Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 02

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hat man Zeit sich abzukühlen, und die, Hand wixd -
ruhig..! Er knöpfte dabei den Reitrock von dunkelm
Tuche auf, den er über der rothen Uniform dex könig-
lichen Schweizergarden trug, nahm den kleinen, dreiecki-
gen Hut vom Kopfe und trocknete sich mit dem feinen,
von Spitzen gerändertenTaschentuche leicht die Stirne.
Dann legte er die Hände auf, dem Rücken, zusgmmnen,



und fing an, langsam einen kleinen Raum ig - rgge- s
mäßigen Wendungen auf- und nieder zu, schreiten, jals
wenn ihn keine Sorge drückte und keine Gefahr, ihm f -
drohte.

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Er war ein großer, z breitbrustiger und auffallend s


schöner Mann von gerade dreißig Jahren; weil er aber
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hs lichen Locken seine Schläfen umgab, und vie großen,. ; -
dunkelblauen Augen machten ihn sehr anziehend. Seine
äußerst sorgfältige Keidung verrieth, daß er s,ch. seiner ;
Vorzüge wohl bewußt war, und,ihnen durch Ekeine ßex-
; nachlässigung Abbruch thun -mochte-- -Seine Uniform
zeigte, wie gut er gewachsen sei, und sein. Jabot und
seine Manschetten machten durch die Sorgfalt, welche
offenbar auf dieselben verwendet worden war, seinem
Geschmacke Ehre.
,Ich habe Noth gehabt, geftern in den wenigen, ß s
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Stunden noch meinen Uilaub, zu erhalten !- sagte er



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nach einer Weile.,Man schien etwas zu vermuthen,
man meinte, es wären eben jetzt schon so Viele beur-
laubt, ich solle warten.'!
,,Und wie erlangten Sie ihn endlich? fragte der
Jüngere.
,Ich sagte die einfache Wahrheit, die aber für mich
freilich keine Wahrheit in sich schloß. Ich gab Familien-
angelegenheiten vor und sprach von der Heirath, zu
welcher Deine Mutter mich zu überreden wünscht. Das
zerstreute die Muthmaßungen und Zweifel in doppeltem
Betrachte, und der Urlaub ward mir dann sogar, iwie
ich es wünschte, auf unbestimmte Zeit bewilligt.
Inzwischen hatte er seinen Degen losgemacht und
ihn seinem Gefährten übergeben. Dieser zog ihn aus
der Scheide, prüfte seine Schärfe, stemmte die Spitze
gegen den Boden und freute sich der feinen, untechalb
des Griffes reich mit Gold ausgelegten Kinge. I
Trotzdem war eine gewisse Unruhe an ihm zu er-
kennen. Er sah öfters auf den Weg zurück, von
welchem sie gekommen waren, blickte darauf in das
stolze Antliz seines Gefäährten und die Allee hinab-
schauend, an deren Ende ein Wagen sichtbar wurde,
sagte er: ,Ich wollte, Onkel, Sie hätten auch für
einen Arzt gesorgt!''
Der Angeredete lächelte, und seinem jungen Ge-
fährten auf die Schulter klopfend, entgegnete er: ,Sei


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unbesorgt, Ulrich! wegn ich des Wagens oder des
Doetors bedürfen sollts, wird der Chevalier sich ohne
Frage ein besonderes Vergnügen daraus machen, mir
F den seinigen zu überlassen.! Er zog dabei die hr
heraus und bemerkte mit einem Anfluge von Spott:
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, Er hat's nicht eilig, wie Du siehst!'' -'
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Während dessen wai der Wagenb aber näher' Ige- ,
kommen, und man konnte dem jüngern der'' beiden ,
h Männer ansehen, daß er mit sich kämpfte, daß er ?

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eine Frage thun wollte und sie unterdrückte. -Erdlich ; -
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sagte er:,Haben Sie inir Etwas aufzutragen? Häbe !
ich Etwas zu besorgen, Onkel
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Der Andere lächelte. ,Man ruft dem Jäger, wenn ,
er auf die Jagd geht, dem Bergmann, wenn er in I
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den Schacht fährt, ein Glück auf! zu, und Du krächzest I
Unglücksahnmngen, wwie ein Rabe!' Das, ist - nicht , -
Mcnier, mein Junge!'! Und mit einem Ausdruck vön ,
selbstgefälligem Stolze, der ihm aber ganz' vortrefflich -
anstand, sagte er: Als ich Dir die Ehre anthat, Dich ;
in dem Duell zwischenZir, den Grafen Joseph von
Rottenbuel, und, denc'hevalier von Eagnac zu meinem
Seeundanten. zu machen, dachte ich, daß es an' der s
Zeit sei, Dir durch diese meine Wahl einen bemerkeüs-
werthen Eintritt in die große Welt zu sichern. - Auf
Deine Rührung wwar es dabei nicht abgesehen, mein ! -
lieber Freund !'!

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Der junge Mann wurde roth, seine hellen Augen
glänzten, man hätte nicht sagen können, ob vor Weh-
muth oder vor Zorn.,Sie wissen es, mein Onkel,'
sprach er im Tone der Erklärung, ,,wwie sehr meine
Mutter Sie liebt! wie sehr =-''
,Ich weiß, fiel Graf Joseph ihm in die Rebe,
,,ich weiß! Und ich denke sie ja auch wieder zu sehen,
vielleicht in wenigen Tagen sie wieder zu sehen!!! fügte
er begütigend hinzu. ,Im Nebrigen sei ohne Sorge!
Das Fleuret eines Chevalier von Lagnac tödtet keinen
Mann wie mich! Er hatte eine Lektion nöthig, die
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soll er bekommen und damit basta!r
Der Graf hatte diese letzten Worte noch nicht vol-
lendet, als der Wagen des Chevalier auf dem Platze
hielt. Der Diener öffnete den Schlag, und dem aus-
steigenden Arzt und Sekundanten folgte der Chevalier.
Er konnte etwa zwweiundzwanzig Jahre zählen, ,mmud
auch er sah auf den ersten Blick noch jünger aus, denn
er war klein, von feinem Gliederbau, und die kecken,
schwarzen Augen und das kleine Schnurrbärtchen auf
der Oberlippe ließen seine helle und frische Gesichts-
farbe fast weiblich erscheinen. Trotz des warmen
Wetters hatte er einen weiten weißen Tuchmantel über-
geworfen, und die weißen Casimirbeinkleider, die wweiß-
seidenen Strümpfe und der braunrothe, mit Schnuren-
werk reich besezte Rock, den er über der weißen Weste

tug, stachen in ihrer Hellfarbigkeit und Leichtigkeit
gegen den dunkeln Reitrock des Grafen ebenso wie das
Aeußere der beiden Gegner von einander ab.
Man begrüßte sich in aller Form, die männliche
Haltung des Grafen, die leichte Grazie des Chevaliers
verleugneten sich dabei nicht, und nachdem die üblichen
Verständigungsversuche von den beiden Seeundanten
gemacht, von den beiden Kämpfern zurückgewiesen, das
Terrain gewählt, die Waffen ausgeglichen, Licht und
Sonne Beiden gleich zugemessen worden waren, legten
der Graf und der Chevalier die Röcke ab, und das
Duell begann.
Es war ein Vergnüügen, diese Männer einander
gegenüber zu sehen, zu sehen, mit welch ruhigem Lächeln
der Graf sich auslegte, mit welch strahlender Heiterkeit
der Chevalier ihm entgegentrat. Wie spielend that
der Graf die ersten Stöße, aber die sichere Gewandt-
heit, mit welcher der Chevalier sie parirte und er-
widerte, belehrte den Grafen bald, daß er keinen ihm
unangemessenen Gegner vor sich habe, und daß die
kleine zarte Hand des jungen Mannes eben so sicher
die Klinge zu führen wußte, als sie geschickt eine
Schleife zu entwenden, einer Dame ein Billet zuzu-
stecken und eine Rose zu überreichen verstand.
Schon nach wenig Augenblicken hatte der Kampf
eine andere Gestalt gewonnen, Graf Joseph warf sich

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fester in seine Stellung zurück, sein Gesicht war ernst-
hafter geworden, und je unverkennbarer die helle Zu-
versicht in dem schönen Antliz seines Gegners hervor-
trat, je schneller Stoß auf Stoß einander folgten, je
mehr verdüsterten sich des Grafen Züge. Die Lection,
auf die er es für den Chevalier abgesehen hatte, war
nicht so leicht zu geben, als Jener erwartet. Aus der
Rolle eines spielenden Angreifers sah er sich, da er
anfangs offenbar seinen jugendlichen Gegner zu schonen
gedacht, in die Lage eines Angegriffenen versetzt, und
plötzlich von seiner Lebhaftigkeit übermannt, that er
einen Stoß, der bestimmt war, den Arm deö Chevalier
zu treffen und ihn kampfunfähig zu machen; indeß eine
zu heftige Wendung desselben machte es seinem Secun-
danten unmöglich, ihn in der rechten Weise zu decken,
der Degen entfiel der Hand des Fechtenden, und
krampfhaft nach der Brust greifend, sank der junge
Mann lautlos zu Boden.
Eine halbe Stunde spääter fuhr der Wagen des
Chevalier langsamen Schrittes über die weichen Sand-
wege des Boulogner Gehölzes dem Fauborg Saint-
Germain zu, während die beiden Schweizer auf raschen
Pferden die entgegengesetzte Straße einschlugen, um
die Garnison der Grafen, um Versailles zu erreichen,
wo der Hof sich aufhielt.