Benedikt.
Fanny Lewald
Band 01
Titel

Benedikt
von
Fanny Lewald.
Erster Theil.

Hängerin
Per
unä Kouponlßln
a,
z -
-Ffz Sinlon Fh zf s- yenno Aimn
Z1b slC1skß zißlshsilss lis zs l C1:
Meine theure Käthe!
Deine treue Liebe, Dein seelenvoller Gesang, sind uns
seit Jahren in trüben Stunden eine so große Erguickung, in
heiteren eine solche Verschönerung derselben gewesen, daß ich
Dir gern dafür einmal besonders zu danken, und Dir zugleich
eine Erinnerung an die Zeit zu bereiten wünschte, die wir zu-
sammen in der Schweiz verlebt haben, und in welcher der
Plan zu dieser Dichtung in mir entstanden ist.
Nimm denn dies Buch als Liebeszeichen hin, und laß uns
auf ein ferneres gutes Beisammensein vertrauen.
Berlin, im Mai 1?.
Jannn ,ewald-Flahr.

Kapitel 01

Fn den Hochalpen der deutschen Schweiz öffnet
sich ein schönes weites Thal, welches in allen Neise-
handbüchern als einer der bewährtesten klintatischen
Kurorte gerühmt wird, weil die hohen Berge, welche
eö einschließen, die rauhen Winde abhalten. Eö
athmet sich auch wirklich leicht und gut auf seinen
duftigen, mehr alö dreitausend Fuß üler der Mereö-
fläche gelegenen Matten, und in der Frische seiner
Tannenwwälder, die sich hoch hinaufziehen an den Wän-
den seiner Berge.
Einsichtige Brüder des vornehmen Benediktiner-
Ordens haben die Vorzüge diese? Thaleö denn auch
frühzeitig gewürdigt, und schon im zwölften Jahr-
hundert eine Niederlassung in demselben begrindet.

E
k?-
s
k
k
he
s
s
h:
s

F

-
K
?
=-
-
?
Sie fand im Laufe der Zeiten zu verschiedenen Malen
ihre Zerstörung durch Feuersbrünste, aber die Benedik-
tiner erbauten sich immer wieder ein neues Haus, und
noch heute liegt ihre Abtei stattlich in der Mitte des
Thales da, von weißen, mäßig hohen Mauern rings
umgeben, von des Kirchthurms Kuppel überragt, auf
deren Spize der Neumond mit dem Morgenstern, wie
die Zeichen der Verkündigung des neuen Lichtes im
Sonnenschein erglänzen.
Das Kloster ist reich begütert. Es besizt eine
bedeutende Bibliothek, und seine gelehrten Mönche
jtehen einer Lehranstalt vor, welche seit langen Jahren
eine beträchtliche Anzahl von Schülern in ihren Mauern
zu vereinigen pflegte.
Die Kirche des Klosters ist sehr groß, und wenn
man die Verhältnisse des Thales in Betracht zieht,
schön und ungewöhnlich prächtig zu nennen. Es fehlt
den Altären nicht an Bilderschmuck, nicht an Säulen
von seltenen Marmorarten; die Drgel der Kirche ist
mächtig und der Gesang der Chorherren lockte uns,
«
N- penn wir am Abende von unsern Spaziergängen zurück-
F ?ehrten, oftmals, in die feierlichen Hailen des Gottes-
?-hauses einzutreten
- FF - -
z., R wer ein warmer Abend des Späfommers.
?-
=
--.

als wir zum ersten Male der Vesper beiwohnten.
Draußen war es noch heller Tag, obschon die Sonne
für das Thal bereits gesunken und hinter den Gipfoln
der Bergpyramiden verschwunden war, die ek nach
Westen hin umgeben. In der Kirche war die Däm-
merung bereita Meister über das Licht geworden und
sie war fast leer. Nur in einer der Bänke sas hoch
aufgerichtet eine große, starke Bäuerin und in der
Bank hinter ihr saßen zwei junge Klosterfrauen, die
ihrer Tracht nach barmherzige Schwestern waren. Vorn,
unweit des schwarz verkleideten Gitters, das den Chor
und das Kloster von der Kirche scheidet, knieten und
saßen einige wenige, nicht den Thalbewohnern, sondern
der Fremdengesellschaft angehörende Frauen und Mn-
ner, und aus dem Chor stiegen zu der Wölbung der
Kirche die volltönenden Stimmten der Mönche hinan,
die den Abendsegen sangen.
Es lag etwas sehr Ergreifendes in dem Gesange,
in der einfachen, sich immer wiederholenden Melodie,
die nun seit hunderten und aber hunderten von Jahren
alltäglich um dieselbe Stunde, an derselben Stelle
erklungen war, und die vorauösichtlich hier auch noch
erklingen wird in fernen, fernen Tagen. Die fort-
wirkende Kraft eines großen Gedankens offenbarte sich

uns in diesen feierlichen Klängen wieder einmal auf
das Neue. Man fühlte sich von ihnen zu jener lang
entschwundenen Zeit zurückgeführt, in welcher die ersten
geistlichen Ansiedler voll hoher Begeisterung und starkem
Glauben hinaufgezogen waren in dies Hochgebirge,
sich abwendend von einer Welt, deren Eitelkeit sie
entsagten; das Ringen und Treiben des Lebens hinter
sich lassend, um in Einsamkeit und Betrachtung der
s Selbstvollendung nachzustreben; um dem Kultus des
Heilandes und der Madonna, des Mannes und des
Weibes in ihrer höchsten Reinheit und Jdealität, in
tiefer Weltabgeschiedenheit einen Altar zu errichten,
und unter halb wilden Volksstämmen die Lehre der
christlichen Liebe zu verbreiten und zu üben.
Mit dem Gesange wechselnd klang die Drgel
durch die Kirche, dann verstummte Beides. Nur
das leise Beten der Mönche war aus dem Chore her
vernehmbar und durch die hohen Bogenfenster der
Kirche ward das Alpenglühen auf den Gipfeln der
Schneegebirge sichtlar, noch Licht verbreitend nach dem
Untergang der Sonne, ein Widerschein entschwundener
Herrlichkeit,
Als der Gottesdienst beendet war, verließen die
Fremden die Kirche Einer um den Andern. Auch


wir schickten uns zum Fortgehen an. Nur die beiden
barmherzigen Schwestern verharrten betend noch auf
ihren Plätzen; und das greise Haupt auf die Hände
gesenkt, daß man ihr Antliz gar nicht sah, lag die
ältere Bäuerin in tiefem Gebet versunken, noch auf
ihren Knieen.
Wie wir dann draußen auf dem Kirchhof stan-
den, dem allmäligen Erlöschen des Alpenglühens zu-
zuschauen, gingen die drei Frauen an uns votüber.
Man sah, daß die beiden Nonnen die Töchter der
Alten waren, denn die schöne Gesichtsbildung, die
stattliche. Größe waren allen Dreien gemeinsam, znd
die Aehnlichkeit zwischen ihnen wwar auffallend, obsähoit
der sanfte Gesichtsausdruck der Klosterschwestern und
der finstere Blick der Alten starke Gegensätze bildeten,
und die voll und starkknochig ausgeprägte Gestalt der
Mutter neben den schlanken Leibern der Töchter noch
wuchtiger und derber aussah.
Weil die Abende kühl waren, beendeten wir nn-
sere Spaziergänge immer mit dem Sonnenuntergange
und gewöhnten uns endlich daran, allabendlich in die
Kirche einzutreten, in welcher die alte Bäuerin und
die beiden Nonnen niemals fehlten. Sie waren regel-
mäßig die lezten Beter in der Kirche, und trennien

sich dann auf dem Platze vor derselben meist mit
stummem Gruß. Die Nonnen gingen thalaufwärts
nach dem von ihnen verwalteten Armenhause, in
welchem die Gemeinde ihre Kranken, ihre Alters-
schwachen und ihre Waisen untergebracht hatte; die
Alte stieg mit starkem Schritte einen schmalen Fuß-
pfad hinan, der an der Nordseite des Thales zu einer
der prächtigsten Matten und zu dem ansehnlichsten
Hause des ganzen Thales führte.
Die Frau hatte etwas Besonderes an sich. Ihre
Züge waren hart und scharf, wie man es an den
Frauenköpfen auf manchen der Holzschnitte von Albrecht
Düürer findet. Ihr Auge wich dem Blicke der Frem-
den aus, und von der Freundlichkeit, mit welcher die
Landleute des Thales der Anrede eines Fremden im
Allgemeinen zu begegnen pflegten, war an ihr Nichts
zu bemerken. Indeß eben ihre Zurückhaltung machte
sie uns anziehend, denn es sind nicht nur die Kinder,
welche nach dem Versagten ein gesteigertes Verlangen
fühlen, und der Müßiggang macht neugierig. Wir
meinten einmal sehen zu müssen, wo und wie sie
wohne, und als wir eines Tages unsern Morgenspazier-
gang nach der Höhe unternommen hatten, auf welcher
ihr Haus gelegen war, schlugen wir unsern Rückweg

nach der Richtung ein, welche uns an demselben ro. -
überführen mußte.
Als wir herankamen, überraschte uns das Hans,
denn es machte in der Nähe sich noch stattlicher unnd
schöner, als von der Ferne. Sie waren offenbar ui:
Naum und Baumaterial noch nicht verlegen gewesen,
die Bauleute, die dies Haus vor nahezu zwei Ichr-
hunderten auö den Baumstämmen des Waldes aufge-
richtet hatten, der sich hinter demt Hause weit hiaee
dehnte. Die Zeit hatte wie eine scharfe Beizr dir
Stäämme und Balken dunkelbrann gefärbt, und die
Sonne die in Blei gefaßten runden kleinen Scheilen,
aus denen die Fenster sich zusammensetzten, in wechseln-
der Farbe schimmern machen. Aber das Gefüge stand
noch so fest, als wäre es heute erst gerichtet, daä Haus
lag mit seiner dreifachen Fensterreihe hoch und sich
in Freiheit ausbreitend, am Duellenrande da; die
Gallerien zogen sich unter weithin schüzendem Vordach
um die beiden oberen Gestocke hin, und mehr noch
als sie, boten die uralten Nußbäume dem Hause Scuz
und Schatten, die neben und hinter ihm emporge-
wachsen waren.
Mlles verrieth einen alten Wohlstand an dem
Hause. Die Siallungen konnten Vieh genug beher-

E
Ee?
E
E
F
?
s
s
?
;
1
bergen, wenngleich sie jezt zur
waren. Die ungewöhnliche
Sommerszeit verlassen
Zahl und Größe der
Wirthschafisgebäude ließ verm
athen, daß man hier eine
habe. Der überdachte
große Heuernte zu bewahren
und wohlgefaßte Quell, der sein klares Wasser aus
eiserner, von alter Schmiedekunst gefertigter Röhre in
die langen breiten Steintröge ergoß, plätscherte laut
in seines Reichthums Fülle, und wie das Wasser
Kühlung spendete in dieser heißen Zeit, so verhießß die
Masse des klein geschlagenen und sorgsam aufgeschich-
teten Holzes, daß man in dem Hause auch in den
Tagen des Winters von des Wetters Ungunst nicht zu
iden haben werde.
Oben auf der Giebelfirst waren, wie auf dem
Thurm des Klosters, der Neumond und der Morgen-
stern als
l. K. S.
und auf
rath sich
und dem
hin hoo signo rineess prangte am Giebel;
der schön geschnizten Planke, die als Zier-
auf der Giebelfront zwischen dem Erdgeschoß
thümlicher
Auf
Wetterfahne angebracht. Das Zeichen des
zweiten Stockwerk hinzog, stand in alter-
Schrift zu lesen:
Gott vertraut und aufgebaut mit eigner Kraft
Voe Maria Vosepha Anschafft
Bür sich und ihre Nachkommenschaft
Bnno Dowini 1879.

Es war eine Inschrift, wie sie uns ähnlich weder
hier noch anderwärts jemals vorgekommen war. Sie
klang so stolz und selbstgewiß, als hätte die Frau, die
uns merkwürdig geworden war, sie selbst errichtet; und
weil man gewohnt ist, sich die Frauen immer nur
in der Abhängigkeit von einem Manne zu denken,
stand es für uns Mlle sofort fest, daß es mit jenrr
Maria Josepha Anschafft, welche dieses Hans vor zwei-
hundert Jahren erbaut hatte, und mit dem Hause
selber, schon von Anfang an ein eignes Bewandtni,;
gehabt haben müsse.
Wir meinten, es müsse etwas Besonderes verge-
gangen sein, ehe eine Frau sich in jenen fernen Tagen,
und vollends hier zu Lande, so geflissentlich als Bau-
herrin und Beschüzerin ihrer Familie kund gegeben
habe; und wie wir denn länger und länger auf demn
Platze weilten, dessen erfrischender Schatten uns wä! -
rend der schweren Mittagshize erguicklich festhielt, fi:l
es uns allmälig auf, daß daö reiche stattliche Hane
jich gegenwärtig alles jenes freundlichen Schmuckes
baar und ledig zrigte, an welchem selbst der weniger
Bemittelte es seiner Hütte, wenn er es irgend kann,
nicht gerne fehlen läßt.
Der eingezäuute kleine Gartenraum war halb ven-

wildert. Was von Blumen noch darin blühte, hatte
offenbar zufällig und ungepflegt in demselben fort-
gewuchert. Der Weg, welcher einst zwischen den Bee-
ten gezegen worden, war mit Gras bewachsen. Auch
an den Fenstern sah man keine Blume, und sogar
die Vorhänge an den Fenstern fehlten, deren leuchtende
Sauberkeit neben dem dunkeln Holzwerk der Häuser
sich hier zu Lande meist so freundlich ausnimmt.
Während Einer von uns eben diese Bemerkung
aussprach, trat die Besizerin des Hauses aus der
Thüre unter daö Dach des Vorgeleges heraus und
sah uns an, ohne uns auch nur mit einem Gruße
kund zu geben, daß sie uns gewahre.
Wir boten ihr den guten Tag, sie erwiderte es
kurz. Als wir danach die Erwartung aussprachen, sie
werde wohl erlauben, daß wir hier unter dem Schat-
ten ihrer Bäume noch ein wenig ruhten, sagte sie:
,Dazu ist die Bank ja da!!-- und ging, ohne uns
weiter auch nur eines Blickes oder Wortes werth zu
achten, in das Haus zurück, dessen Thüre sie hinter
sich fest zuzeg.
Eine solche Unfreundlichkeit war uns in all den
Wochen, wäährend deren wir im Thale lebten, noch
nicht vorgekommen. An so manchem Hause hatten


wir gerastet, und überall hatte man uns einen Will-
kommen, ein freundlich Wort auch ohne unser Zuthun
zugerufen.
Erst am verwichenen Tage hatten wir vor einem
Hause gesessen, alä die Eigenthümerin, eine schwene
Ladung Gras auf ihrem Haupte tragend und die
Sichel in der Hand, von ihrer Matte heimgekommen
war. Auf unsere Bemerkung, daß wir es und bei
ihr bequem gemacht und schon lange dagesessen hätten,
war eine herzliche Freundlichkeit über ihr gutes G-
sicht gegangen, und uns anlächelnd unter ihrer Last,
hatte sie uns zugerufen:,Sizen Sie hier ewigk!
Das hatte anders geklungen, als jenes abweisende:
,die Bank ist dazu da!' welches und plözlich alles
Behagen an dem Ruhen und an diefer Stelle nahm.
Es wurde uns widerwäirtig, anscheinend nur geduldet
zu werden, weil kein Grund vorhanden war, uns fort-
zuweisen; und wir erhoben uns denn auch nach wenig
Augenblicken, um unsern Heimweg fortzusezen.
, Wenn Gastfreiheit gegen den Wanderer zu den
christlichen Tugenden gehört,' sagte einer unserer Be-
gleiter, , so hat diese Frau sich heute Morgen gleich
wieder einer Sünde schuldig gemacht, die sie Abends
in der Kirche bei ihren täglichen Gebeten büßen kann.

F-

S- -
s
S- -
E
K
E
k
E
E
E
s
=
E
E
k


E-
E-
kß: -
T
?
?
Unwirscher, als sie sich gegen uns gezeigt hat, kann
an wohl nicht sein.?
,,Sie sieht immer finster und alstoßend auö!'
bemerkte ein Anderer.
F
.
1e
ein, und während unseres ganzen Rückweges kamen
wir
at.
ten
As
,Wer weiß, was sie erlebt haben mag !! wendete
unwillkürlich noch zu verschiedenen Malen auf die
u zu sprechen.
Vo
r unserm Gasthofe trafen wir unsere Wirthin
Sie
ihr
fragte, wo wir gewesen wären? Wir nann-
den Weg und ich erzählte ihr unser kleines
muteuer.
,Ja! sagte sie, ,das ist so ihre Art. In ihrer
ugend ist sie meine beste Freundin gewesen und
sehr besonders und sehr stolz war sie schon dazumal.
Aber sie war schön und brav, wie selten Eine, und
wir haben kein Geheimniß vor einander gehabt, bis
allmälig all das Unglück über sie hereingebrochen ist.
Sezt geht sie allen Menschen aus dem Wege, nicht
blos den Fremden, die freilich auch Unglück genug über
sie gebracht haben. Sie mag seitdem mit Niemandem
zu schaffen haben; und nachdem sie es dem Kloster
verschrieben hat, ist ihr sogar ihr Haus und Hof und
ab und Gut verleidet worden, daß sie nichts Nechtes


1
mehr dafür thut. Ihr ist's jedoch kaum zu verargen,
wenn sie die Menschen und das Leben satt bekom-
men hat.?
Wir fragten, ob sie keine Kinder habe? Ob die
barmherzigen Schwestern nicht ihre Töchter wären?
,Freilich! sagte die Wirthin.,Die beiden Mäd-
chen hätten Sie aber als Kinder sehen müssen. Eine
schöner als die Andere - wahre Engelsköpfe!r
, Und Shne hat sie nicht?
Die Wirthin wurde aus dem Hause mit einer
Frage angeganFn. Sie gab rasch Bescheid, und sich
noch einmal zu uns zurückwendend, sagte sie: ,Von
dem Hause und von der Familie ist viel zu sagen,
schon von alten Zeiten her. Die Geschichten haben
sich von Mund zu Mund erhalten. Vieles hat man
selber mit erleben helfen, und waä sich danach zuleh!,
vor jenen sieben, acht Jahren zugetragen hat, ist
eigentlich vor unseren eigenen Augen hier geschehen.
Sie müssen Sich das von meinem Sohne, dem Doktor
einmal auöführlich erzählen lassen. Er war ein Freund
vom Benedikt, und meine Tochter weiß auch davon
Bescheid. Sogar einen Brief haben sie noch von ihm.
Er hatte ihn mit Absicht bei dem Doktor liegen lassen,
und auch ein Bild ist von ihm da, das ganz natür-

lich ist. Die fremde Dame hat es seiner Zeit ge-
macht und es nachher hier gelassen. Mein Sohn hat
es bei sich in seiner Stube hängen. Seine fremden
Patienten haben es oft bewundert; und er war auch
wirklich schön der Benedikt!' sezte sie hinzu, während
sie einer zweiten Mahnung folgend, eilig in das Haus
und an ihr Geschäft ging.
Sie hatte aber mit dieser ihrer flüchtigen Aud-
kunft unsern Antheil an der Geschichte jenes Hauses,
wie an dem Schicksal seiner finsteren Besitzerin wesent-
lich gesteigert. Indeß in einer Wirthschaft, in welcher
Jeder, wie in dieser, sein reichlich zugemessenes Theil
von Arbeit hat, und mehr als hundert Gäste täglich
von ihren Wirthsleuten einen freundlichen Gruß und
aufmerksame Beachtung fordern, ist denselben wenig
Zeit zu ruhigem Verkehren mit den Einzelnen gegönnt.
Der Doktor hatte während der Kurzeit ebenso wenig
Muße als seine Mutter und die Schwester, und ek
vergingen viele Tage, ehe wir seiner oder seiner Schwe-
ster habhaft zu werden und sie auf die alte Jakobäa
und auf deren Sohn zu bringen vermochten.
Dazu kam, daß sie Beide immer nur bruchstück-
weise bald dieses, bald jenes Ereignisses erwähnten,
wie sie denn auch nur gelegentlich und gegen das Ende

unseres Aufenthaltes mit dem Bilde und mit dem
Brief zum Vorschein kamen, dessen unsere Wirthin
gegen mich gedacht hatte.
Was ich auf diese Weise von der Wirthin und
von ihren Kindern, theils als alte Sage, theils als
Erzählung der Großeltern, und dann wieder als etwas
von ihnen Selbsterlebtes erfahren habe, das habe ich
in Zusammenhang gebracht, und so weit es thunlich
war, möglichst wortgetreu in der Weise wiederzugeben
versucht, wie die verschiedenen Personen es mir mitge-
theilt haben, die Zwischenglieder ergänzend und ver-
bindend, wie der Hergang es wahrscheinlich machte
und gebot.
F. Lewald, Benedikt. l.

Kapitel 02

Iz, Auschafft's sind eine der ältesten Familien
des Thales. Sie sollen über dreihundert Jahre in
demselben angesessen und seit ein paar hundert Jahren
immer schon sehr wohlhabende Leute gewesen sein.
Zu den Zeiten, als der dreißigjährige Krieg in
Deutschland gewüthet, hat oben in dem Hofe ein An-
schafft gesessen, der drei Söhne gehabt hat; und weil
er darauf gehalten, daß sein Hof und Anwesen einmal
nicht zertheilt werden, sondern beisammen bleiben sollten,
hat er Nichts dawider gehabt, daß sich seine beiden
jüngsten Söhne unter dem Wallenstein haben anwerben
lassen, um gegen die Protestanten und gegen den
Schwedenkönig, zur Ehre Gottes und der Heiligen
Jungfrau, in den Krieg zu ziehen.
Ee ist einige Jahre keine Nachricht von ihnen

gekommen, bi? endlich der Jüngste geschrieben hat,
daß der ältere Bruder in der Schlacht gefallen, er
selber aber gesund geblieben sei. Er sei allmälig zum
Wachtmeister aufgerückt, er denke also gar nicht mehr
daran, nach Hause zurückzukehren, sondern wolle bei
dem Waffenhandwerk bleiben, in welchem er es zu
etwas Ordentlichem zu bringen hoffe. Es wären
Obristen und Generale in der Armee, die von der
Pike heraufgekommen wären, und was dem Einen
gelungen wäre, das könne dem Andern auch gelingen,
wenn er nur sein Ziel nicht aus dem Auge ließe, und
dieses nicht zu thun, sei er ja der rechte Mann.
Da während der Abwesenheit der beiden jungen
Leute ihre Mutter auch gestorben war, der Aelteste
aber, auf den der Vater es einzig abgesehen hatte,
sich mit einer Erbtochter versprochen hatte, so war
kein großes Trauern um den Todten, den zu sehen
man ohnehin seit Jahren nicht mehr gewohnt gewesen
war, und wenn der Jüngste sich zu einem Obristen
und großen Manne aufschwingen konnte, so dachten sie,
daö solle und könne ihnen recht sein. Indeß es kam
mit einem Male anders, als sie es erwartet hatten.
Dicht vor dem Hochzeitstage legte sich der Bräutigam
und starb, und es verstand sich für den Vater nun

durchaus von selbst, daß der Jüngste jezt nach Hause
zu kommen und sein Erbe anzutreten verpflichtet sei.
Der mußte aber lange gesucht werden, ehe man
ihn in jenen unruhigen Zeiten finden konnte, und als
man ihn gefunden hatte, wollte er nicht kommen.
Er wollte nicht davon hören, daß er das bunte Waffen-
kleid von sich thun, den Bauernkittel anlegen, das
Schwert mit der Sense vertauschen, und auf des
Vaters Matte in dem weltabgeschiedenen Thale als
ein Landmann leben sollte, statt mit lustigen Gesellen
hinter seinem Fähnlein in der Welt herumzumarschiren,
und von Flbenteuer zu Abentener fortzuziehen. Zu-
lezt jedoch, alö sich auf des Vaters Antrieb sogar der
Abt des Klosters mit einem Schreiben an den Obristen
des Negiments gewendet hatte, damit er den Anselmus
Anschafft frei lassen und zur Heimkehr bewegen möge,
ist dieser endlich doch nach Hause gekommen, wobei
es sich denn bewahrheitet hat, daß es dem Menschen
nicht immer zum Heil ausschlägt, wenn er seinen Willen
durchsezt.
Das Haus war da, das Gut war da, die Braut
und die reiche Aussteuer waren ebenfalls da, und der
Anselmus hat es sich zuerst, als er nur erst zu Hause
war, auch ganz gut gefallen lassen, in des ältesten

L
Bruders Stelle einzutreten. Das Wohlgefallen hat
jedoch nicht lange vorgehalten, denn die Sehnsucht
nach dem unruhigen Leben ist nach kurzer Jeit gleich
wieder über ihn gekommen. Dem Vater hat er nicht
pariren wollen, weil er kein Offizier, sondern nur ein
Landmann war; die ruhige Arbeit hat ihm noch weit
weniger geschmeckt, als die heimische Kost und das
tägliche Einerlei, und seiner Frau ist er nach Jahr
und Tag gleichfallö satt geworden, weil er auch darin
an Wechsel gewöhnt gewesen ist. Streit und Hader
haben nicht lange auf sich warten lassen und nicht
wieder aufgehört, und wie der Vater nur erst die
Augen zugemacht, der doch wenigstens die Hand auf
dem Geldbeutel gehabt hatie, ist die Maria Josepha
ihres armen Lebens mit dem Anselmus nicht mehr
froh geworden.
Mit weinenden Augen hat sie es ansehen müssen,
wie der Mann in Spiel und Trunk immer tiefer
heruntergekommen, wie die nothwendige Arbeit unge-
than geblieben ist, und wie erst eine Matte und dann
die andere verkauft worden ist, daß die Frau bald
nicht mehr viel Anderes ihr Eigen zu nennen gehabt
hat, als ihre Kinder und das Dach und Fach über
ihrem Kopfe. Aber auch das Dach und Fach sind nicht

B
ihr geblieben, denn als der Mann einmal seiner Sinne
nicht mehr mächtig, von der Kirchweih in der Stadt
zurückgekommen ist, da ist durch sein Verschulden im
Hause ein Feuer ausgebrochen, bei dem er selber zum
Krüppel geworden ist, und aus dem die Frau Nichts
gerettet hat, als die Kinder und das nackte liebe
Leben.
Der Mann hat es danach nicht lange mehr gr-
macht. Der unglücklichen Wittwe, mit der Jedermann
hat Erbarmen haben müssen, sind sie ans dem Kloster
zu Hülfe gekommen, und nachdem die brave Frau
nur erst freie Hand gehabt hat, hat sie zu arbeiten
und zu schaffen angefangen, daß es die Leute in Ver-
wunderung gesezt hat, und daß sie am Abend ihres
Lebens wieder ein schönes Stück Geld zusammen ge-
bracht, fast alle Matten zurückgekauft, das Haus oben
aufgerichtet und mit der Inschrift versehen hat, die
noch heute an demselben steht. Durch diese Inschrift
haben sich denn ihr Andenken und die ganze Ge-
schichte unter den Menschen lebendig erhalten, die
sonst im Laufe der langen Zeiten natürlich verloren
und vergessen worden wären.
Seitdem ist das Grundstück, und es sind nun
bald zweihundert Jahre her, immer unter den An-

2
schafft's geblieben, aber eö soll auch von jenen Zeiten
her unter ihnen sein, daß der rechte tüchtige Sinn
und die eigentliche Arbeitskraft mehr unter den Frauen
als unter den Männern des Hauses zu finden ge-
wesen sind. Das Landsknechts Blut hat in den Män-
nern immer herumgespukt. Sie haben Kriegsdienste
genommen hier und dort. Es haben Viele von ihnen
außer Landes ihr Ende gefunden, und unter den alten
Leuten des Thales weiß Mancher es noch zu erzählen,
was er in seinen jungen Jahren von den Abenteuern
der verschiedenen Anschafft's erlebt und berichten ge-
hört hat.
Zu der Zeit als die jezige Besizerin des Hauses
auf die Welt gekommen ist, hat das Haus zwei
Brüdern gehört, die einmal ausnahmsweise Beide
darin geblieben, und in gutem Einvernehmen mit
einander zurecht gekommen sind. Der Eine, Martin
Anschafft, hat nuur einen Sohn gehabt, mit Namen
Maurus, und dem Andern ist von einer gannzen Menge
Kindern nur eine einzige Tochter am Leben geblieben,
eben die Jakobäa, die noch jezt in dem Hause waltet.
Ec hat sich also bei den Vätern ganz von selbst ver-
standen, daß Maurus und Jakobäa ein Paar werden
müßten, damit das Haus und was dazu gehörte -

A
und die Anschafft's waren inzwischen immer mehr in
die Höhe gekommen - so in der Familie erhalten
bliebe, wie die Brüder es besaßen.
Dem Mädchen ist das ebenfalls natürlich vorge-
kommen und ganz recht gewesen. Der Spruch an den
Hause, mit dem sie aufgewachsen, war ihr auch wie
eingewachsen.
Jakobäa hat es gar nicht anders gekannt und ge-
dacht, als daß fie einmal den Maurus zun Manne
bekommen würde, und da sie nebenher von Kindes-
beinen an sich zur Wirthschaft gut angelassen, und
früh gelergt Jat, wie viel Bazen auf ein Schock gin-
gen, so hat sie es auch zeitig begrifßen, daß zwwei
Hälften ein Ganzes machen, und mehr werth sind,
als ein Halbes. Daß einmal eine Andere als sie
neben dem Maurus in dem Hause fitzen sollte, oder
gar, daß sie mit einem Andern aus dem Hause fori-
gehen könne, in dem sie geboren worden war, und
das die Maria Josepha Anschafft für sich und ihre
Nachkommenschaft wieder aufgebaut hatte, das ist der
Jakobäa in ihrem Stolze ganz unmöglich vorgekon-
men. Sie hat also an dem Vetter wie an einem
Theile von ihrem Eigenthume festgehalten, und damit
hat sie es zumeist bei ihm verdorben. Sie hatte ihn

7
gerade damit ganz besonders aufgestachelt, den beiden
Alten und ihr selbst zum Trotze fortzugehen in die
Fremde.
Die Männer, die mit ihm jung gewesen sind,
haben ihn oftmals sagen hören, daß er kein Felsblock
sei, der für ewige Zeiten stehen bleiben müsse, wo er
einmal stehe. Er sei auch kein Erbstück, wie eine alte
Truhe, oder wie das Vieh, daö mit dem Hause und
dem Hofe übernommen werde. Er lasse sich von Nie-
mandem versprechen, so wenig er sich verkaufen oder
verdingen lassen würde gegen sein Belieben. Er sei
ein freier Mann, und Gott habe dem Menschen Ver-
nunft und freien Willen gegeben, damit er über sich
selbst bestimmen und für sich selber wählen sollte.
Hier oben in den Bergen zu bleiben und immer nur
Gras zu mähen, das Vieh zu hüten und die Käse
in die Welt hinauözuschicken, sei er nicht gesonnen;
das könnten Andere thun, die nicht seine Kräfte und
seine Länge und seine breiten Schultern häiten. Er
wolle lieber in die Welt gehen, sich in ihr umthun,
wie schon so Mancher von ihnen es vor ihm gethan
habe. Er wolle sehen, wie es ihm in der Welt ge-
fallen werde, und nachher sei es noch Zeit genug, sich
zu entscheiden, ob er sich hier oben in den Bergen


festsezen, und ob er die Jakobäa oder eine Andere
zum Weibe haben wolle oder nicht. Wolle sie das
abwarten, so habe er nichts dawider, wolle sie das
nicht, so sei ihm das eben so genehm. Es müsse
Jeder thun, wie eö ihmt, nicht wie es Andern beliebe
und gefalle.
Je mehr die beiden Väter ihm entgegen gewesen
sind, um so fester hat er natürlich auf seinem eignen
Sinn bestanden, und je mehr hat es die Jakoläa ver-
drossen, daß er ed kund gegeben, wie er sich gar Nichts
aus ihr mache. Aus seiner Gleichgültigkeit und aus
ihrem Stolze, gie immer wieder sich an einander ge-
rieben und gestoßen haben, ist wie aus hartem Stein
und kaltem Stahl der Funken in ihr Herz gefallen.
Sie hat es ihm nicht zeigen wollen, daß sie ihn liebte
und ist bitter nnd eigensinnig gegen ihn geworden;
und weil sie sich dazwischen doch verrathen hat, hat
er auch sein Vergnügen daran gehabt, sie damit zu
kränken, daß er sie verschmähte. Es ist ein immer-
währender Unfriede zwischen den jungen Leuten ge-
wesen.
Darüber hat es denn endlich auch unter den
Vätern Streit gegeben, und wie der Maurus immer
wieder fest und bestimnt erklärt hat, daß er unter

keiner Bedingung länger in dem Hause und in dem
Thale bleiben werde, so hat der Beichtvater des Hauses,
dem die Väter ihre Noth geklagt haben, sich in das
Mittel gelegt und dem Widerspenstigen den Rath ge-
geben, er solle, wenn er denn durchaus in die Welt
hinaus wolle, sich auf eine bestimmte Anzahl von
Jahren unter die Schweizer einschreiben lassen, die in
Rom die Leibwache des heiligen Vaters bildeten. Das
sei ein Beruf, an dem Gott Wohlgefallen habe, man
wisse denn auch, wo er sei und bleibe. In Rom
werde er in dem rechten Glauben aufrecht erhalten,
und da er ein großer und ansehnlicher junger Mann
sei, der in der Klosterschule guten Unterricht genossen
habe, so könne er auf diesem Wege nicht nur zu Ehren
kommen, sondern auch sein Seelenheil befördern.
Man hatte dem Maurus in den alten Bildwerken
der Klosterbibliothek die Abbildung der Schweizer Helle-
bardiere des Papstes gezeigt, die, wie alte Ritter an-
gethan, in den großen Prozessionen mit ihren Helle-
barden vor dem Thronhimmel hergehen, auf welchem
der Papst durch die prachtvollen Hallen der Peterskirche
getragen wird, und er hat von da ab die Stunde
kaum erwarten können, bid er mit des Frühlings An-
fang sich auf den Weg nach Rom begeben konnte.

Mußten sie ihn einmal gehen lassen, so war das
den Vätern noch der liebste Weg, und da die Jakobäa
trotz ihres Stolzes fromm und dem Zuspruch ihres
Beichtvaters von Herzen zugänglich war, so söhnte
auch sie sich mit dem Gedanken aus, daß Maurus
die Heimath und sie verlassen sollte, um den heiligen
Vater zu bewachen, gegen den in jenen Jahren sich
in seinen eigenen Landen zu verschiedenen Malen Auf-
ständige erhoben hatten.
Ehe er fort ging, genossen die beiden Väter und
Jakobäa und Maurus zusammen noch das heilige
Abendmahl. Pater Theophil, der damals eben erst die
großen Weihen empfangen, hat ihn besonders noch ge-
segnet und ihm einen Empfehlungsbrief verschafft, der
ihm auf seinem Wege in den Klöstern Aufnahme und
Herberge erwirken sollte. Man hatte ihn übrigens gut
auögestattet, wie es einem jungen Menschen zukam,
dessen Vater im Vollen saß, und als er dann am
lezten Abende in der oberen Stube die Goldstücke in
dem Ledergurte verwahrte, den er am andern Morgen
auf dem bloßen Leibe anlegen sollte, hat die Jakobäa
neben ihm gestanden und nachdenklich zugesehen, wie
er die Stücke überzählte.
Gesprochen haben sie Beide nicht. Draußen hat

H
der Föhn geweht und der alte Birnbaum, der schon
seit vielen Jahren keine Früchte mehr getragen, und
den man nur noch stehen lassen, weil er schon wer
weiß wie lange neben dem Hause gestanden hatte, hat
in dem dürren Wipfel geknirrt und geknarrt, daß es
sich anhörte, als würde er in jedem Augenblicke brechen.
, Ob der noch stehen wird! sagte darauf Mau-
rus, und Nichts weiter.
, Der hält noch mehr aus, als die paar Jahre!'
meinte Jakobäa, und hatte nicht das Herz, den Vetter
anzusehen.
,Es ist nicht gesagt, daß ich in ein paar Jahren
wiederkomme! gab er ihr zur Antwort. , Hier oben
ist ja Nichts zu holen.
Jakobäa hat darauf geschwiegen, und als er seine
Sachen hergerichtet hatte, wollte er hinausgehen. Sie
aber rührte sich nicht von der Stelle und kämpfte hart
mit sich. Mit einem Male, wie er schon unter der
Thüre stand, trat sie an ihn heran und hielt ihn fest.
,Soll ich auf Dich warten? fragte sie.
Er blieb stehen, sah sie an, wendete sich wieder
von ihr ab, und entgegnete:,Halt' das, wie Du
willst. Es thut Jeder, was er nicht lassen kann! --
und damit ging er fort.

Kapitel 03

Heittes
F. Lewald, Benedikt. l.
Onpitel.

E: hatte versprochen, daß er Nachrichi von sich
geben wollte und sie warteten und warteten darauf,
ohne daß sie kam. Endlich, weil man gar Nichts
von ihm hörte, schrieb der Herr Prior, der in Rom
viel Anhang und Bekanntschaft hatte, an Einen, der
es leicht erfahren konnte, er möge sich doch einmal
erkundigen, ob der junge Maurus Auschafft in Rom
angekommen, und in die Leibwache des heiligen Vater?
eingetreten wäre.
Die Antwort fiel verneinend aus, und es wußte
nun hier oben Niemand, was er nur davon denken
solle. Die Einen vermutheten, er sei zu Schaden
und um das Leben gekommen, die Andern wollten
nicht daran glauben, weil er ein starker und ent-
schlossener Mensch war. Sie meinten, er würde auf

H
gut Glück wo anders hingegangen sein, weil er sich
niemals Etwas hatte vorschreiben lassen und nie lange
bei demselben Vorsaz geblieben sei; und es stellte sich
danach heraus, daß diese Letzteren das Richtige ge-
troffen hatten.
Er war schon über Jahr und Tag von Hause-
fvrt, als endlich ein Brief von ihm ankam, und zwar
nicht aus Italien, sondern aus Algier. Das hing
aber so zusammen.
Der Herr Abt hatte ihm, als der Maurus fort-
gegangen war und weil er durchaus das Meer zu
sehen verlangte, die Reisestraße in der Art vorgezeichnet,
daß er zuerst nach Genua wandern und sich von dort
nach Eivita vecchia einschifen sollte. Nach Genua war
er auch wirklich gekommen, und zwar in Begleitung
von ein paar anderen jungen Leuten, die auf dem
Wege nach Frankreich gewesen waren, um dort in die
Fremdenlegion für den französischen Kriegsdienst in
Algier einzutreten. Es waren lustige, verwegene
Burschen gewesen, die es ihm vorgestellt hatten, daß
es ein langweiliges Gewerbe sei, mit der Hellebarde
auf der Schulter heute im Vatikan und morgen im
Quirinal auf den Posten zu ziehen, um einen alten
Pfafen zu bewachen. Sie hatten dabei nicht ermangelt,

K
ihm das Leben eines französischen Troupiers und die
Aussichten, die ein muthiger junger Mann grade in
den französischen Colonien habe, in den verlockendsten
Farben auszumalen.
Maurus hatte diese Schilderungen sehr nach seinem
Geschmack gefunden, die mitgenommenen Goldstücke
waren vermuthlich in Gesellschaftseiner neuenFameraden
auch schnell flüssig geworden, und er meldete denn jezt
ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, daß er
in der Fremdenlegion Dienste genommen habe, daß;
es ihm in derselben gut gehe, und daß er sobald nicht
wiederkemmen werde. Es sei bei ihnen in Algier vie!
schöner und ein ganz anderes Leben als zu Hause.
Von dem Heimweh, von dem man immer sage, daß
es den Schweizer in der Fremde befalle, und ihn in seine
Berge zurückziehe, könne er noch Nichts verspüren;
und man möge sich also keine Sorgen machen seinet-
wegen.
Oben in dem Thale hörten sie das gelassen an.
Das Heimweh wird schon noch kommen, sagten sie,
und des Maurus Vater verließ sich auch darauf. In-
deß es verging ein Jahr um das andere, ohne daß
er wiederkehrte. Nachricht gab er immer seltener und
immer weniger von sich, bis man sich daran gewöhnte,

78
daß man Nichts mehr von ihm hörte, und daß er
eben nicht mehr da war. Die beiden Alten wirth-
schafteten mit der Jakobäa ruhig fort, denn sie war
noch immer bei ihnen und hatte auch nech keinen
Mann genommen, obschon es ihr an Vorschlägen und
Bewerbern nicht gemangelt hatte, da sie schön und
reich war.
Sie hatte an einem Jeden, der bei ihr anfragte,
irgend Etwas auszusetzen. Jeder aber, den sie also
abgewiesen, ward ihr Feind, und zuletzt hieß es, sie
wolle warten, bis der Maurus einmal umgekommen
sein würde. Dann wäre sie die einzige Erbin in dem
Hause, und sie hoffe ofenbar sich dann noch besser
an den Mann zu bringen, als jezt mit dem halben
Erbe.
Damit jedoch ihat man ihr schweres Unnecht,
denn sie war weit daven entfernt, sich Nechnung auf
des Vetters Tod zu machen. Von frühester Kindheit,
an hatte sie an ihm gehangen, und von der Stunde
ab, da er von ihr mit so kaltem Wort geschieden war,
hatte sie keinen anderen Gedanken mehr gehabt, als
ihn allein. Sie meinte, er habe sich nur so kalt ge-
stcllt, um sie zu quälen, wie e seine Art war. Er
könne es aber doch in seinem Inneuu gar nicht anders

89
gedacht haben, als daß sie trotz alledem zusammen-
gehörten. Er habe es auch ganz genan gewußt, daß
sie auf ihn warten würde, bis er zurückkäme; und
früher oder später werde er wiederkehren, damit sie
hier in dem Hause, daö von der Maria Josepha für
sie und ihre Nachkommenschaft gebaut worden war,
ein Paar werden könnten, wie es sich gebührte.
Jakobäa war siebzehn oder achtzehn Jahre alt
gewesen, als Maurus in die Fremde gegangen war
und sie hatte ihre vierundzwanzig zurückgelegt, als ihr
der Vater starb. Nun waren nur noch fie und der
Ohm im Hause, der auch nicht mehr wie früher bei
Kräftei war, und die ganze Wirthschaft lag im Grunde
ganz allein auf ihr. Sie hatte Alles in der Hand,
bestimmte und verhandelte Alles nur nach ihrem Kopfe.
Sie betrug sich gar nicht mehr wie ein unverheirathetes
junges Frauenzimmer, kümmerte sich auch nicht mehr
um die Junggesellen, und so kam sie mit all ihrer
Schönheit und mit all ihrem Hab und Gut in das
alte Register und in Vergessenheit, als wäre sie für
die Männer nicht mehr zu haben. Sie sagte freilich
immer: so wie es wäre, wäre es ihr gerade recht,
R M k? - -

0
Das ist so hingegangen, bis sie hoch in den Zwan-
zigern gewesen und der Ohm endlich auch gestorben ist.
Natürlich hat das dem Sohne sogleich angemeldet
werden müssen. Der Ammann hat es ihm sofort ge-
schrieben, der Herr Abt hat ihm gleichfalls schreiben
lassen, und sie haben die Jakobäa aufgefordert, es ven
ihrer Seite ebenso zu thun.
Das hat sie aber nicht gewollt. Sie hat ent-
gegnet, sie habe dem Maurus weiter Nichts zu sagen.
Er werde ja kund geben, ob er nach Hause kommen
und sein Erbe selbst bewirthschaften wolle oder nicht.
Komme er nicht, so müsse sie zusehen, wie sie sich
mit ihm auseinandersetze, denn aus dem Hause gehe
sie in keinem Falle fort. Ein Frauenzimmer von
ihrem Stamne hätte es der Zeit für die Familie
aufgerichtet, und sie sei eben so gut wie die Maria
Josepha im Stande, es bei der Familie auf ihre eigene
Hand zu erhalten, wenn der Maurus so pflichtvergessen
sein könnte, sich davon frei machen zu wollen. Sie
werde abwarten, was er zu thun gesonnen sei und
dann weiter zuschauen.
Diesmal haben sie auf seinen Bescheid nicht so
lange zu warten brauchen. Der Maurus ist bald
selber angekommen, und sie erzählen noch im Thale,

1
wie man am Anfang gar nicht hätte glauben wollen,
daß er es wirklich sei.
Er war von der heißen afrikanischen Sonne
schwarzbraun geworden, als wäre er in Afrika ge-
boren. Er hat einen prachtvollen Bart getragen, und
obschon er es nicht weiter gebracht hatte, als bis zum
Unteroffizier, hat er vornehm ansgesehen und stolz ge-
than, wie kein inländischer General. Mlles ist ihm
z gering vorgekouunten und Jedeun, der es hat hören
wollen, hat er gesagt, daß er sich allerdings frei ge-
macht habe und zu
wolle, daß es ihm
weniger gefalle, als
Hause bleiben könne, wenn er
aber in den Bergen jetzt noch
sonst vordem. Er denke fortzu-
gehen, sobald er nur erst mit der Jakobäa im Reinen
sei, was ja wohl nicht lange dauern werde. Die
Jakobäa wolle das Haus behalten, daran thue sie auch
recht und wohl, denn sie suche in der Wirthschaft
ihres Gleichen. Er aber sei kein Bauer, habe auch
keine Lust am Feilschen und Zusammenscharren, er wolle
den Tag am Tage leben, wolle nicht immer an das
Morgen denken. Was ihm durch den Kopf gehe und
was das Herz ihm sage, das thue er. Sich hier eine
Fran zu nehmen, sei er nicht gekommen, am wenigsten
um der Jakobäa willen. Die wäre das reine Gegen-

»L
theil von ihm; doch müsse er ihr zugestehen, daß sie
ein Frauenzimmer sei, vor dem er salutire, abgesehen
davon, daß sie ihm jezt, wo sie zu Fleisch gekommen,
doch noch eher gefallen könne, als in ihren jungen
Jahren und in deren Magerkeit.
Troz alledem Gerede und dem Prahlen zog das
Verhandeln mit der Jakobäa sich aber mit einem Male in
die Länge. Die Wochen vergingen, es wurden Monate
daraus, der Schnee lag schon wieder in dem Thale,
und Maurus war noch immer da. Als er angekommen
war, hatte er die Uniform getragen, jezt sah man ihn
ab und zu in bürgerlicher Kleidung, und je länger er
da war, um so öfter.
Einen Abend wie den andern kam er in das
Wirthshaus, wo die Leute es nicht müde wurden, ihm
immer wieder zuzuhören, und wo er immer so viel
von seinen Erlebnissen zu erzählen hatte, daß er end-
lich nicht mehr dazu kam, von seinem Fortgehen zu
sprechen.
Wenn man die Jakobäa fragte, wie lange der
Vetter denn noch bleiben werde, sagte sie: dad wisse
sie nicht, und sie frage ihn auch nicht danach. Er sei
im Hause Herr so gut wie sie und könne sich ein-
richten, wie es ihm gefalle.

3
Die Frauen und Mädchen aber machten die Be-
merkung, daß Jakobäa sich jezt niemals ohne ihre
großen goldenen Haarnadeln und ohne die mit Steinen
besezten Dhrringe und Halsketten sehen ließ, die sie
sonst nur Sonntags oder Feiertags getragen hatte.
Sie zeg. wenn sie nicht gerade bei der Arbeit war,
ihre seidenen steifen Mieder an den Wochentagen an,
und sie sah auch viel vergnügter aus, und zeigte sich
redseliger und zuthulicher, als man es sonst ven ihr
gewohnt war. Man merkte wohl, da gehe Etwas vor;
es ließ indeß noch eine Weile warten, obschon die
Beiden immer vertraulicher mit einander verkehrten
und zusammen zur Messe und in die Kirche gingen,
wie Zwei, die von Rechtswegen zu einander gehören,
was ja im -ßrunde auch der Fall war.
Kurz vör Weihnachten kam es zur Verlobung,
bald nach Neujahr war die Hochzeit, und Jakobäa
hatte ed nun erst recht kein Hehl, daß sie von Kindes-
beinen an keinen Anderen im Sinn getragen habe,
als ihren Veiter Maurus. Sie gestand es ein, daß
sie es eigens darauf angelegt, ihn bei sich fest zu
halten, und daß jie unverheirathet geblieben jein würde,
wenn sie ihn nicht hätte haben können. Sie war
immer rüstig bei der Arbeit gewesen, jezt wurde sie

4
es doppelt. Die Lente meinten, sie glänze vor lauter
Zefriedenheit, und sie sagte auch Jedem, der es hören
wollte, daß sie jezt zum ersten Mal zufrieden sei,
weil sie nun endlich ihren Willen habe.
,Ich habe, so lange ich von mir weiß, immer
meinen Willen haben müssen,'' sagte sie, zund ich
habe ihn auch jezt wieder durchgesezt, gar nicht erst
zu gedenken, daß ich es seinem Vater auf dem Todten-
bette versprochen und zugeschworen hatte, daß ich, so
viel es an mir wäre, dazu thun würde, den Maurus
hier bei mir, und hier bei seinem Haus und Hofe zu
erhalten. Hier in das Haus gehört er hin und nun
kann die Nachkommenschaft nur immer kommen, je
eher um so besser. Wenn ich das Haus auch nicht
für sie gebaut hale, wie die Maria Josepha, so habe
ich doch die Waldwiese dazu gekauft, unsere Heerden
vergrößert und Kisten und Kasten wohl angefüllt, seit
ich das Regiment nach dem Tode der Mutter und
der Muhme in die Hand bekommen habe. Et ist
jezt Alles, wie es sein muß, und was der Mensch
will, das sezt er auch durch, sofern er sich rechtschaffen
dczu hält. Es ist ein Jeder seines Glückes Schmied,
und wenn es Einem schlecht geht, so trägt er ganz
allein daran die Schuld.

4k
Wenn man ihr darauf zu bedenken gab, daß dieö
vermessen jei, und daß es Gott versuchen heiße, so
wollte sie davon nicht hören. Es war umsonst, wenn
man ihr vorhielt, daß der Mensch vor Gott nicht also
auf sich trozen dürfe, daß der Herr dem Menschen
manchmal seine strenge schwere Hand ganz unerwartet
fühlbar mache, so entgegnete sie stolz, sie wisse daö
fehr wohl. Aber sie lasse es ja am Gebet nicht fehlen,
und wenn sie für sich selber schaffe, gebe sie ebenso
dem Opferstock voll auf, was ihm gebühre. Auch
wenn biweilen der Eine oder der Andere sich darüber
vernehmen ließ, daß ihr Mann lange nicht so wie sie
tüchtig bei der Arbeit sei, focht sie das nicht weiter
an. Sie sagte, der Maurus habe sich in Afrika lang
genug geplagt, nun könne er's mit ansehen. Nach
einem Manne, der ihr in Alles hineingeredet hätte,
hahe sie es nicht verlangt, den hätie sie gar nicht
gebrauchen können. Sie habe einen schönen Mann
haben wollen, mit dem vor den Menschen Ehre ein-
zulegen sei, den habe sie an Maurus und damit seis
genug und gut.
Als darauf im nächsten Herbst das erste Kind
in's Haus gekommen ist, war die Freude noch weit
größer, nur daß es kein Sohn war, beklagte Jakobäa.

1
Indeß es ward doch eine große Taufgesellschaft ein-
geladen, bei der es so hoch herging, daß die Tische
fast brachen unter ihrer Last. Die Hausfrau und die
Gäste waren mit Essen und mit Trinken und mit
Tanzen lustig vom frühen Vormittage bis in die tiefe
Nacht. Es fiel aber dem Einen und dem Andern,
die zugegen waren, trozdem auf, daß der Taufvater
sich nicht so munter zeigte, als die junge Frau; und
wie der Postmeister ihn fragte, weshalb er nicht wie
sonst gelaunt sei und ob vielleicht der Brief, den er
gestern in der Frühe bekommen habe, ihm verdricßliche
Nachrichten gelracht hätie, gal er ihm ein heimlich
Zeichen, daß er von dem Briefe nicht geredet haben
wolle.
Dem Postmeister brauchte man das nicht zweimal
zu sagen. Er war ein Mann, der seine Erfahrungen
nicht umsonst gemacht hatte. Es ging mancher Brief
durch seine Hände, besonders an solche Leute, die aus-
wärts waren, oder auswärts gewesen und wieder heim-
gekommen waren, der nicht an das Amthaus oder an
die Kirchenthüre angeschlagen werden durfte. Er
machte also auch keine weiteren Worte darüber, als
Maurus ihn mit der Bitte anging, wenn wieder ein-
mal solch ein Brief aus Algier kommen sollte, ihn

?
auf dem Postamt zu behalten, und ihm denselben bei
Gelegenheit unter vier Augen abzugeben. Es habe
mit den Briefen keine Eile.
Das Geheimniß mußte indessen dem Maurus
doch mehr am Herzen liegen, als er sagte, denn der
Postmeister konnte sich nur dadurch die große Freund-
schaft erklären, welche Maurus von da ab plözlich
für ihn kund gab. Er sprach immer und immer
wieder bei ihm ein, ohne deshalb nach den Briefen
bei ihm anzufragen. Der Postmeister bemerkte viel-
mehr, daß Maurus sehr zufrieden schien, keine Briefe
für sich vorzufinden, und wie dann nach einer langen
Pause einmal ein neuer Brief unter seiner Aufschrift
eingelaufen war, wurde Mauru blaß und stumm,
als er die Handschrift sah.
Der Postmeister erwartete also, Mauruö werde
bald mit einer Antwort zu ihm kommen. Indeß er
Irachte keine und der Andere sezte sich im Stillen
seinen Vers daraus zusammen.

Kapitel 04

Wo ging die Zeit hin und noch ehe der nächste
Herbst vorüber war, war auch schon das zweite Kind
und zwar wieder ein Mädchen oben bei den Anschafft's
eingetroffen. Die beiden Kinder waren wenig mehr
als ein Jahr aus einander und sie gediehen Beide,
daß es eine Lust war, sie zu sehen. Die Mutter war
ganz Nolz auf ihre beiden derben Mädchen, nur der
Vater hatte an ihnen nicht die rechte Freude, und es
mußte wohl etwas Besonders mit ihm vorgegangen
sein, denn es schien ihn überhaupt Nichts mehr zu
freuen.
Maurus war wie ausgetauscht. Er war finster
geworden, man hätte sagen mögen menschenscheu.
Redselig war er gar nicht mehr, er sprach und er-
zählte auch nicht mehr von Afrika und von all den


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


A1
e -K.
1 NKzr
a. Ka sa ..K. K.


Heldenthaten, die er dort gethan hatte. Er schnitt
sich endlich sogar den Schnurrbart und den Knebel-
bart ab, die er bis dahin mit großem Stolz getragen
hatte, er ließ sich das Haar nicht mehr scheeren wie
in der Armee; und in dem Wirthshaus, in welchem
er sonst selten einmal gefehlt hatte, traf man ihn immer
weniger an.
Er kam im Ganzen nicht viel aus dem Hause. Ein
großer Kirchengeher war er nie gewesen, nun setzte
er den Fuß nicht mehr über des Gotteöhauses Schwelle.
Natürlich konnte das den Leuten nicht entgehen. Sie
fingen allmälig an, sich ihre Gedanken über ihn zu
machen und gaben es Jakobäen auch wohl hie und
da zu hören, daß mit ihrem Manne Etwas vor-
gegangen sein, oder daß er Etwas auf sich haben
müsse, das ihn drücke. Aber sie lachte die Leute
achselzuckend aus.
,Was soll er denn haben?! entgegnete sie ihnen.
,Ich danke alle Tage meinem Schöpfer, daß er sich
wieder an das Haus gewöhnt, und daß er kein Ver-
langen mehr nach dem Leben trägt, von dem er hier
zu mir zurück gekommen ist. Solche Strapazen, wie
er sie in Algier hat durchmachen müssen, die sezen
sich nicht in die Kleider, die gehen in die Knochen.

5
Die Müdigkeit kommt ihm jezt nach! Jemehr er sich
hier wieder festsezt, je weniger mag er Goit sei Dauk!
an all das wilde Blutvergießen denken, das er dort
unten bei den Franzosen hat verüben helfen müssen.
Er hat die Fremde satt bekommen und sizt nun ruhig
ftille. Wenn er noch länger hier sein wird, bekomme
ich ihn auch an die Arbeit, und dann wird er erst
recht zufrieden sein, daß ich ihn nicht wieder habe
fortgehen lassen, und daß er nun mit Frau und
Kindern auf unserm Hofe sizt.
Sie war wie immer die reine Selbstzufrieden-
heit und Selbstgewißheit, es schlug auch Alles ein,
woran sie ihre Hand nur legte; und verdiente es
Einer, daß es ihm wohl ging, so war sie es mit ihrer
kreuen Arbeit und mit ihrem festen Sinn, der nicht
nur zu schaffen, sondern auch zu tragen und zu sorgen,
und seine Sorgen zu verschweigen verstand.
Denn ohne daß sie ein Wort darum verloren
hatte, war sie es schon eher als die Anderen gewahr
worden, daß auf ihren Manne Etwas lastete. Sie
hatte es längst bemerkt, daß er oftmalö, wenn er in
der Nacht an ihrer Seite lag, im Schlafe anfschrie,
wie Einer, dem der Alp das Herz bedrückt, und wenn
sie ihn dann schüttelte und anrief, sv schreckte er em-

5
por und redete in seiner Schlaftrunkenheit bald auf
französisch, bald auch auf aralisch, daß sie nicht er-
fahren konnte, was er habe. Wenn er danach zu
seinen vollen Sinnen kam, so sagte er, er habe schlecht
geträumt, und wollte immer wissen, was er denn ge-
sprochen und was sie von ihm vernommen habe? Das
konnte sie ihm nicht sagen, und er gab sich dann zur
Ruh.
Weil sich das aber immer öfter wiederholte und
weil ihr Mann auch am Tage sich ganz verwandelt,
bald still und finster, bald unruhig und hastig zeigte,
dachte sie endlich, er könne das viele Sizen nicht ver-
tragen, er sei krank oder köntmte eö doch werden. Sie
sah ihn deöhalb bisweilen darauf an; aber sobald er
es bemerkie, daß sie ihre Augen forschend auf ihn ge-
richtet hielt, wurde er barsch und wild und mied sie,
so wie er es nur konnte.
Das wurde ihr allmälig doch zu viel, und in ihrer
Rathlosigkeit wendete sie sich endlich an den Pater
Medikus, der ein sehr gelehrter Arzt war und mit
seinen Kuren an den Leuten im Thale schon wahr-
hafte Wunder gethan hatte. Man holte ihn viele
Meilen weit, wenn in irgend einem andern Kloster
oder sonst im Lande schwere Krankheit vorkam und

55
die Aerzte nicht mehr helfen konnten. Er hatte auch
den Eltern der Jakobäa und des Maurus in deren
lezten Tagen beigestanden und wenn er auch nicht im
Beichtstuhl saß und Niemandes Beichte hörte, so konnte
man sich auf ihn und seine treue Verschwiegenheit
doch eben so verlassen wie auf einen Beichtiger.
Der Pater hörte sie aufmerksam an, fragte nach
Dem und nach Jenem, und meinte dann, sie könne
immer Recht haben, daß das Stillsizen dem Manne
nicht bekäme. Es sei ihm neulich selber aufgefallen,
daß Maurus schlecht aussähe, als er ihm begegnete.
Er werde wohl ein melancholisches Geblüt bekommen
haben und an der Leber leiden. Das finde sich häufig
bei denen, die lange in den heißen Ländern gewesen
wären. Sie solle es zu machen suchen, daß er nicht
in der Stube hocke, sondern sich, wie sie und ihre
Leute, im Freien an die Arbeit halte. Das werde
ihm gesund sein und wenn ihm das nicht helfe, so
müsse man' dann weiter zusehen. Vor Allem aber
solle sie ihm nicht zeigen, daß sie ihn bevbachte oder
um ihn sorge. Es werde sich wohl geben.
Sie that, wie der Pater es ihr geheißen. Sie
schlug sich, so gut es gehen wollte, die Sorgen und
die Gedanken aus dem Sinn, die ihr bisweilen, sie

wußte selber nicht von wannen, kamen; aber wie zu-
dringliche Fliegen, die sich immer auf die wunde Stelle
setzen, kehrten die Gedanken ihr nur immer öfter wieder,
je eifriger sie sie verscheuchte, und sie fingen ebenfalls
an, sich immer wieder auf denselben Fleck zu richten.
Wie viel Vertrauen sie auch zu dem Pater hatte, sie
glaubte nicht, daß es mit ihrem Manne stehe wie der
Pater sagte. Weil sie von Jugend auf an ihm ge-
hangen hatte, kannte sie den Maurus wie sich selber,
und war gewiß, daß er Etwas auf dem Herzen trage,
was er nicht sagen wolle und was ihm doch nicht
Ruhe lasse.
Ihr Frohsinn und ihr Lebensmuth fingen darunter
allmälig auch zu schwinden an. Sie that nach wie
vor, was an ihr war, in der Wirthschaft und gegen Mann
und Kinder; im Thale aber hieß es, sie beginne doch
zu fühlen, daß der Maurud nur ein Mitesser und kein
Mitarbeiter sei. Jakobäa, so sagte man, sähe es nun
ein, daß sie klüger gethan haben würde, dem Maurus
seinen Antheil auszuzahlen und mit einem anderen
fleißigen Manne die Wirthschaft zu betreiben. Aus
einem afrikanischen Soldaten werde einmal kein rechter
Wirth mehr. Wenn Maurus auch kein Durchbringer
sei, wie vor jenen Jahren der Mann von der Maria

Josepha es gewesen, so habe Jakobäa doch im Siillen
auch ihr Theil zu tragen, und es sei nur noch ihr
Stolz, der sie hindre, das laut werden zu lassen. Die
Zeiten, in denen sie alle Tage ihren goldenen Schmuck
und die seidenen Mieder angelegt habe, seien vorbei,
obschon sie jezt noch weit reicher sei, und es jezt ebenso
gut thun und haben könne, wie vordem.
E war das Alles eben nur Vermuthung und
Gerede. Man konnte nicht nachweisen, wer es zuerst
aufgebracht hatte, es drang aber hier durch und tauuchte
dort hervor.
Der Postmeister hatte von den geheimen Briefen
Nichts verlautbart, trozdem sprachen die Leute davon,
daß Maurus in Algier Etwas haben müsse, was nicht
hekannt werden dürfe. Der Postmeister war ja auch nicht
der Einzige, der sich mit der Briefbesorgung zu be-
fassen hatte. Sagen that es dem Maurus grade Nie-
mand, was man von ihm dachte, und der Frau sagte
man's noch weniger. Indeß, wie er es mit Unbehagen
fühlte, daß ihn seine Frau beobachtete, so empfand
auch sie es, daß die Leute sich über sie und ihr Haus
,ezt heimliche Gedanken machten. Das verdroß sie
nnd verbitterte ihr Sinn und Herz.
Die stumme, zuwartende Neugier kam ihr wie

ein beabsichtigter Einbruch in ihr Haus vor. Was
geht es die Leute an, dachte sie, was in meinem Hause
vorgeht? Sie suchte ja die Leute nicht, sie kümmerte
sich um Niemanden, und es nahm ihr doch ein ge-
heimes Etwas ihre alte Sicherheit. Hätte sie es
machen können, wie es ihr um das Herz war, so hätte
sie die Laden vor ihren Fenstern gar nicht aufgethan
und wäre nicht hinausgetreten über ihre Schwelle.
Es lag unheimlich und bedrückend über ihr wie eine
schwere Wolke, die man heranziehen sieht, ohne zu
wissen, wann und wo sie sich entladen werde.
Eines Abends, grade als die Tage am längsten
waren und das Wetter so schön, daß selbst den Alten
und den Kranken, den Sorgenvollen und den Traurigen
der Sonnenschein das Herz erhellte, hatte Jakobäa
mit ihren Leuten auf der Matte über dem Hause mit
dem Heuumwenden zu schaffen. Sie hatte die beiden
Kinder bei sich und wie sie den Korbwagen, in dem
die Kleinste lag, aus dem Bereich der Arbeiter fahren
wollte, bemerkte sie, daß der Ammann auf ihr Haus
zuging und an ihren Mann herantrat, der mit der
Pfeife im Munde, wie das seine Art war, vor der
Thüre saß, ohne sich viel um das zu kümmern, was
um ihn und neben ihm geschah.

Wie der Maurus den Ammann vor sich sah,
stand er von seinem Sitze auf.-- Der Ammann
sprach mit ihm, dann gingen sie alle Beide in daö
Haus hinein, aber sie riefen nicht nach Jakobäa und
wo es Auskuuft über Etwas zu geben galk, war sie
doch nöthiger als der Mann.
,Da ist der Ammann gekommen!'' sagte die eine
Magd.
,Habe ich's etwa nicht gesehen! entgegnete die
Frau mit einem Tone, als hätte daö junge Frauen-
zimmer ein Unrecht mit der Bemerkung begangen.
Dann warf sie den Nechen auf den Boden, befahl
den Mägden, auf die Kinder Acht zu gehen, und ging
von der Matte rasch hinunter in daö Haus.
Ihre Leute waren das unwirsche Wesen an ihr
jezt schon gewohnt, indeß es fiel ihnen doch heut auf,
weil gar kein Anlaß zu solcher Herbigkeit gegeben war,
und weil sie meinten, die Hausfrau sei erschrocken.
Es vegging eine Stunde und darüber. Im
Kloster lääuteien sie die Abendglocke, die Leute gingen
von der Wiese heim, und nahmen auch die Kinder
mit sich. Sie wußten nicht, was sie davon denken
sollten. Jakobäa war nicht gekommen, die Kinder
selbst zu holen, was sie doch niemalö unterlassen hatte.

Im Hause, in der Stube hörten sie lantes
Sprechen. Jakobäa's, des Mauruö' und des Am-
manns Stimnen klangen durcheinander, es gab Streit
und Zwiespalt, das war unverkennbar. Erst als sie
in der Stube merkten, daß die Knechte und die
Mägde in der Nähe wären, wurden sie vorsichtig und
sprachen leiser. Dann mit einem Male kamen Mann
und Frau zusammen mit dem Ammann in den Flur
hinaus.
Maurus sah blaß aus und verstört, wie Einer,
der von schweren Kämpfen zu sich kommt, Jakobäa
sah nicht viel besser aus. Der Ammann ging schweigend
neben ihnen her.
,,Gebt den Kindern zu essen und eßt selber!'
sagte Jakobäa im Vorübergehen. Die Magd, die daä
zu besorgen hatte, fragte, ob man für die Frau und
den Mann das Essen stehen lassen solle. Sie bekam
darauf nicht einmal Antwort.
Die Essenszeit war auch längst vorüber, die Kinder
schliefen lange, die Knechte und Mägde waren schon
zur Ruh gegangen, als endlich Jakobäa in ihr Haus
zurückkam- sie allein.
Sie rührte keinen Bissen an und ging in ihre
Kammer. Sie sah nicht nach den Kindern, sie fragte

auch nach Nichts. Die Magd erkundigte sich, ob für
den Mann die Thüre offen bleiben solle?
,Nein! schließ die Thüre zu!r befahl ihr Jakobäa.
Die Magd gehorchte schweigend.-- Sie hatte
Furcht vor ihrer Frau, denn Jakobäa sah wie eine
Todte aus. Ihr ganzes Gesicht war eingefallen und
wie von Stein.-- Und kalt und steinern war es auch
am Morgen, als sie aus ihrer Kammer kam, den
Leuten die verschiedene Tagesarbeit anzuweisen.
Keiner derselben traute sich mit ihr zu sprechen,
da sie ihnen sichtlich auswich. Sie schickte Alle fort
und blieb allein im Hause zurück.
Die Mägde, welche in der Nähe des Hauses be-
schäftigt waren, sahen in der Frühe den Ammann
wieder zu ihr gehen, dem der Pater Theophilus auf
dem Fuße folgte. Dann verließen die Beiden mit
Jakobäa zu gleicher Zeit den Hof und Niemand anderes
kam hinein.
?. ===========

Kapitel 05

Ji Mittag wußte man es in dem ganzen Thale,
daß der Mauru fort und wieder in die Welt ge-
gangen sei, ohne die Schwelle seines Hauses, nachdem
er es am verwichenen Abende in Jakobäa's und des
Ammanns Begleitung verlassen hatte, noch einmal zu
betreten. Er hatte in dem Hospizgebäude des Klosters
die Nacht zugebracht, und war von dort in aller
Frühe aufgebrochen.
Wad an dem verwichenen Abende zwischen
Jakobäa und ihrem Manne vergegangen war, dar-
über hat sie selber nie ein Wort gesprochen, und ihr
Aussehen war so finster und so kalt, daß die Leute
sich nicht trauten, sie darum zu befragen. Auch der
Ammann und der Pater, die eö wissen mußten, rückten
F. Lewald, Benevikt.

66
mit der Sprache nicht heraus. Man solle Jakobäa
ihre Wege gehen lassen, sagten sie, sie habe schwer zu
tragen und ihr könne Niemand helfen.
Helfen wollte man ihr gerade auch nicht, man
wollte nur wissen, was geschehen sei, denn was man
durch die Knechte und die Mägde zufällig erfuhr,
daraus konnte man sich nicht vernehmen.
Jakcbäa hatte die große Matte, die sie selbst er-
worben und auf die sie eben deshalb viel gehalten
hatte, und die kleine Matte über dem Wasserfall, an
das Kloster gegen baares Geld verkauft, und hatte
das Gelübde abgelegt, ihre beiden Mädchen, sobald sie
der nothwendigen mütterlichen Pflege entwachsen sein
würden, den Klosterfrauen des von der Benediktiner-
Abtei geleiteten Klosters der barmherzigen Schwestern
zur Erziehung zu übergeben, in deren Kloster sie auch
einmal den Schleier nehmen sollten. -
Dahinter mußte aber etwas ganz Besonderes
stecken. Jakobäa hatte sich freilich in den lezten
Zeiten fromm erwiesen und dem Kloster noch reich-
licher als sonst von ihrem Neberflusse zugewendet.
Ein stilles, beschauliches Klosterleben war jedoch nie
nach ihrem Sinne gewesen; und was sie dazu bringen
konnte, die Kinder gleich in früher Jugend von sich

e?
fort zu thun, das begriß man vollends nicht. Ihre
Mägde behaupteten allerdings, die Frau möge dic
beiden armen Kinder kaum mehr sehen, seit der Vater
in die Welt gegangen sei, wer konnte das indessen
glauben? Die armen Kleinen trugen doch daran
nicht Schuld!
Inzwischen fingen unheimliche Vermuthngen fich
Bahn zu brechen an. Es hieß, dem Ammann sei
von Bern in einem Schreiben der französischen
Gesandtschaft die Nachricht zugekommen, daß der
Unteroffizier Anschafft in Algier mit einer Maurin
rechtskräftig verheirathet sei; und dabei habe sich ein
Brief von seiner Frau gefunden, die ihn beschworen
habe, zu ihr und zu seinen Kindern zurückzukehren,
oder ihnen anzuweisen, wie sie ihm in seine Heimalh
folgen könnten.
Man hätte viel darum gegeben, zu ermitteln,
was an dem Gerüchte wahr sei. Denn hatte Maurus
wirklich eine Frau in Algier zurückgelassen, so war er
dem Gericht verfallen, und wie stand es dann umt
Jakobäa's Ehe und um ihre Kinder?
Dem Ammann und dem Pater Theophilus, die
das Wahre wußten, war nur leider gar nicht bei-
zukömmen, und Jakobääa zeigte sich erst recht unnah-

68
bar. Das fand man sehr verdrießlich, weil zulezt
ein Jeder doch wissen will, wie er mit seinen Nächsten,
seinen Nachbarn daran ist, und was er von ihnen
zu halten und zu meinen hat. Indeß nicht nur, daß
Jakobäa stumm war wie das Grab, sie kam auch
immer weniger zum Vorschein. Was in ihrer armen
Seele vorging, das sollte Niemand sehen, das vertrug
kein unvorsichtiges Berühren.
Denn--- es war ja Alles richtig, Alles wahr,
was in dem Thale über sie und über Maurus und
über ihre Ehe als Gerücht umherging! Wie es unter
die Leute gekommen sein mochte, das konnte freilich
Niemand sagen.
Die Ehe des
wirklich von seiner
Siande gekommen.
Maurus und der Jakobäa war
Seite durch ein Verbrechen zu
Er hatie bereits seit fünf Jahren
eine Frau gehabt, als er zurückgekommen war. Er
uund Jakobäa hatten also in Sünden mit einander
gelebt, der Vater von Jakobäa's Kindern war dem
Gesez verfallen, und sie hatte es hinnehmen müssen,
ohne es ableugnen zu können, als Maurus es ihr
vor dem Ammann und vor dem Herrn Abte, an den
der Pater Theophilus sich um Beistand gewendet, vor-
gehallen hatte, wie er durchaus nicht habe bleiben,

sondern fortgehen wollen; und daß er auch fortgegangen
fein würde, wenn ihn Jakobäa nicht mit ihrer Liebe
festgehalten hätte wider seinen Willen.
Als ihm der Herr Abt es darauf mit strengen
Worten vorgeworfen, daß Jakobäa ihn nicht gehalten
haben würde, hätte er sie nicht getäuscht und seine
Ehe nicht vor ihr und aller Welt verschwiegen, da
hatte er ihm nur mit Trotz entgegnet. Er habe nicht
im Entferntesten vorgehabt, hatte er gesagt, sich hier
in den Bergen festzusetzen, habe Niemandem über
sein Thun und Treiben Rechenschaft geschuldet. und
habe die Leute hier zu Lande genug gekannt, um es
ihnen nicht aufhängen zu mögen, daß er eine Frau
genemmen habe, die keine Christin gewesen, und mit
der er nicht vor dem Altar zusammen gegeben worden
sei. Wie die Jakobäa, die er von früher Jugend an
nicht habe leiden mögen, es angefangen habe ihn so
zu bestricken, daß er gegen seine Pflicht und Neigung
bei ihr geblieben, dad würde sie wohl besser wissen,
als er für sein Theil. Er habe sich darüber immer
seine besonderen Gedanken gemacht. Mit rechten
Dingen aber seis gewiß nicht zugegangen
Vor diesen Anschuldigungen ihres Mannes hatte
- Jakobäa dagestanden, wie sie jezt ein Jeder sah; starr

7
und kalt und stumm. Was hätte sie auch sagen und
was thun sollen?--
Den Vater ihrer Kinder, den Mann, den sie
geliebt hatte, so lange sie von sich selber wußte, den
Gerichten zu überliefern, das brachte sie nicht über
das Herz. Wie konnte sie denn sich selber, ihren
Namen und ihrer Kinder Zukunft mit Schimpf und
Schmach beladen, so lange es noch in ihrer Hand
lag, die Kundwerdung solchen Unheils von sich ab-
zuwenden?-- Sie schauderte davor zurück, und kein
Vernünftiger konnte ihr auch dazu rathen. Aber sich
wahren vor jeder künftigen Gemeinschaft mit dem
Manne, der dieses Elend über sie gebracht hatte, es
ihm unmöglich machen, daß er jemals einen Anspruch
erheben könne an sie oder an die Kinder, die sie mit
ihm erzeugt, das wollte und das mußte sie um jedenPreis.
Nichts von dem, worauf er als auf sein Erbe
Anspruch hatte, wollte sie behalten. Wie die Kinder
fortan nur der Mutter eigen bleiben sollten, so sollten
sie dereinst auch Nichts besizen, was ihnen von dem , -
Vater kääme; und obschon der Ammann und selbst der
Abt ihr dagegen redeten, ihr bedeutend, daß sein Ver-
brechen Maurus zwwinge, nie wiederzukehren in die
Heimath und Nichts von sich hören zu lassen in der-

e1
selben, blieb sie auf ihrem Sinne. Sie zahlte ihm
bis auf den lezten Heller seines Vaters Erbe ans; er
dagegen mußte sich auf des Herrn Abit Verlangen
unter schriftlichem Bekenntniß des von ihm begangenen
Verbrechens an Eides Statt verpflichten, nie wieder
den schweizer Boden zu betreten, und niemals sich
weder Jakobäen noch ihren Kindern in den Weg zu
stellen, oder ihnen aus der Ferne sich zu nahen.
Damit hatte der Abt in Erbarmen mit Jakobäa
hr Nuhe von außen zu verschaffen getrachtet; aler er
Zatte es ihr daneben nicht vorenthalten, daßß es ein
schwereö Unrecht sei, einen Verbrecher der wohl-
verdienten Strafe zu entziehen, eine Sünde, die
gesühnt werden müsse hienieden fort und fort durch
Bße und nicht endended Gelet, damit der Herr
dieselbe nicht heimsuche an ihr und ihren Kindern,
wenn er dereinst kommen werde, zu richten die
Lebendigen und die Todten. Von Maurus sprach er
dabei nicht, weil auf dessen Einkehr in sich selbst man
vorerst doch nicht zu rechnen hatte, und für Jakobäa
war dies Schweigen eine Wohlthat. Selbst in Gebet
und Buße wollte sie dem Maurus fürder nicht be-
gegnen. Es sollte Alleö aus sein zwischen ihm und
ihr in dieser Stunde und in diescr Nacht.

Kapitel 06

Ai Maurus die Akte unterschrieben hatte, die
man ihm vorgelegt, als der Ammann ihn fortgeführt
hatte in die Zelle, welche man ihm bis zum Tages-
anbruch angewiesen, war Jakobäa plözlich wie zer-
knickt in sich zusammengesunken.
gehabt, sie wieder aufzurichten. Der
Man hatte Noth
Pater Therphilus
selber hatte sie bid an ihre Thüre heimgeführt und
war am nächsten Mittage gekommen nach ihr zu
hören und zu sehen. Er fand sie in dem Hause bei
der Arbeit, Alles um sie her war so wie immer. Nur
still war es in dem Hause und selbst die Kinder
plauderten und lachten nicht wie sonst, weil das Licht
des frohen Mutterauges ihnen jezt den Tag nicht
mehr erhellte und ihre Munterkeit nicht mehr erweckte.
Jakobäk klagte nicht und weinte nicht, ihre Ver-

zweiflung war dazu zu groß. Ihr Beichtiger stand
ihr getreu zur Seite. Auf seinen Rath und dem
Drange des eignen Herzens folgend, hatte sie in jenen
unheilvollen Tagen es in des Abtes Hand gelobt, die
Kinder, welche sie in der Ehe mit Maurus erzeugt,
dem Himmel zu weihen und der Kirche. Es war ihr
ein Trost gewesen, zu denken, daß sie damit ihre
Kleinen der Welt entzog. in welcher ihr selber als
Lohn für treues Lieben Schmach und Pein zu Theil
geworden war. Sie sollten büßen um der Sünde
willen, in welcher sie geboren worden waren, und für
ihre Mutter beten für und für.
Weil sie um ihrer Kinder willen nicht selber in
ein Kloster gehen durfte, lebte sie durch viele Tage
in ihrem Hause bei Fasten und Kasteiung mit klöster-
licher Strenge. Sie wich den Augen der Menschen
aus, als thue ihres Nächsten Blck ihr wehe, als ver-
verwunde sie felbst das gutgemeinte Wort. Die
Frühmette und die Abendvesper fanden sie immer in
der Kirche vor dem Herrn in Gebet versunken, und -
immer inbrünstiger, immer zerknirschter warf sie sich
vor der Gottes-Mutter nieder; denn es war noch nicht
zu Ende mit der Schmach und mit dem Unglück, das
aus ihrer Ehe stammte. Sie war es vielmehr bald

nachdem ihr Gatte sie verlassen hatte, mit Entsezen
inne geworden, daß sie zum dritten Male Mutter sei,
und noch einem Kinde des Verhaßten daö Dasein
geben müsse; und die Qual und die Zerrissenheit in
ihrer Seele wurden nur noch marternder dadurch.
So ging das Jahr zu Ende, so begann das
neue Jahr, bis sie am ersten Tage des wiederkehrenden
Frühlings ihr drittes Kind in ihren Armen hielt.
Es war ein Knabe, so frisch und schön wie der
sonnige Morgen, an welchem er das Licht der Welt
erblickte, und -- es war ihr erster Sohn!
Als sie ihn sah und er die kleinen Händchen
unsicher tastend regte, wie wenn er suche, an wen er
sich zu halten hale in dieser sündigen Welt; als er
die Augenlider unmerklich und langsam den Lichte
öffnete, strahlte es wie neues Licht und neues Leben
in die Seele seiner armen Mutter. Das Herz wallte
ihr auf in einer Freude, deren sie sich nicht mehr
fähig gehalten hatte. Ihre Augen flossen über, ihre
Thränen strömten als erster Liebesfegen waum und
weich auf ihren Sohn herab.
Sie drückte ihn mit Wenne an ihr Herz. Auf
diesem Kinde hatten des unseligen Mannes Augen
nicht geruht, dies Kind war nicht entweiht durch

=F «-
= ---
Se-
7
seines Vaters Blick und Kuß. Der Knabe war ihr
eigen ganz allein, ihr Sohn, ihr Erbe. Der sollte
mit ihr wohnen in dem Hause, daö Maria Josepha
einst gebaut ,aus eigener Kraft, für sich und ihre
Nachkommenschaft'. Niemand hatte einen Anspruch
an diesen ihren Sohn, wenn -- und wie ein Schreck-
gespenst stieg der Gedanke vor ihr auf -- wwenn nicht
die Kirche Anspruch auf ihn machte! Denn sie hatte,
freilich nicht wissend was sie damit that, ihre und
des Maurus Kinder der Kirche und dem Dienste deö
Erlösers angelobt; und dieser Knabe, war er nicht
ihr und des Maurus Kind, so gut wie ihre beiden
Töchter?
Der Zweifel ließ ihr keine Nuhe, aber sie sprach
ihn selbst vor ihrem Beichtiger nicht auö. Sie wollte
nicht in Anregung bringen, worauf man vielleicht
ohne ihre Frage nicht verfallen möchte. Es war ja
auch genug, wenn ihre Töchter das Verschulden ihres
Vaters durch ihr ganzes Leben büßten, in Einsamkeit,
in Entsagung, in Gebet! So grausam konnte keine
Kirche sein, ihr, der Mutter, den Sohn, den Trost
zu rauben, auf den gestüzt, sie sich getraute muthig
fortzuleben in Arbeit, in Pflichterfüllung und in jeder
Buße, welche ihr noch aufzulegen die Kirche nöthig

und angemtessen finden würde. Der Allmächtige, der
Allgütige hatte ihr dies schöne Kind, den Sohn ge-
gönnt, alö ein Zeichen, daß ihr vergeben werden
knne aus des Höchsten Gnadenfülle. Er hatte damit
neues Hoffen, frohes Wünschen in ihrem verödeten
Herzen auferweckt. Er konnte ihr dies Glück nicht
zugewendet haben, um es ihr wieder zu entreißen;
und ihr den Sohn zu nehmen, daran konnte ja die
Kirche gar nicht denken.
Weil er mit dem Frühlingsanfang, am Tage
des Drdensstifters Benediktus, dem Schuzpatron des
Klvsters und des Thales geboren worden war, hatte
man ihm den Namen Benedikt gegeben, und auf der
Mutter Wunsch hatie der Herr Abt sich gegen seine
Art herbeigelassen, in eigener Person des Knaben
Taufpathe zu werden, die Mutter und ihr Kind danuit
g leichsam vor der Gemeinde in seinen und des Klosters
Schut zu nehmen.
Und es schien denn auch wirklich ein ganz be-
sonderer Segen auf dem Kinde zu ruhen, denn es
gedieh und entwickelte sich, daß ein Jeder, der es sah,
an dem schönen Knaben seine Freude haben mußte.
Es machte die Mutier glücklich, zu bemerken, wie die
Augen der Leute wohlgefällig auf ihm ruhten, und

s
sie fing an, sich den Menschen wieder mehr zu nahen,
weil sie sich mit ihr an ihrem Sohne freuten. Er
war ihr der Mittelpunkt, um den sich alle ihre
Gedanken drehten. Mit grausamer Ausschließlichkeit
wendete sie ihm allein ihre ganze Liebe zu, so daß
das Schicksal ihrer beiden Töchter neben dem seinigen
bei ihr kaum in Betracht kam. Es war ihr vielmehr
ganz recht und lieb, daß die beiden Mädchen den
Schleier nehmen mußten, denn die Mitgift abgerechnet,
welche sie in das Kloster einzubringen hatten, wurde
auf diese Weise Benedikt allein des Hauses Erbe, und
um seinetwillen wurden Jakobäen die Arbeit und daö
Schaffen und das Erwerben wieder leicht und lieb,
eine Lust und eine Freude.
Wie der Knabe nun gedieh, so gedieh unter der
Hand seiner Mutter auch ihr Hab und Gut, das er
früh genug als seinen zukünftigen Besiz betrachten
lernie; und selbst die Schwestern waren stolz darauf,
daß ihr Bruder für den schönsten Buben in dem
Thale galt, daß er einmal das schönste Haus des
Thales zu eigen haben würde, mit welchem gar kein
anderes sich vergleichen ließ. Ihnen hatte man von
jeher es gesagt, daß ße in dem Kloster der barm-
herzigen Schwestern Nonnen werden müßten; der

Gedanke war ihnen deshalb sehr geläufig und sie
liebten die barmherzigen Schwestern, von denen eine
Alte und eine Junge bisweilen in dem Thale und in
Jakobäa's Hause als Gäste einzusprechen pflegten.
Sie brachten den Mädchen dann regelmäßig hübsche
kleine Geschenke mit, sie erzählten ihnen von dem
großen Garten, in welchem das Kloster gelegen sei,
von den vielen Spielgenossen, mit denen sie dort zu-
sammen sein würden, und als dann endlich der Tag
herankam, an welchem Jakobäa den Wagen anspannen
ließ, um ihre Töchter nach dem Kloster hin zu
bringen, kam daö nicht nur diesen, sondern auch dem
Bruder als ein lang ersehntes Fest vor. Es hatie
noch Keiner von allen Dreien je des Thales Grenze
überschritten, es waren also lauter Wunder, welche
ihrer jenseits derselben warteten.
Die Mädchen in stummem Staunen, Benedikt
in lautem Jubel, so langten sie am Fuße des Berges
in der Hauptstadt des Kantons und in dem Kloster
der barmherzigen Schwestern an. Es waren aber
nicht die Häusermassen, nicht die Kirchen und auch
nicht der Marktplaz mit den vielen, um das alte
?.? -==- = =- -

s
8
wegenden Menschen, die den Knaben so sehr erfreuten,
sondern der weite Auäblick, dessen er hier zum ersten-
male in seinem Leben theilhaft wurde.
Wie ein junger, im Käfig geborner und er-
zegener Adler, dem man endlich das enge Gitter
öffnet, so voll Begier und Lust sich zu versuchen, that
er die großen dunklen Augen auf, so freudig wanderte
sein fernhinschweifender Blick über das Land zu feinen
Füßen, über den breiten und langen See hinweg;
hinüber zu den fernen Gipfeln der schneebedeckten
Berge, die in weiter Ferne, kaum noch erkennbar in
des sonnig flimmernden Duftes Verhüllung den
Horizoni begrenzten.
Dorthin zu kommen verlangte er, fort über das
breite Wasser wünschte er zu ziehen. Er wollte nicht
mehr zurückkehren in das Thal, das seinem Blicke
Schranken sezte. Er weinte, er bat, ihn an dem
Wasser in der Stadt zu lassen, wo er weit hinaus-
schauen könne in die offene Welt; und die Augen
nach der Ferne -sehnsuchtsvoll zurückgewendet, so lange
ihm noch ein freier Blick gegönnt war, fuhr er endlich
mit der Mutter wieder heim, von nichts Anderem
sprechend, von Nichts träumend, als von der Welt,
die jenseits seiner Berge lag.

Die Mutter bemerkte das mit Sorgen, denn die
Fremde hatte den Männern ihres Geschlechtes bisher
kein Glück gebracht; aus der Fremde war auch ihr
das Unglück ihres Lebens gekommen, und sie bereute
es, daß sie den Knaben so frühzeitig mitgenommen
hatte in die Stadt. Denn daß Benedikt nicht in die
Stadt hinausziehen, daß er im Thale bleiben solle, und in
demselben dereinst in ihrem Hause zu leben und zu
schaffen habe, wie es sich für einen guten Christen
und freigebornen Schweizer ziemte, Niemandes Unter-
than und Niemandem dienend als dem eigenen Willen,
den eigenen Zwecken und dem heimischen Gesetz, das
hatte bei Jakobäen fest gestanden seit der Stunde, da
er ihr geboren worden war, und davon nicht ab-
zuweichen war sie auch entschlossen.

Kapitel 07

Jz« Reise in die Stadt bezeichnete für Benediktus
einen Lebensabschnitt. Seine befriedete Lust an dem
Thale war damit zu Ende, seine Sehnsucht in die
Ferne aufgeregt, und sie wuchs mit ihm und seinen
Jahren.
Als Kind hatte er, wenn ihn die Schule frei
ließ, die Mutter und deren Leute gern zu der Arbeit
hinausbegleitet und mit Hand angelegt, so weit seine
Kraft und seine Geschicklichkeit das möglich machten.
Je älter er wurde, um so weniger zeigte er sich
geneigt dazu. Er war über seine Jahre groß und
stark, war in der Dorfschule rascher als alle Anderen
fortgeschritten, der Lehrer rühmte seine Lernbegier, und
die rüstigsten Bergsteiger waren darin einig, daß

Jakobäa's Benedikt es mit weit Aelteren aufnehmen
dürfe, daß er eine Ausdauer und eine Entschlossenheit
zeige, wie sie einem so jungen Burschen nicht oft zu
eigen wären. Dazu war er schön und frohen Sinnes,
auch nicht ängstlich rechnend mit den Bazen, wenn
die Mutter ihm einmal Etwaö zugewendet hatte,
sondern stets bereit, die Anderen mitgenießen zu lassen,
was er eben hatte; und wenn die Väter und auch die
Mütter es nicht vergaßen, was oben in dem Hause
dereinst vorgegangen und wie es mit des Knaben
Mutter und mit seinem Herkommen keineswegs richtig
war, so focht das ihn und seine Spielgenossen doch
vorerst nicht an. Sogar die Dirnen, die weit älter
waren als Benedikt, winkten ihm zu und lachten,
wenn er sie mit seinen großen braunen Augen dreist
und fröhlich ansah.
Benedikt war aber nicht blos bei den Knaben
und den Mädchen des Thales also wohlgelitten, auch
die geistlichen Herren gingen nicht leicht an ihm vor-
über, ohne ihm die Hand zu geben. Selbst der Herr
Abt unterüieß es nicht, wenn er einmal zu Fuß des
Weges kommend, auf Benediktus traf, ein freundlich
grüßend Wort an ihn zu richten, ihn seinen Pathen
zu heißen und ihn zu Fleiß und Wohlverhalten zu

ermahnen, damit er ihm dereinst vor Gott und
Menschen Ehre machen möge.
Man hielt aus dem Kloster überhaupt das Auge
auf den Knaben und auf seine Mutter, seit Maurus
das Thal verlassen, und Jakobäa zwwei von ihren
Matten an das Kloster käuflich abgetreten hatte.
Der Pater, welchem die Oberaufsicht über die Ver-
waltung der in dem Thale belegenen Klosterländereien
zustand, kam zum Defteren vor Jakobäa's Haus, um
ihre Wirthschaft zu beloben, um es zu rühmen, wie
sie dieselbe vorwärts bringe. Er machte sich dann
auch freundlich mit Benedikt zu thun, der ihn stets
gerne kommen. sah, denn der Pater war in der
Welt herum gewesen und wußte viel von ihr zu sagen
und zu melden.
Der Mutter aber war eö bei diesen Besuchen und
bei der Achtsamkeit, welche die geistlichen Herrn über-
haupt auf sie und ihren Benedikt verwandten, nie
recht wohl um's Herz, weil sie ihr von des Knaben
Zukunft niemals sprachen. Manchmal beschwichtigte
sie sich mit der Vorstellung, es sei über dasjenige,
was sich von selbst verstehe, des Redens nicht erst
nöthig. Ihrem Sohne, dem Erben ihres Besizes, sei
ja sein Weg gewiesen, und also darüber weiter Nichts

zu sagen. Die Herren Patres hatten nur eine so
besondere Art und Weise, Jakobäens Gutsverwaltung
zu beloben, daß sie ihr nicht recht erklärlich, daß sie
ihr übertrieben schien, weil ja doch nichts Apartes
daran zu rühmen war, daß sie rechtschaffen nach dem
Eigenen sah und Hab und Gut für ihren Sohn zu
mehren trachtete, wie sie es vermochte.
Sie wagte es indessen nicht, das vor den Herren
auszusprechen, denn wenn die Wunde, die ihr einmal
geschlagen war, auch zu vernarben und ihre Gewissens-
bisse zu ruhen begannen, so kannte sie doch die Leute
in dem Thale gut genug, um es einzusehen, daß sie
ihnen gegenüber des Klosters Schuz und Beistand
nicht entbehren konnte; und sie wußte es sehr genau,
wie sie ihre Unangefochtenheit dem guten Willen der
Klosterherren allein zu danken hatte.
Wenn sie aber in der Abendruhe von der Vesper
heimkehrend, ihr Haus auf seiner Höhe vor sich liegen
sah, und dann vor dem Hause fast immer ihren
Benedikt erblickte, der mit seinen Spielgenossen bei
dem Kegelspiele mit starken Armen die Kugel hoch
über seinem Haupte in die Luft schwang, um sie im
raschen Schwunge niederfallen und weit hin rollen zu
lassen an ihr Ziel, so dachte sie gar oftmals, auch

über ihrem Haupte schwebe eine schwere Kugel und
sie werde eines Tages niederfallen und Alles nieder-
werfen, Alles, Alles was Jakobäa in ihrem Leben
mit Fleiß und Liebe gebaut und geplant, und sie
werde dann nicht jauchzen können wie ihr Benedikt
bei dem Umsturz dieser Kegel, sondern zu trauern
haben in aussichtsloser Einsamkeit, ohne Freude an
irgend einem Dinge bis an ihr Lebensende.
Sie wünschte in ihrer stillen Angst bisweilen,
der Schlag wäre schon gefallen, damit die schwere
Last des langen ungewissen Fürchtens nur einmal von
ihr genommen werde und- der Tag der endlichen
Entscheidung kam denn bald genug heran.
Benedikt hatte die Dorfschule durchgemacht und
in der jährlichen Prüfung, welcher immer einige der
Klosterherren anzuwohnen pflegten, sich als der beste
ihrer Schüler abermals bewährt. An Nachmittage,
um die Stunde, in welcher die Zöglinge des Klosters,
von den Instruktoren begleitet, ihren täglichen Spazier-
gang machten, gingen dieselben klassenweise an
Jakobäa's Hause vorüber, und der Pater Negens, der
des Ehrentages wegen mit dabei war, was sonst nicht
geschah, trat an Jakobäa heran, da er sie unter ihrem
Treppendache sizen sah.

Benedikt kam eben aus dem Hause auf das
Vorgeleg hinaus. Er hatte den Springstock in der
Hand, die Jacke über die Schulter gehängt und sein
Ränzel auf dem Rücken. Eine Wanderung hinauf
zu des Berges Gipfeln, um Abends den Mondschein
und früh den Aufgang der Sonne dort oben zu ge-
nießen, daö sollte sein Lohn sein für das wohl-
bestandene Examen, und die Freude und die Erwartung
lachten ihm aus den hellen Augen. Da er aber in
der Ehrerbietung vor den geistlichen Herren erzogen
worden war, nahm er sich zusammen wie er sie er-
blickte, und trat heran, dem Pater Negens mit einem
Handkusse seine Ehrfurcht zu bezeigen.
Der Pater klopfte ihm freundlich auf die Schulter,
nnd gegen die Mutter gewendet, bemerkte er, es freue
ihn, daß der Lehrer ihrem Benedikt ein gutes Zeugniß
gebe, daß es ihm an einer guten Fassungsgale und
an der nöthigen Ausdauer nicht gebreche. ,Laßt ihn
nun noch umherlaufen diese Woche hindurch, Frau
Jakobäa, sagte er. ,Dann beginnt der neue Eursus,
bei uns in der Schule, dann müßt Ihr ihn uns
senden; und wenn er auf dem rechten Wege fleißig fort-
geht, so mögt Ihr einst wohl Freude von ihm haben und
ihn in unserm OrdenmitEhren vorwärtskommen sehen.'?

8
Jakobäa stockte der Athem in der Brust, das
Wort erstarb ihr auf der Lippe. Sie getraute sich
nicht, den Schmerzensschrei auszustoßen, der ihr die
Kehle zusammenschnürte, sie wagte es nicht, Nein!
und immer wieder Nein! zu rufen, und weiter wußte
sie doch Nichts zu denken und zu thun, denn sie
konnte den Blick nicht aushalten, mit welchem ihr
Benedikt ihr in das Antliz starrte. Sie schlug die
Augen vor ihm nieder, um nicht das Erschrecken und
das Entsezen ihres Sohnes sehen zu müssen.
Sie hörte es wohl, wie die beiden Geistlichen
ihr den guten Abend boten, sie gewahrte es auch, wie
sie dem Trupp der Schüler folgten, die paarweise den
Pfad zum Walde hinanstiegen; aber sie sah es ner,
wie man zerstiebende Wolken an sich gleichgültig vor-
ülerziehen sieht. Es ging sie gar nicht an.
Es ging sie in der Welt ja überhaupt Nichts
weiter an: nicht ihr Hauö, nicht ihr Land, nicht ihr
Hab und Gut, und nicht einmal ihr Sohn! Nicht
einmal das einzige Kind, das ihr bis jezt geblieben
war, in dem sie sich die Freude ihres Lebens, die
Stütze ihres Alters, den Erben ihres Gutes zu er-
ziehen getrachtet hatte! Er und Alles, Alles was ihr

eigen war, Alles, was sein eigen werden sollte, war
für sie dahin!
Man hatie still gewartet, bis zur rechten Zeit.
Jetzt, da die Stunde gekommen war, mahnte man
sie an das Gelöbniß, das sie, von ihrer Schmach ge-
drückt, dereinst gethan hatte in der grimmigen Ver-
zweiflung ihres Herzens, und die Kirche war, das
wußte sie, ein Gläubiger, der keine Nachsicht kennt.
Seit vierzehn Jahren, seit dem Augenblick, da
sie den Sohn geboren, hatte sie diesen Fag gefürchtet;
aber was man von ihr heischte, war schwerer noch,
als sie es erwartet hatte; denn nicht ihr Glück, ihre
Zukunft war es, was sie opfern sollte: es war das
Glück ihres Sohnes, den sie liebte mit aller Leiden-
schaft der Mutterliebe; es waren das Fortbestehen und
die Zukunft ihres Hauses, ihres durch Jahrhunderte
bestandenen Geschlechtes.
Sie hatte sich niedergesezt, weil ihre Knie sie
nicht trugen, und die Hände vor das Gesicht ge-
schlagen. Benedikt stand noch auf demselben Fleck und
starrte dem Zuge nach.
,Mutter! hub er mit einem Male an, zwas
hat der Pater Regens da gesagt?

H
Jakobäa zuckte es durch das Herz. Das war
nicht mehr die frohe Stimme ihres Sohnes. Es
war des Vaters harter kalter Ton, und auch die
Augen, mit denen Benedikt sie ansah, waren die des
Vaters. Der bloße Gedanke an das, was ihm bevor-
stand, hatte den Knaben umgewandelt; wie sollte sie
ihm die Wahrheit kund thun, da sie selber sich der
Hoffnung zu entschlagen nicht vermochte, daß doch
irgend ein Ausweg möglich, eine Lösung des Gelübdes,
wenn auch mit schwerstem Opfer zu erlangen sein
müsse.
,Der Pater meint, Du sollst die Klosterschule
noch besuchen!' gab sie ihm zur Antwort, ohne damit
Etwas auszurichten.
,Nein!r fiel er ihr in das Wort, ,in den Orden
treten soll ich! Aber ich will nicht in den schwarzen
Rock!-
,Will ich denn, daß Du's sollst? eief die Mutter
unvillkürlich aus.
,Nun, dann laß den Pater reden! lachte
Benedikt, in dessen jungem Sinne die Eindrücke noch
eben so schnell verschwanden, als sie lebhaft waren.
,Ehe ich den schwarzen Nock anziehe, gehe ich dem
Vater nach!

,Dem Vater? fragte Jakobäa mit steigender
Angst, ,Du hast keinen Vater mehr. Dein Vater ist
lang todt!'
,So hast Du wohl gesagt,' entgegnete Benedikt,
,und ich habe es Dir geglaubt, doch weiß ich's lang
schon anders.?
, Und das sagst Du mir erß heute? rief die
Mutter. Benediktus schwieg. Ihr Aussehen machte
ihn verwirrt.
,,Rede!? fuhr sie fort, , was hat man Dir ge-
sagt? wer hat es Dir gesagt? Rede! was weißt Du?
was bildest Du Dir ein?
,Ach! laß mich !- sagte Benedikt und wollte
gehen. Die Mutter aber hielt ihn fest.
,Du bleibst! Du sollst mir Antwort geben!
herrschte sie ihn an. ,Wer hat Dir es gesagt, daß
Dein Vater noch am Leben ist?
,Weiß ich's? gab der Sohn zur Antwort, immer
noch gewillt, sich zu entfernen.
,Besinne Dich! Du wirst's wohl wissen!r rief , -'
die Mutter.
,Ich habe es so gehört!' entgegnete er verdrießlich
und befangen.
, Wann? von wen?! drängte ihn Jakobäa.

,Ich weiß eö nicht!' wiederholte er trohig. ,Ich
habe es gehört von je an! überall! Er lebt und ist
Soldat in Afrlka!-
Jakobäa horchte auf. Sie fürchtete, er könne
mehr erfahren haben; da er schwieg, begann sie sich
zu sammeln.
,, Warum hast Du zurückgehalten mit dem, was
Dir im Sinn gelegen hat? fragte sie.
,. Ich dachte,! entgegnete der Knabe, , er würde
schon noch kommen! Sie hatten s immer so ge-
fagt !
, Und wer? wer hat Dir das gesagt?
,Die Leute! Alle Leute!'' rief Benedikt, den es
verdroß, daß ihm die Mutter es nicht einfach zu-
gestand -- zund einmal muß der Vater doch nach
Hause!r
Jakobäa wußte sich nicht zu helfen. Sie wagte
nicht, weiter in ihn zu dringen; denn, wenn er mehr
wußte, als er ihr gesagt hatte, wie konnte sie ihn
dazu nöthigen, daß er es vor ihrem Ohre aussprach?
-- Und wenn er nicht die ganze Wahrheit kannte,
durfte sie ihm die Mitwissenschaft eines Verbrechens
auf die Seele laden, das von seinem Vater begangen,
F. Lewald, Benedikt. l.


aud dessen schuldlose Mischuldige sie selbst geworden
war? Sollte sie ihren Benedikt, der bis dahin seinen
Kopf unter seinen Altersgenofsen so froh und keck
erhoben hatte, vielleicht unnöthig dahin bringen, das
Auge zu senken und sich zu verbergen, wenn die Blicke
der Menschen auf ihm ruhten?
Es steht geschrieben in den zehn Geboten: Du
sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es dir wohl
gehe und dn lange lebest auf Erden!-- Und sie
sollte mit eigenem Munde verkünden, was ihrem Sohne
unmöglich machen muußte, dem Gebote nachzukommen?
-- Das lonnte nicht der Wille Gottes sein!-- Besser,
daß ihr Sohn in dem Kloster für sie verloren war,
als daß ihn in der Welt der Fluch verfolgte, sich
seines Daseins schämen zu müssen und der Eltern,
die ihm hies Dasein einst gegeben hatten!-- Aber
wollte er denn in das Kloster? Und ihr Hab nnd
Gut? was sollie aus dem werden? Was sollte aus
ihr selber werden ohne ihren Sohn und Erben?
Der Nachmittag war sonnenhell und klar, über --
der unglücklichen Jakobäa lag es aber wie eine Wetter-
wolke. Wie vom Wirbelwind geknickte Aeste wirr
durch die Luft getrieben werden, so schossen die Ge-
danken durch ihren Sinn, nnd jeder that ihr wehe.

W
Sie wußte nicht was sie wollte, noch weniger was sie
hun sollte. Sie hätte aufschreien mögen, ein Zeichen
von Gott für sich zu erflehen; wie konnte sie jedoch
ein solches begehren oder hoffen, da ihr widerspenstiges
Herz sich weigerte, dem Herrn das Gelülde zu er-
füllen, daö sie ihm gethan hatte, und die Buße über
jich zu nehmen, die man ihr auferlegt, damit sie ihr
Vergehen sühne.
Ihr Verstummen machte den Knaben ungeduldig.
,, Du antwortest mir nicht und die Andern warten.
Ich will gehen!' sagte er.
, So geh!? entgegnete sie ihm kurz; aber wie er
sich von ihr wendete und sie ihn raschen leichten
Schrittes den Pfad hinunter eilen sah, rolllen die
Thränen ihr aud den Augen; und die Hände zu-
sammenschlagend, rief sie: ,es ist vielleicht das lezte
Mal, daß ich ihm seinen Willen lasse!?
Nie zuvor war der Gedanke, ihren Sohn dem
Klosterleben weihen zu sollen, ihr entsezlicher erschienen,
als in dieser Stunde. Sie mochte die Mauern des
Klosters nicht sehen, die stattlich in ihrem gleißenden
Weiß durch das ganze Thal hinleuchteten, daß vor
ihnen kein Entfliehen möglich schien. Benedikts Aus-
ruf:,ich will nicht in den schwarzen Roc!? klang

1
ihr fortwährend in den Ohren. Es ließ ihr den
Abend keine Ruhe, es verfolgte sie die ganze Nacht
hindurch, daß kein Schlaf in ihre Augen gekommen
war, als sie sich beim Tagesanbruch wie gewohnt er-
hob, um in die Frühmesse zu gehen.
Die Kirche war völlig leer. Es hatte ja Nie-
mand in dem ganzen Thale Grund zur Buße so
wie sie.
Diese Einsankeit war ihr sonst nicht aufgefallen,
denn sie war derselben durch die langen Jahre her
gewohnt. Heute jedoch kam sie ihr unheimlich ja
beängstigend vor, und die starken Stimmen der
Klosterherren, die hinter dem schwarzen Gitter
Chores unsichtbar die lateinischen Morgenhymnen
sangen, klangen ihr drohend und flößten ihr
des
ab-
ein
Bangen ein, wie die Stimme des Gerichtes, bis die
vollen weichen Töne der Orgel ihre Seele lösten, und
sie sich vor Pater Theophilus an dem Beichtstuhl
niederwerfen konnte, ihre Sorgen, ihren Kummer,
ihr widerspenstig Wünschen und unberechtigt Hofen
auszusprechen, und Tiost und Führung von dem Be-
Th. - - --==---
Man solle nicht fordern, flehte sie, daß Benediktus

11
büße, waö er nicht verschuldet habe, man solle den
Sohn nicht von ihr nehmen. Sie wolle eine ewige
Messe in dem Kloster stiften, für ihr und ihrer Kinder
Seelenheil zu beten. Es solle für diesen Zweck einer
nicht aufzuhebende Abgabe an das Kloster auf ihrem
Gute übernommen werden; sie wolle Alles thun, es
solle Mlles, Alles so geschehen, wie man es ihr vor-
zuschreiben für nöthig finden werde; nur den Sohn
solle man ihr lassen, dem Hause seinen Erben nicht
entziehen, Benedikt nicht zwingen, das Ordenökleid
gegen seinen Willen anzulegen.
Der Pater sprach ihr ruhig und zur Ergelung
mahnend zu. Er erinnerte sie daran, daß sie frei-
willig und von ihres Herzenö Angst getrieben, ihre
Nachkommenschaft dem Dieuste des Herrn gewidmet
habe. Er wies sie darauf hin, wie ihre Töchter in
Demuih und Frömmigkeit zunähmen, wie freudig sie
dem Tage entgegenharrten, an welchem es ihnen ver-
gönnt sein würde, den Schleier anzulegen. Sie gab
das Alles zu. Aber sie hatte es ja nicht gewußt, daß
Benedikt ihr noch geboren werden würde, und Benedikt
und ihre Töchter?-- Wie könnte für ihn gelten
müssen, wwas für diese galt?
Pater Theophil war weichen Herzens, mitleidigen

1
Sinnes. Er kannte Jakobäa von ihrer Jugend auf,
er fühlte Mitleiden mit ihr, und wenn er ihr auch
keine tröstliche Aussicht eröffnen durfte, gewann er es
trozdem nicht über sich, ihr die Hoffnung, welche sie
noch hegte, sofort mit Unerbittlichkeit zu nehmen. Er
wollte mit dem Herrn Alte sprechen, sagte er, der
Weisheit des Abtes unterbreiten, was er selber in
seiner Unterordnung und Beschränktheit nicht zu be-
urtheilen, noch weniger zu entscheiden hale. Er wisse
nicht, ob es zulässig sei, ihrem heranwachsenden Sohne
die Wahrheit üüber seine Herkunft zu verbergen, be-
senders, da er sie theilweise bereits erfahren habe,
und falsche Erwariungen und khörichte Plane auf
dieses halle Wissen bauen könne. Wie Benedikt sich
aber verhalten, und was er für sich wünschen möchte,
wenn er über die Lage seiner Familie unterrichtet
wäre, darüber dürfte die Mutter sich leicht täuschen;
und es gäbe der Wege gar so viele, auf denen die
Kenntniß deö wahren Sachverhaltes ihn erreichen
könnte. So lange Benedikt den Familiennamen seines,
Vaterö trage, sei er vor Schmach und Schande nie
gesichert. Im Orden sei das anders. Als Glied de
Ordens gahöre er der Familie nicht mehr an, er sei
der Kirche Sohn, die Kirche nehme ihn unter ihre

1
Fittiche, sie trage, sie beschüze ihn. Mdit seinem Ein-
tritt in den Orden bleibe hinter ihm in der Welt all
dasjenige zurück, von welchem abgeschieden zu sein er
in seiner Lage mehr als jeder Andere wünschen und
erstreben müsse. Das solle sie erwäigen, daran solle
sie sich halten, und sich in Geduld bescheiden, bis er
ihr werde sagen können, was der Herr Abt über sie
und über ihre Wünsche zu verfügen gesonnen sei.
Pater Theophilus wußte es vorans, was er ihr
zn melden haben wüürde, er wollte ihr nur die Zeit
lassen, sich in das Unabweisliche zu fügen.

Kapitel 08

Poedikt war in voller Zufriedenheit von feiner
Bergfahrt heimgekehrt. Er sprach nur von der Herr-
lichkeit da droben und schien des Klosters gar nichl
mehr zu denken.
In des folgenden Tages Frühe kam Pater
Thevphilud ihn daran zu mahnen. Er beschied ihn,
sich des Nachmittags bei dem Herrn Abte um die
fünfte Stunde einzufinden.
Benedikt zeigte sich bestürzt. Er fragie, was er
bei dem Abte solle? Der Pater meinte, es werde
sich vermuthlich um den Eintritt in das Kloster handeln.
In die Schule wolle er wohl gehen, sagte
Benedikt, in den Orden einzutreten habe er nicht Lust.
Pater Theophilus sah ihm freundlich in das
trozige Gesicht. ,Sei ohne Sorge, mein Sohn!'-

18
entgegnete er ihm, zman wird von Dir nicht fordern,
was zu thun Du nicht selbst begehrst!?=
Das beruhigte den Sohn und flößte der Muttrr
Hoffnung ein. Ihr irgend eine Auskunft, eine An-
deutung zu geben, ob und in welcher Weise der Abt
sich ihren Wünschen und Vorschlägen geneigt erwiesen
habe, ließ sich der Pater nicht herbei.
Um: die festgesezte Zeit verfügte Benedikt sich
nach dem Kloster. Er hatte die offnen Thore dessel-
ben wer weiß wie oft durchstrichen, wenn er, wie alle
Andern auch, über die Wirthschaftöhöfe des Klosters,
hinaus nach den jenseits des Baches belegenen Wiesen
und Bergen gegangen war; und nach seiner Firme-
lung war er auch einmal in dem Kloster in der,
innerhalb der Klausur befindlichen Wohnung des
Abtes gewesen, ihm die Hand zu küssen, und die ge-
weihte Medaille zu empfangen, welche sein Pathe ihm
als Andenken an den Besuch des Bischofs mit auf
den Lebensweg zu geben dachte.
Heute aber klopfte ihm das Herz und ihm bangte,-
als er die Glocke an der dunklen Pforte zeg, welche
die offenen Hallen des Klostergebäudeö von der Klausur
abtrennte. Denn was mußte der Abt ihm zu sagen
haben, daö er durch Pater Theophilus nicht hätie eben

19
so gut erfahren können? Etwas ganz Besondereö mußte
es doch sein, und seit der neulichen Anrede des Paters
egens waren das Kloster und seine Insassen dem
bisher sorglesen Benedikt verdächtig und ein Gegen-
stand der Scheu geworden.
Der Abt war damals, alö er Benediktuö zu sich
holen ließ, noch in seinen besten Jahren, eine schönte
feine Gestalt, nicht eben groß, eine achtunggebietende
Haltung, die Ruhe der Se!bstgewißheit auf der hohen
Stirn. Wo und in welcher Tracht man ihm begegnet
sein würde, man hätte es sofort erkannt, daß er ge-
wohnt sei, zu befehlen und Gehorsam zu finden.
Einem alten bürgerlichen Patriziergeschlecht entsprossen,
das durch den Handel hoch emporgekommen war, be-
saß er den auf weltlichen Besiz gebauten Stolz seiner
Familie; aber mit diesem Stolze hatte er auch die
umsichtige Weltklugheit seiner Ahnen, wie ihre Lust
am Erwerb und am Gewinn von ihnen überkommen,
und des Klosters Reichthum an Kapitalien und
Ländereien, deren Erträge verwerthet werden mußten,
bot seinen Neigungen wie seiner Klugheit den er-
wünschten Spielraum dar. Unumschräänkt gebietend,
wußte er seine Untergebenen mit großer Einsicht je
nach ihren Gaben zum Vortheil des Klosters und des

1
Ordens zu verwenden, Jedem, den er verwendete, die
volle Verantwortlichkeit für seine Leistung aufzubürden,
und eben dadurch sich in einer Zurückgezogenheit zu
erhalten, die ihn des Verkehrs mit der Außenwelt, wo
er ihn nicht wünschte, eben so wie jeder persönlichen
Verantwortung gegenüüber derselben, fast ganz und gar
enthob.
EI war ein Begebnfß in dem Thale, wenn man
den Abt außerhalb des Klostergartens zu Fuß des
Weges kommen sah; ein großes Ereigniß, von dem
geredet wurde, wenn er mit Jemand im Vorüber-
kommen gesprochen hatte, und wenn er einmal selber
handelnd eingrif, mußte eine ganz besondere Noth-
wendigkeit ihn erst dazu bestimmen.
Von allen Mitgliedern seines Klosters besaß
keiner sein Vertrauen in dem Grade, wie der in dem
ganzen Thale sehr verehrte Theophilus. Der Pater
wollte und wünschte für sich selbst hienieden Nichts,
er kannte keinen Ehrgeiz als die Macht, die Wohl-
fahrt seines Klosters.-- Er war dabei von Herzen -
menschenfreundlich, demüthig und fest in seinem from-
men Glauben, ohne Falsch wie die Tauben und klug
wie die Schlangen. Kein Anderer war in dem Thale
als Beichtiger mehr gesucht als er. Er hatte der un-

U11
zlücklichen Jakobäa schon zur Zeit ihrer Trennung von
Maurus beigestanden, mit ihm hatte der Abt die ganze
Angelegenheit verhandelt. Er wußte, welche Gründe
denselben bestimmt, und welche Rücksichten ihn geleitet
hatten, als er sich dazu entschlossen, das Verbrechen
des Maurus mit Schweigen bedecken, es dem Arme
:er strafenden Gerechtigkeit entziehen zu lassen. Pater
Theophilus war auch nicht zweifelhaft darüber, was
jezt mit Benedikt zu geschehen, und was er dessen
Mutter zu antworten bekommen würde. Es war ihm
eben so wenig unbekannt, daß die ganze Angelegen-
heit auch eine weltliche Seite hatie, welche für das
Kloster selbst von hoher Wichtigkeit war und auf die
Entscheidung des Abtes nicht ohne Einfluß bleiben
konnte.
Die vor mehr als siebenhundert Jahren gegründete
Benediktinerabtei war im Laufe der Zeiten zu einer
der vornehmsten und reichsten des Ordens geworden.
Ihre Besizungen hatten sich nicht nur über das ganze
Hochthal erstreckt, über welches die Klosteräbte fast als
souveräne Herren regierten und die hohe und niedere
Gerichtsbarkeit übten, sondern das Kloster hatte auch
weit hinaus über die Grenzen des Kantons, in wel-
chem es lag, eine große Anzahl von Liegenschaften und

ul
Einkünften aller Art durch fromme Vermächtnisse er-
worben, die seinen Glanz und Reichthum immer mehr
gesteigert hatten. Allein durch die revolutionären Be-
wegungen, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts
auch die Schweiz ergrifen hatten, war in den welt-
lichen Zuständen und Verhältnissen der Abtei eine
große Veräänderung eingetreten. Nicht nur waren die
bis dahin fürstengleich waltenden Vorsteher derselben
ihrer weltlichen Herrschaftsrechte und Privilegien be-
raubt, und ihre früheren Unterthanen zu freien Bürgern
geworden; auch die Besizungen und Einkünfte ded
Klosters waren sehr beträchtlich vermindert, ja das
Kloster selbst ausgeplündert, und die stattlichen Kloster-
gebäude durch die Wildheit der eingedrungenen fremden
französischen Horden zu einem großen Theile ein Raub
der Flammen geworden. Der Wiederaufbau hatte be-
trächtliche Summen verschlungen, und Verkauf oder
Verpfändung mehr als eines Gutes herbeigeführt. In
solchen Zuständen hatte der jetzige Abt das Kloster ge-
funden, als er den Stuhl seines Vorgängers bestiegen,--
und je weniger er der Weltlage nach daran denken
konnte, der Abtei und ihren Verwesern die alte
glänzende Regentenstellung wiederzugewinnen, um so
mehr war es sein Ehrgeiz und um so eifriger bemühte

11
er sich, wenigstenö diejenigen Verluste, welche dad Kloster
an Besiz und Vermögen erlitten haite, durch kluge
und gesicherte Operationen einigermaßen auszugleichen.
Ec war ein großer Dienst, eine schwer wiegende
Hilfe gewesen, welche man Jakobäen dereinst in ihrer
Noth geleistet hatte, ein Beistand und ein Schuz, die
vergolten und aufgewogen werden mußten, und auf-
gewogen werden konnten; denn die Anschafft'schen
Licgenheiten waren bedeutend genug, um selbst dem
reichen Kloster noch alö ein ansehnlicher Gewinn zu
erscheinen. Ein zu errichtendes Altärchen, eine zu
stiftende Messe, ein Zehnten, dünkten den geistlichen
Herren kein ausreichender Entgelt für die Schonung
und die Rettung, welche sie vollzogen hatten. Ihre
Voraussicht hatte sich auf mehr gefaßt gemachk.
Einen wirklichen Zwang auf die Mutter oder auf
ihren Sohn auözuüben, lag nicht in des Abtes Sinn,
war gegen seine Handlungsweise. Er war kein Freund
jener Gewaltthaten, die Nachrede verursachen konnten,
und viel zu klug und vorsichtig, um einen Ast so ab-
zubrechen, daß man es gewahren mußte, wenn er
sicher sein durfte, sich der begehrten Frucht, die an dem
Aste hing, in weniger auffälliger Weise bemächtigen zu
können.
F. Lewald, Benedikt. l.

11
Er hatte deshalb aueh den Bericht des Pater
Theophilus über Jakobäen's Widerstreben gelassen an-
gehört, hatie es gebilligt, daß derselbe sich nicht ab-
lehnend, oder auch nuur zweifelnd gegen sie ausge-
sprochen, baß er ihr vielmehr eine Hoffnung auf die
Erfüllung ihrer Wünsche offen gelassen habe; dann
aber hatte er sich bestimmt und kurz erkundigt, in wie
weit Benedikt über seine Herkunft unterrichtet, bis zu
welchem Grade sein Verstand und seine Fähigkeit ent-
wickelt seien, die weltlichen Verhäältnisse zu begreifen,
und was der Knabe von seinem Vater und von dessen
Vergangenheit bisher etwa erfahren habe. Pater Theo-
phil hatte darüber genaue Auskunft gegeben und der
Abt ihm dann befohlen, den Knaben selber zu ihm zu
bescheiden.
Als Benedikt sich danach in dem Vorgemache des
Abtes meldete, wurde er augenblicklich eingelassen. Er
fand den Pater Theophilus bei ihm, der sich jedoch
enifernte. Des Abtes Unterredung mit dem Knaben
währte lange, und Benedikt verließ des Abtes Zimmer ,
und das Kloster völlig umgewandelt.
Der frohe Sinn, die Zuversicht, die Lebenslust
waren in ihm gebrochen. Er hatte Scheu bekommen
vor der Welt, die jenseits dieses Thales lag, Scheu

11
ror den Menschen, die er- kannte und die ihn kann-
ten; er hatte gelernt, die Klostermauern als Schutz
und Zuflucht anzusehen. Er durfte die Augen nicht
mehr froh erheben so wie sonst, er war nicht unbe-
scholten, wie die Andern Alle. Gesenkten Hauptes
trat er aus des Abtes Zimmer, und die breite Dorf-
straße vermeidend, nahm er den Weg nach seiner
Mutter Hause.
Jakobäa hatte sich geflissentlich unter dem Vor-
dach auf der Treppe zu thun gemacht. Von dem
Plaze konnte sie mit ihrem scharfen Auge den Sohn
erblicken, so wie er aus des Klosterö großer Pforte
trat; aber wie gespannt ihr Auge auch an dem Thore
hing, wie ihr, je länger er auf sich warten ließ, daö
Herz von Sorge schwerer und der Sinn von ver-
muthendem Denken aufgeregter wurde, Benedikt war
nicht zu sehen.
Mit einem Male stand er vor ihr. Er war auf
weitem Umwege von oben herunter durch den Wald
gekommen, und wie Jakobäa erschrak, als sie seiner
anfichtig wurde, so schreckte auch er zusammen, als er
die Mutter vor der Thüre fand.
, Benedikt!' rief sie und wollte ihn fragen, was
geschehen sei. Aber sie unterließ es, die Worte woll-

11s
ten ihr nicht über ihre Lippen gehen. Sie sah es an
dem scheuen finsteren Blick, mit dem er, sie ver-
meidend, vor sich hin starrte; man hatte ihm Mlles
gesagt. Er wußte Mlles! -- Nun war es ent-
schieden!-
Ohne ein Wort an sie zu richten, wendete er sich
in das Haus. Das konnte sie nicht ertragen, es zer-
riß ihr das Herz, sie mußte seine Stimme hören.
,Wo willst Du hin? fragte sie.
,,Drinnen bleiben- und in's Kloster, wenn es
dunkel sein wird ! gal er ihr zur Antwort, und ging
ohne sie nur anzusehen in das Haus hinein.
Das war zu viel! Ihr Kind wendete sich mit
Widerwillen von ihr ab! Sie folgte ihm auf dem
Fuße nach. Er hatte den Hut von sich geworfen und
saß mitten in der Stube an dem Tisch, den Kopf auf
die Arme gelehnt, daß sein Gesicht verborgen war.
Sie wollte ihm Etwas sagen, aber sie konnte das
rechte Wort nicht finden. So blieb sie hinter ihm stehen
und hörte ihn weinen.
Hätte sie ihr Kind beneiden können,, um diese-
Thränen hätte sie es gethan, denn ihre Augen blieben
trocken. Das Hofen war für sie zu Ende, das Schaffen
fortan unnüz; und was ist der Mensch ohne Hoffnung,

uu
und ohne Freude an der Arbeit?-- Sie kam sich
nicht mehr wie lebendig vor. Nur an dem Mitleid,
das sie mit ihrem Sohne fühlte, nuur an dem leiden-
schaftlichen Verlangen, ihren Benedilt zu retten vor
dem schwarzen Rocke, empfand sie es, daß sie noch
lebte. Ihr schauderte vor dem Zwang des Klosters
mehr noch als ihrem Sohne. Er und sie waren nicht
dazu gemacht; sich lebendig zu begraben.
Plözlich schoß ihr ein Gedanke durch den Sinn:
sie konnte fliehen mit Benedikt! Fliehen weit hinaus
in die Welt, in der Niemand sie kannte, Niemand von
ihr wußte, wo die Stimmne des Abtes sie nicht an ihr
Gelöbniß mahnen konnte. Aber fliehen?-- Hatie
der Arm der Gerechtigkeit nicht dereinst den Maurus
gefunden hier hoch oben in den Bergen? =- Und was
sollte aus ihrem Hause werden, aus ihrem Besiz, wenn
sie davon ging, sich in weiter Ferne zu verbergen?--
Von ihrem Hause, von ihrem Hale konnte sie nicht
fort!-- Sie hatie die Grenzen ihres Thales selten
einmal überschritten. Was sollte sie in der frem-
den Welt? Eine Bettlerin mit ihrem heimathlosen
Sohne?--
Es war unmöglich! Von diesem ihrem Hause
konnte sie nicht scheiden, sie konnte nicht hinaus in

18
jene fremde Welt, aus welcher all ihr Unglück ihr ge-
kommen war. Hier, wo sie geboren war, hier mußte
sie auch sterben. Was für sie erworben war und
was sie erworben hatte, das konnte sie nicht freiwillig
Fremden überlassen. Sie mußte hierbleiben, nach dem
Ihrigen zu sehen, so lange ihre Augen offen standen.
-- Nachher? Nachher blieb freilich nur noch Benebikt
im Thale, als Lezter von dem ganzen Anschafft'schen
Geschlecht!
Und wieder kam ein neuer Gedanke ihr in den
Sinn. Sie konnte das Verzweifeln nicht ertragen.
Athmen, leben, schafen und hoffen waren Eind in ihr.
Mochte eö nicht der frische volle Stamm sein, an den
sie sich zu lehnen, unter dessen Aesten sie Schatien zu
finden erwartet hatte in ihres Alters Tagen, auch an
einem schwachen Stabe kann man sich noch halten;
und ein Gutes, eine Aussicht blieb ihr doch, wenn
Benedikt auch in den Orden eintrat. Er blieb in ihrer
Nähe, blieb in ihrem Thale.
Sie konnte ihn sehen, konnte sehen, wie er heran=?
wuchs und in dem Kloster vorwärts kam; und da er
der Euste gewesen war in seiner Schule, wer wollte
sagen, wohin er es in dem Kloster und dem Orden
bringen konnte? Der Pater Negens war oben in dem

119
Walde zu Hause, eines armen Schreiners Sohn; den
Prior hatten barmherzige Menschen nach seiner Estern
Tode aufgepflegt, und es stand fest, daß er dem Herrn
Abbs dereinst in seinem Amte folgen würde. Wenn
Benediktus fleißig war, wenn er seine Gaben recht be-
nuzte, so konnte auch er dereinst des Klosters Prior,
ja der Abt des Klosters werden; so konnte sie sich doch
sagen, daß ihr Hab und Gut nach ihrem Tode troz
alledem sein eigen würde, daß es ihm zu Gute käme,
wenn sie es einmal dem Kloster hinterließ. Er konnte
in seinem Namen einen Altar stiften zu seinem An-
gedenken, zu ihren und zu Maria Josepha's Ehren,
der seinen und seines Hauses Namen in dem Kloster
wach erhielt für alle Zeit und Ewigkeit!-- Nur so
liegen, nur so weinen sollte Benedikt nicht mehr!--
Sie konnte das nicht ansehn und nicht dulden.
,Genedikt,' sagte sie,,sieh den Herrn Abt an!
wad fehlt dem wohl? Rechts und links weicht Alles
aus und neigt sich, wenn er nur vorüberfährt. Ein
Jeglicher küßt ihm die Hand. Er ist der Herr im
ganzen Thale!?
,Was hilft mir das? schluchzte der Knale, ohne
aufzusehen.
,Du kaunst ja Prior werden, kannst einmal Abt

12
im Kloster wwerden, grade so wie er!? bedeutete ihn
die Mutter.
,Wenn auch!'' entgegnete der Sohn.
, Der Abt kann kommen und gehen, reisen und
in die Welt hinaus, so wie es ihm gefällt!? sagte
Jakobäa, dem Lieblingsgedanken ihres Sohnes zu be-
gegnen, und ihm fortzuhelfen über die Nothwendig-
keit, die auf ihm lag, die sie ihm aufgebürdet hatte
durch den Eigensinn, mit welchem sie den wider-
strebenden Maurus dereinst festgehalten, die sie ihren
Kindern aufgebürdet hatte durch ihr Verschulden und
durch ihr Gelübde.
Aber sie verfehlte diesmal ihren Zweck. Denn
Benedikt richtete sich bei ihren Worten mit Heftizkeit
empor, und hell aufweinend, rief er: , In die Welt
hinaus?-- Ich will nicht hinaus in die Welt!--
Was soll ich in der Welt? Soll ich dem Vater dort
begegnen, der Schimpf und Schande über uns ge-
bracht hat! Ich bin geboren in Sünde und in
Schande, darum muß ich hin, wo keines Menschen. -'
Aug' mich sieht! Am Liebsten in das Wasser, wo es
am tiefsten ist, oder gleich in's Grab!?
, Benedikt! Benedikt!? stieß die Mutter mit
Herzensangst hervor, und wollte ihn umklammern, er

u2
aber wehrte sie von sich ab, und zusammenbrechend in
ihrer Pein, klagte sie: ,DDas kann der llebe Gott
nicht wollen! Das ist zu viel! Mein Sohn wendet
sich von mir ab! Da Kind wendet sich ab von seiner
Mutter!-- Der Abt hat keinen Sohn!'
Sie sezte sich still in eine Ecke und sah den
Knaben an. Er hatte sich aufgestützt und starrte vor
sich nieder. Es waren zum Theil die Worte des Abtes
gewesen, die er in seinem Schmerze ausgesprochen, und
seine Erschütterung hatte das Nebrige gethan. Die
Mutter wußte ihm Nichts mehr zu sagen und er wuußte
auch Nichts mehr. Sie fühlten das Unglück alle
Beide. Es war wie eine Lawine auf sie herabgestürzt
und lag auf ihnen kalt und finster.
Draußen schlug es sechs Ühr. Jakobäa ging
hinaud. Immerfort an dieser Stelle sizen bleiben
konnte sie ja nicht, und es war Zeit, daß sie für das
Nachtessen der Leute sorgte.
Benedikt rührte sich nicht. Erst als die Mutter
schon eine ganze Weile fort war, stand er auf, und
sah sich um. Des Weinens war er sait, des Wartens
war er müde. Er wollte etwas Anderes thun.
Aler was?
Er ging an den Tisch, zog die breite Schieblade

u
heraus, sah seine Bücher an und was sonst noch von
seiner kleinen Habe darin lag, und schob sie wieder
zu. Er sah nach seiner Drossel und nach dem schwar-
zen Eichhörnchen, dessen Haus auf dem Fensterbrette
stand. Die Drossel schlug just ihren schönsten Triller,
das Eichhorn drehte sich wie sonst in seinem Rade.
Es machte ihm aber kein Vergnügen mehr. Er ver-
suchte dies und das, und gab es wieder auf. End-
lich sezte er sich nieder und paßte auf die drei Schläge,
welche alliäglich von der Kirche das Zeichen zum Be-
ginn des Abendläutens und der Abendvesper gaben.
Er war ordentlich zufrieden, als er sie erklingen hörte.
Jezt wußte er wenigstens, was er mit sich machen
sollte, was zu thun war. Er nahm den Hut und
ging hinaus. Die Mutter stand am Heerde.
,Wo willst Du hin? fragte sie beklommen.
,Wo soll ich hin?-- In's Kloster!r gal er ihr
zur Antwort.
,Diese Woche hattest Du ja noch bleiben sollen,'
meinte sie, ,erst Ende der Woche solltest Du hinein.? , -
Er schüttelte den Kopf.,Was soll ich hier?
Ich werde froh sein, wenn ich dorten bin!'' gab er ihr
zur Antwort.
Er wollte gehen und stand doch still. --- ,Iß

noch bei mir zu Nacht!' sagte Jakobäa und die Stimme
bebte ihr, als sie es sprach.
, ch bin nicht hungrig! versezte er.,Cdieu!'?
nnd ging der Thür zu.
, Benedikt! Benedikt! rief die Mutter in ihrem
bittern Schmerz ihm nacheilend, um ihn an ihre Brust
zu ziehen.
Er machte sich von ihr los. ,Laß mich gehen,
ehe sie vom Felde kommen!'' sagte er.,Wenn ich
nur erst fort bin, ist's nachher einerlei! Adieu?
Und damit ging er von ihr.

Kapitel 09

zz Klosterherren waren seelenkundige und viel
erfahrene Erzieher. Sie ließen Penedikt ruhig in der
Menschenscheu gewähren, welche ihn überfallen hatte,
seit ihm der Abt das Geheimniß seiner Eltern kund
gethan.
Man nöthigte ihn nicht, an den regelmäßigen
Spaziergängen der übrigen Schüler Theil zu nehmen,
wenn man diese in das Freie führte, er durfte sich
im Garten beschäftigen, oder bei den Büchern sizen,
je nachdem er Lust dazu verrieth. Man gewährte ihm
eine verhältnißmäßige Freiheit innerhalb des Zwanged,
dem er sich plözlich unterworfen sah; denn je mehr
er sich abgeneigt fühlte, mit der Außenwelt zu ver-
kehren, um so sicherer durfte man darauf rechnen, daß
er sich in das Kloster eingewöhnen würde. Wenn er

12
sich von der eigenen Mutter ferne hielt, war Aussicht
vorhanden, daß er um so eher die Kirche als seine
Mutter anzusehen, den Orden als seine Familie zu
betrachten lernte; und Benedikt besaß alle die Eigen-
schaften, welche es einer solchen Gemeinschaft wünschenö-
werth machen konnten, ihn sich anzueignen. Er war
schön, begabt, von lebhafter Empfindung, und der
reichste Erbe in dem ganzen Thale.
Auch trog ihre Berechnung seine Vorgesezten
nicht. Wie Benedikt stets der beste Schüler in der
Dorfschule gewesen war, so zählte das Kloster ihn
schon nach Jahresfrist zu den besten seiner Zöglinge.
Sein starker Ehrgeiz trieb ihn zum Fleiße an, und
die Richtung, welche der Abt dem Gemüthe des Kna-
ben in jener ersten und einzigen Unterredung zu geben
verstanden hatte, sicherte seinen Vorgesezten seine Füg-
samkeit, wie sie ihn gottesfürchtig und sein Gewissen
rege gemacht hatte. Er wußte seinen Vater von
schwerer Schuld beladen, seine Mutter als Theil-
nehmerin einer Sünde wider die Gebote Gottes. Er
war nicht in güültiger Ehe geboren und da er die
Welt nicht kannte, glaubte er sich durch diesen Makel
ihr gegenüber schwerer beeinträchtigt, als er es in der-
selben gefunden haben würde. Es stand in der Bibel

19
geschrieben: Gott sei ein strenger Herr, er werde die
Sünden der Väter an den Kindern und Kindeö-
kindern rächen; also war er mit des Herrn Zorn be-
liden. Er hatte ihn zu sühnen durch makellosen
Wandel, durch unallässiges Gebet. Er hatte sich einzig
zu vertrösten auf des Heilandes Gnade, der die Sün-
den der Menschen auf sich genommen, der auch für
ihn den Kreuzestod erlitten. Er hatte zu der Mutter
Gottes zu flehen, daß sie bei ihrem Sohne Für-
sprecherin werde für den verbrecherischen Maurus, für
die unglückselige Jakobäa und für die Kinder, welche
so unheiligem Ehebunde entsprungen waren.
Es währte nicht lange, bis Benedilt den ihm
einst so verhaßten schwarzen Rock mit Ruhe, ja mit
Freuden, und wie ein Ehrenkleid zu tragen lernte.
Man war mit ihm zufrieden, man begegnete ihm mit
freundlicher Gleichmäßigkeit, seiner Wißbegier wuurde
reichlichere Nahrung , geboten, sein Vorwärtskommen
anerkannt, und sein Ehrgeiz, diese vorherrschende Leiden-
schaft in allen geistlichen Genossenschaften, ward durch
seine Vorgesezten nur in so weit-eingeschränkt, alö
die Unterordnung unter ihre Befehle und die De-
muth vor dem Herrn es nöthig machten. Er hatte
nicht mehr unter den wechselnden Gemüthsverfassungen
F. Lewald, Benedikt. 1.

18
seiner Mutter zu leiden, nicht mehr mit den Thalbe-
wohnern zu verkehren, die ihn früh mit halben Worten
ahnen lassen, daß seine Familie unter dem Banne
eines unseligen Geheimnisses stehe. Die Nachbars-
kinder, seine Schulkameraden peinigten ihn nicht mehr
mit den Fragen und Bemerkungen, die alle nach der
wunden Stelle zielten. Er ging unangefochten in den
Reihen der Klosterzöglinge einher, er fand Genossen
und Freunde unter ihnen, er hatte mit und unter
ihnen Anlaß seinen Körper in übenden Spielen zu
entwickeln, er kam in ihrer Gemeinschaft hoch in dad
Gebirge hinauf, machte im Sommer unter Leitung
seiner Dberen während der Ferien kleine Ausflüge in
das nächste Land zur Erholung in den andern, dem
Orden gehörenden Besizungen; und, was nicht gering
bei ihm in das Gewicht fiel, er war in dieser Zeit
der einzige Klosterschüler aus dem Thale, er war da-
durch in seinen Augen weit vornehmer als alle die-
jenigen, die sich sonst um seiner Geburt willen über
ihn erhoben hatien. Die Kirche war ihm für sein
Empfinden wirklich eine Mutter geworden; sie und . -
das Kloster gewährten ihm Schutz, eröffneten und ver-
sprachen ihm eine Zukunft, und er gab sich ihnen zu-
letzt von ganzem Herzen und von ganzer Seele hin.

u
Die eizene Mutter sah er nicht eben häufig. Die
Abneigung, mit der er ihr in der Stunde begegnet
war, in welcher er aus ihrem Hause schied, hatte ihr
das Herz erstarren machen. Sie scheute sich vor dem
Knaben mehr, als sie einen Fremden je gefürchtet
hatte; und weil sie ihm, alö man ihn zum ersten Male
zu ihr führte, kalt begegnet war, trug er kein großes
Verlangen, öfters zu ihr zurückzukehren. Auch sie für
ihr Theil verlangte nicht nach ihm. Sie mochte e?
gar nicht sehen, wenn der sonst so lebenöfrohe Benr-
dikt in der schwarzen Soutane, gemessenen Schrittes
in Mitten seiner Klasse an ihrem Hause vorüler ge-
führt wurde, er kam ihr wie der Schatten seiner sellst
vor. Das Kloster stand zwischen ihmu und ihr; nicht
sie, das Kloster hatte an ihn den allernächsten An-
spruch. Sie konnte mit ihm nicht reden, wie es ihr
zu Muth war: er war ihr entfremdet worden, und
wie an einem Frenden mußte sie versuchen, sich an
ihn erst wieder zu gewöhnen.
Jndeß die Zeit bewährte auch in diesem Falle
ihre Kraft und Macht. Man hatte Benediltus ange-
halten, tääglich für seiner Mutter und seiner Schweslern
Seelenheil zu beten--- wie konnte also seine Ab-
neigung gegen die Mutter fortbestehen, die er in

1N
immer neuen brünstigen Gebeten der erbarmungsvollen
Gnade des höchsten Richters anempfahl? Das Mit-
leid mit ihr zeg mit seiner wachsenden Neife und sei-
ner sich erweiternden Einsicht in sein Herz; und als
man sich im Kloster erst seiner völligen Hingebung
an dasselbe versichert halten durfte, hatte man sogar
seine Annäherung an die Mutter auf jede Art zu
fördern getrachtet. Wer konnte denn besser geeignet
fein Jakobäen Sinn zu Gunsten des Klosters zu be-
stimmen, als ihr Sohn und Erbe, nachdem er seinem
Kloster von ganzer Seele eigen geworden war?
Er hatte seine Klassen mit Ehren durchgemacht.
Er galt für den besten Philologen unter seinen Mit-
schülern und zrigte schöne Anlagen für Beredsamkeit
und Poesie. Aus freiem Antriebe hatte er lateinische
und deutsche Hymnen gedichtet, welche den Beifall der
Lehrer gefunden; seine dialektischen Fähigkeiten waren
anerkennend bemerkt worden und wie er als Knabe
in dem Thale um seiner starken und hellen Stimme
rillen Beifall geerndtet hatte, so waren jetzt sein Ge-
sang und seine mehr und mehr hervortretende musika-
lische Begabung bald des Klosters Stolz und Freude.
Er war beliebt bei seinen Mitschülern, besaß die Gunst
seiner Vorgesezten; und seine strenge Gewissenhaftig-
, r

aI
keit, seine tiefe Frömmigkeit machten es, daß man große
Hoffnungen auf seine Zukunft bauie, als er mit fron-
mer Freude in sein Noviziat eintrat.
Während dieser Jahre hatten sich aber auch in
dem Thale die Zustände sehr wesentlich geändert, und
die Folgen des erleichterten Reisens hatten angefangen,
sich bis hinauf in das Hochgebirge und in seine Thäler
geltend zu machen.
Früher, in den Zeiten, in welchen Maurn die
Heimath auf Nimmerwiederkehr verlassen, war selten
einmal der Fuß eines Reisenden die einsame und sehr
beschwerliche Slraße nach dem Klosterthale empor-
gestiegen. Seit man jedoch in den, die Schweiz um-
gebenden Ländern Eisenbahnen gebaut, und die
Dampfwagen und Dampfschife begonnen hatten, die
Beförderung der Menschen zu Lande und zu Wasser
in so großer Zahl, und in vorher ganz ungekannter
Schnelle zu ermöglichen, waren in der Schweiz mit
jedem Jahre der Neisenden immer mehr, und das Be-
steigen der höchsten Berge, an welches sich sonst nur
die unerschrockene Beharrlichkeit einzelner Gelehnter,
oder besonders für die Naturschönheiten begeisterter
Männer herangewagt hatte, zu einer Modesache und
znu etwas fast Alläglichem geworden.

5
Die Stäole der Schweiz hatten während der
Sommermonate bald nicht mehr Naum genug für
ihre ausläändischen Gäfte. Man fing an, auf dem
Lande, in den Gasthöfen, an den Seen und in den
Bergen ein Unterkommen zu suchen, und je weniger
dadselbe von denjenigen Bequemlichkeiten zu bieten ver-
?
Benedikt hatte noch in der Zeit seines Noviziates
gestanden, als die ersten Fremden sich zu längerem
Verweilen bei deö Doktors Mutter in dem einzigen
Wirthshause des Thales niederließen. Es waren
junge deutsche Gelehrte. Sie waren bald nach ihrer
Ankunft in das Kloster gekommen, um Zutritt zu der
Bibliothek desselben zu erbitten, in der sie, und nicht
mit Unrecht, werthvollen Besiz vermutheten. Man
hatte ihrem Ansuchen bereitwillig willfahrt; der Ordens-
bruder, dem die Aufsicht über die Bibliothek zustand,
hatte sich, stolz auf die reiche Handschriftensammlung
derselben, mit den beiden Fremden viel beschäftigt; sie
waren dann alltäglich wiedergekommnen, um zu kopiren,
waö ihnen für ihre Zwecke brauchbar dünkte, und trrt
der strengen Drdensregel, welche den Verkehr mit der
Außenwelt während des Noviziates sehr beschränkte,
, -- -

1
hatte der Bibliothekar eines Tages Benedikt, der just
vorüberging, herbeigerufen, ihm ein Missale herbeizu-
holen, dessen Miniaturen Jener die Fremden sehen
lassen wollte.
Es fanden sich aber diesem alten Meßbuche noch
ein paar Pergamentblätter beigebunden, auf denen in
uralter Schrift Text und Melodie des Ambrosianischen
Lobgesanges, des Po äeum lauäumus geschrieben waren.
Sie galken, weil sie eine kleine musikalische Abweichung
von der gebräuchlichen Melodie enthielten, als eine be-
sondere Merkwürdigkeit, und da der Benediktiner-Orden
sich rühmen durfte, der Sammler und Herausgeber
der Werke des zu ihm gehöri habenden heiligen Am-
brosius gewesen zu sein, so gefiel der Bibliothekar sich
darin, seine gelehrten Gäste eben auf diese Besonder-
heit aufmerksam zu machen.
Der Eine derselben, welcher musikalisch war,
wünschte die Musik zu hören. Benedikt nurde ange-
wicsen, das Meßbuch nach dem Chor zu tragen, denn
da Kloster legte großen Werth auf seine Orgel, wie
auf seine Kirchenmuusik, und der Pater Bibliothekar
hieß ihn, unter Begleitung des jungen deutschen Ge-
lehrten, das De äeuru nach der vorliegenden Abweichung
zu singen.

18
Benedikt that dies ohne alle Scheu und ohne
Zögern; indeß noch während er sang, gab der Professor
seinem Erstaunen über die Stimune und die musikali-
sche Begabung des jungen Mannes Ausdruck.
,as ist ja eine Stimme,' sagte er, als Benedikt
geendet hatte, ,wie ich sie schöner nie gehört habe!
Ihre Fülle, und ihr weicher Ton überfluthen wie der
Tenor unsres Wild das Ohr des Hrers und dringen
in das Herz ein!-
=b er andere Fremde meinte, Wild's Stimme habe
vielleicht noch eine größere Süßigkeit, auch ihnu aler
sei der männliche Klang von Benedikts Drgan, daö
mit den Jahren nur gewinnen könne, noch viel lieber.
Des Jünglings Augen strahlten. Er hatie große
Freude daran, daß die Fremden ihn mit einem Sän-
ger verglichen, den sie offenbar bewunderten, und er
horchte hoch auf, alo der Professor die Bemerkung
machte, Wild hale seine ersten musikalischen Studien
ebenfalls im Dienste der Kirche gemacht. Er sei Chor-
schüler gewesen, ehe er in die Fürstlich Esterhazy'sche
Kapelle aufgenommen worden; und erst von dieser sei
er zu der großen Oper üübergegangen, deren glänzendste
Zierde er seitdem geworden sei.
Der Pater Bibllothekar, dem dieser Zwischenfall

u3
sehr ungelegen kam, befahl dem jungen Novizen, das
Meßbuch nach der Bibliothek zurückzutragen, und Be-
nedikt gehorchte, wenn auch mit innerem Widerstreben.
Er machte sich das allerdings zum Vorwurf. Er
klagte sich in der Beichte an, daß das Lob der Frem-
den seine Eitelkeit erregt, daß es ihn von der Selbst-
betrachtung abgezegen habe, die jezt mehr als jemals
seine Pflicht sei, daß sich seine Gedanken wider seinen
Willen der Außenwelt zugewendet hätten; und an die
strenge Klosterzucht gewöhnt, fand er es in der Ord-
nung und gerechtfertigt, als Pater Theophil sein Beich-
tiger, ihm zur Buße die Strafe auferlegte, sich des
Gesanges wie des Orgelspielens fortan zu enthalten,
und dem Gotteödienste bis zur Beendigung seines
Noviziates in schweigender Andacht lautloö beizuwohnen.
Er hatte diese Strafe freudig über sich genom-
men, aber noch kein Herbst und noch kein Winter
hatten ihm so lang gedünkt, alö dieser, und nie zuvor
hatte er so wenig als in dieser Zeit seine Seele frei
im Gebete erheben können. Er fühlte sich, als wäre
ihm: der Lebenönerv erschlafft, als versage sich ihm
allmälig nicht nur daö Wort, sondern auch der Ge-
danke, als irennten ihn die schweren Wolkenschichten,
die das Thal durchzogen, für immer von dem reinen

18
Aether ab, zu welchem sein Blick sich sonst in sehn-
fuchtsvollem Hoffen glaubensstark erhoben hatte. Je
mehr er unter dieser Stimmung litt, je ernfter er
Iegen dieselbe in sich rang und kämpfte, um so tiefer
versenkte er sich in seine schwermüthigen Zweifel an
sich selbst, und an seine Würdigkeit, dem Herrn zu
dienen; und es bedurfte endlich des erhebenden Zu-
spruchs seines geistigen Führers, ihm mit dem Hinweis
auf die Barmherzigkeit des Herrn wieder jenes Zu-
trauen zu sich selbst zu geben, ohne welches derjenige
nicht bestehen kann, der bestimmt ist, dereinst ein Führer
und Berather für Andere zu werden.
So kam das Ende des Noviziateö für Benedikt,
und mit ihm der helle Frühlingstag heran, an welchem
er, auf die Welt und ihre Lust verzichtend, die Priester-
weihe empfangen und Aufnahme in den Orden fin-
den sollte.
In tiefer, demüthiger Zerknirschung, niedergebengt
von dem Gedanken an die Schuld und Sünde, der
er sich entsprossen wußte, war Benedikt in die heilige
Handlung eingetreten. Aber als wirke in der That -
eine geheimnißvolle Kraft in den Händen der Priester,
die sich segnend über ihn breiteten, als komme ihm
Stäirkung aus dem heiligen Dele, mit dem man sein

19
Hapt und seine Hände salbte, und als ströme ein
neues Leben in ihn aus den priesterlichen Gewändern,
mit welchen man ihn bekleidete, so richtete sich sein
Anliz allmälig in die Höhe; und wie im hellen Jubel-
rufe tönte sein , le äenm luuuäamus zu dem hohen
Gewölbe der Kirche empor, als er zum ersten Male
ein gesalbter Diener Gottes, im Vereine seiner Ordens-
brüder den Herrn wieder preisen durfte im Gesang.
Er fühlte sich stark und frei, als wäre cine schwere
Fessel von ihm genommen, deren Gewicht ihn die
Zeit hindurch an den Erdenschranken festgehalten hatte,
als sei er sich selber wiedergegeben und erlöst von
aller Noth und Pein. Die Gewalt und Kraft seiner
Stimme, die in der gezwungenen Ruhe mächtig ge-
wachsen war, gab ihm das Vollgefühl der Gesundheit
zurück. Nicht nur seine Hörer erschütterte und erfreute
sein Gesang, er machte ihn selber froh, wie das Auf-
jubeln der Lerche, wie der Frühling, wenn er sich
wieder über die Erde breitet. Ein Gefühl des Dankes
gegen seinen Schöpfer, eine fromme Inbrunst, und
das Verlangen, den Herrn im Gesang zu feiern und
zn loben immerdar, erfüllten seine Seele. Der
Schöpfer, der ihm diese Kraft gegeben, diese Freude
gegönnt hatte, der die Sonne über der von ihm ge-

140
schaffenen Welt seit Aeonen von Jahren leuchten ließ,
über Gute und Böse- auch über seinen Vater oder
vielleicht schon über dessen Grab -- und über seine
Mutter und über ihn und seine Schwestern, der hatte
es von Anbeginn voraus bestimmt, daß er in den
Dienst der Kirche treten und geheiligt und gereinigt
werden sollte in der heiligen Gemeinschaft dieses
Ordenö; und also gönnte es ihm auch der Schöpfer,
daß er in der Töne Fülle schwelgte, daß er in ihnen
auszudrücken strebte, wofür das Wort ihm nicht
Genüge that.
In des jungen Mönches Seele war in dieser
Stunde eine große Wandelung geschehen, eine Offen-
barung mächtig geworden. Seine unbewußte Freude
am Gesang hatte sich in die Erkenntniß umgestaltet,
daß Musik ihm ein Bedürfniß sei, daß er sie liebe
und nicht leben könne ohne sie; und es war die ihm
aufgelegt gewesene Entbehrung, die ihm dieses kund
gethan hatte.
Schon früher war er auf die musikalischen Werke
der alten Meister aufmerksam gewesen, deren die ?
Bibllothek des Klosters eine reiche Zahl besaß. Jezt
warf er sich mit erneutem Eifer auf das Studium
derselben, und von Seiten seiner Oberen störte man

14l
ihn darin nicht. Man kam ihm jezl, da man sich
seiner sicher wußte, vielmehr dabei zu Hilfe; denn der
bt liebte die Musik. Er legte also auch Werth
darauf, in dem jungen reich begabten Ordensbruder
einen Musiker heranzubilden, der dem Kloster einst
durch seine musikalischen Kenntnisse und Leistungen
Ehre machen könne; und schon jetzt fand man es vor-
theilhaft, in dem jungen Pater Benedikt einen guten
und eifrigen Lehrer für die Klosterschüler, und einen
Sänger zu besizen, dessen schöne Stimme und dessen
Drgelspiel den großen Ceremonien, wie der täglichen
Andacht, einen erhöhten Reiz und eine bereits erprobte
Anziehungskraft verliehen. Man hielt ihn deöhalb
hoch und dies Bewußtsein band ihn um so fester an
die Ordensgemeinschaft, der er jezt für immer an-
gehörte.

Kapitel 10

nzwischen hatte man in dem Thale mit jedem
aahre die Zahl seiner Besucher zunehmen sehen und
die rüstige Besizerin des Gasthauses war in jener Zeit
darauf verfallen, ihrem Hause zwwei Flügel anzubauen,
um während der günstigen Jahreszeit Kostgänger bei
sich aufnehmen, und ein förmliches Pensionat errichken
zu können.
Sie besaß außer dem hülschen Anwesen, das sie
von ihrem früh verstorbenen Manne ererbt hatte, ein
eigenes nicht unbedeutendes Vermögen, welcheö sie ihrer
Zeit in die Ehe mitgebracht hatte; und vorauösichtig,
wie sie war, hatte sie bei dem zunehmenden Verkehr in
ihren Bergen die Tochter in eine gute Erziehunge-
anstalt geschickt, damit sie fremde Sprachen lernen
F. Lewald, Benedikt. 1

146
solle, und ebenso hatte sie dem Sohne, weil er Hang
gezeigt, sich dem Studium der Medizin zu widmen,
die Mittel dazu sehr freigebig gewährt.
Er war ein paar Jahr älter als Benedikt, die
Tochter ein Jahr jünger als dieser, und sie hatten als
Kinder, bis Benedikt in das Kloster genommen worden
war, gute und herzliche Kameradschaft mit einander
gehalten, schon weil die Mütter in der Jugend
Freundinnen gewesen waren. Fast um dieselbe Zeit,
in welcher Benedikt sein Noviziat beendete, kamen
auch die Geschwister nach mehrjähriger Entfernung
von der Heimath, in das Thal und in das Vater-
haus zurück. Sie sollten der Mutter bei der Ein-
weihung und Eröffnung ihres neuen Kost- und Logir-
hauses zur Hand gehen und der Doktor brachte so-
gar gleich ein paar vornehme Frauen mit sich in das
Thal hinauf.
Einer seiner Universitäts-Lehrer, der als Dia-
gnostiker eineöeuropäischenNufesgenoß, und vonKranken
aus allen Ländern vielfach berathen wurde, hatte an-
gefangen, die Nervenschwachen zur Stärkung in die
windstillen Thäler des schweizerischen Hochgebirges
hinaufzuschicken. Er kannte das weite wohlgeschüzte
Klosterthal, er hatte eine gute Meinung von seines

14?
jungen Schülers Kenntnissen und Einsicht und da die
Kranke, um welche es sich handelte, nicht ohne änzt-
lichen Beirath in dem Gebirge bleiben zu können be-
hauptete, hatte der konsultirte Professor ihr den Vor-
schlag gemacht, eben das Klosterthal und das neue
Pensionshaus zu ihrem Aufenthalt zu wählen, weil
sie in demselben zu jeder Stunde der ärztlichen Pflege
seines Zöglings theilhaft werden konnte.
Der junge Doktor hatte seiner Mutter angezelgt,
daß sie sich auf den Empfang einer reichen und sehr
verwöhnten Dame vorbereiten möge. Er hatte ge-
schrieben, daß die Baronin Landeöheimer einen Trag-
sessel mit sich führe, hatte angeordnet, daß man vier
Träger an das Schif hinunter senden, daß an dem
Ufer ein paar einspännige Karren zum Heraufbringen
des Gepäckes, nebst ein paar Saumthieren für das Fräu-
lein und die Kammerjungfer bereit stehen sollten; und
weil man in dem Thale derlei vornehme Herrschaften
bisher noch nicht beherbergt hatte, war der Wirthin so
wie ihrer Tchter Angst geworden vor den Ansprüchen,
welche die Aükömmlinge erhoben, und die zu befriedigen
nicht möglich sein würde.
Schon vom Nachmittage an spähten sie an den
festgesetzten Tage unablässig nach der Seite hinaus,
1g

118
von welcher die Fremden kommen mußten. Ihre
Neugier, ihre Erwartung theilten sich den Nachbarinnen
mit. Die Eine und die Andere kam herbei, sich die
Zimmer anzusehen, in welche man die Kranke unter-
bringen wollte. Man sprach von ihrem Alter, von
ihrem Leiden, ven ihrer Hinfälligkeit ohne irgend etwas
Näheres davon zu wissen, bis sich aus den Vermuthungen
der Nachbarinnen, aus den -Voraussezungen der neuen
Pensionshalterin und ihrer Tochter, endlich in ihnen
Lllen der Glaube heranbildete, daß die Baronin Landes-
heimer eine todtkranke, hochbetagte Dame sei.
Wie eine solche die weite Neise auö dem fernen
Böhmen habe übestehen können, wie sie, die doch
gewiß in einem Palaste zu leben gewohnt sei, es in
den niederen Zimmern des engen Hauses aushalten
werde, davor wurde der Wirthin selber immer bänger.
Sie wünschte endlich nur, daß die alte Dame nicht
ekwa gar in ihrem Hause sterbe möge, und war noch
mit der Erwägung all der Noth- und Nebelstände
beschäftigt, welche solch ein Unglücksfall in seinem Ge-
folge haben würde, als man den Zug auf der west-
lichen Höhe erscheinen und raschen Schrittes in das
Thal hernieder steigen sah.
lt und Jung trat vor die Häuser heraus, die

Ks
19
Kinder liefen den Fremden neugierig entgagen, denn
noch niemal? war eine Dame in das Thal hinauf-
gekragen wordan, und eine solche Karavane hatte man
noch nie zuvor gesehen. Von rechis, von links schaute
man nach der Kranken aud, auch die Wirthin snchte
sie schon von ferne mit den Augen, und wußte nicht,
was sie davon zu denken habe, als sie auf dem Trag-
sessck eine große, starke Frau entdeckte, die wohl am
Ende ihrer vierziger Iahre
sehr schön aussah und mit
sein konnte, aber noch
Augen nach allen Seiten um
Aufsehen, dak sie erregte, ihr
wetl
wie
sie zu belustigen schien.
den großen schwarzrn
sich schaute, weil das
Das Fräulein, dad elen so
schöner war, und nicht wie
eine Schwester der Baronin
heiterem Lachen hier und dort.
ergnügen zu machen
stnitlich, aler nech
die Tochter, sondern
aussah, grüüßte mit
Sie war, als man
ror dem Hause anhielt, gleich behende auö dem Sattel,
so daß man sah, sie sei ded Reitenö sehr gewehnt.
Auch die Baronin kam leicht von ihrem Tragesessel
auf die Füße, und wenn ihr der Doktor dalei auch
seine Hülfe anbot, während die Kammerjungfer ihr
mit großer Beflissenheit eln Mäntelchen unn dieSchultern
ing und sich ricl mit ihr zu schaffen machte, so über-
- -. -?

15
zengte sich die Wirthin zu ihrer Beruhigung doch so-
fort davon, daß es mit dieser Kr:uken so schlimm
nicht stehen könne, und daß man um ihren Tod sich
vorläufig keine Sorge machen dürfe.
Die Baronin und das Fräulein waren in der
allerbesten Laune, Victoire, wie die Mutter sie immer
nannte, weil sie zumeist französisch mit einander sprechen,
Victoire rief lachend, sie komme sich hier wie Schillers
Mädchen aus der Fremde vor. Sie finde es sehr
verführerisch, angestaunt zu werden, als steige sie aus
des Himmels Höhen nieder, und sie schien es auch
anit dem Gabenvertheilen gleich wie das Mädchen
aus der Fremde halten zu wellen. Denn als die
Kinder sich herandrängten, dem ungewohnten Schau-
spiel zuzusehen, gab sie ihnen, ohne daß sie »s be-
gehrken, was ihr eben in die Hände kam: die Blumen,
die sie sith während des Weges hatte auf das Pferd
hinaufreichen lassen, das Zuckerwetk aus ihrer Tasche
und auch Geld, ald sie mit dem Zuckerwerk am
Ende war.
Derlei ungeforderte Freigelizkeit war man hier
zn Lande nicht gewohnt, und die unverhofften Spenden
machten dehalb ihre Empfänger schnell begehrlicher.
Wer aud der Ferne deö befremdlichen Vorganges ge-

?-.-
1
wahr wurde, eilte so rasch er konnte, herbei, um Theil
zu haben an der allgemeinen Ernte. Der Zudrang
wurde immer größer, die sämmtlichen Kinder waren
bald beisammen, es streckten allmälig auch die größeren
Burschen und die erwachsenen Mädchen ihre Hände
fordernd aus, und Viktorine hatke ihren Spaß daran.
Sie warf, daa die junge Schaar bald ungestüm zu
werden anfing, und der Inhalt ihrer Börse endlich
auch erschöpft war, dem Einen lachend das kleine,
seidene Tuch zu, welches sie um den Hals getragen
hatte, der Anderen die langen Handschuhe, die ihre
schönen Hände bedeckten.
Die Witihin hatte Noth, es zu verhindern, daß
sie nicht in ihrer übermüthigen Fröhlichkeit den Auf-
lauf immer größer machte; und der verständigen Frau
gefiel der ganze Vorgang überhaupt nicht, weil sie
es voraus sah, welch unangenehme Belästigung den
Fremden fortan durch des Fräuleins ungehörigen Ein-
fall zugezogen werden würde. Sie mußte endlich, als
der Doktor mit der Baronin in das Haus hinein-
gegangen war, den Knecht zu Hülfe nehmen, um die
in ihrem Jubel laut tobende Kinderschaar nur aus
dem Bereich des Hauses zu entfernen. Hätte sie es
in ihrer Hand gehabt, sie hätte in dem Augenllicke

l
am liebsten auch die Baronin und daä Fräulein fort-
geschickt, denn die Nhörichte Großmuth der beiden
Fremden und daä Gebahren derselben waren ihr nicht
recht geheuer. Si: mißtraute ihnen und sie gefielen
ihr keinesweges.
Der Doktor ließ sich kaum die Zeit, die Seinen
zu begrüßen. Er führte die Baronin in die ihr be-
stimmten Zimmer, er ließ ihr daö Sopha in die offene
Gallerie hinauörücken, und sie streckte sich auf dem-
selben aus, als wäre der Vorrath ihrer Kräfte ganz
und gar erschöpft. Indeß das währte gar nicht lange.
- as Niechfläschchen hatte seine W.rkung ofenbar ge-
ihan, und mit dem goldenen Augenglas vor dem Ge-
sicht, fing sie an die Berge und dad Kloster, und das
Zimmer, und die Wirthin und der Wirthin Tochter,
mit wohlgefälligem Lächeln zu betrachten, und mit ge-
flissentlicher Herallassung diesed Alles sehr charmant,
die Berge wie die T..rthin und deren dienstbeflissene
Tochter aber wirklich ganz charmant und über all ihr
Erwarten angenehm zu nennen.
Biktorine fand Alleö geradezu entzückend, Alles
ganz bezaubernd! Die brave Wirthin stand und staunte
über ihre grrßen Worte. Sie fragte sich vergebens,
was ihre Gäste nur bewegen möge, sich mit dem Aus-

158
druck ihrer Zufriedenheit so anzustrengen, und da
Gehörige so über die Gebühr zu loben. Recht richtig
kamen sie ihr nun einmnal nicht vor; denn obschon
sie Deutsche und in der Hauptstadt Böhmenö angesessen
naren, sprachen sie untereinander bald französisch und
bald englisch, und während sie in der Wohnung Alles
bewunderten und priesen, war ihnen, als sie sich dann
endlich gegen den Abend hin in ihren Stuben nieder-
lassen wollten, doch wieder gar Nichtö gnt genug und
gar Nichts recht.
Die Wirthin hatte mit gutem Willen ihr Mög-
lichstes gethan, aber sie mußte e? schließlich alö ein
wahreö Glück betrachten, daß die Baronin ihre Betten,
ihre Wachskerzen, ihre silbernen Theegeräthschaften und
ihren Thee stets bei sich führte, so daß sie doch, wie
sie es nun plözlich nannte, in dieser weltabgeschiedenen
Einsarnkeit und Dede auf die Befriedigung der aller-
unerläßlichsten Ansprüche nicht zu verzichten, und ihren
wenigen kleinen häuölichen Gewohnheiten und Be-
auemlichkeiten nicht völlig zu entsagen brauchte.
Sie muußte indessen sonderbare Vorstellungen von
Viel und Wenig, und eine große Menge unerläßlicher
Nothwendigkeiten und kleiner häuslicher Gewohnheiten
besizen; denn des Forderns, des Fragens und Be-

15s
gehrens ward stundenlang kein Ende. Die Wirthin
und die schöne Katharine saßen am Abende endlich
müde und matt vor ihres Hauses Thüre, um noch
einen letzten ruhigen Athemzug zu thun, ehe sie ihr
Lager suchten, als der Doktor rasch und munter von
den Fremden zu den Seinen kam.
Er warf sich lachend und die Glieder dehnend
neben ihnen nieder, als könne auch er vor Müdigkeit
nicht weiter. ,Wenn das so fortgeht,? scherzte er, ,so
wird die Baronin unsere Kräfte herunterbringen,
während sie die ihren stärkt, und wir werden, wenn
sie fortgeht, selber eine Kur vonnöthen haben. -
Das war heute keine Kleinigkeit! Reden und reden
und immer wieder reden, und immer wieder dasselbe
in neuen Formen reden, von Morgens acht Uhr bis
zum späten Abend! Dagegen ist der Dienst in einem
Hospitale eine wahrhafte Erholung. Aber schön sind
sie alle Beide, und Geld haben sie, mehr als zu viel!
,Was hast Du denn bei der Baronin noch so
späät gethan? fragte die Wirthin, welcher des Sohnes
Munterkeit sofort den Muth belebte.
,Ich habe mit ihr einen Thee getrunken, der einem
Steinmezen oder Mäher den Schlaf benehmen könnte,
und der ihre Schlaflosigkeiten sehr erklärlich macht.

15
Dann hat sie sich zurückgezogen, um, wie sie es ge-
wohnt zu sein behauptet, ihre Seele vor der Nacht
noch im Gebet zu sammeln; und ich habe mit Fräu-
lein Viktorine auf der Gallerie gesessen, die ihr Auge
an der ßracht des glorreichen Sternenhimmels und
an dem zauberbaften Lichte erquicken wollte, welches
die Mondeöstrahlen über die Schneegebirge so ver-
schwenderisch ergießen.'?
Er hatie die Worte in dem Tone und in der
Weise der Baronin und des Fräuleins wiederholt,
seine Schwester und seine Mutier mußten lachen. Der
Doktor nahm eine ernsthafte Miene an.
Er war noch jung, aber er war, wie alle Schweizer,
klug, und hatte von der tüchtigen und umsichtigen
Mutter das richkige Berechnen frühzeitig gelernt. Sein
Fleiß hatte ihn die Beachtung seiner Lehrer eingetragen,
er war unter ihrer Leitung ein guter Beobachter ge-
worden und der berühmte Arzt, der ihm diese beiden
Damen als erste Gäste in die neubegründete Kuranstalt
seiner Muiter mit hinauf gegeben, hatte ihn in freund-
lich kollegialischer Vertraulichkeit über die Lebens-
verhältnisse derselben so weit als nöthig unterrichtet,
während er ihm gleichzeitig den Nath gegeben hatte,
sich die Gunst der Baronin zu erwerben, deren Ein-

1e
flß ihm, dem angehenden Prakliker, ebenso wie dem
Pensienate seiner Mutter, von wesenilichem Nutzen
sein könne.
Katharine zuigte sich von der Schönheit der beiden
FFrauen ebenso wie der Doktor eingenommen. Die
Mutter meinte, schön wären sie freilich, und stolz
schienen sie ihr nicht zu sein, aber ihre Freundlichkeit
fei so unruhig und geflissentlich. Sie hätte sich vor-
nehme Frauen doch weit vornehmer gedacht, und wie
Deutsche sähen sie nun einmal gar nicht aus.
,,Nicht wie Deutsche? wiederholte der Sohn.
, Nun, rechte Deutsche kann man sie auch nicht nennen,
da sie Juden sind; und vornehm? scherzte er, dessen
sarkastische Laune leicht anzuregen wan, zvornehm sind
sie ja aus Lribeskräften! Aber in ein paar Jahren
werden sie's wohl besser noch verstehen! E will doch
.ulle? erst gelernt sein! Und ihr Adel ist nrch jünger
als ihr Christenthum. Nur ihr Neichthum hat schon
Ahnen, und sie hätten auf das Christenthum vielleicht
von Harzen gern verzichtet, wäre nur der Adel für
sie ohne dadselbe zu erlangen gewesen. Troz alledem
ist aber der neue Baren ein großer Mann. Die
Baronin hat mir heut von ihren vornehmen Bekannt-
schafien, von den Grafen und Fürsten, die ihres Hauses

k
u?
Gäste sind, von dem Bischof, dem sie eine völlige
Wandlung ihres Glaulens und Erkennens danke, schon
nnterweges ohne Aufhören erzählt. Sie bringt so-
gar das Empfehlungöschreiben eines Bischofs an den
Herrn Abt mit, das sie ihm selber übergeben will.
Die Wirthin schüttelte den Kopf. Ihr Unter-
nehmen, solche Gäste in ihrem Hause zu beherbergen,
erschien ihr mehr und mehr vermessen. Sie versank
in Berechnungen und Neberlegnngen aller Art, der
Doktor und die Schwester plauderten lustig mit ein-
ander fort.
Mit einem Male erhellte sich das große Zimmer
hinter der Glaögallerie, man hörte auf dem Klaviere
einzelne Accorde anschlagen, und von einer herrlichon
Altstimme gesungen, tönte Schuberts Ae Muriu, tönten
die Worte:
O Sanetiesimu, o piissima, äuleis irgo Karia!
durch dis Stille der Nacht.
Die Wirthin und ihre Tochter hatten die Hände
gefaltet, auch der Doktor horchte hoch auf. Es lag
etwas Neberwältigendes in dieser Stimme, Etwas, das
bis in des Herzens Tiefen drang. Keiner von den
Dreien hatte jemals einen ähnlichen Gesang gehört,
einen solchen Eindruck empfangen.

15
, Es ist, als wäre man in der Kirche!'' sagte
Katharina ganz gerührt, als das Lied zu Ende war.
,Sa man könnte schwören, sie wäre mit dem
Ae Klariu groß geworden von Kindesbeinen an!'
meinte der Doktor; und sie warteten noch eine Weile,
ob Viktorine nicht noch einmal singen würde. Aber
der Gesang verstummte und das Licht erlosch.
eag

Kapitel 11

olktes Cnpitel.

11
Unruhig war es jetzt in dem Hause von früh bis
spät; so schlimm jedoch als die Wirthin es sich vor-
gestellt hatte, war es nicht, und die jungen Leute
hatten ihr Vergnügen an dem ungewohnten Leben
und Treiben um sie her.
Die Baronin hatte an dem Morgen kaum ihre
Morgenkleidung angelegt, und ihr Frühstück ein-
genommen, als sie und ihre Tochter daran gingen,
die Zimmer, wie sie es nannten, wohnbar zu machen
und sie für Viktorinens Beschäftigungen herzurichten.
Der Diener mußte die Malgeräthschaften auspacken,
eine Staffelei und eine kleine Cumers obsours auf-
stellen. Viktorine brachte ihr Teleskop in Ordnung;
die Kammerjungfer trug farbige Wollen für die Hand-
arbeit ihrer Herrin, Päcke von Papier zum Pflanzen-
trocknen und eine ganze Menge von Büchern hin und
her. Polsterkissen, Fußbänkchen, Reisedecken, Riech-
flaschen, Toiletten- und Schreibtischgeräthschaften wurden
ausgebreitet, wurden versuchsweise bald in dieser, bald in
jener Ecke aufgestellt. Stundenlang blieb dieDienerschaft
in beständiger Bewegung. Die Baronin lag in ihrem
Sessel und gab Anweisungen und Befehle, Viktorine
SF??Fx ?-=-«=-=== »=--

1H
sonderes Arbeitspläzchen, ein kleines einsames ,.hron
retiro'? zurecht und die Baronin lehnte endlich in völliger
Ermattung den Kopf in ihre Kissen und klagte darüber,
wie ihre Kräfte ganz erschöpft, wie ihre Nerven doch
den Anstrengungen einer solchen Reise in keiner Art
gewachsen seien.
Sie mußte aber doch noch ein gewisses Maß
von Kräften in Vorrath haben, denn sie richtete sich
bald wieder auf, um dem hochwürdigen Herren Abte
selbst zu schreiben, ihm den Empfehlungsbrief Seiner
Hochwürden des Herrn Bischof zu übersenden, und
es Seiner Hochwürden auszudrücken, wie glücklich sie
sich fühlen würde, wenn er sie der Ehre seiner Be-
kanntschaft würdigen wolle, wie aufrichtig sie es ihn:
zu danken haben würde, wenn er ihr hier, wo sie ihres
gewohnten verehrten Seelsorgers Berathungen ent-
behren müsse, einen Geistlichen zuweisen wolle, an dessen
Zuspruch und Belehrung sie sich halten und erheben
könnte.
Der Diener, der bisher auf der Reise so zu sagen
in einer Interims-Kleidung aufgetreten war, mußte
die Gala-Livree anlegen, um sich als Botschafter
seiner Herrin zu dem Abte in das Kloster zu begeben,
und die Baronin legte in der Eile noch für alle Fälle

163
ihr prachtvoll gebundenes Meßbuch und den Phomus
s Kenpis auf den Tisch vor ihrem Ruhebett zur
Schau, neben den Romanen von Dctave Feuillet, mit
welchen sie sich während ihrer Reise unterhalten hatte.
Viktorine hatte unterdessen anderweit zu thun.
Sie war in Verhandlungen mit einem Führer be-
grifen, den sie für die ganze Dauer ihres Aufent-
haltes in Dienst zu nehmen und dessen Maulthier sie
ebenfalls für sich ausschließlich zu behalten wünschte.
Sie wollte es herausbringen, ob das Thier es wohl
gewohnt sei, Schellen in der Kopfaufzäumung ruhig
zu ertragen, denn Viktorine brachte nicht nur ihren
englischen Satiel, sondern auch das Saumzeug für
ein Maulthier mit, und wie sie an lebhaften Farben
und glänzendem Schmucke für sich selber Freude hatte,
so hatte sie für das Kopfzeug ihres Maulthieres auch
drei rothe Federbüsche und ein hellklingendes Schellen-
geläute in das Gebirge mit hinaufgenommen.
Den Doktor überraschten die Ausführlichkeit und
die Wichtigkeit, mit welcher sie sich und die kleine An-
gelegenheit behandelte. Das Gemisch von angeborner
Kargheit und scheinenwollender Freigebigkeit, die dabei
abwechselnd zum Vorschein kamen, dünkten ihn sonder-
bar. Er konnte es auch nicht recht verstehen, warun
1

164
fie die Naturschönheit, nach deren schweigender Er-
habenheit und lautloser Stille sie sich zu sehnen be-
hauptete, durchaus mit Schellengeläut genießen wollte;
aber schön war Viktorine, so schön, daß ihm darüber
alles Nachdenken verging, und ihre Stimme hatte
auch im Sprechen den herzbestrickenden Zauber wie
bei dem Gesang.
Da der Himmel hell und die Luft sehr frisch
war, wünschte sie gleich an diesem Morgen einen
Gang auf die nächste Höhe zu machen, um sich einen
vorläufigen Neberblick über das Thal zu verschaffen
und auszufinden, von welchem Punkte sich eine hübsche
Ansicht ihres Hauses aufnehmen ließe. Sie sezte es
dabei als selbstverständlich voraus, daß der Doktor sie
begleiten werde, obschon sie es ausdrücklich hervorhob,
daß sie Nichts weniger alö furchtsam sei, und daß sie
eigentlich nichts Besseres kenne, als auf gut Glück und
ganz allein in freier Natur umherzuschweifen, sich wie
ein Vogel niederzulassen an der Stelle, die ihr lockend
winke, und davon und weiter fortzuziehen, wenn des
Verweilens Lust gebüßt sei.
Den Doktor war wunderlich dabei zu Muthe.
Daß die Baronin über ihn verfügte, das fand er in
der Ordnuung, selbst da, wo es ihm unnöthig erschien.

z
16k
Sie war seine Kranke und es diente seinen Zwecken,
wenn er sich ihr gefügig zeigte. Daß die Tochter aber
in gleicher Weise auf ihn zu zählen und über ihn zu
bestimmen geneigt war, das verdroß ihn; und halb
absichtlich, halb aus Ungeschick erklärte er ihr unum-
wunden, daß er nicht mit ihr gehen könne, denn er
habe dazu nicht die Zeit.
,Sie kömnen des rechten Weges auch gar nicht
fehlen, sagte er, zwenn Sie immer am Bache entlang
den Pfade folgen, welcher allmälig aufsteigt bis zu
dem großen Hause oben auf der Matie. Da oben
an der Jakobäa Anschafft Haus hat man einen weiten
Blick, und die Kirche und das Kloster nehmen sich
von dort am besten aus.!
Viktorine blieb stehen und sah ihn ruhig an.
Der warme einschmeichelnde Blick fuhr ihm durch alle
Glieder. Er konnte diesem Blicke gar nicht wider-
stehen. ,Ech!r sagte sie,,wenn Sie jezt nicht mit
mir gehen können, will ich gern warten. Es war
mir nicht um mich zu thun mit meinem Vorschlag.
Ich gönnte es Ihnen, mir die Schönheit hier zu
zeigen, denn es giebt ja Nichts, was mehr erfreute,
als von einem Andern bewundert zu sehen, was man
besizt und liebt!'

166
,Freilich! freilich!r rief der Doktor und nach der
Ühr sehend, während das Blut ihm die Stirn röthete,
meinte er. ,er könne sein Geschäft auch noch ver-
schieben, er werde sie begleiten, wenn sie es verlange.
,,Verlangen?' wiederholte Viktorine und der be-
strickende Zauber ihres Blickes berührte ihn noch ein-
mal,,es zu verlangen habe ich kein Recht!
,,Wenn Sie es mir erlauben!' stieß der Doktor
rasch hervor; aber es war ein Etwas in ihm, das sich
gegen seine Fügsamkeit empörte, und er wäire gern
zurückgeblieben-- hätte er es nur vermocht.
,Sehen Sie,' rief sie, ,so laß ich mir's gefallen.
So kann ich Ihr Anerbieten annehmen, ohne mir
tyrannisch vorzukommen. !-- Damit ging sie in das
Haus, sich ihren Hut zu holen.
Er stand und sah ihr nach. Sie mußte das
vermuthet haben, denn sie wendete sich zu ihm zurück
und ihm freundlich zunickend, sprach sie:,Warten
Sie nuur, wir werden noch gute Freunde werden. Ich
bin nicht anspruchsvoll und ein guter Kamerad, wenn
schon ich meine eignen Wege und meinen Willen
haben muß.?
In dem Augenblicke kam Katharine aus der
Wirthsstube heraus. Sie sah, daß der Doktor drei

-
16?
Kreuze in die Luft schlug. Weil das nicht seino Art
war, fragte sie, was das bedeute?
, Reine Vorsicht!' entgegnete der Doktor. ,Ich
glaube wahrhaftig, mit dem Frauenzimmer ist es nicht
zanz geheuer, indessen wenn ich jezt auch mit ihr
gehe, statt meine Sachen hier zu ordnen, wie es sich
gehörte, verhepen und bezaubern will ich mich nicht
lassen. Heut soll sie, wie sie es verlangt, ihren
Willen haben und ihre Wege gehen; morgen gehe ich
die meinen.!
Es war aber in der That, als hätte Viktorine
seine Gedanken errathen, denn als sie wiederkehrte,
den großen runden Strohhut auf dem Kopfe, das
Skizzenbuch in der Hand, schien ein ganz anderer
Geist üler fie gekommen zu sein. Ohne alle Phrase
sagte sie ihm, sie sei bereit, und sie schien es wahr
machen zu wollen, daß sie ein guter Kamerad sei.
Sie war ernst und ruhig, ihr Schritt schnell wie der
eines Jünglings, ihr Gang fest und sicher, selbst wo
es galt, über Unebenheiten und auf engen, steilen
Wegen fortzukommen; und auch die Art ihrer Unter-
haltung war freimüthig und klng.
Sie hatte eine Weise, ihre Fragen zu stellen,
welche bestimmtes Antworten leicht und nothwendig

168
machte. Sie erkundigte sich um die Lebenöbedingungen
der Thalbewohner, daß man sah, eö sei nicht das erste
Mal, daß sie sich um dergleichen bekümmere. Sie
sprach nit einfacher Klarheit über die Einrichtungen,
welche man in der von ihrem Vater in dem böhmischen
Gebirge erkauften Herrschaft gemacht habe, erzählte da-
zwischen von ihren Reisen und ihrem Aufenthalte in
London, in Paris, in Rom; und als man oben vor
Jakobäa's Hause angelangt war, fühlte sich der Doktor
neben ihr so frei und behaglich, daß er sich einen
Thoren schalt wegen des Mißtrauens, welches er noch
eben gegen sie empfunden hatte.
Was konnte sie denn auch im Schilde führen,
oder von ihm wollen? Und war es ihre Schuld, daß
ihre Augen und ihre Stimme wie Sonnenstrahlen
wärmten und erquickten? Man hatte ja im Grunde
für eine solche Schönheit dem Himmel zu danken wie
für alles Andere, was unter seinem Lichte herrlich er-
blühte und gedieh. Er war ein Thor gewesen! Das
war Mlles! Seine Schul- und Kathederweisheit hatte
ihm keinen Maßstab an die Hand gegeben für ein
Wesen, das unter den glücklichsten Bedingungen sich
in einer dem Doktor noch ganz fremden Atmosphäre,
in der vornehmen großen Gesellschaft gebildet und

189
entfaltet hatte; und doch hatte gerade er als Arzt sich
auch für diese Gesellschaft zu erziehen. Es gal von
den beiden Frauen Mancherlei für ihn zu lernen; der
Professor hatte ihmu das selber angedeutet, als er sie
seiner Obhut anvertraute, und er dachte es sich zu
Nutze zu machen, so sehr er immer konnte.
Viktorine ward, je höher sie hinaufgestiegen,
immer fröhlicher und freier. Sie fand die Aussicht
vor dem Hause, so wie sie dieselbe wünschte. Sie
ging hierher und dorthin, versuchte den und jenen
Punkt, bis sie sich für den Plaz unter den Nuß-
bäumen entschied, und sich denn auch rasch an ihre
Arbeit machte. Der Doktor stieg die Treppe hinauf,
um bei Jakohäa vorzusprechen, sie kam ihm an der
Schwelle schon entgegen.
,Also hat Dich's doch nach Haus gezogen,! sagte
sie, als sie seiner ansichtig wwurde, ohne ein Wort des
freundlichen Willkommens hinzuzufügen. Der Doktor
mußte indeß diese Weise an ihr gewohnt sein, denn
sie befremdete ihn nicht.
,Dachtet Ihr,'? entgegnete er, ,ich würde nicht
wiederkehren?
,Ich dachte an Dich gar nicht,' versezte sie, ,nur

1
Benedikt kam jedesmal auf Dich zu sprechen, wenn
er bei mir war.?
,Ich habe es nie anders vorgehabt, als heim-
zukehren,' gab der Doktor ihr zur Antwort. ,Ich
bin gleich mit der Absicht fortgegangen, mich hier in
unsern Bergen festzusetzen, wenn ich meine Studien
beendet haben würde.
,Man nimmt sich Manches vor und führt's nicht
durch. Wer kennt sich denn im Voraus? sagte sie.
,Aber dem Benedikt wird's recht sein, daß Du heim-
gekommen bist, und Deiner Mutter auch; obgleich es
besser wäre, sie hätte mit dem Pensionsbause Nichts
angefangen. Es ist jezt ohnehin in den Menschen
schon Unruhe genug, und was sollen uns die Fremden
hier? Was wollen sie bei uns?
Bei der Stille, welche auf der Höhe herrschte,
war Viktorinen kein Wort der Sprechenden entgangen.
Sie sah sich endlich nach ihnen um, und den schönen
Kopf zu Jakobäa emporgerichtet, sagte sie: ,Was wir
hier wollen? Luft schöpfen! weiter Nichts!-- Mich
dünkt, das könnten Sie uns gönnen!'
, Luft, denk' ich, giebt es aller Wegen,'' warf
Jakobäa ein, , und unser Herrgott hat wohl Jeden in
die Luft gesezt, die er gebraucht.?

u?
,,So trösten Sie sich über unsere Anwesenheit
und über mein Verweilen hier an dieser Stelle mit
dem Glauben und der Neberzeugung, daß ich ohne
Ihres Herrgotts ausdrückliche Fügung nicht hier vor
Ihrer Thür sizen würde. Aber -- gastfrei und höf-
lich sind Sie nicht!'
Der Doktor wollte begütigen: , Frau Jakobäa
meint es nicht so böse,! sagte er, zund das Fräulein
auch nicht.
,Nicht doch!' fiel ihm Viktorine in die Rede,
,ich weiß sehr wohl, was ich gesprochen habe, und die
Frau sieht auch aus, als sagte sie Nichts, was sie
nicht meint; und das ist gut. Man weiß dann doch,
woran man mit einander ist. Wiederkommen werde
sch ihr nicht, aber meine Zeichnung werde ich be-
enden, wie ich eben kann, da ich doch einmal hier bin
und sie angefangen habe.?
Jakobäa mochte die Entgegnung nicht erwartet
haben, der Fremden Weise machte sie indessen stuzig
und gefiel ihr wider ihren Willen. Das war Fleisch
von ihrem Fleische.
Sie ging die paar Stufen die Treppe hinab,
sah der Zeichnenden über die Schulter und fragte
nach einer Weile, wo sie her sei.


uA
Oiktorine gab ihr kurz Bescheid.- , Ist der
Mann mit Ihnen? fragte Jakobäa.
Viktorine sagte, sie habe noch keinen Mann. -
,,Wie ein Mädchen sehen Sie nicht aus!? bemerkte
darauf Jene.
,Ich bin auch kein junges Mädchen mehr, sondern
eine alte Jungfer! Mit meinen zwanziger Jahren ist
es bald am Ende.
, llnglaublich!' rief der Doktor, der dem ganzen
Vorgang mit Erstaunen und mit immer wachsender
. Theilnahme an Viktorinen folgte.
,Glauben Sie es immer!'- sagte sie.,Meine
Mutter hat nur sechszehn Jahre mehr als ich. Sie
war fast noch ein Kind, alö ich zur Welt kam.?
Sie hatte sich dabei erhoben und verglich prüfen-
den Auges ihre Arbeit mit der Natur. Jakobäa trat
während dessen nahe an sie heran und betrachtete sie
mit dreistem Bllck Mit einemmale sagte sie: , Warum
haben Sie sich keinen Mann genommen?
,Weil ich keinen fand, mit dem es mir der
Mühe lohnte. Ich bin gern mein eigner Herr!r
, Bleiben Sie dabei!'? sagte Jakobäa mit einem
Nachdruck, daß Viktorine sich voll Erstaunen nach ihr

u
umsah. Aber Jakobäa hatte sich bereits von ihr ge-
wwendet, und war in das Haus gegangen, aus dem sie
nach einer kleinen Weile wiederkehrte.
Sie brachte ein paar Gläser Milch herbei, die sie
den Beiden anbot. Der Fremden Freimuth hatte ihr
Vertranen gewonnen, sie blieb an ihrer Seite, und
schien sich zu freuen, als diese auch nach Brod ver-
langte.
Der Doktor erkundigte sich nach Benedikt. ,Er
hat die Weihen empfangen,' antwortete die Mutter.
,Sie halten Alle viel auf ihn. Sie sagen, er ist ge-
lehrt für seine Jahre und Gottlob, er ist gesund.
Groß wie Du, wohl größer noch!'
Viktorine wollte wissen, von wem die Rede sei.
,,Von meinem Sohne!'- sagte die Mutter mit einer
stolzen Freude.
Ein Wort gab nun das andere. Viktorine er-
fuhr, daß auch Jakobäa's Töchter Klosterfrauen
wären. Sie fragte, ob sie denn keines ihrer Kinder
bei sich habe?
,Keines!r sprach ihr die Mutter nach, ,aber sie
find glücklich in ihrem Herrn, und ich sehe Benediktus -
oft!? -- Damit wollte sie sich entfernen. Als sie
schon wieder auf der Gallerie war, blieb sie stehen.

1?e
,,Wenn Sie wiederkommen wollen, so thun Sie
es!' sagte sie zu Viktorine.
,,Vielen Dank! Ich habe nur noch wenige
Minuten nöthig, und dann belästige ich Euch nicht
mehr! Aber vielen Dank! und lebt wohl!'

Kapitel 12

Swölltes Tnpitel.

Peezorine war mit diesem ersten Morgen in den
Bergen wohl zufrieden. Die Schönheit des Thales
hatie ihre Erwartungen übertroffen, die Begegnung
mit Jakobäa war ein Abenteuer gewesen, wie sie es
liebte, und obgleich der junge Doktor ihr sehr gleich-
gültig war, erheiterte es sie, daß sie so rasch die Herr-
schaft über ihn gewonnen hatte.
Es war damit doch Etwas gethan, Etwas durch-
gesetzt; und als rechte Tochter ihres Stammes und
ihres Vaters wurde sie ihrer selbst nur froh, wenn
sie ihre Kraft, gleichviel an wem und auf welche
Weise, immer neu erproben konnte. Der Vater hatte
es oft genng beklagt, daß ihm kein Sohn und Erbe
geboren worden war, der begabt wie sie, die Firma
F. Lewald, Benedikt. L.

7K
fortzuführen vermochte, die er zu so großer Bedeutung
emporgearbeitet hatte.
Die Landesheimers waren in der Hauptstadt ihrer
Heimath schon im Anfang des Jahrhunderts Geld-
Wechöler gewesen, hatten dann später die Geschäfte des
in derselben angesessenen hohen Adels mannigfach be-
sorgt, und allmälig ein Bankhaus begründet, das
zwischen dem Norden und dem Süden, dem Osten
und dem Westen des großen Reiches vermittelnd,
immer vorwärts gekommen war, bis es jetzt zu den
ersten Bankhäusern auf dem Festlande gehörte. Dem
reichen Manne hatte es an der schönen reichen Frau
aus seinem Volke nicht gefehlt, die Tochter war von
ihrer Geburt an der Abgott ihrer Eltern gewesen, und
mit der Familienliebe, welche den Juden eigen zu
sein pflegt. hatte sich in den beiden Gatten die Lust
der Emporkömmlinge vereinigt, die sich nicht nur des
Besizes zu erfreuen, sondern ihn auch von Andern
bewundert und, wo immer möglich, Andere, nament-
lich diejenigen durch ihn in Schatten gestellt zu sehen
wünscht, deren geistige oder gesellschaftliche Bedeutung
fie im Innern widerwillig anzuerkennen sich gezwun-
gen fühlten.
Was der Reichthum zu erkaufen vermag, das

19
hatte Herr Landesheimer seiner Frau und seiner ein-
zigen Tochter mit verschwenderischer Freigebigkeit stets
vollauf gewährt. Titel und Orden, wie sie dem jüdi-
schen Gewerbtreibenden zu Theil werden konnten, hatte
er gleichfalls zu erwerben gewußt; aber die Lebens-
kreise, in welchen diese Art von Auszeichnungen Gel-
tung schafften, haten der Eitelkeit und dem Ehrgeiz
der Emporgekommenen bald nicht mehr genügt.
Die Brillanten der Mutter, die Augen der Tochter
waren nach der Meinung ihrer Besizerinnen dazu ge-
schaffen, in den höchsten Negionen zu glänzen. Keine
Prinzessin haite bessere Lehrer gehabt als Viktorine,
keine Tochter des hohen Adels war nach Frau Landes-
heimers Ansicht schöner und vorstellbarer als ihre
Viktorine; und weder dieser noch den Eltern, hatte ein
religiöses oder ein Bedenken des eigenen Ehrgefühls
im Wege gestanden, als man ihnen angedeutet hatte,
daß die Erwerbung der Adelstitel, die sie ersehnten,
am leichtesten und sichersten durch ihren Nebertritt in
die katholische Kirche zu erlangen sein dürften, welcher
der Landesherr mit tiefer Neberzeugung anhing. Sie
hatten sich also, und nicht ohne Prunk, zum Christen-
thum bekannt, die Adelsverleihung hatte danach nicht
lange auf sich warten lassen, Baron Landesheimer
1

18
konnte die siebenzackige Krone auf seine Wagenthüren
malen lassen, und die Familie stand an dem Ziele
ihrer Wünsche, sie war endlich hoffähig geworden. -
Sie hatten nun, was sie so lang erstrebt!
Für den neuen Baron war das ein großer Triumph,
aber der Nebertritt zu dem katholischen Bekenntniß
hatte auf sein Denken und Empfinden gar keine
Wirkung und keinen Eindruck gemacht. Er war ein
kalter, klarer Kopf, er nannte sich gern einen frei-
sinnigen und dabei duldsamen Mann. Zum eigent-
lichen Nachdenken über religiöse Dinge hatte er auch
niemals Zeit gehabt, und er besuchte jetzt die katholi-
sche Kirche und die Messe ebensowenig, als er vorher
in die Synagege gegangen war. Doch war er stets
bereit, sich gegen die Gemeinde, der er eben angehörte,
zu betragen, wie es einem reichen Manne, wie es dem
Chef des Hauses Landesheimer zukam. Als Jude
hatte er für die Zwecke der jüdischen Gemeinde, wo
immer es gefordert worden war, mit vollen Händen
Geld gespendet, und da er es mit Niemandem un-
nöthig zu verderben liebte, weil man Jeden - also
auch die Juden und ihren Gott -- doch immer noch
einmal gebrauchen konnte, enkzog er ihnen auch nach
seiner sogenannten Bekehrung seine freigebige Unter-

181
stützung nicht, ohne daß die katholische Kirche darunter
leiden mußte.
Der Baron sah es deutlich ein, wie er sich in
der neuen Gemeinde festzusetzen habe, er liebte es auch,
in jedem Kreise, dem er angehörte, Geltung und Ein-
fluß zu gewinnen. Es sagte ihm deshalb zu, daß die
katholische Kirche wie die jüdische, Opfer anzunehmen,
eine gewisse Stellvertretung zuzulassen bereit war; daß
er in jener wie in dieser, für die verstorbenen Mit-
glieder seiner Familie beten lassen, daß Andere für
ihn thun konnten, was zu seinem Seelenheil gereichte,
was für seine jenseitige Zukunft heilsam und ersprieß-
lich war, während er mit gewohntem Eifer für sein
und der Seinen diesseitiges Wohlergehen zu sorgen
fortfuhr. Er stiftete Messen, ließ Altäre bauen, ver-
gönnte es seiner Frau, auf seinen Gütern Kapellen
nach Belieben zu errichten, und wenn er Morgens in
der Zeitung seine großartige Freigebigkeit für diese
oder jene Religionsgemeinschaft verzeichnet und ge-
priesen fand, freute er sich seiner hohen Unparteilich-
keit, und war mehr als je mit sich zufrieden.
Auch die Baronin fühlte sich in der neuen Kirche
wohl, denn der ganze hohe Adel und die höchsten
Beamten des Landes waren katholisch; und daneben

18
Jemanden zu haben, der von Amtswegen dazu ver-
pflichtet war, ihr geduldig zuzuhören, so oft es ihr
gefiel von sich und über sich zu sprechen, das war
Etwas, was ihrem innersten Bedürfniß ganz und gar
begegnete. Es erhöhte für ihr Bewußtsein das Ge-
fühl ihter Wichtigkeit, daß für ihr Seelenheil von
einem Andern, von einer der größten irdischen Ge-
meinschaflen so viel Sorge getragen wurde; und der
heilige Ernst, mit welchem man sie behandelte, theilte
sich, wenn schon in veränderter und wunderlicher Ge-
stalt, ihr selber mit. Sie glaubte an ihre Bekehrung
und fühlte sich durch dieselbe gewandelt, veredelt und
beglückt-- freilich auf ihre Art und Weise.
Mit Viktorinen war es anderö. Sie hatte kein
Gemüthsbedürfniß, welchem es an dem Diesfeits nicht
genügte, und ihr Verstand machte es ihr unmöglich,
sich einem Selbstbetruge hinzugeben. Ihr, wie ihrem
Vater, war es allein um den Erfolg zu thun, den
man hienieden an jedem Tage neu erringen konnte.
Sie besaß des Vaters beharrliche Rastlosigkeit, seine
Lust am Wagen und Gewinnen, sein Verlangen nach
Geltung und nach Anerkennung.
Ohne ein wirkliches Streben nach Entwicklung
ihrer Einsicht, ohne ein eigentliches Begehren nach

18B
Schönheit in der Kunst, hatten ihre Lust an der Ar-
beit, ihre Freude an jeder Art von Erwerb und von
Besitz und von Vermögen, auch wo dieses Vermögen
geistig und ein Können war, sie bei ihrer glücklichen
Begabung dahin gebracht, sich mannigfache Kenntnisse
bis zu einem gewissen Grade anzueignen, fremde
Sprachen zu erlernen, und sich in Musik und Malerei
erfreulich auszubilden.
Sie hatte wissen, können, leisten und üben wol-
len, was man können und üben mußte, um in den
Kreisen der vornehmen Welt auch in dieser Beziehung
eine vortheilhaft hervorragende Erscheinung zu machen;
und weil sie bei diesen Beschäftigungen sich denn doch
entwickelt, gebildet und verfeinert hatte, fand sie es
angenehm, unter den katholischen Weltgeistlichen Söhne
aus den ersten Familien des Landes anzutreffen, die
auch unter dem Priesterkleide noch Edelleute blieben,
mit denen es sich angenehm verkehrte. Sie waren
zum Theil weltgewandter als die protestantischen Geist-
lichen, waren nicht wie diese mit der Sorge für eine
Familie und für deren Fortkommen belastet, also freier
und heiterern Sinnes. Sie zeigten sich beflissen, der
schönen Neubekehrten ihre Huldigungen darzubringen,
ohne daß man deshalb von ihnen unwillkommene

184
Heirathsanträge befürchten mußte; und obgleich Vik-
torine nicht wie ihre Mutter ein müßiges Verlangen
nach geistlichem Beistand in sich trug, so hatte es für
ihre Phantasie doch einen romantischen Reiz, in dem
alten Dome, umrauscht von den Tönen einer treff-
lichen Musik vor dem Altar zu knieen, den das schöne
Bild der jungfräulichen Gottesmutter schmückte, wäh-
rend der Duft des Weihrauchs in leichten Wolken sie
umschwebte. Die weltliche Pracht, das sinnlich erfaß-
bare Element in dem katholischen Gottesdienste, ent-
sprachen ihrer Neigung und Natur, und ihre Augen
sahen niemals schöner aus, als wenn sie dieselben
ernsten Blicks gen Himmel richtete.
Es hatte sie deshalb gefreut, daß oben in dem
Gebirgsthale, welches man ihrer Mutter zum Sommer-
aufenthalte angewiesen, sich ein Kloster vorfand, und
daß der Bischof, mit welchem fie eben jezt, während ihres
Aufenthaltes in dem Bade, einen angenehmen Umgang
gepflogen, sich erboten hatte, ihnen einen Empfehlungs-
brief an den Abt dieses Klosters mitzugeben. Ihr
bisheriger Verkehr hatte noch keine Ordensgeisllichen
in sich geschlossen. Die Begegnnng mit einem solchen
versprach ihr etwas Neues; das aber war genug, ihr die
Bekanntschaft wünschenswerth und anziehend zu machen.

18
Als sie an dem Morgen von ihrem Spaziergang
mit dem Doktor wiederkehrte, fand sie die Mutter in
der angenehmsten Stimmung. Der Abt hatte ihr in
einer eigenhändigen Entgegnung zugesagt, sie an dem
nächsten Morgen mit ihrer Tochter zu empfangen und
ihr dann den Pater Theophilus vorzustellen, dessen
Leitung sie sich zuversichtlich anvertrauen dürfe.
Viktorine nahm den kleinen Brief zur Hand.
Das feine Papier, die schöne Handschrift, die große
mächtige Namensunterschrift hatten etwas Weltmänni-
sches und Vornehmes. Das überraschte sie in der
Einsamkeit dieser Berge und machte ihre Neugier rege.
Sie meinte selten eine so energische Handschrift von
einem älteren Manne gesehen zu haben, und unwill-
kürlich flog ein heitres Lächeln der Erwartung über
ihr Gesicht.
Ihre Macht, die Männer an sich zu ziehen und
sich unterthan zu machen, hatte sich an diesem Mor-
gen abermals bewährt, und die Bevbachtung, in wie
weit und auf welche Weise ein Jeder von ihnen zu
gewinnen und zu fesseln sei, das war das einzige Spiel
und die einzige Unterhaltung, deren sie nicht müde
wurde.
Sie war sich dessen, was sie damit that, sehr

186
klar bewußt; aber von ihren Eltern und von deren
Schmeichlern über alles Maß verwöhnt, war sie früh
dahin gekommen, sich als ein ganz besonderes Wesen zu
betrachten, so daß sie sich erlauben zu dürfen glaulte,
was sie an Andern zu tadeln nicht verfehlte. Ihr
lebhafter Geist mußte, wie sie meinte, eben eine Be-
schäftigung, mnßte größere Freiheit haben, als sie
anderen Frauen zustand. Ihr Herz und ihre Sinne
hatten damit Nichts zu schaffen. Es verlangte sie
nur, berechnend, wagend, verlierend, gewinnend, täg-
lich ein neues, täglich das unter den obwaltenden Ver-
hältnissen größtmögliche Spiel zu spielen. Sie war
eine Kokette geworden, die mit den Männern spielte,
weil sie nicht wie ihr Vater, an der Börse spielen
konnte.
Die Baronin beschäftigte sich den ganzen Nach-
mittag mit ihrer Selbstbetrachtung. Sie bedauerte es
dabei nur, daß sie sich nicht von ihrem heimischen
Beichtvater einen Bericht über den Zustand ihrer Seele
habe anfertigen und mitgeben lassen, wie sie sich einen
solchen über ihren körperlichen Zustand von ihrem
Hausarzte zu verschaffen niemals verabsäumte, wenn
sie auf Reisen ging. Denn sie war nach ihrer Mei-
nung geistig und leiblich durchaus eigenartig organisirt,

1?
und bedurfte in jedemt Sinne einer sehr schonenden,
sehr vorsichtigen und zugleich doch kräftigenden und
anregenden Behandlung. Sie verzweifelte deshalb
fast daran, sich dem Pater in einer ersten Unterredung
völlig kund geben zu können, und weil es ihr eine
Wonne war, in ungestörter Ausführlichkeit von sich zu
sprechen, sezte sie sich endlich nieder, ein schriftliches
Bild der Wandlung zu entwerfen, welche sich durch
die Taufe in ihr vollzogen habe, und ein Bekenntniß
über sich und ihre Tugenden und Fehler niederzu-
gchreiben, bei dem die Ersteren mit gerechter Würdi-
gung geschäzt, die Lezteren mit christllcher Barmherzig-
keit behandelt wurden.
Viktorine machte während dessen einen Ritt in
das Gebirge. Als sie gegen den Sonnenuntergang
nach Hause kam, läutete es zum Abend-Gottesdienste,
und da man Anderes nicht zu thun wußte, beschlossen
Mutter und Tochter demselben beizuwohnen.
Es war um die Zeit der zwweiten Heuerndte;
Jedermann hatte auf den Matten zu schafen, die
Kirche war also völlig leer. Denn wer sonst auch die
Gewohnheit hatte zum Abendgottesdienste zu gehen,
sagte sich heute, bei so dringender Arbeit und bei dem
schönen Wetter, welches der liebe Herrgott zu derselben

188
geschickt habe, werde er wohl ein Einsehen haben und
nicht verlangen, was man, ohne möglicherweise schweren
Schaden davon zu tragen, heute einmal nicht leisten
konnte.
Nur Jakobäa kniete wie immer unweit des Ein-
ganges an dem Plaze, an welchem sie seit langen
Jahren bei keiner Andacht fehlte, und die beiden frem-
den Franen ließen sich in ihrer Nähe nieder.
Die schöne Wölbung des von farbigen Marmor-
säulen getragenen Schiffes, die Einsamkeit der Kirche,
welche das scheidende Tageslicht, das in breiten Streifen
durch die Fenster fiel, doch nicht mehr vollständig er-
hellte, machten Eindruck auf die Fremden.
Es hatte etwas großartig Geheimnißvolles, als
hinter dem schwarzen Gitter der feste Tritt von Män-
nern hörbar wurde, als unsichtbar die Stimmen sich
zum Gebet erhoben und wechselweise die monotone
Form, in Strophe und Gegenstrophe sich regelmäßig
wiederholend, wie eine Beschwörung durch die Stille
tönte.
Das Tempo war rasch, der Vortrag hatte etwas
Geschäftsmäßiges. Er beleidigte Viktorinens kunstge-
wohntes Ohr im Anfang; und doch währte es nicht
lange, bis gerade die einförmige Wiederholung ihre

189
Mächtigkeit erwies und sie der Art zu fesseln, zu
bannen, zu beherrschen anfing, daß fie in sich selbst
zurüückgewiesen, in ein Nachdenken versank, von dem
sie bei ihrem Eintritt in die Kirche weit entferut ge-
wwesen war.
Mit einem Male erhob sich, nachdem die Orgel
mit weichen Melodien die allgemeinen Gebete abge-
schlossen hatte, eine Stimme aud dem Chor gen Him-
mel, deren Klang wie eine magische Gewalt das Herz
berührte.
, Und es ward Licht!' rief Viktorine unwillkür-
lich aus, so daß die Baronin es hörte und Jakobäa,
die es vernahm, sich nach ihr umsah.
Die Töne des Hymnus quollen in solch frischer
Fülle aus der Brust, die Stimme hatte etwas so
Warmes, die Vortragsweise etwas so Neberzeugendes
und Inniges, daß Viktorine ihr mit Entzücken lauschte,
bis der lezte Ton verklungen war, und man unter
dem Nachspiel der Orgel die Mönche den Chor ver-
lassen hörte.
Es war während dessen völlig Abend geworden,
der Sakristan klapperte, sich nach dem Ausgang
wendend, mit den Schlüsseln, und die Baronin und

19
ihre Tochter erhoben sich. Sie trafen bei dem Heraus-
treten aus den Bänken mit Jakobäa zusammen.
,Was haben Sie hier in Ihrer Kirche für eine
herrliche Stimme!' rief Viktorine noch unter der Nach-
wirkung des Gesanges.
,Das ist mein Sohn!'' entgegnete die Mutter,
und man hörte ihr die Freude und den Stolz an.
,Das ist eine unvergleichliche Stimme, sagte
das Fräulein. , Wenn der liebe Herrgott das Gebet
dieser Stimune nicht erhört, muß er kein Herz im
Leibe haben!
, Gott verzeih Ihnen die Sünde!'' schalt Jakobäa,
sich bekreuzend vor dem Ausruf Viktorinens, den ihre
inbrünstige Frömmigkeit als eine Gotteslästerung
empfand, während Jene ihn in ihrer Glaubenslosigkeit
völlig arglos hingeworfen hatte.
Auch die Baronin machte der Tochter einen ge-
flissentlichen Vorwurf, indeß diese war nicht gewohnt,
auf eine Zurechtweisung zu achten, wenn es ihr nicht
gefiel, und wie in ihrer Erinnerung nachsuchend, sprach
sie: , Wie ist mir denn? Hat uns nicht schon einmal
irgend Jemand es erzählt, daß er hier oben in dem
Kloster eine so herrliche Stimme angetroffen habe?

ug K
ti
Die Baronin konnte sich nicht darauf be-
finnen.
,Freilich! freilich!' ef Viktorine. , Der Professor
hat es uns gesagt. Er hat hier oben daö Pe äeun
lunäamus und auch daö Adoramus von Palästrina
ingen hören, und den jungen Möpch kennen lernen,
der den Tenor gesungen hat- einen schönen jungen
Mann, eine jugendliche Heldengestalt ----
, Das ist mein Benebikt!' fiel Jakoläin ihr in
die Rede, die es sich troz des Erschreckens über de?
Fräuleins Leichtfertigkeit nicht versagen konnte, daö
Lob ihre? Sohnes mit Freuden zu vernehmen. ,Aus
der ganzen Gegend kommnen sie herauf, hier an den
Feiertagen die Messe zu hören; und daö ist richtig,
ein Professor ist einmal hier oben gewesen in demt
Kloster, und Benedikt hat vor ihm singen müssen - -
aber er hat es nachher lang gebüßt!'
Sie waren während dessen aus der Kirche in dak
Freie hinausgetreten und Jakobäa wollte sich von
ihnen trennen, als das Fräulein sie mit der Frage
sthielt: , Sie sagten, Ihr Sohn habe ek gelüüßt,
d:ß er vor unserm Freunde sang. Waö will das
heißen?
,Er hat nicht singen dünfen lange Zeit nachher.

1?
,Nicht singen dürfen? Und weshalb nicht?
fragte Iene.
,Das hat er nicht gesagt und ich hatte nicht
danach zu fragen,'' entgegnete Jakoläa, bot den Frem-
den eine gute Nacht und ging davon.

Kapitel 13

Hreipchntes
Ep-
i»l

y,
Bie schöne Stimme des ungesehenen Mce?
klang in Viktorinen nrch lange nach. Al der Doktr
amu Abend der Baronin seinen Besuc macte, kan:
man bald auf die Veäper, auf den Mönch und aus
das erneuute ;uusamuentreffen mit der Muiier dessellen
zu sprechen. Der Doktor erzählte in flüchtigem Um.-
riß von der Vergangenheit der Familie Anschafft, wae
man eben davon
ren Schicksalen,
kannte.
wußzte, und von Jakobäas besonde-
weit er sie durch seinr Mutter
, Entsezlich! Entsezlich! rief die Baronin, daß
solch. Dinge vurgehen können in diesen Bergen. h-
denen der Friede und die Ruhe herrschen s- llen. Aber
ich bitte Sie, lieber Doktor, sprechen Sie mir nicht
muehr davon. Sio kennen mein. Natur noch nicht.
z H e

K.s.
=a-= olll
,n --
===»F»»s -
suchen.
1.
zu gefühlvoll! Ed raubt mir gleich den
So Etwas muß ich mir immer fern zu halten
Ich will recht gern helfen, gern Alles geben,
was die Leute brauchen --- nur mit ihnen selbst zu
thun halen und davon hören kann und mag ich nicht.
Hs
- eine Nerven lassen daä nicht z -
szz k?
Der Doktor brach augenblicklich mit der Ver-
jicherung, daß hier von einer Hilfe oder Geldunter-
stüüzung nicht die Nede wäre, in der Erzählung ab.
oakobäa sei eine reiche Frau, sagle er, und der
jnge Pater werde sich in seinem Ordenegewande
wahrsceinlich eben so behaglich fühlen, als die andern
zulicen Herren hier oben, die man nur anzusehen
.sss
brauchr, umn sich von ihrer Zufriedenheit bald z
überzengen. Iu derselben hätten sie auch allen Grund.
Due Negel sei nichts weniger als streng. E gehe
ihnen an körperlicher Pflege gar nichtö ab, und sie be-
säßen daneben auch die Freiheit, sich je nach ihrer
Fähigleit und Neigung angemessen zu beschäftigen.
Sie könnten in der Klosterschule als Lehrer und Er-
zieher wirken, sich in der Verwallung der geoßen
Kilostergüter bethäitigen, oder mit sogenannter Be-
schaulichkeit ihr Leben in gemächlichen Studien und
bequemter Muße hingehen lassen. a dem Einen
Ns

1?
oder dem Andern finde schließlich Jeder sein Genüügen;
und obschon er Benedikt, der ein paar Jahr jünger
fei als er, seit dessen Eintritt in den Orden noch nicht
wieder gesehen habe, sei er völlig überzeugt, ihn in
jener behaglichenSelbstzefälligkeit anzutreffen, in welcher
die meisten der hier im Kloster lebenden Mönche ein
sehr hohes Alter zu erreichen pflegten.
, .st das Scherz oder Ernst? fragte ihn Viktorine,
als er inne hielt.
,,Nicht das Eine, nicht das Andere, versezte der
Doktor, ,sondern einfach die Anerkennuung der That-
sachen, die wir hier vor Augen haben.r?
, Und Sie ziehen das Aufgeben der persönlicen
Freiheit, die Ehelosigkeit, die Weltabgeschiedenheit dabei
nicht in Betracht?
,Mit der Weltabgeschiedenheit ist es nicht so
schlimm!! meinte der Doktor. , Das Reisen ist unsern
Benediktinern, wenn sie Verlangen danach tragen,
durch die Verbindungen des Ordens, die über den
ganzen Erdball reichen, wesentlich erleichtert, und wird
ihnen unter Verhältnissen sogar geboten. Dazu sind
alle Diejenigen, welche, wie z B. Benedikt, früh-
zeitig in die Klosterschule und in den Orden treten,
meistens wie die Vögel, die im Bauer geboren und

1
erzogen sind. Es regt sich in ihnen wohl einmal der
angeborne Freiheitstrieb; aber läßt man sie heraus
und bleibt des Bauers Thüre hinter ihnen offen, so
kehren sie, wenn's draußen einmal kalt und dunkel
wird, von selber zu dem gewohnten guten Futter und
in daö sichere Haus zurück.
, ls gebrochene, flügellahme
eigne Heimath, ohne Familie und
warf Viktorine ein.
Existenzen! ohne
ohne Vaterland -
c?,..- cg
--- - oktor nahm die Worte ernsthaft auf.,Ic
glaube,- sagte er, , Sie unterschätzen die Bedeutung
und die Genugthuung, welche die geistlichen Herren
----- neben ihrer gesicherten Lebenöstellung- -- in dem
Dienst der Kirche finden. Ich für mein Theil habe
als Schweizer, und da ich den Bereichen der vor-
nehmen Welt bisher fern geblieben bin, keine rechte
Vorstellung davon, wie ein Mann es als ein Glück
erachten mag, sich den kleinen Juteressen irgend eines
kleinen einflußlosen Fürsten, oder gar sich dessen per-
sönlichen Launen und Bedürfnissen dienstbar zu machen.
Aber da ich selbst durch eine Neihe von Jahren ein
Schüler unseres Klosters gewesen bin; da ich, als ich
herangewachsen war, verschiedenen unserer hiesigen
Mönche persönlich näher treten konnte, hale ich auch

19
einsehen und es wohl begreifen lernen, daß es nichts
Geringes ist, sich als ein Glied der Kirche, als ein
Mitglied jener mit tiefsinniger Berechnung und
Menschenkenntniß durch die Jahrhunderte aufgebauten
Macht zu empfinden, welche durch alle Zonen hin,
Millionen von Geister bindet und beherrscht. De-
müthig gegen Gott, sind unsere geistlichen Herren
doch der Welt gegenüber äußerst stolz; und wenn
sie auch des ehelichen Glückes entbehren--
,as freilich oft ein zweifelhaftes ist!' fiel ihm
Viktorine in die Rede.
,Wenn sie auch dieses Glückes entbehren, fuhr
der junge Doktor fort, ,so haben sie in dem Kloster
ihrr Heimaih und ihre Häuslichkeit; sie halen in demn
Orden die Familie, an deren Wohlergehen und
Interessen sie mit leidenschaftlichem: Antheil häängen.
Die Weltleute verstehen das Klosterleben nur nicht
recht. Die Herrschsucht, die dem Menschen angeboren
ist, findet nirgends besser ihre Nechnung als in unserer
Kirche; das Klosterleben ist verlockender und vurtheil-
hafter, als es Ihnen scheint.
, Wenn man dafür geartet ist!r warf Viktorine ein.
, Geartet muß man für jeden Beruf und jedes
Verhältniß sein, um Befriedigung darin zu finden:

L
für die Medizin so gut als für das Klosterleben, und
wohl auch für die große Welt!? entgegnete der Doktor.
, Und weshalb sind Sie mit Ihrer unverkenn-
baren Vorliebe für das Kloster nicht in den Orden ein-
getreten? fragte daö Fräulein mit kecer Dreistigkeit.
, Weil wir es für vortheilhafter hielten, hier in
unserm Hause eine Kuranstalt zu gründen, und weil
ich mich frühzeitig in eine Anverwandte verliebt habe,
die ich heimzuführen denke, wenn das Kurhaus hier
in gutem Gange sein wird , gab er ihr mit Gelassen-
heit zur Antwort.
Viktorine ließ das Eine gelten, und das Andere
sich gesagt sein; indeß es gefiel ihr Beides nicht.
Es war danach von den Anschafft'ä und von den
geistlichen Herren weiter nicht die Rede, aber das
Kloster und seine Bewohner beschäftigen Viktorinens
Gedanken, wie sonst irgend ein besonderes Fest sie
wohl beschäftigt hatte; und sie sah dem Besuche bei
dem Abte mit einer neugierigen Erwartung entgegen,
als wäire es überhaupt der erste geistliche Würden-
träger, den sie kennen lernen sollte, als wäre ihr nicht
bereits von Dienern der Kirche beflissene Bewunderung
zu Theil geworden.

Kapitel 14

bierzehntes
npitel

»Achwarz gekleidet, die Tracht mit besonderer
eberlegung gewählt, um sie ernst und streng erscheinen
zu machen, ohne daß sie ihrer Schönheit deshalb Ein-
trag that, begleitete Viktorine an dem nächsten Morgen
ihre Mutter in das Kloster.
Die breiten kühlen Gänge entlang schritt
Pförtner ihnen voran, bis zu dem außerhalb
Klausur gelegenen Gemache, in welchem der
der
der
Abt
fremde Gäste zu empfangen hatte, und hieß sie in
demselben warten.
Der Naum war groß und hoch gewölbt; die
fchweren Möbel, der Tisch in der Mitte des Zimmers,
den ein kostbarer aber verblichener persischer Teppich
Da

e
Stickereien und Gewebe zierten, und die tief nach-
gedunkelten Bilder, aus den ältesten deutschen und
italienischen Malerschulen, sprachen von fernen Zeiten,
von fernen Landen. Sie erhöhten die stille Feierlich-
keit, die über dem Gemache lag, so daß selist Vktori-
nens weltlicher Sinn sich nicht gegen deren Ein-
wirkung zu wehren vermochte, wie freundlich das belle
Sonnenlicht auch durch die schlichten weißßen Vor-
häänge und durch das Weinlaub schimmerte, dessen fette
Blätter und üppige Nanken von allen Seiten zu den
Fenst ?n hineinsahen.
Die Baronin saß in einem der Sessel, die den
Tisch umstanden, daö Fräuulein betrachtete mit Kenner-
hlick die alten Bilder, als nach kurzem Warten die
Thüre, welche nach dem inneren Kloster führte, sich
geräuschlos aufthat und, von dem Pater Thevphil ge-
folgt, der Abt hereintrat.
,,Willkommen in unserem Thale!' sagte er, in-
dem er mit vornehm freundlichem Grufe der Baronin
seine Hand bot, die sich neigte, sie zu küssen, und
Viktorine damit nöthigte, ihrem Beispiele zu folgen.
, .illkommen! Wir waren bislang solcher Gäste in
unsern Bergen nicht gewohnt. Lassen Sie uns hoffen,
daß Sie bei uns die Stärkung finden, welche zu

O
== D
juchen Sie gekommen sind, und wünschen, daß Sie
nicht zu schwer entbehren mögen, was Sie hier nicht
finden können!'
,. N
Dt. waronin nannte sich mit gewohnter Ueber-
schwängichkeit des Ausdrucks ganz beseligt durch die
c-ss.
=---==- g6z entzückt von der himmlisäh= -=;-, welche
hss szsss
jie umgebe., Ic bin ülerzeuz-- =gke !e, zdaß ich
rn -s s,z
hier nicht nur neue Kräfte gewinnen, sondern zu jener
gesammelten Einheit in mir selbst gelangen werde,
nach der ich so von ganzem Herzen schmachte.
Der Alt hatte sie ungestört vollenden lassen.
,, llnjere =- - -- z-- -»gnete er danach, ,und für
,s zz s L? zzzf
Nfs -ss
denjenigen, der die Stille wirklich liebt, u.t hier wohl
gesorgt. Eintehr und Sammlung in sich selbst
häüngen aler weniger, als man es glauht, von der
äußeren lmgebung ab. Sie sind ein Bedürfniß ge-
wisser Naturen, welche sich dieselben durch einen Akt
deö festen Willens ülerall ermöglichen können. Man
kann mitten in dem Gerääusch bewegten Lebens sich
einsam in sich selbst versenkend, seine Seele ganz den:
Herrn hingeben, und selbst in der tiefen Stille unseres
Hauses seinen Geist haltlos umherschweifen lassen in
fern abliegende Bereiche. Sind wir -, wo wir es
d..
fuchen, stets mit Gott allein !

2e
Er hatte mit diesen Worten die Geflissentlichkeit
der Baronin sofort in ihre Schranken zurüückgewiesen,
und da er merkte, daß sie die Lehre verstanden, die
er ihr zu geben, und den Ton begrifen hatte, auf
welchem er mit ihr zu verkehren gedachte, wiederholte
er n.it freundlichem Ernste, was er ihr bereits ge-
schrieben hatte, daß der ihn begleitende Pater Thev-
philus, so oft sie es verlange, bereit sein werde, ihr mit
seinem Nathe, mit seinem Zuspruch und mit seinem
Gebete beizustehen.-- Er deutete ihr damit an, daß
er selber sich jedes geistigen Einflusses auf sie zu ent-
halten, und ihr nur in weltlichem Verkehr zu begeg-
nen gedenke.
Während dann die Baronin sich zu Pater Thev-
philus wendete, erkundigte der Abt sich bei dem Fräu-
lein nach dem Befinden Seiner Eminenz des Bischofs.
,,Er hat mich auf die Nachrichten verwiesen,? sagte
er, ,welche Sie mir von ihm geben würden, und er
hat es dabei nicht unterlassen, mir mitzutheilen, oaß
er Ihrer schönen Stimme, Ihrem vortrefflichen Ge-
sange mannigfache Erheiterung zu verdanken gehabt
habe, deren ich nn, da ich die Musik sehr liebe,
durch Ihre Güte vielleicht auch theilhaftig zu werden
hofen darf.?

N?
Viktorinen kam diese Wendung des Gespräches
sehr erwünscht, denn sie erleichterte ihr die Gelegen-
heit, sich nach Benediktus zu erkundigen. Sie war
übrigens, so fern sie auf sich achtete, vor jenen Miß-
griffen und Taktlosigkeiten durchaus sicher, in welche
ihre Mutter leicht verfiel, sie gab also schicklich die
begehrte Auskunft. Nur das Lob, welches der Bischof
ihr als Sängerin gespendet hatte, wollte sie nicht
gelten lassen.
,Meine Stimme, ? sagte sie, , überschreitet in
keiner Weise das Maß des Gewöhnlichen; und Sie,
Hochwürden, haben Grund, sehr große Anforderungen
an den Gesang zu stellen, der Sie erfreuen soll; denn
ein herrlicheres Organ, als das, welches ich gestern in
der Kirche hier vernommen, meine ich nie zuvor gee
hört zu haben.-
,,Sie haben also unserem Gottesdienste beige-
wohnt?? fragte der Abt, der Wohlgefallen an ihr
fand, und nicht Anlaß hatte, die Mutter in ihrer leise
geführten Unterredung mit Pater Theophilus zu unter-
brechen.
,Ja! versetzte Viktorine, ,und zwwar mit un-
gewöhnlicher Erhebung. Es ist mir gestern in Ihrer
Kirche zum ersten Male die Vorstellung gekommen,

L8
- - ;
daß jede künstlerische Anlage schon an sich ein Glück
und eine Gnade ist. Ich trat zerstreuten Sinnes in
das Gotteshaus, und verließ es erhoben und mit einer
idealen, um nicht zu sagen, einer frommen Besizes-
freude über die bescheidene musikalische Begabung, deren
ich theilhaftig worden bin.?
Sie hatte in diesen Worten der flüchtigen Auf-
wallung, welche sie gefühlt, eine Bedeutung gegeben,
an die zu glauben sie selbst sofort geneigt war, und
der Abt war weit davon entfernt, ihr dieselbe zu be- -
streiten; er bestärkte sie vielmehr in ihrer Ansicht.
, Ich habe,? sagte er, ,als ich jung war, wie
Sie, einmal plözlich einen ähnlichen Eindruck em-
pfangen und er ist ein Wink von oben gewesen, der
für mein Leben entscheidend geworden ist. Ich ver-
stehe also Ihr gestriges Empfinden wohl. Und wenn
ich auch nicht annehmen möchte, daß diese Stimmung
in Ihnen, der an das Weltleben Gewöhnten, sofort
eine nachhaltige werden könnte, so ist sie immerhin
beachtungswerth. Eine zeitweilige Abgeschiedenheit von
seinem Alltagsleben thut übrigens dem Menschen im
Allgemeinen gut und noth. Sie giebt ihm Anlaß zu
erproben, welche Hilfsmittel er in sich selbst besiyt,
was er den Andern und was er sich selber an Be-
a

9
friedignng verdankt. Et ist bei solchen Versuchen
manch Einer inne geworden, wie unzulänglich er ist,
ohne die stützende Kraft von oben, die uns nicht fehlt,
sofern wir sie suchen; und es ist deshalb höchlich zu
beklagen, daß die fromme Sitte, nach welcher die
Weltleute sich in früheren Tagen zur Zeit der großen
Kirchenfeste in die Klöster zurüückzogen, um dort ihre
Andacht zu verrichten und Einkehr in sich selbst zu
halten, mehr und mehr verabsäumt worden ist.
Er brach damit auch von diesen Betrachtungen
schnell wieder ab, und bemerkte, Viktorine werde, wie
er hofe, sich der Muße hier erfreuen, da der Bischof
sie nicht nur eine treffliche Sängerin, sondern auch
eine geschickte Malerin nenne. Er werde sich die
Freude machen, die Damen in ihrer Wohnung auf-
suchen zu kommen, und werde es ihr danken, wenn
sie ihm Gelegenheit geben wolle, sie singen zu hören
und ihre Zeichnungen zu sehen. Er machte sie und
die Baronin danach mit freundlicher Andeutung auf
die schönsten Aussichtöpunkte des Thales und der Um-
gegend aufmerksam und erhob sich dann, sie zu ent-
lassen. Auf seinen Wink gab Pater Theophilus ihnen
das Geleit.
F. Lewald, Benevikt. L.


Als sie in den Hof gelangten, kam ihnen die eine
Klasse der Klosterschüler entgegen, on einemt jungen
Geistlichen geführt, dessen ungewöhnliche Schönuheit
den Frauen sofort in das Auge fiel.
,Das ist Pater Benedikt! ief Viktorine.
Der Auöruf überraschte den Greis.,Woher
kennen Sie den Namen? Und was bringt Sie auf
die Vermuthung, daß eben dieser Bruder der Träger
dessellen ist? fragte er mit dem: eifersüchtigen Mißs-
trauen seines Standes.
Viktorine konnte sich des Lchelns darüber nicht
erwehren.
, Seien Sie ruhig, Paier Theophiluö!? versezte
sie. ,Ic weiß es nicht durch Zauberei, sondern auf
die natürlichste Weise von der Welt. Ich habe oben
auf der Matte vor Frau Jakoläa's Haufe gezeichnet,
und aus dem Zwwiegrspräch zwischen ihr und unserm
Doktor erfahren, daß sie einen Sohn hat, der Benediktus
heißt. Abends, als wir Frau Jakobääa in der Kirche
trafrn, und den Gesang bewunderten, sagte sie, der
Sänger sei ihr Sohn, und ich mache jezt eben die
Bemterkung, daß der junge Pater ihr sehr ähnlich sieht.?
Sie trat dabei, ehe der Greis es hindern konnte,
rasc an den jungen Mönch heran.
-

A
,Wie glücklich sind Sie, daß der Herr Ihnen
eine Stimme gegeben hat, die zu den Herzen spricht,?
sagte sie.,Sie haben uns, alö wir gestern neben
Ihrer Mutter unsere Abendandacht verrichteten, gerührt
und recht erhoben, und wir Weltleute können das
Beides leider sehr gebrauchen! Haben Sie Dank
dafür, Pater Benedikt, ich hoffe Sie noch oft zu
hören!?-- darauf grüßte sie ihn, belustigte sich über
des jungen Mannes Betroffenheit und über seine
stumme, verlegene Verbeugung, und ging dann rasch
mit den beiden Andern davon.
1

Kapitel 15

v
D. Baronin war von dem Ernste und der
Tis--s -
issf Rwifoi- Hzzzf,z- N
--=gplell,--- --=-- =- aheophilus sic ihrer an-
s fsf-=--»- ?fff=: (,- I.-s s.es
s z!
luuuuzsu »=-s » bs, ;; »s=- ==s - = s - gsls
Pflichten es ihm gestatteken, ihr
sofern seine anderen
täglich eine Siunde
--:ikssioffo-: i:i-A z- =fs,s,zi! f,zd. pz
s.s- -
ZsZ=--- -- ---- --=- -=»- z=-; --=- -- -g - .fkNge sgU=
a= - =--- z-i befestigen, was, wie sie sagie, in den
g z zpsf H zz -
Güücksicheren, die cristlichen Famil.. ------ -- ---
fw- Szfss...hs,-zz ssn
sich als ein angebornes Erbe eingewurzelt finde.
Sie ., u lderte ihm dabei, wie wenig gewissenhaft
.s.l
der Geistliche, der sich ihrer Vrlereitung fir den
Eintritt in die katholische Kirce unterzogen hatte,
diese Vdrbereitungen betrieben, und wie er sich durch
ihres Mannek in diesen: Punkte twa? leichffertige
Gesinnung zu riner Eile und Oberfliichlickeit hale
verleiten lassen, die ihr schmerzlich grwesen und un-

L16
genügend erschienen wären. Als eine wahre Schick
salsfügung sehe sie es an, daß ihre körperlichen Leiden,
welche sie nun zu segnen beginne, sie genöthigt hätten,
sich hier in diese Weltabgeschiedenheit zurückzuziehen,
wo der Herr ihrer Seele die Stärkung vorbereitet
habe, deren dieselbe bedürftig sei und die auch ihrer
Tochter zuzuwenden ihr Mutterherz inbrünstiglich be-
gehre.
Pater Theophilus hatte unter diesen Verhältnissen
wenig Mühe und kaum ein paar Tage nöthig, das
unbeschränkte Vertrauen der Baronin zu gewinnen.
Er erfuhr nicht nur, wwas sie selber von sich zu glauben
wünschte, und von Andern geglaubt haben wollte.
sondern sein scharfes und geübtes Auge erkannte auch
sehr bald in ihr jene eitie Selbstsucht, die unfähig,
rgend Evas außer sich selbst zu lieben, danach ver-
langte, wo möglich auch von dem Vater im Himmel
als ein bevorzugtes Wesen begünstigt, von der Mutter-
Kirche als ein besonders geliebtes Kind betrachtet und
behandelt zu werden. Sie strebte danach, auch im
Jenseits die vielbeneidete Baronin Landesheimer zu
sein; sie wünschte dereinst in ihrer himmlischen Heimath
die Geltung und das Ansehen zu erlangen, deren sie
hienieden unter ihren Umgangsgenossen allmälig theil-

At?
haflig geworden war; und wie ihr Gatte nicht klein-
lich zu erwägen und nicht zu kargen gewohnt war,
wo es sich darum handelte, an sein Ziel zu kommen,
so war sie auch durchaus geneigt, sich die Sicherstellung
ihres jenseitigen Wohlbefindens, sich die ewige Seligkeit
und die himmlischen Freuden schon hienieden ein Er-
kleckliches kosten zu lassen, sofern sie dadurch zu er-
reichen sein sollten. Sie wußte das mit vieler Ge-
schicklichkeit anzudeuten, als einmal zwischen ihr und
ihrem Berather die Rede auf die Lehre von den guten
Werken kam; und ohne die Bedeutung derselben über
die Gebühr hervorzuheben, unterließ der Pater es nicht,
die Baronin in den guten Vorsätzen zu befestigen,
welche sie über die zwweckmäßige Verwendung irdischen
Besizes zu hegen versichert haite.
Ehrlicher noch als über sich selbst, äußerte sich
die Baronin über ihr Familienleben, über den Charakter
ihres Gatten und ihrer Tochter; und sogar diese Letztere
gewann auf ihre Weise, wenn auch nicht Vertrauen
zu dem Pater, so doch die Neigung, mit ihm zu ver-
kehren, weil er, ohne sie aufzusuchen, sich von ihr
finden ließ, so oft sie sich ihm näherte.
Er gab ihr Auskunft über Alles, was ihr in
dem Thale auffiel, er stand nicht an, ihr das Kloster-

18
leben, das sie viel beschäftigte, in der Weise darzu-
stellen, wie es ihm erschien; und er zeigte sich auch nicht
verletzt, als sie ihm ohne Aufforderung bekannte, daß
sie bisher nie ein besonderes religiöses Bedürfniß
empfunden habe. Er bemerkte mit völliger Gelassen-
heit, der Herr suche Jeden auf seinem besonderen
Wege, und wisse die rechte Stunde und das rechte
Mittel für einen Jeden wohl zu finden. Manchen
I? -==-- --
Viktorinen gefiel das nicht, und weildes Mönches
Sanftmuth sie sicher machte, schüttelte fie den schönen
Kopf.
, Verdammen Sie mich nicht, Pater Theophilus,!
sagte sie, , wenn ich es auöspreche, auf dem Wege geht
es mit mir nicht. Unser Herrgott hat mir einen harten
Kopf und ein trotziges Herz gegeben; mit Strafen
hat man also bei mir nie Etwas auögerichtet, sie haben
mich immer nur verschlechtert. Ich glaube vielmehr,
daß Glück, großes Glück, wie ich es verstehe, oder
der Genuß eines vollkommen Schönen mich in An-
beiung niederwerfen, in Demuth hinschmelzen machen
.:

N9
fürchte sie, daß der Pater sie nicht verstehen, oder sie
tadeln möchte, füügte sie rasch hinzu: ,Sehen Sie,
Pater Theophil, ich sagte es schon dem Herrn Abte;
in meinem ganzen Leben habe ich mich nicht so bis
in des Herzenö Tiefe bewegt gefühlt, als nenlich an dem
Abende, an welchem ich Ihren jungen Pater zum ersten
Male in dem Dämmerlicht der Kirche singen hörte.
Ich bin seitdem an jedem Abende dort gewesen, und
neulich ist es mir in Ihrer Kirche klar geworden, daß
es eigentlich die Künste sind, oder vielmehr die Kunst
alö Einheit gedacht, in welcher sich mir Gott und das
Göttliche im Menschen am Klarsten offenbart.?
Obschon der Pater für die Kunst Empfänglich-
keit besaß, mußten solche Worte ihm doch verwerflich
erscheinen; allein er war vorsichtig und klug genug,
mit Denen, die er zu gewinnen hatte, in der Sprace
zu verkehren, welcher sie sich selbst bedienten.
Er erhob deshalb kaum einen Tadel gegen
Viktorinenö Ausspruch, sondern entgegnete ihr in seiner
gelassenen Weise, daß er sie und ihre Meinuung zu
verstehen glaube, wenn er dieselbe auf ihr rechtes Maß
zurückführe und beschränke. ,Ich vermag der Kunst
für mein Theil,'? sagte er, ,nicht die Bedeutung bei-
zulegen, die Sie ihr zugestehen, doch hat die Kirche

2
den Künsten von jeher die ihnen gebührende An-
erkennung und Stellung eingeräumt. Sie hat sich
derselben stets zur Zierde ihres Gottesdienstes, zur
Erhöhung und Steigerung der gebundenenEmpfindung,
zur Verstärkung des Empfindungsausdruckes mit Vor-
liebe bedient, und unter ihren eigentlichen Dienern,
von den Päpsten und den Kardinälen bis hinab in
die Hallen unsrer stillen Klöster, haben begnadigte
Männer sie geült. Ird Kngelo il bento, Frä Vartolomeo
schufen ihre unsterblichen Gemälde in des Klosters
Hallen, und der Lobgesang, der Sie bei uns mit
seiner göttlichen Gewalt ergriffen hat, verdankt einem
Drdensgeistiichen sein Entstrhen.?
, Das ist'ö ja, was ich meine!'? fiel ihm Viktorine
ein, der es ebenso wie dem Pater nicht große Neber-
windung kostete, sich fremder Meinung anzupassen,
M?-=---
Aber der Pater legte auf ihre Zustimmung kein
großes Gewicht, und ohne sich von ihr in seiner Rede
unterbrechen zu lassen, fügte er hinzu: , Pflegen Sie
also immerhin gewissenhaft in sich die Liebe für die
Kunst: denn ernste Vertiefung in dieselbe, namentlich
in die heili;e Musik, wird und muß Sie mit Noth-

s ..
wendigkeit auf Ihr eigenes inneres Sein hinweisen;
und des Allmächtigen und Allweisen Wege sind, ich
wiederhole es mit Demuth, mannigfach und unerforsch-
lich für des armen Erdenkindes blödes Auge und für
sein kurzsichtig Erkennen. Vielleicht ist die Liebe für
die Kunst in Ihnen jenes hofnungsreiche Aufdämmern
des Morgenrothes, das den Aufgang einrs schönen
Lichtes, den Durchbruch jenes wahren Glaubens verkün-
digt und verheißt, der zur Erkenntniß führt. Nur fragen
Sie sich ehrlich und gewissenhaft, in wie weit Sie
in sich als eine Wahrheit fühlen, was Sie mir aus-
gesprochen haben. Man ist nuur in zu vielen Fällen
gegen sich leichtgläuliger, als man es sein dürfte, und
betrügt sich dadurch um sein wahres Heil.
Der Doktor war inzwischen herangekomuten, so
daß er die lezten Worte dieser Unterhaltung noch ver-
nommen hatte. Das war gegen Viktorinens Absicht.
Sie hatte sich in den paar Tagen bei verschiedenen
Anläässen gegen ihn in einer Weise geäußert, die ihn
die Wahrhaftigkeit dessen, was sie von sich vor dem
Pater ausgesagt, mit Recht bezweifeln lassen konnte;
und sich, wenn auch in der schonendsten Weise, im
Beisein eines jungen Mannes von dem Pater zurecht
gewiesen und ermahnt zu sehen, war ihrer Eitelkeit


verdrießlich. Auch in diesem Falle kam jene ent-
schlossene Gewandtheit, welche sie nicht leicht im Stiche
ließ, ihr mit geschickter Ausrede zur Hülfe.
,Wie scharf Ihr Blc ist!' sagte sie, ,und wie
er Anderen dazu verhilft, sich selbst erst in dem rechten
Licht zu sehen. Ich machte, während Sie noch zu
mir sprachen, eine neue und mich überraschende Er-
fahrung. Sie haben Recht, vollkommen Recht! Auch
ich bin leichtgläubiger gegen mich gewesen, als ich es
ahnte oder dachte. Als ich vorhin jene Behauptung
über die Wirkung aussprach, welche die Kunst bisher
auf mich gemacht hat, vermuthete ich doch im Grunde
nur von mir, was ich behaupten wollte. E war
ein Ariom, ein Wunsch, ein Einfall! Nennen Sie
es, wie Sie wollen! Als aber mein eigenes Wort
mein Ohr berührte, klang es mir wie ein fremdes,
wie ein Gedanke, den aus mir selber zu drzeugen ich
nicht vermocht haben würde; und doch empfand ich
meinen tiefen Zusammenhang mit aller Kunst leb-
hafter als je zuvor, als eine mich erhebende und be-
glückende Wahrheit- als einen Segen. Mit einem
Worte: ich erkannte und fühlte, was ich nur ver-
muthet! Ich besaß, was ich ersehnt hatte!'?
,So gebe Gott, daß diese Wahuheit sich in Ihnen

o
mehr und mehr befestige, daß sie in Ihnen wachsen
und wirken möge!' entgegnete der Pater, dessen Age
prüfend auf ihr ruhte. Er reichte ihr damit die
Hand und wollte sich entfernen. Sie neigte sich tief
vor ihm, so daß er segnend seine Nechle über ihrem
schönen Haupte schweben ließ. Dann sagte er dem
Doktor Lrlewohl und ging von ihnen fort.
Viktorine blickte ihm eine Weile nach, der Doktor
ließ seine Augen nicht von ihr. Sie bemerkte es und
fragte, was er damit wolle.
,Ich möchte wissen, was Sie im Schilde führrn;
wissen, weicheBedeutung PaerTheophilus fürSie hat?
, Wie sonderbar!'' rief sie, , Sie mißtraen mir!
Sie sezen irgend eine Absicht, einen Zweck bei mir
voraus. Das ist nicht schön von Ihnen, aber das
Mißtrauen gehört zu eines tüchtigen Arztes Eigen-
schaften, ich muß es Ihnen also wohl verzeihen, und
ich thue es um so leichter, als Sie in Ihrer Ansicht
irren. Was kann ich hier in diesem Thale wollen,
als mich, so gut es gehen will, vergnügen, während
meine Mutter ihre Rerven ausruht und belebt? Was
kann ich mit dem Pater und mit Seinesgleichen wollen,
die mir Nichts sein, Nichts bieten können, und deren
ich vielleicht kaum mehr gedenken werde, wenn unser


Aufenthalt in Ihren Bergen nach wenigen Wochen
zu Eunde sein wird? Ich möchte, wie Sie sich's wohl
denken können, die Zeit hier oben doch nicht ganz
und gar verlieren! Ich uöchte sie auch für meinen
Theil benuuzen. Und das Wesen der Klostergeistlichen
hier in der Weltabgeschiedenheit zu studiren, finde ich
so anziehend als unterhaltend. Wollen Sie mir das
zu einem Vorwurf machen, der Sie doch selber ein
Beobachter sind?
,Ich hoffe dies dereinst zu werden,'' hub der
Doktor an.
Viktorine verneigte sich scherzend.,Wie beschei-
den!' sprach sie. , Alö ob ich ed nicht sähe, wie Sie
mich und meine Mutter und deren kleine Eigenheiten
schon jezt vollauf durchschauen!'-
Er wollte das von sich abweisen, sie hinderte ihn
daran. , Wozu diese gesellschaftliche und kleinliche
Ziererei? Ist das die freie Offenheit des Mannes und des
Schweizers? Da sind Sie mit mir in Wahrheit besser
daran! Denn wie ich Ihnen neulich sagte, Sie würden
einen guten Kameraden an mir finden, so versichere ich
Ihnen heute, daß ich wirklich über all Ihr Erwarten
wahrhaft sein kann.
,Wahrhaftigkeit sezt ein ruhiges Selbstbewußtsein


und viel innere Unabhängigkeit voraus, und diese
Eigenschaften-'
, An diese Eigenschaften einer Frau zu glauben,
hat man in Ihren Vorlesungen Sie noch nich gelehrt!r'
fiel ihmu das Fräulein spottend ein.,Nun, Doktor!
so gönnen Sie es mir, in diesem Falle Ihren Lehrer
vorzustellen; und ihren Lehrern pflegten die Herren
doch von Anfang meist zu glauben und auf sie zu
schwören.r
Er betheuerte, daß er bereit sei, ihr zu glauben,
was sie auch von sich behaupten möge.
,Auch wenn ich Nebles von mir sage? fragte sie.
,,Aluch dann,'' entgegnete der Doktor, der im
Augenblicke völlig unter dem Banne ihrer Reize und
ihrer spielenden Gefallsucht stand. ,Euch dann - -- vor-
ausgesezt, daß Sie es mir gestatten, Sie gegen sich
selber zu vertheidigen.''
,,Gut denn! So will ich's Ihnen nuur gestehen:
ich erkenne im Grunde auf der Welt Nichts an als
nur mich selbst. Ich und mein Vergnügen, ich und
mein Zeitvertreib und mein Behagen sind, wenn ich's
recht bedenke, mein alleiniger Zweck, mein einziges
Ziel -=e
F. Lewald, Benedikt. 1.

2e
,Aber Sie sind großmüthig, Sie sind freigebig!?
fiel ihr der Doktor ein.
,, Weil ich Nichts dadurch entbehre, weil ich gern
in fröhliche Gesichler sehe und weil ich's liebe, wenn
man meiner gern und ehrewvoll gedenkt. ?
,Mein Fräulein!'- rief der Doktor, der sich in
diese Art von Ehrlichkeit nicht finden konnte, weil er
einer solchen, das fremde Urtheil völlig geringschätzenden
Selbstüberhebung nie zuvor begegnet war, , wie
mögen Sie so sprechen! Sie wären doch nicht fähig,
einem Anderen weh zu thun-=--
,, llm mein Wohlbehagen zu befördern?-- er-
gänzte sie mit dreistem Sinne.,Das weiß ich noch
nicht; das müßte ich erst erfahren und erproben.'?
Er stand vor ihr, um eine Antwort offenbar
verlegen. Er wußte in der That nicht, was er von
ihr denken sollte.
Dak machte ihr erst rechte Freude. , Sehen Sie
wohl, Doktor! sprach sie, ,daß von mir gar Mancher-
lei zu lernen ist und daß es in dem Herzen und dem
Geiste der Frauen, die Ihr Herren sammt und sonders
alö das schwächere Geschlecht behandelt, von dessen
weicher Gefühls-Seligkeit Ihr zu spechen liebt, als
häitet Ihr daö Sein und Wesen jeder Einzelnen ge-


wogen und erfrrscht,-- daß es unter uns Frauen harte,
egoistische und kalte Herzen mit heißen und doch klaren
Köpfen gielt, von denen Eure Philosophen sich Nichts
träumen lassen, weil solche Frauen es nicht eben nöthig
finden, sich dem Bereich kurzsichtiger Gelehrsamkeit zu
nahen!''
Sie lehnte sich darauuf mit gekrenzten Armen in
den Stuhl zurück und sah in die Ferne hinaus. E
entstand eine Pause. Der Doktor war unangenrhm
betroffen. Er fühlte sich verlezt durch die Rolle, welche
Viktorine ihm aus hochmüüthiger Laune aufzuzwingen
dachte, und er vermocte dem stolzen welkgewandten
Frauenzimmer gegenüber doch nicht dak rechte Wort
zu finden, um sich vor der Neberlegenheit zu schüzen,
die sie ihn fühlen lassen wollte.
Indeß sie kam ihm noch einmal zuvor. Mit
jenem Lächeln, das wie ein warmer Sonnenstrahl den
kalten herrschsüchtigen Ausdruck ihrer Mienen weg-
schmolz, sagte sie, indem sie sich erhebend ihre Hand
ihm auf die Schulter legte: , nicht wahr? wir iangen
Nichts, wir Frauen aus der großen Welt? und Sie
werden nicht einmal glauben, daß man mir glauben
dürfe?-- Das ist noch ein Glück! Denn was finge
ich nun an, hier, wo wir auf Sie angewiesen sind,
,

L2R
wenn Sie mich nicht für meine eigne Verläumderin
halten wollten? wenn Sie all das Schlechte wirklich
von mir dächten, das ich mir eben nachgesagt habe?
---- Haus und Hof müßten Sie ja vor mir verschließen,
Mutter und Schwester vor mir warnen; den Pater
Theophilus bitten, mit einem Exorcismus Ihrem Hause
zu Hülfe zu kommen! Und daß Sie mir noch kein
Apage zugerufen haben, das ist es eigentlich, was
mich am meisten wundert!'=-
Sie hatte sich damit, unruhig wie sie es bis-
weilen troz ihrer guten Manieren sein konnte, wieder
in den niedrigen Sessel fallen lassen, der auf der
offenen Gallerie stand, und warf mi rascher Hand
die langen schwarzen Locken von der erhizten Stirn
zurück. Der Doktor lehnte ihr gegenüber an einem
der Pfeiler, auf welchen das Vordach ruhte. Er hatte
die Arme über einander geschlagen und betrachtete sie
noch einmal mit unverwandtem Blick,

»K
Das fiel ihr lästig. ,Nun? und was nun?
fragte sie ihn plözlich.
Er hatte sich inzwischen gesammelt und gefaßt.
,Apage! werde ich nicht rufen! sagte er, ,doch habe
ich Ihnen in der That zu danken für die Lektion, die
an mir nicht verloren sein soll.r'
A
z
s

s
-I
A
T
F
T
i

L9
,Sie sind entschlossen, sich vor mir zu hüten?
meinte Viktorine.
, Ich glaube, daß man das sehr nöthig hat!' ent-
gegnete er ihr.
, Sehen Sie, Doktor! wie schnell wir vorwärts
kommen!' sagte sie mit einem Tone, dem der Doktor
eine leise Empfindlichkeit anzuhören meinte. ,Frei-
muth gegen Freimuth ! Dad ist der Weg zu jener
guten Kameradschaft, die ich uns prophezeite.-- Aber
lassen wir den Scherz auf sich beruhen. Sie sind
ernsthaft geworden und ich bin es auch!'?
Sie erhob sich wieder, lehnte sich neben ihm über
die Brüstung der Gallerie, sah eine Weile in das
Thal hinaus und sagte dann mit einer Ruhe, die den
jungen Mann fast noch mehr überraschte als die Scene,
die sie ihn eben hatte durchleben lassen: , Sie ahnen
es gar nicht, Doktor! wie das Leben, das wir führen,
wie die Gesellschaft, in der ich mich bewege und in
welcher ein Jeder Anspruch an unser Einen macht,
die Nerven überreizt und das Gefühl abstumpft. Mir
selber bin ich so wenig überlassen, daß ich selten ein-
mal die Zeit gewinne, an mich selbst zu denken, mich
auf mich selber zu besinnen.?

1
== D?
, Daß Sie nicht zufrieden mit Ihren Lebena-
8-.- ---- das grade häite ich nicht vermuthet!'-
-.-ssP
b» d Sz- sssz d.
fiel der Doktor ein. , Sie sehen sehr gesund aus,
und scheinen uir vollkommnen mnit sich Eins zu sein.
s,zfp
--- - d=-, daß ich noch nicht richtig zu
a..
beobacten in Stande bin. ?
, Ic scheine gesund und scheine zufrieden !
wiederholte sie. ,Es ist eben All.ä Schein, was uns
nmgiekt, und man hat sogar die Aufgabe, ja die Pflicht,
dasjenige zu scheinen, wrfür uns zu halten es den
9s-zR.s- -
----- .n belielt. -- Ich wollte, Sie kennten die Welt,
wie
der
uttt
der
ich sie kenne! --- Utter dem Scheine der Freudr,
Gasundheit sind wir Alle krank! gemüthskran!--
es richtig zu bezeichnen! Und s gelangweilt von
llebersättigung! so müüde von dem Suchen nach
irgend Etwas, das uns freuen könnte!''
Ud alermals brach sie in ihrer Rede plözlich
ab. Der Doktor sah sie wie eine unerwartete Natur-
erscheinung an. Sie kam ihnt wirklich wie gemüths-
krank vor, er wußte sie in seine bisherigen Erfahrungenu
und Vorstellungen nirgend einzureihen und daß
sie immner jo unerwartet abbrach, das machte sie ihm
-- « ---- --==--atlich. EI war ihm deshalb sehr
f: d isspli i »sItei

t
willkommen, daß seine Mutter nach ihm scickte und
daß diese Unterredung, deren Zweck und Ursrche er
nicht begreifen konnte, so ihr Ende fand.
Vitturine hingegrn war vurdrieflich, alö er sir
verließ. Was sie eigentlich gewollt, was sie in Sinne
gehalt mtit Allem, was sie gegen Pater Therphil und
zegen den Doktor ausgesprochen hatte, das zu sagen,
der e? sich se!ler zu erkläärrn, wäre sie kaunm im
Stande gewesen.
Sie hatte, wie es ihre Art war, einem Einfall,
einer Laune maßlos naehgegeben. Da« - -= -b.-
K .b»- ßss
immerfvrt Aufsehen und Bewunderung zu erregen,
hatte sie allmälig dahin gebracht, sich vor jedem Manne
in einer ihn überraschenden Nolle darzustellen, und e?
konnte ihr deöhalb leicht begegnen, daß sie sich in der
Wahl derselben in Bezug auf ihr Publikum, oder
auch in der Behandlungsweise ihreö Themas gelegent-
lich vergrif. Sie ging dann in solchen Fällen regel-
mäißig weiter, alö sie ek gewollt hatte, oftmalö weiter,
als ihr Gegenüler e vertragen lonnte; und widrr
ihren Wilien that sie bei solchen geflissentlichen Ent-
hüllungen ihrer vermeintlichen Seelengröße und
Driginalitäät mitunter Blicke in ihr eigentiiche? Wesen,
vor denen sie umwillkürlich zusamnenschreckte, und die


sie für den Moment jene Seelenleiden in der That
annähernd empfinden ließen, mit denen sie sich der
AbwechAlung wegen gelegentlich zu schmücken liebte.
Sie fühlte sich dann ein paar Stunden lang sehr
unbefriedigt, ihr bangte vor ihrer Nebersättigung. ihr
schauderte vor dem, was- wie sie es dann zu be-
nennen liebte -- Dämonisches in der Tiefe ihrer Seele
nach Befriedigung und Freude lechzend, in ihr ver-
borgen lag; ja sie konnte Thränen des Mitleids ver-
gießen über sich und über ihr Geschick, das es ihr
nicht vergönnt hatte, schon in früher Jugend in sanfter
Liebe still beglückt, ein unbeachtetes Dasein harmlos
zu genießen.
Sie gefiel sich aber niemals besser, als in dieser
Rührung, sie sah auch niemals schöner aus, als in
der vorübergehenden Ermattung, welche ihren seelischen
Seiltänzereien folgte, und sie würde auch heute dieses
geistigen Genusses theilhaftig geworden sein, hätte sie
sich nicht sagen müssen, daß sie den Doktor nicht be-
zaubert, nicht gewonnen, sondern durch ihre Neber-
treibung achtsam auf sich selbst gemacht, nnd ihn gegen
sie ernüchtert habe.

Kapitel 16

Sechsschntes Cpitel.

- Doktor ließ sich an dem Abende nicht wieder
erblicken, und das quälte Viktorine. Ihr verlangte
danach, den Mißton auszugleichen, sie wollte nicht,
daß man in dem Hause ohne die ihr nöthige und ge-
wohnte Bewunderung von ihr spräche, und weil ihre
Wirthsleute ihr gesagt hatten, wie ihr Gesang des
Are Kuritu an dem Abende nach ihrer Ankunft ihnen
das Herz bewegt habe, sezte sie sich an das Instrument
und sang die schöne Melodie mit meisterhaftem
Vortrag.
Aber von der Wirthin Fanuilie kam Niemand
mehr zum Vorschein und erst am folgenden Morgen,
als er sich nach ihrer Mutter Befinden zu erkundigen
hatte, sah sie den Doktor wieder.
Sie zigte sich so sanft und heiter, daß sie der
Viktorine von gestern selbst in ihrem Aeußeren kaum

We
ähnlich sah, und ohne des Doktors Ansprache abzn-
warten, drückte sie ihm, nachdem er die weitläufigen
Auseinandersezungen der Baronin auf das Neue an-
gehört hatte, ihr Wohlgefallen an den Thale aus.
,,Es ist etwas Geheimnißvolles in diesem eng
umgrenzten Stückchen Erde,'' sagte sie, ,es hat etwas
wunderbar Beruhigendes. Ich war gestern einmal
recht tief aufgeregt. Sonst klingt dad in mir oft viele
Tage nach. Heut ist Alles so still und licht in mir,
daß ich meine, es sei auch immer so grwesen. Ich
mache überhaupt hier lauter mir neue Erfahrungen.
In der Stunde unserer Ankunft erauickte mich die
Stille des Thalek, entzückte mich der Gedanke, hoch
über den Häuptern der anderen Erdbewohner zu athmen,
und drm gewohnten Alltagsleben und den Alltags-
menschen so weit entrückt zu sein. Am zwweiten, am
dritten Tage überfiel es mich wie eine Angst. Die
Berge rückten mir zusammen wie Gefängnißmauern.
Ich stellte mnir vor, daß ich hier bleiben, hier sterben,
daß ich, um des Dichters Wort zu brauchen, aus dieseö
a hales Gründen den Ausgang nicht mehr finden würde;
ich konnte diese Angst selbst vor meiner Mutter kaum
geheim halten, und jetzt--e'
, Und jezt? fragte der Doktor.

D?
, Jezt legt sich die Stille wie ein Zauber mild
um meine Sinne und um meine Seele. Sie spinnt
mich in sich ein, sie bestrickt mich wider meinen Willen.
Noch vor wenig Tagen dachte ich: wie traurig ist diese
Snge! wie tödtend muß diese Gleichförmigkeit des
Lebens hier auf die Dauer sein! wie ohnmächtig er-
scheint der Mensch in dieser Größe der Natur! Wie
nichtig und gleichgültig ist Alles, was dem einzelnen,
rasch vergänglichen Menschen in der kleinen Gemeinde
begegnet und geschieht, die sich hier in den uralten,
durch Jahrtausende bestehenden Gebirgen wie ein
Ameisenvolk zusammengefunden hat.?
,, Ach!' seufzte die Baronin,,das ist es ja eben,
daß Du Dich des Denkens nicht entwwwöhnen kannst,
daß Du nicht einfach das Vertrauen gewinnen kannst,
wie wir Alle nur Eintagsfliegen sind vor des All-
mächtigen Auge, der doch kein Haar auf unserm
Haupte ungezählt läßt; und vor dem es Thorheit ist,
an sich selbst zu denken, da seine weise Hand une
Freud' und Leid, das Leben und das Sterben vor-
bestimmt hat, ehe wir noch waren! Aber glauben
Sie auch wirklich, lieber Voktor!r sezte sie ängstlich
D.-
htnzu. ,daß es bei nir mit dem Druck hier in der
rechten Schläfe im Ernste Nichts zu sagen hat?


--b--- das Geringste! betheuerte der Doktor.
As.s
Viktorine konnte sich eines Lächelnö nicht er-
wehren. Die Mutter war ihr immer komisch, wenn
sie sich im Glauben emporzuschwingen unternahm,
denn sie verstieg sich dabei meist auf falschem Wege,
fie warf auch in der Regel wie in einem Kaleidoskop
wahllos durcheinand er, was sie an religiösen Phrasen
eben so wahllos aufgelesen hatte; und Viktorine be-
merkte also, ohne sich durch die ermahnende Zwischen-
rede der Baronin in ihrem früheren Gedankengangr
irgendwie stören zu lassen, wie sie erst jezt und ganz
allmälig, zu einem Gleichgewichte in dieser ihr neuen
und fremden Welt gelange, wie sie das Thal zu
lielen beginne.
, Sett ich durch Sie und durch den Pater mehr
und mehr die Bedingungen kennen lerne, unter
welchen diese kleine Gemeinde hier lebt, seit ich von
der und jener Familie irgend etwas Näheres weiß,
beshäftigt mich daä Alleö! sagte sie.,Ich male es
mir mit Wohlgefallen aus, wie leicht es hier sein
müüßte, mit verhältnißmäßig geringen Mitteln sehr
Wesentliches zu leisten; ich stelle mir vor, wie es hier
in den verschiedenen Häusern und in den Herzen ihrer
Bewohner anssehen mag. Ich betreffe mich darauf,

9
daß ich an das Schicksal der Familie Anschafft, an
Frau Jakobäa denke. Ich finde es merkwürdiger und
sie selbst eigenartiger als die Geschichten und die
Menschen, die mir zu Hause wichtig erschienen sind.
Ich möchte Jakobäa'ö starren Sinn erweichen; und
ich frage mich daneben, ob eö ihrem schönen Sohne,
den die Natur so sehr bevorzugt hat, denn lebenölang
genügen kann, hier in seiner weltentlegenen Kloster-
kirche Jahr ans Jahr ein imm er ntr Gebete zn
sprechen, Knaben zu unterrichten, und mit seiner un-
vergleichlichen Stimme das Adoramus zu singen.
,Ihre Gedanken heften sich an dieses Thal, wie
sich ein Hebel an den Steinllock legt, den er aus
seinr Nuhe und von seinem alten Plaze fortlewegen
möchte,' meinte der T ktor, , und ich finde also in ge-
?.
wissem Sinne in Ihnen einen Bundrsgenossen, denn
es ist allerdings gar Vieles zu schafen und Mancherlei
zu thun hier unter uns, das für uns Alle sehr von
Nuyen wäre. Auf die geistlichen Herren hat man
dalei aler ein für alle Male nicht zu zählen, die muß
man lassen, wie sie sind, vom Herrn Abt bis hinab
zum Jüngsten, dem Pater Benedikt. ?
Die Wirthin kam, dem Sohne zu sagen, es sei
ein Bote aus dem Kloster da, der Abt verlange ihn

L40
zu sprechen. Der Doktor schickte sich zum Aufbruch
an. Als er sich schon empfohlen hatte und der Thüre
zuschritt, sagte Viktorine:,Sie sprachen vom Pater
Benediktus; kommt der niemals in Ihr Haus und
nie zu seiner Mutter? Ich bin ihm seither nur ein
einzig Mal begegnet, als wir den Mittag von dem
Herrn Abte kamen.r
,,Die jungen Mönche gehen selten ganz allein
aus , antwortete ihr der Doktor. ,Ich traf ihn
jedoch schon zweimal in der Morgenfrühe lesend drüben
auf der Klostermatte an, und ging mit ihm hinab.?
Damit verließ er sie, um sich nach dem Kloster
und zu dem Abte zu begeben. Es war ihm aber gar
nicht lieb, daß er gerufen wuurde, ehe er sich selbst
gemelhet hatte. Er wußte, mit wie großer Strenge
der Abt auf seine Würde und auf die Ehrfurchts-
bezeugungen hielt, mit welchen man den Aebten des
Klosters in dem Thale von alten Zeiten her gehuldigt
hatte, und der Doktor brauchte für seine Zwecke eben jezt
die Geneigtheit des Klosters, und des Abtes gutenWillen.
Auch war es in der That ein Vorwurf, mit dem
der Abt den Doktor ansprach, als dieser mit dem ehr-
erbietigen Gruße, der dem früheren Klosterschüler
ziemte, vor ihn hintrat.

L41
,, Nun!'' sprach der Abt, indem er ihn mit seinem
Blicke mas. ,nnn, Herr Doktor, muß ich Sie erst
holen lassen? Die weiten Wege, auf denen Du um-
hergekommen bist, und die neuen Lehrer, die Du
gehabt hast, haben Dich, wie es scheint, den Pfad zu
jener Stäitte nicht gleich wieder finden lassen, an der
man Deine ersten Schritte leitete und überwachte; und
man hat Dich, wie es scheint, gelehrt, Deine ersten
Lehrer zu vergessen.?
Die herrische und hochfahrende Art des sonst
nicht eben herausfordernden Abtes verletzte den Dokter;
indeß genöthigt ihn hinzunehmen, entschuldigte er sich
mit seinen Obliegenheiten wegen der anscheinenden
Versäämniß, und sprach dabei die Hoffnung ans, daß
es krin ebelbefinden des hochwüürdigen Herrn sei,
welches ihm die Ehre verschafft habe, zu ihm beschieden
zu werden.
, Nein! versezte der Abt, ,ich bin Gottlob noch
immer rüstig und wir bedürfen in unserm Kloster
neben dem Pater Medikus auch keines anderen Arzte?.
Nur Deiner Neuerungen wegen habe ich mit Dir zu
sprechen.?
Diesem Tone gegenüber fiel dem selbstständigen
F. Lewald, Benebikt. l.

Dd 1 H
Manne die Unterwerfung schwer, doch sagte er, er
sehe zu Bfehl.
Der Abt ließ sich Zeit. Er nahm langsam eine
Prise auö der Dose, die er in der Hand hielt und
s rach darauf: ,Wie die Verhältnisse sich nun ein-
mal unter Gottes Zulassung in unserm Lande gestaltet
haben, steht mir freilich kein eigentliches Recht mehr
z, darüber zu entscheiden, was der Besizer hier im
Thale mit und auf seinem Grund und Boden machen
will, sofern des Klosterö und der Gemeinde Wohl-
f hrt nicht dadurch geschädigt wird. Deine Mutter
war also befugt, so wie sie es gethan hat, ihr Gast-
haus zu erweitern, ein neues zwweites Gasthaus auf
ihrem Grund und Bdden zu erbauen, und es den
Bedürfnissen der Reisrnden anzupassen, welche unsere
Berge jept durchziehen. Mich will jedoch bedünken,
ehe Du daran gingst, hier eine Kuranstalt zu be-
gründen, hätte es sich gebührt, darüber zum wenigsten
d Klosters Rath und Meinung einzuholen.r?
Der Doktor wollte auffahren, nahm sich jedoch
zusammen. , Hochwürden, sagte er ruhig, aler sehr
btimmt, ,haben mir ebeu selbst eingeränmt, daß
Jedermann berechtigt sei. hier sein Gewerbe nach
eigenem Ermessen zu betreiben; und ich vermag nicht

D i ?
einzusehen, wie es dem Kloster oder der Gemeinde
Nachiheil bringen könnte, wenn meine Kranken zeit-
weise unter meinem Dache zu verweilen nöthig finden. ?
, Und doch ist es unsere Rnehe, unser Frieden,
welche Dein Unternehmen hier bedroht. Wir waren,
ada-
=-- weißt es, die ersten Ansiedler in diesen Bergen;
das Thal wurde dereinst durch Schenkung unser freiek
Eigenthum. Was es an v-=-r besizt, verdankt es
EFzsls--
uns. Wa wir hier suchten: Welt.bgeschiedenheit für
uns, und Nuhe für die Schüler unseres Hausek, die
besaßen wir noch bis auf diesen Tag, obschon und die
Machtvollkommenheit über das ahal und die Ge-
meinde, welche sich, Dank unserer vielhundertjährigen
Hilfsbereitschaft, um unser Kloster und um uns ge-
ildet hat, mit unberechtigter Willkür entzogen wsord en
ist. Aber diese unsere heilige Nuhe wird gestört, dne
Siiteneinfalt der Gemteinde wird vernichiet werden,
wenn sich hier ein Kurout bilde!; wenn die Lster der
müßigen Weltlust sich hier oben Spielranmu suchen
kommen, wenn böses Beispiel aller Art dem Sinne
der uns hier anvertrauten Voglinge den Ernst und
die Vertiefung
Er hielt
klugen Augen
rauht. ?--
inne, nahm eine neue Prise und die
d-sz s,Isz
unter den feinen noch imme - --

1
Branen auf den Doktor gerichtet, sagte er: ,Die Liebe
für Deine Heimaih, der Dank, den Du unserer Anstalt
schuldest, hätten Dich von selber zu selcher Neber-
legung führen sollen, hätten Dich in jedem Falle be-
ftimmen müssen, vor allem Anderen unsere Meinung
über Dein Uniernehmen einzuholen.?
Der aoktor hatte den Abt, wie es sich gebührte,
ruhig zu Ende sprechen lassen und während dessen
Zeit gehalt, sich die rage rorzulegen, wwohinaus
derselbe wolle. E? lag nicht in der Taktik des
Klosters, Streitigkeiten anzuregen, bei denen es, wie
in diesem Falle, sicher sein konnte, nicht den Sieg
davon zu tragen. Man mußte also etwas Besonderes
im Sinne haben; und weil es für den Doktor durch-
aus geboten war, sich das Wohlgefallen der geistlichen
Herren zu erhalten, erwiderte er mit schicklicher Höflich-
keit, es freue ihn, versichern zu dürfen, daß Hoch-
würden ihm Unrecht thäten.
,Es war nicht rücksichtslose Selbstsucht, Hoch-
würden! nicht allein mein Vortheil, sagte, er, ,sondern
vielmehr Vorsorge für die Heimath, die mich bei
meinrm Plane leitete. Unser Thal ist arm an Erwerbs-
auellen; alljährlich verlassen uns tüchtige Burschen,
um als Söldner in Nom und Neapel Dienste zu

1
nehmen; und wie sie von dort wiederkehren, daran
hale ich Hochwürden zu erinnern ja nicht nöthig.
Industrien, wie sie an manchen anderen Theilen
unseres Landes mit Erfolg betrieben werden, halen
bei unö nicht Wurzel schlagen wollen; ich aber bin
gewiß, mit meinem Unternehmen nicht nur den Wohl-
stand der Gemeinde wesentlich zu fördern, ich hale
vielmehr gehofft, daß die Begründung eines klima-
tischen Kurorts hier in unsermt Thale auch dem
Kloster allmäälig manchen Nuzen bringen könnte.
Schon jetzt möchte ich von Hechwürden ein Zu-
geständniß fordern, dessen Gewährung das Kloster
vielleicht in seinem Vortheil finden dürfte.
,Was soll das heißen? fragte ihn der Abt.
,as Klosterland, das gegen Morgen hin zuu-
nächst an unsere Häuser stößt,'' sagte der Doktor, , ist
völlig unfruchtbar; mir aber wäre es eben um seiner
Trockenheit willen für meine Zwecke passend. Ich
muß in direkter Verbindung mit den Häusern einen
bedeckten Wandelgang für meine Gäste schaffen, unter
dessen Dach sie auch an nassen Tagen im Freien sizen
und umhergehen können. Die Baronin Landesheimer
geht mich darum an, diesen Gang so rasch als mög-
lich herstellen zu lassen, und ich würde Hochwürden

L16
sehr verpflichtet sein, wenn Sie mir dort einen mäßigen
Streifen Landes für diese Einrichtung zu überlassen
sich entschließen wollten.'
Der Abt antwortete ihm nicht gleich darauf, seine
Miene war jedoch heller, sein Blick freundlicher
geworden. , Wo hast Du denn die Baronin kennen
lernen? fragte er.
Der Doktor war überzeugt, daß der Abt oder
Pater Theophilus dies und vieles Andere schon durch
die Baronin selbst erfahren hatten. Man mußte also
noch etwas Besonderes über sie zu wissen wünschen,
etwas Anderes als sie von sich ausgesagt und als der
Empfehlungsbrief des Bischofs von ihr gemeldet hatte.
Der Doktor fing deshalb zu vermuthen an, daß er
zu dem Abte nur beschieden worden sei, um irgend
eine Auskunft über die Fremden zu ertheilen.
Er berichtete also, was er aus den Mittheilungen
des Professors wie aus den Gesprächen mit den
Frauen selbst, über sie und ihre Lebenöstellung
Günstiges vernommen hatte. Er ließ, als des Abtes
Fragen ihm den Anlaß dazu boten, es nicht un-
erwähnt, daß die Baronin bereits verschiedene ihrer
Bekannten aufgefordert habe, ihr in daö Gebirge
nachzukommen; und selbst der großen Wohlthäätigkeit

2?
derselben, wie der auf das Thal bezüglichen Aeußerungen
ihrer Tochter, versäumte er nicht zu gedenken.
Der Abt nickte mit dem Kopfe.,Dder Reiz der
Neuheii,' sagte er. ,Schlimm nur, daß solche Ein-
fäälle vergehen wie sie entstanden sind, und daß sie
Nichts erschaffen, wenn sie nicht von starker Hand er-
grifen, von einem bedächtigen Verstande festgehalten
und der Ausführung entgegengebracht werden. Aber
seze Dich, mein Sohn! Du bist wohl heute schon
umhergegangen und wirst müde sein.r?
Der Doktor, der es natürlich kränkend gefunden
hatte, daß der Abt ihn bisher während der ganzen
Unterredung hatte stehen lassen, sezte sich nieder, ohne
auf die lezten Bemerkungen irgend Etwas zu ent-
gegnen. Er hatte in der Schule der geistlichen Herren
uoch me hr von ihnen gelernt, als nur die Disciplinen,
in denen sie ihn unterrichtet hatten. Er verstand eö,
sich zu beherrschen und seine Aufwallungen seinen
Zwecken zu unterordnen. Das nöthigte den Abt,
seinem Ziele auf eigenem Wge nahe zu lomien.
, Dn scheinst Zutrauen zu den Fremden zu hegen,''
sagte er, ,und ich will wünschen, daß Deine Er-
wartungen Dich nicht trügen. I jedem Falle wirst
Dn, und Du allein die geistige Verantwortung dafiür

L48
zu tragen haben, wenn Nachtheile für das Kloster
und für die Gemeinde aus Deiner Unternehmnng hier
erwachsen; wie Dir anderseits das daraus möglicher
Weise enstehende Gute anzurechnen sein würde. Du
wirst es voraussichtlich in Händen haben, den Sinn
der Fremden unserm Thale und unserem Hause in
Dankbarkeit geneigt zu machen, und es würde weise
sein, wenn Du dieses thätest. Wie lange meinst Du,
daß die Kurzeit Deiner Gäste bei unö währen sollR
Der Doktor überhörte das in diesem Falle be-
dentungsreiche , bei unö alsichtlich. Er wußte jezt,
worauf es algesehen war.
, Die Dauer des Verweilen, ! sagte er, ,wird
bei jedem Kranken nach der Wirkung zu bemessen
sein, welche ich mir für sein Nebel von dem hiesigen
Aufenthalte versprechen darf. Indeß um die Kranken
auch in der vorgeschrittenen Jahreszeit mit Nuzen
festzuhalten, bedarf ich eben des Terrains, von dem
ich Hochwürden schon vorhin gesprochen habe.
,Du weißt,' gab ihm der Abt zurück,,ich ver-
äußere kein Klosterland, und dürfte es auch nicht
thun.'
, Ich weiß es, Hochwürden! Indeß hilfreich, wie
nach Hochwürdens eigenen Worten das Kloster sich

L49
feit Jahrhunderten der Gemeinde angenommen hat,
giebt es mir hoffentlich im Interesse der Gemeinde
den kleinen Streifen Landes gegen einen guten Jahres-
zins in Pacht; und daß die Kranken, die hier Heilung
finden, dem Kloster nicht gern dankbar sein sollten,
scheint mir gar nicht möglich. !
Der Abt erhob sich, der Doktor folgte seinem
Beispiele: sie hatten sich verständigt.
,Du hast den Unternehmungsgeist Deiner Mutter
geerbt, sagte der Abt, ,und rascher Sinn und Um-
sicht sind auch Gottesgaben. Wie wir sie benutzen,
das ist unsere Sache. Das Kloster wird Dir also bei
Deinem Vorhaben nicht entgegen sein, und ich will
hoffen, daß Du dessen denkst und daß man es uns
dankt. Sprich mit unserm Vogte wegen Deiner Sache,
und mit dem Pater Almosenier berathe Dich über
dasjenige, was sich für unsere Armen etwa thun
ließe.
Der Doktor drückte dem Abte seine Erkenntlichkeit
aus und empfahl sich dessen fernerer Geneigtheit.
Als er sich danach entfernen wollte, hielt der Abt ihn
noch zurück.
,, Richte es der Frau Baronin aus, mein Sohn,'
sagte er, ,daß es mich freut, ihren Wünschen und

27
Bedürfnissen in Bezug auf die Colonnade entsprechen
zu können; und melde ihr, daß ich sie morgen um
die vierte Nachmittagsstunde besuchen will, mich von
ihrem Ergehen selbst zu überzeugen.

Kapitel 17

Fiehenzehnles
pitel.

Gz Unrecht hatte der Abt mit der Behauptung
nicht gehalt, daß die Errichtung einer Kuranstalt
einen zerstreuenden Einfluß auf die Klosterschüler
haben werde; denn seit Viktorinens Ankunft war dad
fremde Fräüulein in den Arbeitssälen der Schüler, wie
auf dem Spielplaz und bei den Spaziergängen, der
Gegenstand der Unterhaltung und der Neugier.
Die Einen hatten erzählen hören, daß sie gleich
in der ersten Stunde Geld im Thale ausgetheilt habe,
die Andern hatten sie unter einem Baum auf einem
rothen Teppich sizen sehen, die Dritten waren ihr
begegnet, wie sie in langem Kleide, auf ihrem schön
geschmückten Saumthiere nach einem der Höhenpunkte
hinaufgeritten war, und wieder Andere waren an des
Doktors Hause vorübergekommen und hatten sie

4
singen, so schön singen hören, daß es ganz ülerirdisch
anzuhören gewesen war.
Wer sie erblickt, oder irgend Etwas von ihr ver-
nommen hatte, ward darum beneidet und hatte seine
Freude daran, das Einfache, was er erlebt, bis in das
Märchenhafte zu verschönern. Wer ihr danach be-
gegnete, wollte, selbst wenn er sich in seinen Er-
wartungen betrogen fand, nicht weniger, sondern wo-
möglich noch etwas größere Herrlichkeiten als sein
Vorgänger an ihr wahrgenommen haben; und da sich
auf diese Weise der übertreibende Ehrgeiz der Knaben
in die Sache einschlich, so geschah es, daß sich, während
sie noch unter den Augen ihrer jugendlichen Be-
wunderer lebte, bereits ein Mythus über Viktorine zu
bilden anfing, der weit hinausging über Wirklichkeit
und Wahrheit, und endlich auch auf die Phantasie
der Ordensbrüder seinen Einfluß übte. Vor Allem
war das bei Benedikt der Fall.
Die flüchtige Begegnnng mit ihr, ihre Schönheit,
die Lebhaftigkeit, mit der sie an ihn herangetreten
war, hatten ihn überrascht, und die Aeußerungen, welche
Pater Theophilus über ihren herrlichen Gesang gethan,
hatten ihn begierig gemacht, sie auch einmal zu hören.
Alltäglich, wenn er die ihm anvertrauten Schüler in

2B
das Freie zu führen hatte, war er beflissen, scinen
Weg so einzurichten, daß er kommend oder gehend
des Doktors Haus berührte. Eö war jedoch in dem-
selben, wenn er vorübergekommen war, immer still
gewesen, und auch gesehen hatte er Viktorine nicht,
obschon er nach ihr ausgespäht nach allen Enden hin,
soweit sein scharfes Auge reichte.
Er wußte nicht, woher es also war, aber die Zeit
hatie ihr rechtes altes Maß für ihn mit einem Male
verloren. Die Stunden kamen ihm bisweilen un-
begreiflich lang vor, während die Tage ihm schneller
als je zuvor dahinflogen. Es war überhaupt Etwas
anders geworden; er empfand das, ohne daß er sich's
erkläiren konnte. Er war heiterer, als er sich je ge-
fühlt hatte, und wie er dann darüber mehr und mehr
nachzusinnen anfing, meinte er, das Wiedersehen des
Doktors und die Unterhaltungen, welche er mit ihm
gepflogen, hätten ihn erfreut und seinen Gedanken
eine neue Richtung und einen neuen Aufschwung gee
geben. Er trug ein wirkliches Verlangen danach, dem
wiedergekehrten Freunde baldmöglichst zu begegnen,
und er nannte es deshalb einen glücklichen Zufall, daß
er, die Spiele der Scholaren überwachend, in dem
Klostergarten saß, als der Doktor von dem Abte kam.

25e
Benedikt ging ihm rasch entgegen, der Doktor
schüttelte ihm die Hand. ,Wie sich die Zeiten
wondeln,' rief er. ,Wie lang ist's denn her, daß
wir Beide hier, wie diese Buben, die Röcke von uns
warfen und die großen Kugeln schwangen, während
der gute Pater Markus nicht aufhörte, sich über das
Unglück und über die Schäden abzuängstigen, die wir
anrichten und uns zuziehen könnten. Jezt sizest Du
nun hier an seiner Stelle; doch ohne seine Aengsten,
wie ich zuversichtlich hoffe!-
, Er war alt und schwach geworden , sagte
Benedikt, ,und hier auf dieser Stelle, hier auf dem
Sielplatz, unter der Scholaren Augen, ist er ein-
geschlafen, um hienieden nicht mehr zu erwachen.?
, So gut wird es nicht einem Jeden! Das Ab-
leben ist oft ein verdammt Stück Arbeit!'' meinte der
Andere mit der Kaltblütigkeit des Arztes; da er
jedoch merkte, daß Benedikt vor seiner Aenßerung
zurückschreckte, setzte er, um einer Entgegnung vor-
zubeugen, rasch hinzu: ,was mich bei dem Eintritt in
den Spielplaz vorhin überraschte, war die Dauer der
hiesigen Zustände, und das Bestehende im Wechsel.
So wie diese Buben haben wir, so haben die Ge-
schlechter der Schüler hier vor uns gespielt, so werden
A
A
A
A
A


hier Knaben und Jünglinge wohl noch lange nach
s us spielen---
,, Und sich hinauösehnen in die Welt, wie wir eö
hier gethan!? fiel Benedikt ihm ein, ,um
, Um sich nachher in ihrer Heimath, im selbst-
gewählten Berufe, wie wir es thun, freiwillig zu
? beschränken! sezte der Doktor mit klarer Heiterkeit
b
Benedikt antwortete ihm nicht darauf.,Du
scheinst anderer Meinung zu sein,'? bemerkte der Doktor.
Der junge Mönch blickte nachdenklich vor sich
hin.,Warum schweigst Du? fragte ihn der Freund.
,Ich möchte nicht,'? sagte der Andere, , daß Du
es falsch auslegtest, indeß ich dachte darüber nach, wie
der Mensch in seiner verblendeten Willkür immer
wieder darauf verfällt, von der Freiheit seiner Ent-
schließungen zu sprechen, wo er sich mit unabweislicher
Ergebung in den Willen der Vorsehung zu fügen, und
nur danach zu trachten hat, daß er die Wege verstehen
lerne, die sie vor ihm ausbreitet, damit er sie auch
freudig und zuversichtlich wandele. -- Du hast mir
neulich in so hellen Farben die Welt geschildert, die
jenseits unserer Berge liegt, und mit so beredtem
Worte von den Menschen gesprochen, unter denen Du
F. Lewald, Benedikt. l.
u

58
? z
in den großen Städten des Auslandes gelebt hast, daß
ich Deine Rückkehr in die Heimath nicht recht als
einen Akt Deiner freien Selbstbestimmung anzusehen
vermag. Du bist heimgekommen, weil der Rathschluß
Gottes Dich hier geboren werden ließ, weil hier die
Deinen leben, und weil Du hier den Dir angeborenen
Besiz am Besten zn verwerthen denkst. Ohne diese
Nothwendigkeit ständest Du wohl schwerlich hier.?
Der Doktor sah ihn prüfend an. Der junge
Mönch hing mit einem ängstlich gespannten Ausdruck
an des Freundes Lippen, so daß es denselben einen
Augenblick ungewiß über die Antwort machte, welche
er ihm geben sollte. Die Begegnungen und Ge-
spräche, welche er in den lezten Tagen mit Benedikt
gehabt, hatten ihm denselben in neuer Weise an-
ziehend und lieb gemacht. Er zweifelte nicht daran,
daß die kräftige Natur des jungen Benediktiners fchwer
an dem ihm aufgezwungenen geistlichen Gewande
trage und er ging mit sich zu Raihe, ob es an-
gemessener sein dürfte, ihn zu schonen, oder ihn frei-
müthig zu behandeln. Aber durch seinen Beruf darauf
hingewiesen, dem Nebel, dessen Zeichen vor ihm lagen,
forschend auf den Grund zu kommen, entschied er sich
für ein ofenes Aussprechen, und fragte ihn deshalb
A
T

?
259
unuumwunden: ,bedarfst Du vielleicht, mein Freund,
des Glaubens an die allgemeine Unfreiheit des Men-
schen, um Dich mit der Deinen abzufinden??
Benedikt mochte diese Frage nicht erwartet haben,
denn sie erschreckte ihn offenbar; indeß die strenge
geistige Zucht, in welcher er erwachsen und gehalten
worden war, hielt ihn auch jetzt in ihren Schranken fest.
, Ich dachte nicht im Besonderen an mich,? ver-
setzte er, ,wenn schon es mir im Sinne lag, wie wir
nur in dem festen Vertrauen auf die Weisheit der
Vorsehung vor jenen unruhigen Verlangnissen ge-
sichert sind, unter deren Einfluß das beharrliche Ar-
beiten an dem uns zugewiesenen Theile ganz un-
möglich sein würde. Es muß des Verlockenden so
vieles geben in der Welt, aus der Du herkommst!
Wie könntest Du das Alles frohen Geistes entbehren,
glaubtest Du nicht, daß eben hier der Plaz Dir aus-
ersehen ist, an welchem gerade Du mit Deinen Kräften
Deine Dir zuertheilte Aufgabe zu lösen hast, bis des
Herrn Wille anders über Dich verfügt?
Der Doktor blieb ihm geflissentllch die Antwort
auf die Frage schuldig. Das beunruhigte Benedikt.
,Du scheinst diese Neberzeugung nicht zu theilen!?
sagte er.
z7

2O
-A
z
A
, Was kommt es darauf an, sofern wir nur zu
gleichem Resultat gelangen?? erwiderte der Doktor.
,Ich bedarf des Glaubens an mich selbst, des Ver-
trauens zu mir selbst, um zu leisten, wwas ich zu leisten
vermag. Du hast desselben Glaubens und Vertrauens
nöthig, und wirst sie nöthiger noch haben, wenn Du
darauf angewiesen sein wirst, der geistige Tröster und
Berather für Andere zu sein. Ich suche die Kraft,
die ich gebrauche, zunäächst in mir und meinem Wissen;
Du schöpfest sie aus der Quelle Deines Glaubens.
Genug, daß wir sie haben, und also mit Sicherheit
in uns beruhen.?
Benedikt ließ es ebenfalls dabei bewenden, be-
sonders, da der Doktor nach der Thurmuhr empor-
sehend, sich es vorwarf, so lange verweilt zu haben.
Er schritt der Gartenthür zu, Benedikt gab ihm das
Geleit, aber er sprach nicht mehr zu ihm. Als sie
jedoch bereits dem Ausgang nahe waren, meinte er
zlözlich: ,Eines hast Du doch vor mir voraus! Du
hast herrliche Erinnerungen, Dich daran zu freuen.
Wider meinen Willen muß ich an die musikalischen
Genüsse eenken, deren Du lezthin gegen mich erwähnt
hast. Ich möchte die großen Dratorien und Sym-
phonieen kennen, möchte große Sänger hören-
e

1
A
T

1
, Und bist doch selbst der Gegenstand höchster Be-
wunderung für eine große Sängerin!'? fiel ihm der
Doktor scherzend ein.
In des jungen Mönches Antliz regte sich keine
Miene, nur in seinen Augen leuchtete es freudig auf.
Er wußte also, was der Andere meinte, und sich
selbst vergessend, sagte er: ,Ich habe sie noch nicht
gehört!r'
,. Wen? fragte der Doktor, den die Jugendlaune
überkam.
,Die Fremde, welche bei der Mutter neulich vor-
sprach, und die bei Euch zur Kur ist!? sezte er
hinzu.
, Kommn einmal herüber!'' sagte der Doktor. , Sie
singt sehr oft und viel, und sie wird vor Dir sehr
gerne singen; denn wirklich, sie bewundert Dich. Für
den heutigen Nachmittag habe ich den Herrn Abt bei
unsern Damen anzumelden!'
Er zog bei den Worten die eigene Ühr heraus,
und machte sich mit einem eiligen Lebewohl auf seinen
Weg.

Kapitel 18

A
Zchhzehnes Cnpitel

IF Baronin hatte den Kaffeetisch selbst geordnet,
sie wollte wenigstens Alles gethan haben, was an ihr
war, den verehrten Gast gebührend zu empfangen und
ihm das Verweilen in ihrer einstweiligen Behausung
angenehm zu machen. Auch die Wirthin, der zum
ersten Male die Ehre widerfuhr, den hochwürdigen
Herrn Abt über ihre Schwelle treten zu sehen, hatte
sich beeifert, das ohnehin saubere und freundlich ge-
haltene Haus in seinem besten Lichte erscheinen zu
machen.
Nur Viktorine ließ sich in ihren gewohnten Be-
schäftigungen nicht im Geringsten stören. Sie saß
auf der Gallerie, ihre frisch gepflückten Pflanzen für
das Herbarium ordnend, ohne darauf zu achten, wie
die Baronin die Sessel anders stellen ließ, wie sie


- -b ?
gg
A
diesen Vorhang schloß und jenen öffnete, wie sie das
mitgebrachte silberne Kaffeegeräth in das rechte Licht
zu sezen und zierlich aufzustellen suchte.
Daß man sich um Etwas, was sie vorhatte,
nicht bekümmerte, konnte die Baronin in dem nie
weichenden Gefühle ihrer großen Wichtigkeit jedoch
nicht lange ertragen.
Wie kann man sich nur in dieses Mumen-
trocknen so versenken!' rief sie der Tochter zu.
,Man muß sich hienieden doch die Zeit ver-
treiben, bis man in den Himmel kommt, Mamal
gab die Tocht. ihr zur Antwort; und mit der Keck-
heit deö verzogenen Kindes, welches am Wenigsten die
eigene Mutter schonte, sezte sie hinzu: ,Es sucht eben
ein Jeder auf seine Weise, Mama, wie er sich durch
das Leben schlägt, und wie er sich die Aussicht in den
Himmel öffnet! Du hast die Koketterie des Silber-
-zenges, und hoffst Dir mit Deinem Moceakaffee den
Weg des Heils zu ebnen und zu kürzen; ich verlasse
mich eitel auf mein holdes Selbst, und will versuchen,
ob ich mir nicht des Jenseits Pforten mit Gesang er-
schließen kann. Selig werden muß, wie der alte
Preußenkönig es gesagt hat, doch ein Jeder auf die
eigene Fagon.?
K
-
?
k

N?
Die Baronin zeigte sich verletzt. Sie nannte die
Leichtfertigkeit der Tochter unverantwortlich, sie ver-
ficherte ihr, daß sie sie damit ängstige, daß sie ihr den
Seelenfrieden damit raube, dessen sie so nöthig habe.
Sie schalt sie ihres Vaters rechte Tochter, die für
Nichts Empfindung habe, als für die Befriedigung
ihrer jedesmaligen Laune; fie sprach sich rasch in
Zorn, und that danach gerührt.
Viktorine stand am Spiegel und ordnete die
schönen Flechten ihres Haares, und ringelte die langen
schwarzen Locken über die Finger, um sie dann frisch
und glänzend auf die vollen Schultern niederfallen zu
lassen. Sie war ausschließlich nur mit sich beschäftigt.
Mit einem Male wendete sie sich um.
,Rege Dich nicht auf, Mama!r sagte sie, indem
sie die Hände auf der Mutter Schulter legte, und sie
auf die Stirn küßte. ,Es macht Dich gleich so roth,
und Du weißt, die starke Röthe kleidet Dich nicht gut.
Ich bin auch nicht so gottlos als ich Dir erscheine,
Du--- Nun Mama! so weltentfremdet und so
himmelssehnsüchtig, als Du es glaubst, bist Du wirk- -
lich nicht; und jept sind wir ja noch allein. Kann
ich dafür, wenn ich nicht rasch begreife, wenn ich noch

28
fest wurzle in dem alten irdischen Sündenboden, dem
ich entsprossen bin?
Die Mutter sah sie mit einer Art von Schrecken
an. Viktorine lachte laut und herzlich.,Sei un-
besorgt, Mama ! sagte sie. ,e fester ich in meinem
alten mir vertrauten Boden stehe. um so dreister und
sicherer kann ich die Augen und die Hände hoch er-
heben, um zu erlangen, was mein Herz begehrt. Laß
mich gehen, wie ich mag! Laß mich ergreifen, wo-
nach es mich gelüstet: zunächst in jedem Augenblick
das Nächste, und,'' fügte sie mit neuem Scherz hinzu,
,, bete Du nur immer recht mit Eifer für mein Seelen-
heil, während ich mir hienieden das Leben zu ver-
schönen trachte wie ich mag und kann. Ich bin nun
einmal ein Vergnügling! Dein allweiser Gott hat
mich dazu erschaffen. Kann ich das ändern? Und
könnte ich's, wärst Du im Stande es zu wollen?
Wolltest Du mich anders haben, als ich bin, Mama?
Die Mutter drückte sie an ihr Herz. ,Gott er-
halte Dich!' rief sie, von der Tochter kokettem Lieb-
reiz überwältigt. ,Wie Du heut wieder schön bist!
Und die Farbe, die Du hast, seit wir hier oben sind!
Man gönnt sich's nicht allein! Heute müßte der
A

26
Graf Dich einmal sehen! oder die Friedemanns, die
sich so viel mit ihren Farben wissen. Schade daß es
hier so einsam ist!
,, Einsam? wiederholte die Tochter, zwir haben
ja den Pater Theophil, wir haben unsern hoch ge-
lehrten jungen Doktor, haben den schönen geheimniß-
vollen Pater Benedikt, auf dessen Bekanntschaft ich
förmlich lüstern bin - und da kommt auch schon der
Abt! -- Du bist sehr anspruchsvoll, Mama! Ich unter-
halte mich und finde mich in jede Lage, indem ich
mir ein Ziel vorseze. Warte nuur, Du sollst es noch
erleben, Mama! Ich singe dem Abte wie dem Bischof,
noch die Biondina vor, und stelle noch dies Haus, das
Thal, das Kloster auf den Kopf.?
Sie hielt in ihrem phantastischen Plaudern inne,
denn der Diener meldete Seine Hochwürden den Herrn
Abt. Die beiden Frauen erhoben sich. Der Ausdruck
schelmischen Nebermuths verschwand von Viktorinens
Antliz, Mutter und Tochter gingen dem hochverehrten
Gaste entgegen, ihn schon in dem Vorsaal gebührend
zu begrüßen.
Der Pater, welcher ihm bis an des Hauses
Schwelle das Geleit gegeben, hatte ihn verlassen, der
Abt besuchte die beiden Fremden ganz allein; und

N
wenn er auch, ohne ihn abzuwehren, der Frauen Hand-
kuß annahm, so zeigte doch die gute Art, in welcher
er die Baronin nach ihrem Sessel führte, ebenso wie
die Freundlichkeit, mit der er zwischen ihr und ihrer
Tochter Plaz nahm, daß er gekommen sei, die Auf-
wartung, welche die beiden Frauen dem geistlichen
Herrn gemacht hatten, als Weltmann zu erwidern.
Er war viel herumgekommen in seinen jüngern
Jahren, hatte sich in Rom zu verschiedenen Malen -
aufgehalten, und war seiner Zeit im Auftrag seines
Ordens in Frankreich, wie in Spanien und in ßor-
tugal gewesen, die dortigen Klöster und ihre Biblio-
theken kennen zu lernen. Er wußte, während er sich
nach denjenigen Personen seiner Bekanntschaft er-
kundigte, mit denen die Frauen möglicher Weise in -
Berührung gekommen sein konnten, es geschickt zu
verrahen, daß er gleich ihnen einem reichen Kauf-
mannsgeschlecht entstamme, wie er daneben nicht an-
zudeuten unterließ, daß es ihm in den Lebenssphären,
denen der neue Baron und die Frauen sich anzu-
schließen getrachtet hatten, an weitreichenden Ver-
bindungen nicht fehle.
Die Baronin hörte ihn mit Bewunderung sprechen.
Seine große Neberlegenheit und Viktorinens gesell-

Au
schaftlicher Takt hielten sie in angemessenen Schranken,
ja sie machten ihr die Schaustellung ihrer Frömmig-
keit, wie ihre sonstigen kleinen Zierereien und gelegent-
lichen Prahlereien fast unmöglich. Sie konnte gar
nicht dazu kommen, von den Herrlichkeiten, welche sie
besaß, von den Auszeichnungen, deren sie genoß, von
dem Einfluß ihres Mannes, und noch weniger von
den Vorzügen zu sprechen, welche ihrer Tochter vor
allen anderen Frauenzimmern eigen waren. Denn
Viktorine hatte frühzeitig erlernt, der Mutter wie dem
Vater, wo es erfordert war, das ungehörige Wort
auf das Geschickteste zu entziehen; und wenn die
Baronin nur der Genugthuung theilhaftig ward, daß
ihre Tochter nach Gebühr gewürdigt wurde, daß sie
dem Vater schreiben und später es allen Verwandten
und Bekannten sagen konnte, wie auch der Abt des
Benediktiner-Klosters von ihrer Viktorine ganz be-
zaubert gewesen sei, so hatte sie für den gegenwärtigen
Fall ihren Kostenpreis heraus, und konnte ihrem
Seelenheile unter des Paters Leitung obliegen, an
dessen huldigender Bewunderung für ihre Tochter ihr
nicht eben viel gelegen war.
Freilich versuchte sie es zu verschiedenen Malen,
dem Abte näher zu kommen, indem sie auch ihm er-


L
ey

zählte, was sie dem Pater zum Defteren schon wieder-
holl, wie sie und der Baron im Geben und im
Helfen ihre größte Befriedigung genössen; Viktorine
war jedoch gleich bei der Hand, sie mit einem Scherze
an der Fortsezung dieser Erklärungen zu hindern.
, Werden Hochwürden mich verdammen,' sagte
sie,,wenn ich Ihnen bekenne, daß mir an dem so-
genannten eigentlichen Bedürfnißß meiner Mitmenschen
weit weniger gelegen ist, als an ihrer Freude?
Es war das auch wieder eine von den Behaup-
tungen, welche sie wie Leuchtkugeln funkelnd in die
I
Höhe zu werfen liebte, obschon sie wußte, daß sie un-
haltbar wären und leicht in Nichts zusammenfielen;
aber sie glänzten doch für einen Augenblick, und
unterhielten sie und auch die Anderen während eines
solchen, und das war ihr genng.
Der Abt neigte freundlich sein kluges Haupt.
,Das ist natürlich, entgegnete er, ,da Sie die
Vorstellung nicht haben, was die Entbehrung des
Nothwendigen bedeutet; aber wenn Sie sich mit der
Frau Baronin nach dem in der Welt beliebten neuen
Grundsatz in die Arbeit theilen, wenn die Frau
Mutter dem Nothwendigen begegnet, und Sie das
Schöne und Erfreuliche hinzuthun, so wird man
z
z
T
I

-A
Wu


doppelt zu segnen haben, was auf diese Weise geleistet
werden kann.
Er ließ es dabei kurz bewenden; das hatte Viktorine
nicht erwartet. Es machte sie also verlegen und es
war ihr deshalb sehr willkommen, als der Abt ihr
sagte, da sie zu erfreuen liebe, wolle er sie daran
mahnen, daß er sie singen hören solle. Sie ließ sich
dazu nicht erst bitten, sondern erhob sich alsobald und
sezte sich an das Instrument.
Es war ein geringes viel benutztes Pianino,
indeß sie wußte es gut zu behandeln, so daß man es
gerne hören mochte, und nach einigen einleitenden
Akkorden intonirte sie das mächtige Adoramus von
Palästrina, das vor einigen Tagen auch in der Kirche
gesungen worden war.
Der Abt belobte sie, als sie es beendet hatte.
Er verstand Musik zu würdigen, er hatte auf seinen
Reisen die Meisterwerke der geistlichen Musik in voll-
endeten Ausführungen kennen lernen, und es gefiel
ihm, sich als Kenner zeigen zu dürfen. Das machte
Viktorinen Lust, zu singen. Sie trug, da der Abt
sie dazu aufforderte, ihm noch das alte It inaarnstus
est von Josquin de Prss aus dem fünfzehnten Jahr-
h.?? = === ===- =====-

Ne
A
-T
stammenden Lobgesang auf Rom, das herrliche: ß loms
nohilis vor, das der Abt nicht kannte, und das einen
lebhaften Eindruck auf ihn machte.
Sie erbot sich bereitwillig, es für ihn aufzu-
schreiben.
z
T

A
s
, Von der schönen Tenorstimme gesungen,'' sagte
sie, ,die wir in Ihrer Kirche alltäglich neu bewun-
dern, muß das Lied noch eine ganz andere Wirkung -
machen als von der meinen; denn der getragene Ge-
-
sangg ist eigentlich nicht meine Stärke. Hätte ich mehr--
an die Befriedigung meiner Eitelkeit als an den ver-
muthlichen Geschmack von Hochwürden gedacht, so hätte
ich um die Erlaubniß gebeten, Ihnen ein paar der -
Volksliederchen vorsingen zu dürfen, mit denen ich den -
Herrn Bischof bisweilen während unseres gemeinsamen ?
Babeaufenthaltes erheitern durfte.?
Der Abt bat sie ganz nach ihrer Wahl und Nei-
gung zu verfahren. Er hatte Vergnüügen an dem ihm I
fremd gewordenen Verkehr mit Frauen aus der so-
genannten schönen Welt, er mochte sich auch nicht -'
strenger und abgeschlossener zeigen, als der Bischof es z
gethan hatie, und die italienischen und französischen I
Volkslieder glitten so leicht und spielend von der schönen -
-
Sängerin frischen vollen Lippen, daß er keinen An- Z
?
z
,

Ne
stoß daran nahm, als Viktorine endlich die Melodie
von der träumerischen Biondina anstimmte, und ihm ihr
Ds biomäins in gomäolets
D.'altra eers gh'o mens;
Dal gieer ls gorerste
Ds j's imbots. incormomrs.
D dormirs susto braaeo
Bi ogni tsrto ls srsgises
Ia la bares eke ninuNs
Ds tornurs u indormenrar.
in sanft gezogenem, weicher und weicher hinschmelzen-
dem Tone von Anfang bis zu Ende vortrug.
Sie stand dann auf, während ihr fiegesfroher
Blck die Mutter flüchtig suchte. Der Abt hatte sich
offenbar an dem Gesange erfreut, und sich überhaupt
die Stunde hindurch bei den Frauen sehr wohl unter-
halten.
Als er sich dann erhob, ihnen Lebewohl zu sagen,
sprach er dabei die Hoffnung aus, daß die Colonnade,
zu welcher das Kloster dem Doktor auf der Frau
Baronin Wunsch den nöthigen Grund und Boden
verpachtet habe, den beiden Frauen gute Dienste leisten
möge, die wiederzusehen, ehe sie das Thal verließen,
er in jedem Falle noch gedenke.
, Ulnd ich darf Hochwürden meine Abschrift senden?
fragte Viktorine.
zz

e
, Sie soll in unserer Bibliothek willkommen sein,?
versicherte der Abt, ,denn die geübteren unter den
musikalischen Zöglingen unserer Anstalt werden die
herrliche Hymne gewiß mit Nuzen und mit Dank
studiren.''
Die beiden Frauen folgten dem Abte, ehrerbietig
wie sie ihn empfangen hatten, auch bis hinab an des
Hauses Ausgang, wo die Wirthin und ihre Kinder
Ahn erwarteten. Der Doktor aber erbat und erhielt
von Abte die Erlaubniß, ihm bis in das Kloster das
Geleit zu geben.

Kapitel 19

eunzehntes Cnpiiel.

Ih« Besuch des Abtes in dem Kurhause wwar ein
wichtiges Ereigniß. Niemand konnte sich entsinnen,
daß ein Abt des Klosters sich zu einem solchen Schritte
je herbeigelassen, und man hette von dem bevorstehen-
den Ereigniß also den ganzen Morgen hindurch überall
gesprochen. Wer, wie die Kinder, von seinem Hause
fort, und von der Arbeit eben abkommen konnte, hatte
sich aufgemacht, zu sehen, wie der Abt das neue
Penfionat des Doktors durch seine Gegenwart beehren,
und wie lange er bei den fremden Frauen bleiben
würde, die dadurch in den Augen der Gemeinde eine
noch viel höhere Bedeutung erhielten.
Drüben, auf den Baumstämmen, die zum Auf-
arbeiten für den Bedarf des Winters vor dem Hause
lagen, hatten sich ein paar alte Frauen mit ihren

28

- A
A
A
A
l
Strickzeugen förmlich niedergelassen, um wo möglich
ihren Handkuß anzubringen und den Segen des Abtes
zu erlangen, wenn er das Haus verlassen würde; und
als dann Viktorinens Gesang erklungen, waren die
Leute herbeigekommen, ihn zu hören.
So hatte sich wieder einmal ein Theil Menschen
vor dem Hause versammelt, und die Schüler, die von
ihrem Spaziergang heimkehrend, dies schon von fern
erblickt, hatten ihren Führer angelegen, mit ihnen an der
Pension vorbeizugehen, um zu sehen, was es dorten
gäbe. Die eine Klasse war nach kurzem Stehenbleiben
bereits von dannen gegangen und in den Klosterhof
hinein gezegen, als Benedikt mit seinen Zöglingen in
die Nähe des Hauses kam, in welchem man den Abt
noch vermuthen konnte, und neugierig wie die Knaben
felber, ließ er einen Halt machen, als er Viktorinens
Gesang herniederschallen hörte.
Benedikt horchte hoch auf. Er hatte niemals
einen andern Gesang gehört, als den der Männer-
und Knabenstimmen in seinem Kloster, oder die Volks-
lieder, die aus den rohen Kehlen der Burschen und
Mädchen des Dorfes gelegentlich bis in die stillen
Zellen hineingedrungen waren. Die Töne aber, die
er jetzt vernahm, die waren etwas Anderes, waren

8
Etwas, wovon er die Vorstellung noch nicht gehabt
hatte, bis zu dieser Stunde.
Eine ihm ganz neue Empfindung, für deren Aus-
druck er nicht Worte hatte, durchströmte sein ganzes
Wesen, als die süßen wollüstigen Klänge der veneziani-
schen Barcarole von Viktorinens voller, kunstgeübter
Stimme, meisterhaft vorgetragen, sein Ohr berührten.
Er verstand die Worte nicht, aber die Melodie und
mehr noch ein unbestimmtes Etwas in der Stimme,
machten ihm das Herz erbeben, und bemächtigten sich
seiner mit unwwiderstehlicher Gewalt. Er mußte tief
aufathmen, um nicht zu weinen vor Angst, vor Freude.
Er hätte so stehen bleiben und diese Stimme hören
mögen fort und fort, und doch trieb es ihn von dan-
nen, und er wußte, daß er hier nicht weilen könne,
nicht einmal weilen dürfe.
Es kostete ihn eine Neberwindung, als er den
Knaben, die gleichfalls noch zu bleiben wünschten, das
Zeichen zum Aufbruch geben mußte; aber er hatte sich
mit ihnen schon entfernt und der Gesang war auch
bereits verstummt, als sein starkes musikalisches Ge-
dächtniß unwillkürlich noch die träumerisch süßen Klänge
wiederholte, als er noch immer den Ton jener Stimme
in der eignen Brust nachzittern fühlte.

8
-- - -e K J
-=es
Er war zerstreut bei seiner Arbeit, er fand die
gewohnte Sammlung auch nicht in der Kirche wieder,
als die Mönche sich zum Abendgottesdienste in dem
Chor versammelten. Fremde, weiche Melodien woll-
ten sich vordrängen durch die altgewohnten strengen
Weisen; und erst als er selber an der Orgel saß, kam
Stille und ernste Andacht über ihn, daß er Einkehr
halten konnte in sich selbst, und sich emporschwingen
konnte zu der Vorstellung, mit solchen Stimmen wie
diejenige, welche er heute vernommen hatte, werde
einst im Himmel lobgesungen werden vor dem Herrn
von den Geistern der Seligen, wenn die Erdenschwere
sie nicht mehr belaste.
Während dessen saß Viktorine an dem Theetisch
ihrer Mutter, an welchem der Doktor seinen Platz wie
immer eingenommen hatte.
Sie war, wie sie es nannte, im höchsten Grade
von den ausgezeichneten Manieren des Abtes ange-
than. Sie behauptete, sich förmlich geehrt und ge-
schmeichelt zu fühlen durch den Antheil, den er ihr
erwiesen, durch den Beifall,' welchen er ihr gezollt
habe; ,und, sezte sie hinzu, ,wenn ich nur wüßte,
nach welcher Seite hinaus seine Zimmer gelegen find,
so wollte ich als Bänkelsängerin dann und wann an

W88
seinen Fenstern vorüberziehen, und ihn mit noch weit
besseren und fröhlicherern Liedern unterhalten, als den-
jenigen, die ich ihm heute vorgesungen habe.?
,,Scherze nicht,'? warnte die Mutter, ,und miß-
brauche nicht die Nachsicht und Duldsamkeit, wwelche
der hohe geistliche Herr Dir heute bewiesen hat.?
,Nachsicht? Duldsamkeit? Rief Viktorine, die
jeder Einwand sofort zum Widerspruch reizte.,Wer
hindert denn das Volk, oder wer hindert die italieni-
schen Drehorgelspieler, wenn sie vor den Mauern des
Klosters vorüber wandern, ihre lustigsten Lieder abzu-
fingen? Und wenn meine lustigen Lieder die
frommen Brüder sehnsüchtig machen nach der
Lebenslust der Gottlosen- nun, um so besser! Sie
gewinnen dann doch eine Gelegenheit, sich in der
Selbstüberwindung zu erproben, einer Versuchung zu
widerstehen, ihre Tugend an der Verlockung zur
Sünde zu üben, und sich mit dem erhebenden Be-
wußtsein zur Ruhe zu legen, daß sie besser sind als
wir, daß sie nicht sind wie Unsereiner!r
Die Baronin fand sich der Tochter gegenüber ein
für alle Mal waffenlos. Ihre Versuche, sie zurecht zu
weisen, waren eben nur Scheingefechte, mit denen sie
sich und dem sogenannten Anftande ein schwaches

284
Genüge zu thun für nöthig hielt; denn von dem un-
vergleichlichen Geiste ihrer Viktorine und von deren
Unwuiderstehlichkeit ein für alle Mal überzeugt, blieb ihr
nach dem Anlauf, den sie wagte, doch niemals etwas
Anderes übrig, als die erneuerte Bewunderung ihrer
Tochter, uns die Aussicht auf die Freude, welche die
Wiederholung von Viktorinens Worten, dem Vater in
dem nächsten Briefe machen werde.
Anders jedoch verhielt sich's mit dem jungen
Arzte. Viktorine gefiel ihm immer weniger, je öfter
er sie sah. In demselben Grade aber, in welchem
das Wohlgefallen nachließ, das ihn anfangs zu ihr
zezogen hatte, nahm das Verlangen zu, diese ihm
völlig fremde Erscheinung kennen und verstehen zu
lernen. Er wollte wissen, was sie beabsichtigte, er
konnte nicht begreifen, was ihr an der Bewunderung
eines bejahrten Klostergeistlichen gelegen sein, oder
welchen Werth es für sie haben könne, einem jungen
Mönche zu begegnen, der gar Nichts gemein hatte mit
der Welt, die sie die ihre nannte; und er sprach es
ihr im Beisein ihrer Mutter unumwunden aus, wie
die Erklärungen, welche sie ihm neulich über ihr Ver-
halten gegeben habe, ihm dasselbe keineswegs verständ-
lich gemacht hätten.

285
Sie sah ihn, an und schüttelte erstaunt den Kopf.
,Ich weiß nicht, Doktor!r sagte sie, ,wie Sie es
angefangen haben, Ihre Studien zu absolviren und
alle die Lehren Ihrer Professoren in sich aufzu-
nehmen, wenn Sie so schwer verstehen und begreifen
und glauben wollen, was ich Ihnen nun doch schon
zu verschiedenen Malen klar und deutlich ausgesprochen
habe. Aber Shr gelehrten Herren müßt Mlles erst in
eine Formel bringen, um es Euch anzueignen. Nun
denn: Da haben Sie also die Formel kurz und klar
und einfach, daß Sie sie gar nicht mißverstehen
können: ich bin eine herzlose Kokette! =- Verstehen Sie
mich jetzt, und wissen Sie, was das bedeutet? Oder
soll ich's Ihnen erst beschwören, daß ich nicht leben
kann, ohne Eroberungen zu machen? Ich habe es
auf Ihre Eroberung, auf die Eroberung des Abtes
angelegt, und will mit eignen Augen sehen, wie sich
ein Naturkind in einer Benediktinerkutte gegenüber
einer herzlosen Kokette ausnimmt!- Ich bin so etwas
wie ein weiblicher Vampyr, wie eine Sphinx oder
eine Loreley,- Nur daß ich mich nicht gleich vom
Felsen stürze, wenn man das Räthsel löst, und auch
überhaupt nicht verlange, daß man sich vom Felsen
stürzt um meinetwillen!- Verstehen Sie mich jetzt?

28
und sind Sie jezt im Klaren mit mir und über mich
und über meine spukhafte Verderbniß?
Sie lachte dabei mit ihrem übermüthigsten Lachen,
so daß der Mutter erneute Abmahnung davor in
Nichts zusammenfiel, und der Doktor es unmöglich
fand, ihren Worten irgend eine ernsthafte Bedeutung
beizulegen. Einer Frau wie Viktorine gegenüber war
er selber ein Naturkind, und völlig unfähig, sich in
einen Charakter hineinzudenken, dem das Wagniß
einen Genuß gewährte, je dreister und bedenklicher es
war, und der eine Befriedigung darin empfand, durch
dies dreiste Wagen zu blenden und zu täuschen.
Sprudelnder vor ausgelassener Laune und lieb-
reizender als in dieser Stunde, hatte sie der Doktor
nie gesehen. Es verdroß ihn freilich, daß sie ihn
immerfort verspottete, daß sie ihm anrieth, allen Ernstes
vor ihr auf seiner Hut zu sein, daß sie ihn fragte, ob
er es denn nicht merke, wie sie just heute darauf aus-
gehe, ihn durch ihren falschen Freimuth sicher zu
machen, um ihn zu bezaubern. Er konnte ihr heute
weniger als jemals zürnen, und wider seinen Willen
blieb er weit über die gewohnte Stunde in den Zim-
mern der Baronin.
Als er sich dann entfernen wollte, reichte Viktorine

8?
ihm die Hand, und sie ihm treuherzig schüttelnd sprach
sie: ,Geben Sie sich nur zufrieden, Sie sind mir
nun einmal verfallen und ich lasse Sie nicht wieder
los. Aber warnen Sie der Sicherheit wegen immer-
hin den Pater Benedikt. Ich schreibe die alte römische
Hymne für den Herrn Abt auf, und sie soll gesungen
werden von den Klosterschülern. Daß ihm oder seinen
Schülern nur kein Schaden dadurch geschieht!?
,. Verlassen Sie sich darauf, daß ich es thue!?
entgegnete ihr der Doktor mit einer Art von Schrecken
und sehr ernsthaft.
,Aber thun Sie es bald!? scherzte Viktorine ,ich
komme Ihnen sonst zuvor!'

Kapitel 20

Eg war ein herrlicher Morgen, der dem Abend
folgte. Alles glänzte, Alles funkelte in der Natur.
Die Sonne und die Luft, der Schnee auf den Gipfeln
des Gebirges und die Gletscher unterhalb des Schnees,
die in wechselndem Farbenspiele leuchteten, je nachdem
der Sonnenschein sie traf. Die wallenden Wasser-
massen, die hier und dort herniederschossen, schimmerten
wie flüssiges Silber. Der Thau, der noch von den
Aesten der Bäume hernieder tropfte, glitzerte in buntem
Scheine, und an den Büschen und auf dem vollen
Gras der Wiesen, blinkte und strahlte es, als wäre
ein Diamantenregen auf das Thal herab gefallen.
Kein Lufthauch regte sich, kein Schall, kein Laut.
Die Stille war überwältigend, als Viktorine aus
dem Garten in die Wiesen ging. Sie hatte das helle
z

W9A
Morgenkleid ein Wenig aufgeschürzt, sich das Fort-
kommen zu erleichtern, ein feuerrother Shawl hing
über ihrem Arm, ihr Skizzenbuch trug sie in der
Hand.
An dem Steg, der über den Mühlbach führte,
blieb sie stehen. Die Erhabenheit der Natur über-
wältigte sie. Sie hielt sich an der leichten Lehne und
sah dem Verstäuben des Wassers zu, wie es von dem
breitgezahnten Rade der Klostermühle niederträufte,
und dann wieder in Eins gesammelt, rasch hinabschoß
durch das Thal, und weit und weiter bis hinunter in
den See.
,,Glänzen! schimmern! verstäuben und unter-
schiedslos verschwinden in dem Unerfaßbaren, das man
als das All bezeichnet!r sagte sie unoillkürlich zu sich
selbst, und es flog ein Schatten über ihre Züge. Aber
im nähsten Augenblick hob sie ihr Skizzenbuch empor
und schrieb stehenden Fußes den Gedanken, wie er ihr
gekommen war, in dem Buche nieder; denn er gefiel
ihr, ud sie wußte Jemand, dem er besser noch ge-
fallen ollte, wenn er ihn in einem Briefe von ihrer
Handschrift lesen würde.
Sie folgte dem Lauf des Wassers bis zu der
Stelle, da der Weg emporstieg in's Gehölz. Es wehte

W9
ihr aus den Büschen frisch und kühl entgegen, und so
leichten Fußes sie auch war, konnte sie nuur langsam
steigen, denn der Pfad war noch vom Thau getränkt
und glatt.
Eine Viertelstunde und darüber mochte sie so ge-
zangen sein, als es heller in dem dichten Holze wurde.
Breite Sonnenstrahlen fielen durch die Zweige, goldi-
ges Licht lagerte sich auf den altbemoosten Steinen.
Die Eidechsen schlüpften, sich zu sonnen, schnell hervor,
die Käfer erhoben sich, die trocken gewordenen Flüügel
regend, und aus dem Tannendickicht, das über dem
Laubgebüsch die Klostermatte einschloß, quoll warmer
Harzgeruch balsamisch auf.
Da Licht war blendend, als sie aus dem Holz
heraustrat, blendend selbst für Viktorinens Auge. Sie
mußte es flüchtig mit der Hand bedecken. Als sie dann
um sich schaute, sah sie den Pater Benediktus vor sich.
Er saß lesend auf einer der beiden Bänke, welche
da oben aus rohen Stämmen aufgerichtet waren.
Sein Hut lag neben ihm, das Sonnenlicht wob durch
die Aeste der beiden großen Lärchenbäume hellen
Schimmer um sein jugendliches Haupt.
Lls er Viktorine gewahrte, erhob er sich. --
, Bleiben Sie! Bleiben Sie ganz ruhig, Pater Bene-

W4
Ekt!? rief sie, indem sie mit freundlichem Gruße
rasch, wie es ihre Weise war, an ihn herantrat. ,Sch
gehe augenblicklich fort! Ich will Sie nicht in Ihrer
Andacht stören!?
Er hatte sein Buch zugeschlagen und den Hut zur
Hand genommen. ,Auch meines Verweilens ist hier
nicht mehr lange,! entgegnete er. ,Der Unterricht
beginnt um die siebente Stunde, ich muß hinab in
meine Klasse,?
,Und Sie gehen alle Morgen auf diese Matte,
sich im Gebete hier zu sammeln? fragte Viktorine.
Es fiel ihm nicht auf, daß sie sich von seiner
Gewohnheit unterrichtet zeigte, und nur dem letzten
Theile ihrer Frage begegnend, versetzte er: ,Ech glaube,
sich zu sammeln ist dies nicht der Ort. Selbst zum
Lesen ists hier oben fast zu schön!?
Die einfachen Worte überraschten sie, denn der
Ausdruck seiner Mienen, der Ton seiner Stimme
gaben ihnen eine besondere Bedeutung trotz der Zurück-
haltung, welche die klösterliche Zucht ihm angeeignet
hatte. Viktorine fand ihn schöner noch, als er ihr
bisher erschienen war, und auch das schüchterne Wohl-
gefallen entging ihr nicht, mit welchem er an ihrem
Antliz hing.

25
,Wie verschieden man empfindet!r bemerkte sie,
indem sie ihre Augen auf ihn ruhen ließ. ,Mich
macht das Betrachten dieser herrlichen Natur zu frohem
Dank geneigt, und weil Alles um mich her so schön
und so erhaben ist, frage ich mich hier weit eher als
sonst irgendwo: Bist du in Harmonie mit so viel
Schönheit? Bist du werth, sie zu genießen?-- Das
aber dünkt mich, das ist Andacht, ist Gebet und
Gottesdienst!r?
,Für Sie kann das wohl sein!'? versezte er.
,Sie kennen die Welt, welche jenseits dieser Berge
liegt; ich aber--' er brach mit einem Seufzer ab.
,Nun Sie? fragte Viktorine.
,Ich kenne Nichts als dieses Thal und diese
Berge! Ich bin zudem an jedem Tage hier! gab
er ihr zur Antwort.
, Und was fesselt Sie denn gerade an die Kloster-
matte?' fragte sie.
Er sah sie an, als verstehe er nicht, was sie mit
dieser Frage wolle. Er hatte sich gegen den Stamm
des Baumes gelehnt und die Arme in einander ge-
schlagen. Die Stellung war ebenso natürlich als an-
muthig; Viktorine, die sich auf der Bank niedergelassen,
hatte Freude an seinem Anblick.

2
,Ich meine,'' wiederholte sie, ,der Aufenthalt
hier oben muß Ihnen doch erwünscht sein, weil Sie
ihn immer wieder suchen.?
,Ich gehe hierher, sagte er mit trübem Lächeln,
,, wie ich mich bisweilen niedersetze an's Klavier -
ohne recht zu wissen, was ich will!?
, So sind Sie vermuthlich gewohnt, wie eine
Künstlerseele am Instrument zu phantasiren, und ge-
neigt zu träumen und zu schwärmen in der Einsam-
keit und Stille der Natur!r bemerkte sie.
Er blieb ihr die Antwort darauf schuldig; aber
das Roth, das seine Wangen färbte, und der erstaunte
Blick, mit welchem er sich zu ihr wendete, zeigten ihr,
daß sie ihn errathen habe.
,Ich habe Sie gestern singen hören! sagte er
dann plözlich, und hielt wieder inne.
, Und ich bin hier hinaufgekommen, um hier im
Freien einen Hymnus aufzuschreiben, den ich gestern
dem Hochwürdigen Herrn vorgesungen habe, einen
Lobgesang auf Rom, den er von Ihren Schülern
singen lassen will. Kennen Sie ihn vielleicht
schon?
Er verneinte dies. , So will ich Ihnen gleich
die erste Strophe singen,' sagte sie und mit Klarheit

N?
die Töne einfetzend, trug sie ihm den Anfang des alt-
ehrwürdigen Gesanges ror:
O Koma no bilis
Orbis et äomins,
Vunetarum urbium
Tpceellentissims;
Koaeo murtzrumm
Ssnguine rubes,
Albis et irgimuuu
Diliis eanäiäs.
Salatem äieimus
Dibi ger ormis.!
Do bensäieimus
SUlee ger sueeulul
Sie ließ das mächtige sulre ger sseeuls! in
lang getragenen Tönen voll und gewichtig ausklingen,
und sie selber fühlte sich davon ergrifen. Die Musit
erschien ihr in der tiefen Einsamkeit bedeutender, ihre
Stimme gewaltiger, der Klang der lateinischen Sprache
prächtiger, und die anbetenden Segensworte, die ein
Jahrtausend überdauert hatten, ehrwürdiger als je
zuvor.
Der junge Mönch stand regungslos vor ihr, die
Hände wie zum Gebet gefaltet, das Auge im Ent-
zücken an die Sängerin gebannt. Er hielt sich nur
mit Mühe, daß er nicht vor ihr niederkniete. Seine

98
Erschütterung rührte Viktorine und schmeichelte ihr
zugleich.
,Nicht wahr!r sagte sie, als der lezte Ton ver-
hallt war, , das lohnt des Aufbewahrens, das ist
groß!?
,Waren Sie in Rom?! fragte Benedikt, wie aus
einem Traum erwachend.
,Sa! zu verschiedenen Malen,? entgegnete sie
ihm. , llnd jedes Mal, wenn am fernen Horizonte
vor meinem Auge die Kuppel der Peterskirche sich in
ihrer Majestät erhob, habe ich der Milllonen von
Menschen gedacht, die durch die weite Fläche der
Eampagna pilgernd, bei dem gleichen Anblick das
ts beneäieimus, suuee ger sseoulu! mit begeisterter
Inbrunft ausgerufen haben.-- Sie müssen sehen
auch nach Rom zu kommen, Pater Benedikt, schon
als Musiker und Sänger!''
,Wenn ich wollen dürfte!r stieß er hervor und
drängte zurück, was ihm noch auf der Lippe schwebte.
Aber diese wenigen Minuten hatten wie ein urplözlich
hereingebrochener Orkan seine Seele aufgeregt. Wie
mühsam er sich zu beherrschen strebte, er vermochte
den Strom seiner Gedanken und Empfindungen in

W9
dem Augenblicke nicht einzudämmen in die ihm eng
und strenggezogene Schranke; und wider seine Absicht
fortgerissen, sagte er: ,Ich habe dieses Thales Grenze
nur ein einzig Mal, nuur als Knabe für wenig Stun-
den überschritten, und ob ich es in der Zukunft je
einmal verlassen werde, ob ich jemals hinauskommen
werde aus dem engen Kreise, den diese Berge und
unseres Klosters Mauern meinem Blicke ziehen, dar-
über zu entscheiden hab' ich nicht.?
,Aber Ihr Wünschen würde man vielleicht be-
achten!'? fiel sie ihm ein, weil die Leidenschaft in seiner
Stimme ihre Theilnahme erweckte.
,Mein Wünschen? wiederholte er, und hielt
wie vor sich selbst erschrocken auf das Neue inne. --
Seine Selbstbeherrschung machte Viktorine betroffen,
sie wußte nicht gleich, was sie ihm sagen sollte, und
ihr Schweigen gab dem Aufgeregten seine Fassung
und die ihm angewöhnte Haltung wieder.
,Ich habe nicht zu wünschen,' sagte er mit er-
lernter Gemessenheit, ,ich habe zu vertrauen in des
Herrn allweise Güte und meinen Oberen zu gehorchen.
Was sein Wille, was ihr Befehl mir zuerkennt, das
habe ih zu thun und zu segnen!'
Sein Auge senkte sich, wie er die Worte sprach;

7O
der helle Glanz der Jugend, der emporgeflammt war
in seinem schönen Anliz, war plötzlich wie erloschen,
und sich flüchtig vor ihr neigend, sagte er ihr, der ge-
sellschaftlichen Form nuur wenig kundig, ein kurzes
Lelewohl.
Sie sah ihm nach, wie er mit raschem Schritte
die Höhe niederstieg, bis er endlich in des Klosters
Mauern ihrem Blick entschwand.
,Der Schritt ist viel zu rasch und stolz für einen
Kl sterbruder; und zum Entsagen ist der nicht ge-
macht! sagte sie zu sich selbst. --- Dann sezte sie sich
nieder, nahm aus ihrem Skizzenbuche ein Notenblatt
hewvor und brachte, ihn leise singend, den alten Hymnus
zu Papier.
Ende des ersten Bandes.