Fuß in dem neuen Bereiche ge-
faßt, und die Verhältnisse des Ortes und der Men-
schen halbwegs hatte kennen lernen, war auch auf der
Bühne der tollen Einfälle, in denen sie sich erging,
kein Ende mehr, und das Lachen und der Beifall der
Hörer immer neu.
Freilich wehrten sich die Besonneneren und die
wirklichen Freunde derdramatischen Kunst, gegen Toska's
ungewohnte mnd zügellose Willkür, mnnd die Frauen
tadelten die Dreistigkeit des jungen Zrauenzimmers,
dem der Ruf der Sittenlosigkeit vorangegangen war;
aber hinter welchen Verwahrungen sie sich auch ver-
schanzten, sie fehlten trotzdem im Theater nicht, und
selbst die ernstere Kritik fand Mittel und Wege, sich
vor sich selber zu rechtfertigen, wo es ihr darauf an-.
kam, sich wie die Anderen zu erlustigen.
Hulda's sittlicher und känstlerischer Idealismmus
fanden sich von diesem Treiben schwer beleidigt. Sie
hatte dessen gegen ihre alten Bekannten und Freunde
keinen Hehl. Sie verbarg es auch weder ihren Kol-
legen noch dem Direktor, daß ihr die Bühne wie ent-
weiht erscheine, wenn dieselbe, wäre es auch in der

L8e
Posse, sich den niedrigsten Reigungen des Publikums
in solcher Weise diensthar mache.
Der Doktor, der in seinen Jahren und bei seiner h
wirklichen Bildung an den Lazzi und an den Extem- -
pores, in denen Toska sich überbot, auch kein Wohl-
gefallen fand, stimmte ihr bei; aber Hochbrecht gab ihr
in einem der nächsten Artikel, die er schrieb, sehr un-
zweideutig zu verstehen, daß er ihre Ansicht keineswegs
theile. Er sagte, die Schauspieler hätten durch die
Pedanterie der Hoftheater und durch die lebensläng-
lichen Anstellungen der Künstler, welche denselben die
träge Sicherheit der Beamten verliehen, die Frische
und das Leben eingebüßt. Es sei an der Zeit, daß
sie sich neu belebten, daß sie nicht zwwanzig, dreißig
Jahre lang immer nur die auswendig gelernten Phrasen
und Verse mit dem einmal festgestellten Tone und der
einftudirten Miene vor dem Publikum abhaspelten. Es
mrüsse Selbstständigkeit, es müsse Freiheit für den
Künstler neu geschaffen werden. Ja er verstieg sich
sogar zu der Behauptung, der Schauspieler müsse ge-
wissermaßen, wie auf dem altitalienischen Theater, mnnd
wie noch bis zu Lessing's Zeit in Deutschland, nach
einem festgestellten Entwurfe in freier Gemeinsamkeit
mit seinen Kollegen das Schauspiel jeden Abend neu
erschaffen. Wenn er dabei noch an jedem Abende das
- Ereigniß des Tages in seine Improvisation hineinzu-
ziehen wisse, so sei das die wahre und richtige Ver-
mittlung des Lebens mit der dramatischen Funst; und
die reizende, an jedem Abende neue Toska, sei der Ge-
nius, welcher dieser nothwendigen Erneuerung der

s
H85
Schauspielkunst, in ihren Leistungen zuerst den Weg
gewiesen mnd gebahnt habe.
Es half Nichts, daß Einzelne daran mahnten, in
welchem Zustande der Verwilderung Lessing und die
Neuberin das deutsche Theater angetroffen hätten, daß
der Doktor es mündlich und schriftlich in Erinnerung
brachte, welch großer Genüsse man eben erst durch die
wohldurchgebildete Aufführung der klassischen Meister-
werke theilhaftig geworden sei. Die Einwendung rief
den Widerspruch nur lebhafter hervor. Die Theorie,
welche zum Besten der einen Person gepredigt wurde,
fand Gläubige, wie jede solche Theorie. Sie wurde
von allen Denen schnell zur Doktrin erhoben, die unter
dem Zauber dieser Einen standen; denn Sinnlichkeit
und Halbbildung müssen ihrer Natur nach immer neue,
immner stärkere Reizmittel für ihre Unterhaltung haben,
und Toska bot sie ihnen bald auf Hulda's eigene
Kosten dar.
Sie fühlte sich in den ihr fremden Bühnewwer-
hältnissen, mit raschem Scharfblicke, schon wenige Tage
nach ihrem ersten Auftreten wie zu Hause. Sie kannte,
Dank den Männern, mit denen sie verkehrte, alle
Privatverhältnisse der Schauspieler; und die Delmar
und ihr Anhang hatten nicht angestanden, der viel-
gesprächigen Soubrette Antwort auf alle die zahlreichen
Kragen zu geben, die sie unter dem Anscheine kindi-
scher Neugier, in zudringlicher Weise sehr geschickt zu
stellen wußte. Eine Künstlerin wie Hulda muußte ihr
TLh? =- -

W8s
nicht des Neides' sein; denn eine reine Schönheit, wie
diese sie besaß, war für Toska geradezu vernichtend-
und es gefiel ihr in der reichen, lebenslustigen Stadt.
Das geschlossene Schauspielhaus behagte ihr doch besser
als das Spielen unter freiem Himmel, und die Ga
lanterien des in solchen Fällen nicht kleinlich kargenden
Direktors, die Freigebigkeiten der Männer von Hoch-
brecht's und von Philibert's Art, waren sehr nach ihrem
Sinne und Geschmacke.
Sie hatte sich Hulda, als sie Beide an einem -
Tage in der Probe, wenn auch in verschiedenen Stücken
zu thun hatten, mit anscheinender Unterordmung gee
nähert, mnd war kühl zurückgewiesen worden. Sie er-
fuhr bald nachher, wie Hulda sich über sie und über
das Genre geäußert hatte, das sie in gewissem Sinne
ganz allein vertrat; und sie nahm sich damn auch ihrer-
seits, wie sie sich scherzend ausdrückte, die demüthige
Freiheit, vor der Langweiligkeit der klassischen Dichtung,
und vor der lähmenden Erhabenheit ihrer Darsteller,
in schläfrige Bewunderung zu versinken.
Hulda trat eben in den Tagen wieder einmal in
den ,Geschwisternr von Goethe auf. Die Marianne
war eine ihrer ersten und eine ihrer Lieblingsrollen ge-
wesen. Der Regisseur spielte den Brnder, der Direk-
tor den Fabriee. Die Vorstellung war eine vollendete;
sie hatte jedesmal sich großen Beifalles erfrent, war
immer sehr besucht gewwesen. Man gab die Geschwister,
wie zumueist, nach einem anderen gerne gesehenen Luft-
spiele; aber das Haus war beiweitem nicht so gefüllt
als sonst, und wie liebevoll sich Hulda auch dieEmal

88
wieder an die unschuldsvolle keine Rolle hingab, wollte
die sanfte Poesie nicht die gewohnte Wirkung auf die
Hörer machen. Man war an schärfere, an erregendere
Kost gewöhnt, man hörte ohne rechten Antheil, ohne
ein Zeichen der Theilnahme zu. Das machte den Di-
rektor verdrießlich, auch der Regisseur wünschte das
Ende herbei. Er hastete sich in den Scenen mit
Mariamne; die in sich versunkene, still begnügte Inig-
keit derselben, die Hulda mit Vorliebe auszudrücken
gewohnt war, bekam dieser Hast gegenüber etwas Lang-
sames und Schleppendes. Sie fühlte das, konnte aber
doch den Ton nicht plözlich ändern, und man war bis
zu der vorletzten Scene des kleinen Schauspieles ge-
angt, als plötzlich Toska in die TheaterEoge eintrat
und mit möglichstem Geräusche den vorderen Eckplatz
einnahm.
Aller Augen richteten sich auf sie, da fie sie förm-
lich dazu zwang. Hulda hatte das unbewwußte Geständ-
niß ihrer Liebe für Wilhelm unter lauter Störungen
zu machen, und wie sie voll tiefer Empfindung endlich
die Worte aussprach: ,Es hat dich Niemand so lieb
wie ich! Es kann dich Niemand so lieb haben!! gähnte
Toska so laut auf, daß man es in dem ganzen Hause
hörte.
Ein paar Stimmen zischten, die große Mehrzahl
lachte. Man blickte nach Toska hinauf, sie hielt sich
wie ein Kind, das Strafe fürchtet, die Hände vor das
Geficht, das machte auf's Neue lachen. Das Ende
der Vorstellung wurde kaum beachtet, bis, da der Vor-

L88
hang niederfiel, einige Hände sich in Bewegung sezten,
um aus Achtung vor der Künstlerin das Beifalls-
zeichen zu geben. Es fiel karg aus, denn die Männer
drängten sich schon nach dem Ausgange, um der Ruhe-
störerin noch zu begegnen.
Hulda wäre lieber gar nicht mehr hinausgetreten,
ihre Partner bestanden jedoch darauf, daß man sich
dies Almosen gefallen lassen müsse, und sie erschienen
noch einmal.
Kaum aber war der Vorhang niedergefallen, als
sie, noch zitternd vor Zorn über die ihr widerfahrene
Beleidigung, dem Direktor, der an ihrer Seite stand,
bestimmt erklärte: sie werde den Fuß nicht auf die
Bühne setzen, so lange Toska bei derselben thätig, unnd
so lange sie also vor den Ungezogenheiten derselben
nicht gesichert sei.
Der Direktor, der die Unschicklichkeit des Vor-
ganges natürlich nicht wegleugnen konnte, nahm ihn
dennoch leicht. Er versuchte, die Bedeutung desselben
abzuschwächen; er sagte, es sei eben die Toska, der
man viel nachzusehen gewohnt sei.
,Im Sommertheater!r fuhr Hulda gegen ihre
sonstige Weise heftig auf, ,und vor dem Publikum der
Schenke, das glücklicherweise nicht das meine ist.?
Der Direktor wollte ihre Heftigkeit nicht auf-
kommen lassen. Er hoffte, sie mit Einem Schlage
rasch zurückweisen zu können. ,Kann ich dafür,?
sagte er, ,daß Ihr Publikum in die Toska wie
vernarrt ist? Es kann ja auch nicht allen Bäumen

8
eine Rinde wachsen, mnnd jedes Thierl hat sein
Mamnierll?
,Das ist aber nicht Manier,k rief Hulda, welche
dieser leichtfertige Ton des Direktors vollends kränkte,
,das ist Unmanier und eine beleidigende Frechheit,
gegenn die ich mich zu schüzen habe, und zu schützen
wissen werder!
Der Direktor zckte die Schultern. Er dachte
aber doch einzulenken. ,der alte Fehler der Helden-
spielerinnen,? scherzte er, ,das große Pathos bei ge-
ringem Anlasse! Welch eine Verschwendung IhrerMittel,
meine Beste! Die Toska ist ein toller, kleiner Narr,
den man ernsthaft gar nicht nehmen darf, Sie macht
uns volle Häuser - und es kommnut ja auch an Sie
die Reihe wieder.
Die Wangen glühten ihr noch vor Zorn, als sie
in ihre Wohnung kam. Sie warf den Hut und die
seidene Mantille achtlos auf den ersten besten Stuhl,
die langen Handschuhe und die Mousseline-Pellerine,
die sie bei dem kurzärmligen und ausgeschnittenen
Kleide getragen hatte, auf einen der Tische. Sie muußte
Luft schöpfen, sich abkühlen; sie war aufgeregt bis zur
Haltlosigkeit.
Beate brachte ihr den Thee und das Rachtessen,
sje schob es gleichgültig zur Seite. Auf die Frage
der Dienstbeflissenen, ob Hulda sich nicht wohl befinde,
erhielt sie eine kurze zurückwweisende Antwwwort.
,Sie werden doch Alle sammnut mnd sonders lau-
nenhaft, wenn sie emporgekommnen find!k dachte Beate
und ging ihres Weges.

K0
Hulda war froh, als sie sich entfernt hatte, aber
auch das Mlleinsein war isr unerträglich. Sie hätte
einen Menschen haben mögen, dem sie ihren Wider-
willen gegen die Toska, ihren Zorn über die erfahrene
Beleidigung, ihren Abscheu vor den niedrigen Possen
aussprechen konnte, an denen das Publikum mit einem-
male Gefallen fand; und wie sie in ihrer Aufregunng
unrhig bald an das Fenfter trat, die Luft der warmen
Herbftnacht einzathmen, bald durch das Zimmmuer ging;
fielen beim Vorüberkommen an dem Spiegel, ihre
Augen auf das Krenz, das sie an ihrem Halse trug.
,Wenn Glarisse es wüßte, daß ich mit solcher
Niedrigkeit zu kämpfen habe!? rlef sie aus, mnd es
war ihr, als dürfe sie das kleine Kreuz nicht tragen,
als werde es an ihrem Halse entweiht.
Ihre Gedanken wanderten hin und her. Sie
wollte den Augenblick überkommmuen, sich forthelfen über
den bitteren Mißmnuth, der sie plagte, und gerieth da-
durch in weit entfernte Zeiten zu der Erinnerunng an
Zftände zurüc, welche ihr die jezige kage noch wider-
wärtiger erscheinen machten.
Sie überlegte, was sie zu thun habe, wenn der-
Direktor in den nächsten Tagen ihr Auftreten verlange,
mnd sah voraus, daß es zu einem Zusammenstoße
führen würde, in welchem sie nicht nachzugeben dachte.
Aber es that ihr leid, daß Lelio nicht da war, daß
Niemand da war, der, erfahrener als sie selbst, ihr
mit seinem Rathe beistehen konnte; mnd sie seze sich
eben nieder, dem Doktor zu schreiben, daß sie ihn am
nächsten Morgen früh zu sprechen wünschte, als Fra

1
Rosen ihr meldete. Philibert sei gekommuen und bitte
ihr noch aufwarden zu dürfen.
,Ich soll doch sagen, daß Sie nicht zu sprechen
sind? sezte sie aus freiem Antriebe hinzu, denn Hulda
hatte sonst nach dem Theater nie mehr den Besuch
eines Manmues angenommen.
,Rein! lassen Sie ihn eintreten. Sagen Sie, er
wäre mir willkommnen!k antwortete ihr Halda; denn
es war ihr eine Wohlthat, daß sie mit ihrem Zorne
und Widerwillen nicht mehr allein zu bleiben brauchte,
daß sie Jemanden fand, der mitangesehen hatte, was
ihr geboten worden war, daß sie sich beklagen, daß sie
zu Jemandem sprechen konnte. Alles Andere trat vor
dem Verlangen in den Hintergrund, konnte und mwußte
darüber vergessen werden.
Rasch, mit einer zuversichtlichen Lebhaftigkeit, die
sie ihm nie gezeigt hatte, trat fie ihrem Gaste ent-
gegen. Er war, seit sie ihn vor Wochen abgewiesen
hatte, nicht wieder bei ihr gewesen, und nie zuvor zu
solcher Stunde. Auch entschuldigte er sein Komummuen
mit der Sorge, die er um sie gefühlt habe. Er be-
trug sich überhaupt gemefsen und mit Zurückhaltung.
Er sei empört gewesen, sagte er, über die Un-
gezogenheit der Toska, empört gegen das Publikum,
das sie nicht energischer zurechtgewwiesen, Hnlda nicht
lebhafter dafür entschädigt habe. Jedes seiner Worte
war für Hulda ein Labsal. Er kam ihr wirklich wie
ein Befreier vor, wie eine Stüze in ihrer haltlosen
Empörung. Er hatte sie nie in solcher Erregnng gen

L
sehen; sie war wie mmgewandelt, er kannte sie, ja
selbst ihre Zimmer kamnte er heut kaum wieder.
Die Sachen lagen noch umher, wie sie dieselben
bei ihrem Eintritte von sich geworfen hatte. Das Thee-
geräth und ihr Abendbrod, von dem fie im Umher-,
gehen einige Bissen genossen hatte, standen mngeordnet
auf dem Tische; und während sie sonst in ihrer Klei-
dung äuserst streng und sorgsam war, schien fie es
vergessen zu haben, daß sie mit entblößten Armen, die
Schulterw mnd den Busen frei und offen, dem Gaste
gegenüber saß.
Er war froh, daß er gekommen war, und sehr
befriedigt von seiner richtigen Berechnung, die ihn an-
getrieben hatte, eben heute und eben jetzt sie wieder
einmal aufzusuchen.
Er ließ sie nicht nur sprechen, er forderte sie dazu
auf, ihm ihr Herz ganz auszuschütten, sich über das
Publikum, über den Direktor zu beklagen. Sie sah
sehr schön aus mit den heißen Wangen, die der Zorn
geröthet hatte, mit den flammenden Augen, in denen
die Thränen aufqnellen wollten. Er gab ihr Recht .
in Allem, auch in dem Vorhaben, dem Direktor Troz
zu bieten.
,Sie müsfen eben in diesem Falle auf sich halten!r
sagte er. ,Eine Künstlerin wie Sie, hat dem Di-
rektor ihre Bedingungen vorzuschreiben, denn sie darf
gewwiß sein, Alles- durchzusezen, was sie will.?
,Durchsezen!r rief Hulda, ,und Sie haben es
eben erst erfahren, wie mich das Publikum im Stich
gelaßen hat!?
s

H9
,Das Publikum! Ja! Theuerste, wenn Sie sich
auf das Publikum, auf das große Publikum verlassen
wollen, freilich, dann sind Sie verlassen. Aber man
muß wie Sie aus tiefer Einsamkeit zur Bühne kommnen,
um an das Publikum zu glauben; an diese stumpfe.
einsichtslose Masse, die müde von des Tages Arbeit
in das Theater kommt, um sich von ihrer Gedanken-
losigkeit erlösen, in den Verdauungsstunden vor dem
ungesunden Einschlafen bewahren zu lassen, und das
aus seiner Stumpfheit erst selbstzufrieden aufschreckt,
wenn ein paar wirkliche Kenner und Freunde der
Kunst ihm das Zeichen geben, daß es sich über etwwas
Wohlgelungenes, über eine außerordemliche Leistung
jetzt einmmal zu freuen, und sich für eine solche zu be-
danken habe.
,Das ist wahr und niederschlagend!! meinte Hulda,
die in ihrer augenblicklichen Verstimmung sehr geneigt
war, seinen Worten zu glauben und ihre eigenen befse-
ren Erfahrungen daranzugeben.
,Ndiederschlagend krineswegs!r entgegnete ihr Phi-
libert. ,Ist es Ihnen denn, wie dieser Toska, etwa
darumm zu thun, die Bewunderung der Rohheit und
der Unkultur, und diese sizt auch vielfach in den
höchstbezahlten ßlätzen, einstimmig zu gewinnen? =
Genügt es Ihnen nicht, wenn eine kleine ausgewählte
Freundesschaar Ihnen ihre höchsten künstlerischen Ein-
drücke verdankt? Wenn die bewundernden Augen eines
Freundes Ihnen in jeder Ihrer Bewwegungen folgen,
wenn jede Ihrer Mienen verstanden, wenn jeder leise

We
Ton in Ihter Stimmue im Herzen nachemupfunden
wirhF
,Oh!k rief Hulda mnd die Erinnerunng an manw-
chen schönen Abend erwwärmrte ihr das Herz, ,Sie
wissen es ja selber, mit welcer Liebe mnd Begeifternnng
ich zumn Theater kam; wie ftohh, wie gläcklich ich mwich
fühlte, wenn ich mir sagen durfte, daß die Auufgabe
sich mir fügte und mir wohl gelang; wenn ih es sah,
daß man mit mir zufrieden war.?
,Und hat unsere Theilnahme Ihnen dennn gefehlt,
solange Sie einen Werth darauf legten fiel Phili-
ber ein. ,Haben Ihre Freunde nicht immer das
Publikum, wie es sich gebührt, geleitet?
,Ich habe das auch stets mit Dank erkannt!
betheuerte ihm Hulda.
,Dank!r wiederholte er, ,Dauk! Wir danken
einem Vorübergehenden, der uns aufmerkHam macht,
daß wir unser Taschentuch verlieren; und danken dem
Menschen, der uns im Versinken hilfreich seine trene,
feste Hand reicht. Ihr Dank, schöne Freundink,
er hatte sich auf dem Sopha, auf dem er neben ihr
saß, zu ihr hinübergeneigt und ihren Arm ergriffen,
den er in seiner heißen Hand hielt, wie an dem Tage,
, da sie sich, beleidigt durch seine Dreistigkeit, von ihm
zurückgezogen hatte, ,Ihr Dank, theuerste Freundin, war
meist von erster Art und kalt gemug. Sie dürfen es
uns aber wahrlich nicht verargen, wennn uns Ihnen
gegenüber endlich auch nach wärmeren Ausdruck Ihres
Dankes gelüstet. Selbst die alten Ritter, die Jabr
um Jahr in verschwiegener Liebe ihrer Herzenskönigin

8
dienten, und über Land und Meere zogen auf ihrer
Augen Wink, dienten doch auch nicht ohne Hoffnung
auf den Minnesold. Ohne Freunde, die zu ihr stehen,
auf die sie rechnen kann, setzt keine Künstlerin sich
bei der Bühne durch. Warum verschmähen Sie un-
seren Beistand? Haben Sie es doch schon lange er-
fahren, wie wenig es Sie kosten würde, mich durch
Feuer nnd Wasser für Sie gehen zu machen!
Er war so nahe an sie herangerückt, daß sie seinen
Athem auf ihren Schultern spürte; das Herz klopfte
ihr, daß sie es in den Schläfen fühlte, und sie bereute
es, ihn angenommen und zu solcher Stunde ange-
nommmen zu haben. Aber sie wagte es nicht, ihm ihre
Hand zu entziehen, denn er hatte Recht = sie brauchte
ihn. Sie brauchte Freunde, die zu ihr standen in der
Krisis, die ihr drohte; Freunde von seinem Einflusse
und von seinen Mitteln. Sie durfte ihn nicht zumm
zweitenmale von sich weisen wie an jenem Morgen.
Er errieth offenbar, was in ihrer Seele vorging,
und gab fie selber frei. Sie athmete wieder auf mnd
konnte mit ihm von ihrem Vorhaben sprechen, nicht
wieder aufzutreten, wenn die Toska im Theater sei.
Er bestärkte sie darin und erbot sich, gleich am näch-
sten Morgen es zu veranlassen, daß man in der Zei-
tung der Ruhestörerin die verdiente Zurechtwweisung
ertheile. Sie dankte ihm dafür im Voraus.
Als sie sich damn erhob und er ihr folgte, be-
merkte er, daß ihr Abendbrod noch auf dem Tische
stand, mnnd wunderte sich, daß sie so wenig davon ge-
nossen hatte. ,Alber,! scherzte er, ,mir kommt das zu

Hs
Gute, wenden Sie es mir zu; ich kam geraden Weges
vom Theater her, und daß ich es Ihnen gestehe, ich
bin wirklich hungrig.!
Sie machte ihm ein paar Butterschnitten zurecht,
er rückhe den Stuhl heran, und wie sie neben ihm
Plaz nahm und er sich im Zimmer umsah, als suche
er Etwas, bot sie ihm in natürlicher Gastfreiheit ein
Gluu Wein an, und holte es herbei
Inzwischen war auch ihre Eßlust rege geworden,
und da er sich fröhlich gab, wurde sie es allmälig
auch, denn ihre Jugend machte sie noch leicht im Augen-
blick den Augenblick vergessen. Sie brachte Früchte
und Backwperk aus dem Rebenzimmer, er trug ihr das
Licht dabei Sie fand ihn angenehmer als je zuvor, sie
war nahe daran, zu glauben, daß sie ihm damald
Unrecht gethan haben könne, als sie für Sinnlichkeit
genommen, was vielleicht nichts als spielende Galanterie
gewesen sei
Draußen schlug es Elf vom Thurme. Philiber
entschuldigte sich, daß er sie so lange belästigt habe.
Sie sagte, sie wisse ihm den heutigen Abend recht von
Herzen Dank, er habe ihr über ein paar schwere
Stunden leicht hinwweggeholfen.
,Sie wissen gar nicht,! entgegnete er, ,wwie
glücklich mich es macht, endlich einmal mit Ihnen im
tsts-4»tsts soupirt zu haben. Morgen sende ich Ihnen
eine keine Provision her, damit wir in einem ähn-
lichen gläcklichen Falle uns nicht so karg behelfen
müssen, denn Ihr Weiwworrath war sehr gering.!

zs
s schoß wie ein grelles Licht durch Hulda's
Augen. Sie fühlte die Uwvorsichtigkeit, die sie bo-
gangen hatte, und dankte ihm für sein Anerbieten,
das sie nicht benützen möge.
,Aber wozu denn Umstände mit mir?? rief er,
ajezt, da wir auf so gutem Wege sind?
Er nahm Hut und Handschuhe, sie wußte nicht,
was sie sagen solle; zum erstenmale verließ sie ihre
Geistesgegenwart. Er reichte ihr die Hand sie ver-
neigte sich wie gegen einen Fremden, und sich endlich
zusammennehmend, sagte sie: ,Ich bitte Sie, lieber
Freund! kommen Sie zu mir nicht wieder um diese
Stundel?
Er lachte hell und fröhlich auf.
,Ich bitte Sie wirklich darum!! wiederholte sie,
,und ich rechne darauf, daß Sie mir diese Bitte erfüllen.?
,Komödie und kein Ende!r rief er, ,aber ich bin
es auch so zufrieden. Ich nehme diesen reizenden
Abend als den ersten Minnesold, und spiele fortan
mit Ihnen, welche Rolle Sie mir immuer auferlegen
--= vorausgesetzt, daß es zu einem guten Schlusse
kommmut. Und damit gute Nacht, schöne Holde! gute
Nacht, lieber Engellr

Kapitel 28

chtundzwanzigsles Gapites
Hulda hatte an dem Abende gegen den Direktor
ihre Reußerungen über die Toska so laut ausgespro-
chen, daß auch Andere sie vernommen hatten. Sie
waren dem ungezogenen neuen Günftlinge des großen
Puhlikums noch an dem nämlichen Abende wiederholt
worden, und man hatte davon gesprochen, ob der
Direktor sich von Hnlda werde trozen lassen, oder ob
er sie zwingen werde, nach seiner Anordnung aufzw
treten, wie der Kontrakt es ihr zur Pflicht machte.
Die Delmar meinte, sie verlange es gar nicht
besser, als daß Hulda ihren Willen durchsetze. Denn
wenn es dieser Einen nachgesehen werde, daß sie nach
Gefallen spiele, so könne mann künftig den Nebrigen
das Gleiche nicht versagen. Sie freilich habe man
nicht gefragt, ob es ihr genehm gewesen sei, in ihren
Rollen gleich wieder aufzutreten, nachdem Feodore die-
selben eben erst gespielt hatte, und sie habe auch ohne-
weiteres ihre Schuldigkeit gethan. Sie habe sich nicht
dadurch anfechten lassen, daß die Anbeter von Feodore
unnd von Hulda, sie um der Beiden willen damals

a8
mit einer Kälte aufgenommen hätten, die von einem
altvertrauten Publikum erdulden zu müssen, viel be-
leidigender gewesen sei, als das Intermezze, welches
der kleine Affe, die Toska, neulich herbeigeführt, mnd
von dem Hulda gar keinen Rachtheil gehabt habe, da
sie gleich danach gerufen worden sei.
Das sprach sich Alles mit der Schnelligkeit herum,
mit welcher Klatschereien, wie Motten flüchtig und
Schaden anrichtend, durch die Gänge und Coulissen
der Theater streifen; und der Regisseur vor allen An
deren gab der Delmar Recht. Sie waren gute Freunde
geworden, seit fie angefangen hattte, fich allmälig auf
das Altentheil zu sezen, und seit die Bequemlichkeit
den alternden Junggesellen dahin gebracht hatte, an
jedem Rachmittage mit ihr den Kaffee zu trinken und
seinePartie Piguet mit ihr zu spielen, ehe man in
das Theater ging.
Die Männer stellten sich überhaupt auf Toska's
Seite, und der Direktor war nicht der Mann, eine
Auflehnung gegen die Theatergesetze und den Kontrakt
zu dulden. Er sezte in dem Repertoire der folgenden
Woche ein größeres Schauspiel und ein kleines Lust-
spiel an, in welchen Hulda mitzuwirken hatte, sezte
die Proben fest und schickte ihr die Rollen zu. Sie sen-
dete sie ihm mit der schriftlich wiederholten Erklärunng
zurück, daß fie nicht spielen werde, wenn die Toska
im Hauuse sei.
Der Direktor wollte und konnte ihr das nicht zu-
gestehen. Doch ließ er sich herbei, ihr in einem Briefe
aauuseinanderzusezen, daß sie Unmögliches verlange, da

00
er einer bei dem Publiknm beliebten Gaftspielerin den
Eintritt in das Theater nicht versagen kömne. Ep
machte sich aber verbindlich dafür, daß Toska keine
Sötörung veranlassen und sich ruhig verhalten werde.
Der Doktor und Hochbrecht legten sich ebenfalls in
das Mittel, und Philibert versicherte, daß sie Nichts
zu besorgen habe, daß sie sich auf ihn verlassen dürfe.
Sie sah es denn auch bald selber ein, daß fie sich
fügen müsse; aber der Weg zur Probe wurde ihr sehr
schwer, und das Lächeln, mit welchem Der und Jener
fie dort begrüßte, machte es ihr nicht leichter.
Der Konflikt zwischen Hulda und der Direktion
war im Publikum bekannt geworden. Man kam an
dem Tage, an welchem Hulda in dem Schauspiele
anfzutreten hatte, in das Theater, sich zu überzeugen,
wie die Sache verlaufen, und was Toska thun werde.
Das Haus war gut besezt, alle Blicke waren auf
die Theaterloge gerichtet, Toska war nicht da. Phili-
bert und die Anhänger von Hulda hatten die ge-
wohnten Plätze eingenommen. Er hatte versprochen,
den Anfang zu machen, und da er klatschte, als sie
auftrat, machte man ihr einen ermuthigenden Em
pfang. Indeß derselbe erfreute sie nicht so wie sonst,
und sie war weniger als sonst an ihre Rolle hin-
gegeben, weil die Scheu vor Toska sie zerstreute.
Trozdem ging der erste Akt sehr gut von statten,
und beim Schlusse desselben thaten Philibert und seine
Freunde ihre Schuldigkeit. Kaum aber war der Vor-
hang wieder aufgezogen worden und Hulda abermals
in die Seene gekommen, als Toska in der Loge er-

4O
schien, und ein kaum zu unterdrückkndes Lachen durch
das ganze Haus ging. Denn sie hatte ihr Haar
kindlich schlicht und glatt geordnet und saß da, die
Hände über die Brust gefaltet, mit der Miene eines
Schulmädchens, das eine Strafe zu verbüßen hat.
Die Aufmerkhamkeit auf das Schauspiel war wie mit
einem Schlage zerstört. Es half nicht, daß der Di-
rektor selber in die Loge ging und Toska nöthigte,
die Loge zu verlassen. Das Publikum war und blieb
zerstreut, Hulda spielte ohne Fassung, und der rau-
schende Beifall, welchen Philibert am Schlusse für sie
zuwege brachte, war viel zu künstlich, um ihr eine
Genugthuung bereiten zu können.
Philibert war alle Tage bei ihr gewesen und sie
hatte sich es gefallen lassen, obschon seine dringliche
Bewerbung und der Anschein von Berechtigung, wel-
chen er jezt in dieselbe legte, ihr mehr als lästig
waren.
Er kam gegen die Abrede auch an diesem Abende
gleich nach dem Theater zu ihr, und der Doktor und
Hochbrecht, denen er es mit Geflissenheit erzählte, daß
er noch zu Hulda gehen wolle, meinten, ihm nach-
kommen zu dürfen, weil man sie zu beruhigen, zu er-
heiiern wünschte. Was konnte fie thun, als ihre Be-
suche annnehmen, da sie Philibert empfangen hatte.
Aber die Absicht, sie zu erheitern, schlug den Män-
nern fehl.
Der Doktor, der es redlich mit ihr meinte, sagte,
sie müsse sich ein Herz fassen, müsse das Leben leichter
kamny Lewal, Die Erlöserin. 1T.

0
nehmen, mit solcher Schwerlebigkeit kommne man auf
der Bühne einmal nicht fort. Sie muässe sich zer-
streuen und aufheitern. Philibert sagte, damit mwüsse
man gleich den Anfang machen, sie solle erlauben,
daß man heute bei ihr zu Racht esse. Sie lehnte es
ab, die Männer redeten dringend zu und immnnner eif-
riger, je lebhafter sie sich dagegen sträubte. Endlich
gab sie nach, und Philibert. eilte hinaus, durch Frau
Rosen, der solche Aufträäge nichts Ungewohntes waren,
ein Abendessen und Champagner von dem nächsten
Speisewirthe herbeischaffen zu lassen.
Die Männer hatten ihre Freude daran, ihren
Willen durchgesezt zu haben, und Hulda überwand
ihr Mißemwpfinden, um ihnen und ihrem guten Willen
nicht undankbar zu scheinen. Sie gewann es über
sich, den wachsenden Frohfinn ihrer Gäste nicht zu
stören, und sie waren nur zu bereit, sich täuschen zu
lassen. Als sie sich spät genng entfernten, war der
Doktor selbft der Ansicht, daß man wohl gethan habe,
Hulda aus sich und ihrer pastorenhaften Sprödigkeit
ein wenig herauszureißen. Leben und leben lafsen,
ohne das gehe es doch einmal nicht.
FFreilich nicht!r rief Hochbrecht. ,Sie macht sich
Feinde und shafft sich keine Freunde. Sie gehört zu
Denen, die man zu ihrem Glücke zwingen muß. Heute
haben wir sie endlich auf den rechten Weg gebracht.
E ist ja immer mur der erste Schritt, vor dem man
T nena

40
ein Liedchen vor sich hin pfeifend. Das that er immer
nur, wenn er recht guten Muthes war.
Hulda hingegen legte sich den Abend sorgewwollen
Herzens nieder. Ihre theatralische Laufbahn fing ihr
sehr schwer zu fallen an. Sie muußte es sich mit
jedem Tage mehr und mehr eingestehen, daß Phili-
bert's Behauptung, eine Bühnenkünstlerin könne sich
nicht allein auf sich verlassen, sie müsse sich eine
Partei und Freunde schaffen, die bereit wären, für sie
einzutreten, sie zu stützen und zu halten, mur allzu
richtig sei Und wen durfte sie für uneigennützig
halten von allen Denen, die sich geneig zeigten, ihr
diesen Dienst zu leisten? Nicht nuur auf der Bühne
sollte sie der Unterhaltung dienen! Jeder, der in ihre
, Nähe kam, wollte von ihr unterhalten sein, machte
Ansprüche an fie - und welche Ansprüche! Mit ihrer
Person, mit Aufopferung ihres Idealismus, ihrer
Sittlichkeit und ihrer Ehre, sollte sie es bezahlen, daß
man ihr den Beifall spendete, den redlich verdient zu
haben, sie sich mit Sebstbewußtsein rühmen durfte.
Ihr graute vor diesem sogenannten Beifall, und sie
mußte ihn doch haben, er war ihr unentbehrlich.
Vergangene Tage taachten, während sie das be-
dachte, vor ihr auf. Sie sah sich wieder an dem
Theetische der guten alten Kenney, sie hörte wieder
die Unterhaltung, die man dort vor der Ankunft von
Gabriele gepflogen hatte, und die sanften Worte der
Nachsicht, mit denen ihr Vater die Bühnenkünstle-
rinnen vertreten hatte. Wie weit entfernt war er
ee:

-.
W04
davon gewesen, vorauszusehen, daß er in jener Stunde
das Wort für seiner Tochter Zukunft führte. Jezt
befand sie sich in jener Ausnahmestellung, die ihr da-
mals und aus der Ferne so verlockend erschienen war.
Jezt huldigten ihr die Männer mit der dreisten Zu-
versicht, früher oder später doch einmal erhört zu
werden, weil ihre Ausnahmestellung sie dieser Art von
Bewerbung preiszugeben schien; und weil man ihr
verziehen haben würde, was man den Frauen in der
wohlgeschüzten Häuslichkeit des Familienlebens nicht
nachzusehen gewohnt ist.
Alles, was damals halb errathen, halb verstanden,
an ihr vorübergegangeu war, das hatte sie jstzt er-
lebt, hatte sie an sich selbst erfahren. Sie kannte die
zitternde Erregung der Leidenschaft, welche das Nach-
fühlen und Durchleben einer großen Rolle in den
überreiten Nerven zurückläßt. Sie hatte erfahren,
was es heißt, sich dem sinnlichen Begehren eines nicht
geliebten Mannes gegenüber behaupten zu mwüssen;
und was war es, das ihr den Muth und die Kraft
gab, sich selbst getreu zu bleiben, wie Glarisse es ver-
tranensvoll erwartet? Ein Traum, ein Schatten, die
Erinnnerung an ein erhofftes und verlorenes Glück.
Sie mußte endlich den Gedanken an Glarisse zu
meiden trachten. Der Hinblick auf das ungetrübte
Dasein der Fürstin, machte sie traurig und verleidete
ihr das eigene Schicksal, das Loos, das sie sich frei,
und gegen den Rath Derjenigen erwählt hatte, die es
gut mit ihr gemeint, wie der Amtmannn und wie der
Pfarrer, dessen junge Gattin nun friedlich und un-

405
angefochten unter dem trauten, alten Dache lebte,
unter dem wohnen zu dürfen, Hulda jetzt oftmals
als ein Segen bedünken wollte.
Es war gut für sie, daß sie nicht zuviel Muße
hatte, ihrem Sinnen nachzuhängen, daß der Tag den
Tag verschlang, und mit den neu einzustudirendenRollen
neue Arbeit an sie herantrat.
Lelio fant sie, als er gegen den Herbst hin von
seinem Gaftspiele wiederkehrte, sehr gedrückt, und selbst
ihre frische und kräftige Gesundheit war durch ihre
trübe Stimmung angegriffen worden.
Sein freundlicher Zuspruch that ihr gut. Die
nenen Stücke, in welchen sie mit ihm zusammen auf-
trat, sagten ihr zu; sie und er errangen in denselben
Beifall, und Philibert that das Seine, ihn mit seinen -
Freunden auf jener Höhe zu erhalten, wie die Schau-
spieler ihn lieben. Aber die Possen der Toska, ihre
Koquetterien und Impromptus, hatten wie eine über-
reizende Kost die Emwppfänglichkeit der Theaterbesucher
abgestumpft; und Hulda und Lelio, deren Bedeutung
in einem feinen Spiele bestand, hatten es zu ihrem
Nachtheile zu erfahren, mit welch ungeahnter Schnel-
ligkeit der mühfam herangebildee Geschmack eines
Publikums irre zu leiten, wie leicht er zu verwildern,
und dem Schönen um des Gemeinen willen, abwendig
zu machen ist.
Man lobte die neuen Stücke, man erkannte an,
daß Lelio und Hulda und alle Mitwirkenden in den-
selben vortrefflich spielten; aber man hatte es kein
Hehl, daß die Toska und die Possen, in denen ße
,es-
. B,
F -
Ts

406
aufgetreten war, nach des Tages ermüdender Arbeit
eine viel erheiterndere Unterhaltung geboten hätten.
Man wollte lachen wie über die Toska, wollte lachend
nach Hause gehen; man wollte wieder Couplets hören,
die man nachsingen konnte. Es fand sich, daß die
Soubrette des Theaters wohl im Stande war, die
kleinen Manöver der Toska nachzuahmen, und der
Direktor fing an, - auf Kosten des Dramas und des
feinen Lustspieles, der leichten Bühnenwwaare ein breites
Feld in seinem Repertoire einzuräumen.
Lelia sah das mit Gleichmuth an. Sein Kon-
trakt lief mit dem Jahre ab, und er hatte eine vor-
uheilhafte Anstellung bei einem der deutschen Hof-
theater gewonnen, welche ihm obenein die Verhei-
rathung mit dem von ihm geliebten Mädchen in nahe
Aussicht stellte. Hulda's Kontrakt hielt sie bis zum
Frühjahre fest, und auch sie hatte Schritte gethan,
an irgend ein Hoftheater zu kommen, weil sie sich
der Hoffnung hingab, dort von jenen Seiten des
Theaterlebens weniger unangenehm berührt zu wer-
den, die ihr die gegenwärtige Stellung so bitter ver-
leideten.
Lelio lachte über diese Zuversicht. ,Es ist überall
dasselbe! überall die gleichen Menschen und die gleiche
Welt! nur ein wenig anderd, mur ein wenig heller
oder dunkler gefärbt, sagte er. Wer sich nicht damit
abzufinden weiß, mnuß ferne davon bleiben. Ohne
Selbstgefühl und Menschewwerachtung kann man es
nicht ertragen; aber Beides lernt sich, und dann ist
man frei und määchtig, wie in keinem anderen Beruf,

40
und glücklich, wie in keinem anderen, durch den täg-
lich sich erneuernden Triumwph.!
,lnd wemn man ihn einmal nicht mehr erringt?!
fragte Hulda.
,Man mmuß ihn erringen! gab er ihr zur Ant-
wort, ,und man erringt ihn auch. Nuur muß man
die Mittel wollen, wenn man den Zweck im Auge hat.?
Das klang wenig ermuthigend in Hulda's Ohr
und Sinn. Sie konnte sich nicht darüber täuschen,
daß sie augenblicklich nicht in dem Grade, wie noch
vor kurzer Zeit, der Günstling des Publikums sei.
Die Männer waren der Ansicht, daß sie aus eigen-
sinnniger Opposition gegen die leichtere Weise der
Toska und ihrer Nachfolgerin, auf der Bühne in
Geziertheit und Steifheit verfalle, während sie im
Leben doch ebensogut wie Andere, ihre Partie zu neh-
men wisse, wenn es ihr angemessen scheine. Dennn
Philiber sei nicht der Mann, sich jahrelang mit
bloßen Hofnungen an den Triumphwagen einer
Schauspielerin fesseln, und mit Versprechungen er-
nähren zu lassen. Die Frauen, welche immner viel
von ihr gehalten und ihr die Sittsamkeit und Wohl-
anständigkeit ihres Betragens hoch angerechnet hatten,
widersprachen anfangs den Gerüchten, daß Hulda die
erklärte Geliebte Philibert's geworden sei; aber abzu-
leugnen war es nicht, daß er sie viel besuchte, daß er
die Abende zum Defteren bei ihr allein, bisweilen in -
Gesellschaft Anderer speiste, und daß sie ihre zurück-
haltenden Gewohnheiten also geändert haben mußte.
Welche Neberwindung es sie kostete, den Schein

T08
leichterer Lebensweise auf sich zu nehmen, wie hart
ihrs ankam und wie unablässig sie sich es selber vor-
hielt, daß man fie falsch beurtheilen, daß fie ihre
guten Sitten, ihren Ruf anzweifeln lassen mnüsse,
daran dachte keine der Frauen, welche ihr die frühexe
Gunst entzogen. Niemand ermaß den Schmerz, mit
dem sie sich dazu zwang, einem Beifallssturme im
Theater mit freudigem Lächeln zu begegnen, den sie
nicht mehr allein sich selbst, den sie der Mtwoirkung
von Männern, von einer Partei zu danken hatte,
welche sie mit dem Opfer ihrer Selbstständigkeit und
ihres wahren Empfindens, mit der Verleugnnng ihres
besferen Wesens, ihres eigentlichen Ich, alltäglich neu
an sich zu fesseln hatte.
Darüber ging das Jahr zu Ende und Lelio ver-
ließ die Stadt. Hulda vermißte ihn in jeder Hin-
sicht, denn der junge Schauspieler, der an seine Stelle
trat, war noch in keiner Weise ein Ersaz für ihn.
Er besaß bei unleugbarem Talente, weder Lelio'g Bil-
dung noch seine Schönheit und herrliche Gestalt.
Neben Hulda erschien er vollends nicht zu seinem
Vortheil. Bei allem guten Willen hatten seine Be-
wegungen noch nicht, die freie Gemessenheit, auf wel-
cher die schöne Wirkung beruht. Der Anfänger war
überall zu spüren, es war nicht mehr das Zusammen-
spiel, das man gewohnt gewesen war.
Hulda that, in der Erinnerung an all die För-
derung, die ihr geworden war, was in ihren Kräften
stand, ihrem neuen Partner fortzuhelfen; er hatte aber
den thörichten Gedanken an eine naturwüchige, origi-

09
nelle Entwicklung des Talentes. Er war daher nicht
sonderlich geneigt, sich irgendwie in die Lehre nehmen
zu lassen, und das Publikum entbehrte, wie gewöhn-
lich, das, was ihm lieb geworden war, nicht leicht
und nicht geduldig. Indeß Hulda's Anhänger, von
Philibert zusammengehalten, standen ihr zur Seite;
und die Aussicht, im Frühjahre aus ihren bisherigen
Verhältnissen ausscheiden zu kömnnen, und in eine ihr
mehr zusagende Atmosphäre versetzt zu werden, half
ihr über dasjenige fort, was ihr das Leben schwer
machte. Sie hatte hierhin und dorthin Verbindungen
wegen eines neuen Engagements angeknüpft, und
meinte die Tage zählen zu können, die sie noch an
der Holm'schen Bühne zu verweilen hatte.
Da, mit einemmale verbreitete sich unter den
Schauspielern und Theaterfreunden das Gerücht, Hulda
habe plözlich mit Philibert gebrochen. Philibert selber
sollte das, mnnd zwar mit dem Zusaze erklärt haben,
er sei es müde, fieh noch länger zum Spielball einer
berechnenden Heuchlerin, einer kalten Koquette brau-
chen zu lassen, es sei Alles zwischen ihnen aus.
Was geschehen war, was den Bruch herbeigeführt
hatte, das erfuhr man nicht, denn Hulda hatte keine
Vertraute mnter ihren weiblichen Kollegen; aber Jede
derselben deutete es auf ihre Weise. Es gab Ver-
mmnwthungen, Meinungen aller Art; und weil man im
Grunde sein Vergnügen daran hatte, daß man die
Unnahbare doch auf der Bahn der allgemeinen Män-
gelhaftigkeit getroffen, und daß diese Bahn ihr kein
Glück gebracht, wäre man gutherzig gennng gewesen,

I10
sie zu beklagen und zu trösten, hätte sie selber es mur
eingestehen wollen, daß sie sich hilfsbedürftig und der
Tröstungen benöthigt fühle.
Indeß sie zeigte sich selbstgewiß und zwversicht-
licher als man sie in der letzten Zeit gesehen hatte.
Sie erklärte dem Direktor aus freiem Antriebe, daß
sie sich wohler, zum Spiele aufgelegter fühle als seit
lange, unnd sie selbst veranlaßte es, daß man in rascher
Folge ein paar der Stücke ansetzte, in denen man sie
immer vorzugsweise gern gesehen hatte. Der ,Tasso,
der ,Wallensteinr sollten gegeben werden, ehe die fort-
reißende Geselligkeit der Karnevalszeit die Gesellschaft -
von dem Theater ferne hielt, und Hulda hatte, was
an ihr war, treu gethan, den neuen Partner in seinen
Rollen ihrem Spiele anzupassen.
Die Vorstellungen kamen heran und gelangen
über das Erwarten. Das Haus war gut besetzt,
Hulda durfte mit sich und ihrer Leistung wohl zufrie-
den sein. Man unterließ auch nicht, ihr Beifall zu
zollen, derselbe fiel jedoch nicht eben warm, nicht so
begeistert aus wie sonft; und wenn die ihr geneigte
Kritik ihr auch Gerechtigkeit widerfahren ließ, so fing
in dem Wochenblatte sich eine entschieden feindfelige
Stimmung gegen sie geltend zu machen an, und der
Tadel, den man gegen sie aussprach, war so vor-
sichtig, so berechnet, zeigte sich anscheinend so bemüht,
ihr nicht zu nahe zu treten, daß alle die kleinen un-
gerechten Ausstellungen, die man gegen sie erhob, nur
um so sicherer Eindruck machten.
Es währte nicht lange, bid man es vielfach hören

Il
konnte, daß Hulda eines der Talente sei, die; am An-
fang viel versprechend, keiner vollkommenen Entwwick-
lung fähig seien. Man bemerkte, daß auch ihre Schön-
heit nicht von langer Dauer sein werde; man glaubte
einzusehen, daß es Lelio's sie tragende Kraft gewesen
sei, der sie ihre frühzeitigen Erfolge zu verdanken
gehabt habe, und daß seit dessen Fortgehen ihre Wirk-
samkeit nicht mehr dieselbe sei Man gab zu be-
denken, daß der Direktor eines Provinz-heaters viel-
leicht nicht weise daran thue, das Drama und das
große Schauspiel mit unzureichenden Mitteln kultivi-
ren zu wollen. Man erimnerte an die heiteren Ge-
nüsse, welche man der reizenden Toska zu verdanken
gehabt hatte, an den Eindruck, den sie gemacht, und
der stark genug gewesen war, die sogenannten großen
Künstler in krankhaftem Neide entbrennen zu lassen.
Es war in jeder Woche ein neues, behutsames,
und darum nur um so mehr wirkendes Untergraben
von Hulda's künstlerischem Ruf. Sie empfand das
unwiderleglich. Sie legte das Blatt oftmals mit beben-
der Hand zur Seite, aber eines tröstete sie: sie war
jetzt doch wieder einsam in ihren vier Wänden, wenn
der Abend kam; sie erkaufte sich keinen Beifall mehr,
sie war wieder ihr eigener Herr, sie hatte das Wort
gehalten, das sie sich und der Fürstin gegeben hatte.
Sie durfte ihr Haupt noch frei erheben, wie sie
es gethan hatte in Clarissen's Zimmer, sie war sich
selbst getreu geblieben und hatte fich wiedergefunden
wenn schon sie darüber an äußerem Erfolg ver-
loren hatte.

Kapitel 29

emnundzwanzigstes Gapites.
In der Hauptstadt war ein nenes Theater von
Privatleuten begründet worden, das dem königlichen
Theater eine große und gefährliche Concurrenz zu
machen anfing. Der Unternehmer und Vorstand dieses.
Theaters hatte auf Lelios Vermittlung fich an Hulda
gewendet, die Unterhandlungen waren im Gange. Mit
einemmale zerschlugen fie sich, ohne daß Hulda er-
mitteln komnte, wodurch dieses Scheitern ihrer Hoff-
nungen veranlaßt worden war.
Lelio hatte ihr davon geschrieben, und sie hielt
seinen Brief noch in ihren Händen, als die Delmar
sich bei ihr melden ließ. Das war ein äußerst un-
gewöhnliches Ereigniß und Hulda erschrak davor, dennn
die Delmar gehörte zu den Menschen, deren Kom-
men ihr noch niemals Gutes bedeutet hatte. Auch
war dieselbe noch nicht lange bei ihr, als sie mit jener
Gefühlsseligkeit, welche fie angenommen hatte, seit sie
die unselbstische Freundschaft für den Regisseur auf
ihr Panier gesezt, Hulda zu beklagen anfing, daß sie
so allein sei, daß ihr kein treuer Rath zur Seite

1s
, stehe, daß Feodorens unersättliche Eitelkeit sich vor
Jahren zwischen sie Beide gedrängt, und sie verhin-
dert habe, sich mit einander zu befreunden.
Hulda antwortete ihr darauf das Schickliche; die
Delmar zeigte sich darüber sehr erfreut. ,Sie stehen
ja ganz allein, und wie hart das sein kann,! sagte fie,
,das habe ich in früheren Jahren wohl gefühlt, ehe
ich mir die treue Freundschaft unseres guten alten
Ehrenberg erworben hatte.?
Hulda bemerkte, ein treuer Freund sei allerdings
ein großes Glück aber ihre Augen hingen ängstlich
an dem verdächtigen Lächeln, das auf der Delmar -
schmalen Lippen schwebte, als diese Hulda's Hand er-
greifend, mit mitleidsvollen Blicken hinzusetzte: ,ch
habe Sie wirklich aufrichtig beklagt, dem um hier Ihr
Glück zu machen, fehlte Ihnen Feodorens berechnende
Kälte, und Philibert ist eben kein Vam der Vließ.
,Wie kommnen Sie zu der Bemerkung und was
wollen Sie mit ihr? fragte Hulda hastig. -
,So wissen Sie es nicht,? entgegnete die Del-
mar, ,daß Philibert es ist, der Ihr Engagement bei
dem neuen Theater allein verhindert hat?
Hulda fuhr zusammen. Sie hatte mit Nieman-
dem von ihrer Absicht, von ihren Verhandlungen ge-
sprochen, und Andere wußten mehr davon als sie.
Ein unheimlicher Schauer überlief sie.
,Philibert,' fuhr die Delmar fort, , leugnet das
nicht nur nicht, er erzählt es vielmehr einem Jeden, der
es hören will. Der Besizer des neuen Theaters ist,
Sie werden das wohl wissen, sein genauer Freund.

Tl
Er hat sich also an Philibert gewendet, um Auskunft
über Sie zu fordern; und dieser hat ihm sagen zu
müssen geglaubt, es scheine ihm, daß Sie nicht fort-
geschritten, daß sie eintönig, und Gott weiß was sonst
noch Alles, geworden wären. Fände er einen neuen
Aufschwuung, einen Fortschritt in Ihrer Entwicklung,
so wolle er es melden. Er wolle Sie genau beob-
achten, wolle auch mit Ihnen davon sprechen.!
Hulda war blaß geworden vor Erschrecken und
Entrüstung. ,dit mir darüber sprechen? Das soll
ihm schwer werden,! rief sie alsdann, ,da ich ihm die
Thüre gewiesen habe.?
Die Delmar sah sie fragend an. ,Sie haben
ihm die Thüre gewiesen?! wiederholte sie, als glaube
sie dem Worte nicht.
,,Und zwwar ein- für allemal. Sie brauchen das
auch nicht zu verleugnen; sagen Sie es gleichfalls
einem Jeden, der es hören will.? Sie war ihrer
selbst nicht mächtig.
Die Delmar schüttelte schweigend den Kopf.
,Wie beklage ich Sie, wie sehr beklage ich Sie! Ein
Mann, der Sie anzubeten schien! Aber wem werden
solche Erfahrungen von den Männern denn erspart?
Sie wartete offenbar auf eine Antwort auf eine
vertrauliche Mittheilung. Da Hulda stumm blieb,
stand sie auf, und legte ihr die Hand auf die Schulter.
,Das Beste ist,! sagte sie, ,daß man es eben über-
steht. Sie dürfen es so schwer nicht nehmen. Sie
sind jung, Sie waren unerfahren -= wir waren das

g
415
ja Alle, Mlle! Sie haben eben sich in ihm ge-
täuscht.?
,Nein ,? rief Hulda, , nein! Ich habe mich
nicht in ihm getäuscht! nicht einen Augenblick seit
dem ersten Abend, da ich ihn bei Feodorens Abschieds-
feste sah. Nur er hat sich in mir betrogen; und daß
er es thnn komnnte, das bereue ich,. das ist meine
Schuld; und das allein vergebe ich mir nie!?
,Wie Sie reizbar, wie Sie heftig sind!r sagte
die Delmar, während sie ihre Pelzpalatine um die
Schultern hing, und den Muff zur Hand nahm.
,Glauben Sie mir, solche Dinge wollen kühl, wollen
mit vorsichtiger Gelassenheit behandelt sein, und auf
die meine dürfen Sie vertrauen. Denn wenn Sie es
auch nicht sehen und anerkennen wollten, ich habe es
von je gut mit Ihnen gemeint; und kann ich Ihnen
vielleicht einmal von Nutzen sein, so rechnen Sie
auf mich.?
Hulda dankte ihr, begleitete sie, und wußte sich
den Vorgang nicht zu deuten.
Daß der Boden unsicher geworden, auf dem sie
lebte, daß die Menschen, welche sie umgaben, nicht
verläßlich und von kleinlichen Interessen und Leiden-
schaften hingenommen waren, das hatte sie lange
schon erkannt. Jezt aber tastete sie wie in Dunkelheit
umher, und das Herz zog sich ihr bang zusammnen. Sie
sehnte sich hinaus, hinweg aus dieser Welt, wie fie
sich einft hinweg gesehnt hatte aus ihrer Heimat. Sie
fing es mit deutlichem Bewußtsein zu bereuen an
Schauspielerin geworden zu sein.

41
In den nächsten Tagen hatte sie wieder aufzu-
treten. Man hatte in den Zeitungen ,Emrilia Galotti?
zu sehen verlangt, die lange nicht gegeben worden -
war. Der Direktor hatte das Stück angesetzt und
Hulda hatte sich dessen gefreut. Weil es ihr Debut
und ihr erster Erfolg gewesen war, hatte sie eine Vor-
liebe für die Rolle bewahrt. Sie freute sich, als sie
vor dem Aufziehen des Vorhanges einmal hinaussah,
das Haus so gut besetzt zu finden; sie hoffte auch auf
einen guten Erfolg, denn für des Prinzen Rolle war
ihr jetziger Partner gewandt genug, und man zollte
ihr auch bei ihrem ersten Auftreten und bei ihrem
ersten Abgange Beifall. Indeß gleich als dieser sich
aus den Logen, in denen sich viel Land»Adel befand,
vernehmen ließ, fing man im Parterre zu zischen an.
Die Logen wollten ihren Willen durchsetzen, die Stim
men im Parterre gaben nicht nach, die oberen Gale-
rien schlossen sich ihnen an; es entstand ein ärgerlicher
Spektakel im Hause, der sich nur langsam legte. --
Hulda war fassungslos.
,Das danken Sie Philibert!r sagte die Delmar
mit ihrem widerwärtigen Mitleiden. Hulda hatte sich
das augenblicklich selbst gesagt.
Wie sie es wieder vermocht hatte, auf die Scene
hinauszutreten, wie das Stück zu Ende gebracht wurde,
und wie sie es ertragen hatte, daß das Zischen, der
Spektakel, der Kampß für und wider sie noch einmnal
ausbrachen, da man sie aus den Logen und Sperr-
sizen mit nicht nachlassender beharrlicher Wärme rief,
das wußte sie selber kaum, als sie sich zu Hause, er-

It
schüpft, und in allem ihrem Fühlen und Denken wie
vernichet, auf ihr Lager warf.
Es war ein Glück für fie, daß ein bleierner
Schlaf auf fie herniedersank. Sie hatte lange nicht
so tief, so völlig traumlos geschlafen als in dieser
Rachi. Als sie spät am Tage die Augen aufschlng,
und mit dem Blicke in das helle Sonnenlicht die Er-
imnnerung dessen in ihr lebendig wurde, was fie gestern
durchgemacht, lief ihr ein Schauer durch die Glieder.
Sie wunderte sich, wie sie vor ihren Spiegel trat,
daß die Röthe ihrer Scham, daß das Erbleichen
des Schreckens nicht mehr auf ihrem Antlize sichtbar
waren - mnd vor ihr auf dem Tische lag die Rolle
der Marie in Goethe's ,Glavigon. Sie hatte sie
stets zu spielen gewünscht, und jezt endlich, seit vielen
Jahren sollte ,Glavigos zum erstenmale hier gegeben
werden.
Sie sezte sich hin und las die Rolle durch, aber
ihre Gedanken waren nicht dabei Sie wußte nicht,
was sie las, obschon sie jedes Wort des Siückss
kante. Sie griff zur Zeitung und legte fie wieder
aus der Hand. Es fiel ihr ein, wie der Direktor ihr
gestern im Vorübergehen gesagt hatte, sie habe sich
das Alles selber zuzuschreiben, und er mrüsse mit ihr
sprechen. Was hatte sie demn gethan? Was hatte sie
versehen? Was konnte er von ihr wollen?
Sie dachte noch darüber nach, als er sich in der-
frühen Stunde bei ihr melden ließ.
Er war freundlich, er zeigte sich heiter, als er
bei ihr eintrat. Das war ihr überraschend, denn seit
Famuy Vwwa, Die Erlöserln. M.
a

41s
fie damals bei dem ungebührlichen Betragen der
Toska mit ihm aneinander gekommen war, hatte er
sich das Ansehen gegeben, ihr dies schmollend nachzu-
tragen.
,Nun, mein bestes Fräulein,? rief er ihr ent-
gegen, ,ich mußte doch selber sehen kommen, wie Sie
sich befinden. Es ist eben einmal gestern ein bischen
lebhaft im Theater hergegangen, und Sie haben, wie
ich schon zum Defteren bemerkt, reizbare Rerven. Sie
regen sich leicht auf!?
,Ich glaube,, entgegnete Hulda, ,der Anlaß war
geeignet, auch starke Nerren zu erschüttern. Ich we-
nigstens fühle das Erlebniß noch in mir nachklingen,
weit mehr, als es mir lieb ist.
,Sie nehmen die Sachen zu schwer, meine
Theure, viel zu schwer! Wissen Sie, daß Ihnen das
kleine Scharmützel den größten Vortheil bringen wird?
Jezt begegnet Ihnen durch, ich möchte sagen, einen
glücklichen Zufall, was Sie selber, sehr zu Ihrem
Nachtheile, sich zu schaffen versüumt haben. Man
nimmt jetzt mit Leidenschaft Partei für Sie, und wir
werden bei Ihrem nächsten Auftreten das Haus voll
haben bis in das Orchester hinein.r
,Ich wollte Sie heute eben bitten, mir die näch-
sten Tage freizugeben. Ich muß mich in mir zu
fassen, mich zu überwinden suchen; denn ich bekenne
Ihnen, übermorgen wieder vor demselben Publikum
zu erscheinen, dessen Zischen mir noch in den Ohren
gellt, dazu fühle ich mich außer Stande. Ich mnuß

19
es zu vergessen suchen. Ich habe ein paar Tage der
Ruhe, der Einsamkeit vomnöthen.?
,Wo denken Sie hin, Beste!r wendete der Di-
rektor ein. ,Warum hören Sie das Zischen, und
nicht lieber das Bravo, das Ihnen von den Stentor-
stimmen unserer Herren vom Lande zu Theil gewor-
den ist, und das die paar nichtsbedeutenden Zischer,
deren Ursprung Sie ja kemnen werden, sofort siegreich
niederschmetterte. Ich will Ihnen ein Geheimnniß aus
der Bühnenpraxis anvertrauen, das auch im Leben
gute Dienste thnt: man muß nur hören, was man
hören will, nur hören, was uns schmeichelt, und gar
nicht merken, was mns etwa entgegen zu sein scheint.?
,Das erlerne ich nie!? rief Hulda, ,und was
hilft es, wenn man sich selbst belügt, sich selber
täuscht.?
Der Direktor lächelte. ,Was es hilft? Meine
Theuerste, es belügt und täuscht die Anderen auch -
und darauf kommt ja Alles an!?
Hulda antwortete ihm nicht daranf.
,Sehen Sie,? fuhr er deshalb fort, ,wwennn Sie
fich heute den kleinen Doktor Berthold kommen lassen,
der die Reeensionen für die hiefige Zeitung, und hier-
und dorthin TheaterKorrespondenzen schreibt, wemn
Sie ihn kommen lassen, und sich über das geftrige
Ereigniß klagend äußern, so wird er es Ihnen glau-
ben, daß Sie ein Fiasco gemacht. Lassen Sie ihn
kommmen und sprechen Sie ihm mit Genugthuung von
der Freude, welche der Eifer Ihrer Anhänger Ihnen
e'.

TW
gewährt, und wie der Sieg über die elende bezghlte
Kligue, die gegen Sie gewesen ist,. Ihnen das Herz
erhoben hat, so wird er es Ihnen gleichfalls glauben,
und es Ihnen nachsprechen und nachschreiben, wie
Sie es begehren, natürlich nur Leistung gegen Leistung.?
,Ich denke weder das Eine zu thun noch das
Andere!r warf Hulda mit Verachtunng ein. ,ch
habe ihn nie bei mir gesehen, und habe auch nicht vor,
es jezt zu thun.?
,Sehr mit Unrecht, Beste, sehr mit. Anrecht!
Die edeln, Enthusiasten, -die reichen Dilettanten, wie
Ihre Freunde, wie der Doktor und wie Hochbrecht, die
thun es nicht! Man achtet ihr Urtheil, man liest
ihre Sachen gern, aber sie sind nicht rühxig, sie
haben ihre Hände. nicht in jedem Blatte, sie machen
keine Reputation. Der keine Berthold hat Ihnen
mehr genützt, als Sie zu glauben scheinen, so lange
ihm Philibert die Tinte mit Silbersand bestreute.
Das muüssen Sie jetzt selber thun, wenn Sie nicht,
wozu ich Ihnen dringend rathe, sich mit Philibert in
das Gleiche setzen. Er ist ein angesehener Manunu, ein
Mammu . - - -
Hulda erhob sich. ,Gerr Direktor,' sagte fie,
,ich muuß Sie bitten, das auf sich beruhen zu lassen.
Was mir in meinem Privatleben zu thun obliegt,
darüber, glaube ich, steht Niemandem ein Urtheil zu
als mir allein; und ich bin nicht gesomnnen, mir ein
anderes aufnöthigen zu lassen.?
Der Direktor stand ebenfalls auf. Er war heftig


von Ratur, mnd sein Ton wmtrde beleidigend, wenn er
fich zur Ruhe zwingen wollte.
,Oh! ich bin weit davon entfernt, sagte er,
,mich in Ihre Privatverhältnifse zu mischen! Nur,?
sezte er hinzn, ,ur mäfsen Sie Ihre Privatverhält-
niffe, meine Beste, mit Diäkretion, mnd zwar derart
behandeln, daß fie meinen Interefsen nicht so rck-
sichtslos entgegenlaufen. Man läutet nicht die große
Glocke, wennn mann eines immerhin sehr beachtens-
werthen Freunndes mnd Verehrers müde wird. Mamm
weist Männern von Stand nicht ohneweiters die
Thüre; oder mann erzählt es wenigftens, wenn mann
die Uwworsichtigkeit begangen hat, es zu thun, nicht
den gnten Frenndinnen zu beliebigem Gebrauch! Aber
das ift freilich Ihre Sache, Ihre Privatangelegenheit
--- das geht mich Nichts an.r
Sie wollte, weil ihr jezt plözlich Alles klar
ward, ihm in die Rede fallen. Er ließ es nicht dazu
kommen.
,Wir sind fertig, mein Fräulein!? sagte er. ,ch
hielt es für meine Pflicht, Sie zu warnen; Sie glau-
ben es nicht beachten zu dürfen -- das ist Ihr Recht.
Aber Sie bürgen mir für den Erfolg der Mirando-
lina, die Sie übermorgen spielen, und ich glaube,
Sie werden klug thun, wenigstens hie jungen Herren
von Brinken, welche hente Sie zu besuchen denken,
gebührend freundlich zu empfangen; demnn mit Grund- -
säzen wie die Ihren hätten Sie nicht zur Bühne
gehen mwüssen. Wir Schauspieler find und kömnen
keine Gemeinde der Heiligen bilden. Die Bühne ist

T
kein Kloster! und mit Ronnen weiß das Publikum
nicht umzugehen und Nichts anzufangen.?
Er hatte das Letztere leichthin, im Tone eines -
Scherzes ausgesprochen, denn er wollte Hulda, an
deren gutem Willen ihm viel gelegen war, in keiner
Weise beleidigen. Aber gerade dieser Scherz ver-
wundete sie auf das Tieffte: Er drückte, ohne es zu
wollen, schlagend aus, was Hulda sich schon selber
vorgehalten hatte; es schien ihr als gipfelte in ihm,
wie in einem Schlußsteine, die Reihe der Kränkungen
und Unwürdigkeiten, die sie erfahren und mit denen
sie zu kämpfen gehabt hatte, er nahm ihr die Fassung
und die Sprache.
Der Direktor bemerkte das und wollte einlenken.
Er sagte, sie dürfe einen Scherz nicht ernsthaft neh-
men, sie solle nicht böse sein, er habe es gut gemeint
mit seinem Rathe; sie solle ihm sagen, daß sie ihm
nicht zürne.
,Wie könnte ich das? entgegnete sie, indem sie
sich kalt verneigte. ,Sie haben Ihre Neberzeugnnng,
Ihre Ansicht von der Stellung einer Bühnenklnst-
lerin gegenüber dem Publikum ausgesprochen; dazu
waren Sie berechtigt, da ich vorläufig noch in Ihrem
Solde bin - und vielleicht ist es gut, daß sie es
thaten.?
Er bereute seinen Mißgrißf, gab ihr gute Worte,
indeß, da sie nicht darauf hörte und ihm Nichts ent-
gegnete, verabschiedete er sich endlich mit der Bemer-
kunng, er hoffe, sie werde sich besinnen mnd ihren gegen-
wärtigen kleinen Troz bereuen.

D
Als er die Thüre hinter sich geschlossen hatte,
hielt Hulda sich nicht länger. ,Das ertrage ich nicht,!
rief sie, ,an diesen, an solchen Verhältnissen gehe ich
zu Grmnnde! Sie ertödten in mir die Liebe zur
Kuuust. Sie verleiden mir mich selbst.?
Sie weinte bitterlich. Die Thränen befreiten ihr
das Herz.
Als fie sich aus diesem Zustande der Nieder-
geschlagenheit emwporrichtete, stieg der Vorsatz, das
Theater zu verlassen, der in den letzten Zeiten zum
Defteren in ihr rege geworden war, wieder in ihr
auf. Aber einen Ertschluß zu fasfen, kam ihr nicht
leicht an, demnn sie liebte ihren Beruf. Sie hatte das
Glück rein und voll empfunden, durch ihre Kraft den
Widerhall' der Begeisterunng in den Herzen einer sie
umgebenden Menge zu enttzünden, mnd von ihr ge-
tragen, sich bisweilen weit hinausgehoben zu fühlen
über die Grenzen mnd Schranken dessen, was sie er-
reichbar für ihr Können und ihr Talent gehalten
hatte. Sie hatte sich oft frohen Sinnes in großen
Hoffnungen auf ihre Zukunft gehen lassen.
Und wenn sie die Bühne nunn verließ, wo war
für sies- die Mittellose, die Einsame, gleich äine nene
Thätigkeit, gleich ein Beruf gefunden?
Sie dachte an die Fürstin, an den Beistand,
welchen diese ihr zugesagt hatte. Sie meinte, an-
nehmen zu dürfen, daß Glarisse ihr Vorhaben gut-
heißen und bereit sein würde, ihr fördernd ihre Hand,
zu bieten. Indeß Glarisse war Emanuels Nichte, und
wie es ihr schon in erster Jugend unmmöglich gedünkt,

aB
von der Gräfin irgend eine Hilfe anzunehmen, so fühlte
sie jetzt ein noch weit entschiedeneres Widerstreben dem
Kreise, welchem Emammuel angehörte, freiwillig zu
nahen, und vollends als eine Hilfesuchende zu nahen.
Der ganze Tag ging hin in Unentschlossenheit
und Sorge. Ihre Gedanken wanderten mnruhig von
einer Möglichkeit zur anderen, von der früheften
Kindheit bis weit hinein in jene Zukunft, die sie sich
in manucher glückpersprechenden Stunude so ruhmvoll
unnd so glänzend ausgemalt hatte, und die sie selber
nun für immer vor sich verschließen wollte.
Jn der Rastlosigkeit ihres Sinnes fing fie an,
sich mit äußeren Dingen zu beschäftigen. Sie suchte
alte Erinnerungen hervor, und betrachtete dabei mit
Rührung die wenigen Angedenken, die sie aus der
Heimat mit sich genommnen hatte, als sie, mit dem
Vorsaz, dorthin nicht mehr zurüchukehren, aus dem
Amthause fortgegangen war. Dabei fielen ihr ein
paar Briefchen ihrer Eltern, die sie ihr aus der Pfarre
in das Schloß gesendet hatten, und des Vater alte
Bibel in die Hand.
Es war lange her, daß fie nicht darin gelesen
hatte. Sie dachte daran, wie sie sonst wohl in be-
sonderen Fällen die alten Blätter als ein Drakel auf-
geschlagen, und wie sie manch gutesmal ihren Trost
darin gefunden hatte. Sie las die Stellen nach,
welche ihres Vaters Hand mit feinen Strichen an-
gezeichnet, die Verse, auf denen seine lieben Angen
geweilt hatten, so lange sie noch licht gewesen waren.
Eine sanfte Stille, eine unbeschreibliche Wemuuth kamen

-W5
damit über sie. Als sie die nächsten Seiten umschlug,
.traf sie auf ein Blatt, das sie einst mit einem dünnen
Schnürchen selber eingeheftet hatte.
Sie faltete es auseinander. Es war ihres Vaters
schöne, sichere Handschrift; und fast ohne es zu wissen,
las sie mit lauter Stimme die auf dem Blatte
ftehenden Worte: ,Mdeiner Tochter am Einsegnungs-
tage als Wahlspruch für das Leben ausgewählt und
mitgegeben: ,Was hülfe es dem Renschen, wemn er
die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden
an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben,
daß er seine Seele wieder erlöse!?
,Alles! Alles! mur mnnnangefochten! und wieder
einig in mir selbst, und unangefochten mit mir selbst
in Frieden!r rief sie plöglich, von einem Muthe be-
seelt, von einer Zuversicht belebt, als käme die Kraft
aller der Unzähligen ihr zu Hilfe, die sich in der
Stunde der Noth und der Gefahr, dem Untergange
nahe, mit dieser aus fernfter Vergangenheit herüber-
klingenden Mahnung erhoben, und auf den rechten
Weg zurückgefunden hatten. Und als leuchte ihres
Vaters Auge noch über ihr, als stüze sie noch seine
treue Hand, so fest hatte sie sich entschlossen, ihre
Seele vor Schaden zu bewahren und sich frei zu
machen aus den Schlingen, die sich in ihren gegen-
wärtigen Verhältnissen verwirrend und umstrickend vor
jedem ihrer Schritte ausgebreitet hatten.
Darüber war die Dämmerung angebrochen. Beate
brachte ihr die Lampe und die hauptstädtische Zeitung
in das Zimmer, die Abends mit der Post ankam.

TW
Hulda glitt heute über die TheaterRachrichten,
die fie sont zuerßt zu lesen pflegte, rasch hinwweg.
Sie hatten in dieser Stunde für fie nicht mehr die
bisherige Bedeutung. Aber gleich hinter diesen Notiüzen
sielen ihr unter den Anzeigen, Angeboten und Ge-
fuchen, einige mit hervorragender Schrift gedructe
Zeilen auf.
,Eine Famnnilie, dem Adel angehörend,? hieß es,
,und Sommer mnnnd Winter auf ihren Gütern lebend,
fucht für ein Mädchen von, vierzehn Jahren eine Er-
zieherin, die in der Musik bewandert, im Französischen
und Englischen' zu unnterrichten im Stand ist, unnd
geneigt sein würde, sich für drei Jahre zu verpflichten,
wemnn gegenfeitiges Wohlgefallen stattsinden sollte:
Das Jahrgeld, welches mamn anbot, war unn-
gewöhnlich hoch zu nemnnen; der Ort, an den manu
die Adressen senden sollte, war anngegeben. Die n
zeige kam ihr wie ein Wink vom Himmel, dem sie
zn gehorchen hatte, ehe Zweifel und Bedenken, ehe
nene weltliche Verlockung fie in ihrem Euutschlusse
schwankend machen komnten. Wie sie dereinst in ban-
ger. Stunnde, mur sich mnd dem eigenen Bedürfen nach
Befreiunng fohend, den Brief an Gabriele rasch ge-
schrieben hatte, so sezte fie sich auch jezt wieder, in
demseben Augenblicke an den Schreiitisch, der mnbe-
kanmnten Familie ihre Dienste anzubieten.
Klar und bestimmuut sprach sie aus, was sie zu
lehren unnd zu leisten im Stande zu sein glanbte, in-
deß sie verschwieg es vorsichtig, daß sie seit Jahren
Schauspielerin gewesen war. Sie nammnte sich eine

ae
Pfarrerstochter, sie wollte die Wahrheit erst gestehen,
wennn man zu ihr Vertrauen gefaßt haben, und mit
ihren Leistungen zufrieden sein würde; und es schlich
ein sonderbares Empfinden durch ihr Herz, als sie
seit so vielen Jahren zum erstenmale wieder sch mit
ihres Vaters Ramen unterschrieb.
Wie sie die Feder aus der Hand legte und den
Brief durchlas, kam ein schmerzliches Schwanken über
sie. Der Abstand zwwischen ihrer gegenwwärtigen Frei-
heit und der Abhängigkeit, der sie enigegengehen wollte,
zwwischen dem Theater und der engen Stube, in der
fie einsam auf dem Lande, dem Willen Fremder fortan
unterthan, ihr ganzes Leben einem Kinde opfern
sollte, war sehr groß; und ihr bangte vor der Weise,
in welcher sie ihn empfinden würde. Indeß das mäch-
tige Wort: ,Eas hülfe es dem Menschen, wemnn er
die ganze Welt gewömne und nähme doch Schaden -
an seiner Seele!? stand leuchtend und beschützend
über ihr.
Sie schloß den Brief, und sendete ihn noch in
derselben Stunde fort.
Als sie die Hausthüre öffnen hörte, trat sie an
das Fenster. Bei dem Scheine der Laternen sah sie
dem Mädchen, das den Brief besorgte, nach, soweit
ihr Auge es verfolgen komnnte. Damnn ging fie an den
Tisch, die Papiere forttzuräumen, die treue alte Bibel
wieder zu verschließen.
,Also einfam mnd vergessen!? sagte sie z fich
selbst, ,vergessen und unubeachtet nunu für immnerdar!

c7
Aher rein und mir selbst getren; der Eltern werth
-- mnnd seiner Liebo!?
Sie hatte frei in sich entschieden. Was dieser
Entschluß ihr bringen und ihr frchten würde, mußte
erst die Zeit fie lehren.
=zsss

Kapitel 30

Dreißigste Gapites!
Der Winter war Emanuel in seinem einsamen
Schlosse länger geworden als alle diejenigen, welche
ihm vorhergegangen waren. Der Besuch des jungen
fürstlichen Paares hatte es ihn wieder lebhaft empfin-
den lassen, welch eine Befriedigung das enge mnnd täg-
liche Beisammmnnensein mrit Menschen gewährt, auf deren
einngehendes Verständniß, auf deren liebevolle Theil-
nahme mam sich verlassen darf; und der kleine Ring,
den er an dem Abende, an welchem man die alhenn
Besizthümer des Hauses gemustert hatte, an seine
Hand gestec, mahnte ihn jeden Tag an das schöne,
geliebte Mädchen, dem er ihn einst als Liebespfand
geboten.
Früher hatte er sich den Gedanken an Hulda
meist fernzuhalten getrachtet. Jezt kam sie ihm seit
der Unterhaltung mit seier Nichte kaum mehr aus
dem Sinne. Er wollte, er muuußte sehen, was sie ge-
Irawrrrr

TH
womnnen hatte. Damals hatten ihr gerader Sinn, die
unbewuHßte Klarheit ihres Urtheils, die Einfalt ihves
ganzen Wesens, und ihre Emwpfänglichkeit für alles
Gute, Große, Schöne, ihn fast ebenso an ihr entzückt
als ihre Schönheit. Was muußten die Jahre, die Er-
fahrung, das Studium aus ihr gemacht haben, da sie,
wie Glarisse es mit warmer Anerkennnung ausgespro-
chen hatte, an sittlicher Würde und Sinnnesadel auf
dem einsamen Lebenswege keine Einbuße erlitten, son-
dern sich in sich selbst vollendet hatte!
Mehr als einmal hatte er sich hingesetzt, um ihr
zu schreiben, aber er hatte diese Versuche aufgegeben.
Was er ihr zu sagen hatte, mwußte ein Buch an Um-
fang werden, wennn er ihr mittheilen wollte, was er
seitdem erlebt, oder wennn er ihr klar machen wollte,
wie es gekommen sei, daß er fie aufgegeben, daß er
gehandelt habe, wie er es gethan hatte. Und was
komnnte diese lange Erklärung demnn auch nützen? Hatte
Hulda ihren Sinn geändert, ihre Reigung einem An-
deren zugewendet, so war es thöricht, ja sogar lächer-
lich, ihr begreiflich machen zu wollen, was in diesem
Falle keine Bedeutunng mehr für sie haben komnte;
und seine Scheu vor solchem Thun war bis zur
Meberdreibunng groß. Wenn fie hingegen, wie er es
in seinem tiefften Herzen hoffte, seiner noch gedachte,
wemnn ie vergessen, verzeihen komnnte, wemn fie ihn
TTSA?S=
ar

a
Abends, wenn der Regen gegen die Scheiben
prasselte, oder wenn der Schneesturm die Zimmer
seines Schlosses wild umwtoste, sah er sie im Geiste
vor sich, in der voll entwwickelten Reife ihrer Schön-
heit, in dem Costüme ihrer verschiedenen Rollen, in
dem lichterfüllten Hause von dem Beifalle eines großen
Publikums getragen, wie sie, zufrieden mit sich selbst,
immer erneuter Triumphe genoß- und er hielt be-
denkich innne vor der Frage: ,Wird sie jetzt noch die
Einsamkeit zu ertragen vermögen? Wird sie in ihr
noch glücklich sein kömnen?
Es war ja mur zu denkbar, daß sie anstand, dem
Reize eines rasch bewegten Lebens, der Huldigung der
Männner, um seinetwillen zu entsagen; daß es ihr zu
schwer fiel, ihm ihre Aussichten auf eine glänzende
theatralische Zukunft zum Opfer zu bringen. Die
Partie zwischen ihnen war nicht gleich. Er war nicht
fung, nicht schön wie sie; er hatte um ihretwillen
keine Aussichten zu opfern, die er mit seiner jezigen
Erfahrung und seiner jetzigen Einsicht, der Liebe gegen-
über, noch hoch angeschlagen hätte. Er hatte mur zu ge
winnen, wenn sie ihn noch liebte unnd die Seine wer-
den wollte; denn er wußte, was sie werth war und
was er sich von ihr versprechen durfte. Ihr Fall war
ganz ein anderer. Er hatte sich ihr nicht bewährt
und hatte kein Recht, Vertrauen von ihr zu erwarten.
Das machte ihn unentschlossen, machte ihn zögern;
aber in dem abwartenden Zögern steigerte sich seine
Sehnsucht nach beglückender Entscheidung bis zur Lei-
denschaft.


Ts
Bald wollte er reisen, mm fie auf der Bühne zu
sehen, bald widerstäaud ihm eben diese Möglichkeit.
Das Mißtrauen in sich selbst, das ihm die Jugend
so schwer getrübt, und das durch die Erfahrunngen,
welche Konradine ihn hatte machen lassen, nene Rah-
rung empfangen, hemmnte und lähmute ihn auch jezt,
obschon er sich's zum Vorwwurf machte.
Da kam eines Morgens, als er an dem Fenster
feines Arbeitzimmers stand, ein Reiter in raschem
Trabe auf das Schloß zu. Emnanuel kannnte den
Schimmel schon von weitem, unnd den Reiter, den er
trug, den immer hochwillkommenen Gast, den alten
Herrn von Barnefeld, der freilich in so früher Mor-
genstunde sonst nicht von seinem Hofe fortzugehen
pflegte.
Da er ihn sehr verehrte, ging Emnanmuel dem
Greise entgegen bis hinab zur Halle.
,Wo kommnen Sie so früh her, mein theurer
Freund ? ref er ihm zu, während der stattliche schöne
Gpeis mit frischer Rüstigkeit vom Pferde stieg.
,Ja! wo komme ich so früh her? antwwortete
Barnefeld. ,Das fragen Sie nicht mich, sondern meine
Fran, die mich hinausgeschickt hat. Und zwar mit
einer ganz besonderen Anfrage an Siel?
Sie waren währenddem in das Haus gegangent,
und wie sie dannn ruhig bei einander saßen, und der
Diener ein Frühstück aufzutragen anfing, sagte Herr
von Barnefeld: ,Die Frauen haben mich ausgeschickt,
mich mit Ihnen über eine Angelegenheit zu be-

z
z8
sprechen, die Sie persönlich auf der Gottes Welt
Nichts angehtr?
,eber die ich aber hoffentlich doch Auskunft
geben kann!r bemerkte Emanuel.
,Meine Frau setzt das zum wenigsten voraus;
denn kurz und gut, ich komme, mich bei Ihnen um
ein junges Frauenzimmer zu erkundigen.?
,Wil Einer der Ihren sich verheirathen? fragte
Emnanuel.
,Richt das ich wüßte!r entgegnete Barnefeld,
,danach pflegten sie mich auch immmer ganz zulezt zu
fragen. Aber meine älteste Schwiegertochter denkt für
das Mädchen, für Konstanze, eine Erzieherin in das -
Haus zu nehmen. Sie hat also vor einigen Wochen
eine darauf zielende Anzeige in die Zeitungen setzen
lassen, und es sind danach im Laufe der Zeit eine
Menge Anerbietungen eingegangenn. Unter diesen be-
findet sich auch ein Brief von einer jungen Person,
einer Pfarrerstochter, von den Gütern Ihres Neffen.r
,on Hulda? rief Emamuel, während das Blut
ihm in das Gesicht schoß, daß er sich mit der Hand
schnell über die Stirne fuhr, als könnne er es damit
verscheuchen.
,Mich dünkt, so heißt sie,! versezte Barnefeld,
indem er den Brief hervorzog und nach der Unter-
schrift sah. ,Aber lieber Freund! Sie sind ja roth
geworden wie ein junges Mädchen! was ist es mit
T-----
,Nichts! durchaus nichts! - Ich kannte die
Fauny Lewald, Die Erlöserin. Ü.

8
Und auch das junge Mädchen kemne ich. Es war eine
Weile in meiner Schwester Hause! Es ist wohl
unterrichtet! - Sehr muusikalisch und eben so gut
als schön!r
Herr von Barnefeld schüttelte den Kopf. ,ennn
ich Sie nicht kemnte,? meinte er, ,lo würden Sie
mrich troz des Guten, das Sie ausgesagt haben, an
dens jungen Frauenzimmner irre machenlr
Emanuel hatte sich indeß bemeistert, und sprach
sich mun gefaßten Sinnes lobend über Hulda aus.
Die Ruhe, die er zeigen wollte, fiel ihm aber schwer.
Barnefeld wurde dadurch um so vorsichtiger. Er
fragte mit seiner geschäftsmäßigen Genauigkeit, Ema-
mamuel gab ihm darauf Bescheid. ,Sie meinen also,
daß man das Fräulein kommen lafsen soll? sagte
Barnefeld am Ende. ,ch war auch der Ansicht, mir
gefiel der Brief. Die Frauen wollten indeß gern -
sicher gehen, und so kam ich her. Der Brief ist ein-
fach und scheint mir Gutes zu versprechen.?
Emanuel fragte, ob er ihn lesen dürfe, sein Gast
hatte Nichts dagegen; aber Jener hatte sich mehr zu-
gemmuthet, als er wußte. Jedes Wort traf ihn wie
ein mahnender Vowwwurf, und doch beglückte, doch be-
seligte es ihn. Er mußte sich Gewalt anthun, die
Bewegung seiner Seele nicht noch einmal zu ver-
rathen. Es kostete ihn Neberwindunng, dem behag-
lichen Gespräche mit dem trefflichen Marmnne so wie
sonst zu folgen, unnd er war froh, als dieser endlich
mit der Versicherung, daß er nicht länger bleiben
kömnne, sein Pferd vorgeführt zu haben wünschte.

e
185
Als sie danach schon vor der Thüre standen,
sagte Emanuel: ,Es freut mich doppelt, daß Sie
heute gekommen find, denn ich verreise in den nächsten
Tagen.?
Barnefeld fragte, wohin er gehen werde. Ema-
muel nannte ihm die Provinz, in welcher Hulda lebte,
und die Stadt, in der fie engagirt war.
,Schade!r sagte Barnefeld. ,Wenn Sie einige
Wochen später gingen, kömnten Sie uns die Gouver-
nante mitbringen. Sie kann aber nach ihrem Briefe,
erst zu Ostern in die Stelle eintreten.r
,Mdan mrüßte nachhörenlr meinte Emanuel, in
dessen Geist plözlich ein Plan auftauchte, der seinen
Zwwecken dienen komnte. ,Geben Sie mir den Brief
zum Beglaubigungszeichen, oder geben Sie mir nur
die Adresse der jungen Dame unnd eine Karte von
sich mit, so will ich mich erkundigen, wie es stehtr
Das leuchtete dem Anderen ein. Er schrieb
stehenden Fußes in der Halle rasch noch ein paar
Zeilen auf die Karte nieder, und Emanuel eine
glückliche Reise wünschend, ritt er sehr zufrieden heim.
Wenige Stunden später war Emanuel schon unter-
weges -= hin zu ihr!
Tag und Nacht war er gefahren, als er gegen
den Abend des,zweiten Tages an sein Ziel gelangte.
Die Stunde der allgemeinen Mittagsmahlzeit war
lange vorüber. Er ließ sich einen Imbiß in seinem
Zimmer auftragen; der Wirth selber, der ihn von

1B
früherem Aufenthalte in seinem Haause kannte, kam es
zu entschuldigen, falls man den Herrn Baron in der
Eile nicht zu seiner Zufriedenheit bedient haben sollte,
und sich zu erkundigen, was sonst etwa in dessen Be-
lieben stände? wobei er nicht zu bemerken unterließ,
daß er die Ehre gehabt habe, im Herbste auch die
jungen fürstlichen Herrschaften bei sich aufzunehmen.
Die ganze Familie stieg seit Jahren stets in seinem
Hause ab.
Emanuel zeigte sich durchaus zufrieden, der Wirth
hatte in Beflissenheit die Zeitung und den Theater-
zettel mitgebracht. Emanuel griff nach dem ketzteren.
Mau spielte ,Faustr. = Hulda war also in diesem
Augenblicke auf der Bühne.
,Wenn der Herr Baron vielleicht ein Freund des
Theaters sind,? bemerkte der Wirth, ,so wären Sie
gerade noch zur rechten Zeit gekommen, ein paar Akte
anzusehen. Unsere erste Schauspielerin, die Vollmar,
ist in dieser Rolle ausgezeichnet. Die Frau Fürstiü
hat sie nach derselben sogar zu sich entbieten lassen.
Der ,Faustr ist seitdem mur ein einzigesmal gegeben
worden, kurz vorher, ehe Lelio von hier fortging; und
es ist sehr möglich, daß die Vollmar heute auch zumm
lletztenmal als Gretchen bei uns auftritt?
,Denkt Fräulein Vollmar die Bühne zu ver-
assen ? fragte Emanuel, während er mnentschlossen
mit sich zu Rathe ging, ob er sie gleich heute spielen
sehen solle oder nicht.
,Bewahre,? sagte der Wirth, ,es ist im Gegen-
theile von ihrem Enngagement für das große könig-

- 1k
liche Theater stark die Rede; demnn vor ein paar Tagen
ist der Regisseur desselben hergekommen, fie zu sehen.?
Der Wirth mochte dabei bemerken, daß der Baron in
halber Serstreutheit das Verzeichniß der Personen
durchsah, und um ihm die Sachlage klar zu machen,
setzte er hinzu: ,Die Vollmar hat hier vor einiger
Zeit allerlei Verdrießlichkeiten und Chikanen durchzu-
machen gehabt. Es hatte sich eine vollständige Kigue
gegen sie gebildet. Der Herr Baron wissen ja, wie
es in der Welt und auf den Brettern hergeht. Sie
hatte es mit einem unserer ersten Mänmner sozusagen
geflissentlich verdorben, und der trug es ihr nach und
ließ sie es fühlen; allerdings ein wenig hart. Damals
hieß es denn, fie wolle vom Theater abgehen. Aber
gerade in der Zeit machte Herr Philibert von seinem
Onkel eine große Erbschaft und ging nach England,
sie zu reguliren, wo er nun auch bleiben will. Seit-
dem hat sich für die Vollmar Alles wieder hübsch zu-
rechtgezogenn; und seit manu denkt, fie werde an das
kdnigliche Theater berufen werden, macht der Direktor
ihr hier alle möglichen Anerbietungen, demn das Publi-
kum will. sie nun durchaus nicht missen.?
Emanuel hörte das Alles Wort für Wort, und
mußte sich in seinem Innnern fragen: ,t es dennn
möglich, daß es Hulda ist, von der mann also spricht?
Daß es das Mädchen ist, dem Du Dich einst ver-
lobtest, das Du verlassen hast, und das heimzuführen
als Dein Weib, Du jezt gekomwmnuen bist?
Sein ganzes bisheriges Thun mnnd Haudeln, Alles.
was er erlebt in diesen letzten Jahren, kam ihm mn

488 -
begreiflich, fast unmöglich vor. Aber sehen mußte
er sie, und auf der Bühne, und gleich in dieser
Stunde!
Er verlangte einen Wagen und fuhr in das
Theater. Der Abend war schon vorgerückt, die größere
Hälfte des Stückes war vorüber, man war mitten in
der Aufführung.
Das Herz schlug ihm heftig, als der Schließer
ihm leise die Thüre der Drchefteroge öffnete: die
Hand bebte ihm, als er selber den schweren rothen
Vorhang zurücschlug, und hinaus sah auf die Seene.
Ja, das war sie! Er sezte sich in der hintersten
Ecke nieder, in der sie ihn nicht gewwahren konnnte.
Er hatte Mühe sich zurüchuhalten. Es war ihm
selber wie dem Faust, dem das Bildniß Helena's im
Zauberspiegel aufersteht.
Gretchen saß in ihrer Stube am Spinnrocken.
Sie war ganz unwwerändert, ganz dieselbe, wie er sie
zuerst gesehen, herrlich und hehr, wie der Geres blonde
Tochter in dem Gewwoge der goldenen Aehren, den
Kranz von Kornblumen in dem blonden Haare.
,Wo ichh ihn nicht hab'
mir das Grab,
Die ganze Welt
Dft mir vergällt.k
Das waren die ersten Worte, die er von ihrer
Sötimme wieder hörte.
Wie oft, wie unzählig oft, mochte sie so gesessen,
so geseufzt in Sehnsucht, so in verzagendem Hoffen
gedacht haben an ihn, ehe sie sich entschlossen hatte,

g89
ihm den Ring zurüczugeben! Den goldenen Reifen,
der ihm jetzt brannte an der Hand.
Es war überwältigend, was er dachte und em-
pfand. Er komnte sich nicht helfen, die Thränen
brachen ihm aus den Augen, er durchlebte lange
Jahre in diesem Augenblick. Ihr Leiden und das
seine traten wie lebendige Gestalten vor ihn hin, mnnd
klagten ihn an, und forderten von ihm Ersaz für alle
die verlorenen Tage mnnd das in ihnen nicht genofsene
Glück.
Gläc? =- War dennn der Beifall, den man
Hulda zollte, als sie ihr Lied beendet hatte, nicht ein
Glc? War das bezaubernde Lächeln, mit welchem
sie dankte, als man fie nach der Scene wieder und
wieder herworrief, niGht ein Lächeln des Glückes? Wo-
durch konwte er dies beseligte Lächeln künftig in seiner
Einsamkeit auf ihre Lippen zaubern? Mau sah es,
wie sie sich heute selbst genoß. Emamuel gömnte ihr
die Freude, den Triumph. Was er dabei empfand?
= wie konnnte sie das ahnen und was komnte es für
sie bedeuten?
Seene um Scene griffen tiefer in seine Seele
ein. Die Aufführung schien ihm kein Ende nehmen
zu wollen: aber er konnte nicht von ihr gehen, so
lange alle diese Blicke noch an ihr hingen. Er miß-
gönnnte der Menge den Anblick der Geliebten, und
doch entzückte Hulda ihn, doch genoß er mit einer
stohen Freude ihr Talent, und selbst den Beifall, mit
welchem man ihr lohnte.

I40
Vor ihm in der Loge saß ein älterer Mann. Er
hatte bei Emanuels Eintritt seinen Sessel auf die
Seite gerückt, ihm Plaz z machen, und sich offen-
bar gewundert, daß Jener sich so geflissetlich im
Schatten und von der Brüftung ferne hielt. Während
des Zwischenaktes hatte er Emanuel angeredet. Der
Fremde zeigte sich dabei als ein gebildeter Manmnn, und
voll Anerkennung für die Leistung Hulda's. Er hatte
es kein Hehl, daß er ein Mamnn vom Fache sei; Ema-
nuel errieth in ihm natürlich den aus der Residenz
gesendeten Regisseur. Inzwischen war auch der Di-
rektor in die Loge eingetreten.
,Nun,! meinte er, gegen den Regiseur gewenndet,
,begreifen Sie jetzt, weshalb ich vor Ihnen nicht so
ohne weiters die Segel ftreiche?
Der Regisseur klopfte ihm auf die Schultern.
,Ziehen Sie sie mur ein, dennn was Sie noch aufsezen,
ich habe mehr in meiner HHad. Sie ist wirklich
adorabel und recht des Königs Genre! HHoch, stoh,
blond - so Etwas wie die Hochselige! - Aber das
ist wahr, Sie macht Ihnen und Ihrer Schule alle
Ehre!
Der Vorhang ging wieder in die Höhe, die
Kerkerseene begannn. G war mehr, al Emnammel aus-
zuhalten vermochte. Dies Antliz, dies heißgeliebte,
schöne Antliz blaß, entftellt, im wilden Wahnfinn, in
Todesnoth und Angst vor sich zu sehen,i das ging
über seine Kräfte. Er verließ die Loge und das
Theater.

, ul
Gs war eine lange, schwere Nacht, die ihm in
ernsten Zwweifeln und in bangem Hoffen hinschwand,
bis er am Morgen aus martervollem Traume er-
wachte. Die nächsten Stunden mußten jetzt ent-
scheiden.

Kapitel 31

Ginunddreißigstes Gapitel
Der hauptstädtische Regisseur hatte sich bei guter
Zeit in Huldas Wohmung verfügt, um ihr den Kon-
trakt vorzulegen, den er ermächtigt war, ihr anmzu-
bieten, falls sie den Erwartunngen entsprochen haben
würde, welche man nach Lelio's Aussagen von ihr
gehegt.
Damrit that sich eine Zukunft vor Hulda auf,
wie sie erwünschter einer Bühnenkänstlerin im Vater-
laande nicht eröffnet werden konnte. Sie sollte die
Stelle der ersten tragischen Liebhaberin ersetzen, die in
das Fach der älteren tragischen Rollen überging, mnd
die Verhältnisse in der Residenz waren für bedeutende
Bühnenkünstlerinnnen, besonders, wemn sie sich selbst
zu achten wßten, völlig anderer Art als bei den
Theatern in den Provinzen.
In den gebildeten und känstlerischen Kreisen der
hauptstädtischen Gesellschaft hatte mann das Vorurtheil
längst überwundenn, das die Schauspieler im Al
gemeinnen von der Geselligkeit und dem engeren Fa
milienleben der guten Gesellschaft zurückwpies. Ein

4B
reger geiftiger Verkehr, ein wenigstens nach Außen hin
zufriedenstellendes Zusammenwirken mit den' ersten
Künstlern Deutschlands, unter der Leitung eines ge-
- bildeten Intendanten, unter dem Schutze und unter den
Augen eines Königs, der einen Theil seiner Abend-
stunden regelmäßig in dem Theater zubrachte, das
waren andere Lebensbedingungen als diejenigen, unter
denen Hulda bisher gelebt hatte. Das Gehalt, wel-
ches man ihr zahlen wollie, die Aussicht, fortan vor
dem gebildetsten Publikum des Landes zu spielen,
waren im höchsten Grade lockend. Was Hulda in
den frühen Träumen ihrer Kindheit in märchenhaftem
Glanze vorgeschwebt hatte, das stand jetzt plözlich nahe
und erreichbar vor ihr. Sie hatte es kaum erwarten
dürfen, es kaum gehofft, solch ehrender Auszeichnung
und einer so sicher festgestellten Zukunft schon so frühe
theilhaftig werden zu kömnen: und wer denkt demnn in der
Jgend, wenn die helle Frühlingssomne in das Freie
und in das Licht hinauusruft, an die trüben Nebel
und an die Winterstürme, welche diesem Sonnen-
schein vorangegangen sind?
Die lezten Wochen waren ohnehin für Hulda,
wie der Wirth es Emanuel sehr richtig dargestellt
hatte, ohne jene Kränkungen und Störungen vergan-
gen, welche ihr das Leben so schwer gemacht, ihr die
Ausübung der Kunst verbittert hatten, unnd auf das
Angebot ihrer Dienste als Erzieherin war keine wei-
tere Anfrage an fie erfolgt. Die einfachste Neber-
legung mußte ihr also sagen, daß es ebenso unklug als
vermessen von ihr sein würde, dem Antrage, welchen mann

L
T4
von Seiten des hauptstädtischen Theaters machte, nicht
Folge zu leisten. Indeß sie hatte weder all der
Widerwärtigkeiten vergessen, welche sie erdulden müssen,
noch des Abendes, an welchem es ihr in sittlicher
Empörung über ihre Lage, unerläßlich erschienen
war, sich aus derselben für immer zu befreien, z-
rüchutreten aus der Deffentlichkeit, und ,ihre Seele
zu erlösenr, gleichviel um welchen Preis, gleichviel
durch welches Opfer. Und mit der Feder in der
Hand, bat sie sich plözlich noch eine Bedenkzeit bis
zum Abend aus.
Der Abgesandte des Hoftheaters zeigte sich er-
staunt darüber. Er kannnte jedoch die Künstlerlaunen,
und mochte wohl auch glauben, es mit einer jener
Berechnungen zu thun zu haben, welche durch zögern-
des Bedenken den Werth der Zusage zu höheren
wünschen. Er gestand ihr also das Verlangte zu.
Unten in dem engen Hausflur traf er auf Ema-
nuel. Er hörte, wie dieser Beaten eine Karte mit
der Bemerkung übergab, daß er einen mündlichen
Auftrag an das Fräulein habe, und wie Beate ihn
ersuchte, in dem kleinen Sübchen zu ebener Erde ein-
zutreten.
,Sonderbar!r rief Hulda, als das Mädchen ihr
die Karte überreichte. ,Sonderbar, daß das eben
heute kommen muß!f?
Beate hatte, da das Couvert, welches die Karte
einschloß, offen war, der Rengier nicht widerstanden,
sie herauszuziehen unnd zu lesen. Sie enthielt nichts
als den Ramen: ,Karl von Barnefeld auf Splitt-

s4ö
bergenr und darunter die Worte: ,Der mir befreun-
dete Neberbringer wird die Ehre haben, sich von
Ihnen noch einige Auskunft in Folge Ihres Briefes
vom ? zu erbitten, und Ihnen jede Auskunft zu
ertheilen, welche Ihnen über uns und die hiesigen
Verhältnisse etwa wünschenswerth erscheinen könnte.?
Es lag für Hulda etwas sehr Beängstigendes
darin, daß diese Aufforderung eben noch in dieser
Stunde an fie herantrat. Das Schicksal schien sie
recht eigentlich zu einer freien Wahl zwingen zu
wollen, damit sie die Folgen ihrer Entscheidung nur
sich allein, und nicht den Umständen, zur Last zu legen
habe, und sie fühlte sich versucht, den Fremden abzu-
weisen. Indeß ihre Redlichkeit gegen sich selbst hielt
sie davon zurück, und nach flüchtigem Bedenken befahl
sie Beaten, ihn heraufzuführen.
Emanuel waren die wenigen Minuten lang, sehr
lang geworden. Nun stand er endlich an ihrer Thüre,
im nächsten Augenblicke stand er vor ihr selbst, und
den Aufschrei unterdrückend, der sich auf ihre Lippen
drängte, trat sie rasch vor ihm zurück. Sie muußte
sich an die Lehne des Sessels halten, die Sinne drohten
ihr zu schwinden.
Auch ihm krampfte sich das Herz zusammen. Er
fah in ihrem Antliz keinen Strahl von Freude, und
er hatte ja keinen, auch nicht den kleinsten Beweis
dafür, daß Hulda ihn noch liebte: Sein Wünschen,
sein unberechtigtes Hofen, wie leicht konnten sie ihn
betrogen haben. Ich hätte sie vorbereiten müssen!

-.
T4s
sagte er zu sich selbst. Ich hätte nicht so komnmnnen
dürfen.
Hulda bot vergehens alle ihre Kraft auf. Es
dünkte sie wie ein Hohn, daß Emanuel im Auftrage
eines Dritten zu ihr kam, und sich endlich überwindend,
versetzte sie: , SSie zu sehen, Herr Baron, batte ich
freilich nicht erwartetl?
Der Zwwang, den sie sich,anthat, machte, daß
ihre Stimme fremd und kalt sein Ohr berührte.
Starr und schweigend standen sie einander gegenüber.
Das hielt Emanuel nicht aus.
,Sie haben Recht!r rief er mit einer Lebhaftig-
keit, in welcher seine Unruhe, seine angstvolle Freude,
sich hörbar machten. ,Zu- all' den Sünden, die ich
gegen Sie begangen habe, kommt meine heutige Ver-
messenheit hinzu. Ich hätte nicht kommen sollen, und
ich werde auch nicht lange bleiben.?
,Herr Baron!? fiel ihm Hulda in die Rede,
und sie faltete die Hände über ihre Brust, während
ihr Auge sich besänftigend auf das seine richtete.
,Sie haben Clarisse wieder gesehen,! sagte er,
,Glarisse war bei mir. Sie hat mir wiederholt, was
sich zwischen ihr und Ihnen an jenem Tage begeben
hat. Sie war voll Liebe, voll Bewunderung für Sie;
aber sie glaubte amnehmen zu mnüssen, daß Ihre Lauf-
bahn nicht ganz, nicht in jedem Betrachte, Ihren Nei-
gungen entspräche. Ich habe das beklagt, ich komnte
nicht aufhören, daran zu denken.?
Er hielt plözlich inne, seine heftige Bewegung

I4?
ließ sich kaum bemeistern, seine ganze Seele wallte
ihr entgegen.
Sie hate sich niedergelassen, er saß ihr gegenüber.
,Vor wenig Tagen,? hub er wieder an, ,vor
wenig Tagen kam mein alter Freund, mein Guts-
nachbar, Herr von Barnefeld zu mir. Er gab mir
den Brief zu lesen, den Sie der Zeitungs»Expedition
gesendet hatten. Er wollte wissen, ob ich Sie kemne,
da Sie sich auf den Gütern meines Neffen heimisch
genamnt hatten. Urtheilen Sie selber, was ich dabei
empfand!rr =- Und wieder brach er in seiner Rede
ab, bis er, als müsse er es vom Herzen haben, rasch
hinzusezte: ,Ich muuußte glauben, daß Sie die Bühne
verlassen wollten =
,Ich war in der That dazu entschlessen, ich hielt
es für unerläßlich! sagte Hulda in gleicher Ergriffen-
heit wie er selbst.
,Aber Sie sind anderen Sinnes geworden. Sie
haben den Vorsatz aufgegeben!r warf er ihr rasch ein.
,Wie sollten Sie auch nicht? Ich begreife das voll-
kommnnen. E war thöricht, Sie noch erst zu fragen.
Seine sonstige maßvolle Gemefsenheit hatte ihn ganz
verlassen. Er sprach ohne rechten Zusammenhang,
abgebrochen, hastig, wie die ihn beftürmenden Ge-
danken ihm nach einander kamen. ,Ich erfnhr es
schon gesternn, was man Ihnen anträgt. Wie könnte
Ihnen auch neben den glänzenden Aussichten, die fich
vor Ihnen aufthmnn, noch amnnehmbar erscheinen, was
Ihnen zu bieten, von Ihnen zu erbitten, ich ge-
kommen war.?

44s
,Sie, von mir erbitten?! rief Hulda, und zummn
erstenmale hörte er in ihrer Stimme den alten, seelen-
vollen Klang.
,Ich habe Sie geftern Abend gesehen, bewundertl?
sagte er. ,Sie sind eine treffliche Künstlerin geworden.
Sie werden die große Welt dereinst zu Ihren Füßen
sehen -
,Herr Baron!? stieß sie mit bebender Lippe
hewwor.
,Ich,! fuhr er fort, ,ich? =- Was kann ich
Ihnen dagegen bieten? Wie könnnte, ja wie dürfte
ich fordern - da ich nicht zu halten wußte, was ich
einst besaß!r rief er, seiner selbst nicht länger Meister.
Sie schlng, sprachlos in ihrem Ewtzücken, ihrem
Ohr, ihren Sinnen nicht vertrauend, die Hände zu-
sammen und hob sie wie im Gebete gegen ihre Stirn. -
,Ist es denn möglich, kamn es demnn sein?! sagte sie
kaum hörbar.
,Sieh,? fuhr er fort, indem er ihre Hände er-
griff und fest und leidenschaftlich in die seinen preßte,
,wemn Du vergessen kömntest! wenn Du verzeihen
könntest, wenn Du mich noch liebtest!?
,Und was hab' ich dennn gethan, als Dich lieben
all die lange Zeit!r rief sie und hing an seinem
Halse. ,Was ist demn mein Trost gewesen in mancher
Stunde bitteren Kummers, als der Gedanke, daß Du
mich doch einst geliebt hast!,
Sie komnuten Beide nicht mehr sprechen. Sie
hatten einander umschlungen, Freudenihränen löschten
die Erinnerung all der Leidensjahre aus.

s
-
44O
Wie sie sich emwporrichteten und die stürmische
Erregunng sich in ihnen zu sänftigen begamn, fiel ein
heller Somnenstrahl durch das Fenster.
,Ich habe so lange keinen Frühling auf dem
Laude mehr gesehen! sagte Hulda.
Sie standen am Fenfter, er hatte seinen Arm
um sie geschlungenn.
,Er wird Dic in meiner Heimat keine Lorbeeren
bringen,? sagte Emanuel. ,Aber Kouublumen habe
ich, Kornblumen ohne Sahl! und Du flichtst Dir
wieder Kränze.?
Sie lächelte ihn mitHerklärtem Antliz an. Dann
standen sie noch einmal lange schweigend beieinanber.
Sie mmußten sich erst finden in ihr eigenes Glück, ver-
stehen lernen und sich überzeugen, wie nun Alles so
gewandelt war. Sie waren noch dieselben, und waren
Hoch Beide röllig Andere geworden.
Emanuel betrachtete mit liebevoller Reugier den
Raum, den sie so lange bewohnt hatte. Der Kon-
trakt lag noch auf ihrem Tische. Er fragte, was es
sei, sie reichte ihm das Blatt zum Lesen hin. Die
kleine Genugthuung mochte sie sich nicht versagen.
,Duu bringst ein großes Opfer!r sagte er.
,Wenn Du wüßtest, aus welcher Welt Du mich
entführst, Du würdest es für eine Erlösung halten!r
entgegnete sie ihm. ,nd ich hatte einst in dem phan-
Lastischen Spiele meiner kindischen Einbildung gemeint,
Deine Erlöserin werden zu kömnnen.
,Bist Du mir es nicht gewesen? bist Du mir
-es nicht in dieser Stunde wieder? sprach er. ,st
Famny Lewald, Die Eröseein. M.

T50
Deine Treue, die ich nicht verdient habe, ist Deine
Liebe mir nicht Erlösung von der Sünde, die ich
gegen Dich begangen habe, von der Rene, die ich
stets in mir gefühlt, so oft ich Deiner dachte? Nnd
ich dachte Deiner immer! selbst wennn ich Dich ver-
gessen, mich betrügen wollte. Es war vergebliches
Bemnühen. Du warst in mir lebendig immmuerdar.
Er ftreifte den kleinen Ring von seiner Hannd.
,Willst Du ihn wieder tragenn, Hulda, den armmen
kleinen Ring, den Dn verstoßen hattest? Soll es
nun Wahrheit werden, das schöne alte ,Dich und mich
trennt Niemand?
,Riemand!r rief sie und steckhe den kleinen
Hf? = = o - =e. =

Kapitel 32

Bweiunddreißigstes Gapites
Beate kopfte an die Thüre. ,Derr Direktör
Holm!r meldete sie mnd sah es noch mit Stannen,
wie Emanuel die Geliebte aus seinem Arme frei ließ.
,Da trennt mann uns ja schon!r scherzte er.
,Richt auf lannge,' gab fie ihm ebenso zur Ant-
wort, ,unnd mnnser Direktor liebt die Stücke, die zu-
frbedenstellend enden. Er soll der Erste sein, dem ich
mein Gc verkünde.
,Er wird der Erste sein, der es mir mißgönnt!r
sagte Emamuel, als der Direktor schon vor ihnen
stand; und in der That hatte er sich nicht in der
Voraussezunng geirrt.
Der Direktor mochte Hulda nicht gleich missen.
Ee wollte nicht davon reden hören, ie sofort der
Verpflichtung zu entheben, die sie noch für die beiden
Monate ann seine Bühne band. Indeß Emamuel
zeigte fich nicht karg, mnd der Direktor war der Mann,
sich in feftstehende Thatsachen schnell und gewandt zu
finden, und Aushilfe zu schaffen, wo fie gefordert war.
Ees in lllem genommmen, sah er Hulda lieber die

TkL
Bühne ganz verlassen, alß zu einer anderen übergehen.
Nur Eine Bedingung stellte er, sie sollte noch einmal
auftreten, nicht ohne Abschied von der Bühne und
von dem Publikum scheiden; und sie selber theilte
diesen Wunsch. Emanuel lehnte sich nicht dagegen
auf, vorausgesetzt, daß es nicht auf irgend eine
theatralische Abschieds-Scene hinauslaufen solle, wie
sie Feodore vorbereitet worden war, und daß die
Wahl des Stückes Hulda überlassen blieb. Holm war
damit gleich eiwerstanden, HHulda entschied sich für
die Rolle der Iphigenie. Mit dieser erhabenen
Dichtung wollte sie von der Bühne Abschied nehmen,
in der Verklärung dieser Rolle noch einmal vor den
Augen ihres kinftigen Gatten erscheinen, Iphigeniens
Söcheideworte sollten auch die ihren werden.
Das Gerücht, daß Hulda das Theater verlasse,
war schon am Abende unter den Schauspielern ver-
breitet. Am nächsten Tage brachte die Zeitunng die
Kunde von ihrer bevorstehenden Heirath mit einem
der reichsten Edelleute des Lamnndes; und die flüchtigen
Mittheilunngen, welche Hulda in ihrer Frende dem
Direktor über ihre frühere Verlobung mtt Emanuel
gemacht hatte, waren in jener Rachricht schon zu einem
kleinen Romane aufgeputzt, der von der Wahrheit
nicht alluu ferne blieb.
Die Gräfin befand sich in dem Schlosse des
Fürsten, als Emanuel ihr seine Verlobung mit Hulda
meldete. Glarisse zeigte sich über das Ereigniß von
Herzen froh. Sie rief den Fürsten ausdräcklich zumm
Zeugen dafür an, daß sie es schon bei ihrem Besuch

TkB
im Falkenhorst vorausgesehen, daß sie darauf eine
Wette mit ihrem Manne habe eingehen wollen. ,nd,?
sagte sie, ,nnn kommut ja auch die alte unheilvolle
Famuiliensage zu ihrem Rechte, und der böse Bann
wird jetzt gebrochen sein; denn mun kommt ein neues
junges Blut in das alte Haus, des Zwwergenkönigs
Zorn zu sühnen.?
,Rur daß das junge Blut sich nicht zum Opfer
bringt! wendete die Gräfin ein.
,Kin Opfer wird trozdem gebracht,' bemerkte
der Fürst, ,und in der That kein kleines. Emnanuel
verzichtet mit dieser Heirath für seine Descedenten auf
das Majorat.?
,Das erwähnt er ganz ausdrücklich,? sagte die
Gräfin, ,obschon es sich von selbst versteht. Die
Güter, heißt es in einem Briefe, würden einst nach
seinem Tode meinem Sohne oder meinem Enkel in
einem anderen unnd besseren Zustande übergeben
werden, als derjenige gewesen sei, in welchem er sie
überkommen habe. Er aber denke, falls ihm, wie er
hoffe, eine eigene Familie erwachsen sollte, für seine
Kinder in einem, von jeder aus der Vergangenheit
stammenden Verpflichtung und Beschränkung freien
Grundbefiz, eine neue und würdige Heimat zu be-
gründen. - Die Namen Graf Branden und Falken-
horst klingen übrigens sehr gut zusammmen!r sagte sie
nach einer Weile, während fie mit dem Silberstift,
den fie in Händen hielt, den Vornamen ihres Enkels
mit dem Zusatze ,Graf BrandenFalkenhorstr in schö-

4k4
nen, karen Lettern auf den vor ihr liegenden Brief
des Bruders schrieb.
Der Vorheil, der ihren nächsten Angehörigen
durch Emanuels nicht ebenbürtige Heirath erwmuchs,
söhnte ie bid zu einem gewissen Grade mit derselben
aus; und weil Hulda den Wuansch geäußert hatte, in
der Heimat, in ihres Vaters Kirche, mit Emnnanwmuel
verbunden zu werden, erklärte auf Glarissens Zu-
reden und auf das Anmnahnen des Fürsten, der sich
Emamwuel noch näher angeschlossen hatte als vordem,
vie Gräfin sich bereit, Hulda in ihrem Schlosse zu
emwpfangen, und mit dem fürstlichen Paare der Trauung s
beiguwohnen, die sofort erfolgen sollte.

Kapitel 33

Dreiunddrißigstes Gapites
Mamsell Ulrike war wie aus den Wolken ge-
fallen, als der Amtmamn eines Morgens aus der
Posttasche den Brief herauszog, der die Nachricht von
der Verlobung Emanuels mit der Pfarrerstochter
brachte. Sie komnte es gar nicht fassen, komnte sich
nicht darein finden. s kam ihr Alles gar z
sehr auf einmal, gar zu schnell über ihren alten
Kopf, obschon sie ihn noch immnuer auf dem rechten
Fleck hatte.
So zeitig im Jahr, fast noch im Winter, waren die
Herrschaften niemals in das Schloß gekommen; und
munn kamen sie mit Hulda, für welche die Zimmer neben
den Gemächern der Fürstin eingerichtet werden sollten.
Sie kam vor lauter Nichtbegreifen und Verwundern
mit der Arbeit nicht vom Fleck, unud fand vor lauter
Arbeit, wie sie sagte, nicht die Zeit, sich nach Gebühr
darob zu wundern, daß Simonenens Tochter nun eine
Baronin, mnnd zwwar eine Baronin Falkenhorst, und die
Schwägerin der Frau Gräfin, und die Tante der Frau
Fürstin werden sollte. Sie nannte es unbegreiflich,

T56
daß der Brnder das Alles hinnahm, als müsse es so
sein; daß er einfach sagte, es sei im Grunde doch nur
in der Ordnung, wenn ein Ehrenmann, der gehan-
delt, wie er nicht hätte haandeln dürfen, endlich zu der
rechten Einsicht komme und sein Wort wahr mache,
wie es fich gehöre. Er wolle weiter nun auch gar
Nichts sagen; auch von der Hulda und von ihrem
Fortgehen weiter Nichts. Wenn der Baron; sie hei-
ratthe, so sei das ja ein sicheres Zeichen, daß sie sich
gnt gehalten habe, und daß ihr Nichts zur Last zu
legen sei. Im Nebrigen sei es auch nicht ihre Schuld
allein gewesen, daß fie heimlich in die Welt mnd auf's
Theater gegangen sei. ,Demnn, unter uns gesagt, Schwe-
ster,f sprach er, indem er ihr gut gelaunt auf die
Schulter klopfte, was sonst nicht seine Art wär, ,mit
Dir, Schwester, ein ganzes langes Leben auszukom-
men, das ist kein Kinderspiel, dazu gehöre ichl?
Sie that, als nähme sie es übel, indeß sie lochte
doch dabei. Es gab mun auch im Schlosse wieder
etwwas Ordentliches zu thun, und sie war nkugierig,
zu hören, wie das Alles so gekommen war. - Hulda
hatte es dem Pfarrer zwwar in einem langen Briefe
ausführlich geschrieben, den die junge Pfarrerin selber
in das Amt gebracht und vorgelesen hatte, und den
sie edel und schön, und wer weiß was sonß noch
Alles, geheißen hatte. Indeß Alrike meinte, dlh, was
sie eigentlich wissen, und das, was sie hören möchte:
vom Theaterleben, von den Komödianten und auch
fonst derlei, das stände nicht darin; das muüsse ihr die

5?
Hulda selbst erzählen, wenn fie nicht zu hochmüthig
dazu gewworden sei
Hulda aber hatte, als sie im Schutze ihrer neuen
Anverwandten in das Schloß und in das alte kleine
Pfarrhaus kam, die Herzen bald sich wieder zuge-
wendet.
Wie im Märchen sich Mlles schön gestaltet, wenn
das rechte Zauberwort einmal gefunden und ausge-
sprochen worden ist, so hell und klar legte sich Alles
nun für sie zurecht, wohin sie immner kam; und der
Tag des Frühlingsanfanges ward für die Einsegnung
ihrer Ehe mit Emanuel bestimmt.
Am Abende, welcher der Trauung voranging,
schickte der Postmeister einen Brief per Estafette in
das Schloß. Er kam von Konradine und dem Prin-
zen. Sie sendeten dem Brautpaare ihre Wünsche.
,Sie Beide glücklich zu wissen,? schrieb die Prin-
zesfin, ,hatten wir nöthig, um unseres eigenen Glücks
in ungetrübter Freude genießen zu können; und so
lassen Sie uns an einander freien Herzens mit treuen
Segenswünschen denken, bis hoffentlich in nicht zu
ferner Zeit, unsere Lebenswege sich wieder berühren,
und gute gemeinsame Stunden uns an ihre mannig-
fachen Vorgänger anmuthig erinnern.!
Es war ein heller, klarer Morgen, als die statt-
lichen Kutschen das Brautpaar und seine Angehörigen
aus dem Schloß hinab in das Dorf zur Kirche führ-
ten. Der Wind kam frisch vom Meere her, die
gs

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Sonne entlocte mit ihrer Wäärme der braunnen, vom -
Eis befreiten Erde ihren ersten Frühlingsduft.
,Den Weg sind wir schon einmal gefahrenlr
sagte Hulda, der gransen Winternacht gedenkend, in
welcher Emanuel sie aus dem Schlosse ineihr Vater-
haus zurückgeführt hatte- und in welcher die Mutter
ihr entrissen worden war.
,Der Nacht entsprang der Tag, der uns heut'
ambricht!r entgegnete Emanuel, die träbe Erimnerung
zu verscheuchen. ,Die Nacht gebar die Liebe, die uns
jetzt durch ein schönes Leben leuchten solle?
Die altvertrauten Känge der Kirchenglocken spra-
chen schon von ferne ihren Segen zu dem Worte.'
Des Pfarrerd tief empfundene Rede gab dem Bunde
die Weihe.
Schöner, glücklicher hatte nie eine Braut an des
Altares Stufen gestanden. Selbst die Gräfin konnte -
Glarissen nicht widersprechen, als diese die Auser-
wählte ihres Oheims eine königliche Erscheinunng nannte.
Sie räumte ein, daß Hulda durchaus präsentabel sei
,Und zu denken, daß sie eine Komödiantin ge-
wesen it! sagte Mamsell Alrlke heimlich zu dem
Bruder. ,nd wie sie den Strauß von emaillirten
Kornblumen und Brillanten vor der Brust trägt! als
hätte sie es von jeher so gehabt! Wenn die Eltern das
erlebt hätten! Man traut seinen eigenen Augen nicht!
=-- And nun soll mir Einer sagen, ich hätte nicht
recht gethan, darauf zu halten, daß sie es in Käche,
und Kammer den keinen Leuten niemal fehlen ließ.

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Das bringt Glück und bringt zum Hochzeitstag gut
Wetter.
,Rarrenspossen!s brummte der Amtmann, als
die neue junge Freifrau sich nach den Umarmungen
und Glückgünschen der Ihren, zu ihm wendete. Er
neigte sich tief vor ihr, sie fiel ihm um den Hals und
küßte ihn.
,Sie ist ein Juwel, Herr Baron!r sagte er, als
auch Emanuel herantrat, ihm die Hand zu drücken.
,Sie ist ein Juwel!r wiederholte er, denn er konnte

,Mir ist sie mehr als das!r sagte Emanuel; -
E n d e.

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