Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 11

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Z freut. Lebe wohl, theuere Mutter! Wenn ich wieder-
F Lhre, solst Du Deinen alten uleich h mhr knden.
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=s=sFF . - s;i -
l. Kapites
- Die Papiere, welche sich in meinen Händen be-
F fanden,. enthielten, wie gesagt, keine fottlaufenbe Brief-
s sammlung. Es scheinen gelegentlich große Swischen-
F räume ,in der Correspondenz eingetreten zu sein.
f Graf Rottenbuel und seine Frau wohnten der Frei-
f' frau vön Thuris so nahe, daß man sich häufig sehen
! und deshalb des Briefwechsels, entrathen konnte, und
die späteren Vorgänge machen es, wahrscheinlich, daß
Conradine die Briefe ihres Sohnes aus jener Zeit
nicht aufzubewahren für gut befand., Der erste Brief,
welcher sich nach dem Schreiben gllrich's wieder vor-
findet, ist der Brief der Gräfn an die Freifrau, aus
dem Sommer 10, welcher hier folgt.
Die Gräfin von Rottenbuel an die Freifrau von.Thuris.
,Sie thun mir wirklich Unrecht, meine theyere
Schwester, meine geliebte mütterliche Freundin, wenn
Sie mich einer schwachen Nachgiebigkeit gegen meines
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12e
1

Manes Wünsche anklagen; und weil ich hnen düä,
gern auseinander sezen möchte, beste Conradine, sß
benuze ich die Abwesenheit Joseph's, der nach Chur !
hinuntergefahren ist, um Ihnen in aller Ruhe zu er- -
klären, was mir selbst die von meinem Manne beab-
sichtigte Rückkehr nach Frankreich wünschenswerth und
als etwas Zweckmäßiges erscheinen läßt.
Sie selbst, theuere Schwester, haben mich, ebenso
wie mein lieber verstorbener Vater, dazu angehalten,
mich bei den Ereignissen nicht zu beumruhigen, son-
dern ihren Ursachen nachzuforschen. Das habe ich
denn auch in unserm Falle gethan, und' ich finde es
seitdem sehr natürlich, daß mein Mann sich in ein
bewegteres Leben, in eine ängeregte Geselligkeit und
in den Wirkungskreid zurücksehnt, in welchem er sich
bis zu seiner Heinkehr in die Schweiz stets wohl
befunden hat.
Sehen Sie, liebe Conradine! Joseph ist als
Militair erzogen, ist in Paris in der glänzenden Ge-
sellschaft des Hofes aufgewachsen, und Sie wissen das
ja selbst, er hat niemals aus freiem Antriebe daran
gedacht, das Dasein eines Landedelmannes zu führen.
Es waren Ihre Vorstellungen - und auch nicht
einmal diese=- es waren das Duell und die Herz-
zerrissenheit, die ihn zu uns nach Graubünden brachten,
und ich segne für mein Theil die Stunde, in welcher

1!
ß ß Kuß unser Land betrat, von ganzem, Derzen und
ß=n jbem Vage
F,«. Meines Männes Seele ist abet jezt längst genesen
j von seinem Zweifel an den Frauen, seine Liebe ist
s! mir ein heiliger, unverlierbarer Besiz.,Indeß unsere
s! Ehe ist kinderlos, wir sind alleinn, und, der Graf, an
s die Parisee Geselligkeit gewöhnt, findet keinen Geschmack,
j keine Befriedigung an dem ausschließlichen Umgang
s mrit unsern Nachbarn und Verwandten. Die Land-
s wirthschaft, die Jagd, der Gelderwerb, ja selbst der
s verhältnißmäßige Einfluß und die Macht, welche unser
- Besiz ihm gewährt, haben keinen Reiz für ihn, haben
denselben auch nie für ihn gehabt. Er hat ja von
Anfang an nicht daran gedacht, sich dauernd bei uns
niederzulassen, und deshalb seinen Abschied nicht ge-
fordert, sondern bisher nur von dem bewilligten r-
laub Gebrauch gemacht. ;
Hätte ich, wie der Graf, meine Jugend in der
großen Welt zugebracht, ss würde er sich vielleicht
mit mir zusammen leichter än diese;Zurückgezogenheit
gewöhnen. Gemeinschaftliche Erinnerungen würden
den Stoff unserer Unterhaltungen vermehren, ich selbst
würde besser im Stande sein, zu beuttheilen und zu
erseten, was mein Mann entbehrt, und . ist für uns
in ber Zukunft ein dauernder Aufenthält. in Bünden
möglich, so wird er das nur dann sein, wenn wir

17s
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ese Weile in Krankreich gelebt haben, und de: Eef
Gelegenheit gefunden haben wird, sich zu überzeigeä
ob Paris und die Pariser Gesellschaft ihm jezt noch P
so reizend erscheinen, als vor unserer Verheirathukg F
als in den Tagen, in welchen die herzlose Gefallsüchk j
einer eiteln Frau ihn in beständiger Aufregung erhielt! j
Gewiß, meine theure Conradine! Sie machen sih ß
unnöthige Sorge um mich, um uns, und könnten mik F
dieser vielleicht grade dasjenige hervorrufen, was Sie ß
zu vermeiden wünschen; Sie könnnten Joseph und michi s
an der Liebe zweifeln mnachen, die uns zu unserm. I
Glücke verbindet.
Sehe ich aber ganz von mir, von ihm, von unserer -
Liebe und unseren häuslichen und ehelichen Verhält-
nissen ab, so muß ich meinem Manne darin beipflich-
ten, daß es, wie die Lage der Dinge sich in Frank- ,
reich gestaltet, jezt für ihn eine Ehrensache ist, seinen.
Dienst wieder anzutreten und auf seinen Posten zurück
zukehren. Die Angelegenheiten werden in Paris immer
verwickelter, der König hat sicherlich die Nähe seiner
Treuen nöthig; wwenn ich daher vielleicht auch wün-
schen könnte, daß Joseph niemals unter den Schwei-
zern gedient hätte, so vermag ich jetzt doch nicht, ihn.
von der Erfüllung einer doppelten Ehtenpflicht zurück-
zuhalten, und es freut ihn, daß wir auch in diesem.
Punkte uns so ganz in ebereinstimmung befinden:

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=z F
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Fsi: Kurz, meine theure Freundin, Sie sehen, ich bin
Fertschlossen, und Sie werden skh hoffeitlich in nicht
Ezu ferner Seit überzeugen, daß ich diesmäl das Rich-
Ikige für uns treffe. Beruhigt sich die Auftegung in
FFrankreich, so werde ich dann selbsi den Grafen bitten;
Fseinen Abschied zu fordern.
F! Meine Neugier und meine Ast, doch auch ein
gwenig von der Welt zu sehen, werden übrigens sicher
CBefriedigung durch unsere Reise erhalten. Ich wwerde,
Fwie ich hnffe, auch eine sehr elegante Dame werden,
Eund wenn ich das zufällige Glück haben sollte, dem
g Grafen mit meiner Person in der Gesellschaft einiger-
Fmaßen Ehre zu machen, so wird das - ich kenne
Jihn darauf -- meinnen Werth in seinen Augen nicht
s verringern. Da können Sie an diesen lezteh Aeuße-
l, rungen gleich gewahren, wwie schon be bloße. Gebaks
j an Paris ben Menschen umgestaltss, Ws mäß etwäs
s Bezaubernhes in sich schließei, bssses ges! = Höt
P doch auch der gute Ulrich mut äll' seiner Lebe für
Z sein Vaterland es bei uns nur weitig Motate aus-
I gehalten, und sich schnell wieder iach dem blendenden
F Lichte der Hauptstadt hingewendet, an dem ich nun
F auch -- mir die Flügel verbrennen gehen will.
Ich umarme Sie und küsse Ahnenn die Hänb!
ß! Glauben Sie mir, meine theure Schwägerii, daß lnh
l! es nie vergesse, welche liebevolle Erzieherin unb Füh-

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rerin Sie mir gewesen sind, und nun fassen Sie gutehFj
Mun, wie ich selbst ihn habe. Joseph mnß durchaasßs
wieder froh und heiter werden. Hier bleiben und ihntjj
so oft niedergeschlagen und mißmuthig sehen, das gehtF
über meine Kraft. -- Von Herzen Ihre Ihnen gans!s
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ergebene
Veronika, Gräfin von Rottenbuel.
Die Gräfin von Rottenbuel an die Freifrau
von Thuris.
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,ßaris, den A. Dctober 179.
,Meine verehrte Schwägerin! Wir sind vor drei
Wochen grade an dem Tage hier angekommen, an
welchem unser verehrter Landsmann Herr Necker,
müde der Leitung eines Schiffes, das vom wilden
Strudel erfaßt ist, abermals sein Amt niederlegte, um
sich auf seine Besitzungen in seine und unsere Hei-
math zurückzuziehen; und ich habe Ihnen noch nicht
geschrieben, meine Freundin, weil ich Mühe habe, mich
und meine Gedanken in dem Sturme zurecht zu fin- -
den, der mich umgiebt.
Ich komme zum ersten Male in eine große Stadt
und finde ihre sämmtlichen Verhältnisse wie aufgelöst;
ich komme an den Hof, in dessen Sonnenstrahlen
sich Alles drängte, und finde, daß seine treuesten An-
hänger sich von demselben zurückziehen, ich sehe zum

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.
1
Fersten Male einen König, einen edeln, sanften, guten
F König, und er steht fruchtlos kämpfend einer Gewalt
gegenüber, die stärker ist, als er, und die mit jedem
F Erfolge, den sie erringt, und mit jeder Niederlage,
j ioelche das Königthum erleidet, sich ihrer Macht deut-
F licher bewußt wird. Eine Reihe von Vorstellungen
j drängten sich mir hier bei meiner Anknft auf, die
, eben so schnell durch die Erfahrung weniger Wochen
s j als Aruggebilde vor meinen Augen in ihr Nichts ver-
- F sunken.
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k F Ich hatte geglaubt, hier in Paris die Verehrung
! -
g ß des Königthums verstehen und theilen zu lernen, und
s denke jezt nur mit um so größerer Liebe an die Ver-
F fassung in der Heimath. Wie schön war es, wenn
FF das Vertrauen seiner Mitbürger meinem Vater die
P Verwaltung und Leitung der gemeinsanen Angelegen-
heiten übertrug! Wie anders erscheint uns die Herr-
F schaft der freien Nebereinkunft, wenn man sie mit der
F Alleinherrschaft vergleicht, gegen welche hier ein ganzes
j Volk in Waffen steht, und die zu vertheidigen und
Z aufrecht zu erhalten, grade dem gütigsten und schuld-
! losesten der Könige auferlegt wird. Während ein
g König meine ganze Reigung und Verehrung gewinnt,
Z lerne ich die Bürde der Krone und die Verantwort-
s lichkeit ihres Trägers als eine schwere Last erkennen,
- und während Sie mit Recht erwarten, daß ich Ihnen
s
Hewald, Kleine Ronaue. N.
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.

18O
Kunde gebe von dem Eindruck, welchen Paris aüf'
mich macht, und Nachricht von unserm persönlichen
Ergehen, spreche ich Ihnen von dem Allgemeinen.
Aber die Aufregung ist hier so groß, die Gefahr für
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:
1
Alle so drohend, daß man es verlernt, an sich selbst
und an seine eigenen Angelegenheiten wie an etwas
besonderes Wichtiges zu denken.
Nach dem, was ich Ihnen bisher gesagt, werden
Sie sich denken können, wie gnädig mein Mann von
den Majestäten aufgenommen worden ist. Die Herr-
schaften haben so viel Untreue und Berrath zu dul-
ni
den, daß die Treue und Anhänglichkeit ihnen schäzens-
werther als villeicht zuvor erfcheinen, und der KBez ß
hat dem Grafen gleich nach dessen Ankunft die Stelle ,
eines Obristen verliehen, welche eben durch den plötz- ,
lichen Tod ihres Inhabers erledigt worden war.
Joseph sieht schön aus in seiner Uniform und s
noch schöner in der zuversichtlichen Zufriedenheit, die
ihn erfüllt. Seine Züge sind wieder fest, sein Auge
hell, sein Mund hat das stolze Lächeln wieder gefunden,
und da ein Theil der Gnade, welche die Majestäten
ihm beweisen, auch auf mich zurückfällt und man ihn
versichert, daß ich- - nun, lachen Sie nich immer
aus, liebe Conradine, daß ich schön sei, so scheint er
sich auch wieder darauf zu besinnen, daß er mich selbst
einst schön genannt hat, und das abgespannte, melan-

18t
f Holische Lcheln, das mir in Rottenbuel so oft das
s Herz beschwerte, ist wie aus seinem Antlize entschwun-
f ven. Er hat Vergnügen daran; mnich zu schmücken,
s und ich selbst finde hier am Hofe den Schmuck ein
s heiteres Ding. Er hat Behagen daran, seine Freunde
! in seinem schönen Hause zu empfange, und der Reich-
, thum erscheint mir hier, wo nian ihn so angenehm
, verwerthen kann, ein weit größerer Vorzug als in
Rottenbuel oder in meinem lieben stillen Gunta. Kurz,
ich bin sehr zufrieden mit Paris und mit meinem
Eintritt in die mir neue Welt, wenn schon mir dabei
, das schöne Wort einfällt, das unser Ahn in Gunta
, über unser Portal hat meißeln lassen: , Herr, segne
i meinen Eingang und meinen Ausgang !!
Was nun, um Ihnen, theure Freimdin, Alles zu
beichten, die schöne Marquise anbetrifft,' so habe ich sie
schon zum öftern gesehen, und fehr schön ist sie wirk-
lich; aber sie hai jezt Anderes; zu thun, als einen
treuen Obristen der Schweizergarden in ihr Liebesnez
zu locken, da derselbe auch gar keine Neigung zeigt,
sich wieder einfangen zu lassen. Sie hat jetzt, wie
mir scheint, höhere Ziele und eine schwere und lohnen-
dere Aufgabe für sich gefunden. Sie genießt das
Vertrauen und die Gunst der Königin und ist, aus
Ergebenheit für diese und das Königthum, auf das
Eifrigste bestrebt, den glänzenden und flatterhaften
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l:


1
Grafen von Mirabeau zu fesseln. Es muß eine gar
beneidenswerthe Aufgabe für die ehrgeizige Schöne
sein, dem allgemeinen Besten und den eigenen Wün-
schen gleichzeitig dienen zu können-- und damit ich's
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Ihnen gestehe, es ist mir nicht eben unlieb, daß mein
Mann es sieht, wie sehr die Marqnise sich selbst nur I
ein Mittel für ihre Zwecke ist.
Ehe noch Joseph mich ihr vorstellen konnte, kam
sie an dem ersten Abende, an welchem ich bei Hofe
präsentirt ward, mit lebhafter Freundlichkeit mir ent-
gegen. ,Ich bin Ihnen sicherlich keine Fremde, sagte
sie, ,und ich will hoffen, Frau Gräfin, daß der Graf
Ihnen von mir im Sinne der vieljährigen Freund-
schaft gesprochen hat, die uns verbunden, ehe ein
schmerzlicher Mißklang fie zu stören kam. Aber das
liegt fern hinter uns, und mich dünkt, wir Alle, die
wir das Blut des wahren Adels in uns fühlen, haben
jetzt mn die eine Aufgabe, Freunde zu sein und uns
als solche um das geliebte, so schwer gekränkte Königs-
paar zu schaaren. Ihre Hand darauf, meine theure
Gräfin!r
Es kam mir vor, als habe sie sich diese Anrede
im Voraus überlegt, und die Marquise erschien mir
nicht eben wahrhaft und edel, während sie dieselbe
sprach; auch dem Grafen mißfiel sie, und als sie die-
sem mit den Worten: sozons amis, Cinns! lächelnd

18
e
die Hand zum Kusse reichte, sah ich, daß er eine Art
von Scham empfand, sie nicht wwürdiger vor mir da-
stehen zu sehen, und nun, nennen Sie es immer eine
Anwandlung beruhigter Eifersucht =- ich wußte es der
Z Marquise Dank, daß sie sich setbst euthronte. oseph
F war sehr kalt gegen sie, und ttoz der Schminke, die
F sie trug, bemerkte ich, daß sie die Farbe wechselte.
s Sie verließ uns dann auch bald, und meines Mannes
j Blick und Händedruck verriethen mir, daß ich wohl
! gethan, hierher zu gehen.
So viel von uns, theuere Schwägerin! Ulrich ist
- wohl und ist ein gar schöner, schöner Mann gewor-
den, stark und kräftig, wie es Ihrem Sohne zu-
kommt! Ich sage ihm täglich, daß er nach Hause
- gehen müsse, daß er Sie nicht allein lassen dürfe, und
ich bringe Ihnen damit ein großes Opfer, denn Io-
seph ist durch seinen Dienst so vielfach hingenommen,
- und wenn ich einsam bin, komimt mir die Stadt mit
ihren langen Straßen, mit ihren hohen Häusern un-
heimlich vor. Ich sehne mich nach einem Blick in's
Freie, und das Herz wird mnir schwer, wenn ich in die
Stille unseres Hofes und Gartens den Wiederhall
eines jener Volksaufläufe zu mir dringen höre, von
denen kaum ein Tag oder eine Nacht ganz frei ist.
Ulrich's Nähe ist mir dann ein gioßer Trost. Er
schafft mir sichere Kunde von dem, wwäs draußen bor-


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geht, er sagt mir die Wahrheit, wo Andere mich nur
zu beruhigen streben; und ich habe hier fast an jedem
Tage die Gelegenheit, es an der Todesangst meines
Herzens zu ermessen, wie mein Leben an dem Leben
meines Gatten hängt. O! mich dünkt, wer noch nicht
für seine Liebe gezittert hat, weiß noch nicht, wie sehr
er lieben kann, und wie sehr er liebt.
Die Schweizergarden haben jetzt einen schweren
Dienst, sie üben ihn mit grenzenloser Hingebung; aber
ich werde den innern Zwiespielt darüber nicht los, daß
Joseph einer Sache dient, die nicht die seine ist, daß
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er sein Leben daran setzt, eine Verfassung und Znstände
aufrecht erhalten und vertheidigen zu helfen, die er
in seinem Vaterlande nicht eingeführt zu sehen wün-
schen würde. Ich bewundere, ich ehre sein starkes
Pflichtgefühl, und beklage doch den Tag, an welchem
der erste Schweizer jemals fremde Dienste nahm. O!
Sie haben sehr wohl daran gethan, theuere Conradine,
daß Sie Ulrich vor diesem Zwiespalt bewahrten, daß
Sie ihn einen freien Mann bleiben ließen. Seine
Freiheit ist jezt ein Glück für ihn, für Sie und,
so lange er hier noch bei uns bleibt, auch für
mich.
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Indeß ich versichere Ihnen und verspreche Ihnen,
daß ich nicht selbstsüchtig sein und ihn nicht halten
werde.!
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, Die Freifrau von Thuris an ihren Sohn.
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Thuris, den H. Mai 171.
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e ,Dein Brief, mein Sohn, hat mich bekümmert,
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f ohne mich zu überraschen. Da Du meiner Bitte nicht
j s seser zabs, waes poe etatt Hees Ht-
F ,ßeiner Tante zu verlassen, war ich sicher, daß Du für's
, si. Erste überhaupt nicht nach Hause konimen würdest,
F s, und ich mache die Erfahrung, daß das Alier und seine
j f Einsamkelt und seine Sorgen sich mir nöhern und
, j, früher an mich herantreten, als ich es naturgemäß er-
khF warten müßte.
u i Da beschleicht dann wohl der Zweifel an dem eige-
kh
! F nen Thun unw an der Richtigkeit meines Handelns ge-
jj. legentlich mein Herz, und ich habe mich in den' lezten
f?. Monaten je bisweilen gefragt, was ich für mein eige-
z. nes Glück und für das Glück der Menschen, die ich
,! liebe, mit meinem Festhalten an meinen Neberzeugungen
s. und anI den Principien Deines Vaters gewonnen
, =-
Ich komme mir dann in meiner Zurückgezogenheit
F wie eine jener unglücklichen Sibyllen bor, die in ein-
F samem Felsgebirg, den Blick auf ihren geheimnißvollen
Z Krpstall gerichtet, das Nahe und das Ferne, das Ge-
F - genwärtige und das Zukünftige an ihrem Auge vor-
!! überziehen sehen, und die troy der vollen Erkenntniß
! des Unheils, das herauf steigt, mit ihren Warnungen

18s
und Beschwörungen das Unglück nicht verhindern kdn-F
nen, sich zu vollziehen.
Du schreibst nicht, ntrlch! Wie soll ich mr bas
deuten? Auch Dein Dnkel und Deine Tante schweigen, F
und doch müßt Ihr mir nachempfinden können, wie Z
jede Kunde, die aus Frankreich, aus Paris hieher zu F
mir gelangt, meine Sorge um Euch Alle steigert. Ihr g?
müßt mit Euch selbst gar sehr beschäftigt, Ahr mnüßt Z
von den Ereignissen, die Euch umgeben, seht hinge- Z
nommen und verwirrt sein, daß Ihr meiner ganz ver-
gessen und meine Unruhe als ein Unwesentliches bs-
trachten könnt.
Ulrich, höre mich, wie fern ich Dir auch sein möge!
Du stehst an einem Abgrund, der Dich zu verschlingen
droht - wende ihm den Rücken.
Was hast Du, der freie Mann, zu suchen in dem
tobenden Kampfe, der in Frankreichs Hauptstadt die
Parteien wild und maßlos an einander hezt? Hier ist
Dein Platz, denn hierher ruft Dich Deine Pflicht.
Oder glaubft Du, der Kampf der Parteien klinge hier
nicht nach, bedrohe nicht auch uns, unsere Herrschaft,
unseren Besiz? =- Auch hier ist Unzufriedenheit, auch
hier droht uns wilde Forderung und Umsturz; und
es ist vielleicht jetzt noch an der Zeit, durch maßvolles
Gewähren ungemessenem Verlangen entgegen zu treten.
Kehre heim! Die Aristokratie muß sich verbinden, sich
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k?einigen und gemeinsam handeln, ehe das Volk sich ge-
ß einigt hier entgegenstellt. D, däß Dein Vater, und
Ibaß er kluge Gunta noch am Leben wären! daß Du
F den Sinn hättest, mir zu folgen, imd den Ehrgeiz,
versöhnend ihre SteKe einzunehnien!
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- Was willst Du in Paris? wäs willst Du in der
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Nähe Deiner Tante? Deiner Tante, die Du liebst!
Kehre heim, Ulrich! Arbeit wdird Dir zu Hülfe
kommen. Ich will versuchen, Dir die Heimath lieb
zu machen. Leide ich doch genug durch den Kummer
unserer Veronika, den sie mir vergebens zu verbergen
sucht. Veronika ist unglücklich; und wie fest hatte ich
ihr und meines Brnders Glück durch die Berbindung
dieser Beiden zu sichern gewähnt! Der knrzsichtige
Mensch sollte darauf verzichten, das Schicksal seiner
Geliebtesten leiten zu wollen, und doch kann mein
Mutterherz es sich nicht versagen, dem einzigen Sohne
zuzurufen: mißtraue Dir und kehre zü mit zurück!r
Graf Rottenbüel ait seine Sähwester.
Paris, den 2. Runi 17N.
,Theure Conradine! gieb Ordre, daß man in Rot-
tenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem Empfange
F - in Bereitschaft halte, denn ich stehe äuf dem Punkte,
F meine Frau nach Haüse zu schicken. Paris ist jezt
H kein Aufenthalt für Frauen. Die leten Tage haben
es mnir furchtbar klar gemacht,' welche Irrthum ich


18s
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begangen, als ich Veronika's Bitten nachgegeben unbß
sie mit mir nach Frankreich genommen habe.
Der König hat am zwwanzigsten mit seiner Famlließ
einen Fluchtverjuch gemacht, der nicht gelungen ist.ß
Die Wuth des Volkes droht alle Schranken zu über- Z
steigen. Nur durch ein Wunder entging der MargulsP s
von Lafayette an dem Tage, an welchem man die Z s
Alucht des Königs in Paris erfuhr, dem Tode, alsm F l
zur Beruhigung des Volkes auf dem Greveplat er- j j
schien.
Seit gestern, seit man den König, der sonst so Z
jubelnd empfangen wurde, wie ein Missethäter auf ß
Umwegen in die Hauptstadt zurückgebracht hat, herrscht j
ein Schweigen, das mir furchtbarer erscheint, als selift
das Tosen der Volkswuth. Eine doppelte Reihe von
Nationalgarden, nicht wir, die Schweizerregimenter,
mußten den Weg des Königs von den elyseischen Fel-
dern nach den Tuilerien beschützen. Der König ist
in den Händen des ihm feindlichen Volkes und darf
sich kaum mehr seinen bisherigen Dienern und Ver-
theidigern anvertrauen, ohne die Volkswuth wach zu
rufen. Kein glückwünschender Zuruf begrüßte den Kö-
nig, kein Hut wurde vor ihm abgenommen - die
treuen Gardes du Corps, welche auf dem Wagen des
Königs saßen, find von dem Volke in das Gefängniß
geführt. -- Die Sache des Königs ist abgeurtheilt

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1

18s
D-
gnd verloren in Paris, und der Haß gegen das Kö
igshaus und gegen seine Anhänger wächst mit jedem -
Ps-
F., Es erhebt mich, der Volkswuih mich entgegenzu-
Fstellen, mich der Aristokeatie auf das Engste anzu-
schließen und in ihren Rechte nicht nr, die legitime
FSerrschaft in Frankreich, sondern ;auch unsere eigene
ßßGerrschaft in Bünden zu vertheidigen und aufrechter-
j,halten zu helfen. Das Königthum und öie Arlskokea-
stie sind solidarisch unter einander, verbunden durch bie
Fganze Welt, und in der Perfassung von Graubünden,
s,die dem Niedriggebornen ungebührlich viel Raun ließ,
jlst es mir ie wwohl gewesen. st der Adel des, Blu-
ßg tes ein Borzug, wwas Du selbst nicht bestreiten kannst,
j so mnß er nicht nur rein erhalten werden, sondern
j! mit seinemß angestammten Blute auch seine angestamm-
Z; ten Rechtezu erhalten wissen, und, so lange mein Blut
Jgin meinen Adern fließt, werde: ich dies thn. Lch fühle
, mich wohl' in der Aussicht bes Kämipfes, der un hier
zs sicherlich bevorsteht, aber ich mdg Verpnika, welche
P, diese Ansichten nicht mir theilt, üicht in mein Schick-
sI sal verflechten, und Du hast Recht, meine Schwester,
s daß Du auch Deinen Sohn zurückrufst. Ulrich wird,
s - ich hoffe es, Veronika begleiten, und Ihr werdet es
s vielleicht über Euch vermögen, einst die Rdechte, die
s uns von unsern Vätern überkominen siid, mit dem
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