Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 19

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ertönte der Wirbel der Lärmtrommel lauter und näher
als vorher, das erste Sturmläuten von der Isle de
Saint Louis schallte in das Faubourg Säint Germain
herüber, und sei es, daß der Schrecken Veronika's
Hand zu einem zu heftigen Stoße bewegte, aber der
Ton klang schrill, als sie mit dem Grafen anstieß,
und sein Glas zerbrach in seiner Hand.;
- Er sezte es achtlos nieder,' es wvar seines Bleibens
nicht mehr. Er ümarmte Veronika, umaimte seine
Schwester und eilte fort. Ulrich begleitete ihn.
Veronika sank auf ihre Kniee nieder, und während
draußen die Kanonen auf dem Straßenpflaster rasselnd
vorüber zu, fahren begannen, hob ihre Seele sich in
heißem Gebet zu Gott empor, Schuz hernieder flehend
auf den Mann, dessen ganzes Verschulden gegen sie
für ihr Herz getilgt war durch die eben erlebte Stunde.
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1. Kapites
Der folgende Morgen brachte eines der großen
Ereignisse in dem Fortschritt der Revolution. Es
war der 1. August, der Tag, an welchem das Volk
die Tuilerien belagerte und stürmte, der Tag, an
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welchem der König sich mit seiner Familie in dennz
Schuz der gesetgebenden Versammlung begab. t?,
Der leidenschaftlichste Bürgerkrieg war mit Tages,
anbruch innerhalb der Hauptstadt entbrannt, rund uni;
die Tuilerien und bald auch in ihnen wüthete dstz
Kampf. Die Schweizer fochten wie die Löwen. EFA
Theil von ihnen war dem Könige nach der gesezgebensZZ
den Versammlung gefolgt, die übrigen und Graf Jos z
seph an ihrer Spize waren im Schlosse zurück geä?
blieben, den Angreifern die Stien zu bieten. ?F
Im Hotel des Grafen hatte man die Nacht inz
banger Angst hinschwinden sehen und Noth gehabtl,
die Gräfin im Hause fest zu halten. Endlich als derß
Tag schon hell am Himmel stand, hatte sie sich besg
wegen lassen, eine Stunde der Ruhe zu pflegen A
Wider alles Erwarten schien sie fest eingeschlafen zß g
sein, denn sie blieb lange aus. Man ging nach iht I
zu sehen und fand ihr Zimmer leer. Es war kein
Lweifel, wohin sie sich gewendet hatte, und Ulrich F
folgte ihr nach.
Durch die Schaaren der Kämpfenden, zwischen den F
Kanonen, die, in den Höfen aufgepflanzt, ihr Feuer F
einzustellen begannen, sei der König das Schloß ver- F
lassen, bahnte Ulrich sich seinen Weg. Es brannte F
an verschiedenen Stellen im Schlosse, die Verwirrung F
war grenzenlos. Hier versuchte man es, dem Feuer F
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Einhalt zu thun, dort versuchte man Feuer anzulegen,
hier zogen die Nationalgarden, die dem Könige treu
- geblieben waren, von den Tulerien ab, da sie die Wei-
sung bekommen, den Kampf gegen das Volk nicht fort-
zuführen, dort stürmten die Bataillone der National-
garde, welche mit den Föderirten und den Pikenmän-
nern gemeinsame Sache gemacht hatten, auf die A-
- ziehenden ein. Hier trug man einen der greisen Roha-
listen, die sich zur Vertheidigung des Königs um den-
selben gesammelt hatten, schwer verwundet auf Seiten-
wegen davon, um ihn der Wuth des Volkes zu ent-
ziehen; dort eilten Hofchargen und Adjutanten des
Königs, von Steinwürfen verfolgt, von Kugeln be-
droht, in das Schloß, um Nachrichten einzuziehen und
einander widersprechende Befehle zu überbringen; und
mitten in dem unheilvollsten Kampfe, mitten im wü-
thenden Handgemenge der streitenden Päiteien suchten
die Augen, suchte das angstvoll schlagende Herz des
Freiherrn ein junges, edles Weib, däs Weib, das er
liebte von seiner Kindheit än, dessen Schicksal ihr
Gatte, sein nächster Blutsvetwandter in seine Hand
gelegt.
Er hatte die Treppe glücklich erreicht, welche nach
dem von Ludwig dem Sechszehnten bewohnten Theil
des Schlosses führte. Durch den Qualm, der aus dem
brennenden Seitenflügel durch alle Räume drang, in
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seinem Fortschreiten aufgehalten, gelangte er nur auf(s
weiten Umwegen und vielfach irrend an die Stellesß
an welcher, wie er erfahren, die Schweizer gefochten
Todte, Verwwundete und Sterbende zeigten ihm dieß,
Richtung an, welche er einzuschlagen hatte. Oben anF
Eingang des Saales, auf den die große Treppe mün='F
det, lagen sie dicht über einander, hingemäht wie dle P
hohen Garben eines reichen Felbes, die Veriheidigee Z

des Königs und des Thrones.
Seitwärts, nur wenige Schritte von dem Leichess H
- hügel der Tapfern, die den Aufgang zur Treppe ver- F
theidigt, saß ein Weib. Ahr Haar hing aufgelöst an F
ihrem Haupte nieder, ihr Antliz war blaß wie die ß
Wangen des Mannes, dessen Haupt in ihrem Schooße Z
ruhte. So starr, so schmerzvoll, so vernichtet sah sie Z
aus, daß Niemand es gewagt hatte, sie anzutasten,
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daß auch der Rohesten keiner sich unterfangen, sich an
dem Verwundeten zu versündigen, über welchem ss
verzweiflungsvolle Liebe Wache hielt.
,Veronika!' rief Ulrich, da er sie erblickte, ,Ve-
ronika, so finde ich Dich!
, Komm! komm! er lebt! noch lebt er!'' rief fie
ihm entgegen, hilf mir! noch ist's Zeit!'
Der Graf schlug matt die Augen auf. ,Es ist
vorbei!? sagte er leise. ,Führe sie fort! fort von
hier!
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, Nein! nein !'' versezte Ulrich, indem er den Ver-
wundeten mit dem Shawl verhüllte, den er von den
Schultern der Gräfin riß, um der Menge den Anblick
der Schweizer Uniform zu entziehen; und als wolle
das Schickfal ihm beistehen, so fanden sich ein paar
Männer, die mitleidig mit dem Elend und dem Jam-
mer der schönen Frau freiwillig Hand anlegten, den
Verwundeten aus dem Schlosse zu entfernen.
Es war ein langer, heißer, schweret Weg. Auf
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dem Läger eines zertrümmerten Prachtsopha's, den man
als Bahre benuzte, hatte man den Grafen gebettet,
und Hülfe erkaufend, wo sie zu finden war, gelangte
man mit dem sterbenden Grafen, denn sterbend war
er, über die Seine und in sein Hotel.
Die Freifran empfing ihn in dem Saale, in wel-
chem sie ihn gestern wiedergesehen! Er war bei voller
Geisteskraft und äußerst ruhig. Als er bie Schwester
sah, wendete er das Haupt nach ihr und reichte ihr
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, Es ahnte mir gestern,' sagte er, ,daß es mit uns
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P. ! z Ende ginge,' und mit jenem melancholischen Lächeln,
s das ihm von jeher eigen gewesen war, sagte er:,Einer
F. muü der Lezte sein!
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,Du nicht! Du nicht!'' ief Veronika, die an sei-
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S. nem Lager kniete,,DDu wirst leben, Joseph, der
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, Kann mir nicht helfen!!' sagte der Graf, und dann Z
seine Hand auf ihr Haupt legend, fügte er hinzn- gß
,Du hast Dein Wort gehalten! Bis in den Tod z
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Er seufzte, ein leiser Schauer flog über sein Ant- Z
liz und durch seine Glieder, seine Lippen bewegten sich
noch, aber was er sagte verstanden die Seinen nicht
mehr. -- War es der Name der Frau, welcher sein
Leben angehört, war es der Name des Königs, für
den er gestorben, oder noch ein reuevolles Wort des
Dankes für die Unglückliche, deren Liebe er gekränkt
und verschmäht-- wer will das sagen?
Stumm standen die Neberlebenden an seiner Leiche,
sein Tod schloß die lange Reihe seiner Ahnen, die De-
vise der Grafen von Rottenbuel erfüllte sich an ihm,
und mit düsterm, thränenlosem Blicke auf ihn nieder-
schauend, während sie ihm die Augenlieder schloß, wie-
derholte die Freifrau seine Worte:,Einer muß der
Lezte sein !' Dann aber schlug sie die Hände in ge-
waltigem Weh krampfhaft zusammen, und ihr festes
Herz erzitterte in der Klage um den einzigen Bruder
und um den Untergang ihres alten stolzen Stammes
und Geschlechts!
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