Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 09

,Und was dann?' fragte er, indem er sein Haupt
erhob.
,Sie antwortete ihm nicht, und er wiederholte die
Worte: ,Und was dann?
,Dann wirst Du sehen, mein Bruder, sagte sie
in mildem Tone, ,wie gering das kurze, vergängliche
Menschenleben uns erscheint, wenn wir die Natur mit
ihren nach Jahrtausenden zählenden Wandlungen uns
gegenüber haben; dann wirst Du sehen, mein Bruder,
wie der Einzelne, sich seiner Vergänglihkeit bewußt,
das Verlangen trägt, fortzuleben in der Kette und in
der Reihenfolge eines Geschlechts, das vor ihm war-
und nach ihm sein wird, und in der Erinnerung eines
Volksstammes, der seine Segnungen an den Namen
dieses Geschlechtes knüpft.-
Kapilel.
Auf dem Lande und vollends in den Bergen, wo
der Winter jedes Dorf und bisweilen jedes einzelne
Haus im Dorfe zu einer abgeschiedenen Insel macht,
bleiben, wie die Gultur rund umher auch fortgeschritten
sein mag, doch heilweise noch heute jene Verhältnisse

S??
bestehen, in denen das Haus erzengen und leisten muß,
was innerhalb desselben bedurft wird. Der Hausherr
und die Hausfrau müssen, wenn sie ihrer Pflicht ge-
nügen wollen, Rath wissen für jeden vorkommenden
Fall und geistig und leiblich die Hülfe zu bieten ver-
stehen, die der Augenblick erheischt. Das war aber
vor siebzig bis achtzig Jahren und vollends in den
Schweizer Bergen noch viel unerläßlicher, und die
Freiin von Thuris galt in weitem Umkreise fü. eine
Frau, die wohlerfahren, rasch entschlossen und auch sehr
geduldig war, wo es darauf ankam, ein Leiden des
Körpers zu heilen oder einem Kummer der Seete trö-
stend zu begegnen. Sie verstand zu reden und reden
zu machen, und wußte zu schweigen und zum Schwei-
gen zu zwingen.
So hielt sie denn auch den Bruder ab, ihr sein
Herz zu enthüllen, so lange dieses Herz ihr nrch von
Leidenschaft bewegt und mit sich selbst im Kampfe zu
sein schien. Er sollte ihr nichts vertraut haben, was
ihn vor seinem eigenen Gefühl oder vor seiner Schwe-
ster binden konnte, und sie wünschte sich nicht auf
eine Widerlegung einzulassen, ehe die Zeit und die
Entfernung ihr als siegbringende Bundesgenossen zu
Hülfe gekommen wären.
Sie sprach mit dem Bruder nur von sich und ven
ihrem eigenen Leben. Von der Liebe redete sie zu

ihm, welche sie ihrem Gotten verbunden, und wie die-
selbe stark genug gewesen sei, ihr den ganzen Lebens-
weg zu erhellen und ihr Herz noch zu erwärmen, da
das seine erkaltet war. Sie schilderte ihm den Hin-
gegangenen, den Graf Joseph uur gesehen, als er mit
den Eltern gekommen war, die Schwzester in Thuris
nach ihrer Hochzeit zu besuchen, und indem sie ihm
, beschrieb, wie ihr Gatte hier im Lande gewaltet und
! gewirkt, forderte sie den Bruder, ohne es auszusprechen,
! zur Rachfolge auf.
Die Herren von Thuris waren ein neues Geschlecht
s im Vergleich zu den Grafen von Rottenbuel, und sie
gehörten nicht dem hohen Adel des Landes an. Einige
von ihnen haiten aber Töchter desselben geheirathet,
viele sich mit den Töchtern nichtadliger freier Häuser
verbunden, und gerade diese Stellung zwischen den
alten Geschlechtern und dem übrigen Volke hatte den
Herren von Thuris ihren Einfluß und ihr Ansehen
unter dem.Theile der Bündner verschafft, welchem das
Nebergreifen der österreichischen oder französischen
Herrschaft in Graubünden ein Dorn im Auge war,
und welcher es deshalb als eine Schmach ansah, wenn
die Bündner, welche freie Männer in einem freien
Lande waren, sich zu Söldnern an den fremden Höfen
hergaben und ihre Söhne die Schlachten fremder
Fürsten mit ihrem Blute ausfechten ließen.


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Gonradine war in den Begriffen der alteu Aristo-
kratie erzogen worden, aber aus der Atmosphäre des
Hofes in die Berge, aus ihrem Vaterhause zu Paris
in das Haus ihres Gatten nach Thuris in die Stam-
mesheimath versezt, hatte sie sich, eben weil sie eine
nnabhängige und zum Herrschen geneigte Seele war,
mit warmer Neberzeugung den Ansichten ihres Man-
nes angeschlossen, und der Stolz auf ihr altes Ge-
schlecht hatte sie die Unabhängigkeit des Vaterlandes
schätzen lehren, in welchem kein Fürst die Freiheit des
Edelmannes beeinträchtigte und keine Schranke für
denselben bestand, sofern er dem Gesetze nicht zu nahe
trat, das er selbst sich mit den Theilnehmern der drei
Bunde auferlegt hatte.
Geehrt von dem alten hohen Adel, dem sie durch
ihre Geburt verbunden war, und dessen Ansprüche sie
aufrecht erhalten zu sehen wünschte, geliebt von den
nenen Geschlechtern, denen sie sich freiwillig angeschlossen
hatte, genoß die Freifrau eines ungemeinen Ansehens
in dem ganzen Engadin, und Schloß Thuris war der
Vereinigungspunkt für alle diejenigen, welchen die
ebergriffe der fremden Fürsten und die Tyrannei der
Mächtigen gegen die Geringen im Lande gleich ver-
haßt waren.
Nach Thuriö ging man, um sein Herz zu entlasten,
nach Thuris, um Rath und Trost für seine Sorgen

und Mitgefühl für seine Freuden zu finden, und wer
die Freifrau in ihrem Hause beobachten konnte, wenn
Leute aus den entlegensten Thälern und von den
höchsten Bergen sie aufzusuchen kamen, oder wer sie
gesehen hätte, wenn sie bei irgend einer Reise durch
das Land in den Schlössern und in den Hütten vor-
sprach, der hätte eingestehen müssen, daß manche Kö-
nigin die Freifrau um die Herrschaft zu beneiden habe,
welche sie durch ihre ernste Güte gewonnen hatte,
- und um die Liebe und Verehrung, mit welcher man -
ihr lohnte.
Was Fraü Conradinen geschah und sie betraf, war
an und für sich ein Ereigniß im ganzen Engadin,
und man hatte daher kaum erfahren, daß ihr Bruder,
der Graf von Rottenbuel, heimgekehrt sei, so wurde
Schloß Thuris von Gästen nicht leer, und Graf o-
seph sah allmälich vor seinen Augen sich Menschen
und Zustände entfalten, so verschieden von Allem, was
er bisher gekannt, daß er ein Bedürfniß fühlte, fest zu
halten, was er erlebte und was er bei diesem Erleben
dachte. Die Tagebuch -Hefte, welche Jungfer Ursula
mir überließ, geben davon Kunde.
Schloß Rottenbuel den 18. August 178?. Man
, erzählt von einem Manne, der so lange im Gefäigniß
! gesessen, daß er, der reinen Luft und des hellen Tages-

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lichtes entwöhnt, sie nicht ertragen konnte und bei der
Berührung durch sie todt zu Boden fiel. Aehiulich
ergeht es mir. Die reine Luft, welche ich hier athme,;
regt mir das Blut auf und macht meine Gedanken
so unruhig durcheinander wogen, daß ich kaum weis,
was ich fühle und was ich wünsche. Die Natur um
mich her ist groß und
ähnlich. Hier geboren
leben, wenn man hier
neidenswerthes Glück,
ernst, die Menschen sind ihr
und erzogen zu sein, hier zu
erzogen ward, ist vielleicht ein
aber nicht Jeder ist für jedes
Glück geschaffen. Die Sprache klingt rauh an mein
Ohr, die Wahrheit des Ausdrucks ist oft zu nackt,
und erscheint doppelt so, wenn sie neben der Verfei-
nerung auftrit, welche eine große Anzahl meiner Lands-
leute sich im Auslande erworben haben. In keinem
Gesichte sehe ich jenes Lächeln, Franziska's Lächeln,
welches mein Herz erwärmte, und keiner Lippe ent-
quillt ihr süßer Ton!
Den B. August. Die Nähe meiner Schwester
thut mir wohl. Ihre Heimath freilich ist in diesen
Bergen. Ihr Sinn ist hoch, ihr Verstand klar wie
diese Luft, ihr Herz tief und still wie die ruhenden
Seen dieses Landes, und ihr Auge sieht auf Jeden
und auf Alles so ruhig herab wie die Soune am
Mittag. Jeder Tag erschließt mir deutlicher, was
meine Schwester ist, jeder Tag macht mir es klarer,

was sie aus mir machen möchte. Vorsorgende Liebe
soll hier im Lande die Wege bahnen für eine Aus-
gleichung, die zu kommen nicht säumen wird. =- Wie -
weit hin ihre Verbindungen reichen, wie gut sie unter-
richtet ist! -- Die Nähe täuscht den Blick bisweilen (
wirklich. Mich dünkt, auch ich sehe von hier aus --
deutlicher, was sich jenseits der Berge vorbereitet, was -
an dem Horizonte Frankreichs emporsteigt, und was.
auch hier emporsteigen könnte, ein drohendes Gespenst,
wenn man's nicht im Voraus zu bannen trachtet.
Den W. August. Welch köstliche Tage habe ich-
verlebt! Es scheint mir, als hätte ich zum ersten
Male, seit ich lebe, frische Luft geathmet. Die Sonne
ging eben auf, als wir Thuris verließen. Es war
kalt auf der Lenzer Haide, der Inn floß voll und
weißschimmernd durch die Wiese hin, die hier, ein
wahres Naturspiel, zwischen den Felsen ausgebreitet
ist. Es muß viel Schnee geschmolzen sein, viel Wasser
sich gelöst- haben von den Gletschern, der Strom hat
sich mächtig gehoben. Die Sonne ist schön, wenn sie
über die Berge emporsteigt und warm und liebevoll
das Lebendige bis in die tiefsten Gründe suchen und
erquicken geht. Eine Sonne sollten die alten Ge-
schlechter in ihr Wappen setzen- barmherzig erwär-
men und beleben müßten sie die Welt mit ihrem
Lichte, damit man ihnen das Bestehen gönnte, das

Bestehen wünschte und auf ihr Bestehen hoffne, wie
auf der Sonne unfehlbares Licht.
Ich meinte so viel Menschen zu kennen, so viel
Freunde zu haben in Paris, hier will mir's erscheinen,
als hätte ich Niemand gekannt und keinen Freund ge-
habt. Was wußte ich von den Menschen, die ich täg-
lich sah? Was wußten die Menschen von mir, die
sich meine Freunde nannten?
Gonradine kannte Kind und Kindeskinder, wohin
wir kamen.- Sie wußte, was man erstrebte, was
man bedurfte, was Jedem fehlte und worauf er
hoffte, und Jedermann wußte von ihr. Man rief ihr
entgegen, als man mich an ihrer Seite sah, man hatte
mich mit ihr erwartet, und man tadelte sie, daz sie
den Sohn noch immer in der Fremde lasse. -= ,Ich
gönne ihm Zeit, es einsehen zu lernen, sagte sie sich
vertheidigend, , wie viel besser es hier in Bünde ist !r
-- Solche Gemeinsamkeit verdoppelt das eigene Leben,
und wenn ich höre, welche Sorgen die Andern zu
tragen haben, mit wie Wenigem sie sich zufrieden
geben, wie viel und wie wenig der Einzelne leisten
kann, so bewältizt mich eine Art von Resignation.
Daneben kommt mir der Wunsch zu nüzen und zu
beglücken-- damit das Leben nicht ungebraucht ver-
geht. Wie oft ich auch zurück denke nach Paris--
was könnte ich dort erfahren, das mich freute?

H4
Am Nachmittage langten wir bei dem alten
Freunde meiner Schwester an, das bevorstehende Fest
mit ihm zu feiern. Das ist ein echter Rhätier, ein I
echter Bündner, dieser alte Herr von Gunta; und wie,
vornehm er aussieht in seiner altväterischen Tracht,
in der dunklen, schmucklosen Kleidung! wie schön seine
Tochter aussah, als sie an ihres Vaters Seite uns z
auf der Schwelle ihres Hauses zu begrüßen kam! !
Die Falten ihres weißen Kleides flossen leicht bewegt
an ihrem schönen Leibe nieder, das blaue Band, das-
ihr schwarzes, unfrisirtes Haar zusammenhielt, spielte
im Winde auf ihrer bräunlichen Schulter, und die
dunkeln Augen begrüßten mich so zutraulich, als hätte
sie einen Bruder vor sich, oder als wäre die prächtige
Jungfrau noch ein Kind, das noch alle Menschen
liebt und von Allen sich nur Gutes erwartet.
Am folgenden Tage fand die abermalige Installa-
tion des Herrn von Gunta zum Landammann statt.
Er war schon früher dreimal in diesem Amte gewesen,
und weil er Vertrauen genießt, kam man von dem
ganzen Gau zusammen, der Feier beizuwohnen. Schon
früh am Morgen zogen die Mädchen spazierend ein-
her, in den scharlachrothen, faltenreichen Röcken, auf
welche von den schwarzsammetnen, goldverbrämten
Miedern die langen Bänder bis zu den Fersen nieder-
hingen. Wie die seidenen, vielblumigen Schürzen

-
9B
schimmerten, und wie keck und fröhlich die Augen
blizten unter dem straff emporgekämmten Haar, das
die kleinen Käppchen und die großen Silbernadeln
nicht zusammen zu halten vermochten! Auch Fräulein
von Gunta hatte für den Tag die Landestracht an-
gelegt, und half den Mägden ihres Hauses bei der
Bewirthung der Gäste, als wäre das ihres Amtes.
Ich machte ihr eine Bemerkung darüber. Sie sah
mich mit einem gewissen Erstaunen an. , SSoll ich
den Menschen nicht dienen,! sagte sie, ,,wwelche gekom-
men sind, meinem Vater Vertrauen und Ehre zu
erweisen?
Das Schloß füllte sich mehr und mehr, und da
die Hausfrau todt ist, vertrat Veronika ihre Stelle.
Ihr Anblick rührte mich, weil ihre stolze Freude über
ihres Vaters Ansehen sie so demüthig machte, und alle
ihre Demuth den Adel ihres Wesens nicht verbergen
konnte. Mitten aus dem Kreise der sie umgebenden
Mädchen sah man immer sie. Ich habe in Trianon
manchmal an der Seite der Königin gestanden, wenn
sie die Schäferin spielte; man konnte es vergessen,
daß man eine Königin vor sich hatte; so lieblich sah
sie aus. Veronika's strenge, königliche Schönheit läßt
sich nicht verhüllen, fordert in jedem Augenblick Be-
wunderung- Bewunderung -- nicht Liebe.
Den 80. August. Das Volksfest auf Schloß

e
Gunta liegt mir noch im Einne, die natürliche Freude
bei demselben hat mich erwärmt. Jedermann war
! gerührt, als von fern her der alterthümliche Marsh
! erklang, und die drei aufgeputzten Musikanten, mit den
! bunten Bändern an, ihren Hüten und Instrumenten,
, in feierlich gemessenem Schritte vor den berittenen
! Wahlmännern einhergingen, die, fest in ihre Mäntel
gehüllt, den Degen an der Seite und eine bunte
Kokarde am Hute, ihnen bis an die Pforte des
Schlosses folgten. Hier stiegen die Wahlmänner ab, s
und während die Menge sich in dem Schloßhof und -
außerhalb desselben immer dichter zusammendrängte,
holten die Wahlmänner mit dem bisherigen Land-
ammann den neuen Landammann herunter. Bar-
häuptig und mit goldbordirten Mänteln sezten sich
die beiden Landammänner nun ebenfalls zu Pferde,
während die Musik und die Menge ihnen entgegen
jubelten und die alte Gerichtsfahne, welche schon die
Schlachten- des fünfzehnten Jahrhunderts mitgemacht,
vor ihnen einhergetragen wurde. Eine Weile ging
der Zug durch das Land, und selbst die Frauen, selbst
meine Schwester und Veronika schlossen sich ihm an.
Mitten in einer Haide machte man Halt. Der bis-
herige Landammann bestieg einen auf der Haide lie-
genden Stein und übergab mit Dauk für das Zu-
trauen seiner Mitbürger das Amt in des alten Gunta

z?
H Hände. Nun betrat dieser die natürliche Tribüne,
ß; und in einer Umgebung, die großartiger nicht leicht
zu denken ist, stehend auf dem Steinblock, der viel-
P leicht schon Jahrtausende auf dieser Stelle gelegen,
r=arNR
? gestrichene Stäbchen und das mehrere hundert Jahre
ß alte, vergilbte Statutenbuch als Insignien seines Amtes,
s die er dem Weibel zur Bewahrung übergab, und sprach
s dann in kräftig feuriger Rede zu dem Volke, von dem
s Glück der Freiheit, deren sie genossen, und von dem
s stolzen Bewußtsein, keinen Herrn über sich zu wissen,
s als den allmächtigen Schöpfer Himmels und der
s Erden, der diese Berge in ihren Grundfesten aufge-
! richtet, der das Firmament ausgespannt über die Erde
s und seine Sonne daran gesetzt, und der lebendig unter
! ihnen sei in seinen Wundern und Zeichen.
Und als solle dieser Rede ein Schluß gegeben
j werden, großartig und imponirend wie der Sinn des
s Mannes der sie gesprochen, so rollte in dem Augen-
j blicke von der nächsten Bergesspite eine mächtige La-
! wine hernieder, daß ihr lauter Donner über das Thal
j hinschallte und wieder und wieder von den Felsen
s nachklang, bis das lezte Echo in dem jubelnden Lebe-
s hoch und Vivat untergegangen war, mit welchem die
s Bürger ihren Erwählten begrüßten.
Vewald, Kleine Romane. R
?
s

Ich fühlte mich wohl in den Reihen dieser Men-
schen. Das Herz schwoll mir in einer großen Em-
pfindung, und ich war gerührt. Conradine bemerkte
es.,Hast Du Aehnliches erlebt an Deinem Königs-
hofe zu Versailles?' fragte sie. Ich bin ihr die Ant-
kele Atwort uf die Krogen zu geben, die sleh z s
wort schuldig geblieben, denn ich weiß mir selber noch
mir regen. Mein Sinn wird unwwillkürlich von einer s
Sehnsucht, die ich mir nicht eingestehen mag, in die s
weite glänzende Ferne zurückgeführt, obschon meine f
jetzige Umgebung mich anzieht und meine Theilnahme
gewinnt. Ich habe den rechten Halt verloren; und
ich bildete mir doch ein, ein Mann zu sein! -
Den ß. September. Meine Schwester sendete mir
gestern den Brief, den sie von ihrem Sohne erhalten.
Was soll ir mir? was konnte er mir bringen, das
ich nicht wußte, nicht erwartet hatte, als der Prinz
---
Es war ja lange Franziska's Plan gewesen, und
sie hat ihren Weg mit meisterhafter Sicherheit ver-'
folgt. Was kümmert es sie, daß sie mein Leben ver-
giftet? daß sie mich um Glück und Hoffnung betro-
gen? daß ich den Jüngling jezt beweinen und beneiden
könnte, der durch meine Hand ihrer schrankenlosen
Eitelkeit zum Opfer siel?-- Und doch wollte ich,
Ulrich hätte geschwiegen. Es thut mir weh, daß Con-

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radine sie verachtet. Es brennt mir in der Seele,
daß ich nicht Verehrung fordern darf füt das Weib,
welches ich mit nicht zu besiegender Leidenschaft ge-
liebt, für das Weib, das ich verdamme und das ich
doch nicht verschmerzen kann.
Schloßß Thuris, den 1. September. Welch ein
Weg, welche Nacht war das!=- Conradiue hat Recht,
dies Land, dies Leben müssen auch der Weiber Herzen
stählen!
Wir waren vorgestern hier von Thuris nach Schloß
Gunta geritten, den Wahlschmaus zu begehen. Das
Schloß, seine Höfe, seine Gärten waren voll Menschen.
In der großen Halle, auf dem Hofe avaren die mit
Speisen und Getränken überfüllten Tische aufgestellt.
Die Menschen waren meilenweit herbeigekommen, es
war wie bei einer Kirchweih, das Begrüßen, das Be-
sprechen, die Freude, die Vivats und das Schießen
fanden kein Ende, bis man zum Tanze ging-
Man tanzte in der großen Hausflur des Neben-
gebäudes, denn nur das Volk begehrte den Tanz.
Die Musikanten, welche an dem Wahltage ihre Künste
geübt, spielten auf, ein paar an die Mauer befestigte
Lampen, in denen große Unschlittklumpen den Docht
tränkten, machten die Beleuchtung. Man begann mit
dem alten romanischen Nationaltanze, mit der Sear-
petta, und der Landammann hatte darein gewilligt,
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10
auch Veronika an dem Tanze theilnehmen zu lassen.
In zwei langen Reihen stellten die Burschen sih wie
zu einer Eccossaise auf, Veronika wieder in der Lan-
bestracht an der Jungfrauen Spize. Als die Tänzer
sih geordnet hatten, verstummte die Musik, man
tanzte nach Gesang. In langen, gezogenen Tönen
sangen die Männer im Chor: Ohi t ksit qvells
sesrpetts, ehi ts rs tan bsin? (Wer hat Dir die
Schuhe gemacht, die Dir so wohl anstehen? und in
gleichem Ton und Rythmus erwiderte der Chor der
Mädchen: Ili l kait el mi smore, ehi mi -uol
tsu bsin! (Mein Liebster hat sie mir gemacht, der
mir so sehr wohl will!s Sie wiegten sich dabei mit
den Körpern nicht unschön nach dem Takte, und so
oft die Worte tan bein gesprochen wurden, schlug die
ganze Gesellschaft rythmisch in die Hände und sprang
mit beiden Füßen auf dem Platze empor, den Takt-
t
schlag zu verstärken. Man sezte das eine ganze Zeit
lang fort, und ich suchte in Veronika's Zügen zu lesen,
was sie in dieser Gesellschaft und was sie bei diesem
Tanze empfände, der mir den SüdseeInsulanern ent-
lehnt zu sein schien. Ihr Auge war hell, ihr Mund
lächelte, sie war sehr heiter.
,Wie können Sie diesen Tanz ertragen, der kein
Tanz ist?' fragte ich sie endlich. Sie sah mich an,
als falle ihr meine Aeußerung auf, und es wollte mir

-
11
-;
bünken, als erröthe sie. Aber mich gleich darauf mit
ß lhrem hellen Auge anblickend, sagte sie:.,D, der
F Tanz ist schön! Wlr Alle haben die Worte der
F Searpetta von unsern Müttern gelernt, und haben -
die Scarpetta getanzt, sobald wir auf den Füßen
stehen konnten. Kindheit und Jugend und unsere
Mütter und Gespielen, Alles lebt uns in dem Tanze,
in der fröhlichen Scarpetta!!! =- Und gleich darauf
sang sie wieder ihr: Ili lü kait sl mi swore, elü
mi uol tan bein! und sang es mit einem so fröh-
lich herausfordernden Blick gegen mich, mit so viel
Lust, mit so viel eigenem Behagen und so viel absicht-
lichem Troze, daß ich mir eingestehen mußte, es ge-
t
höre nicht viel Kunst dazu, diesem schönen Wesen sehr
f wohl zu wollen!
Als man sich in dem Nationaltanze genug gethan,
!f spielten die Musikanten den Ländler auf, und eit
junger Bursche näherte sich Veronika. Ich sah, daß
des alten Gunta Stirne sich runzelte, ich mußte
lächeln. Die Tochter im Arme des Bauern zu sehen,
stand dem aristokratischen Volksmanne doch nicht an;
aber das brachte ihn mir menschlich näher, obschon es
mir, falls es dessen noch bedurfte, den Beweis gab,
wie es mit der allgemeinen menschltchen Gleichheit,
welche Herr von Gunta und meine Schwester so zu
preisen lieben, hier in diesen Bergen beschaffen ist.

1gN
Auch ich mochte jedoch Veronika dem Bauernsohne
nicht überlassen. Ich kam ihm zuvor, nahm ihre
Hand und führie sie ohne besondere Neigung in die
Reihe. Aber es war eine Lust, sie zu heben und zu
stützen, sie zu führen und zu halten, in ihr klares
Auge zu sehen und die fröhlichen Worte von ihren
schönen reinen Lippen zu vernehmen. Wohl dem
Mann, dem es einst vergönnt sein wird, mit freiem
Herzen sie die ersten Laute der Liebe stammeln zu
hören, den ersten Kuß von diesem unentweihten Munde
zu trinken.
Man tanzte bis in den Nachmittag hinein, dann
brach man plözlich auf, denn viele der Gäste hatten
weite Strecken zurückzulegen, und auch wir dachten
uns auf den Weg zu machen. Da aber Veronika,
welche ihres Vaters Gäste zu entlassen hatte, uns be-
gleiten sollte, um einige Tage in Thuris zu bleiben,
wurden wir aufgehalten, und die Sonne neigte sich
zum Untergange, als wir Schloß Gunta verließen.
Gonradine, deren Selbstgefühl sich in jedem Inge,
in jeder Aeußerung ihres Wesens ausspricht, ritt allein
gleich hinter ihrem Diener her. Ich folgte an Vero-
nika's Seite, die Mägde der beiden Frauen und mein s
Reitknecht schlossen den Zug. Veronika, die, wie meine f
Schwester, immer eine Beschäftigung haben muß,
unterhielt sich damit, mir die Namen der Berge, der
einzelnen Bergspitzen, der Schlösser, Dörfer und Wei-

108
- ler zu nennen, an welchen wir verüt.rmen. Aber
f wir waren noch nicht lange unterwegs, als e mir
s auffiel, wie selbst die nächsten Berge sic vor unserm
j Blick verschleierten, und wie es dunkler wute, als es
, der Zeit nach zu erwarten stand.
Der Tag war schwül gewesen troz seiner Hellig-
s keit, jezt lagerten die Wolken sich dichter und dichter
! zusammen. Bisweilen tauchte ein Steru auf, um
! schnell wieder zu verschwinden, und ein heißer, schwerer
! Luftstrom zog in bebenden Schwingungen dann und
! wann durch das Thal. Hier und da töntte es wie
- ein Seufzen aus den Schluchten empor, hier und da
hallte es wie ein unterdrückter Angstschrei von den
Bergen nieder. Die Vögel flogen troy der be-
ginnenden Dunkelheit noch unruhig kreisend über
unsern Häuptern umher und fuchten dann in banger
Hast ihre Nester zu gewinnen. Veronika war stil!
geworden, ihr Auge schaute sorglich nach der Stelle
hin, an welcher die Sonne untergegangen war. Die
Nacht brach vorzeitig ein, die Widstöße folgten ein-
ander in immer kürzeren Zwischenräumen, das Pfeifen,
das Stöhnen, das Grollen in der Luft wuröe immer
stäärker und vernehmlicher, und die schwüle Wärme
legte sich, obschon wir uns noch hoch genug befanden,
wie mit eisernen Reifen athembeklenmend um Brust
und Gehirn.

?
104
Conradine wendete sih um. ,Dein Vater hat
Recht gehabt, Veronika!' sagte sie,,der Föhn kommt
auf f!
,Ja!'' versezte Veronika, und beide Frauen schwie-
gen wieder. Es lag etwas Achtunggebietendes in
ihrer Ruhe vor dem Ausbruch einer nahen Gefahr.
Und das Unheil ließ nicht lange auf sich warten,
denn kaum daß sie gesprochen hatten, so zuckte ein
gelber Bliz durch das untere Gewölk, ein zweiter, ein
dritter flammten von der andern Seite durch die
Finsterniß, und als wären alle Stimmen von der
Natur entfesselt, so wild brauste, pfiff und hallte es
durch die Nacht. Der Schall des Donners verlor
sih in dem wilden Tosen. Sich auf dem Pferde zu
halten war unmöglich, auch wenn die Thiere weniger
von Angst ergriffen und scheu gewesen wären. Ich
hatte die Frauen herabgeheben, aber ein Obdach, ja
selbst eine Zuflucht war nirgend zu finden. Der Re-
gen begann in Strömen niederzufallen, das ganze
Firmament stand in Flammen, der Sturm steigerte
sich zum Orkan, wir hörten die Wasser von den
t. a
in stechend scharfen Schnee, und wir standen mitten
auf der Haide, ohne ein Vorwärts, ohne ein Zurück,
Mir schlug das Herz in der Brust, ich bangte für

105
s die Krauen, deren Mäntel schon lange kein Schut
j mehr waren gegen dieses Wettets vernichtende
Gewalt.
Unkundig der hiesigen Verhältnifse hatte ich beim -
Ausbruch des Orkans vorgeschlagen uns unter den
Schuz der Bergwand zu flüchten, die sich zur linken
Seite der Straße hinzeg, aber das Herabrellen der
Steine, welche das niederströmende Wasser mit sich
führte, machte das unthulich, und chnmächtig und
schuzlos der Wuth der Elemente preisgegeben, wurden
die Minuten uns zu langer Zeit. Die unthätige
Sorge, die Unmöglichkeit helfen, abwehren, beschüzen
zu können, und das lautlose Schweigen der Frauen
marterten mich. Ich hätte mich erleichtert gefühlt
durch ihre Klagen; ich hätte sie zu beruhigen, zu
trösten, ich hätte doch irgend Etwas zu thun, für sie
zu thun gehabt; ich hätte weniger lebhaft empfunden,
wie hülflos wir waren.
Endlich nach einer halben Stunde ließ der Orkan
in seinem Toben nach, die Blitze wurden seltener,
Schnee und Regen hörten auf, nur die Kälte blieb
empfindlich. Zog noch bisweilen ein Windstoß durch
die Luft, so klang es, als ob er jetzt von ferne käme,
und er fegte das Gewölk und die Nebel, in denen
wir uns befanden, vor sich her, daß die blaßgelbe kalte
Scheibe des Mondes für Seeunden aus der Finster-

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uiß hervorbrach, um eben so schnell hinter den flie-
genden, sich zusammenballenden und wieder verschwe-
benden Wolkenzügen zu verschwinden.
Wir athmeten anf, wir konnten daran denken,
! vorwärts zu kommen, wenn schon es unmöglich war,
! die Pferde wieder zu besteigen, denn die Verwüstung
auf dem Wege war zu groß. Hier lag eine riesige
! Arve entwurzelt, als hätte man sie mit Hebeln aus
der Erde gehoben, dort versperrten niedergerollte
Steinhlöcke den Weg, den an andern Stellen das
Wasser des ausgetretenen Flusses durchgerissen hatte.
Mt Mühe und Noth erreichten wir spät in der Nacht
den nächsten Hof. An ein Weitergehen, an eine Heim-
kehr war nicht zu denken. Nicht nur unsere Kleidung,
auch die mitgenommenen Manielsäcke waren bis in
ihren innersten Kern durchnäßt. Man half uns in
dem Hofe aus, und der Eindruck des Traumhaften,
dem ich hier so hääufig unterliege, umfing mich leb-
hafter als - je zuvor, da ich mich in jener Nacht unter
dem schlichten Dache, an dem weißen Holztisch, in der
Kleidung eines Landmanns, den bäuerlich gekleideten
Frauen gegenüber befand.
Als das Feuer auf dem Heerde brannte, uns zu
erwärmen, sagte meine Schwester:,Mir ist ganz,
bange geworden draußen!!!,Mir auch!! fügte Ve-
ronika hinzu.,Ich dachte, wie der Vater um uns