Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 10

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in Sorgen sein würde, ich fürchtete auch woirklich, wir
würden umkommen in dem Orkan, und ich lebe doc
so gern !!'
,Aber Sie äußerten keine Furcht!' wendete ich ein.
,,Ich betete in meinem Herzen !' gab sie mir zur
Antwort.
Glückliches Mädchen! möge der Himmel Dir Dei-
nen starken und schweigenden Muth, Dein frommes
Gottvertrauen und Deine Freude an dem Leben stets
erhalten. O, daß ich sie zu theilen vermöchte!
1. Kapitel
Die Aufzeichnungen des Grafen Joseph brachen
damit ab. Es fanden sich deren auch keine aus
spätern Tagen vor; es ist anzunehmen, daß nur das
erste Alleinsein in der ihm fremden Natur ihn in
jene lyrische Stimmung versetzt hat, in der er zu
dem schriftlichen Selbstgespräch seine Zuflucht ge-
nommen. Dagegen bot eine Reihenfolge von Briefen
den weiteren Einblick in die Berhältnisse des Grafen
Joseph dar. Der erste derselben ist von der Freifrau

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von Thuris an ihren Sohn gerichtet. Ich theile ihn
und die ihm folgenden Briefe ganz so mit, wie sie
mir übergeben worden sind.
,T huris, den 1. Februar 1788.
Ich habe Dir eine Trauerpost mitzutheilen, mein
lieber Sohn! Unser alter, trefflicher Freund, mein
treuer Gunta ist gestorben. Eine Erkältung, die er
sich auf der Jagd zugezogen, ist ihm tödtlich gewor-
den, und unsere arme Veronika ist nun verwaist. Sie
hatte Dir das Unglück, das sie betroffen, den Verlust,
den wir Alle erlitten haben, selber melden wollen, ich
habe es ihr aber abgenommen, da sie viel zu schreiben
hat und nebenher für die Freunde ihres Vaters Sorge
tragen muß, die gekommen sind, ihm die lezte Ehre
zu erweisen. Sie hat sich in allen diesen Tagen, am
Krankenbette, bei dem Tode ihres Vaters und in den
Obliegenheiten, welche jezt auf sie fallen durchaus be-
währt, wie ich sie zu finden gehofft hatte. Ihr Schmerz
ist sehr tief,. aber sie bleibt Herr über sich und ihn,
und zeigt sich sanft und fest zugleich.
Ich habe ihr vorgeschlagen, zu mir nach Thuris zu
j kommen, wenn die Bestattung ihres Vaters erfolgt
f sein wird; sie hat das aber abgelehnt, und ich finde das
, begreiflich. Sie wird sich selbst genügen, ihren Gram
ausleben wollen, wenn sie ihre ersten Obliegenheiten
erfüllt hat; ja ich traue ihr zu, daß sie den Vorsaz

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ausführt, welchen sie am Sarge ihreö Vaters in den
ersten Augenblicken nach seinem Tode aussprach, als
ihre Leute wehklagend den Verlust ihres Gebieters be-
klagten. Sie scheint in Gunta bleiben und mit Hülfe
ihrer treuen und erfahrenen Leute die Bewirthschaftung
ihrer Güter in dem Sinne unseres verehrten Freundes.
fortführen zu wollen. Ich wüßte auch nicht, was sie
daran hindern sollte, denn ich würde in dem gleichen
Falle das Gleiche gethan haben.
Indeß hoffe ich, daß bald eine andere Hauad ihr
die immerhin nicht leichte Aufgabe tragen helfen wird.
Vielleicht sage ich mit dem Worte,hoffen'' mehr, als
ich vertreten kann. Was man aber lebhaft wünscht,
das hofft man auch.
Dein Onkel lebt sich bei uns ein, und die Nach-
richten, welche Du mir im vorigen Herbste gegeben,
haben sicherlich nicht wenig dazu beigetragen. Schon
seit Monaten spricht er nicht mehr von seiuer Rück-
kehr nach Paris, die anfangs eine fest beschlossene
Sache für ihn war. Die Stille und Einsamkeit auf
Rottenbuel gewinnen einen Reiz für ihn, die Bewirth-
schaftung seines Erbes fängt an, ihm ein Interesse ein-
zuflößen. Es geht ihm allmählich der Sinn dafür-
auf, daß der Adlige nur ein Edelmann ist in seinem
eigenen Schlosse, auf seinem eigenen Grund und Boden,
und daß er in die Glasse der abhängigen Dienerschaft

110
! hinuntersteigt, sobald er sich herbeiläßt, sich fremdem
s Willen unterthan zu machen, wäre es auch dem Willen
s eines Königs. Es überraschte ihn offenbar, als ihm
s Veronika dies ihr angeborene anerzogene Empfinden
! einmal aussprach, uud ich hoffe, ihr Einfluß wird ihn
bewegen, seinen Abschied zu begehren und hier zu
bleiben, wo er hingehört. Was hat er an dem Hofe
Ludwig's K 7. zu suchen? Was soll ihm diese Mar-
auise und ihr falsches Spiel?=-
Sein freier Mannessinn hat Schaden gelitten in
der gefährlichen Luft jenes Hofes, sein Empfinden ist
verwirrt in dem trügerischen Lichtglanz einer Atmosphäre,
in der auch Du, wie mich bedünken will, jetzt lange
! freien Natur gelebt und gelernt hat, sie zu beobachten
genug geweilt hast. Wer, wie ich, beständig in der
und zu verstehen, der gewinnt, so meine ich, auch ein
Verständniß für die Zeichen in dem Geist der Menschen
und der Zeit; und wie ich meist voraussehen kann,
wenn der Sturm uns droht in unsern Bergen, so
dünkt mich, fühle ich das Herannahen eines Sturmes,
der vom fernen Westen, über den Dcean herüber, ein
Wetter, ein befreiendes, die Luft entladendes Gewitter
vor sich hertreibt. Der Marquis von Lafayette, der
die Reihen seines Regiments verließ, um den Ameri-
kanern zu Hülfe zu eilen, welche für ihre Unabhängigkeit
kämpfen, war vielleicht schon der Sturmvogel, der dem

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j Orkan voraufflog. Und wir wissen, was eiu Orkan
j zerstören kann! Habe ich das in der Erdeuwelt doch
s lm lezten Jahre an unserm armen Walde geungsam
s erfahren
Deine baldige Heimkehr würde mir in jedem Sinne
! lieb sein, obschon sie um meinetwillen, die ich mich gut
s befinde, nicht eben nöthig istr!
s Veronika von Gunta an den Grafen von Rottenbuel.
,,Gunta, den H. Mai 188.
,,aben Sie meinen aufrichtigen Dank, mein Herr
Graf, für alle die gütige Zuvorkommenheit, wwelche Sie-
mir während dieses ganzen Winters bewiesen haben.
Es that mir sehr wohl, mich Ihrer Theilnahme ver-
sichert halten zu dürfen, und wenn Schnee und Eis
mich bisweilen für Tage und Tage von aller Welt ab-
schieden,. und mein armes Haus mir recht verödet
schien, weil der Blick, der mein Leitstern durch das
Leben gewesen ist, nicht mehr über demselben waltet,
und die liebe Stimme, die ich jetzt nur noch in meinen
Träumen vernehme, nicht mehr über mich und über
unser Haus gebietet, dann haben die Bücher mir freund-
lich Gesellschaft geleistet, und mein Sinn hat sich daran
aufgerichtet, mein Herz sich daran erwärmt.
Aber ich kannte die beiden Rdomane bereits, die
Sie mir zuletzt gesendet haben. Sowohl die dou=elle
Mloise von Rousseau, als die Leiden des jungen
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Werther von Herrn Goethe hatte ich gelesen, als im
vorigen Sommer unser Graubündner Dichter Herr von
Salis uns besucht hatte und viel von Poesie und von
den früheren und jezt lebenden Dichiern die Rede ge-
wesen ist. Ihre Schwester war nicht dafür, daß mein
Vater mir diese Bücher zu lesen verstattete, mein Vater
aber hatte kein Bedenken, mir den Genuß zu bereiten,
und Genuß habe ich sehr viel davon gehabt. Es war
mir, während ich las, immer zu Muthe, als stünde
nach Italien hin, wo Alles anders und Alles schsnee f
ich auf unsern Alpenhöhen und sähe hinab gen Süden
ist, als bei uns; Alles so warm, so die Sehusucht
weckend, so verlockend und sn überwältigend, daß man-
Scheu fühlt, es kennen und lieben zu lernen, aus
Furcht es wieder entbehren zu sollen. Mein ernster.
Vater war ganz jung geworden bei den gedachten
Büchern, und ich empfinde in der Erinnerung an ihn
! und an seine Freude noch ein ganz besonderes Glück
! und eine höhere Rührung, so oft ich sie wieder lese.
Nur Eines, daß ich es Ihnen bekenne, ist mir da-
mals und jetzt wieder aufgefallen und hat mich in
meinem Genusse innerlich beeinträchtigt. Ich vermisse
an Werther's Lotte die rechte Wahrhaftigkeit des Her-
zens, und ich meine, wem diese fehle, der könnte auch
die rechte, wahrhaftige Liebe niht empfinden, und der
habe auch die einfache Herzensgüte nicht, welche Anderen

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kein Leid bereiten mag. Wenn ich mich der Thränen
über Werther's Leiden nicht erwehren konnte, so kränkte
es mich immer um so mehr, daß Lotte ihn mit offner
Wahrheit von diesen Leiden heilte, und in das Mitleid
über des Armen Tod mischte sich ein rechter Zorn
gegen seine Lotte. Es muß sicherlich ein großes Un-
glück sein, keine Gegenliebe zu erhalten, wo man sein
Herz hingegeben hat; ich meine aber, Liebe zu erregen,
wo man sie nicht empfindet, und Unglück über einen
guten Menschen zu verhängen, müsse die Seele zuletzt
ebenfalls mit sich selbst in Unfrieden bringen, und ich
! weiß nicht, wie man mit seinem Gewissen fertig wer-
- den kann, wenn man sich eingestehen muß, daß man,
wie Lotte, durch Nachgiebigkeit gegen sich selbst oder
durch Unaufrichtigkeit gegen einen Andern das Unglück
eines liebevollen Herzens verschuldet hat. Wollte ich
doch lieber mein eigenes Leben in dem fernsten Winkel
der Erde still für mich tragen, als eine Seele betrüben,
die von mir ihr Glück erwartet. Ich liebe diese Lotte
nicht, wie schön Herr Goethe sie auch ausgestattet hat.
Und nun verzeihen Sie mir, Herr Graf, wenn ich
es wagte, Ihnen so unumwunden meine Meinung zu
sagen, und Ihre Ansichten in diesem Punkte nicht zu
theilen. Damit ich Ihnen aber doch meinen Dank
ausdrücke, lege ich Ihnen ein Paar Gedichte des Herrn
Gaudenz von Salis bei, welche eine liebe Freundin
Lewald, Kleine Romane. E.

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mir gesendet hat, und ein Gedicht des Herrn von
Matthisson, das man im Bodmer'schen Haus für mih
abzuschreiben die Güte gehabt hat. Der Frühling und
das Grün und der Sonnenschein, die er so gar lieb-
lich besingt, lassen sich bei uns leider noch erwarten.
Vielleicht bringen Sie mir die Blätter wieder, lieber
Herr Graf, wenn die prophetische Beschreibung des
Dichters sich auch hier bei uns in Wahrheit verwan-
delt haben wird. Mit der aufrichtigsten Hochachtung,
mein verehrter Herr Graf, Ihre ergebene
Veronika von Gunta.'!
Graf Joseph von Rottenbuel an die Freifrau
von Thuris.
,Den s. Mai.
,,Ich sende meinen Reitknecht heute nur herüber
um Dir eine Frage vorzulegen, liebe Schwester, deren
genaue Beantwortung ich von Dir zu erhalten wünsche.
Kennt Veronika den Namen der Marquise, und was
weiß sie von mir, von meiner letzten Vergangenheit?
Sie hat mir heute einige Bücher geschickt und mir in
ihrem kleinen Briefe ein Urtheil über den Werther
mitgetheilt, das ich durch eine Kenntniß meiner per-
sönlichen Erlebnisse eingegeben glaube. Sei so gut
mich zu benachrichtigen, was ich davon halten soll.
Der Brief hat mich in doppeltem Sinne überrascht.
Ich komme in den nächsten Tagen zu Dir hinüber.!

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Die Freifrau von Thuris an ihten Bruder.
,Den s. Mai 1788.
,,Veronika weiß von der Marquise Nichts! Beruhige
Dich darüber, mein lieber Bruder!- Da ich der
Hoffnung nicht entsagen mochte, Dich von der Neigung
zu dieser unheilvollen Frau geheilt zu sehen, und den
Wunsch in mir hege, daß Du, wie die Bibel es nennt,
Dir hier unter den Töchtern des Landes ein Weib
nehmen solltest, so habe ich darauf gehalten, Deine
Verhältnisse als ein Geheimniß zu bewahren. Was
also Veronika Dir auch geschrieben haben mag, eine
Nebenabsicht oder einen Hintergedanken hat sie sicher-
lich nicht dabei gehabt. Aber Deine Theilnahme für
sie macht mir Freude und ermuthigt meine Wünsche
zu schönen Hoffnungen. Komme bald zu mir, und
wir wollen die liebe und schöne Einsame gemeinsam
besuchen.''
Die Freifrau von Thuris an ihren Bruder.
,Thuris, den 1?. Mai.
,Du hast nicht Wort gehalten, lieber Bruder, und
ich habe Dich seit zehn Tagen vergeblich erwartet. Man
sagte mir, Du seist ohne Begleitung auf die Jagd ge-
gangen, als ich am lezten Montag bei Dir war.
Woran liegt es, daß Du der Bitte, mich zu besuchen,
die ich Deinen Leuten auszurichten auftrug, nicht nach-
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gekommen bist? ch hoffe nicht, daß Dir ein Unfall
zugestoßen ist, oder daß Du sonst ein übles Hinder-
niß gehabt hast. Beruhige mich darüber, lieber
Bruder.'!
Graf Joseph an die Freifrau von Thuris.
, Rottenbuel, den 18. Mai.
,Weshalb ich nicht gekommen bin? Frage die
Seligen, weshalb sie sich nicht losreißen aus ihrer
trunkenen Anbetung des Göttlichen, um auf die Erde
zurückzukehren. Frage ----- o! aber was sollen die
Worte, was soll die Mittheilung, da Du ja doch Alles
schon weißt, wenn Dir diese Worte die Wonne meines
entzückten Herzens verrathen haben.
Vor einer Stunde bin ich von Gunta heimgekehrt,
! heimgekehrt in mein Hans, das mir wie verwandelt
erscheint, seit ich weiß, daß sie es mit mir bewohnen,
! üuut ihr von diesen Erkern hinabsehen werde auf die
daß Veronika hier schalten und walten wird, daß ich
Bäume, wvelche uusere Altvordern mir hier gepflanzt,
und unter deren Schatten meine und Veronika's Kin-
der einst spielen werden.
Gesegnet sei die Stunde, in welcher Du mich zur
Heimkehr mahntest- ja ich möchte sagen, gesegnet
sei das Unheil, das mich von Paris entfernte. Ich
fühle mich wie ein verklärter, wie ein neugeborner

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Mensch, ih denke mit anderen Gedauken, ich empfinde
mit anderen Sinnen; und das Alles ist ihr Werk,
Veronika's Werk, der Liebe Werk, die mir die Seele
befreit von allen bösen Erinnerungen, und mir mit
dem Glauben an die Reinheit des Weibes auch die
Fähigkeit zu neuer Liebe und, daß ich es Dir gestehe,
eigentlich erst das Verständniß der Liebe gegeben hat;
denn was mich zu Franziska hingezegen, verdiente
diesen Namen nicht.
Wie das gekommen ist? Ich brauchte es Dir nicht
- zu sagen, wenn es mich nicht so glücklich machte, es
mir selbst zu wiederholen. Daß Veronika schön sei,
wer hätte das nicht beim ersten Blicke sehen sollen?
Aber es war nicht diese Schönheit, die mich an sie
fesselte, so sehr sie mich entzückt. Es war die reine,
unverfälschte Wahrheit ihrer einfachen Natur, die schöne
Seele, der alles Edle und Erhabene angeboren ist, die
nur sich selber nachzugeben braucht, nm immer das
PH- == = =-
Ich sah sie als die gehorsame und gefügige Tochter
ihres Vaters, als die gastliche Wirthin ihres Hauses,
als das Kind des Volkes, in dem sie gsboren worden.
Im fröhlichen Tanze, im wilden Orkan der Nacht, am
Krankenlager und an der Leiche ihres Vaters, einsam
in ihrem Schlosse sich und ihrem Grame überlassen,

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eine kluge Verwalterin, eine milde Herrin, eine sanfte
Helferin der Leidenden - immer, immer war sie sich
gleich; und ich konnte sie nicht mehr sehen, ohne mich
in ihrer Nähe vor den Stunden zu fürchten, die ich
fern von ihr zuzubringen hatte.
Es hätte Deiner Mahnuung, daß ich Veronika nicht
eben oft besuchen möge, nicht bedurft; war sie mir
doch heilig wie meine Ehre, wie das Andenken an
meine Mutter, wie hätte ich sie auch nur dem Schatten
einer Mißbilligung preiszugeben vermocht! Aber ich
konnte den Trost nicht entbehren, daß sie meiner gedachte,
und wie die Schrecken uuseres Winters sich auch zwischen
uns aufthürmten, so fand der treue alte Bernhard
doch stets denz ren mir zu ihr, und unsere Ge-
danken traten einander näher, unsere Empfindungen
wurden. zu einem einzigen allmächtigen Gefühl.
z - Im Zweifel an mir selbst hatte ich mir stets miß-
traut; endlich litt es mich nicht länger. Die, heiße
Sehnsucht, die mich zu ihr zog, die mich mir selbst
entfremdete, konnte mich nicht täuschen; und an der
Wonne,mit welcher ich den erwachenden Frühling in
mneine Seele leuchten- fühlte, ermaß ich, daß mein Herz
Frej gewoxden sei und, rein genug, die Geliebte in das-
selbe aufzunehmen. -
- In guter Stunde ritt ich nach Gunta. Daß ich
Dir -sie beschreiben könnte, diese seligen Augenblicke
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hoffnungsvoll bangender Zuversicht! daß ich Dir sie
Fchildern könte, die freudigeInbrunst, mit welcher ich
ieine Jugend mir wiedergegeben' fühlte!
Es war schon Mittag,' als ich' ihr Haus sich vor
mir erheben sah, und nun ich es erblickte, wankte mein
Herz. Ich hatte ihr nie von meiner Liebe für sie ge-
schrieben, sie hatte Nichts gesagt, was mich zu hoffen
berechtigte, so bereitwillig meine verlangende Seele es
sich zu meinen Gunsten auszulegen wußte.
Ich wollte mich sammeln, noch eine lezte Viertel-
stunde mit mir allein sein. Ich stieg an der hintern
Seite des Gartens vom Pferde, das ich einem Buben
zur Führung überließ, öffnete die kleine Pforte neben
der Gärtnerwohnung, und trat in das kleine Gehölz
ein, das dieselbe von dem Garten abtrennt. Niemand
hatte mein Kommen bemerkt, die Leute waren bei der
Arbeit, und ungesehen ging ich den Weg nach dem
Schlosse hinauf.
-- Die:Sonne schien warni hernieder, die hjungen
Hlätter- zitterten-leise, als obsiesich -zu entfalten
jtrebten, das Gras duftete, wo! mein Fuß, es betrat,
und funkelnd' in seinem weißen:Gischtesschößf blizschnell
das: Wasser- des Baches dan mir- vorüber, zuni Thal
-hinab. : Ich jezte michauf der Bank' unter dey?ro-
ßen Wallnußbaume nieder und sahpnach ihremn Fenster
hin, -vor dem die Vorhänge sich leise im Suftzug be-
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wegten, und sah zu dem schneeigen Gipfel des Berges
rararr
ronika der Friede für mich sei
Mit einem Male hörte ich mir gegenüber die ,
Zweige des Gebüsches sich bewegen, und mitten in ;
dem jungen Grün, wie eine Lichtgestalt schön in ihrem
weißen Gewande, stand Veronika vor mir. Ich sprang
empor, sie trat erschrocken zurück, aber schnell wieder
Herr über sich selbst, sagte sie freundlich:,Ach, Graf
Joseph, ich dachte an Sie, darum überraschte es mich
so, Sie vor mir zu sehen!! ==- Und da ich stumm
vor ihrem Anblick stehen blieb und ihre Hände ergriff
und in ihr Auge blickte, da füllten diese sanften Augen
sich mit Thränen, eine heiße Röthe, die glückverkün-
dende Morgenröthe meiner Zukunft, überzog ihre
Wangen, und trunken und verwirrt ihr liebeseliges
Antliz an meiner Brust verbergend, sagte sie: ,Ach,
Bester! ich kam von meines Vaters Grabe, und - =-
Sie vollendete nicht, sie weinte. Ich hielt mich
nicht länger und schloß sie in meine Arme. ,Was
bekümmert Dich, Veronika?! fragte ich sie.
,Ich dachte an meines Vaters Grabe nur an Dich!r!
seufzte sie und hob die schönen thränenschweren Augen
zärtlich zu mir empor.
Und nun ich es Dir schreibe, überfluthet sie mich

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wieder, die ganze Fülle meines Glückcs, daß ich die
Brust im Freien kühlen muß. Sage Dir selbst, was
mich bewegt!
Morgen kommt Veronika zu Dir; an Dein Herz.
das mir dieses Kleinod herangebildet, lege ich meine
Braut; bis ich sie als mein Weib in das Haus un-
! serer Väter geleiten kann. Sei bei uns mit dem
! . Segen Deiner Liebe!r'
Die Freifrau von Thuris an ihren Sohn.
,,huris, den W. Mdai 1788.
,Mein Lieblingswunsch hat sich erfüllt, geliebter
Sohn! Der Onkel hat sich mit unseren Verenika ver-
, lobt. Eine bessere Wahl konnte meit BriUer nicht
treffen, ein würdigeres Mädchen konnte der Reihe un-
serer Ahnen nicht einverleibt werden. In wen'hz Wo-
chen soll ihre Verbindung gefeiert werden, und ich
würde mit freudiger Zuversicht dem Tage entgegen
sehen, wenn nicht die allzu lebhafte Empfindung mei-
nes Bruders mir es deutlich zeugte, wle sehr die Lei-
denschaft seines Herzens über ihn Gawoalt hat. Indeß
ich vertraue der liebevollen Klarheit unserer Veronika,
daß sie ihn zu beruhigen, zu fesseln und zu beglücken
wissen wird. Sie grüßt Dich schwesterlich und hofft,
Du werdest heimkommen, sie als ein Bruder zum
Altare zu geleiten. Auf nahes Wiedersehen also, für
das es ohnehin bald Zeit ist.r--

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Ulrich von Thuris an seine Mutter.


, Paris, den 1. Runi 178s. z
,ergieb mir, theuere Mutter, wenn ich Deinem ;
Wunsche mit nächstem heimzukehren, noch nicht Folge -
leiste, und vergönne mir vielmehr, meine Reisezeit-
noch auszudehnen. Ich möchte England kennen ler- s
nen, Schottland besuchen, ehe ich nach Hause komme. -
Du wirst ja ohnehin jetzt weniger einsam sein, ß
geliebte Mutter, da der Onkel und Veronika künftig -
in Deiner Nähe wohnen werden.
Veronika des Dnkels Braut! Veronika meine
Tante! Wie mir das auffällt! Ich hatte von jeher -
Deinen Plan gekannt und mit dem Onkel selbst davon
gesprochen; nun et sich verwirklicht hat, befremdet mich -
das Vorhergesehene, das Erwünschte, ja, es kommt -
mir unbegreiflich vor. Kann man denn Mißgunst
fühlen gegen einen Freund? und eifersüchtig sein auf
feine Schwester? Wie wunderlich ist unser Sinn, wie
eigenfinnig unser Herz!
Grüße das Brantpaar von mir und sage ihm meine
besten Wünsche. Wenn ich mich zu wundern aufhöre,
will ich ihnen selbst schreiben.
Lebe wohl, theuere Mutter, und laß mich reisen.
Ist mir's heute doch, als hätten Du und ich Veronika
verloren, als hätten wir mein Herz nicht recht gekannt.
Sage ihr nicht, daß ihr Glück mich heute noch nicht