Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 16

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Z an sich zu fesseln, deren Hingebung an ihre Gebieterin
F, allein schon ein Grund für ihn sein mußte, sie noch
g, höher zu schäzen, noch feuriger zu lieben, als je
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zF Jedweder, der noch ein Auge dafür hatie, konnte
F, es sehen, wie neben der großen Schicksalstragödie,
ß welche damals in Paris ihrem lezten Acte entgegen-
F reifte, sich das Schicksal einer schuldlosen Frau immer
F düsterer gestaltete; Jeder mußte es bemerken, daß die
s Gräfin täglich mehr von ihrem Gatten verabsäumt
und die Marquise wieder die Beherrscherin des Grafen
j wurde; nur er selber täuschte sich darüber. Das Ge-
webe von Arglist und Verführung, mit welchem Fran-
F ziska ihn umgarnte, war so geschickt angelegt und
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F so fein, daß der Graf noch an Veronika zu hängen
- glaubte, als er schon wieder gänzlich der Marquise zu
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eigen war, und daß er für die Ruhe und Sicherheit
seiner Gattin zu sorgen wähnte, während er sie auf
den Anrath ihrer Feindin zu einer halben Gefangen-
schaft in ihrem Hause verurtheilte.
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15. Fapites
Die Lage einer Frau, welche nicht mehr geliebt und
um einer Andern willen verlassen wird, ist doppelt
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rathlos, wenn sie sich sagen muß, daß die äußern An-
lässe der Art sind, ihren Mann in Anspruch zu neh-
men und ihm den Verkehr mit ihrer Nebenbuhlerin
nothwendig zu machen. Man bedarf eines sichern Bo-
dens, um eine feste Stellung einnehmen zu können,
man muß wissen, worauf man fußen, worauf man
bauen und rechnen kann, um eine Richtschnur und
einen ompaß für seine Handlungen zu haben. Wo
aber sollte die Gräfin diese Hülfsmittel für sich finden?
Ihr Gatte war mit sich selber in Zwiespalt ge-
rathen, seit die Marquise wieder seine Vertraute ge-
worden war. Was er erlebte und empfand, das ver-
traute er ihr, und sie wußte es ihm zu deuten. Was
er für Veronika bestimmte, war Franziska's Werk, was
er an dieser hoch hielt, das tadelte er an jener. Er
liebte den kühnen, unternehmenden Geist, den festen
Muth, die Energie des festen Willeus an Franziska;
er hatte auch an Veronika einst ihr starkes tapferes
Herz geschätzt. Jezt aber bezeichnete er es als ein
Heraustreten aus des Weibes Schranken, wenn Vero-
nika es mit flehender Bitte von ihm begehrte, einge-
weiht zu werden in seine Geheimnisse und Plane, jetzt
nannte er es ihr bevorzugtes Loos, daß ihr nichts ob-
liege, als der hingebende Gehorsam an den Willen des
Mannes, der ihr seinen Namen und dieses Namens
Ehre zu hüten gegeben habe.
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Er hieß es gut, wenn Franziska, wo es sich für
F. eine Dame ihres Standes thun ließ, frei in der Deffent-
F lichkeit erschien, er begleitete sie, wo immer es geschehen
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ihres Gatten theilhaftig zu werden, wurde von dem
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Grafen mit der Erklärung zurückgewiesen, daß er die
Gräfin von Rottenbuel nicht der Gefahr preisgeben
wolle, die Beleidigungen zu erfahren, mit denen die
Weiber aus dem Volke die Damen der Aristokratie zu
verfolgen begonnen hatten.
Es kamen Stunden, in welchen Veronika zu glau-
ben wünschte, was der Graf ihr sagte. Sie wollte
ihre Zweifel besiegen, sich ihre richtige Erkenntniß ab-
leugnen, sich beruhigen und trösten. Aber wie sie sich
auch das Herz stärkte, um sich aifzurichten und, ihrem
Gatten nicht durch ihre Entmuthigung lstig zu fallen,
wie sie sich auch demüthigte, ihm zu zeigen, daß sie
ertragen wolle, was er über sie berhänge, wenn er ihr
nur die Hoffnung auf die Rückkehr seiner Liebe lasse:
er schien das Alles bald nicht mehr zu sehen, zu em-
pfinden, und Veronika konnte es sich endlich nicht ver-
hehlen, daß der Graf, sie nie geliebt habe, daß seine
Heirath mit ihr nur die Folge eines augenblicklichen
Zornes gegen die Marquise, die Folge einer augen-
blicklichen Herzensleere gewesen sei.
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Hätte Veronika sich zu beklagen vermocht, das heißt, F
hätte sie den Grafen weniger geliebt und wäre sie einsF
weniger stolzes Herz gewesen: so hätte sie der Mar?!(
auise die MBglichkeit benommen, sie der Kälte unds F
Gleichgültigkeit zu zeihen, und dem Grafen nicht die. F
reiheit gelassen, diesen Anschuldigungen Franziska's
Gehör zu schenken. Aber Veronika ertrug ihr Unglück F
ernst und still. Sie kämpfte mit aller ihrer Macht'
gegen ihre Einsicht an, sie wollte sich's nicht einge-
stehen, sich's nicht bekennen, daß sie einem Manne an-
gehörte, den sie nicht achten konnte, und daß sie ihn
liebte, obschon er diese Liebe weder begehrte noch ver-
diente.
Nur ein Mann weilte in ihrer Nähe, der es sah
und wußte, was in ihr und mit ihr vorging. Einer
lebte in ihrer Nähe, der ihr Leiden wie einen eigenen
brennenden Schmerz empfand, und der den Mann ver-
achtete, welcher das Unglück Veronika's geworden war.
Ulrich's Liebe wachte über sie und wachte über sich
selbst so streng, daß nicht sein Onkel, nicht der Späher-
blick Franziska's, die den Schatten eines Verdachtes
mit Freuden benutzt haben würde, dem Grafen einen
Zweifel gegen die tadellose Reinheit seines Weibes ein-
zuflößen, es ahnten, was in Ulrich's Herzen vorging.
Mit der Sorge eines Bruders, mit dem Scharf-
sinn der Leidenschaft, die nur stärker und tiefer gewor-
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ß den war, je fester er sie in sich verschlossen, war er
,sdem ränkevollen Treiben der Maiquise seit ver An-
zs?unft seines Dnkels in Paris gefolgt. Vorsichtig, wie
T'es dem jüngern Manne gegen den ältern, dem Neffen
j gegen den Onkel zustand, hatte er densellben daran zu
zl erinnern gewagt, wer und was Franziska sei, und wel-
s ches Spiel sie mit ihm getrieben vön Anfang an. In-
F beß der Graf hatte nicht darauf geachtet! Kleine, aber
,, peinliche Erörterungen waren die Folge solcher Ge-
F, spräche gewesen, und Ulrich hatte es nicht bis zu einem
s Aeußersten kommen lassen mögen, um nicht aud der
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Nähe Veronika's verwiesen zu werden, und um ihr
nicht zu fehlen, falls einmal die Stunde kommen sollte,
in welcher sie seiner bedurfte.
Er war viel in dem Hause seines Onkels, denn er
war unbeschäftigt in Paris, und er sah Veronika häufig
allein, die er als seine Tante zu betrachten nicht er-
lernen konnte. Aber wie oft auch er ihre stillen Seuf-
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zer hörte, wwie oft er sie einsamn und in Thränen fand,
und wie oft er Zeuge davon wurde, wenn sein Onkel
an der Seite der Marquise auswärts und strahlend
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in Heiterkeit erschien, niemals ward ein Wort der
Klage von Veronika gegen ihn geäußert, niemals hatte
er sie gefragt: was fehlt Dir, Veronika? und wie
könte ich Dir helfen?-- Die strenge Selbstbeherr-
schung, zu welcher die Freifrau und der Vater Vero-

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ika's die Beiden gewöhnt, hielt sie in ihren Bandenßj
und obschon wohl nie ein großer Kummer verschwiskF
gener getragen wurde, als Veronika und Ulrich ihre
Schmerzen trngen, so wußte doch Jeder von ihneü
was der Andere litt, und Jeder von ihnen hatte seßF,
nen Trost an der unaussprechlichen Theilnahme des
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Anderen.
Nur des Grafen Schicksal, nur das Allgemeine, sö'F
weit es ihn betreffen konnte, lag Veronika am Herzen
und Fragen um die Vorgänge in dem Lande, in der F
Stadt, in der Nationalversammlung nnd in den Clubs F
waren es, welche Ulrich der Grääfin zu beantworten F
hatte, wenn er bei ihr erschien. Jeder Trommelschlag, F
jedes Freiheitslied, deren Klänge von der Straße in
die Säle ihres Hauses drangen, machten sie erbeben,
jedes Zeitungsblatt vermehrte ihre Angst, denn der
Haß gegen die Leibwächter des Königs, gegen die
Schweizer-Regimenter, war in den untern Klassen fa-
natisch geworden, und Veronika begann zu fühlen, daß
ihre Kräfte sie verließen.
Ein sehnsüchtiges Verlangen nach einem weiten
Blick in's Freie, nach Feldern, Wiesen, Wald und Ber-
gen, die ersten Zeichen eines schmerzlichen Heimwehs
fingen an sich ihrer zu bemächtigen, aber sie wollte
dieselben nicht erkennen, und doch beengten die Mauern
ihres Gartens, die Häuser der Stadt ihr mit jedem
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FFage mehr das Herz, doch würde dieser Sommer ihr
Z,s ner Lal, vor der sie stch nicht z berzen wußte
Eines Morgens befand sie sich in einem der Säle
z' des Erdgeschosses, dessen bis zum Boden gehende Fen-
=F ster sich nach dem Garten öffneten. Die Orangen-
l, bäume, die in doppelten Reihen auf der Terrasse auf-
ß, gestellt waren, sendeten ihren Duft in das Zimmer, in
F dem vergoldeten Gitterwerk der Volisren unter den
ßz, Buchsbaumhecken sangen die Vögel. Aus der Muschel
F des Tritonen stieg vor dem Mittelfenster der Wasser-
z strahl in die Höhe und hob in regelmäßigem Wechsel
ß- die goldene Kugel bald hoch bis zu den Spizen der
F regelrecht geschnittenen Buchsbaum - Obelisken empor,
- bald ließ er sie niederfallen bis hart an den Rand der
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Muschel; und wohin Beronika das Auge auch richtete,
überall war es heute wie gestern, wie ehegestern, und
wie es vor dem Jahre gewesen war.
Mitten in dem Saale stand ein Marmortisch.- Ve-
ronika saß in einem Sessel zu seiner Rechten, der Graf
saß an der andern Seite. Ein Diener hätte das Früh-
stückgeräth aus Sövre -Porzellan äufgetragen und sich
dann entfernt, denn man hatte von Rottenbuel her
die Gewohnheit mitsammen zu frühstücken beibehalten,
und es war das fast die einzige Stunde, in welcher
Veronika den Grafen ohne Zeugen sah und sprach.
Sie hatte ihm die Chocolade eingeschenkt, bas Früh-
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stüück war beendet, und der Graf trat danach, in vollee F
Uniform, zum Ausgehen angekleidet, an den vergolde- F
ten Ständer des weißen Papageys, welcher gewohnt F
war, an jedem Morgen aus der Hand des Grafen sein F
Biseuit zu empfangen.
,Du könntest Pollo auf die Terrasse hinausbringen F
lassen,' sogte der Graf, gleichmüthig mit dem Bogel
tändelnd,,Pollo ist in dem warmen Wetter gern im ß
Frelen !-- und als wolle er dem Vogel sein Be- F
hagen je eher je lieber bereiten, löste er das Schloß der F
Kette, mit welcher derselbe an seinem Ständer befestigt Z
war, und trng ihn nach der Voliere hinaus, um ihn
dort an einer ihrer hervorstehenden Verzierungen zu
befestigen.
Es ist immer ein Tropfen, der den vollgefüllten
Becher zum Neberfließen bringt. Allen den Zuvor-
kommheiten, aller der Aufmerkjamkeit und Willfährig-
keit, welche der Graf der Marquise bezeigte, hatte Ve-
ronika mit äußerer Fassung gegenüber gestanden, seiner
Fürsorge für Pollo vermochte sie nicht zu stehen.
,Zür den Vogel sorgt er, sagte sie leise zu sich
selbst, und in ihrem Herzen fügte sie hinzu: ,und an
mich denkt er nicht !'!-- Die Thräänen kamen ihr in
die Augen, das Herz schwoll ihr empor und that ihr
wehe, daß sie den tiefen Seufzer nicht unterdrücken
konnte. Aber sie schämte sich ihrer Schwäche und
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s (wendete sich ab, bem Grafen ihre Aränen zu verber-
j jgen, den, ibren Seufzer vemnepmend, zu ihr zurücksah.
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j (wie polo! versepte sie, ,ich shne mich is Feeee!
,Und weshalb fährst Du nicht aus? fragte der
j j Geaf weiter, in jenem Tone, mit wwelchem man eine
s s oberflächliche Unterhaltung mit einem Fiemden fort-
j ß sest, üid doch Leute und Dferde ist unbeschktigt
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,Du nanntest es bedenklich, Bester,' erinnerte die
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Gräfin,,als ich neulich daran dachte, in das Gehölz
zu fahren.'
,Die Wappen sind jetzt von den Wagenschlägen
abgenommen, und ich habe unseren Leuten bis auf
Weiteres die Livröe untersagt!'' bemerkte der Graf mit
Bitterkeit.,Es hat also keine Gefahr!!!
,, Und Du hast Nichts dagegen, wenn ich ausfahre?
Ich möchte wohl einmal nach SaintDenis, nach Mont-
morency !'!
,Warum so weit? Warum nicht in das Gehölz?
, Ach!' rief die Gräfin, einmal ihrer selbst nicht
mächtig, ,,wenn Du mich begleiten, mit mir kommen
wolltest! Wenn wir nur einmal, nur einmal wieder,
s! wie in den schönen Tagen, die nicht mehr sind, uns
F! gemeinsam die Seele erfrischen könnten an dem vollen
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Sonnenschein, an der frischen Luft in Wald und Felb?
wenn nnr eine jener Stunden wiederkehren möchte, hF
welchen wir in der Heimath, auf unsern Schlösswzzz
des schönen Glaubens lebten-
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Der Graf ließ sie nicht zu Ende reden. SeiüO
Miene war finster geworden, er ging nach der SeitsF
des Zimmers, an welcher sich neben der Thüre dsk
Drücker zur Klingel befand.
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, Die Monarchie geht unter, wir stehen am Rande;
eines Abgrundes, und Du hegst die tändelnden Gö
danken einer schwärmerischen Mädchenseele! Jeder FagF
kann unser lezter werden, und Du magst daran denkeng
Dich zu vergnigen!'' sagte er unwillig, weil die WorteJ
der Gräfin und der Ton, mit welchem sie gesprochen P
wurden, ihm unwillkürlich eigene Erinnerungen wach ß
riefen, die er zu übertäuben gelernt hatte.
Er hatte den Klingelzug ergrifen; die Gräfin,P
welche aufgestanden und dem Grafen gefolgt war, hielt Z
seine Hand zurück Sie war blässer geworden, als sie F
es jezt ohnehin schon war; aber ihre Augen erglänzten Z
hell, obschon Thränen in ihnen schimmerten, und ihrem F
Gatten fest in das Antliz schauend, sprach sie, wei! ß
sein Vorwurf ihr das Herz umwedete: ,Ich mich ver-
gnügen, Joseph? Woher sollte mir die Neigung dazu s
kommen? Es giebt kein Vergnügen, keine Freude für F
ein verlassenes Weib, für ein Weib, das sich sagen F

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Fimuß, es wurde nie geliebt, und alle seine Liebe, alle
FGluth und Treue seines Herzens reichte eben nur hin,
ß dem Manne, dem sie geweiht waren, für einen Augen-
Fblck die Untreue einer Anderen vergessen zu machen.
F Der Graf fuhr auf. ,Was soll das, Veronika?
Lkief er,,was sollen uns Erörterungen, die Keinem
Fbon uns fruchten? Wir haben uns getäuscht -- Du
ßsagst es-- sei es drum! Aber können wir das ändern?
PKönnen wir Geschehenes ungeschehen machen?
- ,Joseph!' rief die Gräfin, die sich kaum aufrecht
FFu erhalten wußte, ,Joseph! besinne Dich; mit diesen:
ZWorten trittst Du meine Vergangenheit mit üßen,
ßzerstörst Du und vernichtest Du mir die Zukunft!
Z Nimm diese unglückseligen Worte zurück Laß mir
Fbie Möglichkeit, die Möglichkeit wenigstens, mich zu
s -
P täuschen, mich mit meinen Träumer und Hoffnungen
Izu täuschen. Es ist die erste Klage, die Dü von mei-
zz?
,kem Munde hörst, es soll die lezte sein!';
I Sie war außer sich, und sich ihhn zu Füßen wer-
ßfend, rief sie; ,Täusche mich, um Gottes Varmherzig-
Ileit willen täusche mich! Mach' es mich glauben, o!
gz mach' es mich glauben, daß Du mich einst geliebt hast,
F daß Du mich einst noch wieder lieben wirst! Ich kann
I!nicht leben ohne diesen Glauben!''
F! Der Graf hob sie empor, der Vorgang hatte ihn
Ferschreckt, er ängstigte und guälte, er erschütterte ihn
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sogar, aber er rühete ihn nicht. Die Marguise häg
der Gräfin das Herz ihres Gatten vollständig abngß
wendig gemacht.

, Veronika, sagte er, und an der Ruhe, mit wwä
cher er zu ihr sprach, konnte sie die ganze Kluft H
messen, welche ihn von ihr trennte, ,wir Menschen siß;
nicht Herren über unser Herz. Was ich in früheä
Jahren an Franziska auch getadelt habe, ich habe ß
geliebt seit meiner ersten Jugend. Als ich Dich sh,
glaubte ich sie vergessen zu können. Du bist die eiß
zige Fran, wwelche mir diese uversicht eingeflößt. NlF
Dein, nicht mein und nicht Zranziska's ist die Schul,
daß mich mein Herz betrog. Ich liebe Franziska, nß
je zuvor, und ihre heroische Hingebung an die SaähF,
welcher ich diene, einer Sache, die Dir feemd ist, hFß
sie mir jezt verehrungswürdig gemacht. Es ist nlch
gut, daß es so ist, aber es waltet eben ein unglücß
liches Verhängniß über uns. Wer kann das änderüh
Die Gräfin war starr vor Schrecken. Sie schwiF
eine Weile, wwie gelähmt vom Schmerz, dann schlüß
sie die Hände über ihrem Haupte zusammen, und nß
einer Stimme, der man ihre ganze Verzweiflung at
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die Worte nicht mehr, die von ihr zu ihm, von ihe
zu ihr die Brücke bilden konnten. Das dauerte einet

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Jugenbtick, eudlich nahm Veronika ihre lezte Kraft
zzusammen und sagte: ,Du hast es ausgesprochen, und
Hich habe es längst geglaubt, daß jedweder Tag uns hier
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=; die lezte Stunde bringen könne. Das eben, trieb mich
zu dem Verlangen, noch einmal zu Dir' von Grund
, der Seele zu sprechen. Ich wollte Dich erinnern -
ich wollte versuchen --- sie vollendete nicht. -
, Umsonst! umsonst!'' rief sie, und ihr Gesicht in ihren
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Gemach.
Der Graf stampfte unmerklich mit dem Fuße. Er
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Händen verbergend, verließ sie eiligen Schrittes das
hatte Veronika ungerührt gegenübergestanden, nun sie
sich entfernt hatte, begrif er das Elend, das er über
sie gebracht, und er beklagte sie, er fühlte sich schul-
dig. Aber er hatte zu lange aufgehört sie zu lieben,
er hing zu fest an Franziska, um an eine Versöh-
nung, an eine innere Herstellung seiner Ehe zu
glauben, und der Gedanke an die Trennung derselben,
den Franziska ihm oftmals nahe gelegt, bot sich ihm
jetzt zum ersten Male aus eigenem Antrieb dar, wei!
er durch die Scheidung sich und Veronika die Freiheit
und mit dieser sich und ihr den Frieden wiedergeben
zu können meinte.
Er wollte zu ihr gehen, in diesem Sinne mit ihr
sprechen, als Ulrich ihm angemeldet wirde. Das än-
berte seinen Entschluß. Es schiei ihm gerathen, erst
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den Eindruck ausklingen zu lassen, welchen die ebeäF
erlebte Unterredung auf Veronika gemacht haben mußteH
und da die Vorstellung der Scheidung ihn nun plögs-
lich völlig hinnahm, wollte er lieber erst reiflich dar?
über nachsinnen, wie er sie seiner Gattin anbieten und
anehmbar machen könne. Sein Sinn richtete sihJ
damit thätig in die Zukunft, eröffnete sich einer Hoff-
nung, und womit er selbst beschäftigt war, als seinß
Neffe bei ihm eintrat und nach des Grafen und derF
Gräfin Ergehen fragte.
, Veronika bekommut das Heimweh! sagte der Graf,ß
dem dieser Einfall wie eine Erleuchtung durch die SeeleF
schoß,,und zwwar, wie ich fürchte, das Heimweh imiß
wahren Sinne des Wortes. Sie hatte heute ein Ver-P
langen, die Stadt zu verlassen, in das Freie zu fab-h
ren, das wirklich etwas Krankhaftes an sich trug. Pn F
könntest mir einen Dienst leisten, mein Freund, wwenn F
Du sie begleiten wolltest.
, Und Sie werden nicht von der Partei sein, ß
nkel? fragte der Fieiherr.
, Mir fehlt die Ruhe dazu!'' entgegnete der Graf ß
, Wer hat jezt auch Zeit, sich wie Veronika des jungen ß
Grüns und der Sonnenstrahlen zu erfreuen!!' Er hatte h
das in einer Weise gesprochen, die er zu bereuen schien, H
denn er fügte hinzu:,Man könnte sie um eine Sorg- F
losigkeit beneiden, welche in diesem Angenblicke an sich Ps
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t und an irgend eine Befriedigung für sich zu denken
fähig ift.
! Aber die Begütigung, welche er zu machen beab-
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fichtigt hatte, schloß eigentlich nut einen neuen Vor-
wurf in sich, und Ulrich wußte, was Veronika erdul-
dete, und Ulrich liebte Veronika.
Heißer Zorn röthete seine Wangen, er hielt die
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Antwort, die sich ihm aufdrängte, jedoch zurück, und
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sagte ruhig, aber mit unvetkennbarer Selbstbeherr-
schung:,Es ist nicht Sorglosigkeit, mein Onkel, was
die Wangen Veronika's gebleicht hat und ihr ein be-
freienderes Aufathmen in Gottes Natur zu einem Be-
dürfniß werden läßt !'!
Der Graf war bei der Ankunft, seines Neffen auf
die Terrasse hinausgegangen, und sie schritten lust-
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wandelnd neben einander her. Bei Ulrich's Worten
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wendete er' seine Augen nach ihm, aber zs paßte ihm
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nicht, es zu verstehen, was die Mieneü des jungen
Mannes deutlich aussprachen. ,Gewiß nicht!'! entgeg-
nete er deshalb,,aber das Heimweh überwältigt sie,
wie es mir scheint.!
Weil er die Wahrheit verbergen wollte, gewann
F! sein Ausdruck etwas Leichtfertiges, das den Freiherrn
F! empörte. Er konnte es nicht ertragen' zu schweigen
F! oder sich das Ansehen zu geben, als glaube er dem
?; Wort des Grafen. Und auffahrend in seinem Sorne
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Lewwald, Kleine Romane. ?.
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sagte er:,Es wäre sehr erklärlich, daß die Aermfte,
sich vom Heimweh ergrifen fühlte, da sie hier keiüe
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Heimath gefunden hat !r

Der Graf hielt in seinem Gange inne. Fest' unöF
stolz, wie er sich in solchen Augenblicken gab, trat eßF
vor seinen Neffen hin und sagte: ,Männer hinterhalsF
ten nicht, wenn sie Etwas wider einander haben. F
Was hast Du mir zu sagen, Ulrich! Speich es auek?P
Der Graf mußte sehr aufgeregt sein, um so ge-
waltsam einer Erklärung entgegen zu gehen, das stanb Z
für tlrich fest, aber er war selbst zu erregt, um den P
Anlaß, der sich ihm darbot, nicht zu benuzen; unb Z
eben so entschieden, wie die Frage an ihn gerichtet F
war, antwortete er:,Sie haben der Marquise von F
Vieillemarin das Leben eines Mannes geopfert, und F
ich war euge davon. Lassen Sie mich nicht Zenge F
davon werden, Dnkel, daß Sie der Marauise auch die ß
Edelste der Frauen opfern !''
, ulricht' eief dee Graf im Jähzorn auflodernd, (
,Ou vergissest, zu wem Du sprichst!''
. =, daß ich es vergessen könnte!'' eief der Rrei- ß
herr.,Daßß ich es vergessen könnte, wie Sie sie mir ;
geraubt, und wie ich geschwiegen, in dem Glauben, P
dem bessern Manne zu weichen. Daß ich sie vergessen ,
könnte, die brennende Eifersucht, mit welcher ich Ve-
ronika zuerst an Ihrer Seite wiedersah!

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! Er schwieg eine Weile, der Graf sah ihm fest in's
Fs Auge. Endlich hub Ulrich wieder gn: Ich floh meine
F Tante, die ich liebte, ich floh meinen Dnkel, den ich
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verehrte, weil das Herz meiner Mutter an dem Bru-
ß.
der hing; ich verließ Alles, ich opferte Alles, die Nähe
der Mutter, die Heimath, das Vaterland. Ich ver-
bannte mich, ich wollte Nichts, Nichts als ihr Glück.
Kein Gedanke, der sie begehrte, sollte in ihrer Nähe
sich regen! Ich hätte damit sie zu entweihen, ihr Glück
zu entheiligen gefürchtet, das ich so wohl geborgen
wähnte an der Seite ihres Gatten. Da kamen Sie
nach Paris.'!- =
Ulrich verstummte, auch der Graf war stumm. Der
Freiherr warf sich auf einen der Gartensessel nieder
und stüzte den Kopf in seine Hände, der Graf stand
wie angewurzelt an dem Flecke und starrte den Boden
an, als habe sich vor ihm die entsezliche Tiefe eines
grausen Abgrundes eröffnete. Endlich raffte er sich
empvr, ging eine Strecke mehrmals langsam auf und
nieder und blieb vor Ulrich stehen, ihn gedankenvoll
betrachtend. Dann, als dieser sich mit plötzlichem Ent-
schlusse aufrichtete, sagte er: ,Was wir einander noch
zu sagen haben, Ulrich, wird kurz sein, und wir wer-
den uns für immer trennen. Uns als Feinde zu be-
gegnen, hindert uns die Liebe für Deine. Mutter, die
zwischen uns steht; uns jezt zu berständigen, hindert
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