Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 17

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uns Veronika, die ebenfalls zwischen uns steht. Soh
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laß uns denn scheiden, und=-
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,Und Veronika? elef tlrich bleich nnd regungsloßI
Der Graf war ebenso blaß geworden. ,Vertrainf
fie mir!'' sprach er mit einer Erschütterung, wie e;
fie nie zuvor empfunden hatte. ,Vertraue sie mlel,
jezt kannst Du sie mir anvertrauen.!
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Er reichte seinem Nefen die Hand, ulrich kok
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sich nicht überwinden, sie anzunehmen.
,Ich will versuchen, Ihnen zu vertranen!! sagteßß
er gepreßt. Dann entfernte er sich, und der GräfF
blieb allein zurück, sich selbst und seinen Gedanken unö
Vorsäzen überlassen.
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1 Kapitel'
Die Flucht des Königs, die unheiluole Rückkehr F
desselben und die Ereignisse, welche sich daran knüpf-ß
ten, hatten dem Grafen den Anlaß geboten, einen F
Plan auszuführen, dessen Gelingen ihm jezt, nachdem
er die Leidenschaft Ulrich's für Veronika kennen lernen F
hatte, einen Ausweg aus der innern Bedrängniß zu j
zeigen schien, welche mehr und mehr auf ihn einzu- F
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h; stürmen begann, denn keine seiner Empfindungen war
, eine reine und ungebrochene.
. Bei aller seiner Leidenschaft für die Marquise, bei
F der willenlosen Hingebung, mit welcher er ihr Vero-
F nika gevpfert hatte, und troz des Zutrauens, welches
Z, ihre zur Schau getragene Begeisterung für die könig-
Z, liche Sache ihm einflößte, fehlte ihm jener rechte per-
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sönliche Glaube an Franziska,' der sein Glück und sei-
nen Frieden in den Händen eines geliebten Weibes
wohl aufgehoben weiß. Es kamen doch immer wieder
Stunden, in welchen er nicht vergessen konnte, was
einst geschehen war, und in welchen er die ganze
Stärke seiner Leidenschaft für sie heraufbeschwören
mußte, um die Zweifel zu übertäuben, die sich in ihm
gegen sie erhoben und ihn dann an sich selbst' und
an der Berechtigung seines ganzen;Thuns; irre werden
ließen. Er machte sich dann das Unglück Veronika's
zum Vorwurf, er hätte sie lieben, i Franziska vergessen
mögen, und fand Beides unmöglich. Er konnte sich
keine Zukunft für sich ohne Franziska vorstellen, und
hatte nicht Härte genng, gleichgültig an das künftige
Loos seinet Gattin zu denken, obschon er sich nicht
scheute, sie unglücklich zu machen, da sie noch in seinem
Hanse und in seiner Nähe lebte.-
Unentschlossene Menschen halten sich für frei und
selbstständig, eben weil sie unentschhlossen sind und sich
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also beständig in der Lage befinden, ihren EntschläßF
noch fassen zu können; und sie meinen eine Wahl al?
innerer leberzeugung getroffen zu haben, wennt' einZ
von Außen kommender Anlaßß sie zum Handeln anF
teeibt. An solcher Loge war es, daß Graf JosephFF
wie wir sahen, seiner Schwester schrieb, auf deülZ
Rottenbuel die Zimmer Veronika's zu ihrem EmpfangF
herrichten zu lassen. Die Zustände in Paris botsü P
einem besorgten Manne Anlaß genng, an die Ent- Z
fernung seiner Frau zu denken, und der Graf traukeF
es sich zu, von Veronika, die wirklich leidend wakß
die Einwilligung zu einem Wcchsel ihees Aufenthaltss F
zu erlangen. War sie erst fern von Paris, danitZ
hoffte er Alles sowohl von ihrer Güte, als von ihrem F
Stolze. Er wufßte, daß sie ihn liebte und ihn glück- Z
lich zu sehen wünschte, er kannte sie auch daranf, daß F
es ihr nicht möglich wäre, seine Gattin zu bleiben,
wenn er nur einmal das Verlangen ausgesprochen, h
seine Ehe getrennt zu sehen, und er, aus dessen Her- F
zen Veronika's starke und ausdauernde Liebe die Mar- F
auise nicht hatte verdrängen können, überließ sich der
Zuversicht, daß Ulrich's Lebe Veronikas Herz gewin- ß
nen und daß sie dahin kommen werde, in einer Ehe F
mit tlrich das Glück zu finden, das er selbst ihr nicht ß
hatte bereiten können. Regte sich dann jenes Gefühl
der Eifersucht in ihm, mit dem er die Frau, welche F
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F er zu lieben geglaubt und die er als sein Weib be-
Ff sessen hatte, sich nicht als die Gattin eines Andern
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denken konnte, so kämpfte er es nieder, oder bezeich-
nete sich seine Eifersucht als die !Strafe und Buße,
welche er zur Sühne für den Irrthum seines Herzenö
und zur Herstellung und Aufbauung eines allseitigen
Friedens und Glückes freiwillig über sich nehmen
müsse.. Er hatte den vollen Leichtsinn eines durch
sein günstiges Loos verwöhnten und darum zu bestän-
digem Selbstbetrug geneigten Menschen.
Sein Schreiben, das bei der damaligen Lage der
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Dinge nur durch die Vermittelung vertrauter Personen
über die Grenze zu bringen war, erreichte die Freifrau
erst, als der Sommer sich schon zu seinem Ende neigte,
und hätte Veronika daran gedacht, sich der Anordnung
ihres Gatten zu fügen, so hätte sie sich bereits auf
dem Rottenbuel befinden müssen, ehe des Grafen Brief
seiner Schwester zu Händen, kani. Indeß wie sehr
der Graf auch in Veronika drang, Paris für den
Augenblick zu verlassen, in dein einen Pünkte fand er
sie unnachgiebig, da er aus Scheu vot den Erörterun-
gen und Erschütterungen, welche einer solchen Erklä-
rung nothwendig folgen mußten, ihr nicht von seinem
Verlangen nach einer Trennung seiner Ehe zu sptechen
I! wagte.
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n=! Veronika's Leben wurde von diesem Zeitpunkte ab

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also nur noch trauriger. Ulrich, dessen Treue ihr stets,
ein Trost gewesen, ließ sich nicht mehr sehen, und ihülh?
zu schreiben mußte sie sich versagen, da der Graf. slö
von einem Zerwürfniß unterrichtet hatte, welchesNF
zwischen ihm und seinem Neffen statigefunden. Die'ß
Freunde und Gesinnungsgenossen des Grafen, vonß
denen Veronika einst mit so auszeichnender Zuvorkons h
menheit empfangen worden war, hatten die Theilnahme F
für sie verloren, weil der Graf selbst sie vernachlässigte ß
und weil man ihr, Dank den Andeutungen der Mas F
auise, zu mißtrauen angefangen htte. Man wfs F
daß der Freiherr von Thuris, ihr Freund und Iugenö? g
genosse, unter den Mitgliedern der National-Versamnb z

lung Bekaunte und Freunde zählte, und blind wie der F
Parteihaß es in Zeiten großer Krisen immer ist, kostete P
es ranziska wenig Mühe, das plöpliche Ausbleibe F
des Freiherrn aus dem gräflichen Hause mit der ge z
litischen Unzuverlässigkeit Veronika's in Verbindung
zu bringen, gegen welche ihr Gatte es endlich nöthig
gefunden habe, sich zu schützen.
Niemand sprach davon mit dem Grafen. Eine
Treulosigkeit seines Weibes wäre in den Augen der
Gesellschaft, zu welcher er gehörte, für ihn keine solche
Schmach gewesen, als ihre mangelnde Hingebung an
die gute Sache und an das königliche Haus; nnd da
man, sonst an Huldigungen und Ehrenauszeichnungen

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IFF! aller Art gewöhnt, jezt der Beleidigungen und De-
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sFs müthigungen genng zu tragen hatte, machte man sich
s ein Vergnügen daraus, diejenige, bei welcher nian eine
sHs abweichende Gesinnnng voiaussezte, die Kränkungen
Fs entgelten zu lassen, die man von dem Volke hinneh-
xs wen mßte
e. F! So kam es, daß die Gräfin, von den Freunden
rFF! ihres Mannes nicht gesucht und' sie ebenfalls nicht
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zs suchend, weil sie mehr oder weniger Freimnde und An-
g F! hänger der Marquise waren, sich mitten in Paris in
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einer Einsankeit befand, die niederdrückend war, weil
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g; ihr die Ruhe uitd der Friede freiwsilligeit Alleinseins
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Oß! fehlten. Und als endlich die wwachsende Gefahr für die
-! Sicherheit der königlichen Familie deni! Gtasen die
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=e; Pflicht auferlegte, seine Dienstwohnung in det Kasekne
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gFf! seines Regimentes zu beziehen, ußn in jedem Aigen-
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; blicke auf seinem Posten zu sein, herrschte in! dem
=I; schönen Hotel, in welchem Beronikä krairig und ver-
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?! lassen weilte, eine Stille, als befände sie sich in einem
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! Kloster.
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Was bon außen durch die Zeikungen und durch

Je - die Berichte ihrer Leute zu ihr drang, ttug dazu bei,
. - ihr die Verlassenheit noch schwerer zu machen, und
E s die Besuche, welche der Graf ihr abstattete, ließen sie
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z nur zu deutlich empfinden, daß er keine Gemeinschaft
F- mehr mit ihr habe, daß ihr kein änderer.Antheil mehr
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an ihm geblieben, als die Angst und die Sorge, mnitsz'
welcher sie ihn im Geiste begleitete, wenn er von ihtßßß
entfernt war. Selbst die Hoffnung auf irgend eineäsß
Zufall, welcher eine Aenderung in dem Sinne ihress(
Gatten erzeugen oder ihr die Gelegenheit geben würdsfF
seine Neigung wieder zu gewinnen, fing an ihr zu:E
entschwinden.
Tag auf Tag, Monat auf Monat waren so dahin- F
geschlichen, der Herbst, der Winter waren vergangen, Z
der Frühling zurückgekehrt und von dem Sommer ver? Z
drängt worden, und Veronika hatte die lange Zeit Z
nach Stunden abgezählt und in Gram durchmessen. F
Aber auch der Frau von Thuris war es in ihren F
Schlosse nicht besser ergangen. Sie war stets die F
Vertraute ihres Sohnes gewesen, seit er selbst sein g
Herz erkannt hatte, und sie wußte Alles, was in Paris
zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohne vorgefallen g
war. Ulrich's Briefe, der Herzenskummer, welchen sie ß
aus jedem derselben herauslas, auch wenn er sich nicht F
beklagte und nicht von sich sprach, die Schilderungen, Z
die er ihr von Veronika's leidendem Zustande maäh?e. ß
und ihres Bruders wiederholtes Verlangen, daß sfe g
die Gräfi bestimmen möge, nach der Schweiz zurß F
zukehren, ließen der Fieifrau endlich keine Ruhe mehn g
in ihrem Schlosse.
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Abwarten, Zusehen, Geschehenlassen war nicht in
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hrer Art, und sie hatte sich schon seit Jahren den
Zwang der schweigenden Zurückhaltung auferlegt. Das
war ihr um so schwerer gefallen, äls ihre ehtliche und
strenge Gewissenhaftigkeit es ihr beständig vorgehalten,
daß sie es gewvesen sei, welche die Heiräth ihres Bru-
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ders mit Veronika geplant, daß sie es gewesen, welche
s F die Beiden für einander einzunehmen und zu gewin-
F nen gestrebt, und daß ihr Verlangen, den Stamm der
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g z! Grafen von Rottenbuel nicht erlöschen zu sehen, mit-
1 F bestimmend auf den Entschluß ihres Bruders einge-
s ß wirkt, der, als er von Frankreich gekommen war, im
Gefühl seiner Abhängigkeit von Franziska, nur wenig
an eine Heirath gedacht hatte.
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Wo sie gefehlt, wo sie Unheil gestiftet zu haben
glaubte, wollte sie auch, so viel an ihr war, herstellen
und tragen helfen; vor allen Dingen aber wollte sie
bei den Ihren sein, wollte init eigeien Augen sehen,
mit eigenen Ohren höten, den Sohn,' die Pflegetochter,
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den Bruder wo möglich aus einem Banne'erlösen, dessen
Fs unselige Folgen vielleicht durch ein zu rechter Zeit ge-
F! sprochenes Wort noch zu beschwören wwaren, und
y! wenn Gefahr ihnen drohte, wollte sie sie theilen, statt
Fs sie aus quälender Ferne mit verdoppelter Herzensangst
jZ! für Aües, was sle Gellebes «uf Eeben besaß, an
s! jedem Tage zu befürchten.


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