Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
   
Band 01
Titel

-TFl o sn d
,-s-V-K IK
,;
=.ud Ülae.
s Fs-
Von
Fanny Lewald.
Hünfter and:
Jer gehte seines Ftammes.
Famsell
Druck un
Ehilippinens
serlin,
16.
Ehilipp.
n Otto Janke.

Der Letzte seines Stammes:
Mamsell Philippinens Philipp
Von
Fanny Lewald.
sspsppspgFZpspsppSGpspsPpPFPsusIpPFspspPFspsFs,ssJFSsFlpPppsFJppJpF.HpaFäpHpsp F
Berlin, 1864
Deu c unv Vbrlag von Otio Jans?-

Kapitel 01

.S Fh

1 Kapiies
!--
ZK«Gs-Se.

Es ist, seit die Dampfwagen und Dampfschiffe die
Welt durchsausen, eine ganz neue Art des Reisens
unter die Menschen gekommen. Sie sind aus Maß-
losigkeit sehr genüügsam geworden. Sie sehen das Meer, ; -
-die Gebirge, die Flüsse, die ausgedehnten Eisenbahn-
linien, auf denen die lange Reihe der Wagen sich wie
eine geflügelte Riesenschlange dahin bewegt, sie sehen
breite Landstraßen, große Städte mit hervorragenden
Monumenten, Gebäuden und Gasthöfen, und kleinere
Städte und Dörfer mit etwas kleineren Gasthöfen,
aber sie sehen Alles das nur wie aus der Pogelper-
speetive. Sie behalten die Physiognomie eines Mit- .
reisenden im Gedächtnisse, dessen Namen sie nicht wissen,
lernen den Namen eines Andern kennen, von dem sie

nicht viel mehr als eben den Namen erfahren, sie
kennen die Einrichtung, die Preise, die Wirthe und
Kellner in den Hotels, sie haben verschiedene Kirchen -
und Gallerien durchlaufen, verschiedene Berge zud
Thürme erklettert, und ist dann die Reise zurückgelegt, j -
z -

so haben sie Nichts gewonnen, als eine Reihe von
äußeren Anschauungen und von Vorstellungen, welche
sie sich vollkommen eben so gut und weit weniger be-
schwerlich und kostspielig in einem Panorama und durch
eine illustrirte Zeitung hätten aneignen können. Sie
briagen es zu einer Gesammtanschaunng, wie das
Geographiebuch sie dem Schüler giebt, zu einigen
Privatansichten, die zum großen Theile falsch sind, und
der eigentliche Zweck des Reisens, ja sein eigentlicher
Genuß, das Heimischwerden in Zuständen, welche von
den unseren verschieden sind, das Herantreten des
Menschen an den Menschen, das allein die Ferne be-
lebt und das Dunkel aufhellt, in welches sie sich sonst
für uns vcrbirgt, das geht ihnen verloren ein für alle?
mal. Tausende und Tausende reisen alljährlich nach
der Schweiz, aber was wissen die Meisten bei ihrer
Heimkehr von dem Lande und von seinen Bewohnern?
Sie kennen von Ansehen die grünen Matten, auf
welchen die Heerden weiden, und die Sennhütten des
Hochgebirges, in denen der Käse bereitet wird. Sie
kennen ebenso von Ansehen die gewerbfleißigen Städte,
auf deren Wiesen die feuerrothen Schweizerkattune die
Sonnenprobe bestehen, und sie sind durch Dörfer ge-
fahren und haben in Häuser hineingesehen, hinter deren
kleinen Fenstern der Webestuhl des Seidenwirkers
klapperte oder die kunstgeübte Hand der Näherin aüf

, d
: s
s -
dem Tambourinrahmen die Gardinen für die Pracht-
säle der Königsschlösser stickte. Vor den schönen Kunst-
schnitzereien der großen Interlakener Magazine, vor den
Schaufenstern der Ühren- und Goldwaarenfabriken vgn I
Genf haben sie eine Weile stille gestanden und sie
wissen somit, daß die Schweizer ein Volk von fleißigen ,
Bürgern sind, die Ackerbau und Industrie treiben.
Man hat ihnen gesagt, daß in Basel ein sehr reicher, -
geldstolzer und zum Theil pietistischer Kaufmannsstand
existirt, daß die südliche Schweiz einen lebhaften )
Handelsverkehr mit Italien treibt, und wenn sie etwa -
das Nheinthal hinauf fahren und ihnen auf beiden
Seiten des Weges von den steilsten Felshöhen die -
Trümmer der Ritterburgen und tiefer hinab die zum ;
Theil noch bewohnten Schlösser der alten Geschlechter !


in die Augen fallen, so stört sie das in ihrem erlernten -
= == e= == ==uta=- sessg,-?
Urtheil über das Land und seine Bewohner nicht
sonderlich. Sie fragen sich nicht, woher diese Schlösser i
sondern sie rechnen die Ruinen als zur Decoration des I
Weges gehörend, unh sie haben ja auch schon am ? -
deutschen Rheine eben solche Burgen gesehen.- Was ? -
denn aus all den alte Adelögeschlechtern in der freien ,
republikanischen Schweiz geworden ist, darauf lassen !
sie sich nicht ein, denn dazu haben sie auf dex Reise, -
die sie ja zu ihrem Vergnügen machen, keine Zeit.
=-= =-===a==zs=ss «. z=sJss=s -

-


i
!

Wer aber etwas mehr Zeit hat, und wer ein an-
deres Vergnügen von der Reise erwartet, als das mög-
lichst schnelle Durchziehen möglichst weiter Strecken,
dem muß es, wenn er vom Bodensee aufwärts durch
das Glarner Land nach Graubündten geht, sich auf-
fallend darthun, wie mit dem sanften, lieblichen Cha-
rakter der Gegend sich auch die Gestalten und Physiog-
nomien seiner Bewohner ändern, und welch eine Ver-
schiedenheit den blonden Schweizer von St. Gallen ,
und Glarus von dem dunkelhaarigen, schlanken und
doch so kraftvollen Schweizer aus Graubünden trennt, ;
über dessen Flecken und Dörfer sich die eisgekrönten
Hochgebirge erheben, und in dessen Felsenthäler einzu-
dringen und sich festzusetzen, einst den Beherrschern der
Welt, den -Römern, eine so schwere Aufgabe ge-
wesen ist.
Noch steht er da, der hohe viereckige Römerthurm
mit seinen altersgeschwärzten Quadern, der Neberrest
der alten Vuria lhaetorur, welche einst die kriege-
rischen Rhätier im Zaum halten sollte. Noch nennt
das Volk von Chur, der Hauptstadt des Bündner
Landes, diesen Thurm den Spinöl, die spirs iv oculis,
den Dorn im Auge des Volkes, und wie der Zeuge
jener grauen Vorzeit noch von der Höhe auf die Haupt-
stadt des Bündner Landes, auf Chur, hinabschaut, so
ist auch das Blut der alten Rhätier noch nicht in den

??

Adern des Volkes versiecht, denn noch heute sind die
Bündner ein kriegslustiger und beharrlich ausdauernder
Volksstamm.
Wenn schon die Zeiten lgnge vorüber waren, in
welchen die alten Rhätiex ihr Land mit wilder Energie
gegen das Eindringen der Römer vextheidigten, und
wenn auch den Raubrittern, welche hier im Mittelalter
eine furchtbare Tyrannei geübt haben müssen, ihr Ge-
werbe längst gelegt, so;schicken doch die alten He-
schlechter, die Toggenburg, vie Buol, die Liechtenstein,
die Salis, die Travers und viele andere, ihre Söhne
, immer noch in das Ausland, um sie zu Söldnern ir-
gend. einer Gewaltherrschaft zu machen und sie das
heiße Blut in fremder Sache abkühlen zu lassen. Ein
Theil der alten Bündner Familien, der den deutschen
Fürsten gedient hatte, sezte sich inDeutschland fest
und half die deutsche Adelsaristokratie verstärken; ein
anderer Theil aber blieb, im Lande, stieg, Purch gen
Wandel der politischen Ereignisse und , durch die pex-
änderten Lebensbedingungen gezwungen, aus, seinen
einsamen Burgen, aus seinen Wäldern und von seinen . j
Felsen in die Thäler und in die Städte hinab, um
nach dem Anschluß des Graubündner Landes gn die
Eidgenossenschaft unter den freien Bürgern, der freien ?
Schweiz wenigstens äußerlich ein bürgerliches Leben
zu führen.
h

8
Trozdem sind die Spuren der einstigen Adelsherr-
schaft noch in dem ganzen Bündnerlande sichtbar. Im
Rheinthal und an der Bia Mala, im Prätigau, im
Domleschgthal, im Engadin und an den Quellen des
Inn, im Bergagliathal und hinab bis zu den italie-
nischen Seen liegen sie weit verstreut, die zahlreichen
Schlösser des Adels mit ihren Thürmen und mit ihren
mauerumgebenen Gärten, und selbst in Chur und in
seiner nächsten Umgebung sprechen die Stadtwohnungen
des Adels, die Häuser mit der alten steinernen Wappen-
zier auch heute noch von dem Reichthum, welchen die;
Geschlechter einst besessen, als sie noch das Veltlin be-;
herrschten und, römischen Proconsuln gleich, das Land
aussogen, das sie erobert hatten.
Ein Zufall hatte uns in Chur zu Bewohnern eines
solchen alten adligen Herrenhauses gemacht. Es war
von außen eben nicht mehr viel Besonderes daran zu,
sehen. Unterhalb des Berges, welcher den Dom, den
Bischofssiz, das Seminar und das Cantonsgymnasium
trägt, war es in einem Garten am Mande der Plessur,
des wild rauschenwen Bergwassers, gelegen, das, hier
aus engem Felsenthale hervorbrechend, sich später in
den Rhein ergießt. Hohe Pappeln bezeichneten statt-
lich des Gartens Eingang, und der räumige Flur, die
steinerne breite Treppe im Innern des Hauses, die
schönen sich aneinanderreihenden Zimmer der drei Stock-
s

9
werke mußten selbst einer zahlreichen Familie eine dn-
;
gemessene Wohnung dargeboten haben, als die Grafen
von Rvttenbuel vas Haus noch inne hatten.
Jetzt waren die Grafen von Rottenbuel ausge-
storben. Ihre Erben, die Herren von Nottenbuel, be-
saßen das Haus. Die einzelnen Stockwerke - waren
schon seit geraumer Zeit an verschiedene Familien vex-
miethet, und die nicht eben vermögenden Eigenthümer ,
nahmen nur eines derselben in Beschlag. Wenn ihnen -
aber auch der alte, einstige Reichthum nicht mehr ge-
blieben war, und wenn das im Jahre gchtzehn- s - ;
? -
hundertachtundvierzig im Canton Graubünden erlässene
Gesez ihnen auch das lezte Vorrecht ihres Standes, l
die Erwähnung ihres Adels in öffentlichen Verhand-
lungen und Documenten, genommen hatte, so war ihnen I
doch noch die schöne und würdige Gestalt ihres Ge-
schlechtes als ein dauernder und großer Vorzug eigen
geblieben. Der Typus der Köpfe war noch derselbe,
s
welchen die Ahnenbilder des Hauses aufzeigten, und I
die Herren von Rottenbuel fühlten sich noch als Be-
vorzugte und Vornehme, obgleich einzelne Glieder der ,
Familie, gegen die frühere Sitte des Geschlechtes, in
bürgerliche Gewerbe überzutreten und Handel und In-
dustrie zu treiben begonnen hatten.
Bei meiner Vorliebe für alles Physiognomische hatte ,
ich mir oftmals die Bilder betrachtet; welche in der
i
-

!
i
?
!
1
Wohnung unserer Gastfreunde und selbst auf den Fluren
und Treppenwänden umherhingen, weil die Zimmer
sie nicht alle zu fassen vermochten. Ich hatte sie mir
dadurch fest in das Gedächtniß eingeprägt. Es waren
zum Theil sehr schöne Köpfe, sowohl die der Männer
als die der Frauen, und sie waren, namentlich die aus
dem fünfzehnten und achtzehnten Jahrhundert, auch
von guten Meistern gemalt. Der Zug der Familien-
ähnlichkeit ließ sich durch das ganze Geschlecht hindurch
verfolgen. Das dunkle Haar, die breite Stirne über
den großen, weitgeöffneten Augen, die starke gradlinig,
vorspringende Nase und das feste rhätische Kinn mit
dem kräftig geschnittenen Munde und den stolz ge-
schwellten Lippen war fast Allen gemeinsam. Nur der
Kopf des lezten Grafen von Nottenbuel, welcher nach
der Juschrift, die keinem der Bilder fehlte, zu Paris
im Jahre siebzehnhundertsiebenundfünfzig geboren war,
wich von dem Familientypus ab.
Das Bild zeigte einen schönen, etwa dreißigjährigen
Mann in der Uniform der französischen Schweizer-
garden und war ebenfalls gut gemalt. Die Grund-
formen des Kopfes waren freilich die des ganzen Ge-
schlechtes, nur kleiner und weniger scharf ausgeprägt
als bei den Andern, aber der Graf war blond, und
der Ausdruck der großen dunkelblauen Augen und die
feinen Züge um die weichen Lippen hatten etwas so


1
Schwärmerisches und Melancholisches, daß man sich
unwillkürlich fragte: was hat der Mann gethan und
erlebt?
Wir blieben einige Wochen in dem Rottenbuel'schen
Hause und verließen es dann, um einen Besuch zauf
einem Schlosse im Prätigau zu machen, dessen gegen-
wärtiger Besizer, der hochbetagte Herr von Thurjs,
mit seiner ebenso bejahrten Schwester in dem einsgmen
Edelhofe Haus hielt. Mitten in der wilden, großartigen
Natur machte das zehn Fenster breite dreistöckige Ge-
bäude mit den vier Thürmen an seinen Seiten, mit
der starken Gartenmauer, durch deren Gitterthoxe man
schon, von außen die hohen Pyramiden, und Wände
des glattgeschorenen Buchsbaum und Taxus erblickte,'
einen äußerst wohnlichen Eindruck, und wir hatten da-
her erst wenige Tage in dem Schlosse gelebt, als wir
uns in demselben auch bereits heimisch und bei unseren
Wirthen, die wir erst neuerdings kennen gelernt hatten,
wie bei alten Freunden eingebürgert fühlten, ---
Eines Abends, als ein Gewitterregen uns in dem
Hause festhielt, hatte Fräulein Ursula die ganze Zimmer-
reihe des ersten Stockwerks öffnen lassen, und in der-
selben auf- und niedergehend, kamen wir auch an das
Zimmer, das sie selbst bewohnte, und das wir bis da-
hin noch nicht betreten hatten. Mit jener Zurückhgl-
kung, die an alten Mädchen, je nach ihrem sonstigen

1V
Charakter, rührend oder lächerlich sein kann, nöthigte
die liebenswürdige Person nur mich allein, ihre Stube
in Augenschein zu nehmen, und während die Männer
rauchend und plaudernd ihren Wandelgang durch die
geöffneten Säle fortsezten, sah ich mir das kleine, in
einem der Thürme gelegene Gemach an, das Fräulein
Ursula seit ihrem funfzehnten Geburtstage, an welchem
die Eltern ihr ein eigenes Zimmer gegeben, das heißt
seit vollen funfzig Jahren, inne hatte.
Das Stübchen war traulich und sehr schön gelegen.
Aus den mit weißen Gardinen verhängten Fenstern
sah man auf die großartige Natur, auf die hohen,
wilden Felsenmassen hinaus, welche sich von allen Ecken
um das Thal emporhoben, und auf das schwere, düstere
Gewölk, das sich bis in das Thal herniedersenkend von
dem Sturme hin- und hergetrieben wurde. In dem
Stübchen selbst war ein Gegensaz bemerklich zwischen
der wohlerhaltenen ursprünglichen Einrichtung des kei-
nen Gemaches und den einzelnen Möbeln, welche in
neuerer Zeit hinzugeschaft worden waren. Neben der
schmalen, für ein junges Mädchen berechneten Bett-
stelle mit den weißen, rosagefütterten Gardinen sahen
der bequeme Lehnstuhl und das große Sopha der
Matrone befremdlich aus, und doch machte das Zimmer
einen guten Eindruck, weil es mit so viel Liebe ge-
halten war.



1
,Ich habe hier Alles so belassen,- sagte Jengfer j
Ursula, als errathe sie, was mir auffalle, ,wwie meine
gute Mutter es mir eingerichtet. Das sind noch die
Tische und Stühle, die sie für mich gekauft; und das
Bett, das sie mir hingestellt und geschichtet, soll auch
einmal mein Sterbebette sein. Sehen Sie, das
Schränkchen dort'!=- sie wies auf einen jener alt-
modigen, ausgebauchten und reich mit Messingbeschlägen
verzierten Schränke, in welchen man im vorigen Jahr-
, hundert feine Tassen und sonstiges Porzellangexäth auf-
zubewahren pflegte -,das Schränkchen ist noch von
der ersten Pariser Einrichtung meiner Mutter, und ich
benutze es wie sie. Es ist eine ganze Sammlung, eine
ganze Gallerie von Andenken in dem Schränkchen ent-
halten. Ich brauche deshalb auch nur darauf hinzu-
blicken, um mich im Geiste von einer Menge von
Menschen umgeben zu sehen, die alle schon dahinge-
gangen sind und vorübergezogen, wie dort. die Wolken
am Berge.
Während sie mich auf die ihr werthen Angedenken
aufmerksam machte, war mein Auge, von den zierlichen'
Kleinigkeiten abschweifend, an denen man die Ge-
schmacksveränderung der letzten sechszig Jahre in un-
unterbrochener Reihenfolge studiren konnte, auf drei
in dem Zimmer befindliche, mit grüner Gaze überzogene -
Delbilder gefallen; denn auch dem Schlosse Thuris
.=.?


1


fehlte es nicht an Bildern, und meinem Blicke folgend?
sagte Jungfer Ursula, indem sie von dem mittelsten
der' Bilder den Vorhang fortzog: ,das ist meine!
Mutter !
Es war ein merkwürdiges Gesicht, das aus der
tiefen schwarzen Spitzenhaube hervorsah! Uralt, wie
die Fran gewesen sein mußte, als sie zu diesem Bilde'
gesessen, denn die dunkelbraune Haut war von un-
zähligen Falten und Zügen wwie durchfurcht und die
Hände sahen trocken und runzlig wie die Rinde eines
Baumes aus, wurde man noch durch den großartigen
Schnitt des Profiles und durch den Ausdruck ernster
Gradheit überrascht, der aus demselben sprach. -
, Die Frau muß ein Charakter gewesen sein ! rief,
ich unwillkürlich aus, ,und eine Schönheit obenein!
Sie sehen ihr auffallend ähnlich, Jungfer Ursula!
j
Das gute Mädchen lächelte. ,Sa, man hat das «.
immer gefunden, mnd es ist wahr, meine Mutter muß
sehr schön gewesen sein. Ihr aber hat ihre Schönheit,
als sie jung war, keinen großen Segen gebracht, und
sie hat damals ihren ganzen Charakter nöthig gehabt,
um nur mit dem Leben fertig zu werden. Man sollte
nicht denken, daß man, wie die Mutter, achtundachtzig
Jahre alt werden könnte, wenn man soviel erlebt und
getragen hat als sie. Wären Sie vor zwei Jahren
hergekommen, so hätten Sie meine Mutter noch am


Leben gefunden, und Se hätte an ihr eine ganz
,,Das gute Erzählen zhaben Sie auch von Ihrer
Mutter geerbt!!! bemerkte ich.
,Ich habe nuur nicht so viel und so Verschiedenes
erfahren, ich bin immer i hier in unsern Bergen ges
blieben, und so lange die' Muttet gelebt hat,' häbe ich
,auch nie daran gedacht, dgß es hätke anders sein kön-
nen, denn es kam mir inimer vor, als sei ich nür' Am
ihretwillen auf der Welt. Seit sie aber todt' ist, fällt
es mir bisweilen ein, daß ich gar nicht für mich ge-
lebt habe. Ingeß, Gott hat das eben nicht gewollt,
i
- s

!

i
si !
h h
r s H

z
-
und mein Dasein ist dafür auch ein sehr sanftes unb -I ? z
,rhiges gewesen.!
j
So friebllch sie diese Worte sprach, dünkte mich s -'
, doch, als höre ich sie einen leisen Seufzer unterdrücken
und als glänze ein feuchter Schimuner in ihreß' schöien s -
Augen. Sie hatte sich aber von' mir abgewendet, und
i

-
andere Gesellschaft gehabf, als än mir. Sie; wußte
- so viel zu erzählen, und Fie erzäählte so schön !'

von den beiden Portraits, welche zur Rechten und zur
Linken von dem Bilde ihrer Mutter hingen, die Vor-
hänge fortziehend, sagte sie: ,das ist mein Bater, und
das ist der erste Mann meiner Mutter.'! -
, Graf Joseph von Rottenbuel? rief ich mit Neber-
z
i.
raschung, ,Ihre Mutter war mit dem lezten Grafen
Rottenbuel verheirathet?


h

s

-
=-l

, Sie kennen das Bilö? fragte mich Fräulein
Ursula sichtlich erstaunt.
,Ich habe das Original desselben, denn dieses scheint
mir nur eine Copie zu sein, in dem Rottenbuel'schen
Hause gesehen,' vetsezte ich, ,und das schöne, schwer-l
müthige Gesicht des Grafen hat mich immer wieder
angezogen. Ich habe mich oft gefragt, welche Schickj
sale dieser Mann gehabt, welche Erfahrungen ihm jenen
Zug des Seelenleidens in das ursprünglich so glücklichs
angelegte Gesicht gezeichnet haben mögen. Und diesg
ernste, streng blickende Matrone zwwischen den beide?
jungen und schönen Männern hat nun vollends etwas
N ? -
Jungfer Ursula nickte nachdenklich mit dem Kopfe;
,Ja,' sagte sie, ,die haben viel zusammen erlebt, und
das ist nachher Alles hier bei uns zur Ruhe gekommey,
und hier bestattet worden. Und nicht die Drei alleinn
ruhen hier auf unserm Kirchhof in unserm Erbgewölbe.
Die Mutter hat das Herz gehabt, auch die Marquisg
hier bei uns bestatten zu lassen. Sie war groß ih
allen diesen Dingen, unsere Mutter. Sie sagte: ,die
Marquise gehört zu mir, wie Leid zur Freude, wie
Schatten zum Licht !'' Sie war groß in allen Dingen!
Ich hätt' es nicht gekonnt, denn die Marquise war ihr
böser Dämon!!!

j
Die gute Ursula hatte, wie alle Menschen, pwelche
sich stets in engem Kreise ,ewegen, gie, ßigenheit, ihr
Wissen von den Dingen aüch bei den Andern voraus-
zusezen; und ihre Aeußerungen und Pemerkungen über,
den Charakter ihrer Muttex und über deren Schicksale
waren dadurch doppelt geßignet, meinen Antheil ;und;
meine Neugierde zu erregHn? - Ich -mochte zjedgh,gn,
dem Abende ihr mit weiteten Fragen nicht beschwerlch
fallen, und erst nach längexem Verweilen h Schloß.
Churis, erst nachdem Ursgla michh lieb gewonneg und;
ich sie in ihrex ganzen ehfachen Güte hatte schätzeg
lernen, bat ich sie einmal, jnir von der Geschichte ihrey
Mutter, yon dem Schicksal des Gxafen pon: otten-
r kar
Sie zeigte sich augenblicklich dazu geneigt. ,,as;
ist Alles so lange her,' sagte sie, ,daß es mix, selbst,
fast wie ein Stück aus der Historie, erschejnt,.. Die,
! Leiten, das Leben, die. Menschen-und, dig itten ind
hier anders geworden. Damals, gls Graf Joseph in;
-- granzösischen Diensten stand, war hier im Lande der,
s Adel noch mächtig und Graubünden selbstständig fßr,
; sich, es hatte damals noch die Herrschaft über, dgs:
genossenschaft, wir sind hier im- Lande nur noch Gutsz -
s Lewald, Kleine Romane. ?.
s

d

i
f



h
i
I
V

;
;


h ß
s s
-
! Veltlin und großen Einfluß und Besiz his gn, die
- Seen. Jezt ist das porbei Wir gehören zur Eid-;
s
i -


- - -

besizer, das Veltlin ist nicht mehr unser, und das
Dienen in fremden Ländern ist unsern jungen Män-
nern nun endlich auch verboten.'!
Sie hielt inne und meinte dann:,Vielleicht ist das
Alles recht und gut! Die Mutter blieb von jeher immer
dabei, daß es sich für einen Edelmann nicht schicke,
außer Landes für eine fremde Sache fechten zu gehen,
und sie kannte im Grunde das Alles besser wie ich,
denn sie hatte es mit erlebt, wozu es führte; und als
mein Bruder dann auf Reisen ging und in Neapel
Dienste nehmen wollte, hat sie ihm die längsten Briefe
dagegen geschrieben, bis er es unterließ.?!
,Sind denn überhaupt viel Briefe vön Ihrer
Mutter erhalten? fragte ich.
,,Ja freilich! Briefe von der Mutter und von den
Andern auch, und Tagebücher ebenfalls. Sie hat sie
mir sammt und sonders vermacht, und wenn ichsuein-
mal darüber komme, liest es sich wie ein Roman.'!
Ich bat sie, mir die Briefe zur Durchsicht zu geben,
sie willigte ohne Weiteres ein und schickte erzählend
alle die Erklärungen voraus, deren ich nach ihrer Mei-
nung zum Verständniß desZusammenhanges unter denin
den Briefschaften genannten Personen benöthigt ;war.
,Ich weiß,' sagte fie, ,wwenn Sie das Alles gelesen
haben werden, so machen Sie gewiß eine Geschichte
daraus.!

Ich erkundigte mich, ob sie etwas dagegen einzu-
wenden haben würde.

19
,O nein!'' versetzte sie, ,meine Mutter kann nur
dabei gewinnen, auch meinem Vater und dem Grafen
Rottenbuel geschieht keine Unehre damit; und zuletzt
, ist's wie mit einem Leichensteine, den man ja auch nur
aufrichtet, damuit die Todten nicht vergessen werden,
wemn Niemand mehr lebt, der sie kannte und der sich
ihrer antheilvoll annimmt.. Machen Sie mit den
Papieren, was Sie wollen. Es liegt der Art hier
u -
im Schlosse noch viel mehr aufgespeichert, und es ist
bisweilen recht erstaunlich; so zu lesen, auf wie wunder- ! - -

bare Weise die Menschen aus unsern Bergen von jeher
mit den Menschen außerhalb in Berührung gekommen
sind, und wie mancher Sturm von außen hier den
Frieden stören kam. Hier bei uns im Bündner Lande
sind oft ganz besondere Dinge vorgegangen !'!.
Sie ging bei diesen Worten in das, Zimmer neben
ihrer Stube, in das ehemalige Wohnzimmer ihrer
Mutter, dessen Möbel offenbar einer weit zurückliegen-
den Zeit angehörten. Die Hälfte der einen Wand
wurde durch einen altersgeschwärzten, unpolirten Eichen-
schrank eingenommen, von einer Zusammensetzung und
innern Abtheilung, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte:
Die Mitte der oberen Hälfte war offen und mit Borden
versehen, wie bei einem Schenktisch, und ,es standen
z

-


auch verschiedene altmodische Silber- und Porzellange-
fäße darauf zur Schau. Unten war der Schrank,
gleich den beiden Seitenflügeln, mit Thüren verschlossen
und Jungfer Ursula zeigte mir, wie tief der Schrank
sei und wie viel Wäsche und Vorräthe allein in der
linken Seite desselben aufgestapelt lagen. Die rechte
Seite aber hatte in der Mitte einen verzierten Griff
von Eisen, von welchem eine etwa drei und ein halb
Fuß hohe Stange beweglich herabhing, und ich hatte
gleich, als wir in das Zimmer kamen, diese Eisenstange
mit Neugierde, betrachtet. Nun schloß Jungfer Uxsula
ein über dem Griffe durch das Schnizwerk fast' ver-
stecktes Schloß auf, und die Eisenstange fiel. klappernd
herab, um die Stüze für einen kleinen Schreibtisch zu
machen, über dessen Platte sich ein ganzer Thurmbau von
kleinen Fächern und verborgenen Schiebladen, ein wahres
Wunderwerk alter, ausgelegter Schreinerarbeit, aufthat.
, Der Schrank muß zwwei, dreihundert Jahre alt
sein!'! rief ich mit Verwunderung aus.
, O gewiß!!' meinte unsere Wirthin.,Es jst ein
altes Erbstück aus der Familie meiner Mutter, Sie
hat eö aus dem Engadin, von Schloß Gunta, wo sie
zu Hause war, hierher schaffen lassen, als sie aus, Frank-
reich gekomnen ist, um hier meinen Vater zu heirathen,
und sie erzählte oftmals, welche Schwierigkeitens es ge-
macht habe, diesen Schrank über die Berge zn bringen. ,


A
i -- ;
Er stand sonst immer in dem großen Saale. Als
mein Bruder aber das Erbe antrat und die Mutter
und ich uns nuun ganz, auf diesem Seitenflügel des
Schlosses einrichteten, ließ sie ihren Schrank und die ,
drei Bilder hier herüber schaffen.?!
kungfer Ursula hatte, während sie also sprach, die
Wbetreffenden Papiere aus den verschiedenen Fächern
hervorgesucht und händigte sie mir sammt und
sonders ein. Es waxen Briefe, Notizen, Fage-
s
bücher von verschiedener Hand. Dazwischen fanden -
sich Tauf- und Trauscheine, auch verschiedene Diplome
und Offizierspatente lagen dabei Das gute alte I
Mädchen war sehr gerührt, als sie die Papiere -
und die Andekken an vergangene Tage und an ein -
vergangenes Geschlecht vor meinen Blicken auseinan-
der legte.
,,Ich habe oft in den Blättern gelesen, und ihr
Inhalt ist mir wie ein eigen, Erlebtes geworden,h,sagte i
sie freundlich.,Fs soll, mich wundern, wie Sie, ;die
Sie gewohnt sind, die Menschen zu beobachten und -
zu beurtheilen, diese Ereignisse und die Charaktere auf-
fassen werden. Manches, was die Mutter erzählte,
steht mir so lebendig vgr der Seele, daß ich selbst,
wenn die Winterzeit uns nicht zum Hause herausläßt
und wir hier in unserm Thale von, allerWelt abgeschieden, -
in Schnee und Eis vergraben sind, versucht habe, die
- s
:



s s
zgg.
A
einzelnen Scenen und Vorgänge aufzuschreiben und =!
, Das geben Sie mir l' fiel ich ihr in das Wort,
,,denn was eine so einfache und wahrhaftige Seele nach
mündlichen Berichten niedergeschrieben hat, das muß
eine Natürlichkeit besizen. welche unsere Reflexionsbil-
dung kaum nachzumachen im Stanre ist.!!
Die gute Ursula zögerte eine Weile, ließ sich aber
denn endlich doch erbitten, und aus ihren Skizzen, wie
aus den Tagebüchern des lezten Grafen von Rotten-
buel habe ich die folgenden Thatsachen zusammengestellt,
nur ergänzend, was die vorhandenen Briefe unklar ließen.
»MpzpggggggeAöe
=- Kapitel
P
Es war im Sommer des Jahres 18? und die
Sonne hatte sich noch nicht aus dem Frühnebel eines
heißen Julitages emporgerungen, als zwei Reitsr in
einem der entlegensten Theile des Bois de Boulogne
Halt machten.
, Es ist noch Niemand hier!'! sagte Deutsch sprechend
der Jüngere von ihnen, indem er vom Pferde stieg
und dieses dem Reitknecht übergab, welcher ihnen auf
dem Fuße gefolgt war.
,,Um so besser,' entgegnete der andere Herr, ,so

Kapitel 02

a
N

hat man Zeit sich abzukühlen, und die, Hand wixd -
ruhig..! Er knöpfte dabei den Reitrock von dunkelm
Tuche auf, den er über der rothen Uniform dex könig-
lichen Schweizergarden trug, nahm den kleinen, dreiecki-
gen Hut vom Kopfe und trocknete sich mit dem feinen,
von Spitzen gerändertenTaschentuche leicht die Stirne.
Dann legte er die Hände auf, dem Rücken, zusgmmnen,



und fing an, langsam einen kleinen Raum ig - rgge- s
mäßigen Wendungen auf- und nieder zu, schreiten, jals
wenn ihn keine Sorge drückte und keine Gefahr, ihm f -
drohte.

i!
-
Er war ein großer, z breitbrustiger und auffallend s


schöner Mann von gerade dreißig Jahren; weil er aber
arra
hs lichen Locken seine Schläfen umgab, und vie großen,. ; -
dunkelblauen Augen machten ihn sehr anziehend. Seine
äußerst sorgfältige Keidung verrieth, daß er s,ch. seiner ;
Vorzüge wohl bewußt war, und,ihnen durch Ekeine ßex-
; nachlässigung Abbruch thun -mochte-- -Seine Uniform
zeigte, wie gut er gewachsen sei, und sein. Jabot und
seine Manschetten machten durch die Sorgfalt, welche
offenbar auf dieselben verwendet worden war, seinem
Geschmacke Ehre.
,Ich habe Noth gehabt, geftern in den wenigen, ß s
-
Stunden noch meinen Uilaub, zu erhalten !- sagte er



1

-=



s

nach einer Weile.,Man schien etwas zu vermuthen,
man meinte, es wären eben jetzt schon so Viele beur-
laubt, ich solle warten.'!
,,Und wie erlangten Sie ihn endlich? fragte der
Jüngere.
,Ich sagte die einfache Wahrheit, die aber für mich
freilich keine Wahrheit in sich schloß. Ich gab Familien-
angelegenheiten vor und sprach von der Heirath, zu
welcher Deine Mutter mich zu überreden wünscht. Das
zerstreute die Muthmaßungen und Zweifel in doppeltem
Betrachte, und der Urlaub ward mir dann sogar, iwie
ich es wünschte, auf unbestimmte Zeit bewilligt.
Inzwischen hatte er seinen Degen losgemacht und
ihn seinem Gefährten übergeben. Dieser zog ihn aus
der Scheide, prüfte seine Schärfe, stemmte die Spitze
gegen den Boden und freute sich der feinen, untechalb
des Griffes reich mit Gold ausgelegten Kinge. I
Trotzdem war eine gewisse Unruhe an ihm zu er-
kennen. Er sah öfters auf den Weg zurück, von
welchem sie gekommen waren, blickte darauf in das
stolze Antliz seines Gefäährten und die Allee hinab-
schauend, an deren Ende ein Wagen sichtbar wurde,
sagte er: ,Ich wollte, Onkel, Sie hätten auch für
einen Arzt gesorgt!''
Der Angeredete lächelte, und seinem jungen Ge-
fährten auf die Schulter klopfend, entgegnete er: ,Sei


s
es
unbesorgt, Ulrich! wegn ich des Wagens oder des
Doetors bedürfen sollts, wird der Chevalier sich ohne
Frage ein besonderes Vergnügen daraus machen, mir
F den seinigen zu überlassen.! Er zog dabei die hr
heraus und bemerkte mit einem Anfluge von Spott:
l l
i1 ß
z! s

, Er hat's nicht eilig, wie Du siehst!'' -'
! - -
s 1 s
s -

!
Während dessen wai der Wagenb aber näher' Ige- ,
kommen, und man konnte dem jüngern der'' beiden ,
h Männer ansehen, daß er mit sich kämpfte, daß er ?

i -
eine Frage thun wollte und sie unterdrückte. -Erdlich ; -
1
z

l
sagte er:,Haben Sie inir Etwas aufzutragen? Häbe !
ich Etwas zu besorgen, Onkel
t
t;
Der Andere lächelte. ,Man ruft dem Jäger, wenn ,
er auf die Jagd geht, dem Bergmann, wenn er in I
s
den Schacht fährt, ein Glück auf! zu, und Du krächzest I
Unglücksahnmngen, wwie ein Rabe!' Das, ist - nicht , -
Mcnier, mein Junge!'! Und mit einem Ausdruck vön ,
selbstgefälligem Stolze, der ihm aber ganz' vortrefflich -
anstand, sagte er: Als ich Dir die Ehre anthat, Dich ;
in dem Duell zwischenZir, den Grafen Joseph von
Rottenbuel, und, denc'hevalier von Eagnac zu meinem
Seeundanten. zu machen, dachte ich, daß es an' der s
Zeit sei, Dir durch diese meine Wahl einen bemerkeüs-
werthen Eintritt in die große Welt zu sichern. - Auf
Deine Rührung wwar es dabei nicht abgesehen, mein ! -
lieber Freund !'!

!

!
Der junge Mann wurde roth, seine hellen Augen
glänzten, man hätte nicht sagen können, ob vor Weh-
muth oder vor Zorn.,Sie wissen es, mein Onkel,'
sprach er im Tone der Erklärung, ,,wwie sehr meine
Mutter Sie liebt! wie sehr =-''
,Ich weiß, fiel Graf Joseph ihm in die Rebe,
,,ich weiß! Und ich denke sie ja auch wieder zu sehen,
vielleicht in wenigen Tagen sie wieder zu sehen!!! fügte
er begütigend hinzu. ,Im Nebrigen sei ohne Sorge!
Das Fleuret eines Chevalier von Lagnac tödtet keinen
Mann wie mich! Er hatte eine Lektion nöthig, die
l
soll er bekommen und damit basta!r
Der Graf hatte diese letzten Worte noch nicht vol-
lendet, als der Wagen des Chevalier auf dem Platze
hielt. Der Diener öffnete den Schlag, und dem aus-
steigenden Arzt und Sekundanten folgte der Chevalier.
Er konnte etwa zwweiundzwanzig Jahre zählen, ,mmud
auch er sah auf den ersten Blick noch jünger aus, denn
er war klein, von feinem Gliederbau, und die kecken,
schwarzen Augen und das kleine Schnurrbärtchen auf
der Oberlippe ließen seine helle und frische Gesichts-
farbe fast weiblich erscheinen. Trotz des warmen
Wetters hatte er einen weiten weißen Tuchmantel über-
geworfen, und die weißen Casimirbeinkleider, die wweiß-
seidenen Strümpfe und der braunrothe, mit Schnuren-
werk reich besezte Rock, den er über der weißen Weste

tug, stachen in ihrer Hellfarbigkeit und Leichtigkeit
gegen den dunkeln Reitrock des Grafen ebenso wie das
Aeußere der beiden Gegner von einander ab.
Man begrüßte sich in aller Form, die männliche
Haltung des Grafen, die leichte Grazie des Chevaliers
verleugneten sich dabei nicht, und nachdem die üblichen
Verständigungsversuche von den beiden Seeundanten
gemacht, von den beiden Kämpfern zurückgewiesen, das
Terrain gewählt, die Waffen ausgeglichen, Licht und
Sonne Beiden gleich zugemessen worden waren, legten
der Graf und der Chevalier die Röcke ab, und das
Duell begann.
Es war ein Vergnüügen, diese Männer einander
gegenüber zu sehen, zu sehen, mit welch ruhigem Lächeln
der Graf sich auslegte, mit welch strahlender Heiterkeit
der Chevalier ihm entgegentrat. Wie spielend that
der Graf die ersten Stöße, aber die sichere Gewandt-
heit, mit welcher der Chevalier sie parirte und er-
widerte, belehrte den Grafen bald, daß er keinen ihm
unangemessenen Gegner vor sich habe, und daß die
kleine zarte Hand des jungen Mannes eben so sicher
die Klinge zu führen wußte, als sie geschickt eine
Schleife zu entwenden, einer Dame ein Billet zuzu-
stecken und eine Rose zu überreichen verstand.
Schon nach wenig Augenblicken hatte der Kampf
eine andere Gestalt gewonnen, Graf Joseph warf sich

z?



I
?
fester in seine Stellung zurück, sein Gesicht war ernst-
hafter geworden, und je unverkennbarer die helle Zu-
versicht in dem schönen Antliz seines Gegners hervor-
trat, je schneller Stoß auf Stoß einander folgten, je
mehr verdüsterten sich des Grafen Züge. Die Lection,
auf die er es für den Chevalier abgesehen hatte, war
nicht so leicht zu geben, als Jener erwartet. Aus der
Rolle eines spielenden Angreifers sah er sich, da er
anfangs offenbar seinen jugendlichen Gegner zu schonen
gedacht, in die Lage eines Angegriffenen versetzt, und
plötzlich von seiner Lebhaftigkeit übermannt, that er
einen Stoß, der bestimmt war, den Arm deö Chevalier
zu treffen und ihn kampfunfähig zu machen; indeß eine
zu heftige Wendung desselben machte es seinem Secun-
danten unmöglich, ihn in der rechten Weise zu decken,
der Degen entfiel der Hand des Fechtenden, und
krampfhaft nach der Brust greifend, sank der junge
Mann lautlos zu Boden.
Eine halbe Stunde spääter fuhr der Wagen des
Chevalier langsamen Schrittes über die weichen Sand-
wege des Boulogner Gehölzes dem Fauborg Saint-
Germain zu, während die beiden Schweizer auf raschen
Pferden die entgegengesetzte Straße einschlugen, um
die Garnison der Grafen, um Versailles zu erreichen,
wo der Hof sich aufhielt.

Kapitel 03


W9
K Kapitel
In dem Boudoir der Königin waren die Portieren
herabgelassen, welche es von dem Nebenzimmer trennten.
, Zwei Hofdamen saßen in dem letzteren. Die Eine

derselben hatte ein Billet in den Händen, das sie eben
gelesen und dessen Inhalt auf beide Damen eine er-
schreckende Wirkung ausgeübt hatte. Sie sprachen leise
mit einander, und ihre Unterhaltung mußte irgend einen
Bezug auf ihre Herrin haben, denn sie blickten wäh-
rend derselben bisweilen unwillkürlich nach dem Ea-
binete, als ob von dort her irgend ein Aufschluß oder
z eine Entscheiöung zu erwarten stände.
Es verging aber eine geraume Seit, ohne daß ein
n raIr
! quets von Buchsbaum und Erlen sangen die Vögel.
Die Wasser rauschten an allen Ecken und Enden aus
den Fontainen hernieder, die Sonne schien hell und
warm durch die bis zum Boden herabgehenden Fenster
herein und leuchtete bis auf die violetten Vorhänge
des Boudoirs, deren goldene Quasten sich in ihrem -
Lichte prächtig von dem dunkeln Hintergrunde abhoben.
Die Stille fing offenbar an, auf die diensthaben-
den Damen ihren Einfluß auszuüben, denn sie ver-




8O
stummten allmälich, und die Eine und die Andere
hatten sich mtwüde in die hohen Lehnen der niedrigen
Sessel zurückgelegt, als die Portisre des Boudoirs
plötzlich zurückgeschlagen wurde und die damals zweiund-
dreißigjährige Königin Marie Antoinette in der Thüre
sichtbar wurde. Sie war noch im Morgenkleide, aber
ihrer zugleich frischen und gebietenden Schönheit stand
eine leichtere und zwanglose Kleidung so wohl an, daß
die Königin sie vorzugsweise liebte. Ihr Gewand von
weißem Mousselin war mit rosa Bändern s ls Wat-
teau aufgeschürzt, so daß man ihr Unterkleid von
weißem Gros de Tours, die mit rosa Pompons auf-
genommenen Falbalas desselben und die weißseidenen
Absazschuhe mit den großen blaßrothen Schleifen sehen
konnte. Ein Kantentuch s- ls gazssnne mit rosa
Bändern durchzogen umgab ihren Nacken und ihren
Busen, und ein ähnliches Spizentuch mit rothen Rosen
verziert, wie die Königin es auch in einem der lezten
Schäferspiele in Trianon gekragen, war über ihrer
hohen, aber bereits durch die Mode gelockerten Frjsur
befestigt, so daß die Rosen gerade über ihrer Stirne
zu liegen kamen und die langen, durchsichtig gepuderten
Locken hinter den Ohren der Königin bis tief auf ihre
Schulter hernieder fielen.
Die Damen erhoben sich bei ihrem Anblick, und
im Zimmer umherschauend fragte die Königin: ,Ist

s
h
Hl
die Herzogin noch nicht hier? Ein Ühr ist vorüber.
Da trat eine der Damen an einen Seitentisch
heran, auf welchem sich auf silbernem Teller ein ver-
siegeltes Billet befand, und indem sie es der Königin
überreichte, berichtete sie, daß der Läufer der Herzogin
vor einer halben Stunde dieses Schreiben überbracht
habe.
, Und weshalb erhielt ich es nicht gleich? rief die
Königin, indem sie das Billet in Empfang nahm. -
,Majestät hatten den Befehl gegeben, Sie unter
keiner Bedingung zu unterbrechen !' entschuldigte die
Hofdame.
Die Königin hatte während dem das Blatt eröffnet.
Es enthielt gnr die wenigen Worte:,Von der Gnade
Ihrer Königlichen Majestät, auf die zu bauen ihre
huldvolle Güte mich bereits gewöhnt hat, erbitte ich
mir die Erlaubniß, mich eine halbe Stunde spääter bei
Ihrer Majestät einfinden zu dürfen, da ein Unglücks-
fall in meinek Familie mich schwer getrofen hat und
ich nicht fassungslos vor den Augen meiner aller-
gnädigsten Königin zu erscheinen wage.?
Die Königin war betroffen, sie liebte die Herzogin,
und obschon Königin, war sie eine Frau und der Neu-
gier nicht unzugänglich. Sie wendete sich daher an
die ältere ihrer Dämen und sagte: ,Die Herzogin
schreibt mir von einem Uuglücksfall, welcher sich in

A



l
h

k
H
ihrer Familie zugetragen und sie schwer getroffen habe,
Wissen Sie, Marquise, was Ihrer Cousine be-
gegnet istF
Die Hofdame verneinte es, indessen ein flüchtiger
Wechsel ihrer Farbe strafte ihre Worte Lüge, und der
Königin, früh gewöhnt, die Menschen zu beobachten,
und scharfsinnig, wenn sie sich nicht alsichtlich ver-
blenden wollte, entging die Bewegung der stolzen
Schönheit nicht. Ihr großes, hellblaues Auge fest auf
sie heftend, wollte sie daher eben eine zweite Frage
an Frau von Vieillemarin richten, als zu deren Gläcke
die Ankunft der Herzogin von Polignac gemeldet wirde
und diese, nach erhaltener Erlaubniß, vor der Königin
erschien.
Mit jener persönlichen Ungezwungenheit, welche
auch bei Hochgeborenen das sicherste Zeichen ihres
Selbstgefühls und ihrer Selbstherrlichkeit ist, -ging
Marie Antoinette der Herzogin enkgegen, und ohne
ihr Zeit zu dem ceremoniellen, vorschriftsmäßigen Ein-
tritt zu lassen, sagte sie mit gütiger Lebhaftigkeit: ,Sie
haben mich mit Ihrem Brief erschreckt! was hat sich
in Ihrem Hause Unglückliches ereignet, meine theure
Herzogin?
Die Königin reichte dabei derselben ihre Hand,
welche die Herzogin sich tief niederbeugend küßte, dann
richtete diese sich auf, und weil sie wohl wußte,, daß

H8
fürstliche Herrschaften selbst von liebsten Freunden Aus-
einandersezungen ihrer Leiden nicht zu hören lieben,
antwortete sie: ,Mein Neffe, der Chevalier von Lagnac,
ist diesen Morgen tödtlich im Duell verwundet.r!
, O, hoffen Sie, er wird genesen!'' rief die Königin,
welcher schon die traurige Miene ihrer Freundin pein-
lich und beschwerlich war.
,Der Ausspruch der Aerzte giebt dieser Hoffnung
wenig Raum, wendete die Herzogin ein, welche Grünve
hatte, die Unterhaltung nicht so kurz abbrechen zu lassen.
, Und wer war sein Gegner?' forschte die Königin -
- weiter, um nur zunächst von dem Verwundeten nicht
mehr zu hören und des Beklagens ledig zu werden.
, Graf Joseph von Rottenbuel, Ew. Majestät!''
, Graf Rottenbuel? wiederholte die Königin, ,der
Major Rottenbuel? Wie hängt das zusammen? Kennt
man die Veranlassung des Zwistes?
,Ich wenigstens kenne sie, Majestät!!! antwortete
die Herzogin, indem ein flüchtiger, aber finsterer Blck
an Frau von Vieillemarin vorüberstreifte.
, So lassen Sie mich hören, gebot die Königin,
indem sie in ihr Cabinet zurücktrat und der Herzogin
ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Dann wurden von
innen die Flügelthüren des Cabinetes zugemacht, und
die beiden Hofdamen blieben wieder allein in dem
Empfangssaale zurück.
s Lewald, Kleine Nomane. ?

Kapitel 04



s

s.
s. Kapites
Am Abende war ein Gewitter aufgezogen und es
regnete stark. Die Nacht brach früh herein, weil die
Sonne hinter schweren Wolken versteckt war, und da
man des üblen Wetters wegen die Lustpartie hatte
aufgeben müssen, welche man am Hofe für diesen Tag
festgesetzt, war ein Concert in den Gemächern der
Königin angeordnet worden.
Der Anfang desselben war nicht mehr fern, als
ein Mann, tief in seinen Regenmantel eingehüllt, über
einen der Seitenhöfe des Schlosses schritt und seinen
Weg nach dem Flügel einschlug, den die dienstthuenden
Hofdamen in Versailles bewohnten. Als er sich dem
Portale näherte, rief die schweizer Schildwache ihn an.
Er gab die Parole als Antwort, und die Schildwgce
schien ihn auch zu erkennen, sobald der Strahl der Laterne
ihn beleuchtete. Sie präsentirte, als er vorüberging.
Auf den Gallerien und Gängen im Schlosse war
es still und leer. Määnner und Frauen waren in den
Toilettenzimmern beschäftigt, die Kammerdiener und
Kammerfrauen hatten alle Hände voll zu thun, die
Lakaien besorgten die Ordnung und Beleuchtung in
den Sälen. Der Mann im dunkeln Mantel mußte
aber bekannt im Schlosse sein, denn er gelangte, ohne
s

darum fragen zu müssen, an ein Zimmer in dem lezten -
Pavillon, und nachdem er, die Hände zusammenlegend,
leise den nächtlichen Schrei der Euie nachgeahmt hatte, -
öffnete sich eine Thüre zur Linken, in welcher er ver-
schwand.
Das Zimmer, in welches er eintrat, war fast dunkel.
Die Läden waren gegen den Garten hin geschlossen,
in der Ecke auf einem dreifüßigen -Marmortische -
brannten die Kerzen auf einem Armleuchter. Sie
gahen eben nur Licht genug, die prächtige Einrichtung -
des großen Raumes zu gewahren, aber der Cavalier be-
achtete sie nicht, er schien den Saal zu kennen, und
i er kannte auch die Dame, welche ihn dort erwartete,
, und deren reiches Hofcostüm einen sonderbaren
Gegensatz zu der Dunkelheit und Einsamkeit des
Saales bildete. Ihre Haltung verrieth ihre Un-

ruhe und ihre Aufregung; die Gelassenheit des Man
T nes, der ihr gegenüber stand, war anscheinend um so
f größer
,Sie haben mich gerufen, Frau Marquise,' sagte
er,,und noch einmal bin ich ihrer Einladung gefolgt,
obschon ich nach der Weise, in welcher Sie gestern
meine Fragen, meine bittenden Vorstellungen aufge-
nommen, kaum noch darauf gerechnet hatte, der Gunst-
g Hner solchen Einladung theilhaftig zu werden. Darf
ich Sie fragen, welchem Ereigniß oder welcher glück-
z
l !
d L -
d s
1 «
eg=



llchen Stimwnung ich den Borzug verdanke, Sie, und
eben hier an diesem Orte wieder zu sehen? ='
Er sprach diese Worte mit der Gemessenheit eines
Menschen aus, der sie vorher überlegt und sich über-
haupt die Rolle vorgezeichnet hat, welche er aufrecht
zu halten gedenkt; indeß ein Ton von Gereiztheit und
von Erregung drang wider seiner Willen daraus her-
vor. Die Dame empfand das, aber sie wollte es nicht
bemerken.
,Ich würde die Freiheit, die ich mir genommen,!
versetzte sie, ,allerdings zu entschulhigen haben, Herr
Graf, hätte ich Sie nicht sprechen müssen, um Ihnen
zn sagen, was ich Ihnen zu schreiben nicht für sicher
hielt. Der Zustand des Chevalier von Lagnac ist hoff-
nungslos. Ich weiß, daß Sie beurlaubt sind. Säumen
Sie nicht, Herr Graf, Ihren Urlaub zu benutzen. Der
König, Sie wissen es, ist dem Duell entgegen, seit der
Graf von Artois selbst in dem Zweikampf mit dem
Herzog von Bourbon sein Leben aussetzte, und der
Graf von Artois ist in Verzweiflung darüber, daß er
kagnac, daß er seinen Günstling und Genossen ver-
lieren soll. Die Herzogin aber schürt das Feuer des
königlichen Zornes. Es handelt sich um Ihre Freiheit,
um Ihre Zukunft, Graf! Man spricht davon, ein Bei-
spiel. zu statuiren, eine lettre äe oaohet =
Der Graf lachte spöttisch.,Sparen Sie die Mühe,

-
j Marquise, sagte er, ,mir zu beweisen, wie sehr Sle
mich zu entfernen wünschen.'!
j
Die scharfgezeichneten Augenbrauen der Marquise
zuckten leise zusammen, ihre Lippen öffneten sich, aher
sie unterdrückte ihre Bewegung, unterdrückte auch die-
; Antwort, welche sie zu geben beabsichtigt hatte, und
z sagte mit wwiedergewonnener Fassung: IEs steht bei
Ihnen, Graf Rottenbuel, es zu verkennen, daß- ich gut
zu machen, vergessen zu machen wünschte, was ich gegen

?- Sie verschulbet.?
Und wieder unterbrach sie der Graf. Gut machen?
vergessen machen? rief er.,Kannst Du es mich ver-
h zsene ei-be beies dezens n dergebgn d dab D
gessen machen, Franziska, daß ich in Dir einst die
sie verrathen hast? Kannst Du sie mich vergessen
F machen, Kranziska, die Stunde, in welcher Du hier,
, eben hier in diesem Pavillon, mir Treue geschworen,
mir Deine Hand, Dich selbst für immer angelobt,' wenn
lk ich di Lustinmng Deiner Eltern fäe unsere Ver-
t? bindung zu erlangen wüßte? Denkst Du des Abends,
es sind fünf Jahre her, als Du, das kaum dem Vater-
n EaaDk
rrrr
ir
ti
l
theile für sich und Deine Brüder von Deiner eben


!
?
s
88
angetretenen Stellung neben der Königin versprachen?
Erinnerst Du Dich'! -- er vollendete den Saz nicht,
und mit ganz verändertem Tone fügte er hinzu: ,Ich
ging in die Touraine, ich sah Deine Eltern, ich er-
langte ihre Zustimmung; und als ich wiederkehrte, als
ich das Herz voll Hofnung vor Dir erschien, als ich
es mir vorstellte, welches Glückes wir fern von hier
in meiner Heimath genießen würden, da- hatte die
Herzogin Dich unter ihren ganz besondern Schutz ge-
nommen. Die Nachricht vou Deiner beabsichtigten
Verlobung mit ihrem Vetter war die erste Kunde, die
ich hier empfing, Deine Zustimmung zu derselben, die
Freude, die Du mir zum Willkomm zugedacht!!!
Der Marquise kam diese Scene ungelegen, aber
ihre Gefallsucht konnte es nicht ertragen, selbst den
einst verschmähten und seitdem von ihr in koketter
Selbstsucht neben sich festgehaltenen Mann in Zorn
und Unmuth von sich scheiden zu sehen. Sie war nur
der Huldigungen, nicht der Vorwürfe von ihm gewohnt,
und doppelt in ihrer Eitelkeit verletzt, rief sie, schnell
mit sich darüber einig, wie sie sich diesem Manne gegen-
über zu verhalten hätte:,Nun ja! sei es darum, ich
fehlte. Ich fehlte gegen Sie, ich brach mein Wort
aber muß ich Ihnen denn noch heute, nach fünf Jahren
voll heimlich getragenen Unglücks, es wiederholen -
ich wußte nicht, was ich damit that, ich ahnte es nicht,

89
daß ich damit aller Hoffnung, allem Glücke meines
Lebens ein für allemal den Stab brach?'
Ihre Stimme sagte noch mehr als ihre Worte, und
vor dem vollen, schmelzenden Blicke ihres Auges, den
sie fest auf den Grasen richtete, verstummte er.
Mehr hatte sie für den Augenblick gar nicht ge- -
wollt, und schnell und schneller sprechend, je weiter sie
in ihrer Erklärung fortschritt, sagte sie: ,Ich hoffe,
Sie endlich von der Wahrheit meiner Worte zu über-
zeugen; um Ihretwillen, Graf, hoffe ich, Sie werden
mir vertrauen. Sie müssen Paris verlassen, ehe es -
zu spät wird, aber grade darum sollen Sie mich hören,
mich noch einmal hören, ehe wir für immer scheiden.!!
Sie machte eine Pause und sezte sich nieder.,Es ist
wahr,' sagte sie dann, ,ich habe Sie geliebt, ich habe
Ihnen Treue geschworen und ich habe diese Treue ver-
rathen. Ehrgeiz und Eitelkeit rissen mich hin; aber
ich war siebenzehn Jahr alt, ich hatte noch nicht den -
Muth, mir ein Leben, eine Zukunft für mich' selbst
zuzuerkennen. Ich wurde die Gattin des Marquis,
die Cousine der Herzogin. Man beneidete mein Loos,
man lobte meine Fügsamkeit, die erhöhte Liebe meiner
verehrten Eltern, die größte Zärtlichkeit meiner Brüder
lohnten mir das Opfer, das ich gebracht hatte, und -
ich war zufrieden. Ich glaubte damals, man könne
die Liebe vergessen; es schmeichelte mir, einen der großen

s
4O
Namen Frankreichs zu tragen und die nahe Verwanldte
der allmächtigen Herzogin zu werden. Da traten Sie
auf's Neue an mich heran, und Ihr Schmerz machte
mir klar, was ich verloren hatte, er erweckte mein eigenes
Herz. Aber es war zu spät. Unter Ihren und mei-
nen Thränen schwur ich, Ihnen ='
,FFranziska, nur daran erinnere mich nicht!'' rief
Graf Joseph, ,sprich es nicht aus, daß du mir ange-
lobt, mein Ideal zu bleiben, da Du mein Weib nicht
werden konntest! denn auch dies, auch dies Versprechen
hast Du schlecht gehalten !''--
S
Sie schwiegen Beide, dann sagte der Graf: ,Die
Tage der Jugend, der Täuschungen liegen hinter mir.
Ich bin nicht mehr der glückliche Jüngling, der einst
zu dem Weibe wie zu einer Gottheit emporschaute, ich
habe das Weib kennen gelernt in seiner Schwäche -
aber ich vermag mich dessen nicht zu freuen. Dich zu
sehen, Dir zu folgen, stürzte ich mich in den Kieis
des Hofes, für dessen Glanz und Schimmer Du mich
aufgeopfert. Ich sah, wie Du verarmten Herzens nach
Zerstreuung suchtest, ich sah, wie Du, hineingezogen
in den Ehrgeiz Deiner neuen Familie, Dir selbst nur
noch ein Mittel zur Erreichung Deiner Zwecke wgrst;
und doch wollte ich mich darüber täuschen, doch wollte
ich Andern verbergen, was ich mir selber nicht verhehlen
konnte, daß Du der Liebe nicht mehr werth warst, die

1
ich für Dich in meinem Herzen nicht ertödten konnte. !
Er hielt abermals inne, und abermals entstand eine
Pause.
Die Marquise hatte sich in zorniger Bewegung er-
hoben und sich wieder niedergesetzt, als wolle sie- sich
zur Geduld zwingen, indeß ihr Auge fing an, sich
spähend auf die Thüre zu richten, durch welche der
Graf gekommen, und die leise, aber schnelle Bewegung,
mit welcher sie den geschlossenen Fächer öffnete. und
wieder zusammenfaltete, zeigte, wie wenig ihre Gedan-
ken bei der Unterredung waren, wie antheillos ihr
Herz sich dabei verhielt, und wie ungeduldig sie den
Schluß derselben ersehnte.
,Wir müssen ein Ende finden, Graf!' sagte sie
plötzlich, indem sie wieder aufstand, ,und Sie sollen
deutlich in meiner Seele lesen. Sie selbst haben es
ausgesprochen, ich bin nicht glücklich. Sie haben auch
darin Necht! Die Zerstreuung, nach der ich hasche,Ndie
Galanterien, in die ich mich verstricke, sie, befriedigen
mich nicht, sie erfüllen den Zweck nicht, mich vergessen
zu machen, daß ich mein wahres, mein einziges Glück
mit dem hochfahrenden Leichtsinn der Jugend, mit der
schwachen Abhängigkeit des unerfahrenen Mädchens
unwiederbringlich verscherzt habe. Wenn dies Gefühl
mich bisweilen überwältigte, wenn ich Ihnen zu Zeiten
f
nicht genug verbarg, wie ich noch immer an Sie ge-
!





z?

fesselt war: wollen Sie, eben Sie mich dafür tadeln?
Und wenn die Scheu, dies Geheimniß dem Auge
meines Gatten, dem Auge der Welt verrathen zu sehen,
mich dazu antrieb, mich irgend einer Bewerbung, einer
Galanterie geneigk zu zeigen, von der meine Gedänken
fern, wer weiß wie fern waren, wollen Sie mir daraus
ein Verbrechen machen? Sollte ich es preisgeben, das
stille, unselige Geheimniß meines Herzens? Und; war
es an Ihnen, mir den Trost Ihrer Nähe durch dies
traurige Duell mit jenem Knaben zu entziehen,, der
keinen andern Werth in meinen Augen hatte, alsj den,
meinem Gatten ein angenehmer Gesellschafter zu, sein
ihm keinen Argwohn einzuflößen und mich mis der
Herzogin in gutem Einvernehmen zu erhalten, wäh-
rend er unserm Hause und unsern Interessen zugleich
die Gunst des Grafen von Artois sicherte, dessen er-
klärter Liebling er fast seit seiner Kindheit, ge-
wesen istF
Graf Joseph lächelte bitter. ,So klar raisonniren,
so geschickt rechnen zu können, muß man sehr freien
Herzens sein!' entgegnete er ihr.
Muß man ein Sklave seiner Verhältnisse sein!!
gab sie ihm zur Antwort., Sie kennen, Sie beur-
theilen meine, unsere age nicht richtig, Graf! Sie sind
unabhängig, sind ein freier Mann, Sie dienen dem
Könige, weil Ihr Vater ihm diente, weil es Ihnen


4s
- so gefällt; aber Ihre Zgkunft liegt nicht ausschließlich
, in der Hand des Königes. Jenseits der Alpen ist
ihnen eine Heimath, ist! Ihnen ein freier, reicher Be-
siz unverlierbar gewiß. Ich hingegen bin hier festge-
bannt, ich und die Meinen sind an den Hof, sind an
den guten Willen der Herzogin gekettet, sind einzig
auf die königliche Gnade angewiesen, denn der uner-
, läßliche Aufwand unseres!Standes und die prachtlieben-
den Neigungen meines Gatten haben mein Erbe schnell ; ? -
perschlungen, und ich stehe nicht allein. Ich habe Kinder.
Jung wie diese Kinder jezt noch sind, werdenssie doch ! -
einst eine Zukunft, eine Stellung von mir fordern. ? j

Die Herzogin kann ihnen dieselbe leicht vermitteln, wird
sie ihnen schaffen; aber sie ist stolz auf ihren Namen,
stolz auf die Ehre der Frauen in ihrer Familie. Scharf-
sichtig ahnt sie, daß unter allen Männern dieses Hofes
Sie der Einzige sind, dessen Nähe meinen Frieden
s stört, dessen Nähe mir gefährlich ist. Wie sehr ich
mich bemühte, diesem Argwohn zu begegnen, es gelang
mir niemals, ihn völlig zu zerstreuen - und Ihr
Duell an diesem Morgen hat mit einem Schlage ver-
nichtet, was jahrelange Zurückhaltung und Vorsicht
mir gewonnen.!
Sie näherte sich dem Grafen, legte ihre Hand
leise auf seine Schulter und sagte, indem sie ernst und
bittend in sein Auge blickte: ,Ich habe Sie und mich

!
1
Kaua=-
um Glück betrogen; müssen Sie mich deshalb ganz
verderben? Soll zu dem Schweren, das mein eigenes,
Verschulden mir auferlegt, mich noch die Angst um Sie
belasten? Ich muß es Ihnen wiederholen, der Graf
von Artois ist auf das Aeußerste erzürnt über die ;
Verwundung seines Günstlings; die Herzogin, welche s
diesen Neffen, den einzigen Sohn ihrer früh verstor-
benen Schwester, mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit liebt
und die weitgehendsten Plane für ihn und seine Zu-
kunft geschmiedet hat, besizt das Ohr des Königs durch
die Königin. Schon heute früh erfuhr die Königin
durch sie, was sich ereignet, und als die Herzogin dann
die Majestät verließ, als ich vor dieser zu erscheinen
hatte, da fühlte ich, daß die Königin Alles wußte, daß
die Herzogin meinen Namen genannt. Ich fühlte den
Boden unter meinen Füßen nicht mehr sicher, ich em-
pfand es, daß der Sturm, der sich gegen Sie, mein
Freund, erhebt, nicht Sie allein vernichten wird, wenn
Sie sich nicht entfernen.'!
Der Graf hatte ihr schweigend zugehört, und ih.
Worte verfehlten die beabsichtigte Wirkung nicht. Von
den wechselndsten Empfindungen umhergeworfen, von
der Schönheit des immer noch geliebten Weibes wie
von ihren Geständnissen gerührt, so oft sie ihn auch
schon getäuscht hatte, und vertraut genug mit den
Verhältnissen des Hofes, um zu wissen, daß Franziska's
l

4!
Schicksal sich wirklich in den Händen der Herzogin be--
fand, fragte er sich überwindend endlich:,Was soll
ich thun? was fordern Sie von mir, Franziska??,
Die Marquise athmete auf. Es war hohe Zeit!
iief es in ihrem Innern, aber sie faßte sich, sie wwurde
ruhiger, nun sie sich ihrem Ziele nahe glaubte. ,Fliehen
s
F Sie, Joseph, fliehen Sie noch diese Nacht!'' beschwor
? sie ihn im weichsten Tone ihrer melodischen Stimmme.
s ,GGönnen Sie Ihren Freunden Zeit, für Sie zu wir-
ken. Der König schäzt Sie, der Graf von Artois. ist
ß nicht unversöhnlich. Bleiben Sie fort, bis der Zu-
z ftand des Chevalier de Lagnac sich entscheidet, bis die
Gefahr vorüber, bis er genesen ist;' und er selbst, ich
s suege Abnen bafür, ee feus-
Der Graf trat plözlich zurück, und mit einer Kälte,
z welche schneidend gegen seine bisherige Stimmung con-
trastirte, sagte er:,O ja! der Chevalier von Lagnaa
wird, ich bin deß sicher, auf Ihre Bitte, meine gnädige
Frau, mir vom Könige die ßerzeihung für die Lection
zu schaffen wissen, die er heut von mir erhalten hat.
Dann aber, gnädige Frau, dann lehren Sie ihn auch
die Ehre der Frauen, die sich ihm anvertrauen, besser
zu bewahren, heiliger zu halten, als er es bisher ge-
than hat.'
Er verneigte sich und wendete sich der Thüre zu.
Die Marquise fuhr bei seinen lezten Worten zusammen.

z



=
T
in

k
?
V
K
h
A
H

A
P



?

s
F
?
Das Gefühl des nahen Triumphes, das auf ihrer
stolzen Stirne geleuchtet, die Röthe der Aufregung,
welche ihre Wangen bedeckt, wichen plötzlich von ihr.
Sie verlor die Fassung. Sie wollte sprechens das
rechte Wort aber bot sich ihr nicht dar, und dhch hollte
sie ihn so nicht scheiden lassen. Schon thai sje den
Schritt, ihm zu folgen, ihn zu halten, schon öffneten
sich ihre Lippen, ihn noch einmal zurüczurjfen, als
eine plözliche Neberlegung sie davon abstehen leßh Die
Hand fest auf den Tisch gestüzt, das Auge fest auf
den Scheidenden gerichtet, so verweilte sie hn ihrem
Plaze. Sie kannte das Herz des Grafen aus langer
Erfahrung, sie wußte, daß er nicht gehen werde, ohne
sein Auge noch einmal auf sie zu richten, und sie hatte
sich darin nicht betrogen.
Als unter der Thüre seine Blicke noch einmmal zu
dem geliebten Weibe zurückkehrten, sah er,, wie ihre
starre Gestalt zusammenbrach. Der Anblick verichtete
seinen Entschluß. Seiner selbst nicht mächtig, stürzte
er zurück und warf sich vor ihr nieder. Sie hatte
ihr Gesicht in ihr Tuch verhüllt. Er ergriff ihre
Hände und bedeckte sie mit seinen Küssen. Da neigte
sie ihr Antliz auf sein Haupt herab, als wolle sie ihm
den Anblick ihrer Bewegung entziehen, und miit den
J, F ==- - =- ===== =
s
»A

Kapitel 05

i
I?
. Kapites
!
Kaum aber hatte sich die Thüre hinter dem Grafen
geschlossen, als die Mdarquise den Fopf empor hob,
wie Einer, dek eine smühevolle Arbeit abgethan, und
mit erleichtertem Hetzen Athem schöpfend, sagte sie:
,Wohl mir, er geht!f
Im Schloßhof schlug es die neunte Stunde. Die
Marquise nahm den Feuchter vom Tische und trat an
einen der Spiegel hetan, ihre Frisur, ihren Anzug zu --
mustern. Mit eiligex Hand rückte sie das Brillant-
schloß an ihrem Perlenhalsbande zurecht und bog den ! h
Esprit von Diamanten, der die dunkelrothen Federn
auf ihrem Toupet zusammenhielt, ein wenig tiefer nach
der Stirne nieder. Ihr Gesicht strahlte ihr in aller
seiner klaren, gebieterißhen Schönheit aus dem Spiegel -
wieder. Und als das Rauschen ihres Schleppkleides
nicht mehr in dem Pavillon zu hören war, als das - -
Licht ihn nicht mehr erleuchtete,. da schwebten nur die
Geister des Schmerzes darin umher, den ein edles
Männerherz jetzt eben in dem einsamen- Raume er- I
duldet hatte.
Als der Graf seine Wohnung erreichte, fand er in -
derselben seinen Neffen, den Junker Ulrich von Thurid, I
z der ihn erwartete. Er fragte, ob der Onkel reisen


s
D
I
t
h?

E

E
ßg
,?
i
D


ft
M
t
szf
F!!
1
W
s
u
!?
D-
Ai
t
t

z
Ds



z
8
werde; der Graf bejahte es. ,Ich werde auf diese
Weise endlich einmal in meine Heimath kommen!!! sagte
er, gleichsam um sich eine angenehme Aussicht aus der
Verdüsterung zu eröfnen, die ihn umfangen hielt, aber
diese Aussicht hatte bis jezt wenig Verlockendes für
ihn, denn er kannte seine Heimath nicht.
Schon sein Vater hatte in Diensten der franzö-
sischen Königsdynastie gestanden, war zum Range eines
Generals empporgestiegen und hatte sich mit einer
Deutschen verheirathet, deren Vater von einem der
kleinen deutschen Höfe als Gesandter in Parid accredi-
tirt war. Graf Joseph und dessen einzig bedeutend
ältere Schwester waren Beide in Frankreich geboren
und erzogen worden, und als der General mit Frau
und Sohn einmal die Reise nach der Schweiz gemacht,
um die eben vermählte Tochter auf ihrem Schlosse un-
fern der italienischen Grenze zu besuchen, ,war Graf
Joseph noch ein Knabe gewesen. Dunkle Bilder von
hohen, schneebedeckten Bergen, von rauschenden Wasser-
stürzen, von engen, schwindelnden Alpenpässen, von
kleinen, freundlichen Stäädten, von lachenden Dörfern
nnd von stolzen Burgen auf einsamen Höhen tauchten
hie und da in seiner Erinnerung auf, aber er hatte
bisher keine Sehnsucht getragen, diese bleichen Erin-
nerungen neu zu beleben.
Bald nach jener Schweizerreise war sein Vater
-

n
ss
k
ß
h
d

i
;
z
- gestorben, und da die Wohlgeneigtheit des Königs der
Gräfin mannigfache Vortheile für die Zukunft ihres
Sohnes versprach, so hatte die an das Hofleben ge-
wöhnte Frau ohne Noth Paris nicht verlassen und
noch weniger an einen dauernden Aufenthalt in den
stillen Gebirgen von Graubünden denken mögen. Paris
war für sie allm älig der Mittelpunkt; der Welt ge-
worden, und der Hof die Sonne, von welcher Licht
h'! und Leben für sie ausging.
In diesen Neberzeugungen hatte sie ihren einzigen
j:

i
?
?
L
s
l.

?
l s
s
-:
Sohn erzogen, aber mit ihrer Vorliebe für Frankreich,
mit ihrer Hingebung für die herrschende Dynastie hatte
sie ihm auch ihre feste Anhänglichkeit an den Prote-
stantismus und den Ernst und die Sittenstrenge ein-
geflößt, welche seit den Tagen der Reformation das
T,1 -==-- = ==-
Auch die Gräfin war nicht alt geworden, und mit
achtzehn Jahren hatte Graf Joseph sich verwaist, im
Besize einer Officiersstelle in den Schweizergarden
und als Herr eines bedeutenden Grunrbesizes sich selber
überlassen gefunden: Der Name seineö Vaterd hatte
ihm früh eine Geltung in dem Regimente verschafft,
welches derselbe befehligt, seine Geburt verband ihn
mit den ältesten Geschlechtern, und die Gunst, welcher
seine Eltern sich von dem Königspaare zu erfreuen
!
Lewald, Kleine Romate! N
T




P

=
:
h
?
?
I=?
r

F

k
e
W

h-
k

i
E
T

A


gehabt, hatte auch lhm einen gnädigen Empfang bei
seiner ersten Erscheinung am Hofe gesichert. Seine
Wohlgestalt und ein gewisser Zug von schwärmerischer
Ritterlichkeit nahmen die Frauen für ihn ein, die
Männer nannten ihn einen Mann von Muth und
Ehre, einen vollkommenen Cavalier und gestanden ihm
alle Vorzüge einer sorgfältig geleiteten Erziehung zu.
Das Glück hatte Alles für ihn gethan, ntr sEines
hatte es ihm versagt: die Fähigkeit dasselbe zu genießen,
oder vielmehr die innere Einheit des Wesens, ohne
welche es dem Menschen nie gelingt, seines Lebens
dauernd froh zu werden.
, Der Graf wußte die Vorzüge, wwelche ihn( zu Thejl
genhorden warhn, wohl zu schäzen, aber er hätte!einen
Ehtgeiz, der ach Befriedigung verlangte, ußd es er-
öfftete sich füh denselben nicht das Feld. ßr fühlte
in sich Kräfte, die er auszubilden, die er zu ghbräuchen
wünschte, indeß die glorreichen Tage Frankreichs !schie-
nen damals vorüber zu sein. Die Regierung des sech-
zehnten Ludwig war keine kriegeriiche, es gab keine
Lorbeeren mehr auf dem Schlachtfelde zu pflückei, die
große Epoche dex Literatur lag ebenfalls schons weit
zurßck, ja sogar die alte französische Fröhlichkett belebte
die iGeister nicht mehr. Dje besondere Gefnüthsart
des, Königs, die Zerwürfnisse zwwischen dem Volke und
der Regierungs welche immer unverkennbaretj hervor-

l
h
51
f; traten, übten, ohne daß man es sich eingestehen mochte,
einen bedrückenden Einfluß auf die Stimmung des
i!
j
;


lb
Hofes aus, und man hätte wohl sagen können, man
amüsire sich aus Unbehagen, man sei so heiter, weil
man anfange Sorgen zu haben. Das leichtsinnig ver-
wegene Wort: nach uns die Sündfluth war in der
Erinnerung der Menschen unvergessen, wenn schon man
es nicht mehr nachzusprechen wagte; denn selbst am. - -
Hofe gab es Personen genug, welche die Wetterwolken
deutlich genug emporsteigen sahen, aus denen der ver-
nichtende Bliz auf die Dynastie und ihre Anhänger
fs
s hernieder fabren solte
Zu diesen Fernsehenden, Scharfblickenden hatte ders s s
j! igendtche Graf alebigs nicht gehört, ber mae hanel s f
-
ihn zu jenen edlens Unzufriedenen rechnen können, die -


von dem Tage mehr verlangten, als daß er vorüber-
gehe, und von dens Leben mehr als flüchtigen Genuß.
Unruhig umhergetrieben von einer lebhaften und doch
eigentlich unbestimmten Sehnsucht, Ideale im Herzen,
?
wie der Dichter der Heloise sie in den Menschen wach
!
b
z
s
gerufen, von -der Herzensschwärmerei berührt, welche
in der Gestalt des Goetheschen Werther ihren höchsten
Ausdruck gefunden, so hatte Joseph seit ein paar Jahren -
in der Gesellschaft bes Hofes gelebt, als die siebenzehn-s - f
jährige Tochter de Familie de la Roche, zu einer der -
F Hoffräulein der Knigin ernannt, am Hofe erschien. -
gr

k
hl

m

E
d
M
z
F
ß
hE
iE
I
sdg
z
k
D

s
D
k
b
g
Er
z
E
h

?
h?
e
F,
d
l
z
z
Franziska de la Roche war eine blendende Schön- j
heit und ebenso klug als schön, ebenso kalt und be- j
rechnend als klug. Da sie die jüngste Tochter einer ,
zahlreichen Familie war, hatte man sie von Iugend
aaaad
nach der Ansicht ihrer Eltern ein Theil des Familien-
capitales, und früh gewiegt in Träumen von Reich-
thum und Pracht, die nur um so verlockender wirkten,
je mehr sie von der ländlichen Zurückgezogenheit ab-
stachen, in welcher die junge Franziska erwuchs, war
sie bei dem Eintritt in ihren Hofdienst fest entschlossen
gewesen, ihre persönlichen Vorzüge zu nutzen und den -
Heiter, zuversichtlich, beobachtend und achtsam wl- !
größtmöglichen Gewinn von ihnen zu ziehen.
ein junger Jäger auf dem Anstand, lebhaft genng, um
schnell erregt zu werden, und doch nicht so phantasie-
voll und sinnlich, daß es leicht gewesen wäre, sie wider
ihren Willen zu beschäftigen und hinzureißen, ohne
Gemüth und ohne Grundsätze, welche ihrer Selbstsucht
und ihrem Ehrgeize hätten Schranken sezen können,
würde sie unschwer zu beurtheilen und nicht eben ein-
nehmend gewesen sein, wenn nicht die ihr anerzogene
äußere Zurückhaltung ihr den Ausirich einer Jung-
frääulichkeit verliehen hätte, von der man sich keines
Bösen und keiner Täuschung versah. Sie galt nach

!
i
58
ihrer strengen häuslichen Erziehuig füc siitsam und
religiös, und sie bewies gleich a-ige, - wie klug sie
sei, indem sie sich den Beichtvatet er Herzegin zu
ihrem Seelsorger erwählte. Der Bictvater empfahl
sie der Herzogin, und diese, welcher es wichtig war,
in der Nähe der Königin nur Personen zu haben, auf
welche die herrschsüchtige Familie der Polignac's einen
bestimmenden Einfluß ausübte, nahin das junge Hof-
fräulein in ihren besonderen Schut.
Fräulein de la Roche war das sehr wohl zufrieden.
Sie fand es bequem, eine Weile am Fuße der Leiter
zu sitzen, auf welcher sie empor zu steigen dachte. Sie
war ganz Ergebenheit, ganz kindlihe Fügsamkeit gegen
ihre Beschützerin, was sie jedoch gar nicht hinderte,
ihr Auge offen zu behalten und sich nach eine. guten
Heirath für sich selber umzusehen.
Der schöne Graf von Rottenbuel dünkte sie dazu
der rechte Mann. Sie sah, daß die Mütter heirath-
barer Töchter ihn auszeichneten und daß er am Hofe
wohl gelitten war. Das genügte ihr, sich die Aufgabe
zu stellen ihn anzuziehen, und ihre Schönheit, ihre
Jugend erleichterten ihr die Aufgabe um so mehr, als
dem Grafen jener berechnende und selbstische Sinn,
welcher Franziska eigen war, völlig fehlte. Er hatte
sich, seinen Reigungen, seinen Träumen gelebt, er war
ein glaubensvoller Schwärmer inmitten einer Gesell-

s
schaft, die nicht glaubte und schwärmte. Er hatte nur
eine Befriedigung für sein Herz, nicht wie Fräulein
de la Roche eine gesicherte Zukunft für sich zu suchen.
Er war Majoratsherr, sie die jüngste Tochter einer
adelstolzen Familie, deren Grundbesiz gleichfalls ein
Majorat war, und deren übriges Vermögen eben nur
hinreichte, den jüngeren Söhnen ein standesgemäßes
Auftreten und für die Töchter eine unbedeutende Mit-
gift zu ermöglichen. Graf Joseph gab sich Franziska's
Bewerbung arglos hin, er fühlte sich von ihr gefesselt,
und bald liebte er sie mit der vollen Hingebung, mit
dem schrankenlosen Vertrauen der ersten Liebe. Aber
gerade das idyllische, das romantische Element in sei-
nem Herzen, die Plane, welche er für seine Zukunft
an der Seite eines geliebten Weibes entworfen hatte,
trennten Franziska von ihm. Sie fand sich zu jung
und zu schön, um ihr Leben in dem einsamen Schlosse
eines unwirthlichen Gebirgslandes hinzubringen, und
kaum eröffnete die Galanterie des Marquis von Vieille-
marin ihr die Aussicht, als Cousine der Herzogin in
ihrer eben angetretenen Stellung neben der Königin
bleiben zu können, als sie ibre Absicht auf den Grafen
aufgab und sich nur noch demüthiger und fester an
die Herzogin anschloß.
Franziska de la Roche war nach kurzer Zeit Mar-
quise von Vieillemarin geworden. Sie hatte den Grafen

55
getäuscht und ihn ihrem Ehrgeiz g ernet, sie tauschte
auch ihren Gatten und die Herzogin, und u uußte es
doch allen Dreien unmöglich zu machen, daß man sie
aufgeben, sich von ihr frei machen und sie bloßstellen
konnte. Sie nannte sich gegen den Grufen ein Werk-
zeug in den Händen ihrer Familie, sie betheuerte ihm,
daß seine Liebe ihr Glück gewesen wäre, daß seine
Freundschaft ihr einziger Trost in dem Unglück igrer
Ehe, daß er ihr unentbehrlich sei. Sie reizte heute
seine Liebe und morgen seine Eifersucht auf, sie nahm
sein Mitleid, seine Großmuth, seinen marnliühen
Freundesschuz in Anspruch; sie wußte, um es mit ei-
nem Worte zu bezeichnen, Herr über seine Gedanken
und Empfindungen zu bleiben, sie nahm ihmu Ruhe,
Frieden und Zuknnft, sie gönnte ihm die Freiheit nicht,
nach welcher sie ihn oft verlangen sah. Die Liebe, die
ausdauernde Treue und Freund!haft eines Mannes
von fleckenloser Ehre waren schon nach wenig Jahren
für die Marquise ein fester Anhalt und ein schüzendes
Panier, die sie nicht entbehren wollte und nicht wohl
entbehren konnte, da ihre Stellung am Hofe allmählich
eine bedenkliche geworden war.
Die Herzogin haßte Franziska, denn sie hatte sich
in allen den Voraussetzungen betrogen, unter denen
sie dieselbe zur Gattin für ihren Vetter ausersehen.
Sie war der Zuversicht gewesen, das kluge, eiufach er-

n
1s.
kk
k
A
i
ße
au.
-
= =====- gaaeas aoawoees- ooww »P
zogene Fräulein werde den leichtsinnigen Marquis an
Ordnung gewöhnen und ihn von seinen verschwende-
rischen Neigungen zurückzubringen verstehen. Sie hatte
darauf gerechnet, in ihrer jungen Verwandten auch
künftig die fügsame Ergebenheit wieder zu finden und
von ihrer feinen Beobachtung nach wie vor Vortheil
zu ziehen., Die Marquise hatte jedoch nur eben erst
Fjs- - den Boden unter ihren Füßen gewennen, auf welchem
g-
IA) -
E
u
E
E
k
s

E
F
h
z


.
sie stehen konnte, als sie auch bereits auf eigene Rech-
nung zu arbeiten begann. Sie ließ ihren Gatten ruhig
gewähren, denn die Freiheit, welche sie ihm zugestand,
wünschte sie auch für sih selber in Anspruch zu nehmen,
und statt ein Werkzeug der Herzogin zu werden, ward
sie bald dreist genug, an eine Nebenbuhlerschaft mit
ihrer hoch in Gunsten stehenden Verwandten zu denken.
Auf diese Weise war zwischen den beiden Frauen
ein heimlicher Kampf entbrannt, dessen Erfolg nicht
lange zweifelhaft geblieben sein würde, hätte die Herzogin
nicht bei Allem, was sie gegen die Marquise unter-
nahm, die Rücksicht auf ihres Neffen Ehre, auf die
Ehre ihres eigenen Hauses zu nehmen gehabt. Indeß
Franziska mißbrauchte mit der ihr eigenen Keckheit die
Schonung, welche die Herzogin ihr angedeihen ließ,
bis diese endlich, mehr und mehr gereizt, ein Ende zu
machen beschloß, bei welchem Franziska eben der Fa-
milienehre geopfert werden sollte.

ß
B
Wen man in eine Falle zu rclr cen wvunsct, den
muß man vor allen Dingen den Weg rerfelgen lassen,
welcher ihn zu derselben führt, und die Schxanken und
Stüzen forträumen, die ihn z,üückhalten und an
welche er sich lehnen konnte. So hatte cenn auch die
Herzogin bald leichthin ermahnend, bald entschuldigend
der Verschwendung und den galanten Abenteuern ihrer
jungen Cousine zugesehen, ja sie hatte derselben stets
das Wort geredet, wenn hier und da eine mißbilligende
Bemerkung gegen die schöne Marquise laut geworden
war; denn wer konnte an Franziska noch glauben, wer
konnte nach dieser von der Herzogin befolgten Vorsicht
Franziska in Schutz zu nehmen denken, wenn die Frau,
welche sich stets als ihre Freundin und Eönnerin ge-
zeigt hatte, sich einst gegen sie erhob? Wer konnte sich
der Marquise noch annehmen, als etwa d r Graf von
Rottenbuel in seiner schwärmerischen Rfkterlichkeit -
und eben diese hatte die Herzegin jezk zu gebrauchen
beschlossen, um Franziska zu verderben, denn die ver-
wegene Eitelkeit der jungen Frau war bereits zu einer
für die Herzegin bedrohlichen Höhe emporgewachsen.
Die Herzogin genoß außer dem vollen Vertrauen
der Königin
Artois. Sie
Vieillemarin,
Hofstaat der
auch die Freundschaft des Grafen von
hatte ihren Vetter, den Marquis von
durch die Heirath nrit Franziska an den
Königin attachirt, und ihren Neffen, den

Chevalier von Lagnae, früh in die unmittelbare Nähe
des Grafen von Artois gebracht, um ihres Einflusses
und ihrer Herrschaft an beiden Hofstaaten sicher zu
bleiben. Aber Franziska's Ehrgeiz verfolgte ein gleihes
Ziel, und die Hoffnung, durch ihre Jugend und Schön-
heit die Herzogin überflügeln und sie in der Freund-
schaft des Grafen von Artois ersetzen zu können, hatten
Franziska bewogen, einen Liebeshandel mit dem Che-
valier von Lagnac anzuknüpfen, den sie aufzugeben fest
entschlossen war, sobald sich ihr die Möglichkeit eröffnen
würde, den Gebieter statt des Dieners an sich zu
fesseln. Auf dem Punkte, dieses Ziel zu erreichen,
nöthigte das Duell zwischen dem Grafen von Rotten-
buel und dem Chevalier sie, wider ihr Erwarten stille
zu stehen; denn was die beiden Männer zu demselben
veranlaßt hatte, darüber konnte man eben nicht zweifel-
haft sein, und die Herzogin beschloß, die Gelegenheit
zu einer Demüthigung ihrer hochfahrenden Verwandten
zu benutzen.
Der Marquis von Vieillemarin war von jeher ein
biegsames Wachs in den Händen seiner vielvermögen-
den Gousine gewesen. Er hatte geliebt und geheirathet,
geschwiegen und verziehen, wie die Herzogin es für
gut befunden, und es bedurfte nur ihrer Anmahnung,
daß es ihm nicht gezieme, den Galanterien der Mar-
quise länger zuzusehen, um seinen Zorn gegen dieselbe

d
k
zu entflammen und ihn die Rolle de belei. in Gaten
übernehmen zu lassen. Aber auch jet-. n:iever wap es
die Herzogin, die dem Ausbruape eine« Jorues
Schranken sezte. Eine Verwandte ihres Haub.s sollte
nicht vom Hose entfernt, nicht etwa in Unguaden ent-,
lassen werden. Sie sollte nur wissen, wetage Gefahr
ihr drohte und wessen Willen ihr Scziajal leuite, sie
sollte wo möglich von einer Rebenbuhlerin wieder zu
einer willfährigen Gehülfin herabgedrückt werdea und
einen neuen Beweis davon erhalteu, daß die Herzogin
das Steuer noch in festen Händen führe, daß die strenge
Hand derselben noch über ihrem Haap.e schwebe.
Gegen den Bruder des Königs, gegen den Gtafen
von Artois, vermochte die Herzogin a=u.- zu unter-
nehmen, und der Günstling desselben, ihr ei,eneu Neffe,
lag auf den Tod verwundet. Solite Franziska also
die Macht der Herzogin empfinden, s- mußte öerjenige
büßen, auf den die Marquise am jrwhersten vertraute, -
und den die Herzogin eben deshalb mit Nebelwollen
ansah.
Es war kein Zweifel, Graf Joseph mußte geopfert,
mußte verhaftet und womöglich gänzlich entfernt wer-
den. Der König handelte dann nach seiner Ansicht
über das Duell, der Graf von Artois empfing eine
Genugthuung für die Verwundung seiüies Günftlings,
der Marquis genoß eine Befriedigung gegenüber seiner

Frau, diese selbst mußte, während sie in der Gunst
der Königin verlor, ihre eigene Ohnmacht erkennen,
und die Herzogin zweifelte nicht daran, daß die Mar-
auise auch in den Augen des Grafen von Artois
verloren sein werde, wenn sie demselben die Be-
weise für Franziska's Liebeshandel mit dem Cheva-
lier zu bieten im Stande sei, in deren Besiz sie sich
befand.
Der Plan war gut angelegt und konnte nicht leicht
fehlschlagen, nur einen Umstand hatte die Herzogin
nicht erwogen, nur Eines hatte sie nicht in Betracht
gezogen- die Scharfsicht und schnelle und gute Be-
rechnung, deren auch Franziska fäähig war. Wie schnell
die Herzogin auch handelte, so hatte sie doch Rück-
sichten zu nehmen und ihre äußere Stellung würdig
zu bewahren, wo für Franziska wenig zu verlieren
und Alles zu gewinnen stand; und noch war der Ver-
hafibefehl gegen den Grafen von Rottenbuel nicht unter-
zeichnet, als der Graf von Artois schon das folgende
Bißet Franziska's in seinen Händen hielt:
,Königliche Hoheit! An wen sollte eine Frau,
welche das hohe Glück hat, Sie zu kennen und
Ihre ritterlichen Eigenschaften zu verehren, sich in
ihrer Verwirrung um Hülfe und um Beistand wen-
den, als an Sie, der Sie der ganzen Jugend Frank-
reichs das hochherzige Beispiel jener großmüthigen

61
Galanterie geben, welche so verzugsweise das Eigen-
thum unseres Vaterlandes iste =-
,,Die eifersüchtige Freundschaft des unglücklichen
Chevalier von Lagnac, dessen leidenschaftliche Er-
gebenheit für Ihre Königliche Hoheit sich schon
durch die Zeichen des huldvollen Antheils beunruhigt
fühlte, mit dem Ihre Königliche Hoheit wich zu be-
gnadigen geruhten, hat sich in einer Aeußerung Luft
gemacht, welche das Nebelwollen zu mißdeuten im
Stande gewesen wäre, hätte nicht ein Freund, ein
Freund, den ich wie einen Bruder lebe, seit der
Wille meiner Familie und das unumscränkte Macht-
gebot der Frau Herzogin mich hinderten, ihm einen
zärtlicheren Namen zu geben, sich meiner angenem-
men. Sie wissen, Königliche Hoheit, was geschehen
ist. Man glaubt sich Ihnen wohlgefäulig zu machen,
in Ihrem Sinne zu handeln, wenn man den Grafen
von Rottenbuel seiner Freiheit beraubt. Erklären
Sie, mein gnädigster Herr, ich beschwöre Sie darum,
daß Sie seine Bestrafung nicht begehren; oder besser
noch, lassen Sie ihn wissen, daß Sie ihm die Ver-
wundung des Chevaliers verzeihen, und befehlen Sie
ihm, Königliche Hoheit, daß er den Urlaub, den er
bereits gestern gefordert, zu seiner Sicherung durch
die Flucht benutze.
Freilih werde ich dann ganz einsam, ohne Stüze,

ohne den Beistand eines Freundes mich dem Nebel-
wollen meiner Familie preiögegeben finden; aber ist
mein Vertrauen zu kühn, ist meine Hofnung auf
die Gnade Ihrer Königlichen Hoheit trügerisch, wenn
ich mir damit schmeichle, Sie würden es nicht ver-
schmähen, einer Frau Ihre Theilnahme und Ihren-
Schutz angedeihen zu lassen, die kein heißeres Ver-
langen hat, als Ihnen zu beweisen, Monseigneur,
wie sohr sio Ibnen ergeben und in Bewunderung
zu eigen istf
Als Graf I seph nach seiner Unterredung mit !
Franziska in seine Wohnung zurückkehrte, fand er in -'
derselben ein Sehreiben vor, welches von einem könig-
lichen Läufer eben erst für den Grafen abgegeben ;
worden war.
Es trug nnr einen Buchstaben, nur ein C. als
Namensuntschrift, aber Graf Joseph kannte diesen
Buchstaben wit dem kühnen Juge, und seine Wange
erbleichte, während er die Zeilen las:
,,Man meldet mir soebeu den Tod meines Kammer-
herrn, des armen Chevalier von Lagnac, und das
Herz noch blutend von dem Kummer über diesen
Verlust. will ic mich überwindend in dem groß-
müthigen Tinne des jungen Freundes handeln, den -
ich verldn
e. Ich gehöre nicht zu Ihren Geg-

63
nern, ich verlange nicht, Sie bestraft zu sehen. Ver-
lassen Sie Frankreich, Herr Graf! -- Ihre An-
wesenheit würde Ihre Freunde verhindern, für
Sie eintreten zu können, wie das liebenswürdige
Herz Ihrer Freundin es für Sie wünscht. Reisen
Sie, Herr Graf, und überlassen Sie uns die Sorge
für Ihre Sicherheit. !
Ein bitteres Lachen, ein Lachen, das ihm wehe
that, tönte von Graf Joseph's Munde an das Ohr
seines Neffen, der gekommen war, die Befehle seines
Onkels zu vernehmen. Er fragte nicht, was der Brief
enthalten habe, der Graf erwähnte desselben mit keinem
Worte.
Der Wagen des Grafen stand vor- seiner Thüre,
und als in dem Concertsaal des Königsschlosses zu
Versailles die mächtigen Klänge der Gluck'schen Iphi-
genia ertönten, als der galante Graf von Artois die
schöne Marquise von Vieillemarin seines Schutzes und
seiner gutten Dienste auf das Feurigste versicherte, rollte
der Wagen des Grafen von Rdottenbuel zu dem Thore
der Stadt hinaus in das Dunkel der schwülen Sommer-
nacht, die kein Stern erhellte.

Kapitel 06

f
l Kapilel.
Es war seit Jahren zwischen dem Grafen und
seiner Schwester, der Freifrau von Thuris, die Rede
davon gewesen, daß der Graf die Schweiz besuchen,
seine Heimath, seine Besizzungen, seine Familie kennen
lernen sollte; aber eben der Grund, welcher die Frei-
frau die Entfernung ihres Bruders von dem Hofe so
lebhaft hatte wünschen lassen, hatte diesen dort gefesselt;
und nun, da ein Zusammentreffen von Ereignissen
ihn nach der Schweiz zu gehen bewogen, war es so
plözlich geschehen, daß Niemand von des Grafen Fa-
milie davon Kunde erhalten konnte und Niemand von
den Seinen ihn erwartete. Nicht. einmal in seinem
eigenen Hause wußte man, daß der Herr es zu be-
suchen denke, und er selber erinnerte sich dieses Hauses
eben nur wie eines Gehildes aus irgend einem Traume.
Die Sonne war im Sinken, als ihm plözlich bei
dem Blick auf die Ruinen der Burg Liechtenstein das
Bewußtein kam, daß er diese Ruine schon gesehen,
und an dem einen Anhaltepunkte stieg die ganze Ge-
gend in seinem Gedächtniß als eine bekannte und ihm
vertraute empor. Hier war er als Kind in dem gro-
ßen Reisewagen seiner Eltern gefahren, aus dem er
hinabgesehen auf die grünen, weißschäumenden Fluthen
des Rheines. Das war der Sessaplana, das der

Gallanda, auf dessen scharfgezeichuetem Gipfel der
Schnee erglänzte, obschon das Land zu ieinen Füßen
sich in die volle Pracht des Sommens gekleidet hatte;
und dort, wo das Thal sich verengte, dert ragten sie
empor auf der Höhe, der mächtige Dom und der
breit hingelagerte Bischofssitz der alten rhätischen
Stadt, dort erhob sich noch immer der viereckige, ur-
alte Thurm der einstigen Römerfeste, der uris.
Ihaetorum, die, wie ihm sein Vater damals erklärt
hatte, mit weiser Berechnung auf diesem Flecke ange-
legt, die drei Thäler zu gleicher Zeit beherrscht und so
dem Angriff von allen Seiten zu trozen vermocht hatte.
Die fernste Vergangenheit, der Gedanke an seine
Jugend, an seine Eltern und an das Jüngsterlebte
schmolzen in der Seele des Grafen in eine wehmüthige
Empfindung zusammen. Er fühlte es, welch ein
Atom der Mensch sei, und sehnte sicc doch mehr als
je zuvor nach einem festen Anhalt für sein flüchtig
hinschwindendes Dasein.
Es schmerzte ihn, daß er den Weg nach seiner
Heimath, nach seinem Hause gar nicht kannte, und es
war eine schmerzliche Reugier, mit welcher er aus .
seiner Reisekalesche in die Gegend hinaussah, die
Straße verfolgend, welche man ihn führte, und nach
rr
- »=- b- H
O
!


t
T
s

t

A
E
Der Bursche, der ihn mit fröhlichem Peitschenknalle
die lange Pappelallee von dem Flecken Malsanz nach
der Stadt hinauffuhr, der so sicher seine Pferde durch
das mit Thürmen flankirte alte Stadtthor und durch
die engen, gewundenen Straßen leitete, der kannte das
gräflich Rottenbuel'sche Haus, der wußte es zu finden.
- Der Besizer des Hauses hätte das nicht vermocht.
In der Stadt war Lebens genug. Die Bürger
; standen vor ihren Thüren, die lezte Abendstunde mit
! einander zu verplaudern, an den Brunnen tränkten
italienische und romanische Kärner ihre müden Thiere,
welche morgen den Weg über das Gebirge wieder
zurücklegen sollten, und schäkernde Burschen mit dunkel
glänzenden Augen, die bräunliche Sammetjacke auf
gut Italienisch über die Schulter geworfen, hielten
sich zu den Mägden und Weibern, die ebenfalls an
den Brunnen beschäftigt waren oder mit den vollen
Körben auf dem Kopfe von den Wiesen und Gärten
in die Siadt zurückkehrten. Nun bog der Wagen
um eine Ecke, nun fuhr man über die Brücke, und
nun erblickte Graf Joseph auch das wilde Bergwasser,
das läärmend und brausend seine Gischtmassen zwischen
den schmalen Ufern herniederrauschen ließ zum nahen
Rhein. Das war die Plessur, die von den Bergen
herabkam, und dort am andern Ufer, das war es,
das war sein Vaterhaus, seiner Väter Haus zu Chur.
R,
cd

Die Augen wurden ihm feucht. leit, tte sich das
Haus größer, höher, den Thurm se mäctig gedacht.
Er seufzte unwillkürlich. Auch das Haus war zn-
fammengeschrumpft, wie alle seine Ideale, es war nicht
das, was er davon erwartet hatte.
Je mehr sie sich aber dem Hause nahten, je deut-
licher er es unterscheiden konnte, um so besser fing es
ihm zu gefallen an. Die grünen Läden an den hohen
Fenstern der sauber gehaltenen weißen Wände, die
schönen Pappeln am Eingange des Gartens, die wohl-
geschorene Hecke und die zugespitzten Buähsbaum-y-
ramiden verriethen, daß hier treulich Sorge für ihn
getragen worden sei, und da er fühlte, wie Liebe hier
für ihn gewaltet, spann sich leise ein Faden von seinem
Herzen zu seiner Heimath hinüber.
Der überraschte Hauswart hatte Thor und Thüren
seinem fremden Gebieter geöffnet, und Graf Joseph
fand sich am Abende einsam in dem Hause, das er
zum ersten Male als das seine betrat. Er hatte sich
das Zimmer seines Vaters zum Aufenthalte ausge-
wählt, sein Kammerdiener sorgte für seines Herrn
Bedürfnisse und Bequemlichkeit; indeß die leeren Räume
ließen sich nicht beleben, und der Graf kannte Nie-
mand in Chur, den er hätte auffordern mögen, ihn
zu besuchen. Seine Blutsverwandten waren in dieser
Zeit schon lange auf ihren Besizungen in den Bergen
Hf

und in den hochgelegenen Thälern; und die einzelnenPer-
sonen aus seiner Vaterstadt, mit welchen er bei ihren ge-
legentlichen Besuchen in Frankreichinflüchtige Berührung
gekommen war, fühlte er sich nicht gestimmt zu sehen.
Al es Nacht geworden war, brachte sein Kam-
merdiener ihm das Licht in's Zimmer Er sezte den
schweren Armleuchter auf den Tisch, daneben eine
Flasche des alten Weines, der seit fast einem Men-
schenalter ungenutzt in dem gräflichen Keller gelagert
hatte, und verließ dann das Gemach.
Der Graf warf einen flüchtigen Blick nach dem
Tische, und der alte Leuchter hellte die ganze Vergan-
genheit für ihn auf. Er hatte ihn als Kind oftmals
betrachtet, diesen emporschwebenden Genius, der, aus
schwerem Silber gearbeitet, die Fackel mit den drei
Lichtern emporhielt. Sein Vater hatte dem Grafen
erzählt, daß dieser Leuchter ein altes Besizstück seines
Hauses sei, ein Werk von Benvenuto Eellinis kunst-
geübter Hand. Einer seiner Ahnen, Graf Übald von
Rottenbuel, der lange in päpstlichen Diensten gestan-
den, hatte es aus Jtalien mitgebracht, als er sich in
die Heimath zurückgezogen und sich ein Weib genom-
men hatte. Er hob den Leuchter emvor, er besah
prüfend die schöne Arbeit, aber es war nicht das
Kunstwerk, das ihn beschäftigte.
Er hätte Jemand haben mögen, dem er die Ge-

A
schichte dieses Leuchters, die Geschichte c:s Grafen
Übald und die ganze Herkunft und Abstammung sei-
nes Hauses hätte erzählen können, wie sein Vater sie
ihm hier in diesem Zimmer einst vorezzähl. Das
alte Erbstück der Famile, der alte Besiz machten ihn
sehnsüchtig denselben weiter fortzuvererben, gaben ihm
ein Verlangen nach Weib und Kind.
Er fuhr mit der Hand über die Stirn. Er wollte
die Gedanken bannen, er wollte vielleicht auch ein
ein Bild verscheuchen, das sich ihm vor die Augen
drängte; aber was er auch beginnen mochte, er wurde
seiner Stimmung nicht Meister, er konnte in dem ein-
famen Hause kein Behagen finden, und die Sebnsucht
nach einem Menschen, dem er seit Herz erscließen,
an den er sich lehnen könne, brachte ihn zu dem Ent-
schlusse, sich schon am folgenden Morgen in aller
Frühe auf den Weg zu machen, um sein Stammschloß
in den Bergen noch am Abende zu erreichen, seiner
Schwester von dort einen Boten zu senden und sie
von seiner Ankunft zu benachrichtigen.
Am Abende war er als ein Fremder iy sein Haus
gekommen, am Morgen erwachte er in demselben mit
der Empfindung des Besizers. Er glaubte hier eine
Vernachlässigung, dort die Möglichkeit zu einer Ver-
besserung zu bemerken. Obschon er sich gleich auf
den Weg zu machen beabsichtigte, ließ er den Haus-

Kapitel 07

wart kommen und gab die Anweisung zu einigen Ver-
änderungen, die er sofort ausgeführt zu haben wünschte.
Als er seine Befehle aussprach, dünkte es ihn nicht,
als habe er damit etwas Besonderes gethan; da aber
der Hauswart in die Details des zu Beschaffenden
einging, fiel es dem Grafen auf, daß er sich darum
gekümmert habe, und ohne daß er es gewahrte, knüpfte
es ihn an die Reihen seiner Vorfahren an, daß er für
die Stätte Sorge trug, welche sie begründet hatten.
ggggg gggg
?. Kapitel.
Damals war der Weg, der von Chur aus über
den Paß des Julier nach den Duellen des Jnn in
das Engadin führte, noch ein sehr beschwerlicher.
Schmale, steile Pfade, nur dem sicheren Schritte des
vorsichtigen Bergpferdes und dem festen Fuß des rü-
stigen Wanderers zugänglich, stiegen über die Felsen
hinauf, leiteten an tiefen Abhängen vorüber, in die
Thäler hinunter und verloren sich bisweilen ganz, so
daß der Wanderer selbst die Stelle zu suchen hatte,
von der aus er weiter vorwärts kommen konnte.
Die Erde lag noch im Schatten, der Nebel erfüllte


noch die Thäler, als Graf Joseph, ne ut jci ele Diener
gefolgt, langsam die Höhe emporritt. Je höher er
stieg, um so tiefer sank der Nebet. Durch Wälder
von Wallnußbäumen, an Weingärten vorbei, deren
große Blätter thautriefend der Sonye warteten, ging
es hinauf, und ein leises kühles Wehen erfrischte ihm
die Brust. Er athmete leichter und voller als je zu-
vor, und das Emporsteigen, das Vorwärtskommen er-
freuten ihn, denn in Beidem liegt ein Gelingen. Er
sah hinab, ein Meer von Nebel schwamm zu seinen
Füßen, bewegte sich langsam hin und her, ließ hie
und da eine Stätte in unklaren Umrissen erkennen,
und zog sich dann wieder wirbelnd und schwebend zu-
sammen. Er sah empor, und es traf ihn wie eine
Verklärung. In einem Schimmer, für dessen Farbe
und Pracht es keinen Namen gab, leuchteten die
schneeigen Grate des Gebirges auf dem unsäglich klaren
Himmelsblau, und als wolle das Licht beweisen, daß -
es noch die Gewalt habe, welche es in den Tagen be-
sessen, da die Wasser des Himmels sich von den Was-
sern auf der Erde schieden, so zerriß vor der Sonne
ersten Strahlen das schwebende Gewölk zu seinen
Füßen, und tief geborgen unten im Thale, wo die
schäumende Plessur aus ihrer engen Felsenwiege her-
vorbrach, ruhte die Stadt noch schlummernd und still.
Der Graf hielt sein Pferd an, um hinabzuschauen.

rrA
Da lagen sie wieder, der Dom, der Bischofssiz, die -
Wege, welche von demselben nach der Stadt hinunter-
leiteten! Er sah die Bäume, welche sein Haus um-
gaben, sah das Haus mit seinen geschlossenen grünen
Fensterladen, und auch das Zimmer, dessen Fenster
offen waren, sein Zimmer, in dem er die Nacht ge-
schlafen. Es heimelte ihn Mlles an. Die Stadt, so
klein sie war, erschien ihm schön und war ihm plözlich
lieb. Er wußte sich die Empfindung nicht zu deuten.
Er hatte oft genug von den Höhen des Montmartre
auf Paris hinabgesehen, ohne ein Gefühl der Liebe
für den Ort zu haben, obschon er sein ganzes Leben
dort gelebt, obschon er durch alle seine Erinnerungen
mit demselben verwachsen war, und doch war es eine
natürliche Erfahrung, die er an sich zu machen hatte.
Große Städte, unübersehbare Häusermassen erregen
nur Erstaunen, erregen höchstens Verwunderung, und
sprechen durch die historischen Thatsachen, welche sich
an ihre Mauern knüpfen, zu unserm Geiste; lieb ge-
winnen, lieben kann man nur Städte, die man in
allen ihren Einzelnheiten erkennen, die man als ein
Einiges, als ein Individuum mit einem Blicke über-
sehen kann; und wenn der Großstädter ein Weltbürger
wird und der Kleinstädter mit unwandelbarer Neigung
an seiner Heimath hängt, so ist das, wo es geschieht,
nicht nur Folge der geistigen Atmosphäre, welche sie

g
,
in ihren Aufenthaltsorten athmen, ienlrnn es beruht
auf einem physischen Gesetz, das auf destüumte Na-
turen seinen unabweislichen Einfluß ausübt.
Steigend und steigend ritt er in dm Tag hinein.
Hier rauschte die Rabiosa durch das Thal, dort rie-
selten kleine Bäche aus dem Gestein hervor oder fielen
schäumende Fluhen von Absaz zu Abiaz an den Felsen
hernieder, um sich mit den wilden Gleticheur ussern der
Rabiosa zu mischen und ihre gemeinsame -ülle dem
Rhein zuzuführen, der sich fern ab von zen Schweizer-
bergen in das Meer ergießt. Dann wieder sah er
auf den grünen Matten die Hütten der Seuner, wie
sie vom Thal bis zum Bergesgipfe!, I.b in Entfer-
nungen an einander reihend, eine Kette l ilden durch
das ganze Land, und worauf er seinen Sinn auch
richtete, die Natur und das Leben d-. Menscen in
ihr, Alles war auf Gliederung und Zufauinmenwirkuuug
begründet. Die Flüsse und die Meüschengeschlecter,
sie hatten dieselhe Bestimmung und oasselbe Schicksal:
zusammenwirken für die größtmöglichste Kraftentfaltung
und sich auflösen in das Allgemeine.
Er war sich neu in diesen Betrachtungen, denn in
dem wechselnden und vielbewegten Leben von Paris,
das in jenen Tagen nicht nur die Hauptstadt Frauk-
reichs war, hatte er in den letzten Jahren mehr mit
Andern als mit sich selbst verkehrt, und wenn manch

Einer in der Zurückgezogenheit an sich die unange-
nehme Erfahrung machen muß, daß er nur den Geist
seiner Umgebung gehabt habe, so wurde Graf Joseph
es nun gewahr, wie viel von seinem Geiste er Andern -
geliehen, wie viel Empfindung er in Andere hinein-
gelegt, und wie er allermeist der Schöpfer der Ge-
danken und der Gefühle gewesen sei, die er durch An-
dere zu empfangen geglaubt hatte. Er begegnete auf
seinem einsamen Wege keinem fröhlichen Genossen,
keinem Reisegefährten, aber er fand sich selbst in dieser
Stille, in dieser erhabenen Natur, und wo man sich
selber findet, da ist man in seiner wahren Heimath,
in seinem eigentlichen Vaterlande. Noch am verigen
Abende waren alle seine Gedanken an Paris, an Ver-
sailles, an Franziska gebannt gewesen; heute däuchte
es ihn, als lägen eine unermeßbare Ferne und eine
unübersehbare Zeit zwischen ihm und sener Frau.
Man war über die Mittagshöhe hinaus, als er
den Rottenbuel, sein Stammschloß, zuerst erblickte.
Auf einem steilen Felskegel lag es da, weit in die
Ferne sichtbar, wie ein Adlernest sicher durch seine
Einsamkeit. Das Schloß stüzte sich in seiner ganzen
Mächtigkeit auf den Steinblock, der es trug, es hatte
kein Fundameut als das naturerschaffene, ja es sah
aus, als sei es die Blüthe dieses Steines, als habe
der Stein es mit diesen festen trotzigen Mauern und

n
h
hz
Thürmen aus sich selbst erzeuugt. Kein R.iweg führte
zu der Burg hinauf. Die Stallungen waren am
Fuße des Felsens gelegen, die Pferde mußten dort
zurückbleiben, und feierlich und in sich gekehrt ging
der Graf die Windungen des Schloßpfades hinauf,
trat er, ein einsamer Wanderer, der Einzige seines
Namens, unter das Portal seines Stammschlosses ein.
Altersgraue Diener, Männer so wie Frauen, um-
gaben ihn unten in der Halle, und segneten ihn nnd
schauten voll freudiger Ergebenheit zu ihn empor, der
jetzt ihr Herr war; altersgraue Bilder, so Männer wie
Frauen, umgaben ihn oben in dem Saule und schauten
mit ihren ernsten Mienen zu ihm herab und schienen
ihn zu segnen, der ihr Sohn, der jetzt ihr einziger
Erbe war.
Da hing das Bild des Grafen Ruprecht pon
Rottenbuel, des Ersten seines Stammes, da hing
Graf Übald's Bild, von dem sein Vater ihm erzählt.
Die großen schwarzen Augen unter den ergrauenden
Brauen, die weit zurückspringende Stirne und die ge-
waltige Adlernase hatten etwas Finsteres und Wildes.
! Finster sah auch die schwarze, eiserne Rüstung aus
! und die blutrothe Schärpe, die er trug, und finster
! klang auch die Devise des Geschlechtes: ,iüiner muß
! der Lezte sein!?-- Graf Ruprecht hatte diese Worte
s gerufen, als er in dem Kreuzzuge des Jahres 12s

bei einem Ausfall aus der Festung Jaffa der Lezte -
gewesen war, welcher, den Rückzug deckend, außerhalb
der Thore Stand hielt, und als Kaiser Friedrich U.
den Tapferen in den Grafenstand erhoben, hatte er
ihm jene Worte als Devise in sein neues Wappenschild
zu setzen geboten.
Graf Joseph wiederholte die Devise unwillkürlich,
und wie er sie laut vor sich hin sprach, daß sie durch
den Saal tönte, dünkte es ihn, als höre er dabei
einen Seufzer, und sie klang ihm unheimlich wie eine
böse Vorbedeutung. Aber er war jung und in einer
Welt erwachsen, die dem Aberglauben und den
Ahnungen nicht viel Raum gab; und von den Män-
nern seines Geschlechtes sich zu den Bildern der
Frauen wendend, erheiterte sich sein Sinn, blieb sein
Auge endlich an den sanften Zügen seiner Mutter
hängen, deren gütevoller Blick, deren mild lächelnde
Lippen ihn willkommen zu heißen schienen. Auch
das Bild seines Vaters sprach zu ihm. Er trug in
demselben nicht wie in Frankreich die Uniform, nicht
den Rock und die Farben des Königs, aber er sah
nur noch vornehmer aus in dem reichgestickten bürger-
lichen Kleide, wie er dastand, die Rechte auf den
Tisch gestützt, auf welchem neben verschiedenen alten
Pergamenten die Grafenkrone lag. Er hatte sich
darstellen lassen wie ein regierender Herr, und re-

!
gierende Herren waren die Grafen von Rottenbuei
hier auf ihrem Grnnd und Boden, hier iu: Bündner
Lande, welches das Veltlin beherrschte und seiner
Macht bis jenseits der Berge Geltung zu verschaffen
wußte.
Die Brust des Grafen hob sich bei oieser Vor-
stellung, denn Herrschaft, auch die kleinste, ist ewwas
Verlockendes. Er hatte in seiner Dienstbarkeit unter
dem Könige von Frankreich es fast vergessen, daß
s ss oe»feteoe, weiche ee po feier kübeke -
er Herr auf seinem Grund und Boden sei, und
? gend auf in seinem Wappen betrachtet und geführt,
j sah ihm ganz anders aus, wie sie da auf dem
j Bilde neben den alten Pergamenten an seines Baters
s Sele b=g
In Chur hatte er sich zwischen den andern Häu-
Z sern, deren Bewohner er nicht kannte, in seinem
f Hause einsam gefühlt. Hier auf dem Rottenbuel
, fand er sich frei und gehoben durch sein Alleinsein.
j Er schaute von der Höhe hinab, und das Land,
h auf das er blickte, war sein eigen. Er öffnete die
! Thüren des Saales und trat auf die Altane hinaus.
s Die Wohnungen der Dienstleute, die Scheuern mi
s ihren großen Bogenfenstern, der Garten mit seinen
s weithin schattenden Bäumen, der geräumige Hof,
! die grosßen Stallungen' machten ihm Freude. Er

ließ sich den Castellan kommen, um die Grenze -
seines Besizes kennen zu lernen, um mit dem er-
fahrenen Diener die Documente durchzugehen und
Einsicht in seine eigenen Verhältnisse zu gewinnen. s
Der Abend, der nächste Tag vergingen ihm bei !
der ungewohnten Beschäftigung in der angenehmsten ;
Weise. Je mehr er sich in die alten Chroniken ver-
senkte, um so heimischer begann er sich auf seinem
Erbe zu fühlen, und je weiter er mit seinen Ge-
danken in die Vergangenheit seines Goschlechts zurück-
ging, um so ferner trat ihm, was er selbst, was er
eben erst erlebt. Es ging in seinem Innern eine
Wandlung vor, die er sich nicht zu erklären wußte.
Er fand sich plözlich jener Vergangenheit auf das
Festeste verknüpft und angehörend, und von ihr in die
Zukunft gewiesen.
Ein Geschlecht, das auf seine Ahnenreihe zurück-
sehen konnte bis in das zwölfte Jahrhundert, durfte
nicht untergehen, so lange ein Mann da war, es
fortzupflanzen; das alte Schloß durfte nicht einsam,
nicht verlassen dastehen und in keine fremde Hände
fallen. Er hatte Augenblicke, in welchen er seinen
Eltern zürnte, daß sie ihn von dieser Heimath fern
gehalten, daß sie selbst nicht hier gelebt hatten, und
der vielfach ausgesprochene Wunsch seiner Schwester,
daß er heimkehren, sich beweiben und seinen Stamm

Kapitel 08

nicht aussterben lassen solle, dünkte ihm jetzt so sehr
berechtigt, daß er ihn in einzelnen Stunden auch zu
dem seinen machte.
Aber er konnte für sich nicht an die Ehe denken,
ohne daß die Frau ihm wieder einfiel, deren Bild er
aus seinem Herzen zu reißen beschlosfen hatte; und
mit dem Gedanken an Franziska, mit dem einen
Namen klaffte die alte Wunde, klaffte der alte Zwie-
spalt in seinem Herzen wieder auf.
AEggggggea
s. Kapites.
Graf Joseph hatte vorgehabt, am nächsten Tage
seine Schwester aufzusuchen, aber es war noch früh
am Morgen, als man ihm meldete, daß die Fieifrau
von Thuris nach dem Schlosse komme.
Der Graf trat an das Fenster, und der Anblick,
welcher sich ihm darbot, überraschte ihn., Hinter
einem vorreitenden Diener ritt die Freifrau, stolz und
ruhig auf ihrem Sessel sizend, auf einem starken
Pferde den Fuß des Berges hinauf. Ihre Kammer-
fran und noch zwei andere Diener folgten ihr ebenfalls
zu Pferde.

Konradine von Thuris war sechszehn Jahre älter
als ihr Bruder, und jezt in der Mitte der vierziger
Jahre noch eine Achtung gebietende Schönheit. Sie
war groß und stark, wie das ganze Rottenbuel'sche
Geschlecht, dessen Süge sie vollständig trug. Die
starke Nase und die dunkeln Augen, die frische Farbe
der Bergbewohnerin und der feste feurige Blick nahmen
sich seltsam aus gegen ihr früh ergrautes, fast weißes
Haar, das unter der schwarzen Schneppe der Wittwen-
haube, über welcher sie den schwarzen breitkrämpigen
Reithut aufgesetzt hatte, nach der Mode der Zeit
in langen Lvcken zu beiden Seiten ihres Kopfes
herabfiel.
Der Graf eilte hinunter, die Schwester, die ihm
fast eine Fremde war, zu empfangen, und Freude und
Rührung in den ernsten Zügen, stieg sie an seiner
Seite den letzten Theil des Berges und die Treppe
des Schlosses hinauf. Als sie mit ihm in den großen
Saal des oberen Stockwerks eintrat, blieh sie unwill-
kürlich stehen, schaute umher und blickte den Bruder
an, als wolle sie den Bildern ihrer Ahnen sagen, daß
der Erbe und Herr des Hauses da sei.
Dann, als der Diener, welcher ihnen vorange-
gangen war und ihnen die Thüren geöfnet, sich ent-
fernt hatte, trat sie dem Bruder gegenüber, dessen
volle Größe sie hatte, nahm seine Hände in die ihren

und sagte mit fester Stimme, während sir ih:, wie
der Mann dem Manne, die Hände schüttelte: ,WZill-
kommen, mein Bruder, willkommen in Deiner Hei-
math! Ich bin früh ausgeritten, um, wie es gebührt,
das Oberhaupt meines väterlichen Stammes in seinem
Schlosse begrüßen zu kommen. Es hat lange genug
leer gestanden, dieses gute Haus, denn Du hattest es
fast vergessen, daß die Grafen von Rottenbuel hierher
gehören. Laßß mich denn gleich in der Stunde des
Wiedersehens die Hoffnung aussprechen, daß es Dir
gefallen möge, bei uns zu bleiben, auf Deinen Grund
und Boden, und als ein guter Bündner und Nachbar
unter uns leben.!
Wer sich selbst beherrscht und, wie er sich zu ge-
bieten versteht, auch seiner Umgebung zu gebieten ge-
lernt hat, dessen Ausdruck gewinnt allmählich einen
Ton, welcher auf Andere unwillkürlich bestimmend ein-
wirkt, und als die schöne, stolze, hochaufgerichtete Frau
jetzt mit ihrem ernsten Worte vor dem Bruder da-
stand, schloß sich ihre Erscheinung so ebenbürlig an
die Reihen ihrer weiblichen Ahnen an, daß er sich
davon ergriffen fühlte. Sie erschien ihm wie die Ver-
körperung seines Familiengeistes, und eingenommen
von dem Zauber, welchen die ganze Umgebung auf
ihn ausübte, fühlte er neben der Neigung, welche sich
n?xFFFF z=- == -==-
6

s H- =e-. -e wooe eoee =o g. »
welche sich ein Etwas in ihm sträubte, so sehr =« ?
wünschte, ihr wohlzugefallen und ihr lieb zu werden. ;
Mane blieb die ersten Stunden ungestört bei- ,
sammen, denn man hatte sich einander anzueignen.
Graf Joseph wußte nur wenig von den Tagen, in f
welchen Conradine das einzige Kind der Eltern, und
der Stamm der Grafen von Rottenbuel seinem
Erlöschen nahe gewesen war. Sie erzählte ihm von
der Freude, mit welcher der Vater die Geburt seines
Sohnes begrüßt, von dem holden Lächeln, mit welchem -
der Blick der Mutter an ihm gehangen, und von der
Rührung, mit welcher sie selbst ihn über die Taufe
gehalten hatte. Von ihrem Leben redete sie zu ihm,
das hieß für sie, von dem Gatten reden, welchen sie
verloren, und von dem Sohne, den sie in seinem An-
denken erzogen hatte. Sie rühmte es mit freudiger
Erhebung, daß kein Thuris jemals einem fremden
Herrn gedient, und lobte es, daß auch ihr Ulrich dem
Zureoen widerstanden, in Paris in die Schweizer-
regimenter einzutreten; ,dennk, sagte sie, ,es ist das
Einzige, was ich unserm Vater nicht vergeben kann,
daß er Dienste nahm. Und auch von Dir, mein
Bruder, war es nicht wohlgethan: man soll nicht
dienen, wenn man frei sein kann !r'
,Schau um Dich!r rief sie aus, indem sie ihres

!
88
Bruders Hand ergriff und mit ihm in das Freie
hinaustrat. ,So weit Dein Auge dieses Thal um-
faßt, giebt's keinen Herrn außer Dir. Droben in
dem Dorfe, dessen schlanker Kirchthurm jetzt so hell
im Sonnenlichte wiederleuchtet, betet der Pfarrer,
den Du eingesetzt, in der Kirche Sonntags für Dein
Wohl. Drüben in der Mühle, deren Räder das
weiße Wasser der Albula in raschen Schwingungen
dreht, arbeitet der Müller für Dich; auf den Matten
und Triften, welche hinaufsteigen bis an die Re-
gionen, in denen das Leben nicht mehr gedeiht,
wohnen in zahlreichen Dörfern Deine Leute, weilen
in noch zahlreichern Schaaren die Sennen, welche
Deine Heerden bewachen. Unten tief im Thale liegt
der Niederstein, die Burg, welche Graf Emanuel dem
Geschlecht erbaut; hoch über dem Arvenwald zu Deiner
Rechten hebt sich Schloß Felseck hervor, in dessen
Mauern die flügelschnellen Falken nisten, über dessen
Thürmen der helläugige Adler seine mächtigen Kreise
zieht. Das Alles ist Dein! Dein ist dies Herren-
haus, Dein ist ein Name, dem sich an Alter und
Adel nur wenige vergleichen können, die auf Europa's
Thronen sizen; Dein ist die ganze lange Reihe des
Geschlechtes, das in diesem Augenblicke auf Dich
und Deine Heimkehr niederschaut, das seine Fort-
daner von Dir verlangt, das Dir gebieterisch zu-
.

ruft: Du darfst nicht der Lezte, Du sollst nicht der
Lezte sein !r'
Sie hielt inne, der Ton der Begeisterung, der
Beschwörung, in welchem sie umwillkürlich gesprochen,
hatte auf sie selbst zurückgewirkt, die, Augen glänzten
ihr feucht, sie mußte sich sammeln, und schweigend
umherblickend lehnte sie endlich ihren Arm auf ihres
Bruders Schulter und sagte mit mütterlich vorwurfs-
vollem Tone: ,Und Du konntest so lange fern von
Deinem Vaterlande bleiben, konntest vergessen, daß
? hier Dein Name eine Macht ist, die den Bund ver-
s stärken hiift? Du konntest vergessen, daß Du hier
! Pflichten gegen das Volk zu erfüllen hast, welches
gewohnt ist, von Deinem Stamme zusammengehalten
und geleitet, von Deinem Stamme geführt zu wer-
den, wenn der Feind uns naht? Mögen diejenigen
iu's Ausland gehen, die Haß gesäet in unserm Volke
und Fluch geerntet. Dem Grafen von Rottenbuel
blüht hier iebe, wohnt hier Verehrung und Treue.
Wie konntest Du anstehen, sie zu pflegen und zu
nähren, wie konntest Du, da ich Dich mahnend rief,
so lange in Paris in Dienstbarkeit verweilen?
Der Graf war bis in das tiefste Herz ergriffen.
Die einfache und aus starker eberzeugung erwachsende
Ausdrucksweise seiner Schwester erhöhte den Ein-
druck, welchen ihr erster Anblick auf ihn hervorge-
1k

=g

-t
bracht. Ihre Worte prägten sich ihu ein, sezten
r ?r=
über sich selbst, er war sich wie entfremdet und es
dünkte ihn doch, als werde er jetzt erst sich selber
zurückgegeben; und von dem Vertrauen zu der

e rra.
er sich selber rechtfertigen: ,Du weißt nicht, Schwester,
was mich hieli!
Er hatte sich bei den Worten von ihr abgewendet
und die Hand über seine Augen gedeckt. Sie trat
an ihn heran, erfaßte diese Hand und sagte leise und
fest: ,Ich weiß es!
Ihre Blicke begegneten sich, und sich auflehnend
gegen die Macht, welche seine Schwester über ihn
gewann, versetzte er kurz und mit kaltem Tone:
,Ich kam uicht hierher, ein Weib zu suchen, ich kam,
um zu vergessen, daß ich vor wenig Tagen einer
- Frau, die mich verrathen, ein Menschenleben hin-
geopfert!?
Die Augenbrauen der Freifrau zegen sich kaum
sihtbar zusammen, ihre Stimme aber und ihre Mie-
nen blieben unverändert. ,Du wirst's vergessen!'!
erwiderte sie ruhig.

Kapitel 09

,Und was dann?' fragte er, indem er sein Haupt
erhob.
,Sie antwortete ihm nicht, und er wiederholte die
Worte: ,Und was dann?
,Dann wirst Du sehen, mein Bruder, sagte sie
in mildem Tone, ,wie gering das kurze, vergängliche
Menschenleben uns erscheint, wenn wir die Natur mit
ihren nach Jahrtausenden zählenden Wandlungen uns
gegenüber haben; dann wirst Du sehen, mein Bruder,
wie der Einzelne, sich seiner Vergänglihkeit bewußt,
das Verlangen trägt, fortzuleben in der Kette und in
der Reihenfolge eines Geschlechts, das vor ihm war-
und nach ihm sein wird, und in der Erinnerung eines
Volksstammes, der seine Segnungen an den Namen
dieses Geschlechtes knüpft.-
Kapilel.
Auf dem Lande und vollends in den Bergen, wo
der Winter jedes Dorf und bisweilen jedes einzelne
Haus im Dorfe zu einer abgeschiedenen Insel macht,
bleiben, wie die Gultur rund umher auch fortgeschritten
sein mag, doch heilweise noch heute jene Verhältnisse

S??
bestehen, in denen das Haus erzengen und leisten muß,
was innerhalb desselben bedurft wird. Der Hausherr
und die Hausfrau müssen, wenn sie ihrer Pflicht ge-
nügen wollen, Rath wissen für jeden vorkommenden
Fall und geistig und leiblich die Hülfe zu bieten ver-
stehen, die der Augenblick erheischt. Das war aber
vor siebzig bis achtzig Jahren und vollends in den
Schweizer Bergen noch viel unerläßlicher, und die
Freiin von Thuris galt in weitem Umkreise fü. eine
Frau, die wohlerfahren, rasch entschlossen und auch sehr
geduldig war, wo es darauf ankam, ein Leiden des
Körpers zu heilen oder einem Kummer der Seete trö-
stend zu begegnen. Sie verstand zu reden und reden
zu machen, und wußte zu schweigen und zum Schwei-
gen zu zwingen.
So hielt sie denn auch den Bruder ab, ihr sein
Herz zu enthüllen, so lange dieses Herz ihr nrch von
Leidenschaft bewegt und mit sich selbst im Kampfe zu
sein schien. Er sollte ihr nichts vertraut haben, was
ihn vor seinem eigenen Gefühl oder vor seiner Schwe-
ster binden konnte, und sie wünschte sich nicht auf
eine Widerlegung einzulassen, ehe die Zeit und die
Entfernung ihr als siegbringende Bundesgenossen zu
Hülfe gekommen wären.
Sie sprach mit dem Bruder nur von sich und ven
ihrem eigenen Leben. Von der Liebe redete sie zu

ihm, welche sie ihrem Gotten verbunden, und wie die-
selbe stark genug gewesen sei, ihr den ganzen Lebens-
weg zu erhellen und ihr Herz noch zu erwärmen, da
das seine erkaltet war. Sie schilderte ihm den Hin-
gegangenen, den Graf Joseph uur gesehen, als er mit
den Eltern gekommen war, die Schwzester in Thuris
nach ihrer Hochzeit zu besuchen, und indem sie ihm
, beschrieb, wie ihr Gatte hier im Lande gewaltet und
! gewirkt, forderte sie den Bruder, ohne es auszusprechen,
! zur Rachfolge auf.
Die Herren von Thuris waren ein neues Geschlecht
s im Vergleich zu den Grafen von Rottenbuel, und sie
gehörten nicht dem hohen Adel des Landes an. Einige
von ihnen haiten aber Töchter desselben geheirathet,
viele sich mit den Töchtern nichtadliger freier Häuser
verbunden, und gerade diese Stellung zwischen den
alten Geschlechtern und dem übrigen Volke hatte den
Herren von Thuris ihren Einfluß und ihr Ansehen
unter dem.Theile der Bündner verschafft, welchem das
Nebergreifen der österreichischen oder französischen
Herrschaft in Graubünden ein Dorn im Auge war,
und welcher es deshalb als eine Schmach ansah, wenn
die Bündner, welche freie Männer in einem freien
Lande waren, sich zu Söldnern an den fremden Höfen
hergaben und ihre Söhne die Schlachten fremder
Fürsten mit ihrem Blute ausfechten ließen.


89
Gonradine war in den Begriffen der alteu Aristo-
kratie erzogen worden, aber aus der Atmosphäre des
Hofes in die Berge, aus ihrem Vaterhause zu Paris
in das Haus ihres Gatten nach Thuris in die Stam-
mesheimath versezt, hatte sie sich, eben weil sie eine
nnabhängige und zum Herrschen geneigte Seele war,
mit warmer Neberzeugung den Ansichten ihres Man-
nes angeschlossen, und der Stolz auf ihr altes Ge-
schlecht hatte sie die Unabhängigkeit des Vaterlandes
schätzen lehren, in welchem kein Fürst die Freiheit des
Edelmannes beeinträchtigte und keine Schranke für
denselben bestand, sofern er dem Gesetze nicht zu nahe
trat, das er selbst sich mit den Theilnehmern der drei
Bunde auferlegt hatte.
Geehrt von dem alten hohen Adel, dem sie durch
ihre Geburt verbunden war, und dessen Ansprüche sie
aufrecht erhalten zu sehen wünschte, geliebt von den
nenen Geschlechtern, denen sie sich freiwillig angeschlossen
hatte, genoß die Freifrau eines ungemeinen Ansehens
in dem ganzen Engadin, und Schloß Thuris war der
Vereinigungspunkt für alle diejenigen, welchen die
ebergriffe der fremden Fürsten und die Tyrannei der
Mächtigen gegen die Geringen im Lande gleich ver-
haßt waren.
Nach Thuriö ging man, um sein Herz zu entlasten,
nach Thuris, um Rath und Trost für seine Sorgen

und Mitgefühl für seine Freuden zu finden, und wer
die Freifrau in ihrem Hause beobachten konnte, wenn
Leute aus den entlegensten Thälern und von den
höchsten Bergen sie aufzusuchen kamen, oder wer sie
gesehen hätte, wenn sie bei irgend einer Reise durch
das Land in den Schlössern und in den Hütten vor-
sprach, der hätte eingestehen müssen, daß manche Kö-
nigin die Freifrau um die Herrschaft zu beneiden habe,
welche sie durch ihre ernste Güte gewonnen hatte,
- und um die Liebe und Verehrung, mit welcher man -
ihr lohnte.
Was Fraü Conradinen geschah und sie betraf, war
an und für sich ein Ereigniß im ganzen Engadin,
und man hatte daher kaum erfahren, daß ihr Bruder,
der Graf von Rottenbuel, heimgekehrt sei, so wurde
Schloß Thuris von Gästen nicht leer, und Graf o-
seph sah allmälich vor seinen Augen sich Menschen
und Zustände entfalten, so verschieden von Allem, was
er bisher gekannt, daß er ein Bedürfniß fühlte, fest zu
halten, was er erlebte und was er bei diesem Erleben
dachte. Die Tagebuch -Hefte, welche Jungfer Ursula
mir überließ, geben davon Kunde.
Schloß Rottenbuel den 18. August 178?. Man
, erzählt von einem Manne, der so lange im Gefäigniß
! gesessen, daß er, der reinen Luft und des hellen Tages-

?
f
N1
lichtes entwöhnt, sie nicht ertragen konnte und bei der
Berührung durch sie todt zu Boden fiel. Aehiulich
ergeht es mir. Die reine Luft, welche ich hier athme,;
regt mir das Blut auf und macht meine Gedanken
so unruhig durcheinander wogen, daß ich kaum weis,
was ich fühle und was ich wünsche. Die Natur um
mich her ist groß und
ähnlich. Hier geboren
leben, wenn man hier
neidenswerthes Glück,
ernst, die Menschen sind ihr
und erzogen zu sein, hier zu
erzogen ward, ist vielleicht ein
aber nicht Jeder ist für jedes
Glück geschaffen. Die Sprache klingt rauh an mein
Ohr, die Wahrheit des Ausdrucks ist oft zu nackt,
und erscheint doppelt so, wenn sie neben der Verfei-
nerung auftrit, welche eine große Anzahl meiner Lands-
leute sich im Auslande erworben haben. In keinem
Gesichte sehe ich jenes Lächeln, Franziska's Lächeln,
welches mein Herz erwärmte, und keiner Lippe ent-
quillt ihr süßer Ton!
Den B. August. Die Nähe meiner Schwester
thut mir wohl. Ihre Heimath freilich ist in diesen
Bergen. Ihr Sinn ist hoch, ihr Verstand klar wie
diese Luft, ihr Herz tief und still wie die ruhenden
Seen dieses Landes, und ihr Auge sieht auf Jeden
und auf Alles so ruhig herab wie die Soune am
Mittag. Jeder Tag erschließt mir deutlicher, was
meine Schwester ist, jeder Tag macht mir es klarer,

was sie aus mir machen möchte. Vorsorgende Liebe
soll hier im Lande die Wege bahnen für eine Aus-
gleichung, die zu kommen nicht säumen wird. =- Wie -
weit hin ihre Verbindungen reichen, wie gut sie unter-
richtet ist! -- Die Nähe täuscht den Blick bisweilen (
wirklich. Mich dünkt, auch ich sehe von hier aus --
deutlicher, was sich jenseits der Berge vorbereitet, was -
an dem Horizonte Frankreichs emporsteigt, und was.
auch hier emporsteigen könnte, ein drohendes Gespenst,
wenn man's nicht im Voraus zu bannen trachtet.
Den W. August. Welch köstliche Tage habe ich-
verlebt! Es scheint mir, als hätte ich zum ersten
Male, seit ich lebe, frische Luft geathmet. Die Sonne
ging eben auf, als wir Thuris verließen. Es war
kalt auf der Lenzer Haide, der Inn floß voll und
weißschimmernd durch die Wiese hin, die hier, ein
wahres Naturspiel, zwischen den Felsen ausgebreitet
ist. Es muß viel Schnee geschmolzen sein, viel Wasser
sich gelöst- haben von den Gletschern, der Strom hat
sich mächtig gehoben. Die Sonne ist schön, wenn sie
über die Berge emporsteigt und warm und liebevoll
das Lebendige bis in die tiefsten Gründe suchen und
erquicken geht. Eine Sonne sollten die alten Ge-
schlechter in ihr Wappen setzen- barmherzig erwär-
men und beleben müßten sie die Welt mit ihrem
Lichte, damit man ihnen das Bestehen gönnte, das

Bestehen wünschte und auf ihr Bestehen hoffne, wie
auf der Sonne unfehlbares Licht.
Ich meinte so viel Menschen zu kennen, so viel
Freunde zu haben in Paris, hier will mir's erscheinen,
als hätte ich Niemand gekannt und keinen Freund ge-
habt. Was wußte ich von den Menschen, die ich täg-
lich sah? Was wußten die Menschen von mir, die
sich meine Freunde nannten?
Gonradine kannte Kind und Kindeskinder, wohin
wir kamen.- Sie wußte, was man erstrebte, was
man bedurfte, was Jedem fehlte und worauf er
hoffte, und Jedermann wußte von ihr. Man rief ihr
entgegen, als man mich an ihrer Seite sah, man hatte
mich mit ihr erwartet, und man tadelte sie, daz sie
den Sohn noch immer in der Fremde lasse. -= ,Ich
gönne ihm Zeit, es einsehen zu lernen, sagte sie sich
vertheidigend, , wie viel besser es hier in Bünde ist !r
-- Solche Gemeinsamkeit verdoppelt das eigene Leben,
und wenn ich höre, welche Sorgen die Andern zu
tragen haben, mit wie Wenigem sie sich zufrieden
geben, wie viel und wie wenig der Einzelne leisten
kann, so bewältizt mich eine Art von Resignation.
Daneben kommt mir der Wunsch zu nüzen und zu
beglücken-- damit das Leben nicht ungebraucht ver-
geht. Wie oft ich auch zurück denke nach Paris--
was könnte ich dort erfahren, das mich freute?

H4
Am Nachmittage langten wir bei dem alten
Freunde meiner Schwester an, das bevorstehende Fest
mit ihm zu feiern. Das ist ein echter Rhätier, ein I
echter Bündner, dieser alte Herr von Gunta; und wie,
vornehm er aussieht in seiner altväterischen Tracht,
in der dunklen, schmucklosen Kleidung! wie schön seine
Tochter aussah, als sie an ihres Vaters Seite uns z
auf der Schwelle ihres Hauses zu begrüßen kam! !
Die Falten ihres weißen Kleides flossen leicht bewegt
an ihrem schönen Leibe nieder, das blaue Band, das-
ihr schwarzes, unfrisirtes Haar zusammenhielt, spielte
im Winde auf ihrer bräunlichen Schulter, und die
dunkeln Augen begrüßten mich so zutraulich, als hätte
sie einen Bruder vor sich, oder als wäre die prächtige
Jungfrau noch ein Kind, das noch alle Menschen
liebt und von Allen sich nur Gutes erwartet.
Am folgenden Tage fand die abermalige Installa-
tion des Herrn von Gunta zum Landammann statt.
Er war schon früher dreimal in diesem Amte gewesen,
und weil er Vertrauen genießt, kam man von dem
ganzen Gau zusammen, der Feier beizuwohnen. Schon
früh am Morgen zogen die Mädchen spazierend ein-
her, in den scharlachrothen, faltenreichen Röcken, auf
welche von den schwarzsammetnen, goldverbrämten
Miedern die langen Bänder bis zu den Fersen nieder-
hingen. Wie die seidenen, vielblumigen Schürzen

-
9B
schimmerten, und wie keck und fröhlich die Augen
blizten unter dem straff emporgekämmten Haar, das
die kleinen Käppchen und die großen Silbernadeln
nicht zusammen zu halten vermochten! Auch Fräulein
von Gunta hatte für den Tag die Landestracht an-
gelegt, und half den Mägden ihres Hauses bei der
Bewirthung der Gäste, als wäre das ihres Amtes.
Ich machte ihr eine Bemerkung darüber. Sie sah
mich mit einem gewissen Erstaunen an. , SSoll ich
den Menschen nicht dienen,! sagte sie, ,,wwelche gekom-
men sind, meinem Vater Vertrauen und Ehre zu
erweisen?
Das Schloß füllte sich mehr und mehr, und da
die Hausfrau todt ist, vertrat Veronika ihre Stelle.
Ihr Anblick rührte mich, weil ihre stolze Freude über
ihres Vaters Ansehen sie so demüthig machte, und alle
ihre Demuth den Adel ihres Wesens nicht verbergen
konnte. Mitten aus dem Kreise der sie umgebenden
Mädchen sah man immer sie. Ich habe in Trianon
manchmal an der Seite der Königin gestanden, wenn
sie die Schäferin spielte; man konnte es vergessen,
daß man eine Königin vor sich hatte; so lieblich sah
sie aus. Veronika's strenge, königliche Schönheit läßt
sich nicht verhüllen, fordert in jedem Augenblick Be-
wunderung- Bewunderung -- nicht Liebe.
Den 80. August. Das Volksfest auf Schloß

e
Gunta liegt mir noch im Einne, die natürliche Freude
bei demselben hat mich erwärmt. Jedermann war
! gerührt, als von fern her der alterthümliche Marsh
! erklang, und die drei aufgeputzten Musikanten, mit den
! bunten Bändern an, ihren Hüten und Instrumenten,
, in feierlich gemessenem Schritte vor den berittenen
! Wahlmännern einhergingen, die, fest in ihre Mäntel
gehüllt, den Degen an der Seite und eine bunte
Kokarde am Hute, ihnen bis an die Pforte des
Schlosses folgten. Hier stiegen die Wahlmänner ab, s
und während die Menge sich in dem Schloßhof und -
außerhalb desselben immer dichter zusammendrängte,
holten die Wahlmänner mit dem bisherigen Land-
ammann den neuen Landammann herunter. Bar-
häuptig und mit goldbordirten Mänteln sezten sich
die beiden Landammänner nun ebenfalls zu Pferde,
während die Musik und die Menge ihnen entgegen
jubelten und die alte Gerichtsfahne, welche schon die
Schlachten- des fünfzehnten Jahrhunderts mitgemacht,
vor ihnen einhergetragen wurde. Eine Weile ging
der Zug durch das Land, und selbst die Frauen, selbst
meine Schwester und Veronika schlossen sich ihm an.
Mitten in einer Haide machte man Halt. Der bis-
herige Landammann bestieg einen auf der Haide lie-
genden Stein und übergab mit Dauk für das Zu-
trauen seiner Mitbürger das Amt in des alten Gunta

z?
H Hände. Nun betrat dieser die natürliche Tribüne,
ß; und in einer Umgebung, die großartiger nicht leicht
zu denken ist, stehend auf dem Steinblock, der viel-
P leicht schon Jahrtausende auf dieser Stelle gelegen,
r=arNR
? gestrichene Stäbchen und das mehrere hundert Jahre
ß alte, vergilbte Statutenbuch als Insignien seines Amtes,
s die er dem Weibel zur Bewahrung übergab, und sprach
s dann in kräftig feuriger Rede zu dem Volke, von dem
s Glück der Freiheit, deren sie genossen, und von dem
s stolzen Bewußtsein, keinen Herrn über sich zu wissen,
s als den allmächtigen Schöpfer Himmels und der
s Erden, der diese Berge in ihren Grundfesten aufge-
! richtet, der das Firmament ausgespannt über die Erde
s und seine Sonne daran gesetzt, und der lebendig unter
! ihnen sei in seinen Wundern und Zeichen.
Und als solle dieser Rede ein Schluß gegeben
j werden, großartig und imponirend wie der Sinn des
s Mannes der sie gesprochen, so rollte in dem Augen-
j blicke von der nächsten Bergesspite eine mächtige La-
! wine hernieder, daß ihr lauter Donner über das Thal
j hinschallte und wieder und wieder von den Felsen
s nachklang, bis das lezte Echo in dem jubelnden Lebe-
s hoch und Vivat untergegangen war, mit welchem die
s Bürger ihren Erwählten begrüßten.
Vewald, Kleine Romane. R
?
s

Ich fühlte mich wohl in den Reihen dieser Men-
schen. Das Herz schwoll mir in einer großen Em-
pfindung, und ich war gerührt. Conradine bemerkte
es.,Hast Du Aehnliches erlebt an Deinem Königs-
hofe zu Versailles?' fragte sie. Ich bin ihr die Ant-
kele Atwort uf die Krogen zu geben, die sleh z s
wort schuldig geblieben, denn ich weiß mir selber noch
mir regen. Mein Sinn wird unwwillkürlich von einer s
Sehnsucht, die ich mir nicht eingestehen mag, in die s
weite glänzende Ferne zurückgeführt, obschon meine f
jetzige Umgebung mich anzieht und meine Theilnahme
gewinnt. Ich habe den rechten Halt verloren; und
ich bildete mir doch ein, ein Mann zu sein! -
Den ß. September. Meine Schwester sendete mir
gestern den Brief, den sie von ihrem Sohne erhalten.
Was soll ir mir? was konnte er mir bringen, das
ich nicht wußte, nicht erwartet hatte, als der Prinz
---
Es war ja lange Franziska's Plan gewesen, und
sie hat ihren Weg mit meisterhafter Sicherheit ver-'
folgt. Was kümmert es sie, daß sie mein Leben ver-
giftet? daß sie mich um Glück und Hoffnung betro-
gen? daß ich den Jüngling jezt beweinen und beneiden
könnte, der durch meine Hand ihrer schrankenlosen
Eitelkeit zum Opfer siel?-- Und doch wollte ich,
Ulrich hätte geschwiegen. Es thut mir weh, daß Con-

9
radine sie verachtet. Es brennt mir in der Seele,
daß ich nicht Verehrung fordern darf füt das Weib,
welches ich mit nicht zu besiegender Leidenschaft ge-
liebt, für das Weib, das ich verdamme und das ich
doch nicht verschmerzen kann.
Schloßß Thuris, den 1. September. Welch ein
Weg, welche Nacht war das!=- Conradiue hat Recht,
dies Land, dies Leben müssen auch der Weiber Herzen
stählen!
Wir waren vorgestern hier von Thuris nach Schloß
Gunta geritten, den Wahlschmaus zu begehen. Das
Schloß, seine Höfe, seine Gärten waren voll Menschen.
In der großen Halle, auf dem Hofe avaren die mit
Speisen und Getränken überfüllten Tische aufgestellt.
Die Menschen waren meilenweit herbeigekommen, es
war wie bei einer Kirchweih, das Begrüßen, das Be-
sprechen, die Freude, die Vivats und das Schießen
fanden kein Ende, bis man zum Tanze ging-
Man tanzte in der großen Hausflur des Neben-
gebäudes, denn nur das Volk begehrte den Tanz.
Die Musikanten, welche an dem Wahltage ihre Künste
geübt, spielten auf, ein paar an die Mauer befestigte
Lampen, in denen große Unschlittklumpen den Docht
tränkten, machten die Beleuchtung. Man begann mit
dem alten romanischen Nationaltanze, mit der Sear-
petta, und der Landammann hatte darein gewilligt,
e ss

zzgg,
As
z

j

10
auch Veronika an dem Tanze theilnehmen zu lassen.
In zwei langen Reihen stellten die Burschen sih wie
zu einer Eccossaise auf, Veronika wieder in der Lan-
bestracht an der Jungfrauen Spize. Als die Tänzer
sih geordnet hatten, verstummte die Musik, man
tanzte nach Gesang. In langen, gezogenen Tönen
sangen die Männer im Chor: Ohi t ksit qvells
sesrpetts, ehi ts rs tan bsin? (Wer hat Dir die
Schuhe gemacht, die Dir so wohl anstehen? und in
gleichem Ton und Rythmus erwiderte der Chor der
Mädchen: Ili l kait el mi smore, ehi mi -uol
tsu bsin! (Mein Liebster hat sie mir gemacht, der
mir so sehr wohl will!s Sie wiegten sich dabei mit
den Körpern nicht unschön nach dem Takte, und so
oft die Worte tan bein gesprochen wurden, schlug die
ganze Gesellschaft rythmisch in die Hände und sprang
mit beiden Füßen auf dem Platze empor, den Takt-
t
schlag zu verstärken. Man sezte das eine ganze Zeit
lang fort, und ich suchte in Veronika's Zügen zu lesen,
was sie in dieser Gesellschaft und was sie bei diesem
Tanze empfände, der mir den SüdseeInsulanern ent-
lehnt zu sein schien. Ihr Auge war hell, ihr Mund
lächelte, sie war sehr heiter.
,Wie können Sie diesen Tanz ertragen, der kein
Tanz ist?' fragte ich sie endlich. Sie sah mich an,
als falle ihr meine Aeußerung auf, und es wollte mir

-
11
-;
bünken, als erröthe sie. Aber mich gleich darauf mit
ß lhrem hellen Auge anblickend, sagte sie:.,D, der
F Tanz ist schön! Wlr Alle haben die Worte der
F Searpetta von unsern Müttern gelernt, und haben -
die Scarpetta getanzt, sobald wir auf den Füßen
stehen konnten. Kindheit und Jugend und unsere
Mütter und Gespielen, Alles lebt uns in dem Tanze,
in der fröhlichen Scarpetta!!! =- Und gleich darauf
sang sie wieder ihr: Ili lü kait sl mi swore, elü
mi uol tan bein! und sang es mit einem so fröh-
lich herausfordernden Blick gegen mich, mit so viel
Lust, mit so viel eigenem Behagen und so viel absicht-
lichem Troze, daß ich mir eingestehen mußte, es ge-
t
höre nicht viel Kunst dazu, diesem schönen Wesen sehr
f wohl zu wollen!
Als man sich in dem Nationaltanze genug gethan,
!f spielten die Musikanten den Ländler auf, und eit
junger Bursche näherte sich Veronika. Ich sah, daß
des alten Gunta Stirne sich runzelte, ich mußte
lächeln. Die Tochter im Arme des Bauern zu sehen,
stand dem aristokratischen Volksmanne doch nicht an;
aber das brachte ihn mir menschlich näher, obschon es
mir, falls es dessen noch bedurfte, den Beweis gab,
wie es mit der allgemeinen menschltchen Gleichheit,
welche Herr von Gunta und meine Schwester so zu
preisen lieben, hier in diesen Bergen beschaffen ist.

1gN
Auch ich mochte jedoch Veronika dem Bauernsohne
nicht überlassen. Ich kam ihm zuvor, nahm ihre
Hand und führie sie ohne besondere Neigung in die
Reihe. Aber es war eine Lust, sie zu heben und zu
stützen, sie zu führen und zu halten, in ihr klares
Auge zu sehen und die fröhlichen Worte von ihren
schönen reinen Lippen zu vernehmen. Wohl dem
Mann, dem es einst vergönnt sein wird, mit freiem
Herzen sie die ersten Laute der Liebe stammeln zu
hören, den ersten Kuß von diesem unentweihten Munde
zu trinken.
Man tanzte bis in den Nachmittag hinein, dann
brach man plözlich auf, denn viele der Gäste hatten
weite Strecken zurückzulegen, und auch wir dachten
uns auf den Weg zu machen. Da aber Veronika,
welche ihres Vaters Gäste zu entlassen hatte, uns be-
gleiten sollte, um einige Tage in Thuris zu bleiben,
wurden wir aufgehalten, und die Sonne neigte sich
zum Untergange, als wir Schloß Gunta verließen.
Gonradine, deren Selbstgefühl sich in jedem Inge,
in jeder Aeußerung ihres Wesens ausspricht, ritt allein
gleich hinter ihrem Diener her. Ich folgte an Vero-
nika's Seite, die Mägde der beiden Frauen und mein s
Reitknecht schlossen den Zug. Veronika, die, wie meine f
Schwester, immer eine Beschäftigung haben muß,
unterhielt sich damit, mir die Namen der Berge, der
einzelnen Bergspitzen, der Schlösser, Dörfer und Wei-

108
- ler zu nennen, an welchen wir verüt.rmen. Aber
f wir waren noch nicht lange unterwegs, als e mir
s auffiel, wie selbst die nächsten Berge sic vor unserm
j Blick verschleierten, und wie es dunkler wute, als es
, der Zeit nach zu erwarten stand.
Der Tag war schwül gewesen troz seiner Hellig-
s keit, jezt lagerten die Wolken sich dichter und dichter
! zusammen. Bisweilen tauchte ein Steru auf, um
! schnell wieder zu verschwinden, und ein heißer, schwerer
! Luftstrom zog in bebenden Schwingungen dann und
! wann durch das Thal. Hier und da töntte es wie
- ein Seufzen aus den Schluchten empor, hier und da
hallte es wie ein unterdrückter Angstschrei von den
Bergen nieder. Die Vögel flogen troy der be-
ginnenden Dunkelheit noch unruhig kreisend über
unsern Häuptern umher und fuchten dann in banger
Hast ihre Nester zu gewinnen. Veronika war stil!
geworden, ihr Auge schaute sorglich nach der Stelle
hin, an welcher die Sonne untergegangen war. Die
Nacht brach vorzeitig ein, die Widstöße folgten ein-
ander in immer kürzeren Zwischenräumen, das Pfeifen,
das Stöhnen, das Grollen in der Luft wuröe immer
stäärker und vernehmlicher, und die schwüle Wärme
legte sich, obschon wir uns noch hoch genug befanden,
wie mit eisernen Reifen athembeklenmend um Brust
und Gehirn.

?
104
Conradine wendete sih um. ,Dein Vater hat
Recht gehabt, Veronika!' sagte sie,,der Föhn kommt
auf f!
,Ja!'' versezte Veronika, und beide Frauen schwie-
gen wieder. Es lag etwas Achtunggebietendes in
ihrer Ruhe vor dem Ausbruch einer nahen Gefahr.
Und das Unheil ließ nicht lange auf sich warten,
denn kaum daß sie gesprochen hatten, so zuckte ein
gelber Bliz durch das untere Gewölk, ein zweiter, ein
dritter flammten von der andern Seite durch die
Finsterniß, und als wären alle Stimmen von der
Natur entfesselt, so wild brauste, pfiff und hallte es
durch die Nacht. Der Schall des Donners verlor
sih in dem wilden Tosen. Sich auf dem Pferde zu
halten war unmöglich, auch wenn die Thiere weniger
von Angst ergriffen und scheu gewesen wären. Ich
hatte die Frauen herabgeheben, aber ein Obdach, ja
selbst eine Zuflucht war nirgend zu finden. Der Re-
gen begann in Strömen niederzufallen, das ganze
Firmament stand in Flammen, der Sturm steigerte
sich zum Orkan, wir hörten die Wasser von den
t. a
in stechend scharfen Schnee, und wir standen mitten
auf der Haide, ohne ein Vorwärts, ohne ein Zurück,
Mir schlug das Herz in der Brust, ich bangte für

105
s die Krauen, deren Mäntel schon lange kein Schut
j mehr waren gegen dieses Wettets vernichtende
Gewalt.
Unkundig der hiesigen Verhältnifse hatte ich beim -
Ausbruch des Orkans vorgeschlagen uns unter den
Schuz der Bergwand zu flüchten, die sich zur linken
Seite der Straße hinzeg, aber das Herabrellen der
Steine, welche das niederströmende Wasser mit sich
führte, machte das unthulich, und chnmächtig und
schuzlos der Wuth der Elemente preisgegeben, wurden
die Minuten uns zu langer Zeit. Die unthätige
Sorge, die Unmöglichkeit helfen, abwehren, beschüzen
zu können, und das lautlose Schweigen der Frauen
marterten mich. Ich hätte mich erleichtert gefühlt
durch ihre Klagen; ich hätte sie zu beruhigen, zu
trösten, ich hätte doch irgend Etwas zu thun, für sie
zu thun gehabt; ich hätte weniger lebhaft empfunden,
wie hülflos wir waren.
Endlich nach einer halben Stunde ließ der Orkan
in seinem Toben nach, die Blitze wurden seltener,
Schnee und Regen hörten auf, nur die Kälte blieb
empfindlich. Zog noch bisweilen ein Windstoß durch
die Luft, so klang es, als ob er jetzt von ferne käme,
und er fegte das Gewölk und die Nebel, in denen
wir uns befanden, vor sich her, daß die blaßgelbe kalte
Scheibe des Mondes für Seeunden aus der Finster-

10
uiß hervorbrach, um eben so schnell hinter den flie-
genden, sich zusammenballenden und wieder verschwe-
benden Wolkenzügen zu verschwinden.
Wir athmeten anf, wir konnten daran denken,
! vorwärts zu kommen, wenn schon es unmöglich war,
! die Pferde wieder zu besteigen, denn die Verwüstung
auf dem Wege war zu groß. Hier lag eine riesige
! Arve entwurzelt, als hätte man sie mit Hebeln aus
der Erde gehoben, dort versperrten niedergerollte
Steinhlöcke den Weg, den an andern Stellen das
Wasser des ausgetretenen Flusses durchgerissen hatte.
Mt Mühe und Noth erreichten wir spät in der Nacht
den nächsten Hof. An ein Weitergehen, an eine Heim-
kehr war nicht zu denken. Nicht nur unsere Kleidung,
auch die mitgenommenen Manielsäcke waren bis in
ihren innersten Kern durchnäßt. Man half uns in
dem Hofe aus, und der Eindruck des Traumhaften,
dem ich hier so hääufig unterliege, umfing mich leb-
hafter als - je zuvor, da ich mich in jener Nacht unter
dem schlichten Dache, an dem weißen Holztisch, in der
Kleidung eines Landmanns, den bäuerlich gekleideten
Frauen gegenüber befand.
Als das Feuer auf dem Heerde brannte, uns zu
erwärmen, sagte meine Schwester:,Mir ist ganz,
bange geworden draußen!!!,Mir auch!! fügte Ve-
ronika hinzu.,Ich dachte, wie der Vater um uns

Kapitel 10

g?
in Sorgen sein würde, ich fürchtete auch woirklich, wir
würden umkommen in dem Orkan, und ich lebe doc
so gern !!'
,Aber Sie äußerten keine Furcht!' wendete ich ein.
,,Ich betete in meinem Herzen !' gab sie mir zur
Antwort.
Glückliches Mädchen! möge der Himmel Dir Dei-
nen starken und schweigenden Muth, Dein frommes
Gottvertrauen und Deine Freude an dem Leben stets
erhalten. O, daß ich sie zu theilen vermöchte!
1. Kapitel
Die Aufzeichnungen des Grafen Joseph brachen
damit ab. Es fanden sich deren auch keine aus
spätern Tagen vor; es ist anzunehmen, daß nur das
erste Alleinsein in der ihm fremden Natur ihn in
jene lyrische Stimmung versetzt hat, in der er zu
dem schriftlichen Selbstgespräch seine Zuflucht ge-
nommen. Dagegen bot eine Reihenfolge von Briefen
den weiteren Einblick in die Berhältnisse des Grafen
Joseph dar. Der erste derselben ist von der Freifrau

s:
b
t

A
fzg
r st
j
nEs
zhs
tHi
Ih
ilk
i i
u
i
sK
iz
tn
V
e
D
E
k
k
108
von Thuris an ihren Sohn gerichtet. Ich theile ihn
und die ihm folgenden Briefe ganz so mit, wie sie
mir übergeben worden sind.
,T huris, den 1. Februar 1788.
Ich habe Dir eine Trauerpost mitzutheilen, mein
lieber Sohn! Unser alter, trefflicher Freund, mein
treuer Gunta ist gestorben. Eine Erkältung, die er
sich auf der Jagd zugezogen, ist ihm tödtlich gewor-
den, und unsere arme Veronika ist nun verwaist. Sie
hatte Dir das Unglück, das sie betroffen, den Verlust,
den wir Alle erlitten haben, selber melden wollen, ich
habe es ihr aber abgenommen, da sie viel zu schreiben
hat und nebenher für die Freunde ihres Vaters Sorge
tragen muß, die gekommen sind, ihm die lezte Ehre
zu erweisen. Sie hat sich in allen diesen Tagen, am
Krankenbette, bei dem Tode ihres Vaters und in den
Obliegenheiten, welche jezt auf sie fallen durchaus be-
währt, wie ich sie zu finden gehofft hatte. Ihr Schmerz
ist sehr tief,. aber sie bleibt Herr über sich und ihn,
und zeigt sich sanft und fest zugleich.
Ich habe ihr vorgeschlagen, zu mir nach Thuris zu
j kommen, wenn die Bestattung ihres Vaters erfolgt
f sein wird; sie hat das aber abgelehnt, und ich finde das
, begreiflich. Sie wird sich selbst genügen, ihren Gram
ausleben wollen, wenn sie ihre ersten Obliegenheiten
erfüllt hat; ja ich traue ihr zu, daß sie den Vorsaz

e
t
1009
ausführt, welchen sie am Sarge ihreö Vaters in den
ersten Augenblicken nach seinem Tode aussprach, als
ihre Leute wehklagend den Verlust ihres Gebieters be-
klagten. Sie scheint in Gunta bleiben und mit Hülfe
ihrer treuen und erfahrenen Leute die Bewirthschaftung
ihrer Güter in dem Sinne unseres verehrten Freundes.
fortführen zu wollen. Ich wüßte auch nicht, was sie
daran hindern sollte, denn ich würde in dem gleichen
Falle das Gleiche gethan haben.
Indeß hoffe ich, daß bald eine andere Hauad ihr
die immerhin nicht leichte Aufgabe tragen helfen wird.
Vielleicht sage ich mit dem Worte,hoffen'' mehr, als
ich vertreten kann. Was man aber lebhaft wünscht,
das hofft man auch.
Dein Onkel lebt sich bei uns ein, und die Nach-
richten, welche Du mir im vorigen Herbste gegeben,
haben sicherlich nicht wenig dazu beigetragen. Schon
seit Monaten spricht er nicht mehr von seiuer Rück-
kehr nach Paris, die anfangs eine fest beschlossene
Sache für ihn war. Die Stille und Einsamkeit auf
Rottenbuel gewinnen einen Reiz für ihn, die Bewirth-
schaftung seines Erbes fängt an, ihm ein Interesse ein-
zuflößen. Es geht ihm allmählich der Sinn dafür-
auf, daß der Adlige nur ein Edelmann ist in seinem
eigenen Schlosse, auf seinem eigenen Grund und Boden,
und daß er in die Glasse der abhängigen Dienerschaft

110
! hinuntersteigt, sobald er sich herbeiläßt, sich fremdem
s Willen unterthan zu machen, wäre es auch dem Willen
s eines Königs. Es überraschte ihn offenbar, als ihm
s Veronika dies ihr angeborene anerzogene Empfinden
! einmal aussprach, uud ich hoffe, ihr Einfluß wird ihn
bewegen, seinen Abschied zu begehren und hier zu
bleiben, wo er hingehört. Was hat er an dem Hofe
Ludwig's K 7. zu suchen? Was soll ihm diese Mar-
auise und ihr falsches Spiel?=-
Sein freier Mannessinn hat Schaden gelitten in
der gefährlichen Luft jenes Hofes, sein Empfinden ist
verwirrt in dem trügerischen Lichtglanz einer Atmosphäre,
in der auch Du, wie mich bedünken will, jetzt lange
! freien Natur gelebt und gelernt hat, sie zu beobachten
genug geweilt hast. Wer, wie ich, beständig in der
und zu verstehen, der gewinnt, so meine ich, auch ein
Verständniß für die Zeichen in dem Geist der Menschen
und der Zeit; und wie ich meist voraussehen kann,
wenn der Sturm uns droht in unsern Bergen, so
dünkt mich, fühle ich das Herannahen eines Sturmes,
der vom fernen Westen, über den Dcean herüber, ein
Wetter, ein befreiendes, die Luft entladendes Gewitter
vor sich hertreibt. Der Marquis von Lafayette, der
die Reihen seines Regiments verließ, um den Ameri-
kanern zu Hülfe zu eilen, welche für ihre Unabhängigkeit
kämpfen, war vielleicht schon der Sturmvogel, der dem

tl1
j Orkan voraufflog. Und wir wissen, was eiu Orkan
j zerstören kann! Habe ich das in der Erdeuwelt doch
s lm lezten Jahre an unserm armen Walde geungsam
s erfahren
Deine baldige Heimkehr würde mir in jedem Sinne
! lieb sein, obschon sie um meinetwillen, die ich mich gut
s befinde, nicht eben nöthig istr!
s Veronika von Gunta an den Grafen von Rottenbuel.
,,Gunta, den H. Mai 188.
,,aben Sie meinen aufrichtigen Dank, mein Herr
Graf, für alle die gütige Zuvorkommenheit, wwelche Sie-
mir während dieses ganzen Winters bewiesen haben.
Es that mir sehr wohl, mich Ihrer Theilnahme ver-
sichert halten zu dürfen, und wenn Schnee und Eis
mich bisweilen für Tage und Tage von aller Welt ab-
schieden,. und mein armes Haus mir recht verödet
schien, weil der Blick, der mein Leitstern durch das
Leben gewesen ist, nicht mehr über demselben waltet,
und die liebe Stimme, die ich jetzt nur noch in meinen
Träumen vernehme, nicht mehr über mich und über
unser Haus gebietet, dann haben die Bücher mir freund-
lich Gesellschaft geleistet, und mein Sinn hat sich daran
aufgerichtet, mein Herz sich daran erwärmt.
Aber ich kannte die beiden Rdomane bereits, die
Sie mir zuletzt gesendet haben. Sowohl die dou=elle
Mloise von Rousseau, als die Leiden des jungen
i

u1
Werther von Herrn Goethe hatte ich gelesen, als im
vorigen Sommer unser Graubündner Dichter Herr von
Salis uns besucht hatte und viel von Poesie und von
den früheren und jezt lebenden Dichiern die Rede ge-
wesen ist. Ihre Schwester war nicht dafür, daß mein
Vater mir diese Bücher zu lesen verstattete, mein Vater
aber hatte kein Bedenken, mir den Genuß zu bereiten,
und Genuß habe ich sehr viel davon gehabt. Es war
mir, während ich las, immer zu Muthe, als stünde
nach Italien hin, wo Alles anders und Alles schsnee f
ich auf unsern Alpenhöhen und sähe hinab gen Süden
ist, als bei uns; Alles so warm, so die Sehusucht
weckend, so verlockend und sn überwältigend, daß man-
Scheu fühlt, es kennen und lieben zu lernen, aus
Furcht es wieder entbehren zu sollen. Mein ernster.
Vater war ganz jung geworden bei den gedachten
Büchern, und ich empfinde in der Erinnerung an ihn
! und an seine Freude noch ein ganz besonderes Glück
! und eine höhere Rührung, so oft ich sie wieder lese.
Nur Eines, daß ich es Ihnen bekenne, ist mir da-
mals und jetzt wieder aufgefallen und hat mich in
meinem Genusse innerlich beeinträchtigt. Ich vermisse
an Werther's Lotte die rechte Wahrhaftigkeit des Her-
zens, und ich meine, wem diese fehle, der könnte auch
die rechte, wahrhaftige Liebe niht empfinden, und der
habe auch die einfache Herzensgüte nicht, welche Anderen

118
kein Leid bereiten mag. Wenn ich mich der Thränen
über Werther's Leiden nicht erwehren konnte, so kränkte
es mich immer um so mehr, daß Lotte ihn mit offner
Wahrheit von diesen Leiden heilte, und in das Mitleid
über des Armen Tod mischte sich ein rechter Zorn
gegen seine Lotte. Es muß sicherlich ein großes Un-
glück sein, keine Gegenliebe zu erhalten, wo man sein
Herz hingegeben hat; ich meine aber, Liebe zu erregen,
wo man sie nicht empfindet, und Unglück über einen
guten Menschen zu verhängen, müsse die Seele zuletzt
ebenfalls mit sich selbst in Unfrieden bringen, und ich
! weiß nicht, wie man mit seinem Gewissen fertig wer-
- den kann, wenn man sich eingestehen muß, daß man,
wie Lotte, durch Nachgiebigkeit gegen sich selbst oder
durch Unaufrichtigkeit gegen einen Andern das Unglück
eines liebevollen Herzens verschuldet hat. Wollte ich
doch lieber mein eigenes Leben in dem fernsten Winkel
der Erde still für mich tragen, als eine Seele betrüben,
die von mir ihr Glück erwartet. Ich liebe diese Lotte
nicht, wie schön Herr Goethe sie auch ausgestattet hat.
Und nun verzeihen Sie mir, Herr Graf, wenn ich
es wagte, Ihnen so unumwunden meine Meinung zu
sagen, und Ihre Ansichten in diesem Punkte nicht zu
theilen. Damit ich Ihnen aber doch meinen Dank
ausdrücke, lege ich Ihnen ein Paar Gedichte des Herrn
Gaudenz von Salis bei, welche eine liebe Freundin
Lewald, Kleine Romane. E.

1l
mir gesendet hat, und ein Gedicht des Herrn von
Matthisson, das man im Bodmer'schen Haus für mih
abzuschreiben die Güte gehabt hat. Der Frühling und
das Grün und der Sonnenschein, die er so gar lieb-
lich besingt, lassen sich bei uns leider noch erwarten.
Vielleicht bringen Sie mir die Blätter wieder, lieber
Herr Graf, wenn die prophetische Beschreibung des
Dichters sich auch hier bei uns in Wahrheit verwan-
delt haben wird. Mit der aufrichtigsten Hochachtung,
mein verehrter Herr Graf, Ihre ergebene
Veronika von Gunta.'!
Graf Joseph von Rottenbuel an die Freifrau
von Thuris.
,Den s. Mai.
,,Ich sende meinen Reitknecht heute nur herüber
um Dir eine Frage vorzulegen, liebe Schwester, deren
genaue Beantwortung ich von Dir zu erhalten wünsche.
Kennt Veronika den Namen der Marquise, und was
weiß sie von mir, von meiner letzten Vergangenheit?
Sie hat mir heute einige Bücher geschickt und mir in
ihrem kleinen Briefe ein Urtheil über den Werther
mitgetheilt, das ich durch eine Kenntniß meiner per-
sönlichen Erlebnisse eingegeben glaube. Sei so gut
mich zu benachrichtigen, was ich davon halten soll.
Der Brief hat mich in doppeltem Sinne überrascht.
Ich komme in den nächsten Tagen zu Dir hinüber.!

1
115
Die Freifrau von Thuris an ihten Bruder.
,Den s. Mai 1788.
,,Veronika weiß von der Marquise Nichts! Beruhige
Dich darüber, mein lieber Bruder!- Da ich der
Hoffnung nicht entsagen mochte, Dich von der Neigung
zu dieser unheilvollen Frau geheilt zu sehen, und den
Wunsch in mir hege, daß Du, wie die Bibel es nennt,
Dir hier unter den Töchtern des Landes ein Weib
nehmen solltest, so habe ich darauf gehalten, Deine
Verhältnisse als ein Geheimniß zu bewahren. Was
also Veronika Dir auch geschrieben haben mag, eine
Nebenabsicht oder einen Hintergedanken hat sie sicher-
lich nicht dabei gehabt. Aber Deine Theilnahme für
sie macht mir Freude und ermuthigt meine Wünsche
zu schönen Hoffnungen. Komme bald zu mir, und
wir wollen die liebe und schöne Einsame gemeinsam
besuchen.''
Die Freifrau von Thuris an ihren Bruder.
,Thuris, den 1?. Mai.
,Du hast nicht Wort gehalten, lieber Bruder, und
ich habe Dich seit zehn Tagen vergeblich erwartet. Man
sagte mir, Du seist ohne Begleitung auf die Jagd ge-
gangen, als ich am lezten Montag bei Dir war.
Woran liegt es, daß Du der Bitte, mich zu besuchen,
die ich Deinen Leuten auszurichten auftrug, nicht nach-
z -

11s
gekommen bist? ch hoffe nicht, daß Dir ein Unfall
zugestoßen ist, oder daß Du sonst ein übles Hinder-
niß gehabt hast. Beruhige mich darüber, lieber
Bruder.'!
Graf Joseph an die Freifrau von Thuris.
, Rottenbuel, den 18. Mai.
,Weshalb ich nicht gekommen bin? Frage die
Seligen, weshalb sie sich nicht losreißen aus ihrer
trunkenen Anbetung des Göttlichen, um auf die Erde
zurückzukehren. Frage ----- o! aber was sollen die
Worte, was soll die Mittheilung, da Du ja doch Alles
schon weißt, wenn Dir diese Worte die Wonne meines
entzückten Herzens verrathen haben.
Vor einer Stunde bin ich von Gunta heimgekehrt,
! heimgekehrt in mein Hans, das mir wie verwandelt
erscheint, seit ich weiß, daß sie es mit mir bewohnen,
! üuut ihr von diesen Erkern hinabsehen werde auf die
daß Veronika hier schalten und walten wird, daß ich
Bäume, wvelche uusere Altvordern mir hier gepflanzt,
und unter deren Schatten meine und Veronika's Kin-
der einst spielen werden.
Gesegnet sei die Stunde, in welcher Du mich zur
Heimkehr mahntest- ja ich möchte sagen, gesegnet
sei das Unheil, das mich von Paris entfernte. Ich
fühle mich wie ein verklärter, wie ein neugeborner

s
U?
Mensch, ih denke mit anderen Gedauken, ich empfinde
mit anderen Sinnen; und das Alles ist ihr Werk,
Veronika's Werk, der Liebe Werk, die mir die Seele
befreit von allen bösen Erinnerungen, und mir mit
dem Glauben an die Reinheit des Weibes auch die
Fähigkeit zu neuer Liebe und, daß ich es Dir gestehe,
eigentlich erst das Verständniß der Liebe gegeben hat;
denn was mich zu Franziska hingezegen, verdiente
diesen Namen nicht.
Wie das gekommen ist? Ich brauchte es Dir nicht
- zu sagen, wenn es mich nicht so glücklich machte, es
mir selbst zu wiederholen. Daß Veronika schön sei,
wer hätte das nicht beim ersten Blicke sehen sollen?
Aber es war nicht diese Schönheit, die mich an sie
fesselte, so sehr sie mich entzückt. Es war die reine,
unverfälschte Wahrheit ihrer einfachen Natur, die schöne
Seele, der alles Edle und Erhabene angeboren ist, die
nur sich selber nachzugeben braucht, nm immer das
PH- == = =-
Ich sah sie als die gehorsame und gefügige Tochter
ihres Vaters, als die gastliche Wirthin ihres Hauses,
als das Kind des Volkes, in dem sie gsboren worden.
Im fröhlichen Tanze, im wilden Orkan der Nacht, am
Krankenlager und an der Leiche ihres Vaters, einsam
in ihrem Schlosse sich und ihrem Grame überlassen,

!
!
s
118
z
I
eine kluge Verwalterin, eine milde Herrin, eine sanfte
Helferin der Leidenden - immer, immer war sie sich
gleich; und ich konnte sie nicht mehr sehen, ohne mich
in ihrer Nähe vor den Stunden zu fürchten, die ich
fern von ihr zuzubringen hatte.
Es hätte Deiner Mahnuung, daß ich Veronika nicht
eben oft besuchen möge, nicht bedurft; war sie mir
doch heilig wie meine Ehre, wie das Andenken an
meine Mutter, wie hätte ich sie auch nur dem Schatten
einer Mißbilligung preiszugeben vermocht! Aber ich
konnte den Trost nicht entbehren, daß sie meiner gedachte,
und wie die Schrecken uuseres Winters sich auch zwischen
uns aufthürmten, so fand der treue alte Bernhard
doch stets denz ren mir zu ihr, und unsere Ge-
danken traten einander näher, unsere Empfindungen
wurden. zu einem einzigen allmächtigen Gefühl.
z - Im Zweifel an mir selbst hatte ich mir stets miß-
traut; endlich litt es mich nicht länger. Die, heiße
Sehnsucht, die mich zu ihr zog, die mich mir selbst
entfremdete, konnte mich nicht täuschen; und an der
Wonne,mit welcher ich den erwachenden Frühling in
mneine Seele leuchten- fühlte, ermaß ich, daß mein Herz
Frej gewoxden sei und, rein genug, die Geliebte in das-
selbe aufzunehmen. -
- In guter Stunde ritt ich nach Gunta. Daß ich
Dir -sie beschreiben könnte, diese seligen Augenblicke
F

-

-


-

e
-
--





-

s
119
hoffnungsvoll bangender Zuversicht! daß ich Dir sie
Fchildern könte, die freudigeInbrunst, mit welcher ich
ieine Jugend mir wiedergegeben' fühlte!
Es war schon Mittag,' als ich' ihr Haus sich vor
mir erheben sah, und nun ich es erblickte, wankte mein
Herz. Ich hatte ihr nie von meiner Liebe für sie ge-
schrieben, sie hatte Nichts gesagt, was mich zu hoffen
berechtigte, so bereitwillig meine verlangende Seele es
sich zu meinen Gunsten auszulegen wußte.
Ich wollte mich sammeln, noch eine lezte Viertel-
stunde mit mir allein sein. Ich stieg an der hintern
Seite des Gartens vom Pferde, das ich einem Buben
zur Führung überließ, öffnete die kleine Pforte neben
der Gärtnerwohnung, und trat in das kleine Gehölz
ein, das dieselbe von dem Garten abtrennt. Niemand
hatte mein Kommen bemerkt, die Leute waren bei der
Arbeit, und ungesehen ging ich den Weg nach dem
Schlosse hinauf.
-- Die:Sonne schien warni hernieder, die hjungen
Hlätter- zitterten-leise, als obsiesich -zu entfalten
jtrebten, das Gras duftete, wo! mein Fuß, es betrat,
und funkelnd' in seinem weißen:Gischtesschößf blizschnell
das: Wasser- des Baches dan mir- vorüber, zuni Thal
-hinab. : Ich jezte michauf der Bank' unter dey?ro-
ßen Wallnußbaume nieder und sahpnach ihremn Fenster
hin, -vor dem die Vorhänge sich leise im Suftzug be-
- o
-

1
wegten, und sah zu dem schneeigen Gipfel des Berges
rararr
ronika der Friede für mich sei
Mit einem Male hörte ich mir gegenüber die ,
Zweige des Gebüsches sich bewegen, und mitten in ;
dem jungen Grün, wie eine Lichtgestalt schön in ihrem
weißen Gewande, stand Veronika vor mir. Ich sprang
empor, sie trat erschrocken zurück, aber schnell wieder
Herr über sich selbst, sagte sie freundlich:,Ach, Graf
Joseph, ich dachte an Sie, darum überraschte es mich
so, Sie vor mir zu sehen!! ==- Und da ich stumm
vor ihrem Anblick stehen blieb und ihre Hände ergriff
und in ihr Auge blickte, da füllten diese sanften Augen
sich mit Thränen, eine heiße Röthe, die glückverkün-
dende Morgenröthe meiner Zukunft, überzog ihre
Wangen, und trunken und verwirrt ihr liebeseliges
Antliz an meiner Brust verbergend, sagte sie: ,Ach,
Bester! ich kam von meines Vaters Grabe, und - =-
Sie vollendete nicht, sie weinte. Ich hielt mich
nicht länger und schloß sie in meine Arme. ,Was
bekümmert Dich, Veronika?! fragte ich sie.
,Ich dachte an meines Vaters Grabe nur an Dich!r!
seufzte sie und hob die schönen thränenschweren Augen
zärtlich zu mir empor.
Und nun ich es Dir schreibe, überfluthet sie mich

l
F
lAu
wieder, die ganze Fülle meines Glückcs, daß ich die
Brust im Freien kühlen muß. Sage Dir selbst, was
mich bewegt!
Morgen kommt Veronika zu Dir; an Dein Herz.
das mir dieses Kleinod herangebildet, lege ich meine
Braut; bis ich sie als mein Weib in das Haus un-
! serer Väter geleiten kann. Sei bei uns mit dem
! . Segen Deiner Liebe!r'
Die Freifrau von Thuris an ihren Sohn.
,,huris, den W. Mdai 1788.
,Mein Lieblingswunsch hat sich erfüllt, geliebter
Sohn! Der Onkel hat sich mit unseren Verenika ver-
, lobt. Eine bessere Wahl konnte meit BriUer nicht
treffen, ein würdigeres Mädchen konnte der Reihe un-
serer Ahnen nicht einverleibt werden. In wen'hz Wo-
chen soll ihre Verbindung gefeiert werden, und ich
würde mit freudiger Zuversicht dem Tage entgegen
sehen, wenn nicht die allzu lebhafte Empfindung mei-
nes Bruders mir es deutlich zeugte, wle sehr die Lei-
denschaft seines Herzens über ihn Gawoalt hat. Indeß
ich vertraue der liebevollen Klarheit unserer Veronika,
daß sie ihn zu beruhigen, zu fesseln und zu beglücken
wissen wird. Sie grüßt Dich schwesterlich und hofft,
Du werdest heimkommen, sie als ein Bruder zum
Altare zu geleiten. Auf nahes Wiedersehen also, für
das es ohnehin bald Zeit ist.r--

u
Ulrich von Thuris an seine Mutter.


, Paris, den 1. Runi 178s. z
,ergieb mir, theuere Mutter, wenn ich Deinem ;
Wunsche mit nächstem heimzukehren, noch nicht Folge -
leiste, und vergönne mir vielmehr, meine Reisezeit-
noch auszudehnen. Ich möchte England kennen ler- s
nen, Schottland besuchen, ehe ich nach Hause komme. -
Du wirst ja ohnehin jetzt weniger einsam sein, ß
geliebte Mutter, da der Onkel und Veronika künftig -
in Deiner Nähe wohnen werden.
Veronika des Dnkels Braut! Veronika meine
Tante! Wie mir das auffällt! Ich hatte von jeher -
Deinen Plan gekannt und mit dem Onkel selbst davon
gesprochen; nun et sich verwirklicht hat, befremdet mich -
das Vorhergesehene, das Erwünschte, ja, es kommt -
mir unbegreiflich vor. Kann man denn Mißgunst
fühlen gegen einen Freund? und eifersüchtig sein auf
feine Schwester? Wie wunderlich ist unser Sinn, wie
eigenfinnig unser Herz!
Grüße das Brantpaar von mir und sage ihm meine
besten Wünsche. Wenn ich mich zu wundern aufhöre,
will ich ihnen selbst schreiben.
Lebe wohl, theuere Mutter, und laß mich reisen.
Ist mir's heute doch, als hätten Du und ich Veronika
verloren, als hätten wir mein Herz nicht recht gekannt.
Sage ihr nicht, daß ihr Glück mich heute noch nicht

Kapitel 11

E
ues
s
Z freut. Lebe wohl, theuere Mutter! Wenn ich wieder-
F Lhre, solst Du Deinen alten uleich h mhr knden.
h
t
=s=sFF . - s;i -
l. Kapites
- Die Papiere, welche sich in meinen Händen be-
F fanden,. enthielten, wie gesagt, keine fottlaufenbe Brief-
s sammlung. Es scheinen gelegentlich große Swischen-
F räume ,in der Correspondenz eingetreten zu sein.
f Graf Rottenbuel und seine Frau wohnten der Frei-
f' frau vön Thuris so nahe, daß man sich häufig sehen
! und deshalb des Briefwechsels, entrathen konnte, und
die späteren Vorgänge machen es, wahrscheinlich, daß
Conradine die Briefe ihres Sohnes aus jener Zeit
nicht aufzubewahren für gut befand., Der erste Brief,
welcher sich nach dem Schreiben gllrich's wieder vor-
findet, ist der Brief der Gräfn an die Freifrau, aus
dem Sommer 10, welcher hier folgt.
Die Gräfin von Rottenbuel an die Freifrau von.Thuris.
,Sie thun mir wirklich Unrecht, meine theyere
Schwester, meine geliebte mütterliche Freundin, wenn
Sie mich einer schwachen Nachgiebigkeit gegen meines
l
l
l
s




12e
1

Manes Wünsche anklagen; und weil ich hnen düä,
gern auseinander sezen möchte, beste Conradine, sß
benuze ich die Abwesenheit Joseph's, der nach Chur !
hinuntergefahren ist, um Ihnen in aller Ruhe zu er- -
klären, was mir selbst die von meinem Manne beab-
sichtigte Rückkehr nach Frankreich wünschenswerth und
als etwas Zweckmäßiges erscheinen läßt.
Sie selbst, theuere Schwester, haben mich, ebenso
wie mein lieber verstorbener Vater, dazu angehalten,
mich bei den Ereignissen nicht zu beumruhigen, son-
dern ihren Ursachen nachzuforschen. Das habe ich
denn auch in unserm Falle gethan, und' ich finde es
seitdem sehr natürlich, daß mein Mann sich in ein
bewegteres Leben, in eine ängeregte Geselligkeit und
in den Wirkungskreid zurücksehnt, in welchem er sich
bis zu seiner Heinkehr in die Schweiz stets wohl
befunden hat.
Sehen Sie, liebe Conradine! Joseph ist als
Militair erzogen, ist in Paris in der glänzenden Ge-
sellschaft des Hofes aufgewachsen, und Sie wissen das
ja selbst, er hat niemals aus freiem Antriebe daran
gedacht, das Dasein eines Landedelmannes zu führen.
Es waren Ihre Vorstellungen - und auch nicht
einmal diese=- es waren das Duell und die Herz-
zerrissenheit, die ihn zu uns nach Graubünden brachten,
und ich segne für mein Theil die Stunde, in welcher

1!
ß ß Kuß unser Land betrat, von ganzem, Derzen und
ß=n jbem Vage
F,«. Meines Männes Seele ist abet jezt längst genesen
j von seinem Zweifel an den Frauen, seine Liebe ist
s! mir ein heiliger, unverlierbarer Besiz.,Indeß unsere
s! Ehe ist kinderlos, wir sind alleinn, und, der Graf, an
s die Parisee Geselligkeit gewöhnt, findet keinen Geschmack,
j keine Befriedigung an dem ausschließlichen Umgang
s mrit unsern Nachbarn und Verwandten. Die Land-
s wirthschaft, die Jagd, der Gelderwerb, ja selbst der
s verhältnißmäßige Einfluß und die Macht, welche unser
- Besiz ihm gewährt, haben keinen Reiz für ihn, haben
denselben auch nie für ihn gehabt. Er hat ja von
Anfang an nicht daran gedacht, sich dauernd bei uns
niederzulassen, und deshalb seinen Abschied nicht ge-
fordert, sondern bisher nur von dem bewilligten r-
laub Gebrauch gemacht. ;
Hätte ich, wie der Graf, meine Jugend in der
großen Welt zugebracht, ss würde er sich vielleicht
mit mir zusammen leichter än diese;Zurückgezogenheit
gewöhnen. Gemeinschaftliche Erinnerungen würden
den Stoff unserer Unterhaltungen vermehren, ich selbst
würde besser im Stande sein, zu beuttheilen und zu
erseten, was mein Mann entbehrt, und . ist für uns
in ber Zukunft ein dauernder Aufenthält. in Bünden
möglich, so wird er das nur dann sein, wenn wir

17s
s
ese Weile in Krankreich gelebt haben, und de: Eef
Gelegenheit gefunden haben wird, sich zu überzeigeä
ob Paris und die Pariser Gesellschaft ihm jezt noch P
so reizend erscheinen, als vor unserer Verheirathukg F
als in den Tagen, in welchen die herzlose Gefallsüchk j
einer eiteln Frau ihn in beständiger Aufregung erhielt! j
Gewiß, meine theure Conradine! Sie machen sih ß
unnöthige Sorge um mich, um uns, und könnten mik F
dieser vielleicht grade dasjenige hervorrufen, was Sie ß
zu vermeiden wünschen; Sie könnnten Joseph und michi s
an der Liebe zweifeln mnachen, die uns zu unserm. I
Glücke verbindet.
Sehe ich aber ganz von mir, von ihm, von unserer -
Liebe und unseren häuslichen und ehelichen Verhält-
nissen ab, so muß ich meinem Manne darin beipflich-
ten, daß es, wie die Lage der Dinge sich in Frank- ,
reich gestaltet, jezt für ihn eine Ehrensache ist, seinen.
Dienst wieder anzutreten und auf seinen Posten zurück
zukehren. Die Angelegenheiten werden in Paris immer
verwickelter, der König hat sicherlich die Nähe seiner
Treuen nöthig; wwenn ich daher vielleicht auch wün-
schen könnte, daß Joseph niemals unter den Schwei-
zern gedient hätte, so vermag ich jetzt doch nicht, ihn.
von der Erfüllung einer doppelten Ehtenpflicht zurück-
zuhalten, und es freut ihn, daß wir auch in diesem.
Punkte uns so ganz in ebereinstimmung befinden:

,??
=z F
=a
ue::
Fsi: Kurz, meine theure Freundin, Sie sehen, ich bin
Fertschlossen, und Sie werden skh hoffeitlich in nicht
Ezu ferner Seit überzeugen, daß ich diesmäl das Rich-
Ikige für uns treffe. Beruhigt sich die Auftegung in
FFrankreich, so werde ich dann selbsi den Grafen bitten;
Fseinen Abschied zu fordern.
F! Meine Neugier und meine Ast, doch auch ein
gwenig von der Welt zu sehen, werden übrigens sicher
CBefriedigung durch unsere Reise erhalten. Ich wwerde,
Fwie ich hnffe, auch eine sehr elegante Dame werden,
Eund wenn ich das zufällige Glück haben sollte, dem
g Grafen mit meiner Person in der Gesellschaft einiger-
Fmaßen Ehre zu machen, so wird das - ich kenne
Jihn darauf -- meinnen Werth in seinen Augen nicht
s verringern. Da können Sie an diesen lezteh Aeuße-
l, rungen gleich gewahren, wwie schon be bloße. Gebaks
j an Paris ben Menschen umgestaltss, Ws mäß etwäs
s Bezaubernhes in sich schließei, bssses ges! = Höt
P doch auch der gute Ulrich mut äll' seiner Lebe für
Z sein Vaterland es bei uns nur weitig Motate aus-
I gehalten, und sich schnell wieder iach dem blendenden
F Lichte der Hauptstadt hingewendet, an dem ich nun
F auch -- mir die Flügel verbrennen gehen will.
Ich umarme Sie und küsse Ahnenn die Hänb!
ß! Glauben Sie mir, meine theure Schwägerii, daß lnh
l! es nie vergesse, welche liebevolle Erzieherin unb Füh-

l
l
l

128
il
El
rerin Sie mir gewesen sind, und nun fassen Sie gutehFj
Mun, wie ich selbst ihn habe. Joseph mnß durchaasßs
wieder froh und heiter werden. Hier bleiben und ihntjj
so oft niedergeschlagen und mißmuthig sehen, das gehtF
über meine Kraft. -- Von Herzen Ihre Ihnen gans!s
nl
ergebene
Veronika, Gräfin von Rottenbuel.
Die Gräfin von Rottenbuel an die Freifrau
von Thuris.
P
-
-
,ßaris, den A. Dctober 179.
,Meine verehrte Schwägerin! Wir sind vor drei
Wochen grade an dem Tage hier angekommen, an
welchem unser verehrter Landsmann Herr Necker,
müde der Leitung eines Schiffes, das vom wilden
Strudel erfaßt ist, abermals sein Amt niederlegte, um
sich auf seine Besitzungen in seine und unsere Hei-
math zurückzuziehen; und ich habe Ihnen noch nicht
geschrieben, meine Freundin, weil ich Mühe habe, mich
und meine Gedanken in dem Sturme zurecht zu fin- -
den, der mich umgiebt.
Ich komme zum ersten Male in eine große Stadt
und finde ihre sämmtlichen Verhältnisse wie aufgelöst;
ich komme an den Hof, in dessen Sonnenstrahlen
sich Alles drängte, und finde, daß seine treuesten An-
hänger sich von demselben zurückziehen, ich sehe zum

e
.
1
Fersten Male einen König, einen edeln, sanften, guten
F König, und er steht fruchtlos kämpfend einer Gewalt
gegenüber, die stärker ist, als er, und die mit jedem
F Erfolge, den sie erringt, und mit jeder Niederlage,
j ioelche das Königthum erleidet, sich ihrer Macht deut-
F licher bewußt wird. Eine Reihe von Vorstellungen
j drängten sich mir hier bei meiner Anknft auf, die
, eben so schnell durch die Erfahrung weniger Wochen
s j als Aruggebilde vor meinen Augen in ihr Nichts ver-
- F sunken.
l s
k F Ich hatte geglaubt, hier in Paris die Verehrung
! -
g ß des Königthums verstehen und theilen zu lernen, und
s denke jezt nur mit um so größerer Liebe an die Ver-
F fassung in der Heimath. Wie schön war es, wenn
FF das Vertrauen seiner Mitbürger meinem Vater die
P Verwaltung und Leitung der gemeinsanen Angelegen-
heiten übertrug! Wie anders erscheint uns die Herr-
F schaft der freien Nebereinkunft, wenn man sie mit der
F Alleinherrschaft vergleicht, gegen welche hier ein ganzes
j Volk in Waffen steht, und die zu vertheidigen und
Z aufrecht zu erhalten, grade dem gütigsten und schuld-
! losesten der Könige auferlegt wird. Während ein
g König meine ganze Reigung und Verehrung gewinnt,
Z lerne ich die Bürde der Krone und die Verantwort-
s lichkeit ihres Trägers als eine schwere Last erkennen,
- und während Sie mit Recht erwarten, daß ich Ihnen
s
Hewald, Kleine Ronaue. N.
T
.

18O
Kunde gebe von dem Eindruck, welchen Paris aüf'
mich macht, und Nachricht von unserm persönlichen
Ergehen, spreche ich Ihnen von dem Allgemeinen.
Aber die Aufregung ist hier so groß, die Gefahr für
T
:
1
Alle so drohend, daß man es verlernt, an sich selbst
und an seine eigenen Angelegenheiten wie an etwas
besonderes Wichtiges zu denken.
Nach dem, was ich Ihnen bisher gesagt, werden
Sie sich denken können, wie gnädig mein Mann von
den Majestäten aufgenommen worden ist. Die Herr-
schaften haben so viel Untreue und Berrath zu dul-
ni
den, daß die Treue und Anhänglichkeit ihnen schäzens-
werther als villeicht zuvor erfcheinen, und der KBez ß
hat dem Grafen gleich nach dessen Ankunft die Stelle ,
eines Obristen verliehen, welche eben durch den plötz- ,
lichen Tod ihres Inhabers erledigt worden war.
Joseph sieht schön aus in seiner Uniform und s
noch schöner in der zuversichtlichen Zufriedenheit, die
ihn erfüllt. Seine Züge sind wieder fest, sein Auge
hell, sein Mund hat das stolze Lächeln wieder gefunden,
und da ein Theil der Gnade, welche die Majestäten
ihm beweisen, auch auf mich zurückfällt und man ihn
versichert, daß ich- - nun, lachen Sie nich immer
aus, liebe Conradine, daß ich schön sei, so scheint er
sich auch wieder darauf zu besinnen, daß er mich selbst
einst schön genannt hat, und das abgespannte, melan-

18t
f Holische Lcheln, das mir in Rottenbuel so oft das
s Herz beschwerte, ist wie aus seinem Antlize entschwun-
f ven. Er hat Vergnügen daran; mnich zu schmücken,
s und ich selbst finde hier am Hofe den Schmuck ein
s heiteres Ding. Er hat Behagen daran, seine Freunde
! in seinem schönen Hause zu empfange, und der Reich-
, thum erscheint mir hier, wo nian ihn so angenehm
, verwerthen kann, ein weit größerer Vorzug als in
Rottenbuel oder in meinem lieben stillen Gunta. Kurz,
ich bin sehr zufrieden mit Paris und mit meinem
Eintritt in die mir neue Welt, wenn schon mir dabei
, das schöne Wort einfällt, das unser Ahn in Gunta
, über unser Portal hat meißeln lassen: , Herr, segne
i meinen Eingang und meinen Ausgang !!
Was nun, um Ihnen, theure Freimdin, Alles zu
beichten, die schöne Marquise anbetrifft,' so habe ich sie
schon zum öftern gesehen, und fehr schön ist sie wirk-
lich; aber sie hai jezt Anderes; zu thun, als einen
treuen Obristen der Schweizergarden in ihr Liebesnez
zu locken, da derselbe auch gar keine Neigung zeigt,
sich wieder einfangen zu lassen. Sie hat jetzt, wie
mir scheint, höhere Ziele und eine schwere und lohnen-
dere Aufgabe für sich gefunden. Sie genießt das
Vertrauen und die Gunst der Königin und ist, aus
Ergebenheit für diese und das Königthum, auf das
Eifrigste bestrebt, den glänzenden und flatterhaften
g
l:


1
Grafen von Mirabeau zu fesseln. Es muß eine gar
beneidenswerthe Aufgabe für die ehrgeizige Schöne
sein, dem allgemeinen Besten und den eigenen Wün-
schen gleichzeitig dienen zu können-- und damit ich's
s
Ihnen gestehe, es ist mir nicht eben unlieb, daß mein
Mann es sieht, wie sehr die Marqnise sich selbst nur I
ein Mittel für ihre Zwecke ist.
Ehe noch Joseph mich ihr vorstellen konnte, kam
sie an dem ersten Abende, an welchem ich bei Hofe
präsentirt ward, mit lebhafter Freundlichkeit mir ent-
gegen. ,Ich bin Ihnen sicherlich keine Fremde, sagte
sie, ,und ich will hoffen, Frau Gräfin, daß der Graf
Ihnen von mir im Sinne der vieljährigen Freund-
schaft gesprochen hat, die uns verbunden, ehe ein
schmerzlicher Mißklang fie zu stören kam. Aber das
liegt fern hinter uns, und mich dünkt, wir Alle, die
wir das Blut des wahren Adels in uns fühlen, haben
jetzt mn die eine Aufgabe, Freunde zu sein und uns
als solche um das geliebte, so schwer gekränkte Königs-
paar zu schaaren. Ihre Hand darauf, meine theure
Gräfin!r
Es kam mir vor, als habe sie sich diese Anrede
im Voraus überlegt, und die Marquise erschien mir
nicht eben wahrhaft und edel, während sie dieselbe
sprach; auch dem Grafen mißfiel sie, und als sie die-
sem mit den Worten: sozons amis, Cinns! lächelnd

18
e
die Hand zum Kusse reichte, sah ich, daß er eine Art
von Scham empfand, sie nicht wwürdiger vor mir da-
stehen zu sehen, und nun, nennen Sie es immer eine
Anwandlung beruhigter Eifersucht =- ich wußte es der
Z Marquise Dank, daß sie sich setbst euthronte. oseph
F war sehr kalt gegen sie, und ttoz der Schminke, die
F sie trug, bemerkte ich, daß sie die Farbe wechselte.
s Sie verließ uns dann auch bald, und meines Mannes
j Blick und Händedruck verriethen mir, daß ich wohl
! gethan, hierher zu gehen.
So viel von uns, theuere Schwägerin! Ulrich ist
- wohl und ist ein gar schöner, schöner Mann gewor-
den, stark und kräftig, wie es Ihrem Sohne zu-
kommt! Ich sage ihm täglich, daß er nach Hause
- gehen müsse, daß er Sie nicht allein lassen dürfe, und
ich bringe Ihnen damit ein großes Opfer, denn Io-
seph ist durch seinen Dienst so vielfach hingenommen,
- und wenn ich einsam bin, komimt mir die Stadt mit
ihren langen Straßen, mit ihren hohen Häusern un-
heimlich vor. Ich sehne mich nach einem Blick in's
Freie, und das Herz wird mnir schwer, wenn ich in die
Stille unseres Hofes und Gartens den Wiederhall
eines jener Volksaufläufe zu mir dringen höre, von
denen kaum ein Tag oder eine Nacht ganz frei ist.
Ulrich's Nähe ist mir dann ein gioßer Trost. Er
schafft mir sichere Kunde von dem, wwäs draußen bor-


zuF
sL
5
e
V
e
n
H,
i
i
n
-

1Ke
geht, er sagt mir die Wahrheit, wo Andere mich nur
zu beruhigen streben; und ich habe hier fast an jedem
Tage die Gelegenheit, es an der Todesangst meines
Herzens zu ermessen, wie mein Leben an dem Leben
meines Gatten hängt. O! mich dünkt, wer noch nicht
für seine Liebe gezittert hat, weiß noch nicht, wie sehr
er lieben kann, und wie sehr er liebt.
Die Schweizergarden haben jetzt einen schweren
Dienst, sie üben ihn mit grenzenloser Hingebung; aber
ich werde den innern Zwiespielt darüber nicht los, daß
Joseph einer Sache dient, die nicht die seine ist, daß
kl
tl
er sein Leben daran setzt, eine Verfassung und Znstände
aufrecht erhalten und vertheidigen zu helfen, die er
in seinem Vaterlande nicht eingeführt zu sehen wün-
schen würde. Ich bewundere, ich ehre sein starkes
Pflichtgefühl, und beklage doch den Tag, an welchem
der erste Schweizer jemals fremde Dienste nahm. O!
Sie haben sehr wohl daran gethan, theuere Conradine,
daß Sie Ulrich vor diesem Zwiespalt bewahrten, daß
Sie ihn einen freien Mann bleiben ließen. Seine
Freiheit ist jezt ein Glück für ihn, für Sie und,
so lange er hier noch bei uns bleibt, auch für
mich.
d
Indeß ich versichere Ihnen und verspreche Ihnen,
daß ich nicht selbstsüchtig sein und ihn nicht halten
werde.!
d

l.e
A
l?
1s
, Die Freifrau von Thuris an ihren Sohn.
e G-.,
! zs
15
Thuris, den H. Mai 171.
d
e ,Dein Brief, mein Sohn, hat mich bekümmert,
t
f ohne mich zu überraschen. Da Du meiner Bitte nicht
j s seser zabs, waes poe etatt Hees Ht-
F ,ßeiner Tante zu verlassen, war ich sicher, daß Du für's
, si. Erste überhaupt nicht nach Hause konimen würdest,
F s, und ich mache die Erfahrung, daß das Alier und seine
j f Einsamkelt und seine Sorgen sich mir nöhern und
, j, früher an mich herantreten, als ich es naturgemäß er-
khF warten müßte.
u i Da beschleicht dann wohl der Zweifel an dem eige-
kh
! F nen Thun unw an der Richtigkeit meines Handelns ge-
jj. legentlich mein Herz, und ich habe mich in den' lezten
f?. Monaten je bisweilen gefragt, was ich für mein eige-
z. nes Glück und für das Glück der Menschen, die ich
,! liebe, mit meinem Festhalten an meinen Neberzeugungen
s. und anI den Principien Deines Vaters gewonnen
, =-
Ich komme mir dann in meiner Zurückgezogenheit
F wie eine jener unglücklichen Sibyllen bor, die in ein-
F samem Felsgebirg, den Blick auf ihren geheimnißvollen
Z Krpstall gerichtet, das Nahe und das Ferne, das Ge-
F - genwärtige und das Zukünftige an ihrem Auge vor-
!! überziehen sehen, und die troy der vollen Erkenntniß
! des Unheils, das herauf steigt, mit ihren Warnungen

18s
und Beschwörungen das Unglück nicht verhindern kdn-F
nen, sich zu vollziehen.
Du schreibst nicht, ntrlch! Wie soll ich mr bas
deuten? Auch Dein Dnkel und Deine Tante schweigen, F
und doch müßt Ihr mir nachempfinden können, wie Z
jede Kunde, die aus Frankreich, aus Paris hieher zu F
mir gelangt, meine Sorge um Euch Alle steigert. Ihr g?
müßt mit Euch selbst gar sehr beschäftigt, Ahr mnüßt Z
von den Ereignissen, die Euch umgeben, seht hinge- Z
nommen und verwirrt sein, daß Ihr meiner ganz ver-
gessen und meine Unruhe als ein Unwesentliches bs-
trachten könnt.
Ulrich, höre mich, wie fern ich Dir auch sein möge!
Du stehst an einem Abgrund, der Dich zu verschlingen
droht - wende ihm den Rücken.
Was hast Du, der freie Mann, zu suchen in dem
tobenden Kampfe, der in Frankreichs Hauptstadt die
Parteien wild und maßlos an einander hezt? Hier ist
Dein Platz, denn hierher ruft Dich Deine Pflicht.
Oder glaubft Du, der Kampf der Parteien klinge hier
nicht nach, bedrohe nicht auch uns, unsere Herrschaft,
unseren Besiz? =- Auch hier ist Unzufriedenheit, auch
hier droht uns wilde Forderung und Umsturz; und
es ist vielleicht jetzt noch an der Zeit, durch maßvolles
Gewähren ungemessenem Verlangen entgegen zu treten.
Kehre heim! Die Aristokratie muß sich verbinden, sich
1
t

nE
, R
gz
f
:A
k?einigen und gemeinsam handeln, ehe das Volk sich ge-
ß einigt hier entgegenstellt. D, däß Dein Vater, und
Ibaß er kluge Gunta noch am Leben wären! daß Du
F den Sinn hättest, mir zu folgen, imd den Ehrgeiz,
versöhnend ihre SteKe einzunehnien!
lh
- Was willst Du in Paris? wäs willst Du in der
ls
-
k
t!
i!
1!
1
lg
z
s
Nähe Deiner Tante? Deiner Tante, die Du liebst!
Kehre heim, Ulrich! Arbeit wdird Dir zu Hülfe
kommen. Ich will versuchen, Dir die Heimath lieb
zu machen. Leide ich doch genug durch den Kummer
unserer Veronika, den sie mir vergebens zu verbergen
sucht. Veronika ist unglücklich; und wie fest hatte ich
ihr und meines Brnders Glück durch die Berbindung
dieser Beiden zu sichern gewähnt! Der knrzsichtige
Mensch sollte darauf verzichten, das Schicksal seiner
Geliebtesten leiten zu wollen, und doch kann mein
Mutterherz es sich nicht versagen, dem einzigen Sohne
zuzurufen: mißtraue Dir und kehre zü mit zurück!r
Graf Rottenbüel ait seine Sähwester.
Paris, den 2. Runi 17N.
,Theure Conradine! gieb Ordre, daß man in Rot-
tenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem Empfange
F - in Bereitschaft halte, denn ich stehe äuf dem Punkte,
F meine Frau nach Haüse zu schicken. Paris ist jezt
H kein Aufenthalt für Frauen. Die leten Tage haben
es mnir furchtbar klar gemacht,' welche Irrthum ich


18s
T
begangen, als ich Veronika's Bitten nachgegeben unbß
sie mit mir nach Frankreich genommen habe.
Der König hat am zwwanzigsten mit seiner Famlließ
einen Fluchtverjuch gemacht, der nicht gelungen ist.ß
Die Wuth des Volkes droht alle Schranken zu über- Z
steigen. Nur durch ein Wunder entging der MargulsP s
von Lafayette an dem Tage, an welchem man die Z s
Alucht des Königs in Paris erfuhr, dem Tode, alsm F l
zur Beruhigung des Volkes auf dem Greveplat er- j j
schien.
Seit gestern, seit man den König, der sonst so Z
jubelnd empfangen wurde, wie ein Missethäter auf ß
Umwegen in die Hauptstadt zurückgebracht hat, herrscht j
ein Schweigen, das mir furchtbarer erscheint, als selift
das Tosen der Volkswuth. Eine doppelte Reihe von
Nationalgarden, nicht wir, die Schweizerregimenter,
mußten den Weg des Königs von den elyseischen Fel-
dern nach den Tuilerien beschützen. Der König ist
in den Händen des ihm feindlichen Volkes und darf
sich kaum mehr seinen bisherigen Dienern und Ver-
theidigern anvertrauen, ohne die Volkswuth wach zu
rufen. Kein glückwünschender Zuruf begrüßte den Kö-
nig, kein Hut wurde vor ihm abgenommen - die
treuen Gardes du Corps, welche auf dem Wagen des
Königs saßen, find von dem Volke in das Gefängniß
geführt. -- Die Sache des Königs ist abgeurtheilt

l
1

18s
D-
gnd verloren in Paris, und der Haß gegen das Kö
igshaus und gegen seine Anhänger wächst mit jedem -
Ps-
F., Es erhebt mich, der Volkswuih mich entgegenzu-
Fstellen, mich der Aristokeatie auf das Engste anzu-
schließen und in ihren Rechte nicht nr, die legitime
FSerrschaft in Frankreich, sondern ;auch unsere eigene
ßßGerrschaft in Bünden zu vertheidigen und aufrechter-
j,halten zu helfen. Das Königthum und öie Arlskokea-
stie sind solidarisch unter einander, verbunden durch bie
Fganze Welt, und in der Perfassung von Graubünden,
s,die dem Niedriggebornen ungebührlich viel Raun ließ,
jlst es mir ie wwohl gewesen. st der Adel des, Blu-
ßg tes ein Borzug, wwas Du selbst nicht bestreiten kannst,
j so mnß er nicht nur rein erhalten werden, sondern
j! mit seinemß angestammten Blute auch seine angestamm-
Z; ten Rechtezu erhalten wissen, und, so lange mein Blut
Jgin meinen Adern fließt, werde: ich dies thn. Lch fühle
, mich wohl' in der Aussicht bes Kämipfes, der un hier
zs sicherlich bevorsteht, aber ich mdg Verpnika, welche
P, diese Ansichten nicht mir theilt, üicht in mein Schick-
sI sal verflechten, und Du hast Recht, meine Schwester,
s daß Du auch Deinen Sohn zurückrufst. Ulrich wird,
s - ich hoffe es, Veronika begleiten, und Ihr werdet es
s vielleicht über Euch vermögen, einst die Rdechte, die
s uns von unsern Vätern überkominen siid, mit dem
1
A

Kapitel 12

1O
Bauer und dem Bürger friedlich zu theilen. Ahr iS
det es vielleiht erlernen, ehrbar bescheidene Bürget'P
werden und es zu vergessen, daß he Edelleute ssß
und welches Blut in Euren Adern fließt. Ich kän
T
und werde das nicht.
Mein Plas ist hier unter denen, die meine GeslüH j
nng theilen, die eines Herzens und eines Slnnes üskl j
mir find, so Mann wie Weib. Lch lebe und sterbeh j
mit der Sache, die die meine ist-- und die ich veö- s
theidigen werde bis zum lezten Athemzuge, wenn schcnßß j
der Sohn und der Erbe mir verjagt ist, für den ißF
die Prärogative unseres Standes zu erhalten wünschte.F
=- Es sind schwere Tage, Conradine, in denen witß
leben, und es ist ein Schmerz. für mich, daß meiüeJ
Frau nicht empfindet wie ich, daß ich allein stehe h
meinem Hause und in meiner Blutsverwandtschaft. j
Ich empfinde das tief und habe dem Schicksal zu ,
danken, daß ich wenigstens meine alten Freunde hier F
unverändert wiedergefunden habe.!
l. Fapilel
Die Briefe, welche sich der Zeitfolge nach diesem
Schreiben des Grafen Joseph anschließe., fanden sich
nicht vor, indeß die Mittheilungen, welche Jungfer

f
1
l n
, Ixsula von ihrer Mutter erhalten hatten, ergänzten
s ßs Rehlende und hatten den Vorzßg, im Zufammen-
Fange darzubieten, was die Schreiber jenei Briefe an
s Fenselben, als ste sie schriben, noch zu berschweigen
, Jothwendig gefunden hatten.
j s! Nur de Anfang eines Briefes von der Gräfin
f Jdon Rottenbuel an ihre Schwägerin lag noch in der
E -
zSammlung, und er hatte öffenbar eine schmerzliche
j Föerzenergi ßung beginen sollen, welche die Gräfin
l Fbann bereut und aufgegeben hatte. Sie klagte sich in
j Fben ersten Leilen der Verblendung an, mit welcher
! Fsie sich dem Rathe ihrer erfahrenen und weisen Schwä-
ßgerin widersezt und in die Nebersiebelung nach Frank-
Frich gewilligt hatte, und bekannte, daß jene Heiterkeit,
t,in der sie der Freifrau von Thuris nach dem ersten
(jBegegnen mit der Marguise von Vieillemarin geschrie-
sß, ben, ihr nicht natürlich gewesen sei, daß sie pielmehr,
Fgleich damals das Herz voll Föser Ahmungen gehabt
Fhabe, die sie sich nicht eingestehen fögen, weil es ihr
s, mnwürdig gedünkt, an dem Worte und an der Treue
f - ihres Gatten, und vielleicht gar an, seiner Liebe für sie
zu zweifeln.
Die Gräfin hatte eine innere Wahrhaftigkeit, welche
es ihr fast unmöglich machte, an den Selbstbetrug zu
k
t
?
glauben. Solche Naturen sind edel, aber meist, auch
einseitig und streng, und ihre ernste Pflihterfüllung

j
i
i

1A
ß
erschreckt und drückt denjenigen, welcher sich derselbc
nicht in gleichem Grade fähig fühlt.
Veronika war in dem festen Glauben an die LiF
ihres Gemahls, an gine unauflösliche LusammenFR
hörigkeit mit ihm nach Frankreich gekommen, aber S
fiel ihr zleich Anfangs auf, wie sehr der bloße Eiü
tritt in die alten Lebenskreise den Grafen veränderteg
und wie das Leben in einem andern Lande und unieHP
einem andern, ihr fremden Volke sich unmerklich uub'
doch störend zwischen sie und ihren Gatten stellte Z
Veronika war des Französischen, wie damals jeäekH
Wohlerzogene, völlig mächtig, indeß man hatte li!
ihrem Vaterhause nur deutsch gesprochen, sie hatte diessß
Gewohnheit auch in ihr eigenes Haus übertragen, ut F
sie liebte ihre Muttersprache. Daß sie in der Gesell-' F
schaft französisch öeben müsse, verstand sich von selbst;
aber es that ihr leid, daß Graf Joseph sich des Deut-' F
schen völlig entäußerte, sobald sie den Boden Frank- ,
reichs betreten hatten, ja daß er ihr eingestand, er
fühle sich mehr er selbst, er fühle sich freier und be-
lebter, wenn er französisch reden könne. Daß dieß der
Fall sei, konnte sie gewahren, aber wer verzichtet gern
auf den Klang der Sprache, in welcher er von gelieb-
tem Munde die ersten Liebesworte sprechen hörte, und
wer giebt es gern auf, sein volles Herz in die ihm
angeborene Muttersprache zu ergießen?
1

h
1K
h
f Es war der Gräfin, als habe sich plölich eine un-
Fchtbare Schranke zwischen ihr unb heem Gatten auf-
Fbau, und sAlbst das WoilgefMlle, dis Graf oseph
Fä ben Hulbigungen za haben schieh, mik denen man
Fke junge Erau empfing, verochten ihk jene pein-
lde Epfibung nicht zu ehmen. Degu hatte gleich
Zas este Lusammentreffen mnt der Mäeaulse die Gräfle
gschreckt, denn dem aufmerksämen Auge Veronlka's
car der böse und spöttische Blick nnchi entgangen, mit
Felchemt die Marquise sie beträchtete, ünö die ubor-
gcömmeüheit derselben hatie das Gepräge einer so stol-
Fen uversicht in sich getregen, daß Veronika erkannte,
Felche Mact ranzisku i ber fneien Sicherheit der
,eltgewandtheit vor ihr voraus hatte.
P Veronikks ruhige Seelenfreihelt hatte in des Gra-
He Augen stets Güren grsüten Rei gebildet, unb diese
Frelheit ging ihr bald verloren. Sie wae! klcht etel,
Honbern sehr, bescheiden, und aufzufallen par ihe keln
FGeuuß. Die gute Laune, mlt belcher sie sich vor der
fFekfrau von Thuris ihrer Erfölge am Hrfe gerümt,
h war daher nur wie das laute Singen gewesen, mit
fWelchem ein furchtsames Kind sich auf unbekanntem
s ünd einsamen Wege Muth zu machen sucht. Sie hlelt
f sich selbst geflisseutlich die Mittel vor, welche ihr zu
j Gebote standen, aber damnit sie sich bazu entschloß,
ß ntußte ihr schon die Befürchtung gekommen sein, daß
ki

1s
fie in die Lage gerathen könne, diese Mittel zu ihre
Vertheidigung zu gebrauchen.
g,
Leider betrog diese Ahnung ihres Herzens sie nichtF'
Die Marquise hatte die eitle nersättlichkelt der Herrsch
sucht. Je mehr sie erlangt hatte, um so mehr wolltHHß
sie erlangen, und die tmstäde waren ihrem EhrgeßH
auf das Unerwartetste entgegengekommen.
Tros aller Bitten der Königin hatte die Herzoghnßß
sich bei dem Beginne der Adelsauswanderung derselbenF
angeschlossen und gleichzeitig mit dem Grafen von Arß
tois Frankreich verlassen. Die Königin, welche sichßß
auf diese Weise ihres nächsten Umgangskreises unöß,
ihrer eigentlichen Vertrauten und Rathgeber beraubtF
gefunden, hatte sich eine neue Umgebung bilden müssenzß
und die Marquise, welche weniger zu verlieren und Z
mehr zu gewinnen hatte, als ihr Verehrer, der Graf
von Artois, und ihre Cousine, die Herzogin, hatte es-
mit kluger Berechnung vorgezegen, auf einem Posten ß
zu bleiben, der ihr, wie immer die Verhältnisse sichh F
auch gestalten mochten, nur Vortheile zu versprechen ßß
schien. Triumphirte das Königthnm, so mußßte das Z
treue Ausharren der Marquise in den Augen der Kö--J
nigin den Sieg über die Herzogin davontragen, und J
sollte, was man damals in der Nähe der Königin ß
noch für unmöglich hielt, die Macht des Volkes das ,
ebergewicht erlangen und das Königspaar selbstzu F

rF
1
F einer zeitwweiligen Entfernung aus seinem Reiche ge-
F. üiöthigt werden, das mit Hülfe der befreündeten Mächte
F wieder erobern zu können, man sich gewiß glaubte, so
F konnte die Marquise selbst gegen den Grafen von Ar-
F tois, dem zu folgen sie sich geweigert hatte, ihre Treue
F an das Herrscherhaus als ein Zeichen ihrer allgemeinen
Herzenstreue geltend machen.
s
:'
Marie Antoinette hatte, so lange die Herzogin in
ihrer Nähe gewesen war, wenig Neigung für die Mer-
auise gehabt und sie richtig und streng beurtheilt.
Jetzt glaubte sie ein Unrecht vergüten, eine verkannte
Treue belohnen zu müssen, und die demüthige Beschei-
denheit, mit welcher die Marqüise die ersten Zeichen
der königlichen Gunst und Zuneigung empfing, nahmen
die Königin, welche Anhänglichkeit und Ergebenheit in
diesen Zeiten höher noch als früher schäzen gelernt hatte,
zu Gunsten der Marguise ein. Ja selbst jene Eigen-
schaften, welche ihr an Franzidka bis dahin mißfällig
gewesen waren, ließen sich jezt mit anscheinendem Vor-
iheil verwerthen. Die allgemeine Gefallsucht der Mar-
auise, ihr Hang zu Intriguen! brauchten nur in der
zweckmäßigen Richtung geleitet zu werden, um hie und
da Nuzen bringen und der Pattei, welcher fie durch
ihre Geburt und Stellung angehörte, bielleicht Anhän- -
ger aus den Reihen der Oposition vder doch min-
destens Nachricht von den Absichtei ünd Glänen der-
Lewald, Kleine Romane. ?.
uo

16
n

z
selben zuführen zu können. Und wann waren absolute
Herrscher und deren Anhänger jemals schwierig hkF
ver Wahl der Mittel, wwo es die Erreichung ihrtß
, Zwecke galt?
g
Mitten in dem drohenden Umsturz, nahe vor demF
Abgrunde, welcher die Monarchie zu verschlingen drohtsFs
genoß die Marquise Selbstbefriedigungen, wie sie soö
cher nie zuvor theilhaftig geworden war, und da ihieF
Schsnheit eine heransfordernde war, so machte jedeeF
neue Erfolg sie glänzender und kühner. Mit einerZ
Freiheit, welche sich zuzuerkennen die Herzogin zu stolßF
und zu sehr in ihren Vorurtheilen befangen geweseß
war, bewegte die Marquise sich aus einem Gesellschafts-'P
kreise in den andern. Neberall hatte sie Verbindungen,F
fuchte sie sich geltend zu machen. Sie hatte es dem F
Hofe als ein Zeichen ihrer Treue auszulegen gewußt,F
daß sie sich der Auswandernng nicht angeschlossen, sieF
verstand es in der Gesellschaft der oppositionellen Kreise, F
ihr Verweilen in Frankreich als einen Beweis ihrer ß
Zuversicht in die Möglichkeit einer friedlichen Aus-
gleichung der Parteien und als Zeichen der Hoffnung
auf eine beruhigte Zukunft darzustellen, welche der ener-
gische Edelsinn des dritten Standes und seiner Führer
über das Vaterland heraufzuführen nicht ermangeln
könne.
Ihr Selbstgefühl war zu der Zeit, in welcher Graf

vHF
c
1?
P Joseph seine Gemahlin zum ersten Male bei Hofe vor-
F stellte, auf das Höchste gestiegen. Trunken von befrie-
F digender Eitelkeik, wie die Marquise es wwar, hatten
s die Schönheit der Gräfin und die, sichtliche Genug-
jHuung, welche die Anerkennung derselben gdem Grafen
ßßereitete, dazu hingereicht, Franziska's Abneigung gegen
Fie Gräfin in eine entschiedene Feindschaft, zu verwan-
F öeln unb ihe die Wiedereroberung des Gräfen als eine
FPhrensache erscheinen zu lassen. Die Gelegenheit, sich
F beiden Gatten zu nähern, war eine der günstigsten.
(Zeronika war fremd in Paris, fremmd in den Sitten
, nd in der Etiquette des Hofes. Eine Frau, welche
f sich, wie Fränziska, schon lange auf dem glatten und
f gefährlichen Boden desselben bewegt, konnte' der Gräfin
s leicht nüzlich werden, ihr manche Dienste leisten, manche
F Unbequemlichkeiten ersparen; auch Graf Joseph hatte
s burch seine längere Entfernung vön dem Höfe und
F and mehr noch durch sie gewaltsanen Ninwandlungen,
F welche sich in seier Abwesenheit vollzogen, nicht mehr
ß die alte Kenntniß der Zustände und der Personen, die
F ihm sonst ein sicheres Bewegen möglich gemacht, und
es war mit dem Anschein offensten Freimuths, daß
F Franziska sich den Ankömmlingen näherte, ihnen ihre
F Dienste anzubieten
auooo ====oo
zg-
dt

Kapitel 13

11
. Kapitel.
F s
H l
A, l
Vl
Te l
A t
F
- F
ß
Nur wenige Tage nach ihrer Vorstellung bei der z
Königin saß die Gräfin eines Mittags in ihrem Boü- H
doir, als man ihr die Marquise meldete, und noch ehe F
fie Zeit gehabt hatte, dem Diener eine Antwort zü F

ertheilen, trat dieselbe bei der Gräfin ein.
,Verzeihen Sie mir, meine theuere Gräfin! sagte J
sie, ,daß ich so ohne alle Umstände bei Ihnen er- F
scheine. Wir, die wir unsern Gebietern treu geblieben Z
find, haben uns eben hier, sehr wider unsern Willen, g
wie ich Sie versichern kann, von denjenigen unserer F
Sitten lossagen müssen, welche das sogenannte Volk
in seiner sogenannten Gesellschaft nicht anzuerkennei
für gut befindet.=- Sie lachte und fügte mit erkün-
steltem Nebermuthe hinzu:,Kommt und geht man
doch jezt auch in den Zimmern der Majestäten mit
liebenswürdiger, bürgerlicher Freiheit und Ungezwun-
genheit. Also Vergebung, liebe Gräfin, und sehen Sie
einen Beweis der Freundschaft darin, daß ich Ihnen
heute gleich ganz neidlos mein neuestes Promenaden-
costüme vorzuführen komme.!
Sie bot Veronika dabei die Hand und warf sich
dann nachlässig in eine der Bergeren, so daß ihre
hübschen Füße mit den hohen Hackenschuhen sichtbar

r
1
h
F wurden, die unter dem engen Neberrock, welcher nach
, der neuesten Mode einen männlichen Zifchnitt hatte
j! und den Pelerinen-Röcken der englischen Stuzer nach-
j' gebildet war, hervorguckten. Der kleine Hut mit der
j, stehenden und von einem Bouquet gehaltenen Feder
j, saß ihr dabei leicht auf einer Seite des Kopfes, und
j sie spielte, während sie sprach, mit dem hohen Spazier-
j stock, den auch die Damen zu tragen begonnen hatten,
I, seit sie sich häufiger als bisher auf ben öfentlichen
F dromenoden zu zeigen liebten.
! Die Gräfin, welche auf ihren Landsizen in Grau-
ß bünden nicht Gelegenheit gehabt hatte, das allmäliche
Z Etstehen dieser Mode zu beobachten, fand sie in ihrer
Z ganzen Znsammenhangslosigkeit sehr abgeschmackt, und
F sie mißfiel ihr doppelt durch die herausfordernde unr
z ar:
s es mußte, für ihren Besuch, aber Franziskä bemörkte
f es, daß sie der Gräfin nicht gefiel, uns mit aller der
F Keckheit, welche bei ihr das Zeichen mmangelnden Ehr-
s gefühls und eines öden Herzens wwar, richtete sie sich
! ein wenig aus ihrrer halbliegenden Srellung auf,
F faßte ihren Spazierstock in beide Hände, stellte ihn
Z vor sich hin, und den Kopf daran lehhnend, sah sie
! plözlich gedankenwoll vor sich nieher, s, daß die Grä-
F fin, an das gleichmäßige Betragen wükdiger Krauen

15
gewöhnt, sich i die Weise ber Marguise kaum zf
g
finden wußte.
Als diese ihr Haupt dann erhob und ihre AugeEP
auf die Gräfin richtete, dünkte es dieselbe, als habe ß
sie nicht mehr jene glänzende Erscheinung vor siäh ß
welche eben so geräuschvoll und zuversichtlich bei ck
eingetreten war. Franziska's Stirn hatte sich vesF
düstert, ihr Auge bewölkt, chre Miene drückte Traue? F
aus, und sich von ihrem Plaze erhebend, machte stk

Anstalt sich zu entfernen.
De Gräfin fühlte ein inneres entschiedenes Ab- F
mahnen gegen die Marguise, aber fie war in diesei F
Augenblick ihr Gaft, und die Befürchtung, fie verlezt 1
zu haben, gab Veroinlka die Frage ein, was Iene zu
so eiliger Entfernung bewege. ,Sie hätten nlct j
kommen sollen, Fran Marquise, sagte sie verbindlich, F
,wenn Sie genöthigt waren, mich augenblicklich wie- F
der Ihre Gesellschaft entbehren zu lassen.!
Es war das eine Redeform, Franziska aber griff F
dieselbe auf. IFreilich, ich hätte nicht kommen sollen!'' F
wiederholte ste; ,aber wollen Sie es mir verargen, j
Frau Gräfin, wenn ich bes Glaubens lebte, daß die j
Gattin des Grafen Joseph von Rottenbuel, die Er- F
wählte des großmüthigsten Mannes, den ich je gekannt, F
ihm ähnlich sein müsse in der Tugend vertrauensvoller
Herzensgröße?

z
s
D
e Eine tiefe Röthe überzog der Gräfin Antliz, und
E, gelassen, wenn schon im Tone der Abwehr, entgegnete
sie: ,Zürnen Sie mir nicht, wein ich diesem Anruf
ki nicht so würdig, als ich sollte, zu begegnen vermag.
F Ich war-- sie zögerte auszusprechen, was sie dachte,
ss, änd während sie nöch mit sich zu Rathe. ging, öb sie
s besser thue, ihr wahres Empfindeit zutück zu halten
ß
d
y
s
E
?
f
t
oder es kund zu geben, trat der Graf herein. -
l
z

Zum ersten Male, seit Verönika ihn kannte; war
seine Ankunft ihr unerwünscht. Nicht baß sie Miß-
trauen oder gar Eifersucht gegen ihren Gatten in sich
getragen hätte, es verdroß sie mur, der Marauise
durch ihre zurückhaltende Unentschlossenheit einen Vor-
theil über sich eingeräumt zu haben, den Franzidka
mit begieriger Schnelligkeit für sich zu benuzen eilte.
Willkommen, Graf! rief sie ihm entgegen, ,und
t
sl
:
dreimal willkommen, obschon es eigentlich dem Gaste
nicht zusteht, den Herrn des Hauses in solcher Weise
zu begrüßen. Aber Sie find mir, in diefen Mvmente
mehr als Sie selbst, Sie sind mir ein Zeichen des
Himmels, denn nun bleibe ich hier!?- Sie legte
Ihren Stock fort, zog ihre Handschuhe ab und sezte
sich noch einmal auf ihren frühern ßlaz nieder, als
habe fie vor, es sich für eine längere Zeit beuem zu
machen. Sie beachtete dabei kaum die verbindliche
Begrüßung des Grafen oder das Erstaunen seiner

K


Rrau. Sie schien nur mit sich selbst beschäftigt, von Z
einer Gedankenreihe hingenommen, für deren Mitthei- F
lung sie die rechte Form noch nicht gefunden hatte, Z
denn sie begann zu sprechen, hielt nach den ersten Z
Worten inne, hub dann noch einmal an, verstummte Z
wieder nnd sagte darauf schnell und lebhaft, als müsse 'F
sie sich Gewalt anthun, um nicht abermals von ihrem
Unternehmen zurück zu schrecken:,Als ich vorhin zu
Ihnen kam, theuere Gräfin, geschah es mit einer ganz
bestimmten Absicht, die auszuführen Ihr Empfang
mich hinderte; und ich war eben daran, meinen Vor-
satz aufzugeben, als ich mit jenem Aberglauben, um
dessenwillen Sie, Graf Joseph, mich so oft verspottet
haben, den Himmel anflehte, mir ein Zeichen zu geben,
das mich belehrte, wofür ich mich entscheiden solle;
ob ich gehen und dies Haus für immer meiden, ob
ich bleiben und versuchen müsse, auf den Trümmern
einer unheilvollen Vergangenheit einen Neubau und
in ihm vielleicht eine Zuflucht für uns Alle aufzu-
richten.!
Sie hatte das mit großer Wärme gesprochen,
schöpfte Athem und fügte dann mit einer freudigen
Bewegung hinzu: ,Sie traten ein, Graf Joseph,
nun wußte ich, was mir zu thun oblag!! und ihre
Hände dem Grafen und seiner Gattin reichend, rief
fie:,Ich bleibe, ja, jezt bleibe ich!r
d
1
d
i
k

-?

T Wer an ein natürliches und einfaches Handeln ge-
F wöhnt ist, kommt selten in die kage, große Erklärun-
Z gen zu machen, besondere Auftritte herbei zu führen,
g uüd hat deshalb eine Abneigung gegen die billigen
s Gefühlserregungen, mit denen unwahre und herzlose
z( Menschen sich ebenso vor deni eigenen Bewußtsein
F als vor ihrer Umgebung aufzuschminken lieben. Es
war daher nur eine nothwendige Folge ihrer Natur,
ä daß Veronika sich von. der Marquise an jenem Mittage
ß noch mehr als früher zurückgestoßen fühlte, und ihre
P Mißempfindung wurde durch die Bemerkung nicht ver-
F ringert, daß der Graf in dem Betragen von Fran-
z ziöka nicht eben etwas Unangemessenes oder Anffallen-
F des zu finden schien. Er versicherte ihr mit herkömm-
d
==ss
17K
licher Galanterie, daß er es ihr nicht verziehen haben
würde, hätte sie ihn nicht erwarten wollen, aber sie
wehrte diese Zuvorkommenheit entschieden von sich ab
und sagte:,KKeine Unwahrheit meht; mein theurer
Freund, wo mir gar nichts obliegt, als der Gräfin
die Neberzeugung zu geben, daß Niemand Ihr Glück,
mein Freund, mit größerer Genugthuung zu würdigen
weiß, als eben ich, welche es einst so leichtsinnig ver-
schmähte, die glückliche Urheberin dieses Glückes zu
werden!! - Und die Hand der Gräfin nochmals in
die ihre schließend, sagte sie saift und ernst:; WVer-
trauen Sie mir, meine theuere Gräfin, glauben Sie

154

mir, daß Sie für Ihren Frieden, für die Liebe Ahess
Gatten nichts zu fürchten haben. Das Leben Lai
mich über meine Irrthümer furchtbar genuug aufge!
klärt!r'
»
Beronika war blaß geworden, des Grafen ganß
Haltung veränderte sich, auf seiner Stirne brauniej
das Roth des Zornes. ,Es giebt Voraussezungeßp (
Frau Marauise, sagte er mit eisiger Kälte, ,welche F
man nicht machen darf, ohne demjenigen eine Belel? F
digung zuzufügen, aut den sie sich beziehen. Als icZ
es wagte, der Gräfin meine Hand und meinen Namäi F
anzutragen, wwußte ich, daß sie von meinen Erinneruw? F
gen an die Vergangenheit für ihren Frieden nichts zu Z
besorgen hätte; und was einst -?
,Hören Sie mich, Joseph! eief die Marguise, die F
troz ihrer Schminke ihre leidenschaftliche Empörung
über diese Zurückweisung kaum verbergen konnte.
,Hören Sie mich, Joseph! Wir leben in Paris,
nicht in den Wäldern Ihrer Heimath, und es gilt hier
mehr als die Befriedigung einer Gemüthsaufwallung.
Wir stehen auf einem Punkte, auf dem wir weithin
fichtbar find. Der kühle Empfang, den die Gräfin
mir neulich in den Gemächern der Königin bereitet,
als ich ihr so arglos und frendig enkgegenkam, ist auf-
gefallen. Man hat ihn besprochen, beurtheilt, man
hat darüber gelächelt. Sollen wir =-?
1

l1
15
j? .a Nauisetr et »= Geef ge l bo Rev-,
g P.as geht zu weittr'
z, Aber Franziska beachtete das nicht. ,Sollei wir
j -
s sdas Gespött des Hofez werden, fuhr sfee fort, ,lollen
s (woir den Aluch des Lcherlichein aEf uns laden, bo es
P fhe unsere Hand gegeben ist; unsge Vetgangenheit z
F jrechtfertigen, indem wir uns die Anerkemnung unserer
j s Kieundschaft für alte Zukunft zu erwerben suchenr
ßs -,Schouen Sie mich, Fraü Marquise!? ekef Veeo-
s, nikä, ,oder erlauben Sie mnir, daß ich mich entferne.r?
l - ,Nein, Veronika, Du ileibst!r befahl der Graf.
( ,Was die!Frau Marquise und ich noch mit einander
Z gemmeinfann haben, das gehört auch Dir, nein theueres
l Weib! das sollst und mußt Du hörent!
f! ,Gewiß, gewiß! stimmte Franziska ihm bei, und
P fchnell sprechenb, als wollte sie die Gebüßd ihner Hörer
s! nicht ermüden, sagte sie: ,Ich weiß, daß Grf o-
j seph nicht. der Mann ist, ein Geheimnüiß vor' der Frau
,l zu haben, die seinen Namen trägt, der er seine Ehte
F, anvertraut hat. Eben darum aber mtöchte ich nicht
F - es ist die einzige Vergütung, die ich Ihnen, mein
F theurer Freund, für all den Kumnmer ünd die Leiden
z bieten kann; welche meine Verblendung und meine
F Irrthümeb über Sie verhängten- ebewidärum möchte
, ich nicht, daß ein unbegründetes Mißttanen der Grä
fin die Welt berechtigte, uns nöch jezt für schnldig


15s
l
zu halten! Ich kam, um Sie zu bitten, Gräfin, veeF
trauen Sie mir, erkennen Sie die Freundschaft änZ
die ich noch heute über Mlles Vergangene und Veö-
gessene hinaus für Graf Joseph in meinem Herzet's
fühle, und die ich Ihnen biete. Ihr Leben war ein-F
fach, Sie waren immer glücklich, Gräfin! Es stF
Großmuth, die ich von Ihnen fordere=-
Veronika, die vor Zorn und Kränkung Thränet
vergoß, schüttelte verneinend das Haupt, der Graf,
hatte sie in den Arm genommen. ,Weine nicht, Ve-ß
ronika!'' bat er, ,die Märguise kennt die Liebe, kennt F
das Vertrauen nicht, die uns verbinden; weine nichtlr
Aber als hätte es nur des einen Wortes bedurft, P
um die ganze Stimmung Franziska's umzuwandeln, F
so heftig fuhr sie empor ,O! rief sie, indem sie F
beide Hände vor das Gesicht schlug, o! also auch das P
Lezte mußtest Du mir rauben !'- Sie legte das
Haupt auf den kleinen Tisch, der an ihrer Seite stand,
und fing leidenschaftlich zu weinen an.
Der Vorgang war für beide Gatten ein äußerst
peinlicher, der Graf besonders befand sich in einer
sehr widerwärtigen Lage. Er wünschte Veronika zu
beruhigen, und Franziska schien Trost von ihm zu
erwarten. Wie gern er seine Gattin auch vor dieser
Scene behütet hätte, fühlte er doch, daß er sie nicht
entfernen dürfe, ohne ihr Veranlassung zu einem
d

e
e
1srr
zZweifel an seiner Wahrhaftigkeit und Ursache zum
tMißtranen zu geben
F Er trat zu' der Marquise hin und sprach ihr ernst-
haft zu. Er hielt ihr ruhig vot, daß er ihr Ales
F verziehen habe, wwas er um sie gelitten, daß er sich in
F Frieden mit sich selbst und in einer glücklichen Ehe
F befinde, die er nicht ftören, nicht äntastei lassen werde.
FFr sagte, daß er gehofft hätte, auch sie verändert und
F beruhigt zu finden, daß die Zeit nicht dänach gemacht
s sei, sich in eigensüchtigen Herzenserregungen zu ver-
l zehren, sondern daß man die Aufgabe habe, sich zu
f, sammeln, um alle Kraft und Fähigkeit dem Dienste
s des unglücklichen Herrscherpaares zu widmen, das in
j, seinen Rechten auch die Rechte und Vorrechte des
Adels und der Befizenden vertrete.
Die einfache Würde, mit welcher er zu ihr redete,
schien auf die Marquise Eindruck zu fnachen. Sie
hörte allnählich zu weinen äuf, lieh ihi Ohr schwei-
gend seinen Worten, und nachdem' ihre Züge mehr
und mehr den Anstrich ernster Sanmlung angenom-
F, men hatten, erhob sie sich zögernd von ihrem Size.
gh Sie hatte das Ansehen eines Menschen, der, von schwe-
t rem innerem Kampfe ermattet, nur mühsam Herrschaft
gF über sich gewinnt. Es dünkte den Gtafen, öbschvn
z; er in diesem Augenblick gar nicht in der Verfassung
wnar, auf die Schsnheit der Marguise'zu achten, als

158
habe er sie nie anmuthiger, nie einnehmendir geseseSß
als eben jezt, da ihr. Feuer gedämpft, ihre Kraft g;
brochen, ihre Selbstgewißheit vernichtet zu sein schletß
Langsam, mit erschspfter Miene, näherte sle si
der Gräfin. ,Verzeihung, Gräfin!r sagte sie atk
,Es ist ein Arrthum meines Verstandes, kein nebes
wvllen meines Herzens, für das ich hier ihre Vetgesß
bung fordern mnnß. Ich vergaß, daß es ein tnreclst
giebt, welches uns alle Aussicht auf seine Sühne, lles
Aussicht raubt, es zu vergüten oder es durch Anderess
vergütet zu, sehen. Sie haben nicht die Pflicht, groß
müthig gegen mich zu sein! Die Liebe des Grafeü F
ist Ihr wohlverdientes Eigenthum, was kümmert Sie's
die Unglückliche, welche dies kostbare Gut einst vsü ß
sich stieß, welche Jahre lang die treuste Hingebung, F
das liebevollste Vertrauen zu täuschen vermochte, welche F
Jahre lang ihr frevles Spiel mit einem Herzen triel F
das ihr gehörte, ihr allein!r
,Frau Marquise, schonen Sie mich!' bat Veronikk F
mit flehender Stimme, und auch der Graf versuchte, !
den Bekemntnissen Franziska's Einhalt zu thun, aber h
die Wirkung, welche sie auf ihn hervorbrachten, war (
doch eine andere, als diejenige, welche sie auf die h
Gräfin machten. Auch brach die Marquise plözlich, Z
auf des Grafen Mahnung, ihre begonnenen Geständ-
nisse ab. Das melancholische Lächeln schwand aus !

P
vFH
V
159
LGeen Mienen, ihr Antiiz hellte sich auf, man sah, dos
Fsie sich Gewalt anthat. Sie schaute mit einem Blicke
Fin dem Gemach umher, als wolle sie sich seine Ein-
zelheiten einprägen, reichte dann dem Gräfen die Hand
Fund sagte: ,eben Sie wohl mein Freid! ich habe
eJiezt die Stätte des Glückes und des Frisdens gesehen,
Fdn der Sie Trost gefunden für die Seien, welche ich
Fübee Sie verhängt Ich weiß jezt, dcß ich diese
FStätte nicht wieder betreten, daß ich Sie selbst, mein
(Freund, niemals anders als in den kalten Eirkeln der
hGefellschakt wiedersehen datf, dn es mrir nicht gelingt.
Fber Gräfin das nöthige Vertrauen zu mir und zu
F8hnen einzuflößen, da die Gräfin mir ihre und ihres
-Getten Freundschnft, die ich mir zu vetdienen wünschte,
s nicht vergömnt.
s Sie verneigte sich mit erzwungener Zurückhaltung
Pund ging hinaus. Der Graf gab ihr ebenso schwei-
Hs, aend und zurückhaltend vas Gebeit, um bor der Die-
e' nerschaft kein Aufsehen zu erregen.- Veronika äber
H warf sich mit einem nnterdrückten Auffchrei in den
S Sesset nieber.
T ,D, ich hasse sie!'' eief sie bitter und schmerzlich.
g
gz -I hasse sie, die ihn um seine Jugend hetrogen hat!
F- Und sie wird mein Glück zerstören und dad seine!?

==

Kapitel 14

1O
1 Kapitel

T

Die Marguise war nie besser mit sich zufrieE
gewesen, als in dem Augenblicke, in welchem sie däh,
Hotel des Grafen von Rottenbuel verließ. Sie haik,
wie Sie es selbstgefällig nannte, mit sicherer HandF
ein gefährliches Erperiment gewagt, und sie war üiö
zeugt, daß es ihr gelungen sei Heiter, wie ber schöc
Sommertag, wiegte sie sich in den Polstern hris
kleinen offenen Wagens, dessen Pferde sie selber führke
denn sie hatte alle jene Moden des Tages angenows
men, die ihren Neigungen begegneten und ihr dA
Anschein geben konnten, zu den Bekennern und Anj
hängern der neuen Geistesrichtung und der neuen Zeit
zu gehören.
Die klare Luft, der Sonnenschein, die rasche Be- ß
wegung machten ihr Vergnügen. Die muthigen Apfes- ß
schimmel zu regieren, mit spielender und doch fester f
Hand die Sügel zu führen, mit scharfem Blick schon F
in der Ferne die Hindernisse zu erspähen, welche sie F
vermeiden mußte, mit kluger Schnelligkeit dem Uner- F
warteten auszubeugen, das war recht eine Beschäfti-
gung, wie sie sich für Franziska eignete. Wer sie an F
jenem Morgen in ihrem Phaeton die Alleen des Bou- F
logner Holzes durchfliegen sah, mußte fie bewundern. P

lF
s
18l
F Se war auf das Angenehmste erregt. Bald hielt sle
H, ihren Wagen an, um einem vorübergehenden Bekann-
F
F ken ein Wort des Grußes zu sagen, bald sprach sie
Z mit irgend einem Reiter, der Muße hatte, sein Pferd
F neben ihrem Wagen anzuhalten, und als ob hr dies
j Alles nicht genüge, stieg sie endlich, als sie Ulrich von
Z Thuris in einer der Alleen bemerkte, aus dem Wagen,
gab ihrem Kutscher die Zügel und ging, von ihrem
z
d
s
t.
l
1
s
ä
s
Diener gefolgt, dem jungen Manne entgegen, seine
Begleitung für einen Spaziergang zu begehren.
Das fiel dem Freiherrn auf. Er gehörte nicht zu
dem engen Kreise der Hofgesellschaft, und wenn er in
jenen Zeiten, in welchen der Hof noch Feste veran-
staltete, einmal zu einem solchen geladen worden war,
so hatte die Marquise ihn wohl um Nachricht von
feinem Onkel gefragt, ihn aber sonst iur wenig be-
achtet. Ulrich war damit auch ganz zufkieden gewesen,
denn er dachte von Franziska, wie sie es verdiente.
Zufällig, anwillkürlich, darauf kannte er sie gengsam,
war in ihxem Verhalten Nichts, und sie ließ ihm denn
an jenem Morgen auch nicht lange Zeit, darüber nach-
zufinnen, welcher Ursache er das Zeichen ihrer Günst
verdanke ünd was sie bewogen habe, seine Geseslschaft
zu verlangen.
Mit derselben Berechnuiig, mit welcher sie bor
dem Grafen und vor Veronika von ihrer Liebe und
V
; Lewald, Kleine Romae. ?.
e
u



1s
T
A
D
von ihrem Zusammenhange mit dem Ersteren gesproeP
chen, bekannte sie Ulrich, daß sie ihn eben jetzt nuung
aufsuche, um sich durch Mittheilung von einem Er-F
eigniß, von einem Vorgange zu erholen, der sie auf
das Tiefste ergriffen und erschüttert habe. Sie er-ß
.
zählte ihm Alles, was in dem Cabinet Veronika's ges'F
schehen war, und sie erzählte es im Ganzen wahrheitae F
treu; aber sie wußte die Farbe und den Ton so un- ß
merklich und doch so geschickt zu wandeln, daß ein F
Mann, welcher weniger als Ulrich gegen die Marquise ß
eingenommen und weniger von dem Seelenadel Ve-
s
ronika's überzeugt gewesen wäre, sich leicht hätte ver-
sucht fühlen können, derselben jenen Mangul an Groß-
muth vorzuwerfen, dessen die Marquise sie beschuldigte.
Franziska wußte, daß Selbstanklage dem gerechte-
sten Mißtrauen und dem schwersten Vorwurf gar leicht
die Spize abbricht. Sie hatte also gar kein Hehl,
daß sie aus Selbstsucht ein Unrecht begangen, daß sie
mehr als ihr zugestanden, an sich und an ihre Be-
friedigung gedacht und darüber die Herzens - und
Weltunerfahrenheit Veronika's nicht berücksichtigt, daß
sie vergessen habe, wie die junge, in Einsankeit erzo-
gene Frau noch in den romanhaften Vorstellungen
von einer einzigen und unheilbaren Liebe beharren
möge. Bald sprach sie ernst und nachdrücklich, bald
zeg sie die Sache in den Bereich des Scherzes hin-
!

?
k

B
-P
F

F
is


z

»s
h?
188
P
Fg. über. Wie fein und gewandt sie aber auch zu Werke
ßts ging, um Ulrich zu gewinnen und ihn gegen die
Fs Gräfin einzunehmen, ihre Berechnung scheiterte an der
F »rusten Gradheit des jungen Edelmannes und an
Fe
zg- seiner vertrauensvollen Liebe für die junge Gräfin
zF Mit der scharsen Voraussicht eines Herzens, das sich
z
,;. z besiegen und zu verleugnen, und eben darum un-
P? beirrt in fremden Seelen lesen gelernt hat, ahnte
Iz
n Ülrich, welch' ein Weh Franziska's Arglist der Gräfin.
F?
g aefügt habe. Er konnte daher den Augenblick nlcht
-. erwarten, in welchem er die Marquise zu ihrem Wa-
z
g! en zurückgeleiten und sich zu Veronika verfügen durfte,
!; und er fand die Zerstörung, welche in dem Leben der-
F selben angerichtet worden war, denn auch noch schlim-
F mer, als er sie erwartet hatte.
Die Gräfin sprach ihm nicht von dem Besuche der
d
F Marquise, sie empfing ihn schwesterlich und gütig wie
zz sonst, aber ihr ganzer Ausdruck, ihre Züge, ihre
F Stimme, ihre Haltung waren verändert. Sie war
Hs matt, als hätte sie eben eine schwere Krankheit über-
F standen, unsicher, als sei sie nicht in ihrem Hause,
F! und das Lächeln, das sie ihren Lippen abnöthigte, um
A!
e ihren Zustand zu verbergen, war traurig, wie der
F! matte flüchtige Schimmer des Sonnenstrahles, der die
Fs graue Trübe eines Wintertages nicht zu durchbrechen
! und nicht zu erwärmen vermag.
,
h!
A!
P!
z
-H


s
=
1?
Veronika war nicht allein, der Graf war bei ihr.
0s kamen und gingen Besuche, man unterhielt sich in
gewohnter Weise, aber Ulrich sah und hörte bei jedem
Worte, welches sein Onkel und dessen Gattin äußerten,
daß sie anderweit beschäftigt waren, daß außer der
allgemeinen Gefahr ein noch näheres Unheil über ihnen
schwebte, daß Veronika dieses erkannte, es zu vermeiden
wünschte, und daß doch bereits jene rechte Gemein-
samkeit zwischen den Eheleuten gestört war, welche es
ihnen leicht gemacht haben würde, sich dem drohenden
Verhängniß zu entziehen.
Es geschieht oftmals, daß Personen von den ver-
schiedensten Charakteren, von den abweichendsten Mei-
nungen und Ansichten in so einfache Verhältnisse ver-
sezt werden, daß sie troz ihrer völligen Ungleichheit
das Gleiche denken nnd empfinden müssen. Das macht
es ihnen dann möglich, sich zusammenzufinden, sie
fassen Neigung füür einander, gewöhnen sich dasjenige,
was ihnen an dem Andern fremd erscheint, als seine
Eigenheit zu ehren, als eine schöne Besonderheit zu
schäzen, und sie gelangen also leicht zu einer gegen-
seitigen Liebe, in der sie ihr Eigenstes aufgeben möch-
ten, um sich das Fremde völlig anzueignen. Indeß
solche Verbindungen find mit ihrer Daier nur zu
häufig auch an den Ort ihres Entstehens und an die
Bedingnisse geknüpft, unter welchen sie geschlossen
V
s

=,
T
s.
ß
eK
g
n
i


B
k
l
ä
L
s
s
T
V


V

T
d
A
z
K

ö
bV
?
1K
Fs
-- worden sind, und die Ehe des Grafen Joseph hatte
F u. lee Neihe gehsr:
s;
Er war bestimmbar und selbstwillig, hingebend und

g?
I herrschsüchtig, rasch empfänglich und ausdauernd, ie
F, nach der Seite seines Wesens, welche von den Ver-
P hältnissen berührt ward. Seine Seele hatte Adel, er
A
F! bewunderte das Schöne und Gute, aber seine Empfind-
F? samkeit wie seine Empfindlichkeit schreckten vor jeder
- strengen Anforderung zurück und gaben sich willig der
Einwirkung hin, die ihnen schmeichelte. Er schäzte
F daher die Wahrheit, wenn sie ihm wohlthat, und suchte
- sich über dieselbe zu täuschen, sofern sie ihn unange-
- - nehm berührte. Da er in sich selber die Gegensätze
- stets zu vermitteln bemüht war, so oft er in einen
! innern Widerspruch gerieth, so strebte er auch im
Leben auszugleichen, was sich irgend dazu anließ, und
Hinhalten, Abwarten und Hoffen waren ihm stets na-
türlicher gewesen, als rasches Vorwärtsdringen zu einer
?
Z gewaltsamen Entscheidung.
In der Zurückgezogenheit, in welcher er die ersten
F Jahre seiner Ehe auf Schloß Rottenbuel zugebracht,
! hatte er nicht Gelegenheit gehabt, es zu bemerken, wie
H sollkommen der Charakter seiner Gattin dem seinigen
P! entgegengesezt war. Ihr ruhiges Walten hatte von
A!
ihrem täglichen Leben jede Störung entfernt, ihre
z
P! Liebe für ihn jeder seiner Neigungen unbedenklich nach-
z!
z
fS
»
A
=f

g
I ?

16e
gegeben, und ihr Vertrauen hatte sich lange über die
Quelle der Melancholie getäuscht, die sich seiner all-
mählich bemächtigt. Im Nebrigen wußte die Gesell-
schaft des Bündner Adels sich unter einander zu scho-
nen und zu respectiren, und Graf Joseph, der an und
für sich reich, nach seiner Heirath mit der ebenfalls
sehr begüterten Erbtochter von Gunta zu einem der
reichsten Besizer des Landes geworden war, hatte in-
nerhalb der Bündner Oligarchie, deren natürliches
Interesse die Aufrechterhaltng des Einzelnen forderte,
bei seiner Heimkehr in die Schweiz eine Aufnahme
und einen Einfluß gefunden, die seiner Lust an per-
sönlicher Geltung wohl entsprochen haben würden, wäre
er nicht mit seinen Erinnerungen an Paris gefesselt
und an Aufregungen gewöhnt gewesen, welche er in
dem Frieden seiner Heimath und seiner Ehe, ohne daß
er sich davon Rechenschaft gab, sehr bald vermißt
hatte.
Der Graf gehörte zu der großen Anzahl der Men-
schen, deren Aeußeres bedeutender ist als ihr Charakter
und die deshalb unwillkürlich täuschen. Daß ein
Mann von solch stolzer und mächtiger Gestalt, von
E l
,l
i
s
i
jg P
.kV
n.
ü
d
A
Et
hl


g
H
-J
Fe;
ß
A
so gebietendem Ansehen jene Eitelkeit besize, die sich
durch fremde Anerkennung Genugthuung verschaffen s
muß, daß er es bedurfte, sich in der Gnade eines
Mächtigen zu sonnen, sich in jedem Augenblicke in

sF
fg
! K
a
k K
t K einen Kampf mit einem Nebenbuhler verwickelt zu
d s
e a wissen, um sich womöglich seiner Neberlegenheit über
e
, Hs denselben zu erfreuen, das würde man ihm ebenso
! F, menig zugetraut haben, als er selbft, sich dieses ein-
? zestand.
l h-
So lange er in Paris sich in dem Glanze und
j ß s= e-e-o -s epts »=, e j-ao =o Ee-
F z; nnng und Aufregung angehalten, in welcher seine
z v-
N Liebesleidenschaft für die Marquise ihn versezt, hatte
F er sich bald glücklich, bald unglücklich, immer aber be-
! F schäftigt gefühlt. Später waren ihm der völlige
zs
s gg Bechsel seiner Lebensverhältnisse, seine Neigung und
- Liebe für Veronika und das prächtige Herrenleben auf
-F;
Schloß Rottenbuel, das ihm durch die Zärtlichkeit
seines jungen Weibes noch verschönt worden, zu einem
Anreiz geworden; aber wer nicht in sich selbst beruhen
kann, ist für eine glückliche Ehe, für die Ehe, welche
L
auf wechselloses Vertrauen und wandellöses Zusanmen-
gehören angelegt ist, nicht geschaffen.
Die immer gleiche Ergebenheit Veronika's, ihr täg-
lich stilles Thun, ihr ernstes Gleichmaß, ja selbst die
F zügsamkeit, mit welcher sie sich dem Grafen unterzu-
ordren wußte, erschienen demfelben bald als ein Man-
gel an Temperament. Veronika's sanfte Zufriedenheit
F dünkte ihm ein Zeichen dafür zu sein, daß ihr Sinn
Fs beschränkt, daß sie ohne Verlangen nach weitern Le-
1
l
E
i
A
h
1

g
es
t
ih
t
1618
k
bensverhältnissen und darum auch sicher nicht befähigks
sei, dieselben erfolgreich zu bewältigen. Ehe sie seiis
Weib geworden war, hatte er sich an ihrer Begeiste?
rung für die Poesie erfrent; als sie dann an seinerZ
Seite es versucht, sich das idealische Glück zu schaffen,Z
von dem sie getränmt, und das auch der Graf, ihr ZF
Verlobter, ihr in so schimmernden Farben darzustellen F
gewußt, da hatte er gemeint, daß die immergleiche F
friedensvolie Liebe den Sinn ermatte. Er fühlte sich F
nicht mehr als derselbe, weil er der zornigen Aufwal- (
lungen, des bittern Schmerzes, der Eifersucht, der F
peinvollen Erwartung und Hofnung entbehrte; der Z
Morgen brachte ihm keine Besorgniß, der Abend kein Z
unerwartetes Begegnen. Er war gewohnt, durch sei- F
nen Dienst Pflichten zu haben, die er erfüllen mußte, ß
er war ebenso gewohnt, die Auszeichnung eines Vor- F
gesezten, die Gunst eines Fürsten zu genießen, welche F
Andern nicht in gleichem Mafße zu Theil ward, und P
ihm fehlte die Genugthuung, welche ihm dies gewährte, P
ebenso, als die Mißgunst der Menschen, welche ihn in F
Paris um sein Glück beneidet hatten.
Es war vergebens gewesen, daß die Freifrau, daß F
Veronika ihn an den Segen der Freiheit und der I
Selbstherrlichkeit mahnten. Er hatte die rechte Em=
pfindung nicht dafür. Er war zu lange in Diensten ;
gewesen, um des Herrn entbehren zu können, und zu -

öF
z
18
Pange von der willkürlichen Laune einer Kokente He- '
herrscht worden, um die ruhige Liebe eines edlen und
Fehrlichen Hetzens gebührend zu würdigen und zu
Ischäzen. Wer irgend eine Art von Selaverei mit Be-
Ffriedigung zu tragen vermochte, ist ein für allemal
t,für die Freiheit verdorben und verloren.
F Veronika vor allen Andern hatte sich über den
LCharakter ihres Gemahls getäuscht. Sie hatte ge-
ßglaubt, der Graf sehne sich nach den Vergnügungen
F,der großen Welt, als sie ihn in ihren Bergen immer
-Fttrüber und abgespannter werden sah; indeß fehlte ihm
jgmr der Stachel eines fremden Willens, der ihn in
F ßewegung sezte, und kaum in Paris angelangt, kaum
F in seine Dienstverhältnisse eingetreten und in die Nähe
F des Königs zurückgekehrt, der ihm von Jugend auf
Fdie Sonne seiner Tage gewesen war, hatte er die
F frühere Lebendigkeit wiedergefunden Ja, er fühlte sich
F fnehr als früher zum Genusse des Daseins geneigt
Hs; Die Entfernung von, Paris hatte bewirkt, daß ihm
edie Reize, welche diese Weltstadt darbot, neu erschienen
S ind er sie neu genoß, obschon er wweder die Gesell-
Z fchaft, noch die Lebensweije wiedergefundei, die er
B feüher dort gekannt.
bsg -
P Die Zeit hatte sich geändert, Jeder hatte mit sich
hs flbst zu thun, der Tag verschlang den Tag noch eili-
h? als je zuvor Allerdings gab es noch' Stunden,
s!
-
d
t
s
l




g
A
z
welche man von r Sorge frei zu halten wußte, gß,
es der Zuversichtigen noch genng, die, wie Graf Söß
seph, zwweifellos überzengt von dem Rechte und besg,
halb auch von dem Siege der absoluten MonarHä?
sich nicht scheuten, den Becher der Freude unter de,
grollenden Donner des nahenden Orkanes an ihö;
Lippen zu seten, und man scherzte und lachte, maßh
sang und schwärmte jezt lauter als zuvor, um die;
drohenden Worte, um den Spott und den Hohn, uüF
die Anzeichen des Sturmes zu übertäuben, die siHs
überall vernehmen ließen, wohin man sich auch flüchF
tete. Der Graf hatte vor seiner Berheirathung fük
einen schwärmerischen Idealisten gegolten, jezt nachf
derselben, schien es, als wolle er zum Lebemann wer?
den, und Veronika vermochte es zu ihrem KummetFß
nicht, ihm auf dem Wege zu folgen, den er einschlug; F
vermochte die Welt um sie her nicht mit seinen Auget F
anzusehen.
Sie hatte es dem Grafen nachgefühlt, daß es ihm h
eine Pflicht sei, dem Könige, dem er und sein Vater Z
Treue gelobt und lebenslang gedient hatten, in der I
Stunde des Kampfes und der Noth nicht zu fehlen, Z
indeß sie hegte weder die Verehrung ihres Gatten vor H
dem Königthum, noch theilte sie seinen Glauben an F
den Sieg desselben. Die Vorstellung, daß der Graf F
einer mit Recht verlorenen Sache diene, lähmte ihren F
k

z
,z
u
Fme Sie konnte sich weder an der höffenden Be-
geisterung der Royalisten erwärmen, noch, die wach-
snde Energie dei Volkspartei verdammen. Der Par-
Fistreit, welcher die Außenwelt durchwogte, drohte, sich
Fuch innerhalb der gräflichen Ehe geltend, zu machen,
Fnnd bange Sorgen um die Sukunft, zärtliche Aigst
Fm die Gekahr, welcher ihr Gatte sich fast alltäglich
huszusezen hatte, nahmen Veronika den heitern Gleich-
Futh und den Frohsinn, welche Graf Joseph an ihr
Feliebt hatte und auf die er bei seinem Weibe nicht
Ferzichten wollte.
,l: Sie waren noch nicht lange in Frankreichs Haupt-
gstadt gewesen, als Veronika zu ahnen begann, was
gsßr hier persönlich drohe. Aus der Aufregung durch
gdds öffentliche Leben, aus der Neberreizung in einer
Besellschaft, die sich inmitten der Gefahr verwegen zur
-Sorglosigkeit und zum Genusse aufstachelte, kehrte der
raf zu einer Frau zurück, die sich nicht zur Freude
- zu zwingen vermochte, und dieser Abstand war ihm
. peinlich. Er beklagte es, daß Veronika nicht den Sinn
ber Jugend, nicht die heitere Leichtlebigkeit der beweg-
F lchen Französin besize; er nöthigte' sie, ihre Säle zu
Sffnen, Gesellschaft zu sehen, um, so viel es dem ein-
-' zelnen Edelmann möglich war, die Sicherheit kund zu
geben, von der die Aristokratie sich noch inimer getra-
gen fühlte; und bereitwillig, wenn auch schweren Her-
?
ß
K:
s
s -
-

E
eA
zens, hatte Veronik sich dem Wilten thres Gattetß
fügt, als der deiste Besuch der Marquise jene S
herbeiführte, welche der Gräfin ben Rest iheee Za.
n
sicht und ihres Friedens rauben sollte.
Freilich hatte der erste Eindruck, den sie bamltß
macht den Erwartungen der Marquise nicht ucl,
entsprochen, denn chr Auftreten hatte den Grafe F
leidigt, und er hatte noch Liebe genug für selne G
tin gehabt, um in ihrer Seele zu empfinden und Scß,
nng für sie zu verlangen. Auch hatte er VeroMl,
zu bernhigen gestrebt, er hate Kranziska's eüesek
tose Selbftsucht, wie ihren Mangel an weibllcher Wüi
getadelt und sich freiwillig bereit erklärt, sie zu vs,
meiden; aber troz seiner Einsicht und seiner Sugßß
stänbnisse regte sich eine Stimme in ihm, welche fi,
Franziska sprach. Es hatte ihn ergrifen, wieder eil
mal die Sprache der Leidenschaft zu vernehmen, h
die sie ihn gewöhnt, und alle die wechselnden Scens,
des Vorwurfs, des Streites und der Versöhnung
welche er mit ihr durchlebt, waren ihm plözlich i
einer einzigen Empfindung gegenwärtig geworden unl
hatten ihn auf's Neue an die Vergangenheit geketiF
von der er sich für immer losgeriß'en geglaubt.
bedauerte das Leiden Veronika's, er hätte lebhaft gs?
wünscht, daß es ihr erspart geblieben wäre; und docs
that es ihm heimlich wohl, daß sie eine Vorstellung.
.= . -

Kapitel 15

u
Fi jener feurigen Leidenschaft erhalten, welche ihr nach
Fner Meinung fehlte, und wwelche die Marquise be-
Hen oue
, Von jenem Tage an war Veroika's Frieden für
Fmer gestört. Mt dem klaren Auge der Unschuld
särchschaute sie Franziska's absichtliches Spiel, aber sie
Frstand es nicht, sich dagegen zu schüzen, und hätte
ze den Kanpf mit ihrer Nebenbuhlerin aufnehmen
gögen, ihr hätten die Waffen gefehlt, derselben zu be-
Fe
s
P
T
A
FsööEeoeäeowewoöAoeeeooewoeeaapoegpaaeeMF
1. Hsp-=--
=öszs

-? Die Dienstverhältnisse des Grafen und der Mar-
bise brachten es mit sich, daß sie einandet am Hofe
ft begegnen mußten; und daß Franziskä' es durch-
sezen werde, den Grafen auch im Besondern zu sehen,
kävon hlelt die Gräfin sich überzeugt. Andeß ihr Herz
kAr jung und kräftig, sie mochte nicht verzagen, fie
kdnnte nicht aufhören zu lieben und zu hoffen, und
, üiitten in ihrem Kummer tröstete sie sich doch wieder
- Eiit dem Gedanken, daß ein Mann, der seinem Könige
Re Treue heilig bewahre, auch seinem Weibe nicht ver-
, lbren gehen könne. Bald wollte sie! dem Grafen ihre

s
- 1
t

1
Besorgniß mittheilen, bald schreckte sie davor als ss, j
- h
einer Beleidigung gegen ihn und gegen die Heiligssß s
Ghrer Ehe zurück Sie wollte es nicht glaube, K s
man sich von dem Unwürdigen anziehen und fessä,
lassen könne, wenn man es einmal als ein solches H
- l
kant, und der Graf selbst hate ihr in den Töäß ,
nach ihrer Verlobung ein Bild von dem Charakter Iß; v
t
Marguise entworfen, das nur zu treu und richtig g !
s
wesen war.
Veronika beschloß also zu schweigen und abzuwäöz
ten; aber schweigen zu müssen, wo man sich gewöhh
hat, sich offenen Herzens hinzugeben, ist ein schweiet;
wang, der alle unsere Rähigkeiten lähmt. Eine stlllh
Angst, eine dumpfe nfreiheit lasteten auf der jungeß
rau. Ihr mangelte nicht nur die freie Luft deö
Heimath und die freie Bewegung in der weiten Naß
tur, ihr fehlte vor Allem die geistig reine Atmosphäreß;
in welcher sie bis zu ihrer Ankunft in Paris geleöß
hatte, und der schöne Glanz ihrer Jugend begannn da-FF
vor zu schwinden.
Jahr und Tag waren sie hingegangen In Frank-ß
reich, in Paris tobte der Parteikampf, war die Revo-
lution zu einer vollendeten Thatsache geworden. Derl
König war bereits völlig in der Gewalt des Volkes,F
das ihn hierhin und dorthin zu gehen nöthigte, c'schon'ß
er sich noch anscheinend in Freiheit befand, und wie'ß

pz
c
s-
?s
Pein zum Tode Kranker sein Dasein, peinvoll und doch
eFzoch auf die Zukunft hoffend von einem Tage zu dem
ßgndern hinschleppt, so wankte die Monarchie ihrem
PAntergange entgegen
z An die Stelle hochfahrenden Nehermuthes wwar all-
FFnählich verzagter Troy getreten. ,Deute baute man
FFauf Hülfe von auswärts und sah zuversichtlich über
Fdie Grenzen des Reichs hinaus, morgen-dachte man
F daran, diese Grenzen zu erreichen, um sich der Volks-
F herrschaft zu entziehen, um das Königreich mit Schwer-
F tesgewalt neu zu erobern, und alle diese Entwürfe
F wurden immer wieder aufgegeben, weil der König und
Z bie Königin, bei der Ungleichheit ihrer Naturen, keinen
Z einstimmigen Willen hatten und nicht dazu kamen, ge-
ZJ meinsamen Plan zu fassen, so lange dafür noch Zeit
F und Möglichkeit vorhanden war.-
e
, Eine endlose Reihe von Heimlichkeiten und Sntii-
ß gnen war die nächste Folge dieser innern Uneinigkeit
? des Herrscherpaares. Neberall hatte man Kundschaf-
- s ter, überall suchte man Verbindungen anzuknüpfen,
-s und die Getreuen des Hofes wurden in einer bestän-
, digen Bewegung erhalten, hatten viel mit einander zu
, s verkehren, waren bald hier, bald dort, und immer
aufregend beschäftigt. Bald galt es einen sicheren
! Boten für eine Nachricht ausfindig zu machen, welche
rr l
' s onen anser Eandes gelangen zu lssen wünschte, bald

-Khs
s

7s

1l
handelte es sich dar, Menschen z ermitteln, aEß s
welche man bei gewissen Möglichkeiten eechnen köieß s
und da die Marquise in aue Absichte der Königl,
mit eingeweiht, da man mehr und mehr auf die Träih
und Verlässigkeit der Schweizergarden angewiesen wat j
so brauchte Rranziska gar nicht erst die Amuässe gß j
suchen, welche sie mit dem Grafen zusammen führtetZ j
Die großen Eirkel am Hofe hotten schon langis j
aufgehört, Veronika hatie also nur selten zu erscheine s
und sah daher die Marquise auch nur selten. Desß s
häufiger traf der Graf mit ihr zusammen, und sö j
nannte es eine billige Rücksicht für Veronika, daß eiH
von diesen Begegnngen nicht mit ihr sprach. Sö z
lange er dieses noch mit gutem Gewissen von sich be- P
haupten konnte, war die Gefahr für seine Gattin noch F
nicht dringend. Indeß den nothwendigen Begegnun- Z
gen mit der Marquise folgten die freiwilligen Zusam-
menkünfte in nicht zu langer Zeit, und diese natürlich
mußten der Gräfin aus besonderen Gründen wohl ver-
schwiegen bleiben.
Der Graf hatte, als er Franziska nach jener Seene
in seinem Hause zuerst wieder gesehen, ihr Vorwürfe
gemacht, und sie hatte sich zu vertheidigen gewünscht.
In den Sälen der Königin war das unmöglich ge-
wesen. Sie hätte es gefordert, sich rechtfertigen zu
dürfen, sie hatte verlangt, daß der Graf sie in ihrer

l

l
?

?
e
f Dienstwohnung besuche, denn sie hatte jezt keine an-
s dere mehr. Aher Franziska war dort auch völlig frei,
war ganz allein, man konnte frei bei ihr sprechen, frei
F bei ihr mit den nächsten Vertrauten der Känigin ver-
P kehren, frei einander bekennen, was Jeder hoffte, was
hJ er fürchtete, was ihn drückte. Sie meinte, auch den
is Grafen müsse es nach solchem freien Austausch der


s
F
i
s
1



Seele verlangen. Er lehnte das nicht äb; das hieß
mit andern Worten, er gab es zu, eine Vertraute zu
brauchen und Franziöka war klug geng, für's Erste
die Rolle anzunehmen, welche die Gelegenheit ihr an
die Hand gab.
Der Graf rühmte seine Gattin, und auch Fran-
- ziska lobte sie, aber sie bedauerte, daß die junge Frau
eben zu solchem Zeitpunkte nach Paris gekommen sei.
Darin stimmte der Graf ihr bei, nnd er ging noch
weiter. Er nannte es einen Mangel an Voraussicht,
daß er ein Mädchen geheirathet habe, welches fetn von
der großen Welt, fern vom Hofe und nicht in den
rechten Begrifen der Loyalität erzogen worden sei
Franziska gab ihm darin Recht. Sie nannte es ge-
fährlich für ihn und für die Gräfin, aber sie legte es
ihm nur als eine Pflicht auf, Veronikk zu schonen,
s
sie allmählich zur Erkenntniß kommen zu lassen, sie
V
nicht gewaltsam überreden und überzeugen zu wollen.
Er sollte sie gehen, sie gewähren, sie ihr stilles, un-
1?
Lewald, Kleine Romane. ?
-
l
,l
?
e
,s
h
, l
l
s
l
, s
s
k
:

t7K
'

schuldiges Pflanzenleben führen lassen und sich daräl
erfrenen, daß ihm mitten in der unheilvollen Verwic,
rung, in welcher man sich befand, durch VeronlkäI
kindliche tnschuld eine Dase des Friedens eröffnet weri
in der er sich ausruhen und erheben könne, wenn -
entmuthigt und ermüdet fei.
, Of' rief sie,,das Leben übt s-ine Vergeltung
aus; ihr, der stillen Kindesseele, die Ruhe und dEt
Frieden! mir die Sorge und der Kampf! Und für die
Tage der Sorge und des Kampfes will ich auch Ihnen -
bleiben, mein theurer Freund! -- -
Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie an, und
ihre feine Hand wußte eisern festzuhalten, was sie er-
griffen hatte; denn es gab damals mehr Stunden der
Sorge und des Kampfes, als Stunden der Ruhe und
des Friedens, und die Marquise hatte für sich mit ;
kluger Wahl den größten Theil von dem Leben des s
Grafen beansprucht, als sie ihm jenen Vorschlag ge- s
than hatte.
Es fiel der Marquise nicht schwer, ihm zu bewei- s
sen, daß er eine Pflicht gegen Veronika erfülle, wenn ?
er ihr selbst die Kenntniß der Unternehmungen fern
hielt, in welche die Getreuen des Hofes oft mit eige- s
ner Gefahr verwickelt waren; und wie sie den Grafen !
immer leidenschaftlicher für die Sache der Königin zu
begeistern wußte, so gelang es ihr, ihn ebenso wieder

Kapitel 16

zs
c
77
Z an sich zu fesseln, deren Hingebung an ihre Gebieterin
F, allein schon ein Grund für ihn sein mußte, sie noch
g, höher zu schäzen, noch feuriger zu lieben, als je
Pi nen
zF Jedweder, der noch ein Auge dafür hatie, konnte
F, es sehen, wie neben der großen Schicksalstragödie,
ß welche damals in Paris ihrem lezten Acte entgegen-
F reifte, sich das Schicksal einer schuldlosen Frau immer
F düsterer gestaltete; Jeder mußte es bemerken, daß die
s Gräfin täglich mehr von ihrem Gatten verabsäumt
und die Marquise wieder die Beherrscherin des Grafen
j wurde; nur er selber täuschte sich darüber. Das Ge-
webe von Arglist und Verführung, mit welchem Fran-
F ziska ihn umgarnte, war so geschickt angelegt und
F
F so fein, daß der Graf noch an Veronika zu hängen
- glaubte, als er schon wieder gänzlich der Marquise zu
!
aa
eigen war, und daß er für die Ruhe und Sicherheit
seiner Gattin zu sorgen wähnte, während er sie auf
den Anrath ihrer Feindin zu einer halben Gefangen-
schaft in ihrem Hause verurtheilte.
RFweeEöwwwggpegpgpggggggg
15. Fapites
Die Lage einer Frau, welche nicht mehr geliebt und
um einer Andern willen verlassen wird, ist doppelt
:A
gs
1-

1 l
1-T
1e
lK
k
k
18
zF;
k
K

E
rathlos, wenn sie sich sagen muß, daß die äußern An-
lässe der Art sind, ihren Mann in Anspruch zu neh-
men und ihm den Verkehr mit ihrer Nebenbuhlerin
nothwendig zu machen. Man bedarf eines sichern Bo-
dens, um eine feste Stellung einnehmen zu können,
man muß wissen, worauf man fußen, worauf man
bauen und rechnen kann, um eine Richtschnur und
einen ompaß für seine Handlungen zu haben. Wo
aber sollte die Gräfin diese Hülfsmittel für sich finden?
Ihr Gatte war mit sich selber in Zwiespalt ge-
rathen, seit die Marquise wieder seine Vertraute ge-
worden war. Was er erlebte und empfand, das ver-
traute er ihr, und sie wußte es ihm zu deuten. Was
er für Veronika bestimmte, war Franziska's Werk, was
er an dieser hoch hielt, das tadelte er an jener. Er
liebte den kühnen, unternehmenden Geist, den festen
Muth, die Energie des festen Willeus an Franziska;
er hatte auch an Veronika einst ihr starkes tapferes
Herz geschätzt. Jezt aber bezeichnete er es als ein
Heraustreten aus des Weibes Schranken, wenn Vero-
nika es mit flehender Bitte von ihm begehrte, einge-
weiht zu werden in seine Geheimnisse und Plane, jetzt
nannte er es ihr bevorzugtes Loos, daß ihr nichts ob-
liege, als der hingebende Gehorsam an den Willen des
Mannes, der ihr seinen Namen und dieses Namens
Ehre zu hüten gegeben habe.
K
K
l
z-
T
L


z
1
A
e-

z
d
k

z:

E
s

I
F?
181
Er hieß es gut, wenn Franziska, wo es sich für
F. eine Dame ihres Standes thun ließ, frei in der Deffent-
F lichkeit erschien, er begleitete sie, wo immer es geschehen
r t
ihres Gatten theilhaftig zu werden, wurde von dem
-?
H
k

I
D
l
l
t
ü
Grafen mit der Erklärung zurückgewiesen, daß er die
Gräfin von Rottenbuel nicht der Gefahr preisgeben
wolle, die Beleidigungen zu erfahren, mit denen die
Weiber aus dem Volke die Damen der Aristokratie zu
verfolgen begonnen hatten.
Es kamen Stunden, in welchen Veronika zu glau-
ben wünschte, was der Graf ihr sagte. Sie wollte
ihre Zweifel besiegen, sich ihre richtige Erkenntniß ab-
leugnen, sich beruhigen und trösten. Aber wie sie sich
auch das Herz stärkte, um sich aifzurichten und, ihrem
Gatten nicht durch ihre Entmuthigung lstig zu fallen,
wie sie sich auch demüthigte, ihm zu zeigen, daß sie
ertragen wolle, was er über sie berhänge, wenn er ihr
nur die Hoffnung auf die Rückkehr seiner Liebe lasse:
er schien das Alles bald nicht mehr zu sehen, zu em-
pfinden, und Veronika konnte es sich endlich nicht ver-
hehlen, daß der Graf, sie nie geliebt habe, daß seine
Heirath mit ihr nur die Folge eines augenblicklichen
Zornes gegen die Marquise, die Folge einer augen-
blicklichen Herzensleere gewesen sei.
h
s
n z

1
18


ß-
s
Iz
A
Hätte Veronika sich zu beklagen vermocht, das heißt, F
hätte sie den Grafen weniger geliebt und wäre sie einsF
weniger stolzes Herz gewesen: so hätte sie der Mar?!(
auise die MBglichkeit benommen, sie der Kälte unds F
Gleichgültigkeit zu zeihen, und dem Grafen nicht die. F
reiheit gelassen, diesen Anschuldigungen Franziska's
Gehör zu schenken. Aber Veronika ertrug ihr Unglück F
ernst und still. Sie kämpfte mit aller ihrer Macht'
gegen ihre Einsicht an, sie wollte sich's nicht einge-
stehen, sich's nicht bekennen, daß sie einem Manne an-
gehörte, den sie nicht achten konnte, und daß sie ihn
liebte, obschon er diese Liebe weder begehrte noch ver-
diente.
Nur ein Mann weilte in ihrer Nähe, der es sah
und wußte, was in ihr und mit ihr vorging. Einer
lebte in ihrer Nähe, der ihr Leiden wie einen eigenen
brennenden Schmerz empfand, und der den Mann ver-
achtete, welcher das Unglück Veronika's geworden war.
Ulrich's Liebe wachte über sie und wachte über sich
selbst so streng, daß nicht sein Onkel, nicht der Späher-
blick Franziska's, die den Schatten eines Verdachtes
mit Freuden benutzt haben würde, dem Grafen einen
Zweifel gegen die tadellose Reinheit seines Weibes ein-
zuflößen, es ahnten, was in Ulrich's Herzen vorging.
Mit der Sorge eines Bruders, mit dem Scharf-
sinn der Leidenschaft, die nur stärker und tiefer gewor-
s
t
K

F
ß den war, je fester er sie in sich verschlossen, war er
,sdem ränkevollen Treiben der Maiquise seit ver An-
zs?unft seines Dnkels in Paris gefolgt. Vorsichtig, wie
T'es dem jüngern Manne gegen den ältern, dem Neffen
j gegen den Onkel zustand, hatte er densellben daran zu
zl erinnern gewagt, wer und was Franziska sei, und wel-
s ches Spiel sie mit ihm getrieben vön Anfang an. In-
F beß der Graf hatte nicht darauf geachtet! Kleine, aber
,, peinliche Erörterungen waren die Folge solcher Ge-
F, spräche gewesen, und Ulrich hatte es nicht bis zu einem
s Aeußersten kommen lassen mögen, um nicht aud der
1

s
?
i
s
t'
l
k
'
i!
Nähe Veronika's verwiesen zu werden, und um ihr
nicht zu fehlen, falls einmal die Stunde kommen sollte,
in welcher sie seiner bedurfte.
Er war viel in dem Hause seines Onkels, denn er
war unbeschäftigt in Paris, und er sah Veronika häufig
allein, die er als seine Tante zu betrachten nicht er-
lernen konnte. Aber wie oft auch er ihre stillen Seuf-
h
t!
18
zer hörte, wwie oft er sie einsamn und in Thränen fand,
und wie oft er Zeuge davon wurde, wenn sein Onkel
an der Seite der Marquise auswärts und strahlend
!
in Heiterkeit erschien, niemals ward ein Wort der
Klage von Veronika gegen ihn geäußert, niemals hatte
er sie gefragt: was fehlt Dir, Veronika? und wie
könte ich Dir helfen?-- Die strenge Selbstbeherr-
schung, zu welcher die Freifrau und der Vater Vero-

z n
h

pt
ui
AL
z
'g

18s
F

V
t
A
ika's die Beiden gewöhnt, hielt sie in ihren Bandenßj
und obschon wohl nie ein großer Kummer verschwiskF
gener getragen wurde, als Veronika und Ulrich ihre
Schmerzen trngen, so wußte doch Jeder von ihneü
was der Andere litt, und Jeder von ihnen hatte seßF,
nen Trost an der unaussprechlichen Theilnahme des
F

Anderen.
Nur des Grafen Schicksal, nur das Allgemeine, sö'F
weit es ihn betreffen konnte, lag Veronika am Herzen
und Fragen um die Vorgänge in dem Lande, in der F
Stadt, in der Nationalversammlung nnd in den Clubs F
waren es, welche Ulrich der Grääfin zu beantworten F
hatte, wenn er bei ihr erschien. Jeder Trommelschlag, F
jedes Freiheitslied, deren Klänge von der Straße in
die Säle ihres Hauses drangen, machten sie erbeben,
jedes Zeitungsblatt vermehrte ihre Angst, denn der
Haß gegen die Leibwächter des Königs, gegen die
Schweizer-Regimenter, war in den untern Klassen fa-
natisch geworden, und Veronika begann zu fühlen, daß
ihre Kräfte sie verließen.
Ein sehnsüchtiges Verlangen nach einem weiten
Blick in's Freie, nach Feldern, Wiesen, Wald und Ber-
gen, die ersten Zeichen eines schmerzlichen Heimwehs
fingen an sich ihrer zu bemächtigen, aber sie wollte
dieselben nicht erkennen, und doch beengten die Mauern
ihres Gartens, die Häuser der Stadt ihr mit jedem
h

ös
»
i
18
As
FFage mehr das Herz, doch würde dieser Sommer ihr
Z,s ner Lal, vor der sie stch nicht z berzen wußte
Eines Morgens befand sie sich in einem der Säle
z' des Erdgeschosses, dessen bis zum Boden gehende Fen-
=F ster sich nach dem Garten öffneten. Die Orangen-
l, bäume, die in doppelten Reihen auf der Terrasse auf-
ß, gestellt waren, sendeten ihren Duft in das Zimmer, in
F dem vergoldeten Gitterwerk der Volisren unter den
ßz, Buchsbaumhecken sangen die Vögel. Aus der Muschel
F des Tritonen stieg vor dem Mittelfenster der Wasser-
z strahl in die Höhe und hob in regelmäßigem Wechsel
ß- die goldene Kugel bald hoch bis zu den Spizen der
F regelrecht geschnittenen Buchsbaum - Obelisken empor,
- bald ließ er sie niederfallen bis hart an den Rand der
e

s
d


z
s
Muschel; und wohin Beronika das Auge auch richtete,
überall war es heute wie gestern, wie ehegestern, und
wie es vor dem Jahre gewesen war.
Mitten in dem Saale stand ein Marmortisch.- Ve-
ronika saß in einem Sessel zu seiner Rechten, der Graf
saß an der andern Seite. Ein Diener hätte das Früh-
stückgeräth aus Sövre -Porzellan äufgetragen und sich
dann entfernt, denn man hatte von Rottenbuel her
die Gewohnheit mitsammen zu frühstücken beibehalten,
und es war das fast die einzige Stunde, in welcher
Veronika den Grafen ohne Zeugen sah und sprach.
Sie hatte ihm die Chocolade eingeschenkt, bas Früh-
lk
lh
lt
l
1
!
ln
t
t sl
t

t
l
bz
ll
hs
E?
kls
zt
1

l
k -
18e
A

T
stüück war beendet, und der Graf trat danach, in vollee F
Uniform, zum Ausgehen angekleidet, an den vergolde- F
ten Ständer des weißen Papageys, welcher gewohnt F
war, an jedem Morgen aus der Hand des Grafen sein F
Biseuit zu empfangen.
,Du könntest Pollo auf die Terrasse hinausbringen F
lassen,' sogte der Graf, gleichmüthig mit dem Bogel
tändelnd,,Pollo ist in dem warmen Wetter gern im ß
Frelen !-- und als wolle er dem Vogel sein Be- F
hagen je eher je lieber bereiten, löste er das Schloß der F
Kette, mit welcher derselbe an seinem Ständer befestigt Z
war, und trng ihn nach der Voliere hinaus, um ihn
dort an einer ihrer hervorstehenden Verzierungen zu
befestigen.
Es ist immer ein Tropfen, der den vollgefüllten
Becher zum Neberfließen bringt. Allen den Zuvor-
kommheiten, aller der Aufmerkjamkeit und Willfährig-
keit, welche der Graf der Marquise bezeigte, hatte Ve-
ronika mit äußerer Fassung gegenüber gestanden, seiner
Fürsorge für Pollo vermochte sie nicht zu stehen.
,Zür den Vogel sorgt er, sagte sie leise zu sich
selbst, und in ihrem Herzen fügte sie hinzu: ,und an
mich denkt er nicht !'!-- Die Thräänen kamen ihr in
die Augen, das Herz schwoll ihr empor und that ihr
wehe, daß sie den tiefen Seufzer nicht unterdrücken
konnte. Aber sie schämte sich ihrer Schwäche und
k
k
t
s
1
T

k,
j-
1?
s (wendete sich ab, bem Grafen ihre Aränen zu verber-
j jgen, den, ibren Seufzer vemnepmend, zu ihr zurücksah.
lh cRa? - -
j (wie polo! versepte sie, ,ich shne mich is Feeee!
,Und weshalb fährst Du nicht aus? fragte der
j j Geaf weiter, in jenem Tone, mit wwelchem man eine
s s oberflächliche Unterhaltung mit einem Fiemden fort-
j ß sest, üid doch Leute und Dferde ist unbeschktigt
j, =e
,Du nanntest es bedenklich, Bester,' erinnerte die
lg
A
Gräfin,,als ich neulich daran dachte, in das Gehölz
zu fahren.'
,Die Wappen sind jetzt von den Wagenschlägen
abgenommen, und ich habe unseren Leuten bis auf
Weiteres die Livröe untersagt!'' bemerkte der Graf mit
Bitterkeit.,Es hat also keine Gefahr!!!
,, Und Du hast Nichts dagegen, wenn ich ausfahre?
Ich möchte wohl einmal nach SaintDenis, nach Mont-
morency !'!
,Warum so weit? Warum nicht in das Gehölz?
, Ach!' rief die Gräfin, einmal ihrer selbst nicht
mächtig, ,,wenn Du mich begleiten, mit mir kommen
wolltest! Wenn wir nur einmal, nur einmal wieder,
s! wie in den schönen Tagen, die nicht mehr sind, uns
F! gemeinsam die Seele erfrischen könnten an dem vollen
l
I

-
,

i
z

188
A

K
h
Sonnenschein, an der frischen Luft in Wald und Felb?
wenn nnr eine jener Stunden wiederkehren möchte, hF
welchen wir in der Heimath, auf unsern Schlösswzzz
des schönen Glaubens lebten-
E
Der Graf ließ sie nicht zu Ende reden. SeiüO
Miene war finster geworden, er ging nach der SeitsF
des Zimmers, an welcher sich neben der Thüre dsk
Drücker zur Klingel befand.
z
, Die Monarchie geht unter, wir stehen am Rande;
eines Abgrundes, und Du hegst die tändelnden Gö
danken einer schwärmerischen Mädchenseele! Jeder FagF
kann unser lezter werden, und Du magst daran denkeng
Dich zu vergnigen!'' sagte er unwillig, weil die WorteJ
der Gräfin und der Ton, mit welchem sie gesprochen P
wurden, ihm unwillkürlich eigene Erinnerungen wach ß
riefen, die er zu übertäuben gelernt hatte.
Er hatte den Klingelzug ergrifen; die Gräfin,P
welche aufgestanden und dem Grafen gefolgt war, hielt Z
seine Hand zurück Sie war blässer geworden, als sie F
es jezt ohnehin schon war; aber ihre Augen erglänzten Z
hell, obschon Thränen in ihnen schimmerten, und ihrem F
Gatten fest in das Antliz schauend, sprach sie, wei! ß
sein Vorwurf ihr das Herz umwedete: ,Ich mich ver-
gnügen, Joseph? Woher sollte mir die Neigung dazu s
kommen? Es giebt kein Vergnügen, keine Freude für F
ein verlassenes Weib, für ein Weib, das sich sagen F

-
-L
O
T
189
Fimuß, es wurde nie geliebt, und alle seine Liebe, alle
FGluth und Treue seines Herzens reichte eben nur hin,
ß dem Manne, dem sie geweiht waren, für einen Augen-
Fblck die Untreue einer Anderen vergessen zu machen.
F Der Graf fuhr auf. ,Was soll das, Veronika?
Lkief er,,was sollen uns Erörterungen, die Keinem
Fbon uns fruchten? Wir haben uns getäuscht -- Du
ßsagst es-- sei es drum! Aber können wir das ändern?
PKönnen wir Geschehenes ungeschehen machen?
- ,Joseph!' rief die Gräfin, die sich kaum aufrecht
FFu erhalten wußte, ,Joseph! besinne Dich; mit diesen:
ZWorten trittst Du meine Vergangenheit mit üßen,
ßzerstörst Du und vernichtest Du mir die Zukunft!
Z Nimm diese unglückseligen Worte zurück Laß mir
Fbie Möglichkeit, die Möglichkeit wenigstens, mich zu
s -
P täuschen, mich mit meinen Träumer und Hoffnungen
Izu täuschen. Es ist die erste Klage, die Dü von mei-
zz?
,kem Munde hörst, es soll die lezte sein!';
I Sie war außer sich, und sich ihhn zu Füßen wer-
ßfend, rief sie; ,Täusche mich, um Gottes Varmherzig-
Ileit willen täusche mich! Mach' es mich glauben, o!
gz mach' es mich glauben, daß Du mich einst geliebt hast,
F daß Du mich einst noch wieder lieben wirst! Ich kann
I!nicht leben ohne diesen Glauben!''
F! Der Graf hob sie empor, der Vorgang hatte ihn
Ferschreckt, er ängstigte und guälte, er erschütterte ihn
e!
e
lk
ni
i
lk
li
l
tt
uuu
ik
as
1t
z Hs
d

t
u1
s
!

t
l
--

19O
z



sogar, aber er rühete ihn nicht. Die Marguise häg
der Gräfin das Herz ihres Gatten vollständig abngß
wendig gemacht.

, Veronika, sagte er, und an der Ruhe, mit wwä
cher er zu ihr sprach, konnte sie die ganze Kluft H
messen, welche ihn von ihr trennte, ,wir Menschen siß;
nicht Herren über unser Herz. Was ich in früheä
Jahren an Franziska auch getadelt habe, ich habe ß
geliebt seit meiner ersten Jugend. Als ich Dich sh,
glaubte ich sie vergessen zu können. Du bist die eiß
zige Fran, wwelche mir diese uversicht eingeflößt. NlF
Dein, nicht mein und nicht Zranziska's ist die Schul,
daß mich mein Herz betrog. Ich liebe Franziska, nß
je zuvor, und ihre heroische Hingebung an die SaähF,
welcher ich diene, einer Sache, die Dir feemd ist, hFß
sie mir jezt verehrungswürdig gemacht. Es ist nlch
gut, daß es so ist, aber es waltet eben ein unglücß
liches Verhängniß über uns. Wer kann das änderüh
Die Gräfin war starr vor Schrecken. Sie schwiF
eine Weile, wwie gelähmt vom Schmerz, dann schlüß
sie die Hände über ihrem Haupte zusammen, und nß
einer Stimme, der man ihre ganze Verzweiflung at
D:Ue
die Worte nicht mehr, die von ihr zu ihm, von ihe
zu ihr die Brücke bilden konnten. Das dauerte einet

-
VF
1
Jugenbtick, eudlich nahm Veronika ihre lezte Kraft
zzusammen und sagte: ,Du hast es ausgesprochen, und
Hich habe es längst geglaubt, daß jedweder Tag uns hier
sg
=; die lezte Stunde bringen könne. Das eben, trieb mich
zu dem Verlangen, noch einmal zu Dir' von Grund
, der Seele zu sprechen. Ich wollte Dich erinnern -
ich wollte versuchen --- sie vollendete nicht. -
, Umsonst! umsonst!'' rief sie, und ihr Gesicht in ihren
l
Gemach.
Der Graf stampfte unmerklich mit dem Fuße. Er
s
t
s
s
Händen verbergend, verließ sie eiligen Schrittes das
hatte Veronika ungerührt gegenübergestanden, nun sie
sich entfernt hatte, begrif er das Elend, das er über
sie gebracht, und er beklagte sie, er fühlte sich schul-
dig. Aber er hatte zu lange aufgehört sie zu lieben,
er hing zu fest an Franziska, um an eine Versöh-
nung, an eine innere Herstellung seiner Ehe zu
glauben, und der Gedanke an die Trennung derselben,
den Franziska ihm oftmals nahe gelegt, bot sich ihm
jetzt zum ersten Male aus eigenem Antrieb dar, wei!
er durch die Scheidung sich und Veronika die Freiheit
und mit dieser sich und ihr den Frieden wiedergeben
zu können meinte.
Er wollte zu ihr gehen, in diesem Sinne mit ihr
sprechen, als Ulrich ihm angemeldet wirde. Das än-
berte seinen Entschluß. Es schiei ihm gerathen, erst
l
1




=-

19A
L
T
K
den Eindruck ausklingen zu lassen, welchen die ebeäF
erlebte Unterredung auf Veronika gemacht haben mußteH
und da die Vorstellung der Scheidung ihn nun plögs-
lich völlig hinnahm, wollte er lieber erst reiflich dar?
über nachsinnen, wie er sie seiner Gattin anbieten und
anehmbar machen könne. Sein Sinn richtete sihJ
damit thätig in die Zukunft, eröffnete sich einer Hoff-
nung, und womit er selbst beschäftigt war, als seinß
Neffe bei ihm eintrat und nach des Grafen und derF
Gräfin Ergehen fragte.
, Veronika bekommut das Heimweh! sagte der Graf,ß
dem dieser Einfall wie eine Erleuchtung durch die SeeleF
schoß,,und zwwar, wie ich fürchte, das Heimweh imiß
wahren Sinne des Wortes. Sie hatte heute ein Ver-P
langen, die Stadt zu verlassen, in das Freie zu fab-h
ren, das wirklich etwas Krankhaftes an sich trug. Pn F
könntest mir einen Dienst leisten, mein Freund, wwenn F
Du sie begleiten wolltest.
, Und Sie werden nicht von der Partei sein, ß
nkel? fragte der Fieiherr.
, Mir fehlt die Ruhe dazu!'' entgegnete der Graf ß
, Wer hat jezt auch Zeit, sich wie Veronika des jungen ß
Grüns und der Sonnenstrahlen zu erfreuen!!' Er hatte h
das in einer Weise gesprochen, die er zu bereuen schien, H
denn er fügte hinzu:,Man könnte sie um eine Sorg- F
losigkeit beneiden, welche in diesem Angenblicke an sich Ps
.
A

yeg
T
19K
t und an irgend eine Befriedigung für sich zu denken
fähig ift.
! Aber die Begütigung, welche er zu machen beab-
t
fichtigt hatte, schloß eigentlich nut einen neuen Vor-
wurf in sich, und Ulrich wußte, was Veronika erdul-
dete, und Ulrich liebte Veronika.
Heißer Zorn röthete seine Wangen, er hielt die
t
Antwort, die sich ihm aufdrängte, jedoch zurück, und
e
d

sagte ruhig, aber mit unvetkennbarer Selbstbeherr-
schung:,Es ist nicht Sorglosigkeit, mein Onkel, was
die Wangen Veronika's gebleicht hat und ihr ein be-
freienderes Aufathmen in Gottes Natur zu einem Be-
dürfniß werden läßt !'!
Der Graf war bei der Ankunft, seines Neffen auf
die Terrasse hinausgegangen, und sie schritten lust-
1
wandelnd neben einander her. Bei Ulrich's Worten
e
wendete er' seine Augen nach ihm, aber zs paßte ihm
s
nicht, es zu verstehen, was die Mieneü des jungen
Mannes deutlich aussprachen. ,Gewiß nicht!'! entgeg-
nete er deshalb,,aber das Heimweh überwältigt sie,
wie es mir scheint.!
Weil er die Wahrheit verbergen wollte, gewann
F! sein Ausdruck etwas Leichtfertiges, das den Freiherrn
F! empörte. Er konnte es nicht ertragen' zu schweigen
F! oder sich das Ansehen zu geben, als glaube er dem
?; Wort des Grafen. Und auffahrend in seinem Sorne
1
Lewwald, Kleine Romane. ?.
=. ?
1
n
l
l
l
l
l
n
k
-

19
f
n

sagte er:,Es wäre sehr erklärlich, daß die Aermfte,
sich vom Heimweh ergrifen fühlte, da sie hier keiüe
KK
Heimath gefunden hat !r

Der Graf hielt in seinem Gange inne. Fest' unöF
stolz, wie er sich in solchen Augenblicken gab, trat eßF
vor seinen Neffen hin und sagte: ,Männer hinterhalsF
ten nicht, wenn sie Etwas wider einander haben. F
Was hast Du mir zu sagen, Ulrich! Speich es auek?P
Der Graf mußte sehr aufgeregt sein, um so ge-
waltsam einer Erklärung entgegen zu gehen, das stanb Z
für tlrich fest, aber er war selbst zu erregt, um den P
Anlaß, der sich ihm darbot, nicht zu benuzen; unb Z
eben so entschieden, wie die Frage an ihn gerichtet F
war, antwortete er:,Sie haben der Marquise von F
Vieillemarin das Leben eines Mannes geopfert, und F
ich war euge davon. Lassen Sie mich nicht Zenge F
davon werden, Dnkel, daß Sie der Marauise auch die ß
Edelste der Frauen opfern !''
, ulricht' eief dee Graf im Jähzorn auflodernd, (
,Ou vergissest, zu wem Du sprichst!''
. =, daß ich es vergessen könnte!'' eief der Rrei- ß
herr.,Daßß ich es vergessen könnte, wie Sie sie mir ;
geraubt, und wie ich geschwiegen, in dem Glauben, P
dem bessern Manne zu weichen. Daß ich sie vergessen ,
könnte, die brennende Eifersucht, mit welcher ich Ve-
ronika zuerst an Ihrer Seite wiedersah!

e
zL
tk
! Er schwieg eine Weile, der Graf sah ihm fest in's
Fs Auge. Endlich hub Ulrich wieder gn: Ich floh meine
F Tante, die ich liebte, ich floh meinen Dnkel, den ich
I
t



1
I
e
e
h
zi
-g1
gs
- 195
verehrte, weil das Herz meiner Mutter an dem Bru-
ß.
der hing; ich verließ Alles, ich opferte Alles, die Nähe
der Mutter, die Heimath, das Vaterland. Ich ver-
bannte mich, ich wollte Nichts, Nichts als ihr Glück.
Kein Gedanke, der sie begehrte, sollte in ihrer Nähe
sich regen! Ich hätte damit sie zu entweihen, ihr Glück
zu entheiligen gefürchtet, das ich so wohl geborgen
wähnte an der Seite ihres Gatten. Da kamen Sie
nach Paris.'!- =
Ulrich verstummte, auch der Graf war stumm. Der
Freiherr warf sich auf einen der Gartensessel nieder
und stüzte den Kopf in seine Hände, der Graf stand
wie angewurzelt an dem Flecke und starrte den Boden
an, als habe sich vor ihm die entsezliche Tiefe eines
grausen Abgrundes eröffnete. Endlich raffte er sich
empvr, ging eine Strecke mehrmals langsam auf und
nieder und blieb vor Ulrich stehen, ihn gedankenvoll
betrachtend. Dann, als dieser sich mit plötzlichem Ent-
schlusse aufrichtete, sagte er: ,Was wir einander noch
zu sagen haben, Ulrich, wird kurz sein, und wir wer-
den uns für immer trennen. Uns als Feinde zu be-
gegnen, hindert uns die Liebe für Deine. Mutter, die
zwischen uns steht; uns jezt zu berständigen, hindert
zz
m
ht
l
il
tit
l
lt
l
d
E
h

A

Kapitel 17

19e
A

?
s
uns Veronika, die ebenfalls zwischen uns steht. Soh
-e
laß uns denn scheiden, und=-
--F
,Und Veronika? elef tlrich bleich nnd regungsloßI
Der Graf war ebenso blaß geworden. ,Vertrainf
fie mir!'' sprach er mit einer Erschütterung, wie e;
fie nie zuvor empfunden hatte. ,Vertraue sie mlel,
jezt kannst Du sie mir anvertrauen.!
-K
Er reichte seinem Nefen die Hand, ulrich kok
I
sich nicht überwinden, sie anzunehmen.
,Ich will versuchen, Ihnen zu vertranen!! sagteßß
er gepreßt. Dann entfernte er sich, und der GräfF
blieb allein zurück, sich selbst und seinen Gedanken unö
Vorsäzen überlassen.
zguggggggggge
1 Kapitel'
Die Flucht des Königs, die unheiluole Rückkehr F
desselben und die Ereignisse, welche sich daran knüpf-ß
ten, hatten dem Grafen den Anlaß geboten, einen F
Plan auszuführen, dessen Gelingen ihm jezt, nachdem
er die Leidenschaft Ulrich's für Veronika kennen lernen F
hatte, einen Ausweg aus der innern Bedrängniß zu j
zeigen schien, welche mehr und mehr auf ihn einzu- F
s
?

,?
b-
??
D-
h; stürmen begann, denn keine seiner Empfindungen war
, eine reine und ungebrochene.
. Bei aller seiner Leidenschaft für die Marquise, bei
F der willenlosen Hingebung, mit welcher er ihr Vero-
F nika gevpfert hatte, und troz des Zutrauens, welches
Z, ihre zur Schau getragene Begeisterung für die könig-
Z, liche Sache ihm einflößte, fehlte ihm jener rechte per-
t
1
t
1
s
T
1
?
k



sönliche Glaube an Franziska,' der sein Glück und sei-
nen Frieden in den Händen eines geliebten Weibes
wohl aufgehoben weiß. Es kamen doch immer wieder
Stunden, in welchen er nicht vergessen konnte, was
einst geschehen war, und in welchen er die ganze
Stärke seiner Leidenschaft für sie heraufbeschwören
mußte, um die Zweifel zu übertäuben, die sich in ihm
gegen sie erhoben und ihn dann an sich selbst' und
an der Berechtigung seines ganzen;Thuns; irre werden
ließen. Er machte sich dann das Unglück Veronika's
zum Vorwurf, er hätte sie lieben, i Franziska vergessen
mögen, und fand Beides unmöglich. Er konnte sich
keine Zukunft für sich ohne Franziska vorstellen, und
hatte nicht Härte genng, gleichgültig an das künftige
Loos seinet Gattin zu denken, obschon er sich nicht
scheute, sie unglücklich zu machen, da sie noch in seinem
Hanse und in seiner Nähe lebte.-
Unentschlossene Menschen halten sich für frei und
selbstständig, eben weil sie unentschhlossen sind und sich
- !

ssl
1ßs
h
ll
l!
P s1
il
1n1
lr
ul
u
tlt
ßd!
ll
l
l
n


K
A
z

198
h

s
F
I
also beständig in der Lage befinden, ihren EntschläßF
noch fassen zu können; und sie meinen eine Wahl al?
innerer leberzeugung getroffen zu haben, wennt' einZ
von Außen kommender Anlaßß sie zum Handeln anF
teeibt. An solcher Loge war es, daß Graf JosephFF
wie wir sahen, seiner Schwester schrieb, auf deülZ
Rottenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem EmpfangF
herrichten zu lassen. Die Zustände in Paris botsü P
einem besorgten Manne Anlaß genng, an die Ent- Z
fernung seiner Frau zu denken, und der Graf traukeF
es sich zu, von Veronika, die wirklich leidend wakß
die Einwilligung zu einem Wcchsel ihees Aufenthaltss F
zu erlangen. War sie erst fern von Paris, danitZ
hoffte er Alles sowohl von ihrer Güte, als von ihrem F
Stolze. Er wufßte, daß sie ihn liebte und ihn glück- Z
lich zu sehen wünschte, er kannte sie auch daranf, daß F
es ihr nicht möglich wäre, seine Gattin zu bleiben,
wenn er nur einmal das Verlangen ausgesprochen, h
seine Ehe getrennt zu sehen, und er, aus dessen Her- F
zen Veronika's starke und ausdauernde Liebe die Mar- F
auise nicht hatte verdrängen können, überließ sich der
Zuversicht, daß Ulrich's Lebe Veronikas Herz gewin- ß
nen und daß sie dahin kommen werde, in einer Ehe F
mit tlrich das Glück zu finden, das er selbst ihr nicht ß
hatte bereiten können. Regte sich dann jenes Gefühl
der Eifersucht in ihm, mit dem er die Frau, welche F
n

.

F er zu lieben geglaubt und die er als sein Weib be-
Ff sessen hatte, sich nicht als die Gattin eines Andern
1
!
?
1


l
T
t
denken konnte, so kämpfte er es nieder, oder bezeich-
nete sich seine Eifersucht als die !Strafe und Buße,
welche er zur Sühne für den Irrthum seines Herzenö
und zur Herstellung und Aufbauung eines allseitigen
Friedens und Glückes freiwillig über sich nehmen
müsse.. Er hatte den vollen Leichtsinn eines durch
sein günstiges Loos verwöhnten und darum zu bestän-
digem Selbstbetrug geneigten Menschen.
Sein Schreiben, das bei der damaligen Lage der
1
l
s
199
Dinge nur durch die Vermittelung vertrauter Personen
über die Grenze zu bringen war, erreichte die Freifrau
erst, als der Sommer sich schon zu seinem Ende neigte,
und hätte Veronika daran gedacht, sich der Anordnung
ihres Gatten zu fügen, so hätte sie sich bereits auf
dem Rottenbuel befinden müssen, ehe des Grafen Brief
seiner Schwester zu Händen, kani. Indeß wie sehr
der Graf auch in Veronika drang, Paris für den
Augenblick zu verlassen, in dein einen Pünkte fand er
sie unnachgiebig, da er aus Scheu vot den Erörterun-
gen und Erschütterungen, welche einer solchen Erklä-
rung nothwendig folgen mußten, ihr nicht von seinem
Verlangen nach einer Trennung seiner Ehe zu sptechen
I! wagte.
=;
n=! Veronika's Leben wurde von diesem Zeitpunkte ab

agsJssss =ssg== zss= =-=- ==== =
- =-
j

l
l
t
1
I
g
-- F

O
A
I
g

also nur noch trauriger. Ulrich, dessen Treue ihr stets,
ein Trost gewesen, ließ sich nicht mehr sehen, und ihülh?
zu schreiben mußte sie sich versagen, da der Graf. slö
von einem Zerwürfniß unterrichtet hatte, welchesNF
zwischen ihm und seinem Neffen statigefunden. Die'ß
Freunde und Gesinnungsgenossen des Grafen, vonß
denen Veronika einst mit so auszeichnender Zuvorkons h
menheit empfangen worden war, hatten die Theilnahme F
für sie verloren, weil der Graf selbst sie vernachlässigte ß
und weil man ihr, Dank den Andeutungen der Mas F
auise, zu mißtrauen angefangen htte. Man wfs F
daß der Freiherr von Thuris, ihr Freund und Iugenö? g
genosse, unter den Mitgliedern der National-Versamnb z

lung Bekaunte und Freunde zählte, und blind wie der F
Parteihaß es in Zeiten großer Krisen immer ist, kostete P
es ranziska wenig Mühe, das plöpliche Ausbleibe F
des Freiherrn aus dem gräflichen Hause mit der ge z
litischen Unzuverlässigkeit Veronika's in Verbindung
zu bringen, gegen welche ihr Gatte es endlich nöthig
gefunden habe, sich zu schützen.
Niemand sprach davon mit dem Grafen. Eine
Treulosigkeit seines Weibes wäre in den Augen der
Gesellschaft, zu welcher er gehörte, für ihn keine solche
Schmach gewesen, als ihre mangelnde Hingebung an
die gute Sache und an das königliche Haus; nnd da
man, sonst an Huldigungen und Ehrenauszeichnungen

V
k
E
y

K
A1
zI!
IFF! aller Art gewöhnt, jezt der Beleidigungen und De-
-?gf!
sFs müthigungen genng zu tragen hatte, machte man sich
s ein Vergnügen daraus, diejenige, bei welcher nian eine
sHs abweichende Gesinnnng voiaussezte, die Kränkungen
Fs entgelten zu lassen, die man von dem Volke hinneh-
xs wen mßte
e. F! So kam es, daß die Gräfin, von den Freunden
rFF! ihres Mannes nicht gesucht und' sie ebenfalls nicht
,Efs
zs suchend, weil sie mehr oder weniger Freimnde und An-
g F! hänger der Marquise waren, sich mitten in Paris in
Vtzl
einer Einsankeit befand, die niederdrückend war, weil
P
g; ihr die Ruhe uitd der Friede freiwsilligeit Alleinseins
g l
Oß! fehlten. Und als endlich die wwachsende Gefahr für die
-! Sicherheit der königlichen Familie deni! Gtasen die
V
=e; Pflicht auferlegte, seine Dienstwohnung in det Kasekne
ßl
gFf! seines Regimentes zu beziehen, ußn in jedem Aigen-
ez;
; blicke auf seinem Posten zu sein, herrschte in! dem
=I; schönen Hotel, in welchem Beronikä krairig und ver-
s
?! lassen weilte, eine Stille, als befände sie sich in einem
.
! Kloster.
s-'!
Was bon außen durch die Zeikungen und durch

Je - die Berichte ihrer Leute zu ihr drang, ttug dazu bei,
. - ihr die Verlassenheit noch schwerer zu machen, und
E s die Besuche, welche der Graf ihr abstattete, ließen sie
h!
z nur zu deutlich empfinden, daß er keine Gemeinschaft
F- mehr mit ihr habe, daß ihr kein änderer.Antheil mehr
e.
«
s
-
F
?
gggggog=e,
- -=- - -- = s«
us

E
A
m
ß
z
t

ul
l
uh
gk
1
P
ts
tl
Al
!
1
--

?
ß
ic.
RF
P
F
an ihm geblieben, als die Angst und die Sorge, mnitsz'
welcher sie ihn im Geiste begleitete, wenn er von ihtßßß
entfernt war. Selbst die Hoffnung auf irgend eineäsß
Zufall, welcher eine Aenderung in dem Sinne ihress(
Gatten erzeugen oder ihr die Gelegenheit geben würdsfF
seine Neigung wieder zu gewinnen, fing an ihr zu:E
entschwinden.
Tag auf Tag, Monat auf Monat waren so dahin- F
geschlichen, der Herbst, der Winter waren vergangen, Z
der Frühling zurückgekehrt und von dem Sommer ver? Z
drängt worden, und Veronika hatte die lange Zeit Z
nach Stunden abgezählt und in Gram durchmessen. F
Aber auch der Frau von Thuris war es in ihren F
Schlosse nicht besser ergangen. Sie war stets die F
Vertraute ihres Sohnes gewesen, seit er selbst sein g
Herz erkannt hatte, und sie wußte Alles, was in Paris
zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohne vorgefallen g
war. Ulrich's Briefe, der Herzenskummer, welchen sie ß
aus jedem derselben herauslas, auch wenn er sich nicht F
beklagte und nicht von sich sprach, die Schilderungen, Z
die er ihr von Veronika's leidendem Zustande maäh?e. ß
und ihres Bruders wiederholtes Verlangen, daß sfe g
die Gräfi bestimmen möge, nach der Schweiz zurß F
zukehren, ließen der Fieifrau endlich keine Ruhe mehn g
in ihrem Schlosse.
s
Abwarten, Zusehen, Geschehenlassen war nicht in
t

fz-
t!
l1
t!
i
l1
2
hrer Art, und sie hatte sich schon seit Jahren den
Zwang der schweigenden Zurückhaltung auferlegt. Das
war ihr um so schwerer gefallen, äls ihre ehtliche und
strenge Gewissenhaftigkeit es ihr beständig vorgehalten,
daß sie es gewvesen sei, welche die Heiräth ihres Bru-
t!
ders mit Veronika geplant, daß sie es gewesen, welche
s F die Beiden für einander einzunehmen und zu gewin-
F nen gestrebt, und daß ihr Verlangen, den Stamm der
l-
g z! Grafen von Rottenbuel nicht erlöschen zu sehen, mit-
1 F bestimmend auf den Entschluß ihres Bruders einge-
s ß wirkt, der, als er von Frankreich gekommen war, im
Gefühl seiner Abhängigkeit von Franziska, nur wenig
an eine Heirath gedacht hatte.
z
d
, e!
F!
Wo sie gefehlt, wo sie Unheil gestiftet zu haben
glaubte, wollte sie auch, so viel an ihr war, herstellen
und tragen helfen; vor allen Dingen aber wollte sie
bei den Ihren sein, wollte init eigeien Augen sehen,
mit eigenen Ohren höten, den Sohn,' die Pflegetochter,
T
den Bruder wo möglich aus einem Banne'erlösen, dessen
Fs unselige Folgen vielleicht durch ein zu rechter Zeit ge-
F! sprochenes Wort noch zu beschwören wwaren, und
y! wenn Gefahr ihnen drohte, wollte sie sie theilen, statt
Fs sie aus quälender Ferne mit verdoppelter Herzensangst
jZ! für Aües, was sle Gellebes «uf Eeben besaß, an
s! jedem Tage zu befürchten.


z!
kl
ouwauä
====s===aaaassssaa
h
tl
h
llh
tltt
uil
A
sk
uk

i
ki
tn
i
kn
Ek
E

e

Kapitel 18

Ws
- 1. Kapitel
H
K
R
V
l

h
g!
a
Die Freifrau hatte sich in der lezten Hälfte des,ß
Juli auf den Weg gemacht, aber es war damals nichkIZ
leicht, vom Auslande her die französische Grenze zk' P
passiren, und Ichwerer noch, nach Parid zu gelangen F
wenn man einen aristokratischen Namen trug. Con. F
radine hattte sich also entschlossen, in ihrem Passe auf F
denselben zu verzichten. Ihr Kammerdiener, der artig Z
in Holz zu schneiden verstand, hatte den Paß für sich F
und eine kranke Schwester ausstellen lassen, welche in P
Paris einen Arzt berathen sollte, während er die Hol- F
waaren, die man aufgekauft hatte, an den Mann zu P
bringen suchte.
Auf weiten mwegen, nach beschwerlichee vdess F
langte die Freifrau auf diese Weise in ihrem beschei- P
denen, mit Kisten bepackten Wagen, den stolzen Kopf F
in der weißen Dormeuse der Bürgerfrau verhüllt, vor Z
den Thoren von Paris an, das sie seit einer langen ß
Reihe von Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Es war der achte August des Jahres siebzehnhun- F
dertzweiundneunzig. Die Sonne war schon unterge- F
gangen, aber es war noch nicht Nacht. Der Tag wer F
heiß gewesen, es regte sich kein Windhauch; ein schwerer j
Dunst erfüllte die ganze Luft und hüllte die Stadt ß
in ein dumpfes fahles Grau ein.
!

-
T
Auf dem Wachtposten am Thore ging es unruhig
s


k
s
i


französischen Heeres angehörten, saßen. zwischen den
Soldaten, welche den Posten besezt hielten. Es war
ein Trupp von den siebenhundert Föderirten, die einige
Tage vorher von Marseille nach' det Hauptstadt ge-
kommen waren, und das Erste, was die Freifrau in
Paris vernahm, war ein frechesSpottlied äuf dieKönigin.
Je weiter sie in die Stadt hineinfuhr, um so mehr
fiel ihr die Veränderung auf, welche sich in dekselben
vollzogen hatte. Sie kannte die Straßen, es waren
die alten Wege und die alten Häuser, aber ihre Be-
völkerung schien nicht mehr dieselbe zu sein. National-
braunen, stets lärmenden südfranzösischen Föderirten,
Weiber und Männer aus bem Volke, oelche sonst am
Wochentage ihre Werkstätte in den eitlegenen Vor-
städten nicht zu verlassen pflegten, trieben sich in mü-
ßiger Untuhe auf den Boulevards umher und waren,
als die Freifrau den Plaz Ludwig's des Fünfzehnten
passirte, üm sich nach der im Faubourg St. Germain
belegenen Wohnung ihres Sohnes zu begeben, auf dem
Plaze in großer Anzahl und in aufgeregter Stimmung
; versammelt.
-

strich hatten und doch nicht irgend einer Uniform des
pikenbewaffnete Mäimner und dazwische die kleinei,
z
g
her. Männer in Trachten, die einen militärischen An-
garden mit der blau und rdthen Kokarde von Paris,
ss
t.

E
d
ß
E
h
E!
ül
ß

hl
l
i!
A
T
1
T
E
d
z
»hK
?F
es

Ns
P
A
g
F
An einer Stelle, an welcher ihr Wagen haltez
mußte, weil man in dem Gewühle sein HerankommekZ
nicht beachtet hatte, bog Conradine sich heraus, unh
zu erfahren, was sich da begeben. ,Was geht hiet-F
vor? fragte sie den Nächststehenden, einen Mann in
guter bürgerlicher Kleidung. Er sah sie verwundertP
an,Woher kommen Sie, Madame,. entgegnete et, F
,baß Sie nicht wissen, was heute geschehen ist? Ske ß
haben Lafayette den Verräther freigesprochen, und es F
ist Zeit, daß man solchen Freisprechungen ein Ende P
T
macht !
Ulrich war nicht zu Hause, als seine Mutter bei F
ihm anlangte. Er hatte den Brief nicht erhalten, in F
welchem sie ihm ihre Absicht, nach Paris zu kommen, F
mitgetheilt, es war also keine Vorkehrung irgend einer F
Art für sie getroffen worden. Nur der alte Diener, Z
rr A!
zu sagen, wohin sich lrich begeben, noch wann er F
wiederkehren würde.
b
Auf Conradinens Frage, ob der Junker wohl sei, h
antwortete der Diener bejahend, indeß er fügte achsel- F
zuckend hinzu: , So wohl, als Einer es hier bleiben ß
kann, wo Alles drunter und drüber geht. Unser Z
Junker ist auch nicht mehr derselbe. Er hat keine sz
Ruhe mehe. Bew ist er hier, batd dort In der



t
1
1
!


i
d
t:
d
A??
lezten Woche ist er ein paar Mal initten' in ber Nacht
noch aufgestanden und fortgegangen, wenn es unryhig
in den Straßen war. Heüte ist ber Juiker seit dem
Morgen nicht nach Hause gekonimen und, gnädige
Frau verzeihen Sie, daß ich dies säge, zu ihren gräf-
lichen Gnaden dem Herrn Onkel und der Frau Tante
lst er fast seit Jahr und Tag nicht mehr gegangen!
Die gnädige rau werden äuch finden, daß unser
Junker nicht nehr seine rothen Backen und seine
hellen Augen hat, wie sonst!
Erst nach Mitternacht kehrte Ulrich heim, und
seine Mutter mußte sich überzeigen, daß der alte
Diener wahr gesprochen. Ulrich war sehr verändert.
Seine Gestalt war noch fester und männlicher, aber
sein Antliz war schwermüthig geworden, seine Wangen
waren bleich und in seinen Augen leuchtete eine dunkle
Gluth, die sich hier und da unter den schmerzlich und
müde herabsinkeden Lidern verbärg. E war unver-
kennbar, daß er viel gelitten, und baß ihm neben der
Ruhe der Seele auch körperlich die nöthige Ruhe ge-
fehlt hatte.
Sie hatten viel mit einander zu sprechen, die
Mutter und der Sohn, und der Morgen dämmette
herauf, als die Freifrau sich ermüdet für ;eine Stunde
auf des Sohnes Lager legte, der in einem Sessel' dn
ihrer Seite ruhte. Er nannte es den ersteit erauicken-
s
ut
h
ki
h
kt
i

E
AEt
ut
E!
d
s
k
l
1
k
l
h

28
v,
s
s
F;
I
den Schlaf, den er seit lange genossen hatte, als e;
von der Helle des Tages erweckt, mit erleichtertsü,z
Herzen in das ernste, klare Auge seiner Mutter schautößh
Als Conradine am Arme ihres Sohnes die Steaß
betrat, um sich zu Fuß nach dem Hotel ihres BriF?
ders zu begeben, fanden sie es auf ihrem Wege ruhigß
Die Sttadt war stiller als seit langer Zeit. Wie eäsF
Löwe, ehe er sich zu gewaltigem Sprunge entschließhIg
einen Schritt zurückweicht und Kraft zum Ansaz santh?F
melnd, schweigend daliegt, so ruhte die Volksmasse vöiH
s
Paris am Morgen des neunten August.
A
Man wußte, was in der gesetzgebenden Versamm
lung vorging, man kannte den Bericht im Voraus,F
welchen der Maire von Paris an dem Tage verlesen F
lassen würde, denn die Insurrection, vor der er war-F
nen zu wollen schien, war bereits eine beschlossene F
A
Sache. Die Minister verlangten in der Versammlung Z
den Schuz derselben für den König, und in dem F
Elub der Cordeliers, in welchem die Marseiller Con- F
föderirten sich befanden, beschuldigte Danton Ludwig Z
den Sechszehnten, daß er eben an diesem Tag und F
in dieser Nacht die Hauptstadt mit Feuer und Schwert F
zum Gehorsam und in seine Gewalt zu bringen be- Z
absichtige. Er erinnerte daran, daß die fremden
Alliirten in ihren Manifesten geschworen, in Paris
keinen Stein auf dem andern zu lassen; und der
s

A
z-
t.

k
209
Vorsaz des Volkes, keinen Stein des Tuilerien-Schlosses
auf dem andern zu lassen, war die Folge seiner Rede.
Jedermann wußte es, Jeder mußte sich es sägen, man
k!
stand vor einer schweren Entscheidung, vor dem Be-
ginn des furchtbaren lezten Kampfes, es handelte sich
h
um Erhaltung oder Untergang der Monarchie. Und
k'
neben diesem die Welt bewegenden Vorgange, um
welche Gefahr und welche Verluske hatte der Einzelne
sich zu sotgen!
s
Als die Freifrau in dem Hotel des Grafen erschien,
fand sie Veronika nicht zu Hause. Ihre Unruhe hatte
sie angetrieben, nach dem Schlosse zu fahren, wo die
Schweizergarde ihren Dienst that. Die Oberofficiere
kamen schdn seit Tagen kaum zur Ruhe, denn man
hatte eine Abtheilung der Schweizer in die Normandie
geschickt uid sie nicht zurückberufen, weil die gesezge-
e
bende Vetsamnlung überhaupt die Entfernung der
t
Schweizer gefordert hatte Es waren ihrer also kaum
noch tausend in Parid, der Haß! der gänzen Bevöl-
kerung waer gegen sie gerichtet, -und der Graf war
t
bereits seit mehreren Tagen nicht in seinem Hause ge-
wesen. Die wiederholten Aufläufe hatten ihn in den
Tuilerien festgehalten. Jede Stunde konnte einen
Kampf bringen, konnte unter den obwaltenden Ver-
i
hältnissen die letzte für ihn werden, und Veronika's
z
i
t!
ganze Seele war darauf gestellt, ihn zu sehen, ihn zu
Lewald, Kleine Romane. N
1
n
Cn
Ir
i
h
gn

h
It
ä
d
K
i
zt

1d
V



sprechen. Indeß die Posten im äußßeren Umkreis bes F
Schlosses waren nicht von den Schweizern, sondern F
von den Nationalgarden besetzt, und nach allen ihregF
vergeblichen Versuchen, Einlaß in das Schloß zu er-'H
halten, kehrte die Gräfin, ohne ihren Sweck erreicht zu F
haben, in ihr Hotel zurück.
Bleich, erschöpft, im Jnnersten verzagt, so trat sie Z
in ihr Zimmer und mit einem Aufschrei, der das F
ganze Elend ihres Herzens offenbarte, sank sie, als sie F
die Freifrau so unerwartet vor sich sah, der Freundin,
der Schwester ihres Gatten in die Arme. Daß Ulrich,,ß
der sie so lange gemieden, jetzt wieder in ihr Haus F
gekommen war, schien ihr nicht aufzufallen. Sie hatte F
nur einen Gedanken, die Gefahr, welche dem Grafen F
drohte, nur ein Verlangen- Kunde zu erhalten von F
dem, was in der Stadt geschah, was für ihn zu F
fürchten war.
Ulrich ging und kam. Er vergaß sich selbst, ver- F
gaß die zornige Abneigung, welche er gegen den
Grafen hegte, es war kein Tag, an welchem ein Mann F
wie er an sich selber denken konnte.
Spät am Abende klopfte es an das äußere Thor des ß
Hotels. Beronika sprang empor, es war der Graf, F
sie kannte seine Art und Weise. Das Aussprechen F
ihres langverhaltenen Grames, die vertrauten Unter- F
redungen mit der Freifrau hatten das Herz der Grä- F




d

T

fin aufgeregt, die Erinnerung an die Tage des Glückes,
welche sie als Braut und äls Neuvermählte unter
Conradinens Augen verlebt, hatke ihr wieder auf's
Neue das volle Bewußtsein ihrer großen Liebe für
den Grafen gegeben, und als ob Nichts sie getrennt
hätte alle diese Jahre her, so eilte sie ihm entgegen.
,, Gott Lob, daß Du da bist, daß Du lebst!
rief sie aus, da er in die Halle eintrat, und warf sich
ihm an die Brust.
Der Graf schloß sie in seine Arme, das war lange
t
k
l
A
nicht geschehen.,Armes Weib !' sagte er, ,DDu freust
Dich, daß ich lebe, und ich habe Dir doch keine Freu-
den gebracht!
Er war aufgeregt von raschem Gange, und eine
tiefe Schwermuth umhüllte sein Gesicht; aber Vero-
nika bemerkte das kaum. Der Ton der Güte, welcher
von seinen, Livpen erklang, die Worte, welche er zu
ihr sprach, nahmen ihren ganzen Sinn gefangen, und
die Hoffnung, daß jener Augenblick der Herzenswand-
lung gekommen sei, auf den sie sich in den Zeiten
ihres bittetsien Schmerzes doch noch oft vertröstet
hatte, der Gedanke daß die Stunde der Gefahr ihn
in sein Inneres habe blicken laffen, und daß er er-
kannt habe, was er an der Liebe seiner Gattin besize,
schwellte ihre Seele mit Freude und Zubersicht. .
, Komn! komm! rief sie, indem sie ihn mit zärt-
Ju
e!
Et
ts
h
h
l
k
i
In
As
E
n

AlR
A
z
z
licher Hst nach dem Saale leitete, in wetche MF
Freifrau und deren Sohn sich aufhielten, ,komnm ük5Z
sieh es selber, wie in guter Stunde uns alles EeZ
g
wiederkehrt.r!
De Thüren waren offen geblieben, als VeroF
dem Grafen entgegengeeilt wwar, und mit den nächsti?Z
Schritten vorwärts sah der Graf seine Schwester und ßß
seinen Neffen vor sich. Seine Wange erbleichte, lkF
er sie gewahrte, er war seiner eigenen EmpfindungEs
nicht sicher, in so raschem Wechsel lösten sie einander,
ab; indeß er faßte sich gewaltsam, und Beiden, dEkF
Rreifrau und tlrich, die Hände reichend, sprach er: ,h? F
seid, wieFreunde in derNoth, zu rechter Zeit gekommen!? F
Die Feierlichkeit des Grafen erschütterte die Sei- Z
nen; aber die Freifrau wollte das bange Ahnen, ds F
sich ihrer plözlich bemächtigte, nicht in ssch aufkommet F
lassen, und in den Ton gewöhnlicher Bewegung ein- F
lentend, sprach sie: , und Du wunderst Dich nlht Z
mich hier zu finden, Du fragst nicht, was mich hier- Z
her geführt?
Indeß es gelang ihr nicht, die Stimmung Ihres F
Bruders umzuwandeln.,Was Dich auch hergebrachk ß
hat, sagte er mit. demselben ruhigen Ernste, ,ich F
danke es Dir, daß Du hier bist, daß Ihr Beibe hier
seid! Ihr nehmt eine schwere Sorge von mir und I
befreit mir das Herz!''
z

ke h

l
Er hatte dabei stets die Hand Veronika's, die
bleich und angstvoll zu ihm emporschaute, in der seinen
behalten. Jezt rief sie, sich mit ihrer Stirne an seine
Schultern lehnend: ,O, sprich nicht so! sprich nicht
also, Joseph! Du redest wie Einer, der =- =- Sie
schauderte zusammen, ihre Lippeit sträübten sich es
auszusprechen, was sie dachte. f
Der Graf drückte ihr die Hand und' leitete sie zu
einem Sessel.,Erinnerst Du Dich,! sagte er zu Ulrich-
,wie ich Dich einst tadelte, als Du an jenem Mor-
gen, welcher dem Chevalier von Lagnac das Leben
kostete, mich an meine Pflichten. gegen meine Neber-
lebenden erinnertest? Heute habe ich selbst daran
gedacht.-
I
18
, Mein Bruder,, sagte Conradine, und auch von
ihrem Antliz war die Farbe entwichen, ,ist denn der
F Gang so ernst, den Du zu gehen hast? st de Ge-
, fahr so groß, die Dich bebroht?
Der Graf antwortete nicht gleich, er mochte über-
! legen, ob es gerathen sei, den Seinen die ganze Wahr-
j heit mitzutheilen, aber die dringende Bitte der Frauen
! bestimmte seinen Entschluß.
,Ja!', sagte er, ,uns steht ein ernster, ein schwe-
! rer Tag bevor, und doppelt schwer, weil das weiche
s Herz des edelsten der Könige zurückschrickt vor der
;! Nothwendigkeit, die Macht, welche noch in seinen Hän-
nsr
s-

Ei
ih
Et!
uu
lh
!
Ih
b
7
i
j?
gT
O h
?-

zF;
1H
.;
;

L
A

k
?
den ist, gegen die verruchte Rotte der Empörer z
gebrauchen.! -- Er hielt inne, zog ein Pack PapieSF
aus seinem Busen und reichte sie Ulrich hin.,DF
Leit drängt, ich muß in einer halben Stunde äeß
meinem Posten sein!'' sprach er.,Was mir, wwosZ
Jedem von uns in dieser Nacht oder an dem morF
genden Tage begegnen mag, kann man nicht wisseii g;
z
Für alle Fälle---
Veronikn ließ ihn nicht zu Ende sprechen, sie wäk F
außer sich vor Aufregnng, und sich ihm zu RüßenF
werfend, rief sie mit flehender Bitte: ,Joseph! gehe J
nicht fort, geh' jept nicht fort von mir, da ich endlich,F
endlich wieder den wahren, den alten Ton Deinet H
Stimme vernehme !'-
Sie konnte vor Schmerz nicht weiter reden, er F
hob sie sanft empor.,Weine nicht, Veronika!! sagte F
er mit trübem Lächeln, .ich habe Deine Thränen nicht F
verdient, und es handelt sich heut' um Größeres, als Z
um unser Leben und um unsern eigenen Schmerz.! H
Mit einer Ruhe, wie er sie lange nicht mehr be- F
sessen hatte, sprach er von der Stimmung des Volkes, F
von der Lage, in welcher ver König und mit ihm die F
Monarchie sich befaden, von den Mitteln der Ver- ß
theidigung, welche man besaß, und von der festen F
Entschlossenheit der Schweizergarden, bei dem Könige Z
auszuharren bis auf den lezten Mann. Die Seinen F
T
s

t -
O
l
i

waren ernst und ergrifen wie er. Die Größe und
Bedeutung des Augenblicks hob Jeden über sich selbst
empor.
Noch während er sprach, hörte man Trommelwirbel
aus der Ferne. Der Graf richtete sich horchend empor;
Veronika erbebte, als sie sah, wie er seiie Augen nach
dem Tische richtete, auf den er Hut und Degen hin-
gelegt. ,Ich mnß fort!'' sagte er. Veronika trat
noch einmal an ihn heran. Mit heißer Bitte beschwor
fie ihn, ihr Nachricht von sich zu senden, und er sagte
ihr dies zu. Dann wendete er sich zu Ulrich.,Das
Packet, das ich Dir gegeben habe, enthält mein Te-
stament. Falls mir ein Menschliches begegnen sollte,
sorge für seine Ausführung und sorge für Veronika!r
--- Er nahm ihre Hand, legte sie in Ulrich's Rechte
und wiederholte:,Dir vertraue ich ihre Zukunft an,
mache sie glücklicher als ich!' -
,Aber woher diese ungewöhnliche -Sörge, mein
Dnkel?! rlef Ulrich sich ermannend, weil er einen An-
halt suchen mußte gegen die widersprechenden Gefühle,
die in ihm auf- und niederwogten.,Woher diese un-
gewöhnliche Traurigkeit, meine Mutter? Muth, Ve-
ronika! Muth, meine Mutter! laßt Euch nicht nieder-
werfen. Ist's doch des Onkels Pfliht, vorsorglich alle

Möglichkeiten zu erwägen - auch jene MöFlichkeit,-
die hofennich icht eintrfftl s Ahe hsrts ja! der

ge
Ii
Il
k!
ll
t
hh
z
uun
l
ht:
t

i
l!
I
v
z
I
?
t
zz
1
u

tt'n
A

N1s
ß
I
H


ßs
Onkel sagt's Euch, daß seine Truppen, daß die Nationale; ß
garden vom besten Sinne beseelt sind, daß die An- F
hänger des Königs, Jüünglinge, Männer und Greiss' F
der alten Adelsgeschlechter sich um den König schaaren, D
daß im Volke vielfache Meinungsverschiedenheit diefß
Kraft zersplittert. Muth, Veronika! er wird wieder-
kehren-- wer weiß, ob es zu neuem Kampfe kommt!r?
A
=t
-P
ug
Veronika versuchte sich zu beherrschen. Sie hörte

den Worten Ulrich's mit jener Inbrunst zu, die nichts
A
Besseres verlangt, als glauben zu können; guch die
Freifrau war ihrer Bewegung Meister geworden.
Der Graf stand an dem Seitentische und steckte seinen
Degen an, während seine Schwester leise zu ihm
sprach.
Inzwischen war es dunkel geworden, die Diener
?
s
brachten die Lichter in das Zimmer und setzten einen
Imbiß auf den Tisch. Veronika forderte den Grafen
auf, Etwas zu genießen, er willfahrte ihr. Sie selbst
schenkte ihm den Wein ein, Ulrich füllte die andern
Gläser, reichte sie der Mutter und Veronika hin, und
sein Glas erhebend und es gegen das des Grafen an-
klingend, sagte er:,Auf viel frohe Mahle in unsern
Bergen!r
Der Graf wollte auf den Ton eingehen, den sein
Neffe angab. Er stieß mit ihm an und nökhigte die
Frauen das Gleiche zu thun. In demselben Momente


s
y

Kapitel 19

vog
Fz
=e
1
E!
I
zl
z
t
s
!;
A
ertönte der Wirbel der Lärmtrommel lauter und näher
als vorher, das erste Sturmläuten von der Isle de
Saint Louis schallte in das Faubourg Säint Germain
herüber, und sei es, daß der Schrecken Veronika's
Hand zu einem zu heftigen Stoße bewegte, aber der
Ton klang schrill, als sie mit dem Grafen anstieß,
und sein Glas zerbrach in seiner Hand.;
- Er sezte es achtlos nieder,' es wvar seines Bleibens
nicht mehr. Er ümarmte Veronika, umaimte seine
Schwester und eilte fort. Ulrich begleitete ihn.
Veronika sank auf ihre Kniee nieder, und während
draußen die Kanonen auf dem Straßenpflaster rasselnd
vorüber zu, fahren begannen, hob ihre Seele sich in
heißem Gebet zu Gott empor, Schuz hernieder flehend
auf den Mann, dessen ganzes Verschulden gegen sie
für ihr Herz getilgt war durch die eben erlebte Stunde.
, ==ssss j
1. Kapites
Der folgende Morgen brachte eines der großen
Ereignisse in dem Fortschritt der Revolution. Es
war der 1. August, der Tag, an welchem das Volk
die Tuilerien belagerte und stürmte, der Tag, an
tze
tk
ßö
u
h
-



1i
zz
E
N

N8
;
f
z

1z
welchem der König sich mit seiner Familie in dennz
Schuz der gesetgebenden Versammlung begab. t?,
Der leidenschaftlichste Bürgerkrieg war mit Tages,
anbruch innerhalb der Hauptstadt entbrannt, rund uni;
die Tuilerien und bald auch in ihnen wüthete dstz
Kampf. Die Schweizer fochten wie die Löwen. EFA
Theil von ihnen war dem Könige nach der gesezgebensZZ
den Versammlung gefolgt, die übrigen und Graf Jos z
seph an ihrer Spize waren im Schlosse zurück geä?
blieben, den Angreifern die Stien zu bieten. ?F
Im Hotel des Grafen hatte man die Nacht inz
banger Angst hinschwinden sehen und Noth gehabtl,
die Gräfin im Hause fest zu halten. Endlich als derß
Tag schon hell am Himmel stand, hatte sie sich besg
wegen lassen, eine Stunde der Ruhe zu pflegen A
Wider alles Erwarten schien sie fest eingeschlafen zß g
sein, denn sie blieb lange aus. Man ging nach iht I
zu sehen und fand ihr Zimmer leer. Es war kein
Lweifel, wohin sie sich gewendet hatte, und Ulrich F
folgte ihr nach.
Durch die Schaaren der Kämpfenden, zwischen den F
Kanonen, die, in den Höfen aufgepflanzt, ihr Feuer F
einzustellen begannen, sei der König das Schloß ver- F
lassen, bahnte Ulrich sich seinen Weg. Es brannte F
an verschiedenen Stellen im Schlosse, die Verwirrung F
war grenzenlos. Hier versuchte man es, dem Feuer F
ß
1

pgF-
Ns
Einhalt zu thun, dort versuchte man Feuer anzulegen,
hier zogen die Nationalgarden, die dem Könige treu
- geblieben waren, von den Tulerien ab, da sie die Wei-
sung bekommen, den Kampf gegen das Volk nicht fort-
zuführen, dort stürmten die Bataillone der National-
garde, welche mit den Föderirten und den Pikenmän-
nern gemeinsame Sache gemacht hatten, auf die A-
- ziehenden ein. Hier trug man einen der greisen Roha-
listen, die sich zur Vertheidigung des Königs um den-
selben gesammelt hatten, schwer verwundet auf Seiten-
wegen davon, um ihn der Wuth des Volkes zu ent-
ziehen; dort eilten Hofchargen und Adjutanten des
Königs, von Steinwürfen verfolgt, von Kugeln be-
droht, in das Schloß, um Nachrichten einzuziehen und
einander widersprechende Befehle zu überbringen; und
mitten in dem unheilvollsten Kampfe, mitten im wü-
thenden Handgemenge der streitenden Päiteien suchten
die Augen, suchte das angstvoll schlagende Herz des
Freiherrn ein junges, edles Weib, däs Weib, das er
liebte von seiner Kindheit än, dessen Schicksal ihr
Gatte, sein nächster Blutsvetwandter in seine Hand
gelegt.
Er hatte die Treppe glücklich erreicht, welche nach
dem von Ludwig dem Sechszehnten bewohnten Theil
des Schlosses führte. Durch den Qualm, der aus dem
brennenden Seitenflügel durch alle Räume drang, in
l
h
1
A
Iz
l
A
I
I
1
7
W
fs
i

Ae
k


seinem Fortschreiten aufgehalten, gelangte er nur auf(s
weiten Umwegen und vielfach irrend an die Stellesß
an welcher, wie er erfahren, die Schweizer gefochten
Todte, Verwwundete und Sterbende zeigten ihm dieß,
Richtung an, welche er einzuschlagen hatte. Oben anF
Eingang des Saales, auf den die große Treppe mün='F
det, lagen sie dicht über einander, hingemäht wie dle P
hohen Garben eines reichen Felbes, die Veriheidigee Z

des Königs und des Thrones.
Seitwärts, nur wenige Schritte von dem Leichess H
- hügel der Tapfern, die den Aufgang zur Treppe ver- F
theidigt, saß ein Weib. Ahr Haar hing aufgelöst an F
ihrem Haupte nieder, ihr Antliz war blaß wie die ß
Wangen des Mannes, dessen Haupt in ihrem Schooße Z
ruhte. So starr, so schmerzvoll, so vernichtet sah sie Z
aus, daß Niemand es gewagt hatte, sie anzutasten,
K
daß auch der Rohesten keiner sich unterfangen, sich an
dem Verwundeten zu versündigen, über welchem ss
verzweiflungsvolle Liebe Wache hielt.
,Veronika!' rief Ulrich, da er sie erblickte, ,Ve-
ronika, so finde ich Dich!
, Komm! komm! er lebt! noch lebt er!'' rief fie
ihm entgegen, hilf mir! noch ist's Zeit!'
Der Graf schlug matt die Augen auf. ,Es ist
vorbei!? sagte er leise. ,Führe sie fort! fort von
hier!
g
A
s-,

-K -
e -
s;
ß
F
k
1
Ai
P
K!
A

z
z-
, Nein! nein !'' versezte Ulrich, indem er den Ver-
wundeten mit dem Shawl verhüllte, den er von den
Schultern der Gräfin riß, um der Menge den Anblick
der Schweizer Uniform zu entziehen; und als wolle
das Schickfal ihm beistehen, so fanden sich ein paar
Männer, die mitleidig mit dem Elend und dem Jam-
mer der schönen Frau freiwillig Hand anlegten, den
Verwundeten aus dem Schlosse zu entfernen.
Es war ein langer, heißer, schweret Weg. Auf
z!
z!
Fs
dem Läger eines zertrümmerten Prachtsopha's, den man
als Bahre benuzte, hatte man den Grafen gebettet,
und Hülfe erkaufend, wo sie zu finden war, gelangte
man mit dem sterbenden Grafen, denn sterbend war
er, über die Seine und in sein Hotel.
Die Freifran empfing ihn in dem Saale, in wel-
chem sie ihn gestern wiedergesehen! Er war bei voller
Geisteskraft und äußerst ruhig. Als er bie Schwester
sah, wendete er das Haupt nach ihr und reichte ihr
z;; die Hand.

AA
, Es ahnte mir gestern,' sagte er, ,daß es mit uns
,e
P. ! z Ende ginge,' und mit jenem melancholischen Lächeln,
s das ihm von jeher eigen gewesen war, sagte er:,Einer
F. muü der Lezte sein!
F
,Du nicht! Du nicht!'' ief Veronika, die an sei-
h
S. nem Lager kniete,,DDu wirst leben, Joseph, der
ß;
ß.. e-
s
k
H!
hp.
T !
bz. ,
,
il
t
h
i
:i
l
; U
sh
c
h


A

Al
I
hAt
s
A
h
1


-P




AA
A;
ß
. T
e
A
, Kann mir nicht helfen!!' sagte der Graf, und dann Z
seine Hand auf ihr Haupt legend, fügte er hinzn- gß
,Du hast Dein Wort gehalten! Bis in den Tod z
z
getreu!'
i
Er seufzte, ein leiser Schauer flog über sein Ant- Z
liz und durch seine Glieder, seine Lippen bewegten sich
noch, aber was er sagte verstanden die Seinen nicht
mehr. -- War es der Name der Frau, welcher sein
Leben angehört, war es der Name des Königs, für
den er gestorben, oder noch ein reuevolles Wort des
Dankes für die Unglückliche, deren Liebe er gekränkt
und verschmäht-- wer will das sagen?
Stumm standen die Neberlebenden an seiner Leiche,
sein Tod schloß die lange Reihe seiner Ahnen, die De-
vise der Grafen von Rottenbuel erfüllte sich an ihm,
und mit düsterm, thränenlosem Blicke auf ihn nieder-
schauend, während sie ihm die Augenlieder schloß, wie-
derholte die Freifrau seine Worte:,Einer muß der
Lezte sein !' Dann aber schlug sie die Hände in ge-
waltigem Weh krampfhaft zusammen, und ihr festes
Herz erzitterte in der Klage um den einzigen Bruder
und um den Untergang ihres alten stolzen Stammes
und Geschlechts!
D

A
s
?

Kapitel 20

zk
?

ö!!
t

1


h
!
Ai!
;
ß


z

W. Kapites
Ich hatte es mit Jungfer Ursäla verabredet, daß
1
s
AK
ich ihr die Erzählung zu lesen geben würde, welche ich
nach ihren schriftlichen und mündlichen Mittheilungen
zusammen zu skellen unternahm. Als ich meine Arbeit
beendet hatte, brachte ich sie ihr. Sie behielt sie ein
paar Tage, und als sie mir dieselbe dann zurückgab,
fragte ich sie, ob sie zufrieden sei, und ob sie glaube,
daß ich den innern Zusammenhang der Personen und
Ereignisse, soweit derselbe aus den vorhandenen ßa-
pieren nicht zu ersehen war, richtig ergänzt hätte.
,,Jah' sagte sie, ,so wird's gewesen sein, und ich
habe es mir selbst oft so gedacht; nur wie es nachher
geworden ist, das haben Sie nichk berichtet.!
Ich erinnerte sie, daß sie selbst mir die Erzählung
von dem späteren Schicksal ihrer Eltern, noch schuldig
geblieben sei, und da wir eben an dem Abende allein
beisammen waren, holte sie nach, was ich noch zu
wissen nöthig hatte. Weil sie aber bei ihrer Erzäh-
lung die handelnden Personen immer als ihre Groß-
mutter und ihren Vater und ihre Mutter bezeichnete,
welche Bezeichnung den Leser nur verwirxen kann, so
will ich auch den Schluß der Geschichte, wenn Ischon
möglichst mit den Worten der, Jungfer Ursula, sö doch
t!

e

.
1


js-

mit den Eigennamen der betreffenden Personen zuZ

Ende führen.
Der Zustand von Paris und die völlig untergrSßg
bene Gesundheit der Gräfin bestimmten die Freifräü?
ey
und Ulrich, auf eine schleunige Abreise zu dringen, die,
FFKK
jedoch nicht leicht in's Werk zu setzen war, denn Aez
ronika bestand darauf, nicht ohne die Leiche ihres GelF
ten in die Heimath zurück zu kehren. Als dann siß
Bekanntschaften des Freiherrn ihm endlich die Erlaiiz
niß und die Papiere verschafften, welche in dem res.??
lutionirten Lande, mitten durch ein von Mißtraueü
und Verdacht aufgeregtes Volk, den Transport einesg
verschlossenen Sarges möglich machten, trat man düeßz
traurige Reise an, die nur langsam von Stat- J
H
ten ging.
s
Es war schon Herbst, als die Gräfin auf dem einn P
samen hochgelegenen Rottenbuel eintraf, dennoch ver- Z
weigerte sie es, mit der Freifrau nach Thuris zu gehei jß
oder das im Prätigau gelegene Schloß Calanz zu be- F
ziehen, welches Graf Joseph in seinem Teftamente, da J
es nicht zu dem Majorate gehörte, sondern Privat-
besiz war, seiner Witwe als persönliches Eigenthum
verschrieben hatte. Was man auch thun mochte, Ve-
ronika zu überreden und zu überzeugen, daß sie es
nöthig habe, unter Menschen zu sein, daß sie den Ihren
den Trost bereiten möge, sie pflegen und warten zu

-z
==
l
Ad
ß dürfen, sie wies es mit fester und ruhiger Entschieden-
heit zurück.

l

,,Ich muß Zeit haben, das, was! ich erlebte,
; ! g -
zu begreifen!'' gab sie stets: zat Antwort, und es
war unvetkennbar, daß irgend ein Eiidruck, über
welchen sie nicht sprach, ihr die Erinnetüng an
den Tod und an die Todesstunde des Gräfei nöch
l.
furchtbarer machte. Aber sie verschwieg ihn fest, und
z
F erst als sie schon eine Greisin war, ließ eine ihier
s Aeußerungen es Ursula errathen, daß sie' noch in den
fs lezten Augenblicken des Grafen eine Begegnung mit
ei der Marguise gehabt hatte, die ihr das Herz vollends
P zerrissen; was jedoch geschehen war, das hat sie Nie-
F! mandem anertraut.
Der Graf hatte in seinem lezken Willen die Hoff-
ß! nng ausgesprochen, daß es der Liebe seines Neffen,
! der er, ohße es zu wissen, störend in den Weg ge-
tß! treten sei, einst gelingen werde, Veronikä's Heiz zu
ß! rühren und ihr Ersaz zu bieten für das Nnglück ihrer
rRa
s! vergessen vermögen, daß sie ihres Herzens Liebe be-
- graben und daß ihnen damit die Hälfte ihres eigenen
Seins genommen ist. Ihr Schmerz war' ihr ein Eul-
- tus, dem ausschließlih zu leben ihr Bebüifniß war,
- und erst nach vielen Jahren gewann sie bie Seelen-
u
, Lewald, Kleine Romane ?.
v,
s

h
i

L
I
z

,itl
hzs
i
z
-
--.
- a=aaes

Ne
Dz,
T
F

z
freiheit, welche es ihr möglich machte, der Bewerbnüg,
ntrich's Gehör zu schenken, seine Treue als einen Seg,
gen anzuerkennen und seine Frau zu werden. ß
Die Ehe war würdig und schön, wie man es vons,
dem Charakter der beiden durch ihr Leben geprüftsü,
Menschen erwarten konnte. Veronika hatte die LeihäH
des Grafen in Calanz begraben lassen und sich sT'F
sehr an diesen Aufenthalt gewöhnt, daß der Freiheröl,
nach seiner Verheirathung darein willigte, dort seinewß
ef
eigentlichen Wohnsiz aufzuschlagen.
,Wir führten ein Leben, erzählte Jungfer Ursula-;
,von dem eben nicht viel zu sagen war. Wir hattenF;
Wohlstand, Friede im Hause, Verwandte und Freundsß?
im Lande und in der Nachbarschaft, und ich wüßte,?.
mich aus meiner Kindheit keiner besonderen Ereignisse z
zu erinnern, denn selbst die Kriegsjahre gingen an uns P
gnädig genug vorüber, und was ich davon weiß, habe Z
ich nur von Hörensagen behalten, wie mir scheint. - F
I Vahre us aber, als ich schon ein zlemlich Z
erwachsenes Mädchen und die Mutter eine Frau von Z
nahezu fünfzig Jahren war, saßen wir einmal spät
Abends unten im Saale Alle beisammen, die Eltern, IF
der Bruder und ich. Es war Ende April, aber das F
Frühjahr kam spät und war sehr kalt, und hier oben F
bei uns in den Bergen lag noch Schnee. Wir hatten
einen starken Föhn, die Wetterfahnen auf den Thür- F
h

z
s
h
z
drr
men pfiffen gellend auf ihren Angeln, und der Wind
schüttelte die Bäume so heftig, daß die Leste knarrten.
Aus den Rinnen floß das thauende Wasser plätschernd
herab, und von allen Bergen rieselte es nieder, daß
das Wasser überall stark geworden war und man es
rauschend dahinströmen hörte. DiesWegewaren grund-
los, denn der Schnee war noch nicht ganz fortge-
schmolzen, und von Besuch ünd Fremdewverkehr war
also nicht die Rede. Jedermann war froh, wenn er
zu Hause bleiben konnte, und die Mutter sprach das
eben aus, ;als die Hunde anschlugen und es an der
Pforte klingelte.
Gleich darauf kam der Diener herein und meldete,
saß der Wirth vom Kruge da sei und den Vater
sprechen wolle. ,Damals wär Bünden schon eidge-
nössisch geworden,. schaltete Veronika ein, ,und der
Wirth war also so gut wie wir, oder kam sich doch.
wenigstens so vor. Der Vatex sagte ihi daher, daß
er sich sezen solle, er schien's äber, sehr eilig zu haben,
denn er, der sich das sonst' von, unser Finem nicht
zwweimal anbieten ließ, blieb stehen und sägte, er ;bäte
um Entschuldigung, aber es sei ihm eine Frau,,eine

z,; kranke Frau in's Haus gekommen, die er nicht recht
p s verstehen könne, da sie französischs rede, undi was er
g s verstehe, das sei so verwirrtes' Zeug, daß er meine,
gz s le rede irre. Sie sehe nicht besonders aus, habe auch
1s
t !
ss
s

?-


k
P
z

A
k
F
M
nur armseliges Gepäck bei sich. Aber so lange sielttEf!
den Beinen gewesen, habe sie sich großes Ansehen F.,
geben, und nun sie darnieder liege, halte sie immks?
ein Bild in den Händen, das sie am Halse hängeI?
habe. Er wisse nicht, was er aus ihr unb milt H
machen solle, und er bitte deshalb, ob niht der Vätteei?.
einmal herunterkommen wolle, um zu sehen, was M!
mit der Person auf sich habe, und ob man den B?F
-F
tor kommen lassen müsse oder nicht.
Wo es einem Leidenden beizuspringen galt, dc F
durfte man bei dem Vater nicht erst zweimal anfrEe F
gen, und die Mutter war da noch viel schneller s F
der Hand. Die Eltern hießen den Diener sogleichF
eine Laterne besorgen, die Mutter nahm ihren Capuß
zenmantel um, und so gingen sie mit dem Wirthe auff' F;
dem nächsten Wege nach dem Krug. Dabei erfuhren F
sie auf meines Vaters Frage, wo denn die Kranke
1
hergekommen sei, daß des Wirthes Sohn sie mitge-
bracht habe. Er hatte deutsche Herrschaften über dei
Splügen nach Italien gefahren, und im Gasthof zu
Chiavenna, wo er die Nacht mit seinem Gefährt ge-
rastet, war die Fremde zu ihm gekommen und hatte
mit ihm darüber verhandelt, daß er sie für einen bil-
ligen Retourpreis nach der Schweiz mitnehmen möge,
von wo sie nach Frankreich in ihr Vaterland zurück-
kehren wolle. Der Wirth in Chiavenna hatte ihm
k

ze
F
N.?
-
As

PJ zrgeredet, sie nicht abzuweisen, denn er hatte sie wahr-
P scheinlich los zu sein gewünscht, und am ersten Tage
zP der Reise hatte sie ihrem jungek Fuhrmann zu ver-

Fs stehen gegeben, daß sie eine vornehme- Däme sei, die
:-
durch die Revolution aus Frankreich vertrieben wor-
ze
?
e
T
der von seinem Lande Besiz genomnien habe, nach
Paris zurückkehre, wo es ihr än Ehre ;ünd Reichthum
gar nicht fehlen könne.

Der Wirth schalt, als er das erzählt hatte, auf
seinen Svhn und nannte ihn einen einfältigen Tropf,
daß er sich solche Dinge aufbinden lasse, da man doch
in der Schweiz seit den Zeiten der französischen Emi-
gration der Leute genug im Lande gehabt habe, welche
goldene Berge versprochen und nicht einen gebogenen

ä
den, und daß sie jezt, da der rechtmäßige König wie-
Heller in' der Tasche gehabt hätten. Und die Kranke
bei mir im Hause, sagte er, sieht gerade so aus, als
gehörte sie auch zu solcher Art Emigranten.
Sie waren während des Sprechens nach dem
II! Wirthshaus gekommen, der Wirih ging den Eltern
n!
Pi! voran, den Flur entlang, an der Küche vorüber in
?
z; das Nebenhaus. Da machte er die Thüre auf, und
k
z ; ß dem großen Bette am oberen Ende der Stube
z! sahen die Eltern beim Schein einer kleinen Dellampe
F! die Fremde, die mit geschlossenen: Augen dalag. Weil
H
F s es aber dunkel h der Stube war, so daß man das
K
t!
D
;z s
g
. -«T?AH=e.
1


K
Fi

!
i
s

O
I
F
,

Gesicht der Kranken nicht deutlich erkennen komle, g!
hieß die Mutter ein Licht herbeibringen, und nachdGß
sie es so hingesezt hatte, daß sein Schein der Leiden- K;
den nicht beschwerlich fiel, schlug sie den Bettvorhang P
vollends zurück und trat an das Lager heran.
E
Davon ermunterte sich die Fremde, die wie im P
z
Halbschlaf gelegen hatte, schlug die Angen auf unb ?
richtete sich jäh auf ihrem Lager in die Höhe; und h I
der Bewegung, in dem Blick war Etwas, das meine ?
-l
Mutter bis in's Herz traf. Eine Erinnerung, eine z
Vermuthung stiegen in ihr auf, die sie entsezten, sie z,
winkte dem Vater, und eben als er herankam, sagte ;,
die Kranke, als bemerke sie die Neberraschung meiner Z.
Eltern:,Ah! Sie wundern sich! Sie glauben nicht, Z
daß ich's bin, weil sie mich hier finden! Aber nur F
Geduld! nur Geduld! noch wenige Tage und-- « F

sie lachte, sah mit irrem Blick umher, und sprach
dann schnell und leise, als flüstre sie mit einer neben
ihr stehenden Person, so daß es unmöglich war, ihre
Rede zu deuten.
Indeß es bedurfte dessen nicht. Das Auge meiner
Mutter hatte sie nicht betrogen: die kranke, im Fieber
glühende Frau, die verfallene Gestalt, um deren ein-
gesunkene Wangen das bereits ergraute Haar ver-
wirrt umherhing, war die ftolze, die einst so strahlenbe
Marquise von Vieillemarin, war die Frau, welche
I


z
e
s

-T

eFs
?
8l
meiner Mutter die Tage ihrer Jugend so schmerzens-
reich gemacht hatte.
Wie vor einem Gottesgerichte standen die Etern
einen Augenblick sprachlos vor dem Krakkenbette; dann
aber thaten ste, was Menschenpflicht gebot. Man
sendete nach dem Arzte, die Mutter wollte wissen, ob
die Marquise in's Schloß zu uns zu btingen sei, und
als der Arzt dies bewilligte, wurde gleich am andern
Morgen ihre Nebersiedlung bewerkskelligt. Die Mut-
P
Z ter selbst übernahm ihre Pflege, aber sie hatte das
ZZ schwete Amnt, bas ihr die alten traurigen Erinnerungen
ß! weckte, uicht allzulange zu üben. Noth und Entbeh-
F! rungen, Verzweiflung mnd zügellose Hoffnungen hatten
F! an der Unglücklichen ihr Werk gethan, und eine Ge-
l! hirnentzündung zehrte den Rest Ghrer Kräfke in wenig
j! =- =k
Sie hatte keinen hellen Augenblick; Balb schien
! sie sich in der Nähe ber Königli Mare Atöinette
f! zu glduben, bald mußte sie ßielnen, äiter armen Seu-
Fs ten zu sein, deren Hülfe sie ie Auspüüäh ahm. Da-
zs zwwischen täuchten Bilder aus den Tägen der Schreckens-
j! zeit vor ihr auf. Sie sprach vom Teinnple, von der
;! Guillotine, sie nahm Abschied, und damn wiebek brüche
,; sie das Bildniß, das sie an ihren Hälse trüg, an ihre
!! Lippen und betheuerte, daß sie in ihrer Trebe nie ge-
s! wankt, daß sie nie ein anderes Bilb im Herzen ge-
u
l
A
is
e
z

E
AA
F

M
tragen habe, und daß es nun an der Zeit sei, ihregh
Lebe und Trene zu belohnen. Sie ließ Alles mt shZ
geschehen, nur als meine Mutter einmal den VersuchI,
machte, das Bild in die Hand zu nehmen, um -z J
sehen, wen es darstelle, schrie die Marquise auf, He
»z
deckte das Portrait mit beiden Händen, und in deü J
Augenblicke erkannte sie auch das Antliz meiner Mut- ß
ter, denn sie faßte nach ihr, sah ihr starr in die Aigen F
-P
und sagte: ,Was wollen Sie hier, Gräfin? Sie gs- ,
hören nicht hierher, nicht hierher! Sie waren nicht z
treu, schöne Gräfin!?- Darauf lachte sie wieder Z
wie das oft geschah, und dann rief sie: ,Er war tren ß
mir! mir!-- Ich will's ihm auch vergelten, der Prinz F
soll's ihm vergelten, wenn ich nur erst dort bin!?
z
Die Mutter hatte mir einmal den lezten Abend F
der Marquise geschildert. Es war, als müßte sie mit g;
einem Menschen davon sprechen, um die Erinnerung z;
los zu werden.- In der Nacht, welche diesem Tage g
folgte, ist die Marquise hier drüben, in dem blauen P
Zimmer verschieden. Niemand als die Mutter ist bei g
ihrem Tode zugegen gewesen, und wie ich die Mutter g
kenne, hat sie überhaupt Niemand bei der Kranken z
lassen mögen, damit kein Anderer es höen sollte, wenn F
die Marquise etwa von dem Grafen Joseph gesprochen F
hätte.
Als die Marauise dann gestorben war, sah man. -F

F
8
s öaß das Medaillon an ihrem Halse däs Bildniß und
F eine Locke des Grafen von Artois enthielt. Es mußßte
H einmal eine kostbare Fassung gehgbt hahen, aber die
s Steine waren ausgebrochei. Die Noih!hatte die Mar-
Rra
P Sie es sehen wollen; mein lBrüder hat es als ein
Z Andenken, als ein Curiosum aufbewahrt.
, Und Sie wissen nicht;' fragte ich, ,wwelches das
,- Schicksal der Marquise in den Jahren von siebzehn-
hundert zweiundneunzig bis achtzehnhundert vierzehn
gewesen ist?!
,Nein,' versezte Ursula, ,aber wir können es doch
annähernd vermuthen. In dem kleinen Koffer, den
sie bei sich führte, fanden sich einige Briefe des Gra-
T
H
fen von Artois, die in kühlem Ton abschlägige Ant-
ten vertrösteten. Einer war nach Florenz, ein paar
nach Neapel und einige andere- nach Wien adressirt.
ß
?
worten auf Bittgesuche enthielten und auf bessere Zei-
Die Marquise wird also wohl ai verschiedenen Höfen,
an denen sie bourbonistische, Symathien voraüssetzen
konnte, ihr Heil versucht haben, und ist, wie so viele
Andere, endlich nahe am Ziele, im Augenblick der Re-
stauration, die ihr vielleicht auch Hülfe gebracht haben
würde, dem Elend erlegen.!
Jungfer Ursula brach hier ab. ,Wollen Sie mor-

l


h!
E
h

-

?
z

gen einmal mit mir nach dem Kirchhof gehen,! frägke F
sie, ,so will ich Ihnen zeigen, wo meine Eltern aid F
wo Graf Joseph begraben sind. Seitwärts, aber nsch F
in unserm Erbbegräbniß, ist bas Grab der Marqüiseä!
, Und die Freifrau? fragte ich.
, Of!' versezte Jungfer Ursula, und ihr ganzes
liebes Gesicht hellte sich auf. ,Die Großmutter ist
auch über das achtzigste Jahr hinausgekommen, wie
die Mutter, und ich kann wohl sagen, sie und meine
Eltern sind Alle jung geblieben bis auf ihre letzten
Stunden. Ich glaube, es war das gute Gewisseü,
das ihnen den frohen Muth gegeben hat, nachdem die
Jahre des Grams für meine arme Mutter überstan-
den waren. Es ist dann auch, wie ich Ihnen neulich
sagte, darauf gehalten worden, daß Keiner von der
Familie mehr im Ausland gedient hat. Sein eigener
Herr sein, pflegte der Vater zu sagen, heißt erst ein
Mensch sein! und, fügte sie hinzu,,ich möchte eigent-
lich auch nicht einmal eines Menschen wirklicher Herr
sein! Es ist freilich wahr, der Adel hat hier aufgehört
zu bestehen, hat hier seine Rechte verloren, aber wenn
sie mich in der Familie bisweilen auch darum verlachen,
mir ist wohler seitdem. Ich gönne Jedem das Seine
und mag lieber zufriedene Menschen und gute Freunde,
als Unzufriedene und Neider um mich haben.'!
Sie sprach das, als habe sie diese Empfindung in
T

1

!

d!
!
!
i
zl!
!
g
ß
sh!
ßi!
i !
!
8B
genissem Sinne zu entschuldigen, und sie wußte nicht,
die gute Seele, wie hell ihr altes schönes Angesicht in
seiner herzlichen Menschenliebe mir dabei in die Seele
leuchtete.
Nicht das Bild des Grafen von Attoid, das man
mir zeigte, habe ich zu besitzen gewünscht, aber Jungfer
Ursula's Bilb wollte ich gerne haben, und ihr Bruder
brachte sie auch dazu, es für mich malen zu lassen.
Es ist mir, wie die ganze Erinnerung an sie, das
Beste und Liebste, was ich von meiner Schweizerreise
heimgebracht.
eeeeeeaeeyeE
d
A
A
1
P
1

H- -----= --
'; fg;: -
s Maunsels Philinninens Philinn.
!

Erzä hlung.
»oeee

!

f
en
l1
1 1
d d
t
1.l
?H
1
1K
t
g
td
tk
i!
l
1l
h
!

K
s!-
s
z
y
z
-
i
t
f!
I
k
4!
s
Wer einmal in unserer Stadt gewesen ist, der
kennt auch das Haus an der rechten Seite des Mark-
tes, das die Ecke der schmalen Straße bildet, und das
jetzt noch das einzige alte Giebelhaus auf dem ganzen
Plaze ist. Es hat nach dem Markte hin, an seiner
Frontseite, freilich nur drei Fenster, aber dafür ist es
fieben Stockwerke hoch und verläuft sich mit seinen
Böden und kleinen Bodenfenstern in einen vielgezackten
spizen Giebel. Auf dem Giebel ist eine Windrose
und über der Windrose erhebt sich noch eine schöne.
hohe Wetterfahne, und über der Wetterfahne; der Bliz-
ableiter mit seiner goldenen Spizej so daß es aussieht,
als wolle das Haus gar kein Ende nehmen. Dafür
aber, daß es oben so gar spiz zuläuft, ist es unten
um so tüchtiger und massiver gebaut. Das schwere
Fundament, das steinerne Portal mit seinen Arabesken
und Figuren, die breiten, ebenfalls steinernen Fenster-
einfassungen, die weit vorspringenden eisernen Gitter
h
vor dem untern Geschosse, sind recht für die Dauer
;; geschaffen und nebenbei auch reich verziert; ja selbü.
;
s!
z - . -







O
-h;
A
?
z
der große Thürklopfer von Messing hat einen Grelfe-;
kopf und Flügel, und man kann es ihm und der aus- F
getretenen Thürschwelle ansehen, daß seiner Zeit viel
Verkehr in dem Hause gewesen ist.
Das muß aber lange her sein, denn seit das Haus F
unter dem Namen des alten Hauses bekannt ist, das F
heißt seit der Zeit, in welcher die andern Häuser am j
Markte allmälig modernisirt und umgebaut wurden! Z
sind feine Bewohner auch wunderliche Leute gewesen
bis auf die jezige Generation herab, und es bliebe
schwer zu sagen, ob die Eltern und Großeltern des
gegenwärtigen Besizers das Haus nicht umbauen
ließen, weil sie sonderbare Menschen waren, oder ob
sie so absonderlich wurden, weil sie in dem alten, viel
treppigen und vielwinkligen Hause lebten.
Zu Anfang des Jahrhunderts gehörte nämlich das
Haus noch der Senatorin, einer wahren Kernfrau, die
V

recht eigentlich Herrin in ihren vier Pfählen war. Ste
hatte mit ihrem Manne, obschon er außer dem Hause
seinen eigenen Weg ging, ein ganz exemplarisches Le-
ben geführt und ihm und ihrem Sohne und ihrer
Tochter im Hause nichts durchgehen lassen, was nicht -
ganz und gar nach ihrem Sinne war. Man erstaunte -
ordentlich, als der Senator sich eines Tages die Frei- !
heit nahm, in seinem Hause mit Tod abzugehen, da
er doch wußte, daß seine Frau darüber traurig sein ?,
H

H
z
Le1
, würde, und es schien auch beinahe, als hätte sie ihm
ß das übel genommen, denn sie tröstete sich leichter und
vergaß ihn schneller, als man es irgend für möglich
Sorge für ihre Kinder, sagte sie, ließen ihr nicht viel
Zeit zum Trauern, es müßte doch Einer da sein, der
den Kopf auf dem rechten Flecke behalte und die Zügel
in die Hand nehme.
Die hatte sie nui freilich immer in Händen ge-
K
ß!

t
e

z!
E
es
e
h


gehalten hatte. Die Ordnung des Nachlasses uid die
habt, und es war also in dieser Beziehung bei dem
Tode ihres Mannes gar nichts Neues vorzunehmen,
aber die Senatorin wollte die Zügel wo möglich doch
noch ein bischen kürzer fassen, damit Sohn und Toch-
ter, die jetzt zu Vermögen gelangt waren, nicht etwa
auf den Einfall kommen könnten, ihrer Herrschaft zu
entwischen. Indeß eine solche Absicht lag den Beiden
wirklich fein, sie hatten die Tyrannei der Mutter von
Sugend auf ertragen und sich darein, Jedes auf seine
Weise und nach seiner Natur, gefügt.
Mamsell Philippine, ganz so herrschsüchtig und ganz
so kräftig, wie die Mutter, hatte sich in ihrer ersten
Jugend schwer darein gefunden, keinen eigenen Willen
haben zu dürfen. Als ihr Vater starb, war sie es
P!
aber schon seit einer Reihe von Jahren gewohnt, neun-
!!
h
k!
undzwanzig Jahre alt zu sein und mit ihrem wie in
Holz geschnittenen Lächeln den Leuten zu versichern,
A
Lewald, Kleine Romane. .
V
?
a

-

N
-

z
daß sie nur für ihre Mutter lebe und sich nlemelsF
von ihr trennen werde. Das mußte abschreckend wir- F
ken, wenn ja einmal ein Mann den Gedanken faßte, ß
Mamsell Philippine zu seiner Gattin zu erwählen. F
Denn eine energische Frau zu nehmen, wenn er da- ß
neben noch eine energische Schwiegermutter in dek ß
Kauf bekommt, dazu hat nicht jeder Mann den Muth. Z
Philippine wurde also in dem Leben für ihre Muttek Z
nicht gestört, und auch der Sohn, der Prokurator, F
war, wie er immer sagte, ebenfalls nur für seine Mut- F
ter da, was ihn freilich gar nicht abhielt, auch, wie ß
sein Vater es gethan, recht heiter für sich selbst za F
leben, wenn er nicht zu Haise war. Und ein Proku- Z
rator hat doch Geschäfte und kann nicht immerdar in F

feiner Wohnung und neben seiner Mutter sitzen.
Die Senatorin ließ das ruhig gehen. Sie wat sP
ganz zufrieden, wenn der Sohn, der viel gefügiger F
war, als ihre Tochter, nur bei ihren Mahlzeiten nicht Z
fehlte, wenn er sie und seine Schwester sonntäglich in F
der alten Karosse zur Kirche begleitete, wo sie den Z
großen Stand geradeüber von der Kanzel hatten, F
und wenn er gar nicht daran zu denken schien, daß F
es jemals anders werden oder daß überhaupt irgend F
Etwas anders sein könne, als es eben war. Sie
wußte zu sehen, zu hören und zu schweigen, wie's ihr
eben paßte, und scharfblickend oder kurzsichtig zu sein
ss

-h

48
F
z? je nach Bedarf; vorausgesezt, daß äußerlich nur Alles
f? respektabel herging, denn die Respektabilität der Fa-
f! milie ging ihr über Alles, und was nicht respektabel
F war, das fand vor ihrem Urtheil kein Erbarmen, ob-
sF; schon sie sonst nicht allzustreng war. ,Man muß der
is Jugend Etwas nachsehen!'' sagte sie dem alten Die-
,? ner, dem es nicht beguem war, spät zuu' wachen, wenn
., der Prokurator lange ausblieb; äber Mamsell Philip-
z; pine durfte von der Nachsicht hrer Mutter für den
f? Bruder nichts erfahren. Sie sollte es nicht lernen,
,! daß man in gewissen Fällen nachgeben und schweigen
ß? uk, wwo man herrschen und das Wort behalten will.
Man lebte auf solche Weise äußerst ruhig im Hause
ls! der Senatorin. Es war alles Liebe, alles Rücksicht
,l. und gute Form und Sitte, und so blieb es auch, als
P ob sich das von selbst verstände, nur daß Jedes von
j, ihnen sich etwas mehr herausnahm, als zü Lebzeiten
s ihrer Mutter. Das kam Mammsels Philihpinen am
! meisten zu Gute. Sie hatte neben dem Charakter
F der Senätorin eine gewisse gefühlvolle Ader' von dem
Vater geerbt, wwelche die Mutter streng' niederzuhalten
F. gewußt. - Weil aber der Mensch doch auch Etwas füb
z sich selber sein und ein wenig Freiheit, wenn aüch
z. nur in seinen Träumen, haben wpill, soi hatte Mamsell
! Philippine sich gewöhnt, bei Allem, wäs sie that, sich
Z in eine bessndere Rolle zu versetzen, und sich in dieser
zg
zn
ul
i

1e
h?
l
t i
lt
h
l.
lsi
h
n
ls
tur?
ih
l
n
ts
1z
l.
lös
l?
t'
sf
h?
h.
;
f
s
z
vor sich selber aufzuputen, wie der Anlaß sich ihr g
eben darbot. So lange die Hand der Senatorin auf
ihr gelegen, hatte sie sich mit selbstgefälliger Emphase,
bei den einfachsten Leistungen, in die Rolle der guten
Tochter geworfen. Jetzt verwandelte sie sich augen-
blicklich in die gute, selbstvergessene Schwester, und die-
ser Rollenwechsel kostete nicht eben große Mühe, denn
der Prokurator verlangte gar nichts weiter, als die
alte Ordnung in seinem Hause zu finden, und so viel
außerhalb desselben leben zu können, als es ihm gut
dünkte. Mamsell Philippine hatte also keine wesent-
lichen Metamorphosen mit sich vorzunehmen. Sie sezte
sich von dem Mittelfenster, an dem sie immer ihren
Plaz gehabt, nun an das Eckfenster, an welchem die
Senatorin bisher gesessen hatte, weil man von diesem
aus am besten sehen konnte, wenn der Prokurator das
Haus verließ und wenn er wiederkehrte; sie schwieg
und ließ ihn seiner Wege gehen, wie die Mutter das
gethan hatte; der alte Diener berichtete jetzt auch gar
nichts mehr, denn der Prokurator war sein Herr ge-
worden, und im Nebrigen blieb Alles wie zuvor. Der
Bruder war ganz damit einverstanden, wenn Mamsell
Philippine ihre guten Bekannten zu einem Partiechen
und zum Kaffee einlud, und sie fand es in der Ord-
nung, wenn der Bruder Abends zu seinem Spielchen
ausging. Es störte fie auch nicht, daß er in der Re-

1

l

s? gel lange fortblieb; er war Herr, Alles zu thun und
jZ zu lassen, wie's ihm gut düntte, sle legten beide ein-
l ander beide nkcht das Geringste in den Weg. Der
d
F Geist der Mutter, der Geist der innigsten Familien-
g liebe und der strengsten Respektabilität schwebte über

IF-ihnen und über ihrem Hause, und es wäre wahrschein-
h? lich so ruhig und so friedlich fortgegangen bis an ihr
l? Lebensende, wenn die Kriegsjahre nicht die ganze Welt
, in Aufruhr versezt und damit auch in das Haus der
F - Senatorin, denn so nannte man es noch immer, Un-
s ruhe und Verwirrung gebracht hätten.
Llles kam in Unordnung. Die besten Zimmer, das
FF ganze erste Stockwerk mußte der Einquartierung preis-
gegeben werden; auf den stillen Treppen klapperten
I die Schleppsäbel; heute hörte man fraizöfisch sprechen
F und morgen italienisch reden oder deutsch von fremden
? Zungen radebrechen, und als dann gar die franzöfische
ß Retirade durch die Stadt ging, und Rüssen und Pren-
F ßen ihnen folgten, daß man vor Freude und vor Sorge
und Mühe kaum zum Bewußtsein kam, da war das
Z! ganze Leben der Menschen so zu sagen völlig außer
F Athem gekommen. Mait mußte, als die Siegesglocken
-- läuteten und die Dankgebete für den iviedergewonne-
e! -
; nen Frieden gesungen wurden, stehen bleiben und sich-
z! besinnen ind Luft schöpfen, ehe man wieder in das
-
l
t
pl


;
Ne
K
alte Geleise gelangen konnte, in das Mancher sich gar
nicht mehr hineinzufinden wußte.
Die Menschen hatten sich so sehr an einen fort-

dauernden Wechsel der Dinge und an Hast und Un-
ruhe gewöhnt, daß sie sich ordentlich wunderten, als
Mamsell Philippine mit einem Male wieder anfing,
auf dem Platze der Senatorin an dem Fenster zu
fizen, aus dem inzwischen der französische General mit
seiner schönen Geliebten, und dann Graf Pork mit
seinen klugen Augen und zulezt der tolle russische Ko-
faken-Obrist herausgesehen hatte, der einen Kalmucken
und einen Tataren zu Bedienten gehabt. Die Leute
blickten ganz erstaunt zu Mamsell Philippine hinauf,
und wie sie so da saß, merkten sie erst, daß Mamsell
Philippine sich ganz verwandelt hatte. Sie trug nicht
mehr die steife Frisur, die seit ihrer ersten Jugend nicht
geändert worden war, sie sah auch lange nicht mehr
so ernst und regelrecht aus, wie zu Zeiten ihrer Mut-
ter. Von den Seiten ihres Kopfes fielen lange
Schmachtlocken auf ihren Busen hernieder, sie hatte
die silberne Alliance-Kette mit den kleinen Erinnerungs-
medaillen an die Siege der Alliirten um den Hals
gehängt, ein sanftes, wehmüthiges Lächeln schwebte
immer auf ihren schmalen Lippen, und ihre Augen suchten
in wundersamem Aufschlag jenseits der Wolken ein Et-
was, das sie auf der Erde nicht gefunden haben schienen.
l
z
,

s
p
1 ;
Ae?
Der und Iener fragten sich, was ihr wohl ge-
fFß swhehe sein möge? Eine und die Andere besan sich,
j; daß Mamsell Philippine sich viel mit einem alten Ar-
jj, tilleriehauptmann zu schaffen gemacht hahe, der in dem
sß Hause im Quartier gelegen hatte, und es konnte nach
jj der allgemeinen Meinung ihrer Bekamnten nur auf
j diesen gehen, wwenn Philippine seufzend von den Opfern
j des Krieges sprach, und von der unheilbaren Wunde,
js welche ihrem Herzen durch den Krieg geschlagen wor-
jj den sei Da sie aber im Grunbe nichts zu erzählen
lß batte und immer sehr verwirrt und verlezt schien, wenn
?? man sie fragte, was ihr denn begegnet sei und wen
j; sie eigentlich so besonders betraure, so wurde nan es
h
bald müde, sich um sie zu kümmern, und ließ es bei
.
!
-!
i
dem Glauben bewenden, daß sie sich nach ihrer alten
unwahren Weise eine unglückliche Liebesgeschichte zum
Zeitvertreib erfunden habe. - Es gab damals sö viele
unglückliche Bräute, so viele trostlöse Fraüen uid Müt-
ter, die dem Grame um wirkliche Verluste erlagen,
daß man sich um eingebildete Liebesleiden nicht beküm-
merte, und der Herzensgram hatte im Ganzen keinen

? schlimmen Einfluß auf die gute Philippine. Im Ge-
FF gentheil, sie befand sich wohl dabei, denn sie hatte da-
mit eine neue bestimmte Haltung für sich gefunden;
A
i; sie war nicht mehr die alte Jungfer, sie: war eine un-
F tröstliche Braut, so gut wie viele andere, sie war eine

1T
hi
lb
t!
l?
l
ss
l
te;
Iß-
lk
tli
tI
.,
tt
ül
il
t s
ut:?
ik
ll!
ll
tss
t!:
l
tt!
s
thi!
h
li
ß
L8
deutsche Jungfrau, die ihren Geliebten in dem Kampfe
für das Vaterland verloren hatte, und es war eine
Ehrensache für sie, ihren Erinnerungen als deutsches
Mädchen bis an ihr Lebensende treu zu bleiben.
Niemand widersprach ihr, und es mochte von ihrer
Seite auch wohl irgend eine stille Liebe für einen ihrer
Einquartierten obgewaltet haben, denn sie war in der
That viel weicher und umgänglicher geworden, als sie
je gewesen war, aber der Schein der Lächerlichkeit haf-
tete von früher her an ihr und ein solcher Anstrich
verwischt sich nicht leicht. Sie hielt übrigens dem
Prokurator das Haus nach wie vor in Ordnung, ließ
ihn seine Wege gehen, that den armen aus dem Kriege
heimgekehrten Invaliden manches Gute, kaufte viele
Liebeslieder und lyrische Gedichte, und daß sie immer
einen Kranz von Vergißmeinnicht auf ihrem Fenster-
brette stehen hatte, daß sie in ihren Jahren noch Unter-
richt im Guitarrespielen zu nehmen begann, um schöne,
gefühlvolle Lieder im Mondenscheine am offenen Fen-
ster singen zu können, das störte im Grunde Niemand.
Der Prokurator war um diese Zeit nicht zu Hause,
und bis auf die Straße hinunter war Philippinens
Stimme nicht zu vernehmen. Kurzum, sie hatte sich
in der deutschen Jungfran ganz gemüthlich eingerichtet,
nnd es war nicht abzusehen, daß Jemand sie in der-
selben stören sollte.
l
l
zl
P
;
Ps
eh

s
un l

t

h
P
ß;
ißs
s
z

F
K
A
F
A
z
e
K
z
N

vz
z
zl



=i!
!
j
b!
F!
-sj
d-!
z1
A
z:
?;
I
s!

e
d
1
N9
Indeß, es gibt für den kurzlebigen Menschen nir-
gends ein dauerndes Glück, und sein Schicksal weiß
ihn oft von einer Seite zu verwunden, von der er es
am wenigsten vermuthet. Mamsell Philippine saß eines
Abends stillvergnügt mit ihrem Liebesleid am Fenster.
Vor ihr standen der unverwelkliche Vergißmeinnicht-
kranz und der Myrthenstock, der mur einmal geblüht
hatte und seitdem nicht wieder blühen wollte, sie hatte
das blaßblaue Band ihier Guitarre um den Nacken
geschlungen und fing an das Prälürium zu ihrem Lieb-
lingsliede,Thekla eine Geisterstimme zu spielen, als
ganz unerwartet die Thüre sich öffnete, und nicht ein
verklärter, seliger Geist, sondern der Prokurator in ihr
Zimmer trat.
Das war um diese Zeit etwas ganz Unerhörtes,
auch mußte etwas Besonderes geschehen sein, denn er
ging nicht, wie er sonft immer that, gerades Weges
auf das Sopha zu, sondern er holte sich einen Stuht,
stellte ihn unten neben den Fenstertritt hin, auf wel-
chem Philippine ihren Plaz hatte, und sezte sich nie-
der. Der Mond schien in die Stube hinein, sie konn-
ten einander erkennen und sehen wie am hellen Tage.
Das war dem Prokurator ungelegen. Er rückte seit-
wärts, und wie er sich dann mehr ini Schatten be-
fand, sprach er:, Sage mir um Gdtteswillen, Schwe-
ster, was soll das mit Dir werden!' Ich sehe nun seit


k
k
s
k
B5

1
s
Jahr und Tag Dein Thun unb Treiben ruhig an, ,
indeß jedes Ding muß einen Grund und auch ein z
Ende haben. Was ist Dir geschehen, und um wen P
klagst und seufzest Du denn immer?
K
Mamnsell Philippine wollte auffahren, denn es war
y
Blut vom Blute ihrer Mutter in ihr, aber sie besani
sich, daß Dulden und Schweigen das Loos des Wei-
bes sei, und mit einer Selbstbeherrschung, in der sie
sich sehr erhaben schien, sprach sie: ,Laß mir mein still
Geheimniß, Gabriel; wage ich doch niemals, Deine
Seele anzutasten.- Sie seufzte dabei wieder, sah
gen Himmel, und sie hatte sich eigentlich bei der Hin-
deutung auf ihren Bruder nicht das Mindeste gedacht.
Ihm aber kam diese Redewendung sehr gelegen,
denn als guter Advokat schnell bei der Hand, sich den
Vortheil zu Nutzen zu machen, der ihm dargeboten
wurde, sagte er:,Ou weißt es also?
,Was denn? fragte Mamsell Philippine.
,Weßhalb ich zu Dir komme und was ich Dir
mitzutheilen habe?
,Du mir? Wie sollte ich?' entgegnete die Schwe-
ster und legte, halb neugierig und halb von einer un-
heimlichen Ahnung überschlichen, ihre Guitarre aus der
Hand.
,Ich wollte Dich ersuchen, vom nächsten Monat
ab wieder die Zimmer im obern Stocke zu beziehen,

B

P -
a h, die Du zu Zeiten unserer Mutter inne gehabt hast'',
k=
z z bedeutete sie der Prokurator. ,Diese vorderen Zim-
,h mer im ersten Stockwerk brauche ich.!- Er war
,k hastig in seiner Rede und bebiente sich nicht der ihm
!; sonst zur Gewohnheit gewordenen höflichen Wendun-
j - gen. Das mnußte Etwas hedeuten, denn ein Mann
1s in den Vierzigen läßt nicht leicht von seiner Weise;
, und die Schwester legte sich die Sache auch sehr schnell
jg zurecht. Er mußte Etwas vorhaben, wöbei er ihren
l; Widerstand erwarten konnte, und deßhalb wollte er
gß gleich mit fester Entschiedenheit beginnen, damit er
P -
zF nachher seinen Ton nicht erst umzustimmen brauchte.
! - Er dachte auch wirklich: die beste Deckung sei der
j, Hieb. Abet er kannte anscheinend jene Taktik der
k Frauen noch nicht, die dem Hiebe auszuweichen und
, damit die männliche Kraftanstrengung zu einem lächer-
lichen Schlag in's Blaue umzuwandeln wweiß.
Kampfgerüstet saß der Prokurator da,. wider sein
Vermuthen tönte ihm jedoch nur ein sanftes: ,Wie
Du es wünschest, lieber Gabriel! entgegen, und um
ihre Ergebung und die Härte seines Tones noch deut-
licher zu machen, sezte Philippine demüthig hinzu:
,Das Haus ist Dein, ich bin ja seit der Mutter Tode
nur ein Gast in Deinem Hause.!
Der Prokurator schlug sich ärgerlich mit der Hand
auf das Knie.,Verfluchte Sanftmuth !'' brummte er

n
i
U
B
h
h l
-e !
leise, denn nnun hatte er die Mühe des Anfangens nochh l
einmal. Er überlegte, wie er das zu machen habelZ z
und Mamsell Philippine hätte nichts Klügeres thueß j
könen, als sich ganz abwartend zu verhalten; ab8khj
die Neugier brannte sie wie mit Nesseln, daß sie nichkF j
ruhen und nicht rasten konnte. Die Sekunden des F j
Schweigens regten sie auf, daß das Herz ihr klopfteß !
s l
und es ihr in den Fingern zuckte, bis sie, die Pein P j
zu enden, sich mit der Frage hervorwagte: ,Du denksh Fj
doch nicht daran, Dein Bureau in die Stube zu ssek Ff
legen, in der unsere Mutter selig sich aufgehalten hat? ß
,Gott bewahre!r' rief der Prokurator, und einen Z
Anlauf nehmend, wie Einer, der über einen Grabei! P
wegzuseten hat, sprach er schnell und laut: ,as stllle
Leben hier im Hause ist mir widerwärtig, ich will hei-' F
rathen !''
Es war ihm wohl, daß er es ausgesprochen hate? F
Er knüpfte sich die Weste auf, fächelte das Jabot hin F
und her trocknete sich den Schweiß von der Stirne F
und erhob sich dann, um mit munteren Schritten hin ,
und wieder zu gehen, als wäre nichts Außerordentliches F
d
vorgefallen.
Mamsell Philippine konnte keine Fassung, keine,ß
Worte finden.,Bruder! Gabriel! Prokuratorl'' rief
sie endlich aus, und der Ton ihrer Stimme hätte ein F
weniger festes Herz, als das des Angeredeten er-
i

gr=
1 =
1 z
Fs
A
5s
F schüttern müssen. ,u? Du ksntest so Etwas
thun?!
h
tern. Er mochte von der Schwester nicht ertragenn,
was er von der Mutter hingenommen hatte. ,Du
solltest froh sein,. meinte er, ,daß ich endlich an mich
denke und mir das Leben angenehm zu machen wünsche.
Aber urtheile darüber, wie Dein Herz Dir's eingibt;
fo viel steht fest, morgen werde ich in der Kirche auf-
geboten, und heute in vier Wochen sizt hier meine
Frau am Fenster, die zu lieben oder nicht zu lieben,
die gut oder übel zu empfangen ganz und gar in Dei-
ner Macht steht, wie es denn in meiner Macht liegt,
je nach Deiner Weise meine Maßregeln zu nehmen.'!
Mamsell Philippine erkannte den Bruder in dieser
Stimmung, in dieser herrischen, heroischen Haltung
gar nicht hwieder. Er mußte eine sonderbare Wahl
getroffen haben, weil er sich im Voraus anschickte, sie
zu vertheidigen, und bebend bor Besorgniß und vor
Zorn fragte sie:,Wer ist'4? Wer ist es denn?'
,Du kennst sie! Ich heirathe unsere Nachbarin!!
-- Er nannte ihren Namen nicht.
,,Herr Gott im Himmel!'' rief Mamsell Philippine
aus, ,die Französin? die Feindin unseres Vaterlandes?
die Conditorin?'
u!

Der Prokurator zuckte verdrießlich mit den Schul-
,,Höre, Philippine, bringe mich' nicht in Harnisch!''
s

:


2s
h
L
s
E
fagte der Prokurator.,Marion ist jung, ist shsi
hat sich, seit ihe Mann hier während des Krieges starkf
anständig ernährt, ich habe sie seit drei Jahren alltäg7?
lich und an jedem Abende besucht =
, O, das weiß ich!'' rief die Schwester.

, Nun, so kann Dich's doch nicht wundern! muö s
kurz und gut, heute in vier Wochen ist Marion melkeF
- Frau und Herrin dieses Hauses. Das Nebrige macßß F
. P
mit Dir selber ab.'
t
Er ging hinaus, pfiff die Melodie des Liebeaß
,Be! Männern, welche Lebe fühlen, vor sich hii,F
und Philippine saß im Mondenschein allein, um, wie H
der Bruder sie geheißen hatte, daß Vebrige mit sich H
selber abzumachen.
h
Verwundert war sie ganz und gar nicht, sie hatie l
das lange kommen sehen, alle Welt hatte auch längsk;
davon gesprochen, aber Philippine hatte nur keine an- I
dere Art und Weise gewußt, ihrem Bruder ihren Zorn F
zn zeigen, als durch ein erheucheltes Erstaunen, obschon F
zu diesem eigentlich gar kein Anlaß aufzufinden war. ß
Denn der Prokurator besaß Vermögen genug, um eine F
unbemittelte Frau heirathen zu können, und es lebteI
Niemand in der Stadt, welcher der kleinen Franzöfin ß
hätte Böses nachsagen können. Ihr Mann war wäh- F
rend des Krieges als Regimentszahlmeister mit den F
Kaisergarden nach Rußland gezogen, war dort umge-

zrrr =- - ---
F
s
1
kommen, und da der Wittwe das Geld zur Heimkehr
nach Frankreich mangelte, hatte sie angefangen, Früchte
zu kandiren, und mit der Rührigkeit, welche den
Frauen ihres Volkes eigen ist, so fleißig gearbeitet
und ihre Geschäfte so geschickt geleitet, daß sie eine
kleine Conditorei eröffnen konnte, in welcher die Män
ner gern verkehrten, weil die Heiterkeit und die gnten
Manieren bon Madame Marion, wie man sie nannte,
Jedermann angenehm unterhielten.' Reich wai sie da-
i

2K
bei in den paar Jahren natürlich nicht geworden, indeß
sie hatte zu leben gehabt, hatte sich uid ihre Gäste
munter und bei guter Laune erhalten, und es darüber
allmälig zu vergessen gesucht, daß sie einst bessere
Tage gekannt hatte und daß man es ihr in Paris
nicht an der Wiege vorgesungen, anf welche Weise sie
einst in dem fernen Deutschland ihr Brod erwerben
werde.
Ob sie gerade eine große Zuneigung für den Pro-
kurator fühlte, darüber wußte man nichts zu sagen.
Aber er war ein angesehener Mann, das Haus an der
Ecke des Marktes war sehr in's Auge fallend, Mam-
sell Philippine saß äußerst bequem am Fenster und
fuhr sehr gemächlich spazieren, während Madame Ma-
rion hinter ihrem Ladenfenster stand; und die kluge,
hübsche Frau mochte denken, daß die Kutsche weit
besser aussehen würde, wenn eine junge artige Fran-
e..
wr
1 -
l -
-
l s
s -
, s
! -
! (
1
l
t
t!
ßl
t
I
a

t
A
h
G
kl
25s
T s
s l
I l
I!
zösin neben dem Prokurator in derselben säße. Die,s j
Heirath mit dem Prokurator wurde von Madame F !
Marion mit derselben Entschlossenheit ergrifen, mit F !
welcher sie einst ihren kleinen Handel unternommek F l
hatte. Es war eine Verbesserung ihrer Umstände; j ,
welche nicht von der Hand zu weisen war;. aber wie F j
alle ehrenhaften und guten Naturen, dachte sie rechts ß
schafen zu bezahlen, was sie empfing, und tneu und Pj
ordentlich zu erfüllen, was sie zu leisten verspracht F ,
Sie war eine tüchtige Kaffeewirthin, sie wollte alsa ß ?
auch eine tüchtige Frau für den Prokurator werden; I
und da sie ihr kleines Kaffeehaus aus einer elenden ß
Spelunke in einen hübschen, zierlichen Raum verwan- ,
delt hatte, zweifelte sie nicht daran, daß es ihr auch ß
gelingen werde, den etwas altmodischen Prokurator Z
auf ihre Weise umzustuzen und aus dem pedantisch (
gewordenen Junggesellen einen ganz angenehmen und
zufriedenen Ehemann zu machen. Hatte er doch be-
reits mit asen Bedenken über das Urtheil der Leute
gebrochen, da er, der Prokurator, der Sohn der Se-
natorin, der Bruder von Mamsell Philippine, sich zu
der Ehe mit einer Conditorin entschloß. Darauf
ließen sich gute Aussichten bauen, und die kluge, mun-
tere Frau versprach sich, sie auf das Beste zu benüzen.
Während sich der Prokurator zu seiner Auser-
wählten begab und in deren Hinterstübchen eine an-


t
:
!

genehme Stunde genoß, befand sich Mamsell Philip-
pine in der schlimmsten Lage, in der man sich befinden
kann: sie wußke nicht, was fie thun sollte. Einer
deutschen Jungfrau wurde es zugemuthet; eine Fran-
zöfin Schwester zu nennen; ihr keusches Herz sollte
sich darein finden, ihren -Bruder nit einer Frau vor
den Altar treten zu sehen, die schon das Weib eines
Andern gewesen war; die Patrizierstochter sollte, eine
Gonditorin als ihresgleichen anerkennen,' in das teiche
Haus sollte eine Mittelose eingeführt werden, und dieser
sollte Philippine das ganze erste Stockwerk und den
Stuhl am Mittelfenster überlassen - das war mehr,
als sie ertragen konnte, mehr, als der Himmel ein
Recht hatte ihr aufzuerlegen. Einsam mit sich und
ihrem Zorne, blieb ihr nichts übrig, als, sich alle ihre
Leiden, all ihr bevorstehendes Unglück laut, und pa-
thetisch vorzuhalten, um sie zu den bittern Thränen
und zu der Herzzerrissenheit -zu jteigern, die sie in
dieser Stunde nothwendig vergessen haben mußte, wollte
sie vor sich und vor den Freundinen bestehen, die am
s! nächsten Morgen, wenn die Verlobung des Prokura-
z;! tors bekannt gemacht wurde, unausbleiblich zum Be-
F! suche kommen würden. Sich selbst zu Thränen zu
z ; rühren, wo sie sich vernünftig zusammennehmen müß-
F! =n, ist ein Vergnügen, das die Krauen sich gar zu
z! gerne gewähren.
sßs Lwaww, kteie Romae.
?
r
A
d l
-

t
n
i!
l
5K
rz
-s-
V
z
F
.
Indeß Zorn und Erbitterung sind eine scharfejg
Luft, welche den Thau der Thränen bald verzehreil,
und es ist daneben etwas sehr Unangenehmes, wensi,
man vor sich selber die Rolle nicht aufrecht erhalten
kann, in der man sich gefällt. Alle Sanftmuth, alle ß,
Entsagung, alle Nachsicht der Schwesterliebe, alle Un? z
terwürfigkeit unter den geliebten Bruder, hielten nichi F
vor gegen die Empörung und den Ingrimm, dek F
Mamsell Philippine in sich brennen fühlte, und mit ,
dem Ausruf: , Keine Stunde bleibe ich unter diesem
Dache, wenn Madame Marion in das Haus kommt!k
d
erhob sie sich von ihrem Sitze.
s
Dem lauten Ausruf antwortete aber eine Stimme
in Mamsell Philippinens Innerem: Das wird deüi
Prokurator und der Frau Prokuratorin wahrscheinlich
sehr willkommen sein!-- und Philippine beschloß zl
bleiben, zu bleiben-- und, wie sie sich sagte, daraüf
zu wachen, daß Zucht und Ehrbarkeit nicht ganz aus
diesem Hause schwinden; zu bleiben, damit ihr armer,

verführter und betrogener Bruder nicht einsam unö
verlassen dastände in der Welt, wenn die Binde ein-
mal von seinen Augen fiele und er es gewahr würde,
wie er umgarnt worden sei und was er gethan habe.
Es schlääft sich gut, wenn man einen Entschluß
gefaßt hat, der recht aus der eigenen Natur kommt
und also ihr auch in der Folge zu entsprechen ver-
d
s

,

V59
h heißt. Mamsell Philippine erwachte am Morgen ganz
F! munter und gestärkt, und noch während ihre Freun-
Fs dinnen und Bekannte an ihren verschiedenen Früh-
,i stückstischen die Nachricht von der Verlobung des Pro-
I, kurators in der Seitung lasen, besorgte sie ihren Aus-
Fs zug aus dem ersten in das zweite Stockwerk. Sie
I! wollte einerseits es ihrem Bruder zeigen, daß sie sei-
,! nem Glücke nicht im Wege stehe, und wie sehr sie
I! ihm gehorsam und fügsam sei; anderepseits sollten die
Zs Besuche, welche nothwendig am Morgen kommen
F! mußten, um sich mit ihr über die wirklich sehr auf-
N, fallende Verlobung des Prokurators auszusprechen, es
I! doch gleich erkennen, welche Folge dieselbe für die
s Tochter der Senatorin, für ein so ächt weibliches und
z; deutsches Gemüth, bereits nach sich gezogen habe.
! Auch hatte man niemals besser von Philippine
P! gesprochen als an diesem Tage. Ihre Resignation,
F! ihr rücksichtsvolles Schweigen, waren ein Gegenstand
F! der Bewundernng für alle Frauen und Mädchen ihrer
! Bekanntschaft, und je weniger sie sich über die bevor-
F! stehende Heirath ihies Bruders und über chr Miß-
ZFs fallen an derselben aussprach, um so lebhafter thaten
F! die Frauen es für sie. Es half gar nichts, daß ver-
ß ständige Männer ihnen in Erinnexung brachten, daß
F! Madame Marion von sehr guter Herkuift, däß 'ihre
z!! Familie unter dem Beil der Guillotine gestorben sei,
1
i!!
s!
e =
i
K -
k l
ks
Hl
P
-? -

s

--- = -e nawe
T
P
z
r :tt
Tüchtigkeit durch das Leben geholfen habe. Es nügtk F
auch nicht, daß man es den eifrigsten Hausfrauen vöt? F
hielt, welch eine vortreffliche Hausfrau sie sei, und daß gg
eine Frau, die Geld erwerben könne, auch sicher ver? ß
stehen werde, es zusammenzuhalten. Wo das Heft F
kömmliche als das höchste Gesez geschäpt wird, ist dae F
Ungewöhnliche an und für sich ein Uurecht, und die
Arauen, welche sich für vornehm halten, weil erst dek Z
Vater und dann der Gatte ihnen ein sorgenfreies und F
leidlich müßiges Dasein bereiteten, sehen natürlich üulk F
Geringschäzung auf diejenigen herab, die sich selbst.;
ihren Pfad zu suchen und für sich selbst um des Lss F
, ls
bens Nothdurft zu kämpfen haben.
?
Es stand also noch an demselben Tage, an welchem H
die Verlobung des Prokurators publizirt worden war; P
in dem ganzen Gesellschaftskreise von Mamfell Phi- F
lippine fest, daß ihr Bruder ein ganz unverantwort- F
liches Verbrechen gegen die Gesellschaft begehe, indem F
er eine Frau nach seiner Neigung nehme, und diejeni- F
gen, die selbst gern in dem Eckhause als Frau Pro-
kuratorin am Fenster gesessen und ihre gute Freundin F
Philippine nicht nur in das obere Zimmer, sondern F
zum Hause hinaus gewünscht haben würden, waren F
am eifrigsten bei der Hand, das schwere Schicksal der-

h
7e1
sß. 1Gb=n z b-ae. = Nooe eeeo -o ==s
g ß Inglück der bisher so respektabeln Familie zu betrach-
hjß; ten und zu verdammen.
,ß Diesen Hauptsaz einmal festgestellt, verstand das
,j nebrige sich ganz von selbst. Die erhäbensten und
,l! rengsten Vgenden, die im Grunde doch am wenig-
gßßI ten für sich fürchten durften, erkannten die Ausschlie-
sß', ßung der künfiigen Prokuratorin hls eiiue Nothbpen-
1ß! digkeit für die Erhaltung der Sitte und' der Gesell-
jß, schaft =n; und kuw war man in der Verdonmung
lß, des Prokurators und seiner Auserwählten einig, so
1-
gjßj begann man Philippinen immer eifriger zu beklagen,
slI bis man sie, die bis dahin, wie gesagt, der Gegenstand
eines gewissen Spottes gewesen war, allmälig für
h
k
eines der edelsten Herzen, ja als ein wahres Muster
aller Frauen zu erklären für angemessen fand. Je
tiefer man Madame Marion hinunterdrückte, um so
höher stieg. Philippine empor, und äls nach wwenig
Wochen die verfehmte Prokuratorin inn dem ersten
Stockwerk schaltete, thronte über ihrem Haupte Mam-
sell Philippine als ein Gegenstand allgemeiner Theil-
nahme und Verehrung, und das alles nur, weil sie
t
schwieg und alle Andern reden ließ.
F ! rnd sie schwieg, daß es Madane Marion fast zur
F- Verzweiflung brachte. Sie schwieg zu dem Freund-
Fj lichsten, das diese ihr erwies, sie schwieg. zu dem Hei-
D
K
I

;



i
;

;
L

K
e
tersten, woran der Prokurator und seine Frau sic.ß
ergözten, sie schwieg, wenn dieser in einem Anfall uFs
Zorn sie über ihr Schweigen zur Rede stellte, odEe F
wenn die Frau all ihre Beredtsamkeit aufbot, das h
Schweigen der Schweigenden zu besiegen, die gerake P
immer nur so viel Worte und Sylben vernehmen ließ, R
als nöthig waren, es darzuthun, was sie alles veö- F
schweige, und wozu sie schweige. Ja nicht einmal sö P
viel Rede gönnte sie ihren Hausgenossen, als nöthig Z
gewesen wäre, sie in einen ehrlichen Streit zu bet- F
wickeln, der Anlaß geboten hätte, sie aus dem Hause
zu entfernen. Sie sah zulezt wie die GBttin des J
Schweigens selber aus, denn ihre ohnehin schmaleit Z
Lippen schlossen sich immer fester, das Lächeln vot ?.
Liebesschwermuth, das ein paar Jahre hindurch auf F
denselben geschwebt, war ganz verronnen, die Guitarre ßß
erklang nicht mehr, die Schmachtlocken fielen nicht Z
mehr auf ihre Schultern herab, alles an ihr war wies
der Ernst und Würdigkeit geworden, wie zu ihrer
Mutter Zeiten, und doch vollzog sich während ihres
eigensinnigen Schweigens eine Wandlung in ihrem
Herzen, gegen die sie sich vergebens sträubte, die sie
sich nicht klar machen, noch weniger einem Dritten
eingestehen mochte: sie mußte Marionwider ihren Willen
lieben, sie begann ihren Bruder zu lieben, der ein ganz
Anderer geworden war, seit die Frau an seiner Seite lebte.
k

t
gV
Selbstlose Güte und einfache Wahrhaftigkeit haben
F eine erwärmende und erleuchtende Kraft und wirken
h sicher, auch wenn man es nicht gleich gewahrt. Aber
P diese Eigenschaften hatten im Hause der Senatorin
j von Anfang an gefehlt; ihre Herrschsucht und ihre
- Eigenliebe hatten das Herz ihrer Kinder zusammen-
ß gedrückt, und da sie mit ihrer Tprannei nur Sklaven
F zu erziehen vermocht, so hatten Verschlossenheit und
h List, Unwahrheit, Selbstbetrug und schmneichelnde, schön-
Z, thuende Heuchelei über dem Hause und zwischen seinen
? Bewohnern gewaltet, bis der Prokurator die Zunei-
ß, gung für Marion gefaßt unb sie als Gattin unter
ß sel Dach geführt hatte.
?! Mlles an Marion war einfach und natürlich. Sie
s. pfsegte ihren Mann, sie hielt ihm sein Haus in Ord-
hj nung, sie paßte sich seinen Eigenheiten an und wußte
h diese zugleich zu mildern, als verstände sich das ganz
F von selbst. Sie schien die Zurücksezüng! nd Beleibi-
s! gung, welche ihr von Seiten der anderi Frauen so
z- unverdient und hochmüthig zugefügt wwurde, gar nicht
, ; zu bemerken, sie schien gar nicht zu leiden von der
-! Abneigung, welche ihre Schwägerin ihr bewies. Ihr
-! Kummer war das einzige Geheimniß,. das sie vor
F - ihrem Manne hatte, ihre sorglose Heiterkeit die einzige
Verstellung, die sie übte. Je herber Philihpine sich
gegen sie berhielt, je öftet sie daräüf hindeutete, welch
i:
ni
z -
v
K

u
A
A


i
I

l?
lb
t
s
?
h
I
eine Schmach es für den Prokurator sei, eine Fran, Z
neben sich zu haben, die in einem offenen Laden als F,
Berkäuferin gestanden, um so freier sprach Marion s Z
ous, wie glücklich fie der Wechsel ihres Lvoses mache J
und wie dankbar sie ihrem Manne dafür sei, daß er F
sie den bürgerlichen Berhältnissen wiedergegeben habe, in F
denensie in frühererZeitgelebt. Ohne daß sieeineplötzliche j
Umänderung vornahm, wußte sie der Einrichtung des ß
Hauses, so weit sie eö bewohnte, ein anderes Ansehen, der

ganzen Lebensweise einen behaglichen Zuschnitt zu gebe.
e
Der verstorbene Senator war seiner Zeit deh

?
Abends niemals zu Hause gewesen, der Prokurator
war dem Beispiel seines Vaters gefolgt, und die


FFrauen hatten die lezten Stunden des Tages von
jeher in Einsamkeit zugebracht. Jezt verließ der Pro-
kurator das Haus nicht mehr, an das die Freundlich-
keit und der Frohsinn seines Weibes ihn fesselten; und
wenn es anfangs auch nur Neugier war, welche Mam-
sell Philippine bewog, sich ab und zu außer den ge-
wohnten Stunden in die Zimmer ihrer Schwägerin
zu verfügen, so blieb sie doch hie und da ein wenig
länger in denselben, als die vorgeschützte Veranlassung
s
ihres Kommens es nöthig machte, und sie hätte alles
Empfindens baar sein müssen, wenn die bereitwillige
Zuvorkommenheit ihr nicht hätte wohl thun sollen,
mit der Marion sie jedesmal empfing.

t g!
le
ls
s
e

H
d
K
8K
Aber was durch einen langen Winter festgefroren
ist, das schmilzt auch die hellste Sdnne nur sehr all-
mälig, und Mamsell Philippine war es viel zu lange
Zeit gewohnt gewesen, sich in Posktion zu sezen und
etwas vorzustellen, als daß es iht möglich gewesen
wäre, mit einem raschen Schritte, mit einem willens-
kräftigen Entschlusse plözlich in den Gereich der Wahr-
heit überzugehen. Sie konnte es, nicht ,einräumen,
daß Marion sie überwinde, sie konnte es vor ihren
Freunden nicht bekennen, daß man der Französin Un-
recht thue, daß keine Deutsche eine bessere Hausfrau
und Gattin sein könne; das hätte geheißen von dem
Sockel niedersteigen, auf welchen die Abneigung gegen
die Conditorfrau die Tochter der Senatorin erhoben
hatte, und sich selbst zu beeinträchtigen war Mamsell
Philippine nicht gemacht. Indeß die Egöisten haben
das Eine mit den Kindern Gottes gemein, daß alle
Dinge zu ihrem Frommen gereichen müssen.- Kaum
empfand Philippine, daß es sich angenehmer mit den
Ihren, als in der Abgeschiedenheit von ihnen leben
lasse, so fing sie an, sich als die großmüthige und ver-
zeihende Beschüzerin derselben hinzustellen, und eine
neue Heiligsprechung der Halbbekehrten war im Werke,
?
F! als der Ernst des Schicksals an sie herantrat und
z ihrem Leben eine neue Wendung gab
Marion hatte nahezu zwei Jahre an der Seite
e
-
l.

ß
a
, i
,
s
e s

N6

ihres Mannes verlebt, als sie ihm einen Sohn gebar. F;
In staunender Betrachtung, in stummer Anbetutkg F
stand Mamsell Philippine vor der Offenbarung, welche P
jede neue Menschwerdung für den Menschen in sich F
schließt. Sie sprach kein Wort, und doch hätte sie b
?a nu
als ob das Eis gebrochen und alle Liebe, deren ihr Z
enge Seele fähig war, in warmen Fluß gekommnt
wäre. Sie hielt das Kind in ihren Armen, sie sah F
auf die Mutter hin, auf den Vater, der ihr Bruder h
war, das Alles hing mit ihr zusammen, konnte ihr F
gehören, konnte sie erfreuen, und sie hatte sich davön F
entfernt, weil sie nicht begriffen hatte, wie reich mäü Z
werden kann, wenn man sich selber in Wahrheit zur g
rechten Stunde aufzugeben, und sich an andere zt F
verlieren weiß. Die kleinen Händchen, welche sich ss I
tastend und so hilfsbedürftig in die Höhe hoben, schiö- g
nen recht eigentlich nach ihr zu langen, die kleinen Z
Augen, die sich dem Tageslichte noch nicht zu öffnen F
wagten, schienen sie zu suchen; sie stand an der Wiege F
und weinte, und sie merkte es nicht, wie leise Marion H
klagte und stöhnte, in wie banger Angst ihr Bruder F
an dem Bette seiner Gattin stand, wie sorgewvoll der
z
Arzt an ihrem Lager wachte:
Marion war im Sterben. Nur von Zeit zu Zeit Z

fchien sie Bewußßtsein zu haben. Damn richteten ihre
1
t
t
Aa?
Augen sich immer nach Philippinen hin, und sie sah,
mit welcher Inbrunst der Liebe das sonst so kalte
Autliz des alten Mädchens auf den Neugeborenen
t
schaute. Als es schon dunkel wurde, naimte sie leise
Philippinens Namen. Es fuhr derselben wie ein Stich
k
durchs Herz. Sie erhob sich und trat an das Schmer-
t
F zenslager beran ,Ich banke Ahne dafüe, baß Se
F mich lieb gewonnen haben, sagte sie:,haben Sie
F, auch den armen Kleinen lieb und seinen armen Vater.
Philippine sank auf ihre Kniee und ergrif Marions
F Nnd, um sie zu küssen..Vergebung! Vergebung !
s rief sie. -- Aber der Arzt zog sie von der Kranken
Z, fort,Denken Sie an die arme Frau und nicht an
F: die Verzeihung, die Sie wünschen,! sagte er, und
z Philippine sah es, wie das Haupt der jungen Mitter
h, sich noch einmal leise zu bewegen süchte und bann
ßß, zurücksank in ihres Manes Aim, der stäir und ohne
h s eine Thräne äuf bem Rande ihres Bees saß; bis der
H! lezte Athenzug verklungen war, bis die Augen seiner
Z! Frau sich kür immer geschlossen hatien. Der Tod war
h s herniedergeschwebt auf das alte Häus; und wohin er
, ; seinen Fuß sezt, da behauptet er seine feierliche Herr-
s I schaft für eine Spanne Zeit und gestaltet dieses üm
g.! und gestaltet jenes um, daß die Menschen km ersten
j; Fbreen zlaben, -s fe n dee Loe des inen

78
?

F
Hingeschiedenen nicht nur in den Außendingen eine,'
Veränderung vorgegangen, sondern sie selber hätten,
sich verwandelt. Indeß, was einmal in deül--
Kern eines Menschenwesens steckt, däs wandelt sihZ
üicht um vor dem Anblick eines Todten, es schweigtF
nur davor, und wenn die Leiche dem Auge entzoge?
und die Trauerklänge verhallt und das Gepränge uilb'
die augenblickliche Herrschaft des Todes von dsähI
Hause verschwunden sind, so kommt fast überall untst ,,
den Lebenden der alte Mensch zum Vorschein, wenn?
schon bisweilen in einer sehr veränderten Gestalt. ,
Auch der Prokurator, so gern er seine Frau gehaitZ
hatte, und so angenehm ihm die beiden Jahre an ihreth
Seite verflossen waren, kehrte bald zu den alten Ge- F
wohnheiten seiner Junggesellenzeit zurück. Er gingF
Morgens vom Gerichte eine Stunde in das Weinhaus- F
Nachmittags eine halbe Stunde in das Kaffehaus unö!Z
Abends in die Ressource, um zu Hause nicht die'
freundliche Marion zu vermissen. Was hätte ihn auch F
von dieser Lebensweise abhalten sollen? Ein Männ, ;
und vollends ein Mann, der nicht mehr jung ist, kann F
mit einem kleinen Kinde eben nicht viel anfangen, wenn J
es ihm nicht durch die selbstlose Liebe eines Weibes F
vermittelt und erklärt wird. Für dieses Amt war bei
dem besten Willen doch natürlich Niemand weniger
geeignet, als seine Schwester Philippine, die, egoistisch
L

289
in ihrem Schmerze, wie in ihrer Reue, nur an sich
selber dachte, und es darüber fast vergaß,! daß nicht
sie, sondern ihr Bruder den Tod des jungen Weibes
zu beklagen hatte.
Aber ihr Schmerz währte nichts lange' Seit, denn
Philippinen war mit der Geburt des -ihr anheimge-
-fallenen Kindes ein wahrer Glücksstern aufgegangen.
Auch das kälteste Frauenherz, und Philippinens Herz
, war gar kein solches, birgt die Fähigkeit der Mutter-
, liebe in seiner Tiefe, und mit nie gekannter Wonne
fand sich das alte Mädchen plözlich auf eine natür-
liche Pflicht, auf eine neue Thätigkeit hingewiesen.
Sie hatte an dem Neffen, an dem Neugeborenen
Mutterstelle zu vertreten, und sie gelobte sich, ihm im
vollsten Sinne des Wortes eine Mitter zu sein.
Auf ihre Bitte hatte man dem Knaben ihren
Namen beigelegt, und der kleine Philipp hätte es für
seine ersten Wsihre gor nicht bessek haben können.
als unter der Aufsicht seiner Tante. Alles verschwand
in der Erinnerung derselben vor ihrem neuen, vor
ihrem ersten wahren Glück. Sie sprach nicht mehr
davon, welch gute Tochter sie gewesen war, sie dachte
nicht mehr an ihren auf dem Felde der Ehre gefalle-
nen Helden, die Guitarre, die Blumen auf dem Fen-
sterbrette hatten keine Bedeutung mehr für sie, sie
vergaß es, wie sehr sie die arme Marion einst gehaßt,

L
v
i
wie allmälig und verschlossen sie dieselbe dann geliebtsF
fie dachte bald gar nicht mehr an Marion, sie hatteß
nur ein Gefühl des Dankes gegen den Himmel unk F
die höchste Bewunderung vor den Wegen der Votsj
sehung, die ihr den Knaben geboren werden, die un'F
ihretwillen seine Mutter hatte sterben lassen, die ßiß
das Glück der reinsten aller Empfindungen, der Muts F
terliebe, hatte zubereiten wollen. Machte dann einmal ß
ihrer Freundin eine, die nicht wie Philippine von deii Z
Widerwillen gegen die verstorbene Prokuratorin geheilt ß
war, die gelegentliche Bemerkung, der Himmel habe !
es offenbar auch nicht gewollt, daß die Tochter des Z
Hauses durch eine Fremde verdrängt und auf die ß
Seite geschoben werden solle, so sagte Philippine dazu -
nicht nein. Sie hatte Stunden, stille, einsame Stun- ß
den, in welchen sie im Grunde ihres Herzens ganz Z
dasselbe dachte, denn die Vorsehung oder das SchicksalI
find ja der Sündenbock, dem die megchliche Eitelkeit j
und Verblendung alle ihre thörichten und oft auch ?
bösen Gedanken aufzubürden lieben. Mancher würde ?
stutzig werden und in sich gehen, wenn er selbst ver-
treten sollte, was er den unsichtbaren Mächten zuzu-
schieben kein Bedenken trägt.
Aber darüber machte die glückliche Tante sich keine !
Sorgen. Ihr Philipp war ihr jezt der Mittelpunkt s
der Welt, und als ein plözlicher Tod dem kaum drei-

A
jährigen Knaben auch den Vater raubte, als das Kind
nun ganz ihr eigen war, da hielt es schiwer, in der
zärtlich vorsorgenden Pflegemutter, in der. selbstver-
gessenen Wärterin des Knaben,' die jeder helle Blick
des Kleinen wie mit Freüdenstrahlen übergoß, die
starre, kalte Mamsell Philippine wieber zu erkennen.
Sie erheuchelte nichts mehr, sie stellte nlchts mehr vor,
sie wollte von Grund des Herzens! das Beste ihres
Philipp. Aber ein thörichter Mensch wird nicht leicht
weise, und Erziehen ist eine schwere Kunst, schon darum,
weil Maßhalten eine Hauptbedingung für ihr Gelin-
gen ist. Maß zu halten verstand nun leider die neue

Pflegemutter nicht.
Ihr Philipp sollte alle ihre Jdeale in sich ver-
wirklichen. Er sollte gesund an Leib und Seele er-
P wachsen, sollte ein Deutscher werden bis in's tiefste
Herz, sollte Rein und keusch seln; wie fie' felber, das
Schöne lieben, bas Niedrige und Gemeine gar nicht
F kennen, die Ehre seiner Families die sein guter Vater
g
zP. nicht genug gewahrt, hoch und heilig halten; und da
Z- ihr durch des Himmels wundervolle Gnade ein Sohn
Z l Philipp z Theil geworden war, so höffte sie es
z s dereinst noch zu erleben, daß dieser Sohn ihr eine
I Tochter nach' ihrem Herzen. in das Haus shre Mutter
=s - einführen werde.
z; - Ie hatte kein Interesse mehr, als ihren Ahilipp.
-,
n,
lf
ls
:
i
s s
k s
A s

?-

A
,
z?
A
Jeder mußte sie von ihm sprechen hören, und nöähs
hatte das Kind kaum errathen lassen, was einmal aüß-
ihm werden könne, als Mamsell Philippinens Philkh?
schon ein Spottname für dasselbe und der Kleine, eh?
Is
Gegenstand des Scherzes für alle diejenigen gewordens
war, welche seine Tante und deren Vergangenhe!',
kannten. Aber Philippine focht das wenig an. Siü,
hatte ein völliges Genügen in dem Kinde gefundeü,
es kümmerte sie nichts mehr als dieses Kind. VökF
Allem sollte es gesund erwachsen. Es sollte Suft undIF
Licht genießen, wie die alte Stadt sie nicht zu'' bieksüP
vermochte, und rasch entschlossen faßte sie den Pla,ß
mit ihrem Knaben fortan auf dem Landsize zu lebetgz
welchen derselbe als Erbe der Familie, im Herzen där,,
ze?
Provinz besaß, und den zu bewohnen ihr bis dhinP
immer ein Dpfer gedünkt, wenn der Wille ihrer
Mutter sie je bisweilen dort zu leben gezwungek F
ß
hatte.
Die Leute trauten ihren Ohren nicht, als Philhs F
pine ihnen diese Absicht kund that, sie trauten ihren F
Augen nicht, als sie wirklich eines Morgens die eiser-F
nen Laden vor dem untern Stockwerk des Eckhauses
geschlossen sahen, als die Vorhänge an dem Fenster,z-
an welchem die Senatorin und nach ihr Mamsellg.
Philivpine so und so viele Jahre, wie ein Wahrzeichen F
der alten Stadt, in ihrer Würde dagesessen hatte, mit J
- z

AK
einem Male heruntergelassen waren. Man wollte es
nicht glauben, daß die Leztere wirklich auf den Ver-
kehr mit ihren alten Bekannten verzichten, daß sie von
allen ihren Lebensgewohnheiten Abschied nehmen werde
um eines Kindes willen; indeß ,man btachte dabei die
k
F Eigenartigkeit von Philippinens Charakte nicht in
F r=pe
Jahre und Jahre vergingen, in welchen sie nur
P einmal in der Mitte jedes Hochsommers, zur Seit des
F Jahrmarktes, für wenige Tage in die Stadt käm.
ß Sie brachte dan ibren dfleglig but slch, fie führte
D ihn auch zu ihren Bekannten und zu den verschiedenen
F Mitgliedern ihrer Familie, damit man sich überzeuge,
b! wie gut der Knabe in ihrer Obhut gedeihe; sie fuhr
A
F - mit ihm in der Stadt umher, die alte Karosse, rasselte
N
s - Pn der bestimmten Stunde wieder durch die Straßen,
P sie ging mit Philipp auf den Maikt, es wurde ihm
k
g gekauft, was er nur begehrte, aber er kam nicht von
FF der Hand der Tante los, und selbst wenn sie mit ihm
H sich in den Häusern der Verwandten aufhielt, durfte
z re nuur in ihrem Beisein mit seinen kleinen Altersge-
j! nossen spielen und verkehren. Es war vergebens, daß
ß. Einer oder der Andere ihr wohlmeinend den Rath
s
-; ertheilte, den Knaben nicht so einsam zu erziehen.
s Sie mochte ihn mit Niemand theilen, imd da bei
J alten unverheirathetenPersonen die Gewohnheit zu einem
FF Lewald, Kleine Romane. ?.
1
z


s


z
sie beherrschenden Tyrannen wird, so mochte Mamssltr?
Philippine schon nach wenig Jahren nicht mehr da-''s
ernd in der Stadt verweilen, ganz abgesehen davon, ?
daß es ihr bei ihrer jetzigen Lebensweise nur nsch?
leichter wurde, das Vermögen ihres Philipp und ihr!' ß
eigenes, das ja auch einst das seine werden mußte, i -?
immer schnellerem Wachsthum zu vergrößern.
-1
-z
Wie Philipp seine Kindheit einsam zugebracht -z
hatte, so verlebte er auch seine Jgend einsam auf I
dem Gute seiner Tante, unter der Obhut eines eigenen z,
Erziehers, der zwwar ein gelehrter Mann und als Leh--F
rer wohl befähigt, im Nebrigen aber noch pedantischef -
, Is
als Mamsell Philippine und ganz dazu geschaffen war, F
sich den Anordnuungen und Wünschen seiner eigenwil- ;
ligen Patronin ohne große Neberwindung unterzu 'M1?
.?
ordnen.
Is
Sparsam bis in's Kleinliche, wo es die eigenen!I
Bedürfnisse galt, ließ es Mamsell Philippine in keiner I
Weise fehlen, sobald die Bildung ihres Neffen in Be-
tracht kam, und je mehr man sie davor warnte, den
jungen Menschen von den Genossen seines Alters, von
der Berührung mit dem Leben so geflissentlich zu ent-
fernen, nm so mehr befestigte sie sich in der Grille,
-
ein Meisterstück von Erziehung an ihrem Philipp zu
liefern, der erst als ein vollständig gebildeter junger
Mann in die Stadt und in die Familie zurückkehren sollte.

Ke
Je mehr der Held ihrer Erziehungsgrundsäze sich
dem Zeitpunkt näherte, in welchem Mamsell Philip-
pine ihn nach ihrer Meinung freisprechen wvollte, um
so eifriger wurde sein Unterricht betriebei! Sprach-
lehrer, Tanzmeister, ja ein Stallmeister wurden wäh-
rend der verschiedenen Sommerferien, in denen die
Stadt ihnen wenig Beschäftigung zu bieteis hatte, auf
das Gut hinaus beschieden, und Philipp wußte sich
die ihm gebotenen Lehren wohl zu Nuze zu machen.
Aber jeder dieser Meister steigerte auch mit seinen Be-
richten von dem Leben in der Welt das Verlangen
des Einsamen, in die Welt hinauszukommen, und es
wwäre in jenen Tagen, welche dem zwanzigsten Geburts-
- tag ihres Philipp vorangingen, schwer zu entscheiden
- gewesen, wer den festgesezten Termin lebhafter herbei
- sehnte, ob Mamsell Philippine, die ihren Philipp den
Leuten vorzustellen dachte, oder dieser selbsts der mehr
- und mehr darnach verlangte, die Welt zu sehen, die
er sich nach seinen flüchtigen Blickeü in bieselbe und
, nach seinen Büchern wie ein Parädies der Freude
dachte, während seine Tante und sein Mentör ihm
; immer nur bon Fallstricken zu sprechen wißten, die
seiner dort harren würden, und welchen sich zu ent-
ziehen die sittliche Aufgabe seiner Zükunft sein wwerde.
s Nnschuldiger hatte nie ein Aügenpaäi ii das Lebei
hinausgeblickt, träumerischer nie ein Jünglinng sich Luft-


l !
ls-
l! -
le
z:
l
j
lu
z

s
z
D
schlösser erbaut. Was er ersehnte und erhoffte, Mha
er am meisten wünschte, hätte er selber nicht zul sgkfß
gewußt; er hatte keinen bestimmten Plan fük söhs
künftige Beschäftigung, er hatte keinen Ehrgeiz, dekE?ß
er war reich und hatte niemals neben Mitsteeiöifs
gearbeitet und gelebt. Er hatte auch kein eutschGisö?
nes Berlangen nach Abenteuern, kein ausgespiocheiE!
Bedürfniß irgend einer Art; nur nach Bewegüiß
sehnte er sich, nach Ungekanntem, nach Genuß üiO
Aufregung, und während er in seiner Herzensenäkf?ß
goldene Bilder an dem fernen Horizonte sich spiegAKi! ';
sah, der sich ihm in der Stadt eröffnen sollte, gäFF
seine und seiner Tante bevorstehende Nebersiedelung hE F
dieselbe bereits einen Gegenstand der Belustigung fük j?
O
ihre Freunde ab.
Schon den ganzen Sommer hindurch hatte sse H,
denselben die schriftlichen Anzeigen gemacht, daß fäß
ihres lieben Philipps Bildung und Erziehung yon' H
ihrer Seite jezt das Mögliche geschehen, und daß es J
also an der Zeit sei, ihm in der Gesellschaft die lezzte F
Politur für dieselbe zukommen zu lassen, da ja der F
Diamant nur mit Diamanten zu schleifen sei. Und' g
sie hatte dann niemals unterlassen, es hinzuzufügen, Z
wie glücklich sie der sanfte Charakter und der gebildete F
Geist ihres Philipp machten, und wie es sie freue, F
daß er so viel Sinn für das ruhige und beschaulichöF
u
A

Ae
Leben habe, welches zu führen sein großes Vermögen
ihn vollkommen ermächtige.
Mit vorsichtiger Berechnung hgtte sie das Haus
des Commerzienraths, ihres Vetters, zu dem ersten
Auftreten ihres Philipp auserwählt. Der Commnerzien-
rath galt für den reichsten Mainn ber Stadt und war
einer ihrer angesehensten Bürger. s Seine! Frau gab
den Ton in der Gesellschaft an, seine Töchtei hatten
eine glänzende Erziehung genossen, waren vortreffliche
Partien, und wenn, wie Mamsell Philippine gar nicht
zweifelte, ihr Philipp in diesem Kreise die ihm ge-
bührende Anerkennung fand, so war mit einem Schlage
seine Position gemacht und seine günstige Aufnahme
in der Gesellschaft festgestellt. Im November feierte
der Commerzienrath seine silberne Hochzeit, die ganze,
in Norddeutschlands Handelsstädten weit ausgebreitete
s Kamilie hatte für den Tag ein Züsaünmeßtreffen ver-
F abredet, und auch Mamsell Phillppine hatte acht Tage
f vorher ihrei Landaufenthalt verlassen, tm ihre Vor-
s bereikungen für das würdige Auftreten ihres Neffen
F zu machen.
Wo aber eine große Familie versammelt ist, findet
? man auch eine Schaar jungen Volkes, das stets be-
s reit ist, sich neben dem allgemeinen Feste noch seine
; Privatvergnügungen zu bereiten; ünd Scherz und
? Spott liebend, hatte man sich seit mehreren Tagen

7K
!
e l
!
im Voraus daran ergött, wie Mamesell Philippine ai gg;,
- z
dem Himmel des Familienfestes zu besonderer ES s z
höhung seines Glanzes ihren Philipp erscheinen lasss I,j
K1
werde.
, z'
Am Abende, als man sich zum Balle vereinte ind ,'ss
der große Saal schon voll von Gästen war, thäten ;si !
sich plözlich die Thüren auf, Mamsell Philippine trät ;; !
mit ihrem Philipp ein und auch die Ernsthaftesten uü ?
-= l
ter den Alten konnten sich eines Lächelns nicht erweh- z; z
R l
ren, denn ein seltsameres Paar hatte wohl nie des F ,
. »!
Parket eines Tanzsaales beschritten.
Stolz und mit hochaufgehobenem Haupte, siezbss F ?
wußt vom Kopf bis zum Fuß, schaute Mamsell ghll F
h
lipine um sich her. Sie hatte, um ihrem Philipö F;
Ehre zu machen, sich neu und nach der Mode ange- (
kleidet. Die hohe, damals unter dem Titel s l gie- Z
al bekannte Frisur machte ihren schmalen, spizen Z
Kopf noch länger aussehen, die kurze Taille, die brei- ß:
. - ?
ten Gigotärmel zeigten erst recht die Magerkeit ihret z.
Gestalt, und der altmodische Schmuck von hellgrünen F
Chrysopras, mit Diamanten eingefaßt, die noch alt- -ß
modischere Brillant-Aigrette, die sie in den Puffen ß
ihres falschen Haares angebracht hatte, machten den IF
Eindruck der geflissentlichen Ausstaffirung nur noch I?ß.
komischer. Neben ihrer selbstgewissen Steifheit ver- L
Fs
schwand der Neuling des Ballsaales, verschwand dse IF
s

E

AD
arme Philipp ganz und gar, obschon ihre ;Geberden
Aller Augen auf ihn zu lenken suchten. s
Mamsell Philippine hatte eine fast männliche Höhe,
ihr Philipp war nur mittelgroß, wie seine Mutter es
gewesen. Er sah der reizenden Marion sprechend ähn-
lich, hatte ihre feinen Züge, ihre freundlichen Augen,
ihren lächelnden Mund und ihre schönen Zähne. Man
hätte ihn recht hübsch finden müssen, wäre er nicht
ein junger Mann und zwwanzig Jahre alt gewesen.
Schneider und Schuster und selbst ein Friseur hatien
ihr Bestes an ihm gethan, Rock und Hose saßen ihm
vortrefflich, das schöne schwarze Haar fiel ihm in regel-
rechten Locken auf die linke Schläfe herab, die Ührkette
war nach der neuesten Mode, die Handschuhe schlugen
keine Falte, und doch lachten die jungen Mädchen, als
sie ihn erblickten, doch war er wirklich im hohen Grade
lächerlich der arme, hübsche Philipp, als er gleich an
der Eingangsthüre die regelrechte, ihm von seinem
Tanzmeister eingelernte Verbeugung mmachte, die er, so-
bald Jemand an ihn heran trat; mit ängstlicher Blö-
digkeit widerholte. Die Tante ganz Freude, Stolz
und Redseligkeit, der Neffe verlegen und bei jedem
s
Worte erröthend, fortdauernd von der Tante mit Blick
und Miene ermuthigt und fortwährend bemüht, sich
zu verbergen, immer von ihr in das, Gespräch gezogen,
und scheu jeder Anrede ausweichend; bildeten sie ein

78O

A
F
wunderliches Gegenspiel. Man mußte denken, sie hät- ?;
ten im Maskenscherze ihr Costüm gewählt. Tanke,l
Philippine hatte nie männlicher, ihr Philipp nie mäd--
chenhafter ausgesehen, als an diesem vielbespröcheneäI
Abend ihrer beiderseitigen Verherrlichung; die Taite F
war mit sich niemals zufriedener gewesen, als in d
sem Augenblicke, Philipp empfand zum erstenmale el Z
,
Mißbehagen, das er sich nicht zu deuten wußte. -
Alles war ihm entgegen, er war sich selbst gn Z
Last. Seine Arme hingen ihm herunter, er hätte sie ?
hinter sich verbergen, sie gar nicht haben mögen, hätie.l
er den leidigen Hut nicht halten müssen. Wo er stand,'z
dünkte es ihm, als sähe Jedermann auf ihn und seiie.;
Füße. Er mußte seine Stellung unwillkürllch alls'?
Augenblicke wechseln. Sein Anzug genirte ihn, so be- ,
quem er ihm zu Hause auch auf dem Leib gesessen ,
hatte. Sein Haar fiel ihm in's Gesicht, daß er sä s
ein Mal ums andere nach hinten werfen mußte, unb ?
hatte er endlich eine Art von Haltung und von Ruhe ß
gefunden, so trat gewiß gerade in dem Momente die j
Tante mit irgend einem Herrn oder gar mit einer ?
Dame an ihn heran, um ihren lieben Philipp vorzus
stellen, und Philipp mußte eine Reihe von gleichgül- P
tigen Fragen beantworten, zu welcher Antwort die j
Tante in ihrem sonst so starren Antliz schon im Vor- I
P
aus die entsprechende Miene in Bereitschaft hatte.

78t
Er war wie auf der Folter! Wäre er geistlos, wäre
er ungebildet gewesen, er hätte nicht halb so viel ge-
litten. Mit einer stummen Verzweiflung dachte er an
Alles dasjenige, was er wußte.! Er dachte an seine
alten Sprachen, an Geschichte und Literatur, an Ma-
thematik und' Geographie, aber Niemänd fragte ihn
darnach, Niemand sprach davon, und auf die leichten
Fragen, die man an ihn richtete, war nach seiner Mei-
nung selten mehr als ein einfaches Ja oder Nein zu
erwidern, das, wenn er es gesagt hatte, der Tante
offenbar nicht genügte, nnd auch den Andern zu kei-
nem weiteren Verkehre den Anlaß darzubieten schien.
Man wollte wissen, welchen Beruf er wählen würde,
für welche Art der Thätigkeit er sich vorbereitet habe.
Er sollte berichten, ob er schon ein Stück von der
Welt gesehen, die jungen Männer fragten ihn um Feste
und Vergnügungen, die ihm nie geworden waren, und
Allen, das sah, das fühlte er, war er eine ungewohnte
komische Erscheinung.
Er stand und stand. Je voller es in dem Saale
wurde, um so verlassener fühlte er sich, und doch ge-
fiel ibm das helle, strahlende Gemach, doch entzückte
ihn der leichtbeschwingte Rhythmus der jubelnden Tanz-
musik, doch bewegte der Ablick all der schönen Mäd-
chen ihm das Herz, daß er die Männer beneidete,
welche die reizenden Gestalten so sorglos, und als ob

A8A

das nicht ein großes Unterfangen wäre, in ihren Ar-k;
men durch die Reihen hoben. Er wollte auch tanzen, ys
er stellte sich mit einem Mädchen in den Kreis, das F
man ihm als eine seiner Basen aus Hamburg bs- J
sßs
zeichnet hatte, aber die ungewohnte Wärme des Saa- I
les, die Schnelligkeit der Bewegung, ja selbst der Glanz
der Lichter und vor Allem die Nähe seiner Tänzerin
verwirrten ihm den Sinn, es schwindelte ihm, und die (
Base mußte ihn halten, damit er nicht in's Taumeln ,
käme. Sie lachte, die Nebrigen lachten mit ihr, und Z
bleich vor Scham und Ingrimm zog der Gequälte stch Z
in das letzte Gemach der Zimmerreihe zurück, in wel-F
W
chem er einsam sich auf einem Sessel niederließ. zß
Die Stille, die kühlere Luft thaten ihm wohl, esJ
löste sich wie ein Krampf von seinem Herzen, und eks
paar heiße Thränen, die ihm der Zorn erpreßte, tratenß;
ihm brennend in die Augen. Er hatte sich lächerlich(.
gemacht, er war sich selbst verächtlich. Alles, was ihmFß
bisweilen wie eine Befürchtung vorgeschwebt, hakteJ;
sich bewahrheitet. Er war unerfahren wie ein KindJ
und stand dem Mannesalter nahe, man hatte ihn zu'e
bilden vorgegeben und hatte ihn als ein Spielzeug?
einer tyrannischen Liebe und willkürlichen Laune vön?
seinem eigentlichen Berufe fern gehalten, er war außer,l
dem Zusammenhange mit der Welt, in der er lebeßßß
follte, und alle die Fragen, welche ihn heute der Reihe
?

2K
nach bedrängt hatten, mußte er sich jetzt selber vor-
legen, sie stürmten jetzt plötzlich auf ihn ein. Was
bin ich? was soll und muß ich thun? klang es immer-
fort in seinem Innern, und es war vergebens, daß er
sich die tausendmal gehörte Erklärung von Mamsell
, Philippine vorbehielt, daß er reich sei und nichts zu
s thun brauche, als seinen Neigungen lehen..
Heftig warf er die Handschuhe von sich, es peinigte
- ihn, die Hände leiblich eingezwängt zu fühlen, weil sie
ihm geistig bisher gebunden gewesen waren, und wie
man in der Aufregung im Kleinen wie im Großen
stets über das Maß hinausgeht, schleuderte er die
Handschuhe bis mitten in das Zimmer, so daß sie ge-
- rade vor den Füßen eines jungen Mädchens nieder-
fielen, welches durch eine Seitenthüre eingetreten war
und augenscheinlich in den Hauptsaal gehen wgllte.
Ohne auf Philipp hinzusehen und offenbar- in dem
Glauben, daß er sie mit den Handschuhen haben tref-
fen wollen, rief sie empfindlich: ,Ich berbitte mir der-
gleichen! Ich bin keine Dienstmagd und biü kein Kinb
mehr!r
Philipp hatte sich schon seiner Heftigkeit und sei-
nes Gebahrens bei dem Eintritt des Mädchens ge;
schämt. Die Worte brachten ihn völlig aus; der Fas-
sung. Er stand auf, ging zu der Erzürnten hin und
sagte: ,Ich hatte Dich nicht gesehen, vergieb! -
k

28e
z

, Aber warum werfen Sie denn die guten, neus
Handschuhe an die Erde? fragte sie;,das ist ja ßnFF
verantwortlich!''-- Sie bückte sich, sie aufzuhebenz Ei
wollte ihr zuvorkommen, und eilig, wie sie wake
ftießen sie mit den Köpfen so heftig zusammen, bäh,
Beide sich die schmerzenden Stirnen rieben, währeih
-s;
sie doch herzlich lachen mußten.
,Das ist eine komische Art, unsere Bekanntschaft?
»O
zu erneuen!!! meinte das Mädchen.
,Erneuen?' wiederholte Philipp.,Es ist mir, alh
sähe ich Dich heute zum erstenmale, ich kenne Dilhs

kaum wieder.!
,Dann brauchen Sie mich nicht Du zu nemenfF
erwiderte sie verlegen und schnippisch zugleich. he
, Nein, gewiß nicht! Nehmen Sies nicht übel, lleGö
Hedwig!-- und nun er sie so höflich angeredet hattäh,,
lachten sie wieder alle beide, und Philipp kam sich nk'ß'
einem Male so befreit und leicht vor, daß er Lust züä)
Tanzen fühlte.

,Wollen Sie nicht einen Walzer mit mir tanzenMß
-h
fragte er.
.Ich? Wo denken Sie hin! Ich tanze hier nicht?P
, g
entgegnete sie.
I
,Aber' weßhalb nicht?
,,D, schauen Sie mich nur an; ich gehöre ja gak ?
nicht zur Gesellschaft,' entgegnete sie und warf die (

28K
kleine volle Oberlippe spöttisch und schmollend in
s =e ebe
Er that, wie sie ihn geheißen und bemerkte dabei,
dafß sie allerdings nicht wie die übrigen Damen in
Balltoilette gekleidet war, aber gerade deßhalb gefie!.
sie ihm besser. Sie sah auch reizend aus in ihren
Kleide von rosa Mousseline mit der kleinen schwarzen
Taffetschürze, die ihre schlanke Taille so zierlich hervor-
hob, während der hübsche Kopf mit den klugen braunen
Augen sich keck auf dem schlanken Halse hin und her
bewegte. Er überlegte, wie alt sie jezt wohl sein möge,
denn es war lange her, daß sie einst mit ihrer Mut-
ter bei Mamsell Philippine gewesen war, als diese sich
nach ihrer Gewohnheit um die Jahrmarktszeit einige
Tage mit Philipp in der Stadt aufgehalten. Damals
hatte die Tante sie und ihre Mutter, mit Kleidungs-
stücken beschenkt, und er erinnerte sich, gehört zu haben,
daß sie Anverwandte wären, daß ihr Vater todt und
ihre Mutter arm sei Er hätte gern wissen mögen,
ob sie noch immer in Armuth lebe, aber er konnte sie
das doch nicht fragen, und um sie wenigstens durch
sein Sprechen in seiner Nähe zu behalten, erkundigte
er sich, wo sie wohne.
,,aben Sie mich denn nicht gesehen?'' rief sie ver-
wundert,,ich habe Ihnen ja alle die Tage; seit Sie
hier find, dicht gegenüber am Fenster gesessen.

18e
l
Il
ß
l
ePi
,,Sie mir? und wo das?
.eir wobnen i i de Eckhase Aöen gegeüsesfIj
Aber freilich in der schmalen Gasse, wo der Herr Conis
n l
merzienrath uns in seinem alten Hause im SeitenI!z t
n !
flügel zwei Stuben eingeräumt hat; und wer, wie Slöß
noch bem Maekte hinaussehen knn, der guckt klch üj
d
;
die schmale Gasse!
Er wollte eben ihre Hand ergreifen und ihr sagenßg z
daß er nun sicherlich nicht mehr nach dem MarkieP !
hinausschauen werde, sondern lieber zu ihr hinüberz
aber im Nebenzimmer rief man nach ihr; die Tochiee P
vom Hause, eine große, prächtige Blondine, gab ißö,g,
einen Auftrag. Hedwig ging wieder durch das ZimFß
mer, kam dann eilig mit einem Korbe voll Blumen'l?
Ap
zurück, der für eine allegorische Aufführung geforderk,z
wurde, und obschon Philipp ihr in den Saal nachö''?
ging, nm anfzupassen, wo sie bleibe, fand er sie nlhk F
AF
wieder.
In der Thürbrüstung blieb er stehen und schaute, h
in den Saal hinein. Die Tanzenden drehten sich in ?
buntem Wirbel vor seinen Augen umher, er beachtete z,
es nicht, aber er fühlte auch keine Langeweile und kein g
Unbehagen mehr. Er überlegte, wie es zugegangen. -?
- zzet
daß er alle die Jahre hindurch nicht an Hedwig ge' Z;
dacht, daß er sie habe vergessen können, und daß er -
ife
sie dann doch augenblicklich erkannt habe, obschon sie'
g
s
?

H
so groß und so schön geworden war, wie man es gar
nicht vermuthen mögen, als sie noch ein Kind ge-
wesen.
Er rechnete aus, daß sie wohl siebzehn Jahre alt
sein müsse, aber wie er mit ihr verwandt sei, wer ihr
Vater gewesen, und weßhalb sie allein in der ganzen
reichen Familie in Dürftigkeit lebe, das wüßte er nicht.
Noch weniger vermochte er zu begreifen, weßhalb Tante
Philippine, die sonst eine lebendige Chronik war, ihm
niemals von siesem Theile seiner Familie gesprochen
habe, und aus welchem Grunde man das Mädchen,
das ihm reizender dünkte, als die ganze übrige Ge-
sellschaft, von dem Feste ausschließen und dienend bei
demselben auftreten lasse.
Er mußte das ermitteln, und mit einer Sicherheit,
die zu fühlen er noch vor einer Stunde weit entfernt
gewesen war, schritt er durch den Sadl bis in das
Nebengemach, in welchem ein Theil der älteren Perso-
nen und untet ihnen Mamsell Philippine, an den
Spieltischen saßen. Ganz hingenommen vvn seiner
antheilvollen Neugier, trat er an die Tante heran,
und da sie mit aller Freundlichkeit, deren ihre Züge
fähig waren, zu ihm hinauf sah, fragte er lebhaft und
ohne alle Vorbereitung: ,Tante, wie sind wit eigent-
lich mit Madanie Meerfeld verwoandt? und wätum hast
Du mir nicht gesagt, daß Hedwig Meerfeld mmir ganz

288

f

nahe gegenüber wohnt? Sie ist hier, und Du würdest' ?
Dich wundern, wie hübsch sie geworden ist.'! - hse =
r-,
,So? versezte Mamsell Philippine mit einer Gütez P
die ihren Unmuth nur schlecht verbarg, währenb Phl '??-
lipp bemerken konnte, daß seine Frage auf die übriges''
Mitspielenden auch einen besonderen Eindtuck machte
denn sie lächelten, sahen einander an, und der alte Ge(.
neral, der die Schwester des Commerzienraths Ph? -
Frau hatte, und von oben bis unten mit Orden be;'. ;
deckt war, meinte mit einem vielsagenden Blicke: ,Jß, I
der That, Cousine Philippine, ihr Philipp hat dig..,
Naivetät eines jungen Huronen. Ich mache Ihnen ,?
mein Kompliment dazu.''
e?
Tante Philippine wurde blaß, sie nahm sich jedochh
zusammen und sagte ruhig: ,Gesser zu naiv, als zu ß
aufgeklärt!'' und sich gegen Philipp wendend, tröstete- P
- kjK
sie:,DDu sollst es zu Hause erfahren; störe uns jezt, I
nicht, mein lieber Sohu!'!- Aber er sah, wie die
Aigrette auf ihrem Kopfe zitterte und wie sie NothI;
hatte, ihren erger zu verbergen. Und ärgerlich war?,
er selbst, denn schon wieder hatte man über ihn gg?,
lacht, schon wieder hatte er sich eine Blöße gegebeß.' ,
und daran war Niemand schuld, als seine Tante, Niez;;
mand schuld, als sie, die ihn aufwachsen lassen, ggs,'
sollte er ein Mönch wwerden und in ein Kloster gehesiJ.
während er reich war, und sein eigener Herr, undI
-es zsz
A
?

89
thun und lassen konnte, was er wolle, sobald er es
P
nur wollte.
Er fragte sich, weßhalb ihm das nach niemals ein-
gefallen sei, aber er hatte sich diese Frage auch kaum
gethan, als er die Nothwendigkeit. empfand, der Tante
zu beweisen, daß er kein Kind und daß er, gesonnei
sei, sich nicht, wie äin solches mit dek Antwvort auf
seine Frage bis zu einer gelegeneren Zeit vertrösten
zu lassen. Der Saal, die ganze Gesellschaft war ihm
ohnehin zuwider. Was sollte er in bieser Hitze, in-
mitten aller der gleichgültigen Menschen, da die Ein-
zige nicht unter ihnen war, der wieder zu begegnen
ihn verlangte?
Er ging hinaus, sah sich noch einmal in dem K-
binette, in welchem er Hedwig begegnet war, nach der-
selben um, und da er sie nicht in demselben anwesend
fand, verließ er die Festgemächer, forderte seinen Man-
tel und stand ,nach wenigen Sekunden mitten auf dem
- Markte, unschlüssig, wwohin er sich jezt wwenden solle.
Es mochte nahezu elf Ühr sein. Die Nacht war
trocken und für die Jahreszeit noch mild. Der Voll-
mond mußte schon aufgegangen sein, denn obschon man
ihn noch nicht sah, erhellte er doch bereits die Straßen,
daß man die Architektur der Gebäude genan erken-
nen und sich mit Vergnügen zwischen ihnen ergehen
konnte.
Lewald, Kleine Romane. .
19

W0

j-

Philipp hatte die lange Hauptstraße bald bueGß
schritten, trat in eine Nebengasse ein, gelangte auf Z,
mancherlei Umwegen an das Thor und ging in das ?
Freie hinaus. Die Stadt war früher eine Festung Z
gewesen, man hatte aber bald nach dem Kriege dieh ,
Festungswerke demolirt, die Wälle abgetragen und siel,j-
in eine Promenade verwandelt, welche die ganze Stabt ;
umgab, und hinter welcher sich, von der Freiheit He J
nzg;
günstigt, weite Vorstädte angebaut und mit der Stabt F
vereinigt hatten. Fest in seinen Mantel gehüllt, schrlttg,
ber Jüngling vorwärts. Das Alleinsein that ihki?-
wohl, der freie, weite Weg zog ihn immer weiter aifh;;
sich fort. Er mußte sich erinnern, daß er in det Hei-P
math sei, so fremd erschien ihm diese Gegend um diesej
iL
Stunde, so verändert fühlte er sich selbst in seinet zO,. -
Lage. Er dachte daran, welch' ein Genuß es sei (
müsse, einsam durch ferne Läänder zu wandern, die Ge
- z
genden zu sehen, von denen er bis dahin nur gelesen, J,
bie Gefahren zu überwinden, deren Schilderung ihm fs-
seine Einsamkeit auf dem Lande verkürzt, ünd ss kme F
ihm räüthselhaft vor, daß er nicht schon lange den P
n-,ee
Wunsch gehegt habe, auf Reisen zu gehen. Entzog er ; -
sich dadurch doch mit einem Schlage der Unigebung, hn ?-
!F
der es ihm heute so unbehaglich gewesen, in der er sih. ;
so lächerlich gemacht hatte und in der er von Kindes- J
beinen an immer als Mamsell Philippinens Philihh I'?,

R
A

A1
bezeichnet worden war. So sollte ihn fortan Niemänd
mehr nennen, darauf gab er sich das Wort.
Er hatte bis dahin immer des guten Gläubens
gelebt, daß er seine Tante liebe. Jezt hatte er keinen
andern Gedanken, als den festen Vorsatz, sie zu ver-
lassen, und sie konnte ihn daran gar nicht hindern.
Sie selbst hatte ihm immer davon gesprochen, daß er
mit seinem zwanzigsten Jahre Herr über die eine Hälfte
seines Vermögens werde, wenn: sonst gegen seine Auf-
führung und seine Moralität nichts einzuweiden wäre.
Er hatte jezt sein zwwanzigstes Jaht zurückgelegt, sein
Gewissen gab ihm das beste Zeugniß, es konnte ihn
nichts länger in der Heimath zurückhalten, er brauchte
nicht länger in dem alten Hause zu sitzen und auf die
Straße hinauszusehen, wie die Tante. Es freute ihn,
daß er jung, däß er reich und daß er ein Mäim ivar!
, Er war noch nie so heiter, so zubersichtlich gewesen,
! als hier auf diesem einsamen Wege dirch die Nacht.
Er pfiff ein Lied vor sich hin, es machte ihm Ver-
- gnügen, an das Staunen der Tante Philihpine zu
, denken, wenn sie ihn auch in seinem Ziminer noch nicht
, antreffe. Er zwg seine Ühr heraus und ließ sie tepe-
tiren. Es war, dreiviertel auf Eins. Die Tate nußte
längst heimgekehrt sein. Ob Hedwig schon zu Hause
s ist? fragte er sich plözlich und wendete in demselben
Momente seine Schritte wieder der Städt zu. Er
:
gt

iEii
P
T
K
k
s
et

WA

zF
R
mußte sehen, ob sie noch Licht in ihrer Stül
z
habe.
;
Als er auf den Marktplaz kam, stand der Mbnd;;
hoch am Himmel. Einzelne Wagen fuhren vorübsr!;
es saßen Gäste von dem Balle darin. In dem ZiüF?
mer seiner Tante war es noch hell. Er lachte, alsF
a
das gewahrte; aber auch in Hedwigs Wohnung hap
er noch Licht, obschon die Vorhänge heruntergelasse
waren. Es unterhielt ihn, auf dem Markte auf äund;
nieder zu gehen. Bisweilen hoffte er, irgend ein Zi''
fall werde Hedwig noch an das Fenster führen, bäüf
wieder belustigte es ihn, die Tante warten zu lasssgh,
Er schalt sich boshaft, als er sich diese Freude eiige?s
stand, das hinderte ihn aber gar nicht, sie dennoch zät
empfinden, und eben hatte er wieder eine neue Töur:,;
rund um den Marktplaz angetreten, als zwei weiblihe Z
Gestalten, die eine jung und leichten Ganges, die an- F
dere offenbar eine dienende und betagte Person, audF
einer der auf den Platz mündenden Straßen heki'
K.e
vorkamen und geraden Weges auf die Ecke der -
schmalen Gasse zuschritten. Er konnte sich nicht täu»
schen, es war Hedwig und eine alte Frau, die sie be'?
gleitete.
P;
,Gut, daß ich Dich treffer' rief er ihr eitgegen;?
,, Sag' mir, wie sind wir eigentlich mit einander beö??.-
wandt? Ich habe die ganze Zeit darüber nachgesonnsn?-
F

VK
! Er merkte gar nicht, daß er sie gegen ihre Weisung
! wieder Dn genannt hatte.
,Bist Du deßhalb noch auf der Straße? fragte
, sie, während sie ihm das Du so arglös wie in ihrer
z Kindheit wiedergab. ,Das hätte Matsell Philippine
, Dir ln Eurem Wagen beguemer sagens könnenn.! -
,Ich bin nicht mit ihr gefahrei'! versezte er mit
f einem gewissen Triumphe,,und ich mag sie äuch nicht
? mehr nach Dir' fragen.?!
,Damit wirst Du ihr sicher einen Gefallen thun,
, bedeutete das junge Mädchen, und ihre Stinme und
? ihr Ton klangen plözzlich so ernsthaft, baß Philipp eine
! fremde, ältere Person sprechen zu hören meinte. Sie
! wendete sich dabei von ihm ab, und da sie vor ihrer
Thüre standen und die Alte aufschloß, sagte Hedwig
- dem Jüngling plözlich gute Nacht und wollte hinein-
gehen. Aber Philipp ließ sich das nicht gefallen.
,Bleibe doch noch!'' bat er sie fSie entgegnete,
die Alte, die nicht in ihren Diensten, sondern nur eine
Aufwärterin sei, dürfe nicht länger zurückgehalten
werden.
,Schicke sie doch fort, und laß uns noch einmal
um den Markt herumgehen, schlug er ihr vor. Hed-
wig machte die Einwendung, so etwas habe sie nie
gethan. Er sagte, er sei auch noch niemals so allein
in der Nacht umhergewandert. Darüber lachte sie,

Wet
t
s,
=i
zz
aber sie nahm der Alten den Schlüssel ab, hieß sie f
gehen, und folgte ihrem jungen Freunde, jedoch unter -Z
der Bedingung, daß sie wirklich nur einmal den Weg!
P
machen und er ihr dann die Thüre öffnen solle.- ßls,
Er versprach das, und wie sie sich dann allein Tuf,'
dem Plaze fanden, wußßten sie nicht, was sie saget;' -
sollten. Die eine Seite des Marktes gingen sie schwei-gf
gend neben einander her. Philipp zählte, daß noch, F
drei Seiten vor ihm lägen, noch hatte er Zeit. Ala(g
h-le
aa
,Du Glücklicher!'' rief sie aus. Damit war es zug1?
kig
Ende, aber das hatte er ihr eigentlich gar nicht mitsg
theilen wollen, er hatte von ihr sprechen, von ihr hören
r sß
wollen, und als sie sich gar nicht mehr fern von Hed-, z,
wigs Hause befanden, fielen ihm plözlich ihre früheöen F
=-z
Worte ein.,Weßhalb glaubst Du, daß Tante Phi-! z
lippine sich freuen wird, wenn ich sie nicht nach Dir J
F
frage?' hub er plözlich an.
p
,Weil sie Alle meine Mutter verläugnen!'' etgegn J
nete sie ihm jetzt kurz und bitter.

Philipp erschrak vor dem Tone, er wagte nicht, wei-
K
ter zu forschen. ,Verzeih, bat er und nahm ihre
R
Hand, aber mit derselben Entschlossenheit, mit welcher I ß

fie diese lezte Antwort gegeben hatte, svrach sie: ,Da I
ist gar nichts zu verzeihen, und da Du es doch hören; ?
A


WK
wirst, so ist's besser, daß ich Dir's. sage, damit sie mei-
ner armen Mutter kein Unrecht thun. Die Mutter
ist eine rechte Cousine von Deiner Tante und vom
Kommerzienrath, und sie sagt, er hätte sie zur Frau
haben wollen, obschon sie nicht reich gewesen sei, wie
er. Sie hat aber meinem Vater lieber gehabt, der ein
Opernsänger und ihr Musiklehrer und' jung und schön
gewesen ist; und weil sie' ihr den nicht haben zum
Manne geben wollen, ist sie mit ihm davon gegangen
und auch Schauspielerin gewgrden. Ihr Vater hat
sie darauf verstoßen, meine Eltern sind auch niemals
wieder in diese Gegend gekommen, und haben von Nie-
mand etwas gefordert oder begehrt, so lange mein
Vater am Leben war. Der ist aber früh gestorben,
die Mutter hat drei Kinder gehabt, zwei andere Töch-
ter und einen Sohn, und als ich dann nach meines
Vaters Tode auch noch zur Welt, gekömnen -bin, da
ist sie lange und schwer krank gewvesei und lahm ge-
blieben für ihr ganzes Leben. Da haben sie sich ihrer
erbarmt, und wir leben nun hier. Sie haben mich
in die Schule geschickt, haben mich feine Arbeiten und
die Wirthschaft lernen lassen, und ich helfe immer aus,
wo etwas in Hause des - Kommerzienraths zu thun
ist. Sie sind recht gut zu mir, es fehlt uns,an nichts
-- nur daß wir ihre Verwandten sinnd, datan dürfen
wir sie nicht erinnern!

We
V
V,
;
=
Sie brach ihre Rede wieder ganz plözlich ab, saghe I
nach einer Weile:,Nün weißt Du's also; mun fhlleß I

- =; ie ?
anf - !'-
Philipp stand wie angewurzelt.,Wo sinb den Ag
Deine Schwestern und Dein Bruder? fregke z ?
u A
endlich.
,Todt!' antwortete sie in ihrer kurzen Weise ,Ke Ph
starben, als dle Mutter in Noth und Elenb wa, ehe ßs
wir hierher gekommen sind. Schtleß aufl'' wlebenzafß I,
sie befehlend. Er konnte den Ton ihrer Sllmente iicht z
arrAnt
,That's Dir demn nlct lelb, als be AubeeuMe;ps
auf dem Bolle waren and mnzten,' eiet DatFT Iß
noa =e sao-nne =en. tw e »äs-söf ;
fragte er wiedet.
i !
Sie king bitterlich zu weinen an. ,Speic flesk ;ßß
so! Daran muß unsereins nichr denkeu!' eef sEeas!h
=- g -
wendete sich von ti ab. Ideß er zog GekSit,.;
an seine Lippen und küßte sie, und da fke fazäEßßtßez ,
feine Tbränen auk hee Stleee fietee, lisEf h
Kopf an seie Schulee und ee kägte sle'sMö j
andere, bis ste sich aufrichtete, Bhm awch -nDF
gab, und ut den Wöetm ,Du sls uwDöfk sStß
ihnen allen -- gute Nacht, schlafiiöß =« Sebi
sej
nen ging.
H
i

V?
Er machte die Thüre zu, hörte, wie sie den Schlüs-
sel in das Schloß steckte und zuschlöß. Er kopfte,
er bat, daß sie öffnen solle, sie antworkete nicht mehr,
aber er blieb nöch steben, bis er annehmen konnte;
däß sie das obere Stock erstieher habe. Dänn erst
ging er fort, nicht ohne daran'ze denkeü, ob sie in der
Dunkelheit auch gut hinaufgekoniten sei, und nicht
ohne nach ihren Fenstern noch emporzublicken. Das
kleine matte Licht, das aus ihnen hervrrschimmmierte,
rührte ihn, daß er wteder seine Argeti naß werden
fühlte; aber das ging bald borüber. Er ständ mit
wenig Schritten vor seiner Thüre. Mit starker Hand
zog er die Schelle, welche seit langen Jahren um solche
Stunde nicht niehr erklungen war.
, Jezt weiß ich doch, wozu ich reich bin !' sagte er
sich mit triumphirender Freude, und =- das alte Haus
seines Grosßvaters und seines Vaters, das Haus der
Senatorin und Mamsell Philippinens hatte plözlich in
seinem jetzigen Besizer einen neuen Hetrn gewonnen.
Als er die Treppe hinaufkam und die'Stimme sei-
ner Tante ihm entgegenrief, ob er es sei, und was
ihm eingefallen, was ihm zugestoßen wäre, berdrossen
ihn ihr Ton und diese Fragen. Er wollte. eine heftige
Ablehnung machen, indeß er sah, wie die Angst um
ihn sie aufgeregt hatte, und eben so gutmüthig, als
an Fügsamkeit gegen Mamsell Philippine von Jugend

WK
auf gewöhnt, sagte er, es sei ihm zu heiß gewesen auf ;
dem Balle, er sei hinausgegangen, der schöne Mond ;
habe ihn verlockt, der Genuß der Einsamkeit ihn fort- ,
gerissen, es sei ihm eine unwiderstehliche Lust gekon ,
men, allein in die Welt hinauszugehen, mit einem -ss
Worte, er sagte ihr Alles, nur nicht, daß er Hedwig j
getroffen und was zwischen ihnen vorgegangen watt -s
Aber selbst troz dieser Zurückhaltung konnte Mamsel Iss
Philippine sich in die Veränderung nicht finden, bie Is
mit ihrem Philipp vorgegangen war.
-
Er kam ihr so groß vor, daß sie sich einmal neben N
ihn stellte, um zu sehen, ob er denn in der lezten If J,,
so sehr gewachsen sei; er war jedoch nicht höher, oß ,,;
bisher, er hob den Kopf nur anders, als zuvor. Stß g;
wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte, und gös gz,
wöhnt, ihn zu beherrschen, sagte sie in ihrer Ungedulö I
f
und Aufregung:,Ich bitte mir es aus, daß solähe z;
Dinge nicht wieder vorkommen, daß ich Dich niht zs ,,
suchen brauche, wenn ich müde und matt pon eineiä f;
Feste heimkehre, das ich sicherlich nicht um meinekhillet --
besucht haben würde. Seit Jahren hatte ih lh ge- ,
freut, Dich der Familie vorzustellen; mei Stohs üeine ;
Ehre war, es, Dich gebildet und erzogen zu häben, ,
und Alle haben sie gespottet und gelacht, gls ich bä ,
stand, Dich suchend, nach Dir frägend, und Niemanb
mir sagen konnte, was aus Dir geworden sei? =-
z

W
Die Stimme zitterte ihr vor Zorn, vor Schmerz, sie
hätte weinen mögen, aber bei starkem Sturme fällt
kein Regen vom Himmel, und seit Mamsell Philippine
zu wahren Empfindungen gelangt- war, hatte sie die
Kunst verlernt, sich selbst zu Thränen zu xühren.
Philipp stand schweigend da. Er war ehrlich ge-
ng, sich es einzugestehen, daß et ein Uirecht gegen
die Tante begangen habe, aber er fühlte sich zu glücklich,
um es bereuen zu können, und abbitten mochte er es
ihr nun vollends nicht. Er konnte es ihr nicht, ver-
geben, daß auch sie Hedwigs Mutter, wie die Andern
verstoßen hatte, daß sie Hedwig nicht als ihre Anver-
wandte hielt und liebte; denn daß sie ihn durch die
einsame Erziehung zum Sklaven und vor den Leuten
lächerlich gemacht habe, daran dachte er jetzt nicht mehr.
,u wirst ,Dich gewöhnen müssen; Tante!'' sagte
er nach einer Weile, ,mich nicht immer neben Dir zu
haben, denn länger kann es nicht! bleiben, wwie bishek.
Ich muß doch endlich fort.!
,Philipp!''s rief sie,,wprichst Du! erusthäfi? De
könntest wirklich daran denken, mich zu, verlassen? Soll
das der Dank für meine Liebe sein? Soll - das der
Lohn sein für die langen Jahre, die ich Dir, mich selbst
vergessend, ganz und gar geopfert habe?! --
Er wußte sich nicht recht zu fassen. Die Tante
hatte es immer gut mit ihm gemeint, er hatte sie auch
k

8c
lieb und war ja anch zufrieden gewesen bis zu dieseE
Tage, ja bis zu diesem Abende. Er verfolgte die Reihe
seiner Gedanken nicht bis an ihren Anfang, nicht bd ,
an ihr Ende. Mamsell Philippine sah sein SchwanF ?
ken, sie wollte es sich zu Nuze machen, und' mit enäb -
Emphase, wie sie sie in früheren Jahren bei ähnlichen -
Zerwürfnissen zwischen sich und ihrem Bruder stets ,
erfolgreich angewendet hatte, rief sie:,Man bräinchk h
sein Herz, sein Leben nur an das Leben eines Meit?
nes zu knüpfen, um Undank zu erndten und Selists
sucht zu finden, wo man sich Liebe verdient' zü haben
glaubt !'
Ji
Es war das erste Mol, daß sie eine solche Seene -
iiit ihrem Philipp hatte, und darum aucß daszgersth
Mal, daß sie wieder in ihre alte! Gewohnheith' einöäs I
vorzustellen, zurückfiel. Auf ihren Pflegesohi veifehlte I
sie damit jedoch die Wirkung völlig! Weit entfernt ,
ihn zu rühren, machte sie ihm einen unangenehmen. -
um nicht zu sagen einen widerwärtigen Eindruck -Se
hatte sich stets wahrhaft gegen ihn gezeigt, er fähe
also die Nebertreibung und die Komödie in ihren Aeuße-
rungen und in ihren Gesten, und sie hatte ihn seht
zur Unzeit für sich selber daran gemahnt, daß er ein ;
Mann und sie ein Weib sei
Eine Weile ließ er ihren Ausruf völlig unbeachtet, ;
er war mit sich selbst zu sehr beschäftigt, es ging ihm, -
?

8e1
wie es eben seiner Tante mit ihm ergangen war, er
kannte sich selbsk nicht wieder. Er fühlte eine Reihe
von Gedanken in sich, die er nie zuvor gedacht, er war
sich plözlich alles dessen, was er geisiig durch seine
Studien erworben, als eines Besizes, er war' sich sei-
ner bevorzugten, Stellung, seines Vermögens, ja einer
Menge von Kräften bewußt, die bis dahin nicht be-
nutzt zu haben ihn eben so verdroß, als er entschlössen
war, sie künftig zu gebrauchen. Der Tag war zu sei-
ner Einführung in die Gesellschaft festgesetzt gewesen,
und war ihm zu einer Einkehr in sich selbst geworden.
Die Tante hatte mit ihm Ehre einzulegen beabsichtigt,
und er war es inne geworden, daß er gegen seine
Ehre und sein Recht in unnatürlicher, kindischer Ab-
hängigkeit erhalten worden sei, und daß es ihm zu-
komme, ein Mann zu werden und seine eigene Ehre
zu vertreten. -Wodurch diese Wandlung ini ihm voll-
zogen worden war, das fragte er sich nicht. Er freute
sich nur der neugewonnenen Erkenntniß, und hatte
das Herz voll niegekannter Lust.
Er hatte sich an das Fenster gesezt und sah still
auf den monderhellten Markt hinaus. Mamsell Phi-
lipgine beobachtete ihn verstohlen, obschon sie ihre Augen
mit dem Taschentuch bedeckte Mit einem Male er-
hob er sich und ließ sich an ihrer Seite nieder, und
wie er sie so bei dem Scheine der Lampe betrachtete,
l

KcA

die vor ihr auf dem Tische stand, sah er, daß sie ilt
sei, und sie that ihm leid.
»s
,
Er hatte ihr bedeuten wollen, weshalb er ihr' vor-
hin die Vorwürfe gemacht, jetzt fehlte ihm das Herj
dazu. Er nahm ihre Hand, es rührte ihn, daß sie ss
welk und runzelig war, und doch küßte er sie mit an-
derer Empfindung, als er es je vorher gethan hatkk
,Sei nicht böse, Tante!'' sagte er,,ich bin eben, kein
Kind mehr, und willst Du, daß ich Dich liebe,' nie

Fl
-= l
ßi
bisher, so mußt Du aufhören, mich leiten za wllen
Au
-d
Ae

»

,ls
eh
Ja
A
I
I
Man hat heute gelacht über Dich und mich! Dasoll
R
anders werden, ich verspreche es Dir. Und! müü ggeh! =-
nzis
schlafen, liebe Tante! Morgen wollen wir heiter da-
von reden. Geh' schlafen, llebe Tante!' s i ßpgj- »N

Ee drückte ihr die Hand und ging hlnäüs effSt pg
.n
blickte ihm wortlos nach. Auch in ihrem Herzen'bög? .ge
-F
ten die widerstrelendsten Empfindungen. Sieinar hzß,
erzürnt, verlezt, sie fühlte sich auf die Seste geschö z
ben und hätte gern den Nefen aklagen mögeni, böö? ?
sich aus ihrem Pflegsohne mit einem Male ;gfFSeü
IL
Berather aufschwang, aber sie vermochke es nlch17H z
.e
Lebe war mächtiger, als ibre Eitelkeit und'lhre HerHh-' IH
sucht, und in Thränen ausbrechend die ihr warm und' Jge
reich entströmten, sagte sie, indem sie seufzend die, FFx
Hände faltete:,Er ist ein Mann geworden und' ih R

F
e
i
E!

Kz
bin nur ein arnies altes Weib !' =- Sie sprach es
aus, was er empfunden hatte.
Am andern Morgen saßen sie bei dem Frühstück
zusammen, als wäre es noch so wie ann gestrigen Mor-
gen gewesen. Sie unterhielten sich voit dem Balle,
von den verschiedenen Personen, welches inan gesehen,
und mit großer Freimüthigkeit erwähnte Philihp des
Eindrucks, welchen die Fragen auf ihn gemacht, die
man in Bezug auf seine Lebensplane an ihn gerichtet
hatte. Er sagte, er habe sich seines bisherigen Müs-
siggehens geschämnt, und es wollte icht helfen, als die
Tante ihn erimnerte, daß sie ihn seine Zeit nicht habe
verlieren lassen. Das gab er ihr zu, aber er berlange
nach einer andern Thätigkeit, erklärte,' er wolle ar-
beiten, wolle selöst erwerben, wie die Andern; älle, wie
sein Vater und Großvater es gethän. !
Maemsell Philippine fand bas khskicht Se ben-
dete ihm ein, däß er dies bei seinen Mitteln gar iicht
nöthig habe. s,Aber mein Vater: hak! geärbeitet und
meine Mutter auch,' versezte er, und dachte dabei in
seinem Innern nur an Hedwig, die er, als er am
Morgen an das Fenster getreten war, schon init ihrem
Nähzeug auf ihrem Plaz am Nähtische wahrgenom-
men hatte.
Mamsell Philippine liebte es nlcht, wenn der Neffe
sich seiner Mutter erinnerte.,O! mrlt Deiier Müt-

804

T

ter war das etwas Anderes, sagte sie: ,Deine Mut- ;ß
ter hatte kein Vermögen, Deine Mutter mußte si F
ihr Brod verdienen=-
,Willst Du damit sagen, daß es eine Schande sei,
sein Brod ehrlich zu erwerben? fuhr Philipp auf, ß
und seine Augen funkelten vor Zorn. Das konnte
die Tante nicht ertragen.
,Sag' mir um Gotteswillen,' hob sie an, gwoher ß
kommen Dir seit gestern alle die Gedanken, woher
nimmst Du die Art und Weise, in der Dn zu mir ;
sprichst, und in der selbst Dein Vater nie zu mnit, gb ?
sprechen wagte? Das ist das französische Blut, das Et I
EaA
reden hören von der Ehre sich sein Brod zü berdis- -
nen, und sie ist doch herzlich froh gewesen, als Deli -
Vater sie aus ihrem Kaffeehause in unser Haus ge-' -I
bracht hat, in dem ='
, O!' rief Philipp, seiner selbst nicht mächtig, Sed--
wig würde auch Nichts dawider haben, wenn sie müüs- ,
sig dasizen könnte, wie die Cousinen, statt,ihre grmien, ,
schönen Augen in der Morgendämmerung, bei. chrem F
Nähzeug zu verderben, Hedwig-'

, Hedwig? was sprichst Du demn von Hedwig? '
fragte Mamsell Philippine und ihre Lippen bebtei, FF
ghg
während ihre scharfen Augen in das Herz des Jüng- I
-f
M
-

l
805
lings einzudringen und seine Gedanken zu erspähen
suchten. Aber bie Mühe konnte sie sich ersparen, denn
mit einer Heftigkeit, derei sie! ihn nie, für fähig ge-
halten hatte, sagke Philipp: ,Ihr vekachtet den, der
sich sein Brod verdienen ntuß und laßt Eure leiblichen
Anverwandten vdn früh bis spät el chrer Arbeit sigen.
Ihr verstoßt sie, weil ihre Mutter sich einenü Mann
genommen, den sie liebte, unb laßt sie zusehen, wie
gut die Andern es auf der Erde haben.i Von meinem
Reichthum habe ich immer hören müssen uid mein
Haus hier hat leer gestanden alle die Jahre und Jahre,
und Hedwig hat drüben gesessen in der schmalen Gasse,
in die kein Sonnenstrahl hineindringt, und ich soll immner
müssig gehen und Hedwig soll immer weiter arbeiten, ohne
Licht und ohne Freude! - Das witd nicht geschehen !'
Mamsell Philippine war vor Entsezet starr.,Was
weißt Du denn von Hedwig? fragte sie.
,Alles weiß ich, gab er ihr kurz! zur Ainwort.
,Ich habe sie gesprochen, gestern inder Nacht;' ich bin
mit ihr spazieren gegangen,! setzte er trozend' hinzu,
da er bemerkte, wie jedes seiner Worte den verhalte-
nen Grimm der Tante steigerte. ,Ich habe sie ge-
fragt und Alles etfahren..!
Er stand auf; die Tante erhob sich auch. Als er
fich nach der Thür wendete, fragte sie, wvhin er wolle?
,Ich gehe auf mein Zimmer!'' entgegnete et kurz.
Lewald, Kleine Romane. ?.
N
h

F
ü
A



80
Das war ihr ein Trost. Sie hatte gefürchtet, er werde
zu Hedwig gehen.-- und er wäre gern zu ihr ge-
gangen, hätte er nur den Muth dazu gehabt.
Rathlos blieb die Tante zurück, sie fühlte es, ihre

-VPe

A
ze

zt
K
k
Herrschaft war zu Ende, ihr Philipp war nicht mehk
e
der Ihre, sie hatte ihn verloren, verloren in der ersten z,
Stunde, da sie ihr Auge von ihm abgewendet: Ea I
schnitt ihr durch das Herz.
r -
-
.»?
,, Und an wen habe ich ihn verloren? rief sie, ,,an
-1 A
-, F
. ?F
ein Kind, an ein Mädchen, das nichts ist, nichts häk,

an die Tochter einer elenden Schauspielerin, an ein ,h,
Wesen, das nichts für ihn gethan hat, das ihn nicht ZI
llebt!! - Sie weinte, aber ihre Thränen waren nicht''
befreiend wie die in der verwichenen Nacht. I SI
z,
rmüßte Undank dulden, wie sie meinte, Undank yön gg;
dem Sohne ihres Herzens, und eines Kindes Undnk -hgP
--=
ist ein schwerer Schmerz. Aber dieser ersten Empfin'ß,j
dung folge das dringende Verlangen, dem Inbel..;ßs
von welchem sie sich und ihr Haus nn jumeFSeköiJg
Maie bedroht sah wo möglich noch elne Schißkegaj
sesen, se bpnge -s Seit wae. S- htf'Fes'Rss jF
mischung in ihre Erziehungsplane immer vön sih äb- F!
gewiesen, jden Rati, jede Erdbnug venschmöbn, Is
welche die Männer der Familiehie und da an sie ge-IH
langen ließen, nn mußte sie eingestehen, daß sie sith'!
e!
! ; g?s D
nicht zu helfen wußte.
====»»!
I R
Iet
-- Asl
» e
--es
l

8O?
Es kam ihr hart an, als sie sich in früher Stunde
zu dem Eommerzienrath verfügte. Er war verwun-
, dert, sie zu solch ungewohnter Zeit und in seineni Ge-
j schäftszimmer zu sehen, und da ihm ihre komische Ver-
, zwweiflung über ihres Philipps Abwesenheit zoch vom
ß vorigen Abende im Sinne lag, erkundigte er sich scher-
F zend, wo denn ihr Pflegesohn geblieben und auf welche
! Weise er ihr abhanden gekommen sein?
Sie hatte die Absicht gehegt, die Sache auch ganz
s leicht und obenhin zu behandeln, aber über dasjenige
s scherzen zu hören, was ihr so wichtig war, das konnte
s sie nicht ertragen, und sich selbst vergessend, sagte sie:
, ,Ja! abhanden gekommen ist er mir, und ich fürchte,
s er ist mir für immerdar verloren!!! Und, ohne ihrem
j lächelnden Zuhörer Zeit zu neuen Fragen zu gönnen, -
s berichtete sie, welch einen Einfluß die ploße Berührung
s mit der Welt und mit der Gesellschaft aufihren Pflege- -
t; sohn geübt, welche revolutionäre Gedanken;ihm ge- -
ßj kommen, wie er davon spreche, einen Bexuf wählen,
s arbeiten, sich auf Ressen ausbilden zu wollen. - !
j Der Kommerzienrath unterbrach sie: ,Und so viel
j Vernunft hätten Sie nicht bei ihm vorausgeset, Eou-
s sine? fragte er in seiner heitern Weise. - un da
ß befinden wir uns in dem gleichen Ralle. Ich hätte
, es ihm gestern auch nicht zugetraut, daß er es fühlen
hj würde, welche absonderliche Figur er machte, obschon
Ag
n

808
= l
-
er hübsch und ansehnlich genug ist. Aber mir gefälltß?
es von ihrem Philipp, daß er sich heraussehnt aus 8,
Verpnppung, in der sie ihn künstlich erhalten haieI H,s
und passen Sie auf, wenn der Bursche so viel AS

stand hat, so wird er bald auch eine Frau verlangeil'!
k
F T
, Gousin! rief Mamsell Philippine, ,woher wissen
h1
m.!
Sle? - - Aber es fiel ihr noch zur rechten Zeit sin, Es
ihr eigenes Wissen zu verschweigen, und sich fassenb z. -
h
l
und besinnend sagte sie:,Nun der Gedanke liegt Iz
A t
! -?
ihm wohl noch fern !!'
,Wer weiß! verseste der atte Herr.,Bieueich F
wäre eie Rrdn, eine junge hübsche und dabe! klge Iß
ra das sichersie Mttel, hm die Säentichket sööer sjj
Tante zu ersesen, wenn ek sich' biesse'eütSakhse s
glaubt, und darin möchte er nicht im tneeät sö? F
=el
Sie haben Ihre Vormundschaft ein wenig lange äusF g'p
gedehn, beste Gousiue, Sie haben ihn für sich, uicht Fj
für ihn selbst erzogen und wenn er klug ist, könite ee hF
sie egoistisch nennen, wie viele in der Famiille s zs? ß t
- -« Fs
than haben und es noch thun.''
Er edee sieh =b, ano zündee slch, eefea Pf
Phiiippinens Erlaubniß dazu erbittenb, die Eigarre'Z h
an. Sie hatte ihm sagen wollen, daß Alt und Jungl I ß
daß die Männer immer einig wären, wein es gälte, ,
eine Fran anzuklagen; aber sie besann sich eines Bes?P F
sern, denn sie verstand den Vetter, und dies VerstehEi? ß
T
? i
-I n
z s
n -

809
schmeichelte ihr. Er hatte noch seine drei jüngsten
Töchter zu versorgen, und Philipp, zu dessen Vermö-
gen man seit seiner Kindheit Zins jauf Zins gehäuft,
war sehr reich geworden.
Sie fühlte sich dadurch plözlich einem Büidesge-
nossen gegenüber, aber vorsichtig wie dieser selist, be-
merkte sie, sie habe wohl oft daran gedacht, daß ein
ergebenes Frauengemüth neben sich zu haben, Zie für
spätere Zeiten sehr beglücken könne, nur daß es so
unberechenbar sei, wohin das Herz eines Unerfahrenen
sich wende. ,
,Hätten Sie eine Besorgniß in dem Punkt, Cou-
sine? Eine Besorgniß bei einem jungen Manne, den
Sie erzogen haben, ganz nach Ihren Ansichten erzo-
gen haben?! wendete der Vetter ein, der es sich nicht
versagen konnte, Mamsell Philippine aufzuziehen.
,O nein! o: nein !'' rief sie, aber wenn ich bedenke,
was wir an Ihrer eigenen Verwandten, was wir an
der Meerfeld erlebt, und wenn mir daneben einfällt,
wohin meines Bruders Neigung sich verirrte, dann
denke ich, daß auch die beste Erziehung die Menschen
selbst in Familien wie die unsere nicht gegen das
Temperament beschüzt. Und! --,
Sie hielt inne, es kam ihr gar zu hart an, etwas
auszusprechen, das in ihren Augen gegen ihren Phi-
lipp und damit gegen ihre Theorien sprach,, aber der

1es
z
z
-==»uon- = a=ne-=n -fI
fragte er freundlich.
,Und, fuhr sie heraus, , nun Sie haben ja die
Meerfeld selbst genau gekannt! Der Apfel fällt nicht
weit vom Stamme, und-- Hedwig, die Sie besser
gar nicht in ihrem Hause leiden sollten, Hedwig hät
sich meinem Philipp in einer Weise aufgedrängt, daß
er nichts Anderes denkt, als sie, daßß er sie vertrikt,
wvie mein seliger Bruder seine Marion zu vertieteü
pflegte, daß er -- ich glaube er wäre fähig und giitge
I
mit ihr davon, wenn sie es darauf abgesehen hättE
Sie war außer Athem, so angegriffei fühlte sie' 1
-i
sich. Der Commerzienrath erwiderte nichts, lt 8g
langgedehntes:,So! - Erst nach eiee Eiz';
fhsF
fagte er: ,Ich hätte das von der Hedwig nicht F g
dacht. Aber freilich, da die Mutter keukllch ist, st Ig
ß
sie in gewissem Sinne ohne Aufsicht hier, und die; j
sP
Stadt ist groß. Sie wäre an einem kleinete Orke, sg
peuee b nee =taebobo. wde o =un lgfßFZ
unter die Haube zu bringen sein, weie müafkim ,gu
ß
! ,= Fn
doch einmal daran dächte.!
..ß
.Gewiß, gewiß! ef Masell Phsllplnu Erig,
bA
,und der Mutter wäre ja die Landluft auch gesäubEl?

.
,Möglich!r bekeäftizte ber Cbmäeizleürath, Pan sh
konn das überlegen. Inzischen speache' Sie doch g;
davon, meine liebe Cousiner == er namnte sie jezt zh
-1
-
, ȧs
g

z1
mit ganz besonderer Betonung seine liebe Cousine,
denn es freute ihn, wie git sie - sich stillschweigend
verständigten - ,inzwischen sprachen Sie doch davon,
daß Ihr lieber Philipp sich auszubilden, einen Stand
zu ergreifen, die Welt zu sehen wünsche, und Zeit ist
es dazu, denn er ist zwanzig Jahre und hat damit
nach seines Vaters Testamente über die Hälfte seiner
Revenuen zu verfügen. Ja er köintes es jezt bereits
verlangen, das Gut zu übernehnen, has jt der na-
türlichste Lebensberuf für ihn sein würde. Lassen Sie
ihn also lernen, sein Vermögen zu gebrauchen. Un-
terrichtet ist er, es fehlt ihm nur an Welt, ani Praxis.
Lassen Sie ihn reisen! Er könite eine landwirth-
schaftliche Akademie besuchen, und wäre es Ihnen ohne
Ihren Philipp auf dem Lande dann etwas zu einsam,
nun so würden meine Mädchen eine Frede daran
finden, Ihnen abwechselnd Gesellschaft zu leisten, wenn
Sie dieses enhial wsünschen solltei!! !
Er reichte der Cousine die Hand! hin, fie schlug
ein, und Beide wwaren ungenein zufrieden hnit einan-
der. Der Commerzienkath hielt sich einen Schwieget-
fohn in Bereitschaft, den anzunehmen oder abzuweisen
ja immer in seiner Töchter Hand lag, und Mamsell
Philippine hatte nach ihrer Meinung für ihren Phi-
lipp jezt die Auswahl zwwischen drei det angenehmsten
Mädchen, während ihr ein neüer Einfluß und ein

tN
Dt
,
- . h
.b- l
1
neues Ansehen in der Kilie gesichert wurden. T ,g l
Philipp nicht an Hedwig denken konnte, wenn nnan I;; z
ihm die drei Töchter des Commerzienrathes in Aus- j=
hl
sicht stellte, daran zweifelte sie bei den Grundsäzen,
nach denen er erzogen war, in keiner Weise. i
i z
Die Menschennatur ist aber ein unberechenbareß
Wesen und der Druck, welcher die eine niederhält,
hebt die andere empor. Philipp gehörte zu den Eez-
-l
teren. Er hatte viel gelernt, viel geschwiegen,i wiel
s l
T s
V!
Al
zl
l
1
gedacht; es bedurfte nur eines Anlasses seine Krftn
Ai
l
in Bewegung zu setzen, und Beschämung! vdE' der
einen, schnell erwachte Liebe vo der andern Söy If

kamen ihm an einem und denselben Tagel entgegen, U
K
um ihn völlig zu verwandeln. - Und vleteln lgngfSFgz
rückgepreßter Wasserstrahl, weni er lötzlichsöde 'ß
Freiheit gewinnt, um so gewaltsamer in die Höhe z
springt, so schnell und kräftig empörte Phllipp' sich --
zT
gegen seine Unterdrückung sobald er deren Wirkung, ;
.- -?
an sich inne geworden war.
Während Mamsell Philippine mit dem ßomnEßcs; -gg=
zienrathe die Zukunft ihres Neffen Perieth, par,iet.,
-s -(s
selbst nicht müssig gewesen. Eine WWeile Pgttefset,, ?
nachdem er seine Tante im Zorn verlgssen, zgpß- den IIJ

Fenster seines Zimmers zu Frau Meerfelds Fensßer-;
hinübergeschaut. Hedwig saß bei ihrer Arbeitz ?eh; IF
Blck von ihr wendete sich zu ihm herauf.. Er. jah,. -zn
z f?
=?
? -

BK
wie sie den feinen Kopf gesenkt hielt, wwie das, schwarze
Haar auf ihrem Scheitel glänzte,i wie, ein paaar kleine
Löckchen sich auf ihrem Nacken kräuselten. Ihre Hand
flog emsig auf und nieder, er - hätte sie ihr küssen
mögen, die kleine fleißige Hand. Selbfft als die Mutter
ihr das Frühstück auf den Tisch jezte, niche sie nur
mit dem Kopfe als Zeichen ihres Hankes. Die hoch-
müthigen Töchter des Commrzienraths, sagte Philipp
sich, dehnen sich jezt gewiß noch in den Federn oder
sizen und denken, womit sie ihre leeren - Stunden
füllen sollen.-Und ich selbst, was thue ich denn jezt?
fragte er sich.
Es kam wieder eine große Unruhe über ihn. Er
freute sich, daß Hedwig ihn nicht so müßig dastehen
sah, er wollte sich an eine Arbeit setzen, aber fern vom
Fenster, ohne ihren Anblick fühlte er sich nur noch
unruhiger, er, mußte wieder hinaus in das Freie, er
mußte zu ihr und mußte ihrer Mutter sagen, daß er
sie nicht verstoße, daß sie an ihm einen Freund und
einen treuen Verwandten besizen solle für alle Zeit.
Im nächsten Momente stand er vor der Thüre
von Frau Meerfelds kleiner Wohnung, und es war
gut für ihn, daß nicht die Tochter, sondern die Mut-
ter mit dem schleichenden Tritte einet gelähmten Frau
langsam die Thür öffnete. Denn mun er in das kleine
Stübchen eintrat, nun er Hedwig wieder vor sich sah

t
und die Augen der Muiter sich auf ihn hefteten, wat
er verwirrt und wußte nicht, wie er sein Kommen
einkleiden sollte.
Glücklicher Weise kam die Mutter ihm zu Hilfe,
sobald sie ihn erkannte.,Es ist gut, daß ich Sie
sehe, sagte sie, ,denn ich habe meine Tochter' vor
Ihnen zu rechtfertigen. Sie hat mir erzählt, wie
heftig und undankbar sie sich gestern gegen ünsere
Verwandten geäußert hat, zu denen ja auch Ihre
Tante und Sie selbst gehören =-
,O! eief Philipp, sie unterbrechend,,zählen Ge
mich nicht zu den Verwandten, welche Sie verstbßeü
haben, und welche unbarmherzig genug sinbj Hebidig! ,
einnem: Feste beiwohnen zu lassen;' Au dessee FeaesFs
sle' keie Antheil ehmen barf: ep' f''zKeHth,;
h -F
sich so von allen Andern abgesonbert zu fähtiEsffsAi ?
habe das gestern auch dürchlebt. Und ehe ich Höbbü( ,
traf, war ich auf den Balle ebenso vereinsaüknüb. ,
hl=?
verlassen, als sie selöst
ef!.
, Nun, Ihre Lage und die meiner Tochtetßsfao-
denn doch verschieden,! bendete dle MütteretyHiß ?,
rend Hedwig mit gesenktem Hauite aiö' flaifieüdn
Wangen schweigend auf ihre Arbelt hedeesäi; PhdIs
lipp wußte nicht, was ei son chr deükeh s8llte; Fcht
was sie der Mutter gesagt, und'' bi döse etisusfia;-
ihrer Begegnung wisse und von dem, was ua iS s I
s.
-

1K
felben geschehen war. Er hatte noch nicht die Kunst
gelernt, sich zu beherrschen odek gar sich zu verstellen,
er war es auch nicht gewöhnt, die Pein det Ungewiß-
heit zu ertragen, und nur sich selbet und seinem in-
nern Drange nachgebend, sagte er plötzlich:,kassen
Sie es sich nicht leid sein, Madame Meerfeld, daß
Hedwig mir ihr Herz ausgeschüttet hat, ich würde sie
nicht verrathen, auch wenn ich sie nicht so lieb hätte,
als sie es mir geworden ist. Ich kam ür herüber,
um eine Bitte an Sie zu richten==-
Er hielt inne; Madame Meerfeld fragte:,Weiß
Ihre Tante, daß Sie bei uns sinb?
, Nein! aber es kommt daraüf nicht an !!!
, Im Gegentheil, mein Bester!' versezte die bleiche
Frau.,Wir haben uns mancher Hilfe, manches Bei-
standes von der Cousine Philippine zu erinnern, und
sie würde es sicher nicht wünschen, daß Sie üns be-
suchen.!
, Ebendeshalb kani ich ja!'' sprach Philihp nur noch
eifriger.
,Weil sie' es mißbilligt? fragte Jene noch einnal.
-!-
.Auch deshalb!' eief Philipp, a, auch deshalb!
ßs
Die Tante mmuß sich doch daran gewöhnen, bäß ich- ;
ß
ein Mann und mein eigener Herr, b KiöF7 ?s,!
e h!'!
zß- 1
en trt =n Hedwig beren, ud Ekb-eFHös;zg.;hl
ven ewbo eae fee »eseFFsfFFehkßZI ;!
= --l
=h xFz
N z:
==== PM!
i 1
h.? Mh
, ;? 1 --t?-
' !
u ? P1zfie! 1?

H1a
fallend abstach, bat er:, Steh mir doch bei, es Dei
ner Mutter begreiflich zu machen, daß sie Nichts an-
nehmen soll von allen den Menschen, die Euch helfen,
als ob das nicht ein großes Vergnügen wäre. Nie-
mand soll Euch helfen, als ich; hörst Du? bitte Deine
Mütter darum, denn gewiß ich thue es gern und habe
es reichlich dazu übrig.!
Sie gab ihm keine Antwort. Die Aufregung des
gesktigen Abends war von ihr gewichen und mit ihr
die Frische und Keckheit, welche Philipp gleichsam zr-
weckt und zu ihr hingezogen hatten. Da sie ihn nicht
ansah, da sie keine Sylbe sprach, wurde er immer
dringender. ,Was fehlt Dir denn? Hast Du heute.,
kein Vertrauen mehr zu mir? Was-habe ch Dir - !
denn gethan? forschte er, wähtend er diht an,ste-
heran trat und ihre Hand zu fassen suchte.
-- s-
Sie sah ihn zum ersten Male an, die Augen waren
ihr roth, sie mußte geweint haben, ehe er gekomnen -
war ,Geh' hinaus!r befahl die Mutter ihr. She! ;
stand von ihrem Plaze auf, aber als sie an ihin zgF
über in die Nebenstube gehen wollte, hielt er; sie feft.
,Weshalb schicken Sie sie fort?! verlangteser zu
wissen.
, Weil ich mit Ihnen etwas zu sprechen habe,!
versezte die Mutter, ,das sich besser abmachen läßt,
wenn wir allein sind.!

zt
Philipp war des Widerstanggs gegen seine Wünsche
nr wenig gewohnt. Ee z»F Wee Slso zum Trose,
und die Liebe, deren er sich mtehr und mehr bewußt
ward, das Verlangen, den beiden Fräurn seine Unab-
hängigkeit darzuthun, trieben ihn vorwwärts und hoben
ihn über sich selbst hinaus.
,Bleibe hier!'' rief er, ,ich weiß Mlles, bas Deine
Mutter mir sagen will, und ich kann: ihr tmn Voraus
die Antwort darauf geben. Sie will nicht, daß wir
uns lieben, weil meine Tante und ich weiß nicht wer
sonst noch dies ungern sehen werden. Aber' als Deine
Mutter jung war, hat sie gehandelt, wie es ihr um's
Herz gewesen ist und mein Vater hat es, als er meine
Mutter heirathete, eben so gemacht. Ich habe in ein
paar Jahren nach Niemand auf der Welt zu fragen.
Ich habe einst freie Wahl. Sag's also gerade heraus:
willst Du auf mich warten, bis ich wieder komme?
, Hedwig!'' warnte die Mutter; indeß Philipp und
auch das Mähchen beachteten die Warnung nicht.
,Willst Du warten?! bat er noch einmal, und die
ganze Zuversicht, die er zu ihr hatte, lag in seinem Tone.
,Ja, sagte sie leise, aber fest, und reichte ihm die
Hände hin, während das Vertrauen, mit: welchem sie
gestern zu ihm gesprochen, wieder über ihr klares Antliz
leuchtete. Er schüttelte ihr die Hand, als wäre sie ein
Jüngling und nicht das Mädchen, das er liebte.
--

H18
,Gott sei Dank! nun kann ich reisen,. sagte er
mit befreitem Herzen nd blieb dann vor ihr stehen
und sah sie an und sah sich in der kleinen Stube um.
, Nun weiß ich, wo Du bist und wie Du wohist,
nun kann ich gehen,! wiederholte er, und wurde ge-
rührt, und wagte doch nicht, das Mädchen zu umdr-
men, sondern ließ es los und ging zur Mutter hin
und warf sich dieser an die Brust.
Die schwache Frau nahm sich zusammen. Alles
-
FA

was sie erlebt, alles, was sie einst als Folge ihres un-
bewachten Herzens erlitten hatte, stand warnend bdr
ihr. Sie wollte mit det Aengstlichkeit abhängiger Ar-
A

A
muth Philipp von sich weisen, denn sie fürchtete, ßüg
D
werde ihr die nnerstügung enziehen, weii sse.E.; I
- IH
auf irgend eine Art dem Unwillenf iheer sebnöadl'-

Wohlthäter ausseze, indeß sie hatte elust. selbst gellebt. zzs
und wenn Philipps ehrliche Mienen nicht täüschieüs IF
wenn sein Entschluß nicht wankte, wenn er Hedwg, Z,-
Wort hielt, so wurde dieser eine ganz andere Zukunft, ,;;
z
an seiner Seite bereitet, als die Muttee sie jäänäälaf
d;s
für ihre Tochter zu hoffen gewagt. Sie war gerähiih
sie konnte nicht widerstehen, aber einer reineti Freübs z

vermochte sie sich nicht zu überlassen. ,Gött gebe.
rs
daß Sie nicht vergessen, sagte sie, ,welche Hoffmuns-
gen Sie in dem arnen Mädchen ertegen, und üicht I

vergessen wie schwer Enttäuschungen sich tragen lassen!?
A
F
zs
F

H19
- - Sie seufzte, ihr bleiches Gesitg1d noch trauriger
als gewöhnlich aus, sie müßtE! nledersezen und
den beiden jungen Leuten war der-Aufschwwung der
ersten Freude gelähmt. Sie standen neben der kranken
Frau und wagten einander nicht anzusehen, bis Hed-
wig bittend sagte:,Geh' lieber foft! - Die Mutter
hat Ruhe nöthig und Deine Tante würde auch böse
sein, wenn sie's erfährt=-
,Was? fragte er.
,Was Diu mir und ich Dir versprochen!'' sagte sie
leise und sah ihm dabei freundlich ii die Augen.
,Wie Du willst!'' versezte er, und sie gaben sich
wieder die Hände, und er bot den beiden Frauen sein
Lebewohl. An der Thüre fragte er, ob er wieder
kommen dürfe.
,Thun Sie es lieber nicht,, bat die Mutter., Er
wollte sich husbedingen, Abschied jehmef zu' dütfen,
sie meinte, sie würde ruhiger sein, henn er das unter-
ließe, ja sie würde dann zuveksichtlicher hn sein Ver-
sprechen glauben.
,So leb' denn wohl, Hedwig!'' sagte er schnell
und mit Neberwindung.,Ich werde Dir schreiben,
wann ich fortgegangen bin, und wenn Du etwas
brauchst, so schreibe auch Du es, mir. Leb? wohl !?
Er ging schnell hinaus, Hedwig knjete vok jhrer Mntter
nieder undwverbarg ihr Gesicht woeinend in deren Schoos.

8
Als Philiy zgykehrte, war Mamsell Philippine
ndch nicht zu Heh Sie ließ ihn rufen als sie kam,
uid Beide fanden sich sehr ruhig wieder. Sie sagte
ihm, daß sie seinetwegen mit dem Commerzienrathe
Rücksprache genommen habe, weil sie nach seinem heu-
tigen Betragen sich nicht mehr die Kraft zutraue,
seine Zukunft zu leiten. Sie habe sich Raths erholt
bei ihrem alten Freunde, und dieser billige Philipps
Wunsch, die Welt zu sehen. Sie machte ihm darauf
den Vorschlag, eine landwirthschaftliche Akademie zu
besuchen, um sich durch Studium für die Selbstuer-
waltung seines Gutes vorzubereiten und wider ihr
Erwarten war er gleich völlig mit diesem Plane ein-
verstanden; aber er war einsilbig und auch sie hatte
nicht die gewohnte Lust, sich gegen ihn auszusprechen.
Sie wünschte ihn je eher je lieber zu entfernen, er
schien seine Abreife nicht genug beschleunigen zu kön-
nen, Jedes war über das Verhalten des Andern ver-
wundert, und obschon sie Ursache gehabt hätten, mit
einander zufrieden zu sein, weil ihre Pläne so wohl
zusammengingen, waren doch Beide kalt gegen einan-
der und blieben auch ganz verstimmt.
Acht Tage gingen in Vorbereitungen für Philipps
Reise hin. Als er und die Tante dann endlich am
lezten Abende beisammen saßen, kam eine wärmere
Empfindung über Beide. Mamsell Philippine dachte,

Iet
,s-
daß sie den einzigen Gegenstand gugg ßiebe auf Jahre
binas eubebren und pon sies KJJzsolle. ud dak
fie alt sei Philipp dachte auch an die Jahre seiner
Tante und daß sie es mit ihm so gut gemeint habe
und daß die Menschen sie nicht: llebten. Er mußte
sich es vorstellen, daß sie, recht verlassen sein würde,
wenn sie krank werden sollte, und ohne es zu wollen,
fagte er wehmüthig zu sich Helber:! , Kein Mensch
würde sich um sie kümmern !'
, Um wen?- fragte Mamsell Philippine argwöh-
nisch, denn sie meinte, sein Aüsruf gälte Hedwig.
, Um Dich!! sagte er, und gestand ihr seine Sorge.
Das rührte sie und söhnte sie mit ihrem Philipp aus.
Es war dem alten Mädchen nicht viel Liebe zugewen-
det worden, und sie bemerkte tröstend, der Commer-
zienrath habe ihr versprochen, ihr seine Töchter oft zu
schicken, die würden sie auch nicht verlassen, wenn Un-
glück über sie kommen sollte, schon gus Freundschaft
für ihren Philipp nicht ! -
,ie Puzdocken!r rlef Philipp,',die sich in guten
-- »f - -
Tagen nie um Dich gekümnert, die Dich und mich
verspottet haben! Wie kommst Du nur darauf, zu
glauben, daß Du denen werth bist, daß ich Ihnen
etwas anderes als ein Gegenstand des Lachens bin?
Mamsell Philippine schwieg, sie hatte es wieder
vergessen, daß er nicht mehr der alte Philipp war-
Lewald, Kleine Romane. N.
A1
-' e.z
z. n -.-

8
Indeß er wufte rauf auf selne Weise zu erit-
nern ,Tante!,
gä er plözlich, ,so oft ich vrn
meiner Kindheit an mit unsern Verwandten zusammen
gekommen bin, habe ich sie sagen hören, daß Du selbst-
süchtig und ohne Liebe wärest. Ich habe es aber
besser gewußt, denn Du hast mich immer geliebt und
hast immer Dein Bestes an mir gethan. Ich allein
kenne Dich anders als die Menschen, ich allein habe
Dich lieb-- und wer mich nicht liebt, wen ich nicht
liebe, der wird auch Dich nicht lieben und Dir keine
Stüze sein, darauf verlaß Dich! Also--
Er stand auf und trät an das Fenster. Ek' war
nicht fähig zu sagen; was er im Herzen und auf der
Zunge hatte. Weil er so schuell' von ihr gegatgen!'
war, folgte die Tante ihm. Sie stellte sich zut ihh
und legte ihm ihren Arm um den Hals; das wae nie
geschehen, denw äußere Zärtlichkeitsbeweise lagen ihr
sonst fern. Er hatte den Kopf an die kalten Scheiben
gepreßt, sie wußte nicht, was sie machen sollte.
, Kannst Du denn nicht bei mir bleiben?' fragte
sie plötzlich, und es war ihr, als erlöse sie sich mit
der Bitte von einem schweren Unheil.
Er schüttelte verneinend das Haupt, aber er um-
faßte sie, wie ein Sohn die Mutter zutrauensvoll
umfaßt, und sein frisches Antliz an ihre welke Wange
legend, sagte er: ,Hedwig laß Dir holen, wenn Dir
-F
1
h
lhs
g;




I

V
;



etwas zustößt, and wenn eFben irgend ein
Unglück begegnet, so nimm Drz»f' ae:-
Er konnte seine Thränen nicht verbergen: und sie
weinte mit ihm.,Warst Dus denndrüben? fragte
fie.,Einmal!! gab er ihr zut Antwort:,Ich mmusßte
versprechen, nicht wieder zu kommen.?!
,Armer Junge!'' rief die Tante, ohne recht zu be-
denken, was sie damit that. Aber Philipp drang die-
ser Ton zu Herzen, wie ihm Mamsell Philippinens
Stimme noch nie zu Herzen gegangen war. Er schloß
sie in die Arme und küßte sie. Das Herz wurde ihr
erweicht, sie empfand eine Freude und' ein Glück, wie
in der Stunde, in der er einst geboren worden war
und in der sie ihn zum ersten Mäle in ihren Armen
gehalten hätte. So voll Liebe und, voll Zutrauen
hatte er niemals an ihrem Herzen gelegen. Sie iahm
seinen Kopf in die Hände ünös küßtte chn äuf das
Haar. s
- !
, Verläß Dich auf mich- s=gte sie!
,Das thue ich auch, gabs er ihr zur Antwort,
küßte ihr die Hand und entfernte sich dann schnell.
Sie sah ihm nach und trat' dann wieder an das
Fenster, an dem sie mit ihm gestanden hatte. Drüben
an der Eingangsthüre des Hauses, in welchem die
Meerfrlds wohnten, war es dunkel: Dgs ganze Hans-
schie befekts h Scof- u kean! mn ie! beefStabe'! ; g.
uzptz==-
.e E---
hll
ö ».
i
h e-
-..le -
1

aa ?
ber Wittwe bragIch Lcht. Mamselt Phillppine
hatte bei mancheerheren Aufenthalte in der Stadt
diesen Lichtschimmer auch schon zu später Stunde wahr-
genommen, ohne ihn sonderlich zu beachten. Jezt hätte
sie es wissen mögen, ob die Mutter krank, ob Hedwig
noch bei der Arbeit sei Sie fühlte Mitleid mit ihnen
und fand es brav, daß man Philipp nicht wiederzu-
kommen verstattet hatte und sie nahm sich vor, etwas
für die beiden Frauen zu thun. Sie erinnerte sich
der Zeiten, in welchen Frau Meerfeld jung und schön
und viel umworben gewesen war, dann blickte sie auf
ihr eigenes Leben zurück. Philipp hatte die Wahrheit
gesprochen, es hatte sie Niemand geliebt, Niemänd als
er allein, dem sie Liebe bewiesen, so viel sie es ver-
mocht hatte. Liebe beweisen war also das Mittel, um
so glücklich zu werden, als sie sich heute in der Zärt-
llchkeit ihres Pflegesohnes gefühlt hatte. Nun denn!
Philipp sollte es sehen, daß sie ihn liebte; immerdar
wollte sie es ihm beweisen, auf jede mögliche Art.
Aber was sollte sie thun?
Mit der Frage beschäftigt legte sie sich nieder und
die Antwort, welche sie sich darauf gab, ließ sie den
Schlaf nicht finden. Das Eine stand fest, Liebe und
Hingebung hatte sie von den Töchtern des Commer-
zienraths nicht zu erwarten und Frieden und Behagen
in ihrem Hause noch viel weniger, wenn eine von

s

- 82
ibnen einst in dasselbe als HägEf;au einziehen sollte.
Nicht eln Stück von der altenFFFFgiichtung würde an
seinem Plaze bleiben und! wö Mamsell. Philippine
bleiben würde, wenn eine junge, Iän Euxus und an's
Befehlen gewöhnte Frau in dem Häuse, der Senatorin
und auf dem Gute schaltetej das wwar nicht vorauszu-
sagen. Der Comnerzienrath war techt, dazu geschaffen,
für seine Töchter in einet Weise vorzusorgen, bei
welcher Mamsell Philippinens alte Tage und ihres
Philipps künftiges Glück nicht ii Betracht gezogen
würden. Sie kannte ihn därauf, ünd sie ärgerte sich,
daß sie sich von ihm hatte beschwaten lassen. Sie -
mochte gar nicht daran denken, wie leichten Kaufes er
sein Spiel gewonnen. Und dabei hatte er ihr im
Grunde nichts versprochen, er hatte nur gesagt, daß
man es überlegen könne, und sie war so schwach ge-
wesen, sich zu binden. ;
Sie stuzte bei dem Woite. Se hatte ja auch gär
nichts zugesagt, sie war inimter, noch Herr zu thun
und zu lassen, was sie wollte: Sie lachte vör Ver-
gnügen bei der Vörstellung, wie es jezt recht eigent-
lich in ihre Hand gegeben' sei; es dem Commerzien-
rathe einzutränken, daß er sie und, Philipp bisher ver-
absäumt hatte und sie war ganz erschrocken, als sie
sich laut die Worie aussprechen hörte: sie sollen es
schon merken, daßß ich noch meine Willen habe, und

8
daß mir mein Philipp lieber ist, als die ganze übrige
Verwandtschaft! z- Vergnügter war sie nie gewesen
ungeduldiger hatte sie nie einen Morgen herbeige-
wünscht, als am Ende dieser Nacht. Sie empfand es
gar nicht, daß sie einschlief, denn auch im Traume
noch blieb sie mit ihrem Philipp und mit seinem
Glücke und mit der Schadenfreude gegen den Com-
merzienrath beschäftigt.
- Es war noch ganz dunkel, als sie nach kurzem
Schlaf erwachte und sich von ihrem Mädchen anklei-
den ließ. Oben in Philipps Stube regte sich noch
nichts, aber drüben brannte die Lampe schon wieder
in dem Zimmer. Gegen ihre Gewohnheit fing sie
gleich in der Frühe an, in ihrem Hause umherzugehen.
Sie gab das gute Kaffeeservice und -das schwere Sil-
ber heraus, schickte den giener nach einem Kuchen und
ließ sich Pelz, Hut und Muff geben, als wwwäre es
heller Tag gewesen. Ihre Mägde trauten Ihren
Aügen nicht, als sich Mamsell Philippine ihre kleine
Handlaterne anzünden ließ und allein in. der Frühe
auf die Straße hinausging. -Neugierig folgten beide
Mägde ihr bis vor die. Thüre. und nit, Verwunderung
sahen sie ihre Herrschaft in- die Schmale Gasse einbie-
gen und in- das erste Haus derfelben hineingehen, das
sie nie zuvor besucht hatte.
Vorsichtig leuchtete die alte Dame sich die beiden
A
n

ze
engen steilen Treppen hinan.- Sies kam sich wie der
heilige Nikolaus vor, der den frömnmen Kindern heim-
lich ihre Weihnachtsbescheerung in die Häuser trägt.
Oben an der einen Thüt las sie den Namen Meer-
feld. Sie klopfte an, man öffnete; ein paar strahlende
Augen schauten sie erstaunt an, und kaum hatte ;Hed-
wig Mamsell. Philippine vor' sich erblickt, als sie-er-
bleichen die Frage ausstieß: Was ist ihm geschehen?
,Nichts! Nichts!'' begütigte Mamsell Philippine.
,,ichts? rief Hedwig, ,und' Sie komnen in -der
dunkeln Frühe hier zu uns herauf? Die Stimme
bebte ihr vor. Angst, sie ergriff -Philippinens Hand und
wiedeiholte ihre erste: Fräge.
, Saß mich eintreten, Kind, und niedersizen,'- be-
fahl Philippine und Hedwig gehorchte ihr, aber es that
der Tante wehe, . daß Hedwig sie- nur als ben Boten
übler -Kunde ansah, und ihren-Gedanken Worte ge-
bend, sprachsie: ,Kamnjich Pir üid eeinr -Mutter
denn nicht etwas Gütes bringeii?!
Hedwig senkte verlegen. die?Augen- zu Boden; ihre
Mutter sei noch nicht aufgestanden, sagte sie
So gehe, ihr zu. melden, daß :ich sie zu sprechen
häze!f! bedeutete sie Philippine, und Hedwig verließ
die Stnbe, um sich zur»Muttersgu begeben.
Alles, in- demRaume, athmetesSauberkeit zund Ord-
nung. Trotz der frühen Stunde war das Zimmer
g =

A
schon völlig aufgeräumt, das einfache Kaffeegeräth
stand auf dem Tische, der Mutter Kleider hingen am
Ofen, um sie ihr beim Anziehen behaglicher zu machen,
der Kaffee wartete schon in der Röhre. Hier walte-
ten Fleiß und Ordnung und vor allem Liebe, das sah
Mamsell Philippinens scharf beobachtendes Auge bei ß
dem ersten Blick und Hedwig war dazu gar lieblich
in ihrem ärmlichen und doch so saubern Morgenkleide.
Das Mädchen mußte der Mutter eine gute Pflegerin
und Stüge sein. Es währte auch nicht eben lange, ?
bis, auf den Arm der Tochter gestüyt, Frau Meerfeld ß
in die Stube trat. Man konnte ihr ansehen, in welcher
Unruhe sie sich über die ungewohnte Erscheinung ihrer
Verwandten fühlte, und Philippine, der dies nicht
entging und der es leid that, sagte:,Sie werden
sich wundern, Cousine, daß ich komme, und obenein,
daß ich um diese Stunde komme, aber glauben Sie,
es ist nichts Böses, was ich bringe. Wir haben ein-
ander lange nicht gesehen, wollen Sie nicht heute mit
Ihrer Tochter meine Gäste sein?'
,,Und deshalb kommen Sie selbst, und kommen im
Morgendunkel? wenbete Madame Meerfelb mit sicht-
lichem Mißtrauen ein.
,Ich wollte, daß Sie mit mir frühstücken soll-
ten,' sagte Mamsell Philippine, die es zum ersten f
Male in ihrem Leben auf eine allgemeine Neber-

l.

?

KAd
raschung abgesehen hatte und diese nicht zum Opfer
bringen wollte.
,Ich bin zu solchen Dingen icht gesund genng
und würde es büßen müssen, wollte ich meine Stübe
jezt verlassen, ätwbortete Jene, ünfähig zu begreifen,
was sie sah und hörte.
, Nicht gesund genug! iief Philippine, und ihre
natürliche Ungeduld und Selbstsucht brachen unwill-
kürlich los, ,gesund oder nicht gesund! Darauf konmnt
es heinte ja gar nicht äit. Wäs schadets deiii, weim
Sie es büßen müssei? Bereüen werden Sie es nlcht.
Geh' Hedwig! hole der Mükter wwarme Kleidet, ich
will Dir helfen, ich ziehe sie an, aber schnell muuß
es gehen, schnell! sonst ist's zu spät.
Hedwig stand und wartete auf den Befehl der
Mutter.,Schicken Sie sie fortk' sagte Mamnsell.
Philippine leise zu verselben, uid von ihrem befehlen-
dem Tone gezwungen, folgte Madam Meerfeld ihrer
Anordnung. Kaüm äbek aren de beiden Frauen
allein, als Philippine; währeid' sie der Kranken beim
Akleiden behilflich war, ihr zuflüsterte: ,Muth.
Muth, Cousine! ich konme gut zu mächen, wwas ich,
wie wir Alle, an Ihnen die Jahre her versäunt;' aber
ich mäche es dabei jezt' gerade;' wle Sie's einst ge-
mnacht, und noch weit schlininek. h She habei Ihter
Liebe in Ihrer Jugend nachgegebeit, ich gebe meiner

88
iebe jetzt auf meine alten Tage nach und ich denke,
das werden Sie mir wohl verzeihen. Nur lassen Sie j
Hedwig ja vorerst nichts merken l'! Sie drückte der
Mutter die Hand, jezt war dieser das Räthsel gelöst.
N ararr =
lachend aus.
Inzwischen war es Tag geworden. Behutsam
führten Mamsell Philippine und das junge Mäbchen
Frau Meerfeld die Stiegen hinab, behutsam geleiteten
fie dieselbe über die Straße und in, das alte Haus.
Die Dienerschaft staunte sie an, als sie Befehl - erhielt,
einen sSbessel zu holen und die Frau die Treppe hin-
aufzutragen in das Zimmer, in das die Morgensomne
jezt -hell- hineinschien. Frau Meerfeld sprach nur we-
-nig, Mamsell Philippine: ließ auch Mdiemand recht zu
Woxte kommen, so viel hatte sie anzuordnen und ;vor-
zubereiten, so zoft - mußte Hedwig nach dem großen
Hinterzimmer sehen, ob es noch nicht neun sei.
Um neun Phr klingelte Mamsell. Philippine, aber
die Hand zitterte, mit der sie es that, und doch sah
sie so klar und so verändert. aus, - daß -ihre Jungfer
sie,, darauf betrachtete und meinte,. es, müsse die Mor-
gensonne sein, die ihr soshell ziben-das Antliz strahlte.
Um neun Ihr, um -die-Frühstücksstunde, trat-Phi-
lipp-in das Zimmer - und blieb wie festgezanbert in der

Kzt
Thüre stehen. Er traute- seinen - Augen nicht. Auf
dem Plaz der Tante, in; dem--grßen Lehnstuhl saß
Frau Meerfeld, hinter. ihr. stanh Hedwig; und was war
denn der Tante geschehen, daß sie weinte, während es
- doch so festlich in dem Zimmer: aussah?
, Nun Philiup? rief sie ihn entgegen.
,Tante! liebe Tante!!! -war Alles, was er sagen
konnte, aber er eilte auf sie zu und küßte tsie in trün-
kener Freude.
,Reise nur getrost! es wird jezt Niemand - verlas-
sen sein, nicht sie, nicht ich,' sprach isie und nahm
Hedwig beider- Hand.
,Jä !'i rief er, -bhne- daß- er-es wvagte, sich -dem
Mädchen zu nähern, zuun reise. ich getrvst,. und wenn
ich, erst etwaE gewoaden -bin, wenn ich -wieder: komme
-' er sprach esunicht zu; Ende, üwwgs er pdachte auund
sagte-damnn, sich -selber unerhrechend': zWir ;wollen
Dich auf-den-Händen: tragen,zaite!-
Dle. Rührung, dieEErschütterüigswvarensallgemein.
Madame Meerfeld wweinte,. Hediig,hknietezan Phrem
Sessel, Philipp war versunkensin .ihren jAnblick, wwie
in seine Freude, und Mamsell Philippine stand und
sah r umher.
- So viel -Liebe- hatte insdiesem Zimmernieigegth-
met, so äwar nihr selbst. niemnls igu Muthei gswesen.
Wie eine gute Fee, wie- sichsselbst»entfromdet,:kam-gie

88A
sich vor. Mit einem Male jedoch zuckte es durch ihre
Mienen und spöttisch lachend rief sie:,Wie mich's
freut, daß es den guten Commerzienrath so ärgern
wird; denn ärgern wird's ihn!''
7s
nl


i
Der Ausruf brachte alle wieder in das Gleichge-
wicht. Man sezte sich zum Krühstück nieder, die
Stunde bis zur Abreise verging, ehe man es gewahr
wurde. Als es zehn Ühr schlug, stand Philipp auf.
Sie wurden Beide blaß, er und Hedwig, als er ihr
die Hand zum Abschied reichte. Sie konnte nichts
sagen, er war eben so sprachlos. So schieden sie.
Nur als er ihrer Mutter die Hand küßte, da konnte
Hedwig sich nicht halten und eilte weinend davon.
Mamsell Philippine hielt sich tapfer und begleitete,
ruhig sprechend, ihren Philipp in den Flur hinaus.
Sie sah zu, wie der Diener ihm den Mantel umgab
und sein Gepäck nach dem Wagen hinunterschaffte.
Als derselbe sich dann entfernt hatte und sie mit
Philipp allein war, rief er überwältigt:,Wie soll
ich Dir vergelten, Tante!?! -
,Ou mir vergelten? wiederholte sie, indem sie
ihm beide Hände auf die Schulter legte, ,Du hast mir
nichts zu danken, denn mit Deinem bloßen Dasein
begann für mich das Glück. Ich lernte den Segen
wahrer Liebe kennen. Ich habe Dich erzogen, das hast
Du mir wett gemacht, denn auch Du hast mich erzo-

k -
gen, sogte sie, ,Deine Liebs za iir hat mir das
Herz erweicht und felt ich Feskein beschlössen, Dich
glücklich zu machen, nach Deinei und nicht nach mei-
nem Sinne, bin ich erst recht glücklih geworden durch
Dich. Du hast mir nichis zu daiken. Rch bin Dei-
nem Bater und Deiner Mutter viel Liebe schuldig ge-
blieben, die werde ich Dir und Hedwig noch bezahlen;
und nun geh! Und wenn Du einst auch einer An-
dern gehören wirst =- ? -
,O!'' fiel er ihr, miten, in seiner Bewegung ld-
chend in das Wort, ,ich, werde nüi erst recht für's
ganze Leben Dein Sohn und Mamusell. Philippinens
Philipp bleiben.'!
Uid sie haben einander redlich Wort gehalten.
Philipp ist ein tüchtiger, Landwirth und ein wackerer
Mann geworden und Manisellj Philippine' hat noch
seine und seiner Hedwig älteste Kkinder auf ihrem
Schoöße gewiegt. Wer, äber die jheitere, llebebolle
Matrone auf dem Landsize -zwischen jihren Kindern
und Enkeln schalten und wälten sah, ber konnte nur
s
noch an ihrem Aeußerns dies eigensüchtige unb lächers E
liche Mamsell Philippine wieder erkennen, denn in
Herzen und im Geiste war sie eine Andere gewörden
ganz und gar. Und wie Philipps und Hedwig die
Stunde segneten, in der sies einander gefunden hätten,
so segnete die Tante bis an jhr Lebensende den Augen-
P
s

88
blick, in welthem die Furcht, ihren Philippan das
junge Mäbchen zu verlieren, sie dahin gebtacht hatte,
sich und ihre Wünsche und alle Vorurtheile ihrer Ver-
gangenheit aus Liebe aufzugeben. Sie hatte sich da-
mit die Freude ihrer alten Tage erkauft und heitere,
fröhliche Bewohner in das alte Landgut und in das
Giebelhaus an Markte eingeführt.
- Denn wo einst das starre Autliz der Senatorin
die Wege und Stege ihres Gatten bewachte, da sieht
jezt Hedwig nach ihrem Philipp liebevoll hlnaus, und
wo einst Mamsell Philippine mtit erzwungenem Lächeln
am Ftttstkr' saß, blickk eine Masse jungen Volkes ver-
gnügt auf die Straße hinab, während Marions und j
Mamsell Philippinens und Fiau Meerfeldd Bilder ver-
träglich nebeneinander über dem Sopha hängen und
ihr Andenken genieknsant von den Bewohnern des
Giebelhauses hbch gehalten wird? Uid wir vor langen
Jahren wird die Schwelle der Eingangsthüre wieder
von Gästen viel betreten und' der' Thürklopfer mit
seinem Greifenkopfe oft und lustig in Bewegung ge-
sezt; denn wo Liebe und Friede herrschen, fehlen
Freunde und Gäste nie!
Das ist die Geschichte vom alten Giebelhause und
- von Mamsell Philippinens Philipp.
ss.

Im Verlage von
erschienen früher:

Dtto Rarnke in- Berlin
Neue Romne. Vler
Fanny Lewald,
l Ban see H-on Peels Tte. AF Ee.
starke Bänbe. -
1. Banv: Schloß Tamnenbürg. Thlr. ?A Sgr
s e
Ü. Banr: Graf Foachim. - Thlr. M, Sgr.
g, e
1. Banv: Emilie.; - Thlr. ?F Sgr.
g A
Umter «uen scrlftstelernvei FFeäüen feb(seu'gany Lewatv'
an Relchthum und Bewegllchksl des Gelsfes,obennan. - Mlt sestefer .
Negsamkelt kotgi fte ben wechlete Efaeliütigen' uüsees soelle
Lebens, imd lmmer bletet jhr ble elne öder, antete dersetlö? -?
Grundlage zu einer poetlschen wasleüig ble, 'wels ste eben big ;;
Fragen der Zeit betrifft, auch' zeltweise einn ganz ällgemeines Li=---
teresse erregt. Wir wlssen nicht, ob ble Kreüzzeitung nur lm- ;
Scherze erzählte, daß nach Aussäge sänmlicher Berllner Lelh- -
bibllothekare die Romane von Frau Lewalb jett ln Berlin am -
meisten gelesen werden, aber wenn es so seln sollte, sö wllrden.
wir es ganz erklärllch finden,' ohne doch, wie es jenes Blatt ge--
thon hat, gleich an eine von der Clamue besorgte großärtige
Reclame zu denken. Frau Lewald accoinmodirt sich dem Ge-
schmacke der Zeit oder, was viellelcht richtiger ist, sie folgt dem
Geiste der Zeit und dlent demselben; sie spricht gerabe das aus, -
s

was zu bestimmten Zeiten in den größeren Kreisen gedacht und
gewütnscht wird, oder sie eilt auch wohl der Entwickelung der
Dinge um eine Spanne voraus und kltndigt vorher die neu be-
vorstehenden Wandelungen an. So sind ihre Arbeiten aus den
Bewegungen der Zeit entstanden und bestehen anch nur fltr die
Zeit. Fehlte der begabten Verfasserln diese geistige Beweglichkeit,
z so wütrde ihre Beliebtheit rasch verschwinden, wie wir denn auch
s ihren' Werken keinesweges die Unsterblichkeit zusichern wollen,
, wenngleich die Literaturgeschichte allezeit der Verfasserin als einer
mit reichem Talent begabten Erzählerin ehrenvoll gedenken wird.
Ipn ihren neuen Romanen handelt die Verfasserin an ver-
schiedenen Stellen von den Mesalliancen, d. h. sie demonstrirt
ziemlich klar, daß es solche ltberhaupt nicht giebt: ein Grundsatz,
den unsere Cavaliere nur bedingt zugeben, wenn nämlich der -
Mangel des Stammbaums und der Familie ausgeglichen wird
durch andere Eigenschaften, die unsere materielle Zeit etwas höher
schätzt, als jene Requisite. In den vorliegenden vler Bltchern
behandelt Frau Lewald wesentlich dasselbe Motiv nur mit den
nöthigen Variationen, - denselbei Gedanken: vor der Liebe
giebt es keine Schranken des Standes, der Stellung, der äuße-
ren Lebensverhältnisse, =- aber viermal umgeprägt und stets
mit neuer Umschrlft. Man wird nlcht bestreiten, daß diese Rich-
tung dem Geschmacke der Zeit entspricht und deshalb Anklang
sinbet. Fütgen wir hinzu, daß alle pier Romane sehr pikant und
leicht geschrieben sind, und einen großen Reichthum wechselnder
Situationen zeigen, so werden wir den raschen und allgemeinen
Erfolg auch dieser Romane leicht begreifen.
(Schlesische Zeitung.