Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 12

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Bauer und dem Bürger friedlich zu theilen. Ahr iS
det es vielleiht erlernen, ehrbar bescheidene Bürget'P
werden und es zu vergessen, daß he Edelleute ssß
und welches Blut in Euren Adern fließt. Ich kän
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und werde das nicht.
Mein Plas ist hier unter denen, die meine GeslüH j
nng theilen, die eines Herzens und eines Slnnes üskl j
mir find, so Mann wie Weib. Lch lebe und sterbeh j
mit der Sache, die die meine ist-- und die ich veö- s
theidigen werde bis zum lezten Athemzuge, wenn schcnßß j
der Sohn und der Erbe mir verjagt ist, für den ißF
die Prärogative unseres Standes zu erhalten wünschte.F
=- Es sind schwere Tage, Conradine, in denen witß
leben, und es ist ein Schmerz. für mich, daß meiüeJ
Frau nicht empfindet wie ich, daß ich allein stehe h
meinem Hause und in meiner Blutsverwandtschaft. j
Ich empfinde das tief und habe dem Schicksal zu ,
danken, daß ich wenigstens meine alten Freunde hier F
unverändert wiedergefunden habe.!
l. Fapilel
Die Briefe, welche sich der Zeitfolge nach diesem
Schreiben des Grafen Joseph anschließe., fanden sich
nicht vor, indeß die Mittheilungen, welche Jungfer

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, Ixsula von ihrer Mutter erhalten hatten, ergänzten
s ßs Rehlende und hatten den Vorzßg, im Zufammen-
Fange darzubieten, was die Schreiber jenei Briefe an
s Fenselben, als ste sie schriben, noch zu berschweigen
, Jothwendig gefunden hatten.
j s! Nur de Anfang eines Briefes von der Gräfin
f Jdon Rottenbuel an ihre Schwägerin lag noch in der
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zSammlung, und er hatte öffenbar eine schmerzliche
j Föerzenergi ßung beginen sollen, welche die Gräfin
l Fbann bereut und aufgegeben hatte. Sie klagte sich in
j Fben ersten Leilen der Verblendung an, mit welcher
! Fsie sich dem Rathe ihrer erfahrenen und weisen Schwä-
ßgerin widersezt und in die Nebersiebelung nach Frank-
Frich gewilligt hatte, und bekannte, daß jene Heiterkeit,
t,in der sie der Freifrau von Thuris nach dem ersten
(jBegegnen mit der Marguise von Vieillemarin geschrie-
sß, ben, ihr nicht natürlich gewesen sei, daß sie pielmehr,
Fgleich damals das Herz voll Föser Ahmungen gehabt
Fhabe, die sie sich nicht eingestehen fögen, weil es ihr
s, mnwürdig gedünkt, an dem Worte und an der Treue
f - ihres Gatten, und vielleicht gar an, seiner Liebe für sie
zu zweifeln.
Die Gräfin hatte eine innere Wahrhaftigkeit, welche
es ihr fast unmöglich machte, an den Selbstbetrug zu
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glauben. Solche Naturen sind edel, aber meist, auch
einseitig und streng, und ihre ernste Pflihterfüllung

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erschreckt und drückt denjenigen, welcher sich derselbc
nicht in gleichem Grade fähig fühlt.
Veronika war in dem festen Glauben an die LiF
ihres Gemahls, an gine unauflösliche LusammenFR
hörigkeit mit ihm nach Frankreich gekommen, aber S
fiel ihr zleich Anfangs auf, wie sehr der bloße Eiü
tritt in die alten Lebenskreise den Grafen veränderteg
und wie das Leben in einem andern Lande und unieHP
einem andern, ihr fremden Volke sich unmerklich uub'
doch störend zwischen sie und ihren Gatten stellte Z
Veronika war des Französischen, wie damals jeäekH
Wohlerzogene, völlig mächtig, indeß man hatte li!
ihrem Vaterhause nur deutsch gesprochen, sie hatte diessß
Gewohnheit auch in ihr eigenes Haus übertragen, ut F
sie liebte ihre Muttersprache. Daß sie in der Gesell-' F
schaft französisch öeben müsse, verstand sich von selbst;
aber es that ihr leid, daß Graf Joseph sich des Deut-' F
schen völlig entäußerte, sobald sie den Boden Frank- ,
reichs betreten hatten, ja daß er ihr eingestand, er
fühle sich mehr er selbst, er fühle sich freier und be-
lebter, wenn er französisch reden könne. Daß dieß der
Fall sei, konnte sie gewahren, aber wer verzichtet gern
auf den Klang der Sprache, in welcher er von gelieb-
tem Munde die ersten Liebesworte sprechen hörte, und
wer giebt es gern auf, sein volles Herz in die ihm
angeborene Muttersprache zu ergießen?
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f Es war der Gräfin, als habe sich plölich eine un-
Fchtbare Schranke zwischen ihr unb heem Gatten auf-
Fbau, und sAlbst das WoilgefMlle, dis Graf oseph
Fä ben Hulbigungen za haben schieh, mik denen man
Fke junge Erau empfing, verochten ihk jene pein-
lde Epfibung nicht zu ehmen. Degu hatte gleich
Zas este Lusammentreffen mnt der Mäeaulse die Gräfle
gschreckt, denn dem aufmerksämen Auge Veronlka's
car der böse und spöttische Blick nnchi entgangen, mit
Felchemt die Marquise sie beträchtete, ünö die ubor-
gcömmeüheit derselben hatie das Gepräge einer so stol-
Fen uversicht in sich getregen, daß Veronika erkannte,
Felche Mact ranzisku i ber fneien Sicherheit der
,eltgewandtheit vor ihr voraus hatte.
P Veronikks ruhige Seelenfreihelt hatte in des Gra-
He Augen stets Güren grsüten Rei gebildet, unb diese
Frelheit ging ihr bald verloren. Sie wae! klcht etel,
Honbern sehr, bescheiden, und aufzufallen par ihe keln
FGeuuß. Die gute Laune, mlt belcher sie sich vor der
fFekfrau von Thuris ihrer Erfölge am Hrfe gerümt,
h war daher nur wie das laute Singen gewesen, mit
fWelchem ein furchtsames Kind sich auf unbekanntem
s ünd einsamen Wege Muth zu machen sucht. Sie hlelt
f sich selbst geflisseutlich die Mittel vor, welche ihr zu
j Gebote standen, aber damnit sie sich bazu entschloß,
ß ntußte ihr schon die Befürchtung gekommen sein, daß
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fie in die Lage gerathen könne, diese Mittel zu ihre
Vertheidigung zu gebrauchen.
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Leider betrog diese Ahnung ihres Herzens sie nichtF'
Die Marquise hatte die eitle nersättlichkelt der Herrsch
sucht. Je mehr sie erlangt hatte, um so mehr wolltHHß
sie erlangen, und die tmstäde waren ihrem EhrgeßH
auf das Unerwartetste entgegengekommen.
Tros aller Bitten der Königin hatte die Herzoghnßß
sich bei dem Beginne der Adelsauswanderung derselbenF
angeschlossen und gleichzeitig mit dem Grafen von Arß
tois Frankreich verlassen. Die Königin, welche sichßß
auf diese Weise ihres nächsten Umgangskreises unöß,
ihrer eigentlichen Vertrauten und Rathgeber beraubtF
gefunden, hatte sich eine neue Umgebung bilden müssenzß
und die Marquise, welche weniger zu verlieren und Z
mehr zu gewinnen hatte, als ihr Verehrer, der Graf
von Artois, und ihre Cousine, die Herzogin, hatte es-
mit kluger Berechnung vorgezegen, auf einem Posten ß
zu bleiben, der ihr, wie immer die Verhältnisse sichh F
auch gestalten mochten, nur Vortheile zu versprechen ßß
schien. Triumphirte das Königthnm, so mußßte das Z
treue Ausharren der Marquise in den Augen der Kö--J
nigin den Sieg über die Herzogin davontragen, und J
sollte, was man damals in der Nähe der Königin ß
noch für unmöglich hielt, die Macht des Volkes das ,
ebergewicht erlangen und das Königspaar selbstzu F

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F einer zeitwweiligen Entfernung aus seinem Reiche ge-
F. üiöthigt werden, das mit Hülfe der befreündeten Mächte
F wieder erobern zu können, man sich gewiß glaubte, so
F konnte die Marquise selbst gegen den Grafen von Ar-
F tois, dem zu folgen sie sich geweigert hatte, ihre Treue
F an das Herrscherhaus als ein Zeichen ihrer allgemeinen
Herzenstreue geltend machen.
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Marie Antoinette hatte, so lange die Herzogin in
ihrer Nähe gewesen war, wenig Neigung für die Mer-
auise gehabt und sie richtig und streng beurtheilt.
Jetzt glaubte sie ein Unrecht vergüten, eine verkannte
Treue belohnen zu müssen, und die demüthige Beschei-
denheit, mit welcher die Marqüise die ersten Zeichen
der königlichen Gunst und Zuneigung empfing, nahmen
die Königin, welche Anhänglichkeit und Ergebenheit in
diesen Zeiten höher noch als früher schäzen gelernt hatte,
zu Gunsten der Marguise ein. Ja selbst jene Eigen-
schaften, welche ihr an Franzidka bis dahin mißfällig
gewesen waren, ließen sich jezt mit anscheinendem Vor-
iheil verwerthen. Die allgemeine Gefallsucht der Mar-
auise, ihr Hang zu Intriguen! brauchten nur in der
zweckmäßigen Richtung geleitet zu werden, um hie und
da Nuzen bringen und der Pattei, welcher fie durch
ihre Geburt und Stellung angehörte, bielleicht Anhän- -
ger aus den Reihen der Oposition vder doch min-
destens Nachricht von den Absichtei ünd Glänen der-
Lewald, Kleine Romane. ?.
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selben zuführen zu können. Und wann waren absolute
Herrscher und deren Anhänger jemals schwierig hkF
ver Wahl der Mittel, wwo es die Erreichung ihrtß
, Zwecke galt?
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Mitten in dem drohenden Umsturz, nahe vor demF
Abgrunde, welcher die Monarchie zu verschlingen drohtsFs
genoß die Marquise Selbstbefriedigungen, wie sie soö
cher nie zuvor theilhaftig geworden war, und da ihieF
Schsnheit eine heransfordernde war, so machte jedeeF
neue Erfolg sie glänzender und kühner. Mit einerZ
Freiheit, welche sich zuzuerkennen die Herzogin zu stolßF
und zu sehr in ihren Vorurtheilen befangen geweseß
war, bewegte die Marquise sich aus einem Gesellschafts-'P
kreise in den andern. Neberall hatte sie Verbindungen,F
fuchte sie sich geltend zu machen. Sie hatte es dem F
Hofe als ein Zeichen ihrer Treue auszulegen gewußt,F
daß sie sich der Auswandernng nicht angeschlossen, sieF
verstand es in der Gesellschaft der oppositionellen Kreise, F
ihr Verweilen in Frankreich als einen Beweis ihrer ß
Zuversicht in die Möglichkeit einer friedlichen Aus-
gleichung der Parteien und als Zeichen der Hoffnung
auf eine beruhigte Zukunft darzustellen, welche der ener-
gische Edelsinn des dritten Standes und seiner Führer
über das Vaterland heraufzuführen nicht ermangeln
könne.
Ihr Selbstgefühl war zu der Zeit, in welcher Graf

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P Joseph seine Gemahlin zum ersten Male bei Hofe vor-
F stellte, auf das Höchste gestiegen. Trunken von befrie-
F digender Eitelkeik, wie die Marquise es wwar, hatten
s die Schönheit der Gräfin und die, sichtliche Genug-
jHuung, welche die Anerkennung derselben gdem Grafen
ßßereitete, dazu hingereicht, Franziska's Abneigung gegen
Fie Gräfin in eine entschiedene Feindschaft, zu verwan-
F öeln unb ihe die Wiedereroberung des Gräfen als eine
FPhrensache erscheinen zu lassen. Die Gelegenheit, sich
F beiden Gatten zu nähern, war eine der günstigsten.
(Zeronika war fremd in Paris, fremmd in den Sitten
, nd in der Etiquette des Hofes. Eine Frau, welche
f sich, wie Fränziska, schon lange auf dem glatten und
f gefährlichen Boden desselben bewegt, konnte' der Gräfin
s leicht nüzlich werden, ihr manche Dienste leisten, manche
F Unbequemlichkeiten ersparen; auch Graf Joseph hatte
s burch seine längere Entfernung vön dem Höfe und
F and mehr noch durch sie gewaltsanen Ninwandlungen,
F welche sich in seier Abwesenheit vollzogen, nicht mehr
ß die alte Kenntniß der Zustände und der Personen, die
F ihm sonst ein sicheres Bewegen möglich gemacht, und
es war mit dem Anschein offensten Freimuths, daß
F Franziska sich den Ankömmlingen näherte, ihnen ihre
F Dienste anzubieten
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