Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Band 03
Titel

Fanny Lewald's
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Neue, von der Verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
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Sechster Band:
Von Heschlechl zu Geschlechl.
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HS.
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Verlag von Dtto Janke.

Von Geschlecht zu Geschlecht.
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Roman in zwei Abtheilungen
von
Fanny Lewald.
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Dritter Band
Berlin, 1871.
Verlag von Otto Janke

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Zwweite Altheilung.
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F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ül.

Kapitel 01

Erstes Capite l.
Flae Negimen, in welchem Nenatus stand, hatte seine
vorgezeichnete Straße über die freiherrlichen Güter zu nehmen
und sollte dort ein paar Rasttage halten. Der Commandeur
bot es also dem jungen Freiherrn an, als Quartiermacher vor-
auuszugehen, um auf diese Weise ein längeres Verweilen in seinem
Vaterhause zu gewinnen, und Renatus machte mit Freuden davon
Gebrauch. Während des langsamen und in der frühen Jahres-
zeit noch beschwerlichen Marsches waren seine Gedanken ihm
ohnehin oft genug in die Heimath vorausgeeilt. Er hatte die
Seinige seit zwei Jahren nicht gesehen, und er hatte ihnen
mitzutheilen, was jetzt ausschließlich seine Seele erfüllte, er hate
von seinem Vater die Zustimmung und den Segen zu seiner
Verlobung zu erbitten.
Von seinen Kameraden mit der Versicherung entlassen, daß
man sich danach sehne, ihm bald nachzukommen, um sich in
Richten fir die gehabten Unbequemlichkeiten und Strapazen zu
entschädigen und für die vorauszusehenden Enthehrungen und
Anstrengungen zu stärken, machte der junge Offizier sich auf
den Weg.
Der Freiherr von Arten galt immer noch für einen reichen
Mann, seine Gastlichkeit war weit und breit berühmt; Renatus
selber hatte ihrer oft gegen seine Kameraden gedacht, unter

denen sich auch Blutsverwandte und Befreundete des Hauses
befanden, und er hatte ihnen mit gutem Glauben die beste Auf-
nahme bei seinem Vater verheißen können. Freilich wußte er,
daß Truppen-Durchmärsche für den Gutsbesizer eine schwere
Last seien. Er hatte es mit erlebt, wie furchtbar die Franzosen
im Lande gehaust und wie die Jtaliener durch viele Monate in
Nichten im Quartier gelegen hatten. Aber Maßlosigkeiten und
Gewaltthaten, wie man sie von den Franzosen erdulden müssen,
waren von den Landsleuten und unter der strengen preußi-
schen strengen Mannszucht nicht zu befahren, und wenu der
lange Auufenihall der Jialiener auch grosie Sumen geloslel
hatte, so erinnerte sich Nenatus doch sehr deutlich, in welch gutem
Einvernehmen man mit ihnen gestanden, wie sein Vater für den
Grafen Mariani ,eingenommen gewesen war, der die Reiterei
befehligte, und wie bitterlich Vittoria seinen Tod betrauert hatte,
als man später einmal die Nachricht erhalten, daß der schöne
junge Mann auf einem der Schlachtfelder des österreichischen
Feldzuges seinen frühen Tod gefunden habe.
Je weiter Renatus aber auf seinem Wege vorwärts kam,
um so mehr wurde er von den Erinnerungen an die Vergan-
genheit abgezogen, denn der Anblick, welcher sich ihm überall
darbot, war kein freundlicher. Seit Monaten hatten die Truppen-
Durchmärsche auf dieser Straße nicht aufgehört, und überasl
waren die Spuren davon in trauriger Weise bemerkbar. In den
Krügen, in denen er füttern ließ, auf dem Gute, auf welchem
er übernachtete, waren die Klagen groß, der wirkliche Nothstand
unverkennbar, und' die Sorge, wie er es in Nichten finden
werde, fing an, sich des jungen Freiherrn immer ernstlicher zu
bemächtigen. Dazu gesellte sich jenes Bangen, das man stets
empfindet, wenn man sich einem ersehnten Wiedersehen naht.
Renatus fing zu berechnen an, seit wann er keine Nachrichten
aus der Heiinath empfangen hatte. Er überlegte, daß er seinen

==- F===-
Vatet nun seit zwei Jahren nicht gesehen hcbe, daß sein Vater
bei Jahren sei, daß die letzten Monate wohl auch für seines
Vaters Güter große Lasten mit sich gebracht haben müßten, und
er sagte sich jetzt zum ersten Male, daß es im Grunde doch
eine üble Nachricht sei, zu deren Neberbringer er sich habe
machen lassen.
, Am lezten Tage war für die frühe Jahreszeit das Wetter
schwiül. In der Ferne zog ein Gewitter vorüber, das seine
Regenwolken über das ganze Land ausbreitete. Renatus war
nach der Hauptstadt des Kreises gekommen, in welchem seine
vätrlichen Giler gelegen waren. Er halle dort der Behörde die
Anzeige des bevorstehenden Truppen»Durchmarsches zu machen,
die nöthigen Vorkehrungen zu besprechen, und es war ihm son-
derbar dabei zu Muthe, daß er hier etwas Anderes, als seine
eigenen Geschäfte zu besorgen hatte. Als er seinen Auftrag
ausgerichtet, rasteie er bei dem Wirthe, in dessen Gasthause der
Freiherr einzukehren und zu dem man die Vorlegepferde hin-
zubestellen gewohnt war, wenn sich Jemand von der Familie
auf Reisen befand oder wenn man Besuche erwartete. Der
Wirth sagte, daß der reitende Bote aus Richten heute in der
Stadt gewesen sei, die Postsendung zu holen; daß der Herr
Baronaich lange nicht hätten sehen lassen und daß er die Zeit
nicht denken könne, seit welcher die Frau Baronin zuletzt durch
den Ort gekommen sei, die freilich im Winter zu reisen nicht liebe.
Er hegte nach Art seiner Standesgenossen offenbar Nei-
gung, mit dem jungen Freiherrn zu verkehren, klagte über die
schweren Zeiten, von denen hier Jeder mehr als anderswo ge-
litten habe und durch die man auf den Gütern noch weit
schwerer als in den Städten getroffen worden sei. Er meinte,
der junge Herr Baron werde ja wohl von Hause auch davon
vernommen haben und nun selber sehen, wie es Alles stehe.
Aber Nenatus schenkte ihm nicht recht Gehör. Er war zu sehr

-- F -
mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um Verlangen nach
gleichgültigem Gespräche zu tragen, und gerade weil er viel
darum gegeben hätte, den Zwischenraum überfliegen und die
Stunden abkürzen zu können, die ihn noch von seinem Ziele
trennten, hatte er eine Scheu vor jenen zufölligen Nachrichten
aus der Heimath, wie sie dem Entferntgewesenen entgegen ge-
bracht zu werden pflegen.
Er hatte Anfangs das Aufhören des Regens abwarten
wollen; aber der Wunsch, vorwärts zu kommen und bei den
Seinigen zu sein, wurde mit jeder Stunde lebhafter, und es
ward ihm, er wußte selber nicht, weßhalb, je länger desto un-
heimlicher zu Sinne. Er ging selbst nach dem Stalle, zu sehen,
ob man mit den Pferden noch nicht wieder aufbrechen könne,
er trat mehrmals vor die Thüre hinaus, nach dem Wetter aus-
zuspähen; das sah aber gar nicht darnach aus, als ob man ein
baldiges Aufhellen erwarten dürfe. Der Wirth unterhielt ihn
davon, wie viel Mann Einquartierung er voraussichtlich be-
kommen werde, berechnete, wie viel Mann auf seine Nachbarn
fallen würden, und Renatus dachte, daß er heute zum ersten
Male bei seiner Heimkehr in das Vaterhaus hier nicht den
Wagen und die Dienerschaft seines Vaters fände. Es ging
das freilich mit natürlichen Dingen zu, indeß es war ihm deß-
halb nicht weniger unangenehm. Mit einem nicht zu überwin-
denden Mißgefühle setzte er den Czacko auf und blieb dann,
neben dem Wirthe unter dem Vordache des Hauses stehen, um
zu warten, bis sein Bursche die Pferde gesattelt haben werde.
Er konnte es in der geheizten, mit Tabacksdampf erfüllten Gast-
stube vor Ungeduld nicht mehr ertragen.
Als sie so vor der Thüre standen, sahen sie durch den
Regen einen verdeckten, leichten Korbwagen herankommen, den
zwei starke Braune zogen.
Das ist der Steinert aus Marienfelde, sagte der Wirth;

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dem können der Herr Baron nur auch gleich sagen, was ihm
bevorsteht, denn leer ausgehen wird der auch nicht.
Er trat mit diesen Worten an den Wagen heran, weil er
meinte, daß Steinert einkehren werde. Tieser hatte es jedoch
nur auf ein kurzes Anhalten abgesehen, denn er war nicht weit
gefahren, halte laum noch eine Stunde bis nach Hause und
wollte nur noch hören, ob und was es etwa Neues gäbe.
So wie er den Kopf zum Verdeck hervorbog, erkannte er
den jungen Edelmann, obschon er ihn seit Jahren nicht gesehen
hatte, und mit jener Frende, die jeder Gutgeartete über das
schöne Heranwachsen eines Menschen empfindet, den er als Kind
gekannt hat, rief er Renatuus ein herzliches Willkomnnnen und die
Frage zu, was er denn Gutes aus der Ferne bringe. Aber
Renatus vermochte ihm nicht in gleicher Weise zu erwiedern.
Es verdroß ihn, daß ihn Steinert nicht, wie in früheren Jahren
seinen Vater und die anderen Edelleute, als den gnädigen Herrn
ansprach, sondern ihn schlechtweg Herr Lieutenant nannte. Es
dünkte ihm eine verkehrte Welt zu sein, in welcher Adam
Steinert behaglich und trocken in seinem Wagen einherfuhr,
während er, der Freiherr Renatus von Arten-Richten, als Quar-
tiermacher in Regen und Nebel durch das Land zog, und ob-
schon er gleichzeitig diese Empfindungen und die Empfindlichkeit,
zu der sie ßch in ihm verwandelten, thörichte und zu bekämpfende
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Es dünkie Nenatus also doppelt lästig, daß der Wirih
sofort wieder von der Einquartierung zu sprechen anfing, da
der Lieutenant sie wirklich auch für Marienfelde anzumelden
hatte: Steinert verließ, sobald er davon hörte, seinen Wagen,
und wie er nun in seiner bestimmten Weise von dem jungen
Offizier genaue Auskunft forderte, wie er Fragen stellte, welche
Renaius ihm zu beantworten verpflichtet war, da kam noch

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einmal und noch stärker der Gedanke über diesen, daß die Welt
sich umgewandelt habe. Er besaß im Allgemeinen wenig Leichtig-
keit, und das Mißbehagen nahm ihm diese vollends. Er gab
Steinert kurz und trocken die Zahl der Leute, der Pferde, den
Tag ihrer Ankunft in Marienfelde und die Dauer ihres Auf-
enthaltes an. Steinert, der die kalte, abweisende Haltung des
jungen Mannes nach der Freundlichkeit, mit welcher er ihm
entgegen gekommen war, mit Recht als einen Hochmuth und
eine Unhöflichkeit betrachtete, verzeichnete die Angaben in seinem
Taschenbuche, dankte für die Mitiheilung und bemerkte, sich zu
dem Wirthe wendend, er sei in diesen Zeiten immer recht von
Herzen froh darüiber, das er gleich ein tichtiges Stick von dem
Schlosse algebrochen habe, nachbeun er sein Gul gekausl; denn
große Schlösser seien jezt ein wahres Verderben für den Guts-
besitzer, der in ihnen immer die ganze Generalität zu beherbergen
und zu ernähren bekomme, während er schon Noih genug habe,
sich mit den Seinigen durchzubringen.
Nenatus hörte darauf, wie Steinert sich des zeitigen Frih-
jahres freute und es güünstig für die Arbeit nannte, und wie
der Wirth ihm kopfschüttelnd entgegnete: Was hilft uns das.
wenn sie uns die aufgegangenen Saaten wieder vom Felde in
die Raufen schleppen und das reife Korn zu Schüttstroh nehmen,
wie vor Jahren? Man möchte die Arme am liebsten über ein-
ander schlagen und die Felder brach liegen lassen, da hätte man
wenigstens nicht den Aerger über die ganze vergebliche Mühe!
-, nichts thun, oder arbeiten was die Knochen halten
N,
wollen, versezte Steinert, das ist die Frage, um die es sich jezt
handelt. Nasch schaffen, Alles zu Gelde machen, wenig brauchen.
das Geld sichern und abwarten, bis man wieder mit Zuversicht
an ein Unternehmen gehen kann - so habe ich's die gunzen
Jahre her gehalten. Wo sie nichts finden, können sie nichts
nehmen, und meiner Haut wehre ich mich noch. E werden

11
Viele zu Grunde gehen in dieser Zeit, denn es sieht bedenklich
auf den meisten Gütern aus, und wer den letzten Thaler in
der Tasche haben wird, der wird einmal was machen können!
Er trank das Glas Bier aus, das er gefordert hatte, und
ging nach seinem Wagen, als der Bursche des jungen Freiherrn
diesem sein Pferd vorfiührte. Steinert sah, wie der Wirth dem
jungen Offizieg den regenschweren Mantel reichte, wie Renatus
ihn um seine Schultern hing. Da kam eine jener Rückerin-
nerungen, welche dem jungen Edelmanne vorhin seine gute Laune
genommen hatten, auch über Steinert; aber sie hatte jenen hart
und ungerecht gemachi und dieser ward durch sie besänftigt.
Wollen Sie mit mir fahren, Herr Baron? fragte er. E
lomnui mir aus einen lluwweg nicht an, mneine Pferde sind frisch;
wir binden Ihren Schimmel an, ich fahre Sie bis Rothenfeld,
und bis dahin läßt der Regen vielleicht nach.
Er stand an seinem Wagen und schlug das Sprizleder
einladend zurück; aber Nenatus konnte sich nicht überwinden,
der wohlgemeinten Aufforderung zu folgen. Er dankte ihm für
seine gute Absicht.
Nun' denn, rief Steinert, so leben Sie wohl und kehren
Sie Ihrem Vater, dem Freiherrn, aus Rußland wohlbehalten
wieder. Es wird ihm nahe gehen, Sie im Felde zu wissen,
und, er ist kein Jüngling mehr. Sie werden überhaupt hier zu
Lande mancherlei verändert finden!
Damit fuhr er fort; auch Renatus stieg zu Pferoe, aber
das ganze Zusammentreffen mit Steinert hatte ihm einen pein-
lichen Eindruck hinterlassen und die lezten Worte desselben waren
ihm schwer auf das Herz gefallen. Was hatte er damit an-
deuten wollen? Was war geschehen?-
Der schlimmste Reisegefährte, die unbeftimmte Sorge, hatte
sich dem jungen Manne zugesellt und wollte nicht von ihm
weichen, wie er sie auch zu bannen versuchte. Es war das erste

Mal, daß er sich der Heimath nicht freien Herzens näherte, daß
seine Gedanken sich ernstlich mit den Umständen und Vermö-
gensverhältnissen seines Hauses beschäftigten.
Der Freiherr hatte es dem Sohne niemals fehlen lassen,
und obschon dieser weder ausschweifende Nejgungen noch über-
triebene Bedürfnisse besaß, war er doch gewohnt, jeden seiner
Wünsche zu befriedigen. Er wußte, daß sein Vater kein guter
Rechner, kein umsichtiger Landwirth sei und viel verbrauche.
Das war aber, wie Renatus meinte, bei einem Edelmanne sehr
erklärlich, und man hatte es nur zu bedauern, daß der Freiherr
bisher niemals passenden Ersaz fiür Steinert hatte finden lönnen;
denn gerade die besten Landwirthe hatten mit Renatus oft davon
gesprochen, daß man die Hülfsquellen seiner väterlichen Be-
sizungen nicht nach Gebüühr benuze, daß man aus den Gütern
nicht mache, was sie werden könnten, daß man nicht die nöthi-
gen Kapitalien in sie hineinstecke, um sie im Grund und Bodeu
wuchern und Zinsen tragen zu lassen. Allein eben das flüssige
Kapital fehlte seinem Vater, und dieser hatte dem Sohne in
guten Stunden wohl den Nath gegeben, sich bei Zeiten nach
einer reichen Erbin zur Gattin für sich umzusehen, damit man
wieder in größerer Freiheit des eigenen Grundbesizes froh werden
möge. Wie würde der Freiherr nun die Nachricht aufnehmen,
daß Nenatus die völlig Mittellose in das Haus zu führen denke?
Bei dem Negenwetter dunkelte es früh, und der Sinn des
jungen Mannes wurde dadurch eben auch nicht heiterer. Der
Nebel stieg aus dem Boden der sumpfigen Wiesen empor und
zog in langen, schwebenden Streifen langsam neben und um ihn
her. Er ritt mit wachsender Ungeduld in schnellem Trabe vor-
wärts; er wollte das Schloß noch erreichen, ehe es Nacht ward.
Es dinkte ihn, als sei der Weg weit länger geworden, als
komme er nicht von der Stelle; und wie er den Weg nicht be-
wältigen zu können glaubte, so kam er auch mit seinen Gedanken

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nichi vom Flecke. Wenn er sich es vorstellen wollte, wie er
seinem Vater sein Herz enthüllen und was Vittoria zu seiner
Verlobung sagen werde, sah er Adam Stinert vor sich stehen
und es klang ihm gas Wort vom letzten Thaler und von dem
Unsegen, der jezt auf den großen Schlössern laste, in den Ohren.
Er war froh, als er endlich aus den Wiesen heraus war, als
gus dem Nebel der Kirchthurm von Noihenfeld hervortrat und
der Anblick der -allbekannten, ihm engverkrauten Umgebung ihn
von seinem Grübeln abzog. Er schwankte, ob er in der Pfarre
vorsprechen und seinem greisen Lehrer seine Ankunft melden solle;
aber seine Ungeduld sträubte sich dagegen, und auch sein Schimmel
schien sich der Nähe des Stalles zu erinnern, in welchem er
auferzogen worden war, denn er grif, ohne daß sein Herr ihn
dazu antrieb, mit Einem Male lustig aus, so daß Renatus in
wenigen Minuten die große Eichen-Allee zu erreichen hoffen
durfte, die sich von dem letzten Vorwerke bis zur Rampe des
Schlosses hin erstreckte. Aber er ritt und ritt, die Allee wollte
noch nicht kommen. Er drückte dem Pferde die Sporen in die
Seite, es sprang empor und ging mit raschem Satze vorwärts
-- aber sie kam nicht, die Allee.
Was ist das? fragte Nenatus sich, und es fuhr ihm kalt
über den Rücken. Er sah um sich, weil er meinte, nur der
Nebel verhille ihm die Bäume und der Nebel sei es auch, der
ihn z erkälte; indeß der Nebel hatte sich verzogen, er konnte an
einzelnen Stellen sogar die Sierne durch die Wolken schimmern
sehen, und es war auch nicht der Nebel, der ihm das Herz in
der Brust erstarren machte und ihm den Hals zusammenschnürte.
Denn nun lag es ja vor ihm, das Schloß seiner Väter; er sah
das Licht aus dem Fenster über dem Portale schimmern, das
die riesigen, alten Bäume jetzt nicht mehr verdeckten. Schon
breitete der Hofraum sich weit und öde vor ihm aus, aber es-
war nicht mehr, wie es gewesen war, es war nicht mehr die

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alte Heimath! Das Schlos; seiner Väter war seines schönsten
Schmuckes beraubt, der Stolz der Herren von Arten-Nichten,
die prächtige, uralte Eichen-Allee war niedergeschlagen bis auf
den lezten Baum. Jetzt wußte er, was die Worte Steinert's
bedeutet hatten - und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.
Oben in dem Zimmer des Freiherrn brannte das Feuer
im Kamin. Der reitende Bote, welcher zweimal in der Woche
die Briefe für den Freiherrn aus der Kreisstadt abholte, war
um die bestimmte Stunde nach dem Schlosse zurickgekehrt, und
fast gleichzeitig mit ihm war der Caplan bei dem Freiherrn
angelangt. Er kam troz seiner vorgerickten Jahre und seiner
schwachen Gesundheit regelmäsig an den Abenden von Rothenfeld,
wohin er gezogen war, bald nachdem Nenatus zum ersten Male
das Vaterhaus verlassen hatte, nach Nichten heriüber, um dem
Freiherrn, dessen Augen in der letzten Zeit gelilten, zur Hand
zu sein, falls er sich eines Vorlesers bedürftig fühlte oder Briefe
zu beantworten hatte; denn der Sekretär des Freiherrn war
noch während des ersten Krieges in die Dienste eines französischen
Generals getreten, und man hatte seine Stelle nicht wieder besetzt.
Die Lichte waren bereits angezündet, aber es waren nicht
die vielarmigen Leuchter, deren der Freiherr sich in früheren
Jahren bedient hatte, als er am Abende noch selbst zu lesen
und zu schreiben pflegte. Der große Raum war also nicht voll-
ständig erhellt, und das Sopha, auf welchem Vittoria, die beiden
Arme mit der anmuthigen Lässigkeit eines Kindes unter das
Haupt gelegt, in stillem Hindämmern zu ruhen schien, war ganz
in Schatten gehüllt. An den Tische, auf welchem die einge-
gangenen Briefe und die Zeitungen der letzten Woche lagen,
saß der Caplan, und der Freiherr ging, dem Vorlesenden zu-
hörend, langsam in dem Zimmer auf und nieder, wie es seine
Gewohnheit war. Mit Einem Male blieb er stehen.
Es wird immer nutzloser, diese Blätter kommen zu lassen,

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sagle er, indem er den Caplan unterbrach. Man mißte sich
mitten im tiefsten Frieden glauben, wenn man keine anderen
Nachrichten empfinge, als diejenigen, welche die Zeitungen uns
verkünden. Nur von den friedlichen Gesinnungen Napoleon's,
nur von seinen Decreten in der Gesetzgebnng und für das Theater
ist heute wieder die Rede, und dazu haben hie Truppen-Durch-
märsche bei uns nicht aufgehört; dazu meint mnan, sg oft man
zu unerwarteter Stunde ein Geräusch vernimmt, daß wieder
irgend ein neuer Quartiermeister oder Fourier im Schlosse an-
langt, um uns neue, unerbetene Gäste anzumelden.
Er hatte aber diese Worte noch nicht vollendet, als man
den Hufschlag eines Pferdes auf der grosen Nampe hörte. Da
sehen Sie, mein Freund, wir leben gerade wie im Schauspiele!
meinte der Freiherr. Man braucht von den Dingen nur zu
sprechen, um sie eintreffen zu machen.-- Er ging nach dem
Fenster; auch der Caplan erhob sich, um hinunter zu sehen.
Man konnte jedoch in der Dunkelheit nicht erkennen, wer der
angekommene Reiter sei, und der Freiherr war eben auf dem
Wege, die Klingel zu ziehen, um sich danach zu erkundigen, aber
er stand dann wieder davon ab. Es hatte sonst nicht in seiner
Art gelegen, den Ereignissen entgegen zu gehen, und er machte
sich innerlich einen Vorwurf daraus, daß er die Ruhe verloren
habe, jie an sich herankommen zu lassen. Er wendete sich mit
einer knscheinenden Gelassenheit wieder in das Zimmer zurück,
legte die Hände wieder über dem Rücken in einander, um bei
dem Herumgehen die Brust zu dehnen, und wollte eben den
Gaplan ersuchen, mit dem Lesen fortzufahren, als man eilige
Schritte auf der Treppe und im Vorsaale hörte und der Diener
in der Thüre erschien.
Was gibt es? fragte der Freiherr, fcoh, des Zwanges
ledig zu sein, den er sich angethan hatte.
Ein Offizier, gnädiger Herr, ein Offizier ist angekommen,

1.---
von den Unserigen einer! antwortete der Diener, und ehe der
Freiherr noch sein Mißfallen über diese unruhige Meldung äußern
konnte, war Renatus schon in das Zimmer eingetreten und hatte
sich erschüttert an des Vaters Brust geworfen.
Auch der Freiherr war sichtlich ergrifen. Mein Sohn,
mein lieber Sohn! rief er aus, als Renatus sich niederbeugte,
des Vaters Hand zu küssen, und er die Thränen in des jungen
Mannes Augen gewahrte. Was bewegt Dich so, Nenatus? Fasse
Dich, mein Sohn!
Aber die Stimme seines Vaters, weit davon entfernt, ihn
zu besänftigen, rührte den Sohn noch mehr, denn sie klang ihm
sreud. Es war nichi mehr der alie, volle Ton, und unfähig,
sich zu beherrschen, rief er: Wo ist unsere Allee geblieben, Vater?
Des Freiherrn Brauen zuckten zusammen, er ließ die
Hand des Sohnes fahren, denn er meinte einen Vorwurf in
der Frage zu vernehmen, und nach des Freiherrn Begriffen von
dem Familienrechte und von dem Erhrechte hatte der Sohn dem
Vaier eine solche Frage auch zu stellen; aber daß er sie in der
Stunde der Ankunft, daß er sie in dem Augenblicke that, in
welchem er den Vater nach längerer Abwesenheit zum ersten
Male umarmte, daß er sie im Beisein des Caplans, im Beisein
Viltoria's und gar in Auwesenheit des Dieners that, das kränkte
des Vaters Herz, das beleidigte das Ehrgefihl des Edelmannes
und des Hausherrn.
Die Franzosen hatien auf ihrem Durchmarsche Lücken in
die Allee geschlagen. Der Anblick war mir unerträglich, mache
mir die Allee zuwider, und ich fand es für angemessen, zu
nuzen, was ein nächster Durchmarsch ganz zerstören konnte!
entgegnete der Freiherr, schnell und abgebrochen sprechend. Aber
weßhalb zeigtest Tu Deine Ankunft nicht im Voraus an? Du
weißt, daß ich die Neberraschungen nicht liebe. Was führt Dich
hieher?

.-g komme als Vorbote meines Rdegimtentee! sagte Renatus,
D,
durch die Worte seines Vaters und mehr noch durch ihren
strengen Ton nun eben so beleidigt und verlezt, als der Freiherr
sich erwies.
Also Einqnarlierung -- schon wieder Einquartierung?
Der Stab unseres Regimenies kommt übermorgen in
Nichteßt an und wird drei Tage im Schlosse bleiben; das Ne-
giment, zwölfhundert Mann stark, ist auf unsere Dörfer vertheilt,
der Train bleibt in Marienfelde, berichtete Nenatus, als mache,
er die Meldung vor einem fremden Manne; aber es kam ihm
hart an, deun er sah, wie unwilllommten sie den Freiherrn war,
wie schwer sie ihn bedrickie, und er fand ihn ohnehin nichl,
wie er ihn verlassen, nicht, wie des Vaters Bild ihm in der
Erinnerung vorgestanden hatie.
Die beiden letzten Jahre hatten dem Caplan weit weniger
angehabt, als seinem freiherrlichen Freunde. Da der Caplan
niemals stark gewesen war, fiel es an ihm nichk wesentlich auf,
daß er magerer geworden. Sein Haar hatte dir Farbe nicht
merklich geändert, nur dünner war es geworden, so daß die
Tonsur sich nicht mehr kenntlich machte. Aber er hielt sich noch
aufrecht wie in seinen besten Tagen, sein Gesicht hatte seinen
alten, friedlichen und milden Ausdruck bewahrt, sein Auge war
noch hell, und seine Sontane, jenes priesterliche Gewand, auf
das die Mode keinen Einfluß ülbte, umgab noch mit der alten
Sauberkeit, mit der es einst den Leib des Jünglings bekleidet
hatte, auch die Gestalt des Greises:
Der Freiherr hingegen hatte sich sehr verändert. Weil er
auf der Höhe des Mannesalters an Fülle sehr zugenommen,
ließ die danach eingetretene Verminderung derselben seine Haut
welk und schlaff erscheinen. Die einst so schönen, hochgeschwun-
genen Augenbrauen waren buschiger geworden und hingen tief
herunter, alle Ziige des Gesichtes hatten sich scharf ansgeprägt,
F. Le wald, Von Geschlechl zu Geshlechl. ll.

1Z--
man sah, daß starke Leidenschaften sie gezeichnet hatten. Wer den
Freiherrn einst in der Stattlichkeit der altfranzösischen Tracht
gekannt hatte, dem kontte es nicht enkgehen, das: sein Schritt
jezt in dem Klappenstiefel nicht mehr so wohl gemessen war,
als in dem seidenen Strumpfe und in dem Schnallenschuh, und
selbst das hohe, weiße Halstuch, das den Nacken des Freiherrn
vielmals umgab und sein Kinn, wie die Mode es mit sich brachte,
hoch empor hob, konnte es nicht verbergen, daß er sein Haupt nicht
mehr so stolz trug, nicht mehr so frei bewegte, als in alter Zeit.
Der Freiherr hatte die Anzeige schweigend hingenommen.
Erst nach einer Weile sagte er Und Du beeiltest Dich, Dich
zum Neberbringer dieser angenehmen Neuigleii zu machen; das
ist ein sonderbarer Einfall, ein sonderbar Gelüsten! -- Er schüttelte
das Haupt und lächelte dazu spöttisch. Nenakns regte sich nicht.
So entstand eine lange Pause, und wo eine solche sich in
den ersten Augenblicken eines Wiedersehens zwischen Menschen,
die eng zu einander gehören, einstellt, ist es eben so ein Zeichen
als der Vorbote irgend welcher Mißverhältnisse. Der wohlge-
schulte Diener war still hinausgegangen, da er sah, daß man
ihm für jezt keine Befehle zu geben habe, um nichi anzuhören,
was man ihn sicherlich nicht hören zu lassen wünschte; auch
Vitioria hatte, nachdem sie bei dem unerwarteten Eintritt ihres
Stiefsohnes in freudiger Neberraschung aus ihrer Ruhe aufge-
sprungen war, sich entfernt. Sie war es nicht gewohnt, von
Nenatus nicht gleich mit Zärtlichkeit begrüßt, von dem Freiherrn
nicht bericksichtigt zu werden, und ernsthaften Verhandlungen,
geschäftlichen Erörterungen oder gar einem Streite beizuwohnen,
widerstrebte ihrer innersten Natur. Und doch bedurften der Frei-
herr und sein Sohn eines Vermittlers, dessen leise Hand ihnen
über den Zwiespalt forthalf, der sich zwischen ihnen aufthat und
der unausfüllbar werden konnte, wenn man ihm nicht in dieser
ersten Stunde Schranken setzte.

- (ß -
E war der Caplan, der ihnen diesen Dienst zu leisten
unternahm, denn er wußte, was es zu bedeuten hatte, wenn
der Freiherr seinen Kopf so langsam in die Höhe hob, wenn
seine Lippen sich so fest zusammenpresten, und was Renatus
fihlte, wenn er so die Augen senkte.
Mit jener ruhigen Beweguung. die von jeher eine der
schönen Eigenschaften des Geistlichen gewesen war, ging er, ob-
schön auch ihm Nenatus noch die Begrüßung schuldete, auf diesen
zu und sprach, indem er ihn in seine Arme schloß: Du wünschtest
Deinem Vater offenbar die ible Nchricht we.iger empfindlich
zu machen, indem Du Dich zu ihrem Boien hergabst, denn Du
hatiest Dir es selbst gesagt, das; es der schweren Belästigungen
und der noch schwereren Sorgen für den Herrn Baron bereits
mehr gls zu viel gegeben habe, und Du bist vorauusgekommen,
um zu sehen, ob Du nicht Deinen Antheil davon tragen könntest.
Das macht Deinem Herzen und Deiner Einsicht Ehre, daran
erkenne ich Dich und Deinen guten Willen.
Die Worte, welche den Vater wie den Sohn behutsam
aber entschieden auf ihren rechten Standpunkk wiesen, beschämten
beide und befreiten sie doch zugleich. Sie warfen weit mehr, als
der Caplan es ahnen konnte, dem Sohne vor, daß er in jeder
Beziehung nuur an sich und sein Bedürfen gedacht habe, sie er-
innerten den Vater daran, daß der Sohn sicherlich in freund-
licher Absicht gekommen sei, und geboten dem Sohne Schonung
für den Vater, dem Vater Nücksicht und Anerkennung für den
Sohn. Aber man findet sich nicht gleich zurecht, wenn man
einmal von der richtigen Siraße abgekommen ist und die Ge-
genstände und die Menschen von einer falschen Seite angesehen hat.
Renatus erwartete, daß der Freiherr, wie das früher in
ähnlichen Fällen geschehen war, nach kurzem Ueberlegen mit der
Angelegenheit fertig sein, daß er dem Amtmanne durch einen
Boten noch heute seine Befehle senden oder ihn in der Friihe
A

-- I0--
des nächsten Morgens lommen lassen werde, um mil wenigen
Worten die Sache durchzusprechen, und daß von derselben danach
nicht mehr die Rede sein werde, bis zur Ankunft der Einquar-
tierung. Statt dessen nahm der Freiherr eine Brille zur Hand,
sezte sich am Schreibtische nieder, verzeichnete die Namen und
den Rang der Offiziere, sdie man im Schlosse unierzubringen
haile, lies; sich vou Gapluuuu u ver egzisleuuler, die er, seil
Steinert aus seinem Dienste geschieden war, von Rothenfeld
nach dem Archive in Nichten und in eigene Verwahrung ge-
nommen hatte, verschiedene Acten und Papiere herbeiholen und
machte sich daran, die Vertheilung auf die einzelnen Häuusex eben
nach jenen Papieren und Acten selbst auszurechnen und festzu-
setzen. Renatus sah mit Verwunderung, wie genau der Freiherr
jetzt von der Lage und von den Verhälinissen der einzelnen
Guisinsassen unterrichiet war; aber eben so sezte ihn die hart-
herzige Strenge in Erstaunen, die sich bei dem Freiherrn gegen
alle jene Leute aussprach, welche seit Jahrhunderten Hörige seiner
Familie gewesen und nun in Folge der neuen Gesezgebung
freie Bauern und freie Arbeiter geworden waren. Der Caplan
hatte beständig Nachsicht für sie von dem Freiherrn zu fordern,
und es kamen dabei so traurige Schilderungen ihrer Noih zur
Sprache, Renatus erfuhr durch die Entgegnungen des Freiherrn
so viel von den Lasten, welche dieser bereitö zu tragen gehabt
hatte, sein Vater äußerte sich so unumwunden über den Mangel
an Lebensmitteln, der auuf den Gütern herrsche, und über die
Schwierigkeit, welche man haben werde, das Geld zur Ve-
schaffung der für die Aufnahme des Stabes nothwendigen Be-
dirfnisse aufzutreiben, das; Renatus sich abermals die Frage
aufwarf, in welcher Welt er sdenn lebe, und ob er, ob sein
Vater noch dieselben Freiherren von Arten-Richten wären, die
sonst in stolzer Sorgenfreiheit in diesem Schlosse gleichsam Hof
gehalten haiten.

= lg 1 -==-
Er mußte es als ein Zeichen des Vertrauens, der Verzei-
hung ansehen, das; sein Vater ihm eie xaar Blätter hinreichte,
damit er sie mit ihm zusammen abstimme; aber er kannte seinen
Vater in der Beschäftigung nicht wieder. Er fragte sich: wie ist
es möglich, das; er in der Siunde meiner Akunst an nichss
Anderes, als aun diese Geschäfte denlt, und er sah es ein, wie
dieses nicht der Augenblick und nicht der Zeitpunkt sei, in welchem
er seinem Vater mit der Nachrichi, das; er sich versprochen habe
und eine eigene Familie in Schloß Richten zu begründen wünsche,
eine Freude machen könne.
Ec war ihm schwer ums Herz, er bemitleidete seinen Vater.
Der Freiherr und die Zeiten hatten sich so sehr verändert. Wie
weit hatten sich sonst Thitr und Thor jedem Gaste gebffnet, wie
hatte man sich, als seine Mutter noch gelebt, zu jeder Stunde
beeilt, den Ankommenden zu bewirthen und zu erquicken! Jezt
nahmen Sorgen des Vaters Sinn durchaus gefangen, jezt dachte
Niemand daran, daß Renatus weit gerikten, daß er durch Regen
und Nebel gekommen war, daß der Sohn des Hauses eine Er-
frischung und Stärkung fnöthig haben könne, und so traurig,
so erschreckt, so niedergeschlagen und so fremd fühlte er sich, daß
er sich nicht entschließen konnte, sie zu fordern! Die baumlose,
kahle Fläche vor dem Schlosse schwebte ihm immer vor den
Augen, das Wort von dem letzten Thaler lag ihm immer noch
im Sinne.
E half ihm nicht, daß er sich vorhielt, wie natürlich es
gir
sei, daß sein Vater der Geschäfte denke, wie thöricht er selber
handle, daß er nicht verlange, was er nöthig habe. Er fand
endlich eine Art von disterer Genugthnung darin, sich die Wand-
lung recht empfindlich zu machen, die hier vorgegangen war,
und weil er niemals rechnen und erwägen gelernt hatte, so
unterschätzte er jetzt die Lage, in welcher sein Vater und seine
Familie sich befanden, wie er sie bisher zu überschätzen gewohnt

-- M =-
gewesen war. Es ängstigte ihn, daß seine Vorgesezten, seine
Kameraden einen Einblick in die veränderten Verhältnisse seines
Hauses ihun lonnten; er dachte mit Schrecken daran, wie gleich
die niedergehauene Allee es Jedem verkünden müsse, das; die
Axt auch an den Wohlstand seines Stammes bereits gelegt sei.
Er kam sich wie ein Heimiaihloser, wie ein Beliler vor - -- unnd
Hildegard erwartete von ihm das Glück ihres Lebens, eine
schöne, reiche Zukunft!

Kapitel 02

ZZweites Capitel.
,ian hatte sich mühsam durch den Abend hingebracht,
und der nächste Morgen ließ sich auch nicht besser an. Es reg-
nete noch immer fort. Nirgends war ein Durchbruch der Wolken
zu bemerken, der auf eine baldige Aenderung des Wetiers hätte
schließen lassen. Auf dem Lande aber hat ein lange anhalten-
der Regen etwas Einbannendes, das ihn weit lästiger macht,
als in der Stadt.
Der Freiherr hatte früh den Amtmann rufen lassen, weiter-
hin gegen Mittag kamen ungefordert die Schulzen und verschie-
dene Bauern in das Schloß, um bei dem Freiherrn ihre Be-
schwerden und Bitten wegen der bevorstehenden Einquartierung
anzubringen. Renatus sah daraus, daß sein Vater die Ver-
waltung seiner Güter fast ganz in seine Hand genommen hatte;
aber er konnte sich nicht daran gewöhnen, daß die schweren
Schritte der Bauern auf den Treppen und Gängen des Schlosses
erschallten, daß ihr erdiger Stiefel den Teppich in dem Zimmer
des Freiherrn betrat, und sein Vater that ihm leid, wenn er
ihn Geschäfte verhadeln, ihn um Kleinigkeiten dingen und
feilschen sehen muste, an welche zu denken er in früheren Jahren
weit unter seiner Würde gehalten haben würde. Es war still
im Schlosse, aber nichl so ruhig, wie dereinst.
In dem Zimmer, welches das Wohngemach der Baronin
Angelika gewesen, waren die Fenster alle geschlossen, obschon
troz des Regens die Ltft sehr mild war. Im Kamine brannte

LT-
das Feuer. Vilioria lag auf einem tiirlischen Polster, Renals
saß ihr gegenüber. Sie hatte ein vielfarbiges Tuch um Kopf
und Schultern geschlagen, als ob sie troz der großen Wärme,
welche in dem Zimmer herrschte, an Kälte leide, und bewegte,
im Gegensaz dazu, mechanisch und zerstreut den mit Edelsteinen
besezten Fächer in ihrer Hand, als müisse sie sich Kühliing fächeln.
Renatus sah, wie ihre schwarzen Locken an ihren Schläfen nie-
derfielen, wie ihr kleiner Fuß unier dem gelbseidenen Morgen-
Gewande hervorblickte, wie ihre langen Wimpern einen Schatten
auf ihre Wangen warfen und wie sie es vermied, seinem Auge
zu begegnen, so geflissentlich er das ihrige suchte.
Eine geraume Zeit verging auf diese Weise. Mitunter
machte der junge Mann eine Bewegung, als ob er sich erheben
und das Zimmer verlassen wolle; dann folgte ihm der Blick
Vittoria's schnnell und unmerklich, aber er stand immer wieder
von seinem Vorhaben äb, obschon es ihn Ueberwindung kostete,
zu bleiben; und wenn sie sich seines Verweilens auf's Neue
sicher wußte, senkte sich das Auge seiner Stiefmutier wieder
auf den Boden nieder, als gäbe es gar nichts, was ihre Theil-
nahme erregen oder sie von ihren eigenen Gedanken abwendig
machen könnte.
Sie hatten eine lange Unterhaltung mit einander gehabt;
eine jener Unterredungen, die, von dem völligsten Vertrauen
ausgegangen, sie plötzlich zu einem Punkte gelangen lassen, auf
dem sie sich getrennt empfunden hatten. Im Erstaunen über
diese Möglichkeit, im Erschrecken über sie, war von der einen
wie von der andern Seite manches Wort gefallen, das man
gesprochen, ohne es sprechen zu wollen, Worte, die man bereute
und die man doch nicht zurückzunehmen vermochte, weil sie zu
tief in die Seele des Andern eingedrungen waren. Renatus
hatte seine Stiefmutter der Selbstsucht angeklagt, sie hatte ihn un-
dankbar genannt. Er hatte ihr vorgeworfen, daß sie nie empfun-

-- IJ--
den habe, was Liebe sei; sie haile ihn daran erinnert, daß es
dem Sohne seines Vaters übel anstehe, es ihr in das Gedächt-
niß zu rufen, was ihre Ehhe ihr versagn habe; und bei jedem
Tadel, bei jedem Vorwurfe, mit dem sie einander entgegentraten,
schärfie der Gedanke, das; es eben Vittorla, das; es eben Nenamus
sei, der sich also ausspreche, den Stachel, mit dem sie einander
verwundeten. Denn Niemand kann uns so tief verletzen, als
die Hand, eine sehr Gelicbten.
Wie man von einer Höhe hinuntereilend durch die eigene
Schwere und Bewegung über sein Wollen hinauusgetriehen wird,
bis man endlich, gewaltsam einhaltend, mit Erschrecken wahr-
nimmt, daß man hart am Rande eines Abgrundes steht, so
saßen Renaius und Vitkoria einander gegenüber. Das Herz
war beiden schwer, beiden that die Bitterkeit wehe, die sie gegen
den Andern empfanden, Jeder von ihnen hätte einlenken mögen,
aber sie konnten den Weg dazu nicht finden, und selbst die ur-
prüngliche Sprachverschiedenheit wurde heute ein Hinderniß
zwischen ihnen, obschon beide des Französischen völlig mächtig
waren, das ihnen von jeher zur Vermittlerin gedient hatte.
Renatus sah es mit einer wachsenden Unruhe, wie regungS-
los Vittoria zu Boden blickte, mit welch maschinenmäßiger Sicher-
heit sie ihren Fächer handhabte. Er hoffte, sie werde ihn einmal
fallen lassen, er wünschte ihn aufheben, ihn ihr reichen, irgend
eine Veranlassung finden zu können, die es ihm nöthig oder
auch nur möglich machte, ein Wort zu ihr zu sprechen, einen
Blick von ihr zu erhaschen, ihren Dank zu vernehmen. Es war
ihm zu Muthe, al- habe man ihm ein lang besessenes Gut ent-
rissen, als habe man ihm mit einer theuren Erinnerung ein Stück
seines Lebens genommen, als habe er etws Unschäzbares ver-
gessen, als habe auch Vittoria ihn vergessen. Er lebte wie unter
einem Zauberbanne, und er meinte, Ein Wort, das erste, beste,
gleichgiltige Wort, misse diese unselige Verzauberung lösen,

2ü--
müsse ihm und seiner Stiefmutter das Gedächtniß wiedergeben
können, das Gedächtniß all der langen Freundschaft, all der
heiteren, überströmenden Neigung, die sie für einander in der
Brust getragen bis auf diese Stunde. Er wollte immer sagen:
Besinne Dich, Vittoria, ich bin's! Er sagte sich innerlich fort-
während: Es ist ja Vittoria!-- Aber der Bann der harten,
unglückseligen Worte lag über ihm und zwischen ihnen und
wuchtete immer schwerer und machte ihn immer unfähiger, sich
zu befreien. Und dazwischen dachte er mii Miszmuih und mit
Sorge an Hildegard, welche die unschuldige Ursache all seines
Schmerzes war.
Endlich erhob Vittoria das Haupt. Renatus hätte ihr
schon dafür danken mögen. Sie sah ihn an, flüchtig mit ihrem
dunklen Auge an ihm vorüberstreifend, sah in die Flammen,
als gewahre sie erst jetzt, daß diese im Erlöschen seien, blickte
dann in das Freie hinaus, wie wenn sie den langsamen Fall
der feinen, dichten Regentropfen betrachtete, und sprach zusammen-
schauernd die Worte, mit denen Dante seinen Eintritt in den
dritten Höllenkreis bezeichnet:
T sono ul terro eerchio älella gioru
Kterna, ms.edetta, kresda e grero!rs
D, mag es regnen! rief Nenatus, indem er sich, schon
durch den Klang ihrer Stimme erfreut, zu ihr hinüberneigte
und ihr seine Hand entgegenreichte, mag es doch regnen, went
Du nur wieder mit mir sprichst! - Aber sie nahm seine dar-
gebotene Rechte nicht an. Er hatte also die Kränkung, sie zu-
rückziehen zu müssen, und doch ließ er sich dadurch nicht ent-
muthigen.
Mit ihr von dem Gegenstande zu reden, der sie so weit
von einander entfernt hatte, noch einmal die Unterredung in
P Ich bin im dritien Kreis des ewgen, kalten, gottverfluchten
Regens!

;
-=- Z? --
diesem Augenblicke auf seine Verlobung zurückzuwenden, konnte
und mochte er nicht wagen, da ihm an einer Versöhnung mit
Vittoria gelegen war, und sich selbst verleaugnend, indem er zu
dem Aeußerlichsten, zu dem Gleichgüültigsten seine Zuflucht nahm,
bat er: Habe Geduld mit diesem Wetter, Geduld mit unserem
Klima! Aber er konnte nicht von sich selber los, und mit be-
wegter Stimme fügte er hinzu: Muß ich doch jetzt mich auch
gedulden, bis Du'' mich euhiger hören, bis Du wieder die rechte
Vittoria, meine Vitioria sein willst! Nur ein paar Tage noch,
und die Sonne und der Frühling sind wieder einmal da!
Um uns in ihrem kurzen Verweilen empfinden zu lassen,
was wir den größten Theil des Jahres hindurch entbehren
müssen! entgegnete sie ihm, sich nur an seine letzten Worte hal-
tend. Dann erhob sie sich mit einem Seufzer und trat an
eines der Fenster heran. Renatus folgte ihr dahin nach. Sie
stüzte die Stirn gegen die Scheiben, schaute eine Weile lautlos
auf die Terrasse und in den Park hinunter, dessen kahle Bäume
gespenstisch aus dem Regen und Nebel hervorsahen, während der
aufkommende Wind das nasse Laub am Boden vor sich her zu
treiben anfing.
Heute feiern sie in unserem Kloster, hob sie dann mit
einem Male wie aus langem Rückerinnern an, den Namenstag
unserer Aebtissin, der gnten Mütter Benedicka. Wie blühte da
Alles in unserem Lande, wie schwamm der Klostergarten in
Licht und Duft! Wie freuten wir uns auf alle die Gäste,
welche kamen, der Oberin ihre Ehrfurcht zu bezeigen! Hätie
der' Himmel mir statt meines Valerio eine Tochter beschieden,
ich hätte sie in das Kloster gesendet! Ich war sehr gllcklich
in dem Kloster!
Des jungen Mannes Mienen verdüsterten sich auf das
Neue, aber begütigend, wie seine ganze Haltung gegen die Ba-
ronin war, sprach er: Vergiß nicht, Liebe, wie oft Du mir er-


IZ--
zähltest, daß Du Dich aus dem Klosier in die Welt hinaus
gesehnt hast!
Weil man sie mir mit so verlockenden Farben schilderte,
als ich mein Kloster zum ersten Male verließ. Was wuusßte ich
von der Wolt? Ich war ein Kind ! Wie konnie ich begehren,
was ich gar nicht kannte? Und was hat sie mir geboten, diese
Welt, in der ich lebe?
Renatus fuhr mit langsamer Hand über seine Augen.
Es war das eine der Bewegungen, die er von seinem Vater
ererbt hatte und die sihn denselben in einzelnen Augenblicken
ähnlich machten, so wenig er ihm sonst auch glich. Er wollte
seiner Stiefmutter verbergen, wie sie ihn verletzte, und sich zu-
sammennehmend, fragte er sie mit sanfter Stimme Und bin
ich Dir denn nichts, Vittoria, gar nichts mehr?
Sie schitttelte das Haupt. Man lebt nicht mit einem hal-
ben Herzen und man liebt nicht mit einem getheilten Herzen! gab
sie ihm abweisend zur Antwort, und wieder trat die frühere
Stille ein, und wieder sahen sie beide schweigend in den kahlen,
nassen Garten hinab und zu den schweren, grauen Wolken
empor, die sich nicht zertheilen zu wollen schienen.
Gdlich raffte sich Nenatus auf. Du bist sehr ungerecht,
Vittoria! sprach er, und er mußte innerlich wohl an die Unter-
redung gedacht haben, welche er vor wenig Wochen mit Seba
über seine Stiefmutter gepflogen, denn er wiederholte die Worte,
deren er sich damals gegen die Erstere bedient hatte: Ich habe
kein Glück mit meinen Müttern!
Kein Gllck? sprach Vittoria ihm nach, kein Gllc? Und
wer hat denn Gllck? Habe ich es? Habe ich es je gehabt?
-- Sie wendete sich zu ihm, nahm ihn bei der Hand ind zog
ihn neben sich auf das Polster nieder, auf dem sie vorhin ges
legen hatte. Es war eine finstere Leidenschaft in ihrem Blicke,
in ihrer Stimme, selbst in der Kraft, mit welcher sie seine Hand

-- ZI--
ergrisf u festhielt. Er haile diese zarie Geslali, er halle die
heitere Natur Vittoria's einer solchen Leidenschaft gar nicht fir
sähig gehalten, so gut er sie zu kennen gewäihnt hatte.
Weisßt Du, was es heist, fuhr sie u derselben Erregung
fort, die um so heftiger erschien, als sie sich bis dahin gewalt-
sam zur Nuhe gezwuungen hatte, weißt Du, was es heißt, wenn
einem Menschen seine letzie Frende, seine lezte Zuversicht ent-
rissen wird? Weißt Du, was es heißt, keine Hoffnung mehr
zu haben?
Vitioria, wie magst Du also reden! mahnte der junge
Mann, der sich nicht erklären konnte, was in ihrer Seele vorging.
Sie lachte. Freilich, rief sie, schweigen, immerfort schwei-
gen; lachen, singen, immerfort lachen und singen und scherzen
wäre besser gewesen! Es ist ja so bequem, an das Glück der
Menschen zu glauben, so angenehm, sich zu sagen, Vittoria ist
und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich! Es
ist ja so bequem, Dank zu ernten von einem Herzen, das zu
großmüthig ist, sein Wehe laut auszuschreien und die Hand an-
zuklagen, die es aus dem Boden seines Vaterlandes riß, ohne
ihm eine neue Heimath in der Fremde bereitcn zu können! Du
sagst mir, ich hätie ie geliebt! -- Sie lachte wieder mit jenem
bitteren Lachen, das ihm in das Herz schnitt. Und was ist's,
fuhr sie fort, was Du von der Liebe weißt? Glaubst Du, die
blasse Empfindung, welche man seit Jahren in Dir großgezogen
und die man zu benutzen verstanden hat, als man sie fir reif
hielt, das sei Liebe? Ist diese blut- und phantasielose Hilde-
gard, die älter ist, als Du, Jie jne jung gewesen ist in der
agend des HerzensJ ist sie ein Weib, das lieben kann, das
man lieben kann? Ist sie in Dein Leben getreien so überraschend,
so blendend, so überwältigend wie die Sonne. wenn sie plötzlich
um Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele
wie Schuppen von Deinen Augen und Du müßtest Dir sagen:

Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde, nun bin ich erwacht
und ich lebe!?
Vittoria! rief Renatus noch einm al mit bittender Abwehr,
denn ihm bangte vor dem Geständnisse, das er zu hören fürchten
mußte. Aber sie gab auf seine Mahnung nichts, und wie sich
selber zur Genugthuung sprach sie: Hast Du es je empfunden.
das Gliick der Leidenschaft, dns so grns: ist, das: ee kei Goslern
hat und an kein Morgen denkt, weil der Augenblick ihm die
Welt und das ganze Dasein aufwiegt -- das so gros; ist, das;
Necht und Unrecht, Tuugend und Sünde davor wie leere Schemen
in sich selbst zerfallen -- so gros, daß nuur ein Schmerz daneben
denkbar bleibt, ein einziger, der Schmerz der Endlichkeit! Kennst
Du solch ein Gllc?
Er antwortete ihr nicht.-- Und wenn sie nun kommt,
die Trennungsstunde, wenn nun Alles vorüber ist und nichts
mehr bleibt, als die Hoffnuung eines Wiedersehens, und es kommt
der Tag, der es verkidet: es gibt kein Wiedersehen, keines,
keines! Denn die Erde gibt nicht wieder, was sie verschlungen hat.
Sie brach in lautes Weinen aus, Nenatus lag zu ihren
Füßen und preßte ihre Hände in die seinigen. Er wußte nicht,
was er ihr sagen oder was er khun solle, ihre Aufregung zu
besänftigen. Er dachte gar nicht mehr an sich. Jezt erfuhr er,
was Vitioria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm
bisweilen so fremd und unbegreiflich erschienen war. Sie war
ihm auch fremd in ihrer Leidenschaft. Es kam mit einer heißen
Angst der Gedanke über ihn, daß es seine Stiefmutter, daß es
die Gattin seines Vaters sei, die also zu ihm spreche; aber er
hatte das Herz nicht, sie zu verdammen. Er fühlte ein unaus-
sprechliches Mitleiden mit ihr, indeß er fragte sie um nichts und
sie sagte ihm nichts weiter. Er blieb auf seinen Knieen vor ihr
liegen, sie schien ihn fasi vergessen zu haben. Erst nach einer -
langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken.

-=- sh Z - -
Sieh', sprach sie, wenn ich manchmal am Tage um mich
sah und die Welt mir so leer war und ich mir sagte, daß ich
hung sei und noch lange leben müüsse und daß ich Niemanden
hätte, Niemanden, der mich liebte. - -
Vittoria, sagte Renatus schiüchtern, mein Vter liebtDich! --
Wie den Vogel, den er eingefangen har und den er im
vergoldelen Käsig nähsri, dnil sei Gesang ihn im Wiiiier
glauben mache, das: es Frihling sei! Ist das Lebe?
Aber Du nahust seine Hand an, obschon Duu es sehen
mußtest, daß sein Lebenswinter nahe sei!
Singe ich denn nicht, sicht er mich traurig, glaubt er mich
nicht glicklich? gab sie ihm zur Antwori.
es
Du hast auch Valerio! erinnerte er sie.
Sie sah ihn an und schwieg. Ja, sagte sie danach, ich
bin Deines Vaters Frau und ich habe einen Sohn! Ich lebe
für sie. Wer aber lebt fir mich? Valerio ist ein Kind, und
mein Gaite ist ein Greis ! -- Uid wieder schwieg sie.
Bin ich Dir den nichts, nichts mehr, Vittoria? fragte er,
wie am Anfange ihrer Unterredung.
Sie schittelte verneinend das Haupt. Hildegard liebt nicht
zu theilen, sprach sie, und Hildegard hat Rechi! E wohnen
nicht zwei Gefüühle verträglich in einem Herzen bei einander!
Sie und Du -- Du und sie, das ist Deine Zukunft! Was
kümmert Dich die meine?
Renatus verstummte. Er hatte, seit er sich ein selbstän-
diges Urtheil über seine Stiefmutter zu bilden im Stande ge-
wesen war, ihre Neigung zur Eifersucht gekanni und sie als
einen Zug ihres National-Charakters angesehen; aber daß dieselbe
sich auch auf ihn erstrecken könie. hatie er nict erwartet, und
doch war' es nicht diese Erfahruung, die ihn xathlos machte.
Wer war der Maunn, denn Vittoria geliebt hatte? Wann
hatie sie ihn gekannt? Wußte sein Vater davon, und was sollte

z--
er selber gegenüber den Geständnissen thun, die ihm zu machen
Vittoria sich hatte hinreißen lassen?
Er erschrak, als sein Vater eintrat, und doch war es ihm
sehr willkommen, als derselbe ihn aufforderte, ihn auf einer
Fahrt zu begleiten, die er unternehmen wollte, um sich zu über-
zeugen, wie man in Rothenfeld und in Neudorf die Vorbereitungen
zur Unterbringung des Regimentes treffe. Vittoria war aufge-
standen, als sie den Schritt des Freiherrn im Nebenzimmer ver-
nonmen, und hatte sich an das Fenster gesieslt. Als sie den
Kopf zurülckwwendele, war jede Spur der Leidenschafl, der Auf-
regung aus ihren Mienen verschwunden, das dunkle Auge glänzie,
als hätte es nie eine Thräne gekannt, der schöne Mund lächelte,
als hätte er nicht eben erst die Worte eines hoffuungslosen Un-
glücks ausgesprochen.
Sie verlaugie mitzusahren. Der Freiherr, der nicht ge-
wohnt war, ihr etwoas abzuschlagen, machte sie auf des Weiters
Ungunst aufmerksam; aber sie bestand auf ihrem Sinne, und
bittend und schmneichelud und scherzend versuchte sie, wenn auch
vergebens, die Weigerung ihres Gaiten zu bekämpfen und ihren
Willen durchzusezen. Nenatus war dabei nicht wohl zu Muthe.
Die Zärtlichkeit, welche sein Vater dieser Frau bewies, die
Freude, mit der er sie betrachiete, die Befriedigung, mit welcher
er jeder ihrer Beweguungen folgte, thaten dem Sohne eben so
wehe, als die Heiterkeit Vittoria's. Er glaubte zu bemerken,
daß sie ihn ängstlich beobachte, und von Minute zu Minute
schwebte ihm der Ausruf auf der Lippe: Sprich nicht mit ihr,
mein Vater, denn sie liebt «ich nicht! Sprich nicht mit ihr,
ed:
denn sie hat Dich verrathen! - Aber durfte er dem Vater,
dessen veränderte Gestalt sich ihm am Tage noch bemerklicher
machte als an dem verwichenen Abende, den Glauben an Vit-
toria rauben, ihm das Glitck zerstören, das er in ihr besasß?
Haite er ein Necht, ihr unseliges Geheinniß zu verrathen?

Durfte er vergessen, daß er sie selbst beklagzenswerth gefunden
hatte und das; sie ihm nur Gutes eroiesen hatte bis auf
biesen Tag?
Was er erlebte, kam ihm fast unmöglich vor. Es waren
die Gestalten, die er kannte, und sie waren es auch wieder nicht.
Er liebte sie und hatte doch das alte Verhältniß nicht mehr zu
ihnen. Er wosle sprechen und mste schwweigen. Er sah Alles
in einem neuen Lichte und konute doch nichis deutlich unter-
scheiden. Nie iu Leben halle er eine grösßere Qnal empfuunden!
Er glauble zu bemerlen, daß Vilioria's Augen ihm mil
Sorge folgten, daß sie ihn in dieser Verfassung mit dem Vater
nicht allein zu lassen wüiusche; er selber hätte sich der Noth-
wendigkeit, eben jetzt mi! seinem Vater allein zu sein, eniziehen
mögen, und doch rihrte ihn Vitioria's banger Blick, doch ibten
auch in dieser quälenden Stunde der Ton ihrer Stimme und
der Zauber ihres Wesens die alte, durch lange Gewohnheit ge-
steigerte Gewalt über ihn aus.
Er war froh, als der Wagen endlich vorfuhr; aber das
Alleinsein mik seinem Vater erleichterte ihn nicht. Weil der
Freiherr den Sohn immer in einer ehrfurchtövollen Entfernuung
von sich zu halten bemüht gewesen war, weil er an den Spielen
des Kindes, an den Beschäftigungen des Knaben, an den täg-
lichen Erlebnissen des Jünglings keinen thätigen Antheil ge-
nommen und den Sohn bisher geflissentlich von allen ernsten
Angelegenheiten seines Hauses fern gehalten hatte, fehlte es ihnen
an allen jenen gemeinsamen Erinnerungen und Berührungs-
punkten, durch welche sich die Verbindung zwischen dem Alter
und der Jugend herstellt und die für den geistigen Zusammen-
hang so unentbehrlieh sind wie die Scheidemünze für den täg-
lichen Verkehr. Dazu war Alles seit gestern so völlig anders,
gekommen, als er es erwartet hatte, die Menschen, die Verhältnisse
,verwandelten sich unter seinem Auge so unheimlich, daß er Scheu
F. Le wal d, Von Geshlecht zu Geschlecht. lll.

vor seinem eigenen Worte trug, weil er meinte, auch das Wor:
könne sich verwandeln auf seiner Lippe, und was er heute spreche,
könne nicht zum Heile führen.
So waren sie schweigend nach Nothenfeld gelangt. Der
Freiherr stieg aus und besah in Begleikung des Amtmannes die
Stuben und die Stallungen, in welchen die betreffende Ein-
anartierung mit ihren Pferden untergebracht werden sollte. Er
wendele sich dabei mit mannigfachen Erlläruungen an seinen
Sohn, gab ihm ungefragt Auslunft über die Verhältuisse des
Dorfes, und Nenatus begann sich an dem Gedanken, daß sein
Vater ihn auf die einstige Nebernahme der Güter vorzubereiten
strebe, zu erfreuen. Es zeugte ihm sogar fiir die feine Em-
psindung des Freiherrn, das: er eben den Augenblick des Ab-
marsches zu dem Anfange dieser Vorbereitung wähle, als wolle
er zu erlenuen geben, wie zuversichilich er auf seines Sohnes
glückliche Heimkehr baue, und Nenatus war bemüht, den Frei-
herrn über seine antheilvolle Achtsamkeit nicht in Zweifel zu
lassen, als dieser in das Haus seines Justitiarius ging, um sich
zu erkundigen, ob er seine Befehle ausgerichtet und ob man den
Bescheid von dem Vormundschaftsgerichte noch nicht erhalien
habe. Der Justitiarins sagte, die nöthigen Schritte seien von
ihm gethan, und wenn der junge Herr Baron nur einige Tage
in Richten verweile, so würde man Alles in Richtigkeit bringen
können, da die Verfügung in jeder Stunde ankommen könne.
Renatus fragte, wovon die Rede sei. - Von Deiner Min-
digkeits-Erklärung! gab sein Vater ihm zur Antwort. Der Sohn,
der dies mit der Art und Weise in Verbindung brachte, in
welcher sein Vater ihm heute zum ersten Male von der Ge-
schäftsverwaltung auf den Gütern sprach, glaubte daran zu er-
kennen, wie sein Vater sich altern fihle, und das machte ihn
traurig. Aber du jeder Meusch bei den Ereiguissen, die ihu
begegnen, mit Naturnothwendigkeit zuerst an sich und an die

=== 7ßFß =
Wirkung denken muß, welche sie auf ihn und seine Zustände
üben werden, so freute sich Renatus der Absicht seines Vaters,
weil er sich sagte, dem Sohne, den er mindig sprechen lasse,
könne und werde er die volle Freiheit bei der Wahl seiner
Lebensgefährtin um so weniger versagen, als Renatus mit seiner
Volljährigkeit den unbeschränkten Besiz seines allerdings nnicht
eben grosten mütterlichen Erbes antrat.
Gerade diese Betrachlug legte jedoch seinem rechischaffenen
Herzen, wie er meinle, die Verpflichtung auf, dem Vater seine
Verlobung mit Hildegard anzuzeigen, noch ehe derselbe ihn aus
der väterlichen Gewalt entlassen habe, und er schicck sich, sobald
sie wieder im Wagen neben einander sgßen, zu seinen Mit-
theilungen an, als der Freiherr, ihm zuvorlommnend, das
Wort nahm.
Er sagie, das: die Auluft seines Sohnues ihmn sehr will-
kommen gewesen sei, weil er die Angelegenheiten seines Hauses
zu ordnen beabsichtige, und er wüünsche, daß für det Fall seines
Todes Renatus sich in der Lage befinde, unabhängig von irgend
einer Vormundschaft die Leitung der Familienverhältnisse in die
Hand uehmen zu ldunen. Er sprach das mit der Kraft und
Ruhe, welche ihn in seinen besten Jahren ausgezeichnet hatten,
Renatus gab sich also wieder der Hoffnuung hin, daß er sich
getäuuscht habe, als er seinen Vater so verändert geglaubt. Er
versicherte den Freiherrn, wie zuversichtlich er darauf rechne, ihn
noch lange leben und sich seines Besizes und Taseins erfreuen
zu sehen. Der Freiherr drückte ihm die Hand.
Deine Gesinnung kenne ich, sprach er; sie ist gut, und ich
habe eben im Hinblicke auf sie meine Maßregeln genommen.
Es gliti ein Schaitey über des Freiherrn Züge, er schien der
eberwindung nöthig zu haben, um in seiner Rede fortzufahren.
Deine Gesiug isl guui, wiederholle er, und ich weiß, daß es
Dir eine Genugthuung sein wird, mir eine Erleichterung in den
zn

.
-
=gss«s=«« = -
mannigfachen Verlegenheiten zu bereiten, mit denen ich seit
Jahren und Jahren nun zu kämpfen habe. Er hielt abermals
inne, Renatus hing mit liebevoller Sorge an seinem Antlitze.
Du wünschest mir, sprach der Freiherr, daß ich mich noch
lange meines Besitzes, meines Daseins erfreuen möge, und Du
kannst es selber kaum ermessen, denn Du hast es nicht empfun-
den, wie erfreulich das Dasein dem Manne ist, wenn er der
Herr ist innerhalb seines Besitzes. Judesß die Zeiten, in welchen
das der Fall war, sind voriber. Man hat unsere alten Rechie
angetasiel, uns neue Pflichlen aufgelegt und uns die Mitiel
entzogen, ihnen zu entsprechen, indem man unseren Besiz und
unsere Vorrechte geschmälert hat. ch bin nicht mehr Herr auf
meinen Gitern, seit mian die Leuie, die mir gehörten, freige-
geben hat, seit die Willkür des Königs ihnen Ansprüche an
mein Eigenthum zuerkannt hat, seit ich es nicht mehr bin, der
mein Verhältnis zu ihnen nach meiner Einsicht und nach meinem
Ermessen ordnet. Es ist nicht erfreulich, mit denjenigen rechten
zu sollen, die nicht unseres Gleichen sind, und noch weniger er-
freulich, am Fuße seines alten Stammes ein Geschlecht heran-
wachsen zu sehen, das wie die Schwämme wuchert und sich
breit macht.
Seine Stirn hatie sich gerunzelt, seine buschigen Augen-
brauen hingen ihm tief herab.! Er versenkte sich eine Weile
in seine eigenen Gedanken, der Sohn wagte es nicht, ihn darin
zu stören.
Wir sind nicht mehr die Herren! hob er nach einer Weile
abermals an. Nicht die Herren in unserem Lande, nicht Herren
auf unseren Gütern mehr. Der gewaltige Napoleon hat seinen
Fuß auf den Nacken der Könige gestellt und sich zu ihrem Ge-
bieter gemacht, und der Geist des Umsturzes, dessen Verkör-
perung er ist, ist auch in unsere neue Gesetzgebng eingedrungen
und hat sie verdorben bis in ihre Tiefe. Wir sind rechtlos

--- Z? -
geworden. Das Wort: ,Stehe auf, damit ich mich setze!'' ist
der Grundsatz, der jetzt die Welt beherrschr. Jeder für sich und
Niemand für den Andern !
Er nahm eine Prise und öffnete das Wagenfenster, sich
Luft zu verschasfen, denn von diesen Angelegenheiten lonnte er
nicht sprechen, ohne daß es ihm das Blut zu Kopfe trieb.
Renatus, der ihn eben deshalb von dem Gegenstande abzuleiten
wiinschie, erlaubte sich die Bemerkung, daß die Zeit vielleicht
eine Ansgleichung der angenblicklichen lebclstände mit sich brin-
gen werde, und wie er diese Zuuversicht von verschiedenen Seiten
habe äuusiern hören.
Ausgleichungen bringen? fihr der Freiherr lebhaft auf -=
wie soll das zugehen, wo von beiden Seiten die Kräfte so über-
spannt werden müssen, daß sie sich erschöpfen! Er war ja so
glicklich gewählt, der Augenblick fir die nene Gesetzgebung, sezte
er spottend hinzu, so gliicklich gewählt am Ende eines schweren
Krieges, in Tagen, in denen die ganze Welt in Flammen stand!
Frage die sogenannten freien Leute, ob sie jetzt besser daran
sind, als zu jenen Zeiten, da sie mir gehörten! Frage sie, ob
sie nicht heute, wo die schwere Last der Einquartierung wieder
auf uns niederzufallen droht, lieber meine Leibeigenen und
Hörigen sein wollten; ob sie besser daran sind, wenn man ihnen
jezt das Brod aus dem Hause und die Kuh aus dem Stalle
nimmt! Und was uns anbetrifft - unser Besiz hat schwer
gelitien, unser Vermögen ist sehr zusammengeschmolzen!
Er warf einen schnellen, prüfenden Blick auf seinen Sohn,
aber obschon die Niedergeschlagenheit in dessen Zügen nicht zu
verkennen war, schien der Freiherr durch die Haltung desselben
sich beruhigter z fühlen. Dennoch gewann er es nur mit
großer Mühe über sich, dem Sohne pon seinen Augelegenheiten
weiter. Auskunft zu ertheilen.' Er sagte wie der Krieg und die
ihm folgenden, fast unerschwinglichen Kriegssteuern ihn genöthigt

- A----
hätien, die Gütter, eines nach dem andern, mit Hypotheken zu
belasten, wie die allgemeine Geldnoth den Werth des Geldes
von Jahr zu Jahr gesteigert und den Zinsfuß so erhöht habe,
daß es immer schwerer geworden sei, den Gläubigern gerecht
zu werden; wie er sich oftmals und gerade dann in peinlichen
Geldverlegenheiten befunden habe, wenn es darauf angekommen
sei, die Würde des Hauses zu behaupten und nicht durch eine
zur Schau getragene falsche Sparsamkeit den unentbehrlichen
Eredit zu schwächen. Er erzählte das mit jener Klarheit, welche
aus einer genauen lelersichi den Verhhälinnisse enissringi. aser
er hatie nicht mehr die leicht abfertigende Weise, die ihm sonst
allen Geschäsien gegeniber eigenlhümlich gewesen war. Nur die
Unlust des grosten Herrn, der sich widerwillig dazu bequemt,
den obwaltenden Zuständen sein freies Belieben unterzuordnen,
war noch die alte in ihm, und Nenaius fühlte ihm diese in
ihrem ganzen Umfange nach.
Wenn Sie es wüisten, mein Vaier, rief er, was ich dabei
empfinde, Sie unter dem Drucke so unwürdiger Sorgen zu sehen!
Ich weiß es, ich weiß es! fiel ihm der Freiherr mit
scheuer Hastigkeit in die Rede, und eben deßhalb habe ich be-
schlossen, Dich mündig sprechen zu lassen, denn Du erhältst da-
durch die Möglichkeit, mir in einer vorübergehenden Verlegen-
heit zu helfen!
Er hielt inne und schien von seinem Sohne eine Antwort
zu erwarten; aber Renatus war so betroffen, es stürmten so
verschiedene Gedanken und Empfindungen auf einmal auf ihn
ein, daß er nicht im Stande war, gleich den Ausdruck für sie
zu finden. Seines Vaters Lage mußte sehr übel sein, wenn
er sich herbei ließ, Beistand von seinem Sohne zu verlangen,
selbst auf Kosten der Herrschaft und Gewalt über denselben,
auf die er stets so eifersüchtig gewesen war. Renatus wagte
es nicht, das Auge zu erheben, er mochte nicht sehen, wie sein

----- Z--
Vater in dem Momente aussah. Des Freiherrn leise bebende
Stimme durchschnitt des Sohnes Herz, und ohne sich zu fragen,
was er damit für die eigene Zukunft aus den Händen gebe
und auf sich nehme, sagte er: Wenn mein mütterliches Erbe
Sie aus einer Verlegenheit befreien kann, so werde ich glücklich
sein, mein Vater, wenn Sie darüber ganz verfügen wollen!'-
Der Freiherr holte ief Athem, aber er erwiederte nichts.
Sie hatten Beide die Farbe gewechselt, denn ohne daß sie es
aussprachen, fihlten sie es, daß ihr Verhältnisß zu einander von
diesem Augenblicke ab nicht mehr dasselbe sei. Renatus hatte,
gerührt von seines greisen Valers Aublic und Verlegenhhelt,
nach seinem inneren Bedirfen, nach seiner Kindesliebe und
seinem Ehrgefiühle gehandelt; aber er hatte das Anerbieten kaum
gemacht, als er sich sagte, daß er selber Verpflichtungen einge-
gangen sei, denen zu genügen ihm jetzt vielleicht nicht möglich
sein werde, wenn er seines mütterlichen Erbes auf irgend eine
Art verlustig gehen soslte. Er fihlte, daß er der Geschäfts-
kenntniß, der Sparsamkeit und selbst der Gewissenhaftigkeit seines
Vaters nicht unbedingt vertraute, und er schämte sich doch wieder
solchen Gedankens. Er hätte es seinem Vater abbitten, sich ihm
in die Arme werfen mögen, indeß ihm fehlte das Herz dazu,
denn der Freiherr konnte die Erregung seines Sohnes mißver-
stehen. Er hätte dem Vater von Hildegacd sprechen mögen,
um Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten und dem Vater die
Genuugthnung zu bereiten, daß er seinem Sohne gegenüber
immer noch der Herr und der Gewährende sei. Wie aber, wenn
der Freiherr in der Verfasjung, in welcher er sich eben jetzt
befand, des Sohnes Absichten und Wünschen sich nicht geneigt
erwies, oder wenn er glauben könnte, der Sohn rechne darauf,
daß der Vater ihm, der eben jetzt ein großes Opfer gebracht
habe, in allen Fällen zu Willen sein mlsse?
Er konnte zu keinem Entschlusse kommen. Das Mein und

-= - l(s -
Dein war zwischen ihn und seinen Vater getreten und machte
ihn unfrei, eben jetzt, da sein Vater ihm anscheinend Freiheit
zuu geben beabsichtigte.
Es war jedoch, als errathe der Freiherr, was in seinem
Sohne vorging, denn er wendete sich zu ihm und sagte sichtlich
sehr beruhigt: Es freut mich, daß ich mich in Dir nicht irrte.
Art läßt nicht von Art, und es soll meine Sorge sein, daß
Die Nichts entzogen wird. Ich werde Dein mütterliches Ver-
mögen auf Richten eintragen lassen, das am wenigsten belastet
ist und dessen wir uns sicherlich nicht entäusßern werden. Die
Zinsen sollen Dir regeläsig zgehen, und das Jahrgelb.
welches ich Dir bis jetzt gegeben habe, Dir nicht vorenihalien
werden. Mit unserem Namen, mit Deinen persönlichen Vor-
ziügen hast Du unier den ersten Familien des Landes zu wählen,
und es wird Deine Sache sein, wenn Du, was der Himnnel
fügen wolle, uns aus dem Felde wohlbehalten heimkommst, eine
Frau in unser Haus zu führen, deren Vermögen Dir einst die
Mitiel an die Hand giebt, den Schaden herzustellen, welchen
die Noth und Ungunst der lezten Jahre unserem Besitze gebracht
haben. Möge Dir in Deiner Gattin einst ein Glick beschieden
werden, wie es mir in dem schönen, fröhlichen Herzen Vittoria's
zu Theil geworden ist!
Er erging sich darauf in einer liebevollen Schilderung
aller der Vorzige seiner Gattin, erwähnte, daß er sein Testament
zn machen beabsichtige, sobald Renaius müündig gesprochen sei,
weil er über Vittoria's und ihres Sohnes Zukunft sich beruhigt
fühlen dürfe, wenn er sie in die Hände von Renatus lege, und
er war allmählich von diesen ernsthaften Erörterungen wieder
zu den Ansprüchen zurückgekehrt, welche die Erfordernisse der
nächsten Tage an ihn und seine Mittel machten, ohne daß sein
Sohn es anders als mit einzelnen Worten kund gegeben hatte,
daß er den Mittheilungen seines Vaters achtsam folge.

---- 1--
Renatus befand sich in jenem Zuustande, in welchem wir
gleichsam ein doppeltes Denken haben. Eu körte alles, was
der Freiherr zu ihm sprach, er nahm es mit dem Sinne auuf,
mit welchem sein Vater die Dinge und Zustände entwweder jelbst
ansah oder sie ihn doch ansehen zu machen wünschte. Er war
unter dem Einflusse, den die angeborene und anerzogene Ehr-
furcht vor seinem Vater auuf ihn übte, und doch hatte er die
eberzeugung. sein Vater käusche ihn und sich mit bewußter
Absicht über die Vermögensverhältnisse des Hauses, er sei weit
weniger ruhhig, weit weniger unbesorgt üüber hieselben, als er
sich zeige; und doch wußte er, die Lebe, welche der Freiherr
fir Vilioria hegie, beritge denselben, ued seine Zuuversicht sei
verrathen. Er dachte unablässig an sich und an seinen Vater
auf einmal. Jeder seiner Gedanken, jede seiner Eupfindungen
wurde von einem widersprechenden Gedanken, oon einer wider-
sprechenden Empfindung gekrenzt. Er fühlte sich eben so be-
ängstigt als unglicklich.
Er ahnte, obwohl er der Geschäfte nicht sonderlich kundig
war, daß auch Nichten bereits mit schweren Schulden beladen
sein müsse, und daß sein Vater nuur darum sich zu seiner Mün-
digsprechung entschlossen haben werde, weil er es unmöglic ge-
funden habe, in den gegeuwärtigen Zeiten selbst zu den höchsten
Zinsen ein Darlehen für eine dritte oder vierte Hypothekenstelle
zu erhalten. Daß er sein Vermögen hergeben müsse, darüber
war er keine Minute in Zweifel gewesen. Er war das seinem
ater schuldig und es mußte fraglos auch geschehen, wenn er
es nicht zu einem Aeußersten kommen lassen, woenn er sich und
seinem Geschlechte den angestammten Grundbesiz erhalten wollte.
Aber wer bürgte ihm dafür, daß damit wirklich den Nothständen
abgeholfen war, und was sollte aus ihm selber werden, wenn
seines Väters Verhälinisse sich immer mehr vcrschlechterten, wenn
man gezwungen wurde, wie das in den lezten Jahren manchem
z. -

---- 1 -----
Edelmanne begegnet war, die Giter zu verkaufen, und wenn
der Kaufpreis nicht hoch genug sein sollte, sein auf Richten
einzutragendes Vermögen zu decken?
Er selber - nun, er selber, so meinte er mit der Zuver-
sicht des Reichgeborenen, der es nie bedacht hat, wie vieles
leberfliissige ihm durch Gewohnheit zum Bedinnfnisse gewoxden
ist, und der es nie erfahhren, wie schver es fiir den lge-
ülbten ist, sich auch nuur des Lebens Nothduurft zu erwerben --
er werde mit sich und seinem Schicksal wohl fertig werden
können; aber was sollte er beginnen, nun er sich gebunden
hatte? Was sollte er mit Weib und Kind beginnen, wenn
sein Vermögen ihm verloren ging?-
Alle jene Bedenken, welche er eben an dem Tage vor
seiner Verlobung gegen dieselbe gehegt halte, stiegen jetzt in
erhöhtem Maße vor ihm auf, und das Herzeleid Vittoria's, die
Täuschung, in welcher sein Vater von ihr gehalten ward, das
ganze Unglück seiner Eltern wurden für ihn zu dem dunkeln
Hintergrunde, auf welchem er sich und seinen Zuustand wie in
einem Spiegelbilde betrachten konnte. Aber er sah sich in dem-
selben nicht mehr als den sorglosen und glicklichen Jüngling.
als welchen er sich bisher betrachtet hatte. Seine Jgend lag
mit Einem Male weit hinter ihm, sein Gliick zerrann wie Nebel
vor seinem Auge. Er war ein Mann geworden, von welchem
um der Selbsterhaltung, um der Ehre seines Hauses willen ein
schweres Opfer gefordert ward. Er trat plötzlich in die vordere
Reihe seines Geschlechtes, er übernahm dessen Sorgen, Lasten
und Pflichten, da die Schultern seines Vaters müde geworden
waren; und nicht sein persönliches Wünschen, die Ehre seines
Hauses muuste jezt sein erstes und sein höchstes Ziel sein.
Er trug ein großes Verlangen, den Caplan allein zu sehen,
sein Herz im Gespräche mit dem ireuen Freunde zu befreien,
aber er konnte an dem Tage nicht dazu kommen. Der Frei-
herr hielt ihn beständig in seiner Nähe. Er sah auch Vitioria

-- 13
nicht anders, als in Gegenwart der Andern, und wie überall,
wo es tiefe Mißstände in einer Familie gibt, war man es seit
lange gewohnt, sich in der Unierhaltung an der Auusenseite der
Dinge zu halten. Es war von dem Vorhaben des Freiherrn
in Bezug auf Renatus mehrfach die Rede, indes; man gedachte
desselben nur als einer ehrenvollen Anerlennuung, die der Frei-
herr deim Sohe z gevüihren siir gul befand, und dieser ward
LI? Lh-==-- ===-
Vittoria hatte sich mit Wahl gekleidet und zeigte sich so
fröhlich, das: die Schalten von des Freiheren Stirn davor ver-
schwanden, wie draußen die Wolken vor des Frühlings ersten,
mächtigen Sonnenstrahlen. Nenatus wußte nicht, ob er sie be-
wundern und beklagen, ob er sie verachten und hassen solle.
Sie erschien ihm wie ein unheimliches Räthsel; eben deßhalb
nahm sie jedoch seine Phantasie gefangen, und während ihre
eigenartige Schönheit ihren alten Zauber auf ihn übte, betrachtete
er sie mit einer ihm noch völlig neuen Empfindung, wenn er
sich sagte, daß der Freiherr ihn zum Schitzer dieser Frau
ersehen, und daß er einzustehen habe fir des Knaben Zukunft,
der ihr in seiner Schönheit und in seincr sremdartigen Anmuth
so völlig ähnlich war, dasß eben diese Aehnlichkeit des älteren
Bruders Herz bestrickte.
Er mußte es sich immer wiederholen, daß er im Vater-
hause sei, so verändert fand er Alles und so hatte sich seine
Ansicht über die Seinigen und seine Stellung zu ihnen ver-
wandelt. Er konute zu keinem klaren Bilde von seiner Zukunft
gelangen. Seine Gedanken schweiften hastig von einem Aeußer-
sten zum andern, bis endlich die treue Gefährtin jedes Leides,
die wohlthätige Ermüdung, ihn in ihre Arme nahm und der
Schlaf in seinen Träumen alle Widersprüche löste und das
Unvereinbarste zusammenführte.

Kapitel 03

uritte s Capite l.
,Ieiih, ehe der Freiherr noch auufgestanden war, ritt Ne-
natus nach Nothenfeld hinülber, um sich bei seinem greisen
Lehrer und Erzieher Rath zu holen.
Er fand ihn mit seinem Gehilfen, der inzwischen auuch nicht
jüünger geworden war, bei der Morgensuppe sitzen, denn der
Caplan war der Ersten einer gewesen, welcher bei der Theue-
rung der Colonialwwaaren sich bereit erwiesen hatte, auf ihren
Gebrauch zu verzichten, obschon er durch ein langes Leben an
den Kaffe gewöhnt gewesen und bei seiner grosen Mäsßigkeit eigentlich
auf denselben als auf ein ihm nothwendiges Reizmittel ange-
wiesen war. Wie Nenatus ihn in dem hellen Sonnenlichte vor
sich sah, bemerkte er, daß seine Schläfen tief eingesunken waren.
Auch die Hauskleidung seines Freundes schien dem jungen Frei-
herrn trotz ihrer Sauberkeit sehr abgetragen zu sein, und man
hatte in der Pfarrwohnuung, obschon der älteste Diener und
treueste Freund der Arten'schen Familie sie bewohnte, die Ver-
wüüstungen, welche die Einguartierten während der ersten Fran-
zosenzeit in derselben angerichtet hatten, kauum auf das Noth-
dürftigste hergestellt. Die Fensterläden waren erneut, aber immer
noch nicht angesirichen, die Wände noch eben so verräuchert, ald
Renatud sie vor zwei Jahren verlassen, der Kachelofen haite
zwar die nöihigen Ersazsteine erhalten, aber sie paßten nicht zu,
demselben. Ed war Alles in Verfall geralhen; uur die Blu-
mentöpfe des Greises blühten wohlgepflegt am Fenster, und sein

-- 1J --
Auuklitz sah uoch eben so edel und so zufrieden auus, als in den
Tagen, in welchen die vorsorgliche Freundschaft der Varonin
Angelika in Schloß Nichten allen seinen ßedirfnissen scon im
vorauns begegnet wwar.
Sobald Renatus sich mit dem Caplan allein befand, er-
zähhlle er ihi, wwas vor seiem Abmarsche uus der Hauuplsludl
vdegegangen war. Er verhehlte ihmn nicis, weder die Stims-
mung, iu welcher er sich befunden, als er ch seiner Neigung
für seine Jugendgespielin bewust geworden war, noch die Zweifel,
die ihn nachdem befallen hatten; auuch niht die Umstände,
unter denen er sich Hildegard angelobt, ehe er noch seines Vaters
Meinung eingeholt und sdessen Billigung erhalten hatte. Er
berichtete darauf, was am gestrigen Tage zwischen ihm und seinem
Vater verhandelt worden war, und sagte dant: Nie in meinem
Leben habe ich mich mehr im Zwiespalt mit mir selbst gefunden.
Es drickt mich, mit einem solchen Geheimnisse vor meinem
Vater zu stehen und von ihm Nathschläge und Wünsche fir
meine Znluuft auöspreche zu hören, die keine Bedeutung mehr
für mich haben. Es driickt mich eben so, daß ich nicht den
,
W.t
=-u.h besitze, meiner Liebe und meiner Braut gerecht zu werden,
indem ich meinem Vater sage, daß ich bereits gewählt und mich
gebunden habe. Aber kann ich meinem Vat.t, den ich sehr ge-
s
altert finde und sehr gebeugt sehe, unter den obwaltenden Un
s
s
k
V
s
ständen ein Zugeständniß abfordern, das er mir, wie ich jetzt
weiß, nur widerstrebend geben würde? Meine Ergebenheit für
meinen Vater, mein Ehrgefühl, ja, selbst meine Liebe für Hilde-
zrd sträuben sich dagegen. Sie ist kein Mädchen, das einer
ee
P ßamilie aufgedrungen werden darf, ud doch liegt uir Alles
- daran, sie auch von meinem Valer als meine limnsiige Gatliu
anerkannt zu wissen. Ich ziehe in das Feld, ud da ich zeht
s in den Besitz meines mütterlichen Vermögens ireten soll, möchte
ich für den Fall meines Todes zu ihren Gunsten über dasselbe

I--
verfügen, denn Hildegard wird keinem anderen Maune ange-
hören, wenn ich sterbe. Darauf kenne ich ihr Herz.
Der Caplan hatte ihn mit keiner Frage, mit keiner Be-
merkung unterbrochen, da Renatus nicht zu den in sich befan-
genen Naturen gehörte, denen man zu Hüülfe kommen musn,
damit sie sich überwinden und erschließßen. Er war vielmehr,
wo er verlrauule, zu überströmender Miltheilung geneigl, wurde
sich in derselben gegenständlich, rüührte und tröstete sich nach
eigenem Bedürfen, sobald er nur erst dahin gekommen war, sich
auuszusprechen, und der Caplan hatte also keine grosße Miihe,
den Seelenzustand seines jungen Freundes zu durchschauen, wenn-
schon zr es nicht für angemessen fand, ihn über denselben sofort
aufzuklären. Er hatte niemals den Grundsatz, daß der Zwweck
die Mittel heilige, zu dem seinigen gemacht, aber er war, wie
so Mancher, unter dessen Augen sich viele Lebensschicksale abge-
wickelt haben, zu der Ansicht gelangt, daß in dem Dasein der
Menschen, wie in der Natur überhaupt, das Geringere dem
Stärkeren dienen müsse. Da er ohne persönliche Wünsche und
also ohne persönliche Hoffnungen war, hatte er, weil kein Mensch
eines bestimmten Zieles entbehren kann, ohne in seiner Thätigkeit
zu erlahmen, das Wohlergehen und Gedeihen des Arten'schen
Geschlechtes und der von demselben gegründeten katholischen Ge-
meinde zu seiner Herzenssache gemacht, und beharrlich wie die
Kirche, der er angehörte, suchte er in dem Sohne und durch
den Sohn dasjenige fortzufiühren, was der Vater begonnen
hatte und was durch die Noth des Tages beeinträchtigt und
gefährdet ward.
Jedes Wort, das Renatus zu ihm gesprochen, hatie den
scharfblickenden Geistlichen davon überzeugt, daß der junge Frei-
herr, stolz aus den Rang, denu sein Geschlechi seii langen Jahren
unter dem Adel des Landes eingenommen. hatte, augenblicklich
mehr mit der Sorge um dessen würdiges Foribestehen, als mit

--- PF--
seinen persönlichen Herzensangelegenheiten beschäftigt, und daß
von einer eigentlichen Liebe oder Leidenschaft für seine erwählte
Braut, fir Hildegard, bei Nenatus nicht die Rede war.
Aber der Caplan hiütete sich, ihm dieses bemerklich zu
machen. Er wollie ein mild erwärmendes und reinigendes
Fener nicht duurch den scharfen Hauch des Widerspruches zu einer
Flämme anfachen, die man nichl leicht wieder dämpfen und
erdrücken konnte, wvenn man dies zu thun etwva nöthig finden
sollte. Der Caplan war es im Gegentheile nach den schweren
Erfahrungen, welche das von Leidenschaften stirmisch bewegte
Leben des alten Freiherrn ihn hatie machen lassen, sehr wohl
zufricden, daß Nenatus sein unschuldiges Herz einem edeln jungen
Mädchen zugewendet hatte, dessen Bild ihn begleiten, und ihn
vor den Versuchungen des Lebens wie vor den Verlockungen
seiner Sinue bewahren konnte. Aber daß Nenatus sich mit
einem armen Mädchen verheirathete, lag eben so außerhalb seiner
als ausßerhalb de Freiherrn Asichten.
Schon seit Jahren hatte der Caplan aus den Mitieln,
welche der Freiherr seiner Zeit für den Pfarrer seiner katho-
lischen Kirche bestimmt, den Sakristan und die vier Chorschüler
unterhalten; denn es war, da der Freiherr sich nach dem Tode
der Baronin auf Neisen begeben und viel Geld gebraucht hatte,
nicht zu dex Fesistellung eines Capitals für die kirchlichen Zwecke
gekouuen, und auch die Hosfnung, das; man in den Chor-
schilern sich brauchbare Handwerker und eine katholische Gemeinde
erzichen werde, hatie sich nicht verwirklicht. Weil man für die
Knaben auf den Dörfern keine guten Lehrmeister finden konnte
und man, wenn einmal ein solcher vorhanden war, bei ihm auf
die Weigerung sties, einen Kaiholiken in sein Haus aufzunehmen,
war man siels genölhigt, die Chorschliler, sobald sie herange-
wachsen waren, in die Lehre nach der Stadi zu schicken, und
die Mehrzahl von ihnen hielt es dann nach vollendeter Wander-

- Ih-
schaft und erlangter Meisterschast mehr ihrem Vortheile ange-
messen, ihr Gewerbe in den großen Städten, als auf den Gütern
des Freiherrn zu betreiben, auf denen obenein die Abneiguung
und das Mißtrauen der proteslantischen Bevölkerung ihnen hin-
dernd entgegentraten. Man mußte also immer aufs Neue
katholische Knaben heranzuziehen suchen, und wenn es an und
fir sich auuch ein gutes Werk war, diesen eine wohlgeleiiete Er-
ziehung zu geben, so ward das Uniernehmen, weil es in sich
michi sorioirlle, sondern sich sasl ganz unsruchlbar erwies, doch
loslspieliger, als man erwarlei halle, und der Freiherr halte
schon bei seiner Rüicklehr aus Jtalien alle Theilnahme dasir ver-
loren. Er hatie es kein Hehl, daß er den Kirchenbau bereute,
er kam auch selten in die Kirche, obschon Vittoria oft zur Messe
fuhr, und wenn er gelegenilich auus den Salrisian und auf die
Sänger zu sprechen kam, fragte er nicht, wie sie unterhalten
würden, nachdem er einmal die Erfahrung gemacht halie, das:
der Caplan fir sie Sorge trug.
HHatte man des Quarieties einmal nöthig, wenn Vittoria
sich vor der Gesellschaft im geistlichen Gesange hören lassen
wollte, so berief man den Sakristan mit seinen Schilern; der
Freiherr wuuste sich dann ewas mit dieser Art von Eapelle,
zeigte sich ihr gnädig, lobte und tadelte als ein Kenner und ließ
es an einem Gnadengeschenke auch nicht fehlen. Jm lebrigen
beruhigte er sich damit, daß der Caplan in den langen Jahren,
welche er dem Arten'schen Hause angehört hatte, ein hübsches
Vermögen erworben haben müsse, dessen er nicht bedurfte, und
es schien dem Freiherrn so natürlich, wenn der Geistliche, der
durch die Gründung der Pfarre lebenölang versorgt war, seinen
im Arten'schen Dienste zusammengebrachten Besiz auch zum
Nuzen und zur Ehre des Hauses, die hier zugleich die Ehre
Gottes und der Kirche war, verwendete, daß er es nie für nöthig
gefunden hatte, darüber auch nur eine Sylbe gegen den Caplan

=- Fß---
zu verlieren. Er war in - seinem Verhälknisse zu Allen, die ihm
dienten, nach wie vor derselbe.
Aber der Caplan war auch sich selber treu geblieben, und
wie der Freiherr an dem wirdigen Fortbestehen seines Ge-
schlechtes,. so hing der Geistliche an der Erhaltung des Gottes-
hauses, das unter seinen Augen entstanden war, und an der
Hoffnug, das kaiholische Veleniniß in diesem Theile des Landes
endlich Wuurzel fassen und sich ansbreiien zu sehen. Indes; die
Erhaltung der Kirche fir die kaiholische Confession wuurde zweifel-
haft, wenn Nenatus jemals gezwungen wecden sollte, sich des
väterlichen Besizes zu entäußern, da derselbe dann leicht in -
nichikatholische Hände übergehen und es in einem solchen Falle
nicht allzu schwer halten konnie, das Gotteshauus den Evange-
lischen zusprechen zu lassen. Dem Caplan war also ehen so wie
dem Freiherrn daran gelegen, Renatus mit einer reichen Erbin
aus den katholischen Provinzen sich verbinden zu sehen, und
weil er dieses wüünschte und es im Augenblicke nicht zu erreichen
war, that er wenigstens so viel an ihm lag, dem jungen;Baron
für die Zukunft die mögliche Freiheit bewahren zu helfen.
Er nannte die Neigung, welche Renatus für Hildegard
empfand, edel und berechtigt, er pries die Eigenschaften der
jungen Gräfin und das Glück derjenigen, deren reine Seelen
sich in keuscher Neigung früh zusammenfinden; aber er gab es
dem Jünglinge zu überlegen, ob unter den Bedenken, die sich
in ihm gegen diese Verlobung erhoben hatten, nicht eines oder
das andere begründet sein sollte. Er fragte ihn, ob er überzeugt
sei, daß er niemals eine stärkere Empsindung hegen werde; ob
er glaube, daß Hildegard dem Jdeale entspreche, welches jeder
reine Jüngling von dem Weibe, das er lieben solle, im Herzen
trage. Er erinnerte ihn daran, daß er an der Ehe seiner Eltern
das Beispiel vor sich habe, wie unglücklich eine nicht völlige
Zusammengehörigkeit die Gatten machen kdnne, und er sprach
F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.
T

--- z(s-
sich, da er Renatus nachdenklich werden sah, endlich dahin aus,
daß er es für alle Theile heilsam glauube, wenn man vorläufig das
Herzensbümndniß der Liebenden noch als ein Geheiumis; bewahre.
Du, mein lheurer Nenaiuus, sagle er, wirst dadurch der
Nothwendigkeit enthoben, Deinem richtigen Zartgefühle entgegen,
eben jetzt von Deinem Vater ein sicherlich widerwillig gegebenes
Zugeständniß zu fordern. Du und auch die lheure Hildegard,
Ihr gewinnt beide die Zeit, in der Trennung Eure Herzen und
die Beständigkeit und Stärke Eurer Neigung zu erkennen und
zu prüfen, und kehrst Du uns, wie wir alle sehnlich hoffen,
unter dem Schuze des Höchslen aus dem Kriege heim, hellt
unser politischer Gesichtskreis sich so weit wieder auf, daß Ge-
werbe und Handel sich wieder frei bewegen können, das der
Grundbesiz seinen wahren Werth zurückerlangt, nun, so wird
Dein Vater keine Ursache mehr haben, Dir irgend eine Be-
schränkung bei Deiner Wahl aufzuerlegen, und er wird dann
diejenige mit Freuden in seine Arme schließen, der er heute nur
widerwillig seinen Segen geben wülrde.
Renatus hatte, den Kopf in die Hand gestüützt, den Aus-
einandersetzungen seines geistlichen Freundes ohne eine Erwide-
rung zugehört. Auch als derselbe geendet hatte, regte der junge
Mann sich nicht. Der Caplan kannte das an ihm und es galt
ihm als ein gutes Zeichen. Wenn Renatus nach einem Mei-
nungsaustausche auf solche Weise in sich selbst versank, war er
in der Regel damit beschäftigt, wie er die fremde Ansicht mit
der seinigen so verbinden könne, daß dasjenige als freie Ent-
schließung erschien, was er auuf Zureden eines Anderen that.
Denn obschon er die stolze Selbstherrlichkeit seines Vaters nichi
besaß, hatte er doch die Eitelkeit, in den geringfügigsten wie in
den wichtigsten Dingen seine Meinung und seine freie Ent-
schließung kundgeben und behaupten zu wollen; ja, er war im
Stande, seine eigene Neberzeugung, wenn ein Anderer dieselbe

= 7ß Jh, ======-
ausgesprochen hatte, zu verleugnen und ihr entgegen zu handeln,
nur um: den Verdacht der Unselbständigkest von sich abzuwehren.
Hier aber, wo der Ralhs seines Lehhrers mni! seiemn geheimsien
Wollen zusanmentraf, verlangte es ihn, vielleicht ohne daß er
sich dessen klar bewußt war, danach, sich auch im voraus gegen
die Vorwüirfe zu sichern, die er oder Andere ihm später über
seine HandlingSwweise machen konnlen. Er wollte Herr über
seine Entschlisse bleiben und doch die Möglichkeit haben, die Ver-
antwortlichkeit für dieselben im Noihfalle auf fremde Schultern
wälzen zu können, und der Caplan war eö als ein Diener
seiner Kirche gewohul, wo es der Förderung ihrer Zwece galt.
schwerere Lasten und Verantwortungen über sich zu nehmen, als
Renatus ihm in diesem Falle zu tragen auferlegen konnte.
Woran denkst Du, lieber Nenatus? fragte er endlich, da
der junge Mann alle Anregung, ja, selbst die Aufforderung,
sich zu erklären, diesmal von seinem alten Freunde zu er-
warten schien.
Mus; ich Ihhnen da erst sagen? Was wird Hildegard.
was die Gräfin von mir denken, wenn ich die Forderung an
sie stellen musß, unsere Verlobung geheim zu halten? Denn ich
darf ihnen nicht auseinander setzen, daß die augenblickliche
Stimmung und die gegenwärtigen Verhältnisse meines Vaters
es mir fast wie eine Entweihung erscheinen lassen, wollte ich
ihm jetzt enthülle und Preis geben, was mir nächst meiner
Ehre das Thheuerste und Heiligste ist!
Er schwieg, um sich eine ihm zu Hülfe kommende Ein-
wendung machen zu lassen; da der Caplan sie ihm aus gutem
Grunde vorenthiel., sprach er selber nach einigem Ueberlegen:
Wenn ich sicher wäre, daß Hildegard meiner Liebe, meinem
g
aorte so voll vertraute, wie ich ihr . - -
Mein Sohn, unterbrach ihn der Caplan, versindige Dich
nicht an Hildegard: sie gibt ihr Herz nicht, wo sie nicht vertraut!
F

- I!----
Aber die Gräsin ? wendele Renaius ein.
Der Caplan legte seine Hand auf des jungen Mannes
Schulter und sagte: Gräfin Nhoden ist eine welterfahrene Frau
und eine vorsorgliche Mutter, die Dich und ihre Tochter kennt,
aber sicherlich auch auf des Lebens Wechsel und Möglichkeiten
denkt. Sie weiß, daß Deine Liebe und Dein Wort ihrer Tochter
angehören, wenn Du heimkehrst, indeß . . Er hielt inne und
sagte dann, mit vorsichiiger Misglilligug den seinen Kops wie-
gend: Es war vielleicht nicht wohlgethan, im Agesichte eines
solchen Krieges um die Hand eines jungen Mädchens zu werben.
Ich bin sicher, dasß es der Fran Gräfin nicht willkommen war,
und es wäre großmüthiger von Dir gewesen, Dich zu über-
winden und zu schweigen, denn es ist traurig, ein junges Mädchen
zur Wittwe werden zu sehen, ehe es noch das Glick der Ehe
kennen gelernt hat.
Nenatus war gegen den leisesten Tadel empfindlich. Hil-
degard's Herz hätte in jedem Falle um mich getrauert, meinte
er, wenn die Würfel des Todes mir fallen sollten!
Gewiß; aber man betrauert einen im Perschwiegenen ge-
liebten Mann mit anderer Empfindung, als einen, dem man
sich heimlich anverlobte, oder gar als einen erklärten Bräutigam.
Das Mitwissen Anderer steigert fir die meisten Menschen den
Schmerz und zwingt oder veranlaßt sie oftmals, ihn in sich
noch aufrecht zu erhalten, wenn sie bereits in der Verfassung
wären, ihn zu überwinden. Und wo man nicht sicher ist, Gliick
und,Freude bereiten zu können, soll man trachten, mögliches Leid
und Unglück zu verhüten.
Renatus erhob sich, denn es bemächtigte sich seiner eine
große Unruhe. Er konnte den Ansichten des Caplans nichts
entgegensetzen,, sofern sie auf eine noch zu begehende Handlung
angewendet werden sollten; aber er ahnte ihren Zweck füür diesen

-=- IZ -
besonderen Fall und er verhehlie sich nich, das; seine Neigung
für Hildegard keineswegs eine unüberwindliche gewesen war, daß
er eine ebereilung begangen habe und daß er leicht in die
Lage kommen könne, ja, daß er sich eigentlich bereits in der
Lage befinde, diese Uebereilung zu bereuen.
Er ging hastig ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, blieb
dann plözlich vor dem Geistlichen stehen und fragte kurz und heftig:
Was soll ich ken thn? Was wollen Sie denn, das ich thuue?
Dasjenjge, was Dun zu ihnn ohnehin entschlossen warst,
sprach der Geistliche gelassen.
Sie rathen mir also, gegen meinen Vater von der ganzen
Angelegenheit zu schweigen?
Ubedenklich!
Und Hildegard - die Gräfin -- wie soll ich vor ihnen
dieses Verhalten rechtfertigen? Wie kann ich ihnen meine Hand-
lungsweise erklären? rief er noch einmal.
Der Caplan hob sein Auge zu ihm empor und blickte ihn
ruhig an. Neberlasse es mir, mein theurer Sohn, Deine Recht-
fertigung zu übernehmen! sagte er. Und er wußte, daß Renatus
diese Antwort von ihm erwartet hatte. Renatus zögerte auch
nicht, sich dieselbe zu Nutzen zu machen.
Aber, fragte er, was soll ich Hildegarden schreiben?
Das fragst Du mich? entgegnete der Caplan. Nun, Du
wirst Hildegarden alles sagen, was Dein Herz Dir eingibt, und
das Uebrige vergönne mir, der Frau Gräfin auseinander zu
sezen. Ich gebe die Verhältnisse des Freiherrn sicherlich nicht
Preis, und da ich die Ansichten der Frau Gräfin aus lang-
jährigem Vertrauen kenne, hoffe ich, Gehör bei ihr und die
Billigung Deiner Handlungsweise von ihr zu erlangen. Iezt
aber -= er trat an's Fenster und sah zu dem Kirchthurme
empor -- jetzt ist's wohl an der Zeit, auf Deine Nlickkehr zn
denken, denn der Freiherr wird Dich erwarten.

Hz-
Nenatus zog die Uhr hervor und gab dem Caplan Recht.
Er sagte, daß er ihm eine große Beruhigung verdanke, dasß er
nun wieder mit freiem Herzen an die Geliebte denken könne,
und daß er nur bedauere, Vittoria in das Vertrauen gezoge
zu haben. Indeß er nahm das alles leicht, da er für jetzt der
Riicksprache mit dem Freiherrn enihoben war, vor der er sich
mehr, als er sich selbsl gesiehen mochte, gefirchiet halte.
Im Schlosse fand er, da von dem Freiherrn alle vorbe-
reitenden Schritte bereits vor einigen Wochen geschehen waren,
die richterlichen Beamten, vor denen der besprochdne Akt seiner
Mündigkeitserklärung vollzogen, und durch welche die Eintragung
von Nenaiuus Vermögen auus Nichlen bewerkslelligl werden sollte,
schon angelangt. Erst bei diesen Verhandlungen erfuhr der junge
Freiherr, daß seine Befürchtungen wegen seines Vermögens nicht
ohne Grund gewesen waren. Sein Capital stand, wenn man die
Nähe des Krieges und die mit ihm zusammenhängenden Möglich-
keiten in Betracht zog, keineswegs sicher auf dem Gute, und die vor.
ihm eingetragenen Gläubiger erhielten unverhältnißmäßig höhere
Zinsen, als der Freiherr sie seinem Sohne festzusezen für angemessen
fand. Auch sah der Freiherr wohl, daß Renatus die Farbe
wechselte, als er das betreffende Schriftstück unterzeichnete, indeß
der Vater behandelte nur die Mündigkeits-Erklärung des Sohnes
als ein ernstes Ereigniß, an das er mit aller Würde und Feier-
lichkeit heranging.
Er umarmte den Sohn, nannte ihn vor allen Zeugen einen
fertigen Mann, einen Mann von wahrer Ehre und seinen Freund,
und gab dann auf die Regelung der Geldangelegenheit anschei-
nend nur wenig Acht. Er erklärte sie für eine bloße Form,
da zwwischen Vater und Sohn von Mein und Dein doch nicht
die Rede sein könne, meinte dann, daß Renatus erst jetzt wahr-
haft in den Besiz seines mütterlichen Erbtheiles trete, wo er es
in dem Grunde und Boden des Familiengutes anlege; und als
=- Eas - TT. FssaSE. »==s=.

«
-=- ZJ
dann im Laufe des Nachmitiages der miltärische Chef des jungen
- Freiherrn mit seinem Stabe eintraf, waur von den abgethanen
Geschäften natinrlich keine Rede mehr.
Der Freiherr hätte sich ein Gewissen daraus gemacht, es
seinen militärischen Gästen, es einer solchen Gesellschaft von Edel-
lenten aus allen Provinzen des Landes, in seinem Schlosse an
- irgend etwwas fchlen zu lassen, was zu bieten er im Stande war,
und Renatus hielt wo möglich noch mehr darauf, daß der
Empfang seiner Vorgesetzten und Kameraden seinem Vaterhause
Ehre mache.
Er hatte sonst es nicht leicht gewagt, dem Freiherrn gegen-
über Verlangnisse zu äußern und Vorschläge zu thun; aber er
war nun großjährig gesprochen, er hatte auch sein ganzes, per-
sönliches Vermögen hergegeben, seinem Vater eine Erleichterung
zu bereiten, und man konnte es doch in der That nicht wissen,
ob es nicht das lezte Mal sei, daß er im Vaterhause weile. Er
hatie nie gefühlt, was es mit der hastigen und feurigen Lebens-
lust des Soldaten auf sich habe. Jezt erwachte sie in ihm.
Er wollte froh sein, er wollte genießen und Andere mitgenießen
lassen, was er besaß. Er blieb in beständiger Bewegung und
Aufregung, erhielt alle Andern in derselben, und noch niemals
hatte er seinem Vater so wohlgefallen, noch nie hatie der Freiherr
es wie eben jetzt erkannnt, daß sein Sohn ihm doch sehr ähnlich -
sei. Er gab jezt allei: Wünschen desselben unbedingte Folge.
Ein Ball wurde aus dem Stegreif in das Werk gesetzt, die
Säle, die Zimmer, die Fluren und Treppen waren wieder einmal
belebt, wie in den Tagen, deren Renatus sich aus seiner Kind-
heit zu erinnern wußte. Wo die jetzt beschrännkte Dienerschaft
des Hauses nicht ausreichte, half die militärische Bedienung der
Einquartierten aus, die man fir die wenigen Stunden, in denen
man ihrer bedurfte, in die Livreen des Hauses steckte; es waren
deren noch mehrere von früher her vorhanden.

B--
Allerdings durfte Nenatus nicht nach der Schloßthorseite
an das Fenster treten, ohne daß es ihm durch das Herz schnitt,
wenn die Allee, die prächtige Allee, ihm fehlte, wenn er so weit
hinaus die grosße Fläche übersehhen koutle. Sie kam ihm wie
ein Schlachlfeld vor, es schvebten trauurige Schatten, Unheil
verkündende Geister über ihr. Aber Niemannd von seinen Kamera-
den vermißßte die alten Bäume, es vermißte auch Niemand die
schweren silbernen Taselaufsätze und Prachi-Gerälhschasien, die
sonst bei feierlichen Gelegenheiten die Tafcl geziert und den
großen alten Schenktisch geschmückt hatten. Es waren während
des Krieges viele Alleen niedergeschlagen worden und viele
Gutsbesizer hatten in den harten Zeiten ihr Silber einge-
schmolzen oder es in den großen Städien in verhälnis;mäßige
Sicherheit zu bringen gesuchl. Nenaius fragle nicht darum,
er nahm ohne Weiteres das Leztere an. Man ritt, man jagte
in den schönen Revieren der Herrschaft, Alles wurde besehen.
Alles bewundert: der Ahnensaal im Schlosse und die Kirche in
Rothenfeld und die prächtige Familiengruft, in welcher die Ba-
ronin Angelika neben den anderen Todten ihres Hauses ihre
Ruhestätie gefunden hatte.
Die Stunden der kurzen Rasttage entschwanden, ohne daß
Renatus zur Besinnung kam. Er sah seinen Vater angeregt
und wohlaufgelegt wie seit langen Jahren nicht. Vittoria schien
auch neu belebt zu sein, die Anwesenheit so vieler Männer, der
Eindruck, den sie auf dieselben machte, die Bewunderung, welche
sie durch ihren Gesang wie durch die Fremdartigkeit ihres ganzen
Wesens erregte, zerstreuten sie und schmeichelten ihr wie ihrem
Gatten. Renatus konnte es nicht über sich gewinnen, noch ein-
mal mit Vittoria von seiner Verlobung zu reden und die seltene
Zufriedenheit zu stören, die ihn umgab. Es ward von Hildegard -
gar nicht mehr gesprochen. Nur mit Mühe fand er die Muße,
seiner Braut zu schreiben oder ihrer in Ruhe zu gedenken.

- ,ß F ===
Am Abende vor dem Abmarsche hatt man noch einmal
die Gesellschaft aus der ganzen lmgegend zusammengebeten.
- Man tanzte noch einmal, und man spielte. Spät, als die Dun-
kelheit schon lange über der Erde und über dem ersten Fnoöpen
des Früühlings auusgebreitet lag, flammte oben auf der Margarethen-
Höhe ein Feuerwerl empor und an dem Gicbelfelde des Freund-
schaftstempels glänzte in farbigem Licht das Wort: , Victoria.-
E war einnne leberraschuung, mit welcer der Chef des Ne-
giments seinen Wirthen den Dank fir ihre verschwenderische
Gastfreundschaft zu erkennen geben wollte; denn wie das Wort
die Hoffnung der zum Kampfe ziehenden Krieger aussprach. so
huldigte es auch der schönen Schlosßherrin, und es kam dabei
nicht in Betracht, daß der Freundschaftstempel sehr verfallen
war, das man alte Geräthschaften und Reisig in dem Naume
aufbewahrte, der einst das Bild der Herzogin Margarckhe um-
schlossen hatte und ihrem Andenken gewidmet worden war.
Das glänzende Licht des Feuerwerks, wie vergänglich es auch
war, machte alles Andere vergessen, und als es erloschen war,
dachte man des Tempelö und der Margarethen-Höhe überhaupt
nicht mehr.
Renatus schrieb, wie er sich ausdrückte, mit dem Fuße im
Bügel, noch an seine Braut. Der Caplan übernahm die Be-
sorgung dieses Briefes.
Die Regimentsmusik schmetterte auf dem großen Schloßhofe -
- schon ihre muthigsten Weisen, als der Freiherr den Sohn in
die Arme schloß, als Renatus, mit Thränen und von des Vaters
Segenswünschen begleitet, aus seinen Armen schied. Sie hatten
sich nie so nahe gestanden, waren einander nie so lieb gewesen,
als in diesem Beisammensein, und noch im lezten Augenblicke
legte der Freiherr seine Gattin und Valerio an seines Sohnes
Herz und sagte sehr erschütiert, obschon die Fremden es sehen
und hören konnten: Kehre mir wieder, mein theurer, theurer

=- F=-
Sohn, und sei ihre Stiütze, wenn ich nichi mehr bin, wie D:
mein Freund und meine Freude bist!-
Er weinte und schämte sichi der Thränen nicht. Der Mensch,
der Vater, trugen in ihm den Sieg über die Formen der Gesell-
schaft davon, die überall aufrecht zu erhalten er sonst als seine
Aufgabe angesehen hatte. Die Ereignisse waren stärler, als er
und seine schwindende Kraft, und sie wuchsen mit jedem Tage
an Gewaltigkeit, an Furchtbarkeit und an Erhabenheit über ihn
hinaus.

Kapitel 04

Viertes Capitel.
.a vle Abergläubischen bei dem Ersche nen des großen
Komelen gefirchiet und vorausgesagt, was Seba einst hoffend
ausgesprochen, als sie, mit Renatus in der Thüre ihrs Garten-
saales stehend, das prächtige Phänomen betrachtet, es hatte sich
Alles über jedes Erwarten schnell erfüslt.
Es war ein verheerendes Kriegsunglück über die Welt ge-
kommen, das grösßte Kriegsheer, das die Menschheit seit unvor-
denklicher Zeit gesehen, war vernichtet worden. Die Russen selbst
hatten die heilige Hauupistadi ihres Neiches zersiört. Zuu Hundert-
tausenden waren die Kinder eines glücklicheren Klima's, waren
die Söhne Frankreichs und Jtaliens, waren Portugiesen und
Spanier, Deutsche und Polen unter dem Schnee der russischen
Eisgefilde umgekommen, und ein Flichtiger, ein Geschlagener -
und Neberwundener, war der bis dahin füür unbesiegbar gehal-
tene Kaiser von Frankreich mitten durch das von ihm unter-
jochte und geknechtete Europa seiner Hauptstadt zugeeilt, um, ein
niedergeworfener Riese, aus dem Boden seiner Heimath neue
Kraft zu schöpfen.
Noth und Elend hatien den Weg bezeichnet, auf welchem
das französische Heer nach Nusland gezogen war, Elend, Krank-
heit, Tod und Leichen bezeichneten die Straße, auf der die
NBe
==-unner dieses sihr unilberwindlich gehaltenen Heeres bald in
kleineren, bald in größeren Massen, bald vereinzelt als jammer-
voll Verstümmelte, als in Lumpen gehüllte Bettler durch das

-- ßs--
Land zogen, und es gab in den preusischen Ostprovinzen sicher-
lich nicht Eine Stadt, nicht Ein Dorf, ja, nicht Ein Haus, dem
die Teilnahmne an demn Enlsetzen ersparl worden wwäre, welches
das geschlagene Heer mit sich durch aller Herren Länder trug.
Je größer die Ortschaften waren, je eher man hoffen durfte,
in ihnen Aufnahme oder Erquickung, ja, oft nur ein ruhiges
Sterbekissen zu finden, um so massenhafter drängten die Fliehen-
den sich dorthin, und die Herrschaft Richten mit dem Kirch-
thurme von Neudorf, mit dem weithin in die Ferne ragenden
goldenen Kreuze der Notheufelder Kirche, zogen immer aufs Neue
ganze Scharen von Flichtigen in ihren Bereich.
Die Kirchen beide lagen voll von Kranlen und Sterbenden.
Der srolesialische Psarrer, der de allen Paslors Nachsolger
geworden war, der Caplan und sein Salristan rastelen nicht
Nacht, nicht Tag. Die leibliche Noth ud daö geistige Leiden
der im sreuden Lade, sern von den Ihrigen Hinsierbenden
nahmen die Geistlichen der beiden Gemeinden gleichnäßig und
ganz in Anspruch. Wollte man den Muth der Dorfbewohner
nicht völlig sinken lassen, wollte man nur die Leichen unter die
Erde bringen, so durften diese Männer sich nicht schonen, und
keiner von ihnen dachie an sich und an die eigene Gefahr. Der
Caplan ging Allen voran in hingebender Thätigkeit und Selbst-
aufopferung, und er rechnete sich dies nicht zum Verdienste.
Seine Tage waren gezählt, er hatte nichts, woran seine Seele
gefesselt war, er dankte seinem Gotte, daß er ihm die Kraft
gelassen habe, zu helfen, zu trösten bis an sein Lebensende, und
fernsehend mit dem Auge seines Geistes, gab er sich gläubig
an die Hoffnung der Vaterlandsbefreiung hin, die am Horizonte
des neuen Jahres emporzusteigen begann.
Der Freiherr theilte diese Hoffnung nicht. Er hatte Na-
poleon verabscheut, als er noch General und Consul gewesen
war; aber die Gesinnungen des Freiherrn hatten eine Aende-

-- h!-
rung erlitten, seit der Consul sich die Krone aufgesetzt und mit
eiserner Hand der Volksherrschaft in Fran!reich ein Ende gemacht
haite. Der Kaiser, dessen Tyraunei de Franzosen, wie der
Freiherr es nannte, fitr das Freiheitsgelisien geißelte, in welchem
sie ihren König ermordet, den Ael des Landes unter das Messer
der Guillotine geliefert und in die Verbannuung zu gehen ge-
zwungen hatien, erschien ihm wie eine sittliche Nothwcndigkeit
in der Weltordnlng. Er sah das Unglück, das Napoleons schran-
kenlose Eroberungssucht über ganz Europa brachte, als die ge-
rechte Strafe dafir an, das die Füürsten und Völker dem an-
gestammien französischen Herrscherhause und den gut gesinnten
Franzosen nichi ihren vollen Beisiand zur Niederwerfung der
Revolnuiion geliehen hallenn, und wenu er in sein Jered blickle,
fi hlte er fiir den Kaiser, der sein willkiirliches Belieben zum
Gesetze eines Welttheils machte, jezt mehr Vertrauen, mehr Theil-
nahme und Bewunderung, als fiür irge. eien der deutschen
Fürsten, die in widerwilligem Gehorsam und zum Theil in
knechtischer Schmeichelei und Selbsterniedrigung zu des Eroberers
Füüßen lagen, oder gar zu seinem Landesherrn und zu dessen
egierung, welche gegen die Herrschaft des großen Genius, des
Revoluulions-Besiegers anlämpsen zu lönnen glanbten, indem sie
in dem eigenen Lande die Gemüther des niederen Volkes selbst
in Aufregung bersezten, die Hand an geheiligte, alte Rechte
legten, den Adel beraubten und von sich entfernten, ohne damit
das Volk erheben und zufriedenstellen zu können. Er hatte den
Ausspruch des vierzehnten Ludwig: , Ich bin der Staatrr
immer verstanden und bewundert. Er bewunderte auch Napoleon,
der sich als den Willen und das Gesez für seine Zeit hinstellte,
und der Gedanke einer von Napoleon begründeten Weltherr-
schaft stimmte mit den Ansichten des Freiherrn wohl zusammen,
seit der Kaiser sich geneigt erwies, dem alten Adel seine Hand
zu bieten, und ihn in viele seiner Rechte wieder einzusezen.

=- ßJ--
E war mit seiner vollen Zustimmung geschehen, es hatke
sich kein Widerstreben in ihm geregt, als sein Sohn den Fahnen
Frankreichs nach Nußland hatte folgen müssen. Der jahe Glücks-
wechsel, der den Kaiser traf, erschreckte den Freiherrn also höchlich
und warf ihn fast mehr darnieder, als einst daö Unglitck seineö
Vaterlandes. Er wurde irre an der Folgerichtigleit der Dinge,
wie er sie versland, und die Ohhumachl auch ded gewvalligsten
Einzelwillens, das endliche Unterliegen auch der größten Kraft
des Einzeluen, erschitierten ihhn und liesten ihn Schlisse machen,
die er endlich gegen seine eigenen Neberzeugungen zu richten
sich nothgedrungen sah.
Er wollte nichts wissen von der Verbindung, welche schon
lange im Lande thätig war und alle Stände zu einmithiger
Erhebung gegen die Tyrannei der Fremdherrschaft wachzurufen
trachtete. Er wendete sich von den Mitgliedern des alten Aels
mit Beschämung ah, wenn sie es als ein erstrebenswerthes Ziel
bezeichneten, mit ihren Bauern und Insassen in gleicher Reihe
und gleichem Gliede zu fechten. Er mochte nichts hören von
den Verhandlungen, durch welche deutsche und vor Allem die
preußischen Vaterlandsfreunde den Anschluß an Rußland vorzu-
bereiten strebten, und er vermied es, den eigenen Sohn zu sehen,
als dieser, mit dem Pork'schen Corps aus Rußland wieder-
kehrend, von der allgemeinen Stimmung über sich hinausgehoben,
voll Begeisterung dem nahen Freiheitskampfe entgegen zu gehen
hoffte.
Der eisige Winter hatte den Greis in seinem Schlosse ge-
fangen gehalten. Auch das erwachende Jahr lockte ihn wenig
hinaus. Er war nicht begierig, die Verwüstungen anzuschen,
welche die fliehenden Franzosen und die sie verfolgenden Russen
innerhalb seiner Besitzungen angerichtet hatten. Das Recht des
Stärkeren, die Unerbitilichkeit der Noth hatten überall gewaltet,
der gegenwärtige Amimann war nicht der Mann gewesen, sich

-- ZZ --
dem Aeusßersten zu widersetzen; der Freiherr hatte nicht mehr
die Kraft, nicht mehr die Miitel besessen, mt großen Opfern
größere Nebel zu verhindern. Es sah übel auf der Herrschaft
aus, als im Beginne des Frühlings der König von Preußen
den Aufruf an sein Volk erliesß, der Jeden, welcher die Waffen
tragen konnte, zu den Fahnen forderte, um mit Gott unter des
Känigs Fihrung fiir die Freiheit des Vaierlandes zu kämpfen.
Der Freihers hatie den Aufruf wiedeu und wieder gelesen
und ihn daun zu dem Caplan geschickt, den die Pflege seiner
-Verwundeten und Kranken jezt in Nothenfeld zurückhielt und
der schon seit vielen Wochen nicht nach Richten gekommen war,
um das pestartige Lazareth-Fieber, das sich auus den Spitälern
in den beiden Kirchen nach den Dörfern verbreitet hatte, nicht
auch in das Schlos; zu ülbertragen. Aber der Freiherr vermißte
ihn sehr, das Herz war ihm beladen, und Vittoria war nicht
die Frau, vor der er es entlasten konnte.
E waren ihre Schönheit, ihre Weltunerfahrenheit gewesen,
die ihn einst an der kaum der Kindheit entwachsenen Jungfrau
bezaubert hatten, und er hatte von Vittoria liebevoll alles fern-
gehalten, was ihr diesen Reiz zerstören konne. Sie war heute
noch schön, fast schöner, als sie je gewesen, sie war heute noch
fremd in der Welt Händeln und in den Nöthen und Bedirf-
nissen des täglichen Lebens, sofern diese letzteren nicht sie selbst
betrafen; aber seit er ihrer Schönheit nicht mehr genießen konnte
wie sonst, rührte sie ihn, statt ihn zu erfreuen, und die Selbst-
sucht, mit welcher Vittoria, wie ein wahres Kind, nuur an ihr
eigenes Wollen und Bedirfen dachte, quälte ihn jetzt bisweilen
eben so, wie sie ihn sonst belustigt hatte. Er dachte jezt oft,
gar oft an die Baronin Angelika zurück, indessen er wußte
daneben auch, nach welcher Seite das Herz seiner ersten Gattin
sich in diesen Zeiten hingewendet haben würde.
Wenige Tage, nachdem der königliche Aufruf in die Provinz

-- h--
und in das Schloß gelangt war, brachte einer der Chorsänger
aus Rothenfeld dem Freiherrn einen Brief des Caplans. Der
Freiherr, der in seinen jungen Jahren der verheerenden Seuche,
welche auf den Gitern geherrscht hatte, muthig entgegengetreten
war, zeigte sich jetzt ängstlich gegen Krankheit und Ansteckung
und vermied es also, den Boten vor sich zu lassen. Er empfing
den Brief durch seines Dieners Hand, lies; sich die Brille reichen,
deren er sich, weil es ihn an eine Altersschwäche mahnte, nur
ungern bediente, und trat an das Fenster, um das Schreiben
zu lesen. Es war jedoch, als ob er seinen Augen nicht traute,
denn er nahm die Brille ab, puutzte mit vorsichtiger Hand die
feinen Gläser, las den Brief noch einmal und sagte danach.;
daßß er die Antwort senden werde.
Als der Diener sich entfernt hatte, ging der Freiherr eine
Weile langsam in dem Zimmer auf und nieder. Der Caplan
schrieb ihm, das; die sämntlichen vier Chorschiüler nach der
Kreisstadt zu gehen dächten, um in die Landwehr einzutreten,
daß er sie übermorgen, da die Kirche voll Kranker liege, z
diesem Schritte in seiner Wohnung vorzubereiten und einzu-
segnen wüünsche, und daß er den Freiherrn anfrage, ob es ihm
möglich sei, den jungen Leuten das Geld zu ihrer Ausrüstung
zu geben, widrigenfalls er ihn ersuche, ihm einen Theil seines
rückständigen Gehaltes auszahlen zu lassen, damit er, so viel an
ihm sei, für die Bewaffnng seiner bisherigen Zöglinge sorge.
Er meldete zugleich, daß aus allen drei Dörfern eine Anzahl
von Arbeitern und von Bauernsöhnen sich dem Könige stellen,
daß sie unter Adam Steinert's Führung, der gleichfalls in das
Feld ziehe, sich auf den Weg machen wirden, und daß der
Pastor in Neudorf deßhalb auch eine religiöse Vorbereitung und
Einsegnung auf dem Kirchhofe veranstalten werde.
Der Freiherr brauchte eine Weile Zeit, sich zu fassen.
Die Welt wurde ihm fremd. Die Worte: Volkserhebung,

-- - ßH -----
Volkskrieg, Volkswille, die ihhm von Zrankreich her oft genng
aus der Ferne entgegengeklungen, wurden von dem ältesten
Genossen seines Lebens anerkennend gebcaucht, wurden jezt
unter seinen Auugen, wenn auch in veränderter Gestalt, zu einer
Wahrheit, und sie erschreckten ihn.
Er sah um sich her ein Geschlecht, eine Zeit, eine Welt
erstehen, in welcher er besorgen musßte, seine bevorzugte Stellung
nicht mehr aufrecht erhalten zu können, und ein Traum, den
er einst gehabt, kam ihm plötzlich in die Erinnerung zurück.
Er hatte einmal geträumt, daß er an einem Sommertage schlafend
in einem Saafelde gelegen, und die Sant war gewachsen und in
Aehren geschossen und die Halme waren hoch und immer höher
geworden, bis sie über ihm zusammenschlugen wie ein wallendes
Meer, auus dem er sich mit Herzensangst zu erretien strebte und
das ihn endlich doch in seinen Wellen begrub. Jezt schoß eine
solche Saat empor und ihre Halme schlugen über ihm zusammen.
Er fihlte sich vereinsamt und gebeugt, aber er durfte dem
FFreunde nicht verweigern, was dieser mit Recht begehren konnte,
und er mußte sich mit Widerstreben eingestehen, daß er diese
Volkserhebung, der er sich im tiefsten Innern abgeneigt fühlte,
daß er diesem Kriegsunternehmen, welches er als ein unglück-
liches und hoffnungsloses ansah, seinen Beistand leihen, daß er
sich dem allgemeinen Wollen, der allgemeinen Stimmung und
Meinung unterordnen und zur Ausrüstung der Freiwilligen
wider seinen Willen seinen Beitrag zahlen müsse, wenn er nicht
dazu gezwungen werden, wenn er nicht auf die Achtung fast
aller seiner Standesgenossen und Freunde verzichten wolle.
Er hatte wenig baares Geld im Vorrathe, und es war
überall nicht leicht, in diesem Augenblite Geld herbeizuschaffen.
Nachdenklich staud er vor dem Schranke, in welchem er die
Werthgegenstände des Hauses aufbewahrte. Er sah die Schmuck-
ARh? =- =-
K

gehört hatten, und nahm dasjenige in die Hand, das einst zur
Hochzeit für die Gräfin Angelika angefertigt worden war. Ohne
recht zu wissen, was er damit wollte, öffnete er es. Der ganze,
prächtige Schmuck lag noch darin, er sah ihn wohlgefällig an,
die Brillanten funkelten im Sonnenlichte. Sie sprachen zu ihm
von fernen Tagen. Es war ihm zu Muthe wie einem Gläu-
bigen vor einem Heiligenschreine, und doch überkam ihn eine
Art von Unruhe, von Angst vor seinem Denken und vor seinem
Wollen. Er hielt den Kasten gegen das Fenster, um der Schönheit
des Schmuckes recht inne zu werden. Es fehlt kein Stein! sagte
e A -
. Er mochte nicht mit sich allein sein, er war auch nicht in
der Verfassung, jetzt dem Caplan die Antwort zukommen zu lassen.
Vittoria war nicht in ihrem Zimmer. Der warme Sonnen-
schein hatte sie mit ihrem Knaben in das Freie hinausgelockt.
Die Wärterin meinte, die Frau Baronin müsse bald wieder-
kehren, da die Mittagszeit Valerio's nahe sei. Der Freiherr
schickte sie fort, ihre Herrin und das Kind zu holen, und sczte
sich auf das Sopha nieder. Es war Vittoria's gewöhnlicher
Plaz. Er wußte nicht recht, was er dachte, aber es lag eine tiefe
Traurigkeit über seiner Seele. Er wünschte, Vittoria zu sehen,
er wollte sie bitten, ihm etwas vorzusingen, er hatte Lust, den
Knaben bei sich zu haben - und sie blieben aus. Freilich hatte
die Wärterin sie erst suchen zu gehen, und sie wußte nicht, nach
welcher Seite sie gegangen waren, indeß das Warten machte
ihn doch ungeduldig. Er griff nach einem Buche, das auf dem
kleinen Lackschränkchen zur Seite des Sopha's lag. Vittoria
hatte ihre Briefschaften und mancherlei Andenken in diesem
Schränkchen aufbewahrt; sie hing an diesem kleinen Besize mit
großer Liebe; es durfte Niemand daran rühren, sie trug den
kleinen Schlüssel stets an einem Kettchen auf der Brust. Heute

-- (F--
jedoch hatte sie ihn wider alle ihre Gewohnheit stecken lassen; der
Entschluß, auszugehen, mochte ihr wohl plözlich gekommen sein,
und sie mußte in ihrer Lebhaftigkeit des Schlissels vergessen haben.
Der Freiherr, in müüßigem Warten, wollte statt ihrer das
Schränkchen zuschließen, indeß es widerstand etwas darin. Er
öffnete die Thüre, einige Blätter Papier waren aus dem oberen
Fache herabgeglitten. Als er sie auf die Seite schieben wollte,
fiel ihm eine goldene Kapsel auf, die er nie bei Vittoria gesehen
hatte. Arglos nahm er sie zur Hand, und blieb regungslos vor
dem kleinen Schranke stehen.
Eine reiche, schwarze Locke nahm die eine Seite der Kapsel
ein. ,Der Seele meiner Seele!'' war in italienischer Sprache
in den kleinen Mittelraum hineingeschrieben. Die andere Seite
wies das Bildniß eines schönen Mannes in militärischer Kleidung
-- und der Freiherr kannte diesen Mann. Es war Graf
Mariano, der Oberst der italienischen Nobelgarde, der nach dem
ersten Kriege Monate lang als Verwundeter im Schlosse und dem
Freiherrn ein willkommener Gesellschafter und Gast gewesen war.
Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich der Brust des
Greises. Er raffte eilig zusammen, was er von Papieren vor
sich liegen fand, und verließ das Gemach. Im Vorsaale kam
ihm Vittoria entgegen, und der Knabe lief auf ihren Antrieb
auf ihn zu. Er stieß ihn von sich, daß das Kind zur Erde fiel.
Was ist geschehen- im Namen Gottes, was ist geschehen?
rief Vittoria, da sie die Verstörtheit ihres Gatten bemerkte; aber
er antwortete ihr nicht. Die Papiere und die Kapsel, welche sie
in seiner Hand sah, sagten ihr Alles.
Die erschrockene Wärterin führte Valerio fort, Vitioria
blieb mitten in dem Vorgemache stehen. Ihr Kopf hob sich stolz
in die Höhe, ihre Brust athmete tief; iroz ihrer kleinen Gestalt
sah sie mächtig aus, mächtig und entschlossen, und wie von einer
schweren Lst befreit, rief sie Endlich! Jetzt endlich bin ich frei!

Kapitel 05

ztüünftes Capitel.
cF
zi dem Soniage, welcher diesen Ereignissen solgie, segnele
der Caplan in seinem Zimmer seine Chorsänger und einen
katholischen Diener des Freiherrn für ihren Feldzug ein und er-
kheilte ihnen das Abendmahl. Man betete auch für den jungen
Freiherrn und fiür das ganze freiherrliche Hans, aber es war
Niemand vom Schlosse dabei zugegen. Der Freiherr hatte dem
Caplan einen Theil seines Gehaltes und die gewünschte Beisteuer
gesendet, die Baronin war eines Tages ganz plötzlich in die
Pfarre nach Roihenfeld gekommnen und am anderen Tage, troh
ihrer Scheu vor der im Dorfe verbreiteten Krankheit, noch einmal
wieder dahin zurückgekehrt. Den Freiherrn sah man nicht. Es
hieß, die Schlaflosigkeit, an der er vor langen Jahren schon
einmal gelitten, habe ihn wieder befallen, aber er verweigere,
ärztliche Hüülfe zu nehmen, obschon er krank aussehe und stun-
denlang in den Sälen des Schlosses oder, wenn es dunkele, in
den Gängen des Parkes umherwandere.
Die Einsegnung der evangelischen Freiwilligen fand, weil
auch in Neudorf die Kirche voller Kranken lag, auf dem Kirch-
hofe unter freiem Himmel Statt. Aus allen Kirchspielen und
Dörfern der Umgegend waren sie gekommen, Männer jedes
Alters und Standes, die Frau an ihres Gatten Seite, der
Bräutigam am Arme seiner Braut, die Eltern mit ihrem kaum
zum Jünglinge herangereiften Sohne. Die Einen waren schon
vollständig bewaffnet, den Andern fehlte die Waffe noch, aber
das Feuer der Begeisterung und der opferfreudigen und todes-

-- ß ---
muthigen Entschlossenheit war Allen gemeinsam, dem Manne
wvie dem Weibe, den Greisen wie den Jünglingen, den Fort-
ziehenden wie den Zurückbleibenden. Jeder wußte, daß er das
Seinige thun müsse in der großen Zeit, und die beiden Männer,
der Hauptmann und der Lientenant der Lundwehr, welche in
dieser Gegend die Erhebung geleitet und die gemeinsame Ein-
segnung veranlaßt haiien, sahen in ihren Offiziers-Uniformen
nicht am wenigslen gefestet aus.
Es war am späten Nachmittage, und der Schatten der
Eingesegneten, die sich still und feierlich entfernten, fiel schon
lang über den frisch ergrünenden Rasen zin, als der ältere der
beiden Ofsiziere, ein grosser, siarler Mani, das Landwehrlreuz
an seiner Mitze, sich nach dem Ausgange des Kirchhofes wendete.
Er mochte der Mitte der Fiünfziger nahe sein, ein sechszehn-
jähriger, gleichfalls bewaffneter Sohn ging an seiner Seite,
einen heranwachsenden Knaben füührte seine Frau an ihrer Hand,
seine Tochier hing an seinem Arme. Die Leute traten von allen
Seiten an ihn heran, ihm zum Abschiede die Hand zu geben.
Leben Sie wohl, Herr Amtmann, sagten die Alten, die
ihn noch im Dienste des Freiherrn gekannt hatten. Leben Sie
wohl, Herr Steinert! riefen die Juungen; kommen Sie uns
gesund wieder nach Hause! Gott erhalte Sie, Gott erhalte
Ihnen auch den jungen Herrn!
Er schüttelte dem Einen die Hand, er klopfte dem Andern
auf die Schultern. Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen! ent-
gegnete er; und wenn in Marienfelde etwas vorfallen sollte,
meine Frau weiß sich wohl zu helfen - aber springt doch zu!
Verlassen Sie Sich darauf! Sie haben ja auch die Zeit
her immer zu uns gehalten, und wir zu Ihnen! Verlassen Sie
Sich darauf, Herr Steinert! erscholl es wie aus Einem Munde.
Die Frau hob die Augen auf und wollte lächeln, aber ihr
Schmerz war doch noch größer, als ihr opferfreudiger Wille.

- ßs--
Die Thränen rollten ihr iber das noch blithende Gesicht, und
sie bewegte im Unwillen gegen ihre Schwäche das Haupt, die
schweren Tropfen unmerklich abzuschiitteln.
Herr Amimaun, sagie ein alier Bauer, die Müitze in der
Hand, wenn Einem von den Unseren hier- Sie kennen sie
ja alle - was Menschliches begegnet --- meine zwei Söhne und
mein Schwestersohn und mein Knecht sind auch dabei.... Er
konnte nicht weiter sprechen.
Ich behalte sie alle im Auge, sn gut wie meinen Jngen
da, versicherte Steinert. Ich melde Euch, wie es mit uns Allen
steht; geht nr zu meiner Fran, da werdet Ihr's erfahren!
Und nun lebt wohl! Wir stehen überall in Goties Hand. -
Lebl wohl!
Er hatte Mühe, sich loszumachen und mit Frau und Kin-
dern seinen am Kirchhofthore wartenden Wagen zu erreichen.
Als er einsteigen wollte., blickte er noch einmal zurück. Es
lagen in dem Erbbegräbnisse der Steinert's nahe am Eingange
des Kirchhofes unter den beiden von Aam neu gepflanzten
Linden-- denn die uralten Bäume hatten die Russen nieder-
gehauen-- Steinert's Vater und Mutter und sein ganzes.
ihm vorangegangenes Geschlecht in Frieden unter dem grünen
Rasen beisammen.-- Werden ich und mein Sohn auch hier
ruhen, oder wo wird uns die Todesstunde schlagen ? fragte er
sich unwillkürlich. Aber er sprach es nicht aus, und obschon die
Seinigen ihn erriethen und Aller Augen sich feuchteten, hielten Alle
sich still und aufrecht; sie durften einander die Herzen nicht erweichen.
Kommt denn der Herr Hauptmann nicht zurück? fragte
die Frau, als sie bemerkte, daß der Bursche, dem man des
Hauptmanns Pferd zu halten gegeben hatte, es noch am Zügel
führte, und es war eine Selbstüberwindung für sie, daß sie an
etwas Anderes und an einen Andern dachte, als an ihren
Mann und ihren Sohn und ihren Schmerz.

Der Haupkmann wird uns nachkommen, laßt ihn gehen!
entgegnete Steinert, und sie fuhren von dannen, während der
Mann, von dem sie gesprochen hatten, Ich nach der anderen
Seite des Kirchhofes wendete und mit ruhigem Schritie, die mäch-
tige Gestalt hoch aufgerichtet, langsam iler den Rasen herging.
Jahr und Tag war er von Deutschland entfernt gewesen,
und es hatte ihn nicht danach gelüstet, in das Vaterland zu-
rückzukehren, so' lange die Franzosenherrschaft im Lande noch
mächtig gewesen war. Er hatte es auch nicht wagen dürfen,
denn der Bluutbann schwebte über ihm, seit er bei dem Neber-
gange über die russische Grenze den französischen Commissär
erschossen hatte.
Aber ihn dinlie, als läge dieses Ereignis weit, sehr weit
hinter ihm, denn er hatie viel erlebt in dieser Zeit und viel
gelernt und viel gewirkt.
In der Nhe der nach Nußland geflichteten deutschen Vater-
landsfreunde und unter ihrer Leitung mitwirkend für die Be-
förderung ihrer Zwecke, hatte er in der vielbewegten Zeit die
Gelegenheit wahrnehmen und benutzen können, seine und des
Flies'schen Hauuses Capitalien im Handelsverkehre sich bewegen
und wachsen zu machen, und während er selbst seinen Besiz
vergrößerte, seine Anschauungen erweiterte, den Kreis seiner
Bekanntschaften ausdehnte, hatte er unter des Hauptmanns von
Werben Leitung, der, wie viele andere deutsche Offiziere, in
russische Dienste getreten war, sich diejenigen militairischen Kennt-
nisse anzueignen gesucht, die ihn befähigen konnten, bei dem sich
bietenden Anlasse fir die Befreiung des deutschen Landes wirk-
sam einzutreten.
Mit den ersten Russen war er über die Grenze gekommen,
und bei der grosßen, den Krieg vorbereitenden Thätigkeit, welche
in der Hauptstadt Preußens sich fast noch unter den Augen der
Franzosen zu regen begann und in welcher das Bestreben der

-
gesammten Bürger mit dem selbstständigen Beschließen aller
Behörden so einmüthig und ruhmwürdig zusammenfiel, daß sie
endlich die zagende Unentschlossenheit des Königs mit sich auf
dem Strome ihrer Begeisterung fortrissen, waren die unermüd-
liche Arbeitskraft und die schnelle Nebersicht eines geschäftskun-
digen Mannes recht an ihrem Platze gewesen.
Wo man seiner bedurfte: bei den Ankäufen fir die Aus-
ristung, bei der Controle der eingehhenden Beilräge, hei der Be-
schassung der ndlhigen Gapilalien, liberall war Pauul z un-
eigennühtziger Hklfe bereii; und als man schliesßlich daran ging.
die Landwehr aufzubieten, war er wieder der Ersten Einer
gewesen, die das biürgerliche Kleid mit dem Soldatenrocke, die
Feder mit dem Degen vertauscht und das Kreuz an ihre Mütze
geheftet hatten, um in dem ihm von den oberen Behörden an-
gewiesenen Kreise im Verein mit Steinert, der zu den treuesten
und eifrigsten Vaterlandsfreunden zählte, das Zusammentreten,
die Ausrüstung, die erste Einübung und den Abmarsch der Frei-
willigen bewerkstelligen zu helfen.
Es war nicht Paul's Wahl gewesen, daß er eben in diesen
Theil der Provinz gekommen war, an den sich keine erfreulichen
Erinnerungen für ihn knüpften. Indeß er war es nicht ge-
wohnt, seinen widerstrebenden Empfindungen nachzugeben, wo
es eine Pflichterfüllung galt, und die Arbeit, welche auf ihm
und Steinert lag, war so gewaltig, der Augenblick nahm die
ganze Kraft der Menschen so sehr in Anspruch, jeder Morgen
brachte so viel neue Anforderungen, stellte so viel neue Noth-
wendigkeiten heraus, denen rasch begegnet werden mußte, daß
Paul während aller der Tage, die er unter Adan's Dach ver-
weilte, nicht viel an sich selber denken konnte.
Und doch wachte mit dem Klange der Namen Neudorf,
Rothenfeld und Richten, doch wachte bei der Nennung des Frei-
herrn von Arten eine eigene Wehmuth in seinem vom Leben

= f p -=-
geprüften Herzen auf. gegen die er sich vergeblich sträubie. Es
half ihm nicht, daß er sein Verlangen, die Stätien wiederzu-
sehen, die sein Fus; als Kind betreten hattc, eine müüßige Neu-
gier schalt. Er wußte, daß keine Spur mehr vorhanden sei von
dem Hause, in welchem er geboren worden war, in welchem er
mit seiner Mutter gelebt hatte. Es rief ihn keines Menschen
-Liebe, keiner Eltern Zärtlichkeit, kein Bruder, kein Jugenhgespiele
nach der Heimäils seiner Kindhheit zuriück. Er trug auch kein
Verlaugen, deu slolze Bauu zu schen, dun sein Vater iber der
Siälle ausgerichiel halte, auf welcher seiner armen Multer daö
Herz gebrochen worden war; aber es bewegte ihm doch die Seele,
als er an dem schönen Friihliugtage an der Spitze der kleinen,
kampfbereiten Schaar in Neudorf einritt, als er auf demselben
Kirchhofe, der seiner Mutter Neste in sich schloß, zu dem ernsten
Gange auuf Leben und Tod die Weihe und den Segen über sich
und seine Gefährten aussprechen hörte.
Der Kirchhof war nicht groß, er halte nicht weit zu gehen
bis zu der Ecke, in welcher, fern von den Gräbern der Glück-
licheren oder der Muthigen und Geduldigen, die armen Aus-
gestoßenen gebettet lagen, die das Leben von sich geworfen hatten,
weil es ihnen zu schwer geworden war. Die Hügel waren ein-
gesunken. Kaum daß man noch die Wellungen im Erdreiche
unterschied. Ein paar kleine Holztafeln ragten nur wenig über
dem Boden hervor, die Kosaken hatten vor einigen Wochen mit
ihren Pferden auf dem Kirchhofe campirt, es war Alles nieder-
getreten, nuur ein paar eisenuumgitterte Erbbegräbnisse, wie das
der Steinert's, waren erhalten worden.
Er bickte sich nieder, um zu sehen, ob auf den kleinen
Tafeln vielleicht ein Name erkennbar sei; aber der Regen hatte
sie weiß gewaschen, die Hufe der Pferde sie zerschlagen, sie waren
überhauupt nur übrig geblieben, weil die Kosaken die paar elenden

FF--
Splitter des Auflesens nicht werth geachtet haben mochten, wo
sie Bäume umzuschlagen gefunden hatten.
Sinnend, die Arme über die Brust gekreuzt, das Haupt
gesenkt, schaute Paul auf die kleine Scholle Erde nieder. Er
fihlte ein tiefes Mitleid mit der Frau, die ihm einst das Leben
gegeben hatte; er hätte sie neben sich haben, sie lächeln sehen
und ihr alle die Leiden, die sie gelitten, in Freuden verwandeln,
durch Glick vergelten mögen.
Arme, arme Mutler! ries er uuwwilllürlich -- und wie das
Wort, das er seit langen Jahren nichi mehr ausgesprochen, sein
Ohr berührte, fihlte er, was das Leben ihm und ihr versagt
hatte, und ein paar große, schwere Tropfen fielen aus seinen
dunklen Augen auf den Boden nieder. Es war das einzige
Liebesopfer, das er der Mutter darzubringen vermochte.
Als er aufblickte, stand der alte Bauer vor ihm, der seine
Kinder dem scheidenden Steinert anempfohlen hatie. Er war
dem fremden Offizier aus der Ferne gefolgt und hatte ihn
schweigend beobachtet. Paul, in seine Gedanken versunken, wollte
an dem Alten vorübergehen; aber dieser, der nicht wußte, wohin
er mit der eigenen, ihm ungewohnten Rührung sollte, hielt
ihn zurück.
Die Pferde sind darüber weggegangen, und über manches
Christen Grab werden sie noch fortgehen, daß man seine Spur
nicht findet, sagte er mit jener Feierlichkeit, die allen denen
eigen ist, welche den Ausdruck für ihre Gefühle einzig aus der
Bibel schöpfen.
Paul blieb stehen; es that ihm wohl, auf ein Zeichen des
Mitgefühlö zu stoßen. Er erkundigte sich bei dem Alten, ob
er hier zu Hause sei. Als dieser es bejahte, fragte er, ob er
ihm sagen könne, wo man vor Jahren des Jägers Mannert
Tochter hier begraben habe.
Der Bauuer besann sich eine Weile, daun siug er zu zählen

--- FH-
an. Hier, sprach er darauf, indem er auf einen der schwachen
Hügel hinwwies, hier, dieses isi's; es war das fünfte Grab hier
von der Mauer!
Paul blickte hin, es war keine Bezeichnung irgend einer
Art daran erkenntlich. Er wollte eine Frage thun, unterdrückte
sie und konnte dem Verlangen endlich doch nicht widerstehen.
Hgtte das Grab denn kein Krenz? fragte er, weil es ihn zu
wissen geliüsteke, ob sein Vater der Mutter wenigstens diesen
lezten Liebesdieust geleisiel habe.
- Eit Krenz? wiederholle der Bauner offenbar verwundert,
sie hat sich ja in's Wasser gestinezt! Ein Kreuz konnte sie nicht
bekommen und eine Tafel - wer hätte ihr die sezen lassen
sollen?-- Sie hatte nicht Vater, nicht Mutrer, nicht Bruder,
nicht Schwester; sie hatte gar keine Freundschaft hier zu Lande,
und der gnädige Herr?-- der Bauer zuckte, sich unterbrechend,
die Schultern - damals freilich stand es noch sehr gut mit
ihm. Aber als die Pauline sich in's Wasser stürzte, reiste er
gerade zu seiner ersten Hochzeit ab, und hernach, wie sie im
Garten aufgefischt wurde, waren die Eltern der gnädigen Frau,
die Herrschaften von Berka, just im Schlosse. Es wird nun
an die zweiundzwanzig Jahre her sein. Da hatte man nur zu
thun, daß die nichts davon erfuhren und daß der Leichnam im
Stillen unter die Erde kam. Wem ging sie auch was an?
Arme Mutter! arme, arme Mutter! rief Paul in seinem
Innern, und noch einmal drängten die Thränen sich in seine
Augen. Sich leise niederbeugend, legte er, ohne zu wissen, wes-
halb er's that, die Hand auf das junge, grüne Gras, das über
seiner Mutter Asche neu emporwuchs. Dann wendete er sich
ab. Er hatte Abschied genommen von der Todten, nun konnte
er gehen. Der Bauer sah ihm verwundert zu. Er hatte so
etwas noch nicht erlebt; aber man konnte jetzt vielerlei geschehen
sehen, was vorher nichl dagewesen war. Mit Einem Male,

7--
wie er so neben dem Offzier her ging, schien ihm ein Gedanke
zu kommen. Er sah zu ihm empor und wollte eine Frage
thun, aber gerade in dem Augenblicke richtete auch Paul sein
Auge noch einmal auf seinen Begleiter, und es war in dem
festen, strengen Blicke etwas, das die unerbetene Frage laut zu
werden hinderte, etwas, dem der Alte von früher Jgend auf
gehorsamt hatte.
Er zog den Hut ab und blieb voll leberraschung stehen.
Der Offizier griszte ihn und ging mit einem Danukesworte von
dannen.
Sein ganzer Gang! sagie lopfschitielnd der Alie, dem
plözlich die Bedeutung seines Erlebnisses klar zu werden anfing.
Sein ganzes Gesicht, sezte er hinzu, da Paul, nachdem er zu
Pferde gestiegen war, das Haupt noch einmal rückvärts wendete,
sein ganzes Gesicht!
Paul hatte gerades Weges nach Hause reiten wollen, aber
das eingesunkene, verlassene Grab seiner Mutter hatte ihm das
Herz erschittert. Er meinte sich ihrer plözlich auf das deut-
lichste zu erinnern, er meinte, sie vor sich zu sehen, wie sie an
dem lezten Abende ihres Lebens neben ihm gestanden. Er glaubte,
den Ton der Stimme zu vernehmen, mit welcher sie zu ihm
gesprochen hatte, und das Verlangen, das fast jedem Menschen
inne wohnt, das Verlangen, sich mit seinen Anfängen im Zu-
sammenhange zu erhalten, ward in ihm so mächtig, daß er sein
Pferd zur Rechten lenkte und die Straße einschlug, auf welcher
die große Nothenfelder Kirche ihm als Wegweiser diente.
Er kannte nicht Weg, nicht Steg. Das Dorf war ihm
fremd, fremd auch die Menschen, die es bewohnten, und fremd
war er Allen, die hier lebten. Hier und da standen ein paar
Leute vor den Thiren und sahen zu dem Vorüberreitenden
empor. Sie mochten seine Mutter wohl gekannt haben; von
ihm wußten sie nichts. An einem Fenster nähte ein junges

=- er? e? =- -
Weib. So hatte seine Mutter wohl auch am Fenster gesessen
zund auf den Weg hinausgeschen, auf dem der Freiherr zu ihr
zu komen pflegte. Vor den Thüren spielten Kinder. Hatte
er auch einst so gespielt, und wo waren sie geblieben, seine
Spielgenossen? Wer waren sie gewesen ? Er wußte sich keines
solchen zu erinnern.
Die Häuser sahen zum Theil verfallen aus; auch die Leute
schienen ihm armselig uund verkommen, wenn er sie mit dem frischen,
kräftigen Landvolle verglich, das er in Amerila duurch lange
Jahre vor sich gesehen hatte; nur die Kirche ragte stolz empor.
Er wusßle, das; sie bereils z zweilen Male als Lazareth be-
nutzt ward, und er dachte, daß sie auf diese Weise doch einem
anderen, einem allgemeineren Zwecke diene, als der unfruchtbaren
Selbstbefriediguung, zu welcher man sie einst errichtet hatte.
Er kannte durch Seba und duurch Herbert die Familien-
geschichte des Freiherrn von Arten, durch Steinert und durch
die Geschäfte des Flies'schen Hauses die verwicklten Verhältnisse,
in denen derselbe sich befand. Er hätte Hand anlegen, helfen
mögen, dasß so groser, so schöner Besiz nicht zu Grunde ge-
richtet, daß durch Fleiß und Vorsorge Wohlstand und Gedeihen
geschaffen würde, wo thörichte Verschwendung. wo Unkenntniß
und Sorglosigkeit den Untergang heraufbeschworen. Er begrif
sich selber nicht, so schnell wechselten die Empfindungen und Ge-
danken in ihm ab. Er schalt sich über Le Rührung, die ihn
unwillkürlich überfiel, er tadelte sich, daß er sich der Vorstellung
znicht entschlagen konnte, was er an dieser StelleJschaffen und
Jeisten würde. Er hatte gewähnt, mit allen Gedanken an seinen
Ursprung fertig zu sein, er hatte sich oft mit stolzer Zufrieden-
heit gesagt, wie es ein Glick für ihn gewesen sei, daß er los-
gerissen worden von dem trägen Stamme des Arten'schen Ge-
schlechtes, das: er sie nicht eingesogen, die Voruriheile dieser alten
Welt, und doch fühlte er heute den ganzen schmerzlichen Zorn

-- 7?----
in sich lebendig werden, der einst aus den Worten seiner Mutter
in ihn übergegangen war, als sie mit ihm zum ersten und letzten
Male vor dem Schlosse seines Vaters gestanden hatte; doch
brannte heute die herbe, schmerzliche Leidenschaft wieder in ihm
auf, die er einst empfunden, als seines Vaters Blick sich kalt und
lieblos von ihm obgewendet, jene zornige Leidenschaft, die ihn
in die Welt hinausgetrieben hatte. Wer hatte dem Freiherrn
das Recht gegeben, seine Mutier zu verlassen? Wer hatte ihm
das Nechl gegeben, seieu erslgzeborenen Sohn von sich zu slosen
und ihn seines Namens, seiner Heimath, seines Erbes zu be-
rauben ?
Thorheit, Thorheit! rief Paul sich selber zu, als er dieseFra-
gen, auf welche die ganze wirkliche Welt und sein Wissen von ihr
ihm die Antwort gaben, wie Gebilde eines wachen Traumes in
sich aufsteigen füühlte. Er wollte nicht weiter vorwwärts, er sagle
sich, daß er nichts zu suchen habe auf diesem Grund und Boden,
und nichts mehr gemein mit dem Geschlechte, dem derselbe an-
gehörte. Freiwillig hatte er sich einst von allem Zusammen-
hange mit dem Manne, der vor den Leuten nicht sein Vater
sein mögen, losgerissen, und er dachte nicht im entferntesten
daran, die möglichen Beziehungen jetzt zu erneuen. Aber es
war, als sei ein Dämon aus dem Grabe seiner Mutter aufge-
stiegen, als habe ein Zauber ihm den festen Sinn verwirrt! Er
konnte es nicht lassen - er mußte es wiedersehen, einmal mußte
er es wiedersehen, das Schloß von Richten und den weiten Park,
der es umgab.
Der Weg war nicht schwer zu finden, der Freundschafts-
tempel auf der Margarethenhöhe zeigte ihn deutlich an. Ein
Knabe, der dem stattlichen Landwehr-Offizier mit staunendem
Blicke nachsah, war schnell herbeigewinkt, das Pferd zu halten,
als Paul am Parke abstieg. Die breite HauptAllee that sich
einladend vor ihm auf.

- ZI--
Die Sonne war schon im Sinken, wie an dem Abende,
da er diesen Park zum ersten Male betreten zatte. Die Gehege,
welche ihn an dieser Seite einst umgeben hatten, waren zum
Theil noch vorhanden, indeß die bunt gefieckten Hirsche mit den
herrlichen Geweihen, die zierlichen Rehe mit ihren klugen Augen
guckten nicht mehr aus den Drahtgittern hervor. Das Unterholz
war stark zugewachsen, man sah selbst durch die unbelaubten
Zweige nicht weit hinein.
Der Himel war llar, aber seine Farben waren wie im
Herbste lalt, und herbstlich raschelie auch das im vorigen Jahre
liegen gebliebene welke Laub am Boden in dem wenig gepflegten
Parke. Es war Alles still in der Natur; nr hier und da,
went der aufsteigende Abendwind sie bewegte, knackte es leise
in den Wiyfeln der Bäume, um die das lezte Glihen der
Sonne seine spielenden Flammen leuchten lies. Gerade so war
es gewesen, als er mit der Mutter einst diesen Weg gekommen
war. Mit raschen Schritien ging er vorwärts. Ihm klopfte
das Herz, er wollte mit sich fertig werden, es abgethan haben.
Er hatte keine Erinnerung gehabt an die Gegend, an die Ort-
schaften, welche er an diesem Nachmittage durchritten: hier kannte
Ee?-
Wie an jenem Abende, ganz wie an jenem Abende, so lag
es vor ihm auf der Terrasse, die sich über dem Flusse erhob,
das stolze Herrenschloß der Freiherren von Arten-Richten. Die
untergehende Sonne funkelte in seinen hohen Fenstern, daß sie
golden erglänzten, als feiere man hinter ihnen ein fröhliches
Fest; die Schornsteine stiegen, vom Abendrothe angestrahlt, hoch
in die Höhe, nur unten auf dem Flusse dunkelte es schon und
des Nebels graue Wellen fingen an, sich iber dem Wasser zu
kräuseln, wie an jenem Abende!
Wie an jenem Abende! Er meinte sie noch zu fihlen, die

80 -
Hand, welche ihn damals so fest gehalten, daß es ihn geschmerzt
hatte; er meinte sie noch zu hören, die Stimme seiner Mutter,
die so streng und rauh geklungen an jenem Abende, daß er sich
vor ihr gefürchtet.
,Das ist Schloß Nichten,' hatie sie gesagt. , das gehöri
dem Freiherrn von Arten, dem Onkel Baron, und der Onkel
Baron ist Dein Vater !?-- Er hatie Mühe, sich selber die
Worie nichi nachzusprechen, wie einst seiner Muuiier. Wie damals
zäihlle er die Feuster, wie damals zählle er die Schornsteine.
Er wunderte sich fast, daß er kein Kind mehr sei; aber es hätte
ihn nicht gewndert, hätte seine Mutter plötzlich wieder an seinen
Seite gestanden, wäre aus dem Abendscheine, wie damals, ein
Mann hervorgetreten.
Er hielt in seinen Gedanken inne, er traute seinen Augen
nicht. Was das auch nur ein Gebilde seiner aufgeregten Phan-
iasie, oder wer war ek, der da drüben gebeugten Hauptes, in
einen weiten Mantel eingehüllt, langsam am Ufer herabkam und
plözlich nicht ferne von ihm stehen blieb?
Er ging nach jener Seite hin; auch die Gestalt bewegte
sich vorwärts. Nur wenige Augenblicke und sie standen ein-
ander gegenüber. Paul trat sprachlos zurück. Es war kein
Zweifel möglich, es war der Freiherr. Aber die Veränderung
in seines Vaters Ziügen und Erscheinung preßte Paul das Herz
zusammen. Er hätte, alles Andere vergessend, das einst so stolze
Haupt wieder aufgerichtet, den mülden, schweren Schritt des
Greises wieder so rasch und fest wie früher sehen mögen. Er
hatie eben erst im Geiste den Jammer seiner jung gestorbenen
Mutier durchlebt, jetzt erfaßte ihn der Schmerz um seines Vaters
Alter. Er kam sich so glicklich, so mächtig vor in dem Voll-
gefühle seiner Kraft, im Hinblicke auf seinen emporsteigenden
Lebensweg, daß er ein Erbarmen fühlte mit der Hinfälligkeit des
Menschen und mit aller seiner Schwachheit, als ob er selber

-- Z--
ihnen niemals unterworfen sein würde. Nichts als Mitleid,
nichts als liebevolles Rückerinnern, als das Verlangen, diesen
müden Mann zu stiützen, war in des Sohnes Herzen rege, als
der Freiherr ihn mit dem gebietenden Tone anrief, der ihm
auch jetzt noch eigen war.
Wer sind Sie? herrschte er.
EK wallte heiß auf in des Sohnes Brust, als er diese
Stimme nach so JIangen, langen Jahren wieder an sein Ohr
schlagen hörie. EK drängle ihn, sich zu urunen, es kostete ihn
Ueberwindung, nicht zu sagen: Müder Vater, ich bin Dein
Sohn, und ich bin jung und glicklich! -- Aber er fürchtete,
den Greis zu erschrecken, und sich zusammennehmend sagte er:
Ich bin, wie Sie es sehen, ein Landwehrmann, der zu des Königs
Heere zieht.
Von woher kommen Sie? erkundigte sich der Freiherr, der
sich wie die Fitrsten und Vornehmen die Freiheit des Fragens
zuerkaunte und doppelt, wenn er, wie in diesem Falle, dazu
berechtigt war.
Ich bin mit der russischen Armee in's Land gekommen,
entgegnete Paul, zufrieden, den Freiherrn im Gespräche festzu-
halten.
Aber Sie sind kein Russe!
Nein!
Was führte Sie in diese Gegend?
Der Auftrag, die hiesigen Freiwilligen zu versammeln und
einzuüben, und.... Er zauderte und schwieg.
Und ? fragte der Freiherr, dem ein Etwas in des staktlichen
Fremden Wesen wunderbar und doch vertraut entgegentrat, daß
er sein Auge nicht von des Mannes schönem Antlize abziehen
konnte. Uud? -
Da hielt sich Paul nicht länger. Die ihn selber über-
raschende Zuneigung zu dem greisen Freiherrn, der Wunsch, es
F.Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. Ük.
e

-=- LF--
darzuthun, was er aus eigetler Kraft aus sich gemacht, auch
ohne daß seines Vaters Namen und Hülfe ihm zu Theil ge-
worden waren, das Verlangen, als ein Rächer seiner Muutter
Andenken in dem Freiherrn zu erwecken, das alles stürmte in
raschem Wechsel auf ihn ein, und die mächtigen Auugen auf den
Freiherrn gerichtet, sagte er mit festem ud doch scherzlichem
Tone: Ich wollte die Stelle wiedersehen, an welcher meine
Muutter mir meines Vaters Haus gezeigt hat, ehe sie in den
Wellen dieses Flusses Ruhe fir sich suchie!
Der Freiherr trat einen Schrilt zurick. Seine Augenlider
hoben sich rasch empor, er schaute dem Sprechenden mit starrem
Blce in's Antliz. Ich selber, ich selber! rief er und bedeckte
seine Auugen mit der Hand.
Sie blieben schweigend vor einander stehen. Was der Frei-
herr sich oft gesagt, was er nie bitierer empfunden hatte, als
an dem Tage, an welchem Vittoria's Verrath ihm plözlich klar
geworden war, das brannte in diesem Augenblicke als ein ver-
zehrender Schmerz in seinem Innern. Nur Ein Pejh hatte
ihn treu, hatte ihn allein und ausschließlich geliebt-- die Nie-
driggehorene, der er nicht seinen Rang, nicht seinen Namen ge-
geben, wie der Tochter der Grafen Berka, wie der Tochter des
Hauses Giustiniani. Nur Ein Weib, nur Pauline hatte nicht
zu leben vermocht ohne ihn und seine Liebe, und er hatte, weil
sie nicht seines Standes gewesen war, sich berechtigt gehalten,
sie von sich zu weisen, als er dies für seine Zwecke nöthig ge-
funden, und er hatte sie in den Tod getrieben! Sie allein hatte
sein Wesen so in sich aufgenommen, daß es ihm jetzt von ihrem
ireuen Schooße geboren wie sein eigenes Bild entgegentrat, wie
sein eigener Schatten, vor dem er zitterte, weil dieser Doppel-
gänger seiner eigenen Jugend sich stolz und selbständig wider
ihn erhob. -=-
Er konnte nicht fassen, was er eben jetzt erlebte, er konnte

---- ZZ--
seine Gedanken nicht ordnen, nicht sammeln. Ec war also nicht
todt, der Todigeglaubte, dessen plözliches Erscheinen einst Angelika
den Tod gegeben hatte, der jetzt auch ihm selber, er fühlte es,
den kalten Stachel in das ohnehin so müde Herz drückte. Wo
war er gewesen? Wo kam er her, eben jezl? Eben jetzt, da
der Freiherr sich niedergebengt fühlte von der Schmach, welche
Vittoria ihm angethan, da er sich gedemüthsgt fühlte bis in's
Tiefste seiner Seele,. weil er seines Hauses Namen auch dem
Sohne Vitioria's, einem Bastard, hinterlassen muste, wenn er
seine eigene Schande nicht verkünden wollte -- seines Hauses
alten Namen!
Und hier stand er vor ihm, der Ausgestosene, sein Bastard-
sohn --- in jedem Znge sein Fleisch und Blut -- in jedem
Blicke und Tone sein eigner Sohn, für ihn verloren, sollte er
nicht sein ganzes Leben eine Lüüge strafen, für ihn verloren auf
immerdar, sollte er nicht, was er stets gemieden hatte, die Welt
geflissentlich zu Mitwisser und zum Richter seines Thuns und
Lassens machen!
Die Vorstellungen lösten, wie vorhin in seines Sohnes
Geiste, einander mit Blizesschnelle in ihm ab. Nur Eines blieb
unwandelbar: er fürchtete den Heimgekehrten. Und in seines
Alters Kraftlosigkeit dieser deutlichsten Empfindung die Herr-
schaft über sich lassend, machte er eine ahwehrende Bewegung
gegen den regungslos ihm gegenüber Stehenden.
Sie wirkte wie ein Schlag auf Paul, sie erkältete ihm die
Seele. Er wollte nicht von hinnen. Seine Brauen zogen sich
finster zusammen.
Der Freiherr kannte diese Miene. Es war Paulinen's
dunkler Blick, er übte auch jetzt, auch aus ihres Sohnes Auge
den alten, bannenden Zauber über ihn aus. Er meinte, Pau-
line vor sich zu sehen, eben emporgestiegen aus dem wallenden
Nebel dieses dunkeln Wassers. Er konnte sie kaum noch aus-
g;n

-- Re-=-
einander halten: sein eigenes Dasein und dieses Mannes Erschei-
numng und Paulinen's schattenhaftes Bild. Es war wie ein Spuk,
der ihn umgab, dem er sich mit Gewalt zu entziehen suchen musßte,
sollte er an ihm nicht augenblicks zu Grunde gehen.
Was willst Du von mir? rief er; sprich, was willst Du?
Nichts! entgegnete Paul und richtete sich in seiner ganzen
stolzen Höhe empor, daß er die gebeugte Gestalt seines Vaters
fast um eines Hauptes Höhe überragte.
So verlas: mich! ssrach der Freiherr, seiner angswvollen
Beklemmng folgend, und wie vor dem eigenen grauusamen Worte
erschrocken, schauderte er zusammen und wendete sich, den Mantel
sest um seine Schullern schlagend, von de Sohne ab, mit
schwankendem Schritt den Rüickweg nehmend.
Paul blieb wie angewuurzelt stehen.-- Sie war verschwuun-
den die aufwallende Kindesliebe, nur eine erbarmende Sorge
um den Greis regte sich noch in ihm. Er sah ihm achtsam und
uuverwandten Blickes nach, bis die Hecke auf der Terrasse und
die Dämmerung den Freiherrn seinem Auge entzogen, bis er
ihn unter dem Schuze seines Hauses, in der Nhe seiner Leute
wußte. Er liebte, er haßte den Vater nicht, er bemitleidete ihn.
Tief aufathmend, in sich gefaster als je zuvor, und um eine
Erfahrung, und um welche! reicher ging er von dem Flusse fort.
Am Nande des Waldes wendete er sich um. Nur die Um
risse des mächtigen Baues waren noch zu erkennen. Das Schloß
sah wie ein riesiges Grabmal aus; es machte ihm einen me-
lancholischen Eindruck. Er hatie einst die glücklichen Kinder be-
neidet, die hinter den goldenen Fenstern dieses Schlosses spielen
würden. Heute beneidete er die Besizer dieses Schlosses nicht
mehr, heute fühlte er kein Verlangen mehr, sein Loos gegen das
des jungen Freiherrn zu vertauschen.
Ihr. Steg war im Sinten, der seine fg ggzor, und er
hatte sie nicht mit sich fortzutragen durch das Leben, die Herz

-- 8--
und Sinn verengenden leberlieferungen, die hemmenden und
herabziehenden Vorurtheile dieses Hauses; er konnte frei und un-
gehindert seiner Einsicht, seiner eberzeugung und seinem Beditnr-
fen folgen. Er freute sich, daß keine Verpflichtung irgend einer
Art ihn an die Vergangenheit knüpfte; sein Alleinstehen dünkte
ihn ein Glick. Und seinem Pferde die Sporen gebend, ritt er
mit dem Nufe: Vorwärts! in das nächtliche Tunkel hinein, das
ihn umgab-- sicher, seinen Weg zu finden utd seines Zieles
- niht zu fehlen.

Kapitel 06

SechStes Capite l.
,ön heftiger Erregung kehrte der Freiherr in das Schloß
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zurück, und kaum in seinem Zimmer angelangt, sank er in völ-
liger Erschöpfung auf sein Lager nieder. Der Kaumerdiener,
den des Herrn kurzer Athem und sein starrer Blick erschreckten,
wvollle ihun Hüllse leisten, die Baronin ruusen, den Caplan herbei-
holen lassen, aber der Freiherr verwehrte es ihm.
Er blieb auch nur kurze Zeit auf seinem Bette liegen, dann
erhob er sich, und ging, wwie er es in heftigen Gemüihsbewe-
gungen stets zu thuun pflegte, in seinen Zimmern auf und nieder.
Er wies jede Erfrischung, die sein Diener ihm aufzunöthigen
versuchte, schweigend von sich, und es war bereits über Mitter-
nacht hinaus, als er sich plözlich an seinen Schreibtisch nieder-
sezte und dem Diener befahl, neue Kerzen hinzustellen und sich
dann zur Ruhe zu begeben.
Am Morgen fand der Diener die Kerzen tief herabgebrannt
und den Freiherrn in seinen Kleidern auf dem Nuhebette in
seinem Arbeitszimmer eingeschlafen. Das war, so lange der
Diener ihn kannte, nie geschehen, und er hatte doch schon vor
der ersten Verheirathung des Freiherrn seine Stelle angetreien
und viel mit seinem Herrn durchgelebt. Was konnte vorgegangen
sein, das den Herrn bewogen hatte, von seinen strengen, regel-
mäßigen Gewohnheiten abzuweichen?
Es war kein Fremder im Schlosse gewesen, kein Brief an-
gekommen, der Freiherr hatte auuch die Baronin nicht gesprochen.

--- F?- -
Der Diener ging in den Zimmern des Freiherrn suchend umher,
es war nicht aufzufinden, was ihn auf irgend eine Spur hin-
weisen konnte; nur im Kamine lagen die noch unzerstäubten
eberbleibsel verbrannter Papiere auf den erloschenen Kohlen. Da
der Diener sich niederbückte, fie aufzunehmen, zerfielen sie in Asche.
Als der Freiherr erwachte, ließ er sich ankleiden und sein
Frühstück bringen; aber obschon es ein hell-r, schöner Tag war,
ging er nicht aus. Stunden lang sand er am Fenster und sah
jn den Park hinunter; dann wieder saß er schreibend an seinem
Arbeitstische, und ein paar Mal bemerkte der Diener, daß er
das Geschriebene zerris; und die Siicke wieder in das Feuer
warf. Biswweilen nahm er ein Buuch zur Hand, aber er legie
es slels nach wenigen Auugenblicken wieder von sich. Er konnte seine
Gedanken nicht von sich selber, nicht von der Erinnerung an
Paul abziehen. Er konute sich der Vorsteslung nicht entschlagen,
daß Pauul dazu ausersehen sei, ald ein Nächer seiner Mutter,
auch fiür ihn, wie einst fir die Baronin Angelika, der Todes-
bote zu sein, und die Schwermutß, welche ihn nach dem Selbst-
morde seiner Geliebten befallen hatte, ward jetzt in verstärktem
Grade abermals iber ihn Meister. Er meinte ihn immer noch
vor sich zu sehen, den Doppelgänger, der ihm sein eigenes und
doch so gewandeltes Bild vor Auugen gestellt hatte, und weit
davon entfernt, sich zu dem ihm so ähnlichen Sohne hingezogen
zu fiühlen, hegte er einen bittern Groll, ja, einen hassenden Wider-
willen gegen ihn. Er kounte es nicht verschmerzen, daß er nicht
mehr die männliche Schönheit und die Jugend besaß, deren jener
sich erfreute, er meinte seines sinkenden Lebens, seiner geschwun-
denen Kraft sich erst jezt bewußt zu werden, da sein Sohn ihm
vorgehalten hatte, was er einst gewesen war. Und in den bit-
teren Schmerz um seine eigene Vergänglichkeit mischte sich die
distere Sorge um das Foribestehen seines Hauses, dem er Pau-
line hingeopfert hatte. Das Geschlecht derer von Arten-Richten

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stand, wenn er einst starb, und sein Tod war ihm, wie er sich
überzeugt hielt, nahe, nur noch auf zwei Augen, nur noch auf
Nenatus, über dessen Leben jetzt in jeder Stunde die Todes-
würfel fallen konnten.
Es war ein furchtbarer Kampf, den der Greis in diesen
Tagen in sich durchzuringen hatte, denn er vermochte nicht dar-
über mit sich einig zu werden, ob er verpflichtet sei, dem Fort-
besiehhen seiiiee Geschhlerhles Alles, sellsi snie leleidigzle Ehre und
sein empörles Gefühl zum Opfer zu bringen, oder ob er, sich
selber genugthuend, die Aufrechterhaltung seines Namens dem
Zufalle überlassen dürfe.
Er hatte Stunden, in denen er Vittoria und Valerio von
sich stoßen, Nenatus Alles enthiislen, ihn zuriickberufen und ihn
schnell zu einer Ehe überreden wollte, um sich durch ihn eine
Nachkommenschaft zu sichern; andere Stunden, in welchen der
Gedanke, Paul anzuerkennen, falls Nenatus in dem Kriege um-
kommen oder ohne Kinder sterben sollte, ihm nahe trat; aber
wenn er eine dieser Absichten zu Papier gebracht hatte, flößte
das Niedergeschriebene ihm beim Durchlesen ein Erschrecken ein,
und weder zu dem einen noch zu dem andern Schritte ver-
mochte sein Stolz sich zu entschließen.
Er konnte sich nicht überwinden, durch die Verstoßung
Vittoria's und durch die gerichtliche und damit öffeutliche Ver-
läugnung ihres Sohnes, der Welt das Eingeständniß bes Irr-
thums zu machen, den er begangen, als er im letzten Mannes-
alter das junge Mädchen zu seiner Gattin erwählt hatte; und
eben so wenig konnte sein Adelsstolz sich an die Vorstellung
gewöhnen, daß Paul, der Sohn einer Hörigen, einst dazu be-
rufen sein solle, den Namen derer von Arten fortzupflanzen,
daß das Blut einer Magd, wie theuer sie dem Freiherrn auch
gewesen war, in den Adern eines Mannes mit dem Namen derer
von Arten fließen könne, die auf die Reinheit ihres Geschlechtes

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und auf die Bedeutung aller ihrer geschloss-ne Verbindungen
von jeher den höchsten Werth gelegt hatten. Paul's Anerken-
nung einzuleiten, so lange Renatus noch am Lcben war, daran
dachte der Freiherr natürlich nicht, aber wer konnte es ihm zu-
sichern, daß er selbst noch leben und im Stande sein würde,
Verfügungen zu treffen, wenn in den nächste. Monaten einmal
die Nachricht von Renatnus Tode nach Richt:n anlangte? Und
wie war ess in diese lrhzierenn Fanlle zu verhhindern, das; dad
von Arlen'sche Erbe an Valerio, an den Sohn der Ehhebrecherin
fiel? Wie war es zu machen, daß sein Blut, sein Name nicht
untergingen? - Tage und Tage verstrichen, und seine Qualen
minderten sich nicht.
Nastlos wie ein irrer Geist wandelte der Freiherr in seinen
Gemächern umher; angswvoll den Ereignissen des Krieges fol-
gend, immer bange vor der Möglichkeit, den Tod seines Sohnes
und Erben zu erfahren, und doch ohne die eigentliche Vater-
liebe für diesen Sohn, auf dessen Erhaltung feine theuersten
Hofßtuungen gerichtet waren, und ohne alle freudige Theilnahme
an den beginnenden Erfolgen und Siegen des Volkes, in dessen
Mitte und fir dessen Befreiung die beiden Erben seines Blutes
ihr Leben in die Schanze schlugen.
Mit jedem Fortschritte, den die Waffen der Verbindeten
erfochten, mit der aufjauchzenden Freude des Landes und des
Volkes über die ersten Siege derselben wuchs die innere Ver-
einsamung des Greises. Er hatte nichts gemein mit den Ge-
fühlen der Verbrüderung und der Erkenntniß der menschlichen
Gleichheit, welche die Zeit der Noth in dem Volke begründet
uib die Gemeinsamkeit des Kampfes und der Gefahr in den
Herzen der Edelsten wenigstens für diesen Augenblick festgestellt
hatien. Er gehörte nicht zu denen, welche bie Neuerungen gut
hießen, die der König und seine Negierung vor dem Ausbruche
deö Krieges unternommen hatten und deren Ausdehnung und

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Entwicklung verheißen worden und nach erfolgtem Siege erwartet
wurden. Wie auch die Würfel des Krieges fallen mochten, er
sah kein Heil in der Zukunft, und doch hing er am Leben,
doch wollte er mit seinem Willen bestimmend in die Zuukunft
hinüberreichen.
Es war schon im Beginne des Sommers und die Spuren des
furchibaren französischen Riczuges aus Nisland fingen in en
preußischen Ostprovinzen sich zuu vermindern an, als man in
olhenfeld endlich daran denken kounnte, die Kirche, welce duurch
viele Monaie zum Hospitale gedient halle, zu reinigen und dem
Gottesdienste wiederzugeben. Aber als die letzten Kranken sie
verlassen hatten, wurde man erst recht gewahr, wie schwer sie
gelitten hatte und das man einer für die gegenwärtigen Ver-
hälinisse nicht unbedenlenden Sumumne bedirfeinu wüirde, sie nnr
einigermaßen herzustellenn. E konnte nicht die Rede davon ,
sein, die Silbergeräthschaften zu erneuern, welche von den ersten
durchziehenden Franzosen mitgenomnnen worden waren, oder den
schönen Beichtstuhl und die kunstreich geschnitzte Kanzel her-
stellen zu lassen, welche dic durchmarschitenden Hessen zerschla-
gen und zur Fenerung bentzt hatten. Nur die Tünchung der
Wände, nur die Ausbesserung des Fußbodens wüünschte der
Caplan, denn es hatten, als die Armee nach Rußland gegangen
war, durch viele Tage die Pfepde in dem Gotteshaufe gestan-
den, so daß der Boden zerstampft und überall, wo man die
Krippen ang bracht hatte, die Löcher von den eingeschlagenen
Eisen in den Wänden und an den Pfeilern sichtbar waren.
Der Caplan war lange nicht im Schlosse gewesen, aber es
war ihm nicht verborgen geblieben, was dort geschehen. Die
Bekenntnisse Vittoria's hatten ihm Alles enthüllt. Er hatie
vergebens danach gestrebt, den Freiherrn persönlich zu sprechen.
um ihm die Hilfe zu leisien, welche ihm bieien zu können er
sich fähig glaubte. Der Freiherr haiie seine Besorgnisß vor der

=- ßJ -
Uebertragung des Lazarethfiebers zum Vorwande benutzt, den
Besuch des Caplans abzulehnen, und uuls dieser es bei Anlaß
der Kirchen - Reparatur unternommen, sich dem alten Lebens-
genossen schriftlich zu nähern, um ihm, der sich sonst gern
mündlich und brieflich mitzutheilen und auszusprechen geliebi
hatte, eine Befreiung auf solchem Wege darzubieten, hatte der-
selbe sich ur an den geschäftlichen Theil des Briefes gehalten
und die Fragen um sein Befinden und Ergehen völlig ohne
Erwiederuug geluuusse-
Jn schwerer Belimunerniß um den Freund und um das -
Schicksal des Geschlechtes, an das er sein eigenes Schicksal ge-
knüpft hatte, verliesß der Caplan an einem heißen Sommer-
abende sein Haus. Er wollte sich üüberzeugen, wie weit die
Arbeiter an dem Tage in der Kirche mit ihrem Werke vorge-
schritten wären. Die Sonue war schon im Sinken, der Himmel
hing voll Wolken, und ihre Schwere erhöhte für die Phantasie
den Druck, den die Schwüüle der Luft auf alles, was lebte und
athmete, ausübte. Kein Vogel sang, kein Grashalm und kein
Blatt bewegten sich.
Langsamen Schrittes war er über den Kirchhof gegangen,
hatte in der noch offenstehenden Kirche die Arbeiten in Augen-
schein genommen und trat eben wieder ins Freie hinaus, um
nachzusehen, wie die weißen Rosenstöcke gediehen, die er nach
Säuberung der Gruft aufs Neue mit eigenen Händen vor der-
selben angepflanzt hatte. Vorsorglich die Stämög untersuchend,
nahm er von ihnen die Naupen und die Käfer ab, welche sich
um die Stengel und zwischen den Blätiern eingenistet hatten,
und es war eine wehmüthige Freude, mit der er diese Rosen,
die er aus Ablegern der hier zuerst gesetzten Stöcke in seinem
Garten grosl gezogen hatte, nun wieder vor der Grabstätte der
ihm vorangegangenen geliebten Menschen Knospen tragen und
erblihen sah.

W --
Das ewige Werden! sagte er zu sich selbst und bückte sich,
um nachzufühlen, ob das Erdreich nicht zu trocken sei. Da er
sich aufrichtete und sich umsah. ob er nicht Jemanden herbei-
winken könne, der ihm Wasser holen gehe, stand der Freiherr
vor ihm. Der Caplan war auf das äußerste betroffen. Der
Freiherr hatte von Juugend auf den Gedanken an pen Tod ge-
scheut, den Besuch der Kirchhöfe gemieden und seit der Beisezung
der Banroni:n Aigelika die Famniliengzrusl nie uehr beschl.
Sie hier, gnädiger Herr? rief er, und seine Freude, den
alten Lebensgenossen wiederzusehen, war eben so lebhaft, als
sein Erschrecken über den außerordentlichen Verfall, den er an
seinem Freunde wahrnahm. Was führt Sie hieher, verehrter
Freund? rief er noch einmal; und obenein in dieser heißen
Schwhle, die Ihrem Befinden gewiß nicht heilsam ist?
Der Freiherr lächelte; aber es war nicht mehr der frühere
gewinnende Ausdruck in diesem Lächeln. Seine Abspannung
und seine Gebrochenheit sprachen aus jedem Zuge und aus jeder
seiner Mienen.
Eben die heiße Schwüle, entgegnete der Freiherr, und eben
mein Befinden, das viel zu wünschen ibrig läßt. Ich schlafe
schlecht, fühle mich niedergeschlagen, und das heutige Wetter
lastet wie Blei auf mir. So wollte ich versuchen, mir mit
einem weiteren Gange, als ich ihn in den lezten Monaten
unternommen habe, über die Abspannung fortzuhelfen und mir
Schlaf zu schaffen fir die Nacht. Unterwegs kam mir der Ge-
danke, meine Schritte hieher zu lenken und Sie aufzusuchen.
Wir' haben uns lange nicht geschen.
Sehr lange nicht, entgegnete der Geistliche, und seine Sorge
um den Freiherrn wuchs, da er den gebrochenen Ton seiner
Stimme vernahm.
Sie haben viel durchgemacht, viel durchgemacht! nahm der
Freiherr wieder das Wort und hielt unentschlossen, ob er weiter

-- IZ -- --
sprechen solle, inne, bis er mit einem Ausrucke tiefer Schwer-
muth hinzufügte: Aber auch an mir, wenngleich ich Ihre Ge-
fahren und Arbeiten nicht theilte, sind diese Zeiten nicht spurlos
vorüübergegangen. Er seufzte dabei und schritt, sich abwendend,
dem Familienbegräbniß zu. D=ü Thüre ber Gruft war geöffnet;
r1,
als er hineingehen wollte, hielt der Caplan ihn davon zurück.
Es ist kalt in der Gruft, warnte ec, Sie sind vom Gehen
'warm, und es. isi alles in dem Gewölbe, wie es vorher ge-
wesen isl.
Die Särge sind also wenigsiens ncht angetasiet worden?
fragte der Freiherr.
Ganz und gar nicht; nur die Vorhalle war stark mitge-
nommen. Die Ruhe unserer Todten wuurde nicht gestört.
Der Freiherr antwortete nicht. Der Gruft gegenüber lag
ein starker, gefällter Baumstamm an der Erde, der hier auf
dem Kirchhofe zu neuen Latten für die Umzäunung zerschnitten
werden sollte. Auf diesen Baumstamm ließ der Freiherr sich
nieder, und den Stock in seinen Händen, das Haupt auf die
Hände gesenkt, blickte er lange schweigend nach der Gruft.
Niemand hatte es erlebt, daß er sich in solcher Weise auf
offener Straße seinem Empfinden überließ, und vielerfahren,
wie der Geistliche es war, konnte er sich doch des tiefsten Mit-
leidens mit dem Freiherrn nicht erwehren. Er trat an ihn
heran und forderte ihn auf, sich zu erheben und den Schatten
aufzusuchen, da die Wolken sich zertheilten und die sinkende
Sonne ihre lezten Strahlen in voller Kraft über das Erdreich
ausbreitete.
Aber der Freiherr verweigerte es. Lassen Sie mich hier
verweilen, sagte er. Die Sonne ist mir erfreulich, und es thut
mir wohl, zu denken, daß selbst solche Kriege, wie sie über uns
hinweggegangen sind, die Nuhe der Todien nicht gestört haben.
So weiß man doch, wo man Ruhe für sich zu erhoffen hat -

== sel -
und es will mich oft bedimten, als würde ich sie bald hicr
suchen kommen. Denn wenn die Todtgeglaubten wiederkehren,
müssen die Lebenden von dannen gehen, fügte er hinzu.
Sie
Sie haben Paul gesehen! rief der Caplan.
Der Freiherr neigte schweigend das Haupt. Was wissen
von ihm ? fragte er darauf.
Der Caplan sagte, das; er durch Renatus die erste Kuide
von dem so lange verschollen: Gewesenen erhallen hahe. Da
Paul aber seinen Nauen gewechsell und sich geslisseutlich von
dem freiherrlichen Hause fern gehalten habe, so habe auch er
es für angemessen gehalten, des Wiedergelehrten gegen den Frei-
herrn nicht besonders zu erwähnen. Jetzt sei in den Dörfern
durch den Bauer, der Panl zu dem Grabe seiner Mutter hin-
geleitet habe, die Kue von seinem Leben und von seiner
Heimkunft als ein Gerücht verbreitet, und er habe demselben
nicht widersprochen, da ohnehin die Familie Steinert, in welcher
Paul durch mehrere Wochen gewohnt habe, in das Geheimniß
seines Namenswechsels eingeweiht und nit ihm und seinen Ver-
hältnissen bekanut sei, weil Adam Steinert mit dem Hause Flies,
dem Tremann angehöre, in beständiger Geschäftsverbindung stehe.
Der Freiherr hörte dem Berichte ohne eine unterbrechende
Frage zu. Dann sprach er, als ob er mit sich selber rede:
Wie das emporsteigt, wie sich das zusammenfindet: die Flies',
die Steinert's und nun gar Paul! Wie die Flut eines Meeres
erhebt er sich um uns, dieser Stand der Büürger, und man hat
die Dämme freventlich zerstört. die uns vor seinem Andrange
sicher stellten! Er schüttelte das Haupt und versank in seine
Gedanken. Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte:
Ich sehe trübe, sehr trübe in die Zukunft unseres Vaterlandes,
mein alter Freund, und ich werde mich nicht beklagen, wenn
ich nicht mehr Zeuge der Entwicklung sein sollte, welche dieser
Volkslrieg gegen Frankreich vorbereitet! Ich habe ohnehin nichts

-= ßJg -
mehr, was mich freut, nichts mehr, worzuf ich zuversichtlich
hoffe! Ich bin mide, wie Einer, der die eigeie Zeit zu Grabe
krägt; und oftmals möchte ich mich fragen: wofir habe ich
gelebt ? =- Wer kann es sagen, ob diese weißen Rosen, die Sie
hier mit stillem Sinne pflanzten, mit stiller Liehe pflegen, Ihnen
??? :
- Die Lissen beblen ihm, seine Stimme zitkete leise, als er,
diese Wore sprechend, von deum Baumslamme aufstand.
, Der Caplan war nicht weniger niedergeshlagen, als sein
Freund. Der Trosl, mit welchem sein gläubiger Sinn und
sein gottvertrauendes Herz sich aufrecht hielten, war für den
Freiherrn nicht vorhanden, denn er war keine religiöse Natur
und sein Verhällnis; zu der Kirche und zu ihren Lehren war
immer nur ein äusßerliches gewesen. Nur in Stunden höchster
Nathlosigkeit hatte er sich ihr und seinem Beichtiger und Freunde
in die Arme geworfen, und sein Zustand war in diesem Augen-
blicke von der Art, das; der Caplan vor allen Dingen daran
denken mußte, ihm körperliche Hülfe zu leisten. Denn als der
Freiherr sich erhoben hatte, schien ein Schwindel ihn zu befallen.
Er schloß die Augen, griff mit der Hand tastend nach des
Freundes Arm und sagte, während dieser ihn umschlang, um
ihn zu unterstitzen: Rufen Sie Jemanden heuhei, ich besinde
mich sehr übel!
Aber der Ruf des erschrockenen Greises verhallte ungehört.
Die Feierstunde war angebrochen, die Handwerker hatten ihre
Arbeit bereits verlassen, die Leute waren schon vom Felde nach
ihren Wohnungen zurückgekehrt. Der Caplan und der Freiherr
waren auf dem Kirchhofe ganz allein, und unfähig, den Zu-
sammenbrechenden mit seinen Armen aufrecht zu erhalten, ließ
der Caplan ihn langsam zur Erde niedergleiten, daß er mit

9ü---
dem Rüücken gegen das Siandbild lehnte, welches einst Aulas;
zu dem Tode der Kammerjungfer gegeben hatte.
Mein Freund, mein theurer Freund! rief der Caplan,
indem er die Hände des müühsam Athmenden erfaßte und ihm
die Halsbinde zu lösen versuchte. Aber der Freiherr antvortete
dem Rufe nicht mehr. Sein Auge hob sich schwver und suchend
zu der Kirche empor, als wolle er sich noch mit dem letzten
Blicke an dem Denkmale halten, das er sich und seinem Ge-
schlechke aufgerichtet hatte, dann streifte es an dem Atlize
des alien Freundes hin ud senlie sich, um sich nicht wieder
zu erheben.
So schnell seine wanlenden Fiüsße ihn trugen, eilte der
Caplan nach seinem Hause, Beistand herbeizuholenz aber alle
Mittel, die man anzuwenden wußte, erwiesen sich als unfruchtbar.
Der Freiherr Franz von Arten-Richten hatte zu leben aufgehört.
Einsam, auf grimnem Nasen, unter freiem Himmel war
das stolze, müde Herz gebrochen, während das Kreuz auf dem
Kirchthurme im Golde des Sonnenuunterganges flammte und
iber der Margarethen-Höhe leicht und fröhlich die hellen, rosigen
Sommerwölkchen, im Lichte schimmernd, vorüberzogen.
Auf die Nachricht von dem Unglücksfalle strömten aus allen
Häusern die Leute herbei.
Es hat ihn hieher gezogen! sagte eine der Frauen. Es
hat ihm schon lange keine Ruhe mehr gelassen! meinte eine
andere. Niemand klagte um ihn.
Schrecken und Neugier, das waren die Empfindungen, mit
denen sie die Leiche des Gutsherrn umstanden. Er war ihnen
lange fcemd geworden, sie hatten nicht mehr die Liebe zu ihm,
wie ihre Eltern und Großeltern sie für die Herrschaft einst ge-
fühlt hatten. Kein Auge weinte über ihn.
Nur von den greisen Wimpern des Caplans tropften die
-äränen nieder, als er das Zeichen des Kreuzes über dem Ent-

rP e
= Z. - -
seelten machte. Einst war er de- Jgl ngs Fihrer auf dem
-K D
Lebenswege gewesen, nuun haite er ihn auf scinem letzten Gange
zu geleiten, und rückblickend auf das geendete Dasein seines
Freundes, wie in sein eigenes Herz, beteti er: Herr, gehe nicht
ins Gericht u.t uns und vergib uns unsrre Schuld!
iiss
Der Jstiliaries fuhr eilig in das Schlos, dort die Todes-
botschaft zu verkünden. E dunkelte schon, als man die a.iche
N.
des Freiherrn auf einer Bahre D=« - I----Ig, und leise
sn-s. 8=
s,ps jz-
verhallend riefen die lezten Klänge des K= larit auch dem
Gestorbenen ihr: , kuhe in Frieden !'' nach.
-
F. Ve wul b, Voi Ges hlehl zu Geshhlenhl. lll.

Kapitel 07

Siebenteä Capitel.
Fie Bestaktung des Freiherrn fand in aller Sille und
nur im Beisein der Edelleute Statt, welche sich von den be-
nachbarten Gütern zu derselben eingestellt hatten. Da man in
der Mite des Sommers war, hatte man die Beerdigung nicht
hinausschieben dirfen, bis man die nächsten Verwandten des
Hauses herbeirufen können, und ihre Zahl war auch nicht eben groß.
E lebte ausßer Neatus und demn lleinen Vlerio jezt
Niemand mehr, der den Naumen von Arient-Richlen lrug. Die
beiden alten Vettern, welche einst der Grundsteinlegung zur Kirche
und der Geburt von Renaius beigewohnt hatten, waren lange
todt. Auch der Schwiegervater des Freiherrn, der Graf von
Berka, war gestorben. Der jezige Majoratsherr des gräflichen
Hauses stand noch bei dem Negimenfe, in das er fir die Be-
freiungskriege eingetreten war, und Graf Gerhard, mit dem der
verstorbene Freiherr, wie die Berka'sche Familie selbst, in einem
wenig vertrauten Verkehre gelebt hatte, befand sich immer noch
in des Landes Hauptstadt, von wo man ihn der Entfernung
wegen nicht zur Leichenfeier hatte einladen können.
Niemals war das Schloß dem Caplan größer und würdiger,
niemals so einsam erschienen, als an dem Mittage, an welchem
er, von der Beerdigung seines Herrn und Freundes kommend,
es vor sich auf der Terrasse liegen sah. Er konnte sich deutlich
des Tages erinnern, an dem er vor vollenn fünfzig Jahren in
Richten eingetroffen war. Damals hatte der Freiherr neunzehn

-- ßß -
Jahre gezählt In ihrer ganze Schönheit hatte seine Schwester
an des herrlichen Jüünglings Seite gestanden, und vor ihnen
allen haite das Leben wie eine lacende Ebene sich in unend-
licher Ferne ausgebreitet und ihnen Raum zu bieten geschienen
fir die liihnsten Hosfnugen, fir den siolzesten Ehrgeiz. Nun
waren sie alle dahin, die Eltern des Freiherrn und Fräulein
Esther, die den jungen Geistlichen damals so vornehm freundlich
willkommen geheisen hatie, der Frriherr und seine Schwester
Amanda und die schöne Baronin Agelila. Sie alle hatie der
Caplan zu Grabe geleitet, er war der einzig Nebrige von dem
ganzen damaligen Geschlechte, und ws hatte sich verwirklicht
und erhalten von dem schönen und zuversichtlichen Erwarten und
Wollen jener Juugendzeit?
Es stand noch da, das Schlos;, aber die Sellstherrlichkeit
seiner Bewoher war nichi uehr die asie. Die Zeit hatie sich
gewandelt. Die Auerkennung der Menschenrechte, welche der
Leibeigenschaft nothwendig früher oder später überall ein Ende
machen mußte, hatte ihre Wirkung gegen die Vorrechte des Adels
lange schon geüübt. Er hatte manche derselben eingebüßt, er war
in seinem Besitze angegriffen, seiner Reichsummittelbarkeit, wo
eine solche vorhanden gewesen war, fast überall beraubt, und
wie er einerseits hauptsächlich noch durch den Glauben an sich
selbst bestand, so mußte er sich stärker als zuvor an den Thron
zu lehnen suchen, zu dessen vermeintlicher Stütze er sich machte,
um sich mit jenem gemeinsam zu erhalten. Er mußte der Diener
der Monarchen werden, weil er aufgehört hatte, der Herr seiner
eigenen Leute und Unterthanen zu sein. Die Zeit seiner Freiheit,
seiner Herrschaft war voriber -- und es verhielt sich nicht viel
anders mit der Kirche.
In seine ernsten Betrachtungen vertieft, betrat der Geisi-
liche die Eingangshalle des Schlosses und schritt nach dem Ahnen-
saale, in welchem die Leiche deö Freiherrn, der alten Familiensitte

0 ---
gemäß, aufgestellt gewesen war. Die Bilder sahen unter ihren
Verzierungen von schwarzem Flor, die man in Trauerzeiten
darüber anzubringen gewohnt war, schwermüthig auf den leeren
Katafalk hernieder. Alle Thüren nach der Terrasse waren ge-
öffnet, die Gärknerburschen trugen die Pflanzen hinaus, welche
man bei der feierlichen Ausschmückung des Saales verwendet
hatte. Jeder war mit seiner Arbeit beschäftigt, man räuumte
emsig die Erinnerung an ein Menschendasein fort, das noch vor
Kurzem, das so lange Jahre hindurch als bewegender Mitiel-
puunkt alles Lebens in diesen Räumen gewaltet halte! -- Mit
einem Seufzer wollte der Caplan das Gemach verlassen, als er
in einer Ecke desselben Valerio gewahrte.
Die Schönheit des Knaben fiel ihm selbst in diesem Augen-
blicke wieder überraschend auf. Er saß in einem der alten
Prachtsessel von vergoldetem Leder, hatte beide Fise auf den
Stuhl gezogen, ein kleines Brett, das dem Sarge irgendwie
zur Unterlage gedient haben mochte, gegen die Kniee gestützt und
zeichnete, wie es seine Art war, ein Liedchen summend, mit
einem Bleistifte auf das Holz.
Was machst Du hier? fragte ihn der Geistliche, indem er
näher an ihn herantrat.
Valerio hob den Kopf empor. Er hatte die Augen seiner
Mutter, aber nicht ihren ernsten Blick. Eine Fülle von Lebenslust
war über sejn ganzes Antlitz ausgegossen; seine vollen Lippen,
seine offene Stirn waren der Siz einer fortwährenden Heiterkeit.
Die schwarzen Kleider, die man ihm angelegt hatte, bildeten fui
ihn nur einen Hintergrund, auf dem seine blühenden Farben
sich noch glänzender hervorhoben.
Was machst Du hier? fragte der Caplan ihn noch einmal,
da Valerio ihn anschaute, ohne ihm zu antworten.
Sie sehen's ja, Hochwürden, ich zeichne mir die Ahnen ab!
Und das musßt Du gerade heute thun? warf der Caplan,

-- ( ßF--
der sich bei dem Anblicke dieses fröhlichen Knaben einer schmerz-
lichen Epfindung nicht entziehen konnte. ihm tadelnd ein.
Freilich, der Saal ist ja sonst stets zugeschlossen! antwortete
der Knabe gleichmüthig, während er seinen Bleistift wieder in
Bewegung setzte.
Er war schon gestern und vorgesiern, als der gnädige
Herr noch hier slanden, gar nicht aus dem Saale fortzubringen,
sagte der inzwifchen herbeigekommene Diener. Der Junker ist
kein Kind, wie andere Kinder. Nicht Eine Thräne hal er um
den seligen gnädigen Herrn geweint. Wenn der Jnker nur
singen und zeichnen kann, so küümmert ihn nichts weiter.
Valerio hatke das alles mit angehört, ohne sich in seiner
Arbeit stören zu lassen. Mit Einem Male sah er den Caplan
mit seinen großen Augen zutrauulich an und sagte: Hochwürden,
wenn ich gros: bin, werde ich den Vater mialen, damit er auch
ein Ahne wird! Ich ilbe mich schon ein! Sehen Sie, so werde
ich ihn malen!
Er hielt dem Caplan die kleie Tafel hin; das Bild des
ersten Fre,herrn war auf derselben von dem Knaben ähnlich
genug algezeichtet worden und, die Tafel umwendend, erblickte
der Greis eine unverkennbare Darstellung des Katafalks mit den
ihn umgebenden Leuchtern, Bluumen und sonstigen Verzierungen.
Valerio hing aufmerksam an dem Gesichte des Beschauers.
Ist's so richtig? fragte er gespannt. Dee Caplan nannte es
gut geuug, und Valerio sagte: Ich hätie auch die Mutter gern
gezeichnet, wie sie da stand und am Sarge weinte! Es sah
schön bei den Lichtern aus! Aber sie blieb nicht stehen, und
wie sie fortgegangen war, brachte ich es nicht heraus!
Da hören Sie es, Hochwürden! rief der Diener, den Junker,
den rihrt nichts! Er hat nur seine Spielerei im Sinne! Da
war der Freiherr Nenatuus doch ein anderes Kind!
Lassen Sie den Knaben gehen, bedeutete der Geistliche den

--- IJ--
treuen Diener; Gott hat die Menschen nicht alle gleich gemacht,
und wer will es sagen, was er mit diesem Kinde und mit
dessen Zukunft vorhat. Lassen Sie ihn zeichnen und stören Sie
ihn nicht, so lange er kein Unrecht thut. Es verlangt ja jede
Kraft nach ihrer Uebung, und eine Kraft wohnt diesem Kinde
inne.- Komm, mein Sohn, sprach er, indem er ihn bei der
Hand nahm und mit sich fortfihrte, und die flichtige Abneigung.
die er gegen Valerio empfunden haties, wich der Liebe, mit
welcher der frme Greis jehl den längsl geahnien göillichen
Funken einer künstlerischen Begabung in dem Kinde unverkennbar
wahrnahm. Komm, mein Sohn, wiederholte er, Du sollst andere
Bilder nachzumalen haben, kommn. Dann zu sich selbst und in
sich hineinsprechend, sagte er: Wie wenig auch aufgegangen ist
von den Saaten, die ich streute, ich will des Säens und des
Jätens doch nicht müde werden, damit ich vor Ihm bestehen
kann, der mir so lange Zeit zur Arbeit gönnt. Konm, mein
liebes Kind!
Valerio verstand weder die Rüihrung des Geistlichen, uoch
den Sinn seiner Worte, aber ihr freundlicher Ton that ihm
wohl, und sich an ihn schmiegend, folgte er dem Caplan willig,
der ihn aus dem Ahnensaale in das Freie hinausgeleitete,
während er selber sich nach dem Arbeitszimmer des Freiherrn
verfügte, in welchem er zur Eröffnung des freiherrlichen Testaments
erwartet wurde.
Der Freiherr hatte nämlich bald nach seiner Verheirathung
mit Vitioria durch seinen Justitiarius seinen lezten Willen auf-
setzen lassen und das Dokument in dessen Hände niedergelegt.
ndeß ein paar Wochen vor seinem Tode hatte er es zuriück-
gefordert, es im Beisein des Justitiarius vernichtet und dem-
selben ein neues, ganz oon des Freiherrn eigener Hand ge-
schriebenes Testament zur Aufbewahrung in dem Archive ibergeben.
Die Aufschrift bestimmie, dass es noch an seinem Begräbnistage

- 18--
in Gegenwart der Freifrau Vittoria von dem Hauscaplan und
, dem Justitiarius eröffnet werden und, falls der Freiherr Re-
natus von Arten-Richten nicht im Schlosse anwesend sei, dem-
selben eine Abschrift des Testaments sofort zugesendet werden sollte.
Der Juustitiarius war schon vor dem Caplan im Schlosse
eingetroffen. Als der Letztere in das Arbeitszimmer des ver-
stopbenen Freiherrn trat, fand er jenen bereits dort warten, und
auf eine Benachrühtigung gesellte die verwwittwete Freifrau sich
zuu ihnen.
Es war mit Vittoria in den letzten Wochen eine große
Veränderung vorgegangen, eine Veränderung, welche heute selbst
den beiden Männern auuffiel, die sie doch eben jezt zum Defteren
gesehen hatten. Sie erschien ihnen älter, abeu noch schöner, als
sonst. Die langen, schleppenden Trauerkleider machten sie größer
aussehen, ihre Züge, welche bisher meist einen weichen, spielenden
Ausdruck zur Schau getragen hatten, zeigten sich stolz zusammen-
gefaßt; man meinte ihr anzumerken, daß sie auf einen Urtheils-
spruch gefasßt sei, dem sie Stand zu halten denke.
Als ob sie sich vor einer großen Versammlung darzustellen
habe, so gemessen trat sie in das Zimmer, ließ sich ohne ein
Wort zu sprechen auf dem Sopha nieder und forderte den
Justitiarius nur mit einer Bewegung des Hauptes und der
Hand zur Entsiegelung des Testamentes auf. Der Freiherr hatte
dasselbe in Form eines Briefes an seinen Sohn Renatus ge-
richtet. Mit einer Umsicht, welche er, wie er sich ausdrückte,
leider zu spät gewonnen habe, setzte er dem Sohne die Ver-
mögensverhältnisse auseinander und ermahnte ihn, alle seine
Kraft zu ihrer Hebung aufzuwenden und, wie der Freiherr es
gethan, seine Ehre in der Aufrechterhaltung ihres alten Namens
und Ansehens zu suchen. Von Valerio, von Vittoria war in
dem ganzen. Testamente bis zu dem lezten Abschnitie keine Rede,
und in diesem hießß es: , Wenn die Baronin Vittoria von

-- 10g-
Arten mich überlebt, so solen ihr die Zinsen von dem ihr ge-
bührenden Pflichtantheile an meinem Vermögen durch Dich, meinen
Sohn, den Freiherrn Renatus von Arten-Richten, in regelmäßigen
Zahlungen zugewendet werden. Es soll ihr auch, falls es mit
Deinen Winschen und Absichten in lebereinstimmuung is!, der
dauernde Aufenthalt in unserem Schlosse zu Richen nicht versagt
werden, wweun sie es nichl lhrer Vuge astgeiessener findet, in
das Kloster zuriiczukehren, in dem sie ihre ersie Jgendzeik verlebte,
um dort in Sammlung und in Einsamkeit fir ihr Seelenheil
zu sorgen. In jedem Falle aber wirst Du, mein Sohn, über
die Erziehung ihres Sohnes Valerio zu wachen haben, damit
er dem Namen, den er führt, damit er unserem Namen keine
Schande mache. Doch verpflichte ich Dich zu keiner Sorge für
ihn, welche über die Zeit seiner Großjährigkeit hinausgeht, und
vielleicht wirde es auch fir ihn das Eutsprechendste sein, ihm
in einem der oberitalienischen Klöster, in welchen die Giustiniani'sche
Familie noch von Einfluß ist, seine Bildung geben zu lassen,
um ihm, dem Vermögenslosen, die Neigung für eine Laufbahn
in dem Dienste der Kirche einzuflößen.- Wenn, was ich jedoch
nicht erwarte, die Baronin Vittoria sich mit diesen meinen An-
ordnuungen nicht einverstanden erklären und etva für sich oder
für ihren Sohn mehr beanspruchen sollte, als mein Wille ihnen
zuerkennt, so ermächtige ich Dich, die Papiere, welche diesem
Testamente beigefügt find, zu eröffnen und von denselben gegen
die Verlangnisse der Baronin den gebotenen Gebrauch zu machen.
Im andern Falle sollen die Papiere uneröffnet und in ihrem
Beisein sofort vernichtet werden. ? Das Testament schloß danach
mit einem Segenswunsche fir den Sohn und fir das Fort-
bestehen des Geschlechtes.
Die Baronin halle während der Verlesung des Schrisl-
stückes keine Miene verändert; aber sie war sehr blasß geworden,
und es vergingen ein paar Minuten, ehe sie sich zum Sprechen

-- 1 --
sammeln konnte. Dann schien sie ihren Entschluß gefaßt zu
haben, denn sie sagte mit Ruhe und Sicherheit: Melden Sie
dem Freiherrn Renaius, meinem Stiefsohne, daß ich mich den
Anordnungen meines Gatten, seines Vaters, unterwerfe. Das
ist alles, dinlt mich, was ich heuie zi erllären nöthig habe.
Was weiter zwischen ihhm und mir über meine und Valerio's
Zukunft festzusetzen ist, mag unentschieden bleiben, bis ich es
mit meinem Siiafsohne selbst beralhen lann.
Sie verneigie sich darauf vor dem Juuslitiarins und vor
dem Caplan wie vor ihr völlig fremden Männern und verließ
das Gemach in derselben feierlichen Weise, in welcher sie es
betreten hatte.
Der Justitiarius und der Caplan blieben, weil ihre Ge-
schäfie es erheischten, an dem Tage ganz im Schlosse; aler
Vittoria kam nicht wieder zum Vorscheine. Erst spät am Abende
ließ sie den Geistlichen zu sich entbieten.
Er fand sie auf ihrem Nuhebetie, sie erhob sich jedoch bei
seinem Eintritie, nöthigte ihn, Plaz zu nehmen, und sagte:
Es drängt mich, mit Ihnen zu sprechen, Hochwiirden, aber ich
benachrichtige Sie im voraud, das; ich von Ihnen keine Ver-
mittlung zu meinen oder meines Sohnes Gunsten zu begehren
denke. Ich habe meine weltlichen Angelegenheiten nur mit meinem
Stiefsohne zu ordnen, --- sie bezeichnete, was sie sonst stets ver-
mieden hatte, Renatus heute immer nur mit diesem Namen, -
und da ich die Bestimmuungen des Freiherrn angenommen habe,
ist eigentlich Alles gethan, denn meine Zusage ist mir heilig.
Der Caplan, welcher nicht voraussehen konnte, was diese
befremdliche Einleiiung bedeuien sollte, hielt sich an ihre letzten
Worte, und ihr ernsthaft in das Auge blickend, sprach er: Wollte
der Himmel, daß Sie damil die Wahrheit redeten, wollte der
Himmel, Sie häiten Ihre Zsage stets so heilig gehalten, als es
Ihre Pflicht gewesen wäre, so hätie es des Freiherrn - -

- 16
Sie ließ ihn nicht zu Ende sprechen. Ich weiß, was Sie
sagen wollen, rief sie lebhaft, und eben deshalb habe ich Sie
gebeten, mich noch heute zu besuchen. Sie hielt einen kleinen
Augenblick inne, dann hob sie wieder an : I habe die De-
N,s
müthigung, die Buße, welche der Freiherr mir aufzulegen für
gut befunden hat, gelassen hingenommen. Es war eine sehr
bittere Stunde! Indeß ich hatie, wie ich den Freiherrn kannte,
irgend eiswas der Ayi erwarienn mnilsse und mich darauuf vor-
bereitet. Er hat mich ßhwer dafir bestraft, das ich mit acht-
zehn Jahren, daß ich, aus dem Kloster kommend, nicht mehr
Einsicht in meine eigene Natur, nicht mehr Lebenserfahrung be-
sessen habe, als der welt- und herzenskundige Mann, der mich
in sein herbsiliches Leben wie ein Spielzeng aufnahm.
Sie sprach das so lebhaft, das; ihre Wangen sich rötheien
und die Fülle ihrer schwarzen Locken ihr weit über die Stirn
und die Wangen herabfiel. Mit schneller Handbewegung warf
sie das Haar zurück und mit stolzem Tone sprach sie: Sie haben
mir oftmals meine Sünde vorgehalten; aber haben Sie es auch
dem Freiherrn eben so oft vorgehalten, Hochwürden, daß er ein
Unrecht, ein schweres Unrecht an mir begangen hat, als er meine
blinde Urtheilslosigkeit und mein noch völlig schlafendes Herz
benutzte, um mich zu der Seinigen zu machen? Nicht eine Stunde,
aber nicht eine Stunde bin ich glicklich gewesen in diesem Lande,
in diesem Hause, bis zu dem Tage, an dem ich - wie Sie
es nennen und wie das Gesetz es nennt - zur Süünderin ge-
worden bin.
Frau Baronin, sagte der Caplan, es ist meines Amtes in
der Beichte, Ihre Geständnisse ganz so anzuhören, wie Ihr
Herz Sie zwingt, sie vor mir niederzulegen, und ich habe mich
Ihrem Vertrauen, so schmerzlich es mir gewesen ist, nicht ent-
zogen. Ich habe ihm nach meinem besten Wissen, nach meiier
heiligsien Neberzeugg zu begeguen und Sie immer wieder auf

--- 10? -
, den Pfad der Pflichterfüllung hinzuweisen gesucht. Zum Vertrauten
l Ihrer verbrecherischen Phantasieen fühle ich mich nicht berufen.
Er erhob sich bei den Worten un wollte jsie verlassen.
Indeß sein strenger Blick, seine abweisende Bewegung schreckten
sie nicht zurick.
Nun denn, rief sie, ich stehe an einem Scheidewege meines
,Lebens; ich habe zu brechen mit einer langen Vergangenheit voll
schmerzlicher Vebslelling, vosl marlervoller Liige; so hören Sie
denn als Beichtiger meine Beichte, da Sie mir nicht als Berather
zur Seite stehen wollen. Hören Sie meinc Beichte, Herr Caplan!
Sie stand auf, trat an einen Seitentisch heran, trank, sich
zu beruhigen, schnell ein Glas Wasser au.s, und vor dem Geist-
lichen niederlnieend, der sich in stillem Gebete zu sammeln ge-
trachtet hatte, wollte sie selber ein Gebet beginnen; aber nur
ihre Hände fanden sich in die altvertraute Form, hihr Sinn
wollte sich nicht beugen; und sich eben so schnell emporrichtend,
als sie sich niedergeworfen hatte, rief sie: Das ist's, das ist's,
was ich Ihnen zu sagen habe und was früher oder später doch
einmal ausgesprochen werden muß: ich glaube nicht mehr, ich
glaube nichts, nichts, gar nichts mehr! Die Welt, der Himmel,
Alles ist mir entgöitert, nuur Eines ist mir heilig, Eines --
und das ist dahin!
Thränen auufgelöst, wie in einem Krampfe weinend,
zs
warf sie sich auf das Lager nieder; der Caplan sand sprachlos
vor ihr. Er muste dem wilden Anfalle Zeit lassen, vorüber-
zugehen; aber es waren wundersame Gedanken, die ihn be-
wegten, und noch vermochte er nicht völlig auf den Grund des
Herzens zu schen, das sich ihm in so gewaltsamer Weise ent-
hüllen zu miüssen meinte. Was hatte er in diesem Hause alles
erleben sehen und mit erlebt! Die Süinde ihres Gatien tragen
und biisßen zu helfen, haite das liebende Herz der im prote-
stantischen Bekenntnisse und in voller religiöser Freiheit aufge-

108 ---
wachsenen Baronin Anngelika sich der latholischen Kirche und
ihrer Gnade in die Arme geworfen. Ihr zartes Gewissen hatte
sich eine flichtig aufwallende Eupfindung zum Verbrechen ge-
stempelt, und weil sie sich selber zu vergeben nicht den Muth
gefiihlt, haile sie sich mil aller Jnhrsl ihrer Seele zu der hö-
heren Machi gewendel, vmn der sie Vergelug ihsrer Sinden
erslehe:n uud erwarlenu louuule.
Und jetzk siand Vitoria vor ihm: arotz bietend allen
leberlieferungen ihres Vaterlandes, dem Glauben, in dem sie
geboren und erzogen war, der klösierlichen Zucht, in der sie so
lange gelebt hatie, ja allen Grundsätzen der Kirche und des
Staates, und nichts anerlennend, als das blinde Missen ihres
von Leidenschaft hinweggerissenen Herzens.
Er konntte sie in diesem Zustande nicht sich selber über-
lassen, er duurfte sie in diesem Herzenswahnsine nicht Beichte
hören. Er muszte sich zu ihrem Arzte machen, ehe er wieder
ihr Seelsorger zu sein vermochte; aber es kaut dem Greise
schwer an, denn seine Kraft war sehr erschöpft und seine Seele
zum Tode traurig. Ohne eine Sylbe zu sprechen, ihre Hand
fest in der seinigen haltend, saß er an ihrer Seite. Sein Blic!
folgte dem unruhigen Zucken ihrer Mienen, sein Auge suchte das
ihrige zu erfassen, um es festzuhalten; indeß es verging eine
lange Zeit, ehe die Aufgeregte sich zu besänftigen begann, ehe
er daran denken konnte, hr mit seinem Zuspruche zu nahen,
und erst mit der völligen Erschöpfung ihrer Kräfte kam endlich
so viel Ruhe über sie, daß er sie der Pflege ihrer Dienerin an-
vertrauen konnte.
Morgen, morgen! sprach er, als Vittoria versuchen wollt..
ihm die Erkläruung ihres Zustandes zu geben; aber als er sie
mil Hüilse ihrer Kammersrau nach dem Schlafziunner geleiiete,
muuste er ihr die Zsage geben, sie nicht zu verlassen, sondern
die Nacht im Schlosse, in der Nhe ihrer Zimmer zuzubringen.
MFFKF FFFwFwEwkuOegpgagg

Kapitel 08

Alcte s Capitel.
Hzeeuria hatie die kcäftige Gesiindheit des Volkes, dem sie
ängehörte. Der Gram vermochte sie nicht zu zerstören, nr die
eigene Leidenschaft drohte ihr Gefahr und konnte sie überwäl-
tigen. Sie erwachte erst spät, aber sie war völlig von ihrem
Anfalle hergestellt, und als der Caplan gegen den Mittag zu
ihr kam, fand er sie hellen Aussehens und auch hellen Geistes.
Verzeihen Sie mir, Hochwüirden, begann sie, das ich Sie
gestern erschrecte; man ist bisweilen nicht Meister über sich.
Was ich Jahre hindurch gewaltsam in mir verschließen mußte,
das stürmte, nachdem ich mir eine große Neberwindung zuge-
muthet hatte, alles auf einmal über mich ein und durchbrach die
Schranken meiner Kraft. Ich war außer mir; verzeihen Sie
mir das!
Er sicherte ihr dieses zu; sie schien sich damit zu beruhigen
und nicht wieder auf den Boden jener Unterredung zurückkehren
zzu wollen, aber der Caplan gestattete ihr dies nicht.
Sie haben mir gestern den Zustand Ihrer Seele zu ent-
- hüllen gewünscht, sprach er, und ich mußte es Ihnen versagen,
sich diese Erleichterung zu gewähren, weil ich Sie nicht in der
Werfassung fand, in welcher allein es dem Menschen vergönnt
-werden darf, sich dem Throne der höchsten Wahrheit zu nahen.
Heute fordere ich Sie, im Namen des mir durch Gottes Gnade
z gewordenen Amtes und Berufes, hente fordere ich Sie mit dem
- Anrechke, das ich als Ihr Seelsorger an Sie habe, dazu auf,

- 110--
Sich auszusprechen mit der vollen, ungekheilten Wahrheit, die
Sie mir, die Sie Sich selber schulden, und ohne welche fir
den Menschen kein Heil, keine Selbsterkenntnis und keine Er-
lösung möglich sind.
Vitoria hörte ihm sehr gesammelt zu. Es lag in der
starken Neberzeugung des Greises, in dem mächtigen Gefühle
seiner unanlaslbaren Wüirde eine Krast, welcher sich Niemand
leicht entzog, besonderö wenn er, wie die Baronin, ihrem Ein-
flusse einmal unterworfen gewesen war. Aber sie zögerte dennoch,
seiner Mahnung nachzukommen, und ersi nach einer längeren
Ueberlegung sprach sie: Es wird nicht kurz sein, was ich Ihnen
mitzutheilen habe, denn es umfaßt Jahre voll langer Leiden,
voll schwerer Seelenkämpfe, und ich zweifle, daß Sie mir die
Hülfe bieten können, die Sie mir zu leisten wüünschen; denn, das
ahne ich, ein verlorener Glaube findet sich nicht wieder. Aber hören
sollen Sie mich, und jetzt gelobe ich Ihnen die ganze, volle
Wahrheit, die Sie von mir erheischen, wennschon ich sicher bin,
damit vor Ihnen keine Gnade zu gewvinnen.
Sie schwieg eine Weile, stitzte das Hauupt auf ihren Arm,
als suchte sie nach der Weise, in welcher sie beginnen könne,
dann sagte sie: Ich habe nicht nöthig, Ihnen die Geschichte
meines Herzens zu erzählen, Sie kennen sie. Sie wissen, wie
meine Liebe verlangende Natur an meines greisen Gatten Seite
einsam blieb, wie nahe, wie sehr nahe ich daran gewesen bin,
für meinen Stiefsohn die Empfindungen zu hegen, die sein Vater
in mir nicht mehr zu erwecken vermochte; und Sie selbst, Hoch-
würden, haben mir das Zeugniß gegeben, daß ich meinem Gatten
zu leisten und zu sein bestrebt gewesen bin, was er von mir
begehrte. Sie können mir auch das Zeugniß nicht versagen,
daß ich meiyes Stiefsohnes jugendlich mir entgegenwallendes
Gefühl mit Selbstverläugnung in Zügel und in Schranken ge-
halten habe und daß er von mir ohne eine Ahnung der Gefahr

=- F J. J ---
an der Klippe vorübergeleitet worden ist, dir mir und ihm den
Uniergang bereilen konnle.
Die Gutihat, die Pflichterfiülluung, wendete der Caplan
ein, hat Ihnen reichen Lohn getragen. Die Freundschaft, die
Ergebenheit, welche Baron Nenatus finn Sie shegt, sind wahr
und tief.
- Ich weiß das, Herr Caplan; ich bin mir meines Ein-
flusses auf ihn vvllauf bewußt. Ich weis es, daß ich auf ihn
zählen kann, obschon er es in neuester Zeit und durch mich
selbst erfahren hat, das; meine Liebe niemals seinem Vaier an- -
gehörte, das: ich nur Einen, Einen Ma:mn geliebt, und das;
derselbe nicht mehr ist =. rief sie, indem sie ihren schwarzen
Trauerschleier mit beiden Händen an ihre Lippen drückte, o,
wenn Sie ahnen könnten, wie frei und glücklich ich mich in
diesen Trauerkleidern fühle, wie meine Seele nach den schwarzen
Gewändern verlangt hat! Niemals, niemals werde ich sie wieder
von mir legen! Ich werde sie tragen bis zu meinem letzten
Aihemzuge, als Erinnerung an die große Liebe, die Sie mir
zur Sünde machen und die vor Gott kein Verbrechen sein kann,
weil mein schöner Valerio ihr sein fröhliches Dasein verdankt.
Sie hatte über den Gedanken an ihre Liebe, über die
Wonne, von derselben jezt in Freiheit sprechen zu dürfen, aber-
mals die religiösen Bekenntnisse vergessen, welche sie dem Geist-
lichen zu machen entschlossen gewesen war, und der Caplan hatte
große Mihe, sie auf dieselben zuriczufihren. Die Freisinnigkeit
ihres verstorbenen Gatten, die völlige Glaubenslosigkeit ihres
Geliebten hatten ihren eigenen Glauben erschüüttert, und die un-
klaren religiösen Begriffe, die kindlichen Neberlieferungen, welche
aus ihrem Klosterleben in ihr haften geblieben waren, hatten
nur dazu beigetragen, ihren Sinn vollends zum Zweifel und
zum Unglauben hinzulenken.
Sie war in ihrem Kloster in der Lehre von der Vorher-

bestimmung auferzogen worden, und ohne sich von den Ein-
wendungen des Caplans im mindesten beirren zu lassen, halie
sie ihr Zusammentreffen mit Mariano von Aunfang an als ein
ihr von Gott vorherbestimmtes Schicksal, ihre Liebe für ihn al?
RI -- - -=- »
Sie selbst, sprach sie, Sie selbst, Hochwwirden, haben mir
oft genng wiederholt, das; lein Zusall in der Wellordnung eine?
allweisen Goties möglich oder auch nur denkbar sei. Noch als
ich ein Kind war, hat man mich gelehrt, daß kein Sperling
vom Dache fällt, ohne daß der Allwissende es wolle; und, ich
sollte hierher gekommen sein, weit ab von den Meinigen und
meiner Heimath, in dieses unwirthliche, kalte Land, ohne Goties
Fügung? Hierher, in den fernen, grauen Norden sollte Mariano
von des Krieges Wogen geschleudert worden sein, ohne Gottes
ausdrücklichen Nathschluß? Unmöglich, unmöglich! Etweder
es lebt kein Gott, es ist Alles, Alles Zufall und wir des Zufalls
blindes Spiel, oder was ich erlebte, litt und that, war mir von
Gott bestimmt: ich that, was er mich thun lassen wollte -
und was Sie mir als Sinde anrechnen, war mein vorherbe-
stimmtes Müssen; ich mußte siindigen!
Mit jener grausamen und bis zur Selbstvernichtung rück-
sichtslosen Freiheitslust des Sclaven, dessen Fesseln gebrochen
worden sind, bekannte sie sich zu ihrem Unglauben, zu ihrem
Abfalle von allen Neberzeugungen, die sie einst gehegt hatte. Der
Caplan verhinderte sie nicht daran. Er wollte die Tiefe der
Wunde untersuchen und sie ausbluten lassen, ehe er sie zu schlie-
ßen und zu heilen unternahm. Er hörte sie schweigend an, als
sie ihm eingestand, wie sie ihn in der Beichte getäuscht, wie sie
keinu Abmahnen dagegen, und keine Reue in sich empfunden habe
rr Ra a

gekommen sei, dasß eine unvollständige, eine uunwahre Beichte eine
der schwerslen aller Sinden, dass zeilliches und ewiges Verderben
ihre sichere Folge sei.
Aehnlich wie es einst die Baronin Angelika gethan hatte
und wie die iberwältigende Leidenschafi es mit sich bringt, stiizte
sie sich immer wieder auf ihr inneres Müssen und Nichtanders-
khnnen als auf ein Zeichen der Vorherbestimmung; nur daß An-
gelika's sansie Seele in Demuih und Zerschlagenheit vom Him-
mel Kraft und Trost begehrte, wo Vittoria's stolzer Sinn völlig
in seinem Rechie zu sein behauptete. Selbst als der Caplan
ihr zu bedenken gab, daß Gott innerhalb seiner Vorherbestimmung
dem Menschen ein gemessenes Theil von Freiheit zugestehe, an
welchem er seine Kraft und Tugend zu prüfen und zu üben
habe, und dasß er es ihm in seiner Gnade an Zeichen und Mah-
nungen nicht fehlen lasse, wenn er von dem rechten Wege ab-
geirrt sei, machte sie das in ihren leberzeugungen nicht wankend,
in ihrem Selbstgefühle nicht ungewiß.
«-« habe viele Nchte durchwacht, spruch sie, viele Tage
,
durchweint, und in Leid durchwachie Nächte und im Schmerze
durchweinte Tage währen lange. Ich bin einsam gewesen in
diesem Schlosse, ich hätte nicht einsamer mich fihlen können im
BergesgekliEt in verlassener Karthause. Es hat mir an Muße
nicht gemangelt zum Denken und zum Prifen. Was blieb mir
denn auch übrig, wenn ich gelächelt und gesungen hatte, den
Freiherrn zu vergnügen, was blieb mir iibrig, als zu denken,
immerfort zu denken und zu sinnen? Ich habe Zeiten gehabt,
in denen ich mich überreden wollte, daß ich fehle, daß ich eine
schlechte Gattin sei - meine innerste Empfindung hat dem wider-
sprochen. Ich bin dem Freiherrn vollständig gewesen, was er
in mir gesueht, von uir begehrt hat. Ich habe sein Vertranen,
seine Achtung nie besessen, er hat die Liebe, die ich noch nicht
kannte, als ich mich ihm vermählte, und die er mich nicht kennen
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ul

- P1F-
lehrte, nie von mir verlangt. Nicht Einen Tag hat er an mir
gezweifelt, nicht Eine Stunde habe ich ihm Anlaß gegeben, sich
von mir versäumt zu glauben. Ja, als ich es fihlte, was die
Liebe sei, als ich glücklich geworden war durch sie, habe ich das
Bestreben gehabt, auch ihn noch glucklicher zu machen, da er es
gewesen ist, der mich nach Gottes Vorbestimmung dem mir Aus-
erwählten entgegenfülhren mußte. Und wie ich mich in dank-
barer Glückseligkeit der mir zugedachten Liebe lberließ, habe ich
schweigend die Donrenkrone des Schmierzes mnir in die Siirn
gedrückt, und keine Thräne, kein Seufzer hat es dem Freiherrn
je verrathen, was ich litl. Ich bin ihm eine gute Gatiin ge-
u ez
wesen, ich fühle mich uicht schuldig gegen ihn. Es war Gottes
Wille, der ihm ohne all mein Zuthun mein Geheimniß offen-
barte, um mir endlich meine Freiheit zu vergönnen und um
vielleicht durch mich dem Freiherrn zu vergelten, was er einst
an der Baronin Angelika gesündigt hat. Mein Herz ist völlig
mit sich einig, meine Seele ist in vollem Frieden!
Und Sie haben nie gefürchtet, daß die Hand des Höchsten
sich über Ihnen mächtig zeigen, daß er Ihr verirrtes, ihm ver-
schlossenes Herz mit schweren Schlägen zu eröffnen wissen werde?
fragte sie der Caplan, um sie zu weiterem Sprechen zu bewegen.
Ich würde irre werden an der göttlichen Gerechtigkeit, rief
Vitioria, wenn mir mehr auferlegt würde, als ich getragen habe.
Nein, fügte sie hinzu und ihre Züge wurden weich und mild,
Gott wußte, was mir fehlte. Hatte ich doch der Eltern- und
der Geschwisterliebe ganz entbehrt, hatte er selber mich doch in
das freudenleere, abgeblühte Leben meines Gatten verpflanzt!
Gott versagt der kleinsten Pflanze nicht den Sonnenstrahl, der
sie erblühen und reifen macht, dem geringsten seiner Geschöpfe
nicht die Nahrung, ohne die es nicht bestehen kann. Er hat
auch mir in seiner Gnade meinen Sonnenstrahl gegönnt. Und
wenn er ihn mir auch sehr bald, ach, so gar bald entzogen hat.

-- J1J--
so weiß ich es jetzt doch, daß ich einmal lte, und ics kann
weiter leben, so lange es mir beschieden ist. Ich habe meinen
Sonnenstrahl gehabt.- O, rief sie, indem sie ihre Hände in-
brünstig in einander schlug und ihre Augen zuversichtlich zum
Himmel emporhob, o, ich würde Gott zu lästern glauben, ich
würde irre werden an seiner Gerechtigkeit und seiner Liebe, wenn
ich als Schuld erkennen müsßte, was mein zugewiesen Theil, mein
Recht gewesen ist! Hiten Sie Sich, Hochwürden, mir diesen
Glaiiben auszuudriigen, Sie winrden mich zur Golieslüugnung
-treiben!
Sie versank in ein Schweigen, und mit chmerzlichem Sin-
nen blickte der Caplan vor sich auf den Boden nieder. Vittoria
fühlte sich in ihrem Gewissen frei, er aber fühlte sich gedemüthigt
wie nie zuvor, denn er wurde irre an der Macht, welche des
einen Menschen reines Wollen auf den anderen auszuüben ver-
mag, er wurde irre an seiner Kraft und Befähigung füc sein
Amt, und zum ersten Male fragte er sich: welche Bedeutung
seine Kirche, welche Bedeutung das Priesteramt in der Zukunft
haben würden, haben könnten.
Freilich war die katholische Kirche in Richten auferbaut
worden, aber man hatte sich in der Erwartung getäuscht, eine
Gemeinde fitr sie heranbilden und in dem protestantischen Lande
neue Anhänger für die alte katholische Lehre gewinnen zu können.
Das Verlangen nach prüfungsloser Hingabe an eine leitende
Hand war in der Menschheit kein allgemeines mehr. Nur in
vereinzelten Gemüthern war noch das Bedürfniß rege, sich dem
bestimmenden Willen einer Kirche zu unterwerfen, in ihrem Prie-
ster die Verkörperung des eigenen Gewissens zu verehren, in
ihm einen Mittler zwischen sich und dem Himmel zu besitzen.
Die Aufklärung, welche die Schriftsteller des achtzehnten Jghr-
hunderts vorbereitet hatten, wirkte in immer weiteren Krei-
sen nach, und die Verbindung, welche das Oberhaupt der

- z
.1G-
katholischen Kirche mit dem aus dem Volke emporgestiegenen fran-
zösischen Kaiser um der Selbsterhaltung willen eingehen müssen,
hakte die päpstliche Krone ihres Anspruchs auf einen überirdischen
Ursprung beraubt. Wie der Ael, so mußte auch die Kirche
sich jetzt bereits an die Throne lehnen, deren Vertheilerin sie
einst gewesen war, denn auch die Kirche, darüber hatte der Caplan
sich nie verblenden können, hatte ihre freie, unangefochtene Herr-
schaft duurch die Revolution und die ihr folgenden Jahrzehnde
ber napoleonischen Tyranniei siir immerdar eingebiiszt.
Man haiie in Fraulreich Priesier der laiholischen Kirche
sich von ihren alten Lehren und Gesezen lossagen, neue Belestt-
isse verkimnden, sie verlassen und die Abirüünnigen zuu ihren ersten
Lehrsätzen und Aemtern wieder zurückkehren sehen, und die Kirche
hatte sie als Bereuende wieder in sich auufgenommen. Damit
war die Nevolution auch innerhalb der Kirche vollzogen worden,
damit war das Amt des Priesters vor den Augen der Gläu-
bigen seiner Unfehlbarkeit, seines göttsichen Ursprunges enikleidei
worden. Der Priester war von seiner Höhe in die Reihen der
irrenden Menschheit hinabgestiegen, er hatie sein Anrech! auf
sein Mitileramt zwischen dem Höchsien und dem sindigen Men-
schen verscherzt. Nur ein persönliches Vertrauen konnte der Seel-
sorger, der Geistliche von seiner Gemeinde noch begehren, und
dieses persönliche Vertrauen -- der Caplan schlug voll Zerknir-
schung an seine Brust, und an seinen greisen Wimpern zitterte
die =räne - dieses persönliche Vertrauen verdiente er nicht
s.
mehr; denn er hatte die Sünde nicht abzuwehren vermocht von
denen, die ihm übergebeu worden waren, und den Zweifel mäch-
tig werden lassen in den Seelen, die er hätie hiten sollen.
Er fiühlte sich wie vernichet, er sah auf sein ganzes langes
Leben als auf ein verfehltes zurick, und aus seiner an sich selbst
verzagenden Seele rangen sich wie ein Noihhschrei die Worte her-
vor: Herr, Herr, gehe nicht mit mir in das Gericht!--

Er wollte sich erheben und das Zimmner verlassen, aber er
konnte es nicht. Er mußte sich niedersezen, und durch die beben-
den Hände, die er vor sein Aulliz schlngz. flossen seine heißen
Thränen nieder.
Da war es. als wenn ein Riß geschehe in dem stolzen
Herzen der Trauernden. Was seine Woute nicht an ihr ver-
mocht haiten, das wirkte sein Beispiel jezt an ihr. Sein flehen-
des Gebet erzittette in ihrem Jmern. Sie wusgte selber nicht,
wie ihr geschah. Sie meiule sich an diesenn. Greise versindigt
zu haben, sie sagle sich: ich bin es, u die er diese Thränen
weint; mir, mir gilt sein flehender Ausruf Herr, gehe nicht
in das Gericht mit mir!-- Denn wessen hätie er sich anzu-
klagen gehabt, dessen ganzes LebenDemuth und Reinheit und selbst-
verläuugnende Liebe gewesen war?=- Und von einer gewaltigen
Empfindung, die sie sich selber nicht zu deuten wußte, hinge-
rissen, warf sie sich vor dem Greise nieder und wiederholte, wäh-
rend auch ihre Augen überströmten: Herr, gehe nicht in das Ge-
richt mit mir!
Langsam, aber mit einem Blicke himmlischer Verklärung,
richtete der Caplan sein Autliz empor und seine Hände falteten
sich aufs Neue zum Gebete. Vergib uns unsere Schuld! sprach
er leise und leise sagte Vittoria ihm die Worte nach; wie wir
vergeben unseren Schuldigern! tönte es kaum hörbar von seinen
Lippen.
Wie wir vergeben unseren Schuldigern! wiederholte die
Erschütierte mit erhobener Stimme und barg ihr Antliz auf des
Greises Kniee, dessen Hände segnend niedersanken auf ihr Haupt.
So blieb sie eine Weile liegen. Die Sonne schien warm
in das Zimmer hinein, ein leiser Lifihauch zog erfrischend vor-
über. Es war Alles still um sie her, und still war es auch
geworden in ihrer Brust. Da bedünkte sie es, als drücke die
segnende Hand des Greises schwer und schwerer auf sie hernieder.

- 1 --
Sie hob ihr Haupt zu ihm in die Höhe, die Hände des Caplans
sanken bewegungslos herab.
Herr Caplan! rief sie, Herr Caplan! - und die Stimme
versagte der Erschrockenen ihren Dienst. Sie umfasgte ihn mit
beiden Armen, er regie sich nichi; aber sein Aeiliz lächelie in
himmlischem Frieden, uur die Auugenlider waren ihhm zugesunken.
Gr war beiend eigescluuuunerl.
Sanft, wie sein Leben gewesen war, hatie der Caplan sein
leztes frommes Werk gethan-- Vittoria haile den Segen eines
Sierbenden erhalten. Seine tiefe Demuih hatte die Empörung
ihres stolzen Herzens überwunden, sein lezter Athemzug hatie
dem Dienste seiner Kirche angehört.

Kapitel 09

Ne unte ä Cazitel.
Flie Schlachten an der Kazbach und von Großbeeren
waren eben geschlagen worden. Renatus stnnd mit seinem Ne-
gimenle unfern dem rechten Elbuufer, als er die Nachricht von
dem Tode seines Vaters erhielt, und weil er weichherzig war
und im Ganzen der Schicksalsschläge nngewohnt, war sein Schmerz
im ersten Augenblicke äuserst lebhaft. Er hatte allerdings bei
den vorgerickten Jahren seines Vaters, und weil er ihn bei seiner
lezten Anwesenheit in Richten sehr verändert gefunden hatte,
wohl daran gedacht, daß er ihn möglicher Weise nicht wieder-
sehen, daß der Abschied, den er von ihm nahm, ein ewiger
werden könne. Aber die Plözlichkeit, die ganze Art, in welcher
der Freiherr geendet, hatten für die Phantasie des Sohnes im
ersten Augenblicke etwas Ueberwältigendes, etwas ganz besonders
Schmerzliches, und Renatus konnte nicht müde werden, sich immer
auf das Neue das Bild seines unter freiem Himmel auf dem
Kirchhofe sterbenden Vaters vor die Seele zu halten.
Indes gerade die beständige Wiederholung der gleichen Vor-
stellung stumpfte den Eindruck ab, und es bewährte sich an Re-
natus die alte Erfahrung, daß diejenigen, welche bei dem Erleben
eines traurigen Ereignisses gar keines andern Gedankens fähig
und immer nuur mit dem einen Gegenstande beschäftigt sind, das
Geschehene am leichiesten überwinden und verschmerzen. Ed
dauerte gar nicht lange, bis Renatus, wenn er an den Tod
seines Vaters dachte, sich umwillkirlich aller der Tausende er-

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-- sz ==
innerte, die neben ihm und um ihn her auf blutgetränkter, von
Rossen zerstampfter Erde, an ihren Wunden verblutend, ihr Leben
ausgehaucht hatten, ohne das; eine liebende Hand ihr brechendes
Auge geschlossen hätie, ohne daß ihr lezter Blick auf das Antliz
eines Freundes gefallen wäre. Wa ihm in den erslen Siunden
oder Tagen so schrecklich erschienen war, die Plözlichkeit, mit
wwelcher der Tod seinenn Vaier iiberrascl haile, das singz er bald
an, als eine Wohlihat der Naiur und als ein Gliüc zu betrach-
ten, und in seinem an den Caplan und an Viltoria gerichieten
Antwortschreiben pries er das Loos seines Vaters, dem es ver-
gönnt worden war, in den Armen seines treuesien Freuundes,,
mit dem Hinblicke auf die von ihm geschaffene schöne Kirche,
von der Erde Abschied zu nehmen.
Renatus hatte von seinem Vater nie jene Zärtlichkeit er-
fahren, welche das Leben der Kinder eng mit dem der Eltern
verknüüpft. Einen entscheidenden Einfiusß auf die Erziehung seines
Sohnes hatte der Freiherr ebenfalls nicht geiht, und in den
letzten Jahren war Renatuus nuur selten und immer nuur auf kurze
Zeit in Richten gewesen. Es entstand daher in seinem Herzen
durch seines Vaters Tod keine wesentliche Lücke, aber seine Ver-
hältnisse erlitten durch denselben eine bedeutende Umgestaltung.
Es traten mit Einem Male neue Anforderungen und Verpflich-
tungen an ihn heran, denen zu begegnen sein bisheriges Leben
ihn in keiner Weise vorbereitet hatte, denen er persönlich zu ge-
nügen jetzt auch völlig außer Stande war. Er kounte nicht
daran denken, inmitten dieses heiligen Krieges einen Urlaub zu
begehren, und da ihm zuerst nuur die Nachricht von dem Tode
seines Vaters zugekommen war, beruhigte er sich mit der Ueber-
legung, daß der Caplan und der Justitiarins doch am Orie
wären und daß er sich ihres Eifers wie ihrer Einsicht versichert
halien dirfe.
Er schsieb Vitiorien, schrieb sofort auch seiner Braut und

-- 1--
machte dieser den Vorschlag, sich mit ihrer Mutter und Schwester
baldmöglichst nach Schloß Richten zu begeben, um der verein-
samten Vitioria eine Gesellschaft zu sein. Er euwähnte dabei,
daß es ihm wohlthun würde, die Gegenstände sAner Liebe i
dieser uuruhigen Zeil an eineut und demselben Orte unter demn
Schutze seines Hauses vereinigt zu wissen, und weil er ent-
schlossen war, sic jetul erusihhasler als bisher mil den Vermögens-
-lngelegenheilen seiner Famnilie zu beschästigen, bemerlie er gegen
die Gräfin, dasi es, nach den Dp ;l, welche der Krieg auch
iifsfs
ihr' auferlegt habe, ihr vielleicht gerathen scheinen dirfte, ihre
Häuslichkeit in der Hauuptstadt auufzulösen und eine Gastfreunb-
schaft anzunehmen, bis Hildegard selbst sie ihr iu Richten an-
zubicten haben werdc.
Bald darauf rückte sein Regiment vorwärts, es wechselte
die Standauartiere oft, und erst am Tage vor der Leipziger
Schlacht kam der zweite Brief aus Richten, welcher ihm mit
dem Testamente seines Vaters zugleich die Kunde von dem Ab-
leben des Caplans üüberbrachte, durch die Feldpost dem jungen
Freiherrn in die Hände.
- . «ienst hatte- ihn bis gegen den Abend hin ,in An-
D,=- ee
spruch genommen. Mide und erschöpft stieg er vor dem ein-
samen Bauernhhofe, in welchem er im Quartiere lag, vom Pferde
und trat in die niedrige Stube, welche er mit fünf anderen
Offizieren theilte. Drauusen war es herbstlich und feucht, aber
trotz der geöffneten Fenster lag eine schwüüle, heiße Ltft über
dem niederen Naume. Zwei seiner Kameraden hatten sich, die
Tornister unter den Köpfen, auf den Estrich des Bodens nie-
dergeworfen und waren, wie ihr tiefes, schnarchendes Athem-
holen verrieth, obschon es noch ganz hell war, vor Ermüüdung
eingeschlafen. Der Cayitän, ein verheiratheter Mann, schrieb
an der Ecke des Tisches, an welchem die Andern mit juugend-
licher Eszlist ihr geringeä Abendbrod verzehrten. Sie achteten

1M--
kaum auf das Eintreten ihres Kamneraden, uur der Hauplmann
wendete sich flüchtig nach ihm um und sagte: Herr von Arten,
es sind auch fitr Sie ein Brief und ein Packet angekommen;
sie liegen dort auf dem Simse.-- Dann fuhr er still zu
schreiben fort.
E war lein Plaz mchr an dem Tische und auch kein
Plaz zum Sizen in der Stube. Renatus nahm seine Brief-
schaften und ging damit hinaus. Drauszen vor dem Hause war
ein Slickchen Erde eiugehegt. Er und seine Kameraden hatten
das Gärtchen in diesen Tagen vor der Zerslörung bewahrl. E
stand ein Kirschbaum darin, und aus dem noch grünen Grase
wuchsen einige Slockrosen hervor, die noch in Blitthe standen.
Die untergehende Sonne beschien sie matt. Er warf sich auf
eine kleine Bank unter dem Bauume nieder, steckte den Brief,
auf dem er Hildegard's Handschrift erkannte, in die Brust und
öffnete zunächst das von Richten kommende Packet; aber er suchte
darin vergebens nach einem Worte seines greisen Lehrers oder
nach einem Briefe Vittoria's. Nur der Justitiarius hatte ge-
schrieben. Das fiel Renatus auuf, denn noch nie war eine Sen-
dung von Richten ohne ein begleitendes Blatt des Caplans an
ihn gekommen, seit er im Felde stand, und er nahm daher das
Schreiben des Justitiarius mit Besorgniß in die Hand. Indes
die Nachricht, welche ihm durch dasselbe wuurde, hatie er doch
nicht vermuthet.
In der gemessenen Weise eines Geschäftsmannes meldete
der Beamte, daß der hochwürdige Herr Caplan ihm gleich nach
dem Tode des verstorbenen Herrn Barons sehr angegriffen und
verändert erschienen sei. Trozdem habe derselbe es sich nicht
nehmen lassen, seine Amtspflichten zu erfüllen und der von dem
Verliste ihres Gemahls äusßerst erschitterten Frau Baronin zur
Seite zu stehen. Er habe dabei offenbar seine Kräfte erschöpft,
und wenn man sich auch häite denken mögen, daß er seinen

z es?
Herrn und Freuund nichi lange ilberleben würde, da sie so eng
in einander verwachsen gewesen wären und das Alter das Zer-
reißen solcher alten Lebensbande nicht wohl vertrage, so hahe
doch das plözliche Hinscheiden des verehrten Greises sie Alle
schwer betroffen und werde auuch den Freiherrn sicherlich sehr
überraschen. Er berichtete demselben danach, das er den unbe-
deutenden Nachlas; des Caplans versiegelt, daß r die Meldung
von seinem Ableben hei den beirefsenden Behöcden gemacht habe,
und fragte an, wie der Freiherr es nun hinsichtlich der Ver-
waltung des Nichtener Pfarramies zu halten gewilli sei.
Renatus hielt das Schreiben eine Weile still in seinen
HHänden. Ed war nichis Ungewöhnliches, woad er erlebte, es
lag im Laufe der Natur, das; der betagte Mann gestorben war;
aber er hatte ihn so lieb gehabt. Wie der Schuzgeisi von
Richten, ja, wie sein eigener Schuzgeist war der Caplan hm
stets erschienen. Jezt erst kam seine Heimath ihm verlassen und
verwaist vor, und sein Gemüth besaß in diesem Augenblicke noch
nicht die Kraft, sich Schloß und Herrschaft unter einer ganz
veränderten Umgebung als sein Eigenthum zu denken und sie
doch zu lieben. Ohne den Gaplan war -= == chten nicht mehr
N
s simz-
die alte, theure Heimath.
.-des: es war kein aag. an welchen: man sich seinen
-zs
Empfindungen lange iberlassen durfte. Jedermann wuste es,
daß am nächsten Morgen eine grose Schlacht bevurstand, und wer
noch etwas für dieses Leben zu beschicken hatte, that dazu, es
nicht hinauszuschieben. Renatus hatte sich auf die Vorsorge
des Caplans mehr als auf sich selbst verlassen. Jezt war er
dieser Stitze beraubt, die kommende Tagesfrihe konnte über
sein Leben entscheiden, und er hinterließ eine Stiefmutter, einen
Mi
=-er, eine Braul. Er h.« .« das Wohlergehen dieser
-li, -
Lieben noch nicht Sorge getragen, wie er wünschte, und jetzt
war es vielleicht zu spät dazu. wenn die Voraussicht seines

-- ILs--
Vaiers nicht in dem Testamente die Vorkehrungen auch auf
den Fall getroffen hatte, daß Renatus nicht aus dem Felde
wiederkehren sollte.
Er öffnete und las das Testament. E war nicht dazu
gemacht, ihn zu beruhigen und zu erheben. Sein Besiz war
weit mehr verschuldet, als er es fir möglich gchalten halte.
-.bschon seine wirthschaftlichen Kenntnisse höchst unledeutend
waren, ahnte er doch, das sich ihm grosie, fast unübersieigliche
Hindernisse in der Verwalluiuzs unid Ersalluunug, der drei gzrostesn,
nnoch zusammengehörenden Giter in den Weg stellen wirden,
und mehr noch als diese Erleuninis; erschiilerte ihn der Theil
des Testamentes, welcher Vittoria und ihren Sohn betraf. Es
iberflog ihn eine heiße Scham, das Herz preßte sich ihm zu-
sammen. Seinem Vater war also das Geheimniß Vittoria's
nicht verborgen geblieben. Der Greis hatte den Schmerz er-
duldet, sich verrathen zu wissen. Wie mußte ihn dies nieder-
geworfen, was mußte er davon gelitten haben! Die reine,
wahrhafte Natur des Sohnes empörte sich gegen Vittoria, er
dachte mit widerwilligem Zorn an sie und an Valerio, und Beides,
Beides that ihm weh: denn er liebte Vittoria und er liebte
auch den Knaben, den er, obschon er um Vittoria's Leidenschaft
für einen Andern wußte, bis jezt doch als seinen Bruder an-
gesehen hatte.
Bricht denn Alles, Alles unter meiner Hand zusammen?
fragte er sich schmerzlich, und der alte Gedanke, daß er nicht
zum Glücke geboren sei, bemächtigte sich seiner wieder mit erneuter
Macht. Er hatte bisher immer viel Mitleid mit Vittoria ge-
habt, ihr Leben an des alternden Gatten Seite war ihm stets
als eine große Entsagung für sie erschienen. Jetzt beklagte er
nur seinen Vater. Weil er nicht wußte, daß der Freiherr erst
ganz kurze Zeit vor seinem Tode den Verrath Vittoria's er-
fahren hatte, bewuunderie er dessein siolze Zurüichaliung und die

, epr
- L .a -( -==
großmithige Nachsichl, mit der er Vittoria behandelt hatte. Er
machte sich selbst einen Vorwurf darauus, das er der Verrätherin
so viel von seiner Liebe, so viel Freundschaft zugewendet; er
hätte seinenn Vater wiederhaben mögen, um es ihm abzubitten,
daß er nicht geg Zärtlichkeit fir ihn gefühlt habe, um ihn
auf's Neue und mehr und verständnißooller als bisher zu lieben.
, Er wuste in einzelnen Augenblicken nicht, was er thun,
ja, nicht einmal, woran er zuerst denken solle. Man erwartete
von ihhuu Besliuunnzzeu ilber seie Angelegenlzeilen, aber er ver-
stund von ihne wenig, er haite leine wirkliche Geschäftskenntnisz.
=-er Freiherr halle nach dem Abgange von Sieineri mehrmals
ex:
mit seinen Amtsleuten gewechselt; Renatus mnustr aus des Vaters
eigenem Munde, das: er auch dem gegenwärtigen Amtmanne
nicht vertraue und daß er eben deshalb zum Defteren an eine
Verpachkung der Güter gedacht habe, nur daß er sich nicht ent-
schleßen können, damit einen Aheil seiner persönlich... -==---==--
ofn iiisnnnss,l,
baren Eimwirkzug isber sein Eigenthuum aufzugeben. Der Justi-
tiarius erwähnte in einer dem Testamente beiliegenden Ausein-
andersezung dieser Absicht des Freiherrn, denn der Contrack
des Amtmanis ging mit dem nächsten Frihjahre zu Ende, und
Nenatus musste jezt entscheiden, ob der Contract, wie es fest-
gesetzt war, dann auf drei neue Jahre verlängert werden sollte
oder nicht. Der Justitiarius sprach von einem Pächter, der
sich gemeldet habe und dessen Bedingungen, wenn man die Zeit-
verhältnisse in Erwägung 1g, ncht unginstig genannt werden
-=----=--; aber es ward die Bedinguntg daaß g-=-===i-- vaß ihnt
f,inziiosi
wu?eiszss -
das lebende Inventarium, welches durch den Krieg auf das
Aeußerste heruntergebrag- -oorden war, vollstandig und aus-
,is s
Ffmif-
reichend ersezt werden und die Pa.=-g ihm auf zwölf Johre
zugesichert werden solle. Fir die Beschaffung des Inventariums
musßte man abermals Ka, ul aufnehmen, das jetzt schwer und
-siiH
nur zu hohen Ziuusen zu haben war, und dic jetzt während des

-- 1G--
Krieges gebotenen Pachtprese auf zwölf Jahre im voraus gelten
zu lassen, fand selbst Renatus nicht für möglich. Er mußte
also die Dinge gehen lassen, wie sie eben gingen, aber die Sorge
um seinen Besiz wälzte sich wie eine Last auf ihn, und dazu
fing er an, es schwwer zu bereuen, daß er die Gräfin Nhoden
zu der Uebersiedelung nach Richien aufgefordert hatie, den es
war ihm jetzt eine äuusßerst widerwwärige Vorsiellung, sich seine
Braut in der Nhe Villoria's und in deren käglicher Gesell-
schaft vorzustellen.
Ohne daß er sich bestimue Gründe dafiür anzugeben wußte,
hegte er, weil er es eben wünschte, die bestimmte Hoffnung,
daß die Gräfin seinen Vorschlag nicht angenommen haben werde,
und nachdem er mit einem Seufzer die Testaments-Abschrift
und die Berichte seines Beamten wieder in ihren Umschlag ge
schoben hatte, nahm er zuerst den Brief der Gräfin aus dem
zweiten Couverte hervor, weil er sich den Brief seiner Braut
auf zuletzt versparen wollte, um den schweren Tag doch min-
destens mit einem tröstlichen Eindrucke abzuschließen.
Aber seine Hoffnuung und Voraussicht hatten ihn dieses
Mal getäuscht. Die Gräfin schrieb ihm, daß sie Anfangs Be-
denken gegen seine Plane gehegt habe. Sie sei zweifelhaft ge-
wesen, ob es angemessen sei, gleich nach dem Tode des Freiherrn
sich in dessen Hause einzurichten. Sie habe, da Nenatus' Ver-
lobung mit ihrer Tochter vor der Welt noch ein Geheimniß sei,
die Besorgniß gefühlt, daß man ihr die Absicht zur Last legen
werde, eben diese Verlobung herbeiführen zu wollen; indeß
Hildegard sei anderer Ansicht gewesen, und da diese ohnehin
einer Erholung bedürfiig sei, weil sie sich in der Pflege der
Verwundeten, deren Zahl nach der Schlacht von Grossbeeren in
den Berliner Hospitälern so furchtbar angewachsen, Anstren-
gungen zugemuthet habe, die weit über ihre Kräfte gegangen
wären, so habe die Gräfin sich nach reiflicher Neberlegung zum

zezr?
Nachgeben entschlossen und die nöthigen Schritie zur Auflösuuuug
F ihrer Verhältnisse in der Nesidenz gethan, wobei ihr Graf Ger-
hard mit gewohnter Zuvorkommenheit seine Dienste angebvten
, habe. Sie fügte dann noch hinzu, daß sie, wenn sie ihre
ölonomischen Verhällnisse in das Auuge fasse, Renalus siir sein
Aerbieten doppeli Danl zu sagen habe, da ihr die Zinsen ihres
geeingen Vermögens jezt nicht regelmässig eiiglngen; und die
Zweifel, welche sie- un die Sicherheit ihres lleinen Kapitals
aussprach, waren auuch nicht dazu angethan, dem neuen Besitzer
der von Arten'schen Gitter das Herz zu erleichtern. Noch hatte
er nicht Frau, nicht Kind, und schon lag, en mochte es an-
schen, wie er wollte, die Sorge fiir eine große Familie auf
seinen Schultern. Denn an wen hatten sich Vttoria und Valerio
zu halten, als an ihn? Auf wen, als auf ihn, fiel einmal die
Sorge fir Hildegard's Mutier und Schwester? Und diese
Einsicht mußte er gewinnen an dem Vorabende einer großen
Schlacht!-- Sich zu trösten, sich die Seele zu befreien, er-
öffnete er Hildegard's Brief.
,Mein ewig Geliebter,' schrieb sie ihm. ,es soll Ja und
Amen heißen zu Allem, was Du wünschest und angeordnet hast
für jetzt und für alle Zeit! Was könnte Deiner Braut in diesen
Tagen, in denen sie Deine Seele von Trauer beladen weiß,
ohne daß sie zu Dir eilen kann, sie Dir tragen zu helfen, Heil-
sameres begegnen, als an der Stelle zu weilen, an der Ta
geboren bist, als an dem Orte zu leben, der künftig auch ihre
Heimath sein wird und an welcher sie mit Dir vereint das An-
denken Deines edeln Vaters heilig in sich pflegen will.
-- -- mein Renatus, Lieben, Glauben, Hoffen, das ist
alles, was uns übrig bleibt in den Tagen der Prüfung, in
denen wir leben! Ich habe Stunden gehabt, in denen h mich
mit Zweifeln plagte, mit Zwweifeln, ob Dein Vater mich jemals
gern willkommen heißen wülrde; mit immer neuen Zweifeln

- 1Z- -
sogar an Dir, denn ich meiike, wäre Deine Liebe der meinigen ;
gleich, so hätte keine Rücksicht der Welt Dich bewegen können, -
mich durch Verheimlichung unserer Liebe und unserer Verlobung ,
fern von Dir zu halten. Und nun das überwunden ist, nun
=u Herr bist üiber unser Schicksal, nun Dein Wille mich ein- -
führt in Deiner Väter Haus, auch jezt noch darf ich die bräut-
liche Myrlenlrone nichi in meine Locken dritcen, und jede, jede
Stunde lann fiir ewig den Schleier nichi endender' Trauuer iber -
meine ganze Zuukunft werfen! Weiß ich es denn, ob es nicht
schon geschehen ist? Weiß ich es denn, ob des Todes Pfeil Dich
nicht bereits ereilte, ob Dein brechendes Auge sich nicht ver-
gebens nach Deiner Geliebten sehnte, ob T. in leztex Seufzer
d.
nicht vergebens ihren Namen rief?-- Ich habe so manches
Sterbenden leztes A.urt vernommen- Gott, Gott, wenn Du
.i
--- aber ich kann, ich mag es nicht denken! Ich will hoffen,
hoffen und beten, weil ich =u.g liebe!
cd1.s
,Du hast das Richtige finn mich gewäh- .« habe Ruhe
s E,
und Stille nöthig und ich gehöre zu den Trauernden. Wie
verlangt es mich, unsere schöne Signorina wiederzusehen, Deinen
kleinen Bruder zu umarmen! Ich werde mit unserer Signorina
von Dir sprechen, in Deines Bruders liebeu Antliz Deine Ziige
suchen; wir werden nuur in Dur, nur für Dich leben, bis Du
wiederkehrst; und was diese Jahre de. «eübsal Jedem von uns
z- Sa
auch auferlegen- Gott hat sie gesendet, um mit schweren
Leiden an die Herzen derer zu klopfen, die sich abgewendet
hatten von sich selber und von ihm. Denn wie Viele uns der
Tod auch entrissen, das Leben hat uns manchen verloren Ge-
glaubten wiedergegeben, und sollten wir nicht mit unserem
Heilande sagen: Es wird mehr Freude im Himmel sein über
einen Sümder, der Busze ihui, denn über hunderi Gerechle?
, Duu weißt es, mein Geliebter, von wem ich rede. Es ist
eine große, eine erhebende Waudlung mit ihm vorgegangen, und

-=- Fß--
laß es ncuig bekennen, ich meine oftmals, mein briünstig flehendes
Gebet habe dazu mitgewirkt. Ich konnte, o, ic konnte den Ge-
danken nicht ertragen, daß der Deinen Einer, daß Deiner edeln
Mutter Bruder der heiligen Sache des Vateulandes und uns
Allen für immerdar verloren sein sollte nein, ih konnte es nicht!
, Dein Oheim weiß es, wie Dein und wein Herz sich ge-
funden haben, er gönni uns unser Glick, er segnet es, und ich
glaube oftmalö zu, bemerlen, das; seine Augen mit Nihrung auf
mir weilen. Ach, ünsß es ihn nicht schmerzen, daß er in einer
Zeit herangewachsen ist, in der das heilige Feuer der Vaier-
terlandsliebe in den Seelen der Menschen erloschen war? Ist
er denn nicht beklagenswerth, daß seinem Leben, wie er mir das
einst gestanden, niemals der milde Stern einer reinen Luebe
aufgegangen ist?
, Er hat uns in diesen Tagen der Trauer um Deinen
theuren Vater güievoll zur Seite gestanden, er hat mir geholfen,
die Mutter zur Uebersiedelung in unsere künstige Heimath zu
bestimmen. Frei und unabhängig, wie er ist, bietet er Dir seine
Dienste an, und es müßte mein ganzes Empfinden mich be-
krügen, oder Du könntest, was Du von weltlichen Dingen an-
zuordnen hast, keinem verläßlicheren Freunde anvertrauen.
, Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut, und Du, meine
einzige Habe, mein höchstes Gut, bist mir fern, bist in täglicher
Gefahr. D, denke, wo Du auch immer weilest, denke, daß ich
an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem Bilde,
unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende,
denke, daß mein Leben beschlossen ist, wenn es dem Herrn über
Leben und Tod gefallen sollte, das Deinige als ein Opfer auf
dem Altare des Vaterlandes zu begehren.'
Sie hatte ein paar Myrienblätter auf den Nand des
Briefes festgenäht und ein Herz darum gezeichnet., Hier haben
meine Lippen, Dein gedenkend, dleses Blatt berihri! hatie sie
F. Le w ald, Von Geschlecht zu Geschlech. Ül.

--- 180--
darunter geschrieben, und vie Spur ihrer Thränen war auf
dem Papier sichtbar, die Worte waren halb verlöscht. Aber der
ganze Brief und vor Mllem diese Weichheit des Schlsses brachten
keine guute Wirkung auf ihren jungen Verlobten hervor.
Nenatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen, seit er vor
seinem Abmarsche zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr
genommen hatte. Die Heeresabtheilung, bei welcher er stand,
hatie bei dem Aubruch des Befreiungskrieges ihre Marschroute
mach Deutschland im Norden von Berlit gehall. Seii uehr als
einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner
Verlobten angewiesen gewesen, und ein solcher hat imer sein
Bedenkliches, wo es sich nicht um völlig gefestete und klar be-
stimmte Verhältnisse handelt. Daß Nenains es nicht zulässig
gefunden, seinen Vater von der Wahl in Kenutniß zu setzen,
welche er getroffen hatte, war gleich Anfangs ein Anlaß zur
Verstimmung zwischen ihm und seiner Verlobten geworden.
Hildegard hatte ihn der Schwäche angeklagt, ihm vorgehalten,
daß er seines Vaters Nuhe mehr als ihren Frieden liebe, und
da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränktheit nicht
von sich selber abzusehen und keinen Anspruch auser dem ihrigen
für berechtigt anzuerkennen vermochte, hatte Renatus ihr mit
Grund den Vorwurf der Eigensucht gemacht. Von ihm, um
dessen Leben sie sorgte, auf den alle ihre Gedanken gerichiek
waren, getadelt zu werden, das hatte sie nicht ertragen können,
und von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbst-
beschuldigungen übergehend, um ihn wieder zu versöhnen, war
sie im Laufe der Zeit allmählich in eine Sprache der gefihls-
seligen Leidenschaft gerathen, die sich noch gesteigert hatte, seit
der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs-, Empfindungs-
und Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die großen
Aufregungen bis zur Nebertreibung gesteigert hatte.
Renatus hatte sich von dieser Gefi:hlsrichtung seiner Bratt

--- Z!- --
nie woylthätig berührt gefunden. Er liebte ein frisches, kräftiges
Wesen, vielleicht gerade weil er dessen sellst ermangelte, und das
Leben des Soldaten auf dem Marsche u i im Felde wnr wider
sein eigenes Vermuuthen sehr nach seinen: Geschmiack. Er hatte
sich auf dem russischen Feldzuge in Enilehrungen und Anstren-
gungen erproben lernen, er hatte den großen Augenhlick mit
erlebt, in welchem sein General das ihm anvertraute Corps
von der Bundeggenossenschaft mit dem Landesfeinde losgerissen
haite, und von deun erhabenen Schwunge dur begeisterten Volks-
bewegung weit über sich selbst hinausgeagen, hatte auch Ne-
natus endlich auus der Hosfnung auf die Vefreiung seines Va-
terlandes sein höchstes Ziel gemacht, ohne daß seine Lebe fir
Hildegard dadurch beeinträchligt worden wäre; aber sie verstand
es nicht, sich seinen Stimmungen und Zuständen, wie er es
begehrte, anzupassen. Mitten in der stolzen Aufregung des
Kampfes, von Tag zu Tag auf wildem Kriegöpfade fortschreitend,
immer nur des nächsten Augenblickes und oft selbst dieses nicht
sicher, sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines tapferen
Herzens. Wie jeder Jüüngling zum Helden geworden war, so
wollte er ein Heldemweib in der Geliebten finden, und Hildegard
war zu einem solchen nicht geschaffen.
E half Nenatus nicht, daß er sich vorhielt, wie muthig
sie in den Reihen der anderen Franen und Jungfrauen sich der
Pflege der Kranken und Verwundeten unterzogen hatie. So oft
er einen Brief von ihr erhielt, peinigten ihn die klagende Liebe,
die frome Verzagtheit, ja, selbst die entsagende Gottergebenheit
ihres Wesens, die es doch allesanmt nicht hinderten, daß sie
feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwwarf und eine Art von
Herrschaft über seine Empfindungen auszuiben strebte, welche
ihn stets daran erinnerte, daß er sich doch eigentlich sehr früh
gebunden habe.
Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch
g-

n? ---
iiemals ein anderer gewesen. E lähmte ihm jeden Aufschwung,
es verdüsterte ihm den ohnehin krübe genuug gestimmten Sinn,
von Hildegard, wie er es in seinem Innern nannte, im voraus
die Todtenklage um sich anstimmen zu hören. Es schien ihm
eine üble Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein.
Er hätte so viel lieber ein fröhliches Glickauf, einen sicgesge-
wissen, zukunftssicheren Nuf von ihr vernommen; und vollends
die enge Freundschaft, in welche die Franen zu dem Grafen
Gerhard getreten waren, und deren Entstehen und Wachsen er
seit vieles: Monaien bemterli uud immer ungern gesehen haite,
gereichte ihm heute zu besonderem Verdrusse.
Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr
aushalten; er kam sich ohnehin wie an Händen und Füüs;en ge-
bunden vor. Er stand auf und verließ den engen Naum.
Das ganze Dorf lag voll von Truppen. Es war viel
Landwehr dabei, und der Dialelt seiner Heimaih schlug mehr-
mals an sein Ohr. Er meinte, er müsse irgendwo bekauunte Ge-
sichter erblicken, eine Arede erfahren: und sie wäre ihm will-
kommen gewesen. Aber Niemand achteie auf ihn, es hatte Jeder
mit sich selbst geng zu thun.
An den abgeschirrten Batterien, an den Neihen aufgestellter
Bayonnette vorüber schritt er zum Dorfe hinaus. E war dort,
wie hier! Neberall Hast und Lärmen, iberall Gehen und Kommen,
überall das Dröhnen der Schritte von neu heranziehenden
aruppen und das Rollen der Geschitze und der Munitions-
wagen. Dazwischen Gruppen von ermüdeten, am Boden liegenden
Ankömmlingen, die schlafend fast mitten im Wege dalagen und
jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen werden konnten.
Die Sonne war schon untergegangen, der Himmel be-
wölkte sich mehr und mehr, es dunkelte früh. Aus den Wiesen
und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten den Nauch von
den zahllosen Beiwachtfeuern nieder, an denen die Soldaten sich

---- 1IR--
ihr Abendbrod, und fir wie viele unter iznen mußte es das
letzte Abendbrod sein, bereiteten.
.n der Ferne ertönte Trommelwirbel, von verschiedenen
Seiten erschallte in Zwischenräumen die Signaltrompete. Weit
hinten am Horizonte stiegen zwei weisße Le chtkugeln in die Höhe.
Was bedeuteten sie?
-' Er ging zwgalos vorwärts; er halte mitunter leinen festen
Gedanken, so Vielerlei, so Schweres zog ihm durch den Sinn,
und dazwischen fragte er sich immer wieher: was bedeuten die
beiden weissen Leuchiluugeln?
Den Tod fir Viele ganz gewiß! gab er sich endlih selbst
zur Antwort, und wie er denn so einsam dahinzog auf der
weilen, weiten, nachtbedeckten Ebene, einsam unter den Hun-
deritausenden, die morgen das blutige Spiel beginnen mußten,
über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden
sollte, wie er hier an einem Schlafenden vorüberkam, dort
fröhliches Lachen und Singen vernahm, dachte er: Wer von
Euch wird morgen noch singen und scherzen? Wer von uns
wird schlafen gehen für immer? - und es kam ihm gar nicht
furchtbar vor, zu diesen Letzteren zu gehören.
Was blühte ihm denn in der Zukunft? Was hatte er von
ihr zu erwarten? Quälende Verhältnisse, wohin er sich auch
wendete, Verpflichtungen und Sorgen aller Ari! Und wofür
das? Hatte er den Verfall seines Jamililinbesizes und Ver-
mögens verschuldet? Hatte er Vittoxia in das von Arten'sche
Haus geführt? Er mochte gar nicht an sie denken. - Und
Hildegard? Nun, Hildegard hatte sich in ihre künftige Trauer
so hineingelebt, daß sie wohl vorbereitet sein mußte, ihr Schicksal
zu tragen, wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten.
Die Briefe hatien lange Zeit gebraucht, bis sie an ihn ge-
langt waren. Jetzt, dachte er sich, musten sie Alle schon in
Richten beisammen sein. Er sah sie deutlich vor sich: Vittoria

--- K--
mit ihrem Sohne, der nicht mehr sein Bruder sein sollte, und
die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester. Er sehnte sich
nicht dorkhin. Zhm bangte vor dem verwaisten Schlosse, und
je länger seine Gedanken dort verweilten, um so schmerzlicher
drängte sich ihm der immer wiederkehrende Frageruf in die
Seele: Vilioria, waru has! Dui uir da= angzelhsan ? - Er
fiühlle sich allem Anderen gewachsen, nur Vitloria verachten zu
müüssen, in Valerio nicht mehr einen Bruder zu besizen, heimliche
Unehre eingedrungen zu sehen in das wirdige Hans seiner
Väter, das zerriß ihm das Herz, und die Zornesthränen in den
Augen zerdrückend, sagte er sich: Ich bin also der Lezte unseres
Hanses, unseres Namens! Falle ich morgen, so ist unser altes
Geschlecht erloschen und dahin!
Aus seiner Entmuthigung ris diese Vorstellung ihn empor.
Er wollte nicht mehr untergehen! Er war es denen schuldig,
die vor ihm gewesen waren, ihr Geschlecht und ihren Namen
aufrecht zu erhalten fi.r die Zukunft, er schuldete sich seinen
Ahnen. Er wollte leben bleiben. Morgen wollte er die Frage
an die geheimnißvollen Mächte thun, welche das Schicksal der
Menschengeschlechter lenken. Verschonte ihn dieses Mal die
Schlacht, so sollte ihm das ein Zeichen sein, daß Gott das Fort-
bestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in seiner
Weisheit angeordnet habe. Der morgende Tag sollte ihm zu
einer Entscheidung auch für sich selber werden.
Gefaßter, als er es verlassen hatte, kehrte er in sein Qartier
zurück. Er fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder,
um nach Hause zu schreiben, denn die Anfragen des Justitiarius
bedurften einer Antwort; als er sich aber anschickte, sie zu geben,
fiel es ihm erst ein, wie in seines Vaters leztwilligen An-
ordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall
genommen war, daß Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr
am Leben gewesen wäre, und obschon diese Zuversicht des Frei-

---- 1ZJ---
herrn auf des Sohnes Stern für diesen eben so erhebend als
rührend war, sagte er sich doch, daß es eine Gewissenssache
für ihn sei, eine Entscheidung zu ireffen, eine Entschließung
zu fassen.
Der Freiherr halte mit seinem Testamente den ihm unter-
geschobenen Sohhn eies Fremden offenbar von dem Antheile an
dein von Arlen'scen Erbe ausschlieszen wollen, so zveit er dies
vermochte, ohne die ihm und seiner Ehre angethane Kränkung
undzuugeben. Das; er seinem Sohne erster Ehe den möglichst
vollständigen Besiz des Hausck zu erhalten suchke, da die Arten-
schen Giter kein Majorat waren, konnie an und fir sich selbst
in den Kreisen, in welchen die Familie lebte, keinen Verdacht
gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio's erregen,
die trotz der freiherrlichen Verfiügung noch immer günstiger zu
stehen kamen, als es bei der Vererbung eines Majorates fir sie
der Fall gewesen sein würde. Der Freiherr hatte also, nach
seines Sohnes Meinung, den Erbantritt Valerio's nicht völlig
ausschließen wollen. Das Fortbestehen seines Namens und Ge-
schlechtes hatte ihm höher gestanden, als die Befriedigung seiner
beleidigten Ehre. Starb Nenatus kinderlos, so fiel, wenn auf
Valerio nicht Bedacht genommen wurde, was jedoch geschehen
mußte, so lange seine unrechtmäßige Geburt nicht gerichtlich fest-
gestellt worden war, der Arten'sche Besiz an die nächsten Erben
und Anverwandten von Nenatus, an die Brüder seiner Mutter,
und mit Einem Male schoß es dem jungen Manne wie ein
Strahl durch das Gehirn, was die Annäherung an ihn, die
Graf Gerhard sejt Jahren mit einer gewissen Beflissenheit be-
trieben hatte, was die Freundschaft, welche der Graf für die
Braut seines Neffen gegenwärtig kundgab, zu bedeuten haben
könnten. Dabei kam ihm, wie mit einem Zauberschlage, eine
Aeußerung in das Gedächtniß, welche Graf Gerhard einmal
gegen ihn gethan hatte, als er ihn zum Eintritte in die Dienste

186 --
des Königs von Westfalen üüberreden wollen. Er hatte Renatus
damals, um ihn vom Kriegsdienste abzuhalten, den einzigen
Erben seines Familiennamens genannt, und als dieser ihn an
seinen Bruder Valerio erinnert, hatte der Graf mit einem bösen
Lächeln ihm entgegnet: ,Viitoria's Sohn wird einmal auf Deine
Großmuth angewiesen sein !? Renatus haite das lange nicht
vergessen können; dann hatten die Ereignisse der lezten Jahre
jene Aeußerung aus seiner Erinnerung verwischt, und jetzt trat
sie wieder mit voller Klarheit in sein Bewus:tsein zuriick.
Es überlief ihn heis; und lalt. Graf Gerhard wuszte also
um Vittoria's Untreue und er rechneke auf sie; denn das er,
der seine eigene, wahre Ehre nicht geachtet hakie, kein Bedenken
haben wiürde, fremde Ehre Preis zu geben, wo sein Vortheil
es erheischte, darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl
zu kennen. Wie der flammensprühende Krater eines mit Ver-
nichtung drohenden Vulkans that es sich vor seinen Blicken auf.
Ihm graute davor, und doch konnte er sein Auge nicht davon
LP, ' --==- == ===- =-=-
Er dachte daran, sein Testament zu machen und Valerio
ganz ausdrücklich zu seinem Erben zu ernennen, denn immer wieder
fühlte er es, er liebte diesen Knaben brüderlich. Aber sein
Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich gewollt, und auch
in Renatus sträubte sich das Arten'sche Blut dagegen, ganz ab-
gesehen davon, daß die Einsezung Valerio's ohne Frage einen
Erbschaftsstreit und mit ihm die Enthüüllung von Vittoria's Ehe-
bruch Jeraufbeschwören konnte, den der Freiherr vor der Welt
zu verbergen beabsichtigt hatte. Dann wieder fand Nenatus sich
geneigt, Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen. Indeß der
Name seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten. Die
Freundschaft, welche Graf Gerhard fir die mitiellose junge
Gräfin hegte, konnte gegenüber der Erbin des Arten'schen Be-

sizes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen, und Renatus
hielt es gar nieht fir unmöglich, daß Hildegard, um ihr Werk
der vermeintlichen Belehrung an dem Guafenn Gerhard zu ver-
vollständigen, sich selbst zum Opfer bringen könie. Er hatte
heule ein unaussprechlich bitieres Gefühl, so oft er an sie dachte.
Er wußte nicht, war es Mißtrauen, war S Eifersucht, was ihn
älso quälte; aber.er vermochte das letztere nicht recht zu glauben,
denn heute konte er es sich nicht verbergen: er liebte sie eigentlich
nicht, er hakte sie niemals wahrhaft gelielt. Es war eine Auf-
wallung, eine Nebereilung gewesen, das; er sich ihr anverlobt
hatte, ihr ganzes Wesen sagle ihm immer weniger zu, und wie
ein Angsischrei rang sich, ohne das: er es wuste, aus seinem
beklommenen, geänstigten Herzen der laute Ausruf: Freiheit,
Freiheii! empor.
Er erschrak, als er ihn gethan hatte. Seine Kameraden,
die noch plaudernd beisammen saßen-- die beiden Schläfer
waren während seines einsamen Ganges auch wieder munter
geworden - wendeten sich nach ihm um.
Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher außer
Ihnen rufen, lieber Arten, sagte der Hauptmann; und frei
werden wir werden auf die eine oder die andere Art, wenn Jeder
von uns morgen Alles an Alles sezt! fügte er hinzu.
Die Unterhaltung der Anderen gerieth dadurch ins Stocken;
sie waren sammt und sonders ernsthaft geworden. Der Haupt-
mann zog einen Brief aus der Brusttasche und sprach Es wird
morgen eine Schlacht geschlagen werden, wie die Weltgeschichte
noch keine aufzuweisen hat. Wer sie von uns überleben wird,
das steht in des Allmächtigen Hand. Lassen Sie uns einander
das Versyrechen leisten, daß die Ueberlebenden Kunde von den
Todten in die Heimath senden.
Er hielt einen Augenblick inne, zeigte den Anderen den
Brief, den er danach wieder in die Brusttasche steckte, und setzte

18--
mit weicher Stimme hinzu : .P habe eine Frau und zwei
,
Kinder zu Hause. Falle ich und Sie können meiner Leiche hab-
haft werden, so schicken Sie diesen Brief an meine Fran. Gehe
ich verloren i der Masse, uu, so melbel wohl Eier von Ihnen
ihr das Geschehene, damik es ihr menschlicher und friher als
durch die Todtenliste zukommt. Ich stehe, soweit es nöihig und
mir möglich ist, Jede von Ihnen zu dem kraurigen Gegen-
dienste bereit.
Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu.
Die Lieutenants waren junge Eelleule und gleich Renatus
unverheirathet. Der Hanpimann war büirgerlicher Herkunft. Er
war bedeutend älter als die Anderen, und hatte in dem Regi-
mente von der Pike auf gedient. Renatus wusßte, das er ohne
Vermögen sei, daß er seiner Familie nichts weiter zu vererben
habe, als seinen unbescholtenen Namen und die Erinnerung an
seine Liebe und an seine Treue; aber nie schwer dem Hauptanne
das Herz auch sein mochte, Renatus beneidete ihn, weil so einfache,
natürliche Verhältnisse ihn an das Leben fesselten. Denn wie
er sich dagegen auch innerlich vertheidigte, es bemächtigte sich
seiner auf's Neue der dumpfe Lebensüberdruß, der ihn heute
schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte, und unfähig,
irgend einen festen Entschluß zu fassen, warf er sich mit den
Anderen zum Schlafe auf den Boden nieder.
Der morgende Tag sollte entscheiden! Auch über ihn und
seine persönlichen Angelegenheiten sollte er entscheiden!

Kapitel 10

Zrhnteä Capitel.
Fza sie war gefallen, diese Entscheidung: so erhaben und
so glorreich fir das deutsche Vaterland, als die kühnste Ein-
bildungslraft es nur hatte erhoffen lönen.
Da Dorf, duurch welches Renatus an dem Vorabende der
, Schlacht geganget war, lag in rauchenden Trümmern. Es war
, der Schauplaz eines mörderischen Kampfes gewesen. Von den
! Offizieren, die in jenem Banernhause bei einander gesessen hatten.
s waren nach den drei großen Tagen nuur noch Nenatus und ein
s noch jiingerer Edelmann am Leben. E waren Wunder der
- Tapferkeit gethan worden.
Jn Verein mit den Ostpreusten hatte das Regiment, in
, dem Renatus diente, Gehöft um Gehöft, nachdem der Feind
Herr des Ories geworden war, wie eben so viele Festungen,
wiedererobern müssen, und, seiner Compagnie voranstürmend,
war der Hauptmann an Renatus' Seite von einer Kartätschen-
kugel niedergeschmettert worden. Lautlos war er zusammenge-
sunken, und troz des Kampfes wilder Hast sich zu ihm nieder-
beugend, um sein Wort zu lösen, hatte der junge Freiherr die
Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich ge-
Inonmen; aber diese Pflichterfislung hatte ihm. selber fast den
Tod gebracht; denn wie Nenatus sich emporrichten wollte, stolperte
sein Fuß über die Leiche eines eben erstochenen Soldaten. Ein
Kolbenschlag, dem der wankende Renatus nicht widerstehen
konnte, verwundete ihn und warf ihn nieder; auch über seiner

10 - -
Brust blizten schon die Bayonnette der Franzosen, die sich aus
einem der in Brand gerathenen Gehöfte in wildem Durchein-
ander den Stürmenden entgegenstüürzten.
Da warf sich plözlich eine hohe, kräftige Mannesgestalt,
an der Spize einiger ihr folgenden Landwehrmänner, mit raschem
Enischlusse den Andringenden in den Weg.
Auf, auf, Herr von Arten! rief er, während er die Feinde,
welche den Hingesunkenen bedrohten, mit ungewöhnlicher Kraft
und höchster eigener Gefahr so lange aufzuhalten wuuste, bis
Nenatus wieder Meister iber sich geworden war und Zeit ge-
funden hatte, sich zu erheben, um sich in dem grausen Hand-
geuenge, das wie die stirzenden Wellen des Meeres auf und
nieder wogte, ßlber wieder zu behaupten.
Es waren nur flüchlige Secuunden gewesen, die sein Er-
retter neben ihm verweilte. Auf! auf Herr von Arten! hatte er
noch einmal gerufen, dann hatte die nächste Kampfeswelle sie
weit von einander fortgerissen, und doch hatte Renatus ihn er-
kannt, doch war selbst in jener verhängnißvollen Minuute das
wundersam unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen, das
er stets empfunden hatte, so oft er in dieses Mannes Nähe ge-
kommen war, so oft er seiner nur gedachte.
Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstun-
fähig gemacht, in Folge der über seine Kräfte gehenden An-
strengungen erschöpft, lag Renatus neben andern Kranken und
Verwundeten, leise fiebernd, in einem der Zimmer des Bürger-
hospitals. Sein Gehirn war frei, nur bisweilen trübten sich
seine Vorstellungen, und er wußte dann nicht zu unterscheiden,
was wirklich geschehen war und was er in dem Halbschlafe des
Fiebers träumend durchgemacht hatte. Ein paar Mal fuhr er
in die Höhe. Er meinte dann, sich wieder im Kampfesgewühle
zu befinden, er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust ge-
zückt, er hörte wieder das kräftig drängende: ,Auf, auf, Herr

--- 11--
wwon Arten !' und wie in jenem Augenblicke ertönte es ihm als
z ein Mahnwort von seines Vaters Munde, ber ihn zur Selbst-
s erhaltung um des Hauses willen aufrief.
? Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe
h schaute, um in seines Vaters Schatien seinen Schuzgeist zu er-
s blicken, stand Paunl Tremann wieder vor ihm, jede Sehne der
, vrachwvollen Gestalt gespanut, das schöne Antliz voll kaltblütiger
- Entschlossenheit --- .und ein eisiger Frostschauer beschlich des
Kranken Herz. Er wachte unzufrieden und erscreckend auf. Er
konnte seines Lebensrekiers nicht mit Liebe, nicht mit Freuden
denken. Er glauubie sich sagen zu dinfen, daß er Paul den
gleichen Dienst geleisiet haben winrde. Es war nur Menschen-
pflicht, einander im Kampfe beizustehen, und doch drückte, doch
widerstrebe es ihm, das; Paul ihm mi! eigener Gefahr zu Hiülfe
gekommen war, das; er eben ihm, eben diesem Manne sein
Leben zu verdanken haben sollte.
az
Izndes; Nenakuus hatte von seinem Vaier mit dem fata-
listischen Abexglauben desselben auch die Fähigkeit geerbt,'' sich
,o==== =
die Dinge nach seinem inneren Bedürfen zurect zu legen und
zu deuten, und wie seine Kräfte ihm allmählich wiederkehrten,
begani er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen
und Dazwischentreten seines Bastardbruders fiat jenes Zeichen
anzusehen, das er in seiner Eutmuthigung am Vorabende vor
der Schlacht von dem Geschicke gefordert hatte.
Er zweifelte jetzt nicht mehr daran, daß seinem Hause ein
Fortbestehen sicher sei, und der schöne Erfolg, den er persönlich
errungen hatte, als er noch am lezten Tage der Schlacht zum
Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen Hauupimanns er-
nannt worden war, hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht
auf seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben.
Ihne eigentliche lciegerische Neigung war er in das Heer

getreten und widerstrebend in den russischen Krieg gezogen.

----- 14L--
Aber wie wenig er der französischen Sache auch geneigt gewesen,
war, so hatte er doch die begeisterte Vaterlandsliebe nicht gehegt,s
die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich hatte erwachen?
fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war,?
seit er in ihrem Dieuste Blut und Leben eingesezt. Jetzt warz
mit seinem Erfolge auch sein Ehrgeiz angefacht, und wie sein?
Bsick sich vorwärls auf uene Siege, nene Ehren, auf eine große
militärische Lauufbahn richleie, minderlen sich die Sorgen, mit;
denen er nach der lezten Kunde von den Seinigen an die?
Heimath zuriückgedacht hatte.
Er konnte, wie er sich richtig sagte, bei seiner bisherigen,
Unkentnis; von allem, was die Guts- und VermögenEVer-,
waltung anbetraf, auus der Ferne keine grosen, umgestaltenden !
Maßregeln treffen. Es war das Gerathenste, bis zur Beendi-,
gung des Krieges die Dinge gehen zu lassen, wie sie einmal;
eingeleitet waren. Er wies also, als er endlich wieder im Stande -
war, seine Angelegenheiten vorzunehmen, den Justitiarins an, ,
den Contract mit dem Amtmanne zu ernenern, die Wirthschaft
desselben, so weit es möglich sei, zu überwachen, die Inven-
tarien, so gut es thunlich, allmählich herzustellen, die Ausgaben
auf jede Weise einzuschränken und im Nebrigen wie bisher mit
gewissenhafter Treue für ihn und seinen Besiz Sorge zu tragen.
Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas, kam
ihm, nach dem eben erst Erlebten, der Gedanke an die Mög-
lichkeit seines eigenen Todes doch wieder mit verstärkter Macht,
und er sagte sich, daß er nothwendig für diesen Fall, da sein
Vater es nicht gethan hatte, in Bezug auf Vittoria und vor
allen Dingen in Bezug auf Valerio seine Maßnahmen zu treffen
habe. Es war nothwendig, einen Vormund fir Valerio, einen
männlichen Beistand für die Bargnin, einen Curator für die
ganze Vermögens - und Besitz - Verwaltung zu ernennen, und
Renatus wußte lange keine ihn befriedigende Wahl zu lresfen.

-- P1Z- -
Er kannte die Verwandten seiner Matter wenig, aber er
würde dem Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertcauen
seine ganzen Angelegenheiten ibergeben haben, denn die Ehren-
haftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über jeden Zweifel er-
haben; indeß Graf Felix stand, wie Nenatus selbst, im Felde,
und den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenän.tern zu betrauen,
daran wagle Nenaius nichl zu denlent. Allerdingä beurtheilie
er, weil er iberhaupt zu dauuernder Sirenge u: Entschiedenheit
im Urtheile seiner ganzen Nalr nach nichi geneigt war, den
Grafen jezt in manchem Betrachte milder, a an dem Tage,
da er den lezten Brief iber ihn von Hildegacd erhalten hatie.
Er war sich während seines lurzen Kranlenlagers der ver-
hältnißmäsßigen Wandlungen bewußt geworden. welche er selber
in den lezten beiden Jahren in sich erfahren hatie, und es gah
für ihn manche Stunden, in denen er es zu entschuldigen fand,
daß Graf Gerhard sich friher der französischen Sache und
der kaiserlichen Fahne angeschlossen haite. Waren doch auch in
seinem eigenen Vaterhause französische Sikte und Sprache lange
genug alleinherrschend gewesen, und seiner großen Bewunderung
für den Kaiser hatte sein Vater, der verstorbene Freiherr, selber
niemals Hehl gehabt. EI war also denkbar, es war möglich,
man konnte es vielleicht entschuldigen, wie Graf Gerhard es
jezt selber that, daß dieser sich als ein junger, lebhafter und
dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Thätigkeit in
französischen Diensten ein Feld eröffnet hatte. Es war auch
nicht unglaublich, daß die wachsende Tyrannei, die nicht endende
Kriegslust des Kaisers dem deutschen Eelmanne endlich die
Augen über seinen Irrthum geöffnet hatten, und daß er, in
der Rene über seine Verblendung, sich mit doppeltem Eifer und
doppelter Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hinge-
geben hatte. Aber wenn das, wie Graf Gerhard es von sich
behauptete, der Fall war, weshalb focht er jezt uichi in den Neihen

-- hgF--
seines Volkes, seiner Stawesgenossen, seiner Brüüder? Weshalb
setzt er nicht, wie wir alle, sein Leben für die Sache des Vater-
landes ein? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschäzung.
und sein persönliches Mißtrauuen gegen seinen Oheim wurde
dadurch immer wieder auf's Neue' erweckt und verstärkt.
Indeß eine Wahl mußte er treffen, und wie er die Reihe
der Edelleuie durchdachle, die seinem Valer und seinem Hause
verbunden gewesen waren, stieß er auf eine Schwierigkeit, die
er bis dahin nicht in das Auge gefasst hatte. Ein jeder Be-
vollmächtigte mußte, wenn er das Testament des Freiherrn sah,
in welchem Valerio immer und ausdricklich nur als der Sohn
Vittoria's, nie als des Freiherrn Sohn bezeichnet war, die Ver-
hältnisse des Hauses in einer Weise erkennen lernen, wie sie
Andern, Fremden, bekannt werden zu lassen der verstorbene
Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte; und hin und her
erwägend, wie es vielleicht auch nicht einmal rathsam sei, einem
befreundeten Standesgenossen die volle Einsicht in seine ver-
wickelte und schwierige Lage zu vergönnen, bedauerte Renatus
RAT D--
Er hatte Adam wenig gekannt, aber alles, wak er jemals
von dem verstorbenen Caplan und andern Personen über ihn
vernommen, hatte entschieden zu des Mannes Gunsten gelautet.
Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Güteru und
im Dienste des freiherrlichen Hauses, oder wäre er nur auf
Marienfelde und nicht im Heere gewesen, so wirde Renatus,
allem Familien -Herkommen entgegen, ihn zu dem Vormunde
von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne aus-
ersehen haben; und das Adam sich trotz alles Vorgefallenen
hätte geehrt fühlen müssen, von einem Freiherrn von Arten ein
solches Amt zu übernehmen, daran zu zweifeln fiel dem jungen,
in standesmäßigem Hochmuthe auferzogenen Manne gar nicht

-- PgJ--
ein. Er erinnerte sich, daß selbst der alte Flies, der mit seinem
Lobe zu kargen gewohnt war, den Adan. Steinert als einen
der ausgezeichtetsten Landwirthe und als eiuen höchst umsichtigen
Geschäftsmann bezeichnet hakte, und währerd Renatus diesen
Ausspruch noch in sich erwog. fiel es ihm ein, wie der alte
Flies seit länger alö einem Menschenalter mit allen Unter-
nehmungen und auch mit den wachsenden Verlegenheiten des
verstorbenen Freißerrn wohl bekannt gewesen sei und wie es
also vielleicht das Gerathenste sein dinfte, ihn, auf dessen Ver-
schwiegenheit der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen
hatie und an dessen Meinung dem jungen Edelmane im Grunde
nicht viel gelegen war, dem Justitiarius beizugesellen und ihnen
gemeinsam die Vorsorge für die väterliche Verlassenschaft wie
für die in Richten Hinterbliebenen zu überaniworten.
Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn
Flies noch weniger, als er sie von Steinert erwartet haben
würde; denn einerseits hatte der Banauier bedeutende Hypo-
kheken auf Neudorf und auf Rothenfelde, anderseits hatte er
aber auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen,
die fir dessen Erben in jedem Augenblicke unbegnem und ge-
fchrlich werden konnten, wenn Herr Flies sich einmal versucht
fühlen sollte, sie nicht mehr zu verlängern. Es lag also in dem
beiderseitigen Vortheile, in gutem Einvernehmen zu verbleiben.
Dem Herrn Flies mußte es nothwendig gerade darum zu thnn
sein, die Sachverhältnisse genau zu kennen, und - Renatus
schämte sich halbwegs vor sich selber, als er sich dieses Be-
stimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise
auch tiefer, als Jener es begehrte, in das von Arten'sche Fa-
milienleben hineinsah, nun, so konnte man sich immer noch auf
Seba's Freundschaft fir die verstorbene Baronin Angelika ver-
lassen, und schlimmsten Falles, nach den vertraulichen Mitthei-
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. lll.
1

1TG-
lungen des Grafen Gerhard, von Herrn Flies um Seba's willen
Verschwiegenheit gegen Verschwiegenheit beanspruchen.
Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen
lezten Erwägungen und Betrachtungen zu Muthe. Er würde
nie darauf gekommen sein, sie gegenüber einer adeligen Familie
anzustellen; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit einer
Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes. Er stand
mit ihnen, welche Nechte die neuere Zeit und die neue Gesetz-
gebung ihnen auch einräumten, durchaus nicht auf demselben
Boden; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen. Ihre
und seine Ehrbegrife konnten gar nicht dieselben sein, ihre Welt
war njcht die seine, und es blieb ja immer seinem Ermessen
überlassen, sobald die Zeitverhältnisse es ihm gestatteten, eine
Verbindung zu lösen, einen Zusammenhang aufzugeben, die eben
nur durch die zwingende Gewalt der Umstände für ihn zu einer
augenblicklichen Nothwendigkeit geworden waren.
Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes
Verlangen, so bald als möglich seinem Regimente zu folgen, dem
Befehl iber die Compagnie, den er in den beiden letzten Tagen
der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte, nun
als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen,
und selbst die Rüicksicht, das; Paul ein Theilnehmer des Flies'-
schen Handlungshauses sei, änderte schließlich in des jungen
FFreiherrn Vorhaben nichts, sie bestärkte ihn nur noch in dem-
selben. Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Re-
natus vorläufig dadurch keineswegs nothwendig. Bei Geschäften,
wie das Haus Flies sie seit langen Jahren mit seiner Familie
gemacht hatte, fielen aber dem Kaufmanne immer wesentliche
Vortheile zu, und, sagte Nenatus sich mit selbstgefälliger Herab-
lassung, Paul war doch einmal seines Vaters Sohn. Es stand
also, wie der junge Freiherr meinte, den Erben seines Vaters
gar wohl an, dem nicht rechtmäßigen Sohne desselben, wenn es

---- 1g? --
sich so füigte, einen Vortheil zuzuwenden und ihn verdienen zu
lassen, was sonst einem Fremden zufiel. Er war mii dieser
Schlußfolgerung, von großek Niedergeschlagenheit ausgehend, doch
schnell wieder dahin gelangt, sich und seine Verhältnisse zu über-
schätzen, weil es ihm zu quälend war, sie lange in ihrem richtigen
Lichte zu betrachten, und wie er sich nun äuf' Neue nach seinem
selbstgeschaffenen Masßstabe auferbaut hatie, legte er denselben
auch an die Andern an, so das; er sich bald in gutem Glauben
zu der Ausfihrung seiner Absichten entschlos.
Er schrieb dem Justitiarius also, wie ec es gehalten haben
wolle, er schrieb auch an Herrn Flies, wi: jenes Vertrauen,
welches die Freiherren von Arten, sein Grofvater wie der ver-
storbene Freiherr Franz, zu Herrn Flies und zu dessen Einsicht
und Nechtschaffenheit steis gehegt hätien, es ihm sehr wünschens-
werth machten, wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vor-
mundschaft über den jungen Freiherrn Valerio unterziehe, wenn
er der verwittweten Freifrau von Arten wie dem Justitiarius
zur Seite stehe, und Nenatus berief sich dabei ausdrücklich auf
die friheren persönlichen Beziehungen, welche zwischen ihm selbst
und dem Flies'schen Hause obgewaltet hätten. Er meldete es,
daß er Hauptmann geworden sei, erwähnte, daß er in der
Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe; aber er
unterließ es, hinzuzufügen, wem er seine Rettung zu verdanken
habe. Daß er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin
Rhoden aufgefordert, jeden Umgang mit Seba abzubrechen, daß
das bloße Wort des Grafen Gerhard, dem ec in seinen persön-
lichen Beziehungen ganz und gar mißtraute, hingereicht hatte,
ihn den Stab iber Seba, über die Freundin seiner Mutter,
brechen zu lassen, das alles erwähnte er freilich nicht. Er hegte
die feste Ansicht, daß es einem Manne wie ihm anstehe und
erlaubt sei, sich Ider ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der
Werkzeuge zu bedienen, die man aufnehme und liegen lasse, je
zd

. 148--
nachdem man sich ihrer benöthigt finde. Es war das keine
Sache der Ueberlegung bei ihm, es lag ihm im Blute, war ihm
ein angezeugier, angeerbler Glannbe, und er haile iüber dasjenige,
was ihn nicht selbst betraf, niemals ernsthaft nachgedacht, obschon
es ihm, wo er ihn anzuwenden sir gul besand, an Scharssinn
nicht gebrach.
Der versiorbene Freihherr halle sich, wie Renais wuusste,
des Herrn Flies bedient, als es sich um die Unterbringung und
Erziehung Paul's gehandelt, man hatte die Baronin im FlieD'-
schen Hause ihr Krankenlager halten lassen, ohne dadurch sich
irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie ver-
pflichtet zu glauben, und Nenaius war überzeugt, daß auch fir
ihn angemessen und auch jetzt noch möglich sei, was seine Eltern
einst für sich angemessen und möglich gefunden hatten. Er haftete
überhaupt, und wie sollie und lonnte es anders sein, mit seinem
ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen. Die Ehre,
wie er sie versiand, erschien ihm immer noch als ein Vorrecht,
als ein ganz ausschließlicher Besiz des Adels. Nur der Rücblick
auf eine Ahnenreihe konute den Begriff der wahren Ehre, wie
er meinte, in dem Menschen entwickeln. Nur wer sein Thun
und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen
anzupassen hatte, die vor ihm den Familienschatz der Familienehre
gngesammelt hatien, konnte die verantwortlich machende Selbst-
achtung besizen, ohne welche die wahrKhre, uicht bestehen kann:
jene Ehre und jene Ehren, die den mitiellosesten und geistig ge-
ringsten Edelman, als Mitglied einer besonderen Kaste und
einer besonderen Race, über alle Nichtadeligen erheben, welcher
geistigen oder äußerlichen Mitiel und Vorzüge diese sich auch zu
rühmen haben mögen.
Es war nicht allein der Tod seines Vaters, es war miehr
noch das Bewusßtsein der eigenen im Felde bewiesenen Tapferleii,
welche in Renatus den alten Adelsstolz seines Hauses jezt auf's

- g9--
Neue und stärker als je zuvor belebte. Daß um ihn her Tau-
sende und aber Tausende von Nichiadeligen das Gleiche wie er
gethan hatten und thaten, das verminderie seine Selbstzufrieden-
heit nicht im geringsten. Wie es Sitte uner denen von Arten
war, den Familienschmuuck der Franen bei der Verheiralhung des
Stammhauuptes zu vergrösern, so gehörte es sich, daß jeder Herr
on Arten den Slammesschatz der Fan nülienehren zu erhöhen
suchte. Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche
in Richten gebaut; Renatus dachte dem Hause in seinem Namen
neue Ehren, kriegerische Ehren zuzuführen, da die Bahn des
Krieges vor ihm ausgebreitet lag; und nun er sich durch seine
neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt
versichert glaubte, waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über -
ihn gekommen, die ihm sonst nicht eigen gewesen waren.
Nur an Hildegard konnte er nicht mit sreiem Herzen denken,
und es kam ihm schwer an, ihr zu schreiben. Als er sich aber
dazu erst überwunden hatte, beschloß er, es mit aller der Wahr-
haftigkeit zu thun, die einem Edelmanne seiner künftigen Gattin
gegenüüber zieme.
Er sagte ihr, daß er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals
gar nicht in Nebereinstimmung finde, daß er sich jetzt, wo er
dem Tode nur mit genauer Noth, nur wie durch ein Wunder
entgangen sei, in seinem Innern reiflich geprüft, und es erkannt
habe, wie seinem Verlöbniß mit ihr nicht jene Alles umfassende
Liebe zum Grunde gelegen habe, welche die Verbindung zwischen
Mann und Weib zu einer Naturnothwendigkeit mache; aber
daß er sie werth halte, daß er entschlossen sei, sein Wort, wie
es einem Edelmanne gebühre, einzulösen, ja, wie er sich über-
zeugt fühle, daß Hildegard ihn beglücken, daß er sie auf das
wärmse lieben werde, wenn sie aus dem Bereiche der Schwär-
merei in die Wirklichleit hinabsteigen und die fröhliche Zuversicht
zum Leben fassen wolle, die ihm gerade mitten in Todesnoth

- 150---
und Gefahren gekommen sei. Er rieth ihr dan, gegen den
Grafen Gerhard troz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut
zu sein, theilte ihr mit, daß er Herrn Flies und nicht seinem
Oheim die Familien -Angelegenheiten übergeben habe, und bat
Hildegard danach, sich es mit den Ihrigen in seinem Schlosse
gefallen zu lassen und sich von jezt ab als die Herrin desselben
betrachten zu wollen, an deren Seite er in nicht zu ferner Zeit
von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe. Um sich aber ihren
Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig an-
zupassen, kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurick,
deren Begebnisse er ihr ausführlich schilderte; und seine späteren
Träume mit den Erlebnissen und Eindrücken der Wirklichkeit
willkitrlich und ganz bewusgt vermischend, stellte er es ihr mit
allem poetischen Schwunge, über den er verfügte, ausführlich
dar, wie er seines Vaters Stimme plözlich mitten im Gewühle
des Kampfes zu vernehmen geglaubt habe, wie er, die Augen
emporhebend, die Augen seines Vaters über sich leuchten gesehen,
und wie er sich überzeugt halte, daß Gott selbst ihm diesen Bei-
stand, diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe,
um ihm damit Muth und Hoffnung in seiner Trauer um den
Vater und ein Zeichen für das lange, dauernde Fortbestehen des
Hauses derer von Arten zu gewähren.
, Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche
an und denke meiner, so oft Du Dich in unserem Gotteshause
betend niederwirfst!r so schloß er. - Wer aber der Muthige
gewesen war, der ihn geretiet hatte, das schrieb er auch Hilde-
garden nicht.
Er besorgte, für ihr Herz das ganze Ereigniß seines ge-
weihten Eindrucks und seines dichterischen Zaubers zu entkleiden,
wenn er ihr sagte, daß es ein gewöhnlicher Sterblicher, daß es
Paul Tremann sei, dem er sein Leben zu verdanken habe.

Kapitel 11

Frittes
Fuc.
=aa==a==z=====a===e

Erstes Capitel.
luropa zilterte noch unier dem Nacdröhnen der Ereig-
-nisse, welche über den Welitheil hingegangen waren. Zwei
blutige Kriege hatten die Herrschaft Napoleon's vernichtet. Ko-
metengleich, wie er Alles überstrahlend am Horizonte der Zeit
emporgestiegen, war er von demselben verschwunden. Zum zweiten
Male war das zum Herrschen unfähig gewordene Geschlecht der
Bourbonen in seine Heimath zurickgeführt worden, zum zweiten
Male standen die vereinigten Heere in der Hauptstadt Frank-
reichs, während Nayoleon Bonaparte, der dieses Frankreich durch
ein halbes Menschenleben zur Beherrscherin der Welt gemacht
hatte, als ein Verbannter auf dem Rücken des ,Bellerophon'
einsam durch die Fluten des Weltmeeres zog, das ihn für immer
von dem Schauplaze seiner Thaten trennen sollte.
Es war in der Mitte des Sommers; Paris war nie
glänzender erschienen, als eben jezt, wo die vertrieben gewesene
Königsfamilie, wo die zurückgekehrten Edelleute der alten Ge-
schlechter und alle die Tausende von sieggekrönten Fremden sich
für schwere Entbehrungen und Leiden, für blutige Kämpfe und
für Wunden, in den Genüssen entschädigen wollten, die keine
andere Stadt der Welt in so verführerischer Anmuth darzubieten
versteht, als das immer wieder jugendliche, das glänzende, bei
all seiner Majestät und Pracht so liebliche Paris.
Der Tuileriengarten war voll Menschen. Von dem mitt-
leren Pavillon des Schlosses, vom Pavillon de L'Horloge, hing

- J.-=
die weiße Fahne schlaff hernieder. Neber den Rasenplätzen, über
den im altfranzösischen Geschmacke angelegten Blumenbeeten, über
den alten Kastanienbäumen britete die heiße Sommersonne. Jn
den weiten Wasserbehältern, aus denen die Springbrunnen so
hoch gegen den blanen Himmel auufsliegen, das: die fallenden
Tropfen in der Höhe wie flitssige Diamanten erglänzten, zogen
die Schwwänne laugsamn umher. Soldalen aller Grade, Soldaten
aus aller Herren Ländern gingen in den breiten mit großem
Sinne angelegten Wegen auf und nieder, während Schaaren
von Kindern überall ihr Wesen trieben und die Schönen aller
Stände ihren Spaziergang in den Alleen machten oder in,
Gruppen auf den zur Miethe feil gebotenen Stühlen saßen, nm
der Militärmusik zuzuhören, welche hier um Sonnenuntergang
das Publikum alltäglich eine Stunde unterhielt.
Weiter ab, nach dem Ausgange des Gartens hin, wo die
umschließende Terrasse sich nach dem großen Plaze öffnet, daß
man fern hinaussieht über die elysäischen Felder hinweg, bis zu
dem gigantischen marmornen Triumphbogen, den der gefallene
Titan sich und seinen Siegen zum stolzen Gedächtniß aufzurichten.
begonnen hatte, saßen auf einer der steinernen Bänke vier preußisches
Offiziere bei einander. Drei von ihnen, der junge Lieutenant,
der Hauptmann, ein kräftiger Fimfziger, und der schöne Major,
der den linken Arm in einer leichten Binde trug, gehörten der
Landwehr an. Der Oberst war von den Linientruppen.
Er und der Lieutenant, über dessen Lippe der blonde
Schnurrbart sich eben erst zu kräuseln begann, schienen viel Ge-
fallen an dem bewegten Leben zu finden, das sie umgab. Der
Hauptmann und der Major, auf dessen breiter Brust das Eiserne
Kreuz und der russische Annen»Orden sich würdig ausnahmen,
beachteten es nicht sonderlich, und der Letztere hatte schon eine
geraume Zeit gedankenvoll in die Ferne geblickt, als der Oberst
die Beiden mit der Frage anrief: Sagen Sie mir, meine-

--- PJJ--
Freunde, woriüber denken Sie so ernsthaft nach, daß Sie dar-
-über diese liebe, lustige Welt, die sich hier so vergnütglich sonnt
und sich ihres Lebens freut, wie der Fisch im Wasser und wie
der Vogel in der Luft, fast zu vergessen schei ien? Es bleilt
mir nichts als die plumpe Frage ibrig, wenn ich Sie nict
ganz und gar in sich selber versinken lassen will.
Der Hauuyimann hob sein lluges, lrenherziges Auge z
dem Fragenden empok und sagte: Ich dachte darüber nach, ob sie
bei mir zu Hause auch so guntes, trockenes Wetter haben mögen;
die' Weizenernte mus: jetzt im vollen Gange sein. Es ist jetzt das
dritte Jahr, fiigte er mit unterdricktem Seufzer hinzu, daß ich
nicht mehr daheim bin! Ich fange an, mich sehr nach Weib
und Kind, nach Haus und Hof zu sehnen, und obschon meine
Frau und mein Verwalter tapfer durchgeschlugen haben, ist's
doch Zeit, das; ich nach Hause komme. Es ist keine Kleinigkeit
um eine Wirthschaft, der des Herrn Auuge fehlt! Ich habe
hier keine Ruhe mehr.
Da geht's Dir wie mir, mein Freund, rief der Major;
Feit ich aus dem Lazareth bin, läßt's auch mich hier nicht mehn
Jrasten. Die Ruhe macht mich unruhig, und da der Friede jetzt
eine ausgemachte Sache ist, bin ich gestern um meinen Abschied
eeingekommen.
, Um Ihren Abschied? frggten der Oberst und der Lieute-
mnant wie aus Einem Munde. Das ist nicht Ihr Ernst.
Haben Sie denn vergessen, meine Freunde, daß ich Kauf-
man bin, daß mein greiser Freund und Compagnon jetzt seit
mehr als vier Jahren alle Sorgen des Geschäftes allein ge-
tragen hat und daß es eine Ehrensache für mich ist, ihm so
Hald als möglich die schwere Last von seinen Schultern zu nehmen?
Aber nach den Erfolgen, die Sie gehabt haben, lieber
,äremann, nach dem militärischen Nange, den Sie einnehmen, nach
den Auszeichnuungen, die Sie erworben haben -- er wies auf

17G--
die Orden, welche Paul auf seiner Brust trug - und vor
Allem nach der Tapferkeit und dem militärischen Talente, welche
Sie bewiesen, sind Sie fir Ihren jezigen Stand wie geschaffen!
meinte der Oberst. Ich firchte, das ruhige Leben des Ge-
schäftsmannes wird Ihnen jetzt nicht mehr wie sonst behagen,
ganz abgesehen davon, daß sich Ihnen in dem Heere doch eine
andere, eine voriheilhaslere und schönere Lausbahn dargeboten hak.
Paul lächelte. Kennen Sie mich so wenig, lieber Werben?
sagte er. Ich bin zu sehr auf Thätigkeit gestellt, um jemals
im Frieden einen guten Soldalen abzugeben, und viel zu sehr
an Unabhängigkeit gewöhnt, nm ohne zwingende Nothwendigkeit
auf dieselbe zu verzichten. Im Kriege war das etwwas Anderes.
Da verlangte jeder Tag den ganzen Menschen, da brachte jeder
Tag neue Aufregungen, forderte rasche, selbstständige Enischei-
dung; man gelangte immer und immer wieder, wie der Kauf-
mann das gewohnt wird, zu dem Bewußtwerden aller seiner
Kräfte und seines Einflusses auf Andere; man genoß in jedem
Augenblicke die Genugthuung irgend eines Erfolges, wie wir!
deren in unseren wohlberechneten und darum wohlgelingenden
Geschäften haben. Jetzt, seit den drei Wochen, seit denen man
mich aus dem Hospitale entlassen hat, werde ich meiner nicht
mehr froh. Ja, ich war in der That im Lazarethe, fitgte er
scherzend hinzu, für mein Gefühl weit besser daran, als jetzt,
da ich wieder zu den Geheilten und Gesunden zähle; denn das
Kranksein, das Schmerzertragenmilssen war doch immer noch
eine Art von Arbeit, eine Art von Leistung. Und was die
vortheilhafte Laufbahn anbetrifft, so wüßte ich keinen Rang und
keine Stellung in der Welt, die mich wünschenswerther dünkte,
als die eines völlig freien, unabhängigen Mannes.
Es entstand eine kleine Pause. Der schlanke Lieutenant,
der .seit seinem Ausmarsche aus der Heimath noch ein tüchtig
Stück gewachsen war und dem das Leben in den großen Städten

eben so wohl gefiel, als er sich selber in der Uriform, sah ver-
legen vor sich hin. Er hatie von seinem Veter in den lezten
-Tagen sehr ähunliche Eimwenduungen hören missen, als er seinen
Wunsch geäußert hatte, ganz im Kriegsdienste zu bleiben, währAn
es Adam Steinert nicht zu Sinne wollte, daz sein Aeltester
ein anderes Gewerbe treiben sollte, als den Landbau, bei dem
die Familie hergekommen und gediehen war eit lieber, langer
Zeit. Auch der Oberst von Werben fand kein besonderes Be-
hagen an seines Freundes Aeuszerungen. Er halie allerdings
mnch de erslen ungliücklichen Kriege duurch eine Reihe von Jahren
das biirgerliche Kleid getragen und zu der Zeit, in welcher der
Kampf gegen Napoleon sich vorbereitete, es off genuug ausge-
sprochen, wie die Kraft eines Volkes nicht in nem stehenden
Heere, sondern in dem Selbstgefihle und in dem Freiheits-
bedürfnisse jedes Einzelnen im Volke beruhe; aber er war ein
geborener Edelmann, sein Vater und seine Voreltern hatten
den Königen gedient, auch er war mit sechszehn Jahren in das
- Heer getreten, und die erfochtenen Siege, wie groß die Mit-
wirkung der Landwehr an ihnen auch gewesen war, hatten dem
Berufssoldaten doch einen neuen Einfluß und eine neue Macht
gesichert. Der Oberst konnte sich also in das Selbstgefühl seines
Freundes nicht mehr so völlig finden, als in den Tagen, in
denen er, ein aus dem Dienste entlassener Offizier, in dem zer-
schlagenen Vaterlande vergebens nach Rettung fir dasselbe aus-
gespäht hatte.
eber eines Menschen Neigung und Beruf ist nicht mit
ihm zu streiten! sagte er, und man konnte ihm die Empfid-
lichkeit anhören, mit der er Paul den Stand des Kaufmanns
gegen den seinigen erheben hörte. Ich bin auch weit entfernt,
die Macht des Geldes zu unterschäzen; nur glaube ich, daß es
noch ein Höheres gibt, als den Besiz. und Sie selbst, lieber
Tremann, waren dieser Ansicht ebenfalls, als Sie Hab und Gut

-- 158---
im Stiche ließen, um dem Vaterlande Ihre Kraft zu weihen,
um sich, wie Sie es damals nannten, Ihr Bürgerrecht in der
früh verlassenen Heimath zu erwerben.
Nun, mich dünkt, das habe ich gethan! entgegnete Paul
und maß den Obersten mit einem so festen, stolzen Blicke, daß
Steinert und dessen Sohn, so genau sie ihn zu kennen glaubten,
von seiner Haltung sich betroffen fühlten, und der Oberst, der
im Grunde durchauus nicht die Absicht gehabt hatie, ihn zu ver-
lezen, sich in seine Aufwallung nicht finden konnte.
Paul wurde auch schnell wieder Herr üüber sich, und ein-
lenkend ssrach er: Wohl unns, das; jeder vo uns mii seinemn
eigentlichen Berufe so wohl zufrieden ist und groß von ihm
denkt. Die Gesamiiheit lann es besser nicht verlangen. Indeß,
damit Sie über mich in keinem Zweifel bleiben können, gesiehe
ich Ihnen, daß ich den Besiz als Mittel zum Zwwecke, als hes
wegende Kraft, als Grundlage aller Civilisgtion und Freihe..
über Alles schäze und das; es mir finr Jeden, dessen Anvesen-
heit im Heere jezt nicht mehr eine Noihwendigkeit ist, geboten
scheint, nach Hause zu gehen und, so viel an ihm ist, an der
Wiederbelebung unseres Wohlstandes zu arbeiten. Der Boden
lechzt nach den Armen und Händen, die ihn pflügen und bauen,
und das Capital, so weit es vorhanden ist, nach den Kräften,
die es in Bewegung sezen, um es zu vermehren; denn reicher
geworden sind in diesen lezten Zeiten gewiß nur Wenige von
uns. Aber wo Handel und Gewerbe so lange gestört worden.
sind, ist dafür in den nächsten Jahren ohne Frage auch eine
erfolgreiche Thätigkeit für denjenigen zu finden, der es begreift,
wo sie zu suchen ist.
Er erhob sich bei den Worten; auch die Anderen standen
auf, denn es traten Bekannte hinzu, welche die Unterhaltung
unterbrachen, und man trennte sich bald danach.
Paul und der Hauptmann schlugen den Weg nach dem

-=- PZI-
jenseitigen Seineufer ein, um noch einen ruhigen Abendspazicr-
gang zu machen; die Anderen gingen in größerer Gesellschaft
nach dem Palais Royal, in welchem sic in jener Zeit gegen
den Abend hin vor den Kaffeehäusern und in den Speisehäusern
die Fremden zusammenfanden.
Du hast vorhin eine Aeußerung gerhan, sagte Steinert,
achdem er schweigend eine Strecke neben Tremann einherge-
gangen war, mir dem die Waffenbrüderschaft und die gemeinsam
getheilten Gefahren ihn eng verbunden hatien, die mich beun-
ruhigt. Ich ficchte, Ihr gehört zu denen, welche durch die Kriegs-
jahre Verliste erlilien haben.
Paul stellte das nicht in Abrede. Er gestand dem Freunde
vielmehr, daß der Fall groser russischer Häuser, mit denen er
und sein Compagnon gemeinsam gearbeitet und fiür die sie dem-
gemäß Verpflichtungen ibernommen hätten, sie stark angegriffen
habe. Es blieb uns in dem Augenblicke, da der Krieg ausbrach,
eben nur die Wahl, uns selbst gleichfalls fiür zahlungsunfähig
zu erklären, sagte er, oder mit Hintansczung jeder anderen Rück-
sicht unsern Gläubigern gerecht zu werden. Das Leztere ist
geschehen. Unser Vermögen ist dabei aber in dem Grade zu-
sammengeschmolzen, in welchem unser Credit gewachsen ist.
Er sprach das mit großer Gelassenheit, obschon seine freie
Stirn sich etwas verdüsterte. Der Hauptmann wollte wissen,
wann Tremann die Nachricht erhalten und warum er nie davon
gesprochen habe.
Ich erhielt die Nachricht am Tage , vor der Schlacht an
der Kazbach, entgegnete Paul, und den Arm in seines Freun-
des Arm legend, sagte er: Wir standen einander damaS noch
nicht so nahe, daß ich Dir es hätte sagen mögen, und ich bin
es auch gewohnt, dergleichen mit mir selber abzumachen. Ich
versichere Dich aber, ich habe oft mitten im Gewühle des
Kampfes, mitten in den, blutigen Gefechten mit Sorge, ja, mit

= == ßß -=
Angst an die Möglichkeit memes Todes gedacht, und es wird
Dir eben so gewesen sein; denn den Tod nicht fürchten, den
Tod verachten kann nur derjenige, dessen Leben für keinen an-
deren Menschen Werth hat.
Wem sagst Du das? rief Steinert aus, und seine Augen
feuchteten sich bei der Erinnerung, wie oft seine Gedanken im
Gesechle sich zu Weib und Kind gewendel hailen.
Paul lies sich jedoch nicht unterbrechen. Das Prahlen
mit der Todesverachtung ist mir immer als eine elende Lüge
oder als das umwillkiirliche Zgesländnis groser Unfähigleit und
großer Selbstsiicht erschienen, fuuhr er fort. Wir sind jezi hier
Alle in der Lage gewesen, unser Leben fir die Befreiung
unseres Vaterlandes in die Schanze zu schlagen; das hat mich
aber nicht gehindert, es stets zu wünschen, daß das meinige
auufgespart bleiben möge; denn es liegt viel auf mir und ich
habe Pflichten gegen geliebte Menschen zu erfüüllen. Die russi-
schen Geschäfte sind von unserm Hause auf meinen Antrieb
unternommen worden und haben grosße Vortheile gebracht, bis
sie dann plözlich weit mehr als die Hälfte unseres Vermögens
verschlungen haben. Seba ist an Reichthum gewöhnt, Davide
in demselben, ohne daß sie eigenes Vermögen hätte, aufgewachsen,
und der alte Flies hat ein langes Leben damit zugebracht,
seinen Besiz und seine kaufmännische Stellung zu begründen.
Sie sind sammt und sonders wohlthätig und mittheilsam; sich
zu beschränken, würde ihnen allen schwer fallen, und es wan
auch bis jezt noch keine Veranlassung dazu. Wo Eredit, W
beitsteakt zng ßfnsicht ßß die Ferhlnissg ge;, Zeit pöaneü
=as za=ssszKeweaHGoeSggggpe
sind, braucht man nicht ängstlich zu f-n: sie sind Vermöen
J lbeükägei sder verwändeln sich mehr odek' ßenigek schnu
auch wieder in greifbaren Besiz. Unser Credit hat sich, weil
wir alle diese Krisen überstanden haben, wie gesagt, erhalten;
aber mit siebenzig Jahren hat man die rasche Entschlossenheit,

----- 16--
den sicheren, schnellen leberblick nicht mehr, deren der Kaufmann
nicht entrathen kann, und ein Kaufmann im großen Slyle
war mein alter Wohlthäter niemals. - Er machte eine kleine
Pause und figte dann hinzu: Du siehst also, dasf ich nach Hause
gehen musß, und es scheint mir nicht, als ob man uns Frei-
willigen dabei große Schwierigkeiien in den Weg zu legen denke.
Sieinerl wollle wissen, auuf welche Weise Jener um seinen
Abschied eingelommen sei. Paul sagte, er habe vorläufig nur
einen Urlaub auf drei Monate begehrt; nach Verlauf derselben
werde man voraussichtlich so weit mit den Friedensverhand-
lungen vorgeschritien sein, das; man die Landwchr in die Hei-
mnath entlassen werde, und dann gehöre ohnehin Jeder wieder
sich und seinem bürgerlichen Berufe. Steinert sah das als
richtig ein und beschloß, das gleiche Verfahren für sich einzu-
schlagen; nur wegen seines Sohnes konnte er zu keinem Ett-
schlusse kommen. Aber auch hier gab Paul den Ausschlag.
Er rieth, den Jüngling vorläufig noch im Heere zu lassen, na-
mentlich wenn das Regiment, wie es den Anschein hatte, in
- Paris verbleiben sollte. Dein Sohn, sagte er, wird hier des
Französischen vollständig mächtig, lernt die Welt, die Menschen
,kennen und sieht und hört, was ihm später auf Eurem Dorfe
nie geboten werden kann. Las; ihn bis zum völligen Frieden
Fim Regimente und dann übergieb ihn mir.
Meinst Du, daß er Kaufmann werden soll? fragte Steinert
mit einer gewissen Aengstlichkeit.
Paul lachte troz des Ernstes ihrer Unterhaltung hell auf.
Und Du willst Dich über die Vorurtheile des Adels beklagen,
-rief er, während Dir selbst der Kastengeist so kief im Blute
steckt, daß der bloße Gedanke, ein Adam Steinert könne etwas
Anderes werden, als ein Landwwirth, oder etvas Anderes thun,
als in Eurer Provinz den Boden bauen, Dich schon unheimlich
berihrt? Ihr kommt noch dahin, Euch Adam Steinert der
F. Le walv, Von Geschleeh: zu Geschlech1. lk. 1

-= - -sZ -- --
Vierundvierzigste zu nennen, wie unsere kleinen Fürsten, wen-
Ihr so fortfahrt, wie bisher. Aber sei unbesorgt, er soll den
Acker bauen, wie Du selbst, nur vorläufig nicht den Eurigen.
Steinert antvortete nicht gleich; denn lein älterer Mann
erträgt es willig, sich von der besseren Einsicht eines jingeren
zurecht gewiesen zu sehen. Indeß Paul besaß die auf Erfah-
rung und auus verständiges Sellstverirauuen gegrindeie Kraft,
die Menschen leicht von dem Richtigen zu iberzeugen und, weil
er immer Herr über sich selber war, auch ohne daß er eö suchte
und wollle, Herrschaft über Andere zu gewinnen. So währte
es denn nicht lange, bis Steinert, den kleinen Unmuth über-
Z ? - pn=- e == =
Ihn nach Amerika hinüberwerfen.
Zu welchem Zwecke?
Damit er vor allen Dingen das Gehorchen verlernt!
Steinert verstand nicht, was Tremann damit sagen wolle;
dieser war also genöthigt, sich deutlicher zu erklären.
Es ist mir an Deinem Sohne aufgefallen, sagte er, daß
er bei unverkennnbar guten Anlagen unselbständig ist, und das
ist nicht seine, sondern seines Lebensweges Schuld. Du bist
ihm ein wackerer Vater gewesen, hast ihn streng zum Gehorsam
erzogen, und das erste Kindesalter hat das nöthig, denn in ihm
muß der vernünftige fremde Wille die eigene mangelnde Ver-
nunft ersetzen. Aber Eure Schulen, wie sie jetzt sind, fordern
ebenfalls unbedingten Gehorsam von dem Knaben; Alles ist
vorausbestimmte Regel, Alles vorausgesehen, der ganze Beg
von der Kindheit bis zum reiferen Jünglingsalter für Alle der-
selbe, für Alle unwandelbar festgestellt; das schadet der reien
Entwiclung ggg ßßggjöulichkeit. Nun ist er aus der Vormund-
schaft des Vaterhauses und der Schule noch in das Heer ge-
treten, wo abermals fremder Wille seine Schritte vorgezeichnet

----- 16I
Hät und Gehorsam seine erste Pflicht gewesen ist. Er kenut
hlso noch gar nichts Besseres, als piinttliches Unterordnen unter
Finen fremden Willen, und eben darum fühlt er auch die Nei-
hgung, in einer lebenslänglichen Usifreiheit und Dienstbarkeit zu
Jleiben, wo diese, wie im Heere, mit einem gewissen äusern
Glanze und in die Augen fallenden Auuszeichuugen verbunden
Zind. Göne ihu deuun die Zeii, einmal gelegenilich den Druuck
ker Abhhängigleit zu enppfinben, gönne seiner Ingend auch den
Kriumzh, mit unsern Truppen den feierlichen Siegeseinzug in
fie Heimath zu theilen, und dann wollen wir weiter von der
fSache sprechen und sehen, ob wir ihm die Lust am Dienen
Licht abgewöhnen können.
Wir Steinert's haben so lange gedient, meinte der Vater, daß ..
Daß es endlich Zeit war, sich frei zu machen, fiel ihm
ger Andere in die Rede, weil er befürchtete, daß Aam's Em-
Ffindlichkeit noch uicht völlig überwunden sei, und daß Dein
Fohn sehr unrecht ihun würde, freiwillig auf die Vortheile zu
Jerzichten, die Deine rüstige Etschlossenheit ihm bereitet hat.
Fir weiß, daß ich im Vereine mit, dem englisch-amerikanischen
Hause, in dem ich früher gearbeitet habe, Landankäufe in Amerika
Femacht habe und noch zu machen denke, die verwerthet werden
hollen. Dabei können wir junge Leute, die, wie Dein Sohn,
Fn der Landwirthschaft aufgewachsen und bei lhr hergekommen
Fnd, verwenden, und er kann, indem er unseren Absichten dient,
ßich die Grundlagen eines selbständigen Vermögens erschaffen,
hnit dem er sich dann später in der neuen oder in der alten
Welt auf die eigenen Füße stellen mag, auf denen jeder Mann
Jenn doch am besten steht. Diese Aussicht will ich ihm eröffnen,
Fee ich gehe, vorausgesetzt, daß sie Deinen Ansichten nicht wider-
raRaaree
Aber die Freude an den blanken Epaulettes davontragen sollte.
1

--hße.-
Steinert drickte dem Freunde die Hand. Du bist sAz
gut, sagte er, den selbst mit Sorgen beladen, sorgst Du Dichj
um Andere, und während Du eigene, schwere Vermögensverlusiss
zu ersezen hast, deulst Du daran, das Vermögen Dritier zus
begründen. Wie soll ich Dir das danken?
Dannten? wiederholte Paul; davon lann ja in dieser ein
fachen Angelegenheit gar nicht die Nede sein. Sieh', fuhr et!
dann, nachdem sie eine Weile schweigend neben einander her
gegangen waren, in seiner Rede fort, sieh', das dünkt mich ssj
schön am Leben, daß für denjenigen, der geneigt ist, die Ver-j
hältnisse einfach zu nehmen, sich Alles einfach macht oder doähs
mit leichter Mühe zurechtlegen läßt, wenn der Mensch nur errstj
begriffen hat, das; sein Vortheil und der Vortheil aller Anderenj
gleichbedeutend sind. Zu dieser Einsicht gelangt aber Niemand!
so leicht und so sicher, als der Kaufmann, der durch tägliches
Erfahrung darüber belehrt wird. wie sein Wohlstand auf den
Wohlstand Anderer begründet ist, und wie er den seinen nichi!
veniehöeii kann, wenn er das allgemeine Capital des auf derj
Erde vorhandenen Besizes nicht vergrößern hilft. Es ist füt!
mich schon lange eine Neberzengungssache, daß klng und gut in!
gewissem: Sinne gleichbedeutend sind, und das: man immer dass
Gute thut, wenn man das von den praktischen Verhältnissenj
Gebotene befördert. Inn großen Sinne ein Kaufmann zu sein,,
ohne seinen sitilichen Werth dadurch zu erheben, scheint mir fasts
unmöglich.
Man sollte an die Richtigkeit dieses Sazes glauben, meinteß
der Andere, wenn man Dich vor Augen hat, und doch, daßs
ich Dir es ehrlich gestehe, haben der Glickswechsel und die Un-s
sicherheit der Zustände, wie sie sich im Handel kundgeben und
wie Du sie an Dir selber jezt ersahren msssen, etwas, dasß
mich gegen den Handel einnimnut und mich, wie ich einmalß
geartet bin, unfähig gemacht haben würde, ihn zu betreiben.

= ,ßJ-
Pon einem Tage zum andern nene Plane zu schmieden, be-
Fändig über Erfolg und Mißlingen im Ungewissen, fariwährend
hnit seinem Sine auf die Verhältnisse der ganzen Welt ge-
ßichiet zu sein, wäre meine Sache nicht. Ich mß den festen
Grund und Boden unler meinen Fißen fihlen, ich will es ner
ßnit ihm und mit den natüürlichen Ereignissen, die Gott uns
Fchict, zu' thun haben, wgll der Erde abgewinnen, was sie mir
Pu bieten hat, und mit langsamer Beharrlichkeit die Hindernisse
ßberwinden, die sich mir entgegenstellen, die Wuunden heilen,
Jie mir, wie Dir und Andern, durch diesen Krieg geschlagen
ßworden sind. Zum Kaufmanne muß man geboren sein; in
ßmserem Blute liegt es nicht!
Als ob es in dem Blute läge, aus dem ich stamme, als
zich von dem Freiherrn von Arten oder von meiner armen
Mutter die Einsicht und die eberzeugungen vererbt erhalten
Hätte, aus denen ich lebe! hätte Paul entgegnen mögen. Aber
hr hielt den Ausruf vorsichtig zurück. Er wußte, daß er hier
ßn der Grenze stehe, über welche hinaus der Andere ihm
ßicht zu folgen vermochte, weil er, aufgewachsen in den Neber-
Feferungen eines alten Familiengeistes und nicht vollständig ge-
Hßildet, nicht fähig war, aus dem Kreise herauszutreten, in dem
h sich rüstig zu bewegen gewohnt war, und eben so unfähig,
Fch über sich selber zu erheben und, von sich absehend, sich in
der Allgemeinheit wiederzuerkennen.
Sie hatien während dessen Paul's Quartier erreicht, und
Adam verließ den Freund, weil dieser, wie er es nannte, noch
Feine Post zu besorgen, das heißt die Briefe zu schreiben hatte,
it denen er, seit er nach dem zweiien Einzuge der Alliirten in
Faris wieder zu einer gewissen Nuhe gelangt war, die Verbin-
Fung zwischen sich und seinem Handelshause und seinen Geschäfts-
t :t Ma=

Kapitel 12

Il weites Capitel.
la war spät am Abende, als Paul das Siegel auf denz
letzten seiner Briefe drickte. Ein Courier, welchen der Feld-
marschall in der Frühe des nächsten Morgens in die Heimath!
entsenden wollte, hatte die Beförderung dieser Briefe zugesagt.
und Paul hatte eben seine Feldmütze aufgesetzt, um das Pacel,
der Sicherheit wegen, selbst in die Kanzlei des Feldmarschalls,
zu tragen, als ihm unten vor der Thüre seiner Behauusung ders
Postbote ein Schreiben aushändigte, das durch eine Estafetiej
z
für ihn aus Berlin angekommen war.
Er trat in das Haus zurück, um den Brief zu lesen. Erj
war von Seba geschrieben und enthielt nichts als die Worte:s
, Unser theurer Vater ist von einem Schlaganfalle getroffen, man!
gibt wenig Hoffnung für seine Erhaltung. Er äußert, so weiis
er sich verständlich machen kann, das Verlangen, Dich zu sehen.l
Ist es möglich, so kehre heim, wenn auch nur, um wieder forö-
zugehen. Davide und ich sind wohl.
Paul las den Brief noch einmal durch, dann steckte er ihn;
ein, warf sich in den ersten Wagen, dessen er habhaft werden?
konnte, und befahl, ihn zu dem Commandirenden seines Regiments?
zu fahren. Aber weder sein General noch sein Adjutant waren?
in ihrer Behausung anzutreffen, und Paul wollte abreisen, gleich
abreisen, und doch nicht ohne Urlaub seine Fahne verlassen.
Einen Augenblick stand er unentschlossen da; dann hieß er den

-- 1ß? --
Kuischer, ihn nach de Schlosse hinzusaren, in welch:i der
König von Preuszen Qartier genommen hatte.
Es war, wie er wußte, ein großer Empfang bei dem Kö-
nige angesagt, alle anwesenden Fürsteg waren eingeladen, der
Feldmarschall konnte dort nicht fehlen. Seine Uniform und
sein Nang bahnten Paul den Weg. Er wendete sich an einen
der diensulhnenden Offiziere und verlangte in dringenden Geschäften
mit deu Fürsten Feldmarschall persdulich z sprechen. Man fihhrte
ihn duurch verschiedene Galerieen und Säle ud hieß ihn warten.
Der ganze vordere Flügel des Schlosses schimmerte in dem
Lichkglanze des Festes. Er sah durch die geöffneten Thiren in
der Ferne eine grose Gesellschaft sich bewwegen, reiche Uniformen,
prächtig geschmüickte Frauen gingen hin und wieder, fröhliche
Musit schlng in grellem Gegensaze zu seiner Stimmung an sein
Ohr. Die Secunden, die Minuten dehnten sich ihm furchtbar
aus, und doch war e nichts Unerwartetes, was er erfahren
hatte, nichts, was ihn unvorbereitet fand.
Er hatte sich es oft gesagt, daß sein alter Freund dem
Ziele des Daseins nahe sei, ja, er hatte bei den neuen Unter-
nehmungen, in welche er sich eingelassen, stets darauf gerechnet,
daß er allein sie durchzuführen haben werde. In mancher ein-
samen Stunde, an manchem Bivouakfeuer hatte die Sorge ihn
beunruhigt, wie die Geschäftsfihrung möglich sein würde, sollte
Herr Flies vom Tode fortgerafft werden, ehe der Krieg beendet
und er selber seiner eigentlichen Thätigkeit zurückgegeben sein
werde. Und doch war es nicht das, was ihn so ängstlich den
Zeiger der Uhr verfolgen ließ. Nicht umt Geld und Gut, nicht
um Handel und Erwerb war es ihm zu thun in diesem Augen-
blicke: er wollte sein Theil haben an Seba's Schmerz, an Da-
viden's Kummer, er wollte sie mit ihnen gemein haben, den
lezten Blick und das letzte Wort des Mannes, den auch er wie
einen Vater liebte.

16s-
Mitternacht war vorüber, als der Feldmarschall rasch und ;
mit festem Schritte, gefolgt von einem Adjutanten, in den Saal ;
trat. Er hatte beim Spiele gesessen, als man gekommen war,
ihn abzurufen, und seine zusammengezogenen buschigen Brauen
zeigten den Unmuth iber die uuwillkommene Störung. Wer
sind Sie, was wollen Sie? fuhr er den Wartenden an, während
er ihn mit dem scharfen Blicke seiner grauen Augen musterte.
Mein Name ist Treman, ich bin Theilnehmer des Eurer
Durchlaucht wahrscheinlich bekaunten Handlungshauuses Flies und
habe seit dem Frühjahre achtzehnhundertdreizehn als Freiwilliger
unsere Feldzüge uitgemacht.
Ich weiß, ich weiß! unterbrach ihn, sich erinnernd, der
Fürst, und durch den Aublick des Eisernen Kreuzek günstiger
für den Sprechenden gestimmt, fügte er hinzu: Sie haben Ihr
Kreuz bei Bar sur Aube erhalteu, Sie waren verwundet! Was
haben Sie zu melden?
Nichts, als daß ich mir den Zutritt zu Eurer Durchlaucht
mit einer Unwahrheit verschaffte, weil ich eine Vergünstigung
zu fordern habe.
Herr! Reitet Sie denn der Teufel, daß Sie mich dazu
um Mitternacht aus des Königs Sälen rufen lassen? fuhr der
Alte auf und wollte sich mit einem neuen und noch derberen
- Fluche entfernen, aber Paul's Anruf hielt ihn zurück.
Ich muß Eure Durchlaucht bitien, mich zu hören, sagte
er mit solcher Festigkeit, daß der Feldmarschall sich auf's Neue
zu ihm wendete. Nothwendige Geschäfte in der Heimath hatten
mich schon vor einigen Tagen bestimmt, um einen dreimonat-
lichen Urlaub nachzusuchen! Er ist mir noch nicht ertheilt wor-
den, und ich erhalte in diesem Auugenblicke die Nachricht von der
iödtlichen Erkrankung meines Compagnons! Meinen Regiments-
Chef habe ich nicht finden können, und ich muß fort, noch in
dieser Nacht fort, denn man verlangt meine Rückkehr und ich

- PI--
erkenne sie als dringend nöthig! Geben Sie mir den Urlaub,
dessen ich bedarf!
Ist nicht meine Sache! rief der Fünst. Sehen Sie zu,
wie Sie Sich selber helfen! - und abermals wollte er sich ent-
fernen.
Das wird schnell geihan sein, entgegnete Paul, sich leicht
verneigend; nur werden Eure Durchlaucht morgen den Namen
des preußischen Mäjors, der aus Ihrer eigenen Hand sein Eiser-
ies Krenz als Ehrenzeichen empfangen hct, als den Namen
eines Deserteurs am Schandpfahle lesen können, denn ich gehe
noch vor Tagesanbruch fort!
Der Feldmarschall wendete sich zu ihm zurück. Er war
-der Mann, jede Art von Entschlossenheit zu schätzen. Und wenn
ich Sie verhaften lasse? fragte er, indem er Paul, wie es seine
Weise war, mit seiner starkknochigen Hand am Nockknopfe faßte
A und nahe an ihn herantrat.
So werden Durchlaucht schuld daran sein, wenn ich meinen
I persönlichen Verpflichtungen nicht eben so wie meinen Pflichten
Fgegen den König und das Vaterland genügen kann! entgegnete
Fer, und ohne dem Feldmarschall Zeit zu einer Antwort zu lassen,
Ffügte er hinzu: Der Lieutenant von der Marwell geht in drei
FStunden als Eurer Durchlaucht Courier von hier ab! Geben
FSie mir den Urlaub, den ich brauche, und dem Lieutenant die
TWeisung, mich mit sich zu nehmen. Ich bin des CourierRei-
F sens aus früheren Zeiten wohl gewohnt!
F Der Feldmarschall schien in seinen Erinnerungen nachzu-
zspähen. Tremann, Tremann? wiederholte er, ich habe den
FNamen schon vorher gehört! Sind Sie der Tremann, durch
dessen Hände vor dem Kriege ein Theil unnserer Briefe nach Ruß-
- land gegangen ist?
Derselbe, Eure Durchlaucht.
Da muß man ihm das Desertiren doch unmöglich machen,

-- 17ß---
sagte der Füirst, sich lächelnd zu seinem Adjuianten wendend.
denn der wäre capabel und beginge solchen Streich! Ist ein
Stick Papier zur Hand?
Der Adjuuiant zog seine Brieslasche hervor und ris ein
Blatt aus derselben. Der Füst setzte in die unterste Ecke des-
selben mit Bleisiift seinen Namen und reichte eö dem Ajutanien.
Schreibei Sie ihm dariber, was er haben will, und der Mar-
well soll ihn mir vom Halse schaffen, damit er mir nicht wieder
die Partie verdirbt!
Er ging mit freundlichem Gruße an Paul vorüber. Drei
Stunden später halte dieser daö glänzende Paris verlassen und
fuhr an der Seite des preußischen Couriers durch die warme
Sommernacht der deutschen Grenze z.
Er hatte Berlin nicht wiedergesehen, seit er heimlich mit
Herrn von Werben aus der Stadt geflohen war. Der Truppen-
theil, welchem er angehörke, hatte im ersten Feldzuge die Haupt-
stadt nicht berührt und war achtzehnhundertvierzehn noch am
Rheine gewesen, als man die Landwehren auf das Neue zu den
Fahnen gerufen hatte, weil Napoleon von Elba zurückgekehrt
war und noch einmal die Brandfackel des Krieges über dem kaum
beruhigten Welttheile angezindet hatte.
Je näher Paul der Heimath kam, um so banger bewegten
Furcht und Hoffnmg ihm das Herz. Werde ich ihn noch finden?
fcagte er sich immer wieder, wenn seine Gedanken eine Weile
eine andere Richtung genommen hatten, und es kamen Augen-
blicke, in denen er dem Schicksal grollte, daß es ihn so, eben
so, zu den Seinigen wiederkehren lasse. Er war noch jung
genng, um ungern und schwer von seinen Hoffnungen zu schei-
den, und er hatte an den Tag, an welchem er inmitten der
Landwehr, an der Spize des Zuges, den er in mancher Schlacht
geführt, in die Hauptstadt einziehen würde, oft mit freudigemi
Borgefihle gedacht. Dann hatte er sich beschieden, darauf Verzicht

--- 17! -- --
zu leisien, aber das er in solcher Sorge, unier der Pein einer
solchen Ungewißheit aus dem Felde wiedeckehren solle, dünkte
ihn doch hart.
Es war srih am Morgen, als der Feldjäger den leichten
Reisewagen vor der Thire des Flies'schen Hauses halten ließ.
Das Schlafzimmer des Hausherrn lag nach der Straße hinaus
- die Vorhäuge waren heruntergelassen, die Fenster offen. Was
bedeutete daö? War Alles voriber, oder war der Kranke so
weit genesen, daß man ihm wieder die Wohlthat der sommer-
Uchen Luft und Wärme zukommen lassen durfte, während man
ihn vor dem grellen Lichle noch zu hliten hatte? -- Das Herz
klopfte ihm, als stände er wieder vor dem Feinde, und er stand
ja auch vor ihm, vor dem Feinde alles Lebens, vor dem Tode!
Mit raschem Griffe nahm er das wenige Gepäck, welches
er mit sich führte, von dem Wagen herunter und eilte in das
Haus. Die schwarze Kleidung des Dieners sagte ihm Alles.
Er fragte nach den Frauen. Man wies ihn nach dem Gartensaale.
Seba und Davide sasen bei dem Frühstücke. Als Paul
in die Thüre trat, fuhren sie beide erschreckend auf. Man hatte
ihn so früh nicht zurückerwarten können. Mehr als drei Jahre
waren vergangen, seit sie einander nicht gesehen hatten. Mitten
in der Lust eines Festes war er von ihnen gegangen, nun fand
er sie im Hause des Todes in tiefer Trauerkleidung wieder.
Ich komme zu spät!-- das war alles, was er sagte.
Seba gab ihm nur mit leiser Neigung des Hauptes Antwort.
Ihr fehlte die Kraft zum ruhigen Worte, und sie wollte ihren
Schmerz durch lauten Aufschrei nicht entweihen. Er nahm sie
an sein Herz, er küßte ihre Stirn, ihren .und, er ließ sie weinen,
und sie weinte so sanft, so still, als wisse sie sich nun sicher
und geborgen vor allem Unheil. Als sie sich, seine beiden Hände
zuversichtlich drückend, emporrichtete, trat er an Davide heran,
und jezt erst, da er aus Daviden's hellen Augen die TJränen

-- 1--
auuf die Wangen niederrollen sah, singen auch die seinigen zu
fließen an.
Liebe Davide! rief er leise, aber es bebte eine unauSsprech-
liche Bewegung durch sein Herz und ein beseligendes Feuer
durchströmte sein ganzes Wesen. Er hatte ihre Hände ergriffen
und blieb schweigend, in ihren Anblick versunken, vor ihr stehen.
Wie oft, wie oft haile er an sie gedacht, wie oft haite er sie
vor sich gesehen wie an dem Abende, an dem er sich auf dem
Balle von ihr getrennt hatte! Nun war er wieder da, und sie
stand vor ihm - dieselbe wie sonst, und doch so anders und
so viel schöner, als er sie je gedacht!
Liebe Davide! wiederholte er noch einmal, und sie lehnte
sich freiwillig an seine Brust, und er fühlte, wie ihre Lippen
leise das Eiserne Kreuz berührten, das er auf derselben trug.
Mit einer Gliicksempfindung, deren er das Menschenherz nicht
für fähig gehalten hatte, schaute er in ihr Antlitz, in die Augen,
die sich voll sehnsichtiger Liebe zu ihm erhoben; aber war es
die Achtung vor dem Schmerze Seba's, war es ein Zartgefühl,
welches ihn hinderte, sich in dem Hause der Trauer einer Freude
hinzugeben, oder war es das Bewußtsein, daß bieses schöne
Wesen aufhören ferde, für sich selber zu bestehen, sobald er es
sich angeeignet habe, er vermochte nicht, es in seine Arme zu
schließen. Er war befriedigt durch Daviden's bloßen Anblick,
beruhigt durch ihre lang entbehrte Nähe und voll großer Freude
durch die feste Neberzeugung, daß zwischen ihr und ihm gar
nichts zu sagen sei, daß lautere Klarheit zwischen ihnen herrsche
und Einer sich der Liebe des Andern, obschon nie ein Wort
davon gesprochen worden, so völlig sicher fiühle, wie der unzer-
störbaren Gemeinsamkeit ihrer ganzen Zukunft. Er drickte und
küßte ihre Hand, dann gehörte er wieder Seba an, und Davide
verstand ihn ohne Worte.
Es verging eine geraume Zeit, ehe sie zum rechten Sprechen

kommen konnten. Sie mußten sich erst dnein finden, daß sie
nicht mehr zu Vieren, das: sie nuur ihrer Drei in diesem Saale,
an diesem Tische bei einander waren. Die verheerendsten Kriege,
der Tod von Millionen Menschen, der Sterz der Mächtigen
und der Sieg der Gebeugten hatten nichis geändert in diesem
stillen Nauue. Die chinesischen Blumen euf der Tapete hatten
ihre Farben voll bewahrt, die fremdartigen, gemalten Vögel
guckten mit ihren, starren Augen noch gerade so wie vor dem
Kriege von der Decke des Gartensaales herab. Das silberne
Theegeräth, die Tassen von sächsischem Porzellan, sie waren für
Paul wie fir Davide mit ihren schönen Frucht- und Blumen-
Zierrathen in ihrer Kindheit Gegenstände der höchsten Bewun-
derung gewesen, standen wie seit Jahren und Jahren auf der
weißen Damastdecke, und doch war das alles nicht mehr dasselbe.
Denn des Vaters grosße Tasse nahm nicht mehr die alte Stelle
in der Mitte der Geräthschaften ein, man hatte sie fortgetragen,
wohl verwahrt, weil der Vater sie nicht mehr brauchte, weil der
Vater nicht mehr da war, weil zwei gute Augen sich geschlossen
hatten für immerdar.
Kommt, rief Seba endlich, sich zum Frihstückstische wen-
dend, kommt, Paul hat es nöthig, etwas zu genießen!=- Aber
es fehlte das Gedeck für ihn. Gib ihm des Vaters Tasse!
sagte Seba.
Davide holte sie aus dem Eckschranke herbei. Dem Haus-
herrn! stand darauf.
Dem Hausherrn! sagte Seba kaum hörbar, während sie
mit bebender Hand die Tasse vor dem Heimgekehrten niedersetzte,
und allen Dreien stürzten bei dem Anblicke dieses unscheinbaren
Geräthes die Thränen aus den Augen, und in allen Dreien stieg
sie noch einmal empor, die uralte Klage. daß des Menschen
Dasein dahinfährt wie ein Traum und ein Schlaf, daß des
Menschen Leben vergänglicher ist, als die vergänglichen Dinge

----17 --
und die zerbrechlichen Geräthschaften, die er geschaffen und deren
er sich bediente.
Es kam Paul vor, als sei erst jetzt sein alter Freund ge-
storben, da man für ihn die Tasse reichte, aus welcher, so lange
Jener gelebt, nie ein Anderer getrunken hatie. Er filhlte es in
diesem kleinen Zeichen sinnlicher, deutlicher, als in all den Tagen,
daß er jetzt das Haupt der Familie sei, in welcher er Schuz
und Liebe gefunden, seit er denken konnte, und mit einem
schmerzlichen, aber ihn doch erhebenden Gefihle schloß er die
beiden Frauen noch einmal an sein Herz.
Er war lein Heimaihloser mehr, er sand nichl mehr einsam
in der Welt. Sein Leben ward ihm noch wichliger, er ward
sich selbst mehr werth, weil er sich fitr das Glick der Menschen,
die ihm die Theuersten waren, als nothwendig fühlte.
Die drei Jahre waren an Seba nicht spurlos vorüber-
gegangen. Sie hatte sich viel gesorgt, viel durchgemacht, denn
es hatte der Arbeit und der Anstrengungen für sie, wie fir alle
die Frauen der Hauupistadt und des Landes, mehr als genng
gegeben, welche die Pflege der verwundeten und kranken Krieger
in den überfüllten Hospitälern über sich genommen hatten. Die
Fältchen an den Augenwwinkeln, die leisen Furchen auf ihrer
schönen Stirn hatte Paul früher nicht an ihr bemerkt, und wie
das Sontenlicht mut von der Seite über ihren Scheitel fiel,
sah er, daß hier und da ein silberweißer Faden auf ihrem
schwarzen Haar erglänzte. Er konnte sich des Erschreckens nicht
erwehren. Wie lange war es denn her, daß er Seba an jenem
Ball»Abende, an dem des Grafen Gerhard Worte ihn zuerst
wieder an seine Mutter und an seine Abstammung gemahnt
hatten, in aller Schönheit ihrer Jugend vor sich gesehen hatie?
Und nun ergraute schon ihr Haar, nun kam die Neihe bald
an sie!
E that ihm in der Seele weh, denn wo der Tod in einen

eng verbundenen Menschenkreis getreten ist, wird man so ängstlich.
Jeder möchte in dem Antlize des Andern lesen können, auf wie
lange er ihm noch gegönnt ist, man möchte zusanmneurücken, um
sich selber die entstandene Lücke zu verbergen, man möchie sich
fester, man möchte sich für immer an einander schließen, und
man kann sich es bei allem besten Willen nicht vergessen machen,
daß kein menschliches Verhältniß unzerstörlar. daß Alles dem
Vergehen unterworfen, Alles nur im Auge blicke unser ist, und
daß unser sicherer Besiz einzig in der Venuzung dieses Augen-
blickes und in dem Gedanken der durchlebten Vergangenheit beruht.
Dieses Augenblickes wollie man geniesßen, man wollte sich
gemeinsam der gehabten Ereignisse erinnern. Hatte man doch
so tausendfältig oft gewünscht: O, das er hier wäre! duß ich
sie jetzt bei mir hätte! Und wie man nun beisammen saß, hatte
man sich nichts zu sagen, weil Jeder nur das Nothwendige und
Rechte gethan zu haben meinte, und da Nothwendige und
Rechte sich einfach und unauffällig in das allgemeine Thun einfügt.
Paul hatie die Feldzige mitgemachi, aber das hatten
Hunderttausende gethan; er hatte sich tapfer und muthig erwiesen,
Andere waren darin nicht hinter ihm zurückgeblieben. Seba hatte
mit Selbstverläugnung pflegend und helfend in den Hospitälern
gearbeitet, das war nuur natürlich gewesen. Ihr Vater war
gestorben, ihr Vermögen theilweise verloren gegangen: indeß es
weinten unzählige Familien in wahrer Noth um ihre Väter und
Versorger, und die kleinen Begegnungen, die wechselnden Ereig-
nisse, deren man sich zu erinnern hatte, kamen in diesen ernsten
Stunden des Wiedersehens neben den großen Erschütterungen
und Erfahrungen, welche man durchgemacht hatte und in sich
nachzittern fühlte, einem Jeden zu geringfügig vor, um ihrer zu
gedenken und ihrer zu erwähnen.
Man war stiller als jemals bei einander, bis Paul sich

- 17ß -
erhob, um sich, wie er sagte, umkleiden und im Comptoir seine
Ankunft melden zu gehen.
Es war ein eigenes Gefühl, mit dem er aus dem Garten- ß
saale in die Zimmer eintrat, welche er neben demselbrn früher j
bewohnt hatte. Alles lag und stand, wie er es verlassen hatte. j
Damals freilich war es winterliche Nacht gewesen und das
Vaterland hatte unter der Kechischaft freuder Tyrane geseufßt, z
und jezt leuchtete die helle Sommersone durch die im Lufthauche I
spielenden Blätter und Deutschland war frei und sich selber ;
wiedergegeben worden. Aber so warm Paul's Herz auch schlug, -
R R: -
Er hatte den Krieg immer als ein Unglick, als ein furcht- ?
bares, wenn auch in diesem Falle unvermeidliches Uebel betrachtet
und den Frieden oft sehnlich herbeigewünscht, der ihn seinem I
Berufe und seinem Geschäfte wiedergeben sollte. Jezt aber war !
es ihm unheimlich in den stillen, nach dem Hofe hin gelegenen
Räumen des Comptoirs, es erschreckte ihn, als er den Geschäfts- ,
führer mit seiner unerschütterlichen Gleichmüthigkeit genau auf
demselben Platze und in derselben gebückten Stellung jwie vor -
drei Jahren, die eingegangenen Briefe durchsehend, vor sich er-
blickte, als er den alten Kassirer gerade so, wie er es vor drei ,
Jahren und vor jenen zwanzig Jahren gethan, die Geldrollen -
über den Zahltisch werfend und die Banknoten musternd wiederfand.
Ein Chronometer, den Seba ihm bald nach seiner Rück
kunft au Amerika geschenkt hatte, stand auf seinem Tische. Er
war, wie der Datumzeiger es auswies, wenig Tage, nachdem
Paul Berlin verlassen hatte, abgelaufen. Damals war er acht-
undzwanzig Jahre alt gewesen, jezt stand er im einunddreißigsten.
Er trat an den Spiegel und betrachtete sich. Das war
sonst nicht seine Sache, obschon er wußte, daß er ein schöner
Mann sei. Die Uniform dinkte ihm etwas sehr Bequemes zu

sein. Er fand sie einfach, zweckmäßig und kleiosam. Sie gefiel
ihm heute sehr, und er gefiel sich auch in ihr.
Der kreue, ehrliche Rock! sagte er zu sich selber, wähcend
er das Eiserne Kreuz von deniselben losmacte, um es zu ver-
schließen, und den Rock ablegte, um ihn nicht wieder anzuziehen.
Noch vor wenig Tagen hatte er gegen Werben die Freiheit seines
kaufmännischen Siandes, im Gegensaze zu der Abhängigkeit des
militärischen Dieust?s, hoch erhoben und Steinert es zugesagt,
daß er dessen Sohn in die Bahn des bürgerlichen Lebens zurück-
fishren werde, und jetzt iberfiel ihn selber eine Angst vor der
Nuhe und Stille, eine Scheu vor der Gleichmäßigkeit der täglich
sich wiederholenden büürgerlichen Arbeit.
Vorhin, als Davide sich ihm an das Herz gelegt, hatte
ihn die Ahnung ergriffen, wie das Weib sich selber in der Liebe
verloren gehe, nun schreckte sein dem Menschen eingeborenes Ver-
langen, sich in seiner Eigenheit und Freiheit zu erhalten, vor
-der Aussicht und vor der Nothwendigkeit zuriick, sich künftig
nicht mehr als nur fiir sich selber bestehend betrachten zu dürfen,
künftig leisten und thun zu müssen, was er im Grunde bisher
nur freiwillig gethan hatte, künftig keine Freiheit des Wollens
und des Dütrfens mehr vor sich zu haben, wenn er einmal aus
- einem allein stehenden Manne sich zum Gatten einer Frau, zum
Begründer und Beschüützer einer Familie gemacht haben werde.
Als hätte ein Zauber sie heraufbeschworen, so deutlich traten
urplözlich alle die anmuhigen Begegnunzen, alle die hibschen,
kleinen Abenteuer und artigen Erlebnisse ihm vor die Seele,
welche er als Junggeselle auf seinen vielen Neisen und während
seiner Feldzüge gehabt hatie, und er konnte sich eines Seufzers
nicht erwehren, wenn er dachte, daß dies nun für ihn zu Ende
sein, das; fir ihn zum Unrecht wzerden solle. was ihm bisher
eine so reizende Unterhaltung gewesen war. Freilich, er liebte
Davide, aber es war keine jener heftigen, unwiderstehlichen Leiden-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschtecht. I.

. Ns --
schaften, die er für sie fühlte. Er hegte für sie die zuversichtliche
Neigung, die sich nur durch ein langes Beisammensein und durch
die Erkenntniß bildet, daß man in allen Fällen auf einander
zählen könne. Jung, wie er Davide verlassen, hatte er doch
schon ihre Selbstbeherrschung, ihre Festigkeit und ihre Gte bei
den verschiedensten Anlässen erprobt, und die Wahrhaftigkeit ihres
Herzens, die Unschuld, mit der sie ihm ihre Liebe lund gab,
ohne daß er ihr jemals von der seinigen gesprochen hatte, machten
sie ihm eben so theuer, als ihre Schönheit sie ihm begehrens-
werth erscheinen ließ. Seit Jahren haiie er sich gesagt, daß
Davide einst seine Gattin werden müsse, er hatte sich darauf
gefreut wie auf den Preis am Ende des errungenen Zieles, wie
auf eine lezte Lebenserfiüllung. Nun er sich derselben nahe
glauben durfte, bangte ihm vor der schwersten aller Aufgaben,
vor dem Ausharrenmüssen; und er konnte des beklemmenden
Gefühles nicht gieich Meister werden, das ein Jeglicher empfindet,
wenn er nach einem viel bewegten, wechselvollen Dasein plözlich
in alte, fest begründeke Lebensverhältnisse einzugehen und zuric
zutreten hat.
Die Tage der Jugend und der Ungebundenheit sind nun
vorüber! rief er, und es war, als ob das unwillkürlich aus-
gesprochene Wort ihn auch von der augenblicklichen Verwirrung
befreie, die ihn befangen hielt. Denn er richtete sich in seiner
schönen Kräftigkeit empor und fügte mit plözlich erheiterter
Stirn und gewandeltem Sinne hinzu: So lange hat man für
sich selbst gelebt; es ist Zeit, nuun für die Andern zu leben! Laß
uns sehen, was man für sie werth ist und vermgg!
Er hatie inzwischen seine birgerliche Kleidung angelegt und
trat an das Fenster. Heißer Sonnenschein, warmer Blumenduft
strömten ihm eutgegen. Er blieb einen Auugenblick am Fenster
stehen und sah in den Garten hinaus. In der Ferne gingen
die beiden Frauuen voriber.

b== h F I ==
Sie tragen den Kranz nach dem Montmente, dachte Paul,
und er, der sich so eben noch vor dem Gleichmaße der Tage
und vor allem, was sich mit unausgesezter Regelmäßigkeit zu
wiederholen hatte, gescheut, fihlte sich von der heharrlichen Treue
gerührt, mit welcher Seba die freiwillig übernommene Liebes-
pflicht erfillte. Es ist eine geringfügige Handlung, sagte er sich,
eiumal einen Blumensiraus; auf einen Denkstein niederzulegen;
aber durch ein halbes Menschenleben dem Andenken der Hinge-
gangenen die gleiche Erinnerung zu wweihen, während maun den
Pflichten gegen die Lebenden eben so treulich genügt, an jedem
Tage den gleichen Weg zu gehen, immer dieselbe kleine Sorge
zu tragen, das macht die an sich geringfüügige That zu einem
das Herz befriedigenden Cultus. Und es sollte nicht dasselbe
mit aller unserer Arbeit sein, wenn wir sie, von ihrer Noth-
wendigkeit wie von ihrem Nutzen überzeugt, mit Liebe und für
geliebte Menschen thun?
Er schaute den beiden schönen Gestalten mit Vergnügen
nach, wie sie langsam durch die Wege gingen. Es freute ihn,
daß er sie wieder sehen konnnte, daß er sie heute, morgen, immer
wieder sehen würde. Selbst als die Gebüsche unter den Tannnen
die Frauen seinem Auge entzogen hatien, verweilte er noch an
dem Fenster. Die Sille, die über dem Garten ausgebreitet lag,
war ihm etwas Neues geworden und erquickte ihn. Er hatte
auf so vielen Schlachtfeldern gestanden und sie tönten noch un-
vergessen in sein Ohr: der Donner des Geschiitzes, der Weheruf
der Verwundeten, das Röcheln all der Sterbenden, die in fremder
Erde unter ungeschmüückten Gräbern ruhten.
Friede, Friede! rief er und schlug die Hände umwillkürlich,
wie beim Gebet in seinen Kindertagen, in einander, Friede und
Beharren und Bleiben hier bei den geliehten Menschen, und
leben und schasfen mit ihnen und fir sie!
Freien und gehobenen Sinnes verlies; er seine Zimmer,
1A

--- 80 --
um gleich an diesem Morgen, gleich in dieser Stunde seine Arbeit
zu beginnen. An der Thüre des Comptoirs wendete er sich
noch einmal um und blickte durch die Seitenfenster nach dem
Garten hinaus. Seba und Davide saßen vor dem Gartensaale,
mit Nhterei beschäfigt, bei einander. Aber Paul ging nich!
zu ihnen. Er konnte es ja später thun, denn er blieb jetzt hier,
und sie wareiut ihi zn riges-
Was war gegen eine solche Gewißheit aller überraschende
Reiz des Zufalles? Er wiegte sich in dem beglickenden Gefihle
dieser Sicherheit, und ihrer wie seiner selbst gewiß, kehrte er,
ein reifer Mann, aus dem Felde zu seinem bürgerlichen Be-
rufe zurick.

Kapitel 13

aDriiieä Capitel.
,ärbeit, unausgesetzte, ernste Arbeit, das war es, was es
jezt galt, aber Paul war des Arbeitens von Jugend auf zu
sehr gewöhnt, um sich in der Arbeit, sobald er ihr nur wieder-
gegeben wurde, nicht schnell wieder einzuleben und heimisch zu
fühlen.
Er fand die Verhältnisse des Handlungshauses, dessen
alleinsger Inhaber er jezt war, besser und schlechter, als er es
erwartet hatte. Das Flies'sche Vermögen, obschon es durch die
wwährend der letzten Krisen gebrachten Opfer bedeutend zusam-
mengeschmolzen war, blieb noch immer beträchtlich geng, um
Seba über jede Rahrungssorge zu erheben und ihr, der Allein-
stehenden, die gewohnte breite und reichliche Lebensweise zu ge-
statien; aber die Erfahrungen der letzten Jahre hatten den Vater
ängstlich gemacht, und sein Testament sezte also fest: Erstens,
daß Seba's Vermögen ganz und gar aus dem Geschäfte ge-
zogen und in Hypotheken angelegt werden sollte; zweitens, daß
es, falls Seba sich nicht etwa noch zur Eingehung einer Ehe
entschließe, nach ihrem Tode an mildthätige Stiftungen übergehen
solle, damit in ihnen des Vaters Name und sein Andenken er-
halten bliebe, wenn sie nicht durch die Erben seines Blutes in
die Zulunft übertragen und fortgepflanzt würden.
E war gegen diese leztwwilligen Verfügungen nichis zu
sagen. Sie entsprachen dem vorsichtigen und vorsorglichen Charakter
des Gestorbenen, und sie waren durchaus im Sinne des Juden-

- -I!-
thums, gas Fortpflanzung des Namens durch die Nachkommen-
schaft für eine der größten Segnuungen erkennt. Nichts dest.
weniger krafen diese Bestimmungen alle Beihheiligien rech! schwer.
Seba sah sich durch dieselben in der freien Verfigung über das
Vermögen beschränlt. Sie konnie es nichi verschmerzen, das: ihr
die Möglichkeit entzogen worden, Davide, die sie als ihr Kind
bekrachieie ud lieble, eins! auch zu ihrer Erbin eizusezen, und
für Paul wurde die Fortführung eines auf grose eigene Hilfs-
auellen begriindeten Geschäftes äuserst schwierig, da diese ihm
eben in einer Zeit entzogen wurden, in welcher, bei der Selten-
heit des Geldes, eben mit Geld, wie Paul es seinem Freunde
auseinander gesetzt hatte, mehr als sonst zu machen und zu
leisten war. Auch schwanlte er einen Augenblick was er be-
ginnen sollte.
Wollte er sich das Leben erleichtern und sich bescheiden,
so musßte er auf seine grosten Plane fir lange, ja, wahrscheinlich
für immerdar verzichten; denn was jetzt noch möglich wars
konnte nach wenig Monaten schon weit schwerer, nach Jahren
völlig unausführbar sein. Er mußte sich damit begnüügen, lang-
samer für sich und die Seinigen ein mehr oder weniger aus-
reichendes Einkommen zu schaffen und, im engeren Handels-
verkehre ein nitzliches Mitglied, sich nur in kleinerem Kreise
bewegen; oder er mußte, was er von eigenem Vermögen noch
besaß, darangeben, seine Zahlungsfähigkeit in auffälliger Weise
bei der Regulirung des Flies'schen Vermögens darzuthun und,
den daraus entspringenden Credit benutzend, seine ganze Kraft
aufbieten, um mit den fremden Capitalien so viel zu erwerben,
daß er den Darleihern ihr Sarlehen wohl verzinsen, durch den
Gewimn-Neberschuß sich ein nenes, eigenes Vermögen schaffen
und sich wieder in die Höhe bringen konnte; und er stand nicht
lange an, welchen Weg er einzuschlagen habe.
Er hatte mit seinem väierlichen Blute die Neigung z

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herrschen ererbt, aber auch von dem dienstbauen Sinne seines
mütterlichen Geschlechtes war viel auf ihn übergegangen, und
eben desghalb fand er in dem von ihm genählten Berufe auch
jetzt wieder seine volllommenste Befriedigung. Denn leinem an-
deren Siande ist es wie dem Kauufmanne gegeben, eine große
Herrschasi auszuiben und weithin in die Fernr und in die Z-
kunft wirksam und bestimmend einzugreifen, wührend er sich für
Aidere nitzlich mocht. Paul hatie sich in dem grosen amerikani-
schen Hanse, in welchem er gearbeitet haite, früh daran gewöhnt,
die Bedürfnisse und Aussichien der ganzen Welt in das Auge
zu fassen; die Jahre vor dem Kriege hatien ihn in Europa
mit verschiedenen Männern belaunt gemachk, welche als Diylo-
maten die Vermitilung und Ausgleichung zwvischen den ver-
schiedenen Völkern und den verschiedenen Fürsten zu ihrer Aufgabe
hatten, und sein von Natur auf das Große gerichteter Sinn
hatte dadurch den leberblick und die Verbindungskraft gewonnen,
die zu durchschauen vermochten, wie und wo der Vortheil Aller
Vortheil fin den Einzelnen verspricht, und wie der Einzelne es
anzufangen habe, der Gesammtheit zu dienen, indem er seinen
eigenen Vortheil und Nutzen wahrnimmt.
Neberall war in Europa Geld nothwendig. Man brauchte
Geld, um die aus Mangel an Bestellungen wie aus Mangel
an Arbeitskräften während des Krieges in's Stocken gerathenen
Fabriken wieder in Gang zu bringen; man brauchte Geld, um
das Inventarium auf den zum Theil völlig ausgeraubten Gütern
zu erneuern, man brauchte Geld an allen Ecken und Enden;
und Geld zu schaffen, den Regierungen wie den Privatpersonen
Geld zu schaffen, ihnen die Unterbringung ihrer Anleihen möglich
zu machen, war eine der unerläßßlichsten Nothwendigkeiten, wenn
der Friede die Mittel haben sollte, herzustellen, was der Krieg
vernichtet hatte. Die großen Bankhäuser, die unternehmenden
Kaufleute mußten ihre Hände dazu bieten, das Geld in den

-- PZg--

fernsten Gegenden flüssig zu machen und es dahin zu leiten,
wo es in diesem Augenblicke am dringendsten gebraucht ward
und weil das Geld sich in dieser Weise am höchsten verwerthen
ließ, wurden in anderen Gegenden mancherlei Unternehmungen
unterlassen oder eingestellt, finr deren Fortfiührung später das
Geld wieder nach seinen AuSgangspunkten zurüückgeleitet werden
musie. Darauus halle Paul sein Augge gerichlel und seine Plane
angelegt, und darauf hin hatte er schon seinen Freund Steinert
verwiesen, als dieser ihn über die Zukunft seines Sohnes zu
Rathe gezogen hatte.
Niemals hatte Paul von seinem Berufe größer gedacht, als
jetzt, und niemals hatte er die schweren Sorgen und Aufregungen
desselben lebhafter zu empfinden gehabt, als in dem nächsten Winter,
in dem er Seba's Vermögen aus dem Geschäfte herauszuziehen
und nach dem Willen ihres Vaters, der Paul mit dieser Aufgabe
betraut hatte, festzustellen hatte, während er seinen Credit bis auf
das Aeußerste anspannen mußte, um die Unternehmungen möglich
zu machen, die er nach den verschiedensten Seiten hin in Angrif
nahm. Die Tage vergingen ihm in Arbeit, die Nchte oft in
Sinnen und in Sorgen. Er bemerkte es nicht, daß seine
Stirne ihre Heiterkeit, daß seine Augen ihren hellen Glanz ver-
loren, er hatte nicht Zeit, an sich zu denken und auf sich zu
achten; nur Seba sah es und Davide sah es, und ihr ängstlih
liebevoller Blick war der Lohn seiner Arbeit, sein Trost und seine
Freude, wenn er nach des Tages Last und Plage sich am späten
Abende ein Ausruhen bei den Seinen gönnte.
Als der Herbst und der Winter herangekommen waren, be-
wegte sich in der Hauptstadt überall, wo man nicht um Gefallene
zu trauern hatte, eine glänzende Geselligkeit. Man schien sich
deö fir Eropa wiedergekehrlenn Friedens ersreuen, der auöge-
standenen Leidensjahre in Zerstreuungen vergessen zu wollen,
aber in dem FlieOschen Hause gingen die Tage ihren stillen,

-- P8J-
regelmäßigen Gang. Seba, die mit ihren vierzig Jahren noch
immer schdn zu nennen war, weil ihre Schönheit nicht nur in
dem Reize der Jugend und der Farben, sonderu in dem Adel
der Formen und dem durchgeisteten Ausdrucke ihres Antlizes
bestanden hatle, war um ihred Valerö willen immer nur wenig
in Geseslschaften gegangen, und während des Irieges hatte auch
Daviden nicht danach verlangt, da sie mit ihrer stillen Liebe
und mil den Sorga um den enifernien Geliebten beschäftigt
gewesen war. Jetzt vollends trugen beide Frauen nach zer-
streuendem Menschenverkehre noch weit weniger Verlangen. Es
kam aber dadurch in dem häuslichen Beisammensein bald ein
Friede über die drei eng verbundenen Menschen, daß es ihnen
war, als hätten sie von Anbeginn so mit einander gelebt, ja,
daß selbst die gewaltigen Ereignisse, die an ihnen vorüberge-
gangen waren und in denen sie, so viel an Jedem von ihnen
gewesen, mitgewirkt hatten, davor weit in die Ferne zurück-
traten. Sie erfuhren, was man nach großen Eindrücken immer
an sich wahrnimmt, daß unser Verhältniß zu den Außendingen
und Ereignissen. man möchte sagen, unser perspectivisches Ver-
hältniß zu ihnen, ein wunderbar wechselndes ist. Die ersten
Tage nach einem großen Erlebnisse, nach einem großen Verluste
dehnen sich fir uns in unbegreiflicher Weise aus; die Wochen
zud Monate, welche diesen ersten Tagen folgen, verschwinden
uns in eben so unbegreiflicher Weise.
Erst vierzehn Tage ist es her? hatien die Zurückgebliebenen
mach des Vaters Tode sich gefragt. - Schon acht Monate ist
es her, seit wir in Paris einzogen? Schon vier Monate, seit
der Vater todt ist und ich wieder zu Euch heimgelommen bin?
xef Paul oft mit Verwunderung aus, als der Herbst mit seinen
segeniagen angebrochen war und die ersten Schneestürme von
dem Garten her nm die Fenster des Zimmerö sausten, in welchem
sie die lezten Abendstunden bei einander zu sitzen pflegten.

186-
Davide hatte sich Paul bald nach seiner Rückkehr anwer-
lobt, aber auch dieses Erlebniß war ohne besondere Scenen, -
ohne besondere Aufregungen an den Dreien vorübergegangen. -
Seba hatte, seit Paul wieder in Europa lebte, immer den heim-
lchen Wunsch gehegt, diese beiden ihr ihenren Menschen ver-
bunden zu sehen, und ihre Herzen haiien sich denn auch in -
ruhiger Liebe, in sicherstem Verlrauuen zu einander gefunden. ?
Selbst daß Davide noch Jidin war, kam nicht störend in Be- -
tracht. Von der Abneigung, von dem angestammten oder vielmehr -
anerzogenen Widerwillen, welche die meisten anderen Völler -
gegen die Juden hegen, konnte bei Paul gar nicht die Rede
sein, denn er war frei von dem Ballast angeerbter Vorurtheile. ,
Wahre Güte und Liebe waren ihm in seiner Kindheit von
Niemandem als von einer Judenfamilie zu Theil geworden. --
Ihr dankte er seine erste Erziehung, ihr jene Aufklärung seiner -
Gedanken, die bei jedem Menschen in der ersten Jugend vor- -
genommen werden muß, um nachhaltig wirksam zu sein. Das -
Haus dieser Juudenfamilie hatte der Heimathlose duurch sein ganzes -
Leben als den Hafen vor Augen gehabt, zu dem er wünschend --
und hoffend seine Blicke hingewendet hatte. Sein langer Aufenthalt
in Amerika war dann zu einer Schule der Duldsamkeit für -
jede Art von religiöser leberzeugung für ihn geworden, und er -
hatte um so weniger ein religiöses Bedenken irgend einer Art ,
in seinem Innern zu bekämpfen, da er ohne jedes kirchliche Be- F
kenntniß aufgewachsen war. Was er vor seiner Flucht aus z
Europa in der Schule von der biblischen Geschichte erlernt. ?
was er damals von den Dogmen des Christenthums und von z
den Erzählungen der Evangelisten gewußt hatte, war für ihn s
nicht weniger mythisch, wenn auch weniger lebendig gewesen, -
als die Erinnerungen an die alte Götterwelt der Griechen und -
der Römer.
Da er zur Zeit, in welcher er aus Europa entfloh, über -
z

- 1H?-
, seine Jahre groß und kräftig gewesen war, hatte man ihn für
älter gehalten, als er war, und Niemand hatte sich jemals die
Mühe genommen, daran zu denken, ob er in irgand einer Ne-
ligion unterrichtet worden sei und ob er ein kirchliches Glaubens-
be!enliss abgelegt habe oder nich!. Mii der Neugier der Jugend
war er, wenn mian ihmn in Amerila am Sonntage seine Stunden
für dei Kirchenbesuch frei gegeben hatke, bald in diese, bald in
jene Kirche gegangen, hatte dem Gottesdienste der verschiedensten
Gulte zugesehen, bis er, dieses Anschauens mide, den Kirchen-
besuch, zu dem er iu Weisßenbach'schen Hanse ohnehin nicht
angehalten worden war, und den er Seba niemals üben sehen,
endlich ganz und gar aufgegeben hatte. Er war nicht confirmirt
worden, er hatte nie das Abendmahl genossen, er hätte nicht zu
- sagen vermocht, welchem Bekenntnisse er angehöre, hätte sein
Taufschein es nicht ausgewiesen, daß er in die christlich evan-
gelische Kirchengemeinschaft aufgenommen sei; und mit Davide
war es ziemlich derselbe Fall. Denn wie die religiösen Verhältnisse-
sich in unsern Zeiten ausgebildet haben, wählt der Mensch seine
Religion nur in den seltensten Fällen frei und selbstständig: er
wird in ihr geboren und nimmt sie als Familien-Keberlieferung
in sein eigenes Leben mit hinüber.
Davide hatte mit dem Judenthume nicht mehr Zusammen-
hang, als ihr Verlobter mit dem Christenthume; aber ihre Be-
grife von Recht und Unrecht, ihr Streben nach dem Guten,
ihre Verehrung vor dem Großen und Erhabenen, ja, alle ihre
moralischen Anschauungen und sittlichen Ueberzeugungen waren
- ihnen Beiden frühzeitig von derselben Hand und aus derselben
- lautern Quelle zugekommen, und das öftere und längere Zu-
sammenleben in den Jahren, welche dem Kriege vorausgegangen
waren, hatten dazu gedient, den Einklang zwischen Seba und
ihren beiden Pflegekindern, wie sie Paul und Davide zu nennen
liebte, vollständig herauszubilden. Sie waren durch und mit
!

188---
einander unablässig n ihrer Entwicklung vorgeschritten. Die;
weitreichenden socialen Ansichten, welche Paul erworben, hatten
Seba vielfach aufgeklärt, ihre inneren Erfahrungen waren ihm, so
weit ein Mensch dem anderen mit seinen Erfahrungen nützen kamn,
zu Gute gekommen, und zwischen ihnen Beiden war Davide in
einer Atmosphäre der Wahrheit und der Verständigkeit so unanges
sochien aufgewachsen, das: sie die Möglichkeit besessen haite, sich
zu dem Gleichmaß und zu der ruhigen Seelenschönheit zu enifalten,
welche Seba einst an der Baronin Angelila bewundert und
für sich selbst' in jenen Tagen so unnachahmlich gefunden hatte.
Weil Seba noch um ihren Vater trauerte, verzichtete das
junge Paar darauf, seine Verlobung den Freunden bekannt zu
machen, und man benutzte diese Zeit, Davidens Nebertritt zur.
christlichen Kirche, ohne welchen ihre Ehe mit Paul eine Un-'
möglichkeit gewesen sein würde, einzuleiten. Die Zeit war auf-
geklärt, denn die Freiheilskriege, in denen Männer und Jüng-
linge aller Bekenntnisse einmiüthig in Reih und Glied gestanden
hatten, um das Joch der Fremdherrschaft von dem Vaterlande
abzuwerfen, hatte selbst den Beschränkten und Kurzsichtigen,
wenigstens für den Augenblick, die Erkenntniß gegeben, daß man
die gleiche Vaterlandsliebe hegen, die gleiche Ansicht über die;
Ziele der Menschen haben könne, ohne den Glauben an die
kirchlichen Lehrsätze mit einander zu theilen, und es hatte alsd,
in der Stadt, in welcher ein Fichte seine Reden an das deutsche'
Volk und Schleiermacher seine moralphilosophischen Predigten'
gehalten hatte, keine Schwierigkeit, einen Geistlichen zu finden,
der sich willig zeigte, der jungen, in den Grundsätzen einer
reinen Moral und einer liebevollen Hingebung an das Jdeale
auferzogenen Jidin die Aufnahme in die christliche Gemeinschafi
zu bewilligen, wenngleich sie Manches, das die protestantisch-
evangelische Kirche zum Glaubenssatz erhoben hat, nur als ge-
schichilichen Mythus anzusehen vermochte.

--- 1Z--
Weder Davide, noch einer der beiden ihr verbundetnen
Menschen hatten dabei Kämpfe in sich zu bestehen oder große
äußere Hindernisse zu überwinden; denn wo die Grundanlage in
der Natur eines Menschen gesund ist, wo die Verhältnisse, in
denen er sich bewegt, auf Wahrheit gegründet sind, und wo sein
ehun und Streben sich im richtigen Zusammenhange mit der Zeit
befinden, der er angehöbrl, d voslziehen alle Wandlungen sich
sehr einfach und unmerklich, da geschehen seine eigene Entwick-
-lung und das Wachsen seiner äusßeren Glücksumstände meist so
llmählich und so still wie die Entfaltung eines Keimes zu seiner
Blithe und zu seiner Frucht. Nicht das täglich Werdende, nur
das Gewordene stellt in solchen gesunden und natur- und zeit-
gemäsßen Verhältnissen sich dem beobachtenden Blicke dar, und
es hat immner seine Bedenklichkeiten, wenn das Leben eines
Menschen oder einer Familie viel von sich sprechen macht, oder
-die Aufmerksamkeit der Ausßenvelt durch ungewöhnliche Vor-
gänge auf sich zieht.
Es war nicht zum Verwundern, das; Seba sich in diesem
Jahre so einsam hielt, nicht zum Verwundern, daß Paul früher
,als die Anderen alle aus dem Feldzuge heim kam und zu seinen
Geschäften wiederkehrte. Man hatte immer erwartet, daß Davide
»Thristin, daß sie die Gattin Treman's werden würde. Daß
Fieser, an einen größeren, weiteren Handelsverlehr gewöhnt, die
FGeschäfte des Hauses ausdehnen und in neue Bahnen leiten
Awürde, das hatte man mit derselben Sicherhe:t vorausgesehen.
Wie schwer er aber arbeitete, mit welchen Sorgen er zu kämpfen
Jatte, darüber sich zu äußern oder gar sich zu heklagen, das
war nicht seine Sache. Man sah ihn immer gleichmäßig ruhig
in selbstgewisser Zusammengefaßtheit, und das gemessene Ver-
trauen, das er in sich selber setzte, gab auuch Anderen das Zu-
T T --

Kapitel 14

Viertes Ca pitel.
FHhaut Tremann war shon lange seinen Geschäften wieder-
gegeben und der Friede war längst geschlossen, als der Juustitiarins;
des freiherrlich von Arten'schen Hauses noch immer vergebens?
die Nückkehr des jungen Freiherrn forderte, für den es unter?
den obwaltenden Umständen nicht schwer gewesen sein würde,!
sich einen Urlaub zu verschaffen oder, da er bei einem der Ne-
gimenter stand, die zur Sichepung des nen aufgerichteten Königs-'
thrones der Bourbonen und zur Eintreibung der Kriegs-oniri-
bution in Frankreich zurückgelassen wurden, seine Versezung zu-
einem der heimkehrenden Regimenter zu erlangen. Aber das
Gllck, dessen die Freiherren von Arten sich in früheren Zeiien
sprüchwörtlich zu rühmen geliebt hatten, war während dieser
Kriege auch dem jungen Freiherrn treu geblieben.
Strahlend in Siegesfreude, durch die Anstrengungen des
Krieges abgehärtet und gekräftigt, hatte Renatus inmitten der
vereinigten Heere, an der Spize seiner Compagnie an dem zweiten
Einzuge der Verbündeten in Frankreichs Hauptstadt Theil genom-
men, und die Neize dieser anmuthsvollsten unter allen Städten,?
welche er zum ersten Male kennen lernte, hatten auf den jungen'
Hauptmann, der mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein'
Neuling in dem Leben einer solchen Weltstadt war und dem
die Gelegenheit, sie zu genießen, auf jede Art geboten wuurde,
ihre bezaubernde Wirkung nicht verfehlt.
Allerdings sah die große Menge der Franzosen widerwillig

--- 19--
und mit schweigender Empsörung auf die fremden Krieger hi:,
welche ihnen die unwillkommene Herrschaft der Bourbonen auf-
gezwuungen und, was dem Volke vielleicht noch verhaßter war,
auch die alten, ansgewanderten Adelsgeschlechter und das ganze
Priesterregiment wieder in das Land zuricgeführt hatten. Aber
dafür standen den deutschen, russischen und englischen Offizieren
in dem neu belebten Faubourg Saint Germain- in welchem
die alte französische Aristotratie die in ihren snillen Höfen und
Gärten gelegenen Paläste wieder bezogen hatte, Thor und Thüre
offen; und das Hotel der Herzogin von Duraö war eines der
ersten, das gleich nach der ersten Rückkehr der Bourbonen die
alte, gute Sitte regelmäßigen Empfanges wiedeu auufnahm, denn
die Herzogin wollte sich in ihrem Greisenalter en:lich für alle
die mannigfachen Entbehrungen schadlos halten, denen sie durch
lange Jahre unterworfen gewesen war. Wie sie e ne der Ersten
Frankreich verlassen hatte, so war sie nun als d.r Ersten eine
mit der wiedereingesetzten Königsfamilie in die Hauptstadt zu-
rückgekehrt, und die unbegrenzte Freigebigkeit, welche die Bour-
bonen von jeher ihren Anhängern angedeihen lassen, war natürlich
der Herzogin, die sich seit dem Ende des vorige Jahrhunderts
immer in der Nähe und im Dienste des Hofes befunden hatte,
vor allen Anderen zugewendet worden.
Die Wiedererlangung ihres durch seine Gastlichkeit früher
so berühmten Schlosses Vaudricourt war nicht mehr ihr Wunsch
gewesen. Man wird die Greisin nicht besuchen kommen, wie
die junge Schloßherrin, hatte sie sich gesagt, und der König,
der an dem Hofe seines Schwiegervaters ihrer Gesellschaft ge-
wohnt geworden war, hatte dieselbe auch in der wiedergewon-
nenen Heimath nicht entbehren mögen.
Die Herzogin war nicht mehr im Dienste, aber sie lebte
im engsten Verirauen des Hofes, und sie verstand den Einfluß,
den sie besas;, eben so wohl zu ntzen, als die Unterordnung

19--
und die Zuvorkommenheit aller derjenigen Personen, welche durch
Vermittlung der Herzogin von dem neuen Hofe Gewährung ihrer
alten Ansprüche und Forderungen zu erlangen wüinschten.
Es war nur wenig Tage nach seiner Ankunft in Paris,
als der junge Freiherr in einer der eben ausgegebenen Zeitungen,
in den Hofberichten die Mittheilung las, daß die Frau Herzogin
von Duras am verwichenen Abende ein Fest gegeben habe,
welches von dem Könige und der ganzen königlichen Familieb?
mit ihrem Besuche beehrt worden sei.
Sie ist also hier, sie ist in Paris! rief Nenatus umwwill-
kürlich aus, und eben so plözlich, als ihm diese Kunde geworden
war, beschloß er, die alte Freundin seines Vaters aufzusuchen.
Er dachte freilich daran, welch einen unheilvollen Einfluß die
Herzogin Margarethe auf das Schicksal seiner Mutier ausgeübt
hatte; aber diese Vergangenheit lag weit hinter der Gegenwart
zurück und er wußte auch wenig Bestimmtes über alle jene
Vorgänge. Seine Neugier, die Herzogin wiederzusehen, deren
Bild ihm auch nur schattenhaft in der Erinerung geblieben
war, trug daher ohne große Müühe über die flüchtigen Bedenken
seiner Kindesliebe den Sieg davon, und er hatte obenein eine
schwere, doppelte Versäumniß nachzuholen. Er hatte der Her-
zogin in der Unruhe seines damaligen Lebens den Tod seines
Vaters nicht gemeldet. Er schuldete es ihr daher, sowohl wie
dem Andenken seines Vaters, die Unterlassung gut zu machen,
und gerades Weges aus dem Kaffeehause in sein Quartier zu-
rückkehrend, schrieb er der Herzogin, daß sein Vater gestorben,
daß er selber in Paris sei und daß er sie um die Erlaubniß
bitte, sich ihr vorstellen zu dürfen.
Noch an dem nämlichen Abende fand er, von einem Gange
wiederkehrend, eine Antwort der Herzogin vor.
, Sie sind in Paris, lieber Ren, schrieb sie ihm, ,und
nicht in meinem Hause? =- Wie ist das möglich ?- Ein Sohn,

--- 1I --
Fder einen Vater wie den Freiherrn verloren hat, ist immer be-
ß llagenswerih und hat des Trostes nöthig, welches auch seine
f Aussichten im Leben sein mögen. Wenn Sie mich nicht wissen
F lassen, daß es mit Ihren Verhältnissen und Wünschen unwer-
k einbar ist, mein Gast zu sein, so wird morgen Mitiag mein
ß Wagen vor Ihrer Thüre stehen, um Ihre Nebersiedlung in
s mein Haus zu bewerkstelligen. Kommen Sie, wenn es Ihre
F Dienstpflichten nicht tnmöglich machen, mein junger Freund!
f Berelten Sie uir die Genugihuung, mit Ihnen von Ihrem
f Vater, meinem unvergeslichen Freunde, zu reden und Ihnen
einen geringen Theil der großen Dankesschuld zu entrichten, die
, nur seine Freundschaft mir leicht zu tragen machen konnte.
? Auch ich habe einen kheuren Todten zu beklagen; aber Sie sind
s jung, das Leben liegt vor Ihnen, und auch neben mir blüht
s ein junges Leben auf. Sie sollen von dem Trübsinne des
Alters nicht bei mir zu leiden haben. Somit auf Wiedersehen,
f mein junger Freund!'
k Es war die alte Anmuth, welche allen Briefen der Herzogin
a ? r
I das Papier, der Duft desselben hatien etwas Reizendes fiür ihn.
z Er mußte sich förmlich daran erinnern, daß es eine Greisin sei,
F von welcher diese Zeilen ihm gekommen waren, denn er fühlte
ß sich von ihnen erheitert und aufgeregt. Sie hatten ihn trotz
ß der Mahnung an seines Vaters Tod, über den nun freilich
F shon zwei Jahre hingegangen waren, in eine so fröhliche Span-
z nung versetzt, als stände er an der Schwelle eines Abenteuers,
F als erwarte ihn irgend ein ganz unverhofftes Glück.
z Er eilte zu seinem Chef, mit dem er auf dem besten Fuße
F stand, ihm von dem Anerbieten der Herzogin und von seinem
, Wunsche, es zu benntzen, Anzeige zu machen, und er fand von
-Seiten des Obersten, da das ganze Negiment an dem linken
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht 1l.
1

-- P9-
Seineufer untergebracht war, keine Schwierigkeiten für seine -
Absicht.

Da er von seinem Chef es zufällig erfuhr, daß eben an -
diesem Tage ein Offizier des Stabes auf Urlaub in die Heimath I
gehe, nahm Nenatus die Gelegenheii wahr, seiner Braut die
Anzeige seines Wohnungswechsels zu machen. Er legte, um sich
einen Theil des Briesschreibens zu ersparen, das Billel der Her-
zogin fiür Hildegard bei. Er dachte, es könne nebenher nicht
schaden, wenn diese sehe, daß eine Greisin noch solcher bezau-
bernden Anmuth fähig sei, und wenn sie selbst sich daran ein
Beispiel für sich und ihre eigenen Briefe nähme, deren schwär-
merischer Ernst, ja, selbst deren feste, grose Handschrift ihn
eigentlich je länger desto unschöner bedünkten.
Hildegard wird allerdings verdrießlich darüber sein! sagte
er sich. Aber mochte sie es auch einmal empfinden, wie es ,
thue, von einem Briefe aus der Ferne keine Freude zu empfangen.
Er hielt es für die höchste Zeit, an Hildegards Erziehung zu
gehen, eben da nun ein dauernder Friede vor der Thüre stand
und er an seine Heimkehr und an seine Heirath denken durfte.
Aus dem Geräusche der volksbelebten Straßen, aus der
Gluth der Mittagshize lcachte am nächsten Tage der Wagen
der Herzogin den jungen Freiherrn in das alte Hotel der Her-
zoge von Duras. Hohe Mauern schlossen es nach Landessitie
von der Straße ab; ein weiter Garten dehnte sich hinter dem
im edelsten Style des siebenzehnten Jahrhunderts errichteten
Gebäude aus. Durch das geöffnete Portal des Hauses zeigten
sich frische Nasenplätze, von großen Bäumen überschattet.
Die Frau Herzogin lassen den Herrn Varon ersuchen, sch
in seinen Zimmern einzurichten, sagte der Haushofmeister; sie
erwarten ihn danach im Gartensaale.
Renatus war in den Gewohnheiten des Reichihums in
einer würdigen Heimath aufgewachsen; aber die letzten Eindrücke,

-- 1ßJ--
s
z welche er empfangen hatte, als er mit seinem Regimente vor
dem russischen Feldzuge zum letzten Male in Richten gewesen
war, hatten eine traurige Erinnerung in ihm zurückgelassen, und
, seit vollen drei Jahren war er im Felde, in den wechselnden
und osl widerwwäriigslen llugebungen gewesen. Das erhbhie das
Wohlgefallen, welches er bei dem Anblicke dieses Palasies, dieser
- edeln Näume, ja, selbst bei den Hülfsleistungen genoß, deren er
von seinemn Kammerdiener gewohnt gewesen war und mit denen
F jezt die Dienerschaft der Herzogin sich sorgfältig um ihn bemühte.
Man hatte ihn auf einer der Seitentreppen nach dem
linken Fligel des Hauses gesithrl, in dessen erstemn Stocke man
ihm seine Wohnuung eingerichtet hatte. Nachdem er sich umge-
kleidet, geleikete der Kaummerdiener der Herzogin ihn die breite,
marmorne Prachttreppe hinab nach dem Saale, in welchem er
F die Herzogin wiedersehen sollte.
s Es war ein großer, hoher Naum, dessen Thüren nach dem
f Garten zu geöffnet waren. Duunkelrothe Vorhänge brachen das
ß Licht der Sonne an den Fenstern; die Thüüren waren von außen
F mit Marguisen verschattet. Nahe an dem einen Fenster lag in
F einem Lehnstuhle, die Füße mit einem weichen Polster unter-
F ßitzt, die Herzogin; an dem Schreibtische, der nicht fern von
, ihr stand, saß eine jugendliche Frauengestalt.
ß Als Renatus eintrat, richtete die Herzogin sich mit leb-
, hafter Bewegung in die Höhe, und ihm die Hand entgegen-
F reichend, die heute noch, wie vor jenen Jahren, mit dem zier-
F lichen Handschuh von schwarzer Seide halb bebeckt war, rief sie:
ß Willkommen in Frankreich, mein junger, lieber Freund, und doppelt
F willkommen in meinem Hause, mein lieber enS! Ich danke es
? Ihnen, daß Sie gekommen sind, eine alte Freundin Ihres Vaters
ß aufzusuchen. Der arme Baron, daß er so zeikig von uns gehen
F mußte! Aber das Leben ist nur ein Darlehen des launenhaften
? Schicksals und nichts mehr. Sie wissen es, auch mein theurer
1F

- 19ü--
Bruder ist schon langst gestorben, jung geslorben, ud ns Ez
trauern ihn noch heute, ich und seine Tochter!
Indeß von dieser Trauer war weder in den feinen Zügen j
der Greisin, noch in dem strahlenden Antlize ihrer Nichte eine P
Spur zu finden, als diese auf ein Wori ihrer Tante sich zu s
ihnen wendete, um die Vorstellung des Freiherrn von Artens

Richten zu empfangen.
Renatus konnte während dessen mit sich nicht darüber einig ?
werden, ob er gar kein Bild von der Herzogin in seinem Ge- ?
dächinisse bewahrt gehabt, oder ob sie sich wirklich so wenig ver-
ändert hatte, das; nichts an ihr ihm störend oder fremd, sondern ?
Alles vertrauk und angenehm erschien. Ihre weiße Morgen- ?
kleidung, das Spitzentuch, welches sie über die zierliche Haube -
gebunden trng, die zahlreichen schieeweisen Löckchen, die ihre I
Stirn und ihre Wangen umgaben, machten ein so feines, in j
sich abgeschlossenes Bild, daß man meinte, es müsse eben so, es s
könne niemals anders gewesen sein, und daß man eben deshalb ?
auch bereitwillig an die frische Farbe des Gesichtes glaubte, j
besonders da die allerdings lies eigesunlenuen Augen der Greisin -
ihren einschmeichelnden Blick und ihr beredter Mund, trotz der -z
schmal gewordenen Lippen, sein feines Lächeln noch nicht ver- -
loren hatten.

Renatus war noch nicht lange bei der Herzogin, als ver- ?
schiedene Besuche angemeldet wurden. Es waren jüngere und ?
ältere Männer, zwei Geistliche unter ihnen. Alle aber trngen ;
sie große Namen, alle waren sie unter einander bekannt und ?
im- Besitze jener leichten und doch feststehenden Umgangsformen,F
deren in solcher Vollendung nicht Herr zu sein, Renaius sich -
heute zum ersten Male bewußt ward.
Wohin er bis dahin auch gekommen war, überall halten -
sein Name, sein gutes Aeußeres und später selbst seine Uniform ?
ihm eine Beachtung zugesichert. Hier trugen alle Männer das -

--- 1(?-
blirgerliche Kleid, und die Nennung seines Familiennamens gliit
P an den Anwwesenden spurlos vorüber. Erst als die Herzogin
erwähnte, daß sie in den Tagen der Verbannung eine sehr lie-
benswürdige Aufnahme bei dem Vater des jungen Barons ge-
funden habe, wurden ihre Freunde auf Renatus aufmerlsam;
aber es war, als ob die Zeit der Auswanderung seit langen,
langen Jahren hinter ihnen läge. Sie schienen es fast vergessen
zu haben, daß sie Frankreich jemals verlassen hatten. Paris,
der Hof, die Verhältnisse, in welche sie zurücgekehrt, waren für
sie so ausschließlich die Welt, daß alles, was nicht in diese Welt
hinein gehörte, kaum für sie vorhanden war.
Freilich erboten sich die jitngeren Männer, den jungen Frei-
herrn mit dem Pariser Leben bekannt zu machen, man besprach
auch seine Vorstellung bei Hofe; Renatus kon:ite es sich indessen
nicht verbergen, daß er unter diesen Marquis, Gcafen und Prin-
zen eine sehr untergeordnete Nolle zu spielen haben werde, und
während ihn dieses verdroß, fühlte er sich doch von der ihn um-
gebenden Gesellschaft wie nie zuvor angezogen und gefesselt.
Alle diese Männer waren an den meisien Höfen von Euu-
ropa heimisch. Man redete von den fürstlichen Familien von
England, von Sardinien, von Rußland und von Holland, und
von den Beherrschern der deutschen Länder mit einer Art von
Vertraulichkeit, welche fir Renatus etwas Ueberraschendes hatte.
Nur wenn sich das Gespräch auf den Hof und die königliche
Familie von Frankreich wendete, änderte und steigerte sich der
Ton bis zu einer fanatischen Ergebenheit, und die Herzogn,
die immer noch Meisterin darin war, die Urterhaltung auf die
Gegenstände zu lenken, von denen sie gesprochen haben wollte,
wußte an dem Ohre ihres jungen Gastes auf diese Weise eine
Reihe von Thatsachen vorüber zu führen, di ihn beschäftigten,
ohne sich zu einem zusammenhängenden Ganzen verbinden zu
lassen, und die ihm unablässig und immer wieder das unbehag-

I108--
liche Gefühl aufnöthigten, das er nuur ein zufälliges und nuur
ein unbedeutendes Mitglied in diesem Kreise sei.
Will sich die Herzogin an mir fin die Diensie rächen,
welche mein Vater ihr und ihrem Bruder geleistet hat? fragte
Nenaius sich einmal umoillllirlich. Aber sein guler Sinn stieß
diesen Gedanken mit einem Tadel gegen sich selber als eine Un-
wilrdigleil von sich, und doch lag diese Vorauussezung der Wahr-
heit näher, als er es zu glauben vermochte.
Renatus wußte es noch nicht, das; man edeln Herzens und
liebevollen Gemithes sein muus, um die Danlbarleii nicht als
eine schwere Last zu empfinden indes; der stolze Sinn der Her-
zogin hatte die Skuide nie vergessen, in welcher sie sich genöthigt
gefunden hatte, von dem Freiherrn für sich und ihren Bruder
unter Hinweis auf eine kaum bestehende Verwandischaft eine
Zuflucht und Hülfe zu begehren. .n wie großmithiger Weise
Nz-
der Freiherr sie auch empfangen und unterhalten hatte, das
Brod der Fremde, das Gnadenbrod, wie sie es oft mit herbem
Ausdrucke in ihrem Innern genannt, hatte nie aufgehört, ihr
hart und bitter zu bedünken. Sie mochte sich der Zeiten nicht
gern erinnern, in denen sie in Richten gelebt hatte, sie dachte
anch an den Freiherrn weder oft noch gern, und doch hatte sie
eine lebhafte Freude empfunden, als sie den Brief seines Sohnes
empfangen, eine Freude, wie sie der mehr als siebenzigjährigen
Frau nicht mehr oft zu Theil ward: sie konnte abbezahlen, was
ihr geleistet worden war, sie konnte sich dem jungen Freiherrn
in dem Glanze und in dem Ansehen ihrer wiedergewonnenen
aGürden und Ehren zeigen und es ihn fühlen lehren, daß es
g
eine Ehre fir seinen Vater gewesen sei, die Herzogin von Duras,
die Freundin und Vertraute der königlichen Familie von Frank-
reich, seinen Gast zu nennen. Sie konnte den jungen Freiherrn
einsehen lassen, daß, was man auch für sie und für ihren Bruder
gethan haben mochte, sie immerdar die Gunsterzeigende gewesen sei.

-- 10-
Ihre Güte, ihre Freundlichkeit für Renains trugen in jedem
Worte den Stempel jener freiwilligen Herablassung, die, so
schmeichelhaft sie sich im Augenblicke demjenigen, dem sie zu
Theil wird, auch erweisen mag, ihn doch herunrerdrückt und ihn
seiner Freiheit mehr oder weniger verlustig, macht. Nenatus
empfand es, das; er sich nicht geben konnte, geben durfte, wie
er war; aber die völlige Znsammengehörigkeit der Personen,
welchen er an diesem ersten Morgen in dem Saale der Herzogin
begegnete, die Uebereinstimmung zwischen ihnen und allem, was
sie hier umgab, hinderten ihn, zu erkennen, worin jener ihn
befangende Zauuber bestehe, oder wer es sei, der denselben über
ihn ausübe.
Mitunier, wenn sein Auge eine Weile mt entzücktem Er-
staunen auf der Nichte der Herzogin haften geblieben war, meinte
er, das es ihre Schönheit sei, welche ihn so s-ltsam beherrsche,
ihn so wnderbar sich selbst entfremde, unh die junge Gräfin
war ganz dazu gemacht, einem Manne die Empfindung anbeten-
den Staunens aufzudringen. Renatus gestand sich, niemals eine
so vollkommene Schönheit gesehen zu haben; denn Eleonorens
auffallend große und üppige Gestalt, die siegesgewisse Ruhe auf
ihcer weißen Stirn, von welcher das goldig schimmernde Haar
sich wie bei den ankiken Statuen in welliger Fülle weit zurück-
bog, um sich in dickem Knoten an ihrem Hinterkopfe zu ver-
einen, gaben ihr troz ihrer großen Jugend etwas Gebietendes
und Mächtiges.
Ihr Vater, der Marquis von Lauzun, welcher der Herzogin
gleich gefolgt war, nachdem diese in Turin in die Dienste der
königlichen Familie getreten war, hatte durch seine Wohlgestalt
und durch die geschickte Vermitilung seiner vorsorglichen Schwester
die Hand einer der reichslen englischen Erbinnen gewonnen, welche
sich eben damals unter dem Schutze ihrer mütterlichen Verwand-
, ten am sardinischen Hofe aufgehalten hatte. Eleonore Haughton

- - L00 -
war, wie der englische Sprachgebrauch es bezeichnet, eine Erbin
durch ihr eigenes Recht gewesen. Die großen Besizungen, der
Name und die Pairie ihres Hauses waren nach dem Tode ihret
Eltern und ihres Bruders auf sie übergegangen, aber sie hatie
sich dieser Vorzüge nur kurze Zeit erfreuen können. Die Geburt
ihres ersten Kindes halte ihr das Leben gekostet, und mit dem
Tauf- und Familiennamen ihrer Mutter waren der Tochter des
Marquis die Adelslilel, die Pairswülrde und der Reichlhum: der
Grafen von Haughton von der Stunde ihrer Geburt an, als
ausschließliches Erbe zugefallen.
Nach der ausdrücklichen leztwilligen Verordnung ihrer Mutier
war eine Freundin derselben zur Erzieherin des verwaisten Kin-
des von ihr bestimmt worden. Bei dem Einflusse. welchen die
Herzogin aber von jeher über ihren Bruder ausgeüübt, hatte sie
es durchzusezen gewusßt, daß ihr die Oberaufsicht über dessen
Tochter zugewiesen worden, als der Marquis ebenfalls frühzeitig
vom Leben geschieden war, und Fräulein Arabella Warwell
hatte also mit ihrer Pflegebefohlenen unter dem Schuze und in
dem Hause der Herzogin gelebt, bis diese die Erziehung der
jngen Gräfin fir vollendet erllärt, und Fräulein Arabella
von ihrem Zöglinge entfernt hatte. Die besten Lehrer hatten
Eleonore vielseitig unterrichtet, und wie man ihr in der Taufe,
zur Erinnerung an das Meisterwerk einer großen Dichterin,
neben dem Namen ihrer Mutter den Namen Corinna beigelegt
hatte, war ihre Bildung auch darauf hingeleitet worden, sie diesem
bedeutungsvollen Namen anzupassen.
Eleonore war mit ihren siebenzehn Jahren der Sprachen
ihrer beiden Eltern wie des Jtalienischen völlig mächtig. Sie
drückte sich in ihnen mit einer Sicherheit und Entschiedenheit
aus, die ihr einen frauenhaften Anstrich gaben und sie älter
erscheinen ließen, als sie war. Wer sie in diesem Kreise von
Männern sich unter den Augen der Herzogin bewegen sah, sie

Om
- --- - au1--
ihre kurzen Fragen stellen, jede Anrede schnell erwidern, jedem
ihrer Gedanken lebhaft und rüückhaltlos Aeußrung geben hörte,
der mußte sich eingestehen, daß er hier ein ungewöhnliches Wesen
vor sich habe, went es ihm auch zweifelhaft bleiben mochte, ob
man dieses Mädchen lieben könne oder nicht. Was aber dem
fliichtigslen Beobachier nicht entgehen lonnte, war die Vorsicht,
mit welcher die Herzogin ihre Nichte behandelte, und die geflissent-
liche Weise, mit welcher diese ihre stolze Unabhänigigkeit zur Schau
trug. Sie trat fortwährend wie ein strahlendes Licht, wie ein
mächtiger Ton aus der gleichmäßigen Stimmung dieser in feinen
Formen abgeschliffenen Gesellschaft hervor, und Nenatus fragte
sich schon in der ersten halben Stunde: Wie kommt sie hierher,
wie konnte sie in dieser Welt sich so entfalten, wie konnte sie
ihre stolze Naturwüchsigkeit in dieser Luuft bewahren?
Man hatte eine gerauume Zeit hindurch die Vorkommnisse
des Hoflebens bis in ihre kleinsten Einzelheiten abgehandelt und
alle Anwesenden hatten sich in den Ausdrücken ihrer Verehrung
und Ergebenheit für das zum zweiten Male wiedergekehrte bour-
bonische Königshaus überboten, als Eleonore, sich zu Renatus
wendend, plözlich ausrief: Ud Sie, Herr Baron, Sie schweigen?
Sie sagen nichts zum Lobe der heimgekehrten Dynastie, für die
Sie doch bei Ligny und bei Waterloo mit Ihren und meinen
Landsleuten gefochten haben, während diese Herren friedlich in
der Nähe ihres Königs weilten?
Eleonore, rief tadelnd die Herzogin, was soll hier diese
Frage?
Mich aufklären, liebe Tante, weiter nichts! entgegnete die
Gräfin, ohne sich durch die Mißbilligung der Herzegin im gering-
sten beirren zu lassen.
Man war es gewohnt, der Gräfin viel uachzusehen, und
man hatte auch keine andere Wahl, wenn mai das Haus der
Herzogin, das man zum Theil um Eleonoren's willen suchte,

10R--
nicht eben ihretwegen meiden wollte; indeß der ernste Ton, mit
welchem sie die dreiste Frage gethan hatte, ließß diesmal eine
scherzhafte Deutung nicht wohl zu.
Es war daher Allen sehr erwünscht, als der alte und ver-
traute Freund der Herzogin, der Prinz von Chimay, dessen
grauem Haare die gemessene Ruhe seiner Sprache und Bewegun-
gen sehr wohl anstand, sich in das Mittel legte und, den Kampf
auf das Gebiet seiner schönen Gegnerin hinüberspielend, die
Bemerkung machte: Sie sprechen von unserem Königshause, Gräfin.
und von Ihren Landsleuten, als ob Sie nicht Französin, als
ob Sie nicht unsere Landömännin wären! Bedenlen Sie, daß
wir auf eine solche Landsmannschaft in keinem Falle verzichten
wollen! So lange ein Fremder Sie uns nicht entführt, sind
Sie die Unsere, und wir werden Alles hun, Sie in der Heimath
und in Ihrem Vaterlande festzuhalten!
Vaterland und Heimath! wiederholte die Gräfin, Sie nennen
das zusammen, mein Fürst, als ob es nicht verschiedene Dinge
wären! Frankreich ist allerdings meines Vaters Geburtsland,
ist mein Vaterland, aber meine Heimath ist es nicht. Meine
Heimath ist jenseit des Kanals in Haughton Castle, wo ich so
glücklich war, Sie bereits zu sehen, und wo ich Sie wieder zu
begrüßen hoffe, wenn ich erst ganz dort leben werde, füügte sie
mit einer Verneigung hinzu, die verbindlich, die versöhnend wirken
sollte, während die stolze Siegesgewißheit abermals über ihre
Mienen glitt. Und als wolle sie diese Unterhaltung nicht fort-
gesetzt sehen, wendete sie sich zu Nenatus, um auch ihn für die
Zukunft nach ihrem Schlosse einzuladen. Sie werde stolz und
glücklich sein, sagte sie ihm, wenn er ihr Gast zu sein verspreche,
nachdem ihr Vater durch so viele Jahre seines Hauses Gast ge-
wesen sei. Dabei reichte sie ihm, nach Art ihrer englischen Lands-
leute, die Nechte hin, daß er einschlagen und ihr sein Versprechen
geben solle, und ihm die Hand mit festem Drucke schüttelnd,

-- Z0Z-
während sie ihm frei und aufrecht in das Auge sah, rief sie:
-Wir wollen gute Freunde werden, nicht wahr, recht gute Freunde,
Herr von Arten!
Nenatus wusßte sich nicht zu erklären, welcher Stimmung
des schönen Mädchens er diese unerwartete und auffallende Gunst-
bezeiguig zu verdanken habe, welche ihm sehr leicht die Abneigung
der andern jungen Edelleute zuziehen konnte; aber er fühlte sich
deshalb nicht weniger von Eleonoren's sonnigem Auge erwärmt,
er bermochte ihrer kräftigen und frischen Stimnme den Zugang
zu seinem Herzen nicht zu verschliesen, und im Jnnersten seines
Wesens geschmeichelt, sprach er: Sie eröffnen mir eine Aussicht,
gnädige Gräfin, die mich hoch erhebt, und zeigen mir ein Ziel,
nach dem zu streben mir um so mehr ein Glick sein wird, da
ch die Freundschaft, die Sie mich hoffen lassen, zunächst doch
nur meinem Vater zu verdanken habe.
Wie er seinem Vater ähnlich sieht! rief die Herzogin, sich
an den alten Fürsten wendend, nicht wahr, mein Fürst? Sie
zwaren in Vaudricourt, als der Freiherr von Arten mich zum
ersten Male besuchte, und Sie erinnern Sich des Freiherrn noch!
Aber der Fürst versicherte, daß er den Freiherrn nie gesehen
Hhabe, und die Herzogin wußte das eben so genau, als daß
MRenatus seinem Vater ganz und gar nicht glich. Sie hatte
nur der Unterhaltung eine andere Richtung geben, nur Eleo-
Inoren's Launen in den Weg treten, einer unangenehmen Scene
Jein Ende machen wollen, und von allen Seiten war man sofort
bereit, über die kleine Störung leicht hinweg zu gehen, um der
FHerzogin, über deren Absicht Niemand in Zweifel war, geschickten
Beistand zu gewähren.
Der Füürst rühmie die Reize von Haughton Castle, während
die Herzogin das Klima des hoch gelegenen Ortes tadelte; man
sprach vou der Jagd, die dort ergiebig sei, von dem Besuche,
welchen der Prinz-Regent im vorigen Jahre, als die Herzogin

- W ----
es während der Sommermonate mit ihrer Nichte bewohnte, in
dem Schlosse gemacht hatte, und Eleonore hörte der ganzen Unter-
haltung schweigend zu. Als habe sie sich jezt geng gethan,
ließ sie ihre dunkeln Augen langsam von Einem zu dem Andern
gleiten, und nur wen ihr Blick auf den Fürsten oder auf die
Herzogin fiel, meinte Renains zu bemerken, das: ein spöttisches
Licheln um den Muund der juugen Schönen spiele uund daß ein
Gefühl des Triumphes ihre lräsligen Nasenslügel schwelle.
Niemand machte ihn emsfinden, das; er, wenn auch ohne
sein Verschulden, den Anlaß zu der Kränkung geboten hatie,
welche die Gräfin den Gästen und Freunden ihrer Tante zugefügt
hatte. Renatus ließ es sich also doppelt angelegen sein, sich durch
anspruchslose Freundlichkeit mit dem Menschenkreise, in den et
eingetreten war, in ein güünstiges Verhältniß zu sezen, und es
gelang ihm dieses auch nach Wunsch; denn als die Besucher
sich empfahlen, weil die Stunde gekommen war, in welcher die
Herzogin ihre tägliche Ausfahrt in das Gehölz von Boulogne
zu machen pflegte, schied man in einer so heiteren Weise, als
ob gar nichts Störendes vorgefallen wäre oder als ob überhaupt
niemals etwas Störendes zwischen die Glieder dieses Kreise?
treten könnte.

Kapitel 15

Friinfie ä Capitel.
Fser Gariensaal der Herzogin lag, wie bei all en Schlössern,
welche dem Anfange des achtzehnten Jahrhundects ihre Ent-
slehung verdanken, an einer mächtigen Terrasse. Am Abende des
Tages, an welchem sie Nenatus bei sich aufgenommen hatte,
waren die Thüren des Gartensaales weit geöffnet. Das helle
Licht der Kerzen mischte sich mit dem sanften Glanze des Mondes
und ließ innen wie auußen alle Gegenstände llar erkennen.
Mitien im Saale sas; die Herzogin mit ihhrem Freunde,
dem Prinzen, und noch zwei andern Personen beim Kartenspiele;
drausßen giig Renatns an der Gräfin Seite auf und nieder,
während ein Mann von reifem Alter und ein junger, schlanker
Geistlicher, die am andern Ende des Zimmers Platz genommen
hatten, in eifriger Unterhaltung begriffen zu sein schienen, obschon
keiner von beiden die auf der Terrasse Lustwandelnden aus dem
Auge verlor.
Von Zeit zu Zeit warf auch die Gräfin ihre Blicke in den
Saal, dann aber wendeke sie sich gleich wieder dem Freiherrn
zu, und obschon ihre Unterhaltung sich ausschließlich in jenen
Fragen und Mittheilungen bewegte, mit denen man sich der äußer-
lichen Verhältnisse eines neuen Bekannten zu bemächtigen und
ihn in der fremden Umgebung heimisch zu machen versucht, fühlte
Nenatus sich doch von einer Unruhe ergriffen, für welche er sich
keine Ursache anzugeben wuuste.
Ohne es zu wollen, mußte er den Blicken Eleonorens folgen,

20ü--
ohne zu wissen, weßhalb, betrachtete er die Geseslschaft, die er in
dem Zimmer vor sich sah, mit einer mißtrauischen Besorgniß.
Er hörte achtsam auf alles, was Eleonore zu ihm sprach, und
er fühlte sich trotzdem üüberzeugt, daß sie an etwas Anderes
denke; ja, es lam ihm endlich vor, als sei sie mit ihm unzu-
frieden, als werde sie ungeduldig; aber er lonnie es sich nicht
erllären, wie er ihr Anlasi zu irgend einer Ulnzusriedenheil ge-
geben haben lönne. Nie zuvor war ihm so sonderbar zu Sinne
gewesen. Die Eipfinduuug, das: die Gräsin ihn geflissentlich auf
die Terrasse hinausgeführt habe, daß jezt etwas geschehen, etwas
gethan werden mülsse, wurde immer lebhafter und unabweislicher
in ihm. Das Herz klopfte ihm in der Brust, er hatte eine Art
von Furcht vor seiner schönen Gefährtin, und wie das dämmernde
Mondlicht sie mit seinem webenden Schimmer hell und heller
umgoß, kam sie ihm zwar wie eine Armide verführerisch und
schön, aber so oft der strenge Blick ihres grosßen Auges ihn
berührte, auch wie eine solche unheimlich und dämonisch vor.
Sie hatte seit einer Weile zu sprechen aufgehört; das
konnte er nicht ertragen, und um sich aus der Befangenheii und
Verwirrung, deren er sich schämte, herauszureißen, sagte er
plötzlich: Sie haben mir heute, gnädige Gräfin, im Andenken
an Ihren und meinen Vater, Ihre Freundschaft angeboten, und
ich glaube, daß es Ihnen Ernst damit gewesen ist. Darf ich
diese Freundschaft heute schon zu einem Dienste für mich in
Anspruch nehmen?
Eleonore blieb stehen; Nenatus hörte, daß sie tief auf-
athmete, als werde eine Spannung von ihr genommen, und
ohne sich zu besinnen, entgegnete sie ihm: Unbedenklich, wenn
Sie mir vorher gestaitet haben werden, Ihnen zu erklären, was
mich bewogen hat, Ihnen diese Freundschasi so schnell und so
gewaltsam aufzudrängen.
Renaius wollie ihr enlgeguen, das; sie ihn mii ihrem Ver-

-- I0?--
, trauen glicklich mache, aber sie ließ ihn dieses nicht vollenden.
? Keine Worte, jHerr von Arten! rief sie mil ihrer stolzen, ge-
s bieterischen Weise. Sie müssen es heute schon gesehen haben,
F es fehlt mir nicht an Männern, die mir schmeicheln, weil sie
s glauben, das: auch ich uichiö Höheres kenne, als uich durch die
Schmeicheleien eines Mannes gefangen nehmen und der Freiheit
F beranben zu lassen, die man mir misgöuui! Aber eben deshalb
f hlit ich in der Lage, meine Tanie läglich daran zu erinnern,
F daß ich, Dak deu Testamente meiner Multer, sreier Herr über
F ale meine Etschlieszungen bin, und eben deßhalb bot ich Ihnen
heute so unberufen meine Freundschaft an, um es meiner Tante
darzuthun, daß ich's nicht liebe, wenn man selbst die heiligste
aller Pflichten, die Dankbarkeit, nur zu einem Piedestal für sich,
ß und zu einer Last für denjenigen zu machen sucht, dem man sie
J zu entrichten hat! Nun, die Herzogin hat ja lange Jahre in
s Jhres Vaters Hanse gelebt -- Sie werden sie also kennen, so
? gut wie ich!
? Der Zorn, der aus jedem ihrer Worte sprach, gab ihrer
- tiefen Stimme nuur einen höheren Reiz, und doch erschreckte ihr
f Wesen den jungen Freiherrn auch in diesem Augenblicke wioder,
F weil es völlig von allen den Vorstellungen abwich, unter denen
z er bisher das Bild eines jungen Mädchens zu denken gewohnt
ß gewesen war. Selbst die riickhaltlose Härte, mit welcher Eleonore
F über ihre greise Tante gegen einen Fremden ihr .ictheil aus-
sprach, beleidigte sein Schicklichkeitsgefühl, und immer geneigt.
? sich desjenigen anzunehmen, dem nach seiner Meinung ein Unrecht
, zugefügt wurde, sagte er, daß er von der Herzogin zwar ein
F lebhafted Bild in seiner Erinnerung bewahrt habe, daß er aber
zur Zeit ihres Aufeuthaltes in Nichten zu jung gewesee sei,
irgend ein selbsländiges Urtheil über sie zu besizen.
Und abermals blieb Eleonore stehen, während sie, trotz des
Halblichies, in seinem Anllize zu lesen versnuuhie. Sonderbar,

-- I0Z--
sprach sie; Ihnen fehlte also jener Instinkt, den das Kind doch,
mit dem Thiere gemein hat? Sie hatten also kein inneres.
Widerstreben gegen die Herzogin? Sie hatten kein Abmahnen -
gegen die selbstische, die tyrannische Feindseligkeit ihrer ganzen
Natur?
Nein, versezte Renains nach einigem Besinnen. Ich glaubte
nur, das; sie die Kinder nichl eben gern habe, und da meine
theure Mutier ihr weniger als mein Vater nahe stand, so hatie
ic damals, so viel ich mich enisinue, allerdings leine besondere
Liebe fir die Frau Herzogin; aber ich löuie eben so wenhg
sagen, das: ich sie gefiirchtet hätie.
ap habe sie gefirchtet, seit ich zu denken vermochte, fuhr
N,
Eleonore heraus, und jetzt --- jezt kenne ich sie! fügte sie mit
schneidender Bitterkeit leise hinzu, als der Edelmann, welcher
bis dahin mit dem Geistlichen gesprochen hatte, man nannte ihn, ;
um ihn von seinem Vater, dem Füürsten von Chimay, zu unter- -
scheiden, mit seinem Taufnamen den Prinzen Polydor, zu den
Beiden heraustrat und der besonderen Unterhaltung des jungen
Paares damit ein Ende machte.
Eleonore verließ die Terrasse, und Nenatus, der dem Prinzen
schon am Mittage bei der Fahrt im Gehölze vorgestellt worden -
war, blieb allein mit ihm zurück. Der Prinz mochte über l
fünfzig Jahre alt sein, aber sein hellblondes Haar, seine schlante
Gestalt und seine schöne Haltung machten ihn, bei der großen -
Sorgfalt, mit welcher er gekleidet war, noch vortrefflich aussehen. -
Nenatus wußte, das er des alten Fürsten einziger Sohn und
Erbe sei und daß er mit seinem Vater während der ganzen Zeit -
der Verbannmg am Hofe zu Petersburg gelebt habe. Bei der
Herzogin stand er offenbar in groser Gunst. Sie hatte, nachdem
man ihm am Morgen begegnei war, den jungen Freiherrn auf-
merksam darauf gemacht, wie er in dem Prinzen Polydor das
Muster eines französischen Edelmannes vor sich sehe, und dann,

--- L0I- --
s gleichsam im Selbstgespräche, hinzugefigt: Unb doch war seiner
P Oz.ss
: -- lut dem seines Vaters nicht an Reinht gleich.
=- P
Als Renatus sie darauf fragend angesehen, hatte sie sich
Fin ihren Mittheilugen plözlich unierbrochen und nur flichkig
die Bemerkuug hingeworfen, daß es sich dabei um ein sehr roman-
tisches Ereignis; handle, von welchem man nichl eben spreche,
- obschqn es dem alien Fiirsien eigenllich zur höchsten Ehre an-
gerechet werden uisse, wie der König dies denn auch durch
,sein' Verhallen gege den Vaier und den Sohn gethan habe.
Und es war danach der Einbildungskraft des jungen Freihercn
vorläufig noch ilberlassen geblieben, unter welcer Gestalt er sich
die romantischen Erlebnisse des alten Fürsten vorstellen mochte
und konnte.
F Nach einigen Tagen aber kam die Herzogin, als sich am
z Aende ihre gewohnten Gäste bereits entfernt hatten, unter dem
FVorgeben, dasß sie Renatus recht bald und recht schell unter
Jihren Umgangsgenossen bekannt zu machen wünsche, abermals
J auf den Fütrsten und seinen Sohn zuriick, und bei diesem Anlasse,
F erfuhr Nenatus, was die Herzogin ihm am ersten Morgen nur
anzudenten fir gut befunden hatte.
Der alte Fürst von Chimay, so erzählte die Herzogin, war
Fn seiner Jugend ohne alle Frage der schönste Mann, der vollen-
f detste Cavalier des Hofes, und wir lebten damals noch in einer
ß Zeit, in welcher man es einem Manne weit mehr als jezt zum
zVerdienste anzurechnen verstand, wenn er der Welt in sich selbst
s ein vollkommenes Bild edelmännischer oder fürstlicher Würdigkeit
Fdarzubieten wußte. Er hatie in früher Jugend bedeutende Reisen
Fgemacht, überall war ihm der ehrenvolcte Euuwfang zu Thel
geworden, der Ruf seines Geisted uund seiner Lielenswülrdigkeit
z stand iber jeden Zwweifel fest, die Guuust der Frauen kam ihm
bereitwillig entgegen; aber der Fürst war nicht nur schön wie
ein Adonis, er war auch spröde wie ein solcher, und das Ge-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. Ül.

N10 --
rücht, das ihn unbesieglich nannte, steigerte nur das Verlangen
der Frauen, ihn zu überwinden und zu fesseln.
Die Herzogin lehnie sich, in ihrer Erzählg innehaltend,
in ihren Polsterstuhl zurick. Es ist die alte Eva-Natur, sggte
sie lächelnd, alles, was ihnen versagt isl, was sich ihuez enhzleht
das reizt die Fraen. Muchen Sio sichh darans Ihren Schluß,
mein junger Freund; und sich langsam mit einem der kleinen
dunkelrolhen Zächer, deren Nenalus sich noch aue seiner Kindhe!
zu erinnern meinte, Kühlung zuwehend, fnuhr sie nach einer kurzen
Pause also in ihrer Erzählung fort: Ich lebte damals fern von
Hofe, an meines verehrten Gatten Seite, in unserem Schlosse.
Wir sahen den Fürsten, der uns sehr befreundet war, immer
nur fir einzelne Wochen und in Zwischenräumen bei uns, da
die Gesellschaft des Hofes ihn uns streitig machte. Es war
oftmals von seiner Verheirathung die Rede gewesen, öfter noch
von Herzensverhältnissen, in die er verstrickt sein sollte; aber
alle diese Gerüchte erwiesen sich stets als unbegründet, und man
gewöhnte sich bereits daran, den Fürsten als einen Weiberfeind
zu betrachten, als sich ganz unerwartet und zum höchsten Er-
staunen aller Welt die Nachricht verbreitete, der Fürst habe sich
mit einem jungen, im Kloster erzogenen, einer geringen und
armen Adelsfamilie angehörenden Mädchen verehelicht, das ihm
einen Sohn geboren habe, und sei, da die junge Mutter von
einem unheilbaren Brustleiden ergriffen worden, zu ihrer Er-
haltung mit Frau und Sohn in's Ausland, in den Süden, ich
meine, nach Sicilien, gegangen.
Die Kunde sezte den Hof, die Stadt, den ganzen Adel
des Landes in Bewegung. Niemand wollte es glauben, Niemand
hatte dem Fürsten eine so phantastische Leidenschaft zugetraut,
Niemand es fiür möglich gehalien, dasi eben der Fürst von Chimay
es vergessen könne, was er sich selber schuldig sei. Man fraghe
sich Wer ist die Zauberin, die den bisher Unbesiegten nicht

epts
Fir zu besiegen, sondern sich selber abwendig zu machen ver-
Fnden hat? Man forschte nach ihrem Namen, man war begierig.
ße zu sehen, man glanbte an jedem Tage, irgend eine Lsung
Hises Näthsels zu erhalten, die wo möglich noch geheinnißvoller
,ud auffalleuder als dad Ereiguis: selber seln sollle; indeß man
Frfuhr nichts, gar nichts über den Gegenstand dieser unbegreif-
Pchen Leidenschast. Der Fürst tehrte denn auch nicht, wie man
ss doch erwariel halle, mil der schöen Jahreszeii nach Frankreich
hd an den Hof zurick; er legte vielmehr das Ait eines Kammer-
hrrn; das er bekleidet haite, nieder, und alles, was man er-
hiieln konte, war, das: die Tranng in der lleinen Kirche des
Flosters vollzogen worden war, in welchem die Braut bis dahin
hAebt hatie, und daß sie an ihrem Hochzeitstage eben so schön
ßs kront asgesehen habe.
f, Ich befand mich im Auslande, auf einer Badereise, als
heser Noman die Gesellschaft in Aufruhr sezte, und alle Briefe,
helche ich erhielt, sprachen mir nur von unsexem Freunde. Indeß
ß slber gab mir keine Kunde von sich, und nachdem man des
Perwunderns von allen Seiten müde geworden war, fingen die
Pinen den Prinzen zu vergessen, die Andern auf ihn zu ver-
Pchten an. Man sagte sich, dasß er wiederkehren und seine alte
Pielle unter uns einnehmen werde, wenn er seiner romanhaften
jhile geng gethan habe oder wen die fabelhafte Prinzessin
hHhorben sein würde. Aber als handele es sich wirklich um ein
Färchen, so geschahen auch hier jezt Wunder, und zwar gerade
ßejenigen, welche man am wenigsten erwartet hatte.
h Die Herzogin unterbrach sich abermals, und Renatus, den
he Thatsachen dieser Erzählung eben so anzogen, als ihn die
heifterhafie Weise fesselte, in welcher die Greisin sie berichtete,
henerkte, das Eleonore das Buch, in welchem sie bis dahin
Plesen hatie, zur Seite legte und, die Arme über die Brust
heheuzt, ebenfalls auf die Forisezung der Erzählung achten zu
1

ezz H
wollen schien. Auch der Herzogin entging die plözliche A!
merksamkeit keineswegs. Sie fragte, ob Eleonore ihr Bu
beendel habe.
Nein, versezte diese; Ihre Erzählung isi uir aber wek
wichliger, als das Buch, und ich bin begierig, liebe Tante,d
Abzzz derselleni, iler eni ih susi srhnn ssrecrn hirle, gerad
aus Ihrem Munde zu verehmen. Nicht wahr, die Fürstin bewie
sich den schönen Frauen des Hofes nichi so gefällig, als sies
wünschten und erwartet hatten, die Fütrstin blieb am Leben
und, was noch schlinmner war, der Firsl, weil davon enifer'
ihr dieses zu verargen, gewöhnte sich an sie und liebte sie;ß
daß er darüüber des Hofes und seiner schönen Frauen ganz ur!
gar vergaß?
Es schoß ein scharfer, schneidender Blick aus den eing
sunkenen Augen der Herzogin zu ihrer Nichte herüber, als diß
ihre Fragen im Tone der Unwwiderleglichkeit spöttisch über ih
Lippen gleiten ließ, und Renatus wus:te nicht, welche von dß
Beiden, ob die Greisin oder das junge Mädchen, ihm in dieß
Augenblicke mehr misßfiel. Aber das Autliz der Herzogin gewan
gleich wieder seine Nuhe, und mit der freundlichen Gelassenheh
die sie äuuserlich fast immer zu bewahren wuste, fragte sie: Wü
-?
wer ist es, dem Du diese Mitkheilungen dankst?
Dem Herrn Abb von Montmerie! entgegnete die jun
Gräfin mit einer so geflissentlichen Deutlichkeit und Lngsamkeh
als wolle sie damit etwas Besonderes sagen oder errathen lassnn
Die Herzogin ging jedoch, während ihr Gast sich von dem iihß
unverständlichen Vorgange wie von der unverkennbaren Feind
seligkeit, welche zwischen den beiden Frauen herrschte, unheimlh
berihrt sand, leichi dariber fori.
=ea sehen Sie die llgeduuld und auch den lebebacht ds
Jgend, mein lleber Nene, sagle sle. Wir alien Luie sind u
schnell, wie sie. Wir müssen uns langsam in unsere Erinn

-
ezt S
==- J! l. Hg? -
angen versenken, wir spinnen sie mühsam zu einem Ganzen
usammen, und wenn wir unser kleines Kunsiwerk zu vollenden
Alen, fährl irgend eine uwvorsichlige junge Hand dazwischen
nd zerreisst und verwirrl uns unsern Faden, das; wir ihn nicht
Zedersinden köunen.
Sie lrgle ihsrn Füicher u der Hannd, zog ie lleine, unil
Fxillantez besezle Tabacsdose aus der Tasche, nahm mit ge-
piztem Finger eine Prkse und schellte, damit der Diener ihr
u- ihrem Zimmer leuchte.
E war vergebens, daß Nenalus sie ersuchle, ihm den
Schluß der Erzählung nicht zu entziehen. Sie vertröstete ihn
uf einen anderen Tag, wiederholte, daß sie nicht mehr in der
slle ihrer geistigen Mittel lebe, daß sie Rücksicht und Schonung
dthig habe, und forderte, obgleich sie sich noch immer mit voller
stiheit bewegte, den Arm Eleonorens, sich darauf zu stützen,
l sie, ihrem jungen Gaste unter ihres Hauses Dach eine an-
eßehme Nuhe und gute Träume wünschend, den Saal verließ.
I Es währte jedoch lange, ehe der Freiherr die ihm gewünschte
tuhe finden konnte. Die Menge der Eindrücke, welche er heute
a'seiner nächsten Umgebuung erhalten hatie, hielt ihn wach. Er
znte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie in einem
Adchen von Eleonorens Alter, bei einer so bevorzugten Lebens-
ge, sich eine solche Herbigkeit habe entwickeln können und wo-
urch in das Verhältniß zwischen ihr und ihrer Tante jene
iterkeit gekommen sei, die Eleonore selbst vor dem fremden
lanne entwweder nicht verbergen wollte oder nicht zu verbergen
smochte. Aber der rechte Aufschluß bot sich ihm nicht dar,
nd in jener Aufregung, welche uns immer befällt, wenn wir
icht wissen, ob wir die Personen, die uns anziehen, lieben oder
zsen sollen, schlies er endlich lberreizl und schr ermidel ein,
ä l-.. e
oe ---- daluie noch von wirren, unzusammenhängenden Vor-
Allungen und Gebilden hin und her geworfen.

L1--
A solgenden Morge sah er die Nraen des Häüßs
nicht, da der Dienst ihn auswärts beschäftigt hielt. Später,al j
er sie aufzusuchen kam, vermied die Gräfin ihn eben so absichliß j
als sie ihm Anfangs entgegengekommen war. Nicht einmald!
Möglichkeit vergönnte sie ihm, sie um die Grinde ihrer ve j
änderteu Halhug zu besragen. Sie schien überhaupt wwenl j
Gesallen an der Geselligleil zu haben, deun sie zog sich, wennd j
Epfangsslunde der Herzogin geloumen war, häufig aus de j
Saale in ihre eigenen Zimer zuric, und ihre Tanle versuh !
es dann auch nicht, sie neben sich und in der Gesellschaft fff j
zuhalten.
Nenatus wuuste nicht, was er ihn sollte. Bisweilen süh s
er das Bedürfniß, der Gräfin zu schreiben und sich zu erhu j
digen, womit er ihre gute Meinung verscherzt habe, dann wih j
schalt er sich eitel und thöricht, daß er Eleonorens Foeiblelk. ,
überhaupt in irgend eine Verbindung mit sich zu bringen wag j
Wenn er sich schuldig glaubte, dachte er mit Bewunderung,j
mit Entzücken an die Gräfin; wenn er die Kälte, welche sie ih
bewies, auf Rechnung ihrer launenhaften Selbstwilligkeit ste
zürnte und grollte er ihr, aber immer blieb sein Sinn mit-?
beschäftigt, wie das neue Leben, das er führte, seit er ind
Haus der Herzogin gekommen war, ihn auch gefangen nah
und von allen seinen bisherigen Erinnerungen und Wünse
abzuziehen geeignet war.
Renatus hatte noch nie an einem Hofe gelebt und n
kein weibliches Wesen gekannt, das mit der Gräfin Haugh
zu vergleichen gewesen wäre. Das Erfahren und Erleben wu
für ihn fast überwältigend, und doch sagte er sich an' je
Tage, daß er jezt erst zu leben anfange, daß ihm jetzt erst.
Juuugend aufgehe, wie sein Vater sie genossen habe, wwie sie ei
Mannes von seinem Stande würdig und wie sie ihm durch!
Ugunst der Verhältnisse viel zu lange vorenthalien wordcJ,,l

--- LJ--
Da er in den Stürmen der Revoluttonszeit geboren und
erwachsen war, huulle man ihn, uit dem Hiuweise auuf die ln-
beständigkeit aller irdischen Macht und Güter, zu einer gewisen
Selbstbeschränkung erzogen und es waren, ohne daß man ee
beabsichtigt oder er selbst es gemerkt hätte, doch viele der An-
schanungen an ihn herangekommeu, welche als ein neues Mensch-
heits-Epangelium die Welt umzugestalten begonnen hatten. Nun
befand er sich mil Eineiu Male auuf einem Boden und iumitten
Aner Nailon, in welchen die Lehren von der Freiheit und Gleich-
berechtigung aller Menschen tiefer als irgendwo sonst in das
Volksbewußtsein eingedrungen, und von Wirkungen und Thaten
so zerstörender und durchgreifender Art gefolgt gewesen waren,
daß man die erneute Herrschaft der früheren Weltanschauung und
die Wiederkehr der alten Staatsverhältnisse und Zustände für
immer unmöglich hätte halten müssen. Trotzdem thronte der
ächtzehnte Ludwig wieder in den Tuilerieen, doch waren den
hertriebenen und wieder heimgekehrten Aelsgeschlechtern, doch
waren der kakholischen Geistlichkeit ihre Titel und Würden und
Besitzthümer zurückerstattet worden, und von den Beamten des
Naiserthums wie von den einstigen Republikanern drängten sich
große Massen an die neue Gnadensone heran, und gar viele
Hon den Bekennern der Vernunft-Religion fillten jezt wieder
zie Kirchen, in denen man die Dankes-Hymnen für die Nieder-
herfung der Revolution und für die Besiegung des Bonapartismus
Frtönen ließ.
F Konnte es da befremden, wenn ein werdender, ein in sich
zoch in keiner Weise gefestigter Charakter sich der, seinen eigenen
Fnschauungen nahe verwandten Meinung der Gesellschaft an-
jchloß, in der er sich bewegte? Und was hatte Nenatus aus
Jeinem eigenen Geiste oder seiner eigenen Erfahrung dagegen
ginzuwenden, wenn die Herzogin und ihre Freunde den Aus-
jpruch des Kaisers Alexander auch zu dem ihrigen machten,

-- L1ü--
wenn sie die ganzen Ereignisse der letzten dreißig Jahre als.
einen wilden Strom betrachteten, dessen Wassern man nur die'
Zeit zum Verlauufen habe gönnen misssen, damit das Danernde,
das allein Würdige, die Herrschaft des Adels und der Kirche
in ungetrübter Nuhe wieder zur Erscheinung und zu ihrer
Geltung habe kommen können.
Der junge Freiherr hatte bisher mit Siolz daran gedacht,
das; auch er, so viel an ihm gewesen sei, zum Sluurze Napo-
leon's und der Napoleoniden, zuur Wiederherslellung der al!en,
legilimen Herrscher beigeiragen hale; aber der Ton, die Art
und Weise, in welcher man in der französischen Hofgesellschaft
von dem leberwwuunndenen sprach, verleidete ihm allmählich seine
Siegesfreude. Nicht die Niederwerfung des Eroberers war das
Verdieust, das man hier schätzie, sondern die zuversichlliche Treue,
mit welcher man auf den endlichen Untergang Bonaparte's und
auf den Sieg des angestammten Königshauuses wie auf eine
Naturnothwendigkeit gerechnet und gewartet hatke. Nicht die
That war es, die man hier ehrte, sondern der Glaube und das
Erdulden, und fir dieses Leztere sich zu entschädigen, war alles,
worauf man jetzt noch dachte.
Feste folgten den Festen, die Verbindungen des jungen
Freiherrn dehnten sich bei denselben immer weiter auus, und
seine Bewunderung der französischen Gesellschaft, sein Geschmack
an dem Hofleben wuchsen, je mehr er in demselben heimisch
wurde. Weil er von frühester Kindheit an zu einer strengen
Unterwürfigkeit unter den Willen der Kirche und unter den
Willen seines Vaters und Erziehers angehalten worden war,
hatte er sich gewöhnt, sich selbst und seinen Werth nach dem
Maßstabe zu messen, der ihm von Andern, gleichsam von außen
her, dargeboten wurde. Er fand sich also sehr leicht darein,
ja, es dünkte ihn eigentlich nur natürlich, das die Gesellschaft,
in die er jezt eingetreten war, einander nach der Bedeutung

F schätzte, welche der König und die königliche Funilie den ein-
F zelnen Personen zuerkannten, und er stand sich gar wohl bei
; dieser neuen Ansicht, dennn man nahm ihn um seiner Beschiützerin
willen am königlichen Hofe günstig auf.
? Er war ein schöner Mann geworden, er tanzte den Walzer,
, den die Fremden in Frankreich eingeführt haiten, mit Meister-
s schaft, seine jugendliche Genusfähigkeit, selbst seine Schiichternheit
z empfählen ihu den Frauuen. Dazn war er eiu iresslicher Neiier,
Z wußte die Waffen wohl zu brauchen, und weil er sich der ihn
F uugebenden Meinung gefigig zeigte, gewane er sich auch die
Gunst der Mäiner. Es währie also gar nicht lange, bid man
z der Herzogin voü vielen Seiten das Lob ihres jungen Schiüz-
F lings wiederholte, und diese blieb nur sich selbst getreu, wenn
- sie Nenatus, den sie in ganz eigensichtiger Absicht bei sich auf-
F genommen hatie, werth zu halten und auszuzeichnen anfing,
z sobald er eine vortheilhafte Erwerbung fiür ihre besondere Hof-
f haltung zu werden versprach.
? Kein Tag verstrich, an welchem sie sich nicht eine Weile
F in einsamem Zwiegespräche mit ihm beschäftigte. Sie machte
F sich eine Pflicht daraus, seine Ausdrucksweise in der fremden
s Sprache zu verbessern, sie wies ihn an, wie er sich gegen die
ß verschiedenen Personen, mit welchen sie ihn in Berührung brachle,
F zu verhalten habe, und wenn er sich ihr dankbar und allen
ß ühren Anordnungen gehorsam erwies, rief die Herzogin oft
l seufzend aus: Ach, warum hat der Himmel mir es versagt, iin
f meiner Nichte ein so weiches Herz zu finden! Warum ist es
F mir auferlegt, kaltem Starrsinne zu begegnen, wo ich so viel
ß Lebe säete und für die letzten Tage meines Lebens Lebe zu
F ernen hoffte!
Sie hielt ihrem neuen Schitzlinge dan ihre Hände hin,
? e drickte einmal sogar einen Kus auuf sein schönes, blondes

-- LZ-
Haar, da er sich neigte, ihre Hand an seine Lippen zu ziehen,'
und gerade, daß er sich sagen mußte, wie hart und ungerecht
er, von Eleonoren dazu verleitet, an dem ersten Tage die Her-
zogin zu beurtheilen geneigt gewesen war, gerade das befestigte
seine Ergebenheil fiür die Greisin und wendeke seine Empsindung
von Eleonoren ab, so oft er die eisige Zuurückveisung bemerlte,
mit welcher die Gräfin die Freundlichkeit der Herzogin vergalt

Kapitel 16

SechStes Capitel.
- F
ulugze reihhlen sich an äage. Wocen wuurden zu Wochen,
und vieles, was Renains in seiner neuuen U ungebung im Anfange
nicht verständlich gewesen war, klärte sich ihm von selber auf.
Er sah, daß die Freundschaft und Huuldigg. welche der alte
Füürst der Gräfin Eleonore eutgegenbrachte, ihren Ursprung nicht
nir in seiner vieljährigen Verbindung mit ihrer Taunte hatten,
sondern auf Rechnuung der Bewerbung zu setzen waren, mit
welcher der Prinz, sein Sohn, sich um die schöne Erbin bemühte.
Auch über die Absichten der beiden Geiftlichen, welche zu den
täglichen Gästen der Herzogin gehörten, konte Renatus auf die
Länge uicht in Zweifel bleiben.
Er fand es jedoch sehr natürlich, daß ein Mann von den
Vorzügen des Prinzen sich noch die Fähigkeit zutraue, die Liebe
eines jungen Weibes zu erwerben; es däuchte ihm durchaus
berechtigt, daß die katholische Kirche sich die in jedem Betrachte
auusgezeichnete Gräfin, die nach dem Glauben ihrer Mutier der
englisch-protestantischen Kirche angehörte, anzueignen strebte; denn
für Beides hatte er die Beispiele in seinem eigenen Hause vor-
gefunden. -.uerdings waren die Ehen, welche der verstorbene
Aect
Freiherr in reifem und in vorgerücktem Alter mit bedeutend
jingeren Frauen eingegangen war, nicht glücklich ausgefallen.
Aber seine protestantische Mutter hatte doch Glick und Frieden
im Schoose der römischen Kirche gefunden, und obschon sich
bei Nenals die Gewwohhnheil der lirchlichen llnierordnung wwie

---- 20 ---
das Bedürfniß nach religiösem Anhalte, seit er das Vaterhaus
verlassen und namentlich jetzt in den Jahren des Krieges, sehr
vermindert hatten, hegte er doch den Glauben, daß für ein so
stolzes Herz, wie das der Gräfin, die Sorge und Pflege durch
einen ihr iberlegenen geisllichen Beralher nur heilsam sein lönne.
Niemand aber musile zu einer solchen Ausgabe geeigneler er-
scheinen, als der Abbü von Monimerie, als der jiüngere der
beiden geistlichen Herren, welche in dem Hause der Harzogin
fast ae keine Tage sehlten.
Die Herzogin hatie den Abb schon in Jtalien gekannt.
Seine Hingebung an die Kirche und seine uufassende Gelehr-
samkeit hatten ihn frih zu einem Gegenstande der Auuferlsamleit
fir seine Vorgesezten gemacht, seine weltännischen Manieren
empfahlen ihn der vornehmenn Gesellschaft, welcher er durch seine
Geburt angehörte. Von Jugend auf kannte er aus den Er-
zählungen seiner Anverwandten alle die geheimen Fäden, durch
welche diese schöne Welt untek einander zusammanhing, und da
er das scharfe Auge eines Beobachters hatie, war es ihm, als
der Hof und mit ihm auch der Adel und der Abbs selber in
ihre französische Heimath zurüückkehrten, nicht schwer gefallen,
in den Neihen dieses Hofes den Plaz für sich zu finden, welchen
er als den angemessensten für sich erachtete. Er hatie sich nicht,
wie viele Andere, in den Beichtstuhl gedrängt, denn es hatte
ihn nicht danach gelüstet, die Bekenntnisse dieses oder jenes be-
ängstigten Herzens zu vernehmen, und hier eingreifend, dort
berathend in kleinen Verhältnissen einen Einfluß zu gewinnen,
der sich nt allmählich ausdehnen, nur langsam von Bedeutung
werden konnte. Man hätie sagen mögen, er weise das Ver-
trauen zurück, das man ihm entgegenbrachte, so wenig zeigte er
sih zzrsnrizzi, si.h iiu sreue A nzelrzzrihhrllenu zu lrllumner, unb
was ihn selber und seine Zulunfi anging, das schien ihu vollends
keine große Sorge zu erregen.

Oz
s,.sssSpi- Fe-Aof-
Seine gründlichen Studien in den --w===-- -sbwfs-
die ihn zu einem der heroorragendsten Lehner an -.m Kollegium
dpn
gemacht, dem er angeh==. hatten ihn auch der Beachtung des
zif
Königs empfohlen. Lies; man ihm von gewoisser Seite merken,
das; seine andauuernde Beschäsligungz mil deit heidnischen Aller-
lhhume seier Hiugelng an das Christenihum Abbruuch zu thun
drohe, so versicherle er, das; er ein eben -o orthodoxer Christ
sei, als Seine Majestät, wennschon - g nicht rihmen dürfe,
- si..
ie der heidischen Vorzeii so völlig heimisch zu sein, uuls sein
König und Herr; und der Abbü von Monimerie wusßte es sehr
genan, das: eine solche Wendung alle Aussiht hatte, a-- -»=- -
i: po,lip
Ni
==== e wiederholt .utd von =iEig den; Achtzehnten mit ge-
aNs,ss
neigiem Ohre aufgenonnnen zu wwerden.
Seine Antsbrüüder nannten den Abbe u- -=s=- -=
sis s,
lis,-psii nor=
hehltem Spotte einen schönenn Geist, .- --=-o-u ==-=- als
=- GdKzzsn
i,efo fsi- -
einen feinen Geist bezeichna und die F--- -=---==p dem
eiiof: ss
sp-s
si: f.
Beispiele der Harzogin als -- -uebenSn--g.u Geist und als
fiiz-dsfos
vniifs s'
Eletu jenex Mägt.... s--, Id .se.üi- =--=o-=-=--= -=---ss
vw=-FAzsff
s noHifniss,-szid. zmzi»krz
ßl.b=.
weil sie fiir sich selber nichis zu erstreben scheinen. Es gab
Niemanden, der wie der Abbä ein Mißverstiindnß unter Freunden
behutsam auszugleichen wwuste, Nieman.=.. =--- i=» --o-- 8------
sAps
d..=- ss»s, zisff -pssopop
.f z.-lssf,iefi frn o:ofs H,
Freyde daFll d.=e., der leu.==---z-- -l- --====-s---==-=--- =-ö!-
z-s:.b
K,z-hwissnov v
s.st.iss -
w-=-- zl semt, und der wie er, eine nnangenehme Eröffnung in
sssIsp
----- Formen einzukleiden sich geschickt erwies. Wollte man
ssimi-
-=--- =--=--- s- -=----= - i-g als den Verpflichteten, weil man
.-sfnss s
- nrnifn os- ss,s,
d sfiin bii iiisspesfpzz Hzspf
-p«. die Gelegenheit aeaeben hala, =---- ---=s-s--- ==-i-- F
es.sss
geilgen und im Sinne seines Amtes zu handeln; und der
König war noe; --p- lange in sein Reich zuk=-z.-=-, als
z sns.ui
I...f»m.i-s
man bereits ii Sicherheii hehhauslele, dass in den lange:i, be-
soberen Gesprüuhen, ull welchen Seiue-«ufesliil oen juügesn
sss,-
glehrien Geistlichen begnadeg., aulch bont u== -- ulo =s- .-= -
T snzs smssri
eis?os nf
ifs.
philologischen Gegenständen, die der König alö sein besonderes

-- LW--
Fach ansah, die Rede sei, und daß die Verbindungen des Geist-
lichen eben so weit verzweigt als mächtig wären.
Die Freundschaft, deren die Herzogin sich von des Königs
Seite zu erfreuen hatte, fesselte den Abb an sie. Auch zwischen
der Gräfin Haughton und ihrer Tante hatie er Anfangs seine
Kunst im Vermitteln geltend zu machen versucht, aber es war
ihm nicht gelungen, Eleonore den Planen der Herzogin geneigt
zu machen, ja, er hatte das Misztrauen nichi besiegen lönnen,
msii dem die Grusin, ihhrer Mullerkirche lre, jeden kaihh-lischen
Geistlichen betrachtete.
Nur wenige Tage vor der Akuufl des jungen Freiherrn
halle der Abb« sich in dem Saale der Herzogin im Beisein
Eleonorens mit großer Wärme und mit der schwuunghaften
Weise, die ihm sehr wohl anstand, über das erhebende Gefihl
ausgesprochen, welches für den Einzelnen aus der Zusammen-
gehörigkeit mit einer großen Gemeinde erwachse. Man hatte seit
Jahren wieder zum ersten Male den Tag von Mariä Himmel-
fahrt mit einer Procession gefeiert, bei welcher die Prinzen und
Prinzessinnen des Königshauses selber die Kerze getragen, und
die Herzogin hatte es sich troz ihrer hohen Jahre nicht nehmen
lassen, sich dem Zuuge, so weit ihre Kräfte es ihr gestatieten,
anzuschließen.
Die ganze alte legitimistische Gesellschaft fihlte sich wie ver-
jüngt durch diesen Akt, weil er ihr die Tage ihrer frühesten
augend in das Gedächtniß rief, und man gefiel sich darin, die
politische Genugthuung, welche man sich und der Kirche bereitet
hatte, und die Freude, die man über diesen Sieg empfand, als
eine innere Beseligung und Erhebung zu bezeichnen, von welcher
die Gräfin Haughton ausgeschlossen zu sehen der AbbI beklagte.
Er stand, während er ihr dieses mit seiner gewohnten edeln
Weise aussprach, mit Eleonoren in der tiefen Brüstung eines
Fensterö ganz allein. Das Lchi fiel hell auf ihn nieder, jede

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Miene seines Antlizes bestätigte die Wahrheit und den Ernst
seiner Worte. Die Gräfin ließ ihr Auge nicht von ihm. Sie
liebte es, ihn sprechen zu hören, ihn zu beohachten, dent er zog
sie an, obschon sie ihm: mißtraute; und ohne von seinen Schil-
derungen irgendwie ergrisfen zu sein, sagle sie: Ich zweifle
nicht an dem Glücke, dessen Sie alle heute iheilhaftig geworden
sind, und ich sehe es ja, wie vöslig die große Gemeinschaft, deren
Sie gedenken, den- Einzelnen in sich aufnimmt und mit sich
sorilrägi. Aber beühhenn Sie Sich nichi u mich, ich bin der
Anstrengung nicht werth. Ich kann weder glauben noch lieben
auf eines Anderen Geheisß, weder beten noc mich verheirathen,
wwo es mich selber nicht dazu drängt; und was kiümmert es
Sie, woran ich jenseitdes Kanales glauben, ober meine Tante,
an wessen Seite ich dort leben werde? Denn daß ich Frank-
reich und dieses Haus verlasse, sobald ich die mir zustehende
Freiheit dazu erlange, daran, Herr Abb, zweifeln Sie wohl
selber nicht!
Und wer sagt Ihnen, Gräfin, fragte er sie, daß ich es
ersehne, Sie als die Gattin des Prinzen Polydor zu sehen, wenn-
schon ich Ihnen nie verhehlte, daß ich mich glücklich schätzen
würde, eine so mächtige und freie Seele wie die Ihrige zu
den Unsrigen zählen zu dinnfen?
Die Gräfin war überrascht. Nie zuvor hatte der Abbs
mit ihr über die Plane des Prinzen Polydor gesprochen; aber
sie faßte sich schnesl, und jene Andeutung ganz unbeachtet lassend,
sagte sie: Sie nennen meine Seele mächtig und frei! Was
kann die Macht und die Freiheit einer Seele ihrer Kirche nuzen,
die blinden Gehorsam gegenüber ihrer unumschränkten Herrschaft
fordert?
Wer herrschen will, bedarf der Menschen, die zum Herrschen
fähig sind! gab er ihr zur Antwort. Zum Gehorchen sind Viele
berufen, zum Herrschen werden einige Wennige erwwählt.

a.SD-
Und Sie gehören zu diesen Letzteren, nicht so, Herr Abbs
meinte Eleonore mit gewohnter Keckheit.
Der Abbä folgte jezt dem Beispiele, das sie selber ihm
gegeben hatte. Er überhörte geflissentlich den Ton, mit welchem
sie diese Frage an ihn richtete. Ich hoffe mich durch Unter-
ordnung unter die Weisheit der Herrschenden zum Herrschen ge-
schickt zu machen, Gräfin! gab er ihr zur Antwwort.
Sie halten also Herrschaft fir ein Gllck?
Ich halte die Herrschaft für die höchste Befriedigung, die
dem Menschen zu genießen verliehen ist, und ich erachte es als
die höchste Tugend, wennn ein zum Herrschen geborener Mamnn
durch die Schule der Selbstbeherrschung und der Unterordnng
sich dazu befähigt, fir gute und edle Zwecke, füür die höchsten
Ziele, die Herrschusl ihen jee ugessrurr nud uungesculle Masse
Zl gewinnen, die, sich selber überlassen, zu jede Irrlhumne, z
jeder Ausschweifung, zu jeglichem Verbrechen zu verführen ist.
Oder ersehnt Ihr Herz die Vorgäinge und die Zeiten wieder,
welche vor unserer endlichen Nückkehr dieses arme Frankreich
heimgesucht haben?
Der Abb wuszle, wam er die Neize der Herrschafi anpries.
Auch hatte die Gräfin ihm mit tiefem Ernste zugehört.
Sie sprechen von Zielen, wie sie dem Manne winken.
Wo ist uns Frauen die Möglichkeit zu jenem Thun eröffnet,
das Sie als die höchste irdische Befriedigung bezeichnen? ver-
setzte sie darauf.
Der Abbö schwieg, als ob er sich scheue, ihr seine Meinung
auszusprechen; endlich sagte er: Ihre Kirche, gnädige Gräfin,
erkennt auch der hochbegabtesten Frau, wenn sie nicht zufällig
auf einem Thron geboren ist, freilich kein anderes Regiment,
als das in ihrem engen Hause zu. Die katholische Kirche, in
der die jungfräuliche Mutter Gottes der Gegenstand der heiligsten
Verehrung ist, hat aber zu allen Zeiten die hervorragenden

-- L5-- -
Frauen auszuzeichnen, an ihren Plaz zu siellen und große Ge-
walt in ihre Hände zu legen getrachtet und verstanden. Ich
weiß es, Sie kennen die Frau Aebtissin der heiligen Schwestern
zum Herzen Jesu. Glauhen Sie, das: diese fürstliche Frau sich
entschließen könnte, die Würde, die sie in unserer erhabenen
Kirche einnimmt, die Machi, welche in ihre Hände gelegt ist,
den Einfluß und die hohe Verehrung, deren sie genießt, mit
irgend einem Vechältnisse, wie die weltliche Gesellschaft ihr es
bieten möchte, zu vertauschen?
. Selbst wenn ich Katholikin wäre, würde das Kloster mich
nicht locken; würde die Macht innerhalb der höchsten Beschrän-
kung, die Herrschaft in den Banden des Zwanges und der
Abhängigleil mir leine Geuugthnung bereilen! versicherte die
Gräfin. Herr zu sein üiber mich selbst, Herr zu sein in jeder
Siuunde iber jebe meier Gischlieszuuugen, das allein isl es, wo-
nach ich lrachte, und . - -
Und was Sie sicher nichl erreichen werden, gnädige Gräfin,
fiel der Geisiliche ihr in das Wort, wenn Sie, Sich dem Willen
der Frau Herzogin fügend, den Prinzen Polydor zu Ihrem
Gatten wäihlen.
Er war mit dieser Wendung wieder auf den AusgangS-
punkt ihrer Unterredung zurückgekehrt, und ihn mit fragendem
Erstaunen anblickend, zdgerte die Gräfin, ihm eine Antwort zu
geben.
Der Abbe störte sie in ihrem Neberlegen nicht. Er wußte,
daß von der Fürstentochter bis herab zur niedrig geborenen
Magd nicht leicht eine Frau der Versuchung widersteht, sich über
ihre Herzensangelegenheiten und Ehestandsaussichten mit einem
bedeutenden Manne zu besprechen, wenn dieser in denselben
nicht betheiligt ist, und er hatte mit Sicherheit Eleonorens Frage
erwartet, womit sie den Antheil verdiene, den er ihr beweise.
Aber auch er ließ sie seine Antwort jetzt erwarten, und
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ül.

Oc
erst nach längerer Zeit, in der er mit sich zu Nathe gegangen -
zu sein schien, sagte er: Sie sind so jung, gnädige Gräfin,
daß man sich immer wieder auf dem Fehler ertappt, an Sie
die Maszstäbe anzulegen, nach welchen man die Mehrzahl der
Frauen, die gewöhnlichen Jungfrauen in Ihrem Alter zu messen
gewohni ist. Dieseu Fehler habe ich lange Zeit begangen, und
Sie haben ihn uir uni! einem Misziruen ongzilen, dus ich
mit Beschämuung als ein verdientes anerlenneu muss. Wollen
Sie mir diesen Fehler verzeihen, wollen Sie uir vergöunen,
ahnen ruhig auuSeinander zu sezen, in welcher Lnge ic uuich
Ihnen gegenüber besinde, so werde ich Ihnen für das Erstere
von Herzen danken und bin ich zu den Lrhzteren bereik.
Der Abbü halte bis dahin vor Eleonoreu geslanden. Iezt,
als sei er l-- w-i----6ng gewiß, rückte er einen Lehnstuhl
sw-o= psspsifn
für sie herbei, nahm einen Sessel ihr gegenüber ein, und er
sah dabei mit besonderer Genugthuung, wie die Mienen der
Gräfin sich geändert hatte., wie sie mit Spannung in seinem
=ße zu lesen strebte, was er ihr zu sagen haben könne.
sss
Es würde mir und meinem Amte übel anstehen, hob er
s, E s.i-
. F
nau, urzem Ueberlegen an, wenn -« zd aussprechen wollte, -
was die Gesellschaft der Sie ungebenden Männer Ihnen täglich
und unablässig wiederholt, daß Sie an Schönheit die anderen
Frauen überragen, daß der Mann gluu.c zu preisen sein würde,
-7sl
dem es gelänge, Ihre Lebe und n.. dieser den Besiz Ihrer
=ss
Person zu gewinnen. Aber ich trage daneben kein Bedeuken,
Ihnen zuzugeben, was Dn, ich weiß es, von Seiten Ihrer
D
,.uheren Erzieherin u aees geistlichen Berathers ebenfalls oft
»K ws,
s=-?
genug wiederhs. werden mag, daß eine junge Frau von Ihrer
ungewöhnlichen Begabung, von Ihrer Selbständigkeit und von
Ihrem grosen und unabhängigen Vermögen der Beachtung
unserer Kirche nicht entgehen konte. Wer überzeugl -, die
s
=--=-=- zu kennen ui.d zu besizen, mus, wenn er kein Elender
MKs.is.is

Hez?
- - == Fa s -==
--- . -=tzutheile. -e vor Allem diejenigen derselben theil-
: :snR.
1s slo ffs
haftig zu machen winschen, von denen er erwarten -u-, daß
d,fs-s
is- :--=- .lgent fir d. -=Irheit werden können. Wer die
ss ss-s=-s. D
. ,s
Herrschast als ein ihhu von Golt verliehenes Rechi ansicht, muuß
nach den Mitteln irachten, welche ihm dak Herrschen uöglich
macen, und ic bin viel zu sehr von dem heiligen Nechie unserer
Kirhe i!erzruzzl, virl zu sehsr vou ihsren ulleinseligzahseündennu
Krasi duirihdrunezen und von der erhalanei Aufgale beglici,
,. T
die mein Aul mir auuserlegk, als das: ic ansiehhen soll... .h --
zu beleuen, wie es uein heis;er Wusc, mei heis;er Wunsch
ss:iiin,ss H1
aewesen isl, eine Frau von Ihrer hohen und rige-=-- -- =e-
galug, vo Ihre fiirsilichei Vermögze -- deu welili.her Besiz
aiebt Mact --- in die Neihen unserer Gekenner ---- - --- 1=
pisf ips
-- T.
dos- ?s,-isbss ,s.=
-«s ssif.z- g,s. -
10 1IhO10 11Jlil., ; - pC =- - jzh-=---- ==p Zll =- ---= --=-e=-
-s. s--
d?.- 9,-ls feein
dz.z- Iliwi-s
=- --=- - wäihltenn gesellen zu sehen, wwelche - -=-- -- -y,
-- -- -=-- --- was der menschlichen Schwache angemessen ist
s-ois s-s- imissSis
und wohlthnt.
Er he.. e und sagte dann mit eiem leisen Seufzer,
-ls i:
-ssss--f-d - E,s,
doz s,isnp sfsJfs
sis?s C,-s.- Hie
,s:is O,s
=- - ;- --- - -e :alil.g---===gGgz-- j-p- -oll sz--- - zug be,
wie ich uit Beschämung erkente, denn eines Irrthums hat der
--; - ==uil Ics sehß zg===--- ---»z --s- --=- s=-ss- V ii
v-.sz gsH,in
sFIiof- -ns- zieif - s»-s s,szis- Gr,fsz
--»-- getragen, ch habe Sie nicht richtig beurtheilt. Ihr Sinn
s, zizs»--Z nmpssz sss s..sso - oe w»l-enk
Fss onino znH
ss s- ss»z- - z -=h , ßhH pus sss = =- ==szz»j==- »= z -K =» »zss
nicht nach Herrschaft, er scheut nn vor persönlicher Abhängigkeit
doz sCsg.- siis dosss
Fu-- --=«, uD Elstey sy!czO! lw.- = -==-- -- = - ==- --= =-=ss
uss-G,s
siüiois O. ii-
N.
Prinzen nicht entgehen, denn der =-=1 h- -= seiner ge-
,f fzp-
isbo Esz-=-sJ,s s.ifss- Pzfss:=
iusfinoi.ofs
s»s-----s=e«. .Mgülgfletl le üs-z- z,=- ;»»n-=z- s--- »-==-==--
Es entstand eine Pause; der Abbe war anscheinend von
dem Gegenstande seiner lezten Erörterungen abgekommen, als
er die Rede noch einmal auuf Elevnorens Verbindung mil dem
Prinzen lenkte. Aber sie beachtete das nicht. Man konnte sehen,
daß ihre Gedanlen mit irgend einem Gegenstande lebhaft be-
rh z

HHE
=== Fs gs L.? -
schäftigt waren, denn sie schauke schweigend vor sich hin, ohne
ihre Blicke auf ihrer Umgehung haften zu lassen, und erst nach
einer Weile, während welcher der AbbH sie sich selber überlassen
hatie, fragte sie, als lomme sie auf diesen Pult nur zufäslig
zuriick oder als benuhe sie die Frnge nnr, um den eigenilichen
odeii der Ulmnlerhhallg z nermneiden Sie haben also die
Muller beE Prlnizes iih gzrluiil'?
Welche Frage, Gräfin! euhgegneie der Geistliche, indem er
mil sorschende Blicke ausuh.
Eleonore besann sich. Freilich, freilich, rief sie, der Prinz
älter, sehr viel älter, als Sie, und die Füirstin von Chimay
ist noch jung geslorben !
Der frühe Tod der Frau Fürstin, meinte der Abbe be-
deutsam, hinderte mich nicht, die Mutter des Prinzen Polydor
zu kennen, und Sie selber, Gräfin.. -
Er hielt inne; Eleonore sah ihn forschend an. -- Ich
verstehe Sie nicht, Herr Abb, sagte sie, aber ich bemerke, daß
Sie mir eine Mittheilung zu machen denken, auf die Sie mich
langsam vorzubereiten suchen, oder daß Sie Sich überzeugen
möchten, ob ich von irgend welchen Verhältnissen unterrichtet
bin, die Sie, vielleicht als ein Geheimnisß, kennen gelernt haben.
It beiden Fällen musß ich Sie bitten, Sich bestimmter auszu-
sprechen, denn ich wiederhole es Ihnen, ich verstehe Sie nicht.
Der Abbe lächelte. Sie wollen mich glauben machen,
Gräfin, sprach er, das Ihnen, Ihnen allein die Beziehungen
verborgen geblieben sein sollien, in welchen Prinz Polydor zu
diesem Hause und dadurch auch zu Ihnen steht; und doch konnie
nur Ihre Kenntniß dieser Umstände mir es bisher erklären,
was Sie bewog, der Bewerbung des Prinzen, wenn Sie über-
hausi gewilli sied, Sich zu vermählen, kein Gehhör zu schenlen.
Eleonore hatte die Farbe gewechself; sie preste die Lippen
fest zusaunen, wollie eiue Frage thun, unierdrückte sie aber

-- 1--
und sagte dann: . befinde mich in diesem Augenblicke Ihnen
N7F
gegenüber in einer Lage, die mich demüthigt und beschämt. Ich
habe es Ihnen nie verborgen, Herr Abb, baß Ihr Amt, daß
die Trachi des Ordens, die Sie iragen, mnir ein Vorurtheil,
ein Miszlrauen gegen Sie gegelen halen, w.e uir dieselben selt
mei:ier snüshsnslme Izpeu einzeslissl wurden sih, Jetzl leweisen
Sie mir einen Alheil, den ich mir erllüren lönnle, hälie ich
Ihnen nicht meine' entschiedene Abneigung gegen Ihre Kirche
ausgesprochen; und ohue daß diese Abneigung oder jenes Miß-
trauen im geringsten nuur veränderi wären, bin ich genöihigt,
Sie mit einer Bilie anzugehen und von Ihnen Aitfschlisse zu
begehren. Wollen Sie mir, damit ich dieses thun kann, eine
Frage aufrichtig beantvorten?
Der Abbe erwiederte, daß sie zu befehlen habe und daß
sie auf seine Wahrhaftigkeit vertrauen könne.
Nun denn, sprach sie, so sagen Sie mir unuumwunden:
was veranlaßt Sie, Sich um mein Schicksal zu bekümmern, da
und nachdem ich Ihnen ausgesprochen habe, daß Sie nicht darauf
rechnen dirfen, mich zu Ihrer Kirche zu bekehren? Was liegt
Ihnen daran, was aus mir wird oder wem ich mich verbinde,
sofern ich nicht katholisch werde und mich Ihren Ansichten und
Hoffnuungen nicht füge? Was bin ich Ihnen, Herr Abb8?
Der Abbü richtete seine dunkeln Augen, deren schönen
Glanz die langen Wimpern nur erhöhten, ruhig auf die ihrigen
und sagte: Ihre Frage erheischt von mir eine Antwwort, die ich
..hnen nicht geben dürfte, wenn ich meiner nicht so völlig sicher
wäre. Was Sie mir sind?-- Er schwieg und betrachtete sie
unverwwandt; dann sagte er: Fragen Sie jeden Mann, der sich
Ihnen naht, was Sie ihm sind?-- Und abermals hielt er
inie. Sie wolllen mich herausfordern, Gräsin, sprach er daun,
indem er sich hoch und stolzer hob, und sein miileidiges Lächeln
glitt strafend iber sie hinweg, Sie wollten mich herausfordern,

OHA
Gräfin! Sie wollten Sich die Genugthuung bereiten, einen -
Geistlichen der von Ihnen mißachteten Kirche sich und seinem
Eide untreu und zu Ihrem Sclaven werden zu sehen; schade
nur, das ich Ihnen diese Genugthuung nicht zu bereiken vermag!
Eleonore zuckte zusammen, ihre Wangen erglühten in der
dunkeln Nöthe dek Scham; sie versuchke ihre Blicke, seinem
Worte trozend, zu dem Geistlichen zu erheben, aber sie ver-
mnochie es nichi. Er lies; sie eine geraume Zei! uiler dem
Drucke der ersten Demiüthigung, die sie erfuhr. Als er sah,
wie tief sein Vorwurf und diese Erfahrung sie gelrosfen hatien,
nahm er ihre Hand und sagle wie in erbarmendem Vertrauen:
Ic habe Ihnen die Wahrheil, eine volle Wahrheil verheisßen,
und ich habe keinen Grund, Ihnen irgend elwas von demjenigen
vorzuenthalten, was Sie zu wissen begehren. Ich wiederhole e
Ihnen also ohne jegliches Bedenken, Ihre vollkommene Schön-
heit. pre stolze Unabhängigleit haben auch auf uich ihres
A.
Eindruckes nicht verfehlt. Der Eid, der uns von allem Be-
gehrendürfen und Verlangen abtrennt, verbietet und verhindert
das Sehen, das Erstaunen, das Bewunndern nicht; aber wer
aus voller Ueberzeugung sich einem großen Gedanken, einem
die Welt umfassenden und über das Leben hinausgehenden
Zwecke hingegeben hat, der findet keinen Naum in sich für per-
sönliches Wünschen, der erlernt es, auch das Schönste und Be-
gehrenswertheste nur als ein Mittel für den einen großen Zweck
zu betrachten, und alles, was ich meiner Phantasie verstattet,
was ich meinem Herzen zugestanden habe, als ich Sie in Ihrer
von Gott begnadigten Erscheinung mit Ihrem fir das Große
geschaffenen Siime vor meinen Auugen Sich entfalten sah, war
der Wunsch, der heiße Wunsch, Sie diese großen Gaben nicht
auf kleinliche und Ihrer selber unwütrdige Weise verwenden und
verschwenden zu sehen. Eine Eleonore Haughton ist für die
Gewöhnlichkeit des Frauenlooses nicht geschaffen!

-- Lß! ---
Er hatie ihre Hand nach festem, männlichem Drucke frei-
gegeben, als habe er ihr nun alles gesagt, was ihr zu wissen
nöthig sei. Er sah sich nach seinem Huute um; auch Eleonore
hatte sich erhoben. Als der Abbs sich von ihr wendete, ließ
sie ihr Auge über seine Gestalt hingleiten, nnd sie gestand sich,
dasß er schön, ja, daß er unter den Männern, die sie kannte,
vielleicht der schönste sei. Wie ein Lchtstrahl, hell und fli:chtig,
zuckle der Gedunle durch ihreii Geist: warum ist er nichl frei?
warum trennt der Glaube ihn von mir? -- Und in dieses
Bedauern mischie sich zum ersten Male in ihrem Leben ein
Mitieid mit sich selbst. Sie fihlte es, das sie schon lange ihrer
Erzieherin überlegen, das; sie sleis sich selber iherlassen gewesen
sei. Sie kam sich plözlich einsam und des Nathes sehr be-
dirftig vor und als der AbbI sich von ihr entfernen wollte,
sagte sie sich, daß sie diesen Augenblick nicht vorübergehen, den
Geisllichen nicht mit dem Glauben scheiden lassen dürfe, das: sie
kleiner und geringer sei, als er sie geschätzt habe.
Herr Abb., hob sie an, eine Unterredung wie die, welche
wir eben gehabt haben, ist sicherlich keine gewöhnliche zwischen
einem Geistlichen Ihres Alters und einem Mädchen von meinen
Jahren, das Sie als eine Kezerin betrachten. - Sie versuchte
zu lächeln, aber sie war viel zu erschüttert, irgend etwas scheinen
oder darstellen zu können, was sie nicht empfand. Dem Abb.
entging das nicht, er behielt den Hut in der Hand und stüzte
sich auf die Lehne des Sessels, der sie von einander trennte,
während er sejn Haupt leise neigte, um sie mit seinem Blicke
in ihren Mittheilungen nicht zu hindern.
Sie wartete auf irgend eine Entgegnung von seiner Seite;
da er eine solche unterließ, sprach sie: Ich will Ihre Voraus-
sezungen gelten lassen, will nach Ihrem Worte von mir anneh-
men, was ich oft in mir gefühlt zu haben glaube, daß mein
Sinn nicht unwerth wäre, sich auf ein großes Ziel zu richten.

--- 1R ---
Sint Sie iberzeugt, das: mir eine grosie, eine wirksame Thä-
tigkeit, daß mir Macht und Einflusß und Befriedigung in dem
Bereiche des Lebens nicht geboten werden können, in welchen
meine Geburt und mein Besiz mich siellen?
Das wird, wie ich Ihnen, theure Gräfin, schon vorhin be-
merkte, einzig und allein von Ihrer einstigen Entscheidung über
Sich selbst abhangen! entgegnete er ihr bestimmt, und wieder
entstand eine Pause, die zu beenden der Abbs sich weislich hütete.
Er kannte den heftigen Charalter, die leidenschaftliche Natur der
Gräfin und wußte, daß Niemand von einem fremden Willen
so schnell vorwärts, so über sein eigentliches Ziel hinausgetrieben
wird, als von der Ungeduld des eigenen, an Warten und Er-
tragen nicht gewöhnten Herzens, und er hatte sich auch diesmal
in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht. Denn mit einer Miene,
in welcher ihre Selbstiberwindung und ihre feste Entschlossenheit
sich verriethen, sprach sie plözlich: Sie haben mir eine Auf-
richtigkeit gegönnt, die mich stolz macht und mich Ihnen zu
Dank verpflichtet, Herr Abbi! . räume Ihnen ein, daß Sie
,
meine Natur besser erkannt haben, als die Andern alle; aber
die Straße, die Sie mich fithren möchten, werde ich nicht gehen!
Hindert Sie das, mir die Hand zu bieten und mir beizustehen
aus dem Wege, den ich ir erwähle ? Ic hale der Verehrer,
seit ich in die Gesellschafi eintrat, nicht enibehrt; einen Mann,
der sich beschieden hätte, mir ein Freund zu sein, habe ich nicht
gefunden! Können, wollen Sie mir ein Freund, ein Berather
werden? Ich brauche einen solchen, und -- ich vertraue Ihnen!
fügte sie mit einer Miene und einem Tone hinzu, die selbst auf
den Abbe, so ruhig und mit so viel Selbstbefriedigung er sie
betrachtete, ihre Wirkung nicht verfehlten, weil die ganze Ueber-
windung, die sie in sich vollzogen hatte, sich in ihnen kund gab.
Sie hielt ihm die Hand hin, er ergrif sie auf's Neue mit
einem festen Drucke, als habe er es mit einem Manne zu thun.

- . epH D
Ich danle Ihnen, Gräsin! befehlen Sie iibur uich! - Tas
war alles, was er ihr zur Antwvort gab. Aler Eleonore ward
von seinen Worten tief erschüttert. Sie konntr sich nicht er-
klären, was sie so bewegle, sie inuszte sich sammeln, sich zusau-
mennehmen, und es war endlich nur das Bestreben, von s.ch
selber loszukommen und Herr über ihre innere Aufregung zu
werden, welches sie bestimmte, die Frage nach der Mutter des
Prinzen zu wiederholen.
Sie sezen mich gleich auf eine schwere Probe, meine junge
Frrundin, sagte der Abbe, denn ich lauufe Gefahr, das eben
von Ihnen erlangte Zuutrauen zu verlieren, wenn ich Ihnen
mittheile, was ich allerdings nicht als ein Geheimniß, sondern
aus der Mitwissenschaft der Zeitgenossen über jene Verhältnisse
erfahren habe. Prinz Polydor steht Ihnen näher, als Sie
-wissen oder ahnen, meine theure Gräfin, und eben das ließ mich
rAaa
Sie verhießen mir die Wahrheit und sprechen in Näthseln
zu mir! beklagte sich Eleonore, wie soll ich Sie verstehen?
Der Abbä sah auf den breiträndigen, zusanmengeschlagenen
Hut hernieder, den er in seinen Händen hielt. E sind kranrige
Ereignisse, es isi eine schwere Siinde, von denen Sie Kunde
begehren, sagle er, und doch uissen Sie erfahren, was Sie
nur zu nahe angeht und was außer Ihnen kaum für Jeman-
den ein Geheimniß ist. Es hat durch lange Jahre, noch bei
Lebzeiten des Herrn Herzogs von Duras, ein Liebesverhältniß,
eine heftige Leidenschaft zwischen der Herzogin und dem Fürsten
von Chimay bestanden, welche eine stillschweigende Trennung
der herzoglichen Ehe veranlaßt hatte, lange ehe die Frau Her-
F zogin ihres ersten und einzigen Kindes genas. Der Herzog
hatie also vollen Grund, dieses Kind nicht als das seinige an-
zuerkennen; der Fürst hingegen wünschte, sich den Sohn der

ON Z
=====-? ä T.F H; --=-
geliebten Frau anzueignen, und diese verlangte für ihren Sohß!
nach einer Stellung. wie seine Abstammung sie ihm gesicher
hätte, wäre seine Geburt eine rechtmäsige gewesen. Man kanF
also auf das Auskunftsmittel, den Neugeborenen einer AnderenZ
einer Fremden unterzuschieben. Freunde der Fran Herzogin und
des Fürsten fanden in der schönen, brustkranken Tochier einer
herabgekommenen Familie die Person und die Willfährigleihs
deren man bedurfte. Die Herzogin gebar in einer kleinen schwei-
zerischen Stadt den Prinzen Polydor, Fräulein von Merrieu;'
wurde dem Fürsten von Chimay hier in der Carmeliter Kirche!
angetrant, der Füirst sicherte ihren Eltern ein namhaftes Ver'
mögen zu, das firstliche Ehepaar begab sich nach der Schwei,
den Sohn der Herzogin persönlich in Empfang zu nehmen, und'
diese mochte sich darauuf Nechuung gemachl halen, nach dem vor-
aussichtlichen Tode der jungen Fürstin sich ihren Sohn als
Ks
Pflegesohn aneignen zu können.- Der Abbs hatie diese==e
sachen nackt und trocen hingestell.. .Ik machte ek eine kleine
s E,s
Pause, und ruhig und nachdenklich hob er dann auf's Neue zu,
erzählen an. Des Menschen Gedanken und des Herrn Wege
sind gar oft verschieden, sagte er, und auch in diesem Falle
bewährte sich die allwaltende Gerechtigkeit des Herrn. Widek
alles menschliche Voranssehen stellte Gott die Gesundheit der
Fürstin, die sich fir die Ihrigen geopfert hatte, völlig wieder
her, und er wendete ihr auch die ganze Neigung ihres Gatten,
die volle Liebe ihres Pflegesohnes zu.
den Armen seiner edeln Gemahlin, auf
wählt hatie. Ihre Frömmigkeit suchte
Der Fürst vergaß in
welche Weise er sie er-
durch Buße sein Ver-
gehen zu sühnen, und als wenig Jahre danach der Herzog von
Duras das Zeitliche verlies;, fand die Frau Herzogin sich von
dem Genossen ihrer Sünde, wenn nicht vergessen, so doch auf-
gegeben. Erst nach dem Tode der gottergebenen Frau Fürsiin
stellte die alte Freundschaft zwischen Ihrer Frau Tante und

--- 25--
Jem Fürsten von Chimay sich allmählich wieder her, und Sie
Fwerden es, da Sie die Frau Herzogin ja kennen, nur begreiflich
finden, wie viel ihr daran gelegen sein msß Sie, die Sie ihre
Frechtmäsige und einzige Erbin sind, mit dem Püinzen Polydor,
fmit ihrem Sohne, zu verbinden.
Eleonore war dem Berichte des Geistlichen mit höchster
kSpennng, mit groser Afregung gefolgt. N, da er seine
ßErzählünng beendet hatte, leuchtete eine unheimliche Frende aus
ßihren Augen.
z Ja, Sie sind mein Freund! rief sie triumphirend aus,
F Sie sind mein wahrer, mein einziger Freund, und Sie sollen
zes sehen, das: ich Ihres Vertrauuens nicht uuwerth bin, Herr
ßWb! Aber mich brauchen lassen wie Fräulein von Merrieux?
Mich brauchen lassen. um Ihren Fehltriit guut zu machen und
,Ihrem Sohne sein Erbe zuzuwenden? - nimmermehr, Frau
sHerzogin, nimmermehr ! Dazu ist Eleonore Haughton nicht
fgemacht! - Noch einmal meinen Dank, mein Freund, mein
hedler, mein großmüthiger Freund! wiederholte sie dem Abbe, und
sich dann plözlich von ihm wendend, verließ sie das Gemach.
ß Der Abbe sgh ihr schweigend nach. Er war mit sich zu-
eeden, und wie ein sieggewohnter Mann das Gelungene er-
goägend, dasjenige, was jezt zu leisten war, bedenkend, ging
fauch er von dannen, um ruhig und in sich gefaßt, wie immer,
der Fran Herzogin seine gewohnte Aufwartung zu machen.

Kapitel 17

- Siebentes Capite l.
e
,enatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und ant
Hofe empfangen worden war, nur selten und nur fliichiige Brlesej
in die Heimaih gesendei, und er schlig sich die Nachrichten,s
welche ihm von dort mit Regelmäsigkeit gegeben wurden, gej
aus dem Sinne.
1
Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauf zurick, daßF
die Signorina, wie sie Vittoria noch immer zu nennnen lieble,s
sich in unbegreiflicher Weise verändert habe. Sie sei heftig unp
herrisch geworden, könne sich nicht darein finden, nicht mehr dies
ausschließliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besizen; sie miß-ß
gönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Ge-ß
danken, künftig nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, lömnej
oder wolle sie sich entschieden nicht gewöhnen.
Die Schreiberin versicherte dabei, daß sowohl sie als ihrj
Mutter alles Mögliche thäten, das gute, alte Verhältniß zwischej
ihnen und der Signorina aufrecht zu erhalten. Dies sei aberj
gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich nur Cäcilien, die noch!
immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu gefallens
und zufrieden zu stellen.
Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleiches
Ereignisse auf die verschiedenen Charaktere verschieden wirkienF
Was sie beträfe, so habe der Ernßt der Zeiten sie gereift unö
kkaD

Zhres geliebten Nenatus Seite auf dem Lande in edler und ernster
Zuritckgezogenheit ihre Tage hinzubringen. Sie habe in diesem
Betrachte durchaus den Sinn und die Anschauungsweise ihrer
Mutter geerbt. Cäcilie hingegen trage ein Verlangen nach der
äüelt, in dem sie von der Signorina, welche die Welt freilich
hoch weniger als ihre Schwester kenne, bestärkt werde, und die
Mutter sei der Meinung, daß man den Beiden kine Hindernisse
Fn den Weg legen dßrfe, sondern ihnen so bald als möglich die
GGelegenheit eröffnen misse, sich selber durch die Gehaltlosigteit
ex sogenannfen Zerstreunngen von dem Werihe einer ernsten
sZebensführung zu iberzeugen. Sie habe eben deßhalb einen
zPlan euivorsen, den sie Nenalus bei seiner Nickehr vorzulegen
Fenke und dessen Ausfihrung hosfentlich das Wohlbehagen Aller
Hichern werde, während er zugleich die Mitiel fitr eine zweck-
Znäßige Erziehung Valerio's darzubieten verspreche, der hier im
Fchlosse, unter der schwachen Hand und bei dem launenhaften
Finne seiner Mutter, völlig sich selber und seieer eigenen Phan-
zastik überlassen sei.
? Sie erwähnte dann noch, das: man ab und zu Besuche aus
Jer Nachbarschaft empfange, daß sie und die Mutter sich darin
ßmn des lieben Friedens willen den beiden lebenslustigen Freun-
Finnen gern fügten und daß neulich auch Graf Gerhard wieder
Für einige Tage, von Berka kommend, im Schlosse ihe Gast
ßewesen sei. Da Renatus keine Zuversicht zu der Sinnesände-
ßung seines Oheims besize und ihrem und ihrer Mutter Auge
ßicht vertraue, enthalte sie sich, ihrem Verlobten hzu berichten,
hie wohlthuend des Grafen männliche Haltung auf Vittoria
hngewirkt habe und wie eine einzige geheime Unterredung, die
Zr mit derselben gehabt habe, die Baronin zu einem Nachdenken,
ßa, zu einem Ernste gebracht hätte, welchen der jezige Geistliche
ßn Vittoria hervorzurufen leider nicht verstehe. Auch mit dem
flmtmann und mit dem Justitiarius habe der Graf, der sich

Kapitel 18

- Siebentes Capite l.
ec
,enatus hatte, seit er der Gast der Herzogin und an:
Hofe empfangen worden war, nur selten und nur flichlige Brlefeß
in die Heimath gesendef, und er schliig sich die Nachrichien,
welche ihm von dort mit Regelmäsigkeit gegeben wuuurden, ge;
aus dem Sinne.
1
Hildegard kam in jedem ihrer Briefe darauuf zuriük, daß;
die Signorina, wie sie Vittoria noch immer zu nennen liebleF
sich in unhegreifiicher Weise verändert habe. Sie sei heftig un
herrisch geworden, könne sich nicht darein finden, nicht mehr dieß
ausschließliche Neigung ihres Stiefsohnes zu besizen; sie miß?
gönne Hildegarden die Liebe ihres Verlobten, und an den Ge
danken, künftig nicht mehr die Herrin des Hauses zu sein, Ianz
oder wolle sie sich entschieden nicht gewöhnen.
Die Schreiberin versicherte dabei, daß sowohl sie als ihrß
Mutier alles Mögliche thäten, das gute, alte Verhältniß zwischeß
ihnen und der Signorina aufrecht zu erhalten. Dies sei abeF
gar nicht leicht, und es gelinge eigentlich nur Cäcilien, die noäß
immer dasselbe harmlose Kind geblieben sei, Vittorien zu gefallet
und zufrieden zu stellen.
Dazu bemerkte Hildegard, es falle ihr auf, wie die gleicheß
Ereignisse auf die verschiedenen Charaktere verschieden wirkien?
Was sie beträfe, so habe der Ernst der Zeiten sie gereift unb
t kaar

------ 189-
Haben, seine unbestimmte Abneigung gegen seinen Halbbruder
h=« si-8- -; denn cs ll.g--- - - -=---=- ristent Menschen,
ne oskviof? -
o,i iis d,z- f,isisz dov n
aß sie demjenigen zurnen, dem sie ein U.u zugefigt hab.
zpF,s -
- Er bereute es jezt, die Verbindung mit dem alten Flies
ßicht gleich nach dem ode des Freiherrn abgubrnchen zu haben,
ß ging uit sich z Naie, ob und wie er dies xersäisi j-ht
hnschädlich achße line: wer die Sachhe hßulle, lesbers da er
zu Paris z bleilen ,vinscie, ihrr grosien Schwierigleilen, a.
le büukle ihhn in deu gegewwärtigen Zeislüusie ud Umständen,
Fhne Gefahr sir seie Agelegeuhditen. gar üici aösihrbar.
Fenn er de neen Geschäfisiuygber des Flieö'schen Hauses
ßn kränkendes Migtrauuen zigte, konte derselbe sia, leicht versucht
gühlen, Gleiches mit Gleiche zu vergr - und die Flics'schen
l sps: n
-»lipi: -
zP==- z kundigen, die, seut langeu h..i auf Neu.-;
ndz-F
ßnd Nothenfeld eingetragen, jezt ohne Frage höler z=--hen
izpzszzpf
haren, als in jenek zp= thel... aazu wußte ====- - -
-ss c
Gs
P7,zff
d..=- s,
dher in der Heimath n.. uuter se. . Kan. en und in-
,A
sssoi
hitten der seiner Familie befreundeten adeligen Gesellschaft bewegt
Ftie, ganz und ga- -et, w.. td in wem er einen Ersaz.
s=-
s s:
i. its
lß alten Geschäftsfreude seines Hauuses zu suchen habe oder
,en er an Stelle des alten Flies zum Curater Vittoria's und
lsalerio's ernennen lassen solle. Und nach..m er im Geiste
dz
, üge suchend u .=- = - G=-- =-- -==-- - ,lotzlc. ===«
d..
s,s.
lv m.ss!sfs si.f f fmwvisifn oz s:
d =
h g in Paul -- =------ ü- e zu haben, dessen er bedurfte.
dis PP,eff: Hrfissd
? e=- a-=-:
- =-==l, der mich mit eigener Lebensgefahr beschützte,
Fs »ls fiviwo-
p -s- ---=. Untergang nicht wünschte, kann nicht im Stande
z ßu so sagte er sich, mich irgendwie geflissentlich zu shädig. Und
ß fer auf das menschliche, arlche Gefüühl-= geb= - ==-»-
ßssf'
»-
-ss- c,s.ss
- - s:piss ps isiis
Zaßd, ======-- - -= eiumal gczeg-- ==- u dem Adelsstolze des
--is siniio s
, ßgen Freiherrn sofort noch eine unvorhergesehene Bekräftigung;
ss-
i: H:spzf,»zsssf,
g =- Cs.,=s- =-=-.uS dies nu«- ----p=s=«, lann es ihmt eben
-wis HFpssnfn
T zs-= Anfo h=ss=
-=-- a---- =p--, es floß doch immer Arten'sches Blut in
eeggsäe?

----- aHi-
Tremann's Aern, umnd dieses konnte sich nicht in Paul ver-
läugnen, mit solchem Blute war man keiner niederen, keinerF
e
schlechten Handlung fähig.
Er war einen Augenllick nahe daran, ed -remann unum-s
- eE
wunden auszusprechen, wie er in der Beziehuung, in welcher sie,
zu einander sländen, und in der Selbslauusopserung, mil welcher,
Pauul ihu ndr Mhern beigeslanden hale, die besie Birgschaft -
dafür zu besizen glaube, dasß er die Familien- und Geschäfts-
Angelegenheiten des Hauses von Arten-Richten keiner zuverläs- -
sigeren Kouirole, als der seinigen übergeben löne. Ides: Renatus -
war von frih auf dazu angehalten worden, bei allem seinem?
ahun es reiflich zu iberlegen, ob er sich und seinem Stande ?
damit auch nichts vergebe, und dieses ewige Erwwägen hatte ihm -
allmählich die Fähigkeit eines schnellen Entschlusses und jede -
Möglichkeit eines Handelns nach freien, plözlichen Eingebungen-
ein fir alle Mal genommen. Seine Erziehung hatie ihn, wie(
einen Füirsten, ängstlich und scheu, hatie ihn mistranisch gegen?
Andere und gegen seine eigenen besten Empfindungen gemacht.,
Er bedachte also auuch in diesem Falle wieder, daß ein;
solches Aussprechen seines Vertrauens ihm fir spätere Zeiten,
unbequeme, bindende Verpflichtungen auuferlegen könne; daß eßF
den scharfsichtigen Kaufmann leicht auf ein vorhergegangenes?
Mißtranen schließen lassen dürfte, und als er dann endlich die!
Feder in die Hand nahm, um Pauul mit nöthiger Vehutsamleitk
seine Zugeständnisse und Vorschläge zu machen, deutete er e
ihm also, ganz gegen seine erste Absicht, in keiner Weise an, daß
er wisse, in welchem Verhältnisse Paul zu seinem Vater gestanden
habe. Er erwähnte es auch mit keinem Worte, daß er seinen Er-
retter in der Schlacht erkannt. Er erklärte ihm nur ohne Weiteres,
wie er ihn, als den Nachfolger des Herrn Flies, mit welchem die
Familie von Arten seit langen Jahren alle ihre Geschäfie zu machen,
gewohnt gewesen sei, auch ferner mit denselben ganz und gar zu

-- 41---
betrauen wünsche. Sollte Paul jedoch aus irgend einem Grunde
Izu der Uebernahme dieses Auftrageö nicht geneigt sein, so müüsse er
ihn trozdem jedenfalls ersuchen, sich der bisherigen Mühewaltung
wenigsiens so lange zu nnnterziehen, bis Rena!us in die Heimath
zuriclehren und sich, sosern dieö nölhig wirde, nach einem
andern Handlungshause fie seine Zwecke umsehen könne. Er
spraeh danach i guler Form die Hoffnung aus, daß die alte
Geschäftsverbindungkeine Störung zu erleiden hrauche, knüpfte
daran den: Wuunsch, das; sie beiden Theilen erspriesslich werden oder
bleiben möge, und als er den Brief dann noch einmal gelesen
und gesiegell halie, hieli er sich üiberzengt, als ein sich selbst
achtender Mann, nach reiflicher leberlegung und mit einem Ver-
trauen gehandelt zu haben, das mancher Andere in ähnlicher
Lage Pauul nicht bewiesen haben wülrde und das anzuerkennen
derselbe sicherlich nicht,ermangelu könne. Ja, er machte sich
endlich geradezu darauf gefast, sich von dem geschmeichelten Ehr-
gefihle seines Bastardbruders jezt für alle Zeit jedes Besten
versehen zu dirfen. Er rechnete sich, jvie gar Mancher, seine
Aufwallungen von guter Empfindung, auch wenn er es, wie
eben jetzt, fiir recht befunden hakie, sie schnell wieder zu unter-
drücken, als gute Thaten an, deren Aunerkennung und Belohnung
ihm von dem Leben nicht vorenthalten werden düürfe, und er
gewann damit nichts als die Möglichkeit, sich über das Leben
und über die Menschen zu lbeklagen, wennn sie ihm für das
Nichtgoschehene nicht zu danken vermochten und ihn nicht schätzten,
wie er selbst sich beurtheilte und hochhielt. --
Es verging eine geraume Zeit, ehe Paul von dem jungen
Freiherrn die lange ansgebliebene Autwort auf die Todesanzeige
des Herrn Flies erhielt. Da Renatus dieselbe nicht, wie es sich
eigentlich gebihrte, an die Firma, sondern im StyleJund Tone
eines halben Vertrauens an Paul persönlich gerichtet hatte, ließ
dieser den Brief sofort verzeichnen, aber er behielt ihn auf seinem
F. Le wald, Von Geschlech zu Geschlech. lk.
1

D,1 H
Pulte liegen, denn er war nicht mit sich einig, was er thun
und avofür er ßch entscheiden sollte. Ein paar Tage lang erwog
er diese Angelegenheit still mit sich allein, dann trng er sie, als
er sich in einer ruhigen Abendstunde mit Seba und Daviden
zuusammenfand, gegen seine Gewohnheit den beiden Frauen vor.
Es begegnet mir selten, sagte er mit seinem schlichten Ernste,
nachdem er ihnen das Schreiben von Renatus vorgelesen hatie,
daß ich mir über meine Gedanlen und Empfindungen keine rechte
klave Rechenschaft zu geben vermag, und wo dieses der Fall it,
zdgere ich mit meinen Etschlissen. Ich hatie Ansangs die
Absicht, das sogenannte Vertrauen des Freiherrn ohne Weiteres
zurüczuweisen, weil er mit der geflifsentlichen Nückhaltigkeit der
Keste, welcher er angehört, sich Dank von mir verdienen möchte,
wo er mmir viel Mühe und mannichfache Verantwortungen auf-
erkegt. Ich wollke seiner halben Wahrheit mit dem ganzen Ge-
ständnisse entgegentreben, das; es mir nicht wünschenswerih sei, in
das Vertrauen eben seines Hauses gezogen zu werden, weil ich
selbst in dessen geheime Geschichte verwickelt bin. Damit ich dann
aber auch völlig des äuseren Zusammenhauges mit der freiherr-
lichen Familie ledig wirde, beabsichtigte ich Deine Capiialien, liebe
Seba, von Rothenfeld und Neudorf zuriczuzichen und sie hier
unter mneinen Augen anderweit unterzubringen. Aber . -
Hältst Du sie auf den Gitern irgendwie gefährdet? unter-
brach dhn Seba.
Paul verneinte dies, da es erste Hypotheken wären und der
bloße Bodenwerth der Giter sehr bedeutend sei.
So laß das Geld dort stehen, bat die Freundin. Nenalus
ist der Sohn meiner theuersten Freundin, meiner unvergeßlichen
Angelika! Man soll nicht glauben - -
Sie hielt inne, und da Paul sie darauf fragend ansah,
sprach sie: Es lebt doch eine Anzahl von Personen, die um Deine
Herkunft wissen. Ich möchte nicht, daß irgend Jemand Dir

---- LgZ--
den Vorwurf machen lönnie, Du habest aus persönlichem Uebel-
wollen die ohnehin nicht günstige Lage der Arren'schen Familie
noch verschlimmert. Und wenn Du in Dir selber ungewiß ge-
wesen bist, wie Du handeln solltest, so bitte ih Dich, da mir
obenein nach Deiner Meinung kein Nachtheil daraus erwächst,
ändere nichts in den bis jetzt bestandenen Verkältnissen!
Paul gab ihr darin Necht. Ich hatie mich in Bezug auf
die Hypothel, sagte er, bereits in Deinem Snne entschieden;
denn wenn es üiberall thöricht ist, sich unnöthig einer ibeln Nach-
rede auszusczen, so hat der Kaufmann doppelt Ursache, sich vor
einer solchen zu bewahren. Seine Unternehmungen wie seine
Erfolge sind vielfach auf das Vertrauen begründet, dessen er
genießt, und es ist nicht der Nachtheil, sondern der Vortheil,
den wir unseren Geschäft?verbüündeken bereiten, welcher uns den
eigenen, danernden Gewinn verbürgt. Darübeu also, daß Dein
Capital auf Nothenfeld verbleiben soll, war ich selbst nicht mehr
in Zweifel; nur ob ich wohl daran thun würde, das Amn zu
übernehmen, welches Renatus Deinem Vater übertragen hatte
und das er nun auf meine Schultern legene möchte, das habe
ich mir uoch nicht llar gemacht.
Du meinst, hob Seba an, es stehe Dir nicht zu, Dich zum
Berather und Vertrauten eben der Arten'schen Familie herzugeben,
weil man vermuthen könnte, Du seiest in ihren Angelegenheiten
nicht völlig unparteiisch? Aber wenn Du wirklich Theil an ihnen
nimmst und Renatus die Zuuversichk zu Dir hat, daß Du ihm
.
helfen könntest, so weiß ich nicht, warum Du dieser nicht ent-
sprechen solltest? Du pflegtest doch vor dem Urtheile der Unver-
ständigen nicht leicht Scheu zu tragen!
Paul hatte sie ruhig sprechen lassen. Als sie geendet hatie,
sagte er: Ic mache. da ich Duch, Lebe, reden hörie, eine Er-
fahrung, die sich mir oft bestätigt hat und die sich mir jetzt
eben deutlich wiederholt. Man braucht mitunter rinen unrichtigen
zgg

--- LT--
Gedanlen, den man selbsl gehegk hai, nr von einem Andern
aussprechen zu hören, um seine Unrichtigkeit sofort zu erkennen
und auch die lrübe Quelle zu entdecken, aus der er stammt.
ap habe mich, wie ich eben merke, bisher wirklich mit den
g,
Vorstellungen herumgeschlagen, deren Du gedenkst. Nun sehe
ich, dasi es lauter leere Schemen sind, die man nur fest in's
Auge zu fassen braucht, damit sie in ihr Nichts verschwinden,
und ich frage mich mit Erstaunen, wie ich mich also an falsche
Begriffe verlieren konnte! Denn legte ich auf die Verwandt-
schaft, auf die Zusammengehörigkeit mit dem Arten'schen Hause
irgend einen Werih, nmn, so ihäte ich vielleichi recht und klug
daran, die mir gebotene Handhabe zu ergreifen! Gebe ich aber,
wie dies der Fall ist, nichts auf meine Abstammung von ihnen,
so ist, wie Diu mit Necht behauptest, vollends kein Grund vor-
handen, weßhalb ich ein an und fir sich guies Zutrauen von
mir weisen sollte! Und wenn ich daneben mein inneres Wider-
streben immer wieder fühle, so frage ich mich mit Fug und
Recht: Was habe ich mit diesen Artens denn gemein. daß ich
befürchten müßte, für oder wider sie in einem Grade einge-
nommen zu sein, der mein Thun und Lassen bis zu einer un-
gerechkfertigten Handlungsweise beeinflussen köunte?
Seba blickte ihn mit Neberraschung an, und auch Davide
hob ihre sanften, klugen Augen fragend zu ihm empor, als die
Erstere die Worte aussprach: Was Du gemein mit ihnen hast?
-- Der Freiherr von Arien war Dein Valer!
Der Freiherr von Arten war mein Erzeuger, weiter nichts!
Ein Vater hat er mir nicht sein wollen, ist er mir nicht ge-
wesen! entgegnete Paul bestimmt. Und, figte er hinzu, die
Zeit, die Knabenzeit, in welcher ich dieses Leztere als ein Unglick
für mich empfand, liegt sehr fern hinter mir! Der Baron von
Arten leble und hanndelie nach sehr salschen, sehr verwerflichen
Begriffen, als er das verwaiste, nicht zu seiner Kasie gehörende

-- ZgJ--
Mädchen je nach seiner Laune und nach sei iem Beditrfen an
sich kettete und von sich sties;, als er eö zu dem Opfer seiner
gr
aVollust machte und es dann später seiner Ehe auch zum Opfer
brachte. Aber er handelte darin nicht besser und nicht schlechter,
wie unzählige Andere auch! Mein Dasein hal ihn sicherlich nur
bis zu dem Augenblicke gefreut, in welchem er meine Mutter
von sich zu entfernen wiünschte - ich hcbe ih für dosselbe
alsb keinen besonderen Dank zu zollen, dent die höchsten Vater-
rechte und die wahre Kindesliehe werden für den denkenden
Menschen nicht angeboren, sondern durch di dem Kinde ge-
spendete Liebe erworben! Der Freiherr hat meine Liebe nicht
begehrt, und als ich nach der seinigen Verlangen trug, ist sie
mir nicht zu Theil geworden! Den Tod meiner Mutter hat er,
deß bin ich gewiß, eben so wenig gewollt, als ich die kranke
Baronin zu erschrecken und zu gefährden beabsichtigte, da ich in
Deines Vaters Lden vor sie hintrat! Mit seinem kalten Blicke
hat er mich in die Welt hinausgetrieben, weil mein früh er-
wachtes und von Dir gepflegtes Selbstgefihl es nicht ertragen
konnte, Wohlthaten von demjenigen anzunehen, der uns zu
verläugnen nöthig findet! Und ich bin dann in einer Anwand-
lug von Empfindsamkeit, der nachzugeben ich nicht wohlgethan
habe, ihm vor dem Kriege einmal in Richten in einer Weise
gegeniber getreien, die ihn qnälte und uich nicht erfreute!
Der Freiherr Franz von Arten und ich, wir waren also völlig
mit einaunder guikt!
Seba schittelte leise verneinend das Haupt. Wissentlich
oder nicht -- ich glaube, Du äuschest Dich über Dich selbst,
bemerkte sie -- Du grollst dem Freiherrn noch!
Nein! betheuerte er, wie könnte ich das, da ich meine
Flucht aus Europa schon zeitig als ein Glick fir mich erkennen
lernte? Hal sie allein mich doch zu der inneren und äußeren
Selbständigkeit gefihrt, die ich im Weisenlach'schen Hause und

----- - ZgG---
in der Abhängigkeit von des Freiherrn Willen schwerlich oder -
doch weit später erst errungen haben würde! Muß ich Dir -
heute noch versichern, daß ich mit meinem Lebensgange und
Lebensloose ganz und gar zufrieden bin, weil sie mir fir alle
meine Fähigkeiten die Möglichkeit einer vollständigen Entwicklung,
fin all mein Wollen und Thun eine völlige Freiheit gewähren!
Wae huil das Lebenu uir beun vers gzl ? Wae kdmmnle i.h wümnschen,
das ich mir nicht zu erringen vermöchte? Oder was besizt Ne-
nakus, des Freiherrn Erbe, um das ich ihn zu beneiden hätte?
-- Uid vollends seii Duu mir gewis bisi, seil Dir, Du Geliebte,
zu Gute kommen soll, was ich schaffe und bin, figte er zärilich
hinzu, Davide in seine Arme schließend - was könnte ich noch
verlangen?
Aber Seba gab sich so leichten Kaufs nicht für über-
wunden. Der Unterschied, den Du zwischen einem Erzeuger
und einem Vater machst, widerstrebt meinem ganzen Empfinden,
sagte sie. Der Mensch hängt, wie ich es fihle, unzertrenbar
mit denen zusammen, denen er sein Dasein schuldet. Er kann
sich nicht denken, ohne an sie zu denken -- sie sind seine Vor-
aussezung. Und war es denn nicht ein Gefühl der brüderlichen
Zusammengehörigkeit, mit welchem Dui, Nenatus erkenend, ihm
trotz eigener Gefahr zu Hülfe eiltest?
Du irrst, Liebe! In jenem Augenblicke dachte ich gewiß
an nichts und an Niemanden weniger, als an irgend eine Ver-
wandtschaft mit dem Herrn von Arten! Ich eilte einem Ange-
grifenen, einem Kameraden zu Hülfe und erkannte in ihm den
jungen Freiherrn! Welchem Bedrängten hätte ich, hätte jeder
Andere nicht das Nämliche geihan?
Was aber kann Dich also zögern machen, den Auftrag
von Renatus anzunehmen und seinem bittenden Wunsche zu
entsprechen? Du würdest keinem Andern an seiner Stelle diesen
Dienst verweigern, wie mich dinkt!

== ZAF=
Nein, gewiß nicht, entgegneke ihr Paul, und das eben ist
es, was mich die Tage hier innerlich belästigt hat! Ich wiederhole
es mir, daß ich keinen ausreichenden Grund habe, mich dieses
Dienstes zu weigern, daß ich ihn dem Freiherrn wenigstens bis
zu seiner Heimkehr zu leisten nicht wohl umhin kann, ohne ihm
zu Vermukhungen über mich Ursache zu gelen, die jedes An-
halie eullehsren; um doch wollle ich, ich sände einien Anlast,
mich von dem Anspruche wie von der Leistuung zu befreien!
Paul stand auf, ging an das Fenster und hlicte eine Weile
schweigend hinaus. Da lrat Davide zu ihm, legte ihren Arm
in den seinigen und fragte: Besorgst Du denn irgend wekche
Unannehmlichkeiten fitr Dich, wen Du das Verlangen des
Barons erfitllst?
Paul besann sich. Einen eigentlichen Nachtheil für mich
befürchte ich nicht, gab er ihr zur Antwort. Aber, fügte er
hinzu, und die Frauen erkannten an seinem Tone, daß der
Unmuth in ihm rege wuurde, aber an Unannehmlichkeiten wiürde
es dabei für mich nicht fehlen; denn Ihr kennt meine Unlust
an allem halben Thun und meine Abneigung, mich mit den
Angelegenheiten einer Kaste zu befassen, welche sich schon durch
ihre blose Geburt von der Allgemeinheit abgesondert und über
sie erhaben glaubt. Ihr wißt, ich habe die im Ganzen stets
kleinlichen Geschäfte, welche der Vater mit dem Adel des Landes
zu machen pflegte, nach und nach völlig von uns abgewiesen.
Sie sagten mir nicht zu, uud ich ziehe es ohnehin vor, mit
meines Gleichen in Geschäftsverkehr zu stehen!
Seba schwieg noch einen Augenblick, um seiner Stimmung
zum Ausllingen die Zeit lassen, daun sagte sie: Du tadelst uns,
und stets mit Recht, wenn Du uns in einem Vorurtheile be-
fangen findest. Ist Deine Abneigung gegen den Adel im All
gemeinen denn nicht auch ein Vorurtheil, wie jedes im Allge-
meinen über einen ganzen Stand gefällte Urthe:l?

- - L48--
Nein, versetzte Paul, uuud es überrascht mich, in Dir einen;
heimlichen Bundesgenossen des jungen Freiherrn, ja, eine Arti
von Vorliebe für den Adel zu entdecken, die ich, ich möchteß
sagen, in Deinem Tone mehr noch als in Deinen Worten
höre. Deine bittende, entschuldigende Stimme sprichk fiir sie,;
und... Er hielt inne und sprach dann mit unverkennbarer-
Bitterkeit: Du weißt es, dünkt mich, es waren nicht die Herren
von Arien, die zuerst den Widerwillen gegen die Adelskaste in -
mein Herz gedrückt haben!
Ed ennlsland eine Pauuse; Seba war bleich geworden. Paul,
der sich nur selten zu einer Härte hinreisen ließ, besonders wo
diese einem geliebten Menschen schmerzlich werden konnte, bereute
seine Nebereilung auch sofori. Ud wie er eben jetzt von dem
Allgemeinen zu einem Persönlichen übergegaugen war, versuchie
er nun, von diesem zu jenem seinen Niickweg zu finden.
Von einem wirklichen Vorurtheile, hob er an, kann, wie
mich dünkt, überhaupt nur da die Nede sein, wo es sich um
bloße Meinungen, um Vermuthungen, um unbeslinuie Abnei-
gungen, nicht aber, wo es sich um ganz entschiedene Thatsachen
und um sehr wesentliche Vorrechte handelt, welche noch in jedem
Augenblicke von einem bis jezt vielfach bevorzugten Theile der
Siaatsangehörigen gegen alle übrigen Staatsbürger geltend ge-
macht werden können. So lange ek noch Gesellschafien gibt,
die sich einem Büürgerlichen blos um seines Blutes willen ver-
schließen, Würden und Aemter, die man ihm aus gleichem
Grunde vorenthält, so lange die Heirath eines Edelmannes mit
der edelsten Tochter einer ehrenhaften büürgerlichen Familie, mag
des Adeligen Charakter noch so elend, sein Ruf noch so zwei-
felhaft sein, von seines Gleichen als eie Mißheirath angesehen
wird, die in gewissen Fällen der Staat als eine solche gesezlich
anzuerkennen nicht Bedenken trägt, jg, so lange selbst die Arbeit,
die ich ihue, der Handel, auf dem mein Wohlstand und mein

---- I1 --
Stolz, wie der ganze grosze Weltverlehr beruuhen, als ein dem
- ge
, eligeu nicht anstehendes Thun erachtet wind, so lange fühle
Jich mich nicht berufen, die Hand dazu zu bieien, daß diesen
alten Geschlechtern neben ihren ererbten Vorrecten auch ndch
ihr ererbler Besiz lroz ihreö osi hochmilhigen und uisiggän-
gerischen Leichlsinnes erhalten bleibe.
Der Stolz auf ihr Blut, vergiß das nichk, ist in ihnen
- oöllig unabhängig vozr ihrem Besize, wendele Seba ein.
Aber die Besizlosigkeit zwingt sie, sich in Arbeit uund Ge-
werbe aller Arl zu uns z gesellen und damit ihren Ansprüchen
auf eine Auiahmestelluig so nolhwendig zu enisagen, als sie
genöthigt gewesen sind, aus ihren einsamen B rgen und Raub-
nesteru in die Städle und in das flache Land hinunt. zu zehen.
Ausnahmestellungen verschlechtern den, der sie inne hat, woie sie
auch jeemn zu nahe ireken, gegen den sie sich richten.
Willst Du es geflissentlich verkennen, fragt: Seba, deren
hoher Sinn es sich zur Afgabe gemacht hatte, s-lbst da gerecht
und mild zu sein, wo sie amn meisten Anlaß zur Sirenge und
fzur Verdammung hatte, willst Du es verkennen, daß die letzten
,s-
J-=-zehnde viel, sehr viel in jenen Zuuständen geändert haben,
zderen Du gedenkst? Haben wir uns nicht lange vor den Frei-
heitskriegen in dem gemeinsamen Bestreben, fir die Erhebu.g
Ides Vaterlandes zu wirlen, ... Personen a =eände, mit
D.-- i
siis
Fden Mitgliedern des ältesten Adels in nie zu vergessender Be-
geisterung und Einigleit zusanmengefunden? Habt ihr nicht
PWsss---
g---- an Mann in Reihe und Glied gestanden, der Bürger
Fwie der Edelmann?
; a-- entgegnete Paul, und es ging ein disterer Schatten
N,-
über seine festen, ernsten Zige, za, so lange Noth am Manne
-war, so lange der Mann seinen Man zu stehen = und
s.,-ffo s
man die Landwehr brauchte, sich des Feindes zu erwehren! -
Er hielt wie im Nachdenken eine kleine Weile inne. Dann sprach
- er mil erusten Gewichle Die S;aute Zeil, die seiideni ver-

--- Z0--
flofsen, ist kurz geng; aber bticke um Dich und frage heute,
nach, und- Dn wirst erfahren, was Dich nicht erfreut! Wo iß
die Freundschaft der Gräfin Rhoden geblieben, die zur Zeit deH
Tugendbundes ohne Dich kaunt leben zu können behauptetek
Wo zeigt sich noch die große Verehrung, welche Hildegard für,
Dich hatte? Seit der Freiherr von Arten ihnen ein Asyl in'
seinem Schlosse angeboten hat, seit die alte Ordnung der Dinge
wieder hergestellt, ist jene Freundschaft sehr schweigsam geworden,
und von Hildegard's Verehrung isl auch nichls mehr zu hören.
Und vollends nun im Heere! Wir Landwehrmänner sind, wie,
es sich gebührt, zu unserem Herde, zu unserer Arbeit, zu einer,
schaßenden Thätigkeit zurücgekehrt. Die Wunden, welche der,
Krieg dem Lande geschlagen, verlangen ihre Heilung. Die Junker,
aber stehen und bleiben in der Armee nach wie vor, auch ims
tiefsten Frieden, in Neihe und Glied beisammen, und schon jz?
wieder fühlen sie sich als die alte Kaste. Nur noch eine kleine!
Geduld, und sie werden es vergessen haben, dasß es nicht eine,,
daß es sicherlich nicht ihre Kaste allein gewesen ist, welche das'
Joch der Fremdherrschaft von uns genommen hat, sondern daß
der König seinen Thkon und wir unsere Befreiung der großen,'
ganzen Masse des Bürgerstandes zu verdanken haben, der sich
mit seiner überwiegenden Zahl und Kraft in den Kampf ge-
stürzt und geholfen hat, ihn glorreich auszufechten.
Er stand auf und ging ein paar Mal im Zimmer auf
und nieder. Da gesellte sich Davide abermals zu ihm, und
ihren Arm wieder in den seinigen legend, fragte sie: Du bißf
also entschlossen, das Verlangen des Freiherrn nicht zu erfüllen?
aa. denn es ist sicherlich das Klügste, was ich thun kann.
Die beiden Frauen schwiegen; aber Paul konnte bemerken,
daß es ihm dieses Mal nicht gelungen war, sie zu seiner Mei-!
nung hinüberzuziehen, und er wollte eben das Gemach verlassen,
um dem Freiherrn zu melden, daß er dessen Wünschen nichts
entsprechen könne, als Seba ihn mit der Bitie anging, ihr zuj

===e Jpe,F ., -=-=
s Liebe von seinem Vorsatze abzustehen. Sie behauptete, man
ßdürfe im besonderen Falle, und er dürfe gerade in diesem be-
Isonderen Falle es den Einzelnen nicht entgelten lassen, was man
, gegen die Gesammtheit, welcher jener zufällig augehöre, einzu-
zwenden habe. Wer sich geistiger Freiheit rühmen könne, habe
vielmehr die sittliche Aufgabe, die weniger Freien so viel als
; möglich an sich heranzuziehen, um ihnen den Weg zu richtigeren
-Anschauungen zu eröffnen; und als Paul daraus den Einwand
machte, dasß ihre Gite sie zu falschen Schlissen und Urtheilen
, verleite, erklärte sie, daß, wie sie auch irren möge, sie sich doch
F don dem guten Herzen und der guten Sinnesart des jungen
FFreiherrn völlig überzeugt halte. Schon daß Renatus sich eben
Fan Paul wende, verbürge ihr, wie die Erfahrungen der letzten
FJahre für Renatus Frucht getragen hätten. Es könne ihm ja
fin seiner Familie, unter seiner Bekanntschaft nicht an Personen
fehlen, die ein solches Vertrauensamt zu übernehmen nicht an-
siehen würden. Wenn er trotzdem es eben Paul zu übertragen
wünsche, dessen Abstammung von dem verstorbenen Freiherrn
FFranz für Nenatus kein Geheimniß sei, wenn er einen Bürger-
?lichen, dessen auf Freiheit gegründete Gesinnungen er kenne,
- wenn er endlich einen Kaufmann zum Berather und Vertrauens-
Imanne der Familie zu machen sich entschließe, von dessen weit-
Fgreifender Thätigkeit, von dessen energischer Handlungsweise er
Fvielfach durch sie selber habe sprechen hören, so leiste dieses alles
kdafür Bürgschaft, daß Renatus von der gegenwärtigen Zeit und
fvon dem, was ihm selber Noth thue, mehr, weit mehr begriffen
zhabe, als Paul anzunehmen scheine. Sie wiederholte darauf
ihre Bitte mit dem Zusaze, daß Paul nach ihrem Empfinden
Jein entschiedenes Unrecht thun würde, einen Nath- und Beistand-
Fuchenden, der, Paul möge sagen, was er wolle, doch immer
Jseines Vaters Sohn, sein Halbbruder sei, ohne alle bestimmten
-Gründe von sich zu stoßen; und als hätte sie in des jungen
zEdelmannes Seele gelesen, bemerkte sie, wie es vielleicht gerade

chr ez
diese Zusammengehörigkeit, wie es wohl das Zuutrauen zu dens
Sohne seines Vaters sein möge, welches Renatus zu Paul hinF
geführt habe und ihn seine Hoffnung auf denselben setzen lasse
Aber gerade diese lezte Muthmafung fand vor dem Ver
stande Paul's nicht Gnade. Ic begehre eines solchen ererbten;
und auf keine vernünftigen Gründe zurückzuleitenden Vertrauen?
nicht, am wenigsten, wo ich's nicht theile! versetzte er kurz.
Als dann aber auch Davide in ihn drang, den Bitien der'
Cousine nachzugeben, als sie ihm versicherte, daß es sie glüclichs
machen und daß sie stolz darauf, sein würde, wenn er dec
Arten'schen Familie mit großmüthiger Freiheit des Sinnes beiF
stehen wolle, wenn sie ihn auch bei diesem wie bei jedem anderen
Anlasse um seiner hilfreichen Selbstlosigkeit willen verehren dürfe
sagte er: Alle Eure Vorstellngen beweisen mir nur, daß auchs
in Euch die in Europa leider noch so verbreitete VoreingenomF
menheit für die alten Familien und die alten Namen tieferß
wurzelt, als ich nach meinen und Euren Erfahrungen zu verZ
muthen Ursache hatte. Aber sei es drum; vielleicht erhaltet Ihk
einen nenen Beitrag zur Menschenkemntniß und zur Kenntnißs
des Adels, der Euch aufklärt! Ihr sollt Euren Willen habenß
Und es wird nicht an mir liegen, wenn sich Dein Begehren,
liebe Seba, daß ich dem Sohne Deiner Freundin nüzlich werden'
möchte, nicht erfi:llt, wie Du es wünschest!
Ohne ihre Antwort abzuwarten, verließ er sie. Aber noch,
in derselben Stunde schrieb er dem jungen Freüerrn, daß ers
bereit sei, sich der Oberaufsicht über seine Agelegenheiten und,
wenn die gerichtlichen Schritte deshalb gethan sein wüürden, auch,
der Vormundschaft iber den Knaben Valerio bis zu RenatuK
Rückkehr zu unterziehen. Doch werde es ihm, im Hinblicke auß
die eigenen, ihn vollauf in Anspruch nehmenden Geschäfte, sshg
erwünscht sein, die Heimlehr des Freiherrn nicht in zu ferns
Zeit hinausgeschoben zu sehen.
k FSFöKKFöFwoooeooooeöeEwoeeeweaeeaaeeooueuoepee

Kapitel 19

Achtes Capitel.
en
,aer Herbst, welcher im Norden sich nr selten und nie
anf lange Zeit als ein freundlicher Vermitiler zwischen dem
Sommer und dem Winter zeigt, enklehnt i den glicklicheren
Himmelsstrichen dem Sommer seine Wärme, dem Winter seine
Klarheit, und niemals hatte er schöner und bestiindiger auf die
Frde und auuf das ohnehin so freundliche Pari hinabgeblickt,
als in dem warmen, schönen Jahre von achtzehnhundert und
Febzehn.
z. Die Blätier waren bereits lange von den Bäumen abge-
Fallen, die Sonne ging schon frih zur Nuhe, aber die Mitiage
waren noch hell und warm wie in der besten Jahreszeit, und
die Herzogin machie noch alltäglich ihre Fahrien in das Freie,
, obschon eine gewisje Veränderung mit ihr vorgzegangen war.
-Ncht das; ihre Körperkräfte abgenommen hätien. Sie war immer
noch um die gewohnten Siunden sichtbar, schrieb Briefe, empfing
»Besuche, fuhr zu den kleinen Zirkeln des Königs an den Hof;
aber wer wie Renatus Gelegenheit hatte, sic genauer zu beob-
achten, dem konnihe es nicht entgehen, daß sie nicht mehr die
olle Herrschaft über sich besaß, daß es ihr oft schwer fiel, den
Anschein der gleichmäßigen Ruhe zu behaupten, die sonst nie
on ihr gewichen war, und daß irgend etwas sie innerlich auf-
hege und ungeduldig mache.
? Troz der schmeichlerischen Nachgiebigkeit, mit welcher sie
Eleonoren begegnete, deren zuriückweisende Käste sich beständig

--- L5T----
gleich blieb, sah Renatus es, wie unablässig die Herzogin ihre
Nichte beobachtete, und so oft die Letztere mit ihm im Beson-
deren gesprochen hatte, muste er sich auf irgend welche Erör-
terungen und Fragen gefaßt halten, die sich stets auf Eleonoren
bezogen und denen zu stehen seinem Ehrgefihle allmählich so
lästig ward, das: er trotz des Wohlgefallens, welcheö er an der
Gesellschast der Herzogin hegle, sich osimals verschi fihlie, auf
ihre Gastfreundschaft Verzicht zu leisten. So oft er es jedoch
am Abende unerfreulich gefunden hatte, zwischen den beiden ein-
ander mißtrauenden Frauenzimmern zu leben, und so oft er es
sich vorgenommen hatte, am andern Morgen der Herzogin z
sagen, daß sein Dienst ihn nöihige, ihr Hauus zu verlassen und
eine Wohnung in der Nhe seines Chefs zu suchen, so fehlte
ihm, wenn er das Wort aussprechen sollte, der Muth dazu.
Volle zwei Jahre hatte er jezt im Hause seiner Beschützerin
gelebt, und es lag in den äußerlich ruhigen und glatten Le-
bensgewohnheiten dieses Hauses etwas Verführerisches, etwas, -
das ihm die Seele einspann und gefangen nahm. Er konnte
sich es gar nicht mehr denken, daß er nicht morgen oder über-;
morgen und heute eben so wie gestern diese breite und gelinde ,
Treppe hinabsteigen, daß er morgen die Herzogin nicht bei guter-
Zeit in ihrem Zimmer aufsuchen und sie in ihrer anmuthigen .
Weise die Vorgänge des Tages und die Ereignisse am Hofe
besprechen oder sie von den Zeiten erzählen hören werde, in -
denen man seines Lebens anders und besser froh zu werden
verstanden habe, als jezt.
Wenn er erwachte, fragte er sich Wie wird die Gräfin
heute auösehen? Was wird sie heute vorhaben und unternehmen?
Wenn er in die Gemächer der Herzogin irat, suchte sein Auge
Eleonoren, uund es laiu ihmn vor, als begiunne sein eigeniliches
Tagewerk mit der Minute, in welcher er ihrer ansichtig ward, -
in welcher seine Blicke sich auf der vollendeten Schönheit ihrer

--- L5J---
Gestalt und ihres Antlizes ergingen. Sein militärischer Dienst
ward ihm jetzt lästig. Der Umgang mit seinen männlichen
Altersgenossen, alles, was ihn bei dem ersten Eintritte in Paris
und in diese Gesellschaft gefesselt hatte, dimkte ihm nicht mehr
wichlig, nichi mehr reizend, wenn es ihn von Hause fern hielt.
Eleonore zu betrachten, zu sehen, wie die verschiedenen Gemiths-
beweguungen sich in ihrem Angesichle malten, zu errathen, was
sie denke, sich vorzustellen, was sie sagen werde, ßch zu freuen,
wenn seine Voraussicht ihn nicht betrogen hatie und er sich also
rihmen duurfte, daß er sich in lebereinstimmung mit ihr be-
funden habe, das waren ihm Genüsse und Freuden, gegen welche
alles Andere fir ihn verblaßte.
Er merkte es nicht, daß wieder ein Sommer entschwunden
war, daß wieder ein Herbst vorüberging und der Winter seine
-Herrschaft geltend machte. Er lebte wie in einer besonderen
Welt, wie unter dem Einflusse eines Zaubers; und so groß
war die Gewalt desselben, daß er sich über den Zustand ger
, nicht wunderte, in welchem er sich befand, sontern, daß er ihm
,als der natürliche, als der einzig mögliche erschien. Er war
sheiter und es war ihm wohl. Das war allek, was er fühlte,
was er dachte, wenn nicht Briefe aus der Heimath ihn in seinem
,Frieden stören kamen.
Eleonorens Herbigkeit hörte allmählich auf, ihn zu ver-
füze. Er war es gewohnt worden, daß sie ihuer Tante kalt
begegnete. Der Stolz, die Herbigkeit paßten so volkkommen zu
ihrer eigenartigen Schönheit, und er selber hatte ja seit der
,Stunde ihres ersten Begegnens sich niemals über sie beklagen
dürfen. Wie ihu: ihre Weise, so war auch der Gräsin seine
Gesellschaft mit der Zeit lieb und vertraut geworden. Sie
fragic ihn u die Sinden, welche sein Dies beanspruchie,
D ?. ? ?V

-= ZHß --
sie ihn immer, auch in der bewegtesten Gesellschaft, mit Veö-
gnüügen in ihre Nhe kommen sah, ud wie eine Fiirstin gestand F
sie sich das Necht zu, steis iber ihn zu verfigen, sei es, daßF
sie ihn aufforderte, sie zu Pferde bei ihren Spazierritten zu be-F
gleiten, oder daß sie sich ihm im voraus für die Tänze zusagte,!
für welche sie ihn bei einem bevorstehenden Feste zu ihrem F
Partner zu haben wimschte. Selbst über seine Anhänglichkeiij
an ihre Tante rechtete sie nicht mehr mit ihm, weil seine Auf-
merksamkeit fir die Greisin sie mancher Verpflichtungen und
jener lindlichen Dieuslleisiugen euihob, dene sie sich immer
l
nur widerstrebend unterzogen hatie.
Aber nicht allein Eleonore hatte dem deutschen Edelmamne
ihre Gunst zugewendet, der Abb war ihr darin zuvorgekommen,(
und es hatie sich zwischen diesen drei, einander durch ihre Le-!
benslage so unähnlichen Personen eine Freundschaft herausge-s
bildet, welche Niemandem eniging und welche die ungeduldige Aus-P
regung der Herzogin veranlaste. Denn diese Freundschaft konnte?
ihr, darüber täuschte sie sich nicht, so gefährlich als nützlich werden,
konnte ihren Planen dienen oder sie durchkrenzen, und die Fäden,j
durch welche diese drei Menschen zusaumenhingen, waren so F
eigenthümlich verschlungen, berührten die Wünsche der Herzogin
so manigfach, daß sie Anstand nahm, Hand daran zu legen,?
während sie es für nöihig hielt, beständig ihr Auge auf dio-
z
selben gerichtet zu halten.
Seit ihre Nichte herangewachsen, war die Verbindung der-?
selben mit dem Prinzen Polydor der vorherrschende Gedankej
rEa ae
gesprochenen Absicht in ihr Haus gezogen, das er die Bekehrung?
Eleonorens, welche ohnehin dem strenggläubigen und äußerst!
kirchlichen Hofe ejn wohlgefälliges Ereigniß sein musßte, unter!
nehmen möge. Sie hatie sich dabei sorgfältig gehitet, es dem?

--- B?---
Abbö zu vertrauen, welche Hoffnungen sie auf Eleonorens Ueber-
tritt zur katholischen Kirche baue, und der gewandie Weltmann
hatie zu viel Umsicht und zu viel gute Erziehung besessen, um
errathen zu lassen, daß ihm klar sei, was man ihm zu ver-
bergen noch fiir angemessen fand. Nur von Eleonorens Seelen-
heil war zwischen ihm und der Herzogin die Nede gewesen,
nur im Hinblick auf dieses hatte die Herzogin die Besorgniß
ausgesprochen, dasß ihr und des Abb's Einflus; auf Eleonore
sich noihwendig jetzt verringern dirfte, da Eleonore mit ihrem
lezien Gebnrlsisiage ihre gesezliche Volljährigleit erreicht habe,
nach welcher eö allein von ihrem Ermessen abling, ob sie noch
in Frankreich, ob sie in dem Hause ihrer Tante bleiben, oder
dasselbe verlassen wolle, um ihren Wohnsiz in ihrem englischen
Siammschlosse oder wo sonst immer aufzusclagen.
.ndeß der Tag ihrer Volljährigkeit war zu Ende des Jahres
ez
achtzehnhundert und siebzehn vorübergegangen, und die Gräfin,
welche diesen Tag sonst so lebhaft herbeigesehnt hatte, verweilte
noch in Frankreich, verweilte noch im Palast Duras. Sie
schien jetzt den Aufenthalt in demselben nicht mehr so drückend
zu finden, als sonst. Aber wie sehr die Harzogin auch gewüünscht
hätte, vermochte sie dennoch nicht, diese Sinnesänderung auf
,ihre Rechnung zu schreiben oder als eine ihren Absichten gün-
stige zu deuten. Selbst ein weniger scharfes Auge und eine
Frau, die weniger herzenskundig gewesen wäre, als sie, konnte
sich nicht darüber täuschen, was Eleonore in ihrem Hause fest-
zlst
,o-, und doch konnte sie troz der Besorgnisse, welche sie er-
ßfüllten, gar nichts thun, dieselben zu vermindern. Sie hatte
Fsich selbst die Hände gebunden und sich mit gebundenen Händen
an eine Kraft und an eine Energie überantwortet, welche die
Ihrige um ein Großes übertrafen.
Wenn die Herzogin ihre Nichte darauf aufmerksam zu
Imachen versuchie, daß deren Gesinnuungen iu Bezug auf die
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1l.
u

---- L8---
katholische Kirche und ihr Mißtrauen gegen den katholischen;
Klerus sich wesentlich geändert hätten, so entgegnete Eleonorel
ihr, daß sie mit ganzem Herzen an ihrem alten Bekenntnisses
festhalte. Sie versicherte, das: zwischen ihr und dem Abbe von'
religiösen oder gar von kirchlichen Fragen äusßerst selten die Nede
sei und daß sie keinen Anlas; habe, von dem Klerus, dessen'
T huun und Treiben ihhr verdüichlig und unheilvnll erscheiue, eine
bessere Meinung zu fassen, wel ihr das seltene Gliick zu Theil
geworden sei, unter demselben einem Manne zu begegnen, dessen
liese Bilduug und Gelehhrsauleii sie sördere, und dessen weiter,
freier Blick sich über die engen Schranken zu erheben wisse, in
welche der Beruf, den er vielleicht zu frühzeitig und ohne genaue
Kenntniß seiner eigenen Begabung und Natur erwählt habe, ihn
zu bannen strebe. Rühmte man in Eleonorens Beisein, wie
man es überhaupt zu thun gewohnt war, die strengen Gesin-
nungen und den kirchlichen Eifer des AbbI, so schien seine junge
Anhängerin dies nicht zu hören, und die Herzogin, der nichts
entging, hatie es bei den mannigfachsten Anlässen wahrgenom-
men. wie der schnelle und leuchtende Blick ihrer Nichie dann
das Auge des Geistlichen suchte und von ihm mit einem ver-
ständnißvollen Lächeln begriüßt und aufgenommen wurde.
Eleonore hatte es auch durchaus kein Hehl, wie sie den
Abbe hochschätze und verehre. Sie rühmte es von ihm und
auch von sich, daß die vöslige Verschiedenheit ihrer religidsen-
Ueberzeugungen, daß die Ungleichheit ihres Alters und ihrer
Lebensverhältnisse sie nicht gehindert habe, Freunde zu werden,
weil sie beide selbstgewisse und ein Ziel verfolgende Charaktere
seien; und wenn die Herzogin ihr warnend zu überlegen gab,
wie eine solche Freundschaft ihre Gefahren für beide Theile habe,
so anlvoriele die Grhsin mii der Enschiedenheil, welche ihr an-
geboren und in den letzten Jahren unter der Leitung ihres
neuen Freundes noch sehr gewachsen war: sie zweifle nicht, daß

Drc
- aev e ----
eine solche Erinnerung füür die meisten Fälle sehr berechtigt wäre;
sie aber kenne den Abbe, und dieser kenne sne. Man möge sie
gewähren lassen, went man sie nicht zwingen wolle, sich durch
eine lebersiedelung in ihre Heimath jeder lästigen Beeinflussung
fiür immer zu entziehen und ihre Freunde, den:i auch Herr von
Artenu sei ihr ein werther Freuund geworden, in der ihr wiün-
schensventlsen Ulnalhsängzigleii uid Freilsei! in Haughlon Caslle
zu empfangen.
=z
ae länger diese Verhältnisse bestanden, um so beunruhigen-
der wuurdenn sie siir die Herzogin. Sie uuuszte sich sagen, daß
ihre Nichte nur deshalb noch in ihrem Hause lebe, weil sie vor-
aussehe, daß der Abbä sich n., leicht entschliejzen würde, den
-»s»s
Hof zu verlassen und auf die Vortßeile zu verzichten, welche
die stets wachsende Gunst des Königs ihn und durch ihn seine
Kirche hoffen liesß. Wollte die Herzogin ihre alten Plane ngch
zur Ausfihrung bringen, so mußte sie jezt mehr als jemals
darauf denken, den Abb- selber zu ihrem Werkzeuge zu machen.
Dieses zu ermöglichen, gab es aber nur noch Einen Weg, und
sie beschloß, ihn einzuschlagen.
z?-

Kapitel 20

Neunteä Capitel.
Aae Lelen a Hofe haite seil ber Nickkehhr der Bouurbonen
eine völlige Umwandlung erlitten. Die körperliche Unbehilflichkeit
des Königs und die mannigfachen Beschwerden, welche ihn im
Winter heimzusuchen pflegten, hatten ihn einer spät dauernden
Geselligkeit abhold und die großen Feste in seiner persönlichen
Hofhaltung allmählich seltener gemacht.
, Wir sind eine Gesellschaft alt gewordener Junger Leute,
welche versäumte Freuden nachzuholen haben! konnte man den
König, wenn er sich leidlich wohl und in guter Stimmumg befand,
bisyeilen gegen seine Zeitgenossen und Günstlinge äußern hören;
aber es schienen vorziglich die Freuden der Tafel zu sein, welche
der König damit meinte, und wer Gelegenheit hatte, ihn bei
denselben zu beobachten, konnte sich versucht fihlen, seine Be-
hauptung wahr zu finden, obschon es fast lauler Greise und
Matronen waren, welche die Tafelrunde des alten Königs
bildeten.
Eines Abends, als man sich im kleinen Speisesaale von der
Mahlzeit erhoben und sich in das angrenzende Gemach begeben
hatte, in welchem man den Kaffee einzunehmen pflegte, schien
der König, der eben in der lezten Zeit viel von sder Gicht zu
leiden gehabt hatte, sich schmerzensfrei zu fühlen und deßhalb
besonders gut gestimmt zu sein. Die Lakaien, welche ihn in
seinem Rollsessel aus dem Speisesaale an den Kamin des Neben-
zimmers gefahren hatten, waren zurückgetreten und die dienst-

--- I5--
thuenden Kammerherren hielten sich in seiner Nähe, um diejenigen
Personen, denen der König die Gnade seinner Unterhaltung an-
gedeihen lassen wollte, sofort herbeizurufen.
Schon hatte der König Diesen und Jeen zu sich enthoten,
und noch immer stand die Herzogin, der Astrengung solches
Dienstes von frühe her gewohnt, fest und aufrecht da, als ob
die Last der Jahre sie nicht beugen, als ob keine körperliche
Schwäche sie anfechien löuene, weun die Gadensonne der Mafestät
sie anstrahle und erwärme. Sie kannte die Weise des Königs,
sich zuerst diejenigen Personen vorführen zu lassen, welche er mit
wenig Worten abzufertigen gedachte, um sich dann in behaglichem
Geplauder mit den bevorzugteren Gästen und mit seinen Günst-
lingen zu ergehen. Einen nach dem Andern sah die Herzogin
vortreten und entlassen, ohne daß ihr feines Lächeln von ihren
schmalen Lippen wich, ohne daß ihre welke Hand den Fäicher
auch nur in einem Augenblicke lebhafter bewegte, als die schöne
Form es erheischte, oder ihre Haltung ermüdeter geworden wäre.
Endlich ertheilie der König selber mit einer auffordernden
Frage ihr die Erlaubniß, sich ihm zu nahen, und auf ein leises
Zeichen schob der dienstthuende Edelmann ihr das Tabouret
herbei, das am Hofe der Bourbonen zu allen Zeiten der Ehrgeiz
und das Vorrecht der Herzoginnen gewesen war.
Würdevoll, wie es ihrem Range, wie es ihrem Alter ziemte,
und doch mit einer Leichtigkeit, welche es kund gab, daß es hier
nicht auf ein langes Verweilen abgesehen sei, hatie die Herzogin
das ihr zustehende Tabouret eingenommen. Der König fragte
gnädig nach ihrem Ergehen, aber noch ehe sie ihm darauf die
Antwort geben können, nannte er jene Frage selber eine müßige.
Man braucht Sie nur zu sehen, sagte er, um sich zu über-
zeugen, wie sehr Sie Sich getreu geblieben sind. Immer noch
unwiderstehlich in Ihrer Liebenswütrdigkeit, wissen Sie der Zeit
zu widersiehen, wie Sie einst den Huldigungen der Männer

-- LL---
widerstanden haben. Die Unwiderstehlichkeit ist erblich unter z
den Frauen Ihres Hauses, das thut uns Ihre schöne Nichte dar. j
Die Herzogin nahm die Gnade des Königs, wie es sich?
zebührte, auf, und sie war selbst zu sehr eine Künstlerin in der,
Anterhaltung, um nicht wirklich eine Freude an der epigramma- F
ischen Form zu haben, in welcher der König sich ausgedrücktZ
hatte. Aber während sie sich in warmen Dankesbezeigungenj
erging, vergaß sie es nicht, seufzend hinzuzufiigen, daß es Fä-j
P;?f =- -- ==»=- ==i
z
Ich hoffe, das: Sie zuu diesen Gaben nicht die Schönheit,j
nicht die ewig jugendliche Anmuth des Geistes zählen, warnte!
sie der König. Bedenken Sie, das; es nicht sißer ist, die Schön
heit zu besiegen, als sich von ihrer Macht besiegt zu fühlen! I
Wie schön! rief die Herzogin, indem sie beistimmend ihr(
Hauyt neigte. Man musg wie Eure Majestät, die klassische Bil-?
dung mit französischem Geiste einen, um diese Wendungen zu?
finden! Aber, fügte sie seufzeng hinzn, wenn Schönheii ohne ?
TU- -
Oh, rief der König, den diese Weise der Unterhaltung.j
wie sie in den Tagen seiner Juugend Mode gewesen war, immer?
noch erheiterte, weil er sich in ihr jung erschien und sich seiner
mannigfachen geselligen Vorziige angenehm bewußt ward, eine
solche Schönheit ohne Gnade wüürde auch vor unseren Augen -
keine Gnade finden! Aber ich fürchte, es ist mehr als ein?
allgemeiner Saz, den Sie hier ausgesprochen haben, und ichs
errathe, wer die schöne Unerbittliche ist, an die Sie dabei!
dachten.
Niemand als der König konnte die Antwort der Herzogin
vernehmen, Niemand hörte, was er ihr entgegnete; aber Aller'
Augen waren auf sie gerichtet, denn die Unterredung währte'

. ecO
- -- auD - --
noch eine Weile fort, und keinem von allen seinen Gästen hatte
der König ein so langes Zwiegespräch gegönt.
Wovon konten sie sprechen? Weßhalb lächelte der König
, so anmuthig? Woher glänzten die Augen der Herzogin in einem
Feuer, das ihrer Jahre spotiete, als sie sich endlich von ihrem
Size erhob und dem Könige mit tiefer Verbeugung, welche kunst-
reich zu machen Niemand besser als sie verstand, ihren heißen
Daik aussprach? -
Der König lies; sich langsam durch den Saal fahren, um
jedem der Auwesenden, die jezt, wie es sich gebüührte, wieder im
Kreise umherstanden, ein Wort zu sagen. Als die Reihe an die
Herzogiu kam, lächelte er wieder eben so freundlich, als vorhin,
und so laut, daß es Keinem entgehen konnte, sprach er: Ver-
lassen Sie Sich auf mich! Ich macheIhre Sache zu der meinigen;
verlassen Sie Sich auf mich!
Dann trat der Ober -Ceremonien -Meistrr oor, der König
winkte den Amwesenden mit einer Neigung des Hauptes und der
Hand seinen Abschiedsgrns: zu, und langsam den Rollsessel fort-
bewegend, fuhren die Kammerdiener den Monarchen durch die
lange Reihe der Gemächer nach seinen Wohnzimmern, während
- die besondere Gnade, deren die Herzogin genoß, und die geheim-
nißvollen Worte, welche er ihr zugerufen hatte und die auf ein
völliges Einverständniß schließen ließen, die Hofleute sammt und
sonders in Aufregung und Verwirrung setzten.
Die wundersansten Vermuthungen wurden ausgesprochen
und fanden Glauben. Daß die Herzogin durch die Gnade des
Z Königs, ohne all ihr Zuthun, wieder in den Besiz von Vau-
? dricourt gekommen war, und daß der König ihr zugesagt hatte,
, sobald er im Stande sein werde, die Reise durch die Provinzen
anzutreten, in Vaudricourt bei ihr zu rasten, das hatte schon
; lange festgestanden; aber man hatte kein sonderliches Gewicht
darauf gelegt, da man wußte, daß der König zwar von Reisen

---- IßF--
sprach, daß er aber ihre Unlequemlichleit scheute. Was also
hatte er ihr verheißen? Was hatte sie begehren können? Was
konnte ihr so sehr am Herzen liegen, daß sie Seine Mafestät
damit zu behelligen wagte?
Persönlicher Ehrgeiz lonnie die hochbelagie Frau nicht an-
treiben, dem Könige beschwerlic zu fallen; wo jedoch Viele sich
zu gleichem Zwwecke vereinen, brauchl man an dem Erfolge nicht
zu verzweisel, und noch huullen die lezlen Gäste des Kdnigs
das Schlos; der Tuuilerieen nichi verlassen, als der dienstthuende
Kammerherr sich erinnerte, wie Seine Majestät zu Anfang jener
Unierredung von einer unlesieglichen Schönhei! gesprochen habe;
und man kannte den unternehmenden Geisi der Herzogin genugsam,
um ihr ein Wagniß zuzutrauen, wenn sie nur durch ein solches
an ihr Ziel gelangen konnte. Von Muind zu Mund sprach sich
die leberzeuguung aus, das; der König es der Herzogin zugesagt
hahe, den Freiwerber des Prinzen Polydor bei der Gräfin
Hauughton zu machen, und als an einem der folgenden Tage der
König einen jener Tagbälle ansagen liesß, welche unter seiner Herr-
schaft am Hofe bisweilen abgehalten wurden, brachte man denselben
mit dem Ereignisse in Verbindung, das den ganzen Hof be-
schäftigte und von dem man selbst in den stillen Sälen des
erzbischöflichen Palastes reden hören konnte.
Es war gegen den Abend hin, als der Abbe im Vorsaale
des Erzbischofs auf den Augenblick wartete, in welchem er den
Zutritt zu demselben erhalten konute. Ein eigenes Handbillet
des Kirchenfinesten hatte ihn aufgefordert, sich bei ihm einzustellen,
und ruhig, wie seine ganze Haltung es immer war, saß der
Abbe an einem der hohen Fenster und las bei dem letzten Scheine
des Tages in seinem Brevier.
Eine Vierielstuunde mochle so hingegangen sein, als ein
Ordensgeisilicher das Empfangszimer Seiner Eminenz verließ

-- I6J--
und der Kammerdiener dem Abb0 die Kunde brachte, daß er
jetzt erwartet werde.
Es ist lange her, Herr Abbe, redete der Erzbischof ihn an,
daß ich Sie nicht bei mir gesehen habe, und ich hatte Ihcen
Besich seit einiger Zeil erwartel, weil ich eine Nachricht von
Ihnen zu erhalien hossle, an welcher man nichi allein ron
unserer Seiie Theil ßnimmt. Sie haben, ich weis; es, gestern
wieder die Gade gewossen, von Seiner Mafestät im Besonderen
empfangen zu werden. Wovon hat Seine Majestät zu Ihnen
gesprochen?
Der Erzbischof war schon ein Mann bei Jahren. Das
Licht einer von der Decke herabhängenden doppelarmigen Lampe
beleuchtete seine hohe Stirn und ließ jeden seiner feinen und
scharfen Züge erkennen, wie er in seinem hochlehnigen Sessel
fest und aufrecht da saß, während seine Hand, an welcher der
Fischerring erglänzte, auf der breiten Seitenlehne ruhte. Auf
dem Tische vor ihm lagen Briefschaften, Papiere, Akten, euc-
ez
schriften und Bicher aller Art, theils in Pcken sorgfältig ge-
sondert, kheils zur Unterzeichnung vorgelegt und ausgebreitet.
-Es war ein edler Naum, einfach und doch fürstlich ausgestattet.
Der Abbe war in demselben wohl zu Hause.
Als sein Auge über den Schreibtisch des Erzbischofs hin-
-glitt, entdeckte sein sicherer Blick troz dieser Schnelle auf einem
der Briefe, die zur Rechten des Erzbischofs lagen, eine schöne,
freie weibliche Handschrift, die ihm sehr genau bekannt war und
die hier zu sehen ihn, wie gut er sich auch zu beherrschen gelernt
hatte, doch erschreckte.
Da Eurer Eminenz nicht daran gelegen sein kann, hob er,
sich schnell fassend, an, von mir Askuuft über die philologischen
Fragen zu erhalien, mil denen SeinefMajestät sich hzu beschäftigen
geruhlen, so dars ich wohl ohne Weiteres berichten, daß Seine
Majestät sich über dieselbe Angelegenheit geäussert haben, die mir,

-- L6G---
wie ich vermuthe, die Ehre zugewendet hat, heute von EurF
Eminenz hierher beschieden und empfangen zu werden.
Sie haben das Richtige gefunden, Herr Abbä, sprach de
Erzbischof mit einer kaum merklichen Neigung seines HauptesF
Dann wies er den Abbä an, sich zu sezen, und sagte: Es sind
jezi drei Jahre her, das: die Fran Herzogin von Duras gegen
mich das naküirliche und fromme Verlangen äußerte, ihre NichteI
die eizige ihr lebende Blutsverwwandle, zu unserer Kirche zurücF
R ?d
die Verbindung ihres verstorbenen Bruders mit einer Nicht,
katholikin zu betreiben, so war ich es doch wohl zufrieden, als
sie das fromme Werk in Ihre Hand gelegt zu wissen begehrte,
zu dem wir selber uns des Besten versehen zu können meinten.?
Woran liegt es, das; die Gräfin Haughton sich noch immer denh
ihr zugedachten Segnungen entzicht?
Der Abb« schwieg einen Augenblick. dann sagte er: Aes
Frage, welche Eure Eminenz mir vorlegen, und die Art, ins
welcher Sie mir dieselbe vorlegen, beweist mir, daß Sie nichtj
an meinem Eifer zweifeln, und macht es mir möglich, mich einfachs
zu erkären. Wie die Frau Herzogin durch ihre Neigung, Ehenj
zu stiften, einst den Marquis von Lauzun zu der Ehe mit einerz
Protestantin hintrieb, so hindert ihr Verlangen, die Gräfinj
Haughton mit dem Prinzen von Chimay zu vermählen, denj
ebertritt derselben. Hätte die Frau Herzogin die Klugheit uud!
R M
wir wünschen und für das Seelenheil der Gräfin hoffen müssen.!
Der Erzbischof ließ die Antwort gelten.
Sie wissen, daß Seine Majestät sich für die gedachte?
Heirath ausgesprochen hai ? sagle er.
Seine Mafestät haben, wie ich vorhin die Ehre hatie Eurer

-- 6? --
zEminenz zu sagen, die Gnade gehabt, sich auch gegen mich dahin
Izu äußern.
Was haben Sie darauf geantwortet?
Der Abbe richtete sich hoch auf, und mit einem Tone,
dessen Festigkeit sehr gegen die Unterordnung abstach, die er bis
Aahiu gegen seinen Vorgesetzten lund gegeben halte, sprach er:
Ich habe geantvortet, was meine Pflicht und mein Gewissen
mir geboten. Ich habe geantwortet, daß ich die Bekehrung der
-hochbegabten jungen Gräfin als eine mir von Gott zugewiesene
heilige Aufgabe betrachte, das: ich mit allen meinen Kräften
danach strebe, ihrem Aige das Licht der Wahrheit, ihrer Secle
die Giade zuzufiihren, aber das; ich meine Hand nicht dazu
bieten könne, die Gräfin in ein Eheband zu verstricken, das durch
die Nähe ihrer Bltsverwandtschaft mit dem Prinzen ein ver-
botenes, das in den Augen unserer Kirche ein Jncest ist.
, Es entstand eine Pause; der Erzbischof befand sich in einer
unangenehmen Verlegenheit, und er wußte, daß sein Untergebener
kug und umsichtig geng war, die schwierige Lage vollauf er-
;messen zu haben, in welche er ihn mit dieser Wendung der
JAngelegenheit versetzt hatte.
Als Fürst und Diener der Kirche hatte der Erzbischof es
zu loben, wenn ein Diener der Kirche das Gebot derselben über
Fden Willen des Staatsoberhauptes stellte. Er sah es auch nicht
Eungern, wenn der König dieser Glaubenstreue oder diesem
Ihierarchischen Gehorsam in seiner Nähe begegnete, und doch hatte
- man zugleich allen Grund, die besonderen Wünsche und Mei-
nungen des Königs zu schonen und sie zu fördern, weil er
-seinerseits sich der Kirche in jedem Punkte großmüüthig und
ergeben zeigte.
Wer nöthigte Sie, zu wissen, was man der Welt ge-
flissentlich verborgen hal? fragte endlich der Erzbischof, die
mildeste Form erwählend, in welcher er seine Ansicht von der

=- ZöZ--
Sache und zugleich seine Unzufriedenheit mit der Handlungsweisss
des Abb8s zu äußern vermochte.
Ich kannte diese Verhältnisse von Jugend auf. und meinj
Gewissen ließ mein Gedächtniß nicht zum Schweigen bringen,!
entgegnete der Abbs.
Der Erzbischof hatie sich erhoben, der Abbe war seinemF
Beispiele gefolgt. Sie standen einander gegeniber, beide hoch!
aufgerichtet, beide voll festen Willens, voll verschwiegener Ent-j
schlossenheit sich gegenseilig beobachtend, und beide mit dem Ve-(
wußtsein, wie sie, bei der wuundervoll berechneken Gliederung undF
Einrichtung der hierarchischen Herrschaft, Einer in des Andernß
Schicksal einzugreifen, Einer des Andern Zukunft zu fördern?
s
oder zu beeinträchtigen vermochten.
Genießen Sie das Verirauen der Gräsin? erlundigte sich ;
der Greis.
s
I ausgedehntesien Masie, gab der Abbe zur Antwori, -
und sein Ton und seine Haltung nahmen wieder die frühere
z
Unterwürfigkeit an.
Hoffen Sie, die Gräfin von ihrem Irrglauben überzeugenI
zu können?
Mik Gottes Hüülfe zuversichtlich.
Welchen Weg denken Sie dabei einzuschlagen?
Der Abbs schien nachzudenken, dann sagte er: Es steht bei!
Maa =
Sprechen Sie das Wort aus, und ich werde ohne Murren gehen,?
und ohne mich zu beklagen einen Anderen ernten sehen, was ich -
mit Vorsicht säete, mit Ausdauer zeitigte. Fehlt mir die Ge-!
wißheit, daß das Vertrauen Eurer Eminenz mit meinem Werkeh
ist, so geht mir auch die Kraft verloren, welche der Einzelne?
aus dem Gedanken an die große, heilige Gemeinschaft zieht, der
er angehört und der er dient. Mein Thun wird fortan ohne

-- IßI--
jSegen sein und ich werde Eure Eminenz dann nur um die
jßergünstigung zu bitien haben, mich mit einer anderen Aufgabe,
fern von hier, betrauen zu wollen.
Der Erzbischof blickte den jingeren Geistlichen mit festem
Auge an. Er wste, daß der Abbö Paris nicht zu verlassen
Fwünschen konnte. Eben deßhalb aber fragte er sich, was den-
Zelben bewegen könne! ein so gewagtes Spiel zu spielen; und
ßdie gleiche Taktik befolgend, sagte er: Die junge Giäfin Haughton
ßist schö ud Sie sind ju. Herr Abb! Sint Sie Ihrer selbst
,gemiß? Sind Sie sicher, das sich in Ihnen keine Abneigung
Firgend welcher Art gegen eine Verheirathung der Gräfin regi?

s Ich war um ein paar Jahre jinger und die Schönheit
der Gräfin stand schon in ihrer vollen Blüthe, als Eminenz
ßkeiner solchen Frage, keiner solchen Warnung mir gegenüber
ßnöihig zu haben glaubten. Ich bin gezwungen, Sie um Auf-
ßschluß dariber zu bikten, wer oder was mich einem solchen
FVerdachte unterwwerfen könnte, erwiderte der Abb, während der
ßganze Stolz des Priesters und des Edelmannes in seinem Antlitze
Fiicbor ward.
f Der Erzbischof ließ sein Auge unverwandt auf dem vor ihm
FStehenden haften. Die Frau Herzogin, sagte er nachdrücklich,
ßlebt des Glaubens, daß die - die Freundschaft, welche die
fGräfin Ihnen entgegenhringt, sie hindere, den Bewerbungen des
Prinzen ihr Gehör zu leihen, nnd daß es diese Freundschaft se.
Fje Sie, Herr Abbs, gegen die Verbindung eingenommen habe,
Fwelcher nicht nur die Frau Herzogin, sondern Seine Majestdt
Per König selber günstig ist.
t?
; Zum ersten Male röiheten sich des jüngeren Priesters Stirn
ßund Wangen, aber es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, welche
FBewegung sein Blut in Wallung brachte, und sch schnell be-
ßmeisternd, sprach er: Des Menschen Schlüsse stammen und be-
Emessen sich aus seinem eigenen Charalter und seinen eigenen

---- - 7--
Erfahrungen; ich habe mich also über die Frau Herzogin nichhz
Aber wäre und empfände
zu beschweren, wennschon ich sie beklage.
A
ich, wie sie voraussetzt, so könnte ich
als die Gräsin eine Ehe schliesßen zu
sie die Jingere und an Kraft wie an Begabung in jedem Bos
trachte dem Prinzen überlegen ist, bald Herr und Meister seinF
ud bleiben würde, eine Ehe, bei der ich nicht zu finnchten hätie,j
auf --- er zügerte bei dem Worte gerade so geflissentlich, wie,
der Erzbischof es vorhin gethan haite -- auf die Freundschast?
D. E. M Dr
wenn die religiösen Bedenken der Gräfin überwunden sind, die;
religiösen Neberzeugungen in ihr zu wüürdigen und zu erhaltenz
verstehen wütrde? Eine Natur wie die der Gräfin Haughton wird -
durch einen Mann wie Prinz Polydor nicht überwunden, nichth
von ihrem stolzen Selbstgefihle geheilt. Sie wird, so weit ich
sie beurtheilen kann, überhaupt nicht leicht zur Lebe hingerissen!
und durch die Liebe auch nicht gewandelt werden. Sie muß in?
ihrge jhsgez Meseuheit verichtet werden, wenn sie neugeboren?
wexoen söl!
z
Er hatte diese letzten Worte kalt und unerbittlich wie ein?
Verdammungsurtheil ausgesprochen, aber sie beschwichtigten das?
Mißtrauen des Erzbischofs keineswegs; sie halfen ihm auch nichß
aus der Verlegenheit heraus, in welcher er sich befand. Indeß
der Abbe war' jezt gewarnt. Der Erzbischof hatie ihn daran!
erinnert, daß das wachsame Auge seiner Vorgesezten, daß ihr
? r
Kräfte zusammenzuhalten und sich dieselben diensibar' zu machenF
beschlos er, den kihnen und eigenwilligen jungen Geistlichen'
vorläufig gewähren und ihn selber den Weg und die Weises
suchen zu lassen, auf denen er die Zwecke der Kirche, die Winschs

N1--
des Königs und seine eigenen Absichten gleichzeitig zu fördern
für möglich erachten wüürde. Er wendete sich von ihm und krat
an seinen Schreibtisch zuriick, von dem er, uls komme es ihm
zufällig in die Hand, ein Blati Papier aufnahm, das er zuerst
mit den Aegen iüberslog und dann sorgfällig zu lesen schien.
Der AbbI stand ruhig wartend da, bis der Erzbischof bas
Papier zusammengesaliel und an seine alle Sielle gelegt haile.
Dain verneigte er sich lauum merklich und fragte, ob Eminenz
ihm noch weitere Befehle zu geben habe.
- Dem Erzbischof war diese Frage willkommen, und weil er
dies erwartet, hatte der Abbs sie gethan. Auch war der Aus-
- druck des Erzbischofs plözlich ein veränderter.
Sie haben Sich auf das Vertrauen berufen, sagte er, das
man Ihnen vor vielen Anderen und schon in jungen Jahren
angedeihen lassen, weil man Ihnen die Gelegenheit bereiten
wollte, die Menschen kennen und Ihre eigenen Kräfte ermessen
Izu lernen. Sie glauben offenbar auch jezt nöch, der Aufgabe,
der Sie Sich unterzogen haben. gewachsen zu sein, und Sie
scheinen nach einem vorbedachten Plane zu Werke zu gehen.
Der Abbe wollte eine Erklärung, eine Bemerkung machen;
, der Erzbischof ließ es nicht dazu kommen. Ic verlange von
, Ihnen vorläufig keine Auskunft über den Weg, welchen Sie
,zur Bekehrung der Gräfin Haughton bis jetzt genommen haben
ßund weiterhin zu nehmen denken. Der Erfolg oder das Miß-
ß lingen soll Ihnen, Ihnen allein, Herr Abbe, zugeschrieben
ß werden, merken Sie es wohl, Ihnen ganz allein! Doch gebe
kich Ihnen zu bedenken, daß man dem milden und uns geneigten
f Sinne Seiner Majestät des Königs, sofern es mit dem Seelen-
Fheile der Gräfin zu vereinen ist, nicht entgegentreten darf, und
z Seine Majestät haben es! wie ich erfahren, der Frauu Herzogin
F zgesagt, bei der Gräfin Eleonore des Prinzen Freiwerber zu sein.
Das war auch mir bekannt, bestätigte der Abb«, und ich

-- A7-
war Willens; die Gräfin noch hente darauf vorzubereiten, älsj
Eurer Eminenz Befehl mich hierher rief.
Der Erzbischof wollie offenbar eine Bemerkung machen;?
er unterdrüückte sie jedoch, und nach einigen auf die allgemeinen
Ereignisse innerhalb der Kirche bezüglichen Worten war diej
eaerA
der Freiherr von Arien, welcher seil dem Eizuge der Fremden?
in dem Hotel der Frau Herzogin verweilt und den die Gräsins
ebenfalls ihrer Freundschaft wiirdigt- sollte er es vielleicht;
sein, der den Ansprüchen des Prinzen entgegensteht?
Der Freiherr von Arten ist seit Johren heimlich verloüz
antvortete der Abbä.
Heimlich verlobt? wiederholte der Erzbischof. Davon besizt!
die Fran Harzogin keine Kunde. Ist die Gräfin davon unter-?
richtet?
Der Abbä verneinte es. Der Erzbischof fragte, wie Jener?
die Kenntnisß dieses Umstandes gewonnen habe, ob er der Beich- ?
tiger des Freiherrn sei.

Nein, Eminenz, ich habe es abgelehnt, ihn Beichte zu hören,?
als er mir sein Vertrauen zuzuwenden wünschte. Ich wollte mirz
die Freiheit des Handelns nicht beschränken, mir nicht eine?
Mitwissenschaft und damit zugleich die Pficht auforängen lassen,?
es nöthigenfalls zu verschweigen, was der Freiherr seinen Freunden?
bis jetzt vorenthalten hat, daß er noch bei dem Leben seinesZ
Vaters einer ihm ebenbürtigen Dame ein Eheversprechen ge-?
leistet hat.
Und welche Gründe können ihn bewegen, das Verhältniß?
auch jetzt, auch nach dem Tode seines Vaters, noch nicht zu?
einem bindenden zu machen?

Ich glaube nicht zu irren, wen ich vorauussetze, daß die''
Neigung des Herrn von Arten für die Entfernte erkaltet und

cs D
- «« s .
Fdaß sein tägliches Beisammensein mit der Gräsin auf diese Aen-
derung seines Sinies nicht ohne Einfsus gewrsen ist.
Woher haben Sie die Auskunft über das Verlöbniß des
ßhngen Edelmaes?
Von dem Pfarrer der Kirche, die des Freiherrn Vater auf
ßseinem Siamnguhe gegrindel hai. Die Verloble des Barons
ß lei mit ihrer Schwester und mit ihrer Mutter in dem frei-
hherelihe Schloss-.
h Als der Erzbischof den Abbä so wohl unterrichiet fand,
serkundigte er sich, wo die Erzieherin der Grkfin geblieben sei,
F welche er friher uit ihr bei der Herzogin gesehen habe.
?
Die Gräfin ist es mide geworden, die käglichen Vor-
Pfetungen ihrer Erzieherin zu hdren, sich täglich gegen das Ver-
Ztauen warnen zu lassen, mit dem sie mich beehct. Miß Arabella
Fst in ihre Heimaih zurücgekehrt.
Nach Hanghton Castie? fragie der Erzbischof.
L Nein; die Damen haben sich nicht als Freundinnen getrennt,
Fjede Verbindung zwischen ihnen hat aufgehört, berichtete der Abbs.
F Man konnte an den Mienen des Erzbischofs sehen, daß
ßer mit dieser Kunde wohl zufrieden war. Freundlicher, als er
sich ihm bis dahin gezeigt haite, reichte er dem Abbe die Hand,
der sich neigte und sie küßte. Der Erzbischof segnete ihn mit leichter
Aerührung seines Hauptes.
z Leben Sie wohl, mein lieber Abbä, sprach er, und er-
müden Sie nicht in Ihrem Werke, nicht in der Strenge gegen
R aEr
Ien rechten Pfad zu weisen, ist eines der guten Werke, denen
Jer Gläubige sich zu unterziehen hat. Leben Sie wohl! Sie
werden mir in einigen Tagen die Kunde bringen, welche Wen-
Aung diese Angelegenheii genommen hat.
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1l.

Kapitel 21

Zehntes Capitel.
Fer Mond stand schon hell am Himmel, als der Abbs;
von dem erzbischöflichen Palaste kommend, iber die Brücke gings
und sich dem schönen Uferwege zuwendete, an welchem dasZ
Palais der Herzogin gelegen war. Er hatte zu jeder StundeF
des Tages Zuirilt zu demselben, und auch jezt befand er sich?
bereits vor dem großen Portale, aber als er die Schelle ziehen?
wollte, hielt er die Hand zurick. Er mochte Eleonore jetzt nichtF
sehen, er mochte Niemanden sehen; er mußte mit sich allein sein.ß
Er schlug den langen, schwarzen Mantel fest um sich und?
entfernte sich von dem Palaste. Bald langsam, bald in hefiigerj
Bewegung ging er an der Seite des Flusses auf und nieder.?
Wie goldene Knospen schienen die funkelnden Sterne an den;
dichten und kahlen Aesten der Bäume zu hängen, die sich in;
vielfachen Reihen an dem Ufer hinziehen. Der Mond goß seinj
volles Licht über die prächtigen Gebäude aus, deren Fenster zumJ
Theile hell erglänzten. Es war die Stunde, in welcher die
vornehme Gesellschaft ihre Tafel hielt. Vor den einzelnens
Häusern fuhren die Wagen vor, hier und dort öffneten sich?
gastlich die Fligel der Einfahrtsthinen. Die Stadt erschien, soß
r raa
schattenhaft an dem nächtlich klaren Himmel ab.
!
Aber was jedem Anderen an dieser Sielle das Auge er-z
freut und den Sinn erheitert haben würde, was auch ihn sonst j

mit Wohlgefallen erfillt hatte, heute sah der Abbs es nicht.
Ein gewaltiger Kampf durchwühlte seine Seele; in raschestem
Wechsel zogen abenteuerliche Plane, wilde Vorsätze und Ent-
schlüsse durch sein Gehirn, und aus der glühenden Leidenschaft,
die in ihm brannte, loderten in einzelnen Auzenblicken zuckend
die Flammen der Verzweiflung in ihm emtor. Und doch war
es ihm nichts Neues, was er in sich wahrnahm. Er hatte auch
nichts Unerwartetes erlebt. Warum traf es ihn denn so furchtbar,
was er lange hatte kommen sehen? Warum zerriß sie ihm denn
das Herz, die Eutscheidung, die er längst getroffen hatte?
Seii er Eleonore gesehen, war er nie iber die Empfindung
im Zweifel oder im Unklaren gewesen, die sie in ihm wach-
gerusen halle. Von frihh auf zur strengsten Selbstprüfung ge-
wöhnt, hatte er sich nicht darüber täuschen können, daß er sie
mit glihendem Verlangen begehrte, das er sie leidenschaftlich
liebte, aber sein stolzer Sinn hatte sich nicht entschließen mögen,
die Gefahr zu meiden; er hatte seinen geistigen Ruhm darein
gesezt, sich zu besiegen. und wie er bis dahin auf der Welt
nichts Höheres gekannt hatte, als seine Kirche und ihre Macht,
so hatie er sich gelobt, seine Aufgabe in ihrem Dienste zu lösen
und ihr mit Verleugnung und Neberwindung seiner selbst die
I starke Seele und das reiche Erbe Eleonorens zuzuführen und
zu gewinnen.
Tage und Nächte hatte er mit sich gerungen in wildem
FSchmerze, in brünstigem Gebete. Er wußte, was Eleonore sich
Fnie deutlich gemacht hatte, daß es nur eines Wortes von ihm
Fbedurfte, um sie ihm anzueignen ganz und gar, und heute zum
Fersten Male fühlte er sich nicht sicher, daß er dieses Wort nicht
Aprechen, daß sein Blick ihr nicht verrathen würde, was in seiner
FSeele vorging.
Er sah sie, als er so umherwandelte, mit seines Geistes
Fugen deutlich vor sich, wie fie auf das Geständniß seiner Liebe
1

Ae
in seine Arme sinken, er kannte sie darauf, daß sie nicht zu-
rückschrecken würde, mit ihm zu fliehen, um in irgend einem ,
fernen Winkel der Erde sein Weib zu werden, das Weib des-
geweihten Priesters, des Meineidigen Weib. - Aber wer hinderte -
ihn, sich mil Offenheil von dieseu: Eide loszusagen? Wer hinderle z
ihh, eine Glaühen zu eulsagen, der seinem Menschenrechte,-
seiner Manneskraft ud Wüirde unalllrliche Scraulen sezte, F
unwürdige Gewalt anthat? Wer hinderte ihn, zu thun, wad ?
vor zweihunderi Jahren, in de Zeiien der grosten kirchlichen --
Umwälzung, Tausende von Priestern vor ihm gethan hatten?II
Was hielt Eleonoren ab, einem durch sie belehrten Maune ihre
Hand zu geben? Sie war unabhängig und reich genug, in -
Haughton Castle, in ihrem freien Vaterlande, von dem Gesetze ;
unangefochten und die öffentliche Meinung slolz verachtend, z
-
glücklich mit ihm zu sein.
Die Stirn brante ihm wie im Fieber, alle seine Pulse -
klopften. Troz der winterlichen Kälte riß er den Mantel auf, F
entblößte er sein Haupt. Er fühlte seine ganze, ungebrochene ,
Kraft in seinen Adern, er sah jezt auch mit Einem Male die -
glänzende Anmuth der Stadt und der Gegend, er empfand die ,
Schönheit dieser milden Winternacht. Umwillkürlich breitete er Z
seine Arme aus, als wolle er sich mit der Natur vereinen, und J
ein Seufzer, der wie ein unterdrlckter Aufschrei klang, riß sich?
aus seinem Busen los.
Es war vorüber!- Müde, wie einer, der aus einem ihn I
erschöpfenden Traume erwacht, liesß er sich auf eine der Bänke z
fallen, die unter den Bäumen stehen. Er stüzte den Kopf in F
die Hand, sein Haupt sank schwer hernieder, schwer und still z
fielen ein paar gliühende Tropfen aus seinen Augen auf die
Wangen herab.

A
Nicht zum ersien Male hatte er den Kampf gekäupft, aus F
dem er jetzt wieder als Neberwinder hervorging; nicht zum ersten
?
s


-


?
-

Male hatte sein Gewissen seine Phantasie bemeistert, aber noch
nie zuvor hatte er so lebhaft wie heute den Wunsch gehegt, sich
nicht gebunden zu haben oder jene ungelrochene Willenskraft,
jne muuthige Niicksichtslosigkeit der Menshen zu besizen, die
slch sellsl als den Mllelpuull der Scöpfung, ihr Wohlbesinden
als den: letilenn Zwers dersellen ansehhen. E ? - r kounle
nichl vergessen, dasi er von sriiher Jngrnd an gelernt hatie,
sich als einen uilvirkenden Theil der grosten Gemeinschaft an-
zusehen. welche sich das Necht der Herrschast iber die Geister
zuerkennt, welche die Anvartschaft zu diesem Rechte aus Gottes
Hand empfangen zu haben behauptet, aus der Hand des Gottes,
f
?
dessen Anerkennuung und Verehrung zu predigen die Aufgabe
der katholischen Kirche ist. Wohin hatten sein Geist, seine
Phantasie sich verirrt, das: er wachend in Träume verfallen
konnte, die ein Verbrechen für ihn waren? Und was konnte
andererseits die Kirche ihm denn bieten und gewähren, ihn

f
schadlos zu halten fir die furchtbare Enisagung, die er über

sich genommen hatte?

Er schauderte zusammen, als er sich mit seinen Gedanken

wieder auf demselben Wege, wieder auf denselben Bildern fand,
E
F
von denen er sich gewaltsam abzuwenden beschlossen hatte. Er
ß stand an dem Abgrunde, an welchem Mächtige gestanden hatten
und zu Grunde gegangen waren, er erlebte und erlitt, was er
h
selber über sich herauufbeschworen, als er sich die Kraft, die
Festigkeit und den Glauben zugetraut hatie, die ihm alle jetzt

l
versagten.
k
Jmmer wieder hatte er sich in diesen letzten Jahren wie-
k-
derholt, das; er nicht zu der großen Masse jener entsagenden,
demülthigen Seelen gehöre, die in frommen Glauben, in nicht
z
wankender Hingebung an ein stilles Thun, ihres Geistes Befcie-

z=-
digung, ihres Herzens Beseligung genießen. Von früher Jugend
e
auf hatten seine Lehrer und Meister ihm in der Schule und in
T

AK
-
in den Seminarien ein weites, ein hohes Ziel gesteckt. Er hatte?.
Herrschaft gewonnen, wo immer er mit Arnderen in Gemein- -
schaft gewesen war, Herrschaft hatie ihm das höchste Glück,-
Herrschaft im Dienste der Kirche, die ihn trug, so lange er sie I
stiitzen half, das höchste, erstrebenswertheste Ziel gedinlt, und ;
Herrschaft, Herrschaft iber die Anderen, da hatte er inmer -
gefühli, war das Einnzige, das Ersaz zu bielen vermochte fir -
Selbstbefriedignng, fin Liebe und fitr Glick.
Er kannte die Kirche und den Glerus, denen er angehdrte. -?
Er wußte, was der Abtrünnige von der Kirche zu erwarten z
hat. Er selber hatte in verschiedenen Fällen dazu mitgewirkt, ,
dem Verirrten wie einem gehezten Wilde die Wege zu verstellen, -
-
bis er müüde und verblutend an dem Altare niedergesunken war, z
von dem er sich hatte entfernen wollen. Er fihlte sich nicht g
dazu geschaffen, solcher Verfolgung Stand zu halten, er konnte Z
sich nicht vor sjch selbst erniedrigen durch den nicht endenden z
Kampf, in welchen er sich unretibar verstrickte, wenn er sich -J
nicht überwand. Für ihn gab es nur Freiheit innerhalb des ?
Bannes und des Eides, die er freiwillig und mit stolzem Ehr- H
- -c
geize über sich genommen hatte; und der bloße Gedanke, daß -
er als ein Büßender, als ein unwirksam Befundener, als ein z
Ausgestoßener vor denen stehen solle, die in ihm eine Kraft z
geehrt, in ihm einen künftigen Pfeiler der Kirche gesehen hatten F
und über die er sich einst zu erheben gehofft, ward endlich sein, H
Erretter aus dem Zwwiespalte, in dem er sich in dieser Stunde z
bewegt und ermattet hatte.
Aber der starke und gesunde Mensch reißt die schönste und I
-F
gewaltigste seiner Kräfte, die Liebe, nicht aus seinem Herzen, z
ohne Schaden an seiner Seele zu leiden, und heute mehr als F
je zuvor hatte der Abbe es erkannt, das: er auf die Liebe nicht z
verzichten könne, ohne sich mit Wollust an die Herrschsucht z
hinzugeben, und daß es ihm nicht erspart sei, die Qualen der H

z
s


, Eifersucht zu leiden, auch wenn er darauf verzichte, für sich
- selber einen Anspruch an Glück zu erheben.
Oftmals schon hatte er es durchgekostet, wie nnahe der Has.
und die zum Eutsagen gezwungene Liebe in ihm an einander
- grenzlen, ofimals haiie er es mit dem lihlen Blicke eines Be-
, obachters in sich wahrgenommen, wie die Grausamkeit sich der
Seele bemächiigt, die leine milde Hoffnung fir sich selber hegen
darf. Warum sollte kr das Weib nicht hassen, vor dem alle
- glücwersprechenden Möglichkeiten offen ausgebreitet lagen, während
er sich mit unlöslichem Eide von allen Freuden des Daseins
geschieden hatte, ehe er vorauuSgesehen, das eine Elevnore Haughton
leben und das; sie ihm der Güter höchstes, des Gliickes be-
gehrenswerthestes erscheinen wiirde?
Wenn kein Gebet, wenn kein noch so festes Wollen ihm
? Ruhe zu schaffen vermocht, dann hatte er mit grausamer Wonne
daran gedacht, das Eleonore einst die gleichen Qualen leiden
s werde; wenn er sich unglicklich gefühlt bis in das Innerste
seines Herzens. so hatte der Gedanke ihm gelächelt, daß auch
F sie sich elend fühlen werde, die ihn also leiden machte, daß auch
F se unglicklich sein werde, die ihn herunterzustosien drohte von
F dek Höhe, auf die er sich gestellt hatte und von der er in den
? Abgrund sinken mußte, wenn er nicht hoch über seinen jetzigen
FStandpunkt emporstieg.
.
Er hatte die Stunde der Entscheidung oft vorausgesehen,
F die jezt an ihn herangetreten war. Er oder sie!-- Dennn sie
Z glüclich zu sehen und zu entsagen, sie glücklich und frei zu denken,
z während er sich seinem Vorgesetzten als müßiger Knecht mit
gebundenen Händen zu überliefern und in dumpfer Unterord-
F nung enge, vorgeschriebene Wege zu gehen hatte, das überstieg
F seine Kräfte. Er oder sie!- Es gab kein Drittes! -
Er war schon lange wieder an dem Ufer umhergegangen.
Die Nacht begann kalt zu werden, der Wind, welcher vom
?
;
d

18
Wasser aufstieg, strich ihm mit eisigem Hauche über die Schläfen
hin. Er zog die Uhr heraus, es war später, als er es vers
muthet hatte. Jezt, er wuste es, jezt befand sich Eleonore
schon in dem Empfangszimmer ihrer Tante, jetzt erwartete sie
ihn sicherlich. Er lächelte, als er sich ihr Bild vergegenvärtigte,
aber wer dieses Lächeln häike sehen können, hätte sich seines -
Ausdruckes nicht erfreut.
An der Ecke der Seilenstrase lag ein bescheidenes Speisos.
haud. Er halle sonst nichi die Gewohnhheil, ähnliche Orte zu
besuchen, indes; die Aufregung machte ihn, da er die Mahlzeit'
versäumt hatie, nach Speise und Trank verlangen. Er ließ;
sich zu Essen geben, trank elwas Wein, ordnete mit rascher ,
Hand sein reiches Haar, das durch die schnelle Bewegung seines -
langen Ganges in Unordnung gerathen war, und gefaßt undh
wieder seiner selber Meister, kehrte er auf der Straße, von der
er gekommen war, nach dem Palaste der Herzogin zurück. -
Es waren heute noch mehr Besucher als gewöhnlich in ,
ihrem schönen Saale erschienen. Die auffallende Gunst, mit
welcher der König sie bei der lezten Mittagsgesellschaft beehr,;
hatte ihre Freunde eifriger als je gemacht, und jeder derselben,
schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß es ihm gelingen werde,
den Inhalt jener langen und geheimen Unterhaltung zu er-;
fahren und sich darüber zu vergewissern, was von dem Gerüchte;
über die Freiwerbung Sr. Majestät zu halten sei. Die Gräfin ;
allein schien nicht zu wissen, was die Nebrigen beschäftigte. Sie
saß weit zurückgelehnt, so daß die schöne Länge ihres Leibes-
ersichtlich war, auf einem niedrigen Sopha, nahe an einem der«
beiden Kamine. Das Licht der Kerzen und das Licht des Feuerz
vereinten sich, sie magisch zu überstrahlen. Ihr Haar glänzt
wie von einer Aureole umleuchtet, und nie meinte der Abbs
sie schöner gesehen zu haben, als eben jetzt, da sie bei seinen
Eintritte mit schneller Bewegung die Augen zu ihm wendete.i -

s
N81
- Eine Gruppe von Männern umgab sie, der Prinz und
2 der junge deutsche Freiherr saßen ihr zur Seite. Die Unter-
z haltung war heiter und lebhaft gewesen, wie sie es immer
- wird, wo die Männer zu gefallen wünschen und die Frau mit
F dem sicheren Bewustsein ihrer Schönheit jede ihe dargebrachte
- Huldigung nnr alö einen schuldigen Tribut, ohne Dank und
F ohne-besonderen Anreiz aufnimmt. Der Prinz hatte sich im
Gefühle eines nahen Sieges freier gehen lassen, ohne daß die
s Halkg der Grüsin ihun dazu das Necht gegeben hätie, und laum
z hatte der Abbs sich der Herzogin vorgestellt, so llagie Eleonore,
- das; die Gluih des Feuers sie beläshige, und crhob sich.
Milien in dem Saale kraf sie uit dem Abbü zusammen.
Ich habe Sie heute am Morgen und heute am Mittage vergebens
erwartet, und Sie kommen spät! sagte sie im Tone des Vor-
wurfes. Es ist Ihr Wort, das ich Ihnen zurüickgebe, Herr
Abbä! Man soll uns nicht zur Gewohnheit werden lassen, was
? man nicht sicher oder nicht geneigt ist, uns dauernd zu gewähren!
Wie sie so neben einander standen, beide hoch und maje-
- stätisch gewachsen, daß Auuge in Auge traf, beide mit hexrischer
Miene, war es kaum möglich, sich ein Menschenpaar zu denken,
F das mehr fiür einander geschaffen, mehr auf einander angewiesen
- zu sein schien, sei es, daß sie in Liebe oder in Abneigung z
sammentrafen. E war neben Eleonorens vollkommener Schön-
? heit stets ihr Stolz zewesen, der den Abbe angezogen und ihn
? gereizt hatte, ihr seine Herrschaft aufzudringen, und man hätte
,'' sagen können, dasß sie sich im Streite nahe getreten waren, daß
- sie im Widerstreben gegen einander ihre Herzen und ihren Geist
verstrickt hatten, daß Sieg und Niederlage zwischen ihnen steis
?
; gewechselt hatten und beides ihnen zum Genuuß geworden war.
Auch jetzt empfand der Abbe den alten Zauber wieder
- mächtig auf sich wirkend, aber er hatte Grund, sich demselben
s-
-
nicht mehr wie sonst zu überlassen, und auf ihre Anrede ein-
?
i

---- -- 28--
gehend, versetzte er: Schlimm genug für mich, daß ich aus
meiner eigenen Erfahrung keinen Nuzen zog, daß ich sie nicht.
zu beherzigen verstand!
Was soll das heißen? fragte sie voll banger Ahnung, weil;
ihr
in seinem Wesen etwas Fremdes entgegentrat.
a B? - -
E es stets vermieden, sie und sich als Einheit zu bezeichnen, und ?
,nun, da ihr Name, von seinen Lippen ausgesprochen, ihr mit;
lunsäglicher Wonne das eigene Herz berührte, nun das beglickende,
,Wir' ihr von seinem Munde entgegenklang, nun sollie sie sich?
von ihm trennen -- nun?
Scheiden? wiederholte sie. Und weßhalb das? - weßhalb?
Er blickte mit schnellem Auge um sich her; als er sah,
daß Niemand nahe geng stand, seine Worte zu vernehmen, -
sagte er: Ich komme von Seiner Eminenz dem Erzbischof. -.
Auf seinem Tische sah ich einen Brief von Ihrer Hand. Es -
war offenbar das kleine Billet, däs Sie mir neulich gesendet ?-
und das ich nicht erhalten hatte. Ein Brief der Frau Herzogin -,
lag daneben.
Eleonore erbleichte, aber ihre Fassung und ihr Selbstgefühl-
verließen sie nicht. Ich habe nie ein Wort geschrieben, Fprach
sie, das eines Anderen Blick zu scheuen hätte, und pon Seiten-
meiner Tante überrascht mich nichts, wenschon. - -
Auch nicht, fiel der Abbe ihr leise in die Rede, daß sie
gewagt hat, Ihnen, Ihnen, Eleonore, eine Leidenschaft anzu- ?
dichten, deren Mitschuldiger ich sein sollte und die ein Verbrechen' s
für mich wäre?
Er war selbst blaß geworden und die Stimme hatte ihm -
versagt, da er diese Worte aussprach. Sie trafen das Herz ;
des unglücklichen Mädchens wie ein ködtender Bliz. Sie sah, i
sie entdeckte in sich, was sie sich bisher mit stolzer Scham ver- -

.
-
s
-- W8A---
Jorgen hatte. Sie fühlte die Flamme einer verzehrenden Leiden-
Fhaft in sich auflodern, und der Mann, der sie in ihr angefacht
,und genähri halie, stand ihr lali gegenüber, sprach zu ihr in
F einer Weise, als wäre es undenkbar, daß er jemals etwas für
?ie empfunden habe, etwas für sie fihlen könne.
- Ihre Füße wankten, sie faßte krampfhaft die Lehne eines
HSessels, der in ihrer Nhe stand, sie füürchtete, sich nicht aufrecht
halten zu können; aber mehr noch als Alles peinigte sie der
FGedanke, dem ungerührten Manne zu verrathen, was in ihrer
FSeele vorging, ihn ahnen zu lassen, was sie in diesem Augen-
Alicke um ihn litt. Und die bleichen Lippen zu einem Lächeln
-zwingend, das ihr das Herz zerriß, fragte sie ihn: Deßhalb
Jalso will man Sie entfernen?
Der Abbs bejahte es. Die Thräneu traten der Gräfin
- bor diesem kalten, nackten Ja in's Auge.
, Freilich! das Scheiden von einer Freundin - das Scheiden
Fdon Eleonore Haughton -= was ist das für Sie! sagte sie mit
FBitterkeit.
Der Abbs ließ den vollen Strahl seines Auges in die
ihrigen fallen, aber er schwieg.
So standen sie sich einige Sekunden gegenüber, und es
Fdünkte Eleonore, als durchlebe sie eine lange Leidenszeit, denn
z großer Schmerz und große Freude rauben uns den wahren
FMaßstab für den Verlauf der Zeit. Es kam ihr vor, als sei
Fder Augenblick lange her, in welchem sie das Wort, das nieder-
,shmetternde Wort von dem Munde des Geliebten vernommen
hatte, als sei es lange her, daß sie sich allein gefunden, allein
Anit der verzehrenden Leidenschaft in ihrer Brust. Allein!
-- Nur das konnte sie nicht ertragen! Allein, ohne ihn konnte
sie nicht leben. Und wie ein Versinkender verzagend und hoffend
zugleich nach Rettung ausschaut, fcagte sie: Und gibt es kein
s Mittel, keines, das Sie - mir erhält?
s
-

-- W---
Es war geschehen, sie hatie es ihm gesagt; aber besorgh'-
daß eben dieses Wort ihn bestimmen könte, sich von ihr ze
trennen, fiügte sie hinzu, als wolle sie ihhn vergessen machen, ihn'
über dasjenige täuschen, was sie ihm eben verrathen und ge- -
standen haite: Ich weis: es, Sie verlassen Parid, den Hof-
nicht gern, Sie haben Hoffnungen an Ihren hiesigen Aufenö-,
halt geknioft. Gibt es kein Mittel, Ihre beabsichtigte Entfer??
nung zu vermeiden? -- Und wie von einer plözlichen Eingebung ?
ergrisfen sprach sie: Ich will Paris verlassen, ich will in meine,
Heimath gehen! Sie sollen bleiben. Ich will gehen!
Das jedoch war es nicht, was der Abbb begehrie. Ee?
schüttelte verneinend das Hauupt. Fassen Sie sich, Gräfin, man,
beobachtet Sie und mich! sagte er leise. Ihre Entfernung vonh
Paris würde nichts in meiner Lage ändern, nichts! Aber einen?
Ausweg gibt es, Einen! - Er zögerte, als falle es ihm schwer, ;
ihr denselben zu nennen. Endlich, da sie auf seine Antwort
bange harrte, sagte er: Nehmen Sie die Hand des Prinzen -
an, für den der König selber morgen um Sie werben wirh!-
Unmöglich, unmöglich! rief die Gräfin so laut, daß die Z
Anwesenden alle es vernahmen.
Aber sie und der Abbe schlugen wie auf eine Verabredung
ein Lachen auf, und mit lachender Miene füügte Eleonore leise -
hinzu: Soll ich der Herzogin den Triumph bereiten? Soll ich
mich der Herrschsucht wider mein Empfinden in die Arme werfen, ?
e
vor der Sie selbst mich warnten?
So treffen Sie schnell eine andere Wahl, Sie sind Here-

darüber! warf der Abbe ihr ein.
A
Aber wen - wen? fragte die Gräfin, der in der Angst
ihres Herzens und in der Verwirrung dieses Augenblickes jedes F
Mittel erwünscht kam, welches sie vor der Trennung von denI
Abbä bewahren und ihm beweisen lonte, daß fin ihn keinF
Opfer ihr zu schwer sei.
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Og
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? Der Abbä wendete das Haupt in das Zimmer und zu der
FGruppe zurick, welche die Gräfin vorhin veclaßen hatte. Eine
FFrau wie Sie, sagie er, wird schwwerlich einei Man finden,
F der sie verdieuul; aber es miszte mich Alles lä schen, oder der
freiherr von Arten weis es, was Sic werth sind, und seine
z -
F liebende Verehrung wird mir den Antheil a- .per Freund-
ss Se:
Hschaft nicht misßgönnen. Er ist ein Mann von Ehre und er
zlebt Sie, Gräfin, dessen bin ich sicher!
E?
Sie konnte ihm nichts erwiedern. Der Ausdruck der Ver-
Z zweiflung und der Lebe, mit dem sie zu ihm emporsah, drohte,
Tihn seiner Fassug zu berauuben, und sich vor ihr verneigend,
z sagte er so laut, das; die Anderen ihn vernehmen konnten:
FDenken Sie daran, Gräfin, wir sprechen mehr davon!
z
=- Dann wendete er sich zu den ebrigen, und auch Eleonore
khrte, wie hart ihr das auch ankam, zu ihrer früheren Unter-
Fhaliung zurick
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Kapitel 22

Eilftes Capitel.

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Zglan trennte sich an dem Abende zeitig, weil einige der -
Gäste noch anderweitige Einladungen hatten. Im Vorzimmer -
trasen der Abbs und Nenalus zusamen. Der Abbü machte I
die Bemerkung, daß das Wetter löstlich und dasß es eigenilich ?
eine Sütnde sei, eine Winternacht von so ungewöhnlicher Milde ;
und Schönheit ungenossen zu lassen, und da er Renatus ohne ,
weiteres Vorhaben fand, schlug er ihm vor, ihn zu begleiten ?
z.
und gemeinsam eine Strecke Weges zu machen.
Der Freiherr verlangte es nicht besser. Er hatie die lange I
Unterredung zwischen dem Geistlichen und der Gräfin mit Unruhe -
betrachtet, denn er war von den obwaltenden Verhältnissen zu
genau unterrichtet, um nicht zu vermuthen, was die unverkemn-?
bare Auufregung Eleonorens zu bedeuten und welchen Inhalt Z -
dieses Gespräch der Beiden gehabt haben müüsse. Auch stand er ?
ihnen nahe geng, um, sobald er sich mit dem Geistlichen allein ß ;
auf der Straße befand, ohne Umschweife die Frage zu thun, F
ob er sich irre, wenn er glaube, daß der Abbs mit ihrer ge-b
meinsamen Freundin von dem Heirathsplane gesprochen, den der z
König zu dem seinigen gemacht habe und dessen nahes Zustande--
kommen jetzt die große Angelegenheit des Hofes sei.
Ess ist eine traurige Angelegenheit, sagte der Abbs, und ?
nie mehr als in diesem Falle habe ich daran gedacht, wie ver- -'
schieden die Wege der Prüfung sind, auf welche der Herr uns
fihrt. Er schritt eine Weile schweigend fort, dann sprach er: ?
T

- 8?---
Wenn man das Leben dieses ungewöhnlichen Mädchens sieht,
, seine gottbegnadigte äußere Erscheinung, sne großen geistigen
F Mittel, den fürstlichen Besiz, der ihm von Kindheit an zu eigen
F war, so fühlt man sich zu dem Gedanken hingeführt, Jaß es
dem Himmel gefallen habe, hier einmal ein Menschenwesen mit
- allen Gitern des Lebens und des Gliückes auszustatten, um ihm
J den vollen, edlen Genuß des Daseins zu ermöglichen.
- Da er wiedar in seiner Rede abbrach, meinte Renatus,
s daß die Gräfin doch auch zu einer hohen und seltenen Reife
e - und Entwicklung gelangt sei und wie ihr zu ihrem Glücke ja
F auch nichis sehle, als das: sie eben demn Mannne begegnete, dem
sie ihre Zunluuft in liebendem Herzen anvertrauen könne.
Wir sind nicht im Salon, mein theurer Freund! rief der
? Abbe mit einer Kälte, welche den Andern in Erstaunen sezte.
, Er fragte, was dieser unerwartete Ausruf bedeuten solle. Der
I Abbs, der sonst in seinem ganzen Betragen sich immer äußerst
zurückhaltend bezeigte und sich eben so wenig eine Vertraulichkeit
I gegen Andere herausnahm, als er sie ihnen gestatiete, legte seinen
Z Arm in den des jungen Offiziers und sagte mit einer ihm
z sonst ebenfalls sehr fremden Lssigkeit: Es gibt gesellschaftliche
, halbe und ganze Uuwahrheiten, gegen die man wohlthut, sich
nicht zu wehren, und an die zu rühren auch nicht weise ist,
, weil sie in der Regel aus einem vernünftigen Grunde hervor-
gehen. sogar wenn die Gesellschaft sich desselben nicht immer
F klar bewußt ist. Eine solche conventionelle Unwahrheit ist der
P Glaube an die sogenannten großen Eigenschaften der Gräfin
z, Paughton.
? Herr Abbe, rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren
F nicht, das sagen Sie, Sie, der Freund, sder vertraute Freund
z Eleonorens?
F Eben deßhalb sage ich es, kann ich es sagen! berichtete ihn
z der Geistliche, und vielleicht werden Sie mir Glauben schenken,

?
1

188
wenn ich Ihnen bekenne, daß die Gräfin auch mich eine geraume ;
Zeit geblendet hat, daß ich ih ihr Eigenschafien zu sehen wähnte,;
die sie der Bewunderung würdig machten - und in der That; I
sie hat auch solche Eigenschaften! Wer wollie und wer könnte -
dieses läugnen? Sie ist von schnellem Geiste, von einem kiühnen
Fluge der Gedanken, sie hat, ich zweifle nicht daran, eine männ--
liche Entschlossenheit, wo es ihre eigenen, persönlichen Zwecke -
gilt; aber ich habe Niemaden gelanni, aus den das Wort der -
Bibel von dem tönenden Erz und der lligenden Schelle so -
anvendbar gewesen wäre, als auf sie. , Sie hat der Liebe ,
nicht! -- Selbsisichliger und herzenslälter habe ich nie ein J,
Weib gekannt.
Der Freiherr war nicht gleich einer Eigegnung fähig. ;
Er erlebie nach seinen Begriffen einen vollkommenen Verrath. Z
und der Mann, der ihn beging, war ihm bis auf diese Stunde z
ein Gegenstand der Hochachiung gewesen. Seine Ehhrenhaftigleit z
schreckte vor einem solchen Verhalten zurick. Er zog unwillkirlich ?
E
seinen Arm aus dem seines Gefährten. Keunnt oder ahnt die ?
Gräfin die Ansicht, welche Sie von ihr hegen ? fragte er.
Es gibt Wunden, entgegnete der Abbe, die man nicht son- ?
diren darf, ohne sie tödtlich zu machen. Ich konnte der Gräfin -F
nicht sagen: , Sie haben kein Herz!'' da mein ganzes Bestreben T
- H
darauf gerichtet ist, diese Seite ihres Wesens zu erwecken oder F
zu beleben. Denn was könnte mich, dessen Ziele weit ab liegen z
von dem Boden dieser leichklebigen und sich an der OberflächeI
der Dinge haltenden Gesellschaft, was könnte mich bewegen, der ?
tägliche Gast der Frau Herzogin zu sein, hätte ich es der wür- ?
- -z
digen Frau nicht zugesagt, mich der Bekehrung ihrer Nichte zu ; -
unterziehen, hätten meine Vorgesetzten mich nicht selber ermuthigt, P ?
an dieses Werk zu gehen?
L ?
Mehrere Wagen, die rasselnd an ihnen vorüüberfuhren und F ;
die sie bei dem lebergehen nach einer andern Sirasße fiür einige h
I A
=! K
-? g-

-=- IZß--
Minuuten trennten, unterbrachen die Mittheilung des Geistlichen
ä und ließen dem Freiherrn zu einem Umschwuunge seiner Ansicht'
- Zeit. Als sie sich wieder zusammenfanden, hob der Abb auf's
, Neue zu sprechen an. Es ist ein grosßes Vertrauen, Herr von
Arien, das ich Ihnen mit dieseu offenen Belenninisse gewähre.
s Indes: Ihrer Gesinnuung bin ich sicher. Sie ist ein schönes Erbe
F Ihres alten Hauses, und Sie selber sind, ich weiß es, unserer
J Firche auesrichlig krgeben. Sie haben in Ihrem Elternhause
z den Segen und die Alles ausgleichende und oersöhnende Kraft
ß -des Glaubens, wie ich aus Ihhren eigenen Mitiheilungen und
s aus manchen Ateutungen der trefflichen Frau Herzogin er-
f fahren, kennen lernen. Sie gehören nicht zu der Anzahl jener
F sogenannlen Auufgellärten, die es in ihrer selbstgenügsamen Kurz-
l sichtigkeit dem Gläubigen zum Vorwurfe machen, wenn es ihn
s drängt, die Segngen, deren er sich iheilhaftig fihlt, die er-
s hebende Erlenenis, die ihm durch die Gnode Goties zugänglich
geworden ist, nicht als ein kodtes Pfund zu vergraben, sondern
s sie auszubreiten und leuchten zu machen, so weit die menschliche
f Gemeinschaft reicht.
? Der Abb hatte eiwas Mächiiges, wenn er sich dem freien
g Zuge seiner Beredsamkeit überließ, und Nenatus waren solche
F Ansichten und Ansprüche von früher Kindheit an vertraut ge-
k
, wesen. Sein unvergessener, geliebier Lehrer, der Caplan, hatte
F ja selber durch Jahre und Jahre in fremden Zonen als ein
ß Bekenner und Verbreiter der allein seligmachenden Kirche ge-
, arbeitet und bis an sein Lebensende mit Erhebung an jene
s Wirksamkeit zurickgedacht. Läugnen konnte Nenatus es auch
F nicht, daß ihm das herrische Wesen der Gräfin bisweilen un-
heimlich und bedenklich erschienen war, aber er hatte sie nicht
F tadeln, nicht verurtheilen können; sie haite ihm neben der Be-
wunderung, die er für sie hegte, ein Bedauern eingeflößt, und
eben jezt euspfand er dieses lebhafier und stärker, als je zuuor.
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

-- 290---
Sie ist ohne Vater, ohne Mutter aufgewachsen, sagte er
entschuldigend, und mich dünkt, die Herzogin war nicht dazu -
gemachk, eine so eigenartige Natur zu erwärmen und zu bilden. I
Wer mag denn sagen, ob die Herzogin selber einer wahren Liebe ;
fahig ist?
Die Herzogin keiner Liebe fähig? rief der Abbe im Tone -
des höchsten Erstaunens. Aber haben Sie denn vergessen, mein ,
theurer Baron, mit welcher Treue die Herzogin in den Zeiten -
der Verbannung und der Noth an ihrem Bruder festhielt? -
Haben Sie vergessen, mit welcher Hingebung die Mittellose auf -
die edle, sie völlig sicherstellende Gastfreiheit Ihres Herrn Vaters -
verzichtete, als es galt, der königlichen Familie ihre alte Treue I
zu beweisen ? Glailen Sie, dasi es sie kein Ozfer gelostet hat, -
den einzigen Bruder an eine Frau zu verlieren, die nicht zu -=
unserer Kirche gehörte? Und wann hat die Herzogin ihre Nichte,i;
es fihlen lassen, das sie, die ruhebedirsige Mairone, ihr ganzes z
Behagen der Lebenslust Eleonorens zum Opfer brachte? Oder z
kennen Sie etwas, das rührender, das ehrwirdiger wäre, als
die schöne Freundschaft, welche durch ein langes Leben die Her- Z
zogin und ihren Jugendgenossen, den greisen Fürsten von Chimag, -
unzertrennlich verbunden hat? In der That, mein Freund, von -
Ihnen weniger als von jedem Andern war ich mir eines Urtheils z
gewärtig, das die Herzogin in so ungerechter Weise anficht, demn I
mich dünkt, Sie selber hätten mannigfach Gelegenheit gehabt, z
N a
Renatus fühlte sich beschämt. Er hatte die Undankbarkeit z
immer als das Zeichen einer niedrigen Gesinnung angesehen, z
nun zieh man ihn einer solchen, und er konnte es nicht läugnen, z
man that es nicht ganz mit Unrecht. Je länger er darüber H
nachsann, um so unsicherer wurde er in seinem Urtheile. Er
konnte dem Abbe nicht völlig widersprechen. Er hatte, als er z
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in das Haus der Herzogin gekommen war, ja auch fiür dieselbe
und wider die Gräfin Partei genonmen. und erst allmählich
hatten Eleonorens bestechende und blendende Eigenschaften ihn
anderen Sinnes werden machen. Er wünschte guten Herzens,
kein Uurecht gegen die Greisin zu begehen; aber Eleonore, wie
?

W9 -
z



wie die Herzogin mir einst gestanden hat, daß sie, früh zur
sichh wieder zu nermählen, s hhai uir nchh ntenerdingzö die Gyäsis
gesagt, das; sie nach der Ehe kein Verlangen trage, ja, daß ihr
bis jehzt niemals eine Sehnsucht nach jenem Gliücke des Fa-
milienlebens gekomnen sei, welches doch den meisten Menschen
sind sich eben selbst geung.
Das ist ein trauriger Vorzug, rief der Abbe, und Sie
werden mir gestehen, daß ich darüber ein vollgültiger Richter
bin! Der Mensch kann, wo es einer großen Neberzeugung gilt,
sich selbst verläugnen, und auf die Liebe, auf die Ehe, auf das
Glick verzichten, sich in seinen Kindern fortleben zu sehen; aber
es ist das eine harte Entsagung, und das Herz auch des Stärksten
hört nicht auf, unter derselben zu leiden und zu bluten! Es
muß süß sein, in früher Jugend sich einem geliebten Mädchen
zu verbinden, in jedem Auugenblicke zu wissen, daß scine Ge-
danken, seine Gebete uns begleiten, sich vorzustellen, wenn man

s
-
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der beiden Frauen häite wohl eine weichece und mildere Natur
an ihrer Seite haben missen, um glicklicher zu werden; denn

z-
Absicht, einen vermittelnden Auöweg zu wählen, sprach er: Jede
Witve geworben, nie die geringste Neigung empfunden habe,


geben, konnte er sich nicht entschließen, und mit der bewußten
für ihre Befriedigung nothwendig erscheint. Diese beiden Frauen


der Abbe es that, so schonungslos zu verdammen' und aufzu-
von ihm fern ist, wie die Liebe der Erwählten uns ersehnt,
und sie nach einer Trennung mit der alten, nur gesteigerten
und bewährten Trene in die Arme zu schließen.
Er brach ab, schwieg eine Weile und sagte danach: Es
?

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- W - -
sind das Bilder, die auszudenken man sich hüten muß, wenn -
man gelobt hat, nie nach ihrer Verwirklichung zu streben. Aber
so oft ich in meinem Amie in ein Haus lgetreten bin, wo die '
demüthige Liebe einer Jwahrhaft weiblichen Seele dem Manne ,
das Leben verschönte, habe ich empfunden, wo das wahre Glhck -
zu finden sei, und Idie höchsten VorziigeJeines Mädchens wie die -
Gräfin haben mich nie von dieser Erlennninis; abweichen machen. -
Füir eine Gleonore Haughlon lann ein Jüngling sich begeistern, -
ein Mann eine sehr lebhafte Freundschaft empfinden. Sie würde, ?
hätie ihr Schicksal sie für einen Thron bestimmt, vielleicht ihrem ,
Jdeale, ihrer Königin Elisabeth, in herber, stolzer Selbstüber- I
hebung ähnlich werden können; fir einen Mann, der in seinem ?
Weibe ein liebendes Herz zu finden begehrt und der Herr in -

seinem Hause bleiben will, ßnd diese Art von Frauen nicht ge-
schaffen. Man macht aus einer Juno, einer Minerva niemals -
das rührende Geschöpf, als dessen erhabenster Ausdruck uns die -
Madonna, die jungfräuliche Mutter erscheint, der sich das Knie ;
des gewaltigsten Mannes ßin liebender Verehrung bengt. Ein F
Mannweib zu lieben, mus man selbst kein Mann sein! Wo J
ich einen Mann sich ein recht demüthiges Weib erwählen sehe, I
weiß ich immer, was er selber werth ist.
Sie waren während dessen bis zu dem Collegium gekom-
men, in welchem der Abbe seine Wohnung hatte. Er nöthigte
den Freiherrn leichthin, mit ihm hinauf zu steigenz aber Renatus z
nahm es nicht an, und Jener hatte es auch darauf nicht abge- ?
sehen, ihn bei sich zu haben. Erßwünschie allein zu sein. So -
schieden sie von einander.
Oben angelangt, lging der Abbe eine geraume Zeit mit J
schwerem Schritte in dem großen, saalartigen Raume auf und I
nieder, den er in dem Hause inne hatte. Ein paar werthvolle
-
Bilder, einige Algüsse nach berühmien antilen Bisten schmüickten
, nach seiner Wahl die Wände. Er sah sie nicht an, so gern
?
-

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F
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gethan, was seine Pflicht war, er war mit Ueberwindung ein
iichtig Stick auf dem Pfade zu seinem selbsngesteckten Ziele vor-
in dem eigenen Herzen; denn das Ziel ist Alle !-- Aber das
hinderte nicht, daß der Kampf dieser Stunden noch in seiner
ganzen, gransamen Schwvere auf ihm lastete.
Ein paar Mal blieb er stehen und faßte mit der Hand
nach seiner Brust. Es versezte ihm etwas den Athem. War
sich nicht danach, er wollte es nicht ergründen, es gar nicht
wissen. Er knöpfte mit hastiger Hand die Souiane auf. We-
nigstens athmen, athmen wollte er in voller Freiheit, und fre:
athmen, sagte er, wie zum Troste, zu sich selber, frei athmen
f IR. -
Er dehnte unwillkürlich seine Brust. Er war mit sich zu-
frieden. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich
erinnerte, wie die stolze Eleonore, wie der junge Freiherr, die
beide fest nach eigenen Meinungen zu handeln glaubten, gleich
einem weichen Wachse sich unter seiner Hond in die Form ge-
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-
znd die volleüdelsie Selbstverläugnung verlirpert hai, um sich
geschritten, und er hatte nicht danach zu fragen, welche Blüthen

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die Meuschheit sich die höchsle Neinheil, die hhöchste Menschenliebe
es ein Schmerz, war es eine zornige Empörung? Er fragte
s
s.
Trost und Beruhigung gefunden, wenn cr -n schwerem Seelen-
vermochte den Abbä heute von sich selber abzuziehen. Er hatte
?
?
schnitzt, zu Häupten seines Lagers hing. Fr hatr manchmal
sein Fus; dabei zertrat, sei es in der Seele eines Andern oder
H
z
Erucifix empor, das in dem anstoßenden Gemache, schön ge-
an ihm aufzuerbuen und zu erheben; aber nichts Aeusßerliches
?

sein Auge sonst auf ihnen weilte. Er blick!e auch nicht zu dem
kampfe zu dem Bilde des Mannes emor geschauut, in welchem
?
-
-- IIZ--

2t
kosten gegeben. Er hoffie, die Stunde solle nicht ausbleiben, in -
welcher er ihm dies auf die eine oder auf die andere Weise .
würde vergelten können; denn auch er fühlte sich aus dem Stoffe
geschaffen, aus welchem man die Kirchenfürsten macht. Und die
Gegenvart hinter sich zurücklassend, von chrgeizigen Hoffnungen -'
über den Schmerz und den Kapf des Auugenblickes fligelschnell I
hinweggehoben, durch den eben errungenen Erfolg ermuthigt, ;
blickte er endlich auf die Zukunft wie auf eine Arena hinaus, in ,
welcher der höchste Preis des Sieges ihm nicht entgehen konnte. -
Er ging an seinen Schreibtisch, ließ sich in dem Sessel . -
nieder, der vor demselben stand, und begann zu schreiben. Es ?
war tief in der Nacht, als er sich von seiner Arbeit erhob. Die Z
Lampe war im Erlöschen, der untergehende Mond warf sein J
Licht schräg in das Gemach. Mit dem gesiegelien Briefe in derJ
Hand sah der Abb lange sinnend in den Garlen hinaus, der -
sich unter seinen Fensiern weithin ausdehnte. Dann fiel sein,- -
Blick prüfend auf des Briefes Aufschrift. Er meinte, eiwas in ?
derselben vergessen zu haben, aber es war Alles richtig.
--
Die Aufschrift lautete: , An den Pater Provincial des z
Jesuiten-Klosters zu Nom.
Der AbbI war in diesem Kloster erzogen worden und er ?
hatte bisher den Hoffnuungen durchaus entsprochen, welche seine ?
Lehrer und Meister auf ihn bauten.

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Kapitel 23

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Zwölftes Capitel.
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,iler milden Winternacht folgte ein karer, schöner Tag.
In den prachtvollen, alterthümlichen Kaminen des großen könig-
lichen Ballsaales brannten die Feuer. Ihre rothe Gluth, ihre
blauen, zingelnden Flammen erschienen bei dem hellen Sonnen-
s lichte dunkel; auch die Kleiduung und die Schönheit der Frauen

z hallen bei den Frihstücsbällen in den Tuilerieen eine wahre
e Lichiprobe zu beslehen. Aber Niemand ertrug die Priüfung
z
s durch das Tageslicht so siegreich, als die Gräfin Haughton, ob-
, schon ihrem Autize hente die ihm sonst so eigenhimliche Frische,
ihrenn Augen der gewohnte Glanz gebrachen.
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Die ersten Quadrillen waren vorüber. Eleonore hätte kaum
sagen können, wer ihre Tänzer in denselben gewesen wären.
Es wgr ihr zu Muthe, als sei sie verwandelt, als wohne eine
fremde Seele in ihrem Leibe. Nur ihre Gestalt war noch die
V
z
alte, war noch lebendig; sie selber, die Eleonore, als welche sie
sich bis gestern noch empfunden hatte, war dahin.
Sie hatie die ganze Nacht kein Auge geschlossen, den ganzen
Morgen in marternder Spannung vergebens auf den Besuch
i
? des Abbes, auf eine Zeile, auf ein Wort von ihm gewartet,
die ihr hätten zum Troste, zur Stütze werden können. Was
s, war geschehen, dasß er sie also in ihrer Herzensnoth verließ?
F Hatte man ihn unter irgend einem Vorwande gezwungen, Paris
; schon an diesem Morgen zu verlassen? Konnte er sich entfernt
z haben, ohne sie davon in Kenntniß zu sezen? Ließ man ihn

f
E-
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- ZIß--
nicht aus den Augen, und fand er keine Möglichkeit, ihr, wemn?
auch nur mit Einem Worte, sich zu nahen ?
Und wie stand es denn jetzt zwischen ihr und ihm?
Wie ein scharfes Eisen bohrte sich der Gedanke in ihr -
Hirn: Ich liebe einen Mann, dem die Lebe ein Verbrechen ist!-
Ich, die Protestantin, liebe einen Katholiken, einen Priester!I
Ich habe ihm diese Liebe verrathen, und er will mich bestimmen,-
einem Anderen, einem ungeliebten Manne meine Hand zu reichen, -
um sich zu retten, um seine Plane zu verfolgen! Warum ver-

kraute ich einem Katholiken, einem Priester?
Dann wieder, wenn der Schmerz sie zu vernichten drohte,

wenn der Gedanke, sich und ihre Liebe verschmähht zu sehen, sie
-
völlig niedersvurs, russle sie sic mil Gewwaull uu einer anderen
Ansicht ihrer Lage empor. War es denn seine Schuld, daß sie
ihn liebte? Konnte er dafür, daß ihre Seele nicht stark, nicht


-
e
rein genug gewesen war, sich an der Freundschaft geniügen z - -
lassen, die allein er ihr zu bieten hatte? Wann hatte er je einen Z
Wunsch, einen Anspruch an sie erhoben, der über den Antheil A
an ihrem Seelenheile hinauögegangen war? Und wie hatte er z
sich selbst in seinem Eifer fie dasselbe zu mäsigen, sich überall -;
in Schranken zu halten gewust ! Mit keinem Worte hatie er ?
R
ihr je gestanden, was er für sie fihle. Und er liebte sie! Sie ;
e
zweifelte nicht daran: er liebte sie! Eine Liebe, wie die, welche -
sie für den Abbs empfand, konnte keine einseitige sein, konnte T
T
nicht unerwiedert bleiben ! Es war nicht anders möglich: er z
F
liebte sie, er mußte sie lieber!

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Aber durfte sie das hoffen? Durfte sie es wünschen? - -
Nein, nein! nur das nicht! rief sie laut, daß der Ton ihrer Z
eigenen Stimme sie in der nächtlichen Einsamkeit erschreckte. Und -
ihr Gesicht in den Händen verbergend, warf sie sich nieder und -

weinte, daß es ihr die Brust zu sprengen drohte.

Es war genug an ihrem Elende, an ihrer Verzweiflung, Z
z
-
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----- I?--
Z er sollte nicht unselig sein, wie sie. Er sollte den Trost besizen,
F daß er rein und malellos den Lebensweg gegangen sei. Er
Z sollte sich ruhig niederwerfen können zu den Füsßen Gottes, zu
den Füisen der reinen, makellosen Jungfran, zu deren Altären
Z er sie hinzufiühren gestrebt hatte, in deren Verehrung sie eine
ß unzerstörbare Gemeinschaft mit ihm haben konnte.
s - =. daß ich ihn besäße, den Glauben, der ihm Kraft ver-
, leiht! seufzte sie il ihrem Schmerze. Dasß ich es gelernt hätte,
F wie er, in früher Juugend zu entsagen! Wenn ich es vermöchte,
T- z--
, Zz zich an das Kreuz zu schlagen, und -rost zu finden,
? nr-., in dem Gedanlen, das; ich eine Wahrheit erlanni, eine
z Wahrheii zu verlinden hahe, das: ich uir eichi sellsi gelöre,
F sonderu nuur ein Dienier der Menschhheii bin, ein schwwaches Wer!-
- R?- -
z wiederholte sie sich wdie Ausspriche, die er oft vor ihr gethan
, hatte. Vor wwenigen Augenblicken hatie sie ihm gezürnt, nun
s zrnte sie sich selber. Mit der Demuth der Lebe klagte sie sich
an, daß sie mit ihrer Leidenschaft die schöne Ruhhe seines Daseins
J icbe. Sie, sie allein war die Schuldige. Ihre Maßlosigkeit,
? -
F ihre Ungenügsamkeit verstrickten ihn in Verwirrungen, die er nie
F zuvor gekannt hatte. Sie erinnerte sich, wie man ihr die hohe
? Sinnesart, den reinen Wandel des Abbö gepriesen hatte. Auch
F se kannte ihn nur hochgesinnt und rein und allem Erhabenen
, mit Begeisterung zugewendet! Was mochte er jetzt von ihr
h denken? Was mochte er jetzt thun?
Sie sah ihn knieen vor dem Muttergotiesbilde, das er von
s einem früh gestorbenen Freund ererbt und von dem er ihr je -
,' bisweilen wohl gesprochen hatte. Sie zweifelte icht daran, daß
, er ihrer dachte, daß er für sie betete. Sie hätte es vor sich
l haben mögen, das Madonnenbild, vor dem er ofimals Trost
s gefunden hatte. Sie hatte den Trost sehr nöthig!
z


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--- Z---
Wenn sie ihn sehen, ihm Alles bekennen, ihn berathen,
ihm beichten könnte! -- Beichten! -- Vor einem Madonnenbilde-'
knieen!-- Wie hatte das alles ihrem Geiste, ihrem Empfinden, -
ja, ihrem Versiande sonst widerstrebt, als sie noch in stolzem Z
Selbstgefühle sich der Unfehlbarkeit vermessen hatte! Und jezt? I
Aus der Flut der sie überströmenden Liebe tauchte mit ?
Einem Male wieder der alte Stolz empor, und der Troz mit ;
ihm. Sie wollte thun, was der Abbb begehrte, sie wollte die-
:
Hand des Priuzen aunehmen, uu es den Alb eupsinden zu -
lassen, was das Herz des Menschen leiden könne. Denn sie mit -
Gleichmuth in des Prinzen Armen zu sehen, das konnte auch ;
-
dem Abbü nicht möglich sein.
Und wieder sagte sie sich, daß sie ihn herabziehen würde -
von seiner Höhe und wieder wurde die Anbetungslust der Liebe
in ihr mächtig, die sie hoch hinaushob über jede menschliche -

Schwachheit. Sie fand ganz plözlich ein Geniigen, ja, einen F
Trost darin, das: er nicht ahne, was sie dulde, das er, ruhig z
und selbstgewiß, der Lebe wie dem Leiden nicht zugänglich sei. F
Von einer Pein zur anderen fortgetrieben, ward ihr keine F
Rast, bis ihre Kraft erschöpft war und die mide Natur nach
z
Ruhe verlangte. Die Hände gefaltet, sas; sie in einer Art von z
Betäuubung wachend auf ihrem Lager. Minute auf Minute,
Stunde auf Stunde rannen an ihr vorüber; sie gewahrte e? F
nicht. Kein tröstender, kein beruhigender Gedanke kühlte ihre ,
heiße Stirn, erhob ihr gebeugtes Haupt. Sie kam sich alt, sehr
alt, sie kam sich einsam vor und sehr verlassen. Was sind auch?
agend und Schönheit und Besiz und Macht in der Stunde, ,
in der man einer großen Liebe zu entsagen hat?
Es überraschte sie, als der Morgen wie immer in die Höhe z
kam und das alltägliche Leben mit ihm. Es überraschte sie, als ;
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- derte sich, daß ihr Haar, da jene die haltenden Nadeln desselben
Flöste, noch in seiner goldigen Fülle von ihrem Haupte auf ihren
Leib herniederfloß. Was sollte es ihr? -- Sie hätte es ruhig
; unier der Scheere fallen sehen. Heute hätte sie mit Freude den
F sie für ewig verhillenden Schleier über ißre Schläfe und ihr
s Atliz decken mögen, damit Niemand die Thränen gewahre, welche
,ans ihrem gebrochenen Herzen in ihre Augen emporstiegen und
Z auf ihre Wanget niederflossen. Heute begriff sie es, das es eine
- Wohlihal sein löne, fern von der Welt, ungesehen und ver-
gessen von ihr, seinem Schmerze ganz allein zu leben.
Sie mußte ihre Dienerin entfernen, um sich noch einmal
Precht von Herzen auszuweinen. Und wie sie nuun da saß, hoff-
,nungslos und an sich selbst verzweifelnd, sticg jener unselige
TGedanke der Opferung, der schon manches Weib in gleicher Lage
,von dem Pfade der Wahrheit und der Sittlichkeit hinweggelockt
Z hat, blendend und verfihrerisch in ihrer Seele eupor.
Was war sie sich denn noch? Was war an ihr gelegen?
TEr sollte sehen, das auch sie entsagen, daß auch sie sich über-
, winden konnte, wenn es darauf ankam, ihm eine Genugthuung,
Fhm eine Rechtfertigung von dem Verdachte zu bereiten, in den
hre schlecht verhehlte Leidenschaft ihn gebrachi haite und den er
Fnicht verdiente. Er hatte Eleonore Haughton doch nicht nach
Fihrem vollen Werthe geschätzt, er sollte der Firstin von Chiuay
Pas Zugeständniß nicht versagen dürfen, daß sie der höchsten
Piebe würdig gewesen wäre, weil sie die höchste Liebe ihres
Herzens, weil sie sich selber dem Geliebten zum Opfer zu bringen
ermochte.
, As
a dieser Stimmung ließ sie sich zu dem Feste kleiden.
Sie legte zum ersten Male den Erbschmuck ihres Hauses an.
-Wie man die Jngfran, die der Welt entsagt, um sich dem
;immlischen Bräutigam, dem Heilande unauflöslich hinzugeben,
snoch einmal in allem Glanze des irdischen Schmuckes erscheinen

8000 ---
läßt, ehe des Klosters Psorte sie von der Weli abirennt, ss
wollte sie sich noch einmal in dem vollen Glanze ihrer Schönheit -
betrachten, ehe sie diese Schönheit einem ungeliebten Manne übere?
liesß, umn dem Gelieben damil die ganze Grösße der Hingebung -
zu beweisen, deren sie fir ihn und seine Ehre, seine Ruhe fähigsei. I
Weil sie dahin gelommnen war, sich auuf einen falschen und -
lrilgerischen Boden zu slellen, verscholen uund verwirrlen sich ihr, ?
ohne das: sie es bemerkie, alle ihre Aesichten und Begriffe. Sie?
vergas: es, das: sie sich dem Prinzen zu vermählen beschlossen A
hatie, weil sie sich auuf diese Weise das Glick zu erkaufen dachte, F
den Abbe wie bisher in voller Freiheit sehen und seines Um- ?
ganges, seiner Freundschaft nach wie vor geniesßen zu können. -
Sie vergaß auuch bald, daß eben der Abb sie vor der Ehe mit z
dem Prinzen gewarnt und daß er ihr vorgeschlagen hatte, Re-?
natus zum Gemahl zu wählen. Nur einen fliichtigen Gedanken ?
hatie sie auf diesen hingewendet, aber sie hatte zu viel Freund-s
schaft finr den jungen Freiherrn, sie wünschte ihm zu ehrlih ;
Glück, um sich ihm zur Gattin anzutragen; und da sie einmalT
auf die Vorstellung der Opferung gekommen war, diinkte sie dak
Opfer nicht groß geng, welches sie in einer Ehe mit Renatus,
die doch fir sie und fitr ihn kein Glick zu bringen hatte, über.-
sich genommen haben würde. Je länger sie darüber nachsann,?
um so fester schlugen die Anschauungen in ihr Wurzel, vons
denen sie sich sonst mit Widerstreben, ja, mit Empörung abge-h
wendet hatte, so oft der Abbs es unternommen, ihr jene Ge- -
fühlsrichtung eingänglich zu machen, welche in der Selbstver- -
läugnuung, in der Entsagung, in der Opferung eine Tugend, j.
die höchste Tngend und eine Gott wohlgefällige Handlung erblict.'
Daß solche Handlung auch mitien in dem Leben und Geräusche;
der Welt vollzogen werden, daß man sich schweigend und ohne- ;
Aufsehen opfern und damit das gleiche Verdienst wie mit einem?
eingestandenen Opfer bringen könne, das hakte der Abbs oftmalt?
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F als seine lleberzeugng ausgesiellt; und eben so hatte er es oft
F behauptet, daß fir Eleonore einmal die Stunde nicht ausbleiben
F werde, in welcher sich ihr urplözlich die Eckenntniß und die
F Wahrheil der Lehren erschließen wirden, die er vor ihr auusge-
, sprochen halte, das: die Stunde schlagen wünde, in der sie sich
j' mit ihm in denselben leberzengungen zusammenfinden und vielleicht
z ohne sie ünsierlic zu belenuen auus innerer Nolhwendigleil nach
hden Grudsäzen der- Mulierlirche handeln werdc.
? Nun war sie da, diese Slunie! llnd wie Eleonore in dem
s Königsschlosse, die im Glanze der Diamanten trchlende Grafen-
F lrone in dem blonden Haare, an der Seite der Herzogin durch
F die Neihen der sie bewundernden Männer und Frauen hinschritt,
F erschien der Widerspruch zwischen ihrer Erscheinung und ihrem
P Empfinden ihr so gros, dünkte ihre Lage ihr so einzig, daß sie
hdarin eine Auszeichnung des Himmels, daß sie eines jener be-
ßsonderen Geschicke darin zu erblicken glaubte, wie Gott sie nur
Tseinen Auserwählten, nur denjenigen grosßen Seelen sendet, die
f er durch besondere Prüfungen zu einer besonderen Gnade heran-
z rifen zu lassen beschlossen hat. Der Stolz des Unglicks be-
Fmächtigte sich ihrer. Sie fand einen Genuß in dem Gedanken,
Fum des Geliebten willen großes Leid zu tragen, so sdaß sie
zendlich mit einer Art von Wollust dem Augenblicke entgegen-
Fharrte, der ihr das Opfer für den Mann ihrer Liebe, die Ent-
Acheidung über ihre ganze Zuukunft auferlegen sollte. -- Und er
ieß nicht auf sich warten!
z Der König befand sich seit einigen Tagen ganz
FAuf seinen Stock gestiüzt, ging er in der großen
vortrefflich.
Pause des
FBalles langsam durch die Säle. Das schöne Wetter
machte ihn
Fheiter. Der Blick aus den hohen Bogenfenstern des Tanzsaales
über den schönenTuileriengarten weit hinaus bis in die elysäischen
F Felder that ihm wohl. Paris war doch unendlich schöner, als
das enge, weitentlegene Mitau, als das melancholische Schloß
s -


---- I0!- -
von Edinburg. Und es umgaben ihn, wohin er heute blickte, so
viel Liebe, so viel Verehrung gg,d Bewunderung! Das Schiksal-
war ihm eine Vergeltung schuldig gewesen, aber es gewährte sje
ihm auch. Er war sehr zufrieden heute, sehr wohl aufgeleg;
Alle Welt hatte sich heute des Besten von ihm zu rühmen, die
Uniformenträger, wwie die Männer in geistlicher Tracht, deren
sich eine große Anzahl in den Neihen der Gäste vorfand. Alt -
und Jung ward freundlich von dem Könige beachtet, und mitI
huldvollsler Miene lral er an die Herzogin heran, an deren;
Seiie ihsre Nichle siand.
Wissen Sie, meine schöne Gräfin, sprach er, das: ich Ihnen -
zirne, erusilich zitrne?
Eleonore verneigie sich lief, und ahnend, was ihr jetzt be-;
vorstand, nahm sie sich fest zusammen und sagte lächelnd, während;
alles Blut ans ihren Wangen schwand, das: sie sich nicht be-;
wust sei, durch irgend etwas den Zorn der Majestät verschuldei
zu haben.
Daf Sie es nicht wissen, ist ein Verbrechen mehr, scherzte z
der König, denu es leiht Ihrer Schöheit, die Ihr Verbrechen,
ist, nur einen höheren Neiz. Sie verderben uns den Charalter, ?
Sie lehren uns den Neid, und es ist Zeit, daß man Sie aus
unserer Nähe, daß man Sie für eine Weile von dem Hofe I
entfernt!

Die Umstehenden zeigten sich entzüückt von so viel Gnade, -
von so viel anmuthvollem Scherze. Der König, fir solche An-
erkennung immer sehr empfänglich, wendete sich, so leicht alkz
seine Schwerfälligkeit es ihm gestattete, zu seinem ersten,kammer?
herrn, dem Prinzen Polydor.
Mein Prinz, sprach er, Sie wünschten ja schon lange, h
Sich für einige Wochen auf Ihre Güter zurückzuziehen. Dek'?
König ergriff Eleonorens Hand. Zur Nettung unserer armen ?
Seele nehmen Sie die Gräfin Hauughton mit Sich. Unsere besten -


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i
s Wiunsche uund der Segen der Fran Herzogin begleiten Sie. Jm
h ßrühjahre sprechen wir dann selber bei der schönen Fürstin oor!
! Gnädiger, geistreicher hatte man Seine Majestät noch nie
F gefunden, besser hatte er sich nie gefallen. Aber in dem Momente,
? in welchem der König Eleonorens Hand ergriff. um sie in die
F des Prinzen zu legen, fiel ihr Auge auf die Herzogin, und der
Z Ausdruck des Triumphes, den sie in ihren Mienen las, ver-
F wandelte das Herz der Gräfin. Sie konte sich zum Opfer
: bringen - der Herzogin diesen Triuuh zu bereilen, bas ver-
? üiochie sie uichhl, das wllie sie nici. llid von ihrem Hass zu
z
A rascher Entschlossenhheit getrieben, sprach sie, indem sie ihre Hand
F lesse auus der des Königs zog: Ic vermag Erer Majestät nicht
F zu gehorchen, denn ich bi ichi srei!
s Des Königs Brauen zogen sich zusanmen; es entstand eine
z Art von Erstarrung in den Mienenn Aller, die veruehmen und
ß sehen könnten, was geschah. Die Herzogin muste sich auf den
J Arm der Dame stizen, die ihr die nächste war.
?
e Sie sind nicht frei? wiederholte der König, und sein
strenger Blic traf wie die Gräfin, so die Herzogin. Sie sind
; nicht frei?
? Ich habe mich gestern dem Freiherrn von Arten zugesagt!
erklärte Eleonore rasch entschlossen, wennschon mit bebender
z Stimme, während die Nöihe der Scham ihr Antliz übergoß,
als sie diese Unwahrheit behauptete.
z So gehen Sie Ihr Glick in Stille und Einsamkeit ge-
? nießen;' aber gehen Sie, und noch heute -- die Frau Herzogin
z wird Sie begleiten! herrschte der König. Und sich vons iht
- wendend, ging er nach einer anderen Seite des Kreises hinüber.
Ein panischer Schrecken durchzuckte den Hof. Seit Könige
Z in den Tuilerien wohnten, war ein solcher Vorgang nicht erhört
F worden. Nur eine Engländerin, nur ein Mädchen, das in so
F schrankenloser Freiheit auferzogen worden war, konte eine solche

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-

-=- Zße. --
Unwüsrdigkeit begehen, sich solchen Verlennens der Allerhöchsten
Gnade, solcher wahrhaften Majestätsbeleidigung schuldig machen.
Man trat, soweit die Sitte dies erlaubte, nahe zusammen, e
entstand eine Leere neben der Gräfin und der Herzogin, die sich
in halber Ohnmacht gegen einen der Marmorpfeiler lehnte. Nie-
mand kam ihr zu Hilfe. Haite doch ihre Zudringlichleit den
gnädigen Monarchen in diese schlimme Angelegenheit verwickelt. ,
Welch eine andere Frau hätte ihre Enkelin so schlecht erzogen, -
so schlecht bewahrt! Die Ungade der Herzogin war vollauf -
verdient, man lonnie, mann durfie sie nicht bellagen; und wie -
mmtaun sie verdamule und fallen ließ, bewunderle mann den Prinzen
Polydor und seinen Vater, die, sobald der Dieust sie freiließ,
den beiden Verbannien ihren Aru und ihre Begleiiung boten, ,
um sie durch die Vorsäle in das Vorgemac zu siihren, in welchem -
die Diener sie erwarteten.
Vom Hofe verbannt - das hies vernichtel fir die Herzogin. -
In ihren lezten und höchsten Hoffnungen betrogen, sarr -
vor Schrecken, daß die Sprache sich ihr versagte, war die Herzogin ?
in ihrem Palaste angelangt. Keiner von ihren Leuten, wußte,
was geschehen war, die Bestirzung brachte das ganze Haus in ?
Aufruhr. Aber noch hatte man die Greisin, die in heftiger,
Beklemmung nach Athem rang, in ihren Zimmern der Hof--
kleidung nicht entledigt, als Eleonore schon den Freiherrn von -
Arten zu sich bescheiden ließ.
Unglücklicher Weise war er nicht zu Hause. Die gestrige-
Unterhaltung mit dem Abbe hatte einen tiefen Eindruck auf ihn
gemacht und ihn unzufrieden mit sich selbst zurückgelassen.;
Er konnte es sich nicht wegläugnen, daß fast alles, wasß
sein geistlicher Freund über die Gräfin und über deren Tante-.
geäußert hatte, richtig war. Auch in dem allgemeinen Urtheile, -
welches der Abbe über die Frauen und über die Bedeutung und ;
den Werth einer wahrhaft weiblichen Natur gefällt hatie, siimmie -

s
-- I0 -
er mit ihm zusammen. Schon während jener noch an sginer
, Seite ging, hatte Nenatus unwillkürlich die beiden Gestalten,
Eleonore und Hildegard, einander gegenüber gestellt und mit ein-
- ander verglichen. Er hatte das schon oft, er hatte es fast an
jedem Tage gethan, und immer war die Enischeidung zu
Eleonorens Gunsten ausgefallen. Nun hatie er mit Einem
Male zu bemerken geglaubt, daß er gegen seine Verlobte nicht
gerecht gewesen sei, daß er ihr lange in seinem Herzen Unrecht
gethan habe, und wie der AbbI ihm mit so viel Wärme von
dem Gliicke gessrochen hhaiie, da eie Mammue aus der vollen,
hingebenden Lebe einer demüihigen, in engem Kreise sich be-
schränkenden Fran erwachse, halie Nenalus sich mii einer Be-
schämuuig, die jedoch ihr Süstes hale, eiugesladen, duuus ihn
dieses Glic erwarle und das: es nuur an ihm liege, es sich,
sobald als er wolle, anzueignen.
Seit Jahr und Tag hatte er nicht mehr mit Freuden an
seine Verlobte, nicht mehr mit Sehnsucht an die Heimath gedacht.
F Wls er aber am verwwichenen Abende in seine Wohnung zurüc-
; gekehrt war, hatte er seit langer Zeit zum ersten Male wieder
? Hildegardens Briefe aus dem kleinen Behälter hervorgenommen,
in dem er sie bewahrte. Die schöne, röthlich blonde Locke, welche
, se sich in der Scheidestunde abgeschnitien, fiel ihm dabei in die
Hand. Er hatie sie während der ganzen Feldzüige auf der Brust
s getragen; erst in Paris hatie er sie von sich abgelegt.
? Nun hielt er sie gegen das Licht, sie glänzte hell wie Gold.
j Er ließ sie durch die Finger gleiten, strich sanft mit der Hand
F darüber hin; das Haar war seidenweich, und zärilich, als habe
z er die Geliebte selber neben sich, drückte er die Locke an die
z Lippen.
z Er war gerührt und fihlte sich schuldig. Einen nach dem
s andern las er die Briefe durch, welche er im Lnufe der letzten
- Jahre von Hildegard erhalten hatie; aber je mehr er sih in sie
- F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
?

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vertiefte, je weniger war er mit sich zufrieden. Er komnte
es nicht begreifen, wie er diese lieben Briefe so gänzlich mißoer-
stehen können, wie er diesen armen, guten Briefen so schweres
Unrecht habe thun mögen. Die Liebe halte seine Braut seherisch.
gemacht, und er war blind gewesen, verblendet über sie und!
über sich.
Hatte denn Hildegard nicht Recht gehabt mit ihren bangen ,
Sorgen? Hatte sie nicht Necht gehabt mit ihrer Ahnung, daß -
eiiie Anidere ihhr dio Lole ilsres Brhuligas eniziehe, das; er sih
nicht mehr nach ihr sehuue, das; er sie zuu vergessen nahe sei? -
Und was konnte sie dafür, daß die Zustände in Nichten nicht -
erfreulich waren, das; sie ihm von den Schwierigkeiien sprechen -
mußte, von denen sie sich ungeben sah? - Arme, arme Hilde-
garg! rief er aus, und er kam sich treulos und pflichtvergessen;
gegeniiber ihrem treuuen Herzen vor.
Er nannte ek ein wahres Glück, das er eben heute dem -
Abb das Geleit gegeben, daß ihre Unterhaltung eben diess
Wendung genommen hatte. Es wäre ihm unmöglich gewesen, -
die Ruhe zu suchen, ohne an Hildegard geschrieben zu haben,.
und einmal auf den Weg der Bekenntnisse gerathen, fand er.
eine Lust darin, sein Gewissen zu befreien, indem er seiner Ver?
lobten die Gefahr, in der er sich befunden hatte, wie die Ver-s
suchung, der er ausgesetzt gewesen sei, mit den warmen Farben;
darstellte, welche der Gedanke an Eleonorens mächtige und zau-
berische Reize in seiner Phankasie hervorrief.
Er nannte sich gegen seine Verlobte einen Ninaldo in Ar«
midens Zaubergärten; er schilderte Hildegarden die Gräfin inz
aller ihrer Schönheit, um der Entfernten klar zu machen, daß-
er keiner gewöhnlichen Erscheinung gegenüber gestanden, und um ,
ihr zu beweisen, daß nur eine so starke und treue Liebe wie die;
seinige einer solchen Zauberin zu widerstehen vermocht habe?
Und wie er am Abende mit inierer Beschämung seinen Brief ;

--- L?
gonnen hatte, war er sehr wohl mit sich zufrieden, als er ihn
h andern Morgen durchlas und beendigte.
F Die Jahre, welche er fernc von der Heimath und von seiner
ßaut verlebt hatte, dünkten ihn unbegreiflich lange. Er warf
s sch vor, daß er nicht eher an seine Heimkehr gedacht, daß
ß die immer wiederholten Mahnungen seiner Brut, die auf
bd genaueste mit den Vorstellungen Paul's zusammentrafen,
iher unbeachiet gelassen habe. Er versprach an: Schlusse seines
Briefes, dasi er noch selbigen Tnge die nihsigen Schriiie ihunn
polle, um sic eiuen längeren Urlaub zu erwirken, oerhieß seiner
aut, das ihre Verbindung nun nicht weiter hinausgeschoben
kerden sollte unnd das; sie dann gemeinsam üüberlegen wüirden,
h sie mit ihm nach der Weltstadt an der Seine zurickkehren
der ob er darauf antragen solle, in eines der in der Heimath
ienden Negimenier versetzt zu werden. Es fiel ihm dabei gar
iht auf, das: er der Möglichkeit, in Nichten auf seinen Be-
jungen zu leben, nicht gedachte, obschon alle seine und seiner
hrlobten Plane früüher eben darauf berechnet gewesen waren.
h-
, Da er um Mittag zur Parade gehen mußte, nahm er den
ßief an Hildegard mit sich, um nachzufragen, ob er nicht auf
e Gesandtschaft eine Gelegenheit fände, ihn schneller als durch
A damals noch sehr langsam gehenden Posten zu befördern,
h als ihm dies gelungen war, sprach er noch in dem Col-
gtum vor, weil er den Abbe zu sehen und ihm zu sagen
dnschte, wie wohlthätig und befreiend seine gestrigen Erklärun-
F auf ihn gewirkt hätten. Aber als er sich nach demselben
Fundigte, erhielt er den Bescheid, daß der Herr Abbe vor zwei
Stunden mit einem der anderen Herren aus dem Collegium
hgereist sei. Auf die Frage, wohin er gegangen wäre, ob
ßn die Zeit seiner Wiederkehr bestimmen könne, wußte der
enstihuende keinen Bescheid zu geben, und Renatus ließ also
zr seine Karte mit einem Grusze und ein paar Danlesworten
?

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-- Z08--
-

fine den Abbä zurick. welche diesem verständlich sein komnte
ohne einem Dritten irgend etwas Ungewöhnliches zu sagenF
An Hildegard senkend und dabei immer wieder auf Eleongt
zurückgefihrt, tadelte er sich endlich, das er sich nicht offener u
freier gegen dieselbe gestellt habe. Alles, was der Abb vg
ihr behauptet, das gab Renatus auch jetzt noch zu, hatte meh
oder weniger seine Richtigkeit; aber darin schien der Abbsih
Unrecht zu khnn, das er der Gräfin ihre eigentliche Wesenhh
zum Vorwwurfe machle, das; er nichi anerkannte, wie eine solß
Natur sich auf ihre Weise mil der Welt und mit dem Lebe
abzufinden habe. Es ist sein Stand, es ist seine Ehelosiglh
sagte sich Nenatus, die unseren Abbä so streng machen, undg
gefiel ihm, daß er sich eines nachsichiigeren Uriheils üüber d
Gräfin bewust war. Wenn eine Frau wie diese mehr für b?
Freundschaft als finr die Lebe geschaffen schien, so hatie man?
nach des jungen Freiherrn Ansicht, diese Eigenschaften, dieF'
besas. zu schäzen, hatte man anzunehmen. was sie zu biete,
gewillt war, ihr zu leisten, was sie begehrte, und der Akb'
TPF =- »==- =- = == =
--
Nenatus war sich nie so ehrlich wie eben jetzt des gewe
tigen Eindruckes bewusßt gewesen, den Eleonore auf ihn gemah
hatte. Er gestand es sich jezt offen ein. daß es hauptsächlß
sie gewesen sei, die ihn an Paris gefesselt und ihm den E
danken an seine Heimath und an seine Braut beängstigendg
macht habe. Nun er aber zur Besinnung und zu sich undd;
eigentlichen Bedingungen seines Daseins zurückgekehrt war, meit!
er es eben einer Eleonore auch schuldig zu sein, ihr frei uy
unumwunden seine Freundschaft anzutragen. Er wollte T
Vertrauen gewinnen, indem er ihr das seinige voll und gef
gewährte. Sie sollte wissen, wie nahe er daran gewesen wä
um ihretwillen sich und seinen Pflichten, ja, seiner Ehre untrh
-
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y werden; und da seit geslern auf dem Boden seiner neu ge-
Pien guten Vorsätze das Bild seiner Braut wwieder lebendig in
h emporstieg, fo das: es sich ihm in bem Schimmer der Sehn-
zcht uud der Erinnerung immer mehr ver?lä.i., so tauchte
z-Fp-
Feichzeitig auch das Verlangen in ihm empor, die beiden Jfig-
Jpmof
g= -- - welche ihm als die Jdeale ihres Geschlechtes, als die
kden weiblichen Wesen erschienen waren, denen er sich in Liebe
Pd Freundschaft hknzugeben wünschte, einandec nahe zu bringen
hd wo möglich durch seine Vermitilung z. verbinden. -
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Kapitel 24

Dreizehntes Capitel.
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Int voe den angenehmsien Vorslellungen, überzeugt, dsh
Eleonore und Hildegard, weun sie Freundinnen werden könnie
die segensreichste Wirkung auf einander üben müßten, und enb
schlossen, gleich heute, wenn Eleonore von dem Balle heimgeleh
sein wüürde, eine Unterredung mil ihr zu suchen, langte Renatn.,
in dem Palaste der Herzogin an, und das Erste, womit de ;
hürsteher ihn empfing, war die Botschaft, dasß die Gräfin h ?
zu sprechen wünsche. Das überraschte ihn, denn er hatted -
Damen noch auuf dem Feste vermuthet. Man sagte ihm, dd z
die Herzogin sich nicht wohl gefühlt und deshalb den Ball. vet z
lassen habe, und von dieser Kunde wie von dem Wunsche d
Gräfin angetrieben, eilte er die Treppe hinauf und ließ sichb
derselben melden.
- Er fand Eleonore allein in ihrem Zimmer. Sie hatie ss
loses, weites Morgengewand angelegt, ihr Haar, von dem mek
die Krone und die Blumen abgenommen hatte, war noch ni
völlig wieder geordnet. Sie sah in hohem Grade erregt aü
und Renatus, der dies mit dem Erkranken der Herzoginß
Verbindung brachte, fragte in lebhafter Theilnahme: Wie geh
es der Herzogin, wie befindet sie sich?
-
Gut, gut! entgegnete Eleonore in einer Weise, die den Fck
herrn erschreckte, denn es lag etwas völlig Verstörtes in der he
und in dem Tone, in denen sie zu ihm ssrach, - gut, ab
davon isl nichl die Nede ! -- unnd vor Nenalns hinirelend, indd

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sie beide Hände fest gegen ihre Brust preßte. sagte sie, während
ihre Wangen glihten und ihre Augen funk lten: Herr von
Arten, ich befinde mich in einer Lage, in den sich wohl nicht
leicht eine Frau wie ich vor mir befuuiben hat! Meine Ehre,
meine ganze Zuuluuust slehen auf dem Spiele -- ich bin verloren,
t
ß: wenn Sie mich nicht erretien!
- Nenaluä trauuie seinen Sinnen nicht. Tie Agsl der Geäfin
s
ß erfasie auch ihn. Er glable sie von Wahnsiu ergriffen, wie
er sie also vor sich sah, und das Enisezen auüber drohte auch

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ihn zu verwirren. Neden Sie, reden Sie! Was ist geschehen,
Gräfin? rief er beklomnnen aus -- was kann, was soll ich thun?
Sie missen mich heirathen! sties; Eleonore hervor, und sie
erbleichte, als sie das Erschrecken des Freiherrn sah.
Die lleberzeugung, das: er eine Geisteskranke vor sich habe,
stand in dem Augenblicke in Renatus fest. Er wußte nicht,
was er sagen, was er denken sollte, und unwillkürlich darauf
bedacht, sich der Unseligen zu bemächtigen, ergriff er ihre Hände
und sprach so ruhig, als er es vermochte: Sezen Sie Sich, theure
Gräfin, Sie sind sehr erschüttert -- setzen Sie Sich nur, dann..
Eleonore lachte hell auf. Sie halten mich für wahnsinnig,
und in der That, es ist danach angethan, mich wahnsinnig z
machen -- aber noch habe ich meinen Verstand, noch bin ich ich
selbst, noch habe ich den festen Glauben, daß Ihre Freundschaft
mein Erretier sein wird, das Sie mich nichi zur Lignerin
werden lassen - und auf meinen Knieen will ich's Ihnen danken!
Der Vorgang wie der Zustand der Gräfin wurden Renatus
s
z immer räthselhafter, und gemartert, wie er sie gemartert sah,
s rief er: Sprechen Sie, oh, sprechen Sie, damit ich nur erfahre,
e
H was geschehen ist!
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Eleonore hatte ihre Hände frei gemacht und strich mit
h
ß hastiger Bewegung ihr Haar zuriick, das ausgrgangen und ihr
f weii um Slirn und Leib herabgefallen war.
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Sie kennen, hob sie mit gewaltsamer Selbstbeherrschung zu'
sprechen an, Sie kennen die Absicht meiner Tante, mich mit -'
ihrem Sohne, dem Prinzen Polydor, zu verhinden! Sie wissen, F
daß ich die Herzogin und ihren herrschsichtig - heuchlerischen z
Charakter verabscheue, daß ich um leinen Preis die Bande noch F
zu verstärken wünschen kann, die mich ihr verbinden, und Sie Z
wissen auch, daß es mich nicht gelüstet, die Gattin des Prinzen, Z
eines Mannes zu werden, der mein Vater sein könnte und dessen -
Ruf als Muster eines Edelmannes sich zum Theil auf eine -
Neihe von Abenteuern gründet, die ihn mir verächtlich machen! F
Sie hielt inne, ihre Aefregung versezte ihr den Athem. I
Ich habe die persönlichen Bewerbungen des Prinzen, die Vor- I
stellungen meiner Tante nie beachtet, und ich war berechtigt, z
dies zu thun, denn ich bin volljährig und Herr meiner Person T
und meines Besizes! Aber was man auf geradem Wege von S
mir nicht zu erringen vermiochte, das hoffte man mit List mir z
abzugewinnen! - Und wieder hielt die Gräfin inne. Damn Z
sagte sie: Heute, auf dem Balle, trat der König an mich heran. =
Man hatte ihn, ich wußte es, dazu zu überreden vermocht, dem -;
Prinzen meine Hand zuzusagen, als ob derselbe ein Anrecht an -
mich besäße, oder als ob ich eine der Unterihaninnen, eine Sklavin .
dieses Königs wäre, die ihm blindlings zu gehorchen hat! Mit;-
einem sehr gnädigen Scherze legte der König meine Hand in?
die des Prinzen, gab er dem Prinzen Urlaub, sich mit mir auf.J
seine Güter zurückzuziehen, und . -
Und ? fragte Renatus, und was dann?
?
Ich war außer mir! nahm Eleonore mit wiederkehrender ;
Heftigkeit das Wort. Aller Auugen waren auf mich gerichtet! ,
Ich sah das mir verhaßte Lächeln auf des Prinzen Lippen, ich -
sah die Zusriedenheit in den Augen der Herzogin! Ich sollte F
ihre Zufriedenheit mit dem Unglicke meines ganzen Lebens er- s
kaufen - das ging über meine Kräfte! Ich zog meine Hand ,
F

--- Hz
s zurück, ich sagte: ich bin nicht frei! -« Ich weiß nicht, warum
? hie Empörung mich keinen andern Ausweg finden ließ, wie das
Erschrecken mich vergessen machen konnte, daß Niemand ein Recht
hat, über mich z bestinmen, als ich selbst! Und alö der König
dann zuu wwissen forderte, was mich binde, da -- da - nannte
ich Sie !
Sie brach plözlig ab und schöpfte Athem, als sei es ihr
? leichter, nuun sie das Wort gesprochen hatte.
?- Renatus krat von ihr zuriick. Mich, fragte er, Sie nannten
ich?
Seine Beiroffenheit konnte ihr nicht entgehen, ihr alter
Stolz entzindeke sich an derselben. Mich diult, sagte sie, es
ist keine Unehre fitr Sie, wenn ich vor dem Könige und dem
F ganzen versammelten Hofe Sie, Herr von Arten, ass den Mann
; bezeichnete, dem ich meine Zukunft anvertrauen will und den
.
F ich mir erwählte !--
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Völlig vergessend, wie sie es als ein nicht zu verzeihendes
F Unrecht anerkannt hatie, daß man ohne ihre Zustimmung über
?
z se hatte entscheiden wollen, hatie sie in Bezug auf den Frei-
F herrn das Nmliche gethan, und ihre Worte machten das Uebel
- ,
, rger. Renatus war einen Augenblick ohne jede Fassung. Es
s war ihm, als wülrde er auf einem Rade wild umher getrieben,
F daß er nicht wuusßte, was er erlebte, was er dachte. Das schönste
F Weib, welches seine Augen je gesehen, eine Frau, um deren
; Gunst die ausgezeichnetsten Männer sich bis jezt vergebens be-
? worben hatten, trug sich ihm an. Er brauchte nur Ein Wort
z
z zu sprechen, und er nannte Eleonoren mit ihrem ganzen fürst-
Z llchen Besize sein. Indeß sein Mannesgefühl lehnte sich gegen
ihre Gewalisamleit auuf. Er konte es ihr nicht vergeben, das:
sie ihn vor dem Könige und vor dem Hofe in eine Angelegenheit
verwickelt hatte, in der er sie bloßzustellen, oder sich einer übel-
willigen Beurtheilung Preis zu geben gezwuungen war, und wie
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unheilvoll ihre Lage, wie beklagenswerth sie ihn auch dünkie, ;
konnte er doch nichts thun, sie aus dem Wirrsale zu befreien, z
in das ihre vorschnelle Entschlossenheit sie gestürzt hatte. So Z
verging eine ganze Zeit. Jmmer noch stand er sprachlos vor ?
ihr, aber jede Secunde längeren Schweigens änderte sein Em- ?
pfinden und seine Gedanken. Was ihn zuerst als eine Gewali- F
lhüiligfeil beoill, gzegen die er sich zu wahren huulie, erschien ihm--
bald darauf als ein Zeichen des Vertrauuens. auf das er solz -
sein misse und dem von seiner Seiie bisher nicht entsprochen F
zu haben er sich biller vorwwarf. Wie haiie die Gräfin ahnen Z
können, daß er gebunden war? Wie anders wilrde diese Stunde y,

fir ihn geschlagen haben, wäre er frei gewesen, häite er Eleo- -
noren zu Fülsen sinken und ihr danken dürfen, daß sie ihm I
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vertraute! Eben erst halte er ihr zirnen zu missen geglaubt, -
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nuun sagle er sich, das; sie Grund habe, ihu zu züirnen, und-
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wie er in ihr schönes, bleiches Antiiz sah, dessen mächtige Augen z
mit angswvoller Frage an ihm hingen, da hielt er sich nicht Z.
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länger, und von einem Schmerze überwältigt, den er sich nicht g
zu erklären wagte, rief er: Eleonore, Sie und mich habe ich J
-
betrogen und elend gemacht! Aber ich bin elender, als Sie - =
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denn ich verliere Sie, und Sie werden mich verachten!
-
Ire Arme sanken schlaff herab. Sie sind vermählt? F
sprach sie klanglos.
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Er schütielte verneinend das Haupt. Nein, nein! rief er,
aber ich habe mich seit Jahren meiner Jugendgespielin, der
Gräfin Nhoden, anverlobt!
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Ihr Blick blieb lange auf ihm haften, als wolle sie zu
verstehen suchen, wie eben er sie habe käuschen lönnen. Gebrochen,
wie sie sich fühlte, fithlte auch Renatus sich. Sie schwiegen
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beide, bis Eleonore endlich sast ionlos die Frage hiuwarf: Ich
habe Sie seit zwei Jahren meinen Freund genannt - was bewog
Sie, mir Ihre Verlobung zu verschweigen?
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Es lag etwas Furchtbares in der Nuh: mit welcher sie zu
ihm redete. Er hörte es an ihrem Tone, er las es in ihren
Mienen, daß sie mit ihrem ganzen Schiksal abgeschlossen habe,
das; sie nur noch zu verstehen trachte, wie All eben so gekommen
sei, und weil er sich ihre offenbare Verzwflung nichi anders zu
erllären wuuszte, drängte sich ihm der Glaube auf, Eleonore liebe
ihn, um seinelvillen hale sie die Hand des Priuzen ausgeschlagen,
ud sein Geständnis; sei es, das sie also beuge. Das iiber-
wältigte ihn, und als zerrisse ein Schleier vor seinen Augen,
als sähe er sich zuin ersten Male im vollen Lichte der Wahr,ut,
-.
so das; es ihn zwinge, auch völlig wahr gegen sich und Andere
zn seinn, slehle er: Höre Sie ich, Eleonore! Sie sollen Alles
wissen --- alles, alles, was ich mir selber nicht einzugestehen
wagle. Ja, ich bin verlobl --- aber diese Verlobung war eine
lebereilung, war eiu ,aukhum, den ich ofi bereute! Ich war
-7z--
kaum aus dem Vaterhause, kaum aus der Aufsicht meines Er-
ziehers gekonmen, ich kannte di. =--- mich selbst noch nicht!
. MO.ss
Je älter ich wurde, je länger ich von memer Braut entfernt
war, je mehr erblasßte ihr Bild in meiner Erinnerung, und seit
ich Sie sah, Eleonore, seit ich Sie kennen lernte - -
. Er
brach plözlich ab, iberwand sich aber und sagte nach kurzem
Schweigen . --ine Brauut ahn-«. zuhlte, daß ich für sie erkaltet
- ,
s. s
war, ihre Briefe peinigten mich. -« suchte ste zu vergesscn, um

--»=- -u dem Glicke geslört zu werden, das ich in Ihrer Nähe
zss-s
fand und das, wie ich meinte, nicht lange dauern konnte.
w=--=l. der Selbstgewissen, hätte ich es am wenigsten gestehen
Sszsof-
1.ssp !
mögen, daß ich leichtsinnig ülber mein Loben entschicden ==-==- -
Ich schämte mich vou .pnen meiner Unbesonnenhet, so oft ich
.-
Ihnen davon sprechen wollte, ja selbst wenn je zuweilen der
Gedannle in mir rege wurde, jenes Bannd zu lösen und al .-
Ns
Urtheil mich zu wenden, ob ich es lösen di.... sagte ich mir,
s-s.
daß Sie den Mann nicht achien könnten, der erst von Ihnen

81--
sich sagen lassen müsse, ob er verpflichtet sei, das Wort zu halten, -
mit welchem er jeines edlen Mädchens Leben an sich gekettet,
mit dem er ihm seine Zunkuunst verpfändet habe!
Eleonore setzte sich nieder und stützte ihre Stirn gegen die-'
zusammengeballte Hand. Renaius siand vor ihr und sah mit -
uubeschreiblichem Scherze aus sie nieder. Da sie sich nicht -
regte, fing er noch einmal zu sprechen an. Er schilderte ihr, wie -
-
eine zufällige Unterhaltung, die er gestern mit dem Abbä gehabt
und in welcher dieser das Glick der Ehe und der Häuslichkeit -
gepriesen, ihm das Herz erwweicht, wie er seit langer Zeit zum
ersten Male wirklich wieder mit Neigung an seine Braut gedacht,
wie er ihr dies heute geschrieben, ihr die Epfinduung einge- ,
standen habe, die er für Eleonore gehegt, wie er seiner Verlobten
=
eben heute zugesagt, seine Heimkehr nicht länger zu verzdgern,
seine Verheirathuung mit ihr nicht weiter hinauszuschieben.
Mit Einem Male fiel Eleonore ihm in das Wort: Und .
der Abbä? fragte sie in höchster Spannung -- und der Abbe.
I
wußte er, daß Sie gebunden sind?
Es wußte hier Niemand darum, und auch in meiner z
Heimaih ist meine Verlobung nicht öffentlich ausgesprochen, denn
=
ich war sie, ehe ich in's Feld zog, ohne daß mein Vater darum,
wußte, eingegangen!
I
Eleonore hatte nur die ersten Worte seiner Entgegnung.;
beobachtet. Es war das Einzige, was sie wissen mußte, was -
?
für sie noch wichtig war. Als sie das vernommen hatte, versank
sie wieder in ihr früheres Brüten. Die Stille konnte Renatus
I
nicht ertragen.
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Er trat an sie heran, ergriff ihre herabhängende Nechte

und, vor ihr niederknieend, bai er: Szwrechen Sie zu mir,
Eleonore! Sagen Sie mir, was soll ich thun?
-
Müssen Sie mich das erst fragen? entgegnete sie ihm.
Er hatte keine andere Antwort von ihr erwartet; aber es

:
-- R?
gibt Lebenslagen, in denen man es leichner findet, sein Urtheil
von einem Andern, als von dem eigenen Bewußtsein sprechen
zu lassen, und die seinige war eine solch. Es war vergebens,
daß er sich sagte, wie ein getheiltes Herz, wie die Hand eines
Maunes, die er einem Weibe widersirebund reiche, dieses nichi
glicklich machen köunten! Er hatie sei Wort verpfäet, er
zoar ein Edelmant und hatte dieses Wort zu halten, was auch
darauus sir ihu selber werden und entsiehen lonnte! Es hatie
kein Arten je sein Wort gebrochen!
Er erhob sich und trat an das Fenster. Den Kopf gegen
die kalten Scheiben geprest, ließ er seinen schmerzlichen Gedanken
freien Lus. Er grollle sich, er grollte Hildcgard, er grollte der
aselt und dem Leben. So blieb er eine Weile stehen, bis
Eleonore ihn beim Namen rief. Er blicktc um sich, sie stand
an seiner Seite, der Schein der untergehenden Sonne umfloß
sie mit seinem matien Lichte. Sie sah sehr ermüdet, sehr ver-
ändert aus.
Wir haben eine schwere Stunde mit einander durchlebt, -
sagte sie, und deshalb werden wir einander nicht vergessen! Ich
habe Sie um Vergebung zu bitien finn mein Thun, ich hatte
kein Recht, keinen Anspruch an Sie, es war ein Wahnsinn, der
mich erfaßt hatte, als ich über Sie verfügte --- und ich allein
werde die übeln Folgen davon tragen! Wohl Ihnen, daß Sie
gebunden sind, daß Sie Sich nicht verpflichtet glauben lönnen,
meine Vermessenheit mit dem Schilde Ihres Namens, Ihrer
Ehre zu bedecken!
Eleonore, um Gottes willen schweigen Sie, demüthigen Sie
mich nicht! flehte er und die Thränen traten ihm in die Augen.
Nein, entgegnete sie, Sie sind, wenn auuch erst in der letzten
Stunde, wahr gegen mich gewesen -- ich schulde Ihnen das
Gleiche! Ich liebe Sie nicht, habe Sie nie geliebt und wiirde
Sie nuur geheirathet haben, um . -

-- Z!--
Sie stand auf dem Punkte, ihm die volle Wahrheit zu
bekennen, aber da sie dieselbe aussprechen wollie, hielten die
Scham des Herzens und die Besorgnis, das: sie gegen die Ab- -
sichten des Geliebten handeln, daß sie ihn benachtheiligen könne.

wenn sie ihr Geheimniß dem Freiherrn verriethe, sie davon-
zurück. - Ich hätte Sie nur geheirathet, sagte sie mit dem
Anscheine der vollen Wahrheit, um einer mir verhaßten Ehe zu
entgehen! Das wäre kein Gliick für Sie gewesen, sicherlich
kein Gliick!
Nenatis bis: die Lippen zusammen, die Qnal schien kein
Ende nehmen zu sollen.
Und was haben Sie zu lhun beschlossen ? sragie er endlich,
da die Sonne herabsank und der frihe Abend anbrach.
Ich verlasse Paris noch diese Nacht-- ich bin durch des
Königs Wort dazu genöthigt! Es listet mich auch nicht, vor
dem Hofe als-- als eine Liignerin da zu stehen!
Ihre Züge zuckten bei den Worten wie in einem Krampfe,
sie hatte Noth, sich zu behaupten, sie konnte nicht gleich weiter
sprechen.
-

-
Kann ich denn nichts, gar nichts fir Sie sein, nichts für
Sie thun? fragte Renatus.
a. gehen Sie zu dem Abbe, sagen Sie ihm, daß ich ihn
zu sprechen wünsche, gleich jezt zu sprechen wünsche!
Der Abbe ist verreist! wendete Renatus ein.
Nein, nein, unmöglich! rief Eleonore.
Renatus sagte, daß er selber in dem Colleginm gewesen
sei, selber dort den Bescheid von der Abwesenheit ihres gemein-
samen Freundes erhalten habe.
Eleonore schellte mit leidenschaftlicher Erregung. Ist kein
Antwort. Sie nahm das Schreiben von dem silbernen Teller,
-
-


Brief für mich gekommen? fragte sie den eintretenden Diener.
Eben jetzt hat man diesen hier gebracht, erhielt sie zur

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jh, auf dem man es ihr iberreichte, und eilte da nit an das Fenster.
zz Es war noch hell genug, die wenigen Zeilen lesen zu können.
, Eine Weisung meiner Vorgesetzten,- lauuteien sie, ,zwingt

, mich, fir einige Wochen die Hauptstadt zu verlassen. Sie kann
ys mich möglicherWeise zu einer längeren Entfernungnöihigen. Welche
s Entscheidug Sie auch treffen, theure Gräfin, denten Sie, daß
ß meine sorglichsten Wünsche, meine Gebete füc Ihre Erleuchlung
F und fir Ihren Frieden Sie immer und überall begleiten.'
Und er sagt mir nicht, wohin er geht! rief sie, während
ß die lange zurickgehaltenen Thränen ihr über die Wangen rollien.
l Er sagt mir nicht, wohin er geht! wiederholte sie im Tone des
s bitiersien Schmerzes, und ohne aus Nenals noch zu achien,
verlies; sie mit raschem Schriite dad Gemach.
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Kapitel 25

Vierzehntes Capitel.
ls-rünidzwauzig Slen nachh dieser Unuierredung waren
die grosen änseren Thiren des herzoglichen Palasies, die gastlich
offen standen, wenn die Herrschaft auwwesend war, geschlossen.
Die Dienerschaft zog an den Fenstern, welche nach dem vorderen
Hofe gelegen und zum Theil in den oberen Stockwerken von
der Straße aus sichtbar waren, die Gardinen zu und ließ die
hölzernen Vorhänge herunter. In dem stillen, nach dem Garten
hinaussehenden Schlafzimmer der Herzogin wachte man an dem
Lager der Greisin, deren feste Natur diesem Stoße sich doch;
nicht gewachsen gezeigt hatte. Der Arzt, den man herbeigerufen,
als die Herzogin vom Hofe gekommen war, hatie ihren Anfall
fir einen Herzkrampf, ihren Zustand bei ihren hohen Jahren
für sehr bedenklich erklärt. Es konnte von ihrer Abreise die
Rede nicht sein, obschon sie darauf bestand, dem Könige auch-
in dem Befehle, den er ihr im Zorne gegeben hatte, püünktlich zu
gehorsamen. Man mußte also auf ihre Anordnung dem Palais
wenigstens das Ansehen geben, als habe sie es verlassen, und-
selbst ihrem alten Freunde und dem Prinzen, die gekommen
waren, nach ihr zu fragen, verweigerte man auf ihren aus-
drücklichen Befehl den Zutritt zu ihr. Sie mochte sich in der
Ungnade, die sie getroffen hatte, von Niemandem sehen, von
Niemandem beklagen lassen. Sie versagte Anfangs sogar, Arzenei
und Speise zu nehmen; man war übel mit ihr daran.
Eleonore. war mit Tagesanbruch abgereist. Sie hate noch
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Hch;
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an dem verwichenen Abende einen Pasz fir sich und ihre Be-
, dienung gefordert, und da der englische Gesandke, ein Freund
ihrer verstorbenen Muiier, von dem Vorgange im Schlosse Zeuge
gewesen war, hatte er sich selbst noch zu ihr begeben und ihr
seine Dienste angebolen, falls sie irgend einet Nathes ober
Schutzes bedinnftig sei. Er hatie sich bei der Gelegenheit die
Frage erlaubt, ob ihr Verlobter ihr bald nac England folgen
werde, ob sie ihn später nach Deuischland zu begleilen gedele,
und gleich uuusähig, sic der lluvahhrhei! anzullagen, wwie eine
, Aeiiserung zu lhuun, die ein salsches Licht auf Nenatus werfen
konnte, hatte sie dem Gesanndten ohne alle Erläuterung erklärt,
daß von einer Verbinduung zwischen ihr und dem Freiherrn nicht
, mehr die Rede sei. Das hatte ihre Lage noch verschlimmert,
- und nicht nur in den Sälen des Faubourg Saint Germain,
sondern auch in den Kreisen, die dem Hofe nahe staunden, botrn
die Ungade, in welche die Herzogin von Duras gefallen war,
F und die Verweisung der bis dahin so gefeierten Gräfin Haughton
, in den nächsien Tagen und Wochen den Gegenstand der Unter-
haltung, den Stoff für die abenteuerlichsten Vermuuihuungen dar.
s Nenatus spielte in denselben bald diese, bald jene Rolle.
; Die Einen behaupteten, die Gräfin habe in Bezug auf ihn
Entdeckungen gemach., die ihm zur Unehre gereicht und sie be-
, wogen hätten, ihre Verlobung mit ihm zu lösen; Andere wollten
, wissen, das; der Freiherr hinter einen Liebeshandel der Gräfin
F gelommnen sei, dem er habe zum Deckmantel dienen sollen, und
-die Zahl derjenigen, welche diese Meinung aufrecht erhielten,
wuchs mit jedem Tage. Man sprach davon, daß sie seit ihrer
Kindheit einen Sohn ihrer Amme, dem man eine gewisse Er-
zehung gegeben hatke, zu ihrem Diener gehabt habe. Man
F erinnerte sich, daß derselbe ein schöner Mensch gewesen sei, daß
F die Gräfin ihn immer mit Auszeichnung behandelt und ihn
auch jetzt wieder mit sich genommen habe, obschon eben in diesem
! I. e wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

88--
Augenblicke ein älterer Diener eine passendere Begleitung für sig
gewesen sein wünde. Wenn gegen solche Gerltchte sich auch die
Stimme der Personen, die Eleonoren nahe gestanden hattenF
mit Eutschiedenheit und mit Entristug auflehnte, so gingen
doch manche üble Audeutungen über sie durch die Presse in dle
Deffentlichkeit über, und es waren, sonderbar genug, gerade dies
frömmsten Matronen, die vornehmen Frauen, welche denselben!
geistlichen Beraiher it der Herzogin hailen, von denen jenes
böswilligen Gerichte ihren Ausgang hatten und ihre Bestätig
z
gung erhielten.
Der Abbe von Montmerie ward bei diesem Anlasse nur
in so fern genannt, als man sich wunderte, wie ein Mann vons
seiner Menschenkenntnis; sich über den wahren Werth und über-
die Bedeutung eines jungen Frauenzimmers wie die Gräfin so!
völlig habe täuschen können. Als man des Ereignisses einmal
zufällig selbst vor dem Erzbischof erwähnte, meinte derselbe, daß
gerade der hohe und nur auf das Große gerichtete Sinn des
Ahhs das Geringe am leichtesten habe übersehen können undi
daß eine so erhabene Seele wie die seinige am wenigsten dazu!
geneigt gewesen sei, das Unedle in Anderen vorauszusetzen. Ers
beklagte den Abbb wegen dieser übeln Erfahrung, fceute sichF
daß derselbe eben jetzt zufällig von Paris entfernt sei und daß
es ihm also erspart werde, ein ohnnächtiger Zuschauer bei soj
schmerzlichen Ereignissen in dem ihm eng befreundeten Hause zuz
werden, und als die Anwesenden dem Herrn Erzbischof in denß
günstigen Urtheile über den Abbä von Herzen beistimmten, als
die Frauen sich sammt und sonders mit tugendhafter Entrüstung
gegen Eleonore erhoben, forderte das milde Herz des KirchenF
fürsten Nachsicht auch für die Verirrte. Er gab es zu bedenkenz
RE
dem Anlehnen an die Kirche und ihre ihn überwachende Geg

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walt mit Sicherheit zu finden vermöge. Dat räumte man ihm
willig ein. Einem Mädchen, das unter der Aufsicht frommer
Nonnen im Kloster erzogen worden, einent Mädchen, dem der
Rath und die Afsicht eines gewissenhaften Beichtigers zur Seite
gestanden, häiken solche Abenteuer nicht begegnen können. Man
entschuldigte endlich Eleonore mit einem niederhrückenden Mitleid
uyd man begann gleichzeitig, die Herzogin zu tadeln, die, nur
aiif weliliche Vorkheile fir sich und ihre Freunde bedacht, es
perabsäumt hatie, ihre Nichie auf den Weg des Heils und in
die Arme der Kirche zu führen.
Renatus hatte von all diesen Gerüchten einen empfindlichen
Rickschlag zu erleiden. Er sah sich von seinen Belannten und
Umgangsgenossen mit einer mehr oder weniger verhehlten Neugier
betrachtet, die Näherstehenden wagten vorsichtige Fragen, um,
wie sie behaupteten, den an sie von allen Ecken und Enden ge-
stellten Erkundigungen entsprechen zu könten, und die Verwir-
rung seines Gemüüthes machte ihm die Nadelstiche, die ihm fort-
wähhrend zu Theil werdenden kleinen Verletzungen und Kränkungen
nur empfindlicher, ihn nur ungeduldiger in ihrer Abwehr. Alles,
was sich bis dahin ganz von selbst für ihn zurecht gelegt, ihn
ganz natüürlich gediünkt hatte, wurde ihm nun plözlich zu einem
Gegenstande, der reifliche Erwägung forderte. Es war zu be-
denken, ob er in dem Palais der Herzogin bleiben könne, bleiben
solle, zu bedenken, ob es gerathener sei, Paris zu verlassen, die
Gesellschaft zu meiden und dem Uebelwollen das Feld zu räumen,
oder sich zu behaupten und zu versuchen, in wie weit es möglich
sei, auch Eleonoren dabei nützlich zu werden. Und bei dem
allem lag ihm die Besorgniß, daß man seine Ehre antaste, ohne
daß er das Geringste thun könne, dies zu hindern, schwer auf
der Seele.
Hier und da stieß er auf Fragen, auf Andeutungen, die
sein Blut zum Sieden brachten; mehrmals stand er auf dem
N -

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Punkte, die vorsichtig Zudringlichen, wie es sich nach seinet,
edelmännischen und militärischen Begriffen gebührte, zu blutigek
Rechenschaft zu ziehen, aber die Besonnenen unter seinen Ge-
uossen und Kameraden wuszten die Zerwürfnisse beizulegen und
ihn zuu beschwichtigen, indem man ihn daran uahnte, daß der
Ruf der Gräfin durch jedes neue Aufsehen neuen Gefahren aus-
gesetzt sei, und das; in dem Verhältnisse, in welchem die preu-
szischen Truppen sich in Paris befänden, fiür den Chef derselben
nichlü uugzelezzeer louen löuue, uli eis Duell umnler seinen
Offizieren, oder gar dad Duell eies seiner Offiziere mit einem
zum Hofe gehörenden Franzosen.
Troz ihrer Kruuulheit verlangie bie Herzogiu es auch ganz
ausdrücklich, daß ihr junger Gast unter ihhrem Dache bleiben
solle. Sie lies; es ihn duurch den Arzt wissen, dasi es ihr be-
ruhigend sei, einen ihr befreundelen Menschen in ihrer Nähe zu'
haben, für den die Ungunst ihres Königs kein Grund sein könne,?
sich von ihr zuri czuziehen, und dem sie keinen Nachiheil zuzu-?
fügen füürchten müsse, wenn er sich ihr anhänglich erweise. Mits
ziiternder Hand schrieb sie ihm an einem der folgenden Tage, s
daß sie ihn noch zu sehen hoffe, ehe sie vom Dasein scheide, und?
da die Freude an der schönen Formn in ihr nuur mit dem Leben?
selbst, erlösen Ionnte, figte sie den zwei Zeilen am Schlusses
ris Wendung zu: da sein Vater ihr in Leid und Sorge seine?
Hand gereicht, so habe der Himmel wohl die Hand des Sohnes?
z
auserwählt, ihr die müden Augen zuzuschließen.
Nenatus blieb also in ihrem Hause. Von Seiten seiner?
Freunde und Vorgesetzten sah man dies gern. Es ließ ihn?
schuldlos an dem Geschehenen erscheinen, und er selber war zu
reinen Sinnes, um es der Herzogin zuzutrauen, daß sie ihn -
gerade deßhalb und eben nur aus Rache gegen Eleonore beiz
sich festzuhalten suchte.
Wenige Tagze tuueh der Abreise der Griisi, als Renuutus

--- 82?---
sich eines Abends zu Hause und einsam in seinem Zimmer
befand, ward der AbhH ihm angemeldet.
Er sagte, dasß er eben erst angekomnmnen sei, daß er eben
erst mit höchster Bestürzung das Geschehene erfahren habe. Mit
mehr Lebhaftigkeit, als er seinem Aunsdrucke sonst zu geben
pflegte, beklagte er es, daß er nicht in Stande gewesen sei,
dem Nufe der Gräfin zu folgen. Er beurtheilte sie weit weniger
streng, als in seiner letzten Unterredung mit dem Freiherrn,
versicherle, das; er ihr gleich heuie schreiben werde, und billigte
es durchans, das; Renains in der Nhe der Herzogin geblieben
sei. Dann ließ er sich bei dieser aumelden und wuurde von ihr
trotz der spätent Abentdstunde angenomuten.
Von dem Tage ab kehrte er regelmäißig am Morgen und
am Abende wieder, und der Arzt khat keinen Eispruch dagegen.
Das Uebel der Kranken stellte sich als ein unheilbares heraus
und machte raschen Fortschritt. Man gönnte ihr also jede Er-
anickng und Zerstrenuung, deren sie begehrte. Der Abbä kam
und ging. Er hatte es vor Niemandem Hehl, daß er an einer
Aussöhnung der Herzogin mit ihrer Nichte arbeite; er hatte sogar
verschiedene Zusammenkünfte mit dem alten Fürsten von Chimay,
den er in das Interesse zu ziehen suchte. So lange man auf
die Verbindung Eleonorens und des Prinzen Polydor gerechnet
hatte, war es zwischen den Betheiligten als selbstverständlich an-
gesehen worden, daß Elenore die Erbin der Herzogin wurde
und daß auf diesem Umwege der Prinz zu dem Besize des Ver-
mögens gelangte, welches die Herzogin ihm zuzuwenden wünschte.
Jezt wollte sie ihrer Nichte natürlich diese Voriheile entziehen,
und der Fitrst seinerseits wünschte sie zur Abfassung eines Testa-
mentes zu Gunsten seines Sohnes zu veranlcssen; aber wider
sein Erwarten stieß er auf ein Widerstreben bei der Herzogin.
Ihr Beichtvater, welcher auf den Wunsch ihres alten
Freded uii ihr zuersi von dieser Augelegenheil gesprochen,

86--
hatte eben dadurch ihr Mißtrauen erregt, und es hatte kaün!
einer Mühe für den Abbe bedurft, um die Herzogin zur Mit?
theilung ihrer Sorgen und Bedenken zu veranlassen. Sie nannte
es eine unbegreifliche Härte, daß man von ihr mit der Erb-
einsezung des Prinzen Polydor ein Zugesländnis fordere, welches
sie zu machen durch ihr ganzes Leben vorsichtig vermieden habe.
Da mir das Loos gefallen ist, mil meines Königs Un-'
gnade belastet von der Welt zu scheiden, sagte sie, wäre es ein;
Verbrechen gegen mich selbst, wenn ich meine Hand in meinen
lezten Stunden noch selbstmörderisch an meinen Nuf und an
meine Ehre legen sollte! -- Und der Abb bestärkte sie in dieser
Ansich:.
Er behauptete gegen den alten Fürsten wie gegen den
Prinzen Polydor, in deren engstes Vertrauen er sich auf diese
Weise plötzlich gezogen fand, daß man die Empfindungen der,
Sierbenden zu ehren und zu schonen habe, und als des Hin-?
und Herredens und des Verhandelns kein Ende werden wollte,.
that er endlich einen Vorschlag, auf den Niemand zuvor ver-
z
fallen war.
Er schilderte dem Prinzen die üble Lage, in welche die?
Gräfin sich versetzt hatie, spielte darauf an, daß in dem Wappen,
der Fürsten von Chimay sich ein gefesseltes Weib befinde, weih
dex erste Chimay seinen Adel durch eine an einer Jungfcauf
geübte großmüthige That errungen habe, und er rieth dem Prln?
zen, dem Beispiele seines Ahnherrn Folge zu leisten.
Gllck und Unglück haben verschiedene Maßstäbe, erzeugen?
verschiedene Ansichten, sagte er. Was man in der Fülle des?
Glückes, in voller, freier Sicherheit zurückweist, das ersehnt man?
in der Stunde der Gefahr. Er behauptete zu wissen, daß nicht?
wirkliche Abneigung gegen den Prinzen, sondern nur die eigen-,
sinnige Auflehnung der Gräfin gegen das, was sie als eine List?
der Herzogin bezeichnete, den ganzen beklagenswerthen Vorfall'

veranlaßt habe. Er sprach den Glauben ars, daß es eben jetzt
in der Macht des Prinzen stehe, von der Dankbarkeit und
Achtuung der Gräfin zu erlangen, was seine Liebe bisher ver-
gebens von ihr erbeten hatte. Er schlug dem Prinzen vor, sich
schrifilich gegen die Herzogin zu Eleonorens Gunsten auszu-
sprechen, ihr zu erklären, wie er an dem Charakteradel und der
hohen Siniesreinhheil Eleonorens leinen Zweifel hege, und wie
er es beklage, wenn seine liebende Ungeduld vielleicht mit dazu
beigetragen haben sollte, die unheilvolle Vermittlung Seiner
Majestät heraufzubeschwören. Schließlich aber gab der Wbbs
den beiden Fünsten zu bedenken, daß es einc gcose, eine schöne
Handlung sei, wenn ein Mann mit dem Schilde seiner unbe-
fleckten Ehre sich eines Mädchens wie die Gräfin annehme, und
wie es völlig unmöglich sei, daß ein solches Mädchen der Groß-
muth des sie beschützenden Mannes dauernd widerstehen könne.
Er kam immer darauf zurück, daß für den Prinzen Alles zu
-gewinnen oder Alles zu verlieren sei, und daß derselbe der Her-
zogin seine Anhänglichkeit besser nicht beweisen könne, als indem
er, gleichviel, ob auf geradem Wege oder auf einem Umwege, ihr
zur Verwirklichung ihrer Absichten und Wünsche behülflich werde.
Darüber verlief eine Reihe von Tagen, und Renatus hatte
gerade sein Urlaubspatent erhalten, als man ihn in der Nacht
weckte, weil die Herzogin zu sterben glaube und ihr Testament
zu machen vorhabe, bei dem sie der Zeugen nicht entbehren kdnne.
Es war eine große Aufregung im Hause; man hatte in
den Corridoren und auf der Treppe die Lampen in Eile ange-
zündet, das Portal war offen. Fast gleichzeitig fuhren die beiden
Wagen der Herzogin in dasselbe ein. Sie hatte die Prinzen
von Chimay, Vater und Sohn, und ihren Beichtiger zu sehen
verlangt, ud man haiie sich beeilt, sie herbeizuholen. Der
Notar und der Arzt waren schon vor ihnen angelangt; Renatus
fand sie alle um die Sterbende versammelt.

-- Z2--
Die Herzogin sas, von ihren Frauen unterstitzt, troz ihösß
Schwäche hochaufgerichiet auf ihrem Lager. Obschon das Haup?
ihr müde herabsank, sahen doch ihre scharfen Augen noch fesk
umher, und sie hatte für Jeden ein Work, ein Zeichen des Be?
s
merkens, wie in ihren guten Tagen.
Als sie alle diejenigen beisammen fand, die sie halte rufen
lassen, ersüuchle sie den Noiar, den Awwesenden dad Testament
vorzulesen, wie er es nach ihren Anorduungen niedergeschrieben
hatte. Sie hörte, weil die Brust ihr sehr gepreßt war, nuk
wwenig danach hin, wähhrend er das Formnular vorlas, aber sie
richtete mit Anstrengug ihr Haupt in die Höhe, und ihr Auge
ging von dem greisen Füürsten zu dem Prinzen und von diesen
zu dessen Vater zurüück, als der Notar die Worte aussprach:
,Auf den Wunsch und die Fürbitte meiner beiden werthen
Freunde, des Fürsten August Philipp von Chimay und seines
Sohnes, des Prinzen Philipp Polydor von Chimay, vermachß
ich meinen ganzen Besiz, er mag Namen haben, welchen ef
wolle, an meine Nichte, Eleonore Corinna Marquise von Lauzunß
Gräfin von Haughton, unter der Voraussicht, daß sie sich meinenß
Wunsche und dem Befehle Seiner Majestät des Königs in Ge?
horsam fügen und den Prinzen Polydor, nachdem sie ihret
Irrglauben abgeschworen und sich dem alleinseligmachenden Glauf
ben überantwortet hat, in Anerkennung seines verzeihenden Pep,
zens und seiner großmüthigen und edelmännischen Gesinnung,
zu ihrem Gatten wählen werde. Sollte sie sich dessen weigern,
sollte sie mir die Genugthuung versagen, die ich von ihr z
erwarten berechtigt bin und welche die letzte ist, die ich nocß
hienieden erhoffen kann, so will ich, allem Irdischen, mich abß
wendend, nur auf das Heil meiner unsterblichen Seele bedach
sein. Von dem Tage ab, an nelchem man die Wappen deH
Hauses Lauzun-Duras auf meiner Ruhestätte in der Kirche zus
Vaudricourt, an der Seite meines vielgeliebten Gatien, des vet

-- ZZß---
1 storbenen Herrn Herzogs Moriz Alibert Chlodwig von Duras,
befestigen wird, sollen, sofern die Gräfin Haughton die Hand
-des Fürsten Polydor nicht annimmt, die frommen Väter des
Jesuiten -Klosters zu Malanche die alleinigen Erben meines
ganzen Vermögens und Besitzes werden, damit mein Andenken
in Liebe und Verehrung auf der Erde erhalten bleibe und meiner
aren Seele die Gebete und die erlösenden Firbitten nicht fehlen
nögen, auuf welche ich in dem Falle von meiner Nichte, der
Gräfin Haughton, nicht zu rechnen haben wiede.!
- Der Nolar hiel iuue. Er las danach den Schlus; des
Formulars, man reichto: der Herzogin die Feder hin, hielt einen
Leuchter so in die Höhe, daß sie sehen und schreiben konnte,
ohne von dem Lichte geblendet zu werden, und erwartete, daß
j ße jetzt unterzeichnen würde. Aber sie zögerte, es zu thun.
Langsam und prüfend blickte sie den Prinzen, blickte sie
üden Fütrsten noch einmal an. Keiner von beiden, man konnte
Z es in ihren Mienen lesen, hatte diesen Schluß des Testaments
erwartet. Auch der Beichtvater der Herzogin zeigte sich über-
rascht; auf eine Wendung des Testamentes, die Alles von der
Entscheidung der Gräfin abhängig werden ließ, hatte er nicht
s gerechnet.
z Es war kodtenstill im Zimmer. Renatus, der auf der
flinken Seite des Lagers der Herzogin zunächst stand, meinte in
sihren erstarrenden Zigen plötzlich noch einmal jenes überlegene
,sarkastische Lcheln zu gewahren, vor dem er als Knabe Scheu
Fgetragen hatte und das ihm immer unheimlich geblieben war.
s Die Herzogin athmete immer schwerer. Wie betrübi sie
Find! sagie sie kaum hörbar. Wie betrinbt ste Alle sind! Mein
zod macht Niema.den froh, und sie werden Alle, Alle lange
an mich denken! - Die Feder, die Feder! - Licht, schnell
Zas Licht! rief sie mit lezter, plözlicher Kraftanstrengung, und
ie Hand mit Gewalt fest auf das Papier auflegend, daß sich

-- 8Z0--
ihre Schwäche nicht verrieih, unterzeichnete sie mit klaren BuchFz
staben ihren vollen Namen. Dann ließ sie die Feder fallen, ihr!
Haupt sank ihr zurück, und ehe noch die Zeugen ihre Namen untek
das Testament geschrieben halien, war die Herzogin gestorben.
Jeder von ihnen hatte seine besonderen Nückerinnnerungen
bei dem Tode dieser Frau. Eine halbe Stunde späier war das
Zimmer verlassen. Der Notar traf die nöthigen gerichtlichen
Mascegeln, die herrenlose Dienerschaft ging ihrem Belieben nach.
Am Hofe vernahm man die Kunde von dem Tode der
Herzogin ohne besondere Theilnahme und ohne irgend ein Er-
stauunen. Man fand es natiürlich, daß des Königs Ungnade
ihr das Herz gebrochen hale. Als aber der Monarch, im An-
gedenken alter Freundschaft, den Befehl gab, dasß sein Wagen
den Leichenzug der Herzogin eröffnen solle, folgten der Hof und
die zu ihm gehörende Gesellschaft dieser Anweisung, und die Her-
zogin wurde mit allen Ehren ihres Standes zur Nuhe bestattet.

Kapitel 26

Fiünfzehntes Capitel.
Fhiedergeschlagen wie Einer, den ein schweres Unglick
betroffen hat, sas; Renatus in dem Reisewagen, der ihn von
Paris entfernte. Als er vor vier Jahren inmitten eined be-
geisterten Heeres, von Gefecht zu Gefecht, von Schlacht zu
Schlacht siegreich fortschreitend, durch diese Gegenden zog, war
ihm anders zu Sinne gewesen. Aus der Fremde nach der
Heimath gehend, kam er sich wie ein Verbannter, wie ein
flüchtling vor. Er war ohne jede bestimmte Hoffnung und
völlig unentschlossen, wie er seine Zukunft zu gestalten habe. Er
war unzufrieden mit sich, unzufrieden mit seinen Verhältnissen,
unsicher in seinen Neberzeugungen, und sein Gewissen war
beschwert.
Wenn er sich vorhielt, daß er nach Hause zurückehre, um
sein Wort gegen Hildegard zu lösen, schien es ihm unnatürlich,
daß er zu dieser ging, die seiner nicht bedurfte, statt Eleonoren
nachzueilen, die ihn, oder doch in jedem Falle den Beistand eines
Freundes nöthig haben mußte. Wenn er sich sagte, daß es
Zeit sei, sich an die Ordnung seiner Vermögensverhältnisse zu
machen, wozu Paul ihn immer dringender ermahnte, überkam
ihn die drückende Einsicht, wie er von diesen Dingen nichts ver-
stehe, und die Abneigung gegen den persdnlichen Verkehr mit
Paul verminderte dieses Unbehagen nicht. Wohin er seine Ge-
danken richtete, überall stieß er auf Dinge, die ihn beunruhigten.
Der Aufenthalt in Paris war ihm verleidet und peinlich

- 8?--
geworden, in Berlin erwarteten ihn lästige Erörterungen h
Geschäfte, denen er sich nicht gewachsen wußte, während ihm dß
Möglichkeit vorschwebte, da; die Gerüchte, welche auf seine Kosteß
in Paris in Umlauf gewesen waren, ebenso nach Berlin gelangj
sein konnten; und die Mißverständnisse und Zerwürfnisse zwischeß
seiner Braut und seiner Stiefmutter, mit deren Schilderunh
man ihn auns der Ferne schon behelligt hatie, versprachen aucs
nicht, ihm den Auufenthalt in Richten zu erleichtern oder zF
verschönern. Wenn er sich das alles aber bis zur Ermüdung
vorgehalten hatte, dann bemächtigte sich seiner immer wieder diß
Erinnerung an Eleonore, um ihn vollends unglücklich zu machen,
In dieser Verfassung langte er an eineu der lezten Tage
des Februar in der Hauptstadt seines Vaterlandes an. Es wa
gegen den Abend hin und noch sehr kalt. Bis man seinen
Wagen abpackte, seine Koffer öffnete, verging eine geraume ZeitF
und als er eine Mahlzeit eingenommen und sich umgekleides
hatte, war es vollends spät geworden.
Nahezu sechs Jahre waren vergangen, seit er Berlin verF
lassen hatte. Damals war die Stadt voll von Franzosen ges
wesen, und er selber war, ihren Fahnen folgend, für Napoleonj
in den Kampf gezogen, für denselben Kaiser, der jetzt, ein zumnj
zweiten Male Niedergeworfener, auf dem einsamen Felsen!
Eilande inmitten des Weltmeeres in harter Gefangenschaft seins
Tage hinschwinden sah. Jezt herrschten Ruhe und Friede gt
dem Lande, das Geschlecht der Hohenzollern sasß wieder in vollej
Sicherheit auf seinem Throne, und doch wollte es Nenatus, alh
er, von seinem Gasthofe kommend, durch die Straßen gingß
bedünken, als sei es sonst belebter und lustiger in denselhet
gewesen.
Berlin erschien ihm traurig, kleinstädtisch und leer. HasH
schnell fluthende Leben des glänzenden Paris hatie den Maßstäi
verändert, nach welchem der Freiherr die Dinge maß, und mehg

ßoch, als der Ort, kam er selber sich verwandelt vor. Wo
woaren all die Wünsche und Hoffnungen, wo war die schöne,
schmerzliche Sehusuchf, wo war die gaze nnere Zuversicht
geblieben, mit welcher er an jenem hellen, kalten Mittage
än seines Oikels Haus vorüber in den russisch Kricg ge-
zgen war?
- Als er, von semtem Gasthofe ausgehend, an das Schau-
spielhanns lam, sah er aus alter Gewohnheit nach den Fenstern
zines Echauses hinauf. Einer seiner liebsten Ka neraden hatte
dori gewohnt. Der fröhliche Gesell war in einem der ersten
Pefechle des Freiheitskrieges gefallen; auch sein Vetier, der Ne-
iatus diesen Todesfall gemeldet hatte, war ein Opfer des Krieges
geworden. Der Bruder lebte noch und stand bei einem der in
Berlin garnisonirenden Regimenter; aber er hatte sich verheirathet
und Renatus es versäumt, sich um seine Wohnung zu erkundigen.
Er dachte an diesen und jenen von seinen friheren Bekaunten,
bhne zu wissen, ob sie in der Stadt und wo sie anzutreffen
wären. Das ließß ihn nnr nöch deutlicher merken, wie lange er
entfert gewesen sei, wie fremd er in Berlin geworden war,
hud diese Einsicht, verbunden uit jener Scheu, welche man,
wenn man mit sich selbst nicht einig ist, vor jeder Erörterung
Fber sich und seine Zustände empfindet, machte ihn vor dem
Zusammentreffen mit den Personen zurückschrecken, die zu sehen
Fr eigentlich gekommen war. Wäre er seiner Stimmung gefolgt,
ßtte er einen Zanberstab besessen, er wäre in demselben Augen-
Plicke davongegangen. Aber wohin? Es blühten ihm an keinem
Orie Freuden.
t
e Unbehaglich, ohne eine bestinmte Absicht, ging er in den
Strasen vorwärts. Endlich fing er an, sich seines Zustandes
zu schämen, und wie einer, der lange zauudernd vor dem kalten
Wasser steht, bis er sich mit gewaltsamem Entschlusse kopfüber
Hineinstürzt, so schlug Nenatus mit Einem Male seinen Weg

-- I8- - -
nach dem Hause ein, welches eiust das Wappen seines Geschlechteß

über dem Portale getragen hatte.
z
Als er in die Strasße kam, in welcher es gelegen warj,
und in die Nhe des Hanses selbst, fand er Alles sehr verändertß
Der gartenartige Hof, der das Haus nach der Straße und zu
beiden Seiten umgeben hatte, war verschwunden, das Eisengitterz
gegen die Straße hin war abgerissen, rechts und links waren
ein paar stattliche Wohnhäuser entstanden, und Renatus sah an
den Wagen, die vor dem chemaligen Arten'schen Hause hielten,
an dem Diener, der den ankommenden Gästen die Thüire deß
Hauses mit Beflissenheit öffnete, wie an der Neihe der hellz
erleuchteten Fenster im ersten Stockwwerke, daß man irgend ein!
Festgelage in demselben begehen müsse. Er blieb einen AugenF
blick stehen und blickte hinauf. Ein paar Leute aus dem VolleZ
ein paar arme Kinder standen ebenfalls still und betrachteten dies
Aussteigenden. Er hatie einc äusterst unangenehme Epfindungg
als er sich also einsam, in solcher Gesellschaft vor dem Hause,
seiner Väter umhergehend fand, und obschon er sich einen Vor-z
wurf daraus machte, konnte er sich nicht überwinden, eben jetzts
seine Karte bei dem Hauswart abzugeben und sagen zu lassei,?
daß er morgen in den Vormittagsstunden vorsprechen werde. z
Unentschlossen, wohin er sich wenden solle, kehrte er nachj
den Linden zurick, und weil ihm die Aussicht, den Abend einsamZ
in der Stube seines Gasthofes zuzubringen, unerträglich fiel,j
beschloß er, seinen Oheim aufzusuchen, obschon dieser im Grundej
der Letzte war, den wiederzusehen er Verlangen trug. Aber!
Renatus war in einer Verfassung, in welcher jede Unterhaltung,s
jede Gesellschaft ihm willkommener war, ald des Alleinsein mitj
den eigenen Gedanken, und er war endlich wirklich froh, er kamj
sich wie geborgen vor, als er auf seine Anfrage den Bescheid!
Eel

E war noch die Wohnung, noch die etwwas prunkende
f Elnrichtung, die der Graf zr Zeit des eussischen Feldzges
, gehabt halte; indeß es war gnit beiden doch cine Veränderung
j vorgenommen worden, und am meisten hatte der Graf selbst sich
ß verändert. Wie er sich einst geflissentlich au? einem preußischen
Offizier in einen Napoleonisten verwandelt, so hatte er sich jetzt
f wisber in das Deutsche zuriück übersezt, und er gefiel Nenatus
ß in dieser Gestalt gleich bei dem ersten Anblice besser, obschon er
, in dem Zeitranme, in welchem sie einander nichk gesehen, ver-
F hältnißmäsig sehr gealtert hatie. Sein Haar, das er vor Jahren
s in der dicken französischen Locke bis tief auf die Stirn herab-
, hängen lassen, war am Vorderhaupte und an den Schläfen weit
ß zuriickgewichen und dinn geworden. Man konnte noch nicht
f sagen, daß er kahl sei, aber die Stirn war bedeuklich hoch, und
, wennn sein von Natur feines Antliz dadurch auch noch nicht
, entstellt ward, so veränderte es seinen Auusdruck doch. Dazu
f war er magerer geworden, erschien also noch größer, und die
ß weißen Hände, die aus dem weiten seidenen Schlafrocke auf das
F sorgfältigste gepflegt hervorsahen, hatien nicht mehr den eisen-
ß festen Druck, der sonst den Ankommenden zu begrüßen pflegte.
Die Bilder der französischen Kaiserfamilie, welche einst an
F den Wänden des Wohnzimmers hingen, waren entfernt, sie
, hatten ein paar guten Bildern von des Grafen Eltern Plaz
, machen müssen. An der Stelle des antik gehaltenen fcanzösischen
ß Canapee's stand ein großes. weiches Sopha, und einige Lehn-
, und Ruhestühle zeigten, daß der Besizer dieses Naumes es sich
F behaglich zu machen liebe und verstehe.
Als Renatus eintrat, streckte der Graf ihm die Hände ent-
ß gegen und sagte: Es ist, auf Ehre, um einen Menschen aber-
ß gläubisch zu machen. Ein Gllck kommt nie allein! Heute
NeDnrA

.ZG---
ein mit großem Siegel versehenes Blatt empor - daß er nik
den Orden verliehen, den unser Vater auch getragen hat, und!
jetzt kommt der leinzige Sohn unserer Angelika, kommst Du,?
alter Junge, uns in die Heimath zurick! Nun, willkommen zuz
Hause, herzlich willkommen! -- Einen Sessel fitr den Herrn?
Baron - Du siehst voriresslich aus - aber ganz vortresflih?
Nimm Plaz, Nenatus, nimm Plaz! Wie wird die guie Hilde-'
gard sich freuen!
Er hatte das alles rasch hinter einander gesprochen, ohne
seinem Neffen Zeit zu einer Unterbrechung zu lassen. Damn
warf er sich auf das Sopha, hüüstelie leise, wickelte sich wieder?
fest in seinen Schlafrock ein, zog die Beine auf das Lager und,
sagte, während der alte Dieuer ihm eine Decke über die Füße
legte: Verzeihe, mein Bester, aber wenn man die erste Jugend -
hinter sich, und sie, wie es sich gebührt, genossen hat, muß man?
zum Danl fir tren geleistete Dienste mit seiner Gesundheit,s
seinem Körper rücksichtsvoll und freundlich umgehen, um sich dies
zweite Jugend möglichst lange zu erhalten. Ich dorlottire mich?
ein wenig, wie Du siehst, aber ich befinde mich wohl dabei.!
Wie findest Du mich aussehen?
Nenatus versicherte ihm, daß er sich sehr gut erhalten?
habe; der Graf nahm das mit Wohlgefallen auf.
l
Du wirst auch, went Du nach Berka kommst, den Onkelß
Felix sehr munter finden. Die Feldzüge haben ihm entschieden?
gutgethan. Er hat das ganze Haus voll Kinder, schöne Kinder!?
a war zu Weihnachten mit den Ihoden's dort, denn - -
N,
Hildegard wird Dir das ja wohl geschrieben haben - es war -
Deine Schwiegermutter, der ich den gegenwärtigen engen Zu-
sammenhang mit den Meinigen verdanke. Ich hatte früher wenig ;
Familiensinn, aber ich habe das selbst nicht geglanbt, der Fa-
miliensinn findet sich wirklich mit den Jahren.
Er war ganz ausschließlich mit sich und seinen Angelegen-

heiten beschäftigt. Er erzählte, wie er während der Freiheits-
kriege duurch die Gräfin Rhoden, die er jezt immer nur die
Cousine nannte, mit der Prinzessin in nähere Beziehung ge
kommen sei, wie diese ihn dem Könige empfohlen und ihm dann
auch neuerdings die Verleihuug jenes Ordens erwirlt hälte, der,
in ferner Zeit, als Lohn fiir besondere Tugend und Selbst-
vepläignung gestifiek, jehk zu einer Auszeichnug fiir den Adel
gewvorden wwar.
Es ist eine schöne Decoration, sagte er, auf das Kästchen
weisend, in welchem der Orden vor ihm lag, und man mußte
doch endlich auch etwwas für mich thun! In das Militär zurück-
zutreten, fühlte ich keine Neigung mehr, und eine Anerkennung
war man mir fiür die mannigfachen und ost recht peinlichen
und drickenden Vermitilungen, die ich während der Franzosen-
herrschaft über mich genommen hatte, allerdings wohl schuldig.
Du glaubst nicht, wie viel Nebles ich verhitet, wie oft ich durch
meine Kenntniß der Personen und der Verhältnisse recht arge
und bedenkliche Zusammenstöße verhindert habe, und ich hätte
vielleicht sehr recht daran gethan, wie die Prinzessin mir es vor-
schlug, eines der zu vergebenden großen Consulate anzunehmen,
um mir auf diesem Wege den Uebergang in die diplomatische
Laufbahn zu bereiten. - Aber was willst Du? Ich bin beguem
geworden. Ich hänge an meiner Wohnung, an meinen Gewohn-
heiten, meinen Freunden ich bin ohne Ehrgeiz! Lout borne-
mert ein alter Junggeselle, der sich von seinen Freunden ver-
brauchen läßt. Und ich versichere Dich, sie machen sich das zu
Nuze! Alle, alle sammt und sonders, selbst Deine Hildegard,
die ein Juwel von einem Mädchen ist! So klug, so umsichtig,
ein wahrer Schaz! Wir sind große Freunde, nun, sie hat Dir's
ja geschrieben!
Er unterbrach sich endlich selbst, da die Verwunderung des
Freiherrn diesen lange nicht zum Sprechen kommen ließ; denn
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. I.
A

-=- ZZZ--
Renatus trauute seinen Ohren nicht. Wie musßten die Zeiten,
und die Zustände sich hier geändert haben, wenn man den,
Grafen für Hanndlungen belohnen konnte, die ihm einst den ge-
rechten Zorn seiner ganzen Familie und die Mißachtung aller,
rechtschaffenen Vaterlandsfreunde zugezogen hatten! Wie sicherz
mußte der Graf sich fühlen, daß er auf gar keine mögliche Ein-!
wendung von Seiten seines Neffen mehr Bedacht zu nehmen
nöthig fand. Und was war es mit dem Ordenöwesen üüberhaupt,
wenn ein Gerhard von Berka den Orden erhalten und zu tragen
sich unterfangen konnte, der als ein Zeichen besonderer Sinnes-
reinheit nur dem Ael verliehen werden durfte? Alles, was er
hörie und vernahm, war dazu angelhan, den Heimgekehrten zu
überraschen, denn weit mehr noch als alle diese Thatsachen setzten
die Zustände ihn in Verwunderung, aus denen heraus sie einzig
möglich geworden sein konnten.
Dazu berührte die Weise, in welcher der Graf bei jedenn
Anlasse Hildegardens Lob aussprach, den Freiherrn nicht ange-
nehm. Er meinte überall herauszufüühlen, daß der Onkel das
Vertrauen seiner Brauut mehr, als es nöthig sei, besize. Es
klang ihm im weiteren Verlaufe der Unterhalting, als müsse
Hildegard sich sogar über ihn, über sein langes Ausbleiben, ja.
über seine Beziehungen zu der Herzogin und zu Eleonoren gegen -
den Onkel klagend ausgesprochen haben, denn der Eifer, mit I
welchem Graf Gerhard das Deuischihum auf Kosteu des Fran- j
zosenthums, und die edeln Eigenschaften einer deutschen Jungfrau
über alle Reize der Ausländerinnen erhob, klangen in seinem s
Munde so unberechtigt, daß er, bei seinem Scharfsinn und bei z
seiner Klugheit, nothwendig eine bestimmte Absicht haben mußte,j
um eine solche Ungeschicktheit zu begehen.
z
Weil Renatus endlich von der Bewunderung seiner Ver- ?
lobten, zu der er nicht geneigt war, abzukommen wünschte und -
weil er der in jedem Augenblicke drohenden direkten Frage nach -

---- I8 ---
seinem Erleben und wohl gar nach Eleonoren ausweichen wollte,
brachte er die Nede auf seine Geschäfte. Er sagte, dasi er eben
nr so lauge in Berlin zu bleiben vorhabe, als dieselben es
; erheischen wirden, erwähnte, daß er schen heute zu Tremann
habe gehen wollen, daß die Auffahrt einer Gesellschaft ihn aber
davon zurückgehalten und daß er morgen gleich in der Frühe sich
zu ihm zu begeban denke.
Der Graf ließ sich das ruhig erzählen, schenkte sich und
F seinem Neffen sorgfältig den Thee ein, welchen der Diener in-
zwischen aufgetragen hatke, wählte mit Kenterblick fitnr seinen
Gast die besten Stitcke der kalten Kiche ans und zeigte ilber-
haupl alle jene lleinen Auusmerlsauleiten fir ihn, duurch welche
eine achtsame Hausfrauu ihrem Besucher die Freude üüber seine
Amwesenhheit auözudrücken liebt.
Nenatus rühmte dies dankbar, der Graf nannte es scherzend
seine Hagestolzekimste, und das brachte Jenen auf die Frage,
ob der Dukel seine frihexe Haushälterin, die Kriegsräthin, noch
bei sich habe.
Der Graf verneinte es. Ich habe sie schon vor drei Jahren
fortgeschickt, sagte er. Sie war eine vortreffliche Köchin, üüber-
haupt eine brauchbare Person, aber Eine Kunst ging ihr völlig
db: sie verstand nicht, alt zu werden. Sie wurde eine lächerliche
Figur, und eine solche in meinem Vorzinmer zu haben, konnte
Fir nicht passen.
Sie kamen dann wieder auf Tremann zu sprechen, und Graf
Ferhard meinte, es sei ihm unbegreiflich gewesen, wie Renatus
feben ihn zu seinem Bevollmächtigten habe wählen mögen. Auß
Fie Frage, ob der Graf denn Gründe habe, Tremann zu miß-
firauen, versetzte er: Und welche Gründe hast ku, ihm zuvertrauen?
Es entstand eine kleine Pause, ehe der Graf mit dem
Ausspruche wieder das Wort nahm, daß er für sein Theil.
berhaupt keinem Kaufmanne vertraue, und dem thätigen, dem
An

-- ZFß -
unternehmenden am wenigsten. Der Besiz, sagte er mit einei?
jener hochtönenden Phrasen, welche der müßige Nebermuth soh
leicht erl.ent, der Besiz ist finn diese Art von Lenten nicht das
zu schonende Feld, der zu pflegende Baum, von dessen Fruchts
und Ernte sie leben wollen, ruhig leben wollen. Nicht ders
Besiz erfreut sie, sondern der Erwerb. Das Jagen nach dem,
selben, die rastlose Arbeit ist ihr eigentlicher Genß. Sie schmiedenz
sich an das ewig rollende Rad des wechselnden Glückes; und?
rrea
wisrde, isi die Wollus slcher niebrig gelorenen Naiuurenn. Nimm
Dich mit ihm in Acht!
Auf unfertige Menschen macht jeder allgemein ausgesprocheneF
Saz, vor Allem, went er auuf irgend etwas anwendbar ist, dasF
mit ihren besonderen Verhältnissen zusammenhängt, Anfangs?
immer einen bannenden Eindruck, und troz seiner achtund-
zwanzig Jahre und seines in der lezien Zeit so mannigfach bo-,
wegten Lebens war Renatus in sich nicht freier, nicht von derj
leichten Bestimmbarkeit geheilt worden, welche, als eine Folges
seiner Erziehung, ihn immer unsicher über sich selbst und zumj
Sklaven jeder fremden Meinung machte, die ihm mit Sicherheit1
entgegentrat. Er hatte sich bisher etwas damit gewuußt, daß erj
Paul zu seinem Vertreter und Vertrauensmanne erwählt hatie.s
Es war auch alles, was derselbe bis jezt für ihn gethan, soweitj
Renatus es aus der Ferne hatte übersehen und beuriheilenj
können, durchaus zufriedenstellend gewesen, so daß er in seinem F
Inneren beständig auf den psychologischen Scharfblick stolz gess
wesen war, den er bewiesen hatte. Jezt aber kam plötzlich bei,
des Grafen Worten der böse Genius aller schwachen Seelen,
das Mißtrauen gegen sich und Andere, über den jungen Frei-j
herrn, und sichtlich beunruhigt erkundigte er sich, wem die beidenj
M.a? -

-=- Zg!--
Wer anders soll sie erbaut haben, al Tremann! ent-
- gegnete der Graf. Es war eine Spekulation, die ihm, glaube
ich, guut eingeschlagen ist, und es gibt lein grosßes Unternehmen
irgend einer Art, in dem er nicht die Hände hätte. Wo er die
Capitalien dazu hernimmt, ist freilich nicht zu sagen.
Izch denke, Flies war reich, wendete Renatus ein.
- Reich genng!, Aber der Alte kaunte seine Leute, lächelte
der Graf. Nicht ein Pfennig des Flies'schen Capitals ist in
dem Geschäfte geblieben. Tremant mnß andere Qnellen haben,
und Du sellsi hasl ihm vielleichi mehr, als wir ibersehen lönnen,
damil genuzl, als Du ihm Deine Augelegenhseilen ilberanlvorlet
hast! E war das ein unbegreiflicher Einfall von Dir, und ich
bekenne Dir,
, denken sollte!
Du im Felde.
unfreiwilligen
mein Lieber, ich wuusßte nicht, was ich von Dir
Mein Bruder Felix stand freilich eben so wie
Aber war ich denn nicht da ? Ich hatte in meiner
Muse mir ein gut Theil Geschäftskenntniß er-
worben, und abgesehen davon, Bester, so wären, dünkt mich,
Eure immerhin ein wenig delikaten Familien-Angelegenheiten in
, Deines Onikels, in eines Edelmanns Händen besser, als in denen
dieses -- dieses Tremann aufgehoben gewesen!
Es ging Nenatus, wie es ihm mit dem Grafen stets
gegangen war. Er hatte eine Abneigung, eine Scheu, ja, ein
entschiedenes Mißtrauen gegen ihn und fühlte sich doch von ihm
beherrscht. Sich dieser Herrschaft zu entziehen, oder doch min-
destens sich von dem Vorwurfe eines unbesonnenen Handelns
s zu befreien, den der Graf ihm machte, überwand er sich so weit,
F demselben von seinem Abenteuer in der Schlacht von Möckern
und von der heldenmüthigen Aufopferung zu sprechen, mit welcher
Tremann für ihn eingetreten war und ihm das Leben gerettet hatte.
Der Graf ließ ihn ruhig erzählen und berichten.
Als er aber geendet hatte, schien der Graf ein spöttisches
Lächeln länger nicht verbergen zu können. Wie der Vater, sagte

-- S--
er - genau wie dein Vater! Verzeihe mir, dasß ich lachen mußlz
Ich glaube, es mus Eure Neligion sein, die Euch so gläubigj
für Zeihen und fir Wuder machi! E sehli nr noch, daß!
= wie Schiller's Wallenstein, Euch einen Astrologen haltetj
Vnz-
und paiheiisch Eer:, Ulnd dieses Pferdes Schnelligkeit entriß!
mich Baier's verfolgenden Dragoeru!' dellamirt! Ich habe?
das Siick erst gesiern mil angesehen -- schade, das: Du nichtj
dabei warst! E hälie Dir eine Lehre von der Uufehlbarkeit -
der Zeichen und der Wunder geben können.- Er hielt inne;
und sagte dann erslhafi ud mit achselze'ender Geringschätzung:?
Du thust wahrhaftig, lieber Junge, als ob solch ein Dazwischen- ?
springen im Gefechte etwas auf sich hätte! Bedenke doch nnr,;
das dieser Tremann allen Grund hat, Dich und Dein Geschlecht
zu hassen! Glaubst Du, dasß er nicht gern ein Herr von Arten-!
Richten wäre? Glaubst Du, das diese Flies, die ihn erzogen?
hat, sich seiner ohne ganz bestimmte Plane angenommen hätie?
Schon vor Jahren habe ich es Dir gesagt, sie hassen Dich und?
mich - und ich verdenle ihnen das nicht im geringsten!?
Vielleicht machte ich es an ihrer Stelle eben so. Aber daran,
halte fest, der Wahlspruch aller dieser Leute, aller sammt undz
sonders, ist: ,Stehe auf, damit ich mich setze!? - und wemn?
man sie nicht niederwirst, sie nicht in ihre alten Schranken mit?
Entschiedenheit. zurückdrängt, so werden wir diese sogenanntenj
Freiheitskriege einst noch gründlich zu verwünschen haben!
- k r.R e
Zimmer auf und nieder. Renatus war sehr nachdenklich ge-
worden. Alles, was er hier vernahm, bedrängte ihn, und mits
der schweren Besorgniß, daß er einen grosen Fehler begangen,-
dessen Folgen er zu tragen haben werde, verließ er endlich den,
Grafen, der ihn aufgefordert hatte, seinen Rath zu bentzen,
wo und wie er es fir nöthig finden würde.

Kapitel 27

Sechszehnteä Capitel.
, z.utS Arellzimer braeien e der Frihe des
folgenden Morgens noch die Lichter, denn es war nebelig draußen,
und Paul war zeitig auufgestandenu, um einige Entwürfe und
Nechnunggn durchzuschen, die ihm von Dritien zur Prüfung
vorgelegt worden wwaren. Im Comptoir daneben war noch Alles
still, auch von den Seinigen wachte noch Niemand. Das Fest
hatte lange gedauert; Seba bedurfte jetzt bisweilen doch schon
der Nuhe, Davide aber, die es sich sonst nicht nehmen ließ,
ihrem Gatten das Frühstück zu bereiten und eine ruhige halbe
Stunde mit ihm zu haben, ehe die Geschäfte ihn beanspruchten,
war durch den Knaben, den sie selbst nährte, mehr als ge-
wöhnlich wach erhalten worden und hatte sich von ihrem Manne
bereden lassen, sich dafir durch ein paar Stunden Schlaf am
Morgen zu entschädigen.
Als es acht Uhr schlug und Paul eben die Lichter aus-
löschte, weil die Sonne die Nebel zu durchdringen und durch
die Aeste der prächtig bereiften Bäume freundlich in sein Zimmer
zu scheinen begann, meldete der Diener ihm, daß die Dame,
die schon gestern dagewesen und die er auf heute beschieden habe,
wiedergekommen sei. Paul befahl, sie einzulassen, und sich mit
übertriebener Demuth tief verneigend, trat eine große, noch
rüstige Frau in Trauerkleidern in das Zimmer.
Mit einer Handbewegung wies der Herr des Hauses ihr
einen Stuhl in der Nhe seines Schreibtisches an und fragte
dann nach ihrem Begehren.

Z--
Ich komme, sagte sie, Ihnen für all das Gute zu dankenß
das Sie, lieber Herr Tremann, meinem geliebten seligen Manne
bis an sein Lebensende erwiesen haben. Daß er so sanft seine
alten Tage beschließen konnte, das gankte er ja Ihnen ganz
allein und noch auf seinem Todtenbette hat er . - - -
Lassen Sie das, ich bitie, lassen Sie das! unterbrach sief
Paul. Es hat mich gefreut, den alten Mann ohne Sorgen zu
wissen. Hal das Geld zu seiner Beerdigung ausgereicht, das ih,
Ihnen gegeben: habe?
Beinahe, beinahe ganz, entgegnete die Trauernde; aber ich
wollte nur sagen, noch auf seinem Todtenbete hat der gute,
Weißenbach den Tag und die Stunde gesegnet, in welcher der
Herr Caplan Sie in unser Hans gebracht hat; und er hat auch
mich dafür gesegnet und mir es tausend Mal gedankt, daß ich
ihn damals überredete, Sie aufzunehmen, denn er hat es nicht,
gewollt - er hat es nicht gewollt!
Paul hatte sie dieses Mal zu Eide sprechen lassen; nun;
er schwieg, befand sie sich offenbar in einer Verlegenheit, und?
er beeilte sich nicht, sie aus derselben zu befreien. Die Kriegs-!
räthin war ihm stets ein Gegenstand der Abneigung gewesen,-
und ihr jeziges Auftreten war nicht dazu geeignet, diese Ab-
neigung zu vermindern. Der Graf hatte mit seinem Worte
Recht gehabt: die schöne Laura verstand es nicht, mit Anstand z
alt zu werden. Die dicken, falschen Locken, die falschen Zähne,'
welche in herausfordernder Weiße aus dem stets lächelnden -
Munde hervorsahen, die geschminkten Wangen und der schäbige
und doch auffallende Ausputz ihrer Trauerkleider machten sie?
lächerlich, während ihre schlecht erheuchelte Betrübniß sie Paul
noch widerwärtiger erscheinen ließ.
Wünschen Sie noch etwas ? fragte er; sonst bitte ich Sie,
mir zu sagen, wie viel Sie fitr das Begräbniß aus Ihrer

--- ZJ--
Tasche hergegeben haben, damit ich es Ihnen wiedererstatie,
denn ich bin beschäftigt.
Siezog ein Taschenbuch gus dem großen, schwarzen Sammet-
Pompadour, blätterte darin herum, nahm einen Bleistift zu
Hülfe, rechnete eine Weile, versicherte danach, daß sie im ent-
ferntesten nicht darauf gehofft hätte, daß Herr Tremann' ihr
aich damik noch zu Hislfe kommen wolle, wie sie sich aler in
einer Läge befinde, in welcher sie benutzen müsse, was die Gros-
muth ihrer gütigen Gönner fir sie zu thun geneigt sei, und sie
schlos; endlich mit der Atwort, das; sie fiuf Thaler und zwölf
Groschen zu der Beerdigung zugeschossen habe.
Paul nahm einen Zehnthalerschein aus seiner Kasse. Als
die Kriegsräthin ihre Börse hervorholte und Miene machte, nach
dem Gelde zu suchen, welches sie herauszugeben hatte, sagte er
ihr, sie möge sich nicht bemihen, sondern den Neberschus: fir
etwaige noch nachträgliche Ausgaben behalten. Damit hoffte er,
indem er ihr ein Lebewohl bot, ihrer nmn auuch ledig zu sein.
Ideß sie erhob sich zwar von ihrem Size, aber sie blieb nahe
bei dem Pulte stehen, sah sich im Zimmer mehrmals um, schien
gehen und dann doch wieder nicht gehen zu wollen, so daß Paul,
obschon er das Erkiinstelte in ihrem Betragen klar durchschaute,
sich doch veranlaßt fand, sie zu fragen, was sie suche oder was
sie sonst noch etwa wolle und begehre.
Was hätte ich hier zu suchen, rief sie mit einem Seufzer,
oder was könnte ich Anderes begehren, als Ihnen, mein ver-
ehrter Herr Tremann, meine Dankbarkeit fir alle Ihre Wohl-
?ihaten an meinem lieben, seligen Weißenbach zu beweisen! Und
ich glaube, ich kann das, ich kann das wirklich, so wie ja die
Maus auch dem Löwen helfen konnte! - Sie sah sich noch-
mals in dem Zimmer um, trat dann an daä Pult heran und
,sprach: Ich weiß nicht, Herr Tremann, in wie weit Sie von
Ider Liebschaft unterrichiet sind, welche die Cousine und Pflege-

34G----
mutter Ihrer Frau Gemahlin mit dem Grafen Gerhard vöh
s
Berka seiner Zeit gehabt hat; aber . - -
Sie hielt inne, da Pal's sinstere Miene ihr Scheu einflößte.
Er liesß sie schweigend stehen, denn er war peinlicher berührt,
als er es ihr zu zeigen fir nöthig fand, und er ging mit sich
zu Nathe, ob er sie sprechen lassen oder sie von sich weisen solle,
Aber obgleich jedes ihrer Worte ihm durch den Ton und die
slizliche Verlr-ulichfeli dieser Fru z eier dospellen Kränlung
wurde, entschloß er sich endlich doch, sie anzuhören.
-
Was bringt Sie dazu, mir die Frage vorzulegen, welche!
Sie an mich gerichtet haben? fragte er sie.
Meine Dankbarkeit, Herr Tremann, nur meine Dank-
barkeit, und, sezte sie hinzu, auch die alte Freundschaft fir das
Flies'sche Hauus. Freilich hat Seba es jezk ganz vergessen, daß
ich's gewesen bin, die sie zuerst unter die Menschen und in die
Gesellschaft gebracht hat, ud das ich ihre Manieren und ihre
Haltung formirte. Ich habe auch, was an mir gewesen ist.. .-
Ich bin sehr beschäftigt, unterbrach sie Paul, dem die
Weise der Kriegsräthin immer unleidlicher werden mußte, und
der zu merken anfing, worauf es abgesehen war. Ich bin sehr
beschäftigt, haben Sie also die Güte, Sich an das Wesentliche
zu halten, Frau Kriegsräthin!
Wie Sie wünschen, wie Sie wünschen! versicherte sie. Aber,:
Herr Tremann, erlauben Sie mir nur zu meiner Rechtfertigun
noch ein paar Worte. Sie sind ein erfahrener Mann, Herß
Tremann, und Sie haben gewiß die Frauen kennen gelernt!
Sie wissen, wie die Mädchen sind. Seba ließ sich nicht ab(
halten, an den Herrn Grafen zu schreiben, Brief auf Brieß
und Jahr und Tag. Das war sehr unrecht, und ich sagte ihs
immer . - - -
Und diese Briefe? fragte Paul, der seine Ungeduld nur
mlhsam unterdrückte.

--- Zg?--
Die Kriegsräthin schlug die Augen nieder. Diese Briefe
besize ich, sagte sie.
Sie besizen diese Briefe- Sie? Wie kommen Sie dazu?
fuhr Pauul auf, dem das Bluut in die Wangen stieg, obschon
er seiner Empörung und seinem Zorne Gewalt anthat, Wie
konen Sie, Fran Kriegsräihin, zu diesen Briefen?
-Sie machte eine Bewegung mit beiden Häiden, als wsle
sie uueuien, sie könne sich dessen kaum erinnern. Ich fand
mich, Sie wissen es ja, Herr Tremann, als uein armer, guter
Weisenbach seiner Versuchung unterlegen war, genöthigt, mir
mein Brod zu suchen. Da nahm Graf Berka mich als Haus-
hälterin, und ich kann sagen, als eine Freundin in sein Haus,
und . - -
Und er, Graf Berka, also ist's, der Ihnen diese Briefe
übergeben hat? fragte Paul bestimm.
Die Kriegsräthin schlug yoll Demuth ihre Blicke nieder.
Der Herr Graf hatte keine Geheimnisse vor mir, sagte sie. Er
wußte, daß man mir vertrauen könne, und, fiigte sie hinzu,
dächte ich nicht, daß ich nicht mehr jung bin, daß der Herr
mich abberufen und diese Briefe dann einmal in unbedachte
Hände fallen könnten, so häte ich gegen Sie, Herr Tremann,
und gegen Niemanden dieser Angelegenheit erwähnt. Aber
Mademoiselle Flies hat mich nicht vorgelassen; hak, als ich ihr
geschrieben, meinen Brief zurüickgeschickt - was sollte ich da
machen?
Paul's Verachtung gegen die Kriegsräthin, seine Verach-
tung gegen den Grafen, der solche Briefe aufbewahren und sie,
wenn man das wenigst Schlimme von ihm denken wollte, so
schlecht aufbewahren konnte, daß sie einer Person wie dieser in
die Hände fallen mochten, schwellten die Adern auf seiner Stirn.
Wo sind die Briefe? fragte er kurz und kalt.
Die Kriegsräthin brachte aus ihrem Pompadour ein an-

-- ZZZ-
? --
Kreuz zusammengebunden war.
hielt sie fest, als fürchte sie, daß sie ihr entrissen werden könnten. ,
Sind das die Briefe alle, welche Graf Berka von Made- ,
moiselle Flies erhalten hat?
kein
Alle, so viel ich weis.
Paul gig uil sich zu Ruihhe; die KriegSrüihin verwandle
Auge von ihm.
Was verlangen Sie fir diese Briefe? fragte er darauf. j
Die Kriegsräthin' ließ einen Ausruf der Entrüstung hören. ,
Sie betheuerte, daß es ihr nur darauf angekommen sei, dem-F
Wohlthäter ihres Gatien ihre gute und anhängliche Gesinnung?
zu bezeigen, um wo möglich seine Geneigtheit und das Zu-P
trauen, das er doch einst zu ihr gehabt habe, wieder zu erlang- j
Sie brachte es endlich bis zu der unter Thränen geihanen Er-?
klärung, daß sie, die Kinderlose, sich immer der Höffnung hin-
gegeben habe, sich in ihrem Pfleglinge einen Sohn zu erziehen;;
aber Seba habe sie durch ihr Dazwischentreten auch um dieses s
Gliück gebracht, und sie würde in ihren Herzensergüssen keinI
Ende gefunden haben, hätte Paul sie nicht noch einmal mit der ;
nackten Frage unterbrochen, was sie fir die Briefe fordere. -;
Ihren Beistand - weiter nichts! rief die Kriegsräthin,
T
sich die Augen trocknend.
A
Paul schüttelte verneinend das Haupt. Ich bin nicht ge-
wohnt, solche Wechsel in Blanco auszustellen. Nennen Sie die -
Summe.
Sie haben für meinen Mann so viel gethan - - - -
Täuschen Sie Sich nicht, Frau Kriegsräthin, ich bin nicht,
im entferntesten gesonnen, auch nur irgendwie ein Aehnliches?
fir Sie zu thun! bedeutete er ihr.
Aber, hob sie noch einmal an, wenn ich diese Briefe.. i!

-- Zg9---
Da hielt sich Paul nicht länger. Wenn Sie die Unwir-
digkeit begehen sollten, von diesen Briefen irgend einen Gebrauch
zu machen, der Mademojselle Flies verlezen könnte, so wülrde
ich zunächst den Grafen Gerhard fragen, auf welche Weise Sie
in den Besiz derselben gelangt sind! sagte er.
So wahr Gott lebt, ich habe sie von ihm selbst! rief die
Kriegsräthin egschrocken aus.
Dani behullenn Sie sie; aber ich n:ace von dieseu Siunde
ab den Grafen verantwortlich für jeden Mißbrauch, den Sie
mit denselben treiben ! Und nun, Aieu, Frau Kriegsräthin!
-- Er drehte ihr den Rücken und wollte d Zimmer oerlassen.
Darauf jedoch hatte sie es nicht abgesehen. Sie trat rasch
hinzn, legte die Briefe auf sein Pult und sagte: Sie mißtrauen
mir, Herr Tremann; aber wie unrecht Sie mir auch thun, ich
will es Ihnen nicht vergelten. Da sind die Briefe! Seba soll
sehen, ob ich ihre Freundin war und bin. Da sind die Briefe
- alle! Thun Sie nun, was Ihnen von Ihrem Herzen und
von Ihrer Generosität geboten wird.
Sie blieb stehen. Paul nahm eine Feder in die Hand.
Was denken Sie jezt zu unternehmen, da Ihr Mann gestorben ist?
Der Herr Graf hat mir schon längst dazu verhelfen wollen,
daß ich eine Concession erhielte, möblirte Zimmer zu vermiethen;
aber um das anzufangen, um die Möbel anzuschaffen. . -
Brauchen Sie Geld, natürlich! Wie groß ist die Summe,
deren Sie zu bedürfen glauben?
Ich habe mir das oftmals ausgerechnet; dreihundertfünfzig
Thaler wären doch das Wenigste - das Allerwenigste! meinte sie.
Paul fand diese Summe viel zu hoch. Nach einigen kurzen
Erklärungen wurden sie jedoch des Handels einig. Er ließ sich
- von ihr einen Schein unterschreiben, daß sie ihm gegen die von
ihm empfangene Sunnne sämmiliche in irem Besizze gewesenen
Briefe Seba's an den Grafen Berka ausgehändigt habe, so daß,

-- zß--
falls noch jemals derartige Briefe zum Vorschein kommen sollten;
sie als Fälschung anzusehen wären. Und nachdem die Kriegs-
räthin sich noch verpflichtet halte, zh niemals mehr, weder
schriftlich noch mündlich, an Seba zu wenden, zahlte er selbstI
ihr die bedungene Summe aus und entließ sie, froh, sich ihrers
endlich entledigen zu lönnen.
Als er allein war, sah er die von der Kriegäräthin nach
ihremt Daluum geordelen Briese noch eiumal slichlig an. Die
vergilbten Blätter rührten ihn. Er dachte all der triigerischen
Hoffnungen, all der verzweiselnden Leidenschaft, mit denen sie
geschrieben worden waren, aber er hätte ein Heiligthum zu ent-
weihen geglauubt, hätie er gelesen, was nicht fir ihn bestimmt
gewesen war. Er nahm das ganze Päckchen, trat an das Feuer
des Kamines, warf die Blätter hinein und blieb bei ihnen
stehen, bis das lezte derselben in Asche zerfiel und zersiob.
Die Begegnung uit der Kriegsräthin, die ganze Ange-
legenheit halie ihn verstimmk; indesß er war uit derselben noch
nicht am Ende, denn er hatte seine Abrechnung noch mit dem
Grafen selbst zu halten, um Seba wo möglich ein für alle
-tal vor den Vexletzungen, die ihr von dieser Seite kommen
konnten, sicher zu stellen, und er beschloß nach kurzem Neber-
legen, dies sofort zu thun.
, Hochgeborener Herr!'' schrieb er. - .eh habe so eben von
Ihrer ehemaligen Haushälterin, der verwittweten Kriegsräthin
Weißenbach, eine Reihe von Briefen erhalten, die eine edle und-'
von mir hochverehrte Frau in dem Vertrauen jugendlicher Liebe
und in dem Glauben an die Ehrenhaftigkeit des von ihr damals
geliebten Mannes geschrieben hat. Beides, ihre Liebe wie ihr
Vertrauen, waren ein Irrthum, und ich wünsche sie vor jeder
nnangenehmen Erinnerung an dieselben, wie sie ihr durch die
Weißenbach leicht bereitet werden könnte, fortan zu bewahren.
Indem ich es unerörtert lassen will, auf welche Weise jene

--- ZJD--
ßBriefe in die Hände und den Besiz der Kriegsrathin, die sie
Fmir gegenüber als einen Handelsartikel zu betrachten für ange-
messen hielt, gelangt sind, erlaube ich mir, bei Ev. Hochgeboren
Janzufragen, ob sich vielleicht noch andere Briefe jener Dame in
Hhrem Gewahrsam befinden. Sollte das der Jall sein, so bin
fch nach der heute gemachten Erfahrung gezwnngen, Ev. Hoch-
hgeboren azt die Herausgabe dieser Briefe als an die Erfillung
einer silllichen Pslichl zu rrinnern, wogegen lch Ihen auf mein
FWort versichern kant, daß in dem Besitze der betreffenden Dame
Fnichts, gar nichts mehr vorhanden ist, was an Sie erinnern
jönnte. Ich habe es wohl nicht nöthig, Ew. Hochgeboren noch
jdesonders darauf aufmerksam zu machen, daß die Schreiberin
Hener Briefe von dem Mißbrauche, der mit denselben getrieben
(worden ist, nicht Kenntniß hat und nicht Kenntniß erhalten
fwwird. Diese Beleidigung und Kränkung sind von ihr durch
Fnich gllicklicher Weise abgehalten worden. Die Angelegenheik
ßst also zwischen E. Hochgeboren und mir zu ordnen, und ich
Habe dabei nur noch zu bemerken, daß ich der Kriegsräthin ge-
Fenüber meine Maßregeln in der Art genommen habe, daß neue
(nsprüche und Erpressungen auf Anlaß ähnlicher Papiere von
hhrer Seits künftig nicht mehr zu befürchten sind. Ihrer bal-
ßigen Antwort entgegensehend
Paul Tremann.
ß. Er hatte diesen Brief eben erst einem Boten zur Besor-
Fung gegeben und wollte sich in das Comptoir verfügen, in
Fwelchem inzwischen seine Gehülfen angekommen und an ihre
Alrbeit gegangen waren, als man ihm den Freiherrn von Arten-
Gaen weldee.
f . Es war seit lange von der Rückkehr desselben die Rede ge-
hwwesen, aber sie kam Paul doch jetzt völlig mnerwartet, und weil
(er voraussah, daß die Besprechung, welche er mit Renatus haben
Ißte, eine längere Zeit erheischen wiirde, begab er sich erst zu

852--
seinen Leuten, um mit ihnen das Nöthige zu bereden und ihnen,
seine Befehle zu ertheilen, während er den Freiherrn ersuchen!
ließ, ihn in dem Privatzimmer, in welchem Paul sich bis dahinß
aufgehalten hatte, zu erwarten.
Renatus war der Gang zu diesem Besuche schwer geworden,j
und die Bemerkungen des Grafen Gerhard hatten nicht dazu
beigetragen, ihm denselben zu erleichtern.
- ?E r?a :
möge, nach welcher er ihm vor Jahren seine Angelegenheitens
anvertrauie. Er fine sein Theil war jezt sehr geneigt, diesenj
Schritt für eine romantische und grosmüüthige Unbesonnenheit
zu halten, um derentwillen er von sich nicht schlechter dachte,
die er aber doch bereute. Der Graf hatte ihm mit seiner Schil-
derung der rastlosen Habgier, die jedem Kaufmanne inne wohnenj
sollte, ein widerwärsiges Bild in die Seele gedrückt; indeß wedet,
das Haus, in das er getreten war, noch der Naum, in welchen,
man ihn jezt gewiesen hatte, stimmten mit des Grafen Ieej
aussezung zusammen.
Der wohlanständige Hanswart, der ernsthafte Diener inj
schwarzer, birgerlicher Klesdung, die mit Teppichen nach englischerß
Weise belegten Fluren und Korribors, auf denen der Triitj
nicht hörbar war, konnten eben so wohl in dem Hause einerj
Herzogin ihren Plaz finden, und dieses Zimmer, in welchem!
Renatus den Kaufmann zu erwarien hatte, trug vollends einj
beruhigendes Gepräge. Die dunklen Tapeten, die zurücge-!
zogenen dunklen Fenstervorhänge, der große Schreibtisch und diej
wenigen schweren Armstühle, die in dem Zimmer standen, sahen!
sehr würdig aus. Die großen SpecialLandkarten an den Wän-
den, die nicht unbedeutende Bibliothek, welche die eine Seite desj
Gemaches einnahm, und eine Neihe von Modellen zu Maschinen,!
die auf einem der Tische aufgesellt waren, häilen auuch in dak

--- 8Z-
Zimmer eines Gelehrten gehören können. Renatus, der viel
Freude an allem Zusammenstimmenden besas; und durch den
Anblick desselben, wie durch eine angenehme Luft, sehr leicht
reNr
ihm bevorstehende Unterreduung mit ihren unerläßlichen Erör-
terungen gar zu schwer auf dem Herzen gelegen und hätte er
es verschmerzen lönnen, daß er hier als ein Fremder auf den
Herrn eben dieses Hauuses warlen muusle, das einsi seiner Fa-
milie angehört hatte.
Er hatte auf die Einladung des Dieners in einem der
alterihümlichen Lehnstühle Plaz genommen, die vor dem Kamine
standen, und wie er von dem knisternden Feuer zu den Aus-
schmückungen des Simses hinaufblickte, leuchtete ihm das Arten'sche
Wappen mit seinem kortis in särersis, hell von den Flammen
angestrahlt, vertraut und doch schmerzlich entgegen. Er zweifelte
nicht, daß auch diese hochlehnigen Eichensessel, daß der schwere,
schön geschnizte Tisch, der jezt den Modellen und Maschinen
zum Träger diente, daß diese große, altmodische Uhr einst Ar-
Jien'scher Besiz gewesen waren, welcher bei der Versteigerung des
-Hausrathes an die neuen Eigenthüümer direkt oder indirekt über-
gegangen war; und ungeduldig den großen, langsam fortrücken-
Fden Zeiger der Uhr verfolgend, wollte er sich eben erheben, als
fdie Thüre, welche nach dem Comptoir ging, sich lautlos öffnete
Fund, eben so lautlos hereintretend, der Herr dieses Hauses vor
ßhm stand.
k Willkommen in Deutschland! sagte er; und ich bitte um -
Werzeihung, daß ich Sie warten ließ! Ich war dazu genöthigt.
kum jetzt völlig zu Ihrer Verfügung zu sein. Seit wann sinb
fSie zuruck?
s Renakus aniwwortete, das; er schon gestern gekommen sei;
zc RA- =- -
2

Z5F--
verbindlichen Ton des Andern nicht gleich finden, er konnte-
iberhaupt sich noch nicht Rechenschaft von demjenigen geben,
was in ihm vorging. Das Arten'sche Gesicht, Paul's mit jedem
Lebensjahre wachsende Aehnlichkeit mit dem verstorbenen Frei- -
herrn verfehlten ihre Wirkung auch jezt wieder nicht auf dessen -
Sohn. Aber dieser Mann in der duukeln, büürgerlichen Tracht,
auf dessen hoher Stirn die Sorge ihre Spur in leichten Fur-
chen zurückgelassen hatte und in dessen braunem Gelocke hier I
und da bereits ein weißer Silberfaden schimmerte, war das noch
derselbe Offizier, der feurige Krieger, der einst wie ein Sanct -
Georg mit seinem flammenden Schwerte zwischen Renatus und ?
den Tod gelrelen war ? Auch jeneu Jiugllge, mil dem der
M
seines Autlizes war bleicher geworden, alle seine Züge hattenß
rra ?=arA
wie ihm damals der Schwung und das Feuer des jungen Fren-l
den eine unruhige Eifersuchi eingeflößt hatten, so sezte ihn jhtj
etwas Mächtiges, etwas Gebieterisches in dem Wesen dieses j
Mannes in Verwunderung, obschon er selbst sich ihm gegenüüber,j
in der glänzenden Uniform, in der straffen, regelrechten Hab- j
tung, mit dem Degen an der Seite, entschieden als der Vor-s
nehmere, als das Mitglied einer höheren Kaste bedinkte. Auchj
war es ein Ton nachlässiger Vornehmheit, mit welchem er Tre-!
mann aufforderte, sich gar nicht. zu geniren, er könne warten,!
denn er habe Zeit.
So besizen Sie, antwortete Tremann ihm in der früheren j
freien Weise, was mir in der Regel fehlt, und ich denke, mm j
machen uns eben deßhalb gleich. an unsere Geschäfte. Wollei j
Sie ablegen? Ich bitte!
Renaius, der bis dahin nicht ohne Absicht noch imw j
--= «« . i TScS
n . e o»T-?=. Ksss« F=a.a=.st ä..Faas aa.e- Se uo « Mca -a I.. H?- a u

-- ZIJ--
j seinen Säbel an der Seite und seinen Czako in der Hand be-
, halten hatie, hakte den Sbel los, stellte, ihn in die Fenster-
, brüstu, stilpte den Czako darüber, zog die Handschuhe aus.
j fuhr sich, in den Spiegel blickend, der über dem Kamine hing.
s einige Male mit der feinen Hand durch sein wohlgepflegtes.
s blondes Haar und setzte sich dann mit einem unterdrüückten
s Seufzer, wie Einer, der an eine schwere Arbeit geht, an den
j Tische nieder, an welchem Tremann bereits vor ihm Platz ge
s nommen und auf dem er verschiedene Aktenstücke und Papiere
s ansgebreitet haite.
Sie waren eigeihüulich anzusehen, der schöne, kräfiige
s Geschäfisman, der mit selbslgewisser Sicherheit sich zu seiner
; Arbeit anschickte, und der jüngere, eben so schöne und kräftige
? . a?r
Z jener kurzen Nebersichtlichkeit, zu welcher es nur ein sehr klarer
I Kopf bei völliger Beherrschung seines Stoffes bringt, sezte Tre-
z mann dem Freiherrn den Zustand aus einander, in welchen
dessen Vermögensverhältnisse sich befänden. Er wiederholte ihnr
und erklärte ihm ausführlicher, als es in seinen Briefen ge-
z schehen war, daß die allmählich aufgehäufte Schuldenlast und-
f die daraus erfolgenden Zinszahlungen es jetzt völlig unmöglich
Imachten, die Angelegenheiten in der gewohnten Weise fortzu-
Iführen, und er kam darauf zurück, daß es großer, durchgreifen-
Fder Entschlüsse bedürfe, wenn man zufriedenstellende Erfolge er-
Izielen wolle. Er trug die Summen zusammen, welche allmählich
Jauf Rothenfeld und Neudorf aufgenommen worden waren, er--
zinnerte Nenatus daran, daß man sein mütterliches Capital,
zwelches der verstorbene Freiherr zur ersten Stelle auf Richten
Fintragen lassen, noch vor dem Ausbruche des Krieges mit der
ßZustimmung von Renatus auf eine zweite Hypothek gestellt habe,
zweil es nothwendig gewesen sei, neue namhafte Capitalien her-

I Ez====,-=eaFK S.Jz.-aeä -aa==»==== ==eTe

-- 1G =-
beizuschaffen, die man gegen dritte Hypotheken nicht habe er--,
halten können, und schließlich hielt er dann den gegenwärtigen -
Werih der Giter jener Schuldenlast gegeniber, welcher dieselbe
freilich noch immer überstieg, aber doch nicht mehr in solcher
Weise überslieg, das es für Nenaius möglich gewesen wäre, sich ;
noch als einen reichen Mann zu betrachten.
Die unwiderlegliche Gewalt der Zahlen übte auf Renatus s
in diesem Falle eine erschreckende Wirkung. Indeß er war von ;
Jugend auf gewohnt, mit sicheren Hoffnungen, mit dem Glauben
an das Fortbestehen seiner ausgezeichneten Verhältnisse in die
Zukunft zu sehen, und sich von dem unangenehmen Eindrucke ?
rasch emporraffend, sagte er mit der vornehmen Leichtigkeit, die z
er ebensowohl als der verstorbene Freiherr, wenn es ihm ?
paßte, anzunehmen wußte: Das klingt allerdings bedenklich und F
würde auch bedenklich sein, wenn man genöthigt wäre, in diesen F
immer noch ungünstigen Zeiten zu dem Verkaufe eines solchen
Besizes zu schreiten; gliicklicher Weise ist das nicht der Jall! j
Tremann, der mit großem Bedachte und reiflichem Ernste P
seine Auseinandersezungen gemacht und sich dabei so schonend j
als möglich geäußert hatte, weil er gerecht genug war, den !
jungen Freiherrn nicht für die ungünstige Lage verantworilich j
zu machen, in welche seine Güter durch die Schuld seines Vg- !
kers gebracht worden waren, fühlte sich durch das ganze Betragen j
und durch die Leichtfertigkeit des Freiherrn doch bewogen, diese l
Schonung nicht weiter zu üben, und trocken und ohne allen !
Umschweif sagte er: Wie die Weltlage und unsere industrillen !
und gewerblichen Verhältnisse sich mir darstellen, ist ein rasches j
Steigen der Güterpreise nicht vorauszusehen, und wenn Sie s
Sich jetzt nicht entschließen, Neuvorf und Nothenfeld so bald l
als möglich zu verkaufen, werden Sie nach drei Jahren nichi j
mehr im Stande sein, auch nur Richten zu behaupten.-
Renatus wurde plötzlich blasß. Er konnte die frühere leichta

Weise solchem Ausspruche gegenüber nicht mehr aufrecht erhalten,
und Tremann schien es auch gar nicht auf eine Gegenäußerung
von ihm abgesehen zu haben. --- Ich uuste mich, fuhr er fori,
als ich mich, Ihrem Wuufche gemäß, dem Amie unterzog, das
nmein verstorbener Compagnon nach Ihres Heren Vaters Tode
von Ihnen üübernommen hatte, erst selber genauer über eine
Menge von landwirthschafilichen Fragen und namentlich über
die Zustände in Ihrei: Provinzen unterrichten, da man ohne
eine vollständige Einsicht in diese Dinge nur ein schlechter Be-
rather sein würde, und der ehemalige Amtmann Ihres Herrn
Vaters, der Gutsbesizer Steinert, ist mir dabei mit seiner Einsicht
und, ich darf sagen, mit seinem guten Willen, Ihnen behilflich
zu sein, sehr nützlich gewesen. Nach seinen Mittheilungen ist
seit fast dreißig Jahren, seit dem Tode Ihres Großvaters, wie
Steinert es nannte, so gut wie gar nichts in die Güter hin-
eingesteckt, wohl aber alles aus ihnen herausgezogen worden,
was sie irgend herzugeben vermochten. Der Kieg und die un-
tüchtige Verwaltung des jetzigen Amtmanns, mit dem man aus
Vorschnelle und Bequemlichkeit, ohne ihn zu kennen, auf lange
Jahre hinaus einen Vertrag gemacht hatte, der ihn halbwegs
wie einen Pächter hinstellt, der aber keine Caution irgend einer
Art geleistet hat, sind unheilvoll dazugekommen. Die Güter
befinden sich in dem völligsten Verfalle. Sie haben allerdings
in Richten ein groses Schloß, in Neudorf eine Kirche und ein
Pfarrhaus, in Rothenfeld die neue katholische Kirche und da-
neben sogar noch jene Art von Seminar. Das sind Baulich-
keiten genug, aber es sind unfruchtbare, geldkostende Gebäude,
und es fehlt an allem Nöthigen -= es fehlt an Scheunen und
an Ställen, es fehlen Wohnungen für eine größere Anzahl
Leute, die herbeigezogen werden mnülßten, woenn man die Ver-
besserung des Bodens ernstlich betreiben wollte. Man müßte
vierzig, fünfzig Tausend Thaler in die Hand nehmen können,

--- Z7Z - -
um auf den drei Gütern nur die nothwendigsten Gebäude her-
zustellen. Man müißte eine eben so grosße Summe anwenden,
um ein Vieh-Inventar herbeizuschaffen, wie es einem solchen
ausgesogenen Gitter-Complexe nothwendig wäre, und müßte die
Mittel haben, duurch die ersten Jahre nichk nur diesen Viehstand,
sondern auch die Leute völlig durchzuhalien, bis die Gitter selber
den Aufwand wieder tragen köunlen. Wo wollen Sie diese
Capitalien, diese Mittel finden? Wie wollen Sie es machen,
diese neuen Capitalien besten Falles auus dem gegenwärtigen Er-
trage der Güter, neben den ohnehin laufenden alten Zinsen zu
verzinsen?
Er nahm, da Renatus keine Antwort darauf zu geben
vermochte, die Papiere zur Hand, welche den letzten Jahres-
abschluß des Amtmanns enthielten, und jene andern Berichte,
die er sich vierteljährlich von ihm hatte senden lassen. Der
gegenwwärtige Reinertrag der Wirthschaft hatie, da Renatus sich;
allmählich in der französischen Hofgesellschaft auch an einen
größeren Aufwand gewöhnt hatte, kaum die Höhe der Summe
erreicht, welche er sich in den beiden lezten Jahren als Zuschuß
nach Paris hatte nachsenden lassen, und um den Haushalt und
die Bedürfnisse der Baronin und ihrer Gäste zu bestreiten, hatte ,
man gelegentlich von den Kaufleuten in den kleinen, den Güternj
nahe gelegenen Städten einzelne Beträge in verschiedener Höhe!
entnommen, die sie, weil alle diese kleinen Kaufleute die Ver-
mögenslage des Freiherrn kannten, nur unter den ungünstigsten !
Bedingungen hergegeben hatten. Sie waren, da auch hier sich
Zins zu Zins gefigt, zu einer Summe angewachsen, gie Re-
natus in Erschrecken versetzte, und zum ersten Male seiner selber l
nicht mehr Meister, rief er, sich gegen die Stirn schlagendi ?
Furchtbar, furchtbar! Da ist ja gar kein Ausweg möglichl j
Er war aufgestanden und hatte mit hastiger Hand dieF
Haken und Knöpfe seiner Uniform geöffnet, es wurde ihm angßßg,

-- Z5---
und bange. Wie verkörpert stiegen die Berech nungen genaltig
vor ihm in die Höhe und drängten auf ihn ein. Alle, alle,
alle gegen den Einen, gegen ihn! Hier war fitr ihn kein Durch-
hauen möglich -- und hier zu unterliegen war nicht, wie in
einer guten Sache auf dem Schlachtfelde, eine Ehre - hirr zu
unierliegen war ein Schimzf!
Tremaun, der ihn seil dei Beginue ihrer Unierredung
genau beobachet hatte, errieth und sah, was in dem jungen
Freiherrn vorging, und, wie bei allen tüchtigen Menschen, waren
-Feine Theilnahme und sein Mitleid leicht erregbar, wo er an die
Möglichkeit einer nachhaltigen Hülfe glauben konnte.
Nur Muth, Herr von Arten! rief er; die Sache steht
allerdings nicht sonderlich, doch ist sie keineöwegs verloren, noch
ist sie zu halten, Sie missen ntr den Muth nicht sinken lassen!
Aber der natirliche und wohlgemeinte Zuuspruch brache
auf das jezt doppelt verletzbare Gemüth des Freiherrn nicht die
beabsichtigte Wirkung hervor; denn die feinen Augenbrauen
zusammenzichend, sagte er: An Muth hat es noch keinem Arten
je gefehlt, und wenigstens diese Eigenschaft unseres Hauses geht
mir sicherlich nicht ab.
- Tremann ließ diese unberechtigie Gereiztheit völlig unbe-
achtet. Mit einer beruhigenden Milde, die seinem ernsten Anilize
eine Schönheit verlieh, gegen welche Nenatus selbst in diesem
Momente sein Auge nicht verschließen konnte, sprach er: Es
konte mir nicht einfallen, Herr von Arten, an Ihrem Muthe,
an dem sogenannten Heldenmuthe in Ihnen zu zweifeln, der
im entscheidenden Augenblicke mit Selbstvergessenheit sein Leben
daran zu geben weiß. Mich dünkt, in dieser Art von Muth
haben wir beide Gelegenheit gehabt, unsere Proben abzulegen.
Er hielt inne, als wolle er dem Andern die Zeit vergönnen,
sich auszusprechen; da Renatus aber schwieg und sein Antliz
sich nicht erhellte, sagte Tremann nachdrücklich, wennschon mit

-=- Zßß-
derselben unerschütterlichen Gelassenheit: Es gibt aber einen
Muth, der weniger leicht zu behaupten ist, als jener vsn der
fortreißenden Macht einer begeisterten Masse, oder von der Er-
regung eines gewaltigen Augenblickes erzeugte Heldenmuth; ich
meine den moralischen Muth, jenen guten, stillen Muth des
Mannes, der seine Ehre darein setzt, sich mit aller seiner Kraft
in verschuldetem oder nicht verschuldetem Misßgeschicke zu be-
haupten, der entschlossen ist, mit jahrelang währender Arbeit,
mit Sorgen und Mühen, die Niemand sieht und die in vielen
Fällen Niemand sehen und kennen darf, seinen Verpflichtungen
z genüigen, und der herstellen und schasfen will, was fiir ihn
und für Andere das Geforderte und Gebotene ist. Fühlen Sie
von diesem schweigenden, beharrlichen, recht eigentlich büürgerlichen
Muthe etwas in Sich, Herr von Arten -- nun, so brauchen
Sie über Ihre Lage noch keineswegs zu erschrecken, denn ih
wiederhole es Ihnen: noch ist Hilfe möglich!
Renatus konnte sich gegen die Würdigkeit dieses Mannes
nicht verschließen, zugleich aber fihlte er jenen hochmithigen
Arten'schen Aberglauben noch einmal in sich rege werden, der
erst gestern dem Grafen Gerhard Anlaß gegeben hatte, ihn zu
verspotten. Zum zweiten Male stellte dieser Treman sich zwischen
ihn und eine ihm drohende Gefahr. Er hatte ihm im Kampfe
der offenen Feldschlacht einst durch seinen Muth das Leben er--
halten; weßhalb sollte er von dem Schicksal nicht auch bestimmt?
sein, ihn eben so vor dem andern Untergange zu bewahren, der
ihm jetzt zu drohen schien? Und von der Bewegung, in welche
dieser Gedanke ihn versetzte, über seine sonstige enge Schranke
des Empfindens fortgerissen, rief er plötzlich: Soll ich Ihnen?
- er wollte hinzusetzen: eben Ihnen denn Alles zu verdanlen?
haben? = Aber er unterdrückte diesen Zusatz, und obschon Paul!
das wohl bemerkte, focht es ihn nicht an. Im Gegentheil, das-?
znige, was Nenatus aufregte, dinkte ihn nur ein ganz Natürliches?

-=- Zß!-
zu sein. Er hatte dem jungen Manne, de: an sich völlig schuldlos
an allem demjenigen war, was in Paul's Schicksal mit den
Schicksalen der Herren von Arten zusammenhing, mit Gefahr
des eigenen Lebens das Leben gerettet; ek erschien ihm also,
da er sich einmal bereitwillig hatte finden lassen, die Arten'schen
Angelegenheiten in die Hand zu nehmen, eben deßhalb jetzt nur
Folgerecht, daß er, so vies an ihm war, auch dazu that, den
Freiherrn auf den Weg zu weisen, auf welchem er sein Leben
ehrenhaft und würdig weiter fortzuführen vermochte.
.c war, hob Paul nach kurzer Unterbrechung also wieder
an, da ich nach fast vierjähriger Abwesenheit aus dem Felde
kam, Ihnen will ich es zu Ihrer Ermuthigung bekennen, ziemlich
in der gleichen Lage, in der Sie gegenwärtig sind. Mein Vor-
gänger hatte mit den Anforderungen der Zeit nicht Schritt zu
halten vermocht, wir waren durch seine Schuld in die bedenk-
lichsten Geschäfte und Unternehmungen verwickelt, es waren bereits
große Verluste vorgekommen, und da ich ohnehin nach dem
Willen des verstorbenen Herrn Flies die Capitalien seiner Tochter
gänzlich aus dem Geschäfte herauszuziehen hatte, fand ich mich
nach meiner Heimkehr eines Tages auf dem Punkte, an dem ich,
um den augenblicklich auf mich eindringenden Forderungen gerecht
zu werden und mit meinem guten Namen auch meine bürgerliche
Ehre und meinen kaufmännischen Eredit zu erhalten, wie ich es
Ihnen eben jezt gerathen habe, Alles an Alles sezen mußte.
Was heißt das in Ihrem Falle? fragte Renatus mit
wachsender Spannung.
Das heißt, daß ich alles, was ich an Fonds, an Papieren,
selbst an Jmmobilien besaß, unter den ungünstigsten Verhält-
fnissen verkaufen muste, um die auf unsere Firma laufenden
-Wechsel einlösen und dem Mißtrauen begegnen zu können, das
F sich durch die in meiner Abwesenheit gemachten unglüclichen
I Geschäfte und Unternehmuungen gegen unser Haus erhoben hatte.

Z6R--
Es kam ein Abend, sprach er langsam und nachdrücklich,
es kam ein Abend, an welchem ich, nach Wochen und Monaten
voll der schwersten Sorgen, voll schlafloser Nächte, mir sagen
mußte, daß ich jetzt fast so pfenniglos da stände, als an dem ;
Tage, an welchem ich in die Welt hinausgegangen war, und
mir fehlten jezt die feurige Hoffnung der ersten Jugend und
die zwanzig Jahre voll rüstiger Kraft, in denen ich mir meinen
Weg geschaffen und mein Vermögen erworben hatte. Ich besaß
an jenem Abende, setzte er nach einem tiefen Athemzuge mit
schwerem, gewichtigem Tone hinzu, nicht viel mehr, als das
Bewußtsein, das Rechte gethan zu haben, nicht viel mehr, als
das unbedingie Verlrauen derjenigen, mil denen ich meine Ge-
schäfte gemacht hatte, und die Neberzengung, daß ich mich auf
mich selbst und auf meine Arbeitskraft verlassen könne. Das
aber ist ein Großes!-- Und wicder entstand eine neue Pause.
Troz seines starken Herzens hatten die Erinnerungen, welche ;
er eben nicht häufig in sich zu erwecken gewohnt war, den ernsten -
Mann erschüttert, während in Nenatus die widersprechendsten!
Vorstellungen, Gedanken und Empfindungen auf und nieder -
wogten. Bald fühlte er sich geneigt, sich Tremann mit Be-
wunderung in brüderlicher Verehrung in die Arme zu werfen;ß
dann wieder bedünkte es ihn, als dürfe er demselben, ohne sich?
etwas zu vergeben, nicht eine Genugthuung bereiten, deren Z
er jetzt ohnehin schon vollauf genießen mußte; denn daß ein
Mann das Rechte um des Rechien willen thun, daß er fördern?
und Hülfe leisten könne, ohne dabei an sich selbst und an diej
Wirkung zu geenken, welche diese Hülfsleistung auf das Gefühls
des Geförderten hervorbringt, das einzusehen, dazu war diej
Seele des jungen Freiherrn nicht gemacht. Und doch fühlte er,l
Ma rc.aN--
Ich bewundere Ihre Entschlossenheit, sagte er endlich, undF

-- ZZ--
ich wünschie, ich befände mich in so einfachen Verhältnissen,
wie Sie, dasi ich das Gleiche möglich machen und mich
doch behaupten könnte. Unser Standpunkt ist nur wieder sehr
verschieden.
Tremann sah ihn prüfend an. Er hörte aus den Worten
des Freiherrn, was in dessen Seele vorging, aber er gab nichts
auf döe hochmüthige und vorurtheilsvolle Ueberhebung, mit welcher
jener seine Zustände als ganz besondere von denen des bürger-
lichen Kauufmanns abzutrennen suchte; und wie der Arzt die
Ungebühr des Kranken nur als ein Krankheitszeichen ansieht,
das ihn nicht beirren darf, sagie Tremann: Das ist vielleicht
nicht so schwer, als es Sie dünlt, und ich bin bereit, Ihnen
meine Ansicht und meine Plane für Sie mitzutheilen, wenn
Sie mir vorher ein paar Fragen beantworten wollen. Haben
Sie Liebe fir das Landleben? Denken Sie, Sich auf Ihren
Gittern aufzuhalten?
N,
ah bin auf dem Lande geboren, und die Herren von
Arten haben stets auf ihren Besitzungen gelebt, es ist ein Her-
kommen unter uns, gab er abermals ausweichend zur Antwort.
Das fing Paul endlich doch zu verdrießen an. Wir haben
es hier nicht mit Ihren Familien-Traditionen, Herr von Arten,
sondern mit Ihren Möglichkeiten zu thun, sagte er schärfer, als
, er bis dahin zu dem Freiherrn gesprochen hatie, und zu der
Uhr emporsehend, fügte er hinzu, daß ihm in einer halben
Stunde eine Geschäftsbesprechung bevorstehe, daß er also genöthigt
,sei, dem Freiherrn in großen Umrissen die Möglichkeiten und
Maßnahmen vorzuzeichnen, mittels deren er es für khunlich halte,
-die Arten'schen Verhältnisse zu ordnen und durch Rettung eines
Theiles des Vermögens die Mitiel zu einer allmählichen Wieder-
herstellung desselben zu gewinnen.
Er rieih, Neudorf und Rothenfeld sofort zu verkaufen.
Für Neudorf finde sich in dem Baurath Herbert, der einst die

Z6g-
Rothenfelder Kirche aufgeführt und bei der Gelegenheit den Werihz
der Neudorfer Steinbrüche habe kennen lernen, ein Käufer, da
der Baurath mit Andern in Gemeinschaft eine regelmäßige ?
Ausbeutung der Brüche unternehmen möchte. Auch auf Rothenfeld j
sei ein den Zeitumständen nach recht günstiges Gebot geihan.
Nach dem Verkaufe dieser Güter werde Renatus die Möglichkeit?
besizen, seine Wechselschulden zu tilgen, die hoch verzinsten j
Hypotheken von Nichten theilweise abzulösen und dann Geld von j
der Landschaft zu geeingern Zinsen auf Richten zu erhalten. 1
Sei dies geschehen, so fcage er sich, ob der Freiherr es nicht j
vorziehe, im militärischen Dienste zu verbleiben, in welchem er
sich eine ehrenvolle Laufbahn eröffnet und den Beg zu weiterem F
Vorwärtskommen gebahnt habe. Man mache an einen Privat- F
mann, welchem Stande er auch angehöre, in einer großen Stadt j
nicht die Ansprüche, die man gewohnt sei, an die Herren von j
Arten auf ihrem Schlosse zu erheben. Der Hauptmann von !
Arten könne in der Stadt sehr standesgemäß mit dem achten !
Theile der Summe leben, welche der Freiherr von Arten einst j
in Richten alljährlich ausgegeben habe. Neberantworte man ,
Richten einem rechtschaffenen und vermöglichen Pächter, nachdem !
man die Bauten hergeftellt, das Inventarium vervollständigt und j
somit die Mittel vorbereitet habe, welche zur Verbesserung des j
Gutes unerläßlich wären, so werde man sich in der Lage be-
finden, jährlich einen Theil der auf Nichten dann noch haftenden !
Schulden zu tilgen. Noch im rüstigsten Mannesalter aber könne !
Renatus dann wieder Herr eines Besizes sein, der bei den Fort-j
schritten, welche die Bodenkultur nach den neuen Forschungen j
und Erfahrungen der Engländer und Franzosen nothwendig auch !
in Deutschland machen müsse, immer noch ausreichend groß genugj
sein werde, ihm, wenn er dann den Abschied nehmen und, nach ,
seinem Familien-Herkommen, sich auf seinem Gute niederlassen
wolle, auch auf dem Lande ein reichliches Leben mögliß gHa

-- ZßJ--
machen und den Seinen ein schönes Erbe zu werden. Wolle
Nenatus aber jetzt gleich den Dienst aufgeben, um sich auf sein
Stammgut zurückzuziehen, nun, so bleibe ihm nichts übrig, als den
Degen ehrlich mit dem Pfluge zu vertauschen, die Landwirth-
schaft gründlich als einen Beruf zu erlernen, die Bewirthschaftung
seines Gutes selbst zu übernehmen und zu sehen, in wie weit
es ihm-gelinge, ait tüchtigen Gehülfen das Gut zu heben und
seine Bedirfnisse mit seinen Einnahmen in das Eleiche zu sezen,
wobei denn freilich auch auf die unüberlegten Ausgaben der
Baronin Vittoria Rücksicht genommen, und die Ecziehung des
jugen Freiherrn Valerio in eine andere Richtung als bisher
geleitet werden müßte.
Renatus halte ihm schwweigend zugehört. Als Tremann
dann geendet hatte, dankte Jener ihm fir diese gewiß sehr
richtigen und höchst wohlgemeinten Auseinandersetzungen und für
seine Rathschläge; aber, sagte er, ich sehe und füühle, wo der
Punkt liegt, den Sie bei Ihren Planen für meine Unterneh-
mungen nicht in's Auge fassen und den ich unbericksichtigt zu
lassen nicht im Stande bin, ja, den ich, selbst wenn ich es über
mein Gefiihl vermöchte, nicht unbericksichtigt lassen barf. Mein
Onkel, Graf Berka, bemerkte mir gestern mit Recht: dem Kauf-
manne, dem bürgerlichen Gewerbetreibenden, Ihnen zum Beispiel,
habe alles, was Sie erwerben, nuur seinen wirklichen Werth.
Alles, was Sie besizen, ist Ihnen Geld, ist Ihnen Mitiel zum
Zwecke. Sie geben selbst den erworbenen, liegenden Besiz mit
voller Freiheit und ohne jegliches Bedenken auf, sobald es Ihnen
paßt, und es ändert sich in Ihrem Sein damit nicht das Ge-
ringste, wenn Sie ein Haus, ein Gut kaufen oder es verkaufen
und wieder zurückkaufen, wie der Anlaß sich eben dazu bietet.
Wir aber, wir befinden uns in einer solchen Lage nicht. Unsere
Verhältnisse sind völlig anders. Wir, sagte er mit besonderer
Betonung, wir sind durch langjährigen Besiz Eins geworden

Z6---
mit unserem Grunde und Boden, mit unserem Lande und unseren
Schlössern. Wir tragen ihren Namen, sie sind unser Unter-
scheidungszeichen. Ein junger Baum -- setzen Sie ihn von
seinem heimathlichen Boden fern, wohin Sie wollen -- er kann
auch in der fremden Erde wachsen und gedeihen. Ein Stamm,
der, weithin schaktend, durch Jahrhunderte seine mächtigen Wurzeln
durch dasselbe Erdreich forterstreckte . -
Geht aus, fiel Paul ihm in die Nede, wenn er den Boden
ausgesogen hat, ans dem er seine Nahrung schöpfie.
Das ist wohl möglich, entgegnele Nenatus mit einem Aus-
drucke von Schwermuth in seiner Stimnmne, die der Andere an
ihm noch nicht wahrgenommen hatte, das ist möglich; aber es
ist sicher, wenn Sie es unternehmen, ihn zu entwurzeln und ihn
zu verpflanzen. Unid tief auufakhend, sezte er hinzu: Sie
sprechen zu mir mit einem Antheile, den ich dankbar anerkennen
muß. Indeß Sie haben nur die eine Seite meiner Verhält-
nisse im Auge, und Sie vermögen die andern in ihrer ganzen
Bedeutung wohl nicht zu ermessen. Sie sagen mir: verkaufen
Sie Neudorf. Aber Neudorf war der erste Besiz unseres Hausck.
Der Hochmeister Winrich von Knipprode belehnte im vierzehnten
Jahrhundert meinen Ahnherry, nach der Schlacht von Nudau,
mit der Feldmark Neudorf. Neudorf ist seit nahezu vierhun-
dert Jahren unser Eigenthum. Es wäre mir, wenn ich Neu-
dorf fortgäbe, als zöge ich mir den Boden unter den eigenen
Füßen fort, um mich darauf zu verlassen, daß ich im Nothfalle
fliegen lernen werde. Das vermag ich nicht. Sie sagen mir:
verkaufen Sie Rothenfeld, und Sie bedenken nicht, daß in der
Rothenfelder Kirche, die meine Eltern aufgerichtet haben, jezt
die Gebeine meiner Eltern, meiner Ahnen ruhen, daß ich von
ihnen die fromme Pflicht ererbte, in Nothenfeld eben jenes Stift
fir katholische Knaben zu erhalten.
Es wird Ihnen das in leinem Falle lange mehr möglich

-- Z? ---
sein, warf Paul abermals dazwischen, auch wenn Sie Sich
nicht zu der gedachten durchgreifenden Aenderung vermögen.
Und nuun vollends Richten verpachten, das Haus veröden
lassen, sagte Renatus wie zu sich selber, das seit mehr als
hundertfünfzig Jahren uns von Geschlecht zuu Geschlecht geboren
werden und sterben sah? Unmöglich, ganz unmöglich -- es
muß einen anderen Auuöweg geben!
Treman erhöb sich; seine Geduld war erschöpft, seine
freie Zeii z Ende. Ich begreife Ihre schmerzlichen Empfin-
dungen, sagte er, und ich hatte nicht erwartet, daß Sie Sich
leichten Herzens zu den schweren Schritten entschließen würden.
Aber täuschen Sie Sich darüber nicht, Herr von Arten, Sie
haben keine Zeit, Sich Ihren Empfindungen zu überlassen.
Ich sehe, und es gibt sicherlich fir Sie keinen anderen Auusweg,
als den, welchen ich Ihnen angedeutet habe. Sie müssen Neu-
dorf und Rothenfeld verkaufen, Sie müssen Richten verpachten,
wenn Sie Sich nicht zu persönlicher Arbeit kequemen mögen,
die, wie ich fürchte, auch gegen Ihre bisherigen Gewohnheiten
und wahrscheinlich ebenfalls gegen die Neberlieferungen Ihres
Hauses verstößt. Ich habe das Amt, mit dem Sie mich be-
trauten, nur bis zu Ihrer Nückkunft übernommen. Wollen Sie
Sorge dafür tragen, daß Ihrer Frau Stiefmutier jetzt ein
anderer Curator, Ihrem Bruder baldigst ein anderer Vormund
gegeben werde, und wollen Sie es mir ermöglichen, daß ich in
Bälde die Papiere, die ich in meiner Obhur habe, einem An-
deren, viesleicht weniger Beschäftigten überliefern kann, so wird
das meinen eigenen Arbeiten zu Gute kommen und ich werde
es Ihnen danken.
Renatus hatte sich jetzt auch erhoben. Er schnallte den
Säbel wieder um, nahm den Czako zur Hand, und so auf's
Neue in voller Unifor, entschuldigte er sich gegen Tremann,
daß er ihn also lange aufgehalten, ohne von seinen guten Ab-

- ZZ--
sichten und Meinungen den von Jenem erwarteten Nutzen ge-
zogen zu haben. Er versprach, sobald es ihm irgend thunlich
werde, Paul's gänzliche Entlastung zu bewirken, verhieß, die
Arten'schen Akten und die Vormundschafts-Papiere seines Bru-
ders in kürzester Zeit an sich zu nehmen, und sie trennten sich
darauf höflich, aber kalt.
Der Freiherr sprach allerdings dem Kaufmanne seinen Dank
und seine Anerkennung zu wiederholten Malen aus; Paul nahm
dieselben auch mit seiner gewohnten guien Weise hin, indes; sie
waren sich duurch diese Begegng um leinen Schrill nüihher ge-
ireten, sie hatien sich nuur weiter und entschiedener als je von
einander getrennt empfunden.
Als Paul dan auf der Wendeltreppe, die er sich aus
seinem Arbeitszimmer nach Daviden's Wohnstube hatte legen
lassen, hinaufstieg, fand er die beiden Frauen seiner bereits
wartend. Er umarmte die junge Mutter, reichte Seba die Hand,
und als sie ihn mit ihren immer noch schönen Augen ruhig
und heiter anblickte, umarmte er auch sie. Er fühlte eine große
Zärtlichkeit für sie, weil es ihm gelungen war, von ihrem Herzen
eben heute eine Kränkung abzuwenden.
Trotz seiner Freundlichkeit merkte Davide, deren Liebe sie
hellsehend machte, dennoch, das ihm etwas nicht ganz recht sein
oder daß er eine Unannehmlichkeit zu überwinden gehabt haben
misse, und sie fragte, um ihm Anlaß zur Mittheilung zu geben,
weßhalb er sie also lange habe auf sich warten lassen.
Ich habe verschiedene Besprechungen gehabt, und zuletzt
war Herr von Arten, der gestern von Paris gekommen ist, sehr
lange bei mir, gab er ihr zur Antwort.
Und wie hast Du ihn gefunden ? frief Seba, in welcher
die Theilnahme für den Sohn ihrer Angelika sich augenblicklich
wieder regte.
Er ist ein schöner Mann geworden, breitschulterig und

-- ZIß-
kräftig, ein sehr schöner Mann, gab er zur Antwort, während
er sich zum Jmbiß niedersezte.
Und wie ist er sonst geworden? fragte Jene noch einmal.
Nicht anders, als er gewesen ist. Es geht ihm wie dem
Herrscherstamme der Bourbonen, von deren Hofe er nach Hause
Lommt. Er hat nichts gelernt und hat nichts vergessen.
Was will das in seinem Falle besagen ? erkundigte Davide
sich, der die Mis;stimmung ihres Gatten jezt erklärlich wurde.
Wad das sagen will, mein Kind? Nun, er möchle sein
Leben geniesßen, wie sein Vater und seine Ahnen es genossen
haben; möchte wie sie die Herrschaften besizen und geachtet
lelen nud sterben wie sie. Er hat auch reiht viel schöne Empfin-
dungen - nur zur Arbeit hat er keine Lust.
Die Frauen schwiegen. Sie mochten sich erinnern, daß
sie es gewesen waren, die Paul gegen seine Absicht überredet
hatten, sich mit den Arten'schen Angelegenheiten zu befassen,
und da er dieses wohl errieth, sagte er, gleich darauf bedacht,
ihnen jede Reue zu ersparen: Macht Euch um meineiwillen
darüber keine Sorge, meine Lieben! Ich erleide durch Renatus
keine Entiäuschung, habe obenein in dieser Verwaltung mancherlei
erfahren und gelernt, das mir gelegentlich von Nuzen sein wird;
und auf eine Handvoll Arbeit! mehr kommi es mir glicklicher
Weise nicht an.
Und Du glaubst, daß er sich nicht rathen lassen, sich nicht
ändern werde? erkundigte sich Seba noch einmal. -
Nein; denn wie sollten Menschen, die sich für eine besondere
Abart halten, sich verständig in die der großen Gesammtheit
genfinsamen Bedingungen der Gegenwart zu schicken wissen?-
Er schüttelte das Haupt und sprach danach sehr ernsthaft: Täuscht
Euch nicht darin: Alles undTJedes hat nur einen zeitweisen
Bestand, eine zeitweise Möglichkeit des Bestehens. So gewis:
als die forischreitennde Culiuur die gemeinschädlichen Thiere in die
F. Le walv, Von Geschlechl zu Geschlecht. 1l.

-- Z7ßs-
Einöden zurückdrängen und endlich völlig ausrotten muß und
wird, so gewiß muß und wird die fortschreitende Bildung, die
in dem Leisten und Schaffen den höchsten Beruf des Menschen,
und in der Freiheit und Genuß bereitenden Arbeit ihre höchste
Ehre erkennt, über alle die Geschlechter hinweggehen, die ohne
Nuzen für die Gesammtheit leben und, sich von ihr ausschließend,
sich hinter Vorrechten und Vorurtheilen verschanzen und halten
zu kdnnen glauben. Was werthlos für das Allgemeine ist, muß
untergehen; und kein Adelsbrief und leine Gros;that irgend eines
Ahnen kan dagegen schiizen, kann die Allgemeiheii schahlos
halten fir unberechtigte Anspriche und fir hochmüüihige Arbeiis-
scheu. Mögen sie zu Grunde gehen!
Er hatte dieses Verdammungsuurtheil, dessen lezte Worte in
seinem Munde und in seinem ernsten Tone etwas Gewichtiges
und Furchtbares gewannen, noch nicht beendet, als die Wärterin-
ihm seinen Knaben in das Zimmer brachte. Der derbe Bursche
streckte dem Vater die kleinen Arme entgegen, und kaum hatie
dieser ihn auf seinen Knieen, als der Knabe sich mit allen seinen
Kräften aufzurichten strebte, um das Stück Brod zu erlangen,
das in einiger Entfernung vor dem Vater auf dem Tische lag.
Die Frauen lachten über die lebhaften, wenn auch noch unge-
schickten Bewegungen des kleinen Menschen, und ihm empor-
helfend, rief der Vater mit sichtlichem Vergniigen: So recht,
so recht, mein Sohn, hilf Du Dir selber zu Deinem Brode --
ich hab's eben so gemacht - und ich denke, das soll uns wohl
bekommen! Geh' nur gerade darauf los!
Und in bester Laune kehrte er nach kurzer Unterbrechung
in sein Comptoir und zu seiner täglichen Arbeit zurück.

Kapitel 28

aiebzehntes Capitel.

,enatus ward den ganzen Morgen durch seine Dienst-
geschäfte und seine geselligen Verzsichiugen i Ausprc ge-
nouen. Er halle sich bei seien Vorgesezten vorzuslellen, alie
Belannie und Freunde aufzusuchen, und ülberall fand er einen
Empfang. der ihn die unangenehmen Erörterungen der ersten
Morgenstunde bei seinem wenig tiefen -Sinne leicht vergessen
machte. Allerdings wurde auch von seinen Vorgesetzten wie von
seinen Freuden die Frage, ob er in Dienste bleiben oder sich
auf seine Giter begeben werde, mehrfach angeregt, aber es ge-
schah in einer Weise, welche deutlich kund gab, wie man bei
einer solchen Entschließung an die vollste Freiheit von seiner
Seite glaube und höchstens den Wunsch seiner künftigen Gattin,
denn man deutete ihm überall an, daß man um sein Verlöbniß
mit der Gräfin Nhoden wisse, als einen ihn bestimmenden Einfluß
in Betracht bringe.
Wohin er kam, begegnete er einer großen Zufriedenheit
und den besten Hoffnungen fir die Zukunft des Vaterlandes,
in welche denn selbstverständlich die besten Aussichten für den
Einzelnen immer mit eingeschlossen waren. Man rühmte sich
nicht, wie Renatus das in Frankreich erlebt hatie, eines ge-
waltsamen Rückschrittes in die Zustände der Vergangenheit, aber
man sprach es in den militärischen und adeligen Kreisen doch
unzweideutig aus, wie man froh sei, daß jene Tage einer un-
natürlichen Aufregung numn überstanden und überwunden wären,
in denen die Masse des Volkes über ihre eigentlichen Grenzen
Lg

hinausgetrieben und, freilich durch die Nothwendigkeit, ihrem
häuslichen Leben wie ihrem Berufe und Gewerbe abwendig ge-
worden war. Man erkannte mit Zufriedenheit, wie der Strom
der Bewegung jezt auf's Neue richtig eingedämmt, in sein altes
Bett zurückgeleitet werde, und wie die natürliche Gliederung der
Stände sich gleichsam von selber wieder herstelle, seit man in
den höchsten Kreisen die schönen, würdigen Formen der Eti-
aunetie wieder strenger auufrecht halte. Besonders jedoch versprach
man sich von der Verbindung der Königstochter mit dem russi-
schen Thronfolger, dessen Gesinnungen und Charakter man höchlich
pries, wie von dem engen Anschlusse an das conservative Dester-
reich, daß man nn auch in Preusßen schnell den phantastischen,
demagogischen Freiheitsgeliisten, die einer ruhigen Eniwiclung
des Staatslebens im Wege ständen, das Ende machen werde.
Und da man von oben herab einzelnen hartbedränglen adeligen
Grundbesizern mit großen Darlehen zu Hülfe gekommen war, sah
man, wenn in Preusen auch nicht die Milliarde von Franken
in Aussicht stand, mit welcher man die AuSgewanderten in
Frankreich entschädigt hakte, doch für den Adel des Lndes sehr
beruhigt und hoffnuungsreich in die Zulunft hinaus.
Wls Renatus dann am Abende, wie er es versprochen
hatte, seinen Oheim besuchie und ihm von seinem Tagewerke
Rechenschaft geben sollte, gestand er diesem, daß er dieses Tage-
werk, wie er es nannte, mit einer ebereilung, ja, recht eigentlich
mil einer Duummheit angefangen habe.
Der Graf begehrte naiirlich zu wissen, was das heißen
solle, und sein Neffe enigegnete: Ic habe gegen die ersten
Grundsätze der Kriegfihrung gesündigt und dafür eine Schlappe
davongetragen. Ich habe mir unnöthig eine Blöße gegeben,
die ich mir hätte sparen könen, hätie ich, wie sich's gebiührte,
erst den Grund und Boden und die Gegend genau untersucht,
in die ich jezt fast als ein Fremder zurückgekommen bin.

=- z z H p J ==
Er erzählte darauf, wie er, tatt sich erst zu seinen Freun-
den zu begeben, gleich am Morgen zu Tremann gegangen sei,
wie dieser ihm eine Besorgniß erregende Rechenschaft über seine
Angelegenheiten abgestattet, wie er selber sie im trübsten Lichte
angesehen und wirklich an nicht? cls an den Untergang gedacht
habe. Um sich aber wegen dessen, was er jetzt als seinen khö-
richten - Kleinmuth bezeichnete, zu entschuldigen, gab er dem
Oheim zu bedenken, daß er die Eindricke seiner Kindheit, in
welcher er den hohen Adel Frankreichs flüchtig durch die Welt
habe ziehen sehen, niemals loö geworden sei, und daß er sich,
von seinem Stammbesize abgetrennt, so elend wie ein Ver-
stimmelter, ja, wie ein Meusch ohne seinen natirlichen Schalten
erscheinen wüürde. Er berichlele, von dem Drange nach Mitihei-
luung dazu verleitet, alles, was er von Tremann erfahren hatte,
ließ es nicht unerwähnt, daß Herbert, der dem Grafen dem
Namen nach aus den früheren Zeiken wohl bekannt war, auf
Neudorf Absichten hege, daß auch von einem Käufer fitr No-
thenfeld die Nede gewesen sei, und der Graf hörte ihm, ohne
ihn zu unterbrechen, geduldig zu.
Dann, als jener geendet hatte. sprach er: Ja, sie regen
sich gewaltig, diese Herren vom Geldsacke und von der Hacke,
und man könnte wirklich mitunter meinen, das goldene und
das eiserne Zeitalter rückten gleichzeilig, und zwar zu unserem
Verderben, auf uns heran. Glicklicher Weise aber hat es keine
Noth mit ihnen. Ihre Interessen sind tausendfältig, kreuzen
und widerstreben einander, und die unseren sind eines - eines
und dasselbe durch die ganze Welt! Ihre Habgier trennt sie
von einander, unser berechtigtes Verlangen, das Unserige, seien
es Rechte oder Besizthümer, zu erhalten, zwingt uns zur Einig-
keit. Wir gipfeln in dem Throne, den wir stützen, sie suchen
nach einer Gestaltung, die Alle auf gleiche Höhe stellt, und sie
verflachen und vernichten sich auf diese Weise, während wir uns

- HH F ===
durch unsere Gliederung und Unterordnung zugleich vertiefen
und erheben. Es hat keine Noth mit ihnen und mit uns! Ich
habe sie unter den Franzosen studirt und kennen lernen, diese
republikanischen Grafen von vorgestern und Prinzen von gestern!
-- Er lachte.-- Du hast ja selber Proben von ihnen hier bei
mir gesehen. Schmuuhziges, habgieriges Gesindel, das Jeden fitr
läuflich hiell, weil es selber läuflich war!
Renatus hörte dem Grafen nicht ohne Wohlgefallen zu.
aber er wurde an seinen eigenen Erinnerungen und Erlebnissen
irre. Indes; wie alles in sich Vollendete, hai auuch die vollendete
Heuchelei sir denjenigen, der einer solcheu ichl säähig isl, elvas,
das ihn wenigstend fiir Agenllicke und oft sir lange Zeil be
herrschen und blenden kann, besonders wenn ihre Aeußerungen
den persönlichen Aisichien und Wiüuschen dessen begegnen, an den
sie gerichiet sind; und alles, was Reuatus von seinem Oheim
vernahm, war dazu geeignei, ihn zu beruuhigen. Freilich entsann
er sich gar wohl der Vorschläge und Aniräge, welche der Graf
ihm eben hier in diesem Zimmer zur Zeit der französischen
Herrschafi gethan hatie; er erinnerte sich auuch aller der Gerüchte,
die über seinen Oheim in Umlauf gewesen waren, und des
Tadels und der Unzufriedenheik, ja, des schweren Kummer?,
zu welchen derselbe seiner eigenen Familie Anlas: gegeben hatte.
Aber der Freiherr hatte in Paris eine große Anzahl von Män-
uern kennen lernen, von deren stürmisch durchlebter Jugend, von
deren auffallenden Sinnesänderungen man sich ebenfalls das
Abenteuerlichste zu erzählen wuste, und es hatte das nicht gehin-
dert, das man ihnen Ehre und Achtung zollte, wenn sie endlich
zu einer wüirdigen Abklärung ihres Lebens, zu Neberzeuguungen
durchgedrungen schienen, mit denen man sich einverstanden zu
erklären vermochte. Wie durfte der Neffe auch an der ehrlichen
Wandlung und siitlich -patriotischen Erhebung seines Oheims
zweifeln, wenn der König, in dessen unbedingter Verehrung der

== HH F H -
junge Freiherr auferzogen und den er gewöhnt worden war, als
die irdische Verkörperung der höchsten Gerechtigkeit zu betrachten,
den Grafen zu Gnaden angenomnnen und ihn mit einem seiner
höchsten Orden ausgezeichnek hatte? Der Autoritätenglaube,
welchen er zu den Pflichten seiues Standes zählte, zwang den
Freiherrn, das eigene Urtheil der Ansicht seines Königs unter-
zuordnen, und anzuerkennen, gelten zu lassen und zu verehren,
was dem Landesherrn, dessen menschliche Beschränktheit doch natür-
lich stets auf fremdes Urtheil, auf fremde Angaben zuriczugehen
sich genöthigt sah, von Dritten als ein Ehrenwerthes und als
der Anerlennung wirdig geschildert worden war.
Sein Verkrauuen in deö Oheim Einsicht sieigerle sich be-
ständig, und die mannigfache Kenntniß, welche derselbe von allen
praktischen Dingen zu haben schien, üüberraschte den Neffen. Auch
über Tremann's Angelegenheiten zeigte der Graf sich völlig
unterrichtet. Er erzählte, wie Tremann von der Flies das von
Aren'sche Grundstick in der Hauuplsiadt an sich gebracht, wie er
es parzellirt, wie er die Bewillignng erhalten habe, hinten im
Garten dem Wasser entlang eine Straße anzulegen, und wie
er sich dadurch nicht nur aus einer bedenklichen Verlegenheit
gerettet, sondern auch ein namhaftes Capital gemonnen und
seinen großen Credit aufrecht erhalten habe.
Sie haben sich, sagke der Graf, zusammengethan, wie ich
neulich hörte, als ich einmal ausnahmsweise, denn ich liebe
meine eigene Kiche, mit einem Bekannten im Hötel zu Mittag
as;; sie haben sich zusammengethan, Euer Steinert, dieser Tre-
mann und der Baurath Herbert. Sie sind es, die ihre Ab-
sichten auf Neudorf und auf Rothenfeld gerichtet haben. Sie
wollen bei Euch in der Prowinz, wo der Boden und der Ar-
beitslohn noch bilger sind als hier, Fabriken anlegen, Del-
und Zuckersiedereien, und, was weiß ich, was sonst noch Alles.
Steinert, der Marienfelde schon besizt, soll so viel als möglich

= ß F LF ====
von dem Rohyrodukte auf eigenem, den Fabriken gehörendem
Boden erzielen. Herbert übernimmt die Bauten. Steinert's
Sohn haben sie ein Jahr hindurch in England gehabt und nun
nach Amerika hinübergeschickt, damit er sich in dem Fabrikwesen
umsehen solle, und Tremann, der jetzt hier bereits wieder zu
den grosen Firmen zählt, findet fir jede seiner Unierehmungen
Theilnehmer und Capital, wobei denn, wie sich das nach Mei-
nmg dieser Leute wohl gebihrt, dem Erfinder der Löwenaniheil
anheimfällt. Die Continentalsperre hat sie alle llug gemacht,
und was wir Bonaparte auch nachzutragen haben, die Industrie
des Festlandes hat er mit einem Federzuge um Jahrhunderte
gefördert.
Der Graf erwähnte darauf noch in derselben abfertigenden
Weise verschiedener anderer Gewerbtreibenden, die in kurzer Zeit
große Vermögen erworben hatten; aber Nenatus hörte es nicht,
mehr. Es war ihm unheimlich, zu denlen, wie Andere sich
bereits Rechnung auf Gewinn von dem Ertrage seiner Güier
machten; und wie sich in solcher Lage die Vorstellungen dem
Menschen leicht zum Bilde verkörpern, kam er sich wie ein von
Jägern vorsichtig umstelltes Wild vor, dem zwwar die freie Be-
wvegung innerhalb des Reviers, aber kein Entrinnen mehr ver-
gönnt ist. Er sah sich im Geiste schon auf Richten eingebannt,
von Neudorf und Rothenfeld qualmte der Nauch aus den Schloten
der Delmühlen und Zuckersiedereien, er meinte den Donner der
Minen zu hören, mit denen man in den Steinbrüchen hinter
Neudorf die Felsen sprengte, und von seinem Mißempfinden
fortgerissen, rief er: Wenn ich mir denke, das diese Compagnie
sich bei uns einzunisten denkt.. -
Wo denken sie sich denn nicht einzuudrängen? erwiederte
mit lachendem Achselzucken der Graf. Und vor Allen dieser
Monsieur Tremann! Da - er stand auf, ging an seinen
Schreibschrank, schob einige Papiere, die auf demselben lagen,

== -7h F F ===-
mit rascher Hand zur Seite, und seinem Neffen ein Blatt hin-
haltend, fügte er hinzu: Da, lies einmal, welch eine Epistel ich
heute von dem Patron erhalten habe.
Nenats ihat, wie Jener brgehrte; indeß die Wirkung des
Schreibens war eine andere, als der Graf erwartet haben mochte,
denn mit sichtlicher Mißbilligung fragte sein Neffe: Aber wie
konnte das auch geschehen? wie konnte die Person zu diesen
Briefen kommen? Da Sie ihr dieselben nicht gegeben haben
können, so muß sie sie entwandet haben. Was werden Sie
denn khun ?
Was ich khun werde? lachte der Graf, Nichts! Ich werde
dem Herrn Tremann die Zeit vergönnen, den LandwehrMafor
zu vergessen, der ihm noch im Kopfe spukt, und sein Arten'sches
Blut, an das er sicherlich auch mit Vergnüigen denkt, allmählich
zu beruhigen. Wenn man als versiändiger und gewiegter Mann
sich noch um solche Jugendsiinden kümmern sollte, da hätte man
viel zu ihuun, voraunsgesezt, das man ein Paar rothe Backen
besessen und gesunde Glieder in der Uniform gehabt hat. ---
Aber den Scherz bei Seite! Du denkst doch hoffentlich jezt
nicht daran, Deine Angelegenheiten diesem Tremann noch länger
zur Ausbeutung zu überlassen?
Renatus sagte, wie Tremann selbst gefordert habe, daß er
ihn davon entbinden möge.
So ihne es, je cher, desto lieber! sprach der Graf. Du
bist jetzt hier, gehst jetzt nach Huse. Sieh' Dir an, wie die
Verhältnisse dort sind, und da ja zwischen heute und morgen
nichts entschieden zu werden braucht, so kann man überlegen,
was zu machen ist. Bringe mir die Berichte einmal her, viel-
leicht vermag ich etwas für Dich zu ihun. Ich komyne im Früh-
jahre in unsere Provinz. Der Regicrungs-Präsident, der Direltor
der Landschaft sind alte Freunde von mir. Man muß die Dinge
nur anzufassen, höchsten Ortes richtig darzustellen wissen! Es

Hrfc
--=- - z Jb===
geht Unsereinem nicht gleich an Hals und Kragen, und wenn
- s
man sich bei Aulas; Deiner Hochzeit an die rechie Stelle wendel,
so komut man Du. da Hildegard und die Mutter sehr geschäzt
sind, wohl zu Hüülfe. Sind wir denn Hans und Kunz, daß
wir uns nur mit so brutalen Mitteln wie Krethi und Plethi
aus der Affaire ziehen könnten?
Der Graf war bei diesen Auseinandersezungen äuserst
heiter geworden. Das wirkte auf Renatus vortheilhaft zurück.
-tach kurzer Beralhung kamen der Oheim und der Nesfe dahin
iiberein, das: der j:unge Freiherr gleich jehzl an kremann schreiben
uund die soforlige AuIhindigung der Geschäsisalien uid Dd -
luumenie begehren solle, weil Nenaius sie mit sich zu nehmen
wimsche. Das brachte die Unterhalkung denn auch auf die
Abreise des Freiherrn, und der Graf rielh ihm mil einer ge-
wissen Dringlichket, dieselbe zu beschleunigen und auch seine
Hochzeit so bald als uöglich zu begehen. Da died seinem
Nesfen beides auffiel, sagle Jener unuumwuunden, Nenatus möge
nicht vergessen, daß er aegenwärtig der lezte Arten sei und das
er seinem Hause schlde, endlich fitr die Erhaltung dieses alten
Geschlechtes Sorge zu fragen. Nebenher sei Hildegard durch den
langen Braulsland muihlos und an sich selber irre geworden,
habe ein Mißtrauen in Renatus Zuuneigung zu ihr, und es
sei auch fir Renatus selber nöthig, daß er sich von dem Gerede
frei mache, das über ihn im Gange sei.
Der junge Freiherr fuhr auf. Er begehrte zu wissen, was
daö sagen wolle; sein Oheim suchte ihn zu beschwichligen, und
da Jener in ihn drang, meinte der Graf, er selber habe nicht
recht dahinter kommen lönnen, um was es sich dabei handle.
Graf Stammburg, der Aitach der preußischen Gesandischaft,
welcher dieser Tage mit Privat- apeschen von aundon ange-
D,
N,.
kommen sei, habe das Gerücht von einem Liebeshandel, einem
Bekehrungsplane, einer Verfihrungs- oder Etfihrungsgeschichte

-- Z7ß=-
hierhergebracht, in welcher der Name eines katholischen Geist-
lichen mit Renatu Namen und dem Namen der bekannten
Schönheit, der Gräfin Haughton, wunderlich verschlungen z
gleicher Zeit genannt worden wären. So viel stehe fest, daß
die englische Gesellschaft die Gräfin zurückgewiesen, daß sie sich
auf ihre Güter begeben habe und in das Ausland zu gehen
baabsichtige. Käme sie bei ihrer Reise etwa nach Berlin, so sei
es, was auch immer zwischen ihr und dem Freiherrn vorge-
gangen wäre, gewisß das Beste, wenn derselbe bei ihrer Aulunft
nicht in der Hauptstadt und wo möglich schon vermählt sei, um
sich damil gegen seine eigenen Erinnerungen wie gegen die mög-
lichen Ansprüche der Gräfin eine Schuzwehr zu bereiien.
Renatus war sehr betroffen. Er konnte es nicht ertragen,
von sich und von Eleonoren in solcher Weise sprechen zu hören oder
einen Verdacht gegen seine Ehre auf sich sizen zu lassen. Um
sich zu rechifertigen, erzählte er dem Oheim seine Erlebnisse bis
in ihre kleinsten Einzelheiten, und es war lange nach Mitier-
nacht, als die Beiden noch bei einer Flasche Wein beisammen
sasßen.
Der Graf war ein vortrefflicher Zuhörer. Er verstand zu
fragen, sprechen zu lassen und zu schweigen. Als Renatus aber
alle seine Mittheilungen geendet und dem Grafen selbst sein
erkaltetes Empfinden für seine Braut nicht verborgen hatte,
rieth dieser ihm nur noch entschiedener, gleich an einem der
nächsten Tage nach seiner Heimath aufzubrechen. Er pries Hilde-
gard in gewohnter Weise auf das wärmste, meinte, jedes Feuer
erlösche, wenn man es zu lange ohne Nahrung lasse. Auch Re-
natus brauche nur in der Nähe seiner Braut zu sein, um die
alten Flammen wieder auflodern zu fühlen. Dazu gab er ihm
des Königs bekannten Widerwillen gegen alles, was irgend nach
einem romantischen Abenteuer aussähe, zu bedenken. Es sei nicht
rathsam, meinte er, wenn der König jetzt zum ersten Male von

-- IZ--
Renatus, gerade auf Anlaß eines so vieldeutigen Gerüchies,
sprechen höre, ohne daß man durch den Hinweis auf seine nahe
Vermählung mit einer ihm von Jugend auf verlobten Braut
jene Verdächtigungen entkräften könne. Füir die Herstellung von
Nenatus' Vermögen und Besiz sei des Königs Gust die ersie
und die einzige Bedingung, und die Gräfin Rhoden, die Mutter
wie die Töchier, besästen diese Güsl.
Der Graf kam allmähhlich auch auf die Baronin Vitioria
zu reden, erwähnte mit Bedauern, das; sie seinen verstorbenen
Schwager wohl mnanche unangenehme Erfahrung habe machen
lassen, und meinte, da heute einmal zwischen ihnen Alles, wie
es sich zwischen so nahen Blütsverwandken und zwischenn Männern
zieme, welche die Welt und dad Leben keunen gelernt hätten,
durchgesprochen würde, so wolle er Nenatuus denn auch vertrauen,
daß er in Bezug auf dessen Stiefmutter ein sehr wichtiges Do-
kument besize. Es sei ein Brief, der Brief eines im Felde ge-
bliebenen italienischen Offiziers an die Baronin. Er, der Graf,
sei sonst, wie Nenatus es heute gesehen habe, eben lein sorg-
fältiger Aufbewahrer von Papieren, indeß dieses sei ihm doch
der Mühe werth erschienen. und da man nicht wissen köune,
wie Alles sich einmal im Leben füge, so sei er bereit, es Ne-
natus auszuhändigen.
Die Mittheilung kam dem Freiherrn höchlich unerwimscht.
Sein Schamgefihl wie sein Ehrgefühl lehnten sich gegen diese
Enthüllung des Verrathes auf, welchen Vittoria gegen seinen
Vater begangen hatte; und daß ein Anderer, als eben er und
sein verstorbener Vater, sich daä Recht zuerkennen durfte, seine
Stiefmutter zu verurtheilen, that ihm auch um ihretwillen weh.
äSäre er seiner ersten Eingebung gefolgt, so würde er das An-
erbieen von sich gewiesen haben, aber die sliüchligste leberlegung
ließ ihn erkennen, daß ein Zeugniß gegen die Baronin, gegen
die Frau, die seines Vaters Gattin gewesen war und seines

=-- ZF--
Hauses Namen trug, nicht in framden Händen bleiben dinfe;
und sich überwindend, sagte er so ruhig, als er es vermochte,
das; er es seinem Dukel natitrlich nur Dank w ssen könne, wenn
er ihm den Brief abtreten wollk.
Der Graf holie ihn also sofcrt herbei. Der Zufall spiel:
oft wunderbar, meinte er. Ein inliener, der uns hier zur Zeit
des rzssischen Feldzuges iu Hause erlrankie und am Typhuus
slarb, haite das Blait an Vilioria in seiner Briefiasche. Die
Weisßenbach, welche des Kranken gewartet und dann später sein
Hab und Gut an sich genommen hat, brachte mir das Schreiben.
E war in der That nuur ein einzelnes Blait, wie man
es aus einer Schreibkafel heranureisßt, los zusammengelegt, mit
Bleistift geschrieben, die Buuchstabun und die Zeilen unregelmäßig;
man mußte annehmen, daß ein Kranker, ein Sterbender sie
hingeworfen haite. Die Aufschrift aber war von einer anderen
Hand. Sie trug in festen, sihern Lettern Vittoria's Namen
mit genauer Angabe ihres Wohnortes und der Stadt, in deren
Nähe Schloß Richten gelegen wr.
Ohne den Neffen anzusehen --- und diese Ricksicht wußte
Nenatus sehr zu würdigen -- reichte er ihm iber die Schulter
hin das Blatt. Wer weiß, wie Du es einmal brauchen kannst,
Deine Stiefmuutter im Zaume zu halten, sagte er. Ich habe,
wie ich Dir bekennen will, durch die bloße Andeutung, daß ich
von dem Dasein eines solchen Briefes wisse, Ruhe und Frieden
in Richten geschafft, und die Gräfin und Hildegard haben mich
seitdem für einen großen Psycholugen, ja, für einen halben
Zauberer angesehen. Du wirsi viel zu schlichten und zu schaffen
finden, denn auch der Junge ist ein wahrer Satan, aber viel-
leicht auch ein Genie, und wenn Du etwa von dem Briefe
einml Gebrauuch zu machen denlsi. -
Das werde ich niemals! fiel Renatus ihm in die Rede.
Hüte Duch, mein Lieber; man soll so etwas nicht sagen!

882--
meinte der Graf. Das Leben nimmt uns oft sonderbar beim
Worte!
Es entsiaud eine Pause; Renatus schickte sich zum Fort-
gehen an. Der Graf fragte ihn, wann er nach Hause zu reisen
denke, und er entgegnete, das; er schon morgen aufbrechen möchte,
daß er jedoch erst uoch einmal zu Tremann gehen und seine
Papiere an sich nehmen misse. Der Gras hingrgen meinie, das:
Nenalus deßhalb ja nicht noch einmal mit Tremaun zusammen
zn kommen brauche, sondern das; diese Sache sich auch schriftlich
abthun lasse; und uach lurzeu Hin- und Widerreden lamen sic
überein, daß der Graf gleich jezt zwei Zeilen an Tremann
schreiben solle, um dem Neffen ein neues uuwilllomnenes Be-
gegnen zu ersparen.
Der Graf, der es unter der Franzosenherrschaft wohl ge-
lernt hatte, rasch und gewandt mnit der Feder uuzugehen, setzte
sich sofort an seinen Schreibtisch nieder. Warte, sagte er, dabei
kann ich ihm gleich auf seinen ritierlichen Brief von diesem
Morgen dic ihm gebührende Antwwort vergönnen. Als er geendet
hatte, bot er seinem Neffen dad Billet zur Aesicht dar. Es lantete:
, Mein Neffe, der Freiherr Renatus von Arten-Richten,
welchen der Wunsch, seine Heimath und seine Braut baldmöglichst
wiederzuschen, zu beschleunigter Abreise veranlaßt, hat mich be-
auftragt, die sämmilichen in Ihrem Gewahrsam befindlichen,
ihm zustehenden Papiere und Dokumente pon Ihnen zurüczu-
fordern. Ich ersuche Sie also, mir dieselben gegen einen von
dem Freiherrn unterzeichneten Epfangsschein zustellen zu lassen.
Bei dieser Gelegenheit bemerke ich zugleich auf Ihr Schreiben
von heute früh, daß es mir gegen die Ehre und gegen die
sittliche Pflicht eines jeden Mannes zu verstoßen scheint, entwendete
Papiere käuflich an sich zu bringen, daß es aber fern von mir
ist, Sie deßhalb zu einer Nechenschaft zu zehen, da jene mir
entwendeten Briefschaften völlig werthlos für mich sind.

-= ZZZZ--
Der Graf sah, daß die lezten Zeilen dieses Bricfes nicht
nach dem Sinne seines Nefsen warrn, aber er wuszte dem Aus-
drucke dieses Mißfallens vorzubeugen. Man muß hiesen Herren
doch gute Sitten lehren, sagte er spittisch, und ihnen zeigen,
wie ein Cavalier u ,hresgleihen uuzugehen hat. Sie möchien
1i N
sich am liebsten auch in der Gese lschaft in Neihe ued Glied
mi! llisereiie:u slellen, weil sie einn al im: Felde neben uns
gestanden haben. Aher die Tuuge flgen einander und gleichen
einander nicht! wie die Franzosen richkig sagen.
Er ersuchte Renatus darauuf, ihm den Emofaugsschein,
dessen er fir Tremann benöthigt wr, zu schreiben. Sie ver-
abredeten, daßß sie am nächsten aage noch zusanmen speisc:u
wollten, und Renatus, der von der Menge der verschiedensten
Eindrücke auufgeregt war, trug jezt selbst ein.rlangen, nach
N.
Richten zu konumen, um seine Zustände und Verhälinisse einnal
durch eigene Anschauuung und Erfahrung z --- uud wo
i.wüisz i
möglich zu einem Abschlisse zu
N, hs-
n-- -- -uhe auf sich selber zu
brilge!!, der es lg=-. =- z=--s-
Iisss orrifHf f
besinnen.