Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 15

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Fi jener feurigen Leidenschaft erhalten, welche ihr nach
Fner Meinung fehlte, und wwelche die Marquise be-
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, Von jenem Tage an war Veroika's Frieden für
Fmer gestört. Mt dem klaren Auge der Unschuld
särchschaute sie Franziska's absichtliches Spiel, aber sie
Frstand es nicht, sich dagegen zu schüzen, und hätte
ze den Kanpf mit ihrer Nebenbuhlerin aufnehmen
gögen, ihr hätten die Waffen gefehlt, derselben zu be-
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-? Die Dienstverhältnisse des Grafen und der Mar-
bise brachten es mit sich, daß sie einandet am Hofe
ft begegnen mußten; und daß Franziskä' es durch-
sezen werde, den Grafen auch im Besondern zu sehen,
kävon hlelt die Gräfin sich überzeugt. Andeß ihr Herz
kAr jung und kräftig, sie mochte nicht verzagen, fie
kdnnte nicht aufhören zu lieben und zu hoffen, und
, üiitten in ihrem Kummer tröstete sie sich doch wieder
- Eiit dem Gedanken, daß ein Mann, der seinem Könige
Re Treue heilig bewahre, auch seinem Weibe nicht ver-
, lbren gehen könne. Bald wollte sie! dem Grafen ihre

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Besorgniß mittheilen, bald schreckte sie davor als ss, j
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einer Beleidigung gegen ihn und gegen die Heiligssß s
Ghrer Ehe zurück Sie wollte es nicht glaube, K s
man sich von dem Unwürdigen anziehen und fessä,
lassen könne, wenn man es einmal als ein solches H
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kant, und der Graf selbst hate ihr in den Töäß ,
nach ihrer Verlobung ein Bild von dem Charakter Iß; v
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Marguise entworfen, das nur zu treu und richtig g !
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wesen war.
Veronika beschloß also zu schweigen und abzuwäöz
ten; aber schweigen zu müssen, wo man sich gewöhh
hat, sich offenen Herzens hinzugeben, ist ein schweiet;
wang, der alle unsere Rähigkeiten lähmt. Eine stlllh
Angst, eine dumpfe nfreiheit lasteten auf der jungeß
rau. Ihr mangelte nicht nur die freie Luft deö
Heimath und die freie Bewegung in der weiten Naß
tur, ihr fehlte vor Allem die geistig reine Atmosphäreß;
in welcher sie bis zu ihrer Ankunft in Paris geleöß
hatte, und der schöne Glanz ihrer Jugend begannn da-FF
vor zu schwinden.
Jahr und Tag waren sie hingegangen In Frank-ß
reich, in Paris tobte der Parteikampf, war die Revo-
lution zu einer vollendeten Thatsache geworden. Derl
König war bereits völlig in der Gewalt des Volkes,F
das ihn hierhin und dorthin zu gehen nöthigte, c'schon'ß
er sich noch anscheinend in Freiheit befand, und wie'ß

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Pein zum Tode Kranker sein Dasein, peinvoll und doch
eFzoch auf die Zukunft hoffend von einem Tage zu dem
ßgndern hinschleppt, so wankte die Monarchie ihrem
PAntergange entgegen
z An die Stelle hochfahrenden Nehermuthes wwar all-
FFnählich verzagter Troy getreten. ,Deute baute man
FFauf Hülfe von auswärts und sah zuversichtlich über
Fdie Grenzen des Reichs hinaus, morgen-dachte man
F daran, diese Grenzen zu erreichen, um sich der Volks-
F herrschaft zu entziehen, um das Königreich mit Schwer-
F tesgewalt neu zu erobern, und alle diese Entwürfe
F wurden immer wieder aufgegeben, weil der König und
Z bie Königin, bei der Ungleichheit ihrer Naturen, keinen
Z einstimmigen Willen hatten und nicht dazu kamen, ge-
ZJ meinsamen Plan zu fassen, so lange dafür noch Zeit
F und Möglichkeit vorhanden war.-
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, Eine endlose Reihe von Heimlichkeiten und Sntii-
ß gnen war die nächste Folge dieser innern Uneinigkeit
? des Herrscherpaares. Neberall hatte man Kundschaf-
- s ter, überall suchte man Verbindungen anzuknüpfen,
-s und die Getreuen des Hofes wurden in einer bestän-
, digen Bewegung erhalten, hatten viel mit einander zu
, s verkehren, waren bald hier, bald dort, und immer
aufregend beschäftigt. Bald galt es einen sicheren
! Boten für eine Nachricht ausfindig zu machen, welche
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' s onen anser Eandes gelangen zu lssen wünschte, bald

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handelte es sich dar, Menschen z ermitteln, aEß s
welche man bei gewissen Möglichkeiten eechnen köieß s
und da die Marquise in aue Absichte der Königl,
mit eingeweiht, da man mehr und mehr auf die Träih
und Verlässigkeit der Schweizergarden angewiesen wat j
so brauchte Rranziska gar nicht erst die Amuässe gß j
suchen, welche sie mit dem Grafen zusammen führtetZ j
Die großen Eirkel am Hofe hotten schon langis j
aufgehört, Veronika hatie also nur selten zu erscheine s
und sah daher die Marquise auch nur selten. Desß s
häufiger traf der Graf mit ihr zusammen, und sö j
nannte es eine billige Rücksicht für Veronika, daß eiH
von diesen Begegnngen nicht mit ihr sprach. Sö z
lange er dieses noch mit gutem Gewissen von sich be- P
haupten konnte, war die Gefahr für seine Gattin noch F
nicht dringend. Indeß den nothwendigen Begegnun- Z
gen mit der Marquise folgten die freiwilligen Zusam-
menkünfte in nicht zu langer Zeit, und diese natürlich
mußten der Gräfin aus besonderen Gründen wohl ver-
schwiegen bleiben.
Der Graf hatte, als er Franziska nach jener Seene
in seinem Hause zuerst wieder gesehen, ihr Vorwürfe
gemacht, und sie hatte sich zu vertheidigen gewünscht.
In den Sälen der Königin war das unmöglich ge-
wesen. Sie hätte es gefordert, sich rechtfertigen zu
dürfen, sie hatte verlangt, daß der Graf sie in ihrer

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f Dienstwohnung besuche, denn sie hatte jezt keine an-
s dere mehr. Aher Franziska war dort auch völlig frei,
war ganz allein, man konnte frei bei ihr sprechen, frei
F bei ihr mit den nächsten Vertrauten der Känigin ver-
P kehren, frei einander bekennen, was Jeder hoffte, was
hJ er fürchtete, was ihn drückte. Sie meinte, auch den
is Grafen müsse es nach solchem freien Austausch der


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Seele verlangen. Er lehnte das nicht äb; das hieß
mit andern Worten, er gab es zu, eine Vertraute zu
brauchen und Franziöka war klug geng, für's Erste
die Rolle anzunehmen, welche die Gelegenheit ihr an
die Hand gab.
Der Graf rühmte seine Gattin, und auch Fran-
- ziska lobte sie, aber sie bedauerte, daß die junge Frau
eben zu solchem Zeitpunkte nach Paris gekommen sei.
Darin stimmte der Graf ihr bei, nnd er ging noch
weiter. Er nannte es einen Mangel an Voraussicht,
daß er ein Mädchen geheirathet habe, welches fetn von
der großen Welt, fern vom Hofe und nicht in den
rechten Begrifen der Loyalität erzogen worden sei
Franziska gab ihm darin Recht. Sie nannte es ge-
fährlich für ihn und für die Gräfin, aber sie legte es
ihm nur als eine Pflicht auf, Veronikk zu schonen,
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sie allmählich zur Erkenntniß kommen zu lassen, sie
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nicht gewaltsam überreden und überzeugen zu wollen.
Er sollte sie gehen, sie gewähren, sie ihr stilles, un-
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Lewald, Kleine Romane. ?
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schuldiges Pflanzenleben führen lassen und sich daräl
erfrenen, daß ihm mitten in der unheilvollen Verwic,
rung, in welcher man sich befand, durch VeronlkäI
kindliche tnschuld eine Dase des Friedens eröffnet weri
in der er sich ausruhen und erheben könne, wenn -
entmuthigt und ermüdet fei.
, Of' rief sie,,das Leben übt s-ine Vergeltung
aus; ihr, der stillen Kindesseele, die Ruhe und dEt
Frieden! mir die Sorge und der Kampf! Und für die
Tage der Sorge und des Kampfes will ich auch Ihnen -
bleiben, mein theurer Freund! -- -
Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie an, und
ihre feine Hand wußte eisern festzuhalten, was sie er-
griffen hatte; denn es gab damals mehr Stunden der
Sorge und des Kampfes, als Stunden der Ruhe und
des Friedens, und die Marquise hatte für sich mit ;
kluger Wahl den größten Theil von dem Leben des s
Grafen beansprucht, als sie ihm jenen Vorschlag ge- s
than hatte.
Es fiel der Marquise nicht schwer, ihm zu bewei- s
sen, daß er eine Pflicht gegen Veronika erfülle, wenn ?
er ihr selbst die Kenntniß der Unternehmungen fern
hielt, in welche die Getreuen des Hofes oft mit eige- s
ner Gefahr verwickelt waren; und wie sie den Grafen !
immer leidenschaftlicher für die Sache der Königin zu
begeistern wußte, so gelang es ihr, ihn ebenso wieder