Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 06

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l Kapilel.
Es war seit Jahren zwischen dem Grafen und
seiner Schwester, der Freifrau von Thuris, die Rede
davon gewesen, daß der Graf die Schweiz besuchen,
seine Heimath, seine Besizzungen, seine Familie kennen
lernen sollte; aber eben der Grund, welcher die Frei-
frau die Entfernung ihres Bruders von dem Hofe so
lebhaft hatte wünschen lassen, hatte diesen dort gefesselt;
und nun, da ein Zusammentreffen von Ereignissen
ihn nach der Schweiz zu gehen bewogen, war es so
plözlich geschehen, daß Niemand von des Grafen Fa-
milie davon Kunde erhalten konnte und Niemand von
den Seinen ihn erwartete. Nicht. einmal in seinem
eigenen Hause wußte man, daß der Herr es zu be-
suchen denke, und er selber erinnerte sich dieses Hauses
eben nur wie eines Gehildes aus irgend einem Traume.
Die Sonne war im Sinken, als ihm plözlich bei
dem Blick auf die Ruinen der Burg Liechtenstein das
Bewußtein kam, daß er diese Ruine schon gesehen,
und an dem einen Anhaltepunkte stieg die ganze Ge-
gend in seinem Gedächtniß als eine bekannte und ihm
vertraute empor. Hier war er als Kind in dem gro-
ßen Reisewagen seiner Eltern gefahren, aus dem er
hinabgesehen auf die grünen, weißschäumenden Fluthen
des Rheines. Das war der Sessaplana, das der

Gallanda, auf dessen scharfgezeichuetem Gipfel der
Schnee erglänzte, obschon das Land zu ieinen Füßen
sich in die volle Pracht des Sommens gekleidet hatte;
und dort, wo das Thal sich verengte, dert ragten sie
empor auf der Höhe, der mächtige Dom und der
breit hingelagerte Bischofssitz der alten rhätischen
Stadt, dort erhob sich noch immer der viereckige, ur-
alte Thurm der einstigen Römerfeste, der uris.
Ihaetorum, die, wie ihm sein Vater damals erklärt
hatte, mit weiser Berechnung auf diesem Flecke ange-
legt, die drei Thäler zu gleicher Zeit beherrscht und so
dem Angriff von allen Seiten zu trozen vermocht hatte.
Die fernste Vergangenheit, der Gedanke an seine
Jugend, an seine Eltern und an das Jüngsterlebte
schmolzen in der Seele des Grafen in eine wehmüthige
Empfindung zusammen. Er fühlte es, welch ein
Atom der Mensch sei, und sehnte sicc doch mehr als
je zuvor nach einem festen Anhalt für sein flüchtig
hinschwindendes Dasein.
Es schmerzte ihn, daß er den Weg nach seiner
Heimath, nach seinem Hause gar nicht kannte, und es
war eine schmerzliche Reugier, mit welcher er aus .
seiner Reisekalesche in die Gegend hinaussah, die
Straße verfolgend, welche man ihn führte, und nach
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Der Bursche, der ihn mit fröhlichem Peitschenknalle
die lange Pappelallee von dem Flecken Malsanz nach
der Stadt hinauffuhr, der so sicher seine Pferde durch
das mit Thürmen flankirte alte Stadtthor und durch
die engen, gewundenen Straßen leitete, der kannte das
gräflich Rottenbuel'sche Haus, der wußte es zu finden.
- Der Besizer des Hauses hätte das nicht vermocht.
In der Stadt war Lebens genug. Die Bürger
; standen vor ihren Thüren, die lezte Abendstunde mit
! einander zu verplaudern, an den Brunnen tränkten
italienische und romanische Kärner ihre müden Thiere,
welche morgen den Weg über das Gebirge wieder
zurücklegen sollten, und schäkernde Burschen mit dunkel
glänzenden Augen, die bräunliche Sammetjacke auf
gut Italienisch über die Schulter geworfen, hielten
sich zu den Mägden und Weibern, die ebenfalls an
den Brunnen beschäftigt waren oder mit den vollen
Körben auf dem Kopfe von den Wiesen und Gärten
in die Siadt zurückkehrten. Nun bog der Wagen
um eine Ecke, nun fuhr man über die Brücke, und
nun erblickte Graf Joseph auch das wilde Bergwasser,
das läärmend und brausend seine Gischtmassen zwischen
den schmalen Ufern herniederrauschen ließ zum nahen
Rhein. Das war die Plessur, die von den Bergen
herabkam, und dort am andern Ufer, das war es,
das war sein Vaterhaus, seiner Väter Haus zu Chur.
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Die Augen wurden ihm feucht. leit, tte sich das
Haus größer, höher, den Thurm se mäctig gedacht.
Er seufzte unwillkürlich. Auch das Haus war zn-
fammengeschrumpft, wie alle seine Ideale, es war nicht
das, was er davon erwartet hatte.
Je mehr sie sich aber dem Hause nahten, je deut-
licher er es unterscheiden konnte, um so besser fing es
ihm zu gefallen an. Die grünen Läden an den hohen
Fenstern der sauber gehaltenen weißen Wände, die
schönen Pappeln am Eingange des Gartens, die wohl-
geschorene Hecke und die zugespitzten Buähsbaum-y-
ramiden verriethen, daß hier treulich Sorge für ihn
getragen worden sei, und da er fühlte, wie Liebe hier
für ihn gewaltet, spann sich leise ein Faden von seinem
Herzen zu seiner Heimath hinüber.
Der überraschte Hauswart hatte Thor und Thüren
seinem fremden Gebieter geöffnet, und Graf Joseph
fand sich am Abende einsam in dem Hause, das er
zum ersten Male als das seine betrat. Er hatte sich
das Zimmer seines Vaters zum Aufenthalte ausge-
wählt, sein Kammerdiener sorgte für seines Herrn
Bedürfnisse und Bequemlichkeit; indeß die leeren Räume
ließen sich nicht beleben, und der Graf kannte Nie-
mand in Chur, den er hätte auffordern mögen, ihn
zu besuchen. Seine Blutsverwandten waren in dieser
Zeit schon lange auf ihren Besizungen in den Bergen
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und in den hochgelegenen Thälern; und die einzelnenPer-
sonen aus seiner Vaterstadt, mit welchen er bei ihren ge-
legentlichen Besuchen in Frankreichinflüchtige Berührung
gekommen war, fühlte er sich nicht gestimmt zu sehen.
Al es Nacht geworden war, brachte sein Kam-
merdiener ihm das Licht in's Zimmer Er sezte den
schweren Armleuchter auf den Tisch, daneben eine
Flasche des alten Weines, der seit fast einem Men-
schenalter ungenutzt in dem gräflichen Keller gelagert
hatte, und verließ dann das Gemach.
Der Graf warf einen flüchtigen Blick nach dem
Tische, und der alte Leuchter hellte die ganze Vergan-
genheit für ihn auf. Er hatte ihn als Kind oftmals
betrachtet, diesen emporschwebenden Genius, der, aus
schwerem Silber gearbeitet, die Fackel mit den drei
Lichtern emporhielt. Sein Vater hatte dem Grafen
erzählt, daß dieser Leuchter ein altes Besizstück seines
Hauses sei, ein Werk von Benvenuto Eellinis kunst-
geübter Hand. Einer seiner Ahnen, Graf Übald von
Rottenbuel, der lange in päpstlichen Diensten gestan-
den, hatte es aus Jtalien mitgebracht, als er sich in
die Heimath zurückgezogen und sich ein Weib genom-
men hatte. Er hob den Leuchter emvor, er besah
prüfend die schöne Arbeit, aber es war nicht das
Kunstwerk, das ihn beschäftigte.
Er hätte Jemand haben mögen, dem er die Ge-

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schichte dieses Leuchters, die Geschichte c:s Grafen
Übald und die ganze Herkunft und Abstammung sei-
nes Hauses hätte erzählen können, wie sein Vater sie
ihm hier in diesem Zimmer einst vorezzähl. Das
alte Erbstück der Famile, der alte Besiz machten ihn
sehnsüchtig denselben weiter fortzuvererben, gaben ihm
ein Verlangen nach Weib und Kind.
Er fuhr mit der Hand über die Stirn. Er wollte
die Gedanken bannen, er wollte vielleicht auch ein
ein Bild verscheuchen, das sich ihm vor die Augen
drängte; aber was er auch beginnen mochte, er wurde
seiner Stimmung nicht Meister, er konnte in dem ein-
famen Hause kein Behagen finden, und die Sebnsucht
nach einem Menschen, dem er seit Herz erscließen,
an den er sich lehnen könne, brachte ihn zu dem Ent-
schlusse, sich schon am folgenden Morgen in aller
Frühe auf den Weg zu machen, um sein Stammschloß
in den Bergen noch am Abende zu erreichen, seiner
Schwester von dort einen Boten zu senden und sie
von seiner Ankunft zu benachrichtigen.
Am Abende war er als ein Fremder iy sein Haus
gekommen, am Morgen erwachte er in demselben mit
der Empfindung des Besizers. Er glaubte hier eine
Vernachlässigung, dort die Möglichkeit zu einer Ver-
besserung zu bemerken. Obschon er sich gleich auf
den Weg zu machen beabsichtigte, ließ er den Haus-