Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 03


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K Kapitel
In dem Boudoir der Königin waren die Portieren
herabgelassen, welche es von dem Nebenzimmer trennten.
, Zwei Hofdamen saßen in dem letzteren. Die Eine

derselben hatte ein Billet in den Händen, das sie eben
gelesen und dessen Inhalt auf beide Damen eine er-
schreckende Wirkung ausgeübt hatte. Sie sprachen leise
mit einander, und ihre Unterhaltung mußte irgend einen
Bezug auf ihre Herrin haben, denn sie blickten wäh-
rend derselben bisweilen unwillkürlich nach dem Ea-
binete, als ob von dort her irgend ein Aufschluß oder
z eine Entscheiöung zu erwarten stände.
Es verging aber eine geraume Seit, ohne daß ein
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! quets von Buchsbaum und Erlen sangen die Vögel.
Die Wasser rauschten an allen Ecken und Enden aus
den Fontainen hernieder, die Sonne schien hell und
warm durch die bis zum Boden herabgehenden Fenster
herein und leuchtete bis auf die violetten Vorhänge
des Boudoirs, deren goldene Quasten sich in ihrem -
Lichte prächtig von dem dunkeln Hintergrunde abhoben.
Die Stille fing offenbar an, auf die diensthaben-
den Damen ihren Einfluß auszuüben, denn sie ver-




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stummten allmälich, und die Eine und die Andere
hatten sich mtwüde in die hohen Lehnen der niedrigen
Sessel zurückgelegt, als die Portisre des Boudoirs
plötzlich zurückgeschlagen wurde und die damals zweiund-
dreißigjährige Königin Marie Antoinette in der Thüre
sichtbar wurde. Sie war noch im Morgenkleide, aber
ihrer zugleich frischen und gebietenden Schönheit stand
eine leichtere und zwanglose Kleidung so wohl an, daß
die Königin sie vorzugsweise liebte. Ihr Gewand von
weißem Mousselin war mit rosa Bändern s ls Wat-
teau aufgeschürzt, so daß man ihr Unterkleid von
weißem Gros de Tours, die mit rosa Pompons auf-
genommenen Falbalas desselben und die weißseidenen
Absazschuhe mit den großen blaßrothen Schleifen sehen
konnte. Ein Kantentuch s- ls gazssnne mit rosa
Bändern durchzogen umgab ihren Nacken und ihren
Busen, und ein ähnliches Spizentuch mit rothen Rosen
verziert, wie die Königin es auch in einem der lezten
Schäferspiele in Trianon gekragen, war über ihrer
hohen, aber bereits durch die Mode gelockerten Frjsur
befestigt, so daß die Rosen gerade über ihrer Stirne
zu liegen kamen und die langen, durchsichtig gepuderten
Locken hinter den Ohren der Königin bis tief auf ihre
Schulter hernieder fielen.
Die Damen erhoben sich bei ihrem Anblick, und
im Zimmer umherschauend fragte die Königin: ,Ist

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die Herzogin noch nicht hier? Ein Ühr ist vorüber.
Da trat eine der Damen an einen Seitentisch
heran, auf welchem sich auf silbernem Teller ein ver-
siegeltes Billet befand, und indem sie es der Königin
überreichte, berichtete sie, daß der Läufer der Herzogin
vor einer halben Stunde dieses Schreiben überbracht
habe.
, Und weshalb erhielt ich es nicht gleich? rief die
Königin, indem sie das Billet in Empfang nahm. -
,Majestät hatten den Befehl gegeben, Sie unter
keiner Bedingung zu unterbrechen !' entschuldigte die
Hofdame.
Die Königin hatte während dem das Blatt eröffnet.
Es enthielt gnr die wenigen Worte:,Von der Gnade
Ihrer Königlichen Majestät, auf die zu bauen ihre
huldvolle Güte mich bereits gewöhnt hat, erbitte ich
mir die Erlaubniß, mich eine halbe Stunde spääter bei
Ihrer Majestät einfinden zu dürfen, da ein Unglücks-
fall in meinek Familie mich schwer getrofen hat und
ich nicht fassungslos vor den Augen meiner aller-
gnädigsten Königin zu erscheinen wage.?
Die Königin war betroffen, sie liebte die Herzogin,
und obschon Königin, war sie eine Frau und der Neu-
gier nicht unzugänglich. Sie wendete sich daher an
die ältere ihrer Dämen und sagte: ,Die Herzogin
schreibt mir von einem Uuglücksfall, welcher sich in

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ihrer Familie zugetragen und sie schwer getroffen habe,
Wissen Sie, Marquise, was Ihrer Cousine be-
gegnet istF
Die Hofdame verneinte es, indessen ein flüchtiger
Wechsel ihrer Farbe strafte ihre Worte Lüge, und der
Königin, früh gewöhnt, die Menschen zu beobachten,
und scharfsinnig, wenn sie sich nicht alsichtlich ver-
blenden wollte, entging die Bewegung der stolzen
Schönheit nicht. Ihr großes, hellblaues Auge fest auf
sie heftend, wollte sie daher eben eine zweite Frage
an Frau von Vieillemarin richten, als zu deren Gläcke
die Ankunft der Herzogin von Polignac gemeldet wirde
und diese, nach erhaltener Erlaubniß, vor der Königin
erschien.
Mit jener persönlichen Ungezwungenheit, welche
auch bei Hochgeborenen das sicherste Zeichen ihres
Selbstgefühls und ihrer Selbstherrlichkeit ist, -ging
Marie Antoinette der Herzogin enkgegen, und ohne
ihr Zeit zu dem ceremoniellen, vorschriftsmäßigen Ein-
tritt zu lassen, sagte sie mit gütiger Lebhaftigkeit: ,Sie
haben mich mit Ihrem Brief erschreckt! was hat sich
in Ihrem Hause Unglückliches ereignet, meine theure
Herzogin?
Die Königin reichte dabei derselben ihre Hand,
welche die Herzogin sich tief niederbeugend küßte, dann
richtete diese sich auf, und weil sie wohl wußte,, daß

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fürstliche Herrschaften selbst von liebsten Freunden Aus-
einandersezungen ihrer Leiden nicht zu hören lieben,
antwortete sie: ,Mein Neffe, der Chevalier von Lagnac,
ist diesen Morgen tödtlich im Duell verwundet.r!
, O, hoffen Sie, er wird genesen!'' rief die Königin,
welcher schon die traurige Miene ihrer Freundin pein-
lich und beschwerlich war.
,Der Ausspruch der Aerzte giebt dieser Hoffnung
wenig Raum, wendete die Herzogin ein, welche Grünve
hatte, die Unterhaltung nicht so kurz abbrechen zu lassen.
, Und wer war sein Gegner?' forschte die Königin -
- weiter, um nur zunächst von dem Verwundeten nicht
mehr zu hören und des Beklagens ledig zu werden.
, Graf Joseph von Rottenbuel, Ew. Majestät!''
, Graf Rottenbuel? wiederholte die Königin, ,der
Major Rottenbuel? Wie hängt das zusammen? Kennt
man die Veranlassung des Zwistes?
,Ich wenigstens kenne sie, Majestät!!! antwortete
die Herzogin, indem ein flüchtiger, aber finsterer Blck
an Frau von Vieillemarin vorüberstreifte.
, So lassen Sie mich hören, gebot die Königin,
indem sie in ihr Cabinet zurücktrat und der Herzogin
ein Zeichen gab, ihr zu folgen. Dann wurden von
innen die Flügelthüren des Cabinetes zugemacht, und
die beiden Hofdamen blieben wieder allein in dem
Empfangssaale zurück.
s Lewald, Kleine Nomane. ?