Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Band 01
Titel

Fanny Lewald's
zfFe
aela m uuuelke eeerke.
F-oO sgtJOo==-
Neue, von der Verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
Von
Vierter Band:
Geschlechk zu Geschlechl.
S
VF
Gerlin, l7
Verlag oon Otto Janke.

Von Geschlecht zu Geschlecht.
Roman in zwei Abtheilungen.
von
Fanny Lewald
Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
Erster Band.
vo n Dtto Jenke

«
g
F.=-=»-.
J?
,e


g
--
z
fe zz
Kis.e«
- - 7z
F K
s h
e Fz1ros
=6hi
P
l R.aU1?iT.s. «==-===s ,
ae

.
e- s
- F---
-- -lliekll.,
-
-.
?- -a....=?
gg
e

==- ;-- - -geulUg.
Ws-ss. As.ss.h-s
g
-V z ze
Je s- s-
F z- z H z - =
, T-
s- s ss 4- s- «
-d -(D==p= - -
F. Le wald, Von Geschleht zu Geschlecht. l.

Kapitel 01

Erstes Capite l.
FGie Herrschaft Richen war eine der reichsten Besitzungen
in der Monarchie, und die Freiherren von Arten, denen sie
gehörte, eines der ältesten Geschlechter bes inländischen Adels.
Sie waren am Hofe wohlgelitten, in der Provinz, in welcher ihre
Besizungen lagen, geachtet und beliebt, ud jene ruhige Vor-
nehmheit, welche die alten Geschlechter kennzeichnete, hatte in den
Freiherren von Arten stets ihre würdigsten Vertreter gefunden.
Es war damals aber auch das goldene Zeitalter für den
Adel. Die Standesuunterschiede wurden in der Gesellschaft noch
aufrecht erhalten, und hatten doch aufgehört, eine Schranke für
den Edelmann zu sein, wenn er geneigt war, sich gelegentlich
über dieselbe fortzusezen. Sie schitzten ihn, ohne ihn zu hin-
dern. Die Vorrechte des Adels waren groß im Staate, seine
Pflichten und Lasten fir das Allgemeine sehr gering. Der
Grundbesiz war fast ausschließlich in seinen Händen, und man
hatte trozdem bereits angefangen, die Giter gewerblich zu be-
nutzen und ihren Ertrag dadurch zu erhöhen. In den Fürsten-
schlössern, in den Richter»Collegien, in der Verwaltung und im
Militär, überall herrschte der Adel vor, und daneben hatte er
sich vielfach eine Bildung erworben, die zu besitzen er stolz
war. Er hatte sich den Gelehrten, den Schriftstellern, den
Künstlern und Dichtern genähert und befreundet, da er selbst
bedeutende Menschen und schöne Talente in seinen Reihen zählte,
und während man sich auf diese Art völlige Freiheit für jedes

Streben und Thun zu sichern verstand, wagten die birger-
lichen Klassen es noch nichi, dem Adel die Vorrechie slreitig zu
machen, welche er sich angeeiguel haile und nun seil Jahrhuunn-
derten besaß.
Kamen diese Gliücksgiler und Privilegien rohen Naturen
in die Hände, so boienn die eigene Gerichlssarleil iund die ihseil-
weise noch zu Recht bestehende Leibeigenschaft denn Gisherren
die Mittel zu einer Tyrannei, unter welcher das Land und die
Leute schwer zu leiden hatien; ud Selbslsucht und Willlitr auf
der einen Seite erzeugten dann auf der anderen einen Haß
und eine Aufsässigkeit, die um so erbitterter wuurden und um
so tiefer wurzelien, je weniger sie sich lund zu geben verochien.
Gelangten aber wohlwollende und gebildete Edelleute zu dem
Gebrauch solcher aristokratischen Rechte und Macht, so bildete
sich durch ihren vorsorglichen und mäßigen Gebrauch zwischen
der Gutsherrschaft und ihren Hörigen ein Verhältniß des Schuzes
und der anhänglichen Danlbarkeit heran, welches in den Edel-
leuten das Gefihl einer gewissen Souverainetät. entstehen ließ
und ihnen neben dem Bewusztsein ihrer grosten persönlichen
Freiheit eine wüirdevolle Herablassung verlieh, die sie beliebt
und dadurch liebenswülrdig machte.
Der Freiherr Franz von Arten, welcher die Herrschaft
Richten zu Ende der achtziger Jahre im vorigen Jahrhundert
besaß, war in diesem Sinne das Musterbild eines Edelmannes.
Er hatte eine vortreffliche Erziehung genossen, hatte viele Jahre
seiner Jugend auf Reisen zugebracht, lange und mit großem Er-
folge an den verschiedenen Höfen von Europa verweilt, und sich
dadurch jene weltmännische Gewandiheit zu eigen gemacht, welche
ihm den Anspruch gab, unter seinen Standesgenossen für einen
vollkommenen Cavalier zu gelten. Aber neben den leichten, ge-
fälligen Formen hatte er, wie die Nichtung jener Zeii es eben
mit sich brachte, sich auch eine schönvissenschaftliche und künst-

ef -
lerische Bildung erworben, und Schlof Nichten, das von jeiner
mäsigen Höhe weithin iber das rundum: flche Land bis zu
den fernen Gebirgen hinabsah, zeigte in eiiem Aeußern wie
in seiner inneren Einrichtung, das; es von e nem eben so pracht-
liebenden als gebildeten Edelmnanne bewohnn werde.
So lugzr sei Vater leble, halle ber Varon sic lroz aller
Vorstellungen desselben nicht zur Ehe überrden lassen. Er
fiihlte sich nach den Erfahrungen, welche er bei den Frauen
gemacht hatie, nicht geneigt, seine Zufriedenhet und seine Zu-
kuunft weiblichen Händen dauernd anzuvertrcuen, und erst das
Ableben seines Vaters, das den Baron als zn letzten Arten
von der Linie Richien antraf, brachte ihm mit der Pflicht, fiür
das Fortbestehen seines Stammes zu sorgen, den Entschluß,
sich zu vermählen.
Der Baron war damals in der Mitte seiner vierziger
Jahre und ein schöner Mann. Häite er bis dahin weniger
Erfolg bei den Frauuen gehabt, so würde er viAleicht in diesem
Alter noch das Verlangen gefihlt haben, eine Heirath zu
schließen, an welcher das Herz lebhaften Antheil genommen.
Er hatte aber viel geliebt und zweifelte gar nicht daran, Nei-
g1llg zu erwecken, wwo er solche anzuregen und zu gewinnen
wünschte. Er schritt daher sehr kaltblütig zu einer Wahl und
hielt sich bei derselben nicht eben lange auf.
Nchst den Freiherren von Arten waren die Grafen Berka
das angesehenste Geschlecht der Provinz. Die Ahnenreihe der
Herren von Arten reichte allerdings weiter in die Vergangen-
heit zurück, dafür hatten aber die Grafen Berka dem Lande
in dem letzten Jahrhundert einen seiner bedeutendsten Feldherren
und einige einflusreiche Staatsmänner gegebet, und reich waren
die Häuser, eines wie das andere. Nur ein wesentlicher Unter-
schied waltete zwischen ihnen ob. Die Grafen Berka waren,
wie der ganze Ael der Provinz und wie des ganze Landvolk,

-- Z--
protestantisch; die Herren von Arten hingegen hatten in
Heeren des deutschen Kaisers gefochten bis zum Ende
dreißigjährigen Krieges und waren Katholiken geblieben
und für.
den
des
fin
Indeß der Adel war im Allgemeinen in jenen Tagen,
von denen wir erzählen, nicht orthodox, und Baron Franz fand
in sich kein Bedenken gegen eine Ehe mit einer nichikaiholischen
Frau. Die Frauen des Berka'schen Geschlechies waren zudem
fast alle schön, es umgab sie der Ruf strengen Wandels, und
die Verehrung, welche sie genossen, hatte ihnen jene Ruhe und
Sicherheit in der äusßeren Erscheinung gegeben, welche den Frauen
des hohen Adels so viel anmuthige Freiheit verleiht.
Mit einer Gräfin Berka glaubte der Baron am wenigsten
zu wagen. Die einzige Tochter des Hauses zeigte sich ihm
nach kurzer Bewerbung geneigt, die Eltern gaben mit Freuden
ihre Einwilligung; noch ehe der Herbst heranlam, wurde die
Zeit der Hochzeit festgesetzt, und der erste Nachtreif ruhte auf
dem Lande, als man in Berka eines Abends -den Ehevertrag
des Barons mit Comtesse Angelika unterzeichnete.
Der Baron, befand sich dabei in der angenehmsten Ver-
fassung. Die zurückhaltende Zärtlichkeit seiner Braut hatie einen
eigenthüümlichen Reiz für ihn, die Aussicht, das schöne Mädchen
bald sein eigen zu nennen, regte ihn angenehm auf. Er war
von den mancherlei Festen hingenommen, welche man zu Ehren
der Verlobten in den beiderseitigen Familien auf den verschie-
denen Besizungen derselben veranstaltete, und dazwischen be-
schäftigten ihn die Vorkehrungen, die er in seinem Schlosse traf,
um es vor der Ankunft seiner jungen Gatiin in einer Weise
einrichten zu lassen, die ihrer und seiner Bequuemlichleit, ihrem
und seinem Geschmacke genilgen lonnte.
Etwa vierzehn Tage vor seiner Hochzeit befand er sich
eines Mittags in dem für seine Frau bestimmten Wohnzimmer.

0 -
Sein Caplan war bei ihm, und sie überlegten gemeinschafilich,
ob man die beiden antiken Siatuen des Amor und der Venus,
welchen man neue Postamente gegeben hatte, neben dem Kamine
oder in den Ecken des Zimmers aufstellen lassen solle. Als
der Baron sich eben für das Leztere entschieden hatte, weil
Kunstverke, wenn sie neben dem Kamin stehen, die Ausmerk-
samkeit, welche den Lebenden, welche der Geseslschafi zulommi,
aus sich zu lenlen pflegten, brachte der Dieneu ihm einen Bries.
Der Freiherr blickte das Schreiben an, heckie es, ohne es
zu öffnen, in die Tasche und versetzte kurz: Sag' Er, ih sei
beschäftigt!
Dem Diener schien diese Abfertigung des Briefes nicht
anfzufallen, der Baron war offenbar in seiner heiteren Stim-
mung gestört worden. Er trat noch ein paar Mal hieher und
dorihin, die Wirkung der Statuen zu beurtheilen, dann entlies
er die Diener, welche dabei behülflich gewesen waren, und
ging langsam im Zimmer auf und nieder, als wolle er den
Eindruck prüfen, welchen es auf den Beschauer bei einem erßen
Anblicke machen würde.
Er war mit seiner Einrichtung zufrieden. Die gediegene
Pracht that der Wohnlichkeit keinen Abbruch, es stimmte Alles
zusammen, und was die Schönheit des Raumes noch erhöhte,
das war der unbegrenzte Blick in die Ferne, den das Zimmer
aus seinen hohen Bogenfenstern darbot.
Der Tag war sonnig, die Luft so fein, daß sie dem: Blicke
nirgend ein Hinderniß entgegenstellte. Auf dem Nasenplatze
vor dem Schlosse lag stellenweise noch der weiße Neif, unter
welchem das Gras sommerlich grün und frisch hervorsah. Die
weithin sich erstreckenden gradlinigen Hecken von Buchsbaum,
die scharf zugespizten Obelisken und Taxus PHramiden hatten
durch die späte Jahreözeii noch nichts von ihrer Farbe und
Form verloren. Sie entsprachen auch jetzt noch der architekto-

-- ,ß---
nischen Absicht: die herrschaftliche Wohning über die Grenze
des Hauses hinaus in das Freie fortzusezen, und am Ende
des Gartens hoben sich die Bäume des sogenannten Bosquets
empor, majestätische Kiefern, deren braunrothe Skänne, wie
die Pinien, breite, griine Kren lrugen, und präichlige Eiche:,
noch voll von ihrem isppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube.
Der Baron ging an das eine, dann an das andere Fensier.
Er hakte Neiguung genug fir seine Brauut gewonnen, um sich
von ihrer Zufriedenheit Genus: zu versprechen, und es freute
ihn, seiner edlen Gattin diese Heimath bieten zu können. War
es Zuufall oder Absicht, sein Blick siel in den Spiegel. als er
sich zuriück in's Zimmer wendete, und ohne daran zu denken,
richtete er sich dabei mit Selbstgefi.hl empor.
Er war ein Mann, der gefallen konnte, gefallen mußte.
Die große, breitbrüstige Gestalt entsprach dem stolzen Kopfe
vollkommen. Der prächtige Haarbeutel fiel vornehm iber den
kräftigen Nacken auf den niedrigen Kragen des gestickten, breit-
schößigen Tuchrockes herab; die fein gepuderten Seitenlocken
machien die Gesichtsfarbe noch brauner und frischer, die dunkeln
Augen noch lebendiger aussehen, und als der Baron sich nach
dieser umvillkürlichen Musterung der'persönlichen Vorzüge, die
er seiner Erwählten darzubieten hatte, auf dem Kanapee nieder-
ließ, hätte Jeder ihn in der besten Stimmung glauben mülssen,
der ihn weniger lange kannte, weniger genau zu beobachten ge-
wohnt war, als sein Caplan.
Nur um einige Jahre älter als der Baron, war er einst
als Erzieher desselben in das von Arten'sche Haus gekommen
und hatte später den jungen Freiherrn als Gouverneur auf
dessen erster großer Reise begleitet. Er war es denn auch ge-
wesen, der den Geschmack des jungen Edelmannes fiir die
schönen Wissenschaften und fir die Künste entwickelt und ge-
pflegt hatte. Was aber den gebildeten und ehrgeizigen jmngen

---- 11--
Geistlichen später bewogen, sein Leben ganz dem Dienste des
freiherrlichen Hauses zu weihen, statt an irgend einem Collegium
oder in der Kirche die Laufbahn zu verfolgen, fir die er sich
vorbereitet hatie und welche seinen Fähigkeiien und Kennteissen
enuissrechend gewesenu wäre, das war eigenullich sellsi der srei
herrlichen Familie ein Nthsel geblicben. Ines; sie haite zu
benuhzen gewus:t, was sich ihr dargeboien hute. Der Freiherr
besas; in seinemu Caplan neben einem sehr formwwwollen und ge-
lehrten Gesellschafter zugleich einen Bibliothekar und Archivar,
und die Familie von Arten hatte in ihm einen geistigen Be-
rather, dessen Trene, dessen umsichtige Verläßlichkeit sich bei den
verschiedensten Gelegenheiten eben so tröstend als klug vermittelnd
und versöhnend bewährt hatte.
Gemeinsame Juugenderinnerungen und ein langes gemein-
sames Leben hatten den Baron und den Caplan zu Freu den
gemacht, so weit Herr und Diener, so weit ein auf seine Stan-
desvorrechte stolzer Edelmann und ein auf seine Würde acht-
sam haltender Geistlicher, so weit ein freier Lebemann und ein
Mann von Selbstbeherrschung und von dem sirengsten Lebens-
wandel Freunde sein konnten.
Der Baron war ein Freidenker in Brzug auf die Dog-
men der Religion, aber er hatte eine lebhafte Phantasie, und
während er die biblischen Wunder lengnete, war er sehr geneigt,
nach der Weise seiner Zeit, an das Wunderbare zu glauben.
Der Caplan seinerseits war ebenfalls nicht streng orthodox, indeß
er war ein eifriger und treuer Bekenner seiner Kirche und hielt
für seine Person unwandelbar an dem Moral- und Sitten-
gesetze derselben fest. Er hatte Anfangs die Verbindung des
Barons mit einer Protestaniin, so weit es an ihm lag, z
verhindern gesucht. Als er dann aber gesehen, daß der Ent-
schluß desselben einmal gefaßt sei, hatte er sich durch die vor-
trefflichen Eigenschaften der jungen Gräfin mit der Absicht des

1 H
Freiherrn ausgesöhnt, und zufrieden, daß derselbe überhaupt zur
Ehe schreite, das Weitere vertrauensvoll der Zukunft iberlassen.
Wenn der Baron sich dem Geistlichen iberlegen fihlte,
weil er sich das Recht zuerkannte, sein Leben nach seinem Er-
messen zu führen und zu genießen, so gaben dem Caplan seine
makellosen Sitten und seine gründliche Gelehrsamkeit ein mora-
lisches lebergewicht iber den Baron, das um so schwerer in
die Wage fiel, als ruhige Menschenbeobachtung und Welterfah-
rung den Geistlichen milde und nachsichtig fir frende Schwäche
gemacht hatien. Da nun der Baron von weichem Herzen war
und das Gute liebte und that, sofern es ihm leine grosßen
Opfer kostete, und da er in seinem Leben auf äußern Anstand
hielt, so hatte der Caplan unter dem Schuutze seines Herrn viel-
fach niltzlich wirken, viel Gutes fördern. manches Unrecht ver-
hindern oder vergüten können, und beide waren in der Regel
mit einander auch wohl zufrieden gewesen. Der Caplan wuuste
viel Lobenswerthes an seinem Herrn zu würdigen; der Baron
rühmte sich, einen verläßlichen Freund und einen wahren Schaz
an Jenem zu besitzen, und eben diesen Morgen hatten sie bei
Aufstellung der Statue wieder eine recht angenehme Stunde
mitsammen zugebracht.
Auch jetzt, als der Baron dem Caplan gegenüber Platz
genommen hatte, sagte er, noch einmal nach den beiden Ecken
des Gemaches hinblickend, als habe ihn bis dahin nichts Anderes
beschäftigt:
Die beiden Figürchen behaupten sich doch überall! Sie
werden, denke ich, meiner Frau in diesem Zimmer Vergnigen
machen, wenn schon ich freilich an eine Frau nicht dachie, als
ich sie damals in Neapel erstand.
Gewiß! sie nehmen sich hier noch besser aus, als in der
Bibliothek. Die halbe Lebensgröße schrumpfte in dem hohen
Saale zu sehr zusammen, bestätigte der Caplan, der schon

n
==- , H,? b-==-
früher mehrmals vorgeschlagen hatte, die S atuen aus dem Bi-
bliotheksaale zu entfernen und hier aufzustellen.
Eine kleine Weile saßen die beiden Mäner schweigend sich
gegenüiber. Des Barons Blicke glitten von einem Gegenstande
auf den anderen, selbst seine Stellung wechselte er ungewöhnlich
oft. Dem Caplan entging das nicht. Er lehnte gelassen in
seinem Sesses. Den Kosf auuf die Hand gestitzt, sah er dem
Spiele der Flammen im Kamine zu, es ruhig erwartend, was
der Baron ihm mitzutheilen haben werde. Denn daß dieser
ihm eine Eröffnung zu machen gedenke, davon hielt er sich
überzeugt.
Wissen Sie, lieber Freund, nahm der Baron denn auch mit
einem Male das Wort, ich fange an, mit einer Art von Ver-
gnigen an die Ehe zu denken, so schwer mir der Entschluß dazu
Anfangs auuch geworden ist. Ja, ich habe =«uuen, in denen
Msi
ich es bedauern könnte, mich nicht früher vecheirathet zu haben.
Dieses Bedanern ist viclversprechend fie die Zufriedenheit
oD-- ------- gnädiger Herr, versetzte der Caplan verbindlich.
s.i- » ss fs
-- glaube das selbst, fuhr der Baron fort. Wäre es
,
freilich nach meinem verstorbenen Vater und nach Ihnen ge-
gangen, so hätte ich mich schon vor zwanzig Jahren verheirathen
müüssen, und es jnag vielleicht recht gut sein, wenn man sich
in der Jugend mit aller Schwärmerei der ersten Liebe zur Ehe
entschließt. Sie hat uns dann fir das Opfer, fir das nicht
hoch geng anzuschlagende Opfer unserer Freiheit, neue Genüsse
und große Entzückungen zu bieten, die sie uns später,-=-
wir die Frauen kennen und den Werth der Ungebundenheit
erst völlig schäzen lernlen, =----=- zl gewähren hat. Ein
s,.s isioli
fertiger Mann besindet sich einem jungen Mdchen gegeniiber
doch immer in der Lnge, ohne alle eigene zusionen großen
. As.
I,llsionen entsprechen zu sollen, und Sie müissen mir zugeken,
das; dies seine bedenlliche Seite hat.

1
Der Caplan blickte mit dem Ausdruucke einer gewissen Ver-
wunderung dennt Sprechenden an, dessen Worle eivas gaaz
Anderes aussagten, als die Einleitung hatte vermuthen lassen.
Der Freiherr bemerkte dies, und schnell einlen... = - -
k,-is
sszAp ps -
Troz dieser Einsichi, die sich ein Mann wie ich nu==- philo-
,s.i s.is-s
sophiren kann, ist meine bevorstehende Gebuundenheit mir er-
ss-Gz»s»s s.,
-=------=-- --=, die Lust an der Freiheit, an der Selüsilefriediguunz
erschöpft sich, und ich stelle es mir angenehm vor, das Glick
einek jungen Wesens zu machen, das mir vertrauensvoll sein
Leben in die Hand giebt. Es mag in solchem Gefi:hle sich das
herannahende Alter verkimnden, aber in der That, c empfinde so!
Ein kauum merkliches Lächeln in seinen Mienen widersprach
jedoch dieser Vehauuptung iler sein Alier, und der Caplan
wuste zudem, das der Freiherr es niemals ernsilch meu...
wenn er desselben erwähnte, ja, dass er in solchen Fällen immer
auf einen Widerspruuch rechneie. Aber diesmal fand der Caplan
es nicht angemessen, ihm die Genugthuung eines solchen Wider-
spruches zu gewähren. Er bemerkte daher nur, das; die junge
Gräfin liebreich und liebebediirftig erscheine, das der Baron
also d.-- --=- en könne, fiür seine beabsichtigie Hingebung
fAiiß zp,lss
durch eine schöne Zärtlichkeit belohnt zu werden, und das über-
dies seine reife Erfahrung ihm neben der jungen Frau die
Möglichkeit gewähren werde, dieselbe nach seinen Winschen und
,-ssssss.s
=- -= ;-:--- zl erzehen.
Gewis! gewis:! rief der Baron mit einer Ungeduld, die
bei dem ruhigen Gange dieser Unterhaltung nicht berechtigt
s,spis -
n=- --, aber grade mit dem Erziehen ist es ein eigenes Ding!
Er hrach dabosn ab, l= p-==y -==» --- - zaulse
-iii: sinr pisss- N
üd si
isit sichtlicher U.=- ----»=--s - --- --i--- --n - --»p-- halb
.-s- s. --siR
l,ssi:fssdiif - Fip ss:ess.zs
zu thun liebe. Ich bin also genöthigt --- er stand auf, rickte
ein Bild an der aeaeniber liegenden Wand zurecht und sagte
darauf mit einer gewissen Heftigkeit, als wollte er sich»=----wi----
sszssAoi?

- -- 1D --
es auuszusprechen: .« muuß den Handel in Nohenfeld z Ende
N,
bringen ! Pauline mus; fori!
Es war ihm lieb, dies anSgesprochen zu haben; es kam
ihm damit festgestellt und also halb geschdhen vor. Er nahm
eine Prise aus der goldenen Dose, aus welcher das Bild seiner
Braut gemalt war, und bot sie darauf dem Taplan dar.
Dieser griff behutsam hinein, und wüihrend er den feinen
-aback mit gespizten Fiugern langsam zur Nase führie, sagte
er, den Kopf beim Schnupfen senlend, das: er den Freiherrn
nicht anzublicen brauchte. =as wird allerdi gs eben so unerläß-
. x
lich als zweckmäsig sein! Er säuberte darauf leichthin das
schwarze eng auliegende Gewand von den Taback, der etwa
darauuf verschiütiet sein konnte, knipste mit den feinen Fingern
die paar Körnchen hinunier, welche auus dem sdenen Beinlleide
liegen geblieben waren, und sah mi! seinem klaren, ernsten
Auuge dem Freiherrn nach, der im Zinmer hin und wieder ging.
Seit vollen sechs Jahren war de.. ame Pauline zum
-
ersten Male zwischen ihnen genannt worden, und es dünkte
dem Baron, als sei er -=y das blosße Assprechen dieses
dss-,s
Namens dem alten Freunde näher gebract, als seit langer
D= -
; denn ein Lebensgenosse, dem wir geflissem.ich vorenthalten,
was uns beschäftigt, rickt uns in
fpfos -
: --- mt welchem der Gegenstand
nahme uns näher tritt.
demselben Grade fern und
unserer verborgenen The:l-
M.
==l der Baron aber die ihm peinliche Mittheilung bald-
uöglichst abgethan zu haben wünschte, sagte er So verschieden
unsere Ausichten in Manchem, und eben auch in diesen Din-
gen sind, so werden Sie mir doch zugeben missen, -ü.in Freund,
nsn-
daß über dem Menschen eine Unfreiheit ligt. gegen die er
-- mögen Sie
sehung oder wie
aas macht es
dieselbe Geschick, Schicksal, Vcrhängniß, Vor-
Sie immer wollen, nennen - ohnmächtig ist.
mir so entmuthigend, in die Vergangenheit

- hß-
zurickzublicken. Unser Wollen und unser Vollbringen decken sich
so selten, unsere Absichten und unsere Thaten entsprechen ein-
ander oftmalö so wenig. Und dabei bilden fremdes Empsinden
und der Zuufall noch so unabweisliche Faltoren in jedem Men-
schenleben, dasß man oft fragen möchle WaI war Thai und
was Erleiden? Was war Schicksal und was freier Wille?
Wo endet das Verdienst, wo beginnt die Schuld? Wo haben
wir zu sühnen, wo uns selber zu bewahren? Denn die Moral,
welche Kirche und Staat als Canon aufstellen, kann nur äusere
Entscheidungen und Eutschlisse hervorrufen; den inneren Zwwie-
spalt lösen ihre Gesetze nicht.
Mich ditnkt aber, hob der Caplan an, welcher dem Baron
bis dahin mit Achtsamkeit gefolgt war und der den Seelen-
zustand desselben deutlich übersah -- mich dinkt aber, der Fall,
dessen Sie gedenken, ist nichts weniger als verwickelt, wenn
schon er . - -
Und wieder ließ der Baron ihn nicht vollenden. Uriheilen
Sie nicht, lieber Freund, und vor Allem verdammen Sie nicht,
ehe Sie nicht die Reihe von besonderen Thatsachen und die
einander widerstrebenden Empfindungen kennen, die hier mit-
wirken und mich peinigen, sprach er, jede Einwendung des
Geistlichen im Voraus abwehrend. Denn bedrängt, wie er sich
fügute, wünschte er doch Herr des Gespräches zu bleiben und
nmit seinem Vertrauuen vorzugehen oder einzuhalten, wie es ihm
im Augenblicke passend scheinen würde. Es war auf eine Her-
zenserleichterung und allenfalls auf Beistand, nicht auf eine
Selbstanllage oder eine Ermahnung von ihm abgesehen, welche
der Caplan in früüheren Jahren, als der Baron sich noch bis-
weilen zu den kirchlichen Ceremonien entschlossen, ihm nicht er-
spart hatte.
An und fir sich, als nackte Thatsache belrachtet, fuhr der
Baron mit absichtiich zur Schau getragener Leichtigkeit fort, ist

z r
-=-- Zh ! ---
die Sache im Grunde der einfachsten eine. Der unverheirathete
Guttshherr hat . ie Tochier seit. - Jüger-, ha! ein Mädchen von
-
seinen Gitiern zuur Geliebten gehabt und denlt dasselbe aufzu-
geben, es abzufinden, weil er sich verheirathe: oill,-= -== -
splspizAi siofs
mus:. =as kommt, wwie Se, mein Freund, es von Ihren
ctx,
» sl.. A
SStandpuunlle aus auc ladel mögen, doch .- »üge vor und-
ist etwas so Gewöhnliches, das; es in -«- -hai laum die Rede
=- E
= --- - -= =-- -=--- - ==u doch- könuien Sie es Sich denkent?
zzü siuf ssswzisi ffHs, s 1sz»
habe ich-- - - --»--zglus zu meiner Heirath förmnlich ab-
sip
ds lzs1s.s.
ringen missen! Doch hale ich es auch noch-.- heute, wo meine

Hochzeit vor der Tt. :-=-- --==- --- - -ih gewinnen können,
. si.-sis z-iii ü? si=- iins
oi- - Fzsss- d.-ss Csz-d iid .s, !
demt arntesn Gescsdpfe zu süzh. - - ------- ---- =- =- ---= s=-- -
-- Abrahams Handluunz=-- -.- - -- - DJ- -- --- s-=- als
--s -ss sfns=- ss,sF
-äfssisn -
eine rohe Grausamleit erschienen.
N.-- s
-is li,-s -is. sl.is: 9N,us,- -s F,s,fs-bio- noz-ss-.ir,in
=a. u Süiluuuu -Gs, -li.s- --uiss- ===» -=s- lis ====7f »Vßß1s »sss K »G z= Hp
=----- - =z-- -- - j-=----- -o gemnessen wie intnter: Ic kann
A-e-in ssnsn ifn -s- J,,-ssisii ifi zisd
miif sis
.u .oPll oa ;.uullll, .w. - -= - s === ==9 s»9s - - zss - =s=»ss s= -
s,sissnrn oin vif oiss snl,Foss
szs-si,-s
-s- »-I is S, »,s.
;a,-iif. -ifss,liss s-pis sKfpsnnis Gsps -lios üe
===»z - ==- ----i=-j--s --- ss----- z, - s== -, uob Elfz heklggefWvEe
Ereigus- uabänderlic,--pi-=-- wo eine zwingende Noihwendig-
1s -
s: s.siss.-s.s
s.-s s=- lKzsss,s..si
-- D-- - »--==--==lg drängt, gilt ek allein, um jeden Preis
wiis: inninnä
dz-ss GzwH
---- -- -- - -== gL0szere? llehel zl = -=- -- - =s . v-po=--- z--
si»sii)I--s ! Ps,1 -
! iisd
ßhAzni:
-- lin e .-sis. H,-si
s h-s A.ssis sszHos- I.ls,, !
a. si
ab1- =1l- =='G »1 Ns1 ß,1 z »s1) zI==s»7s ls) =l- j ls s z1sb,=sLus -
Keine Wahl? Wie meinen Sie das? fragte der Fr. -
sslwvp-»
issis jssn s-
---- -- ,alben Zerstreutheit der Vornehmen, die selten acht-
same Zhörer sind und mit ihren Gedanken umherzuschweifen
beginnen, solald sie sellsi uicht sprechen. Neie Wahl? Wie
meinen Sie das?
E,s iifnisn
J E s.--. N.»-s.sf=s smss isz- ?s, . D,.? -
-c»P sss-ii«, Vll;s hz -- =-= - p s »=s - =sz ss-==s- - s= =uoul
wendigkeit geworden ist. Ihre Wahl ist eine uu jedem Betrachte
--sßs»ss,ss. isnd
sifs-psssssi -s
- ---»=- ---=- =-i-s-= z-l ennen. Die limnftige Frau
T,»-is
==--=-.l hu- = -- -== -- uunnderen seltenen Vorzügen ein weiches
-si zsplpss s lspi: -
Hpzo sissd
= -s -- eine schöne, reine Seele. Sie hat fir diese eine
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

-- 1Z--
eben so reine Lebensatmosphäre zu verlangen, und Paulinen's
Nähe wüürde diese ohne alle Frage bald beeinträchtigen. Ganz
ahgesehen davon, daß für den verheiratheten Mann.. -
- Ich weiß das, ich weiß das! Ich habe mir das alles
längst und selbst gesagt! rief der Baron mit schnell erwachter
Ungeduld lebhaft aus. Sie sehen ja auch, mein Entschlis steht
fest! Ich habe imn Leben ähnliche Händel, ich habe tiefere
Herzensverbindungen sonst auuch mit raschem Enschlusse, mil
fester Hand zerrissen und mich damit beruhigt, dasß Selbst-
erhaltung eine gebietende Pflicht, und jeder Mann in der Lage
sei, für sein Wohlbefinden selbst zu sorgen! Ja, ich belenne
Ihnen, ich finde es eigentlich eine unbegreifsiche Schwäche von
mir, das; es mir so yziderstrebt, das Natirliche, das Sittlich-
gebotene zu thun, und wenn ich mein innerstes Herz befrage,
so ist es ausßer der wirklichen Zuneigung, welche ich fitnr das
Mädchen und für den Knaben hege, eine Art von Aberglauben,
der mich an Paulinen festhalten, eine unheimliche Ahnung, die
mich zögern macht, die Arme von hier fortzuschicken!
Diesen letzten Einfiissen, Herr Baron, hätte ich Sie in
der That nicht mehr, und am wenigsten in diesem Falle unter-
worfen geglaubt, bemerkte der Caplan mit vieldeutigem Lächeln.
Der Baron beachtete das kaum, er hing schweigend seinen
Gedanken nach. Ich habe sie einst als ein Pfand des Glickes
angesehen, habe im Geiste meinen Stern an den ihrigen ge-
knipft, als sie noch ein hilfios Kind gewesen ist, sagte er nach
einer Pause, gleichsam in sich selbst hineinredend, und, fuhr er
dann nach einem neuen, kurzen Schweigen lebhafter fort, Sie
können sich in der That nicht denken, lieber Freund, in welcher
Verfassung ich nach meinem zweiien Aufenthalte in Dresden in
die Heimath zurückkehrte. Die traurige Agelegenheit mit der
Gräfin, das unglückliche Duell mit ihrem Manne lagen mir
auf der Seele. Mein Herz war verzagt, mein Sinn beschwert,

- h9- -
mein Ehrgefihl duurch den herzlosen Leichtsinn der Gräfin, die
mich iber dem Sarge ihres Gatten einem jungen Laffen auf-
opferte, empfindlich gekränkt. Ich glaubt..- ü-----
s doof Avsos zss
der Höfe, der Frauen mide zu sein. Ich fihlte einen Wider-
willen gegen die Unnatur aller der Verhälinisse, die wir uns
als Convenienzen auferlegen, und als ich von der Höhe der
Berge Schlos: Nichien erblickte, als ich so einsam dahinfuhr und
die Bäche rieseln, die Halme sich im Morgemoiie wiegen saah.
als die Bäume unserer Wälder mir ihren Schatien spendeten
uni ihren Willlomnun zusliisterien, da erwachte in mir eine nie
gefihlte Freude an der Natur, und ich gelobie mich - -
'zs -zof
Siille meines Herzens ihr und ihren einfachen Freuden und
Pflichten an. Es war eine Stunde, deren ic mich lebenslang
als einer schönen, feierlichen erinnern werde.
Ulnd doch war gerade jener Zeitpuuntt einer der trauurigsien
fir diese Gegend, wendete der Geistliche ein. Wenigstens haben
---. die ihn hier durchlebten, ihn schwer genug empfuunden.
Ass,.
Die Berichte, welche man der verstorbenen Frau Baronin nach
Iztalien sandte, klangen, obschon man gewiß sich in denselben
vorsichtig geäuusert hatte, untröstlich genng.
Mir in meiner Stimmung, eukgegnete der Baron, -=l
k,fs
das allgemeine llglick nur wie ein Mahnruf fitr mich selber
vor. Die Seuche, welche die Provinz heimsuchte, h.-- uuch
,ifo
bei uns grosße Verheerungen angerichtet. Ganze Familien
waren dem Typhus erlegen, ganze Häuser ausgestorben und
leer. Selbst in unserm Hause fand ich fast ein neues Dienst-
personal vor, und gerade am Tage meiner Ankunft war die
Frau meines Jagers ihrem Manne in das Grab gefolgt.
Sie war, wie man uns bei unsere. - ckkehr sagte, die
z- 97.
lezte Person, welche im Schlosse starb, bemnerkie der Caplan.
Sie war iberhaupt die lezte Person, die auf unseren
Gütern starb, bestätigte der Baron, und tief aufathmend fügte
z n

-- Iß-
er hinzu: Und eben daru. -----s- =-« --- -ch das Verhängnis-
-ss His iss.ss ss,s. fls- iiss
volle.-- Er blieb stehen, sezle sich dann wieder vor dem Ka-
------- ---===- -- sagte: Sie waren mit meiner Mutter und
mniinn sspd,ne zifsd.
Schwester abwesend, und mein Vaier nicht geneigt, sich irgend-
wie auszusezen. Die Angst vor der Asteckung war also masllos
geworden, als ich nach Hause lam. Man halie in der lezien
== ==- -=-ß g- z- s- -- == z- -l Uiter dje Eye zl = -gC,
N,.s D.is
-o.s
fzissH
d, N,.s.siin
v= - -=-- Keu.-- aey -==- -- nothdürftigste Pflege und
Pp Aiosn
s, siii Ri
-ss fpzs
=-==---- zu verschaffen. Als die Frau des Jagers nun auch
Nlz-»iisso
l j-=z = -==«, 1üu. -==- =-=a das ebemualls ..el.a Find
ss.-
lss,- sisniss N
-z- fz,s
sss j.i-lnfs sAr
Ti
derselben nicht mehr im Hause lei==l.-- überall weigerte
sifR,
dns
- -«. das kleine, kranke Geschöpf aufzunchmen. In einer
wsnis st,s
=-- -----lß, wie die meine damtals war, und mit siebenund-
gsifiifiiif
-s E,-sieoi- (,s.sAef i-
N,libs: ss.s
z-=---Zlhz o-z- -- sz-z- -.ül Ia1S ===- -- -==g. G0.. 1I0s !.
E fiel mir also nicht so.= -» =-=-- - ß---- zlel zl
ifs 91..si:
s,s-li,s, s,s.iinf ni
geben. Trotz aller Bitien und Warnuungen meines
ich die Frauu =-- z-------- «- ic selbst das -aake
s..ss,iffbs F s.i-
s,-,-s
=- - -- -as Leben abgesprochen hatte, zu meiner
voz- ßs=-=s d
Vaters half
Find, =----
d,osss
siisii
= wE, djd
damals i-=« --- --plgpe, unverzagte Frau war, und sich n..
s-n.nm oissn z-sss
si
Fs.
F -=-- seiner Pslege zu unlerziehen versprach.
az- H1Azh-Hr
==--=-=s -=eu hielt einiett AlllPuz== -==--, Euo=s »--- --, Cl
özss,sss - ss
-i: s,sfio v
seinen früüheren AuSspruuch au= -i-- - »=i- ===- war Fceihe,
f ü sifi--b - O,.s.. s-s
,ii -
»Rh. ,s. N.s-
ss.- s.i,-i s
K ß.
W0aS -g- i=-P-- -ls=-z-- -= -=ashülg llß lllell. =- - lle -p
,ms
zss Rois- s--sskp-zs (
---- ----- -=--=-- =el=u« durch den Wald fnhr und es so elend
s d
in seinen Kissen auuf dem Ricsize des Wagens vor mir liegen
sah, schosß-- plötzlich der Gedan.. -=« den Kopf: wenn das
szsz
l,- dz-»i
Kmd wider alles Erwarten genese, -=u es mir die tödtliche
hzcss
Cz-,-ss7sißss z-iFs.s ß..wii--
o- ---z -- --=»=- --=------ so soll. - das ein Zeichen sein,
o zssss-
das; mir noch Freude und Wirlsamleii hienieden bestimmt se,
und wie ein Pfand meines Glitckes wolle ich dann die Kleine
isi- P
sspssmi s
ij-=- ld l.. llel.-« -ehe behallen.
Der Baron hatte das alles in eigenem Rickerinnern ge-

Dz
sprochen. Jezt blickte er dem Caplan fest iis Auge, als wolle
er dessen innerste Meinung erforschen, ohne basß er um dieselbe
zu fragen oder sie anzuhören brauchte, und sagte: Ich weiß,
was Sie über solch ein Witrfelspielen mit dem1 Zuufalle denken.
Sie nennen es unchristlich; ich nenne es thöricht, und doch ibte
es damals, iübt es noch in dieser Stunde seinen Einflusß auf
mich aus.- Um des Beispiels willen, so sagte ich mir damale,
in der That jedoch mehr, um mein Schicksal zu erproben, fuhhr
ich im Laufe der nächste. aoche häfiger nach Rothenseld hin-
--s M
über, um nach dem Kinde zu schen. Was der Mensc aber
zu beobachten anfängt, darauf rihtet er seine Neigung, und
hatte ich doch ohnehin meine eigene Zukunft in meiner Phantasie
an dieses Kind geknipft! Ich sorgte mich um dasselbe, sein
Ergehen beschäftigte mich lebhafter, als ich es fin möglith ge-
halten hälte, ja ich empfand eine große Freude und Be-
ruhigung, als die Kleine sich zu erholen begann und endlich
vollständig genas. Ich glaubte von jenem Zeitpunlte ab wieder
an die Zukunft, ich hoffte fiür mich wieder etwas von der
Zuknft.
»=- aheilnahme an dem Kinde hatte, als wir von
-s.s-s
Venedig heimkehrten, fir die verstorbene Fraun Baronin und
auch füür mich all..ugs etau- -=-=ndes. Wir wusßten uns
-K s.ss,-ls.
,zA
,.
»-- -erhalten nicht zu enträthseln und fanden Sie überhaupt
ganz ungemein verändert. Indeß die Mitiheilungen, welche
Sie mir eben zu machen belieben, .iklaren mir jene Theilnahme
p
wie jene Veränderung, bemerkte der Caplan, der immer nur
dann sich in die Rede des Freiherrn mischte, wenn er befürchtete,
dasß sie ins Stocken geraihen, und die Angelegenheit, um welche
es sich handelie, dadurch nicht zu ihrem Ende gefihrt werden
möchte.
=- -«undlung u meinem Wesen war natürlich genug,
eol.. M.s
meinte der Baron. Der Wechsel der Umgehungen und der

NH
Zustände war fir mich sehr grell gewesen. I = -esden ein
cg..
Leben des Genusses, welches mir das Herz zerrissen, hier Noih
umnd Elend, an denen ich mich aufgerichtet halie. Nuunu lamen
T
aus
mit meiner Mutter von dem Sterbebette meiner Schwesier
Venedig heimt- -
a. fiel der Caplan ihm mit einer Weise in die Rede,
als winsche er bei dieser Erinnerung uicht zu verweilen, der
=---, welchen die Frau Baronin, welchen das Haus erl.tan
dhs-s: sss
sss,-
hat.., machte dieselbe nur geneigter, sich der Unglicklichen auuf den
Güiern anzunehmen. Das lamn Ihrem Schiitzlinge damals sehr
zu Slalien.
Gewiß! Auch verlor ich Pauuline, so lange meine Mutier
lebte, mehr und mehr aus den Augen, sprach der Baron, der
sich von dem Caplan schnell wieder zu seiner Erzählung zuuriick-
gefihrt fand. Mein Sinn hatie sich allmählich erheitert, ich
überließ mich wieder den Neiguungen meines damaligen Alters.
D, wechselte ösier den Auufenihalt, und weun ich dazwischen die
,.
Kleine einnal wiedersah, so freute ich mich ihres Gedeihens,
sah mit Vergnügen, wie hübsch sie sei, und ließ mir von meiner
Mutter und von der alten Margarethe erzählen, daß das Kind
mich wie seinen Herrgott verehre und liebe, während ich selbst
cs nicht vergessen konnte, daß ich es einst als Glickspfand be-
trachtet hatte. -- Jahre gingen so hin. Man schickte Pauline
in die Schule, ut ? - -lc wenig geuug zu lernen war; aber
zn= sz-z-s
sie ließ sich guut an, und als man sie dann üach dem Tode meiner
Mutter confirmirte= ich lebte eben wieder im Auslande --, fragte
man nuch, ob man sie jetzt in fremde Dienste thun oder ver-
suchen solle, sie im Schlosse unter die Dienstboten einzureihen.
Um der Anfragen ledig zu werden, bestimute ich, daß sie bei
Margarethe bleiben solle; und vor der Wohnung meiner Amme,
sinibs -l.s-pz Aß
--- - -=-- »güre sitzend, sah ich Pauline eines Abends zum
ersten Male wieder, als ich nach längerer Abwesenheit von

- 2?-
Hause einmal nach Rothenfeld hiniiberritt, meine Ammne zu be-
suchen. Mein Vetier Waldern begleiiele mic auuf diesem Ritte.
Mich erblicken, auf mich zustüürzen, meine Hände kissen war
fitr Pauline, sobald ich vom Pferde gesliegen, das Werk eines
Augenblickes. E überraschte mich, sie so erwachsen zu sehen,
wie meinen Vetter der ganze Vorgang iberraschte. Un ihn
auszullären, sagte ich, das: ich dad Mdchen hüile erziehen lassen.
Fir sich? fragte er lächelnd. und ich lies; die Frage un-
beachiet, weil sie mir zuwider war. Guttherrliche Liebschaften
wvuren uiemals mneint Gescmaa, uund mteine Sinne haben utich
nie beherrscht ohne die Mitwirkung meines Herzens. -rozdem
aber wuurde ich da ==- des schönen Geschöpfes, das in seiner
1i-.
feurigen Danlbarkeit mir nzr noch reizender erschien, nicht
wieder los, und ich mußte mir bald sagen, daß es so gar leicht
fin mich sei, es zu besizen, um mich in dem Vorsatze, das
Mädchen zu meiden, auufrecht zu erhalten. Hätie Paulinen's
Zineigung sie mir nichi immner wieder ie den Weg gesührt,
ich wüürde meinem Vorsatze treu geblieben sein.
Der Caplan wurde von dieser Aeußerung betroffen. Der
Baron muusßte sehr erregt, sehr erschüttert sein, daß er sich vor
sich selbst in solcher Weise zu rechifertigen suchte, daß er es
nicht fühlte, wie nahe es an das Gebi-? - Komischen grenzte,
wenn er, der erfahrene, herzensüige Lebemann, es unter-
fzs-
nahm, sich halbwegs als durch die Liebe eines Kindes verleitet,
darzustellen. Er mochte wohl auch etwaä von dieser Ver-
wuunderung in den Mienen des Caplauns bemerken, denn er
brach plötzlich ab und sagte dann: Was soll ich Znen erzählen,
D
wie ein unerwartetes Begegnen in einsamer Stunde einmal
meine Sinne anfachte, wie des Mädchens Hingebung es mir
in die Arme warf!
Er erhob sich nach diesen Worten und begann wieder im
Zimmer umherzugehen. Dem Genusse folgte die Neue auf dem

--=- Zg-
Fuße, sagte er kurz und schnell, als wolle er bald beenden,
was ihm zu erzählen noch üibrig blieb. Das Mdchen war
mein Schiizling gewesen; ich lonnte das nichi vergessen. Unzn-
frieden mit mir selbst, dachte ich dem Handel keine weitere
Folge zu geben. Ich hatte fest beschlossen, Pauline sogleich zu
entfernen, und suuchte nur nach einem Orte, nach dem ich sie
schasfen, oder ach einem Manne ihres Standes, mit dem: ich
sie verheirathen und von welchem ich eine gute Behandlung des
armen Geschöpfes erwarten lonnte, denn ich wollte ihr in jedemt
Falle ein möglichst gutes Lvos bereiten. Aber die Lidenschafi
des Mädchens hatte etwas Dämonisches. Sie hing sich mit
einer Gewalt der Liebe an mich, die ich in ihrem Alter und in
ihrem Stande nicht für möglich gehalten hätte. Wie an meine
Schritie gebannt, folgte sie mir mit einer Art von Jnstinkt.
Sie schien meine Gedanken, meine Absichten im Voraus zu
errathen; wohin ich kam, fand ich sie; wo ich sie nicht ver-
muthen konnte, erschien sie plözlich. Sie wurde mir eine Art
von psychologischem Näthsel. Wir wissen ja so wenig von der
verborgenen Macht, welche die Wesen aneinander kettet! Ich
konnte mich der Vorstellung nicht erwehren, daß ein geheimniß-
voller Zusammenhang dieses Mädchen mir verbinde; aus Mit-
leid, aus einer menschenfreundlichen Grille und, ich mag mich
Ihnen nicht besser darstellen, als ich bin, aus Genußsucht end-
lch behielt ich sie.
Ich verbot ihr jedoch, mir zu folgen oder jemals nach
Richten zu lommen; ich versprach, sie aufzusuchen. Ihre Freude
war groß, ihr Gehorsam unbcdingt, und bald war mir das
D=gll, bald war sie selbst mir in daö Herz gewachsen. Ich
zi-
unterhielt mich damit, ihren Verstand zu entwwickeln; ich wollte
sehen, was Erziehung aus einem Naturkinde zu machen ver-
möge. Ich wollte einmal eine ungekünstelte, ungeheuchelte Liebe
genießen, mich an der reinen, einfachen Natur erfreuen.

-- - ZJ---
«g wwies den neuuen und tüchtigen Schullehrer as1,-== -- =0
N,
sszwoi: f--
abgebrochenen Unterrichi wieder aufzunehmen. Paulinen's Wns-
begier, duurch das Verlangen, mir näher zu riicken, gesteigert,
war so unermüdlich, als ihr Fleiß. Ihr: Fortschritte iber-
raschten mich. Neben den geistreichsten Fruuen hat mich oft-
mals das Gefihl einer Ermiduung beschlichen ueben Pauline
habe ich das nie empfunden. .pre Urspringlichleit machte sie
A
mir immer reizend, sie ist durchaus eigenartig. .« habe viel
N,a
Freude a ihr gehall.
Der saplan halle duupch sein Schweigen deui Freiherrn die
Genugthuung vollen Aussprechens gewähren wollen, um danach
zu berechnen, was geschehen müsse, ein gethanes Unrecht mög-
lichst zu siühnen und neue, weiter fortgefihrte Sine zu ver-
hiten. Nun, da der Saron anfing, sich in die Erinnerungeu
.
zu versenken, welche ihn an Pauline fesselten, diünkte es dem
Geisilichen an der Zeit, diesen Erinnerugen ein Ziel zu stecken,
und er fragte plötzlich nach Paulinen's Alter.
Sie war siebenzehn Jahre, als ich sie einrichtete, und neun-
zehn, als sie den Knaben gebar, der nun im sechsten Jahre
s.s
-=-- antvortete er. Die Frage des Caplans hatie den Baron
aber unbehaglich auufgeschreckt; er setzte seinen Weg durch dad
Zimmer eine Weile lautlos fort.
Auch an dem Knaben hänge ich, sagte rr dann mit einem
Male. Er erschreckt mich oft duurch seine Aehnlichleit mit meinem
Vater und mit mir. Dazu ist er an meinem Geburtstage, wie
Pauline a. dem Geburtötage meiner Mutter, geboren, deren
Namen sie ja s-« -»ugt, figte er mit unverkembarer Zärtlich-
ii szA
s.l s
= - yllFll.
Und weiß sie es bereits, daß Sie sie entfernen wollen,
entfernen müssen? fragte der Caplan, um den Baron von der
Betrachtung dessen abzulenken, was er als das Dämonische
anzusehen liebte.

------ Is --
.a, sie weiß es. Als sie durch mich zuerst von meiner
bevorstehenden Verheirathung erfuhr, nahm sie die Nachricht
mnit anscheinender Fassung auuf, und weil ich sie verständig zu
finden wümnschte, hoffte ich, daß sie es sei und daß sie mir
keine Schwierigkeiten bereiten wülrde. .g belobie sie, ich sagle
D
ihr, das; sie mir eine Beruhhigung gewähre, mir einen Beistand
Des:
leiste, das; ihre . ufi mir sehr am Herzen liege, das; ich finr
den Knaben in jedem Betrachte sorgen wirde, und ich verlies;
sie, sehr zufrieden, sie so figsau gefunden zu haben. Ja, ich
war ihr danlbar, rechi eigentlich daulbar dafir, daß sie mir
erleichterte, was mir selber so schwer ficl. .g hatte aber nicht
N,
berechnei, das; sie nicht iber den Augenhlic hinauus zu denlen
pflegte, wenn ich bei ihr war.
Der Baron wollte die ihn drüückende Angelegenheit gern wie
ein Geschäft behandeln und zum Abschliuß bringen. Aber wie sehr
er sich auch dazu zwang, der Zwiespalt zwischen seiner Vernunft
und seiner Eupfinduung, zwischen seinen Absichten und seinem
Gewissen verrieth sich immerfort, und er hatte Pauline vielleicht
nie zärtlicher im Herzen getragen, als in dieser Stunde, in der
er sich fiür immer von ihr loszumachen strebte.
Paulinen's Knabe ist natürlich protestantisch, wie die Mutter,
bemerkte der Caplan, der den Baron bei den Thatsachen fest-
zuhalten wünschte und der es damit verrieth, daß er von den
Vorgängen in Rothenfeld wohl unterrichtet sei.
a-. sprach der Baron, aber ich bekene Ihnen ehrlich,
N,
ich wüinschte, daß es anders wäre; denn der Katholicismus
kommt mit seinen Lehren dem Bedinfnisse der Schwachen, der
Leidenden doch weit mehr, ich möchte sagen, sichtbarer, faßbarer
-=e, als der Protestantismus es thut. Und auch hier
Gzs? -
irage ich eine Schuld. Et häite mich uur ein Wort gelosiet,
den Knaben unserer Kirche zu übergeben; aber die Mutter wülrde
ohne Zweifel dem Kinde dannn nachgefolgt sein. Ich habe dies

ch
zu thun versäuumt, und jezt gäbe ich doch viel darum, wenn
die arme Pauline unserer Kirche angehörle.
Ist siedeniberhaupt einereligiöse Natur?fragte der Geistliche.
Sie war es ganz unstreitig! Indeß die zelotische Strenge
des Nendorfer Pfarrers hatte sie so beängstigi, das; ich sie, um
sie zu beruhigen, nur leider von der Kirche entwöhnen mußte. Daä
ist jezt in der That ein groses llngliick fiir sie und fir mich.
Wenn Pauline Katholikin wäre, wenn sie einer Kirche ver-
trauensvoll angehörte, wenn sie sich aussprechen, beichten, Rath
und Trost inden, ja, selbst bißen könnte, so würde das in
diesem Augenblicke eine Wohlthat, es witrde die größte Hüülfe,
es würde eine Retiung fir sie sein. -- Und ihr zu helfen, mir
zu helfen, das ist es, was ich jetzt von Ihhnen zu fordern ge-
nöthigt bin, mein alter Freund! schloß der Boron im Tone
bitiender Herzlichkeit.
Der Caplan zbgerte zu antvorten; er ging offenbar mit
sich zu Rathe. Unnd was verlangen Sie von nir? Was wiün-
schen Sie, daß ich für Pauline thue? fragte er danach.
Gehen Sie zu ihr, mein Freund! Zeigen Sie ihr, daß Sie
Alles wissen, suchen Sie ihr Vertrauen zu gewinnen. Seit die
alte Margarethe todt ist, hat sie Niemand mehr gehabt, der
e
aheil an ihr genommen hat, sagte der Freiherr. Der Vorzug,
den ich ihr einräumte - Sie kennen ja die Menschen -- machte
sie unbeliebt. Man mißgönnte ihr denselben von der einen
Seite, und warf von der anderen den Stein auf sie. Man miß-
traute ihr und beneidete sie. Sie war also, mehr als gut ist,
auf mich allein angewiesen. Stellen Sie ihr die Dinge vor,
wie sie liegen. Machen Sie ihr meine und ihre Lage klar.
g
Was Sie ihr sagen, wird uneigennilziger, milder scheinen, als
meine Vorstellungen, und
Sagen Sie ihr, daß sie,
Zukunft zu bereiten, sich
wird darum eindringlicher wirken.
schon um ihrem Knaben eine gute
frih mit ihm von hier entfernen

-=- ZZ---
misse. Mit einem Worte, bester Freund! er ging auf den
Caplan zu, ergriff seine Hände und sagte mit einer Bewegung.
die er nicht mehr bemeistern lonnte: Ich lenne Ihre Grund-
sätze, aber ich kenne auch Ihre Anhänglichle.. .re Freundschaft
ls As
fiür mich. Ich habe Ihre Gewandiheit und Nechtlichleit vielfach
schätzen zu lernen Ursache gehabt, und hier handelt es sich nicht
einzig und allein um mich. Ein armes, unglickliches Weib
hat Ihren erbarmungsvollen Beistand nöihig, und Paunline liegt
mir mehr am Herzen, als mir lieb ist. Beruhigen Sie sie
um meiner Nuhe willen.- Und vor allen Dingen machen Sie,
daß sie sich entfernt, denn ich bin das zu thun nicht im Stande
P hP - =- -=- ==-
und
der Gaplan blieb allein zuurick.
Er sah dem Freiherrn gedankenvoll nach. Jmmer der
Alte, sagte er endlich, indem er eine Prise nahm, seinem Her-
zen wie seinen Sinnen und seinen Phantasmen uuterthan. Eben
so leicht geneigt, sich die Zügel schiesen zu lassen, als sich dessen
anzuklagen und sich davon freizusprechen. Wann wird die
Stunde endlich für ihn schlagen?
Er blieb wie in Gedanken vor den Bildern stehen, welche
die Hauptwand des Zimmers schmückten. Sie stellten die Eltern
und die verstorbene Schwester des Freiherrn vor. Er betrachtete
das Portrait der Lezteren lange und liebevoll.
Nur Etwas von ihrem klaren, festen Sinne, und welch
ein Anderer wäre auch er geworden! rief er aus. Dann ent-
fernte er sich ebenfalls, und nur die hellen Sonenstrahlen be-
lebten das schöne, würdige Gemach.

Kapitel 02

Z weiteä Ca « - - --
s: s e = l
eh
-=och an demselben Abende lies; der Caplan sich den
A
, ===?
kleinen Wagen anspannen, der ihm seit langen Jahren zu seinem
Privatgebrauche iüberwiesen worden war, und fuhr nach dem fast
eine Siunde entlegenen Dorfe Rothenfeld hiniber, die Geliehte
des Freiherrn aufzusuchen.
Vor dem Dorfe stieg er auus. Er wollie den Wagen
nicht vor Palinen's Thur stehen lassen. Da kleine Haus
lag am Eingange des Dorfes. Es hatte, seit Pauline die Ge-
liebte des Barons geworden war, einige Veränderungen erhalten,
die es, so gering dieselben auch waren, doch vortheilhaft von
den andern Häusern des Dorfes unterschieden. Es war sauler
getiincht, die Fenster höher auusgebrochen, hatie grine Läden
vor denselben, und ein Gärtchen, in welchem noch einzelne
Stockrosen farbig über ihre bereits braun gewordenen Blätrer
emporragten. Auuch noch jetzt im Herbste und irotz des vielen
abgefallenen Laubes verrieth es eine liebevolle Pflege.
=- -- Hausthi. g=ud offen, der kleine Vorplatz war sauber
ed.
»-o si-f
mit Sand bestreut, das Feuer auf dem Heerde brann«. gell.
sz s
Es beleuchtete die Reihen weiß und blauer Fayence-De.« uund
ollp i
blanker Zinngeräthschaften auf dem Simse und in den Borden.
Eine ganz jnge Magd spann bei seinem Scheine. Als der
Schritt des Caplans auf dem knisternden Sande der Schwelle
z--bar wuurde, öffnete sich die Siubenthüüre und Paulin. -m
.s-
ß,-
heraus Aber kaum hatte sie den Geistlichen erkannt, so trat sie

--- Zß-
erschreckend zurick, und mit einer Miene, in der sich ihre Ent-
täuschung aussprach, sagte sie: Herr Caplan! Sie sind es. Herr
Caplan? Sie hier? Sie fasite sich jedoch schnell und nöthigte
ihn mit feiner Handbewegung zum Eintritt.
Das Zimmer war bescheiden und freundlich wie das Haus.
Ein Canapö mit grünem Nasch überzogen, ein Lehnstuhl da-
neben, =nsche, =-uhle und Schränke von Nusbaumholz mit
ast
weitgeschweiften Fiszen, und ein kleiner Spiegel in zinnertem,
vielgeschnörleliem Nahmen galen ihu eine hüibsche Behaglichleil.
Auf dem Tnsche stand sauberes Kaffeegeräih neben dem Nh-
käsichen, von welchem die Arbeit niedergeglitien war. Trockene
Eicheln und Kasianien, in Häufchen gesonderl, bedecien den
andern Theil des Tisches. Sie machken das Spielzeug des Knaben
auus, der, auf einem: Stuhle knieend, den uungewohnten Gast mit
neugierigen Blicken betrachtete.
Sie hier, Hochwilrden? wiederholie Pauline. Wad ist
den
liche
troz
gnädigen 1-- zugeslosten?
J,s
Sie erwarteien also den Herrn Baron ? fragte der Geist-
N,s.:-ss.s
und ließ sich auuf den grosen== =--sgl nieder, den sie ihm
=-- -=---==--=--g; ni! guter Manier angeboten hatte.
sszip= Kdpzziif-fiis-
Ich dachte -- ich halie heute Morgen an den gnädigen
Herrn geschrieben -= und ich hoffte also immer noch-- sprach
-- unentschlossen, was sie sagen solle, und sich desghalb selbst
i
fortwwährend unterbrechend. Dann nahm sie sich plözlich zu-
w------=-- uund sagte sehr bestimmt: Hochwiürden, was ich hören
PAm in on n
soll, das sagen Sie mir gleich und grade heraus. Sie sind zu
mir nicht bloß von ungefähr gekommen!
Sie hob dabei den Knaben vom Stuhle herunter und hies
ihn in die Kiche zu dem Mädchen gehen. Als er sich entferut
---- sezie sie sich vor ihre Arbeit hin, die Hände auf den
K.ß-i:
tc
=- ch gelegt und offenbar auuf eine schwere Mittheilung gefast.
Der Caplan halte sie nichi in der Nähe gesehen und nicht

- - I1 -
gesprochen, seit sie nicht mehr nach Richten un in das Schloß
gekommen war. Er fand sie daher in jedem Betrachte oer-
ändert. Sie hatte die Kleidung der Landleule abgelegt und
trug sich wie die städtischen Frauen bürgerlichen Standes. Das
enganliegende Leibchen des grosblumigen Kattunrockes, das wße
Busentuch, das Nacken und Kehle freiließ, die kleine Dormeusen-
haube, die, ihr auf dem Hinterkopfe sizend, die Füille ihres
braunen Haares nicht zu fassen vermochte, kleid en sie vortrefflich.
Sie war wirllich schön zu ueunen, ihre Ziige waren rein und
sehr weiblich, nur die lleine Stirn mit den nahe zusammen-
gewachsenen und scharfgezeichneken Brauen gal- dem Kopfe etwas
Finsleres und Hartes, und erllärte dem Caplun die Gewalt,
welche Pauline über den Baron besaß, und die geheimnißvolle
Macht, durch die er sich an das Mädchen gebunden glaubte.
Der Caplan hatte es sich auf der Fahri nach Rothenfeld
ruhig zurecht gelegk, was er ihr sagen und wie er sie behan-
deln wolle, aber wie es auch den Gescheuutesten manchmal zu
begegnen pflegt, das: sie ihr einstiges Wissen und ihre Vor-
stellungen von den Personen festhalten, wenn diese längst nicht
mehr dieselben sind, so hatte er troz seiner sonstigen Lebens-
klugheit es auser Acht gelassen, daß er die jezige Pauline gar
nicht kannte, daß der natürliche Verlauf der Zeit, daß der lang-
jährige vertraute Umgang mit dem Freiherrn sie verändert haben
mußten. Als er sie demn jezt plözlich vor sich sah, fand er, daß
Alles, was er ihr vorzuhalten beabsichtigt hatte, füür sie und
ihren gegenwwärtigen Zustand nicht mehr paßte. Es war ihm
daher recht erwünscht, daß ihre lebhafte Besorgn:ß ihm die Mühe
ersparte, sie auf seine Mittheilungen vorzubereiken, und daß sie
ihn ohne sein Zuthun als den Boten übler Kunde ansah.
Ich komme allerdings nicht zufällig hieher, sagte er, aber
dem Herrn Baron ist kein Unglück zugestoßen. Er befindet sich

--- ZZ--
wohl und wird morgen in aller Friihe auf einige Tage nach
der Stadt reisen, jedoch noch einmal hieher zurückkommen.
Das war immer sein Vornehmen, versetzte sie, und weil
ich das wuszte, schrieb ich eben heute.-- Beide sprachen dabei
das Wort von der Vermählung des Barons geflissentlich nicht aus.
Was machte Sie also eine üble Nachricht vermuthen, als
ich kam ? fragte der Caplan.
Sie sah ihn mit raschem Blicke forschend an, als wolle
sie erspähen, was sie etwa von ihm zu erwarten habe; dann
zuckte sie leise mit den Schuliern und meinte seufzend: Sie
werden das wohl wissen, Hochwüürden, daß mir jetzt von
Schlosse nichtö Guteö mehr kommt. Sie sind jg auch nie-
mals hier gewesen, seit ich hier allein im Hause wohne!
Sie wuurde roih, als sie diese Worte sprach, und der Ea-
plan hätte die Aeuserung finn seine Zwecke nichi besser winschen
können. Das ist leider wahr und sehr erklärlich, sagte er. Al
die versiorbene Frau Baronin noch am Leben war und Sie im
Schlosse noch ans- und eingingen, war es freilich anders, und
die gnädige Frau hat sicherlich nicht erwartet, was hernach ge-
schehen ist.
Hochwürden, rief Pauline und hob die Hände umvillkir-
lich bittend zu ihm empor, sprechen Sie davon nicht, jetzt nicht!
Seit neun Tagen ist der Herr Baron nicht mehr hier gewesen,
obschon er auf dem Schlosse war die ganze lange Zeit; seit neun
Tagen ist mein Leben ein einziges Warten gewesen Tag und
Nacht! Ich weis vor Angst und Qual nicht mehr, wie mir
zu Vuthe ist; ich habe geung auf dem Herzen, auch ohne daß
D.
ich an die selige Frau Baronin denke!
Und hoffen Sie denn, das Sie hier in Noihenfeld, so
lange Sie in der Nhe des Schlosses leben, jemals zur Nuhe
kommen werden ? fragte er nachdricklich.
Sie war bis dahin äußerlich gefaßt und ruhig gewesen,

D
= ee -====
bei dieser Frage aber fuhr sie angenblicklich leidenschasilich em-
por. So lange ich in der Nähe des Schlosses bin? Wo soll
ich denn anders sein als hier, als hier, wo ich geboren bin
und hingehöre? Ich gehe auch nicht fori von hier, gewiss und
bestimmt nicht! Ich habe ihm das selbst gesagt seit all den
WVochen und Wochen, und wenn Sie nur deßhalb hergekommen
sind, Hochwirden, so.... Sie vermochle seineu ruhigen Blicke
gegenüber das rozige Wort nicht zu vollenden, und plözlich
abbrechend rief sie: Alles, alles, was er will -- nur nicht fort
von hier!
Sie nannte den Nanen des Barons auch jetzt wieder
nicht, indes; die Art, in welcher sie ihn bezeichnete, gab deutlich
das Verhältniß kund, in dem sie seit Jahren zu ihm ge-
standen, und das Gefihsl der Berechtigung, das; sie dadurch
neben ihm gewonnen haite. Sie dauerte den Caplan; er sah
sie an, um in ihrem gramerfillten und doch stolzen Rntliz die
Zilge des einst so freundlichen und heiteren Kindes wieder-
zufinden, und unwislkürlich gab er ihr schveigend die Hand.
Das machte einen erschitternden Eindruck auf sie. Sie schlug
die Augen nieder und schien sich ihrer Heftigkeit zu schämen.
Es thut mir leid, sagte er, das; ich Sie so wiederfinde
und daß ich mit solchem Auftrage, wie der meine, zu Ihnen
kommen muss; denn allerdings ist es die Noihwendigkeit Ihrer
Enifernung, die ich Ihnen begreiflich zu machen wimsche. --
Er hielt inne, sein Blick lag fortdauernd mit demselben ruhigen
Ernste iber ihr. Sie waren solch ein gutes Kind, solch braves
Ny
=--ädchen! sagte er nach einer Weile.
Ein Zg von Schmerz flog über ihre Mienen, sie ant-
wortete und regte sich nicht.
Als ich es dem Herrn Baron verhieß, zu Ihnen zu gehen
und mit Ihnen zu sprechen, fuhr der Caplan fort, brachte ich
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1
L

- ZH--
ein Opfer damit. Jezt srent es mich, das; ich gelommen bin,
denn ich hoffe, auch Ihnen soll es zu Gute kommen.
Mir? Was können Sie mir helfen, wenn Sie es auch
wollten? unterbrach sie ihn. Der gnädige Herr allein.. . -
Der Caplan ließ sie nicht weiter sprechen. Es ist fern
von mir, fuhr er fort, Ihnen Vorstellungen, Vorwülrfe zu
machen, welche Ihr eigenes Gewissen Ihnen in ruhigen Stunden
sicherlich nicht erspart. Es ist eben so fern von mir, Ihnen
den Weg nennen zu wollen, auf dem Sie bisher gegangen sind.
Sie haben Verstand, Sie haben ein Herz. Sie milssen also den
Unnsegen Ihrer Lage selbst eupsunden haben, und Ihr Kind
wird den Makel seiner Geburt durch soin ganzes Leben kragen.
Aber Sie waren jung, als Sie den ersien Schriti zur Sinde
thaten, und -. - -
Sinde? wiederholte sie, indem sie sich auufrichteie, was
habe ich denn gesündigt?
Pauline! rief der Geistliche mit Strenge, wen wollen Sie
jezt täuschen, sich oder mich?
Nicht Sie, nicht mich! enigegnete sie fest und mit einer
Sicherheit, welche ihrem Wesen einen grosten Adel verlieh. Es
ist wahr, ich bin seit Jahren die Geliebte des gnädigen Herrn!
Soll das mein Verbrechen sein? -- Wer sich einen Baum groß
zieht, dem gehört der Baum, der kant damit schalten und
walten, -wie's ihm gutdünkt, und wenn der Baum von sich
wüßte, wie ein Mensch, so müüßt's ihm recht und lieb sein,
wenn sein Herr sich an ihm freut. Als ich klein war, fuhr
sie mit wachsender Lebhaftigkeit und Freiheit fort, kleiner und
hilfloser als jezt sein Kind, da hat er sein Leben daran gesezt.
mir das meine zu erhalten. Obdach und Nahrung, Kleidung
und Wartung, Pflege und Lehre habe ich gehabt, und Alles
durch ihn, und habe keinen andern Menschen auf der Welt
gehabt, als ihn. Was er mich hat thun heißen, das habe ich

Oz -
-=-- zJFI -=
gethan von Kindesbeinen an. Als ich gros gewordeni-=-- he-
: sfh H
o fffis. ssp Iiip iis
er mtir gefagt, daß . --==== --=- u daF er mich nie ver-
lassen wirde, und ich habe ihm das geglaubt, denn ich habe
dof»fpf- Hffif:
e -p= gehagen, seit ic ==-= -- --, nd was er mir ber-
s -siss
sprochen hat, das hat er aue, -r gehalten. E hat mir
l, jsisine
mein Gewissen auc nicht beschwert, als das Kind gekommen
sss ü
- und hat n. ,
,. innes =====- -ug,n angesehen. Gar
-s N
K,f.s
a, wenn ich eine Dame gewesen wäre!- Aber
nichl!-- -
zsps s zi--ssiosi !
mich konnte der gnädige Herr ja doch .=«- - ---b= -- -
Sie schwieg, als misse dieser lezte Grund den Geistlichen
selbsi ohne ..eileres iberzeiuggest, uund erslauul iber die besonde..
1il
Richiung, welce diese Naiuur genommen haie, sragle dieser: So
h- .ozr Gewissen Ihhnen nie gesagt, das:
ss
g..-
=-ge gingen?
Niemals! anlvoriele sie bestimuuunt. Ich
Sie auuf falschem
habe gethan. was
iissi,ss8zf -
uch nicht anders konnte. Er hat mir immer = -.--== - - -0 -
1l=g-p=-«.ullhei -= - -=-zi lC -- ==l h.i bleihemt solld zd
,s s.s.--
iniipd,p
d.is-
sis:
iissiof sz.'
das; er nicht von mir lassen werde. Wenmr es dann manchmal
auuch geheis:en hat, das; er eine Frau nehmnen wurde, und ich
mir darüber Sorgen und Gedanken gemacht hale, so ist das
immer eine unnöthige Sorge aewesen. Und-=« --- z auch
s,s. Hfs in
immer glucklich und wie im Hinmel gewesen, bis-- bis nun
nnn diesen Sommer. Sie konnte das Wort v:nn der Verlobung
des BaronS nict .=- -=- » -ss-
fli= l.-s- EAs:si:
hh pts o - z-;= -= -- == g-s=s-- -
v p=- Ps,sfzoe A.- s,zfoe
ja eingepfarrt sind, hat - =- ----
os- (;- in
aewvarnt?
brnge- -
-=-- --audorf, bei dem Sie
menf N,
zur Rede gestellt, Sie nie
Hochwitrden, weshalb woll... Sie das woissen? fragte sie
mistrauisch.
1.ls
-- ---- ==e, dasß Ihnen ein ehrlicher, wahrhaftiger Freund
.s: sis
gefehlt hat! erwiederte er mit immer steigendem Antheile u
dem jungen Weibe.
Ise

- Zh-
Sie meinen also, der Herr Pastor hätte als solch ein
Freund an mir handeln sollen?
Es würde das wenigstens seine Pflicht und eine Wohlthat
für Sie gewesen sein.
Nun, rief sie mit einem Aunflug von Spokt, dann hat er
seine Pflicht nicht gut verstanden! Und eine Wohlthat für
mich hätte es sein sollen? Das heißt doch nicht wohlthun,
wenn man einem das Herz im Leibe bricht und einem sagt,
das man diesseits und jenseits verdammt und verloren sei, wei
man gethan hat, was man nicht anders konnte, was mtan - - -
Sie stockte, wollie weiter sprechen, besann sich wieder und sagte
endlich: Was häile er deun auch mil uir machen solleni?
Er hätte Sie wenigstens darauf auufmerksam machen sollen,
das; nichts Bestand hai, was wider Goites Gebot und wider
die Sitte der Menschen ist, antwortete der Caplan ihr sanft
und ernsthaft. Sie würden es dann, des; bin ich gewisß; weit
weniger schwer gefunden haben, sich jetzt in das Nothwendige
zu schicken, und würden nicht so rathlos und verzweifelt sein,
als ich Sie leider finde.
lich
gar
Sie blieb ruhig sizen, seufzte leise und sah ihn nachdenk-
an. Er fragte sie, was sie beschäftige.
Ich denke darüber nach, das es besser wäre, Sie wären
nicht hergekommen! entgegnete sie ihm.
Und doch kam ich in der besten Absicht! bedeutete er sie.
Sie sagte, davon sei sie üüberzeugt, aber statt sich dadurch
gekräftigt zu fiihlen, rief sie plözlich mit der ihr eigenthümlichen
unterdrückten Heftigkeit: Sehen Sie mich nicht so an, Hoch-
würden, ich halte das nicht aus!
Sind Sie der menschlichen Theilnahme, der wohlgemeinten
Sorge denn so sehr entwöhnt? fragte er mit groser Weiche des
Tones und der ganzen Milde seines Herzens.
a, sehr entwöhnt! wiederholte sie klanglos; und mit her-
g,-

Hz
--=- Hh F - -
vorauellenden Thränen rief sie: Ach, g-=-=----=--. machen Sie
zA. Hsiüiedoi
mir da Herz nicht weich, dann lan ics uir gar nici mehr
helfen, und weiß jezt erst recht nicht, wwas aus mir werden soll!
Sie wollte aufstehen, er nahm sie bei der Hand und nöthigte
sie dadurch, sich niederzusctzen; widerstrebend gab sie nad,
Weine nuur, Pauline! sprach der Caplan, dem sie mehr
uund ueh-. -.klagenswerth erschien und der sie in dem Gedanken
=- s..
an ihre Vereinsamung zum ersten Male wieder wie in den
agen ihrer Kindheit Dut und mit ihren Namnen anredete.
-weine = u.h aus! E mag lange her sein, dag Du nicht von
g
cd1,e
Herzen uuu Dichh selsi geweint hhast !- Tie regie sich nicht,
nur ihre -gelnen brachen neu hervor.-- Das Weinen wird
Ks.-
z:b H,
Dir das Herz erleichiern, u- =u mußt viel gelitien haben,
ehe «. Dich so gegen die Slimuuie Golies,- zeder in seinem
y.
d,. D
Gewissen in s.« -»-gt, verhärtet hasi! fuhr der Caplan fort.
s,s s»-R
Sie weinte bitterlich. Mit Einem Male jedoch trocknete
sie ihre Thränen, und sich auuflehnend gegen die Wirkung, welche
sein Zespruch auuf sie übte, rief sie: Wen Goit es zulassen
kann, daß ich so ohne Grund und ohne neine Schuld ver-
stoßen werde, so giebt es keinen gerechten, keinen barmherzigen
Gott mehr in der Welt!-- Aber kaum harte sie diese wilden
Worte auusgesprochen, so schlug sie die Hände vor dem Gesichte
zusammen und der Klageruf: E wird mich noch von Sinnen
bringen! rang sich ans ihrem gequälten und verzweifelnden
Herzen hervor.
Armes Weib! sagte der Caplan, ergrisfen von ihrem
Schmerze, und sich ihm plözlich zu Füsßen werfend, flehte sie:
Helfen Sie muir! Ach, helfen Sie mir, Hochwürden! Auf Sie
hört er, zu Ihnen hat er Vertrauen; er hat das hundert und
aber hudert Mal gesagi! Sie können dad Alles dnurchsetzen
bei dem Herrn Baron! Wenn Sie nur wollten! Sie könnten
Hss- s.p ss8zz !
sss1- »f=s s s -

--- 88--
Er ließ sie absichtlich auf ihren Knieen vor sich liegen,
dent dem herzbeladenen Menschen thut es wohl, sich vor dem-
jenigen zu beugen und zu demjenigen eupor zuu sehen, von dem
er Beistand erwartet, und mit tiefem Erbarmen fragte er sie,
was sie wünsche und was sie denn verlange.
Hier bleiben will ich! sagte sie mit einem Tone, der, so
leise er war, doch unheimlich wie der Wahnsinn klang, hier
bleiben will ich, weiker nichts!
Der Caplan war sehr erschüttert. Er sah mit Schrecken,
wie gut der Freiherr den Charakter und den Seelenzustand
seiner Gelielten beurtheilt hatie und wie griündlich er Paulinen's
religiöses Bewußtsein untergraben, als sie, durch die Vorstellun-
gen des Pfarrers angeregt, iber ihr Verhältis: zu dem Baron
S,is
unsicher geworden war, und Neue gefühlt haben mochte. a-p-
da derselbe sie, wenn auuch mit Bedauuern, zu entfernen beab-
sichtigte, wiinschte er allerdings, sie glänbig und unier dem
Einflusse sittlicher Begriffe zu finden, um sie auf einen höheren
Trost und eine innere Belohnung verweisen zu dirfen; aber
der Geistliche kannte das Menschenherz gengsam, um ihm irgend
eine Sammlung oder Erhebung zuzumuuthen, wenn es sich so
bedrängt und so im Aufruhr befindet. Alles, was er daher
in diesem Augenblicke anstreben konnte, war, Pauline iber den-
selben fortzuhelfen und sie zu der Entfernung zu bestimmen,
die ihm für alle Theile unerläßlich schien. War das erreicht,
so konnte man nachher versuchen, ein neues Leben in der Ver-
lassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten, auf
welchem nach der leberzeugung des Geistlichen allein Heil und
-Trost fitr sie zu finden war.
Du willst hier bleiben, Pauline, sprach er, und ich begreife
es, das =. dieses winschest. Aber hast Du Dir auch bedachi.
d.e
was Dir hier bevorsteht? Er machte eine kurze Pannse und
sagte danach im Tone ruhiger Erzählung: Heute in vierzehn

-- Z9 --
Tagen, in drei Wochen, wird vielleicht die Frau Baronin an
der Seite des Herrn Barons durch das Dorf fahren, und er
wird ihr sagen, wer in diesem und wer in jenem Hause wohnt,
und er wird sie dann bitten, seinen Unterthanen eine gütige
Herrin, den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein, wie die
selige gnädige Frauu es Dir und allen Andern auch gewesen
ist.-- Und wieder schwieg er einen Moment, da er merkte,
wie achisam und gespann! sie seiten Worten folgte. Wenn
der Herr Baron dann an Dem Haus kommen wird, fuhr er
fort, indem er sie scharf dabei ansah, was soll er ihr dann
sagen? Wenn sie Deinen Knaben sieht, wes vird er von seiner
Frau fir denselben erbitten können, mit welchem Herzen wird
er ihn in Zuulunft bekrachien? Und =- selbst, Pauline!
cdzs
-winschest Du der Fran Baronin zu begegnen? Oder litstet's
Hn
Dch, Dich zu verbergen, wenn sie mit ihrem Manne hier vor-
iberlommen wird?-- Willst Du es hinter den Vorhängen
Deines Fensters mit ansehen, wie der Baron vor Deiner Thur
das Auuge niederschlägl und den =« abwendet, wenn Den.
N11,s
Sohn ihm in den wbeg tritt? -- Willst Du den Knaben lehren,
Ar
den Herrn Baron zu meiden, dem er jezt zuirauensvoll seine
Arme enigegenstreckt? Und was soll Dein Sohn der Frau
Baronin antworten, wenn sie ihn einmal fragen wird, wer er
sei und wem er angehöre?
Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden.
Bleicher und bleicher werdend. das Auge finster und starr auf
den Fußboden gerichtet, hatie sie den Worten des Geistlichen
zugehört. Das leise Zuucken ihrer Lippen, das Znsammenziehen
-=--- Kugenbrauen verriethen, was in ihr vorging.
sss-=- N
eberlege es Dir wohl, Paulme, hob er noch einmal an,
isberlege es Dir wohl, was Dein Verlangen, hier zu bleiben,
=-r eintragen wird. Fuurcht, Schrecken, Eifersucht, Verzweiflung
cdt
Duch, Heuchelei und Lige für den Knaben, »»z i--
i.-
Md.»-.
ssn slsz-

--- 10 - -
Euch Beide, das ist es, was Du Dir hier bereiten willst, was
Dein T heil sein wird, bis der Kumnnner und die gerechte For-
derung der Frau Baronin Dich friher oder später doch von
hier forttreiben werden!
Nein, nein, das ist unmöglich! rief sie. Sie ist ja auch
ein Weib! Wenn sie ein Herz hat. wird sie, musß sie Mitleid
mit mir haben!-- Uiid es schien, als gehe der Unglicklichen
mit diesem Gedanken ein neuuer Stern der Hoffnung auf.
Der Caplan schiüttelie verneinend daö Hauupt. Du irrst
cg;.;,e
=--g, sagte er; sie wird Deine Nihe fitrchten, und was wir
sirchien, das beimnilleiden wir nichi, das bellagesi wwir nicl, das
hassen wir viel eher!
-.. ich hasse sie auch! sties; Pauline leidenschasilich hervor,
und ihre Augen funkelten in wildem Feuer.
Wie solltest Du nicht, da De ner Dich im Auge hast, da
Di nach Necht und Unrechl, ngch Schuld und Unschuld nicht
mehr fragst! sprach der Geistliche, einen neüuen Weg zu Pan-
linen's Verstand und Herz versuchend.
Hochvürden! rief Pauline flehend.
Beharre in der Härligleit Deines Herzens! fuhr er fort,
ohne ihren Ausruf zu beachien; weide Dich daran, das Leben
der jungen, schuldlosen Gutsherrin zu beunruhigen; zwinge den
Baron, sich immer wieder daran zu erinnern, was er gegen
Dich und mit Dir gesiündigt hat, verbittere ihm den Frieden
der Ehe, die er eingehen will! Aber sage dann nicht, das; Du
jemals Dankbarkeit, daß Du Liebe fir ihn empfunden hast,
daß etwas Anderes, als Dein eigenes Gelüsten und Deine
Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben! Der Zeitpunkt, verlaß
Dich darauf, wird dann nicht lange auf sich warten lassen,
in welchem er mit Schrecken an Dich denken und, Selbstsucht
gegen Selbstsucht sezend, sich berechtigt fihlen wird, auch ohne
Deine Zusiimmung Dich von hier forizuschicken!

--- I Z--
Und wenn ich gehe? fragte sie nach langem Schweigen;
wenn ich gehe -- und vergessen werde? - Sie barg ihe Ge-
sicht in ihre Hände, der Schmerz gewann wieder eine vohl-
thätige Herrschaft über die Erbitterung in ihr.
Dn wirst nicht vergessen werden, kannst nicht vergessen
werden! tröstete der Caplan. Reue und Bedauern werden den
Baron an Dich erinnern; Dank für den Frieden, welchen
Deine Entfernung allein ihm in seiner Ehe möglich macht,
Neigung und Sorge fir den Knaben werden ihn D.. daüuernd
d«-
verbunden halien, und Duu ganz allein sollsi iber Deine Zukunft
zu enischeiden haben, in welcher Neue und Busße auch Dich
hoffentlich zur Einkehr in Dich selbst, zum Frieden fihren werden!
Aber Pauline hatte in ihrer Herzenszerrissenheit seine letzten
Worte wieder nicht beachtet, und sich immer ntr an das Nächste
haltend, rief sie: Meine Zulunsi? Wa künmeri mich die! -
und abermals versank sie in ihr Briüten.
Der Caplan sah, je länger er mit ihr sprach, es immer
deutlicher ein, das; hier mit Einem Schlage nichts auuszurichten
sei, und daß man ihr Zeit lassen misse, sich durch Aufregen
und Nachdenken zu erweichen und zu ermilden; denn er hielt
sie fiür einen der Charaktere, welche nur dann zum Nachgeben
bewogen werden können, wenn ihre Kraft erschöpft ist. Er er-
hob sich also, um zu gehen.
Ich habe Dir die beiden Wege gezeigt, zwischen denen Du
zu wählen hast! sagte er eindringlich. Deine Entfernung ist
nothwendig und darum unabänderlich beschlossen! An Dir ist
es, zu wählen, wozu sie sich für Dich gestalten soll: zu einer
Buße und Erhebung, oder zu einer Strafc und neuen Pein!
s.s
-. Dir ist es, zu wählen; von Dir allein wird es abhangen,
wie der Herr Baron in Zukunft Deiner gedenken soll! Leber-
lege Dir das wohl, ehe Dn entscheidest!
Er gab ihr die Hand und ging der Thüre zu. Als er

-- PZ--
dieselbe bereits geöffnet hatie, fragte Pauuline schnell und un-
erwwartet: Hochwüirden, ist die Gräfin schön, ist sie sehr schön?
Hast Du nichis Anderes zu denken ? versezte er, von die-
ser Wendung ihres Sinnes überrascht.
Ist sie schöu? Liebt er sie denn sehr? wiederholte sie
dringend.
Der Caplan sah, dasß er ihr diese Fragen beantvorten
müsse. Die Comiesse ist jung und schön und edel, sagte er;
sie verdient die Neiguung, welche der Herr Baron ihr zugewen-
det hat, in voslem Masße.
Pailine schwwieg darauf. Der Cplan wsie nichi, was
in ihr vorgitg, was er von ihr denten sollte. Er siand zdgernd
an der Thiire still; sie stitzte sich mit der Hand auf den Tisch.
=---s- =u sonst nichts weiter? fragte er nach einemn län-
AA;ste; :
gern
Abwarten.
Nein! Nichts!
So lebe wohl!
Leben Sie wohl, Hochwirden! erwiderte sie ihm mit an-
scheinender Ruhe, aber gleich darauuf wallte das Herz ihr auf,
und mit einer Jnnigkeit des Tones, welche sehr abstach gegen
ihre lezten Worte, sagte sie: Hochwiirden, kommen Sie wieder!
Mein Unglick ist so groß. so grenzenlos gros. das; ich es nicht
begreifen kann!
Sie hielt, als schwindle ihr, die Hände gegen den Kopf
und setzte sich nieder. Der Caplan versprach ihr, sie bald
wiederzusehen, ermahnte sie nochmals zum Nachdenken, und ver-
ließ sie weit besorgter, als er gekommen war.
Nun er Pauline kannte, hielt er ihre Entfernung erst
vollends für unerläßlich. Bei der Schwäche des Barons, bei
der Gewohnheit, welche ihn an sie kettete, war Alles fir das
Glück seiner Ehe und fitr den Frieden der jungen Frau zu
firchten, wenn Pauline blieb. Und doch sah er noch nicht ein.

- 1Z----
wie man sie auf dem Wege der Güüte in so wenig Tagen zur
Ahreise werde beslimnmen können, während er wuuszte, daß der
s
Baron vor jeder offenent Gewe.=ps--- - u d Häirte zl
»1sss.Iss ,-7:s i
-G,.
schrecken wülrde, wennschon er es sonst eben nicht scheute, Andere
leiden zuu machen, sofern ihm selbst nur bas persönliche Ein-
schreiten und der Aiiblick des von ihm erzeugten Leidens er-
spart blieben.
Bei der Abendiafel saßen der Freiherr und der Caplan sich
allein gegenilber, dent es waren leine Gäsle im Schlosse, weil
z-s- sszwzpl
des Freiherrn Abreise so nahe bevorsland. =ur Freih.- --
von lauuier äuuszerlichen Diugen, obgleich es im nicht entging,
das; der Caplan sich eruster und stiller zeigle, als gewöhilich.
,s?i-
azüess er war nichi eilig, die Ursache von deu Nach-==
Nßs
desselben z erfahren, und erst als die Dienershaft sich enlfernt
hz- H,zf in
hatte und auuch jener sich zuricziehen wollte, Jragte d.----=--
ganz beiläufig, ob der Caplan vielleicht schon in Nothenfeld ge-
wesen sei. Dieser bejahte es.
Nun, und wie haben Sie Pauline gefunden? fuhr
Baron in der früüheren leichten Unterhaltungsweise fort.
der
Sie
war auusßer sich, nicht wahr? Ich kemne das an ihr, und eben
darum wüuuuschte ich, dasß grade Sie mit ihr verhandeln sollten.
Haben Sie etwas auusgerichtet?
er Caplan versezie, Pauline sei allerdings sehr aufgereg!
gewesen, wie das bei einer solchen ersten Uunierieduung mit einem
N
s s.sil.
=--aune, --- -hr in diesem Falle ein Fremder sei, n1ig- s=---
dus- -
köne. Es lasse sich aber eben darum von diesem Zusammen-
treffen nichts Bestimmtes sagen, man müsse Geduld ha= und
hiun in
weiter zusehen. Er hoffe und wünsche, daß mun zu einem ver-
ständigen lebereinkommen gelangen werde, weil man kein Miiel
sparen ditrfe, ein solches zu erreichen.
Er sprach dabei nichts Bestimmtes aus; der Baron war
auuch sehr zufrieden damit, nichts Näheres hören zu müüssen.

-------- F e-
Er war stet hereit, seine Lasi auf die Schultern seiner Unter-
gebenen zu laden und ihnen ihre Mühhewaltuung als eine Ehren-
sache anzuurechnen. Er versicherte dahher dem Caplan, daß er
volles Zuutrauen zu seiner Einsicht und zu seiner Freuundschaft
s-. : - zu jeder Forderung, wel.,. Pauline fir ihre
-in
s hf-
sinno -
äuszeren Uinsiände mache, iun Voranus seine Bewilliguung ertheile,
issd. EIziizi
==.- das; er also die g.11z- -= =1ß -= - =-== -lg der yein-
- . N,.l!
iissA
lichen Verhälinisse dem Freunde überlasse.
zs ,-zseus
«, hale hp-== heule den höchsien Beweis vo -- ==el
N,s.
»?szssns
gegeben, lieher Freund, ---- - -- ==-==- - -- =- zl geben
dois viss Pss,-siss dois:
ssA,zs: »
im Siande isi, sagle er. .-p hale Sie gebeien, in einer mir
N,s.
äuuserst wichligen und schmnerzliche. -gelegenheii slalt meiner
s sz:
zu handeln. Was Sie fitr nöthig --==- --. werde ich unledenk-
os,Flisss
l1eg -pn, wwas geschehen wird, wird allein Ihr Werl sein!---
s, hs.
Er betonte dieses Leztere, als gebe er im Vorans seinen
==-=--- Ds - =-- --, aber der Eahlii =:s, das; der Baron sich
e,.zs -
e sz fsssnnsf -
-s: siii ssf.
dieser Wendung ohne Zweisel sehr wohl erinnern würde,-=----
Iisfs:
es ekwa darauf anlommen sollte, dem Vermittler die ganze
Md,zzisii iiiis(,s-
as.-bi ss-
== =--- - = - »===- p-e eit Miszlinggent dae z lgenld einte u!l-
o- süz-
s--I---=--- ==--= =----g Flz=- = -- u0 als nyle er ilstkl gaV
e rmoismzffsb Mh,«z-szzszIzss
ifsizpzs?op: ifp?
zses.s V,l?
-= .- -- zl legend einer Entgeglullg -itrüütuet, s-g-- =- -
,nin doni
Baron mit wiedergelehrtem Gleichmuihe leichtfertig hinzu: Nur
das Eine halten Sie fest, das; der Ged..- u das arme Geschöpf
-ss ks -i:
mir wehe thut, weil es mich in der Tyu -=- -- -==-===
si,ss isolis- ss,-s,s
ss s)
isn sisniisns- 9sz-s nifpissss, sss
--- - --=--- - -- -- s--« -- ihnlicen Verhiidungeni geliebu zl
s- zs
werden wüünschen.
Az--inf nH -r oiinino Psz ss»o
=-s--bsi z- -- -----h- --s -s-z-- die er hier int Sclosse
während seines Aufenthaltes in der Stadt vollzog= - -=---
sosoi-
inüisss-sp
u ae ssl»11f)V-
-ch, al-
und die
und empfahl dieselben dem Caplan eben so angelegent-
er ihm Pauline empfohlen hatte. Seine Wiederkehr
Abreise z-- ochzeit wuurden auf Tag und Stunde
hiis I

---- HJ---
festgesezt, und in aller Frihe des nächsten Morgens brach der
Freiherr von seinem Schlosse auf.
Es war noch nicht völlig hell, als er duurch RothenfAd
fuhr und an Paulinen's Haus vorüberkam. Er bog aus Ge-
wohnheit den Kopf ein wenig hervor; die Hausihüüre, die Fen-
sterladen waren noch geschlossen. Er haite in ihrem Schutze
manche Stunde voll Genuß duurchlebt. Die Erinnerung daran
bewegte ihn, aber in einer Weise, als läge die Zeik, in der
es geschehen war, ein halbes Menschenleben hiuter ihm. Er
ssss
hatte jetzt nur die nächsten Tage, nur die Verbindung1
Gräfin Aigelila im Sinne. Mit der Vergangenheit hatie er
=
sich gestern abgesuunden, als er dem Caplan davon ausfihrl.u,
gesprochen halte. Pauline zu befriedigen und zu irösien war
nun dessen Sache.
Als der Wagen um die Ecke bog, sah der Bacon das Haus
nnoch einmal von der andern Seite vor sich. E fiel ihm ein,
daß es, wenn Alles nach seinen Wiuschen gehe, bei seiner
Heimkehr bereits verlassen sein werde, und noch einmal über-
schlich ih die Wehmuth, die ihn gestern zu den Mittheilungen
an den Caplan bewogen ha-- ==»-r cr verscheuchte sie schnell
ss,- ss.8
mit dem erfreulichen Gedanlen, dasß er fir sein -a doch noch
Nsss.--
eine grosie Frische der Empfindung besize. .ls feiner Eggist
verstand er es vortrefflich, sich selbst seinen Schmerz in eine
gewisse Befriedigunng z verwandeln, und wie er sich am gestri-
gen Tage im Hinblicke auf seine junge Verlobte, seiner Wohl-
gestalt gefreut hatte, so erfreute es ihn jezt, daß die Trennung
von einer Geliebten ihn noch=-« uumt Gemüthe leiden mache.
H.s. 1 s
Seine Braut konnte sich nach seiner Meinung des Besten zu
einem Manne versehen, der neben den Erfahrungen der reifen
Jahre alle Vorzüge der Jugend bewahrt hatie.
Was aber Pauline anbetraf, so gestand er es sich im
Vertrauen, daß sie an Anzichungskraft für ihn verloren habe,

--- 10 -
daß sie nicht mehr dieselbe sei, als vor fünf Jahren. Was sie
an Entwicklung gewonen, das hatte sie an Ursprünglichkeit ein-
gebißt, und es war im Grunde nicht übel, das; seine Heirath
ihm die Pflicht auflegte, sich von ihr zu trennen. Das; es
ewig währen könne zwischen ihr und ihm, hatte sie ja selbst
nicht glauben können. Aber er wollte in jeder Weise für sie
sorgen, fir sie und fitr sein Kind, und wen er daö lhhat, so
wwar ihr doch imner einu gaz anderes Loos gesallen, als ihr
ohne sein Dazwischentreten jemals häite zu Tseil werden lön-
nen. Er war also beruhigt und durchaus mit sich zufrieden.

Kapitel 03

Drittes Capitel.

s1:
- -ie Hälfie
===?
wesenheit angesezt
Caplan zu einem
der Zeit, welche der Baron
hatte, war bereits verfloss-n,
befriedigenden Abschlusse mit
gelangen können. Denn mit dem Eigens n
fitr seine Ab-
ohne daß der
Pauline hätie
des Herzens,
welchen die Halbbildung sich als Charakterstörke auslegt, wies
sie Alles von sich, was ihrem Empfinden widersprach, hielt sie
an ihren Vorstellungen fest, und alle diese Vrsiellungen kamen
ihr von dem Baron; n.. daß in seiner Gelielten sich zu einem
Ganzen gestaltet hatte, was in ihm unverbunden neben einan-
der herging, und das; in ihr zur Glaubenssache geworden, was
in ihm stets mehr oder weniger ein Spiel und die Wirkung
zufälliger Stimmungen geblieben war.
Der Baron war kein Wistling, kein gewöhnlicher Lebe-
mann, kein herzloser Aristokrat, kein schvärmender Phantast.
Er hatte aber von allen diesen Arten einzeln- Ige in seinem
-- P
Charakter, und dabei eine Eitelkeit, welche seine Herzensgiüt..
seinen Verstand beeinflsßte und es ihm zu einem Bedürfnisse
machte, immerdar Etwvas vorzustellen und dafür mindestens von
sich selbst Bewunderung einzuernten.
It der großen Welt hatie er früher durch seine =-=--
Nf-is
liebe und b- p--- -= -=-- - u-hozk, im Felde oder im
Ans-p s,iffn Hs s.uiffpisoi molß
Staatsdienste würde seine Eitelkeit ihn vielleicht zu Anstren-
K. H.ss
gUlgelt getrieben haben, die ihm Ehre g- --=- -==- =-===--
- -o1tA-As ii'
N,i-
erworben häiien. In der Stille des a.udlebens konnie es ihm

-- ,Z-----
geschehen, dasi er sich, wenu es sich eben so fiügte, aus der Er-
ziehug eines schönen Waisenlindes ein Bewußtsein i=-. daß
isfsrsin
die --== ----. welche dasselbe ihm zoll.., ihmn finr eine Zeit
Hszz v..iiifw
f- -
lang genügte, und daß er sich von eineu solche.-=üudchen gaz
ss As?
=--- ü- --- i--==e, weil .. es gänzlich als sein Geschöpf
sfd h-f -of;ss,.ss sss.ss -
- M.
betrachten durfte. Er hatte mit voller a.auhrheit gegen den
Caplan behaupten können. Pauline sei das einzige Frauen-
ziier, neben welchem er nie Langeweile aefiühl habe, denn
--es, was sie wuusßte und sprach, kam ihr von ihm oder durch
Ht
thn, und war dahher sicher, zu inmer zu gefallen.
Einige Jahre hindurc haie er Pauline gegeniber die
Wirkung seiner Groszihs oder seiies Geisies genossen, wweun
sie sich ==-;ndig und inner forischreiend bewies, und sich
mu»-ssI
daneben la.F grer Einfalt und seiner leberlegenheit gefrent,
-,si-
so osl die Schraule ihrer Nair und ihres aesens ihn bemnerl-
- H
luch wwurd.. -= a- edoc wwar jezt voruber. Pauline g=---
- O,?. N.s -
li,f f
sich u. -=-- zsaz neben dem Baron gewöhnt, sie hatte seine
: imzzpes s
Schwächen kennen und, um ihn i guler =1lg z er-
aT ih:
hu==«, dieselben benuutzen und ihn dadurch -= -=-- lernen.
-»lfof- :
li.p-»-shs
--- hing an ihm noch immer mit leidenschaftlicher Liebe, sie
c.
vergaß es auch niemals, was sie ihm sch==-= =- --il sie
l,ip -
Fpp snor
- -- G -:--g Kluuft nicht ermessen konnte, welche den Freig-
dn h,isss,v
szpzzsf
vos! -,- -=---=-- =-- - Ich muehr und mehr in seinem Besitze
Iz- ffisss hn
liüfs. s, ?
sicher gefihlt, und die von ihm oft wiederholte Aeuserung, das
jhr Leben dem seitigesn --==;-=-i-- - =-- -- -.rbil.=.i set,
siiffs.z- MlP is: n
»-s s.s.'
nRps:
hatte sie in dem Glauben bestärkt, daß der Varon sie nie ver-
lassen könne, das; sie nothwendig zu seinem Leben, zu seinem
Gliicke geh--
Zz.
Sie war daher wie vernichtet gewesen, als sie die Nach-
»-ss
s111s
.s
den
sont seiner bevorstehende!. ===--==-=llg edu=- z===- -
s M,z-li.is--i si:
sp
s.ii
-lfis
Nßef--ss s.1s.ss s..ih. sin s.i- fwifnvss..ils
==-=--=-- j-=j- z--- j-- -= - =-ss-hs-=-==-, Vhnd deshglh, stgcs
leichten Grundsäzen seiner Zeit, gleu« -=ugs an die
- s.:s.

-- P----
Nothwendigkeit ihrer Entfernuung zu denken. Erst ihr leiden-
schaftlicher Schmerz und die heftigen Ausbrüch: ihres Zornes,
erst ihre Drohung, das: sie seine Heirath zu hintertreiben wissen
werde, hatten ihm gezelg;, dasß er sie nicht in Roihenfeld behalten
------- und hatien ihn gegen sie verstinnnt. Indes schwach
sKsfssn
und nachgiebig aegen sie wie gegen sich selbss, h.- --= der
Aif H pssss
Ettscheidung gezbgert, bis de. aag seiner Hochzeit heran nahte,
=- N
bis er sich der Aussicht auf die schöne junge Gattin zu erfreuen,
und sich über den Verluust seiner Geliebten mut bem ihm schmei-
chelnden Gedanken fortzuhelfen begann, dgss er seinem Gewissen
und seiter Verlobien ein groses Opfer brige, nd das; er als
Edelnaun die Pflichl hale, fiir seiu edles Geschlecht ein wihr-
diges Familienleben in seinem Hause aufzubaue:.
Er war mit sich auuf diese Weise leicht genng fertig ge-
wworden. =-e Caplan hatie dafir mit Pauline einen um so
.-
schwereren Stand. Sie misßtrauute ihm als katholischem Geist-
l,n, als Abgesandten des Barons, und ve==u- ---, ach
-s..
o-lfssi d.p
seiner Nhe, weil sie sich verlassen fihlte und weil sie mit ihm
von demzenigen
So oft er
Geschichte ihres
sprechen konnte, was ihr allein am Herzen lag.
l-«- -um, muste er sich von ugu die einfache
ss.- .-
ss.--
Lebens erzählen lassen. Sie wiederholte ihm
jene Grundsäze eines Naturrechts, auf das der Baron sie ver-
wiesen, als er sie durch die Ermahnuungen des Pfarrers beun-
ruhigt geschen hatie. Sie gab ihm ihre Eifersucht und Ver-
zweiflung zs -=---. und der Gedanke an die baldige An-
pzfppn os:
wesenheit der kinftigen Baronin, den der Caplan ihr so ein-
dringlich vorgehalien hatte, wirlte uun unablässig in ihr nach.
Sie verlangte Rath von ihm und verwarf denselben; sie ver-
langte Trost und Hilfe, aber sie wendete sich ab, sobald er sie
auf einen Trost verweisen wollte, den sie it -=--- H--- --
F szsoff ofrof:of
Innern sich zu bereiten habe. Sie wollte weder von kirchlichen
noch von staatlichen Geboten reden hören, aus Furcht, daran
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

-- Jß-
erinnert zu werden, daß sie dieselben übertreten habe, und daß
sie diese Nebertretung sihnen und biüsßen müsse. Mehr oder
weniger gebildet und aufgeklärt, wütrde sie leichter zu bestimmen
gewesen sein, als jetzt; und es waren schlieszlich nicht die Vor-
stellungen ihres Berathers, nicht seine Moral und seine Ver-
nuunslgrinde, welche Einudruuck auf Pauulie machienn. EK waren
seine Geduld mit ihr und seine Milde, die ihr das Gemiih
bewegten und sie allmählig dahin brachten, das; ihr Zorn und
ihre Verzweiflung dem reinen Schnerze wichen, der nichi uehr
sich zu rächen, sondern nur noch sich selbst zu helfen irachiet.
Eines Morgens, als der Caplan wieder zu ihr kam, fand
er sie vor ihrer grosten Nuszbauu-lommode sizen. Um sie her
lagen verschiedenne Kleidungsstiücke ausgebreitet, daneben Bänder,
Zierathen, Nähbestecke und viele jener Kleinigkeiten, mit denen
man die Frauuen zu beschenlen pflegt, deren eigeniliche Beditrf-
nisse ohnehin befriedigt werden. Sie schien Musterung zu halten,
und der Caplan fragte sie, weshalb sie dieses thnue.
Weshalb ich das thue? wiederholte sie. Ja! wenn ich
das wüßte, Hochwürden! Ich kann nicht sagen, wie ich darauf
verfiel, die Schubladen auufzumachen und die Sachen zu besehen.
-- Die Commode ist mein Lieblingsstick! bemerkte sie nach einer
==aile, während sie die Sachen forträumie, die auf derselben
Mü.
gelegen hatten. Sehen Sie einmal das Geäder in dem Nus-
baume. E sieht wie Bäume aus; und dan der schwere
Messingbeßhlag und die großen Griffe! Ich weiß den Tag.
an welchem ich die Commode bekommen habe. Die alte Mar-
garethe gönnte sie mir gar nicht, und ich habe zuerst viel bit-
tere Worte darüber hören müüssen und manche Thräne darüber
vergossen!
Sie erzählte darauf, wie schwer die Alte ihr bisweilen das
Leben gemacht habe, und in die Art und Weise, mit welcher sie
ihre Schätze wieder an Ort und Stelle brachte, mischte sich der

r
--=b Z? gh; -=====-
Stolz auuf den Besiz derselben mit einer unverkennbar weh-
milthigen Erinnerung. Der Caplan lies; sie ruhig gewähren.
Wenn ich das Alles so vor mir sehe, sagte sie mit einem
Male, ist's mir grade, als ob ich die ganzen vergangenen Jahre
wieder vor mir hätte. Von jedem: Stiücke kann ich sagen, wann
er es mir gescheult hat, wann ich es zuersi geiragen und ge-
brauchl, und wie Alles damals gewesen isi. Maches legi noch
ganz neu da, Mauches ist nicht uehr zu gebrauchen, und ich
lönie es doch nicht sortgeben. Sie biickte sich bei den letzten
Worten, nalm auus der untersten Lade eine Jace von Kattun
=---- hielt sie dem Caplan «.- sage: Sehen Sie, Hoch-
sspesspHs
szifs iis
wwiirden, das war der erste Anzug, den rr mir nach seiner
Riiclehr lausle. Ich war damials uoch nichl a.sgewachsen und
so mager! Aber ich häie es nicht mit ansehen können, daß
ein Anderer mir nachgetragen, was er ir eiumnal gegeben hat.
Der Caplan warf einen Blick auf das bezeichnete Kl.sungS
- id
stiick und machte die Bemerkung, dasß es hhr auch liünftig an
Nichis fehlen und - =--»--- .- alle ihre Bedirfnisse auch
d,z- P1,ifi: sli-
kinftig sorgen lassen werde.
Sie hörie nicht darauf, denn sie war viel zu sehr mit sich
und - - -ergangenheit beschäftigt. So oft er nach der Siadt
do=- 9,
-= -, brachle er mir Eivad mit, nahm sie wueder das Wort.
finl.s-

-zllsp zm-F
Zulezt dieses große, rothe Umschlagetuch. .e s-= --« dar-
iber freen, ich sollte sehen, wie schön es sei. Schön geng
-ü li- E,s;
-»===- es, aber freuen konnte ich mich nicht mehr daru=- oe
ffz
wuufte ja schon, was hier bevorstand.
=--e Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederlommen,
ez
süM;O deA ßßggzli., -= - =-- --;- -== -= - ss e=sop- -on-- --ss== -
m: momf: I,
: ,z-ss fiodos iss KZzpsio iisnd i:i:fn
Menschen sein wirst, denen Du Deine Sachen zeigen kannst.
Sie schittelte verneinend das Haupt. Wer so unglücklich
of- födiis ,s.-R ifsohi iifd.
gemact w erden soll, wie ich, D ;--- - »=- --»z-- --s allS
dem Unglic darf man nichi zur---- an die guien Tag-,
P,pssss
gj ?

r ez
wenns einem das Herz nicl brechen soll. Ic wollie, ic hälie
die Commode gar nicht aufgemacht!
Sie fuhr sich mit der Hand iber die Agen, schlos: die
sämmllichen vier Schubladen zu und steckie die Schlitssel in die
aasche von weisßem Piguä, die sie unter ihrem Katiunrocke irug.
Der Caplan stand auf; das schien sie zuerst auuf den Ge-
danken zu bringen, daß sie mit dem Aufräumen in seiner
Gegenwart etwas Ungehöriges gethan hätte. Sie bat ihn defß-
halb um Entschuldigung. Aber, figte sie hinzu, wenn Sie nuur
ein einziges Mal . ;-=--- =--- --. wie einem Menschen zu Muthe
,z-8l.w,mzs s.Isi:-is
ust, dem so wie mir der Todesstos: gegeben wurd, so wütrde:n Sie
wissen, auf was man da .les verfällt. Elend mus; man
- Pl
aennen, damit man's verstehl!
Die Worte kamen ihr von HerzenSgrund und rihrten den
Caplan duurch den Atsdruck, mil welchem sie gesprochen wurden.
Er seufzte uuwilllurlch, sah Pauuline an, zgerte einen Auugen-
.sl, zn
=-=-- uul sagte dann mik ganz verände.... Tone: Und wwenn
zf pss
ich es uun verstände, was Elend isi, wenn ich es wiszle, wie
Dir Armen zu Muüihe isi?
Sie richeie ihre duunleln Auugen forschend auuf seine--ene.
s
R
Haapwurden, was soll das sagen? fragie sie danach. Sie sollten
wissen, wie mir zu Muthe ist? So wie Sie, Hochwüirden, sieht
man ucht aus, so still und ruhg -==-- wenn man so zer-
ssipui
schmettert worden ist und sein Alles verloren hat, wie ich.
So still und ruhig wird man, kann man werden, wenn
man sich vorhalt, daß -«es, was wir leiden, uns von Goit
Attt
kommt, und dasß der z eiland selbst sein Kreuz getragen, das:
- G
Christus selbst den s=u« des Leidens auöge=-- zul bis auf
k.s=
s.ss,s s.--
den letzten Tropfen! entgegnete er ihr.
Pauline schvieg, als stände sie an geweihter Stätte, als
sei ein Vorhan, -= -= - fgezogen, der ihr ein Allerheiligstes
- npz js,=-
offenbarte. Sie faltete dne Hände,-=-====- hing -u einer
ss-- I,s
issis

F ez
----- ß-J -
ganz ueuenn, liebevwllen Eunpsiduung aun demn mildent Ailitze
des geistlichen Herr, und näher zu ihm reiend, während sich
ihre Wangen röiheien von der Scheu, mit welcher sie die Frage
an ihn riclele, z rach sie leise: Hochwitrden, sind Sie denn
aulcs ...üse!! ll1lu -= -;--i -- -arent?
, s..is ;spss snn
ip
vl,
Nein! en=zz uzete er.
iA.,
Was ist Ihnen dent geschehen? forschk: sie weiter, und
ils-p Fs siisn mmiiA mivsnsi:=- ßs..- hs,s i.i- N
z --== ------===-------= ---= -=---- ===--. helluImte gesä tftigt.
- s,s. isd sskssniß ss- is-
Er nahm sie bei der Hannd, sezte g------- --=-- -
=-- i-« -=-zuuS lleDa-z=--zi --; Iü z-P-- -- -=pg! Ics
-inis ,s. ssissfs,-s
o-sil,fsspH -
fss s,sHf of z-ss sss
habe ntic l=.-=-== - -
, !
s.siiin
Freiwillig? rief sie aus.
zreioillig! wiederholie er. und sie schwwiegen Beide.
Pall.- -- - -==- - ---g-==süÜlEll, ; »Oz-p sz --»-;- diesett
-s N.s. s,uss.ss ses
sjssp snv sifn its
sfH osip
sis- ii -
-=-genblce. was L. .lrauen des Eaplanc hatte sie erhoben.
cg-
Plz:
1.
-.f,.sf,-s nue
Ihst aber Juille es einte elle, g=;« lr«.=--- ----l -= i-- - ===-
siss
-zpzsszissAiiss
-s.
sszpnlsofs - ßssd.s ne
Paultne von seinem eigenen Geschicke zl ---== -- --» - --
siiie sszs-fziz s sßisin
haile richltg erlannnnl, das; nan auf diese Frauu - - --=---- - ----
indel.i lasl -g- - eil!ahite auf eisnemt Aztdere:. -==-- -1v --
EFt.
- -l.-
si=.
z-sfsisn- is
s ,si.
N.z-.-s.
Ell. = - ;w-dl glls deil! =- -- p« VOrldll, E. z ----- -=-
; sif- k,sssnin sisd.
iübersah. =a =-ge---= - -on dem Schicsale des Geist-
.»-I-s
nslzf s
is kiss. HF
sph.s
l==g= - l hD = - - -; -=- -- - = ««ulle. Sie wdlte ver-
ss,ß -s.- sn
ißeos
gleichen lönnen, und doch band die Ehhrfurcht-=- --- w-b-L-
is.- di. Nmissn
bis sie endlich de Frage wagte: Und jezt. Hochwirden, sind
tFis- dsss iis zei»s zsnsiv iHs»1szs
K. hoss F, o=-smis»-)s
== a1sls suDs« sll»1 1ss=l- l11is,»7ls»1Gsf - 11l»- -ss ==f= »Vs sV711GVs As-
oss ?
was Sne gelitten, was Sie geopfert hal.. -
a. ich habe ek verschmerzt! Ich h. -- -oieder Freude an
A H.. s-
s.,- AsH,-sssmos dofo-- C,is.
-- i-b M,sgr sfs- s8ls-
dofis E,l..ss ss. s-
zu u. -== s«1vz ii! usCuu =e= « sss»sf= 1s, =?==-ll Ka==ss =l1l= =a= sgs- 1111s 1= K s
Affs Hposs lioAi
u ss s P,? - H»s s -szs - - - -
O, kK -
Un. -- --=en also wirklich wieder glicklich sein ? fcagte
sie noch einmal.
N,s. s.,- s.-.-
i: nissz- Psz-s;,-is ?
d-»- iC.-7.
» --i: ;u U9llh .u --i= - -- =--is, ils =a- as====»sinzz -wis = -
inn fsswi fs

Pflicht! Mit einem
ich habe doch keinen
Sie faszte den
-- -! ---
äorte, ich lebe gern, versetzte er -- und
Sohn, fir den ich leben könie!
Gedaunken offenbar bereitvillig auuf. Ja,
sagte sie, es ist ein gutes Kind, und Sie glauben nichi, wie
alng er ist. Weit über seine Jahre klug! Er n=- --lles und
.s-ßs Hs
weiß Alles, ohne dasß man es ihm sagt. Wenn er mich traurig
findet, sieht er mich an, das: man denkt, es sei eine Sinde,
ihn merken zu lassen, was man aussteht. Er läszt dann keinen
====-- von mir, und seine Augen siud gannz wie die des Vaters.
1t1,
Sie sprach darauf von der Absi.,. des Barons, den Knaben
-s
frih einer mäunlichen Leimung zu iibergeben, und llagle sich an,
daß sie denselben bisher nicht geng geliebt habe. - I habe
immer und immer nur an den Vater gedachl, sagte sie; der
Knabe wirde mich bald vergessen, nähme mtan ihn fort von
------ uund der Vater wird mich noch scheller vergessen! sezte
finf s
sie mit ernenuker Klage hiuz.
Der Caplan mochte es ihr nicht bemerken, daß sie damit
zum ersten Male ihre indirecte Zustimmuung z den Absichten
des Barons lundgegeben haiie, aber die Thaisache war ihm
wichtig, und obschon er bei Paulinen's schnell wechselnden
Stimmungen auuf diese plözliche Sinnesänderung nicht allzu
viel vertraute, fing er doch an, mit ihr von einem der nächst-
gelegenen Städtchen und von dem Leben in demselben zuu sprechen.
Pauline wußte es, daß der Baron sie dorthin senden wollte.
Sie fragte, wie weit der Ort von Nichten entfernt sei und wie
viel Zeit man brauche, um von dort nach der Hanptstadt der
Provinz zu kommen, in welcher nach dem oftmals ausgesprochenen
Plane seines Vaters der Knabe später erzogen werden sollte.
==-=-t erkundigte sie sich, ob ihrem Sohne seine Geburt bei der
TAiif
Ns.-s-s.es.
---i keine Hindernisse in den
--s-;---gle in eine Erziehulgsj=o-
Mo. ss.
===- zllen wülrde, wie sie einmal
und sie blieb iberhaupt nur mit der
s.sz
gehört zu haben glanp--
Zukuunft des Knaben be-

- FHFz--
schäftigt, bs der Caplan sich entfernie. Es wn aber ersichlich
das; ihr Eivas auf dem Herzen lag, fiir dns sie den Ausdruc:
oder den Moment nicht zu finden wuuste, und der Geistliche
hielt schon den Dricker der Thhiee in der Haud, als sie sich
ihm näherte und schil.=»e. als es ihre - ==ar, die Frage
- Hs=-s in
,s.s.s
aufwarf: Sie haben sich überwunden, sich aufgeopfert, Hoch-
wirden, hatI,hnen das gute Frucht gebrach:? Haben se es
.hnen gedanl.. diejenigen, fir welche Sie sich geopfert haben?
Einu Opfer, sir das man Lohn erwartet, -. -un Opfer
1 s,l
mehr! entgegnete er ihr.
Sie verstummte darauuf und lies; ihn gehen. Aber er war
ihr menschlich näher getreten, seit sie wuste, daß auc er
gelitten und verzichtet habe; und es gelang ißm nach einigen
agen endlich, ihre Einwilligung zu der lelersiedelung nach
der Stadt zu erhalten. Sie erklärte jedoch, daß sie den Baron
noch einmal sehen wolle, ehe sie Nichien verlusse. Sie misse
aus seinem eigenen Munde das Versprechen erhalten, daß er
sie besuchen werde, wenn er nach ihrem kiünftige -oohnorte
s: 7P
komme; das; er selbst iber den Lebensweg ihres Sohnes wachen
wolle, und der Caplan ging, so weit er es vermochte, auf alle
ihre Wüusche ein.
Neben diesen Stunden voll ruhiger Ueberlegung gab es
aber auch viele andere, in welchen sie sich nur mit der Hochzeit
des Barons und der künftigen Baronin beschäftigte, und in
- zs
denen sie völlig wieder in ihren Schmerz versank. Sie be-
.
kheuerte dann unaufhörlich, das; sie ja verzichten n==--- daß
sie es aber nicht könne, und daß es iber ihre Kräfte gehe. Es
war ein Auf und Nieder in ihren Empfindungen, dem schwer
zu folgen, dessen Ursachen oft nicht zu erspähen waren; und
=;als, wenn die Vorstellungen und Gespräche des Caplans
pifiii:
sie so weit gebracht hatten, das ein Schuldbewußtsein und der
Gedanke, daß man ein Verschulden bisßen müsse, in ihr rege

---- Jt--
wurden, warf sie mit der iyr eigenihimlichen Plözlichkeii gewisse
Aeußerungen über die ihr einzig angemessene Art von Buße
hin, welche er aufs Neue zu bekämpfen hatte.
Am Freitag Abend ging er nochmals zu ihr. Man er-
wartete in der Nacht die Ankunft des Barons, der sich am
Sonntag in aller Frühe zu seiner Braut begeben wollte. Der
Caplan wünschte ihm bei seiner Heimkehr sagen zu können, daß
er Alles geordnet habe und daß Pauline in ihr Schicksal er-
geben sei. Er war daher sehr zufrieden, als er Abends, da
er zu ihr lam, sie damit leschäfiigt sannd, die Kleider und das
Spielzeug ihres Sohnes in einen lleinen Koffer zusammen
zu packen. Sie sprachen fortdauernd von der Neise und von.
der Stadt.
Als der Caplan sie fragte, für welche Zeit er ihr die
Pferde bestellen solle, gab sie den Sonntagmorgen an, und
wünschte, daß der alte Kämmerer bewogen werden möge, sie
zu begleiten. Sie habe Richten nie verlassen und es bange ihr
vor der Fremde. Der Caplan versprach ihr, dies zu vermitteln
und Alles nach ihrem Wunsche einzurichten. Nur als sie auf
die begehrte Unierredung mit dem Baron zurückkam und auf
dieselbe bestand, erklärte er ihr, er zweifle, daß derselbe geneigt
sein werde, sie in diesem Augenblicke wiederzusehen. Von ihrer
Forderung zu Bitten übergehend, flehte sie zuletzt den Caplan
mit Thränen, ihr diese einzige Gunst zu erwirken, und er sagte
ihr zu, dem Baron ihren Wunsch mitzutheilen.
Indeß gleich die erste Begegnung mit demselben ließ ihn
erkennen, daß er hier auf Widerstand stoßen werde und daß
für die Erfüllung von Paulinen's Bitte Nichts zu hoffen sei.
Der Baron war sehr aufgeräuumt und in der That auch viel
beschäftigt. Er fragte Anfangs gar nicht nach Pauline, und
da er es später that, geschah es in einer Weise, die kaum eine
Antwwort zu verlangen schien. Dennoch, und obschon der Caplan

=====- FF ! -===
selbst eine Unterredeng oder einen Abschied zwwischen dem Baron
und Pauline für zwecklos ansah, sprach er dem Ersteren davon,
um seiner Zusage nachzukommen; indeß der Baron lehnte den
Vorschlag entschieden ab.
Ich kenie des guten Geschöpfes Lebe und Leidenschaft,
sagte er, und ich kenne auch meine Schwäce. E ist nicht
Fühllosigkeit oder Härte gegen das arme Weib, das ich meinen
Verhälinissen und nteiner siiilichen leberzeugung opsern mus,
es ist die uierläßliche Nothwehr gegen mich selbst, wenn ich
mir in dem Auugenblicke der Abreise zu meiner Braut eine
Scene erspare, die mir, sie mag ausfallen wie sie immer wolle,
das Herz zerreißen wird, ohne nach der andern Seite hin irgend
etwwas zu nültzen.
Es fiel dem Caplan auf, daß der Baron auch dieses Mal
Paulinen's Namnen auszusprechen vermied und sich mit anderer
Bezeichnung dafür behalf. Er kannte das an seinem Herrn
und wußte, was es zu bedeuten habe. So kam er denn auch
nicht mehr auf den Wunsch Paulinen's zurück, aber der Baron
erbot sich später auus freiem Antriebe, ihr noch einmal zu
schreiben, was der Caplan fir zweckmäßig erachtete. Auch schrieb
er ihr noch in derselben Stünde und sandte den Brief sogleich
durch einen Boten ab.
,Ich danke Dir-, lauteten die Zeilen, , daß Du Dich
entschlossen hast, in die Stadt zu ziehen. Du knnst mich ge-
nugsam, um zu wissen, daß ich Dir dies lohnen werde. Es
soll Dir dort, darauf kannst T. Dich verlassen, ein ganz sorgen-
freies Leben bereitet werden, und Paul wird nicht aufhören,
ein Gegenstand meiner treuen Sorgfalt zu sein. Der hoch-
würdige Herr Caplan, der sich in diesen Tagen Deiner so gütig
und väterlich angenommen hat, wird auf meine Bitte Dir auch
ferner mit seinem Rathe zur Seite stehen und dafüür sorgen,
daß Du Dich nach Deinem Ermessen einrichten kannst. Daß

--- IZ --
ich nicht zu Dnr komme, geschieht aus Nücksicht fir Dich sowohl
als auch für mich. Wozu ein Wiedersehen, wenn man ver-
gessen will? Und vergessen lernen mußt Du! Folge in Allem
ganz dem Rathe und den Anordnungen des verehrten Herrn
Caplans. Was Du in Zukunft etwa von mir wüünschest, was
s von D.r erfahren soll, theile ihm mit. An mich selbst
r
-
schreibe nicht. Meine Theilnahme und mein Schutz werden Dir
und Paul nie entgehen, und ich werde mich Dir verpflichtet fiihlen,
wenn Du Dich mir in diesen Aordnungen yinlllich sitgsam
zeigsl. Somit lebe denn wohl! Sei Gott ui! Dr, und möge
er uns Allen in seier Gnade eine ruhige Zukuuift verleihen!''
Pauuline empfing den Brief gegen Mitiag ans den Häden
des damit beauufiraglen Neii!nechies. Sie hies; ihn warien
und durchflog das Schreiben. Aber es schien, als könne sie
den Inhalt nicht gleich fassen. .pre Augen, ihr Herz suchien
A
nach einem freundlichen Worte, suchten endlich nur nach der
Anrede mit ihrem Namen, nach irgend einem Zeichen der Be-
weguung in der Seele dessen, der diesen Brief geschrieben hatke.
Es war vergebens. Als sie das Blatt zum zweiten Male be-
ende. ===-, liesßen ihre bebenden Hände es zur Erde fallen.
s s..ssn
Ihr Knabe, der dabei stand. glaubte, ein Zufall habe
das Papier den Händen der Mutter entgleiten machen, und bickte
sich, es ihr zu reichen. Sie hielt ihn davon zurück. Rühre das
Blatt nicht an, sagte sie mit befehlendem Tone, rihre es nicht an!
Der Knabe war erschrocken; er lehnte sich auf den Schooß
der Mutter, die sich niedergesetzt hatt., weil die Kniee ihr ver-
sagten. Sie kiste ihm den lockigen Kop;. hre Thränen flossen
s l
auf ihn nieder. Er wollte bei dem Unbehagen, das ihn pei-
nigte, gern Etvas thun, es los zu werden, wußte aber nicht,
was, und fragte also, ob der Ludwig, der den Brief gebracht
habe, fortgehen solle. Sie bejahte das, und der Knabe brachte
dem Diener die Weisung.

art,
- - I9---
P,A.sif
Ist nichs zu bestellen, Mamsell? fragke dec -==-=-- die
=- Kssspssd
==a-izilu z-js s= -=?-
Nichts! antwortete sie fest, und er ging davon. Der
Knabe drängte sich an sie. Du weinst immer! sagte er, und
da sie
Weine
M,ief
aC.7=s-1V
ihm nicht antwortete, setzte er nach einer Weile hinzu:
nicht, ich kann's nicht leiden, wennn Du weinst!-- Die
klangen herrisch in dem Munde eines Kindes, aber der
Kleine schmiegte sich zärtlich an ihr Knie, während er sprach.
Dieses Mal indes: uachie die Leblosing desl Sohnes leinen
Eindruc auf die Muiter. Sie schob ihn leise von sich. Lehne
=-ic nichk immer an mich! Lerne allein stehen, Du wirst's
cg
nöthig haben! sagie sie finster und streng.
was verdros: den Knaben. Ich bin Dur nicsl gui, Mutier!
schmollte er.
s Ss.--.
==- hast auch keinen Grund dazu, eutgeguete sie ihn-- a=--
eß.
finstere Weise machte Paul bange. Es wuroe ihm unheimlich
bei der Mutter und in der Stube, und er lief zuu Magd hinauus.
Als Pauuline allein war, fig sie laut unh heftia zu weinen
p -'
an. Das währte eine geraume Zeit. Bisweilen war es, als
wolle sie sich besänftigen, aber dann nahm sie den Brief wieder
vor, den sie nach der Entfernung des Kindes von dem Boden
auufgehoben hatte, und ihre =,eänen flossen auf's Neue.
- s.-
Sie ließ beim Mittagessen die Speisen unberührt, war
aber mit dem Knaben freuundlich und leg-- -=--- - --g-lc zu essen
-p ssiiis zszs,s
vor. Nach der Mahlzeit ging sie wieder daran, verschiedene
Sachen einzupacken, indeß sie kam damit nuur langsau vorwärts,
denn sie sezte sich oftmals nieder, hre Hände gegen die Stirn
pressend, weil der Kopf sie schmerzte. Nach einer Weile stellte
sie die Arbeit gänzlich ein und blieb wohl eine Stunde hindurch
--=g aufgestiitzt am Fenster sizen. Dann stand sie auf. zog
zsl-
sich zum Ausgehen an, hies; den Knaben seine Mütze nehmen
und verlies; mit ihm das Haus.

60
Gleich am Eingange des Dorfes bog sie von der großen
Fahrstraße ab und schlug einen Feldweg ein. Er fihrte durch
den Wald in den Park des Schlosses. Durch eine Hecke trat
sie in denselben ein. Es war hell unler den grosen Bäumen,
aber die Luuft wehte stark unnd die Blätier rauuschten mit leisem
Kklingen, sofern sie noch an den Bäuumen hielten. Der ganze
Boden war mit wellemn, vielsarbigem Laube wie mi! einem
dichten Teppiche bedeckt, daß die Schritte bald unhörbar darüber
hingliiten, bald es raschelnd nach sich zogen, je nachdem es
krocken oder feucht war. Hier und da flog ein Vogel auuf, hier
uid da kamen ein Hirsch oder ein paar Rehe aus dem Unter-
holze hervor und streclen zuiraulich die seinen Köpse mil den
klaren, neugierigen Augen aus der leichten Umzäunung hervor.
Die Muulier haike dem Knaben oft von den schönen, schlanken
Nehen und von den Hirschen mit ihren großen Geweihen erzählt,
aber er hatte sie niemals gesehen, und seine Freude an den
Thieren war sehr lebhaft. Er hatie den Rest seines Vesper-
?!! ? == = = =
Laß es gut sein, sagte sie, das ist Nichts für Dich; hier
werden andere Kinder die Rehe füttern!-- Sie hielt ihn an
der Hand fest, um schneller mit ihm vorwwwärts zu kommen, und
zeigte ihm im Vorübergehen die Statuen im Garten, welche
große Bluumenkörbe und schwere Fillhörner in den Armen trugen.
Ein Ende weiter standen auf den Postamenten Knaben- und
Mädchengestalten auus Siein gehauen, welche die Flöie bliesen und
Guitarre spielten. Es war das Alles neu für Paul und machte
ihm Freude; aber seine Freude konnte nicht aufkommen vor
dem finstern Ernst der Mutter. Er fragte mehrmals Wem
gehören die Rehe? Wem gehören die Hirsche? Wem gehört
das Alles? Sie antwortete ihm kurz: =-c nicht!
c1
In der Nhe des Schlosses sah sie der Gärkner, der die

-- 6 -----
Orangeriehäuuser zur Nacht decken ließ. Er blickte ihr verwun-
dert nach, weil sie seit Jahren nicht im Shl-sigarien genesen
war, bok ihr den Gten Abend, sagte aber Nichts. So kam
sie bis zu der Stelle, an welcher der kleine Flus; sich durch
die Ausgraluugzen zu eitemn grosßen Teiche verbreiierie und von
wo sich das Schlos: auuf seiner Terrasse am stolzesten auSnahm.
=-e Sonne war schon zum Sinken geneigt, sie spiegelte sich in
e1.
den Fenstern, das: sie leuchteken, als wäre Feuer dahinter. Auf
den aerrasse:n standen, wie in Paulinen's Garten, auuch noch
einnige Stockrosen, die der Nachtfrost verschont hatie und die
dem Knaben als eiwad Belanntes Vergnihgen gewährien. Aber
obschon die Terrnsse durch das Schlos: vor dem Winde geschiizt
war, waren auuch hier die Bäiume schon entlaubt. Die lezien
acht Tage hatien sie sehr uiigenomnmen, ihre Bläiter schwammen
auf dem Wasser, von dem der Nebel aufzusteigei begann, deun
die Luuft war klar uun lalt.
ae vielen Schornsteine des Schlosses, die sich, dret. rier
aneinandergeleg.=. umporhoben, fielen dem Knaben auf.
Iss n
Zahle die Schornsteine und merke Dir Alles, denn hier
ssss D.z- :=-! cg-
iddg--- =-----=- - - was ist Deines Vaters Haus! sagte die
Mutter mit dem kurzen, nachd.aaucen one, der alle ihre Worte
zs-,Fss
auf diesem Wege dem Kinde auffallend und eindringlich machte,
ohne daß es wuußte, weshalb ihm Alles so besonder- -=ang.
s ß?
Zahle die Schornsteine, wiederg=- - --- zähle, wie
issA
-süils s? -
viel blanke Fenster das Schlos: hat, und wie viel grosße Thore
und Thiüren. Hinter den blanken Fenstern, u denen die Sonne

zug 10 Clel! sMlLgE.«, -=--== -- ß-=--==z- =- -=-- -=zss--- -=s
s? sinof?of
s(s,ßs?,z (Fze oi ffuzmsson iif-d.
spielen, aber Du wirst nicht hineinkommen in das Haus. Merke
es Dir gu.. Das ist Schloß = -=--- - =i- =-u, Paull
s g
NFFss ! Sa-s ed,
1s aTa
,s.s
ss Psz-s.
-:-»-=- -- -»--l, das gehört demt Baron VDda -==»,
,izs tße---
,s M,-»-ss »s; Ohs-
V--== === --l, U1 dey O;pl. -=ss=s- -s- =-=-- --- - - -
s,-s.=- !
s 9, s.ss (s cx;
-waron vos. --- -- -s- =elt Vater, Pault
Das
dem
Der

-- ßZ-
Sie sah den Knuaben an, sein ernstes Gesicht, in dem sich
ein großer Scharfsinn kundgab, befriedigte sie. Weisßt Du's
jezt? fragte sie.
--; das ist Schlos; Richten, das gehört dem Onkel Baron,
N,
und der Baron von Arten ist mein Vater! sprach der Kleine
ihr halb verwundert und halb im Schrecken nach.
Mert! Dir's, Dein Vater heist Herr Baron von Arten!
wiederholte sie. Sage das noch einmal nach!
Mein Vater heisßt Herr Baron von Arten! sprach das Kind;
und ich komme nie hinein! sezte er aus freiem Antriebe hinzu,
deni es that ihm leid, das er nicht hinein sollte in das schöe
Schlosß zu den gliicklichen Kindern, die eins hinter den goldenen
Fenstern spielen wüürden.
Mache, das; Du hineiulomusi! ries die Muller uit unier-
drückter Stimme, denn Dir kommt es zu, dort in dem Schlosse
zu wohnen. Dir konut es zu! Hörst Du, Dir! Du bist der
älteste Sohu! Dir kommt es zu, dieses Schlos;!
In dem Augenblicke hörte sie Schritte. Sie fuhr zusammen,
fasßte ihres Sohnes Hand, und als sie sich uuvendeie, siand
der Caplan vor ihr. Er hatte sie aus dem Fenster seines
Zimmers auf der Terrasse gesehen und kam besorgt herab, sie
zu fragen, was sie hierher gefüührt habe.
Paul soll doch wenigstens eimmal sehen, wo sein Vater
wohnt, antvortete sie trocken. Da er den Park und das Schloß
nie hat betreten diürfen, so lange wir hier lebten, soll er es ßch
genau betrachten, ehe wir von hier scheiden.
Der Caplan machte keine Einwendungen dagegen. Er
sprach ihr und dem Kinde freundlich zu, aber er suchte sie,
indem er vorwärts ging, von der Terrasse, auf welche auch die
Fenster von dem Zimmer des Barons hinaussahen, fortzubringen,
und weil die Achisamkeit des Knaben sich auf die Schwäne
unten im Flusse hinwendete, gelang es Jenem leicht, Mutter

--- ßZ--
und Sohn dorthin zu leiien. Am Flusse blieb Pauline stehen.
Die Sonne war herunter, das Wasser sah schon ganz finster
und schwarz auus, die Schwäne zogen mit ihren weißen gehobenen
Flüigeln langsam darauf hin.
Sieh', wie breit der Fluß hier ist! sagte Pauline, der geht
durch das ganze Land, und ist tief, sehr tief. Noch ein vaar
Wochen, dann wird er gefroren sein. Vergiß has nicht, Paul!
Oben liegt das grosße, helle Schloß und unien fließt das tiefe,
finstere Wasser! Wirst Du das behalten?
Ja! versicherte der Knabe.
Nunn, dann lönnen wir gehen! rief die Mutter, blieb aber
doch noch einmal stehen, um: noch einen Blick auf das Schloß
zu werfen, und sagle: Da oben ist auch Alles leer, all die
Sluuben von der seligeu gnädigen Frau und von dem gnädigen
Fräulein! Die haben auch Plaz machen müssen!
Sie seufzte, wollte noch Etwas sagen, unrerließ es jedoch
und wünschte dem Caplan einc gute Nacht, wobei sie ihm dankte,
daß er so viel Geduld und Nachsicht mit ihr gehabt habe und
das; er sie und den Knaben hier nicht gestört. Er versuchte,
mit ihr von ihrer Reise, von ihrer Einrichtung in der Stadt
zu sprechen, und geleitete sie während dessen bis zum Parke
hinaus. An der Pforte desselben bat er sie, sie möge das
Wort halten, das sie ihm neulich gegeben, den Baron nicht
weiter zu beunruhigen.
aJas ich versprochen habe, das habe ich versprochen und
das werde ich halten! Was der Herr Baron von mir noch
hören soll, das erfährt er durch Sie, Hochwürden! betheuerte sie.
Der Caplan lobte das, sie boten sich nochmals gute Nacht,
und Pauline schritt mit ihrem Sohne durch die hereinbrechende
Dunkelheit gen Rothenfeld nach Haunse.

Kapitel 04

Vierteö Capitel.
F de Geislliche in das Schlos: zirielehrie, sagie man
== .
ihm, das; der Baron nach ihm gefragt hale, und er verfiigie
sich nach dessen Zimmer.
Ein freundliches Licht, eine behagliche Wärme strömten
ihm eutgegen, als er in dasselbe einirat. Z Kamine lnisterte
und flackerte das Feuuer und warf seine Sireiflichier nach den
Genien von Marmor empor, die von der hochgegiebelten Spitze
desselben Kränze und Palmenzweige hernicderreichten. An dem
grosen Schreib-Burean, oben, gegen das Fenster hin, sas: der
Baron. Bei dem klaren Lichte der achskerzen, die auf den
N.i
silbernen Armleuchtern brannten, ordnete er verschiedene Brief-
schaften und Papiere, und die im Kamine auffliegenden leichten
Feuerflocken verriethen, daß er auch Papiere verbrannt haben muszte.
Als er den Caplan gewahrte, stand er auf und gig ihm
ein paar Schritte entgegen. E ist gut, daß Sie da sind,
Bester, sagte er dann; mir wurde allmählig bange vor diesem
Schreibtische. Alte Papiere durchzusehen, ist mir beinahe noch
quälender, als auf einem Kirchhofe umher zu wandeln. Der
Kirchhof, so traurig seine Mahnuung an unsere Vergänglichkeit
.st, zeigt sich uns doch immer als die Ruhestätte für manches
Leiden, und wir selber empfinden uns auf demselben mit Be-
hagen als die Lebenden, wir sind für den Augenblick wenigstens
noch die Bevorzugten. Aber vor solchen Papicren - er wies
mit der Hand darauuf hin-- fühlen wir selbst uns schon in

- 1 -
aewissem Sinne als Vergangene. Wir kennen uns selbst nicht
in den durchlebten Zuständen wieder, wir bel. ===- das, was
? Fols- :
uns einst wichtig schien, wir sehen auf uns slbst wie auf etvas
Fremdes zuruck, -- daneben wälz- I.ch uns die ganze Masse
iissA
ss I
- .-pumern und Verschldungen auf, die man sich nicht
ss z--ssi
ableugnen lann und mit denen man sich ellst und Andere
leiden machle. ae vergzangeten Freuden sin uns leine recten
Freiden mehr, = - --uschen, die vor uns aufcauchen, sind theils
., i
wirklich todt, heils kodt fiür une, und weil wir auf so viel
Berganggeues blicken, verlieren wir das Zulraten zuu deuzeuigen,
a,z -üiis. H?,sps -
was wwir jetzt wünschen .i ud erstreben. -- - h----- --z -- des
V,,s.
=ghofes ist lange nicht so mnelancholisch, alo solche P-.. --- -
1I,?, nf
ailbter Papiere. Sie miiszlen uns alle =z- am Leben nehn.en,
- Nisi
wären wwir nicht wie die Kinder geleg-. uns has Koimnnende,
si
das llnnbelaunnle, -eoz aller unser. = ;=- llgell, doch o-
fsssssfis
- s -
os- s. lii-
wieder schöner und verlässiger, als das Be!annte vorzustellen.
M1.--
=--- seines Lebens froh werden wll, mus: eigent..ch gar keine
1-
N.i
«-glisse seiner Vergangg.iheit ufbewvahren, ==- düs -=----
dosii:
ssis =-ll,iss
aewinnt man die Mögl..g--- is»» --=s- -z=-- F - ==-=---, waS
1.s.s. NF s d.ssiis
ppisspzs s
s Hsss
1hi ;zulhaltenn wwüünscht, l= -=uR zl - - i -, waS hu-
s s=si
sosHpssofs
vergessen möchte.
Der Caplan =--z- each dieser Asicht. =-- das Be-
N.s-
-Rszsi.
s»-ls des- M,ss.ssi...ss
sißs snnisfio oe ffms ss, nie Z,
;=-» »» ss =?= - === -=j.woa LIl gpuz -= isss- - z ssip ? »= K (fsF
sss.s
-- als Einheit auufzurichten wünsch.. -- hat als Grundlage
-ss zisA
fir seinen eigenen Fortschritt den genauen, klaren Ue..=-- -==-
-s..z-s.s- s.s-
seine ganze Vergangenheit nöthig. -=-g dii kt, sagte er, ein
,
ip.z- Ssz-sl.i
w-- o---=, aus dem wr belehrt hervorgega tgen sind, wird
. Ms.»s..s
uns zuu einem Aniriebe, weiter in dem Streben n=g---=-=--
s.ss-ssszsifi
i=- -a--=-------; jede Versnuchung, z - uuble Neiguung, die woir
s.. ?
besiegten, ist eine Ermuthiguung für uns, jedes Unterliegen emme
Asss
==--p--ß zl ==s-p-s--=-- -===s uins selbst, uut wenn ic auf
s; HI,ßsz-fsiio:n noonoi: in
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht.
K

- -- ßß---
meine ganze Vergangenheit zurückschaue, so möchte ich nicht eine
Stunde derselben vermissen.
Der Baron war von der Aeusterung iüberrascht. Ich lenne
Sie doch nun über ein Vierteljahrhundert, sagte er, aber für
so glicklich hätie ich Sie nicht gehalten. Nach Ihren Aeußerun-
gen müssen Sie von dem Leben, von den Menschen keine Et-
käuschungen erlitten haben; dann freilich wären Sie zu beneiden,
wären Sie gliicklicher als ich gewesen bin; aber ich habe das
nicht geglaubt.
Er brach damit plözlich das Thhema ab, als sei es völlig
erschöpft, wenn er seine Ansicht darüber ausgesprochen habe,
und der Caplan hatte keine Neigung und keinen Gruund, es
weiter fortzusetzen. Aber der Baron war aufgeregt und warf
mit einer gewissen Hefiigleil noch einige Päcke Papiere in das
Feuer, die hell aufflammien und bald als ein Häufchen Asche
zwischen den grosen Holzbränden versanlen.
Das wäre abgethan! sagte er, und als sei mit diesen
schriftlichen Zeichen enischwuundener Jahre auuch all dasjenige
vernichlet, was der Baron nicht erlebi und gelebl zu haben
wüünschte, so erleichtert wandte er sich von dem Feuer ab. Er
ging an sein Bureaun, schloß eines der Fächer desselben auf,
nahm einen Schmuckkasten von violettem Sammet heraus, der
auf seinem Deckel das Wappen der Familie Arten trug, und
zeigte, den Kasten öffnend, seinem Freunde den darin enthaltenen
Schmuck.
Sehen Sie einmal, sagte er, wad Fassung thut! Sie
kennen ja unsern Familienschmuck; aber wie viel schöner sieht
er in seiner jezigen Fassung aus, als in der früheren, in
welcher meine Mutter ihn trug! Er hielt ihn dabei gegen
das Lcht, das; die ßlamme der Kerzen sich tauusendfach in den
schön facettirten Brillanten spiegelte, und schien große Freude
an ihrem Glanze zu haben.

- - ß? --
Mich dinkt, der Schmuck ist größer und reicher, als ich
ihn früher gesehen habe, meinte der Caplan.
as isi er auch. Sie wissen ja, dasi es ein lelerein-
kommen oder vielmehr eine Sitte unter uns ist, bei jeder neuen
lebertragung des Schmuckes auf eine neue Frau von Arten,
den Schmuck zu vergröszern. Ich habe die finf Solitaire,
welche die Mitte des Colliers bilden, dazu gekauft, und die
ganze Aigrette ist neu. Ich denl., daß si: Gräfin Angelika
vortrefflich lleiden wird. Die finf Steine, welche durch meinen
Autlauf an der hinteren Seite des Halsbandes übrig geworden
sind, habe ich als Pendeloques für die Brust -Agraffe fassen
lassen, und so schön die Steine an und fir sich sind, muß man
es dem Juuwelier, dem Jakob Flies, doch lasien, das; er ihnen
durch die Art der Zuusammeustellung eiuen ganz besonderen
Glanz gegeben hat. Er ist fraglos einer der geschictesten Ju-
weliere und der hounetesle Jde, der mir vorgekomnen isi.
Er blieb utit der Betrachtung des Schmices beschäftigt,
nahm die einzelnen Thheile mit einer fast weiblichen Gunug-
lhunuug auus dem Elui heraus, hielt sie gegen dad Licht und
rief endlich: Keine Königin dürfte sich dieses Schmuckes schämen!
aann legie er Alles in dem Etui zurccht, deckle das wattirle
weiße Atlaskissen über die Brillanten und schloß das Kästchen
mit dem goldenen Schliüssel wieder behutsam zu. Ehe er es
aber in das Bureau setzte, ließ er den Caplan noch einmal die
Arbeit des Etuis betrachten, welche sehr geschickt das alte, jezt
zn llein gewordene Schmuckkäsichen nachahmte, und mit dem
doppelten Behagen des Kenners und des Besitzers holte er noch
vier, finf äliere Schmuckkasten herbei, welche die Vorgänger des
jetzigen gewesen waren.
Mann hatte durch alle Generationen die Form und Zeich-
nung des ersten Schmuckkästchens festgehalten, das einst einer
der Herren von Arten seiner Braut als Hochzeitsgabe darge-
g

--- - ßZ --
bracht hatie. Es machte zich also von selbst, das; der Baron
dabei seiner Multer und Groszmulter, seiner Vorfahren über-
haupt gedachte, und er, der sich eben noch gegen alle und jede
yersönliche Nütckerinuerungen anogessrochen haile, saund sich bald
in das liebevollste Gedenlen an seine Ellern, in den stolzesten
Nückblick auuf sein Geschlecht versenlt. Er sprach von seiner
Muiter, von seinem Valer, er verglich die Eigenschasien und
den Charakter seiner verstorbenen Schwester mit deuen seiner
Brauut, er entvarf Lebenöplane fir die Zuluu; und war, wie
zßs i
sanguinische Menschen bei einem neuen Abschnitie in ihrem Leben
=s-
es pf-gen, voll guten Glaubens und voll guute. Sorsäze.
s
Er kam darauf noch einmal, als er dem aplan die arauu-
ringe zeigte, auf den jüüdischen Jiwelier zurick. Ich kenne ihn
seit langen Jahren, mein Vater bediente sich seines Vaters schon,
sagte er, aber ich habe mir niemals die Mühe genommen, mich
weiter mit ihm einzulassen, als unser eigeniliches Geschäft es
nöthig machte. wo-- da ich ausführlicher mit ihm zu ver-
-,iss
handeln hatie, habe ich ihn näher lennen leren, und ich finde
nun voll.ümmen bestätigt, was man mir von ihm gerülhmt
hat. Er ist ein anständiger Mann und von einer Bildung,
die ich bei Leuten seines Gleichen in der Thai nicht vorausgesezt
haben wülrde.
N,
-, gs.:
D= P-=- azen das inuner gesagt, bemerkte der Caplan.
Verwandte von mir, die vor Jahren in seinem Hause wohnten,
hielten einen gewissen Verkehr mit ihm, und ich habe dadurch
bei meinen früheren Besuchen in der Stadt die Gelegenheit ge-
hab., - und seine Fran kennen zu lernen. EK sind äuusßerst
s »s.:
brave und recht gebildete Leuie.
, sb=i
=-s- --- es, diese Bestätigung Ihrer Ansicht durch meine
eigene Erfahrung gewonnen zu haben, erllärte der Baron; denn
ich hege nichi üible Lust, den Mann als meinen Agenien in
der Stadt zu benitzen. Er hat Waarenkenntniß aller Art und

O9
viel Geschmac. Er isi daneben llg, uusihlig, ein sehr ae-
H.,«
waundier Geschhäf!smann, und di. -- ge. in welig.e er seine
. 1. -
FFrauu und seiue einzige, beiläutfig sehhr scöie o chler behhandelie,
gesiel nir sehr. -=erel sche. er -r auch zt sein.
eO1=
-sssi
isi
,-plis -isssp-siuis k isinmi:
si,s.s -
J Gplan hatie Amifaungs h=- - =- ---- s- = ---=b==----
was den Baron bewogen, grade jezt, wo snin. Zeit beschränli
wwar, die uäihhere -ilauulsch.;- -e-Juwweliere zt achen; noc
1,-
? O
si.is! -
or viinir s ,»pis ii: iss do
z- si,
ezp kpss sn-
- s ,iiisfn
1IOll1C -iiis. su -- gz - nj - - -ueFl . - s» e -n=-- s -s =- -
====-- - -= ; --=-- -b-ugelb er sich zu einen sulchen eben einen
t-i,ids s.bdü-s,- ind ipslii-
»,-,s Rs lniff.ss H,.i-s
siö.l,si dpz- Kf-
=s=-. f1SO7h(. I=»-js - - s- p-» ns ===-- , s=-g == - === --
-i dos:
zuiegeuhe:l des Herrn Flies gedachlenn, llärl.. g- -en Caslan
ois sG=- -
s-s.:
--- -organg alsbald auf. Die ganze Maszregel lonnte sich
dons
o--=- --; zauulute oder -. == »llüs.« -.zlehsen, den der Frei-
Hs iie- -is g
--is dois s
1.is hi
=- - - ---- »-= -p- uind Raihhe des Jui..ieeS anzuvertrauen be-
sz dois (wss in
sisls
p-=-- -- ---==--. -vetl er mit demnselben auf sehr leichle und
ss nFf. s
,. s.st,sifoi: f
unnbersääuugliche Weise i. Il;-guullge bl.=--=--= - =--
-? sz.- l -sisfn H,-
s,iiiiin
ssi-
--.. s.ils
=-- - -= -=-. Cba üs. -ls ===-- -« zgUlhIe;;!s s1Ceeg--s = s s
-sssnsis sl,.f: s
i ssis -
dz 9,inin
der hahlant es fir 1g -- zn -- - -»==- -==--zulS 1===- zu er-
ss,lis s:
oiin:ssp-ss s lizus »loishf
---=-=--- --- -- - -==ald gillg tit ruhigen, meisi heiteren GGe-
dws- ss..-
sIlssns: iissA.
ppehen htn, als säsße nicht eiue h.- =-=-e von ihnen ein
s-I
-»ls.. s mi
i1.
ungluuckliches, verlassenes a.ib in all seine .------ -e, die
sss -,ssiisns A
lg,s«=u Gu y lzgz===u::u:: ==-=-=-s --=- ; =-s z, Z;»9=sz= - -; uül=
oss sszn fn iiss spiisi- H,=zss
msHss:
-lis
nHl ifoni
dm»-risfss.ssd
1Hl o. g-- -zz-s-
Am andern Morgen kam der künftige Schwager de« ==»-l-
T,sn
Oll (UUl1.« = p u., 1CC --=- -o-- == -- ==- ==ubssgz-- s-- =- -
di- i1s 1sI -
F,s,i.i- isfs dois -Ii
isiis sviispv
t,fnsEf;-=- si f H..s,is
=-»==s- - D-s - z»D- - zl begleitent. Ey diemtte it einelnt
Cavaü..-=Wwe, desseil .=-=-==-l uufern it Garnison
ll.z-s..s
nnniff; ?
-iis: FFzms.nAr-mn
lag. Es war ein prächtiger Tag. ==0 ---- oes Cornets
M1,«»- -
I»-siss V7ss-
iipliszi, sin
n=- -- « voL FLt.u., ,l19 LS, wü ssze;-== ==-s s =ss sg=s-i--s ==--
dins.sisd siHs Aoiss s
i sd.
disz-si ois s,il f:i ss, pis Ps),rwos
=--=- - - -=------ ----=-- =--=l, das Schlos; erreichte, dessen
wohD=- - ;-- =-==-- - Eez -o loce;nd fyinkten. Die
Kis.fs-H-e. FsIfs,- -simis
-f,»ssf»f pissR
l..sd-: s.
=- =- -- -yll bOJlellestdetl lüüia-g--s ---- z--o==-- s-=--z--s -
zs 1szsRliisisd.. sssi,snhss iis
vinp

==== H 1f =====
großen Sätzen vor ihm her, als ahnten sie in der klaren Herbst-
luft die nahe Jagd.
Der Cornet war pimnltlich gewesen, um keinen Afenihalt
in der Abreise zu verursachen, und kaum hatte ein Diener sein
- -- eggef,rt, so irat gleich ein zweiler heran, dem Neit-
N,.-b
1s.
knechte des jungen Grafen das Gepäck abzunehmen, welches
dieser fir seien Herrn auus dem Pserde haile. Deun die Neise-
wvagen waren bereits zum Anspannen fertig und man hatte
nur noch die Mantelsäcke des jungen Grafen unterzubringen.
cd,s- N
=- - »aron hatte, amt Fenster stehend, schon eine gatze
-veile nach seinem Schvager ansgesehen. Er hatte vortrefflich
Hr
geschlafen, waar heiter erwwacht und am Morgen unier verschie-
denen Vorwänden durch das ganze Schlos gegangen, das ihm
heute zum ersten Male so leer erschien, als habe die Gefährtin,
die er zu holen beabsichtigte, es schon lange mit ihm bewohnt
und ihn eben jetzt erst verlassen. Er sah daran, wie viel er
in dieser Zeit an sie gedacht hatte, wie schr er sich ihres nahen
Besizes freute und wie sehr er sie bereits in sein Leben aufge-
nommen habe. Er begriste und umarmte dann den Jüngling,
der ihn mit den schönen Augen seiner Schwester anlachte, mit
der größten Freude, aber er war so eilig, fortzukommen, dasß er
troz seiner Gastlich!., noch während der Cornet beim Frihstick
.
saß, den Befehl zum Anspannen der Wagen ertheilte.
==.e Cornet wollte davon nichts hören. Er hatte sich vor
cd,s
=agesanb.uch auf den -eg gemacht, nun verlangte er Zeit,
qD
sich auszuruhen, denn er wollte sein Haar, das von dem mehr-
stündigen Ritte in Unordnng gerathen war, frisch frisiren und
pndern lassen, um am Abende sich in seiner Familie gebüührend
präsentiren zu können. Er neckte daher den Baron mit aller
kecken Laune eines jugen Militärs und mit allem lebermuihe
eines verwöhnten Ginstlings über die grospe Eile, mit welcher
derselbe zur Abreise trieb. Der Baron ließ sich das von dem

e
-==== F ( ===
Bruder seiner Braut mit Heiterkeit gefallen, ja, er willigte end-
-.g darein, dem jungen Grafen noch die gaze neue Einrich-
,
tung des Schlosses zu zeigen, und es verginge: damit nahezu
zwei Stunden, die man .. der angeeg-;-=-- und behagl-g - --
s,s.-
fs
Iiissfiss
Weise verbrachie.
Edlich fuhren die beiden Reisewagen vnr das Schlos:t
wen eienn solllen bei der Heinlehhr die Vermnähllrn, den aderen:
eD
der Cornet und dex Cahlan benuußzent. ane Dte. ;-=- -=d
si»-s.,ss ss,iss
=-- der Thhure, der Haushofmeister sah dienstbeslissen noch ein-
k nf
nal die Taschen des Wagens nach, sc zu ulerzeugen, daz die
s ziH fnpp.zpsps si
.- ?
mitaeaebenen Vorräthe woh. -- -h--»-- -oüNe, -- - =uammmter-
diener legle die Fuussäcke und Pelzdecen zur Vorsgt -u ben
1.s.
=-s--- --=- nahm dem Gärtner die Schac,iel ab, in welcher
N,oni
us fsA
s.s -
das Bouuquet von Orangenbluuthen, das d.. =uren seine. =--ulh
h=- P - -
-z- =-.-
ul« -we..l11Sggule asts sei:ter Oril-gg-- --s-g-=- -b---- -=sb-s=--
K NzIsst
noiin ssssfpiliisnnoi: ssiihssphsz:
vorsichtig in Moos verpackt war.
Nzs
di: Is imossli
H,- sz-;s R,z- MP,ifms: fisis spiisbis Ksdof:
»1s =?b sss =suszz-suv1 iüus uuuus geu- Kauis uus s1l1s jsl=uis =ss =s-
Begleitern aus dem Portal des Schlosses heraus, und der
oes.. --.- --s-allc -= --=------g, woie schön seinn
vv,. s1,-zs.z-Kss-
f.- i sssi.iss ßs«-
zss,f zspr
Schwager in dem violetten, mit Goldschnüren besezten Sammet-
überrocke aussehe. Mit klarem Auuge selbstzufrieden umher-
scsut...=-, -- -=-- == - -==s====- Eus- p-=-==e-s- z--»e;= Anjt Gghg=
nisssd.
dGF7, d.=- HT,ifss
oss sl,»,oi-
»s6.,-ss
schniren verzierten dreieckigen Huui auuf das Haupt und wollte
spin dois M,
-- -- - --==»agen -estetgen, als sich unten am Flusse eine un-
s -
-if. H,z- (1Iz-Hfse fssss spifnss zz--sFe
lhhfge Be0ePllg Z z--- =- -=-= --- - --s- j----- - »-- z=s-
nd. ifnin. 9sz-s.,
--- -----s- -==-iter waren am Wasser beschäftigt, man holte
---b--- =--- -- uu der Gärtner bestieg das Boot, mit dem
g,sAi-woois si»Ii.s s
mn-nn sAI Roif: F,hsi nds-I.'
s-- ---- =---=-== wgüSchen überzufahren hflegte.
Wad giebl's da -- -- - b-üs- --- Fr.g=--
miiinzs siAifn dov
.i szwp»
Man wuuste es in seiner Umgebung nicht und schickte hin-
unter, es zu erkunden.

Aber noch ehe der Bote zurückkam, brachte der Gärtner-
bursche dem Caplan einen Brief.
Was geht da vor ? wiederholte der Freiherr.
Gnädiger Herr, sagte der Bursche, es hat sich Einer in's
Wasser gestirzt!
Wer? Wann? rief der Freiherr mit einem Schrecken, der
aus irgend einer furchibaren Ahhnung hervorgehen musile.
Ieh weiz ilchl! auvorele der Gairlerburs he uuus ein
Zeichen des Caplans, von dessen Wangen alles Blut gewichen war.
Der Freiherr wollte die Terrasse hinuntereilen, der Caplan
hielt ihn zurick. Bleiben Sie, bleiben Sie! Ee ist vergebens,
es ist zu spät! sagte er eilig und selbst nach Fassug ringend.
Den Brief, den Brief! drängte darauf der Baron und
entriß dem Widerstrebenden das Papier. Es enthielt die folgen-
den, kurzen Zeilen:
, Was ich von Dir erfahren soll, das iheile dem Herrn -
Caplan mit! hat er mir geschrieben. - Sagen Sie ihm also,
Hochwürden, daß ich nicht anders konte. Ich habe fortgehen
wollen, mun der Tag da ist, geht's iber meine Kräfie. Ich
will ihn ja nicht stören in seinem Gliicke, aber hier bleiben
muß ich! Wen er heruntersieht auf das Wasser, werde ich
ihm wohl einfallen, und er wird dann auch wohl an den Paul
denken, der nuun keinen Menschen mehr auf der Welt hat, als
ihn! Sagen Sie ihm das, Hochwürden! - Weun's Tag wird
und Sie den Brief bekommen, dann ist's lange mit mir vorbei!'
Das war Alles. Der Brief war kurz und ohne alle Weich-
heit, wie Paulinen's Charakter in sich abgeschlossen, und ihr Ent-
schluuß schnell gewesen war. Sie hatie nicht einmal ihren Namen
unterschrieben.
Während der Baron las, hatie seine ganze Dienerschaft
erfahren, was geschehen war. Die Blicke seiner Leute waren
auf ihn gerichtet, er beachtete es nicht. Seine Hand zitterte,

»»== H zg ====
seine Kniee versagten ihm den Dienst, er muste sich auuf einer
der Bäke vor dem Schlosse niedersetzen. und im furchtlaren
Schmerze schloß er die Augen. E war eine vollkommene Un-
khätigkeit in seine Umgebung gekommen, Niemand schien zu wissen,
was er khun solle.
Mit einem Mal richtete er sich auf. Ahspannen! befahl
er und wollie sich in das Schlos; begeben. Ii dem Augen-
bll.k kun uler uer Cornel zriick, welcer unil der Lebhast gkeil
seines Alters bei der ersten Kunde von dem Unfalle nach dem
Wasser hinuntergegangen war.
Et hal sich ein Franenzimmer aus dem Dorfe ertränki!
sagte er gleichgüültig, und sie meinen, es misse chon viele Stun-
den her sein, denn der Mantel und die Schuhe, die man auf
dem Nasen gefunden hal, waren schon feslgesroren, al o=-
e Ns.-
Gäriner sie bemerkte. Unter den Schuhen soll ein Bries an
den Herrn Caplan gelegen haben.-- Ah, Sie haben den Brief
schon! rief er, als er das Blatt in den Händen seines Schwagers
uund zugleich mit dessen Verstörung es bemerkte, das; der Kam-
merdiener die Pelzdecken wieder aus dem Wagen herausnahm.
d
-oas haben Sie, Baron? Sie lassen auespannen ? fragte
er verwundert. Fahren wir denn nichi?
Ja, bald, gleich! erwiederte der Baron, sich gewalisam
beherrschend. Ich muuß nur erst sehen - -
Ob Sie Todte lebendig machen können ? rief der Cornet.
Wenn wir darauf warten sollen, wird Angelika heute eine
schlaflose Nacht haben und sich Sorgen um uns machen, wo-
bei Sie natürlich für zwei zählen und ich füc Nichts! Vor
Abend kommen wir jetzt ohnehin nicht mehr nae« --- und
s. N,s-As
der Caplan ist ja unten. leberlassen Sie ihm doch den Rettungs-
versuch, das ist sein Amt, und -- fiügle er ilermüthig hinzu
-- wer weiz, ob der hochwürdige Herr, an den der Brief ge-
richtet war, nicht am Ende ohnehin mehr von der Sache weiß.

F- ? S -=-
Er lachte iber seinen Einfall; der Baron hatie nichts von
diesen frechen Worten des jungen Mannes gehört; aber er kam
allmählig aus seiner Versunkenheit zurick, fuhr sich mit der
Hand mehrmals über die Stirn, und als er sich dann umsah,
waren seine Mienen wieder ruhig geworden.
Sie haben Recht, sprach er; ich kann hier in der That
Nichts helfen, und Ihre Schwester soll nicht ohne Grund be-
unruhigt werden. Kommen Sie, lieber Gerhard, lassen Sie
uns einsteigen! -- Während der junge Graf sich dem Wagen
näherte, winkte der Baron den Hanshofmeister heran und sagte:
Ich lasse den Herrn Caplan ersuchen, alles Nöthige, verstehen
Sie mich, alles Nöthige, zu besorgen und mir baldmöglichst
nachzukommen! Und das: ich hier Alles finde, wie ich's ange-
ordnet habe!
Der Haushofmeister verneigle sich, die Diennerschafi, welche
eben so bestirzt gewesen war, als ihr Gebieter, trat beflissen
hinzu, und der Baron stieg ein. Als der Cornet sich zu ihm
niedersetzte und der Kammerdiener ihnen die Decken von schwar-
zem Bärenpelz über die Kniee gebreitet hatte, lehnte der Baron
sich in die Ecke zurick, wie einer, der zu schlafen beabsichtigt.
Sie werden heute keinen unterhaltenden Gesellschafter an
mir haben, sprach er zu dem jungen Manne. Frende und
Erregung haben mich die Nacht nicht schlafen lassen, und nun
ist der Schrecken mir auf die Nerven gefallen, daß ich einen
Ansaz von Migraine fühle, den ich mir wegschlafen möchte,
um Ihre Schwester heiter und frei umarmen zu könien.
Kannten Sie das Franenzimmer, das sich eriränkt hat?
fragte gleichgültig der junge Mann.
N,
-- versetzte der Baron, und es überlief ihn eiskalt, das:
er zusammenschauerte und sein Begleier ihn, aufmerksam
werdend, betrachtete. Dem Baron entging das nicht, und die
Achtsamkeit seines Schwagers von dem rechken Pfade abzulenken,

= - ? F
sagte er: Mit aller seiner Philosophie kann man sich des Aber-
glaubens in entscheidenden Momenten doch rechr schwer erwehren.
Dasß solch ein Unglick vor meinen Augen geschah, grade als
ich den Wagen besteigen woll.., um an das Ziel meiner Wünsche
z gelangen, hat mir einen äusßerst peinlichen Eindruck gemach..
und ich möchte um Alles in der Welt ucht, das Ihre Schwester
Etwas davon erfihre.
O, bewahre! Wozuu auch? erwiederie der Bruuder; aber
daß Sie
ich mir
sich so Etwas derart zu Herzen nehmen könnten, hätte
nichi gedachi! Mich läsß dergleichen völlig ----
z-iis.i
Wer sich das Leben nimmt, thut es zu seinem eigenen Schaden.
Er machte dazu ein ganz ernsthaftes Gesicht, lehnte sich
ebenfalls zuriick, wickelte sich fest in seinen Reitermantel ein
und war, da er mit Tagesanbruch ausgeritten, bald einge-
schlafen, während der Baron, von Schmnerz und Gewissensbissen
gefoltert, von Sorgen und Unglicksahnuunggen gepeinigt, mit
Schrecken daran dachte, das; er am Abend seine Braut begrisßen
und sie bald als seine Gattin in sein Haus fihren sollte, vor
dessen Fenster das dahin fließßende Wasser ihn ewig an den
Untergang Paulinen's mahnen muste.

Kapitel 05

Füünftes Capitel.
A
---ie ganze gräfliche Familie war bereits im Schlosse bei-
!
sammen, als der Baron in Berka eintraf. Der Schwieger-
vater, die neuen Vettern, kamen ihm bis in die Halle entgegen.
Bei dem Scheine der Windleuchter, welche die geschäftige Die-
nerschaft herbeigetragen, hies: man ihn mit aller Feierlichkeit
willkommen, und dem Baron war jeder Aufenthalt, war Alles
erwünscht, was ihm die Veranlassung zum eignen Handeln
ersparte, was die erste Begegnung mit seiner Braut, wenn auch
nur fir Minuuten, hinausschob.
Oben in seinen Zimmern, in die man ihn gefihrt hatie,
um ihm Zeit für seine Umkleidung zu geben, warf er sich er-
schöpft auf das Canape, und die Herzbeklemmung, die er den
ganzen Tag ertragen und überwunden hatte, machte sich in
=hränen Luuft.
Gut geschult, verließ sein Kammerdiener ihn, sobald er
die Gemüthsbewegung seines Herrn gewahrte, und es dauerte
eine Weile, ehe der Baron demselben schellte, um sich annkleiden
zu lassen. Er war sonst äußerst sorgsam für seine Toilette,
heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen.
Der Baron beachtete es nicht, in welcher Weise jener ihm
die vollen Seitenlocken puderte; er sprach kein Wort, während
der Diener ihm das Haar flocht und die Schleifen des breiten
Bandes an dem Hharbeutel befestigte. Er merkte es kauum,
als er ihm das kleine, goldene Messer reichte, den Puder von

=F F ! -F
der Stirne fortzubringen, und wäre der Diener nicht selbst
stolz gewesen auf die vornehme Erscheinung seines Herrn, so
hätten die weißseidenen Strümpfe sich ziehen können, wie sie
mochten, und weder die kantenbesezte weiße Halsbinde, noch
das Jabol und die Spizenmanschetten wiirden di: rechten vollen,
vornehmen Falten geworfen haben. Erst alh der Baron das
Zimner verlassen wollte, um sich zu seiner Braui zu verfüügen,
und der Diener ihm den Parfimerie-Kasten hinreichte, damit
er sir sein Tascheniuch den Parsiun nach Wohlgefallen wählen
könne, erlauubie sich derselbe die Anfrage, ob der gnädige Herr
nicht in den Spiegel sehen wolle, und sein zufriedenes Lächeln
schien von diesem Vorschlage Erheiterung fir den Baron zu
erwarten. Indesß der Blick desselben wendete sich kalt von dem
Spiegel ab, nachdem er ihn sliichlig daraus gerichiel haite, und
mit einem Seufzer, den er nicht zu unterdrüücken vermochte, ver-
ließ er das Zimmer.
Er hatte leine Sylbe gesprochen, er hatte es nicht einmal
für nöthig gehalten, dem Diener Verschwiegeheit zu befehlen.
Er lannte sich und seine Leute. Er wuußte, daß sie trene
Diener waren, weil er sie immer empfinden ließ, daß er ihr
Herr sei.
Langsam und schwerer, als es seine Art war. schritt er die
D.«
=--eppe hinab, durch die Vorzimmer, an der iheils wartenden,
theils beschäftigten Dienerschaft vorbei, bis die Flügelthür des
Saales vor ihm geöffnet wurde. Aber das -=, das helle ===--
I
V1s
welches ihm aus demselben entgegenstrahlte, war ihm un-
angenehm. Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem
Leben und erinnerte ihn damit, wie heiße Thränen er geweint
hatte. Indeß es blieb ihm keine Zeit, an sich zu denken. Er
hatte seine Braut zu begrisen, er mußte ihr sagen, was er in
diesem Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand, daß er
gliücklich sei, sie wiederzuschen.

ihm
=== ? Jh ==
Wie hold sie isi! hörte er ausrufen, als Gräfin Angelika
mit unverhehlter Freude und Zärtlichleii entgegenkam.
Die schlanke Gestalt sah so leicht auus in dem Kleide von
rosenfarbener Seide. Das schöne Haar, nur von einem rosa
Bande gehalten, puffte sich hoch iber ihrer schmalen Stirne
empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich
und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab.
.i jedemn anderen Momiente wüirdent ihre Juugend und
N.
ihre Schönheit dem Baron eine Entziückung bereilet haben; heule
bewegien sie ihn nicht, obschon er sie gewahrle. Er liste
Angelika's Hand und umarmte sie, aber sie mußte die Be-
grüfung nicht gefunden haben, wie sie dieselbe erwartet hatte,
denn es legte sich ein Schatten iber ihr Gesicht und ihr Auge
blieb ängstlich auf den Baron gerichtet, als man sich nach kur-
zer Zeit in den Speisesaal verfiigle.
Dte Unterhaltung belebte sich an der -afel schnell. Man
A,
befand sich noch in den Zeiten, in welchen Mäunei und Frauen
es kein Hehl haiien, das: sie in die Gesellschafi gingen, um
einander zu iressen und das; sie einander zu gefallen wimnschten.
Die Geselligkeit, die Unterhalkug wuurden noch als eine Kuunst
betrachtet, in welcher geibt und geschickt zu sein fitr einen Ge-
bildeten als eine Ehrensache galt. Der Baron, als tresflicher
Gesellschafter gerihmt, hatte seinen Nuf aufrecht zu erhalten
und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmuuung, in
dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner
Braut nicht einbüsßen mögen. Er nahm sich also zusammen,
und da man fiür den Moment durch Ueberreizung seiner Kräste
ihre Abspanung am leichtesten besiegt und verbirgt, so steigerte
er sich allmählich zu einer Lebhaftigleit, welche die allgemeine
Aufmerksamleit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des
ganzen Kreises machte.
Er kam aus der St it, war vor nicht langer Zeit in
AeR

rg
=====- I? ===-=
==--=-l gewesen und halte viel Gutes vonn den Freunden zu
M,-s
erzählen, welche er an beiden Orten gesehen. Er konnte, weil
s1,sf.-
-p die heroorragendsten Persön..g«üiten dee Hofes und der
ssüis
==.olomalie bekaunnt warett, gew= -===-o-i- -===« - den Stand
ce:
Hisn sz:F
fizs ss ..=-
d-s- M,ss
=- - =--händel geben, welche damals noch tcht so offen und so
s.=- E.s. s,
s.sss
p=- - vor al-. --- -ulgent gebracht wurden, als in unsern
Tagz. , und was die Literatur anbelal.g-- --- - -=l zl
nefp -:
A,s ntns
w-- - - - in der guten Gesellschaft weit mnehr .i.lheil nahmt
. Psis
iorbs- ,.l
als heute, so fiihrie er als das Neueste und Badeutendste in sei-
o---- -eisewagen auszer Gdethe's Geschwisteu noch die ersteü
msoiss
=-u -icten Bruchstücke des Don Carlos mit sich. Er mußte
ns-Kss,isss
vom Konige erzahlen, von der Gräfin Lichtenan, deren Charak-
=. und deren Ahun und Treiben seit der neuerdings erfolgt.
kp
As.--
NUs
F Iii.if
=-p-onbesteigung Friedria, -=uhelu's de ,-= en eine noch
C-- aichligleit belommnen hatien, und wie sehr er die Ab-
-.
v- -
---»g1g seiner Zuhörerinnen gege =-- - ugliche Maitresse auch
». ß
nnin
=-=»=;-pklgte und schonte, konnte er doch l.=g- -111, ;- als
s.»-s,.
i,sis iss
fi.
eine Frau von Geist, von Geschmack nd von
bezeichnen. Hier und da verrieth ein Blick, eii
D:
=--ünnern, das er noch mancherlei Besonderes
was den Vertrautesten ui-zgullen sich wohl eue
szii
s.i-
Kuunsisinn zu
ey
- oort es den
-GK.is.hslss
Filuu=== g=ss=-
gute Stunde
finden lassen werde, und selbst die Frage - - ===uua« -uach -en
.s- H
neuen Moden in Kleidung -- =-»-PuuungSeinrichtuun ==pltch
i--d H.is
nn fppiisfd
zu befriedigen, leß der Baron sich aefällg hea.. bis al. -n-
s,
-l..'
wesenden voll von seinem Lobe waren, bis er selbst sich fort-
-' z-===- z==-- --==- - s- =-- == -j-=--=--=se. Ey hgtte dje Ge-
s.fss,- üs.i-=- s-sssns: ns»-sfwfiss Fiiiss
dosöh.
sellschaft fir sich eingenonuma.. u .= -==== --=-==»=-=o
« N,
As-F -
D.- ,sp--Fsmiis
oflsiipf-i s
--=-- --- oie viel Herrschaft er über sich habe und über welche
P1,s ---
- Sb1sss uß
- schen zu
.s? ls.
, g=-; -y ll!

ge== , ch die Neigung .ut- -==»l--=lg der Men-
M,siin
if: g
sApssfs
ü------; das geniigte ihm fir de Augenblick und
- opszsssstws: -
vorwärts.
Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine

--- Zh--
Zufriedenheit und den allgemeinen Frohsinn nichi zu kheilen,
nuur Comtesse Angelka blieb ernst und schweigsam. Das fiel
dem Baron auuf, und, besorgl und ein wwenig empfiudlich zu-
gleich, fragte er sie: Fehl Ihen eiwas, meine Beste, oder was
g N
ist geschehen, das aücheln von Ihrem lieben Aitlize zu ver-
Z.
scheuchen?
wa richielen sich ihre sanflen Auugen ruhhig sorschend auf
die seinen, und mit leiser Klage sagte sie: Sie erzählen so viel
Schönes, aber Sie sagen mir Nichts!
Der Scharfblick des jungen Mädcens erschreckte, der or-
----- ---- -, indeß schnell gefasßt neigte er sich zu ihr und
fiis sz-A-s »s.
sprach flisternd: Wollen Sie, dasi ich =- - ------= - der Familie
szih i siii f.f
und der Gäste die Selbsibeherrschung verliere, die uir Ihnen
gegenisber, Süiszeste, zu behauupten so schwer wird, das: ich, um
-- - -- -- » zu bleiben, mich mit Plaudern beschwichligen
H,z .= iss,
musß? Was soll ich Ihnen sagen, das Sie nicht wisten,
meine holde Braui?
Sie lächelte und er.uthete, ohne jedoch durch seine Schmei-
chelrede beruhigt zu werden. Sagen Sie unr, das: Sie sich
----. bei mir zu sein, das; ich Ihnen gesalle! bai sie mit
zisoi:
- --- Tone, der scherzend sein soslte, der aber ihre Besorgniß
ossniin
nicht verbergen lonnte.
Angelika, rief der Baron und sah sie mit einem Blicke
an, vor dem sie erglithend die Augen senkte, bestes, ihenersic?
=-»=»=-- was ficht Sie an, wie kommt Ihnen dieser Zweifel?
Asoi
N,
Hwss;- p zs.s !
-,? »7K1s - ===.=- 1s i=K -
Sie lächelte verwirrt, sie schalt sich selbst ein verwwöhntes
o- -s s-- -s- -z-- =-==--==--- -g - Fl VNele!!, l1 relcste
K..is ssibi N,»l iif.ss
ih-b
ss.-
s.-
ioi
z--- --- z.Üd Il, =-- - - zs=-=p =- =s=-=-; C==- -. .olsld ;uys;
szz-s H sii
»s-ssl,s. = -ss. -
ssimis b. C..s
i, e
daß er sich vor Angelika zu y-=-- zube, und seine Stimmung
s.GFpss H=
--p -p- heuute n. ==---- -- = -z. auf dent er sich behanlg=.s
s- lsinis ,,.
szi,ss
1I.s ssmss
konnte.

- 8---
Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen
Zurückhaltung behandelt, welche Reinheit und Unschuld von dem
Maine zu fordern berechtigi sid. Jetzt, da er im Jiiersen
erschiliierl und bedrängt, keiner freien Emipfindung mächtig,
seine Brant beunruhigt und zum Argwozu geneigi sch,
jezt muste der Schein der Leidenschaft und des Verlangens
ersezen, was Augelila an ihm vermisßte, und e? fiel dem er-
fahrenen Frannenkenner nicht schwwer, das Herz dee jungen Mäd-
chens lebhaft zu beschäftigen. . den folgenden Tagen gab es
N,s
der Zerstreuungen, welche ihm zu Hiilfe kamnen, auch mancher-
ll
--, denn die grose Familie, welche jezt im Schlosse zusammen
l.s.s:
--. nahm beide Verlobten sehr in Anspruch. Das neue Ei :-
treffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte
immer ueue,-oischenfälle, welche dem Freiherrn seine Haltung
Ds:
szHi
wesenklich erleichterten, und da --zulka, aus ihner friedlichen
Ruhe auufgeschreckt, das Alleinsein mit ihm zwar suchte, aber es
eben so schiell wieder flohh, so verflos: die guzn -«oche ohne
My
besondere Störungen. Die Männer zogen in der Fruhe u;
-is
die Jagd, man speis'te gemeinsam und am Abend vereinigten
Unterhaltng und Spiel die Gesellschaft in verschiedenen Grup-
pen, während die Juitgeren hier und da zu« auunze ihre Zn.-
N:
ss S
flucht nahmen.
Amt Vorabende der Hochzel- =» - länger als gewöhn-
p szfiip sfn
lch bei der Mittagstafel verweilt und sich dann inn ==- --- --
bz.-R P,siins
zimmer begeben, um dort den Kaffee einzunehmen. Der Baron
ed, den Ricken aeaen die Stubenthilre gekehrt, die kleine Tasse
ssAs
von meißener Porzellan in der Hanl', -- --b--- z=---- -i leb-
A sfnif pssssnois Epfoss iss
O,-s.fis iiid
hafter Unterhaltung an dem Kamine. Man sprach von -=--- -=-
pisnmi
--=---. mnan neckie denu Baron dann-,-p -e zrrsireut sei, weil.
P »,s f
die bevorstehende Hochzeit ihm im Sinne liege; und der Ge-
.: s.,.ss ossd s
danke an dieselbe füührte die Männer, welche zun- -=- -- Gbü--
freunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren, auf die Er-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

- -
innerungen an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemein-
same Erlebniß zurück. Es
jener kleinen Züge, welche
Frauen hinüber schauend,
und wie das zu geschehen
fehlte dabei nicht an einer Menge
man einander, vorsichtig nach den
mit Lächeln und Flüstern erzählte,
pflegte, waren die Männer, welche
am ruhigslen das friedliche Joch ihrer Ehe erirugen, unier den-
jenigen, die aun eisrigsien gegen den ZZwwaug der Bestäudigleit roie-
stirten und sich am dreistesten des Uebermuthes berühmien, mit dem
sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollien.
Sie waren der Klügsie von uns Allen, Baron ! sagle einer
seiner Verwandien, der mit ihm gleichen Aliers war. Sie
haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu Nuutze gemacht, und
nuun, da ich armer Thor bereiis meines Sohnes Erslgebornen
aus der Taufe gehoben habe, nun führen Sie, als ob das eben so
sein mütste, das schönste Mädchen des Landes heim, um das
die ganze Schaar unserer jungen Edelleute sich vergebens be-
mihte. Ihre Franu wird grosßes Aufsehen machen, wenn Sie
sie am Hofe präsentiren.
Das köunte sein, versetzte der Baron, ich habe aber nicht
die Absicht, an den Hof zu gehen, und meine Braut hat vollends
keine Neiguung fir das Leben in der Residenz.
Weil sie ed nichi lemt! meinte einer der jingern Männer,
denn ich halte es fir unmöglich, sich nicht von dem schwuung-
vollen Sinne, von dem Geiste und von der Bildung gefesselt
zu fühlen, welche sich dort zur Verschönerung des Lebens und
zum Genuß desselben verbinden.
Schon die grose Zahl von Franzosen und Engländern,
von Fremden überhaupt, machen den Hof jetzt anziehender, als
er seit lange gewesen ist, bemerkte der Edelmann, der zuerst
gesprochen hatie, und sich zu dem Freiherrn wendend, sagle er:
und nicht allein Fremde erscheinen dort, auch Geister lassen sich
sehen. Was haben Sie denn über die Sache erfahren?

Sie meinen
welche man dem
88
die Erscheinung des Grafenn von der Mnrk,
Könige bereitet hat? fragte der Freiherr.
Eben diese! versetzte der Andere, und der Freiherr berich-
tete, was er davon gehört und wie sehr der König sich =--
diz-
den Anblick dieses von ihm geliebten und als K nd verstorbenen
Sohnes erschiiieri gefihli haben sollie.
Einige der Mäminer, sesie, alie Vollairiner, zuellen mi!-
leidig und verächilich die Achseln, als die Uuterhaltunng sich nach
dieser Seiie wendele. Ies; die Geisterseherri war Mode ge-
worden, Jeder haite seine Meiug über ihre Möglichleit, und
die Frauuen, deren weiceu Herzen der Tod ja fast immer als
eine Grausamkeit erscheint, sprachen sich zum aheil sehr lebhaft
fitr eine Antsichi auuS, welce ihnen einen surtdauernden Zut -
samnenhang mit ihren dahingegangenen Lieben in Aussicht zuu
stellen versprach.
Der Baron, dessen Meinung man zu verschiedenen Malen
herausgefordert hatte, vermied es, sie zu äustern. Er war zurüc-
. ?,-i.s.-
haltender, als er es soust üiber ähnliche--=l zu sein pflegie,
und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand, der die
l-=--===kg verständig leikeie und beherrschte, verlor sich die-
lzss»-1.ßl
selbe, je mehr dte Dämmerung hereinbrach, immer liefer in das
Gohiet des Geheimniswollen und Senfimnentalen. Ma erzählie
die Erfahrungen, die man selbst von dem Uebergreifen der
Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht
zu haben glaubte, mtan erinnerte an die damals vielbesprochene
Geschichte der jungen Schauspielerin, der ihr verrathener Ge-
liebter sich auf die wuundersamste Weise kundgegcben haben sollie.
eas Fiür nD-=-=--e äußerte sich noch einmtal und noch
s ,1.
lebhafter, als zuvor, bis einer der älteren Edelleuie, welchem
diese weichlich uysteriöse lnierhhaliung nicht behagrn mochie, ir
mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloß.
Man könnte sich es schon gefallen lassen, sagte er, einer
g;

81 --
ungetreuen Schönen zu einem allgegenwrtigen und unvermeid-
lichen Memento mori zu werden, wenn man nuur vor Re-
pressalien sicher wäre! Stellen Sie sich doch aber vor, meine
-.---, was sollte aus uns Ehemännern und aus demn Frieden
Hzppeoi:
unseres Hauses werden, wenn jedes hübsche Lärvchen, das uns
einmal das Herz gerührl hal, so ganz ad libilum in unserem
häuislichen Kreise erscheinen und unsere ehheliche Eintracht stören
köntnte? Unsere Damen, die jezl so sehr sihr diese nee Wel!-
anschauung schwärmen, « uen ja die Ersien sein, umt Goiles
szi-
willen gegen eiuen solchen sichibaren Zuisammenhang mit der
Geisterwelt zu protesliren.
Man la.D-«. uian belobte hier und da den gesunden, heite-
-s,
ren Einsall des alien Herrn, uan sagie, dus: der rechle Froh-
sinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden sei, und stachelte
damit den Ehrgeiz des jngen Grafen Gerhard auuf, den Wiz
und die Heiterkeit der Juugend lund zu khun. Ungli clicher
Weise waren aber Mas; halten und ruhiges lleberlegen nichl eben
seine Sache. Der reichlich genossene Wein hatten ihn heute noch
unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht, und sich an
seinen Schwager wendend, dessen Erust ui dessen Schweigen
ihm aufgefallen sein mochten, rief er: =- --ü.kel Kammerherr
D.-
zas
hat wahrhaftig Recht! Stellen Sie sich doch vor, -aron, was
N.
aus Ihnen werden sollte und was Agelika sagen würde, wenn
alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz
gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenn
-- er wies mit dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers
und der Baron und die Aeren folgten umwilllirlich seinem
Winke -- wenn dort sich zum Beispiel plözlich die Thur öff-
nete und . -
Ein Schauer durchflog
Thlire lhal sich wirllich wie
ein blendendes Lcht strömte
die Glieder
mnii Eiten
herein, und
des Barons, denn die
Sclage slözlich aus,
mit krampfhafter Be-

8 --
wegung den Arm des ihm Nchststehenden ergreifend, sanl der
Baron auf den Sessel am Kamine nieder.
Aber nur wenige wwuurden das gewahr, denn die Diener
brachte:n eben jetzl die vielarmigen Leuchier in das Zimmer,
deren helles Lcht die Mehrzahl der Aüwesennen blendeie, und
der Einirili des Gaplans, dessen Aulunsi man lurz vorher
gemeldet hatte, nahm die Aderen in Anss rnc. Der Graf
unnd die Daen des Hauses bewilllom:unlei den ueuen Gast,
und der Baron gewaun inzwiscen J=. sic zu sammeln und
V,ii
sich zu erholen. Dennoch uecie man ihn mit seiner leber-
raschung, mil seinem Schrecen; man wollie wissen, welche Er-
scheinuung er gehabt habe, indeß der Baron entzog sich mit
guier Ari iind groster Sellsileherrschung allen daraus zielenden
Fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen Unter-
haliuung, z der er sich genöthigt fand, fragte er, als der Caplan
an ihn herangetrelen war, denselben leise und beklommen: Hat
man sie gefunden?
Alle Mihe war vergeblich! antworteie jener ebenso.
Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.
Ist fiirs Erste wohl aufgehoben in der Stcdt.
Wer brachte ihn dorthin?
Ich selbst! versezte der Caplan.
=- --=n drückte ihm schweigend die Hand, andere Per-
D,z- N,is-
sonen traten mit Ansprache und Bewillkommung dazwischen,
der Abend verging in bewegter Geselligkeit und der Baron fand
sich erst wieder mit seinem Hausgenossen zusammen, als dieser
ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchie. Er
f»-is Rof- KPAe»-ss
--- ---- -===-, der sonst noch vor dem Schiafengehen lange
in seinem Zimmer zu lesen pflegte, bereits im Beite.
Wundern Sie sich nicht, das; ich uich schon niedergelegt
habe, redele der Baron den einireienden Caplan an, ich bin
sehr mide. Der Stand eines Bräuutigams isi an und fie sich

- 8i---
eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn
ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehri, so sollte
man es ihm geben und ihn mit der Erwählten ziehen lassen.
Was soll dieses wartende Verlangen von der einen und von
der anderen Seiie? EZ ist so viel Zwang und Heuchelei darin,
,a, es liegt im Bruutsiande, wenn man von einuer Gesellschasi
umgeben ist, wie die hier im Schlosse versammelte, sogar eine
Art von Cynismus, der mich beleidigt. Ich wollte, wir wäiren
zwvei Tage weiter und fort von hier.-- Er machte eine kleine
Pause und warf dann die Bemerlung hin: Ich schlafe auch
schlecht! Ai Tage Ermiduung, in der Nacht wenig Schlaf
und während desselben quälende Träuume! Wahrhaftig, man
könnte. -
. er vollendete den Saz nicht, fuuhr mit der Hand,
wie es seine Gewohnheit war, ein paar Mal über Stirn und
Gesicht und stiesß dann ein Ach! hervor, in welchem sich sein
ganzer Zuustand offenbarte.
Der Caplan fand ihn iibel aussehend, auch die Stimung
des Barons kam ihm bedenklich vor. Weil es spät war und
er die Weise seines Freundes kannte, sich möglichst lange auf
Umwwegen von dem Gegenstande fern zu halien, den zu erörtern
er Scheu truug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung
davon zu sprechen begann.
Sie fragten mich heu... hob er an, wo Paul sich befinde,
nfo
und ich sagte Ihnen, das: ich selbst ihn nach der Siadt ge-
bracht habe. Da es an dem Morgen nichl gelang, die Mutter
aufzufinden, so machte ich
Knaben auf den Weg, weil
nicht eine Stuunde unnöthig
mich noch am Abende mit dem
uch ihn nach den. Vorgegangenen
in Rothenfeld verweilen lassen
wollie. Umnenischieden, wo ich ihn unterbringen solle, da er bei
seinem Alter noch fir lein öffeniliches Pensionak geeignel isi,
fiel es mir ein, mnc, weil ich leine Zel zu verlieren haiie,
an Herrn Flies zu wenden.

----- »? -
Und Sie sagten ihm, wem der Kabe gehöre? unterbrach
ihn der Baron.
Ich hatie das nicht nöthig, obschon er A nfangs mit der
Zurickhaltung, welche Sie an ihm rühuien, nicht merlen ließ,
was der erste Aublick des Knaben ihm verrathen hatie.
Also Sie finde auuch, das; der Knabe mir so ählich sieht?
fragie der Baron in eier -beise, die schwer erkennen ließ,
N,
welcher Eupfindung sie entsprossen war, und ohne des Gaplans
Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn sich jezt
bei demJzuwelier befinde.
Nein, eutgegnete der Andere; ihn dauern' in einer jdishen
Famile zu lassen, wäre doch nichi wohl thuunlich gewesen, und
ich zwweifle auch, das: Herr Flies sich dazu vrsianden
würde, ihn auufzunehmen, da - - -
Unnd .---- -- der früher in dem Fies'schen
Ns.=- N1,-si.s-
z -s,-ois
wohnte? unnterbrach ihn der Baron; ich hab. a =----
und dessen Frau gedacht. - -
=-- --uute sind kinderlos, bemerkte der Caplan.
I. E.-:
Eben deshalb! meinte jener lebhaf.
haben
Hause
Vetter
Meine Verwwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslich-
keit gewöhnt, daß eine Störung derselben ihnenu durch Nichts
aufgewogen werden könnte, sagte der Caplan allehnend.
Der Baron verstand ihn, das bewies das unwillkürliche
Znsammenpressen seiner Lippen; der Caplan lis; ihm aber zu
seiner Mißempfindung nichi lange Zeii, denn er berichtete, wie
der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Fmilie gewiesen
habe, welche jezt den dritten Stock seines HauusS als Miether
bewohnte.
Wer sind die Leuie? fragte der Baron dazwischen, - -
dps
sich im Belle aufgerichiei uid den Kopf auf die weise, wchl-
gepflrgie Hannd gesliizi haiie, die vornehm u den Spitzen-
manschetten des weitärmeligen Nachthemdes hervorsah.

- 88
Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie, wie meine Ver-
wandten. Die Frau zeigte sich ohne Weiteres bereit, auf den
Vorschlag einzugehen, da das Gehalt des Kriegsrathes nur
beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande
genöthigi ist. Eine Vermehrung der Einahmen schien ihr also
sehr erwüinscht. Der Kriegsrath hatte Bedenken, sie wurden
aber von der Gewandiheit des Juweliers ohne asl mein Zuthun
besiegt
Bedeulenn ? wwiederholle der Baron uil einen Auslgge jenes
empfindlichen Stolzes, der sich wuundert, wenn sich Jemand
seinen Wüiuschen nichi gefigig zigt.
Sie galten der Herlunft des Knaben, der möglichen Un-
gelegenheit, welche dieselbe verursachen könnte, und endlich auch
der Sicherheit der Pensionszahlngen, fir die Herr Flies sich
dann natürlich alsobald verbürgte, während er zugleich auf die
Förderung hindeuieie, welche dem Kriegsrathe durch Ihre Ver-
d
mitilung zu Theil werden lönnte.
Sie glauben also, daß der Knabe dort gut aufgehoben
ist? fragte der Baron, über die Aniwort des Caplans leicht
hinweggehend.
De. Jwelier versicherte es mir, und eilig, wie ich war,
-z- g
fand ich es am besten, ihn in dem Hause zu lassen, da Herr
Flies und seine Frau ein Auuge auf ihn zu haben versprachen.
Der Baron nickte zustimmend. . danke Ihnen, sagte
N,
er, Sie haben mir einen Dienst geleistet; ich bin über den
Knaben beruhigt, wenn Flies ihn in seiner Nähe und Aufsicht
behält. Wollte Gott, ich könnte mich auch sonst beruhigen!
Man hätie vielleicht der Unglicklichen Zeit lassen, Sie häiten
ihr nachgeben, ihr gestatten sollen, den Winter oder wenigstens
noch einige Wochen in Roihenfeld zu bleiben. Ich beurtheilte
Pauline richiiger, als Sie!
Der Caplan war, wie er den Baron lannie, darauf vor-

- S
bereitet gewesen, daß er es zu seiner Selbstbe uliguung versuhen
=--- dem Freunde eiten gewissen Antheil an dem Unheile
ssiip-d.n
aufz=-==-n, welches er selber angerichtet hotte. Er ließ ulso
s s.i-d
diese Aeuseruugen absichtlich unbeachtet, und dawuurch genöthigt,
sich weiter sund zu geben, sagte der Baron, oon dem DD .-
c' s.infs
sächlichen der traurigen Angelegenheit abbrechend:
Gewisse Erfahrungen muns man an sich selber machen, und
so theuer man sie er--;. bezahlt man sie boch wahrscheinlich
-f,-sss
nichi zu hoc. Sie werden sic liiusig, mei veriher Freund,
über
mich nicht mehr zu bellagen haben!
Der Cplan bat um eine Erllärung dieser Worie.
=., versetzte jener, mich d=.-, darüber lönten Sie nicht
e
ü»7
in Zweifel sein! Ich habe wohl sonst Ihr- strengen Moral-
lehren als unnaliürliche Beschränkungen, Ihee ganze Weltan-
sfiAi iiirr
-=-=-=g und Lebensführung als die Frucht eines furcht-
samen Aberglaubens angesehen, und Sie in mteinu.- Jleen
ssss »iss
=--=»»u=. daß Sie sich in Folge Ihrer Gellibte nicht zu ge-
s.Sfs,eb
nießen erlaubten, was uns zum Genusse ladet und für
denselben geschaffen ist. I den letzten Tagzen, sagte er mit
einem schweren Seufzer, habe ich mich aber oftmals des Ge-
danlens nicht erwwehren lönnen, das; Sie jetzt der Glicklichere
von uns beiden sind. Ja, ich habe Sie recht eige--- -----
zisss, iiin
Ihre Gemüüthsruhe, um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft
aedacht, dasß man schon aus Selbstsucht un- -=»=-»»lß --
R M1p-s-pFliisin
wii:
N,his siliwi: issisip sl1:sn
pisif.
---s s=s-p-H, V1S «==- -- s--p--- ---s-p- - ===- -l lcs dhsey lh
meiner Ehe mut Gräfin Angelika Kinder halen so=... so will
lss,-
ich sie Ihnen und Ihrer Füührung ausschließlich anvertrauen,
und Sie sollen mich an diese Stunde erinnern, leber Freid,
wenn ich gegen dieses Versprechen handle. Es ist sicher ein
-»i--« ==-lg um ein unibeflecktes Gewissen und un! =- -ig
. Pss
Hz61, H;
lichkeit des Glaubens und des Gebetes!
wer Geisiliche sah ihn prisend an. Er vuuszte, welcer
eF.

- I --
schnell wechselnden Ansichten der Baron fähig war, und pflegte
deßhalb auf seine Aeußerungen, sofern sie aus einer ungewöhn-
lichen Stimnmung hervorgingen, kein großes Gewicht zu legen.
Esz däuchte ihm aber, als sei es Pflichi des Chrisien und vor
Allen des Geistlichen, einem Schwerbeladenen und Nieder-
gebeugten, und ein solcher war der Freiherr jetzt in jedem
Betrachte, in der Siunde der Noth die Hand zu reichen,
und ihmn dent Trosi zu bieien, an welchem man sich in der
eigenen Ohumachl gehalten und an dem man sich aufgerichiei hat.
Haben Sie es dennn verscht, fragte er ihn deßhalb sanft
und ernst, sich einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben
darzulegen? Haben Sie es versucht, recht in sich zu gehen und
sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns Rechen-
schaft über dasselbe zu geben, als wäre diese Rechenschaft von
einer Machi gesordert, die den Zesammenhang der Dinge besser
kennt, als wir? Haben Sie sich denn in letzter Zeit wohl
jemals der Religion mit dem Beditrfnis; um Erlösüg ze
gewendet?
Sie wissen, bester Freund, sagte der Baron zdgernd und
mit Bedauern, das; dies leider nichi geschehen ist. Bei meinem
lebhaften Sinne und einem starken Selbstgefi:hle ist mir die
Religion seit lange nur als eine Stütze und ein Heilmittel
erschienen, deren der Gesunde und Kräftige entrathen und nach
denen mich persönlich niemals verlaugen könne. Indes; die
Erfahrungen, welche ich jetzt an mir und in dem Leben über-
hauupt gemacht, und ein Eindruck, eine räthselhafte Erscheinung,
die ich gehabt, eben heute gehabt habe - Er brach ab und
sagte: Ich wiederhole Ihnen, ich wollte, ich könnte heute glau-
ben und beten wie Sie, mein Freund, und mir damit das
Herz entlasten.
Und was hindert Sie daran? fragte der Caplan, ihm fest
ins Auge blickend.

--- I!--
Mir fehlt die Zuuversicht, der Glaube, dasß Gebet mich
trösten könne, daß für mich auf diesem Wege die begehrte Hilfe
zu finden sei, wendete der Freiherr mit einer Weise ein, die
sehr von jener Leichtigkeit abwich, mit welcher er solche Materien
sonst zu behandeln gewohnt war.
Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken ver-
sunken, dann sprach er ernsthaft und bewegzt, wie man eine
tiefe leberzengung, eine an sich selbst erprobte Erfahrung kund
giebt: Mich uiszte Alles trigen, oder Sie stehen auf einem
jener Wendepuunkie des Lebens, Herr Baron, auf welche der
Mensch, nach meiner festen Ueberzeugung, nur dann gestellt
wird, wenn das Einschlagen eines völlig neuen Weges für ihn
das einzige Rettungsmitiel geworden ist.= Eir machte darnach
wieder eine Pause und sagte endlich, als habe er lange nach
der Form gesuchi, in welcher er seinen Glauuben dem Freiherrn
zugänglich machen könne: Sie haben vor nicht langer Zeit selbst
gegen mich über die mystische Grenze gesprochen, welche in unseren
Handlungen das freie Wollen von dem Missen und Erleiden
scheidet, und ich erinere Sie an diese Ihre eigene Ansicht,
um in derselben Ihnen ein Gleichniß und in gewissem Sinne
auch die Erkläruung fir Ihren jezigen Zstanh zu bieten. Ist
irgendwo eine solche uystische Grenze zwischen der Freiheit des
Menschen und der Fihrung des Höchsten vorhanden, so offen-
bart sich dieselbe, wenn wir Ihr Leben einheitiich iberschauen,
an Ihnen. Alles, was Sie unternahmen, sich eine höchste Be-
friedigung im weltlichen Sinne zu schaffen, erfillte den Zoeck
nicht, Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen. Da fallen
Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe, aber auch ihm legt
ein weltliches Element zu Grunde. Sie machen ein Geschöpf
Gottes, das Ihnen durch eine Verknitpfung von Umständen zur
Pflege zugefihrt wird, nicht zu einem Gegenstande Ihrer selbst-
losen Sorgfalt, sonderu zu einem Spiele Ihrer Phantasie, zu

- ---
einemu Glickspsande, und nuur zu bald wird das armne Wesen
«=- Opfer, wird durch Sie um Unschuld, Glauben und Hoff-
s.--
nung gebracht. Jetzt lomnmt der Augenllick, in welchem Sie
selbst das Bedirfniß fühlen, sich ein neues und geläutertes
aeben inIhrem Hauuse aufzuerbauen, und nun erwwächsi Ihnen
aus Ihrer Vergangenheit, auus früherem Verschulden ein Unheil,
das Sie selbst wie einen Fluch empfinden, vor dessen An-
mahuung Sie sich nich! zu bergen, gegen dessen Last Sie sich
nicht zu wehren und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen,
von dem Sie auch nirgends Rettung und Erlösung finden
werden, als an der Quelle, aus welcher alle Erlösung und alle
Gade quillt. --
Er machte eine Pause. Der Baron hatie noch immer
das Haupt auf den Arm gestiützt und sah, in tiefes Sinnen
versunlen, vor sich nieder. Der Caplan wartete, ob Jener zu
sprechen beginnen wüürde, indes: nur die Traurigkeit und Weich-
heit seiner Mienen verrieih, was in seinem Herzen vorging,
und der Caplan hielt es für seine Pslicht, dem Bereuenden
weiter entgegen zu kommen.
Sie sind in diesem Augenblice, sagte er, wie der verlorene
Sohn, wie der Sohn, der im Nebermuthe seiner Kraft es ver-
lernt hat, sich als Kind in seines Vaters Arme zuriück zu slüchien.
Sie wissen, Sie kennen den Weg, der Sie an das Ziel Ihrer
Sehnsucht fiühren k.. aber Sie scheuen sich, ihn zu betreten,
weil Sie verlernt haben, ihn zu gehen. Sie möchten beten
können; heißt das nicht beten? Sie möchten sich zu Gott,
zu Ihrem Erlöser wenden; heißt das nichi zu ihm gewendet,
zuriickgekehrt sein zu ihm? Sie verlangen nach Hilfe, nach Beistand,
nach Gade- aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich,
daß das bloße brinstige Verlangen nach ihr, wenn es ein fort-
gesetzter Zuustand der Seele wird, schon die Birgschast fir ihre
Gewährung in sich irägt, dennn der Allhelfer fehlt dem Menschen

3
niemals, wveun es bon ihhm ist, das; muat Hilfe und Erlisung
erwartet.
Der Freiherr haite den Kopf erholen; e:-.g den Euh.-
s.-s
His
ss.n F-kpssis lsifenis ß,.
forschend ann, und mnit detn l== -=--=-= -- =e Na Ugzelt, einne
Widerleguung seines noch ucht iüberwuundenen Zveifels zu er-
h-=-. seagte er: Könnle Unglauben so ri;g zum Glau..
zs.si
!.o ss
.ls,is -
sinidohs Z
l z. L Kpklss
Moses schluug voll Glauubens gegen den Fels, und aus
=---- =-- --. verschlossenen Gesteisi ---==g di: helle Flut des
s sszpi:
Aoiin
ssszfis
== -als hervor, g gü1zes «e.l zu erauuicun. -- ?.-- .-
N..s
N.s..-
=-- - euPlall
siis
z sP,emi:
rückte bei diesen Wortenn seinen Sessel nahe a. de.===--
sisss sil.ils.
= -=, eigle sic zl p.- und sagte, udem er-- i-=-=g be-
lipe
ssiiss
wegiem Herzen die Haid desselben ergriss: O, löule ich Ihnen
ds f
==- ---- -=- a uudrngllch machen, was als feste, erhebende
I.-
e sissA. s
s-- - --g in mir leht! Der Glaube, -- - ------- -- I--
d,- Sww.is NdAsp-z- -
min
P,-linesninn
Asziss.» A
os- -A
T N,s.
iw--iIs-s,- ,sisfn-
=-s vulIs 0S aaeEl! -us=, Daa Izli .e - == = -- ==z-j- -
l,-ifp f.
au einer Weise sierben mnac.., welch. hren- -- ==l ersi die
s E,lii
-- s
voll.
=--=- - -=«, dieser Glaube hatie Sie verl;.«, uund so
. i1.lin nwvöli-l-
i
üg.
J,s-f
P,?» - -
-»lpis
ltslss
mmein
.-ssois
. d,s;- S,, szz. iohoi: oinnisdo loliioss
Hsf iid.s dizF
u=?. - =u==- = .. uu hjhg oi -- 1F» - -== =us- - ss iusisa z =»=s= ssz
9g,ii-
=--- dmt: wwir siandesn eita:==-- s--- -, als es zwischen so
sdp fpsspi
Lebensgenossen h--- - sollen! Aber glauben Sie mir,
s.hs. s.iin
Freund, wie gering der Aiheil auch gewesen ist, den
Rlinf -ss Sswwmi: (,,lislöliis h üs s f.: j. 1.ßs1id -ssi
gp iiss- s.
==ss us i1 - =. ide uzu - =1s z1»7»1 ss ===vy-s»1»»=1s 111» » 1Hz v1? »»ui=s -1VFss
isfp ssiüz-b ii-
s--is-= - -- -: dasselbe zu sdrgld:., lh h==- -=-s ---fü-=- - zss
,-sin znili -si ffnKi -
s..Ffi-s
=-:i- -, dasß der Erlöser Sie zl j-= -- -bz -- -=- - nd null,
fss dos sfzisspis iw b»d, ! P
da das Emstsetzli.z. = - ===«ui, hea- -z --b - zo-- z--=)--
s.. s- sss E szsnss -.liifpss
... swzpiss1iw-H
sls-
=ußz« .« Tu, lc haabe ; -=-- g-Cüi, ;--=-- ll -s-s----
ss- .i. o
msniiiois:
s Cs- .i.
Hpwss -p!ufp-i iisnA iss
i. Nefss -
.ls.s.i .sip-pl.l
=. N
P,7g- zz- =-= - - zi i=e u Csu Iz==ssssn zli bui=in -u j-=- =u, lllüg Kai
»=- », gd
z-zs-
--glp --- =-- - aa ist mir der Gedantke an die wunder-
-ss N1pps n
bare. --u uund Figungen des Himmels i.ustlich zu Hilfe ae-
ri:
kzmiissnss ! P,-z- sin
--------- -- - = - =ul uns wull es ermessen, oh Gpli nicht dad
11lß- --=, ob er na Pauline, die das Opfer Ihrer Sinn-
ss ,s-
,s.s N

- ßg ----
lichkeit geworden war, sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu
Ihrer Bekehrung? Ob nicht Pauline sterben muste, das eigene
Vergehen zu bilßen und Sie hinzufihren an die Gnadenauelle,
aus der das Geschlecht, welches fortzupflanzen Sie morgen Ihre
Ehe schließen, sich erquicken und erstarken soll zu nenem Glau-
ben, zu neuem Wandel auf dem rechten Wege?
Der Baron halle deun Freuunde mil sleigender Erschiiierung
zugehört. Weichherzig wie er war, hatten schon die tiefe und
ernste Bewegung. die fromme Liebe und die fesie Treue des
alten Lebensgenossen ihn gerüihrt und aufgerichtet, aler bei des
Gaplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons
sich wuundersam. Der zuversichtliche Glaube an die räihsel-
haften Wege einer allweisen Vorsehuung, welcher dem Caplan
den Gedanlen eitgegeben hatte, das; Pauline nach Gotes Raih-
schluß habe sterben missen, um den Freiherrn und sein Haus
dem Glauben wiederzugeben, trug fir den Lezteren schon eine
halbe Erlösung in sich und leuchtete ihm ein, da er seiner
persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf sein Geschlecht plötz-
lich in der erwünschtesten Weise entgegenlam. Er war, nach
solcher Annahme von den Fügungen des Himmels, nicht mehr
völlig und ausschließlich verantwwortlich fir seine Thhat und ihre
schwere Folge. Er war nicht mehr der allein Schuldige. der
Frevler, welcher Pauline in den Tod gestiirzt. Nur ein Werk-
zeug war er gewesen, wie sie, in der starlen Hand des Herrn.
Nicht mehr ein Simder war er, der sich demüthigen mus:te,
um die Verdammtuung von sich abzuwenden, er war ein Aus-
erwählter, ein Begnadigter; denn Gott hatte das Leben eines
armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer fir ihn
und sein Geschlecht, und erleichterten Herzens und nach Be-
ruhigung düürstend, fragte er: Und hegen Sie den Glauben, daß
Reue ganz versöhnt?
D. ich hege diese Zuuversicht! rief der Caplan mit festem,
N,

- -- 9?----
innig vertrauuendem Glauben. Ja, ich hege die Zuversicht, daß
Reue, daß bißende und zugleich fruchtbar lhätige Rene eine
Erlösung in sich verbirgt! Wollten Sie sich in dumpfem
Schmerze der Erinnerung an dad von I,hnen verschuldete Un-
gliic iberlassen, so würde damit sicher Nichts geholfen, Nichts
gebessert sein. Aber wenu Sie die Möglicleit der erlösenden
Versöhhuung nici nur aus sich selbst beziehen, wenn Sie die-
selbe zugleich als eine Aussöhnung uit dem eigenen Bewußtsein
betrachien; wenn Sie sich sagten, ein Mädchrn, das mich liebte,
ist untergegangen durch mich, dafür soll das Weib, das ich mir
erwählte, um so glicklicher werden; wenn Sie mit Selbstver-
gessenheit fie die Fran, sinn die Familie z leben versuchten,
welche sich um Sie her bilden wird, wenn Sie die Seelen, welche
die Vorsehug Ihnen anverkrauut, im Glauben und in Heiligung
erziehen --- mich din., mein Freund, das wwürde so viel Licht
über Ihhr Dasein ausbreiten, daß davor die Schatten, welche
jezt Ihr Leben umdistern, allählich weichen lönnen. Gebet
und Reue sind erlösend, wenn sie eine Selbsterlenntnisß und ein
Gelöbnis, zugleich demiüihig und muthig sind.
Der Caplan hielt inne, denn der Baron hatte sonst immer
eine große Ungeduld bewiesen, wenn sein geisilicer Freund ühn-
liche Gespräche oder ähnliche Erörterungen herbeizuführen gesucht
hatte. Heute war das anders. Es that ihm wohl, die Stimme
des Freundes und seinen ermuuthigenden Zuspruch zu hören,
denn sie waren milder, als sein eigenes Gewissen, und fast
bittend sagie er: Sie sind nicht zu Eide, enthalten Sie mir
Nichts vor, mein Freund!
Was könnte ich noch hinzufigen, eutgegnete der Caplan,
vas nicht in dem Gesagien schon enthalten wäre, das Ihr
igenes Herz Ihnen nicht kund giebt? Jede Sünde ist eine
Verfehlung gegen das Gute und gegen das Necht! Machen
Sie sich von diesen Verfehlungen frei, stelen Sie sich als


=----»- =-----==-=i--, als tadelloses Famtilienoberhaupt, als
püidos- -swb-osis F,Ksifß
kadelloser Gutsherr den Menschen aegenüüber, und ich zweifle
----. daß sich zwischen diesen beiden Polen finr Sie der Weg
s:i,sus
und die Mittel zuu einer Befreiung Ihres Herzene u==- Ihres
z. g
Gewissens finden lassen werden, dasß Sie eines Gliickes theil-
haftia und einer dauernden Zufriedenhe. gulg 1e=- -=-==--
vR.ss fjzssisoss
- sIt-
von den ,pre Vergangenleii Ihne noch lein Vild gegeben hai!
. es.
wer Freiherr aihhmele aus. Er riclele sich eupor, er sah
ed
die Mög.-g- --- o«, wwieder erhobene. -g-uPle? zl - =----
s EHi
l .sioof:
N,k.-s hi ss.s.
da er den Vorsaz hegte, sein Hauus im Geisie des Chhrisienihumes
aufzubauen. Er konnte in =-;---- -b--=lu-- elbst an Pauline
dsoii: Al mi.o-milil'
-. ?
wieder denken, ohne die herzzerreisßenden Gewissensbisse zu en-
s-- -, welche ihm seii ihrem Tode leine Nuhe unehr gelassen
sisis sdos
hatien. Er versank noch einmal iu ein kiefes Sinnen. Der
Gaplan, dessen innere Wahrhafiigleit in diesem Falle die Selbsi-
--=zyuuugen des Freiherrn nicht vorauSsah, sas: hm, seinen
sIi:C,
eigenen ernsten Betrachkugen nachhangend, schweigsam gegeniber.
Seine ganze Seele war Gebet. Eidlich reichte der Baron dem
Geisilichen die Hand.
N.
----- z-- --. sagzle er, ch dD«- ,hsen von Herze,
,isI,« Ss,is.is
-sis f,« -
sisb W, s..-s.i--s N..s.s! H,.! F,- s:
- --- z-- -- =-= - - O -=-- gabent Recht! E ist eine großße
Nt.i
==-plthat des Himmels, er brauchie diesen = -druc mit
Bs-e
u==pss.sHfiisis
=-=--w-ü---u - es isi ein Segen von Gott, einen Freund, =--
süi.n
uiin si d..-- 7Is..
=------ - -== z haben, sich -. einem Freunde wie Sie
iinis
zpFs ss
s ds: -
i: EFsssois -
Ti-SFrmlis
-=p- =--s- z,? -z-s- ülljge -- = ss ss -=s sss= ss z ==-s= s=s s -.u: Pche
iid.
ii. s,-lfi-s:
ich -- - der Zersireutheit der vergangenen Jahre diese «- -
.s
issis js:
s.-? -
ßeng=g gewähri! - - Er bog sich ein wenig uach hinienu iiber,
doIisss.- 9z ss -:sfd. N7,,
=-- =----=----;- --»- ==s=l, uud mei:te: Ic glaube i! - -==p6,
d.- N,
dips. ?,Fi He. s- s,s.s,is.zs 7ismnmis N, sss.s,- iinisi -
1ünni
-==; - -»6l=Fs .==z =s -g ss87)ss-ss ==1is.sss- z)P 1ß»z 1suu-z uiluisz» -
n - als in den verwichenen Tagest. --«« der Gedanke an
Pz
E-pz
Richten qusi- ----- unaufhörlich; und ich gäbe viel darum,
ss s:i. -

-= cz?
gE F --- =
wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen. es noch nict mit
meiner Frau wiederzusehen brauchte.
Und giebt es dafir keinen Ausweg? fragte der Ciplan,
dem die Beruhigung seines Freundes, vot welcher er sich die
sittliche Erhebung desselben versprach, le=-=-- -=-- = -ze lag.
sis..sss -mfs ,w- -
=--e haben ja das Hauus, welches Fräulein Eslher Ihnen hmler-
li
lassen hat, eigenklich noch gar nicht bewohnt. Wie wäre el? -. -
Wen wir nach der Nesidenz giugen? siel der Baro i ih
in die Rede, daran habe ich selber schon gedaeh-, 1- dap --
s At tt
-? -
wie Sie wissen, auf unsern Aufenthalt in Richten angelegt und
angeordnet war und das; in der Stadt gar Nichts fir unsere
Aufnahme vorbereit. --- a« habe das Haus meiner uah.«
.s E,s
n f
als ich es bei meinem lezlen Auufeuthalte in der Residenz üüber-
nahm, doch recht vernachlässigt und kraurig aefunden, und man
wvitrde es vollsländig erueler. b- -- - ut es angenehmt und
n in üss=ss
uns angemtessen zu mtachen. Indeß davon zu reden wird morge«
Zeit sein, mein leber Freund! Fitr heute wiinsche ich gesammelt
zu bleiben und noch eine Weile mit mir allein zu sein. Schlafe
Sie wohl! Gewis;, ich hosfe auuch endlich wieder eine gute Nacht
zu haben.
Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser
verlies; ihn mit dem beruhhigenden Bewusgtsein, gethan zu haben,
was ihmt oblag. Er hatte den Zerknirschten nichi mit harter
Verdammung niedergeschmtettert, sondern ihn bz=-=-- -- Es=-
fhizsriss monf,s
da er seine Erhebuung anstrebte und ersehnte; und es eröffnete
sich ihm jezt=- die Aussicht, der Kirche ein ihr ent-
vd.fisz-
fremdetes Glied, das Haupt einer einfluszreichen und vornchmen
Familie, dem Glauben und der Sitie einen Menschen von
vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder zu-
v-sirkApFo onnn
zuführen, während ihm selbst der Freund z--=-wü - z werdent
olr no szAiifp
i- -, a! dett er immer mit warmer Neiglulg ß=------ =-s -
sF=is
seit der Baron einst sein Zögling gewesen war.
F. Le wald, Von Geschlechn zu Geschlecht. l.

- - 9--
Der Caplan betete also an dem Abende noch länger und
noch inniger als sonst, und der Freiherr schlief seit Paulinen's
Tode in dieser Nacht den ersten traumlosen und ruhigen Schlaf.
Das sezte ihn wieder völlig in den Gebrauch seiner Kräsle ein.
Er fühlte sich erfrischt und befreit, er erschien sich verjingt, als
er sich im Spiegel betrachteke, und er sah mit wachsender Span-
nung und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie
et lgegen-
Am Mittage wurde die Trauuung des Barons mit der Gräfin
Angelika, wie es in den Ehepacten festgesetzt worden war, nach
aatholischem Nitus vollzogen. Der Baron hatte am Morgen
noch eine lange llnterreduung mit dem Gaplan gehabt, und beide
waren bemüht gewesen, sich auf dem Wege zu erhalten, auf
welchem der Freiherr gestexn die erste trostreiche Beruhigung
gefunden. Er hatte dem aplan die feierliche Zsage gegeben,
dahin zu wirken, daß auch seine Töchter, falls er deren haben
sollte, in der katholischen Kirche auuferzogen winden, und er
war danach während der Trauung ernster und feierlicher ge-
stimmt, als die Gesellschaft, welche ihn im Schlosse ungab, es
von ihm erwartet hatle. Die Eltern der Braut erfreuten sich
dessen als einer Bürgschaft finr das Gliick der Tochter; die junge
Gräfin selber war gegenüber der Junigleit, mit welcher ihr
Gatte sich gegen sie bezeigte, voll demuihsvoller Zärtlichkeit und
Liebe, und es war sicherlich Niemand unter den amvesenden
Gästen, welcher diesem von dem Schicksal so vielfach bevorzugten
schönen Paare nicht eine glickliche Zukunft vorausgesagt hätte.
Bei der Tafel, als eine der Tanten den Schmc bewun-
derte, mit welchem der Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt
hatte, erklärte dieser, das; er seiner Frau noch ein anderes An-
gebinde, oder vielmehr noch eine leberraschung vorbereitet habe,
welche ihr, wie er hoffe, willkommen sein werde. Er bat sie,
zu errathen, was er für sie im Sinne führe, aber sie traf das

--- 9 ---
Rechie nicht, und endlich fragte er: wie n ürde es Dir gefallen,
meine Beste, wenn wir morgen, stait unsern Weg nach Richten
einzuschlagen, uns nach der entgegengesezten Seite wenden und
nach der Residenz begeben wiirden, um dorr den Wintrr zu-
zubringen ?
wer Vorschlag erregte bei Allen ein grußes Erstaunen, denn
seit der Verlobung hatte man es festgesetzt gehah., oaß die Neu-
s -
vermnähllen das erste Jahr ihrer Ehhe in Richten verleben sollten.
Atss,.
--. Plane des Barons waren darauf begrindet, alle seine Briefe
voll gewwesen von der Schilderung der Aniehlichkeiten, welche
er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte. Nui sollie das
plözlich Alles anders werden. Man wusßke sich nicht gleich in
eine so unerwartete Veränderung hineinzudenken, wußte sich ihre
= --=- --==- zu deuten, und besonders Angelika vermochte bei
!z-sßsßo ffsi -
diesem Vorschlage des Barons, der ihren Neiguungen und Hoff-
nngen gleichmäszig widersprach, vollends keine Freude zu em-
pfinden.
=-e gräflich Berla'sche Famzilie gehörte zu jenen alten guten
c1.
Adelsgeschlechtern, welche das Leben im eigenen Hause und auf
eigenem Gruund uns «oden als die einem Edelmtanne am meisten
Kz
zuständige -benöweise erachteten. Nur einmal und nur fir
N,
eine kurze Zeit hatte Agelika in der Stadt verweilt, als eine
Krankheit der Mutter die Berathuung eines=--gen beriihmten
dewisf
s-s
-s-zes nothwendig gemacht hatte. In der Residenz war sie nie-
e Desss
mals gewesen, und an ein ruhige- ==-=l, an einr einförmige Folge
der Tage gewöhnt, reizte das Neue sie weniger, als das Fremde
sie beunruhigte. Alle -. idyllischen Hoffnungen, welche sie fir
v.i
ssieo fsIhssz »zf zffs .siofi snskif- Henr
-z -s=s»j Izss - S- z-z- s»ss -=ss == - ==» --s -n==sus: zlCt h?HZ
- Aoff: noisofs Ps
Gaiten in Nichis zusanen, und rasche llebergänge aus einem
Gedanken- und Vorstellungskreise in den andern zu machen, war
ihr nichk gegeben. Ihre Mienen verrielhen haher nichts we:üiger
als Freude bei der Eröffnung des Barons, und als er ihr im
ez z

----- 100--- -
Besondern die Frage vorlegte, ob er ihrer Neigung mit seiner
Absicht begegnet sei, verneinte sie es mit der Bemerlung, es
schmerze sie, daß ihr auf diese Weise das erste ruhige Beisammen-
sein mit ihtn verlimmer! und ihr die Gelegenheil genomnnen
werde, sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm
und lieb zu machen.
Er siuchle ihhr buuus uzureden, er bemnilhhle sic, ihr begreis-
lich zu machen, das; sie in gewissem Bekrachte in der Residenz
weit miehhr auuf einannder angewiesen sein wiirdesn, als is: Richhien,
wo Familienbesuche sie vielsach beanspruchl und ihunen die Zeii
einsamen Verkehrs beschränki haben wüirden, und sie lies; das
endlich gelten. Aber der Baron hatte bei diesen Auseinander-
sezungen zum ersten Male Gelegenheit, sich zu iberzeugen, daß
seine Fran zwar ihre liebsien Hossungeu sreündlich seinen Wimschen
unterzuordnen wußte, daß es jedoch -g- leicht sei, sie ihren
zfi»us
Sinn ändern zuu machen oder ihr fremde Gedanken unterzuuschieben.
Man speiste lange, man ianzte nachher. Dte Braut fand
allmählig ihre Heiterkeit wieder, sie war lieblicher und an-
nuuihiger, als je zuvor, und der Baron sah schön aus in der
freudigen Erregung. die ihn durchglihte. Dte Töne der
Gavotte und der Quadrille ü lt. ldine erklangen noch immer,
nachdem er schon lange seine junge Gatiin in den stilleren
-äheil des Schlosses entfihrt hatie, m welchem die Zimmer fir
die Neuvermählten eingerichtet worden waren.
Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen.
Nach der Gewohnheit des Hauuses frühstickten die Gsie auf
ihren Zimmern. In dem Wohngemache der gräflichen Hauus-
herrin war das neue Ehepaar mit den Eliern und dem Grafen
Gerhard, dem jüngsten Bruder der Braut, beisammen; der
ältere Bruder und Majoratserbe befand sich bei einer Gesandi-
C,,ss »ispz- N,=-
d=-- ---u - =uides. Man wünschte, sich der scheidenden Tochter
noch einmal in Ruhe zu erfreuen.

-- 10!---
Der Graf sah es mit Vergnügen, wie zirtlich sein Schwie-
gersohn der jungen Frau begegnete, wie -r vor Entzücken auf-
flammte, wen sein Auge sich auf die schöne Gattin richtete.
Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig, er war da-
duurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärilich, und er ver-
argte es derselben ganz euischieden, das; ihre Blicke so ängstlich
ud so sragend aus die Tochier gehefiet blieben. Er verargte es
der Tochter, das sie so schweigend da saß, daß sie die liebevolle
Zwvorlommenhhei! ihres Mamnes nich! wärmer auufnahm, sie
nicht ein einziges Mal erwiderte.
Sie ist nicht wie ihre Mutter! dachte der Graf, und in
seinem Innern sagte er ihr jene völlige Herrschaft über den
Baron voraus, welche kalte Frauen über waanherzige Männer
stets gewinnen. Aber er haite Angelika nict finn so kält ge-
halten, er hatte erwartet, sie am ersten Tage ihrer Ehe eben
so heiter und zärtlich zu finden, als der Baron sich bezeigte.
Je näher der Augenblick der Trennung kam, je weniger
verbarg sich die Schwermuth der beiden Frauen. Keine von
ihnen sprach sich über ihre Empfindungen aus; indeß die Mutter
hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen, daß
sie wußte, der tribe Ernst in dem Auge derselben, die festge-
schlossenen Lippen mißten noch etwas Anderes zu verbergen
haben, als den Schmerz des Scheidens von dem Vaterhause,
den einzugesiehen Kindespflicht und Dankbarkeit ihr fast geboten.
Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer
Mutier nicht, um sich von ihr verstanden zu fühlen. Was ge-
schehen sei, vermochte die Gräfin nicht zu enträthseln; nur das
stand für sie fest, ihre Tochter sah anders aus, wenn Glück
und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten.
Eedlich schlug die zur Abreise angesezte Stunde. Mitten
aus dem Kreise der nächsten Familie und der männlichen Gäste,
welche der Tochter des Hauses bis hinab auf die Nampe das

--- 10----
Geleite gaben, hob der Baron seine Frau in den Wagen. Noch
ein letzier Blick von dem Auge der Muiter. noch ein Zuuruf
von Vater und Bruder, noch Grüsße und Grisße von der alien,
treuen Dienerschaft, noch ein Peitschenknall durch die frische
N.
=-.- ein lrästiger Ausaz der vier seurigen Rosse, und das
Vaterhaus war verlassen fir immer. Die Baronin von Arten
halie sortan aus eigenen Begen zu gehen, Aungelika haile sich
eine Heimalh in dem Hause unnd in de Herzen ihres Mannes
zu errichten.
Aber still und traurig, wie sie den ganzen Morgen hin-
durch gewesen war, sas sie in dem Reisewagen an der Seite
ihres Gatten, und all seine Zärtlichleit, all seine Betheuerungen,
daß er für sie leben, daß er sein Glitck darin suchen wolle, sie
gliiclich zu machen, waren nichi im Siande, die Schweruuth
von ihrer Stirne zu bannen oder den Zuug des Schmerzes von
ihrem Muie zu vertilgen. Ed war umsonsi, das; der Baron
sich damit trdstete, die Trauer einer Tochter bei dem Abschiede
von den Eltern sei natirlich; umsonst, das: er sich sagte, diese
starke Liebe fitr die Eliern verspreche ihm Gutes. Es beschlich
ihn eine Unruhe, es bemeisterte sich seiner eine Ungeduld, die
ihn allmählig verstimmten; und als am Nachmittage die Sonne
sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten, kahlen
Flächen des Landes auszubreiten begann, war das Herz ihm be-
klommen, und sein niedergedrückter Geist hatte Mühe, sich von
den Erinnerungen fern zu halten, denen er seit der Unterredung
mit dem Caplan entfliehen zu önnen gehofft hate.
Eine geraume Zeit war vergangen, in welcher weder der
Baron noch Angelika ein Wort gesprochen hatien, als diese ganz
plötzlich mit anscheinender Nuuhe die Frage ihat: Heist Jemand
Pauiline uuter den Frauen, die Dit kennst?
Den Baron traf es wie ein Stich durch's Herz, das
Räthsel begann sich ihm in erschreckender Weise zu lösen.

1R
Pauline? wiederholle er, den Schauer nieerlämpfend, der ihn
beim Aussprechen dieses Namens ilbersiel, wie lonmst Nu zu
der Frage, Geliebteste?
sie:
Angelika war unsicher, ob sie antwortin solle, endlich sagte
==- . Du mich mehrmals so genannt hast.
Mi1.ll
Ec war ein Gliick, das; die Laleren des Wagens noch nicht
angezindel waren und das; Angelika die Blässe und den Audruck
seines Gesichtes nichl sehen lonnte, als er sic bemüihte, sie an
einen Irrthuum, an ein Mißhören von ihrer Seite glauuben zu
machek. Aber obschon sie schwieg, war er gewiß, sie nicht
überzeugt zu haben, und in die Nothwendigkeit versezt, ähnl-.=-
is
Möglichleiten vorzubeugen, sagte er: Es knnn wohl sein, daß
ich den Namen auSgesprochen habe, denn eiue Frau, die ihn
--ug, ist mir einst werth gewesen, und es ist leicht möglich,
daß in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich un-
willlüürlich iberschlich. Aber Duu hast von dieser Erinnerung
nichts mehr zu füürchten, fügte er mit einem schweren Seufzer
hinzu, und Duu, meine Angelila, bist zu vernünftig, -p- P
s.ss
llug, als das; Du häitest hoffen lönnen, die Gedächinißtafeln
eines Mannes so rein und unbeschrieben zu finden, als die
Deinen es zu meiner Freude sind, Du süßes Weib!
Die Baronin sah ihn an, der Schein der Laternen, die
man inzwischen mit Licht versehen zutte, zegte ihr seine Mienen
in
uhig und gefaßt. Und wer ist diese Pauline? wo lebt sie?
fragte sie, um Beruhigung bittend.
Sie lebt nicht mehr! antwortete der Baron, und wieder
überflog der Schauer des Entsetzens seine Glieder. Sie lebt
nicht h..,- . -6s «.. dad gelillgesl. ----- a---i- -i- ==1,
e1.
-s! 1s c,
iil.s-! s
Pss,ls Ni
w ein autschlieslich, daö gelobe ich Dur! so vahr ein Goii iber
un waltel. Die Vergangrnheil, die eichl Dein war, isi nicht
=-- und es ruh allein in Deiner lieben Hand, sie mich völlig
ssnmz-
vergessen zu machen.

-- 1ß--
Er sprach das mit großer Aufrichtigkeit, mit fester Zuver-
sicht; indeß er sah, daß er Angelika nicht befriedigt hatte, und
es war ihm ein ungewohntes und peinliches Gefühl, sich für
alle Zeiten gebunden zu denken, sich eingestehen zu missen, daß
in der That das Glick und der Friede seiner kommenden Jahre
von dem Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau ab-
higen, von welcher man bis dahin kaum die Wahl der eigenen
Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen Handlungen abhängig
gemacht hatie. Ohne daß er es verrieth, drückte ihn der erste
Ring der Fessel, mit welcher er sich gebunden hatte. Es wäre
ihm sehr erwüünscht gewesen, jezt ein freundliches Wort von
der Baronin zu vernehmen, und daneben verdros; ihn die Be-
merkung, das; er eben auf ein gutes Wort zu warten sich ge-
nöthigt fand. Aigelila jedoch blieb in sich gelehrt in ihrer
Ecke sizen, und weil sie dabei so gar traurig aussah, nahm er
sie in seine Arme, schlos: sie an sein Herz und fragte sie, ob sie
ihm denu nicht glaube, nicht vertraue?
Ja! versezte sie, o ja! ich glaube Dn, aber ---
Aber? wiederholie er besorgt.
Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht, bis sie,
in Thränen ausbrechend und in Scham erglihend, mit einer
ihr freuden Hast die Worte hervorstiesß: Sie stehen zwischen
mmir und Dr, diese ungliickseligen Erinnerungen, und ich kann
und kann es nicht vergessen, wenn Dn mich in Deine Arme,
an Dein Herz ninmst, daß schon Andere an Deiner Brust ge-
ruht, an welcher ich meines Lebens heilige Zsluchisstälte zu
finden hoffte!
Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglick-
lich zu füühlen, das sie dem Baron Miileid einflösste. Er be-
dauerte sie, er bedauerte auch sich selbst und dachte uit auf-
rReS

--- 1ßJ-
seiner Frau und ihre Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswerth
und erfreulich, nur musten sie ihn nicht beläst gen; und wie er
es auch vorhatte, ein gewissenhafter Ehemann zu werden, so
war ihm die Aussicht, das; Angelika zur Ei-ersucht geneigt sein
könne, vollends unbehaglich.
Er hatte Ruhe, Frieden, Erheiterung, Zerstreuung nökhig,
hatie sie von dieser Reise mit seiner jungen Fraun erwartet, und
sollte nun als Angeschuldigter da sitzen, sollte sich rechtfertigen,
Trost sprechen und Vernuunft predigen! Dos dünkte ihn ald
widerwärtig und bald lächerlich. Er fühltc sich in einzelnen
Augenblicken zu dem Wunsche, den er sich selbst als einen läster-
lichen bezeichnete, veranlaßt, das; er eine weniger sittenstrenge
Gattin besizen möge, vorausgesetzt, daß sie nuur leichlebiger und
fröhlicher sei; denn als der Baron sich zu verheirathen beschlosß,
hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu werden, sondern auch
zufrieden zu stellen; und er hatie nach seiner Meinuung ein Recht,
dies als eine nothwendige Auusgleichung für seine aufgegebene
Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
Er schwanlle, ob er sich gegen Angelila erzürnt zeigen
oder ob er sie besänftigen solle, aber die ernsten und guten
Vorsätze, welche er fir seine Ehe gefast ,.h-. trugen den Sieg
s.hs
davon. Er machte seiner Frau einige von jenen allgemeinen
unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenhent, welche
Nichts verriethen und doch hinreichten, einer liebevollen und
N.
sittenreinen jungen Frau Gelegenheit zum Beklagen des Da,. l-
digen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu bieten; und
als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebien
Mann nur beklagen und ihm verzeihen und -ine zärtliche Ber-
söhnung mit ihm geniesßen konnte, war es fir den Augenblick
gar leicht beschwichtigt und iber seine Zweifel fertgetragen.

Kapitel 06

Secst e Gnpite l.
e
Alie Erfahrung, welche der Baron an dem ersten Tage
seiner Ehe gemacht hatte, ward ihm eine Anmahnung zur Selbst-
beherrschung, aber grade die Nothwendigkeit derselben ließ ihn
erlennen, wie sehr er durch Paulinen's Tod erschüttert war,
und während die auunulhigsle und liebenswiirdigste Frau an
seiner Seite saß, von deren Tugend und Bildung er selbst sich
ein reines Gliick erhoffte, konnte er das Bild des unglicklichen
Geschöpfes nicht verscheuchen, das ihm in willenloser Leiden-
schaft, in ausschließlicher Liebe zu eigen gewesen war und, durch
ihn selbst von jedem andern Anhalte losgelöst, keinen Ausweg
für sich gefunden hatte, als den Tod, da er sich von ihr ab-
gewendet.
Der Wagen führte ihn vorwärts, aber alle seine Gedan-
len gingen uach Richten und in die Vergangenheit zurick, und
obschon er mit großer Anstrengung die Heiterkeit und Zufrie-
denheit zur Schau trug, welche jeder herzensfreie Mann an der
Seite Angelika's enpfunden haben wirde, die sich wieder zu-
irauensvoll und fröhlich an ihn zu schliesen begann, häite er
bisweilen viel darum gegeben, eine Siunde des Alleinseins,
eine Siunde zwanglosen Leidens und Ausruhens genießen zu
können. So driickend ihm der Gedanke an die Nickkehr nach
Richien Aifang auuch gewesen war, er fand, das: er nicht klug
gelhan habe, indem er sich in seiner gegeuwärlige Stimmung
zu dem unauusgesezien Beisammnensein mit seiner Frau ver-

-- 1? -
===------s- g==--=- -=-==- - - -;=p-ue I ve- s»z s =- -, g gy sjc
dosiiisff s-i f. siss? ny pzs,s,--,-k
u= si,s, s.lsi.=-
=- - -- ;- - ==--o-=hsss=--iß Vesust wer.
oKos di,-s.z- lzsssissdiss
=u azu hatte er die Fahhrt nach der Rsidenz auf kurze
cx
D.g- - - u-nlegen müissen, um dem vorausgesandten Kamm:r-
esnwzfsps: A
=---- - - -- z=-= unerläszlichsten Vorkehrungen in demt Hause
diossnf- N,is -
doi:
s
von Fräuulein Esiher zu lassen, und olgleic e Tage nwch
p«- hell uund sreiidlic blieben, war die Jahreszei! doc scdn
s»s.s-
weit vorgeritckt. Die Ahentde waren lallg;. --=-- l! ===--
.i.- Hs-s.-
Apiss:
o--- z -- -- ==--, boten keine Zerstreuungen, die Gasthöfe
vHsipis lifsifo
o=sz- ------=s- - ---- zz=- ji - =- sßo=p- -- ==uis. TIhz;e gjg IIe
zes»s =efisinnl oisn nosfzssss. PL,.s;
l,.is d.f
n--u,slosigkeit und den jugendlichen Sinn der Baronin, die
sfwei,
niemals gereisi war und die dahe. . maancen Dingen noc
z fs
--- -- -lz h.üid eine Belusligulg z g-b=-- - ochte, wvelce
oisnss P?.-
ssssR.s: sJnei:
eiss
ihrem Gaiten nur als Unubequemlichkeiten erschienen, wäre diese
omnmis sz f.sff si,slsRnvin zes,sis d
nn,i si:ss
Fahrt Aac ihsrell l. .= - -b-s-------==--- ---p- -0ac ig----
nommoios:
ß1»s»» 1»1s
osfiIIzz-fp
ß»»s-ß-==
N,:
c
der jungen Frau als eine ihr von ihrem Gatten
==- = sz-s ss -= - - = - -s-sj- zz=l,l zll EOsgsd!O.
P!,-sidpz,s.ifnn d.- KT,z,süsssssfiin
=-- - ===ug,ui leu- s- z= - - sp ==- =- = - -s--sgg, 1thh Peh=
di.z- MF,,.
l.i=- sh,-i.s-s Cl,s. dp lFesi eiino
»z - -='= - - -s-=ss I=== ==ss== s s ,znj-=sss= -=ß-ß s zz iusu, I(?(s It
Fzps sinis pi ioii n
i si!ikfsssiinss T, z ss;-s:A o:inononin moo mini:
Dauer der Zeit wie durch die Mühe, mit we== --=- zu dem-
l,ipv- sii
;= -- Fl E.-g- - Is - --- -=-=- =-;=o-- - =-- Izlg1ED, fpelce
s»ls..i
-- !: iies K.sfedoHä
.i
esfnpif s-
-=»» --- -- othwendiges Gleichgewicht zulj.g-- =-=-
s As1s.i
nenR -
:: viss n
.
ssl.s s.Iss slzs, .z-Fii-s - si=. Ep:ff- i:nof: isn
s-sln
az j v uu Clllutws, z=s= - s=9 = -»=ss 1 -- g,?s1=sssz»s s -s fi=
za a
spriiche je nach der Zeit des Wartens höher zu spannen.
iis
e.10
Iszs«
Die
dp-ss, Psz s ssss si- dos- PZ,-sih.i
si i ipd zsspzs -
--j-- -=-=--oj - =-s =- - =-- -=ulZ ===s - z-=»z -=»p- ollFl lhOOlIMOl,
.ss sD,.»-se. llii isnoess s
sssii HizlFlzwis i,- sTAes ninii: fsi=
n oisfsszf.Flioois
sus s »aCk-1 - 1»111»»y1s Fil u1sssz=7=-=sjs s-z 11lls v uussss-ss ais Kuus u1lis« lzs
in den letzten Tagen und Stunndu-- ---====- g-=h hatte.
-ss ossfopos
-sph-
E war ein unfreundlicher Nachmitiag, 6s -= =---- -
silisuif doH
Reisesvagen des Baronns durc das Frü=; - =hhe- -=-----
zs ksis-l,s- -d
v si- ,s-liis
einfuuhr und nach langemn Wege vor demn Hauus: von Fräulein
sIsss.i-z- H.sli s
- isnn liiiis slhzzrlsof:
=s-=- - -g-= - - -Uilip-- - --h -z - - -- ---bp-=- Ixß schlsfdlt,
-ss,- N,s.
hellsten Wetiers haiten egen und Nebel deö Herbsies sich ganz

--- 10 - -
plözlich eingestellt und fielen deshalb um so widerwärtiger auf.
Das Haus lag in einer Straße, welche zu den vornehmsten
gezählt hatte, ehe die Erweiterung der Stadt hier wie überall
die schöne Welt nach dem Westende übersiedeln machte, und die
dunkeln Mauern sahen bei der trüben nassen Luft noch grauer
als gewöhnlich aus.
Breit finn seine Höhe, auf weitem Hofe hingestreckt, mit
eisernem Gitter gegen die Straße abgeschlossen und von den
Bäumen des Gartens üüberragt, übte daö Haus auf die Baro-
nin eine überraschende Wirkung aus, indesß der Verfall desselben
drägie sich ihr kroz der beginenden Dämmeruig deuilich auf,
und das Innere des Gebäudes eutsprach dem Aeuszern nur
zu sehr.
Die dde, mit schwarzen Fliesen auögelegie Einiriishalle,
die breiten Steintreppen mit den altersgeschwärzten Eisengal-
lerien, die hohen, mi! stuuipfsarbigen Seidenslofsen und gepreß-
kem Leder kapezierten Gemächer, der Hausralh, dem man es
ansah, das; er seit gar langen Jahren nicht erneueri worden
war, hatien etwwas Trauuriges. Die Brocatiberzüige der Möbel,
die Gardinen und uhürvorhänge waren farblos, die reichen
Vergoldungen ohne Glanz, die prächtigen Spiegelgläser waren
blind geworden. Die gestickten Tischdecken, die Teppiche und
Polster sahen fahl aus, und von den Delgemälden und Pastell-
bildnissen, deren sich eine große Anzahl in den Zimmern ver-
theilt befanden, waren die Farben ebenfalls verblichen, daß sie
blaß und gespenstisch auf die Eintretenden herniederschauuten.
Zwar brannten in den herabhängenden altmodischen Mes--
sing-Laternen der Halle die Lichter, und in den Näumen,
welche man zu ebener Erde auf die ganz unerwartete Nachricht
von der bevorstehenden Ankunft des Bargns geöffnet und für
ihn hergerichtet hatte, fiammten die Feuer lustig in den großen
Kaminen, aber trotz der Mi:hewaltuiig des vorausgesandten

--- hß--
Dieners war und blieb der melancholische Hauch, der über dem
Hause lag, unzerstörbar.
Das widerwillige Bellen der beiden alten Hunde, welche
den fremden Eindringlingen den Eingang verwehren zu wollen
schienen, erschreckte die Baronin, und die stfan Verbeugungen
und Knixe der in dem Hause waltenden Kammerfrau von
Fräulein Esther, die mit kaltem Auge, ohne eine Miene zu ver-
ziehen, ohne ein Wort des herzlichen Willkomms zu äußern,
ehrerbietig und feierlich wie der Aufseher eines Grabgewölbes
Zimmerthüüre um Zimmerthire öffnete, waren vollends nieder-
schlagend.
Dem Baron war selbst dabei nich! wohl z. Muthe. Das
HItel kam ihm fremd und wie verwandelt vor. da er es jezt
mit dem Auge seineö jungen Weibes und als dessen nächsten
Aufenthalt beirachtete. Er war des Hauses und seiner ganzen
Einrichtung von seiner erslen Kindhei an gewohnt gewwesen;
seitdem halie sich nichls in demselben verändert, und er hatte
daher, wenn er Tante Esther sonst aufgewartct, kauum noch auf
ihre Umgebung geachtet. Alles hatte, so wie . oa wwar, mit
oR -
der blassen, stolzen Greisin zusammengehört, Allem hatte das
alte Fräulein seinen Charakter aufgeprägt, und so einheitlich
lebte Esther's Bild uit diesem Hause in den Geiste ihres
Neffen fort, daß er immer meinte, wenn er den Kopf zurück-
wende, werde Tante Esiher in dem steifen, schvarzen Kleide,
mit dem schwarzen Spitzentuche über der thuruhohen Frisur
wieder an dem Kamine sizen, unwillig darüber, daß der Baron
sich unterfangen habe, die fremde, junge Frau ohne ihre beson-
dere Erlauubniß hierher zu fihren, und daß er daran denke, in
dem Hause seiner Tante Anordnungen zu treffen, ehe er deren
Meinung darüber eingeholt. Es fehlte nicht viel, so hätte er
Angelika gebeten, sich von dem Sessel am Kamine zu erheben,
weil die Tante es niemals geduldet hatte, daß Jemand anders sich

---- 11ß-
ihres Armstuhles bediente oder sich u; - -=-- - =-Ȋze nieder-
-is pisno-n do=- s
--: auf denen sie gewöhnlich zu sizen pflegte.
1.s
Jetzt erst, da er in der Residenz zu leben und das Haus
nach seinen Bedirfnissen umzugestalten dachte, wurde ihm die
=. - si- =-- =---ss=-=--==-, die ihin bis dahin Aur in komischem
Hz=-s-,-ss -.s- M,z-s ;iövisbi:
Lichte erschienen war, -riückend und lästig. Er haite nichts da-
- R
gegen, das; sie ihrem Erben die Verwerthung dieses Hause?
welches mit seinen Gärien in der aufblithenden Siadi eim be-
dIs-sipls
1ll
deuiendes Vermöge =-; ule, durch ihr a eslamtent weset.«
erschwu.. =---- -- -«e reic und h..i. desl =-a des Edel-
,f f,
--=-f lii-ff, (z- sf
g ii
mannes, dem der liegende -- ;h, das eigentlice Haben, neben
-t..e'
- i sii s-s. jss Il l.:- ds lF,iisssl
do
degt Gegtiesßet die He=z-;==- -i-- ---- - - - - -z- --=-id =.
alten
ihren
=-ame, wwelche nich! nur ihhrer Kamimnerfrau, sondern auch
cd
--== - lnd Kahen e zedauerdes Ashl t lgicll
s ..i-i
Hissdoi:
iis
s,i-
Hauuse gesichert hatte, oh- ----- eh1ge-« =-sher auch nur die
s ,.
isn spiisbiis s
--=glie. --- -= ösung dieser Lnsl zu geslakien, sosern er

wisss ss,s
s.s
sip ziis snF »,sis:mis
szhz-si;-d,si: ifs.iifs- isi
»8 NHes
; = -s»u- -s=s-g esiuz --i- bi==-;.= =- =-=z -ss sge = - =s üupll J hl1I buu -aus
- Ps.s
p-;.hllig, de altes. =-uer und gewisse Zimnner uut -===s
s 9P- -
v.Cs.
i--- ------ -= ==-== -- zu belassen, so lange das Haus in sei-
sßz- i iiisnne in
iszoHiiApps
nem Besize bleb, hemmie daneben de -=on bei den Planen
zs ,- --
i- -e Unge;--g desselben mehr, als er es erwartel hatte.
s- -
ss ,-lfii:r
Es war in dem Hause Alles stets so ausschltezlich auf Frau-
l.sis lssss-
----- --=- und auf deren Bedütrfnisse und Gewohnhheiten be-
zpsspi noswps:
dAs Ros- HPAisfs
--s- - z- =-; - -p -== - ==uss=s., Guiu g -- == ---üuu hyt Ih?
on ss:ö.- 9C11ssss.-
N,I.zif sii si;- l.s n.fsz.if.i s..ssei
-- - ----- j-- = == =- -- - z-=-, 1i ;ug- locs atf demt Hause
s:ii
l=;---, nachdem sie selbst es bereils -« du- g- -pelgrusl
s s s,is
si,e.
issis
o- sisss
ihrer Familie in dem Garten von Schlo;. -- =-- hatie ver-
J 9?s,ips
f-usFois sifüisspss
sG1bss-9=-s s 1v»s1! =s-
T,z- N,ifss s.fsis C, s:
wisof s.szi i:
=-= - =-=-»= =»;-os j-»p --b ---= - sp - .illCghOOlMO Tagd.
a. )..
sn iss sA ff .z- sj,-
vssss s,
=-- -- »=-»==-- z- - ;.h duDa -eschäftigt, das schöne Stamm-
.K.
zgioßß seiner Fas.e- zl --=elg - ---.-=-e der luuge, ==-
oz- 9szs fss, siiis -
N
ssfis
,ss.-
----- =- --=-- --zulelchkest.-ualdlnc und s.z.pae war zuschens
N:
innss ,-z-iss pisis s
»s. l

z t z
ihm und seiner Braut vielfach darüber verhandelt worden, und
obschon er ihr die Art der Einrichtung nehrfach geschildert,
hatte er doch gehofft, sie durch den heitern Glanz der kunst-
geschmüickten Räume, in welchen sie kiuftig zu leben hatte, an-
genehm zu überraschen. Statt dessen hatte er sie in die Ne -
sidenz gebracht, und er begriff es jetzt kaui, wie der vorsich-
??R ----
Wo er Frende zu erregen beabsichtigle, ri:f er unabweis-
lich eine lribe Slimmung hervor. Satt in hreitem Behagen
sorgenfrei und leicht mit seiner jungen Frau zu leben, sollte
und musßte sie jezt nothwendig mancherlei Mühen und Arbeiten
übernehmen, und statt des Dankes, den er von ihr zu ernten
gewinschi, halie er wegen einer plözlichen Abäderung des fesi-
gestellten Planes, für die sich nicht der geringste haltbare Grund
anführen liesß, Eutschuldiguungen zu machen und um Vergebuung
zu bitten.
Er konnte nicht auufhören, sich diese lebelstinde zu wieder-
holen, und doch vermwochte er es nicht einmal völlig zu ermessen,
wie sehr Agelika von ihrer neuen Umgebung ltt, und wie
der Hauch der Vergänglichkeit, der hier Alles unwwit... auf
f pzio
die Phantasie einer jungen Frau wirken muß... die mitten in
ihren Glicksträumen ihren ersten grosßen Schmerz. ihre erste
bittere Erfahrung in sich zu überwinden gehabt hatte.
Angelika fühlte sich in dem Hause wie in der Verban-
nug, wie in der Gefangenschaft. E war das ihrige gewoc-
, den, ohne daß sie sich gewöhnen konnte, es als solches zu be-
irachten, denn überall, in welches Zimmer sie kam, fand sie
entweder das D ud der Tante mit dem verschleierten, welt-
N
abgeschlossenen Blice, oder eines jener verblichenen Por.üüü.ks
E»,i
?von Esther's Freunden, die nach der Teslaments-aaschrift an
s.i-
,ihren Pläzen verbleiben musten. Verlies; sie diese Zimmer,

z 1 H
so begegnete ihr auf der Treppe bald die schleichende Katze,
bald das altersgraue Windspiel, bald der schwwerfällige Mops
des verstorbenen Fräuleins, oder es lam ihr gar Mamsell
Marianne eutgegen, die, in das obere Siockverl des Seiten-
flügels verwiesen, aus demselben nur herunterstieg, um hier
und da mit mißvergnilgten Blicken die beginnende neue Ein-
richtung und das erneute Leben im Hause zu betrachten und
kritielnd zu mustern.
Agelika konnte sich eines Schrecens nichl erwchren, wenn
Mamnsell Marianne, die e abgelehnt halfe, in die Diensle der
neuen Haushaltung zu trelen, plözlich wie aus der Erde ge-
wachsen vor ihr stand. Dieses Wesen, das nicht Herr, nicht
Diener war, das kein Mitlebender sein wollte und das man
doch nicht verbannen lonnle, verleideie der Baronin das Haus
nuur noch in höherem Grade, während die neue Dienerschaft
eine wirlliche Fuurcht vor Mamsell Marianne empfand und von
dem Glauben nicht abzubringen war, daß es üüberhaupt in dem
Hauuse nicht richtig sei, ud das: Fräulein Esther allnächtlich,
ja. selbst bis zum hellen Tage, in deuselben umgehe. Der
Eine wollte es gesehen haben, wie das Fräulein noch im Mor-
gengrauen auf dem Lehnstuhle am Kamine gesessen und ihre
Hunde und Kazen um sich gehabt habe; ein Anderer wollie
ihr begegnet sein, wie sie müühsam aihmend um Mitiernacht
nach der Stube von Mausell Marianue hinauufgestiegen war, und
daß es ihre Bilder wie mit unsichtbaren Händen an den Mauern
festgehalten, als man sie habe abnehmen wollen, um sie nur
zu säubern, das ließen sämmtliche Arbeiter und Dienstboten
sich nicht ausreden.
Angelika schämte und schalt sich, wenn sie solchen Gerüch-
ten Gehör gab. Aber sie selbst konnte ihr Auge nicht von den
verschiedenen Bildern der Tante abwenden, und je öfier sie
auf denselben verweilte, um so lebendiger erschienen sie ihr.

z t D
K. K e-
Es war ge, als ob das Bild ihr mit seinen grosßen, schwarzen
Augen folgle; es lies: ihr selbst iu Schlafe leine Rhe. Sie
konnte sich des Gedankens nu==- -==- --. daß die Tante noch
s,li nesisolifoi:
.ss s-s
-« hrem Hause weile und das; sie znehr Herr.=-- - dem-
Ass s
selben besitze, alö Angelika und ihr Gemahl.
Iueß diese unheimlichen Empfindungen b-g--- ---=--
oee--inoi: s lzns!,
weise zu weichen, je weiter die Ernenernng der Einrichtung
.z- K,.is swvils.ie s.F ss,- s
llps -
=g -zC, u d Atgelikg W . - --==-o- -----s i==- p-- zll De=--
m.di
den. aese Beschästiguung war den Ehele!.t. heilsam. ae
-
e
-. 1s
=ules! geineiisasmless =. ßpe! 11« -= -= -- i-- -p-ell Haaushalt
is füiz- - szw-.
.l-
a i-
führtent sie auf die -..ellig;- =- -- vpUen. Der Baron
.ss, 1.s. ss
isAs
b=.a dabei die angeuehmne Erfahruung unacen. das; es seiner
sss f.
Frau an lusi., nd Gewandtheit nicht gebreche. Der sichere
,s.s in
=--:-s, die bereDh=g- -- e zg- u.ch hmn bald als etwas sehr
ts
si.is.- L,-i
-i. s -
-eauemes, und die Juugeud uh- ==»-hl! -o=--. Fra. .-
s.issoz
. »,.
----- gu doppclt, da man sie nach ihrem Eintritte in die
fw-ii fis sl-
Gesellschast und in die grose --- aue.. dieser auszeichnete
- ,ls
s N,z-sf-s
viniiissdoff. (,zs Hoe
zu == =-=-== =---=--- z- -Z. 1h- -=- -z=u, sri; EhrgOF -=
isA.
seine Eitelkei fanden sich u gleicheu-asse dn==g g=e Fraun
gs
s. ü.is
befriedigt; er gefiel sich dar.t, sic --=-=- I -==-», die
vi=- 9i1.is.s
i s »sfIissv
er getroffen =---- und sich ein Verdienst aus den Eigenschaften
l..»ff,- in
seiner Erwählten zu =----
nn rioss
s..iss
=-»zu kam er hier in = -irsidez u eine Gesell.,--
ed,
dos- ? -
dte thhnt verlraut uW lieb war und it de. - --o-P- -- - = -
e ps l,. sisif sßz-Hlf-
Aol.s.s s..ss.- -m.s- P,ss..sfi- -
z-=s g=s==- - ==» - »=» ssj-y- i=-uilL, =u« ;uu us g,eej - z-io Ul
do- .
-iis E..if. iiind
ßF
dest Hof beweg,ke, war ih! ==-==--------- ----- - z-=--== --
l..k,isiif Es,- is: piisnf snw ifof
H,imie-
=-th e=p; ugenn ihn dort die Genossen seiner früheren Jah...
si.s
s0 1ueustulcse gl? syelbetuD-s --=- =- -zsz--s- e Cüs, - -- --
zFz, sisis Mps,iüimos: -
H sszss
iifid.
- oi ohoi:
isi
ap- 1oeh zu de.-z--- -- -== -- »--;-gd das annsehnliche Ver-
s viwooisnis virsi.is sL,-ßshs
ss
--b-8- uund Haus seiner Tante ererbt hatte, in welchem seine
nipofn s
l
zuge Frauu d. =.uhn machen sollte, gereicie ihm bei seinen
. Ns
Freunden nur zum Vortheil.
. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

-- P1F ---
Der Baron hatte ausgebreitete Verbindungen in allen
Kreisen der Gesellschaft, er fand in jedem derselben etwas, das
einer oder der andern Seite seines Wesens entsprechend war,
und Angelika sah sich dadurch bald in eine endlose Reihe von
Zerstreuungen gezogen, die ihr jedoch, nachdem der erste Rausch
der Ueberraschung vorüüber war, schon darum keinen Genuß
gewährten, weil dieselben sie von ihrem Manne fern hielten,
auch wenn sie beide daran Antheil nahmen. Sie war über-
haupt in ihren Anlagen und Neigungen eigentlich der völlige
Gegensaz von dem Wesen ihsres Galien. Sie war weder eilel
noch vergnülgungssüchtig, sondern eine ganz innerliche, zum Ernst
und Nachdenlen geneigte Natur. Fir ein abgeschlossenes Leben
in der Familie erzogen und duurch geistige Bildung füür die
Genisse einer beschaulichen Zurickgezogenheii vorbereitet, war
es eben die Bildung des Barons gewesen, welche das junge
Mädchen zuerst an ihm schäzen lernte, und als Angelila seine
Brauut geworden war, halte sie nach dem Auusspruche ihres Verlob-
ten eine häusliche Ehe wie die ihrer Eltern mit ihm zu fihren
gehofft. Von dem Allem wuurde ihr das Gegeniheil geboten,
und ihre Liebe fir ihren Mann ließ sie dies als einen Nach-
lheil belrachten.
Die Menschen, unter denen sie zu leben hatie, waren ihr
kein Ersaz fiür den stillen Verkehr mit ihrem Gatten; sie waren
und bliebenn ihr fremd, und der unter ihnen herrschende Ton
war nicht danach angethan, einem jungen, reinen Weibe Beifall
abzugewinnen. Wenn sie ihr Mißfallen an den freien Sitien
äußerte; von denen sie sich umgeben sah, wenn sie es als eine
Demüthiguung und eine Umwürdigkeit empfand, wie man sich
vor den beiden erklärten Maitressen des Königs beugie und die
Frauen, welche die gleiche Stellung ohne diesen Atel ein-
nahmen, mit besonderem Eifer suchte und mit besonderer Zu-
vorkommenheit behandelte, so stimmie der Baron ihr darin bei;

zz r
l K- - -
aber er gab ihr daneben zu bedenken, das; die Welt nicht überall
Ni.s
sss.s üs=.» ls
sFsiss ß;
lg-=l w=i.hatlse gles-gD- -ohlle, daß hl -=- --=--=- die
s.is
strengen Grundsätze desselben voraussetzen und als -=-b
N1asss.-
nehmen düürfe. Er forderte Duldsamkeit non Angelka, und er
di,« Seihnind z-s,s d'
sAsifs s,-sis k-f-f Hsvil z
== -gul, Iül . - Oz-s- --=s- v.lüu p=- --=-ss -==-- llL dte
izpnpp
Erfahrung jene Nachsicht mit der Schwäche des Menschen und
sosd Ai1,szks
w-- -=-==sFh=- -zegk, die in den meissen Fällen g=-- ----
s,As nvd
s,.nss osi:
Abweichen von dem Moralgeseze in sich se,-- --i-=- häite
1..s-s IssIIf.-
von sich sellsi abzufallen geglanlt, weun sie duildsaun gegen duS
Urecl gawesen wäre, unnd sie kon..e e! C-;=-- -- - p-p die
pfpfp s
z ss.eoss s,s.
Frage vorzuulegen, was ihren Gallen bewogen ha... uöge,
liis
eben jezt, da sie seine Fran geworden--e. mit ihr ein. Ge-
fmp
sellschaft aufzusichen, dere ----losigleit so offenlundng -=--
ss gffi--s
s,z
1,»-isnil.
und in welcher keine ihr belamnnte Ursache seiu =-=- -- -?
os: fszs-
derte. Er büszte dadurch i ihr.« lugen euuten aheil d.=-
si: H
os- g1
- e, unler welcher . -,. bisher erschieneu wwar, und sie
s» f,.is
o ilzi-
zi- .iinns D,.-f
wußte es ih. --- -- -=---- Ep - - -uh1g ber galanten Be-
As- -- sip z-i
werbung der Män.. .. ülberließ, das; er-,-1 ----= uuen auf
,z-f--
- Is..-
s..
-=-- ngend groste Freiheit fiir ihr Handel gewährte, za. es
schien ihr dies eine Gleichgiliz.- z verraihen, welche sie
» s,=s -
betrübte.
Was mau -- = -- --- - zlr Gewohnheit gewordenen
AHfsppf is: Rof -
N.,is.-11.-s
isnvz- -
- =-i-=- z-- a age, selbst im Beisein der ungen Frau,
oss E,s..
voun den früher. == = und von denn Abenteuern des Barons
bald erzahlle, bald . -zl les, - =phr ede. -erlezte sie
oreAi sp
souz-ssiisisis
v sz
eben so sehr. Sie sah, daß er auch jezt noch um die Fra.
bemüht war, daß sie seine Huldtgungen-----= -»1gen auf-
ssss 9Ij-z-s
lllhlldl, .--p - -yls -- hz..bo-sz=. bgldi1 U duz
iiis I.s
.-s s. s.
eiin:osi szpss
,fps:
»s
os Cl,s-
r-: ofkwpiifv - iifd. sif siß iin lf-d..=- PFs,nn-nd
- - z«as ICau.i« - -; --= s z »s f s= z== -= n - --- ss=uiuoCl Ish (g?
PI.
---=- der es ihr begreiflich gemacht hätte, wie viel dem älteren
Wss,iff o
=--=---- (üz algzesehen on seiner angebore...- --Lo-V H-
ois F,-siissr-
Galan.i.ete, daran gelegen sei mußte, seinen: 1-- -- ==---be
sb ss ,.l
zf z
Fn

-- l16 --
darzuthun, daß er auuch anderen Frauuen noch zu gefallen und
überall noch Beifall zu erringen vermöge.
Indeßß jedes Alter trägt seine Bedingungen in sich, und
der glänzenden Erscheinung, welche der Baron noch immer in
der Gesellschaft machte, stand die unauusbleibliche Abspannung
in der Ruhe des Hauses bedenklich gegeniber. In Gegenvart
von Fremden stets heiter angeregt, iberfiel ihn oft plötzlich eine
tiefe Niedergeschlagenheit, wenn er sich mit Aigelila allein be-
sun, uuid unehralI, wenn er sich vpn ihsr uuilechlet glanbte,
nahm sie einen Ausdruck von Kummer und Schmerz in seinen
Mienen wahr, vor dem sie erschrak. Mit all der Lebe, welche
sie fin ihn hegle, bemüihle sie sich, den Gsrnd diesed Wechsels
zu erkennen, aber dieses gutgemeinte Bestreben verbesserte den
Zustand nicht, sonder machie den Varon in der Regel nur
noch trüber, za, es beunruhigte ihn offenbar. Er zwang sich
dan zu einer Heiterkeit, welche ihn ermidete, ohne Angelika
zu täuschen, und wie sehr sie es sich wegzuleugnen winschte,
konnte sie es sich nicht verbergen, das: sie nichi den ihr gebiüh-
renden vollen Antheil an dem Leben ihres Manes besize.
Fie sah, daß er einen Kummer hatie, den er ihr verschwieg;
ihn erheiterten Vergniguungen, fiür welche ihr der Sinn gebrach,
ihn zogen Menschen an, von denen sie sich zurückgestos;en fihlte;
er suchie Gesellschaft, sie winschte ihn finr sich allein zu haben,
und der Gedanke, das sie ihm jetzt ferner stehe, als vor ihrer
Hochzeit, drängte sich ihr oftmals entmuthigend auf.
Sie wuurde dadurch irre an sich selbst. Sie beneidete die
Frauen, welche er ihr als seine früheren Belannten bezeichnete,
welche es so trefflich verstanden, ihn bei gul. -auune zu er-
-s Cs
halten, und doch mißfielen sie ihr, doch mißfiel ihr selbst die
spielende Weise, in welcher ihr Gatte mit ihnen verkehrte. Eine
äbneigung gegen den Hof, gegen die große =- - und gegen
M,ss s
die Frauen in derselben erfüllte Angelika's Herz. Sie waren

- :?
es, davon hielt sie sich üiberzeg-. oelche z vischen-,- und ihrem
- is-
zs se
Manne standen; p--- p , auf Eine von ihnnen mnnusten sich die
-is ß,
Erinneruungen iind das Geheimnis: beziehen, die den Freiherrn
bedruckien, und die Frage, ob eine der =ien dieser Gesesl-
rD,
schaft und welche von ihnnen Pault. ,.ns:e oder eine Verwandte
sii
s.-
dieses Namens habe, war stets die erste, cte ig. bei jeder neuen
s.-
Begegnntg--- .iden Frauen in den Sinn lamn.
sifss s--,-ss
De Baronn bemerkte die Veränderunn, welche sich in Au-
gelila's Seele vollzogeu halle, aber er sa es uicht geralhen,
i ss- szs -?s- 1, s.,is
Aozss fmnn:
N
ig iEsle!! sje AgyÜder zl üüpi- - - - -- -s --- -- =- - =--
keine Allsitlfe zu bringen imn Stande ist, mitsie mnan, ----- ---
msspizsf:n nH
ne, -hre, und da er sich ohedem der Hoffnung hiugeben
s z-?'
di-s,
=---. das: die Zeit ihm fitr seine Neue Linderung bringen,
=-;. -. allmahlch aufhören wwerde, -u- zt denken, -= =-uiuline
»s pp
is:s ,
Dp zps:
mfnApkpsssisis: sf-s
-nf- -I,pmssFssnps
- -,s- szsl),- ssii
. 11= »=ii si ==s s j-., UlU wuu;s »=s szz i==- izi. Iuuui: gz=»s»sn=pzz= -
fiib
s-et und die a... volle Hingebuung sich zwischen ihneu----- -
sfinA
li.
spssss,. ss.-s siofdo
ii-i-- -- -- -=-- so war er nur darauf h:acht, seiner jungent
Gemahli so wenig Zeit als möglich fir ihr einsames Bpitten
und Grübeln frei zu lassen.
e1.. D1.t:
==- - -uldelz -== vamals voll von Frenen, denn der
issny A.
Fhjtjg lthte . -= -g-s zs --s -== - -=z-s s---P= - --» s»zs
mnn if-A fier znißmiiä sisoisfnof --lF s,Ksfzinwir
F dsz-ifsin
o- Ml,.s:
sss
. d. --=-gl desselben. An einem Hofe aber, an welchem die
--e b.«üuhleit und . ,hantastischer Wunderglaube sich
s»-ßss -
h:is11s-'
ois si
dp EAisd fnirlifis
-= - z -=--===---- an dem jeder ernste Gedanke gemieden und
jedes Spiel it deim: Geheimttiszvolles. -; --b-üs-=--==---
-iss,,si.s siiied
: -ift-i
konnte es ties- ,ell, das; ein beläub.=- - zusliger Lebens-
.? s,s.i
sinisds s
h-s
vpsssss
---s als die höchste Aufgabe der Gesellschafi anget-= - -===-=--
-,ssnis HiifA.-
Feste folgten den Festen, kleine, vertraute Zusammenkünfte
sss.fs ds=
j ====-- w.r Pghsesh ggS, aiu= -=s= sg = - z-p-ss =s ==--e
iiid iisossßss-
dof Arnwofs Hiisf A.iph,
einander wirbelnden Gesellschaft, D p-» ----- - -- = ====«i arbildet
ao sizsi zinn d ss EKzzi
n. un
hatte, trugen die verschiedenen engeren Zirkel jeder ein beson-
deres Gepräge, je nach der Person, die in ihnen hervorragte.

--- - 18---
Ein solcher kleiner Zirkel, in welchem der Baron seit
langen Jahren heimisch war, lam an jeden =-nötage bei einer
. a-
seiner entfernten Verwandten, der immer noch schönen Frau
von -====-=-- zusammen. Sie hatte viele Reisen gemacht, sprach
1=-:»s
fremde Sprachen mit groster Leichtigleit und galt bei aller Welt
fiür eine auuSgezeichuete, geisivolle und dabei höchsi liebenswwürdige
Frau, weil sie ganz ohne eigene Ausichken, ganz ohne bestimm-
ken Charalter und darum im Stande war, sich der Meinung
eines Jeden gefällig anzupassen. Freigeistig und devot, leicht-
i- g lI z=-=- --=-b« - he nach der Stimnnung derer, mit
s,=»-ssfs
ss.sss:-=-»-s-isp»-F
welchen sie eben verkehrte, haite sie sich in den lezten Iag---
lsoi:
wie sie es nannte, einer Beschäffigung ui! ernsien Dungen hin-
aegeben, und - - grosße Gedanke von einer nolhwendigen Wie-
Ains -
ofApisp-s
D -z = - des Metschen zu seiner eigenen Erlösung und zur
N.s»s
==- =»lß =-e ganzen Menschheit, welcher damals angefangen
d.n
hatte, die Geister edelgesinnter Menschen zu bewegen.--- uch
ifpz -
u de. ulen der Frau vonn iibrecht auuf das Negisler der
s
=====- Unterhaltungen aesezt worden. Da man aber sehr
s.ss.sioss
gesellig war -.= da Frau von -=prechl vollends das Allein-
iiss.
zissd
sein nicht ertragen konnte, so dachte man sich auuch ge Selbst-
s»-sFs
--=ȟ ---=- als eine That, die der Mensch an sich allemu und
n- fss,sis
all.=-» zu vollziehen habe, sondern man verband sich zu Ge-
si-Rss
iisnsssc-Fsps
---ss;»=oj ---- - --s- -z- ---o---»- - s --- =-ysoüOO 1 Fehhey,
isshfn lin Si:ndov spiz. F,,ii-
so--=-an es für gut es«, i -;--=gen Beleuntnissen
sszwwif sss
s,-z-d
..-1s1,
-- --=»-- - === g=0.--=: stch eben ein begeistertes Gemuth
fns ssfffs
n ssopiff: ßj,
hpzfsf
si- doms Oz-.sß s.ö-ffiiid-
-- ----- = -- -; =--j=--=-. zl Geheiez; filr de!. I-=--=»= -, 1 äl
z Sz-zpis?ps n
hof
isnereiffio ss,s; sis ofüiss--fps (Cz-s..siiifs
=s ss ==s -n= - s===s s zz- - z- = - - =-- is- =e=-sißh , l=uii- isuit. 0üH ütoeur
--b gen Glitckes gedachte, dessen die befreiten Seelen einsl lheil-
»,
haslig werden miszlen.-uu war viel zuu ausgellar!, umn nichl
Ni).s
-. Efs.
gegen die Rosenlrenzer nn= .sminaten, vnel zu gn , roiestanlisch,
ii s.
zsisus
i. -
uin -==- geges! d.. Jesuttest und, wwennn keie Kalholileu i.-
s A,pz
Gesellschaft waren, auueh gegen den Katholicismus zu eifern.

--- 11 -
Man glaubte aber an den Mesmerismus, mtan war, wie der
Baron selber, von der geheimnisvollen Wechselwirkung der
Menschen auf einander iberzeugt, und fast Jeder versicherte,
mancherlei Erfahrungen in dem eigenen Leben und in dem
aeben seiner Freunde gemacht zu haben, die us geheimnißvolle
Kräfte in der Menschenseele schliesßen liesten. und vor deien
man sich respecwvoll einer Prifung euthielt, da sie, wie man
behaupteke, keine befriedigenden Erfolge gewährenn konnte.
Angelika liebte Fran von Utibrecht nicht. Die Gefihls-
-uthet, die unablässige Beobachtung aller seelischen Zustände,
ph pp
wie dieselbe sie an den Tag legte, kamen ihr zu absichilich und
des;halb beäugsligend vor. Sie war von allrr leberspannuung,
von allem Aberglauben frei, und bei dem gesuunden Sinne ihres
-baterhauses waren ihr religiöse Zweifel eben so frend geblie-
ben, als iberschwängliche Gefühlsseligkeit und Mysticismus.
Man hatte auf Schlos; Berka in herzlicher Lebe und Eintrocht
ein ruhiges Leben gefihri, hatte die Pflichien gegen einander,
ohne darüber viel nachzudenk.., in Freundlichkeit geilbt, an
jedem Tage das Nothwendige vollbracht, hatte sich daneben an
den Werken der großen Dichter,--- hell leuchtendes Doppel-
d,peoi
gestirn damals strahlend an dem Horizonte Deutschlands auf-
ßegangen war, mit dankbarer Erhebung erfeut, und wenn man
sich dant am Eide der Woche sagen konnte, das: man in der
Familie das Seinige geleistet habe und daß den Bewohnern
der Gite., wie den Dienstleuten des Hauses, das Zukömmliche
mcht gefehlt, so war man an den Sonn- und Feieriagen heiter
atd zufrieden, und mehr oder weniger gesammelt in die Kirche
gegangen. Der wöchentliche Gotiesdienst hatie einen Theil des
gewöhnlichen Familienlebens auusgemach., wie die wüürdige Haus-
haltung, wie die ausgebreitete Gasifreundschaft und die stattliche
Repräsentalion, die man eben auuch als etwas sich von selbst
Verstehendes zu betrachten gewohnt war.

- l2
=»z-=- hörte es daher nur mit Widersireben an, als
s
-,li f,-
FFranu vot ---=-=--=-, tachdemn man eineä Ahentds, an welchem
1!ss.-..sii
------ --=;uuiS hei ihr vatililldlt 1VaV, ü=-==--=- ==- =- -- g=--=
-i sC1,-il, nn
Ani:
s..
iinmi: lss f,, ss
a lllg;== » y- hw-.-ücen h. - p uhlich von der Erbanung
.f i. n
.sK
nnni: A,sszi
sl,
Fi! - -- -- ------z. wwelche sie it demn einsamie:t Geheie fifi de.
zwsf isfisnr
==- ulll ic beit Heilanibe ulle Falle iineiue HerzenuS er-
i1.i
sin s.li
ösfne, sagle sie, damut er llar hh. ;hs.« ---- rh ---
-iisis fssss
isiis
--« alle meine Fh.. deutlich mace undh b-= he. mich
sis-i
liss
ssfl .-
usssz
von thnenl
himmlische
,,z .sf.s
Ciüeu- --j-= -
zuu eel-; - so eri.p;- --- daraus eine wahrhaft
ss
s, s,ss zinii
d.i: los
.-h s»s-
Ruhe. Nach solchen Momnenten h. ---?--- --
Träume. Fast imnier sehhe ich dann-=---- ü--
minsssn itin
,lzn s
=- -- - --- ----- -=- -le pouellg; Uld kramtk, wyie sie ist dent
fzpssne nor
s l-iss?l
ssfs
-- o- -- .hren nnier uns geweilt hat, sondern süug uund scho.,
lSis .is S,-
-hi. ün.lr.
ls,- lside
=u doch ohue . --antscwwere, ohne die siarle Far.--==-
iizs.
-iii
u- = = -- - == =ss=-= - - =-» s =- z= - --ss gj -= - - ,züs sy h;g sfE .=s=z
sli.iss,s a-
iss doz- ssisnsssissls R-is OF-so:
sss,s. ziis diis Kfpsi
nicht eiget=- --- ---- -=p-rlichen Auuge. E ist eine feinere,
edlere Art der Wahrnehmug. Der Geist berühhrt den Geist,
und wäre es nicht zu lithn, so wüürde ich sagen: so müssenn die
so-s- - -- z- --- - ==-=« (üe., als er tacs sei;tey Azf-
-noi dois Hpsl,i
d. ;k,ssisf
lnss
.F-siplisn
sszsppi sisikpy s
- ;-- =-»Ihz --=- =- - ---- - -lllel zl 1ai1del.u bEglüe.e-
,111. jze -n=) ss Zs c8s s s s - szz s- - s - -- =- - - z-iii=--s» ===-s-
i: Ssiispis ? si--i n wiin dz- Ps is siz.sindoi:
. ss-s»s.s Cs,- s
D, Gottlob! rief Frau von Utibrecht und hob die schö-
g,e
iL lwpiA
no: z-sF sinzsis. iis GIzsd. isdFhis -,fAl f.s iiisinr
1s= ssz =- s=F =-»11sß,1=s p7i sv =?- isvuil» s Zs1.lliu i » 1f ig.7= - - 1.6b Nj-»1s=
.iIii-i: N,-
sl=-- sv.lpsnll,ss f zois C,s.
.ii li.i noi: Hiiissl »s,li
17 - s- - -s siz ai.si s z 1sßy)s ss= luutuukC s szss -L-11suu - «uu»1iss ss - z1
Gottlob, i----=- z- -- aber ihre Nede isi mir oft im
s,. sf.s-s.sis -
ss s
.isi;-is Il z..isil
--j- - -o-h---=-s=-- ----=- ==ei. Spter ersl hgbe tc es his-
i.h. is.sii dsli
weilen an meinen Erlebnissen erkannt, daß es Worte der Ver-
l,- N,iss -o
1..
s hniiso spss sizz
. si. s
iinis ov,f li;i
u ui uollliiusz sz- -s-s s siak, =e i« s-« zii iiui s gz= s » - i .zuu i iu - =z.uiiii .=- -
in oi ,pl:
------== -- sich h.l ganz srei gerungen hal, so vermnag ic
s,s-
d, sii: ss oisspz- Is szsi:
i. F,ssno snisis -
ss:
o-s.s.
= ==- s z- -=»g. zls - - suyüÜ1O , Ule -i=i - -s - ns=- - -iupiuI, s-s
aewissen unbeschreiblichen Gefithlen kann ich daun empfinden,
daß sie auch ungeschen in Lebe neben mir verwweilt.

z esz
==F F ssgE F ==F
Man pries Fraun von Uktbrecht glil---- - solch feiner
,s,s.
Empfänglichkeit fähig zu sein. Jeder gab danachh seine gehheim-
s ,sspis
nißvollen Beobachlungen zl- --z - nur dur Baron schwieg,
bs man ihn auusdricklich aufforderie sich ibee seinr Ansichi
von diesent Mterien auszussrechen.
Er wic Ausang eiuer bestimlen Aniworl anus. Ie
finde es aufsallend, sagie er, dass Se fast Alle diese besonderen
M.a-
===--pulehmungen den allgemeinen Wahrnehmuungen als etwas
davon ganz Verschiedenes oder gar als etwa lebernatitrliches
entgegensehen.
Uid sind sie das uicht? Sind sie nicht ekwas von un-
serem gewöhnliche. aeben völlig Getrenntes, etwvas durchauus
s se
lebernatitrliches? fragte eine der Damen.
Gewis: uichl! erwiederte der Baron. wer Kurzsichkige
könnte die Beobachtungen des Fernsichtigen mit dem gleichen
D,Fs; .
Ml.s-
--=- ls üübernatürliche Wahrnehmungenn bezeichnen. ---l
das Wort lebernatirlich nuur bekunden soll, daß ein bestimmtes
Etwas über das Mas; der Fhigkeit einer bestimmten Menschen-
innii- s,s
----- zauugeg.- so giebt es unzählige übernatürliche Dinge
,s
für den Einzeluen. Wollen Sie mit jenem Worie aber an-
- deuten, daß es wahrnehmbare Erscheinuungen giebt, welche der
a Menschennatur im Allgemeinen nicht zugänglich sind, so müssen
wir uns vor Allem dahin verständigen, daß es keine allgemeine,
keine abstracke Menschenatur giebt, wohl aber Menschen von
den verschiedensten Begabungen, denen also auch ein sehr ver-
-schiedener Grad d.. =Irnehuuugen zuzuerkennen sein wird.
=.- HC,is.
cg
w-as Gespräch bewegte sich in dieser iheoretischen Weise
eine Weile fort. Alle Auuwesenden betheiliglen sich daran, und
da man sich zwischen lauter Lehrsäzen und Problemen hieli,
nhinsn visnnssdos s,-sss- Pszz sz,löZmiss kf -
s.ißspi:
-zs- - ---s== - sj-- -sspn=--= =-- z-s - -ui , sg hhjgh eß fehessh
Is-s.-ss..s N,
-=--w-i--- p« dte Lehren auf seine Weise auszudeuten.
Angelika allein hatte nichts zu sagen, nichts mitzutheilen.

--- 12---
Der Baronn bemerkte das, und weil ein Schweigender in der
Mitie einer Gesellschaft von Erzählenden sich in doppeltem
Sinne im Nachtheile befindet, so lenkte er aus dem Bereiche
der Geisterwelt geschickt in das Alltagsleben ein und hatte bald
das Gespräch auf die völlige llmwandelung gebracht, die er ge-
nöthigt gewesen sei, in dem von seiner Tante ererbten Hause
vorzunehmen. Er wollte seiner Frau damit die Gelegenheit
geben, sich geltend zuu machen und aus der Vereinsamung her-
vorzugehen. Weil sie sich aber in einer ihr ganz fremden
Atmosphäre befand, fihlte sie sich verwirrt und befangen, und
wuuste sich nicht gleich zurecht zu setzen. Franu von Uttbrecht
gewann dadurch Zeit, die Bemerlung zu machen, sie wundere
sich, daß der Baron und seine Frau, die beide doch fein or-
ganisirte Menschen wären, es iber sich gewonnen hätien, die
Heimath einer Gestorbenen so schnell und so gewalisam zu ver-
ändern, und sie damit fir die Gostorbene zur Fremde zu machen.
Agelika wurde stuzig. Sie wuste, wie grosien Werih
ihr Gatie auf das Ulrtheil ihrer Wirihin legte, und winschie
also nich., hr offen zu widersprechen; sie wollte dieselbe auch
nicht gern an ihrer feinen Organisation und Empfindung itre
werden lassen, ü- bemerkte also nur freundlich, es sei doc
nissR
sehr natürlich, daß man es sich bei aller Liebe und Ehrfurch
fir seine Vorfahren in den vier Wänden behaglich zu mache
zuce, in denen man zu leben habe.
11sss.v-»A
O, natirlich ist's gewis, versezte Frau von --»e
darauf, indem sie sich langsam fächelie und mit ihren halb
geschlossenen Auugen träumerisch umhersah, natirlich ist's gewiß
in so fern als die Natur grausam und unbaruherzig ist. De
Mensch aber, der denkende und empfindende Mensch, der e!
weiß, das er selbst sterbli., -. ollte nicht so gransam sein wi
s ls ?
die Natur, sollte nicht so unbaruherzig gegen seine Todien sei
wie jene. Ich könnte nicht in diesen Räumen leben, wißt:

t e
ch. das: meine verklärte Mutier sich hier in ihrem Hause nicht
mehr heimisch fühlte.
Der Baron nahm diese Aeußerung nicht guut auf. Un-
barmherzigkeit und Egoismnus, das sind zwei sclinme Fehler,
sagte er, und wir, die wir uns derselben nae, , prer Meinuug
g A.
jetzt schuldig gemachk haben, müsten versuchen, nns gegen Ihre
As.:
, -uschuldigung zu vertheidigen. wenn ich mich üicht iberzeugt
hielte, Cousine, dasi es mit Ihrem Auusspruche so ernstlich nicht
gemeint war.
Sie irren sich, bester Vekter, es war mein völliger, auf
innerste lleberzeugung gegrindeter Ernst! entgegnete Frau von
s s.,.s
-s=-«-, und ich bin gewis;, das; einst eine Skunde kommen
wird, in der Sie mir beipflichten und Ihre Härte selbst b:-
reuen verden.
Aber von welcher Härte sprechen Sie, liebe Cousine?
fragte Angelika, mehr und mehr betroffen von dem Ernste, mui
welchem Frau von lltilrechl ihre Behauptung aufrecht erhielt.
Von der Härte, welche Sie und Ihr Herr Gemahl gegen
die arme aante Esther begangen haben, indem Sie dieselbe so
gewaltsam der irdischen Fortdauer berauhten, d:e sie sich in
einem richtigen Drange ihrer armen Seele, -=- wo sie gelebt
Api
-zat, zu sichern gewünscht. Jng und lebensfrisch, wie Sie es
sud, beste Angelika, hätten Sie der armen, alten Verwandken
wohl die Zeit vergönnen möge.. sich allmählich von dem Ort:
loszulösen, mit welchem lange Gewohnheit und in,nige Vorliebe
sie verbunden hatlen. Wäre mir das Haus der Tante zge
fallen, ucht einen Siuhl hätie ich verrücken lassen. Ich hät.
mich beschieden. ihr Gast zu sein, bis irgend ei- Zeichen ek
s D
mir kund gegeben häike, das; ihr Geist sich von dem Hause ab-
gpissoi:An
s-=-=-k habe und das; mir damit ein freies Schallen in dem-
selben wohl verstatiel sei.
Sie sprach das völlig wie einen Vorwurf und einen Tadel

t
sisf.sls.-
is-- 9s1s-1s.
nnoy -l
inis t
f s:,s.s Mso-
CUS. -= nz -=s -- = - ,sgz - a.uß y- ===- - -yll, lülh.u -===z-- s
si-s
r1llgg= - z --=--- ----- -=--= -- -uuuratis, yh hey Baront Es s
ip-sspis ieis? sisn vi,s A,
ocst
fir sie thun werde. Iies: zuu ihrem gröszlen Erstauunen sagte er:
E be;.u zu leugten, du;. die meuschlice Seele sich
--s
s iiii:
-=. allmahhltc . dei -p- - uind von der Köryerwelt los-
CJzszni in
zni:
oi- N,.s.s
löse, mochle uumöglich sein. Und ohhue mich z - - -h-
o--;- -- - todernen Geisierseher zu -.hslest, raume ich etmn, daß
iiis spzps ss
s p,
ein Neichh der Mitie, ----- -------- - -en Tod forlgesezter Zu-
dis- bii I..=- -
saismlesihsumigz der Gesciedeiuen mnil deni Lr lr nibigzui brllar isi,
aber. - -
= as gl-.=-l, das glaulsi au. l.. ..r Franz? rief
e
-I.s c,
snl
Aigelila mil ersc, .ecendem Erstauunen.
s.s-
D habe ganz unleugbare Beweise dasitr in imeinem Leben
N,
==-= - b-=--=---» - -- sz - -=s z»s= --»- -p- -- .il1 Bßysjjz;;psshhest,
Apszfisis s sfssiiipfn pz fli iinii -rss i=ikz,lwii i
is 1?,iss s.
hztgeljlg ..-j- -s=-- - =-- =s- s-- j--=-« -i. ---=s=- z=-«
iinvsii sminfn doisis s,- ss,- sss,- ß
Is.=z- s,. isd iiini ä sii,lis mossnhiiss
-siss zss fzpfosf
==== - s=y - =- s==s - -s»P- zz» f= iiu , ll1 aeußhgz= ss gs -==-ss-
oiii
wo er so bestimnt eine Meinung geäuszert hatte. -= ==--
-st hnn
11sss.s-,-flii » siui fi--Ah
-isine» s.shs: lHz-s,i siiiiisoi iiizs
= -==---=g- - s sz--, Ih gey FFL..sa- - s-- =--; =sosz=- - =I
z--sssz.loze Kssv
lllllClfV=Vvb ullll=-
ä.p(s==g - - ;p-- - - -i. es lüa.i --z--== Vor, gl?
,s, ! nwozsuisl. nr iin
iis siß.lis,i
tlisiss
ß.z-s,misn ssiis ii t=»nhe
fini doiii: if -isrs f, zinsHssii:noss l:s spifsofi
lu Euz6üllls- l-slb uls- ==»fklllVsz k?uss1 =z- Zlk1s-G- All 1C11lliiu ss a u s s»l11s1
pifpis:
»sß,»1s=si
s.fs liis -
s=1 =»ss z
ss?ozp
oiiii:n
= s suii
zu sein.
=-=-=- - --n- =- --s--;-s--=s --on=. I ght gs hezg;eyfh
Pl,.ii.- »,- s ssit.sisdoi iiisspss
wi ,i sn
es entstand - »--=- die Gesprächu nahmten eine
Zzs.szissr iissd iii: Ais: » nifin -
in isnc
-- »z-o-zz- -=-- --== s z I» -zz .1sh1!gps1IEL, bla -==g
auf die vorher angeregten Gegenstände zuricgelonmen

Kapitel 07

stebentes b apite l.
, e
e'zz
lhlllüroi: Aennserungen wie diejenigen, welrhhe Aigelila bei
-z- ss
Fr.uil vo lllllrecl vrrnouuieiu, i deu Hauise lhre. -llern,
-.i den Tagen ilrer glicklichen Unlesangehei! aun sie herauge-
f.ui:
--Uuen, so wisrde sie dieselben nnct sonderlih beachlel oder sie
als die Erzeugnisse einer lhhörichien Pha=.= bon sich algewiesen
ss,isi
haben. Jehz! aler, in einer aus das Nomauniische und Phan-
sz. ss(s»sin -ovsnlifsi.is
wvsi-j-z- z- -z--= Uillg ebllgl,
vi
---. und als sie vollets aus
Pszississsn l..-ssßsi-oi: s-
v.
ss ===g n= - ---s==s zz--- .101lt, buu
wirkten sie bedd,.=z d auf sie
is.sii-o-
==--- ==---=- -hres Gafiep eild
doiis sz in. s
sie noch vor Kurzem als A.s-
Aoohmnb d.iA Hss.
-=--- - =- - -erglaubenS --;pollel haben wülrdr, 1.u e lhr,
ifss.
als lege sich ein up-===- --p um sie. Sie häite den
. N7ls
zsi.s.sli-
K,iwnsn isis 9s:F
siz-fs i
rpi: isisA. ssrin
iiis sz-ssz- iin s.isf.is rn
ass -uei u i11 - sii-711 sss, ll s1s =-isllnsß; =i -.ui u uliuzuis, .i11= 1»=zpK
sCs
s s..spfs
o=p-, eS zl- ---- -- 1=eau icls wissent, was si. ===- =--
.ills.- i
s s szsiss
hö,;
zsi8sF
-==- ß= =, wwas sie an ------=-g.ilsfrieni Einsicht ihres
Aps nmfissi lz
Zrps:
HgftEl z=-= ;--- llüg--- -s s-= - ==-u .0lld u1i -=-- ==- ---s== -
s l.-szs. A i ssor
ss.ss,lis
,zszs f .iisifn za-=in s
glauben, h==--«- dies als eine Folge des Kaiholicismus er-
ii.is Is.--
sFipi
z -, E.- ;-- h-»s - -- ;- -=- --, da es der Glgntbe ih.. -===.iUeS
D.e 9.i
oi ss;- -sihv »-,sszpniip- f:
zss.is -s s.sl.iiss ns si,l. siss»-liß
s=u-, dent sie gher fitr ihr Thsetl -z- h- - ---- - =-- ---o----
i e
Ampiiiii:n
liisifn - doisis si; iin =- s,-ss Issss,s.! ,-is. zs ss.wds ss
==»sp-s imiiuull .zu s =- ; » » s=s s-- s=i s s»s- »ssssK sh - esz r-si p 9
- =-uschenn Glauben unnd. . ---;-=-----gz lhres Vaterhauses in
, sssssiisi
spsi.iiei
N..
-- 1 -=--- --- Und doch überlief es sie eisk.i, voch blickte sie
»ls -
oflili.is
--u-= ---- «. als sie bei der Heimkehr den Fns. .. das Ge-
z»sl,s. sss C,
z iis
msn, s.ipi. iis
o-s==»z s-ps-- -. 1elcelst Fülüi=s - »j-z- isz ß- -»b=gsllC -jg- Iii-
h-l.iss sss s..=- sss. oisis-
Hif-,s
fs si,-fs mi sOd
- -- =---- -p das jezt Angelika's Wohnzimmer geworden war.

- .Sh--
t es
Sie war froh, daß sie an diesei Abennde nicht mehr lange
in demselben zu verweilen brauche, denn es war Zeit sich zur
Ruhe zu begeben. Sie war müde und benommen von dem
Halblichte und von den starken Wohlgerichen, welche immer
in den Zimmern der Frau von llilbrechi herrschien, und an
die Unterhaltung denkend, die sie bei der Gontsine vernommen
halie, schlies sie ein.
E war milien in der Nacht, als ein herzzerreisßender
Schrei von den Lippen ihres Gatien sie erweckte. Sie fuhr
auuf, rief ihn beim Naimen, ergriff seine Hand, aber der Traum
musßte ihn sehr fest umfangen, denn er stieß sie von sich und
rief mit dem Tone des äusersten Etsezens:
Klammere Dich nicht so an mich! Komm nicht
Die starren Augen! Die starren Auugen!
Fori, fort!
herauf! -
Angelika klopfte das Herz in furchibarer Angst, ihre Glieder
bebten. Sie neigte sich zu ihm, sie rief ihn nochmals dringend
an, da richtete er sich empor, sah verwirrt umher, suhr sich mit
den Händen über das Gesicht und sagte endlich, als habe er
---==e. sich ihre Awesenheit zu erllären und sich zu fassen:
N7s.
Habe ich Dich erschreckt? Vergieb! Ich hatie einen bösen Araum!
War es Tante Esther? fragie sie leise.
Nein, entgegnete er ihr, nein! Denke nicht weiter daran,
mein Kind. Es war nichts. Die heutige Unterhaltung hat
mich nur aufgeregt; man sollte in der Gesellschafi solche Ge-
spräche vermeiden.
Er legie sich darauf abermals zur Nuhe nieder; aber
Angelila lonnte nicht schlafen, und bei dem Scheine der Lampe
sah sie, das; auch der Baron noch lange wach blieb und daß
er einmal seine Augen irocktete.
Von ihren Gedanlen gepeiigi, lag die jungze Frau auf
ihrem Lager. Das Haus war todtenstill, ihr Gaite endl.,
wieder ruhig eingeschlafen. Sie hörte seine leisen Athemzüge,

zcsr
-=== J. J ß -S--=
sie konnte das Heben und Senlen seiner Brn si bemerlen. Er
jah milder aus, als sie ihn je gesche- - -- g-- =-»»1-
li=- ss-mis ff.
s li,sss -
ni,
» ---- - --- -=- --=s- z-u-- irbe amts seintett Angesicte.
-s.-- As:-
nopsislf, zisis -,is,z- EI,.
Sie faßte zum ersten Male den Gedanken an die ganze hc
i---=-- -= =gßz= hres Mannes als ein Fesisiehendes a.,
svoiind. N,---
is -
-is liis i
- ,telt sich ülberzeug-, das; irgend eine ra rige Erinnerung
?z s.
an dre T ugzeu der Verzzunzzenhseil ihn nuoes lelaste, uid ohhme
zu wissen, welch eiie:. =-grll sie
s M.s-
Entsagung vorwärts hat, beklage
ss,sis
s.ims-
i»-==e zu seit, das; sie ihm -=-
damil auus dem Wege der
sie es, so jung und uner-
= -.- onnte. Sie sehnte
s..ls.-s
ssp ss-,s. S,i-nssd
jn=F -s=9 I- s= ===ez s -) - -= z ssz ss - s=ssz= s s -sf=ug -u, IcZ tg
dpz -s,=- zfsilios ss,= s,oi ssJFsf. s
-==-- milsse, ihrem: Maune die frihere -z- und seine alte,
Pdzslin in
ssziis
Al.smmimisIsi,nn .=-.s s.ss-s-s-d.issiis
vhsi=»1s1 1i,1ss, - ===- =1A1ss = .u u- s= f-ss
no lziss jszz- spzl ois liA fs, zir
ilu Cll tlf s . sl C?CEv. »sllsb =. u=
k=s
1ag gemacht, den Gaplau n-
s.s-ss,mss d.- nr
jyjede? zl - - ;bps-;;= s- =-- -
sep-s
hatte schon oftmnals den Vor-
- --==---- -=s-=- zl lgssesz
d.s,- Fs,-i ki- so-n
oder auf daS === p==1s z- E-=-, damii der Baron seinen
N,ss-d. s.issn
t plp:
i. - -s.v
z.ohhntennn Gesellsc,.;-. nnchi lauger zl --==--=dühleg-;-=
,iss s..s.w.is l.
hi.i fi,-i
N,-
=-=v hatte der Freiherr abgelehnt. Wie des Menschen Jdeen
Ilsh hehgj;fys; ghO uy - --==-- ==»p- --=-»ß- -=»p-= -s - -==-s-
- szz iiiid.lsps,zs Hs,on i:
siioifs
,lissini:
i-- -« -l das l-;--= -- --. so fiel ihr ylötzlich ein,
s C-s.
us l..ss iiss ififn n.flinevi:
es wäre am Ende gar nicht so schlimm gewesen, weni Fräu-
lein Esther noch hier im Hause gelebt häite, wen sie und-
Ape
ßFe»n:
-ifss Aomzpspf
-=s---- =-=-- s -ss j--gg Afczt sg glldl.. us ==--- z-;- z--j---
iin-s 9szs ffiin
s s dois C
wären.
-s. pisio::
DA siif:
-- aber hatte sie das gedeg:. als sie plötzle, --- --
,sis
sszez-s,-ss N?, siisonsoi
p--= - --=- =- -g- ellCs zl zw=: glatlbe. a.. atcteie sic anl,,
ssüifis
h=rrz; --
.sl,Hi.- s
Thsisis
=--==- llllher, dte =gles. ai... gcsclossen, die==---b-i-
At.
nnls
==-=s--- --- - ----- -- perabgz--, es regtt sich kein Lüftchen
nm:n fe d,zss,l szpss s-
ol.ss.is
iiis Miisi-ibi d.i.- P?,..sisl,i si s.
I1,ssinrisnr
=ssf Iz =s=ss= »- --- -=s====iige« ollluu- vpi.u zi «-u== gg=-ssgls OL
ini nfzisn R
legte sich also wieder in die Kissen zuruc, und abermals siröute
-- N,i
=-- -uvendelgeruch, den Fräulein Esther vorzuawrise geliebt hatte,
zsd. A.pss
nnn - irss fni=l s»s,s. iss dois F,,i- Isffof- zsd FFzes-
uiua eeuiu lliuuiu i-=-y =- =-»1»s= =ss »- ss ==»»= ss =u s - - i== ==azuhIi

1 Hge
bemerken konnte, über Angelika's Antliz hin. Sie überlegte,
woher der Duft jetzt eben komimen könne, und als sie im
Zimmer umhersah, bemerkte sie, daß von der großen Bronce-
Vase, welche auf dem Kamine stand, der Deckel verschoben war.
Das fiel ihr auf, denn sie hatte nie geschen, das: die Vase zu
öffnen sei, sondern sie finr eine jener alterthimlichen Zierathen
von Bronce gehalten, die eben nuur als Zierath dienen. Be-
hutsam stand sie auf, warf ihr Morgengewand über und ging
an den Kamin, um den Inhalt der Vase kenien zu lernen,
Als sie den Deckel abhob, fand sie auf einer dicen, weich wai-
tirten Unterlage, die mit welken Lavendelbläitern iberstreut war,
ein uraltes, lleines lalhclisches Gebelbuch, in Samiel gebunden,
ein elfenbeinernes Crucifix und einen Nosenkranz von emaillirten
Goldkugeln, der an einem koslbaren anliken Beiringe befesligt war.
Wie ma diese Gegenslände hier hahe ibeachiel licgen -
lassen löunen, weun sie Fräulei Esiher iu Gebrauch gehall halie,
konite Angelila sich nichi erklären. Sie trat an die Lamle s
heran, zu schen, ob sich vielleicht ein Name oder ein Wappen
auf dem Ninge besinde; es war aber nichts der Ari vorhanden. -
Nur in dem Gebetbuche standen unter dem Bilde des Heilandes -
in kaum leserlicher Schrift, als habe ein Kranker sie mit zitiern- -
der Hand geschrieben, die Worte: ,Mein Freund in der Noth! I
Der Stab, der mich hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der I
A
ich mich erhob. das Licht, dessen Leuchten mir einst die lange,
Nacht erhellen wird! Möge es zu rechter Stunde in die rechten
Hände fallen und Segen bringen, wie es mir Segen gebracht j
hat! Das ist das kostbarste Vermächtniß, das ich zu hinterlassen j
habe. Mein Gebet wird bei Dir sein in der Stunde Deiner !
höchsten Noth, bete auch -u für meine Seele, wenn ich nichtj
mehr bin.
Angelika las die Worte wieder und wieder; sie erschütierH
ten sie durch ihre einfache und innerliche Kraft. Sie hatie

--- 12-
nie zuvor ein Erucifix und einen Rosenkranz in Händen ge-
halten. Uvillkirlich legte sie ihre Hände zum Gebet zusammen,
und es bewegte ihr das Herz, daß sie mit ihrem Glauben nicht
zu ihrem Maune gehörte.
Sie mußte immerfort an Esther denken, und das Bild
der Verstorbenen, welches ihr bisher durch seinen kalten Aus-
druck so unheimlich gewesen war, übte plötzlich eine solche An-
ziehungskraft auf Angelika aus, daß sie ein lebhaftes Bedauern
dgrüber fühlte, die Tante nicht gekannt zu haben, daß sie Ver-
langen trug, von ihr zu hören und zu wissen.
Sie konnte den Morgen kaum erwarten, um dem Baron
ihre Entdeckung mitzutheilen. Auch er war überrascht. Es
war ihm auffallend, daß er diese werihvollen Gegenstände bei
Lebzeiten seiner Tanie nie gesehen, dasi er nie ron ihnen gehörl
halie. Aigelila sragle, ob es Esihher's Hmdschrifi sei; der
Baron verneinle es. Er glaubie eher die Handschrift seiner
Schwester darin zu erkennen, aber die Züge waren so weit
ausgedehnt, die Buchstaben durch das Zittern der Hand ent-
stellt, und wie diese Sachen hierher gekommen waren, wenn sie
seiner Schwester angehört, war ihm eben so unklar, da seine
Mutter Alles, was Amanda besessen, wie Heiligthümer auf-
gehoben hatte.
- Mae lies; also Masell Marianne rufen; man befragte
Fe, und diese kannte die Gegenstände allerdings, aber sie schien
lelbst überrascht, sie wieder einmal zu sehen, und wuuste auch
ßichts Näheres darüber anzugeben. Mein gnädiges Fräulein,
ßagte sie, hat sie freilich einnal vor sich liegen gehabt, als ich
ßn das Zimmer getreten bin; das ist aber viele Jahre her, und
Fäh habe die Sachen seitdem niemals wieder zu Gesicht bekommen.
Fazu werden der gnädige Herr sich auch erinern, das: das
Fräulein Tante nicht gefragt zu werden liebten, wenn sie nicht
hon selber sprachen. Benuutzt hat mein Fräulein den Rosen-
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1

180---
=uauz und das Crucifix niemals. Sie hat immer nur mit dem
kleinen goldenen Crucifix gebetet, das sie schon auf der Brust
getragen hat, als ich vor dreißig Jahren zu ihr kam, und das
hat sie auch in der Hand gehalten an dem Morgen, an welchem
wir sie eingeschlafen gefunden haben.
Aber warum machten Sie mich nicht aufmerlsam dara.,
daß diese werthvollen Andenken in der Vase lägen? fragte die
Baronin.
Mamnsell Marianne enigeguele, sie habe das selbsi gar
nicht gewust. Ic habe die Vase ja alliäglich beiu Abstäub.
in der Hand gehabt, obschon sie schwer genug z ricken ist,
fügte sie hinzuu, aber ich habe nie gehört, das sich irgend etvas
darin bewegte. Den Deckel aufzumachen, dessen Feder sich
schwwer ösfnele, hatie ich natirlich keinen Gruund, eben weil ich
sie für leer hielt.
So musßt Du, Lebe, =:--- beim Auökleiden, als Du
Apsf,zss
an dem Kamine beschäfiigl warsi, zfällig die Feder des Schlosses
aufgedrickt haben, sagte de. aron gleichmithig, indem er den
=- N1
Rosenlranz beirachiele und die schönue Arleit des Betringes mit
Kennerblick besah. --. Ursprung dieser Kosibarkeiten blieb troz
c,-
alles Untersuuchens auuch ferner in ein Dunkel gehi.., das An-
usl
gelika's Phantasie lebhaft beschäftigte, während der Freiherr
bald den Vorgang vergessen zu haben schien. Als Angelika
später das Verlangen änsere, den Fuund zu besizen, bewilligie
ihr Gatte ihr denselben ohne Weiteres. Sie legte den Nosen-
kranz und das Cruucifix in einen besonderen Kasten und schloß
diesen bei ihren werthvollsten Angedenken ein, denn das Auf-
fallende des Vorganges,--- --b------ ge zu beunruhigen, gab
iwif -iiissz-sis (
ihr ein tröstliches Gefihl. Sie kam sich nicht mehr so fremd
in dem Hause vor, it welchem d. - J;all i. in einer schweren
=- Vs
s.=-
Siunde so wunderbar gimnslig gewesen war. Ed sreute sie, etwoas
Besonderes erlebt zu haben, das doch wieder mit dem Hause

r Oz
-»=-- J r.? -
u.d seiner versiorbenen Bewohnerin in einem nahen und ae-
heimnißvollen Zusammenhag- - p-=-- ===--; und wenn ße
: ss Zso-: s»siinf- -
bisher eine Schenn vor der Erinnerung au zraulein Esiher ge-
tragen hatte, so dachte sie jezt - ---- - --b-=s- - - -zp1ß -
sinii iifi ssnnf sn-pspiidz- NF,-s,-
=-- -----, bis sich dn ===-:=-g in ihu festsezte, das; die
,. d
s A
iifn
ss.lsi
Hdelige ihr uni jenemt Funde ein Zeichen -=- -=--====---s-
is.es- g
sinilisHsisfin
ihrer Winsche habe geben wollen, daß Esther ihr mit diesem
Rosenkranze und diesem Erueifixe die Weisung eriheili habe,
auf welche Wege fitr Agelila die volle lebereinsimmung mit
ihrem Gailen, nach welcher sie sich sehnie, zu sinden sei.
=- -- -= -- ---=- -or Fräulein Esther verschwand auch das
Ns) iw:- F,simin n
-,.ss 9F,iv-s-siii:n Aoloeni
oleins. Is s.i:
L=------ -=ullalsmtent, velces sie gegen Mauts.a -- -»----- -
=--=- ud diese begaun, g=g allmählich der neuen Herrin des
lißsfn in
N
Hauses zu n== - und zu fiigen, seit sie von derselben --;-
Kss,-p-
Isz,iss
z iutmter auihelvoller uh. -.e;- uuber Fräulei.=-= -
s VlzH
uissd.
iiss ss ?'
s lFss s:ii-
angegangen wurde. Sie kam freilich Afangs nur auuf be-
so==- -- -- ,l zu der «aronin herab, indes; sie fing doch an,
indni 1,.s,-s.
- 1.-
dh;rer und hiülfreicher zu werden. je länger die jg-
s1s..-
Baronin in deu Hause weilie, und da die Letziere bald nach
?ps
--z ßr uinpäszlich wurde unnd das Haus und ihr Zimnner n=g-

verlassen durffe, erwies Mansell Marianne sich plözlich als
eine so .««««üdltche -1- - --=-»--- s----- daß es sich fir
d z=-s»liw-sisn Pss,-,wiis
minnsssss
zs LAzrifsifs ==-ssZ»-s, sn iiis
s1ns- di ffdis: IHvi«: s)z-
»7v=- v=»= » -si-s- = = s== = ==, ==uu uuiujuljüi yz auu ue-- -- » =s= =====ff= ssss s s s
das oft kränkelnde Fräulein Esiher gewesen sein misse.
»s, ssso?o -f: f--oz
Nunn war Mansell Marianne plozlt.g--= --- =-- -
rechten Stelle. Sie hatte sich alt werden lassen, so lange sie
einer alten Dame gedient hatte; jetzt schien sie üch zu derjüüngen,
UU! =- - .-- = = ---- -s-z- -ss==z-s-j gh zl dllslkett, Au!d fe
vsv iinne oss ,-fisi-s iFis -sss.is.Issss,s
---=- an ihr Herrschaft über die andere Dienerschaft einrääumte
siinly i
---- 1i=d, um so hingebender bewies sie sich gegen die-;
zisA
.ii:fss
=-b-g-. welch- ;. ls ihre Herren erlannte, und denen sich unier-s
. sin n
ioinin
sivo sn mif: Wßszvv -ns:ss-
zuomle sie als lg.- -=-z-- »=-- »--ss=-
gzn

z O cz
Die Baronin gewahrte es mit Erstaunen, daß Mamsell
=--ianne die alten, steifen Hauben ablegte, welche sie auf Be-
AsAes-'
fehl von Fräulein Esther die ganzen dreisßig Jahre lang ge-
tragen, während welcher sie in derenu Diennsi geslanden hatte;
sie konnte es kau:mt glaubent, dup »=- -=.le noch hg- ibo-os
-»s A?.ss-
ss.,s fizzs sss-
s-n
---=- ult set, und es war auch in der That nicht leicht, t
S,ösii. H
- ss, s«
der jetzt so -,rigen Aufseherin und Pflegerin die alt.. ----
s-s
wort- und blickluse Casiellanin wiederzuerlennen, als welche sich
dieselbe der Baronin bei ihrer ersten Antunfl dargestellk hatie.
Iizwischen hatt.u die Festlichkeiten des Carnevals in der
Residenz ihren Aifang genonnen, und da sich der Baron der
ihm zusagenden zerstreuenden Geselligket desselben nicht gern
entziehen wollte, machte er jezt selbst den Vorschlng, den Caplan
zu einem Besuche in der Stadt aufzufordern.
Angelika begrüüszte die Anluunft des bewährten--annes mit
.
Freude. Seine -uhe und sein Erust, seine Milde und seine
Suldsamlenn hatten ihr bei den früheren Begeguigen Zuutrauen
cd
zu ihu eingeslössl, und sie lonle nichl uuhit, von seier An-
wesenheit sich Gutes fir sich und ihren Gatten zu versprechen.
Der Caplan war denn auch noch nicht zwei aage in der
Stadt, als er es bemerkte, wie die Stimmung des Freiherrn
verändert und das; die junge Frau nicht glialch sei; a, cs
d===-- hn bald, de. =u=eon bereue es, seine Gegenwvart ge-
zsss- s
z- MT,z-
i=- -- zt haben. Er war schon wieder über die == - o-l
f,zzRzf o
.»-s.ssms
-s»of os- s,s
himweg, i D-=- - z 1 -un Tagen vor seiner Hochzet,
du
und nach =-- aode Paulumwen's befunden y--- -- vachte
d.si e
,ifs. (s- -
nicht mehr daran, eine nene Lebensrichkung einzuschlagen. Er
fühlte kein Bedürfniß mehr, zu suhne. und zu büüßen, e- =-=-
= liiin
wenn ihn seine bösen arauume auuch noch öfter gualten, die
Hoffnung aeoonnen, vergessen zu lönen; und wie er in den
Stunden seiner Zerknirschung das Alleinsein mit dem alten
Freunde gesucht, so vermied er es jezt geflissentlch. Er fragte

t H H
auch gar nicht nach dem Ergehen des Knaben, dessen Vecsorgung
ihm doch vor wenig Monalen so sehr am Herzen gelegen hatte;
indes; man halte nicht nöihig, den Freiherrn so langr zu lennen,
als dies bei dem Caplan der Fall war, um zuu sehen, daß im
Grunde sein Jnneres nicht geheilt war und das: er sich nur zu
ibertäuben suchie.
Was ihn von der Baronin entfernte, was dieser den Frie-
den genoumen halle, war nichl minder leicht zu ergrinden. Aber
schonend und vorsichtig, klug und erfahren zugleich, hütete der
Caplan sich wohl, diese Einsicht, die er gewonnen hatte, irgend
kund zu geben. Er ließ den Freiherrn unbehindert seinen Weg
verfolgen; er hielt sich bei Angelika auf, so oft sie es begehrte,
und war man bei den Mahlzeiten oder in den frühen Abend-
stunden bei der Baronin zu Dreien zusammen, so wußte er dem
Gespräche freundlich die Wenduung zu gelen, welche die Eheleute
von sich selber abzog und es ihnen nichi fihlbar machke, wie
wweit sie von einander entsernt worde: wwaret.
Einnes Abends, als Sturm, Schnee und Hagel »==- aus
.b- G..
recht winterlich umsauusten, erschien der Baron, zu einem Hof-
Concerte gekleidet, friher als gewöhnlich bei seiner Gattin.
Man hatte die Thüre, um die Baronin gegen den Zuugwind
zu schüizen, mit Schirmnen verstellt, auf denen, nach dem Ge-
schmacke jener Tage, langzbpfige Chinesen mit ihren Schönen
unter Palmen und wunderlichen Thirmen einherspazierten,
während D..ner ihnen mit großen Fächern Kihlung zuwehten
--- b=. reich gefiedertes Gevögel sich in goldenen Ringen
iifnR
iizs
unter den Zweigen der Bäume schaukelte.
Schnell und sich die Hände reibend trat der Baron in
elngelila's Zimmer ein. Er fragte nach ihrem Befinden. ==
p zz R
auf die Antwort, daß es ihr nicht übel gehe, versetzie er: Nun,
wenn Du Dich sonst leidlich fichlst, so kann man Dich heute
um die Ruhe und um die freundliche Wärme Deiner Zimmer

z z
-== , tgFI,===-
doisn ö (ss =sis M,sf.i
hemeidell, == -- - -i- -=--=---== -, daS mtir ei:mmtal woieder recht
l,s.s.-iss di ss b»l-isnsös. F,süüsöi s
-- gi; = s- -=s -=-»-; z-- == z-j =»gi .lüCl a=-=«u .oeI7hsf,
doiis gFoss
Er erinnerte darauf den Caplan, wie wenig diesen zu
Anfang der Charakter des Süldens ange- habe, rühmie
si l.i
p=-« dd. =---zps - ----=====-- -- gleic ..: defs Ei;kritt in
N.s.
iinis siilFziz s
h.s
-=- lFi:ssi.s-
.ulit die richlige Schähzuug de? andes und des Volles be-
;
d E,i
s
sesse, uunu kuzn habuirchh unts bu Tlseua b ber Gewaill und
s-- - =-===s -sszz == - - -j- =-ss=- =s==- zss jz-=g-si, I1s hh G, PE
A..z sP,Roiiiinnr doni pfipss (Fiszvifo -
sszorzuf-
seine Zuhorer es ut; , e grosses Gewichi legie. Er pries
sl.
Des-- j---- »==use.----;, Nauuule dieselbe eines der schäzenS-
s..? s.iis. MF.is
--is knsssiifis-
werlhesien Gilier, welche dad reise Alier vor der Juug eid. -
Apy
==-aun i d.. --eegel vor der Frau vorauS hale, uund schlos
ss
sss NF
diese Bemerluung mit dem: Geständnisse, das: er - - ;---- =---
-.s.- s
s.hess
--===s den Besiz Aigelila'd verdanle; denn Sne, lieber Gaplan,
lpiisnisns
ib-D- - huuzu, Sie lönnen es uueht leuuguet, Sne huben die
sl,ii ni
,fs
= -==-uin Afangs nicht mit demn gh-iget Voruurlhele ange-
isi
s,-lii: s
p- zs- -=-« l.
==a. Eahlanl lice..., lUllu- -- s- - =-====- -=-=---gE
,=- l
sisss inisns- g1zA. in
,ls;-
- ===-i.s:
s..l
is sfß.
=---- -=- - --» -p, Cup g h-g-- -=zeUl0gs-z- -- die Sfirne
sni
din nä iiiuis
»s s. ?
-- -- -=--- sagte er: Den Werth der Frau Baronin zu unter-
sipfps Hhfis
k ,isissin issis s
,s s..-
msniss
scühel, =s--- -=- - WVohl lll.g- =»o--- -----
-.- Me
--==- ==uihl lagg -- --- - uinderen Seite, Herr
ipf Si iof -
Auge=- p--, was dae gemteiut sei.
s.-
i ssf.
isi
N,d,ssf:is
== - =-» =-u-. LüLll
1,f w:s!
yAo s
gi. ü
==s- -uleu oLIs
Pgen, und wie man in solchen Augenblicken leicht etwas Un-
s süe
aehöriges -=----
-
lachelnd. --s
drucen zu ol.
s---- --- - =---- z=g gelu uozukommen, sprach sie
iiwn -:i nimi s,s, I
s- ,»
= =-- ooch iuu leinem Falle den ersten Ein-
N-.i»-s
lis-
==- = ----lz - .rülllell, dellil halle ic das ge-
L,-d,iiiiiis
- sis
=h, so wäre ich eßl auuch uet hter.
s si
P.s l..-z- ? s-hn d
iisis
--=- -- - - i -b-h-- -er Fv.=- -, laS mteinsh Oz dase,
pi szpzz -
mneine Liebe?
E,
e oiApi: sdis:
-a --= ---, Cüß -» ==--- Nicht Deigte Frll g--=-==-- ss-
s,s. Af-fis: n
mmnvifnp
-
wülrde. Denn tch -p--- -=c gü1lz = s=, dasz, als l.g
d. sls.l
os fsiifstn zini

O
=====- J e(9F?-
==-=s - =-. FNü1F, Zs-;- gcsele!! hale, -=s- =s---- » -s-z----ß
e,s-
iifi=- D,iis. sz-s,siimii-
niz-ss
l oof
z- ---- -----ulrle, dasß ich aber doc eine Art von Unbehagen,
=s s,szs- iinsss
von Scheun, von inneren Abmahnen Dir eaenilber füühlte.
- -
wi. Is sziiiis
=== - ===e . = =i- = i= -= - - - n»s 1=s s - g.=s iiu .C ei ia »1szssuzisgz 9l=
T,z- N,--in
issii fAsn isssis,-ss (Iss,- s -
-liis! s.
e nsin inAois si
n mo1ii»I-
c1,s
Vblu gz- p- --, 1 1Illuu. lC an=F zs= s= =- g = - s - sz=- - s-
-n fs ps
»-A.
snss s-ishsess O,;
t.sl. -
p-s,-f di.- K.ii
s psnmi
»l,is
n=-j--, -s- s » n« -=u.sellll. u- jigg - Vuuut lllI, iei -=isss=j- ==- -s
das uur deuulen, win luniusi Di dne nunir sagen !
- uu nncht? fragte der Baron sehr ernsthaft. Es han-
»sdiii
mns iis -iis,i
deli sich hier, guF a i?g. ; p- - von uns, --- ----)- -ß, Uini
s.lii
»s- Hs7iis
I,f
---- = -;..isülgS dp- - -==-- -zlgpllzSSsace. ==- - ==--;ß z--
d. 1!
.lii
diin. lFsf.:
das isl keiue Frage, nichis so sehr zu bean,- --; - ichis so
lziis
-iif s-
zuuversicilic z bauuen, als aus die Siimie seines Is en, aus
ois ,s szmo!irz dof
diesen gchheiuttis;vollesnn,1-- -;- -- gh-g CVoll. -ps-»-=-- =--
iisis
lisin
ss.s
is s,-si siin
sz-, lachs teimies: Ersahsrullgld, --;- --ül -o--
ii-i,s
Fi,-l..- 9H,i: ».s d. iiiinn
==- - --- »==-=-s- -; = -sg,E Fl 1OOs u.aeulb üs= - - p=-
ssfssfr
iisd. =z-s..I-
l.i f.-ind
»w-==- ihhre Häi nde zuu lhi, p=;- -ule Uleg- - z- - p - vuS
sl-s. i
s.! ß
s,iz-! sis-
ss.Ißs-
-p=-l- uulSsa.g- - - - - -.salscsds1 E1lpp==-==« -
ssissdiis.n !
,s.l.- 9s:
.los: iiins- fizs-
s. s=-.s
cd1.
. ==-- i - e, egeß- ----=- -6- ih dazu ? Wie
n:oi; pi
mni;- s
n. se
uula .. üFl -=- - zg -, Iü Ul0 oa« ==- »g- - -s=-=ss- -p s-« =- s
d: F.io .z-»sss s
»s 1-s. O-
.is i.lsf
s
i:n ie
dsi s
=--g oc
e.z-
Ginsi.
h,?=sz- s -
.ass
.g.- die
i-z - ===-gzen kbnne.
l-is..s s.--
1ssin lzwnisd.. I,sssi
laplanl UUlig-- -« C- z --=-- »--=- gülih suit dent
liip- pissn
==
9,1s.- -fs -
ips H.w
===- -; -, uhlü0agg - z,- - s- !-ß- - -- z== -s== -« Ü0s
A in o-
.sswi- Fi:
-iss si.slifs. lFs,i siiiiin
g--=- o -h- = -i== ---ß al! sic srl.;. zl U!iez=- =--
eois R.

Kwßsiilßiss ie
dus- P,zsüfsoi is
-olihlis d.-ss doe Holwihisn
=a z-=i.=uissisni üz= i0iis, »lh » » s -s= O=ssfs z zSßßz == - e ssss 1s =1l;
oisnssdos s.is - i isizpis.is idos sip smii vismdoz fpzfs sis siAlf,zs fsps
svi.i1v= s s11H111u?blssss === z ( s- =7=71 usul)=? - s » »1s Is »1u1»bV1b s71=1s,
=--- -ascte!
hin fssis
Die habe ich niemals gemacht! versicherie der Baren, de.
--. aus Widerspruch zu sl;.. --lp-, -1 p--«--- -=- - =-O
s si. is -issbs- d
ssss)
susws: s.i,
s.sif.
ss s..f.-ssffpis
slelluilg z-- -:-w-ü-s-
Niemals ? fragte der Caplan.---=- == --b -b-u-
n issss IT, ,isiiisin
Niegnals! wiederholte der Fr.g- - = - -p--=-=-
-,isizi- spsz-- hisfisiisisf

--- 18 --
So waren Sie glücklicher, als ich es glaubte, bemerkte der
Geistliche gelassen.
Vielleicht war ich nur achtsamer, meinte der Freiherr, denn
man hat sich sehr davor zu hiiten, nicht irgend eine augenblick-
liche Aufwallung oder einen sinnlichen Anreiz fir jenen wun-
dervollen Zug der Sympathie zu halten, den schon die Alien
kannten und verehrten.
Er brach damit slözlich ab, wendeie sich frendlich zu der
Baronin und sragte, indem er ihre Haund ergriss: Ulnd was
hattest Du denn eigeutlich gegen mich, Du Kind?
O, weshalb willst Du das wissen? versezte die Baronin.
Es hieße ja nur einen Irrthum eingestehen, und seiner Irrthüümer
hat man sich zu schämen!
Der Caplan wimnschte diese Unterhalkung nicht weiter fort-
setzen zu lassen, weil er wußte, wie leicht die Eitelteit des Frei-
herrn zu kränken und wie sehr er dann geneigt war, das Un-
schuldigste zu mißdeuten. Er nahm also die lezten Worte
Angelika's auf und sagte: In solch scherzhaften Dingen ist das
Eingestehen oder Verschweigen eines Jrrthums an und füür sich
etwas ganz Gleichgültiges, bei ernsthaften Anlässen ist es äber
ein Anderes. Einen Irrthum vor Aunderen eingestehen, heißt
erst, ihn förmlich von sich abthun, ihn förmlich überwinden;
denn das gesprochene Wort hat eine loslösende und befreiende
Kraft. Ein Irrthum, den Sie schweigend und ohne Eingeständ-
niß an einen Andern in sich bekämpfen, bleibt immer noch mit
Ihnen im ausschließlichen Zusammenhange, bleibt immer noch
Ihr Irrthum. Sobald Sie ihn aber vor einem Andern aus-
gesprochen haben und dieser Unbetheiligte Ihnen in der Erkennt-
niß und Beurtheilung Ihres Irrthums beistimmt, so ist eine
Rückkehr in denselben Irrthum für Sie nicht mehr leicht möglich,
wenn Sie eine solche nicht absichtlich ausfiühren wollen, was
doch zu den Seltenheiten gehört.

== zh e, F --
Gewiß, sagte der Baron; auf diese Wahrheit von der
befreienden Kraft des Wortes gründet sich die Taktik aller der
Menschen, welche sich vor Andern ihrer Fehler anklagen, weil
sie sich dadurch auf eine bequueme Weise ihres sie drückenden
Bewustseins zu entäusßern hoffen.
Allez Vertrauen überhaupt, bemerktc der Geistliche, läßt
sich auf die jedem Menschen bewußt oder unbewust innewohnende
leberzeugng von der besreieüden Krast des gesrochenen Wories
zuricführen; und als lomme ihm daö zufällig in den Sinn,
fügte er noch hinzu: Darauf beruht ja auch die erlösende Kraft
der Beichte in unserer Kirche, welche der Prvtestantismud ohne
alle Kenntniß des menschlichen Herzens. ohne Mitleid fin den
Schuldbeladenen, den Bedrickten und den Irrenden, einem ab-
stracten Princip, dem Mißtrauen gegen die Gewalt und den
Einfluß der Geistlichkeit, zum Opfer gebracht hat.
Er ging aber auch über diese Aeuserung schnell hinweg,
denn er wußte, daß ein sicher gestreutes Samenkorn, wenn es
auf den rechten Boden fällt, seine Fruucht trägt; und es war
ihm daher unlieb, daß der Baron sich mit diesen Erörterungen
nicht genügen ließ, sondern noch einmal auf den Auögangspunkt
der Unterhaltung zurückkam und nun bestimmt die Frage that:
was seine Frau für ein Abmahnen gegen ihn gefühlt habe.
Sie wehrte sich abermals, es zu bekennen, und erst als er
mit Bitten und mit scherzendem Zureden in sie drang, sagte
sie: Es war, als ich Dich zum ersten Male sah, von irgend
welchen eben geschehenen Wundern die Rede, deren Wahrheit
Du aufrecht erhieltest; ich konnte mir nn gar nicht denken,
daß ein Mann wie Du an Wunder zu glauben vermöge, und.-
Und? fragte der Freiherr.
Und so hielt ich Dich halbwegs fin einen Heuchler, ohne
begreifen zu können, weßhalb Du heucheln solltest! sagte sie
- schnell, als wolle sie damit feriig sein.

i

;
---- ..d--
Sie hatte erwartet, einen Scherz oder einen Tadel zur
Antwort zu bekommnen, aber leines von beiden iraf zu. Der
Baron blieb erusihaft und ruhig und sragte nnr, was sie unier
dem Worte Wunder verstanden haben wolle.
Nun, zum Beispiel jene auf der Erde wahrnehmbare Fort-
dauer der Verstorbenen, sagte Angelika, von welcher man auch
bei Frau von lllibrechl als von einer Thals ehe z redenn liebt,
und an die man doch nicht im Ernste glauben lan.
Dnt irrst, sprach der Freiherr mit grosier Bestimmiheit.
und es ist also, wie ich sehe, noch ein wesenilicher llelerzeuguungs-
saz zwischen uns unaufgeklärt, was mir wirklich leid ist. ch
glaube an die wahrnchmbare Fortdauer der Geschiedenen so
gewiß, als ich an die Unsterblichkeit unserer Seele und an
unsere persönliche Forkdauuer nach dem Tode glaube. Nur in
unlogischer Kopf, so dinkt mich, kann auf den Einfall gerathen,
das: eine Wesgnheit, die sich von ihrem ersten Keime an in
strenger Folgerichtigkeit zur Individualitäi enioickelt, plözlich
und mit Einem Schlage als Individualität zu sein aufhören
könne. Abgesehen aber davon. so hai ja Christnis uns die
persönliche Fortdauer, ja die Auferstehung des Fleisches ver-
heißen, uud der Caplan wird Dnr nachweisen können, dasß in
alter und neuer Zeit bevorzugte Menschen der uuwiderleglichsien
Offenbarungen, Ermahnungen und Tröstungen durch das Er-
scheinen Verstorbener gewirdigt worden. sind.
An der --==ichkeit unserer Seele zweifle ich gewis nicht!
1,ssh»-s.sl
bethenerte Angeliha, eingeschiichteri duurch den Erust des Freiherrn.
Ihr protestantisches Bewußtsein ließ sich jedoch so leicht nicht
zur Ruhe bringen, und wenn auch zaghafi, fragte sie dennoch:
was haben aber die Geistererscheinungen mit unserer Unsterblich-
keit gemein?
=- -====-- D== g- -.l, als komme ihm eine solche Frage-
Ozs- KAfnis
s, sip s
sehr auffallend vor, dann entgegnete er belehrend: Allmähliches

z-sgn
b j, e F F? --===-
=-- -- utnnd Vergehhen isi das Geseß allen «agpailisnnen. Es
,zdin
z s
- uicls plötzlich iu die ErscheiDzi- es verschwindet nichks
sz-sfi s
, .dzl:cs an -,- ; uinud--- - - =-uusc i =-=goosde s.=- -
inin d ,.
s-
ss.-
: .u=li
wissof
=------ allsnah.cs-=- -=--- z---uzlbaren Dasein erwä chst, so
NP ffi-
k! -
sss»doid -iiiis Zi,s.
verschwinde! er, das isi mir zweisellos, c uc nur allallch von
der Erde, vni der SSläiie, die er gelielf, und ans deii Gsesichhis
lz. Hwiiii!i
lreise erjeilgzes!, i: deres. aubeit er ses .. elgzenlll.g- z- ----
: ?,-
in
d, si,si s: ssnns: doi
gehal. hal. Erst wenn diese Loslösuungz, -- --- - ---= - --
verschiedenen Persönlickeilen in längzerer oder lh-z- - - - - oll-
ss.i.z- D,-ss ii
o» A,.s sßs fAisis ouifiissfs,,sssHs R,- EIzii .Z
Imis
. hi.-
Fiug -,, ßh=s zz U1 lu.u =Dl == - issz - is- ==- - s ==-fs z» s=p == - - =-==== - -
,iis D,.mmis
u üllhSP1biu;- -- -==- - - --- ßz-o» - ss =-s --;- - « --t :t (plß ..u =- -zzov
ss- d.z- H,;s : lin.is-nms Aois iins.. ßs
f---- - d der die Seele endlich fitr die reine Aimnosphäre
-i fsi,-sls ii
dr pninois ,-ss,f,is neih.zsii.i
s. 1»1»1ss ==» » »1s,ls E uCz zulbV-
T sisif l rmzi pi:
ly s;ygs IS l..u -=- =--j- =o-s - p=- ül e, -ns --- g- - ---
iis d.=- 9L,-so sii ils.ii
Maihematiker seine Fr- - =-b------
-iis s.issss,.sss =a--s
sznAimi:ns
----p- bei einein Memtsces=-- ==---
sinii- ili.-
9,isfsnssA
minsi ,-lzi
Zo-z-;-- z= , l10L tk1IeS «u=--«S
-li.ss - sz. si.s ssoin-:
=a= =.isCü isu i . - - - - »=s sz V »» s - - s
dniss -s ).isßs 9T,-d.oiiiiii-
au ss - -=?i - 1 » -ss b=.= =?= iisii ilß,
und Beherrschendes. Er
: fizsd.oin iid
-- -»==-- -= -« .illC -;; =e., Gt..vess ==- -p:lEll Fs s- ==-- ---=
oissz ffs is H
si liss 1..s 9s,s
=fff-Iii-
-s1 .i. 9?i.s?- si- r
o- -. ulS üebd er ilds Ee g 1lz llbl;-:.- - ==sg - ibA- -
--=.l : dieser Glau.. von dem allitahlchen Verschwinden des
siss
si
Ms),«i:s.lii:
s.
fi -p
is.n..- s.-is lin.i s-s
z esz.sfl do .=-n.s
= s fj-z-:u lhH IE1. -a=- - =g- » - ===g= -is » == s - nszs zs =n=k nzzulsV,
s= . ülld gV!lEl. ---- --=----j-»-z-sz=---=s-- H- -- -, Nls ejp; Eiz;-
.sss N1,ss.»-s..-fi
snii
n isnd ii : i issssß,s
n -=---- - l! dent ten,cltcent Geiste. -- --=s -üD z=as
c, ii --
i fiss..
mol.mioisnd s
stch hei d.t. roheslesn -- - - - - üll----;- ----- = aller
If.--s
si.izs.-si.-s N
. sini dis
Mi.ssss..
====----p- =- 1O C= - ,z- s- =-»-s ,= - ==== « olS z PlI10, =- --
,.is D.-ss.-=- s.
szun
ll,=- N,-ss.
l ii
Ross
-s,zs Sz,-ifi-mnnis s.
=-- l=-;- -. ;lOlsuge- =-= »== -== -- olS F=- z--=e, Vt VO
, -ifinä
,a
Is, si:ss s
Gmiüiss.-ss G.smii mii -fn d.=- soss
- vsi 1ipssi.is K,i-
s=ssj== s g.- ='s===== =-- - === euiu IH z! 9Euu =- p=» - sfj-=s === --
s.ss:
p--=1gel l.;. . Ktrce -.-- - --- . ß, derselhe Glaube .il
ps
-.Iis d..-s.ls..- Fi
ins.i
oi Hofifsssssliid, Isßs.ifs - zd. s,is s;ss i.s- Hs,-zzs Kzsssib=-
slss a==1sil.4s) a== -; b1»f=11 zCG? z ls1)= »1s S .l= s »=uCl- sl1l -=lbslfK s -
so selsr e? üue- s- == - -- j- z --== = -=s-i; llug j--- ga0i
ss,«=- f,eiiswfomn
soi- s-pmmiii:is-
s, s.inn -
w------=- -»g d ==;' hlossen war, lonnle sich jener Einsichi
sssIi.si. z h
swis.
.-l
zsps e--
H- .sf -s.1i: sssofis ns s..? spifsp=- s,
i.z--I,s. s-li minofs F,eiii-
s111s -1ssA»111A»»=ss, v» Css s s = - ==i z-lssu s siüuu.s1=H? zss11=-s - »»1»

--= , H-h?-===
auch nichts Anderes zu erlennen vermocht, als die Erscheinung
eines ihn plagenden Teufels.
Der Baron erhob sich bei den Worten mit der Selbst-
s.
zufriedenheit eines Professors, der sein Collegium beendet zt.
und das; seine Zuhörer beide schviegen. steigerie seine Geng-
thuung. Er sah nach der Uhr, es war Zeit fiir ihn, sich zu
eniseren. Er scellie deu Kaummerdiener, besahsl den Wagen
vorfahren zu lassen, und als er dann da Zimmmer seiner Frau
==p. die ganz gedankenvoll geworden war, sagte er zu dem
nw»-l ißs
Geistlichen gewendet: Sie mütssen die Bronin duurchans ge-
wöhnen, lieber Freund, recht scharf über geislige Dinge nach-
zudenlen. E ist bei ihr -- und da liegi in ihrer Jgend,
die ein großer Vorzug ist -- noch Alles Gefihl, noch Alles Em-
=-----u; aber es kommt ja fir sie hoffentlich bald die Zeit,
ffspdiin
in welcher sie Andern Rechenschaft über ihßr Denlen geben,
=--==l ein Filhrer werden mnß, und ich möchie, das; diese
Hssors
Zukunft sie einig mit sich selbst ud recht im Eiillange mil
mir sinden möge. Trachie danach, Geliebteste, diesen Stand-
punkt zu erreichen.
Er umarmte
auch dem Caplan
an den Hof, dem
hierauf seine Fran,-----=- die Hand, gab
lss, s..-
die Hand, und verfitgte sich in besier Laune
Concerle beizuwohnen.

Kapitel 08

Acht eä Capitel.
lZ war eine eigenthümliche Lage, in we'ch-r der Taplan sich
k gegeniber der freiherrlicheu Familie befand. Er glich dem
Manne, welchen man zu einem Gastmahle eingeladen hat, und
der bei seinem: Eintritie in das Zimumer an dem Qualm und
Nauch, die ihm entgegenströmen, den nahen Ausbruch eines
im Verborgenen glimmenden Brandes erkennt. Es galt hier,
zu helfen, nicht zu geniesßen, und Hilfe z leisien war ja
sein Berf.
Er fand Angelika unzufrieden mit sich s lbst, beunrnhigt
durch die Slimmung ihres Galien, durch den Einfluß, den
Frau von Uttbrecht und ihr Mtysticismus über ihn gewonnen
hatten, und fand sie selbst auf das lebhaftese beschäftigt durch
eine Menge von religiösen und mystischen Eindrücken, welche
sie, eben um ihrer Fremdheit willen, bald anzogen, bald ab-
stießen und ihr den Frieden raubten. Sie sehnte sich nach
einem Menschen, dem sie ihr Herz erschließen, den sie zu Rathe
ziehen konite. Sich ihrer Mutter zu entdecken, hielt die Liebe
für ihren Gatien sie ab. Die Gräfin wirde ihre Tochter für
ungliiclich, ihren Schwiegersohn fir schuldig gehalten haben,
und unglickl:., fühlte die Baronin sich nicht. Sie wußte nuur
-a
s-s
--==, was sie thun solle, um wieder zu der Nuhe zu gelangen,
die sie bis zu ihrem Hochzeilöiage steis beseeli, um sich wieder
in demn Einllange mit demt Freiheren zu befinden, von dem
sie beide das Heil ihrer Ehe und ihrer Zuukuft erhofft hatten.

-=- PgZ--
1
Sie konnte sich nicht recht klar machen, was eigentlich geschehen,
sei, was zwischen ihr und ihrem Gatten stehe, aber es war
anders geworden, als sie es erwartet hatte; es war geworden, -
wie es nicht hätte sein sollen, wie sie nicht geglauubt hatte, daß
es jemals werden könne,
a--. aorke des alten, aufgefundenen Gebekbuches tönten
dl,. s
immer in ihreu Herzen. Ihr selslle ei Siul, der sie slizie,
ein Licht, das ihr das Dunkel erhellte. Sie muste oftmals
an dasjenige denken, was der Baron, was der Caplan ihr von ,
der befreienden Kraft des Wortes gesagt hakten. Es lag, so
fern ihr die Vorstellung sonst gewesen war, jezt für sie
etwas Verlockendes in dem Vertrauen, in der Zurechtweisung,
und Belehrung, welche man in der Beichie gewährt und ,
empfängt. Sie fühlte bisweilen ein wahrhaftes Verlangen da- -
nach, dem Caplan Mlles zu sagen, was sie drickte, von ihm;
Nath zu begehren, und es hätte nur einer Ermuthigungj
von seiner Seite bedurft, ihr den Mund zu erschließen; aber,
er gewährte ihr diese nicht. Er wollte reifen lassen, was erj
emporkeimen sah, und die Frucht nicht vorzeitig brechen, so
j
sehr er sich ihrer erfreute.
-- Es war nicht lange nach jenem ConcertAbende, als er (
in den Händen der Baronin ein Kästchen erblickte, das sie mit?
s
einer gewissen Hast verschloß und auf die Seite stellte, da erj
bei ihr erschien. Sie sah, daß er es bemerkt hatte, daß er!
dariber lächelte, und plözlich zu einem Etschlusse gelangt,!
fragte se ihn ganz unuumwunden, ob er den Glauben theile,j
den sie im Hause der Frau von Utbrecht häuufig aussprechenj
hören, den Glauben, daß die Gottheit noch in unseren Tagen j
dem Menschen sichtbare Zeichen gebe, wenn er ihres Beistandesj
bedinrfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde. '!
Gewiß! sagte der Caplan, davon bin ich üüberzeugt! Es j
ist keln Wandel ln dem Uuwandelbaren, und was Goti einsij

1I ---
, in seinem Erbarmen für die Menschheit gethan hat, das kann
- und muß sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen.
s Angelika sah ihn ernsthaft an. Sie glauben also an wuun-
F derbare Ereignisse, an wuunderbare Zeichen? forschte sie weiter.
e
Unbedenklich! versicherte er ihr. Aber was bewegt Sie zu
?
diesen Fragen, meine gnädige Frau?
Sie ulwwworlele ihu nichi duruus; sie wullle jedoch uisse,
s
.
z ob er je etvas der Art erlebt, ob er irgen: eine Erfahrung
z gemacht habe, welche seine Aussage bestätigen oder einen Beweis
, für die Lehren von dem geistigen Znsammenhange der Todien
? uit den Lebenden gewähren könne.
?
Er zbgerte eine Weile, indeß er sah die Spannung, mit
ss
=s' welcher sie an seinem Mund hing, und mit feierlichem Ernste
, sagte er: Es begegnet, des bin ich sicher, nicht eben oftmals,
V
; das: die Gottheit es fir nöthig findet, dem Meuschen durch ein
;; schtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu
F Hilfe zu kommen; wo es aber geschieht, da hat man es als
F die höchste Gnade anzusehen, und wem es begegnet, dem legt
es die doppelte Pflicht der eigenen Heiliguungz und der Werk-
thätigkeit fir Andere auf. Mir ist diese Gnade einst geworden,
E
z als ich auf dem Wege war, sie weniger denn jemals zu verdienen.
Die Gehobenheit, mit welcher er sprach, umleuchtete sein

s?
edles Antliz und seine ganze würdige Gestalt, daß Angelika
z der Naum des Zimmers durch sein bloßes Dasein wie geweiht
j schien. Es wurde ihr feiersich zu Mutße, als befinde sie sich
F in der Kirche, und es war nicht Neugierde, sondern ein heißes
Verlangen nach Wahrheit, daß sie zu der Bitte antrieb, der
?
z- Caplan möge ihr, wennn er das könne, mittheilen, was ihm
, einst widerfahren sei.
-,e
a-- versetzte er nach kurzemu Schweigen, das will ich thun.
k
Z Sie sollen vernehmen, was bisher Niemand von mir gehört
E s=
z =s, und wovon jetzt kein Lebender außer mir noch Zeugniß
?
z
?
s
?

-- hge---
geben kann. Ich will es thun, so schwer es mir auch ankommt,
von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen. Nur im
büßenden Gebete hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten nochI-
gedacht, und ich hatte nicht gemeint, daß jemals wieder über
meine Lippen kommen wüürde, was ich einst in bitterer Reue
dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvater?
anvertraut, um durch ihn Vergebung fitr eine Sünde zu er-
langen, welche fir mich, für den geweihten Priester unseres
Gottes schwerer als für einen Andern in die Wage des Ge-
richtes fiel. Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn.
dasß ich veranlaßt werde, noch einmal vor einem Andern mich
meiner Schuld zu zeihen. Goit wisl, ich soll sie nichi begraben
in meines Herzens stillem Schrein, ich soll mich zu meiner
Schuld bekennen, vor denen, mil denen ich lebe, sie sollen mich
kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit, damit sie
es immerdar empfinden, das es der Herr ist und nicht ich, de
in mir wirkt und schafft, wen ich sie zu erheben trachte. Und
-- die Wege des Allveisen sind so unerforschlich! Wer will -
es sagen, zu wwelchem Zwecke er, jene schmerzlichen Erinnnerungen
wieder so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drängt? Wes- s
halb mir der Glaube so gebieierisch das Herz erfaßt, ich müsse ;
zben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde davon reden? - -
Er hielt inne, als bedürfe er der Sammlung, und fing dann
mit unverkennbarer Selbstüberwindung seine Erzählung also an:
Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten, als ich
in das freiherrliche Haus, in das Vaterhaus Ihres Herrn Ge-
mahls eintrat. Aus der Abgeschiedenheit des Collegiums, aus
der Stille und Zurückgezogenheit, an die ich gewohnt war, sah ich
mich in einen viel bewegten, glänzenden Haushalt versezt. Ich
hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt; jezt
sollte ich Lehrer, Führer und Leiter eines lebhaften Jinglings
werden, der mir an Jahren nuur wenig untergeordnet, an Lebens-
l

----- 1J - --
erfahrungen aller Art mir weit vorauf war. Wollte ich leisten,
was man von mir erwartete, so bedurfte es des festen Willens
von meiner Seite und des festen Glaubens, daß wir ron der
Vorsehung an keinen Platz gestellt werden, drn auuSzufüllen über
unsere Macht geht. aer Wille und der Glaube fehltrn
nicht; ich arbeiteie an mir selbst, ich erzog mich, um ein
zieher zu wwerden, und die Familie, der ich diente, war nit
mmir
Er-
mir
zufrieden, zufrieden, wie ich selbst es mit mr war. Man be-
wies uir ein ehrenvolles Vertrauen, die Eteuu meines Zöglings
behandelten mich wie einen Anverwandfen, seine Schwesler war
fir uich selbst wie eine Schwester freuu lich.--- Er machte
eine Pauuse, und die Baroni glauuble zu bemerlen, das; eine
Röihe das Auutliz des wirdigen Maunes ülberflog, als er seine
Erzählung wieder auufnahm.
Sie haben das Bild von Fräulein Amanda in Ihremt
Zinmer, gnedige Frau. So wie der Maler sie dort geschil-
dert hat, so sah sie aus, als ich sie zuerst erblickte, so edel und
l.ss
so erust, so sanft und so mild. Sie war actze=- Jahrr alt.
Man hatte sie den sämmtlichen Unterricht ihres nur um ein
Jahr jingeren Bruders theilen lassen, und man vergönte mir,
i- s.=- N,s- s
C=-« -=--=-- - zll woerden, aber mmehr als das, wir wurden -=-
oder wir glaubten, Freunde zu werden. Um ihr Neues zu
bieten, um ihren Antheil zu gewinnen, wurde ich eifriger als
je in meinen Siudien. Ein leidenschaftliches Verlangen und
ein Durst nach Wissen und nach Erkenntniß der Wahrheit be-
mächtigten sich meiner, ich wollte dem genilgen, was Fräulein
Amanda von sich selber verlangte, waö sie in mir voraussezte.
Es giebt nichts Großes, nichts Heiliges, das uns nicht bewegte,
nichts Edles, nach dem wir nicht strebten. Wir fühlten uns
frei einander gegenülber, und wir trennten uns wie Freunde
und Geschwister sich krennen, als der junge Freiherr seine
Reisenn auiraui, auus denen ich ihn begleilezn sollie.
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.
1

-- hgß-
Es war ausgemacht worden, dasß ich dem Fräulein schreiben
dirfe. Niemand hatte ein Arg daran, au wenigstens wir
selber. Ich wußte, daß alle meine Briefe von der Mutier ge-
lesen wurden, ich vermuthete, daß sie auch die Auntworten ihrer
Tochter an mich laö, und doch blühten auf der offenen Heer-
strasze dieses Briefwechsels die Bluumen auf, deren Duft uns
den Sinn verwirrte, deren Ranken uns umstricklen.
Der junge Baron und ich, wir blieben zwei Jahre im
Auslande. Voll Freude und Zuversicht kehrten wir in die
Heimath zuriück, aber es war vorüüber mit dem friedensvollen
Glicke, das ich vor der Neise in dem freiherrlichen Hause ge-
nossen. Ich hatte nicht mehr das Herz, dem Fräulein wie
sonst zu begegnen, ihr fehlte der Muth, mir zu nahen; wir
vermieden einander. Ich fragte mich nicht, was geschehen sei;
jeder Athemzug sagte es mir. De Trentung von ihr halie
eine wilde Leidenschafi in mir angeregt, eine Leidenschaft, die
in doppeltem Sinne fir mich eine Sünde in sich schloß. Jn
heißen Käpfen, in brünsiigen Gebeten rang ich nach Frieden.
Er wollte mir nicht kommen. Ich mustte die Ursache meiner
Leiden fliehen. Ich forderte meine Entlassung. Baron Franz
bedurfte meiner Begleitung auch ferner in der That nicht mehr;
In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fräuleins
Hand. Aanda bewies sich demselben nicht geneigt. Ahnungs-!
los, nur an das Zutrauen denkend, das die Tochter mir ge-
währte, wandten die Eltern, welche diese Verbindung winschten,:
sich an mich. Ich sollte Amanda bestimmen, dem Verlangen
ihrer Eltern nachzugeben, und ich beschloß, da ich selbst deu!
Man hoch schäzte, der das Fräulein zur Frau begehrte, dij
schwwere Pslicht, die man mir auferlegie, als erste Busße übet;
mich zu nehmen. Ich betete auf meinen Knieen um die Krasi,
der Selbstbeherrschung, und Gott schenkte sie mir. Ich bezwangs
mein Herz, ich konnte Amanda sagen, was man von ihr ver-!

- - L A k - -
langte und was zu Guunsten ihres Bewerbers sprach. Ich rieth
ihr, dem Wuische ihrer Eltern nachzulommen; ich rieih nhr,
den Weg z gehen, auf den die Vorsehung sie üihren zu
wollen schien.
Sie hörte mich an, gi aber entsezt, als spräche ich eine
gps
Gotieslästerung aus. Ihre Auuge fil'tenn sich mit Thhränen,
und die Händ vor der Brust faltend, fragte sie mich mit stra-
fendem Tone Das verlangen Sie, grade Sie von mir? Das
wagen Sie mir als Tuugend, als Pflichterf!illung vorzuzeichen?
Und als ich verwirrt und sprachlos vor ihr stand, hot sie ihre
gefalteten Hände gegen mich empor und fragte schluchzend:
Giebt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen Labyrinthe,
keinen Ausweg als den Meineid, an dem der Mensch zeitlich
und ewig zu Gruunde gehen muß?
Und wieder schwieg der Caplan. Angelika reichie ihm die
Hand; er drickle sie ihr leise und fuhr dann fort Der Stunde
folgte eine Zeit voll schwerer Verblendung. voll großer Noth,
voll kiefer Verwirrung. Als Selbstiberwinder, wenn auuch herz-
zerrissen, gingen wir beide daraus hervor. Ich verließ dak
Haus, Amianda verlangte in ein Kloster einzuireten. Da h==
.- NIs-
lichkeit der Eltern, die Vorsicht des Arztes wollten davon nicht
hören, denn ihr Körper war dem Seelenleiden nicht gewachsen;
sie verzehrie sich in ihrem Schmerze.-- Niemand wußte, was
ihr fehle; wir haiten einander ewige -ennung und ewiges
Ns-:
Schweigen gelobt. Ich hörte nichts von ihr, als in den sel-
tenen Fällen, in denen Baron Franz mir schrieb und ihrer
Erwähnung that. Aber er lebte damals neicht im V... hauuse
fo9
und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwwester.
Dre: Jahre waren so hingegangen, fuhr der Caplan fort;
ich lehrte von einer Missiondreise aus deu I===-- oon: Sild-
amerika zuru-«. als ich von Amanda's Vaier die Anfrage er-
cl.K
hielt, ob ich mich entschließen könne, seine Frau und Tochter
zg

--- hR- -
auf einer Reise zu begleiten. Ein furchtbarer Schrecken kam
über mich. Ich wußte, wie es stand, da Amanda mich zu sich
rief. Ich fuhr Tag und Nacht. Es war früher Morgen, als
ich in dem Schlosse eintraf. Alles schlief. Ich befand mich
wieder in ihrer Nähe; ich wagte nicht, nach ihr zu fragen.
Als man sich im Hause erhoben hatte, lies; die Baronin mich
rufen. Ihre ersten Worte bestätigten mir, was ich bereits
wuszte. Sie werden mein armes Kind verändert finden, sehr
verändert, sagte die Baronin, indes; Gott ist ja allmächtig und
kant Wunder thun! Die Aerzte vertrösten uns auf die Luft
des Südens. Meine Tochier iheilt unsere Hossnungen fiir ihre
Genesung nicht, aber sie winschte Ihre belehrende Begleitung,
und wir waren sicher, das; Sie uns nicht fehlen wirden, da
wir Ihrer nöthig hatten.
Eine Stunde später fihrte man mich zu Amanda. Welch
ein Wiedersehen war das!-- Die Reise wurde nach wenig
Tagen angetreten. Noch vor dem Beginne des Herbstes erreich-
ten wir Jtalien, ließen wir uns in Venedig nieder. .h war
N
immer bei ihr. Niemand wehrte es uns. Sie war freien
Geistes, sie fing an, wieder Muth zu fassen, und es schien eine
Weile, als kehre das schwindende Leben wirklich noch einmal
in sie zurück, als könne das Leiden sich noch besiegen lassen.
Aber diese Hoffnung, schwwach wie sie war, stürzte meine Seele
in den alten Kampf zurück. Die Angst, die Verzweiflung,
welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod erfüllt
hatten, die auftauchende Möglichkeit, sie gerettet zu sehen, die
Frage, was dann aus uns werden solle, machten mich fast
sinnlos. Meiner selbst nicht mächtig, brach ich das Gelöbuiß
des Schweigens, das ich ihr einst gegeben hatte, und bekannte
nhr, daß es mir nicht möglich sei, in ihrer Nähe zu weilen,
ohne zurückzufallen in die sindhafte Verwirrung, der ich mich
einst kaum zu entziehen vermocht hatie.

- 1
Er fuuhhr sich mit den Häiden iler die Augen. Dann
seufzie er und sagte Sne hielt eine oeise Rose in ihrer Hand
in jener Slunde. Die Rose sanl eniblättrrt zur Erde nieder,
als ich, vernictet vont Amanden's Thränen, --- - 8--b-b-
isifs Nc-zf ofiifne
.s-ss Pssis--nd s,is. if:
if mfifss
zg. i!d, ihNe C;, ;; - -- ==o---= -« -==1-- --»; -----z
ps A.
sl,siös
hin und schwieg, aber sie hliel ruhig u thränenlos. Sie
hätten der Nose die paar armten Lebenssiundenn - zarstören
s.sis
sollen! sagte sie da... endlich. ---- ---- u.n diese Rose,
T,.-f fi--s T,
wvennn ic ticht uuehr sein werde--- und das wird uict lange
auf sich wartenn lassen!
- lifpis:
Sie haiie in den etzten Woche:n nicht mnehh. =----
z- sAn
e ode g.; ochen, ich bescwor sie, diese dD - -- --g. lungrn zl
M,p- bN..si
-ssz-
verbannen; sie wollte icht, das; ich dieselbrn -- - ------ -
Afsss,-s firfmikp
Her Td ist sir uns le:. ---- er isi ein Eigel des Frie-
h« N.
dens fitr uns. der uns Erlösung bringt! sprach sie. Sie
mütssen mit mir den Himnniel -u- danlen,---; -r mich bald
nfzs s
.,ifü=-
abberufen wird. Wir haben schöne, schöne Tage hier mii-
einander gelebt, wir werden uns einst rein und geläutert wie-
dersehen, um -lz. lnlch bei einander zu bleiben. Die
shisn D,.l?
=------- --- -- -=g dazwischen liegt, was ist sie neben der
d fs nn,
Ewwigleit, die uns erwartet'?
Mein Sinn war verdistert, meine Leidenschaft band mich
an die Erde, tc k-ü.=- --=« -== - ---zz1g nichl erheben.
mi-fn iififli -- j lzw.p sHzzssH
E,s, s ,iisifn :ssn iini: (Fzsssneo
iswvifoss Is»-Is.is sfsßii -szipiri:
o,zF s E? 1llt« uuln)u-sss ==»==111VsZ=z 11lul1=ll =T.11-CG.sb 111Fs »s7i-z1y
s. fn,iis= l.ss,-»-sif z=-in sfis zs-s l-inmo a
=»=e -= - -=-- =-===--=z--s- i=p -s»z ----- ui. Ißejg et Sje
ss.s
---»=-- sagle sie, ich werde Sie nicht verlassen, g- - ---=---- -
,lz sspsAp issis:v
bei Ihnen sein, mein Freund!
Was hilft mir da?, wenn ich Sie eichi sehe! rief ich in
der Wildheit meines Herzens.
Og,! nunf-s.lif. si= üsd. -s.-- N
V-« - -- -p-- is- --=»- -g- aonl llang; mtilh yie keines
-isdo-s PF,.ss,s-
=-===- -- »--ugil Sjjtzzpe, Sjg s0.a ----» »=-z s zo-- -=- ---
slpzs zfssrhs siF sp fios: fion:n
Goti es zulästt, das: wir den Lebenden erscheinen. Heiligen

- 10---
Sie Ihr Leben! Leben Sie es im Dienste Goktes und ver-
gessen Sie der weißen Rose nicht! Sie soll Ihnen ewig eine
Mahnung an die menschliche Schwachheit und ein Zeichen
meiner Nähe sein. Sind Sie das zufrieden?
Ich hatte keine Antwvort, als meinen siummen Schmerz.
Sie ließ mich versprechen, das: ich ihr die Auugen schliesßen und
läglich für sie beten, das; ich ihre Mutter nicht verlassen, daf
ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder bleibee
wolle. Sie trug mir auf, ihre Asche nach Richen zu schaffen
und weisße Nosen pflauzen zu lassen vor der Thüre der Fa-
milien-Gruft.
Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich
finr alle Zeit, sagie der Erschitterte mit Ergebung.
g,
an Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe. Der Mai
war zu Ende, als sie starb. Ihe Wille geschah. Wir brach-
ten ihr Sterbliches nach der Heimaih, ich habe die Rosebische -
selbst gepflanzt, ich habe auch ihrer Mutter das Auge geschlos-
sen und bin ein Hüter des Grabes geworden, dad sie deckt.
All mein Wünschen war am Ende, und der Ehrgeiz, das Ver-
langen nach weltlichem Ansehen und nach weltlicher Macht,
die mich sonst zuweilen beseelt, waren damit für inmer in mir
erloschen. An dem Orte zu weilen, wo sie gelebt hatte, zu
wirken, wo ihre Milde gewaltet, das war Alles, was ich be-
gehrte; und mit inbrünstigem Verlangen, mit täglichem Gebet
erwartete ich es, ob sie mir kein Zeichen geben würde. -- So
kam der Jahrestag ihres Todes heran. Ich hatte an seinem
Vorabende lange im Gebet gewacht; am Morgen eingeschlum-
mert, weckt mich ein Klopfen an der Thire. Ih rufe herein,
N
ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer, und das
Erste, was ich erblicke, ist ein Strauus von weißen Rosen, der
mir in seiner Hand entgegenwinkt,
Er schwieg, von seiner Empfindung iberwältigt, und blieb

tr z
- - P e. Z, === -
lange in seinen Erinnerungen versunken. Dann richtete er sich
empor und sagte mit sanfter Rührung: de weiße Rose hat
mich seiidem durch mein ganzes Leben begleitet. Im Wachen
und im Traume ist sie mir plözlich entgegengebracht wocden,
wenn mein Sinn verdisteri war. Sie hat w ich ermahnt und
erhoben, und es wird sich ja wohl Jemand finden, sie auuch
mir einsl auf den Sarg zu legen und sie auc auf mein Grab
zu pflanzen.
Er erhob sich und krat an den Kamin, die Lichter zurecht
zu ricken. Mit feuchtem Auuge, unfähig, de Eipfindungen,
die sie bewegien, Worte zu leihen, sah Angeüila ihm nach. Sie
haite in den ernsten, stillen Zigen des Caplans diese Vergan-
genheii nie gelesen; sie wuste jezt, was ihn an der Arten'schen
Familie festgehalten, was ihn bewogen hatie, in Richten zu -
bleiben, ihn, dem eine grösßere Wirksamkeit nicht häite fehlen
können, wäre er gegaugen, sie auf weiterem Felde zu suchrn.
Von einer Vorstellung zu der anderen, von einem Gedan-
ken zu dem anderen schreilend, fragie sie nach langem Schwei-
gen plözlich: Und wer war der Knabe, woher hrachte er Ihnen
jene ersten weisen Rosen?
Er war der Sohn einer Witwe, den Fräuulein Esther aus
der Taufe gehoben hatte und den ich auf ihren Wunsch in einer
gewissen Aufsicht hielt.
So war es Fräulein Esther, welche ihnen jene Rosen
sendete?
Durchaus nicht! Die Mutier des Knahen, die ich in
einer Krankheit hier und da besucht, schickte sie mir als Erst-
linge des Jahres.
Und wieder schwieg die Baronin eine Weile; dann sagte
sie: Sie erwähnten der Tante Esther, haben Sie dieselbe näher
gekannt?
«=- versezte der Caplan. Sie hatie fin ihre Nichte die
,

--=- h e,f a ==
-wzz
größte Zärtlichkeit, und Amanda hing an ihr mehr noch als
an der eigenen Mutter. Auch war sie die Einzige, welcher
Amanda, ohne daß ich's ahnte, in früher Zeit ihr Geheimniß
anvertraut hatte, und fest und treu hat sie es ihr bewahrt.
So wußie Tante Esther also auch von der Verheißung
der weißen Rose?
Sie hat nie davon gehört! versicherte der Caplan; ich ssbst
habe mich davon überzeugt.
Angelika war beirossen. Sie haite noch wähhrend der Er-
- zählung des Caplans mehrmals nach dem Käsichen geblickt, das
sie bei seinem Eintreten in der Hand gehabt. Jetzt nahm sie es
hervor, schloß es auf, und dem Gaplan den Nosenkranz hin-
reichend, den sie in der Vase in Esther's Zimmer gefunden
hatte, fragte sie ihn, ob er denselben vielleicht jemals bei der
Tante gesehen habe.
Gott im Himmel, und grade heute! Heute grade, da die,
Geschichie jener Tage zu ersten Mal lber meine Lippen
kommt! Heute muß ich dieses Pfand in meinen Händen hal-
ten! rief der Caplan und blickte mit Rührung auf die Per-
len nieder.
Die Baronin wiederholte die Frage. Sie wollte wissen,
von wem die Gegenstände stammten, sie zeigte das Crucifg
und das Gebetbuch vor; der Caplan betrachtete beides lange
und still.
1
Daß die Sachen uns so überleben! sagte er nach einer
Weile. Amanda hatte das Gebetbuch mit Nosenkranz und
Erucifix von einem der armenischen Mönche auf San Lazzaro
bei Venedig zum Geschenk erhalten. Sie fand eine große Er-
hebung in dem Gedanken, daß schon seit Hunderten von Jah-
ren gläubige Herzen ihr Gebet daran geknüpft, und sie starb
mit diesem Rosenkranze in der Hand, mit diesem Grueisi auf
ihrer Brust. Die Worie in dem Buche hat sie selbst geschrle-
=

1
U


s
i
s
l

- - 1 eIC -- -
ben mit letzter Kraft und bebender Hand, als sie mir auftrug,
.illes dies nach ihrem Tode ihrer Tante zu senden. Ich würde,
ß
hätte ich's nicht mit angesehen, ihre llare. seine Schrift sonst
nicht in diesenu schwanlenden Zilgen wieder z erkennen vermi-
gen.-- Er hielt das Buc lange in seiner Hand. Dann
legte er es nieder und sagte gedanlenvoll: Und grade Sie, Frau
Baronin, muszten diese Heiligthüümer finden! Grade heute mustte
ich dieselbe:n wiedersehen ! -- -, wie lönnen Sie zweifeln, das
Gvii denenn, die er seiter Gmiade wilrdigl, wu ndervolle Zeichen
schicht?
Er sprach nicht weiter, die Baronin fragte nicht weiier.
Aber sie löste den lleinen Ning von dem Rosenlranze ab und
steckte ihn an ihre Hand, die sie dem Caplan reichte. Denlen
Sie, mein Freund, sagie sie, wenn Sie diescs Zeichen an meiner
Hand erblicken, daß zwei edle Herzen, daß Amanda und Esther
mir es zugewendet, daßß sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen
haben, und ßehen Sie mir bei, wenn ich einmal --- sie srach
die Worte mit tiefer Erschitterung --, wie jene geprüften und
bewährten Seelen, einen Stab brauche, mich darauf z z=-p--
ssho
und ein Licht, mir zu leuchten durch das ===- - -
Dess-K.s!
., das will ich, versezte der Caplan; aber Sie bediürfen
meiner nicht. Wer ihn suchet, den Erlöser, der findet ihn;
wer nach seinem Lichte ruft, dem erhellt er den Pfad. Er hat
Sie bereits zu sich gerufen; geben Sie sich ihm zu eigen, und
sein Friede wird über Sie kommen hier unb dort.
Er legte seine Häide segnend auuf ihr Haupt und ließ sie
zurick in stillem, eifrigem Gebet.

Kapitel 09

Neuntes Capite l.
Fer Winter entschwand auf diese Weise, ohne daß der
Baron an die Rückkehr auf das Land gedachte. Er fand Be-
hagen an der Residenz, an der Folge immer neuer Zerstreuungen,
und Alles, was er sich noch vor wenig Monaten von seiner
Ehe, von seiner Hänslichkeit auf Schlos; Richten versprochen
hatte, ja, Schlos; Richten selbst trat davor so sehr in den Hinter-
grund, das; es Angelika oftmals bedinken wollte, al? mache
es ihn unmuthig, wenn man ihn daran erinnere. Ein Mann, i'
der, wie der Baron sein Leben hindurch auuf äußere augenblick
liche Erfolge gestellt gewesen, findet sich auf die Länge nicht -
leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und in seinem Hause be-
friedigt, auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf, um Vergessen- -
heit dadurch zu erlangen.
Endlich, als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der
Residenz sich anschickte, aus ihrem städtischen Winteraufenthalte
wieder auf die Landsize zurückzukehren, wurden auch in dem -
freiherrlichen Hause die Anstalten zur Abreise getroffen. Indeß
der Baron fand immer noch einen Grund, einen Tag und -
wieder einen Tag zu zgern, und die Ungeduld seiner Gattin,
die sich in die Stille ihres Schlosses hinaussehnte, steigerte schj
daran bis zu einem krankhaften Verlangen nach der freienß
Natur. Als dann aber die Stunde der Abreise herankam, be- j
merkte der Baron, daß seine Gattin sich mit Wehmuth von1
dem Hause trennte, in das sie mit Widerstreben eingetreten;

--- 1Hh--
war. Sie fielte nichi mehr die Zuuversicht z m Leben, sie hatte
nicht mehr die volle Hoffnung auf Glick, welche sie an ihrem
Hochzeitstage beseelte; und seit sie dahin gekommen war, an
F ihren Brauutstand und an ihre Juugend wie an eine gliicklichere
,Vergangenheit zurick zu denken, flöste das ererbte Haund, in
- wwelchem Alles von einer Vergangenheit sprach, ihhr keine sie be-
z ftemdende Empfindung mehr ein. Zudem war ihr Gutes und
, deilsames in dem Hauuse widerfahren. Sie hatte tiefer in ihr
s eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen,
, det stärker war, als sie. Sie hatte in dem Caplan einen väter-
ß lichen Freund und Beraiher gefunden und den Glauben ge-
, wonnen, dasß die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden
, und nahe bleiben. Das waren so viele Quielleü: neuen Hoffens.
ß daß sie Muth fir ihre Zukunft daraus schöpfte. Ud als sie
ß dann endlich sah, mit wie ungeheuchelter Betribniß Mamsell
FMarianne von ihr Abschied nahm, als sie dieser immer noch
F inmal versprechen muste, sie holen zu lassen, wemt die Baronin
Jhrer Pflege bedürfe, so schied sie endlich selbst nur mit Thränen
sund mit dem festen Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante
sßüsther's Haus und von den Bildern derselben, die so manchen
ztillen Seufzer von ihren Lppen gehört, so manche heimlich ge-
sweinte Thräne aus ihren Augen hatten fließen lassen.
F Indeß die Frühlingssonne will im Freien genossen sein,
zund der Baronin, die von Kindheit an sich in Garten, Feld
ßund Wald bewegt, ging das Herz auf, als die Thore der Ne-
ßsdenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge, nicht mehr von
hden Häuserreihen beschränkt, sich in weiter Ferne ergehen konnte.
He näher sie auf ihrer Reise der Heimath ihres Gatten kamen,
gum so leichter wurde ihr zu Sinn, ja, sie empfmnd es in ihrer
fföhlichen Erregung kaum, daß die Zufriedenheit ihres Mannes
ßmnr eine getheilte war und daß er sich ihrer beginnenden Heiter-
Fbeit zwar erfreute, daß die frische, offene Zärtlichkeit, welche sie

!
?

176 - -
ihm lange nicht zu zeigen vermocht hatt.. ihm zwar Vergnügen
bereitete, aber daß er sie im Grunde seines Herzens nicht mit
ihr theilte, wie sie es erwariete. Er war nicht mehr derselbe,
der er als Bräutigam gewesen wwar.
Gegen den Abend des sechöten Tages erreichten sie die
Grenze der Herrschaft Nichien. Der Baron machte Angelika
darauf aufmerksam, und da sie ihn liebevoll und gerührt umarte,
bewegte es auch ihn.
wie Sculzen der Dörfer, die Schullehhrer mit der ganzen
Kinderschaar haiten sich unter einems fiir den Eiipfang der
Gutsherrschaft errichleien Ehrenlogen auufgesielli, uud der greise
Pfarrer selbst war herbeigelommten, der juungen Guutöherrin mit
ernster und freuundlicher Ausprache an das Herz zu legen, was
man von ihr fir die Güter und ihre Bewohncr erwarte und
hoffe. Der Baron, obschon seinen Insassen und Uniergehenen
ein läszlicher Herr, haiie von jeher solche Alte d Feierlichleiien
al herlömmliche Huuldigugen mit einer ebent so herlömnmnlichen
Herablassung hiugenouen, und was sich emwa bei derlei An-
lässen in seinem Gemiüthe menschlich geregt, damit hatte er bi?-
her leichl fertig zu werden gewuust. Heuie war das anders.
Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau, er sah ihre Freude
darüber, daß sie in Richten war, wo sie weit sicherer heimisch.
zu werden hoffte als in der Residenz; es fiel ihm ein, daß dieje.
Kinder um ihn her, die ihn un- Angelika hier an der Grenze
«
seiner Herrschaft willkomen hießen, einst den Sohn zum Herrn
haben würden, den er von seiner Gemahlin erwartete, und
heute hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als
sonst. Er war selbst gerührt, er hielt die Hand seines jungen
Weibes fest und zärtlich gefast, er dachte seit langer Zeit zum
ersten Male wieder daran, welch ein reines Herz. welch einen
RR

----- J,e, F====
ß ihr zugebracht habe, die ihr nicht erwünscht gewesen und durch
ß die sie ihm selbst entzogen worden war. Er fihlte Lust, ihr
F dies zu sagen, aber er stand davon ab, weil es geheißen hätte,
ihr einen Irrthun einzugestehen. Indeß er versprach sich, d:esen
F Irrthum gut zu machen; er war glücklich, daß dies noch in
seiner Macht stand, und in die Zärilichkeit, mit welcher er
Angelika an seine Brust drickte, mischte sich ein stolzes Gesühl,
als man bald dadauf, nachdemn der Wagrn das geschmüickte
,Dorf passirt hatie, Schlos; Nichten auf seiner Höhe vor sich
llegen sah.
Die Tage waren schon wieder lang, die Sonne noch nicht
untergegangen, und die blasse Sichel des Neumondes schimmerte,
-von ihr erhellt, silbern und leicht an dem blauen Himmel.
Alles war klar und eintönig in der Natur, nichts stach beson-
-ders beleuchtet hervor. Das nackte Erdreich der Heide, die brach
liegenden Felder, die kahlen Weiden am Bache und die lange
Linie des grosen, sich weithin erstreckenden Waldes hatten alle
denselben röthlich-braunen Ton, über den der bläuliche Nebel
sich zu verbreiten anfing, und doch zeichneten sich die Gegen-
stände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich, daß
-das Auge seine Freude daran hatte, daß die sanfte Einförmig-
eit der Landschaft den Sinn beruhigte und man es sich gern
zvorstellen mochte, wie der vorschreitende Frihling hier bald
Fchalten und walten und Alles mit seiner reichen Fille schmücken
sund verschönen werde.

Die Baronin war von dem Anblicke des Schlosses über-
rascht, als hätte sie es nicht zuwor gesehen. Es übertraf an
zStattlichkeit noch bei Weitem das Bild, das sie in ihrer Vor-
Fiellung davon bewahrt hatte, und daß der Bau in seiner Unregel-
näßigkeit die Spur des Bedirfnisses oder der Laune an sich
aNa

-- 1HZ--
Charakter des Historischen, gab ihm sein feudales Ansehen, in-s
dem es den Glauben an die Selbstherrlichkeit seiner Besizerj
verstärkte.
Pon der uralien, auf steiler Höhe rechts über dem Schlosse ;
liegenden Stammburg, welche einst die Ebene und den Flußj
beherrscht und reichen Zoll von der Schissfahrt auf demselben s
gezogen haile, waren nur noch die Hälfie der Auszeunt uern
und die beiden Thürme erhalten, die sich, breit und verbunden -
mit einer von vielen Fenstern durchbrochenen Zwischenmauer,
unverlenbar als ein Bamwerl aus der Zeil der deuischen Ritier
darstellten. Diese Burg war aber schon zur Zeit der Refor-
mation verlassen worden, und man konne es an der Architektur,
des jetzigen Schlosses noch deutlich wahrnehmen, daß die Herren
von Arten, als sie aus ihrer Burg in das Thal hinabstiegen,
weder die Macht jener Vorfahren gehabt hatten, welche einst
die Buurg gegründet, noch den Reichthum, mit welchem der-
Großvater des jetzigen Besizers das Schloss im Style der Ne-
naissance vergrößert und verschönert hatte. Die lange Hauht-
fronte desselben mit dem thurmartigen Aufsatze in der Mitie,
den der Vater des Barons sich für seine astronomischen Lieb-
habereien hatte errichten lassen, daneben die beiden Seitenflügel,
welche sich weitgreifend, wie vorgestreckte Arme, zur Rechten'
und zur Linken ausbreiteten und den großen, mit alten Bäumens
umgebenen Rasenplatz umfaßten, machten einen schönen Eindruck.!
Hier werde ich glicklich sein! rief die Baronin aus; hier,
wo nichts mich von Dir trennt, wo nicht kalte gleichgültige
und genußsüchtige Menschen sich zwischen uns stellen! Hier-
wirst Du mich lehren, was ich thun muß, Dir zu gefallen,'
Dir zu genigen und Dich zu beglicken! Hier, wo Du und
Deine Vorfahren als Kinder spielten, hier ist unsere Heimath,
hier gehören wir hin, und hier -
Sie verbarg ihr erglühendes Gesicht verschämt an ihres

--- , I--
Gatten Brust, aber ihre Worte ergänzend, fügte er mit gehobener
Stimmung hinzu: Hier sollen Deine Kinder, unsere Kinder
und Kindeskinder ihre Heimath haben und dad Geschlecht auf-
recht erhalten, das nun- schon iber vierhundert Jahre seinen
Wohnsiz auf diesem Grunde und Boden hat.
Das walie Goii! sprach Angelila aus vollem, gläubigem
Herzen und bog im uächsten Aungenblicke den Kopf zum Fenster
hinaus, als sie in das zweite Dorf der Herrschaft einfuhren.
Das ist Rothenfeld, sagte der Baron, und wie ein Schleier
-zog es iber seine Mienen.
Es war vorbei mit der frohen Erhebung, die ihn noch
eben erfüllte. Er häite die Augen schließen mögen, um nicht
den Weg zu sehen, den er so oft gekommen war; er hätte es
nicht sehen mögen, das kleine Haus am Ende des Dorfes, dessen
schmuckes Asehen der Baronin aufsiel uned dessen geschlossene
Laden ihrem Manne das Blut aus den Wangen weichen machten,
als Angelika die Frage aufwarf, wem das Haus gehöre und
warum es nicht bewohnt sei.
Mein Amme hat darin gelebt! antwortete der Baron, und
mit plözlichem Entschlusse sezte er hinzu: Aber es ist baufällig;
ich muß es niederreißen lassen.
Angelika war zu sehr beschäftigt, um dies auffallend zu
finden, denn die einzelnen Theile des Schlosses traten immer
deutlicher hervor. Der Baron wies ihr die Fenster der Zimmer,
die fitr sie bestimmt waren; die Grenze des Parkes wurde er-
reicht, und man langte noch zeitig genug im Schlosse an, um
die Neihe der Gemächer bei Tageslicht zu durchwandern, um
die junge Herrin die Aussicht aus dem Wohnzimmer genießen
zu lassen, das der Baron ihr mit den antiken Statuetten aus-
geschmickt hatte, um ihr lebhafte Aeußerungen der Freude über
ihre nene Heimaih und über die Landschoft um sie her zu
entlocken.

Kapitel 10

Zehnt es
la p - - -- --
s s s- l
e
,uii einer Wirlsamleii auf ihsre lungelung gchört sitr eine
===?
Frau ein besonderer Siun. Gabenn des Geistes und Gitte des
Herzens khun es nicht allein. Es ist dazu eine Beobachtung
nöthig, welche das Bedirfen der Andern verstehht und errath,
und jener selbstlose guie Wille, der das eigene Bedinnfen im
Verhälinisse zu demn sremden uichi iiberschäizi. Aigelila war
von einer Mutter erzogen, welche diese Eigenschafien in hohem
Grade besaß und welche es verst..d, ihren Gutsinsassen eine
hilfreiche Herrin zu sein. wie sie ihren Kindern eine treffliche
Muiter war. So hatte Angelika es frih gelernt, fitr Aidere
zu sorgen, und jetzt, da sich ihr in Richten ein eigener Wirlungs-
kreis eröffnete, wie zu ihre Mutier von je gehabt hatte, fing sie
- -- un, sich recht als Hausfuuiuu und als Herrin zu empfinden.
oz-s -
=-- alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als
c1.-
d ------ wvelche der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes
, N,-s=snf- s
in der Hauptstadt angenommen hatte; die großen, hellen Sale,
die man theilweise in ihrer alterthümlichen Pracht belassen, die
wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eicheumöbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zinnner, welche man modisch er-
nenert, und sie sprach es bald nach ihrer Ankuunft in Richien
zuversichtlich auus, das; sie sich hier nie einsam fihlen könne.
E sei ihr, als lebten alle die verehrten Vorfahren mit ihr,
hier in unuunierbrochener Neihhenfolge geschasft und gewaltet,
ihr den Wohzüsiz z lerrilen, aus en sie slolz sei une wen
die
usn
sie

-- 16! -
die Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Pri.ster-
dienst erscheine. Sie besaß jenen lebendigen, historischen Sinn,
der eine grosße Stitze für den Menschen, un den ererbter Besiz
in bevorzugten Naturen zu enkwickeln geeignet ist.
Es verging daher nuur krze .-, bis sie die Lebenverhhält-
D.ls
nisse der Leute kannte, welche ihr dienten, lis sie wusßte, was
geschehen müsse, sie zufrieden zu stellen, und was im weiteren
Kreise in der Herrschaft ihres Mannnes fin: bas Wohl ihrer
Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das
nch Folge neugieriger, gewaltsamer Fragen, nichi absichtliches
Erforschen. Weil sie thheilnehmend war, kam ihr iberall das
Vertrauen entgegen. und der Gaplan stand ihr mit Rath und
Aufschlusß iberall zur Seite. Die ersten A age i: Richten flegen
ihr auf solche Weise wie Siuunden schnell dahhin, und das schöne
Frühlingswetter erhohte ihr Behagen.
Der Baron, der es seit dem Tode seiner Muiter entbehrt
=e, eine Hansfrau im Schlosse walten zu schen, hatte Freude
s.Fss -
an der stillen Thätigkeit seiner jungen Gattin, ja, er gestand
-=-- das; sie hier erst recht an ihrem Platze sei, das; sie ihm nie
Is.s
zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem Schlosse. Er
verließ sie auch wenig, sein Auge folgte ihr überall, aber es
kam Angelika bisweilen vor, als ziehe oft plözlich ein schwer-
=thiger Ernst durch sein Gesicht, wenn er sie betrachte, als
sisif
sei es nicht nur seine Lebe für sie, welch. h--- -= --ähe
-- -ss ss-us- 9;
sn
h ss
z s--=-se, sondern als bewache er sie und die Personen, welche
, sie bedienten, mit einer ihr unerklärlichen Achisamkeit. Sie
neckte ihn damit, er ließ es gelten; indessen von Tag zu Tag
fiel es der Baronin mehr und mchr auf, daß in dem Betragen
ihres Mannes auch hier in Nichten ein fortdauernder Wechsel
l.s-s-s
=--;ute, dasß er oft sehr reizbar, oft noch schwermithn=-----
epv spsnr
als in der Stadt, ja, das: er recht eigentlich launenhaft ge-
F. Le walb, Von Geschlecht zu Geschlechi. l.

=- 1ß-
A
worden und eine Unruhe über ihn gekommen sei, welche siej
früher nicht an ihm wahrgenommen hatte.
z
Er machte im Hause Anordnungen, fir welche sich kein Grund ;
absehen ließ. Er fand die ganze Eintheilung der Zinmer, welche
er vor seiner Verheiraihung selbst veranlasßt hatte, unzwecäsig.!
Bald wurde Dieses geändert, bald Jenes, und man war noch !
nicht vierzehn Tage im: Schlosse, als der Baron seine nal der
a.errasse und dem Flusse hinauussehenden Gemächer ein für alle ;
e-
Mal verließ und ein paar andere Zimmer fiir sich auswählte,-
welche nach der entgegengesetzten Seite gelegen waren.
Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn
richtete, verschlimmerte seine Stimmung, so daß sie sich in ihrer
Sorge an den Caplan wendete, um von seiner Erfahrung sich
Rath zu erholen. Der aber schob die Veränderung, welche mit
dem Freiherrn vorgegangen sei, leichthin auuf eine Hypochondrie,
mit der man Nachsicht haben müsse, und ersuchte die Baronin,,
es ihren Gatten nicht merken zu lassen, daß man seine gesteigerte
Reizbarkeit und seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld ?
und Zeit würden Alles wieder heilen.
Angelika ließ sich die Trostgrinde des Caplans gefallen,?
und der treue, herzenskundige Mann wusßte sie so vielfach zu
beschäftigen, so zuversichtsich auf bessere Tage hinzuweisen, daß;
seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedirßuiß wurde. Auch(
der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jezt!
in Richten nicht enibehren zu können. War er allein in seinem?
Zimmer, so forderte er fast immer die Anwesenheit des Caplans,
und selbst wenn er sich bei der Baronin befand, zog er ihn ?

meistens als Dritten hinzu.
Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in-
der Nesidenz völlig gesäitigt zu haben, denn er verließ das
Schloß sehr selten, und selbst die nothwendigen Besuche in der'
Nachbarschaft, von denen häuufig die Rede war, wurden immer!

-- ,iZ--
noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie ein-
sam und still man in dem sonst so gastlichen Schlosse lebte.
Sie war hingenomten von den neuuen Verhältnissen, in denen
sie sich bewegte, von der Sorge um ihren Gatten, von der
Hofnuung auf ihr Kind, und der Verlehr mi! den beiden
Männern gab ihrem Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung
aller Ari.
E waren bald literarische, bald künstierische Gegenstände,
welche die Unterhaltung bildeten, aber oor Allem liebte der
Freiherr es jezt, die großen Grundsäze der sitilichen Welt-
ordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen. Ethische
und dogmatische Fragen, die angeborne Sündhaftigkeit des
Menschen und die Nothwendigkeit seiner siitlichen Erhebung
lagen ihm ossenbar sehr am Herzen, während der Gedanke an
den Tod, an die Usterblichkeit und an die Art der Foridauer,
welche dem Menschen gegeben sei, ihn jezt nicht minder lebhaft
als in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise be-
schäfiigte. Aber auuch das Nchstliegende wucde erwogen. A-
gelika und der Caplan fanden nach solchen Gesprächen den
Gutsherrn meist geneigt, Verbesseruugen in der Lage seiner
Leute zu bewilligen und manchen vorhandenen Mißständen Ab-
hülfe zu bereiten.
Es war seit Monaten festgesetzt worden, daß die gräfliche
Familie von Berka zu dem Osterfeste, das diesmal spät im
N,
Jihre siel, ihren ersten Besich bei der Tochter machen sollie,
und man fing bei Zeiien an, sich darauf vorzubereiten. Der
Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, ließ seiner
Gattin in allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte
endlich sogar darein, die lange verschobenen Antritisbesuche zu
machen, damit es seinen Schwiegereltern bei ihrer Auwesenheit
nicht an Gesellschaft fehlen möge. Indeß er ließ sich zu allen
diesen Dingen nur bestimmen, er hatie, wie es schien, fir den
z; -

-- 1ßF--
Augenblick alle Lust uw Kraft zu irgend welchem selbstständigen
Entschlusse verloren. Wo aber der Hausherr krank. wo das
Oberhaupt der Familie selbst der Schonung bedürftig ist, muß
die Hauusfrau nothwendig an seine Stelle kreten, und Angelika
fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese
Pfiicht.
ae näher die Aluuifi der Ihrigen heranlamn, um so fr .-
diger sah sie ihr entgegen. Sie winschte, vor ihrer Familie
Ehre mit den Besizungen ihres Mannes einzulegen. als deren
uheilnehmerin sie sich jetzt fihlle, und sie hatte eben die lange
Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten,
als sie sich zu ihrem Manne begab. um ihn zu einer gleichen
Besichtiguung aufzufordern. Bei dem Freiherrn eintretend, fand
sie ihn aber it dem Eaflan in einem Gespräche, das plözlich
abgebrochen wurde. Der Caplan steckte einen Brief in seine
Tasche, der Baron wendete sich flichtig ab. Jener verlies das
Zimmer, und voll Bestirzung fragte Aigelila, ob etwas ln-
angenehmes gemeldet, etwas Schlimnies vorgefallen sei?
Der Freiherr versicherie, das; dies nichi der Fall sei; sie
ersuchte ihn, ihr zu sagen, wovon er eben jetzt mit dem Caplan
gesprochen habe, und dies zu thun, schlg er ihr ab. Weil sie
aber grade heiter und gnuten Muthes war, wollte sie ihren
Willen durchsetzen. Sie bat, sie schmeichelte, sie umarmte ihren
Mann, es half ihr nicht, und wie man denn, eben wenn man
in guter Laune ist, eine abschlägige Antwwort oft um so schwerer
fühlt, rief sie plötzlich betribt und gegen ihre Gewohnheit heftig
werdend, die Worte aus Es ist aber wirklich, als sollte ich mich
nie mehr recht von Herzen freuen!
D- Ton, ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre
N
äraurigkeit, als ihre Worte. Der Freiherr wurde davon ge-
rührt. Er ging an sie heran, nahm ihre beiden Hände, sah
ihr lange und prüfend in die Augen, und fragte dann mit


---- hy--
einem Auödruuc ernster Trauer: Siehsst Tu wohl, daß Deine
Hssz-iifsns O,zs. zsss s.nsfom
=-==---b-s -- --=- - -z-- - daß Dein ersies Emhyfiden hei
dem Begeguen mit mir Dich eich- Jetäusct hat?
s H.
Sie war auf solche Frage nicht vorlerritc., und dieselbe
sand sie daher fassingslos. Was musßte seit;. -. dem: Herzen
or iis
des Freiherrn vorgegangen sein, das -
z-smsss
- -=- -- lonnte? Sie hut.i. thmt mit ei:nemu
ss,-
was sie fihhlie, aber das war -.. eitem
sssis n
ssz-rF.
is-=--l. Hatte er denn nicht gesehe., wic
diese Frage an sie
Worie sagen nögen,
Worte nicht auszu-
sie ihn liebte, nicht
msn-s?
- ae1-- . -. vie sie sich um: hn sorgte? Beucete ----- -----
- Z Aozi -:if e
ss.-
Dg äuseres Thunn ? Der Gedanke, das; e- ==s-=- --- -b--
sziß-s
,s»sis s,-ss lnfsmor
D5 -
-- z ersten Male an ihr Eipfinden denle, überwältigte
;e, und verstuummend lehnte sie den Kopf aun seine Brust.
Er zog sie an sich und luuszte ihree. Armes Weib!
- Tii--
sagle er, ! . = u- hättest ein heiteres Loos, einen anderen Mann
,it H.
nn»dipsii !
e,
--igelila erschral vor dieser Gedauo;olge des =uonS,
1,is-
,.ß.s
und beide Arme um seinen Hals schlingend. rief sie: Franz!
Un Goileövilleu, das snge, das denle uichi! Was fehlt mir
denn, als u- tch wieder heiter zu sehen? Was peinigt
mi.- ed«
isFß Aipffs
-----=----. als die Sorge, Dich von einem: Kummer beherrscht
zu wissen, denn Du mich uicht theilen lah. - oH =-- das
V F -,s-
I.s.
Dich etwas b=- - vaßß Du mir etwas verbirgst, daß auf Deinem
v.=-Fs -
Leben etwas lastet, und ich darf Niemanden frage., was es
1
s, d. =ut es mir ver;»»-== -i-- Oft ist es mtr, als wisse es
-- es,
-s-siinsbisi
si:s N,.
---- .der uuster -ir, als lon, als müsse ic es erfahren, es
iis'
ablesen können von diesen Wänden, es aeschrieben finden in den
Asspssnfs dovni- Jsd pii s
=-s-- -- -- -- - =-=- -«a ulilsel, -wo lcs VzäJe DüUll ili -s
siss
s zssiz
selhst, an meinem Herzel, 6 ------------g«uDe, .= -=»--= -
s: msninofss Kzz-ss,-
ei: frft-zpe
Liebe zu ==--; denn ich meine, die Lebe mütsse mich seherisch
cc..-
machen -- aber es ist Alles umsonst! Du =-; --=- -====s-
.lss üssd- l8s.ss
s,l1».
UIgs==-=g, seit wir hier sind, und ic dg=- ---=s- --=- -
liisn z-is miindiz-,!

-- 16--
Die Thränen traien ihr in die Auuugen, der Baron sah
finster aus und war sehr bleich geworden. Kaum bemerkte sie
das, so fielen ihr die Rathschläge des Caplans ein. Sie nahm
sich zusammen, warf scherzend den Kopf zurück, zerdrückte die
Thränen in ihren Augen und sagie mi! lächelnbem Munde:
Aber wie komme ich mir denn vor? Ich wollie Dir erzählen,
wie gliicklich und wie stolz ich bin, die Eliern ibermorgen f'r
in unserem Schlosse zu empfangen, und ich weine, weil Du
es mir verweigerst, mir einen Brief zu zeigen, der mich sicher-
lich nichts angeht. Vergieb mir, geliebter Mann, und se!
wieder gut!
Sie reichte ihm ihren Muund zum Kusse, er drickte ihr
ernst die Hand. Armes Weib, wiederholte er, Du duldest,
was Du nicht verschuldet hast, und wir sprechen von einer
himmlischen Gerechtigleit!
Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell. Rath- - I
los blickte sie ihm nach. Die Ahnuung, daß irgend eine schwere -
Verschuldung das Gewissew ihres Manies belaste, regte sich -
wieder in ihr. Aber was konnte es sein? Was war ge-
schehen? Wann war es geschehen?
Sie wollte ihm nacheilen, ihn auf ihren Knieen beschwören,
ihr zu vertrauen. Juung, wie sie war, fühlte sie jhie Krafi, -
Alles mit dem Manne zu tragen, den sie liebte; indeß die Ge- -
wohnheit der Achtung hielt sie ab, ihrem Gatten auszusprechen, -
daß sie ihm ein Schuldbewußtsein zuerkenne, und selbst dem -
Caplan wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschäftigte und
bekümmerte.
Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend
vor langen. unansgesezten Qnalen zuriückschreckt, fing sie am
andern Morgen wieder an, die Gedanlen auf die Ankuunft der
Ihrigen hinzuwenden. Das erschlosß ihr das Herz. Sie snchte
Gründe hervor, sich zu beweisen, daß sie zu schwarz ßesehen
1
l

- h 1 F --==
-
' habe, sie wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen
P ein heiteres Agesicht zu zeigen.
?
t
fs
nf
f

Amt Mittage, als es warm und schön war, trat die Ba-
ronin aus dem großen Saale des Erdgeschosses auf die Teerasse
hinans und blieb eine Weile unter der Thhire stehen, sich des
Auiblicks zu erfrenen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne
den Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm, hatte sie in
ihrer Anlage doch, e!wwaö Grosßartiges, das auch in solchem
Zustande gefallen und imponiren konnte. Die Hermen mit
f
h den Köpfen der griechischen und römischen Dichier sanden
z feierlich auf der Höhe und sahen ernsihaft auf den Beschauer
Z hin, aber rund um sie her waren die Bäume noch kahl, und
h der Blick schweifte, durch die Freiheit in die Ferne gelockt, bald
F von den Steingebilden zu dem Lebendigen hiniber, das sich in
ß der Natur zu regen begann.
-ährend die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich
s mehrmals damit auf, die Sträuuche und Bische zu beiden Seiten
, derselben zu betrachten, denn überall färbten die Stengel sich
F schon röthlich oder grin, iberall waren die Knospen geschwellt,
, daß man meinte, gleich heute' müsse der warme Sonnenstrahl
F se zum Aufbrechen bringen, gleich heute müßten die Blätter
z sich entfalten und den ersten wunderbaren T.ft des frischen
is
P Grüns durch die Lfte strömen.
F Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich
s
-z wie ein Teppich ausbreitenden Beete schimmerten weiße Köpfchen
L
,z hervor. Die Schneeglöckchen hatten sich in der Frühe herans-
nF gemacht, und Angelika bickte sich, die halberblühten zu brechen,
s-
-g um sie zu schnellerem Erschließen in ihre Zimmer mitzunehmen,
, , und sie dann ihrem Gaiten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten
h Kindheit alljährlich den kleinen Strauss von Schneegldckchen der!;,
I; utter als Aebesgabe, als erstes Zeichen des Frlhlings zu! 'ee
zh bringen gewohnt gewesen war. Das bewegte ihc im Jnnersten
!
1-
s ;
?

---- ,ßZ--
das Herz, das ohnehin von all dem quuellendenn Werden um sie
her bei dem Gedanken an das z- - == --- das sie ihrem
snr. N,s,nss
Manne nun bald selbst nls Erstlingögahe ihrer Ehe in die
Arme legen werde, in schnelleren Schhlägen pochle. Ihrr ganze
Seele war ein Gebet. Sie war vol! a..l gegen den Schöpfer,
c,i
der ihr Lebendloos bestiuml und geleilel, voll Lebe sitr die
Eltern, voll Sorge und Zärtlichkeit fitr ihren Gatten und voll
der seligsle:n Freude bei der Hossuz auis ihsr K id.
Alles, was sie umgal, hatte jezt dreiface. ----- -- I
s ,1I=-s. ss.- s'
Alles, was sie liebte, wward in ihren Geiste neben einander
nur noch enger verhunden duurch das ersehnte Kind. Sie sah
es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen Plätzen,
uunter dem Schatten der Bäuume, der hiex Geschlecht nach Ge-
i=-===- -b=------, es dinkte ihr unmöglich, das; der Sinn des
sFal,.s s..-s8»----s -
Vaiers sich -=- - seinem Kinde erhetern sollie. Hosfnung
zsi»sis -i
und Zuuversicht reichten sich in ihrem Herzen die Hand, daß die-
Freude ihre Schritie beflitgelte und sie weite und weiter am
Ufer des Fluusses vorwäris ging, mit sich selbst beschäfiigt und
doch fortgelockt von jedem neuen Anreize, den der Frihling
darbot.
Hart am Wasser, wo das dichte Gebitsch den Sonnen-
strahlen wehrte, lag am Nande noch eine leichte Eisschichi als
= -- - daß die Nach. noch kalt gewesen sei.-- === w=--
L,dRFiißo
D,Fi
Dohlen hüpften prüfend darüber hin, wendeten die Köpfe mit
den klugen Augen vorsichtig nach all..=-- -- - -=====---v-u
oss F,isSs fi-i- f.zs s Zsz
Czs.szsozpA ni: isnfnin
o=---=---- ---- -==--- und schwangen sich dann in die Höhe, um
bald darauf an anderer Slelle niederzufallen und das gleiche
Nz-s-isib-
n fnin dormeloss 9ss,n»- issiffnis iss doiss sibfs-if.-s H,,iss.
---u.uulu zi. uwuu » =-» -f =eH= s s - »s== z li sss=s- zi s aslss =?- s - - 1»1s zaeui;juüz
da, wo die Sonne es erwärmte un. - -ü-== -, schossen schon
d. soe,p
lK,s- s
=--=--- die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu
s.s=ssss8s
sonnen und der euen Wärme zu genießßen, während die neu-
angekommenen Schwalben mit schnellem Fligelschlagz g, bid
sif

-- ,ß-
tief auuf die Fluth herabsinken ließen und im Streifzuge über
das Wasser wieder die erste Jagd versuchten.
Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit
einem: Male schien es ihr, als hinge an der Wurzel einer
Weide, die sich weithin in das Wasser ersireckte, eiwas, das
sich hin und her bewegle, ohne doch von der Stelle zu lommen.
Sie betrachtete es genauer, es dikte sie ein Stitck Zeug zu
sein, das sich vou dem: Wasser auuufblähie, und bald lam e ihr
vor, als sähe sie unter der Hiülle und unter dem Wasser die
Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken vor-
wärts nach der Brücke, wo der Gärtner beschäftigt war, und
machte ihn aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und
sagte, es werde wohl irgend ein alter Lumpen sein, den man,
Gott weiß wo, in das Wasser geworfen und den der aufgehende
Strom bis hierher mit sich gefihrt habe. Dabei versuchte er
aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Ba-
ronin zum Mitgehen und zum Verlassen des Plazes zu be-
wegen; indeß diese ließ sich so leicht nicht bestimmen, wo sie
ihrem Auge trauen zu können glaubte. Sie hieß den Gärtner,
F ihr zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen,

s welche die Wege für die erwartete Ankunft der Gäste reinigten -
F und harkten, bis an das Ufer angelangt, und als die Baronin
; mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse
F erreichte, hatten schon die Frauen sich hinabgebückt, und zogen
= mühsam den Leichnam eines Weibes aus dem Wasser, der kaum
noch menschliche Züge verrieth.
i
Um Goties willen, gnädige Frau Baronin, kommen Sie
?
h fort von hier, das ist nichts füür Sie! rief der Gärtner dringend.
h Aber Angelika, obschon sie vor Eutsezen schauderte, meinte
h ua
überwinden zu müssen.
?

1
T
g.
T

Ist hier denn Jemand ertrunken? fragte sie.
Der Gärtner verneinte es. Wer weiß, von wo die Leiche

--- ( 7ßs-
herabgekommen ist! sagte er, und auch die Frauen schwiegen
vorsichtig. Aber ein kleines Mädchen, die Tochter eines Garten-
arbeiters, das von der anderen Seite neugierig herbeigelaufen
war, als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte, sagte ganz
verwundert: Kennt Er denn die Pauline nicht mehr, Herr
Weisghold? Das ist ja die Pauline aus Noihenfeld, die sich
ins Wasser gestürzt hat, den Morgen. wie der Herr Baren
zr Hochzei! gefahren isi!
Unsinn, Unsinn! rief der Gärtner und schob das Kind
mit heftigem Stoße auf die Seite.
Aber die Baronin, welche keine Sylbe von den Worten
der Kleinen verloren hatte, hielt sie zurick, und bleich, mit
erstarrenden Züigen fragie sie: Au Rothenfeld ist diese Todie?
Ja wohl, aus dem Hause, das jezt eingerissen wird, ver-
setzte das Kind mit aller Bestimmtheit, welche Kinder in ihre
Rede zu legen wissen, wenn man dieselbe bezweifelt. Ja wohl,.
es ist die Mamsell aus Rothenfeld.
Und Pauline heißt sie? wiederholte die Baronin, aber es
waren die lezten Worte, welche sie sagen konnte. Sie grif
mit der Hand nach dem Gärtner, als suche sie eine Stüütze,
und sank ohne Laut besinnungslos zusammnen.
Man trug die Ohnmächtige in das Schloß; der Schrecken,
die Aufregung waren allgemein. In wenigen Minuuten wußte
die ganze Dienerschaft, was vorgegangen war. Die Sorge um
die junge Herrin, das Mitleid mit ihr ließen sich vernehmen,
wo zwei Menschen beisammenstanden. Ein reitender Bote ward
zuum Arzte in die nächste Stadt geschickt, man spaunte den
Wagen an, der jenem folgen sollte. Die Kammerfrau und der
Caplan waren um die Leidende beschäftigt, der Baron stand,
ein Bild der Vernichtung, an ihrem Lager.
Es währte lange, ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten
verrieth, daß Angelika dem Leben wiedergegeben sei. Als sie

= ,; F ( =
erwachte, fielen ihre ersten Blicke auf den Boron. Er hatte
sich zu ihr geneigt und kiste, niederknieend, leise ihre Hände.
Sie wehrte es ihm nicht, aber ihr Auge ruhte mit einem Aus-
druck der Trauer auf ihm, der ihm das Herz durchbohcte.
Er wagte kaum zu fragen, wie sie sich fühle, denn ihre Klage
wäre eine Aillage fir ihn gewesen, und gleichsam um sie zu
beruhigen, sagte er ihr, dasß nach dem Arzte gesendet sei und
dasß er sicher nichl as sich warlen lassen werde!
Sie bewegke leise verneinend das Haupt: Ich bedarf bes
Arztes nicht, entgegnete sie. Das ist der Arzt, den wir brau-
chen, und er wwird uns nicht verlassen!-- Sie reichte dabei
dem Caplan die Hand, er legte sie in die ihres Gatien, so
blieben sie eine Weile schweigend beisammen. Es war ein Un-
abänderliches geschehen, man mußte versuchen, zu sich selber zu
kommen, und die Baronin war es, welche sich zuerst ermannte.
Sie hatte kein Urtheil über die Zeit, welche seit ihrer Ohn-
macht verflossen war, und fragte danach. Man sagte ihr, das
es Mitiag sei.
Morgen um diese Stunde werden sie kommen! meinte sie,
ihrer Eltern gedenkend. Dann richtete sie sich auf und verlangte,
sich zu erheben. Der Baron wünschte sie davon zurück zu
halten, auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten Ein-
wendungen, sie wollte nicht darauf hören.
Ich musß wohl sein, wenn meine Eltern kommen, sagte
se, und ich habe auch keine Schmerzen. Laßt nicht mehr da-
von die Rede sein; aber ich habe Ruhe nöthig, ich möchte
, allein bleiben fir einige Stunden.-
Man fügte sich ihrem Wunsche. Als der Caplan und
Zhre Kammerfrau sich entfernt hatten, trat der Baron an sie
Aeran, um ihr die Hand zu geben und ihr zuzusprechen, ehe er
Fie verlies;; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an.
- Es hat keinen Segen gebracht, sagte sie, daß wir uns die
-

-- 17-
Hände reichten, und wenn es wieder geschieht, so muß es in j
einem anderen Sinne und in einem anderen Geiste sein. Auf j
dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen - - -
Höre mich, Angelika, bat der Baron.
Nein, jezt nicht! versezte sie mit groser Festigkeit. leber- j
lege auch Du, was uns beiden frommt. Ich hatte mir ge- j
schworen, mich ganz und iherall Deiner Führung zu über'?ssen, j
als ich Dir Trene gelobte. Den ersten Eid kann ich nichtz
mehr halten, den zweiten- werde ich halten, und Gott wird mir j
helfen und mir sagen, auf welche Weise ich es thun, auf welche s
Weise ich Dir meine Treue bezeugen soll. Ls; mich mit mir
und meinem Gott allein! -
Der Baron blieb vor ihr stehen; es überkam ihn die l
Ahnung. daß in dieser jungen Frau eine Stärte des Willens j
und des Charakters verborgen liege, die er nicht in ihr ver-j
muthet hatte, und in die widersprecheuden Gefühle, die ihn er-
schiütterten, in das Entsezen, welches das Auftauchen der Leiche j
in ihm hervorgerufen, in den Schmerz und in die Sorge,?
welche die Ohnmacht seiner Gattin ihm verursacht hatie, in ?
das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das Widerstreben !
endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen ?
der gräflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu undj
ein Widerwille gegen die Herrschaft, welche Angelika über ihns
erlangen zu wollen schien.
Bedenke, was =. thust, sagte er nachdrlicklich; bedenk,s
D
daß Verzeihen und rösten die schönsten Vorrechte des Weihes
sind, und daß man Geschehenes zum Guten wenden muß, daj
es unmöglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem?
Zwiespalt, der mich bedrängt, und es wird mich glicklich!
g
machen, es Dir zu danken!
Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika'sz
Mienen regte sich kein Zg. D, Gott gebe, das: ich uns ,
N,
s

helfen laut, so Dir wie mir, sagte sie seuuszend, ihre Auugen
mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber
keine Thräne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron.
Er versuuchte, sie zum Sprechen zu bringen, iha Erklärungen z
geben -- es war umsonst, sie wollte ihn nicht hören, che sie
sich gesammelt hatte, und er mußte endlich darein willigen, von
ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber überließ. Er firchtete
Angelika, das lonnie er sich nichi verbergen, und eine Frau,
welche er auch nur einen Anugenblick gefichiet hat, die liebt
ein Man wie der Baron nicht mehr.
Als Angelila sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich
ein Aufschrei der Verzweiflung und des Jammers aus ihrer
Brust hervor. Sie hätte beten mögen, aber sie vermochte es
nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt. Sie
hing an dem Baron siärker, leidenschaftlicher, als es ihr ge-
geben war, dies äusßern zu können. Sie war sein Weib gewor-
den in der reinsten Hingebung, mit dem Gefihle des Glickes,
und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen, Pauli-
nen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirath
des Barons fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
Diese Vorstellung erdriickte die Baronin. Sie fihlte sich
entwürdigt und mißhandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen
Gatten gegenüber zu einer Schmach. Der Baron, zu dem sie einst
mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand als ein
Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drängte
und mahnte, sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es
sie auch zog, Hülfe gegen all das Elend bei ihm selbst zu
suchen, ein uniberwindliches Entsezen hielt sie davon zurück.
Wohin sie das Auuge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's
Schatten stieg überall vor ihr enpor. Jezt begriff sie es, wa-
rum der Baron die Zimmer gewechselt hatte, warum er es
nicht hatte ertragen kdnnen, auf den Fluß hinab zu schauen.

==- , F ==b=-
Bangle es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen
Zimmer, daß sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus
Furcht, zu sehen, was sie nicht glaubte ertragen zu können.
Das Alleinsein ängstigte sie, aber sie konnte sich nicht entschließen,
ihre Bedienung zuriic zu rufen. Es wuste ja ein Jeder, was
in diesem Hause vorgegangen, und auf welche Weise, iber wessen
Leiche sie al Herrin in dasselbe eiugezogen war.
Beient, belen! ries sie imimerfori, indes dc Gebet wollte
ihrem Herzen nicht entsirömen, sie vermochle ihren Geist nicht
aus seiner Niedergeschlagenheit zu erheben. Sie kau sich selbst
als eine schwere Sünderin vor, und doch wollte sie beten, nichi
nur für sich, sondern auch füür ihren Gatien und die Todie.
Sie fühlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu er-
klimmen, sie sehnte sich nach einer hilfreichen Hand, sie empor
zu fihren, ihr das Thor des Himmels zu öffnen, in den sie
ihre Gebete zu schicken winschte; da fiel ihr Auuge auf Amanda's
Betring, den sie am Fingzer trug, und wie ein Lubsal ertönien
die Worte: ,Mein Freund in der Noth, der Stab, der mich
hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der ich mich erhob, das
===-- dessen Leuchten mir die lange Nacht erhellen wird! in
V1,s
ihrem Herzen plötzlich wieder.
Du sollst mein Beispiel sein; Dn Heilige ud Neine!
rief sie auus. Selbstiberwindung und Entsagung! dad ift's.
Sie sank auf ihre Kniee nieder, und ein heißes Gebet um
Hilfe und Erlösung befreite ihr das Herz.
Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann
aus demselben hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem
Baron. Er ging ihr schweren Herzens entgegen, weil er niht
wußte, was er von ihr zu erwarten habe, und weil er Mitleih
mit ihr finhlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte ße::
Trage keine Sorge um mich, es ist mir besser, als in den
Tagen angsivoller Unngewißheil. Ich weiß jezl, was mein Berus.

= , F H =-
ist, und so gewiß als ich Dich liebe, ich werde trachten, ihn
nach besten Kräften zu erfüllen.

Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen hres Versprechens;
und da sie nicht weniger gerührt war, als er selbst, schloß er
sie in seine Arme. Sie wehrte ihm das nicht, ja, es wollte
ihn bedünken, als sei ihre Hingebung weicher und freier als
seit langer Zeit. Er leiiete sie zu einem Sessel und knieete
an ihrer Seite nieder, sie sanft umfassend. Sie legie ihre
Hände auf seie Schultern, und da sie in sein ernstes Antliz,
in seine Augen blickte, die so fragend und schmerzlich auf sie
gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.
Siehst Du es wohl, daß Du ein besseres Loos, einen
andern Mann verdient hättest, als eben mich? wiederholte er
' in der Erinnerung an ihr gestriges Gespräch.
Sie schiüttelte leise das Haupt. Mir fehlie nichts als Dein
Vertrauen, Dein volles, ganzes Vertrauen! betheuerte sie. =- .
e
wenn Du es gewußt hättest, wie biiter es mir oftmals ankam,
?- mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen, während
, ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen könntest - -
i- Sie brach plötzlich ab und fragte leise: Wer war die Todte?
, wer war sie? das muß ich wissen.
j -
Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen,
t
F aber da er es gethan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er
j; erzählte ihr Alles, Alles,Jwas er einst dem geistlichen Freunde
; gestanden hatte. Angelika hörte schweigend zu. Die Dämme-
? rung brach allmählig herein, des Freiherrn Mitiheilungen wur-
? den dadurch begünstigt. Er konnte nicht sehen, welche Wirkung
se auf seine Gattin übten. Mit, lebhaften Worten schilderte
z er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er sich in den
; Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.
z? Was ich in jenen Angenblicken auch an Dir verschuldet,
? wie sehr meine Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag,

s

z r c
zZh, F 1? ===
sagte er, mein Leiden war noch unerträglicher. Ich konnte?
meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein Verzweifelnder,
umhergerissen zwischen den widersprechendsten Enpfindungen.
Wenn ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und
in Deinem Vertrauuen, so rief es in mir: Dn bist ein Mörder
und verdienst sie uicht! Wenn der Schmerz um Pauline mir
das Herz vergiftete, so lockie es mich in Deine Nhe, un ich
dachte: ihre Liebe wird dich erlösen, bei ihr wohnt Friede, bei
ihr werde ich vergessen, an ihr werde ich süühnen, was ich dork
verschuldei habe. Ich war meiner selbst nicht mächiig! Nur
daß ich unglicklich war und dasß ich Dich gliicklich zu machen
wüünschte, das stand fest in mir.- Da, an dem Abende vor -
unserer Hochzeit, als man im grauen Saale den Kaffee einge-
nommen hatte, kam man auf die körperliche Erscheinung der
Verstorbenen zu sprechen. Man wuszte nichi, was man uig ,
that, als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte. Iäh,
vermochte mich nichi zu überwinden, nichi auf die Scherze Deines
Bruders einzugehen, als er mich neckend anrief, aber unwill- ;
kürlich sah ich nach der Stelle, auf die er zeigte, und als man!
die Thüre öffnete, als das Licht in den Saal einströmte, da!
sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem Hinter-?
grunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagendI
auf mich gerichtet.
Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhtß
er nach längerem Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast!
alltäglich in der Einsamkeit meiner Zimmer, so hat sie sich oft!
emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur unter dem Menschen-?
gewühl, nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor ihr.,
Keine innere Kraft schitzte mich gegen sie. Das war es, was
mich in der Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesell-ß
schast als eine Besreiung suchen ließ; das war es, was mich
hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit denß

--- (7?--
Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist
es, was mich zur Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr ge-
liebt, als ich es ahnte und wußte; ich liebe Dich, Angelika,
Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen kannnst.
Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich
in den Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergällt! - Ich
hatte immer gemeint, einen starken Geist zu haben, ich habe
mich iber mich selbst geläuscht. Schwach, wie ich mich fühle,
möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büßen;
aber der Glauube versagt sich mir. Was bleibt mir übrig?
Sage selbst- was bleibt uir ibrig?
Angelika hörte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Ver-
zagtheit, sie sah in dem lezten Scheine des Dämmerlichtes, der
durch die Fenster drang, die Versunkenheit, in der ihr Gatte
das Hauupt auf seine Hände fallen ließ, und Alles vergessend,
außer dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt für gute
und fin böse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barherzigkeit
Goites, die büßende und sühnende Reue, und die Liebe!--
, Ja, die Lebe! wiederholte sie, und schloß ihn an ihre Brust,
-die Liebe, die mit Dir leiden und büßen und sühnen will, was
Du verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf!
Ich bin bei Dir, Franz! ich will bei Dir sein in jedem Augen-
Iblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und Frieden, und
z ßott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht
umsonst ist die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen,
J nicht umsonst ist Amanda's Angedenken in meine Hand gelegt
, worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es soll uns
überall gegenwärtig sein. Wir haben einander! wir haben in
dem Caplan einen treuen Freund und Führer, und unser Er-
-lser ist ja auch fir uns gestorben. In seinem Namen reiche
-. mir aufs Neue Deine Hand, in seinem Namen laß uns vor-
, F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

--- 178 -
wärts gehen. Komm, komm, mein Freund! komm, und richte
Dich auf!
Sie schlossen einander in die Arme, der Baron sah zu
ihr wie zu einer Heiligen empor. Er knieete vor ihr nieder,
er küsßte ihre Hände voll inbrünstigen Dankes, er gelobte sich
ihrer Führung finr alle Zulunft an. So innig verbunden
waren sie eiander nie gewwesen. Angelila erhsol sich zun si.
Sie hing sich an ihres Gatten Arm, und ihn mit sich fort-
ziehend, führte sie ihn in das erleuchtete Nebengemach, in
welchem das helle Licht ihnen zu Hülfe kam, die Aufregung
ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äuserlich in das
Geleise des alltäglichen Lebens zuriüczufinden, während die Feier
der verwichenen Stunde noch in ihrem Herzen nachzitterte.

Kapitel 11

Elftes Ca pitel.
H folgenden Morgen, ganz in der Frühe. begrub man
=='
Pauline, fern von den anderen Todten in einer Ecke an der
Mauer, auf dem Kirchhofe von Neudorf. Am Vormitiage
uhr der grose Reisewagen der gräflich Berka'schen Familie auf
den Hof des freiherrlichen Schlosses.
Die Baronin weinte vor Freude, als sie die Eltern wie-
Jersah; aber man fand, daß sie wohl aussehe, daß sie etwas
ßber ihre Jahre Ernstes und eine gebietende Haltung gewonnen
habe. Mit grosßer Genugthuung führte sie ihre Eltern in dem
Fchlosse, in dem Parke umher, und sie verweilte am Mittage
znit ihren Gästen lange auuf der Terrasse, damit den Leuten
hus dem Dorfe, wenn sie die Eltern ihrer Herrschaft sehen
hvollten, die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle.
F Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende
Fer Terrasse ein Frihstick aufgetragen. Die Diener in ihrer
ßala-Lvröe standen bereit, es umher zu geben, während die
ßerrschaften noch auf und nieder gingen. Sie waren schön
ßuzusehen, die vier hohen, stolzen, heiteren Gestalten. Der Graf
ßud der Baron in ihren Sammetröcken, die goldbesetzten drei-
häigen Hite auf deu wohlfrisirten Köpfen, die feinen, blanken
ßala -Degen an der Seite; die Baronin an dem Arme der.
Mutier so freundlich plaudernd, die Mutier so voll Zärtiichteit
hür ihre Tochter. Die seidenen Schleppkleider schimmerten in -
Fo hellen Jarben, die kleinen Federhite sasen so fröhlich auf

- , Zß -
den hochgetragenen Häuuptern. Sie wußten die Fächer so schön ;
zu handhaben, daß die Flittern in der Sonne glänzten. Ea -
sah an ihnen Alles anders aus, als an anderen Leuten, und
selbst das kleine Schooßhündchen der Baronin und der dicke
Mops der Gräfin gingen hinter den Frauen so bedächtig ein-
her, als wären sie eigens dazu angelernt.
Die Gräfin lobie ihre Tochter, daß sie die Rücksis füt
die Leute nehme, ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen. Der Graf
sagte seinem Schwiegersohne, er müsse seinen Leuten wohl ein
guter Herr sein, daß sie so begierig wären, seine Schwieger- I
eltern kennen zu lernen. Es kam allmählich das halbe Dorf
zusammen. Die Leute standen unten am Parke, nicht weit
vom Flusse. Näher ließ der Gärtner sie nicht heran.
l
Sollt's Einer denken, sagte er zum Kämmerer, wie die F
gnädige Fran hier gesiern erst gelegen hat, und was geslern z
hier passirt ist!
s
Der Kämmerer zuckte die Schultern. Ihre Schuld war's (
nicht, meinte er; und was soll sie machen? Es hängt Keiner (
z
gern seinen Schandfleck vor die Thiire.
Das ist schon wahr! rief die Gärtnersfrau; aber daß sie
so vergnügt aussehen allesammt, der gnädige Herr sowohl al? l
unsere gnädige Frau, die doch sonst so gut ist! Keine ruhig z
Stunde könnt' ich auf der Welt mehr haben, hätt' ich so etwas j
auf dem Gewissen!
Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen, sagte der Jäget;
und lachte spöttisch und bitier; s war ja nur des Jägers Kindlz
Was macht das solch nem Herrn, und gar der gnädigen Fraul
Die wird froh sein, daß sie die Pauline los ist. Ob Unsereiner?
umkommt oder lebt, wen kiümmert da?
Der Gärner hieß ihn still sein. D. Iäger ging mitj
einem Fluche davon. Sie sagten, er habe selber ein Auge auf
die Pauline gehabt, ehe der Baron sie genommen.
-

-- 18! --
- E kommt Ihnen doch einmal zu Haue und Dach! wandte -
Einer ein, der des Jägers Freund war..
Verbrennt Euch den Mund nicht! oarnte drohend der
Gärtner. Seine Frau aber meinte, so reich und so vornehm
zu sein und Alles vollauf zu haben, ohne das; man seine Fnger
rühre, das sei doch das wahre Glück.
Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem
Jnnern daä Loos ihrer Kinder, weunschon. es ihnen als ein
ganz natirliches erschien. Der Graf dachte, dasß er sich nicht
getäuscht habe, als er seiner Tochter die Herrschaft in der Ehe
vorausgesagt, die Gräfin gestand sich mit Genugihuung, daß
die Besorgniß, welche sie für Angelika's Zukunft bei deren Ab-
reise aus der Heimath gehegt hatte, eine ungegründete gewesen sei.
Die Anhänglichkeit, die Zärtlichkeit der Eheleute lies nichts zu
wiinschen ibrig, der Baron zeigte eine wahre Anbetung für
z seine Frau. Man sah es ihm allerdings noc an, daß seine
z Gesundheit gelitten hatie, aber er und Agelika versicherten
F beide, das; er sich auf dem Wege völliger Genesung befinde,
Jund seine freundliche Zwvorkommenheit, seine sichtliche Zufrieden-
heit bestätigten die Aussage.
Man machte und empfing viele Besuche, das alte Leben
-lehrte nach Schloß Richten wieder zurück. Daß die Baronin
z sich Abends bisweilen früher als die Anderen in ihre Zimmer
Perfiigte, daß sie am Morgen stets eine Stunde mit dem aplan
ällein blieb, war dabei nicht auffallend. Eine Herrschaft wie
, -Richten legt ihren Besizern mancherlei Sorgen und Verpflich-
Ptngen auf; das wuußten Angelika's Eltern, und sie freuten
Fsich daran, wie sehr die junge Herrin ihrem Berufe entsprach,
g
t wie ruhig und klar sie aussah, wenn sie von der Axbeit kam,
NS
ßwoie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses,
fder Caplan, der offenbar ihr Helfer und ihe Beistand war, sich
fsgen sie bezeigte. Nuur Eines machte die Eiiern Angelita's
k

-- 18!--
besorgt: es war die Hiuneiguung zum Katholicismus, welche
man an ihr zu bemerken glaubte. Aber man mochte dies nicht
gegen sie aussprechen, um nicht in ihr wach zu rufen und zum
Bewußtsein zu bringen, was man zu verhindern wimnschte, und
Graf und Gräfin Berka verliesßen nach einem vierzehntägigen
-==- -=- =ochter mit dem festen Glauben, das das Glück
Ns. is.-= K
-i)
derselben ein wohlbegriündeles sei und auuch ein daueru - P
bleiben verspreche.
=- - -=-un begleitete seine Schwiegerellern zu Pferde bis
Az- ßh,sz
an die Grenze seiner Besizungen. Es war seit langer Zeit das
erste Mal, das; er ein Pferd bestieg. Angelika stand in ihrem
Zimmer am Fenster und sah ihnen nach; der Caplan war bei
ihr. Als der ezt. =«ugeu um die Ecke gebogen war, wendete
s- Me
sie sich zu dem Geistlichen in das Zimer zurick.
Das ist vollb..,.. sagte sie, nun helfen Sie mir weiter!
GHfpzs
Sie sezte sich dabei nieder, als wenn sie mide, sehr müde ski.
Gott hat bis hicher geholfen, Gott wird weiter helfen!
ermuthigte der Caplan.
D, das hat er und das wird er! rief die Baronin. Und
N,-
ernte ich -=- chon jezt die Früchte der Selbstüberwindung
s..s s
in der Ruhe, die auus meines Gatien Mienen zu mir spricht?
Fühle uu, nicht schon jezt die Befreiung, die mir geworden iß,
s,s-
seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthullte, seit Sie mir llar!
gemacht hau., auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen geH
xpis
kommen ist, und daß er den ziichtigt mit seiner strengen Hand,s
den e- ---. p-« z ruufen und zu erlösen gedenll durch seine 1
v -isssl
N.e

Gnade?
Der Caplan y-- -sr --.- und schweigend zu. Es istz
Szs. s
osss
ein großes Glick, sagte er endlich, einen Irrenden auf denj
rechien Pfad zu leiten. Man nen. dies Christenpflicht, und
sollte es eine Gnade Gottes heißen, die uns zu Theil wiwd.j
Ich danke ihm, daß er sie mir vergönnt hat. Un--
R. Hiis: i

-- 183---
H.
Sie, meine Freuundin, auf demn Wege seh: der Sie z .rem
Ziele fihren wird, uun lassen Sie uns durauf sinnen, wie wir
dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen, deren er
benöthigt ist. Seine Phhantasie isi immer noh erregt, er bedarf
der Ableitung von dem, wwas ihn gepeinigt z.k. - -edarf einer
siss
.s s.
neuen Jdee, die ihn beschäftigt. Die Erinnerung an die Un-
glückliche mnuss ihu von ausßen her lebendig vor Augen gehalten
werden, um ihre Schrecken fitr seinen Gest zu verlieren. In
seiner inneren Zerrissenheii und Verzagiheii hal er dad lleine
Haus abbrechen lassen, welches sie einst hewohnte. DaS =-
nicht wohlgethan. E hälte erhalten, abee einer anderen Be-
stimmung gewidmet werden müssen. Man p== -=-- - - - -
s.ßss.- dif
Eine Capelle gründen solle., rief die Baronin, und das
miißte man uoch thun! Dort eine Capelle zu erbauen, das
würde dem Sinne des Barons entsprechen, würde seine Ahatng-
keit in Anssruch nehmen- -
Der Caplan unterbrach sie. Sie vergessen, gnädige Frau,
dasß die Provinz nicht mehr zu den katholischen gehört, das -=-
- sfsif
uns in einer protestantischen Provinz, unter einem protestanti-
schen Volke, in ecolsia gresea, befindun. Dte Freiherren
von Arten haben sich des;halb, seit dte Refermation die Gottes-
häuser unserer Kirche hier in der Provinz zrrstörte, stets nur
mit einer Capelle in ihrem Schlosse genigen lassen, u-- ----=--
r fpffnofn
Anstoß zu erregen.
Anstos;? fragte Angelka, die jung C---ii--»=e, alle zin-
dernisse und Bedenlen gering zu schätzen, wo es von hr auf
eine geisiige Befriedigung abgesehen war. Haben die Leute doch
ihren Gottesdienst, ihre Kirchen nach -=- pre und nach ihrem
i sis-=- N,l.
Glauben. Wer kann uns hindern, Gott anzuleten nach unserer
Weise und ihm eine Capelle zu erbauuen, m dec wir ihm dienen
können nach unserer Neberzeugung?
Wir? fragie der Caplan. Sie sind nicht katholsch, Frau

---- 18--
Baronin, und mich will bedünken, als würden ihre Eltern, als'
wüürden der Herr Graf und die Frau Gräfin einem Wechsel
Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen
vermögen.
Angelika zdgerte zu aniworten. Dann sagte sie Was
Sie mir einwenden, ist richtig, mein verehrter Freund! Meine
Mutter und mein Vater haben Andeutungen gegen mich f' In
lassen, die mir, wennschon sehr vorsichtig, ihre Besorgniß in dem.
Punkte verriethen. Aber die Schicksale der Menschen sind ver-
schieden. Gott hat meiner Eltern Leben so gefüührt, daß sie
nicht Gelegenheit hatten, ihre Unzulänglichkeit und die Schwäche
unserer Natur kennen zu lernen. Sie hatten ihm nur zu
danken für seine Huld und Gnade, und ich will hoffen, daß
er es ihnen so vergönnen werde, bis er sie einst abruft. Mir
ist das nicht zu Theil geworden.
Sie machte eine Pause, ihre Lippen ziterlen leise von
unterdrücktem Schmerze; aber sie überwand sich und fuhr ge-
faßt und ruhig also zu sprechen fort: Gott hat mich einem von
mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben, dessen Leben
nicht frei von Irrthum und von Schuld geblieben, dessen Sinn
vom Glauben zum Aberglauben abgeirrt, dessen Gewissen schwer
belastet ist, und der fast die Kraft verloren hatte zu der Um-
kehr, die ihm Genesung seines Herzens bringen soll. Er be-
darf meiner, ich muß Eins mit ihm werden auch im Glauben, -
denn Mann und Weib sollen Eins sein; und schwach und -
sündhaft, wie wir Irrenden es sind, haben wir nach meiner
festesten Neberzeugung eines sichtbaren Vermitilers, einer sicht-
baren Kirche, haben wir der Zeichen und Symbole nöthig, uns
täglich daran zu mahnen, was zu thun uns obliegt. Daß Sie,
Hochwwüürden, das tiefste Innere unserer Herzen kennen, Sie,-
dessen Verschwiegenheit unverbrüchlich ist; Sie, den kein anderes
Interesse an uns bindet, als die Liebe, deren Verkünder Sie-

-- 18! -----
sind, das Sie uns rathen, uns zuurechtwe:sen, das ist ein Be-
dürfniß fir uns. Es ist ein Bedirfniß für us, körperlich und
geistig uuns zuu demithigen, uns Busßen aufzuuerlegen, denn d.-
zerknirschte Herz verlangt seine Strafe, um sich mit dem Be-
wußtsein, gelitten zu haben, weil es leiden machie, wieder er-
heben zu lönnen. Uid das ich weisß, durc sichibare Zeichen
weiß und es erfahren habe, wie die edelstenu der Frauen unseres
Hauses, wie meines Gatten früh verklärte Schwester und die
fromme Tante Esther mir im Geiste nahe, wie sie meine Fir-
bitierinnen uud Helferinnen sind bei dem Wecke der Bekehrung,
das mir an mir selbst und an meinem Ganten zu vollziehen
obliegt, das ist mein Trost und meine Hffnnng. Ic. -
at dem Auugenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn
in dem Hofe. Angelika trat an das Fns!er, grißte ihren
Gatten freundlich mit der Hand, und sich dann zu dem Geist-
lichen wendend, sagie sie schneller, als sie vorhin gesprochen:
N
D gehöre zu meinem Manne, ich gehöre in dieses Haus. De
Freiherren von Arten sind katholisch und sollen es bleiben durch
al .-- deni der Katholicismus bietet un die göitliche, durch
. N,s
den Priester vermittelte Hülfe in unserer Sündhaftigkeit, in
unserem Streben nach Erhebung viel erfaslicher und tröstli ,er,
als ich es bssher gekaunt habe. Der Mensch hat des sichtlaren
d
,elfers nöthg, um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser
F durchzudringen. . wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbe-
-as
?Hs-:-s--1s s E-
- -=-»---u--- a=-- Hände ablegesn zl =-lten und so Gott will,
7z
? werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit
F unsere Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel
- emporschicken, an welcher so Schweres verschulde! .d gelitien
worden ist.
s e
eas walte Goti! sagte der Caplan. Angelika knieete vor
N
ihm nieder, er segneie sie. Die Saai, die er behutsam und
liebevoll aus fester Ueberzeugung auusgestreut, war durch die

--- 18G -
z
s
Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit vollständiger zur
Reife gekommen, als er es hatte hoffen und erwarten könten.
Er füühlte sich dadurch erhoben, stark und mächtig. Er genoß
den Lohn füür die Beschränkung, in welcher er sein Leben zuges
brachi hatie, er eupsand den Segen der einsl Geliebten, de er
in seinem Herzen als Heilige und als seinen Schutzgeist ehrte,
als sein unverlierbares Glick.
, =e
-
Der Baron fand Angelika noch aif ihren Knieen. Bei
seineu Eitlritle erhob sie sich und wars sich an seine Brust.
au Theurer! rief sie, ich danke Dir, da; = meinen
g. ex.
Eltern so gute, schöne, herzerquickende Stunden in unserem
Hause bereitet ,ust. Und nuun wir Eins sind, nnn wir ein-
sin
ander ganz und ungetheilt besizen, nun laß uns vorwärts
gehen auf dem Wege, den unser Freund, sie reichie dem Caplan
ihre Hand, uns führen wird. Er hat es ausgesprochen: Es
giebt nichts, was nichi duurch khätige Nene zu sihhnen wäre,
nichts, wofüür die Kirche aus dem reichen Scaze ihrer Gnade
nicht die Vergebung spenden könne. Wir wollen sie erringen,
erringen mit einander, und . -
Wie verdiene ich Dich? rief der Baron, und schloß sie mit
Zärtlichkeit und Freude an sein Herz. Wie verdiene ich Dich? j
Sehen Sie den Besiz dieses schönen Herzens, sagte der j
Caplan mit feierlichem Ernste, als ein Geschenk des Himmelsg
ze i
als ein Pfand der Gnade an, und überlassen Sie sich ih-,z
damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen Sinnej
auferbauen.
Das will, das werde ich! betheuerte der Baron, und sein
Auuge leuchtete heller, sein Kopf hob sich freier und leichter, alsj
z
es seit langer Zeit geschehen war.
Und nicht nur im Innern wollen wir uns auuferbaueht, ;
rief Angelika, auch ein äußeres Zeichen unserer inneren Be-
kehrung, ein Zeichen der Reue, de---ue, der Versöhnmng
9Tz
l

z
-- 1H?-
muß errichtet und hingestellt werden fir alle Zeit. Daran
hängt mein Herz, darauuf richten sich meine schönsten Hoffnuun-
gen. Versprich mir, daß Du mir gewähcen willst, was ich
von Dir erbitie.
ate srahlie in wahrer Begeisterung bei den Worten. -e
er,.
Freiherr blickte sie mit Bewunderung an. Sage, was «at be-
cd.
- gehrst, Geliebie! es sosl Alles, Alles geshehen! sprach er zärt-
lich und bestimmt,
Aigelila's Miennen wurden ersihaft, und ruhiger uls vor-
her sagte sie: Du hast das Haus in Rothenfeld zerstören und
niederreißen lassen, als Du noch glaubtest, Dir selbst entfliehen
zu kdnten. Nun Du eit.=g l! = uug sclber, nun wir ge-
cd1.s
s.-s.--ss
meinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen,
richte dort in Rothennfeld eine Capelle auf, in der wir uns er-
innern mögen, .u der Mensch ein Sinder, und daß Gott
- s-
dem Siinder gnüdig ist. Dort wisl ich mit Dir ktieen, mit
Dir beten, und dort wollen wir einst bei einander ruhen, wenn
der Herr uns abruft!
Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten, mm ihrer
ganzen Erschei.g, denn Selbstüberwindung und Liebe haben
eine verklärende Gewalt. Sie umleuchten den Menschen wie
F ein Heiligenschein. Der Freiherr war hingerissen von der See-
lengröße, von der Liebe seiner Frau, der Caplan g=---
J,uss.ss fnmr
durch sie gerüührt. So verschieden die drei Menschen waren,
s so verschieden sie auch in diesem Augenblicke empfanden, sie
tu
- zuhlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Jdee, und
grade die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der Grün-
, dung eine. -=golischen Capelle mitten in dem protestantischen
=- f,iss
Ez-
=-uude imn Wege stehen konnten, reizten den Baron zunächst.
Es begann mit diesem Plane ein neues Lrben füür ihn, weil sich
ihm mit demselben wenigstens fiür einige Zeit eine lebhafte
- und vielseitige Thatigkeit darbot.

-- , ZZ-
Die Bedenken der Behörden, die bittenden Eimwendungen
seines protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrsch-
sucht auuf, und es galt endlich, vor Allem dem Zorne und der
Betrübnis seiner Schwiegereltern zu widerstehen, die von einem
Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören wollten. Aber
alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nuur näher zu
einander und steigerten den Eifer der Neunbekehrten. Ange' a
war eine starke enthusiastische Natur. Sie wuchs mit jedem
Tage mächtiger zur Selbstbestimmung heran, sie stand bald
neben ihrem: Gatten, als wäre sie ihm gleich an Jahren und
Erfahrung, und ihr fester Sinn fing an, ihn zu beherrschen,
ohne daß er es gewahrte, ohne daß sie sich dessen klar be-
wußt war.
In Thätigkeit, in Lebe, in religiösen lebungen kam der
Herbst heran, und mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit, der
von dem Freiherrn und von Angelika zu einer dreifachen Feier
ausersehen wwar.
Der Baron hatte die Wochen vor demselben theils in der
Hauptstadt, theils in der Kreisstadt der angrenzenden latho-
lischen Provinz, in welcher der Firstbischof residirte, zugebracht.
Er kehrte mit der frohen Nachricht heim, das der Bau der
Capelle zugestanden sei und das; der Fiestbischof selbst sich habe
bereit finden lassen, der Weihung des Plazes und der Grund-
steinlegung beizuwohnen. Weil man es wußte, wie wenig die
Gutsleute dem Capellenbaue geneigt waren, hatte der Freiherr
für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit seinen
Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert.
Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen
und Erlebnissen, der Caplan wies mit Freude die Documente
vor, welche man in das Fundament der Capelle zu versenken
beabsichtigte. Es waren die Geschlechtstafeln der Herren von
Arien und eine Chronik über das Geschlecht, die er während

-- 18ß --
des Sommers ausgearbeitet hatte. Man beschäftigte sich lange
damit, Angelika war von ganzer Seele dabei.
Und hast Du mir nichts Neues mitzuiheilen? fragte er
endlich die Baronin, nachdem die Männer ihce Angelegenheiten
durchgesprochen hatten.
Nichis als diesen Brief und die Versicherung, daß ich ruhig
bin in meinem Gewissen wie in meinem Herzen.
Sie reichte ihm den Brief; er war von dem Grafen, hrem
Vater, und von ihrer Mutter geschrieben. Dir Mutier beschwor
die Tochter noch einmal mit den dringendsten Bitten und Vor-
stellungen, nicht abzufallen von dem rechten Glauben. Was
die Mutterliebe Zäriliches, was die religiöse leberzengung Eifri-
ges und Flehendes einem Kinde sagen konnten, war in dem
Briefe enthalten. Der Graf hatie nichts als seinen Zorn.
Er drohte der Tochter mit völliger Verstoßung, er erklärte, ihr
soweit als möglich ihr Erbe entzichen zu wollen, wenn sie sich
beikommen lasse, sich von dem protestauntischen Bekenntnisse ab-
zuwenden. Er wolle seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen,
schrieb er; er habe das Vermögen seines Hauses davor zu wah-
ren, daß es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der ultra-
montanen Kirche werde. Er sei ein Protestant, er könne nur
eine Protestantin seine Tochter nennen, die Katholikin sei sein
Kind nicht mehr.
Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll
Besorgniß an. Er wußte, mit welcher Liebe sie an ihren El-
tern gehangen hatte, und war also bekümmert um den Eindruck,
welchen das Schreiben auf sie gemacht haben wüürde. Aber sie
ließ seiner Sorge keinen Raum.
Sei ohne Furcht fir mich, sagte sie. Es steht geschrieben,
das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne
folgen. Meine Eliern haben mich Dir gegeben, daß ich Dir
folge in Deine irdische, vergängliche Heimath, wie sollte ich an-

-- 19ß--
stehen, Dir in die wahre, ewige Heimath zu folgen? Und
habe ich nicht Vater, nicht Mutter mehr auf dieser Welt -
ihre Stimme zitterte, in ihren Augen perlten Thränen --- so
habe ich Dich und habe unsern Heiland, und werde, so Gott
will, auuch bald das Kind haben, es zu ihm hinzufihren. Ich
bin nicht allein, nicht verzagt; ich bin glicklicher, als ich je zu
werden glauben konnte.

Kapitel 12

i-
a -oölfteö Capite l.
e
,-zu Morgen des Hochzeilsiages s-hien die Herbstsone
hell iber das Thal un iiber Schlos; Nicien. Es ware:n viele
Gäste im Hauuse. Der Fiirsibischof war gelommen, von seinen
Vicaren begleitet, und auuch die beiden Agiaten des Freiherrn
waren gelonen, der Feier beizuwohnen. Es waren zvei alte,
unvermählte Herren. Das Geschlecht stand in dicsem Augen-
blicke nur auf sechs Augen, die Geburt eines Erben wurde
sehr ersehni.
Angelila war die Heldin des Festes. Liebe, Verehrung.
Freundschaft und Theilnahme umgaben sie, wohin sie blickte.
Ganz frih in der Stille ihres Gemaches haite sie eine lange
Unterredung mil dem Caplan gehabt. Er hatie ihr, nachdem
sie ihm gedankt fir die Belehrung und die Stitze, die er ihr
gewährt, fir die tragende Freundschafi, die er ihrem Manne
bewiesen, einen peinlichen Auftrag auszurichten. Er sollte ihr
die Absichten ihres Gatten in Bezug auf Paul, den Sohn
Paulinen's, mittheilen und ihr die Erfülluung der Wünsche des
Barons an das Herz legen. Der Freiherr winschte den Kna-
ben unter seinen Augen im Schlosse erzichen, ihn ebenfall
zum Katholiciömus überireten zu lassen, und ihn der Kirche
zu weihen.
Bereitwillig, wie sich Angelika seither den Bedürfnissen und
Verlangnissen ihres Mannes gezeigt hatie, lehnie sie doch diesen
Vorschlag gleich und sehr entschieden ab. Es dinfe, sagte sie, im

-=- P9-
Hause ihres Gatten nicht ein Zengniß seines Fehltrittes, ein Zeng-
niß seiner Schuld erhalten bleiben, das in seinen rechtmäßigen Kin-
dern die unbedingte Verehrung für den Vater beeinträchtigen könne.
Sie bat den Caplan, ihren Mann dahin zu bestimmen, daß für des
Kuaben Zukunft gewissenhafi gesorgt und seine Erziehung einem
bewäbrien Manne ülbergeben werde; aber sie wies jede Gemein-
schaft mit dem Kinde ein fiür alle Mal von sich ab, und der
Caplan, der ohnehin ihrer Ansicht gewesen war, versprach ihr,
die Zustimmung des Freiherrn für ihre Wünsche zu gewinnen,
noch ehe man zu der heiligen Handlung schreiten werde.
Die Capelle des Schlosses war auf das reichste mit Blu-
men geschmückt. Die Decken, welche die verstorbene Mutter
und die Schwester des Freiherrn mit eigener Hand gearbeitet
hatten, zierten den Altar. Troz des hellen Tages brannten die
Kerzen auf den silbernen Leuchtern, als um zehn Uhr der Bischof,
gefolgt von seinen beiden Vicaren, in die Capelle eintrat. Gleich
darauf führte der Freiherr seine Gattin herein. Sie war weiß
gekleidet und trug einen Strauß von weißen Rosen vor der
Brust. Amanda's Rosenkranz und Grucifix hingen an ihrem
Arme. Sie hatte das Gebebuch, das ihr zu ihrer Erweckung
geholfen hatte, in der Hand.
In tiefer Andacht verrichtete sie ihr Gebet. Der Caplan,
als Hausgeistlicher, las die Messe, der Fürstbischof selbst fun-
girte bei den Ceremonien in Bezug auf die Neubekehrte, welche,
ernst und bleich, das schönste Bild einer jungfräulichen Mutier,
die geweihte Kerze aus der Hand des Bischofs empfing. Sie
erhielt die Firmung, das Chrisma, die weiße Stirnbinde, welche
das heilige Tauföl vor der entweihenden Berührung der Hände,
bewahrt, wurde ihr umgelegt, der Caplan danlte in einer Rede,
welche siir den Freiherrn und seine Fran noch eine besondere,
nur ihnen verständliche Bedeutung hatte, dem Herrn des Him- -
mels und der Erde für die Gnade, welche dem freiherrlichen

..I --
N
Hause durch die Belehrung der Freifrauu widerfahren se, und
Angelika's Lippen bebten nur leise, als sie sich mut einem Eide
von ihren bisherigen Glaubensgenossen für immer schied.
Aufgelöst in begeisierter Erhebung, e psing sie gemeinsam
mi! dem Freiherrn die Absoliniion und das Abendmahl, und
als sie sich so weit gesammelt hatien, um Harr über ihre Hal-
-----gi z werden, begab man sich nach Nokhenfeld, un den
iifpsn
Grundstein zuu dem Gotieshauuse zu legen und einzuweihen.
Alles war scon au a age vorher dafir vorbereitet wor-
den. Die Maurer hatten ihr Werk gethan, der Plaz war vom
===p-osgürtner mit jungen Bäumen abgesteckt, mit Blumen ver-
c,a
ziert. Aber die Gutsleute und die Bauern htelten sich fern. Sie
D,.- sü-s.-
= -, wie der Zuugg in den vier Wagen durch das D= -i -=--
sz s-ois
Neugierig standen einige Frauen und die herzu gelaufenen Kinder,
und starrten das bischöfliche Kreuz und den Bischof in scinem
Ornate und die Vicgre und den Caplan und den Meßner und
die Chorknaben an, welche hier auf offener Straße die silbernen
Weihrauchfässer schwangen und die lateinischen Gesänge und
Gebete ertönen liesßen. E war Niemandem in den Dörfern wohl
dabei zu -=khe.
Niß
=«-e Freih... uud seine Frau und der Eaplan kamen den
a.
li)vr n
, spsiois sis do fepsnd
z == -- --- - -sent Umgebung auch wie Fremde vor, und
Adem Freiherrn selber gefielen an dem Tage die Blicke nicht,
mit denen man an ihm voriberging. Aber er hatte nicht viel
Ns
D-- daran zu b===; die Anerkennung, wzelche die geistlichen
zuiskozs
Herrschaften ihm zollten, die sichtliche religiöse Befriedigung
Angelika's und die innere Geng===»Ig. welche er bei diesem
min iiis
z Acte der Selbstherrlichkeit empfand, nahmen ißn völlig dg.-
oliiss
Man speiste nach der Grundsteinlegug in demt grnsen
Saale des Schlosses, der nuur bei besonderen Festen geöffnet
wurde. Noch während der aufel mußte die Baronin sich er-
K.-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

----- 1-
heben. Sie befand sich ibel, ihre Stunde war gelommen, ihr
höchster Wunsch erfüllte sich früher, als sie geglaubt hatte.
An demselben Tage, an welchem sie in die Gemeinschaft
der katholischen Kirche auufgenommen ward, an dem sie sich im
Glauben ihrem Manne nen verbunden hatte und der Grund-
d= OJ=--,
p-=- F - - ===- gelegt worden =a, gebar sie ihm den
ssps--
Sohn, den er ersehnt hatte.
Jetzt ist der letzte Schmerz von mir genommen! rief der
Baron an. aager s ner Gattin niederknieend; jetzt sehe ich, daß
z s
mir verziehen ist! Ich bin nen geboren durch Dich und Deine
= - = - -ug bin erlöst durug -« - Sieses Find ist mir das
-» e1,s.: eg,
N.s.b s=
Pfand dafiür- und Renatus Salvator soll er uns heißen!
Noch ehe der Bischof Schlos; Richien verlies:. ward an
dem Neugebornen das Sacrament der heiligen Taufe vollzogen,
und mit siolzer Freude blickte der Freiherr auf den Sohn, auf
den Erben seiner Gitter und seines Namens nieder.
-«as lonnte ihm ueben diesem Kinde, neben dem junget
Mg
Freiherrn von Arten-Richten, neben dem Erstgebornen seiner
Angelika jetzt noch der Knabe sein, der fern von ihm mit frem-
dem Namen aufwuchs und an dessen Mutter er nicht mehr zu
denken hoffte?
Has Kind, welches hinter den goldenen Fenstern des stolen
Schlosses spielen, das hier seine Heimath und seine Zukunfi
haben sollte, schlummerte in seiner Wiege, wohl geb=--. -oh
,p ffpi im
versorgt. Der Knabe Paul hatte seinen eigenen Weg zu suchm
in der Weli, die nirgends eine Heimathstäite, nirgends ein
N,-s=-
==-=== -hauus fir ihn umschloß.
==---=-=-=»-u -=ed der Uebertritt der Baronin von Arten
DP,. sL,,s:miih iiin
bildeien, nachdem man dieselben erfahren haite, eme Weile den.
Gegenstand der Unterhaltung in den Kreisen, welchen die ßa-
milien von Berla und von Arien angehörlen; aber die Zei
war zu bewegt, die Menschen waren zu i==- --- = großa
sFzfsf: nmi- Ae

zgz
- L 1?? ---
Ereignissen, welche sich jenseit des Nheins immer deuilicher
und entschiedener entwickelten, erschüttert und kingenommen, als
daß die Vorgänge in einer einzelnen Familie, wie angesehen
dieselbe auch in ihrer Heimath sein mochte, ucht darüüber häiten
in den Hintergrund treten und bald vergessAn werden sollen.
Was man in der nächsten Umgebuung, auf den Gütern
des Freiherrn davon dachte, wie die Gutsleute die Bekehrung
der Baronin und den beabsichtigten Ka,..enbau ansahen, dar-
si8ss -
1p- --.z- uan im Schlosse nichts Gewisses, und man lüm=
s,z- pz-fisii-
merte sich auch zuerst nicht viel darum. Allerdings hieß es,
daß der protestantische Pfarrer in Neudorf, dessen Patron der
Freiherr war, gegen seine vorgesetzte Behörde des bellagens-
werihen Ereignisses Erwähnung gethan und e Weisung er-
halten habe, nur um so eifriger fiir das Seelenheil der ihm
anvertrauten Gemeinde zu sorgen; aber wenn er sich dessen
auch gegen seie benachbarten Amtsbrider und gegen den Amt-
mann, der seinen Wohnsig in Rothenfeld hatte, viellen.,i auch
-s.s -
- gegen den Schulzen berühmte, so fand sich doc Niemand, der
sich berufen gehalten häite, diese Nachricht auf das Schloß zu
bringen; und von den Tagen, in welchen Eisenbahnen und pfeil-
schnelle Telegraphen die Vorgänge aus den entlegensten Gegen-
, den in die .-==gen und mittelst derselben durch die ganze
D,i-
FWelt verbreiten, war man damals noch weit entfernt. Dte
fZeitungen beschäfligten sich in jenen Tagen fast ausschließlich
sfis .ss Ps
s=-- --- -Ugelegenheiten der Potentaten, mit den eigentlichen
FStaatsactionen. Sie erschienen nur ein paar Mal in der
FWoche, wurden von der Post nuur - -« ut der Woche nach
s-ss zs
Fder Kreisstadt befördert, aus welcher der rRtende Bote des
FFreiherrn sie uach Richien alholte, ud hatie man sie im
sSchlosse gelesen. so wanderten die lleinen Löschpapierbläner
jdurch die Wohlgeneigtheit des Gutsherrn zu dem Pfarrer und
Fzu dem Amtmann, kamen danach in die Hände des Schullehrers,
t

-- , Ii- ---
des Schulzen und des Krügers, um endlich in das Schloß
zurückzukehren, wo sie, nach Jahrgängen wohl geordnet, in dem
Nebenzimmer des prächligen Bibliothelsaales unter andern zurick-
gestellten a.ucksachen ihre Ruhestätte fanden. Mochte man
cs-
also auuf den Güiern denlen, was man wollte: im Schlosse
ging Alles seinen ruhigen und wüirdigen Gang, seit die Ge-
uliihsversassuunug de« Buuronns sich wieder gesesligzi, und die Ba-
ronin ihr Kindbett überstanden hatte.
Der Winter, welcher im verwwichenen Jahre die Eheleute
ohne inneren Einklang in dem Hause von Fräulein Esther ges
funden hatte, sah sie diesmal' u jener Vereinigung und Lebens-
weise, welche der Baron fir sich gehofft hatie, als er die Zu-
sage von Angelika's Hand erhalten; und die Besizesfreude,
welche sich in ihm und in seiner Fran geregt, alö sie in det
Erwartung eines Erben von der Residenz auf ihre Güter zurüc;
gekehrt waren, hatie jezt, da der Knabe trefflich gedieh, er!
at=
Alles, was man bisher geplant und gewimnscht hatte, nahm;
man jezt in Angriff und wollte man schnell vollenden. Man!
bedurfie jener Enisagung nicht, mit welcher der Besizlose si?
Tagewerk bewäliigt, weil seine Vernunft ihm sagt, daß diej
Leistung eine fin das Allgemeine und darum auch für ihgs
selber geforderte sei, wennschon er vielleicht nicht dazu berufns
ist, ihre Frucht ausgiebig zu genießen. Man befand sich i
der glücklichen Lage, mit dem Herzen schaffen, sich und daj
Seinen da eine Genugthuung, einen Erfolg, eine Glücksve!
mehrung sichern zu können, wo der weniger Begimstigte ein
Pflicht erfüllt; und bei Allem, was man vornahm, erhöhte be
Gedanke, das; es Renatus und seinen Kindern einsi zu Guß
kommen werde, den Eifer und denn Aufwand, mit welchem ma
zu Werke ging.

---- lg?
s. T? ? --
==--- .illem war es natirlich die Griündung des Gottes-
N..-- As
hauses, welche der Baronin am Herzen lag, und da man un
si-sffn js-- Is:s -
P,Uifs.-iF
d.nss P,s
b.s- M,i:
,l,s sssnlif
== - ==uy.tthh? hgß aa:i=- - - ===i- -=uul lsu - -=- g - y= = - -- - --ur
s,s.Iflißfn -mf- ?'
grisf nehmen lönnenn, so be;-p- -ii-- ---- Ic an den ls-g--
Hs s,pisdois -iiif
--==--=- ---- ou, lehe -s==- planen fiir denselhent. Den
v sifsf Aipss
Freiherrn erwuuchs daraus eine vielseil.gg. ---s uu Be-
s,f, s s fniii:
schästigig. Kuslliebed und frachlliebend wie er war, vollte
or s:
-« -.ichl nuuuur eiueu dauuerhaflenn Bau hi.=. Ie=-- z gleich
sAAzi:
ss,-ls,-
in dieser Kapelle etwas Ansehnliches un: Schönes schaffen,
und auch d.. -===-. -oiünschte, daß das kathnlische Gotteshaus,
,- ,iz
nii: si
welches man auf den Gittern begz=-= - »chon in seiner äuszeren
»fiiisdi ? -
Erscheinuung jenen zugleich Ehhrfuurcht erweck. .« -- ----- -olch
oisAi.is iissd. fwpiissd
entgegenkommenden Charakter an sich tragen sollte, welchen sie
in dem Geiste des Ka.h, lcismmus fir sich so beglickend kennen
-zf lis
i.sss.=- 1sß
-inne- iiiid H1F,,l,z -
nolssis
= u hulke. Mägtl zß «=ll j- - =-=s»(u= - ==-- ======- zl
11.i
D..s.i ls-
a=s=g=, -.hs ,z-=»=szz-ss -i== osiszs -s»=== =»siii==i=, =-inse-.u Jp
? Z,«s,ssiifnnoi: imisdz zs szs,«s-sss,. ßiHmiisof: äsndozf. I
ales, bald Jenes an dem erslen Plane, lis über dem vielen
Fpliess iin
=-=-- -E-= --=--- des Bedeutendsten und Schönsten der
Mdwl:
-sflpi
ppss sFsfsiu-s sis
sn-- =---»=---.velcher auf eine hüübsche Kapelle, auf ein mäßiges
Gotteshhas algeleg? - =; - -«, -==- -.1 -g - zulsammten-
v ns fzs si
issnszz y s
- osszn spnss s
iss.i
D;=-nipfeun und den Erbaue.. ulich zu dil..i begann.
is ss,ui-
s f,-ss
Erst haite man sich gesaugk. -uu -lat, weil man keinen
ds n
==- z errichten beabsichtigte, die Kapellr mit einer würdigen
Fronte auusstatien, da; an ihr -. angemessene Grös;e geben,
s ss
wii:n
sig ziii -ii-iroi: = l
p-- --ss -ss --- =-u.llldi .iaO dljey Stgtud VO! üui=s- sz--=--s
iisfs s.misss sinf:ss
islss,-
----u- und das, lan!-=- -en die Zierde eites guienn Bildes
N. -
isi.- siiss
üis.= dosis As l f,sp- z-s»s Sowsnd ofs .sis-H, O?,-» Sifnihos- Zzss kSfes
s1=Cs =b1lb -.1uuu- l»i»s = s 1Vzzb =ss-1 = - »sCV? »1ssK zz»1s =11
Ml zl -= - -»jg-, Eup -= =-» ;=u esu =ss=ss o=g ---
do=- 9s»s,s.s
.s fisss A.fSspi
Hnssfo sfios:
ii vif:
Avüssnw-ps N,i
ssssIislis: -
mirinfoss ss-sss siisA. zissA
ghs -- =- i-s sj p=- ==y zss == -zns -s g s s=s--=-, üuse g Ihy
Baroni sich an den Gedanlen zuu erfreuuen schien, so üiberraschte
der Freiherr sie am Weihnachtsabe... an welchem sie die Tren-
in?o
Bisssin
z=sg Vl -p - -- = -=- --- sp-- -zilCs.u lls sy;s! üsppsss=s- --sp---
imiiois llspz-i siliisnes
szpp
ii sssiünRois iimi sip

---- 1lZ---
mil dem Anerbieten, den ersle. -auuuplan völlig aufzugeben und
s s
statt der Anfangs beabsichtigten Kapelle lieber gleich eine Kirche
zun errl-=---. deren Thurm weithin sichtbar und durch Jahr-
, iis
hunderte ein Zeuge fitr die Bedeutung des Geschlechies werden
sollte, das ihn aufgerichtet hatte. Freilich muuste man sich daran
--eet, das; eine Kirche eine Gemeinde fordere und daß eine
ozifs:s:
sl.g« -- - =-- -- z-=-»i---=sss=-- =uise0lllsu: -=g- oNaPdesl se1.
. ii sffnf doois sfvi.sf,ssfss,zpzs ßAss
f,is sss,s s-
Aber da man eo ilerhasi nnichl aus ei gemeinunihiges Werk,
sondern lediglich und auusschliesslich auf eie Sellsibefriedigung
abgeschen hatte, so lies; man sich durch den Gedanlen an die
einsame Kirche nicht abschrecken. - -=« onmt sah im Gegen-
c, N.se
N
-=-- ----- z-» ;zss-I, illS deis1. hgze en1PatiO, b- -- s-
s .is Hpffisin
ss.vi
-?.ss
Ls si,-
als -uuubekehrte willig iiberliezz, und sie wurde nict müde, e?
D.
p--« Vz--= -= -, wdie daS goldene Kreuz deE =p=eS, einst
K; szifis
N,
zfzi sss,ils.is
zum Ernste =z- ----, über der Gegennd leuchten und wie die
H liion?
Z -=i- -=zulen Glockenllänge dan g==-=- und ladend
-- .ss. zf.
K.issssss.sß,s
d.i spl
,-ss
-- =g 06S a..d ertönent wurdent.
Natirlich galt es nun, sich-. deu -.htlelten ut eu
s.
issfs
neues Einvernehmen zu sezen. Es musßten ein neuer Plan,
neuue Kosienanschläge gemacht werden, und diese lezteren siegen
nach dem neuen Eniwurfe fast um das Sechsfache; aber bei
de--=---l, uber welche der Freiherr gebot, brauchte man da-
si M11ss,-s
==- -=»-- --=- Z --==-=--- ===« Mläl1 die SuA1e gztf hjeI
osrz-.ff.s piis
snif of: ssi,ss
i-»== 0-- -==-----, wuelce u- - -=z- zld Hollendung des ,
s:e
,-
s- 9s=-,s.is. -
ro nwsfssz.ils,
. z
=vuues gefordert hatte, so war es kaum nothng, s=g-z=11==»=e s
M.-
sis-
.. l
wesentliche Beschr-en aufzulegen, und der Freiherr hob -
-IzsK,
dies gegen Angelila gaz besonders hervor, weil er eben in
diesem Augenblicke eine = «unlassung z auuöge«.gnter Gastfrei- -
v.s-
M.zs
swif -
-z,i-
=-- zll hi=.- glüll= -.-
lif.-
inon s..s-f.is 1»slsa- -
EZ wvaar zu Ende deS I==»l==, Cl d-- s-=-s-i--s- ---- -
,iis
M,ifsi
is ziss
===--=- -übaslde, als mtast dent. ==ui h= - -est Zeitunlge --s-
z 1,--
issi A.
Postsach.; welche d. ute aus der Stadt abgeholt hatie, einen
.- IP,i

f
?
- ,Iß--
F Brief überbrachte, dessen Handschrift und Wappen er zu kennen
Z schien. Auf der Adresse stand die Weisung, daß der Brief
s durch einen Expressen nach Schlosß Richten zu bestellen sei, und
? der Baron mußte die Schreiberin des Briefes- denn derselbe
z sammte ofjenbar von einer Frauenhand - werth und in Ehren
; halten, weil es ihn so unmuthig machte, das: man troz der
; ausdrücklichen Anweisung zu besonderer Beförderung, derselben
nscht Folge geleistet und den Brief mehr als vierundzwmnzig
z Stunden hatie liegen lassen. Er stampft: ärgerlich mit dem
ß o
,. üuse, und noch ehe er das Siegel eröffnete, schellte er seinem
z Schreiber, gab ihm in kurzen Worten den Befehl, den Post-
F meister sofort bei seiner Behörde zu belangen, und rief, als der
Schreiber sich entfernte, ihm noch ausdrücklich nach, es dem
F Postmeister anzuzeigen, daß man eine Klage gegen ihn einge-
reicht habe. Er war es eben nicht gewohnt, auf Unpiünktlichkeit
f und Versäumniß zu stoßen, wo er zu befehlen hatte.
Dant lies; er sich an dem kleinen Marmortische nieder,
«
A welcher vor dem Kamine stand, erbrach das Schreiben, und
IAngelika, welche, mit einer Filetarbeit beschäfiigt, an der ent-
, gcgengesetzten Seite des Tisches saß, bemerkte an den Mienen
-hres Gatten, daß der Inhalt des Briefes ihm nahe gig und
- offenbar seine ganze Theilnahme in Anspruch nahm. Er schüt-
kelte während des Lesens ein paar Mal leise das Haupt, seufzte
danach und reichte endlich, nachdem er ihn beendet hatte, den
, Brief mit dem Ausrufe: Die arme Frau! der Baronin hin.
D
z Von wem sprichst Du? fragte Angeliku.
P Von der Herzogin, eutgegnete der Baron; aber lies uur
F selbst, denn die ruhige, würdevolle Fassung ihres Briefes wird
1-
=-- ich weiß es, den gleichen Eindruck machen, wie mir.
- Der Brief war in französischer Sprache geschrieben.
-
g
, Mein theurer Baron!- hieß es in demselben: , Erotz
der langen Zeit, welche seit unseren letzten Spaziergängen in
?

-- Lß--
den friedlichen Gärten meines schattigen Vaudricour verflossen
ist, haben wir sicherlich beide nicht aufgehört, mit jener Freund-
schaft und jener Achtung an einander zu denken, welche zu den
unschäzbaren Gütern gehören, die kein äußeres Ereigniß un?
. zu rauben vermag; und Sie werden, wenn Sie sich meiner
erinnerten, sicherlich nicht geglaubt haben, daß ich in einem Lande -
geblieben sein könie, welches in den Gruundvesten seiner religidsen,
seiner politischen und seiner moralischen Existenz so gewaltig -
erschittert, so völlig vernichtet worden ist, wie mein unglücliches I
Vaterland.
--a habe Frankreich seit fast zwei Jahren verlassen, habe,
N7,
weil ich den Ereignissen, welche nicht ermangeln können, sich in
Frankreich zu vollziehen, nahe zu bleiben wüinschte, zuerst in
Coblenz, dann in Hannover und in ! .resden gelebt. Aber die
Zeit des Wartens, wie kurz oder lang sie sein mag, ist immer
z
trauurig und schwer zu tragen, und wennschon ich überzeugl z
bin, daß von Deutschland her unserem unglücklichen Könige F
jezt endlich Hilfe uund Befreiung, unserem Vaterlande Erldsung I
aus den Händen jener Rotte von gottlosen Empörern koumen T
wird und muß; welche es nicht scheuen, ihre Hand zerstörend
an das Heiligste zu legen, so macht das Zögern mit dieser ?
Hülfe mich doch sorgenvoll und oftmals so verzagt, daß ich T
mich nach der Nähe eines Freundes sehne, dessen Theilnahmez
mich trösten, dessen gleiche Weltanschauung mich im Hoffen und?

Ausharren ermuthigen kann.
s
, Graf Veuilletot, der das Vergnügen gehabt hat, Sie im z
vorigen Jahre zu sehen, sagte mir in Dresden, daß Sie sich
in Berlin niedergelassen, daß Sie sich verheirathet und an der ?
A
Seite Ihrer jungen und edeln Gattin ein seltenes Glick gefun-F
den hätien. Das gab mir zuerst den Gedanken, Sie und Ihre ß
Nhe aufzusuchen und mit Ihrem aihe nach irgend einem P
Asyle auuszuspähen, in welchem ich mit meinem Bruder - dennz
T



z

-
=- L--
s der Marquis hat mich natürlich nicht verlassen -- die Zeit bis
s-
zur Herstellung der Ordmung und Gesezlichkeit in Frankreich,
s

?
?

in einsamer Zurückgezogenheit ervarten kenn.
- .ch verließ also Dresden, um Sie wieder zu sehen. In
Berlin erfuhr ich aber, das Sie, des Siadlebens bald mide
geworden, Ihren Aufenthalt wieder auf Ihren Güütern genom-
men hätten, und wie sehr es mich auch schmerzte, Sie nicht
ii der Nesidenz zuu finden, so freuie ich mich doch an dem

Gedanken, das; die Baronin troz ihrer Jngend zu jenen Aus-

,. nahmenaturen gehöre, welche das zurickgezogene Leben en der
z Seite eines verehrten Gatten den Zerstreuungen und dem Ge-
F räusche der großen Welt vorzuziehen wisseu
,Eine solche Fraun wird einer Verwandten, einer alten
Freundin ihres Manies seine Freundschaft, wird einer aus
, ihrer Heimath Vertriebenen das Weilen in der Siille seines
F Schlosses nicht mißgönnen. Eine Frau wie die Baronin wird
ä es fühlen, wie man sich nach einem langen Wanderleben auf
F ein Ausruhen unter einem friedlichen Dache sehnt, und ich frage
z daher ohne Weiteres bei Ihnen an, mein theurer Freund und
Vetter, ob Sie mir und dem Marqis Ihre Gastfreundschaft
gewähren wollen, bis wir in Ihrer Nähe in ländlicher Stille
eine zeitweilige Heimath für uns gefunden haben werden. -
Freilich bin ich nicht mehr die lebensfrohe Margarethe, die Sie
,einst in Vaudricour gekannt haben! Das Unglück hat mich
F schnell und frih gealtert, aber ich bringe Ihnen doch ein Herz
- mit, das noch nicht verlernt hat, sich an fremdem Glücke zu
- erfreuen.
,Alles, wonach ich jetzt verlange, ist Ruhe! Deßhalb
F sende ich Ihnen meinen Brief durch einen Expressen und er-
, warte Ihre Autvort sobald al möglich. Haben Sie ein Ob-
F dach fir mich und meinen Bruder, und ist die Baronin nicht
A unwillig, die Verwandten ihres Gatten kennen zu lernen, so

I
s -

--- L0L--
folgen wir Ihrer Zusage auf dem Fusße, und wie Sorge und
Kummer und Jahre mich auch verändert haben mögen, so
werden Sie hoffentlich in mir stets wieder erkennen Ihre Freun-
din und Cousine
Margarethe, Herzogin von Duras.
geborene von Lauzun.?
Angelika faltete den Brief, nachdem sie ihn gelesen hatte,
wieder zusammen, steckte ihn in sein Couvert und sagte, indem sie
ihn dem Freiherrn hinreichte: Welch ein Schicksal, heimathlos
zu werden mit einem der schönsten Namen Frankreichs!
Und heimathlos zu werden. figte der Freiherr hinzu,
wenn man in dem anmuthigsten der Schlösser, unter dem sonnig
milden Himmel des siidlichen Frankreichs gelebt hat! Ich ver-
mag mir die Herzogin in ihrer jezigen Lage kaum vorzustellen,
so sehr ist ihr Bild in meiner Erinnerung mit der ganzen
edelen und schönen lgebung verschmolze, in welcher ich üe
sonst gesehen habe.
Er öffnete den Brief noch einmal, sah nochmals nach dem
=-atum desselben und bemerkte darauf: Wer mir es gesagt
hätte, das; ich Margarethe von Duras hier in Richten als eine
Flüchtige, als eine Heimathlose aufzunehmen haben würde;
oder wer es unserm Urgroßvater hätie prophezeien wollen, daß ?
eine Enkelin seiner Erdmuth, deren Verbindung mit den Duras ;
M?r aa
Er versank in Schweigen, auch die Baronin war innerlich ?
bewegt. Sie kannte die Herzogin nicht, aber sie hatte von?
ihr bisweilen sprechen hören, wenn der Baron sich seiner ersien
Reisen erinnerte oder wenn gelegentlich von den Familien-
beziehungen des Arten schen Geschlechtes die Nede gewesen wae- ;
Sie wußte, das eine Grosßtante ihres Manes einen Herzog
von Duras geheiratßet, der einst in ausßerordentlicher Mission ?

-- H7
an einem der deutschen Höfe gelebt und das schöne Freisräulein
in einem deutschen Badeorte kennen gelernt hatte. Ihr Nach-
konmte, der Herzog Edmund, hatte ein Fräiulein von Lauzun
geheirathet, war lurz nach seiner Hochzeit gestorben unh haiie
die Herzogin Margarethe als eine junge und kinderlose Witiwe
zurickgelassen, die llug geung gewesen war, die Vorzige ihrer
Stellung zu wirdigen und sie vorsichtg zu benuzen.
Als Baron Franz seine erste Neise gemacht hatte und auf
dieser uach Frankresch gelangt war, hatte er von seinem Vater
die Weisüung erhalten, sich dort auuch der verschwägerten herzog-
lichen Familie vorzustellen, und da man von beiden Seiten
gern bereit war, eine Verwandtschaft anzuerkennen, von der
man keinerlei unbequeme Auspriüche zu befahren hatte, wäihrend
das verwandischafiliche Verhältnisß mancherlei Erleichterungen fir
den Verkehr darbot, so hatte die Herzogin sich den jungen
deutschen Veiter ger gefallen lassen, ohne zu berechnen, in wie
fernem Grade er zu ihr gehörte. Der Baron aber war entzückt
gewesen, bei seiner Cousine eine so freudliche Aufnahme zu
finden, ohne daran
kinderlosen Herzogs
mit den Herzogeu
zuu denken, daß mit dem Tode des jungen
der Zusammenhang dec Herren von Arten
von Duras eigentlich völlig erloschen war.
Er hatie danach in seiner ersten Juugend einige sehr genußreiche
; Wochen in dem Schlosse der Herzogin zugebracht, man hatte
f sich auch später, als er abermals nach Parih gekommen war,
, in der Hauptstadt und am Hofe wiedergesehen und gelegentlich
? einen Brief mit einander gewechselt. Aber dieser Verkehr war
allmählich seltener geworden uid hattc endlich völlig aufgehört,
A obschon der Freiher- I- I-- unt «urgnigen und mit Authel
=- s,. ss=se
Mi
der Herzogin erinnerte. Er liebte es, zu erzählen, wie sie fast
- immer Vaudricour bewohnt habe, wie selten sie nach Paris ge-
F lommen sei, obschon ihr, einer Duras-Lanzun, die beste Auf-
nahme und eine einflußreiche Stellung sicher gewesen wüiren,

=- Z0F--
und wie sie es verstanden habe, ihr Schlos zu demn Sammel-
platze alles dessen zu machen, was damals in Frankreich auf
Jugend und Geist, auf Nang und Bildung Anspruch erheben
dürfen.
Auch jetzt wieder war es eine Erinnerung an die Ver-
gangenheit, welcher der Freiherr zuerst Worte gab. Die Her-
zogin war neunzehn Jahre, sagte er, alö ich sie zum ersten -
Male sah, und schon damals geizte man nach dem Ruhme,
ein Gast der Herrin von Vaudricour zu sein. Ich weiß... -
War die Herzogin schön? unterbrach ihn die Baronin.
Nein! entgegnete der Freiherr, aber sie war mehr als das, I
sie hatte in ihrer ganzen Erscheinung den Adel ihrer Geburt I
und die sichere Anmuth, welche dieser ihr verlieh. Sie war
eine Fürstin im vollsten Sinne des Wortes.
-
llud Du bist Willens, sie zu uns einzuladen ? fragte Angelika.
Der Freiherr schien durch diese Fragi überrascht. Es fie
ihm etwas auf im Tone seiner Frau, aber er wollte das nicht
beachten, und erwiderte nur: Hast Du für möglich gehalten,
es nicht zu thun?

Nein! versezte Angelika. Ihr Schicksal würde ihr einen
bestimmten Anspruch an unsere Gastlichkeit geben, auch wen F
sie keine Verwandte unseres Hauses wäre; aber die Schilderung, I
welche Du mir stets von ihr und ihrem Vaudricour gemacht F
hast, beunruhigt mich, mein theurer Franz! Ich fürchte, DeineF
Verwandte wird erwarten, was sie hier nicht finden kann, und ;
wie warm und bereitwillig wir sie auch willkommen heißen, --
wir werden ihr den leichten Frohsinn ihres Volkes und den, F
schönen Himmel ihrer Heimath nicht ersetzen können.
Der ßreiherr lächelte. Deine Jgend macht Dich dei?
Verlauus der Zei vergessen, sagie er. Die Herzogin ist nlcht g
mehr die junge Chaielaine von Vaudricour, und die Zeit war F
ernsthaft genug, auch ihre Heiterkeit in Ernst zu verwandeln. A

V
Z
z
K

e
---- SlJ-
Ich höre in jedem Worte ihres Briefes drn Ton einer tiefen
-raurigkeit, und wer sollte diese in ihrer Lage nicht empfinden?
Laß uns darauf denken, Beste, wie wir ihr beweisen, daß wir
sie schätzen und ihr Unglick ehren! Ich nöchie, sie würde es
recht gewahr, das: sie hier in ihrer Familie von Freunhen und
Gesinnungsgenossen empfangen wird, und ich werde Dir es
danken, wenn Du ihr hier bei uns vergilist, was sie mir einst
in ihrer Heimath gewährt hat! figie er abschließend hiuzu.
Angelika versprach, ihr Bestes mit Frenden zu thun. Ein
Aufruf an ihre Gros;muth war imer sicher, eine gute Statt
bei ihr zt finden, und man lam daher iberein, das der Frei-
herr, um die Versäumniß des Posthalters möglichst auszugleichen,
noch an diesem Abende einen Boten mit dem Antwortschreiben
nach der Poststation senden solle, damit der Brief dann so
schnell als möglich seine Weiierbeförderung finde. Der Jreiherr,
welcher in allen Dingen sich großer Pünktlichkeit befseißigte,
rechnete es genan auus, wann die Herzogin auf diese Weise seine
Antwort erhalten könne. Er gestand ihr die schickliche Zeit
zum Aufbruch zu, er gab ihr auf das Genaueste den Weg,
die Stationen, die Orte an, welche sie zu passiren hatte und
an welchen sie übernachten sollte, er schciel an die Gasthofs-
besitzer, bei denen er abzusteigen gewohnt war, um fir seine
Gousine, die Frau Herzogin von Duras, das Qnartier im
Voraus zu bestellen, meldete ihr, das sie für die lezte Tage-
reise an den geeigneten Orten Relaispferde aus seinen Stal-
lungen finden werde, und schließlich bat er sie mit einnehmen-
der Wenduung, sie möge sich von dem Augenblicke ab, in wel-
chem sie die Residenz verlasse, als seinen Gast und überhaupt
als ein Familienmniiglied ansehen, so lange sie ihm di: Ehre
erzeige, unler seinemn Dache zu verweilen.
Mit einer Empfinduung, die aus Rührung und Selbst-
zufriedenheit gemischt war, durchflog er den Brief und las ihn

---- L0ü-----
dann Angelika vor, die auf seinen Wunsch noch einige Worte
herzlicher Einladung dazu schrieb und sich im Voraus der Freund-
schaft ihres künftigen Gastes empfahl.
Beide, der Freiherr sowohl als Angelika, empfanden, indem
sie einer Fliichtigen ihr Haus anboten, das Glick, welches sie
in ihren wohlbegrindeten und unangetasteten Verhälinissen be-
sasßen. In dad Miileid, welches die gegenwwärtige Lage der
erwarteten Gäste ihnen einflösßte, mischte sich unmerklich eine
gewisse Eitelkeit, der es erwinscht war, eine Herzogin zur Ver-
wandten zu haben und diese Verwwandte beschitzen zuu können,
und der zornige Widerwille gegen diejenigen, welche in Frank-
reich die Herrschaft des Königs gebrochen und einen Theil des
Adels dahin gebracht halten, seinen Besizungen und seinem
Vaterlande den Rücken zu kehren, war von dem Freiherrn
und von Angelika niemals mit so viel persönlicher Bitterkeit
empfunden worden, als jezt. Je mehr man -er mit der Welt
unzusrieden war, um: so besser war man mit uch selbst zufrieden,
und in diesem Wohlgefühle war man sehr geneigt, sich von der
Anwesenheit der Gäste die mannigfachsten Genugthuungen z
versprechen.

Kapitel 13

s s - l
Dreizehute Ca p - - - --
Cischlisse, welche man unter dem Einfiusse einer augen-
blicklichen Gefihlserregung fast, sind bei den meisien Menschen
wie ein Rausch, dem eine abspannende Ernsichkerung folgt, und
nachde man am andern Morgen die Zimneu ausgewählt und
eingerichtei hatte, welche die Herzogin mit ihrem Bruder be-
wohnen solle, begann sich in dem Baron wie in Angelika, ohne
daß sie es einander eingestanden, eine gewisse Besorgniß in
Bezug auf die am verwwichenen Abende mit so froher Zuversicht
erwwartelen Hauusgenossen zu rege.
Der Baron,
nicht gesehen hatie,
durch einen solchen
welcher die Herzogin sest fünfzehn Jahren
dachte unwillkürlich an die Veränderung. die
Zeitraum in ihrem wie in seinem Aeußern
hervorgebracht sein mußte, und ihm bangte vor dem Spiegel,
welchen ihr Altwerden ihm eutgegen halten konte. Er erinnerte
sich mit Vergniigen an den heitern Ton leichter Galanterie, in
welchem er mit ihr zu verkehren pflegte, aber er mußte sich
sagen, daß Angelika fir denselben kein Verständniß besize, daß
ihr derselbe mißfallen habe, wo immer sie ihm begegnet war.
Er hingegen dachte noch gern an jenes Federballspiel des Geistes
und des Wizes, in welchem die französische Gesellschaft Meister
gewesen war; er fand noch jezt - -g-ulgen daran, und es fiel
MT,zHf-
ihm plözlich auf, das: er einen Theil seiner Fähigkeiien zu
brauchen auufgehört, daß er an jener Ltebenswoirdigk., die man
-s
sonst an ihm bewundert, Abbruch geliiten hobe, seit er sich der

--- L0Z-
Fülhrung des aplans und der ernsien Richtung seiner jungen
Frau überlassen hatte. Er ward dadurch verstimmt, denn er
mochte sich nicht eingestehen, das er die grose -ut und ihre
M.s
erheiternde Gesellschaft vermisse, und während er sich selbst in
seiner jezigen Gestalt wie ein Fremder erschien, that es ihm
weh, sich auch die Herzogin als eine gebrochene und gewandelte
Frauu denken zu müüssen.
Von dem Marquis haite er nun vollends leine Vorsiellung.
Er war vor fiünfzehn Jahren ein hiibscher jungzer Mensch ge-
wesen, mit aller Kechheit und Frihreife eines Provenyalen, ein
wenig prahlerisch, ziemlich unbesonnen und sehr verliebt; und
obschon der Baron troz seiner Hinwendung zur Kirche in seinen
Urtheilen nachsichkig geung gegen diejenigen zu sein pflegte,
welche auf dem von ihu neuuerdings verlasseuen Wege gingen,
so war ihm doch die Aussicht, einen jiingeren Mannn von leichien
Sitien, dem mancherlei Vorzige nichi fehlen sonuien, zum Haus-
genossen zu bekommen, mcht eben erwünsch.. Freilich zweifelte
er durchaus nicht an der Tugend seiner Gaitin, aber an der
weiblichen Natur und Kraft im Allgemeinen. aeil er oft geung!
Ng
den Widerstand weiblicher Strenge besiegt hatte, machten seines
eigenen Erfolge ihn vor den Erfolgen Anderer bange, und er
litt jezt unter dem Gedanken an früheres Gli.., unter dem
allgemeinen Misßgeschick der aebemäuner.
Os
zslz
Nicht minder bedenklich als ihr Gaite fühlte siu, -lh-=-
, H
Sie war zur Eifersucht geneigt, war sich dessen bewußt, und
der Blick, der sich ihr in die Vergangenheit ihres Mannes er-
öffnet, war nicht danach angethan, ihr dieselbe werth zu machen.
Sie hatte sich in die Anschauungen eingelebt, daß Gott sie mi!
ihrem Gatten zusammengeführt habe, damit er sich mit ihr ver-
eint zu einem reinen und heiligen Leben erhebe und in einer
makellosen und würdigen Znkunft seine Juugendsinden und die
Fehliritie seines Manesaliers siihsne. Sie haiie sich der Hosf-

---- Zß --
nung hingegeben, das; er selbst jezt mit Widerstreben in seine
Vergangenheit zurickblicke, das; er abgeschlossen habe mit den
Tagen, welche vor ihrer Ehe mit ihm lagen, und sie fand nun
plötzlich, daß dem nicht so sei, sondern haß er sich ihrer und
aller ihrer kleinen Einzelheiten mit einer Wärme erinnerte, welche
eine noch ungebrochene Juugendlichkeit und Schnellkraft der Emt-
pfindung vorauussezen liesßen.
Das beunruhigte Agelika. Sie fing an. es sich zum
Vorwuurfe zu machen, das; sie so schnnell un: so ohne weitere
Ueberlegung in die Aufnahme der fremden Frau gewilligt hatte.
Es fiel ihr ein, wie natüürlich es gewesen wäre, der Herzogin
das Haus in der Residenz wenigstens für die Dauer des Wtnters
zum Aufenthalte anzubieten. Dann hätie man sie spätr zu
einem Besiche in Richien ausfordern, hätte sich gegenseitig kennen
lernen mögen; und wen es sich auf solche Art erwiesen, daß
man zu einander passe, so wäire es ja dann noch immer an der
Zeit gewesen, sie zu einem verlängerten Aufenthalte einzuladen,
den man ihr jezt in gewissem Sinne wie eine Wohlthat zu-
gestand. Ideß Angelika verschwieg dem Freiherrn ihre Be-
denken. Auch er hielt zurück, was sich Zweifelndes in ihm
cegte, und nuur an den Gaplan wendete sich die Baronin, um
von ihm zu erfahren, was er von der Herzogin dachte und wußte.
Alles, was er von ihr berichten konnte, stammte aber aus
s V,s
- a - in welcher der Caplan noch Peisebegleiter des jungen
Freiherrn gewesen war. Er rühmte an der Herzogin ihre sichere
Haltung bei völliger Freiheit des Betragens, ihre zuvorkommende
Rücksichinahme auf Andere bei einer entschiebenen Neigung zur
Selbstbestimmung und bei einer gewissen Herrschsucht, welche
mit ihrer Fröhlichkeit in Widerspruch zu stehen geschienen hätten.
Er erzählte mit Wohlgefallen, wie einnehmend sie gewesen sei
und wie sehr sie es verstanden habe, ihre Gäste an sich zu
F. Le wuuld, Voi Geschlecht zu Geshlect. l.

eh
Sl--
sessel, obschon sie ihnen volle Freiheik gegönnt. Das klang
Alles äußerst bestechend, machte aber der Baronin doch kein
sonderliches Vergnügen, und auuch der Caplan schien nicht grade
erfrent iber die Aussicht auf den bevorstehenden Besuch.
Er kannte noch besser als sie selbst den leicht bewegllchen
Sinn des Freiherrn uud die Anssriiche, welche Anngelika an die
Gesinnuungstreue der Menschen machte. Er dachte des schweren
Zerwürfnisses, welches zwischen den Eheleuten Stati gefunden
und das kaum noch Zeit gehabt hatie, auszuheilen; und obgleich
er sich sagte, daß es sein Bedenkliches habe, wenn zwei sehr
ungleiche Charaktere lange ausschliesßlich auf einander angewiesen
blieben, und daß die Gegenwart zwischen ihnen stehender Per-
sonen ofimals einen Zusammensios; verhindere, der sonst nicht
wohl ausbleiben lönte, so war es ihmn, wenn er an das frei-
herrliche Ehepaar gedachte, doch zweifelhaft, ob eben die Her-
zogin dazu geelgnet und wie weit ihr Bruuder dazuu gemacht
sein würde, diese wohlthätige airkung ausz' iben.
Aa
Indes auch er behielt seine Besorgnjß vorsichtig fir sich
und da sowohl der Freiherr als Angelila hülfreichen Herzens
waren, so schämten beide sich innerlich der halben Abgeneigtheit
gegen die erwarteten Gäste, Ja, sie zeigten sich eben deßhalb
doppelt bemüht, es an keiner Vorsorge und Rücksicht für sie,
fehlen zu lassen, und für ihren Empfang und Aufenthalt Alle -
in einer Weise vorzubereiten, welche den eigenen Wohlstand und
Rang, den Geschmack der Hausfrauu, die danlbare Erinnerung
des Barons und zugleich die Verehrung und den Antheil aus-
dricken sollte, welche man fir die ungliücklichen und sich selbst -
getreuen Standesgenossen hegte. Man war alliäglich mit der
Vorsorge fie sie beschäftigt. Der Baron und Angelika wußten -
immer noch irgend eine kleine Bequemlichkeit, eine Zierath in,
die Gemächer zu schaffen, die man schon jetzt als die Zimmer ,
der Herzogin bezeichnete, bis man sich an dem Tage, an welchem I
s

---- L1--
g
die Fremden zu erwarien sianden, sagen bursie, dasß man jezt
, das Mögliche mit bestem Willen für sie gethan habe.
Die ganze Woche hindurch hatte es sehr scharf gefroren,
F am Morgen war nach langer Zeit wieder einmal Schnee ge-
I fallen, und gegen den Abend hatte ein scharfcr Nordwind, der
- eisig iiber die Felder und duurch die Wälder hinsauste, die
, Wolken verjagt, so daß die Sterne an dem Himmel flimmerten
und man trotz der Dunkelheit es aus den Fenstern sehen konnie,
Fläche sich weithin ausbreitete und die mächtige
wie die weiße
Finden-Allee,
schneiten Aeste
welche zum Schlosse führte, ihre gewaltigen be-
zum Himmel erhob.
wurde der Wind immer heftiger. Bald zog er
. Draußen
, in langsamem Stöhnen über die Gegend hin, bald rang sich
aus dem Stöhnen ein plötzlicher Sturmstoß hervor, unter dessen
- Wucht die Aeste der Bäume knarrten, die Wetterfahnen auf
dem Schlosse sich kreischend auf ihren Stangen herumdrehten,
Fund die Krähen, welche sich zur Nachtruhe darauf niedergelassen
-hgtten, erfchreckt aufflogen und krächzend eine neue Ruhestätte
suchien. Einmal schlug eine Thüre zu, die man in dem Seiten-
Jlügel des Schlosses, in dem sich die Wirthschafisräume befanden,
Zffen gelassen hatte; dann hörte man, wie mühsam - bei dem.
Fxoste das Nad am Ziehbrunnen sich bewegte und wie der Ruß
in den Kaminen und Schloten leise klingend herniederrieselte.
Es mochte sieben Uhr sein. Um diese, Zeit konnte die
Zgrzogin eintresfen, und schon seit einer halben Stunde hatte.
an am Anfange der Allee die Pechtonnen angezündet, deren
Feuer dem Gaste ein erstes Willkommen in die Ferne zurufen
und die Nähe der befreundeten -Wohnung anzeigen. Jllten,
Unten in der Halle und auf den Treppen und Gängen war
Alles festlich erleuchtet. Die Dienexschaft hatte ihre, Galgligreen
gggelegt, Windlichter standen bereit, um bei dem ersten Peitschen-
kiälle des Kutschers der Herzogin entgegengebracht zu werden,
1i
e -

ezz ez
und oben in ihrem Wohnzimer ging die Baronin auf und
nieder, hier in müßiger Unruhe ein Buch zurecht legend, dort
ein Bild grade richtend, bis sie sich ermüdet an dem Kamine
niederließ, von dem sie sich bald wieder erhob, um an das
Fenster zu ireien und in die duunkle Nacht hinauuszuschauen.
Der Baron hingegen sas: ruhig lesend an dem Tische, der
mitten in dem Zimmer stand. Nur von Zeit zu Zeit warf
er einen Blick auf Aungelika, weun sie eben an ihm vorüber-
kam, und sah nach der Ühr hinüiber, die in großem, viel-
schnörlligem Gehäuse auf dem Simse des Kamines stand, hell
von den Kerzen der schweren Armleuchter beschienen.
Das verdroß Angelika, denn die Aufgeregte fühlte sich
durch die Ruhe ihres Mannes getadelt, und als sie wieder eine
Weile am Fenster gestanden hatte, wendete sie sich um und
sagie: Ich firchte, wir jagen der Herzogin einen Schreck mit
unserm Freudenfeuer ein. Der Sturm erstickt es wieder und
wieder, und der Qualm allein wird ihr ntgegenkommen. Ich
gäbe viel darum, wenn sie einen freundlicheren Abend für ihre
Ankunft getroffen hätte.
Ja! versezte der Freiherr, das Wetier
nach der Fensterseite blickend, fügte er hinzu:
aber doch eben jetzt erträglich zu brennen!
sich gelassen zu seinem Buche.
ist sehr rauh! und
Die Feuer scheinen
Dann wendete er
Indeß Angelila mochte des Schweigens mide sein, demn
sie bemerkte: fremd, wie der Norden der Herzogin sei, müsse
dieselbe doppelt widerwärtig von der Kälte berührt werden.
Der Freiherr entgegnete, daß auch in der Provence heftige
Winterstürme wütheten, und daß die Herzogin doch bereiis
zwwei dentsche Winter durchlebt habe. Und wieder herrschte eine
Weile das frühere Schweigen, und wieder ging Angelika auf
und nieder, bis sie nicht ohne einen Anflug von übler Laune
die Frage aufwarf: ob der Freiherr sich etwwa vorgenommen

Ee-
-

-- IZ--
habe, das Buch, mit welchem er sich beschäftige, noc vor der
Ankunft ihres Gastes zu beenden.
Nein, o nein ! antwortete der Freiherr, indem er sich
z erhob und das Buch zusammenlegke; ich liebe es nur nicht,
F mich unnöihig in den Zsiand eines Warienden zu versezen.
Als ob man das in seiner Gewault häite! wendete An-
,- gelika ein.
Ich wisßte wirklich nicht, meinte der Baron, was so völlig

-
von uns selber abhängt, nichts, was uns so schmählich um
die Zeit betrügt, als jenes Warten, das mit seiner Ungeduld
das Herankommen eines bevorstehenden Ereignisses beschleunigen
-'

möchte. Man verwandelt auf diese Art einen Zustand, in
welchem wir uns nothwendig leidend verhalten müssen, in einen
gewisser Maßen thätigen, und man wird durch diese fruchilose
-
Anstrengung, die sich von Minute zu Minute steigert, so ge-
quält, daß man dem erwarteten Ereigniß oder der erwarteten

Person, eben um desßhalb meist überreizt oder abgespannt, also
jedenfalls nicht in wünschenswerther Verfassung entgegentritt.
Kann es denn Jemanden verletzen, fragte Angelika, un-
geduldig und lebhaft erwartet worden zu sein?
Gewiß, meine Beste! denn es isi nicht angenehm, zu
erfahren, wie man seinen Wirthen ein Unbehagen verursacht
z habe, und noch weniger angenehm, es gleich zum Willkommen
, betheuern zu müssen, daß man die Schuld der verzögerien An-
kunft nicht trage. In allen Lebensverhältnissen sind ein gemäch-s
-- liches Gehenlassen und eine gewisse anspruchslose Gleichgiltigkeits
vortreffliche Unterlagen fir ein behagliches Zusammenleben.
Soll das eine Anmahnuung für mich sein ? fragte die
Baronin.
Ja! entgegnete er, eine Anmahnung für Duch, an die

- Du mich erinnern sollst, wenn Du sie mir nöthig indest;
; denn in rechter Weise Gastfreundschaft zu üben, ist eine schwere

-- Z=--
Kunst, ist eine Selbstprüfung, der nur wenige Familien ge-
wachsen sind. Und ich würde angestanden haben. - -
Angelika blickte betroffen zu ihm empor, aber es blieb ,
ihnen keine weitere Zeit für diese Erörterungen.
Das sind sie! rief der Baron, als fern im Dorfe ein z
Hund auschlg.
In demselben Angenhlicke meldete ein Diener, daß die
Herrschaften kämen, man könne bereits das Licht in den Wagen-
laternen blinlen sehen.
Angelika trat an das Fenster, es war im Hofe plözlich
lebendig geworden. Das Bellen der Hunde, das Zurüückschlagen der
großen eisernen Gitterthiren, die Stimme des Haushofmeisters
ließen sich vernehmen. Im unteren Corridore öffnete man hier
und dort ein Zimmer; der Kammerdiener des Barons hatte
ihm den Hut und den pelzverbrämten Sammetrock herbeigeholt
und stand wartend an der Thüre.
Angelika und ihr Gatte sahen zum Fefster hinaus. Er hatie
den Arm um ihren Leib geschlungen, ihre Hand ruhte auf seiner
Schulter und sie sprachen beide nicht. Endlich hörte man das
Knallen der Peitschen; der Vorreiter, den man den Gästen des
?
s

Schneefalles wegen bis zur nächsten Station entgegengesandt hatte, F
ritt in den Hof, und der Baron trat in das Zimmer zurüch z
um seinen Pelz anzulegen und der Herzogin entgegen zu gehen. z
Da faßte Angelika schnell seine Hand. Franz, sagte sie,

mich überfällt plözlich eine kindische Angst!
e
Vor der Herzogin? fragte der Baron lächelnd und wollte
dem Diener folgen, der sich eben entfernt hatte.
ä
=., lache nicht! rief sie, so wie jetzt, ist mir in meinem F
Leben nicht gewesen, und könnte ich mit den schversten Opfern P
es verhindern, daß die Fremden mit uns leben, ich wollte diest P
Opfer bringen! -- Die Thränen kamen ihr dabei in die Augen F
und ihre Aufreguung war unverkennbar.
i
z
-s

. et r
- -=- =ss? Z, e g? ---==
s- ?.ihs. V,
=--. Freiherr war erscrocken, aber es wwa. - --- O- F
O,=-
berlieren.
Ich beschwöre Dich, Kind . -une diese Gedanken! bat
soIes
-- -ringend. Komm, gieb ir die Hand; sind wir doch Eins,
os R
wvaren wir doch Eins in der leberzeugung. dass h=- -. be-
szis R.s
freuudeien firsilichen Frane hier eine Zuslnichissiäile bereiien
mußten --- woher also diese Aufreguna ? Woher diescs t,b atch!e,
siüs
thörichie -angen, Du liebes, zaghaftes Weib?
1.
Er nahm sie in seine Arme, er kuzte sie, und er liebte
iiswisipi
-ugelika, weil sie ihn oft schwach geschen hatt.. stets am -- ------
wenn sie sich hilfobediirftig an ,n lehnte. Weine nicht, sei
mnnf- sl mifnn Hsso p
schön und hetter, bat er, als .. dann eillg=----=- H--- -=- -
. =
D- z- eiletk wwoll.. -=- --=- -=----= - , Ut Veog= -- HerzetlS
i. G,-ff.--
s,- sz-- z-s,s,s F,issoir
n os.f- j-sss
N..-
=u-te sie in den Hof hinunter, ---elche.-- -- -= die
fss si
Kutsche einfuhr.
==---- jezt el. »=----=---= -;anesßt, sagte sie, plozltc
9,1.i-
sis.d.z-s,s.'
ss gs.s
..ss- s»
die Höhe blickend, so soll-. das ei. ,rlce- --- --n b--
issss
s D
i- s.is
autenn Muthes sein darf und das; es Freuunde sind. -- ---
,ip ssif
-nlpss !
1i6lf-1v -
Sie schaute enpor, zl- -==---- - zur Linken-- es blieh
- H?,s.i-
iHss
=es du«= -- «as bedrickte ihr das Harz, i. eben wollte
-s-7.! eg,
sie sich vom Fenster entfernen, um die Herzogn z- ----=----
n pfpszf,pifno:
dg wvandte sie ve. ?vp; -=»- -----==s- Zl=- - === yell' -=
iissR
-, iissd s
d,ni:
szf ssn,i niifii-nl
ss=---I.s.
-=-=-und schos ein Lichtstreifen vom Zenith auer zum Horizont
hmab. Gottlob! rief Angella. und . gelle. -=-ge und
mss szs
isis s-
freudiger Bewegung eilte sie auf die Herzogit z --=- --
si.l,. o!iof
inhs
o- am Arme des Barond in das Zimnner eintrat.

Kapitel 14

Vierzehnteä Capitel.
Atn
ZFFlitiernacht war vorüber, als Angelika selbst die Her-
zogin nach ihren Gemächern geleitete und von dieser mit einer
Umarmung entlassen wurde.
ihm
mit
Nun, Angelika, fragte der Freiherr, als seine Gattin zu
zurückkehrte, wie gefällt Dir unser Gast?
Wie kann von Gefallen die Rede sein, rief die Baronin
einer ihr ungewöhnlichen Lebhaftigkeit auus, wo man sich
wie von einem Zauber umfangen fühlt? Ich hatie mir die
Herzogin nach Deinen und des Caplans Schilderungen nich!
schön gedacht, und schön ist sie auch nicht' wenigstens nicht in
dem Sinne, den die Menge mit dem Worte verbindet; aber
ich meine, wenn man einmal in diese sanften, blauen Auugen
geblickt hat, so kann man nicht mehr aufhören, sich nach ihnen
hinzuwenden; sie sind so klug und dabei so mild, das; es mir leid
that, wenn sie die Lider senkte und der dunkle Vorhang ihrer
Wimpern mir die hellen, freundlichen Sterne entzog.
Der Freiherr lächelte. Du wirst dichterisch begeistert.
meinte er, und ich habe Dich in der That noch nie für Jeman-
den so schnell und so entschieden günstig eingenommen gesehen.
Nebrigens hat die Herzogin sich wirklich gut erhalten. Das
ist ein Vorzug dieser feinen, kleinen Gestalten und der hellen
Blondinen. Ihr Haar ist noch schön, selbst unter dem Puder, und
der Contrast desselben mit den schwarzen Wimpern, der ihre Phy-
siognomie reizend machte, als sie jung war, wirkt noch anziehend.

S

cz rf
= Jg l F
Und wie kleidet sie sich, wie spricht sie! rief Angelika mit
z der früheren Erregung. Es ist Alles Harmonie an ihr! Das
, schöne, weiche Haar, welches an ihrer Snirne herabfällt, und
z das weiche, graue Schleppkleid und ihr leises, sanftes Sprechen,
7 Alles stimut zusammen. Dieser Frau muß sich das Herz der
F Menschen öffnen, wie dem Friühlingslichte; diese Frau werde ich
lieben, das fühle ich.
z Der Freiherr hörte das mit Verwunderung. Er selbst war
bewegt worden durch das Wiedersehen Margarethen's. Ihre
F edle Bildung, ihre eiufache Witrde hatien ihn jezt in hrem
F Unglücke einen erhöhten Eindruck gemacht, aber er war welt-
gewohnter, hakte in sich doch inmer den Vergleich zwischen der
- -
; Fzigen und der früheren Erscheinung seiner Freundin zu machen,
I und da er überhaupt in seinen Urtheilen zurückhaltend war,
F wenn nicht eine leidenschaftliche Erregung seinen Sinn bewegte,
, so machte die außerordentliche Bewunderung, welche Angelika
' fitc die ihr noch fremde Frau an den Tag legie, eine entgegen-
gesetzte Wirkung auf ihn. Er hätte nicht sagen können, weß-
Ihalb ihm die Begeisterung Angelika's mißfiel, aber er glaubte
ze bekämpfen oder ihr doch wenigstens Schranken setzen zu
Fmüssen, und während er die Baronin bisher stets fir die Her-
zogin zu gewinen und einzunehmnen gesucht hatte, erinnerte er
z se jetzt daran, daß es nicht weise sei, in ein neues Verhältniß
, mit hochgespannten Erwartungen einzuireten, weil man damit
'
z nicht nur sich selbst Euttäuschungen vorbereite, sondern auch dem-
Z ßnigen Nnrecht thue, von dem man Auserordentliches erwarte,
Fohne zu wissen, in wie weit er gewillt und fähig sei, ein sol-
ches zu leisten.
Diese Mahnung betrübte die Baronin. Du weißt, sagte
Zsie mit einem Aufluge von Empfindlichkeit, wie gern ich bereit
Fm, mich Deiner mir üüberlegenen Erfahrung unterzuordnen;
öaber mich dünkt, bisweilen wäre es großmüthiger von Dir,
-
-

-- I1Z--
=
mich den Jrrlhüiern meines Allers zu ilerlassen. Ea ist einF
solches Glück, eine recht volle, große Bewunderung zu fühlen,;
und daß die Herzogin mir Gutes bringt, dafür habe ich ein ,
Zeichen.
I
Der Freiherr wollte wissen, worin dieses Zeichen besiehe;P
Angelika verweigerte neckend, es zu sagen, da sie bemerkt hatte, F
das ihre nicht absichtslose Erwähnung des Altersunterschiede F
zwischen ihr und ihrem Manne diesem nicht angenehm gewesen Z
war, und als er dann, ebenfalls scherzend, mit Bitten in sieF
drang, legte sie die Arme über einander, blicte ihm in die S
Augen und sagte: O, frage mich nicht!
z
Sie hatte dabei Bewegung und Ton der Herzogin nach- F
geahmt, und das stand ihr vortrefflich, denn Frauen von ern- Z
stem Sinne, die immer nur in der Wahrheit leben, immer nur z
sie selbst sind, bekommen leicht etwas Strenges in ihrer Phy-?
, siognomie und Haltung, und das war Angelika's Fall. Sies
r
verschmähte den Schein in jedem Bekrachie, und doch isi de g
schöne Schein die eigentliche Form, in welcher der Mensch seh
Wesen kund zu geben hat, wenn es na haltig wohlthuend unF,
in jedem Agenblice erfreulich auf Andere wirten soll. AuhF
das Höchste und Erhabenste kann der schönen, der durch BildungF
und Achtsaukeit zur Natur gewordenen Form nicht entbehrn.
und es entzückte den Freiherrn, als er plötzlich gewahr wurde,
E
daß Angelika, bestochen von der Anmuth der Herzogin, sich sißg
ber nicht mehr genüügte, daß sie in neuer Weise ihm zu gefallZj
g
bemüüht war, weil sie selbst ein lebhaftes Wohlgefallen empfuwF
den hatte.
Vt
H
Er sagte ihr verbindlich, daß die kleine Coquetterie ßtß
reizend mache, sie versicherte, das er das Vergnügen, sie reizenH!
zu finden, der Herzogin verdanke, und von Wort zu WonF!
von Scherz zu Scherz fortgetragen, fanden die Eheleute sich iit
eine Art der Unterhaltung und in eine geistreiche Heiterkeit vezF

-- L9 ---
setzt, wie sie nie zuvor zwischen ihnen Siuull gefunden hatie.
Wls Braut war Angelika zu schüchtern dafür gewesen, und nach
ihrer Verheirathung zu kummervoll. Dann Jatte die Nihtung
auf das Religiöse sie gefangen genommen, und obschon der
Baron sich in diese Richtung hineinziehen lassen, ja. zu Zeiten
selbst Trost und Beruhigung aus ihr geschöpst hatie, so waren
doch die alte Gewohnheit und Neigung des Welt- und Lebe-
mannes nich in ihm erloschen, und der Gedonke, das; Angelika
zu ernst, zu streng. zu unjngendlich sei, war in ihm häufig
aufgestiegen.
Er kam sich selbst verjingt vor, und er schien auuch Angelika
juger und liebenswütrdiger, als sonst, da er sich in dem ihm
natürlichen Tone freier Heiterkeit bewegen duurfte, so daß er ihr
aussprach, wie ihr Frohsinn ihn nicht nur um seinetwillen, son-
dern auch um ihres Kaben wegen freue.
g,
=-- habe wirklich oftmals besorgt, sagte er, Deine aus-
schließliche Himwenduung auf das Eruste und Erhabene lönne
unserem armen Eenatus, wenn er uns heranwächst, sein junges
Leben triben; und wenn ich mir vorstelltr, daß mein Sohn,
daß ein Arten ohne Freiheit, ohne Heiterkeit, ohne ein wenig
Uebermuth und Tollheit, ohne die es nun einmal bei Unser-
einem nichts werden kann, erzogen werden sollte, so habe ich
wohl bisweilen den sündhaften Wunsch gehegt, Du möchtest
unbedeutender und harmloser sein, und daran gedacht, den
Caplan zu entfernen, wie hart mir das auch angekommen wäre.
Denn. - -
Denn Renatus geh- =-e iber Alles, schaltete Angelika ein,
.s ed
welche in der Stimmung war, selbst solche Aeußerungen ihres
Mannes, da sie mit lachender Lippe und zärilichem Auge ge-
sprochen wuuurden, unbefangen aufzunehmen.
g,
»o- wiederholte der Baron, Renatus geht mir über Alles.
Ist er nicht der Träger unseres Hauses und Dein Sohn?

---- 0----
Sie waren damit in das Nebengemach gegangen, in wel-
chem das Kind in seiner Wiege schlief, und als die Wärterin
die Gardine zurückschlug, damit die Eltern, wie sie es an jedem
Abende thaten, den Kleinen noch einmal betrachien konnten,
neigte sich die Muller zu ihm hernieder, liszte sein Händchen,
das auf der seidenen Decke lag, und sagie: Also Dir und
Deinem Vater, De lieber Engel, isi die gute Herzogin auch zu
Hüülfe gekommen! Nun, dafir wollen wir sie aber auch von
HHerzen lieben!
Sie haite auch das wieder mit jenem ihr neuen Tone
scherzender Coquetterie gesprochen, und sie gesiel sich darin sel-
ber. Noch ehe sie sich in das Schlafgemach zurüiczog, gab sie
ihrer Kammierfrau die Weisung, ihr fir den Morgenanzug ver-
schiedene Zierathen und Bänder zu beliebiger Auswahl bereit
z legen. Auch das war eine Nenerung. Die Huldigung und
die Bewunderung, welche die Männer in der Residenz und am
Hofe ihr gezollt, haiien sie völlig lalt gelassen, die bloße Er-
scheinung der Herzogin regte sie auf; denn sie gehörte zu jenen
Frauen, die weniger durch die Neigun: für den Mann al?
durch die Nebenbuhlerschaft mit ihrem eigenen Geschlechie g -
Bewegung gesetzt und geleitet werden, weil sie nicht einem-z
Andern, sondern sich selbst geniigen wollen, und die nicht lieben ?
können ohne rickblickenden Vergleich auf sich, ja, die oft, ohne
es zu wissen, sogar auf die Bewunderung eifersiüchtig sind,
-welche sie einer Andern zollen.
leber dem Antheile, den man an der Herzogin nahm,
hatte man ihres Bruders beinahe vergessen, obschon sich in dem -
Marquis das Bestreben, zu gefallen und die Aufmerlsamleit
und Theilnahme der Andern auf sich zu ziehen, unverkenibar;
kund gab. Gelang ihm dies, so war er lebhaft und voll guter -
Laune, beschäftigte man sich nicht mit ihm, so versank er in -
eine Zerstreutheit, in eine Gleichgültigkeit, die es klar ver- I

czez
riethen, daß er wohl die Rücksicht auf Andere, aber nie die
eigene Befrieigung aus den Augen setzen könne.
Er war dreisßig Jahre alt und sah noch jiinger aue.
Seine mittelgrosße Gestalt war leicht und sein, sein Schritt
vorsichtig wie der eines Hofmannes, und anf eine Lausbahn
am Hofe hatte er es ursprünglich auch n oh! abgesehen. Er
sah ein wenig bleich, ein wenig ermüldet aus, aber er trug den
Degen, den kleinen Haarbeutel und den seihenen Strumpf mit
so viel Zierlichkeit, er scherzte und bewegte sich so heiter, daß man
Mühe hatie, an seine Kränklichkeit zu glaulen, von welcher die
Herzogin stets sprach, oder ihre Sorgfalt fie ihn so nothwendig
z glauben, als sie dieselbe darzustellen liebie.
Seine Befriedigung und sein augenblickliches Behagen waren
ihm unverkennbar das Wichtigste auf der Welt. Selbst der
politische Zustand seines Vaterlandes schien ihm bisher nicht viel
Kummer gemacht zu haben. Er hatte, als der jitngste von mehreren
Brüdern, kein Vermögenz die Herzogin halte fir ihn gesorgt,
und er iüberließ ihr diese Sorge auch jezt und für dic Z==----
iK:z-ss
Freilich war es eine selbstsüchtige Liebe, welche sie für den Bruder
hegte, denn sie winschte sich in ihm einen Gesellschafier zu er-
zhalten, der ihr angehörte und ihr doch völlige Freiheit ließ; aber
sie mußte es wenigstens verstanden haben, ihm die Bande leicht
und die Abhängigkeit lieb zu machen, in denen sie ihn gefesselt hielt.
Er war ausgewandert, weil die Herzogin es so gewollt
hatte, und diese war umsichtig genug gewesen, die Auswan-
derung rechtzeitig vorzubereiten. Bald nach dem Ausbruche
der Nevolution hatie sie bedeutende Capitalien flüssig gemacht
und in sicheren Händen außer Landes niedergelegt. Weil man
aber nach der Flucht aus Frankreich auf eine schnelle Rückkehr
in die Heimath gerechnet, so hatte die Herzogit Anfangs auch
in Deutschland das ihr gewohnte breite ued fürstliche Leben
fortgeführt, und derAugenblick war denn, da man an die Heimkehr

---- LML--
V
nicht denken lonnte, schnell genng gelommen, in welchem es sich -
absehen ließ, wan sie mit ihrem Bruder sich mittellos, wie so' -
viele ihrer französischen Standesgenossen, aller Noth der Ver- -
bannung und Entbehrung anheimgegeben finden würde.
T
ä
Da hatte sie zum ersten Male eine grosße Verzagtheit über- z
fallen, und in ihren eigenen Verhältnissen und Verbindungen z
umherschauend, hatien ihre Gedanken sich auf den Freiherrn z
von Arten gerichtet. Daß sie bei diesem Manne sich keiner F
abschlägigen Antwort versehen durfte, wenn sie im Namen ihree I
P -
Stammesverwandtschaft seine Gastlichkeit und seinen Beistand ?
in Anspruch nahm, davon hielt sie sich überzeugt, und ihre Er-
wartung hatte sie nicht getäuscht, ja, sie hatte dieselbe bei ihrem P -
Empfange noch weit hinaus übertroffen gefunden. Nur in Einem j
Betrachte hatte die Herzogin sich geirrt: sie hatte die Bedeutung ?
der Baronin unterschätzt und, nachdem sie dieselbe mit scharfemn Zt
Blicke schnell erkann, sich nicht der Hingebung versehen, welche I
Angelika ihr seit der Stunde ihrer Aulunft entgegenbrachte. Z
Die Baronin hatte den guten Geschmack, ihren Gästen z
nicht gleich in den ersten Tagen die Bekanntschaft der benach- ?,
barten Adelsfamilien, mit denen man, sei der Baron verhei- gj
rathet war, ohnehin nur geringen Verkehr unterhalten hatte, z,
R t
t
anzubieten, oder besondere Zerstreuungen und Unterhaltunge Is
für sie vorzubereiten. Denn wem man das Gute, das manJ !
besizt, alles auf einnal und gleich bei seiner Antuüft darbringi, ß j
dem giebt man damit unwillküürlich zu verstehen, daß man einZj
langes Verweilen nicht von ihm erwarte; wem man aber die Ij
= P
Zeit läßt, sich erst heimisch in dem Hause zu machen, desen -,
Gast er sein soll, wen man vor allen Dingen erst sich zu einen j
l
Hausgenossen einleben läßt, dem gewährt man die Möglichkeit.z;
sich allmählich anzueignen, was ihm von dem Nächstliegenden Is
wünschenswerth ist, und sich selbst nach demienigen unzuschauen, Zj
was ihn von fern her lockend oder angenehm bedünkt.

Ld
ek
S
=i
I
g
I
e t


He)N
-- z sp L.F -=
was Lelen im Schlosse gewau unnn uf diese Weise
e
s.lK
p p-gllc einen leIe!. =-- -p-- -- uiünd das Alltig,-=g- -- =---
z s7ss.- l iiisIs zs
ip ii doins
selben eine verände.--= ====-zp. weil mnan es mit demn Hin-
,zi,- I1,-A.iifiissr
blicke auif die Gäsie ausah und bedachte, u-- -- -==g das
, sisßis dis--l:
Zusammensein einer grösteren Menschenzahl dem schöpferischen
Müt.esi.
=--u des zzufalls teh. -ul gee«= ---=-, als bisher.
- M?,i
-,j,ss ;siispAp
Oz.
=-«. Freiherr und seine Gitin uund der a;lan bannuien einanider
so geniati, Jedar wwuszle .i lle lrre-- - h=lpg, aS er it
-s d.. -I;
-s.sis
iif
aegebenen Fal.. - ==--- -==- - z -== ==. hatte. Was
l, sini:
d..sss HszpRoiois -
os, zips:
kF uF
msni:
h.?
-,-z-R.oiss ii:
--- --- ;61, hh... -lil gentosset, uttd da llhi g. üllhi- ===-- ---
,i fs- s
s ,s
ps N,-, s. -
==- z-=-g- Cs C10, ICa=- - - z s- z«.. IOS aa == -=lzuu; E
-swie: D?.:
-Des-ss
v ..n:is sfsz
- ß==e: zl! sei!, so hatte tan it D.-g-- - - -s ---- »-=- i-
nhspis s
-i- s.l- fs .ss sis: T,sil ..ssn
d iiossi: zs
s===-- -l.gs Ve- -pss s= --ssA---- ==== -= -, ul Ellet Fuu!atpe
,s, Iszswomiisnn.s linfoss s
-i Ili ssis
Ahs HFisin -n l.-s.s
-ss sisfs-);
H.ssnß- N,i
in:
; - =s- zz- =- - - bjj-- - -= oUlshE 1ul. ze - Fl lusu üizz- -- sssps-
sis»-
p »ssz,z
-z Is
=- -uer iu seinue. -=---j=-I= - ooch atc seine Gefahren barg.
-- lFissfis
,i s,-is -
L, N,-snisi: ni-ss 9 skis:
ss.h---s,s.,-ss -d
sini. dss ?a--psil
. v=- Nl = ss=i s= ss a V KKau ia1sß,- s=ss ai = ===-j- tzi=s17»s1s V1ssa
Ihre Gäsle, bei Menschen, die sich selbsi zu a-- ----=---=----
-l,ipis sspzsi ,isAois
kaiisfs- pä snsfz-1s zss,sis 1.-ssis zisd znis s,süzs.-ss
- ==-soos-- -- -s = s-z -z- -- »g- =i- -s»z - sz-=-- Fll 1OIf; ZFfj«
ssism-w-s ?
, =--b- - ber die eigenen Aigelegenheiten kemmmen, wwelche bei
MCzs-i
- s--, elldl! -- -=----s j-- = ---z--=-- .ibgrht, del! lgell
- Hs ss,sniswnifnn -
d.-z- Fis Ca- --
Klichen Boden des gegenseitigen Antheilnehmens auömachen. Aber
f dl .aal l g1lElige-- - -j»z-- - s -- - === -- ß--sze; z --s == - s-s
liis sssss.sifiss ü. domn
H,iiszs l..sss, do fi:
FFAsifs-psli nes- doiis sz--oz-sffsde nonowin doss Hsß,! üisR d
g,0 »» ng = =?i =e- sis =»'=-ßps -ss=ss»- -.-=s-ss - ss === =u - üuu. (H Vpl
Fiesemt getragene und ihn schllg--- o--üo=o-- 6=z-i=s--
w pis d. s
T.ff:insifbin
zsi;i smiiis
IiiizR,
-===--- - da von dem Stege des Lezteren die Erhaltuuna - -
dpf
sinosnois Id ,iiz,lii.-
.z- s =-- ==g. blllh, === p ---=- =--p s =-- - -== -uz Ild EgOi
isssinid dss-ps. s,-issiis Fzz-
sHsd-s-. lss.ss
- = h- »- i--z ll! Frac iu;=---- -=-=-, so besus; man in diesen
-ss,-sss sisA
lgemeinsamen Sorgen und Befirchtungen die erste sichere An-
dzstuiminnn iisd 1,.s-s1 ididin
tz= - -oii ------ - -p-»oF, wwemnngleich der Freiherr und seine
sGatiin noc leinen Ailasi z.--= -- =--- an eine ihnen und
-pbsisRoi:
l,n ifois
Iseuim: b
p=--- »--=-== orohende Gefahr zu glaulben.
-spil--inA., F
, =-
k
z--
?
ß
s
s:

Kapitel 15

Fgitnfzehntes Capi.il.
f
en
, ieben diesen Befiirchtungen und Hoffnungen für die
===='
Monarchien und den Adel im Allgemeinen war es der Kirchen-
bau, welcher bald ein Gegenstand gemeinsamer Berathuungen
wurde, und auch in Bezug auf diesen fehlte es an Sorgen
und an Hoffnungen nicht. Denn wie schon die erste Absicht
dieses Unternehmens in der Herrschaft nicht mit gutem Auge
angesehen worden war, so war die Abneigung gegen dasselbe
nur gestiegen, seit man die Vorkehrungen dafir zu ireffen an-
gefangen hatte.
Seit mehr als einem Menschenalter und darüber hinaus
waren in Richten keine Bauten auusgefiührt worden, zu denen -
man genöthigt gewesen wäre, Fremde herbei; rufen. Die pro--
testantische Kirche in Neudorf stand fest gegrindet und wohl
gefiigt seit mehr als hudertundfinfzig Jahren, der Schloßbau
war, so wie er sich gegenwärtig darstellte, auch schon vor der
Geburt seines jezigen Besitzers vollendet worden, und was man
sonst an Baulichkeiten für das Beamtenpersonal, an Wirth=
schaftsgebäuden und an gelegentlichen Reparaturen nöthig gehabt,.
das hatte der in Nothenfeld ansässige Maurer theils allein und
nach eigener Einsicht mit den Gutsleuten, theils unter Anleitung
und Aufsicht des Meisters aus der Kreisstadt mit dessen Ar--
beitern auusgefihrt. Nun sollte endlich wieder einmal ein be-s
deutendes Bauwerl in Angriff genommen werden, und die Leute
hatien sich, so wenig sie sich auch der Grindung einer katho-;

cHr
ß lischen Kirche erfreuten, doch der Hoffnueng hingegeben, daß
ß dabei ein Gewinn fiür sie nicht fehlen könne, wenn sie der
; Herrschaft auuch zu bestimmten kagesleistungen, deren Zahl nicht
! gering war, verpflichtet waren.
t-
Aber gleich bei der Grundsieinlegung i - =-.-- hatken
V?.iss.ifslk
ß sie die Erfahrung gemacht, daß es nicht bei dem guten Alten
f -
, vleiben solle. Denn es waren Briefe nach auöwerls geschrieben
F worden, und nach den Auutwworten, welche auf diese Briefe ge-
ß lommen waren, hatie nicht der Maurer aus Rothenfeld, der
ß das doch gewis: versiand, sondern der Meister aus der Kreis-
z die Arbeit verrichten müssen.
s.
Die Mißstimmung war seitdem eine allgemneine gewesen.
FSogar diejenigen, welche bei dem Baue selbst nichts zu leisten
Ihatten, fanden eine angenehme Veschäffigung darin, die Be-
Es ints-s
n.w-el in dem Gedaulen der Ehrenkränlung und in der Er-
ßitterng über dieslbe zu bestärken ud zu beestigen. Se
fwollten doch wissen, wie die Betroffenen sich dabei benehmen
Ebürden, wenn ihnen so etwwas geboten werde, denn in dem
Flufftacheln und Hehen, in dem eifrigen Zsprecheu und in dem
jschlauen Besäftigen war eine Thätigteit verborgen, durch die
lman sich unterhielt und in welcher man finr seine Freunde unb
jllr die Gutoherrschafi zugleich. zu einer wichtigen Perjon wurde,
l shne daß man selbst Kosten hatie oder Gefahr dabei lief, und
j Ih ohne alle Gefahr zu einer wichtigen Person zu machen, si
öen meisten Menschen ein Vergnügen.
d ---
hs- Den Winter hindurch lag das Alles, wie die Saat in der
j Ede, still und verborgen. Ais aber das Frühjahr heraufzog und
, ään daran denken konnte, an de. bauu zu gehen, dessen Beginn
z P
, Fe Baronin kaum zu erwarten vermochte, änderte sich die Sache.
j ? Es war im Anfang des Maimonats, als der feemde Bau-
, eister in Schlos Richten erwartet wurde. Man hatte ihm
=-- ===-gen bis in die nächste Stadt entgegengesende., im
Tües- M
g -
g -
, ;? Vewaiv. Vo belgean i elwtes -
l u

eHg:
----- a Ka V?==-b====
Schlosse waren zwei Zimmer für ihn hergerichtet worden, und
obschon man 1==u--, dasß de. =on den Bau einem jungen
s- T,»
sinsfu
--unne übertragen hatle, dessen Vater, einen tichtigen Maler
Ns.i
er zur Zeit seiner ersten Reisen in Italien kennen gelernl, und
der dann später auch in Richten die Eltern und die Schwesier
des Barons gae. p=ute, so fannd man dennoch, das; um eines
.ss s..is
blos;en Baumeisters, und noch dazu um eines so jungen Men-
schen willen, viel zu viel Auishebens gemachi werde.
Als dann an dem feslgesezte Tage der Wagen, welcher den
Ns,--»=ziss
Architelien brachie, durch Neudorf fuhr, bemerlte die --=-=---
die den ganzen Nachiitlag, als ob es Sonntag wäre, mit dem
Striczeng am Fenster gesessen hatt.. das: der junge Herr sich
das Verdeck der Kalesche habe zurickschlagen lassen.
Er mact's wie dee z- -=-=»-l, wenn er von Reisen
- G,z- sz,sen
komnl, sagle sie spöllisch lächelnd. Er göuni uuis das Ver-
gngen. gleich sein Autlz anzuschauen! Ach! uid er ist so
===-=-=- glec zu griisßen! bemerkte sie in demselben aone, wah-,
sKi.s-
rend sie jedoeh -==- --== ===ß.-=s- ==- aÜllE;..- ==--- z -
ss,«ss 1s.iso s
s. z»snli iisffnfli
ffsss d.ns- fs-pi
danken und dabei dic rechte Hand, wie die gute Sitte es mit,
sich brachle, an die untersie Krampe des ?ip--- z lege, als
zsl,-.-e
stehe sie auf dem P.=--- es zu öffnen und den Voriberfah-z
izsFs,-
T
renden zuur Einlehr auufzufordern.
ier
==- - z--= -. ed g., tch! - von seinent Stuhle ==-,
a.s-
Ns,fff
l.=l.s i
- .a
dem Stuudirtische forlloken- hob sich doch von seinem Sizeß
s.s
-- = ud hatte offenbar die Absichi, auf die Bemerlung seinen
fhee zz:
Frau an das Fenster zu treten. Aber das Gefihl seiner Würde!
frug es iber seine Neugier schnell davon. ---- auhig sizaZ
pssA z-
s eibend sagte er: Was lä;. p- --- --eres als SelbstverF
Is s, dosss 9sz-b
blendung erwarten von einem jungen Manne, der durch dij
Gnade Gottes in einer rechtschaffenen » --= =-----===n FamiiF
siw-i.si,iiisisr,
geboren worden ist und sich dazu = -=-- dem Baal Tempeß
sz--i.s.s
L
zu erbauen! Ich hoffe, er wird nicht die Stirne haben, sich iz

ezez
ein ehrbares protestantisches Pfarrhaus einzuführen. Ic mag
nichts zu schaffen haben mit solchen Abtrinnigen.
Man wird ihn aber doch im Schloss. treffen, wenn man
an den Feiertagen zur Mittagstafel eingelgden wird! wendete
die Pfarrerin ein, die stets überlegt und vorsichtig an die Zn-
kunft dachte und dabei nicht abgeneigt war, van dem Architekten
auuch einmal etwwas Neues aus der Welt zu vernehmen.
Dann wird man ihn nach Gebihr zu behandeln n issen,
erwiderle der Pfarrer, und schlimm genng, dcsß er nicht der einzige
Abtrünnige isf, dem man jezt auf dem Schlosse zu begegnen hat!
Mani! Aber um Gottes willen, lieber Mann! rief die
Pfarrerin, der solche Aeusßerungen ihres gestrengen Eheherrn
immer die Kälte durch alle Glieder jagten, und die sich vor-
sichtig umsah, ob nicht etwa di. -püre nach der Küüche offen
- g.
Jei. Bedenke doch, das: unseres Goithold's ganze Zikunft von
der Herrschaft abhängt, und das .. - -
Mag er durch die Lande gehen, wie ich vielleicht ed auch
zoch thun werde, und wie mancher Bessere als ich, wie ja auch
der fromme Paul. Gerhard es einst geihan hat. Besser Hunger
zud Durst und Frost und Hize tragen, als abfallen von der
T .PT. -==-= =-
Er stand bei diesen Worten endlich von seinem Platze auf,
ging in der Stube auf und nieder, in so ernste Gedanlen
FHesenkt, dasi die guimitßige und ängstliche Frauu, die zu ihrem
gtten wie zu dem Urquell aller Weisheit emporschaute und
zu ihm als zu einem Muster gewissenhafter Redlichkeit aufsehen
s»=
o-=-- ihn nicht mehr unterbrach, und schweigend überlegte, wie
F hier noch werden, und was ihr und ihrem Manne und
Prem Sohne noch fie Unglick beschieden sein könne.
Während dessen fuhr der junge Man, welcher, ohne es
Hi wissen, den Anlas: zu dem Kummer der Pfarrerin gegeben
z?

») E??--
=o-=-- - --- j ==s-i-- -»=--=-II =s=ug das Doyf. Ey fxeute
di»-f
sF.s,s- Fs sisi i:n
sißssn ss- ss-s.
d..=- 9,zini i sss.
. sioissoss
sich des Sonnenscheints unnd - -=--- - -- i= -- -=-os
-Sollchen an dem hellen Hiunel mil dem träuumerischen Wohl-
Ng
aefallen eines Kindes üüber sich hugl.--- V--=;. als er durch
ssHs
.ffni:
i: Kl is sRsiiso
Roihenfeld lam, einen sreunndlichen Grus; nach deu: --- ==-n-
hiniber, aus dessen ossene Fensier die hibsche Schwester des
jungen Amtmannes neugierig nach dem Fremden hinauögucte,
-s, i issisor
-- -- - - zz - z--- -=-o-s -s- =--p»z»ss .s.. ügZ Slh,i ;-g is-
iifd ni mosiinlizs: A,iis siss sP,ssnAon
»s- ?
n sszsn
=- =--- z- - -- - s ----- -elsll Elhfghkete.
dnisls,lwbz n spiisnis Is
iiss,i HZzs,fiis
Seine Gedankeni g.-- - -üdurch eine bestin. -==----P
ossHssfs: A-
ifssAost
das hmdämiernde Wohlgefuhl mtach.. -rusleren eberleg---
i;
z jsiin
Plaz. Er erkannte, nach =- -- a--»--g--- dle- Oh- -=
do-s ,.s.
s,.-ssiiifnf
==--j-=s-- - g===-z == - ==- , s== -=D- h..a IO! F? 1(s.uUl =- ;issis
I..=-ssfds siisss.
i.lpss. fls-
= cs, is
- s
war, und die leberze.ig, die er schon brieslich mehrfach aus-
gesprochen, das; der geweihte =-« -lel - -»=- =-lah sc, daß
z,i i
dov- fs,zs,.
die Kirche von dem Puulle aus langze nichl di. -= -g machen,
, i,fs
aKs
ss,-ssois s
fyile, l« ;- güa. ö!Ullld, wbeill! 111i1i .---; ==k - = -- z -
s fin -if d.
. sh s:
ois s;
aufrichiele, welche sich am Ende des Parles, fast dem Schlosse.
,-ss Ar
I=-=--- -- -=»V, j=---- I« g eßt als eine Gewiszhhe =--
s, sls. is1s
osssi szis .zl-
-=-isss z-szs
a azu sah er, das; mann uhm auch üben da Ter.- ---=
o-- - - ölhigen Sachlemninnis berichlel hale. --- -oden in
, A
rD,--
sssss Api n
H?,is si.sfsld. ines s
- ?»s, ls
s isis
- ==-=---s- -==-« -ell!ESw0egS so locemi, alS lahi -h-! gdp--= z
tztsk
=-- -=-s- -==- -- is» =--- ==- =-=- -j-=»- z--g-«. Ueberall, gus
s..z-slZFo si-fn
lißssd iifnd inin =s ss,s, -s dpz-
k- misss Hz,ll.
N..-?-=-
güz li der Nähe de« --=PlaJeS, ----=--- - z =-=-sveg
z KLfsis:
O-noslz?
nd inomi isri mis.s, s,,-s
isn sGsz- d.
Ul.o -===s s -=-s -==i=p a. JOy Alo;.uiu=aßhl==u i - =» es pz--=s- ;
iss=snIs-
»s -
nicht auf Wasser gestoßen war, so kounte es nicht fehlen, =-
- z
o-- Ieht, da man fisr den Kurchenlau ein ganz anderes Fun-?
.liis s,ssp is :s sisiimss-
A.Hsispisf -i
lppois issd; R
vii,s ss.-f=- -in
=-== =s=-ssg= s-z-- -=ue oOüal0 saus -sj-- z-s ===ss p=-==- =n=ps=usoule
ez
auuf Wasser kommnen mus:te, das zu bese..- -----z.l Schwio-F
bss-nois sndpiss»zl
A
rigleiten unnd unnölhige und bedeulende Kosten veranlassen ----z
s ,mmiiii v
==- es ui et. -=-tk, einem Gewerbe oder GeschäfieZ
ßi1.-
os- 9sz-s.i:
-zA
ns- Z,-siz ss
s smiiis li.
Fl -p--- z=, das sei... - - uach die besiäntdige --= s-nu=
Iszs sizosiAmiisa;
V
A
H

h
--- ZWI--
F des streng urtheilenden Verstandes ersordert und in dem sich
das Abweichen von dem Geseze und der Regel stets an gen-
blicklich und ersichilich rächt, der gewöhnt sich, bie Unterordnung
unter das Verninsiige und Zweckäßige, de. er sich zu be-
h-
s? fleifßlgen hat, auch bei anderen Menschen vorauszusezen. Er
s, wird, wie groß sein Gemüthsleben und sein Shönheitssinn da-
h neben auch sein mögen, vor allen Dingen ein praltischer Mensch,
j und kann es sich micht erklären, daß Andere sich mit launen-
? hafter persönlicher Willkür gegen das von der Vernunft und
h Noihwendigkeit Gebotene auflehnen mögen. So hatte denn
z Herbert das Schlos noch nicht erreicht, als es bei ihm feststand,
, daß man die Kirche nicht in Nothenfeld, sondern auf der Höhe
-- in Nichten erbanen müisse. Er erwwog daher im Geiste nur die
' Aenderungen, welche sein Entwurf durch die ihm unerläßlich din-
i kende Verlegung der Kirche zu erleiden haben wüirde, und fuhr
?-
z mit denn heiteren Bewusßtsein, dem Baron zweckmäßige und darum
, willkommene Vorschläge machen zu können, in den Schloßhof ein.
=- - =iener, welcher ihm sein Zimmer anwies, bemerkte -
c,a cd
Fihm, das man um ein hr speise, daß die Herrschaft ihn zur
FTafel erwarte, und es blieb Herbert daher nur eben die Zeit,
sich fir sein erstes Erscheinen in der Familie des Freiherrn an-
Iemessen umzukleiden. Er war achtundzwanzig Jahre alt und
,n schlanker bramnängiger Mann, voll heiterer Sicherheit im
-Betragen. Er war im Wohlstande aufgewachsen, hatte zu seiuer
Fkknstlerischen Ausbildung Jtalien, England und Frankreich be-
reist und war, da er ein häbsches Vermögen durch seinen Vater
Fr sich erworben wßte, drchaus darauf gestelli, seinen Plaz
h der Welt nach seinem Sinne auszufüslen und zu behaupten.
Verschiedene Bauten, die er troz seiner Jugend in seiner
Paterstadt und in deren Umgebung bereits ausgefiihrt, hatten
ihm einen guien Namen gemacht, so das sein Vater ihn mit
Fug ud Recht dem Freiherrn hatte empfehlen können, als
s
z
t

c-
- a-l-
=- =- ;er bei demn allen Freude umn eite.. -«uetlellen siir seinen
is Vs-- -
.s -
g=--=ul nachgefragt. Man hatte sich d.-- -=-------
-snll,ssIimn
,sl1,s. Is
sss:
,
e... dUlg geIdg-. -U - - lhher. -- -==»l. wwaren ntit del.:
v iisnd 9s=-,s.'
as-? ss
,-si
-z- I.iis
gegenseitigen Verhalten so wohl zu-deu geweseu, d; z -=--
As- Cz,-z-s.bp-s
i sws;-
)s 9L,l,iissss,s.ssfi sifii
pg der bevorstehendent hersönlice. =- -----b-s=o- - -« demt Frei-
.
lAif, sszwp.snis iissd
szpzpf
n Ao ifn o (f-ss ps A.ni l,is f gif fi
sD sz i. , 11. au . - - - s».s - - z«si-- s. = =slsi -= z 71» sß »»ss uli
Gittes sagen hören:, - -=-- --=-----»--==- vereits selhsj-
l,ss.,s s -z-ff.iefs- lsz ini s-
stänndig und Weliaui genuug, uuun sich von der Begegug uit
sfifslzss,ss ?,-z i fpis
=---=- z---=--= ===-- lette bcsontdece Ds.slellu 1g zl llaehcl, --
missA
Ds.
irl: si- dosss sss,
doc --« --- ----- - =» , lii wrlcse!. =-. -üSslcs., --- -----
is d.i. s;
s isif pissoin
-,1,ss dps,-fs sH,l-ni:fsn s,ss,s, -is .z-f,sswri: iissd. ffsz-
s, nu -- ==i - a==-- s1i=i=i= -ß1»ß 7us » s=s = = s -siia juu t1l! Uüuiizzss
As wofo
P,s .s- G,
oisn.si
dps s,Iisii: -,lis .s-si.z-ziss
iiiA.i jsiis
s-=s =- - z-illlDhuiw-jjk .= - sy =-= ss ==»9=» jz - i Fll i=a- ==ss iss
=
rezte und beschäfigle. =o ging er denn nichi ohne Achtsam-
N,s. --
saiikeit darau, . -« .- die bevorstehend hz= ;ühlehl« z
lzsss -i
- D.e
doss
D
lletdenn. - ll lgepuderled Haar wwallle uu! -«- U! ==-
h=,ws
= -=== -, IaS - =;-..O1e =- -== .b u Dlt -===- -D.. KlaP-
,s.si
. 91.z:s.l'
pz-s.sz--z f,-
z z
- sss,dwi;ss
n:s:r sszpf f sznss
i-s-i- h --- =-E glll E g e1eCs. ;., der bri.s«, -=- -- -s-
ssss- f,-s -SiRfnis s
oi- fs
s S..s=s
HHälse abfallende Frack les mit seineu lau. -hmalen=-= p--
innois s
. b
Kisif,ss -
=. galze. orderlorper scet, -- - g- schllg i!= - sPlze
.. 9N.-si .
d
Ansss
== ----=-=-- --s = -=- =;- z-l- -., Is eisze O AlItutcs, IaS g-p- -
-s d.=- hz-zzsl -s
P?,is.nfsnis
z-,s
s..-s,isi . isif ds-
az.u0, D.« ==--=-- =---= ---- -=-=.;ai0O .i11 dhe lse -u - -s- =--
A,-
sp- dissfs,- (H,is. sis doisn
»- - ----====ülleS wurden vonl he.--- zVohable in Par;s als -
Vnis E,sf
inislfis K,=li
au..llos befunden worde!. = -- -- h-i----- z-===-. es sich mit
s s,iis szs»s -.ssAissd G.sinif :
sAndir
sf,is z-su -
o-osszs=I- - --s»-s-g-;-llsllEl, =ip - - zu 1ll ;hu-s s- zw-- =ss- -
sss,s.il
»o=- c,ss.ss=.sIs
ds- .s- s -
s,sibis
d,z- iliis sis 1
GAz-» l?F -isss PFis s..e s.i,i. -i doiis Npinns
P,'»81=? Z) ss =7-»ss P= s s =»z- - =e=- =s- ===sss=z--z =» s 9ss Fs
N,-s,-s z- s.s ?isfi sd
b--s -f- -s ,s, MZsz =-
-==s - - -j- s --s - «e ES gOfjel jhM, =uj - -ss ----;- =i ;
NN.--s.-
s.iss»soe I
..isis1,:
nichi erst jenes Examen des gesellst,.-== - hrs zn-p-=-s -
iiinIis, ,ziis sisss E,piss
)ss. ss.s- ss -
9=-- - - j=- =s--, .s..0s0H Bdaii g g,? -- s -== I-nss g;--=ss jA z
-- linis s.ills- iiiol
»-Fss,- fs. ii--oidimnid iis iswrom -
d.isis
C«- iws.fsi,s.i,
z- - -zs-=g=. lültus, --- ;;«:: ürui; -- s- =z-n== n- inn sgs-sn =
ipss
e
Dienste verwenden, dessen Arbeit sie bezahlen.

I
s

.

Kapitel 16

Seczehntes Cazitel.
e
,ez
hl
-- le breile = -lege htmlaus geleilele de. . 0i=;=--- -lie
-s s
s s,si.ff.s
t= s
ßU,- iis.ssh.z- ('
T,ssnr
=-===« - ell ;..P =-- --- - be? ==---= -. Flllr ud
Aos - Nwsf,ss
iiis
- ßd,z s wpfs: AAs-
in,m. doiss ?isz:i. -
zi==y - : ==e ul(lCCs ..uug --s - ,p = - =«u oC1 =un- =sii s, »==s=s
izi is 1,.-
T süi.-.- R,sspl szvis iifn imii- piii i.ibs s
Fsfssvf. of ilisfs d
l.ss.s:
zpsns» s -- - - bHs-s wu =a-ij.i» - »-z; -s »=ss, -s -s iz)i - -s .- -u -uiu zii iuip; »ss-
==-- --=-=--- p---=- b-;, als er Herbert erblickte, ginngz ihm
n.w=- ,fiiis ss,isd
Hs
freundlich entgegen und sagte, indem er ihmn die Hand rrichte:
z- Hs),-sss
a,tte
=== =al, liehey ,Ullhd. ==-s - -ua Iv1Pell .wa=-ss---s
inssA
sszssss ,isiisinni:
kzsfisn
D: E.
=----- -uz bEggrllse l- .» -- - --=- -- a Uies werthen Jutgend-
dofiis j,s-
sn d.is F,isis I
-ss ?,z-l..-ifi -n nifiii H,.zs -
ApfIss--f,fs ii
Liz- - - O Allhlu.us Gü. ==s==s- =- == - ---- ---=-- - --=..r, dOssett
ss,si
Pszszsßss-iiine iini-- iiind
- ===-=----H ---- -=u der Baronin eine Gewissenssache ist. Je
eifrige. = -. sich daran ha.l, es seiner Vol.eg e-gegrl zl
ls,s
sA.sis:
z h=r,1j
f
führen, umt so ut.g. werden dn.---- -o ich es Ihnen
,. JT,zniss iissd
lzs
ggnshEs!.- ls=- f ssiss dhss 9sssne.sf-s
=a-- - s=s -=- - gi- =u =n=i - s= i-zz-= -u Fui, eis = g =s - =aiu; uuaS
dis ili-s
.si---s-- ss
zzslls,ifssissHs lii,-
---= ----= -- »1; aber ihren Worten und ihren Mienten fehlte
do=- Is:
-- - --utsdruck der Freundlichkeit, die der Barvn ihm bewiesen
li,sf, siid üzsn s
o--- --------- - n erkältender Hauch fuhr ihm der Gedanle
mips:
»y e!. = u.: 0lEsrr FFeli -s -pj-=- -»= -
.si!
s Jisn -
si-Iss,- sl,-
0. -
=- oies geschehen könne, da er kauum noch ein Wort
AosszfnFinis ii s
Gis== -- ud da er gewohnt war, durc seine Erscheinung
s»zsss =-iss fissss?,-
s s- ---- C--z- geS Vorurtheil fitr sic z -=== --, daS== z-in
t nfw:fps:
v--ss
of - llpp-diisä snss - i:p,s ni uimi sisz.z-
-- -o== -=o-- --=z ; --=n - - -=-s- s-=- - , slc hss sejttey Vyy
aussczu.g;-pk z irren. Der beobachtende Blick, mit welthem
sn sfi,s.
Psisz..lss,- is.ss lws»--Fss.s
izzfs,- iiss fsie sissifss ss.ifssd,z Vzie
71s,-s11i l.ss au. =.17=»s«, Eus1l-.s ius11s 1slss-1s s 11b s ze . l.=1-z?-1 s z zF-
infis iss=-p LeI szsi
----- -=-- -== pet in Verbi-ooß zl . rhen, und obschon er sich
zsAitss
N.

es =g- -- lgen lon u.c, das!
1,s.s s.-
von ihr eher abgestosßen, als
cz --
s- s,s. Roiisinr
sie schdn sei, fuhlle - p=- ----=»
angezogen. Die heitere Zuversicht,
if eos - of
--- - - -» gellaht lva, g1g -p- dadurch =-=-- -- s --
pffis A.f p jsz
s siHs
sag. sc, das man mit dieser Frau auf seiner Hut sein misse,
und .. nahu gg vor, ihrem adelge- --lze sein unabhangiges
N.si
i Ms.i
bürgerliches Wesent und sei freies Kinsilerbeusztsein mil fesier
sws-is s
Enischiedeug- -hgegenzuusehen.
aer Baron fragte ihn nnach seinem Valer, eruerle -----
Ap zAs:
wie dieser, als er auus Jialien zuuricgelehrl, hier im Schlosse
die Eltern und die Schwesler des Freiherrn gemali und dieselben
Zimmer bewohnt habe, welche man Herbert jezt angewiesen hatte.
Er machte ihn dabei .-le erwahnn..- -===» =pelt Portraits -
fps:
snfi-ssßsj,s.
eis -»
aufmerlsam, welche an den Wäden hingen; und da der Sohn
Gelegeh=- z, des Valers e«.. vo Herzest zuu bewu=---
s-lis-is
z R,osn
si.ii s.-
ams sliis
h Rz- N,wr
wülrde er bei der Zuvorkouunenheit, mit wel.,. =- ==-- -=-
-pundelie, sich sehr behaglich gef-g. haben, ha=----- de Ba-
ls
s.s
As, sfi:H
llöüo
-=-=-- . afhoren wollen, ihn zu belrachten, od.u zch eulsäp--
o= si -
rnzfe H
--z», an deiit Gesprüce irgend einne. --g.ll zu tehntel.
is siisl..
sssiA
n
Es = -»- dahe. --uch eine Erleichterung, als end,
sip f s szi
v siis-s? -
e eo: s sz-pf
ein leises LDg: ilber ihre Mienen flog und sie, ü-- -»--
.Iis
Gaiten gewendel, die Frage that, o-- =b----- ,. -bert geraden
s. O,.ssiis- z='
Weges von Paris lonme.
T
- P1,inin -
== - z-Ih- =-=1, dent es schos! =e==-ß, dasz die ===-==- ,
a,s- sin
-=.- MKs
szpsAspn
s. z-s.so As: -
diese Frage, dn. ,n auffallen mußle, da er alle sei..----- -
. -s.s
.ss.
de- =-=on aus seiner Vaiersladi geschrieben halie, ucht an ihns-=--
z K,is-
--=-=-- ulbernahm eben des;halb die Autwort selbst und sagic ihr,
z-srlifsi. s
de. . 0o 1=- az- Ui Aag wieder in d.- g-=ükh gewesen sei.
-K...=- E,i s.s-
oz- Hpisss
s.=-s -
Aos -noitdn -
So D= - -u sich also auch beu uns schon nach -- ---=- ,
ss,-idpi isinfn
'' s
.sois ! sinzfspz-fs,. ss- szifne sisd do=
===--- =-- - .asolllfosläy FF1Fej-s - -==-os- - -=- j-- -=s - -s= =-
g7ss. dof fosr
-==.»ruck nhres-.ßfallens trat nuun deutlch und bestimmt heroor.,
Nz;
Nsis
is.=s
H,zsi.zi sisss s-s: -siis
g,- -- -- ------ -p=. eu=-, aber ebent, weil er daS -zu=ss
-s F.ss
entgegnete er: Die Mode, gnadige Fran ==- u, ist bei uns
,m-

cz w
-= J LIF e? =
von den aus Frankreich entflohenen Edelleuten eingefüührt worden,
wvelche .u dieser bürgerlichen Tracht über die Grenze z uns
gelommen sind. U.-=---- . -- dann nachhher auch finr gut
ssd. ssio:: fi,- ä
=-;---==-- haben, den Haarbeutel und den eidennen StLumpf
s.f i doi:
- Cs=- iisä
inioAoH
N,
-- -lzullegett, so sind fitr uns geriigrre =.e, - ------
dic wir arbeilen missen, das unfrisirte Haar und der Sttefel
=-- ugemtessenner, als de- .---- -- die Ee, .!s, dic uns
-z- ,is.s -id.
vis
mizoif -
sogar zu alaven des Friseurs und der Wiiterung machen.
Er haile das absichtlich mit ziemlicher Sc. . s--=Pe-
Fz-fp mossHr
ls,.-
, uu - =s u Vulae, - - -s-pea! z ELaeeeee, Welügu -Cg=z- -
sts
piHAsf;s;-
viss, Ilzs sssine
Ailf:is
sz. zfs -
Weise jeden Z.uhana zwischen ihm und den Herrschaften
-ssfsni
- Sz-.s
s..-ss.- Pps,s.s
sl)z- isfifn sppsfiioi: s n.iis
gs - =s =--= - gs -ss =» ss -wssull. Iznea; 0l0 ..1J1 gzus =s i=i=gn
N1.s
nehmen von Jugend auf gelerni uund war slolz aeuug, bel ---
.ss
8=-sH.
, »----V, welche sie nicht als Ihresgleichen ansah, nur das-
F ionino
z v-o-g- zll hürel . zl V; == --, was ihr g.-=--bür. Sie
ijssd
N,siss
ssspIzss ssi
- fnz
zmsiss?
=-- als echte Aristokratin bisweilen nachsichtig aus Hoeh-=-
N,
und, wwo es g- p---. -rot ihr. Jgend duldsamn ann« «arecs
li s,s i;- s
.s- H:
siiiin
, p---s- aa sie uun obenein bemnerkte, das; ihr Gaite mit dem
I Empfange, welchen sie dem Architekten bereitete, unzufrieden
snpv
, ===--- und da sie selbst es bedauern mochte, einen jungen Mann,
- -ms Fssnis -
, »- -- guute Dienste sie sich Nechnung gemacht hatke, gegen sich
ff8s.
r,s.s
si-=- zl hab.., so le.- . -un ylötzlich ein und meinte:
sls. fi i
s
- up s.
- =-- »= -- -=»=-- --=---- z - - - ic habe Atic geirrt. Ver-
?p,s issoii- Hpi) isssd
sinss s
r.
Lsis.bs g.
zo--==-, das; ich Ihren besonderen Fall -==- =- =»-=- -l
si,lii s...i.i in
F gs,--.is msnisn
.z- din moin ,.
Li,s,
ds= s-
;oss --=.u iiEbauui;.lg l.e - -=- -=-= ===e, ==- -uy F
»ssbs P,.
zzs- == = =« l .« - ===- -- =p-- s === - -s-z- -- j= , CÜlSgOsP100
d.s- Cz-ss,s,ls üi- sz-
ois CSlp
habe. Ich leugne es nicht, nc =-- ---- -; Kleidung eine
lomo aoneois dips;- n
z -
kaewisse Abneigung, seit man uns feulich aus der Hauptstadt
z e
z MPsK=- d.s- PIsssnf si=- 9z-s,s-
g -o - ---- =-o-=--=- h--- -z-g? geschickt hat, welche sich in
Ta=-ls
z =s-=ö als «.= «iSfreuudu ...a alS T==- E -=---, während
,f l.
plRis nolo doi: s
-s zisA
si« -
zs- -och Empörer und Nebellen sind. Zudem lebt eine ver-
ehrte Freundin. --= --===----- = uns. -.. Frau Herzogi
.
diss. MT,zissdfp s
ß

ke

ezD T
== Jcc.? F? ====-
osßss:iie Aoiso sßss (ss
s-s iiins.foii G,ins. sipl,H.
tgts H;hyg1ß, .s -sj - - -- g.; - - -- =»p- F- z H -;- »s-
.iss Css»siSis issd s,s. sszsssz
ats ihrem utgglitcklichenn Vaierlande zut -----=--- ------« s-----
mir vor, wie unangenehmn der Aiblick einer Kleidung sie be-
ss: zHsnissoi: Iszion
--=- s -==;j« , 0e 1l lheu- -«eo ü1lC .e -===- - =z- - H
lzzi: iiHsd
z-üi sifis sississ,-
einem Symbol der-- der Zustände geworden ist, vor denen
Gott uns gnadig bewahren wolle.
Ste halle die letzle aentd, ossennbar bescöigend ge
u
=F
,is- si,- .iionn
1u.z-, de.. der Tont threr Siitmte berrte!hh, ---- -- ---=--
s.ls
e iznfs
slarleren und harlerenn Auusdruuc zritchhalle, und weit du==--
enuiserul, eiue versöhulice wirlung; aus Herlerl hervorzulrnngen,
erhöhte die Art von herablassender Seu.=-«., die sie ihm an-
gedeihen lies;, nuur das Mis;fallen. das Angelika ih einflößte.
,spss iisnd. az-
Er war fesi entschlossen, dieser Frauu --=- e =---- ----- ---
ss»lis s:
viisdoss Il»iz
schicte sich eben zu eiter, wie es ih:m schien, gelü.h- -- ---
wvort an:, als der Freiherr -.. lü1g1e= p- ---= -- ==-zull-
sn hiiiniis sl,-sinis N,.i-fß:
- Api
damit zu beenden versuuchte, daß er ihn in das Scherzhafte zeg-
lz-d n sooimn fiissonss KAiis ?
Es ird also, sagzte .. läche.. - ----= = -- s--- --= ,
teisler, luel. - p=« -l.=i =- -- - w-i---ulg, Uiid dey Gzgde I
T,iwni Vpsl i iismi
n i si,si -
z -
der Fras. =- w»ii--- --= - ill, ..ts Anderes üb.ig; bletben, al?
: H,oieis: Szfzpstps: s
z s.s:
vsH
zs ,s. 7s.? -'
ein !auit !uillb anzuulegel,-=-- ee etn solches h- i « ib=s- -
issIiss:
o----- pg dte Dien ste meines Kamtuerdieners ? -== - z =ui=-T
,- sl,-s -
sis-d. C,s.
l.esso
Wenn die Gust der Fra =-uu und -.r Frau Her-F
dn
: I1A-nss
Zz - ---gsF -=s -» ----»- s==p--- duewD=-p;- Z- -=ssssglF
-is: vifnoi
: pplnfnos
Ais»F oisins: sfiIfH-
1,-sd
iw-sis,s
ist, so bin ich leider in der übeln Lage. -« iese Gnade ver-A
-is s
- V
oiifnp:miinfn dor iiissn, H1zzzsss
-.s.s.iss
-s,sispss
e ie ?
iinüissi
H=-g =-s Fls i - -j; - s - -g-gs =- - z-z- =e -üiiul ßhu sugj==sK sos ,
Tone des Scherzes. b===-- - .=- --= ulchen nicht auf- F
.shin: os- ss,s. -
wisvis s,-
-lofs ssss.- Np -
s do is ?
h- s-=-s-- =- oettt !ahut !hi, -= va!l Pea- u= :
isss A.
-
dem Zopfe habe ich ein füür alle Mal g==--
.mzprssni

== - === =--s-- --ss=-»i ssz- -s- === - -s=-=-o»z -el sgseislesFF
c,. w-i-s sss»s.l,.s sl,s.
ips. sCs-klIw-in iiss
d- -,=erleil hizunehmenn und demn juutges.==iie zu wieder-
s 9?,
-- G,is -
si.ilifs d-s .=- f?z- si ind
= - --- -b-n -- -- i-- - von seinem Standpunkte aus sicherlihF
das Rechte thue. Aber er misfiel ihr mehr und mehr, ja, erF
F

-

cze-
=- J,eZ-=
mißfiel ihr ganz besonders desßhalb, weil sie sich's eingesteheu
, mußte, das: er ein schöner Mann und in dem Vollbesize der- ;
, jenigen Vorzüüge sei, welche sie sich gewöhnt hatte, als ein
- besonderes Erbtheil des Adels zu betrachken. Seine Haltung
war vornehm, seine Redeweise besser, als die der meisten ihrer
Standesgenossen, welche das Deidtsche nur fehlerhaft zu sprecheu
wuußten, und sie hatte im Grunde an ih:n nichts auszusetzen,
? al? daß er, der gekommen war, ihrem Hause bezahlte Diensie
zu leisten, sich ihr als einen Ebenbisriigen ind Freien gegen-
über stellte. Und wie Herbert Anfangs sich gesagt hatte: dieser
, Frau mißfalle ich! so sagte er sich jezt, daß ihm niemals eine
Frau so sehr mißfallen habe, als Angelika.
n Es war gut fir alle Theile, daß die Harzogin und ihr
- Bruder sich zu ihnen fanden und der Diener die Meldung
machte, das die Mahlzeit aufgetragen sei. Der Baron stellte
- Herbert seinen Gästen und dem Caplan vor, der sich inzwischen
äuch zu ihnen gesellt halie, und wenn die Herzogin und der
- Marquis auch nicht sonderlich auf den jungen Baumeister
achteten, so lag doch wenigstens nicht die abweisende Kälie in
ihrer Begrüüsuug, mit der Angelika ihn aufgenommen hatie.
- Beide, die Herzogin sowohl als der Marquis, waren es
durch die Erfahrungen der letzten Jahre gewohnt worden, ihre
Haltung nach den Umständen einzurichten, sich in der Fremde,
Ii der sie lebten, mancherlei Annährungen und Ansprüche ge-
, fallen zu lassen, und zeitweise, wenn es sein mußte, auf eine
AAusschließlichkeit zu verzichten. die sich in ihrer jetzigen Lage
Inicht wohl behaupten ließ. Dadurch machte sich die Unter-
Hhaltg leichter. Der Freiherr hatte obenein die Absicht, zu
ozüis.s
--u-=l, was seine G attin dem jungen Miine zu Leide ge-
FöKzss
zz=--: sie selbst fand sich genöthigt, ihm bei Tische die haus-
Hrauliche Zuvorkommenheit zu beweisen, die ihr zur Gewohnheit -
Fgeworden war, bis Herbert allmählich der Zurückhaltung zu

Dg
-===== a d(.P?==
=- -s -- -7----, -oelche er zu behaupten sich vorgenoumnnen hatte.
simpsspfs s.
cnfsss s
iss iinr
=-- -=-===- kam absichllich in Gegenwart der Hcrze --=
T,.z- TAf in
, do=
einmal auf den .« - - ee ----» i- =- Zuz, wdelcsell alag =-
= P,f i iiinisi.--F
=-,?
N,i.f d
Rooiss iiismois HAesino
(AeiilAss is s:-siis ss.-is s.i.ls -
==-z-=s s -ss =z= - - =-z - - - g=-. , Ie Mü.ös oas ,z- ss »-sfsns
s.s.i
- siid -
das Herz u- und noch während man bei Tasel war. u
-is
i: Gsz- sizpl,p nnnn
-= ul, von der Angelegenheit zu sprece.., i-- --»=- --==-
-g=- -berl hergeruufen halle.
G=
e,
==- ul üus; y== - -. .baa
,iis sz,iisn ui -
versiändiger vor Laien von
d.s- As?,-ssi,mf in
z d=- (
=- - » »» ij== - llb =u - C,
,p
-l g- = el, dennn wo ein Sach-
posAsi -
Fs on
seinemn Fache ssreche lann. -. --
-:- - =- wornehnsten ebenbirtig,
Fss -s- doii:
,z-7sIz-s,- dwnz- iiissm. H,-sss- dosin
wenn Aict jlherlegeit; Und sd .- =--- - - p ---h- =-»---- =---
gauz uunumvuunden, das. - --, was er imt Vorüiberfahhren ge-
- A st.
s ,
,szsooinasimnn
sehen. ihn in seiner bereits früher geäuusßerten la= = --üs
bestäärkt hätte, und das; man einen grosen Fehler begehen wiirde,
-ziss zllr!tms
wenn mtan die Kirche auf dem Platze erbaule, .-: -= =---
»»ss? -
--- oen Grundstein fir die urspringlch beabsichtigte Cap.-
nsHss R
z ioodon
eingewveiht habe. Er enuiwicke.. -ß-; - -- -«e d?lieg- - =-- z-=-- -
-st.ss
-Is,- d
v:iß iisii pissni
=-=- -=ss -=- --=-;- so-- -=-- ------z --=-- --spia, alle hje hlehehsfände,
M,iii ssinisZs f.soss fiz- jsiis vissisnmris iffiss,-
-n- -- =- -- - ss =-os- =s« ==- p- -; - - 1s -=sg- ;e :. he hOß, fe,
ssii donfnnn oiss HAi s .is si.sss.-s -
i 7IiHssfnss
,: Aoe
und stellie dagegen die Vorziige auuf, welche die Serleguh -
Knrche nach -- ööhe darbieten konnte. Er Jielt den Herr-
doz (
,s.biff.is dis hfRspz-s s.-iöifsifzs sls- si,- sss .s s.1.-ls ssü-ioss -
saguij -s =sK szs = p-= - =a uj=» ss == .uz=s.s ss) K = j» sz = - Iss=s -s i=ss -
F
is- dsp Hevffnsis-, HlJs-Hnfsh nme Hihl». R, z-,p finrohs R
ulIsu? G s=l -111=71sl1»9= ===1»»i11zz »=k z 1=-»-s Vus as l=.= s1sP?. g;
---p----=-- - --=--- i-- --i = zUlgel jen seil des Parles guf-?
issssi ssini:is inis ss,- -is dosss
i--=--- -uo sie dann von der Westseite des Schlosses einen ebeu -
sss.»d sr
-s h. OM,s«
F. s.s.sbis l.:s.ll-s Sis.s.
j-- sP= - =ss -=n- -- gz» n=z-= ns -=essü. , (h(H hhz1 uiui = - ==sssss- -
siois s zsssfn
Ds--=-------- ---»==--» - pp«uc von den bedeutend grdßeren I
s, MAifmnissn d.e»-lis (Cz- sz,
-usgaben, welche ein so unginstiger Boden, wie der in Rothen- j
i-=-- » -i= ---====- und weil er von der ichtigleit seiner
N.-lK
-»si,-sFois s:
zi»-A.
-hgaben zoeisellos lberzeugzl var, mteiule er in de:nn Schweigen -
=-- ---= - -- -b-- .---= ==- zu findent, das; er sie ihreßF
v.h=- sz-orois niis F,s,s.
.i-
Irrthums iberführt und des Besseren belehrt habe.

cz D r-
== Jp O.F F -==-
Aber Herbert verstand und kannte sein Fach doch -=»
ssn.r:
besser, alö er die Menschen kannte, obschon -- -« vielfach und
en s- s.,.
==- i-z auf in den verschiedensten Lagen zu bewege g= =-
el ofif
ess s=-ßs-
zsißs

iisr. nuhis CJz-d.
z==- - =- - --s j«u .ubC üuug.; IC Ni-z- szzss l=-=g- ==s u-sn=
1Fiip (- miiiisfn -s
pipisinos:
heit auuf da- -- -- gewohnt sind, e nici ieben, sich eines
K 91,. f.s.l.
g-s süis
»--==-ns überführen zu lassen, und er bedachte nicht, dan es
91,iii»-f.
einen Jeden schmerzlich ist, einen Plan, auuf dessen =-=--
I lchung er seinen Sun lang- .=l hudurch gerchiel ,.t. plozlich
. V.
liss
==- . imnner auufgeben zuu sollen. Er sah, bas; der Freig.
znd sis-
s sspps
ihm Gehör schenlte, er mer. an den Fragn.-==- bald
-ls,-
smnl»l.s
v:d s,ssp- Is
b»s=-
=-, balh der Eepe. -ühe==- = =-- - -. lSullu.=- -;z -z---
zl,fs: sf
e idwwsoisn
- an ihn rtg= -, das; seine Grinde ihnen einlauchteten und sie
sifpf.is
- sK,zs ssifsi si-Hrsiidi-
=----=-»» ---===---, uunnd er glaubte also auf dem besten Wege
zu dem von ihm ins Auge gefasßten Ziele zn sein, alö der
: N,z--
====u ihmn nachdenllnch einräumnle, das; die Sache allerdtngs
, noch einmnal gruundlich erwogen werde:n müsse und daßß d-« . --=--
. f--üs-
zeitige Ankuunft Her... « ihm also doppel. -r oüünscht sei.
-I..=-f
s »zs
cxs,-
- =-- ntah- -uugelka, die bis dahin schweigend zP==--
s- Ig
-is:iß»-s
- hAsss f
=-=- plözlich das =---- -F weiß nicht, V; -. sagte sie zu
=s E,s.
1.s.= =-
dofis N,zis
sio sz
=----=--==-- ge1e«.-, wwie in diesem: Falle noch von Ue...-
d.s
,, legung und Ervägung die Nede sei:.-=-- -=h d=-=-. vavon
- fs Pss?,
ßzss -
s- -issn f-=. 9,s-
zßiz-s. siii: isi sszs,f,is
ß L;- --- -=s - s=-z=-s , 1 11I ÜOC - - i --==aiezl la?
Fund wo es sich um die Vefriedigung eines persönlichen Be-
K..ess.ss Ml,i -n-
Kz»- ??,.
oi hii- (ß.süI.o si s-ssss,mss sihs
gz8s1ssszz-K zin- -=. - ==ae = ünuuttb tl. auiu s-=s== zs --s=ss» ss -sF iss
s 1
D.
? id »ife. l=-s:
z -o-s= =- ==sl(llllgz «=e lüles=-=-z s=ss --=s - sp-s- u«lOllil.g -
.si!
e iiiH, ßs
'zsAosiiinr
snin inis- s,s, .iii iii:n
-!-
D,a r
in si. di.sn N1.si.-
- == - =ül, le ols.u ;- -==i-=== gullPl üllpg==-szs
ssis ss-
Ksf-ö»,s
hhar so scharf, Vah. - gs = - -»-ii---- ---=» --- i -=--- =-rr
- .s- Ew»-si-s -i sssiSl -=-d fpiis f-üsovsZ Oss.
z
einos: aoofs ss s,szss,ils HipAof msr
Fß- GH-- -- b=---- -=-= - uueh rief. Wie kommt diese
IIgze Fran dazu.- alteren Gatten in olcher Weise zu
d.is
f eutgegunen ? sragle er sich iumvillirlich, und sein Erslanu. ouuchs,
siss s
Jßß z==g: -.e FLellsdr, sbliv--s == - =o-=s-- =- --s-=== -=- - =sz--s-
iiiis v,v
sdsis dz- FAlAis Ri; sz imiiLs ü siiiin siiin
Sie haben sich. -==-. Frau =»--l, sagte der Geist-
o=- ?,psis
P,insnis

-- W8R- --
o sisif dof sinfiiiif fils,ss ,sß,-
l1csu -- - =- ==-- -===--- == --, e=uge üll seisler iA!leMseth
Is..
NFz- ssis Hpziei:
Bzs.-sssiFo
=- ==--=s - z - -o--= -. hahep; Mdect, das lllzl! == zi-
.ss-
e.
Er1Cüg.sz -==-uu D.« =-=-- -== ---=- -- --==- .ü Ma1 a wenlg-
s,. Ts.,i iwfl.issdofi iss d. -
iif-H i Iidz-,l
---- -=. Fallen zaghaft sein sollte, wo maun ein Grosze- »-
T msd
fs:is i
dos
v..lfos ü?sio-
HeilhNes Üe- -z-- -ulll. ==-=z --- »-zz- -j-- -b--F z -j) -=s-
Pessi i
sd 9
.m,sss ,zii
sss;--ssnmoi: s
nnisrh. F,ifni.wins.ss l.isssnoo
luf
lluuui=up= ==»9s» s nzz= ss -zifis=eußh, leu - - -
Muihs und Begeislerngz. siel der Freihherr ihn iu die Nede,
als finde er es jp. da der aplan --=Igegzuhge, lel=g----
-jz s
sz s
s.i
s.--. 1Üg; atlSzusPreche!, =-g 1. eghlh.=-- -s-
-ihs 9),.
Iiii-
, -
in sii:k
sszi:i
elvas sehhr Erhhalenes, und es isl eiue schönne Eigenschafl der
Frauen, dan sie derselben in so hohem Gra.. -ȧ ---- o-
ssssd Em.
D Is.'
esz o;.ülS ---- und dieses Mal, o;- --»-- -:-=-»= j- =--
l.i-sü-b.ss D
l..-ss.- Il sf.lis.i
.is
cozl=. -
, --« oohl . sol.,. Falle- haben die Frauen es leichter
Fszps:
, als wotr, nhrr-- --h und hr. =egpg=.11g zu bchauplell,-=-
-ss 1,s
iwis
-. 9
sl. =-
die li.--z der technischen und maleriellen Hindernisse ihnen
ss.ssisiisss
, das-.uhhhgzble:-.: sehr erlele,= - -
NHis
sis,z-f
siss-
cgz,-
- Fs,win
- lii siss
= .S 1llg 1ohl Wg- j-- - - ;-p-e Il =-==s ül -
is.iss -
uisiss
s,siissbd
sl:sss
i=------- »- l---zi---- O- - - osl einemn Muihe und einer Begei-
lin) s
lppimis
l,-is szws-si ZsAinor -
-- -ß, welc. -. ==s.lscsenl ilber .. =-=g-il==- ==- - j---L- ,
- dos N,-
D. ».si:-
gFefsiinn fffwpi,ss öiisss-fis ss jAs
s snin isiF -
==-= »»gssz s =- =- -= p== - s -- =s s=- ss -j- z. ll! Usu;.au FFl, .os- -ss,
isn zsss
D=-- ---=- ---- -==-. =-- - ,uben, ich mtusz As wiederholen, -
sis ziss ,- P?,s
N,1=- si-
ein Gelöbniß, eme heilige Pfl,t zu erfullen; das ist eben so
,s
sKs=s -'
unabweislich, und unabweisli.g--, als sein Wort einzh--==-- -
F.

wenn mtan es in einer Ehrensache einumal V-p---- - »---
s»-sisßzsd. lifs
g
R
Gewiß, rief der Freiherr, auch handelt es sich nicht um den ?
N;
sf,isAioss: s:i: i
- d.ms»lsoön
==0, s--==» ---= uil dent zweckmtäiszigsten Plah ;-- =--=-- -
Und - . =uplan, welcher eben so wie der Freiherr von I
do=- l
sz-s-iin
iisiölf.-s sß=-l
ss O--,s..sIinmn i»e I
=--=--g Gl ü1S Ibpg -=- - -e.OEl (hgz.e Eise - s »z-os=ss- o ,
=-=---- und ganz besonders aeaen den Bau auf der Stätte j
,.sswi-i8-
von Paul.. -a.-- 6-----===r, ergriff diese Gelegenheit, sih ;
nssF s
AAisn -smsiso ssia
onis , dos -
ie--g;- zu Guausten der =--==-1ß üUlSzusprech.« »s- -bs z
. 9P, i isiof-ln:i
.s..-ss --
KTAee-n:
z ?
- s.,if,ssos: iss nplEf.
d..s pi
s,rz siioA.z j -
s-. .ßs -
-a u.uoll C Joau i-. =--- ;Cßl ii=ug s-syC =hu --sss- s - -=s= -p=z -np »? z
z
-a

---- W--
! -
- ihm quälend dinke, künftig zum Goitesdienst nach Nothenfeld
zu fahren, welches er jetzt geflissentlich vermied, und da der
- Caplan mit seinen oft wiederholten Ermahu ngen, nichi eben
dort die Stätte weihen zu lassen, bei der Baronin nie Gehör
- gefunden hatte, so bewegte die ganze Bera!hung sich in halben
? Andeutungen, welche den Architekien die wahre Lage der Sache
nicht erlennen unnid ilhnn sowohl als die Herzogin und den Mar-
r? M E a
I ungeduldig, und weil er ohnehin enischlossen war, seine Stellung
,zu behaupten, so sagte er plözlich: Es giebt nhr Einen Fall, in
welchem der Plaz in Nothenfeld nicht aufgegeben werden müßte!
- Und welcher wäre das? fragte die Baronin.
Wenn sich eben dort dasjenige ereignet hälte, welches die
FOF -- ==e =- =- ===-
Des Freiherrn ganze Züge veränderten sich plözlich, und
Jie Baronin, deren Gesicht von einer flammenden Röthe über-
I gen wurde, sagte mit unverkennbarer Selbstüberwindung: Sie
haben das Richtige getroffen, mein Herr! und Sie werden es
,also begreifen, daß hier von bloßen Schönheits- und Zweck-
mäßigkeits-Nicksichten nicht die Rede sein darf. - Sie hielt
anach inne, als müsse sie sich erholen, als habe sie Alles ge-
Jeisiet, was in ihren Kräften gestanden. Die ganze Tizch-
zgeßllschaft verstummte. Der Freiherr schien in unbegreifsicher
-Wäise verlezt, auch dem Caplan konntte man es ansehen, daß
, die gewissensstrenge Aeußerung der jungen Herrin ihm wenig-
-siens in diesem Augenblicke nicht angemessen däünchte, und troz
- jhver Weltgewandtheit wagte die Herzogin selbst es nicht, die
- nterhaltung mit einem gleichgüültigen Worie wieder in Gang
: rE re

- ZFß--
als habe die große Gewalt Angelika's über den Baron noch
andere Grinde, als die Macht, welche ihre Schöuheit und ihre
übrigen Vorzüge ihr über ihren Gatten natirlich sichern mußten,
und klug und herzenskundig begriff die Herzogin, das sie eben
jetzt vor dem Punkte stehe, der ihr in dem Leben ihrer Gast-
freunde bisher ein Näthsel geblieben war.
Während sie noch mii sich zu Naihe gin. ol es llllger
sei, ihnen in der auugenblicklichen Verlegenheit zu Hüülfe zu
kommen oder nicht, hatte die Baronin ihren Enischlus; bereiis
gefasßt, und sich gegen ihren Gatten wendend, sagte sie, indem
sie ihm dic Hand reichte und in völlig verändertem Tone zu
ihm sprach: Gewisß, Bester, Du wirst mich noch böse machen
und es dahin bringen, das: man mich fir eigensinnig hält.
Aber Du weißt es ja, wie meine ganze Seele an der Er-
fillung unseres Gelöbnisses hängt, und wie schnlich ich danach
verlange, mich dereinst im Gebet in unserer Kirche vor dem'
Allmächtigen zu demüthigen, der auch mich zu finden gewußt
hat. Ich werde nicht eher ruhig sein, bis dort die ewige Lampe
über dem Altare brennt und die Messen dort gelesen werden..
Wie kannst Du Deine Stirn denn verdistern lassen duurch dens
Hinweis auf eine Mehrausgabe, die nicht uners winglich,
zs-zs
auf Schwierigkeiten und Müihen, die nicht unbesiegbar
können? Und auch Sie,
können Sie mich grade in
Sie hob mit diesen
Tafel auf. Der Baron,
Hochwirden, figte sie hinzu.
diesem Falle im Stiche lassen?
=sis=-;
sein;
wie,

freundlch gesprochenen Worten die?
sehr zufrieden, von dem Gespräche?
loszukommen, begab sich mit dem Marguis in das Billard-?
zimmer und lud Herbert ein, ihnen dahin zu folgen. Indeß?
diesem war die Lust an der freiherrlichen Gesellschaft vergangen.?
Er sprach davon, das schöne Weller beuuzen z wollen, und?
der Baron schlug ihm darauf vor, einen Ritt durch die Gegend.
zu machen, was Herbert dankbar annahm.

Kapitel 17

Siebzehnte s Capitel.
P
zelehrere Tage waren in Verhandlungen und Berathun-
gen vergangen, ohne das; man zu einem Abschluusse gelangt
wäre. Da sasen an einem Nachmittage, als man sich eben
auch wieder von der Tafel erhoben hatte und die Herren ihr
Billard spielten, die Damen allein in dem Wohnzimmer der
,Gräfin. Sie hatten dem Fenster gegenüber Platz genommen
Jund eine Weile iber das zeitige Beginnen des Frihlings ge-
zsprochen, welches dem kleinen Renatus, den seine Wärterin
zunten auf der Terrasse im warmen Sonnenscheine umhertrng,
Fso wohl zu Siatien komme. Indeß die Unterhaltung wollte
ßnicht gedeihen. Es währte nicht lange, so saß Angelika schwei-
Fgend an dem Stickrahmen, auf welchem sie eine Altardecke finr
Pie Kirche arbeitete. Die Herzogin parfilirte ein Stick gold-
Fdurchwirkten Seidenzeuges und legte die ansgezogenen Fäden so
Porsichtig und gleichmäßig neben einander, als gälte es wirkich
Feine Arbeit und nicht einen müßigen Zeitvertreb. Dabei sah
Fsie unter ihren dunklen Wimpern von Zeit zu Zeit nach
ßAngelika hiniber, als erwarte sie, daß diese zu sprechen begin-
en werde. Endlich, da sie bemerkte, daß die junge Frau leise
lefzend den Kopf emporhob. sagte sie mit heiterem Tone:
zßas haben Sie, Beste? Sie seufzen! Und uunseres Voltes
FSpriichwori sagi .Ein Herz. das seufzt. hat nicht, was es
Iwwünscht!r Mich dintt, das Seufzen sollten Sie uns alten
Prauen überiassen!
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

D,1 P
-e- Ja T -=-
Es war das ersie Mal, das; die Herzogin sich im Ge-
spräche als eine alte Frau bezeichnete, und sie hatte in der
-=hat nicht Grund dazu. Angelika würde ihr dies in jedem
anderen Augenblicke auch gesagt haben, sie war aber so ver-;
stimmt, das sie sich unfähig fi:hlte, auf den Ton des Scherzes
einzugehen, den die Herzogin angeschlagen hatte.
Ach, sagie sie, ich wollte, ich wäre älter, als ich bin!
Das ist ein Wunsch, den wenig junge Frauuen mit Ihnen
theilen werden, meinte die Herzogin lächelnd, und es müssen;
besondere Verhältnisse obwalten, wenn ein solcher Wunsch nicht
Sünde sein soll, die -- sie hielt inne und nahm ihren Gold-
brocat wieder in die Hand.
Ihr plötzliches Abbrechen und Verstummen that seine be-?
absichiigte Wirlug. Sie hatie stets gefihhlt, das: Angelila, dih
an den Uugang mit ihrer Mulier gewohnt gewesen war und?
diesen jetzt entbehren muusßte, sich nicht selbst zu genügen ver-?
mochte; indes sie wollte sich ihr nicht zur Vertrauten anbieten,
denn sie wuste, das man nur das schäzt, was man sich selbstz
erworben hat, oder doch erworben zu haben meint.
l
Während die Herzogin sich also wieder an das ParfilirmnF
machte, ließ die Baronin ihre Nadel ruhen, nd mit ihrenF
ernsten Augen die Herzogin anblickend, fragte sie: Sie brachenZ
so plözlich in Ihrer Nede ab, meine fheure Herzogin, weßhalh!
vollendeten Sie nicht?
Weil ich mir das Recht nicht zuerkenne, Ihnen einen VorF
wurf zu machen, liebe Angelika! -- und auch Angelika hate
die Herzogin sie nie zuvor genannt.

-., ich versichere Sie, es kann mir Niemand härtere Vors
würfe machen, als ich selbst! Aber ich habe so wenig Mens!
schenkenntniß!
Worauf beziehen Sie das? fragte Jene verwwuundert, demn sü!
war auf nichts weniger als auf diese Wendung gefaßt gewesgH,

-- LIJ--
Ich hätte es mir denken lönnen, sagte die Baronin, daß
von einem Manne, der selbst kein eigentlich religiöses Epfin-
den hat, der, wie dieser junge Architekt, nicht einmal unserer
Kirche angehört, füür unsere Zwecke nicht das richtige Ver'tänd-
zniß zu erwarten sei, und ich hätte es von dem Baron verlan-
gen müüssen, daß er einen anderen Baumeister, einen Katholiken
für unsern Bann gewählt. Ich kann nichn sagen, wie dieser
junge Man mir misfällt. Sein selbstbestimmies, herauusfor-
derndes Wesen, sein Beharren auf seiner Meinuung, sein ganzer
-Ton, ja. selbst seine Kleidung und sein Blia beleidigen mich,
so das; ich im Stande wäre, auns bloßem Widerwillen gegen
seine Anmasung auf meinem Vorsaze zu beharren, selbst wnn
uunser Gelibde uns in dieser Beziehung nicht zur Beharrlichkeit
,verpflichtete.
Sie haite das sehr lebhaft ausgesprochen; die Herzogin
wusßte nicht recht, was sie von Angelika's Worten denken sollte,
und weil sie noch nicht entschlossen war, ob sie dies der Ba-
ronin sagen sollte oder nicht, schiüttelte sie nur leise ihr Haupt
- Angelika fragte, was der Herzogin auuffallend oder bedenklich
Fan ihrer Aeuszerung erschienen sei.
s.
z Auffallend ist mir nichts in Ihren Worten erschienen, be-
Fdenklich Manches, entgegnete die Herzogin mit feinem Lächln,
zund ihr anmuthig mit dem Finger drohend, sagte sie scherzend
Seien Sie auf Ihter Hut, liebe Freundin!
ß Auf meiner Hut? Und weßhalb? Wogegen?
Gegen Ihr allzu zorniges Herz! bedeutete die Französin,
znoch immer im Tone des Scherzes; obschon eine plözlich auf-
Ftauchende Jdee sie zu beschäftigen und ihre Phantasie zu erregen
Jegan-
F Gegen mein Herz? Was hat denn das Alles mit meinem
Fderzen zu schaffen? fragte Angelika, die sich in ihrer Strenge
,urch den leichten Ton und den Blick der Herzogin verletzt fihlte.
18

=- LgF-
Aber die Herzvg.n legte ihre Hand freundlich auf Angelika's
Arm, und mit plötzlichem Entschlusse zu einem gewissen Ernste
übergehend, sprach sie: Ich habe Sie heute nicht umsonst daran
erinnert, daß ich im Vergleich zu Ihnen eine alte Frau bin,
meine theure Angelika, und daß ich also das traurige Vorrecht
mannigfacher Erfahrung vor Ihnen voraus besitze. Ich habe
viel geirrt, viel gefehlt, viel geliebt und viel gelitten! Ich habe
viel verloren unnd nuur Eined gewwwonnen ---- ich habe sehen ge-
lernt, wo ich mit dem Herzen sehe!
Sie bog sich bei den Worten zu der Baronin hinüber,
und sie zärtlich anblickend, sagte sie: Wenn der gute Wille, zu
vermitteln, auuszugleichen und zu rathen, Ihnen und meinem
theuren Vetier, denen ich so tausendfach verpflichtet bin, für
Dank gelten kann, so bin ich dankbar! Sie haben Recht,
iheure Angelila! Sie sind sehr jung und -- ich fiühle das -
Sie haben nie geliebt, Sie sind nicht glicklich, armes Kind!
Darum seien Sie auf Ihrer Hut! Ein so heftiger Zorn, wie
Sie ihn gegen den Architekten fiühlen, ist oft die Knospe, in
welcher ganz andere Empfindungen sich verbergen. Denlen
Sie daran!
Sie küßte die Baronin auf die Stirn und verließ das
Zimmer.
Angelika aber blieb zurick, ohne recht zu wissen, was ihr
geschehen war. Alle ihre Vorstellungen, alle ihre Gedanten'
waren unklar und drängten sich wirr durch einander. Sie!
fragte sich, was sie denn gesagt habe, um die Herzogin zu'
solchen Aeußerungen zu ermächtigen. Sie besann sich, ob sie
jemals etwas über ihre Erlebnisse ausgesprochen oder von wem
die Herzogin etwas über jene Vorgänge erfahren haben könne,
welche ihren Nebertritt zur katholischen Kirche veranlaßt hatien!
Indeß sie fand keinen Anhalt zu einem Vorwurfe gegen ich,
keinen Anhalt für den Rath und die Ermahnuung, welche ihrz

-- LPJ--
geworden war. Daneben klangen ihr in nar wieder die Worte
in den Ohren: , Sie sind nicht glicklich, Sie haben nie gAiebt !-
und ein plözlicher, bitterer Schmerz in ihrer Seele gak diesen
Worten Recht.
a- sie hatie im Grunde nie geliebt. Das Wohlgefallen,
N,:
die Bewunderung, die dankbare Zärilichkeit und die erwachende
Sinuulichleit, welche sie ihrem Gatten gege:uiher gefühlt und die
sie in ihrer Unschuld damals fir Liebe gehaltn hatte, das Alles
hatte den Namen der Lebe nicht verdient Jezt wußte sie es
lange schon. das sie wohl einer anderen Liebe fähig gewesen
wäre. Aber der Gedanke, daß in ihrem Herzen, in der Brust
der verheirakheten Frau noch einmal jene große, starke Liebe,
wie sie die Dichter schilderten und deren Darstellung sie immer
bis zu Thränen rihrie und entzückte, erwachen, für einen An-
dern erwachen könne - dieser Gedanke hatie ihr völlig fern
gelegen, und sie erschrak vor der Vorsteslung, welche die Herzogin
n ihr heraufbeschwor.
- Sie tröstete sich damit, daß es ein Scherz der Herzogin
gewesen und das sie eine Thörin sei, demselben irgend eine
zBedeutung einzuräumen. Sie wollte darüber lachen, sich darüber
Lrzürnen, sie wollte sich verspotten, und mußte sich doch immer
Zwieder fragen, wie die Herzogin denn auf den Einfall gerathen
Fei, ihr eben Herbert gegenüber eine solche Warnuung zu ertheilen.
FSie fihlte sich aufgeregt und wußte sich ihr Empfinden nicht
F deuten. Eine schmerzliche Sehnsucht wache in ihr auf und
ßunwwillkürlich drängten sich ihr die Worte auf die Lippen: Wenn
zich meine Jugend wieder hätte!
Da fiel ihr Auge auf das B... Amanda's und auf Aman-
IsK
ßen's Ring, den sie am Finger trug, und sie richtete sich empor.
gWar es denn nicht Gottes Figung gewesen, die sie zu dem
ßBaron geführt hatte? War es nicht Gottes Fügung gewesen,
hie sie und ihn der heiligen Mutter Kirche wiedergegeben?

Kapitel 18

==- ZHt -
Wie durfte sie sich unglücklich fühlen, wahrend sie das Wert-
zeug einer höheren Macht gewesen war, deren Einwirkung sie
ja unablässig anerkannt und empfunden hatte! Und war es
vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung, daß eben jetzt in
jenem jungen Manne, in Herbert eine Versuchung an sie her-
antrat? Wollte der Himmel sie prüfen, sie kämpfen, sie unter-
liegen oder siegen lassen?
Wie sehr sie sich dagegen sträubte, immerfort sah sie ihn
vor sich, hoch aufgerichtet, stolz und schön und trotzig. Und
was hatte er denn im Grunde genommen verbrochen ? Er hatte
eine Meinung geäußert, die abzugeben er als Fachmann ver-
pflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er mußte
es also für diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig
gemacht hatte. Sie aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbig-
keit widersprochen, ihn beleidigend behandelt, nur weil ihr seine
Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder weil sie ge-
fürchtet hatte, in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme Er-
innerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst
zu schämen. Sie gestand sich's ein, daß sie dem Architekten
ein Unrecht zu vergüten habe. Aber mitten in der Ueberlegung.
wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was sie thun
und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen
würde, erfaßte sie der Gedanke Woher kommt es, daß du dich
so viel mit ihm beschäftigst? Ist das nicht schon jenes Ge-
fühl, das jetzt Sünde für dich ist? Beginnt die Prüfung.
welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? -- Und sie
schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben
und es der Herzogin nie zu vergessen, daß dieselbe sie wie eine
Mutter treu gewarnt. Jetzt wußte sie es, jetzt wußte sie es
zuversichtlich, daß die Sterne ihr nicht gelogen, als sie ihr in
der Herzogin eine Freundin verheißen hatten!

Achtzehntes Capitel.
, den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit
ihrem Gewissen berieth und zweifelnd und bange auf ihr ganzes
Dasein blicte, fühlte sich die Frau, welche die Baronin geneigt
war als ihre mütterliche Freundin zu verehren, so heiter, wie
sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall
hatte ihr ganz plötzlich dargeboten, was sie bisher vergebens
gesucht hatte: eine Handhabe zur Herrschaft über ihre jetzige
Umgebung, eine Beschäftigung für ihre leere Zeit
Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin
war zum Herrschen geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch
das Bedürfniß, die Fähigkeiten zu brauchen, welche sie besaß.
Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer Verhält-
nisse sie zerstreut, die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen.
Nun hatte das aufgehört, die Tage in dem Schlosse erschienen
ihr sehr lang, und sie mußte sich doch sagen, daß es für sie
gerathen sei, sich in demselben möglichst festzusetzen. Indeß sie
hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser Absicht
enidecken können, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer
Gastireunde auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als
einen Lebemann gekamnt, völlig unter der Herrschaft einer jun-
gen Frau, die sich kaum die Mühe gab, ihm zu gefallen oder
ihre Vorzüge geltend zu machen. Sie hörte Angelika häufig
don ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden, und neulich,
als sich bei der Tafel das Gespräch zufällig darauf gerichtet,

-- Zg8--
hatte der Baron, der in seinem früheren Leben sich in mancher
Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine
Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte
es übernommen, die unangenehme Scene zu beenden. Die
junge Baronin fühlte sich also offenbar den Ereignissen, dem
Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich
hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewißheit fest-
gesetzt, wie irgend ein Unrecht gegen das, was Angelika die
Heiligkeit der Ehe namnte, den Anlaß zu dem Gelöbniß und
der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte.
Die Herzogin hatte sich sdes Lachens kaum erwehren kön-
nen, als dieser Gedanke sich ihr aufgedrängt. Der Baron er-
schien ihr gegenüber der religiös-pedantischen Sittenstrenge seiner
jungen Gemahlin beklagenswerth und komisch zugleich. Wie
viele Kirchen hätte er gründen müssen, dachte sie, wenn er jede
Gunst, deren er genossen, mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte
bezahlen sollen. Wäre er noch der Alte gewesen, hätte in
seinem Hause der Ton geherrscht, nach welchem er und die
Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so würde
sie nicht angestanden haben, jhm augenblicklich dieses scherzende
Wort zu sagen. Aber sie befanden sich in Deutschland, An-
gelika war, wie die Herzogin es nannte, eine fromme deutsche
Schwärmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch
des Hauses Fchon aus Rücksichten der Klugheit so lange z
schonen - bis es ihr gelang, sie allmählich nach ihrem Be-
dürfnisse und nach ihrem Geschmacke umzuwandeln, wozu sie
sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von
der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu Hülfe
zu kommen und ihren alten Freund, den liebenswürdigen frohen
Genossen mancher schönen Tage und Stunden, aus der Knecht-
schaft seines Ehejoches zu befreien.
Sie war noch immer mit sich zu Rathe gegangen, wie

= Zg --
dies zu machen sei, bis in dem stillen Beisammensein mit der
Baronin die widerwilligen Aeußerungen, welche diese über den
Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall brachten,
gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu ge-
wöhnen; denn nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung
vor Herbert ausgesprochen. Erst die Bestürzung und das Er-
schrecken Angelika's erinnerten die achtsame Französin daran,
wie viel damit gethan sei, wenn man einen Menschen in seinem
Glauben an sich selbst erschüttert, wie schnell man in der Regel
an das Ziel gelangt, wenn man die Personen, auf die man
wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu unbewußten Gehülfen
für dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen gethan
werden soll.
Noch während sie Angelika umarmte und küßte, hatte sie,
über dieselbe in das Freie hinausschauend, bemerkt, daß der
Baron den Billardsaal bereits verlassen und sich auf die Ter-
rasse hinaus begeben hatte. Jn der Nähe der Baronin war
für den Augenblick nichts mehr zu thun. Die Herzogin drängte
es also, den Freiherrn zu sehen und zu erfahren, in wie weit
bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt sein möchten.
Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer, durch den
langen Corridor, stieg dann die Treppe, welche aus dem Sei-
tenflügel auf die Terrasse führte, hinunter, als käme sie graden
Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit der
Frage heran, wo ihr Bruder sei.
Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte,
gab ihr Bescheid und wollte das Kind der Wärterin reichen,
aber die Herzogin hinderte ihn daran. Nicht doch, nicht doch,
rief sie ihm zu, Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus, lieber
Freund! Der schöne kleine Renö kleidet Sie vortrefflich! -
Sie kam mit diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absaz-
shuhen einherschreitend, an den Freiherrn heran, nahm ihm

--- ZJß--
den Kleinen ab, drückte ihn an das Herz und meinte: Gz is
sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch
habe ich es nie bedauert, kinderlos zu sein!
Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der
Baron.
Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis
dafür, daß ich mich und mein Herz wohl kamnte. Ich war
nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glücklich zu werden durch
eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer
eine gute Mutter zu sein!
Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mut-
ter den Marquis! wandte der Freiherr ein.
O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder;
das veryflichtete zu nichts, den konnte man aufgeben wie jeden
Anderen, wenn man seiner überdrüssig war! Aber ein Kind,
das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche For-
derungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewiß eine
süße, aber auch eine schwere Fessel -= gerade wie die Ehe!
rief sie und fügte lachend hinzu: Ihnen darf man das freilich
nicht mehr sagen, denn Sie sind auch iugendhaft und ernst-
haft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernsthaft, und ich allein
bin die Alte geblieben, das alte Kind einer jüngeren und fröh-
licheren Zeit! - Sie wiegte dabei den Knaben tändelnd in
ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin. Geh',
geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und
erinnere uns nicht mit deinen hellen Augen daran, daß du
den Frühling noch schauen wirst, wenn uns längst sein grünee
Teppich deckt!
Dann nahm sie den Arm des Barons, der sie mit Ueber-
raschung betrachtete, und fing an, langsam mit ihm auf der
Terrasse umher zu wandeln, während sie das schwarze Spißen
aapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog, daß die Kanten

- ZI=
auf ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen. Sie rühmte die
anmuthige Lage des Schlosses, die gute Luft dieser Gegend
und pries ihr Wohlbefinden in derselben. Sie sprach von
ihrer Heimath, von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Be-
kamnten, und schien es lange gar nicht zu bemerken, daß sie
allein die Unterhaltung führte. Auch der Baron beachtete es
nicht; er hatte seine eigenen Gedanken.
Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlich-
keit, die kleine, feine Gestalt am Arme führend, war es ihm,
als komme mit der Berührung dieses Armes, der sich so weich
und leicht dem seinen anschmiegte, ihm eine langvergangene
Zeit zurück, eine Zeit, in der er voll Feuer, voll Hoffnung,
voll jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in
das Leben getreten war, die ihm - wie er sich dagegen auch
träubte - jetzt noch reizend und begehrenswerth erschien. Er
sehnte sich nach den Empfindungen der Leichtlebigkeit, die er in
der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt, und er konnte
nicht anders, er mußte in seinem Innern der Herzogin darin
Recht geben: die Ehe, wie nothwendig ihre strenge Beschrän-
ung auch sein mochte, war eine Fessel, die wohl drücken konnte.
Was denten Sie? fragte die Herzogin ihn endlich.
Der Baron nahm sich zusammen. Ich freue mich daran,
wie wenig Gewalt die Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt
hat! gab er ihr zur Antwort. Sie sind noch heute ganz die-
selbe, die Sie in Vaudricour gewesen sind!
TM.==-- - == =--
ldgin hütete sich, ihm schnell eine Entgegnung darauf zu machen.
Sie schritt jetzt nur, als sei sie des Auf- und Niedergehens
aüde, die breite Trepye der Terrasse hinunter und wendete sich
damn einer der Alleen zu, welche vom Schlosse aus den ganzen
Bark in langen Linien durchschnitten.

LS -
Die Bäume waren noch blätterlos, aber die Knospen hat-
ten sich bereits stark gefärbt und begannen zu platzen und sich
zu entfalten, daß es wie ein farbiger Duft hier bräunlich roth,
dort gelblich, und daneben auf den anderen Gipfeln wie ein
leichter, grüner Schleier anzusehen war. Die Sonne schien
warm, nur hie und da wehte ein leichter, kühler Hauch durch
die Luft, und wohin das Auge sich wendete, verküündete der
helle frische Rasen das neue Werden der Natur.
Die Herzogin ging wie in stillem Genießen versenkt lang-
sam fort und fort. Erst als sie sich eine Strecke vom Schlosse
entfernt hatten, hob sie den Kopf zu ihrem Begleiter empor,
sah ihm mit ihren sanften Augen, aus welchen der Frohsimn
ganz entschwunden schien, prüfend in das Antliz und sagte:
Sie haben Recht, mein Freund; und einem Manne, der so
viel Philosophie besitzt, wie Sie, kann man das wohl aus-
sprechen, ohne ihn damit zu verletzen: Sie sind allerdings älter
geworden, als Ihre Jahre, welche auch die meinen sind, es
nöthig machen. Ich komme mir jünger vor, als Sie, aber
mich dünkt, Sie tragen daran selbst die Schuld!
Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu
erhalten, der uns nicht angenehm ist und den man sich wege
leugnen möchte, ist immer eine sehr peinliche Sache. Aber der
Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die
Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinen-
dem Gleichmuthe, in wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld
an seiner Wandlung tragen kömne.
Ich weiß nicht, meinte die Herzogin, ob ich mich itne.
Es ist indeß mit uns Menschen wie mit den Pflanzen. Je
wede fordert ihr eigenes Erdreich, ihre eigene ihr angemessene
Wärme und Behandlung, und auch wir sind nicht überall hn
zu versetzen, nicht für jede Umgebung gemacht. Ich mein
Sie hätten sich nicht aus der großen Welt zurücziehen sollen.

== ZZZ -==
Der Baron zuckte die Achseln. Ich war ihrer müde ge-
worden, meinte er, und die Baronin. . - -
Die Baronin ist ein Engel, fiel die Herzogin ihm in die
Rede, ein Engel an Güte und an Tugend! Sie besizt in der
That alle die Vorzüge, welche ein Mamn wie Sie von einer Frau
nur fordern kann, aber - denn eine alte Freundin darf ja
wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen?.. - -
Aber, rief der Freiherr in einem Tone, der nicht eben
ermuthigend klang, den jedoch die Herzogin nicht zu beachten für
gut fand.
. Aber, sagte sie, mich dünkt, für Sie, eben für Sie, Coufin,
, war sie vielleicht nicht die glücklichste Wahl. Sie find lebhaf,
, lebenslustig, beweglich, ein wenig eitel und ziemlich egoistisch.
Solche Männer sind in der Regel nicht darauf gestellt, immer-
, fort das Gleiche zu empfinden. Solche Männer wollen auch
, bewundert werden, wollen etwas zu erringen haben, und an
, dem Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen, nichts zu thun
übrig, als fortdauernd zu bewundern und zu verehren. Die
l Baronin ist vielleicht zu gut für Sie!
! Sie sprach das in einer Weise, die es ihm anheimstellte,
s ob er ihre Worte ernsthaft oder scherzhaft nehmen wollte.
s luch zögerte der Baron, ihr zu antworten, und erst nach einer
leinen Pause erwwiederte er: Jn gewissem Sinne könnten Sie
Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer
der Liebe, und Nachsicht finden, Nachsicht gewähren, Verzeihen
und Verzeihung erhalten, kann sehr süß sein, kamn die
Vrzen sehr nahe zusammenführen, sie sehr dauernd ver-
dinden!
Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung ge
bgt. Die Herzogin wußte jetzt, woran sie war; aber sie wollte
s och hier nicht absichtlich, nicht zudringlich erscheinen, und sie
s nzgte bei sich, daß man um zu herrschen nicht eilig sein,

- LhP -
daß man verstehen müsse, zu warten, um sicher vorwärts zg
kommen. Mit jenem spielenden Lächeln, das selten von ihren
Lippen wich und das ihren feinen Zügen so wohl anstand,
ging sie völlig wieder zum Scherze über. Nun, rief sie, i
diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrmg
competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlaß
gegeben und - ich rühme Ihnen das nach -= Sie waren
liebenswürdig, wemn man Ihnen Nachsicht zeigte!
Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, theute
Herzogin? fragte der Baron, dem mit diesem Lächeln und
diesem Tone seiner Begleiterin eine Vergangenheit wach wurde,
deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber nicht g-
wagt hatte. Die Treue . - - -
Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort ne
leiden mögen.
Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit u
machen!
Als ob es Ihnen Vortheil gebracht hätte, wäre ich neu
gewesen wie die Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heiß
beschränkt sein, Nichts weiter! In Einem Menschen sein gandk
Leben lang die ganze Welt sehen, das heißt ja sich Augen und
Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten! Treue iß enn
halber Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einn
Welt, in welcher Alles wechselt.. - -
Und Alles eigentlich so schön ist! unterbrach sie der Baron
der sich mehr und mehr erheiterte. Der Frühling hat sin
Blüthen, der Sommer seine Blumen und seine heiße Gluth---
Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einnenl
langen Blicke, dessen Wirkung sie früher oft genug erprobt
die Augen schaute, und der Herbst?
O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heit
Wärme, der Herbst hat oft das Licht des Frühjahres und

- ZIJ-
Duft des Sommers, und darüber hinaus die süße, erquickende
Traube des Weines, dessen Feuer beständig ist und dessen Werth
sch steigert mit der Zeit.
Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen,
und -= war es der magische Glanz des hellen Sonnenlichtes,
das seinen glühenden Schein über das Gesicht der Herzogin
ergoß, oder war es der Reflex des dunkelrothen, kleinen Fächers,
mit dem sie ihre Augen überschattete - sie kam dem Baron
noch jung vor und er fand sie noch reizend. Freilich sah er
die Fältchen in ihren Augenwinkeln, aber sie erhöhten nur die
Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah auch die feinen Furchen
auf ihrer Stirn und die tieferen Züge, welche die Leidenschaft
und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah
sie nur mit dem Bedauern, daß auch diese einst so anmuth-
volle Bildung der Vergänglichkeit zum Raube fallen müsse, und
obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefühl der Liebe
für die Herzogin zu fühlen, wie er es einst vorübergehend auch
für sie gehegt, hatte er sie doch nie höher gehalten, als eben
in dieser Stunde.
Sie war ihm werth, unschätzbar werth! Er sprach ihr
das aus. Er gestand ihr, daß er in diesem Augenblicke, in
welchem er finde, was er so lange entbehrt, erst inne werde,
wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermißt habe,
die seine Erinnerungen mit ihm theile, die durch Menschen-
lemntniß, durch Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst
die Schwäche des Herzens und der menschlichen Natur erfahren
habe, die ihm helfen könne, den zu ernsten Sinn Angelika's
zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben.
Und, so schloß er, ich bin glücklich, theure Herzogin, daß ich
in Ihnen, meine Freundin, jene Jugend des Geistes und des
Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch nicht ent-
schwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicher-

= ZJH -
lich gelingen wird, wenn Sie, theure Margarethe, mir die Hand
dazu bieten!
Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zier-
liche Rechte, deren reichberingte Finger blendend aus dem
schwarzen Halbhandschuh von Filet hervorsahen, und er führe
sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl in dieser
Lage, demn sie betrachteten einander mit den Augen früherer
Tage, und in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie siil-
schweigend die einstige kurze Liebe mit ein.
Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher
Sie sich entschlossen, uns hier aufzusuchen!
Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft
nicht zu werth, das Exil wird mir zu schwer und zu hart
danach erscheinen!
O, rief der Freiherr, das muß feststehen zwischen uns,
Cousine, daß Sie uns nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach
Vaudricour zurückgeleiten können! Ihr Wort darauf!
Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, di
obenein wetterwendisch ist wie alle alten Frauen? meinte sie
mit guter Laune, während sie umlenkte, um den Rücweg nach
dem Schlosse anzutreten.
Nun demn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die
Zukunft zu ichern, meinte der Baron. Wir haben es uns einst ver-
sprochen, Freunde zu bleiben und einander nicht zu fehlen, wo wit
einander nützen kömnen. Denken Sie noch daran, Margarethes
Ich denke daran, erwiederte sie anscheinend gerührt, denn
ich erinnerte mich dieses Versprechens in der Stunde der Sorge.
und ich kam zu Ihnen.
Wohlan denn, Herzogin, an der Seite meiner jungsk
Frau fehlte mir immer meine alte Freundin Margarethe. Ie
verlange von ihr, daß sie nicht von mir geht, ehe ich sie enk'
behren kann! Wird sie mir das versagen?

-- B5?--
Nein, o nein, gewiß nicht, mein alter theurer Freund,
mein lieber Vetter, rief die Herzogin, als überwältigten fie das
Zartgefühl und die Großmuth des Barons, aber gewähren auch
Sie mir eine Bitte!
Befehlen Sie, theure Freundin! Ihnen einen Wunsch zu
erfüllen, wird mich glücklich machen!
Nun denn, Baron, gönnen Sie es mir, die Vermittlerin
zwwischen Ihnen und den Wünschen unserer lieben Angelika zu
machen. Die fromme Seele hat ihr Herz einmal an den Bau
der Kirche in Rothenfeld gehängt, geben Sie ihr darin nach.
Sie wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger, ein wenig füg-
samer zu finden; gehen Sie ihr mit gutem Beispiele voran
und fordern Sie Nachgiebigkeit um Nachgiebigteit.
Wie gern, meinte der Baron, nur daß wir eines schönen
Effectes entbehren, wenn wir den Vortheil nicht benutzen, welchen
der Bau auf der Höhe uns bieten würde.
O, Cousin, das ist Monsieur Herbert's Sache! Sie rühmen
sein Genie, seine Erfindungsgabe; er wird einen anderen Vor-
schlag machen, er wird da oben eine Gapelle, ein Kreuz errich-
ten, und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen Eifer
genug gethan hat, nun, so wird sie allmählich auch ihren Sinn
mehr den Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und
das beschämende Gefühl von unseren Häuptern nehmen, daß
wir jünger, o, weit jünger sind, als unsere liebe junge
Schwärmerin.
Sie lachte und wandte ihr Haupt ab; ihr Nacken und ihr
Ohr waren noch zierlich und sehr hübsch. Wie haben Sie es
gemacht, Cousine, so jung zu bleiben ? fragte der Baron.
Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben, nachdem ich
fe durch den Tod des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte,
anhgegnete sie.
F. Lewald, Von Geschlech zu Geschlecht. K

---- 28--
Der Baron antwortete ihr nicht darauf, aber ße gauä
ihn seufzen zu hören.
Am Abende erllärte der Freiherr seiner jungen Gani
daß er sich hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Bünhe
füge. Sie war davon gerührt und überrascht. Aber ße ahr
nicht, daß sie die Gewährung ihres Verlangens einer fenoa
Frau verdankte, die wohl wußte, was sie damit gethan, alsß
dem Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als ge
von einander abweichende Pfade bezeichnet hatte,

Kapitel 19

Fueiten
Fuc.

Erstes Capite l.
,n dem grünen Parke von Schloß Richten hatten die zah-
men Rehe und Hirsche sich bereits gewöhnt, das Brod aus den
Händen des kleinen Renatus zu nehmen, wenn die Wärterin ihn
an das Gitter des Geheges führte, und in Rothenfeld stieg
die Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor, als die Kriegs-
trommel durch das Land rasselte, weil der Feldzug, mit welchem
man dem bedrängten Könige von Frankreich zu Hülfe kommen
wollte, nun eine beschlossene Sache war.
leberall im Lande gab es Truppenmärsche, in allen Häu-
sern hatte man Einquartierung; auch das große, schön gelegene
Haus des Juweliers Flies war natürlich nicht davon verschont.
Angenehme Gäste waren diese, von Werbern aus allen vier
Weltgegenden zusammengebrachten Truppen, diese Söldlinge,
welche nur mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten,
eben nicht, und der Kriegsrath Weißenbach hatte es von dem
Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst gefordert, daß
dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quar-
tier nahm und dem Kriegsrathe die beiden Offiziere überließ,
mnit denen doch ein Verkehr und ein anderes Auskommen mög-
lch war.
Der Kriegsrath, dem der Caplan vor einigen Jahren auf
den Vorschlag des Juweliers den Sohn Paulinen's übergeben
hatte, stand aber auch mit seinem Hausherrn immer auf dem
besten Fuße. Herr Weißenbach war ein Mann, der seine

---- WR--
Ruhe liebte, der seine festen Gewohnheiten hatte und der füt
das Muster eines ruhigen und fleißigen Beamten galt. An
jedem Morgen ging er um die bestimmte Stunde in sein
Bureau, an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde
heim, und eben so regelmäßig pflegte er dann in den Laden
des Juweliers zu treten, der schon lange neben seinem Gol-
und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte machte und von
dem Gouverneur der Provinz, wie von dem hohen Adel mit
mannigfachen Geld -Operationen beauftragt wurde. Dadurch
war er meist wohl unterrichtet über alles, was in den Fami-
lien des Adels und des Bürgerstandes vorging. Der Kriegs-
rath seinerseits, obschon er sehr gewissenhaft über seinen Amts-
eid dachte, wußte doch immer Dies und Jenes von den Maß-
regeln der Regierung zu erzählen, was er freilich nur al
Muthmaßungen bezeichnete, was aber dem scharfsichtigen und
gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz und
Frommen gereichte, und da man auf diese Weise für einander z
gleich unterhaltend und förderlich war, so liebten beide Männer
es, alltäglich ein Viertelstündchen zusammen zu verplaudern.
Sie sprachen daneben vor Fremden auch günstig von einandett,
und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig ihren
guten Ruf und ihren Eredit, ohne daß sie deshalb einen eigen
lichen gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten. Denn de
Flies'sche Familie zu sich einzuladen, fand die Kriegsräthnn
nicht passend; aber sie verschmähte es deßhalb nicht, sie hier
und da einmal allein zu besuchen, von ihr jeden Dienst ß
fordern und anzunehmen, welchen dieselbe zu leisten nur irgene
geneigt und im Siande schien, und beide Theile glaubten nicht.
sich damit etwas zu vergeben. Der Kriegsrath, wie weit ck
auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war, fühltt
sich doch als einen Theil der Beamtenwelt, die in des Königk
Namen das Land regierte, und der Juwelier, welcher seine

---- ZßR--
Schwerpunkt in seinem wachsenden Vermögen hatte, gönnte
dem Kriegsrath seinen Beamtenstolz und sein gemessenes feier-
liches Wesen. Konnte er doch berechnen, wie weit diese Vor-
nehmheit ungefähr zu gehen vermochte!
Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegen-
seitigen Verhältnisse nichts. Denn wie abweichend der Haus-
herr und sein Miether auch über die Dinge dachten, welche in
Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt ge-
schahen, so waren beide doch vorsichtig genug, die obwaltende
Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch
nur ernst zu berühren. Der Kriegsrath wünschte es mit einem
Manne nicht zu verderben, der nachzusehen wußte, wenn die
Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten ließen. Auch
um Paul's willen mußte man mit Herrn Flies jn gutem Ver-
nehmen zu bleiben suchen, und dieser Letztere hielt beharrlich
an der Erfahrung fest, daß man jeden Menschen einmal brau-
chen könne und also Niemanden unnöthig von sich weisen dürfe.
Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das
Abkommen wegen des Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben,
mit welcher er alle seine Geschäfte abzumachen liebte, und er
hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt. Einmal hatte er ge-
wünscht, sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen,
der ihm ein guter Kunde war, und zweitens hatte er geglaubt,
es könne ihm in jedem Betrachte nur vortheilhaft sein, wenn
die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe steiger-
ten, welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr
als den Betrag des Miethzinses ausmachte. Aber erst, als sie
das Kind bereits im Hause hatte, war die Kriegsräthin auf
die Frage gekommen, in welcher Weise sie dasselbe vor den
Leuten aufzuführen haben werde. Eingestehen, daß sie den
Batard eines Edelmannes bei sich aufnehme, das mochte sie
nicht gern, und ein Kind von solcher Herkunft für den Sohn

-- Zhg -
eines seiner Verwandten auszugeben, verweigerte der Kriegsranh.
Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel, den Knaben als
eine Waise darzustellen, deren man sich angenommen habe,
und damit schienen die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf
einmal gelöst.
Man hatte eine Form, in welcher man den kleinen Paul
den zahlreichen Bekannten und Freunden des Hauses vorsiellen
konnte, es war gerechtfertigt, wenn man den Knaben in allen
Dingen sparsam hielt, es gab für die Großmuth und Herzens-
güte der Pflegeeltern ein schönes Zeugniß, und es erzog, wie
die Kriegsräthin sagte, ihren Pflegling auf die einfachste Weise ,
zu der Fügsamkeit, die für ihn am angemessensten schien, weil s
seines Gleichen doch in der Regel keinen glatten Lebensweg z ,
haben pflegten.
Die Kriegsräthin war überhaupt eine gescheite und daneben ,
eine hübsche Frau, die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem s
älteren Manne zusammenstimmte. Er war ein wenig troen s
und pedanisch; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch. Er
liebte die Arbeit, sie die Muße; er hielt auf seine Gewohn-
heiten, sie sehnte sich nach Wechsel und nach Neuem; ihm ge
nügten sein Amt und seine Lebenslage, sie besaß den Ehrgehs
für ihren Mann ein höheres Amt, für sich eine glänzender
gesellschaftliche Stellung zu begehren, und sie war der Meinung.
daß eine hübsche, gescheite Frau ihrem Manne vielsach nütze
könne. Es war ja nicht das Verdienst allein, daß man in
Siaate belohnte, nicht allein die Kenntnisse und die Tüchtig
keit, welche den Beamten vorwärts brachten. Vornehme Ber-
wandtschaften und einflußreiche Bekanntschaften fielen ganz ander?
in die Wagschale, und Frau Weißenbach, welche sich eine Pfiich
und eine Ehrensache daraus machte, ihrem Manne solche Ee-
kanntschaften zu vermitteln, hatte sich eben deshalb auch I?
schnell bereit erklärt, das Kind des angesehenen Freiherrn vok

-- ZßJ--
a:rNaar:
s rechnen zu dürfen.
Wenn man aber mit einflußreichen Leuten in Berührung
, zu kommen wünschte, so mußte man, wie die Kriegsräthin be-
hauptete, einen gewissen äußern Anstand zeigen, weil sich mit
einer Familie einzulassen, von welcher man in jedem Augen-
blicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muß, der An-
gesehene und Vielvermögende, der wie jeder Andere um seiner
selbst willen aufgesucht sein mag, überall Bedenken trägt; und
arr r Eae
lange vor, und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu
tragen, daß alles an ihr einen besonderen Anstrich erhält. Es
war auch gar nicht nöthig, daß der Kriegsrath sich viel in der
Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte. Sah man
die Frau nur im Theater, wenn die Schauspielertruppe sich
am Orte aufhielt, traf man sie nur in dem Kaffeegarten,
in welchem die angesehenen und gebildeten Familien der Stadt
sich zusammenfanden, so konnte der Mann in Gottes Namen
bei seiner Arbeit bleiben. Hier und da ein Abendbrod zu
geben, oder einige Personen zum Spiel bei sich zu sehen, das
komnte man leicht ermöglichen. Man schränkte sich dafür in
der Familie ein wenig ein, und ließen die Ausgaben und Ein-
nahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche sezen, so ver-
sand Laura es vortrefflich, den mahnenden Handwerkern mit
dem Hinweise auf ihres Mannes einflußreiche Stellung Geduld
, predigen, und sie auf die mancherlei Lieferungen zu vertrö-
, sten, welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da
! eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward.
Auf solche Art geschah es, daß die Kriegsräthin ihre
s dandwerker und diese die Weißenbach'sche Familie lobten, daß

=- ZßG-
Herr Weißenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war, daß
Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten
leitete und daß man die Familie Weißenbach durchaus als eine
sehr achtungswerthe bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei
es mit Grund oder ohne Grund, einmal wohlwollen, dem
legen sie das Gute doppelt und dreifach als ein solches aus,
und Frau Weißenbach hatte selbst nicht voraussehen können,
welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen
sollte, da man einmal günstig für sie gestimmt war.
Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhältniße
hielten, meinten, daß verständige Personen sich nur dann die
Sorge für eine Waise aufladen, wenn ihnen dies ein Leichtes
sei. Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der
Kriegsräthin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten
noch nicht genug zu thun wisse, und kam dem Kriegsrath in-
zwischen doch einmal die Frage, wie seine Laura es nur anfange.
mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wußte diese, sei
Paul in ihrem Hause war, Alles auf die für ihn bezahlte
Pension zu übertragen und es deutlich zu beweisen, was sch
leisten und bestreiten lasse, wenn neben der ausreichenden Summe
für das Unerläßliche noch eine sichere Einnahme zur Beschaffung
des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei. -- Es machten
sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedet-
mann war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in den
Weißenbach'schen Hause seine Heimath haben sollte und der es
deutlich genug empfand, daß er von der Kriegsräthin, die ßh
seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward; daß se
ihn entfernte, wenn sie konnte; daß sie ihn ängstlich bewachs.
wenn man mit ihm sprach, und daß sie ihn zum Schweigesl
verwies, sobald er von seiner wahren Mutter und von seines
Erinnerungen zu reden begann.
Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange, denn kk

-- 6? ---
hatte des Neuen in der Stadt so viel zu sehen, daß es die
alten Eindrücke zurückdrängte, und nachdem der Knabe in den
ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt hatte, sprach
er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und
Tag völlig vergessen zu haben, daß er je eine andere Heimath
gehabt hatte. Aber mit seinen ersten Erinnerungen hatte Paul
auch seine kindliche Fröhlichkeit verloren. Er war ein ernsthafter,
stil' beobachtender Knabe geworden, der sich in den Willen und
die Weise der Personen, von denen er abhängig war, früh zu
schicken lernte.
Morgens, wenn der Kriegsrath sich in sein Bureau ver-
fügte, und der alte, reiche Herr Präsident der schönen Laura
seine alltägliche Morgenvisite machte, ging Paul bald ganz von
selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen, wie
der alte Herr der Pflegemutier zärtlich die vollen, weißen Hände
küßte und ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fin-
gern den frischen Strauß oder die gefüllte Bonbonniere über-
reichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein zierlich
gefaltetes Briefchen oder ein kleines, werthvolles Geschenk sich
verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und
die geputzten Damen mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe
zum Spiele kamen, dann sollte Paul freilich in der Gesellschaft
bleiben, aber er mußte es dann stets aufs Neue rühmen hören,
wie gut, wie großmüthig seine Pflegemutter, und wie sie zu
bellagen sei, daß ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht fröh-
licher, daß er, trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften
Gesichtes, ein so verschlossener, ein so wenig liebenswürdiger
Knabe sei.
Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt,
das Zimmer zu verlassen, wenn er aus den lichten Räumen
sich über den Corridor in die lezte Stube der Wohnung flüch-
ken konnte, in welcher der Kriegsrath, zwischen Actenstößen ver-

-- ZZ--
graben, bei seiner Arbeit saß, oder wenn er hinuntergehen
durfte zu dem Hauswirthe in die große Stube, welche an den
Laden anstieß.
Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine beson
deren Besuche zu der Hausfrau und Abends war keine Geseß
schaft zum Spiele dort. Da hieß man ihn nicht reden und
nicht schweigen, da ließ man ihn nicht hart an, ohne daß er
wußte, was er verbrochen habe, da küßte und lobte man ihn
nicht vor Fremden, ohne daß er einsah, womit er dies verdient
hätte. Herr Flies saß auch Abends niemals so, wie der Kriegs-
rath, ganz allein in einer stillen, dunkeln Arbeitsstube.
Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu thun von fth
bis spät, aber sein Thun war lustiger, als das des Kriegs-
rathes, es war nicht einsam und nicht immer dasselbe. Demn
vorn im Laden, der nach der Straße hinaussah, da standen
die spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Men-
schen, Thiere und Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster.
Da führte der silberne Mohr mit goldenem Schurz den schnee-
weißen Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich goldene
Schlangen um silberne Palmbäume, da gab es in kostbaren
Geschmeiden die rothen Korallen und die schimmernden Perlen,
welche man, wie ihm Herr Flies sagte, aus der Tiefe de
Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rothe Rubin und
leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Tias
manten und dem glänzenden Smaragd, die man in jenen Ge-
genden finden komnte, in denen die Schlange sich um de
Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und dc
Hindu und der Löwe zu Hause waren, die Paul am Fuße
eines großen Tafelaufsatzes zu bewundern liebte.
Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etw
zu betrachten. Er hörte es gern, wenn Herr Flies den Kän'
fern die Schönheit seiner Waaren rühmte, er sah ihm gern s

-- - L9--
wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blizschnell aus
der Rechten in die Linke gleiten ließ, um es dann in gleich-
mäßigen Haufen neben einander aufzustapeln, oder wenn die
Leute kamen, denen man Geld zu zahlen hatte, und der Cas-
strer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem
Betrage auf den Zahltisch hinschießen machte. Die Handlungs-
gehülfen an den Stehpulten hinter den hölzernen Gittern, welche
in den großen, schweren Büchern schrieben, der Hausknecht, der
Päce von Waaren nach der Post trug oder Säcke voll harter,
blanker Thaler in das Haus brachte, das alles beschäftigte des
Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber
noch als alles das liebte er Seba, und Seba war es werth,
daß man sie liebte.
Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen größten
Schatz nannte sie der Vater, einen wahren Edelstein nannte sie
die Mutter, die schöne Seba Flies, die schöne Jüdin hieß man
sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermögen war für
sie erworben; was Liebe gewähren, Geld erkaufen konnte, Pflege
und Unterricht aller Art waren ihr zu Theil geworden. In
der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr Herz entfaltet, durch Bil-
dung ihr Geist sich entwickelt, sie wußte, was sie werth war,
und gerade darum lasteten die Verhältnisse, in denen sie ge-
boren war und lebte, so schwer auf ihr.
Was half es ihr, daß sie weit schöner war, als die meisten
der reichen Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die
Edelfrauen und Fräulein, welche in ihres Vaters Laden den
Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre Hochzeit
kauften? Was half es ihr, daß sie nur zu sprechen, nur zu
wollen brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr be-
gehrenswerth erschienen? Keiner der Männer, für welche jene
Frauen sich schmückten, war für die Jüdin vorhanden, keines
oon all den Festen, auf denen Jene sich vergnügten, öffnete

---- Z70--
seine Thüren für Seba, und sich zu schmücken und zu putzen
für die Gesellschaft ihrer Stammes- und Standesgenossen machte
ihr keine Freude. Die Verachtung, die Zurücksetzung, welche
auf den Juden lasteten, drückten sie. Mit unerbitilicher Klar-
heit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten, welche den von
der Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon
oftmals war ihr der Gedanke durch die Seele gegangen, daß
Bildung und Erziehung zum Schönen und zum Edeln für
denjenigen keine Wohlthat sein könnten, dem es nicht vergönnt
sei, sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die
Zärtlichkeit und Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben
würde, arbeitete, seit sie herangewachsen war, in ihrem Innern
fort, und ihre phantastische Hoffnung auf einen Wechsel ihrer
Lebensverhältnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen Zu-
stände sog ihre Nahrung aus der großen gesellschaftlichen Um-
gestaltung, die sich jenseit des Rheines durch die Revolution
vollzog und auf welche auch ihr Vater sein Auge und seine
Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch ge-
legentlich zu schweigen wußte, wenn man sich mit Entrüstung
über die Revolutionäre in Frankreich äußerte, welche weder vor
göttlichen noch vor menschlichen Gesetzen Achtung hegten - in
seines Herzens Innerem dachte er anders, und er hatte dessen
vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein Hehl.

Kapitel 20

Zweites Capite l.
,m Flies'schen Hause erregten der bevorstehende Krieg
gegen Frankreich und das Einrücken der Truppen, welche be-
stimmt waren, der revolutionären Bewegung in Frankreich wo
möglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn
man hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wünschen, die
zu betämpfen das Heer entsendet wurde, und es war dem
Juwelier recht erwüünscht, daß der Kriegsrath die Offiziere bei
sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch
nicht mit anzuhören, wie verächtlich die jungen Edelleute von
den Franzosen sprachen, wie sie die in Paris verkündigte An-
erlennung der Menschenrechte verspotteten und mit welchen
Schmähungen sie die Namen der großen Männer begleiteten,
welche in Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Stan-
desvorrechte ausgesprochen hatten!
Es waren aber schöne junge Männer, vornehme Offiziere,
die oben bei der Kriegsräthin die großen Vorderstuben bewohnten.
Sie gingen täglich vielmals durch das Haus und grüßten dabei
Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige Tage hatte man
die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und
wie man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken
sprach, die Offiziere schienen ihn wie eine Vergnügung anzu-
sehen. Das Leben, das man jetzt im Orte führte, war auch
luftig genug. Die Offiziere stolzirten prächig durch die Straßen,
wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und saßen

----- 2--
und scherzten mit den Frauen und Mädchen, die sich gar keine
besseren Gesellschafter wünschen konnten, und sich schmückten, als
wären es lauter Feiertage. Auch die Kriegsräthin trug jetzt
immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in bester
Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und
den Grafen, bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch
häufiger Besuch als sonst, man spielte oftmals, man tanzte auch
bisweilen, und selbst der Kriegsrath schloß sich jetzt von der
Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der Kriegs-
Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrathes
ganze Zukunft abhing. Am Morgen fuhren die beiden jungen
Edelleute die Kriegsräthin bisweilen spazieren, und nach einer
solchen Ausfahrt war es, daß die schöne Laura eines Tages
mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam, als
Seba dem Vater eben eine Schnur werthvoller Perlen wieder-
brachte, die er ihr aufzureihen gegeben hatte.
Herr Flies fragte, womit er dienen könne, weil er annahm,
der Graf wünsche irgend einen Kauf zu machen; aber die
Kriegsräthin sagte, sie komme nur, um Paul zu suchen, der
doch gewiß hier unten bei seiner Seba sein werde. Sie lächelte
dabei sehr freundlich, und auch Seba lachte, denn der Knabe hatte
wirklich wieder bei ihr unter den Wallnußbäumen im Garten gen
spielt, unter deren jungem Laube es am Mittage sehr schattig war.
Die Kriegsräthin ging über den Hof in den Garten hin-
aus, den Knaben zu holen, Seba begleitete sie und der Graf
folgte ihnen nach. Madame Flies saß draußen und pflücte
Rosenblätter und Lavendelblüthen zum Aufbewahren in einen
Topf. Paul half ihr dabei, und obschon die Kriegsräthin ihm
sagte, daß er hinaufkommen solle und daß sie gehen müsse,
weil es bald Mittag sei, ließ sie sich doch auf der Bank unter
den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus, für den-
Herrn Grafen einen Stuhl zu holen.

=- ZZ--
Der Graf fand den Garten äußerst angenehm. Er rühmte
ben Rasen und den Schatten und die Blumen, er sagte, daß
es in seines Vaters Park nicht frischer sei, und er fragte die
Kriegsräthin, weßhalb sie ihre Gäste bei diesem schönen Wetier
nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern
bewirthe?
Wir haben die Benutzung des Gartens nicht, Herr Graf,
bedeutete die Kriegsräthin.
Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung, verehrte Frau
Kriegsräthin! versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die
Hausfrau.
Die Eine dankte, die Andere meinte, es bedürfe des Dankes
nicht, und dabei überhörten sie beide, was der Graf zu Seba
sagte. Es mußte aber etwas Angenehmes und nichts Ge-
wöhnliches sein, denn Seba ward roth, obschon sie lächelte,
und blickte den Grafen an, nachdem sie sich hatte abwenden
wollen. Es lohnte auch der Mühe ihn anzusehen, denn er war
schön, der schlanke junge Mann mit seiner zuversichtlichen Miene
und den tolz geschwellten Lippen.
Die Kriegsräthin und der Graf blieben nicht lange im
Garten, und doch war es Seba, da Jene sich entfernten, als
hätte sie viel erlebt, als sei etwas ganz Besonderes geschehen.
Sie überlegte, was der Graf zu ihr gesprochen, was sie ihm
geantwortet habe. Sie hätte wissen mögen, wie sie ihm er-
schienen sei und ob ihre Redeweise, ihr Betragen, ihre Haltung
die richigen gewesen wären. Sie war so unsicher über sich
selbst, sie genügte sich plötzlich nicht. Das war ihr sonst nie-
mals geschehen.
Am Nachmittage kam Paul herunter.
Seba, sagte er, sieh' mich doch einmal an!
Bozu das? fragte sie.
Ich will nur sehen, ob Du schön bist!
E Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. s.

-- W?g -- -
Wie kommst Du darauf? entgegnete sie.
Der Graf hat es gesagt! versetzte Paul, weit entfernt, zu
ahnen, was er seiner Freundin damit that.
Sie hätte sich den Anschein geben mögen, als achte sie
nicht auf des Knaben Worte, aber sie konnte das Wohlgefühl,
das sie durchströmte, nicht verbergen. Sie umfaßte Paul, sie
drückte ihn an ihr Herz, sie küßte ihn wieder und wieder. So
lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt.
Sie sang und lachte, wo sie ging und stand. Nie zuvor
war sie an einem Tage so oftmals an den Spiegel getreten,
nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so erfreut. Noch spät am
Abend, ehe sie sich zur Ruhe legte, schlang sie bald dieses, bald
jenes Band durch ihre Locken, hing sie bald dieses, bald jenes
Geschmeide um Hals und Arme. Sie wollte erproben, was
ihr am besten stände, um es morgen anzulegen, und sie dachte
mit einer Wonne an den nächsten Morgen, an den nächsten
Tag, daß sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte.
Morgen, sagte sie sich, als die Nebelgebilde des Traumes
ihren Sinn zu umfangen begannen, morgen! Was wird mor-
aer sein? - Und der Traum bemächtigte sich der heimlichen
a Knken und Hoffnungen, die sich in ihr regten, und spann
sie aus und stellte sie ihr dar, und machte ihr deutlich, was
sie fühlte; denn der Traum ist der verführerische Gefährte der
aufdämmernden Liebe, der schneller und kühner als sie, ihr
stets voraus ist und sie verlockt, ihm in Gebiete zu folgen, in
die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat, und
von denen sie nicht mehr zurückkehrt, wenn sie sich erst darin
verloren hat.
Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens
geschmückt, und die Mutter hatte nicht vergebens der Kriegs-
räthin den Garten zur Verfügung gestellt, denn sie begann ihn
fleißig mit ihren Gästen zu benutzen. Morgens spazierte sie

-- 7?-
mit dem Hauptmanne in den Alleen umher, Mittags suchte
man unter seinen Bäumen den Schatten auf, Abends kam man
noch hinunter, die Kühlung zu genießen, und der Graf war
immer dabei.
Das ging Tag für Tag so fort. Die Kriegsräthin und
Madame Flies wurden immer bessere Freundinnen, da sie sich
näher kemnen lernten, und Jene betheuerte, daß sie es sich gar
nicht vergeben könne, so manche Jahre mit Madame Flies und
mit der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben, ohne
zu begreifen, welche Hausgenossen sie an ihnen besize. Sie
mochte sich von Seba kaum noch trennen. Sie versicherte, daß
se dieselbe wie eine jüngere Schwester, wie eine Tochter liebe;
sie erzählte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen
der Graf die schöne Seba bewunderten, und es war im Grunde
gar nicht nöthig, daß sie ihr das sagte, denn der Graf hatte
es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und Seba
dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.
Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die
Edelleute und er kannte auch die Kriegsräthin. Er glaubte
ncht an die plötzlichen Wandlungen und war klug genug, o
eine solche sich vor seinen Augen vollzog,. nach der Ursache d
Tunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen
und die sichtliche Bewunderung, welche derselbe für Seba an
den Tag legte, vollkommen hin, dem Juwelier die Gefälligkeit
der Kriegsräthin zu erklären, und weder diese noch der Graf
durden ihm dadurch lieber. Er hätte der ganzen Sache gern
tmn Ende gemacht; indeß Seba hatte solche Freude an der Ge-
digteit, in welche sie durch die Kriegsräthin gezogen ward,
und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen, welche die
Iochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte
st also die kurze Freude genießen, sich von einem Grafen be-
undert zu sehen, da es ja obenein möglich war, daß sich aus
zn

= - -
den gegenwärtigen Verhältnissen zu der Weißenbach'schen Fa-
milie für Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange
ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch bean-
spruchen durften.
Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche,
welche sie bei der Kriegsräthin machte, auch Paul, ihr kleiner
Freund, hatte seine Lust daran, denn sie sah gar zu schön aus,
wenn sie Abends in ihren weißen Kleidern zur Gesellschaft
herauf kam.
Einmal, am Geburtstage der Kriegsräthin, hatte man noch
mehr Gäste geladen als gewöhnlich, und zum ersten Male waren
auch Herr Flies und seine Frau dabei. Seba hatte rothe Ko-
rallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte
und scherzte und tanzte, und unter all den schönen Mädchen
und Frauen war Seba bei Weitem die Schönste. Das sah
Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann, und das sagte
ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff saß, dem die
Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gae
nicht von Seba's Seite wich.
Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen
überhaupt nicht leiden, demn Seba beachtete den Knaben nicht,
wenn Jener in ihrer Nähe war, ja, sie schien Paul überhaupt
beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine in
der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem
Arme hielt und wie die beiden sich leise und sanft in den
weichen Schwingungen des Schleifers durch den Saal bewegten.
Niemand kümmerte sich um Paul, und Niemand wußte, wie
sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit
Guirlanden und Kränzen aufgeputzt hatte und der wie nie zue
vor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch der Blumen,
das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der
Tanzenden verwirrten ihm den Blick und den Sinn, und doch

=- 2? --
mußte er immerfort nach Seba und nach dem Grafen Berka
hinsehen, mußte er immerfort den Namen Graf Berka, Graf
Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Na-
men täglich nennen hören, und nun mit einem Male, wie er
neben dem Gewühl der Tanzenden, unter dem Klange der
Musik, unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in
seiner Ecke stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon
lange gekannt. Indeß er wußte nicht, wo er ihn gehört hatte,
und er wußte auch nicht, was ihm dabei einfiel. Aber es
tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er ein-
mal etwas gewußt, als sei einmal etwas geschehen, woran er
lange nicht mehr gedacht habe, und immer wieder kam er dabei
auf den Namen Berka zurück, den er doch nicht liebte.
Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen
um ihn her ihn nicht mehr quälte. Er sah, wie Seba in das
Cabinet ging, welches an den Saal anstieß, und er folgte ihr
nach. Sie hatie auf einem Sessel neben dem Ecktische Plaz
genommen, die Kriegsräthin, die ganz entzückt von ihr zu sein
schien, hielt sie bei der Hand und der Graf saß an ihrer Seite.
Das Cabinet war voll Menschen, denn man hatte im Saale
die Fenster geöffnet, weil die Nacht trotz der frühen Jahreszeit
so heiß war. Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern
angellungen. Auf das Wohl der Kriegsräthin tranken sie, und auf
das Wohl der schönen Frauen und auf Sieg und baldige Heim-
kehr für die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes Wiedersehen.
Sie sprachen oft Alle durch einander, daß Paul gar nicht
recht verstehen konnte, was sie meinten. Einer freute sich dar-
auf, in Frankreich Ruhe zu schaffen, ein Anderer auf das un-
euhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in jedem Augen-
blicke beginnen konnte, und Graf Berka erzählte lachend, wie
man ihn von Hause nur mit Thränen habe scheiden lassen, als
gabe es aus dem Kriege keine Wiederkehr.

b=-- FF -
Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir
aus der Garnison aufbrachen, eine Rührung, die uns hätte
eitel machen können!
Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das
Vergnügen gegönnt, vorher in der ganzen Provinz umher zu
reisen, um die Abschiedsthränen Ihrer sämmtlichen Frau Tan-
ten und Ihrer sämmtlichen Gousinen einzuernten, wobei Sie
gewiß nicht zu kurz gelommen sind!
Paul wußte nicht, was das heißen sollte und weßhalb
das Alle so komisch fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht,
weil Seba darüber nicht lachte, wie die Andern. Sie hatte
ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren
so ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trau-
riger. Er kam sich so vergessen, so verlassen vor, daß er's
endlich nicht mehr ertragen konnte. Er trat hervor aus seiner
Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen
auf ihren Schooß.
Und er hörte immerfort, wie sie sprachen und lachten und
lachten und sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch
einander; und dabei mußte er immerfort nachsinnnen und wußte
noch nicht worüber, und immerfort an etwas denken, und
wußte doch nicht woran. Er ward müde und betäubt von all
dem Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie
ein Ton aus der Ferne, stärker, vernehmlicher an seiü Ohr,
und mit einem Male hörte er, daß der Hauptmann sagtet
Graf Berka, Sie sind doch gewiß auch noch bei Ihrem Schwa-
ger, bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis
dahin vergebens gesucht hatte, und sich emporrichtend, rief er
laut und deutlich, daß Jedermann es hören mußte: Das ist
Schloß Richten, das gehört dem Baron von Arten, der Baron

-=- O7ß-
von Arten ist mein Vater -- und meine Mutier liegt im
Teich!. - -
Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein
Aufschrei, der ganze Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die
Gesellschaft gefahren. Paul hatte, erschreckt von seinem eignen
Thun, seine Arme um Seba's Hals geschlungen, die, noch
mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzuführen suchte. Seba's
Mutier und die Kriegsräthin und der Kriegsrath folgten ihnen
nach, die Betroffenheit war allgemein.
Man fragte, was es mit dem Kinde auf sich habe, das
man bis dahin bereitwillig für eine Waise gehalten hatte. Man
drang in den Juwelier, der inzwischen herbeigekommen war,
um eine Erklärung, man wendete sich an den Grafen, neu-
glerig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und
obschon Herr Flies und der Kriegsrath, der bald zurückgekehri
war, die Sache so gut es gehen wollte in das Gleiche zu brin-
gen suchten, war die Heiterkeit der Gesellschaft doch ins Stocken
gerathen. Die Verstimmung des jungen Grafen war gar zu
unverkennbar, und wie sehr er sich auch mühte, sie zu verber-
gen, es gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinne-
rungen aufgestiegen, Erinnerungen, die er gern gemieden hätte.
Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare
Herbstmorgen, an welchem er sich vor Jahren mit dem Frei-
herrn auf der Terrasse von Schloß Richten befunden hatte,
um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnnerte sich ganz
genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer
Erirunkenen gesucht hatte. Eine Menge von kleinen That-
sachen, welche sich auf das damalige Verhalten seines Schwa-
gers. auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche
ihrer brieflichen Aeußerungen in jener Zeit, auf ihren eber-
tritt zum Katholicismus und auf das Zerwürfniß mit ihrer
Familie bezogen und an die er bisher immer nur wie an un-

- ZZ0 -
zusammenhängende Ereignisse gedacht hatie, fingen an, sich in
seinem Geiste zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen
Simn nicht abwenden konnte. Er übersah dasselbe nicht vollständig,
nicht ganz klar, aber es erfüllte ihn mit Mitleid für die Schwester,
es wecte seine Sehnsucht nach ihr auf, und er dachte mit er-
höhtem Zorn an ihren Gatten.
Jetzt wußte er es plötzlich, was ihn so bekannt und doch
so befremdlich aus Paul's Augen angesehen hatte und weßhalb
der Knabe ihm so unheimlich gewesen war. Er begriff nicht,
daß ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich deutlich
gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewölbte Stirn,
sein festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf
trug der Knabe so stolz wie der Freiherr, und weil der Graf
seinen Schwager in diesem Augenblicke haßte, so haßte er auch
dessen Bastardsohn.
Indeß dem Grafen vor allen Anderen mußte daran ge-
legen sein, über den peinlichen Eindruck fortzukommen, die
Scene vergessen zu machen, welche man eben erlebt hatte, und
seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hülfe.
Er lachte über sein Erschrecken, über die Bestürzung der Gesell-
schaft, und wie er die Worte des Kindes verlachte und ver-
spottete, so lachte er mit seinen Cameraden auch über die Fa-
milie des Kriegsraths, in welcher man den Knaben so geheimniß-
voll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft?
Was focht es ihn an, was man in derselben vermuthete und
meinte? Er hatte oft genug mit seinen Cameraden Epigramme
über diesen Kriegsrath gemacht, der in seiner rechtschaffenen
Beschränktheit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben
so blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen
in diesem Augenblicke, daß die Kriegsräthin ihm den Weg zu
Seba gehahnt hatte, und daß sie so zufrieden und glücklich die
Galanterien und Betheuerungen des Hauptmanns annahm, den

Z -=
er ihr als Lockspeise dargeboten hatte, um sich selber von ihr frei
zu machen. Sie war ihm lächerlich, diese Kriegsräthin, und sie
war ihm komisch, diese Madame Flies, die sich gar viel damit
wußte, daß die vornehmen Cavaliere ihre Seba so schön fan-
den, daß ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung
man nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unter-
haltungen führte.
Auch über den klugen Kopf, über den Vater, mußte er
lachen, der Allem und Jedem vorsichtig mißtraute, und dessen
Vertrauen in die Tochter doch so groß war, als habe das schöne
Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner mädchenhaften Sehn-
sucht und aller seiner thörichten Schwäche in der Brust.
Er hätte auch gern über Seba lachen mögen, die eben
jetzt in das Zimmer zurückkehrte und deren Augen ihn suchten,
ihn allein; aber über sie vermochte er niemals zu lachen -
und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf
von Berka, der schöne Gerhard von Berka - eben er!
Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden,
doch komnte er das Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so
fragend und so ängstlich an, daß er Mitleid mit ihr fühlte.
Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer Ernst,
das wußte er.
Süßes Herz, sagte er, von ihrem Blicke überwältigt, und
nahm sie bei der Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte,
er müsse verstehen, was eben jetzt in ihrer Seele vorging, und
seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen. Sie lächelte
ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd,
svrach sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, daß
dan aufs Neue zum Tanzen rief, daß er sie in seine Arme
schließen, sie nahe haben komnte. Er tanzte nur mit ihr; er
hätte sie keinem Andern gegönnt.

-- 2- -
Es war spät in der Nacht, als man sich trennte, aber
schlafen komnte Seba nicht. Wort für Wort wiederholte sie
sich die Liebesschwüre, welche der Graf ihr seit Wochen gethan
und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte. Jede
Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wußte sie sich
vorzustellen. Sie erinnerte sich, daß er sich einmal im Ver-
gleiche zu seinem ältesten Bruder, dem Erben seines reichen
Stammbesitzes, einen Mittellosen genannt hatte, und sie freute
sich ihres Reichthums um seinetwillen. Sie hielt sich alle die
Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen
trennten, um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen
der Liebeshoffnung spielend zu überfliegen. Vom Wahrschein-
lichen zum Unwahrscheinlichsten war für sie der Weg nicht weit,
und zwischen Hoffen und Wünschen, Fürchten, Sorgen und
Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe für
den Grafen, ihr Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem
Versprechen, daß er um sie werben und sie heimführen wolle,
aller Welt zum Trotze.
Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor.
Die Trommeln rasselten durch die Gassen und auf den Plätzen,
an den verschiedenen Häusern wurden die Thürglocken heftig
gezogen, Alles gerieth in Aufregung, der Generalmarsch wirbelte
durch die graue Morgenfrühe, die Regimenter hatten die lang
erwartete Marschordre erhalten.
In allen Häusern war man wach. Die Thüren und
Portale wurden geöffnet, die Soldaten mußten zum Appel.
Damit hatte nun Seba freilich nichts zu thun, aber sie
stand am Fenster und sah hinab auf die Straße, wie sie heraus-
kamen, die Soldaten, hüben und drüben aus den Häusern,
und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich, und im Stalle
sattelte man die Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischen-

-- ZZß--
stocke wohnte, war schon fort. Nun kam es von oben die
Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es mußte an ihrer
Thüre vorüber.
Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, indeß er wußte,
wo es lag. Sie lauschte bange. Sie meinte, heute müsse er
stehen bleiben, heute müsse er zaudern an ihrer Thüre; aber
mit dem gleichmäßigen Schritt der Ruhe ging er vorüber, und
sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen
wie er aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der
Stäte, an der sie weilte. Auch diese Hoffnung täuschte sie,
und müde und traurig blickte sie nach dem Himmel empor, der
zwwischen den Reihen der Häuser, grau und kaum noch licht-
durchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen
und die Sonne wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard
mich vergessen könnte! seufzte sie.
Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb
am Fenster sitzen. Schlafen hätte sie doch nicht können; sie
wollte seine Rückkehr abwarten, denn heute war er noch da,
heute konnte sie ihn doch noch sehen.
Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben,
den der Graf auf sie geübt. Seine Schönheit, sein fröhlich
gebicterisches Wesen hatten sie entzückt. Er war ihr nicht ge-
naht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit vorsichtiger Be-
werbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen ließ. Wie ein Götter-
sohn. wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke,
so war er Seba erschienen, gebieterisch Liebe fordernd, weil er
sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu eigen und ihren
Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir
halten, was er dir gelobt, und wie kann das enden zwischen
dir und ihm?
Aber jetzt, da die Trennungsstunde vor der Thüre stand,
leßt drängte sich mit dieser Frage der Zweifel an sie heran,

-- Zg-
und bange stand sie am Fenster und sah in die dunkle Nacht
hinaus, nach der Seite hin, von wo die Sonne kommen mußte.
Die Dunkelheit beängstigte sie,
Der Tag dämmerte bereits, als die Truppen vom Appel
wiederkehrten. Seba zog den Vorhang am Fenster zu; es sollte
Niemand sehen, daß sie wachte, daß sie nach ihm ausschaute.
Nur verstohlen gönnte sie es sich, auf den Geliebten hinzusehen.
Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab, leicht und ge-
wandt schwang der Graf sich aus dem Sattel. Als der Reit-
knecht ihm den Zügel abnahm, hob der Graf den Kopf empor
zu ihrem Fenster.
Ob er es ahnt, daß ich hier warte und nach ihm spähe?
fragte sie sich. Sie trug das größte Verlangen, ihm irgend
ein Zeichen zu geben, daß sie wache, seiner denke; sie hatte ihm
so viel zu sagen, sie sehnte sich so sehr nach einem letzten ver-
trauten Worte mit ihm, aber sie konnte sich nicht entschließen,
sie zdgerte. Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer.
Erschreckt, erfreut, eilte sie nach der Thüre und blieb doch auf
halbem Wege regungslos stehen.
Es klopfte noch einmal. Seba, öffne, ich bin's! flüsterte
eine Stimme, die ihr das Herz bewegte.
Sie faltete die Hände über ihre Brust; sie hoffte er werde
vorübergehen, und doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf
noch einen Ton, auf noch ein Wort von außen, und sie ließen
nicht lange auf sich warten.
Seba, bat es noch einmal, Seba, ich bin es!
Sie komnte dem Tone nicht widerstehen. Sie trat an die
Thüre, öffnete, und mit dem Ausrufe: Wie habe ich Dich er-
wartet und ersehnt! reichte sie ihm ihre Hände entgegen-
Aber er breitete nicht wie sonst, wenn sie sich im Garten
oder bei der Kriegsräthin allein gesehen hatten, die Arme aus
sie zu umfangen, und fast spöttisch sagte er Erwartung und

b- I8J -
Sehnsucht haben Dich, wie es scheint, doch ruhig schlafen lassen.
Ich bin schon lange an Deiner Thüre.
Schlafen lassen? wiederholte sie schmerzlich; wie könnte ich
schlafen in dieser Nacht! Ich stand am Fenster und wariete
auf Dich; ich sah Dich kommen und, fügte sie leise hinzu, das
Auge schüchtern senkend, ich hörte Dich gleich!
Du hörtest mich, und Du öffnetest mir nicht, da Du doch
wußtest, daß wir scheiden müssen?
Seba war ihrer selbst nicht Herr. Die Kälte des Grafen
und der sonderbare Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie. Sie
komnte es sich nicht deuten, weßhalb er gekommen war, wenn
er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe aus-
sprechen oder ihr sagen wollte, was er für sie auf dem Herzen
hatte. Nur sein Blick ruhte auf ihr unverwandt, und es dünkte
sie, als freue, als weide er sich an ihrer Verwirrung und an
ihrer Pein. Es wurde ihr immer beklommener um das Herz;
endlich konnte sie die Stille nicht ertragen, es nicht ertragen,
daß Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand.
Ach, rief sie, als müsse sie wider ihren Willen ihm die
Wahrheit sagen, ich fürchtete mich, ich wagte es nicht!
Seba! rief er vorwurfsvoll, als kränke ihn das Wort,
während doch ein Strahl unheimlicher Freude über sein Gesicht
flog, daß es ihr trotz seiner Schönheit wie verwandelt erschien.
Aber er faßte sich schnell, und mit dem kühlen spöttischen
Lächeln, das ihr so quälend war, fügte er hinzu: Du bist sehr
vorsichtig und klug, liebe Seba, das rechte Kind Deines Vol-
kes! Aber Du hast Recht, und vielleicht habe grade ich Dir
am meisten dafür zu danken, daß Du überlegen konntest, wo
mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen!
Ich will auch gehen!
Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder. Sie
wollte sprechen, sich veriheidigen, er ließ sie nicht dazu kommen.

---- I8ü--
Lebe denn wohl, sagte er, die Zeit drängt, und mögest Du
bald den Mann finden, dem Du mehr vertraust als mir!
Nur von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen, Kind, einem
Manne nicht sprechen sollen, der bereit war, Dir Alles zu
opfern, und dessen letztes Wort Dein Name sein wird! Deine
Kälte, Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum
Ueberlegen! Lebe denn wohl -= und laß uns scheiden! Du
hast Recht!
Er wandte sich von ihr, sie warf sich ihm zu Füßen.
Nicht über diese Schwelle, rief sie, indem sie seine Hände er-
faßte, nicht über diese Schwelle, ehe Du mich nicht gehört, mir
nicht verziehen hast! - Er that, als wolle er sich von ihr frei
machen, sie hing sich nur fester an ihn. Nicht Dir mißtraute
ich, rief sie, nicht Dir!
Sie war außer sich, sie konnte vor Weinen und vor Er-
regung nichts weiter sprechen. Reizender hatte er sie nie ge
sehen, solcher Leidenschaft hatte er das schöne junge Geschöpf
nicht für fähig gehalten. Dieser Flamme, dieser hingebenden
Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht.
Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden, er war
nahe daran zu glauben, was er ihr sagte und gelobte und be-
schwor, und der Tag mit seinem Leben war schon emporgee
kommen, als sie endlich schieden.

Drittes Capite l.
Hee Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge
gegen Rußland zusammengezogen und dann als Reserven für
den Krieg in Frankreich bestimmt, den ganzen Winter und
das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren, ver-
ursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr.
Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften
vollauf zu thun, die Mutter, welche sonst derlei Hülfe schon
seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute wieder
einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen, denn manch
ein Ring und manch ein Andenken wurden noch erhandelt.
Die Hausthüre stand nicht still, die Thürklingel kam nicht
viel zur Ruhe. Auch auf der Treppe war beständige Bewegung.
Seba sah den Grafen mehrmals gehen und wiederkehren. Jetzt
wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt muß es sein! sagte sie sich,
jedesMal zusammenschreckend, wenn er sich ihremZimmer näherte,
aber wieder ging er vorüber, und das angstvolle Hoffen und das
Horchen und das Sinnen und das Grübeln begannen auf's Neue.
Draußen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba ver-
mochte sich nicht daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte
die Somne heute so unerbittlich in ihr Herz, daß es sich ihr
in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie hätte die Augen
gern von sich selber abgewendet.
Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater,
nicht Mutter fragten heut' nach ihr. Erst um elf Uhr, als

b- Z8s--
die Kinder aus der Schule heimkehrten, kam Paul zu ihr und
verlangte bei ihr zu bleiben, da die Kriegsräthin ausgegangen
sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.
Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor
beinahe die Lust dazu, denn ihr Gesicht war traurig, und noch
ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt hatte, trat der Graf zu
ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel
Seba dem Grafen um den Hals, indeß auch dieser sah nicht
so heiter und so selbstzufrieden aus, als sonst.
Er umarmte Seba, er küßte sie, und küßte sie immer
wieder. Er sprach leise mit ihr, daß Paul es nicht verstand,
und endlich riß er sich aus Seba's Armen los, und Seba
weinte bitterlich und laut.
Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba
auf. Es schnitt dem Knaben durch das Herz. Gerhard, rief
sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?
Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte
sie ihn ewig halten, und küßte ihn unter Thränen. Er war
erschüttert, er bat sie, sich zu beruhigen, sich zu fassen, auf ihn
zu bauen. Indeß sein Wort war eilig, sein Ton war kälter
als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.
Da, als er sich entfernen wollte, faßte sie seine Hand,
und mit einer Kraft, die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam,
sagte sie: Gerhard, Du weißt es, ich liebe Dich sehr, sehr,
und -= fügte sie klanglos und bebend hinzu - es ist furcht-
bar, aber mir ist heute, als fühlten wir beide jetzt nicht das-
selbe! Wenn Du mich vergessen, mich verlassen könntest! D,
nur das nicht, nur das nicht! rief sie flehend aus, indem se
ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete.
Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er
drückte sie noch einmal an sein Herz, und ohne ein Wort z
sprechen, eilte er von dannen.

-- 289--
Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie
hörte, wie er fortging, die Treppe hinunter, wie er die Haus-
thüre öffnete, sie hörte den Vater und die Mutter mit ihm
sprechen, sie hörte den Hufschlag seines Pferdes, und hörte den-
selben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr
Leben an dem Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die
Arme hingen ihr schlaff herab.
Das mißfiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und
schüttelte ihren Arm und sagte: Seba, mach' doch die Augen
auf! Der Graf ist ja fort!
Sie folgte dem Worte unwillkürlich, und wie sie um sich
her blickte, wie sie sich mit dem Knaben allein fand, dessen
dunlle Augen unverwandt in ihren Mienen zu lesen suchten,
da faßte sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh
aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr
bleiben, sie konnte das Geräusch und das Pferdegetrappel und
das Rollen der Wagen nicht aushalten, die sich von der Straße
vernehmen ließen, sie konnte die Sonne und das Licht dcs
Tages nicht ertragen.
Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte
Leben und Treiben belustigte ihn; es war kaum durchzukommen
vor dem Hause. Die Packpferde, welche die Zelte und die
Beiien und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere
lrugen, die schweren Feld»Equipagen, welche den älteren Offi-
eieren nachgefahren wurden, die Fourgons und alles, was zum
Train gehörte, kam zum Vorschein und machte sich breit, aber
don den Truppen war noch nichts zu sehen.
Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem
Paradeplatze, von unbarmherziger Disciplin zusammengehalten,
daß bein Glied sich regte, keine Miene sich verzog, wie auch
PLR? =- ==

---- 10 -
Zuunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen
hatten es so übel, die Herren Officiere waren besser daran.
Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter
den Bäumen umher, welche den Platz umgaben, und manches
zärtliche Wort ward noch gewechselt, mancher heimlich geleistete
Eidschwur heimlich wiederholt; denn sie hatten recht fröhlich und
recht vertraut mit einander verkehrt, die fremden Herren Offi-
ciere und die Frauen und Mädchen der Stadt, und sie hatten
deß kaum ein Hehl.
Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an, eine so schöne
Begleitung zu haben, die Frauen waren stolz auf ihre vor-
nehmen und prächtigen Verehrer. Wie zu einem Spiele zogen
die jungen Herren aus, wie zu einer Lustreise gingen sie in
den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des
deutschen Iheines. Sie erbaten und erhielten Aufträge für
Paris, das auch diese Heeresabtheilung früher oder später zu
erreichen hoffte.
Die Kriegsräthin schärfte es ihrem Freunde, dem Haupt-
manne, noch besonders ein, den Grafen Berka an den goldenen
Chignonkamm zu erinnern, den er ihr aus Paris mitzubringen
versprochen hatte, und sie that sicherlich wohl mit dieser Mah-
nung, denn der Graf, der auf der anderen Seite des Platzes
eben vor seiner Schwadron hielt, sah nicht danach aus, als ob
er an solchen Auftrag in diesem Augenblicke dächte.
Er hatte die Kriegsräthin gar nicht bemerkt, als sie dem
Vorüberreitenden ihren Gruß zugewinkt, er bemerkte überhaupt
nicht viel von dem, was um ihn vorging. Nur zwei Augen
sah er - zwei große, dunkle Augen schwebten ihm vor der
Seele, die sich thränenschwer zu ihm erhoben, und zwei Arme
streckten sich flehend gegen ihn aus, und er hörte den bangen
Aufschrei eines verzweifelnden Herzens.
Er hätte sie gern vergessen mögen, diese Augen und diesen

--- W-
Ton! Er hätte lachen mögen über die Scherze seiner Game-
raden, die ihn fragten, warum er keine Begleitung habe und
wie es mit der Wette von neulich stehe. Aber so leicht sein
Sinn auch war, das Lachen und Scherzen gelang ihm heute
nicht, und seine Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. Sie
kehrten, wie er sich auch vorwärts wendete, in jenes stille Ge-
mach zurück, zurück zu eines armen Weibes Schmerz!
Er athmete erst auf, als er die Stadt verlassen hatte,
als das Thor schon lange hinter ihm lag und die Landstraße
sich vor ihm in weiter Ferne aufthat. Seine Cameraden hatten
ihn nie so finster und so still gesehen, und finster sah heute
manche Stirne aus, still war es heut' in manchem Hause.
Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Ab-
zuge der Truppen recht verödet vor. Mit den Festtagskleidern,
die man zu Ehren der kriegerischen Gäste getragen, legte man
bald auch die Leichtlebigkeit ab, in der man sich die Zeit her
bewegt hatte. Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten
unwillkürlich aus, ohne Freude an der Ruhe zu haben. Die
Einen hatten mehr Kräfte, die Anderen mehr Zeit und mehr
Geld aufgewendet, als sie gemerkt und gewollt, und in gar
vielen Häusern, in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich,
als ob die Heiterkeit gar kein Ende haben könnte, beisammen
gewesen war, weilten jetzt die Frauen einsam in ihren Stuben,
ohne Lust, ihre Freundinnen aufzusuchen, und ohne Reigung,
sich es vom Gesichte ablesen zu lassen, wie ihnen eigeutlich an
diesem Aschermittwoch nach dem militärischen Carneval zu
Muthe war.
Die Zeit wurde den Frauen lang, nun sie nicht mehr so
heiter unterhalten wurden, aber Seba wurde die Zeit nicht
dng, wenn schon die Tage und die Stunden auf ihr lasteten,
daß sie fast davon erdrückt ward. Finster und schweigend saß
se in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter
;

-- W--
gegenüber, die Lippen zusammengepreßt, den Kopf brennend und
schwer von einem Denken, das ohne Ausweg sich mit zermal-
mender Schärfe immerfort im Kreise drehte, von zagender
Hoffnung, von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen
umhergetrieben.
Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den
gewohnten Gang. Die Eltern sahen es wohl, daß Seba nieder-
geschlagen war, aber sie hofften, da nun des Grafen Besuche
und Galanterien ein Ende hatten, werde sie ihn bald vergessen
und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebes-
handel aus dem Sinne schlagen. Man dachte darauf, sie einmal
durch eine schon lange geplante Reise zu zerstreuen, und der
Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit, seine Tochter mit
Fremden in Berührung zu bringen, von deren Unterhaltung er
sich ein Vergnügen für sie versprechen konnte.
Eines Morgens, es war nur wenige Wochen nach dem
Abmarsch der Truppen, kam gegen den Mittag hin der Archi-
tekt zu ihm, der nun schon seit Jahr und Tag im Orte wohne.
Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte,
waren ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen wor-
den, und in jedem Betrachte noch frei und ledig, hatte er sich
aus seiner rheinischen Heimath in diese entlegene Provinz über-
gesiedelt, um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise sicher
leiten und beaufsichtigen zu können.
Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle
dem Herrn Flies überantwortete, war Herbert mit demselben
bereits hier und da im Auftrage des Freiherrn in Berührung
gekommen, und einem Auftrage des Barons galt auch sein
heutiger Besuch.
Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von
einem mittelaltrigen Waschgeräthe gesprochen worden, welches
die Herzogin in Vaudricour hatte zurücklassen müssen und dessen

-- -- W8--
Verlust sie stets beklagte. Der Freiherr hatte es, da es ein
Jamilien-Erbstück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem
fünfzehnten Jahrhundert war, seiner Zeit in Vaudricour be-
wundert, und der Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre
Zeichnung davon entworfen, die von dem Architekten vervoll-
kommnet und unter dem Beirathe der Herzogin so lange um-
gemodelt worden war, bis sie zu ihrer Freude einen völlig
richtigen Abriß des ihr werthen Gegenstandes vor sich zu haben
erklärie. Aber eben das Betrachten der Zeichnung machte an
jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust
und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Geräthes erst
recht lebhaft. Auch die Baronin äußerte ihr Wohlgefallen an
den edeln Formen und den sinnreichen Verzierungen, und so
entstand in dem Freiherrn, der es liebte, den Personen seiner
Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten, der Ge-
danke, heimlich zwei solcher Waschgeräthschaften anfertigen zu
lassen: das eine für die Herzogin, das andere, bei welchem an
die Stelle des Duras'schen Wappens das Arten'sche angebracht
werden sollte, für die Baronin. Aber das Arten'sche Wappen
ließ sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras'sche
in die auf dasselbe berechneten Formen der Geräthschaften ein-
fügen, und eben deßhalb hatte der Baron, der nicht leicht einen
Einfall aufzugeben pflegte, von dem er sich eine Genugthuung
versprach, sich schriftlich an Herbert gewendet, und ihn um eine
genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten.
Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und
in seinem Geldwerthe sehr bedeutend. Die beiden Sachverstän-
digen ließen sich also Zeit bei ihrer Unterredung und Madame
Flies kam, ihren Mann an die Mittagsstunde zu erinnern, t=e
man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt
war. Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht, und da
man sie eben so gut bei Tische beenden konnte, thaten die gaft-

--- W ---
freien Eltern, deren Haus in letzter Zeit sich noch häufiger als
früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten Lebenskreisen
geöffnet hatte, dem Architekten den Vorschlag, ihre Mahlzeit
zu theilen.
Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht
gesehen. Die Schönheit der Tochter zog ihn an, die etwas
dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm komisch auf, ohne
ihm jedoch unangenehm zu werden, und da sich ohnehin beim
Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge
schneller fügt, so war man bald mit den Verabredungen über
die Gefäße und Geräthschaften im Klaren. Herbert versuchte
es also, Seba, welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt
unglücklich fühlte, weil die wöchentliche Post ihr noch immer
keine Kunde von dem Geliebten gebracht hatte, in eine lebhaftere
Unterhaltung zu ziehen, aber Herr Flies kam ihm mit einer
Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen Familie
und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloß Richten un-
willkürlich hindernd in den Weg.
Herbert wußte davon gar Mancherlei zu melden. Er
schilderte die glänzende Geselligkeit, welche dort herrschte, und
den heiteren Ton, der durch die Herzogin in Richten eingeführt
sei. Weil sie selbst sich in der Gegend und unter dem dortigen
Adel wohlbefand, hatten sich auf ihren Rath in den benachs
barten Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Lands-
leute niedergelassen, und diese ganze ausländische Gesellschaft
hatte, wie Herbert erzählte, allmählich Richten und den Salon
der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht.
Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin, bemerkte
Seba's Mutter, als ob sie die Herrin von Schloß Richten wäre!
Nun, meinte Herbert lächelnd, in gewissem Sinne ist sie
das in der That. Sie bestimmt und befiehlt dort ziemlich un-
umschränkt, und wenn der heimische Adel jetzt viel mehr als

- - WK ---
vor zwei, drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten
gesehen wird, so geschieht dies, glaube ich, gleichfalls nur auf
den Antrieb der Frau Herzogin, damit die französische Ein-
wanderung dort nicht gar zu auffallend erscheine, und das Hof-
halten der Herzogin ein wenig verdeckt werde.
Herr Flies schüttelte mißbilligend das Haupt. Wäre es
nicht eine so gute Sache, daß die Franzosen den verrotieten
Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen, und solch ein Glück
für die ganze Welt, wemn sie in ihrem Lande eine vernünftige
Staatsform begründeten, deren Rücwirkung auch auf uns nicht
ausbleiben würde, sagte er, so möchte man wirklich wünschen,
die deutsche Coalition könnte diese ganze Emigranten»Gesellschaft
wieder über den Ihein zurückführen, nur damit wir sie los
würden, und zwar je eher, je lieber!
Herbert bemerkte, daß die Emigranten»Gesellschaft, welche
sich im Schlosse zusammenfinde, den Freiherrn gewiß große
Summen kosten müsse, denn man führe jetzt dort ein wahrhaft
fürstliches Leben.
Ja, versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets be-
stimmnten Weise, der Herr Baron von Arten braucht jetzt viel,
sehr viel.
Und was sagt die Frau Baronin dazu? fragte Madame
Flies, die sich nach Frauenweise augenblicklich in die Lage der
Hausfrau versetzte, deren Rechte ihr bedroht erschienen.
Die Frau Baronin ist schwer zu beurtheilen, antwortete
Herbert zurückhaltend, und sowohl der Juwelier als seine Frau
bemerkten, daß er eine nähere Erklärung vermeiden wolle. Indeß
Herr Flies mußte Gründe haben, das Gegentheil zu wünschen,
und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend, rief er:
Warum schwer zu beurtheilen? Die Berka's sind solide Leute,
Leute, die, so viel ich von ihnen weiß, auf ihre Art still, man
lömnnte sagen, bürgerlich in Berka leben. Einer Frau, die so

-=- I9.--
erzogen ist, kann, glaube ich, der Train nicht recht gefallen,
der jetzt in Richten geführt wird. Das französische Wesen is
nebenher auch nicht der Berka's Sache. Wir haben das ja,
bemerkte er, sich gegen Frau und Tochter wendend, an dem
jungen Grafen hier gesehen. Und für Herbert fügte er er-
klärend hinzu: Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder
der Frau Baronin, den jüngsten Grafen Berka, im Quartier.
Einen schönen Menschen! Etwas obenaus, wie all die jungen
Herren, aber sonst ein artiger junger Mann!
Seba hätte vergehen mögen. - Ihr Vater, ihr guter ver-
trauensvoller Vater, rühmte den Grafen!
Herbert jedoch legte, wie es schien, auf dieses Lob des
jungen Edelmannes kein Gewicht. Ja, ich kenne ihn, sagte er
flüchtig: er ist ein schöner Officier. Schön, sehr schön ist seine
Schwester auch, aber sie besitzen beide den Adelstolz und Hoch-
muth, der ja, wie ich höre, hier zu Lande von den Berka's
sprüchwörtlich sein soll.
Nun, doch mit Ausnahme, doch sehr mit Ausnahme, wen-
dete die Mutter wohl- und selbstgefällig ein. Von dem Herrn
Grafen Felix, dem Majoratsherrn, der manchmal bei uns im
Laden gewesen ist, und von den alten Herrschaften mag das
wahr sein, aber von dem jüngsten Herrn Grafen, der oben bei
dem Kriegsrath im Quartier war, konnte man das nicht sagen.
Er ist viel bei uns aus- und eingegangen; ein liebenswürdiger
junger Mann und, wie mein Mann schon sagte, wirklich gar
nicht stolz, im Gegentheil, man hätte sagen können - - -
Laß es gut sein, fiel der Vater ihr in die Rede, und ein
bitteres Lächeln spielte um seinen fein geschnittenen Mund.
Man kennt diese Herablassung der Herren Edelleute, und vielleicht
haben der Herr Architekt auch schon gelegentlich etwas davon
erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden. Ich habe
Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn

-- W?----
Grafen und der anderen jungen Herren nicht stören mögen -
warum sollte ich das auch? Aber es ist gut, daß Ihr nicht
nothig gehabt habt, ihn auf die Probe zu stellen und zu sehen,
ob er je vergessen hat, wer er ist und wer wir sind.
Und dem Vater gegenüber saß seine Tochter, saß die arme
Seba, die jedes dieser Worte wie ein Dolchstoß traf.
Sie haben Recht, Herr Flies, mein Mann ist der Graf
Berka auch nicht! rief der Architekt. Ich habe ihn vor Wochen,
als ich hier in einem Speisehause zufällig mit Bekannten in
seiner Nähe saß, in einer Weise von den Frauen und von seinen
Eroberungen reden, und in der Weinlaune Wetten über den von
ihm zu erreichenden Besiz eines jungen Mädchens eingehen hören,
wie nur ein ganz frecher Wüstling sie zu machen vermag! Ob
er daneben - Herbert hielt inne, eine plötzliche Jdeenverbin-
dung machte ihn verstummen. Auch die Eltern wurden acht-
sam, denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren
Händen nach der Brust.
Sie ertrug es nicht länger. Der Tag, das Licht, das
Leben ängstigte sie heute wieder so, wie an jenem Morgen.
Das Dasein that ihr wehe. Es faßte nach ihrem Herzen, nach
ihrem Hirn, von allen Seiten drang es auf sie ein - spottende
Blicke, höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit!
Sie wollte fliehen, das Zimmer verlassen, aber die Glieder
versagten sich dem Dienste, der Kopf schwindelte ihr. Sie stand
auf, und sich mühsam aufrecht erhaltend, eilte sie davon.

Kapitel 21

Viertes Capite l.
lg waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr ge-
mischte Empfindungen, mit denen Herbert nach Schloß Richten
kam. Seine Bauarbeit versprach ein schönes Gelingen, aber
sie schritt nicht so schnell vorwärts, als er es wünschte, weil
die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren, auf welche er gleich
Anfangs aufmerksam gemacht hatte, und weil man ihm von
Seiten der Gutsherrschaft nicht immer mit den zugesagten Ar-
beitskräften und Mitteln zur Seite stand, da sich die Kosten
des Baues, wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte, eben
durch die Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert
hatten, als der Freiherr es erwartet haben mochte. Indeß der-
selbe beschwerte sich darüber in keiner Weise; die wachsende
Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an,
nun auch etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu
schaffen, und da er bei Beginn des Unternehmens von dem
Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen worden
war, welche ein Bauwerk, vom Schlosse und von der Terrasse
aus gesehen, auf der Höhe machen würde, so kam er immer
wieder darauf zurück, dort oben irgend ein Monument als
Aussichtspunkt zu errichten, bis er endlich auf den Gedanken
gerieth, da man nun die Kirche in Rothenfeld erbaute, die
zuerst beabsichtigte Capelle auf der Höhe im Parke aufzuführen.
Es war dabei von ihm nur auf einen kleinen, aber mit seinen
Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen; dennoch stieß der

-- Z9l--
Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Wider-
streben bei Angelika.
Oh die Baronin nicht zu übersehen vermochte, welchen den
Gesammteindruck krönenden Abschluß man mit dem Gapellenbau
erzielen könnte, ob es richtige ökonomische Bedenken waren, oder
ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte, sich gegen den
Plan auszusprechen, das konnte Herbert nicht ergründen. Er
komnte überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Ver-
halten gegen ihn selbst durch all die Jahre nicht in das Reine
kommen. Wenn er sich zu ihr hingezogen, von ihrer Theil-
nahme, ihrer Güte und Schönheit gefesselt, ja beherrscht fühlte,
so stieß sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam
ab, und grade diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei,
seine Phantasie mit ihrem Bilde zu beschäftigen. Er konnte
ihr mur zürnen, wenn sie ihm gegenüberstand, wenn ihr kaltes
Wort, ihr stolzer Blick ihn einmal trafen; war er fern von
ihr, so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer
Schönheit, er freute sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen,
er hatte eine Genugthuung daran, etwas für ihren Dienst zu
übernehmen, und wenn er sie auch foridauernd im Vollbesitze
aller Glücksgüter sah, ertappte er sich oft darauf, daß er sie in
seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte, und daß
er ihrer mit Hingebung gedachte, weil sie ihm, er wußte selber
kaum weßhalb, beklagenswerth erschien.
Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war völlig
wieder der frühere, selbstgewisse Herr geworden, und hatte es
kein Hehl, daß er diese günstige Stimmung der Gesellschaft
seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren leichtlebiger
Gleichmuth ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche
üuellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise
enug sei, sich den Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zu-
dllen beunruhigen und sich nicht vor der Zeit altern zu lassen.

-- Zs --
Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der Vergangenheit
hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem
Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so
sinnverwirrender Weise hatten peinigen können. War es denn
seine Schuld, daß der gewaltsame Starrsinn Paulinen's sie ver-
hindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das Vernünftige
und Nothwendige zu fügen, daß sie ihrer Leidenschaftlichkeit
mehr als der Vernunft Gehör gegeben? Oder was konnte er
dafür, daß ein unglücklicher Zufall seiner Gattin ein Geheimniß
enthüllt hatte, welches ihr besser verborgen geblieben wäre?
Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um
ihres Ernstes willen recht unzufrieden war, und wenn er auch
von dieser Unzufriedenheit, welche sich nicht nur auf Angelika,
sondern auch auf den Gaplan erstreckte, der sich mehr und mehr
von der im Schlosse herrschenden Geselligkeit zurüchog, nicht
viel merken ließ, so kamen doch die Augenblicke immer häufiger,
in denen die Herzogin ihm das Geständniß derselben abzulocen
wußte. Das gute Eiwvernehmen zwischen den beiden alten
Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert
es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben
im Schlosse fast ausschließlich.
E war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Bau-
meister nach jenem Mittage im Flies'schen Hause wieder in
Richten eintraf. Die Fenster des unteren Geschosses, welche
bis zum Boden herniedergingen, waren geöffnet, die Luft regte
sich nicht, die Wolken schwebten wie flüssiges, durchsichtiges
Silber an dem blauen Himmel. Neberall hörte man Vogel-
sang, überall spielten aufsteigend und sich in sich selber drehend
zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine. Oben auf
der First des alten Thurmes sah die junge Storchfamilie nach
den heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grün des
Rasens wuchsen, von der Wärme gelockt, die Butterblumen-

= Z0! -
nie Campanula, die Scabiosen und eine Fülle farbiger Gräser
hervor. Aus den Volieren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher
und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die großen
Windspiele des Barons sprangen in langen Sätzen neben ein-
ander her, ohne auf den kleinen Mops der Herzogin zu achten,
der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und träge mit
den großen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Wind-
spiele in raschem Sprunge über ihn fortsetzte.
Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel
gespeist und seine kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Frei-
herrn gehabt, ehe dieser sich zurüczog. Nun war die Zeit der
Mittagsruhe vorüber, die Wärme fing an nachzulassen, und
der Kaffee sollte deßhalb im Freien eingenommen werden. Eine
chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um
gegen die Feuchtigkeit zu schützen, welche von dem Gewitterregen
des frühen Morgens etwa noch im Erdreiche zurückgeblieben
sein konnte.
Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich
Bewegung zu machen, saß ruhig im Sessel und drehte die
lleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde der Königin Marie
Antoinette in der Hand, während die Diener mit den silbernen
Theebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von
Sövres-Porzellan herumzugeben. Sie war heller gekleidet
als gewöhnlich, und als der Freiherr ihr die Bemerkung machte,
daß ihr dies vortheilhafter stehe, meinte sie, man müsse es dem
Wetter nachthun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr
hier ja auch so heiter, so völlig heimisch zu Sinne, daß sie es
aus Dankbarkeit darauf angelegt habe, ihm zu gefallen.
Der Baron machte ihr das Gompliment, welches diese
deußerung verlangte, man begann zu scherzen, und obschon
Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten entfernt
zewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und

-- Z0Z--
das Behaben seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten,
seit er zum ersten Male dorthin gekommen war.
Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und
mit dem Caplan seine Muttersprache geredet, jetzt sprach er,
wo dies irgend thunlich war, das Deutsche nicht, während der
Marquis, der sichtlich bemüht war, es zu erlernen, Herbert's
Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur
Uebung in der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen
liebte. Sie waren auf diese Weise in eine Art von näherer
Bekanntschaft gerathen und auch an dem Nachmittage auf der
Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das
geöffnete Billardzimmer führte, in welchem man die Rapiere,
die Fleurets und überhaupt die Geräthschaften bewahrte, deren
man zu körperlichen Uebungen bedurfte. Der Marquis, welcher
ein Meister in denselben war, forderte den Architekien auf, ein
paar Gänge zu machen, und nachdem man sich damit genug
gethan hatte, nahm der bewegliche Franzose schnell ein Racket
in die Hand, Herbert zum Federballspiele einladend.
Jeder Müßige nimmt, ohne es zu wollen, an der Beschäf-
tigung Theil, welche er vor seinem Auge ausüben sieht, und bald
hatte die Sicherheit der Spielenden die Zuschauer so lebhaft
gefesselt, daß deren Unterhaltung sich nur noch auf sie bezog.
Herbert schlägt den Ball so sicher, wie er den Zirkel und
das Richtmaß führt, bemerkte der Freiherr, indem er dem Diener
seine geleerte Tasse reichte.
Ja, meinte die Herzogin, welche kurzsichtig war und das
Glas vor die Augen genommen hatte, er ist Meister in dem
Spiele, er übertrifft selbst den Marquis, den man sonst dafür
bewunderte und der es, ich kenne diese kleine Eitelkeit an ihn.
auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat, um die gewohnte Be-
wunderung zu ernten.
Kaum irgend eine andere Nebung ist so geeignet, die

-- Z0Z --
Schönheit und Anmuth der Gestalt zu zeigen, als eben dieses
Spiel, hob der Freiherr nach einer Weile, in welcher man ihnen
schweigend zugesehen hatte, wieder an, und Herbert ist in der
That ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann. Sehen Sie,
wie schlank der Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei
der kräftige Nacken sich auf den breiten Schultern bewegt. Er
gleicht seinem Vater ungemein, der selbst in Jtalien, in dem
Lande der schönen Mannesgestalten, noch durch seine Wohl-
gestalt Aufsehen erregte. Dazu hat er viel Verstand und ein
schickliches Betragen.
Gewiß, bekräftigte die Herzogin, die sich seit langer Zeit
darin gefiel, Herbert's Beschützerin zu machen und seine Vorzüge
an das Licht zu bringen. Finden Sie nicht, liebe Angelika, daß
er wirklich die Tournüre eines Mannes aus unserer Gesellschaft
besizt? Und er hat mehr Geist, mehr Herz, mehr Schwung,
als Mancher der Unserigen.
Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und
ofjenbar der ganzen Unterhaltung nicht zugehört; denn erst, als
man ihr die Frage wiederholte, fuhr sie wie aus tiefem Sinnen
auf und bejahte sie flüchtig.
Die Herzogin wollte wissen, was sie beschäftigt hätte; sie
vermochte es aber nicht zu sagen. Sie meinte, das Werden
des Frühjahres und die Herrlichkeiten des Sommers hätten sie
tets gerührt, und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig, daß sie
sich versucht fühle, eine Ahnung darin zu erkennen. Man
redete ihr das aus, der Baron pries ihr gutes Aussehen, ihre
blühende Farbe, und die Herzogin rief: Es ist zu viel Gesund-
heit, zu viel Lebensfülle, lieber Freund, die unsere Angelika so
schwermüthig machen. Gewiß, meine Theure, Sie dürfen um
meinetwillen Ihre Jahre nicht vergessen, Sie haben starke
Fpaziergänge, Sie haben Bewegung nöthig.
Ich promenire täglich! versicherte die Baronin.

--- Zg---
Ja, Sie promeniren, so viel als meine Bequemlichkeit et
zuläßt und begehrt, meinte die Herzogin. Aber fragen Sie
Ihren Mann, wie leichtfüßig ich war, wie schnell zu Pferde,
wie schnell zu jedem Spiel, als ich Ihr Alter hatte! Allons,
meine schöne Gousine, dort ist ein Mittel, Ihre Schwermuth
los zu werden. Schnell ein Racket, meine Herren, die Frau
Baronin wünscht von der Partie zu sein.
Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen,
der Marquis, welcher sich alle die Jahre hindurch vergebens
bemüht hatte, der kalten Deutschen, wie er die Baronin nannte,
eine wirkliche Theilnahme abzugewinnen, eilte in den Saal,
das Racket zu holen, und obschon widerstrebend, ließ Angelila
sich endlich von den Bitten der beiden jungen Männer und
von dem Zureden des Freiherrn bestimmen, sich als Dritte zu
den Spielenden zu gesellen.
Es war lange her, daß sie sich einem solchen Vergnügen
überlassen hatte. Die lebhafte Bewegung, der fröhliche Zuruf
des Marquis erheiterten sie, die große Geschiclichkeit und die
vollendete Anmuth Herbert's reizten sie, es ihm gleich zu thun,
und der Beifall der Herzogin, das zustimmende Lachen ihres
Mannes regten ihren Ehrgeiz auf. Sie wollte der Herzogin
beweisen, daß auch eine Deutsche der Sicherheit und Grazie
nicht entbehre, und wie sie sich in dem leichten, wallenden Ge-
wande hinbewegte, wie die blaßblauen Bänder von ihrem schlan-
ken Leibe niederflossen und vom Lufthauche bewegt in ihren
blonden Locen spielten, sah sie so schön aus, daß ihr aus dem
entzückten Auge Herbert's, der sich mit der Freude eines Künstlerd
und mit der heißen Seele eines jungen Mannes an ihrer Schönheit
ergözte, ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz z-
Sie vergaß es, wie schwermüthig sie sich eben erst gefühlt
hatie, sie vergaß, daß es ein Sterben gäbe, so voll Leben klopfte
es in ihren Adern.

-- Z0--
Immer rascher flogen die Balle von Einem zum Andern,
immer lebhafter wurden die Wendungen, mit denen man ihnen
begegnen mußte; da, als die Lust der Spielenden ihnen Allen
ßlügel geliehen zu haben schien, rief plötzlich die Herzogin, daß
nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und daß
man sie über das Ballspiel nicht vergessen möge.
Sie war gewohnt, seit sie in Richten lebte, Nachmittags
ihr Whist zu spielen. Der Baron und der Marquis machten
dann ihre Partner, und wie dieser sich auch dagegen sträubte,
wie jener auch für die Jugend sprach, da die Fröhlichteit seiner
Gattin ihm Freude gewährte, die Herzogin bestand mit scherzen-
dem Eigensinne auf ihrem Willen. Der Spieltisch wurde in
einem der Zimmer aufgestellt, der Baron führte sie hinein, und
als der Marquis mit komischem Seufzer sein Racket aus der
Hmd legte, wollten auch die Baronin und Herbert ihr Spiel
beenden, aber die Herzogin gab das nicht zu. Sie behauptete,
auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen, wenn Angelika sich
dadurch in ihrer Unterhaltung und im Genusse des schönen
Tages stören lasse, und da auch der Baron seine Frau auf-
forderte noch im Freien zu bleiben, so gab sie nach.
Indeß sie war durch die Unterbrechung, wie sie meinte,
aus dem rechten Zuge gekommen, und das mußte auch bei
Herbert der Fal, sein, denn nun sie ohne den Marquis und
ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren, wollte es mit
dem Spiele nicht mehr gehen. Die Baronin schlug nicht weit
zenug, der Ball verfehlte sein Ziel, sie fing ihn auch nicht
immer so sicher, obschon Herbert sein Bestes that, und nach
verschiedenen Versuchen, sich wieder in den früheren Gang zu
bringen, reichte sie das Nez und ihren Ball dem Architekten
hm, weil sie zu müde sei, das Spiel noch fortzuführen.
Sie wollte sich niedersetzen, Herbert warnte sie davor, da
he sich erhitzt hatte, und nachdem sie eine Weile in mamnigfach
F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

-=- Z0--
wechselndem Gesyräche auf und nieder gegangen waren, kam
Herbert, als sie die Höhe im Lichte der sinkenden Sonne vor
sich liegen sahen, natürlich auf den Gapellenbau zu sprechen.
Da dem Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen
Dingen am Herzen lag, so erbat er sich von der Baronin die
Gunst, sie durch den Park noch einmal auf die Höhe und an
den für die Capelle bestimmten Plaz hinaufgeleiten zu dürfen,
weil er es seiner Beredtsamkeit zutraute, sie für das Vorhaben
an Ort und Stelle gewinnen zu können. Sie zeigte sich jedoch
Anfangs nicht geneigt dazu; da er aber seine Bitte wiederholte
und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese Besichtigung
vorgeschlagen hatte, so willigte sie ein, und sie machten sich auf
den Weg.
Wie sie nun so durch den Garten hinschritten, ging Her-
bert gleich daran, der Baronin die Sache noch einmal vor-
zutragen, und sein Plan war so wohl erwogen, er setzte ihn
so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander, daß
es fast unmöglich war, sich nicht dafür einnehmen zu lassen.
Auch begriff Angelika ihn gar wohl, das verriethen die Zwischen-
fragen, welche sie that. Da aber jedes Verstehen und jedes
Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen, so wurde,
je weiter man kam, sein Erklären wärmer, ihr Eingehen auk
dasselbe lebhafter, und mit der geistigen Erregung der Beiden
steigerte sich die Schnelligkeit ihres Ganges, bis Angelika, als
man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand, plötzlidh
stehen blieb und tief aufathmend eine kurze Rast verlangte.
Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke, und
wie die lang herniederhangenden Zweige derselben, an denen
die warmen, duftigen Blätter mit ihrem hellfunkelnden Grün
sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten, das rosige, von
raschen Gange leicht gefärbte Antliz der Baronin umspielten.
gestand sich Herbert, daß er niemals eine schönere Frau gesehen

---- Lc? -
habe. Er hätte es ihr gern sagen mögen, der Ausruf der
Ireude drängte sich ihm auf die Lippen; indeß er hielt ihn
vor der hochgebornen Frau zurück, aber er hätte in dem Augen-
blicke viel darum gegeben, ihr aussprechen zu dürfen, wie ihr
Ablick ihm das Herz entzücke.
G mußte davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein,
denn Angelika lächelte ohne zu wissen weßhalb. Wie ihm ihre
Schönheit wieder einmal so beseligend aufgefallen war, so fiel
es ihr in demselben Momente plötzlich ein, daß sie ohne Be-
gleitung mit ihm fortgegangen sei, und sie sagte, diesem Gedan-
ken folgend: Kommen Sie, wir find weit vom Schlosse und
haben noch eine Strecke zu steigen. Es könnte dunkel werden,
wenn wir uns nicht beeilen!
Er ahnte ihre Befangenheit, wie sie seine Bewunderung
errathen hatte, und das brachte sie ihm näher. Er fragte, ob
sie ihm erlauben wolle, ihr seinen Arm anzubieten? Sie wagte
nicht, seinen Beistand auszuschlagen, eben weil sie besorgte, er
lömne darin entweder eine Geringschätzung sehen. die sie dem
jungen, von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen
Künstler nicht anthun mochte, oder er könne etwa gar auf den
Einfall gerathen, daß sie das Alleinsein mit ihm unsicher mache,
und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch mehr. Sie gab
ihm also den Arm, und wie er nun das schöne Weib an seiner
Seite fühlte, wie ihr Schritt mit dem seinen rhythmisch zusammen-
fel, ihr flatterndes Haar, da er sich zu ihr wendete, seine Wange,
ihre Schulter die seine berührte, da vergaß er Alles, außer
dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft. Die Luft,
das Lcht, der Duft, welcher aus der frisch aufquellenden Erde
und aus den tausend Blätterknospen strömte, der Vogelsang,
der von allen Enden sich hören ließ, und die eigene Lebensfülle
und der Wiederschein des Himmels aus Angelika's strahlenden
ugen machten ihn von Herzen froh. Er ging schneller und
Ne

--- Z08----
schneller, aber Angelika beschwerte sich nicht darüber, denn auch
ihr war der Fuß beflügelt und die Brust erweitert. Es schien
ihr, als hebe er sie mit sich empor, es freute sie, sich von seinet
Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit seiner Rüstig-
keit halten zu können.
Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen,
als sie die Höhe erreichten, und doch war ihnen beiden ganz
anders zu Muthe, als da sie ihren Weg begonnen und als in
dem Augenblicke, in welchem sie gerastet hatten. Sie befanden
sich nun auf dem Punkte, auf den Herbert sie zu führen ver-
langt hatte. Die Sonne war schon im Sinken, oben auf der
Höhe wehte die Luft frischer. Die Baronin blieb eine Weile
in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht daran, daß
ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe, und
er hütete sich, sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der Natur,
mit dem Hinblick in die Ferne war eine Reihe von Gedanken
in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude folgte
ihre Schwester, die Wehmuth. Es war ohnehin das erste Mal,
daß er Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und
jugendlich froh gesehen hatte, und daß dieser Frohsinn so schnell
entschwand, daß sich über ihr Antliz schon wieder der Schleier
der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine elegische
Bewegtheit.
Wir sind an der Stelle, hier müßte die Capelle stehen!
sagte er endlich, aber er konnte sich nicht überwinden, ihr hier
die früheren Erklärungen zu wiederholen. Es kam ihm Alles
so gering vor neben dem, was er empfand, was auch Angelile'
-- er zweifelte nicht daran -- empfinden mußte, denn auch
sie stand in sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute ße
ihn an, es däuchte ihr, als sähe er traurig aus. Sie mache
sich von ihm los, aber sie wagte die Frage nicht, weßhalb c
nicht ,mehr heiter sei, und er ließ ihr dazu auch nicht die Zeit

-- Z0- -
Daß wir so vergänglich sind! rief er aus, wir und der Früh-
ling und die Jugend und die Schönheit! So vergänglich,
während das Unbeseelte dauert!
Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er
bewegte sie; aber sie nahm sich zusammen und entgegnete: Und
doch wollen wir hier einen Bau errichten, der Dauer haben soll!
Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die
Mauern der Kirche mächtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so
lange als möglich! Seit Jahren weilt mein Sinn an diesen
Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All
mein Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht! Und
wenn dann der Tag kommen wird, an welchem das goldene
Kreuz drüben von dem Thurme und hier von der Höhe in die
Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, damn
-- werde ich gehen, um nicht wiederzukehren, dann ist meines
Weilens hier nicht mehr! -
E war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in
seiner Arbeit, es war die alte Klage, daß der Mensch vergäng-
lcher ist als das von ihm Geschaffene, welche ihm durch den
Sinn zog, und in der Jugend überrascht uns die grausame
Nothwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmüssens immer
wieder auf das Neue.
Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, faßte Angelika's
Hand und fuhr fort: Aber früh und spät, Sommer und Winter
wird Ihr klares Auge sich hierher richten, wenn Sie an Ihr
Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O, möge
nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen müßten
in dem Kummer Ihres Herzens - denn der Schönheit soll der
Schmerz nicht nahen!
Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet.
Einen Ton des Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes
ctllang, hatte sie nie vernommen, und er erweckte in ihrer

--- I10 - -
Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen hatte.
Glück und Erschrecken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen,
eine herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal. Es kam
ihr vor, als fühle sie eben jetzt zum ersten Male, daß sie lebe
und welcher Seligkeit sie fähig sei. Es zog sie mit süßer, mäch-
tiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese Gewalt.
Sie sehnte sich, seinen Blick zu genießen, und wendete sich von
ihm ab; und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter
in das Thal, und weithin zogen sie sich, die langen Windungen
des schnellen, tiefen Flusses, der so hell und so heiter dahin-
schoß durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen über
Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült, an
das Ufer hier unten im Park, vor ihren eigenen Augen!
Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener
Stunde vor ihrem Geiste, und heute zum ersten Male mischte
sich in ihr Entsetzen und in ihre Verzweiflung über jenes Ereig-
niß eine zornige Empörung gegen ihren Gatien, eine Auflehnung
gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.
Warum war er in ihr Leben getreten, der ältere Mamn
mit der schuldbefleckten Vergangenheit, dem die Herzogin im
Grunde mehr galt und näher stand als sie? Warum hatte
der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen büßen zu helfen,
das sie nicht begangen und das denjenigen, der es verübt hatte,
jetzt lange nicht mehr so schwer bedrückte, als sie, die Schuld-
lose? Warum hatte Gott ihr das Glück versagt, die reine, die
erste, heiße Liebe eines edeln Jünglings zu genießen und freien
Herzens die Empfindung zu fühlen, die jezt plötzlich wie ein
belebendes Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte?
Es wat das Alles kein langsames Denken, keine Folge
von Ueberlegungen; es war jenes plözliche, allumfassende Er-
kennen, das in einzelnen, entscheidenden Momenten dem Men-
schen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit ver-

-- I--
leiht. Neber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augen-
blices, überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten
Zusammenhange und begreift seine Zukunft mit einer seherischen
Klarheit, die ihm das Ziel und das Ende derselben, die ihm sein
lünftiges Schicksal wie in einem untrüglichen Spiegelbilde darstellt.
Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Fluth der
Gedanken und Empfindungen, welche sie überfiel. Mit einem
unterdrückten Ausrufe des Schmerzes ließ sie sich, ihr Gesich
in ihre Hände verbergend, auf die Steinbank niedersinken, und
unaufhaltsame Thränen entströmten ihren Augen.
Wie außer sich warf der junge Mann sich ihr zu Füßen.
Um Gottes willen, rief er, was ist geschehen? Reden Sie,
reden Sie! Was habe ich gethan? Was habe ich denn gesagt?
Er hatte ihre Hände ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen
lassen, daß sie weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem
sie sich erhob. Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren
Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich. Er schlang seine
Arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Muß sie,
muß dieser Engel weinen? -
Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach
sgmpathetisch ihre eigenen Gedanken aus. Sie ließ ihr Haupt
auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen
heißer, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er hielt sie um-
langen, er wußte selber nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich
wie berauscht, aber er wagte es nicht, den Kuß auf ihr Haupt
zu drücken, das seine Lippen berührten, ihr Unglück machte sie
ihm heilig!
Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschöpft und
bleich. Die Sonne war nun völlig untergesunken, die Däm-
merung spamnte leise webend ihre duftigen Schleier über die
Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel
des Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem

- ZZ--
Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen, hellen Lichte
zu verklären. Kein Laut regte sich, kein Vogel sang, selbst das
leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört. Die
Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen
Manne märchenhaft zu Muthe.
Unten im Schlosse zündete man die Lichter in den Sälen
an. Dorthin gehörte sie, dorthin mußte sie wiederkehren, dort-
hin mußte er sie geleiten, dorthin mußte sie gehen.
Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier
auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück! Hier, wo se
zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe, die
eine Sünde für mich ist!
Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von
einander und hätten doch ewig hier weilen mögen, hätten ver-
gessen mögen, daß es noch eine Welt und Menschen gäbe außer
dieser Stelle und außer ihnen Beiden. Keiner fühlte den Muth,
das Wort zu sprechen, das sie von diesem Plaze scheiden hieß.
Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte
ihr. Ihre Glieder, ihre Bewegungen waren kraftlos; er bot
ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm sie ihn wieder
an. So ging sie neben ihm her in stiller, glücklich-unglücb-
seliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine
Flamme, eine Gluth in ihrem Herzen, die sie erwärmte, die
sie vertröstete und sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszur
weisen schien, damit sie den Augenblick nur überstände.
Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz
und die Gebüsche dicht belaubt waren, schlang Herbert seinen
Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie wehrte es ihm
nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mond-
lichte wie verklärt aus. Jn den Hecken schlugen die Nachti-
gallen; der süße, flötende Ton löste ihnen die Seelen auf; er
nahm ihre Hand und küßte sie wieder und wieder.

-- I18 --
Wie schön ist die Welt, wie schön die Nacht! sagte er
endlich-
Ja, für die Glücklichen! fügte sie seufzend hinzu - aber
sie ist lang, lang und finster, wenn man sie durchweint!
So kamen sie vor das Schloß. Sie werden doch nicht
in den Saal gehen? fragte er, und es war ihm eine süße
Empfindung, daß er für sie sorgte und ihr rieth, daß er ein
Geheimniß mit ihr hatte.
Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abend-
kühle habe mich unwohl gemacht!
Die Diener' hatten sie kommen sehen und öffneten die
Thüre. Angelika reichte Herbert die Hand. Er küßte sie ihr,
wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr neigte, sprach
sie, nur ihm hörbar: Da oben dürfen wir keine Capelle bauen

Kapitel 22

Fünftes Capitel.
zMlargarethe, sagte der Marquis, als er an dem Abende,
an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit
des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern seiner Schwester
mit ihr allein zusammen fand, Margarethe, was hat denn dieser
Baumeister heute gehabt, daß er so gesprächig und so witzig war?
Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Puder-
mantel gehüllt auf ihrer Bergöre. Sie ließ sich von Mademoiselle
Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen
und für die Nachtruhe ordnen, während sie den Orangenblüthen-
Thee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine
Frische erhalten sollte.
Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch
nicht zu bedürfen, denn er lächelte, nahm das emaillirte Puder-
messer, welches auf dem Tische lag, trat damit an den Spiegel,
dessen Lichter angezündet waren, und sagte, indem er sich be-
hutsam die Schläfen säuberte: Und Madame, die sich zurüe-
zieht! Sie ist sehr belustigend, diese verrätherische Unschuld!
Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzog-
rieth ich Dir, auf Deiner Hut zu sein. Ihre Poeten haben
sie verdorben, sie sind schwerfällig und empfindsam, selbst in
ihrer Freude, und sie verstehen das Genießen nicht!
Eine so schöne Schülerin verdiente aber, daß man sie des
Besseren belehrte! rief der Marquis, der sich der Schwester
gegenüber in einen Sessel niedergeworfen hatte.

--- I1K
Ein flüchtiger Blick, den die Herzogin nach ihrer Dienerin
richtete, legte dem Bruder Schweigen auf, aber das Lächeln,
welches um seine Lippen spielte, konnte er nicht unterdrücken,
und während er mit der feinen Hand die Nadel in seinem
Halstuche anders zu stecken versuchte, sagte er: Nur unter seines
Gleichen kann man fröhlich leben, und es war Zeit, daß diese
keusche Erhabenheit zu uns herniederstieg! Man könnte den
Seladon beneiden, wenn seine strahlende Freude nicht auf die
bisherige Armuth seines Lebens schließen ließe. Man kömnte
ihn beneiden, diesen armen Burschen!
Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor, als er in
der Stille der Nacht an seinem Fenster stand! - Er glaubte
sie noch zu fühlen, die schlanke, volle Gestalt, die er in seinen
Armen, an seiner Brust gehalten hatie. Sein Herz klopfte,
sein Sinn war aufgeregt, aber hell und klar. Er erinnerte
sich jeder ihrer Mienen, jedes ihrer Worte, er fühlte sich von
frischem Leben durchdrungen, wie über sich und seine ganze
Vergangenheit erhoben. Er hätte es laut ausrufen mögen, wie
voll Freude und voll Wonne er sei.
Das große, hohe Zimmer war ihm zu eng, er konnte nicht
auf einem Flecke, nicht ruhig bleiben. Er mußte in das Freie,
auf die Terrasse hinaus. Mit schneller Hand öffnete er die
Flügelthüren, die frische Luft strömte ihm voll entgegen, es
war hell wie am Tage. Der Mond stand hoch am Himmel,
Wölkchen, so klar, daß sie kaum die funkelnden Sterne ver-
decten, zogen langsam schwebend vorüber. Der Sang der
Rachtigallen lockte in weichen, herzlösenden Tönen aus den voll-
begrünten Büschen. Herbert war es, als sei das Alles nur
um seinetwillen da.
Mit dem stolzen, frohen Empfinden, das der Besitz ver-
leiht, ging er auf der Terrasse umher. Es schlief Alles im
Schlosse, Niemand theilte mit ihm die Wonne dieser Stunde,

-- ZG ---
dieser Nacht, sie war ganz sein. So allein, so einsam hatte
er vor wenig Jahren die Nächte durchlebt, wenn es ihn nicht
ruhen lassen, am leise rauschenden Meeresstrande zu Neapel
und zu Bajä; so einsam war es gewesen auf den steinernen
Sitzen des Colosseums zu Rom, und doch, es war ihm jetzt
noch anders zu Sinne, als damals. Denn wie sich in der
Stunde des Schmerzes alles Leid vergangener Jahre unabweis-
lich an uns herandrängt, so nahen sich uns in dem Augenblicke,
der uns günstig ist, wie von magnetischer Kraft herbeigeloct,
die schönsten Erinnerungen unseres Lebens, daß wir unsere
Vergangenheit und unsere Gegenwart als Eines, als ein großes,
ganzes Glück empfinden; und wer solche von guten Geistern
umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat, der geht arm aus
der Welt und aus dem Leben!
An seinen Vater dachte Herbert, und wie der ihn ein-
geführt in das erhabene und doch so offenbare Reich der Schön-
heit und der Kunst; seine Mutter hatte er neben sich und sie
erzählte ihm, dem einzigen Kinde, wie da oben hinter den
weißgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen
Himmelslichte sich wiegten und den guten Kindern rosige Träume
herabträufelten mit dem Thaue der Nacht. Und die Lieder
seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne lösten
sich auf und gestalteten sich neu, bis sie in jenen wunderbaren
Melodien verklangen, in welchen die Gondoliere auf den Ga-
nälen von Venedig die Stanzen ihres Tasso singen. Und dann
wieder umstricte ihn die Stille der Nacht so sanft, daß kein
Gedanke Form und Gestalt amnehmen konnte und er nichts
empfand, als ein liebevolles Glück, als die Womne, zu leben
und zu athmen inmitten der Natur.
Vor einem der Gartentische blieb er stehen. Sein Auge
heftete sich an das Federball-Spiel, welches auf demselben lie-
gen geblieben war. Er nahm das Racket in die Hand, dessen

--- 81? -
Angelika sich bedient hatte. Der rothe Sammetreif umspannte
das Nez von goldenen Schnüren, der Thau hatte es mit seinen
Perlen übergossen. Das war der Zauberstab, der ihm den
heutigen Abend, der ihm diese selige Stunde heraufbeschworen.
Der gefiederte Ball lag noch darauf, er warf ihn fast absichts-
los ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf.
So war es ihm heute überhaupt gegangen, so war ihm das
wundervolle Abenteuer, das süße Erlebniß fast ohne sein Zu-
thun von der Stunde Gunst beschieden worden, und es dünkte
ihm darum noch lieblicher und zauberischer.
Aber sie irrten beide, der Marquis und dessen Schwester;
Herbert war kein solcher Neuling im Leben und er liebte die
Baronin nicht. Es war kein Liebesrausch, keine Verblendung
durch ein eitles Hoffen gewesen, die ihn an dem Abende so
gesprächig und so witzig gemacht, wie der Marquis die Erregt-
heit des Baumeisters bezeichnet hatte. Es war ein zärtliches
Mitleid, eine großmüthige Sorge, die er für Angelika in seinem
Herzen trug, und leise, aber doch erlennbar genoß er die Ge-
nugthuung, den Stolz dieser vornehmen Frau, der ihn manch-
mal beleidigt und verletzt hatte, so hingeschmolzen, und sie trost-
suchend an seiner Brust gesehen zu haben. Er erinnerte sich
des Augenblickes, da er mit freier Seele vor sie hingetreten
war und sie ihm das Bewußtsein aufgedrängt hatte, daß er
ihr mißfalle. Jetzt, deß war er sicher, dachte sie anders über
ihn; aber wenn er sich auch fcagte, was Angelika bestimmen
mdgen, einen Mamn, den sie nicht geringschätzen konnte, alle
die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln, so
war er sich seines Werthes doch zu sehr bewußt und zu sehr
gerührt von den Thränen der schönen Frau, als daß sich in
sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Theilnahme für die
Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte.
Er wollte versuchen, ihr näher zu treten, ihr Vertrauen

-=- Z8 ---
zu gewinnen. Er stellte sich vor, daß sie gegen ihren Wilen
des weit älteren Mannes Frau geworden sei, daß man sie ge-
zwungen habe, einer früheren Liebe zu entsagen. So wie mit
ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch
die duftende Dämmerung des Frühlings gewandelt sein, so
mochte sie mit einem Geliebten von milder Höhe hinabgesehen
haben in ein stilles Thal, und nun hatte Herbert ihr die Er-
innerung an verlorenes Glück, an dauerndes Entbehren wach
gerufen. Sie hatte dem Entfernten, dem Vermißten nachgeweint,
Thränen der Erinnerung waren es sicherlich gewesen, welche
sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich mehr und
mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen
vor ihm, denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens
Neigung und Liebe und Leidenschaft entgegengebracht hatte. Die
schöne Empfindung jener wechselnden Stunden erwärmte und
durchglühte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die
Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner fröhlichen
Vergangenheit und seines Glückes freute, so dachte er dazwischen
doch immer wieder der Baronin, die solchen Glückes Fülle
sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr beizustehen, ihr
nahe zu bleiben, entzücte ihn, weil die Liebe ihn so entzückte.
Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zu
rückkehrte, um sich zur Ruhe zu legen; aber er konnte nicht
mehr schlafen, und hätte er es vermocht, es wäre ihm nicht
viel Zeit dafür vergönnt gewesen. Er mußte früh hinaus, da
er mit dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte,
der noch innerhalb der Herrschaft, aber doch mehr als zwe
Meilen von Richten entfernt lag und dessen Material man für
den Bau zu verwenden gedachte.
Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof-
an den die große und lange Allee von Lerchen- und Ebereschen
Bäumen sich anschloß. Die thaufrischen Blätter und Spitzen

---- I9--
der Zweige nickten, von dem leisesten Lufthauche bewegt, und
sprühten ihre Thautröpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden
Seiten wogte das dichte, kurze Grün der lang sich hinstreckenden
Hafer- und Gerstenfelder, daß es wie ein wallendes, glänzendes
Wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem Thaue
bespiegelte. Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen
empor und schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel
auf, die kleinen Kehlen in schmetterndem Gesange bewegend.
An dem Rande der Gräben, an den Rainen blühte die Korn-
blume, nickte der rothe Mohn, und über die Dornhecken und
die blühende wilde Rose schlang die Winde, sich weithin span-
nend, ihre Ranken. Wohin man blickte, war Alles voll Leben,
voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene, der Käfer,
der Schmetterling und der Vogel, jeder that sich was zu Gute
in dem warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den
Häusern sprangen heraus, kläfften und bellten, liefen dem Pferde
nach, liefen ihm voraus und wendeten wieder um, und man
komnte es den klugen Thieren wohl anmerken, daß sie das
Pferd und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur
ihr Spiel haben wollten.
Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der ma-
gischen Stille der Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens
dem jungen Manne ein doppeltes Vergnügen, und mit seinen
strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, ließ er das
Pferd weit ausgreifen und athmete mit tiefem Behagen den
Luftstrom ein, der ihm entgegenkam.
Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser
tand, der nach Rothenfeld wies, blickte Herbert nach dem
Schlosse zurück. Die grünen Fensterladen waren noch überall
geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die
Vrzogin, Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe, und sammt
und sonders thaten sie ihm leid. Es war ihm so wohl, er

--- ZW--
hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mnögen, und selbss
Angelika's leise Mahnung: ,Da oben bauen wir keine Capelle!r
machte ihm keine Sorge. War es keine Capelle, so konnte
man irgend einen Tempel, einen Freundschafts»Tempel da oben
errichten, und zu einem solchen Angelika's Zustimmung zu ge-
winnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu
erwerben trachtete.
Wohlgemuth ritt er durch das Thor des Amtshofes ein.
Er war ein gern gesehener Gast auf demselben und es behagte
ihm dort immer, wenn er von dem Schlosse kam. Denn wie
das Stattliche und Schöne ihn erfreute, das Vornehme im
Leben und in der Kunst ihm einen großen Eindruck machten,
so hatte er daneben doch eine angeborene Freude an dem Nüz-
lichen und Nothwendigen, und nach der breiten Terrasse des
Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern
desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen
ihm der Wirthschaftshof mit seinem Röhrbrunnen, an welchem
die große Heerde getränkt ward, das schwerfällige, alte Haus
mit der niedrigen Thüre und der breiten Rampe, über der sich
die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in ein-
ander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
Man sah es den dicken Mauern auch an, daß das Haue
im Winter warm, im Sommer kühl sein müsse. Gleich vor
der Thüre luden die breiten Bänke und der große steinerne
Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumen-
stöcke, welche auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne
genossen, die Rabatten des kleinen Gartens, aus deren fetter,
brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die glänzenden.
vielblätterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der
gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der
Reiter in den Hof ritt, und die gelbe Katze, welche nur blin-
zelnd die schläfrigen Augen öffnete und den dicken Kopf dann

--- I2--
langsam niedersenkte, um die somnenerwärmte Stelle wieder
einzunehmen, waren so rund und so blank, daß man es merkte,
hier leide Niemand Mangel.
Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmamne, konnte
man das ansehen. Er war fast gleichen Alters mit dem Bau-
meister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon sein
Urgroßvater hatte die Arten'schen Güter bewirthschaftet und von
Vater auf Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe
für den Grund und Boden und die Anhänglichkeit an die
Herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu Hause und
angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der
ganzen Umgegend hatten sie Verwandte, überallhin waren sie
durch die Heirathen ihrer Töchter und Söhne mit den Amt-
leuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Förstern ver-
schwägert, und wer im Lande Rath und That bedurfte, der
ging zum Amtmanne nach Rothenfeld, denn die Steinert's
waren Landwirthe, wie es wenige gab, und der jetzige Amt-
mann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, daß er einmal
sehen möchte, was aus dem Herrn werden würde, wenn man
im Amtshause nicht das Auge auf Alles hätte und gelegentlich
die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet werden
dürfte, ohne daß dem ersten Capitalangriffe der zweite nach-
folgen müsse.
Ein treuer Diener muß auch widersetzlich sein, wo's Noth
thut! hatie der Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt,
und sie lag so zu sagen den Steinert's im Blute, diese treue,
ehrliche Widersezlichkeit. Man brauchte die Männer nur an-
zusehen. Sie waren ein großes, starkes, vollblütiges Geschlecht,
die Männer wie die Frauen, und der junge Amtmann und
seine Schwester machten keine Ausnahme davon, wie er denn
auch Adam hieß gleich seinem Vater und Großoater und gleich
denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der ein-
F. Lew ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

- - I22 --
zige Sohn gewesen und erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen
in das Haus geboren worden war, so hatte der Vater gemeint,
wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so
müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen,
und Adam und Eva waren auch die einzigen Kinder geblieben,
waren mit einander groß geworden, hatten von Vater und
Mutter den tüchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirth-
schaft erlernt und befanden sich so wohl mit einander, daß noch
keiner von ihnen an das Heirathen gedacht hatte, obschon der
Amtmann dreiunddreißig Jahre alt war und die Eva auch
schon in den ersten Zwanzigen stand.
Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester.
Beide waren sie groß, beide stark von Bau und von frischer
Farbe mit hellen, blauen Augen. Des Amtmanns Krauskopf
war eben so blond wie das dicke, gewellte Haar, welches Eva's
Schläfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der
Morgen aus, als sie bei Herbert's Ankunft vor die Thüre und
auf die Rampe hinaustraten.
Die grüne, breitschooßige Petesche mit den blanken Knöpfen,
die gelbe Lederhose und die faltigen Reitstiefel saßen dem Amt-
manne wie aufgegossen. Man sah, daß er etwas auf sich hielt,
daß er etwas auf sich wenden konnte, und obschon er sein
Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der
Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so
hatte er es doch noch mit einem schönen Bande in breitem
Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der Herr Baron, und
der kleine dreieckige Hut saß ihm keck auuf dem Kopfe und warf
seinen Schatten über seine starke, feste Stirne.
Willkommen, werthester Herr Baumeister! rief er dem
Reiter entgegen, als dieser vor der Thüre hielt. Sie sind ein
Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der schön geflecten
Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben

-- ZZ-
Uhr auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran,
und er und Herbert schüttelten einander die Hände.
Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn
man herauskommt, und den Mann möchte ich sehen, den's
schlafen ließe, wenn er weiß, daß Mamsell Eva die Langschläfer
nicht leiden mag!-=- Er nahm den Hut grüßend vom Kopfe;
Eva nickte ihm freundlich zu und meinte, sie könne gar Vieles
nicht leiden, zum Beispiel das Warten nicht.
Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.
Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens
keine Zeit; aber ich warte jetzt auf Sie!
Auf mich -- wie das ?
Mit dem Frühstücke! entgegnete sie.
Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, indeß der Amt-
mann und Eva wollten davon nichts hören.
Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt,
meinte der Amtmann, der um die Frühstücksstunde hier ohne
Imbiß fortgeht? Und Eva sagte: Sie können immer einmal
die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade allein
einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken. Wennn
man gute Gesellschaft am Morgen hat, giebt's immer einen
guten Tag; denn daran glaube ich ganz fest, Gutes und Böses
lommen nie allein!
Schönen Dank, Mamsell, daß Sie mich für etwas Gutes
halten! rief Herbert, während er vom Pferde stieg; der Amt-
mann hatte einen Knecht herbeigewinkt, der ihm das Pferd
obnahm, und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur,
m welchem auf dem großen Eichentische Brod und geräuchertes
Fleisch aufgetragen waren, neben denen der zinnerne Bierkrug
und die feine Flasche mit Kirschbranntwein nicht fehlten.
Den Hausflur hatte Herbert gar so gern. Die großen,
oltersgeschwärzten Eichenschränke, welche auf ihren massiven
A;

-- I24-
Kugelfüßen die beiden Seitenwände des Flures einnahmen, der
schwere Tisch in der Mitte, die alte, große Hausuhr, welche
einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf
dieser Stelle stand, ohne je einer Reparatur bedurft zu haben,
die handfesten Stühle und die dreifachen Reihen von Ernte-
kronen und Erntekränzen, die an den Wänden hingen und
deren Bänder zum größten Theile schon ganz verblichen waren,
das Alles zeugte von Dauerhaftigkeit; und dazu warf das
Sonnenlicht, welches durch die Blätter der Linden in den Flur
hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte, daß sie ganz
frisch darunter aussahen, eben seine hellsten Strahlen auf das
goldene Haar von Eva, welche, am Tische stehend, den Rücen
der Hausthüre zugewandt, die beiden sitzenden Männer bediente.
Sie haben übrigens Recht, Mamsell Eva, nahm Herber
das Wort wieder auf; ich finde auch, daß das Glück niemals
allein kommt. Denn ich habe eine köstliche Nacht verlebt, und
der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön! - Er
verneigte sich dabei, um ihr das Compliment anzueignen. Sie
beachtete es aber nicht, sondern fragte: Was haben Sie demn
die Nacht gethan?
O, ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht, sie war
so still und schön! - Eva sah ihn an, als erwarte sie eine
Fortsetzung seines Berichtes, und da er nichts hinzufügte, fragte
sie: Und das war Alles? Weiter nichts?
Der Amtmann lachte, Herbert mußte mitlachen; Eva's
unbefriedigter Blick und der Ton ihrer Stimme forderten dazu
heraus, aber Herbert war dabei doch nicht wohl zu Muthe.
Es verdroß ihn, daß Eva komisch finden komnte, was ihn so
hoch entzückt hatte, und dabei wußte er kaum, ob er mit den
Mädchen, oder mit sich selber nicht zufrieden wäre. Sie schei-
nen auch das Wachen also nicht zu lieben, meinte er, und er
sagte das mit absichtlichem Spotte.

= ZIJ--
Sie nahm es aber nicht so auf, sondern antwortete ruhig:
Nein, gar nicht, wenn es zu nichts führt. In guter Gesell-
schaft und wenn's einen Tanz giebt, oder wenn es bei einem
Kranken nöthig ist - ja, dann ist's etwas Anderes. Aber
sonst - sie hielt inne und sagte, als könne sie den rechten
Ausdruck nicht finden und müsse sich auf andere Weise helfen:
Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage schlafen, wie's
im Schlosse oft geschieht, das wäre mir grade, als sollte ich
den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen! Das geht
mir wider den Strich!
Sie wandte sich dabei von den Männern fort, um aus
dem einen Schranke noch ein Messer herbeizuholen. Als Her-
ber ihr nachsah, fand er ihre kräftige, große Gestalt in dem
aufgeschürzten blauen Zitzkleide, mit dem sauber gefalteten Tuche
um Brust und Schultern außerordentlich schön, und die Röthe
des Nackens und der Oberarme sah so gesund aus, daß er
unwwillkürlich den Ausruf that: Ich glaube, Sie kömnten gar
nicht anders als Eva heißen!
Der Bruder, welcher seine Freude an dem Mädchen hatte,
verstand, was Jener meinte, und gab ihm Recht; Eva aber
stüzte sich mit den Händen vor ihnen auf den Tisch und sagte:
Mosje Herbert, ich glaube, für Sie ist's auch Zeit, daß der
Bau bald fertig wird und daß Sie aus dem Verkehr mit dem
lächerlichen Herrn Marquis fortkommen, der hier zuweilen wie
eine Bombe einfällt! Sie lernen ihm nur seine Redensarten ab!
Das mit dem Eva heißen habe ich nun schon zweimal hören
müssen, und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben!
Sie nahm dabei eine schmollende Miene an, die sie vollends
eeizend machte, und Herbert fühlte so großes Vergnügen in
ihrer Gesellschaft, daß der Amtmann ihn an den Aufbruch
arter

--- Z6--
schmeckt habe, so möge er bald und vor allen Dingen zum
Erntefeste wiederkommen. Er reichte ihr die Hand zum Abs
schiede, und als er schon im Fortgehen war, fragte sie, was
denn die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei. Er berich-
tete, daß die Baronin sich am Abende nicht gut befunden habe.
Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte bedenklich
den Kopf.
Die wird auch nie mehr ganz gesund, sie hat's nie ver-
wunden, sagte sie seufzend und mitleidsvoll, und ich möchte
auch nicht an ihrer Stelle sein! Herbert wollte wissen, weßhalb
nicht. Sie antwortete nur, indem sie, ohne eine Erklärung zu
geben, mit einem: O nein, gewiß nicht! ihre vorige Aeußerung
bekräftigte, und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden
waren, so trennte man sich, ohne daß Herbert eine Antwort
von dem Mädchen erhalten hatte.
Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegen-
heit zu weiteren Fragen dar, obschon Eva's Aeußerung ihm
nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend, durch welche sße
kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugs
thuung daran, den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens
bekannt und auf alle die Vortheile aufmerksam zu machen,
welche eine sorgfältige Gultur diesem Boden abzugewinnen ver-
standen hatte. Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert
zu hören, wie es sonst in der Provinz und in der Welt aue-
sähe, auf deren Händel und Entwickelungen das Auge des jungen
Landwirthes wie das eines jeden Mannes in jenen Tagen ge:
richtet war. Indeß so lange man zu Pferde blieb, war an
ein rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken, aber
als man in der Nähe des Steinbruches, wo der Boden auf
stieg und das Thal sich verengte, absteigen mußte, um den Rest
des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die Gelegen:
heit zur Unierhaltung günstig. Man ließ die Pferde an den

I? - -
Hause eines der Steinbrecher zurück, und wie man nun in
dem kühlen Thale vorwärts ging, richtete der Amtmann seine
Fragen auf sein Lieblingsthema, auf die Männer und die
Ereignisse, von denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten
und noch berichteten. Herbert sollte ihm von den Helden der
französischen Revolution erzählen, bei deren Beginn der Bau-
meißter sich noch in Paris befunden hatte und deren wahrschein-
lcher Ausgang jezt alle Geister beschäftigte.
Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille
Desmoulins aussehe, die er gesehen, er sollte erklären, wie ein
Volksaufstand sich mache, und während der Amtmann mit lei-
denschaftlicher Spannung an seinen Berichten hing, erwärmte
sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis
beide junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleich-
heit der Stände, wider alle Vorrechte und wider jede Art von
Vorurtheilen ausgesprochen hatten, die ihnen in ihrem Leben
bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie spä-
ter eine Beeinträchtigung fürchten konnten, wie verschieden ihre
Berufsthätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
Herbert, welcher in der Schloßgesellschaft beständige Rick-
sichten zu nehmen hatte, fand es angenehm, sich frei gehen
lassen zu können und einen so dankbaren Zuhörer zu haben.
Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner Tüchtig-
leit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edel-
leute überlegen wußte, die in der Nachbarschaft und zu Zeiten
auch im Schlosse die großen Herren spielten, und vor denen er
sch, wie gering er sie auch schätzte, zu demüthigen und zu
Rugen genöthigt war, fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre
und in der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr
als seinen Gastfreund und Hausgenossen ehrte, während dieser
ßch als ein Gleicher neben den Amtmann stellte; und da die
Igend überhaupt zu geselligem Anschließen geneigt ist, fanden

-- ZFs--
die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen, das ihnen
recht von Herzen kam.
Man war von den Mittheilungen über Frankreich und
die Revolution auf die Emigranten im Allgemeinen zu reden
gekommen und dadurch auch auf die Gäste im Schlosse geführt,
und der Amtmann meinte: Es muß solchen Herrschaften spa-
nisch vorkommen, wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch
einmal ein Ende hat. Wenn man aber hört, wie sie's dort
getrieben haben, und weiß, wie's auch hier herum vieler Orten
zugeht, so kann man sich denken, daß sie drüben kein groß Mitleiden
mit ihnen fühlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte,
wenn's auch hier einmal zum Klappen käme!
Glauben Sie denn, daß hier zu Lande das Material für
eine Revolution vorhanden ist? fragte der Baumeister.
Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht
des Bauers steckte auch ihm im Blute. Es kommt darauf an,
sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen, was man Revolution
nennt!
Nun! versetzte Herbert, mich dünkt, das wäre klar. Ist
man hier unzufrieden? Hat man große Beschwerden gegen den
König und sein Regiment?
Gegen den König und sein Regiment? wiederholte der
Amtmann, das könnte ich nicht sagen. An den König denken
sie hier nicht viel, d. h. sie denken an ihn nur, wie an den
lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie
auch nicht wissen, ob er sie hört oder nicht hört. Die Leute
hier sehen nicht über die Feldmark hinaus. Jeder hat hier
sein Theil Plage für sich und steht also meist auch nur für
sich. Er hat's mit mir zu thun, der ich hier befehle, und mit
der Herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und
zu hoffen hat, seine Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das
liegt Alles hier, Alles dicht neben einander wie sein Haus und

-=- Z19--
sein Grab. Darüber hinaus hat er sich sonst nicht leicht um
ewwas getümmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen
ist, ist er zufrieden gewesen.
Und jetzt! ist's jetzt anders?
Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte
er sehr bestimmt: Ja! anders als vor fünf und vor zehn Jah-
ren, als zu den Zeiten, da ich von der Schule und von der
Universität kam, denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre
auf die Universität geschickt, schaltete er mit Selbstgefühl in
seine Rede ein, anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als
ob's in der Luft läge. Sie pariren nicht wie sonst, sie rai-
somniren viel.
Aber worüber?
leber Alles!
Also zum Beispiel? fragte Herbert.
leber die Frohnen, über die Hand- und Spanndienste,
über Alles! Und wie das geht, da sie immer zusammenstecken,
hezt Einer den Andern auf, und was der Eine nicht ausheckt,
das llaubt der Andere hervor. Man wird bald Noth haben,
sie zur Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohne-
hin niemals verlegen.
So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunlt
zu haben, oder es pflegte irgend Jemand da zu sein, der den
Anführer macht. Ist vielleicht ein bestimmter Anlaß zu der
lnzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein besonderes
Unrecht zugefügt?
Sie gingen, als Herbert diese Frage that, über die lange
und schmale, aus Knüppeln und Rasen gemachte Brücke, welche
hier den Fluß überspannend auf die Seite desselben leitete, auf
welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und da Herbert
ieiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur,
do er diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und

-=- ZZ0 ---
betrachtete, wie die weichen Binsen und das Schilf sich nicend
in dem Wasser spiegelten, daß es zu Zeiten aussah, als hingen
die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an den
schwankenden grünen Halmen. Er pflückte eine kleine breit-
blättrige Farre, die in dem Moose auf der Brücke gewachsen
war, steckte sie an seinen Hut und folgte dann dem Andern,
der ihn drüben am Ufer erwartete.
Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand,
der offenbar mit der Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben
war, sagte Jener: Eine Ursache und einen Anfang muß freilich
Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine Ur-
sache, und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren
viele. Und wieder brach er zögernd ab, bis der Baumeister
ihn mit erneuter Frage zum Weitersprechen nöthigte.
Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmamn
an, als sei er nun zu dem Entschlusse gekommen, herauszusagen,
was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser Herr Baron ist ein
guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es weiß, daß
kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen läßt, wie's
eben mag, und morgen scharf zusammennimmt, ohne daß es
was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung weiß, daß man das
beste, frommste Thier im Handumdrehen verreiten und stöckisch
machen kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen
appliciren. Ess ist schwer auskommen mit dem Herrn Baron!
Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war besser unter dem
seligen Herrn!
Herbert bemerkte, daß der Freiherr ihm weder streng noch
hart erscheine, daß er im Gegentheil nur wohlwollende und men-
schenfreundliche Aeußerungen von ihm vernommen habe.
Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem
Kopfe. Das ist's eben! meinte er. Streng und hart ist gar
nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen, denn der Mensch

b= ZZ! -
gewöhnt sich allmählich an das, was gleichmäßig geschieht, und
besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es könne denn eben
nicht anders sein. Wäre der Herr Baron nur immer streng, und
machte er es wie sein Vater und sein Großvater, die sich um
gar nichts kümmerten, als um's Verzehren und Genießen, so
ständen wir Alle uns besser. Aber er ist leider Goties
menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüth, und dazu mag
er im Grunde seines Herzens selbst zuweilen denken, daß es
wohl nicht immer so auf der Welt bleiben werde, wie bisher.
Da kommt's denn, daß er heute nachgiebt, was er morgen ver-
weigert, daß er dem Einen erlaubt, was er dem Andern ver-
bietet. Das macht böses Blut. Die Einen denken, wenn er
das zugesteht, kann er auch mehr zugestehen; die Andern sind
ihm aufsässig, weil sie ihre Forderung nicht durchgesetzt haben,
und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt muß ich vor den Riß
treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man
weiß nicht, wie man mit ihm daran ist. Seit er geheirathet
und die Pauline sich ertränkt hat, ist das Alles schlimmer ge-
worden, und seit wir nun gar den - verzeihen Sie, daß ich
es einmal sage - verwünschten Kirchenbau hier haben, isi vollends
der Teufel los!
Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung-
Indeß obschon dies Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft
beschäftigte, so erregte doch die Erwähnung eines Frauenzimmers.
das sich ertränkt haben sollte und das offenbar in einem nahen
Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben mußte,
um der Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er
kagte nach den näheren Umständen, erfuhr den ganzen Hergans
der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie man sie eben in der
Imgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte
und betrachtete.
Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen,

-- ZIF -
denn jetzt glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige
zu haben, was ihm gestern überhaupt in dem Wesen und in
dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen war. Dag
arme, arme Weib! rief er unwillkürlich aus, als der Amtmam
geendet hatte.
Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert
spreche von Pauline, und er rühmte deren Schönheit und gute
Eigenschaften.
Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte,
daß er dies Alles nicht schon gestern gewußt habe, er fürchtete,
der Baronin nicht verständnißvoll genug begegnet zu sein, und
machte sich Vorwürfe darüber, daß er durch seine Aeußerung
ihr wundes Herz getroffen, oder daß sie gar in derselben eine
unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden
haben könne.
Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und
Farbe und Gehalt desselben prüfte, während man mit dem
Aufseher und dem Meister überlegte, welcher Art von Be-
arbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel
Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und
beschaffen könne, blieb das Bild der Baronin ihm immer gegen
wärtig, und die Vorstellung, daß er mit seinem Baue ihrem
innersten Herzensbedürfnisse genüge, daß er ihr dazu helfe, ein
Gelübde zu erfüllen, eine Buße zu üben, von der sie sich eine
Befreiung ihrer Seele versprach, wurde ihm ganz besonders werth.
Es fiel dem Amtmann auf, daß Herbert während der
Verhandlungen so dringend wurde, daß er die Termine, welche
er am Anfange der Unterredung und der Besichtigung leichthin
als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte, bald als die
letzte angesehen haben wollte, und er erinnerte ihn also daran,
daß er ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht, daß man
also noch eine geraume Zeit vor sich habe. Auch der Baron

----- ZIJ--
habe, wie der Amtmann bestimmt wisse, bei seinen Geldmitteln
und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer
es Baues gedacht und auf die gleichmäßige Vertheilung der
für denselben bestimmten Summe während dieser sechs Jahre
gerechnet. Endlich, meinte er, hätten, um die Wahrheit zu
sagen, diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich festgesetzte
Summe verschlungen, so daß ein Innehalten und Zögern sehr
geboten sei. Herbert hingegen machte geltend, daß er vor dem
Baue der Kirche in Rothenfeld, eben der Kosten wegen, gewarnt
habe und daß man um der auswärtigen Arbeiter willen nicht
imnehalten und nicht feiern dürfe.
Das mußte der Amtmann halbwegs zugeben, und nach
mamnigfachem Hin und Wider und nachdem Herbert einige Pro-
ben des Gesteins hatte abschlagen lassen, die er versuchsweise nach
der Stadt mitnehmen wollte, um dort mit Sachkundigen über
ihre Behandlung sich noch zu besprechen, trat man den Rückweg
an. Indeß der Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als
vorher. Er schob dies auf die eben gehabte Erörterung, auf
die Wärme des Tages, und sie schlenderten dann, auch nur
hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd, langsam
durch das Thal, bis sie zu der Stelle kamen, an welcher des
Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer wartete. Hier mußten
sie sich trennen. Der Amtmann, welcher noch vor dem Mittage
in den Forst zu reiten dachte, lud den Baumeister ein, ihn zu
begleiten, weil es dort im Nadelholze schattig und kühl sei;
Herbert meinte jedoch, daß der Freiherr eine Auskunft von ihm
erwarten könne, und wollte deßhalb bei guter Zeit wieder in
Richten eintreffen.
Er stieg also auf, der Amtmann that desgleichen; als
diser jedoch den Fuß in den Bügel setzte und sich aufschwingen
wollte, bemerkte er, daß sein Sattel nicht fest saß, und stieg
ab, um den Sattelgurt fester zu schnallen. Und während er

-=- ZZe-
sich dazu bückte, sagte er, Französisch sprechend, wie er das
gelegentlich gern that, um seine gute Erziehung zu beweisen:
Ich darf wohl darauf rechnen, daß Alles, was wir heute durch-
gesprochen haben, unter uns bleibt?
Herbert versicherte, daß sich das von selbst verstände, und
Jener fügte lächelnd hinzu: Es ist hier doch im Grunde immer
noch so gut, wie rund herum, und wer die Herrschaften kennt,
hängt ihnen an. Aber, lieber Gott! ste sind einmal, wie sie
sind! Cien äe okasse, ohasse de rsee! Die Männer
wollen leben, und die Frauen wissen sich denn auch auf eine
oder die andere Art zu trösten!
Er lachte dazu, denn er kam sich offenbar bei dieser Aeu-
ßerung wie ein Weltmann vor, und mit guter Manier den klei-
nen dreieckigen Hut zum Abschiedsgruße bewegend, während er
dem Architekten ein: s reroir, Klonsieur Herbert! zurief,
sprengte er davon.

Kapitel 23

Sechstes Capite l.
,angsam und zerstreut ritt Herbert die Straße zurück,
welche er am Morgen in so heiterer Stimmung durchmessen
hatte. Er dachte an den Bau und an gewisse Berechnungen,
welche er dem Freiherrn aufzumachen hatte, aber er rechnete
ichwer, er verrechnete sich öfter; die Zahlen, die Maße wirrten
sch ihm in einander, und dann ertappte er sich bisweilen auf
iener Zerstreutheit, in welcher es uns scheint, als sei in unserem
Denken ein Stillstand, eine Leere eingetreten, und in der wir uns
fmagen: Was habe ich denn eigentlich gedacht? - weil die Reihe
unserer Vorstellungen so blizschnell an uns vorüber zieht, daß
wir sie nicht festzuhalten im Stande sind und uns nur, man
möchte sagen, des unwillkürlichen Erleidens einer unwillkürlichen
Thätigkeit bewußt werden. Das ist ein quälender Zustand, und
auch unsere Sinne werden in der Regel von demselben ergriffen,
denn was wir in solchen Augenblicken sehen und vernehmen,
gletet anscheinend auch unerfaßt an uns vorbei, und doch kann
B geschehen, daß man sich nach Monaten, nach Jahren irgend
eines Eindruckes bewußt wird, den man in solcher Stunde
empfangen hat.
Das Pferd, welches fühlte, daß es sich selber überlassen
. machte sich das zu Nutze. Der Tag war so drückend heiß,
nd, den Schatten der Bäume suchend, ging das Thier in
Itichmäßig ruhigem Schritte der wohlbekannten Heimath zu
Vnbert hing nachlässig im Sattel. Die Sonne brannte her-

- ZZG--
nieder, aber er schien sie nicht zu fühlen. Er dachte an den
linden Abend und an die frische Kühle der letzten Nacht, oder
vielmehr, er dachte nicht an sie, sonder er empfand sie noch
erquickend. Es war ihm, als träume er, aber als träume er
einen schönen, glücklichen Traum, und er wußte doch nicht,
was dieser ihm bringe oder biete. Alles war nebelhaft, Alles
warm und beseligend. Er hätte nur immerfort so weiter reiten
mögen, immerfort, immerfort!
Da mit einem Male wehte es ihn kühler und erfrischend
an. Eine Wolke war über die Sonne hingezogen, sie verhüllte
ihr Licht. Der ganze Himmel hatte angefangen sich zu bedecken,
ein leiser trockener Wind erhob sich. Herbert sah umher: er
war nicht weit mehr von Richten, er konnte das Schloß deut-
lich in allen seinen Einzelheiten unterscheiden. Grade so hatte
er es damals erblickt, als er vor Jahren zuerst des Weges
gekommen war. Damals!
Es dünkte ihn sehr lange her zu sein, jener Tag, demn
damals war Alles anders gewesen, als jetzt, Alles anders! Noch
gestern war es anders gewesen -- noch heute früh!
Was hatte er denn gedacht seit gestern? Weshalb hatte
er denn die Nacht so wundersam verträumt, und was hatte
ihn so umgewandelt seit einer Stunde?
Das Blut schoß ihm zu Kopfe, er fuhr auf. Das Pferd.
durch einen straffen Zügelgriff aus seiner freien Lässigkeit auf-
geschreckt, sprang, sich bäumend, in die Höhe. Der Widerstand
kam Herbert eben recht, und mit scharfem Spornstoß das Thier
zusammennehmend, trieb er es vorwärts, daß es weit ausgrift
und ihn gestreckten Laufes leicht dahintrug.
Zu ihr! das war die ganze Antwort, welche er sich z
geben wußte.
Ein leidenschaftliches Verlangen brannte in seinem Blute,
er mußte lachen, wenn er sich erinnerte, welche Rolle er gestern

-=- ZZ? --
neben Angelika gespielt hatte. Er war sehr entschlossen, nicht
ieder als ein blöder Schäfer vor der vornehmen Dame zu
erscheinen, welche sich über das Unglück ihrer Ehe zu trösten
begehrte. Er mußte darüber lachen, daß er dies nicht selbst
gesehen hatte, daß ihm die Hingebung nicht auffallend gewesen
war, mit welcher Angelika sich seiner Tröstung, sich seinem
Schuze überlassen hatte; und, so wechselnd ist der Sinn des
Menschen, so leicht bestimmbar die heiße Phantasie der Jugend:
er, der gestern in reinster, verehrender Liebe sein Herz der un-
glüclichen Fran zugewendet hatte, er versprach sich jetzt mit
leidenschaftlichem Feuer, es der schönen Baronin zu beweisen,
daß er nicht mit sich spielen lasse und daß er der Mann sei,
z begehren und zu gewinnen, was ihre Hingebung ihm zu
verheißen geschienen.
Im Schlosse angelangt, konnte er die Stunde nicht er-
warten, da er sie wiedersehen sollte. Der Freiherr, welcher
von seiner Rückkehr unterrichtet worden war, ließ ihn rufen,
um von ihm zu hören, wie er mit dem Steine und der Be-
arbeitung desselben durch seine Neudorfer Leute zufrieden ge-
wesen sei. Herbert mußte Auskunft geben, aber er hatte Mühe,
dies mit der nöthigen Ruhe zu thun, denn es war öfter vor-
gelommen, daß Angelika sich solchen Besprechungen in dem
Znnmer ihres Gatten unerwartet zugesellt hatte, und er meinte
von Minute zu Minute den Schritt der Baronin, das Rauschen
ihrer Gewänder zu vernehmen. Indeß sie kam nicht. Das
dedroß den jungen Mann. Er wünschte sie zu sehen, weßhalb
gewwährte sie ihm die Freude nicht?
Als er von dem Freiherrn entlassen wurde, fragte er nach
dem Ergehen der gnädigen Frau Baronin und sprach die Hoff-
ng aus, daß der Gang nach der Höhe ihr nicht geschadet
dben werde. Der Freiherr nahm die Sache leicht. Es ist
Püclicher Weise nur eine kleine Nebermüdung bei dem Spiel,
Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

-= ZZ--
sonst nichts, sagte er, und ich bin sicher, daß wir die Baronin
heute wieder unter uns sehen werden, denn sie befand sich diesen
Morgen wohl.
Das hatte Herbert nur hören wollen, und er fing nun
an, sich auf den Mittag zu vertrösten. Aber der Mittag kam,
die Hausgenossen fanden sich zusammen und die Baronin fehlte.
Was soll das bedeuten? fragte er sich.
Er hatte seinen Platz, wenn sonst keine Gesellschaft vor-
handen war, zwischen dem Marquis und dem Gaplan. Er
erkundigte sich bei diesem Letzteren nach dem Grunde, der die
Baronin von der Tafel entfernt halte, und erhielt den Bescheid,
daß Renatus sich nicht wohl befände und Muttersorge Angelila
bei dem Kinde festhalte.
Herbert mußte seine Enttäuschung nicht gut verborgen haben,
denn der Marquis sah ihn mit einem nicht mißzuverstehenden
Lächeln an, von welchem Jenem das Blut in die Wangen stieg.
Der Amtmann hatte sich also nicht geirrt, auch der Marquis
dachte von Angelika nicht anders, als von den anderen Frauen
seines Standes.
Um der Baronin willen, die sich von dem Kinde nicht
trennen mochte, blieb man nach dem Mittagbrode nicht
beisammen; auch der Abend und der ganze folgende Tag
verstrichen, ohne daß Herbert sie sah. Er fragte im Laufe
desselben den Kammerdiener nach dem Knaben; der schien
aber gar nicht daran zu denken, daß dem Kleinen etwas
fehle, denn er sagte gleichgültig, der junge Herr spiele und
sei munter.
Herbert glaubte zu bemerken, daß der Freiherr mißmuthig
sei, es kam ihm auch vor, als beobachte die Herzogin ihn mehr
als sonst; indeß er war selbst zu aufgeregt, sehr darauf z
achten, denn jetzt erfuhr er es ja selbst, auch Angelika war nur
eine herzlose Coquette, die, wie diese Frauen alle, ihre Freude

-=- ZZß-
daran hatte, seine Sehnsucht durch ihre berechnete Entfernung
anzufachen und zu steigern.
Der nächste Tag brachte den Sonntag, an welchem nach
beendeter Roggenernte das kirchliche Dankfest für dieselbe gefeiert
werden sollte. Da man seit der Bekehrung der Baronin auch
srenger als früher auf die Kirchlichkeit der protestantischen Die-
nerschaft hielt, so hatte man Morgens die Dienstleute, welche
man irgend entbehren komnte, in die Kirche nach Neudorf ge-
schickt, und oben in der Schloßcapelle hielt der Caplan für die
Herrschaften den gewöhnlichen Gottesdienst.
Es war dadurch sehr still im Schlosse, und Herbert fühlte
sch allein und innerlich gequält. Er sehnte sich noch immer
nach einem Zusammensein mit der Baronin und sann doch
darüber nach, wie er ihr die Pein vergelten wolle, die er
eben um sie duldete. Er wußte nicht, ob er sie liebe oder
hasse, und solches inneren Zwiespaltes ungewohnt, schalt er
sch unmämnlich, weil er sich aus demselben nicht sogleich
befreite.
Unzufrieden mit sich selbst, stand er am Fenster und be-
obachtete, wie vom Hofe die Leute nach der Kirche gingen, wie
se sich in Paaren, in Gruppen zusammenfanden, Jeder mit
sdinem Nächsten, seinem Freunde, und er war hier allein. Sein
Zmmer, die alterthümlichen Möbel, die alten Oelgemälde sahen
in so düster an, sein Aufenthalt in dem Schlosse ward ihm
zwwider. Er war hier nicht heimisch, man brauchte ihn eben
aur; es kam ihm eine Sehnsucht nach Zuständen an, in die
tr hmeingehörte, nach Menschen, mit denen er frei verkehren
mnie, und schnell, wie man sich im Mißmuthe zu entschließen
degt, sezte er sich an den Schreibtisch und bat den Freiherrn,
hn iür die nächsten Tage gnädigst zu beurlauben, da er ein
Ienig in der Umgegend umherzustreifen und sie kennen zu lernen
nsche. Der Besuch der Steinbrüche habe ihn dazu verlockt,
A

J10
und er werde nicht ermangeln, sich nach ein paar Tagen wiede
einzustellen.
Das Schreiben übergab er dem Kammerdiener des Barenz
hing eine leichte Tasche über die Schulter, und trat mit lach
dem Selbstbewußtsein den Weg nach dem Amthause an, enzüt
über seinen schnellen Entschluß, erfreut über die Kränlun;
welche er nun seinerseits der Baronin zuzufügen hoffte, un
angenehm bewegt von der Aussicht auf den guten Empiag
und die einfach frohen Stunden, die ihm im Amthause nch
fehlen konnten. Mußte er sich doch ohnehin bei den Geshwißen
die das Haus voll Gäste hatten, entschuldigen, weil er, ver
seiner Aufregung hingenommen, ihrer Einladung zum Ernte
feste ganz vergessen hatte.
Im Schlosse nahm man nach dem Gottesdienste das Fn-
stück ein, als der Kammerdiener dem Freiherrn das Schreibn
des Architekten brachte. Er las es und legte es bei Set.
aber da auf dem Lande ein Brief zu unerwarteter Stunde imn
ein Ereigniß ist, fragte Angelika, was es gebe.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, sagte der Baten
scherzend. Herbert hat neben manchen anderen guten und ü
tigen Eigenschaften von seinem Vater offenbar auch die Anial
von plötzlicher Wanderlust geerbt. Erinnern Sie sich, ieh
Gaplan, wie sein Vater uns in Jtalien bisweilen plötzlih
verschwinden pflegte?
Ist Monsieur Herbert abgereist? fragte der Marguis I
habe ihn in der Frühe gesprochen, und er hat an Reisen. ?
viel ich merken konnte, nicht gedacht.
Er schreibt mir, daß er sich in der Umgegend um
wolle, und bittet mich, ihn für ein paar Tage zu beuran
Die Baronin schien auf den ganzen Vorgang nI ?
achten, aber sie wurde roth, als der Marquis sie ansah.
die Herzogin beobachtete, daß sie nach einiger Zeit das 7

--- I! - -
in die Hand nahm, es las und es dann auf die Seite legte.
Sie war sehr zerstreut, und der Marquis, dessen gute Laune
sich daran steigerte, war eifrig um sie bemüht. Seine feinsten
Complimente und seine witzigsten Einfälle vermochten sie jedoch
nicht zu fesseln, und als der Baron einen Besuch in der Nach-
barschaft vorschlug, wünschte Angelika sich von demselben aus-
zuschließen, obschon ihr Gaite ihre Sorge um den Knaben eine
völlig aus der Luft gegriffene und unberechtigte nannte. Wie
sie aber bei ihrem Vorsatze beharrte, ließ es sich die Herzogin
nicht ausreden, ihr Gesellschaft zu leisten, und eine Meisterin
in der Unterhaltung, mußte sie heute die Kosten derselben, als
sie sich mit der Baronin dann allein fand, fast ausschließlich
tragen, denn Angelika war und blieb zerstreut.
Die Herzogin erzählte von ihrer Heimath, von ihren Freun-
den, von deren Schicksalen und Herzenserfahrungen, und kam
so endlich auf sich selbst und auf ihre Jugendzeit zu sprechen.
Indeß auf diesen Punkt gelangt, hielt sie mit einem Male
imne, als gewahre sie erst jetzt, daß die Baronin ihr nicht folge.
Es entstand also eine Pause. Angelika, durch dieselbe auf ihre
Zerstreutheit aufmerksam gemacht, rückte, um ihre Unhöflichleit
z verbergen, ihren Sessel an den Lehnstuhl der Herzogin heran
und fragte, weßhalb sie ihre Mittheilungen so plötzlich unterbreche.
Die Herzogin reichte ihr die Hand, so daß Angelika ge-
nöthigt wurde, sich ihr vollends zu nähern. schlug den Arm
nm den Hals der jungen Frau und sagte: Ich dachte an Sie,
meine Theure, denn meine eigenen Erinnerungen geben mir
den Maßstab für das, was Sie bewegt. Armes Kind, wenn
Sie Vertrauen zu mir hätten, Sie, die ich Einsame wie eine
Tochter liebe! Wenn Sie das Vertrauen theilen könnten.
delches der Baron mir treu erhalten hat und das ich zu ver-
dienen weiß!
Angelila war von dieser Wendung des Gespräches über-

-=- ZgL-
rascht. Vertrauen? rief sie; o gewiß, meine Freundin, ich ver-
traue Ihnen! Aber was bestimmt Sie zu der Frage?
Sie wollte, von imnerer Unruhe getrieben, sich erheben,
die Herzogin hielt sie davon zurück. Der Zustand, in welchem
ich Sie sehe, meine theure Angelika, die Gemüthsbewegung, in
der Sie sich unwerkennbar befinden! sagte sie und brach aber-
mals in ihrer Rede ab, denn sie wollte der Aufregung, in die
sie Angelika versetzt hatte, Zeit zum Wachsen lassen und ab-
warten, wozu diese selbst sich entschließen würde. Aber die
Baronin war strenger gegen sich, als Jene erwartet hatte. Sie
schien sprechen zu wollen, schwieg dann wieder und sagte
endlich mit einer Fassung, die ihr offenbar schwer wurde, ihrem
edeln Wesen aber sehr wohl anstand: Ich glaube an die Freund-
schft, theure Herzogin, die Sie für uns hegen; gewiß, ich
glaube fest daran! Es giebt jedoch Dinge, die man nur mit
sich selbst, mit sich selbst und mit seinem Goite zu berathen
und abzumachen hat, und was mich bewegt, gehört eben in
den Bereich solcher Dinge. Denten Sie also nicht übel von
mir und halten Sie mich nicht für undankbar, wenn ich
die Hülfe, welche Sie mir bieten, in diesem Augenblicke nicht
benutze.
Sie drückte dabei der Herzogin zum Zeichen des Danles
die Hand, aber sie erhob sich. Die Herzogin, welche es J
mandem nicht leicht verzieh, wenn er ihren Voraussetzungesl
nicht entsprach, preßte unmerklich die schmalen, feinen Liippen
zusammen, und unter den halbgeschlossenen Augenlidern schoß
ein Blick hervor, der gewillt schien, nicht von dem Gegenstande
abzulassen, welchen er sich zur Beute ausersehen hatte. I
ihren Sessel zurücgelehnt, den Kopf gegen seine Kissen gestiütl-
so daß sie Gelegenheit hatte, den noch immer schönen Fuß wess
von sich gestrect unter dem Falbalas ihres Kleides hervorsehe
zu lassen, nahm sie aus dem Strauße, der in der chinesischesk

- ZHZ-
Vase an ihrer Seite stand, eine volle Rose hervor, die sie bald
gegen ihr Gesicht drückte, als kühle sie sich damit die Stirne
und athme den Duft ein, und bald an der Spitze des Sten
gels zwischen ihren Fingern auf und nieder bewegte, wie Jemand,
der an sein äußeres Thun nicht denkt.
So verging eine geraume Zeit. Angelika, die sich nicht
hatte entfernen wollen, um nicht den Schein des Mißmuthes
auf sich zu laden, saß wieder vor ihrem Stikrahmen; aber ihre
Gedanken arbeiteten schneller, als ihre Hand, und sie mußten
weitab von dieser Stelle gewesen sein, demn sie erschrak, als
die Herzogin sie sanft mit ihrem Namen anrief.
Angelika, wollen Sie mir erlauben, mich zu rechtfertigen?
fragte sie. Die Baronin versicherte, daß es keiner Recht-
ferigung bedürfe, aber die Herzogin beharrte bei ihrer Absicht.
Demn, sagte sie, ich bin gezwungen, aus Reigung und Dank-
barkeit gezwungen, meine theure Angelika, mich in das Ver-
krauen zu drängen, das Sie mir verweigern. Ich habe, wenn
auch nicht im Auftrage, so doch in Bezug auf Ihren Gatten
mit Ihnen zu sprechen. Der Baron hat mir vor längerer
Zeit es einmal mitgetheilt.. - -
Die Baronin wollte sie unterbrechen, aber die Herzogin
wiederholte schnell und bestimmt: Der Baron hat mir einmal
mitgetheilt, in wie grausamer Weise der Friede und die Heiter-
leit Ihrer Flitterwochen getrübt worden sind, mein liebes, armes
sind, und ich weiß Alles, was zwischen Ihnen damals vor-
gangen ist.. . -
Ich bitte Sie, rief die Baronin, der das Roth des Zor-
ses und der Scham die Wangen färbte, ich bitte, Frau Her-
iin, schonen Sie mein Empfinden! -- Sie stand abermals
k, um nun wirklich das Zimmer zu verlassen, aber auch die
Inzogin hatte sich erhoben, und die junge Frau bei der Hand
chmend, sprach sie mit leisem ernstem Tone: Nicht um die

--- IP ----
Schonung eines augenblicklichen Empfindens, es handelt sich um
die Zufriedenheit des Mannes, dessen Namen Sie tragen, um
seine und Ihre Zukunft, wenn Sie es nicht lernen, sich zu
fassen, sich zu beherrschen und der Welt zu verbergen, was ihr
verborgen bleiben muß!
Nichts ist so leicht zu zerstören, als die Willensfreiheit
eines edeln Herzens, welches sich schuldig weiß oder schuldig
glaubt. Bestürzung, Schrecken, Zorn machten die Baronin
stumm. Erst als ihre Gefährtin inne hielt, vermochte sie die
Frage vorzubringen: Und mir dies zu sagen, Frau Herzogin,
hat der Freiherr Sie ersucht?
Aber auf solche natürliche Frage war die kluge Herzogin
gefaßt gewesen. Nein, versetzte sie, nein, mein Kind! er hat
mich nicht dazu beauftragt, aber ich glaube, daß Gott uns
immer dahin stellt, wo wir zu nützen berufen sind, und ich
möchte die Freundschaft verdienen, deren Segen ich hier genieße.
=- Sie schwieg eine Weile und sagte darauf: Verzeihen Sie
einer alten Freundin Ihres Mannes, einer Verwandten, den
Muth ihrer Freundschaft. Sie sind jung, mein theures Kind!
Sie sind unerfahren, das macht Sie uwworsichtig. Man ver-
giebt uns viel, man forscht nicht nach, wenn wir unsere Ge-
heimnisse bewahren und ehren; man verzeiht uns nichts, man
bürdet uns alles Ersinnliche auf, wenn wir sie unvorsichtig Prei?
geben -= und dies, meine Beste, thun Sie!
Die Zuversicht der Herzogin trug den Sieg davon. Angelila
ließ sich müde auf das Sopha sinken, die Herzogin sezte sich
an ihre Seite, und als stände ihr ein mütterliches Recht zu.
sprach sie: Sie haben beim Beginne Ihrer Ehe eine jener
schmerzlichen Erfahrungen gemacht, welche das Leben uns Frauen
oftmals auferlegt; aber statt sie schweigend zu tragen, statt
durch Ihre Güte und Liebenswürdigkeit den Baron vergesse
zu machen, daß er eine Vergangenheit gehabt hat, die Ihnen

-- 6gJ--
nicht gehörte, hat Ihre Strenge seinen imnern Kummer gestei-
gert, daß er ihm fast unterlegen wäre, und Ihr Uebertritt zu
unserer Kirche und der Kirchenbau - wie sehr ich beide segne
-- haben die Menschen doch tiefer in das Wesen Ihrer Ehe
blicen lassen, als gut gewesen ist. Es hätte ja das Alles ein
wenig später, ein wenig gelegener geschehen können, und Sie
hätten den Baron und sich deßhalb nicht für eine lange Zeit
zur Einsamkeit verdammen dürfen!
Die Höflichteit, die Rücksicht auf die ältere Frau, welche
Angelika bewogen, schweigend auszuharren, fingen an, ihre Frucht
zu tragen. Ihr Zorn legte sich, denn es war etwas in den
Reden der Herzogin, dessen Wahrheit sie nicht leugnen konnte.
Sie stüzte den Kopf in die Hand, man sah ihr an, daß ihre
ehrliche Natur mit sich zu Rathe ging.
Der Baron ist ein edler, ein großherziger, er ist noch ein
schöner, ein liebenswerther Mann, nahm die Herzogin nach
einer Weile wieder das Wort; aber freilich, er könnte Ihr
Vater sein, und wie willig Sie sich ihm verbanden, Sie konn-
ten ihn nicht lieben, wie die Jugend die Jugend liebt. Die
Baronin fuhr leise zusammen. Sie konnen noch weniger für
ihn die Nachsicht haben, welche wir Aelteren unsern Alters-
genossen und der Jugend beweisen. Gewiß, liebe Angelika!
sagte sie mit jener weichen Stimme, deren Klang, wenn sie es
wollte, unwiderstehlich zum Herzen dringen konnte, Sie waren
ncht gütig, nicht nachsichtig genug mit dem Baron. Sie sind
auch jetzt nicht genug bemüht, ihm zu gefallen; denn wäre es
aöglich, daß ich die ßreundschaft Ihres Gatten in solchem
Grade besäße, theure Angelika, wenn Sie sich ihm so jung
und liebenswürdig zeigten, als Sie sind? =- Und die Hände
der Baronin noch einmal in die ihren nehmend und sich mit
dejorgter Zärtlichkeit zu ihr neigend,sprach sie: Oder wäre es
denn möglich, daß Sie Ihr Herz an einen Andern, an einen

=- Zgß--
Mann ganz ohne Rang und Namen verlieren könnten, wemn
Sie. . - -
Aber sie konnte den Satz nicht vollenden. Um aller Hei-
ligen willen, woher wissen Sie das? rief die Baronin, während
sie unter hervorbrechenden Thränen ihr Antliz mit ihren Hän-
den verhüllte. Die Herzogin schloß sie in ihre Arme, ohne ihr
zu antworten. Sie legte das Haupt der Weinenden an ihre
Brust, und sie leise küssend, bat sie: Muth, Mutmh, mein
theures Kind! Nur ein wenig Vertrauen, und es ist nichts
geschehen!
Angelika weinte still. Nach einer Weile richtete sie sich
empor. Was soll ich thun? rief sie. . - -
Die Herzogin antwortete ihr nicht, denn sie wünschte ihr
keinen unwillkommenen Rath zu geben. Was wird er von
mir denken? In welchem Lichte muß ich ihm erscheinen! hub
die Baronin nach kurzem Schweigen wieder an.
Sie war aufgestanden und ging nachsimnend in dem
Gemache umher. Die Herzogin betrachtete sie mit einer Zu-
friedenheit, in die sich Mitleid und Erstaunen mischten. Auf-
gewachsen in einer Welt, in welcher man den Ehebruch so
leicht nahm, als man sich der Gewalt der Leidenschaft über-
ließ, glaubte sie aus dem Schmerze der Baronin auf deren
thatsächliche Untreue gegen ihren Gatten und auf ein Verhält-
niß zu dem Architekten schließen zu dürfen, das schon lange be-
standen haben mußte. Aber Angelika verlor dadurch in ihren
Augen nicht, sie gewann vielmehr erst eine rechte Bedeutung
für sie, denn jetzt wurde die Herzogin der Baronin unentbehr-
lich, jetzt hatte die Herzogin sie auf dem Punkte, auf dem sie
sie einst anzutreffen gehofft, auf den sie selbst die Arglose hin-
geleitet hatte.
Plötzlich knieete die Baronin vor der älteren Freundin
nieder, umschlang sie mit ihren Armen und bat mit gerührter

= Zg? --
Stimme: Helfen Sie mir, rathen Sie mir, Cousine! Was
soll ich thun, mich aus diesem Wirrsal meines Herzens zu
befreien?
Sie sollen vertrauen, sprach die Herzogin, sie sanft an
ihren Busen ziehend, einem Mutterherzen sollen Sie vertrauen,
das Sie warnte, Sie in der ersten Stunde warnte, da die
Gefahr an Sie herantrat, und das Sie verstand und Ihnen
folgte, auch ohne daß Sie sprachen, theures Kind! Oder glau-
ben Sie, ich hätte es nie erfahren, wie gegen unsern Willen
unsere Gedanken zu dem geliebten Gegenstande hingezogen
werden, den sie meiden wollen? Glauben Sie, ich hätte sie
nie gekannt, die abmahnende Scheu, die wie ein trüber Morgen-
nebel der hell aufflammenden Leidenschaft vorangeht? -- O,
mein theures Kind, auch mir ist es nicht erspart geblieben, das
ernste Kämpfen, das lange Zagen und das Unterliegen des
armen, gequälten Herzens! Und ich sollte Sie verkemnen, Sie
verdammen, Sie verlassen, theures, theures Kind?
Sie umarmte Angelika aufs Neue. Mit feurig beredtem
Worte sprach sie aus, was Angelika sich selber keusch ver-
schwiegen, ja, was zu denken sie sich nie gestattet haben würde.
Aber es waren selige Thränen, mit welchen sie endlich, von
der Herzogin weit und weiter fortgerissen, derselben rüchaltlos
bekannte, was sie sich in solcher Weise nie eingestanden hatte:
daß sie Herbert liebe, schon lange liebe, daß sie für ihn fühle,
was sie nie für den Baron gefühlt habe, und daß um den
geliebten Mann zu leiden ihr noch eine Womne, ein Genuß sei.
Die Herzogin lächelte und tröstete wie ein Engel mild.
Sie warnte und sprach ihr Muth ein, sie ermahnte zur Ent-
Igung und gab Hoffnung auf Glück, wie Angelika's wechselnde
Bewegung es begehrte. Volle Nachsicht mit ihrer Schwäche
häte die Gewissenhaftigkeit der Baronin mißtrauisch gegen die
Beratherin gemacht, volle Strenge sie zu ernstem Kampfe ge-

- - Sgs-
drängt oder ihr wohl gar den Mund verschlossen; und nicht
um den Frieden, nur um das Vertrauen Angelika's und um
die Herrschaft über sie und ihre Zukunft war es der Herzogin
von Anfang an zu thun gewesen.
Angelika fand sich von dem wechselnden Zuspruche ihrer
einzigen Vertrauten wundersam beruhigt. Sie konnte endlich
selbst die Frage aufwerfen, was sie thun solle.
Wenden Sie sich offen an den Baron! rieth ihr die Her-
zogin, um sich den Schein der strengen Verläßlichkeit zu geben
und um in einem Nothfalle sich vor dem Freiherrn dieses
Rathschlages berühmen zu können. Wenden Sie sich an den
Baron, bekennen Sie ihm. - - -
Nein, nimmermehr! rief Angelika mit lebhafter Abwehr.
Die Herzogin schien nachzusinnen. Wie Sie auch fühlen
und empfinden mögen, theure Angelika, sprach sie dann nach
längerem Schweigen, Sie werden mir einräumen müssen, daß
Ihnen nichts übrig bleibt, als von dem Freiherrn die Entfer-
nung Herbert's, die Entfernung des jungen Mannes zu be-
gehren, der, von Ihrer Nachsicht dreist gemacht, die Achtung
und Verehrung, welche er Ihnen, der Frau des Freiherrn von
Arten, schuldet, so ganz und gar vergessen, der Sie hinreißen
konnte. - - -
Die Baronin ließ sie nicht vollenden. Sie ahnte den
Kunstgriff, mit welchem die Herzogin ihr zu Hülfe zu kommen
und Herbert anzuklagen wünschte, und wahrhaft und offen rief
sie: Herbert ist nicht schuldig, nicht schuldiger, o, lange so schul-
dig nicht, als ich - denn er ist frei!
Die Herzogin schloß die Augen. Ein Mann ist immer
schuldig, wenn wir ihm uns und unsere Ueberzeugungen zunh
Opfer bringen! sprach sie. Aber gleichviel, der junge Mann
muß fort!
Ja, er muß fort! wiederholte Angelika mit leiser Stimme.

= ZgI -
Demn unglücklich über die Liebe, die mich fortriß, macht die
Liebe, die ich einflöße, mich nicht glücklich, und das Bewußt-
sein, von der reinen Höhe hinabgestiegen zu sein, auf welche
seine Liebe mich stellte, steigert meine Qual und meinen Schmerz.
Aber wie kann ich seine Entfernung fordern, da ihn sein Beruf
bei uns festhält, wie soll ich fordern, daß er vergesse, was ich
nie vergessen kann?
Thörichtes Kind, lächelte die Herzogin, wer muthet Ihnen
denn ein so Unmögliches, ein so Gewaltsames zu? Wer ver-
langt denn, daß Sie aus Ihrem Herzen reißen, was Sie dort
als schmerzliche oder als köstliche Erinnerung zu bergen wünschen?
Sie sollen nur zu vergessen scheinen, was Sie vergessen zu
machen wünschen!
Angelika sah sie fragend an, sie verstand sie nicht. Die
Herzogin mußte sich deutlicher erklären. Wer will Sie daran
ernnern, daß Ihre Liebe, Ihre Schwäche Sie einen kurzen
Augenblick übermannten, wenn Sie sich daran nicht mehr zu
erinnern scheinen? sprach sie. Aus Ihrer Nähe, von seinem
Glauben an Ihre Liebe, nicht von seiner Arbeit muß der junge
Mann entfernt werden. Ihm zu begegnen, dürfen Sie nicht
einmal vermeiden. Sie müssen ihn wiedersehen, bald wieder-
sehen, aber im Beisein Ihres Gatten, mit freier Stirn, mit
hellem Auge! - Und seien Sie sicher, er wird bald glauben,
geträumt zu haben, was Sie ihn ohne sein Verdienst erleben
ließen, während Ihr Schuldbewußtsein Sie hoffentlich künftig
nachsichtiger und auch ein wenig gefälliger gegen den guten
Freiherrn machen wird. Sind es zuletzt doch immer unsere
Männer, denen die Schwächen und die Frrthümer unserer
armen Herzen zu Gute kommen und die in unserer Demuth die
Erucht unserer Reue genießen. Nur Muth, nur Zuversicht,
mein liebes Kind!
Aber der Zuspruch der Herzogin wirkte nur langsam auf

=- ZJß -
Angelika. Sie wußte sich nicht zu entschließen, so viel Ver-
wirrendes und Verführerisches auch in den Rathschlägen der
Herzogin verborgen lag. Angelika hatte weder den Muth, sich
ihrem Gatten anzuvertrauen, noch, wie sie es eine Weile vor-
gehabt, sich gegen Herbert auszusprechen und von ihm selber
seine Entfernung zu verlangen. Sie kannte jetzt die Schwäche
ihres Herzens, und vor dem Mittel, welches die Herzogin ihr
an die Hand gab, schreckten ihre Liebe und ihr grader Simn
gleichmäßig zurück. Aber auch hier kam die Herzogin ihr zu
Hülfe, indem sie ihr einen Ausweg zeigte, der annähernd zu
dem Ziele führen konnte, das Angelika erstrebte, und der auch
den wahren Absichten der Herzogin als der gelegenste erschien.
Sprachen Sie nicht von einem Feste, welches Sie im
Laufe der nächsten Wochen geben wollten, fragte sie, und für
das Sie auch Monsieur Herbert's Zimmer zur Unterbringung
Ihrer Gäste brauchen würden?
Die Baronin höpfte Athem.
Mich dünkt, es war selbst in des jungen Mannes Beisein
schon davon die Rede, daß er für eine Weile seine Zimmer
würde räumen müssen, sagte die Herzogin, und in diesem Augen:
blicke fremde Menschen zu sehen, für Andere Aufmerksamkeit
haben zu müssen, würde Sie von sich selber abziehen, theure
Freundin, und Ihnen eine Zerstreuung von den Gedanken sein,
mit denen Ihre schöne Gewissenhaftigteit Sie peinigt!
Ja, ja, das kann geschehen! rief die Baronin und warf
sich ihrer Freundin an die Brust. O, Sie sind mein guter
Engel, theure Margarethe!
So lassen Sie mich für Sie wachen, meine theure Seele,
aniwortete ihr die Herzogin, und gehen Sie zur Ruh', denn
es ist spät, und Ihre Wangen bremnen! Jn so heftiger Er-
regung soll der Freiherr Sie nicht sehen! Gehen Sie zur
Ruhe, ich will ihn darauf vorbereiten, daß wir diese Woche

== ZH! -
unser Fest begehen, ich werde unseren Ungetreuen hier erwarten!
ch wache für Sie Alle, für Sie Alle!
Spät am Abende, als der Freiherr und der Marquis
nach Hause kamen, fanden sie die Herzogin wider deren Gewohn-
heit noch im Gartensaale lesend. Der Marquis berichtete von
ihrem Ausfluge, der Freiherr erkundigte sich, wie die Damen
ihren Abend zugebracht hätten.
Wie können Sie das fragen? scherzte die Herzogin. Natür-
lich in Unterhaltung über die Abwesenden; denn es ist nicht
wahr, daß die Abwesenden immer Unrecht haben, da ja Ab-
wesenheit allein die Sehnsucht erzeugt!
Sie werden uns eitel machen, meine Freundin! entgegnete
der Freiherr, welcher für jede Schmeichelei, wenn sie sich an-
muthig in der Form bewies, empfänglich war.
Eitel, meinte die Herzogin, Sie eitel machen, Gousin?
Aber Sie sind es ja schon jetzt, Cousin! Waren Sie denn
ganz allein von Hause fort? War nicht mein Bruder, war
nicht Monsieur Herbert abwesend so gut wie Sie?
Sie vermißten also den Marquis? fragte der Freiherr.
Als ob man einen Bruder vermissen könnte, wenn er über
kand geht! bedeutete die Herzogin.
Also war es Monsieur Herbert, der Ihnen fehlte, dessen
Abwesenheit Ihre Sehnsucht wach rief? scherzte der Freiherr.
Aber, mein theurer Baron, neckte die Herzogin, ich war
ka nicht allein zu Hause, oder glauben Sie, daß die Gedanken
der Baronin, unwandelbar wie die Magnetnadel, nur an Ihnen
dangen? Kömnte nicht unsere liebe Angelika Jemand anders
als Sie vermissen? Ist der Marquis nicht liebenswürdig?
Bersichern und beweisen Sie uns nicht alltäglich, daß Ihr Ar-
chitelt ein geistreicher, ein schöner Mann sei? Wie wäre es.
wen wir Ihnen endlich Glauben schenkten, wenn wir, nr

-- -- I5 ---
aus Unterwürfigkeit gegen Ihre bessere Einsicht, uns endlieh
überzeugen ließen?
Der Freiherr lüßte ihr die Hand. Sie sind aufgeräumt,
sagte er, Sie haben sich also wohl unterhalten, und ich muß
mir daher Ihren Scherz gefallen lassen! Doch kann ich von
mir sagen, was ein junger deutscher Dichter in seinem schönen
Trauerspiele den König Philipp von Spanien sagen läßt:
Wo ich zu fürchten angefangen, hab' ich zu fürchten aufgehört!
- Beruhigen Sie sich also, meine schöne Freundin - zur
Eifersucht bin ich nicht gemacht, sie ist die Leidenschaft der nie-
dern Stände, der Menschen ohne Selbstgefühl, sie ist unter unserer
Würde!
Und doch hatten die neckenden Aeußerungen der Derzogin
ihn verletzt, und doch tadelte er sich innerlich zum ersten Male
darüber, daß er den Architekten so viel und so ungehindert mit
Angelika verkehren lasse, denn Herbert war in der That ein
schöner Mann, und der Freiherr kannte die Beweglichkeit des
Frauenherzens!

Kapitel 24

Fe
Siebentes bapite l.
hatte seinen Vorsatz, graden Weges nach dem
Amthause zu gehen, nicht ausgeführt. Er war, von dem schönen
Tage verlockt, eine tüchtige Strecke in der Gegend umhergerannt,
und die Somne stand beinahe schon im Mittag, als er nach
dem Amthofe kam.
Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkemnen.
Die Arbeitswagen, die Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet
vor den großen Scheunen, ein paar Stadtkinder kletterten auf
den Deichseln herum und genossen die Feiertagsfreiheit. Der
Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne. Langsam zogen im
Teiche die Enten umher, während am grasigen Ufer der glän-
zd gefiederte Hahn unter seinen Hühnern umherstolzirte und
slbst eifrig die Körner aufpickte, welche heute die Hand der
frmden Kinder und Mchen dem Federvieh verschwenderisch
geßreut hatte.
Unten vor der Thüre saßen trotz der früihen Stunde die
Männer schon beim Tarockspiel. Es waren städtische Freunde
de versiorbenen Amtmanns und daneben der Herr Oberförster
und der Herr Pfarrer von Reudorf, welcher nach der Kirche
zm Essen mit hinübergekommen war, weil am Nachmittage
sin Neffe aus der Stadt für ihn die Predigt hielt. Sie
uhteten auf Herbert's Antunft nicht. War doch so viel junges
Volk über den Hof und durch das Haus gegangen, seit sie
te die Erntefeste feiern halfen! War es doch auch allmahlich
s re wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

-- ZJe -
älter geworden, hatte seine Kinder hergeschickt und war zum
Theil gestorben! Das kam und ging, und ging und kam!
Wer konnte die Menschen alle kennen?
Aber die große zinnerne Kanne, in der das Bier frisch
vom Fasse auf den Tisch kam, und den zinnernen Leuchter
und den Fidibus-Becher von Zinn, die neben dem Tabackskasten
standen, die kannten die Männer, wie sie einander kannten; die
waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert.
Ess ist auch immer noch das gute, alte Bier und der gute,
gelbe Knaster, bemerkte einer der Städter; der Adam hält auf
seines Vaters Art!
Ei, warum sollte er denn nicht? meinte der Förster. Er
ist in der Welt herumgewesen, weiß zu leben und ist wohl auf!
Er ist der Mann für den Plaz!
Der Pfarrer, welcher immer erst bedächtig den Dampf
aus der holländischen Kalkpfeife blies, ehe er vor einer so ge:
mischten Gesellschaft eine Meinung abgab, nickte dem Ober-
förster beistimmend zu. Ja, sprach er, ja, Herr Oberförster,
sie sind gut eingeschlagen, alle beide, unseres werthen seligen
Amtmanns Kinder! Selbst meine Frau, die das nicht von
einer Jeden sagt, weil sie es genau mit solchen Dingen nimmt.
nennt die Eva eine Wirthin, welche es mit mancher älteren
aufnehmen könne, und was man hier davon im Hause sieht
und was gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das läßt
nichts zu wünschen, gar nichts zu wünschen übrig! Wir halten
viel auf sie, ich und meine Frau; und auch mein Sohn hält
in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen
werth! Wollte nur unser Herrgott, es wäre auch sonst hier
Alles noch so bei dem guten Alten geblieben!
Er seufzte, der Oberförster schien ihn zu verstehen, aber
sie mochten vor den Fremden mit der Sprache nicht weiter
heraus, und hätten sie es auch gewollt, sie hätten ihre eigenen

ZHJ =-
Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem
Lärmen um sie her.
Demn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's
Gaste, die jungen Mädchen, wohnten, des Architekten ansichtig
geworden, so war auf Eva's Anschlag auch schon ein Plan
gefaßt. Auf den Fußspitzen liefen sie die Treppe hinunter,
damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre, zur Hinter-
hüre schlichen sie hinaus ins Freie und durch das große Hof-
thor kamen sie wieder herein, und ehe sich Herbert dessen versah,
waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren losgelösten
bunten Bändern ihn umschlungen, und wenn. er den einen
Arm frei machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die
Andere ihm den anderen Arm, und eine Dritte versuchte ihm
das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend und
sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend
und schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und
über den ganzen Hof, daß die Enten, welche sich aus dem
Teiche herausgemacht hatten, sich überstürzend in das Wasser
flüchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe
schwangen, die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite
uchten und die Hunde aus allen Ecken und Enden bellend
dawwischen fuhren.
Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafür
z rafen, daß er nicht schon gestern gekommen war, als man
den lezten Wagen in die Scheune gefahren hatte. Es war
tmn Lärmen und ein Lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und
die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichter und
dtamnte auf die entblößten Arme und Nacken und auf die
däigen Scheitel der fröhlichen Mädchen. Gefangen, gebunden,
befnaft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen Freun-
dn herbeikam, die Partei für Herbert nahmen, bis die hübschen
Inder, athemlos, sich der Verfolgung der Männer nicht mehr
A

f Z5G ---
entziehen konnten und Herbert, nun er es nicht mehr mit
Allen auf einmal zu thun hatte, Eva's, als der Anführerin,
habhaft wurde.
Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang
sie trotz ihres Sträubens und hielt sie fest und küßte sie nach
Herzenslust auf die heißen, rothen Lippen. Das wirkte an-
steckend, die Andern thaten es ihm bei den eingefangenen
Mädchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva:
Nun haben wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nach-
träglich gebunden, nun kommt er auch nicht fort, so lange ihr
Alle bei uns seid!
Aber wer sagt denn, daß ich gehen will? Ich kam ja,
um zu bleiben, Sie Gewaltthätige! versicherte Herbert, indem
er sie auf's Neue in seine Arme zu schließen suchte, und es
wollte ihn dünken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr. Herbert
war recht von Herzen vergnügt. Selbst die Männer am Tarock-
tische, wie sie auch schmählten, daß man sie aus ihrer Ruhe
aufgeschreckt habe, sahen nicht böse drein. Es glitt ein helles
Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen lächelnd um
die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde
zu denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen
noch zu kommen hatte.
Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem,
genügten Allem, waren jung mit den Jungen und alt mit den
Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.
Wenn ich nur wüßte, meinte Herbert am Abende, warun
ich nicht alle Tage hergekommen bin?
Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Ewa und flüsterte
ihm etwas in das Ohr. Er wollte nicht wahr haben, was sie
sagte, aber die Mädchen behaupteten, er sei roth geworden und
aa:a .- --

-- LH?--
Freilich, freilich, bekräftigte Ewa, es steckt noch immer
etwas von der alten Burg darin!
Die Andern fragten, was das heiße. O, rief sie, ihr
wißt's ja! Da oben sind vor jenen Jahren die Herren von
Arien Raubritter gewesen, und nun ist's damit wie in der
verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten
ihre Frauen, jetzt halien die vornehmen Damen die Männer
gefangen!
Man lachte über den Einfall; sie neckten Eva, und einer
der jungen Leute meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva!
Monsieur Herbert sieht nicht aus wie einer, der so leicht zu
fangen wäre!
Wer denkt den jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnip-
pisch und doch verlegen hin.
Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit
sherzender Demuth vor ihr neigend.
Sie that, als höre sie seine Worte gar nicht mehr, und
sie hatte ja auch alle Hände voll zu thun. Das blanlste Leinen,
die besten Teller, selbst das Silberzeug mußte heute und in den
folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte reichlich, Alles
vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man
so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder
einmal in den Scheunen hatte.
Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im
Amthofe nicht viel zu merken. Aber der Pfarrer selber drückte
ein Auge zu. Er hatte seine Absichten mit Eva, und sie gefiel
hm, wenn sie sich in Haus und Küche also regte und bewegte,
uch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen Ge-
schäftigteit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wußte dieselben
nutzen und, des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben
ch fest und immer in so guter Laune zu erhalten, daß er gar
ichts sah und gar nichts denken konnte, als nur sie den lieben,

==- ZHZZ-
langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte
es gar nicht besser.
Nur Abends, als er allein war, in der nächtlichen Stille,
da kehrte es wieder, wundersam!
Da sah er sie plötzlich vor sich, die schöne, hehre Gestalt,
da sah er es wieder, das sanft bethränte Antlitz, und es zog
ihn fort, es rief ihn von dannen, daß er nicht wußte, wie er
hier verweilen könne, wie es ihm möglich gewesen sei, von dem
Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr nahen
konnte; wie es ihm möglich gewesen sei, ungleich und gering
von ihr zu denken, von ihr!
Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natür-
liche Gefallsucht ihn versetzten, ließ ihn nur mit gesteigertem
Verlangen an die Baronin denken, und die Feindin der Wahr-
heit, die Enfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die Bilder
der beiden Frauenzimmer, wie unähnlich sie einander auch
waren, sich zu mischen und Einzelheiten von einander zu ent-
lehnen begannen, daß er Mühe hatte, es aus einander zu halten,
was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt, was
er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrücken und
Empfindungen verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles
Schöne wendete sich immer auf Angelika's Seite, und wie er
sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fühlte er sich jezt
wieder schuldig gegen sie, je länger, je mehr.
Als sich ihm der zweite Tag in Rothenfeld zu Ende neigte
und das junge Volk, welches in der nächsten Frühe das Amt-
haus verlassen und in die Stadt zurückkehren sollte, in seiner
Fröhlichkeit nur immer weiter ging, als müsse nun in den
letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden.
als man bei der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die
Punschterrine auftrug und Eva mit lachenden Augen und mit
ihren flinken Händen die Gläser immer auf's Neue füllte, bis

b- ZIß-
ze Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den
Jungen sangen, und selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die
Polonaise, welche man in Vorschlag brachte, mittanzten durch
hie Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo der
Amtmamn endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die
Gousine im Schleifer zu drehen begamn - da bemächtigte sich
Herbert's eine große Traurigkeit. Er konnte sich nicht helfen,
er wußte sich nicht zu finden, nicht zu rathen.
Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit
ehricher Zuversicht in das Auge blickte, und er sagte sich:
Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschöpf nur als Zeitertreib
zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, daß ich hieher
gng, daß ich mich von ihr, von jener schönen, edlen Frau
enferte, die nicht so glücklich, ach, lange nicht so glüüclich ist,
als diese guten Menschen hier!
Er fühlte eine wahre Sehnsucht, wieder in Richten zu
sein. Was mochte die Baronin von ihm denken, daß er sie
mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was sollte er ihr sagen,
wemn sie ihn deßhalb befragte? Wie es tragen, wemn sie
ihm zürnte?
Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreutheit
fel zuletzt seiner Tänzerin auf, und es ging ihr wie Jedem,
de von einem Gedanken vollständig beherrscht ist: sie sezte
denselben auch bei dem Andern voraus.
Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie plözlich und
arglos, wir bleiben ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie
die Andern fort!
Er hätte sich darüber freuen mögen, aber er konnte es
nicht. Er besorgte, weiter gegangen zu sein, als er sich dessen
btwußt war, Wünsche und Hoffnungen erregt zu haben, die er
diesem Augenblicke durchaus nicht theilte. Seine Ehren-
daftigkeit schreckte davor zurück. Er sagte, daß ja auch seines

Zgß--
Bleibens hier nicht sei und daß auch er nicht eben lange mehr
in dieser Gegend verweilen werde.
Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wieder-
sehen zu freuen, denn Sie kommen ja doch wieder!
Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was
er noch vor wenig Tagen selbst gewesen war. So gesund, so
frisch, so zuversichtlich hatte er in die Ferne geblict; jetzt komnte
er sich nicht klar machen, was er fühlte, was er wünschte und
was der nächste Tag ihm bringen würde. Er wußte kaum
noch, weßhalb er von Richten fort, weßhalb er hieher gegangen
sei. Es war Alles verwirrt in ihm.
Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der
Sonne erhob, rief er ein Gottlob! als stehe er am Ende einer
Trübsal und vor der Thüre eines Glückes, und doch war und
blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor.
Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf;
sie wollten theils vor der Mittagshitze, theils vor Abend in
ihrer Heimath sein. Ihn nöthigten die beiden Geschwister noch
zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er müsse gegen zehn
Uhr nach dem Schlosse und sie könnten mitsammen hinauf-
reiten. Es sei Zeit genug, da der Baron nicht früh aufstehe
und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft abmache. Aber
Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies übel nahm
und mit ihm schmollte und ihn kalt entließ, war ihm das
lieber als die Zuversicht, mit welcher sie sich gestern an ihn
gewendet hatte.

Kapitel 25

Achtes Capite l.
lg war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er
ging die große Mittelallee hinauf, die durch den ganzen Park
führte, und bog erst in einen Seitenweg ab, als er meinte,
vom Schlosse aus gesehen werden zu können. Er hätte gern
vergessen machen mögen, daß er fort gewesen sei, weil er selbst
die Ursache seines Fortgehens zu vergessen wünschte. Wie er
nun durch die sauber gehaltenen Wege wandelte, durch deren
blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen, goldenen
Lchtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsam-
keit so wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von
den Menuetten, den Anglaisen und den Schleifern, welche die
Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett gespielt und
nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte,
Er freute sich, daß die Baronin dies nicht gesehen hatte, und
er ichämte sich dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten
noch viel unbegreiflicher, daß er gestern tanzen - sich mit
Anderen hatte vergnügen können, während Angelika's Bild in
dnem Herzen wohnte und während sie- es konnte gar nicht
onders sein - an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigs;
ouf dessen Theilnahme sie vielleicht ihre Hoffnuung, ihren Trost
acbaut, mit dem sie selbst sich durch die Worte: Dort oben
dürfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse
derbunden hatte.
Wie war es zugegangen, daß er dies Alles vergessen, wie

= ZöF -
hatte die natürliche Zurückhaltung einer reinen, schönen Seele,
wie hatten die dreisten Aeußerungen des Amtmannes, der in
seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog, ihn irre
machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen
können selbst an ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch
je begegnet, der er je genaht war? -
So trat er in das Schloß und in sein Zimmer. Die
Dienerschaft empfing ihn wie Einen, der hier heimisch war.
Herbert erkundigte sich, ob die Herrschaft etwa nach ihm gefragt
habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn
Baron zu sagen, daß er zurückgekehrt wäre und seine Befehle
erwarte.
Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag über
dem seinen. Er hörte oben die Fenster öffnen, die Sommer-
laden schließen, die Tische rücken. Er dachte, ob sie schon wach
sein möge, und auf jedes leise Geräusch achtend, fühlte er sich
ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt. Sich zu be-
ruhigen, setzte er sich vor dem Tische nieder, auf welchem seine
Zeichnungen und Plane ausgebreitet lagen, denn für Angelila
und ihre Absichten arbeiten, hieß ja auch bei ihr sein; und
eben hatte er sich gelobt, daß nichts ihn so leicht wieder von
ihr und ihrem Dienste abwendig machen solle, als einer der
Diener ihn ersuchen kam, sich in das Frühstückszimmer hinauf
zu bemühen, da die Herrschaft ihn zu sprechen wünsche,
Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und
mochte doch nicht danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe
hinauf; er wünschte und hoffte, die Baronin vielleicht allein
zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war es, der ihn
erwartete.
Er hieß ihn willkommen, fragte, ob er sich gehörig in der
Gegend umgesehen habe, und ließ ihm dann, obschon er ihn
mit gewohnter Güte begegnete, doch nicht zur Antwort Zeit-

ZHZ=
sondern ging gleich zu der Angelegenheit über, wegen welcher
er ihn hatte kommen lassen.
Mit unserem Gapellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert,
sagte er heiter, als habe er gar niemals irgend einen Werih
auf diesen Plan gelegt und nicht von dem Architekten bereits
die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür beansprucht.
Die Baronin will davon nichts hören, und da guter Rath
über Nacht kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben,
ohne deßhalb auf eine Verzierung der Höhe zu verzichten, die Sie
mir provisorisch vielleicht noch in diesem Herbste zu Stande bringen
müssen. Ich denke da oben nämlich einen Pavillon zu errichten.
Einen Pavillon? fragte Herbert überrascht.
Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform,
der eine schöne Aussicht bietet. Man könnte ihn der Flora,
der Pomona, der Freundschaft weihen - das findet sich! Ent-
werfen Sie mir einmal eine Zeichnuug dazu. Sie kömnen die
Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten amnähern,
um die Harmonie mit dem Style der Kirche aufrecht zu er-
halten, die wir herzustellen wünschten; nur muß das Ganze
natürlich auf den bestmöglichen Effec berechnet werden.
Herbert wagte es nicht, die Frage zu thun, welche ihm
in diesem Augenblicke vor allem Anderen am Herzen lag, die
rage, ob es Angelika gewesen sei, welche den Vorschlag zu
dem Pavillonbau gethan hatte. Er glaubte, nur sie allein
lnne seinem eigenen Gedanken in solcher Nebereinstimmung
dgegnet sein, und während sie so gleich mit ihm gefühlt,
während sie darauf gesonnen hatte, ihn in so schöner und lieber
Beise neben sich zu beschäftigen, hatte er sie gemieden, se in
diem Herzen angeklagt und verdammt!
Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen, ob die Frau
daronin mit der neuen Anordnung einverstanden sei, als sie
rber mit der Herzogin in das Zimmer eintrat.

-- Z6e =r
Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte ent-
gegen, aber Angelika, welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen
Haltung war, eilte auf ihren Gatten zu und umarmte und
küßte ihn. Dann begrüßte sie Herbert mit dem heiteren Vor-
wurf, daß er so plözlich fortgegangen sei und sie und seine
Arbeit im Stiche gelassen habe, um im Amthause eine ihm
zusagendere und angenehmere Geselligkeit aufzusuchen. Das
war Alles völlig gegen ihre sonstige Art.
Herbert hatte das Bedürfniß gefühlt, sobald als möglich
der Baronin zu gestehen, wie tolle Ungeduld und sträflicher
Zweifel an ihr ihn aus ihrer ersehnten Nähe fortgetrieben
hätten, wie er bereuend wiedergekehrt sei, und nun sollte er
sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen,
welche man ihm leichter verzieh, als er es wünschen konnte!
Er stand vor der Baronin wie vor einem unheimlichen Räthsel.
Er kannte diese Miene, diese Stimme, und kannte sie auch
nicht. Es war Angelika und sie war es doch auch nicht. Daß
sie ihn täuschte, eine Rolle spielte, das war seine ganze Hof-
nng. Aber weßhalb that sie das? Woher ihre Heiterkeit.
woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen ihren Gatten? Zürnte
sie Herbert? Wollte sie ihn strafen, weil er ihr durch seine
Entfernung wehe gethan, so mußte er das tragen, ja, er hatte
sich dessen zu freuen! Wie jedoch vermochte sie es, seiner z
spotten in Gegenwart des Mannes, an dessen Seite sie nicht
glücklich war, wie konnte sie es vergessen, doß sie in Herbert's
Armen über diesen Mann geweint?
Ihre Worte, ihr Ton schnitten ihm in das Herz und
beleidigen ihn um so tiefer, je weniger er sich in der Lage
befand, eine Erklärung ihres veränderten Betragens zu begehren-
Ihr Scherzen zu erwidern, war gegen sein Gefühl, und sich mit
raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend, auf welchen
er sich mit Sicherheit behaupten konnte, sagte er, sich zur Ruhe

= Zü5 -
zwingend: Ich glaubte, hier nicht vermißt zu werden, ehe die
Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche entschieden hatten
und. - -
Angelika ließ ihn aber, grade wie der Freiherr, nach Art
er Vornehmen, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen, seine
Antwort gar nicht erst vollenden. So haben Sie also schon ge-
hör, daß ich unnachgiebig auf meinem Sinu beharre? fiel sie ein.
Herbert verneigte sich. Sie sprachen es mir ja neulich,
als ich die Ehre hatte, Sie, gnädige Frau, nach der Birken-
höhe hinauf zu führen, bereits aus, daß da oben keine Gapelle
erbaut werden dürfe! antwortete er, während sein Blick auf
uhr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, daß sie ihr Auge verwirrt
zu Boden senkte vor der Erinerung, welche er ihr damit wach-
ref, und Ihre Absicht, statt der Capelle einen . . - -
Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden, denn
der Baron gab ihm lebhaft und heimlich ein Zeichen, zu
schweigen, und er bemerkte an den Mienen Angelika's, daß sie
ncht wußte, weßhalb man ihm Schweigen auferlegte. Sie
also hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht!
Seine Hoffnung hatte ihn getäuscht! Wie aber war der Frei-
herr denn auf den Bau dieses Freundschafts-Tempels gekommen?
Es entstand eine Pause, und die Herzogin, welche bis
dahin sich gar nicht in die Unterhaltung gemischt hatte, kam
llen zu Hülfe, indem sie plözlich von dem Feste zu reden
anhub, das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen
habe und für welches man sich vielfach auf die Hülfe des Bau-
meisters angewiesen hielt.
Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen, der
an mußte also vermuthlich eben so wie der neue Bauplan
den beiden letzten Tagen entstanden sein, und die Verhält-
uhse wurden ihm immer unbegreiflicher. Man sprach von den
Rtrschiedenen Vorlehrungen für das Fest; der Marquis, welcher

=- ZHH =
inzwischen auch dazu gekommen war, erkundigte sich bei Herben
um Costume und Decorationen, man sagte zuversichtlich: Herber
werde dieses schaffen, jenes thun, ein Drittes besorgen müssen,
und Niemand fragte ihn, ob er geneigt sei, die Dienste zu
leisten, welche man von ihm begehrte. Selbst Angelika be-
stimmte anscheinend ohne alles Bedenken über ihn, und wie sie
bei der ganzen Begegnung auch empfinden mochte, die Gewohn-
heit der Vornehmen, über jede Kraft zu verfügen, die sich
ihnen nicht gradezu entzieht, und der Glaube, daß sie eine
Gunst gewähren, wenn sie Dienste für sich fordern, lagen auch
ihr im Blute.
Aber Herbert war nicht der Mann, seine Kraft wider
seinen Willen verbrauchen zu lassen, noch eine solche Rücksichts-
losigkeit geduldig hinzunehmen. Man schien offenbar geneigt.
ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten, welche man ihm bisher
eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deßhalb als
sein Recht ansah. Man stellte an ihn bestimmte Forderungen
für ein Unternehmen, über das man mit sich selbst noch nicht
im Klaren war. Die Baronin sprach von Gästen, welche man
laden wolle. Es war die Rede davon, daß man für den be-
treffenden Fall das ganze linke Erdgeschoß zum Unterbringen
der Fremden brauchen würde; aber eben in dieser linken Seite
des Erdgeschosses wohnte Herbert, und mit einem Male tauchte
der Gedanke in ihm auf, daß die Baronin es bereue, sich ihm
auch nur einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben.
und daß sie ihn aus ihrer Nähe zu entfernen wünsche. Das
wies ihn vollends auf sich selbst zurück.
Ich fürchte, daß ich mich nicht in der Lage befinden werde,
sagte er höflich, aber fest, den Herrschaften, wie sie es wünschen-
meine Dienste widmen zu können.
Wie, rief die Baronin, die über ihre sonstige formelle
Weise hinausgetrieben wurde, da sie eine Freiheit und Heiter:

= Zß? -
eit zur Schau zu tragen hatte, die sie zu fühlen weit entfernt
war -= wie, mein Herr, Sie wollen sich unserem Dienste ent-
zehen, da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unter-
nehmen rüsten?
Ich habe hier immer länger verweilt, entgegnete er, von
bem Tone ihrer Stimme wie von ihrem Blicke wieder shnell
beherrscht, als ich es im Grunde vor meinen anderen Unter-
nehmungen verantworten konnte, und ich.. :
Und Sie bedauern das, wie es scheint, und wollen sich
in Zukunft davor wahren, das ist in der Ordnung! sprach
Angelika, während sie die schönen Lippen spöttisch aufwarf.
Dem Freiherrn, welcher seine Gattin mit Befremdung
beobachtete, schien ihr Verhalten zu mißfallen, denn er sagte
mit entschiedener Kälte: Du darfst nicht vergessen, Beste, daß
unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer Unterhaltung,
sondern des Baues wegen hergekommen ist!
Das traf Herbert wie ein Schlag, obschon es wie eine
Rechtfertigung für ihn gesprochen worden war, und sich ver-
ntigend, sagte er: Daran dachte ich eben, Herr Baron, und
ich wollte mir um deßhalb die Erlaubniß erbitten, nach Rothen-
feld hinüberzuziehen, um an Ort und Stelle die Arbeit zu
überwachen, so lange ich hier verweile und so oft ich in die
Begend wiederkehre.
Das Herz schlug ihm, als er so sprach, und wider seinen
Villen hegte er doch im Jnnersten die heimliche Hoffnung, daß
oan ihn nicht gehen lassen werde. Er sah, daß Angelika die
Zarbe wechselte, aber weit entfernt, ihn für die Kränkung zu
tntschädigen, welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem
örriherrn zugezogen hatte, sagte sie: Ja, freilich, Ihr Beruf
nd Ihre Arbeit gehen vor, denn es haben ja Andere an Sie
Re gleichen Ansprüche wie wir! - Sie gab damit ihre Zu-
nnmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und er-

- 868--
innerte ihn, wie er glaubte, ebenfalls daran, in welchem Ver-
hältnisse er sich neben ihr befinde. Herbert, der dies nie vet-
gessen hatte, der sich bewußt war, eine solche Erinnerung nicht
zu verdienen, empfand sie schwer und sich zusammenfassend,
sagte er mit möglichster Ruhe: So gestatten Sie, gnädigste
Frau, daß ich diese Bemerkung als das Zeichen meiner Beur-
laubung betrachte und mich jetzt gleich nach Rothenfeld begebe!
Sie entgegnete ihm nichts; nur der Baron sagte leicht-
hin, aber mit gewohnter Freundlichkeit, während er schon der
Herzogin den Arm bot und der Marquis sich der Baronin
näherte, um sie zum Frühstücke zu führen: Machen Sie das,
lieber Herbert, wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen, Lieber!
aber er forderte ihn nicht wie sonst auf, ihnen wenigstens jetzt
noch zum Frühstücke zu folgen, sondern schritt ohne Weiteres
dem kleinen Speisezimmer zu. Alles Blut strömte Herbert nach
dem Herzen zurück. Er verbeugte sich und verließ bleich vor
Zorn und unterdrückter Bewegung das Gemach.
Gehen Sie nicht fort, ehe ich Sie nicht noch über die
bewußte Angelegenheit gesprochen habe, lieber Herbert! hörte er
den Freiherrn ihm nachrufen; aber er beachtete es nicht, obschon
er die Worie vernahm.
Draußen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan, welchet
sich zum Frühstück begab. Was ist geschehen? fragte diesn.
als er die Verstörung des jungen Mannes sah.
Ich habe eine Lehre erhalten, die mir nöthig war! gae
Herbert ihm zur Antwort.
Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen, wollte ihn
zum Sprechen bringen: Herbert wies ihn zurück. Ein Dienet
kam nach dem Caplan sehen, den man beim Frühstück vermißte
Gehen Sie, gehen Sie, Hochwürden, rief Herber, Z
müssen ja gehorchen! Ich aber bin noch frei und, bei Gott.
ich denke es auch zu bleiben!

Kapitel 26

Neuntes Capite l.
, einer Stunde war sein Gepäck gemacht, eine halbe
Stunde später war er auf dem Wege nach Rothenfeld. Als
er dort ankam, war der Amtmann im Felde; Eva empfing
ihn mit heller Freude. Er gab die nöthige Auskunft über den
außeren Anlaß seiner Wiederkehr und bat um Nachsicht, wemn
er ihr freundliches Willkommen nicht, wie er müsse, anerkenne.
Sie blickte ihn an, wurde plötzlich ernsthaft und sagte,
indem sie ihm die Hände reichte: Mosje Herbert, Ihnen ist
ein Unglück geschehen. Vertrauen Sie es mir, denn ich werde
keine Ruhe haben, ehe ich es weiß!
Er sagte, er habe nur etwas Sammlung nöthig, um einen
Brief zu schreiben, und wenn er das gethan, so werde er wieder
munter sein.
Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in
das Zimmer, welches er während der beiden letzten Tage inne
gehabt hatte. Mit leiser, eilender Hand zog sie die Vorhänge
auf und rückte die Möbel zurecht, wie er es brauchte. Sie
dar so natürlich in dieser Dienstbarkeit, daß er dieselbe wie
tmn Selbstverständliches ohne Danken hinnahm. Sie half ihm
den Mantelsack öffnen und legte ihm die Papiere, welche er
dnausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann verließ sie
hn, aber man hätte in ihrer sorgenwollen Miene nicht das
chende Mädchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen
ASe===-==-

---- I70 --
hatte. Noch unter der Thüre wendete sie sich nach ihm um.
Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte
zu ihm znrückkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog
sie die Thüre leise zu und ging traurig von dannen und an
ihre Arbeit.
Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er
seinen Brief beginnen wollte, wurde er gewahr, daß er imnerlich
fassungslos und also nicht zu schreiben im Stande sei. Er
konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich jedes ge-
sprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen
Personen deutlich erinnerts. Es kam ihm Alles unglaublich
vor, weil er es mit der Vergangenheit in keinen deutlichen
Zusammenhang zu bringen wußte.
Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung
empfangen, eine Beleidigung, für welche er Rechenschaft zu
fordern hatte; indeß die Art der Genugthuung, nach welcher
er verlangte, komnte er, der bürgerliche Baumeister, von dem
Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wußte, daß man
sie ihm mit Lachen verweigern würde. Herbert war von seinem
Vater, der eine ansehnliche Kundschaft unter dem Adel besaß
und manchen Gömner unter ihm zählte, in der Achtung vor
dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner bürgerlich
gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich
eben nicht viel um die Vorrechte des Adels gekümmert oder,
wenn dies doch geschehen war, bisher nicht Ursache gehabt, se
ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den
Schranken, welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und
in seinem privaten Leben von dem Edelmanne trennen, und
er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn bis auf diesen
Tag nicht fühlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher ver-
ehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für
das freiherrlich von Arten'sche Haus er nach Richten gelommen

--- Z7-
er die Eifersucht des Freiherrn erregt, daß ein Zerwürfniß und
eine Versöhnung zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben
müsse, weil er sich daraus die Zärtlichkeit Angelika's für ihren
Gatten herzuleiten wünschte. Aber wie sollte er diese wieder
zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit
welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraus-
setzungen bot eine völlig genügende Erklärung dar, keine seiner
Empfindungen war rein, alle waren sie gebrochen, und, empört
gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich selber,
rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen
und den Haß!
Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron,
um von ihnen eine Aufklärung zu heischen und sich über die
Herzens- und Ehrenkränkung zu beschweren, die man ihm zu-
gefügt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit denen
man zu thun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden
befindet, wird selbst das Zugeständniß einer begehrten Gerech-
tigkeit zu einer freiwilligen Gunstbezeigung, und eine solche von
dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das Widerstrebendste.
Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch
lösen konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der
Bau stieg edel und schön empor, und Herbert war Künstler ges
nug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk nur mit höchstem
Widerstreben zu verlassen; indeß die Aussicht, eben um dieses
Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen
Vorgängen doch in fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen,
war ihm so quälend, daß sich von dieser Abhängigleit zu bes
freien ihm für den Augenblick als das Nothwendigste erschien.
Jn dieser Stimmmung ergriff er die Feder auf das Neue.
aHochgeborener Herr Baron !? - schrieb er - ,Eure
Gnaden haben mich heute mit Recht und sehr zur Zeit daran
erinnert, daß ich nur um einer Arbeit willen und als Künstler

-= Z7 --
nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit
ihr den gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden
nach besten Kräften zu entsprechen, ist mir eine Ehren- und
Gewisenssache gewesen, und die huldvolle Güte wie die Zu-
ftiedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Muth und
Aufmunterung gegeben. Zu meinem großen Bedauern habe
ih aber die Bemerkung machen müssen, daß Sie mir Ihre
Zufriedenheit entzogen haben, und ich möchte Ihnen weder mit
meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen,
wenn beide aufgehört haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben
Eure Gnaden mir also die Versicherung, daß ich bereit bin,
Ihnen alle von mir gemachten Pläne und Detailzeichnungen
ur Verfügung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem
Grunde wünschenswerth sein sollte, den Bau durch einen anderen
Baumeister fortführen und vollenden zu lassen. Ich wage wohl
leme vergebene Bitte, wenn ich Eure Gnaden ersuche, mich
Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen.?
Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu
schaffen, der denselben nach dem Schlosse trage. Als er das
Schreiben unterwegs wußte, wurde ihm leichter um das Herz
Beil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung gethan hatte,
glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn
ttgen Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jezt,
da er sich nicht mehr um das Weßhalb der erlittenen Belei-
dgung kümmerte, sondern sich nur der Thatsache gegenüberstellte,
trwwachte in ihm das Selbstgefühl, welches überall verloren
Mht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen,
iu schaffen macht.
Er verließ sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Ab-
Idht, hinunter in das Haus. Der Amtmann war zurüc
glehrt; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den Mittagstisch.
e hatnte den Bruder von Herbertks Ankunft schon in Kenntniß

- I
gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was ee
gegeben habe.
Herbert fühlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mit-
zutheilen. Es widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere
des ihm geschehenen Unrechtes einzugestehen, da er es ohne
Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig konnte und
durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und
um sein neuliches Erlebniß mit der Baronin stand. Er be-
richtigte also nur, daß man ihn, gegen die frühere Weise, kalt,
ja daß man ihn ungebührlich behandelt habe, und daß und
was er dem Baron geschrieben.
Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und Jagte dann mit
einem Lächeln, das seinem gescheiten Gesichte einen noch größeren
Ausdruck von Klugheit gab: Ich hätte es Ihnen voraussagen
können, wie es mit Ihnen kommen würde, Herr Baumeister.
Es ist ein ordinäres Sprüchwort, aber wahr ist's darum nicht
minder: ,Es ist nicht gut mit den großen Herren Kirschen
essen !? Und, fügte er hinzu, um wieder einmal vor dem
Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's
oft zur Eva gesagt, es ist wie mit Jen Granatäpfeln in der
Mythologie; man muß nichts von den Herrschaften geschenkt
nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei bleiben will.
Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen Hause
seit Menschenaltern dient? wendete Herbert ein.
Das sage ich Ihnen eben deßhalb; denn wir haben unsere
Manier probat gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schul-
digkeit thun, seinen Lohn empfangen, nichts darunter, nichts
darüber, und Herr und Diener sein, rein weg!
Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronn
dem Amtmann ebenfalls Gelegenheit zur Unzufriedenheit ge:
geben hätten.
Nicht daß ich's sagen könnte, meinte dieser. Aber das

--- Z?z---
ht sch bei uns so fortgeerbt von Einem auf den Andern,
es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen hierlandes den
Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere
Herschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie
der Andere!
Ea meinte, die Herrschaften kömnten aber doch sehr freund-
lch sein und hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen
sie tets so gezeigt.
O ja, rief der Amtmann, aber es würde bald damit aus
gewesen sein, hätte ich mich darauf eingelassen, wie sie's mit
Dir und mir versuchten! Heute hieß es, weil ich denn doch
dies oder jenes mehr gelernt hätte, als es sonst hier im Amte
zu geschehen pflegte, so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei
der oder jener Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre!
mur weil er mich leiden und mich um sich haben möchte! Und
morgen meinten sie, die Eva sähe gut aus und hätte recht
antändige Manieren; sie könnte also, wenn sie wollte, bis-
weilen auf das Schloß kommen und der Frau Baronin etwas
dorlesen und mancherlei im Schlosse annehmen und lernen.
Aber wir kemnen das! Für einen Finger, den sie uns reichen,
wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich
de ganze Hand von uns, und will man sich dann dafür auch
einmal an ihrer Hand halten, so wird's ihnen gleich zu viel,
und sie ziehen die Hand zurück und nehmen's uns noch übel,
daß wir ihnen die Mühe machen, uns abzustoßen! = Er lachte
dabei und sagte zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Nücen
dmnen wir! Sie dort und wir hier! Guter Dienst und gutes
secht! Wir sind uns hier selber gengl
Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung P-
war, als sprächen sein eingeschläfertes Gewissen, seine heim-
che Einsicht selbst zu ihm, und zu seiner eigenen Beruhigung
öge er Ich sehne mich eigentlich auch danach, dieses Gon-

--- Z7---
traces und des ganzen Verhältnisses, an das ich mit so gutem
Glauben gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den
Kopf. Herbert fragte, ob er an der Wahrheit dieser Wore
zwweifle. Nein, versetzte Jener, daß Sie es in diesem Augenblick
wünschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los.
Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das muß man ihm
lassen, und wie er selbst sein Wort hält, so besteht er darauf,
daß ihm Wort gehalten werde. Freiwillig entläßt er Sie
Ihres Contractes nicht, und contracbrüchig werden Sie doch
schließlich auch nicht heißen und nicht werden wollen!
Sie sprachen hin und her; der Baumeister verrieth nichts
von dem, was ihm widerfahren war, aber der Amtmann, welcher
gut zu fcagen und zu hören wußte, kam durch einzelne Aeuße-
rungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er
von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte
trugen doch alle das Gepräge der Abneigung, welche er gege
die Herrschaften hier in der Gegend, wie er den Adel nannte,
in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche Gesinnung
aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine
hielt, so wußte Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht
und dem Stolze, den Galanterieen und den Liebesabenteuern
der adeligen Damen zu erzählen, wie sie als Gerüchte von
einem Amthause in das andere getragen wurden, daß Herber
den letzten Rest des sanften Zaubörs schwinden fühlte, in welchem
sein Verhältniß zu dem freiherrlichen Hause und zu Angelila
ihm erschienen war. Er begann sich in seinem Jnnern einen
eiteln Thoren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er
malte es sich aus, wie man ihn im Schlosse jetzt geringschäßs
verlachen möge, und während der Amtmann und seine Schwester
mit Vergnügen davon sprachen, daß sie Herbert nun bei sich
behalten würden, während sie ihm vorschlugen, wie er es sich

--- Z7? --
hei ihnen bequem machen könne, dachte er nur daran, über-
haupt aus der Gegend fortzukommen. Eoa's zuversichtliche
Betheuerung, daß er bleiben werde, weil ihr Bruder gesagt
habe, daß er bleiben müsse, steigerte seine Sehnsucht, sich los-
zareißen. Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des
Boten kaum erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva
und trotz der Unterhaltung mit dem Amtmanne war er inner-
lch nur damit beschäftigt, sich die Art und Weise vorzustellen,
in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contraces willigen
und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der Thüre sitzen zu bleiben,
als er den Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah;
selbßt Eva wurde unruhig über die Langsamkeit, mit welcher
derselbe die Weste aufknöpfte, unter der er das Schreiben des
Barons, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche
umwwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses
Schreibens machte Herbert betroffen. Es war ein kleines
Blättchen, leicht zusammengelegt, wie man es einem Unter-
gebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet;
und wie sein Aeußeres war auch der Ton, in dem es gehalten.
,Machen Sie sich keine Sorge', schrieb der Baron. Ich
bin durchaus nicht unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistun-
ge, im Gegentheil! Ich pflege auch nicht aufzugeben, was
c unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem Manne,
der ßch zu respecäiren weiß. Bleiben Sie also ruhig in Rothen-
fld, das ist Ihrem Werke sicher förderlich, besonders da Sie
öteinert zur Hand haben. Wegen meines anderen Vorhabens
echen wir bald das Nähere. Ich werde Sie in den nächsten
Igen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen.'
Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine
snterschrift, als das mit langem Zuge versehene A., mit welchem
Rde Freiherr wie ein König die Erlasse an den Amtmann P

-- 78 -- -
unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar nichts
vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschäftliche Be-
ziehung zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Stan
gefunden, als könne des jungen Mannes Wunsch, sich von der
ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen, gar keine andere Ur-
sache haben, als seine Besorgniß, daß der Freiherr mit seinen
Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine An-
mahnung zur Pflichterfüllung enthielt das Schreiben, kein Wor!
der Begütigung, wie die Einleitung von Herbert's Brief sie
forderte, wenn man ihn festzuhalten wünschte und ihn nicht
hatte kränken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch
einmal. Es war die schwerste Demüthigung, welche er empfan-
gen hatte! Eva, die ihn während des Lesens genau beobachtete,
hatte bemerkt, daß er blaß geworden war. Ihre großen Augen
hingen ernst an seinen Mienen.
Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die
Tasche steckte.
Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die Hände empor, un
sie vor Vergnüügen zusammen zu schlagen, ließ sie aber, als sie
in sein verstörtes Antliz blickte, eben so schnell wieder sinlen
und meinte kleinlaut: Das thut mir leid, wenn es Ihnen so
hart ankommt!
Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dies
selben sprach, bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung
bitten, ihr eine Freundlichkeit erwidern, indeß er konnte es in
diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut, Eva! sagte er-
indem er ihr die Hand gab.
Was nützt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? ent-
gegnete sie, indem sie sich von ihm losmachte und sich entfernte.
Es war bei ihr immer, in Fröhlichkeit und Betrübniß, derselbe
gute und werkthätige Sinn; aber es war Herbert doch erwünscht.

I7--
alein zu sein. Er konnte eben jetzt keine Hülfe und keine
Gesellschaft brauchen.
Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn
atbeiten, vorwärts kommen, hieß jezt für ihn, seiner Freiheit
näher rücken. Aber wie er den Sinn auch auf die Verknüpfung
der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem
Jnnern: Sie haben dich, weil sie dich nicht für ihres Gleichen
halten, nicht nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache
behandelt, die man aufnimmt oder liegen läßt, je nach Be-
leben! - Und je länger er das dachte, um so öfter richtete
sein Blick sich nach Frankreich hinüber, und er fragte sich:
Wann wird denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hoch-
müthigen den Nacken beugt? -
Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vor-
nhm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende
Marquis: beide flüchtig, beide das Gnadenbrod der Fremde
eßend und beide so ungebeugt, so sicher in dem Glauben an
die unwergängliche Neberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes,
daß der Haß gegen dieses alte Blut in Herbert entbramnte
und es ihm vorkam, als könne er dieses Blut kalten Auges
detgießen sehen, als könne er sie sterben sehen, sie Alle mit
amander: den hochgemutheten Freiherrn, die zarte Herzogin,
den fröhlichen Marquis, und auch sie, die -schöne, lächelnde
Baronin, wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen
drmnochte, wie sie ihn geflissentlich beleidigt, wie gedemüthigt er
on ihnen gegangen war. Er haßte sie nicht nur für dasjenige,
as sie ihm zugefügt, sondern mehr noch deßhalb, weil er's
Magen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten mußte,
m seiner Pflicht nachzukommen, welche jenen gegenüber seine
ozge Ehre war. Er haßte sie!

Kapitel 27

Zehntes Capitel.
Fer Feldzug, zu welchem die Regimenter so fröhlich aus
der Hauptstadt ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewährt
und war ein fruchtloses, ja, ein unheilvolles Unternehmen
gewesen sowohl für diejenigen, denen er helfen und dienen, als
auch für jene Anderen, welche die Hülfe hatten bringen sollen.
Die Revolution war in Frankreich immer energischer und sieg-
reich vorwärts geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der
Goalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt.
Graf Gerhard, dem es an persönlichem Muthe nicht gebrach
und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo
viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden, war als
Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgelehrt.
Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in
der Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich
nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern
nach Berka begeben. Er hatte die Familie Flies nicht auf-
gesucht, auch zu der Kriegsräthin war er nicht gegangen. Seba
erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben be-
deutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch
weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien,
welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Miethers
unterhielt.
Gott soll mich bewahren, daß ich Sie anklage, theuerste
Frau Kriegsräthin, sagte Madame Flies eines Nachmiitags, als

- ZZ -
viese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirthin gekommen war
-- Gott soll mich bewahren, daß ich Sie verkemne; Sie haben
es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und
Gott lenkt!
G ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura,
indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirthin
i der Hand wog, der doppelt so schwer war, als die ihrigen,
daß ich die unschuldige Veranlassung zu Seba's Lebe für den
Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr.
Sie ist wirklich schöner als je, und sie schlägt es sich ja endlich
auch wieder aus dem Sinne.
Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht,
lebe Frau Kriegsräthin, Seba hat des Vaters Kopf! Die
dengißt nicht, was sie einmnal gewollt hat; und wenn sie
auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch
shön ist wie sonst, - Sie sollten sie nur sehen, wemn sie sich
unbeachtet glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften
sideraugen nicht mehr!
Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem kühlen
Bedauern der Gleichgültigkeit, das der Leidende als eine schwere
beleidigung empfinden würde, wäre er nicht in der Regel zu
hr in sich versunken, um darauf zu achten. Die Kriegsrathin
aber glaubte der Theilnahme, die man von ihr fordern konnte,
ait jenem Ausruf vollauf genügt zu haben, und da man der
femden Klage am leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu
lagen beginnt, wiederholte sie mit einem Seufzer ihr: Wie
Vtaurig! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es trägt
Jedermamn von uns sein Theil, liebste Flies, und was Sie
dden, leiden Sie mit Ihrem eigenen Kinde, das ja jung und
Idn st, und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren
nen, auch früher oder später glücklich werden wird. Nehmen
dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles

-- Z8--
für den Knaben schon gethan, und Alles das umsonst! Nur
an Seba hängt er und an meinem Mamne, als wäre ich gar
nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste!
Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drücte,
konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht wider-
stehen, einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten. Es trifft
Alles so schlimm zusammen, -= sagte sie fast gegen ihren Willen,
-- so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten
Verdruß und Sorge bereitet werden. Nicht genug, daß der
Knabe immer verschlossener wird, daß ich mir Seba's Kummer
zu Herzen nehme, habe ich mich eben in diesen Tagen auch
mit unserem alten, guten Freunde und Gönner, dem Präsiden-
ten, erzürnen müssen.
Mit dem Herrn Präsidenten? fragte näher rückend Madame
Flies, die seit der ganzen Reihe von Jahren gewohnt war,
den alten Herrn täglich zu seiner Freundin gehen zu sehen.
Wie ist das denn zugegangen?
Weiß ich's? rief die Kriegsräthin und knüpfte, weil ihr
warm wurde, das Band auf, mit welchem ihre Flatteuse unter
dem Kinn zugebunden und das mit einem Liebesknoten an dem
Brustlaze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein
und aus gegangen; wir waren so an einander gewöhnt, ee,
mein Mamn und ich; wir wußten, wie wir einander zu nehmen
und wie weit wir auf einander zu rechnen hatten; da bringl
ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Bilet in
die Hände.. - -
Ein Billet - ja, was denn für ein Billet? forschte die
Andere, deren Augen vor Ungeduld und Neugier zu funkeln
begannen.
Ach, ein Billet des Hauptmannes = ein Billet, das er mir
am Tage nach der Rückkehr schrieb - die Kriegsräthin lächelte
und wendete den Kopf nach dem Spiegel, der zwischen den

-- Z8 - -
biden Fenstern hing - ein Billet, wie jede halbwegs an-
gmnehme Frau deren unzählige erhält! Ein paar Verse, wie
et sie mir, seit er damals hier war, bisweilen schickte, reine
Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet, sie vergessen, sie lagen in
neinem Nähtischchen, da fand sie der Präsident.. - -
:rardaa
Frage der Anderen gar nicht beachtete; und stellen Sie sich vor,
aus diesem ganz gleichgültigen Briefe macht er mir ein Verbrechen.
Et etlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte Erllärungen, als
wäre ich ein Kind und nicht eine Frau, die weiß, was sie zu
thun hat.
Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche
Treue verstand sie keinen Spaß. Aber wie kamen den der
Herr Präsident darauf und was sagen der Herr Kriegsrath
dau? fragte sie bedenklich.
O, der ahnt davon noch gar nichts, der würde mir es
nicht vergeben!
Hören Sie, brach nun Madame Flies plötzlich aus, hören
Sie, liebe, gute Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken!
Sie wissen, wie viel ich von Ihnen halte, liebe Frau Kriegs-
nnäthin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine ver-
himathete Frau.... Sie brach ab, schüttelte das Haupt, daß
de echten Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn
aederfielen, und reichte, als wolle sie gut machen, was sie noth-
rungen hatte sagen müssen, ihrer Freundin, obschon dieselbe
ßh eben erst bedient, noch einmal die silberne Zucerschale mit
em freundlichen: Ist's gefällig? hin.
Die schöne Laura lachte plözlich ganz hell auf, und sie
d wirllich noch sehr hübsch aus, wenn sie lachend die weißen
Ihne und die tiefen Grübchen in den vollen Wangen sichtbar
Rden ließ. Sie meinen, um die Verse kümmere sich mein

-=- ZZ---
Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse
an seine Frau, die werden doch einen verständigen Mann nicht
in Harnisch bringen, auf die muß jeder Mann gefaßt sein, der
sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen hat. Abee-
daß ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner
Weise zu behandeln wußte, das wird mein Mann mir nicht
vergeben -= und ich vergebe mir es selber nicht!
Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrathes Chef!
bemerkte Madame Flies, um doch etwas zu sagen, da die Hei-
terkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.
Ja, freilich, das ist's ja eben, bekräftigte Laura, sich be-
sinnend, mit ganz verändertem Tone, da sie die zweifelhafte
Miene ihrer Hauswirthin bemerkte. Das ist es eben, wir sind
abhängig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie über
diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und
wir haben kein Vermögen! - Sie hielt abermals inne, sah
ihre Freundin prüfend an und sagte dann ernst und nieder-
geschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in
Ihres Mannes Casse haben, Sie können gar nicht wissen, wie
schwer in diesen Zeiten das Auskommen für den Beamten ist.
Jedes zu Ende gehende Quartal hat seine Nothwendigkeiten,
jedes beginnende macht seine Ansprüche; die Rechnungen kommen,
die täglichen Ausgaben laufen fort, man muß nach außen an'
ständig auftreten, wie man sich in seinem Hause auch beschränlt,
die Miethe iß zu zahlen - Sie glauben nicht, welche Verlegen
heiten das bereitet!
Madame Flies versicherte und erinnerte sie, daß es mit der
letzteren nicht eile, daß ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
Gewiß, gewiß, rief Laura, der Kriegsrath besitzt ja einen
wahren Schatz an Ihres Mannes Freundschaft! Aber was
hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie ängstlich, wie genon
der Kriegsrath ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes Theater:

- Z8H--
hlet und jedes Biscuit muß verzeichnet werden und wird be-
hittelt, wenn es verzeichnet ist. Da half demn des Präsidenten
Galanterie gelegentlich ein wenig aus - versteht sich, nur leih-
weise - für Tage nur - nur um den lieben Hausfrieden
nicht zu stdren! Und da muß mir nun nach elf Jahren der
Präsident die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich
habe schon gedacht, ob Sie, liebe Madame Flies.. . -
Sie brach plötzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht
hatte; demn das Gesicht ihrer Wirthin verrieth ihr, daß sie sich
wahrscheinlich eine umnütze Blöße gegeben hatte. Das Kaffee-
zug war fortgeräumt, die Hausfrau erhob sich, um den sußen
Wein und das Confect zu holen, die den Imbiß vervollstän-
digen sollten, aber wie mild und glatt der alte Malaga die
sehle auch hinabglitt, die Unterhaltung wollte nicht wieder in
Jluß gerathen.
Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freun-
di gehegt, hatte einen schweren Stoß erlitten, und die Kriegs-
ähin hatte auch besser von ihrer Wirthin gedacht. Nach der
drglosen Weise, in welcher sie Seba früher ihren Beg gehen
dsßen, hatte sie die Muttter nicht für so spießbürgerlich und
oamentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten. Sie waren
deide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen,
ßber deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vor-
clung machten.
Seba's erstes Emyfinden nach jenem unheilvollen Morgen
d nach den Tagen, welche ihr die Ueberzeugung aufgedrangt.
Nß ße gewissenlos von einem Elenden verrathen und verlaßen
. war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu Füßen
i werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war geng-
ihr eigenes Herz gefoltert ward, daß sie sich selbst verloren
tte, daß sie elend geworden war, daß sie sich verachtete und
It mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts zu blicken wags-
F Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

=- Z8H-
Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht:
nur Eine Gewißheit und nur Ein Gefühl waren unwerändert
in ihr geblieben: sie wußte, daß sie das Glück ihrer Eltern
war, und sie liebte ihre Eltern. Daran mußte sie sich halten!
Es wäre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen,
ein Trost, sich zu demüthigen; denn es ist für ein recht-
schaffenes Herz leichter, verdienten Tadel, als unverdientes Lob
zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen, deren
es sich nicht mehr würdig glaubt. Aber was sie selber auch
empfand, wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie ver-
urtheilten, wie tief sie sich erniedrigt fühlte, den Eltern mußte
und wollte sie zu bleiben suchen, was sie ihnen gewesen war:
ihr Stolz und ihre Freude. Sie mußte schweigen, sie mußte
die Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens
rang, mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte, und
Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, daß die feinen Furchen
um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden
waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in ver-
gangenen Tagen entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie
sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten, wie ängstlich die
Eltern danach spähten, einen Strahl der alten Lebenslust in
der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie hätte sie selber suchen,
finden mögen, neuen Muth und neues Wollen und Streben;
aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Er-
niedrigung und Herzgebrochenheit?
Traurig, den Kopf auf die schmale, weiße Hand gestizt-
saß sie eines Abends an dem Fenster ihrer Stube. Draußen
war das Wetter schlecht. Es war noch früh im Jahre, ein
kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf
ihn klatschend zur Erde. In den großen Lachen spiegelten sich
die Lichter der Laternen, welche die Leute, die unter ihren
Schirmen in das Theater gingen, sich vortragen ließen. Es

--- Z8? --
par eine Schauspieler-Gesellschaft angelommen, welche für einige
Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der
Aufsührung von Schiller's ,Fiesco begomnen hatte. Kein
Gebildeter hatte bei diesem Anlaß fehlen dürfen, auch Seba hatte
er Darstellung beigewohnt, und Verrina's: ,Was that jener
eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so - wie nenn'
ih's nur - auch so artig fand? lag noch schwer auf ihrer Seele.
Sie war von Herzen traurig, sie komnte nicht deutlich
denlen, nur daß sie müde, bis zum Tode leidensmüde sei, das
fühlte sie mit dumpfer Schwere. Sie hatte keinen religiösen
Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der sie beten
lomnte, denn der Gultus, dem sie durch ihre Geburt angehdrte,
war ihr fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beicht-
vaterJdem sie sich anvertrauen komnte, sie hatte keinen Erlöser,
an den sie sich wenden konnte. Sie war ganz allein, ohne
eme Stütze, ohne einen anderen Halt, allein mit der unver-
bnchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte,
daß sie gefehlt, daß sie sich entehrt habe vor den Menschen und
nehr noch vor sich selber, und daß kein fremder Trost und
rine fremde Hülfe von ihr nehmen könne, was sie selber auf
ßh geladen hatte.
Paul, der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter
glommen war, um seine Freundin zu besuchen, hatte sich
almählich daran gewöhnt, ihr schweigend Gesellschaft zu leisten.
Ene geraume Zeit sah der große, schlanke Knabe geduldig zu.
de auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute
dt dem Winde kämpften. Endlich mochte er dessen überdrüssig
n, denn sich zu Seba wendend, bat er: Sprih doch mit mir!
Sie überhörte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie
h nicht mit ihm beschäftigen würde, dann sagte er ganz
ddzlich: Seba, Du wirst Dich gewiß auch noch einmal ins
losir stürzen!
g

=- ZF -
Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief
sie, indem sie ihn bei den Händen erfaßte.
Ihre Stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hane
sie ihn niemals angefaßt. Er fürchtete sich vor ihr. Laß mich
los, rief er erschreckend, laß mich los!
Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wieder-
holte sie.
Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.
Was denn? Was siehst Du denn? drängte ihn Seba.
der das Herz fast hörbar klopfte; denn das schweigende Leiden
unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft, und schwarze, un-
klare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der
Straße das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt
Eine schmerzliche Sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem
Herzen gezogen. Sie hätte fortgehen mögen, fort von Vater
und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre
bitteren Thränen laut zu weinen und damn endlich nichts mehr
fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden, mit
Einem Male für immerdar.
Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre
milder gewordene Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen.
Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte
er, und weinst immer wie sie, Du wirst Dich auch noch wie
fie ins Wasser stürzen!
Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen, sie
erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken; des Knaben
Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein heißes Mitleid
für die Todte mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene
Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Theilnahme für
einen Andern zu empfinden vermag, reicht wenigstens in dem
Momente über die eigene Noth hinaus. Die Thränen schossen
ihr in die Augen, indeß diese Thränen thaten ihr nicht so

-- Z8ß--
ehe, als die unzahligen andern, welche sie seit der Unglücks-
funde bis auf diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer
Hülfslosigteit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf,
daß sie sich erlösen müsse, wenn sie nicht ihr Leben enden
wolle; daß sie wählen müsse zwischen Selbstvemnichtung und
Selbsterhaltung durch ein klar bewußtes Thun, durch Selbst-
erhebung und durch Selbsterlösung.
Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte
ine reine, schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie
kmnte Paulinen nicht mehr helfen; aber sich selber konnte sie
belsfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und dieser Knabe,
Seba und Paul, sie gehörten zu einander, das war die Vor-
telung, die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war
ei Verstoßener, einer Verstoßenen und Verlassenen Sohn, und
war sie doch auch entehrt und verrathen und wie seine Mutter
verlassen worden.
Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner
Nutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute
kagte sie ihn, was er von seiner Mutter wisse. - Er hatte
en llares Gedächtniß von dem letzten Gange mit ihr bewahrt;
n erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimath, des Bagens,
d welchem der Baron zu kommen gewohnt war, und er wußte,
daß der Baron von Arten sein Vater sei. Aber mit der Festig-
dt, welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er, nachn
dmn der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens ent-
dlt, wieder geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des
Iugenblickes entsann er sich, da er die Kunde von dem Tode
diner Mutter erhalten hatte.
Ich weiß es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte
d die Stube voller Menschen war. Sie schrieen alle, die
lutter sei ins Wasser gestürzt, und die Magd, welche bei uns

--- Z90-
diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe
in der Hand und weinte.
Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden,
wenn sie es nicht vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit
ihrer Schuld, mit ihrem Unglücke? Wenn sie sich in grübeln-
der Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ, auf welchem sie
sich eben angetroffen? Was sollte aus ähren Eltern werden,
wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten, ihnen des ein-
zigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen?
Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und um-
schlang den Knaben, als müsse sie sich an sein blühendes Leben
halten, um sicher vor dem Tode zu sein. Ich will nicht unter-
gehen, ich will und werde nicht zu Grunde gehen! Ich will
leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern,
bei meinen guten, armen Eltern, lieber Paul!
Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle
Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt,
weinte mit ihr. Er hielt ste mit seinen Armen umfaßt, und
es war ihr, als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn,
als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durch-
ziehe eine milde Wärme ihre Brust. Ihre Thränen hörten
zu fließen auf, auch sie umfaßte den Knaben zärtlich, und ihn
an sich drückend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!
Ja, antwortete er ihr ernsthaft.
Und wir wollen recht gut sein, Paul!
Ja, entgegnete er ihr wieder.
Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen!
Hörst Du, rechte Freude, Paul! Und hier än meiner Stube
wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen, und Du
mußt recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb
haben, wie Deine Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul!
rief sie, und es kamen Kraft und Freude in ihre Stimme bei

-- I9! -- -
ven Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du
sollst mein Sohn sein, das heilige Vermächtniß Deiner armen
Mutter! wiederholte sie.
Kommen wir dann auch in das Schloß und in den Park?
fiel ihr der Knabe in die Rede, der sich nach Kinderwweise
schnell erheiterte und dadurch auf die angenehmen Vorstellungen
veffiel, welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt haben mochten.
Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn nieder-
blickte, nie! Wir kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht
ih! Aber leben wollen wir bleiben, leben will ich bleiben für
die Eltern und für Dich! - Leben! rief sie noch einmal, tief
Athem schöpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben,
helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!

Kapitel 28

Eilftes Capitel.
Fas Zerwürfniß zwischen dem Präsidenten und seiner
Freundin war ein unheilbares geblieben, aber die Kriegsräthin
hörte, als eine kluge Frau, bald auf, dies zu beklagen. Sie
behauptete, in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden,
und die Leute waren geneigt, ihr dies zu glauben. Sie erschien
nicht mehr so oft allein in der Gesellschaft und an öffentlichen
Orten, Herr Weißenbach verlegte sein Arbeitszimmer neben ihre
Wohnstube, und wenn er sich gegen Herrn Flies auch häufig
darüber beschwerte, daß es ihm gar zu viel Zeit und Geld
koste, beständig den Begleiter seiner Frau zu machen, so mußte
er doch seine Gründe haben, sie nicht mehr wie früher sich
selber zu überlassen.
Im Uebrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in
der Lebensweise der Familie nichts, bis kurz vor dem Heran-
nahen eines neuen Jahres der Kriegsrath einmal eine lange
und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte.
Was dabei verhandelt worden war, darüber sprachen beide nicht;
es fiel aber den Freunden der Kriegsräthin auf, daß sie von
Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer Wohnung an den Architet-
ten überließ, den sie in der Familie ihres Wirthes kennen ge:
lernt hatte.
Jeder, der es von ihr hören wollte, konnte jetzt von der
Kriegsräthin vernehmen, wie erwünscht die Gesellschaft eines
Mannes von Herbers Namen und Bildung ihr für ihre stille

-- - 89A--
Häuslichkeit dünke; aber sie war jetzt eben so wenig als früher
in der Lage, sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten
Geslligteit zu entziehen, und Herbert hatte es auch nicht auf
den Umgang mit der schönen Laura abgesehen, als er sich für
ve Wohnung entschied, welche sie zu vermiethen wünschte.
Seit er, bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies,
Seba's Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften
Wete des Grafen Berka erlebt, hatte sich Herbert überzeugt
gehalten, daß sie selbst der unglückliche Gegenstand jener Wette
gewesen sei. Er war bald wieder in das Haus gelommen,
üch, wie die Höflichkeit es forderte, nach ihrem Ergehen zu er-
hmdigen, und ihr tiefes, stilles Seelenleid hatte ihr sein männ-
lchss Mitleid gewonnen. Fern von jener Neugier, die für den
Lidenden so quälend ist, weil sie für ihn die Nothwendigkeit
de Selbstbeherrschung steigert, behandelte er sie mit der Voraus-
iung, daß sie unglücklich sei, und die vorsichtige Weise, mit
de er ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vor-
klung unterzuschieben wußte, bot ihr durch eine lange Zeit
das einzige Labsal, für das sie empfänglich war. Er muthete
ihr nicht zu, sich des eigenen Daseins zu erfreuen, er verlangte
niemals, daß sie von sich spreche; aber er erzählte ihr von
Anen Reisen, von seinen Erlebnissen, von seinem Aufenthalte
auf Schloß Richten und in Rothenfeld; und, herzenskundig
dutch den eigenen Schmerz, errieth sie, was er ihr nur zogernd
zadertraute: den Zwiespalt, unter dem er sich zwischen der
Vräfin und Eva bewegt, die Kränkung, welche er erfahren
otte, und die Ueberwindung, die es ihn jetzt kostete, so oft er
oeh Richten gehen mußte. Daß er nicht völlig mit sich einig.
auch er noch ein in seiner Entwicklung Begrifener war,
Iachte ihn Seba nur noch werther. Wenn sie ihn ermuthigte.
Vch sie sich selber damit Muth ein; wenn sie sich gelegentlich s
Ntitern strebte, erheiterte dieses Bestreben sie selbst, und wen

-- Zßg--
sie, erhoben von dem Gedanken, daß sie einem Andern, einem
edlen jungen Manne doch noch etwas zu leisten und zu sein ver-
möge, sich einmal freier gehen ließ, so ward er für seinen selbss-
losen Antheil an ihr, durch den Einblick in ein liebevolles, reiches
Herz belohnt, das glücklich zu sein verdiente und sich doch des
Rechtes, es jemals zu werden, für verlustig hielt.
Wie man nach langer, schwerer Krankheit mit Rührung
aufs Neue ins Leben tritt und mit zagendem Erstaunen wieder
die ersten Schritte wagt, so bewegt fühlte sich Seba, nachdem
sie zu dem Entschlusse gelangt war, sich aufzurichten, um ihrer
Eltern, um des fremden Knaben willen. Alles erschien ihr
neu. Die Zärtlichkeit ihrer Eltern dünlte ihr größer, als je
zuvor, denn sie nannte sie ein unverdientes Glück, dessen sie
sich würdig machen müsse. Sie erschrak vor der langen Reihe
von Tagen, die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren; sie
hatte sie den Eltern entzogen und mußte diese dafür entschä-
digen. Jede Stunde wurde ihr werth, jeder Tag kostbar, denn
es galt, eine Schuld der Dankbarkeit zu zahlen, Liebespflichten
zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen, den sie sich in
der Erziehung Paul's gestellt hatte.
Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach, daß der
Blick der Tochter sich erhelle, wenn der Vater es mit Genug-
thuung bemerkte, daß sie sich wieder mit erhöhtem Eifer ihren
früheren Beschäftigungen und Studien überließ, und wenn beide
geneigt waren, diese glückliche Wandlung auf Herberi's Einfluß
zu schieben, so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und
mit ihrem schwermüthigen Lächeln freundlich zu sagen: Ih
weiß wohl, wie viel Ermunterung ich Herbert schulde, aber daß
ich für dieselbe empfänglich geworden bin, das danke ich dem
Paul. Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muk
doch ein gutes Beispiel an mir haben! Man nahm das für
einen Scherz, freute sich, daß Seba wieder scherzen mochte,

-- Z9F- -
und hinderte sie nicht, den Knaben so viel als möglich in ihrer
Nahe zu haben, der still und ernsthaft, wie er sich von Anfang
an erwiesen, zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde
Herbert heranwuchs.
Er war keines der Kinder, die durch geitreiche Einfalle
überraschen, durch lebhafte Gefühlsäußerungen für sich ein-
nehmen, aber er beobachtete scharf, und weil er in dem Hause
seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum Aus-
sprechen seiner Gedanken erhalten, hatte er schweigen, sich be-
herrschen und seine Eindrücke in sich festhalten gelernt. Ohne
ein Wort davon kund zu geben, ohne danach zu fragen, hatte
er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon gebildet.
daß eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicsale seiner Muter und
dem Schicksale Seba's obwalte, daß Graf Berka Seba eben so
unglücklich gemacht habe, als der Freiherr von Arten seine
Mutter, und wenn er auch nicht völlig verstand, was seine
Beschützerin damit meinte, daß sie ihm ihre Wiederherstellung
vedanle, so wußte er doch, daß seine Liebe ihr wohlthue, daß
er die Macht habe, ihr Freude zu bereiten, und daß er Nie-
manden lieber habe, als sie.
Er war fleißig, weil Seba ihn dann belobte; er lernnte
die lebenden Sprachen gern und schnell, weil sie ihn darin
unterrichtete, und unmerklich, wie unser ganzes Denken und
Thun auf die Kinderseelen einwirkt, prägten sich ihm die Vor-
kellungen und die Anschauungsweise der Personen ein, denen
ar seine Liebe zugewendet hatte.
Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurtheile
sagen, welche die Menschen von einander halten, er hörte den
ochmuth und die Anmaßungen des Adels, die hohlen An-
Drüche der Beamtenwelt, die Unduldsamkeit der verschiedenen
Iulte gegen einander bald bedauern, bald tadeln und verspotten.
nd seine eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und

- Zssß -
Erklärungen für die Grundsätze, welche er ohne das vielleicht
nicht verstanden haben würde. Der Kriegsrath und seine Frau,
wie freundlich sie der Flies'schen Familie begegneten, sprachen
doch immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirthe,
weil er ein Jude und nur ein Kaufmann war; aber was der
Knabe sah und hörte, fiel Alles zu Gunsten dieses Juden und
seiner Familie aus. Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles
ein doppelies Gesicht, unten bei den Juden blieben die Dinge
sich immer gleich. Der Kriegsrath und Laura waren im Beisein
dritter Personen lauter Güte und Freundlichkeit mit einander;
befanden sie sich allein, so sprach Herr Weißenbach nur selten
mit seiner Frau, und es gab Mißhelligkeiten und Verdruß von
allen Arten. Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen
wollte, der einer angesehenen Beamtenfamilie zukam, sparte und
geizte man, wo Andere es nicht sahen, und während man überall
von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach, war man
für die Aufrechthaltung des äußeren Anstandes jedes Thalers
und Groschens so benöthigt, daß man dem Nothleidenden bei-
zuspringen sich versagen mußte.
Der Kriegsrath litt von diesen Zuständen ganz unverkenn-
bar. Er klagte, daß Alles theurer werde, ohne daß die Ein-
nahmen des Beamten sich vergrdßerten; er wollte, daß sich
Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten ver-
sagte, und doch sah er selber es nicht gern, wenn sie wenigee
wohl gekleidet, weniger heiter schien, wenn den Standesgenosßen
und Collegen nicht die frühere Gastfreiheit bewiesen wurde.
Was sollten sie von seiner Lage denken, wenn er bei gleichen
äußeren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten auf-
recht erhielt? Paul hörte ihn oftmals sagen, daß derjenige
glücklich sei, welcher nur nach seinem eigenen Ermessen leben
könne, der nicht zu überlegen brauche, wie Vorgesetzte und

b Z0?-
Collegen sein Thun und Treiben ansähen. und unwillkürlich,
wemn der Kriegsrath dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen
einflößte, dachte der Knabe, daß er niemals ein Beamter werden
wolle, um thun und lassen zu kömnen, was er wolle, und sich
um Niemanden kehren zu dürfen, wie Herr Flies.
Unfähig, in seinem Urtheile das Besondere von dem All-
gemeinen verständig zu sondern, faßte er doch seine Meinung
über die üble Lage der Beamten und über das beneidenswerthe
Loos des Kaufmanns; denn in gleichem Grade, wie bei seinen
Plegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen
wuchsen, gedieh durch die Handelsspeculationen des Vaters Alles
i dem Flies'schen Hause,
Das Nothwendige war im Ueberfluß vorhanden, alles
Ewwünschte konnte man sich bereiten und schaffen. Die liebe-
volle Sorgfalt, mit welcher die Eheleute einander begegneten,
wurde nur von der Hingebung der Tochter für die Eltern
übertroffen. Die alten Dienstboten, die Comptoir-Gehülfen
waren wohl gehalten, kein Armer, kein Hülfsbedürftiger ging
ungetröstet von dannen, und doch waren diese Menschen, die
das Gute thaten, wo sie irgend konnten, keine guten Protestanten,
eine Christen, wie seine Pflegeeltern; doch hatten sie kein Amt,
lein Ansehen vor der Welt, trotzdem die Personen, welche als
iüreunde ihr Haus besuchten, sie achteten und liebten, und Viele,
die er in herablassender Vornehmheit von Herrn Flies sprechen
hörmn, sich heimlich Rath und Hülfe suchend an denselben
dendeten.
Bei seinen Pflegeeltern urtheilte man wegwerfend über die
Iuden, mißtrauisch und widerwillig über die Katholilen, und
di seinen Freunden lächelte man über die Wunder, welche der
nabe in der Schule als Glaubenssätze hinzunehmen hatte.
Iemand ließ es sich besonders angelegen sein, in ihm die den
Inschengeiste innewohnende Folgerichtigleit des Denkens und

--- Z8--
Schließens zu Gunsten der uralten Mythen und der phanta-
stischen Neberlieferungen zu beschränken oder zu verwirren, aus
denen sich das äußere Gewand aller positiven Religionen zu-
sammensetzt. Er hörte, daß sein Vater katholisch sei, auch der
Herr Gaplan, der sich im Verlaufe der Jahre ein paar Mal
nach ihm erkundigen gelommen, war ein Katholik, seine Pflege-
eltern waren Protestanten, die ihm liebsten Menschen, Seba
und ihre Eltern, waren Juden, und Einer wie der Andere
sprach geringschätzend von dem Glauben, zu dem er sich nicht
selbst bekannte. Das zerstörte in dem Knaben unmerklich aber
sicher das eigentliche Glaubensvermögen, und die hingeworfene
Aeußerung der Kriegsräthin, daß der Herr Caplan wohl daran
denken möge, Paul einmal katholisch zu machen, da er ja auch
die Frau Baronin bekehrt habe, brachte diesem frühzeitig den
Begriff bei, daß die Religion dem Menschen nicht angeboren,
nicht unzertrennlich Eins mit ihm sei, sondern daß man sie
wählen oder wechseln könne. Sie däuchte ihm wie ein Stand,
wie ein Beruf zu sein, den man sich erwähle, und da Kinder
leicht von den Zufälligteiten des einzelnen Falles allgemeine
Folgerungen ziehen, überraschte Paul eines Tages Seba und
ihren Freund mit der plözlich ausgesprochenen Erklärung, daß
er nicht katholisch, sondern ein Jude werden wolle.
Man sah ihn verwundert an und lachte über ihn, wie
man über Kinder zu lachen pflegt, wenn man sich nicht die
Mühe nehmen will, ihren Aeußerungen nachzudenken; aber Paul
wiederholte seine Erklärung so bestimmt, daß Herbert, der un
Seba's willen sich ihm zugewendet hatte, die Frage an ihn
richtete, wie er darauf komme.
Sie sagen ja, daß Sie wieder nach Richten fahren werden.
da sollen Sie es dem Herrn Gaplan bestellen, daß ich nicht
katholisch werden willl erklärte der Knabe.
Aber weßhalb denn nicht? fragte Herbert scherzend.

--- Zß --
Paul besann sich. Weil - hob er an, brach dann ab und
üge, als finde er nicht für gut, seine Gründe anzugeben, kurz
ud tocken: Ich will ein Kaufmamn werden wie Dein Vater,
eba. Der ist gut zu Deiner Mutter und behält Dich bei sich!
Herbert und Seba verstanden beide die lange Gedanken-
teihe, welche sich hinter den Worten des Knaben verbarg und
i der sich Richtiges und Falsches, scharfe Schlüsse und auf-
alende Begriffsverwechslungen mit einander nach Kinderart
vemischten; aber Herbert meinte, es sei nicht der übelste Ge-
danle, auf welchen der Knabe verfalle, wenn er Kaufmann
werden wolle. Seba wendete ein, daß der Herr Caplan ein-
mal geäußert, Paul solle, wenn er erwwachsen sei, die Rechte
fudien, da man ihn für den Staatsdienst bestimme; Herbert
jdoch legte darauf kein Gewicht.
Ter Herr Gaplan wird nicht ewig leben, sagte er; und
was dann?
Seba antwortete ihm leise; auch Herbert's Gegenrede
wurde so leise gegeben, daß der Knabe fühlte, man wolle sie
im entziehen; indeß er hatte doch einzelne Worte vernommen,
ud diese reichten hin, ihn in der Voraussetzung zu bestärken,
daß ßin Vater sich nicht eben um ihn sorge, da in Schloß
Kchten Jedermann vollauf mit sich selbst zu thun habe.
Am nämlichen Abende, als Seba sich mit dem Knaben
alein befand, fragte er sie, was sie wohl thun wiurde, wenn
gc Vater sie nicht mehr liebte.
Ich würde mich bemühen, seine Liebe zu verdienen! gab
hm zur Antwwort.
a, wenn Du bei ihm wärest! meinte er; aber wemn man
Iht bei seinem Vater is1?
Dann würde ich suchen, mich so tüchtig und so brav s
en, daß er stolz auf mich werden und mich zu sich rufen
dußtes

= Pßß -
Der Knabe hatte jedoch offenbar einen anderen Beschei
erwwartet, demn er blickte sie unbefriedigt an, als wisse er sch
nicht zu helfen, bis er nach einer Weile, sichtlich beruhigt durch
die Lösung, welche er in sich gefunden hatte, achselzuckend sage:
Freilich, Du bist auch nur ein Mädchen, Du kannst nicht iu
die weite Welt gehen!
Sie mochte das absichtlich gar nicht weiter berühren, demn
je mehr Paul heranwuchs, um so lebhafter entwickelte sich seine
Phantasie, und was diese erschaffen hatte, dessen bemächtigte sch
die schweigende Beharrlichkeit des Knaben und spann es aus
und hielt es fest, bis man bei irgend einem zufälligen Anlaße
es gewahrte, daß er wieder, eine neue und feste Vorstellung
gewonnen, einen eigenen Gedanken gefaßt habe. Jeder selbt-
gewomnene Gedanke ist aber eine Stufe zu der Selbständigleit,
durch welche das Kind sich von seinem Ursprunge ablöt, um
sich als gesonderte Persönlichkeit in die Gesammtheit einzureihe
und in derselben zu behaupten.
Es ist schwer zu bemerken, dieses allmähliche Aufßeign
zur Selbständigteit, schwerer noch, anzugeben, durch welche un-
scheinbaren Mittel und Anstöße es gefördert und geleitet wid.
Es waltet auch hier, wie über allem Werden ein Geheimniß.
das sich in dem Einen langsam, in dem Andern plötzlich en
hüllt, so daß wir bisweilen staunend da stehen und uns fragen
Ist dies dasselbe Wesen, das wir kamnten? Ist dies der Knabe.
der Jüngling, der noch gestern vor uns stand? Wir glauben etk
Wunder zu sehen, weil wir nicht beobachtet, nicht versjandcn
haben, was geschah; und nicht nur an Anderen, auch an ß
selber glaubt man solche Räthsel, solche Wunder zu erleben.
wenn man aus irgend einem Grunde sein Herz nicht prüfc.l-
wwenn man nicht untersuchen mag, was man fühlt und denlt

Kapitel 29

Zwölftes Capitel.
zn der Lage, eine ernste Selbstprüfung zu scheuen, be-
fand die Baronin von Arten sich seit langer Zeit. Sie war
nicht wieder Herr über sich selbst geworden, seit sie es sich und
der Herzogin eingestanden, daß sie Herbert liebe, und seit dieser
vollends durch ihre Schuld das Schloß verlassen hatte, konnte
sie nicht mehr zur Ruhe kommen.
Geheilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der
Leidenschaft einer ersten Liebe, die um so stärker in ihr brannte,
als sie nicht in dem blöden Herzen eines Mädchens, sondern
i der vollbewußten Seele einer reifen Frau entstanden war,
eben so bange vor der Hoffnung, geliebt zu werden, als vor
der Besorgniß, ihre Liebe nicht erwiedert zu finden, suchte sie
Anfangs Trost in dem Rathe des bewährten Freundes, des
Caplans; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und der Einfluß
dtn Herzogin hatten auch Angelika's Verhältniß zu ihrem Beich-
ger angetastet und getrübt.
Wenn der Caplan ihr bewies, daß die Entfernung Her-
ber's nothwendig gewesen sei, sofern sie nicht habe eidbrüchig
derden wollen, so konnte er bemerken, wie sich statt der Reue
ßber ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob
und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Ver-
1ngenheit und der Abenteuer ihres Gatten erinnerte, um in
nen eine Beschönigung für ihr eigenes schwankendes Herz zu
AR? -=== = »--

--- P!- -
mit der Herzogin durchgesprochen, und da die Frauen trotz der
großen Verschwiegenheit, deren sie fähig sind, in ihrem Ver-
trauen keine Grenze kennen, wenn sie den ersten Verrath an
ihrem eigenen Geheimniß begangen, so erfuhr die Herzogin
nicht nur Alles, was Angelika wollte und wünschte, hoffte und
fürchtete, sondern auch Alles, was zwischen ihr und ihrem
Beichtiger geschehen war und geschah. Selbst das stille, heilige
Geheimniß seines Herzens, welches er der Baronin einst als
Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt, wurde der Herzogin
Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt.
Sie tadelte ihn nicht, im Gegentheil, sie lobte, sie be-
wunderte seine Entsagung, aber sie beklagte es, daß sein Leben
nicht reicher, seine Erfahrung nicht ausgebreiteter gewesen, daß
er immer in den engen Kreis der freiherrlichen Familie gebannt
geblieben sei. Sie nannte es ein Unglück, daß er auf diese
Weise nicht habe begreifen lernen, wie es nicht Jedem gegeben
sei, seinen Frieden auf die gleiche Weise zu finden, auf die
gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen, und sie erinnerie
daran, daß es leichter sei, sich von einer sterbenden Heiligen
loszureißen, deren achtender Liebe man sich sicher fühle, als von
einem Manne, dem man in der Absicht, sich selbst zu erretten,
eine Beleidigung zugefügt habe.
Für einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Ge«
fährlicheres, als einen falschen Freund, der ausspricht, was man
sich nicht einzugestehen wagt, der vorschlägt, was man heimlih
ersehnt, und der dadurch in demselben Grade an Herrschafs
über den verblendeten Menschen gewinnt, wie dieser sie über siäs
verliert. Der Einfluß der Herzogin gründete sich auf Angelika'l
Liebe, an deren Entstehung jene weit mehr Antheil hatte, alt
die Baronin es für möglich erachtet haben würde. Diese Liebs
und das aus ihr entspringende Schuldbewußtsein mußten alsj
erhalten, mußten gesteigert werden, wollte die Herzogin ihrd

---- gßZ -
detschaft bewahren. Sie wurde überflüssig, wenn Angelika
gm Frieden mit sich selbst gelangte; ihre Macht in der freiherr-
khn Familie wurde größer, wenn es ihr gelang, Angelika
ud Herbert einander näher zu bringen jund dem Freiherrn
auch nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend
siner Gattin einzuflößen.
Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt,
daß Angelika die Härte bedauerte, mit welcher sie Herbert von
sh aus und aus ihrer Gesellschaft entfernt, und daß sie ihn
oiderzusehen, ihm die Kränkung zu vergüten wünschte, die sie
hm zugefügt, so war sie auch schnell bereit, den Fehler unge-
shehen zu machen, den sie mit ihrem ersten Rathschlusse be-
gngen zu haben fühlte. Sie gestand der Baronin, daß sie
ich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht, daß sie gehofft
Abe, eine kurze Entfernung werde genügen, das Bild des
uagen Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu
dien, und wie sie derselben jetzt keinen anderen Beg zu rathen
osse, als sich nun durch ein völliges und rückhaltloses Aus-
Nechen mit Herbert, wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit
jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne, die
dhwendige Befreiung ihres Herzens zu bereiten.
Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche
r iebenden Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen,
dm ihre ganze Seele gefangen. Indeß Angelika war es noch
V gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen
V ßnden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres
Gns ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie
i empfinden, was er ihr antworten werde, so warf ein
I auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurüc und sie
te ßch unfähig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirnne
JI =oue wa uo opo r
ze

-- ßg--
Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe, und
Herbert zdgerte, zu kommen. In jeder Woche, an jedem Tage
durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn die Zeit der Ar-
beitseinstellung nahte für dieses Jahr heran, und auch der
Amtmann hatte Gründe, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
Endlich, gegen das Ende des Dctober, traf Herbert an
einem Morgen im Amthause ein, und ritt am Nachmittage, als
er den Bau in allen seinen Theilen besichtigt, nach Richten
hinüber. Es war eine sehr quälende Empfindung, mit welcher
er das Schloß betrat. Man sagte ihm, daß Besuch im Hause
sei; er ließ sich melden, wurde angenommen, und heiter und
zutraulich wie in den besten Tagen kam der Freiherr ihm ent-
gegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er Herber
als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte, als den
Sohn eines Freundes, an dem er also doppelt Theil nehme.
Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen
Manieren an den Tag, die ihn so vortrefflich kleideten, aber ß
machten auf Herbert nicht mehr den wohlthuenden Eindruck wi
sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fühlte, daß diese liebens-
würdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher
der Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel, und er sagte sc
daß er ihn selbst mit seiner Freundlichkeit beleidige, da ea
indem er sich es erlaube, ihn nach seiner jedesmaligen Neignnß
zu behandeln, das Rechtsverhältniß zwischen ihnen aufhebe, na
welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mß
denen er verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebührende gleicß
mäßige Behandlung zu verlangen habe.
Der Freiherr führte Herbert darauf in sein Arbeits-Eabinch
das Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, G
war auch gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Ten
pels wieder die Rede, und Herbert, der jetzt eben so viel Schs
davor trug, der Baronin zu begegnen, als er in früheren Tages

--- g0J--
Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen, wußte
n Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals
glaubte er jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen,
welches ihm sonst das Herz bewegt hatte. Aber Niemand er-
iien; und als er auf des Freiherrn Worte, daß er ihn morgen
wiederzusehen hoffe, daß er ihn morgen zur Mittagstafel er-
warie, nothwendige Geschäfte vorgab, die ihn in der nächßten
Frihe abzureisen nöthigten, nahm Jener das an, ohne ihm für
de gegenwärtigen Tag eine Einladung zu machen, und entließ
ihn freundlich, aber eilig.
Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das
Porial des Schlosses hinter sich hatte und als er, durch den
alten, windigen Nachmittag den wohlbekamnten Weg nach
Nothenfeld zurückreitend, die Rauchsäule aus dem breiten Schorn-
fem des Amthauses über die dasselbe umgebenden Bäume em-
powwirbeln sah.
Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte.
Einer der Knechte nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener
he in die bereits geheizte Stube trat, fand er sie leer. Er
ite sich an das Fenster, in welches die helle Gluth des Abend-
nhes hineinstrahlte. Draußen fuhr ein vierspänniger Wagen,
kt einem gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den
df, während die letzten Schläge der Dreschenden auf der Tenne
tllangen, und die Krähen in wählerisch kreisendem Fluge ihr
Iachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe auf-
Ihten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abn
nnte, wie man sie in die Ställe führte, wie die Thüren der
geunen geschlossen wurden, wie die Arbeiter einer nach dem
demn sich entfernten und wie die Gluth und Farbenpracht
B Pimmels erloschen, und in die Dämmerung versanken-
milde Zwielicht, die Warme des Zimmers, das bekamnte
Iaen der alten Uhr, das vom Flur hereintönte, waren ihnt

b Hlsß--
äußerst angenehm. Er wußte, daß seines Bleibens auch hier
nicht sei, aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser
Umgebung, in welcher Alles von der ruhigen Dauer einge-
wohnter Zustände Kunde gab, angenehm besänftigt.
Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das große
Schlüsselbund am Gürtel, in das Zimmer trat und in der
Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb, die ihr beim
Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren.
Ich denke, wie heimisch Eh hier bin!
Heimisch? wiederholte sie; und das fällt Ihnen heute ein,
da Sie eben so lange von uns fort gewesen sind?
Ja, eben deßhalb, denn es ist mir, als sei ich endlich
wieder nach Hause gekommen! Ich bin so gern hier!
Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben
so einfach auf, ohne sich in ihrer häuslichen Thätigkeit stören
zu lassen. Sie langte einen Fruchtkorb aus dem großen Glas-
schranke herunter, füllte ihn mit den frischduftenden Aepfeln
und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zündete darauf
die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster.
Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie nach
einer Weile. Er hat arbeiten lassen, so viel er irgend konnte,
und mir scheint auch, als wäre man im Jnnern mit dem Baue
tüchtig vorwärts gekommen.
Waren Sie dort, liebe Eva?
Ja, alle Tage, versezte sie, und ich habe den Bruder recht
darum geguält, daß er hübsch viel Leute anstellen sollte, fügte
sie hinzu; aber Sie glauben gar nicht, wie er von allen Ecken
und Enden geplagt wird. Sie gönnen ihm jetzt keine Stunde
Ruhe, und es wäre bald nöthig, daß er und ich Alles mit
eigenen Händen thäten. Denn wo ein Knecht oder eine Magd
nur irgend anstellig ist, da werden sie jetzt zur Aushülfe aufs
Schloß und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern befohlen-

-- gG?--
und alles Andere mag sehen, wie es fertig wird. Auch nach
Ihnen haben sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt!
Der Freiherr wußte ja, bedeutete der Architekt, daß ich vor
Ende dieses Monates nicht zu kommen brauchte.
Das hatte er längst vergessen, meinte Eva, denn er hat
jezt an ganz andere Leute und an ganz andere Dinge zu den-
en, als an Sie und Ihren Bau. Meine Mutter pflegte schon
immer zu sagen: Die Herrschaften haben ein gehorsames Ge-
dächtniß! Was sie nicht eben selbst angeht, was ihnen nicht
nöthig oder unterhaltend ist, das vergessen sie.
Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden
Miene in die Höhe, und Herbert schwieg. Er hatte Gelegen-
het gehabt, ähnliche Erfahrungen zu machen, aber er mochte
nicht davon sprechen, sondern verlangte zu hören, wie es Eva
während seiner Abwesenheit ergangen sei.
L, meinte sie, davon ist mancherlei zu erzählen. Ich habe
hier zuweilen sehr vornehmen Besuch gehabt. Die Frau Ba-
ronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen, und hat bei mir
achgefcagt, ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit
und gehdrig besorgen würden.
Sie sprach das mit unverkemnbarem Spotte, und Herbert
dagte, über die Thatsache erstaunt, ob denn die Baronin eine
kandwirthin sei.
O nein, rief Eva; sie wußte auch eigentlich gar nicht,
das sie sagen oder wonach sie fragen sollte,
War sie denn nie zuvor im Amte?
Va, einmal vor Jahren, als sie mit dem gnädigen Herrn
Richten eingetroffen war, und damit half sie sich auch, als
t jzt zum ersten Male hieher kam. Sie sagte, sie wolle das
Ius sehen, ich sollte es ihr zeigen, aber das ganze Haus. Ic
nßte also auch Ihr Zimmer aufschließen, Mosje Herbert, den
s verlangte ausdrücklich zu wissen, wo Sie hier untergebracht

-- 0Z-
wären; und als ich dann die Laden oben bei Ihnen auf-
gemacht hatte, setzte sie sich eine Weile auf Ihren Stuhl an
das alte Bureau, an dem Sie schreiben, sah da zum Fenster
hinaus und rief immer: Welch' schöne Aussicht! Welch' liebliche
Aussicht! Aber von hier sieht man ja das Schloß nicht! Hat
Sie denn kein Zimmer, Mamsell Eva, das nach dem Schlosse
hinaussieht? Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben
sollen! - Ich mußte ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen,
denn sie wollte nicht glauben, daß man hier vom Amte das
Schloß gar nicht sehen könne.
War der Baron mit ihr? fragte Herbert, und es fiel ihm
auf, wie gleichgültig er sich nach der Frau erkundigen konnte,
an die er einst mit so leidenschaftlicher Verehrung und Hin-
gebung gedacht hatte.
Nein, sie kam ganz allein, entgegnete ihm Eva. Sonsst
freilich, als sie noch öfter nach den Leuten, nach den Armen und
Kranken sehen fuhr, da pflegte der Herr Caplan sie bei ihren
Ausfahrten zu begleiten. Seit aber die Frau Herzogin immer
mit ihr ist, haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört, und hier-
her - nun, hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben!
Herbert meinte, das sei also der eine Besuch gewesen, was
die Baronin denn bei den anderen Besuchen gewollt habe?
O, gar nichts, entgegnete Ea. Die anderen Male ließ
sie nur hier halten und erkundigte sich, wann Sie kämen, weil
sie gern ein paar Zeichnungen für die Betschemel in ihrer Kirche
von Ihnen gemacht haben wollte. Vorgestern aber stieg sie aus
das Wetter war sehr schön, und weil sie Durst hatte, befahl se,
daß ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte.
Als ich sie dorthin geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller
laufen wollte, rief sie mich zurück und sagte, sie hätte damalb
oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen, wegen dessen
sei sie eigentlich gekommen, und ich sollte ihr das holen.

---- 10ß --
Hatten Sie es denn nicht gefunden? fragte Herbert, dem
hie Erzählung immer auffallender wurde.
Gott bewahre! Ich sagte das auch gleich, aber die Frau
Baronin meinte, es müsse da sein, und als ich wiederholte, daß
ih selbst eben erst das Zimmer in Ordnung gebracht, weil wir
Sie jezt alle Tage erwarteten, bestand sie darauf, selbst nach-
zushen, weil ihr an dem Notizbuche, in das sie sich nothwendige
Sachen eingeschrieben, gar zu viel gelegen sei. Es müsse auf
dem Bureau liegen geblieben sein, behauptete sie. Sie ging
denn auch gleich gerades Weges an das Bureau, schob die paar
Bücher, welche Sie zurückgelassen hatten, hin und her - als
ob ih das nicht selbst beim Abstäuben gethan hätte -, zog die
gwoße Schieblade auf, was nun erst ganz überflüssig war, und - . - -
Und? fragte Herbert lebhaft gespamnt.
Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte, da ging
ße gerade so fort, wie sie gekommen war, und ich mußte sie
noch daran erinnern, daß sie so starken Durst gehabt und Milch
bsohlen hatte.
Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden
Beise ab, in welcher sie ihn begonnen hatte, Herbert ließ es
auch dabei bewenden. Das war Eva aber offenbar nicht recht.
Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn
zmn Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken
hen, rief sie plözlich Daß Ihnen all diese Besuche nicht
tnmal auffallen, Mosje Herbert, und daß Sie sie ganz ne
ärlich finden würden, das hätte ich nicht gedacht! - Nein,
dGs hätte ich wirklich nicht gedacht - von Ihnen nicht gedachtl
Irderholte sie mit einer Stimme, der man den unterdrückten
en anhörte, und ging hastig von dannen, ohne darauf z
Ien, daß Herbert ihr folgte und sie zu bleiben bat
Ta sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden bego-
deren Gegenwwart er sie doch nicht sprechen konnte, nahn r?

-- g1ß ---
sein Licht und ging auf sein Zimmer. Hier also war An-
gelika gewesen!
Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von An-
gelika's Anwesenheit, aber er fühlte kein Vergnügen dabei. Ihn
überkam ein Mißtrauen und eine Unruhe, die er nicht mehr
empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor
Allem verdroß es ihn, daß er Eva unzufrieden wußte, denn er
hatte sie lieb und war sicher, daß auch er ihr theuer sei. Es
lagen so viel Unschuld und Wahrhaftigkeit in der Weise, in
welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die ganzen Ver-
hältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr, daß
er fühlte, wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen An-
frage bedürfe, damit er in Eva eine Frau gewinne, wie sem
Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie er sie
zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschäfts-
reisen heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben
mussen. War es ihm doch gerade heute bei seiner Ankunft in
Rothenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's freundlichem
Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so
erquicklich, daß er sich kaum enthalten können, sie in seiner Freude,
als gehöre sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drücen.
Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war
auf das vorsorglichste für ihn bereitet; trotz der späten Jahreszeit
stand noch ein frischer Strauß auf der Commode unter den
Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem Bureau.
Er wußte Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigunge
von Herzen Dank, und er hatte sie dafür noch lieber. Inden
zog er die große Schieblade auf, um eiwas aus seinen Papieren
herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben aufgehobc
hatte, hielt er plötzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren-
welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezoge-
lag ein versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen i

---- 41---
Petschaft: aber er zweifelte nicht, von wem er kämne, und ihn
hastig eröffnend, las er die Herder'schen Worte:
Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu dulden,
Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn!
Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte
seine Augen nicht von dem Blatte und von den Worten ab-
wenden. Wenn es wahr wäre? Wenn sie dich dennoch liebte
und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und hätte dich nur
von sich gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwich-
tigen? dachte er.
Er fühlte sich aufgeregt, er fühlte eine freudige Geng-
thuung, aber das währte nur einen kurzen Augenblick und
machte bald einer entgegengesezten Empfindung Platz. Sein
Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel zurück, und
die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht
mehr jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst
mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht
wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder gar das
Spielzeug in den Händen einer Frau werden, die sich, gerade
wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkemnen schien, ihn nach ihrem
Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustoßen, und der
Gedanke, was Eva empfunden haben würde, hätte ein Zufall
oder ihre eigene zärtliche Neugier ihr dieses Papier in die Hände
gespielt, nahm ihn noch entschiedener gegen die Baronin ein.
Er dachte daran, ihr dieses Blätichen zurüczusenden, aber
er war Mannes genug, eine Frau unter keinen Verhältnissen
bloßzustellen, und mit raschem Entschlusse zerriß er das Papier,
nm der Baronin in der Weise zu antworten, die seiner Nei-
Ing für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens
entheben mußte, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden
irauen bewegt.
Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bin-

- -- 11L----
dende Entscheidung zu treffen, mit welcher er ein für alle Ma!
seiner Freiheit entsagte, überkam ihn jedoch jene Unsicherheit,
welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muß. Er war
entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; indeß noch war
er Herr, es zu thun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor
Augen. Sie erschien ihm nur schöner, nur reizender, wenn er
sie sich hier in diesem schlichten Raume vorstellte, wenn er es
sich ausmalte, wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines ge-
liebten Mannes walten möge, und ohne daß er es beabsichtigte,
versank er in Träume eines Glückes, das ihn schwindeln machte
und das weit ablag von dem Vorsatze, den er eben noch gehegt.
Der Hufschlag eines Pferdes riß ihn in die Wirklichkeit zurück.
Der Amtmann kehrte heim. Herbert fuhr sich mit der Hand
über die Stirne; es war ihm erwünscht, daß man ihn wecte,
daß er mit seinen thörichten Phantasieen nicht länger allein
blieb. Er versprach sich, daß sie ihm nicht wiederkommen sollten.
Als er die Wohnstube betrat, sah er beim ersten Blicke,
daß der Amtmann nicht gut aufgelegt war; auch Ewa zeigte
sich mißmuthig und ging ihm aus dem Wege. Man setzte sich
zum Essen nieder, aber es wollte mit der Unterhaltung nicht
gehen. Der Amtmann that einige kurze Fragen an seine Wirth-
schafter, die mit zu Tische saßen, Eva gab die Speise umher,
man sättigte sich, aber es ward kein gemeinsames Mahl, und
nach jedem Versuche, die obwaltende Verstimmung zu verbergen
oder zu besiegen, fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten.
Als die Wirthschafter sich erhoben, erkundigte sich der Amt-
mann, wie ein Befehlender sich das angewöhnt, ob in seiner
Abwesenheit etwas vorgefallen sei, das des Berichtens bedürfe,
Nein, versetzte der älteste der jungen Männer, nichts!
Denn daß der Herr Marquis hier war, wissen ja der Herr
Amtmann wohl!
Ja, entgegnete dieser; aber Herbert sah, daß die Stirne

- 11J - -
des Amtmanns sich röthete, daß Eva's Wangen ebenfalls er-
glühten, und auch ihm stieg es heiß vom Herzen in die Höhe.
Jndeß keiner von ihnen sprach ein Wort. Erst als die Wirh-
shafter hinaus gegangen waren, fragte der Amtmamn, als
lönne er es nun nicht länger zurückhalten: Warum habe ich
das nicht erfahren, Eva?
Weil ich Dir ansah, daß Du selbst Verdruß gehabt hast!
gab sie ihm zur Antwort, und auf ihren beiden Gesichtern sprach
sich eine Bitterkeit aus, welche Herbert früher nie in ihnen wahrge-
nommen hatte. Eva räumte, wie immer, die Geräthschaften fort,
der Amtmann ging in seine Schreibstube, die Schwester folgte ihm
bald nach. Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen; der Ton
verrieth, daß es keine ruhige Unterhaltung sei, und er setzte sich wieder
an der entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung,
um nicht zu vernehmen, was vielleicht nicht für ihn bestimmt
sein mochte. Noch vor wenig Stunden hatte er sich hier so
zufrieden, so heimisch gefühlt, jetzt empfand er mit mamnigfach
erregtem Sinne, daß er doch noch als ein Fremder zwischen
diesen ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde.
Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm. Sie
sahen beide schweigend zum Fenster hinaus. Der Mond war
euporgestiegen, man konnte den Hof mit allen seinen Einzel-
heiten unterscheiden, auch auf Eva's Stirne fiel ein heller
Schein. Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu
slützen, wenn sie einmal müßig war - heute hatte sie, obschon
die Wärme des Zimmers es nicht nöthig machte, ihre Arme
fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen-
Sie war noch immer verstimmt, und Herbert, der sich und ihr
darüber forthelfen wollte, sagte scherzend: Weßhalb machen Sie
ßch so unnahbar, liebe Eva?
Sie antwortete ihm nicht. Er kam auf die Vermuthug-
daß sie mit ihm um der Baronin willen schmolle, und da ee

---- 1T ----
eben aus einer Stimmung in die andere geworfen, also selbst
nicht ruhig war, sagte er mit jenem gebieterischen Tone, den
fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt, von dem er
sich geliebt weiß und das er sich zum Weibe ausersehen hat:
Ich hasse das stumme Schmollen, Eva!
Als ob ich daran dächte! und als ob ich es liebte! ent-
gegnete sie, und er hörte, wie das unterdrückte Weinen ihr die
Stimme zusammenpreßte. Indeß ehe er sie noch fragen komnte,
was geschehen sei, hatte eine der Mägde sie abgerufen, und
rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amt-
manns Stube. Er mußte wissen, was hier vorging.
Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern, und
Herbert äußerte, um die Unterhaltung anzufangen, sein Be-
fremden darüber, daß jener sich noch so spät an die Arbeit ge-
macht habe und sich nicht Ruhe gönne; aber der Amtmann
sagte achselzuckend: Arbeit ist ein Sorgenbrecher, und billiger als
Wein, den man sonst den Sorgenbrecher nennt. Ich weiß mir
nichts besseres, als Arbeit, wenn mir der Kopf recht voll ist, und
wenn ich auf die Weise an den eigentlichen Gegenstand meiner
Sorge gar nicht denke, kommt mir in der Regel der beste Rath.
Der Amtmann hatie damit seinen Platz am Pulte ver-
lassen und angefangen, im Zimmer auf und nieder zu gehen-
Da legte Herbert seine Hand auf Adam's Arm und fragte :
Sollte sich denn guter Rath nicht auch im Aussprechen mit
einem Freunde finden lassen? Ich sehe, daß hier nicht mehr
Alles bei dem Alten steht, und ich mochte nicht fragen, was
geschehen sei, weil ich es allmählich zu erfahren hoffte. Nun aber
mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten, und bitte Sie,
lieber Freund, sagen Sie mir, was Sie und Ihre Schwester drüct,
und ob ich es Ihnen nicht tragen helfen, nicht erleichtern kamnl
Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen-
daß Adam ihm dankbar die Hand dafür drückte. Aber, meinte

=-- PJ--
er, Hülfe und Beistand kann man nur für ein bestimmtes
Vorhaben benutzen, und ich weiß noch nicht, was ich thun soll
und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich möchte!
-- Er hielt ein wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht
vewwirthschaften sehen, was wir hier seit Menschenaltern schaffen
hulfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir mit Herr-
shaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden
baben, ich mag auch die Eva hier nicht länger lassen, und darum
möchte ich selber fort von hier!
Sie, Steinert? Sie möchten fort von hier?
Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal
dunh das krause Haar, wie er es zu thun pflegte, wenn ihm
ewas nicht nach seinem Sinne ging. Hart ankommen würde
eK mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom Liede
sin. Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten; als
ob sie es noch nie bemerkt hätten, daß Roggen, Weizen, Kar-
ofeln und Rüben hierlands nicht wie im Paradiese bloß auf
Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, daß die Bäume sich
nicht von selber pflanzen und fällen, daß man nicht erntet, wo
man nicht gesäet hat, und daß man kein Geld schaffen kamn,
demn man nicht zur rechten Zeit zu verkaufen im Stande ist!
Ran hat kaum Hände genug, jetzt, wo die Kälte und das
schlechte Wetter vor der Thüre stehen, an jedem Tage das
Köchigste zu leisten, und muß Menschen und Pferde nach allen
Elen und Enden herumsprengen, als ob man die Jahreszeit
ausschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
Gas haben sie denn eben jetzt auf dem Schlosse vor?
Iagte Herbert, dem des Amtmanns Aeußerung über Eva im
Nnne lag und der ihn gern von den Beschwerden über die all-
Oeinen Uebelstände zu bestimmten Mittheilungen bringen wollte-
eiß ich's! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigket; ße
en ja alle Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfeß.

-- g1-
bald ein Schäferspiel, wie sie es in Trianon gefeiert, ehe die
Hirtentänze in den Tanz übergingen, den sie ihnen dort mit
der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden,
zu denen Gesellschaft geladen wird! Sie können ja nicht ruhen!
-- Und sich dann besinnend, fügte er hinzu: Jetzt nun ifi's,
wie alljährlich, der Hochzeitstag! Und Gott weiß, ob ein
Mensch lebt, der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Epa
mit dem Allem zu thun? fragte der Architekt, weil ihm das
am meisten am Herzen lag.
Indeß der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Ge-
danlen beschäftigt, um sich durch eine Zwischenfrage von ihnen
abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu Muthe, sagte er,
als stände ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn sich
eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift,
man legt auch wohl die Hand an, es an einer Stelle zu be-
wältigen, aber ehe man sich's versieht, ist's an zehn anderen
Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist verloren.
Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände. Heute, wie
ich nach Hause komme, finde ich eine Anweisung des gnädigen
Herrn, in der nächsten Woche viertausend Thaler auf einen
Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier die Gelder der
königlichen Bank im Vorrath liegen hätte, und wer diese ange:
nehme Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebührt, der
Secretair oder der Diener einer, sondern wieder einmal der
Herr Marquis, welcher immer verdammt dienstfertig ist und immer
gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu bestellen giebt!
Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das
Blut stieg ihm bis zum Halse empor. So muß Eva gleich
morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das
heißen?

-- g1? ----
Jn dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage
ires Bruders zu beachten, nahm der Baumeister sie bei der
Hand. Sie haben vorhin mit mir geschmollt, Epa, sprach er,
und snd so rasch davongegangen, daß ich Ihnen gar nicht sagen
lomnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf
dem Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es is1?
Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge, während
die helle Röthe mädchenhafter Scheu sie überslog. Liebe Eva,
und was antworten Sie mir? fragte er, indem er auch ihre
andere Hand ergriff.
Das würden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht
wüßten! entgegnete sie ihm. Und noch ehe sie das freudestrah-
lende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den bräutlichen Kuß
auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken um-
slungen. So hielt er sie eine kurze Weile umfangen
Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem
ause zu so manchem Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte
als Zeichen ihrer Gegenwart ihren klaren Pendelschlag zu ihnen
hiein, der Bruder blickte bewegt und schweigend auf die Lie-
benden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fühlte
tt doch eine ihm fremde, ernste Ruhe über sich gekommen, seit
des lieben Mädchens Kopf vertrauensvoll an seinem Herzenn
dg, denn in seiner Seele regte sich mit der Liebe für das er-
ddhlte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit,
delche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt
nd ein Vorbild der Vaterliebe und Vatersorge in sich schließt-
Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte
llühlt, um dies schnell vergessen zu lömnen. Sie machte sich
us des Geliebten Umarmung los, warf sich an des Bruder?
Ils und rief, in Thränen ausbrechend: Adam, sei nicht bdse.
lonnte aber doch nicht anders!
Rein, Du solltest auch nicht anders! engegnete er ßelke?-
i Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. s.

---- 11s ---
indem er Herbert die dargebotene Rechte schüttelte; aber die
Augen waren ihm doch feucht geworden, denn er wußte, daß
er diese Schwester, daß er dieses selbstgewisse, thätige und frohe
Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frühe reite ich
aufs Schloß!
Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt
nach dem Schlosse mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu
schaffen habe, und der Amtmann sagte ihm, daß der Freiherr Eva's
Vormund sei, und daß man also dessen Einwwilligung begehren müsse.
Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde nachdenklich. Es
machte sie besorgt, daß ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in
gewohnter Weise entlassen worden war, daß es eben heute Ver-
drießlichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die
Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von
einem Unmuthigen müsse man nichts begehren, denn der suche
gern seinen Unmuth auf Andere zu wälzen. Zudem konnte
von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rothenfeld
zu entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte
sich dies selbst, nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehr-
gefühls besänftigt war.
Der Amimann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft
die Hausfrau nicht entbehren; ein Ersaz für Eva war nicht
leicht, nicht gleich zu finden, und wie lästig ihr die gelegent-
lichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva selbst
in ihnen jezt, da sie verlobt war, noch weniger als früher
irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die
Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie, ohne daß sie Gründe
dafür angab, und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage
verlassen mußte, wünschte sie, daß dieser selbst in einem Briefe
die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Ein-
willigung zu ihrer Heirath fordern möge.

Kapitel 30

Dreizehntes Capitel.
Fe Gaste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der
Laronin, als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief
ds Architekten überbrachte. Er kannte die Handschrift, steckte
das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine Ge-
shäfisanfrage vermuuthen mochte, den Boten anzuweisen, daß
e die Antwort erwarten solle.
Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen
Gäßen, erheitert von dem glücklichen Witzworte, welches einer
dnielben gesprochen, kehrte er in das Zimmer der Baronin
müc, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke
eggeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.
Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander
iamnüber, der Marquis und Renatus ließen das Hündchen der
öaronin auf den Hinterfüßen tanzen oder warfen einen Ball
Inch das Zimmer, dem das kleine, schnellfüßige Thier dann
Vgroßen Sätzen eifrig folgte, und der Caplan höre, den
Ien gegen das Fenster gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das
Me Renschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden, dem helle
Nden und dem Jubel zu, mit welchem der hübsche Knabe
Kn Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchen?
geiiete,
Iuch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seine?
es, aber er hatte nicht mehr Jugend geng, sie dun
Mnliche Theilnahme an dem Spiele zu erhöhen, und noE
z:

-== PZl -=-
dem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock
geküßt, sezte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, daß
er Herbert's Brief beinahe vergessen hätte, das Schreiben zur
Hand, welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete, nachhdem
er es gelesen.
Angelika's Auge hing mit Spamnung an den Mienen
ihres Gatten. Die Herzogin, wie immer bereit, den Wünschen
der Baronin zuvorzukommen, übernahm es, mit ihrer gewohn-
ten Gelassenheit die Frage zu thun, was das Lächeln des Ba-
rons bedeute.
Wenn Sie sich herbeigelassen hätten, unsere Sprache zu
lernen, liebe Freundin, antwortete der Freiherr, so würde ih
sagen: lesen und entscheiden Sie! Denn die Sache gehört im
Grunde vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen! Es
sind Herzensbelemntnisse, ein kleiner Roman!
Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel
ihm auf, daß sie die Jarbe plözlich wechselte. Er fragte, ob
sie sich nicht wohl befände, sie versicherte das Gegentheil; aber
während er der Herzogin erzählte, daß der Baumeister um des
Amtmanns Schwester, um die hübsche Eva werbe, die sein
Mündel sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb,
wie von einem Schwindel erfaßt, plötzlich stehen, sich mit ge:
schlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Ka-
mins haltend.
Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei
auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter, da er
die Erwachsenen um sie besorgt sah. Die Baronin nahm sch
jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter
nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!
Sie trat an das Fenster, welches man für sie öffnete,
schöpfte mehrmals tief Athem und kehrte dann, den Knaben
an der Hand haltend, zu den Uebrigen zuritck, obschon die

-- PZ -
Bässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar
Rühe hatte, ihre Fassung zu behaupten.
G war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis
dahin so heitere Stimmung der Anwesenden gekommen. Der
ßceiherr wußte, daß seine Gattin vor Paulinens Leiche zum
ersien Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher
sidem bei heftigen Gemüthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt
war, und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich. Was
det Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen
haben komnte, war ihm unbegreiflich; indeß er mochte in Ge-
genwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemüht,
den Vorgang vergessen zu machen, sagte er, auf den letzten
begenstand der Unterhaltung eingehend: Herbert drückt sich sehr
gut aus, man sieht, daß er seine Dichter nicht umsonst gelesen
ht. Er ist für Eva eine sehr schicliche Partie. Er ist tüchtig
in sinem Fache, und da er das Mädchen, wie er sagt, seit
dnge im Herzen trägt und .. - -
Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der
Narquis, und mit einem leisen Aechzen, die Hände auf das
Ez gepreßt, sank Angelika ohnmächtig zurück.
Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer
tnfert, die Herzogin folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der
Nde liegen, Niemand dachte jetzt an seine Angelegenheiten.
Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht
chr in augenblicklicher Sorge zu schweben brauchte und der
öaton seine Freundin in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, lan
n sammerdiener fragen, ob der Bote aus Rothenfeld noch
ger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdroß die Mah-
tng den Baron.
ein, schicke Er ihn fort. Ich würde die Antwort sendenl
Pe er. Der Kammerdiener verließ mit dem Bescheide da?
Igmer. Der Freiherr sezte seine Unterhaltung mit der O

--- 122- -
zogin fort, indeß er war zerstreut, es lag ihm Etwas im Sinne,
dem er nicht Gehör geben wollte, aber er komnte den Blie,
den flüchtigen, lächelnden Blick nicht vergessen, den der Marquis
der Herzogin zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen
war. Und was hatte es bedeutet, daß die Herzogin mit zart-
licher Stimme der Leidenden zugeflüstert, sich zu fassen, sich
um Gottes willen zu beherrschen?
Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn
peinigten, in sich zum Schweigen bringen, aber sie ließen ihm
keine Ruhe. Er hörte, was die Herzogin- sprach, indeß er
komte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen. Ihre Worte
berührten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das
auch bald, denn leise ihre Hand auf die seinige legend, sagte
sie im Tone sanftester Begütigung:
Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer
theuren Angelika, Sie machen sich überhaupt unnöthig Sorge
und begehen in der That ein Unrecht, mein theurer Cousin!
Der Baron fuhr jäh empor. Was soll das heißen?
fragte er, und seine Stirne erglühte in stolzem Zorn. Von
wem sprechen Sie?
Weßhalb zögern Sie, fuhr ste einlenkend und bittend fort,
dem Architekien die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll
Ungeduld entgegen sieht?
Der Freiherr athmete auf; aber damit war der Herzogi
nicht gedient, darauf hatte sie es nicht abgesehen, und ihm
keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer Entgegnung gonnend.
sprach sie:
Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat
er denn nicht schnell begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da
er das Unglück hatte, Ihnen zu mißfallen, sich nicht selber die
verdiente Strafe und Buße auferlegt, indem er sich freiwillig
aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbante?

- 12Z -
Die Vorbitte der Herzogin mußte dem Freiherrn auffallen.
Es lag daneben in ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das
in in seiner Unruhe nur noch bestärkte, obschon er sich be-
nühte, es nicht zu hören. Selbst der freundliche Blick der
Hnzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nähe
dieses eindringlichen Blickes zu entgehen, sprach er:
Ich wußte nicht, daß Sie so viel Antheil an meinem
Architekten nehmen, meine Freundin, und Herbert selber war
sch dessen sicher nicht vermuthend.
Die Herzogin lächelte. Antheil an Ihrem Architekten?
widerholte sie. Was ist mir dieser Herbert? Was kann ein
Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es nicht verstehen,
mein Freund, weßhalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern
wollen, sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäußern,
weßhalb Sie ihn hindern wollen, sein zärtliches Herz für die
Zuhunft der Schwester Ihres Amtmannes zu überantnvorten!
ich dünkt, dazu hätten Sie, mein Freund, doch wirllich keinen
knnd, und es ist ja so süß, ein paar Glücliche zu schaffen,
demn die Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigtl
Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit.
k gänzlicher Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit
dner Ruhe. Er hörte, er fühlte, daß sie ihm etwas hinterhielt.
eß sie ihn etwas errathen lassen, ihm eine Mittheilung machen
dchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von irgend
ölem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis
meiden wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Auf-
g drängte ihn zu dem einen hin - aber er zauderte, ihn
betreten. Nur eines Augenblickes leberlegung bedurfte er
Mn war sein Entschluß gefaßt. Er mußte der Herr bleiben
N jedem Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei. nie
erzogin selbst, reichte er ihr die Hand-
Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, imnlc

-- PL--
gütiger als wir Anderen, meine Freundin! Sie haben mich
zur rechten Zeit daran erinnert, daß meine selbstsüchtige Sorge
um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen machte,
grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte
wohl zufrieden bin. Erlauben Sie, daß ich mich entferne, um
mein Unrecht zu vergüten!
Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue
sie sich, ihn umgetimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund,
sie errieth seine Absicht und sie hatte sich auch dieses Mal
nicht geirrt.
Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandie
sich geraden Weges nach dem Zimmer seiner Frau. Er, mußte
wissen, ein für alle Mal wissen, woran er mit ihr war.
Angelika sah müde und niedergeschlagen aus, als er bei
ihr eintrat. Die Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange
erst verlassen hatte, kam ihr unerwartet, seine Haltung, seine
Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt. Er hatte sich
ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche
die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht
gegen eine Frau auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich
manche Verhandlungen zwischen ihm und seiner Gattin, so
schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten oft ge-
wesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegel
sie herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfaßt.
Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Thüren, welche
in die Nebenzimmer gingen, geschlossen waren. Dann ließ er
die Portieren nieder und nahm auf einem Sessel der Baronin
gegenüber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre
Besorgniß; es fröstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich
und kalt aus.
Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelila.
und Du fragst mich nicht, weßhalb ich wiederkomme, hob er.

-- P2--
nchdem er tief Athem geschöpft hatte, mit fester Stimme an,
das beweist für uns beide, was uns zu wissen Noth thut.
Da er sah, daß sie ihm antworten wollte, legte er seine
Hand auf ihren Arm und hielt sie davon zurück. Nur eine
leine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen habe, wird kurz
sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich
hbe Dir keine Vorwürfe zu machen, im Gegentheil, Du wirst
Dich immer in der Lage befinden, mir sagen zu können, daß
Du mit mir das Glück nicht gefunden hast, welches Du Dir
mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.
Höre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres
Mannes mit wachsender Bewegung folgte und auf diese Art
der Unterredung in keiner Weise vorbereitet gewesen war, ihm
angstvoll in die Rede.
Nein, laß mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich,
wie ich Dir einmal sagte: hätte ich die abmahnende Stimme
gekamnt, die Dich bei unserer ersten Begegnung von mir zurück-
helt, so würde ich nie um Dich geworben haben! Denn es
it wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach
aus einander, Du bist nicht glücklich mit mir geworden. Du
gat mir auch viel verzeihen, viel mit mir ertragen müssen in
den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach Deiner
leinung zu verzeihen hattest - dieses Eine gestehe mir wenigstens
i -, das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir
drrbunden. Oder welcher Untreue könntest Du mich zeihen,
dit ich Dir mein Wort verpfändet?
Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz.
Bas ste innerlich auch empfunden hatte, diesen Ton, diese
Irache verdiente sie nicht. Sie war gewissenhaft und demüthig
teit gewesen, sich eines Unrechtes anzullagen, sich einer Ge-
dankensünde zu zeihen, aber gegenüber den Vorwürfen, welche

-=- PZß --
ihr Gatte ihr machen zu wollen schien, empörte sich ihr gerechtes
Bewußtsein, verstockte sich ihr Herz.
Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete,
wiederholte er sie mit dem Zusatze, daß er eine einfache Ant-
wort erwarte. Das steigerte in ihr das Gefühl der Kränkung,
und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich habe
mich über gar nichts zu bellagen, im Gegentheil!
Was soll das heißen? fragte der Baron.
Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden An-
wandlungen des Schmerzes, denen die sanfteste Natur nur
schwer widersteht. War es doch genug, was sie leiden mußte,
war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender Pein,
an Herzenskränkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein
unglücklich sein, nicht allein die Schmerzen der verschmähten
Liebe fühlen. Es sollten Andere unglücklich sein wie sie, und
vor Allem sollte der Mann sich nicht ungestraft als ihr Richter
vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren Frieden, ihr
Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!
Mit jener Wollust des Rachegefühls, die dem Beleidigten
ein wilder, berauschender Genuß ist, sagte sie: Du hatiest sicher-
lich kein Recht zu dem Tone dieser Unterredung, wenn Du mit
Deinen Voraussezungen Unrecht hattest. Aber Du hast Dich
nicht geirrt! -- Sie zdgerte, es stieg noch einmal, wie in
solchen Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen-
ein letztes Besinen in ihr auf; indeß ihr Zorn wollte sich ge:
nugthun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich liebe Herbert!
Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!
Angelika! rief der Baron und schloß die Augen, während
seine Hand krampfhaft die Lehne seines Sessels ergriff.
Es war süill im Zimmer. Beide Eheleute vermochten nichl
zu fassen, nicht zu glauben, was geschehen war. Beide litten.
beide kämpften schweigend in ihren Herzen. Jedem von ihnen

-- P?--
uochte die Ahnung kommen, daß es jetzt vielleicht noch Zeit
sii, jedem von ihnen mochte die heiße Aufwallung durch die
Seele gehen, jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die
Bunde zu heilen, die sie einander geschlagen hatten und die
unheilbar werden mußte, wenn man sie nicht augenblicklich
shloß. Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbst-
suh, die man als gerechten Stolz, als Ehrgefühl bezeichnet,
und satt einander helfend zu befreien, dachten beide nur daran,
sch würdig gegen einander zu behaupten.
Des Freiherrn Züüge waren völlig ruhig, als Angelika
eudlich ihren Blick zu ihm erhob. Weiß Herbert, daß Du ihn
lebs? fragte er bestimmt.
Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen,
wie schwer es ihrem Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu
ehalten.
Weiß er es durch Dich?
Ja! wiederholte sie.
Und die Herzogin - sie weiß es auch?
Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben
sdlte, kam wie mit Einem Schlage das Bewußtsein der Her-
Aoerblendung über sie, die sie fortgerissen und in der die
Egzogin sie gehen lassen, sie bestärkt und weiter geführt hatte.
be sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Füßen und flehte:
sanz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahn-
Ign, der mich ergriffen hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so
Iuldig, als Du wähnst! Glaube mir selber nicht, den Worten
t, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir entrissen.
Vdine Strenge, Deine Kälte brachten mich außer mir. Rur
M7n Herz war Dir nicht treu, nur meine Phantasie lonnte
dergessen. Ich bin ja Dein, Dein allein, wie ich es fet?
esen! Komm! mir zu Hülfe, Franz! Komm' der Muttee
es Sohnes zu Hülfe -- daß sie sich wiederfinde i

-=- HZ--
Lebe zu Dir und ihm! Komm' mir zu Hülfe, Franz, durch
Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie - ich Dir einst durch meine
Liebe und Geduld zu Hülfe gelommen bin!
Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da
sie sich in seine Arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand
und nöthigte sie, sich niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre,
seine Eitelkeit hatten eine Kränkung erfahren, die er nie ver-
gessen konnte. Er hatte Angelika niemals leidenschaftlich geliebt,
aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau. Jetzt,
da er zu erkennen glaubte, daß er sie überschätzt, jetzt, da sie
sich selber eines Treubruches anzullagen hatte, auf dessen Mög-
lichleit manche Aeußerungen der Herzogin, wie er jetzt nach-
träglich begriff, ihn schon öfter behutsam hingewiesen hatten,
jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor ihr gede-
müthigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn er-
hoben, und zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein, daß es
einst einen Tag gegeben, an dem er diese Frau und ihre strenge-
makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte.
Was er in diesem Augenblicke verlor, komnte keine Zu-
kunft ihm wiederbringen, aber Eines konnte er erretten =- Eines
konnte er gewinnen, und er war entschlossen, diesen Vortheil
nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und seine Ge-
walt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle
Mal begründen.
Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe,
und sei unbesorgt, Du hast es mit mir, mit einem Edelmanne
e er betonte das Wort sehr scharf, und sie verstand seine Mei-
nung -- mit einem Edelmanne zu thun, der nie vergessen kann-
was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu
sagen hätte, das wird Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparrn-
denn ich wiederhole Dir: ich habe das Wort als Mann geha:
ten, das ich Dir einst verpfändet. Du hingegen - - - -

b 1Z9-
Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die
Wränen ihr aus den Augen stürzten, muß ich Dir es wieder-
holen, muß ich es noch einmal aussprechen, das Bekenntniß,
daß mur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
Der Baron preßte in heftigem Schmerze seine Lippen zu-
smmen. Dafür habe ich sicherlich nicht Dir allein zu danlen!
euhgegnete er, und es that ihm wohl, wie seine Gattin unter
diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg. Bald aber
ethob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen,
ich wünschte, ich konnte es; jezt, nach diesem Worte, vermag
ich es nicht mehr! rief sie, und die Klage rang sich wie ein
Schrei aus ihrer Brust.
Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre
Pand fest drückte. Oder willst Du uns zum Gespötte unserer
Lete machen?- Er schwieg, sie weinte mit unterdrückter
Stümme.
Bist Du gefaßt genug, mich jezt zu hören? fragte er nach
einer Pause, in welcher er langsam auf dem weichen Teppiche
hergegangen war. Sie bejahte es.
Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vor-
wurf! Gs ist schwer, der Stimme des Herzens zu gebieten -
habe sie auch einst gehört und bin ihr gefolgt, wie Du!
bieleiht irrke ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein
ntet, zur Gattin wählte; vielleicht irrte ich, als ich Dich
i sehr Dir selber überließ, aber für beides wirst Du mich
Dt tadeln! Ich irrte im Vertrauen, im festen, höchsten Ver-
uemn auf Dich und Deinen Adel! Ich verlange lein Ge-
Indniß von Dir, ich will nicht wissen, was zwischen Dir und
?emn Manne vorgegangen ist, der sein Auge nicht zu der Ee-
hlin des Freiherrn von Arten erheben konnte, wenn sie selbst
nicht dazu ein Recht gab -
Er brach mitien in seiner Rede ab und sagte dan, N

== PZ--
seiner Aufwallung zurückkommend: Ich will auch nicht erfahren,
ob und was Deine rücksichtslose Verblendung der Herzogin
etwa verrathen, oder was des Architekten allerdings nur zu
berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag,
denn man kennnt die Indiseetion der Leute seines Standes; -
Alles, was ich verlange, ist, daß ein Schleier gebreitet werde
über das Geschehene, dicht geng, auch dem schärfsten Auge zu
verbergen, daß mit dem Augenblicke, in welchem ich den Glau-
ben an mein Weib verlor - --- das Band für immerdar
zerrissen ist, das mich ihm verbunden.
Die Lippe bebte ihm, als er die Worte sprach, aber er
stand hoch aufgerichtet und gebieterisch vor ihr, und sie fühlte,
daß es ihm eine grausame Lust war, sie zu demüthigen. Da
begamn aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf zwischen
ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze, aber der grausam
triumphirende Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele
die gleiche Empfindung an, und bleich und kalt, wie er, ver-
setzte sie: Du hast zu befehlen, ich gehorche!
Die Herzogin hat mir heute angedeutet, sagte er, daß ich,
eben ich, keinen Grund hätte, mich der Heirath Herbert's zu
widersetzen und ihn zu hindern, seine Freiheit aufzugeben.
Er hielt inne. Ich muß ihr zeigen, daß ich keinen Grund
habe, Herbert's Gebundenheit zu wünschen. Ich werde die
Einwilligung zu Eva's Verheirathung nicht geben, Bedenkzeit
fordern, und wenn Herbert wieder hieher zurückkehrt, wird er
unser Gast im Schlosse sein, und Du wirst ihn sehen und
empfangen wie zuvor!
Unmöglich, rief Angelika, die Herzogin weiß Alles!
Der Baron verstummte. Er schien unentschlossen, was er
thun solle. Mit Einem Male besann er sich So soll sie die,
Versöhnungsrolle spielen! sagte er. Pöre es wohl, Angelika, ih -
sage, spielen! Denn Du und ich, wir sind für immerdar getrennt! j

= gZ! --
Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füßen. Um
Renatus willen höre mich! Gehe nicht zur Perzogin, sprich
nicht mit ihr! Sprich mit dem aplan! Er sol Dir Alles,
Alles offenbaren, Wort für Wort, was ich ihm anwertraut im
heiligen Vertrauen. Er wird Dir sagen, daß ich Deiner nicht
unwerth bin, Dir sagen, daß Du mir verzeihen kamnst. Sprich
mit ihm, ach, sprich mit ihm! Ihm wirst Du glauben, wenn
Du mir nicht glaubst!
Sie konnte nicht weiter sprechen. Das ganze Gewicht des
Unheils, welches sie auf sich und ihr Haus herabgezogen, indem
sie der Aufwallung ihres gekränkten Stolzes nachgegeben, lastete
auf ihr. Sie erkannte mit Schrecken, was sie gethan, aber sie
hielt es für unmöglich, daß sie ihren Gatten nicht überzeugen,
mit ihren Thränen, ihrer Reue nicht überzeugen können sollte,
wie sie seiner Achtung, seiner Verzeihung, seiner Neigung nicht
unwerth sei.
Indeß des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit
seinem gegenwärtigen Schmerze und Zorne im Bunde. Weit
entfernt, ihn zu besänftigen, beleidigte ihn der Gedanke, daß
auch der Geistliche um ein Geheimniß wisse, welches der ßrei-
herr um jeden Preis verborgen haben wollte, und mit einem
Ausdrucke des Widerwillens rief er: Es fehlte nur noch, daß
Du Deine Leute zu Zeugen für Dich aufrufst!
Die Baronin zuckte zusammen, dann erhob sie sich. Ich
wollte, Du hättest das nicht gesagt! sprach sie mit einer Ruhe,
die beängstigend gegen ihre bisherige Aufregung abstach, und
sch von ihm wendend, schritt sie der Thüre des Nebenzimmers
in. Der Freiherr stand mitten im Gemach. Als sie die
Portiöre aufhob, hinter der sie seinem Blice entschwinden mußte,
fühlte er eine Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau, und
kast unwwillkürlich rief er: Angelika, wir sind allein . - - -
Nein, unterbrach sie ihn, nein! Was ich gefürchtet und

-- 1ZZ --
geahnt, noch ehe sie kam, was ich mir zu meinem und Deinen
Unheile weggeleugnet habe, wie mein Herz mich auch lang
davor gewarnt, - wir sind nicht allein, - die Herzogin stelß
zwischen uns!
Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf. Er hörn
einen Vorwurf, wo er die Hand zu großmüthiger Hülfe unp
Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt hatte. Da
hatte er am wenigsten erwartet, und mit dem Ausrufe: Dg
alte Taltik! verließ er zornig das Gemach.

Kapitel 31

Vierzehntes Capite l.
zm Amthause unterhielt man sich mit jenen Gesprächen
und Erwägungen, welche überall dieselben bleiben, wo ein Men-
schenpaar daran geht, einen neuen Hausstand, eine Familie zu
begründen.
Herbert hatte an Eva, da er sie jetzt als sein künftiges
Egenthum betrachtete, ein ganz neues und höheres Gefallen. Er
faud sie klug und verständig in allem Praktischen, warmherzig
im gegenüber und anmuthig wie ein Kind, wenn sie sich
ihrem angeborenen Frohsinne überließ. Sie schalt Herbert einen
Leichtsinnigen, einen Unbesonnenen, daß er nur daran habe
denken kömnen, sie ihrem Bruder gleich frischweg fortzunehmen,
und wenn sie ernsthaft erwogen hatte, wo Adam einen Ersatz
für sie finden werde, falls er sich nicht selbst zur Ehe entschließe,
ging sie scherzend die ganze Reihe ihrer weiblichen Bekannten
durch, pries deren Eigenschaften, um die eigenen noch höher z
ellen, und versicherte Herbert, daß es doch von den allen keine
gut habe und haben werde, als sie, der Herbert gleich ge
dllen habe, als er ihr bei der ersten Fahrt durch das Dorf
Re ganz unverantwortliche Kußhand zugeworfen.
Indeß troz all ihrer Munterkeit komnte man ihr doch an-
derken, daß sich ihrer allmählich eine heimliche Sorge zu ke:
eistern begann, weil die Antwort des Freiherrn sich so lange
arten ließ. Sie sah verstohlen immer öfter nach der llhr,
l länger der Bote ausblieb, und als der Mittag da wan.
D-
E Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht I

-- PZg-
bemächtigte sich die Ungeduld allmählich auch der Männer.
Man überlegte, ob man einen zweiten Boten nachsenden sollte,
um zu hören, was aus dem ersten geworden sei. Herbert war
unruhig, weil die Stunde, in der er abreisen mußte, um einer
Geschaftsbesprechung nachzukommen, längst vorüber war; Eva
nannte es unverantwortlich, daß man ihr den schönen ersten
Tag ihres Brautstandes so umnöthig verbittere, und Adam,
der sich am wenigsten vernehmen ließ, war im Innern der
Gereizteste.
Es war vier Uhr Nachmittags, als der Bote endlich wieder-
kehrte. Nun? rief ihm Eva entgegen, welche, ihn zu empfangen,
die Thür geöffnet hatte und die Hand ausstreckte, ihm das
Schreiben abzunehmen.
Der Knecht zog den Hut vom Kopfe, drehte ihn in den
beiden Händen herum und sagte: Herr Amtmann, ich kann
nichts dafür, ich habe gewartet und gewartet die ganze, aus-
geschlagene Zeit. . - -
Schon gut! rief Eva, aber den Brief?
Der Knecht sah sie an; nen Brief? Ich hab' keinen
Brief, Mamsell! sagte er.
Inzwischen waren auch die Männer hinzugekommen, und
der Amtmamn fragte, den Knecht scharf betrachtend: Du bringst
keinen Brief?
Nein, Herr Amtmann! Der gnädige Herr wird Antwort
schicken.
Wann? herrschte der Amtmann, dem das Blut zu Kopfe stieg.
Wann? das kann ich nicht sagen, Herr Amtmamn! Das
ist mir nicht bestellt, Herr Amtmann!
Der Amtmamn sagte, er könne gehen, und rief ihn dann
doch noch einmal zurück, um sich zu erkundigen, ob der Herr
Baron vielleicht ausgefahren sei. Der Knecht verneinte das

--- 1ZB- -
auf das bestimmteste, und sichtlich betroffen standen das Braut-
paar und Adam nach des Knechtes Entfernung einander gegenüber.
Was bedeutet das? fragte Herbert.
Der Amtmann lachte bitter. Was es bedeutet? Man
A Sie früher auf dem Schlosse verwöhnt, Herr Schwager,
eil man es so für gut fand, und beweist Ihnen jetzt, daß
nn es nicht nöthig gehabt hätte, Sie also zu verwöhnen!
Eva's Antliz hatte sich verdüstert. Du irrßt, entgegnete
üe, das ist keine bloße Laune!
Keine Laune? wiederholte der Amtmann; nun, wenn's
kine Laune ist, dann ist's, was sie sich am wenigsten versagen
und was eigentlich ihr Hauptvergnügen ist, dann ist's reine
Hillür! Seit sie das vertriebene Franzosenpack im Schlosse
Aben, sind sie wie darauf versessen, es in jedem Augenblicke
z beweisen, daß sie hier noch nach Belieben schalten und wal-
dn lömnen! Aber man bekommt das endlich satt!
Antwort schicken! Was das heißen soll? Antwort kann
dan heute schicken oder morgen oder über's Jahr! fiel ihm
rbert verdrießlich in das Wort, - und nun weinen Sie
wolends darüber, liebe Eva!
Der Bruder schalt sie dafür. O, rief sie, wenn es nichts
ul des Freiherrn Willkür wäre, wollte ich ja nicht weiten,
r dahinter steckt die gnädige Frau! Sie gönnt ihn mir
ct; das weiß ja Herbert auch!
Der Amtmann traute seinen Ohren nicht. Er fragte;
a erzählte, was sie mit der gnädigen Frau erlebt und was
Kd slbst dem Bruder bis dahin mit eifersüchtiger Verschwiegen
vorenthalten, und da dieser in Herbert drang, gestand der
sere es endlich ein, daß er allerdings oben in seinem Schreibn
e ein paar Zeilen gefunden, die -= wenn Eva sie nicht
tingelegt -- ihm wohl von der Baronin gelommen kel
nten. Er versicherte, jene Zeilen hätten ihn auf das höchle
y

186
überrascht, obschon er Angelika früher bewundert und, weil eu
sie nicht für glücklich gehalten, sie auch bellagt und ihr dies
einmal ausgesprochen habe. Indeß sei eben seine Werbung un
die geliebte Eva die Antwort gewesen, welche er der Baronil
auf die von ihr geschriebenen Verse gegeben habe, und.. - -
Geben Sie mir Ihr Wort darauf, rief Eva, ihn unter-
brechend, Ihr Ehrenwwort, daß Sie diese arglistige Frau nich
wiedersehen wollen!
Er konnte ihr dieses Versprechen nicht leisten, denn en
war nicht sicher, es halten zu kdnnen, und da er nicht umhin
gekont, das Geheimniß der Baronin theilweise Preis zu geben
bemühte er sich doppelt, es den Andern darzuthun, wie nach
seiner Kemntniß ihrer Natur Angelika an einer kleinlichen Racß
keinen Gefallen und in derselben keine Befriedigung sinden könng
Der Amtmann lächelte. Ich habe Ihnen schon einmaß
gesagt, meinte er, daß Sie die vornehmen Herrschaften nicß
kennen, und wenn Sie wahrscheinlich besser von der Baroniiß
denken, als solche Damen es zu verdienen pflegen, so kann ih
Sie auch nicht darum schelten. Gegen den Windstoß, dg
krraaarnr
Das Wort verrieth die ganze Erbitterung des Amtman
und verletzte Herbert, aber er vermochte die Baronin eben ß
wenig zu vertheidigen als zu verdammen. Geschmeichelte Eit
keit, getäuschte Erwartungen, unbestimmte Besorgnisse und dch
unangenehme Bewußtsein, seine Braut verstimmt und in einI
ihr peinlichen Lage zurüchzulassen, bedrängten ihn gleichzeith
und erschwerten ihm das Scheiden, das doch endlich nicht weitI
hinausgeschoben werden durfte.
Herbert mußte die Nacht zu Hülfe nehmen, um am näc
sten Morgen rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, und n
ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft, wie ihn die lieblicgg

18??
Einnerungen der beiden letzten Tage und unruhige Gedanken
uaucher Art nicht zum Schlafe kommen ließen, so fanden auch
koa und der Amtmann keine Rast.
Man war übereingekommen, des Freiherrn Bestimmung
s ggen den nächsten Mittag hin gelassen zu erwarten. Hatte
nn se dann noch nicht erhalten, so wollte Adam auf das
Schloß gehen und selber darum bitten. Am Morgen machte
et ßch früher noch, als er sonst pflegte, an seine Arbeit. Er
ewwwies Ea zur Ruhe, da ihre aufgeregte Empfindung sich in
rbhaften Aeußerungen erging, und vermied es danach geflissent-
ih, mit ihr zusammen zu sein.
Als er um die Frühstückszeit vom Felde nach Hause kam,
ngte er: Ist etwas vom Schlosse da? - Eva, die ftill war,
oe mur große Unruhe sie es werden ließ, verneinte es. So
sl der Kutscher anspannen!
Du willst fahren, lieber Bruder?
Ja! Das Reiten macht mich warm! entgegnete er und
aließ sie, ohne weiter mit ihr zu sprechen.
Als er wiederkehrte, hatte er sich gekleidet wie ein Mann
snes Standes es für eine feierliche Handlung zu thun pflegte;
auch seine ernste, zusammengefaßte Haltung war einer solchen ent-
anechend. Während er den Wagen erwartete, trat Ea an ihn
an, und ihre Hand auf seine Schulter legend, sagte sie: Es thut
V ncht leid, Bruder, daß ich Dir Ungelegenheiten veranlassel
Mach' Dir keine Sorgen darum; wer weiß, wozu es gus
Il versezte er.
Eoa rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht, bürstete
den sauberen Tuchrock noch einmal ab und machte sic
er wieder etwas mit ihm zu schaffen, aber sie sprache?
ht mit einander.
Der Amtmann hielt sich innerlich vor, was er dem Inl
vorzustellen gedachte; Eva hätte dem Bruder ger k

- 1I8-
mögen, was sie vor dem Freiherrn gesagt zu haben winschte,
aber sie traute sich nicht, dem Bruder vorzuschreiben, und so
begleitete sie ihn vor die Thüre hinaus, wo der Einspänner
ihn erwartete. Du kommst doch geraden Beges nach Hause?
fragte sie.
Geraden Wegs! versetzte er und befahl dem Kutscher,
zuzufahren.
Wer den Freiherrn sprechen wollte, mußte gegen zwölf Uhr
kommen. Das war nun freilich für seine Leute, besonders für
diejenigen, welche nicht in Richten, sondern in Neudorf oder,
wie der Amtmann, gar in Rothenfeld wohnten, nicht die be-
quemste Stunde, denn es war ihre Mittagszeit; aber gerade
deßhalb hatte der Großvater des Barons es also eingeführt,
und man hatte es beibehalten von Vater auf Sohn, damit
man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen
und nicht unnöthig von den Leuten aufgehalten werden konnte.
Der Freiherr, welcher auf seine Wohlgestalt immer großen
Werih gelegt, neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte
deßhalb angefangen, sich viel Bewegung zu machen. Als man
ihm den Amtmann meldete, gug er eben in Gesellschaft des
Marquis in dem großen Saale des Erdgeschosses auf und
nieder, in welchem man zur Winterzeit einen Theil der immer-
grünen Gewächse aufzustellen pflegte, und da die Sone warm
und hell durch die geöffneten Thhüren hineinschien, so daß es
dem Freiherrn in der Luft behagte, befahl er, den Amtmann
hieher zu senden.
Vermuthlich ein Liebesbote, aber freilich ein etwas robuster,
bemerkte lächelnd der Marquis, nachdem der Kammerdiener sich
entfernt hatte. Ich hoffe, Herr Baron, die Fürbitte Ihrer
Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben. Und sich auf ein
damals übliches Madrigal beziehend, sang er mit seiner schönen
Stimme: Es ist so süß, so süß, zu beglücken!

- 1Z9 - -
Der Freiherr, welcher den ganzen Morgen, obschon er sich
sehr gleichmüthig zeigte, doch nicht gut aufgelegt gewesen war,
lchelte flüchtig und bemerkte: Sie werden es trotzdem bei Zeiten
lnnen müssen, sich den Wünschen der Damen zu widersetzen!
So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten
noch nicht bewilligen? fragte der Marguis, während ein kaum
merkliches Lächeln um seine feinen, sarkastischen Lippen spielte.
Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht
zrüczukommen, mein lieber Marquis.
Der Marquis verneigte sich leicht. Gewiß nicht! rief er,
und als komme ihm eben erst der Gedanke, fügte er hinzu:
llebrigens haben Sie, glaube ich, durchaus Recht, mein verehr-
ter Freund, wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen
Punlte, den man freilich nicht zu schwer nehmen darf, nicht
d unbedingt vertrauen, als die Frau Baronin und der wür-
dige Gaplan, denn im Uebrigen mag sicherlich nichts gegen
Ihren Architekten einzuwenden sein!
Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich. Es lag
im Allgemeinen nicht in seiner Art, solche Einflüsterungen zu
beachten. Indeß gegen seine Gewohnheit fragte er nach einer
Weile: Marquis, was wissen Sie von dem Architekten?
Nur Gerüchte, wemn ich's recht bedenke, versetzte dieser
zurückhaltend, nachdem die Frage an ihn gethan worden.
Und welche, wenn ich bitten darf?
Ich hörte ste neulich, als ich in der Stadt war. Man
annte ihn den Liebhaber von Mademoiselle Flies, von der Toch-
dr Ihres Juweliers, die er freilich nicht heirathen kann - - - -
Und weßhalb nicht?
Ach, eine Jüdin! meinte der Marguis.
Mich dünkt, entgegnete der Freiherr, es haben in der
auptstadt jetzt ganz andere Leute als mein Architekt die Töchter
dicher Juden zu Frauen genommen, und es ist seit Jahren in

g40--
der Welt mehr Auffallendes geschehen, als das. Reich genug
ist Flies, und Sie sagen ja, schön sei das Mädchen auch ge-
worden!
Sich verdammen zu lassen um sie! rief der Marquis und
erging sich in der Beschreibung von Seba's Reizen. Der Frei-
herr hörte nicht darauf. Gs ist mir lieb, dies zu wissen! war
Alles, was er sagte, als eben der Diener anzeigte, daß der
Amtmann warte.
Als Adam in die Gallerie trat, war er unangenehm durch
die Gegenwart des Marquis überrascht, obschon dieser sich zurück-
gezogen hatte und, anscheinend mit einem Buche beschäftigt, an
dem Postamente einer der Statuen lehnte, deren sich mehrere
zu beiden Seiten aufgestellt befanden. Der Freiherr blieb
mitten im Saale stehen, und ohne dem Amtmanne Zeit zu
dem Wunsche eines guten Morgens zu lassen, sagte er: Es ist
mir lieb, Stsinert, daß Er kommt, ich hätte Ihn sonst heute
oder morgen rufen lassen. Mit der Eva und dem Baumeister
ist es nichts; die Eva muß sich's aus dem Sinne schlagen!
Die kurze, rasche Weise, in welcher der Baron von einer
Angelegenheit sprach, die für Adam's Schwester und durch
diese für ihn selbst von der größten Wichtigteit war, und daß
er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise ab-
zufertigen meinte, verdrossen den Amtmann auf das höchste.
Er war gekommen, eine Familiensache ernsthaft mit dem Vor-
munde seiner Schwester zu berathen, und wurde wie ein Lakai,
dem man einen Urlaub abschlägt, stehenden Fußes abgefertigt
und abgewiesen. Obschon er gewohnt war, als Untergebener
vor eines Herrn Willkür Stand zu halten, hatte er doch Mühe,
ruhig zu bleiben, denn hier handelte es sich nicht um seinen
Dienst und um kein Amtsverhältniß. Er trat einen Schritt
näher an den Baron heran und sagte, die Stimme senkend:
Ich würde es dem Herrn Baron sehr danken, wenn er die

»4
Gnade haben wollte, mich in seinem Gabinette anzuhören. Er
blicte dabei nach dem Marquis hinüber; der Freiherr versiand
ihn auch.
Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht! entgegnete er.
Ich habe Beweise vom Gegentheile, gnädiger Herr! be-
merkte Adam bittend.
Die Einrede machte den Freiherrn ärgerlich, dessen seit der
gestrigen Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter
Sinn sich nur schwer beherrschen lassen und nur auf einen Anlaß
gewartet hatte, um sich in einem Ausbruche heftiger Leidenschaft
geg zu thun. Gleichviel, rief der Freiherr, die Sache ist ja
kein Geheimniß: sag' Er, was Er will!
Der Amtmann, welcher nicht ahnen komnte, was im Schlosse
dorgegangen, und der, wie selbstherrisch der Baron auch immer
war, doch eine so grundlos herrische Behandlung sonst von ihm
nicht erfahren hatte, wollte das Anliegen seiner Schwester nicht
unnöthig einer übeln Stimmung ihres Vormundes zum Opfer
werden lassen, und mit mehr Ergebenheit, als in seinem Innern
war, sagte er: Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme, Herr
Baron, so will ich warten -= oder wiederkehren!
Der Baron sah aber in dem bescheiden gethanen Vorschlage
nichts als eine Widersezlichkeit, und eine solche wollte er in
Gegenwart des Marquis nicht ohne Rüge lassen, da dieser,
wie der Freiherr es wohl wußte, des Deutschen im Laufe der
Jahre allerdings mächtig genug geworden war, um vollkommen
zt verstehen, was hier vorging.
Wiederkommen - weßhalb das? Die Sache ist ja lurz
nng, und ich werde Ihm schon sagen, wemn Er mir un-
Eelegen kommt! rief der Baron. Der Baumeister will die Eva
heirathen, und da ist Er wie die Andern alle. Wenn's ans
Deirathen gehen soll, läuft ihnen der Verstand weg! Kennt
Er den Architekten? Was weiß Er von ihm?

---- PZ-
Gnädiger Herr, ich kemne Herrn Herbert nun seit fünt
vollen Jahren, versetzte der Amtmann, dem die Worte de
Barons das Herz aufwallen machten. Er ist mein Freunds
geworden, ich kenne ihn als einen Ehrenmann, und der gnäF
dige Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihreß
Gesellschaft auch nicht für unwerth angesehen.
Das war, mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewählh
haben, sicherlich die unglücklichste Beweisführuug, welcher sicj
Adam bedienen konnte, denn gegen seine Gewohnheit heftigj
auffahrend, rief der Baron: Laß Er meine und meines Hause
Handlungsweise ein fir alle Mal aus dem Bereiche Seineßh
Betrachtungen! Hört Er, merk' Er sich das! Damit Er abes
weiß, woran Er ist, und damit Er es der Eva sagen kannI
woran sie sich zu halten hat, so melde Er ihr, daß einer einj
guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen lönne!
Der Herbert steht mir nicht an, ich traue ihm nicht, und dabeß
bleibt's.
Er wendete sich ab und wollte sich entfernen. Aber auäh
Adan's Geduld war jetzt am Ende. Er konnte es nicht erj
tragen, sich und Herbert, für den er eine herzliche Freundschafs
fühlte, im Beisein des von ihm mißachteten Marquis so unj
würdig behandeln zu lassen, und sich hoch aufrichtend. sagtj
er: Um Vergebung, gnädiger Herr, aber dabei kann's unmögs
lich sein Bewenden haben. Der Herr Baron müßten micj
selber für keinen Mann von Ehre halten, ließ' ich das aus
meinem Freunde, auf dem Manne sizen, den ich nun einmas
als meiner Schwester Bräutigam ansehe! Der gnädige Hert
selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt....
Doch nicht, damit die Eva sich gleich auf gut Glück it
eine Liebschaft mit ihm einlaßt!
Gnädiger Herr, fuhr der Amtmann auf, und seine großen
Augen blitzten - meine Schwester.. .

-- - 14Z - --
Sein Vater, fiel ihm der Freiherr in die Rede, da er
ghlen mochte, daß er zu weit gegangen sei, Sein Vater hat
utr das Mädchen anvertraut, ich habe darauf zu halten, daß
ü leichtfinniger, kein unzuverlässiger Mann es bekommt; ich
hbe des Mädchens Ruf, Glück und Zukunft zu bedenken, und
H ihue ich!
So sollten doch der gnädige Herr vor Allem solchen Leu-
yu das Handwerk verbieten und uns solche Leute nicht ins
dus schicken, die der Eva geraden Weges Jallstricke legen,
iht der Amtmann, dem die Galle überlief, heraus; denn, un-
auwunden, gnädiger Herr, dem Herrn Marquis weis' ich die
Tür, wenn er sich noch einmal in meinem Hause blicken laßt!
Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der
Sdite um, an welcher der Marquis sich vorhin befunden, indeß
d gewahrten, daß er den Saal verlassen hatte, und leiden-
haftlicher, als der Amtmann seinen Herrn jemals gesehen.
nf dieser: Stecken Ihm auch die aufsässigen Gedanken im
üme? Vergißt Er, daß ich Sein Herr bin? Wo is Sein
dus, Er Unverschämter?
Aber grade die Maßlosigkeit des Barons brachte Adam
=r Besinnung, und sich gewaltsam fassend, sagte er: Ich ver-
tst nicht, daß ich in den Diensten des gnädigen Herrn bin.
n ich bin nicht sein Knecht, nicht sein Höriger: Ich bin
N fneier Mann, gnädiger Herr! Wo ich und meine Väter mit
Ien seit langen Jahren Haus gehalten haben, da ist mein
Vus, und ich müßte kein Mann von Ehre sein, wenn ich ds
VJedermann die Thüre wiese, der mit Unehren sich an meine
Iwester wagt!
N war blaß geworden, während er so sprach; auch dc?
derr hatte die Farbe gewechselt. Nun denn, rief er, HanE'
wider Hausrech! Ich will Ihm zeigen, wer hier P

44 ----
ist, da Er's zu vergessen scheint! Er verläßt mein Haus un
meinen Dienst!
Das traf den Amtmann, aber auch dem Freiherrn wc!
nicht wohl zu Muthe, da er das Wort gesprochen. Einen Augen s
blick fühlte Adam, als sinke er in das Leere, indeß den Freij
herrn wollte er das nicht merken lassen, und sich zusammen !
nehmend, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen: Der Her j
RekEadrrr
mir lassen?
Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Barokks
und sein Zornn gegen die männliche Fassung Adam's, in welch, j
jener nur die jetzige ihm so verhaßte Auflehnung des binnge j
lichen Standes gegen die über ihm stehende Glasse des Ade.
sah, verhärtete seinen Sinn.
Mach' Er das mit sich selber ab! gab er dem Amtmank!
kurz zur Antwort, kehrte ihm den Rücken und entfernte si j
durch die Seitenthür, durch welche der Marquis vorhin gegange j
war. Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos au !
seinem Platze, dann ging er langsam durch den Haupteingayl
von dannen.

Kapitel 32

Fißnfzehntes Capitel.
lg war ein schwerer, gewichtiger Schritt, mit dem der
Amtmamn durch die breiten Gänge, durch die hohe Eintritts-
Alle und über die weit hingelagerte Rampe hinabschritt, aber
du Herz war ihm noch schwerer. Was er jetzt erlebt hatte,
os ihm eben jetzt widerfahren, war keine Kleinigkeit. Sieben-
undzwanzig Jahre hatte sein Urgroßvater die Arten'schen Güter
ewaltet, achtundvierzig Jahre sein Großvater. Zu seines
katers Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige Dienstzeit
dn Steinerts auf Schloß Richten feierlich ,Jegangen. Der
=ihverzierte silberne Pokal, den der Freiherr damals seinem
Imtmanne verehrt, stand noch mit dem Eichenkranze, der frei-
c wel! geworden war, voran im großen Glasschranke. Seit
oI Jahren, seit seines Vaters Tode, wirthschaftete Adam nnn
Ir den Baron, und als er die Stelle angetreten, war er mit
M guten, festen Glauben darangegangen, hier zu leben und
schaffen und zu sterben wie die Amtleute vor ihm, wie sein
Iater und dessen Vater auch.
Illerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände
I sehr verändert. Er konnte nicht mehr, wie sein Vater
? gethan, am Neujahrstage es dem Herrn vermelden, daß
welchen Neberschuß die Giter eingetragen. E war set
acht Jahren immer mehr aufgegangen, als man eingeneIk
7 hatte; der Kirchenbau, die Unterstüzung der vielen FlüEf

-=-- Lgß -
linge, das breite, keinen Zeitverhältnissen sich unterordnenO
Gesellschaftsleben und die große Prachtliebe des Barons, welc j
von der Herzogin genährt ward, hatten in wenig Jahren nicj
nur die angesammelten Gapitalien aufgezehrt, sondern, da ma j
in den letzten Jahren oft schnell das Geld gebraucht, mamnigj
fache Anleihen nöihig gemacht, für die man bei den unruhige.,
Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen, die man nichj
immer gleich zu decken im Stande gewesen war und welchs
neue Anleihen erfordert hatten. Freilich waren diese Verlegen!
heiten durch Aufnahme einer Hypothek auf Rothenfeld, ins
welcher Adam, um keine fremden Hände an das Gut heran,
zulassen, durch Herrn Flies sein und Eva's Vermögen angelegts
für den Augenblick beseitigt worden und wenn Adam sich auchs
Sorge darüber machte, daß schon wieder neue Wechsel für denj
Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als
ein Anderer die Hülfsquellen der Arten'schen Besitzungen ge!
kannt und sich damit beruhigt, daß Alles noch auszugleichens
und herzustellen sei, wen man einmal mit dem umnützent
Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig ges
worden sein würde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechß
nungen, seine Plane angelegt; all sein Sinnen, all seine Krafj
und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser Güter geß
knüpft. Von früh auf, durch eine hundertjährige Vergangenß
heit, durch alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt, das
Schicksal der Steinert's mit dem der Herren von Arten, denen sie
dienten, unzertremnlich verbunden zu denken, war ihm erst inj
den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommenF
daß es so nicht immer gehen, daß Verhältnisse eintreten könnF
ten, unter denen er nicht im Stande sein würde, die Herrschafs
weiter zu bewirthschaften. Gs hatten ihm das jedoch so ent(
nrnnarrar l

b= PaF -
-er von den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem Hause in
zTehenfeld gesessen, von einem der Freiherren, von seinem
zeihern mit Schimpf und Schande von Haus und Hof ge-
Aeben werden könne, daran hatte er in keiner Stunde seines
Aens noch gedacht. Um so härter trat das Ereigniß vor
: hin, um so fester mußte er sich ihm gegenüberstellen, und
e hat das auch. War er doch nicht der erste Mensh, dessen
Shicsal eine plötzliche Umwälzung erfuhr; war er doch nicht
Ailos, wenn er diese Güter nicht mehr bewirthschaftete! Die
äeinerts hatten ein hübsches Vermögen zusammengebracht im
ihen Dienste der Herren von Arien, und es stand ja in
Ar Bibel, daß denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten
Fechen müsse. Wer weiß, wozu es gut war, daß es hier
nt Einem Male mit ihnen zu Ende ging! Stand es doch
icht in den Sternen geschrieben, daß die Steinerts immer nur
Itleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnn-
m Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Füße stellen, besser als
undert Andere, denn sie hatten die Kemntnisse und das Ga-
al dazu.
Es half aber nichts, daß Adam sich dies Alles vorhielt
daß dies Alles seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch
ht sich nicht mit Einem Schlage von seiner Vergangenheit
und wo er's thun muß, blutet die Wunde noch lange nae-
Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und it
vertrauten Auge über die Gegend hinsah, fand er sich mit
sm durch seine Sorgfalt dafür verknüpft. Er kamnte jeden
Vm, jeden Strauch. Für jeden Acker hatte er gesorgt, Vc
V bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in de
I Jahren pflanzen lassen. Die Pferde, welche der Kneet
Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem lezten Markte
Vuft; der Knecht war auf dem Hofe in Rothenfeld gekecs
I twwwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Pirt, mnn M

---- P18--
Mittag vorüber war, noch einmal auf die Stoppeln hinaus-
führte, hatte Adam's Großvater den Stamm gekauft, und
Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in
Sachsen gewesen, von dort her eine edlere Race einzuführen.
In wessen Hände das nun kommen wird? dachte Adam.
Es wird's nicht leicht einer so gut halten, wie wir gethan!
Es wird Manches drunter und drüber gehen, wenn einer
darüber geräth, der's nicht zu übersehen und zusammenzuhalten
weiß! Und gar, -= wenn ein Unredlicher darüber käme!
Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es den
gelommen, das arge Zerwürfniß? Was war denn eigentlich
geschehen? Und war es denn nicht zu vermeiden gewesen?
Er komnte es noch nicht begreifen. -- Mit großem Bedachte
ging er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort für
Wort wiederholte er sich Alles. Er brachte die Anwesenheit
des Marquis, die Gemüthsart des Barons, sein gebieterisches
Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag,
die der Herr über ihn geübt, weil er ihn von Kindesbeinen
aufwachsen sehen. Er erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf
die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn gesprochen, aber er
komnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefühl und
sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der bloßen,
launenhaften Willkür brauchie er sich nicht zu unterwerfen. Er
konnte mit seiner einzigen Schwester Zufriedenheit und Glück
nicht also spielen lassen, denn es war klar, aus welchem Grunde
immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demüthigen und kranken
wollen, und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage,
dies hinnehmen und ertragen zu müssen. Es war also gut-
ganz gut so, wie es gekommen war.
An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon
glaubte er vollstandig Meister über den erlittenen Eindruck ge-
worden zu sein, als sein Wagen in das Thor des Amthofes

-- P19- -
einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich unter den
mächtigen Bäumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgroß-
vater es erbaut. Die Bäume aber waren weit älter. Neber
diese Treppe war sein Vater als Bräutigam mit seiner Mutter
eingezogen, über diese Treppe hatten sie Vater und Mutter zur
letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der
Treppe hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach
der Kirche gefahren waren. Alle seine Erinnerungen knüpften
sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus; alle seine Hoff-
nungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt, und
es that ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner Thüre
anlangte, der Gärtner ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte
und über den Zaun hinauswarf.
Entwurzelt! murmelte er unwillkürlich, und es lief ihm
kalt durch die starken Glieder. Aber der Mensh ist kein Ge-
wächs! sagte er sich zum Troste, denn eines Trostes fühlte er
sich bedürftig.
Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fuß auf
den Boden gesetzt.
Geduld, versetzte er, laß mich nur erst in die Stube hin-
ein! -- Sie sah, daß etwas ganz Unerwartetes geschehen sein
mußte, ließ ihn vorangehen und folgte ihm.
Der Amtmann hing den Hut an den Ragel, legte die
Handschuhe zur Seite und wandte sich nach seiner Stube, um
seine Kleider zu wechseln. Es drängte ihn nicht, das Schwere
auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die Schwester
erkrug es nicht länger. Sie trat behutsam an ihn heran,
legte den Arm auf seine Schulter und sagte: Du bringst
nichts Gutes, Bruder! Du hast um meinetwillen Unannehm-
lichkeit gehabt!
Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. l.

--- 150 --
Aber dennoch Unannehmlichkeiten? = Er bejahte es kurz. -
So billigt der Baron die Heirath nicht? fragte sie kleinlaut.
Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst
jetzt wieder in den Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich
selber denkend, sagte er: Ach, das ist ja das Wenigste!
Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief
Eva, der des Bruders sichtliche Erschütterung allmählich immer
klarer wurde, um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Er sezte sich hin und zog sie neben sich. Mach! Dich
bereit, Schwester, sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hören;
es hat mich auch gefaßt, als ich's vernahm! -- Er hielt inne
und sagte damt: Es ist aus zwischen uns und ihnen - wir
gehen fort von hier!
Adam, rief das Mädchen, Adam, das ist ja gar nicht
möglich! Wir, wir sollen fort von hier, von hier?
Ihr Ton erwecte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du
wärst ja doch bald fortgegangen! sagte er, um sie und sich
zu trösten.
Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn
mit ihren Armen, und ihre Thränen fielen nieder auf seine
Brust, und das Herz ward ihm so weich, daß er keines Wortes
mächtig war. Draußen tickte die große, englische Stehuhr ihren
altgewohnten Pendelschlag, im Hofe plätscherte das Wasser des
Rohrbrunnens in das weite Becken.
Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das
Wasser werde ich nicht lange mehr fallen hören! dachte er,
und er hatte Noth, die eigenen Thränen zurückzuhalten, deren
er sich schämte.
Mit tiefem Athemzuge siand er auf. Jetzt, da Eva es
wußte, hatte er überwunden. Sei verständig, Mädchen, sagte
er, und mach' uns beiden das Herz nicht umnütz schwer!

- 15! - -
Richten und Rothenfeld sind nicht die Welt, und ich denke,
wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns
befehlen kann - und bald Gott dafür danken, daß wir frei
sind, Du und ich! Laß den Christian satteln, er soll hente
bis Feldheim reiten, so erfährt Herbert morgen Mittag in
Kerben, was geschehen ist, und Du mußtest es ja auch erfahren!
= Komm' zu mir, wenn Du den Befehl gegeben hast.

Kapitel 33

Sechszehntes Capite l.
Hem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums
Herz. Er hatte zu viel Ehrgefühl und Stolz, um es nicht
schwer zu empfinden, wenn er sich sagen mußte, daß er einem
seiner Untergebenen ein Unrecht gethan, und in diesem Fallc
befand er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber. Dazu hing
er am Hergebrachten, am Gewohnten mehr als er es sich selber
eingestand, und die Herren von Arten hatten sich immer etwas
damit gewußt, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlechk
in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehdrten nach
der richtigen Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz
und noch war er niemals in der Lage gewesen, sich eines
Theils desselben zu entäußern. Es wäre ihm hart angelommen,
sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Ge-
räthe zu trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen
Familie so lange mit den Erinnerungen seines Hauses ver-
bunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und er hatt.
den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, dae
komnte und mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen,
tüchtige und brave Menschen. Einen treueren Beamten als den
Adam konnte er nicht finden.
Er ging mit sich lange und ernsthaft zu Rathe. Wären
die Zeiten gewesen wie früher, so würde er vielleicht nicht an
gestanden haben, am nächsten Tage den Amtmann kommen z
lassen, ihm, der im Grunde ja noch ein junger Mensch war

---- 15Z---
Lopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen,
daß er ihm vergeben, ihn in seinem Dienste behalten wolle,
ud Adam würde das dankbar angenommen haben. Aber die
Fiten hatten sich gewaltig geändert, seit die Revoluton in
stankreich ausgebrochen war, seit man dort den edeln, unglück-
ichen König enthauptet und eine Staatsverfassung, eine Republik
eingeführt hatte, in der Gewerbtreibende und Gelehrte, Leute
ohne Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines
angefammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und
ds Blut der edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten.
In Adam's Worten: Ich bin ein freier Mann! hatte der
Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die Men-
shenrechte verkündet, all diesen Leuten im Kopfe spukte, und
das war es gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch
Hi ein verzeihendes Einlenken als völlig unthunlich erscheinen
lß; denn undenkbar war es nicht, daß der Amtmamn, wie
de Welt jetzt aussah, es verschmähte, die dargebotene Begnadigung
anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden!
Iam war auch ganz der Mannn danach, mit jeinem ansehnlichen
kemögen lieber selbst den Gutsherrn machen zu wollen -
dnd was dann?
Der Freiherr konnte, durfte nach seiner leberzeugung nicht
derrufen, was er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit
e Menge von Unbequemlichkeiten und Sorgen über sich ge:
dmen, aber es blieb ihm nichts übrig, als den Sohn des
Vaven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über einen
Er von dannen gehen zu lassen. Demn gegen Herbert und
war er thatsächlich nicht gerecht gewesen, und an Allem den
g. wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder die Schuldl
ßnwwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brß-
brannte er ihn immerfort, der Schmerz: Angelia lieke
ert, sie selbst hatte es ihm gestanden, fast ohne sein Zutd-

-- PH4- -
freiwillig gestanden! Er war sehr unglücklich! -- Der Caplan,
die Herzogin wußten es, ja -= und was das Schlimmste war,
es wußte es auch der Marquis!
Er hatie diesen niemals gern gesehen. Die große Leicht-
fertigteit desselben, seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die
Weise, in welcher er sich über seines Königshauses, seines Vater-
landes und über sein eigenes Schicksal fortzusetzen wußte,
däuchten dem Freiherrn eines Edelmamnes nicht würdig. Daß
der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von
dem Amtmanne, von einem seiner Diener, anklagen zu hören,
daß der Marquis ihn dazu zwang, ihm Vorstellungen zu
machen, war ihm widerwärtig -- und ernstliche Vorstellungen
mußte er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach ähnlich
klagende Berichte zu des Freiherrn Ohr gedrungen.
Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen.
Seine Nerven waren abgespannt, sein ganzes Wesen bedrückt,
und das nasse, bleifarbige Gewölk, das keinen Somenstrahl
hindurchließ, die unbewegte, schwere Luft des schwülen Herbst-
tages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben.
Die Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber
gegangen, der Baron, äußerst mäßig in Speise und Trank,
hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein getrunken, um
zu vergessen, was ihn drückte, oder um sich wenigstens über die
ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Haus-
genossen hinweg zu helfen. Während man speiste, bestellte er
sein Pferd, um auszureiten, indeß der Nebel, welcher den ganzen
Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener Regen ver-
wandelt, denen man es ansieht, daß sie lange währen; und
weil er Luft und Bewegung nöthig hatte, nahm er wieder z
der Gallerie -- so nannte man jenen Saal im Erdgeschosse
seine Zuflucht. Dorthin folgte ihm wie gewöhnlich der Marquis.
Es war dem Freiherrn eben recht.

- - J--
Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals
schweigend in dem Zimmer auf und nieder gegangen waren,
sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht davon gehört, Marguis,
daß ich meinen Amtmann entlasse?
Nein, versetzte der Marquis, aber Sie thun sicherlich sehr
wohl daran!
Weßhalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den
dourgeois gentilhomme. Er ist sicherlich einer von denen,
die auch bei Ihnen gerades Weges auf die sogenamnte Freiheit
und Gleichheit lossteuern würden, wenn man sie nicht im Zügel
hielte. Er wußte ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und
wer er war! rief der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich
dem Freiherrn damit angenehm zu machen.
Aber er verfehlte seine Wirkung. Es verdroß den Baron,
seinen Amtmann von dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam
dorwerfen zu lassen, daß er ein Ungebührliches unter seinen
Leuten geduldet habe, und mit der ihm eigenthümlichen stolzen
Würde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so
ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind
und was uns ziemt!
Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegen-
wärtigen Abhängigkeit jenes Ehrgefühl nicht verloren, an welches
der Freiherr seine Mahnuung erhob, es hatte sich im Gegentheil
durch seine jezige Lage steigern müssen, da es mit seiner an-
muthigen Person das Einzige war, was ihm von den Umständen
nicht genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf
hochfahrend zurückgeworfen, um sich damit der hohen Statt-
lichkeit seines Beschüzers wenigstens im Aeußern so viel als
möglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch.
zu erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
Es war seit gestern das zweite Mal, daß ein jüngerer

-- 15G -- -
von ihm abhängiger Mann, ein Mann, dem der Baron sich
in jeder Rücsicht überlegen wußte, sich ihm herausfordernd und
auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwwillkürlich sagte
er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den
Marquis ermuthigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes
Blut in Wallung, und lebhaft auffahrend, rief er Vor allen
Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt, es mir zu ersparen, daß
meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten
meines Gastes beklagen müssen. Sie haben die Tochter meines
Reitknechtes verführt, mein Unterförster hat sich über Sie zu
beschweren gehabt, der Amtmann - . - -
Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Fran-
zosen, entweder weil er diese Art von Vorwürfen nicht eben
erwartet haben mochte, wirklich eine komische Wirkung heroor,
oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der Ver-
legenheit entziehen zu können, denn er rief lachend: Earbleu,
mein Herr Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wäre mir
allerdings lieber gewesen, aber weßhalb wollen Sie einem
jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib gleich
zum Verbrechen machen? Jrre jch mich nicht, so haben auch
Sie sich seiner Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl
zu bescheiden verstanden, Herr Baron!
Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm
in den Falten seines Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen,
nicht von mir, Marquis! sagte er mit scharfer Betonung. Der
Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht
wider Sie zu brauchen, und ich wüßte nicht, wie ich's ihm
wehren könnte!
Der Marquis sprang einen Schritt zurück, seine Wange
erbleichte. Ich war lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.
Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich
noch in die Lage bringen, einen Edelmann als Gast an

-- - K?--
neinem Tische zu sehen, an den einer meiner Leute seine Hand
ggt hat
Siher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der
Köglichteit entheben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre
ggn mich in solcher Weise geltend zu machen! sagte der
Krguis und verließ mit einer förmlichen und gemessenen
knbeugung die Gallerie.
Der Baron konnte nach seiner letzten Aeußerung nichts
deres von dem Marquis erwartet haben, und doch stand
a mit einer guälenden Empfindung still, als er den Tritt
Helben in dem Nebenzimmer verhallen hörte. Nicht daß eben
zA Marquis sich entfernte, berührte den Freiherrn so unan-
eehm, denn dieser war ihm grade heute wieder sehr miß-
Ig gewesen, aber er selber fand sich wie vewwandelt, und
d war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu
am würdevollen Gleichmaße herangebildet, der eine Aufgabe
ed eine Befriedigung darin gefunden hatte, dies in allen
enslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten, er
dd sch in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn
kies Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen
Atrieb, die er selbst als ungehörige bezeichnen mußte und die
N zu immer neuen, widerwärtigen Erörterungen drängten, in
n Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.
G giebt solche Augenblicke, ich habe solche Zeiten schon
, sagte er, sich zu beschwichtigen, wahrend er mit festem,
Vem Schritte, als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbst-
?ichen Kraft, langsam in der Gallerie umherwanderte-
Mh ein Zeityunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren
von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dan
Vline, die arme Pauline, als ein Glückspfand in mein
aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte. Ee
R ange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild

- - 15s -
ihm wieder lebendig vor die Seele getreten, und er komnte es
jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue, die
ihn sonst gequält hatte. Pauline hatte ihm allein angehört
mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod,
sie hatie keinen Anderen geliebt, als ihn!
Er preßte die Lippen gewaltsam auf einander. Das war
es! Das war es, was ihm seine Ruhe, seine Fassung raubte,
was ihn kein Auge hatte schließen lassen in der Nacht!
Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fühlte
sich in seiner Ehre angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe
seiner Gattin gekostet hatte, stand so tief unter ihm, daß er
die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter Edelleuten
üblich, hätte rächen können, auch wenn er dies gewollt hätte.
Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt, nie wahrhaft be-
glüct; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grund-
bedingungen seines Daseins gehört, und nicht mehr auf dieselbe
rechnen und bauen zu kdnnen, war ein schwerer Verlust für
ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte
dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche
die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren.
Es konnte nicht fehlen, daß er die Frau, welche ihm diese
Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache aller
seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah.
E war sein innerer Kummer, es war sein unterdrückter
Schmerz und Grimm, die ihn sich selbst entfremdeten und die
ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise, fast bis zur
Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelila.
deren Schuld den Bruch mit Adam veranlaßt; auch der ver-
drießliche Handel mit dem Marquis, der ihn die Gesellschaft
seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte be-
rauben komnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude
und eine Ehrensache gewesen war, ließ sich schließlich auf An-

---- 15 -
gelila's Schuld zurückführen, und doch mußte er sie, wemn er
sich nicht selber Preis geben wollte, um seiner eigenen Ehre
willen nach wie vor zu lieben scheinen, während eine kalte Ah-
neigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte.
Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden.
Das wenigstens mußte er zu verhindern suchen. Hatte sie doch
gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr
Haus mit Mißtrauen begrüßt und eben in diesen Tagen ihn
vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen
zugewendet. Er durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie
er meinte, zu spielen gewillt war, aber er versprach sich, daß sie
es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner Freundin Kosten
als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.

Kapitel 34

Siebzehntes Capite l.
Elen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse
nie erlebt. Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis
leistete ihr Gesellschaft. Der Freiherr aß gar nicht zu Nacht,
und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die
aufgetragenen Schüsseln kaum berührt.
Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der
Diener die Koffer des Marquis. Der zweite Kutscher hatte
Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche fertig zu halten, ein
Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der
Stadt geschickt worden.
Man fragte den Diener des Marquis, was dem geschehen
sei, daß sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche. Er
komnte das nicht sagen. Man wollte erfahren, ob dent die
Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wußte er
nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Aus-
kunft erwarten durfte, ließ sich gar nicht sehen. Des Ver-
muthens, des Fragens, des Meinens und des Prophezeiens
war auf den Treppen, in den Vorsälen und in den Dome-
stikenzimmern gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem
festen Abschlusse. Nur das Eine wußte man sicher, die Kam-
merfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen
Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht-
Die Herzogin läßt auch packen, sagte der Dieer, welcher
nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen

--- 16! ----
gehabt hatte, und als ich eben fortging, kam der Herr Baron
den Corridor entlang und ging zu ihr.
E geschah sonst niemals, daß der Freiherr die Herzogin
in ihrer Wohnung aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher förmlich
anmelden zu lassen, denn er wünschte ihr auch in seinem
Schlosse das Gefühl zu erhalten, daß sie Herrin bei sich sei.
Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thüre. Die Kammerfrau
öffnete ihm und ließ ihn ein, aber die Herzogin war nicht an-
wesend. Erst als er nach ihr fragte, trat sie aus dem Neben-
zimmer hervor.
Ihre Haltung, ihr Blick waren noch ruhiger, noch würde-
voller als gewöhnlich, und ohne abzuwarten, was er ihr zu
sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit
sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Gousin, da stehen
wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich
Ihnen oft gesprochen habe, vor einem jener Zufälle, die uns
unerwartet daran mahnen, daß nichts in unserem Leben Dauer
hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen
Sicherheit zu überlassen!
Sie hatte sich mit den Worten auf das Ganapee geseßt,
und während der Freiherr ihr zur Seüe auf einem Sessel
Platz nahm, wies sie, mit einer leichten Bewegung ihn um
Entschuldigung dafür bittend, daß sie in seinem Beisein eine
solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibge-
räthschaften, welche auf dem Tische standen, in ihre Schatulle
einzupacken.
Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr,
indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie
uns nicht dem Schicksale aufbürden, was in unserer Hand
ltegt, meine Freundin! Gönnen wir einem Zufalle, gönnen
wir der Unüberlegtheit und dem heißen Temperamente eines
Ungen Mannes nicht die Macht, dasjenige zu zerstören, was

-- - 1öL--
wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben, unsere Freund-s
schaft, und uns dessen zu berauben, was mir wenigstens eins
Unersezliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ichs
bitie Sie darum!
Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig,!
denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht.-
Er liebte es, mit großmüthigem Herzen die Menschen, welche
in seiner Nähe lebten, zu beglücken, und wohin er in diesem
Augenblicke sah, wußte er, daß man seiner mit Unzufriedenheit
gedachte. Das Schloß, das Amthaus, Alles stand in düsterm
Lichte vor ihm. Alles versagte sich ihm, Alles verließ ihn,
worauf er sich gestützt hatte; und nun wollte auch sie, die be-
währte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit
verknüpfte, der er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand:
eine Heimath und eine Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem
Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne das Gefühl ernie-
drigender Wohlthat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in
Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wäre ihm
ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und
schwere Kränkung seiner Ehre, seiner Standes- und Familien-
ehre gewesen. Sie kamnte ihn auch genugsam, um seine Em-
pfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu
beurtheilen, und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht
verlassen.
Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und
dem Marquis gegeben. Sie befand sich nicht mehr in der
Lage, in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille
durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Ver-
mdgen und Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit wider-
strebendem Herzen gelernt, sich in die Verhältnisse zu schicken,
und sich beschieden, für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit
als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen, welche sie über

- 16
diejenigen ausübte, von denen sich abhängig zu wissen ihr
Stolz nur schwer ertrug; denn es ist das Glück der Herrsch-
üchtigen, daß sie in dem Herrschen an und für sich einen
Genuß empfinden und daß ihre Befriedigung nur bis zu einem
gewissen Grade von dem Gegenstande, über den sie herrschen,
abhängig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhältnisse
jezt lagen, zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile
dabei zu empfinden; sie brauchte nur wie ein geübter Schach-
spieler die Figuren, welche man von beiden Seiten in das
Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um
den rechten Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein ge-
shickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen mußte. Sie
hatte sich ihre Stellung in Schloß Richten zu gewinnen und
zu behaupten gewußt, und sie war ihr lieb und lieber ge-
worden, je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Ver-
hältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution
geeigt hatte.
Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der
Provinz gewesen war, und Hof gehalten hatte in ihrer Weise,
so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Theile Deutsch-
lands festgesetzt, und das Zartgefühl der Baronin, die Groß-
muth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen
ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet. ja, der Freiherr
hatte es in der schonendsten und liebenswürdigsten Art dahin
gebracht, ihr allmählich in Form eines Darlehens ein Nadel-
Eeld auszusetzen, groß genug, auch den Marquis zu versorgen;
nd wenn die Herzogin auch über die Summen, welche sie
empfing, jedes Mal einen Schuldschein zu unterzeichnen ver-
Iangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, daß die
Summen in den Büchern nicht auf ihren, sondern auf des
Freiherrn Namen eingetragen wurden, und daß dieser die
Nuittungen, welche sie ausstellte, stets selbst vernichtete, damit

--- Hß--
sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen die Hec
zogin geltend gemacht werden konnten.
Aus diesem Zustande, dem wünschenswerthesten, welchez
sich augenblicklich für sie denken ließ, hatte der Leichtsinn de j
Marquis sie aufgeschreckt, und wenn dieser seinerseits in de!
Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten Ehrgefühlls
auch an nichts weiter denken komnte und mochte, als den Anj
forderungen des letzteren geng zu thun, so sah die Herzogins
mit jener schnell arbeitenden Phantasie, welche die unentbehrlich.s
und unzertremnliche Gefährtin eines scharfen Verstandes ist,j
sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber, und sits
konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen kömne, wal
ihr zu thun obliege.
Daß der Marquis nicht bleiben, wenigstens für jetzt nichkh
in Richten bleiben kömne, verstand sich von selbst. Aber ebenj
weil er gehen mnßte, war sie zu bleiben genöthigt, denn nurj
auf diese Weise komnte sie ihm die Mittel zu seinem Unterhaltej
schaffen; indeß freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da siej
ihren Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte, unds
nach den ersten lebhaften Erörterungen zwischen ihr und demj
Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben, daß sie sich zus
ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dems
Bedauern der Baronin in die traurige Rothwendigkeit versetzts
finde, auf seine großmüthige Gastfreundschaft verzichten und inj
eine ihr so leere und fremde Welt zurückkehren zu müssen,s
gegen deren Dede und Schrecken sie unter seinem Dache, anj
seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnen-s
schlosses eine so friedliche und beglückende Zuflucht gefundenj
habe. Alles, um was sie sich erlaube, ihn noch zu bitten, sei,s
daß er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch einmal anweisen lasse,;
und daß er ihr vergönnen möge, sich seiwes Wagens und seiner!
Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu

==- PiJ---
uernachten denke und in der sie Postyferde für ihr weiteres
Fortkommen finden kömne.
Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen
slch ein Schreiben eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn
machen würde, und sie hatte sich nicht darin getäuscht. Es war
i der Voraussicht seines Besuches gewesen, daß sie Befehl ge-
geben hatte, hier und da einen der Gegenstände und der Ge-
nüthschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der
Freiherr an ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war,
aus dem Gemache zu entfernen, und in der That bedünkte ihn
diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten Form ver-
ktaut gewordenen Umgebung unheimlich.
Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schloß
nicht zu verlassen, nur mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer
Mienen antwortete, sprach er nach kurzem Schweigen: Hören
äie, meine Freundin, wie draußen der Wind die starren Aeste
der Bäume schüttelt, das Jahr geht abwärts, das Wetter ißt
chlecht! Er hielt inne, nahm dann ihre Hand und sagtet
Iuch unser Leben, Margarethe, wie wir uns gegen diese Er-
lemntniß in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen, ist kein
aufßteigendes mehr, der Weg wird übersichtlich, welcher noch
ddr uns liegt, und was wir auf demselben an Glück noch
ekwa finden könnten, das sollten wir freiwillig nicht vermindernl
Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie dürfen
öie Ihr Schicksal dem meinigen vergleichen, theurer Freund?
öie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen fröhlich und gesund
ranwächst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimath, Sie besen
e Liebe einer jungen, edeln Frau! -- Aber was fehlt Ihnen-
eln Freund? rief sie, sich plözlich unterbrechend. Was habe
den gesagt, das sie betrübt? Oder ist es nur der flacerde
Vchein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich erscheinen mack?
Der Freiherr zögerte, ihr zu aniworten, weil er zum erI
F Le wald, Von Geschlecht zu Gesclecht. I

16G
Male die Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete
es, daß sie ihn auf die Liebe seiner Gemahlin hinwies, sie, der
Angelika das unglückliche Geheimniß ihrer Liebezu dem Architekten
anvertraut hatte? Es widerstrebte ihm, sich der Täuschung
hinzugeben, die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien,
es widerstand ihm eben so, ihr zu bekennen, daß er ihre Ab-
sicht durchschaute; aber sie ließ ihm zum Ueberlegen keine Zeit,
denn mit größter Wärme seine Hände ergreifend, rief sie O,
mein Freund, wäre ich so unglücklich gewesen, eine schmerzhafte
Saite in Ihrem Leben zu berühren? Wüßten Sie etwa, was
ich Ihrer Kenntniß vorenthalten zu sehen hoffte, daß selbst
diese schöne, edle Natur . . - -
Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der
Hand. Lassen Sie das, lassen Sie das, meine Freundin!
sagte er. Es ist nicht weise, von einem Unwiederbringlichen zu
sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen, besonders
wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine
erlittene Täuschung fortzuhelfen vermag; und ich darf es leider
sagen: meine letzte Täuschung liegt jetzt hinter mir! -- Er
seufzte, unterdrückte, was er noch sagen zu wollen schien, und
sie schwiegen beide.
Sie lönnten mich tadeln, nahm nach einer Weile die Her-
zogin das Wort, daß ich Sie nicht benachrichtigt, daß ich über-
haupt das Vertrauen der armen Angelika angenommen habe.
Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen, und da mir
der Eindruck, welchen jener junge Mann auf die Baronin seit
dem ersten Tage seiner Ankunft gemacht hatte, nicht entgange
war, wußte ich keine besseren Hände für die Bewahrung des
traurigen Geheimnisses, als die meinigen. Ich brachte sie dahin,
sich mitzutheilen, ich selbst enthüllte ihr, was in ihrer Seele
vorging, damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos
iberließ; ich that, was in meinen Kräften stand, sie zu zerstreuen.

- -- P6?
O, es war nicht meinetwegen, daß ich Sie immer wieder an-
trieb, neue Gäste einzuladen, auf neue Vergnügungen zu simnen!
Und es ist wahr, die Baronin hat mit sich gekämpft, mit sich
gerungen lange Zeit; aber Sie kemnen das Frauenherz und
seinen zärtlichen Eigensinn! Sie kennen die unbezwingliche Ge-
walt der Leidenschaft! -- Sie brach plözlich in ihrer Rede ab.
Ja, ich kenne sie, sprach der Freiherr dumpf, ich kenne
sie! - Er erhob sich und trat an das Fenster. Die Nacht
war sehr finster. Eine Weile ließ die Herzogin ihn stehen, dam
näherte sie sich ihm, legte ihren Arm leise auf den seinigen und
sagte: Es thut Ihnen nicht gut, mein Freund, so schweigend
in das Dunkel hinaus zu sehen. Richten Sie sich auf, mein
Freund! Es giebt kein Nebel, das unheilbar wäre, wenn man
es ernstlich zu heilen wünscht!
Sie irren, meine Freundin! entgegnete der Freiherr.
O, rief sie, ich glaube an das Eisen, das die Wunde
heilen kann, welche es geschlagen!
Eine Fabel, eine Fabel, wie so vielesAndere, an das wir
auch geglaubt haben! bedeutete er mit trübem Lächeln.
Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, mein Cousin!
bat die Herzogin.
Des Freiherrn Züge- belebten sich. Heißt das, daß Sie
nicht von uns gehen, Margarethe?
Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem
Zustande einander überlassen? rief sie. Muß ich denn nicht
bleiben, um von Ihnen zu erlangen, was Sie mir gewähren,
gleich jetzt gewähren müssen?
Sprechen Sie, sprechen Sie, meine theure Margarethel
sagte der Freiherr.
Ich verlange nichts für mich, und doch ist es die höchste
Beruhigung für mein Herz, die ich begehre, sagte sie. Ich ver-
lange, daß mein Freund, der selbst im Leben viel geirrt und
zgn

-- 68 -
viel gefehlt hat, und mancher Vergebung benöthigt gewesen ist,
seiner Gattin verzeihe, und daß ich es sei, der den Verzeihenden,
den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt!
Der Freiherr atwortete nicht. -= Ich kann nicht verzeihen,
was erlitten zu haben ich nicht vergessen kamn! entgegnete er endlich,
und die frühere Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz.
So beruhigen Sie wenigstens die Frau, welche Ihnen
Ihren Sohn geboren hat, befreien Sie ihr den Sinn, damit
das Kind nicht weiter von ihrer Schwermuth leide, und lassen
sie die Zeit walten und mich versuchen, was die Freundschaft
kann! bat sie aufs Neue und noch dringender, als zuvor.
Sie sind der gute Engel unseres Hauses! rief der Freiherr.
Nicht doch, nur eine verläßliche alte Frau, entgegnete ihm
die Herzogin, nur eine Frau, der es die höchste Befriedigung
gewähren würde, Ihnen endlich einmal zu irgend etwas nütze
sein zu können.
Sie reichte dem Baron die Hand, er küßte sie ihr, und
ihren Arm in den seinen legend, gingen sie ohne zu sprechen
mehrmals in dem Gemache auf und ab, bis der Freiherr das
Wort nahm und sie bat, ihr Vermittleramt nun auch zwischen
ihm und dem Marquis zu üben, da er sie nicht der Gesellschaft
ihres Bruders zu berauben und ihr den Aufenthalt in diesem
Schlosse dadurch für die Zukunft nicht weniger angenehm zu
machen wünsche.
Aber davon wollte sie nicht hören. Es sei nothig, sagte
sie, ihrem von ihr verwöhnten Bruder zu beweisen, was er hier
in der großmüthigen Gastfreundschaft des Freiherrn besessen und
leichtsinnig verscherzt habe, ndthiger noch, daß er strebe, sich eine
ihm angemessene Thätigkeit im Heere oder sonst im Dienste
des Königs zu suchen, bei welcher sein lebhafter Sinn sich
geuug thue, seine Anlagen und Kenntnisse ihre entsprechende
Verwerthung finden könnten. Ihr Bruder sei zu jung, un

- 169 - -
dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu
verzichten sie ein großes Opfer gekostet haben würde; und da
der Freiherr ihre Meinung theilte, verstand es sich von selbst,
daß er sich erbot, den Scheidenden mit den Empfehlungen und
Anweisungen auszurüsten, deren er für die Erreichung seiner
Zwecke bedürftig sein konnte. Er sagte sodann, daß er ihr
sofort die Summe senden werde, um welche fie ihn gebeten
hatte, und ersuchte sie selbst, ihm darüber den gewohnten Schuld-
schein auszufertigen.
Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreib-
zeug wieder aus und bringen Sie es her! befahl sie.
Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte
sich ausschließlich mit dem Marquis. Während sie dann den
Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit einem tiefen Seufzer:
Das wird hinreichen, seine Bedürfnisfe zu decken, bis er eine
Anstellung erhält.
Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen
Beweis zu geben wünschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich be-
halten zu können, diese Summe muß Ihnen bleiben, Sie können
sich deren nicht entäußern, Theuerste! Den Marquis zu ver-
forgen, bis er dies selber thun kann, dies, theure Freundin, it
meine Sache. Die Ihrige ist's, ihn zu vermögen, daß er die
Vorsorge Ihres alten Freundes nicht von sich weist, weil dieser
sich einmal in der übeln Lage befunden hat, ihm einige kleine,
nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm
orgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute
Racht, theure Herzogin; gute Nacht, meine theure, treue Freundin!
Er wollte sich entfernen, ihr die Nothwendigkeit des Tanles zu
ersparen; sie aber hielt ihn zurück. Und Angelika? fragte sie.
Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit,
mich zu fafsen, mich zu überwinden, lassen Sie der Baronin die
Zeit, zu überdenken, was sie gethan hat! Sie bleiben ja mit uns!

Kapitel 35

Achtzehntes Capite l.
Ferbert war kaum in die Stadt zurücgelehrt, als er zu
Seb