Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 07

wart kommen und gab die Anweisung zu einigen Ver-
änderungen, die er sofort ausgeführt zu haben wünschte.
Als er seine Befehle aussprach, dünkte es ihn nicht,
als habe er damit etwas Besonderes gethan; da aber
der Hauswart in die Details des zu Beschaffenden
einging, fiel es dem Grafen auf, daß er sich darum
gekümmert habe, und ohne daß er es gewahrte, knüpfte
es ihn an die Reihen seiner Vorfahren an, daß er für
die Stätte Sorge trug, welche sie begründet hatten.
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?. Kapitel.
Damals war der Weg, der von Chur aus über
den Paß des Julier nach den Duellen des Jnn in
das Engadin führte, noch ein sehr beschwerlicher.
Schmale, steile Pfade, nur dem sicheren Schritte des
vorsichtigen Bergpferdes und dem festen Fuß des rü-
stigen Wanderers zugänglich, stiegen über die Felsen
hinauf, leiteten an tiefen Abhängen vorüber, in die
Thäler hinunter und verloren sich bisweilen ganz, so
daß der Wanderer selbst die Stelle zu suchen hatte,
von der aus er weiter vorwärts kommen konnte.
Die Erde lag noch im Schatten, der Nebel erfüllte


noch die Thäler, als Graf Joseph, ne ut jci ele Diener
gefolgt, langsam die Höhe emporritt. Je höher er
stieg, um so tiefer sank der Nebet. Durch Wälder
von Wallnußbäumen, an Weingärten vorbei, deren
große Blätter thautriefend der Sonye warteten, ging
es hinauf, und ein leises kühles Wehen erfrischte ihm
die Brust. Er athmete leichter und voller als je zu-
vor, und das Emporsteigen, das Vorwärtskommen er-
freuten ihn, denn in Beidem liegt ein Gelingen. Er
sah hinab, ein Meer von Nebel schwamm zu seinen
Füßen, bewegte sich langsam hin und her, ließ hie
und da eine Stätte in unklaren Umrissen erkennen,
und zog sich dann wieder wirbelnd und schwebend zu-
sammen. Er sah empor, und es traf ihn wie eine
Verklärung. In einem Schimmer, für dessen Farbe
und Pracht es keinen Namen gab, leuchteten die
schneeigen Grate des Gebirges auf dem unsäglich klaren
Himmelsblau, und als wolle das Licht beweisen, daß -
es noch die Gewalt habe, welche es in den Tagen be-
sessen, da die Wasser des Himmels sich von den Was-
sern auf der Erde schieden, so zerriß vor der Sonne
ersten Strahlen das schwebende Gewölk zu seinen
Füßen, und tief geborgen unten im Thale, wo die
schäumende Plessur aus ihrer engen Felsenwiege her-
vorbrach, ruhte die Stadt noch schlummernd und still.
Der Graf hielt sein Pferd an, um hinabzuschauen.

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Da lagen sie wieder, der Dom, der Bischofssiz, die -
Wege, welche von demselben nach der Stadt hinunter-
leiteten! Er sah die Bäume, welche sein Haus um-
gaben, sah das Haus mit seinen geschlossenen grünen
Fensterladen, und auch das Zimmer, dessen Fenster
offen waren, sein Zimmer, in dem er die Nacht ge-
schlafen. Es heimelte ihn Mlles an. Die Stadt, so
klein sie war, erschien ihm schön und war ihm plözlich
lieb. Er wußte sich die Empfindung nicht zu deuten.
Er hatte oft genug von den Höhen des Montmartre
auf Paris hinabgesehen, ohne ein Gefühl der Liebe
für den Ort zu haben, obschon er sein ganzes Leben
dort gelebt, obschon er durch alle seine Erinnerungen
mit demselben verwachsen war, und doch war es eine
natürliche Erfahrung, die er an sich zu machen hatte.
Große Städte, unübersehbare Häusermassen erregen
nur Erstaunen, erregen höchstens Verwunderung, und
sprechen durch die historischen Thatsachen, welche sich
an ihre Mauern knüpfen, zu unserm Geiste; lieb ge-
winnen, lieben kann man nur Städte, die man in
allen ihren Einzelnheiten erkennen, die man als ein
Einiges, als ein Individuum mit einem Blicke über-
sehen kann; und wenn der Großstädter ein Weltbürger
wird und der Kleinstädter mit unwandelbarer Neigung
an seiner Heimath hängt, so ist das, wo es geschieht,
nicht nur Folge der geistigen Atmosphäre, welche sie

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in ihren Aufenthaltsorten athmen, ienlrnn es beruht
auf einem physischen Gesetz, das auf destüumte Na-
turen seinen unabweislichen Einfluß ausübt.
Steigend und steigend ritt er in dm Tag hinein.
Hier rauschte die Rabiosa durch das Thal, dort rie-
selten kleine Bäche aus dem Gestein hervor oder fielen
schäumende Fluhen von Absaz zu Abiaz an den Felsen
hernieder, um sich mit den wilden Gleticheur ussern der
Rabiosa zu mischen und ihre gemeinsame -ülle dem
Rhein zuzuführen, der sich fern ab von zen Schweizer-
bergen in das Meer ergießt. Dann wieder sah er
auf den grünen Matten die Hütten der Seuner, wie
sie vom Thal bis zum Bergesgipfe!, I.b in Entfer-
nungen an einander reihend, eine Kette l ilden durch
das ganze Land, und worauf er seinen Sinn auch
richtete, die Natur und das Leben d-. Menscen in
ihr, Alles war auf Gliederung und Zufauinmenwirkuuug
begründet. Die Flüsse und die Meüschengeschlecter,
sie hatten dieselhe Bestimmung und oasselbe Schicksal:
zusammenwirken für die größtmöglichste Kraftentfaltung
und sich auflösen in das Allgemeine.
Er war sich neu in diesen Betrachtungen, denn in
dem wechselnden und vielbewegten Leben von Paris,
das in jenen Tagen nicht nur die Hauptstadt Frauk-
reichs war, hatte er in den letzten Jahren mehr mit
Andern als mit sich selbst verkehrt, und wenn manch

Einer in der Zurückgezogenheit an sich die unange-
nehme Erfahrung machen muß, daß er nur den Geist
seiner Umgebung gehabt habe, so wurde Graf Joseph
es nun gewahr, wie viel von seinem Geiste er Andern -
geliehen, wie viel Empfindung er in Andere hinein-
gelegt, und wie er allermeist der Schöpfer der Ge-
danken und der Gefühle gewesen sei, die er durch An-
dere zu empfangen geglaubt hatte. Er begegnete auf
seinem einsamen Wege keinem fröhlichen Genossen,
keinem Reisegefährten, aber er fand sich selbst in dieser
Stille, in dieser erhabenen Natur, und wo man sich
selber findet, da ist man in seiner wahren Heimath,
in seinem eigentlichen Vaterlande. Noch am verigen
Abende waren alle seine Gedanken an Paris, an Ver-
sailles, an Franziska gebannt gewesen; heute däuchte
es ihn, als lägen eine unermeßbare Ferne und eine
unübersehbare Zeit zwischen ihm und sener Frau.
Man war über die Mittagshöhe hinaus, als er
den Rottenbuel, sein Stammschloß, zuerst erblickte.
Auf einem steilen Felskegel lag es da, weit in die
Ferne sichtbar, wie ein Adlernest sicher durch seine
Einsamkeit. Das Schloß stüzte sich in seiner ganzen
Mächtigkeit auf den Steinblock, der es trug, es hatte
kein Fundameut als das naturerschaffene, ja es sah
aus, als sei es die Blüthe dieses Steines, als habe
der Stein es mit diesen festen trotzigen Mauern und

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Thürmen aus sich selbst erzeuugt. Kein R.iweg führte
zu der Burg hinauf. Die Stallungen waren am
Fuße des Felsens gelegen, die Pferde mußten dort
zurückbleiben, und feierlich und in sich gekehrt ging
der Graf die Windungen des Schloßpfades hinauf,
trat er, ein einsamer Wanderer, der Einzige seines
Namens, unter das Portal seines Stammschlosses ein.
Altersgraue Diener, Männer so wie Frauen, um-
gaben ihn unten in der Halle, und segneten ihn nnd
schauten voll freudiger Ergebenheit zu ihn empor, der
jetzt ihr Herr war; altersgraue Bilder, so Männer wie
Frauen, umgaben ihn oben in dem Saule und schauten
mit ihren ernsten Mienen zu ihm herab und schienen
ihn zu segnen, der ihr Sohn, der jetzt ihr einziger
Erbe war.
Da hing das Bild des Grafen Ruprecht pon
Rottenbuel, des Ersten seines Stammes, da hing
Graf Übald's Bild, von dem sein Vater ihm erzählt.
Die großen schwarzen Augen unter den ergrauenden
Brauen, die weit zurückspringende Stirne und die ge-
waltige Adlernase hatten etwas Finsteres und Wildes.
! Finster sah auch die schwarze, eiserne Rüstung aus
! und die blutrothe Schärpe, die er trug, und finster
! klang auch die Devise des Geschlechtes: ,iüiner muß
! der Lezte sein!?-- Graf Ruprecht hatte diese Worte
s gerufen, als er in dem Kreuzzuge des Jahres 12s

bei einem Ausfall aus der Festung Jaffa der Lezte -
gewesen war, welcher, den Rückzug deckend, außerhalb
der Thore Stand hielt, und als Kaiser Friedrich U.
den Tapferen in den Grafenstand erhoben, hatte er
ihm jene Worte als Devise in sein neues Wappenschild
zu setzen geboten.
Graf Joseph wiederholte die Devise unwillkürlich,
und wie er sie laut vor sich hin sprach, daß sie durch
den Saal tönte, dünkte es ihn, als höre er dabei
einen Seufzer, und sie klang ihm unheimlich wie eine
böse Vorbedeutung. Aber er war jung und in einer
Welt erwachsen, die dem Aberglauben und den
Ahnungen nicht viel Raum gab; und von den Män-
nern seines Geschlechtes sich zu den Bildern der
Frauen wendend, erheiterte sich sein Sinn, blieb sein
Auge endlich an den sanften Zügen seiner Mutter
hängen, deren gütevoller Blick, deren mild lächelnde
Lippen ihn willkommen zu heißen schienen. Auch
das Bild seines Vaters sprach zu ihm. Er trug in
demselben nicht wie in Frankreich die Uniform, nicht
den Rock und die Farben des Königs, aber er sah
nur noch vornehmer aus in dem reichgestickten bürger-
lichen Kleide, wie er dastand, die Rechte auf den
Tisch gestützt, auf welchem neben verschiedenen alten
Pergamenten die Grafenkrone lag. Er hatte sich
darstellen lassen wie ein regierender Herr, und re-

!
gierende Herren waren die Grafen von Rottenbuei
hier auf ihrem Grnnd und Boden, hier iu: Bündner
Lande, welches das Veltlin beherrschte und seiner
Macht bis jenseits der Berge Geltung zu verschaffen
wußte.
Die Brust des Grafen hob sich bei oieser Vor-
stellung, denn Herrschaft, auch die kleinste, ist ewwas
Verlockendes. Er hatte in seiner Dienstbarkeit unter
dem Könige von Frankreich es fast vergessen, daß
s ss oe»feteoe, weiche ee po feier kübeke -
er Herr auf seinem Grund und Boden sei, und
? gend auf in seinem Wappen betrachtet und geführt,
j sah ihm ganz anders aus, wie sie da auf dem
j Bilde neben den alten Pergamenten an seines Baters
s Sele b=g
In Chur hatte er sich zwischen den andern Häu-
Z sern, deren Bewohner er nicht kannte, in seinem
f Hause einsam gefühlt. Hier auf dem Rottenbuel
, fand er sich frei und gehoben durch sein Alleinsein.
j Er schaute von der Höhe hinab, und das Land,
h auf das er blickte, war sein eigen. Er öffnete die
! Thüren des Saales und trat auf die Altane hinaus.
s Die Wohnungen der Dienstleute, die Scheuern mi
s ihren großen Bogenfenstern, der Garten mit seinen
s weithin schattenden Bäumen, der geräumige Hof,
! die grosßen Stallungen' machten ihm Freude. Er

ließ sich den Castellan kommen, um die Grenze -
seines Besizes kennen zu lernen, um mit dem er-
fahrenen Diener die Documente durchzugehen und
Einsicht in seine eigenen Verhältnisse zu gewinnen. s
Der Abend, der nächste Tag vergingen ihm bei !
der ungewohnten Beschäftigung in der angenehmsten ;
Weise. Je mehr er sich in die alten Chroniken ver-
senkte, um so heimischer begann er sich auf seinem
Erbe zu fühlen, und je weiter er mit seinen Ge-
danken in die Vergangenheit seines Goschlechts zurück-
ging, um so ferner trat ihm, was er selbst, was er
eben erst erlebt. Es ging in seinem Innern eine
Wandlung vor, die er sich nicht zu erklären wußte.
Er fand sich plözlich jener Vergangenheit auf das
Festeste verknüpft und angehörend, und von ihr in die
Zukunft gewiesen.
Ein Geschlecht, das auf seine Ahnenreihe zurück-
sehen konnte bis in das zwölfte Jahrhundert, durfte
nicht untergehen, so lange ein Mann da war, es
fortzupflanzen; das alte Schloß durfte nicht einsam,
nicht verlassen dastehen und in keine fremde Hände
fallen. Er hatte Augenblicke, in welchen er seinen
Eltern zürnte, daß sie ihn von dieser Heimath fern
gehalten, daß sie selbst nicht hier gelebt hatten, und
der vielfach ausgesprochene Wunsch seiner Schwester,
daß er heimkehren, sich beweiben und seinen Stamm