Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 01

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1 Kapiies
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ZK«Gs-Se.

Es ist, seit die Dampfwagen und Dampfschiffe die
Welt durchsausen, eine ganz neue Art des Reisens
unter die Menschen gekommen. Sie sind aus Maß-
losigkeit sehr genüügsam geworden. Sie sehen das Meer, ; -
-die Gebirge, die Flüsse, die ausgedehnten Eisenbahn-
linien, auf denen die lange Reihe der Wagen sich wie
eine geflügelte Riesenschlange dahin bewegt, sie sehen
breite Landstraßen, große Städte mit hervorragenden
Monumenten, Gebäuden und Gasthöfen, und kleinere
Städte und Dörfer mit etwas kleineren Gasthöfen,
aber sie sehen Alles das nur wie aus der Pogelper-
speetive. Sie behalten die Physiognomie eines Mit- .
reisenden im Gedächtnisse, dessen Namen sie nicht wissen,
lernen den Namen eines Andern kennen, von dem sie

nicht viel mehr als eben den Namen erfahren, sie
kennen die Einrichtung, die Preise, die Wirthe und
Kellner in den Hotels, sie haben verschiedene Kirchen -
und Gallerien durchlaufen, verschiedene Berge zud
Thürme erklettert, und ist dann die Reise zurückgelegt, j -
z -

so haben sie Nichts gewonnen, als eine Reihe von
äußeren Anschauungen und von Vorstellungen, welche
sie sich vollkommen eben so gut und weit weniger be-
schwerlich und kostspielig in einem Panorama und durch
eine illustrirte Zeitung hätten aneignen können. Sie
briagen es zu einer Gesammtanschaunng, wie das
Geographiebuch sie dem Schüler giebt, zu einigen
Privatansichten, die zum großen Theile falsch sind, und
der eigentliche Zweck des Reisens, ja sein eigentlicher
Genuß, das Heimischwerden in Zuständen, welche von
den unseren verschieden sind, das Herantreten des
Menschen an den Menschen, das allein die Ferne be-
lebt und das Dunkel aufhellt, in welches sie sich sonst
für uns vcrbirgt, das geht ihnen verloren ein für alle?
mal. Tausende und Tausende reisen alljährlich nach
der Schweiz, aber was wissen die Meisten bei ihrer
Heimkehr von dem Lande und von seinen Bewohnern?
Sie kennen von Ansehen die grünen Matten, auf
welchen die Heerden weiden, und die Sennhütten des
Hochgebirges, in denen der Käse bereitet wird. Sie
kennen ebenso von Ansehen die gewerbfleißigen Städte,
auf deren Wiesen die feuerrothen Schweizerkattune die
Sonnenprobe bestehen, und sie sind durch Dörfer ge-
fahren und haben in Häuser hineingesehen, hinter deren
kleinen Fenstern der Webestuhl des Seidenwirkers
klapperte oder die kunstgeübte Hand der Näherin aüf

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dem Tambourinrahmen die Gardinen für die Pracht-
säle der Königsschlösser stickte. Vor den schönen Kunst-
schnitzereien der großen Interlakener Magazine, vor den
Schaufenstern der Ühren- und Goldwaarenfabriken vgn I
Genf haben sie eine Weile stille gestanden und sie
wissen somit, daß die Schweizer ein Volk von fleißigen ,
Bürgern sind, die Ackerbau und Industrie treiben.
Man hat ihnen gesagt, daß in Basel ein sehr reicher, -
geldstolzer und zum Theil pietistischer Kaufmannsstand
existirt, daß die südliche Schweiz einen lebhaften )
Handelsverkehr mit Italien treibt, und wenn sie etwa -
das Nheinthal hinauf fahren und ihnen auf beiden
Seiten des Weges von den steilsten Felshöhen die -
Trümmer der Ritterburgen und tiefer hinab die zum ;
Theil noch bewohnten Schlösser der alten Geschlechter !


in die Augen fallen, so stört sie das in ihrem erlernten -
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Urtheil über das Land und seine Bewohner nicht
sonderlich. Sie fragen sich nicht, woher diese Schlösser i
sondern sie rechnen die Ruinen als zur Decoration des I
Weges gehörend, unh sie haben ja auch schon am ? -
deutschen Rheine eben solche Burgen gesehen.- Was ? -
denn aus all den alte Adelögeschlechtern in der freien ,
republikanischen Schweiz geworden ist, darauf lassen !
sie sich nicht ein, denn dazu haben sie auf dex Reise, -
die sie ja zu ihrem Vergnügen machen, keine Zeit.
=-= =-===a==zs=ss «. z=sJss=s -

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Wer aber etwas mehr Zeit hat, und wer ein an-
deres Vergnügen von der Reise erwartet, als das mög-
lichst schnelle Durchziehen möglichst weiter Strecken,
dem muß es, wenn er vom Bodensee aufwärts durch
das Glarner Land nach Graubündten geht, sich auf-
fallend darthun, wie mit dem sanften, lieblichen Cha-
rakter der Gegend sich auch die Gestalten und Physiog-
nomien seiner Bewohner ändern, und welch eine Ver-
schiedenheit den blonden Schweizer von St. Gallen ,
und Glarus von dem dunkelhaarigen, schlanken und
doch so kraftvollen Schweizer aus Graubünden trennt, ;
über dessen Flecken und Dörfer sich die eisgekrönten
Hochgebirge erheben, und in dessen Felsenthäler einzu-
dringen und sich festzusetzen, einst den Beherrschern der
Welt, den -Römern, eine so schwere Aufgabe ge-
wesen ist.
Noch steht er da, der hohe viereckige Römerthurm
mit seinen altersgeschwärzten Quadern, der Neberrest
der alten Vuria lhaetorur, welche einst die kriege-
rischen Rhätier im Zaum halten sollte. Noch nennt
das Volk von Chur, der Hauptstadt des Bündner
Landes, diesen Thurm den Spinöl, die spirs iv oculis,
den Dorn im Auge des Volkes, und wie der Zeuge
jener grauen Vorzeit noch von der Höhe auf die Haupt-
stadt des Bündner Landes, auf Chur, hinabschaut, so
ist auch das Blut der alten Rhätier noch nicht in den

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Adern des Volkes versiecht, denn noch heute sind die
Bündner ein kriegslustiger und beharrlich ausdauernder
Volksstamm.
Wenn schon die Zeiten lgnge vorüber waren, in
welchen die alten Rhätiex ihr Land mit wilder Energie
gegen das Eindringen der Römer vextheidigten, und
wenn auch den Raubrittern, welche hier im Mittelalter
eine furchtbare Tyrannei geübt haben müssen, ihr Ge-
werbe längst gelegt, so;schicken doch die alten He-
schlechter, die Toggenburg, vie Buol, die Liechtenstein,
die Salis, die Travers und viele andere, ihre Söhne
, immer noch in das Ausland, um sie zu Söldnern ir-
gend. einer Gewaltherrschaft zu machen und sie das
heiße Blut in fremder Sache abkühlen zu lassen. Ein
Theil der alten Bündner Familien, der den deutschen
Fürsten gedient hatte, sezte sich inDeutschland fest
und half die deutsche Adelsaristokratie verstärken; ein
anderer Theil aber blieb, im Lande, stieg, Purch gen
Wandel der politischen Ereignisse und , durch die pex-
änderten Lebensbedingungen gezwungen, aus, seinen
einsamen Burgen, aus seinen Wäldern und von seinen . j
Felsen in die Thäler und in die Städte hinab, um
nach dem Anschluß des Graubündner Landes gn die
Eidgenossenschaft unter den freien Bürgern, der freien ?
Schweiz wenigstens äußerlich ein bürgerliches Leben
zu führen.
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8
Trozdem sind die Spuren der einstigen Adelsherr-
schaft noch in dem ganzen Bündnerlande sichtbar. Im
Rheinthal und an der Bia Mala, im Prätigau, im
Domleschgthal, im Engadin und an den Quellen des
Inn, im Bergagliathal und hinab bis zu den italie-
nischen Seen liegen sie weit verstreut, die zahlreichen
Schlösser des Adels mit ihren Thürmen und mit ihren
mauerumgebenen Gärten, und selbst in Chur und in
seiner nächsten Umgebung sprechen die Stadtwohnungen
des Adels, die Häuser mit der alten steinernen Wappen-
zier auch heute noch von dem Reichthum, welchen die;
Geschlechter einst besessen, als sie noch das Veltlin be-;
herrschten und, römischen Proconsuln gleich, das Land
aussogen, das sie erobert hatten.
Ein Zufall hatte uns in Chur zu Bewohnern eines
solchen alten adligen Herrenhauses gemacht. Es war
von außen eben nicht mehr viel Besonderes daran zu,
sehen. Unterhalb des Berges, welcher den Dom, den
Bischofssiz, das Seminar und das Cantonsgymnasium
trägt, war es in einem Garten am Mande der Plessur,
des wild rauschenwen Bergwassers, gelegen, das, hier
aus engem Felsenthale hervorbrechend, sich später in
den Rhein ergießt. Hohe Pappeln bezeichneten statt-
lich des Gartens Eingang, und der räumige Flur, die
steinerne breite Treppe im Innern des Hauses, die
schönen sich aneinanderreihenden Zimmer der drei Stock-
s

9
werke mußten selbst einer zahlreichen Familie eine dn-
;
gemessene Wohnung dargeboten haben, als die Grafen
von Rvttenbuel vas Haus noch inne hatten.
Jetzt waren die Grafen von Rottenbuel ausge-
storben. Ihre Erben, die Herren von Nottenbuel, be-
saßen das Haus. Die einzelnen Stockwerke - waren
schon seit geraumer Zeit an verschiedene Familien vex-
miethet, und die nicht eben vermögenden Eigenthümer ,
nahmen nur eines derselben in Beschlag. Wenn ihnen -
aber auch der alte, einstige Reichthum nicht mehr ge-
blieben war, und wenn das im Jahre gchtzehn- s - ;
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hundertachtundvierzig im Canton Graubünden erlässene
Gesez ihnen auch das lezte Vorrecht ihres Standes, l
die Erwähnung ihres Adels in öffentlichen Verhand-
lungen und Documenten, genommen hatte, so war ihnen I
doch noch die schöne und würdige Gestalt ihres Ge-
schlechtes als ein dauernder und großer Vorzug eigen
geblieben. Der Typus der Köpfe war noch derselbe,
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welchen die Ahnenbilder des Hauses aufzeigten, und I
die Herren von Rottenbuel fühlten sich noch als Be-
vorzugte und Vornehme, obgleich einzelne Glieder der ,
Familie, gegen die frühere Sitte des Geschlechtes, in
bürgerliche Gewerbe überzutreten und Handel und In-
dustrie zu treiben begonnen hatten.
Bei meiner Vorliebe für alles Physiognomische hatte ,
ich mir oftmals die Bilder betrachtet; welche in der
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Wohnung unserer Gastfreunde und selbst auf den Fluren
und Treppenwänden umherhingen, weil die Zimmer
sie nicht alle zu fassen vermochten. Ich hatte sie mir
dadurch fest in das Gedächtniß eingeprägt. Es waren
zum Theil sehr schöne Köpfe, sowohl die der Männer
als die der Frauen, und sie waren, namentlich die aus
dem fünfzehnten und achtzehnten Jahrhundert, auch
von guten Meistern gemalt. Der Zug der Familien-
ähnlichkeit ließ sich durch das ganze Geschlecht hindurch
verfolgen. Das dunkle Haar, die breite Stirne über
den großen, weitgeöffneten Augen, die starke gradlinig,
vorspringende Nase und das feste rhätische Kinn mit
dem kräftig geschnittenen Munde und den stolz ge-
schwellten Lippen war fast Allen gemeinsam. Nur der
Kopf des lezten Grafen von Nottenbuel, welcher nach
der Juschrift, die keinem der Bilder fehlte, zu Paris
im Jahre siebzehnhundertsiebenundfünfzig geboren war,
wich von dem Familientypus ab.
Das Bild zeigte einen schönen, etwa dreißigjährigen
Mann in der Uniform der französischen Schweizer-
garden und war ebenfalls gut gemalt. Die Grund-
formen des Kopfes waren freilich die des ganzen Ge-
schlechtes, nur kleiner und weniger scharf ausgeprägt
als bei den Andern, aber der Graf war blond, und
der Ausdruck der großen dunkelblauen Augen und die
feinen Züge um die weichen Lippen hatten etwas so


1
Schwärmerisches und Melancholisches, daß man sich
unwillkürlich fragte: was hat der Mann gethan und
erlebt?
Wir blieben einige Wochen in dem Rottenbuel'schen
Hause und verließen es dann, um einen Besuch zauf
einem Schlosse im Prätigau zu machen, dessen gegen-
wärtiger Besizer, der hochbetagte Herr von Thurjs,
mit seiner ebenso bejahrten Schwester in dem einsgmen
Edelhofe Haus hielt. Mitten in der wilden, großartigen
Natur machte das zehn Fenster breite dreistöckige Ge-
bäude mit den vier Thürmen an seinen Seiten, mit
der starken Gartenmauer, durch deren Gitterthoxe man
schon, von außen die hohen Pyramiden, und Wände
des glattgeschorenen Buchsbaum und Taxus erblickte,'
einen äußerst wohnlichen Eindruck, und wir hatten da-
her erst wenige Tage in dem Schlosse gelebt, als wir
uns in demselben auch bereits heimisch und bei unseren
Wirthen, die wir erst neuerdings kennen gelernt hatten,
wie bei alten Freunden eingebürgert fühlten, ---
Eines Abends, als ein Gewitterregen uns in dem
Hause festhielt, hatte Fräulein Ursula die ganze Zimmer-
reihe des ersten Stockwerks öffnen lassen, und in der-
selben auf- und niedergehend, kamen wir auch an das
Zimmer, das sie selbst bewohnte, und das wir bis da-
hin noch nicht betreten hatten. Mit jener Zurückhgl-
kung, die an alten Mädchen, je nach ihrem sonstigen

1V
Charakter, rührend oder lächerlich sein kann, nöthigte
die liebenswürdige Person nur mich allein, ihre Stube
in Augenschein zu nehmen, und während die Männer
rauchend und plaudernd ihren Wandelgang durch die
geöffneten Säle fortsezten, sah ich mir das kleine, in
einem der Thürme gelegene Gemach an, das Fräulein
Ursula seit ihrem funfzehnten Geburtstage, an welchem
die Eltern ihr ein eigenes Zimmer gegeben, das heißt
seit vollen funfzig Jahren, inne hatte.
Das Stübchen war traulich und sehr schön gelegen.
Aus den mit weißen Gardinen verhängten Fenstern
sah man auf die großartige Natur, auf die hohen,
wilden Felsenmassen hinaus, welche sich von allen Ecken
um das Thal emporhoben, und auf das schwere, düstere
Gewölk, das sich bis in das Thal herniedersenkend von
dem Sturme hin- und hergetrieben wurde. In dem
Stübchen selbst war ein Gegensaz bemerklich zwischen
der wohlerhaltenen ursprünglichen Einrichtung des kei-
nen Gemaches und den einzelnen Möbeln, welche in
neuerer Zeit hinzugeschaft worden waren. Neben der
schmalen, für ein junges Mädchen berechneten Bett-
stelle mit den weißen, rosagefütterten Gardinen sahen
der bequeme Lehnstuhl und das große Sopha der
Matrone befremdlich aus, und doch machte das Zimmer
einen guten Eindruck, weil es mit so viel Liebe ge-
halten war.



1
,Ich habe hier Alles so belassen,- sagte Jengfer j
Ursula, als errathe sie, was mir auffalle, ,wwie meine
gute Mutter es mir eingerichtet. Das sind noch die
Tische und Stühle, die sie für mich gekauft; und das
Bett, das sie mir hingestellt und geschichtet, soll auch
einmal mein Sterbebette sein. Sehen Sie, das
Schränkchen dort'!=- sie wies auf einen jener alt-
modigen, ausgebauchten und reich mit Messingbeschlägen
verzierten Schränke, in welchen man im vorigen Jahr-
, hundert feine Tassen und sonstiges Porzellangexäth auf-
zubewahren pflegte -,das Schränkchen ist noch von
der ersten Pariser Einrichtung meiner Mutter, und ich
benutze es wie sie. Es ist eine ganze Sammlung, eine
ganze Gallerie von Andenken in dem Schränkchen ent-
halten. Ich brauche deshalb auch nur darauf hinzu-
blicken, um mich im Geiste von einer Menge von
Menschen umgeben zu sehen, die alle schon dahinge-
gangen sind und vorübergezogen, wie dort. die Wolken
am Berge.
Während sie mich auf die ihr werthen Angedenken
aufmerksam machte, war mein Auge, von den zierlichen'
Kleinigkeiten abschweifend, an denen man die Ge-
schmacksveränderung der letzten sechszig Jahre in un-
unterbrochener Reihenfolge studiren konnte, auf drei
in dem Zimmer befindliche, mit grüner Gaze überzogene -
Delbilder gefallen; denn auch dem Schlosse Thuris
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1


fehlte es nicht an Bildern, und meinem Blicke folgend?
sagte Jungfer Ursula, indem sie von dem mittelsten
der' Bilder den Vorhang fortzog: ,das ist meine!
Mutter !
Es war ein merkwürdiges Gesicht, das aus der
tiefen schwarzen Spitzenhaube hervorsah! Uralt, wie
die Fran gewesen sein mußte, als sie zu diesem Bilde'
gesessen, denn die dunkelbraune Haut war von un-
zähligen Falten und Zügen wwie durchfurcht und die
Hände sahen trocken und runzlig wie die Rinde eines
Baumes aus, wurde man noch durch den großartigen
Schnitt des Profiles und durch den Ausdruck ernster
Gradheit überrascht, der aus demselben sprach. -
, Die Frau muß ein Charakter gewesen sein ! rief,
ich unwillkürlich aus, ,und eine Schönheit obenein!
Sie sehen ihr auffallend ähnlich, Jungfer Ursula!
j
Das gute Mädchen lächelte. ,Sa, man hat das «.
immer gefunden, mnd es ist wahr, meine Mutter muß
sehr schön gewesen sein. Ihr aber hat ihre Schönheit,
als sie jung war, keinen großen Segen gebracht, und
sie hat damals ihren ganzen Charakter nöthig gehabt,
um nur mit dem Leben fertig zu werden. Man sollte
nicht denken, daß man, wie die Mutter, achtundachtzig
Jahre alt werden könnte, wenn man soviel erlebt und
getragen hat als sie. Wären Sie vor zwei Jahren
hergekommen, so hätten Sie meine Mutter noch am


Leben gefunden, und Se hätte an ihr eine ganz
,,Das gute Erzählen zhaben Sie auch von Ihrer
Mutter geerbt!!! bemerkte ich.
,Ich habe nuur nicht so viel und so Verschiedenes
erfahren, ich bin immer i hier in unsern Bergen ges
blieben, und so lange die' Muttet gelebt hat,' häbe ich
,auch nie daran gedacht, dgß es hätke anders sein kön-
nen, denn es kam mir inimer vor, als sei ich nür' Am
ihretwillen auf der Welt. Seit sie aber todt' ist, fällt
es mir bisweilen ein, daß ich gar nicht für mich ge-
lebt habe. Ingeß, Gott hat das eben nicht gewollt,
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und mein Dasein ist dafür auch ein sehr sanftes unb -I ? z
,rhiges gewesen.!
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So friebllch sie diese Worte sprach, dünkte mich s -'
, doch, als höre ich sie einen leisen Seufzer unterdrücken
und als glänze ein feuchter Schimuner in ihreß' schöien s -
Augen. Sie hatte sich aber von' mir abgewendet, und
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-
andere Gesellschaft gehabf, als än mir. Sie; wußte
- so viel zu erzählen, und Fie erzäählte so schön !'

von den beiden Portraits, welche zur Rechten und zur
Linken von dem Bilde ihrer Mutter hingen, die Vor-
hänge fortziehend, sagte sie: ,das ist mein Bater, und
das ist der erste Mann meiner Mutter.'! -
, Graf Joseph von Rottenbuel? rief ich mit Neber-
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i.
raschung, ,Ihre Mutter war mit dem lezten Grafen
Rottenbuel verheirathet?


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, Sie kennen das Bilö? fragte mich Fräulein
Ursula sichtlich erstaunt.
,Ich habe das Original desselben, denn dieses scheint
mir nur eine Copie zu sein, in dem Rottenbuel'schen
Hause gesehen,' vetsezte ich, ,und das schöne, schwer-l
müthige Gesicht des Grafen hat mich immer wieder
angezogen. Ich habe mich oft gefragt, welche Schickj
sale dieser Mann gehabt, welche Erfahrungen ihm jenen
Zug des Seelenleidens in das ursprünglich so glücklichs
angelegte Gesicht gezeichnet haben mögen. Und diesg
ernste, streng blickende Matrone zwwischen den beide?
jungen und schönen Männern hat nun vollends etwas
N ? -
Jungfer Ursula nickte nachdenklich mit dem Kopfe;
,Ja,' sagte sie, ,die haben viel zusammen erlebt, und
das ist nachher Alles hier bei uns zur Ruhe gekommey,
und hier bestattet worden. Und nicht die Drei alleinn
ruhen hier auf unserm Kirchhof in unserm Erbgewölbe.
Die Mutter hat das Herz gehabt, auch die Marquisg
hier bei uns bestatten zu lassen. Sie war groß ih
allen diesen Dingen, unsere Mutter. Sie sagte: ,die
Marquise gehört zu mir, wie Leid zur Freude, wie
Schatten zum Licht !'' Sie war groß in allen Dingen!
Ich hätt' es nicht gekonnt, denn die Marquise war ihr
böser Dämon!!!

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Die gute Ursula hatte, wie alle Menschen, pwelche
sich stets in engem Kreise ,ewegen, gie, ßigenheit, ihr
Wissen von den Dingen aüch bei den Andern voraus-
zusezen; und ihre Aeußerungen und Pemerkungen über,
den Charakter ihrer Muttex und über deren Schicksale
waren dadurch doppelt geßignet, meinen Antheil ;und;
meine Neugierde zu erregHn? - Ich -mochte zjedgh,gn,
dem Abende ihr mit weiteten Fragen nicht beschwerlch
fallen, und erst nach längexem Verweilen h Schloß.
Churis, erst nachdem Ursgla michh lieb gewonneg und;
ich sie in ihrex ganzen ehfachen Güte hatte schätzeg
lernen, bat ich sie einmal, jnir von der Geschichte ihrey
Mutter, yon dem Schicksal des Gxafen pon: otten-
r kar
Sie zeigte sich augenblicklich dazu geneigt. ,,as;
ist Alles so lange her,' sagte sie, ,daß es mix, selbst,
fast wie ein Stück aus der Historie, erschejnt,.. Die,
! Leiten, das Leben, die. Menschen-und, dig itten ind
hier anders geworden. Damals, gls Graf Joseph in;
-- granzösischen Diensten stand, war hier im Lande der,
s Adel noch mächtig und Graubünden selbstständig fßr,
; sich, es hatte damals noch die Herrschaft über, dgs:
genossenschaft, wir sind hier im- Lande nur noch Gutsz -
s Lewald, Kleine Romane. ?.
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! Veltlin und großen Einfluß und Besiz his gn, die
- Seen. Jezt ist das porbei Wir gehören zur Eid-;
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besizer, das Veltlin ist nicht mehr unser, und das
Dienen in fremden Ländern ist unsern jungen Män-
nern nun endlich auch verboten.'!
Sie hielt inne und meinte dann:,Vielleicht ist das
Alles recht und gut! Die Mutter blieb von jeher immer
dabei, daß es sich für einen Edelmann nicht schicke,
außer Landes für eine fremde Sache fechten zu gehen,
und sie kannte im Grunde das Alles besser wie ich,
denn sie hatte es mit erlebt, wozu es führte; und als
mein Bruder dann auf Reisen ging und in Neapel
Dienste nehmen wollte, hat sie ihm die längsten Briefe
dagegen geschrieben, bis er es unterließ.?!
,Sind denn überhaupt viel Briefe vön Ihrer
Mutter erhalten? fragte ich.
,,Ja freilich! Briefe von der Mutter und von den
Andern auch, und Tagebücher ebenfalls. Sie hat sie
mir sammt und sonders vermacht, und wenn ichsuein-
mal darüber komme, liest es sich wie ein Roman.'!
Ich bat sie, mir die Briefe zur Durchsicht zu geben,
sie willigte ohne Weiteres ein und schickte erzählend
alle die Erklärungen voraus, deren ich nach ihrer Mei-
nung zum Verständniß desZusammenhanges unter denin
den Briefschaften genannten Personen benöthigt ;war.
,Ich weiß,' sagte fie, ,wwenn Sie das Alles gelesen
haben werden, so machen Sie gewiß eine Geschichte
daraus.!

Ich erkundigte mich, ob sie etwas dagegen einzu-
wenden haben würde.

19
,O nein!'' versetzte sie, ,meine Mutter kann nur
dabei gewinnen, auch meinem Vater und dem Grafen
Rottenbuel geschieht keine Unehre damit; und zuletzt
, ist's wie mit einem Leichensteine, den man ja auch nur
aufrichtet, damuit die Todten nicht vergessen werden,
wemn Niemand mehr lebt, der sie kannte und der sich
ihrer antheilvoll annimmt.. Machen Sie mit den
Papieren, was Sie wollen. Es liegt der Art hier
u -
im Schlosse noch viel mehr aufgespeichert, und es ist
bisweilen recht erstaunlich; so zu lesen, auf wie wunder- ! - -

bare Weise die Menschen aus unsern Bergen von jeher
mit den Menschen außerhalb in Berührung gekommen
sind, und wie mancher Sturm von außen hier den
Frieden stören kam. Hier bei uns im Bündner Lande
sind oft ganz besondere Dinge vorgegangen !'!.
Sie ging bei diesen Worten in das, Zimmer neben
ihrer Stube, in das ehemalige Wohnzimmer ihrer
Mutter, dessen Möbel offenbar einer weit zurückliegen-
den Zeit angehörten. Die Hälfte der einen Wand
wurde durch einen altersgeschwärzten, unpolirten Eichen-
schrank eingenommen, von einer Zusammensetzung und
innern Abtheilung, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte:
Die Mitte der oberen Hälfte war offen und mit Borden
versehen, wie bei einem Schenktisch, und ,es standen
z

-


auch verschiedene altmodische Silber- und Porzellange-
fäße darauf zur Schau. Unten war der Schrank,
gleich den beiden Seitenflügeln, mit Thüren verschlossen
und Jungfer Ursula zeigte mir, wie tief der Schrank
sei und wie viel Wäsche und Vorräthe allein in der
linken Seite desselben aufgestapelt lagen. Die rechte
Seite aber hatte in der Mitte einen verzierten Griff
von Eisen, von welchem eine etwa drei und ein halb
Fuß hohe Stange beweglich herabhing, und ich hatte
gleich, als wir in das Zimmer kamen, diese Eisenstange
mit Neugierde, betrachtet. Nun schloß Jungfer Uxsula
ein über dem Griffe durch das Schnizwerk fast' ver-
stecktes Schloß auf, und die Eisenstange fiel. klappernd
herab, um die Stüze für einen kleinen Schreibtisch zu
machen, über dessen Platte sich ein ganzer Thurmbau von
kleinen Fächern und verborgenen Schiebladen, ein wahres
Wunderwerk alter, ausgelegter Schreinerarbeit, aufthat.
, Der Schrank muß zwwei, dreihundert Jahre alt
sein!'! rief ich mit Verwunderung aus.
, O gewiß!!' meinte unsere Wirthin.,Es jst ein
altes Erbstück aus der Familie meiner Mutter, Sie
hat eö aus dem Engadin, von Schloß Gunta, wo sie
zu Hause war, hierher schaffen lassen, als sie aus, Frank-
reich gekomnen ist, um hier meinen Vater zu heirathen,
und sie erzählte oftmals, welche Schwierigkeitens es ge-
macht habe, diesen Schrank über die Berge zn bringen. ,


A
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Er stand sonst immer in dem großen Saale. Als
mein Bruder aber das Erbe antrat und die Mutter
und ich uns nuun ganz, auf diesem Seitenflügel des
Schlosses einrichteten, ließ sie ihren Schrank und die ,
drei Bilder hier herüber schaffen.?!
kungfer Ursula hatte, während sie also sprach, die
Wbetreffenden Papiere aus den verschiedenen Fächern
hervorgesucht und händigte sie mir sammt und
sonders ein. Es waxen Briefe, Notizen, Fage-
s
bücher von verschiedener Hand. Dazwischen fanden -
sich Tauf- und Trauscheine, auch verschiedene Diplome
und Offizierspatente lagen dabei Das gute alte I
Mädchen war sehr gerührt, als sie die Papiere -
und die Andekken an vergangene Tage und an ein -
vergangenes Geschlecht vor meinen Blicken auseinan-
der legte.
,,Ich habe oft in den Blättern gelesen, und ihr
Inhalt ist mir wie ein eigen, Erlebtes geworden,h,sagte i
sie freundlich.,Fs soll, mich wundern, wie Sie, ;die
Sie gewohnt sind, die Menschen zu beobachten und -
zu beurtheilen, diese Ereignisse und die Charaktere auf-
fassen werden. Manches, was die Mutter erzählte,
steht mir so lebendig vgr der Seele, daß ich selbst,
wenn die Winterzeit uns nicht zum Hause herausläßt
und wir hier in unserm Thale von, allerWelt abgeschieden, -
in Schnee und Eis vergraben sind, versucht habe, die
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einzelnen Scenen und Vorgänge aufzuschreiben und =!
, Das geben Sie mir l' fiel ich ihr in das Wort,
,,denn was eine so einfache und wahrhaftige Seele nach
mündlichen Berichten niedergeschrieben hat, das muß
eine Natürlichkeit besizen. welche unsere Reflexionsbil-
dung kaum nachzumachen im Stanre ist.!!
Die gute Ursula zögerte eine Weile, ließ sich aber
denn endlich doch erbitten, und aus ihren Skizzen, wie
aus den Tagebüchern des lezten Grafen von Rotten-
buel habe ich die folgenden Thatsachen zusammengestellt,
nur ergänzend, was die vorhandenen Briefe unklar ließen.
»MpzpggggggeAöe
=- Kapitel
P
Es war im Sommer des Jahres 18? und die
Sonne hatte sich noch nicht aus dem Frühnebel eines
heißen Julitages emporgerungen, als zwei Reitsr in
einem der entlegensten Theile des Bois de Boulogne
Halt machten.
, Es ist noch Niemand hier!'! sagte Deutsch sprechend
der Jüngere von ihnen, indem er vom Pferde stieg
und dieses dem Reitknecht übergab, welcher ihnen auf
dem Fuße gefolgt war.
,,Um so besser,' entgegnete der andere Herr, ,so