Der Letzte seines Stammes: Mamsell Philippinens Philipp
Fanny Lewald
Kapitel 08

nicht aussterben lassen solle, dünkte ihm jetzt so sehr
berechtigt, daß er ihn in einzelnen Stunden auch zu
dem seinen machte.
Aber er konnte für sich nicht an die Ehe denken,
ohne daß die Frau ihm wieder einfiel, deren Bild er
aus seinem Herzen zu reißen beschlosfen hatte; und
mit dem Gedanken an Franziska, mit dem einen
Namen klaffte die alte Wunde, klaffte der alte Zwie-
spalt in seinem Herzen wieder auf.
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s. Kapites.
Graf Joseph hatte vorgehabt, am nächsten Tage
seine Schwester aufzusuchen, aber es war noch früh
am Morgen, als man ihm meldete, daß die Fieifrau
von Thuris nach dem Schlosse komme.
Der Graf trat an das Fenster, und der Anblick,
welcher sich ihm darbot, überraschte ihn., Hinter
einem vorreitenden Diener ritt die Freifrau, stolz und
ruhig auf ihrem Sessel sizend, auf einem starken
Pferde den Fuß des Berges hinauf. Ihre Kammer-
fran und noch zwei andere Diener folgten ihr ebenfalls
zu Pferde.

Konradine von Thuris war sechszehn Jahre älter
als ihr Bruder, und jezt in der Mitte der vierziger
Jahre noch eine Achtung gebietende Schönheit. Sie
war groß und stark, wie das ganze Rottenbuel'sche
Geschlecht, dessen Süge sie vollständig trug. Die
starke Nase und die dunkeln Augen, die frische Farbe
der Bergbewohnerin und der feste feurige Blick nahmen
sich seltsam aus gegen ihr früh ergrautes, fast weißes
Haar, das unter der schwarzen Schneppe der Wittwen-
haube, über welcher sie den schwarzen breitkrämpigen
Reithut aufgesetzt hatte, nach der Mode der Zeit
in langen Lvcken zu beiden Seiten ihres Kopfes
herabfiel.
Der Graf eilte hinunter, die Schwester, die ihm
fast eine Fremde war, zu empfangen, und Freude und
Rührung in den ernsten Zügen, stieg sie an seiner
Seite den letzten Theil des Berges und die Treppe
des Schlosses hinauf. Als sie mit ihm in den großen
Saal des oberen Stockwerks eintrat, blieh sie unwill-
kürlich stehen, schaute umher und blickte den Bruder
an, als wolle sie den Bildern ihrer Ahnen sagen, daß
der Erbe und Herr des Hauses da sei.
Dann, als der Diener, welcher ihnen vorange-
gangen war und ihnen die Thüren geöfnet, sich ent-
fernt hatte, trat sie dem Bruder gegenüber, dessen
volle Größe sie hatte, nahm seine Hände in die ihren

und sagte mit fester Stimme, während sir ih:, wie
der Mann dem Manne, die Hände schüttelte: ,WZill-
kommen, mein Bruder, willkommen in Deiner Hei-
math! Ich bin früh ausgeritten, um, wie es gebührt,
das Oberhaupt meines väterlichen Stammes in seinem
Schlosse begrüßen zu kommen. Es hat lange genug
leer gestanden, dieses gute Haus, denn Du hattest es
fast vergessen, daß die Grafen von Rottenbuel hierher
gehören. Laßß mich denn gleich in der Stunde des
Wiedersehens die Hoffnung aussprechen, daß es Dir
gefallen möge, bei uns zu bleiben, auf Deinen Grund
und Boden, und als ein guter Bündner und Nachbar
unter uns leben.!
Wer sich selbst beherrscht und, wie er sich zu ge-
bieten versteht, auch seiner Umgebung zu gebieten ge-
lernt hat, dessen Ausdruck gewinnt allmählich einen
Ton, welcher auf Andere unwillkürlich bestimmend ein-
wirkt, und als die schöne, stolze, hochaufgerichtete Frau
jetzt mit ihrem ernsten Worte vor dem Bruder da-
stand, schloß sich ihre Erscheinung so ebenbürlig an
die Reihen ihrer weiblichen Ahnen an, daß er sich
davon ergriffen fühlte. Sie erschien ihm wie die Ver-
körperung seines Familiengeistes, und eingenommen
von dem Zauber, welchen die ganze Umgebung auf
ihn ausübte, fühlte er neben der Neigung, welche sich
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welche sich ein Etwas in ihm sträubte, so sehr =« ?
wünschte, ihr wohlzugefallen und ihr lieb zu werden. ;
Mane blieb die ersten Stunden ungestört bei- ,
sammen, denn man hatte sich einander anzueignen.
Graf Joseph wußte nur wenig von den Tagen, in f
welchen Conradine das einzige Kind der Eltern, und
der Stamm der Grafen von Rottenbuel seinem
Erlöschen nahe gewesen war. Sie erzählte ihm von
der Freude, mit welcher der Vater die Geburt seines
Sohnes begrüßt, von dem holden Lächeln, mit welchem -
der Blick der Mutter an ihm gehangen, und von der
Rührung, mit welcher sie selbst ihn über die Taufe
gehalten hatte. Von ihrem Leben redete sie zu ihm,
das hieß für sie, von dem Gatten reden, welchen sie
verloren, und von dem Sohne, den sie in seinem An-
denken erzogen hatte. Sie rühmte es mit freudiger
Erhebung, daß kein Thuris jemals einem fremden
Herrn gedient, und lobte es, daß auch ihr Ulrich dem
Zureoen widerstanden, in Paris in die Schweizer-
regimenter einzutreten; ,dennk, sagte sie, ,es ist das
Einzige, was ich unserm Vater nicht vergeben kann,
daß er Dienste nahm. Und auch von Dir, mein
Bruder, war es nicht wohlgethan: man soll nicht
dienen, wenn man frei sein kann !r'
,Schau um Dich!r rief sie aus, indem sie ihres

!
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Bruders Hand ergriff und mit ihm in das Freie
hinaustrat. ,So weit Dein Auge dieses Thal um-
faßt, giebt's keinen Herrn außer Dir. Droben in
dem Dorfe, dessen schlanker Kirchthurm jetzt so hell
im Sonnenlichte wiederleuchtet, betet der Pfarrer,
den Du eingesetzt, in der Kirche Sonntags für Dein
Wohl. Drüben in der Mühle, deren Räder das
weiße Wasser der Albula in raschen Schwingungen
dreht, arbeitet der Müller für Dich; auf den Matten
und Triften, welche hinaufsteigen bis an die Re-
gionen, in denen das Leben nicht mehr gedeiht,
wohnen in zahlreichen Dörfern Deine Leute, weilen
in noch zahlreichern Schaaren die Sennen, welche
Deine Heerden bewachen. Unten tief im Thale liegt
der Niederstein, die Burg, welche Graf Emanuel dem
Geschlecht erbaut; hoch über dem Arvenwald zu Deiner
Rechten hebt sich Schloß Felseck hervor, in dessen
Mauern die flügelschnellen Falken nisten, über dessen
Thürmen der helläugige Adler seine mächtigen Kreise
zieht. Das Alles ist Dein! Dein ist dies Herren-
haus, Dein ist ein Name, dem sich an Alter und
Adel nur wenige vergleichen können, die auf Europa's
Thronen sizen; Dein ist die ganze lange Reihe des
Geschlechtes, das in diesem Augenblicke auf Dich
und Deine Heimkehr niederschaut, das seine Fort-
daner von Dir verlangt, das Dir gebieterisch zu-
.

ruft: Du darfst nicht der Lezte, Du sollst nicht der
Lezte sein !r'
Sie hielt inne, der Ton der Begeisterung, der
Beschwörung, in welchem sie umwillkürlich gesprochen,
hatte auf sie selbst zurückgewirkt, die, Augen glänzten
ihr feucht, sie mußte sich sammeln, und schweigend
umherblickend lehnte sie endlich ihren Arm auf ihres
Bruders Schulter und sagte mit mütterlich vorwurfs-
vollem Tone: ,Und Du konntest so lange fern von
Deinem Vaterlande bleiben, konntest vergessen, daß
? hier Dein Name eine Macht ist, die den Bund ver-
s stärken hiift? Du konntest vergessen, daß Du hier
! Pflichten gegen das Volk zu erfüllen hast, welches
gewohnt ist, von Deinem Stamme zusammengehalten
und geleitet, von Deinem Stamme geführt zu wer-
den, wenn der Feind uns naht? Mögen diejenigen
iu's Ausland gehen, die Haß gesäet in unserm Volke
und Fluch geerntet. Dem Grafen von Rottenbuel
blüht hier iebe, wohnt hier Verehrung und Treue.
Wie konntest Du anstehen, sie zu pflegen und zu
nähren, wie konntest Du, da ich Dich mahnend rief,
so lange in Paris in Dienstbarkeit verweilen?
Der Graf war bis in das tiefste Herz ergriffen.
Die einfache und aus starker eberzeugung erwachsende
Ausdrucksweise seiner Schwester erhöhte den Ein-
druck, welchen ihr erster Anblick auf ihn hervorge-
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bracht. Ihre Worte prägten sich ihu ein, sezten
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über sich selbst, er war sich wie entfremdet und es
dünkte ihn doch, als werde er jetzt erst sich selber
zurückgegeben; und von dem Vertrauen zu der

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er sich selber rechtfertigen: ,Du weißt nicht, Schwester,
was mich hieli!
Er hatte sich bei den Worten von ihr abgewendet
und die Hand über seine Augen gedeckt. Sie trat
an ihn heran, erfaßte diese Hand und sagte leise und
fest: ,Ich weiß es!
Ihre Blicke begegneten sich, und sich auflehnend
gegen die Macht, welche seine Schwester über ihn
gewann, versetzte er kurz und mit kaltem Tone:
,Ich kam uicht hierher, ein Weib zu suchen, ich kam,
um zu vergessen, daß ich vor wenig Tagen einer
- Frau, die mich verrathen, ein Menschenleben hin-
geopfert!?
Die Augenbrauen der Freifrau zegen sich kaum
sihtbar zusammen, ihre Stimme aber und ihre Mie-
nen blieben unverändert. ,Du wirst's vergessen!'!
erwiderte sie ruhig.