Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 05

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. Kapites
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Kaum aber hatte sich die Thüre hinter dem Grafen
geschlossen, als die Mdarquise den Fopf empor hob,
wie Einer, dek eine smühevolle Arbeit abgethan, und
mit erleichtertem Hetzen Athem schöpfend, sagte sie:
,Wohl mir, er geht!f
Im Schloßhof schlug es die neunte Stunde. Die
Marquise nahm den Feuchter vom Tische und trat an
einen der Spiegel hetan, ihre Frisur, ihren Anzug zu --
mustern. Mit eiligex Hand rückte sie das Brillant-
schloß an ihrem Perlenhalsbande zurecht und bog den ! h
Esprit von Diamanten, der die dunkelrothen Federn
auf ihrem Toupet zusammenhielt, ein wenig tiefer nach
der Stirne nieder. Ihr Gesicht strahlte ihr in aller
seiner klaren, gebieterißhen Schönheit aus dem Spiegel -
wieder. Und als das Rauschen ihres Schleppkleides
nicht mehr in dem Pavillon zu hören war, als das - -
Licht ihn nicht mehr erleuchtete,. da schwebten nur die
Geister des Schmerzes darin umher, den ein edles
Männerherz jetzt eben in dem einsamen- Raume er- I
duldet hatte.
Als der Graf seine Wohnung erreichte, fand er in -
derselben seinen Neffen, den Junker Ulrich von Thurid, I
z der ihn erwartete. Er fragte, ob der Onkel reisen


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werde; der Graf bejahte es. ,Ich werde auf diese
Weise endlich einmal in meine Heimath kommen!!! sagte
er, gleichsam um sich eine angenehme Aussicht aus der
Verdüsterung zu eröfnen, die ihn umfangen hielt, aber
diese Aussicht hatte bis jezt wenig Verlockendes für
ihn, denn er kannte seine Heimath nicht.
Schon sein Vater hatte in Diensten der franzö-
sischen Königsdynastie gestanden, war zum Range eines
Generals empporgestiegen und hatte sich mit einer
Deutschen verheirathet, deren Vater von einem der
kleinen deutschen Höfe als Gesandter in Parid accredi-
tirt war. Graf Joseph und dessen einzig bedeutend
ältere Schwester waren Beide in Frankreich geboren
und erzogen worden, und als der General mit Frau
und Sohn einmal die Reise nach der Schweiz gemacht,
um die eben vermählte Tochter auf ihrem Schlosse un-
fern der italienischen Grenze zu besuchen, ,war Graf
Joseph noch ein Knabe gewesen. Dunkle Bilder von
hohen, schneebedeckten Bergen, von rauschenden Wasser-
stürzen, von engen, schwindelnden Alpenpässen, von
kleinen, freundlichen Stäädten, von lachenden Dörfern
nnd von stolzen Burgen auf einsamen Höhen tauchten
hie und da in seiner Erinnerung auf, aber er hatte
bisher keine Sehnsucht getragen, diese bleichen Erin-
nerungen neu zu beleben.
Bald nach jener Schweizerreise war sein Vater
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- gestorben, und da die Wohlgeneigtheit des Königs der
Gräfin mannigfache Vortheile für die Zukunft ihres
Sohnes versprach, so hatte die an das Hofleben ge-
wöhnte Frau ohne Noth Paris nicht verlassen und
noch weniger an einen dauernden Aufenthalt in den
stillen Gebirgen von Graubünden denken mögen. Paris
war für sie allm älig der Mittelpunkt; der Welt ge-
worden, und der Hof die Sonne, von welcher Licht
h'! und Leben für sie ausging.
In diesen Neberzeugungen hatte sie ihren einzigen
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Sohn erzogen, aber mit ihrer Vorliebe für Frankreich,
mit ihrer Hingebung für die herrschende Dynastie hatte
sie ihm auch ihre feste Anhänglichkeit an den Prote-
stantismus und den Ernst und die Sittenstrenge ein-
geflößt, welche seit den Tagen der Reformation das
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Auch die Gräfin war nicht alt geworden, und mit
achtzehn Jahren hatte Graf Joseph sich verwaist, im
Besize einer Officiersstelle in den Schweizergarden
und als Herr eines bedeutenden Grunrbesizes sich selber
überlassen gefunden: Der Name seineö Vaterd hatte
ihm früh eine Geltung in dem Regimente verschafft,
welches derselbe befehligt, seine Geburt verband ihn
mit den ältesten Geschlechtern, und die Gunst, welcher
seine Eltern sich von dem Königspaare zu erfreuen
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Lewald, Kleine Romate! N
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gehabt, hatte auch lhm einen gnädigen Empfang bei
seiner ersten Erscheinung am Hofe gesichert. Seine
Wohlgestalt und ein gewisser Zug von schwärmerischer
Ritterlichkeit nahmen die Frauen für ihn ein, die
Männer nannten ihn einen Mann von Muth und
Ehre, einen vollkommenen Cavalier und gestanden ihm
alle Vorzüge einer sorgfältig geleiteten Erziehung zu.
Das Glück hatte Alles für ihn gethan, ntr sEines
hatte es ihm versagt: die Fähigkeit dasselbe zu genießen,
oder vielmehr die innere Einheit des Wesens, ohne
welche es dem Menschen nie gelingt, seines Lebens
dauernd froh zu werden.
, Der Graf wußte die Vorzüge, wwelche ihn( zu Thejl
genhorden warhn, wohl zu schäzen, aber er hätte!einen
Ehtgeiz, der ach Befriedigung verlangte, ußd es er-
öfftete sich füh denselben nicht das Feld. ßr fühlte
in sich Kräfte, die er auszubilden, die er zu ghbräuchen
wünschte, indeß die glorreichen Tage Frankreichs !schie-
nen damals vorüber zu sein. Die Regierung des sech-
zehnten Ludwig war keine kriegeriiche, es gab keine
Lorbeeren mehr auf dem Schlachtfelde zu pflückei, die
große Epoche dex Literatur lag ebenfalls schons weit
zurßck, ja sogar die alte französische Fröhlichkett belebte
die iGeister nicht mehr. Dje besondere Gefnüthsart
des, Königs, die Zerwürfnisse zwwischen dem Volke und
der Regierungs welche immer unverkennbaretj hervor-

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f; traten, übten, ohne daß man es sich eingestehen mochte,
einen bedrückenden Einfluß auf die Stimmung des
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Hofes aus, und man hätte wohl sagen können, man
amüsire sich aus Unbehagen, man sei so heiter, weil
man anfange Sorgen zu haben. Das leichtsinnig ver-
wegene Wort: nach uns die Sündfluth war in der
Erinnerung der Menschen unvergessen, wenn schon man
es nicht mehr nachzusprechen wagte; denn selbst am. - -
Hofe gab es Personen genug, welche die Wetterwolken
deutlich genug emporsteigen sahen, aus denen der ver-
nichtende Bliz auf die Dynastie und ihre Anhänger
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s hernieder fabren solte
Zu diesen Fernsehenden, Scharfblickenden hatte ders s s
j! igendtche Graf alebigs nicht gehört, ber mae hanel s f
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ihn zu jenen edlens Unzufriedenen rechnen können, die -


von dem Tage mehr verlangten, als daß er vorüber-
gehe, und von dens Leben mehr als flüchtigen Genuß.
Unruhig umhergetrieben von einer lebhaften und doch
eigentlich unbestimmten Sehnsucht, Ideale im Herzen,
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wie der Dichter der Heloise sie in den Menschen wach
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gerufen, von -der Herzensschwärmerei berührt, welche
in der Gestalt des Goetheschen Werther ihren höchsten
Ausdruck gefunden, so hatte Joseph seit ein paar Jahren -
in der Gesellschaft bes Hofes gelebt, als die siebenzehn-s - f
jährige Tochter de Familie de la Roche, zu einer der -
F Hoffräulein der Knigin ernannt, am Hofe erschien. -
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Franziska de la Roche war eine blendende Schön- j
heit und ebenso klug als schön, ebenso kalt und be- j
rechnend als klug. Da sie die jüngste Tochter einer ,
zahlreichen Familie war, hatte man sie von Iugend
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nach der Ansicht ihrer Eltern ein Theil des Familien-
capitales, und früh gewiegt in Träumen von Reich-
thum und Pracht, die nur um so verlockender wirkten,
je mehr sie von der ländlichen Zurückgezogenheit ab-
stachen, in welcher die junge Franziska erwuchs, war
sie bei dem Eintritt in ihren Hofdienst fest entschlossen
gewesen, ihre persönlichen Vorzüge zu nutzen und den -
Heiter, zuversichtlich, beobachtend und achtsam wl- !
größtmöglichen Gewinn von ihnen zu ziehen.
ein junger Jäger auf dem Anstand, lebhaft genng, um
schnell erregt zu werden, und doch nicht so phantasie-
voll und sinnlich, daß es leicht gewesen wäre, sie wider
ihren Willen zu beschäftigen und hinzureißen, ohne
Gemüth und ohne Grundsätze, welche ihrer Selbstsucht
und ihrem Ehrgeize hätten Schranken sezen können,
würde sie unschwer zu beurtheilen und nicht eben ein-
nehmend gewesen sein, wenn nicht die ihr anerzogene
äußere Zurückhaltung ihr den Ausirich einer Jung-
frääulichkeit verliehen hätte, von der man sich keines
Bösen und keiner Täuschung versah. Sie galt nach

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ihrer strengen häuslichen Erziehuig füc siitsam und
religiös, und sie bewies gleich a-ige, - wie klug sie
sei, indem sie sich den Beichtvatet er Herzegin zu
ihrem Seelsorger erwählte. Der Bictvater empfahl
sie der Herzogin, und diese, welcher es wichtig war,
in der Nähe der Königin nur Personen zu haben, auf
welche die herrschsüchtige Familie der Polignac's einen
bestimmenden Einfluß ausübte, nahin das junge Hof-
fräulein in ihren besonderen Schut.
Fräulein de la Roche war das sehr wohl zufrieden.
Sie fand es bequem, eine Weile am Fuße der Leiter
zu sitzen, auf welcher sie empor zu steigen dachte. Sie
war ganz Ergebenheit, ganz kindlihe Fügsamkeit gegen
ihre Beschützerin, was sie jedoch gar nicht hinderte,
ihr Auge offen zu behalten und sich nach eine. guten
Heirath für sich selber umzusehen.
Der schöne Graf von Rottenbuel dünkte sie dazu
der rechte Mann. Sie sah, daß die Mütter heirath-
barer Töchter ihn auszeichneten und daß er am Hofe
wohl gelitten war. Das genügte ihr, sich die Aufgabe
zu stellen ihn anzuziehen, und ihre Schönheit, ihre
Jugend erleichterten ihr die Aufgabe um so mehr, als
dem Grafen jener berechnende und selbstische Sinn,
welcher Franziska eigen war, völlig fehlte. Er hatte
sich, seinen Reigungen, seinen Träumen gelebt, er war
ein glaubensvoller Schwärmer inmitten einer Gesell-

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schaft, die nicht glaubte und schwärmte. Er hatte nur
eine Befriedigung für sein Herz, nicht wie Fräulein
de la Roche eine gesicherte Zukunft für sich zu suchen.
Er war Majoratsherr, sie die jüngste Tochter einer
adelstolzen Familie, deren Grundbesiz gleichfalls ein
Majorat war, und deren übriges Vermögen eben nur
hinreichte, den jüngeren Söhnen ein standesgemäßes
Auftreten und für die Töchter eine unbedeutende Mit-
gift zu ermöglichen. Graf Joseph gab sich Franziska's
Bewerbung arglos hin, er fühlte sich von ihr gefesselt,
und bald liebte er sie mit der vollen Hingebung, mit
dem schrankenlosen Vertrauen der ersten Liebe. Aber
gerade das idyllische, das romantische Element in sei-
nem Herzen, die Plane, welche er für seine Zukunft
an der Seite eines geliebten Weibes entworfen hatte,
trennten Franziska von ihm. Sie fand sich zu jung
und zu schön, um ihr Leben in dem einsamen Schlosse
eines unwirthlichen Gebirgslandes hinzubringen, und
kaum eröffnete die Galanterie des Marquis von Vieille-
marin ihr die Aussicht, als Cousine der Herzogin in
ihrer eben angetretenen Stellung neben der Königin
bleiben zu können, als sie ibre Absicht auf den Grafen
aufgab und sich nur noch demüthiger und fester an
die Herzogin anschloß.
Franziska de la Roche war nach kurzer Zeit Mar-
quise von Vieillemarin geworden. Sie hatte den Grafen

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getäuscht und ihn ihrem Ehrgeiz g ernet, sie tauschte
auch ihren Gatten und die Herzogin, und u uußte es
doch allen Dreien unmöglich zu machen, daß man sie
aufgeben, sich von ihr frei machen und sie bloßstellen
konnte. Sie nannte sich gegen den Grufen ein Werk-
zeug in den Händen ihrer Familie, sie betheuerte ihm,
daß seine Liebe ihr Glück gewesen wäre, daß seine
Freundschaft ihr einziger Trost in dem Unglück igrer
Ehe, daß er ihr unentbehrlich sei. Sie reizte heute
seine Liebe und morgen seine Eifersucht auf, sie nahm
sein Mitleid, seine Großmuth, seinen marnliühen
Freundesschuz in Anspruch; sie wußte, um es mit ei-
nem Worte zu bezeichnen, Herr über seine Gedanken
und Empfindungen zu bleiben, sie nahm ihmu Ruhe,
Frieden und Zuknnft, sie gönnte ihm die Freiheit nicht,
nach welcher sie ihn oft verlangen sah. Die Liebe, die
ausdauernde Treue und Freund!haft eines Mannes
von fleckenloser Ehre waren schon nach wenig Jahren
für die Marquise ein fester Anhalt und ein schüzendes
Panier, die sie nicht entbehren wollte und nicht wohl
entbehren konnte, da ihre Stellung am Hofe allmählich
eine bedenkliche geworden war.
Die Herzogin haßte Franziska, denn sie hatte sich
in allen den Voraussetzungen betrogen, unter denen
sie dieselbe zur Gattin für ihren Vetter ausersehen.
Sie war der Zuversicht gewesen, das kluge, eiufach er-

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zogene Fräulein werde den leichtsinnigen Marquis an
Ordnung gewöhnen und ihn von seinen verschwende-
rischen Neigungen zurückzubringen verstehen. Sie hatte
darauf gerechnet, in ihrer jungen Verwandten auch
künftig die fügsame Ergebenheit wieder zu finden und
von ihrer feinen Beobachtung nach wie vor Vortheil
zu ziehen., Die Marquise hatte jedoch nur eben erst
Fjs- - den Boden unter ihren Füßen gewennen, auf welchem
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sie stehen konnte, als sie auch bereits auf eigene Rech-
nung zu arbeiten begann. Sie ließ ihren Gatten ruhig
gewähren, denn die Freiheit, welche sie ihm zugestand,
wünschte sie auch für sih selber in Anspruch zu nehmen,
und statt ein Werkzeug der Herzogin zu werden, ward
sie bald dreist genug, an eine Nebenbuhlerschaft mit
ihrer hoch in Gunsten stehenden Verwandten zu denken.
Auf diese Weise war zwischen den beiden Frauen
ein heimlicher Kampf entbrannt, dessen Erfolg nicht
lange zweifelhaft geblieben sein würde, hätte die Herzogin
nicht bei Allem, was sie gegen die Marquise unter-
nahm, die Rücksicht auf ihres Neffen Ehre, auf die
Ehre ihres eigenen Hauses zu nehmen gehabt. Indeß
Franziska mißbrauchte mit der ihr eigenen Keckheit die
Schonung, welche die Herzogin ihr angedeihen ließ,
bis diese endlich, mehr und mehr gereizt, ein Ende zu
machen beschloß, bei welchem Franziska eben der Fa-
milienehre geopfert werden sollte.

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Wen man in eine Falle zu rclr cen wvunsct, den
muß man vor allen Dingen den Weg rerfelgen lassen,
welcher ihn zu derselben führt, und die Schxanken und
Stüzen forträumen, die ihn z,üückhalten und an
welche er sich lehnen konnte. So hatte cenn auch die
Herzogin bald leichthin ermahnend, bald entschuldigend
der Verschwendung und den galanten Abenteuern ihrer
jungen Cousine zugesehen, ja sie hatte derselben stets
das Wort geredet, wenn hier und da eine mißbilligende
Bemerkung gegen die schöne Marquise laut geworden
war; denn wer konnte an Franziska noch glauben, wer
konnte nach dieser von der Herzogin befolgten Vorsicht
Franziska in Schutz zu nehmen denken, wenn die Frau,
welche sich stets als ihre Freundin und Eönnerin ge-
zeigt hatte, sich einst gegen sie erhob? Wer konnte sich
der Marquise noch annehmen, als etwa d r Graf von
Rottenbuel in seiner schwärmerischen Rfkterlichkeit -
und eben diese hatte die Herzegin jezk zu gebrauchen
beschlossen, um Franziska zu verderben, denn die ver-
wegene Eitelkeit der jungen Frau war bereits zu einer
für die Herzegin bedrohlichen Höhe emporgewachsen.
Die Herzogin genoß außer dem vollen Vertrauen
der Königin
Artois. Sie
Vieillemarin,
Hofstaat der
auch die Freundschaft des Grafen von
hatte ihren Vetter, den Marquis von
durch die Heirath nrit Franziska an den
Königin attachirt, und ihren Neffen, den

Chevalier von Lagnae, früh in die unmittelbare Nähe
des Grafen von Artois gebracht, um ihres Einflusses
und ihrer Herrschaft an beiden Hofstaaten sicher zu
bleiben. Aber Franziska's Ehrgeiz verfolgte ein gleihes
Ziel, und die Hoffnung, durch ihre Jugend und Schön-
heit die Herzogin überflügeln und sie in der Freund-
schaft des Grafen von Artois ersetzen zu können, hatten
Franziska bewogen, einen Liebeshandel mit dem Che-
valier von Lagnac anzuknüpfen, den sie aufzugeben fest
entschlossen war, sobald sich ihr die Möglichkeit eröffnen
würde, den Gebieter statt des Dieners an sich zu
fesseln. Auf dem Punkte, dieses Ziel zu erreichen,
nöthigte das Duell zwischen dem Grafen von Rotten-
buel und dem Chevalier sie, wider ihr Erwarten stille
zu stehen; denn was die beiden Männer zu demselben
veranlaßt hatte, darüber konnte man eben nicht zweifel-
haft sein, und die Herzogin beschloß, die Gelegenheit
zu einer Demüthigung ihrer hochfahrenden Verwandten
zu benutzen.
Der Marquis von Vieillemarin war von jeher ein
biegsames Wachs in den Händen seiner vielvermögen-
den Gousine gewesen. Er hatte geliebt und geheirathet,
geschwiegen und verziehen, wie die Herzogin es für
gut befunden, und es bedurfte nur ihrer Anmahnung,
daß es ihm nicht gezieme, den Galanterien der Mar-
quise länger zuzusehen, um seinen Zorn gegen dieselbe

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zu entflammen und ihn die Rolle de belei. in Gaten
übernehmen zu lassen. Aber auch jet-. n:iever wap es
die Herzogin, die dem Ausbruape eine« Jorues
Schranken sezte. Eine Verwandte ihres Haub.s sollte
nicht vom Hose entfernt, nicht etwa in Unguaden ent-,
lassen werden. Sie sollte nur wissen, wetage Gefahr
ihr drohte und wessen Willen ihr Scziajal leuite, sie
sollte wo möglich von einer Rebenbuhlerin wieder zu
einer willfährigen Gehülfin herabgedrückt werdea und
einen neuen Beweis davon erhalteu, daß die Herzogin
das Steuer noch in festen Händen führe, daß die strenge
Hand derselben noch über ihrem Haap.e schwebe.
Gegen den Bruder des Königs, gegen den Gtafen
von Artois, vermochte die Herzogin a=u.- zu unter-
nehmen, und der Günstling desselben, ihr ei,eneu Neffe,
lag auf den Tod verwundet. Solite Franziska also
die Macht der Herzogin empfinden, s- mußte öerjenige
büßen, auf den die Marquise am jrwhersten vertraute, -
und den die Herzogin eben deshalb mit Nebelwollen
ansah.
Es war kein Zweifel, Graf Joseph mußte geopfert,
mußte verhaftet und womöglich gänzlich entfernt wer-
den. Der König handelte dann nach seiner Ansicht
über das Duell, der Graf von Artois empfing eine
Genugthuung für die Verwundung seiüies Günftlings,
der Marquis genoß eine Befriedigung gegenüber seiner

Frau, diese selbst mußte, während sie in der Gunst
der Königin verlor, ihre eigene Ohnmacht erkennen,
und die Herzogin zweifelte nicht daran, daß die Mar-
auise auch in den Augen des Grafen von Artois
verloren sein werde, wenn sie demselben die Be-
weise für Franziska's Liebeshandel mit dem Cheva-
lier zu bieten im Stande sei, in deren Besiz sie sich
befand.
Der Plan war gut angelegt und konnte nicht leicht
fehlschlagen, nur einen Umstand hatte die Herzogin
nicht erwogen, nur Eines hatte sie nicht in Betracht
gezogen- die Scharfsicht und schnelle und gute Be-
rechnung, deren auch Franziska fäähig war. Wie schnell
die Herzogin auch handelte, so hatte sie doch Rück-
sichten zu nehmen und ihre äußere Stellung würdig
zu bewahren, wo für Franziska wenig zu verlieren
und Alles zu gewinnen stand; und noch war der Ver-
hafibefehl gegen den Grafen von Rottenbuel nicht unter-
zeichnet, als der Graf von Artois schon das folgende
Bißet Franziska's in seinen Händen hielt:
,Königliche Hoheit! An wen sollte eine Frau,
welche das hohe Glück hat, Sie zu kennen und
Ihre ritterlichen Eigenschaften zu verehren, sich in
ihrer Verwirrung um Hülfe und um Beistand wen-
den, als an Sie, der Sie der ganzen Jugend Frank-
reichs das hochherzige Beispiel jener großmüthigen

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Galanterie geben, welche so verzugsweise das Eigen-
thum unseres Vaterlandes iste =-
,,Die eifersüchtige Freundschaft des unglücklichen
Chevalier von Lagnac, dessen leidenschaftliche Er-
gebenheit für Ihre Königliche Hoheit sich schon
durch die Zeichen des huldvollen Antheils beunruhigt
fühlte, mit dem Ihre Königliche Hoheit wich zu be-
gnadigen geruhten, hat sich in einer Aeußerung Luft
gemacht, welche das Nebelwollen zu mißdeuten im
Stande gewesen wäre, hätte nicht ein Freund, ein
Freund, den ich wie einen Bruder lebe, seit der
Wille meiner Familie und das unumscränkte Macht-
gebot der Frau Herzogin mich hinderten, ihm einen
zärtlicheren Namen zu geben, sich meiner angenem-
men. Sie wissen, Königliche Hoheit, was geschehen
ist. Man glaubt sich Ihnen wohlgefäulig zu machen,
in Ihrem Sinne zu handeln, wenn man den Grafen
von Rottenbuel seiner Freiheit beraubt. Erklären
Sie, mein gnädigster Herr, ich beschwöre Sie darum,
daß Sie seine Bestrafung nicht begehren; oder besser
noch, lassen Sie ihn wissen, daß Sie ihm die Ver-
wundung des Chevaliers verzeihen, und befehlen Sie
ihm, Königliche Hoheit, daß er den Urlaub, den er
bereits gestern gefordert, zu seiner Sicherung durch
die Flucht benutze.
Freilih werde ich dann ganz einsam, ohne Stüze,

ohne den Beistand eines Freundes mich dem Nebel-
wollen meiner Familie preiögegeben finden; aber ist
mein Vertrauen zu kühn, ist meine Hofnung auf
die Gnade Ihrer Königlichen Hoheit trügerisch, wenn
ich mir damit schmeichle, Sie würden es nicht ver-
schmähen, einer Frau Ihre Theilnahme und Ihren-
Schutz angedeihen zu lassen, die kein heißeres Ver-
langen hat, als Ihnen zu beweisen, Monseigneur,
wie sohr sio Ibnen ergeben und in Bewunderung
zu eigen istf
Als Graf I seph nach seiner Unterredung mit !
Franziska in seine Wohnung zurückkehrte, fand er in -'
derselben ein Sehreiben vor, welches von einem könig-
lichen Läufer eben erst für den Grafen abgegeben ;
worden war.
Es trug nnr einen Buchstaben, nur ein C. als
Namensuntschrift, aber Graf Joseph kannte diesen
Buchstaben wit dem kühnen Juge, und seine Wange
erbleichte, während er die Zeilen las:
,,Man meldet mir soebeu den Tod meines Kammer-
herrn, des armen Chevalier von Lagnac, und das
Herz noch blutend von dem Kummer über diesen
Verlust. will ic mich überwindend in dem groß-
müthigen Tinne des jungen Freundes handeln, den -
ich verldn
e. Ich gehöre nicht zu Ihren Geg-

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nern, ich verlange nicht, Sie bestraft zu sehen. Ver-
lassen Sie Frankreich, Herr Graf! -- Ihre An-
wesenheit würde Ihre Freunde verhindern, für
Sie eintreten zu können, wie das liebenswürdige
Herz Ihrer Freundin es für Sie wünscht. Reisen
Sie, Herr Graf, und überlassen Sie uns die Sorge
für Ihre Sicherheit. !
Ein bitteres Lachen, ein Lachen, das ihm wehe
that, tönte von Graf Joseph's Munde an das Ohr
seines Neffen, der gekommen war, die Befehle seines
Onkels zu vernehmen. Er fragte nicht, was der Brief
enthalten habe, der Graf erwähnte desselben mit keinem
Worte.
Der Wagen des Grafen stand vor- seiner Thüre,
und als in dem Concertsaal des Königsschlosses zu
Versailles die mächtigen Klänge der Gluck'schen Iphi-
genia ertönten, als der galante Graf von Artois die
schöne Marquise von Vieillemarin seines Schutzes und
seiner gutten Dienste auf das Feurigste versicherte, rollte
der Wagen des Grafen von Rdottenbuel zu dem Thore
der Stadt hinaus in das Dunkel der schwülen Sommer-
nacht, die kein Stern erhellte.