Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Band 02
Titel

Eanny Lewald's
FzFe
g e la mtu elke ee erke.
gF l
- -eesdzo=ss
Neue, von der Verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
ggpppEpgwööönwE
Füafter Band:
Von Geschlecht
r
zu Geschlecht.
serlin, 11.
Verlag von Dtto Janke.

Von Geschlecht zu Geschlecht.
===s=aHHs======-
Romnn in zwei Abtheilungen
von
Fanny Lewald.
Neue, von der Verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
,«söGsz«szsssszss==assss=
Zweiter Band.
Das Recht
serlin, 1
Verlag von Otto Janke.

s
j
?

-
s
z
s
s
?
H
s
?
z
-
e
we
z
-
P -E
J ; z
.=..e . Aa

z
s --h e
Iwut.-
aFc?=s
T z =L tFs
s p
zo
- zernli-
vnk z
esi
« ==e = u ue1.K. ruu..T -
-

Erste Abtheilung.
Fer Fre iher r.
-»»daJDp-
F. Le wald, Von Geschlechl zu Geschlecht. ll.
1

Kapitel 01

Erstes
Capitel.
p
Ale Tage waren mild und ohne Wind. So weit das
=====?
Ange reichte, bedeckke wieder der Schnee dus Land. Auf dem
Authofe in Rothenfeld erkönte laut der Schall der Arbeit. Der
Taki der Dreschslegel, die Axi des Holzhenuers, das Knarren
des Brunnenrades, das Brillen und Blöcken der Haunsthiere,
das aus den weiten Stallungen herübertöete, unterbrachen die
Stille, und das Thun der Menschen, ihr Kommen nd Gehen
belebte mit der sich alljährlich wiederholenden nothwendigen Be-
schäftigung in gewohnter Weise die Einsmkeit. Es war Alles,
wie es im vorigen Winter, in allen ihm vorangegangenen
gewesen war, obschon es der lezte sein solle, welchen die Be-
wohner des Auhauses in demselben zubracten.
In Schlosse zu Richten war es anders. Dort hörte man
nichts von der wohlthätig wiederkehrendcn Gleichmäßigkeit der
Axheit, und der Winter ist sehr lautlos auf dem Lande. Die
grosen Portale waren geschlossen, um der Kälte den Eingang
zu wehren; auf weichen Teppichen bewegte die Dienerschaft sich
geräuschlos in den Gängen und auf den Treppen umher, und
nuur wenn man an die Fenster trat, sah man in weiter Ferne
gelegentlich einen Schlitten wie einen flüchtigen Schatten halb
verschleiert von dem feinen Dufte, der die ganze Luft erfüllte,
über die weite Ebene gleiten. Was unter der weißen Hille im
Schooße der Erhe arbeitete, was in den heimlichen Nestern und
Schlupfwinkeln geschah, in die das Leben der Feldthiere, der

-- hß==-
Vögel und der Insecken sich zurückgezogen hatte, das verbarg
sich dem Auge des oberflächlichen Beobachters; und wer flüchtig
an dem Schlosse vorüberging, in dessen weiten Gärten und auf
dessen prächtigem Hofe die lustigen Spazen und die immer
rührigen Krähen ihr Wesen trieben, oder wer nur als Gast in
dad Schlos; kam und die glänzende und wüirdige Gastfreihheit
der Schloszherrschasl genost, der hälle meinen mihssen, es sei auc
hier im Schlosse Alles noch so, wie es in dem vorigen und
in den ihm zunächst vorangegangenen Jahren gewesen war.
Aber auuch iber das Leben der Schlossherrschafi lag, wie drausen
die lihle, weisße Decke des Schnee's, der verhiillende Mantel
der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und
eutzog dem Auge, was sich unter ihm verbarg.
Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen.
Angelila kränkelte und sah noch üübler aus, als ihre seltenen
Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten. Der Freiherr hatte,
weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika, wie er sagte,
Ruhe haben sollte, ihre Zinmer verlassen und die Wohnung
bezogen, welche er vor seiner Verheirathung inne gehabt hatte,
und alle einzelnen Personen hielten sich mehr als je bisher in
ihren besonderen Gemächern auf. Die Herzogin erschien sehr
niedergeschlagen. Man glauubte, das sie den Marquis vermisse
und daß sie Langeweile fühle, denn sie ließ den Caplan öfter
zu Jich bitien, hatie lange Gefpräche mit sdemselben, und doch
sah man nicht, daß sich eine wirkliche Anäherung zwischen den
beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich bildete.
Was sich allein und immer gleich blieb, war die Freundschaft,
welche der Freiherr fir die Herzogin an den Tag legte, und
die ricksichtdlose Freigebigkeit und Zuvorkommenheit, mit welcher
er allen ihren Neigunge legegele. Der Freihherr zeigle sich
immer ruhig, Angelika sanfn, aber zurückhaltend, und man hätie
fast meinen sollen, es läge nuur an der Verstimmnung der Her-

= F =
zogin, daß die Anderen sich nicht in der früheren geisüigen
Freiheit bewegten, es bedirfe nur ihres guten Willens, um Alles
wieder in das Alte Geleise zu bringen; benn daß auicht mehr
Alles in dem guten alten Geleise stehe, daß ctwwas Besonderes,
das; noch ekwas Anderes, als der Streit mit dem Amtmanne
und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei, daran zweifelte
inn der Herrscuisl buld Nieimaund mehr. Aller der Leule, die,
wie ihre Eliern auuf den Gitern geboren und erzogen, ihre
Welt in diesem engen Kreise hatien, begann sich dadurch eine
Uusicherhei! zuu bemächtigen. Sie hatlen strks den Glauben
gehegt, das: sich bei ihnen in Nichten nichis ändern lönne und
düürfe, und das; sich etvas geändert hatte, ohne das; sie sich zu
erllären wusien, was sich geändert habe, steigerte ihr Unbehagen.
Aber grade die Frau, welche an den mannigfachen Wand-
lngen in Schlos; Richten und in dem Lebn seiner Besitzer
einen so großen und unheilvollen Antheil hatte, grade die Her-
zogin war am meisten betroffen über die Wendung, welche die
Gedanken und Etschlisse des Freiherrn genommen hatten; und
wenn sie davon auch nicht im Gemüthe angegriffen wurde, so
nahm sie es doch mit einer Art von Schrecken wahr, daß die
von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften Fäden
nicht das Gewebe bildeten, auf das sie es abgesehen, weil sie
nicht gengsam in Betracht gezogen hatte, daß es sich mit
Menschen nicht so sicher als mit todten Zahlen rechnen lasse
und daß die Personen, welche sie als ihre Werkzeuge zu be-
trachten sich gewöhnt hatte, sich plötzlich erheben und sich zu einer
Entscheidung aufraffen könnten, stark geng, alle Berechnungen
und Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage
zu durchkreuzen.
Dae hale ich nichi gewolli! sagle sich die Herzogin, als
der Freiherr ihr vertraut hatte, was er in sich beschlossen, und
mit diesem Aurufe wälzte sie alle Verantwortung und Schuld

--=- F --
von ihren Schultern auf die seinigen. Sie brauchle nichi ein-
zustehen für das, was sie nicht bezweckt hatte. Sie hatte sich
zerstreuen, sich unterhalten, ein wenig Einfluß auf ihre Freunde
gewinnen wollen, sagte sie sich; sie hatte die Baronin von ihrer
deutschen Schwerlebigkeit zu heilen, den Freiherrn von der
Herrschaft seiner allzu strengen Gattin zu befreien gewünscht;
sich selber und seinen alten, fröhlichen Gewohnheiien haite sie
ihn wiedergeben wollen, indem sie nebenbei sich und ihrem
Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut cs ging erheiterte,
und plöhzlich hatle die stolze leberspauniheit des Freiherrn alles
Mass und Ziel so völlig iberschrilien, das: die Herzogin sich
mit einem Male zur Zeugin und zur Vertrauteu eines ehelichen
Zwiespalies auuserlorenn fand, der schwer und lief genng war.
um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Ershrecken zu erfüllen.
Sie konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen, denn er ganz
allein und Niemand sonst trug nach ihrer Meinung die Schuld
des Unheils. Sie nannte es unverantwortlich von ihm, daß er
der Baronin nicht die Hand bot, um üüber eine Schwäche, über
einen kleinen verzeihlichen Herzensirr?hum fortzulonmen; und
wie natürlich, wendete ihre ganze Theilnahme sich unter diesen
Verhältnissen der Verkannten, der Leidenden, der Baronin zu.
Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine
andere Wahl, wenn sie sich nicht dcr ihr zur anderen Natur
gewordenen Einmischung in fremde Angelegenheiten fir die
nächste Zeit enthalten wollte; und der Caplan hatte Recht gehabt
mit seinem Worte: sie kann nicht rasten und nicht ruhen! --
Die müßige Herrschsucht, das eitle Bedürfniß nach immer neuer
scheinbarer Thätigkeit, die Lst, sich an fremden Empfindungen
zu ergzen, waren unersättlich und ohne Rast in der kalten,
selbstsüchtigen, mit unruhiger Phantasie begabten Frau, und sie
wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge übertroffen, mit dem

sie
ss.=-
1 1-
b=- ßs =-
sich in eine ueue Rolle zu versezen wußte, so ost die alte
beschwersse oder unhaltbar für sie zu werden anfing.
Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden, weil er der
Mißbilligung kein Hehl gehabt hu- - mit der er ihr Treiben
si.sip n
und ihren Einflusß auf den Freiherrn und auf Angelika verfolgte,
und ße war seit lange bestrebt gewesen, ihn in der guten Mei-
nung des freiherrlichen Paares zu entwnzeln, ,a, ihn zu ent-
fernen. Jezt schien .sie dies völlig vergessen zu haben. Sogar
der Gedanle, das: der würdige Maui sie und ihr frevelhaftes
Spiel uit der Wohlfahrt ihrer Gasisreunde durchschaut habe
N
und dus; er es verdaume, hieli sie nichl ab sich an ihn und
seinen Beistand zu wenden, sobald sie seiner zu bedirfen glaubte;
denn wie alle Selbsisitchtigen. besas; sie das festeste Vertrauen
in die Selbstlosigkeit der Anderen und jenen Hochmuth, der fir
alles getgane Uebel schnelle Vergessenheit, fir j:den neuen Einfall
E.?--
eer Caplan erkannte und durchschaute dies Alles; aber in
der Gefahr, in welcher I inee Freunde sich befanden, glaubte er
sich jedes Mittels bediene. zu müssen, das eine Hilfe zu bieten
schien, obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen und sein Glaube
an die Möglichkeit, die Ehe des Freiherrn herzustellen, nr
gering waren.
Angelika war keine thaikräftige und war doch dabei eine
stolze Natur. So lange sie sich berechtigt geglaubt zuite, mit
s.s
ihrer ungetheilten Liebe die Liebe ihres Gaiten, die er ihr zu-
geschworen, zu verdienen, so lange ihr reines Gewissen seine
volle Achtung fordern konnte, hatte sie den Muth gehabt, dem
Freiherrn in den Zeiten seiner geisiigen Bebrängniß zu Hilfe
zu kommen, und es hatte sie über sich selbst hinausgehoben,
das sie zu -l- zu verzeihen, daß sie herzustellen vermochte.
s»-Kslz
Seit sie sich schuldig glaubte, sich schuldiger sühlte, als sie war,

-- - 1s=
hatte eine Verzagtheit sie erfaßt, gegen welche der Caplan ver-
gebens angekämpft, da er andererseits genöthigt gewesen war,
Angelika mit ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre
Schwäche zu warnen, welche in den Lehren und Unterhaltungen
der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung gefunden
hatie. Wer aber, wie Angelika, wahrhaften Sinnes und also
eigentlich nicht geneigt ist, sich zu betrügen, wer sich selber seine
Fehler zu Herzen nimmt und sie sich schwer verzeiht, weil er
den Anspruch der Würdigkeit an sich macht, der fühlt auch die
Verzeihung der Andern nicht als eine Wohlthat, sondern als
eine Demithigung, nnter deren Last er sich nicht leicht erhebt;
und wie furchibar dad übereilte Verdammungs-Uriheil ihres
Gaiiei: Agelila auch lrus, es luuzz buurin ei EiwaH, du ihr
willkommen war, das ihrem eigenen Euwzfinden, ihrem in diesem
Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefihl entspruch.
HHäile der Freiherr sich dazu verslanden, sie über ihre Nei-
gung fir Herbert aufzuklären, hätie er sie liebevoll zu sich ge-
zogen, so würde sie sich bestrebt haben, zu vergessen, und bemüht
gewesen sein, die Liebe und das Wohlgefallen ihres Gatten
wieder zu erringen. Aber der Freiherr hatte die Wahrheit ge-
sprochen, als er gegen den Caplan behauptet, daß er eigentlich
niemals eine wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe, und er
hatte es, für sich eingenommen wie er war, ihr durch alle die
Jahre nicht vergessen, daß sie ihn schwach gesehen und daß sie
ihm einmal in Gegeuwart des Geistlichen ihr einstiges inneres
Mißfallen an seiner Person erklärt hatte.
Jezt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen
jüngeren, einen Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen,
von seinem Weibe das Geständniß hören zu müssen, daß sie
einen Anderen liebe, das waren Kg(ghungen gewesen, die er
nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine That be-
freien konnie, mit welcher er seine Selbstherrlichkeit vor sich

--- jh-
selber, vor Angelika und vor den Augen der Herzogin, ein für
alle Mal feststellte.
Er hatte dabei keinen grosen Widerst:ud in sich zu über-
winden, denn wo der Stolz und die Eitelkeit in einem Me.schen
die Oberhand behaupten, werden vor de selben alle anderen
Empfindungen und Ricksichten leicht zum Schweigen gebracht,
und der unausgesezte Verkehr mit der älteren, ihm besiändig
schmeichelnden unb der Baronin geistig iberlegenen Freundin
hatte ihn seit lange gleichgültiger gegen Angelila und selbst gegen
ihre körperliche Schönheit gemacht, als er es sonst wahrscheinlich
geworden sein wiirde. Er brachte also kein schveres Opfer, er
gab leine ihm uneuibehhrlich gewordene Gemeinschafi auf, als er
sich vou Angelila enlserule, und er sand uil dieser Enlsagung
dasjenige fir sich wieber, was ein Mann von seiner Art am
wenigsten entbehren kann, was er am höchsten schätzte: persön-
liche Bfriedigung und das Wohlgefallen an sich selbst und an
seiner Machwvollkommenheit.
Anders jedoch stand es um die Baronin. Der gewaltsame
Eutschlus ihres Gemahls gab ihr ein Necht, sich unglüclich zu
fühlen, und da sie, wie Jeder, das Verlangen in sich trug,
eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und ihrem Ver-
schulden zu entdecken, so überließ sie sich umwwillkürlich ihren Ge-
danken an die entbehrte Liebe, und ihrem Schmerze um Herbert
mit solcher Heftigkeit, das: sich eben an dieser heftigen Leidenschaft
ihr krankhaftes Schuldbewustsein bis zu jener Höhe steigerte,
welche sich bereitwillig zu jeder Buße zeigt und eine schwärmerische
Wollust in dem Leiden, in dem völligen Verzichten findet.
An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn, an der Wollust,
mit welcher seine Gattin sich verdammte, scheiterten die Versuche,
welche der Caplan zu der Vereinigung der Getrennten unter-
nahm. Der Freiherr gefiel sich überaus darin, den Geistlichen
sowohl als die Herzogin von der Festigleit seiner Entschlüsse

=== s ,-=
und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegrisfe zu
überzeugen. Aus der Mühe, welche sich der Eine und die Andere,
jeder auf seine Weise, mit seiner Bekehrung gaben, ersah er mit
Vergnügen die Wichtigkeit, die sie ihm und seinem Schicksale
beilegten; und die Nothwendigkeit, in den oft und in verschie-
denster Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand
seine Gründe den Gründen seiner Freunde entgegen zu stellen,
bestärkte ihn in seinen Neberzeugungen wie in seinem Vorsaze.
Hochgehobenen Hauptes und heiteer Stirn aufzutreten, wenn er
Mlles um sich her gebeugt sah, war ihm ein durch nichis Aderes
zuu ersetzender Geuuusi; und mit eineun Licheln der lleberlegenheit
ermahnte er die Baronin wie seine Freunde, innere Erlebnisse
nicht zur Schau zu tragen, ihre Mienen und ihre Stimmuung
nicht zu Verräthern an sich werden zu lassen und den Lauf des
ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechn, weil man mil
sich selber etvas abzumachen hgbe.
Neberlassen wir es den Steinerts, sagte er gelegentlich, von
sich, von ihrem Schicksale und von Eva's Herzensgeschichte auf
zehn Meilen in der Nunde sprechen und sich loben oder tadeln
und beklagen zu lassen, je nach dem Belieben Aderer. Man
muß sich unnahbar machen, wenn man unangetastet bleiben will,
und mich dünkt, mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die
Baronin, mit etwas Achtung vor meinem berechtigten Verlangen
könnte der Caplan und könnten Sie, meine heure Margarethe,
das Vergangene, wie ich, auf sich beruhen lassen und mir die Un-
annehmlichkeit ersparen, aein und meines Hauses Leben von der
Neugier meiner Leute unnöthig berührt zu sehen.,
Das waren Empfindungen und ein Stolz, welche die Her-
zogin vollkommen begriff und wüürdigte. Sie stimmte mit der
Ansicht des Freiherrn überein, daß es für den Adel jezt doppelt
geboten sei, sich in ungebrochener Würdigkeit, im Vollbesize aller
seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu

==- Z e? -=
behauupten, und sie konte bei der unverhohlenen Kälte und Ent-
fremduung, mit welcher Angelika ihr seit den letzten Ereignissen
begeguete, überhaupt nicht lange im Zweife! dariber bleiben,
nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müüsse.
- ange Zeit die Rolle der Trösterin, der Versöhnerin zu
spielen, während die Baronin sich ihrem Troste unzugänglich
zeigte und der Freiherr gegeniber ihren vernittelnden Bestre-
buungen seine Ueberzengung auufrecht erhielt, väce dem auf Erfolg
gestelllen Wesen der Herzogin ohnehin nicht uöglich gewoesen.
Eine Augleichung aber, ein Verständniß können sich nicht her-
siellen, wo eigewilliger Siolz in dem Meuscen mäichliger als
die versiändniswvolle Liebe isi und wo eine wahrhafie Annäherung
schon duurch das absichtliche Dazwischentreien übelwollender Per-
sonen nicht zu Stande kommen kann. Von gleichem Stolze
beseelt und fortgerissen wie ihr Gatte, gewann es daher die Ba-
ronin auuch endlich iber sich, es seinem Auge zu verbergen, wie
unglücklich sie sei, wie ungluuch es sie mache, sch von ihm
-7s
verstosßen zu wissen. Sie gewann es über sich, jene Nuhe an
den Tag z legen, in welcher der Freiherr sich zeigte, in der
er seine ganze Umgebung zu sehen begehrte, eine Nuhe, die sie
zu fühlen weit entfernt war und deren Anschem, obschon er
sich's nicht eingestand, den Freiherrn nur noch fester in dem
Glauben werden ließ, das; er sich in Angelila geiäuscht, daß sie
ihn nie geliebt und dasß er in ihr nie das Herz besessen habe,
welches ihn zu beglicken, ihm zu genilgen fähig gewesen wäre.
Allen weiter. -==sligungen und Erörterungen zu entgehen,
-is N,sz
hatte der Freiherr bald nach seiner heimlichen Trentung von
-ngelika eine Einladung zu den großen Jagden angenommen,
welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese Zeit ver-
ans ==--- und war erst kurz vor de.. =aahnachtstagen, und
ss M=
iflsf-i.
zwar in Begleitung verschiedener Gäste, wieder in das Schloß
zurückgekehrt.

- j . ---
Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und
Gastlichkeit begangen; die Gäste sollten bis über das Neujahr
im Schlosse verweilen.
Befehlen der gnädige Herr, daß morgen der große Saal
geöffnet und die Leute angenommen werden sollen? erkundigte
sich am Sylvestertage der Haushofmeister, als der Freiherr ihn
rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu ertheilen.
Wie anders? antwortete dieser. Der Haushofmeister ver-
neigte sich und ging davon. E war das erste Mal, daß er
diese Frage fiür nöthig erachtet halle, das erste Mal auch, dass
der Freiherr sich den Gllickvimschen seiner Leuie gern enizogen
häite. Aber es befanden sich im Schlosse unier den Gästen
mehrere Personen, welche in uanchem früheren Jahre Zengen
dieser herrschaftlichen Ceremonie gewesen waren, und der Frei
herr hielt es für angemessen, von einem altm Herkommen nicht
abzulassen.
Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum.
In den beiden großen Kaminen an seinem oberen und unteren
Ende brannten am Neujahrömorgen helle Fener, und die Sonne,
welche draußen den Schnee funkeln und die dicken Fransen des
Rauhreifs an den Aeston der Bäume glizern machte, schien so
hell in den Saal hinein, als wolle sie die brennenden Feuer
unsichtbar machen und beschämen.
Die lange Neihe der Ahnenbilder war sorgfällig abgestäubt
worden, man hatte die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee's
über den Fusboden gebreitet, der Haushofmeister ließ auf dem
schweren Marmortische die alterthümlichen Geräthschaften auf-
tragen, deren man sich, seit die Baronin Angelika im Schlosse
lebte, am Neujahrstage zu bedienen pflegte. Man nannte diesen
Empfang im Ahnensaale das Familien-Frühstück, beil man dann
die Mahlzeit beim Beginne des neuen Jahres gleichsam unter
den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes einnahm und

--- 1 =
die sämmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiß be-
wirthete. Während der Haushofmeister die silbernen Kuchen-
schalen und die Flaschen des süßen spanischen Weines kunstgerecht
ordnete, kam des Freiherrn Secretär dazu.
Seht nur zum Rechten, sagte er, der Herr ist heute übler
Laune!-- Der Andere meinte, das sei jetzt nichts Seltenes.
Doch mit Unterschied, bemerkte der Secretär; heute ist's beson-
ders schlimm! -- -
Als der Haushofmeister zu wissen wünschte. was denn oor-
gefallen sei, liesß der Secrelär sich erst eine Weile nöihigen, dann.
sagie er E8 sind heute unter den Sachen, die der Bote von
der Posi geholl hat, Briese geloumen, die haben es gelhan.
er Juude, welcher des Herrn Geldgeschäsie acht, kiindigl ihm
die vierzigtausend Thaler auf Nothenfeld, und es muß auch mit
dem vertrackten Marquis wieder etwwas vorgefallen sein, was mit
den Geldangelegenheiten zusammenhängt. Ic sah große Zahlen
und Berechnuungen in dem Briefe, obschon den Herr ihn seitwärts
hielt. Als er ihn zweimal gelesen hatte, steckte er ihn ein, aber
seine üble Laune hatte er weg, denn -- von Flies zu fordern
haben wir schon lange nichis mehr!
Und dazu wieder die großen silbernen Toiletten, welche jetzt
zu Weihnachten nach dem Muster der alten Waschgeräthschaften,
die vor ein paar Jahren angeschafft wurden, für unsere gnädige
Frau und fiür die Harzogin gemnacht worden und angekommen
sind! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister. Mich soll's
wuundern, wann die Harzogin einmal zu wüünschen aufhören wird.
Ewig kaun das ja nichi danern!
Freilich! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wan-
delbaren Welt; aber agres ous ls äüluge! Und wenn's
denn nur immer bei dem spres ndis bleiben wollte, versetzte
der Secretär, welcher sich die Schlagworte angeeignet hatie,
deren er die Herrschaften sich bedienen höute. Er fuhr indeß

=- ,f -=-
erschrocken zurick, als in dem Augenblicke der Kammerdiener die
uhirvorhänge aufhob und die ganze Gesellschaft, voran der Frei-
herr, die Herzogin am Arme, in den Saal einlrat. Sie haiten
beide das Wort gehört, und unwillkinlich sagte der Freiherr zu
sich selbst: Welch ein Anruf ist das! -- Auch Angelika, deren
übles Aussehen Allen auffiel, sah nach dem Secretär hinüber
und ihre Mienen zuckten leise zusammen. Ihre Schwäche fing
an, ihr oftmals die Herrschaft iber sich zu rauben.
Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Pläze, die
Männer, der Freiherr in ihrer Mitte, standen in einer Gruppe
in ihrer Nähe, als man meldete, das; der Pfarrer mit seiner
Fran, der Auiiann mii seinter Sehwesier angelo:mmnenn wäiren.
Der Freiherr ging dem Geistiichen ein paar Schritte entgegeu.
reichte ihm und der Pfarrerin die Hand und hies; sie willkommen,
als sie ihm ihre Glickviusche auussprachen. Er schien Adam
und seine Schwester nicht zu schen, und doch hatten sie ihr
Bestes gethan, sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen,
daß sie nicht in Sorgen, sondern guten Muthes in das neue
W,-s.-
»-pe hinibergingen.
Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich,
wie Herbert das schon lange gethan, nach der neuen franzö-
sischen Mode gekleidet. Auch Eva hatte die lädliche Dormeuse
abgenommen und trug ihr schönes, braunes Haar, wie Herbert
dieses liebte, frei um Gesicht und b.äen niederfließend. Sie
1-
sah auffallend hibsch aus, und die Blicke der mänulichen Gäste
richteten sich auf sie, als sie sich der Baronin näherte, ihr die
Hand zu kiüssen, während der Amimann noch immer da stand,
erwartend, ob der Freiherr es endlich für angemessen finden
werde, seine Gegenwart zu bemerken, ob er endlich die geflissent-
liche und sehr gnädige Unterhaltung mit dem Pfarrer unter-
brechen werde.
Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesent-

---- ,?-
lich älter geworden, und wie er so von ihm hinaufsah nach
dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus hin, der zwischen
den Knieen des Caplans stand, konnte er sich eines Seufzers
nicht erwehren; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Ge-
schicke. Wer wird künftig für sie schaffen, wie wir's gethan?
dachte er, und er fühlte den Groll, den er seit seinem Zusammen-
stoße mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt, in seinem treuen,
festen Herzen schwinden, da er sich baldiger Freiheit sicher und
seinen Stern im Steigen wuste, während die Sorge seinem bis-
herigen Herrn immer näher rickte, das er sie kaum noch von
sich weisenn lounuie.
Plözlich, als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst
auufmerksam auf ihn gemachi, wendele er sich zu ihm und sagte:
Ich dachte, Er wäre auf's Güterkaufen aus!
Diese Arede hatte Adam nicht erwartet, aber da er den
Freiherrn kannte, erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte.
Was mus: ihm geschehen sein, daß er sich so vergessen kann?
dachte er, und gutherzig und nachsichtig wie ein Glicklicher,
sagte er: Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen
Herrn noch bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe, konnte
ich ja nicht ohne Urlaub fort, und hätte mich nicht unterfangen,
den Herrschafien am letzten Neujghr meinen Glickwunsch schuldig
RR ?a - -
Adam war bewegt, und der Freiherr hörte das. Aber da
er verstimmt und gereizt war, klang selbst der gute Wunsch ihm
wie ein Vorwurf, und fast widerwillig sprach er sein kurzes:
,
au danke, ich danke Ihm! zu seinem Untergebenen aus, der
dies nicht lange mehr bleiben sollte. Er konnte den Ton gegen
ihn nicht mehr finden, seit er Aam nicht mehr ganz zu ihm
gehörend wuuste, und er zwang sich zu der Frage, was Aam
F. Le wald, Von Ges hlech! zu Geschlechl. ll.

-- ,Z-
denn für Plane habe, weil diese Frage eine Verzeihung und
ein Anerkenntniß in sich schlos;.
Ich habe ein Angebot auf Marienau gethan. Ich kenne
das Gut genau, und der Besizer kann es nicht mehr halten,
sagte Aam.
Ich weiß, ich weiß! rief der Freiherr und wendete sich
kurz und hastig von dem Amtmanne ab. .e Vorstellung, einen
alten Lebensgenossen aus seiner Nähe scheiden, einen alten Edel-
mann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafir einen
Menschen niedern Standes. ja, seinen eigenen Amtmann zuu
Grenznachbar zu belommen, die Steinerts sich einnisten zu sehen,
wo die Herren von Naven seit langen Jahren fest und wohl
gesessen hatten, war dem Freiherrn gar zu widerwwärtig. E kamen
ihm seit diesem Morgen nichts als unangeuehmne Neuigleiien zu.
Aber noch empfindlicher, als der Freiherr durch das Zn-
sammentreffen mit dem Bruder, füühlte sich Angelika durch die
Begegnunng mit der Schwester berührt. Sie hatte Eva nicht
wiedergesehen seit dem Tage, an welchem sie die Verse in Her-
bert's Pult gelegt, und die heiße Röthe der Schau ibergosß
ihr bleiches Antliz, als sie Eva vor sich hintreten sah.
Dad war also dad Mädchen, welches der Mann sich er-
wählt hatte, den sie liebte, um dessentvillen sie mit sich selbst
und mit ihren Pflichten zerfallen war, das Mädchen, welches
Herbert ihr, der Gräsin Berka, der Baronin von Arten, der
hochgebornen edlen Frau, vorgezogen hatte! Und mitten in der
Pein dieser qualvollen Empfinduung erkannte die Baronin in
dem großen Medaillon, mit welchem Eoa ihr weißes Busentuch
über der Brust zusammengenestel zte, Herbert's sprechend ähn-
s.ßis
liches Portrait, welches eben heute anzulegen sie sich trotz der,
Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen.
Eva sah die Bewegung der Baronin, und ein Lächeln der
befriedigten Eitelkeit flog über ihre vollen Lppen, als sie sich

-- h-
niederbüückte, um, wie sie das sonst gethan, die Hand der Guts-
herrin zu kissen. Aber jenes siegreiche Lächeln war Angelika
nicht entgangen; sie zog die Hand zurück, und mit einer Härte
und Bitterkeit, die Niemand je von ihr gehört hatte, sagte sie:
Laß' Sie es gut sein, ich kann die Heuchelei nicht leiden
ich kann Ihr nicht helfen!
Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen,
und
wie
mit hellem Lichte, sein ganzes Gliück in vollem Glanze, und mit
dem Worie schnesl wie inmer bei der Hond, während sie sich
auch von Eifersucht ergriffen fühlte, entgegne sie, der unver-
dienten Abweisung mit Freuden trozend: Ich verlangte ja nichts,
ich habe ja Alles, was ich wünsche, gnädige Frau!
Uuwerschämte! sties; die Baronin hervor und wendete ihr,
bebennd vor Zorn, den Nüücken. Niemand hatie die Worte gehört,
welche die Baronin mit der Schwester ihres Amtmanns gewech-
selt, aber der Zorn der Ersteren, das Siegesgcfühl in den strah-
lenden Augen der Lezteren blieben nicht unbemerkt, und die
Herzogin sowohl al der Freiherr und Aam wußten sich den
Vorgang zu erkläxen, der, wie verschieden die Lebenslage der
beiden Frauen auch war, hier das Weib den Weibe in seiner
nalirlichen Leidenschaft gegenüber gestellt hatte.
Es war der erste Neujghrsmorgen, an dem es dem Frei-
herrn und seiner Gailin nicht wohl in ihrem Hause wurde,
nicht frei unter ihren Leuten zu Muthe war, und an dem sie
in den Mienen ihrer Uugebung spähten, weil sie nicht mehr
die alte, unbedingte Sicherheit besaßen, nur auf Liebe und auf
freie, perehrende Ergebenheit zu stoßen. Dem Baron war die
Nähe des Amtmanns, der sich schon alö eigner Herr fühlte,
lästig, und die brieflichen Mittheilungen des Juweliers lagen
ihm schwer im Sinne; Angelika fand sich durch Eva's Anwesen-
heit beleidigt, und erniedrigt durch das Bewußtsein, sich vor ihr
verrathen, sich ihr gleichgestellt zu haben, während beiden Gatten
F

--- Zß---
die unverkennbar neugierige Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft
eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des Pfarrers und der
übrigen Beamten auffiel.
Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran, sie sprachen
ihre Wünsche nicht so herzlich und offen wie früher aus, und
der Pfarrer hatte nicht mehr seine altgewohnte Anrede vernehmen
lassen, daß Alles hier zu Lande bleiben möge, wie es bisher
gewesen, iveil es so am besten Fei. Er und die Pfarrexin
blickten immer nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen
Schwesler; auuch die Wirihschafter und der Justitiarius hielten
sich zu den Steinerts, so gut sie konten. Die Amislinder,
wie man Aam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte, waren
der Gegenstand der allgemeinen Theilnahme; auf die Herr-
schaften sah man in der Besorgnisß, was sie den Steinerts thun
würden, was es mit diesen geben könne, und selbst aus den
Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen
Vorwurf gegen sich und ein Misßtranen in die Zuusicherung des
Wlohlwollens und der Geneigtheit herauszuhören, welche er, nach
alter Sitte und Gewohnheit, den im Dienste Befindlichen und
Verbleibenden versprach. Was half diese Zuusage des Freiherrn
ihnen auch im Grunde? Man wußte nicht, wer an Aan's
Stelle kommen würde, und das Wohlbehagen und Wohlergehen
jedes Einzelnen hing vor Alllem von dem guten Willen und
der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab. Was znan an den
Steinerts gehabt hatte, das war Jedermann bekannt; was
kommen konnte, war nicht zu berechnen, und das versicherten
die Verwalter und Wirihschafter jezt Jedem, der es hören wollte,
wie sie es Zich unter einander längst gesagt hatten: wenu
jezt nicht ein eben so tüchtiger und rechlschaffener Amtann in
die Herrschaft käme, wie Aam Steinert es gewesen, so wäre
kein Durchhalten möglich, und man wülrde etwas erleben, auch
wenn sie selber, wie bisher, gewissenhaft das Ihrige thäten.

Das Mißtrauen, die Unzufriedenheit, der Zweifel schwebten
wie eine ansteckende Krankheit in der Luft. Niemand sah sie,
Jeder fühlte sich von ihrem beängstigenden Hauche ergriffen,
und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale auch brannten
und wie hell die Sonne auch die lange Neihe der Ahnenbilder
beieuchtete, es wurde Niemandem wohl bei diesem Neujahrs-
Frühstücke; selbst Nenatus machte die Bemerkung, daß die Groß-
eltern und die Urgroßeltern auf den Bildern, wenn die Sonne
so darauf scheine, ganz verdrießlich auf die Menschen nieder-
blickten.
Der Wein schmecte heute den Leuten lange nicht so gut
als sonsi, und die Pfarrerin fand, das; die Kuchen, welche(Eva
zuum Feste in die Pfarre gesandt hatte, weit besser wären, als
die im Schlosse aufgetragenen. Ihr Mann bemerkte, daß der
Herr Caplan gealtert, sehr gealtert habe, das auch der Freiherr,
obschon er stärker werde, nicht mehr so gut aussehe, als noch
vor wenig Monaten, und nun gar die Frau Baronin!-- Er
schüttelte den Kopf und faltete die Hände. Was der am Herzen
nagte, darüber lonnte man ja nicht im Zweifel sein. Wie mochte
die sich an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen
Worte Goites und nach den Eltern und Geschwistern Jehnen!
Es war Allen leichter um das Herz, nachdem dieses Neu-
jahrs-Frihstick erst vorüber war. Sonst hatte man sich darauf
gefreut, heute hatte man es gefürchtet, und selbst der Freiherr
nannte es heute in seinem Herzen eine leere, lästige Ceremonie,
die er künftig abzustellen meinte.
Es war die erste Gewohnheit, das erste Herkommen seines
Hauses, auf das zu verzichien er sich selbst gedrungen fiihlte.

Kapitel 02

Zweites Capitel.
rz

Zas Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien
angebrochen war, bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen
Anzeichen entsprechend. Der Winter war lang und sehr hart,
das Früihjahr kal uud nas:. Man lonule also die Arbeilen
erst späi beginnen,
Saaten versprachen
Der Freiherr,
und die spärlich und ungleich aufgehenden
nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
welcher sich niemals um die Bestellung des
Landes gekümmert hatie und kein Landwirth war, fing jezt,
da er bald der Zuversicht und Sicherheit in das alte, ihm
dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte, plötzlich nach
dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntniß des Neu-
lings meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten
Sorgfalt des Amtmanns zur Last legen zu dirfen. Der Verdacht,
daß er seine Schuldigkeit nicht thue, beleidigte Adam. Er ver-
theidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser gerechten
Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur
den Hochmuth des Emporkömmlings sehen und beugen zuu müssen,
und er verlor überhaupt mehr und mehr seine heitere, selbst-
gewisse Ruhe, weil er seine bis dahin unumschränkte Herrschaft
über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung, deren er
vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher
gewußt hatie, nun, wohin er blickte, angezweifelt wähnte. Das
machte die Zustände nicht besser, wohl aber ihm und seinen
Leuten das Leben bitter und schwer, und vor allen Andern

ezO
==== Jgl L? ======
hatten die Geschwister im Amthofe zum Schlusse ihres Aufent-
haltes in der alten Heimath böse Tage, denn die Geldverlegen-
heiten des Freiherrn hatien sich in unern ar:eter Weise gesteigert
Mit dem Vertrauen des Ehrenmaunes und des Edel-
mannes in die Ehrenhaftigkeit seines Standesgenossen und mit
dem Bewußtsein, sich von dem Marquis fir die ihm erwiesenen
mannigfachen Gutthaten des Besten versehen zu dürfen, hatte
der Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden
guten Willen für ihren Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn
Flies als bei einem Banqunier in der Nesidenz ausgedehnte
Eredite eröffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe fitr ihren
Bruder mit der Versicherung angenommen, dasß derselbe natiirlich
nnur den beschränkiesien Gebrauch davon zu machen denke. Sie
hatte es entweder vergessen, wie oft und mit wie großen Opfern
sie dem Marquis zu Hilfe kommen missen, so lange sie selbst
ihm zu helfen im Stande gewesen war, oder sie mochte erwarten,
das; die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen
alten, verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben
würden; indeß diese Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig
Tage hakte der Marquis in der Stadt verweilt, als er sich von
einem Kreise von Emigranten umringt und schnell versucht fand,
sich vor ihnen, deren üble Lage ihn dazu aufforderte, als den
Beschützer, als den Freigebigen, als den großen Herrn ron ehe-
mals zu zeigen. Die Anerkennung, der lebhafte Dank, die er
geerntet, waren verführerisch für ihn geworden. Seit langer
Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er selbst,
endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage ge-
ss
b=--- und fröhlich und leichtherzig gemacht durch die sichtliche
Zufriedenheit, die er um sich her zu verbreiten jm Falle war,
hatte er des Geldes nicht geschont, hatie er gegeben und geholfen
und erfreut, wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten. Er hatte
niemals gerechnet und gezählt; die Herzogin hatte dies immer

-==--- 1 - --
für ihn übernommen, und sorglos die flüchtigen Tage und das
flüchtige Geld hingleiten lassend, war er plötzlich doch betroffen
worden durch die Summen, die er in liebenswürdigen Gefällig-
keiten, in Hülfsleistungen auufgewendet hatte, die seinem Herzen
Ehre gemacht haben wilrden, hätke er sie aus eigenen Mittelnn
zu leisten vermocht. Er wünschte einzuhalten, ja, mehr als das,
er wünschte zu vergiten, zu ersetzen, und an das Spiel von
Jugend auf gewohnt, hatten ihm die verführerischen Gunst-
bezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg aus
seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel
war ihm niemals besonders güünstig gewesen und versagte sich
ihm auch jetzt. Von einem Tage zum andern hosfend, inmer
leidenschaftlicher wagend, je weniger diese Wagnisse ihm ein-
schlugen ud je lleser sie ihn in die Verlegenheii verwickelien,
der er sich zu entziehen wünschte, hatte er allmählich Summen
erhoben, welche die Auszahler stutzig werden ließen und welche
endlich Herrn Flies bewogen, jene Anfrage und jene Berichte zu
machen, die der Freiherr eben am Neujahrstage erhalten und
die ihn genöthigt hatten, auf eine augenblicklich: Deckung dieser
bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rath schaffen und
Herr Flies sollte Geld schaffen; aber guter Raih war theuer,
und Geld war es noch mehr.
Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg,
die von Frankreich aus immer weiter um sich griffen, machten alle
Capitalisten in der Anlage ihres Geldes vorsichtig und schwierig.
In den Gegenden, in welchen sich revolutionäre Gesinnungen
kund gaben, suchten ängstliche Besizer sich ihrer liegenden Grinde
zu entäußern, und wie der Werth des Grundbesizes sank, stieg
der Werth des baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr
zu Statten. Er hakte seinen Handel wegen des schönen Gutes
Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr das neue
Darlehn auf Rothenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren

--== IpHß --===-
er bedurfie, um die Wechsel des Marquis zu decken und um
endlich den Bau der Kirche vollenden zu lassen, der im letzten
aahre nur wenig vorgeschritten war. Dem Freiherrn selber
war freilich dieser Kirchenbau niemalö eine persönliche Herzens-
angelegenheit gewesen; jezt war er ihm aus mehr als einem
Grunde lästig, und er würde ihn in diesem Augenblicke mit
Freuden unterbrochen, die Kirche vorläufig unvollendet stehen
gelassen haben, hätie er nicht fiürchten müssen, eben dadurch den
nachiheiligen Gerüchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin
so wesentlich erschwerien, Geld zu sinden, selbsi wenn er es mit
hohhem Zins bezahlle.
Mit Wirthschastsbeamien zu verhandel, welche die Sielle
des Amtmannes ersezen sollten, sich selbst um die Aufbringung
vonn Geldern zu bemihen und daa Geld, welches ihhut bisher
nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwece und zur Befrie-
digung seiner Wünsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten,
fiel dem Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschränkungen
zu machen, aber er wusßte nicht, wie er das anfangen oder wem
er sie auferlegen sollte, denn in der sorglosen Freiheit des Ver-
brauches erwachsen, war der Ueberfluß ihm zur Gewohnheit
geworden, und er glaubte nuur das Nothwendige zu haben, wenn
er alles Dasjenige besaß, was ihm irgend wünschenswerth erschien.
Sich etwas zu versagen, das verstand er nicht, die Herzogin z
beschränken, häike ihm ungasllich und grade nach dem unange-
nehmen Vorfalle mit dem Marquis ungroßmüihig gedünkt. Die
Bedürfnisse der Baronin waren immer mäßig gewesen, und ihr
auch nur ein kleines Ersparniß vorzuschlagen, würde er in dem
Verhältnisse, in welchem er jezt zu ihr stand, als unehrenhaft
und unanständig betrachtet haben.
Ungliücklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu aus-
ersehen war, vom Spätherbste ab die Stelle des Amtmannes
zu verwalten, den Freiherrn dadurch fir sich einzunehmen ge-

--- Z. -
wußt, daß er ihm bemerklich gemacht hatie, es ließen sich große
Summen ersparen, wenn man den Insassen der: Güter nicht so
viel' Freiheit ließe, wie die Steinerts es gethan, und namentlich
bei dem Kirchenbaue könne man auch jetzt noch sehr beträchtliche
Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen und Käthner,
wie es sich gehörte, zur Arbeit heranzöge und verwendete. Das
sollte nun Aam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung
bringen.
Vergebens bewies dieser, daß man die Leute in dem letzten
Winier, wo man einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen.
sehr stark in Anspruch genommen habe, daß man ihnen bei der
drängenden Arbeit in dem späien Frühjahre kaum die Zeit habe
gönnen können, ihr Stitck Garten und Feld zu bestellen, und
daß man sie im Winter zu ernähren haben würde, wenn man
sie jezt nicht so viel als nöihig fikr sich selber sorgen ließe.
Der Freiherr wollte davon nichts hören. Er war in eine Lage
und in eine Stimmung versezt, in welcher er immer nur der
nächsten Belästigung enthoben sein wollte, und vor Allem schien
es ihm darauf anzukommen, Herbert's ein fir alle Mal ledig
zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit Eva zusammen zu
sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und
sich bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jingeren
Gehülfen vertreten ließ.
Es blieb also Adam gar nichts übrig, als sich zu fügen
und unter einer Bevölkerung, unter welcher seine Familie seit
mehr als hundert Jahren in Liebe und Frieden gelebt hatie,
schließlich wider seinen Willen den Frohnvogt zu machen. Er
mußte die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sic
rundweg abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten,
welche man ihnen sonst ohne große Opfer hatte bewilligen können.
Das gab böses Blut. Wo die Leute beisammen waren, konnte
man es sagen hören, das es eine Sünde und Schande sei,

Christenmenschen in das Joch zu
zubauen, mit der sie nichts zu
spannen, un: eine Kirche auf-
schaffen häiten, und um im
Alle Arb.it wurde widerwillig
Schlosse fremdes Volk zu füttern.
gethan, Vorwände, mit welchen die Leute sich derselben zu entziehen
suchten, gaben Anlaß zu Untersuchungen und Strafen; und diese
Sirafen machten das Uebel ärger. Heute hatte man Händel
und Schlägereien zu schlichten, wenn einer von den Leuten sich
bei den Arbeitsforderungen zu stark herangezogen oder einen
Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt glaubte, und
morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herr-
schaft vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist ent-
wichen, der hier bisher gewaltet halie. Des Zanlens, Anschul-
digens, Strafens war gar kein Ende mehr. Häite der Amtmann,
wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur Rechenschaft
fordern wollen, die sich widerspänstig zeigten. und diejenigen
eingesperrt, welche grundlos Händel anzettelten, so hätte er noch
beträchtlich an Arbeitskräften eingebißt. Er mußte also ein Auge
zudrücken, Mancherlei nicht hören, Vielerlei stillschweigend mit
anschen, um uur durchzukomtmen, und noch war der Sommer
nicht da, als auf den Gütern, auf welchen bis dahin eine für
jne Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht halte, jener Zustand
eingetreten war, der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden,
weil sie Unngprechtes u lebermäsßiges heischen, Ungesezliches
und Maßloses geschehen lassen müssen, um sich von einem Tage
zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten,
daß auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde, was
gestern und vorgestern eben noch gegangen sei.
Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel. Wie
jeder, der das Land bebauut, hatte er frühzeitig begriffen, daß
in der eigenen Lebensfüührung wie in der Leitung eines Ge-
meinwesens, mag dies nun groß oder klein sein, Voraussicht
und mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind

--- IZ--
und wenn er selber auch die Folgen des jezigen Verfahrens
nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten ihn doch der
gegenwärtige Zuustand und die Gewisheit, daß die übeln Früchte
desselben nicht ausbleiben könnten. Die Schullehrer klagten be-
reits, daß die Kinder, weil sie zu Hause die Arbeit der zum
Dienste befohlenen Erwachsenen verrichten mußten, die Schule
versäumten, der Pfarrer beschwerte sich, daß die Leute, weil
ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen wüürde,
Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, daß er das Wort
Gottes vor leeren Bünken predigen misse, während die große
katholische Kirche, in der Niemand auster der Herrschaft und
den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst be-
gehen könie, sich der Vollendung nähere.
Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in
seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren.
Jetzt fragte er danach, fragte, weil er dies nicht gewohnt war,
nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er häufig
falsch berichtet ward, es mit einem Geiste des Aufruhrs zu
thun zu haben, den er unterdrücken, und zwar mit Gewalt
unterdrüücken müsse, während er und sein Thun und Gebieten
ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkei: erzeugten, die
er dem bösen, von Frankreich kommenden Zeikgeiste entsprungen
wähnte.
So viel stellte sich indes an Einsicht für ihn bald heraus,
daß er, um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen
zu können, auch die driückendsten Geldverlegenheiten beseitigt
haben müsse, und da bisher die schriftlich oder durch Dritte ge-
führten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden
Abschlusse gelangen wollten, beschloß der Freiherr, persönlich
einen Versuch zu einem Nebereinkommen mit ihm zu machen.
Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die
Herzogin, welche von seinem Vorsaze sprechen hörte, nante

- 1
einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm,-- da
i:spA
Renatus ein großes Verlangen zeigte, mitgenommen zu werhen,
war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschäftsreise, die er
antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiien zu befreien,
eine VergniguungSreise mit seiner ganzen Fnmnilie zu macen,
welche bei der damalige. - - z V «gut ni.ht ohne einen an-
z 9s.s
w.ss.
sehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und
derenn Brustbeklemmuingen immer häuufiger geworden waren, hatie
Ansange eine Scheu vor dieser Neise gelragin. da sie die zu-
nehmende Wärme der Jahreszeil und die Unbequemlichkeit der
Nachiqunarliere fiirchtete; aber der Freiherr hatie auf ihr Mit-
gehen gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die --=== - möge doch
»szsf:=-
1
-gk z Hause bleiben, und die «uronin gal endlich gegen ihr
. M.i
--atiges Gefithl dem Verlangen der Ihrigen nach, weil sie für sich
=-»
keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniß hegte.
So fuuhren deun an einem frühen Morgen die grosen,
vierspännigen Reiscwagen vor das Portal. Iu dem ei ien
wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem anderen
sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammer-
jungfer seiner Mutter fahren, die während der k rzen Reise den
=-=.st bei den beiden Damen zu versehen hatte; aber schon am
D.-s
ersten Neisetage zeigte es sich, das; die Baronin es nicht ertragen
konnie, aag über in der Gesellsch..; -.r lebhafien g- ogin
,ss d.
E.
zuzubringen, und man musßte für den nächsten Morgen die Ein-
z-,s
---=-hg treffen, sie den einen Wagen allein ---=--. Kammer-
zzss - ss-ps
jungfer einnehmen zu lassen, um ihr die nöthige Nuuhe zu gönnen.
Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man
Ruchten verlassen hatte, als man dem Freiherrn, -.r das ganze
»-ss. s..?
--- »-=-= -- des Gasthauses für sich in Beschlag genuunen
ssnz-s
lissd
=-- die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich bitien
lassen, sei gekomnnen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu .= ----
sz-ofs

-- Z(--
und setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit
er nicht nöthig hatte, ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun
er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand, dinkte
ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein.
Als Herr Flies eintrat, hieß der Freiherr ihn mit den
Worten: Sie sind pünktlich, lieber Flies! willkommen.
.ch bin ein Geschäftsmann! entgegnete dieser höflich. Aber

der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem An-
blicke des Juweliers nicht erwehren. Er kam ihm gröser, an-
sehnlicher vor, deunn er irug sich aufgerichieler als friher; seine
Kleidung war einfach, indess nach der Mode und von den besten
Stoffen. Er hatte eine gewisse demiüthige Weise, gewisse liese
Verbeuugungen und gewisse Manieren, die er sonsl als Sianeö-
gewohnheiten unwillkirlich zur Schau getragen, völlig abgelegt
und dafür eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem Frei-
herrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt,
ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durch-
sprechen, wegen derer er ihn rufen lassen; nun er den Kauf-
mann vor sich hatte, dessen Augen klug und forschend auf ihm
ruhten, wußte er nicht gleich, von welchem Punkte er die Sache
in Angriff nehmen sollte, und' wie alle vom Glitcke Verwöhnten
vor jeder Unbequemlichkeit zaghaft und zaudernd, sagte er: Wie
geht es Ihnen, lieber Flies? Ich habe Sie lange nicht gesehen.
ich war lange nicht hier; aber ich wollte meinem Sohne doch
einmal eine Stadt zeigen und muß auch einen der hiesigen
Aerzte wegen der Baronin zu Nathe ziehen.
So sind die Frau Baronin leidend ? fragte Flies.
Recht sehr, recht sehr, antwortete der Freiherr mit sicht-
licher Zerstreutheit; ich denke, der Doctor muß bald kommen!
Er hatte noch immer nicht den Muth, dasjenige zu ver-
langen, was er mit Leichtigleit gefordert haben wirde, als er
sich noch im Vollbesize seines Vermögens und seines Ansehens

-- Z!--
gewußt halte, und Herr Flies, welcher den Zustand des Frei-
herrn wohl erkannte, fand es daher angemessen, ihm mit der
Bemerkung entgegen zu kommen, daß es ihm, da er den Arzt
erwarte, wahrscheinlich erwünscht sein werde, die Geschäfte schnell
zu beenden, und daß er ihm einen, wie er glaube, sehr an-
nehgaren Vorschlag für dieselben zu machen habe.
-- Der Freiherr, sehr zufrieden, daß er nicht derjenige zu
sein brauchte, der die Verhandlungen in Gang brachte, und
doch zugleich verdrießlich darüber, daß Flies sich so heiter und
frei zu fiihlen schien, während er selbst sich von dessen gutem
Willen mehr als ihm lieb war abhängig wuiste, verlangte den
Vorschlag zu hören.
Herr Flies zog die Briefe, welche er von dem Freiherrn
erhalten hatte, aus seiner Brusttasche hervor und sagte: Verstehe
ich die Meinung Ihres lezten Briefes recht, Herr Baron, so
winschen Sie außer der Summe, welche auf Rothenfeld jetzt
aufgesommen war, eine zweite Hypothek in gleichem Betrage
auf Nothenfeld, und eine eben so große auf Neudorf eintragen
zu lassen.
Der Freiherr bejahte das; Flies machte ein nachdenkliches
Gesicht. Es war dem Freiherrn, als säße er angeklagt vor
seinem Nichter.
Die Posten sind stark, hob nach kurzem Schweigen der
Kaufmant an, und Geld ist theuer! Es wird Ihnen große
Zinsen kosten, Herr Baron, Zinsen, die kaum aufzubringen sein
werden, wenn wir einmal ein Mißjghr haben, wie eben jezt,
und vollends wenn der Krieg - - -
Der Freiherr wurde ungeduldig. Das sind Vorstellungen
und keine Vorschläge, mein lieber Flies! rief er, ihn unter-
brechend. Die ersteren habe ich mir selber längst gemacht,
wollen Sie mich die anderen hören lassen?
.ch weiß nicht, ob sie dem Herrn Barvn passen werden,

Oes
hob jener an. Ich denke mein Geschäft mit Nchstem einmal
aufzugeben.
Natürlich, Sie sind ein reicher Mann! rief der Freiherr,
dem die Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dinkte.
Nun, ich habe allenfalls zu leben, entgegnete dieser mit
Gelassenheit, und ich fiihle, das es mir nicht mehr belonml,
die ganzen Tage im Laden und im Compkoir zu stehen. Fünf-
MR?. aR -
Liebster Flies, unterbrach ihn der Freiherr, Sie dirfen
glauben, das; Ihr Wohlergehen mich freut, aber die Vorschläge,
welche Sie mir zu machen hatten. . -
Haugen damil eben zusammen, Herr Baron! versicherle
der Kaufmann. Wer sich zur Ruhe sezen will, muus; vorsich-
tiger werden, als der Geschäftsmann, darf nicht Alles auf eine
Karte, auf einen Wurf sezen und mus: sich fir den Fall, daß
die Ruhe ihm doch nicht zusagt, immer ein Capital zur
Hand halten, mit dem sich allenfalls einmal wieder etwas an-
fangen läst. Ich wäre nicht abgeneigt, Geld auf Nothenfeld
herzugeben, es ist ein schönes Gut; auch Neudorf ist ein schönes
Gut, und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital
beschaffen lassen; aber die zweite Hypothek auf Nothenfeld würde
mir nicht conveniren, Herr Baron, und deßhalb wollte iu« Ihen
.
den Vorschlag machen, ob Sie nicht etwas von Ihrem liegen-
den Besize verkaufen wollten?
Der Freiherr fuhr auf: Verkaufen? -- Sie werden doch
nicht glauben, daß ich eines meiner Güker zu verkaufen denke?
Sie denken doch nicht daran, daß ich Neudorf oder gar Nothen-
sösn
--- wo ich eben jetzt die Kirche baue, verkaufen soll?
Herr Flies lächelie kaum: merlbar, und mit einem Blicke
seiner llgen Agen. den ein Achisamer uichi uisßoersiehen
konnte, sagte er: Wie sollte ich adelige Güter kaufen wollen,

-- ZZ--
Herr Baron, und vollends die neue Kirce, was sollte mir
die? -- Nein, Herr Baron, ich dachie an Ihre Güter nicht;
aber wie wäre es mit dem Hause, das drr Herr Baron von
der Fräulein Tante in Berlin ererbten? Es steht leer, wie
ich gesehen habe.
Der Freiherr schwieg, denn obschon der Vorschlag, der
ihu am leichleslen aus den Verlegenheiten helfen konnte, ihm
sofirl einlennchleie, sidersirelle ihu doch der Genuule, sich irgend
eines Besizthumes zu entschlagen, auf das äuusßerste. Während
er sousi seines Hauses in der Nesidenz mit groser Gleichgüliig-
keit gedachle, siand es ihm jezt in seiner ganzen Wirdigkeit vor
Auugen, und er fiihlte sich mit mannigfachen Banden und Er-
innerungen an dasselbe gefesselt. Was wollen Sie denn mit
einemn solchen Hause lhun? fragle er endlich.
Herr Flies lächelte abermals, und so, daß der Baron es
sehen mußte. Was ich damit machen will? - Ich war im
vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der Residenz und es
hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt
das Theater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke
deßhalb nach der Nesidenz zu ziehen, und das Haus der Fräulein
Tante ist mit seinem großen Garten recht wie meine Tochter
es sich wimnscht.
Der Freiherr biß sich unwwillkürlich auf die Lippe. Er
halte den Mann zu schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm
schwer, ihm nicht zu sagen, daß und wie sehr dieser Vorschlag
ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige. In seinem
Hause, in dem Hauuse, an welchem, seit sein Großvater es
erbaut, das stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten
Handel und Gewerbe lünftig ihr Wesen treiben? Wo Fräulein
Esther den Besch des großen Friedrich empsangen, sollten
Juuudenfranen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stieß den
Gedanken weit zurück; der Kaufmann fügte sich augenblicklich,
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

b=- ZF=
aber er wollte nun auch von dem anderen Darlehn nichts
wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz übersiedele,
seine hiesigen Geschäfte, fir die er seine ganzen Capitalien
brauche, fortzuführen denke; und da der Freiherr, beleidigi
durch den Zwwang, den Flies ihm aulhun zu woslen schien,
sich weder zum Nachgeben noch zu einem eingehenden Verhan-
deln geneigt bewies, so empsahl sich jener, die ganze Angele-
genheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend.

Kapitel 03

-e-ritte o Capite l.
ez
lfhsülge Tage waren seit diesei Gespräche vergangen, und
- der Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt. Die Baronin
fuhr zwar täglich aus, um ihrem Sohne die Stadt und deren
Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben
zu ergözen, aber dic ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die
Luft in den enggebauten Straßen schien ihc sehr drückend, und
der Auspruch des zu Rathe gezogenen Arztes hatte auch nicht
tröstlich gelautet, obschon er keine bestimmte Erklärung von sich
gegeben. Es war fir den Winter von einem Aufenthalte in
einem milden Klima die Rede gewesen, Jtalien, an das man
dabei dachte, kontte jedoch unter den obwaltenden politischen
Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer Leidenden ge-
wählt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen
und Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische
Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert
hatte; und sollte er auch die Gattin, wie die Schwester, über
die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen?
Er liebie Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die
hnge, schöne Frau vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch
nahe, und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus
nicht, wie er es wünschte, ordnen lassen. Die Kaufleute, denen
es belanni war, das; die Herren: von Arten bisher alle ihre
Geschäfie mit dem Hause Flies gemacht hatien, und die es
wußten, wie dieses wohl im Stande wäre, das anscheinend so

==== - z =
sichere Darlehn zu leisten, wurden mißtrauisch, eben weil man
ihnen das Geschäft anbot. Denn der bisherige Banquier der
Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen
Grunde zurückgewiesen haben. Sie zögerten, machten Schwierig-
keiten, verlangten, wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt
hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen nöthigen muußten, und
da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte
Erfahrung bestätigt fand, daß Geld und Eredit für denjenigen.
der sie braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer
wieder auf den Hausverkauf hingewiesen.
Die Noihwendigleii hat eine iberzeugende und verfiührerische
Beredsamleit. Je länger er ihr gegenüberstand, um so mehr
räumie es sich der Freiherr ein, das; er eigenilich niemals
Freude an dem Hause in der Residenz gehabl und das; Keiner
der Seinigen dort gern oder gliücklich gelebt habe. Seit es
erbaut worden, hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche, welche
die Familie in der Stadt gemacht, fast immer leer gestanden,
bis Fräulein Esther es bezogen; und weder die Erinnerungen
an sie, noch jene, welche sich an jdie sechs Monate knüpfien,
die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheirathung in der
Residenz zugebracht hatte, waren von der Art, ihn an das
Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, daß er es
verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit
denen die grillenhafte Besizerin die Abtretung des Grundstückes
an einen Anderen belastet hatte, waren nicht unüberwindlich;
und daß Herr Flies, den er als einen beguemen Geschäfts-
mann kannte, sich nicht kleinlich zeigen würde, wo er für sich
und seine Familie jetwas Angenehmes zu erreichen wünschte,
darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen.
Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe, sie beschäftigte ihn
am Tage, sie quälte ihn in der Nacht. In seinen Träumen
ging er mit seinem Sohne in dem alten Hause umher, und

von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und ver-
folgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, daß er
sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wußte. Wenn er
angstvoll die Thüüre und das Portal des Hofes erreicht hatte,
so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm
den Ausgang; und jenseit des Gitters thürmten sich dichte
Wolken auf, aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen
Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte: Was wollen Sie
mit dem alten Hauuse, Herr Baron? Es ist darin f:r Sie nicht
mehr geheuer!
Ait Morgen nach einer solchen Nacht beschloß er, ein
Ende damii zu machen, nur um der läsiigen Gedauulen los zu
werden; aber der Mittag lamn heran, ehe er sich dazu bringen
lonute, den darauuf bezüglichen Brief zu schreiben.
Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau
und Tochter in dem Garten hinter seinem Hause, als ihm das
Schreiben des Freiherrn zu Händen kam, und da die Kriegs-
räthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land
gefahren war, verstand es sich von selbst, daß Paul den freien
Tag bei seinen Freunden und Beschüützern zubrachte.
Vou dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als
er Herrn Flies den Brief übergab. Die Mutter warf dem
Vater einen Blick des Einverständnisses zu, den er nicht beachtete.
Er läs das kurze Schreiben, sagte, daß er nicht ermangeln
werde, sich morgen in der Frihe einzustellen, und entließ den
Diener. Die Mutier fragte nichts, Herr Flies sprach auch
nicht von der Sache; da sie aber Alle wußten, um was es
sich handelte, konnten sie sich denken, was der Brief bedeute,
und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber, als
wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage
zu lesen, die er nicht zu thun wagte. Er vermochte nicht bei
dem Buche zu bleiben, mit dem er beschäftigt gewesen war;

-- ZZ--
er stand auf, ging fort, kam wieder - man war nicht gewohnt,
ihn so unstät zu sehen.
Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag für die
Mutter auszurichten, folgte er ihr nach, und seinen Arm in
den ihrigen legend - dent der vierzehnjährige Knabe war
fast so groß alö sie - sagte er, während eine duunkle Nöthe
sein schönes, krsliges Gesichl iiberzog: Seba, isl denn mein
Vater hier?
Der bebende Ton seiner Stimme ging ihr zu Herzen, und
sie drückte ihm beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahle.
Warum sagtest Du mir's uicht?
Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort
Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich
wohl nach mir erkundigt hat?
Sie entgegnete, daß sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn
nicht damit zufrieden.
Du würdest es wissen, wenn es geschehen wäre, sagte er,
g
und ich bin kein Kind mehr, dem man, mit Unwahrheiten ein
Vergnüügen macht. Er hat nicht nach, min gefragt!
Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren in-
zwischen zu den. Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht
weiter die Nede davon sein. Indeß Seba sah, daß in seinem
Innern: die Aufregung nicht vorüber war, und als er sich später
wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu er-
fahren, wo sein Vater wohne.
Seba erschrak. Weßhalb fragst Du mich das? sagte sie.
Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war,
wenn er seine Nührung zu besiegen strebte, und sagte dann,
sich gewaltsam zusammennehmend, während seine Lippen bebten:
Ich möchte ihn doch wenlgstens einmal sehen, meinen Vater! --
Aber seine Bewegung war mtächtiger als sein Wille, die Thränen
traten ihm in die Augen, er schüttelte zornig und unzufrieden

=- Zß --
mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in
das Haus.
Daß der Knabe nicht leicht von einer Sache abließ, die
er sich in den Sinn gesetzt hatte, war eine Eigenthümlichkeit
an ihm, welche Alle kannten, die mit ihm zu thun hatten, und
Seba sand es daher fiir nöihig, als Paul' Pslegeellern am
Abend von ihrer Auussahrt wiederlehrien, sie vnn seinem Ver-
laugen und von deu ganzen Vorgange zu unterrichten. Daß
man ihn davon zuriickhalten, mlisse, seinen Valer aussuchen zu
gehen, darin stimmten Alle überein. Madame Flies und der
Kriegsrath waren nur der Ansicht, daß man ihn vertrösten,
ihn beschwichtigen solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegs-
räthin hiugegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu ver-
bieten, ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen, aber wie
immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der
Erstere, und man soll auch von einem Knaben seines Alters
blinden Gehorsam fordern, wenn man die Aussicht hat, ihn
vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können. Er muß
völlig aufgeklärt werden' über die Lage, in welche seine Geburt
ihn versetzt hat. Er ahnt sie, ohne ihre bürgerlichen Folgen
zu begreifen, und wie überall, so hat auch hier das halbe
Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes, für den. Ver-
stand etwas Aufregendes. Was er aber zu hören hat, wird
er am besten von Seba erfahren, da sie die Einzige ist, mit
welcher er über diose Angelegenheit gesprochen hat, und bitiere
Kunde muß man wo möglich mit freundlichem Munde versüßen.
Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben
zu sagen habe, und. man verabredete, daß man ihn unte irgend
einem Vorwwando in der Friihe, ehe er in die Shule gehe, z
Seba senden solle. Jndeß die Kriegsräthin war koine Frau,
die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen

--- Lls-
und Aufwallungen zu gebicten vermochte, und sie mißtraute der
rücksichtsvollen Schonung, die man Paul zu gewähren wünschte.
Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren,
sich der Hoffnung hingegeben, das: er sich nach Paul erlundigen,
daß er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und
nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde, und sie
hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit
des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen,
als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebens-
aussichten der Kriegsräthin nun lange schon begriffen.
Der Präsident, welcher sonst im täglichen Verkehre mit
dem Kriegsrathe es eben nicht gewahrt hatte, daß dieser dem
allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe, und der
sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen
Uriheils enthaltende regelmäßige Arbeiten dieses Beamten einen
besonderen Werth gelegt haite, glanbte jezt zu erlennen, das:
eine maschinenmäßige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht för-
derlich sei und daß man von einem alternden Manne keinen
geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten
mehr zu gewärtigen habe. Von einer Beförderung des Kriegs-
rathes, auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura
hoffen lassen, konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein. Es
waren demselben bereits mehrfach jüngere, selhstdenkende Collegen
vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch Enthüllung
jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsführung ihres
älteren Collegen etwwa nachweisen ließ, rechtfertigen zu müüssen
glaubten; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines
Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten her-
absinken zu sehen, das war eine Kränkung, welche auch einen
festeren Charakter als den des Kriegsrathes überwältigen und
einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte, sich wider-
standslos der Entmuthigung zu überlassen.

-=- h--
Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben na-
türlich denn auch nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit
Sicherheit darauf bauen konnte, den einflußreichen Präsidenten
immer in dem Freundeskreise des Kriegsrathes zu finden, legte
man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und
da man bald bemerkte, daß der Präsident es nicht wie früher
erwartete, überall, wohin er kam, den Kriegsrath mit seiner
Frau zu finden, untsrließ man cs öfter, dieselben zu den Ge-
sellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr
bitter, aber wenn Herr Weißenbach geneigt wur, sein Schicksal
über sich zu nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie
entbehren muuußte, gewann einen doppelten Reiz für sie, und das
Verlangen, wiederzugewiunen, was sie einst besessen hatte, die
galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf be-
gründete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Ansiren-
zungeu und Uniernehmugen auf. Sich zuriickzuzichen, weil
das Glück sich von ihr wendete, war nach ihrer Meinung eine
Schwäche, deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen
durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freund-
schaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte, so mußte man
suchen, ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen,
und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher getrieben hatte,
ließ sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnke man, seit
Herbert einen Theil der Zimmer inne hatie, nicht mehr so gut
und beguem, als früher, und auch die Handwerker ließen sich
nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten.
Aber man mußte nuur Muth haben, nur gewisse tägliche Ge-
wohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ju für Menschen,
die einen bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen
konnte; man mußte nuur zeigen, daß man immer noch wohlauf,
daß man aus eigenen Mitteln unabhängig sei, um seine alte
Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen,

- IZ-
daß es kein Eigennuuz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei,
wenn man nicht aufhöre, eine Annäherung an ihn zu suchen,
und sich Mühe gebe, die alten Beziehugen wieder anzukniipfen.
Laura hatte übrigens mit dem Kriegsraihe jetzt ein leichtes
Spiel. Ein Mann, der sein Selbstgefühl auus der Anerkennung
gezegen, welche Andere ihm zollten, wird haltlos, wenn ihm
diese fehlt; und unfähig, in sich selber zu beruhen, wird er
leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen unterthan zu machen,
wenn er durch diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vor-
theile wicderzugewinnen. Der Kriegsrath war ein bedächtiger
Mann, ein überlegender Haushalter gewesen, so lange er sich
in seinem Amie geachtet wuuste und so lange er seine Ein-
nahmen und Ausgaben in sirengem Gleichgewichte zu erhalten
vermocht. Jetzt, da dies nicht immer gelingen, da die Ab-
schlisse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine ami-
lichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten, konnte er den Anblick
seines Hauishaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die
Gewißheit peinigte, daß er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte
er es allmählich aufgegeben, seine Ausgaben zu verzeichnen und
seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst, drückende Zveifel
konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm
Freude und Genuß gewesen; Zahlen als Ankläger vor sich zu
sehen, das ging über seine Kräfte, und sich wieder mit den
Zahlen seiner Bücher auszusöhnen, war Alles, wonach er krachtete.
Er war zu jeden Enibehrungen, er war fogar bereit, seiner
Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkom-
mens zeitweilig ganz zu iberlassen, nur mit seinen Zahlen
sollte sie ihn versöhnen, denn die Zahlen standen vor ihm auf
in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen nach Aus-
gleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen,
wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen
Wangen rötheten. Die Summe der einen Seite wuchs immer

-- .--
weiter über die Summe der anderen Seitr hinaus, und weder
Laura's Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoff-
nuunngen vermochten das zu ändern.
Seit Jahr und Tag hatie sie ihn darauf hingewiesen, das;
ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige Hüllfe und
Befreiung kommen misse. Allerdings wr die Theilnahme,
welche derselbe für seinen Sohn bezeigte, niemals eine persön-
liche und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach
Paul gefragt; in allen den Verhandlungen, welche der Caplan
mit der Kriegsräthin gepflogen, war des Freiherrn Name nie
erwähnt, und es war für Paul auch außer der durch den Caplan
regelmäsßig besorgten Pensionszahluung weiter nich!s gethan worden.
Sie hatien die Schulzeugnisse des Kaben dem Caplan einge-
schia.., hatten von diesem die immer wiederholte Weisungg er-
halten,
achten,
führen
ihn streng und ejnfach zu erziehen und wohl darauf zu
zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn
könnten, da er füür sich selber einzustehen haben werde.
Nichts desto weniger war, wie Laura es ihrem Manne aus
einander sezte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein Geheimniß
so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und daß
endlich in dem Vater die Stimme des Blutes und des Herzens
einmal fir den Knaben sprechen, daß er endlich doch einmal
kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, daß der Anblick des
ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen. daß er ihnen danken
werde, was sie für Paul gethan, das war füür Laura über jeden
Zweifel sicher. Man muste nur warten, es nur mit Anstand
durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann konten die
Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen,
dann mußte der Kriegsrath die reichen Frichie ihrer Gutihat
ernten und dann wüürde er auch eine neue Bestätigung ihrer
Behauptung erhalten, dasß er sich immer am besten stehe, wenn
er dem Rathe seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.

-- F . --
Die Nachricht, das; der Freiherr in der Siadt sei hatie Laura
natürlichsin eine große Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche
sie gehegt, standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung.
In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung
von dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich ein-
ireten zu sehen. Sie ließ ihre Zimmer in besondere Ordnung
bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst pflegte, um
nicht bei einer etwaigen Neberraschung in unangemessener Weise
erscheinen zu müssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel,
um zu sehen, wie die Miene zuriückhaltenden Verständnisses sie
kleide, mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte.
Sie hatie sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht
gemacht. Sie musßte als Erzieherin des Knaben der sitilichen
Würde nicht ermangeln, sie durfte aber auch nicht eine üüber-
triebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater nicht
zu verletzen. Leichtlebig und doch ernsthaft, vornehm und doch
zuvorkommend, selbstständig und fügsam muste sie sich darstellen,
um die Freundschast des Freiherrn erwerben und ihm das A-
erbieten nahe legen zu können, welches sie ihm: zu machen
wünschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt zu adop-
tiren, um ihm mit dem Namen Weißenbach, mit dem Namen
eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Wct und in
der Gesellschaft zu eröffnen, die sich ihm mit dem völlig unbe-
kannien Namen Mannert nicht so leicht erschließen dürfte. Na-
türlich mußten sie und der Kriegsrath sich dann in einer Lage
befinden, welche ihnen ein solches Opfer möglich machte; aber
sie in diese Lage zu versetzen. konnte einem Manne von den
Mitteln und dem Einflitsse des Freiherrn gar nicht schwer sein.
Sie lächelte, wenn sie sich die Wenduung im Geisie wiederholte,
mit der sie ihm den Vorschlag khun wollte, sie sah die gütige,
zufriedene Miene, sie fihlte den freundschaftlichen Händedruck,
durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte, und sie

=- IJ-
hatle auch Nichis dagegen, wwenn er es elwa angemessener finden
sollie, ihrem Gaiien einen besseren Posten in der Residenz z
schaffen. Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jezt müde,
den eine Mittelstadt war füür eine Frau we sie doch eigetlich
niemals der rechte Wirkungskreis gewesen.
Es paßte Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich
ausgedacht hate, es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der
Freiherr kam, uns kommen mußte er, weil sie sich sonst ja
nicht zu helfen wusßte. Wie sollte sich nichi figen, was fir sie
so unerläßlich schien?
Da brachle plözlich der Einfall des unseligen Knaben einen
Stillstand in ihre muihig vorwärts gehenden Gedanken. Wenn
Paul seinen Vorsatz ausfüührte, wenn er, ohne dazu ermächtigt
zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben konnte,
daß man Paul geflissentlich von der Awesenheit seines Vaters
benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Frei-
herrn zu nahen, so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der
Laune eines Kindes, dem Verstande und der Beredsamkeit eines
unerfahrenen Mädchens alle ihre AuSsichten anzuvertrauen, das
wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets zu-
wartender, gelassen.r Mann oder Leute wie ihre Wirthe schuldig
machen konnten, die es gar nicht mehr zu wissen schienen, daß
man fremden Beistandes bedürfen könne.
Wollte sie nicht die Mihe langer Jahre vergebens getragen
haben, nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hasens
scheitern, so mußte sie ihre Maßregeln treffen, so mußte sie mit
dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn sie fühlte sich eben
in der richtigen Verfassung fiür den Zweck. Sie wollte, wenn
etwa der Freiherr am nächsten Tage käme, Herr üüber alle ihre
Os
=-==-el sein ! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht
nicht rauben; für Paul hatte es keine Noth, denn-- Kinder
schlafen immer!

Kapitel 04

Viertes Capitel.
zgaul war noch nicht zu Betie gegangen, als seine Pflege-
eliern nach Hause lauen. Er stand am: ossennen Fensier und
sah in die Straße hinaus. Gegeniber in dem Gasthofe brannte
das Licht in vielen Fensiern; aber es war nicht das vornehmste
HHoiel, das lag mchr zur Seite, und sein Vaier lonnie doch
nur in dem vornehmsten Gasthofe wohnen, der immer noch
lange nicht so schön und prächtig war, als Schlos; Nichten
milten in dem großen Parke.
Schloß Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem
Geiste des Knaben. Alles, was er Großes und Erhabenes von
den Prachibauten der verschiedensten Zeiten gehört, Alles, was
er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt, das halte seine
lebhafte Phantasie allmählich auf Schlos; Nichten übertragen.
.a älter er geworden war, um so fester hatte sich in ihm das
N,
Verlangen ausgebildet, dieses Jeal seiner Gedanlen wiederzu-
sehen und. wie er das in mannigfachen Erzählungen gelesen,
einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu
werden. Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel
gerichtet. Und nicht wie der verlorene Sohn in der Bibel,
nicht als ein Betiler, als ein Hülfesuchender wollte er vor seines
Vaters Thütre treten. Gut und brav und gechrt wollte er sein,
so gut, so brav, so geehrt, daß seine arme Mutter noch im
Grabe stolz auf ihn sein durfte, daß er Lob und Liebe von des

-- HF--
Vaters Munde hören mußte, wie sie Seba, dec er diese ganze
Sinnesrichtung dankte, stets von ihren Elter zu Theil ward.
Wie kam es aber, daß sein Vater ihn nicht suchte? Er
hatte ihn ja so oft auuf seinen Knieen geschaukelt, als Paul
noch ein Kind gewesen war und niemal daran gedacht hatte,
daß es etwvas Schönes sei, geliebt zu werden. Und damals
hatte er seine Mutter noch gehabt! Weßhalb liebie sein Vater
ihn jezt nicht mehr, da er keine Mutter mehr hatie, die ihn
an ihr Herz schlos;, da er wuste, wie elend seine Mutter um-
gekommen war, und da ihn ausßer Seba Niemand liebte? Alle
Eltern liebten ihre Kinder; alle Vter hakienn ihre Kinder bei
sich; alle Väter freuten sich an ihren Kindern! Warum freute
sein Vater sich nicht an ihm? Was hatte er verschuldet, das
sein Vater ihn nichi lieble, das; er ihn nicht sehen mochie, da
er doch in seiner Nähe weilte?
Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen, ohne daß er
sich die Sache zu erklären gewußt z. te, aber sie drückte ihn
.s
nur desto schwerer. E ängstigte ihn, wenn seine Kameraden
sich nach seiner Heimath, nach seinen Eltern, nach seinen Aus-
sichten erkundigten, und gerade ihn, so meinte er, gingen sie
immer mit solchen Fragen an. Er mochte nicht sagen, seine
Mutter habe sich ertränkt, er mochte es Niemanden wissen lassen,
daß sein Vater sich um ihn nicht kimmere, und Kinder verstehen
es noch nicht, jene halben Autvorten zu geben, mit denen Er-
wachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumuthung z
schizen wissen. Aber eben die Befangenheit, die Verlegenheit,
welche er nicht verbergen konnte, reizte die grausame Neugier
seiner Genossen, weil sie ihnen ein ungewohntes Schauspiel
bot; und Kinder sind wie die Fliegen, die sich stets auf wunde
Stellen sezen.
Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und
in die Straße geschaut. Einstmals hatte die Mutter ihm be-

- tZ --
fohlen: Zähle die Fenster des Schlosses! Heute hatte er die
Fenster der beiden Gasthöfe gezählt und zugesehen, wie die
Lichter hinter denselben kamen und verschwanden, und sich ge-
fragt und wieder gefragt: Wo mag denn meines Vaters Zimmer
sein? Wo mögen denn wohl die glicklichen Kinder schlafen,
welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die hinter den
goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen?
Eine große Traurigkeit halte ihn dabei überfallen. Er
mochte nicht essen und mochte auch kein Licht haben. Was sollte
er auf der Well, in der er nicht Ellern, nichi Geschwisier hakie,
in der Niemand nach ihm fragie? Wohin er seine Gedaulen
wendete, es freute, es reizte ihn nichts. Wozu sollle er lernen,
wozu sich auszeichnen? Wer kümmerie sich um ihn? Was kam
darauf an, ob etwas aus ihm wurde?- Er hätte gern weinen
mögen, hätte er's nur gelonnt. Die Augen waren ihm so
müde und so schwer wie das Herz, er konnte sie kaum erheben,
sie sanken ihm immer wieder nieder, als hätte er etwas Böses
gethan und dürfe sie nicht aufschlagen.
Es that ihm wehe, als plözlich der helle Lichischein ihn
berührte, als die Kricgsräthin in das Zimmer trat und ihn
fragte, weßhalb er hier im Dunkeln size. Aber er hatie es
nicht nöthig sich zu entschuldigen, denn sie nante es gut, das
er noch wach sei, nahm ihren Hut und Shawl ab, zog ihre
langen Handschuhe aus und sezte sich dann dem Lichte gegenüber
auf das Sopha. Ihr Hals und ihre Wangen sahen von der
Erhitzung des Tages noch ganz roth aus. Sie hatte die ent-
blößten Arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten
gelehnt. Das that sie immer, wenn sie mit dem Kriegsrathe
oder mit Paul zu schelten gedachte. Es ließ auch nicht lange
auf sich warten.
Paul! rief sie ihn mit ihrer trockenen Stimme an, die
immer hart klang, wenn sie dieselbe nicht geflissentlich und

= F,ß--
schmeichelnd sänftigte. Komm einmal her, Pa l, ich habe noch
mit Dir zu sprechen!
Eine unbestimmte Ahnung durchziterte ihn, und mit einer
Bangigkeit, wie er sie nie zuvor empfunde, fragte er, ihren
Mittheilungen voraneilend: Von meinem Vater?
Wie kommst Du darauf? rief sie vorwurfsvoll, obschon
seine Lebhaftigkeit ihr die Mihe einer Einleitung ersparte und
ihr also recht erwünscht war.
Mein Vater ist ja hier, sagte er schiichtern.
Dein Vater, Dein Vaier! wiederholie sie im Tone des
Tadels; hal er Dir gesagl, das: er danach verlangi, Dein Vaier
zu sei? Hai er Dir gesagt, das: Du sein Sohn bist?
Paul sah die Kriegsräihin erschrocken an; er verstand nicht,
was sie meinte.
Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir
jemals gesagt. das: Du seig Sohn bist?
Nein, versetzte er leise, den jedes Wort. das die Kriegs-
räthin zu ihm sprach, schmerzte ihn mehr als ein Schlag.
Woher bildest Dn es Dir denn ein? Woher kommst Du
auf den Einfall?
Meine Mutter hat es mir gesagt, entgegnete er gepreßt.
Ach, Deine Mutter! rief die Kriegsräthin; Deine Mutter
hätte auch etwas Klügeres und Besseres thun können, als Dr
solche Dinge in den Kopf zu setzen; sie wuste ja am besten,
wie es mit Dir stand!
Der Knabe regte sich nicht, aber seine Mienen drückten
eine solche Angst aus, daß der Kriegsräthin bange davor wurde,
und mit dem Gedanken, daß sie ein Ende machen und allen
ar
horheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse, sagte sie schnell
und fest: Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen, daß Deine
Mutter keine Baronin war und nicht in dem Schlosse bei
Deinem Vater wohnte?
F. Le wald, Von Geschlechht zu Geschlecht. ll.

== I -
Er autwortete ihr nicht. Siehst Du also, fuhr sie fort,
wie gedankenlos Du immer bist! Wenn Du es Dir nur ein
wenig hättest überlegen wollen, wirdest D. Dir Alles selber -
wis
haben sagen können! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau
des Herrn Barons, war nur von niederem Stande, ein Bauer-
mädchen oder so etwas, und gar nicht mit dem Herrn Baron
getraut! Das ist aber eine Simnde und eine Schande, und
darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben! Er mochte Dich
nicht bei sich haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte
lassen, an welchem alle Weli es wuusste, wo Du herstammlesl,
und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande gereichen
muszle! Wad willsl Duu also von dem Herrn Baron?
Sie hätie noch lange so fortsprechen können, ohne das; der
fassungslose Knabe sie unierbrochen, sie häile ihn noch ofmals
fragen können, ohne das: er ihr geantwwortet haben würde. Er
hörte Alles, als klinge es aus weiter, weiter Ferne dumpf und
unverständlich zu ihm herüber, und doch traf ihn Alles bis
ins Herz. Es war ihm, als höbe man ihn von dem Boden
empor, auf dem er stehe, und drehe ihn in der Luuft umher,
und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang, sich von
den Qualen zu befreien, die man ihn erdulden lies, sich loszu-
reißen, fortzulaufen, die Hand zum Schlage zu erheben und
dem Zorne, der beängstigenden Scham und der Verzweiflung
Luft zu machen, die ihn fast erstickten, die ihn lähmten. Finmal
in seinem Leben war ihm eben so, beinahe eben so zu Muthe
gewesen: auf dem Balle, bei welchem der Graf Berka von dem
Freiherrn von Arten gesprochen hatte, und wo ihm eingefallen
war, was seine Mutter ihm gesagt hatte; aber die Pein, welche
er jetzt eben litt, war weit größer, war noch weit schwerer!
Er konnte sie nicht fassen, obschon er sie ertrug.
Nun, Paul, sagte die Kriegsräthin endlich mit milderem
Tone, da sein starres Schweigen ihr lästig ward, nun weißt

=- , F F --==-
=uu, woran Du bist, und Du bist alt und klug geng, duß
man es Dir sagen konnte. Du bist uuur ein uuhelicher Sohn
des Herrn Barons, und er braucht sich, wemn Du eingesegnet
bst, gu uicht weiter um Dich zu kümmern. Sei also ordentlih
und vernüuftig, und beweise ihm durch Deinen Gehorsam, daß
=u die grosten Wohlthaten, die er Dir gethan hat, verdienst.
Er häiie gar nicht nöthig gehabt, =ch hier als unsern Sohn
erziehen zu lassen; aber wenn Du ihm gehorchst, wenn Du ihn
nicht ohne seine Erlabnis; an Dich erinnerst, wird er gewis:
seine Hand nicht von =-r abwenden. Ds will sehen., was ic
N,
cx1
i- =-ch bei ihm zuu erwirken und ob ich es nicht vielleicht fin:
s= ed;
= -ch durchzuusezen vermag, daß wir Dich an Kinndesstatt an-
eh,
nehmen, das: =. immer bei uus bleiben und daß Du doch auf
r,s
diese Weise einenn Namen bekommen kannst, mit dem Du Dich
in der Welt und. vor den Leuien sehen lassen darfst! Und nun
geh., und schlafe Dich aus, uun sei vernünftia!
er
Nein, uein! rief der Knabe so laut und plözlich, daß die
Kriegsräihin davor zusamienschreckte.
wu willst nicht gehen? fragte sie und nahm ihn bei
der Hand.
Er zog seine Hand aus der ihrigen. Ich will keinen an-
deren Namen haben, ich will meinen Namen behalten, -« - -
sF s-:ss
Paul Mannert heißen und nicht anderö!
Die Kriegsräthin schittelte ärgerlich das Haupt und schob
ihn fort. Heise, wie De wil.., sagte sie, und geh' z - -- -
a
s N,s :
Das aber bitte ich mir aus, daß D.. keine Dumnheit machst
ds
und Dir uicht etwa beikommen=g den Herrn Baron be-
1ss
lästigen zu gehen!
Sie nahu dad Licht und
im Dunkeln z==-, aber das
e»-Gs,s
war ihm nicht undurchdringlich
Kammer, warf sich in seinen
verließ ihn; Paul blieb allein
=-==-el genügte ihm nicht, es
aeeK
geng. Er eilte fort in seine
Kleidern auf sein Lager und
z ?

- ZZ-
hüllte das Gesicht in die Kissen. Er wollte nichts sehen, nichts
hören, es sollte ihn auch Niemand sehen, Niemand etwas von
ihm hören.
Sterben, sterben, ich will sterben! rief es immer in seinem
armen, jungen Herzen, und die biltere Scham brannte in seinem
Gehirn, daß die Thränen ihm davon versiegten.
Sünde und Schande, hatie die Kriegsräthin gesagt. Sünde
und Schande! sagte er sich immerfort, hörte er es immerfort
um sich erklingen. Sinde und Schande waren es gewesen, die
seine Mutter in den Tod getrieben hatten! Eine Sünde war
es, daß er auf der Welt war, die Schande heftete sich an ihn,
und ihr lonnte er nicht enifliehen !-- N wuste er, wesßhalb
seine Kameraden ihn imuner um seine Eliern sragien, warum
sie immer wissen wollten, wo er zu Hause sei. Sie hatten alle
Mütter, die getraut mit ihren Mänern waren, sie haiten alle
Väter, die sich ihrer nicht zu schämen brauchten, sie hatien ein
Vaterhaus, in das sie hineingehörien. Er hatie nichts, nicht
Vater, nicht Mutter und nicht Heimath ! Nichts war sein eigen
als die Schande, die mit ihm geboren war; und nicht einmal
seinen Namen wollte man ihm lassen, auch seinen Namen wollte
die Kriegsräthin ihm nehmen, die ihn so gemartert hatte, daß
er auch in seiner Herzensangst nicht mehr weinen konte! Das
war es gewesen, was ihn zum Aufschreien gezwunngen, das war
es gewesen, weßhalb er so ängstlich sein Nein, Nein! gerufen.
Sein Name war das Einzige, das ihm gehörte. Er hatte nicht?,
nichts auf der Welt, als diesen seinen Namen, den sollte man
ihm nicht nehmen, nur den Namen nicht!
Er schlug die Hände iüber dem Kopfe zusammen und weinte
endlich bitterlich. Aber schmerzlich, wie die Thränen ihm ent-
auollen, befreiten sie ihn dennoch von der dumpfen, erdrückenden
Angst, die auf ihm gelegen hatte, und er konnte wieder etwas

--- ZHF - =
Anderes denken, als die Worte Sünde und Schande, obschon
seine Gedanken aus derselben Wurzel stammten.
Er sagte sich, daß jetzt Alles anders sei, anders werden
misse. E kam ihm vor, als sei der gesirige Tag schon lange,
lange vergangen, so lange vergangen, wie die Zeit, in der er
als lleines Kind mit der Multer vor dem Schlosse gestanden
hgtte; dent gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen,
id jetzt war er -das nicht mehr. , nein, nicht mehr!
Er seufzte, als er sich dies sagte, uno hätte doch nicht zu
- erklären vermocht, was in ihm vorgegangen sei. Er wußte nicht,
daß er kein Kind mehr sei, weil das Leben ihn also zu seufzen
gelehrt, weil der Schleier plözlich vor ihm zerrissen worden
war, der die Kinidheit von dem Leben allreunl, und weil an
dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren
Gefährten, dem Kummer und dem Schmterze, vor ihm ge-
standen hatten.
Er konle nicht schlafen. Wirre Vorstellungen trieben sich
in seinem Kopfe umher, daß der Kopf ihn schmerzte und die
Unruhe ihn nicht rasten ließ. Die Finsterniß, welche er erst
gesucht hatte, fing ihn zu ängstigen an, aber das frühe Tages-
licht minderte den Zustand nicht, bis er endlich, als die Sonne
schon drüiben an denn Dachfenstern des Nachbarhauses golden
wieder zu scheinen anfing, müde und frierend einschlief.
Gegen die Gewohnheit musßte man ihn mehrmals wecken.
Die Magd, welcher dies oblag und die ihm sein Frihstick gab,
sagte ihm, er möge, ehe er zur Schule gehe, noch bei Mamsell
Seba vorsprechen. Er hörte es, aber heute mochte er nicht zu
Seba gehen. Sie wußte es ja auch!
Auf der Straße traf er wie immer mit einigen von seinen
Kameraden zusammen; das war ihm unlieb. Er achtete nicht
auf ihve Unterhaltungen, er konnte auch in der Schule sich nicht
zwingen, dem Unterrichte zu folgen. Man kannte ihn nicht

--- ZF--
wieder. Lehrer und Schiler fragten ihn, ob er krank und
weßhalb er so traurig sei. Er versicherte, daß ihm nichts fehle.
Er wollte auch gern lachen und munter sein wie sonst; aber
es wollte ihm nicht gelingen. Es freute ihn nichts. Was sollte
er auuch hören, was sollte er sehen, was kümmerte ihn denn
auf der Welt, als die eine verzweiflungsvolle Frage: wissen sie
es denn, wer weiß es denn?- Es wurde ihm ärger und
ärger zu Siine, es zerris: ihhi fast das Herz, denn er haite e
mit einem Male an sich selbst erfahren, was Unglück sei und
wie es schmerze.
Aber während der arme Paul also die erste sehwere Lust
des Lebens auf sich wuchten fühlte - und jungen, ungewohnlen
Schultern fällt sie zehnfach schwerer, als wir es ermessen ---
rühmte sich die Kriegsräthin gegen ihren Mann, dasß sie es
vorgezogen habe, sicher zu gehen, weil sie es nicht liebe, sich in
wichtigen Angelegenheiten auf freude Einsicht und Gewandkheit
zu verlassen. Da sie zufällig Paul gestern noch am Fenster
gefunden, habe sie ihm lieber gleich gesagt, was er früher oder
später doch erfahren müüssen, und sie habe es ihm kurz und
rund heraus gesagt, denn das Vertuschen und Verweichlichen
könne sie nicht leiden; der Mensch müsse bei Zeiten daran ge-
wöhnt werden, die nackte Wahrheit zu ertragen.
Und wie hat Paul die Mittheilungen aufgenommen ? fragte
der Kriegsrakh mit sichtlicher Besorgnis.
Wie soll er sie aufgenommen haben, entgegnete die Frau,
Du kennst ihn ja! Er machte die großen Augen noch weit
größer auf und starrte mich an, wie das seine Art ist, hinter
der Du und die Flies'sche Familie Gott weiß welche Eigen-
schaften verborgen glaubt, und die mir von jeher einfältig und
frech erschienen ist. Den Schlaf hat es ihm nicht geraubt, dennn
man hat ihn kaum erwecken können.
Der riegöralh gab sich damil wie jezl lsberhausl mii
1

l
1
l

- -
e II -=
;- allem Nebrigen zufrieden; aber er ging dennoch zu=udame
N,
z Flies, ehe er sich in sein Bureau verfügte, um sie zu benach-
z richtigen, daß seine Frau mit Paul gesprcchen habe und daß
Seba es also nicht zu thun brauuche, wenn der Knabe dies
:
, nicht selbst veranlasse. Denn, sagte er, meine Frau glaubt
-- das zwar nicht, aber ich weiß, der Jnge ha! Ehrgefihl und
. ez
, Herz, es wird ihn wnrmnen und er wird's nicht leicht verwinden.
s?
D
D
T.,
s
s=?
e?
s
b
-
F

?

==-
-k
e-
dK
=
?
l
iß.
A E
P L
E sg
uy?
Ef
u .
?
V
t .
1=
Ez?
E?
s

sE
he
l
D -
a

Kapitel 05

edaA
iütile
Fiünfteä Capitel.
befindest Dt Dich heuie ? fragie der Freiherr seine
Gailii, als sie sich an dem Tage von der Tasel erhoben halleu.
Sie autwworiele ihm, das; es ihr uicht übel gehe.
Aber Mama, sagte Nenates, Du hast ja Blut gespieen!
Der Freiherr ward achlsam, denn das war nie zuvor gesche-
hen, und er erkundigte sich lebhaft, ob der Arzt davon benach-
richiigl worden sei.
Angelika beruhigte ihn darüber. Sie sagte, wie der Doctor
ihr versichert, daß dies gar Nichts auf sich habe, wenn sie sich
nur vor heftigen Gemüthsbeweguungen und vor Erhizung hüüte.
Nur so bald als möglich auuf das Land zuriückzukehren, habe er
ihr gerathen, und sie selber trage auch danach Verlangen, denn
sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden.
Der Freiherr meinte, sie sähe eben jezt erhizt auus, indes:
sie wiederholte, daß sie sich erleichtert, ja freier fihle als seit
langer Zeit, und nachdem er eine Weile etvas zu überlegen
geschienen, sagte er, sich zu ihr wendend:
Da D. Dich nach Richten sehnst, meine Liebe, ist es mir
d,,; e
recht erwünscht, daß ich meine Geschäfte hier beendet habe, und
daß unserer Abreise von meiner Seite jetzt nichts mehr im
Wege steht. Selbst Deine Aussage, das: =. Dich in der Stadt
D.s eg
niemals so wohl befunden als in Richten, ist mir sehr erfreu-
lich,- wie sich denn mitunter Alles leicht und geschickt fiigt,
während manchmal Alles uns zu widerstreben scheint!

! r
-:ß ! --==-
Aigelila versland nichl, was der Freiherr mneinte oder
worauf diese lezt. -ßerung sich brziehen lonnte; aber seine
s Is,-
«=-=--bs=s--- s -- -higes Eingehen auf die Unterhaltung über-
Ves»--- I,, s.ss zn
-»-=- --.- oenn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem Zerwülcfniß
=-»-sFsHis Cef -
so kurz und so ganz äusßerlich gewese, duß sie sich nicht er-
innern konnte, irgend eine allgemeine Beierkung von seinen
Ess zs
=-==--l gehört zuu haben, wenn sie sich mit ihn allein befuniden
halle. Se sragle ihn, was ihhn zu jener Betrachtung veranlaßt
habe, und er anlworieie:
Ic eine dami!, das: uns oftmals, wenn wir mit irgend
einem Eischluusse nicht zt = uunde lomme-.---l, ein soge-
isssos
is s
e1.
nannter Zufall üüber alle Schwierigleiten forthilft. Geben wir
ihm verständig nach, folgen wir seiner Weisung, so werden wir
es plözlich gewahr, das: alle uesere Bedenken uuf falschem Boden
erwwuchse, und welche Vorihheile es uns bringt, welche Erleich-
--=ugen sich uns bereiten, wenn wir uns entschließen, diesen
fs:
s».?,
--pgen Standpunkt auufzugeben ud zu verlassen. Er hielt ein
wenig inne und sprach dann, da er die Augen Angelika's mit
A lsns
einer Art von Besorgnis: auuf sich gerichtet sah, zger.d. -
doch mit anscheinendem Gleichmuthe: Ich habe mich seit Jahcen
z- S sss. ssss.d=-
mtit der unnöthigen Sorge um das Haus de. ----=-=-=-
Dz -
=- C,s-s.ss
getraget. Iedes Frihjahr, ede- z--; habe. --=---=--= --
-s Z,sz fHi s zoi:
dvis: znss.'
=----- --=»lß gemacht, und es ist ein Capital volllg=-==---o-
- ziffpssiiisf
und u tgentossesl g.siebell, -- - ------- -- »6i -=-
»s.s
i:iis A.sssff zzin
Alfp
s..uls smfüb-»-ss,s..- ex
==-g-- ----- =z- viheshkesl, Eag,d -=== =-s---- -ss-
,l. VsKö- zsd
»Is, SsZss,s- s:ss nwe- -s:ss- Fszss= -pi,s --
=s=s= o- s=sjs-- s»=- =ss ig - - ==z»ss zs 8-s=s zul Pt1ßI
Die Sorge bin ich endlich los!
zissd.
s=- zll.
ein paar
KsAi.s
=-ui üsuyu nis
Hes s.ss dos- Fso
==--- --- - - »=-g- los, und wie das? fragte die Baronin.
f.
.h habe heute das Haus verkauft! entgegnete er un- -»
d. S»s.il
ss-«
F
n-«- um ein Notizbuch von einem Seitentische zu holen. =-
»-lls,: ;
P-- onnte sein Gesichi nicht sehen, ---- g auch nicht
N.s. s.
anblicken, und es war ihm unlieb, daß sie schwwieg.

- ZZ--
Das gute, alte Hauns! sagte sie nach einer Weile.
cg
-u hast es nie geliebt, entgegnete er ihr, wie kannst Du
beklagen?
Ich dachte nur, wie Alles doch so wandelbar und so ver-
gänglich ist! gab sie ihm zur Antvort.-- Er blätterte in dem
Notizbuche; sie lies ihn gewähren, bis sie endlich mit der Schiich-
kernheni, welche sie dem Freiherrn gegeniber jezk niemals mehr
verlies;, lelse die Frage aswars: Msztes! Dii dad Han ver-
lausen, wvur es be:un niehi zu verueiben, Franz?
Aber er mißlannte den Ton der Betrübniß und der Sorge,
der aus ihren aSorlen sprach, und ihn fiür einen Vorwurf
haltend, sagte er: Der Kirchenbau in dem unseligen Rothenfeld
hat zu viel Geld verschlungen, und die durch Herbert nöthig
gewordene Eillassüung Adanu d machi uir grosie Schwierigleile.
Es blieb mir keine Wahl!
Er wußte, was er ihr mit diesem Auäspruche that, und
er bereute ihn sofort; denn wenn sie auch nicht mehr mit ein-
ander zu verkehren vermochten, ohne sich gegenseitig zu verletzen oder
doch verlezt zu glauuben, nöthigte der Zustand der Varonin ihm
dennoch Theilnahme und Rücksicht ab. Er versuchie es also,
sie mit seinen aSorten und mit dem Ereigniß aunszusöhnen,
s Md
indem er leichthin von gewissen Einzelheiten der Gutsverwaltung
und seiner Geschäftsverhälinisse zu reden anhob, deren er sonst
niemals gegen sie erwähnte. Aber weit entfernt. sie zu beru-
hige-. - -hohten die Mitiheilungen nur ihre Besorgnisse. Er
ließ sie bemerken, daß sie in Mamsell Marianne, die er nach
den Anordnungen von Fräulein Esther jetzt nach Richten nehmen
müsse, eine Pflegerin erhalten werde, wie sie dieselbe schon lange
nöthig gehabt habe; mitien in diesen Auseinandersetzungen unter-
brach ihn jedoch Angg -- plötzlich mit dem Ausrufe: Weiß
z8s?»
es die Herzogin?
Nein, euigegnele der Freiherr, von der Frage nichi auge-

--- Z9--
nehm berihr, und ich winschte auuch, das: ihr die Sache
wwenigstens vorläufig noch verborgen bleibe!
O gewiß, rief die Baronin, und beide, der Freiherr sowohl
als Angelika, fühlten sich, wenn auch aus verschiedenenn Griuden,
eben durch die Erinnerung an die Herzogin verslimnnter und
gedrückter als zowor. =e Unierhaltung gerieth völlig ins
ed;
Slocken. Edlich sah der Freiherr nach der llhr und sagle
dann, auf den friihseren Gegesland des Gessräceh zuricklehhrennd:
äGle es uir lberhuusl willloumen isl, von deim Besize des
Hauses frei zu werden, so ist mir es auch angenehm, daß grade
Flies es kauufte. Er hat sich wie immer als einen bequemen
Gefchäftsmann, hinsichilich des Kaufpreises auch nicht lleinlich
bewiesen, und da er sein hiesiges Geschäft uun aufzugeben denlt,
hat er mir freiwillig das Anerbielen gethan, Duch Dein Schllssel-
geld -- denu ein solches lommt Dir zu --- aus seinem Ma-
gazie wählen zu lassen, wobei er Dich sicherügt beschränken
zs.
wird. Es sind Leuchter, silberne Schalen, Kelche dort, die irefflich
für unsern Aliar passen und Dr und dem Caplan sicherlich
Freude machen würden. Hai der - -=- =- auszufahren gestattet
9l.--s Oz-
und fühlst Du =-g dazu geneigt, so möchten wir, da die Her-
rz,
zogin auch--; z schöpfen wüünscht, vielleicht noch heute diesen
N,i7
kleinen Einkauf abkhun, unid wir können dann auf morgen
Mittag usere Nicreise festsezen.
Augelika, die sich von jeher gefällig den Anordnuungen ihres
Gatten gefügt, ließ sich dies jezt immer doppelt angelegen sein.
Sie erklärte sich also gleich bereit, die vorgeschlagene Fahrt zu
unternehmen. aber es kostete sie eine große Neberwindung; denn
im sichern Neichthum, in den geordne-uu=-- =.rhaltnissen erwachsen,
sss=«s M.
und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des
ererbten Besizes, war sie von der Nachricht, welche sie eben
jetzt erhalten hatte, sehr erschüttert worden. Nur die entschie-
denste Noihwendiglei! lonnie ihren Gailen, wie sie glaubte, be-

-- ß,ß--
wogen haben, das Haus in fremde Hände ibergehen zu lassen;
haite er doch oftmals es auusgesprochen, wie er es fir einen Mann
in seiner Stelluug geboten finde, in der Residenz ansässig zu
sein und dort ein festes Domicil zu haben. Sie häite ihn
gründlich fragen mögen, was denn geschehen sei, sie häiie völlige
.uskunft fordern mögen; die Weise, mit welcher der Freiherr
ss
die ganze Angelegenheit behandelte, zeigte ihr aber, daß er keine
Erörterungen wüünsche, und sie wollte ihm nicht beschwerlich
fallen, da eine innere Stimme ihr verrieth, daß es ihm nicht
leicht sei, den Gleichmuuth zu behaupten, den er zu zeigen fir
angemessen hielt.
Schweigend Unruhe zu ertragen, muss man gesuund sein,
und Aigelila war lraul. Ihsre Kam mmersrae sah sie ledeiillich
an, alö sie ihren Hni und ihren Shawl verlangle, um ans
zufahren; auuch die Herzogin, welche man benachrichfigl halle,
und die gekounnen war, die Ausfahrl mitzumacen, warnie
davor; indeß auf den Ausspruch des Arztes gestüzt, der sie
freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung nicht gesehen hatte,
ließ sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen, und
dem Freiherrn war daran gelegen, sie und sich selber zu zrrslreuen.
Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als sein Wagen
vor dem Flies'schen Hause hielt, und wie immer, wenn er die
Arten'sche Familie erkannte, kam der Juuwelier heraus,
empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen.
sie zu
Ange-
lika hatte das stets völlig in der Ordnmg gedünkt, heute mißfiel
ihr die Zuvorkommenheit des Mannes. Sie konnte sich über-
haupt einer Abneigung gegen ihn nicht erwehren. Seine Höf-
lichkeit däuchte ihr unwwahr, däuchte ihr spöttisch zu sein. Was
mochte er in diesem Augenblicke denken? Wie stolz mochte er
sich fühlen, und weßhalb kam die Frau herein, die kinftig in
dem Hause wohnen sollte, das Angelika bisher gehört hatte,
das ihrem Nenatus einst gehören sollte?

- 6 -
So wie jezl in diesem Momenie, när der Baronin noch
nie zu Muthe gewesen. E kränkte, es beleidigte sie Alles,
selbst der freigebige Gleichmih. mi welchem Herr Flies sie
zwischen den werthvollen Gegenständen, die er vor ihr aufstellen
liesß, zu wählen ersuchle. Nie zuvor in ihrem Leben haiie sie
im Verkehr mit den Personen, von denen sie bedient ward,
daran gedachl, daß sie vornehm sei, niemalö hatte sie sich
gefragt, ob maü ihr die ihr gebührende Ehrerbietung zolle,
niemals hatte sie darauf geachtet, wie ihr Gatte sich benehme.
Heute dachte sie daran, heute achtete sie darauk. Denn sie meinte
es dem Juwelier darihuun zu müüssen, daß sie die Freifrau von
Arien sei und bleibe, auuch wenn er dad Hai besitze, das ihr
Geschlechl erbauui halle; sie hiell es sir -uöihig, ihn zu ilber-
zegen, das sie gleichgillig sei gegen die Werhgegenslände,
welche er ihr darbol, ud als lheile der Freiherr ihre Gedanken,
fehlte auch ihu heute die bequeme Leutseligkeit, die ihm sonst
überall, wo er erschien, eine so freudige Zuvorkommenheit erweckte.
Die Herzogin. welche uit kleinen Einkäufen fir sich be-
schäftigt war und daneben von Agelika bei ihrer Wahl zu
Rathe gezogen wuurde, wußte nicht, was das veränderte Betragen
der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle, mit welcher
der Freiherr dem Juwelier begegnete, für den er sonst immer
ein großes Wohlwollen geäusert hatte. Sie meinte es auf das
Uebelbefinden, auf die Reizbarkeit Angelika's oder auf icgend
eine Misßhelligkeit zwischen ihr und ihrem Gatten schieben zu
müssen, zu welcher vielleicht diese Anschaffung der Altar-Geräth-
schaften den Anlaß gegeben habe. Herr Flies hingegen erklärte
sich die Erscheinung leicht, wenn er auch keine Ursache hatte, sie
unbeachtet hinzunehmen. Er blieb geduldig, wie es dem Ver-
käufer ziemt, er zeigte sich gefällig, obschon Angelika eine Lust
daran zu haben schien, ihn und seine Leute zu bemühen; aber
sein Ton ward kälter, sein klarer Blick sentte sich forschend und

s
- ßZ-
fest in die von Erregung leuchtenden Augen der Baronin, und
die Neberzeugung, daß dieser Mann errathe, was in ihr vorgehe,
daß er wisse, wie es nicht mehr so wohl stehe um das Haus
des Freiherrn von Arten, und wie sie zum ersten Male schwere
Sorge trage um die Zuukunft ihres Galten, ihres Sohnes, ihres
Geschlechtes, empörten das stolze Herz der kranken Fran.
Sie ist eine Berka und weis, wie ihre Sachen stehen;
dachte der Juwelier. Nun, es kann ihr auch nicht schaden, wenn
llsr Silz gelmgzl wwirt! lliik er hzulle Nethhl! Henule, rlen
jezt, da ihr Stolz gekränkt ward, fihlte die Baronin es mit
schmerzlichem Genufe, das; sie stolz sei. Es befriedigte sie, dem
reichen Juden ihren Stolz zu zeigen, sie hätke viel darum ge-
geben, wenn auch der Freiherr sich noch kälter gegen den Juuwelier
bewiesen, wenn Renamus nichk so freuilich mit der Frau desselben
geplaudert hätte, wenn die Harzogin nicht dabei gewesen wäre!
denn Angelika war zorniger, erbitterter, als sie sich je gekannt-
hatte, und doch fand sie sich durch diesen Zorn erniedrigt und
er that ihr selber wehe, furchtbar wehe!-- Das Herz klopfte
ihr beängstigend, die Stirn schmerzte sie, die Pulse flogen ihr
wie im Fieber. Sie konnte sich nicht in ihre Lage finden, sie
spielte mit Bewußtsein eine Rolle, in der sie sich miszfiel. Und -
Alles, Alles mißfiel ihr heute, die Geräthschaften, fir die sie
sich endlich ausgesprochen hatte, der Verkäufer und ihr Gatte,-
das Leben und die Welt!
Konm', Renatus, rief sie endlich, als Herr Flies, sich
verbeugend, die gewählten Gegenstände in das Hotel zu schicken
versprach, lomn Nenatus, wir sind fertig: laß uns gehen!
Als sie sich aber mit diesen in unmuthiger Eile ausge-
sprochenen Worten zu ihrem Sohne wandte, erblickte sie plözlich
einen anderen, älteren Knaben neben diesem stehend. Er war
groß, schien breitschulterig werden zu wollen, und sein dunkles,

-- hZZ --
schönes Antliz mit den mächtigen Auugen znd den hochgeschwun-
-genen Brauen, sein voller, stolzer Mund sahen noch kräftiger
- neben dem blonden und sehr zart gebauten jungen Freiherrn
aus. Das ganze Aeusßere des fremden Kalen, der feste und
doch angslvolle Blick, uit dem seine Auugen an dem Freiherrn
hingen, fielen ihr auf. Sie halte sein Eintrrkeni nicht bemerkt,
sie war ihn überhaupt nicht gewahr geworden, bis eben jezt,
aber ein rälhselhafies Etvas in des Knaben Wesen und Er-
scheinung ersasile sie il sl licher Geali. Auuch der Freihurr
schien seiner ersi in diesem Momente ansichtig zu werden. An-
- gelika sah zu ihrem Gatten, sah zu dem Knalen hiniber. Da
begegneten sich auuch die Blicke des Freiherru mnit dem Blicke
, des fremden Kiaben, und Angelika käuschie sich nicht, der
Freiherr wurde bleich, während eine duuukle Rothe die Wangen
h des kleinen Fremden überzog.
F Sie sah es, wie der Freiherr sich finster von ihm wandte,
s
g sie sah, wie des Knaben Brauen sich dister zusammenzogen, sie
ß fühlte den scharfen, stechenden VD., den er auf den Freiherrn,
ü1.s
Z auf Nenatus warf. Sie wollte ihren Sohn entfernen; aber
F auch dieser schien von den dunklen Auugen des fremden Knaben
F festgehalten zu werden, und ihm nahe tretend, ref er: Aber
Fder Knabe da sieht ja ganz wie Du aus, lieber Vater, leibs
F haftig wie Dei Bild i Ahnensaal!
Der Ausruf von Renatus machie auch die Herzogin auf
den Vorgang aufmerlsam. Sie wandte sich nach dem kleinen
, Gremden hin; Paul's Aehlichkeit mit seinem Vater mußte
FJeden überraschen.
t
Des Freiherrn Auge war über den Sohn Paulinens schnell
Fund flüchiig fortgeglitten. Er hatte sich entfernt und Renatus
,iit hinaus gefihrt. Der Juwelier gab Paul ein Zeichen, das
immer zu verlassen; aber der Knabe blieb wie angewurzelt

--- h--
auf derselben Stelle siehen, und sein . .i. sein finster glihender -'
11.
Blick mit aller seiner Noth und Pein traf nur noch die Baronin,
traf nuur noch sie bis milien in da? Herz. Sie lonile den
11,R
=-=- nicht ertragen.
Auch das noch, auuch das noch heute! rief sie und brach
zusammen, während ein heißer Blutstrom ihren Lppen entquoll.

Kapitel 06

Secsteö Capitel.
le üar Alles stist im Hause, aber Niemand schlief.
Schrecken und Sorge hielten Jedermann wach.
Als die Baronin von dem Blutsturze befallen und der Arzt
herbeigekommen war, hatte er es fiir uunöglich oder doch fir
höchst gefährlich erklrk, sie in diesem Zustande nach ihrem Hotel
bringen zu lassen, in welchem ohnehin laum die fiir eine solche
MKranke unerläßliche Ruhe und Bequemlichkeit zu finden waren,
, und Herr und Madame Flies haiten augenblicklich mit der größten
zBereitwilligkeit dem Freiherrn ihre ganze Wohnung und ihre
?Dienste zur Verfügung gestellt, die man unter diesen Verhält-
Anissen annehmen zu missen geglaubt hatte.
? Vorsichtig hinaufgetragen. lag Angelika in dem besten
FZimmer des Hauses, das in den Garten hinaussah, wohl ge-
betiet, vor dem Schimmer der Nachtlampe geschüzt, und hörte
zschlaflos die leisen Pendelschläge der Uhr aus dem Nebenzimmer
ßan ihr Ohr klingen, die sich langsamer, ach, viel langsamer
ßbewegten, als der fiebernde Schlag ihres müden Herzens. Ihre
ßsammerfrau befand sich an ihrem Lager, hinter dem Bettschirme
Fwachte geräuschlos Madame Flies.
k Nebenan in ihrer Stube saß Seba an dem offenen Fenster.
FSie hatte sich nicht ausgekleidet. Sie mußte etwas erwarten,
Pdenn sie sah in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf die
FStraße hinaus, und es war nicht die milde Schönheit der warmen
d
f .Le walo, Von seschleehn p deschlech. 1.

==- hjt, -
Sommernacht, die sie dazu verlockte. Paul war verschwunden,
und man suchte ihn.
Als er am Nachmittage aus der Schule gekommen war,
hatte er einen prächtigen Wagen, einen reich geschmückten Jäger
vor der Thüre des Hauses stehen sehen. Ganz hingenommen
von einem einzigen Gedanken, war er, wie er das oftmals that,
in das Comptoir gegangen, um zu fragen, wem die schöne
Eauuipage zugehöre.
Dem Freiherrn von Arien, sagte ihm der Lhhrling. Paul
slarrle ihn bei den Worlen so erschrocken an, das; der junge
Mensch nicht wußte, was dem Knaben beigelounen sei, und ihm
T ITI? --- -- --
aa, ich habe ihn verstanden, antwortcke er, und ging hin-
ans; indes: er wustte icht, wohin er gehen sollte. Er lief die
Treppe hinauf, sich oben zu verbergen. Aber wovor sollte,
wovor hatte er sich zu verbergen? Ich habe ja nichts verbrochen;
dachte er, und doch war ihm so bange, doch war er so verwirrk.
Er konnte es nicht mehr auhalten oben in seinem Stübchen;
sein Vater war ja unten!
Er wartete eine kleine Weile; er meinte, der Freiherr werde,!
da er nun im Hause sei, zu seinen Pflegeeltern kommen und,
ihn rufen lassen. Er horchte. ob die Thüre nicht aufgehe, obs
Niemand die Treppe emporsteige, ob der Wagen fortfahre. E,
blieb Alles still. Mit Einem Male sagte er sich: Wenn derj
Wagen fortfährt, dann ist es zu spät, dann ist Er auch fort! »
und wie ein Pfeil schoß er die Treppen hinunter. Er öffnet
die Stube, welche an den Laden anstieß; es war Niemand darinZ
Er suchte Seba, er hätte sie etwas fragen mögen, aber er mochtH
sich nicht noch einmal entfernen. Die Thüre nach dem Laden
war nur angelehnt; er drückte sie behutsam weiter auf. Nuß
konnte er die Stimmen unterscheiden und hören, was man sprachß

= hß ====
aber nur Herr Flies und eine Dame redeken. Sollte mein
Vater schon fortgegangen sein? fragte er sich, und das Ver-
langen, sich zu überzeugen, trieb ihn vorwärts. Wenigstens sehen
wollte er seinen Vater doch. Er lrat in den Laden hinein, man
bemerkte es nicht, und doch mußte er mit büiden Händen den
asch anfassen, um nicht auufzuschreien.
«. das war er! Nuen kannte er ihn! Das war sein Vaier,
,-
sein lieber Valer! Nui besuni er sich aus Alled! Wie oft ha!ie
er ihn in die Höhe gehhole, wie ost haile er ih-u gelis;t, sein
Vaier, der Oilel Baron! Auf seinen Knieen hatie er ihn reiien
lassen; auf dem Smuhle hinter dem .tiel Barou haite er ge-
z.k
standen und seie lleiuen Arme um dessen Hals geschlungen, bis
der Oukel ihn zu sich gezogen und sihmn die Geschichte erzählt
hatie, die Geschichte -- auf die er sich ni hi mehr recht besinnen
konnte unnd die ihhm doch uoch immer in den Sinn kam. - Sein
Oas,s N,--
ganzes Herz flog dem Freiherrn entgegen.=-= -=-eon, lieber
, Vater! wollte er rufen im vollen Glicksgefühle -- aber er ist
in s-s=s e
z e --==-=ein -ulel, sagie er sich, und Vater darfst Du ihn
O.
F nicht rufen, denn er will nichts von Dir wissen, weil Du in
F Sünde und in Schande geboren bist! - Er schauderie zusammen,
? er fühlte es wie einen Fluch über sich liegen.
Er blicte den Freiherrn an, er blickte die schöne, schlanke Dame
z an, er stand dicht neben dem blonden Knaben, er kannte sie alle!
? Das war sein Vaier, das war seines Vaters Fran, das
' war sein kleiner Bruder; der Bruder, welcher hinter den goldenen
-Fenstern des schönen Schlosses wohnte und der die Nehe und die
FHirsche hinter dem Gitter fitiern durfte. Er hätie ihm die Hand
E geben mögen, wenigstens mit dem Bruder hätte er sprechen uud
wissen mögen, wie er heiße. Er ging an ihn heran, indeß in
h dem Augenblicke bemekkte ihn Madame Flies, und dringend und
ßleise befahl sie ihm: Geh', geh:, lieber Paul! Geschwind.--= -
ffsF?
ligaß Du foeikommst, Kind!
d

--- ßZ -
Aber diese Anwweisung bewirkte gerade das Gegeniheil, obwohl
er ihre Bedeutung ganz und gar verstand. Die Rüührung, die
Sehnsucht, welche er gefiihlt, machten einer trozigen Empfindung
Plaz. Er wollte nicht gehorchen, nicht hinanögehen; er wollte
bleiben, er wollte sehen, was denn daraus werden würde. Endlich
mußte der Freiherr sich doch umdrehen, endlich musste er ihn
doch erkennen, denn er war ja sein Sohn; und wenn er ihn
erlainte--
Da drehlen sie sich Alle u. da schlg die Bemerlung
seines Bruders, der Aufschrei der Baronin an sein Ohr. Er
sah, wie sein Vater sich lalien Auuges von ihm wendete, wie
man die Baronit als eine Sierbende davoulrug, er fühlte,
wie Madame Flies ihn hefiig zurücsties, und als sasle es mi!
klingenden Hammerschsägen auf ihn nieder, so tönte es immerfort
in seinem Kopfe: Mache, das; Du forikouust! Sie waren Alle,
hinausgegangen. Er blieb ganz allein in dem Laden zurück.
Was gehe ich sie auch an? Was gehen sie mich an? dachte
er, und doch fiel ihm die Einsamkeit sehr schwer. Er sah sich
in dem Laden um, als misse er sich Alles recht einprägen, damit;
er es nicht vergesse. Den Lnden sehe ich auch nicht wieder,!
sagte er sich, und dabei merkte er erst, daß er beschlossen habe,j
fortzugehen. Er hatie schon die ganze Nacht daran gedacht. Er!
konnte es nicht aushalten, hier zu bleiben, wo Jedermann es!
wuste, dasß er in Sünde und in Schande geboren sei. Er wolltej
seinem Vater nicht wieder vor die Augen treten, dent er liebtej
den Vater nicht mehr, er wollte von ihm nichts mehr wissenF
nichts mehr hören, nichts mehr haben, gar nichts mehr habenhs
Troz und Verzagtheit, Lebe und Haß, erwachtes Ehrgefüh!
und erlittene Kränkung stürmten wild durch einander auf ihnj
ein, und dazwischen tauchte das Bild seiner Mutier, wie er es
sich gestaliet hatie, vor seiner Seele auf, und er erinnerte sichß
wie sie geendet. wie die Verzweiflung sie aus der Welt und ißs

==- ßß =-
den Tod getrieben hate. Er wuszte auch nicht, was er hier
sollte; er mochte Niemanden sehen, von Niemandem gesehrn
werden, und am wenigsten von seineu Vaier, dec sich von ihmt
abgewendet, und von der Kriegsrähin, die ihmn gesagt hatte,
daß er in Siünde ud Schande geboren sei und das; ein Schimpf
auf ihm ruhen werde all sei Leben lang. Das wollte er nse
wieder von eines Menschen --.inde vernehmen; er wollte hin,
.
wo Niemand ihm das sagen kounte, wo Niemannd es wuusstc,
Niemaed ihn lule - sori! Er nahun seine Müze und glng. ---
a der Unruhe und Auufregung, wwelce das Erkranken der
. -zs
Baronin veranlast hakie, beachiete man es icht, das: Paul nicht
um die gewohhnle Slunde zum Vesperbrode lam. Als die
Kriegsrälhin ihn späier vermiste, meinte sie, das; Schrecken und
Furcht vor einer Strafe ihn abhalten möchten, vor ihr zu
Lerscheinen, da sie ihm verboten, sich seinem V.. .. in den Weg
Afr s
zu stellen, und da er jezt erlebt habe, welch ein Unheil er damit
kangerichtet. Indeß es war nichi seine Weise, ohne Erlaubnis
sfortzugehen oder sich feige einer Strafe zu eutziehen, und als
Feine Stunde um die andere verging, als der Abend hereinbrach,
Fals die Dämmerung der Nacht zu weichen begann, fing man
Funruhig zu werden an, und vor Allen zeigte sich Seba besorgt.
Man hatie Paul's Bichertasche unten auf dem Zahltische
Fiegen gefunden;d =-ing hatte ihn eine Weile im Laden stehen
h-=- N,s.-!
Fnd dann fortgehen sehen. Man schickte zu den Knaben, mit
ßenen er Verkehr helt, er war aber bei keinem von ihnen gewesen;
lnan fragte in der Straße, ob man ihn bemerkt, aber Niemand
Fußte sich dessen zu erinne.. und wer achtet auch an einem
hönen Sommerabende, an dem die Leute alle drauusßen sind,
ßuf das Komen und Gehen eines Kaben?
- »ss sg.
n. --; -»»e, als -g-- -lhlger geworden==. uund als
Ilssfpsif.e z
sszz s
Fer Freiherr das Haus verlassen wollie, um sich ln seinem Gast-
Zofe zur Nuhe zu begeben, trat er in die Wohstube der Flles'schen

-= I( -
Familie ein. Er fand nur Seba in derselben, und nachdem er
gebeten, ihn augenblicklich zu benachrichtigen, wenn der Zustand
der Baronin seine Anwesenheit erheischen sollte, fragte er: Wer
war der Knabe, Mademoiselle, der sich in Ihrem Laden auf-
hielt, als die Baronin von dem üblen Anfalle bekroffen ward?
Wie er das fragen kann? dachte Seba. Sie häkte ihm
sagen mögen: EK ist Ihr Sohn, und Sie wissen das. Indeß
sie überwand sich und antvortete: Es ist der Pflegesohn des
Kriegsraths Weisßenbach, der hier im Hause wohnt.
Sein Namne?
Paul Mannerk, sprach sie nachdriicklich, und wie fest das
Auge Seba's auch auf den Freiherrn gerichtet war, sie konnie
keine Veränderung in seinem ernsten Gesichte lesen. Das empörte
sie, und, hingerissen von der Agst um ihren Schizling, voll
Abscheu vor der Ruhe seines Vaters, die mit ihrer Sorge in
so grellem Widerspruche stand, rief sie: Er ist aber nicht mehr
da, der Knabe! Er ist fort, der Pauul, und wir suchen ihn
vergebens! Gott gebe, das er in seiner Verzweiflung nicht wie
seine Muttec geendet hat!
Wie ein Bliz zuckte es durch die Gestalt des Freiherrn,
es zitterte in seinen Mienen, und mit bebender Lippe fragte er:
Was wissen Sie von ihm, Mademoiselle?
Er mußte sich niedersezen; Seba war über ihr eigenes
Thun erschrocken, aber der Grimm gegen diese vornehmen Männer,.
die Alles unter die Füße treten zu können glaubten, die Em='
pörung über die Herzenskälte des Freiherrn, die Erinnerung an
die Schmach des eigenen Geschickes hoben sie über sich hinaus,
und kalt und stolz, wie der Freiherr eben erst vor ihr gestanden.
hatie, sagte sie: Ich weiss wer der Knabe ist, weiß, daß sin;
Mutier in Verzweiflung ihren Tod im Wasser gesucht, und
Gott gebe, dasß er ihr's nicht nachgethan hat, denn er fühlie'
sich verstoßen!

===- f -
Der Freiherr fuhr auf. Er wollte die unberechtigte An-
masßung dieses Judenmädchens zurückweisen, aler das harte Wort
erstarb ihm auf der Lippe, und wie im Schmerze schloß er die
zornfunkelnden Augen. Das währte indeß nict lange, dann
hatie er seine Wahl getroffen, seine Etscheidng schnell gefaßt,
und während Seba in ihrem Herzen noch darüber tciumphirte, daß
es ihr gelgen war, einen dieser Edelleute, den Freiherrn von
Arten, der seines Kinses vergessen konte, der Herbert beleidigt, der
Adam gekränkt, der kein Herz hatte, so wenig Gras Gerhard ein Herz
gehabt, unter ihrem Blicke zusammenbrechen und vor ihrem Worte
zittern und leiden zu sehen, erhob der Freiherr sich und sagte
mit schonender Herablassung: Ihre Aufregung macht Ihrem guten
»Herzen Ehre, Mademoiselle Flies, und der Unerfahrenheit musß
sman selbst den Mangel an der nöthigen Deli atesse nachsehen!
IIch hoffe, das man nichts versäuumt, den Knaben aufzufinden,
an dem Sie so viel Autheil nehmen! Der Vorsicht wegen wisl
Jich selbst dafie Schrilte ihun lassen! Leben Sie wohl, Made-
zmoiselle!
Seba stand und blickte ihu nach. Sie biß die Zähne auf
Feinander, um die laute Verwünschung zuriickzudrängen, welche
Fihr aus dem Herzen auf die Lippen stieg. Sie hörte, wie der
Jaron leise mit ihrem Vater sprach, dem er im Hause hegegnete,
Pund zornig das Haupt schittelnd, rief sie: Es giebt keine Ge-
Frechtigkeit im Himmel und auf Erden, wenn nichr einst der Tag
ßdex Vergeltung für sie Alle kommt, wen sie nicht ernten müssen,
Pwas sie säeten !
Aber es blieb ihr nicht lange Zeit füür ihre Gedanken. Ihr
ßVater, der Kriegsrath und die Kriegsräthin kamen herbei; sie
ssölte noch einmal Alles erzählen, was sie gestern von Paul
hgehdrt, was sie mit ihm gesprochen, und während sie m Grunde
Fnr wenig zu sagen haiie, während sie gar keine Vermuihung
Igte, die auf irgend eine Spur zu leiten vermocht hätie, wurde

e-es
die Kriegsräthin nicht milde, es immer zu wiederholen, mit
welcher Voraussicht und Sorgfalt sie gehandelt, wie sie allein
daran gedacht habe, demn geschehhenen Unheil vorzubeugen, und
wie uur der widerspänstige Charalier des Knaben, den er von
seiner Mutter habe, sie um die Friichle jahrelanger -pfer ge-
zs-
brachi, alle ihre Plane zersiörl, die Baronin vo Arlen auus das
Krankenlager geworfen und dem Freiherrn die üübelsten Begriffe
von der Erziehung gegeben haben misse, welche Paul genossen.
Sie verlangte Anerkennung, Trost und Zuspruch von ihrem
Manne und von den Adern zu erhalten, und nichi ein einziges
Mal fiel es ihr ein, welchen-=cheil sie an der traurigen Ge-
s:-
müthsverfassung des armen Knaben hatte, und lein Vorwurf
in ihrem Imern sagte ihr, das; sie und ihre unheilvollen Auf-
klärungen ihn aus dem Hause getrieben, in welchem sie, die
Trostbegehrende, nie eine Aufwalling der Liebe, nie ein Herz
für ihn gehabt hatie.
=-grend sich bei Seba und bei den Männern mit den
Ms
fortschreitenden Stunden die Hoffnung. das: Paul freiwillig
wiederkehren werde, verminderte, und die Sorge, daß er ein
ungliickliches Ende' genommen habe, sich steigerte, gab die Kriegs-
-=-, als sie sich ermüüdet zu fühlen begann, immer zuversichtz -
»-Zs sziss
licher sich der Erwartuuig hin, Paul werde nach Kinder-Art I
von selbst nach Hause kommen, wenn Huunger und Müdigkeii s
ihn dazu tricben, und wenn man nur auufhören wolle, so ängstlich ?
auf seine Wiederkehr zu achten. Er sei fraglos ganz in der ,
Nähe, ..-arte nur auf die Gelegenheit, sich unbemerkt in seine (
yz hf
Schlafkammer zu schleichen. Und stets bereit, die Umstände so
anzusehen, wie es mit ihren Wiinschen am besten zusammen-
stimn.., nannte sie es das Gerathenste, die Ruhe zu suchen =o=-
ssi,
szsd.
uehi um eines Knabe==-==e willen das Haus, die Nachbarschaft F
isl p-is:s
oder gar, wie es in Folge eines Schreibens, das der Freiherr dem -1
Kriegsrathe für den PolizeiDirector übergeben, geschehen war, z

-= j HJ? -=-
d,u
die Stadibehörden in Beweguug z sezen zdeß weder -
===---. dem die Einen sich überließen, nuch die Herzenangst,
cM,s.-s
mit welcher Seba in ihreim Zimnmer wachle, änderten das Ge-
schehene; --- Paul blieb aus
Gegen denu nächsien Miltag, als die Kammnerjungfer der
aroni sich eulserul halle, uun auus dem Holel verschiedene
Vegenslände herbeizuholen, deren ma fi:r die Kranhe bed.uifie,
hatte Seba deren Stelle an dem Lager eingennonten.
Die Sonne schien warm in das Zimmer hinein, durch die
geöffneen und leicht verhänglen Fensier stieg der Duft der Reseda
auö dem Garten in das Gemach. Man hörte das leise Säuseln
= - ----- - - - uinde Windhauch bewegte die Vorhänge, uutd
v.s- Lsßss.=-
dps- ss-
=-- d da schlich sich ein gedäupfter Sounenstrahl hinein, seinen
ssinz in
Schimmer ibe. --ngelika's bleiche Stirn und über ihr gold-
=- H
blondes Haar verstreuend. Es waren schwere Stuunden gewesen,
== =ag und die Nach., die p- -=- lagen. Sie hatte kein
dz- A
s.isiioz smi=-
Auge geschlossen.
Als sie aun verwichenen Nachmiltage von ihrer Erschöpfung
zu sich gekommen war, hatten ihre ersten Worte Paul gegolten.
Uufreioillig habe ich seine Mutter getödtet, unfreiwillig
giebt er mir den Tod! sagte sie zum Freiherrn, der düster brütend
E- -z----=-ger weilte. Sie verlangte -=y zaul, sie wvollt. -gl
ssfF P
f- sssvusf: N,.
.- isis
sehen; man stellte ihr die Anordnung des Arztes dagegen auf,
und sie verzichtete auuf die Erfillung ihrer Forderung. Aber
ihre Gedanken blieben mit ihm beschäftigt, ued selbst als die
, verwirrenden Nebel des Fiebers ihren Sinn ==--bE. sah
ßs,ozsi1Ilsifiiois
i: 1,s
. s- s.
i- Hs
os- si;- nf-nfpifp
z-.s C.
-s-- -l Ve« -»ll(E- == -- -=-; z-e, Iu .- z= -z--j-, Cü!, --
hz ni
Fsie morde, bald klagie sie sich an, das sie ih die Mulier nicht
ps-shs
- --p- habe, und geloble ihu, es liiuflig zu hun. Dann wieder
g muste sie ihn im Kaup; uuui Nenalud wähuen, denn ;.. sczrie
iisis; in
.
J auf und beschwor den fremden Knaben, ihres Sohnes zu schonen,
T dps- l8s
=--- suguldlos an all dem Unheil sei. Noch am Mittage, als

==s s s-
Seba anlg- =ger gekommen war, hatte sie gewacht, und erst
N. N
unter Seba's Obhut, die mit so brennenden Erinnerungen an
ihrer Seite saß, hu-- -- »=-af und Nuhe finden können.
--fs- C. »,s
Seba hatte die Baronin zuerst gesehen, als man sie, eine
Bewußtlose, in dieses Zimmer brachte. Sie hatte es bis dahin
geflissentlich vermieden, hr zu begeguen, aber sie kaunie dieses
Antliz. Sie kannte diese hohe, weiße Stirn, diese schmale, feine
--ase, den kleinen Mund uit seinen weichen, vollen -p en.
D
Ii
Gerade so zogen an der Schläfe sich die blauen Adern -- -
spssfpz
der duurchsich!igen Haut des Grafen hiu, gerade so bogen seine
leichten = uen sich in d.- -- ihrer Wölbung aufw=- Irder
b-=- Ms.
»-sF O-
9.-.
Nse
---g dieses schönen Auklizes war ihr verirauut, und sein Aublick
wendete ihr
Asles,
drängie sich
daö Herz im Buusen um.
wwas sie seil Jahrenn duurchlell id düirclillen, es
in ihr in diese Stunde zusammnen! Sie mszte es
muoch einmal erleben und erleiden, sie kon.« -uum der Hast ihrer
ssz- s,-
eigenen Gedanken, der wilden wechselnden Gewalt ihrer Em-
sifs:
=ziuuungen folgen. Gerhard's Schwwester lag in hreu== --
z ND,ffi
hause, eine zuua aode Erkrankte, vor ihren Augen da. Es war
zz O
des Grafen Schwester, über der sie wachte, von deren Schlummer
sie jede Störung fern zu h=-- --=e. - und Jahre lang
-» li.is sss-ß-ss
hatte sie die Nächte im grimmen Schmerze durchwaug-, -n Ver-
s.s s
zweifluung durchweint, in Scham durchseufzt -- um Gerhard's
willen! Mit welcher Stirn wiirde er da stehen, wenn die Barontn
einst Seba's Namen vor ihm nennen wwa..e, den Namen des
i-
vertrauensvollen Mädchens, dessen Gliück Liebe er so frevel-
hugt gemordet! Wenn er, er selber es wäre, wenn er so daläge,

==uflos mir hingegeben! dachte sie.
A z»»1slC.s- s.s
z-Fss.ss
. N.»-s
-oi: s,
=====-s»z- z,zp .le dg IEu;d« -=- -»g-sss -=g l --»z-ss-
schwelgende Erinnerungea und Erbarmen mit dem eigenen Leide
bedrängien sie, und es di:nkte sie ein Fluch, daß sie den Haß
kennen lernen, daß die Verachtung statt der Lebe in ihr lebendig

=== H - ==
geworden war. Dann wieder fithlte sie sich glötzlich iber alle
Trübsale fortgetragen, leicht und frei. Sie konnte auf ihre
Vergangenheit zurickblicken wie auf eine abgelegte Hille, die ihr
fern lag, sie fihlte sich duurch ih. «enken und TJun weit über
s- eg;
sie hinausgehoben, und doch blutete ihr das Herz, doch schwammen
ihre Augen in Thränen; denn wie sie auch danach ra..g, sich
neu aufzuerbanen, --- es blieben ihr doch unwiedcrbringlich jene
unschäzbaren Güüler verloren, ohne welche das Menschenleben
trübe wird wie ein Tag, dem die Sonnne bei seinem Aufgange
und Niedergauge nichl leuchle!: die frendige Erinnerung an die
eigene Jugend und der Glaube an das Glick der Zukunft!
Und wenn sie eine Weile den eigenen Erinneruungen und
dem Schmerze nachgegeben, dann fiel der arme Paul, hr armer
Paul ihr ei. Wo mochie er weilen, wo lounnle er sein ? Sie
häiie hinausiausen uögen, ihn zu suchen, aber wohin sollie sie
sich wenden? Warum war er --=- zu ihr gekommen, der er
zs=s
doch vertraute, die er liebte, die ihn in ihr Harz geschlossen, als
dieses Herz sich an Liebe und an Freude ganz veraruh geglaubt?
Np
-vas mußte ihm geschehen sein, was mußte man ihm gethan
haben, daß er ihrer nicht gedacht, das er sie vergessen hatte?
Es war ihr, als müsse sie ihn rufen, als könne er gar nicht
ausbleiben, wenn sie ihn nuur riefe; aber hier, uun diesem Lager,
durfte sie ihn nicht aufen, nicht seinen Namen nennen, denn
s.s-
=- -- m ihrem Schutze, sollte die Gräfin Berla, die schöne Frau
des Freiherrn von ===--, Ruhe finden, die Fran, um deret-
Isz-s:is
-=--=-- -=- =-= - zhs die sonnige Erde verlassen und sich
sf Mssziss.s-
aK
s-:sllss
begraben hatie in des Wassers kalte, dunkle Tiefe.
Wie aber, wenn auch Paul wirklich nicht mehr auf der
Erde weilte? dachte sie; wenn auch seinen schönen jungen Leib
die Wellen verschlungen hätten, wenn seine Auugen, in deren
w---- gsreiche Fröhlichkeit sie sich so gern versenkt, gebrochen
ssMss
-==---- poenn die Flut, hn jezt schon mit sich trüge weit hinaus,
HsHsof s
. li

= H h ß ====
hinaus ins Meer! Ihr graute vor der Vernichtung seiner jugend-
lichen Schönheit - ihr graute vor dem Tode. Und schwebte
nicht vielleicht auch über dem stolzen, blonden Haupte, das hier
vor ihren Auugen schlummerte, schon des Todes Sichel? War
denn jetzt Alles dem Untergange geweiht?
Sie neigte sich leise zu der Kranken hernieder, um zu hören,
ob sie athme, da schlug Angelika malt die Augen auf und blieb
mit dem kräumerischen Blicke an Seba haften. Sie konnte sich
icht besinnen, wo sie war, sie schaute Seba mit Besremdung
an, aber ihre Miene wurde dabei immer freundlicher, und beide
Hände saliend, bewegie sie leise ihre Lppen.
Seba kniete nieder, um ihre Worie zu versiehen. Die
Baronin schien dau mil llelerruschtigz zl zzewahrenn. Sie saszle
nach Seba' Hand; ein leises Ach! enifloh ihreu Munde, da
sie dieselbe berührte, und mit schmerzlicher Klage sagte sie: Ich
lebe also noch?
D-. Goit sei Dank, Sie leben! rief Seba. Gott sei T.nk.
N,
?,-
Sie leben! wiederholie sie, von einer Rüthrung ergriffen, die sie
nicht bemeistern kounte, und Sie werden leben bleiben!
Die Baronin legte ihre Hand matt und langsam auf das
Haupt der Knieenden. Ich bin sehr müde, seufzte sie, und die
Augen schließend, während sie Seba's Hand in der ihrigen
hielt, bat sie: Gehen Sie nicht von mir, es ist mir wohl in
Ihrem Schuze!
--heure, theure Frau! rief Seba, indem sie die Hand der
Kranken an ihr. -ppen preste und heiße Thränen ihre Augen
-- O
fillten.
=-as haben Sie? fragte die Kranke ängstlich. Aber Seba
Aa.
nahm sich schnell zusammen. Nichts, nichts, sagte sie. Ich bin so
glücklich, daß Sie Ruhe finden, daß Sie mich um sich haben mögen!
Angelika drückte ihr die Hand, und aufs Neue nahm der
Schlummer der Ermaitung sie gefangen.

== F -
Seba aber sus; still und regungSlo an ihr:n Lnger. Sie
dachte des Uebels nicht mehr, das der Bruder Keser Frau ihr
gethan, weil sie jezt der Schwester liebend beistand; sie vergaß
des eigenen Unglick über dem Leiden dieser Fran, und wie
«oollen sich bilden und vergehen, sich formen und ihre Formen
gr
wechseln, das; man nicht weiß, wofiir man sie zu h==- -
l fiss i fn
wie man sie zu deuten hat, während doch das Auge und der
Sinn sich nicht von ihnen abzuwenden vermögen: so zogeu an
-=-=-n Geiste die Gestalien des Grafen un: des FreiherVn,
iszwi
=--gelika's und Herbert's und der Geschwister aus dem Amt-
Ns.
hause vorüüber, und dazwischen dachle sie des Knaben, dem sie
so viel verdaaulle uni dem sie von gauze Herzin zu vergelien
gewinschl.
-oe komune ich, eben ich denn gerabe in dieseun Menschen-
kreis? Wes hall- laufen lle diese Schicksalsfüde in dem Bereinhe
zusamuen, denn ic ülbersehe? Und was kann, wa? soll hu«-=-
,s. ssü
rE
Da quoll es waru in ihrem Harzeu enpor, jenes beseli-
gende Lieben um des Liebens willen, das dem Menschen noch
Glick bereitet, went er sich alles Wünschens un. -««-lens für
K M..
sich selbst entschlagen hat, und mit überwallender Enpfindung rief
sie sich z - Hz -uullt liebcl!, p»-i---- zi--- -os -==j-=-- - o
- S, s.-
s,, lfpfs ii-d ss-Ksszzz ! ,,
s..ffnis
will hoffen fir den armen Paul, und vor Alleu. ==-= --=V
z- NF s--si
mnsb Nsz- s
---=- --- zelfen, Du schöne, kranke Frau!

Kapitel 07

Siebenteä Capitel.
A-
-=u-e Bemühungen bewiesen sich fruchtlos; Paul kam nicht
wieder. Ein Arbeiter hakte spät am Abende einen Knaben,
auf den die Beschreibuungen de Vermisßten saslen, am Auszen-
hzusesi gesehen, uler wwohi er gzetzunzpenu oder wwo er guellielen
war, das haite er nicht bemerlt. Die Polizei, die man in Be-
weguung gesezt hatte, war ungeibt und lässig, und man kannte
damals jene wundervollen Erfindungen noch nicht, welche, Zeit
und Nauu überwindend, dem Menschen fast eine Allgegenwär-
tigkeit verleihen und sich zu unfehlbaren Dienern und Boten
unserer Freude, unseres Schmerzes, unserer Sorge machen. Man
mußte abwarten und hoffen oder sich bescheiden, das Schlimmste
zu erfahren, und in diesem Falle war die Liebe verzagter als
der Eigennuz.
Die Kriegsräihin, welche ohne das ansehnliche Kostgeld
ihres Pflegesohnes gar nicht auuszukommen wuusßte, rechnete zu-
verlässig auf dessen Wiederkehr; Seba betrauerte seinen Verlust.
Sie allein hatte die leidenschaftliche Natur des Knaben, die starken,
tiefen Empfindungen gekannt, deren er fähig war, und die ihn in
einem Augenblick vernichtender Enttäuschung leicht zu einem Aeußer-
sten getrieben haben konnten. Wohin sie sich wendete, fehlte ihr
Paul, vermißte sie ihren jungen Gefährten, dessen zuversicht-
liche Liebe ihr ein Bedürfniß geworden war, und mit dessen
Zukunft sie sich zu beschäftigen liebte, wenn ihr der Muth ge-
brach, der eigenen Zukunft zu gedenken; und wie sie sich alch
l
l

=- IH-
dagegen wehrte, drängie sich ihr doch oftmals die entmuthigende
Vorstellung auf, daß Paul besser daran gewesen sein würde,
wenn er sich ihr nicht angeschlossen, und sich im Verkehr mit
ihr nicht über seine Jahre hinaus entwoickelt hätte.
Es war gut fitr Seba, daß die Familie von Arten noch
immer in der Siadt war, die Baronin n zh immer in dem
Flies'schen Hause verweilen muusßte, denn es gab Seba eine Be-
schäftigung, welche sie von dem Schmerze um den Knaben alzog.
Der Arzt hatte es. selbst als die dringendste Gefahr vor-
über war, entschieden widerrathen, die Kranke in den Gasthof
bringen zu lassen, und Madame Flies woslte davon auch gar
nlch ssreche hören. Ihr gnies Herz und ihre birgerliche Eiiel-
keit fanden eine grosie Befriedigung darin, eine solche Dame zu
bedienen und zu pflegen, mit ihr beständig zu verkehren, ihren
Umgangsgenossen von diesem Verkehr zu erzählen, und daneben
dachte sie, in dem romantischen Glauben an die wuunderbaren
Wege der Vorsehung, von welchem nur wenige Frauen frei sind,
man könne doch nichi wissen, wozu es gul sei, das; die Schwesier
des Grafen Gerhard eben in ihrem Hause erkranken müsse undn
daß sie ihre Seba und die ganzen Verhältnisse der Familie nun
so unerwartet kennen lerne. In der Residenz hatten schon Grafen
und Prinzen sich mit Jüdinnen verheirathet, und was Einer
Jüdin widerfahren war, konnte der andern auch begegnen, beson-
ders wenn dieses ihre Seba war.
Weniger angenehm war es dem Freiherrn, seine Gemahlin
noch immer in der Obhut der Familie Flies zu wissen und sich
von dieser eben in diesem Augenblicke Verbindlichkeiten auferlegen
h. zu lassen, die er nicht bezahlen, nicht gleich vergelten konnte.
f Sein Geist war ohnehin verdüstert, sein Gemith beschwert.
z Das plözliche Wiedersehen seines Sohnes, an dem er einst ge-
hangen, das eben so plötzliche Verschwinden desselben hatten einen
z furchtbaren Eindruck auf ihn gemacht. Troz des flüchtigen

-=- Zs-
=-=u.es, den er auf Paul geworfen, hatien die Schönheit des
Mu1,
Knaben, die auffallende Aehnlichleit mit dem von Arten'schen
Geschlechie ihn erschiilierk, und es war eine wuundersame Frende
aewesen, n.uk der er Pauls unleugbare leberlegenheit über Ne-
natus anerkannt. Auch jezt konnte er des Zwiespaltes in seinem
s.sRiz
-----s- -- ---»=- =- --- - -«arden. Er lies die eifrigslen Nach;=.-
z-- gss,.lss.- Hno
zois
schungen nach Paul an,llen, so widerwärtig das dadurch ae-
.:
machie Aufsehen ind die unvermeidliche Besprechung aller seiner
persönli.g.« =erhälinisse ihm auch waren. Er litt unier dem
,ss
Gedanken an den immer wahrscheinlicher werdenden Ulntergalg
des Knaben, und er lrug doch lei Verlaugen danac, ihhn wieder
vor sich zu sehsenn; uler auucl Neniiuus mochle er uicl unn sich
z- Ass
haben, und vo. -tleun veried er es, Sela zu legegzuen, deren
=-= ==-u-hrhaftigkeit ihn schwer beleidig! ,. fe.
1.i-»I.- MN.
liss
Selbsi die Gesellschasl der Herzin war ihi eichi wil!-
lont.-- ape letchie Unierhallungsgabe veruochte utcht, nhn
iisnss =s,
.sssp-oiins s.=- T,ssz-i1
Zl Fu-;-- =-- -z s
jezt nicht wohl.
an ihn belästigt.
ss..ss isii
=- - =», ihn von sich abzuzichen, -=-- -»
Er fi:hlte sich aslein und von jedem Anspruche
Erst nachdem er sich eines Tages eingestanden,
das; auuf ihm ein schwweres, ein besonderes Schicksal lasie, das:
eine dämonische Gewalt, machtiger als sein Wille, ---=- ----
zsisii -inf«
gehört habe, ihn, seit er sich von Pauline getrennl und mit der
Baronin verbuunden habe, zu verfolgen, begann er seine Fassung
wieder zu finden. Er kam sich eben durch diese Besonderheit
seines Looses auusgezeichue- - wie durch seine Gebu. u die
us zjss d
izf ssi:
Bedeutung seiner Person von den ihn umgebenden Menschen
os»--
»-s-=-- ==-- und über sie erhaben vor. == es doch .eeS so
- MCAs- -
of sA ?
- Gewöhnliches, gl=-- zu sein! Ein Jude wie Flies konnte
»
das Glick für sich h=-- =--i »-» -- s--=-- =--. denn das
-ofs -ins » llmzs sifsois pAi:
Glück wohnt und waltet auf jener breiken Heerstraße des Lebens,
z. P1s.lis-
-uf bo=- si. -
-- - = =-- =--==-=1gs ui die Niedrigkeit berechnend
s,.is is
und schwachherzig bewegen. Ein Man, der wie der Freiherr

-- Z!--
seinem inneren Bedüürfen, seinem Glauben an ---- .=uülee, =--
=iss .
do»
---g den gros:müüthigen Negungen seines Herzens folgte, der
oiibs
seinen Ehrbegrifsen und den unabweislichen Pflihten seines --uu-
cN:
doHoss PsA-do
des nachzuleben ha.., der wandelte auf einetl an=--- z i=-
ss,
der hatte wenig Aussicht, auuf seinem einsam erhabenen Wege dem
Glücke zu begeanen. Was war es denn gewesen, als Groß.uh,
riiss'
daß er einst sein Leben an das Leben eines armen Kindes ge-
ss ?
=- - =as wwar es gewesen, als sein Glaube a- --- D= ules,
viz SR,f
der ihn bewogen, dieses Mädchen zu bilden? Seinen Standes-
ss. fAihiiiisn -ii- (Fszip
z-s-==-- -- Fl gEl(l, seldll! gl!e..==--o--sK h-==z-- zo--- - --
v-ss s,lfnis
si-iip oi
das gelieble Geschöps von sich eniserul und sich mi: -lgella
g g
verbunden. Auts Achiüug vor seiner Ehe uunnd uun Aigelila seinen
auien Willee zu beweise, haile er darauuf vrrzichlel, Paulinen's
dV..s
=»-»=-l lntle. seinen Augen aufwvachsen zu lassen -- u1= --=-
b. s.s.
Pauline und ilsren Sohn, halle der Tod eieil:, beide halle er
elgelika geopserl, der Fran geopsert, die ih: . elie =--
, M.iss
1=-
=- s : -- ldnnen, dem er groszilthng und oertrauend, wie er
sozAosspis
=-gelka verkrauut, sein Hauus geöffnei. Gros;uth und das Ge-
Hsz:
sk.t
i=- - -==«ileSchre hatk.i. lhn bbogell, I!. z-- FIl-- -= =--
d.I=- s,s
os
, G.=-
is iifsd df:
s1-
=-uranis gasllich bei sich auszunehmen. Sein eigenes Ehrgesuhl
) sl
hatte ihn veranlas;. ue auf das Ehrgefühl des Marquis zu ver-
--u--- und wie haite dieser ihm die Riicsicht fir die Herzogn
lSss.-
zisss
wie hatie er hmn de , -üule gedüe, das er hit bewi.;. -
-.sl
L Nzif-
-
-- Groszmuth war es gewoesen, =---= P -- -u der Kirche
. sies
dois- KAn
L- =l, stlS e. geltka ac e - uu=- -=--;-=lglg UreS
s- 9sis
difi!os
s-i N,s--.-
-iss.= I
dowesss ns- flz- s,-szz S
religiösen Sintnes -=p-=l schall, = =-- -- i- i-- =hel -=-
f z-fpui.
zfsßsis
b===-;-; und all diese hohen Empfindungen, all sein edles
oAi»ff. -
A
; =====-O- p-- -- -Ihss - oegllcende Fruch g----z-s z====-- -os-
s liisss js-
u ?.isi. s.
eokzpeo
1iispfs ssifs
, die Liebe der Menschen uct zg-=-- z- l===-- Cu»=--
e onssoAApf s
s siipf:
Iiiff opk.issii s-sii
Apfis
miüi»difs fiiAoss F,inHv seii- -
===s-isn -- ==i=i ss; =z- suy nllzz« =-iinu ßhnauiz =sßzs = =--==ss- = s=ßß=s K ss iss
Iss=ssz, N.ssäois ss
is zssfs zzsols oyp,zs
=sj=- - =- = -s-z»s =jjb =u« gCPlll, wwu.ud llu sigs -sz - z -=ss
d- k
- hszf zd
h.- --=gt mehr zu ihmn, wie er es erwarten durfte, und ap=«
sls -.s-
sp
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

-- ZZ--
die Herzogin halie es nicht ganz begriffen, das; ein Maun wie
er mit seinem Glauben, mit seinem Vertrauen und mit seiner
Neigung nicht unterhandeln, daß er keine Gemeinschaft mehr mit
seiner Gattin haben könne, wenn deren Hingabe für ihn nicht
mehr eine volle und unbedingte war. Auch die Herzogin verstand
ihn nicht vollkommen, nicht wie er's bedurfte. Er stand allein,
ganz allein in seiner Umgebung, unter seinen Standesgenossen,
weil ihnen allen der rechte Sinn des Aels verloren gegauget
war. Aber dad Bewisztsein dieser Einsauleit warf ihn nicht
mieder, sondern hol ihnn in seiien Anigen iiber die Aderi hoch
empor; denn ,lortis in ael-er-iO?, , »uth in Widerwärtig-
kelten' war der Wahlspruch seies Hauses! Mochle die Guust
des Lebenns sich von ihm wenden und das Glitck sich ihm ent-
ziehen, - den slolzen Herzschlag seines edelnn Blules, den frei
üüber die Neihen der niedrig geborenen Menschen sich aufschwin-
genden Sinn seines alten adeligen Geschlechtes, den lomnte ihm
nichts rauben; und diese Vorzige immer und gegen Jedermann -
mit Entschiedenheit geltend zu machen, das däuchte ihm in diesen
Zeiten und in seiner besonderen Lage seine ideale Aufgabe, die
wahre Aufgabe des Edelmannes zu sein.
Madame Flies jedoch, die in ihrer schlichten Gite wenig
Ahnuung von solchen idealen Lebendaufgaben hatte, weil sie sich
immer an das Nächste und an das Natütrliche hielt, sah es mit
Erstaunen, wie ruhig und sicher der Freiherr einherschritt, wie
das Verschwinden des Knaben, wie die Krankheit seiner Gemah-
lin, wie selbst die Verwicklung seiner Vermögensverhältnisse und
alle jene Sorgen, von denen eine einzige zu tragen ihr schwer
gefallen sein wüirde, ihn gar nicht anzufechten schienen. Sie-
wußte nich., sollte sie ihn bewundern und loben, oder ihn verab-
scheuen und tadeln, aber sie konnte sich, wenn sie den Freiherrn
am Krankenbette der Baronin sah, es wohl erklären, warum
dieselbe seufzte, sobald er sie verließ, warum sie ihr und vor

cz e
-- Z,z =
Mllem ihrer Sela so sreuudlich die weisie, schmale Hand entgegen
reichie, so oft sie sich ihr nahten.
O, ()-f-sss. sAsss s
dosis s
==- - ------ z=-- -aO -. »aplan verlanngt und der Frei-
- - bH - ---- =-b-ii-==- z! ihilt gesendet; indeß es muszten
mo- snl.sf: -issn Fs,-ffsfs. s
eo iiiss S
=- ----- --age bergehen, ehe man auf seisnt E iitreffen rechnen
of inA, szif-ns
diz-ss: i
d.z- szzs
=s j -, .ll0 oe- -=uz- 1, t au j==- -=-; --ß»sß j -- - - = »sss-
nH sGs=- As,- I1, efniis
=---- die nothwendig verzögerte Aukmft des Geistlichen nicht
sFs= -
tisnosif s
--g---- lgelila hingegen fragte an jeden Morgen, ob der
Caplan noch uichi angelommen sei, schient aber soust kaum ein
Bedisrseis: iuuh Millhseilinuz. z hulen. Sie luugs meisl still und
mt sich gelehrt uti! gefalkele: Händen da uind rerlad--==---
innip ssiini
h== sie im Luuuse des Tages ihren Sohn eiumal gesehen p=---
hAs fs
dem sie mil erusler Jzarilichleil begegnele. Seba, die ihr un-
=---ibar die lielsle Pslegerin war, verlies; sie selien. Einst-
sz,sss
mals, als sie wieder an ihreiu Beiie weilie und das Sonnenlicht
sie wieder so hell wie an dem ersten Krankheitstage Anngelika's
---i--g. blieh diese lange in ihrem: Anschauen v?rsnlen, dann
üis-ss,iss
z»iss . si.-
-==--- - -=- oie Hand und sagte: So wie in diesem Augen-
s.lIF. s.ifss- ?
===-- z- -,--=- b- s z---- -= ;iea Flejhe Utr ztir, glS .ig,
g;- sss s.wiss üsnssis
.
aus dem ersten träumerischen Schlummer erwachend, == --
dof- s,
- unter Ihrer Huut genosse:., » i-- - -- »---=-- =»=-- =-- -
»ss s.lzss!
s (, s=- nin is F,si
6. a
---.ickten so liebevoll, so kraurig -i -g nieder! Sie sind
-inf zis.si
aewiß sehr gut! Ulnd das; man Ihnen ansieht, wie sanft, wie
-
, glicklich Ihr Lebenöwea aewesen und wie Sie reinen Herzens
, s1g, IüL -===p - -s - yz-- --=- -==- s=- -b j===y -
l.s.: W. s- em.8s1»!
T ffnA,s sifiz- E s,=-s
! Es fuhr wie ein Messerschnitt durch Seba'« =---i-- ==»?
= 9zs Asss,.
F Blut entwich aus ihren Wange.-=- -=s--- a=-. uud
s sss.-z- Es-nw: -
H srkipss
sssif
F dem Audrufe: Und das sagen Sie, eben Sie! sank sie vor dem
-
- EAp voz- K,:si- ßis i.- Wzsn, d
; -L- - - =-= =----=-=; -- =---, oas Gesicht in ihren Händen
Z soz-oss Hls,.=- ßfs dos-s snIs»ls,zs l .ss.ls», fniis isi i
, dps
g ?»sz»1s E- z.=?ü u us ae-s1s vl6l11 s»lli1C1s 111ßy»11=»sG- »V1ss l1 - uliuf =
? Gedanke, daß sie Aigelika erschreckt habe, daß sie sie nicht beun-
-isi-pzs d.üi»-fp zid -oofisßilsssis dsf H=-=-sF,ss ß s.hz- ss, -ofmHirA
J »Is- = =s-s-, -sn= sz s=iisis ss =is . Kj»s =i=u = ss)F s=iiv1=ss=?z
g;

-- Ze--
richtete sie sich empor. Ihre Wangen waren noch bleich, indeß
ihe Mund konte wieder lächeln, und Angelika's Hände sanft
in die ihren schließend, sprach sie freundlich Wie mich das freut,
daß meine Dienste Ihnen angenehm und meine Nhe Ihnen
lieb ist! Nuur danken, mnr loben müssen Sie mich nicht, ich
verdiene das nicht!
Wer eine Wunde in seinem Innern zu verbergen hat, wird
feinfühlig für fremden Schmerz. Angelika hörte, daß in Seba's
Worten mehr als jene höfliche Ablehnung eines Dankes ver-
borgen war, mit der die geseslschaftliche Sitte sich ihr Dankes-
capital, auf Zinsen. legen läßt; darum wagte sie keine Frage
zu thun, aber die Frage, was ihrer sanften Pflegerin begegne!
sein, was sie erfahren und erlitten haben könne, beschäftigte sie
fort und fort. Sie winschte von ihr zu hören, sie winschte zu
wissen, ob ihre Theilnahme fin Seba Werlh besizen lönne, und
sie haiie, als ihre Kräfie sich wieder hoben, leine grose Mühe,
Madame Flies von ihrem einzigen Kinde, von ihrer Seba
sprechen zu machen.
Mit größter Genugthnung erzählte dieselbe der Baronin
wie jedem Anderen von der fröhlichen Kindheit, von der ersten,
blihenden Jgend ihrer Tochter, von den zahlreichen Bewerbern,
welche sie zurückgewwiesen, und wie sie jetzt mit ihren bleicheren
Wangen und ihrem ernsten, stillen Blicke, so schön sie sei, doch
lange nicht mehr so herrlich aussehe, als vordem.
Aber was hat Ihre Tochter denn so verändert? War sie
krank oder was ist ihr geschehen ? fragte die Baronin, die, ab-'
gesehen von ihrer Theilnahme für Seba, immer mehr von der,
Fremdheit der Lebensverhältnisse, welche sie umgaben, angezogen
wurde.
Madame Flies schöpfte Athem. Also endlich war er doch;
gekommen, der Augenblick, auf den sie so lange gehofft, auf den,
sie sich vorbereitet hatte, seit die Baronin in ihrem Hause dar-'

--- ZJ-
niederlag, endlich war er gekommen, endlich war er da! Sie
rückte näher an das Bett heran, sah vorsichtig hinter den grünen
Schirm, der das Lager der Baronin umgab, schcb sich die Kanten-
haube zurecht und sagte mit klopfendem Herzrn, während sie ver-
trauulich ihre Hand auf den Aru der Kranlen legle: Ausrichiig,
gnädige Frau Baronin, wissen Sie denn gar nichts von uns?
Hat er Ihnen denn gar nicht von ihr gesprocen?
Angelika' verskand sie nicht. Was soll ich denn von Ihnen
wissen, meine Veste?
Nicht von mir, Gott bewahre, nicht von mir; denn was
wir gethan haben, war unsere Schuldigkeit, und wir haben es
sehr ger gethan! Nur von meiner Seba meinie ich! bedeutete
die Mutter.
Vonn Seba -- wer sollte mir wohl von ihr gesprochen
haben ? sragle Agelila.
.h dachie der Herr Graf! -- Aber freilich, der Herr
N,
Graf sind gerahe. ... Sie wollte sagen: wie der Herr Baron;
indesß sie unterdriückte dad Wort, und Angelika fiel ihr mit der
Frage: Von welchem Grafen sprechen Sie? auch lebhaft in
die Rede.
Madame Flies schwankte einen kurzen Augenblick. Sie
wußte, daß sie auf dem Punkte stand, ein Unrecht gegen die
Rtuhe der ihr anvertrauten Kranken zu begehen, und dasß Seba
ihr sicherlich nicht danken wüürde, was sie unternahm; aber die
Selbstsucht und die anmasende Gewaltthätigkeit, von denen die
Liebe so vieler Mütter nicht frei ist, trugen es über jede Riick-
sicht davon, und auf die wiederholte Frage Angelika's, welchen
Grafen sie denn meine, antwortete sie schnell, als wolle sie es
sich unmöglich machen. sich eines Besseren zu besinnen: Wen
denn anders, als den Herrn Grafen Berka, den Grafen Gerhard,
der im Quarticre bei uns lag!
Die Baronin schwieg. Es war lange her, daß Jemand

- ZG- -
ihr von ihrem Bruder gesprochen hatte. In der Welt, in
welcher sie lebte, wußte Jedermant, dasß sie mit ihrer Familie
zerfallen war, und man hütete sich, sie daran zu erinnern; aber
sie hatte in den bangen Stunden, in welchen sie zu sterben ge-
glaubt, sich lebhaft nach ihrem Vater und nach ihrer Mutier
gesehnt, und hier in diesem Hause, in dem sie, fremd unter
Fremden, einer Liebe theilhaftig wurde, welche sie an ihr Vater-
haus gemahnte, hier plözlich von ihrem Bruder reden zu hören,
kam ihr wie ein Gruß aus fernen Tagen, wie ein Grusß der
IIhrigen vor.
Sie kenten meinen Bruder? fragie sie endlich.
-=o ich ihn leue! ries Madauune FlieC, un erzzing sich
in einer Schilderung des Grafen, in einer weitläufigen Erzäh-
lung der kleinen Erlebnisse, die man hier im Hauuse zur Zeit
seines Aufenthaltes mit ihm gehabt, um dabei der Bewunderung
gedenlen zu können, welche er ihrer Tochter gezollt, und es mit
lebhaftem Kopfschütteln pöllig unbegreiflich zu sinden, das er
ihres Hauses und ihrer Seba niemals gegen die Schwester Er-
wähnung gethan habe.
Agelika schwoanlte unentschlossen. Jene Schamhaftigkeit
der Seele, welche die zuverlässigste Bewahrerin und Schutzwehr
wirklicher Würde ist, machte sie davor zurückschrecken, einer Frau,
welcher eben diese Eigenschaft fehlte, ein Vertrauen zu beweisen,
das bei ihr sicherlich nicht wohl aufgehoben war; aber sie mochte
auch den Bruder nicht gegen die Menschen undankbar erscheinen
lassen, denen sie sich selbst zu so großem Danke verpflichtet
fuhlte, und die Rücksicht auf Andere trug es bei ihr über ihr
eigenes Empfinden fort. Ich habe meinen Bruder seit Jahren
nicht gesehen! sagte sie nach langem Zögern leise und begütigend.
Indeß sie hatte selbst diese Aeußerung zu bereuen; denn
nun der Damm der strengen Zurückhaltung einmal durchbrochen
war, überstürzte Madame Flies die Kranke mit den Fragen

Z?---
ihres beschränkten Erstaunens, ihrer scharfsichtigen Neugier, und
wie man sich von der harmlosen und doch guuäilenden Zudring-
lichkeit eines Kindes, nur um der Beunruhig ng zu entgehen,
oftmals uehr eullocken lässt, als man ihm irgzend zuzugestehen
dachte, so fand Angelika, als Madame Flies sich zurüczog, dcß
sie, solcher anmasenden Herzlichkeit in ihrer l ngebung nicht
gewohnt, der Fragenden mehr, weit mehr änwernnaut, als sie
irgend beabsichtigt hatie. Aber auch sie meinte erfahren zu haben,
was ihr bisher nicht deutlich gewesen war. Se meinte jezt zu
wissen, weshalb Seba sich nichi verheiraihel haiie, weshalb ihre
dunleln Auugen ofi so trauurig und forschend auf ihr ruhien, ja,
wesshalb ihhre Züirllicleil sie so waru uusiuz, und Seba wuurde
hr nur werther, seit die Baronin sich sagen onnte: auch sie
liebte hofsunglos, auch ihr kraten die Schranken entgegen,
welche die Slände von einander halten, auch sie hat es gekanni,
das hosfende Verlangen und das traurige Entsage , und sie ist
besser als Du, den keine Pflicht verbot ihr, frei über ihre -===e

zu verfiigen, und lein Eid stand zwischen ihr und ihres Herzen
freier Wahl!
Ss
« dem einsamen Sinnen des Tages, in dem schlaflosen
Brüten der Nchte hatte Angelika eine Einkehr in sich selbst
gehallen, sich Bekenntnisse gemacht, wie man sic nie vor einem
Andern, wie man sie nuur dem eigenen Gewissen abzulegen
vermag; denn es gibt ein Jmnerstes in dem Seelenleben fast
eines jeden Menschen, das er nicht Preis geben lum, ohne das
fA-s
geheime Band zu zerreißen, welches die Elemente seines Wesens
zusammenhält, ohne sich des freien Willens zu entäußern, der
Zhn zu einem selbstständigen Menschen, eben zu dem Menschen
macht, als welcher er sich von der Masse seiner Mitmenschen
unterscheidet. Jedes Bekenntniß, welches der Mensch vor einem
andern Menschen ablegt, ist daher immer ein bedingtes. =ie
eg;
Persönlichkeit, die Meinung, der Glaube dessen, vor dem wir

-- ZZ--
sprechen, wirken auf uns zurück, und hüllenlos, schrankenlos
wahr vermag der Mensch nur gegen sich selbst zu sein, wenn
Geständniß und Urtheil, aus gleicher Quelle entspringend, in
Eins zusammenfallen.
So lange sie sich in der Nhe und unter der geistigen
Obhut des Caplans befunden, hatten sein religiöser Sinn und
sein fester Glaube sie vor jedem Schwanken bewahrt. Sie
hatte selbst die Sehnsucht nach dem ihr versagten Glicke eine
Simnde in ihrer Bruest geschvlten. Dae Beispiel des Caslans
hatte sie zur Entsagung ermahnt, und wie der Freiherr es auf
seine Weise that, hatie auch sie danach gestrebt, sich mit dem
Gedanlen an ihre bevorzuugte Lebensstellung, mit der Erinnerung
an ihren Nang und an ihre Geburt zu lröstenn und von dem
Schicksale damit abgefunden zu glauben.
Aber die Gedanken und Anschauungen des Menschen ge-
hören ihm nur an, wie die Frucht dem Samenkorn angehört.
Sie werden in ihrer mehr oder weniger schnellen Entwickelung,
wie in der Art ihrer Entfaltung durch die äußeren Umstände
bedingt, und seit Angelika nicht mehr im Schlosse weilte, seit
sie nicht mehr ausschließlich von ihren Standesgenossen umringt,
nicht mehr von der Unterwütrfigkeit ihrer Dienerschaft umgeben
ward, fing die Welt an, ihr verwandelt zu dünken, weil der
Blick sich änderte, mit dem sie in ihr Jueres nd in das
Leben schaute.
Von dem Tage ab, an welchem sie des Freiherrn Gattin
geworden war, hatte die Ruhe sie geflohen. Schwere Enttäu-
schungen, Sorge um seinen Gemüthszustand, Gewissenszweifel,
religiöse Kämpfe und Familienzerwirfnisse hatien ihre Seele
nicht zum Frieden gelangen lassen, ehe die Herzogin ein Gast
des freiherrlichen Hauses geworden war, und seit dem Erscheinen
dieser Frau war AngelJa nicht nur sich selber, sondern war
ihr auch der Mann verloren gegangen, dessen Namen sie trug

--- ZZ--
und dem sie sich für gute und fir böse Tage unauflöslich ver-
bunden hatte.
-s?. da sie nicht mehr käglich auf die Unternehmungen
,
und auf die Handlungsweise der Herzogin zu achten hatke, da
die Auforderungen augenblicklicher Nothwehr sie nicht mehr in
Beschlag nahmen und sie mit nachdenkender Prüfung auf die
vergangenen Jahre zurückblicken konnte, wurden ihre Erlebnisse
ihr klar und räthselhaft, deutl.ug und fast unbegreiflich zu gleicher
1.s-
Zeit. Sie loite sich die Liele nichl weglä tgnen. welche sie
für Herbert hegte, aber sie vermnochte sic es jezt völlig darzu-
legen, mit welcher berechieten Arglisi die Herzogin sie dahin
gebracht haile, sich eine Neiguung fir den jungen Architekten
zuzutrauen, und wie schlauu und geflissentlich ßie dieselbe in ihr
zu näihren, ja, selbst durch ihr Abmahnen anzufetern verstanden
habe. Sie erinnerle sich, mit welchen Erschreckee es sie erfüllt,
als die Herzogin ihr zuerst die Möglichkeit einer Liebe fir Her-
bert vor das Auuge gefihrk; sie durfte sich sagen, das sie redlich
dagegen angekämpft hahe, und wenn sie danehen auf die Ver-
wicklungen, auf das Unglick l.tuite, das über sie gekommen war,
M1.?
das ihrem ganzen Hause drohte, so vermochte sie sich nicht, wie
der Freiherr, fest auf sich selbst zuriczuziehen, sondern sie fragte
sich: Warun ward mir dieses Schicksal? Warum legte Gott
mir Priüfungen auf, die zu besiehen er mich zu schwach gemacht
hat? Grade jezt, wo sie des festen,
- nöthiger als jemalö hatie, versagte
gottverkrauenden Glaubens
= - i--- -ve, und ihr Ver-
s C, s
- langen nach der beruhigenden Nihe
des Caplan? steigerte sich
an ihrem Trostbediufnisse, obschon sie eben in ihrem gegen-
vss,sss,: -
-=----get reiden die Füihrung und Fügung einer höheren, sie
erziehenden und aufklärenden Macht zu erkennen geneigt war.
Krank und im höchsten Grade hülfsbeditrftig, hatie sie sich
in einem bürgerlichen Hause auf die Pflege einer ihr fremden
Familie angewiesen gefunden. Keine Verwanhtschaft, keine ge-

=- ßß -
meinsame Erinnerung, keine Gleichheit der Gesinnungen, nicht
einmal der religiöse Glaube verband sie diesen Menschen. Man
haiie die Baronin von Jigend ans gelehrl, die Biirgerlichen
gering zu schätzen, die Juden zu verachten; ihre Wirkhe, ihre
Pflegerinnen, die das wuusten, liesen sie es nicht enigelten,
sondern umgaben sie mit einer Liebe, die ihr das Herz er-
wärmte und es ihr darthat, was der Mensch dem Menschen
über alle Verschiedenheit des Glaubens, der Meinung und der -
Bildung hinaus zu sein vermag. Sie hörte es gar nicht mehr,
was ihr Anfangs in der Sprache des jiidischen Kaufmanns
auffällig gewesen war; sie merkte die Verstöße gegen dic gute
Form nicht mehr, welche Madame Flies sich in ihrem Eifer
häufig zu Schulden kommen lteß. Sie sah nur das uneigen-
nützige Wohlwollen, mit welchem man sie bediente, nur den
Eifer, mit dem man ihre Wiusche zu erralhen sirebte; sie fi:hlte
nur die Güte, von der sie in jedem Augenblicke umgeben ward, .
und oftmals meinte sie sich ihrer allmählichen Genesung nr ?
darum zu erfreuen, weil ihre Pflegerinnen sich über dieselbe so -
glücklich bezeigten. Sie vergas es fast, daß sie vornehm sei,
so heimisch ward es ihr unter der Obhut ihrer Wirthe. Nur
der Dank der Kranken, der jungen Frau gegen die ältere,
mütterliche Pflegerin war in ihr lebendig, wenn Madame Flies ,
sich neben ihr bemüühte, und die Baronin hatte es bald geng
erlernt, wie die Stunde der Noth die Schranken niederwirft; ?
welche die Stände von einander halten; sie lernte es in ihrer -
Hinfälligkeit, wie erhebend es sei, bei seinen Mitmenschen frei-
williger Hingebung und reiner, erbarmender Menschenliebe zu -
begegnen.
Noch an dem Tage ihres Erkrankens haite die Aussicht,
das die Familie Flies künftig das Haus von Fräulein Esiher,
das von Arten'sche Haus in der Nesidenz bewohnen werde, die,
Baronin in allen ihren Ansichten gekränkt; jetzt konnte sie mit --

---- ßj--
völliger Ruuhe daran denken. Denn obschon ihr Befinden sich
besserte, sagte ihr eine bestimmte und unabweisliche Ahnung,
das; ihr Lebensziel ihr nichl allzu sern geslecl si, und vor dem
Glauben an die eigene Vergänglichkeit verlor die Vorstellung
von der Vergänglichkeit und aandelbarleit alles: Besiehenden
immer mehr ihre Schrecken fin sie, bis sie ihr als eine Noih-
wendigkeit, ja, fast als eine Wohlthat zu diünken begannen.
Wie den Freiherrn der Gedanke an die Wandelbarkeit und
Vergänglichkeit aller Dinge zur stolzen Aufrechterhaltung seines
Ichs und seiner persönlichen Bedeutung anreizte, so machte die
gleiche Erkenntniß seine Gattin mild und weich, denn das Gleiche
wirkt verschieden, je nach dem Boden, auf den es fällt, je nach
den Elementen, mit denen es sich vermischt.
A.
=-»-s ich doch meinen eigenen Leib, meines Geistes Haus,
in Stauub zersallen lassen, sagte sich Angelika, wie dinnfte mich's
betrüben, das ein Hans von Stein und Mörtel nicht auf ewige
Zeiten hinauus denjenigen zu eigen bleibt, deren Väter es errich-
teten! Renatus hat seinen eigenen Leib und seinen eigenen Geist
von Gott empfangen, mag er sich auch, gleich seinen Ahnen,
sein eigenes Haus erbauen, und wie Gerhard und ich hier in
diesem fremden Hause weilten und von seinen Bewohnern Gutes
erfuhren, Liebe gewannen, so mag die schöne Seba in Gottes
z Namen in dem Hause leben, das wir unser eigen nannten und
das ich einst bewohnte; nur --- fügte sie seufzend hinzu -=
möge sie dort glucklicher werden, als ich!
a=ggggg

Kapitel 08

Achtes Capitel.
S
Zie haben sich lange erwarten lassen, sagte der Freiherr,
als an einem Abende der Caplan bei ihm eintrat, und fast wäre
Ihre Gegenwart hier uicht mehr gefordert, denn ich kann Sie
mit der erfreulichen Kunde empsaugen, daß die Baronin ihrer
Genesung entgegengeht. Wir sind also hoffentlich zum Lngsten
hier gewesen und werden die Schwüile der Sidi bald mit
unserer frischen Luuft vertauschen können. nach der auch unsere
Kranke zu verlangen anfängt. Aber was bringen Sie uns,
lieber Freund, der Sie von Hause kommen ?
Zuuerst meine Entschuldigung wegen meines späten Ein-
treffens.
Lassen Sie das, lassen Sie das! Unser ruhiges Leben
hat Ihnen die Gewohnheit schnelle. -ubrechens genommen, ich
s s.:s
kenne das, und im Grunde war das niemals Ihre Sache! rief
der Freiherr, anscheinend in der besten Stimmuung. .p hoffe
N,.
nur, daß nicht ein Uuwohlsein Sie zurückgehalten hat!
Nur wirkliche Krankheit hätte mich hindern können, dem
Rufe der Frau Baronin und meiner Pflicht zu folgen! sagte
der Geistliche mit einer ernsten Zurückhaltung, die den Freiherrn
zu der Frage veranlasßte: Sie hatten also andere Grüünde, die -
Sie zum Verweilen zwangen ?
g,. .=-z- 1
os- z- =»aron, und sie waren nicht so erfreulich,
die angenehme Kunde, mit der ich hier empfangen werde!
als
Da
aber in allem Unglück sich immer noch etwas findet, was man

- IZ--
zu segnen hat, so möchte ich's ein Gliick nen en, daß die Frau
Baronin und die Frau Herzogin eben jez: von Hause fern
gewesen sind!
Der Freiherr sah den Geistlichen fest a: und sagte: Sie
lassen mich sehr langsam erfahren, was Sie mir zu sagen haben;
es ist also sicher etwas recht Verdrießliches gFcehen!
- aeider mehr, als das! sprach der Caplan. Amt Mittwoch
vor Pfingsten langte der Wagen in Richten an, den man zum
..bholen des Standbildes nach der Siadt gesaedt hatte, und
der Verabredung gemäs; wurde es gleich ncch Rothenfeld ge-
bra.,, um dort vor der Kirche abgeladen und anSgepackt zu
,s
werden. Da die Vorbereiluungen sür die Aufsiellung im Voraus
getroffen waren, gab der Bauführer denu utuch die Weisung,
mit der Errichiung der Gruppe sofort zu beginnen.
Ued durch die Uugeschicklichleii unserer Arbeiter ist sie be-
schädigt worden! rief der Freiherr.
Nein, Herr Baron ! De. -ldhauer selbsi hat sie, wie er
-- 91
übernonmen, herausgebracht und auch die Auuspackung besorgt.
lnd die Arbeil, wie isi sie ausgefallen? unlerbrach der
Freiherr den Geistlichen noch einmal.
Es war eine lobenswerthe Arbeit; die Gestalt des Christus
recht edel, der Kopf voll Ausd.., und auch die Figur der
ys,
büsenden Magdalena nahm sich schön und charnkteristisch aus.
Sie sagen: es war eine schöne Arbeit, die Figur nahm
sich gut aus -- wwas soll das heisßen ? fragte der Freiherr.
Das Siandbild st zerstört! berichtete der Geistliche, und
sein Ton und seine Miene verriethen die Empfindung, welcher
er das Wort nicht gab.
Zerstört? Und wie, durch wen? rief der Freiherr lebhaft.
Hz=---
=-=h geflissentlich erregten Glaubenshaß! antwortete der
Caplan mit jener Selbstbeherrschung, welche ihm z- -===»-
z- H?z-fmi=
geworden war.

-=- ZeF-
Den Freiherrn jedoch verließ in diese Falle seine Fassung,
und mit dem Fuße stampfend, rief er hefiig: Unerhört! Das
ist ganz unerhört! Sind denn jetzi alle Teufel los?-- Aber
er bereute diese Aufwallung eben so schnell, und sich nieder-
setzend, während er auch dem Geistlichen einen Sessel anwies,
sprach er: Man sollte sich eigentlich in diesen Zeiten über nichts
mehr wundern und auf jede Art von Ausschreitungen vorbe-
reitet sein; dennoch überrascht uns, wenn uns widerfährt, was
wir Andere in gleicher Weise erleben sahen. Verzeihen Sie
meine Aufwallung und fahren Sie fort. Halten Sie mir nichts
zurüück, mein Freund, ich bin jezt volllouumen vorbereilel.
Au Mittwoch, fnuhr der Caplan fort, war, wie gesagt,
die Gruppe angekommen, Sauslags, als die Feiersluunde nahte,
halte man die Arbeit des Aufsteslens beendet; ich fuhr also
nach Rothenfeld, dad Geleisiete zu belrachten. Die Gruppe ge-
reichte deut ganzen Vauue zur Zierde; man lomnte in jeder Weise
seine Freude daran haben. Man hatte keine Schwierigkeiten,
keine Sörungen irgend welcher Art bei der Aufrichtig gehabt.
Die Arbeiter, welche niemals ein Kunstwerk gesehen, hatten es
angestaunt; nun standen die Kitder drausßen an dem Gitter
und betrachteten es neugierig. =es Försters Sohn, ein auf-
geweckter Knabe, fragte mich. ob das die Mutter Maria sei,
die an dem Kreuze kniee. Als ich ihm Bescheid gal, ging der
Candidat vorüber. Er war, wie immer, zum Pfingstbesuch zu
seinen Eltern nach Neudorf gekommen, aber er hatie sich, was
er doch sonst zu thun pflegte, bei mir nicht sehen lassen.
Der Bursche war mir siets zuwider, bemerkte der Freiherr,
den Erzähler unterbrechend, und er weiß es, daß seine ehr-
geizige Scheinheiligkeit, wie man diese Richtung von oben her
jezt auch beschützt, bei mir ihre Wirkung verfehlt!
Um so größer und unheilvoller war aber die Wirkung,
welche er auf die Gemeinde übte, berichlete der Geistliche, der

-- J-
- sich geflzzentlich jedes Urtheils enthielt und sich nur auf die
Mittheiluung der Thatsachen beschränkte. In der Absicht, die
Leute an ihn zu gewöhnen, hatie der Pfarrer seinen Sohn, wie
seit Jahren, auch jetzt wieder an zweiten Feiertage für sich die
Predigt halten lassen, und der Candidat mochte die Abwesenheit
, der Herrschaften für den geeigneten Zeitpunkt angesehen huuhen,
in welchem er seinem Zore gegen unsere Kirche einmal Luft
machen und bei seinen Vorgesezten sich damit eine geneigte An-
erkennung verdienen könne. Die Aufstellung des Siandbildes,
meine zufällige Unterreduung mit dem Knaben, deren Zeuge der
- Candidat eben so zusällig geworden war, bolen ihm dazu den
erwüünschtesten Stoff uu Anlas;, und er hat sich denn in den
, heftigslen Ausdriicken, in jeen landläuusigen Nedensarten gegen
, den Baalsdienst, gegen die Gözenanbetung, gegzen die heimliche
Verfihrung zu derselben und gegen unsere Kirche iberhaupt, so
, lange gehen lassen, bis er es der Gemeinde ennhlich förmlich an
- das Herz gelegt, sich iber die Gewalt zu beschweren, die man
F ihr mit deu Baue der Kirche angethan habr, ui die Errich-
Jiung von Gözenbildern in dem Lande der reinen Lehre nicht
F zu dulden.
Die Frechheit keunt uicht Masß, nicht Ziel! rief der Frei-
Therr, sich von seinem Sessel erhebend. Und die Leute, wie ver-
Z hilten sie sich? Was thaten sie?
EK traf sich ibel, daß ihrer Aufregung eine Gelegenheit,
. g,
kas
g n- zu bekunden, dargeboten wurde. Mißgestimmt waren sie
Fseit langer Zeit, und die Menge liebt es j«, Alles, worunter
Fsie zu leiden hat oder wovon sie sich beeinträchtigt glaubt, auf
FFeine und dieselbe Ursache und Qielle zurüczuführen. Als die
FZeute von Neudorf aus der Kirche nach Nothenfeld zurückkehrten,
ge-
machten die Kaumerjungfer der Frau Herzogin und der Koch
FFeben ihren Feiertags-Spaziergang. Aus ihrer Heimath des
Anblicks gewohnt, den das Staudbild ihnen darbot, warfen ihr

-- ßß-
religiöses Gefühl und ihre Rührung bei dem Gedanken an das
verlassene, unglückliche Vaterland sie betend zu den Füßen des
Heilandes nieder. - Sie knieend im Gebet erblicken, an ihrer
Andacht Aergerniß nehmen und diesem Aerger Ausdruck geben,
war bei den vorübergehenden Leuten Eines. Wir wollen unseren?
Sabbath nicht durch Gözendiener schänden lassen! rief eine
Stimme, und als hätte es nur dieses Anstosßes bedurft, so erhob
sich von allen Seiten der Ruf Nieder mit dem Gözenbilde!
Nieder mit den Gözendienern! Jagt das fremde Pack zum
Lande hinaus!
Weiter, weiter! drängle der Freiherr.
a Begrisse, mich hieher z Ihen zu begeben, lam ich -
mit meinem Wagen durch Nothenfeld. Schon beim Einfahren
in das Dorf sah ich, das: eiwas Ungewöhnliches vor sich gehen
misse, und das wiste Duurcheinander lärmender Skiunmen zeigte
mir den Weg.-- Der Gaplan hieli einen Auugenblick inne,
dann sagte er: Erlassen Sie es mir. ,huen die Scene zu,
schildern, die ich auf dem Kirchhofe erleben muuste. De Leute;
kannten sich nicht in ihrer Auufregung. Alt und Jung, Männer?
und Weiber waren iber die beiden Unglicklichen hergefallen,!
Man machte ihnen die Flucht unmöglich, man steinigte ses
buchstäblich, während die kräftigsten unter den Männern das
Standbild zu Boden rissen und mit Aexten darauf einhiebei.j
Das Flehen, der Angstschrei der beiden Gemarterten überiöntenj
das Geschrei und Toben der Withenden.
Aber war denn Niemand da, der Einhalt that? fragte detj
Freiherr, athemlos vor zorniger Erregung. Wo war der Pfarrer
=Vo war Steinert? Wo war der Justitiarius? Und Sie selbsh
Caplan - -
Sie vergessen, Herr Baron, daß der unselige Vorfau sch!
nicht in Neudorf, sondern in Rothenfeld ereignete, daß detj
Pfarrer also nichts davon erfuhr, bis Alles voriber war -

= I? ! =-==
und es wird ihm dies sicherlich das Erwünschteste gewesen sein.
Steinert war über Land gefahren, und der Justitiarius, der
sich unter den Besuchern der Kirche befunden hatte und gleich
herzukam, hatte, wie ich, vollauf zu thun, die beiden Verwnn-
deien...
Verwundet - die Unglücklichen sind verwundet? Aber doch
nichi ernstlich, es hat doch mit ihnen keine Gefahr, Caplan?
Der Caplan zuckte die Schultern. Die Verwuundung des
Kochs war unbedeutend, er ist völlig davon hergestellt. Made-
moiselle Lise aber, die ein Steinwurf an die Schläfe traf--
ist todt!
Der Geisiliche hielt ine; der Freiherr schlosß umwilllürlich
die Augen. Er sprach kein Wort. Die Hände auf dem Nicken
ging er mit schwwerem Schritte im Zimmer auf und nieder.
Ein Mord, sagie er endlich tonlos, ein Mord an einem schwachen,
wehrlosen Weibe -- entsezlich!- Und die Herzogin --- wie
wird sie es vernehmen? -- Und wieder fing er an umherzu-
Fchreiten.
Nach einer Weile hob der Caplan noch einmal an: Auch
zmich hatte ein Stein am Hinterkopfe verlezt. . -
F Sie, Sie, mein Freünd ? rief der Freiherr, in der Sorge
ßum den altbewährten Lbensgenossen alles Andere vergessend
zund an den Geistlichen herantretend, dessen Hände er in ltb-
fhafter Bewegung ergriff. Darum also fiel mir Ihr übles Aus-
ehen auf; aber fceilich solch einen Anlaß, solch einen Grund
Fwar ich mir nicht vermuthend. Und jezt, wie fühlen Sie
zb
; ? Denken Sie nicht an mich, sprach der Caplan, die Wunde
hpar nicht schwer, und -- fügte er mit seiner sanften Stimme
,egütigend hinzu --- der sie mir schlug, des Hirten armer, schwach-
Fßmniger Bube, wuste in Wahrheit kaum, was er gethan hatte.
ß. Der Freiherr athmeie schwer auf, drückte dem Geistlichen
F, d. Lewet. Vo selatea i seaee u

-=- ZZ--
tief ergriffen die Hand und wandte sich ab. Es widerstand ihm,
seine Erschütterung zu zeigen. Er trat an das Fenster, das
auf denn Markt hinaussah, aber
was draußen vor seinen Augen
dem so eben Gehörten beschäfiigt,
er gewahrte nichts von dem,
vorging. Er war einzig mit
ganz in seine Gedaulen ver-
sunken. So verging eine geraume Zeit. Beide Männer hielten
vor einander zuurück, was doch ausgesprochen werden musßte, und
beiden ward d Schweigen drickeder, je länger es sich sortsezie.
Endlich rasste der Freiherr sich zusamen. Lazsen Sie
uns zu Ende kommen! sagle er sinsler und gepresgt. Wie verlief
die Sache, und wie verließen Sie die Dinge?
Es war, als ob der Unfall, den ich erlitten hatte, sie zur
Besinnug brächte. Ein paar Frauuen in meiner Nhe riefen
meinen Namen, sprangen mir bei, versuchten mich zu sczüzen.
Ich redete ihnen zu, verlangte ihre Hilfe fir die Ugliickliche,
der Aublick der Sterbenden erschreckte die Sinulosen und brachte
einen Stillstand in ihre wilde Aufregung. Diesen benutzte der
Justitiarius. Er uannte sie Verbrecher und verlaugte die Aus-
lieferung des Mörders. Sie hatten nicht daran gedacht, daß
sie ein Verbrechen begangen, daß sie einen Mord veribt hatten;
sie schwankten, ob sie dieses Bewußtsein durch neue Unthat in
sich übertäuben, ob sie sich durch neue Wildheit über ihr Er-
schrecken forthelfen oder sich aus Furcht zerstreuen sollten.
Da haben Sie das Voll, rief der Freiherr mit bitierem
Hohne, da haben Sie das Volk, dessen Menschenrechle man an-
erkennen, dem man Freiheit und Gleichheit zugestehen, dem man
Autheil an der Regierung des undes zuerkennen soll! Nohe,
N,
wilde Bestien, nur durch Zwang zu bändigen, durch Strenge
und Gewalt in den Schranken der Menschlichkeit zu erhalten!
-- Das sind die Freiheitshelden, die jenseit des Nheines ihr
Wesen getrieben haben -- Kirchenschänder und Mörder! Aber
so wahr Gott lebt, ich denke es ihnen grüündlich zu verleiden!

--- ß-
. I. sagie der Caplan, sie bebürfen er Zuucht, sie lönnen
der Führung, der Leitung nicht entbehren und werden dies je-
mals schwerlich können. Aber soll das Messer fiir die That
einstehen, die man mit ihm verüübt? Soll die bildungslose
Masse dafir einstehen, das: man also die freie Gleichberechligung
der Culte auudibt? Soll ein armer, irregeleiteter Bauuernbursche
es entgelt.t.. wenn man von den Kanzel: bes Landes unsere
heilige Kirche schmälen darf? Soll es ihm hingehen, dem un-
reise:n jumngten Mauauie, deu lihherischen Gandidaien, das; er sich
auflehute gegen dad Gesez seines Landes, gegen den Willen
seines König«, der unsere Gewissensfreiheit und unsere freie
Religionsübung so gut wie die der Andersglaubenden zu schitzen
hat? Wollent Sie es dulden, das; diese freche anaßende
Mensch Ihren Etschließuungen. .rem freien Willen auf der
Sk.
Kanzes .-er eigenen Kirche entgegentritt? das; er Ihre Leute
-s.--
zur Veurtheilng ao-r Handlungen aufreizt, daß er sie zu
-s.=-n
Es. -ßzs 9
-=- =eichtern macht?- Ich füür meinen ahei! habe gleich
E
gethan, was meines Auies war. Ich habe noch an demselben
Tage dem Fitrsibischof einen Vericht der Vorgänge eingesandt.
Ich habe. ihn aufgefordert, bei der Regierung Beschwerde über
den Angriff zu führen, -er durch den Candidaten gegen unsere
freie Religionsibung vollführt ist, und es mißte keine Gerech-
tigkeit im Lande mtehr zu finden sein, wenn uns unser Recht,
und dem Gotthard nicht das seinige werden sollte.
Es war selten, dass der aplan sich also lebhaft äus. ---
osft
und dem Freiherrn fiel es daher auf. Er hatte in dem ruhigen
Laufe der Zeiten es fast vergessen, das: sein alter Lebensgenosse
noch etwas Anderes als nur sein Hausgeistlicher, daß er ein
Mitglied jenes großen Elerus, jenes wundervollen Organismus
sei, dessen Mitglied... aus allen Schichten des Volkes hervor-
gehend, über die ganze Welt zerstreut, in sich verein.gt, und
losgelöst von allen Banden der Familie, in Einem der Ihrigen

- 1e --
gipfeln, der sich die höchste irdische und geistiiche Machwvoll-
kommenheit zuerkennt, von welcher ein Theil auch dem geringsten
Angehörigen dieses Bundes übertragen wird, so das; ein jeder
zur Befestigung und Stärkung des großen Ganzen mitwirkt,
während er sich von demselben getragen, gehoben und beschitzt
weiß. Aber es war dem Freiherrn nicht willkommen, daß der
Caplan ihn in diesem Augenblicke an seinen Zusammenhang
mit seiner Kirche mahnte, das: er fir seinen Theil Masßregelu
getroffen und selbstständige Schritie gethan hatte. Er sah dies
als einen lebergriff in seine Rechte an und er war eben jezt
noch weniger als sonst gewillt, seinen Nechten etvas zu vergeben.
Ohne daher auuf die Aimahnungen des Caplans weiter
eizugehen, sprach er lall ui erust: Ehse wir daran denulen
dürfen, die Freiheit unseres Cultue zu vertreten, scheint es mir
nothwendig, das: den Verbrechern ihre Strafe, das: Jstiz geibt
werde, no gege das Gesez gefrevelt ward. -- Was hat der
Justitiarins gethan?
Der Caplan, der sich zuricgewiesen sah und dies fir sich
und mehr noch finn die heilige Sache, der er diente, schwer
empfand, liesß den Freiherrn seine Antwort eine lleine Zeit er-
warten. Dann sagte er: Bei dem wüsten Angriffe, den man
auf unsere unglicklichen Glaubenögenossen richtete, bei der Plöz-
lap.t und Wildheit, mit der Alle zugleich über die Beklagens-
I,
werthen herfielen, war es nicht zu sagen, wer die That verübt.
aeder konnie, Niemand wollte der Mörder sein, und noch hatte
der Justitiarius nichts entschicden, als Steinert von seinem
Ausfluge zurückkam. Mit Einem Blicke übersah er, was geschehen
war, mit Einem Satze war er vom Pferde, und rasch den
Stephan aus Neudorf bei der Brust fassend, rief er: Wer's
gethan hat, das weiß in diesem Augenblicke Gott allein, aber
sein Theil Schuld wird dieser hier an all dem Unheil haben,
denn ich habe sie oft genug von ihm gehört, die Redensarten

--- 10!---
gegen den Kirchenbau und gegen die Fremden und die Fran-
zosen. Er wird auuch jetzt wieder der Anfiihrer gewesen sein!
Führt diesen hier vor allen Dingen weg, und dann wollen wir
weiter sehen; das ebrige wird sich finden!
Ud was dann? fragte der Freiherr, dessen Miene sich
belebte, da er hörte, daß eine entschlossene Hand über die Auf-
rührischen gekommen war.
Steinert selbst üibergab dann Stephuun den beiden Amts-
boten; in dem Bestreben, sich zu rechtfertigen, zieh der Verhaftete
Andere der Schuld, und auch diese hat man festgenommen; eh
sizen ihrer acht. Murrend und drohend gingen die Männer,
weinend und schreiend gingen die Weiher aus einander. Steinert
eilie nach Nedors in die Pfarre. Ich war nicht im Stande,
meine Neise an dem Nachmittage fortzusczen, und hätte ich es
vermocht, so wäre es doch nicht zulässig gewesen. Ich mußte
bleiben, um die Sielle zu weihen, wo die Erschlagene ruhen
sollte, und un sie zu bestatten, und in Beidem habe ich leine
Siörungen erlitien. Ich habe ihr Grab in der Nähe des zer-
trümmerten Standbildes graben lassen, damit die Leüte eä auf
ihrem täglichen Wege vor den Augen haben.
Der Caplan schwieg, der Freiherr hatte sich niedergelassen
und den Kopf auf die Hand gestizt. Er schauderte zusammen,
aber er sagte nicht, was ihn bewegte, bis er sich plözlich mit
dem Ausrfe: Gleich morgen mus; ich hin, gleich morgen! von
seinem Sessel erhob.
Um Ihre Rickkehr zu bitten, hatten sowohl Steinert als
der Justitiarius mir auch aufgetragen! meldete der Caplan,
indem er gleichfalls aufstand.
Und weshalb das ? fragte der
Um zu begnadigen, wo jene
Freiherr.
nur Gerechtigkeit zu üben
hätten!
Der Freiherr blieb vor ihm stehen. Und Sie würden

-=-- IL-
mir rathen, dem Gesetze vorzugreifen? Sie wirden der Mei-
nung sein, das: ich durch schwwache Nachgiebigleit ähnlichen Freveln
--hür und Thor öffne?
D« würde die höchste Strenge finn den bewußten Urheber
N
des Frevels fordern und Gnade üben - -
Der Freiherr fuhr auf. Strenge fordern, wo ich nicht zu
richten habe, und freveln lassen, wo ich Herr bin?-- Nein,
Caplan! Ich gehe nach Hanse, morgen -- aber sie sollen sich
meiner Nückkehr nicht zu freuen haben, sie sollen sehen, daß ich
der Herr bin!
Der Caplan versuchte, Einspruch zu thun, des Freiherrn
Ansicht umzustimmen, aber es gelang ihm nicht.
eberzeugung gegen leberzeugung! sagte der Freiherr. Sie
folgten Ihrem Gewissen, als Sie sich an den Fürstbischof wandien,
ich folge dem meinigen, indem ich mich meines Rechtes bediene,
mir selber Recht schasfe, und ich muus: der verruchien Nolle zeigen,
was sie vor meinem Willen und Belieben gilt! Aber vor allen
Dingen muß ich die Herzogin sehen!-- Und der Thüre zu-
schreitend, sprach er zu sich selber: Das ist ein schwerer, schwerer
Gang!

Kapitel 09

Neunteä Ca z - - - --
si s f = 1
-e,
-=-.. Tod und das gewaltsame Ende ilrer Kammerjungfer
Al,..-
erschüütterten die Herzogin nicht in dem Grae, in welchem der
Freiherr es gefirchtet hatte. Die Nevolulion mit ihrer Schreckens-
herrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt, und
die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der
Guillotine zahlreiche Opfer fallen sehen, die eiten anderen An-
spruch an ihr Herz und an iht Mitgefihl gehaIt, als ihee Die-
nerin, wie sehr dieselbe ihr auuch ergeben und bequem gewesen
war. Häkte die Herzogin sich in Richten befunden, hätte sie heute
die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen
entbehren, morgen mühsaun einen Ersaz fir sie suchen müüssen,
so wiirde sie ihren Verlust schmerzlicher bedauuert haben und von
dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein. So aber übte die
Entfernung ihre abschwächende Kraft. Die Herzogin hatte da-
neben die Bemerkung gemacht, daß die junge Kammerjungfer der
Baronin eben so brauchbar und weniger launenhaft als die alte
Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin machte niemals einen
unnüzen Gefühlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes damit
zu erreichen dachte. Sie nannte die Todte ein Opfer ihres
frommen Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie
diese Bezeichnng fir sie gefunden, als sie dies-lbe mit so viel
Leichtigkeit handhabte, als wäre es der Eigenname der Erschla-
genen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald sie
diö Forn gefüunden haile, in der sie es belrachien und drn

1 ---
Anderen darstellen wollte, und wichtiger als alles Uebrige war
ihr jezt die Frage, ob sie den Freiherrn nach Nichten begleiten
.? ?-
Daß man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen
misse, verstand sich von selbst. Indeß fir die plözlich beschlossene
Abreise des Freiherrn mußte man ihr doch Grinde angeben,
und während man überleg.r, was man ihr sagen sollte, ging
die Herzogin mit sich selbst zu Nathe. Angelika hatte seit ihrem
Erkranken sich weniger als sonst die Müihe genommen, den An-
schein eines guten Einvernehmens zwischen sich und ihrem Gaste
aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in mehreren
Tagen uichi; weuu die Herzogi sich euiserule, wirde also in
ihrem Verhältnisse zur Baronin nichk eben viel verändert. Sie
hatte neben ihr nicht zu gewinnen und nicht zu verlieren, aber
dem Freiherrn konnte sie ihre Freuundschafi beweisen, wenn sie
sich erbot, ihn in einem Auugenblice zu begleiten, in welchem
widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in An-
zp-eh nahmen.
Cszis
==-grend er es noch mtit gewwwohnnter ===zg ilberda.g.,
nNs
N,»s
-sisd
wie er in seiner Abwesenheit am bestenn fitr das Behagen der
Herzogin sorgen könne, hatte diese ihren Etschluß gefast, und
sanft ihre Hand auuf seinen Arm legend, sagte sie: Heute, mein
Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Wütrde, denn
zs7Fs Hsiif
---=- -= in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man
sich fir gute und finr üble Tage. Sie köuien nichi glauben,
daß ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem von Nutzen
bin, und daß ich Sie allein nach Nichten gehen lasse, wo es mir
vielleicht doch =-- und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder
s.spi ii
über eine verdrießliche Stunde fortzuhelfen, und wo Sie an mir
wenigstens eine verständnißvolle Zuhörerin besitzen, wenn Sie
NF
i- z irgend welchen Mitiheilungen aufgelegt fühlen. Das muß

10J--
feststehen unter uns, das; ich Sie jezt begseit:, und ich ueine,
auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich behalten,
wenn sie weisß, das; Sie, mein Freund, desthalb nicht ohne Ge-
sellschaft lleiben missen.
Oz,s.s-
Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes -- -.---
welches ihm die Seinigen brachten, als selbstverständlich ansah,
aber die geringste Gefälligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen
ward, hoch anzuschlagen liebte, weil er darin eine doppelte Be-
fricdigung seiner Eitelteit fand, nahm das Anbieten der Her-
zogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man
sich über diesen einen Punkt verständigt hatte, legie alles Uebrige
sich leicht zurecht. Mau sagie der Baronin. bas eine schoere
Kranlheit von Mademoiselle Lise den Caplan so lange in Richten
zuruckgehalten habe, daß die Kranke nach der Herzogin verlange,
und daß diese sich bewogen fiühle, den Wunsch ihrer vieljährgen
Dienerin zu erfiillen. -lllein reisen konnte man die Herzogin
nicht lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Frei-
herr aber lange von Richtenn entfernt war, so lag es nahe, das;
bhs- N,.
=-- =-ztere die Harzogin nach Hauuse geleitete und daß er den
Vorschlag khat, auch Renatus mit sich zu nehhmen, fir welchen
man den Aufenthalt in der Stadt bei der heisßen Jahreszeit
nicht vortheilhaft glaubte.
ex
=ne Varonin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden,
s -
z l, sie selber machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammer-
jugfcr ein fir a.- =al abzutreten, da sie sich künftig von
ss.. N.
Mamsell Marianne bedicnen zu lassen d.«-- und Seba hatte
-» Azsp
, kaum davon gehört, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung
F der Baronin ausschließlich über sich zu nehmen bis Marianne,
z die man sogleich benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei
ß ührer Herrin eintreffen wirde. Indeß dem Freiherrn wollte
das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste zu schätzen,
F welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte
F-

--- ,ßß --
den Zuusammenstos: nichi vergessen, den er um Paul's willen
mit Seba gehabt. Allerdings hatie ihr ruhiges und gleichmäßiges
Bekragen ihm später keinen Grund zum Miszfallen gegeben, und
wenn er die Agelegenheit nuur von Seiten der Bequemlichkeit
betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wüünschen. Beide
Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gesiellt,
beide wußte er bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte
durch die Wahl einer Kammerjungfer fir die Herzogin nicht um
eine Stunde verzbgerl zu werden, und man halle fitr die Zukunft
eine angemessene Verwendung fir Marianne gefunden, während
man den Auufwand für die Bedienung der Baronin sparte. -
, s, I-
Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Fran regk- p= = -
dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen, sie iber-
haupt in dem Hause des Juuweliers zu lassen, weil Herbert in
z
demselben wohnte.
Er hatte augenbliclich daran gedachn, als die Baronin er- ?
kranlte, aber .e hatie Herberi abwesend gewuust und sich damitF
beruhigt, daß Angelika das Hauus verlassen haben werde, ehe
jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine Gattin allein
zuriclassen sollte, muste er sich fragen, ob sie von jenem Um-j
stande Kenntnis; habe, ob und in wie weit Seba von den ob-F
waltende. o.rhälknissen unterrichtet sei und in wie fern er sich
ss N,.
ünessT
auf ihre Zurückhaltung verlassen köune. Mit Angelika jezt -z
Herbert zu sprechen, helt er nich- - khsam, gegen die Flies'sch
zs ffsz- zsi
Familie irgend eine -=-mahnng zu äuußern, hätte ihm eine BeZ
ls.:
leidigung seiner eigenen Ehre gedinkt, und nachdem er in seinem
Geiste das Für und Wider schnell erwogen, gab ein Blick aus,
die Gestalt Angelika's fin seine Entscheidung den Ausschlag. z
Er hatie immer nur von der baldigen und völligen Herß
stellung seiner Frau = =»ehen, weil es ihm thöricht dünlhßF
Fser
s=d
sich unabweidlich. .übsal im Voraus zu vergegenwärliget; »g
. VI
ieut da er seine Eischlisse danach zu fassen hatie, verbarg tj

-=- h ß?--
Fich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen:
Alngelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten, er hatte
won der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr
zu befahren. Er konnte und mufßte ihr zu seiner cigenen Genug-
thuung gewähren, was sie wiünschte, was sie freute. Er gönnte
sihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gönnte ihr den Aufent-
Jalt im Flies'schen Hause, in dem man zu größerer Beruhigung
ser Scheidenden auch sem Caplan ein Unterkommen anbot, und
Hufrieden, sich allen Theilen gefällig zeigen zu können, durfte
Fer. Freiherr sich das Zeuguiß geben, daß er unt diesen Um-
ständen das Richtige thne, wenn er Angelika der Pflege Seba's
ßberlasse, und sich getrösten, das er auch in Nichien das Noth-
ßoendige und Rechie zu thun nicht versäumen weue.
? Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn
Fun schnell gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte,
Faß sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen
Flönnen, trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem
jßohne weniger schwwer, als man es für sie gefürchiet hatte.
j? Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren
Fie Ereignisse traurig geung, welche ihre Abreise aus der Stadt
fberanlaßten, und doch athmeten beide freier auf, als sie sich auf
hdem Wege fanden. Keiner von ihnen vermißte die arme Kranke,
jeder von ihnen fihlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr
, ztte doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht weg-
j äen konnte, daß er, von aufgestachelter Eifersucht verblendet,
uze schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe,
l
Ache sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses Unrecht bestän-
ig ins Gedächtniß rief. Es kamen Augenblicke, in welchen er
de
, Trennung, die er freiwillig und vermessen über sich und
e Frau verhängt hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte,
in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr
. Fen wollten; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal
Gu=z

108
die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat,
wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist, da
flüchtet die kleinste Mißhelligkeit sich in den Niß, nistet sich ein,
schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen
Mißhelligkeit zusammen, bis sie stark genng werden, den Riß
zu erweitern, und der Bruch wird vollends unheilbar, wenn,
wie in dem freiherrlichen Hause, ein scharfes Auge und eine
geschickte Hand bereit sind, dem natürlichen Lauf der Dinge arg-
listig nachzuhelfen. Der Freiherr wuuste, daß seine Gattin un-
glücklich war, er fihlie sich auch nicht gliicklich, aber die Herzogin
versiand es, jede der Baronin güünstige Stimmung in dem Fcei-;
herrn eniweder zu verbillern oder zu unterdricken, und was imj
Beginne nur ein missiges Spiel fi:r sie gewesen, war ihr allmäh-
lich zum Lebenszwec gewvorden.
Sie hatte am Afange weder finr den Freiherrn uoch füh
Angelika eine besondere Vorliebe gefihlt, aber die Leichtiglei,;
mit welcher dieser sich fie ihre selbstsichiigen Zwece benuzeij
und ausbeuten ließ, und das heimliche Widerstreben gegen ihrnF
Einfluß, das zu allen Zeiten immer wieder in der Baronn,
rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen MisßtrauenF
und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die HerzoginF
gesteigert, hatten auch die Eupsindungen der lezteren bestinmt,
und sie fand ein Wohlgefallen daran, es sich auszusprechen, daß!
sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben sei, als!
sie dessen kränkelnde, empfindsame und für ihn in keiner Weißj
passende Gemahlin hasse! Ja, dieser Haß war ihr zum eigenfZ
lichen Genusse geworden, weil er eine starke, mächtige, sie immeß
belebende und antreibende Empfindung war. Sie liebte, ie
pflegte diesen Haß in sich.
Es versezte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rücöß
sichtnahme fir Angelika enthoben zu sein, und auch der Freihn,
fand es leichter und angenehmer, die geistreiche, wizige, mig

==- ,ßß--
jallen Dingen leicht und schnell fertige Herzgin zu unterhalten,
sgls eine Kranke neben sich zu haben, deren kummervolles Herz,
deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen
Jießen, mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren.
f
z Das Wetter war schön, die Gegend, durch die man fuhr,
zeigte sich im günstigsten Lchte, die Unbequemlichkeiten, welche
das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte, wurden
Zei der guten Jahreszeit wenig fihlbar, und die Hrzogin hatte
in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Ent-
Jehrungen ertragen lernen, daß diese Reise an des Freiherrn
Seite ihr in der That Vergnügen bereitete. Seine Zuvor-
zommenheit und ihre Dankbarkeit, seine Galanierie und die
Heiiere Gefallsuchi, die geistvoslen Franen nie verloren geht und
Fie selbst im spte Aller dei Mäitern noch zu erwinnschten
Hesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre
Fleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen, daß die
Fage der Jugend so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr
Petraf sich mehrmals bef dem Bedauern, dasi er der Herzogin
Zicht vor zwanzig, vor füünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden
abe als jezt; auch sie selber dachte daran, daß es sich mit
Zinem Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätie
Fben lassen, wenu er ihr, wie ihr Gatie, eine Herzogstitel zu
Fieten gehabt hätte; und wie die Kindheit es liebt, sich spielend
Fn das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so gefielen die
Meisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Jarben
Per Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu
Fchmücken. Sie spielten mit einander Juugend, wie die Kinder
fälter spielen, und auf das beste unterhalten durch den Selbst-
jetrug, einander noch mehr angenähert als je zuvor, schwanden
ßie Reisetage ihnen so anmuuthig dahin, daß der Freiherr fast des
Enlasses vergaß, der ihn in die Heimath zurückgerufen hatte.
Indeß mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er

--- ,hß-
sich der Gedanken, die er gern geflohen, doch nicht mehr eni
schlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er still und stillerF
wurde. Es war spät am Nachmitkage, als sie den Wald er-!
reichten, der sich von der Grenze bis nach Neuudorf hinzog. DieF
Hitze war während der lezlen Wochen sehr gros gewesen; ditj
Sonne stand noch hoch. Wie mit rothem Golde ibergossen,!
glihten die brauunen Slänmne der Kiefern, uid iber ihren breiten,s
grinen Dächern, auf ihren leuchtenden Wipfelit flaute das!
heiße Lchi. Kein Lfihauch siörle die Sisle in deu weitmF
Walde, dessen mächlige, schlanke, von ihren reichen KronenF
überwölbte Stänme sich wie die Hallen eines Tempels weithinF
vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie!
die brüütende Hitze den harzigen Siäumen ihren balsamischenF
Duft entlockte und wie aud den einzelnen moorigen Wiesen, die
sich zwischen dem Walde hinzogen, die letzte Feuchtigkeit entwichF
Lautios flogen die Vögel von Zwweig z Zweig, nir die Käfenj
summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Birde,
flogen einzelne Bienen iber den Wagen hin, während heslfarbig
Schmetterlinge ihm in gankelndem Fluge paarweise folgten. ,
Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäfiig!
den Wagen zurückgeschlagen, und in dem Walde umherschanendF
sagte der Freiherr, indem er sich mit leichter Hand die Stin,
trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und Boden, endlih!
in freier, heimischer Natur!
Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich überzeugenF
ob er ernsthaft spreche, und sagte dannn lächelnd: Gewisse Dinge
kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nurj
mit Mühe glauben, und das Sie, mein Cousin, sich wirllichg
an der rohen Natur erfreuen können, daß es Ihnen Vergnigenj
macht, das G?.äuf einer Wiese und das Wasser in einenF
Bache zu betrachten, davon werden Sie mich nicht überredenF
eberlassen wir das den Lenten, die, wie der Apostel der »r

ztz
Jußgg, pie der grillenhafie, unerzogene Nousseau, in der Gesell-
fHäft ihren Pß üichi zuu behaupten ud n it hres Gleichen
znicht zu leben verstehen. Wir, die wir in unserer Väter
Schlössern geboren wuurden, dinkt mich, sind nicht dazu gemacht,
zdie Neigungen der gesiederien Waldbewohner und der in Hülten
Weborenen zu iheilen. Dte Bewunderung der Natur ist mir ;
ein zu biirgerliches Vergnigen, isi revolefionärer, als es scheini,-
und ich fitr meine Thei! -- ich fiihle sie nihi!
f
Der Freiherr, bei welchem solche Einfälle der Herzogin
sonst einen schnellenu Wiederhall fanden, nahm diesen nichi mit
Fer erwarteten Bereitwilligkeit auf. Das verdroß sie; sie lehnte
Hich in die Wagenece zurick, in der Gewishseii, das ihr Neise-
Fgefährte seine Unachlsamkeit bald zu vergiten streben werde.
Alber ihre Voraussczungen käuschten sie, und von der Wäirme
ermüdet, von der sanften Beweguung des Wagrns gewiegt, ließ
sie die Augenlider sinken, uu bald haiie der Schlummner sie
Füberwltigt
ß Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an
Fem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange.
Fchon als er nach der Stadt gefahren, hatte er mit Mißver-
Fgnigen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren.
Frade die mächtigsten Stämme, die Zieroen und der Stolz des
Fsaldes, waren mit diesem Theile der Waldungen der unbarm-
ßherzigen Axt erlegen, und jezt, wo er, von der andern Seite
ßommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verändert,
Fdaß sie ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des
zlaldes konnte man die Neudorfer Kirche, welche sonst erst am
Alusgange desselben sichtbar gewesen war, erblicken. Es nahm
Fsich nicht übel aus; es mochte auch vortheilhaft sein, daß man
ßdas große Terrain zur Seite des Weges gercdei hatie, denn es
Fwar schwerer Boden, der nach gehöriger Behondlung guten Er-
ßrag versprach. Aber alle diese Aenderungen waren nicht frei-

- 11N-
willig gemacht; sie waren von einer Nothwendigkeit geboten
wworden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen
Besizers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schönen Theil
des Waldes blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im
nächsten Herbste auf Betrieb des Käufers fallen mußte. Er genoß
diese Natur nicht mehr rein, er berechnete ihren Ertrag.
Er konnte sich nicht verbergen, daß er eine völlige Aenderung
in seiner Lebensführung cintreten lassen müsse, wenn er erhalten
wollte, was noch sein war, wenn er auf Nenatus vererben wwollte,
was er überkommen hatte. Aber wie er auch darüber sann, er
fand nicht, das er ein llngehöriges gethan, er haite immer nur
das von seinen Verhällnissenn Gesorderie geleisiel, und er war
so völlig mit seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen,
daß ihm eine wirkliche Einschränkung unmöglich dünkte. Daß
ei Edelmnaaun von Haus uud Hos veririeben, wie seine Freundin
heimathlos und flichtig werden könne, das begriff er, und fast
däuchte ihm dieses Loos erträglicher, als inmitten seiner Stand.-
voä=
und Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder
eine Stufe von der Höhe hinunter zu steigen, auf welcher die
Herren von Arten sich hierlands seit Generationen behauptel hatten.
Er wiederholte es sich, daß er in seinem vollen Nechte sei, er
versuchte endlich, sich es klar zu machen, dasß im Grunde gar
nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn
so Wichtiges, das: man ein altes, unbehagliches Haus verkauufte,
oder daß man Wälder ausschlagen ließ, um die Mitiel finr einen
grosartigen Bau und fiir neue Eultivirungen zu schaffen? Man
konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schöneres,
bequemeres Haus erbauen, und die Herrschaft hatte des Waldes
von allen Arten noch geng. Indeß wie oft er sich dies Alles
auch wiederholte, es wollte ihm das Wohlgefühl nicht wieder-
geben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes ihn

== ,, z,, e,? -
Firfällt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trübe
Worsiellungen, die sich in seinem Geiste entwickelten.
Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor Er
wwurde achtsam, die Sonte schien nicht mehr durch das Laub.
FEr hörte den Ton des Regenpfeifers, und nich: fern vom Wege
flopfte und hämmerte der Specht. Das Wetter hatte sich ge-
ändert, während sie durch den Wald gefahren waren. Es überlief
den Freiherrn fröstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte
es heute gar vernehmlich, und sich in seinen leichten, weißen
Reisemantel hillend, sagke er halblaut und seufzend zu sich selber:
G ändert sich eben Alles; es währt hienieden nichts!-- Aber
er unierdritcie die Gedanlenreihe, welcher der Audruf enisprunugen
, war, wie jene, welche sich an ihn knilyfen wollte.
Von dem Luftvechsel erwachte die Herzogin. Man hatte
das freie Feld erreichl; einzelne Dohlen schwangen sich mit ver-
suchendem Fligelschlage von dem Boden auf, hoben die Köpfe,
als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und flogen dann
dem Walde zu. Krächzend und mit schallendem Flaitern folgte
ihnen die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitier, sagte der
Freiherr; die Krähen schen Schuz. Aber ich hoffe, daß wir
, Richten noch erreichen, bevor das Wetter aufkommt.
Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an
- den Gegenständen und an den Menschen vorüber. Auf den
k Wiesen war Alles in voller Thätigkeit; man war in der Heu-
F Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens
die wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womöglich
Ftrocken unter Dach zu bringen. Trozdem erregte das Erscheinen
ßder beiden Reisewagen ein großes Erstaunen. Niemand war
Fvon der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und man
Fhielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne. Die Mützen
ß' flogen bei dem Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Unter-
z.F =- == =--

-=- ,jg--
freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach längerer Abwesenheit;
heimzukehren spflegte. Man fragte einander, was diese uner-
wartete Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig.s
die Antwort des Befragten zu vernehmen; und daß die Herzogins
bei dem Freiherrn saß, während die Baronin nicht mitgekommen?
war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die Leute;
sich in der Erinnerung an ihre Missethat ergriffen fühlten.
Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommenh
werden, Jondern trat lieber hinter seinen Nebenmann zuriä;l
denn sie dachten, wen der Herr ins Auge fasse, auf den richte!
sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, daß die,
?
zu deulen. Man fitrchiele in ihu den Nichler, dad sollle und-
mußte so lein. Er war nach Hause gekommen, um ßlrenges
Gericht zu iben, aber nichts desto weniger lam es hm bitter,
an, denn er fühlte sich dadurch von den Leuten geschieden, diez
er bis dahin gewissermaßen mit ssich Eins gewust hatie, undF
1
ihre scheuen, mißtrauischen Blicke mißsielen ihm.
Jm Pfarrhause saß die Pfarrerin wie immer am Fensterz
in dem großen Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagens
kommen hörte, aber sie fuhr schnell mit dem Kopfe zurück, unöß
als man an dem Hause vorüberkam, war sie verschwunden. I
Jezt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Nückehr unterF
richtet, bemerkte die Herzogin, und er wird keine Hymne singenF
wenn er sie erfährt.
T
Gewiß nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde eß
unangenehm, Schrecken zu erregen und Furcht einzuflößen. - F
Trösten Sio sich mit dem Sturme, der über das Land
fährt. - Er erschreckt uns auch, aber wir beugen uns seineZ
Gewalt und er befreit die Luft, damit wir ungehindert und fre
in ihr athmen.

11? --
Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die
Fenster schließen müssen. Wie Binsen bogen sich die jungen
Bäume zu beiden Seiten der Landstraße unter dem schweren
Drucke des Sturmes, der Himmel verdüsterte sich mehr und mehr,
die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstoße
näher, ballten ßich zusammen, senkten sich tifer hinab, und
zvirbelnd flogen die hohen Staubsäulen empor, vo der Wind
cen ausgedörrten Boden berührte. Bisweilen hör:e man fernen
Domner jrollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft,
daß man nichl wus;te, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen
Weg durch die Wollen gefuiden oder ob es der Bliz sei, der
die Gegend erhelle. Das Welier drohte sehr schwer zu werden,
Fund Jedermann hat es auuf dem ossenen Lande zu firchten,
wenn dad Gewöll sich grinlich sfärbt, als berge es den zer-
Fchmetternden und vernichtenden Hagel in seinem Schooße.
Vor der Kirche in Rothenfeld lies; der Freihherc das Fenster
Jerunter. Ein Blick ließ ihn Alles übersehen. Vorn, dicht an
sem eisernen Gitter, erhob sich der Grabhüügel, oelcher die Neste
Fon Mamsell Lise umschloß. Von dem Crucifixe war der rechte
Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne
Fopf, die Hände verstimmelt, knieete die Büßerin zu seinen
Hüßen. Der Freiherr mochte den Gräuel nicht sehen, die Her-
Fogin war blas: geworden und biß die Lppen zusammen. Sie
Fprachen besde ncht.
- Im Amte liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen
hd Thorfligel festzuhaken, während der Hirt die eilende Schaf-
Frde in den Hof trieb. Oben in ührer Stube schloß Eva das
häenster, aber sie konnte es nicht gewältigen, und es bog sich ein
Mann heraus, ihr Hülfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte
ßhn, es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen
Anwesenheit berichtet, er mochte vielleicht auch erst nach der Ab-
Fcse des Geiftlichen in Nothenfeld eingetroffen sein, und es war
z

-- ,hß--
natürlich, jg, sogar gefordert, daß er sich hier aufhielt, daß er
im Amte wohnte. Der Freiherr wirde unzufrieden gewesen;
sein, hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden,
und er war nun eben so unzufrieden, ja, noch unwilliger darüber,.
als er ihn eben da erblickte, wo er hin gehörte. Es war fürs
den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Misßmuthes
und aus den Verdrießlichkeiten, und ärgerlich sagte er zu sihs
selber: Mag er sein, wo er will, heirathen soll er nicht, eheer
seine Arbeit hier vollendek hat und so lange die Steinerts in,
meinem Dienste stehen!
Ie mehr er an innerer Nuhe verlor, je mehr er sich aus
seineun gewohnten Gleichmasie herausgerissen fihlie, um so rei-
zender wurden ihm die Macht und die Gewalt, iber die er zu
verfigen halte, und während ihm noch vor einer halben Siunde;
die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen beirübenden?
Eindruck erzeugt hatie, fing er jetzl uit einem ihm bis dahins
völlig fremden Vergnüügen zu überlegen an, wie er die Misso-z
thäter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle, das sie sich gezeF
seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt haiten an dah
Heiligthum, das er errichtet.


Der Regen strömte vom Himmel, es blizte nicht, aber ein?
elektrisches Feuer flammie zittexnd durch die ganze Luft, als dieF
beiden Reisewagen in das große eiserne Gatterthor einfuhreen,j
rasch die Allee durchflogen und auf der Nampe vor dem Porials
hielten. Die Diener sprangen von ihren Sizen, triefend undj
mit nassen Händen hoben sie Nenatus aus dem Wagen, dis
Bonne und die Kammerjungfer folgten, und vorsichtig half deäs
Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und die Stufen zu übetg
schreien, welche der woltenbruchartige Regen schnell unter Wossßj
gesetzt hatte.
Im Schlosse war Alles in der größten Bestürzung. Ej
war noch niemals vorgekommen, daß der Freiherr in solchgß

===== h J ? -
Feise, ohne sich anzumelden, nach Hanse zurückgelehrt war. In
Fen Zimmern hatie man, weil man Hagel besorgt der Vorsicht
Jvegen die Lden geschlossen, die Möbel waren während der
Flbwesenheit der Herrschaft mit Decken verhillt, die Dienerschaft
haite es sich in ihren Räumen beguem gemacht und mußte erst
r:
getroffen, und während Alles durch einander lief und Jedermann
Fich hastete, um zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben
zud die Zimmer wohnlich herzustellen, hielt man doch die aus
der Stadt zuriiclommende Dienerschafi, wo man ihcer habhaft
-werden konite, fesi, umn in aller Eile zu erfahren, was es bedeute,
Faß die Baronin nichi miigelommen sei, um zu fragen, wie der
Freiherr die Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf auf-
enemmen, und umn ek mil ungläuubigem Erstaunen zu vernehmen,
Faß die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne, bei
Fenen der Ufall sie betroffen; daß die Tochter dieser Juden
ßhre Pflegerin ud ihre Herzendfreundin sei, das der Freiherr
Fein Haus in der Residenz verkauft habe, und daß die alte,
Fpulhafte Mausell Mariane zur Bedienung der Baronin nach
Fichten berufen worden, weil die Kammerjungfer jezt die Stelle
ßer sranzösischen Mansell bei der Herzogin vertreien solle, was
hr auch nichi an der Wiege vorgesngen sei. Dazwischen ließ
han ahnen, daß es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren
hringen werde. =.e Kammerdiener vertraule dem Secr.-
T,s-
oi
Pgß der octor sie eigentlich aufgegeben habe, und wen die
Erau Baronin ihre Augen schließe, dann wolle er nicht hinsehen.
hs Der Secretär fragte, ob er es denn fir möglich halte,
Us-.
Iß der Freiherr
. - er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
s «ac Kammerdiener antvortete, man müsse sie lennen, wie
O.-
ß: ße sei falsch und schlan, wie kein Mensch es sich nur denken
Iine. Auch er nante keinen Namen, und doch meinte nach

--- 1-
einer halben Stunde Einer wie der Andere im Schlosse: nur
davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der
Freiherr auch nicht thun. ---
Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit,.
aber selbst die alte, schreckhafte Beschließerin, welche es sonst
nicht leicht versäumte, bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr
Vaterunser zu beten, merkte heute gar nicht, was um sie her
geschah. Die überraschenden Neuigkeiten, das Verwundern, das
Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar;
in Beschlag; dennn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts-
und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem Nächsten, das sie
beschäfiigie, die ganze ibrige T-l, und es häite eines Erdbebens.
l.s
bedurft, um das Hauspersonal von dem Ersiaunen über die,
plözliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage, was demn.
nuun kommen und geschehen werde, abzuziehen.

Kapitel 10

Zehntes Capitel.

lsamu und verdistert ging der Freiherr in seinen Ge-
mächern umher. Er hatte die weiten Räume sonst immer gern
gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm leer vor.
Er begab sich nach dem Fliigel, den seine Fran bewohnie; dort
war noch Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er
wußte auch selbst kaum, was er dort gewollt. Jn Vorübergehen
trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz vonu dem Wieder-
sehen seines Hundes hingenonmen, hatie seine Spielgeräthschaften
ausgekraml und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr
fverweilte nur lurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in
seinen Zimmern allein.
? C üübersiel ihn eine markernde Unruhe. Sein Schloß schien
Ahm wie ausgestorben. Er haite geglaubt, allen Zuusammenhang
smit der Baronin verloren zu haben, jetzt fehlte ihm die unsicht-
bare Füürsorge, mit der sie ihn umgab, ohne daß er ihr Ein-
heeifen und Thuun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nhe des
Faplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Ver-
Frauen gesehen; es fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag
er Ühren, den er zu hören gewohnt war. Sie waren alle ab-
Felaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war eine Mühe,
Fie er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er mußte etwas thun,
Fum das unheimliche Gefihl der Vereinsamung zu überwinden.
Fr kam sich wie ein irres, iber den Nuinen seines eigenen
Faseins wandelndes Gespenst vor, und plözlich dachte er mit

-- 120 ---
Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in
diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah
er die bleiche, hinsinlende Angelika und den Knaben vor sich,
der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden Blicke angeschen.
Es war ihm, als presse die Luft in diesen Näumen, die
ihm eben noch so leer gedäucht, ihm Kopf und Brust zusammen,
er mußte die Fenster öffnen. Es regnete noch immer, auch das
Gewitter war noch nicht vorüber. Die feuchte Kühlung, welche
herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld
nicht zu besänftigen. Er verlangte nach einer Ableitung fir
dieselbe, und rasch seine Hand erhebend, schellte er dem Diener.
Es sol sogleich ein Bote nach Neudorf reiten, befahl er, und
den Pfarrer zu mir rufen !
Es ist sechs lhr vorüber, gnädiger Herr! bemerlie der
Diener.
Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gelielerisch an-
blickte.
Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe
der Reikknecht sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarxer
anspannen ließ und in Richten sein konnte, mußte es halb neun
Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein.
Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, während er
die Treppe hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl
zu überbringen; denn es war sonst nie des Freiherrn Art ge-
wesen, seine Untexgebenen zur Unzeit zu bemühen oder sg jn
ihren Feierstunden zu stören, und eben seine rücksichtsvolle Mensch-
lichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe
und Perehrung erworben.
Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selbep
die Berechnung machte, wie er sich ein lästiges Erwarten einee
lästigen Besprechung aufexlegt; indeß er liebte es nicht, seine
Befehle zu widerrufen, und um die langsam schleichenden Stunden

: et
--rr J Ju F -==-
zu bewältigen, setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder,
die Postsendung zu mustern, welche fie ihn nach der Abreise
des Caplans in Richten angekommen war.
Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet, als er die Zeitung
und alles Nebrige zur Seite legke, um ein Couvert zu betrachien,
dessen Handschrift ihn in eine lebhafte lleberraschung versezte.
Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm
vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige Ge-
messenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem
Drucke das gräflich Berka'sche Wappen auusgevrägt war, um
den Brief zu lesen, den ersten Brief, welchen sein Schwieger-
vater seit dem Familicnzerwürfniß an ihn richtrte.
--a« bin lange mit mir zu Rathe gegaugen,! schrieb der
NF
Graf, , ob ich Ihen schreiben, oder mich auf den Weg machen
sollte, Sie aufzusuchen; und uun ich mich zuu dem ersteren ent-
schlossen, da ih Sie nichl zu iberraschen und durch die Gewalt
des Augenblickes zu
mit welchem Namen
langen, ungetrübten
bestimnmen wüünschie, weiß ich kaum noch,
ich Sie nennen soll. aBo sich nach einer
Lebensgemeinschaft, die man von beiden
Seiten als einen Vorzug zu schätzen wuste, ein Bruch aufthut,
der durch viele Jahre offen bleibt, verändert die Zeit, die uns
in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch nothwendig die
beiderseitigen Verhältisse, und kein Erfahrener kann an die
Möglichkeit glauuben, das alte Band und die früheren Zuustände
wieder zu finden oder wieder herzustellen. Trotzdem mag es
zwischen uns, wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes
ihre Anspriüche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer
Weise und auuf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen
die Hand, lieber Arten, um diesen Versuch zu machen,
,Ich verhehle Ihnen nicht. daß ein bestimmtes Ereigniß
mir den nächsten Anlaß zu diesem Briefe gegeben und den
Entschluß, Ihnen eine Versöhnuung vorzuschlagen, in mir zur
er

1 e -
Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag
begangen, und vorwärts blickend auf die Jahre, die mir noch
gegönnt sein können, zuriickschauend auf den Weg, den ich ge-
gangen bin, wird Alles einheitlicher, sieht Alles sich milder und
weniger ungewöhnlich an.
,Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können
glaubte, den Abfall von der Lehre, in der sie mit uns ver-
einigt war, und ihren lebertrikl zur römischen Kirche, das habe
ich als eine Thatsache hinnehmen lernen, wofern sie ihhr Glic
und ihren Frieden in ihrem uenen Belenntnisse findet. ,In
meines Valers Hause sind viel Kämmerlein, -- mag sie weilen,
wo ihr die Sonne am wärmsten scheint. Sie ist um ihret-,
nicht um meinekvillen in der Welt; sie isi uns eine gule Tochler
gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gailin geworden.
Glaubie sie dazu der kirchlichen Gemeinschafi mit Ihnen nölhig
zu haben, so that sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und
Gott wird ihr mit seinem Trosie nahe geblieben sein, in welcher
Form sie sich auch zu ihm gewendet hat, sofern nur ihr Streben
ein Gott wohlgefälliges gewesen ist.
=-a« habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer
g,
vermißt, als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloß,
und auch Angelika's Gedanken werden bei mir gewesen sein.
Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut, mit der wir sie
von uns gewiesen, unser täglicher Segenswunsch hat das Ver-
dammungs-Urtheil längst entlräftet, das wir einst gegen sie ge-
fällt, und ihr eigenes Mutierherz wird sie gelehrt haben, dass
die Elternliebe zwar beleidigt, aber nicht zerstört werden, daß
sie irren, aber auch bereuen kann.
,Man sagt mir, Angelika sei krant, Sie hätten sie nach
der Stadt gebracht, einen der dortigen Aerzte zu Nathe zu ziehen.
Hat sie nicht verlangt, uns zu sehen? Hat sie nicht daran ge-
dacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie uns

s ez D
dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfan-
gen haben werden ? Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge
um sie.
, Unsere Glaubensstrenge hat den Buuuc veranlasßt, der
uns, mein heurer Arten, so lange von unserem Kinde und von
Ihnen, mein alter, werther Freund, entfernt gehalten hat. An
unk, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so
offen und unuumwoiinden die Versöhnung zu versuchen; und mich
dinkt, diese Erklärung kann und musß allen Ihren Annforderun-
gen und Bedelen Genige thun. Es ist ein Freund, der von
Ihnen die alie Freundschaft, es sind Eltern, die von Ihnen
ihre Tochter wieder zu erhalten wüünschen, Groseltern, die sich
danach sehnen. Ihrem Nenaius die segnende Hand auf das
Haupt zu legen. Wir haben Angelika's Sohn noch nichk geschen.
, Meinem älteslen Sohn isi nach zwei Tichtern vor wenig
Wochen der Erbe geboren, der ihm und meinem Hause fehlte.
Wir haben ihn an meinem Geburtstage tauufen lassen, die ganze
Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie lommen, den
Kreis vollzählig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder
verlangen Sie es, fordert es Ihr Gefühl, erheischt es Angelika's
Befinden, daß wir Sie in Ihrer Heimath suchen kommen? -
Ich überlasse Ihnen die Enischeidung.
, Für unsere Tochter füüge ich von mir und ihrer Mutier
nichts hinzu. Es gibt Dinge, die über das Wort erhaben,
weil sie selbstverständlich sind. Unsere besten Winsche, unsere
Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ih en Allen! Und
so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusam-
menstehen, wie wir einst zusammenstanden, als Verwandte und
Freunde in Neiguung und in anerkennender Achtung.!
Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn
beendet hatte, und es wäre schwer gewesen, aus seinen Mienen
die Wirkung zu erkenten, welche er auf ihn machte, denn er

1 e:,e
- -- aa7 - -
konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben. Freude war
es nicht, was er empfand.
=-.. Dinge milssen zur rechlen Zeit lommen, um uns an-
?.-
genehm zu sein! rief er endlich im Selbstgespräche aus, während
er sich von seinem Plaze am Schreillische erhob und den Brief
aus den Händen legte.
Wre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches
Eingeständniß und eine solche Aufforderung zur Versöhnung
bald nach demt Zerwiirfnis; dargeboken worden, so wüirde er sie
ohne alle Frage bereitvillig und mit Freuden auufgenommen
haben und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten,
gcwohnten Geleise mi! so viel Zuugeständnissen ud Nachsichien,
wie jedes Familienleben sie erheischt, weiter fortzugehen. Aber
das Zuusammmenleben innerhall der Familie hat, weil es kein
siitlich frei gewähltes, sondern ein zufällig bestinintes isi, als
erstes Bedingnis; die unuunterbrochene Dauer, die duldsam
mtachende und den Blick beschränlende Gewalt der langen Ge-
wohnheit fir sich nöthig. Werden diese vermittelnden Elemente
einmal zerstört, ist der Zauuber gebrochen, der uns üiler Charak-
kerverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und leberzeugunge.
der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machie, was uns
an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im
Grunde krennie, so ist auch die Schranle aufgehoben, welche
alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaßes zusamen und
einzelne derselben eben deßhalb in ihrer freien und völligen
Entwicklung -= im Guten wie im Schlimunen - zurickgey=--
,elsof-
hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg, den er bedarf, bildet
ssf npf-sZssli-o=-
i- - -i=--==-- - eigenartiger aus; macht man später einmal
wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und
Verhältnisse zuruczufihren, so ist dies eigentlich in Wahrheit
niemals möglich, und der alte Ausspruch, das; man über seinen
Zorn die Sonne nichi untergehen lassen solle, beweisi sich alä

sehr.
eine tiefe Weisheit, wofern man überhaup: eine Herstellung der
früheren Verbindungen ersehnt.
Ale Eingeständnisse und Zgeständnisse, welche Graf Berka
seinem Schwiegersohne und alten Freund: in diesem Versöh-
nungsbriefe machte, hatten fi.r den Freiherr nur etvas Pei-
nigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal ent-
wö hnt. E hatie in derselben bei grosien Vorzügen, die er auch
jetzt noch anerlanute, immer eine gewisse Familienbeschränktheit
geherrscht; man hatte dem Ergehen und Thun des Einzelnen
eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit geringfigige
Ereignissc zum Gegenslande weilläuusiger Besprechnigen und an-
verdienter heilnahme gemacht. Das war ihm auffällig erschienen,
so lange er auuserhalb der Familie gestanden hatte, war ihm
als Angelika's Verlobter ein wenig lästig gewesen, und er hatte
sich auus dieser ibertriebenen Famnilienliebe späier die Zige in
Angelika's Charakter erklart, die er als Empfindsamkeit und als
z grosße Aspriiche an die Leistungen und Eupfinduungen der
Anderen zu belämpfen fir nöthig gehalten.
Jezt --- er fuhr sich unmuthig mit der Hand über die
Stirn -- jezt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen, und
zurückweisen konnte, durfte er sie nicht, wollte er nicht gegen
Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte, sie
zu wünschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht
einen ihr erwünschen =,t entziehen. Und selbst um der Mei-
K. -.s
nung seiner Umgangsgenossen willen mußte er die dargebotene
Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen!
Aber je länger er darüber nachsann, um so schwerer und un-
willkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung.
Er wußte, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin uud
ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka'schen
Familie zusammenstimmten. E kam ihm daneben nicht mull-
kommen, die Berka's so nahe in seine Verhältnisse blicken zu

--- 1 --
lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Auugen sie den Kir-
chenbau betrachteten, welche Fragen der Graf, der in der eigenen
Bewirthschaftung seiner Güter große Befriedigung fand und
glänzende Erfolge erzielte, wegen der Ausschlagung der Wälder
und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richien würde.
Es beunruhigte ihn, daß seine Schwiegereltern gerüchtweise von
seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des
Hauses erfahren haben könnten, und vor Allem dachte er mit
Schrecken daran, wie sie die Tochter, die er einst so blühend
und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jezt wieder-
finden mußten.
Er nahm den Brief noch einnal auf, aber er konnte sich
nicht iberwinden, ihn noch einmal zu lesen, und ihn auf den
Tisch schlederd, ries er ärgerlich: Ich wllie, sie hüliien mich
mit ihrer späten Versöhnlichleit verschont!
Trozdem mußte er zu einem Entschluusse kommen, und rasch,
wie man eiwad Läsliges abzuthun sucht, warf er mit fesier
Hand die folgenden Zeilen auf das Papier:
, Empfangen Sie, theurer Freund, meinen nachträglichen
Glückwunsch zu Ihrem Geburtötage, den wir doppelt zu segnen
haben, da er Sie zu einer fiür uns so erwüinschten Einsicht und
Entschließung geführt hat. Ich nehme die Versöhnung, welche
Sie mir bieten, ohne alles weitere Erörtern an, und meine
Frau wird glicklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand kissen
und ihren Segen wieder empfangen zu können.- Leider war
ich genöthigt, da Geschäfte mich hieher riefen, sie unter der
Obhut des Caplans noch in der Stadt zurüczulassen. Ein
Brustübel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres
Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar
machten, hat sich plözlich entschieden ausgebildet und sie vor
wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der
Genesung, ist sie der größten Schonung bedürftig, und ich bin

z czre
eben deßhalb noch nicht im Stande, Ihnen, tgeurer Graf, und
der Gräfin, die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern
bitie, anzugeben, wie und wann ich meiner Frau die Mi!thei-
lng Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise
wir unser Wiedersehen mit Ihnen einzurich en haben, damit es
auf die Kranke nicht zu erschütiernd wirke. Ich hoffe, daß ich
Angelika in acht Tagen ihre Reise nach Richten antreten lassen
darf, und ich will noch heute den Caplan vcn Ihrem Briefe
in Kenntniß sczen, oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen,
damit dieser erfahrene und bewährte Freund. der mein und
Angelika's Vertrauen ganz und gar besizt, vorsichtig den Augen-
blick wähle, in welchem wir meiner Frau die von ihr sicherlich
ersehnte, sie aber eben so gewis: sehr erschiitternde Kuunde zu-
gänglic uiechenn diirsenn.
, Meinen Sohn habe ich aus der Stedt mit mir hieher
genommen. Er sieht seiner Mutter völlig gleich und wird, wie
ich hoffe, Ihre Lebe gewinnen, da er ja das älteste Ihrer
Enkeltinder ist. In der Ervartung, Sie, bester Grof, und die
Gräfin bald persönlich zu begrüsien,
der Ihrige.
Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht
damit zufricden zu sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er
Zwwollte sich nicht ablehnend zeigen, und er ersah an der Art und
Weise seines Erwägens, wie fremd die Familie seiner Frau
zhm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in
-seinem Innern gewuurzelt hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es
Fannte, grundlos eine Versöhnung aufnöthigten, nachdem sie
zsch einst eben so grundlos von ihm und von ihrer Tochter los-
sgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten
gangeschlossen, fühlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor,
fund baß er dieser Erbitierung nicht Worte geben durfte, daß
er gezwungen war, sich aus Rücksicht auf Angelika und auf die

---- 12Z--
Welt einer fremden Willkitr hinzugeben, verdüüsterte seine Seele
nuur noch mehr. Hätie er mit einem Federsiriche Alles, was
ihn umgab, vernichten können, er würde ihn gethan haben, auf
die Gefahr, selbst dabei zu Grunde zu gehen; und mitten in
seinem zornigen Grimme dünkte ihm eben dieser doch wieder
seiner und seiner Natur so unangemessen, daß er grade davon
am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er
von sich selber stets vor Auugen gehabt und im Herzen getragen
hatie, nie mehr in seiner Reinheit wiederfinden: das heißt, er
wuste, das; er ein fir alle Mal sich selbst verloren hatte.
Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete,
meldete man ihm den Pfarrer.
Er soll lommen! befahl er lurz. und ibergab dem Diener
die Briefe an den Grafen und an den Gaplan mit der An-
weisung, sie sofort nach der Stadt zu senden, damit die am
nächsten Morgen durchpassirende Posi sie noch mitiehmen kdnne.
Mit raschem Schritte ging er dem einlretenden Geistlichen'
entgegen. Der Pfarrer hatie sich auuf eine harte Stude vor-
bereitet. Er war nicht unterrichtet gewesen von dem Vorhaben
seines Sohned; er beklagte und verdamnte von Grund der
Seele die in Rothenfeld geschehenen Frevelihaten und Ver-
brechen, denn er besaß nicht des Candidaten wilden Glaubens-
eiferz er war duldsam und gelassen, und er hatte ßch, als er
zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden
war, fest gelobt, daß er, seine Wirde und seine Neberzeugung
wahrend, dennoch versuchen wolle, den gerechten Zorn des Guts-
herrn zu besänftigen. Aber der Empfang, welcher ihm zu Thei!
ward, ließ ihn das Aeußerste befürchten.
A
Ohne ihm, wie er es sonst stets gethan, die Hand zum?
Gruße zu bieten, ohne ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der'
Freiherr, während er den Greis inmitten des Zimmers stehen.
bleiben ließ: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich zuvor;

-- hF---
mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und
weil Sie, Pastor, Sie ganz allein, mir finr all den Schaden
und für all das Unheil verantwortlich sind, die hier angerichiet
worden! Wer hieß Sie, den frechen Burschen meine Kanzel
besteigen zu lassen? Wer hieß Sie..
Gnädiger Herr! fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz
wie seine gekränkte Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten,
-- gnädiger Herr, Sie sprechen zu einem Vater von seinem
Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem bestallten
Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Be-
fugnis: hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholienen
jungen Mane, einem gepriften Onneliättus hhirologine in
-seinem Amte verlrelen zu lassen, weun er diese? nöihig sindei!
Ja. allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu bem
,Bater! bekonle der Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater
veinzustehen hat fie die Frechheit seines Solnes! Ich spreche
zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer, weil er
sich unterfangen hat, gegen meinen Glauuben, gegen die Neligion,
Izu der ich und mein Hauus und bekennen, in meiner Kirche
e RUM D?- -
MKirche ist des Herrn, die Kanzel ist ihn heilig und der Wahr-
Zhet, Her. Saron, auuf die wir getauft sind, auf die wir unser
-=-
ZBekenntniß abgelegt und die rein und lauter zu verkünden wir
Fmit unserem Amlseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und
Fseine Stinme und seine Haliung hoben sich, je länger er vor
Fdem Freiherrn stand. Freilich steht es geschrieben: Es solt
Friede sein auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
ßnd so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten
hgestrebt, obschon es meinen Auugen - -Vohlgefallen gewesen
.-ls M
Fst, hier, mitien in unserer lutherischen Gemeinde, die katholische
Meche sich erheben ud ihre Heiligenbilder aufrichten zu sehen!
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ü.

- , Zßs-
Aber, Herr Baron, es steht eben so geschrieben: Ich bringe euch
nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich für mein
aäheil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu Lande nicht
zu stören, so vermag ich vor meinem Gewissen den jiüngeren
Slrelier uicht darob zu tadeln, das: er von helliger Siäile dle
Gemeinde warnte, daß er ihr die Gefahren zeigte, welche ihr
drohen, daß er verkündet hat, was ihm sein Herz geboten! Cs
kommt für Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem
Mariin Luther rufen mus: Hier stehe ich! Ich kann nicht
anders! Gott' helfe mir! Amen!
Der Pfarrer hatie die Hände gefaltet, er war sehr gerihrt.
Seit Jahren haile er sich mil dem Gedaulen gelrugen, das; es
ihm einmal beschieden sein könne, nach dem Vorbilde des herr-
lichen Paul Gerhard von Heimaih ued Amt veririeben zu
werden; jezt fiühlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine
Erschüütterung wiirde zuu jeder aunderen Stude auf seinen Patron
ihre Wirlung nicht verfehlt haben, denn des Freiherrn Herz
war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten waren ihm
bei seiner religiösen Gleichgiltigkeit im Grunde sehr verhaßt-
Aber er sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auf-
lehng gegen seine gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein-
Ton es gegen den Pfarrer heute von Anfang an gewesen war,
sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Eitate! Was
ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Auusdruck
in mir selbst, und wenn denn einmal durchaus die Bibel die
Belege liefern soll, so mag das Wort Ihnen und der Gemeinde
zur Richtschnur dienen, daß Jedermann der Obrigkeit unterthan,
sein soll, die Gewalt über ihn hat! -
!
Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin
Herr auf Richten, in Nothenfeld und in Neudorf! Die Kirche
in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von mir, Sie
wohnen in meinem Hause, auf meinem Grund und Boden,

--- L K
unter meiner Jurisdickion; die Leute, welch: Ihre Gemeinde
bilden, sind von mir abhängig, zum großen Theile mir hörig
--- bedenlen Sie das wohl! -- Ich hindeue Sie in Ihrem
lutherischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singzen Sie, predigen
=-le, wie Sie wollen --- das isi Ihnen und meinen Lenten
e
von den Staatsgesetzen gewährleistei! Aber merken Sie es sich:
wo Sie es sich beikommen lassen, etwa au.h einmal als Glau-
bensstreitcr, von - Ihrem Gewissen getrieben, meine religiöse
Freiheit auf meinem Grund und Boden anzutasten, da hört
==-e religiöse Freiheit auuf, da beginnt meine gutsherrliche
»s.--
Machtvollkonmenheit, und --- der Freiherr wurde roth vor
Zorn - - das; der Goiihhrd sich nichl uniersäuugl, sich jemal
wieder innerhalb meiner Grenzen blicken zu lassen. - -
Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr
Baron!-- Die Slimme versagte ihm, und wie der Zorn des
Freiherrnn Wauge geröthet, hatie der Schrecken das Autliz des
Greises enlsäibl. Aber er nahm sich zusauuen, und mil ruhiger
ya
=aurde an den Freiherrn herantretend, sngte er: Es ist ein
Amt des Friedens, das dex Herr in meie Hand gelegt hat.
Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem Wissen und Ge-
wissen, und ich hatte fest gehofft, in demseiben fortarbeiten zu
könen bis an meinen Tod. Indeß Gott hat es anders be-
schlossen. -- Er hielt aufs Neue inne, und mit bebender Stimme,
aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend, sprach er:
Menschenfurcht soll die lezten Tage meines Lebens nicht entehren.
N,
« werde meinen Sohn nicht abweisen von der Thitr seines
Vaterhauses, auch wenn er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu
weit gefiührt hat; ich werde ihm und mir nicht Schweigen auf-
erlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen
scheint, und- bin ich doch der Einzige nichn, dessen Bleiben
hier firder nichi mehr ist!

-- 1ZZ--
Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden.
Der Freiherr hielt ihn nicht zurick.
Thun Sie ganz nach Ihrer Neberzeugung, sprach er, aber
verlassen Sie sich darauf, das; ich mir hier Ordnung und Ge-
horsam schaffen werde!
Der Pfarrer ging still hinwweg. Der Freiherr sah ihm
mit kaltem Auge nach. Meine Läßlichkeit hat es verschuldet;
sie fühlen sich alle hier als Herren ! Es war Zeit, ein Ende
damit zu machen und die Ziigel in die eigene Hand zu nehmen,
sagte er zu sich selber, während er nach der Uhr sah. Dann
klingelte er und befahl, das Abendbrod herzurichten und die
Fran Herzogin zu benachrichtigen, wenn es geschehen sein wiirde.
Der Pfarrer aber fuhr, als er vom Schlosse kam, im
Amthofe vor. Er wollte Fassung gewinnen, ehe er seine greise
Lebendgefährlin wiedersah; er muusle auch einen Menschen haben,
zu dem er sprechen konnle, denn in sich zu verschliesen, was
ihn bestiürmte und bedrängie, bis er nach Neudorf lam, das,
fürchtete er, würde über seine Kräfte gehen. Und der Aam
hatte es ja auch erlebi.
Und osfene Arme, osfene Herzen, und ein volles Mitgesiihl
empfingen den schwer gekränkten Mann. Man hatte die Heim-
kehr des Freiherrn gescheut, man hatte es mit Besorgniß an-
gesehen, daß er so plözlich und unangemeldet eingetroffen, und
doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren
im Amte dem Gotthard eben nicht freund; sie gönnten es ihm,
daß sein Hochmuth eine grindliche Lection erhielt; aber den
Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von Kindes-
beinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief.
Sie mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen,
denn allerdings, der Amtmann wuußte, was es heißt, die Schwelle
AA IR

fahren, zu Fuuse gehen, man ricte zusammen, und Alle fuhren
sie, so spät es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva
und der Architekt.
Die Pfarrerin hatte, die Minuten zählend, am Fenster
gestanden, seit ihr Mann durch die Botschaft des Freiherrn ab-
gerufen worden war. Sie wußte nicht, was sie denken sollte,
äls der Wagen voll Gäste vor ihrer Thire hielt; sie konnte
nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie
weinte, sie klagte, sie schalt den Sohn, sie idelte ihren Gatten,
daß sie sich nicht figsamer gezeigt. und nannte doch gleich
darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens Stolz und Freude,
und dankte Gott, daß er ihrem Manne Kraft verliehen, als
sein Streiter auuszuharren bis zum Ende.
Der Psarrer sezie sich nieder, seine Gedanlen zu sammel.
Er wollte dem Sohne schreiben, seine Meldung an das Consi-
storium macen, aber ihm fehlte noch die Ruhe für solch ein
ahun, und Aam hielt ihn auch davon zurick.
aVarlen Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat
er. Ec war ein Aideres zwischen dem Freihherrn und zwischen
mir; ich stand für mich allein, Sie stehen fir Ihr Amt; ich
konnte gehen, Sie müssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie
sich fxeiwillig einen Nachfolger hieher sezen lassen, der sich dem
a.illen der Herrschaft besser figt, der Herrendienst dem Gottes-
gy
dienst voranstellt?
Die Pfarrerin trat schnell auf Adan's Seite. Sie hoffte,
der Freiherr werde in sich gehen, die gitige Baronin werde
wiederkehren und vermitteln; sie meinte, Goithard könne, auch
ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an
den Freiherrn wwenden. Sie wollte von dem Amtmante, von
Herbert, von Eva und von ihrem Manne Zuspruch haben;
aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu beschweren, und

-=- 1Z--
wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noä
weiter mit ihm zu befahren?
Man louuuie zu leinem besriedigenden Alschlusse gelangen
und es war schon spät, als man sich trennte.
Das Gewitter war voriber, die Wolken hatten sich zer
theilt, der Mond stand hell am Himmel und gos sein volle
F s
=-==- uber die blihenden und duftenden Lindenbäume vor dek
Pfarrers Thure, von denen unter dem leisen Windhauche di:
Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den Büscher
rechts vom Hauuse nistete, lockte und flötete in längen Tonen
durch die stille Nacht, man sah die Falter langsam schweben,
die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in dem leicht bewegten
Teiche, von dem der Nebel silbern in die Höhe slieg.
Der Pfarrer und seine Frau begleikeien ihre Gäsie vor
das Haus hinaus. Nach dem Umwetier und neben ihrer Auf-
regung wirlte die friedensvolle Schönheil der Naiur doppeli
stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her.
Dann nahm er sein Käspchen von dem weisßen Haar, und
seiner Frau Hand in seine gefalteien Hände schliesend, sprach
er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul Gerhard denlend,
fromm und gläubig, während es feucht in seinen Augen schimmerte:
Der Sonne, Mond und Winden
Weist ihre eig'ne Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da mein Fuß wandeln kann!

Kapitel 11

Eilftes Capitel.
crr
Eillie es herumgekommen, das wäre nicht leicht zu sagen
gewesen, aber am folgenden Morgen um die Frühstückszeit
wuusßten sie es in allen drei Dörfern, was geschehen war, und
wer es etwa noch nicht erfahren hatte, der konnte doch an den
finstern und sorgenvollen Mienen der Leute sehen, dasß sich eiwas
Schlimnmes ereignet halle und Schlimnes zu befürchten war.
Es hatie den Freiherrn nicht schlafen lussen in der Nacht,
und wider seine Gewohnheit war er friih am Morgen nicht
zur Harzogin gegangen. sondern haite sich gleich an die Ge-
schäfte gemachi. Der Jstiliarins war lange bei ihm gewesen
und dannn in dad Ani gegauuugen. Er wollte dem Aam er-
zählen, das; der Freiherr selbst der Gerichtsverhandlung beizu-
wohnen denke, was er sonst nie gethan, und dasß er die Sitzung
schon auf morgen anberaumt habe. Sie schittelten beide die
Köpfe dazu, aber sie sprachen wenig; es gnug ihnen zu nahe.
Während dessen war der Freiherr nach Rothenfeld gefahren,
um jezt, bei ruhigem Wekter, den dort angerichteten Schaden
in Auugenschein zu nehmen. Er wollte die Statue hergestellt
haben, ehe die Berka's kämen, und wünschte diesen Besuch auch
nicht allzu weii hinausgeschoben zu sehen, eben weil er ihm
lästig war. Es drängte sich so Vieles zusammen, was geordnet
und abgethan werden mußte, und wie er sich auch vorsetzte, sich
davon nicht beunruhigen zu lassen, gab es ihm doch etwas

-- 1Zü--
Hastiges, das seinen Leuten auffiel und das mit seiner schönen,
würdigen Gestalt gar nicht zusammenstimmte.
Als er in Nothenfeld vor der Kirche seinen Wagen verliß, s
sah er Herbert mit dessen jungem Gehülfen aus dem Portale
derselben heraustreten. Dieses zufällige Zusamimentreffen war
grade, wie er es sich wüünschte, und leicht den Huut lüftend,
während die beiden ihm entgegen kaman, sagte er: Sehen Sie diesen
Vanndalismus! Ich erwarte in Nächstem die Baronin zurüch
habe auf den Besuch ihrer Familie zu rechnen und mag der
Heimlehrenden und den Gäslen den Aublick dieser wisten Zer-
störung nicht bereiten. Wie ist da Nath zu schafsen?
Herber, welcher wie der Freiherr auch ersl au vorigen
Tage, und zwar wie dieser lurz vor dem Auubruuche des Un-
wetters in Roihenseld eingelroffen war, halle gleich am Morgen,
noch ehe er die Arbeit in der Kirche in Augenscheiu genonuen,
die Gruppe besichtigt und die Sticke, welche man algeschlagen,
hereinbringen lassen, um zu uniersuchen, ob man sie anzupassen
und so die Gruppe herzustellen hoffen ditrfe. Glicklicher Weise
hatte Aam gleich nach geschehener That die abgeschlagenen
Siücke bis auf die Splitier zusammensuuchen lassen, und da
Herbert sich aus Neigung viel mit plastischen Entwürfen be-
schäftigt hatte und obenein der Modelleur noch amwesend war,
welcher die Stuckverzierungen über dem Altare angebrachk, so
waren, noch ehe der Freiherr gekomen, schon die nöhigen
Verabredungen getroffen worden, und dieser durfte sich also
der Aussicht hingeben, wenigstens diesen Schaden so gut als
möglich ausgeglichen zu sehen.
Das heiterte ihn auf; er nahm selbst die Fragmente zur
Hand, paßte sie an einander, ertheilte Nathschläge wegen der
Politur der Stellen, an denen die Restaurationen gemacht werden
mußten, trat dann in die Kirche ein, und ihr Anblic befriedigte
ihn, ja er übertraf seine Erwartungen.

==== Z, eß ! ===-
Man hatte innen wie außen die letzten Gerüste fortge-
nommen, der weite, hohe Naum zeigte sich frei und schön. Die
Pfeiler strebten kräftig und doch leicht in die Höhe und trugen
das Dach, dessen fein gegliederte Wölbung oem: Auuge, ohne es
zu driicken. eine wohlthätige Schranle seh te. leberall waren
die Verhältnisse so richtig eingehalten, das gebotene Material
so geschickt benuzt, das: des Freiherrn Kennerb.t sich mit sicht-
.sl,e
lichem Vergnigen in dem bis auf unbedeutende Ausschmülckungen
nun fast vollendetenn Bae ergig.
- Schön, sehr schön! rief er mehrmals as; ich muuß Sie
loben, Herbert! Sie versiehen Ihr Fach; ic lin zufrieden ! ----
P
-uu nur schuell die lezie Hand aus Werl gelegl! Wann meinen
Sie, daß; wir die Kirche weihen lönnen?
aeni der Holzschüizer uus denn Beichisiuuhsl liesert, wie er
versprochen hat, und die übrigen Arbeiter ihre Zeit einhalten,
so denke ich Ihnen heute in drei Wochen die Schlissel des
Baues überliefern zu lönnen, sagte Herbert nach kurzem Besinnen.
Gut, gut! rief der Freiherr abermals, und plözlich nach-
denkend, fiügte er hinzu: Wir haben heute den zehnten des
qy
-es
=-onats. . drei Wochen wollen Sie fertig sein. Lassen Sie
uns, den siörenden Zufälligkeiten ihren Naum gewährend, die
Uebergabe des Baues, der Sicherhet wegen, erst am Schlusse
der vierten Woche erwwarten, so sind wir dem dreizehnten des
Hkl
»o-- --=«- allzu fern und mögen, die Weihung der Kirche auf
sni,s
,iesen Tag verlegend -- welcher der Namenstag der Herzog,
Fer Margaretha-Tag ist --- unserem Gkste eine Ehre damit
erweisen und ihr Andenken dauernd mit unserem Baue verknüpfen.
Er sah sich danach noch einmal in allen Theilen der Kirche
um, betrachtete den Taufstein in der Sacristet, ließ sich das
Gewölbe öffnen, welches man zur Familiengruft bestimmt, stieg
die Treppe zum Thuurme hinauf und oben um sich schauend,
wus- -- als er den auf der Birkeüthöhe errichteten Freund-
snpfo of

-=- ,ZZ--
K,s
schaftstempel ebenfalls vollendet sah: Sehr brav! In der ===-«
- g
Herbert, Sie haben sich wacker daran gehalten!
ß
Die Freude, ein großes Unternehmen so wohlgelungen!
seinem Ende nahe zu sehen, ließ ihn vergessen, mit welchen
apfern dies erkauft war, und gab ihm plözlich seine freie, vor-;
,s -
nehme Sorglosigkeit zurück. Er hatte sonst nichts so sehr gelie--.
als heitere Gesicher um sich zu haben und Zuufriedenheit um,
sich her zu verlreilenn. Diese alie, schöne Neigung wallie auch'
jetzt wieder in ihm auf. Es fiel ihm ein, das; er ein Mittel
habe, Herberk, wie er es wüinschte, zu vergellen, ja, das: er ein.
Uuurecht, eine lebereilung und, was ihm schlimmer ald dies-
Alles diinkte, einen Verstos: gegen die Klugheit ungeschehen;
machen lönne, wenn er sich dieses Mitiels richlig zu bedienen
wisse. Er ging von einer Seite des Thurmnes nach der anderen,
bis er abermals der Birlenhöhe gegeniber stand, und dorihin;
schauend, wiederholte er: Sehr gut, sehr gut! Sie haben mih,
in der That durchaus befriedigt und, figte er mit leichtem,
Lächeln hinzu, es wird mir lieb sein, Sie gleichfalls zufrieden?
z
zu stellen.
Herbert verneigte sich und sagte ablehnend: Herr Baron,,
ich habe nur gethan, was meine Pflicht war, was jeder Andere!
an meiner Stelle auch gethan hätte!
Wie bescheiden! scherzte der Freiherr; aber wir sprechen
mehr davon. Sie können mich heute um fünf Uhr dort drübens
erwarten, wo ich Sie hoffentlich wie hier zu loben haben werde
Herbert, der nicht gewillt war, sich von dem Manneß
welcher ihm so schwer zu nahe getreten, als Gunst gewähren!
zu lassen, was Eva's freier Wille ihm in wenig Monaten zu-;
gestehen konnte, bedauerte, daß er auf die Ehre verzichten misseß
den Freiherrn auf die Höhe zu begleiten, und erst jezt schiens
dieser es zu bemerken, wie kihl der Baumeister seine Lobsprüche
aufgenommen, wie gemessen und worikarg er ihm geaniwortet?

--- 1I--
Hätte. Er sah ihn mit schnellem und prüfendem Blicke an und
fragte dann: Was hindert Sie, mich driben im Tempel zu erwarten?
? Ich reise noch vor Mitiag ab, gnädiger Hrr!
Sie gehen nach der Stadi?
Nein, Herr Varon!
eg
F aer Freiherr zanderle, daun sagle er mil sclecht verhehliem
Argwohn: Sie haben, doch von der Krankheit der Baronin und
von ihreu Auusenlhalie im Flies'schen Hauuse Nachrichl?
. a-- Herr Baron, und eben desshalb habe ich meine Zimnner
:
dem Herrn Gaplan zur Verfiigung gestellt, da ich, so lange er
dort weilt, nicht dahin zuriickzulehren gedenle!
Der Freiherr versland ihn. Wie ein Cavalier gehandelt!
dachte er; aber es war ihm unangenehm, Herbert dieses Zuuge-
ständnis; nicht versagen zu lönnen, und noch widerwärtiger war
ihm die Vorstellung, das: jener es fir nöthig erachiete, die Ba-
zonin durch seine Zuurückhaltung vor dem eifersichtigen Verdachte
ihres Galten zu schiizen. lleberall, wohin er blickle, gewahrte
er jene Annäherung des bürgerlichen Standes an den Ael,
die sich nicht mehr zurickdrängen ließ, weil die fortgeschrittene
Bildung die Kluft bereits ausgefüllt hatte, welche sonst die
Stände von einander geschieden. Nur um es nicht errathen zu
lssen, das: ihm in Herbert's Antworten etwas mißfallen habe,
perlangte er zu wissen, wohin er gehe.
s
e Herbertversezie, das er bis morgen in Marienau beschäftigt sei.
? Das gefiel dem Freiherrn auch nicht. Was machen Sie
dort? rief er spöttisch. Hat Steinert in dem Schlosse den
zicht Plaz geng?
- Im Gegentheil, er findet es, wie die meisten Schlösser,
Heit größer, als das Gut es tragen kann! gab Herbert, der
seinen Unmuih und seinen beleidigten Stolz vor dem Freiherrn
?rMa.

- 10
eingerissen, um einen Schafstall und eine Brennerei darau
zu bauen.
Herbert sagte das mit sichtlichem Vergnügen, weil er wußä
dass es seinem Hörer nichi geuehm war. Ud schon wiedeH
haite dieser es vor Agen. wie der Bürgerstand sich in deg
Rittergüütern einnistete, wie das Gewerbe sich ausbreitete, wes
sonst ein Edelmann frei und stolz auf seinem Erbe sas, un
wie Herbert sich mit voller Sicherheit schon zu den Sieinerk
rechnele.
Um des Freiherrn gute Lauune war es nu gethan. Eg
wiederholte lrz zusammenfassend seine Anordnugen und Vefehl
hieß den Gehilfen sich am Nachmitiage nach der Höhe begebenF
und schied von Herbert mit der Bemerkung, dasi er ihn bei deH
Abnahme des Baueö noch sehen werde.
Als er in das Schloß zurückkehrte, sagte man ihm, daß
der Aiiann da sei, nach des Herrn Befehlen zu fragen. E
war das immer so gehalten worden, wenn der Freiherr längey
Zeit von Nichten enkfernt gewesen war, aber dieses Mal handeli?
es sich um mehr als eine alte Sitte.
Was bringt Er? rief der Freiherr dem Amtmanne
oF
gegen, da dieser die Aurede desselben abgewartet hatte.
Adam trat näher an ihn heran und sagte mit einem soog
genvollen Ausdrucke: Ich habe nichis Nees zu bringen, gnädlgßz
Herr, denn was hier geschehen ist, haben Sie durch den Hers
Eaplan erfahren, und es ist nicht der Art, das man es wiedeF
holen mag. Aber - er zgerte, schien die rechie Form nih
gleich zu finden, und sagte dani mit leberwindung: Ich komng
mit einer Bitte, gnädiger Herr!
Ah, rief der Freiherr, dem die demüthige Haltung d
sonst so straffen Mannes nicht entging, sie haben Ihn abgesandh
=--
Der Amtmann schiktelte das Haupt. Es hat mich Niemagg
abgesende! uund Niemad weisi davon. Ich komme auch nigh

-- 1jj ---
Fn meinetvillen, aber ich wollte Sie bitien, gnädiger Herr --
lten Sie morgen nicht selbst Gericht!
ke!
zsspszpf: -
z Es war ihm sauer geworden, dies auuszusp'==-; der
lFäiherr hatte offenbar auch eine ganz andere Binne zu hdren
Tinvoi
p- -- Naihschläige, und nun gar unerbeleie Naihschläge
fdn seinen Uiergebenen anzunehmen, war niemals seine Sache
Tewesen, und der Gedanke, das: Adam sich di: Freiheit, ihn
g -
lfaufgeforderi zu beraihen, nr geslaile, weil er bald aus seinem
ldienste scheide, machie ih die Warng. den auf eine solche
jhalie Adam es j, algesehen, nichf willkommen. Er war eben
jzrgn, sie hart zuriczuweisen, aber der Asdru' von anhäng-
lücher Sorge, uit welchem der Atmann auf ihn blicte, tes
h A Freiherrn inehalien; und erst nach einer Weile warf er
l k Frage auf Wie loml Er auuf den Einfasl, uir bzuraihen?
P H Die bloße Frage gab dem Aiianne Zversichk, und aus
t
s==
l
zs -leberzengung sprechend. sagte er: Das ist kein Einfall,
ßdiger Herr, denu ich würde mir nichk erlauuben, Jen mit
Hc.
senoss s
z-»- olosen Einfällen beschwwerlich zu fallen:. Aber der
ibige Herr kommen nicht so unter die Leute, w.. c, und
:-
hnen nicht wissen, wie es unter ihnen aussieht und was in
ßn Kopfen spk.
: -- Nuun, mich dimnlt, davon hätien sie mir jezt den shlagendsten
V Hpig geliefert, rief der Freiherr, und eben deßyalb soslen se
TL N-r
z ==«- die verdientle Aukwwori von mir selber haben!
SThun Sie das nicht. gnädiger Herr ! bat Adam drin-
e=. ,
er. Sie, gnädiger Herr, sind besser als unser Einer unter-
zt, von dem, was draußen in der Welt geschieht; aber es
Ps ob es durch die Luuft verbreitet wüirde, denn dem ärmsten
hner und Einlieger geht es im H=. ;- =-=l, daß es anders
sp spviiis
sbesser finn ihn werden müsse. Er weiß, daß die Hörigkeit
s;Orten aufgehoben wird - er hat vo.. -.-lösngen und
is ss.
uch von schlimmen Dingen gehört, die auf einigen Güütern
Aen sind. - -
hnagEs-r

=- Pzß-
Und die Elenden wirden geneigt sein, sich ein Beispiels
daran zu nehmen, meint Er?-- Nu, versiich' Er's - haltes
Er ihnen das gute Beispiel vor!
Dem Amtanne stieg das Blut z Kopfe, aber er biß dis
Zähne zusammen, damit das Wort des Zornes nichi über seinej
Lippen ginge, und mit erzwungener Gelassenheit sprach erß
Wir Steinerts sind geringe Leute gewesen, gnädiger Herr, als
der Herr Baron Erasmud Einen von uns zu seinem Verwaltnn!
gemacht haf, und wir sind auuf dieser Herrschaft zu Eioas geF
worden und auuf unsere Weise vorwärls gelommen. Das diirsens
und werden wir nle vergessen! aaruu eben habe ich mei
Dgpkespflicht erfillen uud --- fiigte er mit einer Weichheit hinzuZ
die dem lräfiigen Mae sehr wohl ausland -- meine AnhängF
lichkeit an den gädigen Herrn, die auch nicht gleich zu Endg
ist, weil man von einander geht, beweisen wollen, als ich heuj
herkam. .e- gnädiger Herr, habe hier nichts mehr zu gewimnenj
,
oder zu verlieren, als Ihre gute Meinung, und nichts zu ng
als das; ich mein Gewissen wahre!
Die Nechtschaffenheit, die -rene und Herzenögite des AmiF
.
mans sprachen so unverlenbar aus jedem Worte, das selbßs
die Voreingenommenheit des Freiherrn davor nicht Stich hielE
und wider seinen Willen bewegt, sagte er: Ich will es glauben
Er meint es gut!
. bei Gott, ich meine es gut, und wir Alle haben e!
N,
immer gut gemeint! rief Adam. Aber gerade darum, geraF
darum bitte ich Sie, lassen Sie es hler beim Alten. Es E!
ein Segen, wenn der Arbeiter, auf dem die Lasten schwer
liegen als es gut ist, sich sagen kan: Wen der Herr es wüß
-- er würde helfen! Es ist ein anderer Segen, wenn de
Vissetßät... dem das Gesez gerecht wird, die Hoffmug dgej
mag, der Herr werde Gnade wallen lassen, wo der Richter nug
die Strenge des Gesetzes auszuiben hat. Der Juustitiarius unä

-- h PZ--
Zch hatien und schon erlaubl, dem Herrn Gauplan an's Herz zu
egen, dass er um Gnade fir die Leute bitteu öge. Zwischen
dem Herrn, der die Machi hal, und dem Arleiler uuid Hörigen,
der die Lasten trägt, mnus: eine Schuzwehr sein r beide hele,
Aud dazu sind wir da. Auf uns, auuf den Juustitiarius und
auf den Aihmmann, sind seit allen Zeiten die Klagen und Be-
schwerden gefallen, und wir konnten sie tragen, denn wir for-
Bs-sis
z -=-, richleien und' sirasten nichl sir uns. Wir hallen an den
Herren eienn Nichzall, die Herren halien in unserer Sirenge
zund Gewissenhafiigkeit eine Eitschuldignng, wenn man sich be-
ftFs-s-
-i=--, und die Leute hatten ihre Hoffnung auf der Herren
Machsicht und gnädiges Gewähren. So ist es gegangen all die
Ez
xa=- her, wir sind fertig gewvorden mit den Leuten und die
Leute haben in Lebe zu den Herrschaften hinaufgesehen, fast
wie zum lieben Herrgott, denn wie zu diesem: konnten sie zu
Henen persönlch nicht so le.=-=-- Lassen Sie es dabei,
s,s,s s:nemf:
Fgnädiger Herr, stellen Sie sich nicht den Leuten selber gegeniber,
Jes ist nicht gut fir alle Theile, und wie die Leute nun hier
,einmal wider die neue Kirche und auch sonsten ausgeregt sind... -
EEr brach ab und sagte kurz: Thun Sie es nicht, gnädiger Herr,
ses kann ein Ungluck geben!
! Adam hatte nie zuvor seine Meinung in solcher Weise
, vor seinem Herrn auszusprechen gewagt und dieser nie eine ähn-
zliche Auseinandersetzung von einem seiner Untergebenen angehört.
FEr ließ Adam eine eile, ohne ihm zu antvorten, tehen, sei
les, das dessen Worte doch mehr Eindruck auf ihn gemacht
szs=ss
z=---- als er zu zeigen fir gut befand, oder daß er mit sich
Kzn--
zo-=- über den Bescheid zu Rathe ging, den er Adam geben
wollte; dan sagte er: Er hat mir Seine Ergebenheit beweisen
kwollen, und das lobe ich. .« danke Ihm dafür, und wenn
,.
FEr mich kiinftig einmal brauuchen s-, werde auch =« --=-
-lss.
iini-
-
Karan erinnern, das; die Steinerts lange in unseren Diensten

- 14z--
gewesen sind. Im Uebrigen beurtheilt Er die Dinge, wie Er?
sie versteht, und Er hat's ja selber eingestanden, daß ich sie-
besser verstehen und also anders ansehen muß, als Er. Eben daß:
die Leute immer von Einem an den Anderen appellirten, hat das
ganze Negiment gelockert. Es hat Jeder drein gerede! -- zulezt;
sogar der Gotihard. Habe ich das Regiment, und ich denke e?
in die Hand zu nehmen ganz und gar, da hai'd mil dem Hin
und Her ein Ende, ud dad lhui endlich Noih!
Er sezle sich nach diesen Worlen an den Schreiblisch nieder,
so daß er Aam den Rücken zudrehte, wandte sich dann noch.
einmal zu ihm zurick, um ihm einen Auuftrag an den Gärkner'
zu geben, der auf dem Kirchenplatze einige Aenderungen machen
sollte, fragie nach dem Ertrage der Henernte und ob Aam im
Stande sein würde, zu einem bestimmlen Zeilpuunlte gewisse
Zahlungen zu leisten; dann entlies; er ihn.
Sie wollen nicht hören, sie wollen sich nicht helfen lassen!;
dachte Aam, aber es that ihm wohl, daß er sich das Hen,
erleichtert und das Seinige gethan hatte. Von dem Pfarrer
zu reden, für ihn eine Firbitte um der Gemeinde willen ein-'
zulegen, wie er ek vorgehabt hatte, dazu war er gar nicht ge-!
kommen. Indeß wie .., die ein gutes Ziel im Auge haben.
a
gab er seine Hoffnung nicht leicht auf, und es war nun dig
Ankunft des Caplans, auf die er sich vertröstete. Konnte deF
auch nichts ausrichten, ließ der Freiherr sich gar nicht bedeutenß
dem greisen Pfarrer den Weg der einlenkenden Verständigung
zu eröffnen, mußten die alten Leute wirklich von Neudorf fortZ
nun, so hatte Eva Recht, so gab es in dem Hause zu Marienau!
Raum genug, den greisen Freunden der verstorbenen Eltern ein!
warmes Plätzchen zu bereiten und die alten Leute durchzuhalten,
bis Goithard sie einmal in seine Pfarre führte. Für den Adami
Steinert auf Marienau war das eben leine große Sache.

Kapitel 12

,z w ölfteö Capitel.
er
hz(llle seiie Dienerschafi und seine Beai u den Freiherrn
verändert gefuuden hatlen, so ward der Caplen, als man ihn
Inach seiner Anknft zu der Baronin fihrte, durch ihren Anblick
,in Ersiaunen gesezt, wennschon er es versland, ihr diesen Ein-
druck zu verbergen. Aber es war nicht allein ihre körperliche
- Schwäche, die ihn überraschle, ed war emwas Fremdes in sie
gekommen, das er sich nich! gleich zu deuuten wuszte. Während
Jes ihm bedinle wollie, als habe sie jenen ihhr schon als junges
MMädchen eigenthümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit ver-
Aloren, hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren
Fleußerungen gewonnen, und er vermißte an ihr die freiwillige
Fnterordnung, mit welcher sie ihm sonst genaht war.
? Nach dem Briefe, welchen der Caplan von dem Freiherrn
Fnnhalien, hatie er nichi anders glauben können, als daß es der
Faronin um seinen geistigen und geistlichen Beistand zu thun
Fei, daß sie zu beichten und das Abendmahl aus seiner Hand
Fu empfangen begehre. Ideß wie erfreut sie sich über seine
jnkunft auch bezeigte, sagte sie ihm denoch, daß sein Ausbleiben
zhr wohl gethan habe, ud das: sie glaube, ihe Alleinsein in
Fiesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile förderlich gewesen.
s be
=uls der Caplan zu wissen begehrte, wie sie dies meine
Fund in welcher Weise der Ugang mit ihrn Pflegern ihren
FSinn gewandelt habe, versetzte sie: Auf die einfachste Weise von
Fder Welt! Htie ich Sie, mein Freund, hier gehabt, da ich
f g. Lewald, Von Geschlecht z Geschlecht. 1.

-- Igß--
zu sterben glaubte, so hätte ich mich Ihnen, wie immer, mit
allen meinen Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und
nuur an mein eigenes Heil, an meinen Trost gedacht, und Sie
wüürden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir nicht
gesagt haben, daß auch in dem Verlangen nach geisiiger Erhebung
und Vervollkommuung sich die Selbstsucht des hochmüthigen
Menschenherzens verbergen kann. Hier aber habe ich unter
Menschen gelebl, von deen, wie ich glaube, sich keiner mit der
eigenilichen Sorge um sein Seelenhheil beschhäsligi. Herr Flie?
und seine Frau haben bs in ihre jezige Jahre hinein so viel
Noihwendiges zu thun gehalt, das: ihnen leine J,.it geblieben
D,.
-, über sich selbst nachzudenlen; und Seba lebt so auöschließlich
1
fir die Befriediguung der Aideren, das: sie die eigene darüber
ganz vergißt, oder das; sie dahin gekommen ist, ihre Zufrieden-
heit in dem Wohlbefinden Anderer zu geniesien.
Der Caplan wandte ihr ein, daß sie in Gefahr stehe,
Gleichgiltigkeit gegen das geistige Leben mit Seelenfrieden und
Is.
Gewissensfreudigleik zu verwechseln; aber sie wollte dies niz.
zugestehen.
Ich habe Herrn Flies einmal gefragt, sagte sie, wie er es
ez -
angefangen habe, sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit an-
zueigen-
Und was hat er Ihnen geantvortet? erkundigte sich der
Geistliche, dem daran gelegen sein muußte, die Leitung über das
Herz der durch ihn bekehrten Frau n-«- z verlieren.
sss
a, habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schul-
,
digkeit gethan, hat er mir gesagt, und habe also immer die Zu-
versicht in mir getragen, auf dem richtigen Wege zu sein.
Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe, die
es kund gab, daß er diese Atvort vorausgesehen hatte, und
meinte danach: Darin verbirgt sich die Selbstzufriedenheit aller-
derer, welche glauben, durch ihre eigene Kraft zur Seligkeit

r , r
= -=- h, S F -==
Felangen, welche meinen, mit guten Werken, die in der Religion
her Juden eine große Rolle spielen, den Himmel erwerben zu
lönnen. Aber es ist nicht ner das Thuen, das selig macht,
ßo n
, Zum ersien Male lies; Angelila ihren geistsichen Freund
Fseinen Ausspruch nicht vollenden, und lebhafter als er es von
Fihr gewohnt war, rief sie: Nein, es ist gewis: und allein das
ke
z »hnn und nicht dts Streben, ds Vollbringen und nicht das
zWollen, die us gliclich, die uns selig machk! Ich habe das
ßhier in meiner Einsamleit und in meinem Leiden tief empfunden!
FWas habe ich uicht Alles gedacht und wie Weniges gethan!
ßMit den grosen Fragen und Geheinnissen habe ich mich be-
,schäftigt, in welche wir kirzleligen Geschöpfe uns hineingebant
(fühlen, wen wir über die enge Schranke unseres Daseins
Fhinauszublicken wagen; von meinen widerstrebenden Gefihlen
ßhin und her getrieben, habe ich mich nir um mein Empfinden,
hüm mein Seelenheil gesorgt, und es dariber ganz und gar ver-
säumt, finn das Heil derjeigen zu sorgen, die Gott in meinen
flebensweg gestellt hat, oder etwas zu leisten, was mich hätie
lh der Erinnerung krösten und aufrichien können. Und an
, Kemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt, als
jmn dem Knaben, den wir jezt vergebens suchen.
? Das Schicksal Paul's. von dessen bisherigem Leben und
1 ön' dessen Versähwinden sie sich durch Seba ausfithrliche Kunde
, jschafft hatie, das weltliche Ergehen ihrer Jamilie lagen ihr
, Fr allem Anderen am Herzen und namentlich beschwerte die
, ßinnerung an Paul ihe das Gewissen.
Sie nannnte es einen schweren Fehler, daß sie immer nur
, ajenige zu lieben vermocht habe, was ihr eigen gewesen sei,
, sas sie durch ihre Selbstsucht mit ihreu Herzen vermitteln
l ßmen, während ihr jezt von Fremden die uneigenützigste
(Ienschenliebe z Nheil geworoen sei -- von remden, die sie
zhn

148 --
um ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief untetk
sich gewähnt. Und an Niemandem, wiederholte sie, hat sih,
meine Selbstsucht schwerer versiindigt, als an dem armen Knabenß
welchen wir jezt vergebend suchen. Ih habe es in meiner Eifeog
N,
sucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutie
dieses Knaben einst hochmiihig verschäht, ihm die Stelle ih
dem Hause meines Gatten einzuräumen, die ihm gebüührte, die
sein Vater ihm gewähren wollte. Das hat sich nun gestrafi;
sein bloßer Anblick hat mich gedemüthigt, wie ich's verdieniei
Damit ein Kind so vollständig die Züige seines Vaters wieder?
giebt, so völlig seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabef
musß viel Liebe zwischen de Eliern desselben geherrscht haben,
mehr Liebe, mehr Hingebung, als der Freiherr und ich für
einander in der Zeit empfanden, welche unserem Sohne das
Leben gab. Wenn ich unseren Nenatus belrachie, der seinem
Vater so wenig ähnlich sieht, kommt er mir neben jenem Sohne,
meines Gatten wie ein Enterbter, lomme ich selbst mir neben
der unglicklichen Mutier Paul's wie die Unglicklichere vor, denn!
sie besaß sicherlich die Neigung des Barons weit mehr, als ih.
Paul ist im wahren Sinne des Wortes ein Kind der Liebe,
und er wird wiederkommen! Sein keckes, stolzes Antliz ver-
bürgt ihm das Glick, das solchen Kindern eigen sein soll!
Der Caplan hatie nicht im eniferntesten voraussehen kdnnen,
ein Urtheil wie dieses von der Baronin zu vernehmen, wenigeg
noch, daß sie diese Verhältnisse in Seba's Anwvesenheit bespreche
würde. Ausschließlich wie die Kaste, in welcher sie gebori
war, hatte Angelika früher Alles, was ihre und der Ihrigeß
Lebensverhältnisse betraf, der Kenntniß und dem Urtheile dritii
Personen zu entziehen gestrebt; jezt nannte sie diese Ait deß
Zurüchaltung eine Maskerade vor sich selbst. Denn, sagte ig
ich täuschte damit nur mich, und ich habe hier erfahren, daß
Fremde wußten, was ich vor mir selbst verbarg. Ich habe eins

---- 19 ----
Fchwere Lehrzeit durchgemacht, aber sie ist nichl an mir verloren
ßgewesen. Obschon ich schwach bin, gehe ich doch gekräftigt as
Fihr hervor. Der Ausspruch: Wen der Herr liebet, den zchtigt
Fetl der mir sons immer hart und darum der zöiilichen Liebe
Ficht angemessen erschienen ist, hat sich mir zu einer Wahrheit
Ferhoben. Dafüür danke ich Gott, und ich werde auch von Ihnen,
Fmein theuurer Freund, künftig nicht mehr fordern, was Sie mir
Inicht gewähren können, was man sich selbst erringen oder ent-
behren mus!
Und was häiten Sie derart gefordert? fragte der Caplan,
ßder imnier vorsichliger und achtsamer wuurde, je weniger er im
Fersten Augenblice den Gemüülhszusland der Baronin zu beurtheilen
ßyermochte. Welches Verlangen hätten Sie gestellt, das Ihnen
ßaus der Gnadenfüsle unserer trostesreichen Kirche cht befriedigt
F werden können?
F Ich verlangte .. Sie hielt inne, schien zu iberlegen und
Fsagte danach, als wolle sie ihrem Berather keinen Zweifel über
zich lassen: Ich verlangte Vergessenheit -- und ich habe sie nicht
zgefunden!
? Der Caplan lächelte, als sähe er ein Kind seine Händchen
Fbegehrlich nach der Moudessichel erheben. Freilich, sagte er,
kder Lethestrom ergiest seine Wellen nicht durch die christliche
zWelt, er ist versiegt! Aber, figte er mi ganz verändertem
one und mit gehobener Haltung hinzu, aber flösse er auch
Freich und voll vor unseret Lippen, wie dürften wir begehren,
hdaraus zu trinken? Wie ditrften wir Vergessenheit verlangen
Zr irgend etwas, das Goties Nathschliß uns erleben ließ?
Fch erkenne Sie und Ihren gotiergebenen Sinn in diesem Wunsche
ßnicht wieder, meine theure gnädige Frau!
- Der Caplan verstand die Kunst, die Menschen sprechen und
Fschweigen zu machen, und die Baronin fihlte diese seine Macht.
gOhne noch ermessen zu können, ob es der Einfluß ihrer nicht-

-- 170-
chrisilichen Umigebung, ob es ein Erwachen ihrer protestantischen
Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübeleh
sei, welche die Baronin zu einem von seiner Führung unab-
hängigen Gedankengange verleitet hatten, hielt er es für ange-
messen, sie wenigsiens von dem Auussprechen ihrer Gedanlen ab-
zuhalten, denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete iß
lebendig und lritt, uns selber bannend, fir und wider uns auf.
Und wie es wahr ist, das: nur derjenige frei bleibt, der z
schwweigen versiehl, so isl es eben so wahr, das: ua dent Men-
schen hindern mus, sich seine Gedalen fesizuslellen, wenn man
die Herrschaft über ihn mi! a .chtigleit behauuplen will.
N.:
Er ließ eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen;
dann fragte er, als falle es ihm unnöglich, sich in die Vor-
stellung der Baronin hinein zuu versetze:n: Und was war es denn
eigenilich, das Sie so dringend z vergesseu wünschten?
Angelika hatie, in ihren Nuhesessel zurickgelehnt, in stille
Beirachiung. vor sich niedergesehen, aber bei der Frage des Caplanh
richtete sie das Haupt epor und entgegnete: Es ist mir wunz
derbar, ganz wuunderbar zu Muthe. Ich fihle, als wären wit
lange, lange getrennt gewesen. Eine Krankheit wie die meings-
in der man vom Leben zu scheiden glauubt, bildet einen tießeg
Abschniti in unserem Dasein, sondert uns von unserer Verj
gangenheit, hebt uus iber sie und über uns selbst hinaus. -
a-- weiß Ihnen das Alles kaum zu erkl..in, weißß es mir selbe;
N,
Hzp
kaum zu deuten, und stehe doch wor lauter Erfahrungen. FF
ich mir nicht weglengnen kann -- auch wenn ich es wollhg
Es sieht mich Alles fremd an, wenn ich auf die lezten Jah
meines Lebens zur=====-, es kommt mir Alles, selbst kürzlig
Fs.s- -
erst Erlebtes, unwwahrscheinlich, za unmöglich vor. Ich sehe dg
=-inge. b- =--===--- anders als bishe.. =. warum sollte ig
s WsHpzssof -
v zssA
es Ihnen verschweigen, selbst Sie, setbst Ihre Stimme, seli
-=-- --ee klingen meinem Ohre so fremd, das ich Mh
gs.-= M=-

= , H z, ==-»
habe, mich darein zu finden; auch Ihre Frage befremdet mich.
! Des Caplans Miene wurde ernster unh strenger. Sein
hmilder Sinn, sein nachsichtiges Herz hatien es doch früh gelernt,
die Herrschaft über die Geister als eine Befriedigung zu empfin-
den, und er war zu sehr von der wohlihätigen Wirlung über-
zeugt, welche die den Geist beschränkende Zuucht seiner Kirche
über die Menschen ausibt, ui die Herrschaft, welche er ge-
wonnen und besessen, wieder aus der Hand geben zu mögen.
Der Frevel gegen da Heiligenlild iud der in Richien an einer
schuldlosen Belennerin des latholischen Glau ens von den Luuthe-
ranern verible Todtschlag, selbst die Art unt Weise, mit welcher
der Freiherr das Ereignisß auufgenommen, harten des Cavlans
Seele doch mehr erbittert, als er sich dessen bewußt war, und
die Art von Auflehnung gegen seine Füihrung, mit der die bis
dahin so figsame Baronin ihu: entgegentrak, erinnerte ihn zur
kechten Zeit daran, das Herrschaft, um wirksam zu sein, keine
Unierbrechung erleiden darf.
N,
- glaube es wohl, sagte er, daß meine Stimme Ihnen
fremd geworden ist, daß meine Frage Sie befremdet. - Denn
F müssen verlockende Weisen gewesen sein, mit denen Sie Ihrem
Ferzen schmeichelten, bis es zu solcher Selbstzufriedenheit gelangen,
his Sie glauben konten, der leitenden Hand fortan entbehren,
gu können, der Disciplin entwachsen zu sein. - Er schütielte
hitleidig das Haupt: Sie wähnten, auf sch selbst bauen z
Pnnen, und haben es verlernt, sich selbst zu prüfen, sich selbst
hleenothwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft zu
ßantworten. Deßhalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte
Frage; deßhalb auch, gnädige Frau, klingt Ihnen meine Stimme,
hle Stimme der Wahrheit, jezt wie eine fremde; deßhalb weichen
Pie der Antwort aus. Aber ich bin im Stnnde, mir diese
Aniwort selbst zu geben. Sie haben.. -
Angelika wollte ihn unterbrechen; der Caplan gab es nicht

-f .-
zu. Sie sind kr.tü.k, meine arme, theure Freundin, sagte er;
eine lebhafte Gereiztheit steigert Ihu. -usdricke, das auch Sie
z-;- A
mir wie verwandelt scheinen, und ich möchte Sie hindern, von
sich auözusagen, was Sie reuuen könnte. Lssen Sie mich
Ihnen ein Bild Ihres Seelenzustandes geben, wie er mir er-
scheint, und es soll Jnen nicht benommen sein, mich des
ezg
D- -hums zu üiberfihren, wo ich ihn begehe.
Iz-s
Er rickte an den Sessel der Baronin heran, legte seine
Hand auus die Lehne, auus welcher sie die ihrige ruhen lies;, und
sprach mit dem Tone eines ruhigen Berichterstatiers: Sie sind
in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben duurchgegangen, haben
sich und Andern -- die Baronin schiüttelie verneinend das Haupt,
und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus, daß er es nur
mit ihr zu thun habe-- haben sich Ihre Schicksale zerglieder
und haben sich gesagt: ich war nicht glicklich, wie ich es er-
warten durfte, mir ward ein schweres Loos zu Theil, em Loos,
das gross und wülrdig zu tragen iber meine Kräfte ging. Wie
durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen, ohne
daß die göttliche Gerechigkeik dadurch beeinträchtigt wuurde? -
Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin
zu entfernen, die lautlos vor sich niedersah, während ihre Wangen.
sich röiheten und ihr Aihem sich schneller hob. De Hand
langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren
Arm legend, fuhr er immer mit derselben Nuhe fort: Sie hatten,
anscheinend glicliche Familie um sich, Sie erfreutey,
hier eine
sich ihrer
blicklichen
Hüilfe - Familienliebe diuukte Sie, in Ihrer augewF
Hülfsbediftigkeit, als das höchste, das erstrebens?
wertheste Gut - und Sie sind durch Gottes Sie erleuchtenden
=-»=;»luß von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden,
P,ssl-s
ohne in dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Siune sßk
Familienleben und Familienliebe zu begegnen, nach denen.t

-- -- l. e, e( = =-
Sie verlangte. Darin erblickten Sie einen Mangel an gött-
licher Gerechtigkeit.
Nein, o nein! rief die Baronin, nicht durin. - -
Hören Sie mich zu Ende, begehrte der Caplan. . weiß
N,.
es, nicht darin allein glaubten Sie einen Mangel an göttlicher
Gerechtig.et zu erblicken. Aber dasß Sie srih dazu bestimmt
,-s -
waren, die Schuld und die Versindigung dcs Freiherrn theilend
Aragen zu missen, das: Sie, der Lebe zu einem gleichaltrigen
Manne eulbehrend, die gauze Krasi Ihres Herzens ersl lennen
lernten, als es fitr Sie uicht mehr gestatiet war, iber Ihr Herz
zu verfigen; das: Ihre Neigung sich eineu Manne zugewendet
hat, der sie nicht erwiderte, einem Maunne, dem Sie nie an-
gehdren konnten, auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit
Ihrer Jugend begegnet wären-- daß Sie kämpften, sich be-
Fiegten, ohne die Fruch- Ihres Sieges in dem Frieden Ihrer

Fihe zu genießen; daß Sie schuldig schienen, ohne es zu sein;
aß des Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertrauute; das; sein be-
sleidigter Siolz keine Versöhning zwischen Ihnen zuließ, wie
Ihr Herz sich auch in Neue vor ihm demüüihigte -- das Alles
mmnachte Sie zweifeln an der allveisen Gerechtigkeit des Herrn.
D Und, fuhr er fort, während sein Auge zu leuchten begann,
ier auf dem einsamen Lager, verlassen von dem Beistande der
zeligiösen Tröstung, den zu enibehren Ihr Herz noch viel zu
Fchwach war, hier in dem Hause, nach welchem Ihre irrende
jmpfindung sich oft mit sträflicher Lebe hingesehnt, weil der
Mann hier weilte, dem Sie Ihre Liebe zugewe det hatten, hier
ßrat die Versuchung abermals an Sie heran, und von ihr ver-
seitet, haben Sie' sich gesagt: Ich habe gelitien, nicht gefehlt!
ßch bin unglucklch gewesen und nicht schuldig! Ich habe ver-
Hessen wollen und es nicht vermocht! Ich bin also nicht vernnt-
p-z --- vas, was über mteitte ß. -u- geß.- =-uu ntein
ss yrse
ssF 7s=
Jsßss
Streben nach Vollendung hat mich nicht beglüicki und diejenigen

=== j H j- -
nichi beglict, die zu beglicen ich gewünschi habe! Hier sind
zufriedene Menschen, die nicht über sich denken und hinleben in
gleichgüültiger Gedankenlosigkeit; ich will hingehen und werden
wie sie! Ich will werlthätig werden wie sie und meine geheimen
Neigungen nieh-»-=-l. ic will den Menschen wohlthun,
l.s s.öüf:-i
Tage leben, der Zeitiichkeit leben, wie diese Familie hier,
wenn dann meine Stunde schlägt, so will ich hintreten vor
dem
und
den
Thron des Herrn und ihm sagen: Du hast mich geschaffen mit
meiner Schwäche uund Süihafligleit, d hast die Versuchung
in meinen Weg gestellt, ohne mir die Kraft des frendigen
Siegens zu geben; dein ist meine Schuld, nicht mein- ih
wasche meine Häide in lschuuld!
Er hätie noch lange so fortsprechen können, ohne daß die
Baronin ihnn unlerbrochen haben würde. Sie haie ihre Hände
auf ihren Knieen gefaltet, ihr Haupt ruhke auf ihren Händen.
asie die Stimme des Gerichies könien die laugsam und gewichtig
gesprochenen Worte des Geistlichen auf sic hernieder, sie glaubte
eine Offenbarung zu oernehmen, =-- -- == zu erleben; denn
siss HzssAo
dies Alles, eben dies ?.. z tie sie sich gesagt, diese Zweifel
l is. s.-
hatten ihr Herz bewegt, zu diesen Schlissen hatte es sie gedrängt
Wie ein Erleuchteter, ein Seher erschien ihr der Mann, der also
ihre innerste Seele erkannte. Sie war wieder völlig willenlos
in seine Hand gegeben. Freilich haite er ihr Nichis gesagt, als
was sie ihm seit Jahren imuier und immer wieder in ihren
Bekenitnissen anverkraut, -. doch traf es sie wie mit einem
sssA
Zaube., denn der Mensch, wie oft er sich auch seine eigene
IK.6=-=--s-os
Seele zergliedert und enthüllt, ist sich neu und -=--»
wenn ein Anderer ihm da-=-==- -==.lt, däs er diesem selbßß
V1s =-fb--s
geliefert hat, und in der Ueberraschung vergißt er, daß er dies
gethan.
Der Caplan
auf die Gebeugte
sis: ziieb p-zisi
hatie seinen Siz verlassen. H=-« ----- -»u
niederblickend, hiitete er sich, sie zu erheben.

=-== j IFz b====
Er wusle, das er sie zuu schonen haike, und die Baronn war
ihm iheuer; aber auch jezt wieder empfand e.. was er sich als
einem der Glieder jener grosten hierarchischen Verbrüüderung
s
==lhig sei, die sich die Herrschafi über dei: Menschengeist als
ühr angestanmies Erbe und Necht zuerkenut.
Es war nicht sein persönliches Belieben und Empfinden,
es war nicht nuur das Wohl und Wehe, nicht nur die Unter-
werfung dieser einen, am Abhange ihres Lens stehenden Frau,
mit denen er es zuu khuu halte. Inn dies: Frau hatte er das
Geschlecht derer von Arien an der Kirche und in der Kirche
fesizuhalten; auus ihrer Hand musßte und konnie er am sichersien
die Machtvolllommenheit über den Knaben gewinnen, der be-
stimmt war, den stolzen Namen fortzupflanzen; und wäre das
auch nicht gewesen --- er schldele es sich und seiner Nirche,
eine Seele in ihren Banden festzuhalten, die ihc einmal gewonnen
worden war und deren Belehrung seiner Zeit viel von sic
sis-
p=--echen machen.
Es war still in dem Zimmer; der Caplan stand sinnend
an der Seile d.. Garonin. Da er sie also in sich versunken
=z- .
sah, reichte er ihr die Hand. Es ist jezt an Ihnen, meine
arme Freundin, sprach er, uich meines Irrthums, wie ich
Sie bat, zu zeihen, wenn ich mir einen solchen zu Sculden
kommen leß.
Sie hob ihr Antliz in die Höhe, es war von pränen
.
z,
Atse
pss-Kmfs
-=-----=-- =-, Vergebung, Vergebung! war -«aeS, was sie
w-8-- -=--«, denn ein lrampfhaftes Weinen unterdrückte ihre
pposs kisisfn
Worte.
Seba, die sich während dieser =-===uung im Nebenzimmer
Ps zsfpsso
aufgehalten, trat, ohne eine Aufforderung abzuwart... in die
Acs-- ,s-
===-- =«. Ton der Weinenden gab ihr nach ihrer Meinung
ein Anrecht dazu, denn sie haite einzustehen fitr das Befinden
der ihr anvertrauten Kranken.

g f 7
= j (z 1 -==
Um Gottes willen, was ist geschehen? rief sie, unbeirrt
durch die gebietende Erscheinung des Caplans, indem sie auf
die Baronin zeilte und an ihrem: Sessel niederknieete.
Nichts, nichts! enigegnete Angelila uit sanfter Abwehr.
Nichts? wiederholte Seba, während ihre klugen Augen sich
von der Kranlen zu den Geistlichen und von diesem zu der
Kranken wandten. Nichts--- und Sie weinen, das; es Ihnen
denu Aihseun versezl, und Ihsre Hände sied so lali? - Sie wollte
auffahren in ihrer zornigen Besorgnis, aber sie iberwand sich,
und mit schneller lleberleguung sich an den Geisilichen wendend,
sagie sie: Herr Caplan, wir haben die Ehre, Sie unsern Gast
zuu nennen, und sind sehr gl===g dariüber; da man aber mit
,s1.s.
seinen Gästen doch in Frieden und Freundschnst leben soll, lassen
Sie uns ein Ablommen mit einander tresfen!
Dem Caplan, der mit erprobtem Scharfblicke in der ganzen
Haltung Seba's die Etschlossenheit eines fesen Herzens erkannte
und der von der Baronin bereits erfahren haite, wie sehr diese
s. s--
n----=-. Pflegerin eingenoutmnen war, lam es darauf an, in
Angelika keine Art von Mißkrauen aegen ihn auufkommen zu lassen.
Er hielt sie wieder fest in seiner Hand, und er war wie immer
gern bereit, ihr so viel Freiheit der Beweguung zu vergönnen,
al er ihrem Heile angemessen glaubte. Es war sonst nicht in
seiner Art, ähnlichen Aufrufen, wie Seba an ihn richtete, mit
N,ssȧ.ss -
--»--8 -- z begegnen. Die Sprache der Galanterie, die er
z-is ssis-u=- Ms-
--s- =-- ===-=de unvereinbar fand, hatte seinem Ernste ohnehin
nie zugesagt und lag ihm jetzt -=« --, aber er ging, von
: Rpz szf-of -
einer plözlichenn leberlegenheit bestimmt, auf Seba's Forderung
freundlich ein und versicherte, das: er sehr bereit sei, jeden
von ihr gemachten Vorschlag anzunehmen, wofern er ihm ent-
sprechen könne.
g
=--- gewiß, rief sie, Sie könen es, nur ein wenig Güte
und ein wenig Selbstverleugnung sind dazu vonnöthen! - Sie

z f rf
F kauerte neben Angelila's Sessel auf einem Schemel nieder und
sagte lächelnd: Aber ich mus weik, sehr weit ausholen düürfen!
Und wie weit? fragie der Capla, dem die Achtsamkeit
nicht entging, mit welcher die scherzende Seba in den Mienen
der Baronin zu lesen krachiete.
Von der Schöpfungsgeschichte an, entgegnete sie; denn wie
Jnden und Chhrislen in ihren religiösen Meinungen und Vor-
stellungen auuch auns einander gehen, die Erzählung von der
Neihenfolge, in welcher Goti die Weli erschaffen hal, die haben
sie gemein, und . - -
Und? wiederholte der Caplan, dem Seba's geflissentlich
spielendes Plandern nur einen erhöhten Begriif von ihrer willens-
starken Klugheit gab-
Und, sprach sie, sichtlich zufrieden mit sich und mit dem
Eindrucke, den sie auf den Caplan machte, und es steht ge-
schrieben: erst als Goit der Herr den Körper Adam's in Kraft
und Schönheit vor sich sah, hauchie er ihu dez Odem seies
Geistes ein!
Der Caplan konnte seine Ueberraschung i ber diese Wendung
nicht verbergen. Er verneigte sich vor Seba mit der Versichernng,
daß er sich diese Aufklärung zu Nuutze machen werde. Sie ihat, als
höre sie nicht, das er sie verspotte, und sich von ihrem Schemel
aufrichtend, rief sie mit einem Tone leichifertiger Zuversicht: Thun
Sie das, beherzigen Sie mein Gleichniß, hochwürdiger Herr,
denn ich mache sonst von dem Nechte Gebrauch, das mir der
Freiherr und der Arzt einräumten, als sie die Frau Baronin
mir und meiner Pflege üübergaben: ich lasse Niemanden zu ihr
ein, der ihr irgend eine Aufregung verursacht!
Sie haben starke Begriffe von Autorität, ich achte das,
entgegnete der Caplan, dem der Charakter dieses Mädchens
immer bedeutender erschien, und Sie sind geneigt, Ihre zufällige
Herrschaft zu gebrauchen, wie mir scheint!

-- 1 hd -
==--- =-=----- -ol. elni.ile!i, wveil. sie fiürchtete, Seba
eDP?,. PJeiniss si
l!.-
sl.ss
lönne dem Gag =.- ---=en ; aber diese war gewohnt, sich selhst
muI-is sisß ß., st
-..- lle. = -- mich iadeln, wenn ich zu geniesßen
zuu helfen.-- --
: ß.st-
-=-=- -üS 1==-« ---- -=- -och wuesl-gza a ge mtein ist? fragte
. ss
f izzl zfpis:
in
sinsi
sie. Vic Madena -;- ==rlanne e-z, gchorl die Fran Baronin
.-l, ss.. .i
s.ss
hlir, .ud ic ha=- .---=- -=s glbesinden einzuslehen. Ed wird
I.s- si- Isi:- ih.is
-==- --- - a llerit, und-- die Augen wwurden ihhr feitcht, ob-
zssfsis l,-H-H d
scho ;. lacelle- mtein Megh.=- -z gl. - -autii, Herr aplan,
ne;!
iisnisi (s
s ss
m: b=-s. f ss
t.
s,s,pssi -i -i siin
d.essss s s,s:
=-=s = - - =ss == - - - .lS, 1üS ,z.z!lOl lhCou: sbz- s - -= - -ns=-
aii:
mneine. a ohhuul, unur hier, soll mneie Kraule hejler sei, sol!-..
-- yz:
i.
s 9P,nis
FFrl. -==ull ntct so wei!.. . -
nps !
Sie weinie aber selbsi, wähsrennd sie dies -.- ule spra.,.
- 9iU.
« -?, Ih,si-
=-- -= dUll h.-- -hr die Haud gereick, Seba druckte sie an
--ls,- is.
ss.. s.-
==-- -==-p . Der Gap.i wwaar jeder =e uegzlllg, jeder Miene
- 91,.
l .- -
Sreba's gefolgl. Er sah die Jzarilichleil, .: welcer die -- =----
,sinii:
Gii
- - -hr.. -ide hing, die Sorge, mnl d.. sie aus den Eindruck
-ss PAi:
-nn s
is,-s.- dois de Mß7z
s,is
g- -- - - =- =-üidchenls De. -;«a Fre!.ühs aatf ihsit !Ulüig-
z-=ssl,-=-
isssis
sisipAp sisA, pz ss -i: sszi,
isss Jfss s
--= --, -- -=- - --= - z=s -=zs s g.l .s =i=.aue Iüüg; ui sutzlllüi;;al,
iiss ss -
iss pisspi
» ss.n-
det er yermteidet komuute, ohhnte dadurcs z- = ---= - --- ------ ---=--
is sznplss i,;: z,sss: pissoff
t=-szpii zssss ,isfnmin ssis
N..1s
-- - -=-- ----- -aahl ebezubilrkigett Gegpl..- --; =z-1O, p p-
-siifislii
dip-ßiss szli fsrs isdois -
--; -- --=- =--- -==--- -ue p - ==-= --- i dey Eg,lgjt hesgß
zs ss,s, SpisinAwiff iis
Olu v=sz- P-=-- ='s-=-»p-- - ;. lll deg G heylH, =-- - - Chsg- z-=
os sz:
-s,s,ii;p h=.nn1-
A,psss f
n .Iiüüiio
Ns..s.=-»-s.s-
(s- s.»-ss.id
a-- -=--s-=sf=? zss -== - =»s s, == - - - =--j-i= su.zu (hH hc;g! ?
i: sszpzfgsf
- mns pi s.iz-s,ssd. sisilii
f.-in d, Wss,.iss..i iid
l.viih:- s.-ßs
ol ziis fs,- s
,s i.s
-is==- =- s- =- == jg» ss ==sf= g=s = s-siF ßh-- - ns, js zl ht Iiuhus-
Er haite Seba aesehen, da sie eben in das j:uugfräuliche
sss,-s- -nif.inf siieH iisd ss..- sHss fff.
- -s - z--- - - - -== -- -=-- -p - joj -= , ICzeh.e üiE WJesez; hghte
G,z.fi
da.. ialS Ull.g- - s =- -- -b---- F! -==-=p- - eui üintd Eittsch.u,:---
,zi rH- f siis l,iss.is
ssl,,z-
=-,ifs i
l .isssns
heit sie sich eniwickeln wiirde. E mus:ten besondere Uustände
mitgewvirkt habe:n, ihr dieses Chh.==- -D=w-D- b-b--»==- -- ---
-l,pss iiind
ssszA-kss-zosiJeni -i ßisd
in
, =
l.
z=
-. lcher Weise über ihre Jahre und ihre Lebensverhälmnisse
sf- ss
vpsi.Iii- Ea=sn siss. sfs.s s:Hs: HE,-s,
-- ---- »-- z-=- --=- =--- ==--»ßy- -, -elce daZ Määhcest
,is -
kenzeichnen pflegte, sie besaß die ganze Sicherheit einer vom

-- JI--
ßeben gepriften ud duirch dasselbe gereifte. Frann. Sich unter-
Fordnend und liebevoll dienend, war sie doh die Herrschende in
Fihrem Vaterhause, und auch ihr Einflus; auuf Angelila wor un-
Ferkennbar. Wie aber war sie zu der Selbstbeherrschung gelangt,
Jwelche ihr die Machi über Adere sicherie? Denn nr derjenige,
Jwwelcher seiner selbst gewiß ist, erlangt eine Gewalt über die
FAnderen.
z Fast gegen seinen Vorsaz hatie er sein klares Auge scharf
Fauf sie gerichtet, und sie ertrug und erwiederie seinen Blik mit
Festigkeit. Nur ihre Wangen färbten sich, ud der Mund,
,jengr schwer zu beherrschende Verräiher uns-rer Gedanl.nu, zuckte
,leise, wie in stolzem Troze. Der Caplan glaubte genng gesehen
fzu haben, und senkte mnild die Lider, währen: er sich mit fr:nd-
ichem Worte fiür diesen besonderen Fall als von ihrer besseren
FEiesicht uud gröseren Sorgfalt überouuiden nannle. Ja, er
Fging noch weiter; er erboi sich, um jedc angreifende Unterhaltung
zzu vermeiden, die Baronin, so lange sie in Seba's Obhut sei,
znur in deren Beisein zu sprechen, denn er wisse, wie hoch ein
Igewissenhaftes Herz ilbernommene Verpflichtungen halte, und
Fwie liebevoll man über ein Leben wache, das man mit Mühe
zund Aufopferung in einem geliebten Menschen zu erhalten ge-
ßstrebt habe. De Baronin reichte ihm dankbar die Hand; sie
Fhatte gefüürchtet, daß der Caplan sich erzürnen, daß er sich gegen
Feba aussprechen köne, und sie liebte Seba.
Niemals war eine Freundschaftsversicherung, niemals ein
FGeständniß gegenseitiger Zneigung zwischen den beiden Frauen
Fausgesprochen worden; sie hatten einander auch nicht um ihre
FSchicsale befragt, sich ihre Erlebnisse nicht besonders anvertraut,
Fwie Frauen dies so leicht und gern ihun; uber Bedürfniß.
Hülfsleistung und Dankbarkeit hatten eine Neigung und endlich
Feine Liebe zwischen ihnen erzeugt, die so natirlich entstanden
ßwar, daß beide ihr rasches Wachsthum kaum gewahrten. Seba

-. 16e -
freute sich in jedem Augenblice an der formwollen Gite der
==--==------ ----==unin genos; unablässig ihrer Pflegerin bereit-
HgAf nssiis
, K,i=s
.ulg- =--i»g. Sie rühmte dem Geistlichen, waich glückliche
i- Gizs-osi
is-'
eage sie verlebe, ; - i-- ---=- - =---- oeren sie bedülrfe, von der
- s.s s. --sl. D.-ssss. -
HHand einer Freundin empfange, und seit sie gelernt habe, wie
sis; es sei, zu ford.., wo man mit i..--öglich... des Ge-
Hi=- g
s.s
währens dem Aundern eine Frende zu bereiien sicher sei.
Der Caplan widersprach ihr nicht. Jm Gegentheil, er er-
kannie Seba's Vorziige unbedenklich an; nur einmal warf er
die Frage aus, ol die Baronin irgend elwue iber den Weg
- -:--=- - habe, welchen die CharakterbildunghD..e Freundin ge-
siw,
,z-f, sfpn
unomnn.i, ob sie irgend welche Kenninis; von deren sililichen und
ä Ii.sf def
-=--giösen Anschauuungen habe. Sie verneinte Beide. .-=-- -==-=-
=-=Is
ed. voch die Aeuszerung, das; sie vermuthe, Seba sei unver-
siui- -
mahlt geblieben, weil sie eine unglicliche Lebe im Herzen frage.
wer Gaplan uannie dies uunwahrsceinlic, da das Mädchen
rH.
Eigenschaften und Vorzige besitze, welche auch einem anspruch-
vollen Maine geuilgen mihssien. ale =uNeonin scwieg eine
1Az
=.«-le, indes; ein.=- ut der Beichte zuur Gewohnheit gewordenes
M.
s.-- s
Vertrauen in den Caplan und das Verlanget, -=--==- nicht
s.s-.- S,s.-
als eine Verschmähle erscheiuen zu lassen, irugen über zre Ver-
K s.
schwwiegenheit den Sieg davon, und zbgernd. a. - elcnne sic eine,
eigene Erfahrung. sagle sie, das; ihrer Freundi.-e. wie sie
ss N,s
glauube, einem Manne aeaolten, von welchem nicht nuur ihre
=eligion,
Sie
KgAe»eHni
sondern auch sein Siand sie geschied. habe.
kennen seinen Namen? fragte der Caplan; da die
-ös-s.s1»,
- ß -f iod
die Attwort nicht lg--=-« geb, lle;. - z =
selbst die Frage fallen, un- -. - ch einer Weile sagte er, wie
Iz-ss snh
wefn oifp ssGszssz-z sLpzfsvfkiis Hifs is.is-? - g,s s=üfAo ifnsrli ifiindoenn
s1vl1 v-ss=- 1Fsß va=ssls »ss1 »711v1==s1s - zJh »F 1=7s z =s- 11lius =ls1=6s»s-
s.ßss;- s.,s piiisisiifenv
wenn Mademoiselle Flies sich ,.- --=- -b--»»=-e lassen, denn
an Willenkraft hat sie offenba. --=- -pugel, und Standeö-
v- i-s. ),-
vorurtheile lassen sich gar oft besiegen, went nuur die kirchlichen,

--- 1i!---
die religiösen Hindernisse zu besiegen sind. Wie anders aber
würde dieses Mädchens Wesen sich entfaltet hale. -=---- --=
n mofis: sosss.
übergroße Selbstgewißheit durch die Erkenntuis jener göttlichen
Lebe gemildert worden wäre, von welcher alle itdische Ltebe nur
der Abglanz eines schwwachen Strahles ist!
Er brach dann diese Unterhaltung ab, sicher, dasß sie uu
der Baronin nachwirken wurde, und ee p===- =g d= --=-
s.s.s
- s..fss. C,
zsss f
getäuuschi. Sie war unverkennbar bemiht, Seba in die Nihe
des Caslans und dieseu zu Erörierungen iiber religiöse Fragzen
zu bringen, wann Seba irgend auuf solche üinzugehen geneigl
sief ss,,
s=--- -==er nachdem die Baronin auf ihres« =ssc an einam
z Ps
der folgenden Tage gebeichtet und das Abendmahl ---b-0--
ossrAsin o
liso
=-- hielt grade der Caplan sich fest an sein aegebenes Ver-
sprechen und schien, jeder angreifenden l--=--uhg geflissentlich
Iz-fbösinsss
ausweichend, cö nur auus die Pflege und Erheileruuug der Kru=l
hsskss
abgeschen zu haben.
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlecht. ll.

Kapitel 13

areizehnteä Ca g - - - --
si s e l
ws,
Fler Freiherr hatie sich von seinem Vorhaben nichi ab-
==a.?
bringen lassen, er hatte selbst zu Gericht gesessen iber die An-
geklaglen und Schuldigen. Aber auf den Besizungen des Frei-
herrn wie üüberall auf dem Lande hing und hängt der niedere
Mani an dem Hergebrachien. Aus demn Hergebrachien schöpft
er seine Einsicht, uach deu Hergelrachlen richlel er seine Fol-
gerungen, auf daö Hergebrachte siellt er sich, wenn er mit seinen
sich an die Zukunft wendet, und was ihn von
Erwartungen
diesem Voden
Mancher
oder grösterer
enlfernt, flös;t ihm ohne Weiteres Misztrauen ein.
von den Insassen der Giter war wwegen lleinerer
Vergehen in den lezten Jahren zur Verantwor-
tung gezogen worden; indes; er hatte es dann, wie Aam
sehr richlig bemerlt, gleich seinen Vordern, auuf den Aiimann
und den Juusliliariis gescholen, und alle Theile halien einander
gekannt, hatten mit einander zu verkehren gewusßt und ungefähr
vorauösehen lönnen, worauuf sie sich gefasnt zu machen häiten.
»po-- da der Freiherr selbst Gericht halten wollie, war es ein
W,.hs
Anderes.
E waren Frevel geschehen, wie sie bis dahin nicht vor-
gekommen waren, nicht hatien vorkommen können, und da sich
in den Köpfen d. unaufgeklärten und lurzsichtigen Menge di
Begrife wunderlich kaleidoskopisch zusammensezen und gestalten,
hatte sich, weil die erschlagene Kammerjungfer und der gemiß-
handelte Koch Fremde gewesen, und weil der verwundete Geisf-

-=- 11J -
liche ein Kaiholil war, die Vorstellng der Leune bemächtigt, sie
sollten nicht von ihrem rechtschaffenen proteslantischen Herrn
Justitiar nachh ihhreun allen Rechle iind Herliiuen gerichiei
werden, sondern nach fremden und kalholischen Gesezen, die
eben deßhalb der gnädige Herr, der ja auch kathulisch war, s-lbst
handhaben wolle. Dagegen habe der Herr Pfarrer Einspnuch
gethan und der gnädige Herr ihm die Pfarre zur Strafe ab-
genommen. Nun werde der Caplan an seine Sielle konmen
T?:. - -- --
Wo hier und da eine derartig verwirrte Vorstellung dem
Almtmanne oder dem Juustitiarins zu Ohren ;ekommen war,
hatten sie dieselbe zu bekämpfen versuucht, aber es ist ein Kenn-
zeichen der llwvernuusl, das: sie sich nicht i berzeugze
I mag;
und wenn es dann doch gelunget wwar, einen oder den andern
von den Mäunern zu beruhigen, so lamen die Frauuen, welche
sich weinend und wehllagend bei der Pfarrerin Nathßs erholen
gingen, mit beängsligendenn Voraussichten, mit dem Glauuben an
: R --
Uugliclicher Weise wichen die Anordnungen des Freiherrn
nun auch von dem Hergebrachien ab. Sonst hatte man die
Termine in der Gerichtsstube in Rothenfeld abgehalten, die
Angeschuldigten waren auf wohlbekanntem Wege nach der Ge-
richtöstube gegangen oder gebracht worden, hutten sich an den
Häusern, zwischen den Gärten hin gedrückt und in der Ge-
richtsstube den Justitiarins, den Schreiber, den Schulzen in
Der gewohnten, ihnen allen bekannten Alltagstracht gefunden,
und die Angelegenheit war, wie schlimnn sie füür den Betroffenen
guch sein moch., doch ohne besonderen Schrecken für ihn ab-
zsp
eoeefAon
v--- Diesmal war das anders. Diesn al hatte man die
Angeklagten in das Schloß beschieden, und Jedermann machte
zp

16-
sich uun auus das Aeus;ersle gesas:!. urin warum lies, uan's
--=- - --- -== -- --=-- -u ! o.;=--= - -;lGlEil hegtes
si.snindo. ss,s
z»s-i l.isss 9ss s.i-
hssfss s
s,. Is
==- der Weg uber den groszet =-,losthof, den d.. --»ge
a.
a.D
llagleu - gleilung der beiden Biitel vor aller Welt Augen
h- 1.
- i-,-s. sls-
Fule=uglei mtilssen, wwar ei:ie s.g=-... Peit und eite = --b-i ib-
,hsszfp
-.ss,
sie gewesen. Als sich dad Giier der Mauer, die den Hof
=gpal. dah =--=- lhnen geschlossen hatte, als ihre Weiber
s.isis-
nh- ---gprhbrigen, die hingekonmen waren, sie zu sehen, ihnen
s szh
nichi i den Schlos;hof folge de. .. war ihuen die Angsi
,=-
D.-s.
vollennds zu Kopse gesliegzen, ud iutu gur d zu slehsen in dem
grosten hohen Zuuer des Erdgescosses. durc desse:n Bogen-
i --p der aagz so hell hineinscieu, da zl prni vor der le--g----
ssnoit
si-s. -
fp-zisis--
g= - aa!el, an: uelcer der ,o-=utri: und der Schreiber,
.lliis.-
-sissni:
=-- -»-==uF 1 ;..==0h gelle., ell ; vor dem Freiherrn
wi doi
.
f.?.-li -
s..?. s.ifhe
z erscheienn hailen, dessen Einnirili erarlelen, das hatie die
=--e t dem Glauben besiärlt, das mai es auus sie abgesehen
?pui -
habe und das -=- - z1t---- = - solle, was noch Keinenl
sss,-s sf?os:
. - szfss: -
z-s-zi
von ihnen hter zuaes.gz -orden und wwas überh.p -de --=
fHifsi s
sfif s)-
-moffinsis s.
ügz-- - s- --
Hc .;zz -=-- - -.O -- s--s-=-------==- üib dje Ans
zisis fsssfp eii 9Lls,s. ß?
iifffn-,sii,f in
ß-=-z- - =----» -i== , war der Freiherr in den Saal g=----
ofzpfonn
ss,-if lssssz,-ifpssR
K 1,s
ssoAofmpsuihss zi=d
hatte sic an dent oberen Ente deS -=;.ge? -- -Hii- -
N,-»s.-
zo,ifm: on
dem Justitiarius ein Zeichen ü-.-, da==- = - 7 bi-=-s-
.H.h.
,.s
==--- - der es alle.=zgps -z, dis, -.r Freiherr ein warnen-
-hisin
.
»dis
des Exempel zl giren und d.. «uten seine Gewalt fühlbar
o-ss ß,
si,iis
-=- lz-s,-siöiisn ssi-sd
Fl le.g- - -=»-p-- - ----==« 11S vielsähNglds =-j=-z-=--z -z
s,sif.- ?I-isisfn-
- rmois ssii
d,ps -. sisinos R
- Rpiss ß,zsAissnssin -imoossf siü?zsss ,s:
-»j- =- -=---- - -l =- -ss- oss--- - z-ss-ps-- -sgE, FIClEMe Hct
zs,.s,s iis
n AosssfnArn
--=-- u. das stumpfe Leugnen eines Schuldtgol- z--»-Hos-
um sich von seinem ruhig fortschreikenden Verhöre nicht abbrin-
----- zu lassen. Aber der Freiherr hatte niemals einer solchen
etcos g
Gerichtssizung beigewohnt, und die Menschen, mit denen er es
l.ep-
»- zu thun hatte, waren ihm in ihrem Charakter und in ihrek

- 11D
Art uud Weise fast völlig freund. Wei seine lni cklanen
sonst einmnal.- huun selbst erschieuen --=- --- halle er sie als
ssp np-ss
zezs s
91,uss.- --
« szo sziisß
üf si.s. nissb- (,s,ilb
== =s- s==== . o0V s1 IOlab!, Uu -== - j= --s- -==-p---- =»--s;-
gewesen war, hate sich gehitek, in seine. w.rench zu kommen.
s N,. -
ze -
Setbst die eigetlllce .zzl lh. -=-h, denen utas.-- -e- h
s: ?..l
- Plzn-
n iispsss f.i -iii
es gegangen, algeholsen, waren nichl le.g. biß zu ihm gedrun-
.ii
gen, und heute, wo er Angst und Noth und Schuld und sceues
PssWss--- nni s
=-w--, .illes auf etummnal -.-- -igph haile, enpörtent sie ihn.
iis- 9s,-
=eie diüslernn Miennen, der sluumpfe Ausdr... das abwar-
cx
is.s
tende ud hihsaliede Zöger, das Schweign aus bestimnmnk
vorgelegle -rugen, duus geslissenllice llugehei nt- - g11esl =--
R,i
zsd ß,
fesisteheunden a halsaceu regten seine lungeduuld .; - --==---
iin rlEfpi:
ips iiisd
,- Iszzss,-siesiin-
ssi bis- ,-s
-=o-- --- -= =u bollends beräctlich. Er schh eil. --p-- =soso
ennoss ss,s, iii
Appf,
vv i-» --=- ;.. bestimnuntes Wissen bon den. =-z;-ld-
, -P
s.sis
darin, wenn die Schuldigenn sich besirelien, sic womöglic ans
der Schlinge uund Gesahhr z zehen, und während de- p
-z- N,sss
iiarius gelassen den Leugnenden einen Fuuß breit nach dem andern
von dem Boden slreitig zu machen suchle, auuf dem sie sich be-
hp-----= - - h=u. der Fr..g- - - -ude des frechen Lügens
e kios: sss
ssi.is
-s ss:-fs -
- Ud deS ll..-;p=-== - =uVßOS, lujgsjsz---- -lO gü=- -; -- ss-
innoz-,Iisfs,-ss F,.
l.sfs ..f.l-
zis,-s-s:s sziis iis
von den Leute:n mit Ge... das Eingeständniß der feststehenden
s.sls
Ns.zss--.swss -
we-ss
=zs-;=-»--s zsl -gswul(ll.
Es war et schluue. --=gen===-, als mann mit Sioc-
-z- Ilz:
s.ll.?
jchldgg.- ü -- - -- ------b-ü---- - -i-b=-- --- es war das nicht
moi: Ao-: d.?, Iszs,=,-fs,s,fpi: iopfli
Apf-f
. s-s.s.-
sndoi kiss ,,.
karnofpifsnsns: '
.i-
sAf fs ssnss -
z ==s s==s s-- =e=» =jg»ssg- --s- aeil ghuii -ui- zll ll.us
FFs=ss iw-s
ge- w- -=iche Missethäter mit dem Stocke gestraft, aber
Fnan hatte nicht Geständnisse mit dem Stoce erp. . - und es
z-z-s-s
Js- d iss Eis,.=-
s N.s.
lzpfzi -
z=- ---- aw--=.lllR g== - uul, als der Freiherr de!. =-.; hl
Hspis),. N,, s.lss:sd n:z-s.s. He de
ssß
zwF- s== - -»; - =enzs= n==z = --s ===g==- - aus e eiu u.Cpzul !i iutuzitslb , -in?- p
npi: -
ss-iif
oer Freiherr gab ihm kein Gehör Er fühlte einen Wiber-
k
zisszs- Aonof: din nu - siss- ss,iswwssdpss 1
Is==--- -.---s -=- ===- -z-ss s--=---==-s -lk==-p==uN, ? Jgif sic Aie
s.8lss.s. -
so z
Frniedrigt dadurch vor, daß er in ihrer Nhe sein, ihren Anbllck

-- 1ß-
ertragen, die Schltche und Winkelzige ihrer engen Köpfe ver-
folgen,
sie sich
eigenes
ihn zu
den Auusflichten und -g.-i nachspiren solle, mt denen
Ps.-s
zu rekten strebten, und er vergaß, das nichis als sein
Gelitsten, ihuen seine Oberherrlichleit klar zu machen,
dem Ate gezwuu uugen haite, das verwallen zu müssen
er wie eine Schmach empfand.
Ungeriihrt und nur angewidert von dem Aublicke der sich
im Schmerze windenden und demithigenden Schuld, ließ er die
erlanglen Gesiändnisse zu Proiololl nehnen, ud siehhenden Zuußes
sprach er seine Willennsmeinuuug aus. Das Nech über den des
Todischlags Eingesländigen stand nichi dem Freiherrn, sondern
dem Staaie zu. Ec wuurde also der Befehl ertheilt, ihn noch
in dieser Slunide, in Kelien geschlossen, an das Gericht der
Kreisstadt abzuliefern. Auch die Sirafen gegen die ibrigen An-
geklagten wuurden sofori verhäiugt und fielen härter und strenger
auus, als man es des Landes hier gewohui war. Der Freiherr
schien sich an dem Leien Anderer sir die Pein entschädigen
zuu wollen, welche dieser Morgen ihm bereiteie.
Mit eigener Hand unterschrieb er das Verhör und den
=- -==-. dic nach der -.reisstadt mitgegeben wurden, eigenhändig
.-.ss
S
unterzeichnete er das Urtheil seiner eute, und finsterer noc,
als er gekonnen war, schritt er, ohue sie und ihr niederge-
worfenes Flehen eines lickes zu würdigen, an ihnen vorüber
o H
und zum Saale hinaus.
Er hatte di. -zelegenheit erledigt haben wollen, ehe dis
-
Baronin wiederkehrte, ehe die gräflich Berka'sche Familie auf
das Schloß kam. Nuu hatie er sie abgethan, und doch fühlte
er sich nicht leicher. Es war ein Mißton in sein Jnneres ge-
kommen, den er sich selber nicht zu deuten wuußte, aber er hdre
ihn immerfort pei...h in sich erllingen, er konnte ihn nicht ver?
»s1.l
stummen machen. Das -aolwollen, welches er gegen seins
N..
Unierthanen sonst gefiühlt hatie, war wie aus seiner Brust gee

1I?
rissen; er sah mit verachtendem Widerwillen auf das Volk herab,
und ein bitieres Hohnlachen war die Anirori, die er sich gab,
als er seine gegemvärligen Erfahrungen und dine jezzige Stim-
mung mit den philanthropischen Bestrebnngen und Ansichten
seiner jngen Jahre verglich.
Er hatie friher sich ofimals dariber ausgesprochen, das;
ein Edelman seine Wirde nirgends so völlig behaupten könne,
als auf seinem Grund und Boden; das; er einen grosen und
schönen Theil seiner Standesvorrechte opfere, wenn er sich hinter
die Mauer der Slädle zriclziehe ud in die Nähe der Höse
begebe, und obschon er von Natur gesellig war. hatie sein Hang
z völliger, selbstbeslimmnler Freiheit ihn das gesonderte Leben
auf dam: eigeue Hose immer als einen Vorzug beirachten
machen. Jezt diuulie es ihm angenehm, d.r Nähe und der
Berührung mit der slumpfen Masse des niedcren Volles möglichst
enthoben zu sei, ud sein äsihetischer .iderwille gegen dessen
N
Rcohheit schlug, ohne das; er sich dessen klar bewußt war, in
jene auf das bessere ---« begriindete aristokratische Gering-
s;
T
s»hung des Volkes um, das ihm gehörte und aus dessen
Hss
=ucheitskraft er die Möglichkeit zu seiner freien, edelmännischen
g.s.1s.-
K- Misf?s.-
---==slinntheit unu -==.. schöpfte.
Er war unzufrieden mit Allem, was ihn umgab, er meinte
immer und immer aufs Neue zu erkeunen, das; er sich auf
falschem Wege befunden, daß er nicht geng Zucht gehandhabt,
-daß . - gütiger Lässigkeit überall zu viel freies Belieben =a
of i
zsich her bestehen lassen; denn das freie Belieben des ungebil-
deten und unreifen Menschen began- -=-- je schärfer er die
f: smiifs
Verhältnisse ins Auuge faßte, inne--giedener als die Quelle
-»- hzfss,
,alles Nebels zu dunken, und während er in seiner warmherzigen
und gluckverlangenden Juugend daraus den Schluss gezogen haben
würde, daß man mit allen mögliche.=elt danach streben
z Nn7
nüsse, der Unbilduung durch Verbreitung von -==-=g ein
Nsszs-

--- ßZ- --
Ende zu machen, meinte er jetzt verdiüslerten Sinneö auö seinen
eigenen Erfahrungen zu erlenien, daß der einzelne Mensch und
vor Allem die grosße Masse durch Güte nicht zu gewinnen und
der bildenden Erziehung nicht zugänglich sei, das: man ihr also
keine Freiheit versiakien ditrfe, wenn man sich und sie selber
nicht der Gefahr eines gefährlichen Missbrauchs dieser Freiheit
aussezen wolle.
Jne geeigl, i Alle, wa ihn persöulih belras, an
eine gewissermiasßen sichibare Eimwwirkung der Vorsehuung z
glaulen, schien es ihu eie Fingerzeig des Himmels zu sein,
das; diese Erkenutnis; sich ihm eben duurch einen gegen seinen
Keirchenbau verüblen Frevel neu bestätigte. Er war gegen den-
selben in den lezlen Jahren gleichgüiltig geworden. er hatie
selbst oft gewümnscht, ihn uichi begounen z haben; nun, da der
=-uu sich so staltlich erhob, das; er seine liünstlerische Lust neben
N1,i
der Besizesfreuude daran hakte, uun wuurde er durch ein von der
---p Nohheit begangenes Verbrechen daran gemahnt, daß die
is-üss,-ss
- zis
Masse des Zigels und der Zucht nicht entbehren könne, »-=-
dass diese ihr uierläsliche Zigelung ihr von de prolesianiischen
Pfarrer nicht angelegt worden sei, dafir meinte er die Beweise
zur Genülge erhalten zu haben.
z-P
des
Während er eben so erbittert als schwermithig im Laufe
Tages u- --=--pet amt Abende im vertrauten Gespräche
ssd sf:F ßsz
mit der Herzogin seine Seele von ihrem K.-- z entlasten
strebte, branten und brüteten der Zorn und der Has gegen
ihn in den Gemüthern seiner Hörigen. ---= uur die Familien
P,e --
der Schuldigen und Bestraften waren in ihren Herzen gegen
=-- ----==--- auch die völlig Schuldlosen, auch die besten und
lie nifssJs
ihm bis dahin anhanglichsten unter seinen Leuten waren ihm
aufsässig und verwünschten mit seiner Hartherzigkeit auch sein
Herrenrechi. Sie häiten es nichi zu sagen geouusst, wat sich in
» sifsrH iisd -fs losf: s,s-sIsl szsss- -
s=----- ----- --- -=---- -- =s--=p zl lhrem Herrn geändert hatte,

-- hß--
Fber der Amimann und der Jstitiarins erkannten. wn ge-
ß schehen war, und hatten in ihrer richtigen Voraussicht und in
F richtigem Verständnis: des Volkscharakters u d des Menschen-
F herzens den Freiherrn von persönlichem Einschreiten in der
eigenen Sache fern zu halten gewinscht.
E war nichl die Härte der Sirase, ja nicht einmal die
z Art, in der ma die Schhuldigen zum Gest is: gezwuungen,
F gegen welche das . Bewußtsein der Leute sich aufiehnte. Es
F hatie, seit die erste Aufregug in den Pfingstragen voriiber ge-
Fwesen war, lauum einen Menschen auuf den Gitern gegeben, der
ß das Geschehene nicht bedanerte und der nichi der vollen Mei-
, nung gewesen wäre, das es bestraft werden, schwer besiraft
s werden und die Strafe hingenommen werden müsse. Hätte der
p derr Juustitiarins den des Todtschlags schuldigen Stephan in
ßKetten nach der Stadt geschickt, hätte er den Stellmacher. der
lnach der Aussage des Kochs diesen niedergeworfen und miß-
Fhandelt hatte, schließen, ihn bei Wasser und Brod, wie der
j Freiherr es gethan. in das seit Jahren nicht mehr benuzte so-
f genannte Verlies einsperren, und den blödsinnigen Burscheä,
, der den Herrn Caplan verwundet, von dem Büttel peitschen
j kassen, sie wüeden es hingenoumen haben, ohne mehr denn
j gewwöhnlich zu murren und zu' llagen; denn der Justitiarius
, wgr dazu da, auuf das Necht zu sehen. Er handelte nicht fir
, ä Seinige, er war dem Herrn verantwortl.ch und ward dafür
, ezahlt, auf des Herrn Vortheil und Zkommen zu achten so
F gst wie der Amtmann. Er konnte nichts verzeihen, er konnte
, nichts schenken, er konnte und durfte nicht Gade fie Necht
nrgehen lassen. Aber der Herr konnte es. dem Herrn hatte
j Temand zu befehlen, er war Niemandem verantwortlich, er
, hnnte Erbarmen haben -- und er hatie kein Ecbarmen gehabt.
= - Ein Wunder war das, wie die Leute meinten und es zu
Lander sagten, freilich nicht; denn was wissen bie Neichen und

-- - 17-
Vornehmen von der Noth und der Sorge des Armen? Ob,
der Freiherr da war, ob er lebte oder starb, seine Frau un
sein Sohn wohnten in dem Schlosse, Wald und Feld, Wiese
und Höhe gehörten ihnen. Seit Menschengedenken war e?-
ihnen von Vater auf Sohn so zugefallen. Ohne daß sie die,
Hand rührten und den Arm bewegten, war ihnen Alles in den
Mund gewachsen und sie hatien nach Keinem zu fragen gehabh,.
und gethan und gelassen, was ihnen wohlgefallen. Wer hatie
denn den gäsdigen Herr zur Nechenschafl gezogen, al? die
Pauline in das Wasser gesprungen war? Ob man einem-
Menschen in der Hize des Augenblicks das Lben nimmt, oder,
ob man ihn langsam dahin bringt, das: er es sich vor Ver-!
zweiflung selber nehmen mus:, das sei wohl das Nämliche, ja,
das Leztere sei im Gruunde schlimmer. Denn die fremde Kam-;
merjungfer hatte ihr ehrliches Begräbnis: gehabt, und die arme?
Pauline, die guter Leute Kind gewesen war. wie nur Eine,!
war ohne Sang und Klang als eller Leichnam auf einem unF
bezeichneten Plaze in der Ecke des Kirchhofes eingescharrt worden,
hatte mit ihrem Selbstmorde ihrer Seele Seligkeit verscherz,
und selbst das Haus hatte man niedergerissen. worin sie einltj
gewohnt. Wenn das nicht eine Siie und ein Verbrechen gesj
wesen war, dann war nichis Sünde; aber freilich, dem Armenj
sieht man auuf die Finger und dem Reichen durch die Fingezß
und dem armen, gedrickien und geplagten Menschen wird daks
Herz zulezt so voll gemacht, das er sehen muß wie er sichßs
befreit, wenn finn ihn nicht Erbarmen zu finden ist. wo er s
zu suchen hat.
Den ganzen Tag hindurch standen die Thüren im Anges
und in der Pfarre nicht still. Die Leute kamen, um vor Lei?j
densgefährten sich auszusprechen. Sie wusten gut geng, daß,
der Amimann und seine Schwester sich über die Herrschafiau!
zu beschweren hatien, sie wusten. das: es dem Pfarrer und

Jeiner Frau hart ankommen wütrde, die Pfarre zu verlassen, sie
Joften von der Unzufriedenheit der Gelränlten Aufmunterung
für ihre eigene Erbitierung und ihren Haß zu finden, und wenn
sie sich nicht nach Erwarten aufgenommen fanden, gingen fie
mit erhöhtem Widerwillen und neuem Grolle von dannen, denn
sie sagten sich: Was schiert's im Grunde den Amtmann und
deu Pfarrer, was aus uns wird? Der Antmann hat sein
Schäfchen in das Trockene gebracht, und z. leben hat der
Pfarrer auch. Sie sind Einer wie der Andere, es hat keiner
ein Herz im Leibe fitr des Armen Noth. Sie treten Alle,
Alle auf den Armen. Aber auch der Wurm lrimmt sich und
sticht, wenu er's vermag, er muß nur den rechten Fleck und
den rechten Auugenblick abzupassen wissen.
, Es sah iibel aus in der Herrschaft! Da alte patriarcha-
Jsche Verhältniß, auf welches der Freiherr so stolz gewesen,
Jvar nach allen Seilen hin bis auf den Gru zerstört. Er
fühlte sich geschieden von seinen---, er hatte das Bewußt-
Npiioi
lsls
z - =- äiebe und Verehrung eingebüsßt, ihren Haß auf sich
l.s= s
seladen zu haben, und sie wargn ihm verhaßt geworden. Der
Almtmann begann die Tage zu zählen, die er in dem ihm jezt
hö lästigen Dienste noch zu verleben hatte, Eva konnte es kaum
ßrwarten, sich und Herbert und den Bruder von jedem Zu-
Famenhange mit den Herrschafien frei zu sehen; der Justitiarius
Fjßerseits fand sich durch das persönliche Einschreiten des Frei-
ßrn in seiner Amtswürde beeinträchtigt, und in der Pfarre
har man eigentlich am niedergeschlagensten, denn nichi allein
Fr sich, nein, für die ganze Gemeinde fiürchtcte man dort das
Feerne.

Kapitel 14

Vierzehntes Capitel.
Ilaheeud dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage s
in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geisilichen Berathers. ?
Man hatte ihr im Garten unter den großen Bäumen ein
leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom Morgen ?
bis zum Abend weilte. Die Nhe der bevorstehenden Trennung
machte die Freundinnen nur des Glickes bewußter, welches sie,
jetzt genossen, und doch meinte Seba zu fiihlen, das; Angelila ?
sie in einer ihr sonsl nicht eigenthümlichen Weise beobachte, daße
sie ihr etwas sagen wolle, etwas auuf dem Herzen habe, und eK?
im Hauuse war, das Ge-
fiel ihr auf, das: sie, seit der Caplan
spräch so häufig auf religiöse Fragen
die sie sonst geflissentlich vermieden
Familienverhältnissen sprach sie jezt
und Gegenstände richtete, j
haiie. Auch von ihren;
noch öfter und noch rückF
haltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein Zeichenz
ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba überhaupt beH
dinten, als suche die Baronin jezt geflissentlich ihr nahe unß!
näher zu treten, als walte neben dem natüürlichen Zuge ihresß
Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war, wie gesagt.j
regelmäßig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wemn,
die Baronin in seinem Beisein der geisligen Wandlungen geßj
dachte, die sie erlebt, wenn sie des Trostes erwähnte, den sej
in dem Anlehnen an einen unsichtharen Helfer und in demß
DA nr

hatie er sich iroz seiner Zuurückhaltung bald genug in das Leben
der Flies'schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der
Eltern und der Tochter eben durch seine Zuurückhaltung gewonnen.
Er besas; alte Bekaunte und Freunde n der Siad:, hatte
mit seinen geisilichen Amtsgenossen, der:u es mehrere an der
katholischen Kirche des Ortes gab, von Aiters her Verkehr, und
da er aunszerdem in den Morgensluunden die Bihliothelen zu be-
uchen pflegte, während auuch die noch immer nicht aufgegebenen
Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten,
waren Seba und die Baronin nach den erstcn Morgenstmden,
in welcheu Angelila mil dem Caplan die gewohnten religiösen
Betrachtungen wieder aufgenonmen hatte, sich bis zum Mittag
selber überlassen.
Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter
lange und ruhig plandernd bei einander gescssen. Man erwartete
gm folgenden Tage das Eintreffen von Mamtsell Marianne,
und die Heimkehr der Baronie sollte dann in kleinen Tage-
reisen vor sich gehen. Die Freuundinnen hatten die Möglichkeit
eines Wiedersehens besprochen, das duurch den Umzug der
Flies'schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward;
gin ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden, als die
Garonin sich erhob, um. auf Seba's Aru gestiizt, in den
Hängen des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei
hnige der Nchbarhäuser sehen; die Varonin wollte wissen, wem
ße gehörten, und plözlich den Kopf nach dem Flies'schen Hause
zurückwendend, fcagte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite
hes Gartens gelegen wären.
;- Herbert's Zimmer? Also Sie wuusten es, das er in
ßnserem Hause wohnt? eief Seba und wurde roth, als habe
He sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue üe den Ausruf.
; Zweifeltest Du daran ? entgegnete die Baronin; s.,, da
.?
ßn ich scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der

- 1e----
Sorgfalt, mit welcher Ihr es vermiedet, Herbert's vor mir zu;
gedenken, daß Ihr Alle wußtet, was ich fir ihn empfunden'
habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagen -=
T. F -- b-»== « == -
Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie
schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen
glänzten, obschon dio Lder sie verschäil l edeckleit, ihr Mund
lächelte, während der Schmerz ihn leise unspielte, und es lagen
in ihrer Stimmme wie in ihremn ganzen Auddrucke eine Uuschuld
und Wahrhafiigleit, die evas leberwältigendes sir Seba hatien.
«p habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das
N,
Wort: denn schön, wie die Empfindung war, die mich zu
Herbert zog. war sie mir nicht mehr erlaubt. -- Sie hielt
wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir,
das mich rührie; es waren seine Jngzend und seine Waruy
herzigkeit, die mich zu ihm zogen. Ich trug eine Sehnsucht
nach Liebe in der Brust, und ich vergas, das; Goil nich j,dem
Menschen die Erfüllung seiner Wüusche finn zuträglich erkent.
Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glück
erkennen, welches Gottes Rathschluß mir zuertheilt hat, und ich
habe noch immer Stunden, in denen ich ohne den Beistand
meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen
könnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in
seiner Nähe mit neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel
gelernt, als ich mich ihm verfallen glaubte, und ich habe mit
Gottes Beistand noch Vieles zu vergiten in der Welt. Auch
Herbert habe ich Unrecht gethan und will versuchen, es ihn ver-
gessen zu machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wieder-
siehst, und -- fügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzu - Du
sollst es wissen, Dn ganz allein: ich fürchte, ich werde daran
ferben, daß ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht

init einander zu vereinen, das; ich mir niht genilgen zu lassen
wußte.
Seba hätte ihr Muth einsprechen mögen, aber sie vermochte
es nicht. Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost
erhaben zu sein, und die Baronin hatte es auf einen solchen
auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Sebn's Hand, schloß sie
in die ihrige und jagte: IIch wollte Dir d gern sagen, liebe
Seba, duit Dn siehsl, wie sehr ich Dir verirane, wie ich Dich
liebe und lein Geheinnis; vor Dir haben will! Aber -- und
sie schlang ihren Arm eit mädchenhafier Zärtsichleit um Seba's
Nacken --- auch von Dir, Liebe, weiß ich mehr, als Du mir
anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sugen,
ehe Mariaune morgen kommt und ehe wir von einander gehen!
Seba bog sich zuriick, daß sie sich von dem Arme An-
gelila's freimachie, sah sie mit starrem Auuge an und sprach lal!
und tonlos: Sie wissen Nichis!
Doch, Lebe, ich weis:! sagte jene, die nicht fassen konnte,
was mit Seba vorging.
Aber diese ergrif die Hand der erschreckten Frau, und sie
eben so schnell, als sie dieselbe erfaßt hatte, wieder von sich
stoßend, rief sie hart und fest: So vergessen Sie, was Sie wissen!
Die Baronin verstummte; Seba sah sinster brütend vor
sich nieder. Sie hatte es wohl vernommen, wie Angelika ihr
zmaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Dun gegönnt;
zsie hatte sich dessen gefreut, sie war gerührt worden von der
Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt
atie, um das ihrige zu erhalten. Nie hatie ihr Herz sich mehr
befriedigt, nie hatie sie sich glücklicher, als in ber Lebe dieser
Frau gefihlt, und eben durch das fliichtigs Glick heraufbe-
Fchworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit plözlich wieder
dämonisch vor sie hin. Sie kämpfte einen bittern, schweren
Fampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem

=== h F 1ß===
Leben ihr Herz zu entlasten, die Schen es auszusprechen, was,
sie erlitien und gefehlt hatten, und vor Allem die Sorge, der
kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen,
welche fir sie, finr Gerhard's Schwester, schwerer als füür jeden
Andern zu tragen sein musßten, stritten in Seba's Inneren mit
wechselnder Gewalt, aber die Liebe fitnr Aigelila trug iiber jedes
selbstsichtige Verlangen den Sieg davon, und makt und wie
erschössi von ihrem stillen Nigen und Sellstiberwinden, sagte
sie: Die Sluude isi uun buu, vor ber uir osl gzelangzl hal und
in der ich aus Deine Lele verzlchlen oder sordern ms, wad
nir grosie Liebe gewähren lanni! Glaube, dass ich nichi unwerth
bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich würdigst;
glauube, das; sie mein Glick, mein höchstes Gul sind -- aber
frage mich Nichis!
In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin
sizen. Aiigelika war auf eiuen solchen Ausgang nicht gefaßt
gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin mischte sich ein
Gefühl der Kränkung. Sie war es nicht gewohnt, sich zurück
gewicsen zu sehen, und was konnte, was mußte zwischen ihrem
Bruder und Seba vorgegangen sein, das diese vor der Er-
innerung mit so kranker Scheu zurücvich? Sie mochte die
Gedanlen nicht verfolgen, welche sich ihr aufdrängten, und
beiden Frauuen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen,
der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten
des Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und.

diese nun beide der Baronin zugänglich zu machen hatte.
Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder
ein direktes Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und
on
ich sollte meine Leiden nicht segnen, ich sollte nicht erkenn..
das die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat und daß se
und fir unsere Schmerzen himmlische Belohnngen zu bereiten
weis;! rief sie, während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer

g r r:
=- - g, F ! ======
z Eltern an -«- - =--- -== -- und ihre Augen in Freuden-
isss-s- Csznnois dz.-Gs,,-:
chränen glänzte-- .-- -=u. rs ß- ==-===== -=usgleichungen
zis;s isi ssdwslie; Hs
z ,-
sis-
F und Herzensirosi, wenn man desselben eben nönhig hat! --
Sie mochle kaum bedenken, wie wwehe se Seba .- -----
iisis d.i--spis
ß ===-- -=, denn die ganze Rücksichislosigkeit des Gllickes war
M,zssis sshs
k über sie gekonmen; aber der Caplan sah die Niedergeschlagenheik
d .
h f, --dches Vene. d es eniging hm eben so wenig.
APs;
z =-s dne Baronin dest Auedruue! ihhrer Frende nichi so anis-
schliesAlich wie sousi uun ihre Freuundin riclele. Ed muszte elwad
z zuschen ihnen vorgesallen sei, es uuste sic ein Zviespalt
; zz=n ihnen aufgelhan haben, und dem: Geistlichen kam dies
l5-as
T usi HoHssb
F =- --=uuscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden,
F eines Zweislers h.., selbsi wenn er seine Meiugsauserung
, zn=uhalk, immer ihre Gesahren fitr die Nuhe eines Herzens,
-,
F dak man in den Banden des zweifellosen Glaubens und in den
ß geistigen Schran-- - zuhalten ----=-- i welche der kirchliche
sü»ss '
s,nis s.-ss -
ß As-i--
g =---zg die Seelen bannen muß, um seine Gewalt ütber sie nicht
sßz -=-=i und ohne den -zhein d.. - engier auf sich zu
s .
o=- H
iozlsfzpi
? l=.; hatie der Caplan dennoch in den verschiedenen Unter-
edoss
sss::
z z=lgen mit Madame Flies und mtt der KriegDp-- --l
.-?ss.iss doös
F Namen des Manies erfahren, welche. a.ba geliebt hatte. Er
s .-
S z-ev
p === -. wwie Seba's «aa;es sich ihm -.d gab, z- -e1 =-=- --
N.?
Ks.
sis
sz- ?-
z überzeugt, das sie dem Grafen näher gesianden, als ihre Eltern
ß und ihre Freunde wsten, daß sie.=-« nschuld an ihn verloren
- s.-= 1
sps i
P8=- uund das: eine Feslig ---- --»geschlossenheit wie die
-»,-is issd 9ss.s
Fihrige nicht aus einem jngfraulich unentwoeihten Herzen er-
fdachsen konten.
Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die
ßFreundinnen aeaen einander agenblicklich hegen, seinen Ab-
ß schten entsprach, war die Versöhnnng mit ihrr Famil =--
s sli-ii
eRls Kf,sl=- s..K,sifslb
F1e u-- - ==--e, 1a - ib-us- =«, ob in diesemt Falle
b- =i- si-i sl,
F' eß nicht geboten sei, die Freudschaft und den Zsammenhang
? s z.Lewald. Von Geschlecht zu Geschlech. 1.
Ds-
z es

-- -- 17---
seines Beichtkindes mit Seba zu begüünstigen, um in dieser ein
Gegengewicht gegen den Einfluß zu gewinnen, den der erneute
Verlehr mit ihrer Familie auf die Baronin anszuüben nicht
verfehlen konnte. Er hielt es fir wahrscheinlich, das; die Gräfin
Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter
ihres Juuweliers sehr auuffallend finden und nicht billigen wüürde;
er sah es voraus, daß bei den Grade von Selbstständigkeit,
den die Baronin eben jezt gewonnen hatle, ein Widerspruch
ihrer Familie sie nur fester an Seba binden mitsse, und er hielt
es fiür gut und heilsam, wenn sich gleich Aufangs irgend ein
lrennendes Element zwischenn sein Beichilind und dessen prote-
stantische Angehörige stellte, wenn dem Herzen der Baronin auch
von dieser Seite kein volles Genilgen gebolen, wenn ihr viel-
mehr Hidernisse und Beunruuhigungen in den Weg gesiellt
wurden, welche zu beseikigen. zu beschwichtigen und iragen zu
helfen, sie ihres religiösen Glaubens und seines Beistande?
nöthig haben muuuszte.
Da der Freiherr . von dem Ermessen
Aa
von den a.ülnschen der Baronin abhängig
welcher Weise das Wiedersehen mit ihren
=
des Gaplans und
gemacht hatie, in
Eltern auusgeführt
werden sollte, erklärte Angelika sich sofort bereit, auf den Vor-
schlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter
holen zu kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo
der Vater sie erwarten und wohin die übrigen Familienmit-
glieder sich erst begeben sollten, wenn das Befinden der Baronin
ohne Nachtheil den Verkehr mit einem größeren Menschenkreise
zulassen wülrde.
s
Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und daE
Anerbieten der Gräfin überbracht und sollte den Bescheid de;
Tochter mit zurück nach Berka nehmen. Der Graf hatie ihm,
einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr des ersten;
auf halbem Wege erwwarten sollte, um dann mit dem Relais«

17
pferde den ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich
in die Hände der Eltern zu bringen. Am Abende des nähsten
aages lonnle er in Berla, am Morgen des fiinften Tages
konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein.
z Die erste Freude keunt nicht Raum, nicht Zeit; sie über-
flügelt beide, um dann in sehnsiüchtiger Ermidung das uner-
bittlich gleichmäsige Fortschreiten der Secunen desto schwerer
zu empfinden. Sie leui Nichts, als i=- .l, und vergißt mit
üs- 9.
erbarmungsloser Gleichgiltigkenl, was hinler .,. liegt, was sie
- il.-
mich von ihrem Ziele irennt uid was sie opfern musi, es zu
erreichen. Nuir Ei:n Gedanke, nur Eine Emnzsfindung waren in
Fer Baronin mächiig: das Glick isber die ihhr bevorsiehende
Vereinigung mil ihren Eltern ud Geschwistcrn.
Das; sie sich von ihren Pflegern kreunen, dasß sie Seba
wverlassen muste, schien ihr völlig zu entfallen; sie schien sich
-nicht zu erinnern, wie ihr vor dem Abschiede gebangt, wie sie
noch vor wenig Siunden alle ihre Hoffnug darauf gerichtet
His-
-=---, sich den Znsammenhang mit der Freundin zu erg=----
-s,-lf.ss
Fwor der kein Geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung
gewesen war. Selbst der Zurickveisng, die sie erfahren, ge-
,dachte sie in diesem Agenblicke nicht, und Seba liebte sie zu
,sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin
zdurch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen.
Angelika haike beabsichkigt, u ihren Zimmern Nichid rüühren
T
;und Nichts einpacken zu lassen, bis Marianne dies thun könnte;
ezt ließ die Ungeduld sie nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern
Felbst geschrieben ud den Caplan beaufiragt, den Freiherrn,
Fnit genauer Angabe der getroffenen Verabreduungen, von ihrem
Fntschlusse in Kentnis zu sezen. Mit dem Kalender in der
As:b lss sss- -s.
F-- =-== - - age gezählt, welche bis zu ihrer Ankunft
Fn Richten noch verfließen musßten. Man hutie die Nacht-
gtartiere ansgewählt und die Maßregeln so geiroffen, daß mit
g5-
zch s

-- 1Z0 --
der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auuch die Benach-
richtigungen an die verschiedenen Gasthausbesizer mitbeförderi
wurden, und kaum waren diese Geschäfte abgethan, so verlangte
die Baronin, selbst Hand an das Einpacken wenigstens der kleinen
Geräthschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen pflegte.
Da sie zu schwach war, sich längere Zeit stehend zu erhalten
und in den Stuuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Scha-
tullen und Käsichen zu, holie die verschiedenen Gegenstände;
welche Angelika nicht mehr nöthig zu haben glaubke, herbei, und
dle Baronni:i lal innd sorderle, esliiule und begehhrie, svickelie
ein und packke und war so von ihrer Arbeit hingenommen, daß
sie es gar nicht bemerkle, wie Seba slill geworden war und
welche Traurigleit sich über sie gelagerl halle.
Auf den Wunsch der Baronin muste der Caplan hinunter-;
gehen, um Herrn Flies und seine Fra von dem Geschehenen
in Kenntnis: zu setzen. Sie lamen beide herauf, es wurde Alles
noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer Wirthe,.
sie bald scheiden zu sehen, rührte die Baronin und erweckte ihre;
ganze Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's,
Eltern, sie sprach auch dieser zu, aber es war elwas Nasches,!
Flüchtiges in ihrer Weise, es war der Ton nicht mehr, den,
Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit auf-
steigendem Zweifel fragte sie sich: Hätie ich auch sie vergehen
geliebt?
Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatteß
sie zu der Baronin beschieden, ohne sie von dem geschehenenz
Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr ganzes Leben zugesß
bracht, in Kenntiß zu sezen, und es kostete Mühe, sie zu be-F
ruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei schn;
nahm augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewiß-?
heit, daß sie ihrer Herrin nothwendig sei, die Trennung von?
der alten und den Nebergang in die neue Heimath zu ersezenä

--- IZ!--
Marianne that ihr Bestes, aber fiür sie war dr Absiand, welcher
die Nichte ihres Fräulein Esther, die Freifrau von Arten-Richten
von den Personen trennte, m deren Hause sie ihue Frau Barcnin
zufällig antraf, ein gar zu groser. Sie konntc sich nicht darin
v=t, die gnädige Frau ohne ihre Dienerschaft zu sehen, es lränlie
slss.s
sie, wenn nicht ein Kaunerdiener, sondern Seba der Baronin
den Tisch bereitete und die Speisen zutrug, und S beleidigte alle
ihre Vorstellngen, weun Angelika, was sie jezt immer ihat, die
Freundi Du hies; und ihr mit Schmeichelnamen und mit den
seenidlichstei Worlen: sir ilre Dieisle daikie. nier deiu Vor-
wande, ihr die Mihhe abzuuehhmen, strebt. -iarianne danach, Seba
. )
von diesen Thuun zuriickzuhallen, und die Baronin sellst ersuchie
die Freundin auus Ricsicl siir Mariaune, die alle Dienerin walten
zu lassen. Seba erkannte und ehrte die Beweggri nde Angelikn's,
aber mit den feinen Sinnen eines zärtlichen Herzens empfand
sie, wie mil de Hinzulommen von Maiusell Mariaune eine
is----= --t zwischen sie und Agelila geireten sei. Sie mußte
NN1.s
sppsssd
eine stumme Zuhörerin machen, wenn Marianne von den zahl-
reichen Verwandten und Belannten der Häuser von Arten und
von Berka erzählte, die in der Residenz ansässig waren, wenn
sie von der Herrschaft sprach, die zu ihres Fräuleins Zeiten in
das Haus gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren,
als diese die Residenz bewohnte. Sogar die feierlich unter-
würfige Art, in der sie zu der Baronin redete und mit der sie
sie bediente, fiel Seba auf, und während sie sich bis dahin des
Gedankens erfreut hatte, das; Angelika es in ihrem Hause und
?.
Z in ihrer Pflege so gut als möglich gehabt habe, fing es sic zu
- beunruhigen an, daß sie doch Mancherlei entbehrt hab.. --une,
z« 7K
und das that ihr wehe. Sie kam sich arm vor, weil sie fürchtete,
daß sie nicht Alles zu schaffen und zu gewährrn vermocht habe,
was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger
- N.=-i.:s
=====«-hnten nicht gelannten und also a=g --=- ==-uuSgesehenen
pß zfspszf nmee

--- 18F----
Bedürfniß gemacht. Der Dank Angelila's, den sie bis dahinj
mit gutem Glauben aufgenouuen hatte, begann sie zu ängstigen,s
aber die Baronin, die sonst mit höchstem Verständniß jeder!
Regung in dem Herzen der Freundin zu folgen pslegte, hate?
jetzt keinen anderen Gedanken, als den an ihre Mutter.
Es war schon spät am Abend, als die Gräfin Berka, an
dem festgesezten Tage, vor dem Flies'schen Hause vorfuhr. Man
haiie Angelika willfahren und ihr das Wiedersehe der Mutier,
gleich nach deren Ankuft gestatten mülssen, um der sie auf-
rrzze lmuii Ssuinliisigz isni ' i wiul lisigz e li isin zl siiüiihhrii. Selg
halle die Gräsin zu ihrer Tochler hinausbegleilei, sie halle ge,
sehen, wie sie einander in die Arme gesunken waren; dann hatie
sie sich entserni. Mehr als eine Stunde war vergangen, ehe
die Baronin durch Mausell Marianne den Caplan zu sich be-
scheiden und daun auuch Seba und ihre Eltern biiten liesß, sich
zu ihr zu bemüühen.
F
Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie?
hatte manche Bestellung, manchen Einkauf bei ihnen gemacht-
und sie immer für rechtschaffene Leute gehalten. Sie erinnerte?
sich, das; Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt habe,
und wußte es ihnen recht sehr Dank, daß sie sich der Baronin
so eifrig angenommen. Aber es dünkte ihr so natürlich, daß
eine Familie wie die Flies'sche sich eine Pflicht und eine Ehre
daraus machte, der Baronin von Arten beizustehen, sie fand es
so selbstverständlich, daß Seba sich glücklich füühlen müssen, ihrer
ochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu dürfen; und es?
waren nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schätzte und ?
anerkannte, sondern der richtige Tact, mit welchem diese sich
zurüczog, seit die Gräfin ihre Stelle neben der Tochter wieder
einnahm.
Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt.;
Sie fühlte es, wie die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter

-- h8Z---
ihre Gastfreunde und vor Allen Seba kränkei muste, sie hörte
so gut wie diese das Absindende und Veralschiedende in dem
=-nkesworte der Gräfin; aber sie mochie die Mutier nicht
D=
tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagle
--==-- -hr in diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu
s-s-s ?
h»?
aülären, welch lebhasle Neigung, welche Fr-undschafi si: fir
Seba fühlie, und Seba's Verschlossenheit hutte sie in ihremn
eigenen Eipfinden irre gemachk.

Kapitel 15

zeüünfzehnteä Capitel.
z
Jalie Nacht verging der Baronin nicht gui. Die Freude
==
hatie sie zu schr aufgeregt, die Erinnerungen langer Jahre hatten
sie zu mächtig bestiürut, die Nhe ihrer Mutier halte ihr nach
dem ersten Aufwallen der Freude und der Rührung es fühlbar
gemacht, welche Wandlungen i uund mit ihr vorgegangen waren,
und was der Freiherr durch rasches Nachdenlen in sich zum
Bewusßtsein gebrachi hakte, jene Einsicht, das: lange Trennungen
eine Nückkehr in die friiheren Verhälinisse unmnöglich machen,
das bewies sich für die Baronin durch das Zusammensein mit
ihrer Mutter.
Der Caplan fand sie, als er am Morgen zu ihr kam, in.
einer Niedergeschlagenheit, die sehr gegen die freudige Erwar-
tung der vergangenen Tage abstach, und ohne daß er sie darum
zu befragen brauchte, schilderte sie ihm den Kampf in ihrem Herzen?
eroz der Herrschaft, welche ihr Gaite iber sie ausgeibt, hatten,
die Jahre und die natürlichen Verhältnisse sie an eine Selbst?
bestimmung gewöhnt, in welcher sie sich durch die Gräfin in jdeng
Augenblicke beschränkt fand. Weil sie mit ihrer Mutter, seii'
sie ihr Vaterhaus verlassen, ntr einmal und wenige Tage bei-
sammen gewesen war, und weil diesem fliichtigen Peisammensein
eine durch lange Jahre fortgesetzte Tremning gefolgt war, hatte.
sich Angelika's Bild in dem Herzen ihrer Mutter nur in ihrer
mädchenhasen Geslall, nur in deu löchierlichen Verhältnisse er-
halten, und mit der Tochter wieder vereint, hatie die Gräfin,

-- 1ZJ-
Fo ohnehin die Krankheit Angelila's dazu verlocte, sich der
ßestimmung iüber sie, wie eines ihr unter allen Uuständen ge-
zührenden Rechtes bemächtigt. Wer aber einmal der Zucht und
Feitung entwwachsen ist, fühlt sich von ihr beengt, und am schwersten,
Jwenn sie sich auf Kleinigkeiten und auf die freie Bewegung
znnerhalb gleichgilliger Dinge ersirect. Es ängsligre Angelila,
Jwwenn die Muiter ihr Dieses rieth und Jenes geboi, sie Dieses
hun und Jenes lassen hies, während sie wahrscheinlich aus
Freiem Antriebe das Gleiche gethan haben würde. Sie fand
Fich zu einem Widerspruche geneigt, den sie sich zum Vorwurf
Anachte, und zwang sich zu einer Füigsamleit, die ihr schwer
Fel, weil sie sich sagie, das: ohnehin eine Trennung zwischen
Jhr und ihrer Mutter obwalie, iber die kein guuter Wille ihnen
Fhinweghelfeu könne und die schmerzlich anzudeuten die Gräfin
ßicht uteriasseu hatie.
ß Angelila halte es deutlich gesehen, das ihre Mutier sich
Jerletzt gefihlt, als jene sie gebeten, erst um elf Uhr zu ihr zu
Fommen, da sie die Gewohnheit und das Bedüürfniß habe, die
FStunde von zehn bis elf Uhr mit dem Caplan zuzubringen,
Jund eben so hatie di? Gräfin es nicht zurickhalten können, daß
Zhre Tochter in dem Ausdrucke ihrer Dankbarkeit und Freund-
Fchaft gegen die Flies'sche Jamilie ihr zu weit zu gehen scheine.
Fdas Alles hatie Agelika verstinmt, und auch über Seba be-
ßhwwerie sie sich endlich.
, s Der Caplan hatte ihr ruhig zugehört. Als sie ihre Mit-
jlheilungen abbrach, sagte er: Erkennen Sie in dieser neuen
jörfahrung, meine iheure gnddige Fran, wie häufig der Mensch
Fn seinem Wünschen irrt, wie wenig es seinen Erwartiungen
hgtspricht und seinem Glicke dient, wenn die ersehnte Erfillung
Fhm gewährt wird. Ich finnchtete es, daß jene ausschließliche
Futterliebe, die ihr Kind allein besizen, die es selbst mit seinem
jöotie nicht theilen mag, Sie beunruhigen wirde, und es ist

--- 18ß ---
gekommen, wie ich es voraussah. Nehmen Sie diese Erfahrung
als eine Erkennnis; hin, die der Himmel Ihnen darbietei, und
fügen Sie sich der Frauu Gräfin in dem Gleichgiltigen, in dem
Unwesentlichen, um desto fester Ihre selbsterworbene und selb-
ständig bethätigte religiöse leberzengung zu behaupten. Verbergen
Sie sich vor der Frann Gräsin weder mi! Ihren abweichenden
Meinungen, och mmii jenen religiösenn Nebuungzen, welche unsere
Kirche uns auferlegt, und auch in Bezug auuf Ihre Freundin
thun Sie Ihrem Empfinden keinen Zwang an. «.. Dan!-
.
barleil isi eine heilige Pslicht, aler eine noch erhalenere Auf-
gabe ist es, dem Irrenden die Hand zu reichen und dem Men-
schen, dessen Auge verduunkelt ist, dasß er sich selber nicht zu
erkennen vermag. ein Fihrer und eine Stiitze zu sein. Ich
billige und lobe es, das; Sie sich Seba in Ihrer Weise näherten,
das; Sie sie an sich zogen und ihr Verirauuen zeiglen, um Ver-
rauen zu gewinnen; nur vergessen diürfen Sie es nicht, daß
dieses reichbegabte Mädchen von Jgend auf sich selber über-
lassen war, das: ihr der geistige, der göltliche Anhalt fehlte, dessen
wir uns rühmen und getröslen, und dasß sie also leichter als
viele
hin.
dem
Adere vom rechten Pfade sich verirren konnke.
Eine dunlle Röthe, ein Erschrecken flogen iber die Baronin
Halten Sie es fie möglich.. ! rief sie und wagte nicht,
r
mild. Ihre Freundin Seba ist zu groser Lebe, zu großer
Hingebung geneigt, und unsere jungen Edelleute - einen jungen
Cavalier bezeichneten Sie mir ja aber als den Gegenstand von
Seba's Neigung -- unserer jungen Edelleute Sitten sind nicht
streng. Wer lann eö wissen, ob es dem armen Mädchen nicht
unmöglich ist, Ihr Vertrauen zu erwiedern, ob es sich nicht
verbirgi, aus Furcht, Ihrer Lebe verlustig zu gehen? Haben

--- 1?--
FSle Geduld mit ihr und weisen Sie sie uun ihres Schoeigens
l willen nicht zurück
!
Die Baronin hatie die Hände umvillkitrlich gefaltet. Sie
, konute sich in die Anschanuung des Geistlichen nicht gleich finden,
f deni sie hatte Seba immer weit iiber sich gestellt, haite in ihr
F das Urbild weiblicher Herzensreinheit geliebt und verehrt, und
sallte sie jezl plöhlich schuldig, sollie sie sich in einem sträflichen
Zusammenhange mit ihrem Bruder denknn. Sie wollte diese
-Vorstellung von sich weisen, den Caplan eines unbegründeten
- Verdachtes zeihen, aber es stimunle so Vieles zusammen, es er-
klärten sich mil dieser Voraussezung fir die Baronin plötzlich
, einzelne auffallende Erlebnisse, die sie mit Seba gehabt hatte,
sie lonnnte den in ihr erweckten Zweifel an der Unschuld ihrer
Freundin nicht mehr unterdrücken. Weit entfernt jedoch, sich
dadurch von ihr losgetrennt zu fihlen, stieg ein sie überwälti-
,gendes Mitleid für Seba in ihr empor und erhöhte und erhob
, die Lebe, welche sie bisher fir sie gehegt hatie.
Der Caplan störte sie in diesem Empfinden nicht. Er
hatte ohnehin ihre Achtsamkeit auf andere Vorgänge zu lenken,
denn man durfte der Baronin die Nachricht von den in Richten
geschehenen Ereignissen nicht länger vorenthalten, wann man sie
F nicht gleich nach ihrer Ankunft einer Erschitterung durch irgend
s .
eine zufällige Mittheilung derselben aussetzen, und wenn man,
Fworauf es dem Freiherrn besonders ankam, den gräflichen Eltern
-die Kenntniß gewisser Verhältnisse entziehen wollte.
Alles, was sie hören und erfahren mußte, steigerte mit
Eden Sorgen der Baronin ihr Verlangen, bald wieder in ihrer
ZHeimath zu sein. Sie hoffte ausgleichen, vermitteln zu können;
Jdie Aufregung, in welcher sie sich befand, täuschte sie über das
Maß ihrer Kräfte. Sie entwarf Plane fir eine völlig neue
Lebensführung, sie trante es sich zu, ihren Gatten allmählich
zzu einer solcheit überreden zu können, sie wlnschte vor allen

-- 1ZZ--
Dingen die Entfernung des Pfarrers zu verhüten, und wie sie
noch vor wenig Tagen die Ankuunft ihrer Mutier ersehnt hatie,
so wünschte sie jezt, grade wie bei dem ersten Besuche, welchen
ihre Eltern ihr in Richten gemiacht, das; die Amwwesenheit der-
selben erst vorüber und sie in der Lage sein möchte, die von
ihr jetzt fir unerläßlich gehaltene Eimwirlung auf ihren Gatien
zu versuchen.
Die Grusmni bemerlie es, das; Agelila zersireuk war, wollte
den Grund davon entdecken und zeigie sich unzufrieden, alö
ihr dieses nicht gelang. Die beiden Frauen, wie sehr sie ein-
ander auch liebten, lamen sich nicht von Herzen nahe, sie hatten
an einander vielerlei zu schonen, und Angelika sprach es gegen
den Caplan noch an demselben Abende aus, wie sie fihle, daß
eine Frauu, selbst wenn ihre Ehhe dem Jdeale einer solchen nicht
entspräche, ihre Heimath doch ausschließßlich in dem Hause ihres
Gatten, in der mit ihm begriindeten Familie habe, und daß es
sicherlich nicht leicht fir sie sein werde, die Ansprüche ihrer
angebornen Verwandten zu befriedigen, den alten Pslichten zu
genüügen, ohne die neuen zu beeinträchtigen.
Der Caplan gab ihr dies zu. Er sah, daß er von dem
Einfluusse der Berka'schen Familie nichi mehr zu befinuchten
habe, und er war es also, der die Baronin abermals ermahnte,
sich ihrer Mutter so weit als möglich fügsam zu beweisen, der
die Gräfin ersuchte, sich die Freundschaft, welche die Baronin
fin die Tochter ihrer Wirthe hege, ohne Einspruch gefallen zu
lassen.-- Es handelt sich um wenig Stunden, gnädige Gräfin,
sagte er, um etwas Gefälligkeit gegen die schwärmerische Em-
pfindungsweise der Frau Baronin, und es ist schön, wenn die
agend ihre Gefühle fir dauuernd, für unendlich hält!
So ging der letzte Tag vorüber, den Angelika im Flies'-
schen Hause zu erleben hatte. Es gab vielerlei zu thun; die
schöne Zierlichkeit, welche Seba in den von der Baronin be-

-- , Z9---
wohnten Zimmern zuu erhalten gewußt, selbst wähnend die Kru-
kenpflege dem Hindernisse in den Weg gestellt, muste jezt all-
-=gutch zerstört werden. Die Gräfin war beständig an der
zs-K
Seite ihrer Tochier, Namsell -darianne und der Kammerdiener
der Gräfin liesßen die Koffer auf den im Hofe stehenden Ne.se-
wagen schnallen, die Baronin hielt sich ruhig auf ihrem Sesiel.
Sie schien jezt mehr als während ihrer ganzen Krankheit darauf
bedachl, sich z schomne uud ihhre Kräsle zusc uuen zu hallen.
-- ihre -lice wanderlen unher; sie suchien Seba und folgien
W-
hr, und einmal, als die Baronin sich erhoben haite und die
Freundinuen sich in deu Nebenzinuner zufällig c llein befandrn,
s=»g die Baronin ihre beiden Arme um Sebu's Hals, und
ss.e
sie an sich drickend, sagte sie: xas: us einander nicht ver-
loren gehen, glanle an mich, wie ich an =.ch, und laß mich
ed:
hoffen --- las; mich hoffen, daß wir uns einst se wie in Liebe
auch im Glauben noch zusammeufinden! O, das; Du es
-----:-- das selige Gefithl, sich durch die Gnade eines Miti-
sosssfsSss
lers dem Throne des Höchsten zu näher, und all seine Sünden,
all seine Leiden und Schmerzen durch das Vertrauen auf den
himmlischen Erlöser von sich genommen zu fg- -- - =.ike an
ss=s! H=
mich, so oft Du betest, Seba, und so oft ich mich i -=-=--ß
zs C,fsiis
vor dem Heilande beuge, soll Dein Name auuf meinen Lippen
i-. und ich will beten, zu ihm beten, daß - =» =« zu sich
.=- O,-
sis-
nfv i
-=-. uund daß wir einst zusamnen auf unseren Knieen unsere
Hpvn
z -a zu ihmt erheben!
Sie sah schön und verklärt aus, als sie also sprach. Seba
betrachtete sie mit Rührung. Du bist sehr gut, meinst es sehc
D- ----- --=-- -elka, sagte sie, indem sie ihre Hände gefaßt
ui zisii zisis- ßszpA
hielt und ihr tief ins Auge blickte, und ich werde Dich nie ver-
gessen! Denn Du hast mir mehr gegeben, bist mir mehr ge-
worden, als=u ahnen kannst! Las Dir das genüügen; laß es
.

-=- 1 ß--
s
Dir genilgen und liebe mich imter, immer! Was auch kommen!
A
möge, liebe mich!
Sie ging von dannen; die Baronin schaute ihr gedanken-
voll nach, dann knieete sie nieder, nahm das Erucifix Amanda's,
welches sie immner am Halse trug, in ihre Hände und betete
lange und still. Sie nahm Abschied von diesenn Näumen und
flehte Gottes Segen auf das gaslliche Has ihrer Freunde, auf
das ungläubige und der Erlenciung und des Trosies so be-
diirftige Herz ihrer Freundin herab.
Am folgenden Morgen um elf Uhr, so hatie man es
verabredei, sollte die Baronin in dem Reisewagen nach dem
Gasthofe fahren, in welchem die Gräfin abgesliegen war, mit
dieser noch ein Früthstiick einnehmen und daunn fir die erste, ab-
sichtlich sehr kurz bestimmte Tagereise aufbrechen. Von den
Segenswünschen ihrer Gastfreunde begleitet, wollte die Baronin
das Haus verlassen, aber die Trenning von Seba fiel ihr gar
und voll Verlangen, keinen der wenigen ihnen noch
zu schwer,
gegönnten
Augenblicke zu verlieren, vermochte sie endlich Seba
dahin, sie zur Gräfin zu begleiten und bis zu ihrer Abreise
noch bei ihr zu verweilen. Als man in den Gasthof kam, fand
man in dem Zimmer der Gräfin den Tisch bereiis gedeckt. Der
Caplan hatte noch einen Besuch bei dem Propste machen wollen.
und sein Kommen wurde erst nach dem Frihsliücke erwartet.
Die Gräfin war in ungewöhnlich gut. -aune; sie rüühmie
--z- s
das Aussehen ihrer Tochter, zeigte sich auch gegen Seba, ob-
-=: sie dieselbe nicht erwartet hat.. ,undlicher und herzlicher,
sF.
s,- s»-s-
und erkundigte sich dazwischen doch wieder mit solcher Geflissenhei
nach dem Befinden der Baronin, und ob sie sich auch recht
- -=- ---u juhle, so daß Angelika endlich die Frage auf-
s»-F »=s ss-8ss)z- s
warf, ob sie denn heute etwas Besonderes zu leisten habe, weii
die Multer sich so ängstlich um den Zusland ihhrer Kräfte sorge.
Die Gräfn lächelie. Der Zufall hat Dir eine Neber-

---- 19!--
laschung zugedach. sagte sie; fihlst Du Dich ie Stande, sie
ß genieße?
=--
=- mein Vater! rief Angelika, indem sie sich erhob.
? Nein, nicht der Vater, entgegnete die Gräfin, während
Fauf ein leises, von ihr gegebenes Zeichen die Thir: des Neben-
Fimmers sich öffnete und in aller seiner stolzen Schönheit Graf
sGerhard in das Zimmer irat.
Mit eiem Auurufe ser Freuide warf die Baronin sich ihm
Fan die «.st; aber fasl in deuselben Augenblicke wendete sie sich
-
ßum, und ihrer Bewegung folgend, sah der Graf jezt plözlich
Feba vor sich stehen.
Als
? = eich wie der Tod und leines Wortes mächtig.- er
f p-Af
Fnrück. Seba hakie die Ecke des Marmortisches erfnßt, an dem
Fie stand; sie uuuste sich halten, um nicht umzufallen. Die
Baronin war auf den nächsten Stuhl gesnken, di: Gräfin
ßand mitten in demn Gemache und sah, ohne den Vocgang z
Fegreifen, mit Schrecken auf ihre Kinder, und u sich her.
f Was ist das? Nedet, redet! Was bedeutet das ? rief sie,
Fwährend sie sich zur Tochter wendete.
z
z Frage nicht, o, frage nicht! rief diese. Jndessen die Leb-
Haftigkeit der Mutter ülerhörie es, und sich gebieterish zu ihrem
Fohne wendend, sprach sie: Kennst Du dieses Mädchen? Rede,
Fede, Gerhard! Wae ist Dir dieses Mdchen?
z Aber kein Ton von des Grafen Lippen gab ihr Antwort.
Fie von einem Banne befangen, hingen seine Augen an Seba's
Jarrem, bleichem Autlize, an ihrem zuckenden Munde. Er hätie
iehen mögen, aber er konnte die Stelle nicht verlassen; er
hätte sprechen mögen, aber Seba's brennendes Auge schloß ihm
hen Mund und noch immer wartete die Gräfin auf eine Antwort.
s- ee
E =a richtete Seba sich empor wie Einer, der mit Aufbie-
d R

tt cH
ihrem Nachegefihl, rief sie: Was ich ihm war? -- Sie lachte;
daß es den Andern Mark und Bein durchschauerte -- was ichh
ihm war?-- Ein Zeitvertreib für eine müsige Stunde, ein
billiger Triumph noch im Moment des Scheidens, weiter nichts,
weiier nichls! - Gewellel halle er beim Wein in seiner Ga-
meraden listiger Gesellschasl, das: er
mich besizen würde, und
-- hier vor seiner Muller, hier vor
z Os
seiner Schwesler, vo- =-
Angelika, will ich es belennen --
=- -- - =- I? AB
versagle ihr, die verhaltenen ahränen drohten sie zu ersticen,
und plözlich in ein Weinen ausbrechend, das aus den Tiefen
ihres geqnälten Herzens lam, fitgte sie hinzn -- denn ich habe
den Elenden geliebl mit aller Inbruusl eines reinen Herzens,
mehr als mich selbst, mehr als Vaier und Mutker, mehr als
Alles auf der Welt!
Sie halte ihre Kraft erschö;,., sie muste sich niedersezen,
und den Kopf auf ihre Arme legend, die sie auf dem Tische
ausgebreitet, weinle sie mit verborgenem Gesichte.
Auch die Gräfin hatie sich sezen missen; nur Gerhard
stand wie ein Gerichteker zwischen den drei Franen da. Plözlich
erhob sich die Baronin, ging mit raschen Schritte zu ihrem
== -uder, und seine Hand ergreifend, während sie ihn zu Seba
Ma
hinzuziehen suchte, rief sie: -. vergüte! Vergüte, mein Bruder!
z,
Sühne, was Dn an ihrem edeln Herzen gesiindigt hast! Laß
sie die Deinige werden, se, die ich wie eine Schwester liebe!
Aber der Graf wehrte seiner Schwester, und fast tonlos,
so daß nur das Schweigen der Frauen seine Worte hörbar
machte, sprach er: Und wenn ich es wollte - es kann nicht sein!
== hob Seba den Kopf in die Höhe, und ihn mit kaltem
c,
Auge messend, sagie sie, während, den Aern zum Ersiaunen,
ihren Zügen und ihrer Stimme die Ruhe wiederkehrte: Und
wenn Du es wolltest und wenn Du es dirftest-- D.---
, nors

-- ßZ--
gr
Pnöchtest es ...cht! Dent wie könntest Du mir de vertrauens-
P volle Liebe wiedergeben, die ich einst fitr Dich gehegt habe?
a
p ie könnten Dein Rang und Dein Name mich damit ver-
ß sdhnen, Dein Weib, das Weib-- eines Ehrlosen zu werden,
,den ich verachfe, wie ich hn einst geliebt!
Seba! stehie Agelika, slehle die Grifin.
Halie ein! ries der Gr.s, indem er zsamne brechend sich
ß zu den Jisen seiner Melter warf, die sich umoillkitrsich von
F hm wendele.
? Seba regle sich nicht. Mit eisigem Blicke sah sie auuf den
-- Grafen hin, die Stille war entsetzlich, sie kennten einander
F athmen hören. Mit einem Male stand sie auf, sah um sich
F her und schien eioas zu suchen.
Die Baronin erhob sich ebenfalls; sie erricth, was jene
F vorhatie, und nahm ihre Hand, um sie zuriiczuhasten.
ach will fort, sagie Seba mail; meines Bleibens ist hier
Oz
, nich!. -- Sie ging nach ihrem Hut und Shawl.
D darfst, D kannst nicht gehen! versicherte Angelika,
s
, die sich selber kaum aufrechk zu erhalten wsßte.
s
Sorge nicht, ich habe ertragen gelernt! gab Seba ihr zur
, Autwwort.
Sie setzte achtlos den Hut auf, nahm den Shawl um
s
z ihre Schultern und wollte sich entfernen. =a warf Angelika
Zsich vor ihr nieder, und die Hände flehend zu ihr erhoben, bat
Fsie: Denke meiner nicht mit Has:!
Deiner? Deiner? Wie könnte ich? versezte Seba, indem
sie Jene in ihre Arme schloß, und noch standen sie, ihre heißen
g
; =ränen mit einander mischend, Brust an Brust gelehnt, als
, die Gräfin zu ihnen herantrat.
z
Seien Sie barmherzig, bat sie, vergeben Sie, und Golt
wird auch Ihnen seine Vergebung angedeihen lassen!
Seba schitielte schweigend das Haupt. Ich habe mich
. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

-- P9e--
vor mir selbst gedemii; , bis zur Zerknirschung, und mich iis
mir selbst erhoben, sagie sie; ich habe durch Lebe zu sühnenj
gesucht, was ich aus blinder Leidenschaft gesiidigt; ich bedarfß
keiner anderen Vergebung! Ich habe mir selbst verziehen! -?
Mag er, wenn er es kann, das Gleiche thun!
Und ohne den Grafen weiter eines Blickes zu wirdigen,g
verließ sie das Zimmer und das Haus.

Kapitel 16

Secszehnte ä Capiiel.
l? war eine traurige Neise, welche die beiden Frauen
zuriczulegen hatten. Graf Gerhard, der, von der Hochzeit
eines Cameraden kommend, zufällig mit seiner Mutter in dem
- Gasthofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der
, nämlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frnuen hatte wegen
, der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmitiage hinaus-
F geschoben werden misfen.
? Die Gräfin wwar tief erschittert. Agelita völlig herz-
uR RNR D
Z Vorgang jemalö von ihren Lppen kommen solle, und die Gräfin
s hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm
f das gleiche uwerbrichliche Schweigen zugesagt. Her Gedanke,
ß daß ihres Sohnes Ehre der Welt gegeniber also nicht ange-
F tastet werden würde, das war der Trost, an dem sie sich empor-
richteie, wenn das vernichtende Urtheil, welches Seba über ihn
( gesprochen, in seiner unerbittiichen Strenge in dem Herzen der
FGrafi achkiang.
Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen hleiben können,
ß daß Seba die Baronin nach dem: Gasthofe begleiet und daß
h sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war, hatte
Fleine Mühe, sich das Geschehene zu deuten, und die Stimmung
F der beiden Frauen, deren Begleiter er war. zu erklären. Er
F richtete keine Frage an Angelika, aber er verstand eh, weßhalb

---- 1G ---
sie mehr als je zuuvor von der Sorge um die Erziehung undj
Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien, und er
suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.
1
Da man um der Baronin willen immer erst spät am?
Morgen aufbrechen konnte, war ek schon gegen Abend, alss
man auf der Herrschaft anlangte, und Angelika's Traurigleitj
ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Bodenj
nicht vermindert. Der Ablick des Pfarrhauses, des AmthofesF
des frischen Grabes auuef deu katholischen Kirchhofe riefen ihrs
kene lröslllchen Eriieruigen und Vurslelliugen in das Ge-F
dächtnisß. Als sie an der schönen, nenen Kirche voriberfuhrnJ
wagte sie nicht, die Muiier auf dieselbe aufmerksam zu machen,ß
s
und die Gräsin äuszerie sich nichl dariber.
Es wurde der armen Angelika immer banger um das HerzF
Mit Einem Male rief sie: U Golles willen, was ist das? j
Man sah zum Bagen hiae; das ganze Gehösl, welchesj
zwischen Nothenfeld und Nichten gelegen, aus zwei kleinens
Wohnhäusern und einer Gruppe von Siäslen ud Scheunenj
bestanden hatte, war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Dies
nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus demß
sie umgebenden Schutthaufen hervor, die dicken, schweren Nauch!
säulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen,j
leuchtenden Himmel hinauf.
Einer der Wirthschafter, welcher bei dem Auseinanderlegenß
und Ldschen der noch brennenden und schwelenden Balken di!
Aufsicht führte, kam auf einen Anruf an den Wagen heraß-j
- Er meldete, daß das Fener mitien in der Nacht in beidenj
Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich hes-!
ausgestellt, wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne deß
Hirten, den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiehej
aus der Haft entlassen hatke, angelegt worden sei. Die Bo-!
wohner der beiden Häuser hatien nur ihr Leben retien kömnent,

I?
h=- M,=-
Fie ganze Heuerute war verbraunt, d.. ul si, selbst die Bau-
Aichkeiten abgerechnet, sehr empfindlich. Man zatt. nun aber-
mgls ein nenes Verbrechen gegen das Eigenlhuiun des Gutöherrn
zu bestrafen.
Ud ich bin so schwwach! seufzte Angelika Sie fihlte, haß
e== -
ssio sioif
-=- ---- z kragen auferlegt war, als ihre Krüüfte ihr gestatteten.
Dy
=--uni mnochle es unachen, wie man wollte, die Gräfin er-
fuhr scho jehl von den auuf den Gitieru obwalieden Verhäli-
nissen uchr, als ihre Tochier wiiischle. Sie versucht. -lugella
a 9
danut zu beruhigen, das; solche Ereignisse ja öster vorlämen,
daß man vor dergleichen Vöwilligleiken nirgends sicher sei, und
die Baroni gal sich diesem arosle, so gut sie lonnte, hm.
Als man vor dem Schlosse vorfuhr, waren seine Be-
wohner heruuniergeloneun, die heiulehrende Heurin und deren
Mulier zu begrisen; aber man fand sich allseitig nicht wohl
,aussehen. Der Freiherr und der Graf, welche die Nacht hin-
gdurch von dem Brande wach erhal... wworden wwaren und beide
fps:
I d.s -e,-
- --- - -- Jhren standen, in denen AnstrenggOl«.»==-==--- ===e
s F-pkof- iifd
Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend ilberwinden lassen,
sahen ermüdet aus. Den Grafen betriübte dazu die Hinfällig-
R8 siwsm-
;-- --- Tochter; der Freiherr bemig= g«. smuer Schwieger-
s.- C,
mutter die friühere. -- zb== 1 zelgen; indeß er war
1.s.f.-l
- swpin
derdüsterten Sinues, er mußt. g « zn heiteren Rücksichinahme
-- N,
,ür seine Gäste zwingen, und der Gräfin Herzs=..- ebenfalls
ebeschwert, nicht dazu angethan, hm seine Aufgabe zu erle-=---
sfliidfs
faz.s-
===-- die Herzogin besas: sich ganz und gar und kam durch ihre
Ie-
»-? =8g -alen wesentlich zu Hülfe.
As
G.iss
Sie ,. Ich völlig matronenhaft gekleidet, und Augelkt
s.his,- s
-ssfso ms-st
-=o--==- --==gt unhin, so genal sie di. z eezogin kue, sie doch
-zsf,
= G.
fos: Esz=
i»s M,psi-
=---- = ouu nderuunlg z beobachlen und zu beldig=--- o-
Stirn war erust geworden. --=--s- =-- den schmelzenden
s P1,
s.,sss
Ausdruck verloren, ihr Munnd sein anmuthiges Lächeln. o= --
I,Rv-

-- 18---
der die Herzogin jezt zum erslen Male sah, muste sich sagen,
diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen-!
und überwunden. Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zu-
rückveisend, wusßte sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin ;
gerichiet darzustellen, und wie bei jeder solchen Täuschung, wie
bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die
Dreisligleil derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von
ihr beleidigt und abgesosten fihlen muste.
Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, das: die Herzogin
sie ungliiclich gemachk, das: sie ihr ihres Gatten Lebe entzogen,
ihre Ehe zerstört, ihren Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie
bei dem ersten Besuche, welchen Graf Berla und seine Frau
der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mantes und
ihres Hauses vor den Eltern zu verkreken, und es wollte sie
bedünken, als sähen ihre Eltern schärfer, als sie wünschte, als
wären sie iber gewisse Dinge und Verhältnisse besser uterrichiei,
als ihr lieb war
Jn Erinnerung an die frihere Anwesenheit des gräflichen
Ehepaares, bei welcher man das erste Frühstück auf der nach
dem Parke gelegenen Terrasse eingenommen hatte, damit die,
Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft sehen könnten,
hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Ba-
ronin, der ein Sonntag war, am Nachmittage den P.l ge-.
d=-'
öffnet und ein Vesperbrod im Freien aufgetragen. Ganz wie!
damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der Terrasse
vor dem chinesischen Häuschen hergerichiet. Wie damals standen
die Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu präsentiren; die
Baronin ging nur nicht mehr so freundlich plaudernd und so
schön an dem Arme der Gräfin einher, der Graf und der Frei-
herr trugen nicht mehr die stattlichen Nöcke aus farbigem Sammt,
auch sie halen allnählich die goldbesezien dreiecigen Hüle und
die wohlfrisirten Perriücken abgelegt. Aber die runde, breit-

-- sß-
Främpige Kopfbedecng, die weiten, schmnucklosen Tuchröcke, die
reitklappigen Westen, die dicken Halstücher machten immer noch
einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen den Degen
an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
Ausgestrec! aus ihrem Nuhebelte, u ihren weißen Klei-
dern, mit dem weis;en Schleier iber dem blonden Haare, sah
die Baronin einer Nonne gleich. Sie war nichi mehr die hohe,
gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prächtig ihren
gemessenen Bewegngen gefolgt war; sie und die Gräsin hatten
nicht mehr die lleinen Federhüütchen auf, und es war auch Nie-
mand aus den Dörfern gelonmen, sich an der Schönheit und
Siattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Dte Leute waren
nicht begierig, dem Freiherrn unter die Auugen zu ireten, und
noch weniger begierig, ihu zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche
im Voribergehen verstohlen nach den Herrschaften hinaufsahen,
zeinten, das: die Diener sich jezt besser als die Herren aus-
vKsis
==len. De Zeiten hatien sich eben geändert, und die Menschen
mit ihnen.
- Die Gräfin sasß mit ihrem Sonnenschirme an der Seite
Zhrer Tochter und hielt ihr das zu grelle aicht ab; die Herzogin,
iit einer Filetarbeit beschäftigt, leistete ihnen Gesellschaft. Den
Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der Graf mit seinem
Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunächst
uumgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends,
kicht die Schönheit des Parkes, welche sie beschäftigten. Der
Krieg hatte die Grenzen Frankreichs lange schon überschritten,
große Ereignisse, große Gefahren standen an dem Horizonte, -= =-
, M.ss
ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritie ent-
gegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen dürfe, sich in
ihr zu behauuslen, wen man ihr Schranlen zu sctt,en versuchte,
gder ob man sich ihr fiügen müsse, um nicht - gr nnlerzugehen.
- -ss (s
. Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr

Zßß--
verschieden; sie verständigten sich nicht wie sonst, und weil siß
entschlossenn waren, das kaum hergestellte gute Einvernehmen
zwischen sich aufrecht zu erhalien, sprach leiner von ihnen seines
letzte Neberzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mitj
vorsich!iger Zuuriickhaltg nach, man iiberwand sich, man schwiegH
man beobachtete einander, man suuchte zu errathen, waö ders
Andere meinie, sich ihm gesällig z zeigen, ohne der eigenen,
Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber eine?
schwere Arbeit und kein Genusi, und die Mäiner wendeten sichs
bald wieder der Gesellschaft der Frauuen z, in welcher diej
Unierhaliungsgabe der Herzogin die Freuden zu fesselu und von
allem Siörenden mit kluger Berechnuung abzulenlen wuszte. s
azwwischen sann der Freiherr üüber die Weise nach, in der?
er der Flies'schen Familie seine Erkennilichkeit fir die der Va-z
ronin geleisleien grosen Diensie bezeigen uöchte, und bei demZ
Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine leichte Sache.
Man konnte nicht daran denlen, Herrn Flies eie Eulschädigungj
für die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von?
Werthgegenständen, denen man den Charakter eines Andenkensj
verleiht, war in diesem Jalle auch nicht angebracht, denn dies
Frau und die Tochter des Juwweliers hatten unter seinen Vor-;
räihen nur zu wählen, und weil der Freiherr glaubte, daß erß
sowohl den Wimschen seiner Fran als dem Gefihle ihrer Pflegerinj
gleichzeitig am besten begegnen kdnne, wenn er sich zu einers
jener Liebesgaben erbötig zeigte, die man sonst nur mit seines
Gleichen ausiauscht, that er der Baronin den Vorschlag, Sehas
mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheirathung in der No-
sidenz gemalten MinialurBildes zu beschenken. Man hatie dies
Copie damals gleich nach der Vollendung des Driginals nehmens
lassen, um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu bescherenF
Das Familienzerwürfniß hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochtz
man auf eben diese Gabe fitr die Gräfin ans begreiflichen!

-- 1----
PGrunde nicht zurückkommen, und einfach in in:n emaillirten
-Goldreif als Medaillon gefaßt, schien das Portrait vor allem
Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die Freundschaft
der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.
.=ess wider sein Erwarien sand der Freiherr bei Angella
Nh,
nicht gleich die srendige Zstimmuung. aus welche er gerechnet
hatie. Sie war verlegen, ihre Biicke richtelen sich nach ihrer
- Wziss==-
-=---- - als sei sie unsicher, ob diese eine solihe Liebesgabe
bllgen wiirde; aber grade dieses Leziere besimmie den Frei-
liozei:
=--- seinen Vorschlag geliend zu machen, un Angelila z-
infn
kl=
u« dann auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden.
,s-
=--. Freiherr selber schrieb den eeef, denn er sesbst wollte der
1-?.-
Geber des Angedenkens sein und in einer über jedes Abwägen
hinauusgehenden Weise sich mit der Flies'schen Famiiie abgefunden
l..ss:is
=--=-; aber er ermnächtigle Angelila, ire. =-=- zlnzuzufiigest-
-s c
d,is-s s.
was bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in
welcher sie schreiben lounie, sie uusste sich an --lgemeines
e sl
s.lfSi- PAs-
o---- - am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von
ihrem Gatten gebrauchien Ausdruck, das; eö ig. eine große
N-
Freude sein würde, den ihr so theuer gewordenen Freunden
jemals diensilich sein zu können; und sie fügte dieser Ver-
sicherung den fi.r Seba völlig verständlichen Nnchsaz hinzu :
,Glau..--, das; der Gedanke an Dich und an unser letztes
l.n siie
Beisammensein uich nie verlassen, das mein Herz fitr Dich
beten wird wie fir mich selbst, und daß Du mir die höchste
Liebe erweisen wirdest, wenn Duu es mir sagen wolliesi, ob ich
irgend etwas fir Dich, fir Dein Gllck und für den Frieden
Dpifin=- Vi fzsss ssii k- imis! --
sl1H = z 1s1b111isl 1sslli Clivl s
ccd.s-
=-« Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares
abschnitt und in die Rickseite des Medaillons einlegte. Er las
die von uhr geschriebene.- .-=-l, ohne eine Beimterlung -===- -
vvn p-sszu-
i: N,l.s
zu machen. Die Ausdruucksweise jener Zeit war eine conven-

- HczH
tionell gesteigerte, man bediente sich großer Worte fir die leb-
haften Empfindungen, die man geflissettlich in sich nährte, und
daß es au Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba
nicht gefehlt haben würde, darauf war der Freiherr gefaßt
gewesen. E gefiel ihm freilich nicht besonders, daß seine Frau
das Judenmädchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen
seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin, und diese gab ihm Necht.
Sie äuserte sich überhaupt nicht beifällig über Seba; Aigelika
wagte es nicht, sie zu vertheidigen, maun konnte es jedoch in
ihren Mienen lesen, dasß diese abfälligen Urtheile sie bekrübten.
. lebxigeu gingen die Tage im Schlosse ruhig hin.
Nach der Ermüsdung duurch die Neise muus:ie mian der Varonin
Zeit zur Erholung gönnen, durfie man nicht daran denken,
Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin
nicht eben lange währen sollte, wümnschten sie, sich der Tochter
ohne Störung zu widmnen. Alles wad man uniernahm, wuurde
mit ücksicht auf die Kranke gethan. Man konnte sich nicht
darüüber täuschen, daß fir sie leine Herstellung zu hosfn sei und
daß nur Schonug und Nuhe ihr Dasein noch zu fristen ver-
möchien. Jedes Gespräch, das sie erregen lonnte, wurde ver-
mieden, sie selber schien vor allen Erörterungen iber ihr Leben,
üüber den Freiherrn, iber die Herzogin, über die Plane, welche
sie fitr die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen.
Auf die mißbilligende Bemerkung ihres Vaters, daß man im
Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste habe, entgegnet
sie, die Noth dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf di:
Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht, sich ihrer zu be-
dienen. Und, fügte sie mit einer gewissen Neberwinduung hinzu,
wenngleich ich selbst fir Nenatus die alten, uns angestammten
deutschen Diener lieber gehabt hätte, so ist es doch andererseiis
viel werth, daß er jetzt nur Personen um sich findet, die ihr
in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren. Kinder haber
des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nöthigsten

L!
Die Elteru liesßen diese Unierhaltung fa'lei; aber es gab
der Gegenstände in Schloß Richten gar zu v ele, die man nncht
berühren mochte. Der Graf, der schon aus der Ferne von ben
schwankenden Vermögenöverhälinissen seines Schwiegersohnes
-Kunde gehabt haiie, iberzeugte sich, daß der Schade tiefer gehe,
hals er geglanbt, und versuchte, da er viel prakti'ch. Umsicht besaß,
dem Freiherrn unter der Hand zu rathen, wie man mit dem
Verkaufe eines T heiles der Güüter den andern sichern und dauernd
erhalten möge. Der Freiherr wies jedoch jede Mittheilung und
jeden Rath zuriick. Man war und blieb also beisammen, ohne
-mit einander zu leben. Man häile einander lieben mögen,
brachte es aber nicht weiter, als bis zu einer gegenseitigen nach-
sichtigen und uilleidigen Duldsamkeit. Wie die Eliern auch
an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer die Trennung
ihnen werden muuusste, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch über
die festgesezte Zeit zu verlängern, und weder der Freiherr noch
Angelika vermochten sie dazu aufzufordern, dent die Einweihung
der Kirche siand nahe bevor, es gab für diese noch mancherlei
zu ordnen, und man durfte nicht wünschen, den Grafen und
seine Gaitin zu Zeugen derselben zu haben.
Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in
Richten machten, war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich,
und Angelila erfuhr an sich selber, wie wuundersam oftmals in
unserem Leben entfernte Zeikpunkte einander gleichen, wie sich
zu wiederholen scheint, was wir erleben, währrnd wir selbst
uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist.
Weil yian sich vor dem Scheiden gefiürchtet hatie, fühlte
zman sich leichter, als es überstanden war, und wie nach der
Kersten Abreise ihrer Eltern wuurden auch dieses Mal der Frei-
fherr und Angelika durch eine äußerliche Thätigkeit in Anspruc
Igenommen.

Kapitel 17

Siebzehntes Capitel.
-=e Beschwwerden, welche der Gaplan bei seineu Bischofe,
gjh
=N.=
und die Meldung, welche der Pasior bei der Regierung gemacht
hatie, halten ihre Friichke gelragen. Mit dem Bischof durfie
man sich leicht zu verständigen hoffen, denn die Enifernuung des
Pastors war bei dem Freiherrn, selbst wenn er genöthigt sein
sollte, ihn zu pensioniren, eine beschlossene Sache, und die Er-
richtung eines Pfarramtes in Nokheufeld, für welches natirlich
der Caplan ins Auge gefaßt war, stimmte den Bischof fir alle
Maßnahmen des Freiherrn im Voraus günstig. Einmal von
seinen drückenden Verlegenheiten befreit, bewegte dieser Letztere
sich in seiner alten Weise, und da er, was er unternahm, voll-
stänndig zu lhuun, was er besaß, volllommen zu besizen lieble,
wollte er, nun der Bau beendigt war, die Kirche auch mit einem
vollstädigen Personal versehen. Der ansehnliche Vorrath von
Kirchengeräthschaften, den man in der alten Capelle im Schlosse
seit zwei Jahrhunderten gesammelt und der mit den nener-
worbenen Stücken schon einen hübschen Kirchenschatz begründete,
sollte seinen Sacristan bekommen, man mußte einen Glöckner'
haben, der den Kirchendiener machte, und vor Allem wüünschte:
der Freiherr, der ein großer Freund des Kirchengesanges war,
die Einweihung der Kirche nicht ohne einen solchen zu vollziehen.
Von diesem Verlangen bis zu dem Gedanken, sich dauernd
ein Quartett von Knnabenstimmen fir die Kirche zu sichern,
war es fitr den Freiherrn nicht weit. Angelila erhob ihre

- =H -
HD
wirthschafichen Bedenken dagegen, indes; der Freiherr wuuste sie
über dieselben zu beruhigen und fand den Wg, sie für seine
-Wünsche zu gewinnen. Er meinte, da man nur eine kleine
katholische Gemeinde fitr die Kirche habe, müsse man eine wohl-
thätige Stiftung mit der Kirche in Verlindu g sehen, und dies
sei ohne grosße Opfer anSzufüühren. Wenn mon einen j-g- --
Geistlichen zum Sacriston ernene, der -. - rg:spieles mäcztg
d.sR -
und im Siande sei, einigen Knaben auster den Unierrichte der
Musik den gewöhnlichen Schuluterricht zu ertheilen, so köue
man ueben der Kirche eiue lleine laiholisch: Schule erricieu
ziid
-= sich, wwenn man die heranwachsenden Kiaben innner zt
den Lebensberusen anleiteie, fir welche sie A lage oder Neig ug
bethätigen, allmählich ein. - zahl wohlerzogrner -=ges-;==-
- ß.iss.
- : Vs-
ss,o
g-----=== oder Beamien heranbilden, die zugleich den Stock
VA sdmisfkni
für die Ausbreitung dex Kirche innerhalb der Herrschaft abgehen
-=-- --- ==.e Kmnaben aus armnen und wohlgesitteten Familien
iiüii-dois V1ss-»
, s
zu erzieh. w... sich.=ug ein gute« =-- u-nd eine solch. eine
- M,,z-K -
--»-s,s-
Colonie auf den Gikern zu erhalten, keine Aufgabe, welche
irgendwie die Kräfte des Gutes überschritt.
Füir ein solches wohlthäkiges Unteruehmen durfie man
-==urlich sicher sein, die Zuuslinmuung der Baronin schnell zu
sinsi
s=- N1
------ü--s. und d.. «uschof, dem so unerwar et die Mögli=,
zIfffp
Iß,s
geboten wuuurde, einen juungen Geistlichen anzus ellen, e- =-=--
sz: s.ee
Leute als Glöcker und Knrchendiener zu versorgen und einigen
, strenggläubigen Familien duurch Unie.auguung ihrer Söhne seine
-z-s..-
Zufriedenheit auszudrucken, stimmte dem ganzen Vorhaben uit
epnHpz- szszzkpzfssi
s Lg- - --== -»-==sgh Ve!.
»A ?=---- »- ss.s,s
Aber auch den Wümnschen des Caplau -==-- -- ---=-
des Freiherrn entgegen. . der entsagenden und begeisterten
zs
Liebe seiner Jugend haiie er sich von der Welt zuruckgewogen
ii:d if oissn fnifHzpif=z- Ks.Iz,.ßss -fissv»A'
, -os- --; ----- -==s-z--;-s= =-z-z- --p-==-gui.0 dey Fje, (,
selhst auf da a.alien in einer Gemeinde -erz=. --=---
e Ml1.s
s,i issss Aoiss

Aundenken einer
zu sein und sich
-- Iß -
Geschiedenen zu leben, um ihrem Bruder nahe?
selber aufzuerbauen. Iideß eine Ingendliebe'
wirft nur bleiche
Strahlen auuf das spätere Leben, und wenn der
Caplan sich auuch sagen durfte, daß er Angelika der Kirche ge-
wonnen habe, war doch grade mii den sortschreitenden Jahren
oft der schmerzliche Gedaule über ihn gelomen, das: er das
reiche Mas; seiner Krüisle nicl geug gelraucl, das: er nichl genng
gewirkt fitr die Verbreiiung und den Ruhm der Kirche, der er
angehörte; und eben die lezten traurigen Ereignisse in Rothenfeld
hatten ihm wie eine Mahnung gedäuucht, die ihm noch vergönnten
Lebenstage eifriger zu bennzen.
E schien ihm ein Wink des Himmels, ein sichtbares Ein-
greifen des Höchsten zu seie, das; Golt der neugegrimndeten
Kirche, wie in den ersten Tagen des Chrisienthums, gleich ihren
Bluizeugen zugesellt, und die Vorslellug, das: dies Alles habe
geschehen müssen, um ihm eine Mahnung und ein Sporn zu
sein, ward immer mächtiger in ihm. Er hatte mit ruhiger Er-
hebung einst der Grundsteinlegung zu der Kirche beigewohnt,
ihren sehr verzögerten Bauu gelassen fortschreiten sehen, -----
- zfstf
Nss, z d.ss -
p-- -- age, welche bis zu ihrer Einweihung vergehen
mußten.
Seit seinen jungen Jahren hatte er die Kanzel nicht be-
treten, nicht unter der erhabenen Wölbung eines Goiteshauses
eovodi»s zs»s ü: dooss 9sss, niisnz lz-, -s,. Ws,-ssz »plSlwösös
H-V s1z 1111Fs =s ssnu =suuuuuu vs s= s- Os l-Vs- l- ==»ssz - =s =ü .1sl«
Viele Hoffnungen waren ihm verloren gegangen, auf Manches
hatte er verzichten lernen. Er begann zu fühlen, dasß er älter
werde, weil der Kreis seiner Wimnsche, Plane und Erwartungen
sich verengte. Neues Streben und damit neue Hoffnung in sich
-infsnnIissnis s..-iss -
=---i--=--=--- = zs u-ber, ;ch eine netne Jugell ggsz, lund wwie
- kl
a s.-ss.
sollte man diesem Neize widersiehen, auus diese Mg lichhleit ver-
zichlen, so lange mnan noch die Kraft dazu eupsindei'? Ed war
die Sehnsucht nar. --==tgertem Leben, ohne welche der Mensch
s si»1I

ocz
sss=e s. P -
Fdem Tode och früher verfallen wünde, es var das halb.-
=----b-n-- - - ---- - ach Lebenölust, die in demn einst so e;t-
Hofiiss. N,
zl,fsnoi:
sagungsfähigen Manie noch im hohen Maumnesa ier den Ehrgeiz
- snunFfs,-ss
s.CllV1l-
Er und der Freiherr theilten jezi den Verdrusz, den sie
Seilens der sroleslanlische Kirce zu lragen hallen, und sanden
sich in der Chäligleil sitr die Eiveihung der Nirche mii Genng-
-,l1g zusauien. Mau halle schon langze ei es der zum Auue
ssüi
s= --- --, alr -p-pulb des Anthofes u nd sehr nahe vei
eosüs-pisAis
i spflis
der Kirche gelegenen Gebäude zur Kircheu. -----b-s -- =--
snpsi:in pzs,1i-
Vzs,s- s.sss--i
-- ==.t die Wirthhschafter sie inne gehal-,-. d --s
- szzjss
H ssf,psf
den lüstigen Amnlmanne iberhaupt kein so reites Leben wie
den Sieineris eizuräuumen dachle, sollten die Wirthschafter im
szisss..is ss.i-
--=-=----; -= - --== -wdülllen fitden .itd der Sacristan Asit den
1!-is.-s
s:ih- O
=--- -- naben, welche der Freiherr zu Assisienten ben demn Gottes-
bi=isss,- -
---- zt haben wwüluuusig -- --»1g -.i der Kirche erhalten.
J--; 9i1,ili
s.
s.i.
E war dabei auf einen verheiratheten Glöckner hgesehen, der die
Bekösiigung des Saaristans und seiner Schiler i:beunehmen könne.
Eie Zeit lang =--- - - w---= --- von ber Herzogin be-
lißfss.- ,z- Szfsinf»
pi--ss.ss
-- --=-u-- wohl die Absicht gehegt, auch den aplan nach Ru-
ss ss.s: ß.b N..s:
-mini hi- 1iffffn d..ssf«)s 9s z sfiinsbfslißis
l -sss.:
g»sss -- = =n =?--j .= =u snb Fl -uijj- il , üs=a =- - - »z1 »- »»s; »s »sis= -s =sf8»s Hz
fnFssw-ozHR. jofsv siii R,z- sT,zifs si- A,z Fsz-pi oinospf: fner
s »7»=V1b s? j=ss = - l1ll a =-s rrauus 1lllb ll ass ==sk1 =s F11» susl l Cs-,
- b, sissif niisss
-loss fss:Rip s
-p -- =- p - -- -i. , lI La - e=s- -- -=- -- --s-=g , uD C(LDO
f niizAf,-s s,.
A bs- E,-s.s,? --zis sssfe.lif.s s
z =- z--s=-=s- ---- ------- -acte es ihms wünschenswerth, denn
sihr so werthen Man in ihrer Nhe und auch in der Nhe
des K..... zl f------ die Aufsicht und der Unterricht des
Apii:
ssAlzis s
-ssfss
Cap.uh------ .=---- »üge nöthiger werden mußten.
ssAss
F sisis somss F
-
; Während man u nächilicher Siille die Särge aus dem
, bisherigen Erbbegräbnisse in -- -= 1-z- - ----=- -=»=
.. A.i--
rizifs R -
ssniinss Esz-,s.
brachte und der Caplan die weiszen Rosenbissch- an der Ein-
gangöihlr dersellen pslanzen liesi, während die K nzel ihre lezten
Verzierungetn erhielt, der aus der Sladi z------ - -bi-=-
-isnol-sssi. ,,iistzisgs

---- I0Z--
auufgestellt ward und der z,ceiherr sich mit dem Fiestbischof ins
Einvernehmen sezle, damit dieser, der den Grundslein eingeweiht,
auuch am Margarethentage die Einsegnung des fertigen Baues
übernähme, ward er es nicht sonderlich gewahr, das; die Herzogin
ungewöhnlich viel Briefe erhielt und schrieb, das; sie öfter iheil-
nahmslos erschien und, seit der Graf und die Gräfin Berla
das Schlos verlassen hatten, von Reiseplanen sprach, die ihr
nenerdings gekommen sein mußten, denn es war nie davon zuvor
die Rede gewesen. Sie zeigte sich jetzt weniger als sonst bemüht!
den Freiherrn zu unterhal.. , bewies der Krankenn wirklich jene
jAzs
Sorgfalt, deren Anschein sie während des Besuchs der Verka'-
schen Familie angenommen hatte, und kroz ihrer Abneigung
gegen die Herzogin konnte Angelika es nicht übersehen, dasß eine
Veränderuung mit derselben vorgegangen war und das; sie jetzt
wieder mnehr ald ist denn verwwwiceuen Jahren deiu: Bilde ent-
-=-«- welches Angelika in den ersten Tagen sich von ihr ge-
f-.
s.ßs
macht ,utte.
Als der Postbote wieder einmal uach der Siadt geritten
war, um die Postiasche abzuholen, brachke er in dieser neben
dem eigenhändigen Schreiben des Füirsibischofs, das seine Znsage
enthielt, auch ein groses, aus der Residenz kommendes, mit
mehreren Siegeln verschlossenes Paket fitr die Herzogin, sowie
die Antwort Seba's auf die Sendung und die Briefe des Frei-
herrn und Augelika's.
Seba dankte dem Freiherrn in einem kurzen Schreiben,
dessen formvolle Haltung er rühmend anerkannte, fir die Freude,
die er ihr bereitet, fir die gitige Weise, in welcher er ihren geheimen
Wunsch errathen und befriedigt habe. Auch der Brief an die
Baronin war nicht eben lang. Seba
schickte ihr, da sie augen-
=-=---g über kein anderes Bild von
.1
kleines, in Pastell gemaltes Portrait,
sich verfügen konnte, ein
das sie in ihrem sechs-
zehnten Jahre darstellte. Es war kurz vor der Zeit gemacht

------ 0
worden, i welcher sie den Grafen hatte kenne. -.1e, --- --
it f:A Aoz
fs l.y
»sis
nenao P?
u--a .uber seelenvoller Kindlo,.. uu l.;.zu.ld lag in dem
s.f,-ls i
Bilde noch üiber dem edlen, holden -.ilze auusgebreitet. Die
Hs.
PFz-iss:
N1s
do-=- äeis.
==»==-=« hatte dieses sie ruhrende ee, das ii -= -=u deS
Ns=»-R
=-»=-- hng, ie zuvor aesehen.
z Vz-1.s
, Sei um mich p------8- - schloß Seba uhres.= :
s.lis sss F.w-o ?
nes
=s- old ==-= =-=s- , E ist :mtir 1..« e ;- ==e das
fz-pip iiwn
l.l,mf- i
,ei-iis
mnhoi Z,.ls g
,- ss . P,-siif:is Fsi n osn
- Ro-
=- s,s
g,-z, üls sejt (1üu --s - .- -- -i lCl - -- -== =-- -=--s=--
die gleiche Sirasße geheni und jede muß hr. - =F--==-
-.« 9L,fw-siin
ifsfR
N.s»-1I
==;--g1ß =-:-- elgene Weise suchen. Da ich .ch lebe,
z -
-is j szi-s
ssüs
-= es un:. wohl, Duch in Deinem Glauben u nd- = --1
iis H,ii n
Anlehnen . eine Kirche gluclc zu denken; zonne Du nir, da
-ss k
e
eu mch lielst, die Erhebuug und Auferbauuung meiner Seele n nd
,=
ssnisszz- »
----- - Jzilüuusl aus mneine a. eise. =l erwauless die Gerech!ng-
c.
s1.
keit aus - - ==-d des Höchsten, der mit seiner Vorsehug -----
s D,?i-
d.z- Hf
Nzsi--
===-- lenlle; ich enlbehre dieses Glaubeu, ohne der eber-
z1g1g und des Trosies z e--=--. das; unsere selbstle-
ssl. siiois
s ssiiiiiiifis -
N..
---=-- a halen in unseren a. iden und Freuden ihre Folge-
richligleit haben; und -u ur uebe und die lrtzte. Augenblae,
e,.
- ls.
die ics ---= -N= --, gabei!...u dies wieder vollgz-z ---
siss Hz- n-
.s
uf. s-
ssf
Gl1s,-
AA)
-gethan. wie Geugthuuuug, deren ich beduurfte, sn nur jezt ge-
,worden.
--pz- sP,fmn
D,=- G
-- =- - g,-- - ===eul Uli «l, lui=- -- nzs=- =, lLAl ES ua-
K, ct
nniisn Ilssf-.lisz-
zss)
Ibeide nahe, eine Bitte, der Gewahr1z -=- -- u Ihn zuu richten.
sf i,s.s-
, Sie soll denn, wenn auuch n.gt egenisich fir mc, gesprochen
s.
- werden. Herbert, der jezt set. -;gabe -! --=- -es Herrn
i. Ass
T.üss- d
INhs---
z ==-olS vdlle..«.- yi,- ---- sb-= - -=» -p -iND mzir in tancetl
zds s.
sss iisii- s,s-- ssiop-fsi iis
' sGssis s is
z n=--- --===uen et Freund gewesen. Er sehnt sich, =---
ssifsn
Sl Is-
z =- - das HauS z .=-=--- das Du - uuns bewohnt hast
sssioi:
n pfs z
Gas -
p- -as er in diesen Tagen von meinem Vater fir sich kaufte.
EN-s -
r s- vas Glüc meines Freundes =--- z- ----= =- -. 1s Herz.
-' Apss: Hpzz-)s K ,zns nr
f G.»s.b--s --
z H-=-- uid Eva sind zwet so einfache, so schu ldlo;. --=-==---
s,. P?, i ii f
z F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlecht. l.
s
s
S
1

- L10-
daß es, wie ich mir denke, auch Dich erfreuen müfßte, sie bald
vereinigt zu sehen. Herbert hat seine Aufgabe zu des Herrn
Barons Zufriedenheit beendet, möge dieser seinen Baumeister
dafür in der Weise belohnen, die ihn am meisien beglicken wird!
-- Ich spreche diese Bitie ohne Herbert's Wissen aus. Sollte
es Dir, wie ich es fir möglich halie, angemessener scheinen, sie
als Deinen Wunsch zu bezeichnen, so neune mich nichi, und laß
uns, wie in Lebe, so in dem stillen, verschwiegenen Wirlen sür
dad Glitck der Auideren siels verbunnden bleibenu!'

Kapitel 18

Achtzehntes Capitel.
,Ii Nothenfeld und in Richien, im Amthofe wie im Schlosse
hatte man vollauf zu thun. Der Glöckner mit Frau und Kindern,
der Sacristan mit seinen vier Schülern waren eingetroffen. Eva
hatie auf Auweisung des Freiherrn das Haus fiür sie eingerichtet,
die Vorrälhe sir den ersien Bedarf des neuen Hcusstandes herbei-
geschafft, und wie leicht der Freiherr dies auch veranschlagte, fiel
es fitr die Verwaliung doch immer in das Gewicht, denn der
Unterhalt fir zehn Personen will erworben sein.
a Schlosse langte um die festgesezte Stunde der Fürst-
bischof, wie zur Grundsteinlegung, mit seinen Vicaren und
Caplänen an, und Angelika, obschon sie sich danach zuriczog,
um ihre Kräfte fir den nächsten Tag zu Rathe zu halten, ließ
es sich nicht nchmen, ihm bis an die Schwellc ihres Hauses ent-
tegen z gehen. Sie wollte die erste sein, welche des verehrten
Greises Segen fir sich und ihren Sohn erbat.
Im Laufe des Tages hatte der Bischof verschiedene be-
sondere Unterredungen mit dem Freiherrn und mit dem Caplan;
auch mit der Herzogin wanderte er im lezten Sonnenscheine noch
auf der Terrasse umher. Nenaius, an dem sie, ohne auf ihn
zu achien, mehrmals vorübergegangen waren, hörte, daß sie ron
Jtalien sprachen, und fragte am Abende die Mutier, weßhalb sie
nicht auch einmal nach Jialien reisten, wenn es dort so schön sei.
Herbert war schon seit zwei Tagen im Amnihauuse. Er halie
dem Freiherrn am besiimumten Termine den Biu übergeben, die
zp

ezz eh
Schlüssel ausgeliefert, und dieser hatte es an Lob und Aner-
kennug für den Architekten auuch jetzt nicht fehlen lassen. Eine
Einladung, in das Schloß zu kommen, war an Herbert nicht
ergangen, aber der Freiherr hatte ihn auufgefordert, am Abende
des Festtages sich zu der Mahlzeit auf der Birkenhöhe einzu-
stellen, und er hatie dies schicklicher Weise nicht ablehnen dirfen,
obschon ihu jede Begegnung mit den Schlosbewohnern peinlich war.
Die ganze Nachi hindurch hatie der Gärtner mit seinen
Gohilfen Kränze und Guirlanden zuu den Ehrenbogen geflochten,
die den Eitgang der Kirche, den Allar wie die Kanzel zieren
sollten. Als der Morgen in seiner Herrlichkeit herauufzog, waren
der Gehülfe und Herbert schon auf den Fisten, um die Aus-
schmickung fiür die Kirchenfeier zu üiberwachen und zu leiten.
E haite in der Nacht stark geihaut, nun dehnien und
wiegien sich unier dem heis;en, enisallenden Soensirahle die
feuchlglänzenden Blätter und Gräser. Kein Wölkchen siand am
Himmel. Ueber die Getreidefelder wehle der Morgemwind, daß
die Halme sich neigten und hoben umd die noch weiß schimmernde
Aehrenfille des Weizens und der Gersie sich unier demt leisen
Luftzuge wie die zikternden Wellen eines glänzenden Wasser-
spiegels schillernd bewegten. Die Vögel stiegen iberall aus Feld
und Busch empor und schwangen sich mit jubelndem Gesange
hoch hinwwweg iber das goldene Kreuz des Kirchthurmes, welches,
wie Anngelika es einst ersehnt hate, jezt weithin leuchiend in
die
an
Ferne strahlte.
Früh um neun Uhr ging der Glöckner zum ersten Male
sein Amt.
Angelika stand an dem Fenster ihres Zimmers; sie sah
gedankenvoll in die Gegend hinaus. ,.h habe einen sonderbaren
N,
Traum geträumt, sagte sie zu Marianne. Ic ging allein, vor
euch Allen in die Kirche; es war ein prächtiger Tag, und ich
glte mich so leicht, das; ich die Erde gar nichi berühhrte. Ich
ss.

az s -
=== K. e.? --
HnefsAoIf. »i linpfs ,pspz-sff.F dii-
v,s,. Ezzss sfsn fm:s- AF=üiKz-
iu=is. == .=- - 9»zz s - ==s -1=- euua,is vuu ==Gls s - »»71s -11u? »il - üs== z
Z--=ulern. -=--- -==s siel mir auf: die Tannenläume,
Ni=- lsis
izpsszst
welce vo: Gitter ach -- - =- --=- b= --- s-»--== -- - voller
do=
z-,z,- s(szzps: ss,sdinfi sss n
Ncs-
ss,iis dos- N, s.fs-is d- s
==-ge u nd lruu gzel= - -- - -sn---= hu-ißiell wweißen Rose:.
iss -
N,z s,-ninfn fisf
- ül.n=- !
-a s -- = -i ug s b Guu.a- - -
sii fs. d.s.- 9l,ii-s. sie
s»--- .-- -=-i- --»-- gpeach, ertönten die ersten Schwin-
gn der Glocken durch die Weiie. Angelika's Herz wallte
iissd fzss,sois fniRof
.s s1,- s
-.ls Ii: hi=-.s s
sss- ;=- On= - is iy -- « TTFCll.iug, s=n - -=- -= - =- -=== === - -
mfnn sszs
CH dränigle sie, de Herru dsiir z dale:n, das; er sie
die Ersillng ihres Gelöbnisses erreichen------ daß sir den
l,- sspss
Tag erl.=.., a wwelcen die Glocenn -g--- 1 s --==- iah-
.lis:
ilws- (s
s,,- s,=h lniis
ze sd s; dAr'i. z:s»zs AFeHi-
.s
fspf:A -
s ss.-- s.füs.= s.
css
s =-- ss -s -z .s s==e« « ;uCusulll, ui ss=- =e=s»z= -nn=zs »=s -=sssz »=p
es andere, ganz andere Gefithhle waren, welche dieser fcemde
Klang in den Herze ihrer Umtlerthaiet wecte.
Nach lrzem, ilrislige Gebete rchiele sie sich auf. Sie
---b-- -pren Gaitenn sehesn.
iiii sb,- s
=--- z- - - -=- ; - -, L1Z sg hgj (s e.s- -s --s bz-- g,h-K
s.s -- ? ».f -s
wif-ieH? iifsd. sizf H,ss?
tt
-- -:==, hies; er sie yilllymt lel!, -uhz-==- ?- zs ---
ormv-:i f,-sd.
RzpinA
s- fj;- -
oissn:::
Sessel gel. « -.. Die Glocen der Kirche -- -- --- ---»- =-=--
sifss)s f,iö-s iissd. s-z-s
wf ssl,-
Der Freiherr unl. - lgellla warell ==-- g=g- bo1eg«- »-- i-b==---
9l
s g1,- ss.ls.ss
l.b-s. ß.s.=-
sich durch eiu gemeinsamt Gewolltes und Erreichtes. . -=-= --
f, sss sois
sic duucs die hE-gj- -=«.1Oi, ===-»p -- sz--s -hsszi--- ==----=
Is.sss.ss N,s
di»-
.s. s-sf=-z1s »ssf-ss sFz-isiswws
---b-u - durch a.den unnd Frenn..- -==g die Hoffnungen und
N.
Ass
dii=-.s-
Sorgen fir ihres Sohnes Zukunft verbundan und z --=-==
vinfsAoy
os:üiwpind
==---- Niemnals waren sie in ihrem Denken und Em-
sifsssdoni: insli- -ii ssFizs fs-siinno -oiiosni-
z7sss s==ss -is= zz - iiis Siss »=i»sz- -.- juiu, (hH uuuuu - =?sn=s - -;s»s sz s - ==- »R
ns w fnf Aosfs zz-sszs ss-spe»
Fss EIi iii
-s»z-- ---==-= -. djesey Ggge, eo O g=---- i- -- =- =- --=-
iiss
l..sf f,-)s si;- -ä s»lwszssi
-n lis 9s-z-piissiiii sis
N7. -
j=y Cllu l..u - --- -=== ..a10 IlZigz= = - =-- -- --- js- ..O Flz--=
sA,pz siniifAi:os
o:A
standen sie sich gegeuuber, das H -z -=-- ---- -eea. -=--- .=--
s-f) ss.fss s,-sdouis h
sfis -pd,uf
s.- s; sI lliinn
.s
in.ss j sis.is
==- -p--u:u sEll.. --uj»= sssuut FllUluiy=i s
-
Eidlich überwand der Freiherr sich.---- p---»- b---- a-
Nz- si--b i- V,s=
sagte er, und wie man auf der Höhe eines erges der Mühhen,

------ S1D --- -
Dd
mit denen man ihn erstieg, leicht vergißt, um sich der herrlichen
Fernsicht zu erfreuen, so dirfen auch wir, der--. -- die wir
z-s.=
bringen müssen, fortan nicht mehr gedenkend, uns des Geschaffenen
erfreuen, das denen, die nach unns konmen wwerden, von uns
Kunde geben und unsere Namen in eine ferne Zukunft tragen
wird. Las; uns einander Glick dazu wüünschen!
Er kisßte sie mit Feierlichkeit auf die Stirne, und unfähg,
ihre Erschiillerung zu verbergen, z schenn, sic ihhmn in die Arme
zn werfen, luszte sie ihm die Hand. Das fuuhr ihm wie ein
gsF
==-== durchs Herz.
Angelika, Beste, was ihustDu ?rief er erschrocen anus. Aber sie
=--=»g z ihm empor und sagte Las; es geschehen! Es hat mir
AIi zs:
wohlgethan, lieber Franz. Dich so mild gesiimui z sinden, und
ich gewine daduurc den-=uih, eine Bitie aun Dich zu richten!
i)i
Er sezte sich an ihre Seite; sie blieb eine Weiie in schwei-
»s-
gendem Nachdenlen versunlen, daun sagte sie: Ich möchie n-=-
dazu des Bildes bedien.t, das Du eben jezt gebra-:-- - =- -
-s. N8s.s-!
Man sieht vom erreichten Ziele die Dinge freier an, und -
=-u wirst Dich darüber so wenig zu käuschen vermögen, als ich
--- auch mein Zel wird bald erreicht sein! Da uöchle ich den
Personen, denen ich geaht bin, so weit es möglich ist, gern
freundliche Erinnerungen hinterlassen!
e..
=-r Freiherr unierbrach sie. Sie haite bisher niemals
von der Wahrscheinlichkeit ihres frihen Todes zu ihm gesprochen.
Er versuchte ihre Ahnung zu bekämpfen, er wollte sich selber die
Mu
siss-
==-»==-g verscheuchen, es gelang ihm Beides nicht.
Was uns auferlegt ist, werden wir erwarten und tragen
müssen, sagte Aigelika ergeben, aber erfille meinen Wunsch.
Lege noch heute Eva's Hand in Herbert's Hand. Es wurde
mich schmerzen, wenn er, -- - ns so schön gedien., und der -
d,of i :
jpif s-.s»-ss ,-
e ----:- ==-- tir es glauben - rein und ehrenhaft Dir gegen-
iiber dasteht, unserer mit Abneiguung gedenlen sollie.

Hzsr
==- JF I, e g? =-=
Der Freiherr schloß, wie unter einr schmerzlichen Be-
rührung, unwillkirlich die Auuugen, seine Bcauen, seine Lippen
preßten sich zuusammen: Angelika blieb ruhigz und gelassen. Da
Erlebte lag weit hinter ihr.
=-«« Tag ist uns, die wir den Bau begciündet haben, ein
a,s-
hohes Fest, sprach sie; Dui wiuschest ihn der Herzogin zu einem
Ehrentage zu machen. Las; ihn fiir Herbert, finr Eva und fitr
ihren Bruder gleichfall zu einem Tage sreniger Erinnerung
werden, und auch mein Herz wird ihn dan.t als einen doppelt
gesegneten empfinden, denn ich werde Dein. Verzeihung in der
Gewährung meiner Bitte empfangen zu haben glauben.
=-=zg die Vergangenheit begraben sein, laß uns auf die
N,.?-
Zuukuuft blicken, sagte der Freiherr mit milder Aluehr, und sei
es, wie Du's winschesi. Noch heute will ich Eva meine Zu-
stimmung verkünden.
Agelila danlte ihu dafir. Sie wollte Zeit und Siunde
wissen; ihr Gatte bat, ihm dies zu überlassen; er wollte sich wie
immer die Freiheit augenblicklicher Entschließung vorbehalten.
Inzwischen war es Zeit geworden, sich nach der Kirche zu
begeben. Wie vor ach- Jhren fuhr man in vier Wagen durch
g ,
das Dorf, weniger noch alö damals ließen die Gutsinsassen sich
blicken. E war Sonntag; sie waren vollzählig zu ihrem Pfarrer
in die Kirche gegangen. Dte Pfarrerin hatte diesen mit Bitten
und mit Thränen davon abzuhalten gestrebt, dcß er eben an dem
=--b-u -- Tage ein Aergerniss gäbe, aber der Pastor lies es sich
KpiifiAois
nicht nehmen, grade heute mit feurigem Worte sein Herz vor der
Gemeinde auszuschiitien und sie zu warnen, daß sie sich nicht durch
äußeren Glanz und äußeren Vortheil verführeu lassen sollte.
Der Amtmann und Eva fehlten in der Iirche. Wie sehr
sie ihren alten Pfarrer auch verehrten, sie hatten zu viel Freude
an dem Ehrentage Herbert's; sie waren dem Baue durch alle
seine Stufen mit zu grosier Theilnahme gefolgt, als daß sie es

-- Sl
Oz
sich und Herbert hätten versagen mögen, da schöne Bauwer!
in seinem ersien Schmuuce zu sehen, die erslen Orgellöne in
diesem Gotteshause erklingen zu hören.
Die Wagen machen aus:erhalb des Kirchhofes Hali. Der
Freiherr, seine Gattin am Arme, seinen Sohn an der Hand,
duurchmas; den mmii Bluuunen brslreuiet -- aa er und An-
N,1
Cu==s j-z --- -- « o0rhsalld .... ddll! gewve!hsle.. =-is- -s»pso-
-is Pl1,isspi n
sls,. ss,s. ss- dos-
pis fosf
sfsii
war es ihnen, als hätten sie dies nie zuvor gethan, und es
durchschanuerle sie feierlich.
Von d. =-glt begleiket, begaben sie sich in die herr-
-=- Hzpfone
schaftliche, -=---zel gegenüiber ge-=----e. Die kaiholische
dos- CAiio
lwoss F,- -
Dienerschaft aus dem Schlosse hatte unten in de--= Platz
ss s1Zssfis
genonnmten. Unter dem Pon.. ---=--zi der Caplan, als Pfarrer
-f,il.- isn sfisiH
- ----- -- - -=-- --n Fütrsibischof unu sein Gefolge. In volle..,
dpi isniis ()sz-,si.
d.
v-=--= -- »tlängen ließ die schöne Orgel ihr Halleluta- -=-----
,pf iifsos
s sio lisdoi O
die Chho..aben schwangen die silbernen Weihrauchgefäste, und das
=-I,s
=-u-- -i-==- - - 1F voraufgetragen, schritt der Bischof mit
f.. s.ls,s.Kss». O=-n
seinem Gefolge dem Altare zi, die erste Messe in der Kirche zu lesen.
===----- - -- -- z -- -- gule Kanzel, und Agelila wie
DHiss I.islsf d
s- N1s,iifs s,.'
der Freiherr glaublen ein Wudder vor sich zu schen. -- - --
,Lss- nwrs
jüüngt sirahlte sein Autliz, mit fremd.m, uächtg ergreifendem
Tone schallte seine Stimme von der hohen Wölbung der Kuppel
zurick. Er fihlte die Begeisierung, das Feuer und den Eifer
seiner jungen Jahre in sich wiede.--. de -==-=-«ende Kraft
-z- lp ss=ps:
-s,lis»s,-s -
der Gemeinde erwies sich aun ihm mächkg, und er -.nle die
l,sis
pioonin Aoor
-- - - - F --- -- - zt sprechen hatte, gentail gelg, nm
Apzspf o
= - =-=- zu finden, -a denen er sie bewpegen lonnie. Er
s M,ih- -
sss
.-usle, vaö demn Hause derer bo.. -- ---- =-d, er wwar diesem
i: Ks--l.is s,-s.ll -
Hause durch ein langze- -- en so eug verbuuden gewesen, der
-o: N,.s
Freiherr und Angel. -ren seimiem Herzen jeder auf seine
1,- si
,1,.?s,- s,i is1 sifiihids
»-i --»-= =--=-===-, daß es keiner Kunst bedurfte, daß er
nur der eigenen Eingebung zu folgen brauuchie, um: sie mit sich
zu erheben.

eht
-- ==e K s
Mii stolzem Selbstgefihle verlies: der Jeiherr nach been-
digtem Gollesdieuste seinen Sitz. Er lies. g -- = -b--
C,i-lwz-s sis-1is ü fss
ss. sl.i lzs.i -1s.s
ssiss s-
ifn - s,ss
----- -p-- dem Fütrsthischof vorz--- -- ----h---==- sah-p -
ss
z ss isiiss
bipsiis 9siw
=s- ---- --=gzell.i.e zut ersient Male wteder. ..s alley g--=---
.f
danlte ui ihi ihre Hand hinreichle, wagie er es, sie an seiue
Eiszsins:
His Ssis lz,
- b-=- -- zl zehes!, und sie sahh .y -= - - -= ---- --z, die sie
sz-Fss.is is
F sich zu --= ----=ule.
Assfs ss
zs ss
N,
-- sprach sie, ich bin rech! krank, aber heute mag ich nicht
=»----=--, heute isl es auf lauter Freude ahgesehen, und ich
dr-is A.nssi,-
- K,ss,- , - Iss.id -
os- »-- --= - -=--==-- Nlocs zu begrllszent.
e,- Hvfismliffi-n i
d.=- P,s.:.s ssR miiisoss d.i; Ez-i iiiid
==f z,?- - -sg=s; -uiu ,ulH ya s =als==s -n=i ß?iuuii ei= ueu i- -g- iis=
, die Kircheuwohnungb -=-genschein; sie belobte.r Alle den Bau-
-: s.
fnipiss,==- - G,z-sipz-s si.isn liii ii
o---;-- -s z - -»- -- z== --=-- -== gVseS T. dhlgefallet a1. =- -
M
s A,ps
Anerkennung, denn Eva und ihr Bruder hörten sein Lob und
' fnoiois ss ,.
o=--- =z gs- =zl; aber der Aiihlic der Baronnin lies; in ihren
ss ls.
ennfms
zss- -zCVJOl le.a -b=p- H=- -sj z z-s-
ii?.
.i f,nplznis
-ii:n sszH Izf
-zs doiss s.lsiis »iH is ü
ss,szjsis msnn-n
d.s- g
- ------;- - -s Dosz- -- -=g-s --e slC eüg -.. --ulLO
--lis-s -innis s;. Plss.islif,-
Hposi
=»z-=-- -- ii..u, Cu -=js s==ss j - -sszz-iuui z(lll. .uis =-== -s»
-z s f, ss
s f,-iis. lKzpmiüid.inn
- s---=- --- - --g.. be! de.. --=ag;r De, das Aait det
iis Pi s.-
oi-s sifißdni: g,- iiis.fs
M1?=..?.- -
-s= z Ehsren verausta... h.--- mut Fr.t.u ..lichleit die
ls,i
esff,-
isssR.
Mis -
z =-------; sie empfina die zahlreichen Gäste aus der Nae,vue
A-
-ss s s.nind iiol- doi lini f d
. sFAfs fisslrv inis sü-
z w1s- s-= -z- ---- -- pu IE -=--- ---z-=--- z=--, .CS IgjAezpfesh
s- G.
=-- g- oglt zuu begehen.
.. ?
==--- 0i1O üsl Uüug -- ==- ----=s-;-- -- --s-==- ziCß. =-=ss
s?,--
.i. doiss misil,ss,-ss 9ss,nzd.
.
ms dis
oVp--= . leßle:. a«.tden d.- --=gs auf der Terrasse
.e ?.
siisnii-
i i
zu. Als die Sonne sank, fuhhren die Wagen vnr, um diejenigen,
welche, i. - gella, d..-- hen de. -örges zu schene- =-----
: fs
d. PO
i.- Is -
is lißis.ss
ni .=- z-!,-
-==« =- --=. .ulhdhe hinaus zuu -.1gOh. =-- - op--ükllS, her
I.z- NRs1is?-s
N
Asz:esmss
--==-ail und Eva halten Eihiladu nngenl zl -- - -.-enndbrode
dois 9ss. -
ovlslf.i
innliios
-, --, INV sla! COll ElFll gh-«u Ia... z- -= -- --s- -=- -
Cz,z-lwni- iii:
b Rpz
Vehilfe, wie das ganze Gefolge des Bischofs.-=---- -- i» ---
s..s,sdiis si.
s. ?»s.s,
npp-ssss
= -ulnch -.ar der Gesellschaft. Bei einen: im Freien ver-
iszs f,-

O1 g
=-= La K O -=
I
anstalteten Feste brauchte man mit den Einladungen nicht so ;
-
ängstlich zu sein.
Der Park war belebt wie in den glänzendsten Tagen de z
Hauses, der Freiherr rechi eigenilich in seinem Elemenie. Der J
Fiirstbischof, die geistlichen Herren seines Gefolges, die Herzogin. z
die adeligen Familien der Nachbarschaft bildeten eine statiliche I
Versammlung.

Als man oben auus der Hihe anlangie, sand manu den neu-
erbauen kleinen Tempel in allen seien hervorragenden Linien
mit Blumengmirlanden geschmiici. , wer Freundschaft!' war Z
mit goldenen Buuchstaben üler der Eingangöihiüre zu lesen. Man
hatie die Marmortafel, welche diese Jnschrift trug, erst während
des Tages angebrachi. Eine sansie Musil ertönfe aus dem
?
V
Jmern des Baues, die Thitren öffneten sich, das Bild der Her-
zegi, welches wähhrened ihres Ausenihalies in der Siadi im
Aufirage des Freiherrn von einem geschickten Maler auusgeführt
worden war, hing reich bekränzt dem Eingange gegenüber. Man
I
haite davor eine Art von Alkar aufgerichiel, auuf welchem Blumen
e
z
T
I
A

und Feldfrüchie, Garten- und Feldarbeits-Geräthschafien wie in g
einemn Tempel der Ceres und der Flora aufgestellt waren. Von S
»
dem Sacristan wohl eingeibt, sang das Qunartekt der Knaben z
-
ein Loblied auuf die Herzogin, das von dem Freiherrn selber dem F
Schiller' schen,Mädchen aus derFremde' nachgedichtet worden war. Z
Bei der Strophe:
»F
Sie theilte jedem eine Gabe,
Dem Frichie, jenem Blumen aus;
Der Jilngling und der Greis am Siale,
Ein jeder ging beschenkt nach Haus --
1
N
=

?
F
z-sps Aof F
führie der Freiherr die Gefeierte vor den Altar. =--== - - z
dort aufgestellten Geräihschasten befanden sich verschiedene lleine F
Körbe, in denen auf und unter blihenden Blumen, mit den Z
Namen der anwesenden Personen bezeichnet, die mannigfachsten F
-
z
?

s
?.
-- A1
z Geschenke vorbereitet lagen. Er händigte ihr das erste dieser
. Körbchen aus und bat sie, als Schitzerin dieses Tempels, der
fortan ihren Namen kragen sollte, den versammelten Freunden
; ein Andenlen an sich zu hinterlassen.
Die Herzogin, solcher Darstelliig im hächsten Grade mäichtig,
I =-erzog sich mit vollendeler Amuukh ihrer Aufgabe, und eine
mspi
, gewisse Nihrung, eine ihr soust fremde Weichheii verliehen den
z Gescheulenn, die sie auuszuulheilen halle und die dem Nange der
? -
, Perzogin wie dem Asehen der Empfänger angemessen waren,
einen erhöhten Werlh.
s Schweigend und in sich selbst versunlen wohnte Angelika
dem Schauspiele bei. Sie schien es kaum zu bemerken. Ihr
Auge sah durch die offenen Bogenfenster in das Thal hinaus.
Auch Herbert hatte wenig Sinn fir die gegenwärtige Feierlich-
keit. Er ahnle, was in deu Herzen der Baronin vorgitgz.
So, im sinkenden Tagesscheine, hatte cr einst mit ihr auf
; dieser Höhe gestanden, hier auf dieser Stätte war sie ihm als
,, das Urbild edler Schönheit erschienen, hier hatte ihr. arauer
-p. s
, ihm das Ungliick ihres Lebens enthillt, hier haite er sich -,----
ss-=- iis
s selbstloser Freundschaft zu eigen geloben wollen -- und schon
,; damals hätte ihr Ausruf ,Hier oben dinnfen wir keine Kirche
bauen!'' ihm verrathen lönnen, was später ihm so verwircend
F und so schmerzlich klar geworden war.
J
- -ss-
sßfsp pH Hspe pi-son
- oz-. der Neinen, der erhabenen Seele z.-- - z=-- -=---
ZTempel der Erinnerung errichten mögen, und man weihte diese
F Stätie dem Andenken jener fremden Frau, deren selbstschtige
ßArglist Angelika's Gllc untergraben und zerstören geholfen.
?Er konnte die Augen nicht von der Baronin wanden, auch Eba
f
ß dachte nur an sie.
s Man schämi sich seines Glickes, wenn uan auf sie blickt!
s
z sagte sie zu Herbert, der sich zwanglos an ihre. Seite hielt.
! Der Freiherr wies den einzelnen Gästen mit le- zand-
-i.s- H

k
1

- A
z
beweguung die Reihenfolge an, in welcher sie sich der Herzogin
Zil1-p- =- 0--- =- ß--»--- --g wucs vomt Mingte;
-i fss ez; -
ii: (s s sisiiiiin
sIlsiufs:
zu Minute. Zwischen -. euzel - =---phen des Gedichtes -
wsnis gs - p
dii:
, in zsmko ?
oAl,s s,-zdo it
.: M,=-ss.iliish I.
i:n fpi: Fsf-isspfo
uz=i = ui. ===s s= - -z==s aeu z.-sC1»=1sgz Os,)= s=s.au uuli ss= v)s »ssG1 z
Nhythmus und in heiterer Melodie leicht bewegende Verse ein-
gelegt. So ging es fort, bis die geladenen Gäste alle ihre
Gaben elp;ge h. - und auf e- .-O -- oes Freiherrn
siss -
-s N,
Azss,-zf
ssszfAiis
der Archiieli an den -- .ar beschieden wuurde.
Nsi,
Als er sich demselben n=g---- erhob sich Ang= eon
»ssz- s-
J.zfu -
ihreu Plaze, winlte Eva zu sich heran, und während sie selbsi
das überrasch.=-adchen an Herbert's Seite geleitete, sangen
i. gs)
die Knaben die Schluszverse des Gediches:
Doihh nnhhle sih ein liele Paar,
Dem reichle sie der Gaben beste,
wer Bluen allerschönste dar!
sn.s. his
uuzsd Eya 1.- --- - « S Hü1..a .l El-=-. ldgpCD, gz-- --
s G,z-I..=-s K
ind. i
ssAiAf
gella lese, dast .a die beiden es veruehmen lonnien: Seid
s- s lss!
gliclicher, als ich, unnd dennlel meiner, weun ic nichl neh ---
Herbert und Eva sanlen-=- zu Fiisßen, die Gesellschaft
si-
--: -=--- -. und ihre Glüückwimnsche aus. Maiu merkte es
--is 1,s,iis
»-.s sa-
».s
==pk. dis --lgelt. noch blässer geworden war und leise ihre
»s Ns.
-s,-
-hränen trocktete. Herberl und Eva waren ein so schönes Paar. I
ep
=-a ganze Erfinduung und Ueb..schung-= volllonnnen
pszH
ii1 z
o---=le der Gesellschaft, uh. --- z-== -ullcs 1=-- h- b=s- ,
ss- äii-
sd. isnnis si,fs,- H
ssplzz- -is fsziii:
dzis dp I
.- NAsis s
=== caUel. == -- -1z1lscsel! dl. =z-=-l Cg Flle; =- -
Apifss
s s
iiin oi: ss
=- ---=- -- d- z-e, der Garten, ds-=--bu, das Schlos sirahlten
S,mssil
- Es
. K.s»--ss.-
s
d,=- S ss z sis
ss- N,s,-s
dof Hom .L
=--- =-z-g-CF = -uulül1l, Ud wähyes;d V0l! ==-- ===- z
SHiisnol
b--=- =»=--=- gelegenen Nuinen des alten Schlosses die?
-nfoissilzs- A
=. s
H--.i d -
erstezt Garbeit des Feue..=- - -- I g= i--z -=»=-- =- -
emsi.»1F s
.- Cs. ssi--
Fürstbischof selber in -. schaumenden Champagner, den die ;
Apiss
==- --- z ==z- - egze..== -- -p--- «oast auf das Be- z
doi: ssss,zs
»ppin) -
-Ansnzpf
stehen, Wachsen und Gedeihen des von Arten'schen Geschlechtes aus. ?
-e
d

z

Kapitel 19

f
i
?
Neunzehntes Capite l.
g
,sie Gäste hatten das Schloß verlassen, der Tag war
. z
bewölkt, die Baronin hiteke das Lager, weil si sich mehr zu-
gemuthet, als ihre Kräfie leisten konten; auc der Freiherr
z und die Herzogin waren ermüüdet und hielten sich in ihren
Gemächern. Der Herr Pfarrer, wie die Kirchenbeamten und
I der Sacristan den Caplan jezt nannten, beantoortete in des
Fßreiherrn Naen die Vorstellungen, welche diesem von Seiten
des Superintendenten auf die Beschwerden des Pastors gemacht
Zworden waren. Der neue Pfarrer allein war zu einer großen
s eg
«hätigkeil aufgelegt, während der Freiherr jene Erschlaffung
und jene Leere fühlte, welche nach der Vollendung einer großen
-Arbeit, eines grosten Unternehmens sich immer einzustellen pflegen.
Gegen den Abend machte die Herzogin ihm den Vorschlag,
- einen Spaziergang nach der Margarethen-Höhe, so nannte man
-den Hügel jezt. zu uneruehmen. I ruhigem Gespräche durch-
wanderten sie den Park, stiegen sie den Hügel hinauf. Oben
-angelangt, setzten sie sich auf einer der nach antikem Vorbilde
Vgearbeiteten Steinbänke nieder, welche man dort aufgestellt hatte.
roz des schönen Abends machten der Plaz und der Tempel
heute keinen guten Eindruck. Die Blumenguirlanden waren
-welk geworden, das Gras des Rasenplazes hier und da zer-
s hteten. Die Lampen hingen trüb und fahl in den Drähten
des Lattenwerkes, auch das Innere des Tempels war noch nicht

--- ?---
wieder hergestellt worden, und das Bild der Herzogin sah inr
dem matten Lichte wie verschleiert aus.
Wir hätten heute nicht hierher gehen sollen, bemerkte der
Freiherr, denn jedes Fest wirft einen Schatien äuf den ihn
folgenden Tag!
Und doch wünschte ich gerade heute hierher zu kommenF
und mich an dem Orte, dem Sie so liebenswüürdig meinen:
Namen verliehen, an welchem Sie, mein theurer Vetter, mih'
so hoch geehrt haben, mit Ihnen iber eine Agelegenheit zu ,
besprechen, die ich ohne Ihren Beirath zu ordnen genöthigt ges
wesen bin, denn Ihre Freundschaft wiirde mich, ich fihle das, -
verhindert haben, die Etscheiduung zu treffen, zu welcher ich selbst -
mich schwer genug entschloß.
Sie hielt inne; der Freiherr bat sie, sich zu erklären.
Ich bin nicht wortbrüüchig, mein Freund, sagte sie, und
ich habe es nicht vergessen, wie Ihre Grosmuth mir einst das Ver- ;
sprechen abgenommen hat, das; ich von Ihrer gastlichen Schwelle: I
nicht scheiden würde, bis Sie selbst mich wieder in die Hallen -
Ig
meines schönen Vaudricourt zurickgeleiten könnten.
Und dieses Versprechen ist Ihnen leid geworden? fragte -
der Freiherr, von einer unangenehmen Ahnung erfaßt.
»
Sie schüttelte wehmüthig das Haupt. Nein, o nein, ver-
setzte sie, und es wird, glauben Sie es mir, theurer Vetter, zu ,
den erhebendsten Erinnerungen meines Lebens gehören, daß Sie-
es einst von mir gefordert haben, daß ich Sie auch heute noch;
geneigt weiß, mir fort und fort das Gastrecht zu gewähren,?
welches Sie mir mit jener Forderung verhießen. Aber jedes
Versprechen, das wir leisten, wird in einem bestimmten Glau- -
ben, unter gewissen Voraussetzungen gethan . . - -
Sie wollen von uns scheiden? rief der Freiherr, tiefer -
getroffen, als er es selbst in diesem Augenblicke wußle. Sie ;
wollen jetzt, eben jetzt von uns gehen, wo, wenn nicht ein

--- L2R ----
Wunder geschieht, auf das zu hoffen der Mentsc kein Anrecht
hat, meinem Hauuse ein schwerer Verlust und eine üinsame, ernste
Zeit bevorsteht?
Die Herzogin seufzte. Ich habe mir das selbst gesagt.
habe Alles schmerzlich in mir erwogen, und doch bleibt mir
keine Wahl. Jedes Versprechen, das wir leisten, wiederholte
sie absichtiich, wird in einem bestimmten Glauben, unter gewisseu
Voraussezungen gethan. Als ich Ihnen einsi g-lolte, nicht eher
von Richien zu scheiden, bis Sie mich nach Vauudricouuri geleiten
könnten, glaubte ich an eine Wandlung, an üinr nicht ferne
Rückkehr zu Ordnuig und Gesez in meiner Heimoth, hoffte ich
den Thron seines rechtmnäs:igen Herrschers in Frankreich bald
wieder aufgerichtet zu sehen. Diese Hoffnuung habe ich fir jetzt
verloren!
Und was bewegt Sie also zu dem Eitschlusse, mit dem
Sie uns bedrohen ? wandle der Freiherr uehr und mehr ver-
wundert ein.
Die Herzogin wich der Antvort aus. Sie kennen die
Huld und Gmiade, sagke sie, mit welcher die Gemahlin des
Grafen von Provence mich von je her beglickte. Durch die Ver-
hältnisse unseres Vaterlandes an den Hof ihres königlichen Vaters
zurückgefihrt, wimscht sie mich in ihre Nhe zu ziehen. Die
Oberhofmeisterin Ihrer Mafestät der Königin ist geslorben, man
bietet mir ihre Stelle an, und.. . -
Der Freiherr neigte mit vornehmer Bewegung zustimmend
das Haupt: Und Sie finden es ehrenvoller und angenehmer,
dje Oberhofmeisterin einer Königin zu sein, als e:nem Land-
edelmanne in seinem Schlosse firder die Freude und die Ehre
Ihrer Gegenwart zu gönnen! Ich begreife das -- und ich
gehe Ihnen Recht, vollkommen Recht, figle er schnell gefaßt
hinzu.
Es entsland eine Pause. Die Herzogin wuuste volllommen,

oH z
welche Kränlung sie dem Freiherrn bereiteie. Aber einer Be-
obachterin wie ihr waren die sich ändernden Glücksumstände de
Freiherrn nicht verborgen geblieben, und sie hatie seit lange
daran gedacht, das Schloß und den Freiherrn zu verlassen. Es
widerstreble ihrem Ehrgefüihle,-=- - unzunehmen, sobald mau
Os-s.i
anfangen konnte, sie als solche zu empfinden, es widersirebie
o-» --=-=- -=-- - - -üooß. an dem: Frankenlager einer Sierben-
snr ifsolis jsszps- PFfiniif-
den langsam schleichende Aage hinzuleben und in dem freiherr-
liche Schhlosse die unverueit lice Eiisamnleil deb Truuerjahres
über sich zu nehmen. Ds glänzende Tueru, das Leben an
dem iippigen Hofe von Savoyen, der Einflus; eina- =--11ß.
-- Ss, ls
wie sie ihr geboten ward, lonnien sie nichi schwanlen lassen iber
das, was ihr z -=- oblag, und den Freiherrn mit erkinstelter
s sziis
Ubefangenheit bei seie Worle nehunend, sagle sie: Ich wuste,
das Sie uich billigen, das: Ihre selbstlose Freundschast mir den
=---=---- Du. -uch so viel leberwinduhg --p- -- icht erschweren
g5,-ss
- ?.-si.-s
wülrde, und --- sagie sie mit einem neues. =--!zer -- vielleiht
s M.
,7 s.
w«. Ich sd glll==- »-- ---b-- -=-=-. Freund, tt mteiner neuen
ssinsss s ssoiisoe
K.zs
Heimath wiederzuschen, wenn der Schlag gefallen seinu-rd,
iii
der Sie bedroht, wenn es Ihnen zu sch.- allen s-ue, hier
sz s,
-is
viffsnis,zs !
n dem verwaisten Hause z = --==-- -
a.«-
==-«e Freiher. uiworlete hr nncht. =-e erhob siug. -=--
a!
s. söi
in den Tempel und sagte, ihr Tuch up=- Augen drückend:
er j lp
Wie mich es ges.- e. chullerle, al- --- ahnungslos mich An-
e O.
j pzi
-»-?
gedenken an die wwerthen Menschen vertheilen -p--- -- »«
.« s
lisoi
Nsss, -n
o--- N.s..s.s
ss-sis
=-- -l -=g. wviedersehen werde, denn du. =h;-p- der Kdags
--siin
bedrang-
Sie
Sie
----« und bindet mich zugleich!
iis.s.
-sspf-
ß=-- zu befehlen, Herzogin! versicherte der Freiherr.
.shs N?,
in sF
läe,.-- -eege geh- -=, noch mcht, auch über-
morgen nicht!
Er sagle ihr, das; er jeden aag ihrer Annvesenheut als einen

. eh e,
Gewinn beirachten wirde, aber sein Aon war kult, und schwei-
nos? fz-A
u-- -len sie den Heimveg anl.
aue bevorstehende Abreise der Herzogin setzte in de- gO = --
Herrschaft Alles in Erstaunen. - .r Freiherr versuchie nicht, sie
e.
zu halten, sie fihlle jezl leiu Verlange--=-- zu bleiben.
ssns
s,lßz-f. zfs,fsp pz ff.iifim fssff Aofs s
Ig Aat daVol g=-- --=-- -- ---»-; ---- =- otPfe.
Wenn ein Haud den Einslurz drohl, sugle rr, gehen die llugen
Natien hinaiis!
wer Freiherr lies es der Herzogi an keier Beqnemlichkeit
sehlen. Er war sich das unch seineu Epsinden schldig. Fir
den vierlen aag wurden die Pferde bereit gehal. - u d voraus-
f,s: sis
geschict, ud ehe die lezle Kränze des Freundschafisfestes auf
der Margarethen-Höhe abgenommen waren, hate die Herzogin
das Schlos: uud die Geged verlassen.
E trat damit eine grosle -- - des Freiherrn Leben
N,?. s-
ein. Er hatte ihr durch eine lange -=- don Jahren seine
.1s
1ss s..sMsss--i
FreuÜld;.gp-; -- s-=-- === .ü Ull gdhg---- - g.lü lz-- =s»oP-
N...iss s.ss N1.-1
-,ssfs s8 si-s
ihn gefesselt und-p--=------ ----- war er völlig auf sich selber
sz,-ssissiff - fiiifn
angewiesen, und er hatie Niemanden, dem er belrnnen durfte,
was..-zlte, was ihn krankte. Er wuste, das der Caplan
ps- ss-
die Entfernuung der Herzogin stets gewinscht, das: Angelika sie
sos =-s.s-
ss,- ?nid is.=- E,ee
vu - - ull! hal.., Ull e1gd===- -=--==--=- »-zcV kcht mehr
-iff.i dii»fiss
berlassen. Wie h.-- -- uuch da... de==- -=p hr, die er
l.Issfs- ni -
isis s,i
=---g viel Härte von sich gewiesen, der die Herzvgin so schweres
Nz -Ss.-»s -
=-s- ü-=-=-- es einzugestehen, das; und wie sehr er dtese vermisse!
Schweigend, i sich zuuruegezoge -- = -=-e Tag- »-- -=
ll,s -s K -
o ss s,s.
z ss,- v.--:idis sniiniis bifbpisi.p H,,sss zisss s,
kzüissvp-fospf-
sC»=- »y» 7=su, llu0 si= =7-izs -ss =sssss - = -s z -=s-is=1s »==s -zs=s 11s1 11s?-
l s.hss. N.»-.s,s.-l.-ss
= y=- ===-= -p sz-= =s s -=s =Dss = ===s., Cll Ie;; hhjlhgy;;
siff R.s s,södof-
mesisois d.s. 9lz-ss
s-=spj--- -- -=-=- -;hllüg== ---- - -» --»-=-z=u Der Firce, UsNe
s.s,-is.s e,- smsissii-
D,ssz-s
dp
=b=--.g, die Eigifiühhrung und Eigirichg der -.!rceh.=ü---
fzsss;
s!i
sss fiss
das Fest anf der Margaretien-Höhhe und die Abreise her Herzogin
hallen viele AnuSgzulen veruursuc. Sie wareu ac der Weise des
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschleci. 1.
1t

- ZZh-
Freiherrn alle unerläßlich gewesen, aber sie hatten doch seinen';
Baarvorrath weit überstiegen und er war aufs Neue genöthigt -
worden, Geld gegen Wechsel aufzunehmen.
Wie das Jahr zu sinken begann, sanken die Kräfte An- ?
gelika's mit ihm. In guten Stunden trug man sie auf die -
Terrasse hinaus; der Pfarrer, die treue Marianne, ihr Sohn
durfien sie wenig verlassen. Die Sorge fiir Nenatus beschäf- ,
tigle sie ganz und gar.
Erziehen Sie ihn zur strengen Zucht! beschwor sie den -
Pfarrer; machen Sie, das; er in seinem Herzen, in seinem I
Geiste die Nichtschnur finde, die ihn hindert, von dem Pfade F
der Ehre und der Tugend abzuweichen; machen Sie, daß er z
unnachsichtig gegen seine Neiguungen werde, das; sein Gewissen Z
unbestechlich von seinen Leidenschaften sei! -- Sie sprach es
nicht aus, das sie wüinsche, er möge seinem Vater und ihrem Z
Bruder nicht ähnlich werden, aber es war unschwer zu ersehen, y
wohin ihre Plane für die Erziehung ihres Sohnes gingen, und ,
---
der Pfarrer verstand sie wohl.
Als die Ernte vollendet war, zog der Amtmann von der -
Herrschaft ab. Es war große Betribniß unter den Leuten, I
und auch dem Freiherrn ging es heimlich nahe. Aam hin- --
gegen hatte das Scheiden mit Ungeduld erwartet. Sein Haus -
in Marienau stand wohlgefigt, die Hochzeit seiner Schwester ;
sollte es einweihen, und er hatte jetzt bereits im Stillen sein ß
Auge auf eines Gutsbesizers hübsche Tochter fallen lassen, die'
ihm ein Ersatz für Eva zu werden versprach.
- I
Jm Herbste schaltete der neue Amtmann mit seiner großen ?
Familie in dem Hause, das die Steinerts über ein Jahrhundert T
inne gehabt hatten. Da er nicht des Landes, sondern aus einem Z
fernen Theile Deutschlands gekommen war, hatte er ohne Wei-,
teres die Meinung wider sich. Er hielt es, wie der Freiherr,. ;
mit einem trengen Regiment, und ein solches mußte er auch -

i ;
------ A? --
-
äüben, wenn er die Verheißungen wahr zu machen dachte, mit
h -denen er den Freiherrn für sich eingenommen.
Der Herbst war ungewöhnlich hell un mild, das Jahr
f; schien lächelnd verscheiden zu wollen, und lächelnd fand man
s L eines Morgens die Baronin auf ihrem Lager liegend. Sanft
!, lächelnd, Amanda's Nosenkranz, der sie nie verlassen, in ihrer
! Hand, war sie wie unter dem Eindrucke eines uilden Traumes
F eingeschlasen. -
- Es war auuch ein heller, klarer Herbstmorgen, an welcem
i
H man die Leiche der Schlosherrin zu ihrer Ruhestätte in der
F neuen, von ihr gelobten Kirche führte. Vn nah und fern
, war der benachbarte Adel herbeigekommen, ihr das letzte Geleite
F nach der prächtigen Familiengruft zu geben.
? Der erste Neif lag auf dem Nasenplatze vor dem Schlosse
, und auf dem Kirchhofe, als der von sechs Pferden gezogene
Leichenvagen sie überschritt. Wie weisße Nosen hingen die leicht
sgeballten Flocken des Nauhreifs in den Tamnenbäumen des
z Firchhofes. Die Freifrann Angelika von Arten-Nichten war die
FErste des jezt lebenden Geschlechtes, welche zu den Ahnen ihres
TMannes in die Gruft herniederstieg, die Erste, welche dieses
Weges ging. Der Traum, den sie am Morgen der Kirchweihe
F geträumt, fand seine Erfüllung. Sie war die Erste, über deren
t Asche der Pfarrer ihrer Kirche die Seelenmesse las.
g-
z Als die Beerdigung vorüber nvar und die Fremden das
Haus verlassen hatten, befanden der Freiherr und der Pfarrer
Zsich allein in dem Wohnzimmer der verstorbenen Baronin. Der
FFreiherr, in tiefer Trauerkleidung, ging hugsam auf und nieder.
Pr trat an das eine, er trat an das andere Fenster. Die
Fweithin sich exstreckenden gradlinigen Hecken von Buxhaum, die
Jcharf zugespizten Obelisken und Taxus»Pyramiden hatien auch
mn diesem Herbste duurch die späie Jahrcdzeit noch nichis von
Phrer Farbe und Form verloren. Am Ende des Gartens hoben

-- ZZZ-
sich die Bäume des sogenannten Bosquets empor, majestätische
Kiefern, deren braunrothe Stämme wie die Pinien breite, grüne
Kronen trugen, und prächtige Eichen, noch voll von ihrem -
üppigen und jetzt goldgelb gefärbten Laube. Sie waren immer z
noch gewachsen. In dem Kamine brannte ein helles Feuer. -
Sein Schein streifte bald die Portraits der freiherrlichen Eltern, ?
bald die schönen Bilder Amanda's und Angelika's, die an den -
Wänden hingen. Dann wieder beleuchtete er die antiken Sta- -
tuen der Venuus und des Amor, die in den Ecen des Zimmers ?
standen.
z
Eine Erinnerung zukte in dem Freiherrn auf. Ein schöner ,
Herbsttag wie dieser war es, sprach er, indem er vor dem
Pfarrer siehen blieb, der iraurig an dem Kamine sasß, ein Tag;
wie dieser war es, an dem wir einst diese beiden Statuen-
hier aufgestellt haben! Und wieder, wie damals, stehen wir
hier allein !
Ich habe auch daran gedacht, entgegnete der Pfarrer,
während der Freiherr abermals umherzugehen begann, bis en ?,
wieder vor dem Pfarrer stehen blieb.
Was ist seitdem geschehen! Welche Umwälzungen hat die. -
Zeit gebracht, die Welt erfahren, und ich selber, was habe ich';
erlitten und erlebt!-
Er setzte sich nieder und fuhr sich mit der Hand über die ?
Augen. Aber er schien sich dessen wie einer Schwäche zu -
schämen, denn er erhob sich augenblicklich wieder, und dem
Pfarrer die Hand reichend, sprach er: Und doch muß man sich?
sagen, was ich damals erstrebte, ist erreicht, und mehr als das!. -
In Renatus wächst mir der Erbe meines Hauses, der Erhalter ,
unseres Geschlechtes gesund empor. Ich habe meinem Hause F
und unserer Kirche hier in der Gegend eine schöne, eine erhabene-,
Zulunft gesichert. Arbeiten Sie mit uir gemeinsam daran, ?,
mein Freund, dasß mein Geschlecht in meinem Sohne einen??
-

9 ----
wüürdigen Vertreter und unsere Kirche hier zu Lande die Verbrei-
tung finde, welche sie gewinnen muß, um dem aufrührerischen
Geiste, um dem ihörichten Verlangen nach Jeiheit zu begegnen,
die jetzt die J,it beherrschen. Der Einzelne muß dem Leben
D.
seinen Tribut bezahlen, das Blut und der Simn des wahren
Adels erben sich fort! Und wenn auch ich einst die dunkle
Strasse gegangen sein werde, auf der wir heut: unsere theure
r,.
=«odte zu geleiten halten, wird der Name derr von Arten fort-
leben von Geschlechl zu Geschlechl.
Lassenn Sie uns darauuf hoffen, versezte der Pfarrer; denn
Sie haben Ihr Andenlen mit unserer Kirche, mit der Verbrei-
tung des allein selig machenden Glaubend in unserer Provinz
verbunden, und wie die Zeil auuch in ihreun Wechsel lresi, der
Geist unserer Kirche ist unwandelbar und wenigstens ihr Be-
stehen ist dauernd !
Von der Kirche herüber ertönte bei der hereinbrechenden
Dämmerung der Gruß, welcher, aus der fernen Vorzeit die
Geschlechier der Menschen überlebend, allabendlich durch die kaiho-
lische Christenheit erklingt. Die Glocken läuteten dcs Ave Maric.
Der Freiherr und der Pfarrer bekreuzten sich beide. Es
war still in dem Gemache. Die Nacht sank nieder, ohne daß
sie es gewwahrten. Sie hofften in ihrem Herzen auf ein ewiges
Bestehen dessen, was ihnen werih und heilig war, und ver-
gaßen, daß es nichis Dauerndeö giebt, das Alleö sich wandelt
und vexgeht.

Kapitel 20

=
I) - -
Zweite Abtheilung.
Fps rh om nlig.


.
L:
-
Erstes Capitel.
ßszgo Neihe von Jahren war entschwunden, seit man die
Leiche der Baronin von Arten in dem Erbbegräbnisse der neuen
z katholischen Kirche in Nothenfeld zur Ruhe bestatte: hatie, und
Fschwere, blutige Zeiten waren seitdem über die Erde hingegangen.
F Aus dem schöpferischen Chaos der französischen Revolution hate
Fih die finstere, gewaltige Gestalt Napoleon's des Ersten empor-
gehoben, dessen unersättlicher Ehrgeiz die Kriegsfackel iber Europa
swang, während Zerstörung, Blut und Thränen den Weg be-
zichneten, den sein Fuuß von Sieg zu Sieg, von Eroberung zu
Froberung fortschreitend betrat.
- Vom fernsten Westen Europa's bis hin an Deutschlands
und Preußens östliche Grenzen waren die Wogen des Krieges,
das Bestehende umgestaltend oder verschlingend, über die Länder
yzrollt. Staaten waren untergegangen, Könige und Fürsten
nithront, neue Reiche gebildet und neue Herrscher und Könige
mgnnt worden. Im Schlosse wie in der Hitte hatte man die
Verall nachzitternde Kraft der ungeheuren Bewegung empfunden,
und wie die Verhältnisse der Länder und ihrer Beherrscher sich
gändert, so hatten sich mit diesen Wandlungen auch im Ge-
zmmtleben der Menschen wie in den einzelnen Ständen und
yt ihren Beziehuungen zu einander große Veränderungen zugetragen.
I Von jener Freiheit, welche die Franzosen zu erringen ge-
vunscht, als sie den Thron der Bourbonen gestüürzt, die Ne-
-

-)h j
publik erllärt, den König und die Königin hingerichtet und dak
Blut derjenigen vergossen hatten, welche sie als Feinde der
Freiheit betraeh-- - war ihnen unter der lyrannischen Herr-
sisppis
schaft ihres erslen Kaisers nichts mehr iübrig geblieben; aber die
in der --evolntion zur Geltung gekommene Erkeuuninis; der mensch-
lichen und biürgerlichen Gleichheit hatte iu den Geistern eine zu
-- -= Irzel geschlagen, um so schnell wie die politische Freiheit
fs.).- I1
vernichiet werden zu lönnen. - - Jaube., welcher ..e alten
K.-- P
- d
adeligen Geschhlechhier üumg hen, war i jener Zei! fiir das scharfe
Auuge bes Bllrgzersludes i: Fraulreic erlosuhen, uune weder die
von Napoleon ernannten Fit;«. und Herzoge, noc jener Theil
-sipis
des alten französischen Adels, der sich an den Thhron des nenen
Kaisers herandrängie, weil er im Dtenen, gleichviel, wem er
diente, seinen ==-=-- und seine Ehre fand, waren dazu angee
N.is-1s.8s
-pi, die frühere Geltung des Adels wieder zuu erzeugen. Von
ssin
einer abtrennenden Gliederung - -=-=Sangehörigen in drei
d- FfAmi
Stände konnte ebenfalls ni.=- --=- die Rede sein, nachdem der
,lii ii:lis
sogenante driite Stand das Ruder des Staates jahrelang in
seinen Händen gehabt hatte und seit der Sohn eines corsicanischen
si
-=-oolaten der Welt Geseze vorschrieb. aie Verehrung des
angestammten historischen . i-els war in eine Verehrung der
s 9sß«
N-
--=cht üübergegaugen, und wenn damit der sitiliche Gehalt der
Menschen und de. . - auch nicht eigentlich gehoben wuurde, so
z- N,ls
- H
waren de. -erehrung doch weitere Grenzen gesteckt, seit dem
Verehrenden
Modooi- N,
s=s= »s- s - sG»F
Gegenstande
sich dte Aussicl ==;i =- - üll! -al 116-z===-
s -vKffi.fn
? .
smsinspsFssoe
s.ss.s
-s- zu einem Machthaber und damit zu einem
der Verehrung zu erheben. Das uilitärische Genie,
der Gelehrte, der Küünstler, der Gewerbtreibende fanden dabei
aleichmäßig ihre Nechnung. und was fir Napoleon in den
..ss-
Herzen des D..?, das er unterjochte, dessen Steuerkräfte er
übermäßig in Anspruch nahm und dessen Söhne er unaufhörlich
zur Schlachtbank fihrte, am allermeisten sprach, das war die

--- L7J-
-Erinnerung, wie er selber aus den Reihen des Bürgerstandes
Zhervorgegangen, Kinder des Volkes zu Königen und Fürsten
erhoben hatte, und wie er in seiner Persou bie Verkörperung
z dessen darstellte, was der Ehrgeiz des Genies zu erreichen wüünschen
mußte und jezt zu erreichen hoffen konte.
Eben so gros als der Wechsel der Zstände, der sich in
- Frgnkreich innerlich und äuserlich ereignet, war die Wandlung
gewesen, welche sich in Deutschland ducch die Nachwirkung jener
ungeheuren srazisischhen Nkevollion in Bewuslsein und in der
F Empfinduuigsweise der Menschen vollzogen halie. Seit mehr als
J anderthalb hundert Jahren blind der Bewunderung des französi-
schen Geistes, lechlisch der Nachahmuug französischer Sitte und
Mode unterthanl, war schon vor dem Beginne der französischen
z Nevolution mit dem Auftreten Lessing's, Goethe's und Schiller's
der Mahnruf an die Deutschen ergangen, sich ihrer eigenen Mocht
z und Bedeutung, sich ihrer eigenen Abstammung und Größe zu
, erinnern; und was die Kraft, was die befreiende Erhabenheit
Fdieser Heroen begonnen, das vollendete die napoleonische Tyrannei,
Fderen eiserne Schwere sich stärker und stärker auf Deutschland herab-
Isenkte. In Blut und Thränen, unter dem Drucke der Fremdherr-
- schaft, in der willkürlich über ihm verhängten Zersplitterung, in
Ider Knechtschaft und in den Banden Napoleon's war Deutschland
, scei geworden von jener französischen Sclaverei, zu welcher es sich
'so lange selbst verdammt hatte. Französische Sprache, französische
Mode und französische Sitten waren dem vor der Revolution
Hüchtig gewordenen Adel entgegen gekommen, wo immer er sich
in Deutschland hingewendet. Eine Begeisterung für die in
-Frankreich durchgesetzte Neugestaltung der Staatsoerhältnisse hatle
von vielen Seiten die ersten republikanischen Siege der Neu-
Franzosen diesseit des Rheines begrüßt; aber auch diese Zeiten
waren vorübergegangen. Der deutsche Geist war zum Selbst-
gefühl erwacht; an dem Hasse gegen den Nebermuth der fremden
l
l

Vergewalhiger
Mutiersprache
leberall,
ezDa
====- Jee(F P? ===-
hatte sich die lange niedergehaltene Liebe für die
und für das gemeinsame Vaterland entzündet.
wo deutsche Herzen schlugen, wo deutsche Hände
die Saai auus den Feldern des Landes auussireuuten und deutscher
Fleiß sich in Gewerb und Handel bewegte, hatte man das Unheil
der französischen Herrschaft zu tragen. Die Kriegszüge, welche
sich vom fernen Westen und vom Siden Europa's bis an die
ösilichsten uid nördlichsient Grenzen Delschlads auuödehnten, sie
hatten iberall Nolh und Elend im Gefolge gehabt, aber eben
die gemeinsanze Noth haiie die Menschen näher zusammengefilhrt.
Die Vernichiuung, die Eulbehrung äuuszerer Gilter haite erlennen
gelehrt, was Jeder in sich selbst besize und welche Quellen der
Erhebung und des tröstenden Genuusses dem Menschen aus der
Beschäfligung mit dem Gedanken erwachsen können; und wie es bei
solch völliger Umgestaltung der Verhülmnisse uicht anders zu
erwarten war, hatte eine neue Vertheilung des allgemeinen
Vermögens sich vorbereitet und war iheilweise schon aus-
gefithrt.
Das Geld war selten geworden und im Werthe gestiegen.
Wer Geld besaß, konnte viel damit erwerben, wer Geld bedurfte,
musgte es unverhältnißmäßig hoch bezahlen; während also das
Vermögen des Kaufmannes in den Städten mitunter in über-
raschenden Verhältnissen emporstieg, ward der Wohlstand des
Landmannes, des Gutsbesizers eben so oft verringert oder gar
vernichtet, wo die großen Heeresmassen des Eroberers sich über
die Länder wälzten.
Preusen vor allen anderen Ländern hatte die Gewalt der
Ereignisse fiihlen müssen. Erst nach mehrjährigem Aufeuthalie
in den fernen «;tsee-Provinzen war der flichtig gewordene
eg
König wieder mit seiner Familie in seine Hauptstadt zurüc-
gekehrt; aber die ganz zerstiückelte Monarchie stand nichts desto
weniger ihatsächlich noch völlig in Napoleon's Gewalt. Die

-
?
ezH r-
-==- JFe(? F =
Fungeheure Kriegsschuld, die von Napoleon rerhängte Continental-
ßsperre, wie die durch ganz Europa, so weit es ihm gehorchte,
sangeordneten großen Ristungen brachten Nouth un- =rangsale
K- eg
zaller' Art hervor, indes; sie hinderten die Völke: nicht, zur Selbst-
Ferkenntis; zu erwachen. Der König wie jener bessere Theil des
Cats
=r rR
s,z-s zii
, gehalten hsaite von der Erniedriguungz nor d i: Erberer, vmr
-Allen aber der gebildete Birgerstand hatten begreifen gelernt,
wad Jedem iu Einzelen fehle, wad Allen gemeinsam Noih
thue, und die Besten des Landes, Mäuner so wie Frauen,
hatten sich vereinigt.- durch Selbsterziehung und Selbster-
Ihebung jene allgemeine Auferbauuung zu beginnen, -.. Uner-
Afost
Jaßlichkeit Jedweder ahnte oder empfand.
Eben in jener Zeii, im Herbste des Jauhres achtzehnhuundert
und elf, sasten in Berlin in dem Gartensaale eines großen
-Hauses zwei Frauenzimmer bei einander. Die Thüren des
Jemaches standen ofsen, obschon ein großes Feuer in dem Kamine
brannte, dessen Flamme mit ihrem flackernden Scheine bald d
chinesischen Malereien an den noch von der Sonne beschienenen
Wänden, bald die wunderlichen, langgeschwänzte.. Vogelbild«.
an der Decke beleuchtete, über die sich schon der Schatten des
Abends auszubreiten anfing.
Es musßten reiche = --= --- denen diescs Haus gehdr...
N,isb snif
denn es standen lauter silberne Theegeräthschaften auf dem Tnsche,
und das Silber war jetzt schwer besteuert; auch der Thee selbst
war durch die Continentalsperöe zu einem sehe .;tbaren ruuzuS-
=- ?..s
Artikel geworden. Das jingere der beiden Frauenzimmer, ein
eben erst der Kindheit entoachsenes Mädchen, mit dem Zube-
reiten des Thee's beschäfiigt, sezte behutsam eineu kleinen Sehirm
von chinesischem -==- zum Scuze gegen den=zzug vor die
N,i.e
N..?
Flamme, die unter dem uheekessel brannte, als die Aeltere einen

-- ZZZ-
Strauus; von Herlsibluumnen, den sie eben gebunden, aus der
Hand legte und sich von ihrem Size erhob.
Komm', mein Kind, sagte sie, wir wollen die Blumen
nach dem Denkmal tragen.
Sie schlug bei den Worten einen der unter dem Direckorium
in Mode gekommenen tirkischen Shawls um ihre Schnltern,
reichte dem jungen Mädchen eine Pelerine zu gleichem Zwecke
hin, und wäihrend dieses sich an den Arut der älteren Freundin
hing, glngen sie über den Mitielweg des großen Gartens nach
einer Gruppe von Bäumen, aus deren Schatten, von üppigem
Gebüsch umwuchert, eine mäsig hohe Sandsteinsäule hervorsah.
Dte Vase, welche sie trg. haite die Jschrif! , Den Hin-
gegangeuen,! und so lange die Jahreszeil ihremt Garien Grln
:?? A
Fräulein Esther von Arten, denn es woar der Garten des
chemaligen von Arte'schen Hauses in der Residenz, in wwelchem
die Frauuenzimmer sich ergien. Fräulein Esther halte das
Denkmal einst in dem schönen Sinne einer gesi:hlvollen Zeit
errichien lassen, um sich alltäglich ihrer Todten zu erinnern.
Nun war sie gleichfalls schon lange hingegangen, auch die schöne
Baronin Angelika von Arten, welche nach ihr dieses Haus be-
sessen, deckte seit Jahren und Jahren das Grab; aber ihr An-
denken lebte in aller ihrer Anmuth und Gite in dem Herzen
ihrer Freundin Seba fort, und es war dieser eine Genug-
-==--g, die Liebespflicht zu üben, welche Angelika einst über sich
ssziiii r
genommen, nachdem sich ihre Scheu vor dem Andenken an
Fräulein Esther in liebende Erinnerung umgewandelt. Hatten
doch auch Seba und ihr Vater den Hingang einer ihnen kheuren
Person zu beklagen, da durch eine plözliche Krankheit ihnen die
Mutter bald nach der lebersiedelung in die Nesidenz und in
dieses Haus entrissen worden war.

- -
Allabendlich, weun die Soune zu siulen begann, pflcgte
,s»HhssAl
Seba den frischen Strauß auf das ------- z legen, und hre
junge Gefährtin lez es sich daunn nicht nelnnen, u---- - --
,. HLszis nin
F hf- d.is Fsz nii
sznz-,i:
des vorigett Ta ge« - - =- --= -===- F== =--- =- - ul!gsant an
dis s,
=- tere:t -heile des Gartens h;los; und langsamt den
A
Aons mii:
sis
mplf.s Fsz-:s isss C(,s-
o= -== --»--bu --- ==g daVott kg, bts das ihmt folgende
ßsm.i isii-
v-=-- üict utehr ersah.
osss f,-s--,-is
Auch heute wendetent die Frauen ,.ch wieder d. .- --
-
G»An-n
1!s.=-
ss: Ains: inpss ss,z
o=n ===- g- Zl, I? IeS .;e biiee.u üulO wss ==-s -=s --- -
d,ip is
den Flus; hinveg die schbne. -==e eines auf der anderen
=s LIz
Seite des Wassers gelegenen Gartens vor sich hatte, die eben
jetzt im: Sonneu= -g6I e-=--
---sßs
,f;s
i zs fzp
==-l der «ul. utct bald Jiauskomnmn, wird er es heute
H1sis
M.-
liii
--=- het, wie die Bäume drüben ihr flannnendes Lichtbad
zis .
nosissps
s--p-- l, sagzle Seba. Seil denn zED.; Jahsrrn, die - =
t?
sfi s
1ii:z-
i- d.spspiis
--- -- - Hause leben, -- -ch dieses Schauspiels noch nicht
v.is s
n-- gewworden, und selbst auf Reisen e==- ics dent Abl!.
szss -
sss.i liz.
Auf Reisen? wiederholte das junge Mädchn kopfschiüttelnd;
==---, da habe ich niemals oder doch -« ,. lten h.=- - gedacht.
noii:
i:ii s,-
if of
= hat man ja Anderes, Neues zu betrachten.
cds=:
Ja, wenn man jung ist, meinte die ältere Freundin, und
das Neu. -=1g - a-- es:, und cs mag das vielleicht
-s. »,-i-s N,
nn siss ä
=-- --uches Andere in einer gewissen Abgeschlossenheit und
- snio sp
hs,sz-Is» His=
=-»-------g eines Wesens begrindet sein, fiügte sie hglb wie
z , s.-ss.i=- swwsmmnid s.'
imnii- -ff.sIifois ss, d.i, FFiis
zss ss? s- =- - sß-=»-z-i=es ujlllFll, ss=u - »'jz -ss==s ==s s si=z =ei= ====9s
-. A
.-- MC.,sii.-s
f. R.z- ,- s.-
spifois dos- M?, s)-
z--- =- -=-----b- - =-=-=;- - EEa aglESze.s, == - zgäEIzelel,
-s C,
s,s,ss,s ffd s»Kzsss.s moneed -
sd d.=- N ss -s
Is aayls ll.ee ==- - =-s-- uil JElusuyj==s -s- sz=sss=s z-=-
dof ssnl ,m. iwviff. MF,isiwio Hr sfsfsis pioon
gsl des; Gegellül..-, -== -- --=- ---- -s-sß - H- -»z- --zs-
i----- - ---- -. allen Einzelheiten recht vertraut sind. Ein
szzsdozss d.is sinii- iis
=»--s-==-==- -g-lg, a1t iägüe. -==-»- --»z s=-== ulC WO1gek
re siiiAo sifs» ss ß,.=-s
Ffifsfnniii:iinfee
------- als der Anblick, den ich hier geniese. Das Licht aus
oyfppis osn
eben diesen Bäumen, denen ich die belebende Wärme gönne

--- -- L0---
und wüinsche, weil ich sehe, wie sie sich mit jedem Jahre neu
belauben, wie sie wachsend immer mächtiger werden, entzück,
mich wie das freudige Lächeln auf einem bekannten und geliebiei?
Antlize. Was könnte mir auch die strahlendste Freude einer?
fremden Schönheit gelten gegen die Zufriedenheit in Deinens
guten Auugen?
Und doch möchte ich schön sein! rief das junge Mädchen-
lebhaft aus.
Seine Gefährlin blickte es sreuudlich an. Kennst Du -
nicht die Worte, Davide, die wir neulich in dem ,Landprediger?
von Wakefield' gemeinsam lasen: Schön ist, wer schön handeli?
Da mußt Du also sehr schön gehandelt haben! entgegnete
das junge Mädchen, ganz vergnütgt über die Logik, welche sin ;
liebevolles Herz ihm plözlich eingab.
Thörichtes Kind! entgegnete Seba, dem Schmeichelworte -
des Mädchens wehrend, dad Seba's Hand an seine Lippen.
drickte und von ihr mit einer Umarmung belohnt ward, ehe ?
sie ihm den Auftrag gab, nach dem Hause zu gehen, um nachs ;
zuhören, wo der Vater gar so lange weile.
Als Davide sich entfernte, blickte Seba ihr mit lächelndem,;
Behagen nach, denn Davide war ihre Conusine und ihr Pflege- ;
kind, und es war eine Lust, diese junge, schlanke Gestalt zu -
betrachten, wie sie sich mit unbewußter Aumuth so leicht und -
schnell bewegte.

Eben an jenem verhängnißvollen Tage, an welchem Seba--
einst im Beisein der alten Gräfin Berka und Angelika's mit?
dem Grafen Eberhard ziusammengetroffen und in der furchtbar-
sten Aufregung mn ihhr Vaterhaus zurückgekehrt war, hatte ein,
Brief ihren Eltern die Kunde gebracht, daß eine verwittwete-.
Schwester ihrer Mutter auf den Tod liege und nach derselben
verlange, um dieser ihr einziges Kind zu übergeben. Noch an?
demselben Abende war Madame Flies in Seba's Begleitung.:


----- Lg1-
saufgebrochen, und vierundzwanzig Stunden später hatien sie an
Zdem Bette der Sterbenden gestanden.
z Nimm mich! hatie die kleine, kaum- dweijhrige Davibe,
Pwie alle Kinder, von der Schönheit angezogen, ausgerufen, als
FSeba an das Krankenlager herangetreten war; und wie einst
»Paul sie in der Stunde schwerer Seelenpein dem Leben und
der Hoffnung durch seinen liebevoll besorgten Zuruf wieder-
Igewonnen, so hatte das Zutrauen eines Kindes sie zum zweiten
Male aus der Deupsheit des Schmerzes wachgerufen, in welche
die - bittere Erfahrung sie versenkt haite, daß es Selbstbefrie-
digungen und Siege giebt, an denen nian zu Grunde gehen kann.
Laß mir das Kind! hatte Seba gebeten, als die Sterbende
s es der Schwester übergeben wollte. Laß es mein Kind sein,
Tante - es soll gut, es soll besser und glücklicher werden, als
- ich! hatte sie leise hinzugefiigt, und von dem Herzen der ster-
'benden Mutter hatte sie Davide an ihr Herz genommen.
Von dem Tage ab hatte Seba's Leben einen Halt ge-
wonnen. Sie hatte sich, seit Paul verschwunden und troz aller
Nachforschungen nicht zu finden gewesen war, wenn ihre Thä-
, iigkeit nicht, wie in der Krankheit der Baronin, durch einen
F augenblicklichen Liebesdienst in Anspruch genommen ward, sehr
überflüssig in der Welt gefühlt, und in der Entmuthigung eines
, oerletzten und hoffnungslosen Herzens auch nicht daran gedacht,
Feinst in ihrer eigenen Entwicklung und Selbstvollendung Trost
zzu suchen; denn liebevolle Seelen leisten ihr Höchstes nur im
Hinblicke auf die Gegenstände ihrer Liebe. Nun war das plötz-
Zich anders geworden. Sie haite jetzt ein festes Ziel gehabt, sie
Zhatte sich, da der Mensch, je hülfsbedürftiger und rathloser er
Fsich fühlt, um so lieber an eine höhere Hülfe oder an geheimniß-
Zoolle Zeichen glaubt, die Vorstellung gebildet, daß das Schicksal
zes ausersehen habe, die Muiter dex Verwaisten zu sein, das es
zhr, wie einst Paui so jsß HäüSe Figeiölse habe, und mit
J F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
1

-- LPZ--
dem Augenblicke, in welchem sie die Sorge für dieses Kind
über sich genommen, war auch die Hoffnuung, daß der ihr-sg
iheure Knabe, wie Angelika es prophezeit, noch wiederkehren?
könne, wiederkehren werde, obschon alle Spur von ihm verloren,
blieb, auf's Neue in ihr rege geworden.
Die Nebersiedlung in die Residenz war dem Lebensplane -
zn Hülfe gekommen, den Seba sich vorgezeichnet hatie. Auf -
alle die Vorrechte und Ansprüche verzichtend, welche ihre noch
immer jugendliche Schönheit der Füinfundzwanzigjährigen gaben. ,
hatte sie angefangen, ihre Keuninisse zu priisen, und sie ober- ;
flächlich gefunden. Alles, was sie gelernt, war ihr ungründlich. ;
ihr ganzes Denken und Thun unzusanmenhängend erschienen. I
Sie hatte also von Grund auf neu zu lernen, sie hatte in ern- -
sterer Weise zu denken begonnen, weil sie in sich das geißige -
Capital erwerben und ansammeln wollte, von dessen Zinsen ihr J
Pflegekind sein tägliches Leben haben sollte; und da sich den=
jenigen, der genau weiß, was er will, und sich dabei in seinem r
Wollen zu beschränken weiß, das ihm Nöthige fast wie von selber ?
bietet, so hatte das ernste Bemühen des schönen, geistbegabten -
Mädchens ihm die Theilnahme bedeutender Männer und Frauen ;
zugewandt, und bei dem Reichthume und der Gastfreiheit ihrer I
Eltern hatte Seba sich in der Lage befunden, diesen ihr werthen ?
Bekannten an jedem Tage in ihrem Vaterhause einen Versamm- Z
lungspunkt und einen herzlichen Empfang bereiten zu können. ,.
Das war zu jener Zeit, in welcher der Krieg und dig, ?
Fremdherrschaft die meisten Familien zu großen Einschränkungen?
und Entbehrungen nöthigten, nichts Gewöhnliches gewesen. Man Z
hatte das sich Darbietende gern benuzt, und seit im Beginne -
des Jahrhunderts Madame Flies gestorben war, hatte Seba
als Hausfrau in dem alten von Arten'schen Hause geschaltet;
bis sie allmählich zu dem geistigen. Mittelpunkte eines. Kreisss
geworden war, der, wie es zu jener Zeit, in welcher die gemein- ;
-
-
.

!
--- ZgZ--
f' same Noth und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen
s , und die Geister über die trennende Kluft der Siandesuunter-
, schiede forttrug, gar oft geschah, die verschiedensten geselligen
F Elemente schön und förderlich in sich vereinigte.
Die Nüickkehr Daviden's erwartend, ging Seba im Genusse
F des hellen Abends langsam am Wasser auf und nieder. Bald
J blickte sie nach dem Parke hinüber, als wolle sie das Abendroth
s nichi scheiden lassen,- ehe der Vater sich nicht auch daran gefreut,
s bald sah sie nach dem Hase hin, und fast gedansenlos blieb ihe
t. k
, von Arten'sche Wappen geprangt hatte. Die Steinschilde waren
F auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden, als er
das Haus verkaufte. Sie schmüückten nuun die Gruft der Nothen-
; felder Kirche, und nichts, als einige Slicke Möbel erinnerien
-Ijezt in dem Flies'schen Hause an seine früüheren Eigenthiümer,
- denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert, das ganze
Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besiz des Kufers über-
, gehen zu lassen, und es vorgezogen, es in Versteigerungen weit
J unter seinem Werthe fortzugeben.
Er hatte auch, obschon er in der Nesidenz gewesen war,
s
- das verkaufte Haus nicht wieder betreten, aber seinen Sohn, der
seit einigen Monaten von dem Negimente, bei welchem er bis
h dahin in der Provinz gestanden, nach der Hauptstadt versezt war,
-hatte er an Herrn Flies gewiesen, mit dem er noch immer in
-Geschäftsverbindung war, und die freundliche Erinnerung, welche
Nenatus aus seiner Kindheit an das Flieösche Haus bewahrte,
wie der antheilvolle Empfang, den Seba ihm um seiner Mutter
willen bereitete, hatten den jungen Edelmann bald zu einem der
oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht, seit die Flieö sche
Familie von der Reise heimgekehrt war, die sie sich in keinem
Jahre zu versagen pflegte.
n -
ze

----- L4Z -----
Es war also kein ungewöhnliches Ereigniß, als Davide in
des jungen Herrn von Arten Begleitung aus dem Hause wieder-
kehrte.
Der Onkel kann nichi kommen, sagte sie; er hat Geschäfte,
er muß fortgehen! Wir sollen ihn nicht erwarten, sondern den
Thee mit Herrn von Arten trinken, aber. . - -
Al.r? wieterhslie -el, uulti Dauwihe zigzernud iune hielt.
Ich möchle auuch gern forigehen! sagle das junge Mädchen
bittend.
Dad ist nicht scheichelhaft fir mich, meinte NenatiS,
ag dachte nicht an Sie, und Sie sind ja auch nicht mein
N,
Gast! erwiederte sie, indem sie ihn mit ihren großen, braunen
Augen ehrlich ansah.
Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnuung machen,
aber Seba ließ es nicht dazu kommen. Sie ertheilte Daviden,
als sie erfahren, daß es sich um eine eben erhaltene Aufforderung
handle, die Erlaubniß, ihre Freundin zu besuchen, und nachdem
das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatie, folgte
Nenatus seiner Wirthin in den Gartensaal, in welchem der Im-
biß ihrer wartete.

Kapitel 21

Iw eiie s Capite l.
OAf
lhslährend Seba ihre jungen Gaste den Thee hinreichte
und sich selber bediente, fragte sie ihn, ob r Nachrichten von
Hause erhalten habe und wie es den Seiüigen ergehe.
«-« habe mit der lezten Post einen Brief von Vittoria
N,
empfangen, entgegnete er. Sie ist wohl, und auch meinem kleinen
Bruder geht ek gut; indes; wen: Vitioria so lange Briefe schreibt,
ist es immer kein ginstiges Zeichen. Weni sie recht heiter und
zufrieden ist, so schreibt sie nicht.
Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten,
meinte Seba, müssen Sie auf diese Weise in einen beständigen
Zwiespalt gerathen. Sie sehnen Sich nach den Briefen Ihrer
Stiefmutter, weil Sie sie lieben, und dirfen Sich der Akunft
dieser Briefe, eben weil Sie sie lieben, doch uicht freuen.
Gewiß, so ist es auuch, versezte Renalus; aber es ist das
nicht der einzige Zwwiespalt, in dem ich lebe. Sie wissen es,
ich hange an Vittoria sehr; nicht wie an einer Mutter, denn
dazu ist sie viel zu jnng, aber auch nicht wie an einer Schwester,
oder gar wie an einem Freunde. Ich liebe sie eigentlich am
meisien von allen Menschen, die ich kenne, und ich weiß Nie-
manden, den ich so gern glicklich sähe, als sie, oder in dessen
Nähe ich mich so völlig zufrieden fi:hle, als in der ihrigen. Alles
an ihr ist Schhönheii, Heiterleit und Frohsiin, und mein kl:iner
Bruder ist ganz und gar ihe Ebenbild.
Und doch sprachen Sie eben jezt und auuch sonsi schon öfter

- ZFs--
von den wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutier, nahm?
Seba nach einigem Bedenken das Wort; Sie werden es also P
natürlich finden, wenn ich die Frage an Sie richte, worin die- J
selben ihre Ursache haben.
Nenatus sah ernsthaft vor sich nieder. Wenn Sie Vitioria ;
meine Stiefmutter oder gar die Baronin nennen, begann er nach I
einer kleinen Pause, so ist damit eigentlich Alles gesagt; denn -
Viiloria gehörle nichl in unseren Norden. Sie leidei von dem- -
selben, der Winter macht sie ungliücklich. Sie ist so fremd bei z
uns -- so fremd, wiederholte er schmerzlich, wie die Granat- D
blithen in unseren Treibhäusern, die mich nie recht sreuen, weil -
ich ihnen anzusehen meine, wie viel schöner sie in ihrem Vater- ;
lande sein missen! Uid doch klagt Vilioria niemals, doch hat z
auußer mir und ihrer Dieneriu wohl Niemannd eine Ahnung davon, z
daß sie nicht immer heiter ist, dasi sie auch traurig sein kann! -
Niemand ? wiederholle Seba. Sollte der Freiherr sich über ?
die Gemüthsverfassung seiner Gattin, der er an Jahren und an -
z
Erfahrungen so iberlegen ist, wohl täuschen können?
Z
Es entstand eine Pause. Der junge Mann schien sich nur Z
mit Mühe von einer Aniwort, von weiteren Mittheilungen zurüc ?
zuhalten, und Seba, die schon öfter bemerkt hatte, wie sehr er
Neigung fühlte, ihr sein Herz zu erschliesen, trug doch Bedenken, z
ihn dazu zu ermuntern, weil sie es nur allzu wohl wußte, daß Z
man im Leben nichts häufiger bereut, als unnöthig bewiesenes s
Vertrauen, auch wennn man es würdigen Personen gewährt hat, ?
bei denen es wohl aufgehoben scheinen durfte; denn man giebi Z?
mit seinem Vertrauen immer einen Theil seiner kinftigen freien -
Entschließungen hinwweg. Andererseits wußte sie aber genugsam, ?
welch ein Genuß und welche Erleichterung es zu Zeiten für z
den Menschen sein kann, von sich und von denjenigen Personen I
sprechen zu dirfen, mit denen er sich verbunden fihlt, und Renatus ?
es völlig iberlassend, was er ihun wolle, bemterlie sie also nur, z
F
e

-

- IF--
Fdaß sie Vittoria nicht gesehen habe, als der Freiherr mit ihr
aus Jtalien heimgekehrt sei, daß Herr Flies sich damals aber
sehr gewundert habe, sie so überaus jung unb der verstorbenen
, Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden.
Es ist mir gerade so gegangen, sagte Wenztus, indeß neine
z Ueberraschung war eine sehr angenehme; denn Sie können sich
gar nicht vorstellen, wie traurig meime Kindheit und meine
, Jugend gewesen sied, ehe Villoria nach Richien kam, und wie
F bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte.
A -
? - Er hielt abermals inne und hob dann, als sei er mit sich
z zu Nathe gegangen, ob er schweigen oder reden solle, und habe
Z sich nun zu dem Lezteren entschlossen, in jenem ruhig ausholen-
F -
, den Tone zu sprechen an, mil welchem mae s ch zu einer län-
s.
z gnen Erzählung anschickt.
?? Wie Sie wissen, war ich erst acht Jahre alt, als meine
? arne Multer starb, aber ich hatie doch bereits Verstand genug,
, die Grösße eines solchen Verlusies zu begreifen und zu empfinden,
und auch von ihrem trauurigen Loose, von der unglücklichen Che
Z meinr Eltern, von dem übeln Einflusse, den die Herzogin von
. Duras in unserem Hause auusgeiibt, hatie ich sehr früh eine
F Ahnng gehabt. Meine Mutter jemals recht heiter, meinen
F Vater herzlich uit ihr oder fröhlich mit mir gesehen zu haben,
z kann iä mich kaum erinnern. Die Schwermuth meiner Mutter
F warf ihen Schatten denn auch bald auf mich; ich war nicht
- gern bei ihr, nicht gern bei meinem Vater, und noch weniger
- mochte ich in der Nhe der Herzogin sein. Ich fürchtete mich
--' vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise, und als
dann mein- Mutter starb, sehnte ich mich - daß ich es Ihnen
ehrlich gesteh -- recht nach Ihnen.
Nach nr? fragte Seba mit der Theilnahme, die sich in
z guten Herzen mgenblicklich für denjenigen erzengt, dem sie etwas

leisten zu lömmun glanben.

s

-- L18 ---
. c:
«-- nach Ihnen! wiederholte Renatus. Sie hatten meinez
,
Mutter sehr geliebt, waren immer freundlich mit mir, ich warF
in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen,' und bei uns in Nichten
war es in dem Herbste äuuserst traurig. Mein Vater hielt es
dort auch nicht lange aus. Er vermißte dic Herzogin, meine
Mutter fehlte ihm wohl auch, der lurze Beileidsbesuch, den mein j
Grossvater, der Gras Berka, ihm machle, enisernie die beidenI
Männer nur noch weiter von einander, und die Sireitigkeiten,
lit ble iiiei Valer sich rih uisern allenu Neudorser Paslor mit
den prokesiantischen Consislorium und mil der Negierung ver-
wickelt fand, verleideten ihm das Leben auuf unseren Gütern
vollends. Dazu schrieb die Herzogin beständig, wie glicklich sie ,
sich am sardinischen Hofe fihle, und da mein Vaier der Ansich! -
war, dasß er eine zwecnäszige ölonomische Maszregel treffe, wem
er, wie er sich ausdrückte, als schlichter Privatmann, nuur vmnn,
seinem Kammerdiener begleitet, finn einige Zeit ins Ausland gee,
so rieth der Pfarrer-- Sie wissen, ich meine damit unsren
guten, trefflichen Caplan, der Pfarrer geworden war, sei er
unsere Kirche in Nothenfeld verwallete -- meinem Vater selbst
dazu, seiner neu erwachten Neiselust zu folgen. Man dachte
dabei, so viel ich mich erinnere, von beiden Seiten nur ar einen
Winteraufenthalt im Siden, und an die Rickunft, wem das
Frihjghr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck erliehen
haben würde; aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende
gingen zu Ende, ohne das auuch nuur von der Heimkefr meines s
Vaters die Rede gewesen wäre.
Und hielt Ihr Herr Vater sich während dessen beständig
am sardinischen Hofe auf? fragle Seba.
Nein, eutgegneke Nenaius; er blieb allerdings den ganzen
z-lF-
ersten Winter dort, kehrte auch immer wieder an deselben zt=-
indeß seine Beziehungen zu der Herzogin waren dch nicht mehr
die alten.--- Der junge Mann unierbrach sich klber, sah, wie

- L1s --
in eigenem Rückerinnern, vor sich nieder und meinte dann: Sie
=-=- -- z ß =- -zegin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vaier
K8sos in
. H,i-
---- -- ---- --. als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause
Fpsfssos lofssni:
lhten. Mein - ? =-« Freude an der Gesellschaft der Her-
1,-s.
siHsfs
-z-
Fg--, ab.. -.g gli1=. -» --==p - Fdeü.- -=-- - --=-paszlichen
oi s ?on -i: ve hinFs»si;:
s.r ss nzri i.f
oi »,?
HsFsne ms?.is s
=s=------- -, wvelche die Herzogin ihm zu gewäihren damzals fir
iin s-li sifs- sl.s- 9Ls
aui ls.ii
z- =- js, dEllll lls? 1uL E, 1.-- -p --= - - - - --==a 11S der
Erinneruung anusgesinliei lahe. uir uun Herrschhüsi uun Erreichunng
ihrer Alsichle zu lhun. .-- .ulen hnel. lr Hofami sie he-
-,; Si ,-
s l
kz.?il.-
z- gl, sld hsalle llette Pla... --- j»z --- i--- -=---- =- -==--
ii fls- sizsi miii? s (ss- j sivpis z-s iRo
dos- -s..-
=---=- nach den Süden aefo.ggt war, und wenn sie auch klug
sisd f,isis
s-- --==--ll genug wwar, minem Vater inmer die gebührende
Pc F,a -
=--i-- 1- -= - -, so sahh sie es gewisz nicht ungern, als e.,
visissis.is
v-bsi-----« ==.uÜlber, 1g - ----= - - -=- .Uge Gegenstand ihrer
omsnifisls-si ds
zs.us sis doi ll.s
Asü:-.»Ks.iisf. z
----- ------=-- z sein, gegen das erste Früihjghr hin den sar-
dinischen Hof verlies, um sich nach Florenz zu begeben.
Und in Flo...z also hat Ihr Vater sich so lange aufge-
haltent ? erkundigte sich Seba, die elen uil diesn lleinen l..« ---
iss o
lsSi-
=--=ugen deun zungen Maunne ein Zeichen ihrer Theilnahme
und eine Ermuunterung gewähren wollte, in seinen Mitthei-
=g-- nach seines Herzens Bediürfen fortzufah cen.
iii:nif
Er lies: sich wenigstens an toslanischenu Hofe fie einige
Pzs.=-
--=- nieder, anwortete Renaluus. Schon sein Aufenthalt am
sn»disss,pss C,.f,- Ihss. isis nes doiis Kd,.ö-Iiin1iis heoKiiA,i ii-ii
zs» »11»ls=H» s tP=1 »61sG- .isis a ais =s sss =a=s zuu uss =1 =ß,= »=11sz 11sls
dem er Richten verlassen. E? =.. -1l« -- --- -- =-==b -
, F,- issis P,iiiis
Unseres Sigztheß Ad Va = - z- s=-s-sz=- =-= ===-II-=-
ef- spiinf niu»-sß»lsFpzs HT,d,vinfii
ziizs
nolil -isKer
==-- -gilc, als Priyatmtaul -zh----- -- =- -h=-gD-. olso
-iifii i inii- f=- i
,-ssisfr
in Florenz ein Haus, moblirte es, leg- -=- -=- -»- -=- a-? - - -
Af. s,s, Npis.s-s.s..iss -
Aber welche Ausgalb. ---u-- -=t das veruursachen! rief
.s: sisnss,- j sis
Seba - und Sie haben mir aesagl, das; der Fr.«- - -
-piswf-i -iiis
u»b i-ss =ß.=- W,)s,. sz-sfihzs-sss.
=s=e --i - =- ;- - == -;- = s= - -j; - b ss==pus: .Is, sgsfg !
: z Helz-iz s
Renainus zuuekle -== gullern und sagte mit einem Ernste
.. ».s-

b=- ZJß=
und mit einer Gewichtigkeit, die ihn bei seiner Jugend fast
komisch erscheinen ließen: Ersparnisse zu machen ist eben nichs
in allen Lebenslagen möglich, ljebste Flies! Uuser Nang legt
uns Pflichten gegen uns selbst unb gegen die Gesellschaft auf,
deren wir uns nlcht entschlagen kdnnen ! Allerdings hörie lh
es meinen Erzieher und den nenen Amimann, welcher Adam
Steinert bei uns ersetzt haite, beklagen, daß meines Vater -
Aufenthalt in der Fremde so kosibar sei, aber das Reiseleben
mus doch wohl elvas sehr Besirickenudes haben!
Gewiß, versetzte Seba, denn es käuuscht uns mit demF
Wechsel unserer Umgebung iber jenen andern Wechsel, der sih
an und in uns selber vollzieht. Wer immer an demselbent
Orte, immer in demselben Menschenkreise lebt, wird diesem -
zur Gewohnheit, und wie man diese Gewohnheit des Beisan.
menseins auch lieben und hochhalten mag, entzieht sie uns doh-
den Reiz, den das Frende immer für die Menschen hat unö
den man als ein Fremder auf Fremde, als ein Kommender -
und Gehender auf diejenigen ausibt, denen wir werth sinb.
und denen unsere Anwesenheit erfreulich ist. Wo wir erscheinen,.
werden wir als etwwas Neues begrüßt; kein Altersgenosse, kein;
Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch sein Alter,
durch seine wankenden Kräfte daran, daß auch an uns die'
Jahre nicht spurlos vorübergehen, und ich glaube, daß ma
in solchem Wanderleben seinen Lebensabend erreichen kann, ohnt ;
es, wenn man sonst leidlich bei Kräften ist, gewahr zu werden,
daß man sich dem Niedergange nähert.
Ach, rief Renatus, wenn Sie meinen Vater heute sehen,
würden, so würden Sie ihn doch gealtert finden! Freilich ht
er noch immer seine gebieiende Gestalt, sein Auuge hat auch noch
immer etwas Mächtiges, seine kräftige Farbe bildet sogar einen s
anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare, aber als,e
damals aus Jtalien wiederlehrte, war er doch noch ein Anderer!'

cz?z
= ae,F z ==-====
Er schien mir vöslig wie verjingt. Die lästigen Geschäfte hatien
ihn dort nicht gedrückt, die leichtere, freiere Lebenöweise der
z Südländer, die man ja von allen Seiten ruhmt, hatte ihm
z immer eben so sehr zugesagt. als das Lhi und die Lsi
E dl,s!
g os=-el, und wwenn mein Vaier währen' seier langen Ah-
wesenhei! auch, so ofi der Frihling lam oder wenu der Herbst
Fsich nahte, von seiner Heimkehr gessrochen haile, so haile die
F F
- Scheu vor unserem rauuhen Klimia und vor uunserem einsamen
-Schlosse ihn doch immer wieder in Italien feslgehalten.
F Aber hal er sich denn nich! nach Ih. nach seinem
FSohne gesehnt? erkundigte sich Seba.
? Nenatus gab ihr leine Atwort. Indes: sie bemerl.., daß
sseine Stirn sich verdisterte und das sein Auuge den schwer-
Azö-üißpzs l
so-b-ü - .usdruuck annahm, der, so lange sie seine Muutter ge-
ßkannt, das Autliz derselben fast niemals verlassen hatie. Er
ßglich =-=------ --=pig der verstorbenen Baronin, und gerade
..»-sihinsi ß.sisssszz
Ks
zoas gewann ihm Seba's Guuusl. Nchis in des jungen Mannes
FGesialt und Wesen erinerie an seinen raier, ud eö rüührte
zSeba, als er mit seinem melancholischen Blicke die --=»
L,ifs»-ß
,=-; - der Freiherr sei wohl nicht im Stande, ein Herz an
zssz,zf -
zoender zu hängen, wie manche andere Männer es bisweilen
hs.zsf-
iis K,-ihs fssFs f
zs-- - nd obenndrein sei er leider seite.: -== -===- -F
Hdessen Sinne.
ß Noch als meine Mutter lebie, äuus-=---- »ate- ;=ls,
fin isspiss
v- ..fs sis
KiK s=? »-s s.K
y - ---==- .-plic genng, ich sei zu ernsthaft. Hätte mein
ßVater mehrere Söhne gehabt, ich glanbe, er wirde mich dem
Ccdz1zziss d--
-..
s:eßin Aoi j
z =s-i-- - =-=- gcwoidmtet hes- - iO- = - zlge Mamt.
ibss
fund es ist traurig, z sagen, mein kleiner Bruder, der voller
Ta=n.
g===-l und Schalkheit isi, irägt Scheu vor unserem Vate., so
fdaß dieser ihn deshalb p- C - 11l g« -=- u1 -ue Sa-
didok is
fissz- N
zsspzs oin
N.a s
ßlerlo's Zrilichkeit misgönnt.
Nenatus hieli abermals inne. Er kämpfte offenbar eine

----- LA--
peinliche Empfindung in sich nieder, und Seba bedauerte es,
daß der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig so ernst gemacht
habe.
Daran trägt, wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte, wohl'
vor Allem die Abgeschiedenheit Schuld, in der ich von meinem
achten Jahre bis zur Wiederverheirathung meines Vaters er-
zogen worden bin. Delen Sie nuur, das; der Caplan meine
einzige Gesellschaft und -- Renatus lächelte, was ihn sehr
hübsch erscheinen ließ-- und Mamsell Marianne mit ihren.
feierlichen Mienen und alwväterischen Knixen das einzige weib-'
liche Geschöpf gewesen ist, mit dem ich Jahr aus Jahr ein zu
verkehren hatie. Weil mein Vater so lange in Jtalien blieb,
- entließ mein Erzieher, der zugleich sein Bevollmächtigter war,
die ganze französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehr-
lichen Leute, und da ich schwächlich war und der Arzt füt,
mich ein einfaches und regelmäßiges Leben verordnet hgtte, -
ging es bei uns wie in einem Kloster zu. Ich hakte viel Un-;
terricht, war nie eine Stunde ohne Aufsicht, genoß, weil mirz
jede Gelegenheit, einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu
thun, entzogen war, die volle Zufriedenheit der beiden krefflichen,
alten Leute und kannte nur zwwei Arten von Belohnungen, die
darin bestanden, daß ich mit dem Jäger reiten oder schießen
durfte und daß Mamsell Marianne mich in unserem Ahnens
saale von den Thaten, den Eigenschaften und den Familien-
Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen unterhielt, da.
sie sich im Dienste meiner Großtante Esther zu einer wahren -
Familien-Chronik ausgebildet hatte.
Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Großeltern in dee,
Abwesenheit Ihres Vaters nicht?
Nein, sie kainen nie nach Nichten; ich wurde jedoch in -
jedem Jahre einmal auf wenige Tage in ihr Haus geführt.
Indeß ich war so schüchtern, dasß ich mich nicht wohl in der -

er O
FGesellschaft meiner jungen Vettern fihlte. Dazu scheute ich mich
auch vor all den Fragen. die man üüber meinen Glauben ---
,Sie wissen, meine Groseltern gehören nicht zu unserer Kirche
-- stets an mich zu richten pflegte, und heilere Tage hcbe ich
in meiner Kindheit nuur im Hause ber guten Gräfin Ihoden
und in der Gesellschast ihrer beiden Tchker genossen und
erlebt.

Kapitel 22

den
Dritte Capite l.
Zgze Dazwischenlüis! eineI einireieden Besiches unierbrach ?
!l:
?R
lehrte. Er brachie der Freundin seine Mappen mit, damit sie -
sich mit ihm an der reichlichen Asbeute seiner Arbeit erfreue,
und Renatuö zeigte den leblaftesien Aiheil daran, da er selber:-
eine recht hüübsche Alage fie das Zeichien haite und, ohne:
besonderen Unterricht erhalten zu haben, im Treffen der Aehn-
lichleit wie in dem Wiedergeben landschasllicher Nalir recht
glücklich war.
Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der?
Slizzen und Sludien beschäfiigt, und als der Maler sich damnF
entfernte, meinte Renatus, dasß er sich kaum ein schöneres Loos,'-
als das des Künsllers, zu denken vermöge, ja, wie er, da ihmJ
auch fir Musik die Begabung nicht versagt sei, sich oftmals auf;
Gedanken ertappt habe, daß er als ausüübender KünsileZ
dem
seine
höchste Befriediguung gefunden haben würde.
I
So hätten Sie Künstler werden sollen! bedeutete ihn Seba.
Ich? fragte Renatus mit einem Tone, als werde ihm
etwas ganz Uumögliches angemuuthet. Wie hätie ich das an-
fangen sollen?
Wie jeder Andere, dem es darum Ernst isi! entgegnele i
ihm Seba.

esr r
= SFe e === -
Aber der Jüngling war von dieser Antn ort nicht befrie-
digt; sie schien ihn sogar zu kränken, denn leicht erröthend ver-
setzte er: Sie vergessen, liebe Seba, das; ich ein Edelmann bin!
Seba lächelte. Soll das heißen. sagte sie mit leichtem:
Spotie, daß es unter Ihrer Würde ist, Sich mit dem Schönen
zu beschäftigen?
Nein, es ist nicht unter unserer Würde- uns mit dem
Schönen zu beschäfiigen, enigegnete sehr eruusihakt der junge
Edelai, der sich sofori als ein Glied der grossen Körperschafr
empfand, der er angehörle; es ist nichl unter unserer Wülrde,
uns mit dem Schönen als Genieszede zu beschäffigen, nu
Vortheil könmnen wir auus unseper Beschäftiguug mit demselben
nicht wohl zlehen. Wäre ich in büürgerlichem Stande geboren,
so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden; jezt wirde mir
das übel ansiehen. Denken Sie doch, Besle, wenn ein Frei-
herr von Arien. Bilder verkaufen oder für Geld Musik machen
z
wollte! O, unmöglich. ganz unmöglich!
Er lachte bei der bloßen Vorstellung, und eö hal. --=--
s z-s
daß Seba ihn daran erinnerte, wie viele der französischen
ßlüchtlinge ihr Brod durch lebung weit geringerer Fertigkeiten
, zl gewiunen genöthigt worden wären. Er erblickte darin eben
- fnuus R
===- -ie Bestätigung, daß allein die Noth den Edelmann be-
wegen dinnfe, sich einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie
sissss
znd K. zu überlassen, und seine Wirthin fand ihn, wie
l-.
v==i bei früheren ähnlichen Gelegenheiten, jeder vernünftigen
leberzeugung unzugänglich. wo diese sich gegen eines der Vor-
utpssSis,- »sms,-fn
---=-- -=-= --, derenn er weit mehr als sein Vater, als der
Fr=--
Freiherr hegte.
Indeß es lag darin nichts, was Seba, nach ihrer Kenntniß
der Verhältnisse, iberraschen konnte, und sie war einsichisvoll
onss
o--y- es sich zu deuien, wie der Caplan einen so verschiedenen
Einslüuß aus den Vaier und auus den Sohn zu üben vermocht habe.

-- ZIG-
vnn.
Als Erzieher und Neisebegleiter des Freiherrn Franz hatte'
der Caplan sich es einst angelegen sein lassen, diesen füür dak
Studium der schönen Wissenschaften zu gewinnen und ihm jene ,
humanistische Bildung anzueignen, welche den Freiherrn seiner
Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte. Abek,
die Folge mochte dem Caplan nach seiner Ansicht den Bewei?
geliefert haben, daß die Duldsamkeit gegen Andere auch shr ,
duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkitr werden lasse. ;
und wie die Aufklärung, welche den Menschen auf sich selbst ;
verweise, die Gefahr in sich schliese, das; er sich von der Zucht
der Kirche frei, weder durch ihre Gebote noch durch ihre Strafen
gebunden glaube. Mit bewuuszter Absicht hatie der Caplan also -
fg,
, bei der Erziehuung von Nenatus den Weg verlassen, auf welchen -
er den Vater desselben einst gefihrt. Er hatte füür ihn das un- z
abweisliche Gesez der Religion an die Stelle des eigenen Er- ,
wägens aufgestellt, der Freiheit seines grübelnden Verstandes
Grenzen gezogen, seiner nach Schönheit suchenden Phantasie' -
nur mäsig, ja, diürfiig Nahrung geboten, und es war ihm auf z
diese Weise auuch gelungen, den von Natur fiügsamen Knaben ?
zu einem unbedingten Gehorsam gegen seinen Erzieher und zu
, einem eben so unbedinglen Glauben an die von ihm aufgestellten. ?
! Lehren und Grundsäze zu gewöhnen. Wer aber in geistiger Z
ve
Gefangenschaft erwächst, in wem der Trieb nach freier, priüfen- A
der Forschung nicht lebendig ist, dem werden seine Voruriheile z
gar bald eben so zu einer Schranke seines Denkens, wie z Z
einer Stüze fir seine Unselbständigkeit, und die Zuversicht, der z
Eigensinn, die Heftigkeit, mit welcher der Befangene sich in der z
Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält, sind nur ehn'
Zeichen seiner Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche.
Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen, duräh;
den Maler in seinem Zwiegespräche mit der Freundin seiner?
Mutter unterbrochen worden zu sein, und da er, durch zu auss ?

-- Oz - rz
a ! ---==
oisss- (
szi,is sozs-»sisss
s, s pnis
s»z p-»z- «EüOlUlg; l z. - u s g= ---- » ps- , Iüs ---g
s8s1. N1
s Iwis sssn ss, H,diifiif-H v..ssf-s,-
seiier Bescheidellg.- ---- - =-=--»=-o- ---- - halte sich
=« des Malero Auluuust eine ubellaunige Verstimmung seiner
s.
=--- --- --, die erst in dem Verkehr mit demseiben und in der
HoinsnssiSz-s
Hi-- ?,-» ,sf
Hustbetrachtung wieder allmählc g- -==--=- -===»=-= S
mosss,s.
spotiender Bemerkung sch .. . diese Gereiztheit ßch -.=als -ü i-
s..z
Alzozsi
ini:
s.- Neisi
aeben zu wollen, und Seba sithl. - - hn umn dieser Uua
ppzf
s ss,u ll
ls ==s Z« -uOOe Z. gu u.Ol; NbO? v- - hs-ll(= -z s-»-- -p - =üFl
sss- I
d..=- Sh
IissH siAsisd
ss.- d.
siils.--
--= ---- - -- halb aus Neugner, halb aus nachgiebiger
nnps
f,f iissd
l.
vpz- Ilzs,
=---- gegen den Sohn h. - -gelil.. ;.gle sic, um ihm die
- si-:
1ssz=
f,.is sszwwiinzss Id,pFi,iin
=-=-ggili..« -== - -=---=eÜS -=» gi-- -- - all ihsre frühhere
.zfssspi-
A!zs.lis-l
»--z-lUhg anlnnipsend, wwelchenu Eiptruc denn -; -=-- -
-s - sies s-
N.z-si.ii-is
=-- Kindhheit die Kuiide von der neues! =-=-=h lig seines
spisso
Valers hervorgebrachk habe.
Einnen wweil gerigereli uld s.g. -0 -- -----=== -, als
s.s.i»-s.
fssps; A
i ?ozp:
E,s.
ss pisne rinis nfiHo: oi-inominni. d,z- NPsz
==-- --==--- -----s- -bsz-- --- - I-1(l(1. Jg hallle dstxs-
ants lei:ten Kuuutnter daruber und dacle ntch! . ---= --- --
oiss sSz-zss,-sspss
sf- ünl,si.z- Ml,s. nwnii- ,ifze fs
=s=-, Is .D .u -- -- - = -» ;- ---- - cs--;. dc1dzh ht-
AmsAn
s.
nnui
-===g-helllgt --«.den löune. -=c erfuhren wir die H==-=-
isAsli
sz,s
------ waters ersl, als sie schon vollzogen war. Und als falle
msoinnäl
iseis s:
=-- ,lözlich kwvas ein,
1-s.ie
-=;=---l hervor, üsfnele
zog Nenaius seine Briefiasche aus der
ss,,- iisifpy Aos: zn-s,s,dofsnm
. ?
j =- s=- =s- - === s =- K;-s =»sa.. Hgg=
hipfofs
z---, die sie esuthielt, und hug- =-----, seiner Zl.o - - -=--
A,fn Amiis:
l.lpzi: vifs
speisiissn
Iz-u Ugzefalleles Scretbe.. =- -=--= - -==---== -«, das .s.
i: li,sls,-sd.
1
- .=-linis (,-
do=- -.s
= -=- -; - lt wwelchent mtein Vater dem Cahlan von seinet
Entschluusse Ken; gb. .« ß=- -»u, als ich ihn vo ----
N,a
slins
s.- s:
v ois:
ss- »h-- laC . -=-- =-=---- =e. demt haplan erlangzle,
iplp-Hs Pfp- nen
nnes N,-
zzpis
ss 9s zsd,psfkpis iin
fo fH oz o
s---- ulS eine Art vos. --==-==-- -uüld als eine ErinneruUlg
Koi zmni hoif-mon sninis zssis dpsusss -sz fp in nmH nspl.z- F,ßs,s-
ssl 11i1« F 71- ssz vu?l« 11ll« zu-'1-ssl vaes1s 1= s F1s- =is=- = e?bVss1V1s-
oi finoä I,zs,-iz- flz- zm,s
-- -=-==- -b;--- --- -g beg,o!l:ent hat. -- Er icte Sweba
Ndwis
do 9z-ß,f dv -
d,,ffsp-s siini
zis ==- n»s - =-«u zlH «.uiiu wlßh =unuiu - -==s - -
Alspz--
z, ?i-=--= -üüuC .usz =l, -=ss -iea Faaes, g=--- =» -
oii sd -- s.,sss- ds
s ,- fs
,ssisns
ms:ois:
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlechhi. 1.

-------- ZZ----
Freiherr an den Caplan geschrieben, ,so werden Sie es natürlich
------ das; ich Sie erst, nachdem ich mit mir selbst völlig einig
ssssdoi:
bin, von einem Schritte in Kenntnis; seze, den ich bereiks geihan
haben werde, wenn Sie diesen Brief empfangen.
, Der Hiuuunel, -«. uieine- -= en von Jngend aus selne be-
iin R,l.,
dps in
sonderen Wege und seine eigenihimlichen Schicksale vorgezeichnet,
hat mir ein grosses Glick, eie wundersame Verjingung an jener
letzten Grenze des reifeun Maunesallers vorbeh.=l,h-- -====-
is ssolrions
--ls.s
weniger bevorzugle Naiüiren sitr die höchslen Gmssieduungen und
Freuden des Daseins oft nicht mehr eupfänglich sind.
,Was ich in frihen Jahren besessen, die volle, ü-D-
ruckhaltlose Liebe eines jugen Herzens, das ist mir abermals
zu Thetl gewworden, und wenn damals lrenende Lebensver-
hälinisse mich verhinderlen, meiies Glitckes mnich osseu zu erfreuen,
so ist es mir jelt eine Genugihuuung und eine Ehrensache, meiner
liütfligen Galii eine ihrer Gelurt uud ihren Vorzigen ange-
Hssssnfss Fs, ssf
-;j- - s=====-==sgz Fll blaa.=ss-
-swifiss
Hzz izofnie
--=-- -==--gz Tagen wird hier in Venedig meine Trauung
mit Vittoria Giustiniani vollzogen werden, m wenig Wochen denke
ich sie in ihre nene Heimaih und in mein Hans zu fihren. Ich
winsche die schd.. Jhreszeit zu, benuzen, damil dne aheure unsere
is E,i
Gegend im besten Lichte und i. -=- schönst.. =»-- =-
zs liwpmis
sF. ss
--s M,
=o- ---==- also, mein Freund, Alles fir meine Wiederkehr
N,. sss= ,
--==»--==- z s-zt=-, »» -= - -»--- vübet, wie ißnmer, auf Ihre
pf i?fn oif
Assp- in
. s» »-pFmsn de
Freundschaft fite mich, die darauuf bedacht sein wird, meiner
s s.i iois Ms?s g.i
-=-=--- --=== eia einen vohllhuenden Eindruc vorzubereiten.
-- ---= ==------=- ---- g6z ursprüngliche Natur und
gf imoeAoi- ifs -s.- nisso -
iol. g
s ssiiie
---- -olle.«. . -.ünsilerin finden, und da ich selbsi mich z-u
piss ss
=-e in der Liebe dieses holdseligen Wesens, so freut es mich
sn
auch, das; sorlan in mneineu Hause eine jgze Fran wallen
wird, welche meines.. ===------ zhren näher siehl, als Sie
s F,imin ii- -,-
. s.ifs.1s-
und ic, -- d-- »---=-ch dazu beikragen wird, a hugendlicher
zsssd.
ss

-=- ZJß--
und fröhlicher zu machen, als er mir ncch seinen Briefen zu
sein scheint, in denen sich die schwerlebige BkO'sche Gemthsart,
v on der ich so viel gelitten habe, mehr als mir erwünscht ist,
P kundgibt. Theilen Sie ihm meine bevorslehende Verhelralhung
Fg mli und sorgen Sie dafür, das; er seiner Stiefmutter ein ver-
z. tranendes Herz enigegenbringe.-
k
, Seba las den Brief mit grosßem Aütheile, aber er that
h.
i; ihr fitr das Adenken ihrer Angelika und fir Nenatus weh,
denn des Freiherrn geringe Liebe für den Sohn und seine Ab-
s
ieigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus.
Als sie dem Jiinglinge den Brief zurickgab, sagte er: Ich
habe Ihnen dieses Blatt, das kein fremdes Auuge je gesehen hat,
unbedenklich anvertrant, denn Ihnen wird es keine Neuigkriten
, und keine Geheinnisse verrathen jhaben. Und doch sehen Sie
, jzt gerade so betribt auus, als ich nach Ankuuift jenes Briefes
meine ganze Umgebung erblickte. Ich kam offenbar aller Welt
F beklagenswerth vor. Die Gräfin Rhoden umarmte mich unter
-
- Thränen, als wir sic zum ersten Male wieder besuchten, meine
' k'einen Freundinnen hofften, daß meine Stiefmutier mich nicht
- schlecht behandeln werde; der Caplan, welcher im Schlosse Alles
,erneuern ließ, was etva der Erneuerung bedurfte, schien gleich-
Falls niedergeschlagen, Mamsell Marianne aber blieb in einer
Fbeständigen, still unterdrückten Wuth.
Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante
, Amanda wurden aus dem Wohnzimmer in den Ahnensaal ge-
F bracht, und während die Nebrigen alle der Ankunft meines
WVaters mit sehr unginstigen Erwartungen entgegen sahen, unter-
Ihielten mich schon die bloßen Vorkehrungen für seine Rückkehr
: so angenehm, dasi ich mich des Allerbesien von derselben versah.
- Der bloße Gedanke, daß noch andere Personen, als der Caplan
und Mausell Marianne, daß mein Vater und eine junge Fran
im Schlosse leben pütrden, entzicte mich.

z7

-- Zß--
Wenige Wochen nach meiner Confirmalion, recht mitien -
in der Rosenzeit, traf dann mein Vater bei uns ein. Der
Eaplan hatte angeordnet, das: ich den Freiherrn im Schlosse er-
warten sollie, da dieser sich den Eipfang, wie er meiner Mutter
an unserer Grenze zt -geil geworden und wie er sich fr die
s.
llis zsi
Gutsherrschaft gebührte, verbeten hatte. Die Ungeduld -- --=
aber nichi im Schlosse. Ich wuste damal noch nicht, sagte er
- und wieder ging Angelila's schwermilhhiges Lceln iber seine
Zige -- was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem
Briefe meines Vaiers an den Caplan leider bestätigte, das; sein
-. elangen nach mir nicht eben lebhaft war; und den ersien
M.«
grosßen Ungehorsam gegen den Vefehl meines Mentors begeh-u=-
uassd
lies ich mir heimlich mein Pferd salieln, umn den sehnlich Er-
warteten so bald als möglich zu begrißßen.
Mein Vater erlannfe mich im ersien Augenblicke nicht, als
ich in den Bereich des Wagens kam. Er ,uite mich als ein
Kind verlassen, mich nur als Kind gedacht, und Viitoria hatte
nach meines Vaters Aeußerungen auuch nicht darauf gerechnet,
einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden. Sie
rief mir in ihrer Muliersprache etwas zu, was ich nicht versland;
da sie dies merkte, grüßte sie mich mit einer jener Handbewe-
gungen, welche leine Nordländerin nachzuahmnen vermag, und ich
war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung.
Sie kömnen sich kaum vorstellen, rief er, sich unterbrechend,;
wie schön Vittoria damals war; aber noch auffallender, als ihre
Schönheit, war auch mir ihre grosße Jugend. Als sie vor dem
Schlosse ausstieg, als mein Vater mich ihr, wie sich's gebihrte,
feier.u.g als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich umarmte,
sF
war ich vollends verwundert, sie kleiner als mich, sie ===-=- -
Isn»sihi
so klein zu find.ü; denn meine Mutter war sehr groß gewesen,
und ich musßte mich schon damals biicken, meinen Mund dem-
Munde Vittoria's nahe zu bringen, sagte er erröthend.

-- Iß---
Sprach Ihre Sliefmutter nr das Jtnlienische? fragte Seba.
»I nein, ich sagte es Ihnen ja bereits, sie war cuch des
Französischen mächtig, und mit dem fremdorligen venetianischen
Accente, der mir sehr lieblich in ihrem Munde llang, frunzösisch
zu mir sprechend, sagte sie: -=----- jng bin, Deine Mutter
D,
s,iod.f
zu sein und eine grosse Verehrung von «-- z .-=l, so ent-
7=-
schliesße Dch, mein Freund, mich zu lieben. ., will das Gleiche
,a
ihun, sei desi ganz gewisz!''
Und hat die Baronin das gehalten, lieber Arten?
ag habe keinen besseren Freund, als sie! betheuerte der
N,
Vs
a-gliug. Dann hielt er inne und ließ seiner Wirihin damit
zu der Frage Zeit, ob Vitioria's Eltern uoch am Leben wären
und wo und wie sein Vater sie lennen gelernt habe.
Vittoria war eine Waise, berichtete Renatus. Sie selbst
hat mir, als ich erwwachsen war, ihre Jgedgeschichte erzählt.
-uus Geschlecht der Giustiniani, dem sie angehört, ist sehr alt
,
und weit verzweigt; aber der Zweig, von dem sie stammt, war
pif rspis
-=llos, und man hatte -=== la, da ihre Eltern früh g-;-=---
Mss:.--'
psis?,-
waren, zur Erziehuung in ein Kloster gethan, un welchemt man
sie später den Schleier uehmen lassen wollte. Ich weiß nicht,
ob ich sagen soll, zu ihrem Glicke, brachen de Blattern in dem
Kloster auus, als sie auf dem Punlte stand, ihr Noviciat autreten
zu missen, und man sendele also zeitweilig alle Pensionre zu
- deren Familien zuriück. So kau Vittoria in das Haus der
Marchesa Moncenigo, l= - ---==, die damals, wahrend des
1.s-p=- S,izni.
Sommers, eine Villa am Ufer der Brenta bewohnte; aber man
zeg sie nicht u die Gesellschaft, die sich dort zur Villeggiatur ver-
snssisls s.,sss;-
w------- -- =-- und zu der auch mein Vater gehörte. Man brachte
das junge, weltfrende Mädchen mit einer Dienerin in einem
verlassenen Casino im entlegensten Theile der Besizung unter,
da man nicht geneigt war, die mittellose Waise die Reize der
- Gesellschaft kosten zu lassen, it die einz.=--- .-- --=- =--b----
- ff-fpss sip zss si-ss sssifiif

-- IßF-
war. Ihre Rüickkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe
bevor, als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange
Vittoria an dem Fenster ihres Casino sah und sie, unbemerkt von
ihr, eine jener alten Kirchen-Cantaten singen hörte, die Niemand,
glaube ich, schöner al sie zu singen versteht. Mein Vater war
von ihrer Schönheit wie von ihrer Stinme hingerissen. Er
kehrte öfter wieder; die Dienerin, welche man Viktoria zugesellt,
hatie es bald herausgebrachi, wer der Fremde sei und daß er
ihrer juugen Herrin eie glänzende Zulunsl zu bielen habe.
Vittoria war ein Kind, sie sehnie sich, aus dem Klosier sortzu-
lommen, wüuschte in das Leben einzuirelen, und wie hätte auf
sie, der noch lein Manut genahl war, eiue so eiuehmnende Per-
sönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen könten?
äe Bewuimnderung, die sie ihm bezeigte, sleigerte natüürlich seine
Leidenschaft fitr sie; ihre Verlassenheit rihrle ihn, seine Groß-
muth sprach fir sie in seinem Herzen, und als er dann von'
seinen Gastfreunden Vittoria's Hand begehrle, war man natirlich
eben so überrascht über die unerwartete Aussicht, welche sich der
armen verabsäumken Verwandten darbot, als bereit, sie eine solche
Verbindung schließen zu lassen. Vittoria Giustiniani wurde also
mit Freuden Baronin von Arten, wurde meines Vaters Frau,
und doch, fügte er seufzend hinzu, kann ich wie der Prinz in
Schiller's ,Don Carlos- von mir sagen -a habe kein Gliück
N,
mit meinen Müttern!-
Er erhob sich bei den Worten, sah nach der =-p- und ent-
1fs.s- -
schuldigte sich, daß er Seba's Zeit so lange und so selbstsüchtig
fitr sich in Anspruch genommen habe. Als diese ihn aufforderte,
bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei ihr zu bleiben,
um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen, lehnte er es
ab, weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der
Gräfin Nhoden sei, der er ausserdem heule noch einen Auftrag
der Signorina zu iberbringen habe.

---- L------
Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter?
erkundigte sich Seba.
Nenatus wurde verlegen und roth. I, sagte er; entschul-
digen Sie die üble Angewohnheit, denn einne solche ist es in der
That, und ich habe sie zu meiner Schande noch obendcein von
Mamsell Marianne angenomnen, die sich immer nicht enischließen
, kann, die juunge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen=«ter
Aes
anzureden. Sie nannle sie desßhalb, wie die mitgebrachte Die-
nerin es ihai, besiändig die Signora. --- Mir aber llang das
fremde Wort so schön! llned weil Viltoria in ihrer Weise fitr
mich ein Ulnvergleichliches war, freute es mich, fir sie auch eine
Bezeichuug zu haben, die leiner anderen Frau gegeben ward.
Meine Jgrndgespielinnen, die Töchier der Gräfin Rhoden, die
gleich mir schnell eine grosie Neigung fir Vittoria faßlen, nannten
sie bald auch nuur die Signorina. Sie haben das vielleicht selbst
schon von ihnen gehört; und von den Bekanuten unseres Hauses
heißt jetzt laum Jemand sie anders, wenn er von Vittoria spricht.
Der junge Offizier hatte während dieser lezten Worte seinen
Säbel umgehakt nnd seinen Hut genommen. Seba fragte, ob
er sonst Neuigkeiten aus der Heimath habe, ob er wisse, wie es
den Marienfelder Steinert's ergehe.- Er hatte aber nichts
g:
otäheres von ihnen gehört, da Aam Steinert in gar keinem
Zusammenhange mit seinem früheren Herrn sand, und nur ge-
legentlich hatte er erfahren, daß es Sieinert's unermüdlicher
Ausdauer gelungen sei, g« d===u, die Noth der Kriegsjahre ver-

mz-F
zhälinißmäsig gut durchzubringen.
Das ist einer von den Ungebeugten, meinte Seba, denen
die Kraft, zu hoffen und in dieser Hoffnung zu schaffen, in den
trübsten Stunden aus dem Herzen quillt.
Hoffnuung mus uur einen Anhalt haben, wendete Renatus
ein; und woran laun sie sich ltltpfen in eine: Zeit, welcher,
wie eben jezl, nach laum überstandenem furchtbarem Kriege und

---- 6- --
unheilvollem Frieden, rund umher neue Rüstungen befohlen;
werden, deren Zweck nicht zweifelhaft ist? Worauf soll der ein?
zelne ohnmächtige Mensch seine Hoffnung richten, sein Bestreben?
lenken, da einem gewaltigen, dämonischen Willen nach Gottes.
unerforschlichem Nathschlisse wie einer Geisßel des Gerichtes über'
die Erde Macht gegeben ist?
Seba hatte sich auch von ihrem Size erhoben und war mit
ihrem jungen Gaste bis an die Thitre des Gartensaalek gegangen.
Als sie dieselbe össnele, hatten sie in aller seiner strahlenden
Herrlichkeit den prächtigen Komelen vor ihren Augen, der in,
diesem ganzen Somnner am Horizonie gestanden uund die Herzen
der ohnehin gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge
und unheimlichen Befitrchtungen erfitllt hatte.
Wie blendend er ist, rief Renatus aus, und wie gewaltig
in seiner fast den ganzen Horizont durchmessenden Größe!
Da faszte Seba des Jiinglings Hand und sagie leise und ein
dringlich: Aber auch er wird vorübergehen, und seine Zeit ist nahe!
Sehen Sie hin, sein Licht ist im Erlöschen, er neigt sich dem Unter-,
gange zu! Noch eine kurze Frist, und an dem befreiten Himmel,
werden die alten, schönen Sternbilder in aller ihrer Klarheit,
leuchten, und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen,:
dessen wilde Großheit jezt die schwachen Seelen entmuthigt und'
geknechtet hat! Nur eine kurze Geduld, nur Muth und Hoffnungl
Der junge Mannn sah sie betroffen an. Ihre Agen leuch?
teten in schöner Erhebung, es lag in ihren Worten etwas GsF
heimnißvolles, das ihn unwillkltrlich ergrif; indeß er konnte'siM
nicht entschließen, sie um die Deutung zu bitten, und ohne eine
weitere Erklärung ließ sie ihn mit dem Auftrage, die Gräfin.
Nhoden von ihr zu grüßen, von sich gehen.
Arme Angelika, seufzte sie, als er sich enifernt haiie, arme
Angelika, warum muusßtest du so frih von uns scheiden! Dein!
Sohn würde mich versianden haben, hättest du ihn auferzogenl'

Kapitel 23

Viertes Capitel.
Pe-
-=== Nenatus die Linden hinabging, um sich nach dem
entegenen Thheile der Wilhelmdstraße zu begeben, in welchem die
Gräfin Nhoden sich, seit sie Berlin bewohnie, niedergelassen hatte,
sah er aus dem Eckfenster eines an der Fricdrichsstraße gelegenen
Hauuses ein helles Licht erglänzen, und da die Uhr an dem
Akademie-Gebäude ihn belehrt hatte, daß es noch ein wenig zu
früh sei, zu der Gräfin zu gehen, wendete er sich jenem Hause
zu, stieg die Treppe bis zum ersien Stockwwerle in die Höhe und
fragte, als eine den höheren Ständen angelörige Frau ihm dort
V3 A
=- «hiüre ösfnete, ob sein Olel zu Hause und zu sprechen sei.
Zu Hause ist der Herr Graf, entgegnete die Frauu, velche
ihn eingelassen hatte, aber er hat einen Besuh, und der Kammer-
diener ist fortgeschickt. Wenn Sie es wünschen, will ich Sie
melden; indeß ich hörte immer schon mit den Stühlen rücken
Zd umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten. - -
Er sagte, daß er nicht lange bleiben könne, daß er jedoch
dersuchen wolle, ob sein Qntel bis dahin fitr ihn frei sein werde,
und nahm den Sessel an, den die Frau ihm an der Seite ihres
Sopha's darbot. Renatus war schon oftmals durch dieses Zimmer
tegangen, aber mit der Achtlosigkeit des im Neichthume geborenen
und im eigenen Hauuse erwachsenen Mannes hatte er es nie eines
Blickes gewirdigt, denn die verschwenderische Ausstaltung desselben
hatie fitr ihn leinen Reiz. Eben so wenig hatle er die Fraun
betrachtet, der er auch friiher schon in diesem Gemache begegnet

---- Z6G----
war, oder sie gefragt, welche Stelle sie in dem Haushalte seines
Onkels ausfüllen möge.
Heute, da er sich genöthigt fand, in ihrer Nähe zu ver
weilen, bemerkte er, daß sie offenbar den Fünfzigen nahe war
und sie mißfiel ihm, obwohl sie einmal eine hibsche Frau g
wesen sein konnte. Sie trug jene großen goldenen Ninge in
den Ohren, die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Jo
sephine in Aufnahme gebracht und nach ihr Creolen genamnth
worden waren. Ihre Taille war noch kirzer gegürtet, ihr Busens
noch höher hinaufgeschiri, als die Mode es uit sich brachteF
und aus dem mädchenhaften Fanchontuche, das sie iber den d la
Tiluuo frisirien Kopf gelnipfi hatie, sahen die geschinlten Wangens
und das runde Doppellinn voll und coquet hervor. Dazu haties
sie die Finger reichlich mit Ringen besteckt, und sie musste ent-'
weder aus diese Ninge oder auf ihre allerdings noch hiübschen;
Hände großen Werth legen, denn sie war sehr bemüht, des Jüng--
lings Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen, indem sie die Hände
leise gegen einander rieb und sich bellagte, daß es nach dem
heißen Sommer und bei den warmen Tagen Abends doch schon
so kalt sei und daß ihre Hände die rauuhe Luuft gar nicht ver-?
tragen könnten.
s
Nenatus ließ diese Bemerkung schweigend an sich vorüber-s
gehen; damit war aber die Entschlossenheit der Redseligen, ihnj
in eine Unterhaltung zu verwickeln, nicht zurückgeschlagen, und(
beide Arme auf den Tisch legend, während sie sich weithin über?
dieselben nach vorn bog, so daß sie sich dem jungen Manne da-?
durch beträchtlich näher brachte, sagte sie mit leisem Kopfschüiteln;s
Ich sehe recht, wie die Zeit vergeht! Sie kennen mich gar nicht?
mehr, Herr Baron! Sie haben ganz vergessen, daß Sie michs
s
früher schon gesehen haben!
Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jüüuglinge, dessen;
reiner Sinn vor allem Niedrigen zurückschreckte, nur noch wider;?

-- ZßF--
Färtiger, und kurz abweisend sagte er, daß er sich wohl erinnere,
Fie sie auch sonst schon die Güte gehabt häit, ihn einzulassen.
F In dem Aungenblicke ward die Thire des Nebenzimmers
heffnet, Graf Gerhard Berka trat mit einem Fremden, einem
Franzosen, in das Vorzimmer hinans; sie schiitelten einander
Fe Hände, nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag,
ßer Graf rief seinem Neffen, da er ihn gewahrte. einen freund-
ichen Guten Abend zu, machte scherzend die Bemerkung, daß
ßan vom Wolfe nr zu sprechen brauche, damit er erscheine, was
Feöoch in diesem Falle ohne allen anziglichen Vergleich gemeini
Fein solle, und stellie darauf dem Fremden, den er Baron und
seinen lieben Gastigni nannte, den jungen Freiherrn als den
Mesfen vor, dessen er so eben gegen ihn gedacht habe.
f Nach einer sehhr verbindlichen Begrisuing emvfahl sich Herr
fpon Castigni dem Grafen wie Renatus, und mit einem Zeichen,
sdaß sie dem Scheidenden das Geleit zu geben habe, sagte der
jGraf: Leuchten Sie, liebe Kriegsräthin! Dann nahm er seinen
Meffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück.
; Bist Du abergläubisch oder wundergläuubig, mein Freund?
Fagte er Nenatus mit leichtem Tone, nachdem sie sich dort
znedergelassen hatten.
F Renatus entgegnete, daß es darauf ankomme, was man
ßmter abergläubisch und wundergläubig verstehe; aber Jener ließ
ßhm zu keiner weiteren Erklärung Zeit, sondern sagte: Nun,
Fberglaube oder Unglaube, was thut uns das? Es ist gut, daß
Fu überhaupt wieder in Berlin, und sehr gut, daß Du eben
Fzt zu mir gekommen bist! Wir wollen das als eines der guten
Zeichen ansehen, an die zu glauben immer Zuversicht und Muth
zlbt. Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir die
Feve, als Du kamst.
ß - Von mir? Und in wie fern, wenn ich dies fragen darf?
Fagte der Neffe.

--- I68--
Daest D geneigt. den prenfüschen Dienst zu venassät
erkundigte sich der Graf.
Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt:g j
Aber es war, soviel ich davon weiß, nicht eben Dein Wile
der Dich bewog, die Uniform zu nehmen! bedentete Jener. -7j
Nenatus wuurde coth bis unter die Wuurzel seines hellenj
Haares, und mit einem leichten Zusammenziehen seiner AugenF
branen, welches seine iniere Selbsiiberwindung lund gab; vetF
sezle er: Ich wrde allerdigs dae Lele eies uabhänglgenj
Edelmaues, wie wir Artens es von je gefihrl, iberhaupt henj
Dienste vorgezogen haben; da die llslände mir dies nicht verß
staiteten, da mein Vater mich in die Armee eintreien lassen, ung!
der König mir das Paient gegeben hat, scheint es mir Ehre
sache, auch im Dienste zu bleiben, bis ich dieses mein Patent ni
der That verdieni und einen Eid i Kampfe besiegelt habe!»
Sehr gut, sehr schön gesagt, rief der Graf mit einem leichtegs
Anfluge von Spott, während er sich weit in das Sopha zurüöF
lehnte -= nnr nicht sehr einsichisvoll, mein lieber Freund! Dag
soll mich jedoch durchaus nicht abhalten, es mit Dic besser uß
meinen, als Du es verstehst! Las; uns in's Klare kommenß
Von welchem Kampfe sprichst D?
Nenatus hob sein Age zu seinem Oheim empor und wende
es eben so schnell wieder von ihm ab. Es lag etwas UnheimF
liches in dem beständigen Lcheln des Grafen und mehr noch ißs
seinem scharfen und lauernden Blicke, der mit jenem Lächeln-ig,
grellem Widerspruche stand. Er war noch immer ein auffalleds
schöner Mann, aber der prenßische -fficier war in ihm nihH
mehr zu erkennen. Sein glänzendes, blondes Haar war in einets
großen Locke mitten auf der Stirn zusammengekräuselt, sein ie
in die Wangen hineingehender Bart, seine hohe, weiße HalöbindH
wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischen,
Vorbilde gemodelt, und wenn er nicht geradezu, wie er dies meisteng

-- L6 ----
ggat. Französifch sprach, so brauchte er selbst im Deutschen so
Hiele remdwörter und schob so viele französische Säze in das
Feutsche hinein, das man dieses Gebahren als ein absichtliches
tenen muusne.
; Er hatte, als nach dem Friedensschlusie von Tilsit sein
Fegiment aufgelöst worden war, wie Hundertc von anderen
ßfficieren sich zu seinen Eltern auf das Lad begeben, aber
las Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen.
Pazu war man wuste ie der Familie nichl, wodurch ---
Pes Grafe Verhäiinis zu seiner Mlier set Jazren schon geiribi.
on beiden Seiien gab sich eine fast kraulhzaste Enpfindlichneit
Zegen einander kund, und man hatte ihn als nicht davon ab-
Ft=-n. als er nach lurzem Verweilen wieder nach der Haupt-
s.nls.s
Fadt zurückzukehren gewinscht hatte. Freilich hatie der alte
Graf dem Sohne zu bedelen gegeben. das: er jezt, bedrägi
Jurch die allgemeine Noih und Drangsal, mct uehr wie früher
ßm Stande sei, dessen mannigfachen und großn Ansprüchen
Gl bs-
y- -- allen Freigebigleil zu begeguen; das hatle jedoch den
frafen Gerhard wenig angefochten. Die Sumne, welche man
ßhm fir das ersie Halbjahr zuuwwieö, war nicht ubedeutend, und
gber den Tag, über das Verlangen und Gelüsten oder Bedürfen
Jes Auugenblic'es dachie er nicht leicht hinauus.
- Aber das Berlin, in welches Graf Gerhard zue-=--
-s,s.s-sd

jpar nicht mehr die Sta.., die er vor dem ungluhen Feld-
R,19
.s
ßuge des Jahres achtzehnhundert und sechs verlassen hatte. Seine
ameraden und Umgangsgenossen lebten fern und zerstreut.
Die Einen wartelen hossenden Sinnes in Einsauleit der Zeiten.
HFoelche sie wieder zu neuer Ahätigkeit berufen wirden; die Un-
ßeduldigen hatten sich nach Desterreich, nach Spanien und nach
ßdußland gewandi, wo der Tag eines neuen Kampfes früher
h - - ==- »===-- =====

--- Z7ß
Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher EmF
pörung, während der Wille der französischen Machthaber eine
glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang. deren leppigkeit düEß
Leichtgesinnten und Genußsichtigen verlockend mit sich fortrißF
welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über dies
feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bitiene
Noth des Vaterlandes und die Knechtschaft vergaßen, unter deneüF
man lebte. Allerdings war es finn denjenigen, der nicht dieß
Möglichkeit besaß, sich fern von den Städten auf irgend einen,j
zufäslig von Einanarlierug verschonien Hose oder Guuie den
Verkehre mit den Unterdritckern zu entziehen, äuus:erst schwer, denF
Umgang mit ihnen zu vermeiden; aler die Zahl derjenigen wayF
leider nicht gering, die diesen Uugang in eigeniziger Absichl
suchten, und die Fremdherrschaft fand ihren Vortheil darin, solche?
lleberläuufer bereiiwillig in ihre Reihen auszunehuen.
a
Gin Edelmann von dem: alten und schönen Namen dee?
Grafen Berka, ein friiherer preusüischer Officier mii den persön-?
lichen Vorzügen des Grafen Gerhard, der sich geneigt finden?
. A
ließ, sich der damals in Berlin den Ton angebenden franzd-1
sischen Gesellschaft anzuschliesen, durfte sich von ihr des zuvor-?
kommendsien Empfanges sicher fühlen, und des schwermüüthigeng
Ernstes vou Herzen mide. der in dem Kreise seiner Jamilie
geherrscht, seit das Uglück über das Vaterland hereingebrochen
war, hatie Graf Gerhard sich bei seiner Niclehr von Berkn
mit vollen Athemzügen in das ihn anmuthende Leben der Haupt-?
stadt, in die Gesellschaft der Franzosen gestinzt, die, reich an
Kriegsbeute, schnell und verschwwenderisch zu genießen suchtenzz
was zu genießen ein eben so schneller Tod auf irgend einen
der Schlachtfelder, zu welchen der Kaiser sie fihrte, ihnen balhhß
unmöglich machen konnte.
Man hatte den Grafen üiberreden wollen, in franzdsischej
Kriegsdienste zu treten, aber dessen hatte er sich geweigert; demnß

. et
A gibt herkömmliche Ehrbegriffe, von denen Männer wie der
Fraf sich nicht leicht freimachen. obschon jene Ehrbegriffe mit
dem wahren Ehrgefihl, das in jedem Menschen nur die höchste
Flüthe einer vollkommenen sittlichen Bildung ist, eben blos den
Fußeren Anschein gemeinsam haben.
z
- ER
jannnte er es unverständig, sich der herrschende Gewalt oln-
hächtig zu widersezen. Weil Nachgiebigkeit ihm in diesem Falle
eguemer dinlie, als Zuurickhallung, naunie er es geboiene Iic-
Zcht, sich der Gesellschaft der Fremden anzuschsiesßen, und er
Fezeichnele es als eine Ehhrensache, sich standesmäsig in ihr zu
Fehaupten. Es dinkte ihm eben so eine Ehrensache, vor den
Fmporkömmlingen. ans denen sie sich zum grußen Theil zu-
Jammensezie, die vornehme Leichilebigleit des alten Edelmannes
Jarzulhun, und er hatte keine Ahnung davon, wie die frische
hßmd gewaltige Kraft dieser neu und wild entstandenen Gesesl-
sschaft ihn bemeisterte, wie er, dem Anspruche des Augenblickes
Fehorchend, mit seinen Voruriheilen und Ueberzeugungen auch
Ich selber hingab, und wie die, troßz ihrer genusfiichtigen lep-
Higkeit, vom Leben geschulten, in Geschäften versuchten Fremden,
smit denen er verkehrte, sich seiner bemächtigten, weil sie ihn
hbrauchen zu lönnnen glaubten. Denn Fremdherrschaft mus
ßgrannisch sein, und die Tyrannei kann der heimlichen Verbitn-
sdeien nicht entrathen. Sie muß wissen, was in dem unter-
zworfenen Lande und Volke geschieht, sie muß Einflis; haben,
G
p- wo sie selber nicht hinzudringen vermag. Sie muß sich
Fiener schaffen und Dienste empfangen ohne daß diejenigen,
ßoelche sie bedienen, sich dessen bewußt sind, und Graf Gerhard
Hoar auf solche Weise schnell, noch ehe er es ahn!.. zu einem
Fgghzezige in den Hnden seiner französischen gangsgenossen
Hewoppen. Freilich hatte man von ihm niemals eine Leistung,

eFh
= lp E F ==
gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten, geforder
aber man haite gelegentlich seine vermiltelnde Sprachkenntniß beß
Einführung in gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch ge?
noumen, manche Auudluifi über Personen und Dinge beiläufig
von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend einer Reiß
als Freundschaftsdienst begehri. Man hatie auch nicht daran,
gedacht, ihn diese Diensie oder diese Opfer an Zeit zu lohnenß
sein Ehsrlegriss würde ihzn lewwgr halen, sich dessen unbedingh
zu weigern. Aber er halle lein Bedenlen gelragen, als stintß
standesäsigen Asgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehH
hestreiten liesen, die freiwillig und in schicklichster, beguemsieF
Geise angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmenß
und die Größe dieser Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt, demß
die glicklichen Sieger hatien reiche Mitiel zu ihrer Verfügung
und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden nich
gewohnt.
T
Auch in der Unterredung, welche Graf Gerhard mit seinen,
Freunde eben, als Nenatus bei ihm vorsprach, gehabt hatie, war?
nr ganz zufällig von der phantastischen und schwärmerischen,
Stimmung gesprochen worden, welche sich in der deutschen JuF
gend zu regen beginne, und Herr von Castigni, der, wie ders
Graf, einem alten Adelsgeschlechle angehörte, halte dabei dies
Aeußerung hingeworfen, wie viel seiner Negierung daran gelegenß
sei, dieser unglücklichen Nichtung entgegen zu arbeiten, wie sehrj
man den Anschluß des jungen Adels an das Gouvernement beF
günstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männerß
eröffnen könnten. die. sich geneigt zeigen würden, sich bei denß
verschiedenen kaiserlichen Gesandtschaften in =auischland, wemnF
m,
auch vorläufig nur als zeitweilige Attache's, verwenden zu lassen
A.« Nenatns daher seinem Oheim auf dessen Frage diej
Autwort zu geben zbgerte, nahm jener selbst das Wort.
A
Du willst Deine Sporen verdienen, sagte er, und ich wiederH

-- A8---
fhole Dir, mein Leber, das ist gut und schö Aber wo wilst
He
p-- den Kampfplaz suchen, wo den Tummelplatz fin Deine
h. Thaten finden? Die Zeiten, in denen unsere Vorfahren sich unter
, dem grosen Könige ihre Lorbeern erfochten, sind fir immerdar
Eporber:
Onkel! rief Nenatus mit abwehrendem Erstaunen.
Der Graf zuckte die Schuultern. Ich versiehe Dich, sagie
er, und ich weis, wae bieser Auerus sagen wisl; aber ich sprach
h ehen mit Herrn von asligi davon. Eo ist ihbricht, sich gegen
,elne historische Thaisache auflehnen zu wollen, thöricht, seine
fWünsche fiu Möglichkeiten anzusehen, und verbrecherisch, wenn
fkeife Mäner die Jugend in ihren misigen ideologischen Tcäu-
f men bestärken, statt sie zu kräftigem Mitwirken in den vorlie-
fgenden Lebensbedingungen anzuuhalten.
- Und welcher miisßigen Träume halten Sie mich schuldig, zu
,ivelcher Arbeit wollen Sie mich berufen? fragte der junge Baron,
ß durch die Aussprüche seines Oheims immer mehr betroffen.
- Ihr jungen Leute seid übel daran! hob Jener, der be-
ßstinmten Aitwwort ausweichend, auf das Neue an. Man hat
FEure Kindheit, Ere Juugend mit dem Gedanken der Vaterlands-
Fliebe genährt und hat Euuch als den würdigen Gegenstand einer
ßsolchen Lebe das Preußen des großen Friedrich, den von einem
I großen Könige gegen alle natürlichei Bedingungen zusammen-
ßgebrachten und nur durch sein Genie, durch seine Herrscher- und
Feldherrntraft erhaltenen Staat, hingestellt. Aber die gewalt-
ßsame Schöpfung eines Genius ist jezt durch den größeren Ge-
ß nius naturgemäß und eben so gewaltsam zerstört. Vor der Ge-
ßwalt und Größe eines Napoleon konnte die junge Monarchie
,des alten Friz, vor dem weltumfassenden Blicke, vor dem welt-
humgestaltenden Geiste und Willen dieses lltalschen Kaisers kann
ßdie alte Weltordnung nicht bestehen, und wie unter den Stin-
jmen des Frühlings die lezten Bläiler an den alten Bäumen ver-
F g. Lewal. zon seswhtechn z Gesatech. tt
18

cz r? g
stieben, damit Naum werde fir die neue Schöpfung eines neuen
Jahres, so miissen die bisherigen Staatsverhältnisse zu Grunde,
gehen, damit der riesige, durch alle Zeiten wiedergekehrte undß
endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines Welt-
reiches, einer Universal»Monarchie, wie Alexander und Cäsar -
und Karl der Große sie vorahnend gedacht haben, zur Wahrheit
werde! Sich mit Gefühlsiberspannung an das Untergehende
anzuklammern, mag dem zukunftslosen Alter ziemen; die Jugend?
hat sichh deii: Neienn, deiu Werdenden anzuuschliesien, und wer
Leben, wer Thaikraft in sich fihlt, wer sich eine Zukunft zu er-;
öffnen hat, mus; sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen!I
Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen, wie dies lalt-;
herzigen und gesinnungslosen Menschen leicht geschieht, die, wennz
sie Aidere überreden wollen, vor Allem sich selber überredenI
müssen, und also beständig einen doppelten Zweck zu erfüllen,,
einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben. Er war weder
geistreich noch liefsinnig, aber er hatie Phantasie und Bildungs
genug, sich fremde Meinungen, sobald es ihm gefiel. anzueignen,,
und es waren die Gedanken des Gastes, der ihn eben erst ver-?
lassen hatte, es war die Anschauungsweise der französischen Ge-s
sellschaft, in welcher Graf Gerhard sich bewegte, die er seinemI
Neffen zur Beherzigung empfahl.
Renatus bildete jedoch fast in allen Sticen den Gegensaz,
zu seinem Oheim, und ihn zu verwirren war nicht leicht. SeineI
Phantasie war nicht lebhaft, indeß innerhalb des nicht weitenz
Kreises, den er überschaute, sah er klar geng, und seine Schüch-ß
ternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig, wie seins
Misßtrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen
sich selber sein ließ.
Es war nicht das erste Mal, daß der junge Baron die:
Aisichien, welche der Graf an den Tag legle, von einem Preußenz
aussprechen hörte. Man konite sie von allen denjenigen ver-:

czr
b=F a P e -=- -
snehmen, die, auf den Pfaden des Grafen g:hend. ihrer zur
FSelbstentschuldigung bedurften. Sie verfehlten an sich also,
Finen Eindruck auf den Jüngling zu machen, aber es ergrif
M.aR
nntergehen, als untreu werden ! Was sollte mir eine Zukunst
,auf den Trimmern meines Vaterlandes? Wie könnte ich an
ein Glück denken in der Fremde unter Fremden, während...
Er brach al, scieni seine ware Auswallung zu bereuen und
sagte: Gewiß, mein Onkel, Sie sprachen nicht im Ernste zu
mir, Sie wollten mich priüfen; seien Sie unbesorgt! Kein Vor-
theil der Welt soll mich verlocken, von meinem Könige abzu-
Fallen oder meinen Eid zu brechen! Ich bin ein Preuße, ich
bin ein Eelmaun, unserem Könige unterihan und sein Soldat;
so will ich leben und, muß es sein, auch sterben!
Der Graf nickte beisällig, alö habe er den Vorwurf in
Feines Neffen Worten nicht gemerkt, und wiederholte seine frühere
Aeußerung, das; dies Alles sehr gut, sehr schön sei, nuur praktisch sei
es nicht. Bedenke, sprach er, was Du Deinem Vater schuldig bist!
Er machte danach eine kleine Pause und sezte in ruhig
erklärender Weise hinzu: Du siehst die ungeheuren Nüstungen,
welche der Kaiser durch ganz Europa anstellen läßt. Niemand
kan zweifelhaft darüber sein, gegen wen sie gerichtet sind. Wir
,stehen einem großen, einem gewaltigen Feldzuge näher, als Du
zglaubst, und D bist der einzige Erbe Deines Vaters, der Lezte
jeines Hauses!
Und mein Bruder? wendete Nenatus ein.
Der Graf lächelte. Vittoria's Sohn wird, wenn er einst
erwächst, voraussichtlich auf Dich und Deine Großmuth ange-
wiesen sein, denn Dein Vater ist bejahrt und sein Besiz hat
Isich, wie Du weißt, um ein Bedeutendes verringert.
Wir halen allerdings unler dem Kriege schwer geliiten,
1z

entschuldigte Nenatus, den jede Miene und jedes Wort deH
Grafen kränkte.
Nicht mehe, als Andere, meinte dieser; aber Dein VaG
und meine gute romantische Schwester hatten kostspielige LebF
habereien, bauten Kirchen, hielten Sängerchöre, ließen die AmiF
leute und Pächter gewähren. Das war ideologisch, war falschers
Jdealismus! Das ist unpraktisch!

Er sah nach der Uhr, erhob sich, ging an den Spiegelß
zn dessen beidei: Teilen Ariiileiichler ani deni Widei: brannten,'
besah sich in deu GGlse, liiuule ie grosie Loce aus ber Slirn,
iber die uniergehallene Hand zurechi und sagle, ohne den be--
leidigten Renatus, der hinter ihm sitzen geblieben war, anzue
sehen: Glaube mir, mein Lieber, früher oder späier wirst =t
dz.
genöthigt sein, Dein eigenes Schicsal zu spielen und das Look,
und das Vermögen Deines Hausek uen zu begrimnden. Nur'
deshalb un nur dazu wollie ich Dir die Mittel und die Wege,
zeigen und eröffnen, die ich Dir heute vorschlug.
z
Er klingelte, sein Kammerdiener' trak ein. -- Warum er--
innern Sie mich nicht, daß es Zeit ist, mich anzukleiden?
fragte er. Der Diener entgegnete, daß Alles bereit liege, undj
ward mit dem Bemerken fortgeschickt, daß der Graf gleich komz
men werde, und daß der Diener das Eisen heiß machen könne,?
ihm Haar und Bart auf's Neue zu kräuuseln.
Wir haben heute eine Soiree bei dem französischen Ge-z
sandten. Das ist ein Haus, in das Du Dich einfihren lassen,
solltest, und ich bin bereit, Dich vorzustellen, sagte er. Es iß?
die Rede davon, einige junge Deutsche von Familie als Ca-
valiere, als Kammerherren an den Hof des Königs von West-?
falen zu ziehen, junge Männer, die des Französischen mächtig,
sind. Ich hatte dabei an Dich gedacht. König Jerome ist jungI
ist geiftreich, ist äußerst liebenswürdig und fceigebig geneigt, füt?
die Personen, die ihm wohlgefallen, viel zu ihnn. Indeß Duß

ezp ry
willst es nich! Nuen, Du wirst wissen, was Dir frommt, ich
z hatte es gui mit Dir im Sine!
? Er sprach dad Alles, während er aus ei er reichverzierten
Bichse seine goldene Dose mit frifchem aaback fillte. Renatus
z hatte sich erhoben. Er sagie, das er seinen Ozeim nicht stören,
nicht länger aufhalten wolle. Der Graf erluedigte sich, wo er
, seinen Abend zulringen werde, und als er hörte, das; Renaiuus
hie Gräfin Nhoden zu beschen denle, meinie er, e sei schade,
das sie srn zzrunene sei, u us: sie ihhre Töuhser in gzleicher
eberssauuug aserzoge hale; sie sei sriiher eiie angeuehme
Frau gewesen, die gewuuust hale, was sie sich schuldig sei.
N.
Man halie sie bei uns, fuuhr er fort, da sie eine --?
wandie von uus isi, Deinem Vater eigenilich zur zweiten Frau
bestimmi, und sie hai sich, eben weil sie kein Vermögen besass,
wohl selber doppelt mit dem Gedanlen geiragen. Ich bin sicher,
ts,
.- 1g. deöhalb in Eure Gegend, und -,ee Freundschaft

, fir Dich wird wohl aus derselben Lelle enisprungen sein.
- Aber der Bekehrungseifer Eures Caplans hatte sie uns entfremdet,
noch ehe die Heirath Deines Vaters mit der Giustiniani im
, Werke war, und hätte sie diese Heirath vorhersehen können, so
- würde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben.
? Jezt indessen, glanbe ich, ist sie ja selbst mit Belehrungenbe -
schäftigt. Sie hat es wahrscheinlich auf die kochter des alten
Flies abgesehen, denn daö allein kaun mir dic Freundschaft der
z Gräfin fir die Flies erllären.
z
Renatus, dem jede Aeusserung des Grafen empfindlich und
s
- zuwider war, erinnerte daran, daß Seba auch eine Freundin
, seiner Mutter gewesen sei, daß er selbst von seinem Vater an
- den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen worden, und
fcagte, ob der Graf die Familie, und namenilich, ob er Seba kenne.
f Er bejahte es. Ich war vor dem Feldzuge nach der Cham-
Aagne bei ihnen im kmnartier, sagte er gleichgiültig. Seba war

--- 7? --
damals eine Schönheit, aber sie war schon damals eine seniö
mentale Schwärmerin ! Nimm Dich mit ihr in Acht! Diöj
Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und diss
Professoren und Gelehrten, mit denen sie zusammenhangen, sindß
thörichte Jdeologen, Phantasten, die gegen den Lauf der Welts
ankämpfen, vergangene Zeiten lebendig machen möchten! Man.
hat ein Auuge auf dieses Treiben, obschon man es gewährens
läßt. Verninftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen
darauf verlas; Dich, und sich umöthig verdächlig zu machen,(
sich einer unöihigen Beaussichligung auözusczen, ist nlchi an!
ständig fir Unsereinen!
i
Er reichle ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiedes
und sagte, als sein Neffe sich ihm empfahl: Ehe ich es vergeß,j
mein Lieber! Seit ich mir hier selbst eine Wohng einge
richtet und die Kriegsräthin zu mir genommen habe, speise ih?
in der Negel zu Hase. Sie ist eine Köchin, um die man michj
beneidet. Fir eine oder zwei Personen ist immer das Couverß
bereit. Willst Du es auf gut Gllck mit mir versuchen, soß
weißt Du, daß Du wislkommen bist, und wir iauschen dannF
unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus. Bei-?
läufig, las: Dich von den Nhodens nicht einfangen! Das sindF
keine Partieen, die sich für Dich schicken!
E gab ü nochol die Had. rieth h. ich vie eassaej
Angelegenheit ruhig und reiflich zu überlegen, und entließ ihnt;
danach, um sich ankleiden zu gehen.

Kapitel 24

Füinftes Capitel.
Bse
Fpier, als er es sonst pflegte, langte Rnatus an dem
Abende bei der Gräsin Nhoden an, und fasi bereuie er es, das;
er gekommen war, denn die friedliche Stille, in welcher er die
Frauen aniraf, lies: ihn seine Aufregung erst reht deuilich em-
pfinden. E war ihm zu Muihe, als habe er in der letzten
Stunde eine Gegend und die Menschen in ihr durch ein ver-
zerrendes Glas betrachtet. Alle Bilder, die er in der Seele
trug, dünkten ihm verändert und entstellt, und doch kam ihm
umvilllirlich immer wieder die Frage: Wic aber, wenn Du
Dich wirllich bisher getäuscht hätiest? Wie aber, wenn der
Oheim Necht häite mit den Urtheilen, die er iber die Personen
und Zustände, deren er erwähute, gegen Dich ausgesprochen hat?
Er erinnerte sich genaun, wie kurze Zeit nach dem Tode
seiner Mutter die Nhoden's zu ihren Verwandten nach Lichten-
forst gezogen und wie sie das erste Mal nach Richten zum
Besuche gekommen waren. Die Gräfin war, wie sein Vater,
in Trauerkleidern gewesen, obgleich sie ihren Gatten schon zwei
-Jahre vorher verloren, und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter
sehr willkommen geheißen. Als er dann nach Jtalien gegangen
war, hatie er die Gräfin gebeten, sich seines Knaben anzunehmen,
und sie hatte Nenaius darauf an sich gedrückt, hatte gesagt, der
Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt, sie wolle also Re-
natus lieben als wäre er ihr eigen Kind, und ihre Töchter Hildegard
und Ceilie solllen ihm, dem Schvesierlosen, Schwvesiern sein.

- 1e --
Nenaius hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nhe
steks wie in einer Heimath, wie in seiner Familie gefihlt, obschsg
die Verwandtschaft zwischen den Berla's und den Nhoden's sehc
entfernt war; er konnte es sich ald sehr wahrscheinlich denken,,
daß seine Großeltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter zu!
geben gewünscht hatten, ehe der Caplan die Bekehrung der.
Gräfin unternommen. Es war aber ein schöner Tag und ein,
erhebender Anblick gewesen, als die Gräfin mit den beiden kleinen'
Töchiern in der Kirche vnn Roihenfeld zum Katholicismus über-
getrelen war. Der heimliche Anschlus; der Famnilie von Wedderau
an die katholische Kirche war bald danach gefolgt, und die kleine'
Gemeinde hatle unler des Caplans Leiluung schr zusamnnenge-
halten. Alljähclich hatie man danach den Todestag der Baronin
Angelila, in welcher man die eigeniliche Urheberin des Kirchen-
baued verehrte, uit einer besonderen Feier begangen, und wenn
die Gräfin wirklich beabsichtigt hatte, einmal die Stelle der Ver-
storbenen einzunehmen, so war es schön von ihr gewesen, daß
sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria noch Nenatus hatie
entgelten lassen.
Sie zuerst hatte sich der fremden jugen Fran müiterlich
freundlich genähert, als man des Verwunderns über die unerz
wartete und auffallende Heirath des Freiherrn kein Ende finden
konnte. Sie war der Fremden stets mit Naih und Ermunte-
rung zur Hand gewesen; Tage und Nächte hatte sie an dem
Bette Vittoria's zugebracht, als diese vor drei Jahren im Ner-
venfieber mit dem Tode so schwer gerungen, daß man hatte;
fürchten müssen, mit ihr auch das Leben ihres zu erwartenden
Kindes zu verlieren. Renatus konnte ihr das nie vergessen.
Er liebte die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch
mit so natuurwüchsiger Neigung an ihren beiden Töchtern, als
wenn sie nicht nur seine Spielgenossen, sondern als wenn se.
wirklich seine Schwestern wären.

-- L8--
Neben der ausgesuchten Behaglichkeit n Seba's Garten-
,aal, neben der auffallend modischen und glänzenden Einrichtung
Fseines Oheims erschien dem jungen Manne die Wohnuung der
ß Gräfin heute zum ersten Male ärmich. Er sh, was ihn bisher
znicht angefochien hatte, das ihre Zimmer nur schlicht geti-=-
ss-
F daß ihre Möbel alt und abgenuutzt waren, daß nur zwei Kerzen
Fden Naum erhelltenn. Sie leuchteten jedoch genngsam, das schöne,
K hber dem Sopha hängende Bild der jung verstorbenen, allge-
F liebien Köeigin Loüise zu erlennen, daö diesc selbsi der Grlfin
Felnst gescheult hatie; sie reichien hin, die Bist- des bei Saalkeld
gebliebenen geislreichen Prinzen Lonis Ferdinad beirachten zu
F lassen, der ein Freund des Grafen und Cäcilirns Pathe gewesen
ßwar, und der ihr zur Erinnerung an die Schutzheilige der Musik,
f der Kuist, die er mit Meisterschaft beherrschte, eben den Namen
F Eäcilie gegeben hatie; und sie hatten Licht genng, das edle in
Fweiße Schleier gehillte Antliz der Mutter und das schöne, blonde
HHaar der beiden Töchter mild zu unspielen.
Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt;
Zaber er wuurde ruhiger in dem krauten Kreise, in dem gewohnten
Flieben Naume. Die halbe Dämmerung, die weißen Fenstervor-
ähänge, durch die der Mond hinein schien, daß sein Schimmer
fden ganzen Fuusboden streifenweise erhellte, der Duft des Neseda
Fvon den wohlgepflegten Siöcken am Fenster thaten ihm wohl.
?
Ach, bei Ihnen ist's gut! sagte er, unwillkürlich aus tiefer
jBrust auufathmend, als er der Gräfin die Hand gekißt und
szwischen den beiden Schwestern seinen gewohnten Plaz am
kdc
z ==;che eingenommen hatte. Man lachte über diesen Ausruf;
Fer sollte sagen, wie er darauf gekommen sei, ihn eben in dieser
Ffast feierlichen Weise zu thn, und er ward dabei inne, daß
Fihm heuie ganz anders als sonst in der Gegemwart dieser Frauen
u Wsi
ßs« -»lhe sei.
? E kam ihm vor, als sei er, wer weiß wwie lange von

--- 8F--
diesem Raume und von diesen lieben Menschen entfernt gee
wesen, als habe er sie nie so gut gekannt, als eben jetzt, und
doch wieder, als habe er ihnen ein Unrecht abzubiiten.
1
Die wirdige Erscheinung der Gräfin, ihre keusche, matro-z
nenhafte Tracht - Renaius hatie sie, seit er sie kannte, nieß
anders als in weißer oder schwarzer Kleidung gesehen - dünlien
ihm so schön, da er eben erst neben der geschminkten Haushälterrinß
seines Oheius gesessen hatie. Die Bilder der löniglichen Familie!
sprachen ihn wie Schuzgötter des Hanses an und es freute ihn,?
das er sein Auge frei zu ihnen erheben durfte, das; keiner seineß
Gedanken sich durch die verführerischen Auseinandersezungent
seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste hatie abwendigß
machen lassen. Nur an der Gräfin und an diesen Mädcheuß
hatie er sich versiindigt. Sie haite er so eben noch selbstsiichsiger
Absichten, berechneler Plane fähig gehalien; denn die yon seinemZ
Oheim in ihm erweckte Vorstellung, dasß die Mutter oder Hilde?
gard selber darauuf anögegangen sein lönnten, ihn unmerklich zu?
einer Heirath mit der Lezteren zu bewegen, hatte ihn wider-
wärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine, herzlihe

Verhäliniß geworfen, in welchem er, seit er sich zurückerinnernF

konnte, zu diesen ihm so kheuren Freunden gestanden hatte.
Jezt schämte er sich seines Zveifels an ihnen, und daneben
dachte er zum ersten Male daran, wie im Grunde gar nichis?
natiürlicher sei, ja, wie es sich eigentsich von selbst verstehe,
daß er die Gefährtin seiner Kindheit, das er Hildegard einsi!
zu seiner Gattin wähle. Sie hatien oft geng als Kinder
Mann und Fran gespielt, sich immer auuf das beste veriragen,!
sie waren nur um anderthalb Jahre, die Hildegard vor ihmF
voraus halte, im Alier von einander getrennt. Ihr Name,s
ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtg, sß!
war katholisch, wie er, Vittoria hatie die Nhoden's gern, einß
künftiges Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keineF

aT
--- a:DD--
Ichwierigkeiten, und -- darin hatie sein Onkel Recht - das
,einst so blühende Arten'sche Geschlecht war ;tzt wirklich nur auf
ihn und seinen lleinen Bruuder gestellt. E war noihwendig,
es war unerläszlich, das Renatus sich frih verheirathete.
Je mehr er darüber nachdachte, um so wahrscheinlicher
dünkte es ihn, das auch seinem Vater eine Verbindung zwischen
Ahm und Hildegard willkommen sein würde, denn sowohl der
Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem Umgange
znit den hoden's angehalten; und nun er sich im Geiste die
Sache überlegi, fand er, das: ihm selbst, wenn er sich seine
Zukunft und seine einstige Ehe vorgestellt, immer mehr oder
weniger deutlich Hildegardens Bild vor der Seele geschwebt hatte.
Die Misßslimmuung, in welcher er bei den Freunden an-
gelangt war, schwand vor diesenu Gedanlen völlig hin, eine
,außerordentlich sanfte Epfindung trat an ihre Sielle. Er
fühlte kein leidenschaftliches Verlangen, er hegte keinen neuen,
lebhafien Wuunsch, er schnte die Zuukunft unb eine Aenderung
der jrzigen Verhältnisse nicht einmal herbei. Er war zufrieden
wie Einer, der einen wohl begründeten, gesicherten Besitz in
ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht, aber er rückte unwill-
klrlich seinen Stuhl näher an Hildegard hecan, als er es sonst
gethan hatie, und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt,
beugte er sich zu ihr hinüber, ihren fleißigen Händen zuzusehen,
-wie sie mit sicherem Finger die Blumen in den weißen Musselin
einstickte, welcher zum Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte.
Er hatte ihr selbst das Muster dazu aufgezrichnet.
Hildegard, von seinem Athem warm berührt, wendete sich
nach ihm hin, und wie sie die Augen zu ihm erhob, wie ihre
,Blicke sich so nahe begegneten und trafen, fuhr ihm ein elektri-
scher Strahl durch den ganzen Körper. Das Blut wallte, wie
A R ? N

781 -
Hildegard gerade so empfinden misse, das: sie, obschon sie g
Hauupt gleich wieder auf ihee Arbeit niedersenkte, erglihe und!
erbebe, wie er selbst. Er hatte Mühe, ihre röthlichen LocenF
die ihr ber den schlanke Nücken bis zuum Gütrtel niederflossenj
und die er, ohne das; sie es bemerlte, mit vorsichtiger Hand!
berihren konnte, nichi an seine Lippen zu dricken; er hielt sichj
jedoch zrick. E war ih so gliclich ud so still ums Het
wie in eineun der Träuune, in denen wir Wuuer erleben, ohneF
uns über sie zu wndern, in denen wir unser märchenhasiesj
Gliick ganz natiirlich finden und in denen eine duunlle Ahnungj
uus doch von jedeu sellslständigen Wolleu ud Thu zurückhält,
weil wir durch jedes Negen oder Handelu den wohlihätigen
Zaber, der uns umfängt, zu zerstören befirchten.
Er hdrte es, wie die Gräfiu der jüngeren Tochter dies
Weisung gab, ihr das Buch von ihrem Arbeitstische zu holen,!
er sah, wie das vierzehnjährige rosige Mädchen sich erhob, undz
er kannte das Buch in seinem Einbande von blaßblauem Moirse.s
Es waren Novalis' Gedichie, seine Hynnnen an die Ngcht. Deaß
früh verstorbenen Dichters Muutter, eine nahe Anverwandie derj
Gräfin, hatte sie ihr verehrt, sie gehörten zu den Lieblingspoesien?

des Hauses.
Man war von jeher gewohnt gewesen, etwas zu lesen,
wenn Renatus kam. Eine Reihe von erhabenen Dichiwerlen,
von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm und Hildegarös
gemeinsam zu eigen geworden, und jetzt, da man das Bekamnteß
abermals mit einander durchging, um es der jingeren Schwester
zugänglich zu machen, genoß man es auf's Neue mit steigender?
s
Erkenntniß.
Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen,
ohne daß Nenatus mehr als den sanfien Schasl ihrer Siimme?
vernommen hätte. Endlich trafen auch die Worte sein Ohr,Du?
Nachlbegeislrung, Schluumer des Hiumels lausl ilber mich l? sol

Hgn
Fas sie. , Die Gegend hob sich sacht empor, über der Gegend
ßchwebte mein eutbundener, neugeborener Geist. Zur Staubwolke
fwurde der Hügel, durch die Wolke sah ich die verklärten Zige
Fder Geliebten. In ihren Agen ruhte die Ewigkeit; ich faste ihre
gßände, und die ahränen wurden ein funlelndes, unzerreißliches
Egs-« e
pd--=- Jahrtauusende zogen abwärts in die Ferne, vie Ungewitier.
Tär,
z=- irem Halse weinl' ich dem nenen Leben enlzickende Thränen.
gEd war der ersle, kizige Tran, ud ersl seildem fihl' ich
sßewigen unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und
Fsin Lcht, vie Gellebet
f Nenaiuus lonie die Fiille seiner Enpfindung nicht be-
tFüeistern. Er stand auf und trat an das Fenster., Unwandel-
ßbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Lcht, die
jGeliebte!'' wiederhallte es in seiner Seele.
Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das
jhelle Gewölt, der Jügling meinie noch keine s»lche Nacht erlebt
ju haben. Ach Hildegard halte sich erhoben und sich zu ihm
hesellt. Sie fragte ihn, wonach er ausschaue. Aber statt der Ant-
Fwort legte er seine Hand auf die ihrige, die auf dem Fensterkissen
huhte. So blieben sie stehen in stillem Glicke, bis Ceilie ihnen
Furief, ob sie denn nicht wiederkommen würden, und die Gräfin
ßhnen den Vorschlag machte, etvas zu singen, wenn sie nicht mehr
sen udchten.
s Sie waren dazu bereit, denn ihre Stimmen paßten wohl
zusammen und waren uit einander eingeübt. Hildegard öffnete
ßäs Clavier, Nenatus suchte das Notenheft aus und wählte ein
Matthisson'sches Led. Die Gräfin ibernahm die egleitung des
ßweistimmigen Gesanges.
Hildegard hub an:
Auf ewig dein! Wenn Berg und Meere lrennen,
Wenn Stürme dräu'n,

------ Iß- --
Wenn Weste säuseln oder Wlsten brennen:
Auf ewig dein!
fiel die schöne, kräftige Stimme des Jinglings ein.
Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale,
Des
Beint Silberschein
Abendmnonds im stislen Hirtenthale:
Sentt
Dann
Auf ewig dein!
einst mein Genius die Fackel nieder,
Mich zuu befrei!n,
halli'ö noch im gebrochnen Herzen wieder:
Auf ewig dein!
Sie haiten das Lied schon oft gesigen, und doch erschien
es beiden heute so neu, als hätte der Augenblick es eben erst
in ihnen selbst erzeugt; auch die Gräfin rührte es mehr al?
sonst, und sie belobte die Beiden.
Inzwischen war es spät geworden, und Nenatus sagte, daß
er gehen müsse. Eeilie wollie ihn zu bleiben bewegen, aber er
ließ sich nicht zum längeren Verweilen bestimmen, und Hildegarö
nöthigte ihn auch nicht dazu. .=e Herzen waren voll zum
Ea-
Neberfließen.
Als sie ihm das Geleite gab, kißte er ihr die Hand. Er
hatte sie sonst oftmals umarmt, und sie hatte es ihm nie vers
wehrt. Heute hätte er das nicht vermocht; denn heute hatte er
es empfunden: er liebte Hildegard!

Kapitel 25

Sechstes Capitel.
rz,
uie Jahreözeit des Gartensaales war lange vorüber, und
F slbst ber Besuch des Denkals hatte seit Monaten aufgehört.
F Der Nordwind schilielle die gros;en Tannen, die das Monument
F umstanden, das; der Schnee von ihren breiten Aesten in schweren,
ß verstiebenden Flocken herniederfiel, und es war noch nicht lange
ß nach vier Uhr, als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers
ß schon den Sonnenuntergang iber ihren Lieblingsbäumen am
F Parke des andern Ufers beirachien lonte, deren kahle Kronen
Fsich scharf und klar gegen das helle Gelbroth des ka'ten Winter-
ß himmels abzeichneten. Aber sie hatte heute keine rechte Nuhe.
ßSie stand von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf, sah zu, ob
ß das Feuer in dem Ofen des Nebenzimmerö brenne, dann wieder
Flrat sie, von dem fernen Nollen eines Wagens gelockt, in der
Foorderen Stube an das Fenster, bis ihr Auuge auf den Zeiger
Zder hr fiel und sie belehrte, daß ihre ungeduldige Erwwartung
Feine vorzeitige und ihr Wimschen nicht im Stande sei, den Lauf
ßder Stunden zu befligeln.
Davide saß schreibend an dem Tische, an welchem sich end-
Flich auch Seba mit einem Buche niederließ; indeß sie merkte bald,
Fdaß ihre Gedanken sich nicht sammeln lassen wollten. Sie legte
Fdas Buch also wieder zur Seite und nahm eine Nharbeit zur
ßhand. Aber selbst diese Beschftigung erwies sich heute zu ihrer
FBeruhigung nicht wirlsam, und die klaren, llugen Auugen auf
hsie gerichiet, blickte Davide die Tante, wie sie ihre Cousine bei

78
dem zwischen ihnen obwaltenden Altersuunterschiede zu nenneä
gewohnt war, eine Weile mil sinnendem Lcheln an. Als Sebgj

das gewahrte, fragte sie, was Davide denke.
=t
Das jnge Mädchen antwwortete nicht gleich, sondern zeichnet!
spielend aslerlei Fignren auf ein Biaii Papier, das vor ihr ldge
und erst als Seba ihre Frage wiederhole, erwiederte sie zögernd!
und verlegen Ich möchie nur wissen, liebe Tanie, ob Du auch,
so ungeduldig sein widest, wenn Du ueine Anlunft zu erwarten,
hätiest?
Zveiselsi Du daran?
Davide legte die Feder ieder, sliyie den hibschen Kopfmßt!
beiden Händen und sagte darauf: Ja, das ihue ich!
So us: ich Dir wiederhzolen, wae ich Dir euulich schonF
bemerkte, das: Du Anlage zur Eifersucht hast und daß Eifersuchhg
die Schwester des Neides ud eine häsnüiche Gewohnheit it! F
Seba hatie das scherzend gesprochen, aber Davide nahm eßj
nicht so auuf. Sie wurde vielehr ganz ernsthaft und versichere!
mit einer unverkennbaren Selbstiberwindeng, das die Tanie ihfß
v=- -=e. Es ist uct, meinte sie, daß ich Andern DeineZ
I-s»-=Fs ss.:
Liebe nicht gönne, sondern nr, das: ich gleich wie eine Fremdess
wie eine Ausgestosene bin, wen- .- beisammen seid. Du hasl'
, E=-
ja sonst keine Geheimnisse mit andern -. ten! Du sprichst mifß
N,n
szEI
ihnen offen und unumwunden, auch wenn ich dabei bit, i-unzg
sie nach ihren Eltern und Geschwistern, und nr mit ihm wich!
- = l
eine Audnahme gemachl! Er ist wie ein Kmtd oo1 g-=- --
GHin
=. Ag-'
Onkel und Du, .- lebt ihn, als gehörte er zu E«; os
gss-
nennt ihn Du, er nennt Dich eben so, und er ist doch kein e
wandter von uns, sondern nur ein Fremder! Er geht mit nig, ;
gleich seit er zum ersten Male zu uns kam, wie ein älterer Brus j
der uu, er lobt mich und iadelt mich, als hätie er ein Neehsf
s« usI
dazu - Du findest das auuch ganz in der Ordnung, 1 z: ,
habe gewis nichns dagegen. den er ist ja so kug und se aj

--- W8--
Fber so oft ich, seit ich über dergleichen Dinge iachdenke, ihn
Foder Dich in den lezten Jahren gefragt habe, wo er denn eigent-
Fich her ist, wer seine Eltern sind, wie wir ni einander zu-
Fammen hangen, seid Ihr mir beide ansgewichen!
z Keineswegs! Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt.
Ferinnerie Seba, daß D ihn an seine Kindheit uicht erinnern
Fmögest, weil sie nicht glicklich gewesen ist, und das: Du ihn aus
Fdemselben Grunde nicht um seine Familienverhältuisse befragen
Fslls. Er hat seiue Miter frh verloren.
So ist eö ja auch mir ergangen! wendete Davide mit jener
k dreisten Beharrlichleit ein, welche der Jigend niewals fehlt, wo
ßsie durch Erforschnng eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen
Fdurchzusezen und sich das Nechi einer Mimwoissenschast zu erkaufen
Ffür nöthig hält.Ich habe meine arme Muiter auch früh ver-
z?
Foren, aber ich habe es eben deshalb gern, wenn Du mir von
ßihc erzählst, oder wenn sonst Jemand, der sie gekannt hat z
Fmir von ihr redet! Mit Baron Nenatus ist es eben so; nur
ßmit diesem Herrn Tremann soll es anders sein, nur mit ihm
Fgachst Du eine Ausnahme, und statt daß ich mich freuen sollte,
Fwenn er kommi, denke ich also immer nur daran, daß Ihr mich
Eßoch wie ein kleines Kind behandelt und daß ich nicht einmal
Feiß, woher er stammt, den Dn doch von allen Menschen, den
FBater ausgenonmen, am liebsten hast!

z Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba. Es
ftar das ersie Mal, das: sie hn an ihrer Pflegetochter zu be-
, ßachten hatie, und sie wußte sich die Quelle, aus welcher er
, ztspringen konnte, nicht gleich zu erllären. Bloße Neugier konnte
1 I nicht sein, die winde sich leichter und heiterer geäußert haben;
lgn die Eifersucht, mit welcher sie Davide so eben genect hatte,
Pglaubte Seba eben so wenig ernsthaft; aber wie man an einem
Feinen Spiegel keine Trihung dulden mag, lag es ihr daran,
, ä des jungen Mädchens Seele keinen Zwweifel und kein Miß-
Pä.s. Vewo iv, Vo seea z vesetee. u.

-=- Z90--
krauen aufkommen zu lassen, und sanft, wie es ihre Weise waczz
sagte sie: Du bist uicht osfe mit mir, Davioe; Du sprichst dihj
in einen Zorn hinein, den Du verniuftiger Weise gar nichhj
fühlen kaunst, und zeigst uir ein Mißtrauen, das noch weits
thörichter ist, als jener Zorn. De machst mir den Vorwunß;
Dir etwwas zu hinterhalten, was ich Dir möglicher Weise hinteö
halten mus, weil ich nicht Herr dariber bin, während Du miös
Deine wahre Meinung und die wahren Gründe der Aufregungj
verbirgst, in der Du Dich befindest. So sollte es zwischen mir,
und Dir nicht sein!
Da sprang Davide plöziich von hreu Sessel auf, felj
vor Seba auf die Kiee, und ihr Gesichi in ihrem Schooße ver
bergend, während sie den Leil der Tanie mil beiden Armen uwF
schlang, fing sie zu weinen an.
Wad soll das, Kind, was soll das? rief Seba, währenh!
sie das junge Mädchen zu sich empor zu ziehen versuchte. Abees
dieses blieb in seiner gebickten Stellung vor ihr liegen unss
sagte schluchzend Vergib uir, vergib mir! Ich hätie Dir e
ja lange sagen missen, daß ich Alles, Alles weiß! Ach, Dus
ahnst es nicht, wie ungliclich ich dariber war! Ich.. - -
Sie tonntte vor Schlchzen ncht sprehen, ihr Zußaus
wurde fir Seba inmer räthselhafter, und im Imnersten beunF
ruhigt, fcagte sie lebhaft: Wocüber bist Du unglücklich, waH
fehlt Dir? Was hast D, Kind?
s
Ich konnte Dich eine Zeit lang gar nicht mehr liebenß
Ich... Sie warf sich der Tante mit beiden Armen um dezs
Hals, und ihr Gesicht an Seba's Busen lehnend, sagte sie lauu!
hörbar: Ich verachtete Dich! -
Seba zucte erschrecend zusammen, das Woet versagte ß?
ihr. Du verachtetest mich? fcagte sie endlich langsam, als. fEßs
es ihr schwer, den ganzen Vorgang z verstehen.

Weil Paul Dein Sohn ist! entgegnete Davide und sang

------ I!--
sich von der Bruust der Tanie aufrichtend, auf einen der Sessel,
,nieder, die am Aische standen, ihr Antliz in ihren Händen oer-
Ibergend.
Seba blieb ruhig stehen. Ein schwerer Schmerz ging durch
sihre in Leid wie in Geduuld gepriüfte Seele und fand seinen Aus-
Fruck in dem stillen Seufzer, der über ihre Lippen glitt. Sie
Fbegrif nicht, was ihre Pflegetochter eben zu dieser Vermuthung
Zgebrachi, oder wer ihre Phantasie auf diesen Weg gewiesen haben
zlonnte. Aber es war ihr zu =.uthe, wie dem Wanderer, dem sich an

Feinem völlig hellen Tage plözlich die Sonne verhillt. Aus ferner
erMDR
FSicherheil, in welcher sie sich seil Jahren bewegi: Eo fröstetie
Zsie, sie fihlie sich leank, sie häiie weinen mögen; indeß die
fe
z »hränen sind wie falsche Freunde, sie versagen dem plözlichen,
ßdem überwoältigenden Schmerze ihre Hülfe und ihren Trost, und
ßwie iner gewann die Lebe fitr die Andern in Seba's Bruust
jden Sieg. Nicht an sich durfte sie denken, nicht an ihr Empfin-
ßden. Sie hatie Davide zu bernhigen, sie hatte das Kind zu
jtöten, das in ihr seine Muiter liebte, das irre geworden war
län ihr -- und wie durfte eine, wenn auch noch so späte und
Funerwartete Folge ihres eigenen Thuns sie überraschen und ihr
Fals eine unverdiente Härte erscheinen?
Sie trat leise an Davide heran, legte ihre Hand auf des
Pl-=----ädchens Schulter und sagte: Beruhige Dich, mein
nm eoHs gs
Find, denn D irriest! Pauul ist nicht mein Sohn! Aber
hwer brachte Dich auf die Vermuihug?
- Davide blickte die Tante mit einem Ausdrucke an, der die
Fgnze Verwirrung ihrer Epfindungen verrieth, und diese mußte
jßre Frage wiederholen, ehe sie abgebrochen und leise die Worie
ßlervorstieß: Als ich noch ganz liein war, hat meine Wärterin
hes einmal zu Deiner damaligen Jungfer gesag!

-
Was hat sie gesagt? Besinne Dich! forschte Seba ersöß
haft, um nur die Gedanken der Aufgeregten zu sammeln. I
Deine Jengfer winderte sich, das Du Dich nicht verheiraihek
hättest, und .. . -
Und? wiederholte Seba, da Jene wieder in das Stockenß
P
gerieih.
Ued die Wrterin sagte, D hätiest schlimme Erfahrungeen
gemacht, Du häiiest einen voruehmen Herrn geliebt... -
z
Sie hiell auus's Neuue inne und sing wwieber zu welnen anF
Da nahm Seba ihre Hand und sprach mik der ganzen Bestimnntg
heit, deren ihre ernste Seele fähig war: Wenn Du den Mulh
hattest, mir in Deinem Herzen auf das unbestimmte Wort einerj
Dienerin hin zu mistrauen und mich, wie Du sagtest, zu ver?
achten, so wirst Du Dich auch überwinden missen, vor mir?
auszusprechen, was ich wissen will und muß! Nimm Dich zuF
I? ?. - - == = ====e = aj
Davide wurde bleich. Sie kannte diesen Ton in deH
Stimme ihrer Tante und war gewöhnt worden, ihm unbedingH
zu gehorchen, denn Seba war der Ansicht, daß strenge UnterF
ordnmg unter einen fremden Willen das Kind am leichtesteiF
zur einstigen Selbstbeherrschung vorbereitet; daß derjenige, welcheH
von je her gewöhnt wird, unbedingt zu gehorchen, sich auf einen
augenblicklichen, bestimmten Befehl schnell zu überwinden, späteH
auch dahin gelangt, sich selber zu bemeistern, wenn es Noih ihuß
- und sie konnte an ihrer Pflegetochter eben in dieser Stundg
die Richtigkeit ihrer Meinung erproben.
Bewegt, aber dem befehlenden Anrufe nachgebend, sprach
sie: Fie sagten, ein vornehmer Herr hätte Dich verführt ung
Dich verlassen, und als dann Paul mit Einem Male hieher lagy
als ich sah, wie Du ihn liebtest, da..- -
Nun? fragie Seba.

--- LJ--
Da dachte ich mir, er sei Dein Sohn!
Es entstand eine kurze Pause, Seba verzog keine Mie: e.
Davide hörte ihr eigenes Herz klopfen. Ed wöre ihr eine Wohl-
that gewesen, hätte sie jetzt das Rollen eines Wagens vernommen,
wäre Paul jezt eingeireten. Et blieb aber Alles still auf der
Strasße, in dem Hause, in der Stube, und wie schwere Schlöge
selen die Worle Seba's: llnd uu hieltest Du Dich berechizt,
mich zu verachiei ? in des jungen Mäidchens Seele.
Sie wollie sich abermals vor der Tanle niederwwerfen, diese
Ihiiderte sie jedoch daran, und sich leise mi! dcr Hand nach dem
Herzen fahrend, sprach sie Ma hat Dir die Wahrheit gesegt
- - ich habe einen vornehmen Mann geliebt und bin von ihm
derrathen worden!
Ich bitte, ich beschwöre Dich, sprich nicht weiter! rief Da-
vide mit flehender Geberde --- vergib mir, o, vergib mir, daß
-ich Dich daran mahnte, und schweige!
Seba beachtete ihre Bitte nicht. Da Du Dich zu meinem
FAnkläger und Nichter aufgeworfen hast, sagte sie mit einer schmerz-
T lichen Kälte, so wirst Duu mich auch wohl hören müssen! Ich
F weiß nicht, wie Deine Wärkerin zur Kenntniß jenes ungliück-
Flichen Ereignisses gekommen sein kann; darauf kommi es auch
fnicht an. Das Leben ist wie ein Strom, unsere Vergangenheit,
Funsere Thaten sinken in ihm unter, daß wir sie felbst dem eigenen
h Blicke fir immerdar entschwunden meinen, und plötzlich bringt
Fein unvorhergesehenes Ereignis sie aus der Tiefe wieder vor
Eunserem Auge als ernste Mahnung an das Lcht.-- Sie hiclt
F inne, seufzte und sprach danach: Las; es Dir eine solche Mah-
ßnung sein, eine Mahnung, den grösßten und reinsten Empfin-
Fdungen Deines Herzens zu mißtrauen, wo sie mit dem Geseze
ßund der Siite in Widerstreit geralhen; denn wie rein unser
F Selbstgefühl auch sein mag, es schitzt uns nicht gegen die
F Schmerzen, die sreuder Tadel uns zufigt, und ed bewahrt uns

-- 2---
nicht davor -- Du hast es eben selbst erlebt -- von denen
gelegentlich mißkannt, ja, selbst verachtet zu werden, denen wir?
durch ein ganzes Leben unsere Liebe zugewendet und derenP
achtendes Vertrauen wir gewonnen und verdient zu haben glauben.?
Das ist für mich eine bittere, für Dich eine heilsame Erfahrunglz
Die Stimme bebte ihr, sie stand auf und ging nach demF
Nebenzimmer. Davide wollte ihr folgen, indeß sie gab ihr einj
Zeichen, zurück zu bleiben, und noch einmal lagerte sich die frl-?
here bange Stille iber diese Näume. Daviden's Thränen warenz
versiegt. Es ging etwas in ihr vor, das sie sich nicht zu er-ß
klären wste, und doch fihlte sie die Veränderung. Es düntiej
sie, als sei sie älter geworden, als sei ihr ein Ami zueriheilt,j
als habe sie eine Pflichi ilernomen. Sie dachte mit einer ganz
neuen Enpfindung, mit einer ihr bis dahin völllg fremden Art
von Liebe an die Tante. Sie sorgte sich um dieselbe, sie hätiel
sie auf ihren Händen tragen mögen wie ein Kind, und doch zog
es sie, ihr Abbitte zu leisten und ihre Vergebung zu erhalten,!
Aber auch dabei blieben ihre Gedanken nicht haften, sie nahmen j
eine Nichiung, in welcher sie sich nie vorher bewegt hatten. Wassj
ist die Tugend, fragte sie sich, wenn die Tante, dieses reinste,s
dieses edelste der Herzen, eine That begehen konnte, welche die H
Neligion, das Gesez und die Sitte verdammen? Wie war ess
möglich, daß ich jemals an ihr irre werden konnte, deren selbst-s
verläugnende Güte mir beständig als ein unerreichbares Vorbild!
vor Augen schwebte, und wo fand ich den Muth, die Härte, dis,
Undankbarkeit und die Grausamkeit, vor ihr auszusprechen, was, l
wie ich sicher wußte, sie nothwendig verwunden, doppelt veos l
wunden mußte, da ich es war, die sich gegen sie erhob? - I
Davide hatte sich bisher in unbefangenem Selbstvertrgue j
für gut gehalten, sich ohne Bedenten die besten Eigenschafienz l
erkannt, weil die übeln Leidenschaften der menschlichen Naturh. !
ihr noch nicht zur Anreguung gekommen waren, und erschreckt utg.

-- 1IJ--
Fgedemüthigt siand sie in dem Augenblicke, in welchem sie sich zum
F Ankläger ihrer Pflegemutter, ihrer Seba machte, ror sich selber
F da. Es war der erste Schriti, den sie auf dem schweren Pfade
F der Selbsterkenntniß machte, der erste Einblick in die Selbstsucht
, des menschlichen Herzen iberhaupt, das erste Mal. daß in ihn
, die Ahnung auftauchte, wie leicht es sei, nach überkommenen
f ßesezen blindlings abzuurtheilen, wie schwer, die Umstände er-
, wägend, das Wesen eiies Menschen und seinen Lebensgang z
ßversiehen und selbst in seinen Irrthüümern zu begreifen.
? Sie verlangte nach der Wiederkehr der Tante und scheute
hsich doch, ihr unter die Aegen zu treten. So verging eine ge-
Fraume Zeil, und sie ward der Einsamen lang geng.
Alg Sela endlich wieder in das Zimmmner lral, war jede
f Spur von Bewegung aus ihren Mienen verschunden. Sie gab
lDavlde die Hand, schlos: sie, da sie sich an sie lehnte, um ihr
PGesicht in den Armen der Tante zu verbergen, sunft an ihre
, Brust und sagte: Sei weiser und werde glicklicher, als ich; das
ßHoll mein Trost, das soll mein Lohn sein, Kind! -- Und als
h die Erschitterte ihr mit neuen Thränen darauuf Antwort geben
f wollte, hmderte Seba sie daran.
- Wir müssen gefaßt sein um des lieben Gastes willen, den
jwir erwarten. Nur so viel für diesen Augenblick, da dein Sinn
j nach Aufklärung verlangt : Paul ist eines Edelmannes unrecht-
, mäßiger Sohn, und seine Mutier gab sich in der Verzweiflung
j ihres Herzens selbst den Tod. Ein Zusammentreffen von Um-
, fänden brachte ihn fcih in meine Nhe, ein anderes Zusammen-
, wirken von Ereignissen bewog ihn, da er dem Knabenalter kaum
, entwachsen war, aus dem Hause zu entfliehen, in welchem er
, ogen wurde. Du hast bereits davon gehört, Du sollst mehr
1,zeon erfahren, fir heute laß Die dies genigen.

Kapitel 26

Siebenteö Capitel.
np
Ver lang ersehnte Ton des Posthorns ließ sich in dem F
Augenblicke vernehmen; er klang näher und näher, das Rollen F
des Wagens, der Hsschlag der Pferde schallien heranf. Seba ,
richtete sich freudig empor.
Komm', rief sie, Davide bei der Hand ergreifend, komm', !
wir wollen ihm entgegen gehen!
Das junge Mädchen blieb zdgernd stehen. Ich kan nihtlP
sagte es beklommen, und als Seba es mit sanft ermuthigendemj
Zuuspruch mit sich fortzuziehen strebte, machte Davide ihre HandF
mit dem klagenden Ausrufe: Ach, ich verdiene es nicht! von?!
Seba los und wollte sich eben durch das Seitenzimmer entfernen, F
als die Thüre des Wohnzimmers schnell geöffnet ward und, diez
Wildschur und die pelzverbrämte Mütze von sich werfend, einzj
großer, schöner Mann in das Zimmer eintrat.
Da bin ich wieder einmal, meine liebe Seba! rief er, indem?
er sie umfaßte und sie, während er sie küßte, mit den kräftigen F
Armen ein wenig in die Höhe hob, daß sie sich plözlich befreite F
Herzens in lachender Abwehr dagegen sträubte. Da bin ihF
wieder einmal und herzlich froh, bei Euch zu sein, denn ich ver- F
sichere Euch, daß in dieser Kälte der Neisewagen und die russi-
schen Schneefelder lange nicht so behaglich sind, als dieses Zimmer z
hier. Aber ich sehe den Vater nicht, er ist doch nicht krank? F
-- Und sich umschauend, fügte er hinzu, indem er Daviden die?
HHand reichle und auuch sie sliichlig umarmle: Wie Dut in den z

----- I?--
drei Monaten wieder gewachsen bist, Davide! Du kannst Dir
etwas darauf einbilden, Du wirst unserer Seba immer ähnlicher.
Der Ton seiner Stimme hatte jenen frisözen Klang, den
man nur aus der Brust eines völlig gesunden Mannes ertönen
hört und der an und fir sich erfreulich und belebend wirkt;
aber auch die ganze ibrige Erscheinung war ein sirahlendes Bild
jugendlicher Mäminlichleii, und es diiulie dem liebevollen Herzen
Seba's, als sei il seineu bloszen Eiireien Licl und Wärme,
als sei Frühling und Sonnenschein in dem Zinmner angebrocen
und üüber sie gekommen. Er war, wie seine fühesie Kindheit es
hatie voraussehen lassen, das vollständige Ebenbild seines Vaters
geworden. Es war dieselbe groste, gebieterische Gestalt, es war
die breite Brust des Freiherrn. Wie dieser trug er den kräftigen
Nacken hoch und stolz, und jeden Zug seines Antlizes, ja, sogar
jene anscheinend zufälligen Mienen, jene kleinen, plötzlichen Ge-
berden, die man gemeinhin als durch die Nachahmung im täglichen
Beisammensein sich vom Vater auf den Sohn forterbende Eigen-
thümlichkeiten zu bezeichnen liebt, hatte Paul mit dem Freiherrn
wie eine Seammeseigenschaft gemein, nur daß alle seine Bewe-
gungen freier, schneller, leichter waren, als der Freiherr sie bei
seinem frühen Bestreben nach würdevoller Gemessenheit in sich
auszubilden im Stande gewesen war.
Seba selber geleitete den lieben Gast in das für ihn be-
reitete Zimmer; sie ließ es sich nicht nehmen, ihm selbst das Licht
vorzutragen, während der Diener sich seines Pelzes und seines
übxigen Gepäckes bemächtigte, und abermals schlang Paul voll
Zärtlichkeit, während sie neben einander hergingen, seinen Arm
um sie und bedeckte ihre Hand mit seinen Küssen. Man konnte
es ihnen ansehen, wie sehr sie an einander hingen.
Eine Stunde späier sas; Paul in dem Cabineiie, welches
an das Comptoir des Hauses anstieß, mit Herrn Flies und Seba
in ernstem Gespräche beisanumnen. Es war Posttag und in dem

- ZIZ--
Compioir arbeiteten die Gehilfen noch still und schweigend an ihre
Pulten, obschon es später als gewöhnlich war. Die Reitpos
welche zweimal in der Woche den Briefverkehr nach Osten bosß
sorgte, ging frih am anderen Morgen ab, und den großen Hand-
lungshäusern, die in dem Postbureau ihre laufenden Nechnungen?
hatten, war es vergönnt, ihre Briefe noch über die allgemeine
Schlußstunde der Briefannahme zur Beförderung auf die Post?
s
zu senden.
Pauul haile ein Noiizbich in der Hand, ein Copieheft und!
eine Anzahl Briefe lagen neben ihm. Er wünschte Herrn Flies?
Auökunft über die Erfolge einer gemachien Geschäfiöreise zu gebenI
sofern dieselben nicht aus seinen früheren Briefen ersichtlich waren,
und Seba hörie schweigend zu, obschon sie einsichtig und unler-?
richtet genug war, um an dieser Unterhaltung einen lebhaftenh
Antheil zu nehmen, auch wenn es nicht ihr Vater und Paul ge-(
wesen wären, welche sie fihrten. E freute sie eben so die scharfs!
Klarheit, mit der ihr Vater alle seine Fragen stellte, als dieh
sichere Bestimmtheit, mit welcher Paul sie beantwortete; denns
Sachkundige sich auf einem Gebiete bewegen zu sehen, das sie!
voll und ganz beherrschen, gewährt an und fir sich immer eine?
Genuglhuuuung, weil es uns, gleichviel von welcher Seite, einen,
Einblick in das grosße, aus den verschiedensten Bestandiheilen sich,
zusammensetzende Getriebe des jedesmaligen Culturzustandes verF
gönnt, während es uns zugleich - und dieses Letztere genoßs
Seba in dem Falle mit sesonderer Befriedigung -- Achtung vot
dem menschlichen Wollen und Vollbringen einflößt.
-F
Herr Flies schien wohl zufrieden zu sein mit allem, wäh
der junge Mann berichkete. Paul mußte danach Auskunft übeF
seine Erlebnisse während dieser Abwesenheit geben, und als maE
endlich von dem Besonderen und Persönlichen zu dem Allgeß
meinen überging, als man des furchtbaren Druckes gedachte, den
die Napoleonische Herrschaft auf ganz Europa ausübie, fcagte

--- ZIß --
Seba, wie Paul die Stimmuung gegen Ncpoleon in Nußland
igefunden habe.
- Pauul sah sich vorsichiig um, machte die Thire, welche nach
dem Nebenzimmer füührte, noch besonders zu und sagte darauf:
Wie wir es nur winschen können! Der Haß gegen ihn ist dort
vollkommen so hark und so feurig, als hier bei uns, und es sind
dor Männer, welche die Gluth zu erhalten und zu schüren
wissen. Ich habe Briefe des Freiherrn pom Stein zn den
Staatslanzler mitgebracht.
! Du? Und wie kamst Du zu solchen Briefen? fragte Herr
Aes.
Paul nannie den Namen eines grosten englischen Banquiers,
Fin dessen Hauuse er den Freiherrn gesehen hatie und ihm vorge-
ziellt worden war. Der Freiherr, sagte er, hat von mir, da ich
Fgerades Weges von Deutschland kain, Auskunft mancher Art
Zerlangt, die ich ihm geben konnte; und als er hörte, daß ich
Fmich von Petersburg eben so geraden Weges hierher begeben
Fwürde, hat er mich gefragt, ob ich mich entschsießen könne, Briefe
Foon ihm nach Deutschland mitzunehmen.
s Und Du? fragte Seba ängstlich, da ein solcher Dienst fir
fenen Geächteien gefährlich geng war.
z Nun, ich habe mich natürlich nicht besonnen, entgegnete
Faul; ich war glicklich geng, den Mann zu sehen, solz darauf.
Ftwas fir ihn leisien zu können, und noch heute will ich die
Papiere in die Hände des Staatskanzlers überliefern.
z Er nahm, während er das sagte, die Pelzmütze, die er auf
Fer Reise getragen, von dem Seitentische, auf dem er sie liegen
ßhatte, zog ein kleines Messer hervor und fing an, den breiten
FZobelbesaz, der sie umgab, mit schneller Hand herunter zu trenen
Fund die Briefe, welche unter demselben verborgen gewesen waren,
Flrgfaltig zu glänten.
F Welch ein Zustand, rief Seba, in dem die Bewohner eines

--- - Z00
H
ganzen Welttheiles unter der Tyrannei eines Einzigen ihreh
Lebens nicht mehr sicher sind; in dem jede persnliche Freiheii
Nreiüeit gleichdsig beoroht, in den ?
wie die allgemeine
selbstbestimmte That
Bio, fiel Pauul
gefährlich wird!--
ihr in das Wort, ud seine grosen Angen
funkelten in schönem Fener, bis alle die Einzelnen sich zu einer
grosten, selbsibestimmien Thgt vereinen, und dieser ersehnte Au- ?
genblick wird nicht lange auuf sich warten lassen! -- Er hattej
das mit uehr Lbhastigleit gesprochen, als er bisher gezeighl?
aber seine Siiume zu leiser, verlraulicher Miliheilung senlend,j
D. ?ea I
und wüürde selbst der Kaiser Alexander schwanlend, so ist er von ;
Männern umgeben, die ihn um jeden Preis festzuhalten wissen?
werden. Aber mehr noch als der theoretische Has gegen die
,-?
E
adern unterbindet, mnuß er die Bande sprengen, sofern er niht(
ersticken will. Fir unsere ideale leberzeugung ist unser Vorihellß
der stärlste Bundesgenosse: der Handel kaun die ContinentalsperreZ
nicht länger ertragen, das Gewerbe liegt iberall darnieder, dak
Land, durch welches ich gekommen bin, ist, soweit der Krieg esZ
getroffen, furchtbar mitgenommen, und Niemand kann wagetg
neue Capitalien, neue Arbeit an seine Herstellung zu wendenF
da neuer Krieg am Horizonte dieses Jahres steht. Und ebene
z
deßhalb, lieber Vater, habe ich ein Ansuchen an Sie!
s
E lag in dem Tone, mit welchem er diese lezten Worte sprach.F
eine gewisse Bewegung, welche Seba sich nicht gleich zu deutenF
wuste, aber Paul ließ ihr nicht Zeit, darber lange nachzusinnen-j
Als ich vor drei Jahren nach Eropa zurickkam, botenß
Sie, lieber Valer, mir großmiihig an, mich als Theilnehmex
.s z-
-- a=- Haus aufzunehmen.

- --- I0 -
Und Du lehntest es ab! bemerkte Herr Flies, ihm in die
Rede fallend.
a-g lehnte es ab, entgegnäte Paul, wei! Sie meiner in
N,
Jeiner Weise nöthig hatten und weil ich zu erroben wünsc,...
sie.
was ich selber fiir mich khu könnte.-- Ar hielt ein wenig
inne und sagie dann mil einer Bescheidenhei:, die seiner stolzen
Gestalt sehr wohl ansland: Die lliuslännde, Sie wissen es, üind
mir ginslig gewesen. Ich habe mir mit den Mitteln, die ich
herüber gebracht, in Hauburg ein eigenes Geschäft, ein eigenes
Hans und ein gewisses Vermögen geschasfen. Wollen Sie uir
jezt noch die Möglichleit gewähren, mich mit diesem Capiiale
-in Ihrem Hause arbeiten zu lassen, so wüirden Sie mir eine
große Guust erzeigen.
Herr Flies zgerte, zu antworten, abec sein Blick ruhte
Imit wohlwollendem Nachdenlen auf dem jungen Manne.
au wolliest nicht mit leeren Händen kommen, sagte er.
e
Mißbilligen Sie das ? entgegnete der junge Mann.
Nein, mein Sohn, ich lobe es vieliehr. Jedermann soll
sund mus: erproben, was er sich selber werth ist; aber Du hattest
sdies bereits gethßan, als Du nach Eropa wiederkehrtest, und ich
Fann nicht absehen, was Duch in diesem Augen.e dazu be-
.t-s
ftimmt, Deine Geschäfte, die sich sehr gut angelassen haben, auf-
,zldsen, um mit mir zu arbeiken, denn was das Brauchen und
Föihighaben anbetrifft, walten heute genau dieselben Verhältnisse
hpie vor drei Jahren ob .o bin, dem Himmel sei Dank dafin,
D,
Fnoch rüstig, und D. kannst immerhin, da Du einmal auf eigenen
D.s
. ?
gaube.
? Sie halten mich fitr selbstloser als ich bin, meinte Panul.
Ich biiie um meiner eigenen Sicherheil, um meines Vortheiles
willen, jezt als schweigender Pariner bei Ihnen eintreten zu

-- ZGF-
-g
dinrfen. Meine Vorräthe sind, Dank der uheilvollen Handelss
politik Napoleon's, iber all' mein Erwarten vortheilhaft verö!
werthet. Die Neise, welche ich eben beendet, hat mir vollauf?
bewiesen, daß auf dem Landwege kein Ersaz füür die gehemmte
Einfuhr zur See zu hoffen ist, von dem man sich wesentliche
Erfolge versprechen darf, und die Truppenmärsche, die selt MoH
nnalen aus deun sereslei Süden uid Wesien sich langsam gegen?
Osten bewegen, schieiden vorläufig die lezie Aussicht auf ander
als auf solche Unternehmungen ab, welche die Versorgung der
Armeen oder den Handel mit der Waare, die jezt die begehrteste
nt, den Handel mit dem Gelde selbst, zur Grundlage haben. F
Lieferungen für die Franzosen kaunst Du nicht uniernehmenlh
fiel Seba ihm in die Rede.

Gewiß nicht! betheuerte Paul; aber gerade darum möchte!
ich meine Capitalien frei zur Hand haben, den die Rüstungenz
von dieser Seite werden Rülstungen von der anderen hervor-!
rufen, und mehr als das! Es kommt doch hoffentlich der Tag.;
an welchem wir selber einzustehen haben werden für unser Rechtß
Ist dann mein Vermögen in Ihren Händen, theuerster VaierFF
LPFI? - = == -- ==

Seba reichte ihu ihre Hand, er ergriff sie und liste siez
herzlich. Herr Flies war aufgestanden und ging im Zimmerß
auf und nieder. Er war gewohnt, sich die Dinge von allenß
Seiten zu betrachten, ehe er seine Meinung aussprach. Während?
dessen brachte einer der Handlungsgehülfen ihm die Briefe, welchez
an dem Abende noch abgehen sollten, zur Unterschrift. Er sahy
sie mit schnellem Blicke durch, unterzeichnete sie, und sich an;
Paul wendend, nachdem der Gehülfe das Cabinet verlassen hatte,,
sprach er, an das Unterzeichnen der Briefe denlend: Das wirsi?
Du mir also einmal in Zukunft abnehmen und ich werde auc;
an den Posttagen mein Whist haben können. Die politischenz

-- Z(Z--
FFreignisse, fir welche Du Deine Freiheit sicher zu stellen wünschest,
scheinen mir umwahrscheinlich oder mindestens so sehr in weitem
elde, daß man darauf hin noch keine Plane zuu machen braucht;
denn wer seine Herrschaft auf so ungeheuren Grundlagen baute,
woie Napoleon Bonaparle, den eniourzell man nicht wieder!
ügie er mil jener Bewunderung des Erfosges hinzu, die man
,bei Kausleien häusig anirissl, weil sie leichi d n versiihri werden,
zihre eigene persönliche Bedeutug an ihren Erfolgen abzumessen.
z- Er machie darauf eine lleine Pause und sagte danach:
FJm Uebrigen aber, algesehen von allen Deinen politischen Er-
ßwartungen und patriotischen Hoffnungen, gefällt mir Dein Vor-
schlag. Thne immer die nöthigen Schritte zu seiner Ausfihrung.
gWir sprechen mehr davon. Jezt sieh' zu, das = - -u, Deiner
d.
r. c
smitgebrachten Briefe bald entledigst. Es ist spat, de- ==eg bis
-=- MgL,
Fzum Palais des Staatskanzlers ist weit, und ich möchte Dich
Fbei Asche haben.
Paul sah nach der Uhr und entfernte sich mit der Zuusage,
ßso bald als möglich wieder zurick zu sein. Herr Flies blickte
sihm durch die Glasthüre nach, wie er leichien Schrittes durch
,das Comptoir hinging.
Wie schön er geworden isi! sagle Seba mit einer wahrhaft
Fmitterlichen Zrtüichkeit.
»-. er ist ein ordentlicher Mensch! bekräfiigte der Vater.
g,

Kapitel 27

Achhtes Capitel.
Ee war nahezu Mitiernachl. Herr Flies hatie sich zu-
rückgezogen, auch Davide, die sonst gern mit Seba wach blieb,
wwar zur Nuhe gegangen, und diese sas: nuur noch mit Paul in
einsamem Gespräche beisammen.
Sie wollte wissen, wie er den Vater aussehend fände, denn
HHerr Flies war allgemach in die Jahre gekommen, in denen die
sorgsame Lebe ängstlich auf jedes Zeichen von Schwäche oder.
von der nokhwendig beginnenden Abnahme der Kräfte achtet,,
weil man auf deren Neubelebung nicht mehr zu rechnen hat;
aber Paul versicherte ihr, daß er keinen Wechsel weder in ihres-
Vaters körperlicher Nistigleit noch in seiner geistigen Frische und,
Festigkeit bemerke, und er erinnerte sie daran, daß Herr Flie?
während des Abendessens von weitgreifenden kaufmännischen
Planen gesprochen habe, was man im Greisenalter immer als,
das beste Zeichen einer gesunden Kraft betrachten müsse, weil!
ein hinfälliger Mant, im Gefihle seiner Ohnmacht, sich nicht,
leicht zu solchen Gedanken verleitet fühle. Dagegen meinte er,l
daß mit Davide eine groste Wandlung vorgegangen sei. ß
Als ich vor vier Monaten hier war, sagte er, dünkte sie,
mir noch völlig ein Kind zu sein. Ihre unruhige Neugier, ihre
oft unbegreifliche Verlegenheit und daneben das oft eben so un-
begreifliche Zutrauen, mit dem sie Fragen thun und Erörterungen-
veranlassen konnte, die sonst Niemand herbeigeführt haben würde,!
haiten noch etwwas völlig Kindisches. Sie hatie fir mich nur

- I0t
Bedeutung, weil Du sie liebst, weil sie zu Deinem Lebensgliicke
gehört; ich fir mein Theil häiie sie Tage leng nm mich haben
können, ohne daß es mich gefreut oder gestört hätte. Heute finde
ich plözlich, das; sie anziehend geworden ist. Izr Blick ist stätiger,
ihre Stimme weicher, und das knabenhaft Herbe, das mir an
ihr misßfiel, scheint sich auch verloren zu haben. Sie hat etwas
Demiihiges belommmen, elwad Mädchenhafies, das ihr sehr wohl
ansiehl.
Seba üicle zusliumend. Du irrsi Dic nichi, entgegneie
-Fe, aber diese Wandlung ist der neueslen e. ne. Sie hat sich
heute, eben in diesen Siunden erst vollzogen, und Du hast mehr
Antheil daran, als Du es weißt. Was D. - mädchenhafte
A: s=-
Demuuth hältst, ist ein Schuldbewustsein, eine Art von Neue,
und diese wird vielleicht dazu dienen, die herbe Sprödigkeit in
, Davidens Wesen, die an und fir sich mir immer als ein Zeichen
innerex Gesuidheil an ihr erschienen isl, zu brechen.
Wie soll ich das verstehen ? fragte Paul.
Seba sezte ihm danach auseinander, was vorgegalgen
s war; er hörte ihr achtsam zuu und meinte, das junge Mädch.t.
f:
F sei in seinem Nechte gewesen, ald es Aufklärung über die Ver-
f hältnisse gefordert, die ihm auffallend und unverständlich gewesen
F wären. Es könne sich kein denkendes Wesen zwischen b.uihseln
Va
z wohl befinden, und es gefalle ihm von Daviden, das sie den
.s
ß ==-=h gefunden habe, --;=-rung zu fordern.
Nafs;
? Seba fragte ihn, was sie ihr iber seine Jugend und Ver-
s aangenheit sagen solle. Er besanu sich eine kleine Weile und
zf -
s meinte sodann, daß es nicht nöthig sei, uhr den Namen seines
j Vaters zu nennen.
? Seba bemerkte, sie sei dazu ohnehin nicht geneigt gewesen,
s =
z -- -enatus jezt, wie er wisse, öfier in ihrem Hause se:, und
f sie knipfte daran das Bedenken, ob es Pauul nicht unerwünscht
, sein würde, den jungen Freiherrn gelegentlich bei ihr zu treffen.
s F. Le wald, Von Geschlech! zu Geschlechn. ls.
D

b=-- Zß--
Mir? fragie der Erstere, indem er sie mit einer gewissenß
Befremdung ansah. Ich wüßte nicht, daß ich die Begegnngj
mit irgend Jemandem, am wenigsten eine solche mit diesenF
jungen Manne zu scheuen hätte; und auch ihm, obschon ich nichtß
die mindeste Ursache habe, auf seine Empfindungen Nücksichtzu!
rDk
ander gemein, am wenigsten aber wahrscheinlich in unseren An- ;
schauuungen, und wer weis; es, ob er mich üüberhaupt erkennt?

oder in wie weit seine Erinnerungen an seine Kindheit und an ,
den Tag, an welchem wir uns geschen haben, in ihm lebendig
geblieben sind?

Es war darüber spät geworden, und die Ermüduung fing ;
an, sich dem jungen Manne fi.hlbar zu machen, da er seit?
mehreren Nchten in kein Bett gekoumen war. Er lis;te Seba's ;
Hand, als er ihr eine Gute Nacht wimnschle; sie umarmte lhnz
wie einen Sohn. Die Aussicht, daß sie kiünftig an demselben ;
Orte, in demselben Hauuse leben würden, halie fie Veide einen
großen Neiz, und Pauul gefiel sich darin, es der älieren Freundin
auszumalen, wie er sie hegen und pslegen wolle und wie gut
er es neben ihr haben würde. Sie hörte ihm mit stillem, glick j
lichem Lächeln zu, aber ihr Haupt sorgenvoll wiegend, meinte F
sie: Was aber liegt noch alles zwischen dieser Stunde und der ,
freudevollen Nuhe, die D mir versprichst? Es minsen noch !
Wunder geschehen, ehe wir sie genießen können!
Wunder? Was sind Wunder? rief Paul mit Heiterkeit F
Alles ist ein Wunder und nichts ist ein Wuder! Ist's demn P
nicht auch ein Wunder, daß ich jezt hier in Deiner Nhe bin - 1
s
daß ich armer Junge mich auf dem besten Wege befinde, ein ;
reicher Mann zu werden - daß der Stein, den die Bauleute s
verworfen haben, vielleicht noch einmal zum Eckstein wird? k

S== 1F ? -== --
Die alte Wuunde in Dir ist nicht vecnarbt! bemerkte Seba
, warnend.
s Vernarbt bis auf die lezte Spir, versicherte der junge
I Ws»s-
- --, und sie schmerzt bei keinem Wetterwechsel! Bingt mich
-' der Zufall einnal dazu, die Stelle z hetrachten, an der sie
sizt, so sehe ich die Narbe nur, um mich darüber zu freuen,
daß ich stark und gesund genig zu solcher Heilung war, daß ich
Niemandem däfir zu danken habe, und doß die Einzigen, gegen
die ich ein lnrecht begangen. eben Du und Dem Vater sind,
, die es mir so schön verzichen haben! Gute Nacht, Du Liebe!
F rief er ihr noch einmal zu, und da sie ein Gefallen daran hatte,
sich seinem Nathe unterzuordnen. fragte sie ihn noch einmal,
; was sie mit Davide machen solle.
z Gieb ihr die othe Bxieftasche, meinte er, im Grunde hat
ß es auch Nichts auf sich, wenn sie die ganze Kugrheit weiß,
N1s
k wenn sie den Namen meines Vaters ahnt. Mich dünkt, sie
; lann den ganzen Inhalt lesen, und geringfilgig, wie er ist, wird
F er auusreichen, sie zwischen und wieder fesizusezen. Denn fesi
F szen und fest stehen, wo man sich befindet, das ist die Haupi-
F snche, wen man in sich zu etwas kommen soll!
Ag

Kapitel 28

Neunteä Capitel.
e
=«zm andern Morgen arbeiielen Herr Flies und Paul.
==?,
schon zeiig mit einander. Seba fiihr friher aus, ald sie pslegte, ?
ohne zu sagen, wohin sie sich begebe, und Davide saß einsam -
in dem kleinen Stibchen, das man ihr seit ihrem lezten Ge- ?
burtstage zu alleiniger Benizung eingeräumt hatte. Sie hielt-
eine alte, große Brieftasche, deren fahl gewordencs rothes Leder,
deren plumpe Form es deuilich zeigten, das: sie geringen Lenien-
angehört haben musßte und von diesen viel gebraucht worden -
war, in ihren Händen. Indes: da junge Mädchen blickte darauf !
wie auf ein Heiligthum hin, und scheu und ehrfurchtsvoll, wwies
man an ein solches herangeht, öffneke sie dieses alte, ihr anver-?
traute Familienstück.
Es lagen nur vergilbte Briefe und Documente in der
Brieftasche. Der Taufschein eines Hans Christian Mannert, ?
der vor sechsundsiebenzig Jahren geboren worden, der Taufschein,
einer Louise Maria Wendinn, die um acht Jahre jiinger war,
und der Trauschein dieser beiden. Dann fand sich ein Tauf-P
schein der Pauuline Louise Mannert, des Jägers Mannert Tochter,
unter deren Taufzeugen sich die gnädige und hochgeborene Frau
Baronin Pauline Amanda von Arten-Richten aufgeführt fand,s
und endlich das Taufzeugniß eines Paul Franz Mannert, derß
Pauline Mannert unehelich geborenen Sohnes, die asle sammtT
und sonders in der Kirche zu Neudorf die Tauufe empfangen
hatten. Daran reihte sich ein Attest, welches die Aufnahme desZ

e
-- ZßI--
F neunjährigen Paul Mannert in das Cynnasium bescheinigte,
eine Anzahl von Schulzeugnissen schlos; sich diesem an. Das
? letzte von diesen war in dem vierzehnten Jahre des Schiilers
F ausgestellt und ein Zeitraum von mehr als fünf Jahren trennte
F es von dem ersten der in der Mappe vorhandenen Briefe, der
F nur aus wenig Linien bestand.
? - Er war mit einer festen kaufmäunischen Hand geschrieben,-
Z, an Madeeoisesle' Sebn Flies nuch deren Valersladi adressirt und
F enthielt nichts, als die folgende Aufrage: , Dein früherer Schütz-
ling, liebe Seba, den das Adenlen an Deine Gite für ihn nie
I verlassen hat, möchte Dir Kunde von sich geben, wenn Du ihm
z seine Flucht verzeihen und von ihm hören willst. Es geht ihm
V sehr wohl, und er hat nichts zu bereuen und zu bedauern, als
daß seine Eutfernung au dem Vaterlande, das ihm keine Heimath
- ist, ihn auch aud Deiner Nhe entfernte. Deukst Du seiner noch.
- willst Du von ihm hören und ihn sehr erfrenen, so schreibe ihm
F und sage ihm. wie es Dir, wie es Deinem guten Vater, Deiner
Mutter und dem Herrn Kriegsrath geht. Unter dem Namen Paul
, Tremann treffen ihn alle Briefe, die an das Handlungshaus
z von Samuell Willwway Gebrüder, New-Pork, gerichtet werden.
s Ein zweiter, offenbar als Entgegnuung auf Seba's Antwort
I geschriebener Brief schllderte Paul's Erlebnisse seit seiner Flucht.
z -
,Ich weiß es Dir nicht auszusprechen,! hieß es in dem-
Tselben, , meine Heure, geliebte Seba, wie mir zu Muthe war,
als ich vor zwei Tagen Deinen Brief in meinen Händen hielt!
- Ein ganz neues Gefithl ist iber mich gekommen, ich habe Heim-
-weh empfunden, Heimwoeh nach Dir, die Du das Einzige bist,
, was mich an Europa und an meine sogenannte Heimath fesselt!
Der Gedanke, daß Du gestorben sein könntest, daß ich Dich
znicht wiedersehen wiirde, hat mich oft gequält, und ich kann
-daran ermessen, wie schwer der Tod Deiner Muiter auf Dich
- und auf Deinen Vater eingewirkt haben mnß! Ich möchte da

- Zhs--
gewesen sein, Dich zu trösten, ich möchte überhaupt bei Dir seinF
können, um Dir Frende zu machen, Dir eine Stütze zu werden,j
wenn einmal auch Dein Vater hingehen wird -- und während?
ich das schreibe, sage ich mir, es werde Dich dies anmaßlich
und befremdlich dinken, da ich in Deiner Erinnerung nur als
ein Knabe lebe, der sich selber nicht zu helfen wuste, bis eine
gewaltsame Empfindung ihn zu einem gewaltsamen Entschlusse
brachte.
, Da Du mich nicht vergessen hast, wirst D Dich auch
erinuern, wie der Gedaule, meinen Valer in ueiner Nähe zu
wissen, mich bewegte. Ic hatie im Herzen ein Vild von ihm
bewahrt, ich dachie an ihn wie an den schönsten Mann, ich
wußte, daß er mich geliebt, daß ich auf seinen Knieen gesessen,
daß er mich gekiüsßt hatte, daß er mir freundlich gewesen war.
, I täglichen Leben fiel mir das nur selien ein, aber seit
ich älter geworden war, träumte ich bisweilen davon, und ich.
hegte damals noch die Zuversicht, das: meine Träume sich doch
einmal verwirklichen müßten. Es war meine Märchenwelt, und
mein Vater war es, der sie beherrschte.
, Als ich dann plözlich erfuhr, das: mein Vater in der
Stadt sei, lies; es mir keine Ruhe. .h hatte ein Verlangen,
N,
zu ihm zu gehen, bei ihm zu sein, aber die Fuurchl, nicht wohl
empfangen oder gar abgewiesen zu werden, hielt mich von der
Aussishrung meiner Winsche zuriic, und in mein Planen und
einsames Sinnen fiel, wie ein vernichtender Wetterstrahl, die
eilige und harte Erklärung der Küiegsräthin, das; mein Vater
sich meines Daseins schäme, daß meine Geburt mich mit un-
auslöschlicher Schande brandmarke, daß ich es als ein Gllck
und eine Gnade anzusehen häite, wenn eine audere Familie,
went sie und der Kriegsrath sich entschlössen, mit ihrem Namen
die Schande meiner Abkunft großmiithig zu verdecen.
, Ich müßte viel Zeit darauf verwenden, wollte ich Dir

Oz z
?.--. -
deutlich machen, was in der Einen ---=«- in meinem Jnnern
vorging und was ich in mir erlebte, al am nächsien aage
mein Vater, den ich mit klopfendem Herzen wiedersah und der
mich auch erkannte, sein Auge von mir wwendete, da ich ihmt im
Laden gegeniber stand.
--=, konnie nicht bleiben! Wie sollte ch, so rief e imnner-
N.
AzAp ffufozs
fort in mir, einem andern Menschen frei unter das Aag- ----
.iis - ? W,
da meines Vaters Auge sich von mir abgrwendet =--- - o
fürchiete, ich scheiie uich vor Jedem. der mich kannie, die Scham
trieb unic vou dauuenn.
, Ich lief nach dem Hafen hinas. Ich war sies g----
im Hafen gewesen, das Kommen und Gehen der Schiffe, die
s.,«fipi- ssssFs
Namen der ==- , Von denen sie kamtenn, z- - -=-g oft be-
z=-s.
=-bü-- meine Gedanlen oft in die weite Ferne gelockt; aber
s»6.es
als ich an dem Bolloerle des Ufers auf und nieder ging, ohne
zu wissen, wohin ich mich wenden sollte, gewann das Wasser
selbsl eine Gewali iiber uich. Es zog mich an. p dachte,
N,.
so müisse es meiner Mutter auuch gewesen sein und ich nisse es
machen wie sie, als auch ihr das eben und die Schande z
viel und zu schwer geworden waren. Ich stellte mir mit Ver-
gnigen vor, wie die Kriegsräthin, die mir so weh gethan hatte,
erschrecken würde, wenn man ihr meine enee brächte; ic hoffte,
auch meinem: Vater werde es Kummer machen ind Reue ein-
i-n-, Ulid so vol. =-==-l l-==- gz lar meine Seele, daß
sKs.e
Ißlli,»f..
si C,is
ich Deiner kaum dabei gedachte. Ich wollte mir das =-=
N,s.bss
zspsisn
--=-l, um der Schande los zu werden und mich an denen
--=- die mir alle diese Qual bereitet hatten.
-IFpis
, So ging ich immer weiter, bis ich z- »-»-=- hauus
s » Fs,- s.ifss
und an den lezien Ladeplaz des Auszenhafend gelangt war, an
welchem die Schiffe den Ballast einzunehmen pflegen. Ich hatie
dort oft gespielt. D... Tag iber trieb ich mich in den Dünen-
hugeln umher. Ich wollte fir meine That den Abend abwar-

Ops es
ten, wenn es einsam und still am Strande geworden sein würd
und Niemand mir zu Hülfe kommen könnte; aber als der Abeni
kam, als das helle Blau des Wassers dunkel zu werden begann,
als die Nacht sich darüüber ausbreitete, graute mir vor dem-
Wasser
und vor dem Tode. I.h war sehr mide, das machte
mich zu
ich doch
,
meinem Glücke verzagtz indes nicht umzukehren blieb?
entschlossen, und ich war jezt auch auuf einen andern?
Audweg versallen.
, An der Landungsbriicke lag eine amerikanische Brigg.
Ich hatte gesehen, dasi sie zu Auuslaufen bereil war, halte die
Arbeiter sagen hören, das; sie am nächsten Morgen absegeln
wüirde. Darauuf grindete ich meinen Plan und meine Hoff-
nung.! Beim Tagesgrauen brachie ein Bursche noch einen
Korb voll frischen Brodes nach dem Schiffe. Er hatte offenbar
noch andere Schiffe zu versorgen, denn er war sehr beladen,
ließ mir einige Brödchen ab und war es gern zufrieden, daß
ich ihm bei dem Tragen half. So
man schon die Anker lichtete, und in
Arbeit ward man es nicht gewahr,
Bursche, das Schiff verließ, sondern
kam ich auf das Deck, als
der Eile und der Hast dee
daß ich nicht, wie jener
mich die Treppe hinabstahl
und in einem der untersten Näume eine Zuflcht suchte.
,Nie wieder habe ich ein solches Gefihl von Zufriedenheit,
von Glück und von Freiheit gehabt, als in dem Augenblike,
da die Anker völlig aufgewuunden, das Boot, das uns hinauß
bugsiren sollte, niedergelassen worden war, und als dann endlic
der frische Wind, der in unsere Segel blies, uns vorwärts triebk
ag hatie Müthe, unten in der Finsterniß des Raumes auszu-
N,.
halten. Ich wünschte es zu sehen, wie wir die Stadt verließen,
mich zu iberzeugen, daß wir sie nicht mehr sehen konnten;
aber die Besorgniß, daß man mich zurickschicken könie, wenn
wir einem einlauufenden Schiffe begegneten, hielt mich in meinem
Versteck gefangen, bis spät am Tage der immer lebhafter wer-

ende Durst und das neugierige Verlangen nach der Entscheidung
smeines Schicksals mir den Muth gaben, mich hinauf zu wagen.
ß ,Während ich mich in diesem Augenblike zum ersten Male
Fm Zusammenhange jenes Tages und meiner Erlebnisse erinnere,
Fällt mir die Zeit ein, in welcher ich mil Dir den Nobinson,
hund jene spätere Zeit, kurz vor meiner Flucht, in welcher wir
Fen Don Quixote gelesen haben. Es hak eben Jeder von nns
einen Zg zuiAbenlenerlichen in seiner Seele, und darauf
Jündet sich wohl' auch die ewige Wirksawkeit jener Bicher, die
funs zum Vorbilde und zum Spiegel wenden, wie die Ritter-
fRR --
,
(wie der Capitän mich empfangen, was ich ihm sagen würde.
»Einen ganzen kleinen Roman hatte ich mir auögedacht; nur
FEines hatte ich übersehen, daß ich des Englischen nicht mächtig
,wwar, und als ich dann auf das Verdeck kam, als man mich
Pmit Erstaunen gewahrte, als der Capitän und die Matrosen
ßmit Fragen auf mich einstürmten, die ich nicht verstand, bis
Fer zweite Steuermant, ein Deutsch-Amerikaner, herbeigerufen
Fward, mich zu vernehmen, da sagte ich von allem, was ich mir
z sagen vorgenommen, nicht ein einziges Wort, sondern die
Fnackte Wahrheit, und mit dieser fand ich Glauben, weil sie über
Fie gewöhnlichen Erfindungen eines Knaben weit hinaus lag.
Mur meinen Namen suchte ich zu verbergen. Ich nannte mich,
Ptge; Bchstaben umstglleug, wie wir es spielend oft gethan:
Fredwn
N,
-=« weiß nicht, was geschehen wäre, hätte sich an dem
gFage dem Capitän die Möglichkeit gezeigt. mich zu entfernen.
Flber der starke Ostwind, der uns begünstigle, hielt die nach
Junserer Heimath bestimmten Schiffe von unserem Cuurse vöslig
..OR :

-=-- Z P-
dessen Gegemvart Alle sich schnell gewöhnien, und der, wenn macs
ihn nur bleiben ließ, sich Jedem zu jedem Dienste willig zeighl
,Als wir an dem Orte unserer Bestimmung landeten;!
war es bei meinem Beschützer, als welcher der Unter-Steuer-!
mann sich von Anfang an gezeigt, beschlossene Sache, daß ichs
bei ihm bleiben solle. Seine Fraurbetrieb einen kleinen Handels
in New-ßork mit allerlei Waaren, die er von seinen eisens
importirte, und wie unvollkommen meine Kenntnisse nach allenj
Seiten damals auch noch waren, hatie ich vor meinem Steuer-!
manne und seiner Frau doch in dieser Beziehung eiuen großenj
Vorsprung. .g wuste, wie sie es naunien, mil der Feder gut
N,
Bescheid, ich konnte, Dant Deiner Nachhilfe, leidlich Franzdsish!
sprechen, und ich war also vollkommen geeignet, in dem kleinenF
Laden im Hafen mit meinen Kennmissen mich nizlich zu machen,!
da ich während der Neise das Englische einigermasen zu ver-j
,
stehen und zu sprechen begonnen hatte.
,Einmal an Ort ud Stesle, erging es mir wie Jeden.j
der schwimmen muß, went er nicht ertrinken will. Nothwendigsl
keit und Lebenslust hielten mich über Wasser. Anfangs beuw-j
ruhigte mich bisweilen noch die lhörichte Besorgniß, daß man,
Nachfrage nach mir anstellen, mich entdecken, mich zurückführen(
könne; indeß ich blieb unangefochken, und das war alles, dessenj
ich bedurfte, obgleich der Weg vom Ladendiener eines kleinenFF
Krames im Hafen bis zum Geschäftsfihrer von Samuell .älwag!
ea1
Gebrüder nicht eben leicht, nicht eben glatt gewesen ist.
-.n habe mauche Stude gehabt, in welcher ich an Dih!
und an Dein Zimmer, an Deine Eltern und an die guten Tages
bei Euch zurüückgedacht habe, denn es ist mancherlei Elend und!
Noth an mich herangekommen; aber es hat keine Stunde gegeben,s
in der ich es bereut hätte, mich auf die eigenen Füße gestelh,;
mich auf die eigene Kraft verlassen und danach gestrebt zu haben,!
mir einen eigenen Namen zu machen, dä meine Geburt und mein

, Vater mir den Namen versagt haben, auf den ich angewiesen
,war. Es klingt für Unsereinen, den die Bande der Familien-
fliebe nicht umfangen und befangen, wunderlihh genng, daß man
, die nicht in der kirchlich und staatlich anerkannten Ehe erzeugten
f Kinder naiirliche Kinder nennt, und grade ihnen den naiürlichen
, Asieuch auf den Namen ihres Vaters aberktnt. Aber ich be-
Z schwere mich dariber nicht, dent es ist ein Szorn fir mich gewesen.
h Noch bedeutet der Name Tremann nichis, doch brauche ich
A mich seiner nicht zu schämen. Ich bin dem Haunse, dem ich diene,
, etwas werth, man hat Zutranen zu mir, meine Collegen shäzen
s mich, und ich suche in meiner Bildung nachzuholen, was ich
durch meine Flucht eingebisßt habe. Wird mir, wie ich hoffe,
, der Auftrag zu Theil, mit welchem unser Haus einen seiner Leute
nach Europa zu senden beabsichtigt, so lomme ih wieder in Deine
Nähe ud will danach lrachten, daß ich Dir niht Schande mache;
denn Du und Dein Vater, Ihr seid die Einzigen, denen ich mich
fir die Lebe verautvorllich fihle, welche Jr dem fremden
»s.
F Knaben in Eurer Großmuth zugewendet habt. Dir danke ich
, die Neigung, mich zu unterrichken, Deinem Vater die Vorliebe
Fflr den Beruf, den ich erwählt habe, und der Tag soll sicherlich
knicht ausbleiben, an welchem der Name Tremann an den Vörsen
Feinen so guten Klang wie der seine und mein Wort eine Geltung
föben seu
Er erkundigte sich weiterhin nach dem Ergehen der wenigen
Personen, deren Andenken ihm aus seiner Kindheit lebendig ge-
Fblieben war, meldete, das er seit einem Jahr seine ersten Er-
Fsparnisse habe machen können, und gab Seba Auskunft über
Fdasjenige, was er für seine Bildung gethan habe, wie über das,
, was ihm fehle, und was er noch zu erreichen wünsche. Der Ton
Fder schlichten Wahrhaftigkeit wie die Liebe und Dankbarkeit für
FSeba bildeten eine schöne Grundlage fin das starke Selbstgefühl
Fdes Schreibers, und diese Empfindungsweise blieb sich in der

-- Hz hs-=

ganzen Reihe von Briefen gleich, welche von da ab einander in ?
ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen folgten. Er zeigte in den- s
selben seinen Freunden seine nun wirklich bevorstehende Neise nach?,
Europa an, berichtete über die Vortheile, welche ihms auus derselben ?
erwachsen wirden, und von Stufe zu Stufe sich erhebend, gaben s
diese Briefe das Bild eines Mannes, der, muuthig und von Hinder- ?
nissen nicht erschreckt, mit hellem Blicke ein festes Ziel im Auge, =
seinen Weg zu suchen und zu finden weiß.
Die Verbindungen des grossen amerilanischen Hauses, dem -
er gedienl halle, die Epfehlngen und der Eredit des Flies'- ;
schen Hases, selbst Seba's geseslige Bekanülschaft und ihr Z
Freundschaft mit den bedetendsten Personen der Nesidenz waren ?
dem jungen Manne in hohem Grade zu Statten gekommen. Um I
aber von solchen fremden Errungenschafien Vortheile ziehen zu J
können, mus man die Fähigkeit und die Kraft haben, sie sich F
anzueignen und in sich zu verarbeiten; denn wer ererbten oder' I
ihm zufällig durch Schicksalsgust zugewendeten Besiz nicht zu
einem Fußgestell für sich zu machen und sich darauf emporzu- I
schwingen weiß, dem wird er zu einer Last, die er auf seinen''
Schultern tragen muß und die ihn niederdrückt. --
F
Davide las den ganzen Morgen hinduurch. Wenn sie die-?
Briefe beendet zu haben glaubte, stieß ihr immer wieder ein neuet Z
Zweifel auf. Es blieb so Vieles ungesagt, was sie zu hören F
winschte. Sie bewunderte Paul, dasß er so wenig von seinen Z
einzelnen Erlebnissen berichtete, und sie war ihm doch böse darum I
denn sie hätte Alles wissen, über jeden Tag und jede Stunde, ?
über jeden Kummer, den er getragen hatte, und über jede Freude, ?
die ihm zu Theil geworden war, genaue Kunde haben mögen. ;
Sie forschte in den Briefen nach, ob denn von ihr gar nicht F
darin die Rede sei; aber heute verargte sie es der Tante zum
ersten Male nicht. daß sie Paul, daß sie den tapfern Paul so ;
vorzugsweise liebie.
-
I=

Kapitel 29

=
s
s
h
?
s
T
=
i
f

Zehntes Capitel.
1
Rwe
F; Allo Auflösung von Paul's kaufmäm ischem Geschäfte, die
D
. lebertragung seines Vermögens in das Fli:? che Haus wurden
k augenblicklich in Angriss genonmen, nachdem man iber die Art
s und Weise, in welcher jene Auflösung erfolgen, wie über die
F Bedingungen einig geworden war, unter denen Paul in das
F ßlieö'sche Haus einireie lonue, ohne die Verhältnisse zu seinen
, früheren Chefs, mit denen er noch für verschiedene gemeinsame
z Unternehmungen verbunden war, unzweckmäßig lösen zu milssen.
? Er war dadurch zu mannigfachen Reis:n genöthigt, und
H sein Kommen und Gehen bildeten für Seba hie Abschnitte, an
F welchen sie in dem ohnehin durch die äußeren Ereignisse viel
bewegten Winter die Zeit abmaß. Sie hatte ihn in den Räumen,
F welche zwischen dem Comptoir und dem Poriensaale gelegen
F waren, eine Wohnung eingerichtet, weil alle freien Zimmer des
oberen Geschosses bereits wieder von einer französischen Einquar-
s tierung eingenommen waren, und da man diese Letztere nicht
F wohl von der Geselligkeit des Hauses fern halten konnte, hatte
man sich gewöhnt, mit denjenigen Personen, mit denen man
vertraulich zu verkehren wünschte, vor der Gesellschaftsstunde in
? Seba's kleinem Cabinette zusammen zu ksmmen, zu welchem sie
sonst Anderen den Zutritt nicht gern gestattet Jatte. ,
Drausßen heulte der Wind und trieb den Schnee in wildem
s
F Wirbel dirch die mit Glatteis bedeckten Straßen. Das Frihs
Fjahr begann mit argen Stiemen. Herr Flies war mit Davide
se'

-- ß1Z--
- -
in das Opernhaus gefahren, in welchem man, dem Geschmacä;
der Franzosen nachgebend, eine nene Cherubini!sche Oper aufs.
fithrte, und er haite sich, gern oder ungern, die Begleitung des ;
Herrn von Castigni gefallen lassen müssen, der sich seit einigen -'
Tagen unter dem Vorwande, dem dort wohnenden General bei- -
gegeben zu sein, in das Flies'sche Haus einguartieren zu lassen,
gewust hakte.
Ait Morgen war Paul wieder einmal angelommen. Nun -
brannle in seinem Ziuuer Lichi, und lroz des Wellers Ungunst;
hatie er die Lden desselben nichl geschlossen. Der helle Lchi- -
schein fiel auf die einsamen Wege des Gartens hinaus, welche..
der alte Gärtuer, der schon zu Fräulein Esiher's Zeiten im -
Dienste gestanden hatte, in diesem Winter täglich säuberte und ?
fegte, weil, wie er sagte, Mamsell Seba ihren freien Gang nach -
dem Monuumente doch auuch im Winler haben sollte. Aber es ?
war nicht Seba, es war überhauupt kein Franenzimmer, das in'
der vorgerückten Abendstunde unten am Wasser durch die Seiten- =
khüre in den Garten eintrat und sich unter dem Schatten der';
--
Gartenmauuer mit raschem Schritte dem Hause näherte.
Der Gärtner, der ihn eingelassen, hatte sich gleich darauf ?
entfernt. Der Kommende mußte jedoch von Paul erwartet I
worden sein, denn die Thhire des Gartensaales ward von innen z
geöffnef, als Jener sich demselben nahte, und gleich darauf wurden ;;
die Laden in Pauls Stube zugemacht.
Der Fremde war ein Mann in gewählter birgerlicher Klei?
dung. Er warf den weiten Mantel, der seine ganze Gestalt?
verhüllte, von seinen Schultern, schüttelte Paul die Hand und I
sagte, während er ein Packet Briefe aus seiner Brusttasche her- I
vorzog: Nehmen Sie das vor allen Dingen! Ed ist vermuthlich. -
das lezte Mal, daß wir Sie bemühen!
Wie das? fragte Pannl überrascht.
Man ist auf Sie aufmerksam geworden, glaubt Sie um z
-
=


-=-- Zss--
Zhrer amerikanischen Verbinduungen und Ihrer wiederholten Neisen
nach Nusland willen auch mit England in Geschäftsverbindung,
zhegt die Vermukhung, das: Sie dem über Nusland gehenden engli-
Zschen Schleichhandel nicht fremd sind, und oie geflissentlich ver-
Fuittelte Einquartierung des Baron von Castigni in das FlieO'sche
-Haus gilt wesentlich Ihnen. Es dürfte also nicht mehr gerathen
Zsein, Ihrer Gefälligkeit die Briefe anzuvertrauen, die man gegen-
, wäriig unier kaufmuischen Adressen freilich am sichersten be-
?förder« Jidesi weun Sie sich der Besorgung dieses Mal noch
zunterziehen wollten, so wirden Sie und sehr verbinden!
- Paul hatte dem Redenden achtsam zugehört; dann sagte
,er: Ich danke Ihnen fine die Warnung, die ich durch Sie er-
O halte. Sie kommt mir nicht unerwartet, denn Mademoiselle
ßlies hatie mir schon Aehnliches mitgetheilt. Das; ich mit dem
FSchleichhandel nichts zu thun habe, brauche ich Ihnen nicht zu
wdersichern, obschon gegen die rohe Gewalt mir jedes Mittel erlaubt
Pünkt. Hätte ich die Möglichkeit gesehen, eine grose. regelmäßige
Finfuhr überseeischer Produkte über Nußland zu bewerkstelligen,
Hso würde ich sie benutzt haben; der Schleichhandel aber leistet
dem Lande keinen wesentlichen Dienst und seine Gefahr steht für
Zen Unternehmer auser allem Vergleiche mit seinem wahrschein-
Flichen Gewinne, während er das Leben elender, armer Leute auf
zdas Spiel sezt, die er obenein entsitklicht und verwildert. Von
Jer Seite also habe ich nichis zu fürchten. Es sind reine Geldge-
Fchäfte, die ich in Rußland habe, und die mich auch in den
Jächsten Tagen wieder dorthin fiühren werden.
Wissen Sie, daß Napoleon jezt die Zustimmung zu einer
Versammlung in Dresden erhalten hat, in welcher asle unsere
zonarchen wie zu seiner persönlichen Huldigung erscheinen
Fwwerden?
Nein, entgegnete Paul, ich wuuste das nicht. Ich habe in
en französischen Zeitungen nuur von dem schönen Familienleben

-- ZF0--
des Kaisers und von dem Frieden gelesen, den er ersehnc!
die Welt nach seinen großen Planen zu begliicken! fügte' -j
spöttisch dazu.
Und ganz Europa steht auf seinen Befehl jezt unter Wasfenh
sagte der Andere. Zweimalhunderttausend Deutsche, die ausF
ziehen, um sich als Nation selber vernichten zu helfen! Unseöß
Lage ist furchtbar! Wir gestakten dem ganzen französischen HeeZ
den Drchzug; vor den Thoren der Nesidenz ist unsere FestunF
den Franzosen übergeben. Die Residenz des Königs steht untej
französischem Commando, zwanzigtausend Mann ziehen mit ihneH
gegen Nußland - es ist einer völligen Unterwerfung unter di
Tyrannei dieses Cosen gleich! Es ist schlimmer, weit schlimmerj
als alles, was wir achtzehnhundertsechs und sieben erlitten, deng
wir thun anscheinend freiwillig, was wir damals unter deg
Zwange der Nothwendigkeit ertrugen. Damals verließ der Kdni
seine Hauptstadt, jetzt ist sie auch in Feindes Hand, und de
König selber wird gehen, unsern Unterdricker in Dresden zu beß
grüßen! - Er ging ein paar Mal in dem Zimmer auf und
nieder; dabei verriethen seine Haltung und sein Gang den Söl!
daten. Paul betrachtete die Briefe, welche jener ihm ausgehänoig!
hatte. Plözlich blieb der Fremde vor ihm stehen.
Wann denken Sie abzureisen? fragte er.
In zwei, drei Tagen spätestens.
Pflegten Sie allein zu reisen?
Ich habe das lezte Mal einen Diener mit mir gehabt-!
Und jezt?
Ich beabsichtige, ihn wieder mit mir zu nehmen.
Würden Sie Sich meine Bedienung statt der seinen ge
fallen lassen? forschte der Fremde, während ein Lächeln um seins
Lippen spielte.
Sie wollen in russische Dienste treten?
Ich halte es hier nicht aus! rief der Andere. Seit uns

-=- ZF-
MRegiment aufgelöst ward, seit die Schmach diser Zeit auf uns
Flastet, habe ich keinen freien Athemzug mehr gethan. Was hilft
fes mir, daß ich in dem Burean des Staatskuuzlers beschäftigt
Fwerde, das er selbst mich güütig damit vertröstet, ich könne auch
fals Beamter meinem Vaterlande nüzlich werden? Wozu haben
halle diese Schreibereien und Verhandlungen gefihrt, als uns noch
Ftefer hinabzudrücken? Nur Eines hilft uns, nur Eines rettet uns
F= der freie, osfene Kampf!
. Er unterbrach sich und fragte: Warum schweigen Sie,

fa===
Weil Sie ohnehin wissen, lieber Werben, daß ich Ihre An-
hsicht theile; mich dimkt, wir haben uns darüüber ausgesprochen,
sals ich zum ersten Male Sr. Ecellenz die Briefe überbrachte,
ßdie man mir finn ihn in Petersbuurg gegeben hatte.
An dreihundert unserer Officiere, nahm jener wieder das
FWort, sind allmählich nach Hesterreich und Rußland gegangen.
ßMein Vater kan mir, das fühle ich, in seiner Stellung die Er-
ßlaubniß dazu nicht geben, so wenig er mich aufrichtig tadeln
ßlant, wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzengung folge. Willigen
jSie in meinen Plan, so sende ich morgen Ihren Diener mit
Feiner Botschaft zu meiner Mutier, die ihn auf dem Gute be-
fhalten soll, bis Sie ihn zurückwerlangen, und Sie bringen mich
Fan seiner Statt über die Grenze nach Rußlond hinüber.
. Das kann geschehen, sagte Paul nach kurzer Neberlegung.
-. Unt Sie selbst, Tremann, Sie, der Sie doch jenseit des
sDeeans freie Luft geathmet haben, der Sie frei und durch nichts.
Egebunden sind, denken Sie wieder in diese Kerkerluft zurüchu-
ßlehren, freiwillig noch länger in der Knechtschaft zu verharren,
Fin welcher fast ganz Europa schmachiet?
z Ich bin nicht frei; ich habe mit meiner Person fin fremdes,
Finir anvertrautes Gut zu stehen und mein Vermögen zu be-
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. ll.
A

- IF--
wahren, auf dem meine persönliche Unabhängigkeit beruht, ent?
gegnete Paul. Aber alle Schritte sind gethan, mich von den
Verpflichtungen zu lösen, mit denen ich Anderen verhaftet bin;
und ich hoffe, zu rechter Zeit über mich verfiigen zu können.
Er stand mit den Worten auf, ging an seinen Schreib-
tisch, schrieb in mehrere einzelne Blätter immer nur wenige Worte
und benutzte diese Blätter zu Umschlägen iber die Briefe, welche
Herr von Werben ihm ausgehändigt hatie. Dann adressirte er
sie nach verschiedenen Orie:n und wollie dem: Couzkoirdiener
schellenn, der sie sorlbringen sollle; aber er besaun sich eines Anderen.
Kommen Sie zu Seba hinauf? fragte er.
Nein; ich glaube, es ist gerathener, wenn ich's unterlasse,
da Sie nuun den Freunden mittheilen lönnen, was Sie von mir
gehört haben. Nur daß ich mit Ihnen gehe, lassen Sie nicht
verlauten. Nichtwwissen macht unveranlvortlich.
So will ich Sie gleich nach dem Gärkensaale fiühren, ant-
woriete Paul, und die Briefe danach selbst zur Post besorgen.
Es weiß dann außer dem Gärtner, auf den man sich unbedingt
verlassen kann, Niemand, das: ich einen Besuch gehabt habe -
und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft
des Generals uns jetzt, wie ich glaube, in der That.
Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein,
Paul geleitete ihn durch das Nebenzimmer bis an die Thüre
des Gartensaales. Sie schüüitelten einander herzlich die Hand,
und Jener verließ das Haus und den Garten auf dem Wege,
den er gekommen war.
Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba's
Cabinet trat, fand er einen kleinen Kreis von Männern und
Frauen, unter ihnen die Gräfin Nhoden, bei ihr versammelt.
Man hatte sich, seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern
und Frauen gehalten worden, in denen Seba auch mit der
Gräfin Nhoden bekannt geworden war, an bestimmten Abenden

Oc1
e.? ät,? -==
im Flies'schen Hause vereinigt, um sich in gemeinsamen Lesen
=--==- ---=-- -ss=--g des Gehörten Üiz-===Il; aber die Ver-
mifd sss s,sszs---ufs
szzs psAinn
suche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen, sich
in diesen Kreis Eingang zu verschaffen, nönhigten die -gel-
N.
nehmer, sich gegeus= - ---8---ugen Zusammenkiünste zu
»-ss dos oeolssIs-
enthalten und sich mit gelegentlichen Verabred ngen zu behelfen.
Pauul war den Freunden bereits bei einer seiner früüheren
Aiwesenhheiten in der Nesidenz zgefihhri wonden, und seil er
nach jeuer ersle ruussischenn Neise mit Briefen des Freiherrn von
Siein a den alaatslanzler betraut worden war, halte das Zu-
D
suen des Kreises zu ihm und sein.. iichnigleit sich gesteigert,
=- F
fzA:
so das; er einer isber seine Jahre großen Gltuung un demselben
donns e
L---u- ie anwesenden Mämner enpfiugen ihn mit freüund-
lichem Handschlage, die Franen hiesßen ihn willkommen, nur die
Gräfin Nhoden,-- - her noch nichk gesehen, wei Krankheit
d.- -;z- s,?'

,.. längere .k zuriicgehalten hatie, schien von seinem Anllicke
,.
s,s»-pisn
-;-bek zu werden, und =-=-=ug bliehen ihre Blicke auf
i fssssgsz-s1,s.
= ---- als er sich nach geschehener Vorstelluung von ihr zu
sl.--
-».sss,s
den ihn bekaunten Personen wendete.
Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministeriumn, welcher schon
s=-.s-
--= angekommen war, halte die Nachricht von dem Dresdener
Congresse, die Paul als NeuI-----=--==e, bereits vor ihm
,-s.-s z--s--,s
wverkündet, und die Trauer über diese Ku. de war unverkennbar.
-W,.:
z ==l bellagle .: König, man fand ei. ---==- --, daß
isnss Fz-p-ss d-»ss
di
fher Fgiser vont --;-- -» p-- Zs ---zs-z=-- -------s -g lÜD
RpzAlpirli: Alzspzkofsfiife
R,ss=s-=s- s,
?.isK
-=--lgung habe herbeilassen müssen, und b-dauerte das Luod
-derjenigen preuusßischen =-pen, welche bestint waren, = --
Nz--
d.nr
,feindlichen Erob.. - ---- =-==-- . h-« -uslland zu begleiten.
snsF
ooe -iis s,ssnsis F
Fast jeder der Anwesenden hatie einen od- =- uderen Be-
zwz Ap- r
, fpf ss
ss. sfüip s.iespz
= -==-u lt diesen Regilu==, Und die Gräfin erwäht.,-= -==--
rnfsfies
ihr junger Vetker, der Lieutenant von Arten, dies Schicksal finde.
So soll er sich vor demselben wahren! meinte Paul.
es s V

-- ZS!--
- - HWaea
, Wenn er Das könnte!'' seufzte die Gräfin.
Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen, als mgn-
das neue Bündniß zur Neife kommen sah, das Preußen zu
seiner Selbstvernichtung eingegangen ist.
Während er diese Worte aussprach, klopfte es an die Thütre,;
und ohne von dem Diener gemeldet zu werden, der es wußte, -
welchen Personen er den Zutritt gestatten durfte, trat der junge
Freiherr in das Cabinet.
Sie kommen eben recht, lieber Nenalus, rief ihm die -
Gräsin freundlich enigegen, sich wider einen Angriff zu veriheidigen!
Einen Angriff? wiederholte der Lieutenant, indem er mit-
einem Blicke umhersah. der es aussprach, daß er dergleichen --
nicht gewohnt sei. Und darf ich fragen, wer mich in meiner I
Abwesenheit anzugreifen fiir nothwendig hielt?
Seba halie eine leise Bewegung bei dem lange und von ,
ihr mit peinlicher Besorgniß erwarteten Zusammentreffen de;';
beiten jungen Männer nicht verbergen lönnen, und die Art und-
Weise, in welcher es sich jezt gestaltete, war nicht geeignet, sie ?
zu bernhigen; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm -
eigenthüümlichen, sesten Bestimmtheil: Ich, Herr von Arien, habe I
Sie nach der Meinung der Frau Gräfin angegriffen, obschon -
meine geäußerte Ansicht sich nicht auf Sie allein, sondern guf-'
alle diejenigen Herren Officiere bezog, welche widerwillig den -
Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen.
Es war noihwendig, die beiden jungen Männer, die, noch'
ehe sie sich kannten, feindlich zusammenstießen, einander vorzge
stellen. Und als Paul sich zu der geforderten Begrüßung ahet
mals von, seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor einz
änder standen, fiel die große Verschiedenheit in ihrem Aeußeren
den sämmtlichen Anwwesenden auf. Paul überragte- den feinge?
bauten, schlanken Nenatus um eines Kopfes Höhe, und seine
breilbrustige Gesiall wie die Kraft der Jahre, welche er vor

-
-=- ZFJ--
; Nenatus voraus hatte, ließen diesen in seiner knappen Uniform
- neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten
? Bürger fast schwächlich erscheinen. Dazu erging es dem Frei-
F herrn wie es der Gräfin ergangen war, Paul's Aehnlichkeit mit
F seinem Vater, die namentlich im Klange den Stimme eine voll-
, ständige war, verwirrte ihn, und von der plötzlich in ihm auf-
- teigenden Erinerung an sein einstiges, in der Knabenzeit erfolgtes
; Zusammentreffen mit diesem Manne unwillkürlich ergriffen, sagte
J er kurz und trocken: So habe ich als ein Mitglied des Officier-
, corps wohl ein Recht, Sie ui die Wiederholung jener Meinung
- oder Asichi zu ersuchen.
Ich, stehe mit Vergnüügen zu Diensten, entgegnete Paul.
oz
= war der Meinig, das; es die Pflicht jedes preußischen
, Officiers gewesen sein würde, zur Zeit des neuen französischen -
I Biddnisses seinen Abschied zu nehmen, wenn er die tyrannische
- Fremdherrschaft verachtet.
? Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren, ge-
- stattet die militärische Ehre nicht, und unc dem Befehle unseres
F Königs zu widersetzen, verbietet uns sowohl der Eid, den wir
, geschwoxen haben, als unsere angeborene Unterthanenpflicht!
- antwwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit, die immer
; hervortrat, wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes
angegriffen glaubte.
Paul verneigte sich, als lasse er diese Gründe gelten, und
die kräftigen Lppen stolz aufwerfend, sprach er: So hat die
I Frau Gräfin unbedenklich Recht, wenn sie das Loos der preußi-
z schen Officiere bedauert, und ich habe mich gliücklich zu preisen,
- e?
daß ich, als ein Bürger des freien Amerika, keinem Herrn einen
I Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen
meiner Neberzeugung nachzuleben brauche.
Sebb und die Gräfin versuchten, sich in das Mittel zu
, legen; die gute und schöne Stimmung, welche in diesem auf

--- Zü ----
H
das erhabene Ziel der Selbsterziehung und der Veredlung ge I
stellten Kreise herrschte, lam ihnen dabei zu Hiilfe. Die älteren H
Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden, und Paul Z
war auch bald bereit, sein Verhalten gegen den jungen Officier Z
als ein Unrecht anzuerkennen. Er gestand ein, daß man die -?
obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Auugen setzen dürfe, daß -
nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände, und ?
al er sah, wie schwer es Renatus fiel, seine Gereiztheit zu be- -;
siegen und zu einem Gleichmase zu gelangen, bemächtigte sich ?
seiner jene Neue des Mitleids, die sich einen Vorwurf daraus ?
macht, seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren Gegner -
angewendet zu haben. Aber die Unterhaltung kam nicht wieder Z
in den gewohnten Flus; man nahm also zu gemeinsamem Lesen F
z
seine Zfluchl, utd auch hierlei lralen die beiben jungen Männerz
eiander bald wieder feindlich eutgegen, als in dem vorgelesenen z
Werke die Lebe zum Vaterlande als die stärkste Triebfeder für z
die Handlugen des Mannes angegeben wurde.
F
Paul wollte das nicht gelten lassen; er nannte die Vater-

landsliebe ein beschränktes Gefihl, eine Art von bewußtlosem
Instinct.
-

Renatus, der wie alle reizbaren Menschen eine von der
e
seinen abweichende Meinung leicht als einen persönlichen Angrif
-=
auffaßte, fuhr mit Jder Frage dazwischen: Aber was kümmert
Sie denn Europa, was kümmert Sie Preußen, wenn Sie es
nicht als Ihr Vaterland lieben? Weßhalb hassen Sie Napoleon,
dessen Größe Sie nicht läugnen werden, wenn Sie in ihm nicht
den Unterdrücker Ihres Vaterlandes hassen?
Ich hasse in ihm den Tyrannen, den Wortbrüchigen, den
Unterdrücker der Freiheit überhaupt, entgegnete Paul, ich läugne
=A
F
»V
=
z
R
-

?
- S
=
auch seine Größe, denn sie ist nicht so gros als sein Glück, als ?
die Gunst der Umstände, die ihn auf den Schultern und über -s
die Köpfe einer entsitilichten Gesellschaft, einer verrotteten Ma- z
A
=
F
F
z

nk

z

Hczr
narchie emporgetragen hat; und. füigte er, da Seba's Augen
F ihn mit bittendem Blicke zur Vorsicht mahten, in leichterem
Tone hinzu, vielleicht sind es auch meine kaufmännischen An-
Z gelegenheiten, die mich die gegenwärtigen Z nstände als uner-
, trägliche und darum unhaltbare ansehen machen. Unter dieser
F Gewaliherrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen, kann
I das Capital sich nicht frei bewegen, leidet Jeder auf seine Weise.
Die Gräfin, ivelche befirchteie, Renatus möchte diese Ent-
s gegnung als neuen Spott empfinden, behauptete, sie könne jene
K lezten Gründe unmöglich als die für Paul bestimmenden be-
z, trachten; aber er blieb bei seinem Worte, und während sein
F schönes Gesichi sich wieder ganz und gar erhellte, rief er: Nechnen
I Sie den pie Habschi ud die Selbstsch nicht iberall zu den
H
F grosen, die Welt bewegenden und erneuenden Kräften? Sullen
F sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben? Es ist ganz einfach,
wie ich's sagte. .ah hasse Bonaparte, weil er mich in meinem
N,
? Erwerbe stört. Thut das ein Jeder an seinem Plaze, so kommt
j Paß geng zusammen, ihn von seiner angemasten Höhe hinab
z z stirzen; und went es auch nicht groß, nicht idealistisch klingt,
F seinen Erwerb in die erste Neihe zu stellen, so ist doch Jdealismus
s, genug darin verborgen; denn auf meinem Erwerbe ruht mein
z Pab und Gut, ruht mein Vermögen, das heißt die Unabhängigkeit
ß, und Freiheit meines ganzen Thuns und Lassens.
z. Solche Ansichten lagen eigentlich außerhalb der Meinungen
h-
F und Gesinnuungen dieses Kreises. Seba hatie j,ne Gleichgültigkeit
Z gegen den Besiz, welche man häufig bei bevorzugten Naturen
Z findet, wenn sie, im Neichihume erwachsen, niemals eine Et-
t behrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben, ihren Zustand
hzzen Wohlhabenheit wie eine Naturnothwendigkeit anzusehen.
h,ie Gräfin hingegen und die anderen Genossen hatten mehr
F oder weniger unter der Noth der letzten Jahre gelitten. Sie
h hatten sich beschränken, sich viel versagen, auf manches von ihnen

-- Z2Z-
bis dahin fin unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen, ohnej
daß sie sich in ihrem inneren Werthe und in dem Aufschwunges
ihres Geistes dadurch beeinträchtigt fühlten; und die Freundej
waren deßhalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt, die Bo
deutung und den Werth der äußeren Glicksgüter zu unterschätzen,ß
da sie sich mit ihren Gedanken und Hosfnungen aus der bs-!
engenden Gegeuwwarl in den Bereich einer schönen und befreiienß
Zukunft erhoben. Trozdem ließ man die Aeuserungen des in?
den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort
waltenden Anschauuungen gebildeten Mannes endlich gelten, weilß
man sich zu seinem frischen, selbstgewissen und freien Wesen desß
Besten versehen zu können glaubte; und während Nenatus sich
mit Geflissenheit von dem weiteren Gespräche fern hielt, fühltes
die Gräfin sich von ihrer antheilvollen Neugieroe getrieben, sich,
fast ausschließlich mit Paul zu beschäftigen, bis man den Wagenj
des Hausherrn vor der Thiüre halten hörie und die ganze lleineF
Gesellschaft sich in das Wohnzimmer begab, den Vater und diel
Hausfreunde und Gäste zu erwarten, welche sich häufig nochs
nach dem Theater einzufinden pflegten.

Kapitel 30

i
ke
hsz
Et

o
l
ü.
e
F
s
s
E
F
z
?
us
vaienatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung
; =-
in seiner Wohnung an. Er hatte, seit er die Familie Flies
h
besuchte, öfters von dem jungen Freunde Seba's, von dem
Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Ein-
z
z
kritte in das Flies'sche Geschäft reden hören; da er jedoch sehr
auf sich und seine Angelegenheiten gestellt war, hatte er wenig
F

Eilftes Capitel.
Achtsamkeit auf dasjenige, was ihn nicht persönlich anging, und
K
der schlichte Name eines birgerlichen Kaufmanns zog ihn nicht

-
F
s
besonders an. Der Name irgend eines Edelmanns, irgend ein
bedeutender Titel würden ihm weniger leicht entgangen sein.
Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschüitert

und erschrect zugleich. Nur eines Augenblickes hatte Renatus -
A
bedurft, um alle seine Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem
F

gegenwärtigen Eindrucke in Verbindung zu bringen. Er konnte
nicht daran zweifeln: der Fremde, der mit so stolzer, selbstge-
?
wisser Haltung vor ihm gestanden hatte, war jener Knabe, den

- er einst in dem Flieö'schen Laden gesehen, war derselbe, dessen
D
völlige Aehnlichkeit mit seinem Vater ihm schon damals auf-
e;
?
1
gefallen war, dessen Anblick seine Mutier auf das Krankenlager
geworfen hatte, von dem sie nur fir kurze Zeit erstanden war.
z
s
« ?
=

Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn, der Sohn jenes
Frauenzimmers, das sich in eifersiichtiger Verzweiflung das Leben
genomnnen und an dessen eingesunkenem Grale in der Ecke des
V
F Neudorfer Friedhofes Nenatus einmal in seiner sabenzeit von

k
l.

- - 880 -----
dem Jäger, der einst sellst ein Age auuf Pauline gehabt hate,'
den ganzen Vorgang und Zuusammenhang erfahren. Der Jäger ?,
haite den Sohn Paulinen's wohl gekannt und hatie es bedauert, ?
daß der arme Schelm wie seine Mutter un's Leben gekommen'?
sei; und nun stand jener Todtgeglaubte plözlich vor dem jungen J
Freiherrn, ganz unverkennbar seines Vaters Sohn.
-
Nenatus konnte sich nicht erllären, was ihm das bloße Da- F
sein dieses Mannes so widerwärtig machte. Es drohte seinen ?
Rechten, seinem Besize, seiner Stellung durch den Bastard seines -
Vaters nicht die mindeste Gefahr. Er hatte es durchaus in z
seiner Macht, die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ?
ihn nicht zu beachten, wenn der Zuufall sie zusammenfiihrte; aber T
K
lroz seiner Abneigung gegen Paul verlangie ihn danach, aufls I
Nene mit ihm zusammenzuireffen, weil ein unabweisliches Gefühl z
ihm sagte, das er neben jenem nichi zu seinem Vortheil erschie- z
nen sei. Er wünschte, durch die Neberraschung nicht mehr be- z
fangen, und Herr über sich und seine Mitiel, sich abermals mit ?
Paul messen zu kdnnen, um ihm seine Ueberlegenheit fühlbar ,
;
zuu machen.

Wie das geschehen sollte, davon hatte er freilich keine rechte F
Vorstellng; aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf. Es Z
- F
war ihm zuwider, wdaß Paul ihn an Stattlichkeit des Aeußern
so weit übertraf, daß er seinem Vater so ähnlich sah. Der vor- F
zigliche Geschmack, mit welchem Paul sich kleidete, die sorglose Z
Leichtigkeit in der er sich bewegte, die Freiheit und Bestimmt- I
z?
heit, mit denen er sich äuuserie, die Geltung, deren er genoß. y
und vor Allem die spielende, freundliche Heiterkeit, mit welcher ?
- z
der junge Kaufmann seinem beginnenden Streite mit dem Frei-
herrn vorzubeugen getrachtet hatte, verdrossen den Lezteren, wie -T
-=e
ihn selten etwas verdrossen hatte.
von diesem Manne am wenigsten
sich auch in einzelnen Augenblicken
Er wollte nicht geschont sein, ,
geschont sein! Und wie er z
F
das Thörichte dieser Abnei- -
F
?
F

i
?
F gung llar zu machen suchle, er lonnte nichi Herr über seine
Misstimmung und über seine Aufregung werden.
z E war schon spät gewesen, als er nach Hause gekommen
F war, denn die Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben,
s und es diünkte Renatus, als habe er Davide nie so reizend als
s eben an diesem Abende geschen. Er hatte s.e immer schön ge-
sß funden, aber die Freundschaft, welche er für se ne Juugendgenossen,
,F für die Gräfinnen Hildegard und Cäcilie hegte, haite ihn im
F Ganzen wenig empfänglich fie die Reize anderer Schönheiten
F gemacht, und seit er sich in seinem Herzen ei igestanden, daß er
f Hildegard liebe, seit er in sich beschlossen, das sie einst seine
h Gattin werden solle, hatie er andere Mädchen kauum noch beachtet.
i
z Er würde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich, wie
ß immer, mehr zu Seba und zu den älteren Frauuen gehalten
F haben, wäre ihm nicht die schichterne Freundlichkeit aufgefallen,
E' mit welcher Davide Paunl begegnete. Er hatt: es sonst nicht
J ohne Erstannen gesehen, wie dieses junge Mädchen sich seiner
ß Schönheit bewust war, wie es den Eindruck kantte, den es auf
ßdie Männer machie, wie es Alt und Jung in der ihm ange-
Fmessen dünkenden Enfernuung zu halten und sich mit großer
Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwünschten An-
Fspruche zu bewahren verstand. Niemand hatie sich rühmen können,
hhon Davide eine besondere Beachtung zu erhalten, und- war es
FRenatus je einmal vorgelommen, als beweise sie sich gegen einen
FAndern freundlicher denn gegen ihn, so hatte er dabei kein Arg -
Iund keine unangeehme Empfindung gehabt, denn man entbehc.
Ficht, was man niemals begehrte. An diesem Abende jedoch
Fwar es ein Anderes gewesen.
e? Gleich als man aus Seba's Cabinet in die große Stube
Fgkommen, war Davide, ohne sich um die Nebrigen zu kimmern,
Fgguf Panl zgegangen, haiie ihu die Hand gereicht, ihm von
lem Theater, von ihrer Freude an der Musik und von ihrem
k«.
l
k

---- ZI-----
Vergiigrn, ihn zu Hase zu sieden, gesprochen, unud dieser hatle z
das hingenommen, als komme ihm das zu, als sei Davide eben ,
noch das Kind, als welches sie sich gegen ihn bezeigte, und als ?
thue er ihr einen Gefallen, wenn er ihrem freundlichen Geplau z
der sein Ohr nicht versage.
Nenatus haite sich dariber geärgert.
hatte ihm leid gethan.
Achtsamkeit fine Paul's
Nss.=- eg
=-= - =abide mußte ein
Er hatte es durch
Vernachlässigung
das schöne Mädchen
seine Höflichkeit und
entschädigen wollen.
solches Verhalten von dem Amerilaner
wohl gewohnt sein und in der Ordnuunng sinden, denn sie nahm
die geflissentliche Annäherung des jungen Freiherrn gleichgüliig
auf und verließ ihn mitien in der Unierhaltung, um fir Paul.
unauufgeforderi die Zeiig zu suchen, nach der er im Gespräche
mit andern Männern den Diener gefragt halte, der den Thee
herumgab. --
Die Uhr schlüg Stde auf Siuie, der junge Freiherr ,
konnte keine Ruhe finden, kein Schlaf wollie ihm lommen. Er
wurde die Vorsielluig nicht los, das: er von Paul beleidigt j
worden sei, daß er von Davide eine Kränkung erfahren habe,
und je länger er an diese dachte, um so anziehender dinkte sie
ihn, um so mehr winschie er, sich von ihr ausgezeichnet und -
dadurch zugleich an Pauul gerächt zu sehen. Er ging im Geiste
alle die einzelnen Aeußerungen durch, die er an dem Abende -
von Davide gehört hatte, und sein Mißmuth wich davor. Er
mußte bei sich selber iber die kecken Alfertiguungen lachen, mii-
denen sie Herrn von Casligni'ö gedrechselte Couplimenie aus dem ,
Felde geschlagen hatte; er konnte sie sich deutlich vorstellen, älleJ
ihre artigen Kopfbewegungen und das anmuthige Spiel ihrerI
schönen Hände, die sie, nach Art der Jüdinnen, bei dem Sprechen;
mehr als die deutschen Frauen brauchte und bewegte. Als der -
Tag herankam und er endlich müde zu werden begann, ertappte.?
er sich darauf, das er ihr eine dieser Handbewegungen nachz-

an

=
--- H.H -
?
F machen versuchle, und als er dan, weil dieser Versuch ihn ihbricht
g dünkte, seine Gedanken, wie er das zu thun gewohnt war, vor
T den Eiuschlafen auf die Geliebte richten wollte, von der zu
F hräumen ihn soust so glicklich machte, konnie er Hildegard's
J Bild aus seinem Jnnern nicht erzeugen. Alle Anstrengungen
halfen ihm nichts; es waren immer nuur Davihe oder Paul, die
h er vor Auugen hatte, und selbst im Schlafe gaben diese beiden
F hn nicht frei
Unerquickt erwachte er am Morgen erst, als es Zeit für
, ßn war, sich zur Parade ankleiden zu lassen. Während dessen
H -
, brachte ihm der Diener des Grafen Gerhard eine Einladung,
e.
z mit demselben zu Mittag zu speisen. Sie kam dem Freiherrn
? sehr gelegen, obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem
? Dnkel hielt, ja, ihn eigentlich, so viel er konnte, zu vermeiden
F suchte. Aber er fiihlte eine Neigung, sich grge Jemanden über
s sein unerwarlekes Zusammentressen mit Paul auuszusprechen, und
P in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt an srinen
Olel gedacht, der, wie er mit Sicherheit annehmen zu
meinte, um alle jene Ereignisse und Verhältnisse wissen
so das; Renatus sich keinen Mangel an Verschwiegenheit
werfen brauchte, wenn er dem Grafen von dem gehabten
nisse Kunde gab.
können
mußte,
vorzu-
Erleb-
Er war froh, als die Stunde der Parade vorüber war und
e
n er sich nach derselben, wie er seit dem Herbste pflegte, zu der
ß Gräfin begeben konnte; da diese aber mit der jmgsten Tochter
zs ausgegangen, und er Hildegard ihn erwartend und allein fand,
ß war es ihm nicht recht. Er fragte, weßhalb sie
ß nicht begleitet habe; sie antwortete ihm, wie sie es
z unter einem leichten Vorwande zurückzubleiben, um
die Mutter
borgezogen,
ihn zu er-
jß- warten, und das war ihm noch weniger genehm.
Er meinte,
j, so zuversichtlich erwartet zu werden, habe fitr ißn etwas Beäng-
s stigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf. Sie ent-

------- Ißg - ---
's
=
z
F
gegnete, daß sie ja nicht böse sei, wenn er einmal nicht kommen
könne, und daß es ihr doch in jedem Falle Vergnüigen mache, sich z
s.
den ganzen Morgen mit einer angenehmen Hosfnung zu tragen. z
Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein ;
begüiigendes, ein zärtliches Wort von ihm erwarten; er blieb =
aber eine Weile still sizen und äußerte danach, es sei für ihn

übel geng, das: er, ohne Neigung zum Soldatenstande, durch
seines Vaiers Willen an des Dienstes immer gleich gestellte Uhr
gebannt sei, wie es im Dichter heisße, und weil er nach der
einen Seite also völlig gebuunden sei, müsse er nach der andern
Seite, misse er in seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit
-
I
e
-
.
e
-
F
bewahren, denn ohne Freiheit erlahme der Mann. Er habe
?
ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt, er sei zu Hause unter
der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden;
sein Vater habe in dem Alier, in welchem er sich jetzt befinde,

H
=K
e
e =
halb Europa durchreist und Welt und Menschen gekannt: er
=
hingegen habe noch nichts gesehen, nichis erlebt, und wie uner-
=
F
wüünscht es ihm auch sei, mit dem französischen Haere gegen
I
Nußland zu kämpfen, so freue er sich eigenilich doch auf diesen
?

Feldzug, weil er ihn aus dem Gleichmaße der Tage herauszu-
reißen und in das offene, bewegte Meer des Lebens zu bringen Z
verspreche.
z
Hildegard hörte ihm mit stummer Verwwuunderung zu. Sie ?
E
konnte nicht begreifen, was mit ihm geschehen war. Nie zuvor , F
in seinem Leben hatte er ein solches Verlangen nach Freiheit -
ausgesprochen, er war auch mit seinem Loose nie unzufrieden,
gewesen, und daß er jezt den Krieg ersehnte, nur weil er ihn z
-S
in die Welt und von ihr fortführen sollte, das kam ihr so un- F

erwartet, ihat ihrem zärtlichen Herzen so weh, das sie sich still g
auf ihre Arbeit niederbengte, damit er es nicht sehen sollie, wie -

sich ihr die «,cänen in die Auugen drängten. Trozdem gewahrte z
As.-
er es; ides; siall ihn zu rihren, war ihr Weinen ihm ver- -

?
E
-

==== e,t( ? --
drießlich. Er hatie mit sich selbst geng zu khun und fühlte nicht
Luust, sich als den Tröster der Geliebten zu bethätigen. Aber
während er dieses dachte, fiel es ihm ein, das: er ja überhaupt
noch keine bestimie Verpflichung gegen dieses Mädchen habe.
Er hatte sich niemals enischieden gegen Hildegard erllärt, niemals
von seiner Liebe zu ihr gesprochen, und das: die unschuldigen
z--=» --=-l. an die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten,
IZ=-ss.:
in der lezten Zeit eiuen wärmeren Charaktrr angenomimnen. das
hatte Hildegard eben so wohl zu verantwworten, als er. Er
konnie es sich in dem Augenblice nichl einmal rech. = -=h
s Koisl!,
machen, wie er mit seiner Jugendfreundi eigentlich auf den
gefühlvollen Ton gekommen sei; um so besnimmter erinnerte er
sich daran, das; Graf Gerhard ihm geraihen, sich vor einer Ver-
bindung mit den Nhodens in Acht zu nchmen, und daß eine
solche fir ihn nicht voriheilhast sei, das uuste er sich in seiner
jhigen Stimmuung selber sagen-
Gestern, als der Amerikaner, wie Renalus in seinem Jnnern
Paul beständig nannte, seinen Erwerb und seinen Vortheil mit
so dreister Sicheyheit als Beweggrund für sein ganzes Thun auf-
gestellt hatte, war Nenatus sadurch im höchstrn Grade abgestoßen
worden. zndeß schon während seiner nächtlchen Ueberlegungen
war ihm die Sache in einem milderen Licht erschienen. Paul
mißfiel ihu deßhalb um nichis weniger, er lannte sich jedoch der
Einsicht nicht verschließen, das unabhängiger Besiz Freiheit ver-
lehg, Er dachte jezt darau, wie königlich frei sein Vater durch

den früheren Reichthum seines Hauses gewesen sei, um es zum
-ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen, daß ihm
hei Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch
nicht mehr die schöne Selbstherrlichkeit wie seinem Vater zu Ge-
n- stehe.
ss
z
was
Hildegard sann während dessen schweigend darüüber nach,
sie dennnn gelhan oder gesagi habe, den Geliebien zu rer-

-- ZZ---
stimmen. Sie konnte jedoch nichts auffinden, was irgend einen
vernüinfligen Anhalt oder einen Grund fir die ible Laune des-
selben darbot, und sie fing an, zu glauben, das; ihm durch Dritie -
oder durch ein ihr unbekanntes Erlebnis; Verdrus bereitet worden
sei. Mit geduldiger Freundlichkeit fragte sie ihn also, was er -
heute gethan, wie er sich am gesirigen Abende im Flie'schen- ?
Hause unterhalten habe, und da sie immer nur einsilbige, ab-
lehnende Ankworten erhielt, erzählte sie, um sich über einige Mj-
nuten fortzuhelfen, daß die Mutter den jungen Freund von Seba -
Flies sehr schön und sehr anziehend genannt und daß sie ge-
meint habe, die Flies häiten ihn gewiss fitr Davide zum Manne
bestimmt, weil der alie Herr Flies ihn in sein Geschäft aufnehme.
Uumöglich, ganz unöglich! ries enalue uil einer Hesig-
keit, die Hildegard noch nnbegreiflicher als sein ganzes bisheriges
Beiragen erschien.
Wes;halb denn unmöglich? Die Mutter hielt es fir das
Natirlichsie!
Mich dinkt, ein Mädchen von Davidens Schönheit, das
einst neben ihrem Vermögen voraussichtlich auch noch das ganze
Flies'sche Vermögen erbt, hat andere Anspriche zu machen und -
kann einen besseren Mann bekommen, als einen Menschen ohne
Familie, einen Abenteurer. -
Renatus! rief Hildegard, ihr Erschrecken unter einem er-
zwuungenen Lachen verbergend- Du thust ja wirklich, als ob
Davide unter einer Schaar von Edelleuten und Grafen nur zu -
wählen hätte! Du vergissest wohl, das sie eine Jüdin ist!
Durchaus nicht! Sie würde nicht die erste Jüdin sein, die -'
einen Edelmann geheirathet hat! entgegnete er ihr.
Nun, vielleicht entschließest Du Dich selbst dazu! sagte Hilez?
gard mit bitierem Spotte, da sie ihre Bewegung nicht mehr be--?
D.aRr :r
=

- Ze1ß ! -- -
nicht standesmäßige Heirath gar nicht kommen lonnte, zur Be-
sinng z brigen. Aber sie verfehlle ihre Zweck, denn e-
natus, der seit gestern Abend nur darauf gewartet hatte, einen
Ableiter für seinen Uumuth zu finden, und der, wie alle in der
Kindheit verwöhnten Menschen, selbstsiichtig geng war, auch
Andere leiden sehen zu wollen, wenn er selbec litt, sagte gleich-
miithig: Es wäre vielleicht das Gescheiteste, was ich thun könte,
ünd Davide ist schön genug dazu.
Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen,
so bereute er es, denn Hildegard brach in Thränen aus und
wwendele sich von ihm ab. Dad lonle er eichi guul erleagen.
Sie haiten als Kinder und auch späier wohl biöweilen einen
Sireit mit einander gehabt, indes Hildegard haite dann immer
mit der Bemerkung, das: sie die Aeltere und Verständigere sei,
eingelenkt und nachgegeben. Er dachte, sie sulle das auch heute
thun, und er war bereit, sie dann um Verzeihung zu bitien und
zu versöhnen. Er vergass nur, das; sie jezi in einem andern
Verhältnisse zu einander standen, daß die einstige Jugendfreundin
sich jetzt als seine Erwählte betrachtete und daß die Liebe oft
weniger nachsichtig als die Freundschaft ist.
Er wartete esne Weile, er rief Hildegard bittend bei ihrem
Namen, sie achtete aber nicht darauf. Sie wollte ihn gründlich
fühlen lassen, was er ihr gethan hatte, sie wollte sich auch salt
weinen, denn sie muste sich eingestehen, daß er sie absichtlich
auäle und verwunde.
Renatus seinerseits stand am Fenster, trommelte mit den
Fingern leise auf dem Fensterbretie und überlegte, wie lange er
warten solle. Das dauerte eine kleine Zeit, sie dünkte ihn jedoch
lange, und als er sich eben anschicken wollte, fort zu gehen, weil
er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte, mit ihm die Un-
EeR= D .a
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ü.
A

HHcp
---== e,ZzJJ- -
=- dlieb betroffen stehen - Hildegard sah hasg gnS, --==-
siisdz s
Hos?
F
sie weinte.
Swie war überhatht z- -=geill.slg scdn, =---- -==-
s,szs z
?s
lj ,- siiid zitr
schöue Farbe:n und den Jgendrez, der blonden Mädche.-z--
n nsnoss
Ps Ps sw.i nin li -
--- -- --- -- llent Blondifnen verlrulgell -p-- Hlg. das
i szs.
Weinen nicht. .pe seiue Haut erscien slecig, lr. ----i--== -
k.
.- Is mwosslibps
zerölhel d ihhre Gesiclzhz zrigzle sic burc die Belrubus
so erseh--- -=----alus sich utcht dareiu siutden lonnte. G
lis.i sss -s N?.
ihsi ihu leid, dus: sie sic eislellie, er sagie ihhr, ds: sie llnrecht
« vissnis ,znf- sn
Ce-, ; - ---»z-jw==ü.C F ;s- === --- s= -- -=oz -g ;u Übtl u=ssjgs
siu sn .if-sfissls
n spii: iiHsd
minkins
------ l «--- .r lonnnnte sic nuich. ..i;cliespent, sie h. -==--- =»-i-
i Iisisn
ssi imis Gls,
iIzss:ns:
li.s- I
sip-s
wie er 1olsl ;=; glMlsUl! g= - - F -= ;ohUlEl. =- -o -=-- us-
is i lmsn »ls
s:hsl
si,i is
t=-is s
z sjs- ssi
bor, llu- .-== hi auueh alter, alS er.
= -- j -Is s»--.- i-== uOgg1blg; Uh.u WElOs ir!.y- z=-=--
1. s.- s
s s-ssl si.-s s
sdi s
s s:ßiks
I
=- -- i-- .« 1hk zuruuck ; sie glaubte sich -- - schuldng z ----
dse.
T.s
ls s.- ?
s siss
=---üs aber sand sic duurch diese geslisse:ulliche ZuruClg==--u
N,mi:i
s,,sIsiinin
o- = -- - -ulzulfriedet heit Atit der Gel... 11 =;---- =
l..-s1?-ss ss
s-liip-s
s soiis- 1f
oz- sii
=--===- g -0 .eal a!! - ihhr scmsolle!id.. --== -spi-- -=ss
s.s1,s.- sin s
iiisfizs sluis
wiiiiiin
--z - ---- --=- - z -- ---ß--if -=z -- V-- -- -- zülS Ii1hsc ge-
d, Hsvlii - oy ln,iziss zfsfls -
fssnlz its
mvi v= si;- fni
e aK
i-=«-. habell ls«, llC, .üaV ey hiSheL -==-- sz hi -zss z--=
..siss.ss s hsss
F zs
Iissnn
shois isii
ss isdi:
.iss F
=- -h- ;ch ralhselh.;- =a pasligle ihn. Er wende- gg alb,
-ss- s? -
sFs ü
s.- N1,s.
o liss s-s. ». s.i»ls
ssd, sAiA f: A.,s pi
f-- misis Ges isd. FIs.i-
usui gsis EL.7ss -i sn = z==usoC! hlpuu s=sszs- »-s1 - - sz = ss 1nssps -- ==s gsss
ii7 ss z-ss-nsif.- isi- s?'
sp-- ull z=- - =- - z-- -p - -uulsl dle He, lg-- -z - --=-
-is is.- fhss.'
sss s
--- = --==gi liP wuar verscwvuOl!, -=- p l10C --z- -=p-=
,iss N,szimiI
z-.,s siisio
Ilin fi:-
was geschehen sei.
Sie ue. -g l llceilen, als er di= , ---- - =-p-i--
e Diis
sss,- ss.:
innf nppl,issps
ha ; e -== = - das anch, sah sic nnac hr u un und wvar ===«
ss
vi,l
dck
sss- -
lF =s si;- z-Fsis -»-lils,ss,- t=mnn iinn -
lwwp liiiio
; - -p- I== -- j- -»g - --=== - =-- -w-=u. .ill'I zFhs1V; l== - z--s-
sw--il
-? »
- I,ss,- v zfs,sis J nin
ossn.siie. S,-s. dos- Fs=-,is. üni: s.sss
1iuz..u - - n=z- =e.« aulli,hui-ßw t - z=- ==H = - »D- -==- -=s;=- s= n - - s-ss-
zu huun pslegle, un von ihr nnoch eien Gruus;, noch ei-=-=-
noss ssz?
Zl -p=---- -- »=- z z=a1lS, rS -uo -g« alleß so leer bor nd
sAsss flii
ili l fnss F,. s»-s. siis-
eS lag, -g- uilles, wa? iE=-=- -- -==-, so fern, so l=D -- -=-s
i s.i A
s, s,issis iihr
sis .!
z Kmnn

18
.vsfp-s s.i hsif -li =mis difs,miis 9lz. ois s.lzß,. ! Pszs,s. si- üsh n
F-ss 1s, s -? b=e.i- = =? = ue i - -.-s -n s » iszz= ii=uh== - - - ss=zz b -z - Duii « g.., (h((
=-s,-s.- s
j- s- b .al u-- - zh- =-=- -=«s., 1 Iaa ;.. lil üuuu=e ., » - - s n=sg --
Issz -ssi?ws:
H.- si. i
i,-l if.s liwis
. s? es.
als sei Nenats schon sehr lange fort! Si- seuufzte, faltete die
Hände ud erscral, als der Auisruus: Er isi-in Mai, und Duldent
s ihs,- ! . iis si,- s
-; des Weilee Lvos! iiber ihre Lispen gzlll-. -- -- -w---- - D
1?t -
diesein Auiöruse, z diesei Gedanilenn ? --- Tne weinte hitierlichs.
Nenauln - hingzet uar srols, aul er sics aus ver « - sle
-.i--
-=-- Hildegard't Gesiihhlsweichhheit und -;- --b-= --=-- -
sszi. -PlIisis lisisis
s.iisd
nhm Amzsl grmecl. isr wiinuuscie nicl. kerzz leichen üsler zu er
s ßs, s,. fs-ss .i-i sihfs. (T
lofiof: f ffih ls,s:
D»»1sz - - f s C liGs s s(z =is1s » -
-»l gunz leic. -.t's Herz.
s siiss
il.
ssn iii. z i;- Npse sis
N..s:i -
=. uuuE1u su?«izG - - z=l. zall !b llu
ifsd.
- IVl»,b »11O-- - I tueuu . u
s ==y s - s »s - s .. --
als der frisch- Wind ihm duurch die
den Zinneru der Gräfin war ihm
o»d..»i üüszfs- isnd dwis N
lUis.iifi s;s
zn= -- ..us ßh VIg1t. u.u--z s - = i-e =ai z. -z= u- j -- ba-iziii si«s =
l.,-ss,-sssiissA
hpiiis Aizpi:
eofnspi: !--
C,V1»s- 1 =1- -
Sr poreuklirrendenn Tritie? einherschreitend. -- -- - --
s s,-ß Iz Aois
, z!
== =-- -p ;-bEl ghizs- -0-; ==-- - zpb;- - -e;Cligl. .., e zg; ll!
sl,-sl,-- -iss
-ii doiis N
f.isss--
s. etsliizs!'
pz
Hehez; demt Sä1he. -p- ----- g...b llS .- - =--= ---=» j--j -o--
s ssli-d
ü.il
dp. elsni d. iissd sss,-s- ssiss
iis.dpf mii.iis E,.-;,- sL,isssn-iii-
s üis ls . ilii -ii. Nist iind sinis
ui « ==« ls ivu li - zz»=- Li »»s,11s =illi.i « 1 »1b - 11 « =llfs, l1ll E 11lii
---- --prhaften Gennugthuuuna saate er sich, daß ihn nichts auf
oissy Hs
b.s- s,ss ii.i-nifls.l.i,-
= - -- -- - -=i-==-- slch umt Hildegard ? Ennfindlichkeit und
lFsifiisdssmisissi -
: s sszsisnsi:
- pz s s-
=--z=-;--Kz= -s -= - zs- -=---== -, D. - - ui 110 Vblllz, ;-« , 1OOl
- fp-
vollg uugebuunden sei.
Isilipi! ii -
- hiiiiAoislis-ss si,niipis sis -piipii: oi iizinsin
? -- -=z--- utulß hügzuee. nu=»iug» ss I=i =s s» s -w-j- -n»s =- s=s jss
-. ?
wisns lsnlins PFz-s- iiisd. Ish,-z-ss
s,us s,ss - s.lii sfAiw,s-
11s =sl s»l). 1 u' .eli =.uf, uiii«1b C1=lV1- »u -lA klslO ===. « » s?
s= wiiunl, llilb «« -=in ..« ;.ul .- -- =g - -'» - pz-=sF s s -
isfps
, -p k -sissf.- sj ,'
.ä ini.sii iiip-s. -
s.i s.iis
,..is
=-==- gchabt: es lag etwva? =-== üuehes in seiner
1,.iessl
sisz- süis AoS
is - - .js usu
Oheim hakie
oisds:,.ss
Fue -szo-i -
iissi dis s !- ssoiic
sins =- =s -- .se =---- e, «.:C, Weee- « -« .li Fl gzi Dss Iun s - - =- - i»=i K
,isss
sinf is ss -
lziinss liii. (ßi ssise
siss s ss,insssnisnoi iwwif pissihfs R?,- Pszzßs,sispss d
=-s ---z- -- -== - ----;--ss ===- ---s--z-=- orß lygfgz; Geyggy
Zs- -=- ---- --- .a EFine ntußte dr ihn! Hs-=-=- --
-----ss- eig Mej
u s szsil,s ii A
i»=- --- - - =.i dyy lIys, .o- == -=--s..lll lhee-- -- -
iid 9i1,si-i
s,zpzs spiiisni si
,li s- p
-
czse
gngp HgK

Kapitel 31

I wölftes Capitel.
zst u dieseibe Zeit, i welcher Nenois die Wohnzng
der Gräfin verlies, stand Paul vor der niedrigen Thüre eines
Zimmers, das in einem Hinterhause derselben Strasze im dritien
Stockwerle gelegen war. Aus sein Klopfen rief man: Herein!
und ein mitelgroßer, sehr schmächtiger Mann erhob sich von
dem Tische, an welchem er schreibend gesessen haiie.
Er trug einen hechtgrauen, alumodischen lleberrock, eine
Kniehose und Weste von schwarzem Tuuche, und selbst den Puder
und den kleinen, steifen Zopf, der ihm sest und gerade am Hin-
terkopfe sasß, hatke er gegen die veränderte Sitte beibehalten.
Alles an ihm und in seinem Slibchen trug das Gepräge pein-
licher Genauigkeit und Ordnungsliebe. Lineal und Papierscheere,
Federn und Bleistift lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf'
dem Tusche, das Wasserglas war mit einem rundgeschnittenens
Papier bedeckt. Um den Käfig des Hänflings, der reich mits
frischem Vogelkraut behängt war, fanden sich Papierstreifen durch'
das Gitter gezogen, damit der Vogel das Futter nicht verstreuen
kömte; selbst unter die kleine, irdene Vase, in der einige Weiden-
zweige mit ihren grauen Blüthenkätzchen sich im Sonnenscheine
entfalteten, war ein zierlich zurecht geschnitienes Papierblatt ge-
breitet, und Paul bemerkte mit Vergnüigen, das; das Gesicht des
schon bejahrlen Manues, der ihn empsiug, eben so ruhhig und fried-
lich aussah, wie das Stübchen, welches er bewohnte.

--- Zg!---
Auf seine Frage, wie es ihm ergeh, antwortete der Greis:
Gut, gut, lieber Herr Tremann. Wi: sollte es mir anders
ergehen, da Sie so gütig fir mich sorgen? Ich habe ja alles,
was ich brauuche, und das müssen Sie sagen, ein so hübsches,
somniges Zimmer habe ich nicht gehabt, selbst nicht, als wir das
Stockverl im Flies'schen Hause noch ganz allein bewohnten.
Er schob bei den Worien sir Pauul eine Siuhl an das
Fensier, machte ihn auufmmerlsam, wie der Schnee in der lezten
Nacht geschmolzen sei, wie in den Grten, auuf die er aus seiner
Wohnuig hiniter sah, sich an einzelnen Stellen schon der Rasen
über dem befreiten, braunen Boden neu zu färben beginne, und
sagte dann: Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf
nach demn Himmel, und habe solch einen schinen, weiten Horizont
vor Augen, so denke ich immer nur mit Screcken an die Arbeits-
stube, in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten meine
Tage hingebracht habe, und ich frage mich, wie ich sündiger
Mensch jetzt nr ein so ruhiges Leben und es in meinen alten
Tagen noch so gar gui auf Erden haben lann.
Denken Sie, daß Sie es durch Ihrr Gite für mich ver-
dient haben, meinie Paul.
Ja, freilich, das muß ich mir denlen, went mich nicht
drücken soll, was Sie finn mich thun. - Er schwieg einen Augen-
blick und sagte dann: Ich weiß nicht, was auus mir geworden
wäre, hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen Helfer
in der Noth gesendet. Nicht wissen, wo man sein Haupt zur
Ruhe legen soll, und nicht wagen, sich mit seinem grauen Kopfe
vor den Menschen, die man gekannt hat, sehen zu lassen, weil
man es mit Schimpf und Schande beladen, weil man im Zucht-
hause gesessen hat -- das ist gar zu schreckich. gar zu schrecklich,
lieber Paul!
Er senulle dabei sein Gesichi in seie Hände; aber als
der Aundere ihn ermahnte, diese trüben Gedanken von sich fern

N,i e
zu halten, meinte der Alte, es thue ihm gut, sich einmal aus-
sprechen zu dirfen.
Sehen Sie, rief er, indem er sich erhob und aus der
Schblade seines Tisches ein in schwarzes Leder gebundenes
an Sie, und weil ih
Hüüchelchen hervornahm, ich denke immer
sonst gar nichts für Sie thun kann und
anzunehmen habe, so schreibe ich hier in
immer nur von Ihnen
dad Buch, das ich mir
eigens dazu habe binden lassen, alle die guten Lehren ein, die
ich mir aus meiner verkehrten Handlungsweise abgenommen habe,
und das soll einmal Ihr Erbe sein, obschon Sie meiner guten
Lehren wahrlic nichl bedirsenn. ls will duc aler Jeder gern
elwas z geben und zu hinlerlassen haben.
Er hielt Paul das Buch hin; es hatte einen vergoldeten
Schnilt, der Tiel war wie eine Fesigabe in schönster Fraltur-
schrift geschrieben und trug unter der reichverzierten Neberschrift:
, Erfahrungssäze und Sinnspriche'', auf der ersien Seite' äls
ssas
, ersle Lehre die -«orte: ,Gil nie einem Weibe Gewall -u=--
- N.
; =-ich, denn des Weibes Herz ist verkehrt und sein Thun und
c
i A -
; =-eiben eitel!'
Herr Weisßenbach schien großes Gewicht auf diesen Aus-
spruch zu legen. Wenn Sie wisßten, sagte er, wie öft ich mir
das in meinem Ungliicke vor die Seele gehalten habe! Und
ich war nicht am unglicklichsten, als das Geheimnis; meiner Ver-
schuldiguung entdeckt, als die Untersuchung gegen mich eingeleitet
und mein Urtheil erst gesprochen war, als ich die Untreue, mit
welcher ich die mir anvertraute Kasse angegriffen haite, im Ge-
fängnisse büste. -- Er blätterte in seinem Buche,
mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief:
da steht es: ,Ehre annehmen mit dem Bewusßtsein,
zeigte dann
c.s.=s ä
=' sfs-sK »»'p
sie nicht zu
verdienen, thut einem Rechtschaffenen sehr wehe!'?-- Und ich
kann mir das sagen und Sie werden mir das bezeugen, lieber
=uremann, ich war ein rechtschaffener Mann. Ich bedurfte nicht

» ( s
---- --jgh=-
viel, ich=u zufrieden, wenn ich ruhig bei meinen Acten saß,
iHH
wenn ich meine Pflicht that; aber ich hctte einem Weibe Gewalt
über mich gegeben, einem jungen, einen. shönen Weibe, als ich
k»is e
-=-- Hnglitg mehr war, und ich kruuute einer Delila! Ic
fzAii f.
--»-»---. ich folgte ihr und ihren verfihrerischen Nathschlägen, weil
ich ihrem klugen Kopfe und g- -- - = ==- ---=--=----=-, als
ssz»pp vwzpesp-- HE,.yfofs feplif
- meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte! Das
soll man =«- -=l, soll man nicht thun!
,s.s - s siis
Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne; aber er
fand es endlich doch uöthig, seinen Erzäh' ungen und Herzens-
ergiesiüingzen ein Enide zu machen, indemn er ihz bai, sic der
Gedanken an seine Schuld, an seine sassation und an seine
Frau zu entschlagen.
D,s- 9ss.-
=-- - -==- versicherte, das; er dies auch hue. Nur wenn
sie hier war, sezte er hinzu, -enn sie einmal wieder lier .e.
dann wurmt und brennt's mich wieder, darrn wacht Allcs wieder
auf - und heule isi sie dagewesen!
Ma
=-as wollte sie? fragte Paul.
Nichts, nichis, lieber Herr Tremann. Seit sie bei dem
Grafen ist, hat sie nichts von mir verlangt, sie hat's ja -=
bei dem vollauf.
Aber weßhalb kam sie denn, sie pflegte doch nichts ohne
Absicht, nichts umsonst zu thnn? meinte Paul, der seine Ab-
neigung gegen die Kriegsräthin nicht verhehlte.
Der Alte sah sich schich u und sagte: Das; ich die
zfpzi:

==-»rheit sage, sie kam Ihretvegen!
z Meinetwwegen -- und wie das? Was wull sie von mir?
Gewis, lieber Paul, ch wollte sagen: lieber Herr Tremann,
npvsi»szpsz-s,-
----==--- der Kriegsraig, dieses Mal hatte sie keine -==---s-
-
Jsoi
, dieses Mal meinte sie es gu-- -- ---ze. ob ich noch immer
s »,. s----s
- Ms» s.6 s.ss.
- -- =--. ob Sie mir noch das Monatsgeld gäben, woher
uh die Arbeit hätte, was ich fir Sie schriebe? Ich zngf---
s1s 1»1s

- Zge--
die Auszüge, die ich für Sie aus den Zeitungen machen mußn
sie besah sich das alles, denn sie versteht sich auf dergleichen,, un
als sie schon im Fortgehen war, drehte sie sich noch einmal um ,
und sagte: ,Der Paul hat uns zwar schmäihlich verlassen und -
ist eigentlich an Allem schuld, denn wenn er bei uns geblieben
wäre, würde Alles anders geworden und wir nie in die Ver- -
legenheit gerathen sein. Da er Dich aber in Deiner Noth undI
in Deinem Alter wenigstens nicht verläszt - denn ich brauche ;
ihn nichl, ich weis; mir selbsi zu helfen--- iuud da ich Dir seinen -
Beistand auch nicht entzogen sehen mag, so sage ihm, er solle
machen, daß er von hier fortkomme, und zwar je eher, destoI
lieber! Sag ihm das, und ich verlangte keinen Dank für
meinen guten Rath!
Und damit ließen Sie sich geniigen? Sie erkundigten sich -
nicht, was diese Weisung, diese Warnung z bedeuten habe, ?
--
worauf sie sich beziehe?
Der Alte sah ihn verlegen an. Sie wissen, was meine I
Laura nicht sagen will...
Er brach ab; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegs- -
rath. Er stand vielmehr auf, händigte dem Greise die Pension, ;
die er ihm seit dessen Freilassung zahlte, fir den nächsten Monat ;
aus, sagte, daß er sich dieselbe aus dem Flies'schen Comptoir ?
für die nächsten Monate holen möge, und wie er in dem Bureau -
des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zufage erhalten ?
habe, daß man Herrn Weißenbach auch ferner mit Copisten-;
Arbeit beschäftigen werde. Dann nahm er seinen Hut und wollte?
sich entfernen, aber der Kriegsrath hielt ihn zurick. Er haite -
offenbar noch etwas auf dem Herzen, das er sich zu sagen scheute, -
und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage, ob er noch irgend?
etwas wünsche.
. -?
Der Alte sah ihn scheu und bitiend an. Sie haben' sß-
viel fiür mich gethan, lieber Herr Tremann, sprach er endlich

s
i ;
--- ZeJ-
, und ich danke Ihnen, daß Sie sich so fü mich verwenden! ich
e
? thue mein Möglichstes, Ihrer Füsprache Ehre zu machen, aber...
Nun was denn?
- ;
Aber könten Sie mir nicht etwwas zu rechnen schaffen?
K
F rief der Alte, und er sah so hell dabei aus wie ein Liebender, der
? endlich sein lange beabsichtigtes Geständniß anzubringen vermochte.
F- Etwas zu rechnen? Aber was soll das sein? Weßhalb
J eben etwas zu rechnen? Sie haben ja Arbeit genug!
?
Ja, Arbeit, aber lein Vergnigen, keine Freude! r.ef der
- Alte. Solch einu Blalt, das ich abschreib, steht vor mir und
z rückt und rührt sich nicht; es ist mein Herr, ich bin sein Sclave,
? ich darf nichts zu-, nichts abkhun, jeder Buchstabe ist mein
Meister. Aber Zahlen, die commandire ich, die fige ich zu-
sammen, die vermehre und vermindere, die verbinde und theile
-
z ich, die sind meine Geschöpfe. Und wie schön sieht es aus, solch
z ein Cassabuch, wie statilich, wie majestätisch, wenn die Stellen
I unten sich auuf jeder Seite mehren, woenn es in die Tauusende,
? in die Hundertiausende geht! - Er hielt ein wenig inne, als
:
f schäme er sich dieser Aufwallung, und sagte dann ganz leise und
s
z. bewegt: Ich war sehr glicklich damals, als in meinem Haupt-
1I buche das Soll und das Haben sich noch wohl vertrugen, als
! - ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen, schlanken Zahlen-
! I reihen blicken konnte; und - ich würde hier in dieser schönen,
g J ffillen Stube recht glücklich sein, wenn ich wieder etwas zu rechnen,
,? wenn ich wieder die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und
! - oor Auugen hätte! Es ist das Einzige, was mir zu meinem
! - Glicke und zu meiner Zuufriedenheit fehli!
t
Paul konnte nur mülhsam sein milleidiges Lächeln verbergen;
h, er versprach dem Alten, an seinen Wunsch zu denken, und als
1- dieser ihm die =gur öffnete, um ihn hinaus zu lassen, fragte
Ac,t
d --
h; er: Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus? Wissen
;. Sie das zufäslig?
u -
k?

IäG-
Meistentheils Franzosen, entgegnele der Kriegsrah. Ein
Baron von Castigni kommt alle Tage. Meine Laura sagt, es
sei ein verbindlicher und feiner Mannn. Aber auch von den
Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere, und
in den lezten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten
öfter bei dem Herrn Grafen zu Tische gewesen. Heute ißt er,
glaube ich, allein mit ihm.
Paul hörte das ohne Eigegnuung an und schied von dem
Alten mit dem wiederholten Versprechen, an die Erfillung seiner
Winsche denken zu wollen; aber die Frage, was die Warnung
der Kriegsräthin zu bedeuten habe, beschäftigte ihn doch mehr,
als er es dem Greise zu zeigen fir angemessen fand, denn sie
traf mit den Bemerkungen zusammen, welche auch Herr von
Werben ihm in dieser Bezichung gemacht hatte. Da er nicht
dazu neigle, seine Person und seine Thäiigleit höher, als e!
recht war, anzuschlagen, fiel es ihm auf, daß man überhaupt
a- »
von französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war. Seine -
Geschäfte waren nicht größer, nicht bedeutender gewesen, als die
mancher anderer Kaufleute, seine Reisen hatten an und für sich
auch nichts Auffallendes, und der Verkehr, welchen er zwischen -
den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden -
vermittelt hatte, war mit solcher Vorsicht behandelt worden, daß -
er nicht wohl verrathen sein konnte. Den Grafen Gerhard, über
dessen Verhältniß zu Seba er nicht im Zveifel war, hatte er-
seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen. Er trug auch kein
Verlangen danach, dem von ihm in jeder Beziehung verachteten,
Manne aufs Neue zu begegnen, und mit dem Herrn von Ca-
stigni, mit dem er jezt im Flies'schen Hause freilich beständig -
zusammentraf, hatte er keine Unannehmlichkeit gehabt. Die ein-
zige peinliche Berührung hatie gestern zwischen ihm und Nenatus I
Statt gefunden; damit konnte aber die Warnung der Kriegs- -'
räkhin, die ohnehin von ällerem Daium war, nichts gemein
=-

--=- eg ! =====
haben, und es blieb ihm auf diese Weise also lein Anhalt fir
seine Vermuthuungen. Da man sich jedoch untrr der obwaltenden
französischen Gewaltherrschaft auf jede Art von Spionage und
Angeberei gefasßt halten muste, so war es ihm erwünscht, mit
seinen Agelegeheiten so weit vorgeschritten zu sein, das; seiner
Abreise nicht mehr viel im Wege stand.

Kapitel 32

Dreizehnt eä Capitel.
lheeud dessen war Nenatus bei seinem Ontel ange-
langt, und da der Graf es liebte, sich noch zu den jungen Leuten
zu zählen, von ihm mit einer fast kameradschaftlichen Heiierleit
empfangen worden. Er wußte bereits von Castigni, der in der
Früühe bei ihm gewesen war, das; sein Neffe den lezten Abend
im Flies'schen Hause zugebracht hatte, und warf lächelnd die
Frage hin, wie ihm denn der Güinstling dieses Hauses, der soge-
nannle Tremann, gefallen habe.
Sie kennen ihn also auch? fuhr Renatus auf, während
dad Bluut ihm zu Kopfe stieg.
Der Graf bejahte dies in einer Weise, die darauf berechnet
war, sich dasjenige, was er wusßte, abfragen zu lassen, und er
erreichte auch seine Absicht, denn Renatus fiel ihm mit dem Aus-
rufe in die Rede: So sagen Sie mir, Onkel, wo war der Mensch
bis jetzt und wie kommt er in das Haus?
Der Graf zuckte die Schultern. Hast Du noch nicht be-
merkt, mein Lieber, wie zufällig die Gesellschaft sich bei solchen
Leuten, die um jeden Preis ein Haus zu machen wünschen, zue
sammensezt? Ich könnte Dich mit gleichem Nechte fragen:
Wie kommst Du dorthin? wüßte ich nicht, daß Flies von Alter
her der Geschäftsmann Deines Vaters war, und Dein Vater
hat seine eigenihimlichen Wege, die zu kreuzen nicht meines
Amtes ist.
Er that, als wolle er von dem Gegenstande abbrechen;

J1s--
indes; Renakuus war damit nicht gedient, und da er geneigt war,
sich der Einsicht seines - lels heute uehr ali sonst zu . -=-
Oas
fin
weil er heute einen Beweis von der Meschheleni!is; desselben
gewouen zu haben meiule, sagie er: Sie selber haben ja früühher
die Flies gekannt, uud es dinkt mich, fiigte er in einer ihm
fppiiid
-==en, leichifertigen Weise hinzu, mil der er sich dem genöhnn-
lichen Tonne des Grafen anzuuupassen snchle, und es diünli uich,
Sie miissen in dem Flie- ;hen Hauuse mehr als nur eine Ein-
= s.
auartierung gewesen sein, deu.. aeba weicht stels aus, wen ich
e T
s
von Ihnen spreche! In welchem Verhältnisse stande. =- 1-=- -
ss Wf -
Her Graf lachle hell auuf, Nenau uacie ihm in seiner
steifen Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck,u - --- =--
Ho h sips ssis
nicht merlen, das; dieses Lachen uicht der Frage, sondern dem
Frager galt. und entgegnete: Ii dem einzigen Verhältnisse, in
inn.1,s..
-= -pun Unsereiner zuu einem Judenmädchen sehen kan! Um
s.-.. N1. s.s.
-=---»rg zum Christenlhume, das sagst Du Dir wohl
szss.=- i
o-- --»r mir's nicht wesentlich zu khun!
oueenals hatte bei der Art seiner Fruge auuf eine solche
zs
-==wort gefaszt sein müssen, doch war sie ihm widerwärtg. Er
fand nicht gleich die Eigegnnng, die er zu geben fir nöihig
hielt; jder Graf lies ihm auch nicht die . --- i -- -ung
VV,s ss. =»-ss s-
zu suchen.
Ein eigener Gedank.. ach in das Haus zu schicken! Eine
. cd
fmiifd.z-ls, slzs. f- ff.lFos mn-f h
--=-- -=- =--s- --- -==»=-- --==-- Slcs üherhgutt sfßr den
Feldznug fir das Leben vorbereitet hat, fir diesen Krieg Aller
wider Alle! sag-- - ,lozlich. Aber das vargessen sie in ihrer
eir p s
Weisheit! Sie lassen Euch in die Welt gehen, ohne Euch dn;
,
Gefahren zu zeigen, die Euch drohen, ohne Euuch vup =- ,
z--s,s?.-
---=--=--- mit nichis auusgestaitet als mit Eurer Unschuld und Be-ß
fmsnFlsoHs
doss1,N.f,.ls
s=-=- , und dann wundern Fe sich, woenn Ihr wie die ;
Drosseln in der ersten Schlinge und ann -- -=-- --=-- -b--- R-
do sp-sipin z ni sinfs »-,sff.f
N,pz-= s.?
==-- zugen bl.t.., die Euch in den Weg komnt! Arme Grä-
-s.s

-- Zßß--
finnen und reiche Juden, das ist alles Eins feine Vogelsteller,
die ihre Vögel kennen und ihr Garn zu legen wissen, jeder auß
seine Art - und Ihr fallt dann auch hinein - Jeder auf -
seine Art!
aa, leider! rief Renatus unwillkürlich.
Leider? Was weißt Du davon? fragte der Graf, der bis-
dahin im Zimmer umhergegangen war, vor seinem Neffen Fuß -
fassend.
Nenatus zögerte zu antwworten. Er wußte, daß der Graf -
nicht der Mann war, die Neigung zu würdigen, welche ihn mit ,
seiner Juugendgespielin verbunden und der er sich in der letzten
Zeit mit so viel Hingebuug und Wärme überlassen hatte. Er
wußte eben so gut, daß er heute absichtlich ein Unrecht gegen ?
Hildegard begangen habe und das; er dieses steigere, indem er -
den Grafen in dad Vertrauuen ziehe; aber er konnte mit Zuver- I
sicht darauuf rechnen, von demselben wegen dieses Unrechtes nicht''-
getadelt zu werden, er durfte vielmehr hoffen, Aufmunterung zu
erhalten, wo er selber sich Vorwüirfe machte, und weil er in ;
jedem Betrachte unzufrieden mit sich war, verlangte sein(ghhän- -
giges Wesen nach Lob, gleichviel, von wem ihm dieses köinme oder -
wöSäif - sh beziehe. Trozdem fand er es schwerer, als er -
sich's gedacht hatte, von seinen guten Gewohnheiten, von den -
Ehr- und Austandsbegriffen zu lassen, in denen er erzogen und -.'
aufgewachsen war, und dem scharfen Auge seines Onkels aus-
weichend, entgegnete er, um Zeit zu gewinnen: O, von mit
ist nicht die Nede, und Sie, Onkel, Sie können derartige Ed-
fahrungen doch nicht gemacht haben? Ihr Glick bei den Frauen-
ist ja noch sprüchwörtlich im Negimente!
Der Graf nahm eine ernste Miene an. Ich habe mich.
sagte er, üiber die Frauen nicht zu beklagen gehabt, weil ich feei
zu bleiben und zu schweigen verstand und weil ich dasjenige zu -
vergessen weiß, woran ich nicht erinnert zu sein wünsche. Gehe

s
== Z P =--
hin und ihue ein Gleiches. fügte er lächelnd hinzu, und sie
werden, wenn sie nicht Deines Lobes voll s- nd, doch ausweichen,
F wenn man von Dir spricht!
F Wie Seba! fiel Renakus, der sich erinnerte, wie er sich
s vorher eben dieses Ausdruckes bedient hatte, dem Oheim, als
z habe er eine Erleuchtung erhalten, lebhaft i: die Nede. Wie
ß Seba thnut, wenn man von Ihnen spricht!
F- Der Graf lcs: den Auusruf unbeautvortet. Erst nach einer
hzgeraumen Pause sagte er: Weni die Frauen ihre Vergangenheit
; so ganz und gar vergessen, geben sie uns das Recht wieder, der-
z selbet zu gedenken. Es ist belustigend, zu hbren, wie geläufig
die großen Worte Deutschthum, Juugfräulichkeit und Tugend
, dieser Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind, wie
F se einander stitzen und tragen, weil die meisien von ihnen auf
z schwachen Fisien stehen, und wie alle doch nur den Einen Zweck
g der Selbsisicht verfolgen ejtegg, Mauu zu hehouyngn .oder. die
J IaOI hen Mann zu hringen Nr shade. daß man's
Z merkt!-- Ich sagte Dir neulch Nimm Dich mit den Nhoden's
z in Acht! Die Warnuung war vielleicht vom Ueberfluß, dent auf
, bie blonde, schmachtende Unschuld has. u's wohl nicht abge-
s c
z sehen! Ich sage Dir heute, vielleicht mit gröserem Nechte: Sieh'
g. .ch mit den Flies, mit Seba vor! Sie könnte fir Davide zu
Z erlangen winschen, was ich ihr zu gewähren lroz ihrer Zuuvor-
lommenheit nicht für angemessen fand, und sie gehört zu denen,
,die vielleicht großes Spiel fir Andere zu spielen lieben, iachdem
,sie die Partie für sich verloren haben!
Er ging an seinen Schreibschrank, sezte sich vor demselben
Fnieder und suchte anscheinend etwas unter seinen Papieren.
, Msenatus war es äußerst unbehaglich zu Muthe. Er wußte seinem
F
=Oheim für diese Mitiheilungen keinen Danl, obschon er selber
K sie hervorgerufen hatte, dennoch reizten ihn die Andentungen, die
, halben Aufschlssse, welche derselbe ihm machte. Weil er sich
?

selber tadelte, gesiel es ihm, die Andern auch nicht verehrenswerch
zu finden, und doch stieß ihn der Gedanke zurück, daß er sich
bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise bewegt haben sollts-
der dieses Wohlgefallen, der die Achtung nicht verdiente, mit-
welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich anges -

schlossen hatte.
Er häite mehr erfahren, mehr wissen mögen, und scheute I
sich doch davor. Er ärgerte sich darüber, das: er sich der inner- I
lichen Betrachtungen nicht entschlagen konnte, er fand es lächerlich, ,
daß er sich Sorgen und Vorwürfe über sein Verhalten gegen -
Hildegard machie, daß es ihm weh that, von Seba, von Davide ;
geringschäzig zu denken. Er wünschte sich den leichten Sinn, -
ja, den Leichtsinn seines Onkels. Bas nuhtezp jn ßzg ßggen ?
Grundsätze in einer Welt und in einer Gesellschaft, welche nicht auf -
sölche Grundsäze erbaut war? Er hatie sich, wie er meinte,in z
der That über die klösterliche Erziehung, die man ihm gegeben,?
zn beschwweren, er pasßte durch sie nicht einmial mit seinen Kame- Z
raden zusammen, gegen deren fröhliche, auf den Genuß gestellte z
Sorglosigkeit er sich bisher so verständig erschienen war. Was Z
sollten ihm eine Tugend, eine Siiilichkeit, die ihn nur schwer- -
fällig, die ihn pedantisch erscheinen ließen und die es ihm doch ,
nicht ersparten, mit sich selbst in Zwwiespalt zu gerathen und
Andern wehe zu thun? Er hätie nicht anders sein mögen, als -
seine Kameraden, er hätie ein gliücklicher Verführer, wie sein ?
Onkel sein, und sich in der Wärme seiner Erinnerungen somnen?
mögen! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft, wie -
man nicht mit Einem Male tugendhaft wird. Jedes Ding wil?
gelernt und geibt sein, und mitien in dem Verlangen, eineng
Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und den Amerikaner auk;
dem Felde zu schlagen, überkam Renatus der Gedanke, was die?
. Mer

---- dDd---
schönen Jüdin und nach Triumphen auuf dem Felde der Liebe.
Daneben ärgerte er sich wieder über dieses hallose Schwanken,
über dieses Wollen und Nichiwollen, und u nwillkürlich diesem
Aerger Worte leihend, rief er halb finn sich aus: Herkules am
Scheidewege ist doch eine alberne Figur!
Der Graf wendete sich nach ihm um, und als habe er ihn
nicht verstanden, fragte er, was er winsche.
O, rief Nenatid, unsere ganze Unterhaltung ging mir durch
den Kopf, und ich muste mir sagen, dasß di: symbolische Fgur
des Herlules am Scheidewege albern sei!
Sehr albern, wiederholte der Graf, während er sich von
seinem Platze erhob - und um so alberner, als die Dinge, welche
man Tugend und Laster nennt, gar nicht so bestimmt zu trennen
und weit näher mit einander verbunden sind, als man uns in
der Jgend glauben machen möchte. Was ist Fuigegg? Fg, hög
sig, guf? Wo fängt das Laster, an? --- Hirngespinnste und
Ammenmärchen, zum Besien einiger Wenigen eifunden! - Er
nahm eine Prise, ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers
auf und nieder und trat dann an das Fenster, durch dessen
Scheiben er in die Strase hinaussah.
Er haite noch nicht lange so gestanden, als sich sein Neffe
zu ihm gesellte. Der Graf hatte das erwar:et, ihat aber, als
- beachte er es nicht. So ging eine Weile hin. Endlich klopfte
er dem Jingling auuf die Schulter und sagte mit einladender Zu-
traulichkeit Nun, heraus damit! Was hat's gegeben? Denn
geschehen ist etwas, wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht
zu helfen wissen!
Renatus fuhr aus seinem Brüten auf, und innerlich von
- dem Einen Gedanken hingenommen, der ihn scit gestern nicht
verlassen haite, rief er, durch die plözliche Anrede aufgeschreckt
und überrascht: Beantvorten Sie mir Eine Fruge, Dnkel! ist
- dieser Tremann meines Vaters Sohn?
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. l.
A

t
-»D-
So gewisß, als =. selbst es bist! enigegnele der Graf ge-
eH.
lassen, der freilich irgend eine andere Anforderung erwartet hatie.
Der junge Freiherr bis: sich in die Lipse, seine Nasenflügel
blähten sich im Stolz. Aber woher diese ausßerordentliche Freund-
schaft mit den Flies? Woher das grosie Aufheben, das sie uit
diesem -- Menschen machen?
Spekulation! lachte der Graf.
Aber worauf, worauf?
Worauf? Auuf die Guinst des Zufalls, auf den diese Leute,
denenn eö von ihren lrödelhasien Ansängen inne wohnt, sich auf
Ozs
gliiclche Zufälle zu verlassen, nie zu rechnen verlernen : =-,
»lls
Graf hatte seinen Plaz am Fensier verlassen und sich behaz=«
an dem Feuuer niedergesezi. Er war misig und guut aufgelegt.
es --=- - -»n, die Aufregung seines Nesfen nach Belieben zu
ziffS»s.i,ss ,s.
erhöhen und zu dämpfen.
E ist übrigens ein eigenes Dug um dasjenige, was wir
H---- -=--==-, hob er nach einer anscheinenden Ueberlegu1g =--,
Pz.sß-ss fsvsfo-n
Man sollie ihm bisweilen eine Folgerichfigkeit, einen inneren
Zusammenhang z- -=-, an gewisse Vorherbestimuunungen glau-
zj f ,szp
ben, wenn man überhaupt zum Glauben und damit zum Aber-
glauben Neigung hat. Ich zum Beispiel stehe anscheinend in
einem geheimniszvollen Zusauneuhauge mit diesem: Monsieur
=--eann - oder Mannert, wie er eigenllich heisßt. Er wird
,
mir immer wieder in den Weg geführt, und es wird wohl
IK,fss:
i=-p--P mieines Amtes sein, ihn -=- aus dem Wege zl s=i-- ,
.s8sl-s
». O.s
auf dem er nun auus==-g behin=. z wwollen scheint.
A,wzs:
Renatus war sehr ernst geworden. Er nahm neben dem, ?
F
Grafen Platz und sagte: Wenn man an eine Vorh.-p=b---bu
p-zs,ss ssiifiiifen
glaubt, wie ich es nach de. aehren unserer Kirche und aus fester I
s C
Neberzeugung thue, so kann und darf man nichis in der Welt,
als ein bloßes Spiel des Zufalls ansehen! Es berührt mich -
daher sehr eigenthimlich, daß mir eben heute die Noihwendigkeit

?
====- FJJ =-=
aufgedrängt wird, mich mit diesem Sohne meines Vaters zu
beschäftigen und auf die Vergangenheit ueiner Eltern zuriück-
zublicken, die -- ich weiß das wohl - leiher keine glückliche
gewesen ist ! Aber in welcher Verbindung slehen Sie mit jenen
Ereignissen, deren man gegen mich nie mi: Osfenheit erwähnte,
die ich nur aus einzelnen Aeusßerungen kennen und aneinander-
reihen lernte? Sie würden mir einen Dieust leisten, Dnkel,
wenn Sie mir glles mitiheilen wollten, was Sie von jenen
Verhältnissen wissen, die fir mich ja von so entschiedener Be-
deutung sind!
? Die ganze Arleu'sche Pedanterie, die ganze Empsindsamkeit
der guten Agelila! ries der Graf. Nur schade, daß ek nicht
mit woenig Worten zu sagen ist, wie ich mit jenen Vorgängen
zusammenhänge! Gefühlvolle Seelen können etwas Verhäng-
nißvolles, etwas Romantisches in der sehr prosaischen Geschichte
finden, die nuur durch die leberspannung Deiner Eltern zu einer
Art von Wichtigkeit erhoben wurde! Du wirst davon gehört
haben, daß Dein Vater einer Jägerstochter, die ihm diesen
Monsieur Mannert geboren hat, aus philanthropischer Laune
eine Art von Erziehung hatte geben lassen! Sie dankte ihm
dieselbe, indem sie sich an dem Morgen, an welchem er zu seiner

g

?
?

Es war allerdings ein lästiges Zusaunmentreffen; aber
Dein Vater nahm die Sache unbegreiflich schwer, noch schwerer
berechenbaren Folgen seiner Handlungen, nicht für das Unbe-
rechenbare verantwortlich, was sie in Unvernüünftigen erzrngen.
Dein Vater empfand Gewissensbisse, machte sich Vorwürfe, Deine
-'
Mutter fand es nöihig, sie mit ihm zu tragen und zu theilen,
Euer vortrefflicher Caplan wußte solche Stimmungen zu benuten.
?
-
Ich weiß das! bemerkte Renatus mil einem Seufzer.
nahm sie Deine Mutier. Es ist am Ende Jeder nur für die
f
--
Hochzeit fuhr, ertränkte!
Man gelobte den Bau einer katholischen Kirche, weil eine Jä-
t
s
A

87 -
gerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war; und weil eine
lutherische Magd sich das Leben genommen hatie, machte Deine ,
Mutter, machte eine Gräfin Berka sich zur Katholikin. - Ic -
war damals sehr jung und Zenge davon, wie man die Er- -
trunkene suchte, und ich verstand die Logik der darauf folgendei -
Ereignisse nicht; aber ich bekenne Dir, das sich sie auch heute I
noch nicht versiehe. Begreife Duu sie, wenn Du kannst!
Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nhe -
wissen; man vertraute ihn also meiner jezigen Haushälterin, ;
der Kriegsräthin, zur Erziehung an, die im Flies'schen Hause -
wohnte, und ein nener Zufall brachie mich in demselben Hause ,
in's Quartier. Ich war es, der auch mit einer ganz zufälligen -
Aeußerung in dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter, ,
an seinen Vater weckte, und wie des Burschen Aehnlichkeit mli ?
Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich verrathen hatte, K
so machie die ibertriebene Zärilichkeil, die man silr den fremden ,?
Knaben im Flies'schen Hause an den Tag legte, mir bald klar, -
daß man gesonnen war, sich das Geheimnis;, welches man ?
Deinem Vater bewahrte, gelegentlich bezahlen zu lassen. Seba -
vor Allen schien eine ganz besondere Liebe für den Knaben zu -
haben, der beständig um sie war, und das machte ihn mir nicht ,
lieber, denn Seba war damals jung und schön, ehrgeizig und ..
phantastisch, abenteuerlich und zärtlich -- und leihtgläuhßg, wie -
die Weiber alle.
--
Er hielt inne, lächelte und sagte dan, die Auugen fest auf ;
seinen jungen Gast gerichtet: Du hast vorhin. mit einer Er- -
kenntniß, die ich Dir gar nicht zugetrant habe, die Fabel vom -
Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt. Die meisten -
, dieser Mythen sind Albernheiten: auch die Fabel vom Tantalus T
s ist eine solche. Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden ;
, Lippe, aber tausend reife Früchte welken, weil sich Niemand -
findet, der sie bricht. Es ist lächerlich, von verführten Weibern- ;
-

F
?
h
t
s
d


lichkeit, der eigenen Phantasie! Wie reife Früchte warten sie !
Wanderers, um bei der leisesten Berührung ihm in die Hand s
zu fallen. Nen, ich ging vorüber mit dem Durste der heißen !
Jngend, und-- die schöne Seba siel uin ohne all meit Z- s
thin in die Hang!
Onkel! rief Renatus mit nicht zu verbergendem Wider-
flissentlich zur Schan getragenen Sitienlosigkeit zurückschreckten.
Aber der Graf gehörte zu jenen Wistlingen, die es belustigend
z
te
verlernten, und als habe er den abwehrendeun Ruf des juungen
Mannes nicht vernommen, fuhr er gleichmülthig zu erzählen fort.
Wir ricklen an deuselbenn Tage, an welchem Seba sich
mir ergeben hatte, in das Feld. Ich erhielt einige Briefe,
klagend, biiiend, drohend und beschoörend, wie eine J.ue sie
e
?
schreibt. Ich beantwortete sie nicht. Jahre vergingen, ich glaubte
die Schöne längst getröstet, wähnte das Abenteuer längst be-
graben und vergessen, aber ich hatte die eigensinnige Beharr-
lichkeit der Juden nicht in Anschlag gebracht, die, wie gesagt,
jeden Zufall zu benuzen weiß und der kein Umweg zu weit ist,
wenn er nur friher oder später zum Ziele zu führen verspricht.
Mich zu rühren hatte Seba nicht vermocht, mich zu bestimmen
hakten sie und die Ihrigen keine Möglichkeit, aber mich über-
listen und durch Neberraschung gewinnen zu können, hatten sie
h
t?
am Bauuume sehnsiichlig auuf den Durst dee voribergehenden j
finden, Andere erröthen zu machen, went sie selber zu erröthen
s
d
zu sprechen! Sie unterliegen immer nur der eigenen Begehr- ;
willen, weil seine Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher ge-
f
E
-- ZH?--
st -

t
t
nicht aufgegeben. Sie wußten von unseren und von den Ver-
hältnissen Deiner Eltern durch den frchitekten, der Euch die
Kirche baute, durch Euren Atmann, dem Flies die Mittel an
die Hand gab, sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze
i
zu machen, was sie zu wissen wünschten, und mehr als das.

hE
Arglistig stellte man Deiner armen, kranken Mutter den ihr
ls
f
ll.
z
h

88
verhhasßten Bastard gegeniber, und als die Aermste zusammen-
brach, da war der Meuschenliebe und der Dienstfertigkeit, der
s«u sicht und der Hingebuug fir sie kein Eie. Neier dem
7,
sio
Scheine der höchsten Uneigennüzigkeit erschlich sich Seba die
Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter. Als ihre einzige,
als ihre beste Freundin fihrie Angelika, al ich eben zu einem
Wiedersehen mit den Meinigen angekommen war, die edle Seba
bei meiner Mutter ein, und diesen Auugenblick benuzte die schöne,
erhabene Seele, ihre Geständnisse zu machen und von mir die
Herstellung ihrer Ehre zu verlangen, die sie mir sehr freiwillig
geopfert hatie.
Nenaius lounie diesen Ton nich! erlragen. Ee schnirte
ihm die Brusi z, es llopste ihm in allen Adern, er erhob sich
wie imn Schrecen. Er häiie das Fensier össen mögen, obschon
der Wüind, der sich inzwwiscen erhoben hatle, die Scheiben llirren
- M
machte. Auch der Graf halte sich erhoben, aber er ging ge:
mächlich auf und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebie
Lued vom schönen Duunois durch die Zähue.
Jeder Mann, sagte er nach einer Weile, spielt zwischen
drei Frauenzimmern in einer solchen Lage eine abgeschmackte
Rolle. Die arme, sterbende Angelika schwamm in Thränen und
hätte mir am liebsten die schöne Seba sofort angetraut; meine
Mutter wollte Seba ilberreden, mir zu verzeihen, waö sie mir
aar nicht zu verzeihen hatie -- und ich that das Einzige, was
mir bei einer derarligen Scene und leberrumpelung zu thun
übrig blieb: ich lies; sie alle gewähren!-- Ich gönnte Deiner
Mutter die Zeit, sich auszuweinen und das Vertrauen und die
ss.ös l..ssse VF
-,ss -
Freun=;=;- zu bedauern, welche sie Seba geus-- =-- -- oe
ließ meiner Mutter die Zeit, zu begreifen, daß sie überlistet
worden se:, und Seba J..t und Freiheit, sich zu entfernen,
D.l
was sie denn auch schließlich that.-- Aber, rief er mit fesier
Stimme und mit einer Erbitterung, welche gegen die spöttische

----- I5 -
Leichtigkeit sehr abslach, in der er bi dah in gesprochen hatie-
aber ich habe es ihr nichl vergessen, das; sie mich gezvungen
hat, vor meiner Mutter und meiner Scwester als ein Auge-
alagter da zu stehen! Ich habe es ihr nichi vergesseu und ver-
geben, daß sie meine Muiter, die Gräfin Berka, dah -=-=--
s liw-fFrlii.
sich mit einer Bitte vor ihr zu erniedrigen -- und sie hat es
mir, sie hat es uuns allen eben so wenig vergessen und vergeben,
daß sie ihre Geständnisse unnothng und vergzebens vor rns ab-
gelegt =-- --urch Dich ud Deine Unschild hofft sie zu er-
siss ! eg,
Hsifzpi-
s:isss s.
- -= -- - »ii i-- - --== z vergelken, was sie sich, was sie uns
sfssF
schuldig zu sein meint! Daher die grose Freundschaft, welche
man Dir iü FlieI schenn Hause beweisi, daser die Amherung
an die Rhodens, mit der sie sich das Aisehen einer gesellschaft-
lichen Siellug z geben schen, die Dch sicher machen soll,
daher die lächerliche Deutschihimelei, mit der sie ihr Juudenthum
anasliren! Darun musgte der Bastrd Deines Vaters, der so
gescheik gewesen war, sich aus dem Staube zuu machen, zuric!-
beruufen und air als ein Bewerber umn Davide in dr:. --s
cd;
z 9s.f
gestellt werden! Auf Deine Unerfahrenhen,-. =-umes Vaters
-i? cd,.'
Lage ist dabei gebaut! Ich durchschane den ganze Plan, so
weil und vorsichtig er auch angelegt isi; und wie wenig die
Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben, ich
werde füür sie, fitr Dich, finr uns alle huundeln ! Die nöthigen
-==-==- »azu sind bereits gethan! Man weiß es, daß dieser
g,z-ss: -
=remann unter falschem Namen h..- -.- . d ----z allen
s.-s si
» s py znn,?
Seiten Verbindungen hat, die ihn verdächtigen, sein Eintritt in
die Geschäfte des alten Wucherers, des Flies, verdächtigt diesen
ebenfalls! Man ist aufmerksam auf alles, was in dem Hause
vorgeht. Und da sie sich so geflissentlich in den Vordergrund
drängen, da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg
stellt, fühle ich mich, wie ich Dir vorhin sagte. au=« -----
J Kazinkos
sie mit ihrem neuen Günstlinge sammt und sonders aus dem

-- I--
Wege zu schaffen und unschädlich zu machen ! Dann ist Davide -
frei, und . - -
Der Graf hielt plözlich inne, denn der Diener öffnete ein-
ladend die Thütre des Nebenzimmers, in welchem die Mahlzeit
den Grafen und seinen Gast erwartete. Als hätten sie bis
dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen, so leicht und freundlich -
bot der Oheim seinem Neffen den Arm; aber Renatus konnte
sich nicht überwinden, sich auuf ihn zu lehnen, er ihat als bemerke
er es nicht.
Zorn, Scham, Empörung und Niedergeschlagenheit wechsel-
ten ihre Herrschaft in dem jungen Manne ab und ließen ihn zu
keinem festen Gedanken, zu keinen klaren Vorstellungen kommen.
Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder, in der er
lebte. Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe,
heimisch vertrgute Andschaft, welche man plözlich durch grell
gefärbte, entstellende Gläser betrachtet. Er wusßte, daß die Mit-
theilungen, die ihm durch diesen Erzähler aufgedrungen wurden,-
keine zuverlässigen und keine reinen sein lonnten, aber er oer-
mochte nicht zu unterscheiden, was Wirklichkeit, was Täuschung,
was unabsichtliche, was gefliffentliche Entstellung sei, und nur
die Ansicht sezte sich unabweislich in seiner Seele fest, daß sein
Vater nicht wohlgethan habe, ihn mit der Flies'schen Familie
in Berührung zu bringen und ihn dadurch mit Personen zu-
sammen zu fihren, deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei
Nachgiebigkeiten und Läslichkeiten nöthigten und deren Sitten-,
Rechts- und Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes
abliegen musten. Es kränkte ihn, das; diese Leute von seinen
Familienverhältnissen in vieler Bezichung besser unterrichtet
waren, als er selbst; er schämie sich bei dem Gedanken, daß er
sich zu Seba so hingezogen gefihlt, daß er sie, die Entehrte,
die sich seiner Familie aufdringen wollen, seine Freundin ge-
nannt habe, daß sie die Freundin seiner Mutter gewesen sei.

--- Z---
Sein Name, seiner Eltern Ehe, sein Vaterhaus, Alles schien
ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein. und während
gestern die büürgerliche Freiheit seines Bastardbruders ihm ein
unbestimmtes Verlangen nach Ungebundenheit eingeflößt hatte,
während er noch am Vormittage ein Verlangen nacz ungewöhn-
lichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt, sehnte er
sich nun plözlich in den Kreis jener reinen Empfi uungen zurick,
in welchen er bis dahin so friedlich und so unbeirrt geathmet
und gelebt hatte.
Die Tagesereignisse, die Stadinenigkeiien, die Erzählungen
aus der Gesellschaft der französischen Hauptstadt, mit denen der
Graf sich und ihn bei Tische unterhielt, fesseliene die Theil-
nahme seines Neffen nicht. Die gewählten Speisen, die feurigen
und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht. Er
war schweigsam und ernsthaft in sich versuunken, denn das Bild,
das er am Morgen als eine Albernheit verspotket ha.., das
Esp
Bild des Herkules am Scheidewege, drängte sich ihm abermals
und jetzt in einem anderen Lichte auf. Auch er stand auf der
Grenze zwischen zwei Welten, an einem Scheidewege, auch er
hatte eine Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens
und den leberzengnngen und Ehrbegriffen, in denen er erzogen
und erwachsen war und die für alle Zeit die Handluungen eines
wahren Edelmannes leiten mußten. Und noch ehe man sich von
dem verschwenderischen Mahle erhob, war seine Wahl getroffen.
Statt ihn zu verführen, hatte die Charakterlosigkeit des
Grafen ihn zur Besinnung und zu sich selbst gebracht. Nenatus
bereute, was er seit gestern gedacht, gelhan; cr, war entschlossen,
sich für immer von einem Kreise loszusagen, in welchem so
niedrige Elemente sich verbergen konnten, und er hätte viel darum
gegeben, hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben
Zufriedenheit zurückblicken können, wie auf denje igen, den er
bis gestern selbst zurüückgelegt hatte. Es war nie ein unedler

Ne1-
Gedanke in sein Herz gekommen und-- er wollie seine Seele
rein erhalten. Er wa. uolz auf seine Sittenreinheit wie auf;
z- ss
seinen a= - --del; er wollte durch seinen Edelmuth die Schwäche
ls.-s s
seines Vaters sihnen und vergessen machen, er wollte in sich
uissd fnsis
das vollkommene Vorhild eines Eelmaunes darstellen; -- ==-
die Jugend ihr augenblicliches -ollen sich g. als eine That
N.
D M,ss.sl,-s.
sis Siss niss iisss,-s
ül- --p-=- , Ius au vüld lüiu ---=-s --iss-==lIE== -»s-z-j -p--, jl,
mforlzisof
s- s
-is d.zs Pspe-is
endlich mit stolze. =orey.lg auuf seinen Ohhenn, -; - - -=-=--
a- N
siszs
herab, dessenn Mennschen- un? -aileuinis; ihm vor wenig Stun-
M1.s
den noch beneidens- und bewundernswerth erschienen waren.
D).
pts gy
-nalus Hallung hob sich an seinen guuien Vorsüt--- -
h.
gewann seine Fassuung wieder. Er naunte es in seinem Innern
gut und nizlich, die Nachiseilen des Lebens in solcher Weise
kennen gelernt und einen Blic in die verborgen gehaltenen Ge-
heimnisse seiner Familie und seines Hauses gethan zu haben, den
os- s
-- Iich zu Rze zu mache beschlos. Das; er Seba nicht wieder-,
sehen, das Flies'sche Haus nicht wieder belreien, die Gräfin
Nhoden bestimnmnen müüsse, mit Seba zu brechen, u- oegard
s Gs-
vor jed.. -==Mkilg mil derselben ein für alle-=. z i=----
. ,
öz- N1,z-s
sFzon
das verstand sich ganz von selbst. Er fiihlte sich plözlich ----
K.nz-snfz:
- . lgel in die Hand zu nehmen und fitr Alle, die ihm nahe?
. Pe
s---==»-- dz----=--- - doch der Freiherr von Arten, auf-
ii ffnfoes MlAef pf
ss,sdos
- - --»-=-l-. dne Verantworkuung fur die Ehre dieses Namen?
.-ss. M,e
f;zs
sc0ll h.g. U ld i!! Dau hs------i - -= -- - .ulO u« -=s - zbs-s z-u
-=- fisss z s.i,-! s
oiss
-s sspp sfsH roinit
H ,. D,-
sd zisi K.s- EsFss ?
C »=-- =-lle == -zggenlblces zu glaubeml Uu - =-- =--is;
d.. s :i
Nb--HeossF
Eile? Ugelea.ugell Erhebug ===- ==-zH-i-----Zs ==»HsHv
18a
zii-v L,ß-,sfpziif
DK:s=-ss i is-fnsspe in
UÜlO Jh- -o-j - ---j»-i -- -ÜO --s-s-- Fl 1yllen.
iiinmssf,lf,is
.s- Cz swiis ns
Er sann darüüber nach, 1. - -, -och che - i-- =-=- --- .
szis oe -
seinem DD.-- --------=---. diesem die Entschli.sse kund geben ?
zz ,.s ff-oiiinofs süiz-R,
s Kss1F?
sKsssn
-=---, die er gefast, wie er -hm, ohne ihn zu beleidige =-sg
---=--- -=«, daß s. =-==- ---- --=- -dllug verschiedenegiStand- Z
is-rszpss Fsssv
C,- s.io hinf viion i.'
punkie ständen, das: sein rersuch, ---- -- -;hanungen seines
N. d.is s ..?

RR
=ankels zu nähern, ein vergeblicher gewesen se, und daß es also
für sie in Zuulunft gerathen sein düürfte, einander zu vermeiden.
Aber der Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und
den Gedanken und Eumpfinduungen, welche sie in Renatus erzeugten,
fing diesen allmählich poetisch zu dinken an. E reizte ihn, sich
in solcher Weise geistig von seiner zufälligen Umgebung befreien,
seine Seele bis zu geligiösen Empfindungen erheben zu können,
während er die nöthigen Entgegnuungen auf die ganz weltlicen
Reden und Fragen seines Onkels nicht schulhig blieb; und er
war mitien in diesem poetischen Selbstgenusse, als die Meldung
von der Anlunsi des Herrn von Gasligni ihn siörle, der als ein
vertrauuter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fusße folgte.
Wichtige Nachrichien, ich brige wichtige Nachrichten! rief
er dem Grafen zu, während dieser den Franzosen nöthigte, an
der kleinen Tafel Plaz zuu nehmen, und der Diener ihm ein Gs
hinsetzte.--- Nisienn Sie Sich zum Aufbruche, mein Herr aron!
. 1
Kou piü uelrai lur lllone roroso! wie viel Thränen es
auch losten mag, fiigte er scherzend hinzu. Der Marschbefehl
für die preusischen Aruppen ist erthelt, und Mademoiselle Davide
wird sich mit uns armen Eivilisten genügen lassenu missen, bis die
jngen Helden wiederlehren, um der Schönen ihre Lorbeeren auf's
Neue zu Fißen zu legen.
Er durfte uach dieser Aeusßerung eine eben so leichte Eni-
geguug erwarten und sah Nenatus deshalb verwundert an, als
derselbe mit einer gewissen Empfindlichkeit die Bemerkung machle,
daß Mademoiselle a.oide ihn weder Thränen kosten, noch Thränen
H,in
um ihn weinen könne, da sie gar kein Jnieresse an einander
nähmen. Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel, wozu
die Nachricht von der Marschordre ihm die erwünschte Veron-
lassung lieferte.
Der Graf, welcher es sich leicht gedacht zute, Renatus für
- s..ss
sich zu gewinnen und ihn zu einem Werlzeuge seiner Rache zu

Z----
machen, ahnte, daß er sich darin beirogen habe, und war der
Zerstreutheit seines Neffen ohnehin milde geworden. Er versuchte
also nicht ihn zurickzuhalten. Das Gespräch bewegte sich noch
eine kurze Zeit um die Tagesnachricht; Nenatus sprach die Hosf-
nng aus, auf dem Marsche auch zu seinem Vaier nach Richien
kommen zu lönnen, und der Graf gab ihm dann mit scherzenden
guten Lehren das Geleit.
Als sie die Thire des Nebenzimmers erreichen, so daß
astigni ihre Worie nichi miehhr vernchmten lonnle, sngle Nenaius
,s
ernst und feierlich, indem er stehen blieb: Iz habe noch etwas
auf dem Herzen, ehe ich scheide. Sie haben vorhin feindliche
Gesinnungen gegen den Kaufmaun Tremann auusgesprochen. Ich
bitte Sie, Onkel, geben Sie dieser Abneigung, die ich übrigens
mit Ihnen theile, keine Folge. Es di:lt uich unserer nicht
würdig, us mil diesem Manne zu beschäsligen. Es isi nicht
seine Schuld, daß er existirt, und Ehre ist fir Unsereinen von
seines Gleichen nicht zu holen. Ich finr meinen Theil bin fertig
mit ihm und seinemt ganzen Anhange, da der Feldzug es mir
möglich macht, mich ohne Aufsehen von Belanntschafien zurück-
zuziehen, in die ich niemals geraihen sein wiirde, häile man sich
friher die Mihe genommen, mich zur rechten Zeit iber jene
Personen auufzullären. Ich danle Ihnen, daß Sie dieseö heute
gethan haben. Meiner Verschwiegenheit sind Sie gewiß, und
somit, Dnlel, leben Sie wohl!
Der Graf nahm die ernste Anrede leichthin auf, und Re-
natus eilte von dannen, zufrieden, daß er mit dieser Fiirsprache
fitr Tremann die ersten Schrilte auf dem Wege gethan halie,
von dem fortan nicht wieder zu weichen, er sich heute ein für
alle Mal gelobt hatte.

Kapitel 33

Vierzehntes Capite l.
»:-
Zz= Renatus seine Wohnung brirat, fand er seinen Bur-
- schen bereis damit beschäftigl, die fiir den Feldzug bestimmten
Esseclen auSzusonderu und z packen. Nenalb sreule sich dessen,
denn er sehnte sich, fortzukommen. Wie man die erhizten, miden
Glieder in eine frische, kühle Flut zu kauchen begehrt, so wünschte
er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen,
ermuhigenden Erlebnissen zuu vergessen, und mit wahrer Sehn-
sucht richteten seine Gedanken sich in die Zukuunft, in eine Zu-
kunft, die er selber sich rein und schön und frei zu gestalten hoffte.
Nicht in der Todesstunde seiner Mutier, da sie ihn mit
frommem Wunsche gesegnet, nicht an dem Tage, an welchem der
Freiherr von ihm bei dem Abschiede auus dem Vaterhause das
Gelöbniß gefordert hatte, daß er sich seines Namens und Hauses
wirdig machen wolle, hatie Nenatus sich so ernst und in sich
gefestet empfunden, als heute; aber es war die Weihe jener
Momente, welche in ihm nachwirkte und ihn sich selbst versprechen
ließ, was er denjenigen gelobt hatte, die er freilich jetzt nicht
mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte. Er beklagte
seine Mutier, er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters,
er pries sich gliücklich, den Caplan zum Lehrer und Führer gehabt
zu haben, er segnete die einsame, sittenstrenge Erziehung, die ihm
zu Theil geworden und die er noch wenig Stunden vorher als
ein Ungliick anzusehen geneigt gewesen war, und es fiel ihm gar
nicht ein, wie schnell eben im Laufe des lezten Tages seine

-- L6-
Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander
gewechselt hatten. Er hielt eben noch immer jede seiner Stim-
mungen für die Folge einer nen gewonnenen Erkenntniß und
jede solche Erkenntisß fir die einzig richtige und abschließende;
das ist eine Eigenschaft der Jgend, welche beschränkten Geistern
aber lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht, alle
issre Jrrlhhliier ii lesleni Glaulen uu die Ulnueusibszlichhkei! ihres
Rechtes zu begehen.
Der Freiherr hatte, im Geiste der Zeit, welcher er ange-
hörte, sich selbst genülgen, und von dem Momente ab, in welchem
er die Rechte seines Standes angefochten sah, sich in diesen
Rechten, in seinem Ansehen und in seiner äusßern Würdigkeit
behaupten wollen. Das erlannte und begriff der Sohn, aber
seine Erziehung hatte ihm, wie er meinte, ein höheres, ein idealeres
Ziel vor Augen gehalten, und nie haite ihm dies heller entgegen
geleuchtet, als eben jezt. Nicht allein um die äusere Wütrdigleit
war es ihm zu thun; er wollte in seiner Person, in seiner
Handlungsweise es bestätigen, daß der Edelmann in sich den
Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle, als die anderen
Stände, daß er eine edlere Kaste sei, welche eben deßhalb sich
einer strengen Ausschließlichkeit befleißigen müsse. Das hatte,
wie Renatus meinte, sein Vater außer Acht gelassen, das hatie
auch seine Mutter nicht geng beherzigt, und eben deßhalb hatte
auch er jetzt auf dem Punkte gestanden, in unpassenden Perz
bindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden,
Ein Schreckbild war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechlen
Stunde entgegen getreten. Er dankte seinem Schutzgeiste dafür,
daß es einzulenken noch Zeit für ihn, noch nicht zu spät war,
daß er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte,
in denen sein Name nicht an seinem Platze gewesen wäre, in
denen seine Seele hätte Schaden leiden können und, er wies den
Ausdruck Anfangs von sich, aber er drängte sich ihu ihm inmet

-n1 ? --
wieder auf, in denen er inn Gefahhr gewesen war, sich zu er-
niedrigen.
Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner gt. =or-
sis H
säze über seine Eltern erhob, so sah er von seiner neu erllom-
menen Höhe auf alle seine bisherigen Verhhäliüisse herab, n-
eisA
wie sern er sich auch von der biirgerlichen Gesellschaft fortann
z hullenu enulsihlossenu wwar, wollle er doc itichl, das: irge:d Jeiannd
sich iiber ihn zu brllagen oder ihn der Vers unis; einer gell-
schafilichen Form zu zeihen haben sollte. An ihun, an einem
Freiherrn von Arten, sollt., so weit er es verhindern konnte,
ken gerecl.. -oru. haslen.
hs- N?
iz-s
Er hatte bis zum nächsten Mitiage noc vollauf Mus;e,
alles, zvas ihmt oblag, z ordnen und alznu==. Er sendete
s szii:
spiss.is Nz»-s,li.s fff Sissn. M ,pisiiisois -
i ---= -- ---==--- s - -- ----- -zss---z--- zll VOzahldnt, Uersciedette
kleine Besorgungen zuu machen; dann suchte er die Bicher zu-
sanmnen, welche er im Lauufe der Zeit von Seba entliehen hatte,
s,s.s sisii: -
packte sie sorgfältig ein und sezie sich niede.. -= - =- - ---
v ssis-
indesß er konnte die Foru dafir nicht sinden. Er wiuschte sich
-ino liiisoi fhf,sz-lilzu=-
-o-p-= zll verabsciedetn, aber es kam eitt Va= z-- -- =- »=-
ifsf,s,
- on in seine Worte, der ihm selbst fremd und dann aue, -än-
A
s. s--?
kend fir Seba erschien, bis er nach mehreren vergeblichen Ver-
.s
suchen, ein förmliches und doug .=-=-ees = - zu Stande
, fvp inls
Zll =- --s- i»V - --p - - - =-g- o(eße, Wenl er sic
Kzsfnofs ss, snAiin RA-s pf viss P
fvps s
zu einer Vertraulichkeit zwinge, - - -==- ---=- i-=--- -
di oe -?Fs hosis- l,-
daß es demjenigen, der sich zu einem Cha.-- - z erziehen
z- kipz-
wünsche, -= - - -.. Kraft eines s===--- --- i=e --b-8-- --ohl an-
finil ps d.i
-»slzpss sf ss,z ffHno smio
i- =-- ==g -. lu---= -- - -- =-- s-oss » H HLaSWIßZF
-snin fvifpis dois sziss. soiispz- A.isiifn vn
rl s-
s.sin
Er las sein Schreiben mtehrmals --«. eS gefiel -=- -== -=o=s
ssimss - llsssKKls
Hiizp
isfiiiss s.ss,-z- zi fsd
----- - - - -- als er das freiherrlich von Arten'sche Siegel
s--- I-=--l ,lsortis in aeersiz? dacau. -- --, halte er eine
sis R=-üiAlfp
sfsis s,isnis
Genugthuuung, als ob er eine guute That vollbracht oder eine
schwierige Arbeit beendet hätle.

768 --
d
Er ließ die Koffer zuschnallen, die Kisten vernages-. -=- -
s: jpg
denen alles, was nicht zu seiner Feldausrüüstung aehörte, in Berlin
zuriückbleiben sollte. Die Gräfin Nhoden hatie sich erboten, ihm
diese Sachen aufzuheben. Es that ihm leid, daß er sie, deren
Wohnung sehr eng war, damit beschweren mußte, und er dachte
an die grosßen, weiten Räume, an die Fluuren,Jzunner, Galerien
Ds
und Remisen im Flies'schen Hause, um dabei die Betrachtung
anzuuslelle, wie gi! sei Valer es i seiuer Jge gehall habe,
als dieses Haus noch in Tante Esther' Händen gewesen war,
und um es zuu beklagen, das: ein so schicklicher Besiz fir seine
Famnilie verloren gegaugen sci. Er ,atte das nie vergessen können,
wenn er bei Seba gewesen war, und schon deßhalb war es ihm
lieb, mit den Eigenihiümern jenes Hauses kinftighin icht mehr
in Verkehr zu bleiben.
EK diunkelie schon, al? die bestellien Träger sich mit seinen
Sachen auf den Leg machlen, und es war ziemlich spat, als
der heimkehrende Diener ihm ein Briefchen der Gräfin einhän-
digt., m welchem diese die Erwariung anSsprach, das sie ihn
z -
heute noch sehen werde, da sein lezter Abend in Berlin, falls er
M R MR--
Er sah aus den wenigen Zeilen, daß Hildegard der Mutter
-=--- geutigen Streit mit ihn verschwiegen hatte, denn die Gräsin
sliwuis s
i-urde desselben sonst in einer oder der anderen Weise erwähnt
siii
oder unter den obwaltenden Umstäuen es vielleicht vermieden
haben, den Jüngling, der ihr Haus im Mißmuthe verlassen
=--=-- zur Wiederkehr aufzufordern. Renatus fand sich dadurch
1.Affp
Fifo
aber in Verlegenheit gesezt, und da er nun begonnen ==--
sein Thun und Handeln, wie er es nannte, einem strengen
- =-=-- F -=--== --, dünkte ihn sein ganzes Verhalten gegen
1-ss.s
iissfssszozbpss
seine mütierliche Freuundin, gegen die Gräfin Rhoden, die ihm

--- J
zutratenSvol! e-- i - =:-- -=- - -- - --=- -=-- - Tdctern gestattet
dois si-=ipsi,-s N,..- f,-s.i sinis ssii. s A
=------ - och weniger kadellos, als sein Betragen geaen Hildegard.
liAei : s
- - en war er eine Erllaruuug schuldig, aber in sir zuu
1.ul:
machen, bedurfte er einer genauen Prüfung sei es Herzeu.--- -
iiin?
- oi-s nisb s-.p -i-sss ,. ss,zs Osz. F
- - ---= - -n=z - - s sßz zz»sszF - =s- s g- =sIis- - =in- =-.u -xUülL
o siii sff,zs z-zs,'
seines aieners, die mauehe.« -=Dg- , welce er zu lrefsen
- r,
-z-l,-s »lss n -
hes-, uunferlrachen unnd zersirenien ilt, wenn er sichh zu sammmneln
A-ss ,-
si wlii
- -=--- üllr das; er vor schr e.zien Enntsc.---o-- p-gze, fithlte
iiiinnoi: ss,-s,
p-psi
- - --===ih uiü imnnerfort.
oi dwiiiss -
E war leim. e .1F. z -- --- - -lorgen auSzoa! Seit die
Dpsss r ss
Gescte,.. =---- - -- =--=- - uinfaezeichet hatte, war kein
Ai.- d, Nt-
i- d.s- 1?s«sss-sii
so gewwaltiger Heereszugg uniernommnen wworden. Die ungeheuren
N.i
- . rbereilungzen, wwelche Napoleo gel==-- - ha lle, les;enn auf die
z-.ss.ss
- fss Ii1J.z-si,i
Scwiexigl. . . ltd auf den furckb..--=-;und sclies;en, den
.iips n
.. sellsi erwarlele. Glänzende Ersolge waren sir - =h- -
aF
p -
d.ss
sil«
nehmer an diesennt Ru=-z- - -- ; -og,llc als daS g-»n- -==--
»-si. Il -siss
vin-. -lss s, n
zztg Elej:h, Ieztgtzt? l.:- -=p--z---s-, - - - -=--- s-=-z -o -
i = f.issi: ss,.,m snA
misis zsi hiim f'zJßs
v.s- Il s.l,s..b
snos-sl i:
== -j- «1ldlh jyheNehsycl: .- -»s - =- -= -- - z- -- -ol IE
Apis nz spjsfp si
--= -»===- -- uahn, das er seit einiger Zeit als sei te Geliebte und
s oin -
ssss?.
--; ge Gailin im Herzes! gel«g;esl hajle, !u. -- - -- -ü-
--ss f; pi
: psszsApi
sdiis ss..- lii-
---- --- - -- das machte ihn nuur bedenklicher, Versprechunzen
l.slis
-siis,s
F - -z -. der zu bghoz- -, nnd Vuz=--;»b- -=-==- =-- - ;c,
: siiissR,skn ps s; -
-szwpis
das; die Autösich.,---- u-wü--- p=-en, ihn nicht mehr er-
zs nnis s d.miA
s...-
, s,ss.---
s; pi sszwii siinininooi i- si,
z s9s -- .., Ils; .. -=--=s s=-» isnzz- - -ss ;.u, N u ou« e-»-=-» -= p»s =s s
s d,- vinssi .s.ss
wechselnden Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denle,
dgß jh;: die Hoffnu1g1, =-==- -=s-z-j=----z -=== -h-s-=----
ss -i-s H1.-s-,is»li Hmo dwwsisosinis
- inis s.
-- -.hhafter beschäftigte, als die Nothwendigkeit, sich ==-- --
is Es,
donmvA
zp h zpfisfpsr
?sszs »= H1s =s1i=)i -
Er stahhin eig EEimti herall, -- -=-=-=---- i» ---=-=-llelte
iis ss.lF,iis ss,s. sissn i=-nnI:
f-s- ssiiss liH.sisd
===-- -=---- :-=, die er, in Erwartung des Felozuaes, fiür die
s Gräfin Rhoden zu-« denlen haite machen lassen. Späier, als er
mis 9l,
Ds. M»s8ss - Ei
s-ss --ss-z- -sss g,e.uüigz-»- z- - H==-- z==-- - »e =aa IhH (he,;;g
-.iA -wzs,s,-s lsfif py Arspz -
j
F. Le wald, Von Geschlehht zu Geschlecht. l.
R

-- Z7-
Bildnis; bestimmt, und jetzt war er unsicher, ob er es überhaupt
einer der Frauen anbieten dirfe und solle. Von jener Leidenschaft?
welche die Dichter besingen, von jener überwältigenden Liebe;
deren Fener die Jugend so durchglüht und umleuchtet, daß ein
ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwwärmt und
verschönt wird, fühlte er nichts in sich. Von dem unwider-
stehlichen Zuge, von dem naturgewaltigen Müssen, die zwei
Menschen zwingen, sich einander zu eigen zu geben, empfand
er keine Spur. Er liebie Hildegard also nicht eigenllich, er
hatie sich über seine Empfindung für sie getäuscht, hatte die
Freundschaft, das Wohlgefallen, mit denen er an ihr hing, für
ein wärmeres Gefühl gehalten, und wie peinlich diese Erkenntniß
und die aus ihr folgenden Schrilie sitr ihn in diesem Augen-
blicke auch sein mochten, durfte er es doch immer als ein Gllick
bezeichnen, dasß er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne ge-
worden und vor dem Loose bewahrt wordeu war, sich im Hers
zensirrthume unwiderruflich an ein Mädchen zu binden, dem er
leine wahre Liebe entgegenbrachte und mit dem er also eben so
wenig glücklich werden, als er es mit seiner unvollständigen
Liebe gliücklich machen konnie. Er hatte Erinnerung genng an
seine Kindheit, um eine unglickliche Ehe sehr zu fiirchten, abex
eben so schreckte er vor der Nothwendigkeit zurick, Hildegard
seinen Selbstbetrug einzugestehen und von ihr wie von ihrek
Mutter seine Vergebung zu fordern.
Alle seine Geschäfte waren abgethan, er stand allein in
dem jezt leer aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf diß
Straße hinaus. Von Minute zu Minute verschob er es, sic
zu entschließen. Es war dunkel, der Wind hatte sich gelegt?
Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt fir seine Vorstellungenj
Wie manchen Marsch in dunkler Nachk, wie manchen dunß
keln Weg werde ich zu gehen haben, und wer weiß, auf welchek
dunkelu Straße mir mein Todesloos geworfen wird! sagte eF

== eI ! Z =====
ßit einem Male z sich selbst, und es ergrisf ihn, das ihm eben
ßine solche Jdee gekommen war. Sollte das eine Ahnung sein?
s Er wurde immer trauriger. Er konnte es sich nicht ver-
ßehlen, seiner Kindheit, seinem ganzen Dasein hatie der rechte,
Heitere Glanz gefehlt, und wie er in dem Lebeiusherbste seines
ßaters geboren worden, war jezt auch der Stern seines Hauses
Fber die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen. Von
tFüh auf hatie man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens.
ßuf das ,l'ortis in aälersis- verwiesen, das er noch vorhin
ßit so viel Selbstbefriedigung betrachtet. Er hatte die Worte
ßuch oft im Muie gefihrt, aber er hatie dabei iuer an
hroße, plözliche Ungliicksfälle gedacht, denen gegeniber man sich
Hnit entschlosseer That schnell und muuihig zu bewähren häiie.
Fie Widerwärtigkeiten, die inneren Hindernisse und Zweifel,
ßit denen zu kämpfen ihm beschieden war, hatte er damals noch
ßicht gekannt, und Ehre und Nuhm, wie sie ihm begeisternd vor
ßer Seele schwebten- wo sollte er sie erringen? In dem
Friege, zu welchem das Voll, das Heer des großen Friedrich
sßtt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog, waren sie fir
ßnen prenßischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden.
f Er hielt inne, als er in seinen Gedanken auf diesen Puunkt
zkommen war; denn das, eben das, hatte ja Tremann gestern
ßusgesprochen. Es war nicht anders, Tremann hatie Recht
hhabt, und mit allen seinen Vorsätzen und Enischlissen kam
Fenatus nicht lber die Schranke hinaus. in welche er durch
ßne Verhältnisse gebannt war: gßg Aescheer Ftgndesehre
hbanaen ihn, wider seine Neigung. 1- gegen seine eberzeugung
F==
hu handelu.
Fe =Sr
Wohin er sich auch wendete, nirgends hatte er einen klaren,
Feien Ausblick, nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen,
hnd doch war er durch seine Geburt auf die Höhen des Lebens
hstellt und über die große Menge hinausgehoben! - Er wußte
g

D rfch
sich nicht zu helfen in seiner stolzen Berzagthet, und weil. ick
Alles nr schwwerer und trüber erschien, je länger er darlsbs!
nachsan, faste er sich endlich gewaltsam zusammen, um daßj
Nöthigste abzuthun und sich wenigstens uach der einen Seitts
- -
Luft und Freiheit zu verschaffen.
Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung dexj
Gräfin ziemlich weif zu gehen und also hinlängliche Muße, sih!
zu iberlegen und zu wiederholen, wie er sein Verhalten zu er!
klären und zu rechiferiigen versuchen solle. Weil er die regel-s
mäßigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte, fiel es ihm leich,!
sich die Aage, in welcher er sie anireffen werde, vorzustellen, sihj
den Gang anszumalen, den das Gespräch wohl nehmen würdsj
und sich danach die Form zurechtzulegen, in welcher er von dß !
Unterhaliung iber seine äuesßeren Aigelegenheiten auf seine Empfißzs
dungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne, und er hathj
eine gewisse Fassung und Haltung gewonnen, noch ehe er vp h
--
der Thüre der Gräsin anlangte.
F s
Er sah zu ihren Fenstern hinauf. das Licht schimmech j
durch die Vorhänge, die beiden großen Myrtenstöcke warfen ißcs z
Schatten gegen dieselben. Die Gräfin hatte diese beiden Myrte, j
bei der Geburt ihrer Töchter, nach der Sitie ihres Hanses, selbß!
gepflanzt; es waren uter ihrer sorglichen Hand zwei schhn,j
Stöcke geworden. sie sollten einst die Kränze fie ihre Töch l
liefern. Nenaius hatte vor Hildegard's Myrte manch leblick j
Traum genäumt; jezt fiel ihm bei dem Anblicke das dong j
unärsi kdr kalone amoroso! ein, das Herr von Castig j
ihm vor wenig Stunden zugerufen hatie. Die Zeit der Liebss j
tändelei, die Zeit der Jugend waren für ihn vorüber! -e
=oben angelangt, dinkte es ihn, als müsse er,lange warteß
bis das Mädchen ihn angemeldet hatte und ihm die ===-- z
Asßs=:
Eintritie öffnete. E war in den Zimunern Alles wie sog;
DDie Gräfin sasi ruhig wie imer auf ihrem gewohnten Plgg.ul

Hze- gp
== fß f -!====
acilie am unteren, Hildegard am oberen Ende des Tisches. Er
fhäite sich nicht gewundert, hälie er sich selber zwiscen den beiden
jSchwoestern an der freieüe Seiie, der Gräfin gegzeniber, sizen
jßhen. Das sollte nun ein Ene haben.
Das Herz wurde ihm schwer und sing lh p - D- -= »»---
si,iz-K --s s
D..zf:f-
H.is
10, als er den Frauen den guten Abend .------- -=-- =-»---
doisfs ss.-;- Sz-nmne
sigkeit war un.bar. Er sagie sich, das: er Muth fiir sie
sz-s,zss
jslle werde haben missen ud das es nölhhig se:, sich nichl er-
soeichen z lassen. Mit festem Schritie und noch festeren Voe-
jstzen ging - zu der Gräfin, ihr, wie immer, d-- =---- 1
ss- G,mid
htet=-
pi-- dant reichte er Gäeilie; die Hand und wollte sich eben
sder ällerenn Schwesler in gle.== - -=--ucht nähern, als diese sich
-s:.- Pss.s
hls-»ss -»-s
gnr-- -=»-, -p- oeide Hände entgegenreichte und u -===-----
ssssf HszA em oz
siss s
lämpfinduung d-- -=- ==es:: Vergib mir =- ach, vergib mir!
,. i.wh. s.nfsesss
-»in »» ss
waß Hildegard ihn in Gegenwart der Mt.tter, =-=-- =-
lhs.- Ness-
ye- ---=l!, um Vergebung bitten könne, darauf allet p
sie
ks- »-l»i -
y --=- gerechnet. E erschreckte ihn also, wie rs ih-. -===----
i- =(1z-s,-
zud weil es ihn unvorbereitet traf, wußte er nicht gleich das
sechie, mit seinen Absichten vereuubar. -=-l zu finden.
-. MN.i
N.s.b- G
--- z-ildegard, sug- -, aber sein zep --=- =-n bestärkte
- ofsoz- S ,-
Ap fp I -
se in dem Glauben, das; er ihr noeh z---- ---=- -=s-- »==-==-zeI
»üi-isn isd. ili-»R FFmisoe
Zei dem: Gedanlen aun die bevorstehende arennung nicht lä..g--
Ia=1ss.-
siwps- C,.
z- -, llgerlssel! V0l! lh .. . «..be, l; is- s» -o- - p===-s---
ei-s i; ss.s.
sssii zlnloiiir
s:b Hs=hh. - E, ss,-»-s.ü M?,sshss
ßspzffs isf- soisnis G
Esss === s- - s-. HhClS U.ue =-szs- - ss ==, e== uusiuuH, i=u sis
hoir
m ii: z? pus:n nmi: mnif -pszss !
FAu .is- zz= -s= =e- ss -ssnK II!- -
? Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter, er fühlte das Schlagen
zhres Herzens an dem seinigen. er hielt sie umfangen, er er-
ibdpwfu Is.s-. ss
z---- -=- -äülsse, er knieete mit ihr zu den Fülßen -=-- -
s j s,psf
FFziss=s- s. sip snmfk-=- Fs..
=s--- -s- i-- --s-=- -=gäülO srgA!.
z
z Er hatte das so oft geträuml, das es ihm auueh 1g- ---
',isi sfsf
äls iräumie er es wjeder; n.. das; er im Schlafe g=- --kDu
1s!
ss-s. sin
zefunden haite, was ihm jeht-u; uglaublich d===-«. und daß
öis ,p i:
s..sh -

b==- H F ; =====
stalt der unllaren Firchi vor dem Erwachen, die ihn sonst inF
ay
seinem Glicke gestört hatie, jezt wie ein kuhler, unheimlich.-,
Schalten das Bewuusztsein iber ihm lag, das; kein Erwachen das
Geschehene ungeschehen machen werde. Seine Gefihle und Ge-
danken trieben in einen solchen Wirbel durcheinander, daß er-
keinen von ihnen fesizuhalten wusßle und allmählich von ihnen
forkgerissen wurde. Hildegard's überwältigende, alle mädchenhafie
Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit, re Zärtlichleit?
entflammie, aufgeregt, wie er eö ohnehin war, seine Sinne.
Er hieli sich berechligi, seine Brau! --- denn dad war Hildegardg
ihm jezt -- im Beisein ihrer Multer fester und inniger zu
umarmen, als je zuvor, und die Phanlasie des Mädchens wars
der seinigen seil langer Zeii voransgeeilt, denn-kägchen pifen?
angling. .-- dem Bestreben, ihrerJ
immer schneller als der
Muiier zu erllären, das:
und daß sie ihrem Herzen
mit frohem, liebevollem
gzs
sie nicht anders habe handeln lönnen
habe folgen missen, erzählte Hildegard;
Rickerinnern, wie Alles sich in den,
letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe,!
und Nenatus eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt.-
Er fragte sich, wie er das alles habe vergessen lönnen, er sagte?
sich daneben, das; ein Edelmann, der mit einer Dame seine1
Standes so weit gegangen sei, sich auuch ohne eine bestimmte?
Erklärung an sie gebunden habe, und es fiel ihm nicht ein, daßj
er mit diesem blosßen Gedanken seine Verlobung als eine nicht;
frei gewollte That anerkannie, das; er es stillschweigend beklagte,z
seine Freiheit verloren zu haben. Er hatie auch zu solchen leberF
e-
legungen die äusßere Nuhe nicht.
T
Die Gräfin sprach es ihm mit ihrer sanften Würde offenj
aus, daß seine Liebe fir Hildegard ihr kein Geheinniß gewesen?
sei und ihr den liebsten Wunsch ihres Herzens erfille, daß sieß
aber fitrchte, der Freiherr werde anderer Ansicht sein und eine?
miliellose Schoiegertochter nicht willkommen heißen. Sie klagteß

===== H F ß ====
sich an, in ihrer Nihrung voreilig ein Bündnis: gescgnrk zu
haben, fir welches Renatuus die Zustimmungg s-ines Vaters noch
fehle; sie hielt ihm seine Jgend, die Gefahren des bevorstehenden
Krieges vor, sie ersparte ihm leines der Bedeulen, die eu sich
selbst entgegengehalten hatte -- und ohne daß sie es wollte oder
RIR T - - -- -
Dte Noihwendigleit, die Gräfin zu iiberr den, zwwang ihn,
nach Grinden zu suchen, welche sie widerlegen konten und
wvelche also auch seine srüiher gehegien Besorgnisse widerlezten.
aer Hiüveis auus seine Jigend, auus seine Abhänzigleil von seineu
Vater regte sein mänliches Selbstgefiihl auf, und da er wenig
gewohnl war, aus Widersiand zu stos;en, frieb ein solcher ihn
nur an, es darzuthun, wie er ihn zu besiegen wisse. Die be-
rechnetste Absichilichkeit hätie fir Hildegard's Wünsche und gegen
R??
Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes, das ihm
nur irgend eine Art von Theilnahme eingeflößt hat, als ein
Abhängiger, ein Unfreier erscheinen, am wenigsten konnte Ne-
natus dies ertragen. Er sagte, das; er die Hosfnuung hege, von
seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen, welche sein Herz ge-
kroffen habe, aber er beiheuerte zugleich, daß er Mannes genug
sei, auch wider seines Vaiers Willen sein Recht auf freie Selbst-
bestimmuung zu behaupten. Iildegard's strahlendes Auutlitz, ihr
fester Händedruck, die Bewunderung, mit welcher die liebliche
Eäeilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte, der sanfte Beifall,
den er in der Mutter Augen las, steigerten seine Selbstgewißheit
wie sein Feuer. Er versicherte, daß er nicht von dieser Stelle
scheiden werde, ohne die feste Zusage von Hildegard's Hand er-
halten zu haben. Er ging so weit, ihr und der Mutier zu be-
kennen, wie er sich alle jene Eimwwendungen selbst gemacht habe,

F 1 ==
wie er Willens gewesen sei zuu schweigen, und ohne das be-
seligende Bewußtsein, daß die Geliebte für ihn bete und ihm mit
ihrem Geiste nahe sei, in den Kampf zu ziehen, und wie un-
möglich er das gefunden habe, als er Hildegard ins Auge ge-
schaut, als ihr sißer Mund von ihm Vergebung gefordert habe,
wo er, er ganz allein der Schuldige, ihrer Verzeihung bedirftig
gewesen sei.
Er lag dabei vor ihr auf den Knieen, er hatte sich von
Allem überredet, was er sagte, Hildegard's Hände hoben sein
blondes Haupt empor, er blickte trunken und beseligt in ihr
Aulliz. Es war ihm völlig eutschwnden, das: er sie am Morgen
unschön gefunden hatte. Er nannte sie seinen Engel, seine schöne,
blonde Heilige, und sie sah auch schön aus in ihreu Glicke.
Wie hätie die Mutter ihren Kindern diese erste Seligkeit des
Zueinandergehörens trüben oder stören uögen, wie häite sie nicht
mit ihren Kindern hoffen sollen, das; Alles sich zum Guten
wvenden werde!
Es war weit über die gewohnte Stunde, als sie den Jüng-
ling daran erinnerte, daß es Zeit zum Aufbruch sei, daß er
Hildegard verlassen müisse.
Auf morgen! sagte er, als er die Braut umarmte.
Aber dann, aber dann! rief sie in Vorahnung der langen,
schweren Trennung, die ihnen drohte. Auch ihm krampfte es
das Herz zusammen. Er küßte sie wieder und wieder, er trank
die Thränen von ihren Augen, und jezt dachte er wieder an die
für Hildegard bestimmte Silhouette. Die Zweifel, die ganze
Stimmuung, mit welcher er das Portrait am Abende in Händen,
gehalten und betrachtet hatte, waren wie aus seiner Erinnerung,
weggelöscht. Der gliickliche Auugenblick verscheuchte und verhillte,
wie ein mächtiger Zauber, alles, was seiner Herrschaft in der
Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand.
Hildegard drüückie das Bild an ihre Lippen, dann rief sie,

-- - F F ! - =-
das; man ihr folgen, das: man ihr leuchien sole, und schnellen
Schrittes eilie sie denn Aundern voran in ihr Shlafgemach.
Renatus halte den stillen Nauui nie zuvor betreten. leber
dem keuschen, weisß. --ger der Geliebten hing bas Crucifix und
»is E,,n
daä Weihwasserbecken, ein kleines «ald, dus die Gräfin als
N
=- -uut darst.t.ke, hing daruunter. Hildrgard nahmt es von de.
M1.-.
.-ll
Wand und befestigte die Silhouette an der Strlle.
O
ek.
,hmn nuss« = u weichen. ---=-- das ist jehzi semn Plaz!
Mszis.-
rief sie, indem sie die Gräfin umarmte, und sich zu Nenatus
wendend, sagte sie mit einer Erhebung. die ihr sehr wohl an-
sland: Deule hierher, Geliebler! Hier wird mneine Seele..
-
, =uh beten, hter werde ich auf meinen Ku..: lieges p-g ul«
ed1-
ippss
s s. 1
spät und Golies Schuutz und Segen hermederflehen a----
s? H,hs-
geliebtes Haupt, -- hier -- ihre Stimme gl-z - ,ränen
- s-s Ks
iisA
unter -- wird mtein lezl..==---ds - ===-- gezüren, wenn Gott
-=- F,fs.s- O.-
es anders übe. =uch und much beschlossen hat!
--- ed;
.- i---
==-- =-.lobten san... sich .; --=-=-- ul die Armte, die
s.f =z-s,siüs,s-f is
k,is
Gräfin und Eäeilie waren nicht wweuiger g -----, sie umar--=-
.s-ü-)
mAsff;ss
oi:
-- zlglitg gleichfalls, und die schlanke Cäeil.. --=-- i-----
fssff. si, hss
ihren ahränen kaum von seinem Halse trennen. Er mußte sie
endlch mit sanfter Gewalt von sich enlfernen, sie war des
Schmerzes noch ganz ungewohnt.
Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine
Wohnu!g z=-- =--- =- --- ch dieseh Gli..i,-=- -==--s-
t»-, HE?s- npeAiosnn s
,? siin nofAiofso
nh uhre Liebe? frag- - uch -- ich,-- ch mich so seg=-
f. ns s
dos j-
zfso
Idgell dieses reile, ;-=-=- zd =-i-=- ,ube?
ss-lfos Hpv- noz-süsndifi s.i-
Hildegard's Frönunig---=- -l ihm nach. Er betete
-k.is sinii-7ip is
offssf.= isssiö-üsssfihos
----p--- -s-=- b-i--8--- als seit langer Zeit, und mit vou.. Ueber-
ss,=-
zelg1g --==--- - g-g alle die Gelöb:.ü;., die er sich gethan
iwindinlfn As- sz
ssfs.
Is.
=--- und fügte den Schwur hinzu, da; zldegard's Glick ihm
s s.
s.=
=-lg wie seine Ehre, und seine Ehe mit ihr ein Musterbild
idos- 9P)-=k.ss i
CbEl.gz- ==-=s -z---- --===--- -==- ==-- ;dlE.
d. gs isn
-doi: s

Kapitel 34

zeüünfzehntes Capitel.
Ig waren ein paar schmerzlich schöne Stunden, die Re-
nalus am Morgen noch mil seiner Brauui verleble. Die Auf-
regung des vorigen Abends hatte einer milden, weichen Stimmung
Plaz gemacht. Hand in Hand bei einander sizend, besprachen
die Liebenden in dem Beisein der Gräsin ihre Plane und Aus-
sichten finr die nächste Zeit und fir die Zuukunft, und man suchte
es darüüber wenigslens fir diesen Auugenblick zu vergessen, daß
Renatus scheiden mußte und welchen Gefahren er entgegenging-
Er gab der Brauul Aiveisungen darüüber, wie sie ihm ihre Briefe
durch Vermitilung der Behörden zuzusenden habe, verhieß ihr,
zu schreiben, so oft sich ihm die Gelegenheit dazu bieten wüirde,
und als der Zeiger der Uhr sich der Trennuungsstunde nahte,
als man noch eilig alles zu sagen, zu fcagen, zu hören und zu
besprechen strebte, was man fiür einander auf dem Herzen hatte,
als Jedem immer noch etvas einfiel, was er vergessen zu haben
meinie, und Allen der Trennungsschmerz schon die Brust belastete,
daß die Stimmen weich wurden und die Augen sich mit feuchtem
Schimmer fillten, sagte Renatus, daß er noch eine Bitie an die
Gräfin habe, mit deren Gewährung sie ihm eine Beruhigung bereiten
könne. Er wünsche, daß Hildegard das Flies'sche Haus nicht mehr
besuche und das; ihr Verkehr mit Davide ein Ede haben möge.
Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese
Forderung gerechnet, und weil sie gar so auffällig erschien, be-
gehrte die Gräfin, daß er erklären solle, worauf sie sich begründe.

--- Z7ß--
Er antvortete, es sei ihm nicht möglich, dies auseinander zu
sezen, am wenigsten könne er das in den wenigen Minuien
ahun, die zu weilen ihm noch vergönnt sei; man möge aber zu
seinem Herzen und zu seinem Ehrgefiühle das Zutrauuen haben,
das; er eine solche Warnung gegen eine Familie und gege Per-
sonen, deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die
seine Muller ihrer Theilnahmne werlh geachiel habe, uicht aus-
zuusprechen wagen wirde, wenn ihn nichi die enischiedensten
Grinde dazu nöthigten.
Die Gräfin war schr geneigt, ihm in allen seinen Win-
schen zu willfahren, denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt
und haiie Vertrauuen in seine Rechtschaffenheit; dennoch machte
sie Eiwvenduungen, die auf ihrer persönlichen Keuniniß und ihrem
persönlichen Wissen von Seba beruhten. Allein sie machke damit
weder auf Renatus, noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck.
,=- Hg
=- - igling beschied sich zwar, auf die Entschließungen der
Gräfin leinen Einflus; zuu iüben, aber von sciner Braut meinte
er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine Ansichten fordern
zn düürfen, und Hildegard war mit der unheilvollen Ausschließ-
lichkeit der Liebe augenblick. ü.g bereit, ihm zu gehorchen.
N1,
Du und ich, ich und Du, rief sie, das ist fortan unsere
M.s! Mh-e
=-=)-- - ---«. lüümmern uns die Andern! Kehu. =«i mir wieder,
- Hs
so brauche ich Niemanden sonst, und ohne Dich -- werde ich
überhauupt nichis mehr bedirfen!
Die Aeußerung erschreckte und verlezte die Gräfin. Sie
erinnerte die Tochter daran, daß Renatus mit solcher Aus-
schließlichkeit schwerlich einverstanden sein werde, da er große
Zärtlichkeit fir seinen Vater, für Vittoria und fir seinen -==en
ssz-
.-
=- uder hege; aber Hildegard's Seele hatie imner nur für eine
Empfindung, ihr Geist imnier nur fiür einen Gedanken Raum,
und sie hatie in jenen Worten, mit denen sie ihre Liebe aus-
zudrücken winschte, ihren Zustand völlig richtig bezeichnet. Sie

18 --
zog daher von jener Mahnung auch keinen Schlus: auf die hge
rechtigten Ansprüüche dex Mutterliebe, sie schien eben so vergessen
zu haben, däss sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba, in ihrer
Zuuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genug-
thuuung gefunden hatte. Nenntuu aber war zu juug und viel zu
unerfahren, um nicht durch den Gehorsam seinex Verlobten sehr
befriedigt zu werden, um in ihrer hingebenden Willfährigkeit
neben ihrer Liebe auch die ganze, rücksichtdlose Härte einer be-
schränlten und engherzigen Naiur vorahnend zuu erlenten und
zu schauen, und als sie, überwältigt von ihrem Schmerze, im
Augenblicke der Trennung, als lönne sie sich nichl genng ihun
mit ihrem Leiden und mit ihren Thränen, eine ihrer langen,
blonden Locken abschnilt, damit er sie zu ihrem Gedenken auf
dem Herzen trage, ß-=-- -e die Geliebte noch einmal mit stolzer,
zpiHfp nf
seliger Freude an seine Brust und verlies; sie und das Haus
NE.?
Er hatte zu lange bei der Braut verweilt, um seinen Onlel,
den Grafen Gerhard, noch aufzusuchen, er fühlte sich auch nicht
dazu geneigt; denn er hatte nur einen einzigen Gedanken, und
diesen zu verschweigen wäre ihm eben so schwver geworden, als
ihn vor seinem Oheim auuszuusprechen. Er hätte eben so gern
die geweihte Hostie, den zeiligen Leib des Herrn von unreinen
Vz
H,unden berührt gesehen. Dazu hatte die Gräfin verlangt, daß
GsRofd
Cwwu=- und Renaius ihre Liebe geheim halien sollten, bis sie
sich der Einwwilligung des Freiherrn sicher wilsten, und des
Jiinglings reine Seele fand einen keuschen Genus; in seinem
sspss iiisn»-IFsn=is Cs
s----- ---os=--s=- eiebeSgküce.
Als er mit seinem Regimente an dem Flieö'schen Hause
vorüüberkam, blickie er aus Gewohnheit hinauf, aber eö war
Niemand von der Familie an den Fenstern sichtb.r; nur Herr
zps
von Castigni winkte ihm seinen Gruß zu.

----- zsq j -
Mein Billet ist verstanden worden, sagte sich Renatus mit
Zufriedenheit; gleich darauf kam es ihm jedoch in had Ge-
dächtnisß, das; Seba neulich auusgesprochenn, sie denke es nicht mit
anzusehen, wie die Kinder des Vaterlandes von einem fremden
=u yrannen fir eine ungerechie Sache an das Messer geliefert
würden. Er hälie das gern vergessen mögen, aber es fiel ihm
IT! ;== --=-==-
E war lebhaft in der Strasße, olsch on Truppenmärsche
seit Jahren eine alltägliche Sache geworden waren. Freunde
und Verwandie der Anismarschirenden, Müiszige und Nengierige
standen zu beiben Seiten des Weges, oee das Negiment zu
machen haite. Die Kriegsräihin, die nuch iunner ihre Freude
an schönen llniformen und an schönen Mäineru hatie, saß seit
dem frühen Morgen, wohl frisirt und socgfältig geschminkt, am
Fensier. Sie hatte, um sih in dem vorderen Eckzimmer auf-
halten zu können, den Grafen gefragt, ol sie nicht aufpassen
und ihn benachrichtigen solle, went das Regiment des jungen
HHerrn Baron vorüüberkomme; und obschon es noch früh im Jahre
und nicht eben warm war, öffnete sie die Fensterflügel und legte
sich weit hinaus, als das Schmettern der Trompeten sich vernehmen
ließ und die stolzen Reihen der Garde-Dragoner sichtbar wurden.
Auf den Nuf seiner Hauöhälterin trat Graf Gerhard gleich-
falls an das Fenster, aber es hätte ihres Nufes nicht bedurft.
Er kannte sie, diese Trompeten, er kannte ihren Klang und
dieses Regiment. Sein Großvater hatte es in der Schlacht von
Hohenfriedberg gefüührt, in der es zur Entscheidung des Sieges
beigetragen, sein Vater hatte darin gedieut und auch der Graf
selber hatie zuerst bei demselben gestanden. Es lebten ihm zahl-
reiche Kameraden und Genossen froher Stunden in seinen Reihen.
Die Kriegsräthin kannte auch von früher her verschiedene
der Herren Offiziere, und winkte, wie man das in gar vielen

18--
Häusern that, den Scheidenden ihre Abschiedsgrüße zu; indeß
mau muszte es nnicht gewahren oder es nicht beachten wollen. Die
Blicke, welche das Fenster streifien, an welchem jene Beiden standen,
glikien schnell über sie hinweg, ihr Gruus: ward nicht erwiedert.
«.b Graf Gerhard das bemerlte? Die Kriegsräihin häite
das nicht sagen können. Er stand hoch auufgerichlet da, die Arme
über die Brust gekreuzt, wie es durch Napoleon's Gewohnheit
zur Mode geworden war, und sah anscheinend gleichmüthig auf
die Vorüberziehenden hinab. Aber mit ihnen zog die ganze,
wülrdige Vergangenheit seiner Väter an ihm vorüber, seine Stirn
verdüüsterte sich, es zuckte ein paar Mal unheimlich in seinen
Mienen und um seine Lippen; indes; er sprach lein Wort, und
Ecadron nach Escadron rillen sie vorbei, und imnner noch drangen
die bekannten Klänge wie vorwurfsvolle Fragen an sein Ohr.
Der Hohenfriedberger Marsch! sagie er endlich umwillkitrlich
uund das Bliil wich aus seinen abaugen; es saszte lall nach
z
seinem Herzen. So elend hatte er sich nie gefühlt, auch nicht
in jener Stuunde, als er gedemüthigt vor den Augen seiner Mutter
zusammengebrochen war. Sein Gewissen war wider ihn auf-
gestanden. Er sah sich in deu Spiegelbilde, welches sein innerstes
Bewußtsein ihm ohne Erbarmen vorhielt, er schämte sich vor.
sich selbst. In bitterem Grimme trat er in daö Zimmer zurück.
e=er junge Herr Baron! rief die Kriegsräihin und nöihigte
den Grafenn damit, wieder an das Fenster zu kommen. Renatus
neigte zum Zeichen des Abschiedsgruszes seinen Säbel vor dem
- s..s
--- -- und noch einmal sagte sich dieser: Und dazu blasen sie
den Marsch von Hohenfriedberg! Uwilllurlich fragte er sich.
was seine Schwoester Angelika empfinden wüürde, sähe sie den
Sohn beim Klange dieser Musik unter französischer Aegide in
das Feld ziehen; aber der heitere Blick, der lachelnde Mund und
die vollendete Anmuth, mit denen er des Neffen Gruß erwiederte,
ließen nicht errathen, was eben erst in der Seele des Grafen

O -
-o
vorgegangen war, und sich von seinem Gerissen mehr als einen
Augenhlc beunruhngen oder sich mehr als s-==--z=--- =---
sss -
n sps:rf
Erinnerung rihren zu lassen, war er nichi grwohni! Jnt Ge-
geniheil: der Zzorn, den er gegen sich selbst gefihlt hatie, widele
sich aeaen diejenige, welche er sich gewöhnl ha.. als die Ursache
s f,
und Urheberin seines Abfalls von sich selbst iie von der Sache
osz-s.
seines V. ezutdes zu betracht., und der .le .- --=ulS
Tfwp-I,s
s.ei MFpss,-is
- --=--=--- -pl nuur dut.i1, da!. -; - gc einen Ahsichten und
b:sis- s
oiinssnpfp s s,s
zlan. --=- gelichen hatte.
oi: zsifszi
Efzt hlls-p z---D z- -s- iz-- -.ü KriegSeps- --s z=-HZ
-Is sziz- dif: An
-s,s,siz- iiiismo G.z= snAi. ds:
Berla'sches Gesichl! Mat lön------« den Sohn des Herrn
if. ssiis fiz-
Grafen halten, nur das: der Herr Graf viel männlicher und
schon viel gebielender aussahen, als Sie des Herrn Lieutenans
Jahre halke.. wem Herru =- - =- - zn nncl ahnlc.
s e
N,fi.=- Ci,-sii r
Der Graf lies; die ihm schmeichelnde Brnr..ig der Kriegs-
z- szis
räihin unerviederl fallen und sagte: Tafitr siez .p- chemaliger
s Ns..-
Pflegesohn ihm um so ähnl.«- - -
.s.z-!
-7ss.is
..--- ,
Nuin war die Neihe des Nichibeachtens an -- - ulegCp-
ip i sis,lis
Swie wuste nichl, wwo der Graf mtit der Bemterluung, d-- ----=-
zufallia .cht habe:--=--=-
z fpzfsssfp
Schmeichlerin der Männer von
gabe angeeignet hatie, sah sie,
emnauSwoou-«- --- da sie sich als
Ns,- zsd
jeher eine scharfe BeobachtungS-
daß Graf Gerhhard sich in einer
«aune befinde, i- =- - .--»l zu sconen habe.
doz- si,- isi
Aitch schiem er keigte Antwwort zl --=-==- - - - --- - H--
ofzFs-fp: Aioss p Aifn
sobald ---=-s aus dem Bereiche des Fensters war, nach dem
F,sAiiin !
Nebenzinmer, und erst unter der Thüre desselben sagte er: Sie
waren juu, wwie ich meiue , üi- -- oder vorgestern bei Ihrem
-psi pss
Maune; wwas ha. - ==--- -;=hzz i- =-Gel z copiren ?
-- z-
s i doiss l..ssI
Haben Sie's vielleicht gesehen?
c1.
Sa-s.Asi s.iis H.i,- siin -ö
-- liu- siß iisims. si. s.ss,- sis.
-=iV a s »GKs,»»11»711K ks,1»7= « »?z üi eus ts v1.u1ss)=z 1v= »11z - s1vs
aus den Papieren nicht vollständig vernehmen können. Es wären
--szige ans Reisebiichern, Handelsberichte aus Zeitungen, die
s.
ihr Mann zu machen habe.

-- I8e
Briese und Aelenstitce oder dergleichen copirt er nichi?
fragte der Graf.
Sie antvortete, daß sie sich nicht erinnere, Derartiges ge-
sehen zu haben; übrigens werde Paul Berlin bald fir längere
N.ls
«= - verlassesn.
s. Hpezs:
Der Graf warf die B-=-lg humt, er wisse dure, z--
sspszfiis
von Castigni, d=«; - -==-- -c an diesem Abende reisen werde.
, s Cz-pmA-nfn ir
was bezweiselie die Kriegsräihin nach den Aussagen ihres
Mauues, der sein Arleii orst an eieu der solgenden Tage
alzulief..n habe. Der Graf entgegnele darauf nichis. Er blieb
jedoch noch in dem Ziue.. sah, wie die Menge sich in den
isiib
==-»slen alltählich verlief, nun das militärische aup=-l
s.--
S. -
ß- !.-ifos
voriber war, uud erkundigle sich nach verschiedeuen Kleiug--=-
die er seiner Hauöhälterin zuur Besorgunug ausgelragen hatie.
a azwischen wars er gaz beiläusig die Frage hin, ob aremann
nie bei ihr gewesen, seit er wiedergekommen sei.
Sie zucte-. den = h-- -. Ue: sich, wie Sie, Herr
ifss
plf,zis
a.
Graf, seiner Belannien in ihrem Unngliice anzunehn-. us man
groszmithiger sein, a. Paul es bei Seba und bei ihrem Vaier
s. s
lernen lann. Ieh vermag mich nicht so wie mein Mann zu
z
=- ----bb---- und Paul sowohl als Seba haben es gannz und ge-
dossfü?ssüintpis
,s-ss =z-l,sss-
vergessen, wie glicklich diese gewesen ist, als ich.gr z= -=---=---
zu er zu kommen, und wie ich mich ihrer angenommen habe,,
um sie nuur erst für dent Verkehr mit geb=p==- =--=--- uad
sK,i.is P7Iiiinnf: in
guter Gesellschaft zuzustuzen. Seit man den Juden so viel Frei-
sd zs .F s,zs,.Fzsp snemeAon
heiten gewährt, sind sie hochmüthig nh=- -=- i=--ss- E-==-=---
als sie stets gewesen sind. Erst gesiern frih, als ich von meinem
Manne kam, ist Seba in einem Prg==-»- -=- -- »=-==l, wie
n =rf.ss gsznii
-.uii
.iss
keine Königmt :hn z-- - yaben -a, an mir in ihrer neuen
s.ii-
,sm:- s.
Eauißage msit einem Stolze ===--S-i==--- --==- -=--- =-=-s - - - -
fiüi1wu»fpfAfoin iinif niffoffs F,.s-
--- ---- -===- i«, da sie ihrer Redseligkeit sonst in ihres Herrn
gsp mmfnisii-= CF
Gegemvart nicht die Ziigel schiesßen lassen duurfie, indes: ihre Em-

porung war so grosl.
fükfos: s
Nachsaz hinzz-h- -
== I ßFJ
spss s
if»ss. J
daßß sie sich nict en:hal.. ---=-- =en
Aber ich werde es ihr gedenken! Hoch-
muth kommt vor dem Falle, und es wird mit Seba und mit
Paul wahr und wahrhaftig auuch noch einal ein schlechtes Ende
nehmen!
=--l möglich, meinte glea=-g der Grcf, der sie w der
Ni...
mfüss.?,-
seine Gewohnheit ngch Belieben halle sßrechen lassen. ------
,liiis
Sie ibrigens zufällig erfahren, ob Tremann henie oder erst in
einigen ängen abreisi, so sagen Sie es mir. Die Sache lmmer!
mich sreilich nichl, ich möchle jedoch um Herru von Caslgui!s
..illen wissen, ob man ihn in dem Hause geflissenilch h-- D=--
s-:'
szffszf,szs
wozu man denn doch Gründe haben -=p-. dir fir jenen be-
i-üss,
denklch sein könnten.
Sie sagte, dies zuu erfahren, werde ihr ein Leichles sein,
und obschon der Graf ihr wiederholte, daß ek damit keine Ele
habe, hatte er sich kaum entfernt, als die Kriegsräihin schnell
ihre nbihigslen Geschäfie besorgle und sich zum ASgehen an-
kleiet..--;halb dem Grafen so viel daran gelegen war, ben
s 9i1,.s
Reisetag des jungen Kaufmannes genauu zu wissen, das konnte
sie sich -=- -==---- -==-, daß es auf keinen Liebesdienst für
ss,s -»-Jzs: P?i=
Seba oder ihren Vater damit abgesehen sei, davon durfte sie sich
uberzeugt halien, und das genügie ihr. Was -merte es sie
Mss
im Grunde äuch, ob der Kriegsru., don ;enen und von Paul
-s,
oe in?8s! g. H.ss- s- s»
misfifz-ss ssss siHiiHd..
==ss= -s= s»ys ==uo. V0u :=n=g - ===- s - - s=uy Hss j= sz»ss (=»e
sHihuss C,s.
dem Grafen gefällig zu beweisen. Mochte der Kriegsrath sehen,
mni ps fz-is,-
s==- - s -g 11lW.
- - i--- « -id Gott für uns Alle! sagte sie, als sie
-,d.=- fs- s zi-s
sszs--ss H, hiifi i
H, ii sfs.iss
-=---- --ü ---=---, nd sie hatte dahei das =- -»=-, daß sie
inusszs
N,s.is iisssifs
v. -»-fliwns ss-s
s====-==-g = --iz-=-- j, Iüs ===-- --==-z-g lü1e, wie e s.ch
ihr bieie, und sich mit Ergebung in das Unerwarkete und Noth-
o=---=-g zuu schicken wisse.
hiossd,,
F. Le wald, Von Gesclecht zu Geschlechi. l.
czrr
a:e

Kapitel 35

si s s l
Sechhszehnte s Ca = - - --
I
-=u demselben Tage, an welchem die preußischen Truppen
,
ihren Marsch nach Rußland angetreten hatten, versammelte sich
in den prächligen Sälen eines der preuusßischen Armee-Lieferanten,
der in den lezien Jahren ei grosses Vermögen erworben hatte und
ein glänzendes Hauus macle, eiue zahlreiche Gesellschast zu einem
Balle. Die Gesellschaft war sowohl den Nationalitäten als den
Berütfsklassen und Siänden uach eine sehr vielsarbige, und es
befanden sich in ihr Personen genug, welche den Augenblick nicht
fitr günstig gewählt zu einem Feste hielten. Aber man durfie
sich, wenn man nicht Verdacht sder Versolguung auf sich laden
wollte, der Geselligkeit, in welcher das französische Militär und
die kaiserlichen Eivilbeamien eine grose Rolle spielien, nicht ent-
ziehen, und schon am Mitiage hatie Herr von Castigni sich danach-
erkundigt, ob er das Vergnügen haben werde, der Familie Flies
und Herrn Tremann auf dem Balle zu begegnen.
Abends, um die Siunde, in welcher man in die Gesellschaft
zu fahren pflegte, sasßen Seba uuuud Davide in Balltoilette in dem
Wohnzimmer; aber ihre ernsten Mienen paßten nicht zu dem
glänzenden Schmucke, den sie angelegt hatten. Man konnte dies
unruhige Spannung unschwer in ihren Mienen lesen. Bei dem ?
leisesten Geräusche blickten beide Frauenzimmer nach der Gegend
hum, von der es kam, und nachdem Erwariung und Tauschung ?
sich zu verschiedenen Malen wiederholt hatien, sagte Davide
endlich: ich möchte wohl wissen, wie den Menschen zu =u-he
Mes

DO
- O O ! ---=-
gewesen ist, als man noch ein ruhiges Leben gefiihrt und sich
auuf irgend etwas recht von Herzen in voller Sicherheit zu freuen
vermochi hal. Seii ich mich erinern lann, ist die Welt imner
voll Schrecken und voll Unruhe gewesen. Schon als kleines
Kind habe ich, obschon man es vor mir zu rerbergen gestrebt
hat, es doch immer empfuunden, daß man in Sorgen und Nöthen
vor Krieg und Feinden und Krankheiten, und in Angst um seine
Freunde gewesen ist, und jezt . -
Nun, j,zt? fragte Seba; aber es blieb Taviden keine Zeit
zum Antworten, denn Pauul, gleichfalls fitr den Ball gekleidet,
lrai ie da- J er, und Seba eupsing ih uil .. besorglen
R,i
e: b.
Frage, was der Kriegsrath zu so später und ungewohnter Stunde
noc gewolli hale.
Nichls fir sich, wie Du denken kannsi, entgegnete Paul,
und naiitrlich ist's eichis Gutes, was den Alien bewogen haf.
mich auufzusuchen. Es sind unerträgli= .uslände, in denen wir
-. Vel
leben; wir werden wie Verbrecher beaufsichtigt, wir sind in
unseren Häuusern uicht mehr sicher vor Verrth und müssen die
Verräther als gefeierte Gäste an unserem Tische sizen sehen.
aas kann nicht danern, es kann nicht dauern! Das - -=-»
cdd
= E1a«-F
mus: endlich zerschniiten werden zwischen uns und ihnen. Der
berechtigte Has: verlangt seinen freien Weg, und wie grauenhaft
=« das neulich auch erschien, als ich es in meiner Empörung
c1.
gegen Dich äuserte: eine siciliansche Vesper dinkt mich berechtigt
in den Zuständen, in denen wir uns befinden und in denen jede
Faser, die an uns gut und edel -, nach Rache und nach Ver-
nictung unserer l.t..=-=-- s=-- -
iis»-Köis.,z- s»zz-p-is !
Es geschah selten, daß seine leidenschaftliche Natur in solcher
Weise die Schranken der Selbstbeherrschung durchbrach, in die
er sie zu bannen gelernt hatte, und er war offenbar auch unzu-
frieden mit sich, weil er sich von seinem Zorne hatte übermannen
lassen; denn er nahm sich plözlich zusanen und sagte ruhiger:
A

IZZ-
Der Kriegsrath kam, um mir zu sagen, daß die Frau, ganz
gegen ihre sonstige Weise, heute schon wieder bei ihm gewesen
sei. Sie war unter dem Vorwande gekommen, ihm im Namen
ihres Herrn, der sich nach Weisenbach erlundigt haben sollie,
eine Flasche alten Weines zur Stärlung zu bringen; indeß wie
leicht der Kriegsrath sonst auch zu täuschen ist, war er dieses
Mal doch nicht leichtgläubig geng, ihr zu vertrauen, und er
merkte denn auch, daß die Erkundignngen des Grafen nicht ihm,
sondern mir und meiner Abreise gegolten hatten. Auch Castigni
hat meinen Diener deßhalb anSgefragt, hat sich bei diesem durch
seine Leute sorgfällig über all mein Thun, über die Personen,
welche mich besuchen, über Tag und Stunde meiner Abreise zu
unlerrichien gestrebl, unnd die Kriegdräihi hal unler deun Vor-
geben, das; der Graf ihrem Manne eine Slelle zu schaffen denke,
vorher aber seine Handschrift sehen und mit ihm selber sprechen
wwolle, den Allen zu iberreden gelrachlei, dass er ihr die Arbeiten
ausliefere, die er fir mich augenblicklich unter Händen hat
Und er hat sie ihr gegeben? unterbrach ihn Seba mit
sorgenvollem Erschrecken.
Paul verneinie es. Der Alte ist gerade so brav und gut,
als sein Verstand und seine Schwäche es ihm erlauben, und ich
könnte beinahe wünschen, er hätte der Frau nicht widerstanden,
denn alles, was er für mich arbeitet, bezieht sich auf national-
ökonomische und commercielle Studien, aber - - -
Paul, rief Seba, warie nicht bis morgen, reise gleich
heute ab!
Wo denkst Du hin? entgegnete er, während sein Gesicht
schon wieder die gewohnte fröhliche Sicherheit zeigte; ich muß
doch mit Davide den besprochenen ersten Walzer und den Kehr-
aus tanzen!
Ach, reisen Sie, lieber Paul! bat Davide, indem sie ihre
Hände bittend faltete.

-- Zß - -
a,-i.!
=«uldgltch, dazl! - = -- - - = uul z reizend auS, ==---- -
1Iiss
f.siis -T; iis
-s.s zs Sfzw-ss s,siii-
si sinis ins
Ii, häliemt Sie die weiszenn Hhaew-g- ------ -- oH -- sz-==- Ce-
- ==en, so liesße sich eher
N,.
,« fz-iisin
Aher er hakl -l
-- hasliger Hand uac
inii
davon redest!
die Worie auögespcochen, als Davide
iil. sis li: -,- Is i sin:
l.zul PUllp= j-I -- --- =--=s s-== -- uullS
' siiin
ihren Locken und -uee==--===- und siegesgewis; die Worte aus-
e=-A
ss:liss n
fs-
rief: Jetzt missen Sie gehen, und wir bleiben nuun zu Hause!
Liebes, entschlossenes Kind! sagte Paul, während er sie
mit freuudigem Erslaunnen bet.=- --b- -e wäre nicht wohl-
s,-, i,-fs- -
-l:z sF
gethan, blieben wir von deu------ ---- .Gegentheile, ich
s: N,i ls. s.is-s S.i
iiis i. nu dois 9z
nmuus; ja dorl sein, muus: Izhr Tanzer sett, l---- -=- - ----
werbungen Ihres Verehrerä Castigni möglichs. zu bewahren.
der wollen Sie lieber ihnn als mich zu e änzer habe: ?
y
Ed war unverleunbar, dasi er gros;es Wohlgesallei un dem
schhöen Mdchen haite;
sii
mmnl-,- scerzle, lhal
ss fz»,f i Ap:
Vll lUlu, - -- - -=--
sz;Ct,sii üiiss- Swin--n
TTiil11fs l u?t« =«.u- l1iullll
auf deren Geheis: die
die freuidliche Weise, in welcher er heute
Daviden aber wehe. Sie wendele sich
=---zp- 1==- g===-- - -= aeba der gleichenn
z ss,.p,- -
--
gs:i--
s 1s
his-sos ff üssn
,iss si:ni: F
1Pt, bui;: s uiu il. - u=s -?-js=z=s- -ssss -
I1se
K GAr -
oi- sisinRof -plis:iis ii-
=ut: lliuu su.= -- - zz P=;=ssin .ta llL g,==s z
- z-ach jedoch lei=-- -- und auch Sebg war niedergeschla-
is H,.-f i
fi.- s-
gener, als sie es zeigte.
== - - --i-- =-=h-- -=- - jz= -- -- sollem Gange, als Herr
e,«z- vp-ssz. H,-s-=- Hins sK.i s- ne
zlies und Paul mtit den beiden Frauen ist u--=-=---=---
ez
zs,- OIs, -iisfn- iis
und Paul nahm nach den Begrüsungen mit Freunden und Be-
lannten JJogleich mit Davden ;= -- »»ah 0b = --= -- - -
s,issis P
d.is P,-isipi: do=
Tanzenden ein. Eivilisten uud deutsche und französische Ofsiziere
Wg7 1l lhu ---- zz»-oj»z s- =- - zs= j»p: aill .uis gs---z»s==-s
kispss siiff - ofsss.s -oi -ims,ss -
d,nfs
-pzsAo:
ls?s.ii-wss s.l.-s.
--b------ - -==« Paul noch imnner eine hervorragende Erschei-
----z durch seine schöne, mächtige Gestalt und ---- :- -- --uS-
es- s.-ss.s s-
=--=- ---=-- charaltervollent Gesichtes.
d-i» s.iisnä
Panu -- ü--- u=ue, sagte Herr Flies zu Seba, als das
,s ,ss -:f -
iisd. si: d=- Fs;,-s ss,-ssdi
TI1zy1hg Hetu.u .- --Ei we-=--- =s-n-; =-s= s =- - ==-= j-=s f== --
-n -is s szzs -
sewü sz,z-,iss -

Z9-----
die weißen Casimir-Escarpins und der blaue Frack ihm sehr
wohl an. Aber Seba, die sonst so stolz auf ihres jungen
Freundes Schönheil war, als hätte sie selber ihn geboren, ver-
nmochte sich heute seiner nicht zu fceuen, weil die Sorge um ihn
sie peinigte. Jene errathende Kraft des Herzens, die oft scharf-
sichtiger ist, als der schärfste Verstand, lies: sie nicht bezweifeln,
was den Grafen antreibe, Paul zu verfolgen, und wenn sie ihre
eigene Seele prüfte, mußte sie sich gestehen, daß für den Grafen
eine Wollust darin liegen müsse, sich an ihr zu rächen, da sie
sich die gleiche Befriedigung einst nicht hatte versagen mögen. Sie
zählte die Stunden, die noch bis zu Paul's Abreise vergehen
misßlen, die Tage, innerhalb derer er die Grenze erreichen konnte.
Daß Graf Gerhard jeder Unwwirdigkeit fähig sei, wenn sie seinen
Wimnschen und Absichlen diene, das wuusile sie, und er besas: das
-.hr und das Verlrauen der französischen Behörden. Es konnte
z
den Grafen nicht viel losten, Paul uund mii ihm ihren Vater
wie sie selber zu verderben, denn das Misztrauen der napoleo-
nischen Regierung war grenzenlos, und wessen man sich von
ihren Dienern zu versehen habe, das war durch die Gewalt-
thaten an dem Buchhädler Palm und an Lord Bathurst hin-:
länglich erwiesen.
Sie iberlegle, ob es nichi gerakhen sei, Paul an diesem
Abende gar nicht mehr nach Hauuse zuriicklehren, sondern in irgend
einer befreundetenn Famnilie übernachten zu lassen, aber eben da-
durch konnnte man den Argwohn, welcher ihnn offenbar umgab,
nur steigern. Damn lam ihr der Gedanle, das man irgend
einen der Gehülfen ihres Vaters in Paul's Wagen mit seinem
e ?
Diener und mit einem scheinbaren Auftrage den geraden Weg
nach der russischen Grenze schicken könne, während Paul auf
Umwegen zu entkommen suchen misse; indes; überall trat ihr
die Sorge um ihren greisen Vater entgegen, und selbst mit diesem
oder gar mit Paul ein vertrauliches Wort zu reden, ward ihr

--- II---
nicht gegönnt, denn sie meinte zu bemerken, dnß Herr von Ca-
stigni Pauul und Davide nicht aus dem A.ge lasse. Das konnte
seine Ulrsace in der Bewerbung haben, mil welcher der Franzose
Daviden umgab; aber wer viel zu verlieren zat, -ge ängstlich,
und die lange Fremdherrschaft hatte alle Parioten genugsam an
Zriückhaltung und Vorsicht gewöhnt.
=-. Vaier hatte sich zum Spiele niedergesetzt, Davide
,s-
tanzte, Herr von Castigni nahm sie völlig in Beschlag, wenn
Paul sie frei ließ, und dieser, welcher sonst kein leidenschaftlicher
aänzer war, sondern meist die Gesellschaft der älter.. -inner
oss Ps
und Frauen sucht..=-- heute gaz P- .-gend. Er znachte,
- ss=l? s1,s.
.iz- Sz
so ofi es sich lhhun liesg; Daviden's Gegeniber, und obschon sie
voll Sorgen war, dachte Seba daran, daß Paul mögliche. -beise
.
doch mehr Aniheil an ihrer Nichte nähmr, als sie bisher ge-
glaunbt, das; Daviden's unverlennbare Neigung fiir ihn, die sich
heute erst wieder so lebhaft verrakhen hatte, ihren Eind.uick auf
den jungen Mau nicht versehlt habe, und sie nannte es in
ihrem Herzen einen echt weibliche. Zug, daß Davide eben heute
sich Herrn von Casligni freundlicher als sonst bewies, daß sie
Pauul vernachlässigie, da dieser sie zum ersten Male ganz ent-
schieden suchte. Sollte Davide im Stande sein, zu so klein-
lichen Milteln der Vergeltug z greifen? fragle sie sich; sollie
sie in der Liebe irgend einer Berechnung fähig sein und einem
geliebten Mane gegeniber irgend etwwas Anderes empfinden
können, alö das Verlangen, ihm ihre Liebe kund zu geben und
Freude oder arauer, je nachdem er sie erwiedert oder ncht
erwiedert?
Sie wurde förmlich irre an dem Mäddchen, das sie doch
so genau zu kennen meinte. Davide sprach so laut, lachie so
viel, suchte so unverkennbar die Aufmerksamkeit auf sich zu ze4-u;
Seba wusste g-, was sie dapon denten soll:e. Aber es mußte
ssss
auch Paul mißfa.u.n, denn sie sah ihn den Saal verlassen und
.

89--
im Nebenzimmer an den Tisch treten, an welchem alte und junge
Männer, Civilisten und Militärs ein hohes Pharo spielten. Sie
wollte zu ihm gehen und mochte doch zum erslen Male Davide
nicht ohne Aufsicht lassen, denn der Ballsaal hatte sich nach dem
Schlusse des Theaters noch mehr gefiüllt, der Lichtglanz, die
Wärme, der Tanz und der Wein hatten die Tänzer, die Männer
wie die Mädchen und die Frauen, aufgeregt, und auch Daviden's
Augen flaumten, ihre Wangen brannten, als sie, von Castigni!s
Arm umschlungen, zum vierten und fiünften Male die Tour um
den Saal zurücklegte, die man sonst immer mit drei Nonden
beendigte. Das Haar flog ihr um die Schläfen, die junge Brust
hob und selte sich gewalisau, als der Franzose sie endlich dicht
vor ihrem Platze aus seinem Arme ließ und, einen leidenschaft-
lichen Kus auf ihre Hand driickend, ihr versicherte, das: er sie
nie so schön gesehen habe, wie eben heute, eben jezt. Aber von
dem wilden Tanze erschöpft, trat er zuriick, um im Nebenzimmer
eine Erfrischg zu schens, auch Davide hale sich neben Seba
in einen Sessel geworfen, und sich rasch umblickend, alö firchte
sie gehört zu werden, flisterte sie leise und athemlos die Worte:
Er ist fort!
Seba wendeke sich um, sie sah Davide an, und dad Wort
des Tadels, das auf ihren Lippen schwebte, verstummte. Mit
einem Blicke verstand sie, von wem die Nede sei.
=-oher weißt Du es? fragte Seba.
Aa.
Ich sah ihn gehen, antvortete Davide.
Eben jezt?
Nein, gleich nachdem wir zur Quadrille angetreten sind.
Und er hat Dir gesagt, daß er sich entfernen wolle?
Nichts, gar nichts! entgegnete Davide eben so kurz, den
schon trat ihr Bewunderer wieder an sic heran, und urplötzlich
leuchiete die strahlende Heiterkeit wieder um ihre schönen Wangen,

- Zß--
tönte das silberhelle Lachen wieder von ihren Lippen, und an
der Hand ihres Tänzers stand sie wieder in den Reihen.
Seba sah ihr sprachlos, aber mit FrAde nach.
Sie konnte nicht errathen, was Paul beabsichtige, was
Davide davon wisse, nur das war ih kla, daß hier die Liebe
ein Mädchen schnell zum Weibe gereift hase und daß man ein
jynges Herz, welches aus Lebe solcher Herrschaft iber sich fähig
sei, wie Davide se eben jezt bewiesen hatte, sich selber über-
lassen könne.
-- Beide Franenzimner lonnien das Gde des Balleö kauum
erwvarten und krugen doch Bedenken, das Fest eher als die Mehr-
zahl der Gäste zu verlassen. Sie blieben im Gegeutheile mit
unter den Letzten, um auch Herrn von Castigni von der Rick-
kehr in ihre Wohnung abzuhalten.
Er hatte, von Davidens Gunst entzückt. Tremann's fast
vergessen. und es war Seba, welche ihre Nichte geflissentlich
befragie, wo Pauul geblieben sei. Diese versezle ruhig: sie wisse
es nicht; er sei verdrießlich gewesen und in das Nebenzimmer
gegangen. Als man ihn dort nicht fand, äußerte Davide die
Erwartung, daß er zum Kehraus, fir den sie mit ihm engagirt
sei, schon wiederkommen werde; und da er sich auch zu diesem
nicht einstellte und Seba sich in Castigni!s Beisein drch Paul's
Entfernung beunr -z--- Ie; wavide es errathen, daß sie
-s egs
ss.?-
oinf
einen kleinen Streit mit ihm gehabt habe, daß er mißmuthig
gewesen sei und wohl vom Balle fortgegangen sein möge, weil
er sie damit zu strafen geglaubt habe. Aber sie wisse sich zu
- »i-= --; Untd att einenz Taklz.- ibh- i
sz-R,sfof: -
s=- G-s- s- mit einem lächelden
Blicke auf Castigni hinzu, wird es mir
fehlen.
Inzwischen hatie auch Herr Flies
hoffentlich doch nicht
seinen jungen Com
vagnon vermißt und kam, sich nach ihm zu erkundigen, da Paul,
als er eine Weile neben Herrn Flies zusehend am Spieltische

Ig - -
gesessen, sich über Kopfweh beklagt hatte. Seba konnte erkennen,
daß ihr Vater eben so wenig als sie von Paul's Vorhaben
unterrichtet gewesen sei, und es blieb unmöglich, sich auf dem
Balle von Daviden eine Aufklärung zu verschaffen. Es war
schon gegen den Morgen hin, als man, von dem Feste kom-
mend, das Haus erreichte, und selbst während der Fahrt war
keine Verständigung möglich gewesen, da man es nicht hatte
vermeiden lönnen, Herrn von Castigni's Begleilung anzunehmen,
indem er, wie er sagte, im Vertrauen auf die Güte seiner Wirthe
seinen Wagen einem Freunde angeboten und überlassen habe.
Als der Hauswart die Thin öffnete, fragie Herr Flies zu
Seba's und Daviden's Erschrecken, ob Herr Tremani schon zu
Hause sei, und die beiden Franenzimmer blickten einander ver-
wuundert an, als der Bescheid erfolgte, Herr Tremann sei ja schon
gegen Miternacht heimgekehrt und werde wohl noch wach sein,
denn er habe frische Kerzen befohlen, weil er noch arbeiten wolle.
Man trennte sich oben an der Thire der Wohnzimmer.
Herr von Castigni stieg wohlgelaunt, den Kopf voll froher Er-
inerungen und noch freudigerer Audsichien, die Treppe zu seiner
Wohnung hinauf, und ihre Nichie bei der Hand nehmend und
rasch mit ihr in die Stuube hineintretend, rief Seba: Du hast
Dich also geirrt, Paul ist hier!
Gewiß nicht, entgegnete das junge Mädchen mit großer
Bestimmtheit; und während Herr Flies sich noch erkundigte,
um was es sich handle, hatte Seba schon einen der Leuchter
ergriffen und eilte durch den Glascorridor und die inere Treppe,
welche Fräulein Esther einst zu ihrer Bequemlichkeit hatte er-
bauen lassen und die gerades Weges aus dem großen Saale
des ersten Stockwerks in das Gartenzimmer führte, nach Paul's
Wohnng hinunter.
Sie klopfie an, es blieb Alles still. Die Thinne war un-
verschlossen, sie trat also ein, es war Niemand in dem Zimmer.

.9 --
Die Kerzen brannien auuf dem Schreibtische, die Schlissel steckten
in den Schubladen und Schränken, Allet lag und stand wie
immner, nur die Schreibmappe fehlte. Si: ging in die Neben-
stube und öffnete den Kleiderschrank; da zing der Anzug, den
er auf dem Balle getragen haite. Er war also wi.===, nach
I M,
Hause gekommen, was Seba schon zu kezwzeifeln angefangen
hatie, und schnell, wie sie die Treppe herunt:r geeilt war, stieg
sie dieselbe wieder hinas, uun sich mil den Ihhrigen zu besprechen
und zu berathen.
Man wollte von Davide Auskunft haben, aber diese haiie
nichts oder doch nuur wenig zu berichten. Sie habe bemerkt,
sagte sie, das: Pauul öfier nach seiner lhr geschen, was er sonst
nicht zu thnun pflege. Er sei dazu so ungewöhnlich aufgeräumt
gewesen, habe fortwvährend mit ihr gescherzt, sich auch um die
andere.. =amen mehr als sonst bemiht, und während sie dar-
-is cd
ülber nachgesonnen, was ihn in eine ihm so frende Laune versezt
haben möge, habe er wieder plözlich nach der lhr geschen und
sei dann mit Einem Male fortgegangen und verschwunden.
Seba wendele ihr ein, das; in diesen Dingen nichks ge-
legen habe, was Davide irgend zu der Vermuthung habe be-
rechtigen lönnen, das; Paul fruher, als er e vorgehabt, seine
Neise antreten, sie gleichsam als Flucht untreten werde, und
Davide verschte einen Auugenblick, hre frihere Erzählung d-==-
sizR,
Hinzufiigung verschiedener kleiner Aeuserungen zu verdeutlichen.
Indeß plözlich schien sie anderen Sinnes zu werden, und sich
in ihrer ganzeu stalllichen Höhe aufrichtend, sprach sie, während
cz,-ß.
ihre Wangen ergliihten und ihre Augen, die sie auf den s--ul
und auf Seba zu richten versuchte, sich umoillkinlich senkten:
Ich will's Euch sagen, und Ihr könnt's mir glauben. --- -«
dw j,s
bin ja nicht eitel und bild. mir nichts ein. Und da sie es
nnn sagen wollte, siockte ihr dad Wort auf den Lppen in hold-
seliger Scham, und sie muste sich zwwingen, es auszusprechen.

7 -
Paul, sagte sie, hat mich immer wie ein Kind behandelt, oder
wie ein Spielzeng, denn so machen sie es ja Alle mit uns.
Auch heute Abennd lhat er das, Du hast es ja gehört, liebe
Seba. Aber als wir tanzten und als er immer wieder nach
seiner Ühr sah, da blickte er mich an, als wüüste er, daß ich
mich um ihn sorgte. Er war ernsthaft, wenn man ihn nicht
beachtete, und als er dann plözlich aufbrach, da- da drückte
r?:
Ns.s-
- Ton war immer leiser geworden, sie nahm sich zu-
sammen, um ihre Bewegung und die Thränen zu bemeistern,
die sich ihr in die Augen drängen wollten.
Seba fiihlle sich ergrissen vo ihhres Pslegekindes Schönheil
und freimniüthiger Selbstüberwinduung, und wie ein warmer,
Fri:hlig verliindender Sonenschei zog eie nenue, selbsilose
Hoffnug in ihre Brust; aber sie sowohl als ihr Vater hüteten
sich, es auszusprechen, wie hoch sie Davide in dieser Sunde
hielten und wie sie beide ihre Wimsche und Hoffmungen theilten.
Mann nahm ihhr Beleinlüis: wie eine sich von selbst versiehende
Sache hin, und als Seba die Absicht äuserte, den Portier zu
befragen oder den Gärtner kommen zu lassenn, ob und wann
und auf welchem Wege Paul das Haus verlassenn habe, gab
ihr Vater das nicht zu.
Er sagte, da Paunl einmal verdächtigk worden sei, habe
er, wie immer, richtig gehandelt, indem er Berlin so bald als
möglich und heimlich verlassen habe. E entziehe dieses Letztere
sie Alle für den schlimmsten Fall jeder Verantwortlichkeit, und
wolle die französische Regierung seiner habhaft werden, lasse
man ihn selbst vefolgen, so sei mit jeder Stunde Vors=--s
bzzsfsfe
ein Wesentliches gewonnen. Da die Leite im Hause ihn noch
in der Nacht arbeitend glaubten und Herr von Castigni dies
gehört habe, werde man es nicht auffallend finden, wenn Paul

Hf, r:
== ZJ I ! -=
nicht um oie gewohnle Morgenstunde im Hause und im Comptoir
erscheine, und es sei wenig Wahrscheinlihkeit vorhanden, das;
Herr von Easligni sriher als a Vormillage von der Abreise
z E? z-hz f.on:
Paul's benachrichtigt werde. Er kraue es deu-= o-= -- -
das: er seine Maßregeln zweckmäßig und usictig getroffen haben
werde, und wenn es ihm nur gelungen set, unbehindert aus
=- ----- as- -b=-uh, so hoffe er das Beste.
di äs,ib
z is fzisisin
Has aund ist freilich überschwemmt von -=p-=--V, aber
, S=--
szsno
N,-
gerade das erleichtert es ihm vielleicht, unbeachtet zu bleiben;
denn man hat überall it sich vollauf zu -, und seine Pa-
ss.-
piere wird er in = -t ug haben, tröstete Herr Flies, um die
z,-
Seinigen zu beruhigen. Kanu Pauul jeuseit der Oder oder
aveichsel, wie ich vermulhe, noch mit Schlilien reisen, so ist er
geborgen und wir hören bald von ihm.
Aber bis dahin ? sraglen ängsilich Sebc und Davide wie
aus Einem Muude.
=. ns dahin müüssen wir uns geduulden, meine lieben Kinder,
N
und uns vorbehalten, daß man nicht zu- -»ü-- -.- so lange
s..-ßl.-eis sss
nman fir die Seinigen noch fi.rchtee und hoffen lann.
Welch ein llngliick! rief Seba, niedergeworfen von der Sorge
um: den so lange Entbehrten und endlich Wiedergefundenen, aus.
.. sagte Herr Flies, es sind böse, böse Zeiten; aber un-
glucklich ist man erst, wenn man nicht mehr hoffen kann! Be-
haltet guten Muih, zeigt morgen ein heiteres Gesicht, denn wir
sind Gefangene in unseren eigenen H;--- = -uben der
-- cs.
Jzsuzf i
Fremden in unserem Vaterlande, und obschon wir nicht Ver-
bannte sind, könnten wir singen, wie es in den Psalmen heißt:
,Wir saßen an den Wassern und weineten!'
Er seufzte, küsßte die D.== -=. Nichte auf die Stirn,
F.ss iis
sn=- PF,
- i-- - -- s--- - he begeben, und bald war es still und
ss s. N
dunkel in deu ganzen Hause; ---- zaul' einsamem Zimmex
isiiz jz= s
brannten die Kerzen fort, bis sie am Morgen in sich selbst erloschen.

Kapitel 36

Ein
Stebzehnteä Ca - - - -
si s s l
erz
Alrei Tage und fast drei Nchte waren seitdem vergangen-
==a?
feiner, trockener Schnee fiel dicht und leuuchtend hernieder.
Von durchsichtigem Gewölle leicht verhitllt, stand der Monnd
am Himmel, als ein offener Schlitien, von zwei kleinen, raschen
Pserden pseilschnell forlgezogen, über die Nchrg, iiber jene
-andenge fuhr, die sich zwischen der Ostsee und dem kurischen
Haff hinzieht.
Zwei Mäner, u Pelze eiigewickelt, sasßen in dem Schlitten.
Ein polnischer Jnde, ebenfalls in seinen Pelz gehillt, die spize,
verbrämte Sammekmüize lief auuf die gedrehien Seitenlocken her-
untergezogen, machte ihren Kutscher. Die Nacht war kalt. Schwer
und laugsam schlgen die Wogen des Meeres an das lfer, das
sich mit seiner Schneedecke hellschimunernd von der weiien, dunklen
Fläche abhob.
Ein Königsberger Kausmann halle den Juden, der in
=-uland zu Hause war, gedungen, die beiden Fremden über
D.?
die Nehrung nach der Grenze zu bringen; aber wie sehr der
Jude sich auch bemühte, er hatte es nicht ermitieln können, wer
sie wären und was sie in Nußland zu suchen hätten.
Daß sie nicht Herr und Diener seien, als welche ihre
Kleidung sie bezeichnete und als welche sie sich ausgaben, das
sh-s= d.p=- K,s
=--=- - »=p-aue bald bemerkt; denn überall war es der so-
genannte Herr gewesen, der, wo es Noth ihat, die rasche Hand
angelegt, während der Diener sich immer erst nachträglich dazu

ei
entschlossen hatte. Deutsche waren sie nach des Juden Meinung
nicht, denn er hatte, so genau er auuch darauuf merkte, noch kein
deuisches Wort von ihren Lippen vernommen; Franzosen aber
-==== - -icht so gelassen. Für gewöhnle, --p--=- war in dieser
. s?.is,mss.
ife zi -s
JeSze.u »- -=--oA --sz - =--- -=--p - - j«.u Kcüup====- , die
ss -, PF,- szmis s?Fs vip Fs=-ß-s - s=-
is sl,minf
Geschäfie in Rug=.==- -===»== -, also läng- - »==-- = -=====-- wvoll-
p o= A.izpk sfsfzpsI,z f
slAizR fm,rssoi:
- -. hatten die Fremden ihm nicht genug Gepäck bei sich, und
Eips:
französische Emissäre konnten sie vollends nicht sein, denn diese
würden bis zur Grenze die Beförderung d.g die Vost ae-
is)m
-- -- , ben. Er kan also, je mehr er darüber nachsann,
s,.dz-s lin
mmner wieder auf dent Geda=- z-=«« has; seine Passagiere,
=-i,s
ss,is
obschon sie Französisch mit einan... redefen, Engländer sein
Az
misslen ud das; sie aus diesemn wenig besuchien Wege nach der
-if insis.si. M,s s,si ili
GrellzE --h- - - --= zu schell, --; -=- -=- =-» -s- i-»» -guü!e
efspApss
Waaret hey Iztszlantd taes =--b-s-z-==-- --b-h--- -n---- Oas
z ,ss.s.s.--
s s.--ssho- li8s. ;
durch aber sliegen sie nuur in seie. -«« .hscäihung, denn von
-=- H,h,z-!
einem Handelsverlehr., wwie er ihn bei dent Ienseus.t voraus-
d,ss
zuuseze . angeessen fand, pflegte fitr die vermitielnden Juden
s füs-
immer ein klet.... oder größerer Gewin abzufallen,-=-
nss:d
u. - ben und lebenn lassen-- isi ein alier Guuunndsatz.
N,.
Es war eine schnelle, lauilose Fah.. ---- -- z Zeit
.s y;
s D,«b?
sahh der -« -der ande.. der beiden Reisenden in die Gegend
wisso
hhiuat.«, uld -=-- i- u-o-=-=-, das; sie einsamt aus der über-
nc n
siisss sis npssssslzzipss
schnente Düine blieben, schien ihnen das erwümnscht zu sein. Sie
-- =- dauu auc el. =---=- -- . llaüu, i«u ;o leise, das;
is.- H,,is. imis -
ppApiis
s.:=- s
der Jude nicht ermitteln konnte, um was es sich dabei handle,
obschon er in der langen Zeit des Krieges u.o der Franzosen-
Isd
ssz-z-s,l.,- fs -oifinn
---»-i- ü--z von der Sprache der Fremden erlernt halte, umt sie
verstehen und sich in ihr halbwegs verständlich machen zu können.
Eine geraume Zeit war auf diese Weise seit dem letzten
Iszzsz,- lspis siffnomenmoss
-- -==----- »--==b-, als der Diener sich bei dem Fuischer er-
kundigte, wie lange mtan bis zur Grenze noch z-- p-= -b-- -=--
s s»»si»pis s..Ko

-=- Fshs-
=-- - ie, froh der Anrede, weil sich ihm mit derselben
,=- .
doch eine Möglichkent eröffnete, seine redselige Negier zu be-
friedigen, meinfe, wenn er so zufahre, wie bisher, und seine
Pferde es aushielien, so könne man bald nach Aagesanbruch
auf der Grenze sein.
Musz man die Stadt passiren, um an die Grenze zu ge-
langen? fragte der Diener ihn abermals.
Wenn die gnädigen Herren nichts haben z---==--- in der
s f lziii-
Stadt, entgegnete der Jude, so müsfen die Herren nicht; aber
s, ffsis-
-z -=s h==.-. l = -===- dder mtusz oc eit tal ntacen
elfis
d- Fi,-hs
eine Station hinter der Stadt, von wegen meiner Pferde.
Er hatie die There, während .. dieses sagt.. sich selber
.s P
überlassen; sie fingen also langsamer zu gehen an, und der
Diener ermahnte den Jden, mit Zuusage einer besonderen Be-
lohnmg, sie auf's Neue anzutreiben.
=-=. das sein ein Bedienter, dacht. -- .-e, und niunt
Mtt
-s d.z- ,d
------- z- das == -- =- reg. -- Er schlug nichts desto
H,i ii
sisniis H,vs
wweniger mit lautem, ermuthigendem Schrei anscheinend unbarm-
herzig auf seine Thiere los, wusle den Hieb jedoch so geschict
-p=en, daß er sie gar nich.-=-. Der andere Neisende,
s s--Ais
ss-
dessen schweigender Achlsamket sich nichi das Geringste euizog.
bemerkte diese List.
Lassen Sie ihn ni,. merlen, mein Freuund, sagle er zu
s.s
seinem Gefährten, wie sehr wir die Grenze z --=-- oüünschen.
ozpiplzns: s
Er könnte sonst leicht auf den Gedanken kommen, sich zandernd
eine größere Belohunung zu verdienen, u= --g----- I g-u.
- G,-
s iiis- siind ss s.iis -
. DIs
=----=-pe des Zieles niacht ungeduldng, und Sie kennen
sicher so gnt wie ich die abergläubische Fn.g- -or dem Scheitern
s-s i
im Angesichte des Hafens! entgegnete der Zurechtgewiesene, mit
diesen Worien sich gleichsam rechiferligend.
z- ß,s-
O ja! Es gab eine Zeit, versetzte Paul, in welche.--e
zsii inohiy
diesen Eindrücken sehr unterworfen war; z- uh aber -==- ---==-
s.s s

--- 40 --
sonderlich an dasjenige gloube, was man als Glick bezeichnet,
habe ich auch die Furchi vor seinen Lannen verloren.
Sie würden es also nicht als ein Glick erachten, wenn wir
ungehindert unser Ziel erreichten, und es nicht ein Unglick nennen,
würden wir daran verhindert?
Nein! enkgegnete der Andere. habe für den Fall, daß
N,z
man es wirklich auf meine Person abgesehen hätte, mit Ihrer
Hilfe ach bestem Wissen meine Vorsichtömaßregeln genommen!
Täuscht uns die Wirksamkeit derselben nicht, so ist das unser
Verdienst und kein besonderes Gllck! Mißlingt unser Unter-
nehmen, so unterliegen wir nur ei em Naturgesetze, der Macht
des Stärleren, deun zwischen uns und unseren Feinden ist die
Partie nicht gleich!
Er brach ab, und diesmal war er es, der mit scharfem
Auge um sich blickte, denn das Wetter fing an, sich bedenklich
zu verändern. Die leichten Wolkenstreifen hatten sich zusammen-
gezogen und verdichtet, der Mond verschwand bisweilen plözlich
hinter ihnen, dann kam er eben so plötzlich aus dem schweren,
schwarzblauen Gewölke hervor, das Meer beleuchtend, dessen
Wogen sich immer höher hoben, während ein dumpfes Grollen
aus seinen Tiefen dem klagenden Weherufe des Windes Antwori
gab. Licht und Schatten wechselten schnell und phantastisch mit
einander ab, aber das Durchbrechen des Lichtes wurde seltener,
die Dunkelheit immer tiefer. Nur bisweilen meinten sie noch
den Gischt der anfgebäumten Welle zu gewahren. wenn sie unter
dem Stoße des heulenden Windes niederdonnerte und hinzischend
auf dem eisigen Ufer zerfloß.
ar länger sie fuhren, je stärker erhob sich der Sturm. Er
N-
trieb ihnen den stechenden Schnee entgegen, daß es ihnen den
Aihem versetzte und sie die Augen kaum noch öffnen konnten;
aber sie beklagten sich nicht darüber, und das bestärkte den Juden
nur in seinen Vermuthungen üüber sie. Die sind's gewohnt,
F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. ll.

--- 10F--
wie ich, dachte er, und er wollte versuchen, ob sich aus der Lage,
in welcher sich nach seiner Meinung die Reisenden befanden,
nicht ein Vortheil fir ihn ziehen ließe.
Gnädiger Herr, hob er an, sich auf seinem Sitze halb um-
wendend, gnädiger Herr! Der Herr Bedienter haben mich vorhin
zu fragen beliebt, ob man kaunn an die Grenze kommen, ohne
zu fahren durch die Stadt. Wenn der gnädige Herr uir geben
will finfunddreißig Rubel mehr, daß ich meine Pferdchen kann
nachher rasien lassen, will ich den gnädigen Herrn iber die
Grenze briugen, ohne das: er soll zu sehen belomen einen
Grenz-Kosaken oder einen Beamten von dem Zoll.
Und wer soll mir denn den Pas; visiren? fragte Paul.
Der Herr haben also einen Pas;? forschte der Jude un
glänbig.
Wie anders? entgegnete Paul und wickelte sich fesier. in
seinen Pelz ein.
d.s- .
V-- .ide war aber so leicht nicht abzuweisen. Ich bin
drüben gleich hinter unserer Grenze zu Hanse, fuhr er fort,
und habe meine Tochter diesseits verheirathet im lezien Kruge.
Ich kenne Weg und Steg und kenne den Herrn Leuinau: von
der Wache und den Herrn Inspeckor von dem Zoll, und sie
kennen mich auch. Wenu vielleicht.... Er hielt iberlegend
inne, ob er so weit gehen sollte, und wagte es endlich dennnoch,
seine pfiffige Vermulhuung auszusprechen -=- wenn vielleicht der
Herr Bedienter nicht sind versehen mit einem Paß -- die Pässe
werden streng visirt und die Zolluntersuchung ist noch strenger!
Schlimm für Dich, der Du heimlich über die Grenze gehen
willst, falls wir Dich verhindern, Deine Contrebande in der
Stadt oder draußen bei Deinem Tochtermanne abzulegen, bis
Du sie Dir gelegentlich herüberholen kannst! Und nun fahr
zu! rief Pauul befehlend, allen Vermuthungen, Vorschlägen und
Planen des Juden damit ein Ende machend, wie sehr dieser

---- g1Z----
sich auuch hoch und khener verschwor, das; er gar leine Waare
bei sich habe, das; er ein ehrlich:r Maun und ganz ausschlies:lich
nur anf der gnädigen Herren Vortheil bedacht gewesen sei. Aber
die Besorgnis, daß es doch vielleicht französische, mit heimlicher
Beaufsichtigung der Grenze bekranute Beamie sein lönnien, die
er fahre, lähmte endlich des Juden Zunge, und, Jeder in seine
Gedanken versenkt, sahen die beiden Reisenden schweigend in die
Nacht hinans, während die Sekunden kamen und entschwanden,
während Woge um Woge gleichmäsig auf das Eis des Ufers rollte,
während der Stuurm die Wolken, die er zusau;ngefegt hat-. in
wildem Laufe vor sich her trieb, bis hier ein Stern durchblizte
und dort ein zweiter, und bis endlich hoch am Horizonte der
Nordstern wieder hell strahhlend auus dem Siebengestirn herniedersah.
Paul begriste ihn wie einen alten Freund. Seine frühesien
Erinnerungen knipften sich an dieses Gestirn. In dem kleinen
Hause seiner Muiter hatte er auf seines Vaters Knie gesessen,
als dieser ihm das Gestiru gezeigt; aus dem Fenster der Kriegs-
räthtn, auus Seba's Stube hatte er es gesehen. Es hatie ihm
geleuchiet in der Schmerzensna.g.. -ie ihn aus der Heimath fori-
Fs -
getrlkben, es hatte ihn nicht verlassen, als er, ein flüchtig ge-
wordener Knabe, über das weiie Weltmeer gefahren war, und
es war hei ihm gewesen wie der einzige Gefährte aus der Hei-
math, als er in dem fremden Welttheile nichts sein eigen genannt
hatte, als sein nacktes Leben.
Eine Ruhrung, die ihm fremd war, bemächtigte sich seiner.
Hingenommen von seiner rastlosen = =z, war ihm durch
s.8s.-?.
alle die Jahre wenig Zeit zum Nachsinnen geblieben. Wie man
im raschen Fluge des Caroussels mit scharfem Blicke und sicherer
Hand den Ring absticht, hatte er im eiligen Wechsel der Ereig-
nisse den Augenblick erhaschen und sich aus seinen Erfahrungen
die Ueberzeuguungen und Grundsäze bilden müssen, nach denen
er sein Leben regelte. Von der flüchtigen Minute hatte er Ve-

---- 1F--
lehrung sordern, in die freie Minuie sein Epfinden zusammen-
pressen missen, und des glicklich Erreichien hatie er sich kaum
erfreuuen düürfen, weil immner ein ueuues, nothwenndig noch zu Er-
reichendes schon wieder nahe vor ihm gestanden hatte.
Nun freilich hatie er, was er zuerst erstrebl. Er halle
einen eigenen und einen guten Namen, den ihm nicht sein stolzer
Vaier vererll unud eichhi seiue arne Mmiier hiilerlassen haile,
sondern einen Namen, den er sich selbst geschassen, wie seinen
ganzen, nicht unbedeutenden Besiz. Aber wozu das alles ? fragte er
sich auch in dieser Stunde. Wer bedarf des Besizes, den Du Dir
erworben hast? Wen frent es, wenn Dein Fleiß ihn wachsen
macht? Wer sorgt sich darum, wenn er =-r verloren geht?
l
Für wen bist Du eine Nothwendigkeit in dieser weiten Welt?
Und während diese Gedanlen in ihu aufsliegen, nanule er
selbst sie ein Unrechk gegen die Frau, welche die Beschützerin
seiner Kindheit und das Jdeal seiner Jugend gewesen war. Er
liebte Seba auch heute noch, wärmer, zärtlicher, begeisterter, als
der Sohn die Mutter liebt; denn seine Liebe war freier, als
die Kindesliebe, war nicht naturbestimmt, sondern Erkentniß
und fre! Wahl, und überall steht das Freigewählte hoch über
allem Angeborenen.
Aber Seba war nicht jung wie er, sie beduurfte seiner nicht,
sie war nicht ausschließlich sein eigen. Es änderte sich in ihrem
Loose, in ihrem Leben nichts, was auch aus ihm werden mochte,
und doch düünkte es ihn, als gleiche er immer nur dem Blatie,
das der Wind unherireibt, als fasse er nicht feste Wuurzel in
dem Leben, so lange er sich nicht nothwendig, nicht unentbehrlich
für ein anderes Menschenwesen wisse, so lange er, der keine
Heimath und keine Familie für sich vorgefunden hatte, sich nichi
seine Heimath selbst geschaffen habe in der Familie, die er selbst
begrindet, so lange er sich in seinen Kindern nicht eine Fort-
dauer iber seinen Tod gesichert habe.

---- gßJ--
Ei scharfer Lftstrom streifie iber Pauul's Stirn ud enir!s:
ihn seinem weichen Sinnen. Die Nacht var im Eischoinde.
Wie am ersten Schöpfunngetage begannen Lufi und Wasser sich
vor seinem Auuge zu scheidin, der Blick wurde wieder Herr der
==--- und langsam durchdeingend und sich Bahnn machend durc
NC,si
das schwebende und wallenhe Gewölk, das sie mit ihrem Puurpnr
shrble, slieg enndlichh in slamender Herrlichfeil die Sonne, mäclig
in ihrer Leben bringenden Krast, aus den dunleln, lnlien Wogen
an dem klar gewordenen Wirterhimmnel enpor.
Der Morgen, rauh und kalt wie er war, erfrischte Paul
und gab ihn sich selber wieder. Er wußte, was ihm das Herz
so weich gemacht hatte. aber er scheuchte den Gedanken wie einen
entnervenden Traum weit von sch fort, denn Ungeduld und Unzu-
friedenheit mil dem selbstgescaffenen Lvose erschienen ihm als eine
Unmännlichkeit und Schwäche. Erst das Vaterland und dann
das Haus, erst die Freihei: und dann das Gllick! rief er lani
sich selber zu, und ohne zu wissen, worauuf dieser Wahlspruch sich
bezog, stimmte Herr von Werben von Herzen in denselben ein.
Deu Jden, der inzwischen nicht aufgehört hal... seine
ss Hi
Passagiere heimlich zu beobachten, entging weder dic sichtliche
Zuufriedenheit, mit welcher sie den Tag begrißten, noch ihr wach-
sendes Verlangen, an die Grenze zu kommen, und er gab
die Hoffnung noch -==- =l-;. von ihrer guten Stimmng zu
zssFs -
erlangen, was ihre Verschlessenheit ihm abgeschlagen hatt. --
. e,
seine Passagiere keine gewöhnliche Leute seien und daß er unier
ihrem Schutze, wenn sie nur wollten, mit seinen Waaren die
Grenze gut passiren könne, das hatte sich in den Stunden ein-
samen Sinnens fir ihn als lezte leberzeugung fesigestellt. E
kam daher für ihn, wie er meinte, nur Alles darauf an, -.
ssi.-
Zutrauen und ihren guten Willen für sich zu gewinnen, und
er ließ es an den Zeichen - -grglosen Heiterkeit nicht fehlen.
»isspz sf.
Er rückte seine Spiznlt- - -t-« -== =lls =- --=--
o Koinss
AIi. fssif -
doz- sii--s

-- 0G--
zuriick, er schnalzle mi! der Zinge, lnallie uil der Peitsche,
schlug, sich zu erwärmen, mit den Beinen gegen seinen elenden
Siz, daß die Stiefel gegen das Holz klapperten. Aber was
er auch hat, die Aufmerksamkeit der Reisenden auf sich zu ziehen,
es schlug alles fehl, den Paul war Kaufmann genug, um den
Begehrenden an sich herankommen zu lassen. Endlich, als über
der weiten Fläche die Thürme der Hafenstadt sich schon erhoben,
hielt der Jnde seine Pferde mitten in ihrem Laufe an und sagte,
sich mit deu pfiffigen und zugleich ängstlichen Blice seines Voltes
zuu den Neisennden wendend, während er mit dei: Stiele seiner
zerbrochenen Peitsche vorwärts zeigte: Der gnädige Herr sehen,
ich habe gehalten mein Wort und meine Zeit! Was soll ich
haben, wenn ich die Herren gerades Weges nach der Grenze
fahre?
Das wird sich an der Grenze finden, gab ihm Paul zur
Antwwort, dessen sich, nun er sich dem Ziele so nahe wußte,
das Verlangen, es zu erreichen, mit einer wahren Leidenschaft
bemächtigte, und noch ehe der Jude sich besinnen konnte, hatte
Paul, um seiner Säche sicher zu sein, sich an seine Seite gesetzt
und ihm mit dem Befehle, ihm die nächste Straße nach der Grenze
anzugeben, Zülgel und Peitsche aus der Hand genommen.
- - de, sobald er merlte, das es Erust und das; lein
D,- Ai:
Auflehnen gegen den fremden Willen möglich sei, ließ zwar Alles
geschehen, denn auch er war schneller Berechnung fähig und hoffte
seinen Vortheil von seiner Nachgiebigkeit zu ziehen. Aber er
schrie und klagte über die Gewaltthat, die Paul an ihm beging.
Er jammerte über sein Mißgeschick, er nahm Gott zum Zeugen,
daß er ein rechtlicher Mann sei, und klagte Gott an, daß er
ihm diese Passagiere zugesendet. Er verwünschte sich und sie
und seine Noth und seine Armuth, bis er endlich den kutschiren-
den Paul, der in seiner wachsenden Spannung des Juden gar
nicht ach.. beschwor, wenigstens den Pferden in dem einsamen
pi,

---- 4:--
Kruuge, aus dessen Schornsien man den weissgrauuen Nauuc aus-
steigen sah, eine kleine Rast zu gönnen.
Wemn sie nicht bekommen einen Bissen Brod und Bramni-
wein, werden's die armen Thiere nichi halten aus, und die
gnädigen Herren werden iegen bleiben, wenn sie nicht hier an
halten bei dem Abraham, drr ein ehrlicher Mann ist und mein
Tochtermann! Et ist noch eine geschlagene Stunde bis zur
Grenze, und ohne Fiitterung können die Pferdchen nicht weiter sort!
Paul konnte es sich nicht verhehlen, daß der Juude hierin
die Wahrheit redete. Die abgetriebenen Pferde stolperien vor
Mailigleit, und die Peitsche und sein Zuuruf machien leinen
Eindruck mehr auf sie.
Als sie vor dem: einsamen, an der Strasße liegenden Ge-
höfte des Wirthshauses vorfuhren, trat der Kriiger, ebenfalls ein
polnischer Jude, vor die Thire hinaus und erkaunte und be-
grüßte seinen Schwiegervater, der ihm in einer den Reisenden
unverständlichen Sprache gleich einige Worte entgegeurief.
WVie weit ist's von hier zur Grenze? fragte Paul den Kriger.
Eine halbe Stunde, gnädige Herren! antwortete ihm dieser,
weil er dadurch Zeit fiür die Nast zu gewinnen meinte. Aber
sein Schwiegervater fiel ihm in die Rede.
Eine halbe Stunde, sagst Du! Wie kannst Du sagen eine
halbe Stunde? Eine Stunde ist's, und eine gute Stunde, und
die Pferde. -
Genug! versetzte Paul, der am Ende dem Juden in seinem
Erwerbe, wie dieser auch geartet war, kein unnöthiges Hindernis;
und keine Gefahr bereiten wollte; denn er hatte sie gut bedient,
und Paul und sein Gefährte hatten ihm eine Belohnung zge
dacht. Genng! wiederholte er, zog die Uhr aus der Tasche und
hielt sie dem Juuden vor das Gesichi. Du sollst zwölf Minuten
Zeit haben, Deine Pferde zu erfrischen, wenn Du uns danach
in einer halben Stunde über die Grenze bringst!

- 10Z--
Der Junde versprach es und die Neisenden siiegen einen
Augenblick vom Schlitten ab. Eine tragbare Krippe ward rasch
herbeigeholt und vor die kriefenden Pferde hingestellt, denen ihr
Besizer ein paar alte Decken überwarf, während die hungrigen
Thiere das in Stiücke geschnittene, mit Branntvein getränlie
Brod gierig verschlangen.
Izwischen waren des Kritgers Fran und Kinder herbei
gelomuen, welche haslig die Kissen von dem Schliilen nahmen,
sie mit anderen, eben so elenden Sizkissen vertauschten und ver-
schiedene Päcke und Nollen unter dem Stroh hervorzogen, das
der Fuhrmann unter seinen Fiüsen liegen gehabt hatte. Zi
wiederholten Malen öthigle der Wirth die Fremden, einzulreten,
um ein Glas Branntwein am warmen Ofen zu sich zu nehmen;
aber er konnte sie nicht dazu bewegen. Die Uhr in der Hand,
fragte ihn Paul, ob neuerdings viel Verlehr von Fremden in
seinem Hause gewesen sei. Der Krüger verneinte es, hoffte
aber, es werde bald besser fitr seine Wirihschaft lommien, weun
erst der Kriegszug des großen Kaisers begonnen haben werde,
von dessen Bevorstehen ihm der französische Gensd'arme Kuude
gebracht habe, der erst gestern wieder bei ihm angesprochen.
Es kommen ihrer jetzt öfter solche zu mir reiten, außer den
preusüschen; sie vigiliren scharf auf die Herren, die da passiren
wwollen über die Grenze! setzte er mit bedentendem und listigem
Blicke und Auugenzwinkern hinzu. Aber das beredte Wort erstarb
ihm auf der Zunge, als er sah, daß Paul das Taschen-Fern-
rohr, mit dem er nach der Seite, von welcher er hergekommen
wzar, anögespäht hatte, rasch zusammenschob und, nachdem er
einige Worte auf Englisch zu seinem Gefährten gesprochen hatte,
dem Fuhrmanne den Befehl gab, augenblicklich aufzubrechen. Er
selbst und Werben legten eilig den Pferden die abgenommenen
Zigel wieder an, dann sprangen sie in den Schlitten, zwwangen
den jammernden und lamentirenden Juden, mit ihnen einzu-

--- 1ßß--
steigen, und nachdem Paul dem Wirihe noch ein Geldstick als
Bezahlung zugeworfen hatte, ging es fort, sc schnell die unvosl-
ständig erquickten Pferde zu lausen vermochten.
Sie waren noch keine Viertelstunde gefahren, als Paul
wwiederum sein Fernrohr auf die beiden Punlte richlele, deren
Gewahrung vorher den Entschlus: des plötzlichen Aufbruches in
ihm weranlasgt haiie. Er hieli es lange am Auge, während
sein Freund die Zilgel in die Hand nahm, und fragte dann,
als er es absetzte, atf die abgejagten Thiere und den in Todes-
angst zitternden Kutscher blickend Was halten Sie von der
Sache, Herr von Werben?
Werbe blickte ebenfalls zurick, zuckte die Schultern und
sagte: Es hilft uns nichts! Ihre Pferde sind frisch -- sie holen
uns ein, noch ehe wir die Grenze erreichen.
So ist's besser, wir machen es gleich ab, meinte Paul.
Sie hatten auch diese Worte wieder englisch gesprochen; Herr
von Werben üüberließ dem Juden wieder die Zügel seiner Pferde,
die beiden Reisenden nahmen auuf dem hinteren Sitze ihre alten
Plätze ein und Paul sagte, sich an den Juden wendend: Fahre
langsam!
Dieser lies; sich das nicht zweimal sagen, und die Pferde
fielen gleich in Schritt, als man eben in das heschneite Fichten-
holz eiufuhr, an dessen anderem Ende, wie der Jude angab, die
Grenze sich hinziehe.
Was gedenken Sie zu thun, Tremaun? fragte Herr von
Werben seinen Gefährten, indem er ein Paar fein gearbeitete
Doppel -Pistolen aus der Manteltasche nahm und Paul die
Steine seiner Pistolen mit seinem schweren Einschlagemesser
auf's Neue schärfte und frisches Züindkraut auf die Pfannen
schütiete.
Das kommt darauf an! Sinh es Preußen, so haben wir
nnsere geschriebenen Pässe, die in Ordnung sind; wen es dagegen
F. Le wald, Vont Geschlecht zu Geschlecht. 1.

10---
Franzosen sind, nun, so-- er lächelte mit einem Ausdrucke
grimmiger Entschlossenheit, den Herr von Werben nie bisher an
ihm bemerkt hatte - so haben wir diese geladenen Pässe, die
nun auch in Tdnung sind!
Während die Reisenden, ihre Waffen in der Hand, langsam
vorwärts fuhren, hielten an dem elenden Kruge, den sie kurz
zuvor verlassen hatten, zwei Reiter. Der eine derselben, in halb
militärischer Tracht, war augenscheinlich ein Franzose, der andere
ein preußischer Gensd arme, welcher jenem als Fihrer mikgegeben
zn sein schien. Sie waren beschäftigi, den Wirth des Kruges zu
verhören, und die Auuskunft, welche sie anf ihre Erkundigungen
erhielien, schien ganz nach dem Wuusche des Franzosen auszufallen.
Wir erreichen sie noch vor der Grenze! rief der Franzose
seinem Begleiter zu, und wenn es die sind, die wir suchen, sezte
er leise fltr sich hinzu, so ist mein Glick gemacht. Vorwärts,
Kamerad! =- Sie gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten
nach der Richtung fort, welche die Reisenden genommen hatten.
Es währte nicht lange, bis sie den langsam durch das
Gestrüpp dahinfahrenden Schlitten vor sich erblickten. Sie waren
noch ungefähr einige Hundert Schritte von demselben entfernt,
als der preußische Gensd'arme gegen seinen Begleiter bemerkte:
Das sind schwerlich Leute, die es eilig haben, Herr Commissar,
dennn sie fahren Schritt, obschon sie uns bereits seit längerer
Zeit gesehen haben müssen, und die Grenze ist keine Viertelstunde
mehr entfernt. Die müssen ein gutes Gewissen haben!
Aber der Aundere antwortete auf diese Bemerkung nur durch
ein drohendes Halt, welches er den Fahrenden zurief, während
er' im vollen Laufe an den ruhig weiter fahrenden Schlitten
heransprengte. Kopfschütttelnd und sichibar unzufrieden folgie
ihm langsam der Gensd arme. Er traf seinen Begleiter bereits
in heftigem Wortwechsel mit den beiden Reisenden.
Ich kimmere mich den Teufel um Ihre Pässe! schrie der

--- g11---
Franzose, in welchem Panul angenbicklich einen der französischen
Beamien erlaunnie, die er täglih ei Herrn von Gasiigni ein-
und ausgehen gesehen hatte. Sie sind allerdings Herr Tremann,
ich glaube das meinen Augen, niht Ihrem Passe; aber der
andere Herr ist eben so wenig Ihr Bedienter, als ich es bin!
Sie müüssen beide mit mir umlehren, ich habe Sie nach der
nächsten' Kreisstadt abzuliefern!
Sehen Sie Sich vor, was Sie thui! rief Paul ihm zu.
Sie sind kein Beamter unseres Kön gs! Sie haben leine Voll-
macht, Sie haben kein Recht, frielliche Reisenude auufzuhalien, die
sich durch ihre Psse answeisen lhnuen!
Sehen Sie selbst Sich vor, Monsieur Trenann! versezte
hohnlachend der Franzose. Sie sind der Spionage verdächtig,
und der Bundesgenosse und Herr Ihres Königs, der Kaiser
Napoleon, pflegt mit Spionen keiien langen Proceß zu machen!
N,
aF rufe Sie zum Zeugen an, wendete sich Pauul, da He.
von Werben sich in der Rolle des Bedienten, wenn auch mit
großer Selbstiüberwindung, schweigend und zuwartend verhalten
mußte, an den preußischen Gensd armen, der inzwischen ruhig
die Pässe der Reisenden durchgesehen hatie -- ich rufe Sie zum
Zengen an, dasß hier die Mafeslät Ihres Königs un-- =-
z Hpis
beleidigt wird! Sie sind ein prenßischer -==ul und Soldat,
1s,-f=-iI.is
wollen Sie das geschehen lassen?
Der Angeredete war sichtlich bewegt. Er versuchte, sich in
das Mittel zu legen; aber eö war oergebens, daß er dem Fran-
zosen bemerklich machte, daß die Papiere der Reisenden völlig
in Ordnung seien und daß also gar kein Grund vorliege, die-
selben weiter auufzuhalten.
Kein Grund? rief der Franzose. Aber wenn ich Ihnen
n sage, daß dieser Bediente ein Offizier, ein preußischer Offi-
zier, daß eö der Hauptmann von Werben ist, den ich hiermit
als Deserteur verhafte!

Aue
r F aa r
Wie ein Bliz zuckte es über das Gesicht des Gensd armen,
als Herr von Werben, nnn er sich entdeckt sah, der Verstellung
ohnehin längst mide, die Mitze zuriickschlug, welche sein Atliz
verborgen hatte, und Jener ihn erkannte. Herr Hauuptmann,
mein Herr Hauptmann! Sind Sie es denn wirklich? rief er
in freudiger Bewegung ans.
.i, ich bin es! euigegnele Werben, indem er auus seiner
Brieftasche ein Papier hervorzog --- aber ich bin lein Deserleur!
Hier ist mein Abschied, von Seiner Mafestät unserem Könige
unterzeichnek! Ich bin frei, z grhhen, wohhin ich will, ud Goll
der Allmächtige weisß es, setzte er knirschend hinzu, warum ein
preusüischer Soldat ud Edelmann gezwungen ist, heimlich zu
thun, was er offen zu thun berechtigt ist! Willst Du Deien
Hauptmann an die Franzosen verrathen, Wendland? --
Er haile den Schlittenu verlassen und war it den Genc-
-d armen ein wenig seitwärts an den Rand des Gehölzes ge-
treten, als plözlich dicht hinter ihnen ein Pistolenschus fiel, dem
auf der Stelle ein zweiter folgte. Sie blickten zuriick: der Fran-
zose, durch den Kopf geschossen, stürzte von dem Pferde, das,
davon aufgeschreckt, zurück jagte. Panl siand aufrecht im
Schlitten, die abgefeuerte Waffe in der Hand.
Er hat es gewollt! sagte er finster - der Elende hai
seinen Lohn! Er schoß zuerst, fiigte er hinzu, indem er mit
der Hand nach der linken Schulter fuhr und sie bluiig zuriiczog.
Sein Bluut komme über ihn! Und jezt vorwärts, Herr von
Werben! Wir sind jezt Zwei gegen Einen!
Gott bewahre, wir sind unserer Drei, rief der Gensd'arme,
denn wo mein Herr Hauptmann bleibt, da bleib' ich auch! Mag
der Teufel noch länger preußischer Gensd arme in franzdsischen
Diensten sein! Ich gehe mit Ihnen zu den Nussen und über
die Grenze!