Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald

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s Maunsels Philinninens Philinn.
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Erzä hlung.
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Wer einmal in unserer Stadt gewesen ist, der
kennt auch das Haus an der rechten Seite des Mark-
tes, das die Ecke der schmalen Straße bildet, und das
jetzt noch das einzige alte Giebelhaus auf dem ganzen
Plaze ist. Es hat nach dem Markte hin, an seiner
Frontseite, freilich nur drei Fenster, aber dafür ist es
fieben Stockwerke hoch und verläuft sich mit seinen
Böden und kleinen Bodenfenstern in einen vielgezackten
spizen Giebel. Auf dem Giebel ist eine Windrose
und über der Windrose erhebt sich noch eine schöne.
hohe Wetterfahne, und über der Wetterfahne; der Bliz-
ableiter mit seiner goldenen Spizej so daß es aussieht,
als wolle das Haus gar kein Ende nehmen. Dafür
aber, daß es oben so gar spiz zuläuft, ist es unten
um so tüchtiger und massiver gebaut. Das schwere
Fundament, das steinerne Portal mit seinen Arabesken
und Figuren, die breiten, ebenfalls steinernen Fenster-
einfassungen, die weit vorspringenden eisernen Gitter
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vor dem untern Geschosse, sind recht für die Dauer
;; geschaffen und nebenbei auch reich verziert; ja selbü.
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der große Thürklopfer von Messing hat einen Grelfe-;
kopf und Flügel, und man kann es ihm und der aus- F
getretenen Thürschwelle ansehen, daß seiner Zeit viel
Verkehr in dem Hause gewesen ist.
Das muß aber lange her sein, denn seit das Haus F
unter dem Namen des alten Hauses bekannt ist, das F
heißt seit der Zeit, in welcher die andern Häuser am j
Markte allmälig modernisirt und umgebaut wurden! Z
sind feine Bewohner auch wunderliche Leute gewesen
bis auf die jezige Generation herab, und es bliebe
schwer zu sagen, ob die Eltern und Großeltern des
gegenwärtigen Besizers das Haus nicht umbauen
ließen, weil sie sonderbare Menschen waren, oder ob
sie so absonderlich wurden, weil sie in dem alten, viel
treppigen und vielwinkligen Hause lebten.
Zu Anfang des Jahrhunderts gehörte nämlich das
Haus noch der Senatorin, einer wahren Kernfrau, die
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recht eigentlich Herrin in ihren vier Pfählen war. Ste
hatte mit ihrem Manne, obschon er außer dem Hause
seinen eigenen Weg ging, ein ganz exemplarisches Le-
ben geführt und ihm und ihrem Sohne und ihrer
Tochter im Hause nichts durchgehen lassen, was nicht -
ganz und gar nach ihrem Sinne war. Man erstaunte -
ordentlich, als der Senator sich eines Tages die Frei- !
heit nahm, in seinem Hause mit Tod abzugehen, da
er doch wußte, daß seine Frau darüber traurig sein ?,
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, würde, und es schien auch beinahe, als hätte sie ihm
ß das übel genommen, denn sie tröstete sich leichter und
vergaß ihn schneller, als man es irgend für möglich
Sorge für ihre Kinder, sagte sie, ließen ihr nicht viel
Zeit zum Trauern, es müßte doch Einer da sein, der
den Kopf auf dem rechten Flecke behalte und die Zügel
in die Hand nehme.
Die hatte sie nui freilich immer in Händen ge-
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gehalten hatte. Die Ordnung des Nachlasses uid die
habt, und es war also in dieser Beziehung bei dem
Tode ihres Mannes gar nichts Neues vorzunehmen,
aber die Senatorin wollte die Zügel wo möglich doch
noch ein bischen kürzer fassen, damit Sohn und Toch-
ter, die jetzt zu Vermögen gelangt waren, nicht etwa
auf den Einfall kommen könnten, ihrer Herrschaft zu
entwischen. Indeß eine solche Absicht lag den Beiden
wirklich fein, sie hatten die Tyrannei der Mutter von
Sugend auf ertragen und sich darein, Jedes auf seine
Weise und nach seiner Natur, gefügt.
Mamsell Philippine, ganz so herrschsüchtig und ganz
so kräftig, wie die Mutter, hatte sich in ihrer ersten
Jugend schwer darein gefunden, keinen eigenen Willen
haben zu dürfen. Als ihr Vater starb, war sie es
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aber schon seit einer Reihe von Jahren gewohnt, neun-
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undzwanzig Jahre alt zu sein und mit ihrem wie in
Holz geschnittenen Lächeln den Leuten zu versichern,
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Lewald, Kleine Romane. .
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daß sie nur für ihre Mutter lebe und sich nlemelsF
von ihr trennen werde. Das mußte abschreckend wir- F
ken, wenn ja einmal ein Mann den Gedanken faßte, ß
Mamsell Philippine zu seiner Gattin zu erwählen. F
Denn eine energische Frau zu nehmen, wenn er da- ß
neben noch eine energische Schwiegermutter in dek ß
Kauf bekommt, dazu hat nicht jeder Mann den Muth. Z
Philippine wurde also in dem Leben für ihre Muttek Z
nicht gestört, und auch der Sohn, der Prokurator, F
war, wie er immer sagte, ebenfalls nur für seine Mut- F
ter da, was ihn freilich gar nicht abhielt, auch, wie ß
sein Vater es gethan, recht heiter für sich selbst za F
leben, wenn er nicht zu Haise war. Und ein Proku- Z
rator hat doch Geschäfte und kann nicht immerdar in F

feiner Wohnung und neben seiner Mutter sitzen.
Die Senatorin ließ das ruhig gehen. Sie wat sP
ganz zufrieden, wenn der Sohn, der viel gefügiger F
war, als ihre Tochter, nur bei ihren Mahlzeiten nicht Z
fehlte, wenn er sie und seine Schwester sonntäglich in F
der alten Karosse zur Kirche begleitete, wo sie den Z
großen Stand geradeüber von der Kanzel hatten, F
und wenn er gar nicht daran zu denken schien, daß F
es jemals anders werden oder daß überhaupt irgend F
Etwas anders sein könne, als es eben war. Sie
wußte zu sehen, zu hören und zu schweigen, wie's ihr
eben paßte, und scharfblickend oder kurzsichtig zu sein
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z? je nach Bedarf; vorausgesezt, daß äußerlich nur Alles
f? respektabel herging, denn die Respektabilität der Fa-
f! milie ging ihr über Alles, und was nicht respektabel
F war, das fand vor ihrem Urtheil kein Erbarmen, ob-
sF; schon sie sonst nicht allzustreng war. ,Man muß der
is Jugend Etwas nachsehen!'' sagte sie dem alten Die-
,? ner, dem es nicht beguem war, spät zuu' wachen, wenn
., der Prokurator lange ausblieb; äber Mamsell Philip-
z; pine durfte von der Nachsicht hrer Mutter für den
f? Bruder nichts erfahren. Sie sollte es nicht lernen,
,! daß man in gewissen Fällen nachgeben und schweigen
ß? uk, wwo man herrschen und das Wort behalten will.
Man lebte auf solche Weise äußerst ruhig im Hause
ls! der Senatorin. Es war alles Liebe, alles Rücksicht
,l. und gute Form und Sitte, und so blieb es auch, als
P ob sich das von selbst verstände, nur daß Jedes von
j, ihnen sich etwas mehr herausnahm, als zü Lebzeiten
s ihrer Mutter. Das kam Mammsels Philihpinen am
! meisten zu Gute. Sie hatte neben dem Charakter
F der Senätorin eine gewisse gefühlvolle Ader' von dem
Vater geerbt, wwelche die Mutter streng' niederzuhalten
F. gewußt. - Weil aber der Mensch doch auch Etwas füb
z sich selber sein und ein wenig Freiheit, wenn aüch
z. nur in seinen Träumen, haben wpill, soi hatte Mamsell
! Philippine sich gewöhnt, bei Allem, wäs sie that, sich
Z in eine bessndere Rolle zu versetzen, und sich in dieser
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vor sich selber aufzuputen, wie der Anlaß sich ihr g
eben darbot. So lange die Hand der Senatorin auf
ihr gelegen, hatte sie sich mit selbstgefälliger Emphase,
bei den einfachsten Leistungen, in die Rolle der guten
Tochter geworfen. Jetzt verwandelte sie sich augen-
blicklich in die gute, selbstvergessene Schwester, und die-
ser Rollenwechsel kostete nicht eben große Mühe, denn
der Prokurator verlangte gar nichts weiter, als die
alte Ordnung in seinem Hause zu finden, und so viel
außerhalb desselben leben zu können, als es ihm gut
dünkte. Mamsell Philippine hatte also keine wesent-
lichen Metamorphosen mit sich vorzunehmen. Sie sezte
sich von dem Mittelfenster, an dem sie immer ihren
Plaz gehabt, nun an das Eckfenster, an welchem die
Senatorin bisher gesessen hatte, weil man von diesem
aus am besten sehen konnte, wenn der Prokurator das
Haus verließ und wenn er wiederkehrte; sie schwieg
und ließ ihn seiner Wege gehen, wie die Mutter das
gethan hatte; der alte Diener berichtete jetzt auch gar
nichts mehr, denn der Prokurator war sein Herr ge-
worden, und im Nebrigen blieb Alles wie zuvor. Der
Bruder war ganz damit einverstanden, wenn Mamsell
Philippine ihre guten Bekannten zu einem Partiechen
und zum Kaffee einlud, und sie fand es in der Ord-
nung, wenn der Bruder Abends zu seinem Spielchen
ausging. Es störte fie auch nicht, daß er in der Re-

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s? gel lange fortblieb; er war Herr, Alles zu thun und
jZ zu lassen, wie's ihm gut düntte, sle legten beide ein-
l ander beide nkcht das Geringste in den Weg. Der
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F Geist der Mutter, der Geist der innigsten Familien-
g liebe und der strengsten Respektabilität schwebte über

IF-ihnen und über ihrem Hause, und es wäre wahrschein-
h? lich so ruhig und so friedlich fortgegangen bis an ihr
l? Lebensende, wenn die Kriegsjahre nicht die ganze Welt
, in Aufruhr versezt und damit auch in das Haus der
F - Senatorin, denn so nannte man es noch immer, Un-
s ruhe und Verwirrung gebracht hätten.
Llles kam in Unordnung. Die besten Zimmer, das
FF ganze erste Stockwerk mußte der Einquartierung preis-
gegeben werden; auf den stillen Treppen klapperten
I die Schleppsäbel; heute hörte man fraizöfisch sprechen
F und morgen italienisch reden oder deutsch von fremden
? Zungen radebrechen, und als dann gar die franzöfische
ß Retirade durch die Stadt ging, und Rüssen und Pren-
F ßen ihnen folgten, daß man vor Freude und vor Sorge
und Mühe kaum zum Bewußtsein kam, da war das
Z! ganze Leben der Menschen so zu sagen völlig außer
F Athem gekommen. Mait mußte, als die Siegesglocken
-- läuteten und die Dankgebete für den iviedergewonne-
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; nen Frieden gesungen wurden, stehen bleiben und sich-
z! besinnen ind Luft schöpfen, ehe man wieder in das
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alte Geleise gelangen konnte, in das Mancher sich gar
nicht mehr hineinzufinden wußte.
Die Menschen hatten sich so sehr an einen fort-

dauernden Wechsel der Dinge und an Hast und Un-
ruhe gewöhnt, daß sie sich ordentlich wunderten, als
Mamsell Philippine mit einem Male wieder anfing,
auf dem Platze der Senatorin an dem Fenster zu
fizen, aus dem inzwischen der französische General mit
seiner schönen Geliebten, und dann Graf Pork mit
seinen klugen Augen und zulezt der tolle russische Ko-
faken-Obrist herausgesehen hatte, der einen Kalmucken
und einen Tataren zu Bedienten gehabt. Die Leute
blickten ganz erstaunt zu Mamsell Philippine hinauf,
und wie sie so da saß, merkten sie erst, daß Mamsell
Philippine sich ganz verwandelt hatte. Sie trug nicht
mehr die steife Frisur, die seit ihrer ersten Jugend nicht
geändert worden war, sie sah auch lange nicht mehr
so ernst und regelrecht aus, wie zu Zeiten ihrer Mut-
ter. Von den Seiten ihres Kopfes fielen lange
Schmachtlocken auf ihren Busen hernieder, sie hatte
die silberne Alliance-Kette mit den kleinen Erinnerungs-
medaillen an die Siege der Alliirten um den Hals
gehängt, ein sanftes, wehmüthiges Lächeln schwebte
immer auf ihren schmalen Lippen, und ihre Augen suchten
in wundersamem Aufschlag jenseits der Wolken ein Et-
was, das sie auf der Erde nicht gefunden haben schienen.
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Der und Iener fragten sich, was ihr wohl ge-
fFß swhehe sein möge? Eine und die Andere besan sich,
j; daß Mamsell Philippine sich viel mit einem alten Ar-
jj, tilleriehauptmann zu schaffen gemacht hahe, der in dem
sß Hause im Quartier gelegen hatte, und es konnte nach
jj der allgemeinen Meinung ihrer Bekamnten nur auf
j diesen gehen, wwenn Philippine seufzend von den Opfern
j des Krieges sprach, und von der unheilbaren Wunde,
js welche ihrem Herzen durch den Krieg geschlagen wor-
jj den sei Da sie aber im Grunbe nichts zu erzählen
lß batte und immer sehr verwirrt und verlezt schien, wenn
?? man sie fragte, was ihr denn begegnet sei und wen
j; sie eigentlich so besonders betraure, so wurde nan es
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bald müde, sich um sie zu kümmern, und ließ es bei
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dem Glauben bewenden, daß sie sich nach ihrer alten
unwahren Weise eine unglückliche Liebesgeschichte zum
Zeitvertreib erfunden habe. - Es gab damals sö viele
unglückliche Bräute, so viele trostlöse Fraüen uid Müt-
ter, die dem Grame um wirkliche Verluste erlagen,
daß man sich um eingebildete Liebesleiden nicht beküm-
merte, und der Herzensgram hatte im Ganzen keinen

? schlimmen Einfluß auf die gute Philippine. Im Ge-
FF gentheil, sie befand sich wohl dabei, denn sie hatte da-
mit eine neue bestimmte Haltung für sich gefunden;
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i; sie war nicht mehr die alte Jungfer, sie: war eine un-
F tröstliche Braut, so gut wie viele andere, sie war eine

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deutsche Jungfrau, die ihren Geliebten in dem Kampfe
für das Vaterland verloren hatte, und es war eine
Ehrensache für sie, ihren Erinnerungen als deutsches
Mädchen bis an ihr Lebensende treu zu bleiben.
Niemand widersprach ihr, und es mochte von ihrer
Seite auch wohl irgend eine stille Liebe für einen ihrer
Einquartierten obgewaltet haben, denn sie war in der
That viel weicher und umgänglicher geworden, als sie
je gewesen war, aber der Schein der Lächerlichkeit haf-
tete von früher her an ihr und ein solcher Anstrich
verwischt sich nicht leicht. Sie hielt übrigens dem
Prokurator das Haus nach wie vor in Ordnung, ließ
ihn seine Wege gehen, that den armen aus dem Kriege
heimgekehrten Invaliden manches Gute, kaufte viele
Liebeslieder und lyrische Gedichte, und daß sie immer
einen Kranz von Vergißmeinnicht auf ihrem Fenster-
brette stehen hatte, daß sie in ihren Jahren noch Unter-
richt im Guitarrespielen zu nehmen begann, um schöne,
gefühlvolle Lieder im Mondenscheine am offenen Fen-
ster singen zu können, das störte im Grunde Niemand.
Der Prokurator war um diese Zeit nicht zu Hause,
und bis auf die Straße hinunter war Philippinens
Stimme nicht zu vernehmen. Kurzum, sie hatte sich
in der deutschen Jungfran ganz gemüthlich eingerichtet,
nnd es war nicht abzusehen, daß Jemand sie in der-
selben stören sollte.
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Indeß, es gibt für den kurzlebigen Menschen nir-
gends ein dauerndes Glück, und sein Schicksal weiß
ihn oft von einer Seite zu verwunden, von der er es
am wenigsten vermuthet. Mamsell Philippine saß eines
Abends stillvergnügt mit ihrem Liebesleid am Fenster.
Vor ihr standen der unverwelkliche Vergißmeinnicht-
kranz und der Myrthenstock, der mur einmal geblüht
hatte und seitdem nicht wieder blühen wollte, sie hatte
das blaßblaue Band ihier Guitarre um den Nacken
geschlungen und fing an das Prälürium zu ihrem Lieb-
lingsliede,Thekla eine Geisterstimme zu spielen, als
ganz unerwartet die Thüre sich öffnete, und nicht ein
verklärter, seliger Geist, sondern der Prokurator in ihr
Zimmer trat.
Das war um diese Zeit etwas ganz Unerhörtes,
auch mußte etwas Besonderes geschehen sein, denn er
ging nicht, wie er sonft immer that, gerades Weges
auf das Sopha zu, sondern er holte sich einen Stuht,
stellte ihn unten neben den Fenstertritt hin, auf wel-
chem Philippine ihren Plaz hatte, und sezte sich nie-
der. Der Mond schien in die Stube hinein, sie konn-
ten einander erkennen und sehen wie am hellen Tage.
Das war dem Prokurator ungelegen. Er rückte seit-
wärts, und wie er sich dann mehr ini Schatten be-
fand, sprach er:, Sage mir um Gdtteswillen, Schwe-
ster, was soll das mit Dir werden!' Ich sehe nun seit


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Jahr und Tag Dein Thun unb Treiben ruhig an, ,
indeß jedes Ding muß einen Grund und auch ein z
Ende haben. Was ist Dir geschehen, und um wen P
klagst und seufzest Du denn immer?
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Mamnsell Philippine wollte auffahren, denn es war
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Blut vom Blute ihrer Mutter in ihr, aber sie besani
sich, daß Dulden und Schweigen das Loos des Wei-
bes sei, und mit einer Selbstbeherrschung, in der sie
sich sehr erhaben schien, sprach sie: ,Laß mir mein still
Geheimniß, Gabriel; wage ich doch niemals, Deine
Seele anzutasten.- Sie seufzte dabei wieder, sah
gen Himmel, und sie hatte sich eigentlich bei der Hin-
deutung auf ihren Bruder nicht das Mindeste gedacht.
Ihm aber kam diese Redewendung sehr gelegen,
denn als guter Advokat schnell bei der Hand, sich den
Vortheil zu Nutzen zu machen, der ihm dargeboten
wurde, sagte er:,Ou weißt es also?
,Was denn? fragte Mamsell Philippine.
,Weßhalb ich zu Dir komme und was ich Dir
mitzutheilen habe?
,Du mir? Wie sollte ich?' entgegnete die Schwe-
ster und legte, halb neugierig und halb von einer un-
heimlichen Ahnung überschlichen, ihre Guitarre aus der
Hand.
,Ich wollte Dich ersuchen, vom nächsten Monat
ab wieder die Zimmer im obern Stocke zu beziehen,

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a h, die Du zu Zeiten unserer Mutter inne gehabt hast'',
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z z bedeutete sie der Prokurator. ,Diese vorderen Zim-
,h mer im ersten Stockwerk brauche ich.!- Er war
,k hastig in seiner Rede und bebiente sich nicht der ihm
!; sonst zur Gewohnheit gewordenen höflichen Wendun-
j - gen. Das mnußte Etwas hedeuten, denn ein Mann
1s in den Vierzigen läßt nicht leicht von seiner Weise;
, und die Schwester legte sich die Sache auch sehr schnell
jg zurecht. Er mußte Etwas vorhaben, wöbei er ihren
l; Widerstand erwarten konnte, und deßhalb wollte er
gß gleich mit fester Entschiedenheit beginnen, damit er
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zF nachher seinen Ton nicht erst umzustimmen brauchte.
! - Er dachte auch wirklich: die beste Deckung sei der
j, Hieb. Abet er kannte anscheinend jene Taktik der
k Frauen noch nicht, die dem Hiebe auszuweichen und
, damit die männliche Kraftanstrengung zu einem lächer-
lichen Schlag in's Blaue umzuwandeln wweiß.
Kampfgerüstet saß der Prokurator da,. wider sein
Vermuthen tönte ihm jedoch nur ein sanftes: ,Wie
Du es wünschest, lieber Gabriel! entgegen, und um
ihre Ergebung und die Härte seines Tones noch deut-
licher zu machen, sezte Philippine demüthig hinzu:
,Das Haus ist Dein, ich bin ja seit der Mutter Tode
nur ein Gast in Deinem Hause.!
Der Prokurator schlug sich ärgerlich mit der Hand
auf das Knie.,Verfluchte Sanftmuth !'' brummte er

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leise, denn nnun hatte er die Mühe des Anfangens nochh l
einmal. Er überlegte, wie er das zu machen habelZ z
und Mamsell Philippine hätte nichts Klügeres thueß j
könen, als sich ganz abwartend zu verhalten; ab8khj
die Neugier brannte sie wie mit Nesseln, daß sie nichkF j
ruhen und nicht rasten konnte. Die Sekunden des F j
Schweigens regten sie auf, daß das Herz ihr klopfteß !
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und es ihr in den Fingern zuckte, bis sie, die Pein P j
zu enden, sich mit der Frage hervorwagte: ,Du denksh Fj
doch nicht daran, Dein Bureau in die Stube zu ssek Ff
legen, in der unsere Mutter selig sich aufgehalten hat? ß
,Gott bewahre!r' rief der Prokurator, und einen Z
Anlauf nehmend, wie Einer, der über einen Grabei! P
wegzuseten hat, sprach er schnell und laut: ,as stllle
Leben hier im Hause ist mir widerwärtig, ich will hei-' F
rathen !''
Es war ihm wohl, daß er es ausgesprochen hate? F
Er knüpfte sich die Weste auf, fächelte das Jabot hin F
und her trocknete sich den Schweiß von der Stirne F
und erhob sich dann, um mit munteren Schritten hin ,
und wieder zu gehen, als wäre nichts Außerordentliches F
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vorgefallen.
Mamsell Philippine konnte keine Fassung, keine,ß
Worte finden.,Bruder! Gabriel! Prokuratorl'' rief
sie endlich aus, und der Ton ihrer Stimme hätte ein F
weniger festes Herz, als das des Angeredeten er-
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F schüttern müssen. ,u? Du ksntest so Etwas
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tern. Er mochte von der Schwester nicht ertragenn,
was er von der Mutter hingenommen hatte. ,Du
solltest froh sein,. meinte er, ,daß ich endlich an mich
denke und mir das Leben angenehm zu machen wünsche.
Aber urtheile darüber, wie Dein Herz Dir's eingibt;
fo viel steht fest, morgen werde ich in der Kirche auf-
geboten, und heute in vier Wochen sizt hier meine
Frau am Fenster, die zu lieben oder nicht zu lieben,
die gut oder übel zu empfangen ganz und gar in Dei-
ner Macht steht, wie es denn in meiner Macht liegt,
je nach Deiner Weise meine Maßregeln zu nehmen.'!
Mamsell Philippine erkannte den Bruder in dieser
Stimmung, in dieser herrischen, heroischen Haltung
gar nicht hwieder. Er mußte eine sonderbare Wahl
getroffen haben, weil er sich im Voraus anschickte, sie
zu vertheidigen, und bebend bor Besorgniß und vor
Zorn fragte sie:,Wer ist'4? Wer ist es denn?'
,Du kennst sie! Ich heirathe unsere Nachbarin!!
-- Er nannte ihren Namen nicht.
,,Herr Gott im Himmel!'' rief Mamsell Philippine
aus, ,die Französin? die Feindin unseres Vaterlandes?
die Conditorin?'
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Der Prokurator zuckte verdrießlich mit den Schul-
,,Höre, Philippine, bringe mich' nicht in Harnisch!''
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fagte der Prokurator.,Marion ist jung, ist shsi
hat sich, seit ihe Mann hier während des Krieges starkf
anständig ernährt, ich habe sie seit drei Jahren alltäg7?
lich und an jedem Abende besucht =
, O, das weiß ich!'' rief die Schwester.

, Nun, so kann Dich's doch nicht wundern! muö s
kurz und gut, heute in vier Wochen ist Marion melkeF
- Frau und Herrin dieses Hauses. Das Nebrige macßß F
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mit Dir selber ab.'
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Er ging hinaus, pfiff die Melodie des Liebeaß
,Be! Männern, welche Lebe fühlen, vor sich hii,F
und Philippine saß im Mondenschein allein, um, wie H
der Bruder sie geheißen hatte, daß Vebrige mit sich H
selber abzumachen.
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Verwundert war sie ganz und gar nicht, sie hatie l
das lange kommen sehen, alle Welt hatte auch längsk;
davon gesprochen, aber Philippine hatte nur keine an- I
dere Art und Weise gewußt, ihrem Bruder ihren Zorn F
zn zeigen, als durch ein erheucheltes Erstaunen, obschon F
zu diesem eigentlich gar kein Anlaß aufzufinden war. ß
Denn der Prokurator besaß Vermögen genug, um eine F
unbemittelte Frau heirathen zu können, und es lebteI
Niemand in der Stadt, welcher der kleinen Franzöfin ß
hätte Böses nachsagen können. Ihr Mann war wäh- F
rend des Krieges als Regimentszahlmeister mit den F
Kaisergarden nach Rußland gezogen, war dort umge-

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kommen, und da der Wittwe das Geld zur Heimkehr
nach Frankreich mangelte, hatte sie angefangen, Früchte
zu kandiren, und mit der Rührigkeit, welche den
Frauen ihres Volkes eigen ist, so fleißig gearbeitet
und ihre Geschäfte so geschickt geleitet, daß sie eine
kleine Conditorei eröffnen konnte, in welcher die Män
ner gern verkehrten, weil die Heiterkeit und die gnten
Manieren bon Madame Marion, wie man sie nannte,
Jedermann angenehm unterhielten.' Reich wai sie da-
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bei in den paar Jahren natürlich nicht geworden, indeß
sie hatte zu leben gehabt, hatte sich uid ihre Gäste
munter und bei guter Laune erhalten, und es darüber
allmälig zu vergessen gesucht, daß sie einst bessere
Tage gekannt hatte und daß man es ihr in Paris
nicht an der Wiege vorgesungen, anf welche Weise sie
einst in dem fernen Deutschland ihr Brod erwerben
werde.
Ob sie gerade eine große Zuneigung für den Pro-
kurator fühlte, darüber wußte man nichts zu sagen.
Aber er war ein angesehener Mann, das Haus an der
Ecke des Marktes war sehr in's Auge fallend, Mam-
sell Philippine saß äußerst bequem am Fenster und
fuhr sehr gemächlich spazieren, während Madame Ma-
rion hinter ihrem Ladenfenster stand; und die kluge,
hübsche Frau mochte denken, daß die Kutsche weit
besser aussehen würde, wenn eine junge artige Fran-
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zösin neben dem Prokurator in derselben säße. Die,s j
Heirath mit dem Prokurator wurde von Madame F !
Marion mit derselben Entschlossenheit ergrifen, mit F !
welcher sie einst ihren kleinen Handel unternommek F l
hatte. Es war eine Verbesserung ihrer Umstände; j ,
welche nicht von der Hand zu weisen war;. aber wie F j
alle ehrenhaften und guten Naturen, dachte sie rechts ß
schafen zu bezahlen, was sie empfing, und tneu und Pj
ordentlich zu erfüllen, was sie zu leisten verspracht F ,
Sie war eine tüchtige Kaffeewirthin, sie wollte alsa ß ?
auch eine tüchtige Frau für den Prokurator werden; I
und da sie ihr kleines Kaffeehaus aus einer elenden ß
Spelunke in einen hübschen, zierlichen Raum verwan- ,
delt hatte, zweifelte sie nicht daran, daß es ihr auch ß
gelingen werde, den etwas altmodischen Prokurator Z
auf ihre Weise umzustuzen und aus dem pedantisch (
gewordenen Junggesellen einen ganz angenehmen und
zufriedenen Ehemann zu machen. Hatte er doch be-
reits mit asen Bedenken über das Urtheil der Leute
gebrochen, da er, der Prokurator, der Sohn der Se-
natorin, der Bruder von Mamsell Philippine, sich zu
der Ehe mit einer Conditorin entschloß. Darauf
ließen sich gute Aussichten bauen, und die kluge, mun-
tere Frau versprach sich, sie auf das Beste zu benüzen.
Während sich der Prokurator zu seiner Auser-
wählten begab und in deren Hinterstübchen eine an-


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genehme Stunde genoß, befand sich Mamsell Philip-
pine in der schlimmsten Lage, in der man sich befinden
kann: sie wußke nicht, was fie thun sollte. Einer
deutschen Jungfrau wurde es zugemuthet; eine Fran-
zöfin Schwester zu nennen; ihr keusches Herz sollte
sich darein finden, ihren -Bruder nit einer Frau vor
den Altar treten zu sehen, die schon das Weib eines
Andern gewesen war; die Patrizierstochter sollte, eine
Gonditorin als ihresgleichen anerkennen,' in das teiche
Haus sollte eine Mittelose eingeführt werden, und dieser
sollte Philippine das ganze erste Stockwerk und den
Stuhl am Mittelfenster überlassen - das war mehr,
als sie ertragen konnte, mehr, als der Himmel ein
Recht hatte ihr aufzuerlegen. Einsam mit sich und
ihrem Zorne, blieb ihr nichts übrig, als, sich alle ihre
Leiden, all ihr bevorstehendes Unglück laut, und pa-
thetisch vorzuhalten, um sie zu den bittern Thränen
und zu der Herzzerrissenheit -zu jteigern, die sie in
dieser Stunde nothwendig vergessen haben mußte, wollte
sie vor sich und vor den Freundinen bestehen, die am
s! nächsten Morgen, wenn die Verlobung des Prokura-
z;! tors bekannt gemacht wurde, unausbleiblich zum Be-
F! suche kommen würden. Sich selbst zu Thränen zu
z ; rühren, wo sie sich vernünftig zusammennehmen müß-
F! =n, ist ein Vergnügen, das die Krauen sich gar zu
z! gerne gewähren.
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Indeß Zorn und Erbitterung sind eine scharfejg
Luft, welche den Thau der Thränen bald verzehreil,
und es ist daneben etwas sehr Unangenehmes, wensi,
man vor sich selber die Rolle nicht aufrecht erhalten
kann, in der man sich gefällt. Alle Sanftmuth, alle ß,
Entsagung, alle Nachsicht der Schwesterliebe, alle Un? z
terwürfigkeit unter den geliebten Bruder, hielten nichi F
vor gegen die Empörung und den Ingrimm, dek F
Mamsell Philippine in sich brennen fühlte, und mit ,
dem Ausruf: , Keine Stunde bleibe ich unter diesem
Dache, wenn Madame Marion in das Haus kommt!k
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erhob sie sich von ihrem Sitze.
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Dem lauten Ausruf antwortete aber eine Stimme
in Mamsell Philippinens Innerem: Das wird deüi
Prokurator und der Frau Prokuratorin wahrscheinlich
sehr willkommen sein!-- und Philippine beschloß zl
bleiben, zu bleiben-- und, wie sie sich sagte, daraüf
zu wachen, daß Zucht und Ehrbarkeit nicht ganz aus
diesem Hause schwinden; zu bleiben, damit ihr armer,

verführter und betrogener Bruder nicht einsam unö
verlassen dastände in der Welt, wenn die Binde ein-
mal von seinen Augen fiele und er es gewahr würde,
wie er umgarnt worden sei und was er gethan habe.
Es schlääft sich gut, wenn man einen Entschluß
gefaßt hat, der recht aus der eigenen Natur kommt
und also ihr auch in der Folge zu entsprechen ver-
d
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,

V59
h heißt. Mamsell Philippine erwachte am Morgen ganz
F! munter und gestärkt, und noch während ihre Freun-
Fs dinnen und Bekannte an ihren verschiedenen Früh-
,i stückstischen die Nachricht von der Verlobung des Pro-
I, kurators in der Seitung lasen, besorgte sie ihren Aus-
Fs zug aus dem ersten in das zweite Stockwerk. Sie
I! wollte einerseits es ihrem Bruder zeigen, daß sie sei-
,! nem Glücke nicht im Wege stehe, und wie sehr sie
I! ihm gehorsam und fügsam sei; anderepseits sollten die
Zs Besuche, welche nothwendig am Morgen kommen
F! mußten, um sich mit ihr über die wirklich sehr auf-
N, fallende Verlobung des Prokurators auszusprechen, es
I! doch gleich erkennen, welche Folge dieselbe für die
s Tochter der Senatorin, für ein so ächt weibliches und
z; deutsches Gemüth, bereits nach sich gezogen habe.
! Auch hatte man niemals besser von Philippine
P! gesprochen als an diesem Tage. Ihre Resignation,
F! ihr rücksichtsvolles Schweigen, waren ein Gegenstand
F! der Bewundernng für alle Frauen und Mädchen ihrer
! Bekanntschaft, und je weniger sie sich über die bevor-
F! stehende Heirath ihies Bruders und über chr Miß-
ZFs fallen an derselben aussprach, um so lebhafter thaten
F! die Frauen es für sie. Es half gar nichts, daß ver-
ß ständige Männer ihnen in Erinnexung brachten, daß
F! Madame Marion von sehr guter Herkuift, däß 'ihre
z!! Familie unter dem Beil der Guillotine gestorben sei,
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Tüchtigkeit durch das Leben geholfen habe. Es nügtk F
auch nicht, daß man es den eifrigsten Hausfrauen vöt? F
hielt, welch eine vortreffliche Hausfrau sie sei, und daß gg
eine Frau, die Geld erwerben könne, auch sicher ver? ß
stehen werde, es zusammenzuhalten. Wo das Heft F
kömmliche als das höchste Gesez geschäpt wird, ist dae F
Ungewöhnliche an und für sich ein Uurecht, und die
Arauen, welche sich für vornehm halten, weil erst dek Z
Vater und dann der Gatte ihnen ein sorgenfreies und F
leidlich müßiges Dasein bereiteten, sehen natürlich üulk F
Geringschäzung auf diejenigen herab, die sich selbst.;
ihren Pfad zu suchen und für sich selbst um des Lss F
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bens Nothdurft zu kämpfen haben.
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Es stand also noch an demselben Tage, an welchem H
die Verlobung des Prokurators publizirt worden war; P
in dem ganzen Gesellschaftskreise von Mamfell Phi- F
lippine fest, daß ihr Bruder ein ganz unverantwort- F
liches Verbrechen gegen die Gesellschaft begehe, indem F
er eine Frau nach seiner Neigung nehme, und diejeni- F
gen, die selbst gern in dem Eckhause als Frau Pro-
kuratorin am Fenster gesessen und ihre gute Freundin F
Philippine nicht nur in das obere Zimmer, sondern F
zum Hause hinaus gewünscht haben würden, waren F
am eifrigsten bei der Hand, das schwere Schicksal der-

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sß. 1Gb=n z b-ae. = Nooe eeeo -o ==s
g ß Inglück der bisher so respektabeln Familie zu betrach-
hjß; ten und zu verdammen.
,ß Diesen Hauptsaz einmal festgestellt, verstand das
,j nebrige sich ganz von selbst. Die erhäbensten und
,l! rengsten Vgenden, die im Grunde doch am wenig-
gßßI ten für sich fürchten durften, erkannten die Ausschlie-
sß', ßung der künfiigen Prokuratorin hls eiiue Nothbpen-
1ß! digkeit für die Erhaltung der Sitte und' der Gesell-
jß, schaft =n; und kuw war man in der Verdonmung
lß, des Prokurators und seiner Auserwählten einig, so
1-
gjßj begann man Philippinen immer eifriger zu beklagen,
slI bis man sie, die bis dahin, wie gesagt, der Gegenstand
eines gewissen Spottes gewesen war, allmälig für
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eines der edelsten Herzen, ja als ein wahres Muster
aller Frauen zu erklären für angemessen fand. Je
tiefer man Madame Marion hinunterdrückte, um so
höher stieg. Philippine empor, und äls nach wwenig
Wochen die verfehmte Prokuratorin inn dem ersten
Stockwerk schaltete, thronte über ihrem Haupte Mam-
sell Philippine als ein Gegenstand allgemeiner Theil-
nahme und Verehrung, und das alles nur, weil sie
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schwieg und alle Andern reden ließ.
F ! rnd sie schwieg, daß es Madane Marion fast zur
F- Verzweiflung brachte. Sie schwieg zu dem Freund-
Fj lichsten, das diese ihr erwies, sie schwieg. zu dem Hei-
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tersten, woran der Prokurator und seine Frau sic.ß
ergözten, sie schwieg, wenn dieser in einem Anfall uFs
Zorn sie über ihr Schweigen zur Rede stellte, odEe F
wenn die Frau all ihre Beredtsamkeit aufbot, das h
Schweigen der Schweigenden zu besiegen, die gerake P
immer nur so viel Worte und Sylben vernehmen ließ, R
als nöthig waren, es darzuthun, was sie alles veö- F
schweige, und wozu sie schweige. Ja nicht einmal sö P
viel Rede gönnte sie ihren Hausgenossen, als nöthig Z
gewesen wäre, sie in einen ehrlichen Streit zu bet- F
wickeln, der Anlaß geboten hätte, sie aus dem Hause
zu entfernen. Sie sah zulezt wie die GBttin des J
Schweigens selber aus, denn ihre ohnehin schmaleit Z
Lippen schlossen sich immer fester, das Lächeln vot ?.
Liebesschwermuth, das ein paar Jahre hindurch auf F
denselben geschwebt, war ganz verronnen, die Guitarre ßß
erklang nicht mehr, die Schmachtlocken fielen nicht Z
mehr auf ihre Schultern herab, alles an ihr war wies
der Ernst und Würdigkeit geworden, wie zu ihrer
Mutter Zeiten, und doch vollzog sich während ihres
eigensinnigen Schweigens eine Wandlung in ihrem
Herzen, gegen die sie sich vergebens sträubte, die sie
sich nicht klar machen, noch weniger einem Dritten
eingestehen mochte: sie mußte Marionwider ihren Willen
lieben, sie begann ihren Bruder zu lieben, der ein ganz
Anderer geworden war, seit die Frau an seiner Seite lebte.
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Selbstlose Güte und einfache Wahrhaftigkeit haben
F eine erwärmende und erleuchtende Kraft und wirken
h sicher, auch wenn man es nicht gleich gewahrt. Aber
P diese Eigenschaften hatten im Hause der Senatorin
j von Anfang an gefehlt; ihre Herrschsucht und ihre
- Eigenliebe hatten das Herz ihrer Kinder zusammen-
ß gedrückt, und da sie mit ihrer Tprannei nur Sklaven
F zu erziehen vermocht, so hatten Verschlossenheit und
h List, Unwahrheit, Selbstbetrug und schmneichelnde, schön-
Z, thuende Heuchelei über dem Hause und zwischen seinen
? Bewohnern gewaltet, bis der Prokurator die Zunei-
ß, gung für Marion gefaßt unb sie als Gattin unter
ß sel Dach geführt hatte.
?! Mlles an Marion war einfach und natürlich. Sie
s. pfsegte ihren Mann, sie hielt ihm sein Haus in Ord-
hj nung, sie paßte sich seinen Eigenheiten an und wußte
h diese zugleich zu mildern, als verstände sich das ganz
F von selbst. Sie schien die Zurücksezüng! nd Beleibi-
s! gung, welche ihr von Seiten der anderi Frauen so
z- unverdient und hochmüthig zugefügt wwurde, gar nicht
, ; zu bemerken, sie schien gar nicht zu leiden von der
-! Abneigung, welche ihre Schwägerin ihr bewies. Ihr
-! Kummer war das einzige Geheimniß,. das sie vor
F - ihrem Manne hatte, ihre sorglose Heiterkeit die einzige
Verstellung, die sie übte. Je herber Philihpine sich
gegen sie berhielt, je öftet sie daräüf hindeutete, welch
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eine Schmach es für den Prokurator sei, eine Fran, Z
neben sich zu haben, die in einem offenen Laden als F,
Berkäuferin gestanden, um so freier sprach Marion s Z
ous, wie glücklich fie der Wechsel ihres Lvoses mache J
und wie dankbar sie ihrem Manne dafür sei, daß er F
sie den bürgerlichen Berhältnissen wiedergegeben habe, in F
denensie in frühererZeitgelebt. Ohne daß sieeineplötzliche j
Umänderung vornahm, wußte sie der Einrichtung des ß
Hauses, so weit sie eö bewohnte, ein anderes Ansehen, der

ganzen Lebensweise einen behaglichen Zuschnitt zu gebe.
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Der verstorbene Senator war seiner Zeit deh

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Abends niemals zu Hause gewesen, der Prokurator
war dem Beispiel seines Vaters gefolgt, und die


FFrauen hatten die lezten Stunden des Tages von
jeher in Einsamkeit zugebracht. Jezt verließ der Pro-
kurator das Haus nicht mehr, an das die Freundlich-
keit und der Frohsinn seines Weibes ihn fesselten; und
wenn es anfangs auch nur Neugier war, welche Mam-
sell Philippine bewog, sich ab und zu außer den ge-
wohnten Stunden in die Zimmer ihrer Schwägerin
zu verfügen, so blieb sie doch hie und da ein wenig
länger in denselben, als die vorgeschützte Veranlassung
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ihres Kommens es nöthig machte, und sie hätte alles
Empfindens baar sein müssen, wenn die bereitwillige
Zuvorkommenheit ihr nicht hätte wohl thun sollen,
mit der Marion sie jedesmal empfing.

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Aber was durch einen langen Winter festgefroren
ist, das schmilzt auch die hellste Sdnne nur sehr all-
mälig, und Mamsell Philippine war es viel zu lange
Zeit gewohnt gewesen, sich in Posktion zu sezen und
etwas vorzustellen, als daß es iht möglich gewesen
wäre, mit einem raschen Schritte, mit einem willens-
kräftigen Entschlusse plözlich in den Gereich der Wahr-
heit überzugehen. Sie konnte es, nicht ,einräumen,
daß Marion sie überwinde, sie konnte es vor ihren
Freunden nicht bekennen, daß man der Französin Un-
recht thue, daß keine Deutsche eine bessere Hausfrau
und Gattin sein könne; das hätte geheißen von dem
Sockel niedersteigen, auf welchen die Abneigung gegen
die Conditorfrau die Tochter der Senatorin erhoben
hatte, und sich selbst zu beeinträchtigen war Mamsell
Philippine nicht gemacht. Indeß die Egöisten haben
das Eine mit den Kindern Gottes gemein, daß alle
Dinge zu ihrem Frommen gereichen müssen.- Kaum
empfand Philippine, daß es sich angenehmer mit den
Ihren, als in der Abgeschiedenheit von ihnen leben
lasse, so fing sie an, sich als die großmüthige und ver-
zeihende Beschüzerin derselben hinzustellen, und eine
neue Heiligsprechung der Halbbekehrten war im Werke,
?
F! als der Ernst des Schicksals an sie herantrat und
z ihrem Leben eine neue Wendung gab
Marion hatte nahezu zwei Jahre an der Seite
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N6

ihres Mannes verlebt, als sie ihm einen Sohn gebar. F;
In staunender Betrachtung, in stummer Anbetutkg F
stand Mamsell Philippine vor der Offenbarung, welche P
jede neue Menschwerdung für den Menschen in sich F
schließt. Sie sprach kein Wort, und doch hätte sie b
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als ob das Eis gebrochen und alle Liebe, deren ihr Z
enge Seele fähig war, in warmen Fluß gekommnt
wäre. Sie hielt das Kind in ihren Armen, sie sah F
auf die Mutter hin, auf den Vater, der ihr Bruder h
war, das Alles hing mit ihr zusammen, konnte ihr F
gehören, konnte sie erfreuen, und sie hatte sich davön F
entfernt, weil sie nicht begriffen hatte, wie reich mäü Z
werden kann, wenn man sich selber in Wahrheit zur g
rechten Stunde aufzugeben, und sich an andere zt F
verlieren weiß. Die kleinen Händchen, welche sich ss I
tastend und so hilfsbedürftig in die Höhe hoben, schiö- g
nen recht eigentlich nach ihr zu langen, die kleinen Z
Augen, die sich dem Tageslichte noch nicht zu öffnen F
wagten, schienen sie zu suchen; sie stand an der Wiege F
und weinte, und sie merkte es nicht, wie leise Marion H
klagte und stöhnte, in wie banger Angst ihr Bruder F
an dem Bette seiner Gattin stand, wie sorgewvoll der
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Arzt an ihrem Lager wachte:
Marion war im Sterben. Nur von Zeit zu Zeit Z

fchien sie Bewußßtsein zu haben. Damn richteten ihre
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Augen sich immer nach Philippinen hin, und sie sah,
mit welcher Inbrunst der Liebe das sonst so kalte
Autliz des alten Mädchens auf den Neugeborenen
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schaute. Als es schon dunkel wurde, naimte sie leise
Philippinens Namen. Es fuhr derselben wie ein Stich
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durchs Herz. Sie erhob sich und trat an das Schmer-
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F zenslager beran ,Ich banke Ahne dafüe, baß Se
F mich lieb gewonnen haben, sagte sie:,haben Sie
F, auch den armen Kleinen lieb und seinen armen Vater.
Philippine sank auf ihre Kniee und ergrif Marions
F Nnd, um sie zu küssen..Vergebung! Vergebung !
s rief sie. -- Aber der Arzt zog sie von der Kranken
Z, fort,Denken Sie an die arme Frau und nicht an
F: die Verzeihung, die Sie wünschen,! sagte er, und
z Philippine sah es, wie das Haupt der jungen Mitter
h, sich noch einmal leise zu bewegen süchte und bann
ßß, zurücksank in ihres Manes Aim, der stäir und ohne
h s eine Thräne äuf bem Rande ihres Bees saß; bis der
H! lezte Athenzug verklungen war, bis die Augen seiner
Z! Frau sich kür immer geschlossen hatien. Der Tod war
h s herniedergeschwebt auf das alte Häus; und wohin er
, ; seinen Fuß sezt, da behauptet er seine feierliche Herr-
s I schaft für eine Spanne Zeit und gestaltet dieses üm
g.! und gestaltet jenes um, daß die Menschen km ersten
j; Fbreen zlaben, -s fe n dee Loe des inen

78
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Hingeschiedenen nicht nur in den Außendingen eine,'
Veränderung vorgegangen, sondern sie selber hätten,
sich verwandelt. Indeß, was einmal in deül--
Kern eines Menschenwesens steckt, däs wandelt sihZ
üicht um vor dem Anblick eines Todten, es schweigtF
nur davor, und wenn die Leiche dem Auge entzoge?
und die Trauerklänge verhallt und das Gepränge uilb'
die augenblickliche Herrschaft des Todes von dsähI
Hause verschwunden sind, so kommt fast überall untst ,,
den Lebenden der alte Mensch zum Vorschein, wenn?
schon bisweilen in einer sehr veränderten Gestalt. ,
Auch der Prokurator, so gern er seine Frau gehaitZ
hatte, und so angenehm ihm die beiden Jahre an ihreth
Seite verflossen waren, kehrte bald zu den alten Ge- F
wohnheiten seiner Junggesellenzeit zurück. Er gingF
Morgens vom Gerichte eine Stunde in das Weinhaus- F
Nachmittags eine halbe Stunde in das Kaffehaus unö!Z
Abends in die Ressource, um zu Hause nicht die'
freundliche Marion zu vermissen. Was hätte ihn auch F
von dieser Lebensweise abhalten sollen? Ein Männ, ;
und vollends ein Mann, der nicht mehr jung ist, kann F
mit einem kleinen Kinde eben nicht viel anfangen, wenn J
es ihm nicht durch die selbstlose Liebe eines Weibes F
vermittelt und erklärt wird. Für dieses Amt war bei
dem besten Willen doch natürlich Niemand weniger
geeignet, als seine Schwester Philippine, die, egoistisch
L

289
in ihrem Schmerze, wie in ihrer Reue, nur an sich
selber dachte, und es darüber fast vergaß,! daß nicht
sie, sondern ihr Bruder den Tod des jungen Weibes
zu beklagen hatte.
Aber ihr Schmerz währte nichts lange' Seit, denn
Philippinen war mit der Geburt des -ihr anheimge-
-fallenen Kindes ein wahrer Glücksstern aufgegangen.
Auch das kälteste Frauenherz, und Philippinens Herz
, war gar kein solches, birgt die Fähigkeit der Mutter-
, liebe in seiner Tiefe, und mit nie gekannter Wonne
fand sich das alte Mädchen plözlich auf eine natür-
liche Pflicht, auf eine neue Thätigkeit hingewiesen.
Sie hatte an dem Neffen, an dem Neugeborenen
Mutterstelle zu vertreten, und sie gelobte sich, ihm im
vollsten Sinne des Wortes eine Mitter zu sein.
Auf ihre Bitte hatte man dem Knaben ihren
Namen beigelegt, und der kleine Philipp hätte es für
seine ersten Wsihre gor nicht bessek haben können.
als unter der Aufsicht seiner Tante. Alles verschwand
in der Erinnerung derselben vor ihrem neuen, vor
ihrem ersten wahren Glück. Sie sprach nicht mehr
davon, welch gute Tochter sie gewesen war, sie dachte
nicht mehr an ihren auf dem Felde der Ehre gefalle-
nen Helden, die Guitarre, die Blumen auf dem Fen-
sterbrette hatten keine Bedeutung mehr für sie, sie
vergaß es, wie sehr sie die arme Marion einst gehaßt,

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wie allmälig und verschlossen sie dieselbe dann geliebtsF
fie dachte bald gar nicht mehr an Marion, sie hatteß
nur ein Gefühl des Dankes gegen den Himmel unk F
die höchste Bewunderung vor den Wegen der Votsj
sehung, die ihr den Knaben geboren werden, die un'F
ihretwillen seine Mutter hatte sterben lassen, die ßiß
das Glück der reinsten aller Empfindungen, der Muts F
terliebe, hatte zubereiten wollen. Machte dann einmal ß
ihrer Freundin eine, die nicht wie Philippine von deii Z
Widerwillen gegen die verstorbene Prokuratorin geheilt ß
war, die gelegentliche Bemerkung, der Himmel habe !
es offenbar auch nicht gewollt, daß die Tochter des Z
Hauses durch eine Fremde verdrängt und auf die ß
Seite geschoben werden solle, so sagte Philippine dazu -
nicht nein. Sie hatte Stunden, stille, einsame Stun- ß
den, in welchen sie im Grunde ihres Herzens ganz Z
dasselbe dachte, denn die Vorsehung oder das SchicksalI
find ja der Sündenbock, dem die megchliche Eitelkeit j
und Verblendung alle ihre thörichten und oft auch ?
bösen Gedanken aufzubürden lieben. Mancher würde ?
stutzig werden und in sich gehen, wenn er selbst ver-
treten sollte, was er den unsichtbaren Mächten zuzu-
schieben kein Bedenken trägt.
Aber darüber machte die glückliche Tante sich keine !
Sorgen. Ihr Philipp war ihr jezt der Mittelpunkt s
der Welt, und als ein plözlicher Tod dem kaum drei-

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jährigen Knaben auch den Vater raubte, als das Kind
nun ganz ihr eigen war, da hielt es schiwer, in der
zärtlich vorsorgenden Pflegemutter, in der. selbstver-
gessenen Wärterin des Knaben,' die jeder helle Blick
des Kleinen wie mit Freüdenstrahlen übergoß, die
starre, kalte Mamsell Philippine wieber zu erkennen.
Sie erheuchelte nichts mehr, sie stellte nlchts mehr vor,
sie wollte von Grund des Herzens! das Beste ihres
Philipp. Aber ein thörichter Mensch wird nicht leicht
weise, und Erziehen ist eine schwere Kunst, schon darum,
weil Maßhalten eine Hauptbedingung für ihr Gelin-
gen ist. Maß zu halten verstand nun leider die neue

Pflegemutter nicht.
Ihr Philipp sollte alle ihre Jdeale in sich ver-
wirklichen. Er sollte gesund an Leib und Seele er-
P wachsen, sollte ein Deutscher werden bis in's tiefste
Herz, sollte Rein und keusch seln; wie fie' felber, das
Schöne lieben, bas Niedrige und Gemeine gar nicht
F kennen, die Ehre seiner Families die sein guter Vater
g
zP. nicht genug gewahrt, hoch und heilig halten; und da
Z- ihr durch des Himmels wundervolle Gnade ein Sohn
Z l Philipp z Theil geworden war, so höffte sie es
z s dereinst noch zu erleben, daß dieser Sohn ihr eine
I Tochter nach' ihrem Herzen. in das Haus shre Mutter
=s - einführen werde.
z; - Ie hatte kein Interesse mehr, als ihren Ahilipp.
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Jeder mußte sie von ihm sprechen hören, und nöähs
hatte das Kind kaum errathen lassen, was einmal aüß-
ihm werden könne, als Mamsell Philippinens Philkh?
schon ein Spottname für dasselbe und der Kleine, eh?
Is
Gegenstand des Scherzes für alle diejenigen gewordens
war, welche seine Tante und deren Vergangenhe!',
kannten. Aber Philippine focht das wenig an. Siü,
hatte ein völliges Genügen in dem Kinde gefundeü,
es kümmerte sie nichts mehr als dieses Kind. VökF
Allem sollte es gesund erwachsen. Es sollte Suft undIF
Licht genießen, wie die alte Stadt sie nicht zu'' bieksüP
vermochte, und rasch entschlossen faßte sie den Pla,ß
mit ihrem Knaben fortan auf dem Landsize zu lebetgz
welchen derselbe als Erbe der Familie, im Herzen där,,
ze?
Provinz besaß, und den zu bewohnen ihr bis dhinP
immer ein Dpfer gedünkt, wenn der Wille ihrer
Mutter sie je bisweilen dort zu leben gezwungek F
ß
hatte.
Die Leute trauten ihren Ohren nicht, als Philhs F
pine ihnen diese Absicht kund that, sie trauten ihren F
Augen nicht, als sie wirklich eines Morgens die eiser-F
nen Laden vor dem untern Stockwerk des Eckhauses
geschlossen sahen, als die Vorhänge an dem Fenster,z-
an welchem die Senatorin und nach ihr Mamsellg.
Philivpine so und so viele Jahre, wie ein Wahrzeichen F
der alten Stadt, in ihrer Würde dagesessen hatte, mit J
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einem Male heruntergelassen waren. Man wollte es
nicht glauben, daß die Leztere wirklich auf den Ver-
kehr mit ihren alten Bekannten verzichten, daß sie von
allen ihren Lebensgewohnheiten Abschied nehmen werde
um eines Kindes willen; indeß ,man btachte dabei die
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F Eigenartigkeit von Philippinens Charakte nicht in
F r=pe
Jahre und Jahre vergingen, in welchen sie nur
P einmal in der Mitte jedes Hochsommers, zur Seit des
F Jahrmarktes, für wenige Tage in die Stadt käm.
ß Sie brachte dan ibren dfleglig but slch, fie führte
D ihn auch zu ihren Bekannten und zu den verschiedenen
F Mitgliedern ihrer Familie, damit man sich überzeuge,
b! wie gut der Knabe in ihrer Obhut gedeihe; sie fuhr
A
F - mit ihm in der Stadt umher, die alte Karosse, rasselte
N
s - Pn der bestimmten Stunde wieder durch die Straßen,
P sie ging mit Philipp auf den Maikt, es wurde ihm
k
g gekauft, was er nur begehrte, aber er kam nicht von
FF der Hand der Tante los, und selbst wenn sie mit ihm
H sich in den Häusern der Verwandten aufhielt, durfte
z re nuur in ihrem Beisein mit seinen kleinen Altersge-
j! nossen spielen und verkehren. Es war vergebens, daß
ß. Einer oder der Andere ihr wohlmeinend den Rath
s
-; ertheilte, den Knaben nicht so einsam zu erziehen.
s Sie mochte ihn mit Niemand theilen, imd da bei
J alten unverheirathetenPersonen die Gewohnheit zu einem
FF Lewald, Kleine Romane. ?.
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sie beherrschenden Tyrannen wird, so mochte Mamssltr?
Philippine schon nach wenig Jahren nicht mehr da-''s
ernd in der Stadt verweilen, ganz abgesehen davon, ?
daß es ihr bei ihrer jetzigen Lebensweise nur nsch?
leichter wurde, das Vermögen ihres Philipp und ihr!' ß
eigenes, das ja auch einst das seine werden mußte, i -?
immer schnellerem Wachsthum zu vergrößern.
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Wie Philipp seine Kindheit einsam zugebracht -z
hatte, so verlebte er auch seine Jgend einsam auf I
dem Gute seiner Tante, unter der Obhut eines eigenen z,
Erziehers, der zwwar ein gelehrter Mann und als Leh--F
rer wohl befähigt, im Nebrigen aber noch pedantischef -
, Is
als Mamsell Philippine und ganz dazu geschaffen war, F
sich den Anordnuungen und Wünschen seiner eigenwil- ;
ligen Patronin ohne große Neberwindung unterzu 'M1?
.?
ordnen.
Is
Sparsam bis in's Kleinliche, wo es die eigenen!I
Bedürfnisse galt, ließ es Mamsell Philippine in keiner I
Weise fehlen, sobald die Bildung ihres Neffen in Be-
tracht kam, und je mehr man sie davor warnte, den
jungen Menschen von den Genossen seines Alters, von
der Berührung mit dem Leben so geflissentlich zu ent-
fernen, nm so mehr befestigte sie sich in der Grille,
-
ein Meisterstück von Erziehung an ihrem Philipp zu
liefern, der erst als ein vollständig gebildeter junger
Mann in die Stadt und in die Familie zurückkehren sollte.

Ke
Je mehr der Held ihrer Erziehungsgrundsäze sich
dem Zeitpunkt näherte, in welchem Mamsell Philip-
pine ihn nach ihrer Meinung freisprechen wvollte, um
so eifriger wurde sein Unterricht betriebei! Sprach-
lehrer, Tanzmeister, ja ein Stallmeister wurden wäh-
rend der verschiedenen Sommerferien, in denen die
Stadt ihnen wenig Beschäftigung zu bieteis hatte, auf
das Gut hinaus beschieden, und Philipp wußte sich
die ihm gebotenen Lehren wohl zu Nuze zu machen.
Aber jeder dieser Meister steigerte auch mit seinen Be-
richten von dem Leben in der Welt das Verlangen
des Einsamen, in die Welt hinauszukommen, und es
wwäre in jenen Tagen, welche dem zwanzigsten Geburts-
- tag ihres Philipp vorangingen, schwer zu entscheiden
- gewesen, wer den festgesezten Termin lebhafter herbei
- sehnte, ob Mamsell Philippine, die ihren Philipp den
Leuten vorzustellen dachte, oder dieser selbsts der mehr
- und mehr darnach verlangte, die Welt zu sehen, die
er sich nach seinen flüchtigen Blickeü in bieselbe und
, nach seinen Büchern wie ein Parädies der Freude
dachte, während seine Tante und sein Mentör ihm
; immer nur bon Fallstricken zu sprechen wißten, die
seiner dort harren würden, und welchen sich zu ent-
ziehen die sittliche Aufgabe seiner Zükunft sein wwerde.
s Nnschuldiger hatte nie ein Aügenpaäi ii das Lebei
hinausgeblickt, träumerischer nie ein Jünglinng sich Luft-


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schlösser erbaut. Was er ersehnte und erhoffte, Mha
er am meisten wünschte, hätte er selber nicht zul sgkfß
gewußt; er hatte keinen bestimmten Plan fük söhs
künftige Beschäftigung, er hatte keinen Ehrgeiz, dekE?ß
er war reich und hatte niemals neben Mitsteeiöifs
gearbeitet und gelebt. Er hatte auch kein eutschGisö?
nes Berlangen nach Abenteuern, kein ausgespiocheiE!
Bedürfniß irgend einer Art; nur nach Bewegüiß
sehnte er sich, nach Ungekanntem, nach Genuß üiO
Aufregung, und während er in seiner Herzensenäkf?ß
goldene Bilder an dem fernen Horizonte sich spiegAKi! ';
sah, der sich ihm in der Stadt eröffnen sollte, gäFF
seine und seiner Tante bevorstehende Nebersiedelung hE F
dieselbe bereits einen Gegenstand der Belustigung fük j?
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ihre Freunde ab.
Schon den ganzen Sommer hindurch hatte sse H,
denselben die schriftlichen Anzeigen gemacht, daß fäß
ihres lieben Philipps Bildung und Erziehung yon' H
ihrer Seite jezt das Mögliche geschehen, und daß es J
also an der Zeit sei, ihm in der Gesellschaft die lezzte F
Politur für dieselbe zukommen zu lassen, da ja der F
Diamant nur mit Diamanten zu schleifen sei. Und' g
sie hatte dann niemals unterlassen, es hinzuzufügen, Z
wie glücklich sie der sanfte Charakter und der gebildete F
Geist ihres Philipp machten, und wie es sie freue, F
daß er so viel Sinn für das ruhige und beschaulichöF
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Leben habe, welches zu führen sein großes Vermögen
ihn vollkommen ermächtige.
Mit vorsichtiger Berechnung hgtte sie das Haus
des Commerzienraths, ihres Vetters, zu dem ersten
Auftreten ihres Philipp auserwählt. Der Commnerzien-
rath galt für den reichsten Mainn ber Stadt und war
einer ihrer angesehensten Bürger. s Seine! Frau gab
den Ton in der Gesellschaft an, seine Töchtei hatten
eine glänzende Erziehung genossen, waren vortreffliche
Partien, und wenn, wie Mamsell Philippine gar nicht
zweifelte, ihr Philipp in diesem Kreise die ihm ge-
bührende Anerkennung fand, so war mit einem Schlage
seine Position gemacht und seine günstige Aufnahme
in der Gesellschaft festgestellt. Im November feierte
der Commerzienrath seine silberne Hochzeit, die ganze,
in Norddeutschlands Handelsstädten weit ausgebreitete
s Kamilie hatte für den Tag ein Züsaünmeßtreffen ver-
F abredet, und auch Mamsell Phillppine hatte acht Tage
f vorher ihrei Landaufenthalt verlassen, tm ihre Vor-
s bereikungen für das würdige Auftreten ihres Neffen
F zu machen.
Wo aber eine große Familie versammelt ist, findet
? man auch eine Schaar jungen Volkes, das stets be-
s reit ist, sich neben dem allgemeinen Feste noch seine
; Privatvergnügungen zu bereiten; ünd Scherz und
? Spott liebend, hatte man sich seit mehreren Tagen

7K
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im Voraus daran ergött, wie Mamesell Philippine ai gg;,
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dem Himmel des Familienfestes zu besonderer ES s z
höhung seines Glanzes ihren Philipp erscheinen lasss I,j
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werde.
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Am Abende, als man sich zum Balle vereinte ind ,'ss
der große Saal schon voll von Gästen war, thäten ;si !
sich plözlich die Thüren auf, Mamsell Philippine trät ;; !
mit ihrem Philipp ein und auch die Ernsthaftesten uü ?
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ter den Alten konnten sich eines Lächelns nicht erweh- z; z
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ren, denn ein seltsameres Paar hatte wohl nie des F ,
. »!
Parket eines Tanzsaales beschritten.
Stolz und mit hochaufgehobenem Haupte, siezbss F ?
wußt vom Kopf bis zum Fuß, schaute Mamsell ghll F
h
lipine um sich her. Sie hatte, um ihrem Philipö F;
Ehre zu machen, sich neu und nach der Mode ange- (
kleidet. Die hohe, damals unter dem Titel s l gie- Z
al bekannte Frisur machte ihren schmalen, spizen Z
Kopf noch länger aussehen, die kurze Taille, die brei- ß:
. - ?
ten Gigotärmel zeigten erst recht die Magerkeit ihret z.
Gestalt, und der altmodische Schmuck von hellgrünen F
Chrysopras, mit Diamanten eingefaßt, die noch alt- -ß
modischere Brillant-Aigrette, die sie in den Puffen ß
ihres falschen Haares angebracht hatte, machten den IF
Eindruck der geflissentlichen Ausstaffirung nur noch I?ß.
komischer. Neben ihrer selbstgewissen Steifheit ver- L
Fs
schwand der Neuling des Ballsaales, verschwand dse IF
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arme Philipp ganz und gar, obschon ihre ;Geberden
Aller Augen auf ihn zu lenken suchten. s
Mamsell Philippine hatte eine fast männliche Höhe,
ihr Philipp war nur mittelgroß, wie seine Mutter es
gewesen. Er sah der reizenden Marion sprechend ähn-
lich, hatte ihre feinen Züge, ihre freundlichen Augen,
ihren lächelnden Mund und ihre schönen Zähne. Man
hätte ihn recht hübsch finden müssen, wäre er nicht
ein junger Mann und zwwanzig Jahre alt gewesen.
Schneider und Schuster und selbst ein Friseur hatien
ihr Bestes an ihm gethan, Rock und Hose saßen ihm
vortrefflich, das schöne schwarze Haar fiel ihm in regel-
rechten Locken auf die linke Schläfe herab, die Ührkette
war nach der neuesten Mode, die Handschuhe schlugen
keine Falte, und doch lachten die jungen Mädchen, als
sie ihn erblickten, doch war er wirklich im hohen Grade
lächerlich der arme, hübsche Philipp, als er gleich an
der Eingangsthüre die regelrechte, ihm von seinem
Tanzmeister eingelernte Verbeugung mmachte, die er, so-
bald Jemand an ihn heran trat; mit ängstlicher Blö-
digkeit widerholte. Die Tante ganz Freude, Stolz
und Redseligkeit, der Neffe verlegen und bei jedem
s
Worte erröthend, fortdauernd von der Tante mit Blick
und Miene ermuthigt und fortwährend bemüht, sich
zu verbergen, immer von ihr in das, Gespräch gezogen,
und scheu jeder Anrede ausweichend; bildeten sie ein

78O

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F
wunderliches Gegenspiel. Man mußte denken, sie hät- ?;
ten im Maskenscherze ihr Costüm gewählt. Tanke,l
Philippine hatte nie männlicher, ihr Philipp nie mäd--
chenhafter ausgesehen, als an diesem vielbespröcheneäI
Abend ihrer beiderseitigen Verherrlichung; die Taite F
war mit sich niemals zufriedener gewesen, als in d
sem Augenblicke, Philipp empfand zum erstenmale el Z
,
Mißbehagen, das er sich nicht zu deuten wußte. -
Alles war ihm entgegen, er war sich selbst gn Z
Last. Seine Arme hingen ihm herunter, er hätte sie ?
hinter sich verbergen, sie gar nicht haben mögen, hätie.l
er den leidigen Hut nicht halten müssen. Wo er stand,'z
dünkte es ihm, als sähe Jedermann auf ihn und seiie.;
Füße. Er mußte seine Stellung unwillkürllch alls'?
Augenblicke wechseln. Sein Anzug genirte ihn, so be- ,
quem er ihm zu Hause auch auf dem Leib gesessen ,
hatte. Sein Haar fiel ihm in's Gesicht, daß er sä s
ein Mal ums andere nach hinten werfen mußte, unb ?
hatte er endlich eine Art von Haltung und von Ruhe ß
gefunden, so trat gewiß gerade in dem Momente die j
Tante mit irgend einem Herrn oder gar mit einer ?
Dame an ihn heran, um ihren lieben Philipp vorzus
stellen, und Philipp mußte eine Reihe von gleichgül- P
tigen Fragen beantworten, zu welcher Antwort die j
Tante in ihrem sonst so starren Antliz schon im Vor- I
P
aus die entsprechende Miene in Bereitschaft hatte.

78t
Er war wie auf der Folter! Wäre er geistlos, wäre
er ungebildet gewesen, er hätte nicht halb so viel ge-
litten. Mit einer stummen Verzweiflung dachte er an
Alles dasjenige, was er wußte.! Er dachte an seine
alten Sprachen, an Geschichte und Literatur, an Ma-
thematik und' Geographie, aber Niemänd fragte ihn
darnach, Niemand sprach davon, und auf die leichten
Fragen, die man an ihn richtete, war nach seiner Mei-
nung selten mehr als ein einfaches Ja oder Nein zu
erwidern, das, wenn er es gesagt hatte, der Tante
offenbar nicht genügte, nnd auch den Andern zu kei-
nem weiteren Verkehre den Anlaß darzubieten schien.
Man wollte wissen, welchen Beruf er wählen würde,
für welche Art der Thätigkeit er sich vorbereitet habe.
Er sollte berichten, ob er schon ein Stück von der
Welt gesehen, die jungen Männer fragten ihn um Feste
und Vergnügungen, die ihm nie geworden waren, und
Allen, das sah, das fühlte er, war er eine ungewohnte
komische Erscheinung.
Er stand und stand. Je voller es in dem Saale
wurde, um so verlassener fühlte er sich, und doch ge-
fiel ibm das helle, strahlende Gemach, doch entzückte
ihn der leichtbeschwingte Rhythmus der jubelnden Tanz-
musik, doch bewegte der Ablick all der schönen Mäd-
chen ihm das Herz, daß er die Männer beneidete,
welche die reizenden Gestalten so sorglos, und als ob

A8A

das nicht ein großes Unterfangen wäre, in ihren Ar-k;
men durch die Reihen hoben. Er wollte auch tanzen, ys
er stellte sich mit einem Mädchen in den Kreis, das F
man ihm als eine seiner Basen aus Hamburg bs- J
sßs
zeichnet hatte, aber die ungewohnte Wärme des Saa- I
les, die Schnelligkeit der Bewegung, ja selbst der Glanz
der Lichter und vor Allem die Nähe seiner Tänzerin
verwirrten ihm den Sinn, es schwindelte ihm, und die (
Base mußte ihn halten, damit er nicht in's Taumeln ,
käme. Sie lachte, die Nebrigen lachten mit ihr, und Z
bleich vor Scham und Ingrimm zog der Gequälte stch Z
in das letzte Gemach der Zimmerreihe zurück, in wel-F
W
chem er einsam sich auf einem Sessel niederließ. zß
Die Stille, die kühlere Luft thaten ihm wohl, esJ
löste sich wie ein Krampf von seinem Herzen, und eks
paar heiße Thränen, die ihm der Zorn erpreßte, tratenß;
ihm brennend in die Augen. Er hatte sich lächerlich(.
gemacht, er war sich selbst verächtlich. Alles, was ihmFß
bisweilen wie eine Befürchtung vorgeschwebt, hakteJ;
sich bewahrheitet. Er war unerfahren wie ein KindJ
und stand dem Mannesalter nahe, man hatte ihn zu'e
bilden vorgegeben und hatte ihn als ein Spielzeug?
einer tyrannischen Liebe und willkürlichen Laune vön?
seinem eigentlichen Berufe fern gehalten, er war außer,l
dem Zusammenhange mit der Welt, in der er lebeßßß
follte, und alle die Fragen, welche ihn heute der Reihe
?

2K
nach bedrängt hatten, mußte er sich jetzt selber vor-
legen, sie stürmten jetzt plötzlich auf ihn ein. Was
bin ich? was soll und muß ich thun? klang es immer-
fort in seinem Innern, und es war vergebens, daß er
sich die tausendmal gehörte Erklärung von Mamsell
, Philippine vorbehielt, daß er reich sei und nichts zu
s thun brauche, als seinen Neigungen lehen..
Heftig warf er die Handschuhe von sich, es peinigte
- ihn, die Hände leiblich eingezwängt zu fühlen, weil sie
ihm geistig bisher gebunden gewesen waren, und wie
man in der Aufregung im Kleinen wie im Großen
stets über das Maß hinausgeht, schleuderte er die
Handschuhe bis mitten in das Zimmer, so daß sie ge-
- rade vor den Füßen eines jungen Mädchens nieder-
fielen, welches durch eine Seitenthüre eingetreten war
und augenscheinlich in den Hauptsaal gehen wgllte.
Ohne auf Philipp hinzusehen und offenbar- in dem
Glauben, daß er sie mit den Handschuhen haben tref-
fen wollen, rief sie empfindlich: ,Ich berbitte mir der-
gleichen! Ich bin keine Dienstmagd und biü kein Kinb
mehr!r
Philipp hatte sich schon seiner Heftigkeit und sei-
nes Gebahrens bei dem Eintritt des Mädchens ge;
schämt. Die Worte brachten ihn völlig aus; der Fas-
sung. Er stand auf, ging zu der Erzürnten hin und
sagte: ,Ich hatte Dich nicht gesehen, vergieb! -
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28e
z

, Aber warum werfen Sie denn die guten, neus
Handschuhe an die Erde? fragte sie;,das ist ja ßnFF
verantwortlich!''-- Sie bückte sich, sie aufzuhebenz Ei
wollte ihr zuvorkommen, und eilig, wie sie wake
ftießen sie mit den Köpfen so heftig zusammen, bäh,
Beide sich die schmerzenden Stirnen rieben, währeih
-s;
sie doch herzlich lachen mußten.
,Das ist eine komische Art, unsere Bekanntschaft?
»O
zu erneuen!!! meinte das Mädchen.
,Erneuen?' wiederholte Philipp.,Es ist mir, alh
sähe ich Dich heute zum erstenmale, ich kenne Dilhs

kaum wieder.!
,Dann brauchen Sie mich nicht Du zu nemenfF
erwiderte sie verlegen und schnippisch zugleich. he
, Nein, gewiß nicht! Nehmen Sies nicht übel, lleGö
Hedwig!-- und nun er sie so höflich angeredet hattäh,,
lachten sie wieder alle beide, und Philipp kam sich nk'ß'
einem Male so befreit und leicht vor, daß er Lust züä)
Tanzen fühlte.

,Wollen Sie nicht einen Walzer mit mir tanzenMß
-h
fragte er.
.Ich? Wo denken Sie hin! Ich tanze hier nicht?P
, g
entgegnete sie.
I
,Aber' weßhalb nicht?
,,D, schauen Sie mich nur an; ich gehöre ja gak ?
nicht zur Gesellschaft,' entgegnete sie und warf die (

28K
kleine volle Oberlippe spöttisch und schmollend in
s =e ebe
Er that, wie sie ihn geheißen und bemerkte dabei,
dafß sie allerdings nicht wie die übrigen Damen in
Balltoilette gekleidet war, aber gerade deßhalb gefie!.
sie ihm besser. Sie sah auch reizend aus in ihren
Kleide von rosa Mousseline mit der kleinen schwarzen
Taffetschürze, die ihre schlanke Taille so zierlich hervor-
hob, während der hübsche Kopf mit den klugen braunen
Augen sich keck auf dem schlanken Halse hin und her
bewegte. Er überlegte, wie alt sie jezt wohl sein möge,
denn es war lange her, daß sie einst mit ihrer Mut-
ter bei Mamsell Philippine gewesen war, als diese sich
nach ihrer Gewohnheit um die Jahrmarktszeit einige
Tage mit Philipp in der Stadt aufgehalten. Damals
hatte die Tante sie und ihre Mutter, mit Kleidungs-
stücken beschenkt, und er erinnerte sich, gehört zu haben,
daß sie Anverwandte wären, daß ihr Vater todt und
ihre Mutter arm sei Er hätte gern wissen mögen,
ob sie noch immer in Armuth lebe, aber er konnte sie
das doch nicht fragen, und um sie wenigstens durch
sein Sprechen in seiner Nähe zu behalten, erkundigte
er sich, wo sie wohne.
,,aben Sie mich denn nicht gesehen?'' rief sie ver-
wundert,,ich habe Ihnen ja alle die Tage; seit Sie
hier find, dicht gegenüber am Fenster gesessen.

18e
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ß
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,,Sie mir? und wo das?
.eir wobnen i i de Eckhase Aöen gegeüsesfIj
Aber freilich in der schmalen Gasse, wo der Herr Conis
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merzienrath uns in seinem alten Hause im SeitenI!z t
n !
flügel zwei Stuben eingeräumt hat; und wer, wie Slöß
noch bem Maekte hinaussehen knn, der guckt klch üj
d
;
die schmale Gasse!
Er wollte eben ihre Hand ergreifen und ihr sagenßg z
daß er nun sicherlich nicht mehr nach dem MarkieP !
hinausschauen werde, sondern lieber zu ihr hinüberz
aber im Nebenzimmer rief man nach ihr; die Tochiee P
vom Hause, eine große, prächtige Blondine, gab ißö,g,
einen Auftrag. Hedwig ging wieder durch das ZimFß
mer, kam dann eilig mit einem Korbe voll Blumen'l?
Ap
zurück, der für eine allegorische Aufführung geforderk,z
wurde, und obschon Philipp ihr in den Saal nachö''?
ging, nm anfzupassen, wo sie bleibe, fand er sie nlhk F
AF
wieder.
In der Thürbrüstung blieb er stehen und schaute, h
in den Saal hinein. Die Tanzenden drehten sich in ?
buntem Wirbel vor seinen Augen umher, er beachtete z,
es nicht, aber er fühlte auch keine Langeweile und kein g
Unbehagen mehr. Er überlegte, wie es zugegangen. -?
- zzet
daß er alle die Jahre hindurch nicht an Hedwig ge' Z;
dacht, daß er sie habe vergessen können, und daß er -
ife
sie dann doch augenblicklich erkannt habe, obschon sie'
g
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?

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so groß und so schön geworden war, wie man es gar
nicht vermuthen mögen, als sie noch ein Kind ge-
wesen.
Er rechnete aus, daß sie wohl siebzehn Jahre alt
sein müsse, aber wie er mit ihr verwandt sei, wer ihr
Vater gewesen, und weßhalb sie allein in der ganzen
reichen Familie in Dürftigkeit lebe, das wüßte er nicht.
Noch weniger vermochte er zu begreifen, weßhalb Tante
Philippine, die sonst eine lebendige Chronik war, ihm
niemals von siesem Theile seiner Familie gesprochen
habe, und aus welchem Grunde man das Mädchen,
das ihm reizender dünkte, als die ganze übrige Ge-
sellschaft, von dem Feste ausschließen und dienend bei
demselben auftreten lasse.
Er mußte das ermitteln, und mit einer Sicherheit,
die zu fühlen er noch vor einer Stunde weit entfernt
gewesen war, schritt er durch den Sadl bis in das
Nebengemach, in welchem ein Theil der älteren Perso-
nen und untet ihnen Mamsell Philippine, an den
Spieltischen saßen. Ganz hingenommen vvn seiner
antheilvollen Neugier, trat er an die Tante heran,
und da sie mit aller Freundlichkeit, deren ihre Züge
fähig waren, zu ihm hinauf sah, fragte er lebhaft und
ohne alle Vorbereitung: ,Tante, wie sind wit eigent-
lich mit Madanie Meerfeld verwoandt? und wätum hast
Du mir nicht gesagt, daß Hedwig Meerfeld mmir ganz

288

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nahe gegenüber wohnt? Sie ist hier, und Du würdest' ?
Dich wundern, wie hübsch sie geworden ist.'! - hse =
r-,
,So? versezte Mamsell Philippine mit einer Gütez P
die ihren Unmuth nur schlecht verbarg, währenb Phl '??-
lipp bemerken konnte, daß seine Frage auf die übriges''
Mitspielenden auch einen besonderen Eindtuck machte
denn sie lächelten, sahen einander an, und der alte Ge(.
neral, der die Schwester des Commerzienraths Ph? -
Frau hatte, und von oben bis unten mit Orden be;'. ;
deckt war, meinte mit einem vielsagenden Blicke: ,Jß, I
der That, Cousine Philippine, ihr Philipp hat dig..,
Naivetät eines jungen Huronen. Ich mache Ihnen ,?
mein Kompliment dazu.''
e?
Tante Philippine wurde blaß, sie nahm sich jedochh
zusammen und sagte ruhig: ,Gesser zu naiv, als zu ß
aufgeklärt!'' und sich gegen Philipp wendend, tröstete- P
- kjK
sie:,DDu sollst es zu Hause erfahren; störe uns jezt, I
nicht, mein lieber Sohu!'!- Aber er sah, wie die
Aigrette auf ihrem Kopfe zitterte und wie sie NothI;
hatte, ihren erger zu verbergen. Und ärgerlich war?,
er selbst, denn schon wieder hatte man über ihn gg?,
lacht, schon wieder hatte er sich eine Blöße gegebeß.' ,
und daran war Niemand schuld, als seine Tante, Niez;;
mand schuld, als sie, die ihn aufwachsen lassen, ggs,'
sollte er ein Mönch wwerden und in ein Kloster gehesiJ.
während er reich war, und sein eigener Herr, undI
-es zsz
A
?

89
thun und lassen konnte, was er wolle, sobald er es
P
nur wollte.
Er fragte sich, weßhalb ihm das nach niemals ein-
gefallen sei, aber er hatte sich diese Frage auch kaum
gethan, als er die Nothwendigkeit. empfand, der Tante
zu beweisen, daß er kein Kind und daß er, gesonnei
sei, sich nicht, wie äin solches mit dek Antwvort auf
seine Frage bis zu einer gelegeneren Zeit vertrösten
zu lassen. Der Saal, die ganze Gesellschaft war ihm
ohnehin zuwider. Was sollte er in bieser Hitze, in-
mitten aller der gleichgültigen Menschen, da die Ein-
zige nicht unter ihnen war, der wieder zu begegnen
ihn verlangte?
Er ging hinaus, sah sich noch einmal in dem K-
binette, in welchem er Hedwig begegnet war, nach der-
selben um, und da er sie nicht in demselben anwesend
fand, verließ er die Festgemächer, forderte seinen Man-
tel und stand ,nach wenigen Sekunden mitten auf dem
- Markte, unschlüssig, wwohin er sich jezt wwenden solle.
Es mochte nahezu elf Ühr sein. Die Nacht war
trocken und für die Jahreszeit noch mild. Der Voll-
mond mußte schon aufgegangen sein, denn obschon man
ihn noch nicht sah, erhellte er doch bereits die Straßen,
daß man die Architektur der Gebäude genan erken-
nen und sich mit Vergnügen zwischen ihnen ergehen
konnte.
Lewald, Kleine Romane. .
19

W0

j-

Philipp hatte die lange Hauptstraße bald bueGß
schritten, trat in eine Nebengasse ein, gelangte auf Z,
mancherlei Umwegen an das Thor und ging in das ?
Freie hinaus. Die Stadt war früher eine Festung Z
gewesen, man hatte aber bald nach dem Kriege dieh ,
Festungswerke demolirt, die Wälle abgetragen und siel,j-
in eine Promenade verwandelt, welche die ganze Stabt ;
umgab, und hinter welcher sich, von der Freiheit He J
nzg;
günstigt, weite Vorstädte angebaut und mit der Stabt F
vereinigt hatten. Fest in seinen Mantel gehüllt, schrlttg,
ber Jüngling vorwärts. Das Alleinsein that ihki?-
wohl, der freie, weite Weg zog ihn immer weiter aifh;;
sich fort. Er mußte sich erinnern, daß er in det Hei-P
math sei, so fremd erschien ihm diese Gegend um diesej
iL
Stunde, so verändert fühlte er sich selbst in seinet zO,. -
Lage. Er dachte daran, welch' ein Genuß es sei (
müsse, einsam durch ferne Läänder zu wandern, die Ge
- z
genden zu sehen, von denen er bis dahin nur gelesen, J,
bie Gefahren zu überwinden, deren Schilderung ihm fs-
seine Einsamkeit auf dem Lande verkürzt, ünd ss kme F
ihm räüthselhaft vor, daß er nicht schon lange den P
n-,ee
Wunsch gehegt habe, auf Reisen zu gehen. Entzog er ; -
sich dadurch doch mit einem Schlage der Unigebung, hn ?-
!F
der es ihm heute so unbehaglich gewesen, in der er sih. ;
so lächerlich gemacht hatte und in der er von Kindes- J
beinen an immer als Mamsell Philippinens Philihh I'?,

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A1
bezeichnet worden war. So sollte ihn fortan Niemänd
mehr nennen, darauf gab er sich das Wort.
Er hatte bis dahin immer des guten Gläubens
gelebt, daß er seine Tante liebe. Jezt hatte er keinen
andern Gedanken, als den festen Vorsatz, sie zu ver-
lassen, und sie konnte ihn daran gar nicht hindern.
Sie selbst hatte ihm immer davon gesprochen, daß er
mit seinem zwanzigsten Jahre Herr über die eine Hälfte
seines Vermögens werde, wenn: sonst gegen seine Auf-
führung und seine Moralität nichts einzuweiden wäre.
Er hatte jezt sein zwwanzigstes Jaht zurückgelegt, sein
Gewissen gab ihm das beste Zeugniß, es konnte ihn
nichts länger in der Heimath zurückhalten, er brauchte
nicht länger in dem alten Hause zu sitzen und auf die
Straße hinauszusehen, wie die Tante. Es freute ihn,
daß er jung, däß er reich und daß er ein Mäim ivar!
, Er war noch nie so heiter, so zubersichtlich gewesen,
! als hier auf diesem einsamen Wege dirch die Nacht.
Er pfiff ein Lied vor sich hin, es machte ihm Ver-
- gnügen, an das Staunen der Tante Philihpine zu
, denken, wenn sie ihn auch in seinem Ziminer noch nicht
, antreffe. Er zwg seine Ühr heraus und ließ sie tepe-
tiren. Es war, dreiviertel auf Eins. Die Tate nußte
längst heimgekehrt sein. Ob Hedwig schon zu Hause
s ist? fragte er sich plözlich und wendete in demselben
Momente seine Schritte wieder der Städt zu. Er
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mußte sehen, ob sie noch Licht in ihrer Stül
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habe.
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Als er auf den Marktplaz kam, stand der Mbnd;;
hoch am Himmel. Einzelne Wagen fuhren vorübsr!;
es saßen Gäste von dem Balle darin. In dem ZiüF?
mer seiner Tante war es noch hell. Er lachte, alsF
a
das gewahrte; aber auch in Hedwigs Wohnung hap
er noch Licht, obschon die Vorhänge heruntergelasse
waren. Es unterhielt ihn, auf dem Markte auf äund;
nieder zu gehen. Bisweilen hoffte er, irgend ein Zi''
fall werde Hedwig noch an das Fenster führen, bäüf
wieder belustigte es ihn, die Tante warten zu lasssgh,
Er schalt sich boshaft, als er sich diese Freude eiige?s
stand, das hinderte ihn aber gar nicht, sie dennoch zät
empfinden, und eben hatte er wieder eine neue Töur:,;
rund um den Marktplaz angetreten, als zwei weiblihe Z
Gestalten, die eine jung und leichten Ganges, die an- F
dere offenbar eine dienende und betagte Person, audF
einer der auf den Platz mündenden Straßen heki'
K.e
vorkamen und geraden Weges auf die Ecke der -
schmalen Gasse zuschritten. Er konnte sich nicht täu»
schen, es war Hedwig und eine alte Frau, die sie be'?
gleitete.
P;
,Gut, daß ich Dich treffer' rief er ihr eitgegen;?
,, Sag' mir, wie sind wir eigentlich mit einander beö??.-
wandt? Ich habe die ganze Zeit darüber nachgesonnsn?-
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! Er merkte gar nicht, daß er sie gegen ihre Weisung
! wieder Dn genannt hatte.
,Bist Du deßhalb noch auf der Straße? fragte
, sie, während sie ihm das Du so arglös wie in ihrer
z Kindheit wiedergab. ,Das hätte Matsell Philippine
, Dir ln Eurem Wagen beguemer sagens könnenn.! -
,Ich bin nicht mit ihr gefahrei'! versezte er mit
f einem gewissen Triumphe,,und ich mag sie äuch nicht
? mehr nach Dir' fragen.?!
,Damit wirst Du ihr sicher einen Gefallen thun,
, bedeutete das junge Mädchen, und ihre Stinme und
? ihr Ton klangen plözzlich so ernsthaft, baß Philipp eine
! fremde, ältere Person sprechen zu hören meinte. Sie
! wendete sich dabei von ihm ab, und da sie vor ihrer
Thüre standen und die Alte aufschloß, sagte Hedwig
- dem Jüngling plözlich gute Nacht und wollte hinein-
gehen. Aber Philipp ließ sich das nicht gefallen.
,Bleibe doch noch!'' bat er sie fSie entgegnete,
die Alte, die nicht in ihren Diensten, sondern nur eine
Aufwärterin sei, dürfe nicht länger zurückgehalten
werden.
,Schicke sie doch fort, und laß uns noch einmal
um den Markt herumgehen, schlug er ihr vor. Hed-
wig machte die Einwendung, so etwas habe sie nie
gethan. Er sagte, er sei auch noch niemals so allein
in der Nacht umhergewandert. Darüber lachte sie,

Wet
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aber sie nahm der Alten den Schlüssel ab, hieß sie f
gehen, und folgte ihrem jungen Freunde, jedoch unter -Z
der Bedingung, daß sie wirklich nur einmal den Weg!
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machen und er ihr dann die Thüre öffnen solle.- ßls,
Er versprach das, und wie sie sich dann allein Tuf,'
dem Plaze fanden, wußßten sie nicht, was sie saget;' -
sollten. Die eine Seite des Marktes gingen sie schwei-gf
gend neben einander her. Philipp zählte, daß noch, F
drei Seiten vor ihm lägen, noch hatte er Zeit. Ala(g
h-le
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,Du Glücklicher!'' rief sie aus. Damit war es zug1?
kig
Ende, aber das hatte er ihr eigentlich gar nicht mitsg
theilen wollen, er hatte von ihr sprechen, von ihr hören
r sß
wollen, und als sie sich gar nicht mehr fern von Hed-, z,
wigs Hause befanden, fielen ihm plözlich ihre früheöen F
=-z
Worte ein.,Weßhalb glaubst Du, daß Tante Phi-! z
lippine sich freuen wird, wenn ich sie nicht nach Dir J
F
frage?' hub er plözlich an.
p
,Weil sie Alle meine Mutter verläugnen!'' etgegn J
nete sie ihm jetzt kurz und bitter.

Philipp erschrak vor dem Tone, er wagte nicht, wei-
K
ter zu forschen. ,Verzeih, bat er und nahm ihre
R
Hand, aber mit derselben Entschlossenheit, mit welcher I ß

fie diese lezte Antwort gegeben hatte, svrach sie: ,Da I
ist gar nichts zu verzeihen, und da Du es doch hören; ?
A


WK
wirst, so ist's besser, daß ich Dir's. sage, damit sie mei-
ner armen Mutter kein Unrecht thun. Die Mutter
ist eine rechte Cousine von Deiner Tante und vom
Kommerzienrath, und sie sagt, er hätte sie zur Frau
haben wollen, obschon sie nicht reich gewesen sei, wie
er. Sie hat aber meinem Vater lieber gehabt, der ein
Opernsänger und ihr Musiklehrer und' jung und schön
gewesen ist; und weil sie' ihr den nicht haben zum
Manne geben wollen, ist sie mit ihm davon gegangen
und auch Schauspielerin gewgrden. Ihr Vater hat
sie darauf verstoßen, meine Eltern sind auch niemals
wieder in diese Gegend gekommen, und haben von Nie-
mand etwas gefordert oder begehrt, so lange mein
Vater am Leben war. Der ist aber früh gestorben,
die Mutter hat drei Kinder gehabt, zwei andere Töch-
ter und einen Sohn, und als ich dann nach meines
Vaters Tode auch noch zur Welt, gekömnen -bin, da
ist sie lange und schwer krank gewvesei und lahm ge-
blieben für ihr ganzes Leben. Da haben sie sich ihrer
erbarmt, und wir leben nun hier. Sie haben mich
in die Schule geschickt, haben mich feine Arbeiten und
die Wirthschaft lernen lassen, und ich helfe immer aus,
wo etwas in Hause des - Kommerzienraths zu thun
ist. Sie sind recht gut zu mir, es fehlt uns,an nichts
-- nur daß wir ihre Verwandten sinnd, datan dürfen
wir sie nicht erinnern!

We
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V,
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Sie brach ihre Rede wieder ganz plözlich ab, saghe I
nach einer Weile:,Nün weißt Du's also; mun fhlleß I

- =; ie ?
anf - !'-
Philipp stand wie angewurzelt.,Wo sinb den Ag
Deine Schwestern und Dein Bruder? fregke z ?
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endlich.
,Todt!' antwortete sie in ihrer kurzen Weise ,Ke Ph
starben, als dle Mutter in Noth und Elenb wa, ehe ßs
wir hierher gekommen sind. Schtleß aufl'' wlebenzafß I,
sie befehlend. Er konnte den Ton ihrer Sllmente iicht z
arrAnt
,That's Dir demn nlct lelb, als be AubeeuMe;ps
auf dem Bolle waren and mnzten,' eiet DatFT Iß
noa =e sao-nne =en. tw e »äs-söf ;
fragte er wiedet.
i !
Sie king bitterlich zu weinen an. ,Speic flesk ;ßß
so! Daran muß unsereins nichr denkeu!' eef sEeas!h
=- g -
wendete sich von ti ab. Ideß er zog GekSit,.;
an seine Lippen und küßte sie, und da fke fazäEßßtßez ,
feine Tbränen auk hee Stleee fietee, lisEf h
Kopf an seie Schulee und ee kägte sle'sMö j
andere, bis ste sich aufrichtete, Bhm awch -nDF
gab, und ut den Wöetm ,Du sls uwDöfk sStß
ihnen allen -- gute Nacht, schlafiiöß =« Sebi
sej
nen ging.
H
i

V?
Er machte die Thüre zu, hörte, wie sie den Schlüs-
sel in das Schloß steckte und zuschlöß. Er kopfte,
er bat, daß sie öffnen solle, sie antworkete nicht mehr,
aber er blieb nöch steben, bis er annehmen konnte;
däß sie das obere Stock erstieher habe. Dänn erst
ging er fort, nicht ohne daran'ze denkeü, ob sie in der
Dunkelheit auch gut hinaufgekoniten sei, und nicht
ohne nach ihren Fenstern noch emporzublicken. Das
kleine matte Licht, das aus ihnen hervrrschimmmierte,
rührte ihn, daß er wteder seine Argeti naß werden
fühlte; aber das ging bald borüber. Er ständ mit
wenig Schritten vor seiner Thüre. Mit starker Hand
zog er die Schelle, welche seit langen Jahren um solche
Stunde nicht niehr erklungen war.
, Jezt weiß ich doch, wozu ich reich bin !' sagte er
sich mit triumphirender Freude, und =- das alte Haus
seines Grosßvaters und seines Vaters, das Haus der
Senatorin und Mamsell Philippinens hatte plözlich in
seinem jetzigen Besizer einen neuen Hetrn gewonnen.
Als er die Treppe hinaufkam und die'Stimme sei-
ner Tante ihm entgegenrief, ob er es sei, und was
ihm eingefallen, was ihm zugestoßen wäre, berdrossen
ihn ihr Ton und diese Fragen. Er wollte. eine heftige
Ablehnung machen, indeß er sah, wie die Angst um
ihn sie aufgeregt hatte, und eben so gutmüthig, als
an Fügsamkeit gegen Mamsell Philippine von Jugend

WK
auf gewöhnt, sagte er, es sei ihm zu heiß gewesen auf ;
dem Balle, er sei hinausgegangen, der schöne Mond ;
habe ihn verlockt, der Genuß der Einsamkeit ihn fort- ,
gerissen, es sei ihm eine unwiderstehliche Lust gekon ,
men, allein in die Welt hinauszugehen, mit einem -ss
Worte, er sagte ihr Alles, nur nicht, daß er Hedwig j
getroffen und was zwischen ihnen vorgegangen watt -s
Aber selbst troz dieser Zurückhaltung konnte Mamsel Iss
Philippine sich in die Veränderung nicht finden, bie Is
mit ihrem Philipp vorgegangen war.
-
Er kam ihr so groß vor, daß sie sich einmal neben N
ihn stellte, um zu sehen, ob er denn in der lezten If J,,
so sehr gewachsen sei; er war jedoch nicht höher, oß ,,;
bisher, er hob den Kopf nur anders, als zuvor. Stß g;
wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte, und gös gz,
wöhnt, ihn zu beherrschen, sagte sie in ihrer Ungedulö I
f
und Aufregung:,Ich bitte mir es aus, daß solähe z;
Dinge nicht wieder vorkommen, daß ich Dich niht zs ,,
suchen brauche, wenn ich müde und matt pon eineiä f;
Feste heimkehre, das ich sicherlich nicht um meinekhillet --
besucht haben würde. Seit Jahren hatte ih lh ge- ,
freut, Dich der Familie vorzustellen; mei Stohs üeine ;
Ehre war, es, Dich gebildet und erzogen zu häben, ,
und Alle haben sie gespottet und gelacht, gls ich bä ,
stand, Dich suchend, nach Dir frägend, und Niemanb
mir sagen konnte, was aus Dir geworden sei? =-
z

W
Die Stimme zitterte ihr vor Zorn, vor Schmerz, sie
hätte weinen mögen, aber bei starkem Sturme fällt
kein Regen vom Himmel, und seit Mamsell Philippine
zu wahren Empfindungen gelangt- war, hatte sie die
Kunst verlernt, sich selbst zu Thränen zu xühren.
Philipp stand schweigend da. Er war ehrlich ge-
ng, sich es einzugestehen, daß et ein Uirecht gegen
die Tante begangen habe, aber er fühlte sich zu glücklich,
um es bereuen zu können, und abbitten mochte er es
ihr nun vollends nicht. Er konnte es ihr nicht, ver-
geben, daß auch sie Hedwigs Mutter, wie die Andern
verstoßen hatte, daß sie Hedwig nicht als ihre Anver-
wandte hielt und liebte; denn daß sie ihn durch die
einsame Erziehung zum Sklaven und vor den Leuten
lächerlich gemacht habe, daran dachte er jetzt nicht mehr.
,u wirst ,Dich gewöhnen müssen; Tante!'' sagte
er nach einer Weile, ,mich nicht immer neben Dir zu
haben, denn länger kann es nicht! bleiben, wwie bishek.
Ich muß doch endlich fort.!
,Philipp!''s rief sie,,wprichst Du! erusthäfi? De
könntest wirklich daran denken, mich zu, verlassen? Soll
das der Dank für meine Liebe sein? Soll - das der
Lohn sein für die langen Jahre, die ich Dir, mich selbst
vergessend, ganz und gar geopfert habe?! --
Er wußte sich nicht recht zu fassen. Die Tante
hatte es immer gut mit ihm gemeint, er hatte sie auch
k

8c
lieb und war ja anch zufrieden gewesen bis zu dieseE
Tage, ja bis zu diesem Abende. Er verfolgte die Reihe
seiner Gedanken nicht bis an ihren Anfang, nicht bd ,
an ihr Ende. Mamsell Philippine sah sein SchwanF ?
ken, sie wollte es sich zu Nuze machen, und' mit enäb -
Emphase, wie sie sie in früheren Jahren bei ähnlichen -
Zerwürfnissen zwischen sich und ihrem Bruder stets ,
erfolgreich angewendet hatte, rief sie:,Man bräinchk h
sein Herz, sein Leben nur an das Leben eines Meit?
nes zu knüpfen, um Undank zu erndten und Selists
sucht zu finden, wo man sich Liebe verdient' zü haben
glaubt !'
Ji
Es war das erste Mol, daß sie eine solche Seene -
iiit ihrem Philipp hatte, und darum aucß daszgersth
Mal, daß sie wieder in ihre alte! Gewohnheith' einöäs I
vorzustellen, zurückfiel. Auf ihren Pflegesohi veifehlte I
sie damit jedoch die Wirkung völlig! Weit entfernt ,
ihn zu rühren, machte sie ihm einen unangenehmen. -
um nicht zu sagen einen widerwärtigen Eindruck -Se
hatte sich stets wahrhaft gegen ihn gezeigt, er fähe
also die Nebertreibung und die Komödie in ihren Aeuße-
rungen und in ihren Gesten, und sie hatte ihn seht
zur Unzeit für sich selber daran gemahnt, daß er ein ;
Mann und sie ein Weib sei
Eine Weile ließ er ihren Ausruf völlig unbeachtet, ;
er war mit sich selbst zu sehr beschäftigt, es ging ihm, -
?

8e1
wie es eben seiner Tante mit ihm ergangen war, er
kannte sich selbsk nicht wieder. Er fühlte eine Reihe
von Gedanken in sich, die er nie zuvor gedacht, er war
sich plözlich alles dessen, was er geisiig durch seine
Studien erworben, als eines Besizes, er war' sich sei-
ner bevorzugten, Stellung, seines Vermögens, ja einer
Menge von Kräften bewußt, die bis dahin nicht be-
nutzt zu haben ihn eben so verdroß, als er entschlössen
war, sie künftig zu gebrauchen. Der Tag war zu sei-
ner Einführung in die Gesellschaft festgesetzt gewesen,
und war ihm zu einer Einkehr in sich selbst geworden.
Die Tante hatte mit ihm Ehre einzulegen beabsichtigt,
und er war es inne geworden, daß er gegen seine
Ehre und sein Recht in unnatürlicher, kindischer Ab-
hängigkeit erhalten worden sei, und daß es ihm zu-
komme, ein Mann zu werden und seine eigene Ehre
zu vertreten. -Wodurch diese Wandlung ini ihm voll-
zogen worden war, das fragte er sich nicht. Er freute
sich nur der neugewonnenen Erkenntniß, und hatte
das Herz voll niegekannter Lust.
Er hatte sich an das Fenster gesezt und sah still
auf den monderhellten Markt hinaus. Mamsell Phi-
lipgine beobachtete ihn verstohlen, obschon sie ihre Augen
mit dem Taschentuch bedeckte Mit einem Male er-
hob er sich und ließ sich an ihrer Seite nieder, und
wie er sie so bei dem Scheine der Lampe betrachtete,
l

KcA

die vor ihr auf dem Tische stand, sah er, daß sie ilt
sei, und sie that ihm leid.
»s
,
Er hatte ihr bedeuten wollen, weshalb er ihr' vor-
hin die Vorwürfe gemacht, jetzt fehlte ihm das Herj
dazu. Er nahm ihre Hand, es rührte ihn, daß sie ss
welk und runzelig war, und doch küßte er sie mit an-
derer Empfindung, als er es je vorher gethan hatkk
,Sei nicht böse, Tante!'' sagte er,,ich bin eben, kein
Kind mehr, und willst Du, daß ich Dich liebe,' nie

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bisher, so mußt Du aufhören, mich leiten za wllen
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Ja
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Man hat heute gelacht über Dich und mich! Dasoll
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anders werden, ich verspreche es Dir. Und! müü ggeh! =-
nzis
schlafen, liebe Tante! Morgen wollen wir heiter da-
von reden. Geh' schlafen, llebe Tante!' s i ßpgj- »N

Ee drückte ihr die Hand und ging hlnäüs effSt pg
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blickte ihm wortlos nach. Auch in ihrem Herzen'bög? .ge
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ten die widerstrelendsten Empfindungen. Sieinar hzß,
erzürnt, verlezt, sie fühlte sich auf die Seste geschö z
ben und hätte gern den Nefen aklagen mögeni, böö? ?
sich aus ihrem Pflegsohne mit einem Male ;gfFSeü
IL
Berather aufschwang, aber sie vermochke es nlch17H z
.e
Lebe war mächtiger, als ibre Eitelkeit und'lhre HerHh-' IH
sucht, und in Thränen ausbrechend die ihr warm und' Jge
reich entströmten, sagte sie, indem sie seufzend die, FFx
Hände faltete:,Er ist ein Mann geworden und' ih R

F
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E!

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bin nur ein arnies altes Weib !' =- Sie sprach es
aus, was er empfunden hatte.
Am andern Morgen saßen sie bei dem Frühstück
zusammen, als wäre es noch so wie ann gestrigen Mor-
gen gewesen. Sie unterhielten sich voit dem Balle,
von den verschiedenen Personen, welches inan gesehen,
und mit großer Freimüthigkeit erwähnte Philihp des
Eindrucks, welchen die Fragen auf ihn gemacht, die
man in Bezug auf seine Lebensplane an ihn gerichtet
hatte. Er sagte, er habe sich seines bisherigen Müs-
siggehens geschämnt, und es wollte icht helfen, als die
Tante ihn erimnerte, daß sie ihn seine Zeit nicht habe
verlieren lassen. Das gab er ihr zu, aber er berlange
nach einer andern Thätigkeit, erklärte,' er wolle ar-
beiten, wolle selöst erwerben, wie die Andern; älle, wie
sein Vater und Großvater es gethän. !
Maemsell Philippine fand bas khskicht Se ben-
dete ihm ein, däß er dies bei seinen Mitteln gar iicht
nöthig habe. s,Aber mein Vater: hak! geärbeitet und
meine Mutter auch,' versezte er, und dachte dabei in
seinem Innern nur an Hedwig, die er, als er am
Morgen an das Fenster getreten war, schon init ihrem
Nähzeug auf ihrem Plaz am Nähtische wahrgenom-
men hatte.
Mamsell Philippine liebte es nlcht, wenn der Neffe
sich seiner Mutter erinnerte.,O! mrlt Deiier Müt-

804

T

ter war das etwas Anderes, sagte sie: ,Deine Mut- ;ß
ter hatte kein Vermögen, Deine Mutter mußte si F
ihr Brod verdienen=-
,Willst Du damit sagen, daß es eine Schande sei,
sein Brod ehrlich zu erwerben? fuhr Philipp auf, ß
und seine Augen funkelten vor Zorn. Das konnte
die Tante nicht ertragen.
,Sag' mir um Gotteswillen,' hob sie an, gwoher ß
kommen Dir seit gestern alle die Gedanken, woher
nimmst Du die Art und Weise, in der Dn zu mir ;
sprichst, und in der selbst Dein Vater nie zu mnit, gb ?
sprechen wagte? Das ist das französische Blut, das Et I
EaA
reden hören von der Ehre sich sein Brod zü berdis- -
nen, und sie ist doch herzlich froh gewesen, als Deli -
Vater sie aus ihrem Kaffeehause in unser Haus ge-' -I
bracht hat, in dem ='
, O!' rief Philipp, seiner selbst nicht mächtig, Sed--
wig würde auch Nichts dawider haben, wenn sie müüs- ,
sig dasizen könnte, wie die Cousinen, statt,ihre grmien, ,
schönen Augen in der Morgendämmerung, bei. chrem F
Nähzeug zu verderben, Hedwig-'

, Hedwig? was sprichst Du demn von Hedwig? '
fragte Mamsell Philippine und ihre Lippen bebtei, FF
ghg
während ihre scharfen Augen in das Herz des Jüng- I
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M
-

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805
lings einzudringen und seine Gedanken zu erspähen
suchten. Aber bie Mühe konnte sie sich ersparen, denn
mit einer Heftigkeit, derei sie! ihn nie, für fähig ge-
halten hatte, sagke Philipp: ,Ihr vekachtet den, der
sich sein Brod verdienen ntuß und laßt Eure leiblichen
Anverwandten vdn früh bis spät el chrer Arbeit sigen.
Ihr verstoßt sie, weil ihre Mutter sich einenü Mann
genommen, den sie liebte, unb laßt sie zusehen, wie
gut die Andern es auf der Erde haben.i Von meinem
Reichthum habe ich immer hören müssen uid mein
Haus hier hat leer gestanden alle die Jahre und Jahre,
und Hedwig hat drüben gesessen in der schmalen Gasse,
in die kein Sonnenstrahl hineindringt, und ich soll immner
müssig gehen und Hedwig soll immer weiter arbeiten, ohne
Licht und ohne Freude! - Das witd nicht geschehen !'
Mamsell Philippine war vor Entsezet starr.,Was
weißt Du denn von Hedwig? fragte sie.
,Alles weiß ich, gab er ihr kurz! zur Ainwort.
,Ich habe sie gesprochen, gestern inder Nacht;' ich bin
mit ihr spazieren gegangen,! setzte er trozend' hinzu,
da er bemerkte, wie jedes seiner Worte den verhalte-
nen Grimm der Tante steigerte. ,Ich habe sie ge-
fragt und Alles etfahren..!
Er stand auf; die Tante erhob sich auch. Als er
fich nach der Thür wendete, fragte sie, wvhin er wolle?
,Ich gehe auf mein Zimmer!'' entgegnete et kurz.
Lewald, Kleine Romane. ?.
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80
Das war ihr ein Trost. Sie hatte gefürchtet, er werde
zu Hedwig gehen.-- und er wäre gern zu ihr ge-
gangen, hätte er nur den Muth dazu gehabt.
Rathlos blieb die Tante zurück, sie fühlte es, ihre

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Herrschaft war zu Ende, ihr Philipp war nicht mehk
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der Ihre, sie hatte ihn verloren, verloren in der ersten z,
Stunde, da sie ihr Auge von ihm abgewendet: Ea I
schnitt ihr durch das Herz.
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,, Und an wen habe ich ihn verloren? rief sie, ,,an
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ein Kind, an ein Mädchen, das nichts ist, nichts häk,

an die Tochter einer elenden Schauspielerin, an ein ,h,
Wesen, das nichts für ihn gethan hat, das ihn nicht ZI
llebt!! - Sie weinte, aber ihre Thränen waren nicht''
befreiend wie die in der verwichenen Nacht. I SI
z,
rmüßte Undank dulden, wie sie meinte, Undank yön gg;
dem Sohne ihres Herzens, und eines Kindes Undnk -hgP
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ist ein schwerer Schmerz. Aber dieser ersten Empfin'ß,j
dung folge das dringende Verlangen, dem Inbel..;ßs
von welchem sie sich und ihr Haus nn jumeFSeköiJg
Maie bedroht sah wo möglich noch elne Schißkegaj
sesen, se bpnge -s Seit wae. S- htf'Fes'Rss jF
mischung in ihre Erziehungsplane immer vön sih äb- F!
gewiesen, jden Rati, jede Erdbnug venschmöbn, Is
welche die Männer der Familiehie und da an sie ge-IH
langen ließen, nn mußte sie eingestehen, daß sie sith'!
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nicht zu helfen wußte.
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8O?
Es kam ihr hart an, als sie sich in früher Stunde
zu dem Eommerzienrath verfügte. Er war verwun-
, dert, sie zu solch ungewohnter Zeit und in seineni Ge-
j schäftszimmer zu sehen, und da ihm ihre komische Ver-
, zwweiflung über ihres Philipps Abwesenheit zoch vom
ß vorigen Abende im Sinne lag, erkundigte er sich scher-
F zend, wo denn ihr Pflegesohn geblieben und auf welche
! Weise er ihr abhanden gekommen sein?
Sie hatte die Absicht gehegt, die Sache auch ganz
s leicht und obenhin zu behandeln, aber über dasjenige
s scherzen zu hören, was ihr so wichtig war, das konnte
s sie nicht ertragen, und sich selbst vergessend, sagte sie:
, ,Ja! abhanden gekommen ist er mir, und ich fürchte,
s er ist mir für immerdar verloren!!! Und, ohne ihrem
j lächelnden Zuhörer Zeit zu neuen Fragen zu gönnen, -
s berichtete sie, welch einen Einfluß die ploße Berührung
s mit der Welt und mit der Gesellschaft aufihren Pflege- -
t; sohn geübt, welche revolutionäre Gedanken;ihm ge- -
ßj kommen, wie er davon spreche, einen Bexuf wählen,
s arbeiten, sich auf Ressen ausbilden zu wollen. - !
j Der Kommerzienrath unterbrach sie: ,Und so viel
j Vernunft hätten Sie nicht bei ihm vorausgeset, Eou-
s sine? fragte er in seiner heitern Weise. - un da
ß befinden wir uns in dem gleichen Ralle. Ich hätte
, es ihm gestern auch nicht zugetraut, daß er es fühlen
hj würde, welche absonderliche Figur er machte, obschon
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808
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er hübsch und ansehnlich genug ist. Aber mir gefälltß?
es von ihrem Philipp, daß er sich heraussehnt aus 8,
Verpnppung, in der sie ihn künstlich erhalten haieI H,s
und passen Sie auf, wenn der Bursche so viel AS

stand hat, so wird er bald auch eine Frau verlangeil'!
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, Gousin! rief Mamsell Philippine, ,woher wissen
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Sle? - - Aber es fiel ihr noch zur rechten Zeit sin, Es
ihr eigenes Wissen zu verschweigen, und sich fassenb z. -
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und besinnend sagte sie:,Nun der Gedanke liegt Iz
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! -?
ihm wohl noch fern !!'
,Wer weiß! verseste der atte Herr.,Bieueich F
wäre eie Rrdn, eine junge hübsche und dabe! klge Iß
ra das sichersie Mttel, hm die Säentichket sööer sjj
Tante zu ersesen, wenn ek sich' biesse'eütSakhse s
glaubt, und darin möchte er nicht im tneeät sö? F
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Sie haben Ihre Vormundschaft ein wenig lange äusF g'p
gedehn, beste Gousiue, Sie haben ihn für sich, uicht Fj
für ihn selbst erzogen und wenn er klug ist, könite ee hF
sie egoistisch nennen, wie viele in der Famiille s zs? ß t
- -« Fs
than haben und es noch thun.''
Er edee sieh =b, ano zündee slch, eefea Pf
Phiiippinens Erlaubniß dazu erbittenb, die Eigarre'Z h
an. Sie hatte ihm sagen wollen, daß Alt und Jungl I ß
daß die Männer immer einig wären, wein es gälte, ,
eine Fran anzuklagen; aber sie besann sich eines Bes?P F
sern, denn sie verstand den Vetter, und dies VerstehEi? ß
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z s
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809
schmeichelte ihr. Er hatte noch seine drei jüngsten
Töchter zu versorgen, und Philipp, zu dessen Vermö-
gen man seit seiner Kindheit Zins jauf Zins gehäuft,
war sehr reich geworden.
Sie fühlte sich dadurch plözlich einem Büidesge-
nossen gegenüber, aber vorsichtig wie dieser selist, be-
merkte sie, sie habe wohl oft daran gedacht, daß ein
ergebenes Frauengemüth neben sich zu haben, Zie für
spätere Zeiten sehr beglücken könne, nur daß es so
unberechenbar sei, wohin das Herz eines Unerfahrenen
sich wende. ,
,Hätten Sie eine Besorgniß in dem Punkt, Cou-
sine? Eine Besorgniß bei einem jungen Manne, den
Sie erzogen haben, ganz nach Ihren Ansichten erzo-
gen haben?! wendete der Vetter ein, der es sich nicht
versagen konnte, Mamsell Philippine aufzuziehen.
,O nein! o: nein !'' rief sie, aber wenn ich bedenke,
was wir an Ihrer eigenen Verwandten, was wir an
der Meerfeld erlebt, und wenn mir daneben einfällt,
wohin meines Bruders Neigung sich verirrte, dann
denke ich, daß auch die beste Erziehung die Menschen
selbst in Familien wie die unsere nicht gegen das
Temperament beschüzt. Und! --,
Sie hielt inne, es kam ihr gar zu hart an, etwas
auszusprechen, das in ihren Augen gegen ihren Phi-
lipp und damit gegen ihre Theorien sprach,, aber der

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-==»uon- = a=ne-=n -fI
fragte er freundlich.
,Und, fuhr sie heraus, , nun Sie haben ja die
Meerfeld selbst genau gekannt! Der Apfel fällt nicht
weit vom Stamme, und-- Hedwig, die Sie besser
gar nicht in ihrem Hause leiden sollten, Hedwig hät
sich meinem Philipp in einer Weise aufgedrängt, daß
er nichts Anderes denkt, als sie, daßß er sie vertrikt,
wvie mein seliger Bruder seine Marion zu vertieteü
pflegte, daß er -- ich glaube er wäre fähig und giitge
I
mit ihr davon, wenn sie es darauf abgesehen hättE
Sie war außer Athem, so angegriffei fühlte sie' 1
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sich. Der Commerzienrath erwiderte nichts, lt 8g
langgedehntes:,So! - Erst nach eiee Eiz';
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fagte er: ,Ich hätte das von der Hedwig nicht F g
dacht. Aber freilich, da die Mutter keukllch ist, st Ig
ß
sie in gewissem Sinne ohne Aufsicht hier, und die; j
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Stadt ist groß. Sie wäre an einem kleinete Orke, sg
peuee b nee =taebobo. wde o =un lgfßFZ
unter die Haube zu bringen sein, weie müafkim ,gu
ß
! ,= Fn
doch einmal daran dächte.!
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.Gewiß, gewiß! ef Masell Phsllplnu Erig,
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,und der Mutter wäre ja die Landluft auch gesäubEl?

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,Möglich!r bekeäftizte ber Cbmäeizleürath, Pan sh
konn das überlegen. Inzischen speache' Sie doch g;
davon, meine liebe Cousiner == er namnte sie jezt zh
-1
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, ȧs
g

z1
mit ganz besonderer Betonung seine liebe Cousine,
denn es freute ihn, wie git sie - sich stillschweigend
verständigten - ,inzwischen sprachen Sie doch davon,
daß Ihr lieber Philipp sich auszubilden, einen Stand
zu ergreifen, die Welt zu sehen wünsche, und Zeit ist
es dazu, denn er ist zwanzig Jahre und hat damit
nach seines Vaters Testamente über die Hälfte seiner
Revenuen zu verfügen. Ja er köintes es jezt bereits
verlangen, das Gut zu übernehnen, has jt der na-
türlichste Lebensberuf für ihn sein würde. Lassen Sie
ihn also lernen, sein Vermögen zu gebrauchen. Un-
terrichtet ist er, es fehlt ihm nur an Welt, ani Praxis.
Lassen Sie ihn reisen! Er könite eine landwirth-
schaftliche Akademie besuchen, und wäre es Ihnen ohne
Ihren Philipp auf dem Lande dann etwas zu einsam,
nun so würden meine Mädchen eine Frede daran
finden, Ihnen abwechselnd Gesellschaft zu leisten, wenn
Sie dieses enhial wsünschen solltei!! !
Er reichte der Cousine die Hand! hin, fie schlug
ein, und Beide wwaren ungenein zufrieden hnit einan-
der. Der Commerzienkath hielt sich einen Schwieget-
fohn in Bereitschaft, den anzunehmen oder abzuweisen
ja immer in seiner Töchter Hand lag, und Mamsell
Philippine hatte nach ihrer Meinung für ihren Phi-
lipp jezt die Auswahl zwwischen drei det angenehmsten
Mädchen, während ihr ein neüer Einfluß und ein

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neues Ansehen in der Kilie gesichert wurden. T ,g l
Philipp nicht an Hedwig denken konnte, wenn nnan I;; z
ihm die drei Töchter des Commerzienrathes in Aus- j=
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sicht stellte, daran zweifelte sie bei den Grundsäzen,
nach denen er erzogen war, in keiner Weise. i
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Die Menschennatur ist aber ein unberechenbareß
Wesen und der Druck, welcher die eine niederhält,
hebt die andere empor. Philipp gehörte zu den Eez-
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teren. Er hatte viel gelernt, viel geschwiegen,i wiel
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gedacht; es bedurfte nur eines Anlasses seine Krftn
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in Bewegung zu setzen, und Beschämung! vdE' der
einen, schnell erwachte Liebe vo der andern Söy If

kamen ihm an einem und denselben Tagel entgegen, U
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um ihn völlig zu verwandeln. - Und vleteln lgngfSFgz
rückgepreßter Wasserstrahl, weni er lötzlichsöde 'ß
Freiheit gewinnt, um so gewaltsamer in die Höhe z
springt, so schnell und kräftig empörte Phllipp' sich --
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gegen seine Unterdrückung sobald er deren Wirkung, ;
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an sich inne geworden war.
Während Mamsell Philippine mit dem ßomnEßcs; -gg=
zienrathe die Zukunft ihres Neffen Perieth, par,iet.,
-s -(s
selbst nicht müssig gewesen. Eine WWeile Pgttefset,, ?
nachdem er seine Tante im Zorn verlgssen, zgpß- den IIJ

Fenster seines Zimmers zu Frau Meerfelds Fensßer-;
hinübergeschaut. Hedwig saß bei ihrer Arbeitz ?eh; IF
Blck von ihr wendete sich zu ihm herauf.. Er. jah,. -zn
z f?
=?
? -

BK
wie sie den feinen Kopf gesenkt hielt, wwie das, schwarze
Haar auf ihrem Scheitel glänzte,i wie, ein paaar kleine
Löckchen sich auf ihrem Nacken kräuselten. Ihre Hand
flog emsig auf und nieder, er - hätte sie ihr küssen
mögen, die kleine fleißige Hand. Selbfft als die Mutter
ihr das Frühstück auf den Tisch jezte, niche sie nur
mit dem Kopfe als Zeichen ihres Hankes. Die hoch-
müthigen Töchter des Commrzienraths, sagte Philipp
sich, dehnen sich jezt gewiß noch in den Federn oder
sizen und denken, womit sie ihre leeren - Stunden
füllen sollen.-Und ich selbst, was thue ich denn jezt?
fragte er sich.
Es kam wieder eine große Unruhe über ihn. Er
freute sich, daß Hedwig ihn nicht so müßig dastehen
sah, er wollte sich an eine Arbeit setzen, aber fern vom
Fenster, ohne ihren Anblick fühlte er sich nur noch
unruhiger, er, mußte wieder hinaus in das Freie, er
mußte zu ihr und mußte ihrer Mutter sagen, daß er
sie nicht verstoße, daß sie an ihm einen Freund und
einen treuen Verwandten besizen solle für alle Zeit.
Im nächsten Momente stand er vor der Thüre
von Frau Meerfelds kleiner Wohnung, und es war
gut für ihn, daß nicht die Tochter, sondern die Mut-
ter mit dem schleichenden Tritte einet gelähmten Frau
langsam die Thür öffnete. Denn mun er in das kleine
Stübchen eintrat, nun er Hedwig wieder vor sich sah

t
und die Augen der Muiter sich auf ihn hefteten, wat
er verwirrt und wußte nicht, wie er sein Kommen
einkleiden sollte.
Glücklicher Weise kam die Mutter ihm zu Hilfe,
sobald sie ihn erkannte.,Es ist gut, daß ich Sie
sehe, sagte sie, ,denn ich habe meine Tochter' vor
Ihnen zu rechtfertigen. Sie hat mir erzählt, wie
heftig und undankbar sie sich gestern gegen ünsere
Verwandten geäußert hat, zu denen ja auch Ihre
Tante und Sie selbst gehören =-
,O! eief Philipp, sie unterbrechend,,zählen Ge
mich nicht zu den Verwandten, welche Sie verstbßeü
haben, und welche unbarmherzig genug sinbj Hebidig! ,
einnem: Feste beiwohnen zu lassen;' Au dessee FeaesFs
sle' keie Antheil ehmen barf: ep' f''zKeHth,;
h -F
sich so von allen Andern abgesonbert zu fähtiEsffsAi ?
habe das gestern auch dürchlebt. Und ehe ich Höbbü( ,
traf, war ich auf den Balle ebenso vereinsaüknüb. ,
hl=?
verlassen, als sie selöst
ef!.
, Nun, Ihre Lage und die meiner Tochtetßsfao-
denn doch verschieden,! bendete dle MütteretyHiß ?,
rend Hedwig mit gesenktem Hauite aiö' flaifieüdn
Wangen schweigend auf ihre Arbelt hedeesäi; PhdIs
lipp wußte nicht, was ei son chr deükeh s8llte; Fcht
was sie der Mutter gesagt, und'' bi döse etisusfia;-
ihrer Begegnung wisse und von dem, was ua iS s I
s.
-

1K
felben geschehen war. Er hatte noch nicht die Kunst
gelernt, sich zu beherrschen odek gar sich zu verstellen,
er war es auch nicht gewöhnt, die Pein det Ungewiß-
heit zu ertragen, und nur sich selbet und seinem in-
nern Drange nachgebend, sagte er plötzlich:,kassen
Sie es sich nicht leid sein, Madame Meerfeld, daß
Hedwig mir ihr Herz ausgeschüttet hat, ich würde sie
nicht verrathen, auch wenn ich sie nicht so lieb hätte,
als sie es mir geworden ist. Ich kam ür herüber,
um eine Bitte an Sie zu richten==-
Er hielt inne; Madame Meerfeld fragte:,Weiß
Ihre Tante, daß Sie bei uns sinb?
, Nein! aber es kommt daraüf nicht an !!!
, Im Gegentheil, mein Bester!' versezte die bleiche
Frau.,Wir haben uns mancher Hilfe, manches Bei-
standes von der Cousine Philippine zu erinnern, und
sie würde es sicher nicht wünschen, daß Sie üns be-
suchen.!
, Ebendeshalb kani ich ja!'' sprach Philihp nur noch
eifriger.
,Weil sie' es mißbilligt? fragte Jene noch einnal.
-!-
.Auch deshalb!' eief Philipp, a, auch deshalb!
ßs
Die Tante mmuß sich doch daran gewöhnen, bäß ich- ;
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ein Mann und mein eigener Herr, b KiöF7 ?s,!
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fallend abstach, bat er:, Steh mir doch bei, es Dei
ner Mutter begreiflich zu machen, daß sie Nichts an-
nehmen soll von allen den Menschen, die Euch helfen,
als ob das nicht ein großes Vergnügen wäre. Nie-
mand soll Euch helfen, als ich; hörst Du? bitte Deine
Mütter darum, denn gewiß ich thue es gern und habe
es reichlich dazu übrig.!
Sie gab ihm keine Antwort. Die Aufregung des
gesktigen Abends war von ihr gewichen und mit ihr
die Frische und Keckheit, welche Philipp gleichsam zr-
weckt und zu ihr hingezogen hatten. Da sie ihn nicht
ansah, da sie keine Sylbe sprach, wurde er immer
dringender. ,Was fehlt Dir denn? Hast Du heute.,
kein Vertrauen mehr zu mir? Was-habe ch Dir - !
denn gethan? forschte er, wähtend er diht an,ste-
heran trat und ihre Hand zu fassen suchte.
-- s-
Sie sah ihn zum ersten Male an, die Augen waren
ihr roth, sie mußte geweint haben, ehe er gekomnen -
war ,Geh' hinaus!r befahl die Mutter ihr. She! ;
stand von ihrem Plaze auf, aber als sie an ihin zgF
über in die Nebenstube gehen wollte, hielt er; sie feft.
,Weshalb schicken Sie sie fort?! verlangteser zu
wissen.
, Weil ich mit Ihnen etwas zu sprechen habe,!
versezte die Mutter, ,das sich besser abmachen läßt,
wenn wir allein sind.!

zt
Philipp war des Widerstanggs gegen seine Wünsche
nr wenig gewohnt. Ee z»F Wee Slso zum Trose,
und die Liebe, deren er sich mtehr und mehr bewußt
ward, das Verlangen, den beiden Fräurn seine Unab-
hängigkeit darzuthun, trieben ihn vorwwärts und hoben
ihn über sich selbst hinaus.
,Bleibe hier!'' rief er, ,ich weiß Mlles, bas Deine
Mutter mir sagen will, und ich kann: ihr tmn Voraus
die Antwort darauf geben. Sie will nicht, daß wir
uns lieben, weil meine Tante und ich weiß nicht wer
sonst noch dies ungern sehen werden. Aber' als Deine
Mutter jung war, hat sie gehandelt, wie es ihr um's
Herz gewesen ist und mein Vater hat es, als er meine
Mutter heirathete, eben so gemacht. Ich habe in ein
paar Jahren nach Niemand auf der Welt zu fragen.
Ich habe einst freie Wahl. Sag's also gerade heraus:
willst Du auf mich warten, bis ich wieder komme?
, Hedwig!'' warnte die Mutter; indeß Philipp und
auch das Mähchen beachteten die Warnung nicht.
,Willst Du warten?! bat er noch einmal, und die
ganze Zuversicht, die er zu ihr hatte, lag in seinem Tone.
,Ja, sagte sie leise, aber fest, und reichte ihm die
Hände hin, während das Vertrauen, mit: welchem sie
gestern zu ihm gesprochen, wieder über ihr klares Antliz
leuchtete. Er schüttelte ihr die Hand, als wäre sie ein
Jüngling und nicht das Mädchen, das er liebte.
--

H18
,Gott sei Dank! nun kann ich reisen,. sagte er
mit befreitem Herzen nd blieb dann vor ihr stehen
und sah sie an und sah sich in der kleinen Stube um.
, Nun weiß ich, wo Du bist und wie Du wohist,
nun kann ich gehen,! wiederholte er, und wurde ge-
rührt, und wagte doch nicht, das Mädchen zu umdr-
men, sondern ließ es los und ging zur Mutter hin
und warf sich dieser an die Brust.
Die schwache Frau nahm sich zusammen. Alles
-
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was sie erlebt, alles, was sie einst als Folge ihres un-
bewachten Herzens erlitten hatte, stand warnend bdr
ihr. Sie wollte mit det Aengstlichkeit abhängiger Ar-
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muth Philipp von sich weisen, denn sie fürchtete, ßüg
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werde ihr die nnerstügung enziehen, weii sse.E.; I
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auf irgend eine Art dem Unwillenf iheer sebnöadl'-

Wohlthäter ausseze, indeß sie hatte elust. selbst gellebt. zzs
und wenn Philipps ehrliche Mienen nicht täüschieüs IF
wenn sein Entschluß nicht wankte, wenn er Hedwg, Z,-
Wort hielt, so wurde dieser eine ganz andere Zukunft, ,;;
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an seiner Seite bereitet, als die Muttee sie jäänäälaf
d;s
für ihre Tochter zu hoffen gewagt. Sie war gerähiih
sie konnte nicht widerstehen, aber einer reineti Freübs z

vermochte sie sich nicht zu überlassen. ,Gött gebe.
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daß Sie nicht vergessen, sagte sie, ,welche Hoffmuns-
gen Sie in dem arnen Mädchen ertegen, und üicht I

vergessen wie schwer Enttäuschungen sich tragen lassen!?
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F

H19
- - Sie seufzte, ihr bleiches Gesitg1d noch trauriger
als gewöhnlich aus, sie müßtE! nledersezen und
den beiden jungen Leuten war der-Aufschwwung der
ersten Freude gelähmt. Sie standen neben der kranken
Frau und wagten einander nicht anzusehen, bis Hed-
wig bittend sagte:,Geh' lieber foft! - Die Mutter
hat Ruhe nöthig und Deine Tante würde auch böse
sein, wenn sie's erfährt=-
,Was? fragte er.
,Was Diu mir und ich Dir versprochen!'' sagte sie
leise und sah ihm dabei freundlich ii die Augen.
,Wie Du willst!'' versezte er, und sie gaben sich
wieder die Hände, und er bot den beiden Frauen sein
Lebewohl. An der Thüre fragte er, ob er wieder
kommen dürfe.
,Thun Sie es lieber nicht,, bat die Mutter., Er
wollte sich husbedingen, Abschied jehmef zu' dütfen,
sie meinte, sie würde ruhiger sein, henn er das unter-
ließe, ja sie würde dann zuveksichtlicher hn sein Ver-
sprechen glauben.
,So leb' denn wohl, Hedwig!'' sagte er schnell
und mit Neberwindung.,Ich werde Dir schreiben,
wann ich fortgegangen bin, und wenn Du etwas
brauchst, so schreibe auch Du es, mir. Leb? wohl !?
Er ging schnell hinaus, Hedwig knjete vok jhrer Mntter
nieder undwverbarg ihr Gesicht woeinend in deren Schoos.

8
Als Philiy zgykehrte, war Mamsell Philippine
ndch nicht zu Heh Sie ließ ihn rufen als sie kam,
uid Beide fanden sich sehr ruhig wieder. Sie sagte
ihm, daß sie seinetwegen mit dem Commerzienrathe
Rücksprache genommen habe, weil sie nach seinem heu-
tigen Betragen sich nicht mehr die Kraft zutraue,
seine Zukunft zu leiten. Sie habe sich Raths erholt
bei ihrem alten Freunde, und dieser billige Philipps
Wunsch, die Welt zu sehen. Sie machte ihm darauf
den Vorschlag, eine landwirthschaftliche Akademie zu
besuchen, um sich durch Studium für die Selbstuer-
waltung seines Gutes vorzubereiten und wider ihr
Erwarten war er gleich völlig mit diesem Plane ein-
verstanden; aber er war einsilbig und auch sie hatte
nicht die gewohnte Lust, sich gegen ihn auszusprechen.
Sie wünschte ihn je eher je lieber zu entfernen, er
schien seine Abreife nicht genug beschleunigen zu kön-
nen, Jedes war über das Verhalten des Andern ver-
wundert, und obschon sie Ursache gehabt hätten, mit
einander zufrieden zu sein, weil ihre Pläne so wohl
zusammengingen, waren doch Beide kalt gegen einan-
der und blieben auch ganz verstimmt.
Acht Tage gingen in Vorbereitungen für Philipps
Reise hin. Als er und die Tante dann endlich am
lezten Abende beisammen saßen, kam eine wärmere
Empfindung über Beide. Mamsell Philippine dachte,

Iet
,s-
daß sie den einzigen Gegenstand gugg ßiebe auf Jahre
binas eubebren und pon sies KJJzsolle. ud dak
fie alt sei Philipp dachte auch an die Jahre seiner
Tante und daß sie es mit ihm so gut gemeint habe
und daß die Menschen sie nicht: llebten. Er mußte
sich es vorstellen, daß sie, recht verlassen sein würde,
wenn sie krank werden sollte, und ohne es zu wollen,
fagte er wehmüthig zu sich Helber:! , Kein Mensch
würde sich um sie kümmern !'
, Um wen?- fragte Mamsell Philippine argwöh-
nisch, denn sie meinte, sein Aüsruf gälte Hedwig.
, Um Dich!! sagte er, und gestand ihr seine Sorge.
Das rührte sie und söhnte sie mit ihrem Philipp aus.
Es war dem alten Mädchen nicht viel Liebe zugewen-
det worden, und sie bemerkte tröstend, der Commer-
zienrath habe ihr versprochen, ihr seine Töchter oft zu
schicken, die würden sie auch nicht verlassen, wenn Un-
glück über sie kommen sollte, schon gus Freundschaft
für ihren Philipp nicht ! -
,ie Puzdocken!r rlef Philipp,',die sich in guten
-- »f - -
Tagen nie um Dich gekümnert, die Dich und mich
verspottet haben! Wie kommst Du nur darauf, zu
glauben, daß Du denen werth bist, daß ich Ihnen
etwas anderes als ein Gegenstand des Lachens bin?
Mamsell Philippine schwieg, sie hatte es wieder
vergessen, daß er nicht mehr der alte Philipp war-
Lewald, Kleine Romane. N.
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z. n -.-

8
Indeß er wufte rauf auf selne Weise zu erit-
nern ,Tante!,
gä er plözlich, ,so oft ich vrn
meiner Kindheit an mit unsern Verwandten zusammen
gekommen bin, habe ich sie sagen hören, daß Du selbst-
süchtig und ohne Liebe wärest. Ich habe es aber
besser gewußt, denn Du hast mich immer geliebt und
hast immer Dein Bestes an mir gethan. Ich allein
kenne Dich anders als die Menschen, ich allein habe
Dich lieb-- und wer mich nicht liebt, wen ich nicht
liebe, der wird auch Dich nicht lieben und Dir keine
Stüze sein, darauf verlaß Dich! Also--
Er stand auf und trät an das Fenster. Ek' war
nicht fähig zu sagen; was er im Herzen und auf der
Zunge hatte. Weil er so schuell' von ihr gegatgen!'
war, folgte die Tante ihm. Sie stellte sich zut ihh
und legte ihm ihren Arm um den Hals; das wae nie
geschehen, denw äußere Zärtlichkeitsbeweise lagen ihr
sonst fern. Er hatte den Kopf an die kalten Scheiben
gepreßt, sie wußte nicht, was sie machen sollte.
, Kannst Du denn nicht bei mir bleiben?' fragte
sie plötzlich, und es war ihr, als erlöse sie sich mit
der Bitte von einem schweren Unheil.
Er schüttelte verneinend das Haupt, aber er um-
faßte sie, wie ein Sohn die Mutter zutrauensvoll
umfaßt, und sein frisches Antliz an ihre welke Wange
legend, sagte er: ,Hedwig laß Dir holen, wenn Dir
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etwas zustößt, and wenn eFben irgend ein
Unglück begegnet, so nimm Drz»f' ae:-
Er konnte seine Thränen nicht verbergen: und sie
weinte mit ihm.,Warst Dus denndrüben? fragte
fie.,Einmal!! gab er ihr zut Antwort:,Ich mmusßte
versprechen, nicht wieder zu kommen.?!
,Armer Junge!'' rief die Tante, ohne recht zu be-
denken, was sie damit that. Aber Philipp drang die-
ser Ton zu Herzen, wie ihm Mamsell Philippinens
Stimme noch nie zu Herzen gegangen war. Er schloß
sie in die Arme und küßte sie. Das Herz wurde ihr
erweicht, sie empfand eine Freude und' ein Glück, wie
in der Stunde, in der er einst geboren worden war
und in der sie ihn zum ersten Mäle in ihren Armen
gehalten hätte. So voll Liebe und, voll Zutrauen
hatte er niemals an ihrem Herzen gelegen. Sie iahm
seinen Kopf in die Hände ünös küßtte chn äuf das
Haar. s
- !
, Verläß Dich auf mich- s=gte sie!
,Das thue ich auch, gabs er ihr zur Antwort,
küßte ihr die Hand und entfernte sich dann schnell.
Sie sah ihm nach und trat' dann wieder an das
Fenster, an dem sie mit ihm gestanden hatte. Drüben
an der Eingangsthüre des Hauses, in welchem die
Meerfrlds wohnten, war es dunkel: Dgs ganze Hans-
schie befekts h Scof- u kean! mn ie! beefStabe'! ; g.
uzptz==-
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ber Wittwe bragIch Lcht. Mamselt Phillppine
hatte bei mancheerheren Aufenthalte in der Stadt
diesen Lichtschimmer auch schon zu später Stunde wahr-
genommen, ohne ihn sonderlich zu beachten. Jezt hätte
sie es wissen mögen, ob die Mutter krank, ob Hedwig
noch bei der Arbeit sei Sie fühlte Mitleid mit ihnen
und fand es brav, daß man Philipp nicht wiederzu-
kommen verstattet hatte und sie nahm sich vor, etwas
für die beiden Frauen zu thun. Sie erinnerte sich
der Zeiten, in welchen Frau Meerfeld jung und schön
und viel umworben gewesen war, dann blickte sie auf
ihr eigenes Leben zurück. Philipp hatte die Wahrheit
gesprochen, es hatte sie Niemand geliebt, Niemänd als
er allein, dem sie Liebe bewiesen, so viel sie es ver-
mocht hatte. Liebe beweisen war also das Mittel, um
so glücklich zu werden, als sie sich heute in der Zärt-
llchkeit ihres Pflegesohnes gefühlt hatte. Nun denn!
Philipp sollte es sehen, daß sie ihn liebte; immerdar
wollte sie es ihm beweisen, auf jede mögliche Art.
Aber was sollte sie thun?
Mit der Frage beschäftigt legte sie sich nieder und
die Antwort, welche sie sich darauf gab, ließ sie den
Schlaf nicht finden. Das Eine stand fest, Liebe und
Hingebung hatte sie von den Töchtern des Commer-
zienraths nicht zu erwarten und Frieden und Behagen
in ihrem Hause noch viel weniger, wenn eine von

s

- 82
ibnen einst in dasselbe als HägEf;au einziehen sollte.
Nicht eln Stück von der altenFFFFgiichtung würde an
seinem Plaze bleiben und! wö Mamsell. Philippine
bleiben würde, wenn eine junge, Iän Euxus und an's
Befehlen gewöhnte Frau in dem Häuse, der Senatorin
und auf dem Gute schaltetej das wwar nicht vorauszu-
sagen. Der Comnerzienrath war techt, dazu geschaffen,
für seine Töchter in einet Weise vorzusorgen, bei
welcher Mamsell Philippinens alte Tage und ihres
Philipps künftiges Glück nicht ii Betracht gezogen
würden. Sie kannte ihn därauf, ünd sie ärgerte sich,
daß sie sich von ihm hatte beschwaten lassen. Sie -
mochte gar nicht daran denken, wie leichten Kaufes er
sein Spiel gewonnen. Und dabei hatte er ihr im
Grunde nichts versprochen, er hatte nur gesagt, daß
man es überlegen könne, und sie war so schwach ge-
wesen, sich zu binden. ;
Sie stuzte bei dem Woite. Se hatte ja auch gär
nichts zugesagt, sie war inimter, noch Herr zu thun
und zu lassen, was sie wollte: Sie lachte vör Ver-
gnügen bei der Vörstellung, wie es jezt recht eigent-
lich in ihre Hand gegeben' sei; es dem Commerzien-
rathe einzutränken, daß er sie und, Philipp bisher ver-
absäumt hatte und sie war ganz erschrocken, als sie
sich laut die Worie aussprechen hörte: sie sollen es
schon merken, daßß ich noch meine Willen habe, und

8
daß mir mein Philipp lieber ist, als die ganze übrige
Verwandtschaft! z- Vergnügter war sie nie gewesen
ungeduldiger hatte sie nie einen Morgen herbeige-
wünscht, als am Ende dieser Nacht. Sie empfand es
gar nicht, daß sie einschlief, denn auch im Traume
noch blieb sie mit ihrem Philipp und mit seinem
Glücke und mit der Schadenfreude gegen den Com-
merzienrath beschäftigt.
- Es war noch ganz dunkel, als sie nach kurzem
Schlaf erwachte und sich von ihrem Mädchen anklei-
den ließ. Oben in Philipps Stube regte sich noch
nichts, aber drüben brannte die Lampe schon wieder
in dem Zimmer. Gegen ihre Gewohnheit fing sie
gleich in der Frühe an, in ihrem Hause umherzugehen.
Sie gab das gute Kaffeeservice und -das schwere Sil-
ber heraus, schickte den giener nach einem Kuchen und
ließ sich Pelz, Hut und Muff geben, als wwwäre es
heller Tag gewesen. Ihre Mägde trauten Ihren
Aügen nicht, als sich Mamsell Philippine ihre kleine
Handlaterne anzünden ließ und allein in. der Frühe
auf die Straße hinausging. -Neugierig folgten beide
Mägde ihr bis vor die. Thüre. und nit, Verwunderung
sahen sie ihre Herrschaft in- die Schmale Gasse einbie-
gen und in- das erste Haus derfelben hineingehen, das
sie nie zuvor besucht hatte.
Vorsichtig leuchtete die alte Dame sich die beiden
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ze
engen steilen Treppen hinan.- Sies kam sich wie der
heilige Nikolaus vor, der den frömnmen Kindern heim-
lich ihre Weihnachtsbescheerung in die Häuser trägt.
Oben an der einen Thüt las sie den Namen Meer-
feld. Sie klopfte an, man öffnete; ein paar strahlende
Augen schauten sie erstaunt an, und kaum hatte ;Hed-
wig Mamsell. Philippine vor' sich erblickt, als sie-er-
bleichen die Frage ausstieß: Was ist ihm geschehen?
,Nichts! Nichts!'' begütigte Mamsell Philippine.
,,ichts? rief Hedwig, ,und' Sie komnen in -der
dunkeln Frühe hier zu uns herauf? Die Stimme
bebte ihr vor. Angst, sie ergriff -Philippinens Hand und
wiedeiholte ihre erste: Fräge.
, Saß mich eintreten, Kind, und niedersizen,'- be-
fahl Philippine und Hedwig gehorchte ihr, aber es that
der Tante wehe, . daß Hedwig sie- nur als ben Boten
übler -Kunde ansah, und ihren-Gedanken Worte ge-
bend, sprachsie: ,Kamnjich Pir üid eeinr -Mutter
denn nicht etwas Gütes bringeii?!
Hedwig senkte verlegen. die?Augen- zu Boden; ihre
Mutter sei noch nicht aufgestanden, sagte sie
So gehe, ihr zu. melden, daß :ich sie zu sprechen
häze!f! bedeutete sie Philippine, und Hedwig verließ
die Stnbe, um sich zur»Muttersgu begeben.
Alles, in- demRaume, athmetesSauberkeit zund Ord-
nung. Trotz der frühen Stunde war das Zimmer
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schon völlig aufgeräumt, das einfache Kaffeegeräth
stand auf dem Tische, der Mutter Kleider hingen am
Ofen, um sie ihr beim Anziehen behaglicher zu machen,
der Kaffee wartete schon in der Röhre. Hier walte-
ten Fleiß und Ordnung und vor allem Liebe, das sah
Mamsell Philippinens scharf beobachtendes Auge bei ß
dem ersten Blick und Hedwig war dazu gar lieblich
in ihrem ärmlichen und doch so saubern Morgenkleide.
Das Mädchen mußte der Mutter eine gute Pflegerin
und Stüge sein. Es währte auch nicht eben lange, ?
bis, auf den Arm der Tochter gestüyt, Frau Meerfeld ß
in die Stube trat. Man konnte ihr ansehen, in welcher
Unruhe sie sich über die ungewohnte Erscheinung ihrer
Verwandten fühlte, und Philippine, der dies nicht
entging und der es leid that, sagte:,Sie werden
sich wundern, Cousine, daß ich komme, und obenein,
daß ich um diese Stunde komme, aber glauben Sie,
es ist nichts Böses, was ich bringe. Wir haben ein-
ander lange nicht gesehen, wollen Sie nicht heute mit
Ihrer Tochter meine Gäste sein?'
,,Und deshalb kommen Sie selbst, und kommen im
Morgendunkel? wenbete Madame Meerfelb mit sicht-
lichem Mißtrauen ein.
,Ich wollte, daß Sie mit mir frühstücken soll-
ten,' sagte Mamsell Philippine, die es zum ersten f
Male in ihrem Leben auf eine allgemeine Neber-

l.

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KAd
raschung abgesehen hatte und diese nicht zum Opfer
bringen wollte.
,Ich bin zu solchen Dingen icht gesund genng
und würde es büßen müssen, wollte ich meine Stübe
jezt verlassen, ätwbortete Jene, ünfähig zu begreifen,
was sie sah und hörte.
, Nicht gesund genug! iief Philippine, und ihre
natürliche Ungeduld und Selbstsucht brachen unwill-
kürlich los, ,gesund oder nicht gesund! Darauf konmnt
es heinte ja gar nicht äit. Wäs schadets deiii, weim
Sie es büßen müssei? Bereüen werden Sie es nlcht.
Geh' Hedwig! hole der Mükter wwarme Kleidet, ich
will Dir helfen, ich ziehe sie an, aber schnell muuß
es gehen, schnell! sonst ist's zu spät.
Hedwig stand und wartete auf den Befehl der
Mutter.,Schicken Sie sie fortk' sagte Mamnsell.
Philippine leise zu verselben, uid von ihrem befehlen-
dem Tone gezwungen, folgte Madam Meerfeld ihrer
Anordnung. Kaüm äbek aren de beiden Frauen
allein, als Philippine; währeid' sie der Kranken beim
Akleiden behilflich war, ihr zuflüsterte: ,Muth.
Muth, Cousine! ich konme gut zu mächen, wwas ich,
wie wir Alle, an Ihnen die Jahre her versäunt;' aber
ich mäche es dabei jezt' gerade;' wle Sie's einst ge-
mnacht, und noch weit schlininek. h She habei Ihter
Liebe in Ihrer Jugend nachgegebeit, ich gebe meiner

88
iebe jetzt auf meine alten Tage nach und ich denke,
das werden Sie mir wohl verzeihen. Nur lassen Sie j
Hedwig ja vorerst nichts merken l'! Sie drückte der
Mutter die Hand, jezt war dieser das Räthsel gelöst.
N ararr =
lachend aus.
Inzwischen war es Tag geworden. Behutsam
führten Mamsell Philippine und das junge Mäbchen
Frau Meerfeld die Stiegen hinab, behutsam geleiteten
fie dieselbe über die Straße und in, das alte Haus.
Die Dienerschaft staunte sie an, als sie Befehl - erhielt,
einen sSbessel zu holen und die Frau die Treppe hin-
aufzutragen in das Zimmer, in das die Morgensomne
jezt -hell- hineinschien. Frau Meerfeld sprach nur we-
-nig, Mamsell Philippine: ließ auch Mdiemand recht zu
Woxte kommen, so viel hatte sie anzuordnen und ;vor-
zubereiten, so zoft - mußte Hedwig nach dem großen
Hinterzimmer sehen, ob es noch nicht neun sei.
Um neun Phr klingelte Mamsell. Philippine, aber
die Hand zitterte, mit der sie es that, und doch sah
sie so klar und so verändert. aus, - daß -ihre Jungfer
sie,, darauf betrachtete und meinte,. es, müsse die Mor-
gensonne sein, die ihr soshell ziben-das Antliz strahlte.
Um neun Ihr, um -die-Frühstücksstunde, trat-Phi-
lipp-in das Zimmer - und blieb wie festgezanbert in der

Kzt
Thüre stehen. Er traute- seinen - Augen nicht. Auf
dem Plaz der Tante, in; dem--grßen Lehnstuhl saß
Frau Meerfeld, hinter. ihr. stanh Hedwig; und was war
denn der Tante geschehen, daß sie weinte, während es
- doch so festlich in dem Zimmer: aussah?
, Nun Philiup? rief sie ihn entgegen.
,Tante! liebe Tante!!! -war Alles, was er sagen
konnte, aber er eilte auf sie zu und küßte tsie in trün-
kener Freude.
,Reise nur getrost! es wird jezt Niemand - verlas-
sen sein, nicht sie, nicht ich,' sprach isie und nahm
Hedwig beider- Hand.
,Jä !'i rief er, -bhne- daß- er-es wvagte, sich -dem
Mädchen zu nähern, zuun reise. ich getrvst,. und wenn
ich, erst etwaE gewoaden -bin, wenn ich -wieder: komme
-' er sprach esunicht zu; Ende, üwwgs er pdachte auund
sagte-damnn, sich -selber unerhrechend': zWir ;wollen
Dich auf-den-Händen: tragen,zaite!-
Dle. Rührung, dieEErschütterüigswvarensallgemein.
Madame Meerfeld wweinte,. Hediig,hknietezan Phrem
Sessel, Philipp war versunkensin .ihren jAnblick, wwie
in seine Freude, und Mamsell Philippine stand und
sah r umher.
- So viel -Liebe- hatte insdiesem Zimmernieigegth-
met, so äwar nihr selbst. niemnls igu Muthei gswesen.
Wie eine gute Fee, wie- sichsselbst»entfromdet,:kam-gie

88A
sich vor. Mit einem Male jedoch zuckte es durch ihre
Mienen und spöttisch lachend rief sie:,Wie mich's
freut, daß es den guten Commerzienrath so ärgern
wird; denn ärgern wird's ihn!''
7s
nl


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Der Ausruf brachte alle wieder in das Gleichge-
wicht. Man sezte sich zum Krühstück nieder, die
Stunde bis zur Abreise verging, ehe man es gewahr
wurde. Als es zehn Ühr schlug, stand Philipp auf.
Sie wurden Beide blaß, er und Hedwig, als er ihr
die Hand zum Abschied reichte. Sie konnte nichts
sagen, er war eben so sprachlos. So schieden sie.
Nur als er ihrer Mutter die Hand küßte, da konnte
Hedwig sich nicht halten und eilte weinend davon.
Mamsell Philippine hielt sich tapfer und begleitete,
ruhig sprechend, ihren Philipp in den Flur hinaus.
Sie sah zu, wie der Diener ihm den Mantel umgab
und sein Gepäck nach dem Wagen hinunterschaffte.
Als derselbe sich dann entfernt hatte und sie mit
Philipp allein war, rief er überwältigt:,Wie soll
ich Dir vergelten, Tante!?! -
,Ou mir vergelten? wiederholte sie, indem sie
ihm beide Hände auf die Schulter legte, ,Du hast mir
nichts zu danken, denn mit Deinem bloßen Dasein
begann für mich das Glück. Ich lernte den Segen
wahrer Liebe kennen. Ich habe Dich erzogen, das hast
Du mir wett gemacht, denn auch Du hast mich erzo-

k -
gen, sogte sie, ,Deine Liebs za iir hat mir das
Herz erweicht und felt ich Feskein beschlössen, Dich
glücklich zu machen, nach Deinei und nicht nach mei-
nem Sinne, bin ich erst recht glücklih geworden durch
Dich. Du hast mir nichis zu daiken. Rch bin Dei-
nem Bater und Deiner Mutter viel Liebe schuldig ge-
blieben, die werde ich Dir und Hedwig noch bezahlen;
und nun geh! Und wenn Du einst auch einer An-
dern gehören wirst =- ? -
,O!'' fiel er ihr, miten, in seiner Bewegung ld-
chend in das Wort, ,ich, werde nüi erst recht für's
ganze Leben Dein Sohn und Mamusell. Philippinens
Philipp bleiben.'!
Uid sie haben einander redlich Wort gehalten.
Philipp ist ein tüchtiger, Landwirth und ein wackerer
Mann geworden und Manisellj Philippine' hat noch
seine und seiner Hedwig älteste Kkinder auf ihrem
Schoöße gewiegt. Wer, äber die jheitere, llebebolle
Matrone auf dem Landsize -zwischen jihren Kindern
und Enkeln schalten und wälten sah, ber konnte nur
s
noch an ihrem Aeußerns dies eigensüchtige unb lächers E
liche Mamsell Philippine wieder erkennen, denn in
Herzen und im Geiste war sie eine Andere gewörden
ganz und gar. Und wie Philipps und Hedwig die
Stunde segneten, in der sies einander gefunden hätten,
so segnete die Tante bis an jhr Lebensende den Augen-
P
s

88
blick, in welthem die Furcht, ihren Philippan das
junge Mäbchen zu verlieren, sie dahin gebtacht hatte,
sich und ihre Wünsche und alle Vorurtheile ihrer Ver-
gangenheit aus Liebe aufzugeben. Sie hatte sich da-
mit die Freude ihrer alten Tage erkauft und heitere,
fröhliche Bewohner in das alte Landgut und in das
Giebelhaus an Markte eingeführt.
- Denn wo einst das starre Autliz der Senatorin
die Wege und Stege ihres Gatten bewachte, da sieht
jezt Hedwig nach ihrem Philipp liebevoll hlnaus, und
wo einst Mamsell Philippine mtit erzwungenem Lächeln
am Ftttstkr' saß, blickk eine Masse jungen Volkes ver-
gnügt auf die Straße hinab, während Marions und j
Mamsell Philippinens und Fiau Meerfeldd Bilder ver-
träglich nebeneinander über dem Sopha hängen und
ihr Andenken genieknsant von den Bewohnern des
Giebelhauses hbch gehalten wird? Uid wir vor langen
Jahren wird die Schwelle der Eingangsthüre wieder
von Gästen viel betreten und' der' Thürklopfer mit
seinem Greifenkopfe oft und lustig in Bewegung ge-
sezt; denn wo Liebe und Friede herrschen, fehlen
Freunde und Gäste nie!
Das ist die Geschichte vom alten Giebelhause und
- von Mamsell Philippinens Philipp.
ss.