Benedikt.
Fanny Lewald
Band 02
Titel

Benedikt
von
Fanny Lewald
Zweiter Theil

Chapter 01


Peaelne war an einem schönen, heißen Tage in
der Frühe ausgeritten, die Baronin nahm ihr zweites
Frühstück ein, die Wirthin stand ihr gegenüber. Die
Baronin befand sich wohl, sie war in bester Laune,
und rühmte es ganz besonders, wie gut man Alles
für sie zubereite. Die Wirthin sagte mit einfacher
Treuherzigkeit, es freue sie, wenn sie die Herrschaften
zufrieden stelle. Es sei ihr bange gewesen, daß es ihr
nicht gelingen würde.
,Cch!r sagte die Baronin, , man behilft sich ja
recht gern, wo man so viel guten Willen sieht, wenn
man es freilich zu Hause auch ganz anders hat und
Besseres gewöhnt ist.? =- Sie rührte dabei langsam
ihre Chokolade um, genoß ein paar Löffel davon,

und meinte dann:,Unser Koch ist berühmt für seine
Chokoladen - er ist überhaupt berühmt der beste
Koch der Stadt! Ich halte darauf, nicht um meinet-
willen,'' sezte sie hinzu. ,Sie sehen ja, ich verlange
wenig, ich genieße auch nicht viel-- aber es paßt
sich so! -- Wissen Sie, es kommt uns so zu, und es
muß auch so sein. Viktorinchen hat Recht darin, es
muß Alles harmoniren, Alles!
Die Wirthin sagte, das sei gewiß sehr richtig und
es verstehe sich ja von selbst, daß man sich das Beste
schaffe, wenn man es bezahlen könne.
, Es ist nicht um den Genuß ! fing die Baronin
wieder an, ,es ist nur um den Anstand!-- Aber
sezen Sie sich doch!'- schaltete sie plözlich ein --
, sezen Sie sich, es ist ja weiter Niemand hier, und
wirklich, ich habe Sie sehr gern.?
Die Wirthin nannte das eine große Ehre für
sich und ließ sich, da sie gerade Besseres nicht zu thun
hatte, bei ihrem Gaste mit der Bemerkung nieder,
ein Weilchen könne sie schon bleiben.
,Wirklich! ich bewundere Ihre Thätigkeit!r ver-
sicherte die Baronin. ,Wenn ich es mir so bedenke,
daß Sie früh den Mann verloren und Mlles selbst
in die Hand genommen, und die Kinder erzogen, und

Alles so auf ein bestimmtes Ziel geleitet haben-- ich
bewundere das.?
Die Wirthin nahm das ruhig hin. ,Das Msen
ist ein guter Lehrmeister,? sagte sie mit ihrer klugen
Schlichtheit, ,da ist kein groß Bewundern dabei; und
wenn Einer ganz sicher weiß, daß ihm kein Andcer
hilft, so lernt er sich bald selber helfen. Ich haite
eben keine Wahll?
,Ja! das ist ea !? fiel die Baronin ein, der
nie darauf ankam, zu hören, was ein Anderer dachte
oder gethan hatte --- ,das ist ein Glück! Sie hatten
keine Wahl! und Ihre Kinder auch nicht. Aber unfer
Herrgott hat nicht jeder Mutter ihre Aufgabe so leiht
gestellt, als Ihnen hier in Ihrer Einsamkeit!' sezte
sie hinzu, es völlig vergessend, daß sie die Wirthin
eben erst um der Art und Weise willen bewundert
hatte, in welcher sie ihr und der Ihren Schicksale
zu leiten verstanden hatte. -,Ihre Aufgabe war
leicht, und man sollte das auch von der meinen denken,
denn Viktorinchen ist ja gut und schön -- es giebt
ja gar kein Mädchen so wie sie - aber --- was hilft
das Alles!-- Kann ich sagen, zuversichtlich sagen: ich
kann mein Kind glücklich machen, wie ich es wünsche?
-- Ich kann es nicht!'?

-,Man sollte doch denken,? meinte die Wirthin,
F =wennn man das Fräulein sieht, daß ihm zu seinem
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Gläcke gar Nichts fehle.?
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-' ,Heute nicht - und morgen nicht!? seufzte die
Mutter, indem sie die Augenbrauen mit sehr sprechen-
dem Ausdruck in die Höhe zog -= ,aber-- ich würde
das nicht Jedem sagen, indeß vor Ihnen thut es
Nichts, Viktorinchen ist bald dreißig Jahre --- und
dreißig Jahre, das ist ein Abschnitt, selbst für ein
Mäbchen, dem man es nicht ansieht, und daß unsere -
Tochter eines reichen, eines- warum soll ich das
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nicht sagen? - eines sehr reichen Mannes, vornehmer
Leute, eines großen Hauses Kind ist.-- Gott hat
uns mit Hab und Gut gesegnet und sie ist unser
einzig Kind!?
- ,a hat sie also nur zu wählen,? sagte die
Wirihin, ,wenn sie sich verändern will.?
,Das hat sie! und das hat sie ja gehabt, seit
sie uns herangewachsen ist! Die größten Partien!
Junge schöne Männer von den ersten Häusern in
ganz Deutschländ und aus Frankreich. Sie hätte Alles
haben können! einen Fould! einen Pereyre! einen
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Rothschild! denken Sie sich!'' sagte die Baronin, des
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Die aber mußte mit jenen Namen offenbar die
richtige Vorstellung doch nicht verbinden, denn sie
sagte einfach: ,Sie haben ihr also wahrscheinlich nicht
gefallen, und sie will warten, bis der Rechte kommt!
Da thut sie wohl daran!r
,Wohl! wohl! erwiderte die Mutter, ,was heißt
wohl? Es waren Millionaire, große Namen! Sie
hätte ein Haus, ein großes Haus, ein erstes Haus
machen können, wo sie gewollt hätte! Aber sie wollte
keine Convenienz-Partie - sie wollte eine Liebes-
Heirath. Gut! Sie konnte das auch haben! Mlles
haben! Es kamen Cavaliere aus alten Familien,
Männer vom Hofe! - Hat sie sie genommen?-
Sie wollen mein Geld! hat sie gesagt und hat den
Einen fortgeschickt und den Andern fortgeschickt =e
,,Es wird nicht der Lezte gewesen sein!? tröstete
die Wirthin.
, Gewiß nicht! Viktorinchen ist ja heut noch
reizend! Haben Sies nicht gesehen, der Herr Abt
war auch von ihr bezaubert, bezaubert sag' ich Ihnen!
Und selbst der ernste Pater Theophilus kann seine
strenge Miene nicht behalten, sowie sie ihn nur an-
lacht! Sie hätten sehen sollen, wie der Bischof ihr
gehuldigt hat in diesem Sommer. Er und sein Neffe,

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der schöne Graf Stefano - alter, ganz alter Adel!
römischer Adel - und ein Mann!-- Sie machen
sich keine Idee von ihm!-- Wie gern hätte der
Bischof es gehabt! und ich - wie gern!
,Und das Fräulein hat auch diesen nicht gemocht?
fragte die Wirthin.,So hat es vielleicht heimlich
einen Andern im Sinn?
-- ,Gott bewahre! Gott bewahre! Freilich im Sinne
- hat Viktorinchen immer Etwas, denn ich glaube, sie
hat eine wunderbare Phantasie; und hätte unser Herr-
gott uns nicht so mit Hab und Gut gesegnet, daß
sie's Gottlob nicht nöthig hat, so hätte sie etwas
Großes werden können: eine Malerin, eine Dichterin,
eine große Sängerin; denn sie kann Alles, was sie
will. Es ist ihr Alles nur ein Spiel und was ihr
gerade in den Sinn kommt, das ist ihr in dem Augen-
blicke Alles. Jezt hat sie hier nur das Thal und das
Kloster und den Abt und den jungen Menschen --
den Mönch- wie heißt er nur? im Sinne, -
aber,? - sie bog sich vertraulich zu der Wirthin hin-
über und sagte: ,Sie sind doch auch Mutter und
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? wvenn Ihre Verhältnisse auch nur klein sind, so werden
Sie mich doch verstehen!-- Könnten Sie mir viel-
Z leicht hier oben, in einem der Nachbarhäuser ein
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Quartier ausfinden - ein anständiges Quartier?=-
Sie verstehen mich doch?
Die Wirthin mußte bedauernd und sich ent-
schuldigend erklären, daß sie leider die Absicht der
Baronin nicht errathe.
,Nicht?-- Merkwürdig! und Sie sind doch eine
sehr gescheidte Frau! Sehen Sie, fuhr sie fort, in-
dem sie näher an die Aufhorchende heranrückte und
sich vorsichtig umsah, ob Niemand in der Nähe sei,
,es kommt Alles auf die Fassung an -= auf die
rechte Fassung, meine ich - bei Juwelen und auch
sonst! -- Und der Graf ist ein Mann, wie man
keinen Andern findet. Solch einen Solitair muß
man für sich selber, ohne alle Fassung glänzen lassen!
Das habe ich meinem Manne, hat mein Mann auch
dem Herrn Bischof gleich geschrieben, als wir uns hier
niedergelassen hatten - und er ist dazu bereit!'
,Wer? Wozu? fragte die Wirthin, der die
Baronin immer unverständlicher wurde, je behutsamer
dieselbe sich auszudrücken strebte.
,Der Graf!r sagte diese endlich. ,Er ist Oberst in
der Nobelgarde Seiner Heiligkeit, er kann nicht immer,
wie er möchte, von dem Dienste fort. Aber er wird
herkommen in fünf, sechs Wochen, wenn meine Kur

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beendet ist. Hier oben, wenn Viktorinchen keine
andere Zerstreuungen hat, wenn sie sich nur die Zeit
nimmt, ihn kennen zu lernen-- wenn sie sehen wird,
daß er sich nicht hat abschrecken lassen- daß er be-
harrlich ist! Und stellen Sie sich vor, ein leiblicher
Großneffe Seiner Heiligkeit! -- ein leiblicher Groß-
neffe! - Wenn ich das erlebte!-- Sie können sich's
nicht denken!- Welchen Palast sie wollten, würde
mein Mann ihnen kaufen in Rom! welchen sie nur
wöllten!?
Nun endlich wußte die Wirthin doch, worauf es
abgesehen war, und sie versprach, für das Nöthige
zu sorgen, wobei die Baronin es ihr denn zur heiligen
Pflicht machte, von der Sache weder dem Doktor noch
der Tochter das Geringste
aber keine Andeutung fallen
es kund geben könnte, daß
Bunde mit dem Grafen
zu offenbaren; vor Allem
zu lassen, welche Viktorinen
ihre Eltern irgend wie im
wären. ,Sie hat so ein
poetisches Gemüth! sie ist so romantisch! sagte sie,
,ein Naturkind in der großen Welt! ein Wunder für
uns selbst! Alle Leute, die sie kennen, sagen es, es
ist nicht zu glauben, wie sie ist!?
- Sie hatte die lezten Worte noch nicht vollendet,
als Viktorine in das Zimmer eintrat. ,Von wem
?

ist die Rede? wer ist die Unglaubliche? fragte sie,
indem sie mit ihren schönen Augen heiter um sich
bllckte.
Ein süßliches Lächeln glänzte auf der Mutter
Antliz. ,Wer sonst als Du mein Herz! Sehen Sie,
wie sie aussieht! -- Wie das Leben! Gott sei
Dank!?
,ch so!? elef Vktorine, und sich zu der Wirthin
wendend, versezte sie mit einem dreisten Spotte, der
ihr aber wohl anstand: ,Ich fürchte, Sie werden
mich bald so satt haben, als ich mich selbst. Es giebt
ja gar nichts Vernichtenderes für das Wohlgefallen, für
das der Anderen wie für das eigene, als wenn man
sich von Kindheit auf, an jedem Tage immer wieder
als ein Wunder aufgetischt wird! Ich bin mir zum
Neberdruß dadurch geworden, und Jeder, der mich zu
bewundern vorgiebt, ist mir's ebensol'?
,Viktorinchen!r tadelte die Multer.
,Kann ich's ändern? entgegnete die Tochter.
,Ich suche ja seit Jahren einen Menschen, der mich
nicht mag, und der mich meidet, um-'
, Um was zu thun, mein Engel? fragte die
Baronin.
,, Ulm endlich einmal Eiwas zu haben, was mir

nicht angeboten wird; was ich mühsam wie ein Anderer
erringen muß: und um mich aus reinem Widerspruch,
zum Zeitvertreib, in eine Leidenschaft für ihn zu stürzen!r
betheuerte Viktorine, während sie in bester Laune auf
die Gallerie hinausging.
DieWirthin machte ein bedenkliches Gesicht. Ihr
schlichter gesunderVerstand errieth die schlimmeWahrheit,
welche sich hinter diesem übermüthigen Scherz verbarg.
Sie dankte ihrem Schöpfer, daß der Doktor seiner
Braut von Herzen eigen war; aber sie war doch weit
davon entfernt, zu ahnen, wie rückhaltlos sich Viktorine
in den Worten preiögegeben hatte.
Schon zwwei Tage hintereinander war sie Morgens
hinaufgestiegen nach der Klostermatte, ohne dort, wie
sie es erwartet hatte, dem jungen Mönche wieder zu
begegnen. Das beschäftigte sie und machte sie un-
geduldig. Hielt man ihn ab, seinen gewohnten Morgen-
gang zu machen? Hatte er freiwillig darauf ver-
zichtet? und weshalb das Eine? oder weshalb das
Andere? Wußte man im Kloster, daß sie ihn allein
gesprochen hatte? hatte er es erzählt? gebeichtet? Wich

er aus freiem Willen einem erneueten tusammen-
treffen aus, weil er sie gefährlich für sich glaubte?
T z - Sie häite das wissen mögen!-- Sie sah ihn
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nimmer noch in seiner anbetenden Bewunderung vor
sich stehen, die schönen Augen auf sie gerichtet. Mit
solcher Inbrunst hatte ihrem Gesange noch nie zuvor
ein Mensch gelauscht. Der Ausdruck seiner Mienen,
seine Stellung, hatten sich ihr mit großer Deutlichkeit
eingeprägt, so deutlich, daß sie meinte, sie wieder
geben zu können. Sie hatte es gestern versucht, ihn
aus der Erinnerung zu zeichnen, sie versuchte es heut
nochmals, es hatte ihr nicht gelingen wollen. Die alten
vortrefflichen Maler, die hatten es verstanden, solche
unschuldsvolle Anbetung zu malen. Sie vermochte es
nicht - und wie sollte sie es auch? So hatte ja
noch Niemand vor ihr dagestanden? Solch eine Hin-
gebung konnte nur in dem Schuze von Klostermauern
noch gedeihen!
Sie hatte den Hymnus zierlich in das Reine ab-
geschrieben, den Anfang mit einem schön gemalten
Buchstaben verziert; nun sah sie ihre Arbeit noch ein-
mal sorgsam durch, und sandte sie mit einigen ver-
ehrungsvollen Zeilen in das Kloster hinüber. Der
Diener war vorgelassen worden und brachte ihr des
Abtes persönlichen Dank. Er werde den Hymnus
sehr bald im Kloster singen lassen, hatte er gesagt.
Das genügte Viktorinen nicht. Sie selber wollte

ihn von Benediktus hören, für dessen Stimmlage sie
ihn aufgeschrieben hatte. Am Abend, als sie mit der
Baronin wie an jedem Tage der Vesper beiwohnte,
hörte sie ihn die gewohnten Strophen intoniren. Es
war der Schluß des Abendsegens, aber er sang ihn
seit zwei Tagen schöner noch alö sonst. Es schien, als
habe er von ihr gelernt wie man die Töne durch
langsam getragene Verbindung mächtiger ausklingen
lassen könne.
Unter dem Portale traf sie mit Jakobäa und mit
den Schwestern Benedikts zusammen. Sie und die
Baronin hatten ab und zu ein paar Worte mit den
Frauen gewechselt, heute stellte sie sich ihnen, als sie
-draußen auf der breiten Freitreppe der Kirche waren,
plözlich in den Weg.
Sie sagte, die Mutter und sie hätten schon die
ganze Woche hindurch einmal die Schwestern in dem
Armenhause besuchen wollen, aber wenn man Nichts
zu thun habe, theile man seine Zeit nicht ein, und
lasse sie ungenuzt verstreichen.
- Es war nun zwwar von einem Gange nach dem
Armenhause zwischen ihr und der Baronin die Rede
nie gewesen, indeß die Leztere grif den Gedanken
angenblicklich auf. Sie erkundigte sich um die Zahl

der Alten, der Kranken und der Waisen, die man
dort zu verpflegen habe; sie hatte solche Fragen, da
sie Wohlthaten zu üben gewohnt war, oft gethan, sie
und die Tochter zeigten also Einsicht in dasjenige,
worauf es in solchen Anstalten vor allem Andern an-
kam, und das gefiel den frommen Schwestern, gefiel
auch Jakobäa, die sich dadurch gegen ihre Weise zum
Verweilen bestimmen ließ.
Die Abrede für den Besuch des Armenhauses
wurde dann genommen, die Schwestern gingen mit
ihrem freundlich bescheidenen Gruße schnell, die ver-
säumten Augenblicke einzuholen, ihrem Hause zu, und
wie danach auch Jakobäa sich entfernen wollte, meinte
Viktorine, der Sonnenuntergang verspreche heute be-
sonderö schön zu werden, sie möchte noch spazieren gehen.
,Doch nicht allein! jezt, wo die Sonne bald her-
unter istl' meinte die Baronin.
, Frau Jakobäa, nehmen Sie mich mit!' bat
Viktorine, als komme ihr das eben in den Sinn.
,Es thut Ihnen Niemand Etwas ! sagte Jakobäa,
,, Sie können hier in Gottes Namen gehen, wann und
wo Sie immer wollen.
,Gewiß,'' entgegnete daö Fräulein, , ich bin auch
keineöwegs ängstlich, nur die Mutter ist'd.?

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,So kommen Sie!r sprach Jakobäa.
,Jean soll mich holen kommen, sagte Viktorine
zur Mutter gewendet, ,und mir einen Shawl mit-
bringen, ich werde oben bei Frau Jakobäa auf ihn
warten.?
Die Mutter rieth der Tochter noch, sich ja nicht
zu erhizen oder zu erkälten, und Dies und Jenes zu
thun und nicht zu thun, und ging darauf allein die
; kleine Strecke in die Penfion zurück.
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Kapitel 02

Sweiies Enpitel
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F. Lewalb, Benebikt. .

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Pe, »te Bergbewohner, stieg Frau Jakobäa lang-
sam den Berg hinauf, Viktorine hatte ihren Schritt
zu mäßigen, wenn sie an ihrer Seite bleiben wollte.
So gingen sie ein Ende schweigend neben einander
her. Mit einem Male fragte das Fräulein, ob Jakobäa
die Vesper auch zur Winterszeit besuche?
,lle Tage!' gab sie ihr zur Antwort ,und die
Frühmette ebenso!'?
Das Fräulein meinte, in der schlechten Jahres-
zeit müsse das beschwerlich sein, und bei schlechtem
Wetter ganz besonders.
,Man gewöhnt's! versezte darauf die Andere.
,Sie sehen dabei freilich Ihre Töchter und hören
Pater Benediktus singen!r bemerkte das Fräulein,
ohne daß Jakobäa eine Antwort darauf gab.

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Inzwischen waren sie eine Strecke über das Dorf
hinausgekommen und Viktorine blieb stehen, weil
hinter dem schroffen Grat des Berges, der das Thal
gegen Osten abschloß, plözlich der Mond empor stieg,
und der Abendstern zu funkeln anfing, während der
letzte Streif des Sonnenballes noch im Verschwin-
den war.
,Welch ein wundervoller Anblick! welch' eine
unvergleichliche Farbenpracht!' rief sie umwillkürlich
alS. ---
Jakobäa blieb ebenfalls stehen , Ja,' sagte sie,
,schön ist's. Einstmalen hat mich's auch gefreut.?
, Und freut Sie's jetzt nicht mehr?
, Wenn mich grad Einer darauf bringt. Von selber
acht' ich nicht darauf!'r sagte Jakobäa.
Die ganze furchtbare Vereinsamung der finstern
Frau sprach aus diesen ihren Worten, und ohne zu
F bedenken, was sie damit that, rief Viktorine: , Gewiß!
Zum Freuen gehören ihrer Zwei!''
,Was wissen Sie davon! Sie sind ja noch
allein!r warf Jakobäa hin, sich an ihr erstes Zu-
sammentreffen mit der Fremden offenbar erinnernd.
,Oh! ich habe doch Eltern, Freunde, liebe
Freunde!

Jakobäa machte mit dem Kopfe eine gering-
schätzende Bewegung.
,Rechnen Sie das für Nichts? fragte Viktorine.
Sie erhielt darauf gar keine Antwort, und sie gingen
wieder vorwärts.
Plözlich flog es wie ein Lächeln über Jakobäa's
hartes Antliz. ,ckinder muß man sehen, sagte sie,
, wenn sie zum ersten Male darauf achtsam werden
und die Häände ausstrecken, um danach zu langen:
nach dem Mond und nach den Sternen, als wär's
für sie da! Al könnte man es ihnen geben! Und
das Weinen, wenn's nachher doch nicht zu haben ist!
wenns ganz ferne ab vorüberzieht!-- E ist die erste
Lektion, die sie bekommen, ihre erste Lektion int Ver-
zichten und Verzagen!'
Sie sah wie eine der Sibyllen aus, während sie
die Worte, der Hörerin kaum achtend, vor sich hin sprach.
,.Es muß hart sein, so wie Sie, alle seine Kinder
von sich thun zu müssen,r' bemerkte Viktorine, um zu
zeigen, daß sie das Schicksal der Familie kenne, jedoch
Jakobäa ging nicht darauf ein.
, Liegen muß ein Jeder, wie ihn der Herrgott
bettet! entgegnete sie, aber ihr Ton und ihre Mienen
zeigten von Ergebung und von Demuth keine Spur.


, Sich so aufrecht zu erhalten wie Sie, würden
Viele nicht im Stande gewesen sein!r hub das Fräu-
lein wieder an, um die Unterhaltung vorwärts zu
bringen.
,Ich kann's nicht leiden, wenn man mich be-
klagt, und war immer gut bei Kräften!'r antwortete
ihr Jakobäa kurz und trocken.
,Das sieht man noch an Ihnen und auch an
Ihren Kindern. Vor einigen Tagen habe ich den Pater
Benediktus kennen lernen!
,Se? fragte die Mutter plözlich achtsam wer-
dend. , Sie? Wie kam demn daö?
,Ich traf ihn einen Morgen auf der Kloster-
matte und redete ihn an.'
,Davon hat er mir Nichts gesagt! meinte die
? Mutter. Viktorine sagte, er habe wohl nicht mehr
h darn gedacht. den es sei schon ein pa=n Vge ber;
s und dann erkundigte sie sich, ob er oftmals zu der
? Mutter komme.
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,Jezt häufiger als in früheren Tagen,' ent-
gegnete ihr diese. , Es that ihm wohl vordem zu
. wehe, denn er hing auch an dem Hause; und wie
? sollte er nicht? Nun hat er es verschmerzt und ist
zufrieden.?
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,Ich hätte meinen einzigen Sohn nicht fortge-
geben,? behauptete Viktorine mit harter Dreistizkeit.
Jakobäa schreckte auf. Zum ersten Male richte-
ten sich ihre dunkeln Augen fest auf der Fremden An-
gesicht. - ,Und was hätten Sie gethan?
,, Ich wäre mit meinem Kinde auf und davon-
gegangen in die weite Welt,? -
,,EEine Bettlerin? stieß Sakobäa hervor, indem
sie ihre starke knochige Rechte fest um das feine Hand-
gelenk des Fräuleins legte -- ,Landläufig und eine
Bettlerin?-- Ich habe es gewollt, und nicht gekonnt!?
,Es leben Millionen ohne Haus und Hof mit
ihren Kindern von der Hände Arbeit!? sagte Viktorine,
welcher der Vorgang immer interessanter wurde.
,,Sie haben das wohl nicht gekannt und nicht
probirt!'? rlef Jakobäa, ,und gegen des Allmächtigen
Hand und Willen krümmt sich der arme Erdenwurm
vergebens. Nichts wollen, Nichts hoffen, Nichts ver-
langen - und aushalten auf seinem Platz und bei
der Arbeit bis zulezt!-- Das ist's! Das ist meine
Aufgabe und meine Bufe.?
Sie hatte Viktorinens Hand wieder losgelassen
und sie gingen schweigend durch den Abend hin. So
gelangten sie bis vor Jakobäa's Haus.

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,Kommen Sie hinein!' sagte die Besizerin, da
Jene stehen blieb.,DDie Sonne ist hinunter: Sie
sind erhizt und es weht frisch aus der Schlucht.
Drinnen sind Sie sicher!?
Damit ging sie voran die Stiege hinauf und in
das Haus. Die Mägde und Kutechte, die schon von
der Arbeit heimgekommen waren, sahen es mit Ver-
wunderung. Keiner von ihnen hatte es erlebt, daß
Jakobäa einem fremdem Gaste ihre Thüre anfgethan.
Wer nicht Geschäfte mit ihr hatte, kam über ihres
Hauses Schwelle nicht.
Das Zimmer hatte nichts Besonderes. Es war
die gewöhnliche Stube, wie jedes alte Bauernhaus
sie in dem Lande zeigt. In der Mitte stand der
schwere Tisch, wie er von je gestanden hatte. Die
Hausfrau rückte für die Fremde einen Stuhl heran,
der Mond fiel durch das Fenster schräg hinein und
streifte mit seinem Licht des Tisches blankgepuzte Platte.
Viktorinen war es sonderbar um's Herz. Sie
fühlte sich unter dem Banne dieser Frau. Niemals
seit langen Iahren hatte ihr das rechte Wort gefehlt
und jetzt versagte es sich ihr zu ihrem eigenen Er-
staunen.
Jakobäa stand hochaufgerichtet vor ihr, sie sah in

der niederen Stube noch viel größer und mächtiger
ans, als in der Kirche und im Freien.
,Hier hat er gesessen, hier an diesem Fleck,' hob
sie mit einem Male an, ,und hat hingestarrt wie in
den Tod! Und dazwischen hat er den Kopf versteckt
in seine Häinde, als wollt' er das Leben nicht mehr
sehen, das vor ihm lag!- Ich hab' hier grad über
ihm gestanden und er hat Worte gesprochen, die hier,'?
sie schlug mit der Hand gegen ihre Brust, ,wie ein-
gegraben in mir sind! Aber da war kein Rath und
keine Hilfe! Er ist fortgegangen, wie in das kalte
Grab.-- Nachher ist Mlles einerlei! hat er zu mir
gesagt. Und so war es denn auch. E ist nun Alles
einerlei!'?=-
Sie wendete sich von Viktorine ab und sezte sich,
die geballte Hand gegen den Kopf gepreßt, in der
Fensterecke nieder. Seit langen Jahren, seit sie ihre
Leidenögeschichte einmal bruchstückweis der Jugend-
freundin anvertraut, von der Viktorine sie vernommen
hatte, war kein Wort mehr davon über ihre Lippen
gekommen. Nun saß sie da, so finster, so erbittert,
als grolle sie sich darüber, daß sie untren gegen sich
selbst geworden war. Was kümmerte denn auch die
Fremde das Schicksal, das auf diesem alten Hause

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lag? Und wie war es gekommen, daß sie sich hatte
fortreißen lassen, über das zu reden, --- zu einer
Fremden zu reden, was doch nicht abzuändern war?
Während aber Jakobäa sich brütend in sich selbst
F. versenkte, regte die unruhige Vhantasie ihres Gastes
die weithintragenden Schwingen; denn die Glückliche
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hatte es noch nicht erfahren, daß es ein Unabänderliches
gebe, so lange der Tod den Umgestaltungen des
Menschenlebenö nicht seine finstere Gewalt entgegen-
gestellt hat. Sie war auferzogen in dem Glauben an
die Macht des Willens, an die Unfehlbarkeit der Kraft,
wenn sie sich mit Muth und mit Beharrlichkeit ver-
bindet. Sie hatte dafür in ihrer Familie die unwider-
leglichsten Beispiele und Beweise. Man mußte nur,
wie ihr Vater und wie dessen Vorfahren es gethan,
und wie ja auch die weltklugen Väter der Gesellschaft
Jesu es seit Jahrhunderten übten und lehrten, die
Mittel wollen, die zum Zwecke führen. Was lag denn
hier im Grunde so Unabänderliches vor, wennBenediktus
wirklich widerwillig in den Orden eingetreten war?
wenn er sich unglücklich fühlte in dem Kleide, das er
trug?- Hatte denn noch kein andrer Mönch die
Kutte abgeworfen? War noch nie ein Mönch der klöster-
lichen Zucht entflohen? Sah Benedikt denn danach

aus, als wäre er geboren, auf das Leben, auf Glück,
auf Liebe zu verzichten? Mit einer Gestalt, wie die
seine, mit seinen Augen und mit seiner Stimme war
man für das Kloster nicht bestimmt, war es ein gutes
Werk, ihn aus den Banden zu befreien, die ihn ge-
fangen hielten.
Ihre Gedanken waren in weiten Sprüngen rast-
los vorwärts gegangen, als der Diener an die Thüre
klopfte, den die Baronin ihr nachgesendet hatte. Sie
stand auf, die Hausfrau that desgleichen.
,Schönen Dank für Ihre Gastfreundschaft,'' sagte
sie, indem sie der Lezteren ihre Hand hinreichte. ,Lassen
Sie sich's nicht verdrießen, daß Sie mich mitgenommen
haben. Das Schlcksal ist gar häufiz klüger alö wir
selbst. E führt die Menschen oft zusammen, ohne
daß sie ahnen, was es mit ihnen vor hat. Wer weiß,
wozu es gut ist, daß ich hier gesessen habe!?
, Was soll da gut, was kann da übel sein? ver-
sezte Jakobäa.,ber Sie haben hellen Mondschein
für die Heimkehr und das ist gut für Sie. Das Thal
ist schön im Mondschein, wenn man von dieser Seite
kommt.!
, Und ich darf wiederkehren, Frau Jakobäa? oder
darf ich's nicht

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- ,Wenn Sie wollen, so kommen Sie,' sagte
Jakobäa und gab ihr das Geleit bis hinaus vor ihre
Thüre.-- Sie stand noch auf der Gallerie und sah
ihr nach, als Viktorine im Niedersteigen ihr Taschen-
tuch zum Gruße schwenkte und leichten Herzens der
Einsamen mit heller Kehle ,Gute Nachtr zurief.
Jakobäa erwiderte es ihr nicht. Sie sezte sich
unter ihrem Vordach nieder, wie sie drinnen gesessen
hatte an dem Fenster, und die ganzen langen fünf-
undzwanzig Jahre lagen vor ihr, daß sie sie überschaute
wie mit einem Blicke.
Denn es war wieder einmal jährig!-- An diesem
Tag, vor fünfundzwanzig Jahren war es zusammen-
gebrochen mit einem Schlage, all ihr ganzes Glück
für immerdar. Heut vor fünfundzwanzig Jahren war
Maurus fortgegangen aus dem Thale, und sie war
zurückgeblieben, einsam, beschimpft, verlassen und mit
Schuld beladen, - sie und ihre Kinder.
War es die. Erinnerung gewesen an die Herzens-
angst jener lang begrabenen Zeit, die ihr heute eines
Menschen Nähe lieb gemacht? Oder was war es, das
ihr den Mund erschlossen hatte der Fremden gegen-
über?- Sie wußte es sich selber nicht zu deuten,
und doch gereute sie die lezte Stunde jetzt nicht mehr.

Aber was hatte die Fremde gemeint mit der Klug-
heit des Schicksals, von der sie so geheimnißvoll ge-
sprochen hatte? Sie verstand es nicht, und mußte doch
daran auf ihrem Lager denken, bi sie die Augen
schloß.

Kapitel 03

Jue Vktorine fand den Schlaf nicht gleich wie
sonst. Sie, die es immer liebte, sich ihrer guten Ge-
fundheit und ihres gesunden Schlafes zu berühmen,
erzählte dem Doktor, als sie ihn am Morgen sah, daß
sie in dieser Nacht nur wenig Nuhe genossen hale,
daß sie aber trotzdem frisch und munter sei, weil sie
sich mit allerlei Planen und Projekten, ja, sie könne
sagen, mit der Durchführung eines Romanes beschäftigt
habe. Er fragte, wie sie dazu gekommen sei?
,Sa! wie kommt man zu der Erdichtung eines
Nomans? gab sie ihm zur Antwort. , Ich habe mir das
bisher selbst nicht vorstellen können, nun aber weiß ich
es aus eigner Erfahrung. Man hörtvoneinem Menschen,
von einemEreigniß, die etwas Auffallendes an sich haben.
F. Lewald, Benedikt. l.

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Man denkt, wie mag es zugegangensein, welche Umstände
müssen zusammengewirkt haben, damit dieser Mensch
sich so entwickelte, diesesEreigniß möglich werdenkonnte?
Was dürfte wohl aus diesem Menschen in der Zu-
kunft werden, oder wie möchten die seltsam ver-
schlungenen Fäden dieser Verhältnisse Glück bringend
zu entwirren sein?- Und in dem Nachdenken über
die Vergangenheit, in dem Errathenwollen der Zu-
kunft, in dem Wunsche, dieselbe vernünftig gestaltet
zu sehen, erfindet und schafft man eine Menge von
Vorgängen-
,Die wir nächstens als einen Roman zu lesen
S-
ß bekommen werden!r fiel ihr der Doktor in die Rede.
f
,,Durchaus und ganz gewiß nicht!' entgegnete sie
,; ihm. , Sie mahnen mich aber an das Wort eines
-' italienischen Kardinals, das ich Ihnen wiederholen
F Suede, wen ich ncht das sark«stische ud i Grnde
ß. hochmüthige Lächeln kennte, mit welchem Sie auf uns
F herabsehen, wennn wir Ihnen von der großen Welt,
F von jener Welt, in der wir leben, einmal sprechen.?
- Der Doktor wehrte den Vorwurf von sich ab,
F gnd Miktorine, die offenbar Lust hatte, das kleine Ee-
F eigniß mitzutheilen, sagte: ,dls wir vor einem Jahre
F - den Winter in Rom zubrachten, hatte sich durch eine
t?
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z
Dss=--

H5
Personen-Verwechslung das Gerücht verbreitet, daß ich
Schriftstellerin sei. Ein Kardinal, den wir häufig
trafen, redete mich als solche an, und ich mußte die
Ehre von mir ablehnen. ,Oh, rief er, , das freut
mich! Ich habe es im Grunde auch nicht für wahr-
scheinlich gehalten. Weshalb wollten Sie auch Romane
erdichten, da Sie jung und schön genug find, sie er-
leben zu können!?- ,Und ich hoffe,? sezte sie mit
scherzender Anmuth hinzu, ,ich habe nicht zu sehr
gealtert in dem einen Jahre. !
Sie sah in dem Augenblicke wieder äußerst reizend
aus, so daß der Doktor sich mit eigener Verwunderung
über seine Geistesgegenwart zu dem Fomplimente empor-
schwang: man habe jedenfalls Demjenigen Glück zu
wünschen, den sie sich zum Helden eines von ihr zu
erlebenden Romanes ausersehe. Aber er fand mit dieser
Schmeichelei bei ihr den rechten Anklang nicht.
,,Kennen Sie mich noch so wenig, ' sagte sie,
, daß Sie glauben, ich für meine Person würde mich
auf die Noth und die Qualen einer Liebesgeschichte
einlassen. Dazu bin ich ja viel zu selbstisch, viel zu
klug und in gewissem Sinne auch zu träge! Aber ich
denke es mir sehr verlockend, wie ein leus e: m.ehin

E
E
k
F, der aufklärenden Fackel in der Hand, an ein
dunkles Schicksal Licht bringend heranzutreten; Ketten
E
zu lösen und Menschen in die ihnen zustehenden
H- !
R ---
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,Und solchen Menschen, solchen Schicksalen glauben
F Sie hier begegnet zu sein? fragte der Doktor mit
z, einer bangen Ahnung.
, Und wenn ich Ihnen mit einem Ja entgegnete?
,So würde ich Sie beschwören, sagte er mit
-
F I tlefem Ernste, ,bleiben Sie den Menschen fern, deren
? j innerstes Wesen Sie nicht begreifen, in deren An-
ß -
? s schauungen Sie sich auf keine Weise hineinzudenken
F , vermögen Heil zu bringen sind Sie da völlig außer
- Stande, Unheil anzurichten nur zu sehr gemacht!
? -
T
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E
f
,Wie feierlich Sie mit einem Male werden!'
scherzte Viktorine, weil sie es nicht verrathen wollte,
daß die strenge Mahnung und der sittliche Ernst des
jungen Mannes, auf den sie bisher mit spielender
Gleichgültigkeit herabgesehen hatte, ihr wider ihren
Willen Achtung abnöthigten. Indeß, es war nicht
zeicht, sie in ihrem Selbstvertrauen zu erschüttern. Sie
T T
?
?
s

der hiesigen Lebenszustände hineinversezen, als der
Doktor die Freiheit des Handelns und Wirkens, oder
die Möglichkeiten zu ermessen im Stande war, an
welche eine bevorzugte Siellung und große Mittel ihr
zu denken erlaubten. War doch der Doktor selber ein
Kind diesek engen Thales und hatte immer, wann
und wie er es auch verlassen hatte, in verhältniß-
mäßigen Beschränkungen gelebt.
Sie fand es dreist von ihm und eigentlich vermessen,
daß er sich als ihres Gleichen ansah, daß er es sich
herausnahm, sich mit seinem Urtheil über sie zu stellen,
fich zu ihrem Mentor aufzuwerfen. Und es waren ja
eigentlich auch nur müßige Spiele der Phantasie ge-
wesen, denen sie sich überlassen hatte. Denn was
war ihr Jakobäa? Was galt ihr das Haus der Maria
Josepha? Was kümmerte es sie, wenn Benediktus
alt und grau in seiner Kutte wurde?= Doch nein!
um ihn, um Benediktus war es schade.- Und des
Doktors Warnung hatte so entschieden wie eine Heraus-
forderung geklungen, daß sie angethan war, eine that-
sächliche Widerlegung zu erfahren.
Sie war aufgeregt und wußte nicht wodurch.
Aber eö war ihr lieb, daß der Doktor in dem Augen-
blicke die Sache auf sich beruhen licß. Sie sprachen

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k

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ß
ß
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8
von andern Dingen, Viktorinens Phantasie blieb jedoch
auch als der Doktor sie verlassen hatte, mit ihren
Planen für Benedikt beschäftigt. In müßigem Ge-
dankenspiel glitt sie von einer Vorstellung zur anderen,
bis sich in ihr endlich die Idee festsezte, wie reizend
es sein müsse, in der großen Welt als die Beschützerin
und Retterin eines ungewöhnlichen Talentes zu er-
scheinen, dem ungemeinerBeifall um so weniger entgehen
würde, wenn es auf geheimnißvollen und dornenreichen
Pfaden an sein Ziel gekommen sei. Und was war
im Grunde denn so Schweres dabei durchzusezen?--
Eine Flucht!-- es war Nichts leichter, wenn dieses
Thales Grenze einmal überschritten war. Ein Wechsel
des Cultus? ein Wechsel in der Form der Gottes-
ß
anbetung - wer konnte vor einem solchen zurück-
ß schrecken, wenn in seiner Brust der Genius lebendig war?
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s
f

Sie mußte durchausmitBenediktus einmal sprechen;
sie
ihn
mußte ihm näher treten, sein Vertrauen gewinnen,
einem Worte - sie mußte ihn befreien! --
Mit
und
aufklären über sich selbst und über sein Talent.
Es war dies eine Aufgabe, ein Ziel, die sie mehr
mehr zu reizen begannen; und sich zu versagen,
was sie reizte, war sie nicht gewohnt. Alles war ihr
bisher gelungen, was sie sich noch jemals vorgenommen

hatte; selbst der Zufall hatte sich ihr, so oft sie seiner
Gunst bedurft, geneigt erwiesen, als ob auch er ver-
ständnißvoll ihr huldigte, weil sie ihn zu erkennen
und zu benutzen wußte. Sie rechnete also auch in
diesem Falle mit Zuversicht auf ihn; und ihres Ge-
lingens so sicher wie ihres Wollens, erlabte sie sich an
der künftigen Siegesfreude, ehe noch der Kampf be-
gonnen hatte.
Daß sie dem jungen Pater heute noch oder
doch sehr bald begegnen werde, davon war sie über-
zeugt. Indeß sie sah ihn nicht und nicht einmal die
Klasse, die er spazieren zu führen hatte; er mußte
also nicht die sonst gewohnten Wege wählen und es
interessirte fie immer auf das Neue zu wissen, ob er
in solchen Dingen aus freiem Antrieb oder nach er-
haltener Anweisung zu handeln habe. Fragen mochte
fie darum weder den Pater Theophilus nach den
Doktor, und dieser fand es nicht nöthig, ihr mitzu-
theilen, daß er Benedikt um die Zeit der Spielstunde
im Klostergarten geflissentlich gesucht, und ihn auch
dort getroffen habe.
Es war ihm, nachdem er eine Weile mit ihm
geplaudert hatte, nicht schwer gefallen, das Gespräch
auf die Bewohner seines Hauses hinzulenken, und

D0
Benediktus sagte ihm, daß er das Fräulein habe kennen
lernen. Der Doktor erkundigte sich, wie die Fremde
ihm gefallen habe.
,DaO mußt Du mich nicht fragen, da mir die
Vergleichung fehlt!' entgegnete ihm Benedikt, während
ein rasches heißes Roth sein Antliz überflog.
,Du hast sie also schön gefunden?
,Wie eine Erscheinung stand sie mit einem Male
oben auf der Matte vor mir!r fiel Benediktus ein,
die Frage überhörend, oder ihr aus dem Wege gehend.
,Ich mußte mich besinnen, um ihr antworten zu
können. Und wie sie singt!
,Sie hat gesungen?' fragte der Doktor, dessen
F Sorge um den Freund im Wachsen war, und der
ihn sprechen zu machen wünschte. ,Wie kam sie auf
den Einfall?
,Es war Alles plözlich, Alles wunderbar, wie
«
z man's im Traume erlebt, wie man's in Visionen
F sieht! Unfaßbar und doch unwergeßlich!' sagte Benedikt
?. und schwieg, bis er sich zusammenrafend, die Bemerkung
I machte: ,Wir studiren jezt den Hymnus ein! Das
hohe Lied auf Rom, das sie für unsere Bibliothek
; gesendet hat.?
?
z?

, Nimm Dich in Acht vor ihr!? fuhr der Doktor
rasch heraus.
,, Vor Viktorinen? fragte Benedikt.
,.Woher kennst Du ihren Namen?
Und wieder ergoß sich die Röthe über des jungen
Mannes Angesicht, und den Blick abwendend von dem
Freunde, sagte er: ,Er stand auf jener Abschrift, welche
das Fräulein für unsern Herrn Abt gemacht hat.
Ich hatte danach die Hymne vierstimmig für die
Schüler umzusetzzen.'?
,Hüte Dich vor ihr!' wiederholte der Doktor,
,,lie ist eine Komödiantin!-
,Eine Komödiantin? rief der junge Mönch,
, das ist unmöglich, das kann sie nicht sein.r
Der Doktor mußte lachen, so wenig er in diesem
Falle auch dazu geneigt war. ,Nimm eö nicht wört-
lich!' sagte er.,Sie singt und spielt nicht vor den
Leuten im Theater, sie tanzt nicht auf dem Seile,
-- aber Komödie zu spielen und auf dem Seile zu
tanzen liegt sehr in ihrer Art. Sie ist so schön als
falsch -- so Etwas von der Frau Venus, die den
Ritter Tannhäuser verlockt, in ihren Zauberberg zu
treten und ihn in demselben festhält, daß selbst des
Papstes Lösung ihn nicht mehr vor ihr errettet.?

Er sprach wie im Scherze, aber der junge Pater
stand verstummt, und Jener redete mit Geflissenheit
von andern Dingen. Benedikt hörte und antwortete
auf seine Fragen mit zerstreutem Sinn, der Doktor
hatte nach seiner Ansicht jezt gethan, was seine Pflicht
war, und zum Verweilen fehlte ihm die Zeit. In
- dem Augenblicke aber, in welchem er sich entfernen
wollte, fuhr Benediktus wie aus einem Traume auf
und als wäre von gar nichts Anderem die Rede ge-
wesen zwwischen ihnen, sagte er: , Pater Theophilus
denkt von den Fremden gut. Er nennt sie groß-
müthig und rühmt der Frau Baronin Ehrfurcht vor
der Kirche.?
,Ich habe nicht das Gegentheil behauptet und
der Pater, dem sie beichten, kennt sie natürlich mehr
als ich und besser!'r sagte der Doktor, für den es
F seine Bedenken hatte, sich über die seiner Obhut an-
vertrauten, in seinem Hause lebendenFrauen mißbilligend
? und abfällig ausgesprochen zu haben.,Und am Ende,
setzte er hinzu, , was kümmert mich der Charakter
dieser Fremden auch! was kümmern sie nun vollends
Dich! Sie bleiben ja nicht lange hier, Du siehst sie
wohl kaum wieder!r
Er ging damit seiner Wege, aber des Doktors

B
psychologische Unerfahrenheit hatte dem Freunde mit
der Warnung keinen guten Dienst geleistet.
Die Phantasie des jungen Mönches war durch
das Zusammentreffen mit Viktorine leidenschaftlich auf-
geregt. Er sah sie im Traum der Nacht vor seinen
Augen, er hörte, wenn er den Hymnus am Klavier
oder an der Orgel spielte, ihn von ihrer Stimme
singen. Sie wurde für ihn zu dem Sinnbilde von
Rdom; und wenn es ihn hinzog, wie sie es ihm ge-
schildert hatte, gen Mom zu pilgern, war es nicht die
Stadt der Städte, war's nicht nur Rom, wohin die
Sehnsucht ihn verlockte, - es war ein anderes, ein
heftigeres Sehnen, das ihn antrieb, das ihm das Herz
erweiterte, erwärmte, und ihn unruhig machte bei
allem seinem Thun.
Er war sich vollständig bewußt, daß es anders
mit ihm stand, als noch vor wenigen Tagen. Er
klagte sich der Ungeduld, des Eigenwillen an, weil
er sich in selbstständigen Wünschen und Hoffnungen er-
ging, statt in Ergebung abzuwarten, was der Wille
seiner Oberen über ihn dereinst beschließen würde.
Es war, bei der Entwicklung, die er unter den Augen
derselben genommen hatte und bei den guten Er-
wartungen, die man von ihm hegte, zum Deftern die

»
Rede davon gewesen, ihn einmal in späteren Jahren
eine Neise machen zu lassen, um ihn dem General
des Ordens vorzustellen, wobei er denn auch so weit
als thunlich, die anderen auf dem Wege liegenden
Niederlassungen der Benediktiner kennen lernen und
vielleicht, da er Neigung verrieth, die Welt zu sehen,
von dem Haupte des Ordens eine ihm aagemessene
Verwendung finden konnte. Dieser Auösicht hatte
man sich sogar bedient, um ihn durch den Hinweis
auf dieselbe zum Fleiße anzuspornen, als er noch in
den Klassen gewesen war; während man zugleich nicht
ermangelt hatte, ihn daran zu erinnern, daß nur den-
jenigen Brüdern solche ehrende Auszeichnungen zu-
gewendet würden, deren völliger Hingebung an den
Orden und deren strenger Unterwerfung unter seine
Regeln man sich versichert halten durfte.
Er selbst hatte dem Zeitpunkte, in welchem man
ihn vielleicht reisen lassen würde, stets mit Freude
und Hofnung entgegengesehen, aber die Unruhe, die
sich jetzt seiner bemächtigt hatte, war anderer Art, war
fo heftig, wwie er sie nie gekannt seit jenem Tage, an
welchem er mit bittrem Widerstreben in die Kloster-
schule eingetreten war.
Er hatte sie in den letzten Jahren weit seltener

k
in sich aufsteigen fühlen, die Wünsche, welche er in
seiner Knabenzeit gehegt, die schweren Kämpfe, welche
der Verzicht auf das Weltleben ihn gekostet hatte.
Jezt tauchten sie wieder plözlich aus seiner Erinnerung
hervor, so daß er endlich, um sich selber zu be-
schwichtigen, sich der Vorstellung überließ, das Su-
sammentreffen mit dem einstigen Spielgenossen und
die Erzählungen desselben seien es gewesen, welche
ihn so verrwirrend aufgeregt und ihm das zufriedene
Insichberuhen für den Augenblick genommen hätten.
Er hatte den Doktor deshalb geflissentlich vermieden,
und die Unterredung mit dem Doktor hatte ihm dar-
gethan, daß er damit das rechte Theil für sich ge-
wählt habe.
Er durfte sich es nicht gestatten, von Viktorinen
sprechen zu hören und von ihr zu sprechen; aber deshalb
blieben des Doktors Aeußerungen ihm nicht weniger
räthselhaft. Er verstand nicht, was der Freund damit
gewollt hatte, nicht, wie er darauf gekommen war,
ihm Vorsicht zu empfehlen. Was sollte und konnte
die Warnung ihm bedeuten, welche dgr Doktor gegen
ihn ausgesprochen hatte? War er denn etwa ein
Weltmann, ein Edelmann, dem man eine Bewerbung
um Viktorine zutrauen durfte? Was hatte er mit

16
ihr gemein? Was konnte er, der Klostergeistliche, zu
fürchten haben von einer vornehmen Frau, die an
seinem Horizonte vorüberzog wie einer der Kometen,
die man anstaunt, so lange sie in dem Gesichtskreis
stehen, und deren Wiederkehr man oftmals nicht erlebt.
Was konnte der Doktor gegen Viktorine haben, wenn
der Abt sich ihr und ihrer Mutter wohlgeneigt er-
wies! wenn Pater Theophilus sie seines Antheils und
seiner Achtung würdig hielt?-- Sollte der Doktor
etwa selber sein Auge auf das Fräulein gewendet,
seine Wünsche bis zu demselben erhoben haben und
abgewiesen worden sein? Wahrscheinlich war das
nicht, denn er war verlobt und war auch klug genng,
die Entfernnng zu ermessen, die ihn von einer Vik-
torine trennte; aber aufgefallen war es Benedikt, daß
Jener ihm nie von seiner Braut gesprochen hatte;
und da die Leidenschaft der Liebe den Menschen ver-
messen machen soll, wer konnte es wissen, wozu sie
seinen Freund verleitet haben mochte?
Je länger er darüber nachsann, um so fester
überzeugte sich Benediktus, daß nur eine persönliche
Kränkung den Doktor angetrieben habe, Viktorine so
hart zu beschuldigen. Es war ja nur natürlich, wenn
ihre Schönheit, ihre anmuthvolle Güte, ihr un-

vergleichlicher Gesang das Herz eines Mannes ent-
zündet hatte, dem es vergönnt war, ihr zu nahen, für
den es keine Sünde war, sie anzubeten, sie zu lieben,
sie zu begehren und nach Befriedigung für seine
Wünsche mit allen seinen Kräften anzustreben.
Einen Augenblick lang hatte er dem Freunde
gezürnt, jezt beklagte er denselben -- und beneidete
ihn doch. Denn der Doktor konnte sie sehen und
sprechen, so oft als er es wollte; er konnte sie singen
hören jeden Tag: die süßen träumerischen Weisen, die
alten überwältigenden Hymnen und - das war es,
ja! das war es ganz allein, was Benediktus für sich
selber wünschte. Es war seine Liebe für die hoch-
heilige Musik, die ihn immerfort an Viktorine zu
denken nöthigte, es war das berechtigte Verlangen,
andere Musik zu hören, als die er selber machte, die
ihm plözlich die Mauern seines Klosters drückend er-
scheinen ließ, und ihm die alte Sehnsucht nach der
Ferne in der Seele wach gerufen hatte.
Er glaubte in sich beruhigt zu sein, nachdem er
für seinen Zustand diese neue Erklärung gefunden
hatte, die ihn nicht zwang, gegen denselben anzuringen,
oder sich in der Beichte eines ungehörigen, sündhaften

K
Verlangens zu beschuldigen; und er gönnte eö sich
deshalb auch, in den frühen Stunden des nächsten
Tages wieder, harmlos die alten Wege aufzusuchen,
und außerhalb des Klosters mit dem Buche in der
Hand seinen Gedanken einsam nachzuhängen, wenn
schon er die Klostermatte, auf welcher er zu ver-
schiedenen Malen mit dem Doktor, und auch an jenem
Morgen mit Viktorinen zusammengetroffen war, ge-
flissentlich vermied.
Er hatte seine Mutter lange nicht besucht; unter
den großen Bäumen neben ihrem Hause war es
Morgens kühl und schattig und den Plaz am Brunnen
hatte er von Kindheit auf geliebt. In friedlichem
Sinnen war er durch das Dorf gegangen und an dem
Mand des Wildbaches emporgestiegen, der oben aus
den Bergen kommend, seiner Muter Grundstück von
der Westseite begrenzte. Das Rauschen des Baches
hatte in seiner Kindheit immer einen geheimnißvollen
Reiz für ihn gehabt; es wiegte ihn auch heut' mit
seinem Gleichmaß in ein sanftes Träumen ein, daß
er gesenkten Hauptes, die Hände hinter sich gekreuzt,
gegen seine Gewohnheit ohne sich umzusehen, weit
und weiter gegangen war, so daß er erst in dem

19
Augenblicke, als er vor seiner Mutter Hause anlangte,
Viktorine gewahrte, die unter den Bäumen auf den
Bank am Brunnen saß.
,,Man muß Glück haben!' rief sie ihm entgegen,
als er sie bemerkte. ,Ich war verdrießlich, als ich
Ihre Mutter nicht zu Hause fand und wollte wieder
hinuntergehen. Da aber sah ich Sie hinaufkommen
und beschloß es abzuwarten, ob Sie sich hierher wenden,
und ob ich nicht eine Gesellschaft für den Heimweg
finden würde.?
,Ich wußte nicht, daß Sie meine Mutier
kennten!' sagte er, weil er doch Etwas sagen mußte,
seine Neberraschung zu verbergen.
,Oh !- entgegnete sie ihm, ,ich bin schon öfters
und in dieser Woche fast alle Tage hier gewesen; aber
ich sehe, Frau Jakobäa hat ganz Recht, Sie besuchen
sie zu selten, Sie haben Nichts davon erfahren.'?
Benedikt hörte das mit einer ungläubigen Ver-
wunderung. So lange er denken konnte, hatte seine
Mutter mit Niemandem freiwilligen Verkehr gepflogen.
Er verstand nicht, was sie dazu bewogen haben mochte,
gegenüber dieser Fremden von ihrer Gewohnheit ab-
??.; ? = - = ===-

E -
s
z
=
lange nachzudenken, denn Viktorine sagte, sie habe
F nun die Gegend in Begleitung ihres Rührers zu Suü
F und zu Pferde nach allen Seiten hin durchstrichen,
? habe von den verschiedenen Höhen auf das Thal
F hinabgeschaut, und jetzt könne und müsse sie dem
F Doktor beistimmen, der sie gleich an dem Tage nach
?
F ihrer Ankunft zu diesem Hause hinaufgeführt habe,
ß weil man hier in der That weitaus die schönste
Aussicht habe.
Benedikt freute sich dieses Lobes. ,Es ist wahr,'?
h- sagte er, ,man hat nirgend eine so vollständige Rund-
schau; und besonders beim Sonnenaufgang, oder wenn
das Mondlicht über dem Thale liegt, müßten Sie hier
f
- oben stehen!?
h
,Ihr Haus hat nicht nur die schönste Lage, es
F j ist auch das stattlichste des Thales,? bemerkte das
k Fräulein.
r'
,Mein Haus? wiederholte der junge Mönch mit
k
( einer Miene und einem Tone, die aussprachen, was
1
z er selbst verschwieg.
,Es ist in der That recht hart für Ihre Mutter,
-
hub Viktorine an, , daß alle Ihre Kinder sie verlassen
haben, daß nicht Eines bei ihr geblieben ist, dem sie
dies schöne Haus vererben könnte; und sie hängt doch

H1
an dem Hause, muß an ihm hängen - an so alt
ehrwürdigem Besiz. Es ist wirklich hart für sie.
, Hat meine Mutter sich daroh beschweut? fragte
Benediktus.
,,Braucht es denn erst der Worte, uns das
Natürliche verstehen zu machen? entgegnete sie ihm
statt der Antwort.,Ulnd, fügte sie hinzu, zunser
Verständniß für die Menschen im Allgemeinen wie
für den Einzelnen wächst mit dem Antheil, den wir
an ihnen nehmen.? -- Sie hielt inne, sah ihn
forschend an und sagte dann: ,auch von Ihnen weiß
ich mehr, weit mehr, als Sie vermuthen.''
,Von mir? fragte er erstaunt, ,was ist von
mir zu wissen und zu sagen?
,,Die Art, mit welcher Sie vorhin die Worte:
,mein Haus' sprachen, hat Sie verrathen, meinte
Viktorine. ,Es schmerzt Sie noch heute, daß Sie nicht
mehr in diesem Hause wohnen. Auch verstehe ich
das vollkommen. Der Hinblick auf solch ein an-
gestammtes altes Erbe verlängert für unsere Phantasie
unser engbemessenes Dasein; und es ist kein Ersaz
dafür, daß das Kloster, dessen Mitglied Sie geworden
sind, noch um viele Jahrhunderte älter ist, als Maria
Josephens Haus. Der Mensch verlangt durchaus

f

E
z
; nach einem Eigenen, heftet sich nur an das Eigene,
und will Genugthuung für sich selber haben; denn
? das Ich, der finstere Despot, ist nun einmal nicht zu
f
ertödten in unserer Brust. Es bleibt lebendig, wenn
h. wir es bezwuungen zu haben glauben, es kehrt in
immer neuen Gestalten wieder, wenn wir es ertödtet
s
s?

k

f
wähnen - und könnten wir Ihren Herrn Abt,
könnten wir den heiligen Vater fragen, der auf Sanct
Peters Throne sizt, so befragen, daß sie die kalte,
traurige und unerbittliche Wahrheit eingestehen müßten,
- .r
F -
s
e entsagen, seine Selbstsucht nicht vollständig zu ver-
F leugnen, auf seines Willens Ausübung nicht zu ver-
zichten vermag. Gott hat uns so geschafen und -
g -- die Hand auf's Herz! wünschen und wollen, er-
F jtreben und ersehnen Sie denn Nichts, als in Ihres
F Klosters Mauern Ihr täglich Tagewerk in vor-
- geschriebener Arbeit und in vorgeschriebenen Gebeten
F His an Ihr Lebensende pflichttreu zu verrichten?
Er gab ihr keine Antwort. Er hatte sich unfern
? von ihr auf der Ecke des mächtigen Baumstammes
niedergelassen, der zur Tränke ausgehölt, sein Wasser
aus dem Röhrbrunnen empfing, und starrte vor sich
k
k

3
auf den Boden nieder. Er wagte nicht, sie anzusehen,
es war genug, es war mehr, als er ertragen konnte,
daß er es aussprechen, von ihrer Stimme es aus-
sprechen hörte, was, seit er in das Kloster eingetreten
war, nie völlig aufgehört hatte, ihn gelegentlich zu
auälen, und was er gerade in den letzten Zeiten immer
wieder hatte durchdenken müssen, obschon er es nieder-
zukämpfen getrachtet, in mancher langen Nacht, in
Selbstanklagen, in Zerknirschung und flehendem Gebet.
Was er sich kaum einzugestehen erlaubt, sie
nannte es ein Selbstverständliches; wovon er sich mit
scheuem Schrecken abgewendet hatte, das stellte sie als
ein Nothwendiges vor ihm auf. Die Gestalten, zu
denen er wie zu den Heiligen emporgesehen, zeg sie
mit dreister Sicherheit hernieder in den Kreis ihrer
urtheilenden und wägenden Betrachtung. Sie predigte
die Lehre von dem eigenen, Genuß begehrenden und
Befriedigung fordernden Willen; sie lockte ihn hinaus-
zutreten auf den Boden dieser Welt, sie schien ihn
kadeln zu wollen, ihn und Alle, die mit ihm gleich
empfanden, die enlsagt hatten, wie er selbst - und
es fuhr kein Strahl vom Himmel nieder, und die
Erde unter ihren Füßen that sich nicht auf, sie zu
verschlingen -- und ihn mit ihr!

L
Er hob die Augen zu ihr empor, sie saß vor
ihm, da in aller ihrer Schönheit, ihn anlächelnd, gütig,
mitleidvoll und doch so glorreich, wie eine der Gott-
seligen auf dem Bilde über dem Hochaltar des Chores,
dessen Flügelthüren nuur eröffnet wurden an den
großen, der Menschheit ihr Heil verkündenden Festtagen
des Jubeljahres! - Und dennoch war kein Heil in
ihren Worten!
Wie die Versuchung trat sie an ihn heran, daß
Fliehen das Einzige war, was ihm zu seiner Rettung
übrig blieb. Aber Fliehen?-- Wenn er sie jetzt
verließ, wenn er von dannen ging, wenn er beichtete,
was in diesem Augenblick ihm durch die Seele zeg.
wenn man ihn bannte in die enge Zelle- wer
konnte sagen, ob er sie jemals wiedersah? ob er ihre
Stimme jemals wieder hörte?- Er konnte so nicht
von ihr scheiden! Sie wenigstens sollte es nicht
glauben, daß er nichts Anderes begehrt, als das, was
j ihm geworden; sie sollte wissen, was ihn fortgetrieben
ß hatte aus der Welt, nach der er einst so heiß ver-
f langt. Ihr wollte er bekennen, ihr vertrauen, was
ihn in des Klosters Zelle hineingewiesen, ihn hinein-
gewiesen hatte in das schwarze Mönchsgewand, gegen
? das sein Herz sich eben jezt in heißem Schmerz empörte. '
h
s

5
Er konnte seine Gedanken nicht ordnen, seine
Empfindungen kaum wahrnehmen, geschweige denn
bewältigen. Es war ein Riß geschehen in seinem
Inneren; eine trostlose Tiefe klaffte in ihm auf. Wie
durch einen Zauber schaute er in sein eigenes Herz
und wußte kaum, was er dort erblickte, und ob es
sein Herz war, in das er sah. Er wollte sprechen
und wußte nicht, was zuerst zu sagen! Für den Zn-
stand, der plötzlich über ihn gekommen war, fehlte
ihm das Wort, ihn auszudrücken.
,Ich war der Kirche angelobt, noch ehe ich das
Licht der Welt erblickte!r stieß er endlich rasch hervor,
,ich hatte keinen Willen, keine Wahl!?
Der Schmerz, mit welchem er das sagte, er-
schütterte Viktorine; seine Jugend, seine Schönheit
rührten sie. ,Ich weiß das, sagte sie, ,ich bin
vertraut mit Ihrem und Ihres Hauses ganzem
Schicksal!r?
Er schlug die Hände vor das Gesicht und blieb
in sich versunken sizen. Viktorine fühlte ein großes
Mitleiden mit ihm. So tiefe Eindrücke hatte sie
von dem kleinen Abenteuer nicht erwartet, und mit
dem Selbstbetruge, der ihr um so leichter fiel, als ihr
alle Arten religiöser Anschauungen geläufig waren,


s
F ohne daß eine einzige eine feste Wurzel in ihr, oder
gar einen zwwingenden Einfluß auf sie hatte, stellte es
F sich ihr plözlich als eine ernste Aufgabe, als eine
heilige Pflicht dar, Benediktus der Welt und seiner
F Mutter zurüczugeben, ihn und Jakobäa frei zu
? machen von den Banden, in welche des Klosters weit-
h reichende Voraussicht die unglückliche Gattin einst ge-
F schlagen hatte. --
Mochte man es Zufall, mochte man es des
b
? Himmels Fügung nennen, soviel stand für Viktorine
F fest, sie war durch eine wundersame Verkettung von
l
F Umständen in dies Thal gekommen. Sie war mit
F Benedikt, mit seiner Mutter und mit den Vorgängen
F in deren Leben, ohne daß sie es gesucht hatte, wie
ß durch einen höheren Willen bekannt geworden. Der
? Himmel hatte ihr, nach ihrer Meinung, recht eigent-
F lich die verschlungenen Fäden dieses traurigen Ge-
J schickes in die Hand gespielt; er mußte also wollen,
F. daß sie hier entwirrend und befreiend eingrif. Während
F sie noch darüber nachsann, boten sich auch ihrem
F phantastischen Geiste easch wie durch Eingebnng ein
F. Miitel un ein Ausweg dar, die, wie sie glaubte, sie
F zum Siele führen, und für Benedikt wie für Jakobäa,
ß Rettung und Befreiung bringen konnten.
Ms.

B?
Sie legte ihre Hand auf des jungen Mönches
Schulter, und mit kräftigem Zuspruch sagte sie:, Muth,
Pater Benedikt! richten Sie sich auf! Gott will
nicht, daß der Mensch verzage! Wir sollen uns des
Daseins freuen und ihm in Freuden dienen.?
Er schüttelte schwermüthig das Haupt. ,In
Freuden dienen?? sprach er ihr langsam nach und
hielt dann inne, bis er, wie mit sich selber redend,
in die Worte ausbrach: , Ich glaubte es zu vermögen!
ich glaubte mich überwunden, lange schon über-
wunden zu haben. Ich hatte Stunden, Tage, Zeiten,
in denen ich mich glücklich pries, nach unsres Heilands
Vorbild der Anderen Schuld auf mich genommen zu
haben, der Eltern Sünde zu büßen und zu sühnen.
Was wird mein Leben sein fortan?- Nacht! Nacht!
--- Ein verzweifelndes Ringen in hoffnungslosem
Dunkell?
Sein Klageruf drang ihr zu Herzen, es kam ein
schauderndes Bangen über sie, aber sich selbst und ihn
ermuthigend, rief sie ihm zu: ,Kkein Lebender und
kein Geschick jst hoffnungslos!r
Er beachtete es nicht. ,Wenn Sie es wüßten,''
sagte er, sich zum ersten Male mit seinen Worten zu
ihr wendend, ,wie sie auf mich herniederfuhr, die


ä
erste Kunde von meiner Eltern Mißgeschick und Misse-
that! wie Alles, Alles zusammenbrach, als ich ver-
nahm, daß meiner Mutter Eid mich zwang, der Welt
für immer zu entsagen-- Seine Stimme bebte, er
hielt sich mit Gewalt zurück.
,Und Sie haben nie daran gedacht,' rief Viktorine,
, daß der Kirche Gnadenfülle unerschöpflich ist?
== Sie haben nie daran gedacht, hinauszuziehen aus
-


diesen Bergen, durch die Länder pilgernd bid zu des
heiligen Vaters Thron, um niedergeworfen vor ihm,
der die Macht hat zu lösen wie zu binden, Vergebung
und Absolution zu erflehen für die Eltern, von denen
Sie geboren sind? Vergebung und Befreiung für sich
selbst zu suchen, wenn die Bande Sie drücken, welche
Sie freiwillig nicht auf sich genommen haben?-
Sie haben nie daran gedacht, wie anders Ihre Mutter
den Abend ihres Lebens noch genießen würde, dürfte
sie sich sagen, daß Maria Josephens Stamm nicht
erlöschen, daß ihr Haus nicht an das Kloster fallen
muß? Sie häätten wirklich nie daran gedacht, die
unvergleichliche Gabe des Gesanges, die, der Himmel
als reichen Segen Ihnen zugetheilt hat, anders zu
benutzen als in Ihres Klosters Chorgesängen??
Er antwortete ihr nicht. Er war wie geblendet,

er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, keinen
Halt mehr. Es war zu jäh, zu plözlich, zu gewalt-
sam! Er fühlte sich losgerissen von der Stelle, in
der er bis dahin festgewurzelt, losgerissen und wie ein
Atom umhergeschleudert in des Weltalls Wirbel. Los-
gerissen von der Gemeinschaft, die seine Welt gewesen
war; hingeschleudert ihr zu Füßen - ihr, die vor
ihm stand in ihrer hehren Schönheit! die zu sehen
und zu hören ihm Beseligung gewährte.
Sein Schweigen fing sie zu ängstigen an, sie
mußte ihm zu Hülfe kommen.
,Ich habe einen Fehler gemacht, Pater Benedikt,.
sagte sie, indem sie sich freundlich zu ihm neigte.
,Wir Weltleute sind plötzlicher Anregungen, schnell
wechselnder Eindrücke, lebhafter Erschütterung mehr
gewohnt als Sie. Uns überraschen neue Vorstellungen
nicht, wir erschrecken nicht vor großen Umgestaltungen,
ja nicht einmal vor dem sogenannten Unerhörten.
Wir wissen, daß schon Mancher das geistliche Gewand
von sich geworfen hat, ohne deshalb dem Verderben
anheim zu fallen. Mit Ihnen ist das anderk.-- Mein
Antheil an Ihnen, meine Freude an Ihrer unvergleich-
lichen Stimme, mit der Sie die ganze große Welt
erobern würden, und die etwas rasche Gewaltsamkeit

meiner Natur haben mich unvorsichtig gemacht. Ich
hätte, statt Sie unvorbereitet in den Tagesglanz zu
führen, in welchem ich Sie leben sehen möchte, Ihnen
nur des Lichtes Schimmer zeigen, und es Ihnen über-
lassen sollen, ihm nach, ihm entgegen zu gehen, und
Ihren Weg aus eigener Nothwendigkeit zu finden. --
Aber das ist nun geschehen, ist nicht mehr zu ändern,
und zu bereuen vermag ich's nicht. - Fragen Sie
sich selbst, ob Sie der Kunst, ob Sie der Kirche, ob
Sie im Diesseits, ob Sie im Jenseits leben wollen?
Nur daran halten Sie sich fest: der Mensch kann,
was er will und muß; und für das ihm Nothwendige
findet sich die Hilfe. Er kann alle Bande brechen
und er bricht sie, sobald er fühlt, daß er es muß.
Und selbst die Kirche ist nicht unerbittlich für den,
der weiß, wie man zu bitten hat.?
,Sie kennen die Kirche nicht!r sagte Benediktus
- halb laut vor sich hin.
,Ich kenne sie und kenne ihre Fürsten! ent-

gegnete Viktorine mit ihrem siegesfrohen Lächeln auf
den Lippen; und dem jungen Manne die Hand zum
Abschied reichend, wollte sie sich entfernen. Er aber
hielt sie fest, wie der Versinkende sich an seinen Er-
retter klammert, und die Augen mit Verlangen auf
s
i
E

sie richtend, flehte er: ,Gehen Sie nicht von mir,
ohne mir zu sagen, daß ich Sie wiedersehe!
,Auf Wiedersehen also, und auf bald!
,,Wo aber? wann? rief er dringend und voll
Leidenschaft.
,Nicht morgen und wohl in dieser ganzen Woche
nicht!! sagte Viktorine nach raschem Neberlegen, , denn
ich habe einen Ausflug vor, der mich für mehrere
Tage von hier ferne halten wird. Wenn Sie aber
an dem Mittelfenster meiner Gallerie wieder meinen
Strohhut hängen sehen, komme ich am nächsten
Morgen nach der Klostermatte, und wir sprechen dannn
mehr von Ihnen und von Ihrer Zukunft.?
Sie gab ihm, ehe sie ihn verließ, mit er-
muthigenden Worten noch einmal ihre Hand. Sie
war sehr angenehm erregt durch das Abenteuer, das
sich ihr hier oben so unerwartet dargeboten hatte; denn
sie hegte das Bewußtsein, sich mit großem freiem
Sinne eines Menschen angenommen und sich eine
Aufgabe gestellt zu haben, die ihr Ehre machen, die
ein bedeutendes Gewicht in die Schale ihrer Er-
innerungen legen mußte, wenn es ihr gelänge, sie
jiegreich durchzuführen.

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Und wie sollte ihr das Unternehmen nicht gelingen!
E.- War sie doch Viktorine, ihres Vaters Tochter! War
ß sie doch schön und ihres Vaters Einfluß nach allen
F Seiten weit verzweigt und mächtig!

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Kapitel 04

Gieries Tnpitel.

Igz Baronin war an Neberfluß gewöhnt, sie
mußte also Alles reichlich haben, selbst Vertraute für
ihre Plane wie für ihre Hoffnungen, und sie wußte
sich dieselben auch mit umsichtiger Gewandtheit zu
verschaffen, ohne sich dadurch den Schein eines Ver-
rathes gegen sich selbst zu geben.
Daß sie mit der Wirthin Rücksprache darüber
genommen hatte, ob es möglich sein würde, den
Grafen Stefano in einem der anderen Häuser schick-
lich unterzubringen, war nothwendig gewesen, und es
war nach ihrer Meinung ebenso nothwendig und
natürlich, dem Pater Theophilus in vertraulichem
Gespräche die Frage vorzulegen, ob er glaube, daß
?F HHf=- == - =-== --

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erachten sei, wenn man es sich angelegen sein lasse,
seinem Kinde die Lebenswege nach dem eigenen besten
Wissen zu erschließen und vorzubereiten.
Der Pater hatte mit gewohnter Vorsicht ihr ent-
gegnet, solche Entscheidung sei nicht unbedingt zu
geben, es komme dabei vor Allem auf die besonderen
Umstände des Falles an. Die Baronin hatte darauf
kein Bedenken getragen, auch ihm mitzutheilen, was
sie der Wirthin ein paar Tage zuvor kund gethan,
und er hatte danach nicht ermangelt, ihre Gewissens-
zweifel mit der Erklärung zu beruhigen: wie es den
F Eltern, als natürlichen Vorgesezten ihrer Kinder, wohl
anstehe, diese so zu führen, daß sie nicht etwa in
Verblendung, oder um einer Grille wegen das Gute
F von sich wiesen, welches des Herrn Huld ihnen in
F- seiner Weisheit zuzuwenden beschlossen haben könnte.
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F Er hatte sich bei der Gelegenheit genau um die Ver-
F. hältnisse des Bewerbers erkundigt, hatte von der
F Baronin alles Dasjenige erfahren, was ihrem Gatten
k
z auf dessen Anfragen über den Grafen Stefano be-
richtet worden war, und der Pater hatte seinerseits
Sorge getragen, das zarte Gewissen der besorgten
Mutter nach Kräften zu beruhigen.
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Abends saß er seinem Abte gegenüber in dem

stillen luftigen Gemache vor dem Schachbrett. Der
Gottesdienst war lange schon gehalten, dad Nachtessen
in dem Refektorium eingenommen worden, kein Laut
regte sich in dem ganzen Flügel, in welchem die
Zimmer des Abtes sich befanden.
Die Fenster nach dem Garten standen ofen, der
kühle Nachtwind trug den Duft des Reseda und der
Nelken in den hohen Raum, und bewegte das leichte
Tuch, mit welchem der hochwürdige Herr selber das
Bauer seiner Drossel verhängt hatte, die mit dem
Sonnenuntergange die klugen Augen geschlossen und
das feine Köpfchen unter dem Flügel zur Ruhe ge-
bracht hatte
Der Abt hatte das Skapulier, den seidenen
Gürtel und das Käppchen abgelegt, den enganliegenden
Kragen seines Rockes aufgehakt und die Stiefel gegen
die weichen Schuhe umgetauscht, welche die geschickte
Hand einer ihm ergebenen Klosterfrau für ihn ver-
fertigt hatte. Die Lampe brannte auf dem Tische.
Zu seinen Füßen lagen zwei schöne Cypernkazen. Ein
aus dem Oriente heimkehrender Verwandter hatte sie
ihm im verwichenen Jahre mitgebracht, und eben hatte
der dienende Bruder den Becher heißen gewürzten
Weines herbeigetragen, den der Abt gegen die Ein-

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wirkung der schnell sinkenden Temperatur an jedem
Abende zu genießen pflegte.
Die Partie war beendet. Der Abt, welcher dem
Pater Theophilus im Spiele wie in allen Dingen
überlegen war, hatte sie gewonnen, und wie den Einen
der Sieg erfreute, obschon er ihn oft genuug errang.
so brachte den Andern die vielgewohnte Niederlage
nicht aus seinem sanften Gleichmuth. Er legte die
schön geschnizten Figuren sorgsam in das alterthüm-
liche Kästchen, und sagte, ohne sich in dieser Be-
schäftigung zu unterbrechen: ,Es steht uns hier oben
wwiel Besuch bevor.!
Der Abt fragte, von wannen Theophil denselben
vermuthe?
,Die Frau Baronin erwartet Anverwandte: eine
Familie mit Sohn und Tochter!' meldete der Pater.
,Das Fräulein bricht morgen in der Frühe von hier
auf, ihnen bis über den See entgegen zu gehen. Ihren
Rückweg denken sie gemeinsam durch das ganze Ge-
birge und über die Paßhöhe zu machen. Für das
»Ende des Monats hat der Herr Baron seine Ankunft -
angezeigt, und ich habe von der Mutter heut erfahren,
daß man einen Bewerber um der Tochter Hand gleich-
falls hierher beschieden hat.
!

Der Abt hatte sich gemächlich in den Armsessel
zurückgelegt. Er streichelte den Kopf des Käzchens,
das sich ihm auf das Knie gesetzt hatte, da es ihn
nicht mehr beschäftigt sah.
,Sie sind sich so gr wichtig, diese Art von
Leuten,' sagte er, , daß sie sogar für das Einfachste
und Gewöhnlichste immer besonderer Zurüstungen zu
bedürfen glauben! Sie hätten daö vor vier Wochen
in dem Badeorte bequemer haben können. Aber diese
Heirath, die weit hinausgeht über Alles, was ihres
Gleichen je erwarten konnte, muß noch mit einer
remantischen Zuthat gewürzt und aufgetragen werden,
um der Phantasie der Tochter und der Eitelkeit der
Eltern ganz genng zu thun. Sie wollen sich den
Anschein des prüfenden und überlegenden Zögernö
geben, wo sie Alles in Bewegung setzten an das Ziel
zu kommen, und mit beiden Händen zugegrifen haben.r
Der Pater hörte mit Erstaunen, daß der Abt
die Wünsche der Familie kannte. Er hatte gemeint,
eine Neuigkeit zu berichten und fand sich nun darin
getäuscht. ,Hochwürden wissen es also schon?
fragte er.
,Daß Graf Stefano hierher kommt? Das hat
man mir gemeldet,' gab der Abt zur Antwort,

7
während er bedächtig aus dem schön geschlifenen
Pokale nippte.
,Die Mutter sprach mit mir davon, daß sie Be-
- denken hege, in wie weit die Vermittlung einer Ehe
- rathsam und als zulässig zu erachten sei!r bemerkte
der Pater.
=,

, Eine Gewissenhaftigkeit gost kestum, - meinte
der Abt, ,da die Sache eine abgemachte ist. Der
Bischof hat für seinen Neffen des Vaters Wort er-
halten. Der Baron muß also doch der Zustimmung
seiner Tochter auf eine oder auf die andere Weise
sicher sein!r
,Die Baronin hat Vorkehrungen getroffen, dem
Grafen eine Wohnung im Dorfe zu ermitteln, be-



? -


z
merkte Theophilus, der seine Niederlagen im Leben
wveniger leicht ertrug, als bei dem Spiele, und der
den Abte einen Vorschlag zu unterbreiten dachte,
welcher dem Kloster nüzlich sein konnte. Aber er
hatte heut kein Glück, denn noch einmal kam ihm der
Abt zuvor.
,GGraf Stefano wird in unsern Gastgemächern
EEFvohnen! sagte er.,Ich habe seinem Dheim mit-
getheilt, daß unser Haus zu seinen Diensten stehe.
? - Es giebt dem Grafen die gebührende Importanz.
ß
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f

wenn er hier unser Gast ist; uns aber kommt es zu,
es darzuthun, wie wir die Ehre schätzen, einen, wenn
auch entfernten Angehörigen Seiner Heiligkeit in
unserem Hause zu bewirthen.!
Er brach damit ab, denn er hatte, was er auch bei
dem kleinsten Anlaß, selbst seinen ergebensten Anhängern
gegenüber nicht entbehren konnte, sein besseres Wissen
und sein Nebergewicht wieder einmal unverkennbar
dargethan. Das Weitere mochte sich der Pater, der
seinen Meister kannte, selber denken, und das that
er auch.
, Die Baronin will behaupten, daß der Graf des
Papstes Gunst genieße!' sagte er.
,Der Bischof deutet mir das an!' versetzte Jener,
, und man wird ihn danach zu empfangen haben.
Mein Wagen soll ihm bis zum See entgegengehen.!
Theophilus hatte das Schachbrett und das Käst-
chen in der andern Ecke des Gemaches an den ge-
wohnten Platz gestellt, und noch während die Dunkel-
heit ihn halb verhüllte, sagte er:
,,Man hat nach den letzten Auffindungen in den
römischen Katakomben das Kloster der Franziskaner
hier über dem Walde mit zwei Reliquien bedacht. In
Zügen strömen jezt die Gläubigen zu den Franziskanern,

und spüren dort in der Andacht wundersame Hilfe.
Wir sind an solchen Gnadenmitteln arm. Eine Kapelle
am Ende eines Kalvarienberges zu errichten, zeigt die
Baronin sich geneigt, besonders da der Doktor ihr er-
klärt hat, daß sie in jedem Jahre hohe Bergluft auf-
zusuchen habe; und sie hat Vertrauen zu ihm ge-
faßt.?
Der Abt antwortete nicht darauf. ,Der bedeckte
Gang,! sagte er, ,den der Doktor an seinem Hause
angelegt, nimmt sich gut aus. Es ist auch zu be-
loben, daß er bei seinen Gästen eine kleine Taxe für
die Armen einführt, und es freut mich, daß er und
seine Mutter sich nicht undankbar erweisen; der Küchen-
meister rühmt, daß sie gefällig sind. Es ist ihr
eigener Vortheil, und klug war ja die Mutter immer.
Der Doktor hat jedoch zu lange in den Hörsälen der
deutschen Hochschulen verweilt.?
Er vollendete den Satz nicht, sie waren gewohnt,
der Abt und sein Vertrauter, sich auch mit halben
- Worten zu verstehen.
-' ,Der Doktor macht sich mehr als Noth thut mit
P; Benedikt zu schaffen, entgegnete der Pater, ,und
g,auch das Fräulein wendet Diesem um seiner Stimme
FHillsn vielAnheil z. Ich komme nie zu der Beronin,
E
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g?

ohne daß die Tochter mir von seinem Singen spricht.
Sie kennt übrigens auch seine Herkunft, wie seiner
Mutter Schicksale, und schon zu verschiedenen Malen
habe ich sie oben vor Jakobäa's Hause angetroffen.
Sie sizt dort lesend oder zeichnend; sie hat Jakobäa
fogar dahin gebracht, mit ihr zu verkehren und sie
zu bewirthen. Selbst Jakobäa's Töchter hat sie heim-
gesucht, hat sie nach der Abendandacht, die sie um
Benediktus willen nie versäumt, bis zu dem Armen-
hause zurückgeleitet- und Benedikt ist nicht, wie
sonst, in sich gesammelt und mit sich im Frieden.
,Was will das sagen,! erkundigte sich der Abt,
der aufmerksam geworden war.
,,Er hat es neulich im Refektorium offen aus-
gesprochen, daß der Lobgesang auf Rom ihm die
Sehnsucht wachgerufen habe, eine Pilgerfahrt dorthin
zu machen, und noch darüber fort bis zu dem heiligen
Grabe hin. Er wandert wieder viel umher, er sucht
außerhalb des Klosters oie Einsamkeit. Er ist hastig
und zerstreut, daneben aber unermüdlich vor der
Orgel Gesang und Spiel studirend. Seine Eitelkeit
ist wieder aufgestachelt.??
Der Abt entgegnete ihm darauf Nichts, und erst
nach einer Weile sagte er: ,Jakobäa ht bis zu dieser
, =

Stunde über ihr Vermögen noch Nichts festgestellt,
und wir haben es erfahren, daß sie für Niemand zu-
gänglich ist, als für ihren Sohn. Ihn fortschicken,
wie man's könnte, würde nicht gerathen sein, so wenig

.

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als den Fremden eben jetzt zu nehmen, was sie ver-
missen und wonach sie fragen würden, oder den
Gästen, welche sie erwarten, die Erbauung und die
Freude durch den Gottesdienst in unserm Hause zu
verkürzen. Die Freude ist mittheilsam, ist geneigt zu
spenden; und dem kurzen Aufenthalt der Fremden, die
der erste Reif von dannen scheucht, folgt des Winters
Ruhe. Inzwischen muß man auf Benediktus achten.
Was man im nächsten Sommer über ihn beschließt,
wird zu erwägen sein.!
Der Abt hatte während der Unterredung den
Becher ganz geleert, draußen von dem Thurm der
Kirche schlug es neun. Durch die Stille des Klosters
hörte man, wie die Schüler aus den Arbeitssälen
nach den Schlafgemächern gingen, wie man die Thüren
überall verschloß.
Theophilus stand noch neben des Abtes Sessel
an dem Tische. Er wollte sprechen und zögerte doch
damit. Er hing an dem jungen Mönche mehr als
an irgend Jemand sonst, sein Seelenheil lag ihm am

Herzen. Er wünschte ihm zu helfen, ihn zu behüten
vor Gefahren, von denen seine ahnungsvolle Sorge
ihn bedroht sah; und doch ftand er an, ihn in einer
Weise zu verdäächtigen, die seinem Schüzling die Gunst
des Abtes entziehen könnte.
,Noch,- sagte er wie zu sich selbst, ,ist seine
Seele rein, sein Herz unangetastet, sein Gewissen ruhig
und von keiner Schuld beschnert!'?
Der Abt hatte sich erhoben, ohne des Paters
Worten zu begegnen. Er schellte dem Laienbruder,
der ihm vorzuleuchten hatte in das Schlafgemach, und
erst, als dieser schon unter der Thüre sichtbar wurde,
sagte er:,Gesser wäre ihm, daß er sich nicht in
sichrer Selbstverblendung gehen ließe; daß er sie kennen
lernte, die Versuchungen der Welt, nach der ihn immer
noch gelüstet. Daß er an sich erführe, wie dem
Schuldbeladenen zu Muthe ist, der bußfertig und be-
reuend zu des Erlösers Füßen liegt, und auf die
Welt verzichtend, nur nach der Gnade trachtet, um
seine Seele zu erretten. Sind doch der Heiligen viele
erst durch schwere Prüfung und Versuchung auf den
Weg des Lichtes gelangt! Selbstverachtung führt
sicherer zum Heile als Gefallen an sich selbst und an
dem eignen Thun-- und einzugreifen in die Hand

des Höchsten ziemt uns nicht! Er weiß, was er
Jedwedem schickt und was ihm frommt, auch wo wir's
nicht begreifen, und kleinmüthig verzagten Herzens
fürchten.
Der Abt verließ damit das Zimmer; der Pater
ging still von dannen, die langen einsamen Corridore
hinab nach seiner Zelle. Er hatte seinen Oberen nur
zu gut verstanden. Aber sein Geist war traurig, sein
Herz beschwert, und die Mitternacht fand ihn noch
wach auf seinem Lager, in Betrachtung und Gebet.

Kapitel 05

FFünlies Cpitel

Prens Abwesenheit gefiel den Leuten nicht.
Man hatte sich, da man sonst so Weniges erlebte,
bereits daran gewöhnt, sie alltäglich auf ihrem bun-
geschmückten Maulthier vorüberreiten zu sehen, und
nach ihrem Kommen und Gehen auszuspähen. De
Frauen, die vor ihren Thüren arbeiteten, entbehrten
ihren munteren Zuruf, die Kinder sahen sich ver-
gebens nach der schönen Fremden um, die immer
Etwas für sie in der Tasche hatte, und sogar Jakobäa
betraf sich darauf, daß sie nach der Kirchthurmuhr
hinüberblickte in den Stunden, in welchen Viktorine
in dem Laufe der lezten Woche zu verschiedenen Malen
bei ihr vorgesprochen hatte.

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Es war durch den Verkehr mit Viktorinen eine
große Veränderung mit Jakobäa vorgegangen. Ihre
Leute merkten das vielleicht mehr noch als sie selbst
,,Es ist, wie wenn ihr die Augen wieder auf-
gegangen und ein Schloß ihr von dem Munde fort-
genommen wäre! sagte die Magd, die bei den An-
schafft's alt und grau geworden war.
Seit Jahren hatte Jakobäa nicht mehr daran
gedacht, Etwas für ihres Hauses Zier zu thun. Es
war ihr gleichgültig gewesen, wie es drinnen oder
draußen aussah. Nur die gute Gewöhnung, nur die
angeborene Liebe für ihr Erbe, und der ihr ebenso
fest innewohnende Trieb, das Bestehende nicht unter-
gehen zu lassen, hatten sie dazu vermocht, in un-
wandelbarer Ausdauer täglich ihre Schuldigkeit zu
thun, ohne eigenes Verlangen, ohne jede Lust und
Hoffnung. Jezt mit einem Male war das anders.
Sie hatte mit eigener Hand die lang verwahrten,
weißen Vorhänge rund um das Haus an allen Fenstern
aufgesteckt, und aus dem Schranke den seit Zeiten
und Zeiten nicht benutzten schönen Krug hervorgeholt,
um Viktorinen die Milch in demselben aufzutragen.
Der Knechl hatte die Bank unter den Bäumen mit
einem neuen Siz versehen, die Ranken an der Laube

in dem Gärtchen schneiden und an die Laiten binden
müssen. Das war Alles, wer weiß wie lange nicht
gethan worden, und auch an der schweren eisen-
beschlagenen Truhe, in der sie die alten Verschreibun-
gen und Papiere der Familie aufbewahrte, hatte man
sie nicht herumhandtieren sehen so wie jetzt.
Das mußte Etwas zu bedeuten haben, so gut
wie die Besuche von Pater Benedikt, der in den
Tagen immer mit seiner Klasse des Weges gegangrn
und stehen geblieben war, mit der Mutter zu ver-
kehren. Aber nicht nur mit seinen Schülern hatte er
die Siraße eingeschlagen, selbst früh am Morgen war
er wieder und wieder hinaufgekommen und hatte sich
mit seinem Buche hingesetzt auf die Bank am Brunnen,
und hatte dagesessen, das Brevier in Händen, ohne
es nur aufzumachen. Rasch wie in seinen Knaben-
jahren war er dann hinaufgestiegen in den Wald,
und auch dort oben hatte der Knecht ihn lesend an-
getroffen, als ob er das im Kloster nicht bequemen
haben konnte.-- Sie hätten es wissen mögen, was
er da oben wollte, waö er bei seiner Mutter jetzt mit
einem Male suchte.
Benediktus selber fragte sich das nicht, denn er
scheute die Antwort, die er sich darauf hätte geben
F. Lewald, Benevikt. l.

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müssen. Eine unüberwindliche Unruhe trieb ihn
; umher, Vorstellungen, die er nie gehalt, gaukelten in
verschwimmendem Wechsel vor seinen Augen, reizten
ihn auf, sie zu verfolgen, ihnen nachzudenken, auf
Mittel und Wege zu sinnen, wie er sie erreichen
könne.
Er wußte es nur zu gut! Viktorine hatte Recht
gehabt mit ihrem Ausspruche, daß für den Ent-
schlossenen Alles möglich sei, daß man Alles erreichen
könne, wenn man nur die rechten Mittel wähle, an
- - das vorgesteckte Ziel zu kommen. Auch aus diesem
- Thale, auch aus seinem Kloster war ja zu Ende des
. vorigen Jahrhunderts, als die Armeen Suwaroffs die
Schweiz durchzogen, einer der Mönche entflohen; und
s obschon man es in dem Kloster abzuleugnen trachtete,
E ging doch im Thale das Gerücht, daß jener flüchtig
F gewordene Pater Paulus in Rußland zu großen Ehren
F emporgestiegen sei, daß er ein Kriegsmannn geworden
ß sei, der zulezt als General hoch in seines Kaisers
F Gunst gestanden habe, und daß einmal die Kinder
F -des Generals gekommen wären, um seiner Erinnerung
F willen das Kloster zu besuchen. Was für den Pater
Paulus möglich gewesen, was einem Andern gelungen
? war, das konnte auch ihm gelingen und leicht gelingen,
E
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wenn ihm Vktorine hilfreich dazu ihre Hand bot.
Sie, die Einzige, die bis zu dieser Stunde Mitleid
mit ihm gefühlt hatte, mehr als die eigene Mutter;
die Einzige, deren Sinn nicht eingeengt war in dieser
Berge, dieser todten Steine Riesenmassen, die ihm
die Brust bedrückten, die ihn beängstigten selbst in
seinen Träumen, wenn sie zusammenrückend ihm den
Weg zur Flucht versperrten, oder zerschmetternd auf ihn
niederfielen, sobald er an Viktorinens Hand des Thales
Grenze überschritten zu haben glaubte.
Er konnte sich's nicht denken, wie er künftig in
dem Thale leben sollte, ohne sie. Er begrif nicht,
wie es werden würde, wenn er nicht mehr die Tage
und die Stunden zählen konnte bis zu ihrem nächsten
Wiedersehen?
Schwärmend und träumend war er an einem
Morgen wieder hingezogen zu dem Brunnen an seiner
Mutter Haus, zu der Stelle, an welcher Viktorine
zuletzt wie ein Engel der Verkündigung und Ver-
heißung vor ihm erschienen war.
Jakobäa sah ihn schon von ferne kommen. Die
Leute waren alle, wie um diese Stunde immer, bei
der Arbeit; sie war allein im Hause. Da er die
Treppe nicht emporstieg, trat sie zu ihm hinaus. Viel

;

Reden war nie ihre Art gewesen, selbst nicht mit
Benedikt, und zu sagen hatten sie einander auch nie
viel gehabt, seit er im Kloster war.
Er bot ihr kurzweg , Guten Tag, sie gab ihm
- das ebenso kunz zurück, und blieb oben unter ihrem
Vordach stehen.
, Die Bank ist neu gemacht,? sagte Benediktus
endlich, weil die Mutter ihn so unverwandten Blickes
ansah, daß er merkte, sein Schweigen wundre sie.
,Die alte hielt nicht mehr!r gab sie ihm zur Ant-
wort. Er schöpfte den Becher voll, der an dem Brun-
nen hing und trank daraus.
,Das Wasser ist doch das frischeste rund um!'
bemerkte er.
,Das spricht das Fräüulein auch!? sagte die Mutter
z hastig.
z
,Ist sie zurück? fragte der Sohn, während bei
dem bloßen Gedanken an Viktorine ihm das Blut
s
- die Wangen färbte.
Die Mutter verneinte es. Sie wußte auch nicht,
j -
F? wannsie wiederkehren würde, und er wagte weiter
nicht, von ihr zu sprechen, aber Jakobäa that es. Sie
ß chatte nur darauf gewartet.
f
,Ich sah es mit Verdruß, als sie zum ersten
f
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s?
s
E

Male herkam,? sagte sie und brach dann ab. Er
fühlte, daß die Mutter Etwas auf dem Herzen hatte,
und er hätte gern erfahren, was es sei; fie wußten
sich aber Beide nicht zu helfen. Endlich trug der
Mutter Ungeduld den Sieg davon.
,. Komm hinein, es wird hier draußen heiß!r
sagte sie, obschon kein Strahl der Sonne durch das
dichte Laub der Bäume drang, und der Himmel sich
bewölkte. Er folgte ihrer Mahnung.
Wie er nun drinnen in dem großen kühlen
Raume saß, zog sie die Thüren des Hauses und der
Stube zu, und sah sich um, als müsse sie sich ganz
besonders überzeugen, daß sie Niemand höre. Dann
blieb sie ihm gegenüber stehen.
,Gerufen hätte ich Dich nicht,? sprach sie, , aber
Du bist von selbst gekommen und sie hat mir gesagt,
was ich ja gewußt habe von der ersten Stunde an,
und was mir auf dem Herzen gelegen hat seit dem
Tage, an dem Du Alles ersahren und hier gesessen
und die Augen von mir abgewendet hast.?
,Laß mich gehen, Mutter!'- fiel er ihr in's Wort,
,und laß das ruhen!
,,Nein,- sprach sie mit eiserner Bestimmtheit.
,Ich hab's in mir verschlossen alle die Jahre lang.

k.
s
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? und kein Wort davon ist über meine Lippen gekom-
F- men. Einmal aber will ich's sagen.- Ich kann sie
nicht ansehen, sie und ihre schwarzen Röcke, wenn sie
F hier vorüberschleichen und schielen nach dem Hause
hinauf und gehen über meine Matten, als könnten
- sie die Stunde nicht erwarten, daß es ihre sein und
- ihre Kasten füllen und sie mästen wird. Und daß
s
z Du es nun weißt! verschreiben thue ich's ihnen nicht,
ß so lange ich noch meine fünf Sinne klar zusammen
s habe. Für uns ist es gebaut, bei uns soll es auch
s
? bleiben!r

,Bei uns? wiederholte Benedikt mit Bitterkeit,
z , ich dächte Mutter, Du hättest gut dafür gesorgt--
Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. , Wenn
es auf einen Menschen herniederfällt, er weiß nicht
?- wie, da hält er sich, woran er kann; da glaubt er
Alles, da thut er Alles, was man ihn ihun heißt,
F denn er kann sich nicht besinnen.!

- Und wieder hielt sie inne und sagte dann so

F leise, als fürchte sie den Ton der eigenen Stimme:
E ,Wäre sie damals hergekommen, sie oder ein Anderer,
der mehr von der Welt verstanden hätte als ich in
ß meizer erschlagenheit, und es häte mir Einer ge-
s sagt wie sie: ,was hast Du denn verbrochen? Du

hast Unglück gehabt und bist betrogen worden zum Er-
barmen. Mache gut an Deinen Kindern, was an
Dir gesündigt worden ist von ihrem Vater, denn sie
haben Niemand auf der Welt, als Dich allein, und
die Menschen werden ihnen den schlechten Vater um
der guten Mutter willen nicht gedenken.' Hätte mir
Einer das gesagt, ich hätte es verstanden und danach
gehandelt! Aber sie waren lüstern nach unserm Hab
und Gut, und mit meinen weinenden Augen habe ich
das nicht gesehen in meiner Angst, und habe es über
mich und Euch gebracht!?
Ihre Rede war fest, sie venzog keine Miene, aber
die Thränen liefen ihr über die Wangen. Sein Lebe-
lang hatte der Sohn sie also nicht gesehen, es wendete
ihm das Henz um in Erbarmen und in Mitleid.
Er hatte sie nie so sehr als seine Mutter, sich als
ihren Sohn, als Denjenigen empfunden, der berufen
war, ihr ein Stüzer zu sein in dem Schicksal, dem
sie unterlegen war.
,Laß es gut sein Mutter, und sei ruhig!'- tröstete
er sie. , Es klagt Dich Niemand an. Die Schwestern
sind ja freudig in der Arbeit, die ihr Theil geworden
ist und ich=-
, Eüge nicht!' rief die Mutter, noch ehe er vell-

k
H
enden konnte. --- ,Ich weiß es Alles, sie hat es mir
gesagt.-- Du bist nicht ruhig, kannst es njemaGd
werden. Gott hat die wundersame Stimnße Did, in
die Brust gelegt, und wie die gefangene DSdssel zEg-
schellst Du Dir den Schädel an den Mauer; sn
denen sie Dich halten!? -- Sie stieß die Wdrte,
denen er es anhörte, daß sie ihr von Viktorinen kamen,s
mit Heftigkeit hervor, und sie erschreckten ihn, al
hätte er nicht, seit er die Fremde kannte, dad Gleiche
oft genng gedacht.
Die Mutter hatte seine Hand ergrifen und zeg
ihn hin bis zu der alten Truhe, die sie vor ihm auf-
schloß. ,Sieh!r sagte sie, scheu wie die Missethat
um sich blickend, , da liegt das Geld! Nimn's und
geh! -- Sie kennt Weg und Steg, sie hat Freunde
und hat Macht und Einfluß. Ich will Dir eilig
F folgen, und Beide wollen wir dann pilgernd hin-
s zehen und knieen, Du und ich an rechter Stelle. Tag
und Nacht wollen wir flehen vor Sankt Peters
Thron! Alles will ich daran sezen! Dpfek will ich
bringen, so viel man heischen mag, denn ich bin reicher-
als sie es vernzuthen. -- nur daß Du der Erbe dieses
Hauses wirst.r? -
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Sie nahm aus einem kleinen Schube eine Rolle
---
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89
Goldstücke hervor, sie ihm zu geben. Seine Blicke
flogen danach hin, seine Hand streckte sich mit raschem
Verlangen danach aus. Es war die Aussicht auf Be-
freiung, die ihn reizte, nicht der Besiz des Hauses
und das Erbe. Aber vor sich selbst erschreckend, ent-
fernte er sich von der Mutter. Denn jetzt, hier unter
diesem Dache, hier unter der Mutter hartem Blick
und Wort, trat plözlich die nackte Wirklichkeit an ihn
heran, und hob die gewaltige Hand auf gegen ihn
und gegen sein Verlangen, und gegen die Hoffnun-
gen, welche Viktorinens gauklerische Phantasie in ihm
entstehen machten.
Hier von eben dieser Stätte war dereinst sein
Vater durch sein Verbrechen fortgetrieben worden in
die Welt. Durch diese Thüre war seine Mutter fast
ein Menschenalter lang an jedem Tage früh und spät
hinausgeschritten, ihre büßende Andacht in der Kirche
zu verrichten. An diesem Tische hatte er gesessen,
nachdem er es erfahrxn, daß und weshalb ihn seine
Mutter mit einem heiljgen Eide der Kirche angelobt.
Und standen sie denn nicht mehr drüben, die Kirche
und des Klosters Mauern? Hatte er das Gelübde der
e?
Mutter nicht auf sich genommen, und es aus eignem
Entschlusse bekräftigt in der Stunde, in welcher er
N
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e
!-
1
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die Weihen empfangen, in welcher er geschworen hatte,
in Keuschheit, in Armuth und in Gehorsam der Welt
und ihren Freuden zu entsagen, um seines Vaters
Schuld zu sühnen und dem Herrn zu dienen für und
für?=- Was war denn über ihn gekommen?-- Ach!
er wußte es nur zu gut!-- Er schlug verzweifelnd
die Hände in einander; es stand schlimm um ihn und
um sein Heil!
Wie die rasch aufgestiegenen grauen Wolken
draußen - so düster und in so wildem Zuge jagten
die Gedanken durch sein Hirn. Er sah die Mutter
vor sich stehen und hörte doch daneben Viktorinens
verlockende Worte, und vernahm sie auch, die nicht zu
übertäubende Stimme seines Gewissens, die sich auf-
lehnte gegen die Mutter und gegen Viktorine, und
die niedergehalten wurde von jenem geheimen Ver-
langen, vor dem ihm schauderte, daß er ihm den
rechten Namen nicht zu geben wagte.
Der Mutter Auge folgte jeder seiner Bewegungen
und Mienen, sie näherte sich ihm und zog ihn mit starker
Hand zu sich zurück. ,Du zauderst?? fragte sie, in-
f dem sie ihm ihr Gold noch einmal darbot.
,Der Wahnsinn kommt über Dich und mich!?
rief er, ,laß ab von mir mit dieser Qual!'r
- s
. =s

,Du zauderst? wiederholte sie mit Bitterkeit
und von der wilden Gewalt des lang verhaltenen
Schmerzes hingerissen; sie stieß seine Hand von sich
und höhnte: , Bleib denn ihr Knecht, und trage ihre
Kutte und ihre Ketten bis an Dein Lebensende!r und
mit raschem Schlage den Deckel der Truhe zuwerfend,
sagte sie: , Ich wollte, das Wetter, das dort aufsteigt,
zerschmetterte das Haus und mich, ehe daß es ihnen
in die Hände fält!r'
,,Mutter! Mutter! warnte und flehte Benedikt.
,Es liegt schon Fluch genug auf diesem Hause!
, So geh' hinweg von seiner Schwelle! geh! und
sing' und bete mitten unter ihnen, die ihre habgierigen
Häinde heuchelnd falten, bis sie es an sich gerissen
haben werden, all unser Hab und Gut! Und kehre mir
nicht wieder, denn Du hast kein Herz, keine Ehre!
Du bist zu feig zu sühnen, was Dein Vater an mir
gesündigt hat! Nicht einmal es zu versuchen hast Du
Muth!- Muß es denn mit uns aus sein und mit
unserm Hause, so seis je eher, je besser! Geh! auf
Nimmerwiederkehrl?
Sie lachte laut auf wie im Irrsinne. Es fuhr
ihm kalt durch Mark und Bein. Wie die fahlen
Schwingen aufgeschreckten Nachtgevögels, verwirrend

H
und ungreifbar, schwirrte es durch seinen Sinn, daß
ihm davor graute.
,Auf Nimmerwiederkehr!r sprach er ihr tonlos
nach, und sie fliehend, um sich vor sich selbst zu retten,
eilte er von dannen.

Kapitel 06

Hechsies Cnpiiel.

I Pater Theophilus' Brust schlug ein mildes,
weiches Herz. Er liebte Benedikt wie sein leiblich
Kind, und härmte sich um der Versuchung willen, der
er ihn ausgesetzt und um den Kampf, in welchen er
ihn verwickelt wußte.
Als er sich vor jenen langen Jahren Jakobäa's
angenommen hatte, war es ihm nur um sie und um
ihr Heil zu thun gewesen, wo des Abtes weitblickende
Klugheit gleich im ersten Augenblicke die Vortheile
erwogen hatte, welche das Mißgeschick der Rathsuchen-
den dem Kloster bringen konnte, wenn man es richtig
zu benuzen wußte; und Jakobäens und ihrer Kinder
Heil und Frieden lagen dem greisen Pater auch noch
jezt am Herzen, wenn schon er seines Oberen Zwecken
diente.

F
Er selber hatte keine Angehörigen mehr. Das
Kloster war seine Heimath, die Brüderschaft seine
Familie geworden, wie der Doktor es Viktorinen zu-
treffend genuug bezeichnet hatte. Aber der unabweis-
liche Trieb der menschlichen Natur nach irgend einem
Wesen, dem er seine liebende Sorge, seine Pflege an-
gedeihen lassen konnte, jenes Verlangen, das dem Ein-
samen die Spinne werth macht, welche sich an das
Fenster seines Zimmers heftet, war in des Mönches
sanfter Seele darum nicht erloschen, und seine ganze
Zärtlichkeit hatte sich Benediktus zugewendet. Seine
Gebete galten ihm, seine Gedanken folgten ihm, seine
Liebe wachte über ihn. Er hatte es deshalb mit
Genugthuung vernommen, daß Viktorine für einige
Tage das Thal verlassen hatte, denn er hoffte, ihre
Abwesenheit solle Benediktus heilsam werden und ihm
Ruhe gönnen. Der Jüngling aber war von Ruhe
weit entfernt.
Wie ein Sturmstoß den Ast vom Baume, so
hatte der Mutter ungemessene Leidenschaft ihn hin-
-weggetrieben von der Schwelle seines Vaterhauses.
-Er war gegangen, er wußte nicht wohin. Keines
festen Gedankens, keiner klaren Vorstellung mächtig,
war er vorwärts geeilt, nicht achtend des schweren
s

Wetters, das emporstieg, nicht achtend des stärker und
stärker werdenden Sturmes, mit dem das finstere
Gewölk, das Licht verschattend, in das Thal einzeg.
Schon waren der Berge Gipfel nicht mehr sichtbar,
schon hörte sich's wie ferner Donner in der Luft; die
Vögel suchten ängstlich gegen den Wind ankämpfend
ihre Nester. Von dem breiten Fahrwege, der das
ganze Thal durchzog, wirbelte hoch der Staub empor.
Ein fahler Sonnenstrahl, der durch die Wolken nieder-
fiel, durchleuchtete ihn einen Augenblick, dann ward
es wieder dunkel, und nur der weiße Gischt erglänzte
noch auf den finstern Wellen des Bergwassers, daö
durch das zitternde Gras der Wiesen rauschte. Mt
grellem Streiflicht zuckte ein Bliz vorüber. Den Laut
deö Donnerö verschlang das Heulen des Sturmes.
Er beugte die Wipfel der Bäume, daß die Aeste
knarrend stöhnten. Hier flog zwischen den Blättern,
die er vor sich hertrieb, ein Zweig, dort ein anderer
zu Boden. Ein neuer heftiger Sturmstoß, ein flam-
mender Bliz, ein Donner, der von den Bergen wieder-
hallte, daß alle Kreatur davor erbebte- und in
prasselnden Strömen fiel schallend der Regen vom
Himmel auf die Erde nieder.
F. Lewald, Benedikt. l.

Benedikt hatte den Aufruhr in den Elementen
kaum empfunden. Mit festem Schritte war er an-
gegangen gegen den brausenden Wind; es hatte ihm
wohlgethan, einen äußeren Widerstand zu besiegen,
weil er des inneren nicht Herr zu werden vermochte.
Ohne sich zu fragen, wohin er wolle, war er, von
seiner Unruhe getrieben, fort und fortgegangen, bis er
aufathmend sich auf der Klostermatte wiederfand. Ein
unbewußtes Verlangen hatte ihn hingezogen nach der
Stätte, an welcher er sie zuerst allein getrofen, nach
dem Platze, an dem sie ihm wieder zu begegnen ver-
heißen hatte.
Er wußte, daß sie nicht da sein konnte, und sein
uge suchte sie doch! Er wußte, daß er sie liebte --
leidenschaftlich liebte, -- er, der gottgeweihte Mönch,
für den es Meineid war, an sie zu denken! Und doch
fühlte er sich versucht, nach ihr zu rufen, nur um den
Namen auszusprechen, in dem für ihn sich alles Glück
und alles Leid zusammendrängte; aber er preßte den
Laut in seine Brust zurück. Er fürchtete, sie werde
ihm erscheinen: ein Truggebild, sie und doch nicht sie,
die Verlockung zu vollenden, die wie mit einem Zauber
ihn befangen hatte seit der Stunde, in welcher sie
ihm den Sinn umstrickt mit ihrem Singen, und

W9
ihm den Blick eröffnet hatte in die Welt, in der
sie lebte.
Er lehnte wieder unter dem Baume, an welchem
er dazumal gestanden. Drüben, jenseit der Thal-
schlucht lag sein Vaterhaus, zur Rechten stiegen die
Mauern und Thürme des Klosters in die Höhe; aber
der dichte Regen und die tief im Thale ziehenden
Wolken verschleierten die Einen wie das Andere, daß;
er es sah, als wäre er weit davon entfernt, als zueg-
ten die Wasser eines Meeres zwischen ihm und jenen
Stätten, als schwellten und stiegen sie um ihn emper,
in neuer Sündfluth ihn und alles Erschaffene zu ver-
schlingen, um ein Ende zu machen dem Kampfe und
den Qualen, denen er sich nicht gewachsen fühlte.
Wie ein Schwert war die Erkenntniß, daß er in
Liebe für ein Weib entbrannt sei, durch seine Seele
gefahren und hatte sie in sich zerspalten, daß sein
Wünschen und Begehren sich wie Feinde erhoben gegen
seinen Eid, und sich nicht beugen wollten vor dem
Ruf des eigenen Gewissens. Er wollte sich besiegen
und streckte sehnend die Arme aus nach ihr, die all
das Unheil über ihn gebracht, die auch seine Mutter
aus ihrem schwer errungenen Frieden aufgescheucht, die

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1
ihr das Herz verwandelt hatte wie ihm; ver-
wandelt, wie der Freund es warnend ihm vor-
ausgesagt --- daß keine Macht den Zauber lösen
konnte, der ihn gefangen hielt und an sie band; daß
Nichts ihm übrig blieb, daß er verloren war, verloren
hier und dort in alle Ewigkeit!
Die Gewalt des Wetters hatte sich ausgetobt, der
Regen fiel allmälig still und dicht hernieder. So
weit sein Auge reichte, war kein Mensch zu sehen.
Frei war er in diesem Augenblicke! Wenn er diese
Gelegenheit benuzte, zu entfliehen, wenn er diese
Stunden benuzte, dad Thal zu verlassen, so war ein
weiter Vorsprung für ihn möglich, und Beistand zu
finden durfte er gewiß sein, wenn er dem Dringen
- der Mutter, der Weisung Viktorinens nachgab. In
dieser Stunde, vielleicht in keiner anderen jemals
wieder, hatte er sein Schicksal in der Hand.
Er brauchte nur zu wollen, und er konnte er-
reichen, was ihn in seinen Knabenträumen so gereizt.
Die Welt lag vor ihm ofen, wenn er die Kraft, den
Muth besaß, sich jeyt in sie zu stünzen.
Den Muth! Die Kraft!
Er hielt mit einemmale inne. Den Muth, mit
allen seinen Kräften nach Befriedigung seiner Be-

11
gierden zu ringen, den besaß jedweder rohe Mensch,
den besaß sogar das wilde Thier!-
Aber war das die Kraft, nach der er getrachtet
hatte, als nach seinem höchsten Ziele? Der Muth der
irdischen Selbstsucht, was hatte der gemein mit jener
Kraft und jenem Muthe all der Tausende von Män-
nern und Frauen, die, der Welt und ihrem lrügeri-
schen Schein entsagend, auf all ihr menschlich Wollen
und Begehren verzichtet hatten, dem Heilande nachzu-
folgen und ihm ähnlich zu werden, dem Gottessohne,
dessen Bild sich hier vor ihm erhob?
Er schlug sein verdüstert Auge scheu empor zu
dem Kreuze, das inmitten der Klostermaue aufgerichtet
stand. Wie oft hatte er vor demselben geknieet, ein
Knabe noch, als sein ungezähmter Sinn sich wider-
willig aufgelehnt gegen den Gedanken, daö Ordens-
kleid zu tragen! Wie viele Stunden hatte er sich hier
versenkt in Betrachtung und Anbetung des Lebens und
des Beispiels dessen, der es der Menschheit kund ge-
than, wie sie zu leben habe, um sich emporzurichten
aus der Finsterniß zum Licht, aus der Erde Schlamm
in reinere Regionen. Hier an dieser Stelle hatte er
geknieet auch an dem Abende des Tages, an welchem
er die Weihen empfangen, und hatte freudigen Herzens

1
die Eide wiederholt, die er gläubiger Neberzeugung
voll, am Altar ausgesprochen, in Keuschheit, in Armuth
und in Gehorsam zu verharren bis zu seinem letzten
Athemzuge, um ein würdiger Verkünder zu sein der
höchsten Gedanken, deren die Menschenseele fähig ist,
und deren sie nöthig hat, um nicht herahzusinken zu
dem Thier: die Selbstverleugnung und die Nchsten-
liebe.
Er fiel auf seine Kniee, und als hätte ein
Gnadenschaz sich angesammelt hier an dieser Stelle, so
erweichte sich sein Schmerz. Der feste Glaube, der
ihn hier so oft erhoben, die fromme Zuversicht und
Rührung früherer Tage, sie dämmerten wieder in ihm
auf. Sie leuchteten ihm hell und heller in das
Dunkel seines Kampfes, und träufelten milde, be-
seligende Wehmuth in sein Herz.
Er preßte seine heiße Stirne gegen das Kreuz, er
rief in flehender Angst zu ihm empor, der aller Ver-
suchung und Verlockung widerstanden, der gerungen
und gekämpft hatte als des Menschen Sohn, der wie
ein Mensch geschaudert hatte vor der Bitterkeit des
Schmerzes und des Todes, und der dennoch über-
wunden hatte in Glauben und im Vertrauen, und
hingegangen war, den Kreuzestod zu leiden -- er, der

18
Sündenfreie! Der auf sein schuldlos Haupt gendm-
men die ganze Sündenlast der Menschheit, die vor
;Mxf - -- ---
Mit beiden Armen klammerte er sich an das
Kreuz.- Er konnte wieder beten: für sich, für seine
Mutter, und auch für sie! Er konnte beten, und er
konnte weinen. -
Es war schon gegen den Mittag hin, als er end-
lich durch das Thor des Klosters einging. Man
hatte ihn vermißt, und fast gefürchtet, daß ihm ein
Unfall bei dem schweren Wetter zugestoßen wäre.
Seine Erschöpfung fiel nicht auf, sie war nur zu er-
klllrlich, und man sah ihn ruhig nach seiner Zelle
gehen. Nur Pater Thevphilus folgte ihm dorthin,
des Greises Auge war so wenig wie sein Henz zu
täuschen.
Er fragte, was geschehen sei.
Statt der Antwort warf sich Benodikt in seine
Arme; der Greis hielt ihn an seinem Herzen fest.
Er drang nicht mehr in ihn, da Jener schwieg. Er
kannte seinen Schüler und wußte, wie er ihn zu
nehmen hatte.
Benedikt hatte sich von ihm les gemacht und war


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a. Ka sa ..K. K.

Kapitel 07

Früh am andern Morgen knieete, als die Früh-
mette gesungen war, der Jüngling vor dem Beicht-
stuhl, in welchem Pater Theophilus Beichte hörte.
Das Gewitter des vergangenen Tages hatte die
Natur erfrischt, die Kirchenthüren standen offen, der
Morgenluft den Einzug zu gestatten. Die Sonne
schien warm hinein. Sie beleuchtete die Weihrauchs-
wölkchen, welche von der Frühmette her noch durch
des Chores Gewölbe zogen. Eine verirrte Schwalbe
schoß unter dem hohen Dome hin und wieder, ängst-
lich den Ausgang suchend, während die geöffneten
Thüren ihr doch denselben boten. Sonst regte sich
in der Kirche Nichts. Nur den schweren Pendelschlag
der Thurmuhr vernahm man in der tiefen Stille.

z
108
Benedikt hatte seinem Beichtiger das tiefste Innere
seines Herzens bloß gelegt. Er hatte Nichts zurück-
behalten, Nichts beschönigt. Wie er in den bangen
Stunden dieser Nacht unerbittlich die lezte Falte seines
Herzens vor sich selbst enthüllt, so sprach er jezt vor
seinem Beichtiger all sein Irren und sein Fehlen, sein
sündhaft Wünschen und sein frevelnd Hoffen aus.
s -Ze-===-Fe« F=- Er öerichtete, wie Viktorinend Herantreten ihn
?
überrascht, wie ihr Gesang ihm Leib und Seele auf-
geregt. Er klagte sich an, daß er sein erstes einsames
Begegnen mit ihr geflissentlich verschwiegen, daß des
Doktors wohlgemeinte Mahnung ihn nur noch leb-
hafter gereizt habe, die Sängerin wiederzusehen. Er
gestand, wie er sich absichtlich betrogen, wie bei aller
Begeisterung, welche er für die Kunst empfinde, es
nicht die Liebe zur Musik allein gewesen sei, die ihn
die Fremde suchen machen, sondern die Leidenschaft
der Liebe für sie selbst, in ihrer ganzen verzehrenden
Gewalt.
Er schilderte dem Greise, wie Viktorine ihm von
einem Leben in der Welt und in der Kunst gesprochen
habe, bei welchem ihm der Erdenfreuden und der Be-
wunderung reiches Maßß nicht fehlen könne; wie sie
ihn auf die Möglichkeit verwiesen, durch des höchsten

19
Priesters Gnade seiner Eidespflicht enthoben, und
zur Rüückkehr in die Welt, zur freien Hingebung an
die Kunst ermächtigt zu werden. Selbst daß sie seiner
Mutter das gleiche Ziel als ein für ihn erreichbares
bezeichnet, und daß die eigene Mutter mit flehender
Bitte in ihn gedrungen habe, das Wagniß zu bestehen,
um dann als ihres Hauses Erbe sein Geschlecht einst
fortzupflanzen, selbst das enthielt er seinem Beichtiger
nicht vor.
Aber seine Stimme bebte, seine bleichen Wangen
röthete die Scham, als er diese Worte über seine
Lippen gehen ließ, und obschon er deö Sprechend
ebenso gewohnt, als des Ausdrucks mächtig war, ver-
stummte ihm der Mund. Erst des Paterö Frage, was
er erwidert und gethan habe auf der Mutter Vor-
schlag, rief ihn aus seiner Versunkenheit empor.
,Wie des Irrlichts Flamme, die in die Tiefe
lockt, aus der kein Wiederkehren ist,? sprach er, »le
erglänzte und lockte das Gold vor meinen Augen. Es
war der Schlüssel zu dem Glück der Welt. Eine
höllische Versuchung stellte mir in Bildern, die ich
nie erschaut, ihre Freuden in hellstem Lichte vor, und
es war der eignen Mutter Hand, die es mir bot, es
war meine Mutter, die in mich drang, zu fliehen und

1
des Lebens zu genießen in der Welt, in welcher =-e
Er hielt inne und preßte die gefalteten Hände
gegen seine Stirn.
Theophilus erbarmte seiner, doch schonen durfte
er ihn nicht. ,Vollende!' mahnte er, ,und sprich es
aus, was Du zu denken nicht gescheut hast. Was
war das lezte Ziel, nach dem Du strebtest in der
WeltF
,Gönne mir's, mein Vater, daß mein Mund sie
nicht mehr nenne !'r bat der Jüngling kaum vernehm-
bar, und auf seine inbrünstig gefalteten Hände fielen
ein paar heiße schwere Thränentropfen nieder.
Der Pater ließ ihm eine kleine Rast.
, Und was hielt Dich zurück? fragte er danach.
,,Nicht meine Kraft, mein Vater!r bekannte Bene-
dikt. ,Mir wallte das Herz auf in sündiger Begier.
Ich streckte die Hand aus, ich war entschlossen, ob-
schon ich wußte, was ich damit that. Da- - wie
soll ich's nennen, was mich plözlich hielt und bannte?
Und noch einmal stockte ihm das Wort, daß Theophilus
ihn zu sprechen mahnen mußte.
,Ich dachte nicht an Gott, nicht an den Heiland,
nicht an mich und meiner Seele Heil, nicht an die
Verdammniß, der ich mich überliefern wollte. Es

11
war kein heiliger Gedanke, der mich zaudern machte.
Eine weltliche Rücksicht war es ganz allein. Ich fühlte
ein Mitleid, ein Erbarmen mit der Mutter. Ich sah
ihr verstörtes Angesicht, das zornige Feuer ihres
Blickes, und ich sagte mir: des eidbrüchigen Mannes
unglückseliges Weib soll nicht die Mutter eines Sohnes
sein, der seinen Eid gebrochen hat!- Sie soll sich
vor den Menschen des Sohnes nicht zu schämen haben
wie des Gatten, nicht zu büßen haben auch für mich!
Besser, daß ihr Zorn sich auf mich richtet, als daß
der Heiland sein Antliz wenden muß von ihr, auf
der des Unheils und des Fluches genug schon
lastet!?
,Hast Du ihr das ausgesprochen? fragte Theo-
philus, dem ungesehen die Augen übergingen, daß er
sie trocknen mußte mit der Hand.
Benediktus verneinte es. ,Ich war mit meiner
Kraft zu Ende, die Versuchung war zu groß, ich
konnte Nichts als fliehen !'- und von der Gewalt
seiner unterdrückten Leidenschaft rasch und rascher vor-
wärts getrieben, sprach er dem Beichtiger von dem
Widerstreben jeines Sinnes, von der Auflehnung seines
irdischen Menschen gegen das Begehren, sich aus der
sündigen Verirrung emporzurichten und seine Seele

u1
zu erheben zu dem Herrn und Heiland in freudiger
Entsagung. -
, Hilf mir dazu, mein Vater!' flehte er, , hilf
mir, daß ich nicht erliege unter dem Sturm der Sinne,
der mich verwirrt, daß ich Nichts sehen und denken
kann, als sie - als sie allein!?
Er brach zusammen, in seinem Schmerz ver-
stummend. Der Pater störte ihn nicht, er ließ ihm
sich zu sammeln Zeit, und er hatte auch mit sich selbst
zu Rathe zu gehen. Er war katholischer Christ aus
tiefster, treuster Neberzeugung; er hatte das Ordens-
kleid als das höchste Ehrenzeichen angelegt, nach dem
sein frommes Herz getrachtet, und nie ein anderes
Ziel gekannt, als in Gottesfurcht und Menschenliebe
sein Dasein in des Klosters heiliger Abgeschiedenheit
zu verbringen, bis des Herrn Wille ihn dereinst rufen
würde, um ihn gnädig einzuführen in die Gefilde
einer besseren Welt, hin zu des Paradieses heiligen
Pforten. Sein ganzes irdisches Wünschen hatte sich
auf Benedikt bezogen. Ihn hatte er fortschreiten zu
sehen gewünscht in Wissenschaft und Kunst, für ihn
hatte er ehrgeizige Hofnungen gehegt Er war stolz
gewesen auf des Jünglings mächtige Stimme, und
was er sich bisher nicht eingestanden hatte, selbst auf
sa=saTaasSuseaaaTsasüsSsKKFzaä

118
des jungen Mannes stattliche Gestalt und Schönheit.
Er empfand dies jetzt mit schwerer Reue, als er in
das bleiche, schmerzzerrissene Antliz schaute, das zu ihmn
emporsah. Auch er hatte gefehlt, auch er hatte sich
anzuklagen. Weil du an einen sterblichen Menschen,
so sagte er sich, dein Herz gehängt, mehr als dir
heilsam war, trifft dich des Herrn Hand in diesem
Gegenstande deiner Erdensorgen, und dir geziemt's, mit
ihm zu büßen seine Schuld, ihm tragen zu helfen,
was ihm auferlegt ist, auch um deiner eigenen Sün-
den willen!
Hätte er seiner Einsicht folgen, nach seinem Er-
messen handeln dürfen, so würde er Benediktus mit
irgend einem Auftrage, der angestrengte Arbeit erheischte,
weit weg entsendet haben in ein fernes Land; abeu
des Abtes Wille hatte anders über ihn bestimmt und
Theophilus hatte sich vor dem Willen seiner Oberen
in Gehorsam zu bescheiden.
Sein unbeirrtes, kindliches Vertrauen in die gött-
liche Vorsehung kam ihm dabei zu Hülfe. Es gab
ihm die Festigkeit, deren er zum Troste für sich und
Benedikt bedurfte. Der Abt hatte es ausgesprochen,
daß es dem Menschen nicht zustehe, in des Höchsten
Fügung vermessen einzugreifen. Wer durfte Bene-
F. Lewald, Benedikt. 1.

geaaaeag
1l4
diktus also zu schützen trachten, wenn des Höchsten
Weisheit es beschlossen hatte, ihn in Versuchung fallen
zu lassen, damit er ringen und kämpfen und sich be-
jiegen lerne?=- Und wieder tauchten die Vorliebe und
das ehrgeizige Hoffen für den Sündigen, ohne daß er
sich dessen bewußt ward, in dem frommen Greise auf.
Sie waren ja Alle viel geprüft worden, und schwer
versucht, und hatten unterlegen und sich erst in heißen
Kämpfen zu befreien trachten müssen, die. heiligen
Märtyrer, die Blutzeugen und Nothhelfer, um deren
selige Häupter jezt der Glorienschein erglänzte. So
mußte denn auch Benediktus sich unterwerfen, sich dem
Rathschluß Gottes unterwerfen, und sich zu erretten
suchen durch Kasteiung seines Fleisches, durch Er-
hebung seines Geistes; an Theophilus aber war es,
ihm beizustehen, ihn zu ausharrendem Neberwinden zu
ermahnen.
Mit beredtem Worte sprach er dem Zerknirschten
zu. Was ihm selber wie eine Erleuchtung in der
Nacht der Trübsal gekommen war, das goß er ernst
und doch erbarmungsvoll dem Schmerzzerrissenen in
das Herz.
,Seit Du die Hände zu falten vermochtest und
Deine Lippen die Worte stammeln konnten,? sagte er,

115
, hat man Dich angehalten, das Gebet zu sprechen, das
der Heiland uns gelehrt. Früh und spät hast Du
mit seinen Worten zu dem Herrn gefleht: Führe uns
nicht in Versuchung! Und da die Versuchung nuu
an Dich herantritt, da der Allweise sie Dir in Deinen
Weg stellt, damit Du Dir bewußt würdest Deiner
Unzulänglichkeit, und angetrieben Dich um so in-
brünstiger zu ihm zu wenden, von dem allein uns
Heil und Hilfe kommt, jezt denkst Du sie nicht zu be-
stehen die Prüfung, die der Herr Dir zuerkennt?
Jezt denkst Du feig zurückzuschrecken vor der Arbeit
an Dir selbst, die Dein zugewiesen Thell ist?-- Ist
das der Glaube an die Vorsehung? Ist das die Nach-
folge des Heilandes, der sein Kreuz auf sich genommen
hat, und zu dem Du Dich bekannt hast?
Benediktus neigte das Haupt hernieder. , Es ist
in der Ereatur,! fuhr der Greis mit wachsender
Strenge fort zu ihm zu sprechen, ,daß ihre Verzagt-
heit widerspenstig vor dem Leidenmüssen schaudert.
Auch der Heiland, so lange die Menschlichkeit ihn noch
umhüllte, hat sich niedergeworfen auf seine Kniee und
hat emporgeschrieen zum Vater: Herr! ist's möglich,
so gehe dieser Kelch an mir vorüber!- und da der
Erdenleib ihn bannte in den irdischen Schmerz, ist er


?
F
.
118
verzagt und hat in seinem Zweifel aufgestöhnt: Gott!
mein Gott! warum hast Du mich verlassen? =- Aber
er hat das Erdenleben überwunden und den Tod, und
ist eingegangen in das ewige Leben, aus dem er
niederbickt auf einen Jeden, und sich wendet zu einem
Jeden, der in der Versuchung Angst und Noth das
Auge und das Herz zu ihm erhebt. Und Du wolltest
feige fliehen, da Dein Erlöser mit Dir ist? Das sei
ferne von dem, der ihn erkannt hat und sein Ge-
löbniß abgelegt auf ihn.?
Er faltete die greisen Hände zu schweigendem
Gebet. Die Stille wirkte auf Benediktus noch ge-
waltiger als des frommen Paters Mahnung. Wie
hatten sie ihn sonst entzückt, der frische Lufthauch, der
so leise durch die Kirche zeg, das Sonnenlicht, das
durch die Fenster leuchtete! -- Jezt aber kühlte der
Lufthauch seine heiße Stirn nicht, das Sonnenlichter-
freute ihn nicht mehr, es lockte ihn nicht hinaus in
die Natur, die Gott erschaffen. Er hätte sich verber-
gen mögen in der Klostermauern engste Zelle, gefesselt
hätte er sein mögen, um nur seines freien Willens
ledig zu sein, um sie nicht suchen zu können, ihr nicht
mnehr begegnen zu können, auf die alle seine Gedanken
hingewendet waren im Wachen und im Traum.

,Was hast Du über mich beschlossen? Was solk
ich thun, mein Vater?! fragte er endlich bang be-
klommen.
,Des Tages Arbeit so wie immer!'r gab der
Greis zur Antwort.
Benediktus zuckte vor dem einfachen Gebot zu-
sammen. Der Greis bemerkte es, und er wußte, was
der Andere erwartet hatte; aber es stand nicht bei
ihm, dem Jünglinge die Art von Buße aufzuerlegen,
nach welcher es dem Schwankenden verlangte.
,Deine Tagesarbeit, wiederholte Theophilus,
, muß von Dir gewissenhaft geleistet werden, damit
im Kloster Niemand durch Dich Aergerniß empfange,
damit Niemand aus der Schülerzahl irre werde an
dem Beispiel eines unserer Brüder, der ihnen zum
Lehrer und zum Vorbild dienen soll. Arbeiten sollst
Du vor der Menschen Augen, und knieen vor dem
Herrn in Fasten und Gebet, daß er, der Dir die Ver-
suchung auferlegt, Dir die Kraft verleihe, ihr zu wider-
stehen; daß er Dich stärke und Dich rüste mit des
Wortes Macht, auch die Mutter, die Dich geboren
hat, zurückzuführen von dem Wege des Verderbens,
auf den sie hingerathen ist, damit nicht untergehe in

s
-
-
118
Verdammniß sie und ihr ganzes in Sünde und Ver-
brechen geborenes Geschlecht!'?=-
Er legte ihm dann die Art der Fasten, die Art
und Zahl der geistigen Nebungen auf, denen Benedikt
sich unterziehen sollte, er sprach den herkömmlichen
Segen über ihn, und verließ den Beichtstuhl und die
Kirche.
Benediktus aber lag noch da in Reue und Zer-
knirschung ganz allein. Erst als die Glocke zum
Gottesdienst der Schüler rief, erhob er sich, und müde
und langsam wie Einer, der eine schwere Bürde trägt,
ging er, wohin die Pflicht ihn rief - heiligen Willens
voll, aber erbangend vor dem Kampfe, den er kämpfen
foilte, und vor dem langen Leben, das noch vor
ihm lag.

Kapitel 08

Jchies
Cnpitel

Porine hatte ihre Anverwandten wohlauf an-
getroffen. Die Begegnung mit ihnen, die gemeinsame
Reise waren ein ununterbrochener Genuß für sie ge-
wesen, und die Neuangekommenen in dem Thale
herumzuführen, in welchem sie seit Wochen heimisch
geworden, war ihr der Gipfel des Vergnügens.
Der Vetter und der Oheim, die mitgekommen
waren, versicherten, daß die Baronin und Viktorine nie
besser ausgesehen hätien, als eben jetzt; die Cousine
fand das Reitkleid, das Jene sich für das Gebirge
ausgesonnen und nach dem Bedürfniß zurecht gemacht,
viel schöner als die sämmtlichen Anzüge, welche sie
daheim und unterweges in den ersten Magazinen an-
getroffen hatte. Die Baronin merkte es erst in dem
Beisammensein mit einer größeren Anzahl von Per-

u
sonen, daß ihre Kräfte in unerwarteter Weise zuge-
nommen hatten. Der Doktor wurde mit Anerkennung
überhäuft, das freundliche Haus belobt, die Kost mit
der Eßlust von Bergsteigern genossen. Es war gerade
wie bei der Ankunft der Baronin, nur daß man sich
nicht der phantastischen Freigebigkeit befleißigte, die
Viktorine an den Tag gelegt hatte; und die Gäste wie
die Wirthe waren voll Zufriedenheit, beseelt von bester
Laune.
Am Nachmittage des zweiten Tages regnete es
ein wenig. Die beiden älteren Frauen plauderten am
Kaffeetisch, die Männer spielten Karten, Viktorine
hatte sich mit der Cousine in ihrer Gallerie niederge-
lassen. Sie wollte den Hut derselben nach ihrer Er-
findung aufstutzen, und die kleine lockige Nanette sah
mit Staunen und Vergnügen, wie ihr das Vorhaben
gelang.
,Es ist unglaublich,? sagte sie, indem sie vor
Viktorine niederknieend, die Schleife betrachtete, welche
diese eben an der linken Seite des Kopfes so geschickt
befestigt hatte, daß sie den Rand des Schirmes hob,
die Feder fest hielt, und den breiten Bändern doch alle
Freiheit ließ, flatternd die Schultern zu umspielen,
,es ist unglaublich, wie Du das Alles anzufassen,

1
Alles nach Deinem Sinn zu machen weißt! Dir
glückt wirklich Alles, was Du in die Hand nimmft!?
Viktorine ließ sich nicht in ihrer Arbelt stören.
Sie wußte, daß sie das Jdeal Nanettens war, daß
der Kleinen höchster Ehrgeiz dahin ging, es ihr we-
möglich nachzuthun, bewundert und gefeiert zu werden
wie sie, und das machte ihr das Mädchen lieb. Sie
hielt den Hut prüfcnd in die Höhe, besah ihn von
vorne, und meinte dann: ,Das ist angeborenes Ge-
schick und freilich auch ein wenig künstlerische Bildung.
Indeß diese sich anzueignen, muß eben eine Anlage
dazu vorhanden sein, und zuletzt kommt's immer und
überall auf die tiefsinnige Weisheit der Meerkazen im
Faust hinaus:
Und wenn es glückt
Und wenn es sich schickt,
So siud es Gedanken!
Damnit Du aber siehst, daß ich wirklich geistreiche
Einfälle habe, werde ich Dir hier oben nech, als
Krönung des Gebäudes, die Spielhahnfeder hinstecken,
die Du unterwegs gekauft hast.
Nanette fand das entzückend, Viktorine nestelte
und heftete eifig an den Bändern, an dem Schleier,
und ließ es dabei geschehen, daß die Cousine in der

:
Gallerie hin und wiedergehend, sich die Zeichnungen,
die Bücher, die Noten, die Pflanzen und die mannig-
fachen Gegenstände ansah, die auf den Tischen ausge-
breitet waren.
, Wenn man sich das Alles so betrachtet,? meinte
das junge Mädchen, ,dann begreift man es freilich,
wie Du es hier in diesen Wochen auch ohne jegliche
Gesellschaft ausgehalten hast. Ich hatte Dich wirklich
beklagt, weil Du so lange in dieser Weltabgeschieden-
heit verweilen mußtest.
,Du kennst die Gesellschaft nicht so auswendig
als ich!' warf Viktorine hin, und versuchte es, noch
eine Stahlschnalle an dem Hute anzubringen.
,Die Gesellschaft, in der man täglich lebt, kennt
im Grunde Jeder von uns zur Genüge, sagte Na-
nette, die doch eine verhältnißmäßige Erfahrenheit kund
zu geben wünschte, ,aber eben weil man der gewohn-
ten Gesellschaft, der gewohnten Umgebung müde ist,
geht man ja auf Reisen.?
Viktorine lächelte.,Der holde Schaz! Er geht
noch auf Reisen, um neue Eindrücke zu empfangen,
geistreiche Bekanntschaft zu machen! Auf Eisenbahnen,
in Dampfschifen! wo der Eine wie der Andere seinen
Bäädeker und Murray in der Hand hält, wo Niemand

1
mehr weiß, als er gedruckt vor Augen hat, und Keiner
an etwas Anderes denkt, als an sein Gepäck und an
sein Unterkommen in dem nächsten Nachtquartier!'
, Man bleibt aber doch nicht immer in der Eisen-
bahn. Man lebt in fremden Ländern, unter fremden
Menschen, man trifft doch bisweilen wirklich geistreiche
Männer an !=- wendete Nanette ein.
,,Geistreiche Männer,'' wiederholte Jene mit leich-
tem Spotte, ,geistreiche Männer, denen wir und unsere
Schönheit neu sind, die sich überrascht von ihr, die
sich hingerissen von uns zeigen, deren Huldigungen
wir noch nicht empfangen haben! Indessen-- ob
man Dir das englisch und französisch zu verstehen
giebt, es ist im Grunde immer nur dasselbe, und läuft
im besten Falle doch zuletzt darauf hinaus, daß man,
mit welcher Wendung es auch sei: uns und was wir
an Besiz besizen, zu besizen wünscht! Das aber ist
recht langweilig, wenn man es immer wieder durchzu-
machen hat; denn ein Mann, der uns von Liebe spricht
und Liebe fordert, ist immer lächerlich, wenn man ihn
nicht schon selber liebt.r?
Sie kannte genau die Wirkung, welche derartige
Behauptungen auf jüngere und vom Glück noch nicht
verwöhnte Frauenzimmer machten. Die Herrschaft und

12s
der Zauber, mit denen sie die jüngeren Mädchen an
sich fesselte, beruhte zum großen Theil auf der Gering-
schätzung der Männer, auf der Verspottung der Liebe,
in denen Viktorine sich gehen zu lassen liebte, denn
wer dasjenige verschmähen und verachten kann, was
Andere heiß ersehnen, stellt sich damit hoch über sie.
Die Cousine staunte auch den mächtigen Aus-
spruch wie es sich gebührte an, es war jedoch zuviel
von dem Blute ihrer Familie und ihres Volks in ihr,
als daß sie sich so leichten Kaufes abweisen lassen
sollte, und schelmisch zu der Beschäftigten hinüber-
blickend, meinte sie: ,Du sagst, eine englische und
eine französische Liebeserklärung sei eben so langweilig
als eine deutsche --- von einer italienischen hast Du
das nicht gesagt.?
,Sieh, wie Du klug bist, Kleine! Woher kommt
Dir aber dieser gar nicht üble Einfall?
Nanette machte ein pfiffiges Gesicht. ,Man
findet doch, troz allem Deinem Spotte,! sagte fie,
,auf der Reise hie und da einen Menschen, der nicht
so ist, wie alle Welt. Wir zum Beispiel sind erst vor
wenig Tagen mit einem Italiener zusammengetroffen,
den man gar nicht übersehen konnte. Groß, schlank, breit-
schultrig, das prächtigste Haar und ein paar Augen=


ue?
,Nun? fragte Viktorine, da Jene mit Berech-
nung inne hielt.
,Die Mutter war ganz fort, ganz außer sich
über seine Augen, über seine wahrhaft fürstlichen
Manieren; und so scharfsichtig waren diese Augen, daß
fie es gleich entdeckten, wie ich einer Dame ähnlich,
sehr ähnlich sähe, die er-e-
, Kleiner Narr! Meinst Du mich überraschen zu
können?- sagte Viktorine gut gelaunt, indem sie sich
erhob, den fertig gewordenen Hut der Cousine zum
Probiren hinzureichen. Aber wie sehr Nanette sich in
dem neuen Aufputz auch gefiel, es war ihr doch noch
wichtiger, sich Viktorinen gegenüber als Mitwissende
und Vertraute zu behaupten.
,Du weißt also, daß er kommt? fragte sie ge-
heimnißvoll.
,Sweifelst Du daran, mein Kind? gab Viktorine
ihr zur Antwort.
,,Die Tante hat aber meiner Mutter doch gesagt,
sie sei bedenklich, wie Du des Grafen Kommen an-
sehen, und was zu thun Du Dich entschließen würdest.
Sie hat mir und der Mutter das tiefste Schweigen
anbefohlen.r
,Ouu glaubst also, wie ich sehe, auch noch an

s

128
Mütter, die verschwiegen sind, wo es sich um ihrer
Töchter Heirath handelt?-- Wie Du gläubig bist!
-- Ich glaube beinah, Du glaubst sogar, daß Du
selbst verschwiegen bistl?
Nanette wurde roth.,Bist Du mir böse? rief
sie, indem sie der älteren Freundin Hand ergrif.
,Wie sollte ich? entgegnete ihr diese, indem sie
ihr einen leichten Schlag versezte. , indeß Du hast
heut einen guten Tag, Du bekommst heute unentgelt-
lich Lehren der tiefsten Weisheit, und zwar im Neber-
fluß. Merk Dir es also zum beliebigen Gebrauch:
Frauen und selbst Männer, die zu schweigen fähig
sind, wenn durch Sprechen ihre Eitelkeit befriedigt
werden kann, sind seltener als weiße Raben! - und
ich selber mache, wie Du siehst, heut keine Ausnahme
davon!'
Das junge Mädchen warf sich an Viktorinens
Brust.,Ech, Viktorine!r rief es, ,wenn Du wüßtest,
wie mich das freut! Du bist also entschlossen, Dich
ihm zu verbinden?
,Hast Du daran gezweifelt, Kind? Hast Du es
für möglich gehalten, daß er kommen würde, wäre er
des Empfanges, der ihn erwartet, nicht zum Voraus
ganz gewiß? - Sich einen Korb zu holen! und gar

19
so weit zu reisen, um ihn sich zu holen, ist er nicht
der Mann.'?
, Und Du liebst ihn also? fragte Nanette, der
die Cousine nie bedeutender erschienen war, als in dem
kühlen Gleichmuth, mit welchemu sie ein, nach Nanettens
Meinung, neidenöwerthes Schicksal hinnahm. ,Ou
liebst ihn also
Viktorine konnte sich es nicht versagen, ihre Rolle
bis in die kleinsten Einzelnheiten durchzuführen. , Was
heißt das, lieben? sagte sie. ,Ic war sehr glücklich
ohne seine Liebe, ich hoffe durch sie noch glücklicher
zu werden, und ich habe sogar schon einen Plan dar-
auf gebaut.?
,Pu meinst, Ihr werdet Rom bewohnen?' fiel
ihr die Cousine ein.
,,Natürlich!' sagte Jene, ,aber das war es nicht,
woran ich dachte. Mein Plan bezog sich nicht auf
mich und meine Wünsche.
Nanette verstand sie nicht. Viktorine rääumte ihr
Arbeitsgeräth zusammen, und sagte, hin und wieder
gehend:,Was Ihr Andern in Eurem Sinne Huldi-
gung und Liebe nennt, das hat für mich, weil ich es
zu früh und gar zu oft genossen habe, seinen Neiz
verloren. Aber hier oben in der Einsamkeit habe ich
F. Lewald, Benedikt. ll.

18
ein kleines Abenteuer gehabt, das mich entzückt hat,
und es hätte nur gefehlt, daß ich mich selbst verliebte.?
Der Cousine Neugier war angeregt; sie bat mit
dringender Frage, Viktorine möge ihr vertrauen, und
diese verlangte es nicht besser, hatte es anders gar
nicht vorgehabt.
, Sieh!r sprach sie, indem sie ihren Federhut an
das Mittelfenster der Gallerie aufhing, so daß er von
der Straße leicht ersichtbar war --- ,so lasterhaft ist
die Cousine, die Du liebst! In diesem Augenblickbe-
stimme ich ein benäet-rouu!
Nanette nahm es fröhlich als einen Scherz auf.
,Eache nicht! Ich sage Dir die Wahrheit,r versicherte
ihr Viktorine. ,Euf dies Zeichen treffe ich morgen
in der Frühe in tiefer Einsamkeit den Sänger, den
wir gestern Abend hörten, und den wir heute wieder
hören werden.r
,,Den schönen Mönch, von dem Du uns ge-
sprochen hast?
,lben diesen!?
Nanette wurde verwirrt.,Cber weshalb? Wozu?
rief sie erschreckend, und doch voll Lust an der Ro-
mantik des Ereignisses.
,Was das für Fragen sind !r tadelte die Andere.

11
Es entstand eine kleine Pause, Nanette konnte
sich in das Abenteuer nicht gleich finden, denn ihre
unverdorbene Phantasie vermochte den Launen und
Verwegenheiten, deren Viktorine fähig war, noch nicht
zu folgen. Trozdem traute sie sich nicht, ihre Be-
denken auszusprechen, um nicht als ein einfältiges Kind
verlacht zu werden, und doch kam sie ein Schauder
an. Sie begrif es nicht, wie Viktorine eben jezt an
etwas Anderes, oder an einen Anderen denken konnte,
als an Graf Stefano, und mit beklommenem Herzen
fragte sie: ,Liebst Du den Much?
,, Liebe und kein Ende!r rlef Viktorine, ,und
dazu siehst Du aus, alö verdienten ich und er nur
gleich den Holzstoß und das Purgatorium hinterdrein.
Sei aber unbesorgt, es ist nicht auf Liebe sondern
einzig auf eine Befreiung abgesehen! Stefano soll
mir dabei helfen, und die sogenannte Liebe ist nur die
Handhabe, mit der ich meine Aufgabe durchzuführen
hoffe; denn, unter uns, wenn mich nicht Alles trügt,
so liebt der schöne Pater mich --- und vielleicht leiden-
schaftlicher als er selbst es weiß.?
Nanette ftand in sprachlosem Erstaunen vor ihr.
Viktorine gefiel der Ausdruck ihrer Mienen nicht, sie

u
gab sich jedoch den Anschein, sie nicht zu beachten.
Plözlich legte das junge Mädchen seine Hand auf
ihren Arm.
,Du bist klüger, bist älter, hast andere Erfah-
rungen als ich -- ich weiß das Mllee!? sprach sie,
,aber Deine Vermessenheit flößt mir Entsetzen ein.
Wird Graf Stefano Dir helfen wollen, wenn Dich
der Pater liebt? Und was soll aus diesem Armen
werden, wenn Dein Plan mißlingt??
, Willst Du ihn etwa trösten? scherzte Viktorine,
und sich danach zusammennehmend, sprach sie ernst-
haft: ,Wer an sich glaubt, ist immer mächtig, Kind!
Mich aber, merk es Dir, muß man ohne jeden war-
nenden Anruf meine Straße gehen und aus freiem
Antrieb handeln lassen; dann gelingt mir Alles-
und-
Sie horchte auf; draußen schlug drei Mal nach
einander die Glocke des Klosterthurmes drei Schläge
an, dann läutete es zum Abendgottesdienst.
,Laß Dir Deinen Mantel bringen, wir wollen
nach der Kirche gehen!r sagte sie.
,Du hast Dich vorhin in Deiner Rede unter-
brochen,' erinnerte sie Nanette, die sich so schnell
nicht von den Vorstellungen abzuwenden vermochte,

1s
welche Viktorine in ihr erregt hatte. ,Was wolltest
Du noch sagen?
,Nichts weiter. Aber willst Du mit mir wetten,
daß Du den Pater, der heute den Abendsegen singt,
einst noch andere Dinge singen hören wirst, und zwar
in Rom aus meiner Loge in der großen Oper??
, Und wenn nicht? brachte Nanette, die durch
Viktorinens Keckheit ganz benommen war, mit Schüch-
kernheit hervor.
,,WZenn nicht? Nun so hat der Arme doch Etwas
erlebt, und die Erinnerung gewonnen, daß sein Herz
einmal für eine Frau geschlagen, für die sich erwärmt
zu haben immerhin der Mühe lohnte! Und Zeit zur
Reue und zur Buße hat er dann vollauf.?
Sie hing einen leichten Schleier über ihr schwarzes
Haar, warf den Shawl um die Schultern, und ging
mit dem Gebetbuch in der Hand, die Mutter und die
Gäste zum Besuch der Kirche abzuholen.
gwopgwwpwwpwnwwgpöupggggpg

Kapitel 09

He Hut hatte am Fenster gehangen von früh
bis spät, und Viktorine hatte ihr Wort gehalten. Sie
war um die gewohnte Stunde hinaufgegangen nach
der Klostermatte, indeß Benedikt war nicht dort ge-
wesen. Sie hatte ihn erwartet bis zu der Zeit, in
welcher er in seiner Schulklasse erscheinen mußte, hatte
sich nach ihm, ja sogar nach einem Zeichen von ihm
umgesehen, bis sie sich in diesem Warten komisch vor-
gekommen, und davon gegangen war.
Der neugierig fragende Blick ihrer jungen An-
verwandtin steigerte ihre gute Laune.,Ich habe von
da oben,! sagte sie, ,wieder eine neue und sehr wich-
tige Lehre mitgebracht, mein Schaz, die Du Dir zu
Nuze machen sollst! Jede Kunst will erst ordentlich
gelernt sein, selbst die Kunst, ein Stelldichein zu ver-

188
abreden. Es ist, wie ich heut erfahren habe, nicht
genng, daß man gewissenhaft das Zeichen giebt, man
muß sich auch versichern, daß es gesehen worden ist.
Wer weiß, wohin mein heiliger Schäfer in diesen
Tagen seine junge Heerde führen mußte, und ob er
hier nach unserer Seite kommen konnte. Ich muß
also die Sache noch einmal beginnen. In der Ro-
mantik bin ich eben noch ein Stümper und muß mein
Lehrgeld zahlen.?
Sie sagte das mit jener Heiterkeit, die ihr so
wohl anstand, obschon das Ausbleiben des Erwarteten
sie verdroß, je mehr sie darüber nachdachte. Sie
ging auch gleich am Nachmittage, als die Andern sich
einer kurzen Ruhe überließen, hinauf nach Jakobäa's
Hause.
Sie hatte es jetzt nicht mehr wie früher nöhig,
ihr Kommen zu bevorwanden. Die Weise, in welcher
sie empfangen wurde, bewies vielmehr, daß Jakobäa
sie erwartet hatte; aber der finstere Zug, der Viktorinen
anfangs so abschreckend erschienen war, lagerte wieder
über ihren dunklen Augen, als die Einsame ihr unter
dem Vordache ihres Hauses rasch entgegen trat.
,Es ist Nichts mit ihm! sagte sie, ohne Viktori-
nens Frage abzuwarten.

189
, Was soll das heißen? erkundigte sich diese.
, Es ist zu späk!' antwortete die Mutter. ,Sie
haben ihr Werk an ihm gethan. Wie ein Vogel mit
zerbrochenen Flügeln stand er da! Und er brauchte
doch nur zu wollen, um zu können!'?
,Haben Sie ihm etwa mitgetheilt,? fragte Vik-
torine, sichtlich von der Mutter Mittheilung betroffen,
, was ich mit ihm im Sinne hatte, was ich möglich
für ihn glaubte?
,Wie sollte ich es nicht, da er hier bei mir war?
entgegnete die Mutter im Gefühl des nächsten Anrechts
an den Sohn.
,Nein!'' entgegnete Viktorine sehr bestimmt, ,Sie
sollten's nicht, denn das war meine Sache!-- Sie
wollte sich mit diesem Vorwurf für alle Fälle den
Weg zu einem Rückug öfnen, falls ihr Plan miß-
lang; indeß Jakobäa war die Frau nicht, sich davon
einschüchtern zu lassen.
,Ich habe ihn dahin gebracht,'? versezte sie, ,daß
er in's Kloster mußte, ich habe ihm also auch dazu
zu helfen, daß er es verläßt, wenn, wie Sie mir be-
deutet haben, Dispens für ihn zu schaffen möglich ist. ?
,,Möglich in sofern, als er ihn wünscht und will!?
fiel ihr Viktorine ein.


1O
,Sie haben mir gesagt, daß er ihn wünsch' und
wolle!-- und wie konnte er es anders, da ihm das
Kloster so hart angekommen war!r rief Jakobäa, deren
grader, auf sein einziges Ziel gerichteter Sinn es sich
nicht vorzustellen vermochte, daß man anders denken
und empfinden könne als sie, daß dem Sohne nicht
als ein Heil erscheinen sollte, was ihr bei der instinkt-
artigen Leidenschaft, mit welcher sie an ihrem Hause
und an ihrem Erbe hing, wie eine Rettung und ein
kaum gehofftes Glück vor Augen schwebte.
,Alles habe ich ihm gesagt, Mlles!' rlef sie.
,Ich habe es ihm hingehalten, habe es ihm aufge-
nöthigt, das Geld zur Flucht, und er hat sich feig
davon zurückgewendet. Aber so machen sie's, dahin
bringen sie den Menschen! So haben sie's mit mir
gemacht und so mit ihm!-- Sie zerbrechen den
Menschen mit der Gewissenspein, die sie dem Hin-
gesunkenen aufbürden noch über der Last, an der er
selber trägt. Sie zerstören ihm den Glauben, daß er
sich selber helfen, sich selber aufrichten und erheben
und wieder zu Kräften kommen könne; und wenn sie
wissen, daß er ganz in sich vernichtet, daß er hienieden
zu Nichts mehr nütze ist, dann reichen sie ihm ihre
Hand, dann richten sie ihm die Augen auf den Him-

11
mel, und erheben ihn hoch und immer höher, bid er
zuletzt sich besser dünkt, als die da unten, und herab-
sieht auf die eigene Mutter, und herab auf Mlles,
was ihm erb und eigen ist, daß er es gering hält
und es in ihre offenen Hände fallen läßt, die sich
schon lang danach begierig ausgestreckt!-- Das kann
jedoch nicht Gottes Wille sein, daö kann der Herr
nicht wollen- und wenn er's kann-- sie hielt
nur mit Gewalt zurück, was Schmerz und zornige
Enttäuschung ihr auf die Lippen drängten, und setzte
mit Bitterkeit hinzu: ,ein Sohn, der von sich stößt,
was ihm die Mutter bietet! Ein Mann wie er, und
hat nicht so viel Muth, als eine alte Frau! als ich!
Mag er denn leben oder sterben und verderben,
wie er's willlb?
Sie sezte sich nieder, stüzte den Kopf auf die
Hand, und stierte vor sich hin. Es überrieselte Viktorine
mit Eiseskälte. Sie hatte nie im Leben ein Antliz
fo verfinstert, so von Zorn entstellt, so von Ver-
zweiflung voll gesehen. Wie die den Lebensfaden zer-
schneidende Parze saß Jakobäa vor ihr da, und zum
ersten Male überschlich sie bei ihrem Anblick eine un-
bestimmte Scheu vor der Gewalt der Leidenschaften,
A

E
14?
welche sie in dieser Frau und in dem jungen Mönche
entfesselt hatte.
Wäre sie im Stande gewesen, sich Vorwürfe zu
machen, in diesem Augenblicke hätte sie es gethan,
weil, wie sie plötzlich einzusehen meinte, der groß-
müthige Zug ihres Herzens und ihr freier Sinn, sie
über Jakobäa's, wie über des jungen Mönches Natur
und Seelenstärke betrogen hatten. Sie verargte es
der Mutter wie dem Sohne, daß sie nicht dasjenige
waren, was sie in ihnen zu finden erwartet hatte.
Benedikt hatte keinen Werth für sie, wenn er nicht
die Begeisterung für die Kunst, und in dieser den
Muth besaß, Alles an die Erreichung seines Ziels zu
l
sezen; und seine Mutter war in Viktorinens Augen
nur ein gewöhnlich Weib, wenn ihr jene Entsagung
der wahren Liebe fehlte, die Nichts begehrt, als dem
Gegenstande derselben das Glück zu bereiten, welches
er ersehnt. Jakobäa hatte in ihrer Selbstsucht Eifer
der Vorschrift Viktorinens nicht gehorjamt. Sie hatie
dem Sohne eigenmächtig die Pforten einer schöneren
Zukunft aufthun wollen; aus ihrer Hand hatte er seine
Befreiung empfangen, für sich und ihre engherzigen
Plane hatte sie ihn gewinnen wollen. Sie hatte es - -
-aK

13
Viktorinen nicht gegönnt, ihm als die befreiende Göttin
zu erscheinen. Und doch hatte Vikterine es Jakoläa
ausdrücklich zur Pflicht gemacht, ohne ihre bestimmte
Weisung Nichts zu thun, sondern ihr und zwwar aus-
schließlich ihr, die Führung und Leitung dieser An-
gelegenheit zu überlassen; und Jakobäa hatte ihr nicht
vertraut und nicht gefolgt. Sie hatte sie um die Ge-
nugthuung und den Triumph gebracht, die Viktorine
sich von ihrem Plane mit Zuversicht versprochen hatte.
Dem Dcange ihrer Ungeduld nachgebend, hatte sie
verdorben, was Viktorine auf das Beste eingeleitet zu
haben glaubte; und ihrem Unmuthe gegen die Un-
glückliche das Wort vergönnend, rief sie: ,Wer hieß
Sie auch, ihn aufzuschrecken, ehe die rechte Zeit ge-
kommen war? Wozu ihm den Becher hinreichen, ehe
seiner lechzenden Lippen Durst danach verlangte?-
Es war nicht genug, daß ein geheimos Sehnen ihn
erfüllte. Mit Vorsicht mußte man ihm das Ziel ent-
hüllen, das man für ihn erreichbar glaubte. Er mußte
nach demselben schmachten, mußte begehren, streben,
fordern, sich vertrauen lernen - und ich kannte das
Mittel, ihn dazu zu vermögen! Ich kannte auch den
Weg, auf den man ihn zu führen hatte, und er würde
ihn gegangen sein an meiner Hand!?

1
Jakobäa hatte sich grgenüber diesen Vorwürfen
hoch aufgerichtet und sah ihr fest in's Auge.,So
brauchen Sie das Mittel! geben Sie ihm denn die
Hand !r sprach sie eben so herrisch, und mit der gleichen
Bitterkeit wie Jene.
Die Worte klangen wie ein Trotz und wie ein
Zweifel. Das genüügte, um Viktorinens Eitelkeit her-
auszufordern, und ihr zu Wagnissen stets bereiter Geist
hatte ohnehin den übeln entmuthigenden Eindruck, den
Jakobäa's Mitiheilung auf sie gemacht, schon halb-
wegs wieder überwunden; denn durchzusezen, was sie
sich vorgenommen hatte, gleichviel auf welche Weise
und um welchen Preis, das war es eigentlich, und
nicht die Sache selbst, was sie in den meisten Fällen
reizte und beglückte.
Ihr Zorn, der flüchtig war, wie all ihr Empfinden,
hatte sich gesänftigt. Sie schwieg nachdenklich eine
kleine Weile, dann erkundigte sie sich mit ruhiger
Bestimmtheit um alle Einzelnheiten des Gespräches
zwischen Benedikt und seiner Mutter. Jakobäa wieder-
holte so gut wie sie es vermochte, was sie gesprochen,
was sie dem Sohne angeboten, was er ihr erwidert
hatte, und wie sie dann geschieden waren.
, Und seit dem? fragte Viktorine.

sea... -s-e-. .
14k
,Seitdem ist er des Weges nicht mehr gekom-
men!'' sagte die Mutter. ,Was sollte er auch bei
mir? Ich habe es ja gesehen, wie sie ihn halten mit
der Hand von Eisen, die sanft anfaßt und doch zer-
knickt, und niemals losläßt, was sie erst ergrifen
hat.r?
Viktorine antwortete ihr nicht darauf. Sie setzte
den Hut auf, den sie in ihrer Erregung abgenommen
hatte, und ordnete die Bänder desselben, so gut es
ohne Spiegel gehen wollte.
,, Ulnd doch muß man von ihnen lernen,' sagte
sie mit einem Male.
Jakobäa herchte auf, ohne sie zu verstehen.
,,Ich meine von den Klosterherren!'- bedeutete
das Fräulein.
,Lernen? fragte Jakobäa.
,Das, was sie so meisterhaft verstehen: abwarten,
und den Augenblick ergreifen, wenn er kommt!r sagte
Viktorine.
frau.
,,Wenn er kommt!'' wiederholte die Haus-
Viktorine entgegnete Nichts mehr darauf, und so
schieden sie. Jakobäa blieb sizen, ohne ihr das Geleit
F. Lewald, Benedikt. 1.

ses- -
16
zn geben. Sie hatte mit sich selbst zu thun, und das
Fräulein vermißte ihre Höflichkeit auch nicht.
Ihre Phantasie war wieder voll von Entwürfen
und voll Hoffnung.

Kapitel 10


Sehntes
Cnpitel.

s
EF atte von Anfang an nicht in der Absicht
ihrer Verwandten gelegen, der Baronin einen langen
Besuch zu machen, und sie war auch nicht beeifert, sie
über die Zeit hinaus, von welcher immer die Rede
gewesen war, in ihrer Nähe festzuhalten. Man hatte
die Ankunft des Barons in Aussicht, Graf Stefano
sollte auch noch im Laufe dieses Monats eintreffen,
und Viktorinen war in diesem Augenblicke an de:
Gesellschaft ihrer Angehörigen weniger noch als sonst
gelegen.
Sie war sich bewußt, einen Fehler begangen zu
haben, als sie in dem Gefühle ihrer Sicherheit die
Cousine zur Vertrauten ihres Abenteuers mit dem
jungen Mönche gemacht hatte. Sie war damit von

15O
dem Grundsaz ihres klugen Vaters abgewichen, nie-
mals von seinen Absichten und Planen Etwas zu ver-
rathen, sondern erst die vollendeten Thatsachen zu Ver-
kündern derselben zu machen, und sie bereute das auf
ihre Weise.
Die kleine Nanette war zu gut erzogen und ihr
zu unterwürfig, um sie mit Fragen zu belästigen, wo
sie zur Mittheilung sich nicht freiwillig geneigt erwies;
aber die Neugier sprach aus jedem ihrer Blicke, und
es machte Viktorine mißmuthig, nicht darthun zu
können, was sie so zuversichtlich verheißen hatte, nicht
berichten zu können, daß sie den schönen Mönch ge-
sehen und gesprochen habe. Nicht einmal zufällig be-
gegnete man ihm. Viktorinens Hut war schon seit
Tagen von dem Fensterkreuze fortgenomnmen, und ob-
schon sie vor der Mutter Benedikts mit großer Sicher-
heit die Lehre von dem geduldigen Abwarten gepredigt
hatte, war Niemand zu der Ausübung derselben weniger
als eben sie geeignet.
Benediktus kam ihr nicht mehr aus dem Sinn.
Keiner von all, den Männern, die sich eifrig um ihre
Gunst beworben, hatte ihre Gedanken jemals so völlig-
hingenommen, als dieser junge Mönch; sie konnte sich
nicht darüber tääuschen, fie vermißte ihn, sie suchte ihn;

s
15
einen Zustand wie ihren gegenwäärtigen, hatte sie noch
nicht erlebt.
,Was ist das? fragte sie sich, wenn sie in der
Nacht erwachend es inne ward, daß sie von Benedikt
geträumt hatte.- ,Was bedeutet es, daß es mich
nicht ruhen läßt um die Stunde,? fragte sie sich, ,in
welcher ich ihn auf der Klostermatte angetroffen habe,
und um die Zeit, in der er seine Klasse auszuführen
pflegte? Liebe ich ihn etwa gar? - Sie kam sich
sonderbar vor, als sie diese Möglichkeit erwog. Vor
einer solchen Thorheit oder Schwäche wußte ihr Ver-
ftand sich sicher, aber ihre Eitelkeit, ihr Ehrgeiz
standen in Gefahr eine Kränkung zu erleiden. Diese
Besorgniß war es, die sie beschäftigte und quälte, und
sie machte an sich die Erfahrung, daß sehr verschiedene
Ursachen oft die gleiche Wirkung haben, und daß in
kalten selbstischen Naturen Eitelkeit und Eigensinn
sich gelegentlich wie Liebe darstellen und erscheinen
können. --
Sie hatte sich bei dem Doktor einmal gelegent-
lich um Benedikt erkundigt, der hatte ihn aber nicht
gesehen. Sie war oft nahe daran gewesen, den Pater
Theophil nach ihm zu fragen, indeß sie mochte ihre
Theilnahme an dem jungen Mönche nicht mehr ver-
asa=--e«. .

1
rathen, ehe sie nicht sicher darüber war, ob sein Wille
oder seiner Oberen Befehl, ihn von ihr ferne hielt.
Darüber konnte ihr keine Auskunft werden, als eben
nur durch ihn; und ihre Gedanken kehrten also auf
das Neue zu ihm und zu der Nothwendigkeit zurück,
den unterbrochenen Zusammenhang mit ihm wieder
herzustellen.
Inzwischen ging in dem Kloster Alles seinen
ruhigen gewohnten Gang. Niemand kümmerte sich
darum, was es zu bedeuten habe, daß Benediktus sich
ein Fasten auferlegte, welches in den Ordensregeln
nicht vorgeschrieben war, und daß er Nachts noch
betend wachte, wenn die andern Brüder lange schon
auf ihrem Lager ruhten. Er war ebenso eifrig ge-
wesen in den Tagen, in welchen er sein Noviziat be-
endet hatte, und man hielt ihn nicht nur für ge-
wissensstrenge und bußfertig, man traute ihm auch
den Ehrgeiz zu, sich auszeichnen zu wollen, um der
Beachtung seiner Oberen willen.
Er wohnte dem Gottesdienste bei wie immer, er
that als Lehrer seine Pflicht in seiner Klasse, er führte
sie in das Freie, wie es ihm vorgeschrieben war, aber
z
s
A
A
A
z
I
R
die Knaben waren die Ersten, die es fühlten und
P
bemerkten, daß seine Seele nicht wie sonst dabei war.


15
Er hatte nicht mehr wie bisher das freundliche
Wort als Entgegnung für ihre Anrede; ihrer Frage
um Auskunft und Belehrung begegnet nicht mehr der
rasche, lebhafte Bescheid. Es lockte ihn Nichts mehr
an, es schien ihn gar Nichts mehr zu kümmern, so-
gar seine Freude an der Natur hatte ihn verlassen.
Sonst war er es gewesen, der dazu getrieben
hatte, die Höhen zu ersteigen, die großen Fern-
sichten zu suchen, den Zuug der Vögel zu verfolgen,
bis sie sich in der Weite oder hoch oben in der
Luft dem Blick entzogen; und seinem scharfen Auge
war nicht leicht Etwas entgangen. Jezt mochlen
die Vögel über ihm kreisend schweben und ziehn, wo-
hin sie wollten. Er sah und achtete auf Nichts. Der
Sonnenschein erheiterte ihn nicht, die Quellen rausch-
ten und rieselten, die Blumen blühten und dufteten,
aber sie rauschten und rieselten nicht mehr für ihn, für
ihn blühten und dufteten sie nicht mehr.
Anfangs wagte sich Einer oder der Andere seiner
Schüler mit der Frage an ihn heran, ob er krank sei,
oder was ihm fehle? Aber seine Antwort, daß er
sich gut befinde, konnte sie nicht zufrieden stellen, und
mit der natürlichen Abneigung, welche die gesunde
Jugend gegen Traurigkeit empfindet, besonders wenn

154
sie gegen dieselbe keine Hilfe zu leisten vermag, über-
ließen sie ihn bald sich selbst und seiner Schwermuth,
um durch dieselbe in ihrem Vergnügen nicht gestört
zu werden. Er war ihnen fremd geworden, und er
war sich selbst entfremdet.
Es half ihm nicht, daß er seinen Leib kasteite, um
seinen Geist in den Banden seiner Pflicht zu halten, seine
Phantasie wurde dadurch nur unruhiger und erregter.
Er kniete vor dem Altar in der Kapelle, und
vor seinen Augen, die er auf die Gottesmutter richtete,
schwebte Viktorinens Bild. Grade so, wie von dem
Haupte der Gebenedeiten, fielen die dunklen Locken
von ihrem feinen Kopfe an dem weißen Halse und
auf die Schultern nieder. So wie aus der hei-
ligen Jungfrau sanften Blicken, strahlte aus Vik-
torinens Augen das beseligende Licht erwärmend
in die Herzen, und so wie der Madonna schwe-
bende Gestalt, hatte das helle Sonnenlicht auch
sie umspielt, als sie scheidend vor ihm gestanden, daß
er emporgeschaut hatte, um zu sehen, ob nicht aus derHöhe
lobpreisende Engelchöre sich zu ihr hernieder neigten.
Es jagte ihn im Schrecken von den Stufen des
Altars empor: er glaubte sich im Gebet versunken, -
und seine Andacht war Gotteslästerung gewesen. Er
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17
sollte ihr Bild aus seiner Seele reißen! Wie konnte
er das thun, ohne ihrer zu gedenken? Und wenn eö
ihm gelang, was blieb ihm dann hienieden übrig, als
die Dede und die Leere, als die Hofnung auf ein
Jenseits, in welchem er der irdischen Erinnerungen
ledig, neue, reinere und höhere Freuden kennen lernen
würde, vorausgesezt, daß er sich zu befreien vermochte
von der Sünde, in der er jetzt befangen war - von
der Sünde, die seine Qual war und sein Glück!
Er sah keinn Ausweg aus dem sinnverwirrenden
Labyrinthe! und wenn sein greiser Freund es unter-
nahm, ihn auf denselben hinzuweisen, vermochte er
ihn in seiner Verwirrung doch nicht zu erkennen, nicht
zu finden.
Pater Theophilus ließ ihn nicht aus dem Auge,
und zog die Hand nicht von ihm ab. Er war ihm
ernst und streng wie einem Sünder, und übte nach-
sichtige Geduld mit ihm, wie mit einem in wüsten
Phantasien befangenen Kranken. Alles, was sein eigenes
gottergebenes Herz, sein frommer vertrauensvoller
Glaube, und eine lange Lebenserfahrung ihm eingaben,
das hielt er dem Verirrten vor; sogar an den Grün-
den der weltlichen Vernunft ließ er es ihm nicht fehlen,
obschon er es sich zum Vergehen anrechnete, daß

17e
er in solchem Falle dergleichen auch nur in Be-
krachtung z.
Er schilderte ihm Viktorinens Charakter, wie
seine Beobachtung ihm denselben klar gemacht hatte,
und die Welt, in der sie auferwachsen war. Er
sprach ihm von ihrer leichtsinnigen und eitlen Selbst-
sucht; er setzte es ihm auseinander, wie der Antheil,
welchen sie ihm und seiner Mutter erweise, nur der
Langenweile entstamme, welche das Entbehren der ge-
wohnten Zerstreuungen in ihr erzeuge. Er gab ihm
zu bedenken, daß sie sich weder seiner noch seiner
Mutter mehr erinnern werde, wenn sie einmal das
Thal verlasse, und er versicherte ihn, daß eben jetzt-
andere, ihr näher liegende Verhältnisse und Dinge, sie
beschäftigten und ihr im Sinne lägen,
,Sieh um Dich, sprach er, ,bist Du der Einzige,
der leidet auf der Erde, daß Du es gar so wichtig
nimmust? Wähnst Du, es hätte kein Anderer unserer
Brüder seine irdischen Aufwallungen und Hofnungen
begraben müssen, ehe er einsehen lernte, daß keine
dauernde Zufriedenheit auf das Vergängliche zu bauen
ist? Ein kalter Trunk, ein rauher Wind können Dir
schon morgen den Klang der Stimme rauben, um -
deretwillen die Fremde Dich beachtet hat, und auf

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1?
welche Deine Eitelkeit ihre frevelhaften, gotvergessenen
Plane baut; und was bliebe Dir dann übrig, wenn
Du Dich selbst verloren hättest, Dich, und des Höchsten
Gnade für Zeit und Ewigkeit!
Benedikt hörte das Alles, und die geduldige Liebe
des Greises erquickte ihn, wie den Fiebernden die
treue kühle Hand erquickt, die sich ihm auf die heiße
Stirn legt; aber von seinen Qnalen konnte es ihn
nicht befreien, es konnte die Wunde nicht heilen, die
ihm geschlagen war. Und doch war sein Glaube an
die Allweisheit der Vorsehung in keiner Art erschüttert.
Das Gelübde, das er geleistet hatte, war ihm heilig,
wie in der Stunde, da er es über sich genommen,
und er hatte in dem Augenblick, in welchem er das
Anerbieten seiner Mutter von sich gewiesen, ihm zun
Flucht zu verhelfen, mit jenen weltlichen Wünschen
ein für alle Mal gebrochen, welche einst in früher
Jugend in ihm angeregt, durch Viktorinens phantasti-
sches Dazwischentreten ein neues Leben gewonnen
hatten. Er fühlte sich als Gottgeweihten, als Priester
der alleinseeligmachenden Kirche, der er fest ergeben
war. Er hatte nie mit größerer Hingebung und mit
mehr Erhebung zu dem Bilde des Heilandes empor-
gesehen, nie ernstlicher und begeisterter danach getrach-

158
iet, die Selbstsucht in sich zu ertödten und an die
Stelle des eigenen Verlangens die Nächstenliebe in
seiner Seele einzuwurzeln; aber wie er auch rang
und kämpfte, er vermochte den Aufruhr seiner
Sinne nicht zu überwältigen. Die volle Kraft seiner
ungebrochenen Jugend ließ sich so leicht nicht nieder-
zwingen. Er liebte Viktorine, und der Eigensinn
der Leidenschaft machte ihn unempfänglich für jeden
Zuspruch der Vernunft, wie er ihn ohnmächtig machte
gegen sein eigenes Verlangen, sich seinem Eide unter-
werfend, mit Freuden zu entsagen. Gegen seine Liebe
kam nichts Anderes dauernd in ihm auf. Er ging
gewohnheitsmäßig durch sein Tagewerk, sein Geist
unterwarf sich jeder ihm auferlegten Anordnuung, sein
Herz beharrte in seiner Auflehnung. Er war wie
zerrissen in sich selbst.
Pater Theophilus hatte von ihm gefordert, daß
er sich zu seiner Mutter hinbegeben solle, denn Jakobäa
hatte, seit der Sohn an jenem Gewittermorgen zu-
lezt bei ihr gewesen war, sich nicht in der Kirche
sehen lassen, ja sich nicht einmal bei dem Beginn des -
Monates, der in die Zeit gefallen war, zur Beichte
=: aD

159
und Pater Theophilus wußte sich nach den Bekennt-
rE =
Glaube an die Unmöglichkeit einer Aenderung in
ihrem und ihrer Familie Schicksal, nur der Gedanke,
daß ein Dispens von ihren Gelöbnissen nicht zu er-
langen sein könne, hatten es im Lauf der Zeiten da-
hin gebracht, daß sie sich, wenn auch heimlich grollend,
in das Unabänderliche hineingefunden hatte. Ihrer
ganzen Natur nach weder zur Religiösität, noch zum
Entsagen angelegt, mußten die unvorsichtig in ihr
von der Fremden erweckten, und durch des Sohnes
Weigerung zerstörten Hoffnungen sie aus ihrem schwer
D
hafter noch gegen den Orden gewendet haben werde,
der ihres Sohnes Führer gewesen war, und den zum
Erben ihres Besizes zu ernennen, sie sich noch immer
nicht entschließen können.
Benediktus unterwarf sich schweigend der An-
weisung, die Mutter zu besuchen; seine Miene aber
verrieth es Theophilus, daß ihm die Aufgabe nicht als
leicht erschien.

160
,Du zögerst, Benediktus? fragte ihn der Greis.
,Ich zögere, mein Vater!r gab Benedikt zur
Antwort, ,weil ich gelernt habe, mir zu mißtrauen.
Mir bangt davor, wieder vor die Mutter hinzutreten,
deren Verlangen mich so schwer versucht und deren
Zorn mich von ihrer Schwelle für immer fortgewie-
sen hat.?
, Und das Vertrauen erhebt Dich nicht, das man
Dir jezt erweist? sprach Theophilus. , So ganz bist
Du versunken in der Selbstsucht Tiefen, daß Du nicht
mehr der eigenen, vom rechten Pfade abgeirrten Mutter
die Hand zu reichen Dich gedrungen fühlst, da Nie-
mand so sicher als Du die Mittel dazu besizet, und
Niemand so wie Du die Pflicht hat, sie auf den Weg
des Heils zurück zu leiten.
,,Ich? mein Vater? fragte Benedikt, ,wie könnte .
ich helfen und stüzen, da ich mir selber zu helfen
nicht vermag! Wie könnte ich einen Andern auf-
richten wollen, da ich selbst danieder liege? oder wie
dürfte ich daran denken, eines Anderen Sinn zu len-
ken und zu bestimmen, da ich mir selbst abhanden
gekommen bin, und ohne Dich, der Du mich hinweisest
auf die Quelle des Heils und der Gnade, verloren
sein würde ganz und gar.!
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161
Der Greis ließ ihn auf die Antwort eine Weile
warten.,Weißt Du nicht,? sprach er danach, ,das
der Herr ist mit den Schwachen? daß kein Auftrag
Dir gegeben, keine Pflicht Dir auferlegt werden kann,
ohne daß er's also will, und daß er Dir die Kraft
verleihen wird, zu thun und zu vollführen, was Dir
zu thun von Deinen Oberen geboten wird?-- Hast
Du in diesen langen Tagen der Selbstbetrachtung nie
daran gedacht, wie sehr dem Irrenden, dem Verirrten
damit geholfen ist, wenn man eine Schranke aufrich-
tet, die den Bethörten in ihren Grenzen festhält, und
es ihm unmöglich macht, sich in das Ungemessene zu
verlieren??
Benedikt horchte auf jedes dieser Worte, und faßie
ihren Sinn doch nicht.
,Welch eine Schranke ist es, die gezegen werden
soll? fragte er, , und was kann ich thun, sie herzu-
stellen? Sag' es mir, mein Vater, denn mein Sinn
ist verdunkelt und mein Geist ist stumpf.-
Sie waren, während sie das mit einander sprachen,
aus dem Klostergarten hinaus in das Freie gekommen,
und Theophilus schlug die Straße ein, die über den
stillen Klosterkirchhof fort die Richtung nach Jakobäa's
Hause hatte. Die helle Mittagssonne beschien die
F. Lewald, Benedikt. l.

18N
breite Vorderseite desselben, daß seine Fenster weithin
glänzten, und die Augen sich schon aus der Ferne un-
willkürlich darauf richteten.
,, Wenn man es da so liegen sieht, Deiner Mutier
Haus,'' sagte der Greis, , lo sollte man meinen, es
herrsche Friede und Freude in demselben, und hat doch
nun seit langen Jahren Nichts darin gewohnt, als
Sünde und als Leiden, daß man sagen könnte, wie
Deine Mutter selbst gethan, es wäre besser, des Him-
mels Feuer käme, es zu verzehren.
Das Wort that Benediktus wehe. Er sah auf-
schreckend zu dem Vaterhaus hinüber, doch überwand
er rasch die Anwandlung, und den schwermuthsvollen
Blick zu Boden senkend, sprach er: ,mein Herz hängt
an dem Hause nicht.?
, Um so mehr der Mutter Herz, sagte Theophilus,
,und das ist ihr Verderben. Sie wußte, was sie da-
mit that, als sie den Fluch dagegen aussprach. Wie
der Same eines verderblichen Unkrauts, haben in den
Mauern dieses Hauses Stolz und Vermessenheit fort-
gewuchert seit Jahrhunderten, und haben auch Deiner
Mutter Sinn umgarnt, daß sie den Maurus, Dein
und Deiner Schwestern Vater, um des Hausbesizes -
willen festgehalten wider sein Begehren, bis er daraus
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163
hat flüchten müssen in die Welt, ein Verfehmter vor
den Menschen wie vor Gott. Ihr ist nicht zu helfen,
sie reiße denn ihr Herz endlich von diesem unheil-
vollen Hause los und verzichte, da ihre Kinder ihn
nicht erben können, schon jezt auf diesen irdischen Be-
sitz, um höhere Güter zu erwerben in einer besseren
Welt.?
Benediktus ging in Schweigen neben Theophilus
her, der Greis ließ ihm die Zeit zum Nachdenken
und Neberlegen. Als sie an den Kreuzweg gekommen
waren, an welchem die Schlucht anhebt, durch die
man im Schatten und im Kühlen bis nahe an Jakobäa's
Haus gelangen konnte, blieb der Pater stehen.
,Trachte danach,' sprach er, ,daß Deine Mutter
abrechnen lerne mit ihrem weltlichenVerlangen, damit sie
wieder bußfertig und mit ihrem Loos zufrieden werde.
-- Wie stände es heut um sie und Euch, wenn das
Kloster sich nicht beschützend ihrer angenommen, wenn
die Kirche Euch nicht in ihrem Schooße behütet und
geborgen hätte? Als das Eheweib eines Zuchthäuslers
würde sie, als die Kinder eines solchen würdet Ihr leben,
mit Schimpf bedeckt, gemieden von den Menschen,
oder fern vom Vaterlande als heimathlose Fremde.
Wie ein Vater hat der hochwürdige Herr Abt an ihr
Pj ?

164
-gehandelt, wie eine Mutter hat das Kloster Dich auf-
genommen in seinen sichern heiligen Schutz. Die Last
ihrer weltlichen Unehre und der Deinen, hat Deine
Mutter dem Kloster dereinst in sich zu bergen gegeben;
so gebührt es sich denn auch, daß es dafür von ihr
empfange, was sie an weltlichem Besiz und Gut ihr
eigen nennt, damit von ihr und ihrem schuldbeladenen
Namen dereinst Nichts übrig bleibe, als die in unserm
Kloster durch die täglichen Gebete unserer Brüder ge-
läuterte Erinnerung an ihr Geschlecht, an sie und ihre
Kinder, die dem Herrn dienten und der Kirche an-
gehörten.- Und so geh mit Gott!'?
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Kapitel 11

Ellies Cnpitel


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Fe sich versunken ging Benedikt die Schlucht
hinan. Die alten Buchen und Rüstern, die am Wege
standen, neigten von beiden Seiten die mächtigen Aeste
nach dem Wasser hin, daß sie den Weg ganz über-
dachten, und das Buschwerk an den beiden Ufern des
Wildbachs, der die Schlucht durchrauscht, dunkelgrün
erschien gegen das sonnig durchleuchtete Laub der
Bäume. Kaum ein anderer Punkt im Thale hatte
eine so üppige Vegetation. Die festen rauhen Brombeer-
zweige, an denen die reifende Frucht sich kräftig färbte,
bezogen die ganzen Wände und fielen nieder bis zu
den großen Steinblöcken, die das Wildwasser im
Frühjahr alljährlich von den Bergen niederbringt,
und selbst der Stein ermangelt dort des Schmuckes

168
nicht. Schillernde Flechten und Algen bedecken ihn,
wo nicht weiches, dichtes Moos ihn umhüllt, hier und
da wächst ein Büschel schönblättriger Hirschzunge empor
und wo das Wasser den Boden berührt, glänzt das
zierliche Venushaar an schwankendem braunem Stengel.
Alles war still ringsum. Die rechte Zeit des
Vogelsanges war bereits vorüber, aber aus Busch und
Strauch sahen die klugen Köpfchen der Vögel furcht-
los nach dem Einsamen hinüber, während die schreck-
haften Eidechsen mit rascher Wendung hierher und
dorthin huschten, sich in Sicherheit zu bringen, und
die behaglichen Frösche mit behendem Sprunge guaxend
in die silberhelle Tiefe tauchten.
Benedikt hatte nur wenig in der Nacht geschlafen;
sein Kopf war heiß, die Frische that ihm wohl, mehr
noch die Einsamkeit. Theophilus hatte ihm, seit der
Jüngling ihm gebeichtet, es untersagt, das Kloster
ohne Begleitung zu verlassen, und er hatte sich im
gerechten Mißtrauen gegen seine Festigkeit dem Befehl
gern unterworfen. Aber der Einsamkeit im Freien
sonst gewohnt, umfing sie ihn, da sie ihm heute ver-
gönnt war, mit ihrem ganzen bestrickenden Zauber,
und um ihrer, wenn auch nur für wenig Augenblicke -
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zu genießen, ließ er sich auf einen Stein hinsinken,


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18
der, hart am Bache liegend, an einem anderen aufrecht
stehenden Felsblock seine natürliche Lehne besaß.
Er hatte in seiner Kindheit auf diesem Steine
oft gesessen und zugesehen, wie allerlei schnellfüßiges
Gethier zwischen den Schmerlen hin- und wiederschoß;
und wie er nun wieder an derselben Stelle weilte
und wieder hinabschaute in das klare Wasser, das zu
Thale rauschte wie vordem, kam in der Ermüdung
seiner Seele eine sanfte traumhafte Ruhe über ihn.
Die Jahre, die zwischen jener Zeit und dieser Stunde
lagen, waren ihm wie verschwunden. Er dachte nicht
an das, was er seitdem erlebt, nicht an das, was er
seitdem erlitten hatte, noch weniger an den Auftrag,
den ihm Pater Theophil gegeben. Er saß und blickte
hinauf in das Laubdach über seinem Haupte, und sah
dann wieder hinab in's Wasser.
So hatien die Zweige immer sich geneigt, so
waren die Sonnenstrahlen immer zwwischen ihnen durch-
gebrochen, so langsam und licht waren die verstreuten
weißen Wölkchen hoch oben immer hingezogen, wenn
er nach der offenen Stelle emporgesehen hatte, an der
die alte Tanne vom Sturm aus ihrem Boden gehoben
worden war. Die gelbe Königskerze und der purpur-
farbene Fingerhut blühten immer noch an jenem Fleck,

17
und dichter als an dem kleinen Rinnsal, an welchem
die Amsel und die Schwarzdrossel ihre Tränke hatten,
standen die blauen Vergißmeinnicht im ganzen Thale
nirgends.
Das war Alles wie vordem, er empfand es auch
wie in den Zeiten, in denen er eingeboren und ein-
gefügt in diese heimische Natur, dem Augenblick ganz
hingegeben, bewußtlos seines Daseins froh gewesen
war wie die Blume, wie der Vogel, wachsend und
sich entfaltend in dem warmen Sonnenlicht. So
ohne Rückerinnern und Verlangen, dachte er, muß
der Mensch sich fühlen, wenn er des Irdischen ent-
kleidet eingeht zu den Gefilden, in denen die Seligen
der Ewigkeit genießen! Aber selbst diese Vorstellung
haftete nicht lang in ihm. Kaum wahrgenommen,
schwebte sie vorüber wie die Wölkchen überseinemHaupte,
wie der Vogel, der durch die Zweige huschte, wie der
blankbeschwingte Käfer, der vorüberschwebend schnell.
erscheint, ohne daß das Auge ihm zu folgen, oder ihn
zu suchen unternimmt. Er wünschte nicht besonders,
daß dieses Ruhen dauern möge, weil es ihm gar nicht
war, als ob es jemals wieder enden könne. Wie im
Traume war das Maß der Zeit nicht für ihn da, und
der selige Augenblick umfaßte eine Unendlichkeit für ihn.

r?
Mit einem Male schreckte er empor. Weiter hinauf
in der Schlucht hörte er lachen und sprechen; und
während noch der Klang der Stimme, die er ver-
nommen, sein Herz erbeben machte, trat Viktorine auch
schon schnellen, leichten Schrittes hinter dem um-
buschten Vorsprung auf den Steg hinaus, welcher an
jener Stelle von dem einen Ufer zu dem anderen
hinüber führte.
Weil man das alljährlicheAnschwellen desGletscher-
wassers in Betracht zu ziehen hatte, waren die Baum-
ftämme und Balken, welche diese naturwüchsige Brücke
bildeten, ziemlich hoch gelegt, und es gehörten ein
schwindelfreier Kopf und ein sicherer Fuß dazu, sie
furchtlos zu beschreiten. Viktorine, die sich auch in
diesem Punkte auf ihre Festigkeit verlassen konnte,
hatte den Steg schon zum Defteren benuzt und war
ohne alles Neberlegen auch jetzt wieder in die Mitte
desselben gelangt, als Nanette, die ihr folgen sollte,
zaudernd stehen blieb, und selbst durch der Freundin
ermuthigenden Zuruf nicht bewogen werden konnte,
ohne Beistand sich vorwärts zu wagen. Es blieb
Nichts übrig, Viktorine mußte umkehren, der Furcht-
samen ihre Hand zu reichen, und sie unter ihrem
scherzenden Zuspruch hinter sich herführend, war sie

u
nech mitten auf dem Stege, als ihr Auge vorwäris
blickend, den jungen Pater in der Schlucht entdeckte.
Er starrte sie an, als hätte er nichk gewußt, daß
sie noch in seiner Nhe weile. Er hatte ihrer nicht
m ehr denken wollen, und nun stand sie vor ihm da,
so nahe, daß ihr auszuweichen gar nicht möglich war
---- und strahlend in Schönheit und Lebensfülle.
Ehe er noch wußte, was er thun solle, hatte ihr
Anruf ihn bereits erreicht. Sie ließ Nanettens Hand
los, sobald dieselbe ihrer Hilfe weiter nicht bedurfte,
und kam zu Benedikt heran.
,.Was haben Sie denn angefangen, Pater Bene-
dikt,r sagte sie, ,und wo haben Sie gesteckt, daß ich
Sie gar nicht zu sehen bekommen habe? Nicht Ihnen,
nicht Ihrer Klasse sind wir begegnet, seit ich mir meine
kleine Cousine hergeholt habe; und stände das Kloster
mit seinem dicken Thurm nicht dort unten, und hörte
ich Sie nicht alle Abend singen, ich hätte glauben
können, es wäre hier ein Erdbeben oder sonst irgend
etwas Schauriges geschehen, und die Klasse und Sie
wären mit einemMale versunken und verschwundenln =-
Sie hatte das Alles mit jener Leichtigkeit hin-
geworfen, mit der man in der Gesellschaft einen Be- -
kannten zu behandeln gewohnt ist; und sich zu ihrer

1
Begleiterin wendend, sezte sie mit einem Blicke, den
diese sich zu deuten wußte, noch hinzu: ,Mein Schaz!
das ist der junge Pater, von dem ich Dir so viel er-
zählt habe, und dessen wundervolle Stimme uns gestern
wieder so erfreut hat.?
Nanette horchte freudig auf. Sie fühlte eine große
Genugthuung über das Begegnen, und weil sie hinter
der Cousine nicht zurückzubleiben wünschte, spendete sie
dem jungen Möuche bereitwillig das wärmfte Lrb.
Benedikt war fassungslos. Er sagte sich, daß es noth-
wendig sei, irgend eine Entgegnung zu machen, aber
er wußte nicht, was er sagen sollte, da er die Wahr-
heit hier nicht sagen konnte; und wo war die Ver-
mittlung zu finden zwischen Viktorinens und der andern
Fremden heller Freude und seinem stillen Leid? Er
brachte endlich stockend und verlegen die Frage heraus,
ob Nanette ebenfalls zur Kur in's Thal gekommen
wätre.
Er schämte sich der Frage, denn er wußte, daß
fie müßig, daß sie als Entgegung auf Viktorinens
und des andern Fräuleins Ansprache ungehörig,
ja eine Thorheit sei, daß sie ihnen auffallen und un-
geschickt erscheinen müsse; indeß er mußte fortzukommen
suchen über den Moment, ohne die Hände zusammen

1?e
zu schlagen und Viktorine auf Knieen zu beschwören,
daß sie Erbarmen haben möge mit seiner Pein und Noth.
Die aber war keineswegs gewillt, ihn so leichten
Kaufes zu entlassen. Sie sah die Neugier, mit welcher
ihre Cousine den jungen Mönch betrachtete, und sie
selber überraschte die Gluth der Leidenschaft, die in
seinen dunkeln Augen brannte. Er war nicht mehr
derselbe, als welchen sie ihm zuerst begegnet war. Er
sah älter aus und war weit schöner noch geworden.
Sein Antliz war vergeistigt, seine Züge hatten einen
tieferen Ausdruck bekommen; ein Maler hätte sich kein
besseres Vorbild für einen heiligen Sebastian er-
wünschen können, als diese herrliche Gestalt, der auch
der Todespfeil im Herzen steckte.
Nanette hatte ihm auf seine Frage erwidert, daß
sie schon am nächsten Morgen aus dem Thale scheide,
,und,' sagte sie, ,gerade deshalb freut es mich, daß ich
Sie noch gesehen habe, da Sie mir bisher nuur, wie
die Echo, unsichtbar vernehmlich wurden.'?
,Glaubst Du,'? fiel ihr Viktorine in das Wort,
, die geistlichen Herren wüßten es nicht, wie anziehend
die geflissentliche Zurückhaltung sie macht? Keine Frau
versteht das besser! auch Pater Benedikt hat das be- -
reits begrifen. Er thut, als habe er vergessen, daß

17
wir uns wiedersehen wollten. Und weil ich nicht ge-
wohnt bin, mich selten zu machen und erwarten zu
lassen, bin ich mehrfach auögegangen ihn zu suchen!r
, Sie mich ? stieß Benedikt hervor.
,Wie denn anders? Ich pflegte Wort zu halten
und ich habe Wort gehalten!r fügte sie bedeutungs-
voll hinzu, ,Sie aber haben dieses nicht gethan. Auf
der Klostermatte bin ich gewesen und bei Ihrer Mutter,
aber Sie haben auch die Mutter nicht besucht = e
,Ich befinde mich auf dem Wege zu ihrem
Hause!'' sagte Benedikt, dessen Verwirrung mit jedem
ihrer Worte wuchs.
,, Oh! wie schade, eben komme ich von dort und
habe von Ihnen mit Ihrer Mutter gesprochen, während
meine Freundin sich erfrischte. Nun, Sie werden's
von der Mutter hören. Aber wo halten Sie mit
dem Einstudiren meines Hymnus? Singen ihn die
Schüler schon?
,,Der Herr Abt erwartet einen Gast, zu dessen
Ehren er gesungen werden soll,r' bemerkte Benedikt.
Viktorine äußerte das Verlangen, der Aufführung
beiwohnen zu können; er meinte, das werde möglich
sein, da sie in dem großen Schulsaale geschehen solle,
der sich außerhalb der Klausur befinde; indeß er sprach


das Mlles, ohne recht zu wissen, was sie fragte und
was er ihr zur Antwort gab.
Daß er sie sah, daß er ihre Stimme hörte, er-
füllte seine ganze Seele; daß sie nicht für ihn da war,
daß sie so sehr zu lieben ein Verbrechen für ihn war
und daß er sündigte mit der sinnverwirrenden Freude
dieses Augenblickes, das war Alleö, was er deutlich in
sich wußte und empfand; und sich aufraffend mit dem
Neste der Fassung, die ihm übrig blieb, wollte er von
ihnen scheiden.
Sein Kampf und die Gewalt, die er sich an-
that, waren jedoch so unverkennbar, daß sie auch dem
jüngeren Mädchen nicht entgingen. Das war's, was
Viktorine wünschte.
, Sie wollen gehen? fragte sie.
, Ich habe mit meiner Mutter zu verhandeln!?
gab er ihr zur Antwort.
, So darf ich Sie nicht halten, und auf Wieder-
sehen also!r sagte sie, indem sie ihm die Hand hin-
hielt.,Ich hoffe Sie bald einmal wie heute anzu-
treffen!r sezte sie mit klugem Blicke um sich schauend,
bedeutungsvoll hinzu.
,Nein! wünschen Sie mir das nicht!r sagte er, -
seiner nicht mehr mächtig, und ging, ohne die darge-

ur
gebotene Hand zu fassen, mit kurzem Lebewohl
von ihr.
Die beiden jungen Frauenzimmer sahen ihm be-
troffen nach, bid er, ohne den Blick zurück zu wenden,
die Brücke überschritten hatte und hinter der Felsecke
verschwunden war.
,Der Aermste! wie er Dich liebt!r' sagte endlich
die Cousine mitleidsvoll.
Viktorine antwortete ihr nicht gleich. Benedikts
Leidenschaft, die sich wider seinen Willen so unverhohlen
und so scheu verrathen, hatte sie erschreckt; indeß sie
wollte das nicht merken lassen, und mit der siegge-
wohnten Miene, die ihr selten fehlte, sagte sie:,es
giebt, wie Du gesehen hast, sonderbare Arten, eine
Liebeserklärung zu machen! Diese war mir selber neu
---- und war doch klar und deutlich, wie nur Eine,
so daß sie Nichts zu wünschen übrig ließ.
Sie bückte sich dabei zum Wasserrande nieder,
Vergißmeinnicht zu pflücken und forderte auch die
Cousine dazu auf, als ob nichts Anderes sie beschäf-
tige und kümmere, und sie sah dabei sogar heiter und
zufrieden aus. Nanetie hatte jetzt erfahren und erlebt,
was sie nach Viktorinens Willen erfahren und wissen
sollte. Das Nebrige mochte sie sich vorstellen und
F. Lewald, Benedikt. k.

1s
denken, wie es ihr gefiel. Es konnte dadurch an
Romantik nur gewinnen, den Zauber, der um Vik-
torine schwebte, in den Augen der Cousine nur erhöhen,
und Viktorine war in ihrem Innern auch bereits von
einem anderen Gegenstande eingenommen, der für sie
wichtiger war als Benedikt.
,Hast Du's gehört, sprach sie, nachdem sie die
gepflückten Blumen mit weichen Halmen zusammen
gebunden hatten, und danach eine Weile schweigend
ihres Wegs gegangen waren, ,hast Du es gehört, im
Kloster erwarten sie einen Gast, dem sie besondere
Ehren zu erweisen denken. Wer kann das sein??
,Soll ich ihn Dir nennen? fragte die Cousine.
Die Andere verlangte nicht danach. ,Daß ich
unwissentlich den alten Lobgesang auf Rom zu seiner
Ehre in das Kloster schicken mußte - wie wunderbar
ist das! sagte sie und schaute mit den dunkeln Augen
gedankenvoll in's Weite.
,Ich würde es als ein gutes Zeichen, als eine
günstige Vorbedeutung ansehen,' meinte die Coufine,
und Viktorine nahm es selber auch mit solcher Mei-
nung auf.
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,Laß uns hoffen, daß es uns Glück verheißend ,
H
sei!'- sagte sie. ,Der Graf wird übrigens an der


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Stimme dieses jungen Mönches!- sie nannte ihn
nicht mehr Benediktus oder ihren jungen Pater wie
bisher --- ,auch seine große Freude haben. Er lielt
die Musik und ist ein Kenner aller Kunst: ein echter
ohn Italiens und Roms!?
1

Kapitel 12

Febikt hatte sich niedergesezt, sobald er sich aus
dem Bereich von Viktorine wußte. Er hatte sich
überwunden und war geflohen- indeß waö half
ihm das?
Wohin er sich auch wendete, sie war bei ihm! ---
Wohin er immer blickte, sah er sie! Es war kein
Raum in seinem Herzen, seiner Seele, den sie nicht
erfüllte - und schaudernd ließ er die Worte des
Psalmes über seine Lippen gleiten:,Wo soll ich hin
fliehen vor Deinem Angesicht? Führe ich gen Him-
mel, so bist Du da, bettete ich mich in die Hölle, jo
bist Du auch da!?--
E war wieder eine Läisterung in diesen Worte:n,
wie er sie gebrauchte, sündhaft war Alles, was er
that und dachte; er war verdammt, sich nicht mehr zu

184
erheben. Dante's verhängnißvolles: , Laßt alle Hoff-
nung fahren!'' war für ihn gesprochen. Es blieb ihm
Nichts als bis an's Ende willenlos in unverbrüch-
lichem Gehorsam an jedem Tage durch den Tag zu
gehen - und das mußte er auch heute thun.
Er erhob sich seufzend und schritt hinauf nach
feiner Mutier Hof.
Die Thüre des Hauses stand offen und die Küchen-
thüre ebenso. Vom Heerde aus konnte Jakobäa Jeden
sehen, der über ihre Schwelle kam.
Langsam und mit müdem Schritte stieg der Sohn
die Treppe hinan, er hatte die Mutter seit jenem
Morgen nicht mehr aufgesucht. Das war an sich
nichts Seltenes, denn es war oft eine weit längere
Zeit darüber hingegangen, ohne daß der Eine oder
die Andere es wesentlich beachtet; diesmal jedoch hatten
sie Beide die Zahl der Tage nachgerechnet und Jakobäa's
Bitterkeit war mit jedem Tage gewachsen.
Sie sah ihn eintreten, ohne den Blick auf ihn
zu richten, und ließ ihn herankommen, ohne ihn will-
kommen zu heißen. Es fiel ihm schwer, dagegen
Stand zu halten, denn er war ohne dies genug be-
laden. Die ganze Verzagtheit des Unglücks hatte ihn
befallen.

185
,Mutter,'' sagte er endlich, als er schon dicht vor
ihr stand, ,so soll es zwischen Sohn und Mutter doch
nicht sein !?
Sie legte das Messer aus der Hand, stellte die
Schüssel fort, die sie auf ihren Knieen gehalten hatte,
und hob die Augen zu ihm auf. ,Wa haben sie
mit Dir gemacht? Wie siehst Du aus? rlef sie vor
der Verstörtheit seines Angesichts erschreckend.
Er sagte, es sei ihn Nichts geschehen.
,Du siehst nicht kenntlich auö wiederholte sie,
und von der Angst des Mutterherzend fortgerissen
über ihren Zorn, sezte sie mit rascher Dringlichkeit
hinzn:,Was frag' ich noch! Ich hatte mir' ge-
dacht! Du hast gebeichtet und mußt büßen! Rede!
Rede! Ich sehe es ja ohne das ?
Ihre Zärtlichkeit schloß ihm das Herz auf. Eu
hatte derselben nöthiger denn je, und bemüht, sie zu
vergelten, sagte er:,Sorge Dich nicht um mich!
Ich bin krank gewesen in meiner Seele, die ganzr
lange Zeit! Doch wird Gott mir helfen, daß ich da-
von genese!'
,,Genesen? -- Ja! Genesen von der Erdennoth
und von dem Leben! Wenn man das genesen nennen
willlr rief sie. ,äu der Art von Genesung werden

18
sie Dich bringen, wenn sie's Dich so weiter treiben
lassen, und dahin wollen sie Dich haben, denn sie
denken, damit wären sie an ihrem Ziele!r
Benediktus bangte vor dem Tone. ,Mutter!'
fagte er, , ich war gekommen, um mit Dir zu sprechen,
wie es dem Sohne ziemt, dem Dein Gelöbniß seinen
Pfad bestimmt hat, ehe er geboren war; und der
nicht Dir, nicht sich gehörte, seit er hienieden athmet!r
Sie ließ ihn nicht vollenden. , Das ist es! Das
ist es ja!'- rief sie mit Leidenschaft. , Was warst Du
mir, da Du mir nicht gehörtest? Wie sollte ich mein
Herz hängen an Denjenigen, und Denjenigen lieben
und mich sorgen um den, der nicht mehr mein eigen
war? Ich habe zu lügen und zu heucheln nicht ge-
lernt. Aber seit sie in das Thal gekommen ist, und
mir begreiflich gemacht hat-- sie brach plözlich ab
und sagte, indem sie näher zu ihm rückte:,Sie ist
hier gewesen, neulich und heut wieder, und ich habe
allein mit ihr geredet=-e'
,Ich weiß es,' sagte er, ,ich habe sie gesehen!r
,Du? Und wann? und wo?
,Jetzt eben. Am Wildbach, in der Schlucht!?
, Und davon bist Du so verstöüt? fragte sie mit
dem Scharfblick des Weibes und der Mutterliebe. Er

1?
antwortete ihr nicht darauf, aber die brennende Röthe,
die seine bleiche Stirne übergoß, schien ihr Muth zu
machen, denn ehe er es hindern konnte, sagte sie:
,Sie hat mir Alles aufgeklärt! Die Welt ist umge-
wandelt eben jetzt, jenseits der Berge. Es sind Ge-
setze gegeben worden in dem neuen Neich, welche der
löster Pforten aufthun. Nur hinülerzngehen hast
Du nöthig-
,Nicht weiter, Mutter! rief der Sohn, ,wenn
Du mich nicht zum zwweiten Male von Dir treiben
willst. Ich weiß das wohl! -- Doch nicht um solcher
Dinge willen kam ich her zu Dir.?
, Höre mich!- gebot sie und hielt ihn bei der
Hand.,Ich bin alt, Benedikt; lter alö meine Jahre,
denn Leiden zählen rascher als die Tage des Kalen-
ders, und es wird mir keine Ruhe mehr lassen, nun
ich weiß, daß Rückkehr aus dem Kloster in das Leben
möglich ist =
,Nicht für mich, Mutter!' sagte Benediktus mit
völliger Entschiedenheit. , Nicht für mich!-- Und
schlössen sich mir heut die Pforten unferes Klosterö
auf, ich würde den Weg nicht gehen, den Du mir
zeigst. Ich werde nicht lassen von dem Pfade, auf
dem zu wallen ich in der freudigen Neberzeugung ge-

188
schworen habe, daß er mich zum Heile führt, selbst
wenn mein Fuß ihn hart zu gehen findet und die
Dornen am Wege ihn zerreißen, ehe ich, den Frieden
findend, an mein heiß ersehntes Ziel gelange.!
Er hatte sich über sich und seiner Seele Schwäche
emporgehoben, indem er die Mutter zu erheben unter-
nahm; aber der lebensmüde Ausdruck seiner Züge, der
bebende Klang seiner Stimme machten, daß sie seinen
Worten nicht Gehör gab, und bei ihrem Sinne blei-
bend, sprach sie: ,Willst Du mich glauben machen,
daß Deine Wangen von Ruhe und Frieden so blaß
geworden, Deine Augen von Glück und Freude Dir
so eingesunken sind?
,, llnd wäre es von Kummer und von Schmer-
zen, was wäre es denn anders? gab er ihr zur Ant-
wort. ,kch habe das Kreuz auf mich genommen und
ich will es tragen, bis es mir zum Siegeszeichen wird
-- zum Zeichen des Sieges über mich-- und über
Dich!-- oder bis ich unterliege unter seiner Last.? =-
Sie stand auf und sah ihn an. Sie war, klug
genng, es zu bemerken, wie er sich erst bei ihr all-
mälig aufgerichtet hatte, und daß er jetzt aus vollem
Herzen zu ihr sprach.
Aber Viktorinens Zuversicht und ihr Dringen
- -,

189
hatten die Vorstellungen Jakobäa's nun einmal in
die neue Bahn gelenkt: sie hatte sich in ihrer Ein-
famkeit Tag und Nacht damit beschäftigt, wie Bene-
diktus fliehen, wie er jenseits der Alpen seine Freiheit
finden und wie sie dann später ihn dorthin folgen
werde, um ihr und sein Gewissen zu beruhigen, um
vor dem Thron des heiligen Vaters Vergebung fü
ihre und für des Sohnes Sünden durch Viktorinens
Beistand zu erlangen. Bei ihrer Unkenntniß der ob-
waltenden Verhältnisse war Jakoläa ebensowenig im
Stande, das Phantastische und Unerfüllbare diese;
ihrer Hoffnungen einzusehen, als die zähe Beharrlich-
keit ihrer Natur von denselben zu lassen vermochte.
Mit beredter Leidenschaft stellte sie dem Sohn
noch einmal vor, was sie von ihm erwartete, wad
Viktorine ihr verheißen hatte. Benedikt ließ sie ge-
währen, ohne sie zu unterbrechen. Als sie vollendet
hatte, sagte er: ,Sie hat mir das Alles angedeuten
und sie glaubt es so; aber es wäre uns besser, win
hätten sie nie gesehen, nicht Du, nicht ich!
,Du traust ihr nicht? rlef Jakobäa zürnend.
,Wie dürfte ich? versezte er,,da ich den Kampf
erprobt, in den sie mich verstrickt hat, da ich in mir
erfahren habe, was es kostet ihn zu bestehen.'

19
,Weil Du den Muth nicht hast, Dich zu be-
freien!'? fuhr Jakobäa auf.
Benedikt entgegnete auf ihren Vorwurf nicht, und
erst nach einer Weile sagte er: , Ich bin nicht muth-
los, Mutter! Ich habe in diesen Zeiten große Ver-
suchnngen mit Gottes Hilfe, wie ich hoffe, überstanden.
Ich habe, seit sie zuerst zu mir geredet, oft hinausge-
schaut mit heißer Sehnsucht nach den Freuden und
dem Ruhm der Welt, und nach Genüssen, an die ich
früher nicht gedacht habe und die mir nicht bestimmt
find. Ich weiß und hab's empfunden, wie sie ver-
lockend sind! Aber sie suchen zu gehen auf dem Wege,
von dem sie redet, und an den Du glaubst, das hieße,
selbst wenn er zum Ziele führen könnte, kurze Lust
mit ewiger Verdammniß sich erkaufen.?
Er machte eine Pause, als halte er zurück, was
ihn bewege, und sich dann zusammennehmend, sagte
er mit scheuem Zögern: ,Es steht nicht gut um mich!
Aber auch um Dich, Mutier, steht's nicht gut! Du
bist abgekommen von der Kirche, von der Beichte, von
dem Pfade, auf dem wir gegangen sind, Du und
Deine Kinder, unbeirrt seit meines Vaters Flucht,
um seiner Sünden und um Deinetwillen. Dabei,
Mutter! muß es bleiben! damit Deine Kinder, die

19
für Dich gebetet haben, seit sie beten lernten, nicht
muit hoffnungsloser Sorge an die Mutter denken
müssen, die sie in die Welt geboren hat, damit sie
nicht die Mutter wie den Vater meiden müssen und
verlieren.'?
Jakobäa war ergriffen, ihr Sohn war es nicht
minder. Es war das erste Mal, daß er es unter-
nahm, sich also über sie zu stellen, daß er in solcher
Weise zu ihr von ihrer Schuld und ihrer Bußpflicht,
daß er als der Priester ihres Gottes zu ihr sprach,
und der Eindruck, den er auf sie machte, wirkte er-
muthigend auf ihn selbst zurück.
Er lernte es empfinden, wie der Geist sich stärkt
in Denen, welchen es Pflicht ist, Andere zu leiten, und
er genoß daneben den ersten Neiz des Herrschens,
während er demüthig dem Befehle seiner Oberen ge-
horchte. Das Geheimniß jener klug berechneten Ver-
bindung von Herrschaft und Gehorsam, das die
Glieder der Kirche untereinander und in der Kirche
so meisterhaft zusammenhält, bewährte sich an ihm.
Er konnte in dem Augenblick absehen von sich
selbst, es vergessen, was ihn eben noch befangen, was
ihn verwirrt hatte, als er vor die Mutter hingetreten
war. Er fand eine Genugthuung darin, sich in dem

19
Dienste der Kirche, in der er erwachsen und erzogen,
deren Theil und Glied er war, alö Berather und Er-
mahner zu versuchen; und was er als Glaubenssatz der
Mutter vorhielt, ward in ihm als Neberzeugung in
neuem Sinne mächtig; so daß er ihr mit Ruhe den
Wunsch aussprach, sie möge sich entschließen die Schen-
kung ihres Hab und Gutes für ihren Todesfall zu
Gunsten seines Klosters zu vollziehen.
Jakobäa blickte ihn in stummem Schrecken an.
Sie hatte diesen Vorschlag von ihrem Sohne nichter-
wartet, am wenigsten in dieser Zeit.
Er war ihr fremd wie er jezt vor ihr stand, die
herrliche Gestalt hoch aufgerichtet, den leuchtenden
Blick ihr zugewendet, sie ermahnend mit feuriger Be-
schwörung, sie bitend mit dem weichen Ton der Liebe,
nur an ihr Seelenheil zu denken. Des Sohnes Wort
drang anders an ihr Herz, als das des greisen Paters.
Sie neigte sich vor ihm und sah zu ihm empor, sie,
die ihn geboren, die ihn an ihrer Brust genährt, auf
ihren Knieen groß gezegen hatte. Wie sie sich um
sein irdisch Theil all die Zeit gesorgt hatte, wie sie
jezt noch darauf dachte, ihn einzusetten in sein Erbe,
so sorgte er sich, ihrer Seele jenseits dieses Lebens
ihre Heimathsstätie zu bereiten; der Sohn, dem sie

1
sein irdisch Dasein einst geschenkt, wollte ihr die Ver-
geltung dafür sichern in der Ewigkeit.
Es war ein Aufwallen, ein Fluthen von Empfin-
dungen in ihr, über welche sie sich Rechenschaft zu
geben nicht vermochte. Die Trauer, die sie fühlte, schloß
doch Freude in sich, und das Glück der Mutterliebe
barg in sich den Schmerz, daß Benedikt sich zu be-
freien verweigerte. Sie wünschte, ihm nachzugeben,
ihm willfahren zu können, sie hatte ihm bisher so
wenig Zärtlichkeit erwiesen; aber was konnte ihm seine
Mutter und Mutterliebe sein, ihm, der nicht einmal
an dem Hause seiner Väter hing, der in sie drang.
um seines und um ihres Heiles wegen, sich des alt-
ehrwürdigen Besizes zu entäußern? Nicht nur ihn,
sich selber sollte sie der Freude an ihrem Hab und
Gut berauben! und sie konnte ja noch lange leben in
dieser Welt, ehe sie abberufen ward zu einer anderen.
Sie hatte es dem Sohne heute ausgesprochen:
ihre leiblichen Kinder hatte sie nicht von Herzen lieben
können, seit sie ihr nicht mehr allein gehörten, und
auf Ausschließlichkeit und Dauer war ihr Sinn ein-
mal gestellt. Die Kinder hatte sie schon mit dem
Kloster theilen, sie an das Kloster verlieren müssen;
t? === =- = =-

19
und Gut entsagen, sollte nur noch als Verwalter
schaffen, sich nicht mehr als unbeschräinkte Besizerin
empfinden auf ihrem Grund und Boden und in ihrem
Hause? Bei lebendigem Leibe sollte sie wie ein Schemen
und Gespenst umhergehen neben denen, die auf ihren
Heimgang ihre Plane bauten?- Nimmermehr!--
Benedikt wollte nicht von seinem Eide und von seinem
?:
Es brachte sie anßer sich, daß er dies nicht be-
grif, daß er nicht wie sie an diesem Hause hing, daß
er nuur an den Himmel und das Jenseits dachte, und
fast ohne es zu wissen, rief sie in ihrem Schmerze:
, Er ist bei mir und nicht bei mir! Die Welt liegt
zwischen ihm und mir!'?--
,Ja die Welt! Ja die Welt!- sprach Benedikt
ihr mit gehobener Stimme nach, ,diese vergängliche
trügerische Welt, in welcher schon in der nächsten
Stunde uns entrissen sein kann, woran wir hängen,
als wären wir nicht selbst vergänglich und in jedem
Augenblick dem Tode verfallen! Du kannst nicht
lassen von dem Hause, magst nicht denken, daß es
Andern dereinst gehören soll? Aber weißt Du, ob der
nächste Morgen Dir noch tagt? Ob dieses Haus, auf

1
das Dn neulich des Himmels Bliz hernieder riefest,
nicht morgen schon des Feuers Beute wird?-- Dut
denkst an mich! =- An mich?- Wer bin ich, Mutter?
Was ist mir diese Welt? Was hat sie mir zu bieten?
Was hab ich denn in ihr zu hoffen? Die Tage und
Stunden habe ich minutenweise algezählt, und hab
in meines Herzens Angst gefleht zu Ihm, dessen das
Leben ist, daß er es mir verkürze--''
,. Benedikt!r tief die Mutter voll Eutjezrn
, was ist denn geschehen?
Er fuhr zusammen. Während er die Mutter
abzulösen trachtete von dem Hängen an dem Irdi-
schen, hatte seine Phantasie sich willenlos zurückge-
wendet in die Erinnerung an das eigene gezuungene
Verzichten, an sein Leiden, und zu ihr, die ihm der
Inbegrif des Lebens und der Welt geworden war.
Das Wort verstummte ihm im Erschrecken vor sich
selbst.
Die Mutter stand vor ihm und sah ihm fest
in's Antliz. Er senkte den Blick vor ihr zu Boden.
Eine unheilvolle Ahnung bemächtigte sich ihrer.
Die Aussichten, welche Viktorine ihr eröffnet,
hatten sie gereizt, sie hatte sich darin versenkt, wie
man das Auge weit vorwärts in die Fernr dringen
l

19
läßt, während man auf festem Boden sicher da steht.
Sie hatte Benedikt von den Banden frei zu sehen
gewünscht, die sein Eid ihm auferlegte; aber noch
waren diese Bande nicht gelöst, noch band ihn ja sein
Eid, ein heiliger Eid, den nicht brechen zu können
und zu wollen er erklärte. Vor der Macht der
Gegenwart, der Wirklichkeit gegenüber, fiel auch vor
Jakobäa's Augen das unbestimmte Hoffen auf eine
Umgestaltung ihrer und ihres Sohnes Zukunft in
sich selbst zusammen, und die Gewalt des angeerbten
Glaubens und der angeerbten Vorstellungen trat auch
bei Jakobäa in ihr altes Recht.
,Du bist des Herrn Priester,' sprach sie mit er-
habenem Ernste, indem sie ihre schwere Hand auf
seine Schulter legte, ,und ich verehre ihn in Dir;
aber ehe Du sein Priester warst, warst Due mein
Sohn, ich Deine Mutter! Du hast mir mein Herz
gedeutet und vor Deinem Erkennen hab' ich mich ge-
beugt.- Ich will Dir das Deine deuten, denn ich
hab's erzeugt!''
, Mutter! Um Gottes Barmherzigkeit willen,
sprich das Wort nicht aus!r rief Benedikt.
,,Wer will mich hindern, meinem Kinde in das
Herz zu sehen? sprach sie und hielt ihn fest. ,Wer

?
soll Dir'I sagen, was er sieht, wenn ich's nicht thue?
Läugne mir es, wenn Du es kannst!-- Du liebst die
Fremde, Benedikt!=?
Ein dumpfer Schrei rang sich aus seiner Brust
empor, und das Gesicht verhüllend, sank er vor Ihr
nieder.
Sie umschlang ihn und drückte ihn an ihre Brust.
So hatten Sohn und Mutter sich noch nie umfangen.
Jezt verstand sie ihn, und Mlles war jezt anders
zwischen ihnen. Was Liebe sei, das wußte Jakobäa!
Daß Liebe nicht vergessen, nicht einem Andern zuge-
wendet werden könne, das hatte sie an sich erfahren,
und Benediktus war ihr Blut, ihr Sohn! Und er
war Mönch, der geweihte Priester seines Gottes!
Sein Unglück, sein Schmerz, sein Vergehen
fielen, nun sie sie erkannte, wie schwere Hammerschläge
auf sie nieder. Sie öffneten gewalisam die Quellen
der Zärtlichkeit in ihrer Brust, die Leid und Einsam-
keit so lange verschlossen hatten. Ihre Liebe für den
unglückseligen Sohn verwandelte ihr ganzes Wesen.
Sie fluchte der Fremden in ihres Herzens Tiefen, und
hielt dennoch das harte Wort zurück, um Benedikt
nicht weh zu thun, der sie liebte. Sie hätte ihr
Leben darum geben mögen, häte sie ungescehen

198
machen können, was sie selber die ganze Zeit hindurch
an ihreä Sohnes Nuhe und Frieden gefrevelt und ge-
fündigt hatte.-- Sie haßte und verabscheute sich selbst
und den Besiz, um dessen willen sie den Sohn ge-
peinigt, um dessen willen sie der Fremden ihr Ver-
trauen geschenkt, ihr willfährig Gehör gegeben, und
um dessen willen sie die neue Schuld auf sich geladen
hatte und auf ihren Sohn.
Sie fand, da ihre Angst nach Hilfe suchte, eine
tröstende Zärtlichkeit in sich, deren sie sich nicht bewußt ge-
wesen war, und eine Sprache für den Sohn, die sie noch
nie zu ihm gesprochen hatte. Der heiße Strom der
Mutterliebe floß frei in ihrem Herzen und ergoß sich
über Benediktus, daß die Mutter und der Sohn
unter dem Gewicht des Schicksals, unter dessen Last
kein Erkommen und kein Hofen übrig blieb, doch
eines Glückes genossen, dessen sie nicht theilhaftig ge-
wesen war bis zu dieser Stunde.
Benedikt umarmte die Mutter noch einmal, dann
stand er auf; sie folgte seinem Beispiel.
,, Und was soll nun werden?' fragte sie, beseelt
von dem Verlangen, ihn zu befriedigen und zu
trösten.
Er reichte ihr die Hand hin. ,Gott ist über

199
uns gewesen in dieser Stunde,! sagte er, ,und hat
uns heut gesegnet! Laß unö ihm dafür dienen in
dankbarem Verzichten auf Mlles, was nicht bestehen
mag vor ihm.? Er schickte sich zum Fortgehen an.
Sie ging mit schwerem Schritte neben ihm.
,. Komm wieder!'? bat sie, als er sich dem Aus-
gang nahte.
, Nicht eher, bis sie nicht mehr in dem Thale
ist!' gab er ihr zur Antwwort.
,Ich komme in die Kirche heute Abend, da werd'
ich Dich doch hören!r sagte die Mutter.
,Geh' auch zur Beichte!'' mahnte er, und sie ent-
gegnete, es verlange sie danach, das Herz sei ihr be-
laden, sie habe der Vergebung nöthig -- auch
von ihm.
,Denk' nicht an mich!'r sprach Benedikt.
Da brach ein Strom von Thränen ihr aus den
Augen, und sich noch einmal ihm in die Arme werfend,
rief sie: ,An wen soll ich denn denken, als an mein
eigen Fleisch und Blut, an Dich, an meinen unglück-
seligen Sohn!?
,,Gott wird mir helfen zu tragen, was er mir
auferlegt,' versetzte er und ging hinaus.
Sie blieb unentschlossen auf der Schwelle stehen.


Sie konnte ihn nicht scheiden lassen, ohne ihm ein
Zeichen ihrer Liebe gegeben zu haben, aber es kam ihr
hart an wie der Tod.
,, Benedikt!' rief sie. Er wendete sich um.,Würd
- es Dich freuen, wenn Dein Kloster mich beerbte?
,Wir haben, Du und Deine Kinder, alle Drei
der Fürbitte sehr nöthig, Mutter!' gal er ihr zur
Antwort, , und Dein Andenken geehrt zu sehen unter
uns, das wäre mir ein Segen.''
,,So sollen sie es aufsezen, ich will es nnter-
schreiben!'' stieß sie rasch hervor.
, Gott sei gedankt, daß er Dein Herz gelenkt!
rief Benedikt, aber sie hörte es nicht mehr. Sie war
hineingegangen in das Haus, ihm ihre Thränen zu
verbergen.

Kapitel 13

rehehntes
'npilel.

Ai Abend, um die Vesperstunde knieete Jakobä
wieder an ihrem alten Platze in der Kirche. Di
Fremden kamen erst lange nach ihr in das Gottes-
haus; Viktorine bot ihr, als sie an ihr vorüberging,
die Zeit, aber Jene gab ihr keine Antwort, und machtr
das Zeichen des Kreuzes über sich. -- Der Chorge-
sang war gerade beendet, Benedikt's Stimme erhol
sich hell im Einzelsang.
,Daß man das heute zum lezten Male hört!
sagte Nanette mit Bedauern.
,Es ist unglaublich, welche Fortschritte er gemacht
hat, seit wir zum ersten Male in der Kirche waren,''
meinte die Baronin. ,SSchön war seine Stimme
immer, aber es ist jezt ein Ton, ein Ausdruck in sie
hineingekommen, den sie vor sechs Wochen noch nicht

e
hatte. Man könnte in der That vor Rührung wei-
nen, wenn man nicht seine Freude daran hätte.!--
Viktorine, welche des jungen Mönches Singen
sonst am lebhaftesten gepriesen hatte, schwieg heute zu
der Bemerkung der Baronin.
Als dann der Gottesdienst beendet war, und die
Fremden bei dem Fortgehen aus der Kirche wieder
an Jakobäa vorüberkamen, fand die Baronin, welche
sich gewöhnt hatte, in dem Thale bei jedem Anlaß
die huldvolle Beschützerin zu spielen, sich gemüßigt,
an die Mutter Benedikts heran zu treten und ihr zu
fagen, wie gefühlvoll ihr Sohn heute gesungen habe.
,Ich wollt', Ihr Fräulein sänge einmal so wie
er!' warf Jakobäa hin, während ihr Blick finster über
Viktorine hinstreifte.
,, Oh, versetzte die Baronin, ohne Ahnung von
dem, was Jene meinte, ,meine Tochter hat oft geist-
liche Musik gesungen und versteht sich außerordentlich
darauf!'? Und um das Maß ihrer Herablassung heute
voll zu machen, setzte sie hinzu:,?ommen Sie doch
einmal zu unserer Wirthin, liebe Frau! Dann sollen
Sie meine Tochter hören; Ihr Herr Abt war ganz
von ihr entzückt.r?
,Ich hab' mehr als genug von ihr gehört!! sagte

2
akobäa und ging von ihnen, ohne Gruß und Lebe-
wohl.
Die Baronin fühlte sich durch diese Abweisung
-schwer gekränkt, besonders weil ihre Anverwandten die
Zeugen derselben waren. Sie nannte Jakobäa eine
unheimliche abstoßende Person, die ihr von Anfang an
zuwider gewesen sei. , Aber meine Viktorine,? sagte
sie, ,hat eine wahre Leidenschaft für das Driginelle,
weil sie selber so originell ist, und sucht sich solche
Menschen auf. Wenn man nuur wüßte, was die Frau
heut' hatte!r
Sie waren während dessen an den Ausgang der
Kirche gelangt, die Baronin und ihre Tochter traten
an das Becken, sich mit dem Weihwasser zu benezen,
die Andern, die noch Juden waren, standen von fern
und sahen ihnen zu. Der lebertritt zum Christen-
thum und zur Landeskirche gehörte in ihren Augen
mit zu dem Luxus, den ihre reichen Verwandten sich
hatlen erlauben dürfen.
Als Viktorine sich allein mit ihrer Mutter sah,
sagte sie: ,Sprich nicht mit Jakobäa und nicht von
ihr! Pater Benedikt hat eine Leidenschaft für mich
und ich sehe, seine Mutter weiß darum. Die Töne
auollenihm ja heute auch wie heißeTropfenaus derBrust!'

Le
Die Baronin that einen überraschten Ausruf;
indeß verwundern that die Mittheilung sie keineswegs,
sie fand die Sache sehr natürlich. Es hatte ja kaum
ein Mann den Reizen ihrer Tochter widerstanden.
Nur wie es mit dem Pater so gekommen sein konnte,
das begrif sie nicht, und häti's doch wissen mögen.
Die Tochter sagte, sie werde ihr's erklären, wenn die
Gäste fort, und wenn man wieder in Ruhe sein würde.
, Nanette weiß darum, sezte sie hinzu, ,wir sind ihm
heute noch begegnet und haben ihn gesprochen. Er
ging von uns zu seiner Mutter Haus.'
,Der Aermste! rief die Baronin, ein mitleids-
volles Lächeln auf den Lippen, ,wie er mich dauert!
, Und mich erst!r sagte Viktorine, während sie sich
den Anverwandten wieder zugesellte; aber die Baronin
blickte von Zeit zu Zeit mit zärtlichem Vergnügen
ihre Tochter an, und so bald es sich nur thun ließ,
nahm sie Nanettens Arm, um in eifrigem Gespräch
mit ihr hinter allen Andern weit zurück zu bleiben.

Kapitel 14

Vierzehntes Cnpitel.

mit
Ee paar Siunden später, als man in der Pension
den Abreisenden noch wohlgemuth beisammen
war, folgte in dem Kloster Pater Theophil wie immer
dem Abte in seine Zimmer.
Die Jahreszeit war vorgeschritten, die Fenster
waren überall geschlossen, die kluge Drossel in dem
Bauer ließ sich nicht mehr hören. In dem großen
niedrigen Ofen prasselte das Fener, die Greise konn-
ten am Abend das geheizte Zimmer bereits wohl
gebrauchen, und die beiden Cypernkätzchen hatten sich
auf dem Teppich so gelagert, daß die Wärme aus der
Ofenthüre sie berührte, ohne daß der Strahl des Feuero
ihre halbgeschlossenen Augen traf.
Pater Theophil hatte das Schachlrett herbeige-
holt, indeß der Abt legte die Hand darauf, ehe Iener
F. Lewald, Benedikt. l1

N1
die Figuren heraus nehmen konnte, und fich in den
weiten Armstuhl zurücklehnend, sagte er:,Die neue
Einrichtung unserer bischöflichen Zimmer ist zur rechten
Zeit vollendet worden. Sie nehmen sich reich und
stattlich aus. Es ist mir lieb, daß wir dem Grafen
Stsfano als erstem Gast dieselben jezt schon bieten
können. Auch in diesen Dingen hat man daö Ansehen
des Klosters zu beachten, die Gemächer für die Frem-
den müssen gut gehalten sein.?
, Hochwürden erwarten also jezt den Grafen?
fragte Theophil, obschon er von der bevorstehenden An-
kunft dieses Gastes durch die Unterbeamten hinläng-
lich unterrichtet worden war.
, Mein Wagen geht ihm morgen bis an den
See entgegen, zur Mittagsmahlzeit wird der Graf
hier oben sein!'r entgegnete der Abt, ,und nach der-
selben können ihm die Schüler die neustudirte Hymne
singen. Benediktus hat sie gut gesetzt und eingeübt.?
,,Er ist auch sonst zu loben,? meinte Pater Theo-
phil, der seit sie allein beisammen waren die schickliche
Gelegenheit erwartet hatte, dem Abte die erwünschte
Kunde mitzutheilen und seinem Günstling eine An-
erkennung zu erwirken. ,Benediktus ist zu loben.
Seine Mutter hat auf seinen Wunsch und seine eber-

redung heute endlich darin eingewilligt, die Ver-
schreibung ihrer liegenden und ihrer sonstigen Habe
zu des Klosters Gunsten zu vollziehen!
Des Abtes Augen leuchteten schnell und flüchtiz
- auf. , Und ist das sicher? fragte er.
Theophilus entgegnete, daß Benediktus eigenö zu
ihm gekommen sei, ihm die Mittheilung zu machen,
nachdem er denselben ernstlich ermahnt habe, von seiner
Mutter die Ausführung dieses frommen Aktes nach-
drücklich zu begehren.
,Hat er gesagt, auf welche Weise er die Zuusage
von ihr erlangt hat? erkundigte sich der Abt.
Der Pater konnte ihm darüber keine Auskunft
geben, er wiederholte aber, daß man den Entschluß
nur Benedikt verdanke, und daß dieser, nach einer
heutigen Unterredung mit der Mutier ihm gemeldet
habe, sie sei bereit, für den Fall ihres Todes die
Schenkungsakte wie man sie abzufassen nöthig fände,
sofort zu unterschreiben.
,So muß man sie morgen auöfertigen lassen
und Sorge dafür tragen, daß Frau Jakobäa nicht
schwankend werde in dem guten Vorsatz. Senden Sie
mir den Pater Benedikt; ich will selber mit ihm reden,
und zwar noch heute und sogleich.?
11

A1
Von dem Spiel war keine Rede mehr, man hatte
eben Wichtigeres zu thun.
Theophilus trug das Schachbrett fort und begab
sich in den Saal hinunter, in welchem Benedikt die
Beschäftigung seiner Klasse überwachte.
In einer Gemeinschaft, in welcher Alles seine
Zeit und seine Stunde hat, in welcher die kleinste
Alweichung von der festgesezten Negel als ein außer-
ordentliches Ereigniß Aufsehen macht, blieb natürlich
das Erscheinen des greisen Paters in dem Arbeitssaale
von keinem der Schüler unbemerkt. Es kam sonst
niemals vor, daß man ihn um diese Siunde, die er
allabendlich mit dem Abte zuzubringen pflegte, noch
auf den Corridoren antraf, und unter den Scholaren
hatte man ihn, so lange man sich zu erinnern wußte,
nach der Abendmahlzeit nie gesehen. Aller Augen
richteten sich daher auf ihn. Es mußte etwas Be-
sonderes geschehen sein, sein Kommen mußte etwas
Besonderes zu bedeuten haben! Aber was?
Die Frage ging von Mund zu Munde; Niemand
hatte darauf die Antwort. Man sah, daß er mit
Pater Benediktuö sprach, daß dieser den Arbeitssaal
verließ und der Greis den Platz einnahm, an welchem
der junge Lehrer bis dahin gesessen hatte. Das war

1B
noch nicht dagewesen. Keiner der Schüler vermochte
bei seiner ruhigen Beschäftigung zu bleiben. Ein
Meteor, das am Horizonte plözlich sichtbar geworden
wääre, hätte nicht größere Neugier erwecken, nicht mehr
und gewagtere Vermuthungen erregen können.
Während dessen begab sich Benedikts nach des
Abtes Zimmer. Der Abt hatte dem Laienbruder, der
ihm den gewohnten Nachttrunk brachte, die Weisuna
gegeben, denselben fürerst zurüczustellen. Er ging,
sehr wohl mit sich zufrieden, und dadurch auch füe
Andere gut aufgelegt, in dem Gemache hin und wie-
der. Der Plan, den er vor fünfundzwanzig Jahren
umsichtig entworfen, war endlich dem Gelingen nahe;
die Frucht, des Wartens werth, war jezt endlich reis
geworden und man konnte sie zu ernten hof en.
Ala Benediktus ihm gemeldet wurde, ließ der
Abt sich in dem großen Sessel nieder. Die Lampe,
die auf dem Tische vor ihm brannte, war nach seiner
Seite grün verhängt, während sie die andere Seite
des Zimmers hell genug beleuchtete.
, Hochwürden haben mich befohlen!' sagte Bene-
dikt sich tief verneigend vor seinem Oberen.
, Ich wünschte Dir mitzutheilen, daß ich die Ent-
schließung Deiner Mutter um ihretwillen segne,' ent-

N1ä
gegnete der Abt, ,nnd daß ich Dein Verhalten billige,
svfern Du in Demuh zu derselben mitgewirkt hast.
Sie hatte es hoch nöthig, sich abzuwenden von den
Gütern, die sie höher schätzte, als ihr Seelenheil, und
sie wird ruhiger in ihrem Herzen werden, wenn nicht
immer wieder der Zweifel und die Sorge sie beschleichen,
was dereinft aus ihrem Nachlaß werden solle. Hat
sie Dir angedeutet, wie sie ihre Schenkung machen,
und ob sie dieselbe auf ihr Haus und auf ihren
liegenden Besiz beschränken wolle, oder sie auch auf
ihre übrige bewegliche Habe auszudehnen denke?
, Sie hat darüber Nichts gesagt, sprach Benedikt,
, nur beauftragt hat sie mich, Hochwürden zu ersuchen,
daß Sie das Dokument der Schenkung nach Ihrer
Einsicht auszufertigen befehlen. Sie wird es unter-
schreiben, wie man es ihr vorlegt. !
, Hat sie Angehörige, die sie zu bedenken, auf die
sie Rücksichten zu nehmen wünscht?
, Hochwürden wissen, daß von mir und meinen
Schwestern keine Rede sein kann; und für die sehr
entfernten Anverwandten, die uns im Aargau leben,
hat sie keine Art von Freundschaft. Sie ist ihnen
eher abgeneigt. ?
, Und weißt Du, was zwischen ihnen steht)

L1?
Benedikt schien zu überlegen, ob er auösprechen
solle, was er denke, dann sagte er: ,Sie mißtrautn
ihren gelegentlichen Annäherungen, weil sie meinte
sie trachteten nach ihrem Erbe.r?
,Das ist es!- rief der Abt, ,daö ist der Sinn,
der Alles vergiftet und verpestet in der Wolt. Zwischen
Blutsverwandte, selbst zwischen Kind und Eltern
drängt sich die Habsucht ein, zerfrißt der Geiz wie
scharfer Rost die Bande, die sie aneinander ketten!---
Du hast ein gutes Werk gethan, mein Sohn, daß Du
Deine Mutter dahin bestimmt hast, sich nicht über ihr
Grab hinaus um Geld und Gut zu sorgen. Bis zu
ihrem Tode bleibe sie Herrin über dieselben wie bis-
her, und nach ihrem Abscheiden lebt sie dann in Ehren
fort in unserm Hause, in dem Hause, dessen Ange-
höriger Dn geworden bist. Es soll geschehen, wie sie
es begehrt. Du selbst kannst ihr die Gewährung ihres
Wunsches morgen in der Frühe melden.'?
Benedikt wollte nach erhaltenem Befehle sich ent-
fernen. Der Abt gebot ihm zu verweilen. , Pater
Theophilus,'' sprach er, ,hat mir berichtet, daß Deine
Gesundheit nicht die beste ist; und wenn der Schein
des Lichtes mich nicht täuscht, so siehst Du ang--
grifen aus. ?

L16
Der Jüngling wollte sagen, daß es mit ihm
Nichts auf sich habe, aber der Abt kam ihm zuvor.
,Ich frage Dich nicht, sagte er. , woran Du krankst,
es ist das die Sache des Pater Medikus, und es ist
Dir Pflicht, die nöthige Sorgfalt zu verwenden auf
den Leib, mit dem Dich zu bekleiden es dem Herrn
gefallen hat. Auch kann's bisweilen Jedem von uns
heilsam und geboten sein, den Körper durch Kasteiung
daran zu verhindern, daß er den Geist darnieder halte.
Ist das Dein Fall, mein Sohn, so laß es ihn empfin-
den, daß Du Deines Fleisches Herr und Meister bist;
und Der, der es ausgesprochen: Der Geist ist willig,
aber das Fleisch ist schwach!: wird mit Dir sein! -
Indessen,? fuhr er nach einer kleinen Pause fort, ,Du
hast zum Defteren das Verlangen kund gegeben, die
Welt jenseits der Berge kennen zu lernen, und uns
hier oben ist die rauhe Jahreszeit nicht fern. Es wird
zu überlegen sein, was für Dich frommt.-- Man
könnte Dich vielleicht gen Süden gehen lassen! -
Ich will es mit Pater Theophil bedenken, sobald wir
Deiner Mutter in ihrem Vorhaben den nöthigen Rath
ertheilt, und angeordnet haben werden, was sie wünscht.
Und somit geh zur Ruh! Gott sei mit Dir!?

u?
Er ertheilte ihm den Segen, Benedikt küßte seine
Hand und ging hinaus.
Der Abt läutete, man brachte ihm den Schlaf-
trunk; dann ließ er noch einmal den Pater Theophilus
rufen, und sie blieben lang über die sonst von ihnen
eingehaltene Zeit beisammen. Der Abt sezte mit
eigener Hand den Entwurf der Schenkungsakte auf.
War sie nur erst vollzogen, so konnte man später
Benediktus zu seiner inneren Herstellung, falls es sich
zweckentsprechend zeigen würde, für einige Zeit in ein
andered Kloster, oder auf einen andern Posten senden;
denn der Hauptsache war man dann versichert.

Kapitel 15

z« Gelden Greise hatten eine ruhige und guute
Nacht; Jakobäa aber saß auf ihrem Lager und sah
zu, wie der Mondschein, durch die Fenster fallend, erst
diesen und dann jenen Balken des Getäfels in ihrer
Kammer mit seinem zitternden und schwankenden
Lichte streifte und erhellte. Sie kannte jeden Nagel
und jede Maser in dem alten Holze. Als Kind schon
hatte sie darauf geachtet, und wunderliche Gebild.
darin gesehen, bald thierische, bald menschliche Gestal-
tung. Maria Josepha hatte das Alles zimmern lassen
, für sich und ihre Nachkommenschaftr?. Es hielt und
stand noch Alles, und konnte stehen und halten noch
wer weiß wie lange!-- Aber von der Nachkommen-
schaft war sie die Letzte, die dies Haus bewohnte.
Heute noch war es ihr eigen, war sie unum-
schränkter Herr darüber, morgen schon vielleicht nicht


mehr! und Niemand trug daran die Schuld als jene
Fremde, die ihr und ihrem Sohne zum Fluche in das
Thal gekommen war. Ihr Zorn, ihr Grimm regten
ihr das Blut auf. Sie konnte nicht rasten auf dem
Bette, sie erhob sich, zündete ein Licht an und öffnete
das Fenster.
Dies Haus, ihr Haus, das sollte sie verschreiben
an die Mönche!-- Sie hatte den ganzen Tag nichts
Anderes gedacht, die Vorstellung war ihr heut ge-
läufiger geworden als vordem; was aber würde aus
der Bettsponde, in welcher die Besizerinnen dieses
Hauuses gelegen hatten, Eine nach der Andern seit
zweihundert Jahren?-- Was aus der alten Truhe,
die in der Stube in derselben Ecke stand, seit Maria
Josepha das Haus neu aufgerichtet hatte?-- Was
aus dem Schrank, an dessen Thüren die alten Knap-
pen mit den langen Degen ihren Leinwandschaz be-
wachten?
Sie ging aus ihrer Kammer in die Stube und
schloß die Thüre ihres Schrankes auf. Die Bretter
lagen voll bis an die Ränder! Für Kind und Kindes-
kind war hier aufgesammelt - und das Alles sollte
jetzt nur für das Kloster gesponnen und gewoben sein.
Alles für die Mönche, die nicht gearbeitet und nicht

L2
gesammelt hatten wie die Frauen dieses Hauses! Für
die Mönche, die gelebt hatten ohne Müh' und Sor-
gen wie die Lilien auf dem Felde, und die nun sollten
gekleidet und genährt werden mit dem Habe, das
fleißige Hände, das auch ihre Hände hier- geschaffen
- hatten, Iahr auf Jahr in rastlos eifrigem Be-
mühen.
Sie mochte gar nicht daran denken, sie mochte
die Sachen nicht mehr sehen, und schob die Riegel der
schweren Thüren wieder zu.
Draußen war Alles still, im Hause regte sich auch
Nichts, nur der Holzwurm tickte um die Wette mit
der alten Uhr; und wenn diese Ühr ihr einst die
Todeöstunde schlug, dann kamen sie aus dem Kloster
guten Muths herbei, ihr die lezte Ehre anzuthun, ihr
die Epequien zu singen -- und trugen wad ihnen be-
liebte, mit geschäftigen Händen aus den Schränken
fort, und sezten einen Meier in Maria Josephens
Haus hinein, es zu verwalten zu des Klosters Bestem,
wie auch sie es von dem nächsten Tage ab nur noch
verwalten sollte für dasselbe.
Stück für Stück besah sie von Allem, was heute
noch ihr eigen war. Kein Schub, den sie nicht auf-
zeg, kein Löffel und kein Glas, an dem ihr Herz nicht

L
hing, und das ihr nicht einen Seufzer auspreßte.
Sie hätte Nichts mehr sehen mögen und konnte doch
nicht davon lassen. Sie kam sich wie ein irrer Geist
vor, der seiner nicht mehr Meister ist.
,, Sie werden wohl beten müssen, damit ich Ruhe
finde in dem Grabe und nicht umgehen muß allnächt-
lich hier in diesem Hause!'' sagte sie zu sich selber,
und ein Schauder flog ihr durch die Glieder, wie sie
diese Worte vor ihrem Ohr erklingen hörte. Sie war
des Denkens und des Lebens müde. Sie sezte sich
vor ihrem Bette nieder, denn es kam ihr nicht mehr wie
das ihre vor; und den Kopf gelehnt an seine hochge-
thürmten Kissen, schlief sie eine Weile, bis das Grauen
des Tages sie erweckte, bis im Kloster zur Frühmette
geläutet ward, und sie hinabging in die Kirche.
Einige Stunden später, als die Verwandten der
Baronin das Thal verlassen hatten, ging auch die
Wirthin der Pension hinüber in das Kloster. Die
Büchse, welche sie gleich bei Eröffnung der Kuranstalt
in ihrem Hause für die Armen aufgestellt, hatte durch
die Abreisenden reiche Spenden erhalten. Sie faßte Z
sich schwer an, das Geld, das man hinein that, fiel-.
und klang nicht mehr; und da es für das Armen und - -
das Waisenhaus bestimmt war, wußte die Wirthin sich

N
etwas damit, oie erste Sammlung schon jezt dem
Zahlmeister des Klosters abliefern zu können.
Der Doktor, der das Mißtrauen der Klosterherren
kannte, hatte ihr vorsichtig gerathen, sich für die
Sammlung eine von dem Zahlmeister verschlossene
Büchse geben zu lassen, und da man sie nun öffnete
und sich ihr Inhalt beträchtlicher erwies, als man es
erwartet hatte, ward der Neberbringerin ein sehr
freundlicher Empfang zu Theil. Der Zahlmeister
rühmte den christlichen und barmherzigen Sinn, den
die Frauen dieses Thales von jeher bis auf diesen
Tag bewiesen hätten und ihre Anhänglichkeit an daä
Stift, dem allerdings die Gemeinde ihr Aufkommen
und ihr Gedeihen verdanke. Er sprach das, wie man
desgleichen in solchen Fällen im Kloster und von der
Kanzel stets zu sagen pflegte; es klang der Wirthin
jedoch, als hätte es heute noch eine besondere Mei-
nung, und daß des Paters kleine scharfe Augen allein
über den Inhalt der Armenbüchse sogar freundlich
glänzten, kam ihr nicht wahrscheinlich vor. Sie mochte
jedoch nicht gerade fragen und er sagte weiter Nichts.
Draußen auf dem Hofe vor den Wirthschafts-
gebäuden, als sie die erhaltene Quittung in den Leder-
beutel steckte, den sie immer in der Tasche trug, sah
F. Lewald, Benedikt. Ü.

e
sie Jakobäa aus der Klosterthüre herauskommen. Sie
krafen sich selten einmal, denn die Wirthin hatte vor-
nehmlich in der Sommerszeit immer viel zu schaffen,
und Jakobäa ging erst recht nicht mehr von ihrem
Hause fort, wenn es nicht zur Kirche war.
,Was hast Du hier zu thun? fragte die Wirthin.
Jakobäa hob die Augen kaum zu ihr empor.
,Jezt Nichts mehr!'r sagte sie und ihre Stimme klang
dabei so sonderbar, daß die Wirthin meinte, es sei ihr
schlecht geworden. ,Ich habe überhaupt Nichts mehr
zu thun!'?
,Sez Dich nieder!r sagie die Wirthin.
,Sa dorten!! antwortete ihr die Andere und
ging ihr durch den Hof voran, bis zu dem Gottes-
acker, der an die Kirche stieß.
Hart an der Mauer hatten die Anschaffns ihr
Erbbegräibniß. Jakobäa trug den Schlüssel immer an
dem Bund am Gürtel mit ihren andern Schlüsseln,
Wie sie an das Gitter kam, schloß sie die Thüre auf.
Die Wirthin glaubte, es habe irgend einen Streit ge-
geben um den Plaz, oder es sei an den Gräbern
von Muthwilligen gefrevelt worden; aber Jakobäa
sah sich gar nicht danach um, sondern sezte sich auf,
ihres Vaters Grabhügel und starrte vor sich nieder

s
E
während sie die gefalteten Hände zwischen ihren
Knieen hielt.
Der Wirthin wurde Angst dabei. ,Sage mir
nur, was Du hast? ermahnte sie.
,Das ist Alles, wwas mir bleibt! Und danach
werden fie wohl kein Verlangen haben!'' sprach Jakobäa
vor sich hin.
Die Wirthin verstand die Meinung nicht und
wiederholte ihre Frage. Da richtete Jakobäa ihr Ge-
sicht empor und sagte: ,Im Grunde ist das Alles
Euer Werk, Deines und des Doktors!-
Die Wirthin meinte, sie rede irre und wie sie es
versuchte, ihr beizukommen, brach Jakobäa davon al,
bis sie nach einer Weile wieder zu reden anfing:
,Sieh mich an!r sagte sie, ,So sieht Einer aus, oer
auf der Welt Nichis mehr sein eigen nennt, als diese
Gräber hier, und auf dessen Tod sie warten. Icch
hab' mein Haus und Hof, mein Hab und Gut auf
meinen Tod verschrieben an das Kloster! Ich hcb
jezt keine Heimath mehr!?
Die Wirthin that einen Audruf des Erschreckens
und des Mitleids, aber man hatte eigentlich in dem
Thale diese Möglichkeit schon lang vorauögesehen, und
weil es ihr darauf ankam, die Zusammengebrochene
zz

N8
aufzurichten, sagte sie zu Jakobääa tröstend: , So lange
Du lebst, bleibt es ja Dein! und wem wolltest Du's
auch geben, da Deine Kinder Alle geistlich sind.
Jakobäa wiegte gedankenvoll den Kopf. ,Eaß es
gut sein!' sprach sie, indem sie aufstand. , Mit dem
Trost kommst Du mir nicht auf den Grund. Wer
im Glück sizt, sieht in's fremde Unglück nicht hinein!
Es ist auch einerlei!?
Die Wirthin wußte mit ihr Nichts zu machen,
sie gingen schweigend neben einander her, bis Jakobäa
mit einem Male sagte: ,Und daß ich es noch um
seinetwillen thun mußte, daß ich es gethan, um ihm
wenigstens doch eine Freude auf der Welt zu machen,
daß er es so verlangt hat um seiner Seelen Selig-
keit!-- Er hat still dabeigestanden, als ich es ver-
schrieben und fortgegeben habe, was unser gewesen
ist, seit Menschengedenken. Mir hat die Hand ge-
zittert und ich habe nicht gesehen, was ich schrieb. In
feinem Gesicht da hat sich Nichts geregt. Aber freilich!
er hat's auch nicht besessen, und hat jetzt nicht hinauf-
zukommen in das Haus, wie ich, unter meine Knechte
und Mägde, selber nuur noch des Klosters Knecht und
Magd, das erntet, wo ich säe und schaffe.r?
Sie blieb jedem Zuspruch unzugänglich. Es half

2
nicht, daß die Freundin ihr wiederholte, sie könne duch
noch Freude haben an den Töchtern und besonders an
dem Sohne.
,Freude? Rch!'-- fiel Jakobäa ein. ,Woran?
An wem? Ich habe Nichts und Niemand mehr!
Keine Erben, und zu vererben auch Nichtä? -- Mich
ficht jetzt Nichts mehr an; ich bin zu End' mit Freud'
und Leid !
Es graute der Wirthin, da Jakoläa also sprach;
indeß wie dieselbe nun einmal war, ließ sich Nict
weiter mit ihr machen. Sie hatten auch Beide nicht di.
Zeit, noch länger zu verweilen und gingen von ein-
ander.
Als die Wirthin nach Hause kam, saß Viktorine
in dem kleinen Garten in der Laube, und der Doktor,
der seine Krankenbesuche abgemacht hatte, war auch
herangetreten.
Viktorine sprach mit ihm davon, ob ihre Anrer-
wandten wohl schon den Paß nach dem andern Thale
überschritten haben würden und sagte: ,Wir Menschen
sind doch wunderlich geartet, und eigentlich, wie ich
glaube, gar nicht für die Geselligkeit geschaffen, obschon
man uns das glauben machen möchte. Ich hatte
wirklich mein Vergnügen an der Anwesenheit der

W
Tante und ihrer Familie, ich freute mich jeden Tag,
daß Nanette mit uns war; nun sie aber wieder fort
sind, finde ich, daß das Mlleinsein unbeschreiblich süß
ist; und ich kann sagen, ich hale einen köstlichen
Morgen hier in der Siille zugebracht.?
,Da sind Sie besser daran gewesen als ich,'be-
merkte die Wirthin, ,denn ich habe eine Begegnung
gehabt, die mir in der Seele wehe gethan hat.!
Viktorine wollte wissen, wa es gewesen sei und
die Wirthin hatte keinen Grund, mit ihrer Neuigkeit
hinter dem Berge zu halten. Sie erzählte in aller
Ausfühtlichkeit, was heute geschehen war.
, Und heute, sagen Sie, tlef Viktorine, , hat
Frau Jakobäa die Schenkungsurkunde vollzogen? Und
fie hat behauptet, sie habe sich auf ihres Sohnes
Wunsch dazu entschlossen? Das versteh' ich nicht.?
Der Doktor fragte, ob sie denn Jakoläa näher
kenne und sie neuerdings gesprochen habe?
, Ach, freilich kenne ich sie näher; sehr genau!
Und ich habe sie noch gestern in der Frühe gesprochen!
Ich war mit der Eousine bei ihr, und noch gestern
hegte und äußerte sie Plane, die mit ihrem heutigen
Eutschlusse in gradem Widerspruche stehen!-- Pater
Benediktus war alleudings nach mir bei seiner

L8t
Mutter, um, wie er sagte, Geschäfte uit ihr alzu-
handeln.'?
Der Doktor und seine Mutter waren ganz ver-
wundert. Viktorine hatte niemals kund gegeben, daß
fie Jakobäa und den jungen Pater zum Defteren ge-
sehen habe, sie näher kenne; aber sie zeigte sich jezt
plözlich mit den Verhältnissen und Seelenzuständen
der Mutter und des Sohnes so vertraut, und zugleich
so betroffen üler das, was die Wirthin eben gemeldet
hatte, daß es den Beiden auffallend erscheinen mußte.
, E ist auf diese Art von Leuten doch gar kein
wirklicher Verlaß!'' sagte sie mit Unmuth und Gering-
schätzung, und ging davon und in das Haus.
Der Blick, mit wwelchem ihr der Doktor folgte,
war Nichts weniger als freundlich. ,Wa sie nur haben
mag ? fragte die Wirthin.
,Was sie hat? Ohne Zweifel irgend eine Teufelei,
die sie da oben angerichtet hat! entgegnete der Doktor.
,, Ich kenne das, wenn sie sich mit einer ihrer tief-
finnigen Sentenzen aus dem Staube macht. Das
thut sie regelmäßig, wenn ihr Etwas nicht gelegen
kommt und sie's verbergen will.?
, Und dazu Jakobäa,- sprach die Wirthin, ,die
mir bitter vorwarf, Du und ich, wir Beide trügen

7
eigentlich die Schuld an ihrem
nicht einmal, was sie sich dabei
zu sehr zrrschlagen. -
Der Doktor horchte auf.
Erklärung aufzudämmern, aber
Unglück. Ich fragte
dachte, denn sie war
Ee
schien ihm eine
sprach nicht aus,
- -==- ==-- «-- T.I
was er besorgte. ,Erage auch nicht
Falle gut, nicht viel davon zu reden!'
=ac

Kapitel 16

Sechssehnes
npitel.

Jefarlne ließ sich den ganzen Vor- und Nach-
mittag nicht sehen. Sie speiste freilich immer mit
der Baronin allein in ihren Zimmern, aber sie hatte,
seit die Pension mehr Gäste und unter diesen eine
Anzahl junger und angenehmer Männer beherbergte,
sich meist um die Kaffeestunde unter der neugebauten
Veranda der allgemeinen Gesellschaft angeschlossen ---
heute blieb sie aus.
Sie machte sich nicht gern mit Anderen zu thnn,
wenn sie nicht mit sich im Gleichgewichte, nicht die
Heiterkeit strahlende Viktorine war, und sie war immer
mit sich unzufrieden, wenn es ihr nicht gelungen war,
ihre Einfälle und ihren Willen durchzusezen. Solchen
Zustand hielt sie jedoch nie lange aus, fie suchte rasch
und fand gar leicht die Mitiel, ihn zu beenden und sich

8e
mit sich selber auszusöhnen. Sie kam auch heute
bald damit zurecht.
Was war denn Unvorhergesehenes geschehen?
fragte sie sich selbst. Sie hatte sich geirrt in einem
Falle, in welchem sich getäuscht zu haben schön war;
sie war besiegt worden in einem Kampfe, dem kleine
und beschrtinkte Seelen nie zum Opfer werden, weil
sie nicht daran denken können, ihn jemals einzugehen;
und sie hatte eine Erfahrung gemacht, die ihr nicht
verloren sein sollte: sie hatte die hohe Bedeutung der
kirchlichen Tradition für alle diejenigen Menschen ken-
nen lernen, die nicht durch eine freie philosophische
Bildung, wie sie und ihr Vater sie besassen, sich auf
sich selbst zu stüzen, in sich selbst zu beruhen, und aus
eigner Machtvollkommenheit mit den Dingen und mit
den Erlebnissen fertig zu werden verstehen.
Wenn Jakobäa, troz der Aussichten, die sie ihr
eröffnet hatte, sich denselben nicht zuzuwenden wagte;
wenn weder seine Liebesleidenschaft, noch die Begeiste-
rung für die Kunst den jungen Mönch bewegen konn-
ten, sich zu befreien; was bewies das Anderes, als-
daß er und seine Mutter mit Zuversicht die Selig-
keit erwarteten, welche sie im Jenseits für ihr irdisches
Entsagen schadlos halten sollte! Daß sie zu dieser

Ne
Erkenntniß gekommen war, ehe Benediktus einen ent-
scheidenden Schritt gethan hatte, das war ein Glück
zu nennen. Es wäre immer, so sagte sie es sich, bei
so gearteten Naturen schwer zu verbürgen geblieben,
,ob sie in der Welt, in welche sie bereit gewesen war
bieselben einzuführen, sich festsezen, sich heimisch machen
und Ersaz finden würden für die verhältnißmäßige
Zufriedenheit und für das Glück, die sie bidher be-
sessen, und -die ihnen in gleicher Weise nicht zuzu-
sichern gewesen sein würden, falls sie sich entschlossen
hätten ihr nachzufolgen. Dies Alles und noch manches
Andere, was Viktorine sich nicht vorgehalten hatte,
als sie mit ihren phantastischen Planen Jakobäa und
Benediktus auö ihrer mühsam errungenen Ruhe auf-
gerüttelt hatte, das sezte sie sich jetzt mit großer Klar-
heit auseinander, da ihr daran gelegen war, sich über
eine peinliche Erinnerung und eine unheimliche Sorge
fortzuhelfen. Sie konnte, wie es ihr Bedürfniß war,
hell sehen oder sich verblenden, je nach dem!
Zufrieden, das konnte sich Viktorine nicht ver-
bergen, war freilich Jakobäa nicht, und wie ein Glück-
licher hatte gestern Benedikt nicht ausgesehen, als er
in der Schlucht von ihr geschieden war. Aber Zu-
friedenheit und Glück! Wer konnte sich ihrer auch

728
berühmen? Wer besaß sie, wie er's wünschte?--
Sie schlug die hent gemachten Erfahrungen immer
höher an.
Sie fing nachgerade an, es für sich selbst als
einen Segen zu betrachten, daß sie in dies Thal
hinaufgekommen war; sie fühlte sich beinah versucht
es wie ihre Mutter eine Schickung der Vorsehung zu
nennen. Denn da es ihr beschieden war, als die
Gattin des Grafen Stefano lünftig sich in den Kreisen
zu bewegen, in welchen die Macht der christkatholischen
Kirche gipfelt, so war es von hoher Wichtigkeit für
sie, daß sie hier in der Einsamkeit einen anderen und
tieferen Einblick in daö Wesen der Kirche gethan hatte,
alö jenen, zu welchem ihr bisher in der Gesellschaft
und an ihrer Mutter Seite, die Gelegenheit gebeten
worden war. Sie schämte sich, je mehr sie es be-
dachte, des frevelhaften Leichtsinnes, mit welchem sie
sich über ihre religiösen Ansichten und über die Kirche
F
gegen Pater Theophil geäußert hatte; sie war ent-
schlossen, ihm dies offen zu bekennen, und weil sich's
so am Sichersten und Besten ihun ließ, kam sie auf -
den Einfall, am nächsten Morgen ihm zu beichten, was-
sie bisher zu thun unterlassen hatte. Sie wollte mit ?
diesem öffentlichen Anerkenntniß sich beugen vor jener

W89
Macht, die fest in sich geschlossen, durch ihre meister-
hafte Drganisation ihr plözlich der Bewuunderung
werth erschien, schon deshalb, weil sie immer noch
Millionen Menschen stüzte, tröstete, beherrschte!--
Denn Herrschaft- das war das Einzige, wovor sie
wirklich Achtung und Bewunderung hegte; und der
Gedanke an die große Macht der Kirche richtete sie auf
und hob sie über sich und über den bangen Mißmuuth
empor, der sie unheimlich befangen hatte.
Das Gaukelspiel desSelbstbetruges war damit wieder
einmal von ihr geschickt vollendet worden. Sie athmete
wieder befreiten frohen Herzenö auf, sie kam sich besser,
einsichtiger und reifer vor, als noch vor wenig Stun-
den. Es gefiel ihr zu denken, daß ein wunderbares
Zusammenwirken ungewöhnlicher Verhältnisse sie auf-
gekläärt, ihre Thorheit umgewandelt habe in Erkennt-
niß. Wenn sie auch mit den Gläubigen zu glauben
nicht vermochte, so hatte sie den Glauben derselben
doch anerkennen, ihn als eine Kraft verehren lernen,
und das war für sie ein Großes, um ihrer eigenen
Zukunft willen.
Sie stand auf, da sie an der Baronin Thüre
klopfen hörte. Es war die Stunde, zu welcher die-
selbe den Pater Theophil erwartete. Sie verfügte sich

L40
zu ihrer Mutter, um mit Theophil zu sprechen. Sie
wollte ihn auf die Sinnesänderung vorbereiten, welche
sie erfahren hatte; und ihm ihre Neigung kund thun,
morgen oder doch an einem der nächsten Tage sich
zur Beichte bei ihm einzustellen.
Die Baronin machte die Bemerkung, Viktorine
habe, seit sie die Heimath verlassen, diese heilige Pflicht
noch nicht erfüllt; die Tochter entgegnete, sie sei nicht
immer fähig, sich zu sammeln; in ihr sei Alles plöz-
lich, ihr komme das Beste unerwartet, und selbst die
Sammlung erfasse ohne all ihr Zuthun meist plözlich
ihr Gemüth. Sie könne sich derselben nicht als ihres
Werkes berühmen, sondern habe sie als einen Segen
von oben zu empfangen.
Sie war dem Pater neu in dieser Geistesrichtung,
er mißtraute also ihren Reden, wenn schon er's ihr
nicht kund gab. Sie frage, ob er sie morgen hören
wolle? Er entgegnete, zur Nebung seiner Amtspflicht
sei er stets bereit, er stehe ihr zu Diensten. Als man
eben damit umging, die Stunde für die Beichte fest-
zusetzen, rollte des Abtes Wagen vor dem Hause rasch
vorüber.
Der Pater hatte sich nicht umgesehen; Viktorine,
welche dem Fenster gegenüber saß, sprang empor:

1
, Was ist das?- Graf Stefano ! rief sie -,Welch'
eine Neberraschung !''
Der Graf hatte emporgeblickt, hatte sie gesehen
und freudenvoll gegrüßt. Viktorinens Antliz, die eben
so wenig als ihre Mutter von dem Tage seiner Ankunft
unterrichtet gewesen war, hatte sich rasch gefärbt; aber
sie versuchte es, ihre Aufregung dem Pater zu verbergen.
,Wie reizbar wird man in der Einsamkeit!'' sagte
sie. , Sie stählt die Nerven nicht, sie macht sie ner
empfindlicher!?
,Deine Hände sind eiskalt!' bemerkte die Mutter
und griff nach ihrem Aetherfläschchen, während sie ihre
Genugthuung nicht zu verbergen vermochte. ,Gott,
was sie für ein Herz hat! Sie fühlt doch Mlles tiefer,
schöner, als die anderen Menschen!'?
Viktorine wies der Mutter Lob wie ihren Bei-
stand ab. ,Was werden Sie nur von mir denken,
Pater Theophilus? fragte sie, und das Lächeln, das
auf ihren Zügen lag, gab ihr einen mädchenhaften
Liebreiz.
,Nichts, als was Sie morgen mir anvertrauen
werden!' sagte der Greis und wollte sich entfernen.
Viktorine hielt ihn noch zurück. Sie erkundigte
sich, ob er den Grafen etwa kenne. Er verneinte es,
F. Lewald, Benedikt. 1.

L4L
sagte aber, er habe gewußt, daß der Herr Abt ihn
schon seit längerer Zeit erwartet, und heute gesendet
habe, den Gast hinauf zu holen.
Sie war erregter, als er sie je gesehen hatte, es
war unverkennbar, daß sie den Grafen auf ihre Weise
liebte. Sie konnte sich nicht wie sonst beherrschen
und als der Pater schon an der Thüre stand, ging sie
ihm nach.
,Verrathen Sie mich nicht!r bat sie. Er sagte,
sie könne sich auf seine Verschwiegenheit verlassen.
Die Baronin nahm sie in die Arme und küßte sie.
,Du holder Engel!r rief sie, ,wwie würde es ihn
entzücken.
, Und dazu das gottverfluchte Spiel mt Benedikt!?
sprach Theophil in seinem Herzen, und hatte seines
ganzen christlichen Erbarmens nöthig, nicht voll Abscheu
den Stab zu brechen über sie in seinem Herzen.

Kapitel 17

Fichenzehnies
npiiel.

,wei Stunden später lag Graf Stefano zu Vit-
torinens Füßen, hing sie an seinem Halse. Es war
ein stolzes, ein gar schönes Paar und wie geschaffen
für einander.
Das ganze Haus nahm Theil an der Verlobung,
die jedoch geheim gehalten werden sollte, bis zu der
Ankunft des Barons, dem man sofort davon die Mit-
theilung gemacht hatte. Der Diener blieb in! einem
Gehen und Kommen, der Telegraph hatte keine Ruh
noch Rast.
Die Baronin schwamm in Wonne. Sie um-
armte die Wirthin, sie küßte deren Tochter. Weil der
Himmel ihr so gnädig war, wollte sie es ihen Mit-
menschen auch nicht an Herablassung und Gnade fehlen
lassen. Noch spät am Abend mußte der Diener ein
Zettelchen hinüber tragen in das Kloster. Pater Ther-

L4s
phil mußte es durch sie selbst erfahren, daß Gott ihr
L
- g
A
-
Gebet erhört, ihres Herzens heißesten Wunsch erfüllt
habe. Sie hoffte jezt für ihrer Tochter Seelenheil,
z
so schrieb sie ihm, das Beste, da sie dem skeptischen j
Einfluß ihres Vaters entzogen und in die Nähe dessen
gelangen werde, von dem der irdischen Kirche ihr
Licht ausströme.-- Und als dann der Diener aus
dem Kloster wiederkehrte, theilte fie es noch in aller
Eile ihren nächsten jüdischen Arverwandten in der
Heimath mit, daß ihre Viktorine sich so eben mit dem
römischen Grafen Stefano verlobt habe, der zu den
nächsten Nepoten Seiner Heiligkeit gehöre und in der
Nobelgarde Obrist sei.- Ihre Eousine hatte sich
Etwas darauf eingebildet, daß ihre Tochter schon mit
sechszehn Jahren einen adligen Offizier geheirathet
hatte!-- Viktorine machte jetzt mit ihren neunund-
zwanzig Jahren eine andere Partie! Wie kleidete es
sie, wenn sie italienisch mit dem Grafen sprach! Wie
zärtlich war die Tochter heute auch gegen sie, und wie
glücklich sah sie aus!
Viktorine fühlte sich auch glücklich!-- Vor wenig
Stunden noch hatte sie sich gesagl, daß im Grunde
Niemand ganz zufrieden, Niemand völlig glücklich sei.
Und jezt bewies der Himmel ihr, wie viel der Freude
z
-
A
T

A

L?
und des Glückes er dem Menschenherzen spenden
könne; jezt fand sie es in sich bestätigt, was sie zur
Zeit ihres ersten Zusammenkommenö mit Pater Thev-
phil von sich behauptet, daß großes, volles Glück,
ein Glück, wie sie eö sich erträumt, sie rühren,
sie in Demuth vor der Gunst des Himmels nieder-
nerfen wüürde. Ihr Herz war voll von frohem Dank,
fie weinte Freudenthränen, als sie ihr Haupt zum
Schlafe niederlegte, sie dachte npch über des Schicksalö
Walten lange nach.
Wie war ihr Loos verschieden von vieler anderen
Menschen Loos! Von Benedikta! Von Jakobäa's! --
Wer konnte das Weshalb ergründen? Wer sagen,
wozu ihr Leiden jenen frommen sollte? Sie beklagte
Beide aufrichtig! Sie nahm so vielen Theil an ihnen,
und konnte ihnen doch nicht helfen, konnte gar Nichts
für sie thun, so wie sie einmal waren! Das; Pater
Theophil die Mutter und den Sohn getreu berieth,
war ihr ein großer Trost. Sie wollte sich auch üler
diese Beiden morgen gleich mit ihm besprechen. Die
Ausicht, ihm zu beichten, that ihr wohl, und mit dem
inbrünstigen Wunsche, daß der Himmel ihre und des
Grafen Zukunft segnen und behüten möge, schlief sie

L48
ein. Sie kam sich zum ersten Male recht von Herzen
fromm vor.
Früh, als sie zur Beichte ging, stand Graf
Siefano am Fenster in dem Zimmer, das er außer-
halb der Klausur in den Gastgemächern bewohnte.
Sie hatte auf gut römisch einen schwarzen Schleier
über ihr Haupt geschlagen, und trug den Strauß, den
ihr Stefano mit einem Liebeswort gesendet, in der
Hand. Er sah sie kommen und freute sich ihrer
Schöne; sie bemerkte ihn auch, aber um der Andacht
willen, zu der sie ging, versagte sie sich's, ihm dieö
zu zrigen.
E war das Fest vun Mariä Geburt, die Kirche
war schon voll von Betern, die Arbeit ruhte, die
Schüler hatten keinen Unterricht, Benedikt hatte seine
Klasse auf einen Morgenspaziergang zu begleiten. Als
er mit ihnen aus dem Kloster trat, sah auch er, wie
Viktorine in die Kirche ging, und da die Schüler,
die sie Alle kannten, sie begrüßten, that er'd eben-
falls. Sie dankte dem Gruße, ohne Benedikt beson-
derö anzusehen, und ihr Auge hatte ihm doch stets so
hell geleuchtet, war ihm immer so warm in's Herz
gedrungen!--

L49
Er sah in die Höhe, die Sonne stand in vollem
Glanze an dem herbstlich klaren Himmel, und ihn.
war's doch dunkel geworden vor den Augen, und hatte
ihn fröstelnd überlaufen, als ob ein finsterer Wolken-
zug der Erde das Sonnenlicht verbärge.
Auf dem Wege nach dem Wasserfall stieß der
Doktor zu Benedikt und den Scholaren. Sie hatten
einander seit einer Reihe von Tagen nicht getroffen,
und der Doktor sah mit Besorgniß die Veräündernng,
die mit dem jungen Mönche vorgegangen war, obschon
er die Ursache derselben nicht zu suchen brauchte.-
Trotzdem hielt er es für angemessen, ihn darum zu
befragen, und sich zu erkundigen, wie es ihmu seither
ergangen sei.
,,Was ist von unser Einem viel zu sagen!'' er-
widerte ihm Benedikt. ,Meine Erlebnisse lassen sich
an den Klassentafeln ablesen, und was von Zeit da-
neben übrig bleibt, hat auch seine gewiesene Bestim-
mung !''-- Er trug dabei den Kopf gesenkt, ließ die
Arme hinter sich herabhängen und hatte die Hände
dabei verschränkt. Die Haltung verrieth seine ganze
Zerbrochenheit; sein Schweigen war vollends gegen
seine sonstige Natur.
Der Doktor meinte es gut mit ihm. Er wollte

2
ihn zum Sprechen bringen und hielt es auch gerathen,
ihm die Verlobung Viktorinend mitzutheilen, ohne daß
ein Anderer dabei war.
,Du sagst,r' hub er an, , Du hätiest Nchts er-
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--

lebt und doch ist gestern, wie ich hörte, etwas sehr
Wichtiges geschehen. Deine Mutter hat zu des Klosters
Gunsten über ihren Besiz verfügt.?
,Ja,' versezte Benedikt, ,und es ist gut, daß sie
es gethan hat. Sie wird zur Ruhe kommen, nun es
also fest steht. Der Mensch schickt sich amn besten in
das Unabänderliche. Das lernt er begreifen und damit
findet er sich ab.
, Und es hat Dich nicht betroffen, nicht ge-
schmerzt?
,Mich? fragte Benediktus --,was habe ich
mit weltlichem Besiz zu schaffen?? und wieder ver-
sank er in sein stilles Brüten. Des Doktors Sorge
um ihn steigerte sich dadurch.
Mit einem Male machte sich unter den Schülern
eine gewisse Unruhe bemerklich. Der Eine wendete
sich zum Andern, sie zischelten, lächelten, drängten sich
vorn nach dem Wege, von dem man auf die Kloster-
matte niedersehen konnte. Benedikt wurde achtsam,
rief einem der jüngeren Knoben, der sich unter den
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Armen der Anderen hindurch zu bringen suchte, die
Weisung zu, davon zu bleiben, da eben hier der Ab-
hang hoch und steil, und nach den lezten Regengüssen
die Nagelflüe aufgeweicht, ein Abfall also möglich war.
Da der Kleine dem Befehle nicht gleich Folge leistete,
ging er, ihn zurück zu halten; aber in demselben
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den er zusammenpreßte, als müsse sein furchtbares
Weh sich einen, wenn auch stummen Ausdruck schaffen.
, Haben Sie's gesehen, Pater Benedikt, rief einer
der ältesten Schüler,,dort sizt das fremde Fräulein
mit dem Herrn Grafen! Die müssen wohl ein Paar
sein.?
Und freilich hatte Benediktus es gesehen. Unten
auf der Klostermatte, an derselben Stelle, an welcher
er sie zuerst gesprochen, an der Stelle, an der sie ihm
in jener Morgenfrühe das Loblied auf Rom gesungen,
das er heut zu Ehren ihres Geliebten und Verlobten
mit seinen Schülern auszuführen hatte, auf jener
Matte, auf welcher er im Sturm der Elemente inne
geworden war, daß er sie liebe mit leidenschaftlichem
Verlangen, und vor dem Bilde des Gekreuzigten ge-
rungen hatte, das heiße Begehren seines Herzens in


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Entsagung erstarren zu machen für immerdar, auf J
derselben Stelle saß sie, den schönen Leib umschlungen
von des Grafen Arm, den Kopf gelehnt an seine
Brust, achtlos für Alles um sie her, versunken in ihr
Liebesglück!
Er that dem Doktor herzlich leid, und doch war
es ihm lieb, daß er in diesem Augenblicke ihm zur
Seite stand.
,Dir ist nicht wohl! sagte er, auch die Knaben
waren achtsam auf ihn geworden.
Benedikt gewann sich mit Gewalt ein Lächeln ab.
, Es ist Nichts, gar Nichts,' versezte er,,ein leichter
Schwindel, wie ich ihn zum Defteren verspürte; es ist
auch schon vorüber.?
Die Schüler beruhigten sich damit; der Doktor
konnte sich nicht entschließen, ihn sich selbst zu über-
lassen, denn wie Benedikt sich auch zwang, ihm ruhig
zu erscheinen, sah Jener doch die Tropfen auf des
Freundes blasser Stirn, und hörte an dem gepreßten
Ton seiner Sprache die Aufregung, in welcher er sich
befand.
Offen zu dem jungen Mönch zu reden, hielt er
für ungerathen, ja für nnzulässig. Er wollte ntr bei
ihm bleiben, bis er ruhiger geworden war, und um


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sich nicht den Schein zu geben, als ob er ihn zu
überwachen denke, sagte er mit möglichster Sorglosig-
keit: ,Ich glaube, sie werden jezt sammt und son-
ders bald von dannen gehen. Sie erwarten nur noch
den Baron, um die Verlobung, weil sich das sehr vor-
nehm ausnimmt, hier aus dem Hochgebirge zu publi-
ziren, und dann verlassen sie das Thal. Es war
. übrigens, wie ich durch meine Mutter weiß, eine ab-
gekartete Geschiche!r
Der Doktor hatte die leztere Bemerkung in der
bestimmten Absicht gemacht, dem Freunde damnit einen
F neuen und ihn enttäuschenden Einblick ln Viktorinend
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Charakter zu gewäähren, gegen welche er selber eine
wahrhafte Erbitterung hegte; aber Benedikt schien ihn
nicht zu verstehen, denn er fragte, was abgekartet sei?
,,DDie Heirath des Grafen Stefano mit Viktorine.
Die Baronin hat meiner Mutter schon vor Wochen
davon gesprochen, sich um eine Wohnung für ihn um-
gethan; nur Tag und Stunde seiner Ankunft haben
sie, wie ich vermuthe, nicht gewußt.?
Benedikt ließ das Alles auf sich beruhen. ,lEr-
innerst Du Dich unserer Unterredung bald nach
Deiner Heinkehr? fragte er dann nach langem
Schweigen.


, Dn denkst jenes Gespräches über die Grenzen-
der freien Selbstbestimmung ? erkundigte sich der
Doktor, ,wie kommst Du eben jetzt darauf zurück
,Das würde zu weitläufig und auch schwer zu
erklären sein!' entgegnete Benedikt, den es gereuen
mochte, dies Thema wieder angeregt zu haben.
Der Dokor meinte, Benediktus grübele zu viel,
er habe mehr Bewegung, habe körperliche Anstrengung
und auch Zerstreuung nöthig. Et -stecke nuun doch
einmal ein gut Theil Landsknechtsblut in ihm, daö
verarbeitet werden wolle.
Benedikt sagte, das könne wohl so sein. Er
habe wirklich ein melancholisches Gemüth bekommen
T
und man scheine das im Kloster ebenfalls zu glauben,
denn der Herr Abt habe ihm davon gesprochen, ihn
fortzuschicken.
,Bravo!' rief der Doktor, ,das ist Dir auch
das Rechte. Wohin wirst Du gehen?
.-
Ich habe danach nicht zu fragen, bis er mir's ver-
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, Ein Bischen nachhelfen und befördern, ein-
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flüstern und anregen kann man doch troz alledemlr?
scherzte der Doktor.
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,Das Ob und Wohin ist des Herrn Abtes Sache!-
kündet und befiehlt.?
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7
, Ja gewiß!r sagte Benedikt, , wwenn man wie Dn,
sich zutraut, freier Wahl und freier Selbstbestimmung
zu genießen, wenn man sich nicht unter dem unab-
änderlichen Nathschluß seines Schöpfers fühlt und
weiß!-- Wir können Nichts suchen und Nichts för-
dern, Nichts thun und Nichts erleiden, als was uns
vorbestimmt ist. Das ist unser Trost und unser Bann,
unsere Ohnmacht und doch wieder unsere Kraft und
Sko.
Es war das ein Gebiet, auf welches hin der
Doktor sich mit ihm einzulassen nichk geneigt nan,
um so weniger, als er dachte, daß Benedikt in diesem
Glauben an die Vorsehung, wie er ihn eben ausge-
sprochen hatte, die ihm nöthige Hülfe besize; und er
nahm sich vor, den Pater Theophil, der fast täglich
in das Haus zu der Baronin kam, gelegentlich darauf
hinzuweisen, daß er Benediktus sehr verändert, daß er
ihn schwermüthig geworden finde, und daß man, nach
seiner ärztlichen Meinung, gut thun würde, ihn in die
Ebene, oder besser noch bis an das Meer zu schicken,
damit sein Blick einmal für lange einen freien Spiel-
raum, sein Geist ganz neue Bilder in sich aufzu-
nehmen habe. Er sprach dem Freunde diese Absicht


aus, der dankte ihm dafür, und sagte, wenn es ihm
so beschieden sei, so werde man des Doktors Rath-
schlag ja wohl hören, doch meine er, es werde nicht
von Nöthen sein.
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Kapitel 18

Zchhzehntes Cnpiel.

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II; Baron war angekommen, die Verlobung er-
klärt worden, der Graf hatte die Erlaubniß erbeten
und erhalten, seine Braut dem Herrn Abte vorzu-
stellen. Aus Rom waren die telegraphischen Glück-
wünsche der vornehmen Verwandten für das neue
Brautpaar angelangt. Der Abt hatte den künftigen
Schwiegervater des Grafen, da dieser Leztere sein Gast
und Tischgenosse war, zu einem Frühstück eingeladen,
und da er selbst sich einer großen Geschäftskenntniß
berühmen durfte, hatte er Wohlgefallen an der raschen
Nebersicht des vielerfahrenen Finanzmannes gefunden.
Die Zuvorkommenheit des Prälaten war dem
Baron, wie sehr er sich auch den Anschein gab, derlei
nur leicht zu nehmen und in der Ordnung zu finden,
doch sehr schmeichelhaft gewesen; und da er bei der
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achtete, daß man gleich und unumwunden thun müsse, Z
was man Gutes zu thun entschlossen sei, hatte er denn
auch nicht gezögert, dem Abte seine Meinung kund zu
geben.
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Als man nach der eingenommenen Mahlzeit in
den schattigen, im altfranzösischen Geschmack ge-
schnittenen Laubgängen des Klostergartens langsam auf
und nieder ging, die Verdauung vorschriftsmäßig zu
befördern, sagte er, er habe dem hochwürdigen Herrn
eine Frage vorzulegen.
,Hochwürden werden es vielleicht wissen, daß es
ihm, Gott sei Dank, im Leben wohl gegangen sei, -
daß seiner redlichen Arbeit der Erfolg nicht gefehlt -
habe. Dazu habe er nur die eine Tochter ,und,! -
sezte er hinzu: , Hochwürden können das vielleicht als z
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eine Eitelkeit erachten und als solche tadeln, aber der, -H
Mensch hat nuun einmal das Verlangen -= undichi -!
habe es auch,?- schaltete er lächelnd ein, ,nicht ver- Z
gessen zu werden. Ich liebe es, wenn man an den z
Orten, an welchen ich mich mit den Meinigen aufge-' ;
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halten habe, unserer gedenkt im Guten denkt, ver.'
steht sich.?
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61
Der Abt, zu dessen vornehmen Eigenschaften die
Geduld gehörte, mit welcher er Andere reden zu lassen
und ihnen zuzuhören vermochte, nannte dies ein sehr
erklärliches und auch berechtigtes Verlangen.
,Das freut mich, Hochwürden! Auf mein Wort!
Das freut mich!r rief der Baron, ,und da Sie mich
darin so gut verstanden haben, werden Sie es auch
begreifen, daß man seinen Namen doch nicht an etwas
Unzweckmäßiges knüpfen, seine Hülfe nicht unnütz ge-
leistet haben will. Seien Sie also offen mit mir,
Hochwürden! Erzeigen Sie mir die Ehre und geniren
Sie sich gar nicht. -- Meine Frau hat hier, Gott
sei Lob und Dank! ihre Gesundheit so gut hergestellt,
daß sie fast wie vor zwwanzig Jahren aussieht; meine
Tochter hat sich hier verlobt, ganz wie wir es uns
für unser einzig Kind gewünscht haben. -- Offenherzig
also, Hochwürden!-- Was könnte man hier in dem
Thale Gutes stiften oder thun? - Offenherzig! Meine
Frau ist dies ja schon dem Pater Theophilus schuldig,
für alle die Zeit und Sorgfalt, die er ihr mit der
Bewilligung von Hochwürden zu ihrer Erbauung zu-
gewendet hat. ?
Der Abt ließ dem Baron die Zeit, sich von
seiner Beflissenheit ein wenig zu erholen; dann sagte

A
er, daß es ihn immer freue, wenn er bei Weltleuten,
bei Geschäftsmännern und namentlich bei Neubekehrten .
--- diese Erinnerung ihm zu ersparen, fand der Abt
nicht nöthig-- auf die Erkenntniß stoße, daß man
in Bezug auf seine guten Werke wohl thue, sich mit
der Kirche zu berathen, welche die Bedürfnisse der Ge-
meinde natürlich besser als jeder Andere kennen müsse.
So lange das Kloster die Herrschaft gehabt, habe e?
im Thale auch für das Nothwendige einstehen und
jorgen können; seit ihm dieselbe entzogen und die
Einkünfte der Brüderschaft so beträchtlich geschmälert
worden, während das Thal auch nicht zu den reichen
des Landes gehöre, habe man es dankbar zu erkennen,
wenn von wohlmeinenden Gläubigen- das Wort
war die Entgeltung für die vorhergegangene Mahnung
-- der Kirche die Mittel geboten würden, die Kinder
der Gemeinde schon früh in ihre Obhut zu nehmen,
um sie von Anfang an auf den rechten Weg zu führen.
Et fehle in dem Thale an einem Schulhause, und
natürlich auch an den Mitteln, ein solches zu errichten.
Wolle der Baron dieselben in seine Hände legen, so
hoffe der Abt, wenn Frau von Landesheimer im näch-

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sten Jahre, wie sie die Absicht ausgesprochen habe,
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ihre Luftkur zu wiederhelen komme, in ihrem Beisein
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die neue Schule schon eröffnen zu können; denn der
Plaz und der Plan zu einer solchen seien bereits vor-
handen und entworfen, wennschon man an die Aut-
führung noch nicht habe denken können.
Da man über die Hauptsache sich in der Art
verständigt hatte, machte das Nebereinkommen über
die zu dem Schulbau erforderliche Summe noch weit
?wweniger Schwierigkeiten. Der Baron, der es beständig
mit großen Unternehmungen zu thun hatte, war mit
Beträgen, die daneben nur unbedeutend erschienen, zu
kargen nicht geneigt; und nur die Andeutung erlaubte
er sich, daß es seiner Fran, bei ihrem Gemüthe, wie
er glaube, sehr wohl thun würde, wenn man bei der
Gründung des Schulhauses ihrer Dankbarkeit für die
Herstellung gedenken würde, die ihre Gesundheit hier
gefunden habe.
Der Abt kam ihm auch hierin mit feinen Ver-
ständniß auf halbem Wege entgegen. Er sagte, die
Jugend des Thales zur Erkenntlichkeit zu gewöhnen,
und spätere Kurgäste zum Dank für gewonnene Stär-
kung zu ermuntern, solle eine Tafel über des künftigen
Schulhauses Eingang der Gründer Angedenken wach
erhalten.
Herr von Landesheimer meinte, das jei weit mehr


als er beansprucht habe, es werde das hescheidene Ge-
müth der Baronin, wie er fürchte, fast beschämen; ,
Hochwürden würden aber freilich wissen, was mit einer
solchen Gedenktafel zu errejchen sei; und nicht allein
Hochwürden, sondern auch der Baron wußte es sehr
wohl, was mit der öffentlichen Lobpreisung dieser
Wohlthat von Seiten des umsichtigen Prälaten für
J ?? -==- »== ==== = =-
Man war von beiden Theilen mit einander sehr
zufrieden. Die Familie von Landesheimer beschloß
am nächstfolgenden Tage in Begleitung des Grafen
nach Deutschland zurückukehren. Der Baron, der das,
was ihm oblag, immer bald aus dem Kopfe zu haben
wünschte, war der Meinung, daß die Hochzeit noch im
Verlauf des Jahres gefeiert werden solle, und die
Leidenschaft des Grafen war damit mehr als einver-
standen. Viktorine ihrer Seits verlangte es nicht
besser, alö schon in diesem Winter in der römischen
Gesellschaft zu erscheinen, und die Baronin hatte vor
lauter Besprechungen mit den Ihren, mit Pater Theo-
phil, mit dem Doktor und mit der Wirthin, gar keine
Zeit zu irgend einem zusammenhängenden Gedanken.
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Sie schrieb Briefe, telegraphirte, und hatte alle Hände
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5
voll zu thun, weil man noch den Gästen der Pension
ein kleines Abschiedsfest zu geben wünschte, welchem
es denn doch anzumerken sein sollte, daß es die Baronin
von Landesheimer war, die es veranstaltete.
Viktorine kam durch alle diese Zwischenfälle wenig
zu sich selbst. Der Graf, die Eltern, nahmen sie
völlig in Beschlag, nicht einmal zum Besuch der
Abend-Andacht konnte sie es bringen, obschon sie eine
Aktvon Sehnsucht hatte, Benedikt, ehe sie fortging,
zum lezten Mal zu hören. Der Graf scherzte über
diesen Wunsch. Er meinte, man werde ja in der
Peterskirche bald ganz andere Musik genießen. Den
Baron langweilten alle Andachten ein für allemal,
sie wollten Beide einen Ausflug nach einer der Fern-
sichten unternehmen, und es verstand sich, daß die
Braut den Bräutigam begleitete.
Am andern Morgen, als sie eben das Packen
ihrer Mappen und ihrer Bücher überwachte, schoß
Viktorine der Gedanke durch den Kopf, noch ein Mal
Jakobäa zu besuchen. Ein paar Kinder, denen sie
häufig Blumen abgekauft, ein Bildschnizer, den sie
viel beschäftigt, kamen dazwischen ihr kleine Abschieds-
geschenke darzubringen. Damit ging viel Zeit verloren
und wenn sie sich es recht bedachte, so hatte sie Jako-

2e
bäen nach dem Entschluß, den dieselbe gefaßt, jetzt
auch Nichts mehr zu 'agen. Die Angelegenheit war
abgethan, die Unterredung konnte Beiden nicht er--
auicklich sein; es war am Ende das Geschickteste und
Beste, ihr ein schriftliches Lebewohl mit irgend einem
Andenken zu hinterlassen. Sie stellte ihre Portrait-
karte und ein kleines Weihwassergefäß von hübscher
Arbeit, dessen sich Benedikt bedienen konnte, wenn er
es wollte, für den Zweck zurecht. Das Bildniß des
jungen Mönches, das sie aus dem Gedächtniß skizzirt
und das sehr ähnlich war, that sie in ihr Album, um
es zur Erinnerung an das romantische Abenteuer mit
sich zu nehmen.
Der Tag ging hin, man wußte nicht, wo er ge-
blieben war. Da-- als man in dem Saale schon-
die Tafel zu dem Abendessen rüstete, gab sich mit
einem Male eine Unruhe unter den Wirthsleuten und
unter der Dienerschaft kund. Auch auf der Straße
traten die Leute zusammen. Ein paar der bewährte- -
sten Führer standen mit Pater Theophil und zwweien
von den erwachsenen Scholaren bei einander. Der- -'
und Jener kam hinzu. Die Scholaren sprachen und -'
gestikulirten mit großer Lebhaftigkeit. Sie zeigten
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nach der Teufelswand hinauf, sie schienen die Haupt-
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personen des Ereignisses zu sein, und wenn man sie
gehört hatte, ging man mit einem Kopfschütteln von
dannen.
Die Unruhe verbreitete sich von den Eingebornen
auf die Fremden; der Baron, der an den sogenannten
Vergnügungs- und Erholungsorten ohnehin nie wußte,
was er mit solch einem langen Tage machen solle,
saß mit Frau und Tochter auf dem Balkon, der an
den Speisesaal anstieß. Graf Stefano war für eine
Stunde in seine Wohnung gegangen, dem Abte auf-
zuwarten. Die Wirthin verhandelte mit ihrem Sohne,
man hörte ihr bedauerndes: ,Herr Gott! Herr Gott!'
-- Was der Doktor sagte, konnte man nicht ver-
nehmen.
,Was ntr geschehen sein mag? fragte die
Baronin.
,Sicher Etwas, was uns Nichts angeht,- an!-
wortete ihr Mann, , aber man kann sich ja erkundigen.?
Und sich an den Doktor und dessen Mutter wendend,
fragte er, was vorgegangen sei.
Mutter und Sohn traten zusammen auf den
Balkon hinaus, man sah Beiden das Entsezen an.
,Es ist ein fürchterliches Unglück geschehen!r ant-
wortete die Wirthin. ,Man hätte es Ihnen heut'

268
lieber nicht gesagt, aber von Einem oder dem Andern
häätten Sie es doch und vielleicht gerade bei der Tafel
erfahren können, und das wäre noch schlimmer gewesen,
denn Sie haben ihn ja auch gekannt! - Pater Bene-
diktus ist von dem Vorsprung der Teufelswand hinab-
gestürzt!?--
, Und beschädigt?! fragten der Baron und seine
Frau wie aus einem Munde.
,Todt und zerschmettert! sagte der Doktor, wäh-
rend sein Blick voll Abscheu auf Viktorine fiel; ,man
ist eben hinaufgegangen, ihn zu holen, wenn man
dahin gelangen kann, wo er liegt. ?
Viktorine war mit einem Aufschrei in den näch-
sten Stuhl gesunken, Vater und Mutter waren eifrig
um sie bemüht, die Wirthin zeigte die gebotene schick-
liche Theilnahme, der Doktor hatte sich entfernt. Er
wolle nach der unglücklichen Jakobäa sehen, sagte er.
Viktorine weinte, als sie zu sich kam, und ver-
langte eine Weile in ihrem Zimmer auszuruhen. Man
möge, wenn der Graf inzwischen kommen sollte, ihm
von ihrem Unwohlsein Nichts sagen, sie wolle ihm
nicht nervenschwach erscheinen. Man ließ sie ihren
Willen haben, so wie immer. Dem Vater jedoch war,'
ihr Zusammenbrechen aufgefallen.

269
,Was war das? fragte er, als die Tochter fort-
gegangen war. ,Viktorine pflegte doch nicht nerven-
schwach zu sein.'?
Die Mutter sah sich um, ob Niemand sie höre.
,Du weißt gar nicht,'? hub sie an, , was dak arme
Kind hier ausgestanden hat. Der junge Mönch, der
umgekommen ist,'?-- sie sah sich noch einmal um,
ob sie auch allein mit ihrem Manne sei und sagte
dann: ,er hatte eine ganz wahnsinnige Leidenschaft
für sie gefaßt. Mit seinem Tode ist es ganz gewiß
nicht richtig!r
,Narrenspossen!? entgegnete der Baron, der,
wenn er einmal gar nichts Anderes zu thun hatte,
wohl einen Roman zur Hand nahm und sich durch
denselben nicht ungern rühren, oder, wie der gemeine
Ausdruck lautet, spannen und erschüttern ließ; während
er daneben der festen Meinung war, daß etwas
Romantisches, etwas Außerordentliches in anständigen
Familien, und nun gar in einem Hause wie das seine
und bei seiner einzigen Tochter, durchaus nicht vorzu-
kommen habe.,Narrenspossen! Man braucht Frauen-
zimmer nur allein zu lassen, so phantasiren sie sich
sogar hier unter den Bauern und den Pfaffen eine
neue Auflage von Werthers Leiden zusammen. Was

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soll denn da nicht richtig sein? Thust Du doch, bei
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Gott! als wäre im Gebirge noch kein Anderer zu
Schaden gekommen. Der junge Mensch wird einen
II. -- -- - =
,Ja !r fiel die Wirthstochter ein, die inzwischen
dazu gekommen war, ,so haben es die Schüler auch
erzählt. Er hat schon neulich, als mein Bruder mit
dabei gewesen ist, einen solchen Anfall und einen so
heftigen gehabt, daß er sich an meinen Bruder hat
anhalten und stützen müssen; und die Schüler sagen,
er sei diese lezten beiden Tage sehr verändert gewesen.
Sie hätten sich gewundert, als er mit ihnen heute
den beschwerlichen Weg nach der Teufelswand einge-
schlagen habe. Oben angekommen, sei er freundlich
mit ihnen gewesen, wie immer, dann sei er allein
vorwärts gegangen, so daß sie gemeint hätten, er wolle
nach Etwas sehen, und in demselben Augenblicke sei
er mit ausgebreiteten Armen hinabgestürzt. Heut
Nachmittag ist er noch hier in des Bruders Stube
gewesen, das war, seit er in's Kloster trat, zum ersten
Male. Vielleicht hat er ihn noch berathen wollen.
R Mr D

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Nichts weiter hinterlassen. Es war kurz vorher, ehe
er mit den Scholaren hier vorüber ging. -- Er sah
schon die ganze Zeit nicht gut aus, er hat es mit den
Bußübungen wohl übertrieben. Wer kann's wissen?
Aber es ist Schade um ihn; man dachte immer, er
würde in die Höhe und zu Ehren kommen. Die arme
Mutter und die Schwestern jammern mich.?
,Da hörst Du's!r sagte der Baron, während
Katharine wieder in den Saal an ihre Arbeit
ging.
-Die Baronin schüttelte ungläubig den Kopf.
,Ich weiß, was Viktorine mir gesagt hat, und das
Mädchen bildet sich Nichts ein. Warum sollte sie es
auch? Ihr hat's doch an Anbetern wahrhaftig nicht
gefehlt! Aber freilich- wenn Du Recht behalten
willst, glaubst Du nicht, was Du mit Deinen eigenen
Augen und Ohren siehst und hörst!r
,,Ganz gewiß nicht, wenn es mir nicht paßt!''
sagte lächelnd der Baron.,Ulnd diese Geschichte paßt
mir nicht, und paßt sich nicht! -- Jezt! Wo sie sich
mit einem Römer, mit Graf Stefano verlobt hat! -
Viktorine soll kein Kind sein und keine Narrenspossen
machen! Geh und sprich mit ihr! Ich will davon
Nichts hören! Es ist lächerlich!

A
Die Baronin ließ sich das gesagt sein. Der
Tochter waren des Vaters praktische Bedenken immer
leicht verständlich, sie war selber darauf angelegt, sich
mit den feststehenden Thatsachen abzufinden, und un-
geschehen zu machen war Geschehenes doch nicht.
Am Abend speiste man mit der übrigen Gesell-
schaft, Viktorine entzückte die Anwesenden durch ihren
herrlichen Gesang, man tanzte schließlich auch; der
Graf jedoch bemerkte, daß auf der schönen Stirne seiner
Braut ein trüber Schatten lagerte, und befragte sie
deshalb.
Sie sagte, der schreckliche Tod des schönen und
so reich begabten jungen Mönches habe sie erschreckt.
Sie sei eben sehr impressionabel!-- Der Graf nahm
die Sache einfach wie ihr Vater, und wußte sie zu
zerstreuen.

Kapitel 19

Feunzchnes
F. Lewalb, Benedikt. Ü.
Cnpitel.
1

Jmu andern Morgen wurden die Exequien für
Benedikt gehalten. Man hatte seine Leiche aufge-
funden.
Nah am Chore stand der schwarz verhängte
Katafalk, die Kerzen brannten trotz des hellen Sonnen-
lichtes, ihr gelber Schein beleuchtete das große silberne
Kruzifir, das auf dem Sarge lag. Der Gesang der
Mönche erklang in seiner feierlichen Mächtigkeit--
Benedikts Stimme fehlte in dem Chore!--
Die Kirche war voll Menschen. Wer in dem
Thale irgend Kunde von dem Unglücksfall bekommen,
war herbeigeeilt, dem Todten die letzte Ehre zu er-
weisen und sein Gebet mit den Gebeten zu vereinen,
die für ihn gehalten wurden. Auch die Fremden
waren sammt und sonders in der Kirche.
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Ne
Auf ihrem gewohnten Plaze knieeten Jakobäa
und ihre Töchter. Die Wirthin war an Jakobäa's
Seite. Die Unglückliche war wie versteint, es kam
keine Thräne in ihr Auge, es war kaum noch ein
Wort über ihre Lippen gekommen.
Als die Klosterbrüder den Sarg erhoben, um ihn
fortzutragen, stand fie jählings auf, aber sie sank
wieder auf die Kniee, und die starren Augen zu der
Wirthin gewendet, sprach sie: ,Ich hab's herauf be-
schworen! Ich allein!-- Ich habe Gott versucht!
Ich sagte, mit Leid und Freud sei es für mich vorbei!
Mich fechte jezt auf der Erde Nichts mehr an!-- Gott
hat mir's anders zeigen wollen! Er ist der Herr!? -- -
Der Zug der Brüder war vorüber, die Leute
schlossen sich ihm an, man verließ die Kirche. Als
Viktorine, auf des Grafen Arm gelehnt, die Augen
voll von Thränen, an Jakobäa vorüberging, drängte
es sie, stehen zu bleiben; aber Jakobäa schlug ein
KEreuz vor ihr, wie vor dem Bösen, und der Blick,
den sie auf sie richtete, fuhr ihr wie ein Stich durch's
Herz. Stefano hatte Nichts davon bemerkt, er kannte
Jakobäa nicht.
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- Die Rührung, die Erschütterung waren allgemein,.,
der Baron hatte also Nichts dagegen, daß Viktorine

Ar
der ihren freien Ausdruck gab. Sie hing sich, als
man wieder zu Hause war, an seinen Arm und sagte:
,Hast Du mir die Smaragden schon gekauft, die Du
mir versprochen hast??
Er verneinte es, er habe sie nicht ganz nach
Wunsch gefunden.
,So verzichte ich darauf, gieb mir das dafürbe-
stimmte Geld ! sagte sie.
Der Baron wollte wissen, zu welchem Zweckc.
,Ich habe PaterBenedikt sehr gern gehabt und seine
Mutter auch, sagte Viktorine. , Ich möchte ihr eine
Genugthuung bereiten, möchte eine kleine Kapelle er-
richten lassen an der Stelle, an welcher der Arm
verunglückte, oder besser noch auf der Klostermatte, die
er sehr geliebt hat, und auf der ich ihn getroffen habe.
,Du kannst in der römischen Gesellschaft nicht
genuug von Schmuck besizen, und die Smaragden sind
bestellt!rr entgegnete der Baron. , Aber wenn Du es
durchaus willst, kann man das Eine thun, ohne das
Andere darum zu lassen. Ich hindere Dich nicht, im
Gegentheil! Es paßt mir sogar. Es sind hier unter
den Gästen ein paar junge Eiteraten; bekannt würde
es durch sie bei uns werden, daß wir hier die Kapelle
bauen, und möglicher Weiso ist es selbst dem Grafen

NK
recht, der im Kloster Gastfreundschaft genossen hat.
Mach' das mit Pater Theophilus ab, oder schreibe an
den Abt.-- Deiner Mutter wird es überdies zu einer
besonderen Satisfaktion gereichen, und wenn's daneben
noch die Mutter von dem jungen Menschen tröstet,
soll mir's lieb sein!
Viktorine umarmte den Vater, sie freute sich des
Zugeständnisses, und mehr verlangte er von seinem
einzigen Kinde nicht.
Das Schicksal der Familie Anschafft wurde unter
den Gästen viel besprochen, man mengte Wahres und
Erdichtetes wie immer durcheinander. Viktorine unter-
nahm es endlich, die Geschichte ausführlich zu berichten.
Der Doktor kam dazu, als sie dieselbe mit der Be-
merkung schloß, daß das Dichterwort recht eigentlich
für diese Familie gesprochen sei:
Das eben ist der Aluch der bösen That,
Daß sie fortzeugend Böses muß gebären!
Man fand die Art, in welcher Viktorine erzählt
hatte, sehr anziehend, ihr Eitat sehr geistreich. Die
jungen Literaten versicherten ihr, es sei zweifellos, daß
fie zur Schriftstellerin eine ungemeine Anlage besitze.
Sie sagte nicht nein! -- Der Doktor dachte sich sein
Theil dabei.

A
Am nächsten Morgen schied die Familie Landes-
heimer in des Grafen Begleitung aus dem Thale; die
Gesellschaft sah fie ungern fortgehen, die Eingebornen
sprachen von der Baronin und von Viktorinen wie
von guten Feen, Mlles rief ihnen ein ,Aluf Wieder-
sehen!'' nach.
Auch die Wirthin und ihre Tochter und der
Doktor thaten dieses Leztere, und hatten allen Anlaß,
es zu thun.- Pater Theophilus war noch am Mor-
gen bei den Damen; der Abt schickte ihnen durch seinen
Gärtner ein paar aus Alpenblumen schön gebundene
Sträuße.
Nur Eine stand einsam, oben vor der Thür des
Hauses, das Maria Josepha gebaut hatte für die Nach-
kommenschaft, die nun dem Erlöschen verfallen war,
und sah finsteren Auges, wie die Wagen die Straße
hinanfuhren, die aus dem Thale führt, und sie hatte
Mühe, die Verwünschungen zu unterdrücken, die ihr
auf den Lippen brannten.

Kapitel 20

? ,
P- Doktor hatte starke, gesunde Nerven, aber
die lezten Tage hatten ihn doch angegrißen. Er hatte
Benedikt sehr lieb gehabt, sein furchtbares Ende ging
ihm schmerzlich nahe. Er war zufrieden, daß er am
Nachmittage sich ein paar Stunden Ruhe gönnen
konnte. Er hatte Mancherlei nachzuholen, mancerlei
Papiere zu ordnen.
Als er die Taschen seiner Briefmappe durchs ichte,
fiel ihm ein versiegelter Brief in derselben auf, der
an ihn gerichtet war und geflissentlich zwischen an,dere
Papiere hineingeschoben zu sein schien. Der Tltor
hatte die Mappe in den letzen zwei Tagen nicht mehr
in der Hand gehabt.-- Benedikt hatte den Brief
hineingelegt, als er den Doktor nicht in seiner Woh-
nung angetroffen.

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,Ich schreibe dies Blatt,? hieß es in demselben,
,für den Fall, daß es mir nicht mehr gelingen sollte,
Dich zu sehen; wenn Du es liest, wird es hienieden
zu Ende mit mir sein. Ich vermag nicht mehr zu
leben!- Gott hat, ehe ich noch von mir wußte, mir
ein Schicksal auferlegt, das zu tragen er mir die Kraft
versagt. Er hat eine Versuchung in meinen Weg ge-
stellt, der nicht zu unterliegen ich gerungen habe, so
sehr ich es gekonnt. Aber ich bin irre geworden an
Allem, was da ist und sein wird- ich kann nicht
weiter! Giebt es einen allgütigen, allweisen Vater
jenseits dieses Erdenlebens, in das wir gewiesen wer-
den ohne unsern Wunsch, so wird er Erbarmen haben
mit meiner armen Seele und mit der Unzulänglichkeit
der armen Kreatur, die er geschafen hat.
Lebe wohl! Du hattest mich gewarnt! Es war
mein Schicksal, daß ich Dich nicht hörte!
Steh' meiner Mutter bei! Meinen Schwestern
wird ihr fester Glaube helfen. Lebe wohl!?
wDweegggggggg
Wir hatten dieses Blatt, das uns der Doktor
anvertraut, in der Kapelle gelesen, welche Viktorine
nach ihrem Nebereinkommen mit dem Abte, auf der

8?
Klostermatte errichten lassen. Es ist nur ein klciner
aber hübscher Bau, der die Gegend schmückt. Graf
Stefano hat ein schönes Kästchen mit der gewünschten
Reliquie dahin gesendet, das Kloster hat Stationen
auf dem Wege nach der Benediktskapelle eingerichtet,
fie wird viel besucht. Das Andenken des verunglicten
jungen Paters steht im Thale wie im Kloster schr in
Ehren.
Benedikts Schwestern beten täglich in der Kapelie,
seine Mutter hat sie nie betreten. Sie ist ihrem
alten Plaze in der Klosterkirche treu geblieben.
Weshalb die unglückliche Greisin aber den Frem-
den sich so feindselig erweist, das war uns, seit wir
ihr Schicksal kannten, sehr erklärlich.
Im lezten Winter ist sie auch gestorben. Das
Kloster hat jezt den Besiz des ihm vermachten An-
schafft'schen Legates angetreten. Jakobäa's Hau ist
dem Doktor vermiethet. Er wird es im nächsten Som-
mer als Dependance der Kuranstalt benuten.
E n d e.