Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Band 04
Titel

Fann. Lewald's
a e sa m m elte Werl e.
raHaJOo==-
Neue, van der Verfasserin veranstaltete, revidirte Ausgabe.
Siebenter Band:
Von Geschlechl zu Geschlechl.
.
serlin, 1.
Verlag von Dtto Janke.

Von Geschlechtzu
====
Roman in zwei Abtheilungen
von
Fanny Lewald.
Neue, von der Verfasserin veranstultete, revidirte Ausgabe.
Bierter Baund.
lebersetzung ist vorbehalten.
serlin, 1.
Verlag von Otto Janke.

Per
Zweite Abtheilung.
z1 porköm mling.
- ---===dcd==-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1. h

Kapitel 01

---
a Zua
Erstes Capite l.
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--=ze Tage folgen einander und gleichen einander nicht!
wiederholte sich der Freiherr, als er in seiner Neisekalesche einsam
durch die tief verschneiten Haiden gen Osten nach seiner Hei-
math fuhr.
Er empfand das jezt noch lebhafter, als es sich ihm bei
seiner Neise durch Deutschland dargestellt hatte. Gerade sechs
Jahre waren es her, seit er mit dem preußischen Contingente.
am Ausgange des Winters, denselben Weg gegangen war;
aber sie waren dahin, die jugendlichen Liebes- und Ruhmeö-
träume, welche ihm damals die Brust geschwellt hatten. Ihm
winkte jetzt nicht mehr das Wiedersehen mit seinem Vatrr, nicht
mehr die Aussicht, mit seinen fröhlichen Kameraden in seiner
Väter Schloß heitere Tage zu verleben, und Vittoria und ihren
Sohn in Freuden zu umarmen. Er war noch jung geng,
indeß die großen Ereignisse, die ungewöhnlichen Schicksalswechsel,
die er an sich hatte vorüberziehen sehen und in denen er selbst
betheiligt gewesen war, die Gefahren und Nöthen, die er über-
standen, die Vorgänge in seiner Familie und namentlich die
Erfahrungen, die sich ihm in Paris in den letzten Wochen und
Monaten aufgedrängt hatten, machten, daß er sich älter, in der
That weit älter dinkte. Dazu trat die Sorge jetzt nahe und
näher an ihn heran.
So lange er in Frankreich gewesen war, hatte er sie wie
eine ferne, weit entlegene Gebirgsreihe nur in unbestimmten

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umrissen und nur gelegentlich vor sich gesehen. Jetzt, da er sich
auf der altbekannten Strasße wiederfand, da jede Station ihm
eine halbvergessene Erinnerung wachrief, tauchte auch die ganze
Kette seiner Sorgen immer deutlicher vor ihm empor, und er
konnte, wohin er den Blick auch wendete, es nicht hindern, daß
sie sich hoch und höher aufzuthürmen schienen, bis er sich endlich
wie von ihnen umringt und seinen ganzen Horizont von ihnen
in einer Weise eingeschlossen fühlte, daß es ihm jeden freien
Ausblick hemmte und ihm den Athem einzuengen drohte.
Was ging ihm nicht alles durch den Kopf! -- Jn diesem
Gasthofe war er gewesen, als er mit seinen Eltern, in Begleikung
der Herzogin, nach der Stadi gefahren war. Er erinnerte sich,
wie man ihn in den Wagen der Herzogi gebrach haile, damil
die Mutier Ruhe hätte, und wie heiter sein Vater an dem Tage
gewesen war. Vor jenem Kruge hatte man ihm auf der Nück-
reise zu trinken geben lassen, und der Krüger hatte nach der -
Frau Baronin gefragt, die unter Seba's Obhut mit dem Caplan
in der Stadt schwer krank zurückgeblieben war. Nun lebten sie,
alle nicht mehr: nicht sein Vater, nicht seine Mutter, nicht der
Caplan und nicht die Herzogin! Und wie ihm das auch weh
that, sie lonnte er nicht beklagen. Das Leben diünlte ihm lein
so großes Gllck. Brauchten sie alle es doch nicht zu hören,
was er von Tremann und von dem Grafen hatte hören müüssen!
Er dachte mit einer zärtlichen Gengthnung daran, daß sie mit
weniger beschwertem Sinne, als er, durch ihr Dasein gegangen
waren, und daß nur er allein die Erbschaft ihrer Sorgen auf
sich nehmen mußte. Sie häiten denselben zu sehen nicht mehr
vermocht.
Vor dem Hause, vor welchem er auf seinem eiligen Ritte
nach dem väterlichen Schlosse damals, als er seinem Regimente
Quartier bestellen wollte, mit Steinert zusammengetroffen war,
mußte er auch jetzt wieder verweilen. Man hatte die Post-

halterei dahin verlegt, es war die lezte Siation, auf der er
seine Pferde wechselte. Der Posthalter, der den jungen Frei-
herrn troz der sechsjährigen Entfernung augenblicklich wieder-
erkannte, bewilllommte ihn mit lebhafiem Zuspruche. Wie vor
sechs Jahren, hatte Renatus jedoch auch jezt keine Neigung.
darauf einzugehen. Jetzt wie damals fürchtete er, irgend welche
ihm unwillkommene Berichte zu vernehrnen, denn Gutes war ihm
' von Hause schon seit langer Zeit nicht mehr gekommen. Und
sich wie Einer, der geschlafen hat und weiier zu schlafen denkt,
tief in die Wagenecke zurücklehnend, befahl er, sobald die Pferde
vorgelegt waren, weiter zu fahren.
Es war noch friih am- Morgen, als das Schloß sich vor
seinen Augen erhob. Die Staitlichleit desselben freute ihn, da
er es jetzt zum ersten Male als sein Eigenthum begrüßen sollte,
aber seine Besizesfreude warnicht rein. Wehmiüthige Erinnerungen
und schwere Sorgen warfen ihre trüben Schatien über sie.
Man hatte am verwichenen Tage die Kalesche des Freiherrn
auf Kufen gesetzt und die Räder untergebunden, denn der Schnee
lag hier noch auf dem ganzen Lande fest. Er reichte vor den
niedrigen Häusern der Jnsassen bis an die halbverstiemten kleinen
Fenster hinauf. Nun steckten aus den Thitren sich hier der
Kopf einer Alten, dort ein paar Kindergesichter unter ihren dicken
Pelzmizen hervor, als mit dem Schalle des Posthorns zugleich
das Klingeln der Schlittenschellen ertönte, und der Schlitten, von
den starken Gäulen fortgezogen, eilig durch das Dorf fuhr.
Die winterliche Einsamkeit, das Anschlagen der Hunde, das
sich von Hof zu Hof fortsetzte, bis es aus dem Bereiche des
Schlosses an des Freiherrn Ohr klang, hatten etwas Melancho-
lisches für ihn, dem jezt seit Jahren das belebte Treiben der
heitersten aller Städte zu einer lieben Gewohnheit geworden war.
Da er sich in Berlin so plözlich zum Aufbruche entschlossen und
auch seine Abreise von Paris schneller, als er es erwartet hatte,

==- F -
gekommen war, konnte man yier in Richten natürlich auf seine
Ankunft noch nicht vorbereitet sein.
Das eiserne Gitter in dem Hofthore war geschlossen, kein
Laden in beiden Stockwerken geöffnet. Man hätte das Schloß
für unbewohnt ansehen können, wäre nicht aus den Schloten
der Rauch emporgestiegen.
Der Postillon lies; auf's Neue sein Horn erllingen, um
Einlaß zu erhalten. Der Freiherr betrachtete während dessen,
wie der graue Rauch, von der Sonne erhellt, an dem lebhaft
gefärbten Himmel in graden, sich kräuselnden Säulen in die
Höhe tieg, die Gegend, das Klima, sein Schloß und sein ganzer
Zustand kamen ihm plötzlich so fremd, so wenig als zu ihm
gehörend vor, daß er über die Gleichgültigkeit erschrak, mit der
er, hier umherschauend, auf das Deffnen seines Hauses wartete.
Der Bursche, der das Thor aufmachte, kannte den Frei-
herrn nicht. Er war noch ein Knabe gewesen, als Renatus
fortgegangen war. Aber der Stallknecht, der hervorkam, riß voll
freudiger Bestürzung seine Mütze von dem Kopfe und rief,
während er sich mit den Händen gegen die Lenden schlug, den
Schlitten nachlaufend: Der Herr! Herr Jesus, unser junger,
, gnädiger Herr ist da! der Herr ist da!
Der Ruf brachte im Hofe Alles schnell in Bewegung. Der
! Kutscher, ein Paar der andern Leute eilten nach der Rampe.
s Die Thüre des Schlosses ward rasch aufgemacht, es kamen ein
! Diener, einige Mägde zum Vorschein, man umringte Renatus,
s man küßte ihm die Hände, aber es waren lauter fremde Ge-
s sichter. Nicht Einer von den Leuten, die früher im Schlosse
s gewesen waren, fand sich unter den Begrüßenden, so daß es dem
s Schloßherrn endlich eine wirkliche Erquickung war, als Vittoria's
! italienische Kammerfrau, ihr rothseidenes Tuch wie sonst um das
t dicke, schwarze Haar geschlungen, aus einem der unteren Zimmer
s zum Vorschein kam.

==- F--
Wo ist die Signorina? fragte Nenatus lebhaft, und der
bloße Klang dieses einen Wortes erwärmte ihm das Herz.
Hier, Signor,
wird gliicklich sein
Sie, kommen Sie,
Signorina sein!
hier! Im Bette! Sie schläft noch, aber sie
über ein. solches Erwecktwerden! Kommen
Herr Baron! Wie glücklich wird meine
Die trene Seele ließ dem Freiherrn kaum die Zeit, sich
seiies Pelzes und, seiner Reisestiefel zu entledigen; dann ihn
mit sich fortziehend, öffnete sie die Thüre von Vittoria's Gemach
znd meldete mit ihrer starken, lauten Stimme Signora, liebe
Herrin, unser Herr ist da! Unser junger Herr, unser Herr
Baron!
Das Feuer brannte hell im Kamine, Gaetana riß die
Fensterläden auf, daß die emporkommende Sonne durch die ge- .
frorenen Scheiben blendend hell hineinschien, und von dem grellen
Lichte schnell erweckt, richtete Vittoria sich auf ihrem Lager rasch
empor, sah den Eintretenden mit ihren mächtigen Augen voll
Erstaunen an und rief dan, ihm ihre Arme entgegenbreitend:
Renatus, lieber Nenalus, mein Sohn, mein Freund! Aber welche
Freude, aber welch ein Glück!
Sie konnte sich nicht geng ihun. Er hatte sich zu ihr
niedergebeugt, sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und
küßte ihn wieder und wieder.
Wie Du schön geworden bist, wie groß, wie stark! sagte
sie Mal auf Mal, und wenn sie ihn von sich entfernt hatte,
als könne sie ihn nun besser betrachten, so zog sie ihn wieder zu
sich heran, um ihn auf's Neue zu umarmen. Plözlich aber
brachen ihre Thränen gewaltsam hervor, und die Augen
hillend, sprach sie: Ich glaubte, ich ses alt, sehr alt! Aber
ein Bißchen Hoffnuung, nur ein Sonnenstrahl des Glickes,
ber-
nur
und
das Leben und die Jugend sind wieder da! - O, ich bin
jung wie Du, seit ich Dich wiedersehe!

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Ehe er es hindern .onnte, hatte sie in der Freude seines
Herzens seine Hand ergrissen und an ihre Lippen gedrlickl. Ihre
Warmherzigkeit, die Rückhaltlosigkeit, mit welcher sie sich an ihre
Empfindung hingab, bezauberten Renatus, und wie ihr in der
lebhaften Bewegung das seidene Tuch vom Haupte glitt, daß
die Fülle ihres schwarzen Haares sie und ihr volles, marmor-
farbiges Gesicht umfloß, übte auch ihre Schönheit den alten,
lieben Reiz auf ihren Stiefsohn aus.
Sie fragte nach seinem Ergehen, aber sie fragte, wie es die
Weise ihres phantastischen Sinnes war, bald nach Diesem, bald
nach Jenem. Er sollte erzählen, und doch war sie es, die ihm
erzählte, wie krauurig, wie verlassen sie hier im Schlosse lebe, wie
schön Valerio geworden sei, wie sie es hier gar nicht ertragen
haben würde, hätte sie Valerio und Cäcilie nicht gehabt, hätte
sie sich nicht damit getröstet, daß Renatus wiederkommen und
seiner armen, kleinen Mutter das Leben wieder leicht und lieblich-
machen werde. Nur des Freiherrn, ihres verstorbenen Gatten, -'
erwähnte sie mit keinem Worte, und Renatus mochte ihre Freude
durch keine schmerzliche Erinnerung stören. Es fiel ihr gar nicht
ein, daß Jemand, der von einer Reise kommt, ein Verlangen
nach Nahrung oder den Wunsch hegen könne, sich umzukleiden.
Sie dachte nicht daran, daß er von der mehrtägigen Fahrt er-
müdet sein müsse; selbst daß sie aufstehen und sich ankleiden
lassen könne, kam ihr nicht in den Sinn. Sie war froh und
glücklich, sie war immer noch die alte Vittoria, die im Augen-
blicke ihre Welt zu finden wußte, und wie sonst riß sie Nenatus
mit sich fort, daß er sich fröhlich und erquickt in ihrer Nhe fihlte.
Mit einem Male jedoch erhob er sich von dem Sessel, auf
welchem er vor Vittoria's Lager Platz genommen hatte, und sich I
selber scheltend, sprach er Aber ich size hier bei Dir, Signorina.
und ich muß zu meiner Braut, zu Hildegard!
Das ist wahr! so geh', so eile! Sie wird sich freuen, die

-- P1---
gute Hiloegard! Aher sie ist immer unwohl, immer unwohl,
die guie Hildegard! entgegnete Vittoria.
Auf seine Frage, was seiner Verlobten fehle, fügie die
Baronin hinzu, Hildegard habe den Schnupfen, immer den
Schnupfen, sie sei immer erkältet und leide, wie sie sage, an den
Nerven. Sie behaupie, die Sehnsucht habe sie krank gemacht.
Nun aber sei er ja da, nuun also werde sie genesen.
- Renatus konnte den Spott in den Worten seiner Stief-
mutter nicht üüberhören, indeß er mochte sich nicht gleich in dieser
Stunde mit den kleinen Mißhelligkeiten und Eifersüchteleien be-
fassen, deren Aenserungen er in jedem Briefe gefunden, welchen
er von Hauuse erhalten hatle, und schnell die Treppe und den
langen Korridor hinaufgehend, folgte er dem Diener, der ihn
bei der Gräfin ansagen sollte, während er selbst in seine Zimmer -
zu gehen und sich nach der langen Fahrt umzukleiden wünschte,
ehe er vor seiner Braut erschien. Er hatte jedoch den Korridor
noch nicht verlassen, als eine in Bewegung bebende Stimme die
Worte ausrief: Wo ist er? Ach, wo ist er? Und da er, diese
Stimme erennend, sich umwendete, eilte Hildegard mit ausge-
breiteten Armen, den Kopf wie in einer Verzückung erhoben,
auf ihn zu und drückte ihn stumm und sprachlos, als wolle sie
ihn nicht mehr lassen, an ihr Herz.
Die Mutter, die Schwester waren ihr auf dem Fuße ge-
folgt, der Diener stand dabei, das Kammermädchen, welches den
Frauen einige Kleidungsstiücke zuzutragen hatte, kam ebenfalls
den Gang herauuf, und wenn diese Begegnuung in dem kalien
Vorsaale, im Beisein einer ihm fremden Dienerschaft, schon nicht
nach dem Wunsche des jungen Freiherrn war, so lag in dem
Wesen, in dem Tone, ja, selbst in der gewaltsamen Innigkeit,
mit welcher seine Braut ihn umarmte, etwas, das, stati ihn zu
erwärmen, ihn erkältete, weil es ihn unwillkürlich von sich selber
, abzog und ihn zum Beobachten nöihigte, wo er sich einer ein-

-- hß--
facheren Ausdrucksweise oer Empfindung arglos und willig hin-
gegeben haben würde.
Fasse Dich, liebe Hildegard, fasse Dich! mußte er sie zu
wiederholten Malen ermahnen; aber sie schiittelte stumm und
immer noch sprachlos das Haupt, und Renatus war endlich ge-
nöthigt, sie mit sanfter Gewalt von seinem Herzen aufzuheben,
um die Muiter, um Ceilie begrüszen und Hildegard in das
Zimmer geleiten zu können, wohin die Andern ihnen solgten.
Die Gräfin hatte sich, weil sie in dem fremden Hause so
wenig als möglich an dem Bestehenden zu ändern gewüünscht,
als sie nach Nichten gezogen war, in dem sogenannten Fremden-
flügel niedergelassen, der einst von der Herzogin bewohnt worden
war. Hieher hatte sie ihre Möbel bringen lassen und sich, so
weit dies möglich war, ganz so eingerichtet, wie in den Räumen,
die sie in der Stadt zuletzt innne gehabt hatte. Hier wie dort
hingen die weißen, schlichten Vorhänge in langen, regelrechten
Falten an den Fenstern hernieder. Das kieine, alte Klavier,
das schlichte Sopha, die Bilder der Königin und des Prinzen
Louis Ferdinand, es stand und hing hier Alles so wie dort;
auch die strenge Ordnungsliebe, die glänzende Sauberkeit herrschten
hier wie dort. Nenatus kante Alles wieder, Alles; selbst den
Myrtenstock am Fenster in dem alterthümlichen, gemalten Topfe,
und doch war es ihm so fremd, doch ängstigte es ihn- so wie
Hildegard's stumme Liebe, wie ihr Blick ihn ängstigte, der sich
gar nicht von ihm wendete, wie ihre langen Händedrücke ihn
beängstigten.
Was war denn mit seiner Braut geschehen? Die Mutter
sanften Lächeln und dem guten, mütkerlichen Ausdrucke. Cäcilie
war noch gewachsen, war voll, stark und hübsch geworden, weit
hübscher noch, als ihre erste Jugend es hatte erwarten lassen;
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fand er, wie er sie verlassen halte. Sie war imnner noch die
edle, statiliche Frau mit den breiten Wangenflächen, mit dem
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nur Hildeg..d hatte sich in einer Weise verändert, daß es Re-
natus schwer fiel, ihr zu verbergen, wie ihn Ke überrasche.
In ihrem dunkeln, engen Morgenrocke, mit der fest an-
liegenden, kleinen weißen Haube über dem glatt gescheitelten
Haare sah sie ihm wie eine Nonne, wie eine barmherzige
Schwwester aus, und ihr Behaben lies; ihn vollendö an ihr irre
werden. Er kam nicht iber die Frage hinaus Was stellt das
, vor?, was soll das bedeutenn? Er konnte sich des Gedankens
, nicht' erwehren, dasß er verurtheilt sei, in einer Komödie eine
s ihmr aufgedrungene und nicht natürliche Nolle zu spielen. Er
s missiel sich in derselben, er fand sich lächerlich in ihr; aber
s Hildegard mißfiel jhm noch weit mehr. Er war froh, wenn
s die Mutter, wenn Cäcilie mit ihm sprachen, er konnte es endlich
j gradezu nicht mehr eriragen. sich von seiner Braut mit dieser
l schwermuthsvollen Liebe ansehen zu lassen, und von einer plöz-
, lichen Ungeduld ergrifen, fragte er sie, ob sie krank sei.
Krank? D nein, glicklich bin ich, unaussprechlich glüclich.
s entgegnete sie ihm, so glicklich, daß ich's noch nicht fassen, noch
, nicht glauben kanu!
Aber diese Antwort machte das Uebel ärger, und lachend,
! um seine wahre Empfindung zu verbergen, sagte er: So will
, ich mich umkleiden gehen, damit Du Zeit gewinnst, Dich zu be-
ruhigen! Und den Anderen freundlich zunickend, verließ er sie.
Jn seinem Zimmer angelangt, warf er seine Kleider von
j sich und ging mit heftigen Schritien in dem gcoßen Raume
auf und nieder. Das Herz war ihm still in der Brust, zum
j Erschrecken still, und seine Gedanken wirbelten mit einer Schnelle
, durch seinen Kopf, daß er ihnen kaum zu folgen vermochte.
Es war unmöglich, er konnle sein Wort nicht halten.
z Dieses Mädchen konnte er nicht heirathen. Daß er Hildegard
! nicht liebe, das halie er lange, das hatie er eigentlich schon am
Tage nach seiner Verlobung gewußt; dennoch hatie er es für

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möglich gehalten, sic; mit ihr zu verbinden, um seinem Ver- s
sprechen nachzukommen, und er hatte gemeint, auch ohne die s
eigentliche Liebe glücklich an ihrer Seite leben zu können. Sie j
war immer schwärmerisch, immer überspannt, immer von einer s
großen Empfindsamkeit gewesen. Aber die Schwärmerei, welche
ihr vor Jahren einen eigenthimlichen Neiz verliehen, die Empfind-
samkeit, die ihn bei dem Abschiede mit sich fortgerissen hatte,
kleideten sie jezt nicht mehr. Sie sah so verblüht aus. Vittoria
hatte Recht, man sah es, daß sie beständig kränkelte, daß sie
beständig den Schnupfen haben mußte; und dazu diese Gefühls-
komödie, dieses Zurschautragen der Empfindung!
Wie schön, wie frei war Vitioria, die man mitten aus
dem Schlafe erweckt und die von seiner Ankunft eben so wenig
eine Kenntniß gehabt hatte, in ihrer Freude gewesen! Wie
herzlich hatte ihn die Mutter, mit wie fröhlicher Zärtlichkeit hatte
Cäcilie ihn empfangen! Er brauchte nicht an Eleonore, an,
dieses herrlichste der Weiber zu denken, um sich zu sagen, daß
Hildegard nicht fir ihn passe, daß er zu jung, zu lebensvoll
und, der fliüchtigste Blick in seinen Spiegel rief es ihm zu, ein
zu schöner Mann sei, um ein Mädchen wie Hildegard an den
Altar und in sein Haus zu füühren. Es war unmöglich!
Aber was sollte er thun? Sollte er es ihr gleich jetzt,
gleich heute sagen, daß er sie nicht liebe? Sollte er warten
und die Zeit walten lassen? War es denkbar, daß sie ihm bei
längerem Beisammensein weniger mißfiel? Durfte er darauf
rechnen, daß sie vielleicht selber einsehen lernen wüürde, wie wenig
sie und er zusammen paßten? Sollte er ihr schreiben - mit
der Mutter sprechen? Sollte er abreisen? = Damit war freilich
nichts gewonnen!- Und doch hätte er es am liebsten thun
mögen, hätte er nicht nach dem Seinigen sehen müssen und wäre
Vittoria nicht dagewesen, die er liebte, die wiederzufinden er so
glücklich gewesen war.
k

--- PJ --
-er Diener hatte des Freiherrn Kleider noch nicht aus-
gepackt, als dieser etwas die Treppe hinau?stürmen hörte, und
im nächsten Augenblicke warf sich ein Knab mit dem Auusrufe:
Mein Bruder, willkommen, mein lieber Bruder! ihm in die Arme.
Ein blihenderes, ein schöneres Geschöpf war kaum zu
denken. Weit gröster, als seine Jahre es erwarken ließen, das
braune Gesicht von einer Fülle schwarzen Haares umlockt, die
Fchönen Lippen vom Lachen umspielt, die großen Augen vor
Frende funkelnd', und leicht und kräfiig in jeder Negung und
Bewegung. entzückte Valerio den jungen Freiherrn durch sein
- bloßes Erscheinen; und jene Liebe für die Kindheit, welche die
Frauen meist als ein ihnen besonders eigenes und angeborenes
Gefühl bezeichnen, während die Männer sie oft in ganz gleichem,
wenn nicht in einem höheren und edleren Grade besitzen, be-
. mächtigte sich urplözlich seines Herzens. Er konnte nicht satt
s werden, den schlanken Knaben anzusehen. Er hörte es mit un-
säglichem Vergnügen, wie Valerio ihn immerfort seinen Bruder,
seinen geliebten Bruder nannte, wie er sich freute, daß der
, Bruder nuun wieder da sei, wie er den Bruder bewunderte, der
s alle die Schlachten gefochten hatte. Nie zuvor waren die Worte
,mein Bruder' zärtlicher an des Freiherrn Ohr gedrungen, es
j hatie Niemand mit so voller, kindlich vertrauender Liebe zu ihm
! emporgesehen. Und diese Zuversicht, diese vertrauende Bruder-
! liebe des schönen Knaben, den er hatte geboren werden sehen,
den er auf seinen Armen getragen hatie, sollte er Lüügen strafen,
sollte er jemals wieder entbehren müssen? Nimmermehr!-
Vittoria war der Stern seiner Jugend gewesen, ihre Liebe und
Freundschaft hatten seine bis dahin einsame und freudlose Kind-
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heit in Glück verwandelt. Jetzt konnte er es ihr vergelten, es
ihr in ihrem Sohne mit Genuß vergelten, und er gelobte sich,
es zu thun.
Nur mit Widerstreben, nür, um ihn nicht in fremder

-- hh--
Hand zu lassen, hatte er ds?. Brief, der gegen Vittoria Zeugniß
gab, von dem Grafen Gerhard angenommen. Renatus hatte
nicht daran gedacht, ihn jemals gegen sie zu brauchen oder dem
Willen seines Vaters entgegen zu handeln. Nur darüber war
er mit sich nicht eins gewesen, ob er ihn Vittoria übergeben
solle oder nicht, ob es gerathen sei, die alte Wunde aufzureißen
und sich zum ausdrücklichen Mitwisser von Valerio's unrecht-
mästiger Geburl zu machen, oder ob er besser lhue, dasjenige,
was begraben sei, auch begraben bleiben zu lassen. Und wie
er heute Vittoria wiedergesehen hatte, wie jezt Valerio in seiner
Schönheit und Liebe vor ihm stand, zweifelte er nicht mehr,
was hier zu thnn ihm zieme. Hätte er sich doch am liebsten
selbst vor der Erinnerung an dasjenige bewahren mögen, was
diese beiden ihm so iheuren Wesen von ihm trennen lonnte;
und rasch entschlossen, nahm er seine Brieftasche zur Hand, suchte
aus derselben den bewußten Brief hervor, betrachtete ihn sorg-
fältig, um sich zu iberzeugen, daß er sich nicht irre, und warf
das Blatt dann in das Feuer des Kamins.
Was machst Du da? fragte Valerio, dessen Neugier alles,
was der Freiherr that, beschäftigte.
Ich verbrenne einen Brief.
Weßhalb das?
Weil ich Dich liebe, mein Valerio, mein lieber, lieber
Bruder! gab Renatus ihm zur Antwort, indem er ihm die Arme
entgegenhielt.
Valerio sprang an ihm empor und sagte lachend: Du
gibst grade solche Aniworten, wie die Mutter.
Der Freiherr fcagte ihn, was er damit meine.
O, versetzte der Knabe, solche Antworten, bei denen man
s nicht weiß, was sie will, und über die man sich freut, auch
j ohne daß man sie versteht! Aber da Du jezt zu Hause bist,
! lieber Bruder, will ich Dir auch Alles sagen und Dich immer fragen.
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Der Freiherr, der es wohl bemerkte, wie stolz es den
Knaben machte, einen fertigen Mann als seinen Bruder an-
sprechen und behandeln zu können, forderte ihn, von Valerio's
Weise mehr und mehr gefesselt, freundlich auf, mit dem Sagen
und Vertrauen nur gleich zu beginnen; indeß Valerio weigerte
sich dessen. Noch sei es nicht an der Zeit, noch sei es Winter;
aber, im Friühlinge, wenn der Schnee geschmolzen und Alles
wieder grin sei, dann werde er es ihm schon sagen.

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- Er fing darauf, während Renatus sich säuberte und kleidete,
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zählen an: wie Hildegard ihn in die Stadt und in die Schule
schicken wolle, wie er Hildegard nicht leiden könne, wie Cäcilie
weit besser, aber weit besser sei, ind wie auch die Mutter
Cäcilien viel lieber habe. Renatus ließ ihn immerfort gewähren,
1
1
von der Mutter, von der Gräfin und von Hildegard zu er-
i
P
aber er konnte sich aus dem planlosen Geplauder des Knaben
doch bald überzeugen, daß derselbe durch das beständige Zusam-
mensein mit Erwachsenen eine bedenkliche Frühreife erlangt und
daß man ihm weit mehr als wünschenswerth den Zaum und
Ziigel habe schießen lassen.
Auf des Bruders Frage, was Valerio denn lerne, was
er treibe, entgegnete dieser, der Pfarrer käme Tag um Tag,
ihm Unterricht zu geben, und an den anderen Tagen lerne er
mit der Mutter und mit Cäcllie Jtalienisch und Französisch.
Hätten die keine Zeit, so zeichne er oder er spiele Klavier. Als
Renatus sich erkundigte, wer ihn darin unterweise, sagte er sehr
bestimmt, darin unterweise ihn Niemand, das könne er von selbst;
und er hatte denn aich gleich, ohne um Erlaubniß zu fcagen,
aus des Freiherrn Taschenbuch den Bleistift herausgenommen
und auf den Rand eines der Papiere, die zur Einwicklung von
i
des Freiherrn Besteck gedient hatten, eine Menge von kleinen
Figuren in den wunderlichsten Stellungen und Sprüngen, oft
nur mit wenig Strichen, aber mit so vollkommener Sicherheit
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. U.

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hingeworfen, daß Renatus sich des Erstaunens und des Lachens
nicht erwehren konnte. Sein Wohlgefallen an Valerio ward
immer größer. Er meinte, nie eine so reine Freude genossen
zu haben, als die Liebe für diesen Knaben sie ihm bereitete,
und er begriff seinen Oheim nicht, der mit solcher Wärme und
Anerkennung von Hildegard sprechen und dieses schönen, lebens-
vollen Knaben kaum Erwähnung, und zwar mit Abneigung
halte Erwähnung thun können.

Kapitel 02

g
Zweites Capitel.
Fenatus war während der Feldzige viel umhergeworfen
- worden. Er hatte gelernt, sich in den verschiedensten Verhält-
nissen schnell zurechtzufinden und auf verschlungenen Wegen
seines Pfades nicht zu fehlen; aber eine so absonderliche Wirth-
schaft, wie die in seinem Schlosse, war ihm nirgend vorgekom-
! men, und es war ihm leichter, überall leichter gewesen, sich durch
fremde Verkehrtheiten durchzuschlagen, als im eigenen Hause und
; in der eigenen Familie Ordnung zu schaffen, besonders für ihn,
s der Ruhe und Frieden herstellen sollte, während er keinen anderen
s Gedanken hegte, als das einzige, in der allgemeinen Uneinigkeit
! anscheinend fest bestehende Verhältniß, seine Verlobung mit Hilde-
l gard, so bald als möglich aufzulösen.
Er kannte das Schloß kaum wieder, er konnte in seinem
j Vaterhause nicht heimisch werden, und nur allmählich vermochte
! er es einzusehen, wie man zu einer so grillenhaften Benuzung
Z der verschiedenen Näumlichkeiten gelangt war und weßhalb man
j sich in einer so unbequemen und unzweckmäßigen Weise einge-
h richtet hatte. Allerdings hatte Hildegard ihm davon geschrieben,
ß aber die Ungehörigkeit dieser Lebensweise stellte sich in der Wirk-
F lichkeit noch ganz anders als auf dem Papiere dar, und der
Eindruck, welchen Renatus davon empfing, war ein sehr ver-
drießlicher.
Vitioria hatte gleich nach dem Tode ihres greisen Gatten
die Zimmerreihe verlassen, die sie mit ihm getheilt und die der
B

-- Zß--
verstorbene Freiherr auch mnt seiner ersten Frau bewohnt hatte.
Was sie dazu bestimmt hatte, darüber sprach sie sich nicht aus.
aber Renatus konnte es sich denken; und als er dann eines
Tages, neben ihr am Fenster stehend, in einer der Scheiben
den Namen des Mannes eingeschnitten fand, dessen Brief an
Vittoria er vernichtet hatie, blieb ihm kein Zweifel über die
Beweggründe, durch welche seine Stiefmutter eben zu der Wahl
dieser im Erdgeschosse gelegenen Näume veranlaßt worden war.
Da man diese Wohnung seit einem halben Jahrhunderte wenig
benutzt und während der Feldzüge die jüngeren Offiziere in
dieselben einquartiert hatte, waren die altfränkischen Möbel, die
Tapelen, die Vorhänge in denselben schr arg milgenonunen.
Fir dergleichen fehlte jedoch der Baronin das Auge ganz und
gar. Was sie an diese Näume fesselte, war völlig nnabhängig
von dem Zustande, in dem sie sich befanden. Ihr genügten sie.
Sie schätzte es daneben, daß sie zu ebener Erde lagen, daß sie
nicht nöthig hatte, eine Treppe zu steigen, wennn sie während
der schönen Jahreszeit sich im Freien aufzuhalten wünschte, und
s für den Winter hatte sie sich auch nach ihren eigenthüümlichen
! Bedürfnissen eingerichtet. Das schöne, große Bett aus ihrem
! Schlafgemache, einige Ruhesessel, ein Polsterlager, das sie sich
! bald nach ihrer Verheiraihung hatte machen lassen, ihr Flügel
! und ihre Musikalienschränke waren in das große Gemach hin-
s untergebracht, in welchem Tag und Nacht die Feuer in den
s beiden Kaminen nicht erlöschen durften, weil es Vittoria nie
! verließ, wenn sie nicht zu einem Besuche in die Nachbarschaft
s fuhr. Neben ihr wohnten ihr Sohn und ihre Kammerfrau,
! und obschon es der Lezteren an Sinn für Ordnung nicht ge-
, brach, wollte es ihr jezt, wo die Baronin, ganz sich selber
j überlassen, ihren Neigungen nachgeben konnte, nicht gelingen,
, Herr über die phantastische Unordnung zu werden, in welcher
s Jene sich schon um deßhalb wohlgefiel, weil sie den ent-
T

I
A
schiedenzten Gegensatz zu den Gewohnheiten der Gräfin Rhoden
bildete.
Wäre Renatus nicht zu nahe dabei betheiligt gewesen, so
wüirde der Weiberkrieg in diesem Schlosse ihn belustigt haben.
Jezt indessen war das anders. Da Vittoria die eigentliche
herrschaftliche Wohnung nie betrat, hatte die Gräfin es auch
nicht für angemessen erachtet, sich ihrer zu bedienen; und weil
Vittoria oft am Tage schlief und dann bis tief in die Nacht hinein

i
-==r J g.
am Flügel musizirte, war die Gräfin darauf bedacht gewesen, sich
vor solcher Störung ihrer Ruhe zu bewchren. Vittoria wohnte
also im Erdgeschoß des linken Flügels, die Nhoden'sche Familie
im zweilen Slockverk der rechten, Seite. Alle übrigen Zimmer
waren zugeschlossen, und man halte zwei Treppen und die ganze
Flucht der langen Gänge zu durchwandern, ehe man aus dem
einen feindlichen Lager in das andere gelangte. Das hatte
jedoch für die Betheiligten nur wenig auf sich, denn die Gräfin
und Hildegard vermieden die Baronin so sehr, als es nur
möglich war, und Cäcilie, deren blühende Gesundheit die Kälte
nicht zu scheuen brauchte, focht die Unbequemlichkeit nicht an.
Schon seit Jahren aß man nicht mehr gemeinsam. Vittoria
liebte es nicht, sich an eine bestimmte Stunde zu binden, die
Gräfin und Hildegard verlangten auch in diesem Falle nach einer
strengen Pünktlichkeit, und wie über die Zeit, so hatten die
Frauen sich auch über die Wahl der Speisen nie vereinigen
können. Gaetana besorgte die Küche der Baronin, die Gräfin
hielt mit ihren Diensiboten nach ihrer Weise Haus. Hildegard
warf es Vittoria vor, daß sie sich mit ihrer süßen, fetten Kost
unförmlich stark und träge mache, die Baronin hingegen wollte
sich nicht zu einer Ernährung bequemen, bei welcher man so
wie Hildegard verfalle und an den Nerven leide, und die Folge
davon war, daß den ganzen Tag im Schlosse des Kochens und
des Bratens kein Ende war, daß der Amimann über den ge-

-- ZZ--
waltigen Verbrauch von Brennholz klagte, daß die beiden Haus-
haliungen einander der unverantwwortlichsten Verschwendung ziehen
und daß Renatus gleich in den ersten Stunden von beiden
Seiten mit Beschwerden und mit Auschuldigungen, mit Raih-
schlägen zu einer Aenderung und mit Forderungen und An-
sprüchen behelligt wurde, die ihm, eben weil sie sammt und
sonders kleinlich waren und den rechten Punkt des ebels nicht
berührten, äußerst lästig dünkten. Das waren jedoch im Grunde
alles nur sehr unwwesentliche Dinge gegen den Zwiespalt, den
Renatus in sich trug, gegen dasjenige, was er mit sich selber
und mit seiner Verlobten abzumachen hatte.
Der erste Eindruck, welchen er von Hildegard empfangen
hatte, änderte sich auch im längeren Beisammenbleiben nichi. Sie
war anderthalb Jahr älter als der Freiherr und nie schön ge-
wesen. Nur die an blonden Mädchen schnell vorübergehende
Frische der Jugend halie sie diesem einst reizend gemacht. Ieht ,
wo Renatus auf der Höhe seiner männlichen Kraft und Schönheit'
stand, näherte Hildegard sich ihrem dreißigsten Jahre, und weil
sie magerer geworden war, traten die Kleinlichkeit und die Schärfe
ihrer Züge unangenehm hervor. Dazu hatte, wie jedes Zeit-
alter den Menschen eine bestimmte Physiognomie anbildet, so daß
nur wenig bevorzugte Naturen sich unabhängig von dem allge-
meinen Typus zu freien und eigenartigen Persönlichkeiten aus-
bilden, die Stimmung, welche vor und während der Freiheits-
kriege in Deutschland herrschend gewesen war, auch der jungen
Gräfin Rhoden ihren Charakter aufgeprägt. Die schweren Sorgen,
welche jeder Einzelne zu tragen hatte, die Nothwendigkeit, für Z
das Allgemeine bedeutende Opfer zu bringen und sich eben deß- -
halb in seinen eigenen Bedürfnissen zu beschränken, die Ergebung
in große Unglücsfalle, zu der so Viele sich veranlaßt fanden, ?
endlich die Selbstverläugnung, welche die deutschen Frauen und
d
Mädchen an dem Siechbette der Verwundeten und Kranken über ;
-

- -Hamu

-
-
-= ZZ---
sich ,. nommen, hatien Hildegard vortrefflich erzogen, aber ihr
auch ein eigenthilmliches Gepräge aufgedriickt. Sie war sparsam
und fleißig, anspruchslos in allen ihren Bedürfnissen, großer.
ausdanernder Treue und Hingebung fähig, von einem starken
Pflichtgefühle beseelt, und man hätte diese Tugenden vielleicht
noch höher schätzen müssen, weil sie dieselben mit vollem Be-
wußtsein übte und in sich ausgebildet hatte. Grade diese Ab-
sichtlichkeit nahm ihr indessen die Natürlichkeit. Die Sanftmuth,
deren sie sich befleißigte und die sie in ihrem ganzen Wesen kund
zu thun strebte, wurde in ihrem Mienenspiele zu einem süßlichen
Ausdrucke, ihre Hingebung ließ sie empfindsam erscheinen, und
daneben machie ihre Sirenge gegen sich selbst se gegen die An-
deren undnuldsam. Mit jener Unerbittlichkeit und Selbstgenüg-
samleit, denen man bei beschränkten Menschen, so Männern als
Frauen, überall begegnet, hatie sie sich ein Tugendideal geschaffen,
dem sie sich nachzubilden trachtete, und ohne den verschiedenen
Naturen und Lebenöbedingungen der Anderen irgend eine Rechen-
schaft zu tragen, verwarf sie Alles und Jeden, sofern sie ihrem
Jdeale nicht entsprachen.
Da sie in all ihrem Thun und Treiben berechnend ge-
worden war, hatte sie bei dem Wiedersehen mit Renatus ihm
gleich die ganze Fille ihrer Liebe und die tiefe Innerlichkeit der-
selben darzuthun gestrebt. Aber sie hatte sich diese Scene so
tausendfältig vorgestellt, sich dieselbe so oft und in allen ihren
Einzelheiten so genau und mit so leidenschaftlichen Farben aus-
gemalt, daß die Wirklichkeit weit hinter der erwarteten Gllck
seligkeit zurückblieb. Hildegard war also trotz ihrer anscheinenden
Versiumkenheit völlig im Stande gewesen, nicht nur lber sich
selbst, sondern auch über ihren Verlobten genaue Beobachtungen
anzustellen, und sie waren nicht dazu geeignet gewesen, sie über
ihre Zweifel an seiner Liebe zu beruhigen. Schon daß er nicht
zuerst nach ihr verlangt hatte, daß er nicht graden Weges zu

s
-=- ZF--
ihr gekommen war, h.- wie sie es nannte, ihrem Herzen wehe
gethan, und daß er dann so lange mit Valerio in seinem Zimmer
und von ihr fern verweilen können, war für ihre Seele noch
weit entmuthigender gewesen.
Alle ihre schlimmsten Ahnungen gingen in Erfüllung.
Weinend sank sie ihrer Mutter, nachdem Renatus das Zimmer
verlassen hatke, in die Arme; unter Thränen lleidete sie sich an;
und diese Thränen trugen nicht dazu bei, sie zu verschönern.
Es war vergebens, daß die Mutter ihr Muth einsprach, daß sie
Renatus mit der Ermüdungaentschuldigte, welche die unaus-
bleibliche Folge einer langen Winterreise sei. Obschon auch der
Gräfin das Erschrecken und die Kälte des Freiherrn sichtbar
genug gewesen waren, gab sie der verzagten Tochter zu bedenken,
daß in jeder langen Trennnng der Keim zu gegenseitigem Miß-
verstehen liege. Sie erinnerte Hildegard daran, wie schnell, wie
plötzlich einst ihr Verlöbniß mit Renatus geschlossen worden sei
und wie das wahrhaft bräutliche Zusammengehören, wie ein ?
Zuversicht gebendes Liebesverhältniß sich noch gar nicht zwischen
ihnen habe gestalten können. Vor Allem jedoch warnte sie die
Tochter, ihre Zweifel dem Wiedergekehrten zu verrathen. Sie
beschwor sie, sich zu erheitern, sich zu schmücken, dem Verlobten
unverhohlen die Freude kund zu geben, welche sie empfinde. Aber
durch die lange Gewohnheit, sich in ihren Gefühlen mit Selbst-
beobachtung und mit Selbstbewußtsein darzustellen, war Hilde-
gard völlig unfähig geworden, sich zwanglos gehen zu lassen,
und sie hatte kaum eingesehen, daß die Mutter Necht habe und
daß sie wohl thun werde, wenn sie ihr folge, als sie sich auch
schon in eine neue Nolle hinein versezte, die ihr freilich noch
weniger wohl anstand, als die bisher von ihr aufrecht erhaltene
Kundgebung der stummen Liebe.
Sie war jetzt fest entschossen, ihren Kummer zu verbannen,
sie wollte sich mit aller ihrer Energie aus der sehnsuchtsvollen
f--

-- ZJ ==
Brau. a die glücklich Liebende verwandeln; indeß eine Miene,
welche man durch lange Jahre festgehalten hat, läßt ich nicht
leicht verwischen. Ihr lächelnder Mund wollte nicht mehr zu
dem schwermüthigen Blicke, die Art, in welcher sie sich hlipfend
dem Bräutigam an den Hals warf, nicht zu dem elegischen Tone
ihrer Sprache passen, und wenn sie bei dem Eintritte des Ge-
liebten nach fröhlicher Kinder Weise in die Hände klatschte,
znachte das einen solchen Gegensaz zu der wehmüthigen Neigung
ihres Hauptes, die ihr zur anderen Natur geworden war, daß
Valerio, der nicht von des Bruders Seite wich, und weder ge-
- wohnt war, seine Gedanken zu verbergen, noch den Ausdruck
seiner Einfälle zurüczuhalten, eines Tages bei Hildegaro's An-
blick laut zu lachen anfing.
Wie kommst Du denn in ein grünes Kleid, fragte er, und
obenein mit solchen langen Locken? Du siehst wie eine vergnüügte
s Trauerweide aus!
Die Gräfin schalt den Knaben. Auch Nenatus wies ihn
h mit strengem Wort in seine Schranken; aber Hildegard mißfiel
s auch ihm, seit sie zum Aufpuze ihre Zuflucht nahm, mehr noch
, als am ersten Tage, und doch vermochte er das trennende Wort
, gegen sie nicht auszusprechen. Er konnte sich nicht entschließen,
, einem Weibe, das ihm liebend gegenüber stand, mit Härte zu
! begegnen. Er fichlte sich sehr unglüüclich, ja. er betrachtete es
l als eine Erniedrgung, daß er sich genöthigt sah, sich der Zärt-
j lichkeit eines ungeliebten Mädchens zu überlassen, welches offenbar
! entschlossen war, seine Kälte nicht zu beachten, seine Liebe
j durch ihre Geduld und Treue zu gewinnen und sich ihm nüzlich
F und angenehm zu machen, indem es schon jezt die Hälfte seiner
Mühen und Sorgen auf sich nahm.
Ohne daß er es von ihr begehrte, sprach ihm Hildegard

ihre Ansicht lber seine Verhältnisse aus, von denen sie durch
ihre eigenen Beobachtungen und Erkundigungen weit vollständiger

-- Zß--
unterrichtet war, als uenatus es erwartete. Sie hatte denn
auch mit reiflicher Neberlegung jene Plane entworfen, von denen
sie ihrem Bräutigam in ihren Briefen zum Defteren gesprochen,
und sie waren natirlich ganz auuf jene Ausschließlichkeit des
liebenden Beisammenseins berechnet, welchem Hildegard einst in
der Stunde der ersten Trennuung von dem Verlobten mit dem
Ausrufe: Ich und Du- und Du und ich! ihren Ausdruck
gegeben hatie.
Ihrem Sinne widerslanden Tremaun T Naihschläge, von
denen sie sich mit ihren sanften und doch eindringlich bohrenden
Fragen bald durch den Freiherrn Kentniß zu schaffen wußte,
keineswegs. Denn Vereinfachung der Zuustände war gerade das-
jenige, worauf ihr Augenmerk gerichtet war. Sie stimmte daher
der Meinung Tremann's auch völlig bei, daß man Neudorf und
Rothenfeld verkaufen solle; sie hoffte mit dem Grafen Gerhard,
daß der König, wenn er sähe, wie bedrängt Renatus sei und
wie sehr er und seine Brauut entschlossen wären, ihre Verhältnisse
zu regeln, sich ihrer annehmen würde, und sie hatte bereits die
genauesten Berechnungen über die Summe angestellt, welche man
der Baronin aussetzen müsse, wenn diese mit ihrem Sohne erst
an einem beliebigen anderen Orte ein Unterkommen gefunden
haben würde. Daß die Gräfin Nhoden und Cäcilie sich mit
dem kleinen, ihnen eigenen Vermögen nach der Hauptstadt zurück-
wenden wüirden, nahm Hildegard als selbstverständlich an, und
sie erging sich also, so oft der Anlaß sich ihr dazu bot, in den
Schilderungen des friedlichen und vollendeten Glückes, dessen sie
und der Geliebte iheilhaftig werden wüürden, wenn sie, von
Sorgen und Widerwärtigkeiten nicht belastet, hier in Richten
einzig auf einander angewiesen, einst nur fir einander leben
würden.
Es lag in dem Ernst der jungen Gräfin eine zwingende
Kraft, aber sie hatte die Unart, immer wieder auf denselben

czr:
Gegenstand zurückzukommen, den Freiherrn an jedem Tage auf
die Nothwendigkeit einer Entschließung hinzuweisen und dadurch
ihn unablässig an die ganze Schwere seiner Sorgen zu erinnern.
Er gestand es sich ein, daß sie in gewissem Sinne Recht habe,
das; sie ein tichliger, ein ehrenwerther Charakter sei; er ließ sich
sogar den Vorwurf von ihr gefallen, daß es ihm an Willens-
stäärke fehle; indes; die Achtung, welche er ihr nicht versagen
durfte, fachte die Liebe in ihm nicht wieder an. Sein Bedauern
üler die Uullugheit, ihr nicht aus der Ferne geschrieben zu
haben, was er ihr weder verbergen konnte, noch verbergen wollte,
verminderte sich dadurch nicht, und der Unfrede und die grillen-
hafie Lebensweise, welche in seinem Schlosse herrschten, traten
ihm iroz alledem als der Uebelstand hervor, dem zunächst eine
Schranke gezogen werden müsse.
Daß er diese Zuuslände, wie sie sich während seiner Ent-
fernung herausgebildet hatten, daß er namentlich die Doppel-
wirthschaft nicht fortbestehen lassen könne, erklärte der junge
Schloßherr den Frauen gleich am ersten Tage. Er ließ die
Wohnuung seiner Eltern öffnen, richtete sich in seines Vaters
Zimnnnern ein, ordnete an, daß man um bestimmte Stunden und
gemeinsam speisen solle, und wie diese Einrichtungen ihn des
Alleinseins mit Hildegard zum Theil enthoben, so zeigten sämmt-
liche Frauen sich aus Eifersucht gegen einander mit Einem
Male seinen Winschen und Anweisungen fügsamer, als er es
erwartet hatte.
Vittoria verließ ihr Gemach und sticg zur festgesezten Zeit
K,
die =-eppe bereitwillig hinauf, um der Gräfin und Hildegard
die Rechte der Hausfrau in dem Versammlungszimnmer und im
Speisesaale nicht zu überlassen. Diese hinwieher hielten es für
geboten, der Liebe und Zärtlichkeit entgegenzuarbeiten, welche
Nenaius iuuer noch für seine Siiefmutker hegie, und da die
Einen wie die Andern das Bestreben hatten, den Heimgekehrten

= ZF -
festzuhalten, an sich zu fesseln und für sich einzunehmen, mäßigte
ein Jeder sich in der Aeußerung und Darstellung des Unrechtes,
das er erlitten zu haben glaubte, hielt Jeder sich mit den An-
sprüchen und Anklagen, die er erheben zu müssen fir nöthig
ansah, vorläufig noch in gewissen Schranken zurüick. Das gab
dem Freiherrn Hoffnuung und gewährte ihm eine Genugthuung;
denn er besas; noch jenen guien Glauilen des Umerfahrenen,
welcher alles, was sich um ihn her gestaltel und vollzieht, als
sein Werk, als die Folge seiner Anordnungen und Maßnahmen
anzusehen liebt, ohne zu bemerlen, welchen Autheil die Pläne
und Berechnungen der Andern daran haben, und ohne es gewahr
zu werden, daß er oft nur ein Werkzeug ist, wo er sich als den
Herrn und Meister fühlt.
Er zweifelte nicht daran, daß er seinen Willen durchgesezt
habe, als Vittoria plözlich ihren Flügel und ihre Noten wieder
in das Empfangszimmer hinaufbringen ließ; er ging mit Be-
hagen in den Sälen umher, wenn die Frauen sich Abends um
ihn versammelten, wenn Vittoria und Cäcilie und Hildegard
bei ihren musikalischen Leistungen einen förmlichen Wetieifer
verriethen, wenn die Frauen alle sich in freundlicher Zuvor-
kommenheit gegen ihn und gegen einander plötzlich überboten und
keine von ihnen ein anderes Bestreben zu haben schien, als das,
sich ihm angenehm zu maehen und ihn so weit als möglich
zufrieden und glücklich zu sehen.
Die Gräfin, deren Liebling ihre älteste Tochter stets ge-
wesen war und welche jetzt noch mehr als früher wünschen mußte,
das nicht mehr junge Mädchen durch die noch immer ansehnliche
Heirath mit dem Freiherrn zu versorgen, khat, so viel an ihr
lag, einen Jeden zur Fügsamkeit in die Anordnungen des Haus-
herrn anzuuhalten und Hildegard zu freundlicher Ergebung, z
gewinnendem Beharren, zu förderlicher Hülfsleistung zu er-
muuthigen. Es hätte jedoch bei einem Charakter wie dem von

==- Zß--
Hildegard dieser Ermahnungen kaum bedurft, ja, sie waren im
Grunde fir sie vom Uebel, dennn das Geflissentliche, welches sich
in dem Wesen der jungen Gräfin ohnehin mehr, als' es dem
Freiherrn lieb war, üüberall verrieth, ward dadurch noch verstärkt.
Es langweilte Nenatus bald, beständig auf diese inmer gleiche,
ernste Ergebenheit zu stosßen, und wann er nach seinen Unter-
reduungen mit seiner Brau, wie Vitioria es nannte, aus dem
Norden zu khr in den Süden hinunterkam, fand er sich von
seiner Stiefmutier angenehmer und heiterer unterhalten und in
seinen eigenen Anschauuungen über Hildegard bestärkt.
Viktoria hatte ihren Stiefsohn immer vor der gefährlichen
Sanftmuth und vor der herrschsüchtigen Pflichttreue seiner Braut
gewarnt. Jezt klagte sie dieselbe unumwunden der Arglist und
einer niedrigen Gesinnung an. Sie nannte es unschicklich und
anmaßend, daß Hildegard, ohne dazu von ihrem Verlobten er-
mächtigt worden zu sein, mit seinen Beamten verkehrt und von
ihnen Auskunft und Rechenschaft über seine Vermögensumstände
gefordert habe. Sie bezeichnete es als einen entschiedenen Ver-
rath, daß sie dem Grafen Berka einen Einblick in Verhältnisse
eröffnet, den sie selbst sich nur durch ihre Zndringlichkeit erworben
habe. Sie beschwerte sich über den herzlosen Hochmuth, den
Hildegard beweise, wenn sie ihr, der Wittwe des verstorbenen
Freiherrn, der Mutter ihres Verlobten, gleichsam den Thaler
nachrechne, dessen sie für ihre kleinen Bedürfnisse benöthigt sei;
und als Renatus, dessen offenem und großmüthigem Herzen jede
Kleinlichkeit fremd und eben deßhalb auch in Anderen zuwider
war, sich eines unwilligen Wortes bei dieser lezten Mittheilung
nicht erwehren konnte, rief Vikioria, den Boden ihres Angrifes
plözlich wechselnd Blick' diesem Mädchen doch nur einmal unbe-
fangen in das verblihte, jeder Anmuth, jedes Liebreizes so be-
raubte Aulliz! Kaunst Du an Liebesworte von den schmalen,
blassen Lippen glauben, auf denen das Lächeln gleich zu Eis

-- Zß-
gefriert? Kannst Du mit Freuden in solchen Armen ruhen?
Nein, dieses Mädchen ist zur Gattin, zur Mutter nicht geschaffen!
Ich miißte irre werden an Gott und an der Natur, wenn
diesem selbstsüchtigen Herzen die Wonne der Mutterliebe jemals
blihen könnte!
Vitioria halte es oft erfahren, daß ihre wilde Beredtsamleit
ihre Wirkung auf den Stiefsohn nicht verfehlte. Wider ihr Er-
warten aber blieb er ihr die Aniwort schuldig. Das war gegen
ihre Absicht, denn die Liebe, welche sie wirklich fin Nenatus
hegte, und das Bewußtsein, daß sie mit ihrer Zukunft zum
größten Theile auf seinen guten Willen angewiesen sei, machien
sie in der Regel in ihren Aeußerungen vorsichtig. Sie würde
sich auch nicht unterfangen haben, Hildegard mit solcher Ent-
schiedenheit anzugreifen, ohne die Neberzeugung, daß sie den
geheimsten Gedanken des Freiherrn mit ihren Aussprüchen be-
gegne, und sie irrte darin nicht, wenngleich er es nicht für
angemessen fand, ihr dies einzuräuumen.
Nur Eines hatte Viktoria übersehen, daß nämlich in ßde-
natus seit seinem Aufenthalte in der Heimath und in seinem
Schlosse sich ein neues Element eutfaltete: er begann sich als
Oberhaupt einer Familie zu empfinden. An die Unterordnung
unter ein solches als an gute, adelige Zucht und Sitte von früh
auf streng gewöhnt, gefiel er sich darin, jezt für sich in Anspruch
zu nehmen, was er früher hatte leisten müssen, und die Lage,
in welcher die Frauen sich ihm gegenüüber befanden, erleichterte
ihm die ersten Schritte auf dem Wege zur Herrschsucht, den er,
in dem besten Glauben an ihre Nothwendigkeit, betrat.
Er hatte am Tage seiner Ankunft den Bruch mit Hilde-
gard beabsichtigt.' Er dachte auch jezt noch an denselben. Aber
die Vorstellung, daß er diesen Schritt später so gut wie jetzt
ausführen lönne, daß es nur von ihm abhänge, in welcher Weise -
er sein Schicksal gestalten wolle, und vor Allem die ungewohnte

-= Z! --
Nachgiebigkeit, der er begegnete, wohin immer er sich wendete,
schmeichelten ihm mehr, als er es ahnte. Er täuschte sich darüber
keinen Augenblick, das: Hildegard ihm mehr als gleichgiltig sei,
ja, daß sie ihm mißfalle; und doch konnte er in ihrer Nähe
nie vergessen, was der Abbe ihm über die demüthige und hin-
gebende Frauenliebe ausgesprochen hatte, doch mußte er, wie oft
und verfüührerisch ihm Eleonorens Bild obenu hier in der Zuriick-
gezogenheit erschien, sich eingestehen, das: eine stolze gewaltsame
Nalur, wie sie, ihn auf die Länge nicht zu beglücken fähig ge-
wesen sein würde. Denn es ging ihm wie allen den Männern,
die in einem unllaren, aber darum nicht weniger richtigen Be-
wußtsein ihrer eigenen Schwäche vor jeder starken Frauenseele
Scheu tragen. Sie sehen die Kraft als einen Fehler in den
Frauen an, weil sie ihnen selber mangelt, und eben deßhalb
schweben sie beständig in der doppelten Gefahr, von der Be-
rechnung der Frauen absichtlich durch eine zur Schau getragene
sogenannte unterwürfige Weiblichkeit getäuuscht, oder von der
wirklichen Unbedeutendheit gefesselt und beherrscht zu werden.
Selbst die Mißhelligkeiten und kleinen Händel, auf welche
Nenatus fast an jedem Tage, so sehr man sie ihm zu verbergen
strebte, zwischen den einander jetzt mit erhöhter Genauigkeit
beobachtenden Frauen stieß, dünkten ihn bald nicht mehr so
unerträglich, als in den ersten Tagen und Wochen, denn sie
gaben ihm die Gelegenheit, sich täglich der Herrschaft bewußt zu
werden, welche er über die Personen ausübte, die er als seine
Familie hielt und ansah. Und weil es ihm wider sein Ver-
muthen und des Grafen Voraussetzungen leicht genug gelungen
war, durch sein bloßes Dazwischentreten ein schicklicheres Leben
und Beisammensein in seinem Schlosse herzuslellen, war er bald
überzeugt, daß seine Berather, daß Tremann und Graf Gerhard,
der Eine aus Unkenntniß der landwirthschaftlichen Verhältnisse,
der Andere, weil ihm bei dem beginnenden Alter die Kraft und

-- ZZ--
Leichtlebigkeit der Jugend nicht mehr zu Gebote ständen, ihm
auch von seinen Vermögensverhältnissen ein zu diüster gefärbtes
und eben darum kein völlig richtiges Bild entworfen häiten.
Er beschloß also, küünftig nur seinen eigenen Augen zu ver-
trauen und sich bei der Ordnung seiner Angelegenheiten vor
allen Dingen von dem Sachverhalte selbst zu überzeugen, ehe er
sich auf irgend welche eingehende Besprechungen mit seinen Be-
amten einlies; oder sich gar in Verhandlungen mit Dritten weiter
vorwärts wagle.

Kapitel 03

Drittes Capitel.
,üser Winter neigte sich stark zu Ende. Die Tage wurden
===?
schon wieder hels. A Mitiage, wenn die Sonne hoch stand,
war die Luft leicht und warm, der Himmel dunkelblau, und der
Schnee, der den Boden noch Jedeckte, wenngleich er von den
Dächern und Bäumen weggeschmolzen war, funkelte so hell, daß
man sich belebt fihlte, als ob man im Hochgebirge wäre. Auch
die lichtfreudige Lerche wirbelte sich schon wieder in gerader Linie
aus ihrer Scholle zum Firmament emhor und ließ aus ihrer
kleinen Kehle ihre jubelnde Frühlingsverlündigung vorzeitig über
die Erde hinweg erschallen.
Um, wie er es nannte, nach dem Seinigen zu sehen, hatte
Renatus sich gewöhnt, an jedem Mittage auszureiten. Hildegard,
die man um ihrer zarten Gesundheit willen das Reiten stets
vermeiden lassen, hatte ihn zum Fahren überreden wollen, um
ihn begleiten zu können; indeß er hattezdas Neiten für bequemer
und seinem Zwecke entsprechender erklärt und Anfangs nur
Valerio, bald aber auch Cäcilie mit sich genommen, deren lebens-
voller Körper sich immer nach starker, durchgreifender Be-
weguung sehnte.
Eines Tages, als man um die sestgesetzte Stunde auch
wieder die Pferde für die Reiter auf die Nampe geführt hatte,
kam der Freiherr mit Valerio und Cäcilien eben aus dem Schlosse
heraus. Er hatte dem Sonnenschein zu Liebe einen Jagdrock
von grlem Sammet angezogen, den er auf mancher Jagd in
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlecht. l.

--- ZF--
Saint Germain getragen. Er sah ungemein gut in demselben
aus, und Hildegard, die, in ihren großen Shawl gehüllt, ein
kleines Tuch vorsichtig um das Haupt gebunden, oben in ihrem
Zimmer an dem geöffneten Fenster stand, bemerkte das mit
Vergniigen. Aber auuch Eieilie sahh es. Denn als er diese an
ihr Pferd geleilei halie und ihr seine Hand hinhieli, damit sie
aufsteigen und er sie in den Sattel schwingen könne, rief sie
Hildegarden die sröhliche Frage z, ob Nenaius nicht sehr schön
aussähe oder ob jemals eine Königin einen schöneren Pagen
gehabt habe, als sie. Valerio, der bereits auuf seinem kleinen
Schimmel saß, hatte auch diese Frage kaum vernonmen, als er
aus voller Brust einige von den Strophen zu singen begann,
die Beaumarchais in seinem ,Figaro' dem Pagen in den Mund
gelegt hat und welche, auf die Marlborough-Melodie übertragen,
mit den französischen Heeren durch ganz Europa gewandert
waren. Valerio sang mit seiner schönen Knabenstimme:
Veau gsgo! äit lt reine,
hlZue mou soeur, muu ooeur u ee geiue !s
ügui rous met d ls. göue ?
üui ous kuit tant' glourer?
ui rous luit tant pleurer?
Kous kaut le lüelarer.
Hladame et soureraine,
lJuo mou ooeur, mon ooeur u lo peine !
Ia nis une murruiue,
ue touours alorui!
Er wiederholte den lezten Vers zu verschiedenen Malen,
warf Cäcilien, mit welcher er auf dem besten Fusße stand, einen
Kus: zu und spreugie singend davon.
azwischen war Nenaius ebenfalls aufgestiegen. Er lenlte
seinen Goldfuchs nach der linken Seite der Reiterin, leitete ihr
Pferd vorsichtig die etvas glatte Nampe hinunter, und während
er unwillku..ich das ,lZue bouzours säorai!k des Knaben
-s

---- ZJ--
nachsang, grüsßten er und Cäcilie noch einmal nach den Schlosse
hinauf, ehe sie Valerio folgten. der den Hof bereits verlassen
hatie und lustig in das Freie hinausgeritten war.
Hildegard sah ihnen lange nach. Sie vergas es, daß die
Mmiler sie gewarui halie, sich eben heule, da sie nichl guz
wohl war, der Luft am geöffneten Fenster auszusezen, die ihr
nachtheilig werden konnte. Das fröhliche Singen des Knaben
haite sie traurig gemacht. Wie die Phantasie des jungen Frei-
herrn sich an den letzten Vers geheftet, hatte ihre Seele sich der
immer wiederkehrenden Worte: ,lZue mor ooeur, moa coeur
e äe peine ! bemächtigt, und sie wußte sich nicht zu sagen,
was ihr eben heute so große Betribniß, so großen Kummer
verursachte.
Es zog ihr so schmerzlich am Herzen, es regte sich ein
Gedanke in ihr, der ihr früüher nicht gekommen war. Sonst
hatte das Frühjahr sie erheitert, dieses Mal machte sein Heran-
nahen sie wehmithig. Was war denn geschehen? Was war
denn anders geworden, seit im vorigen Jahre die Sonne den
Schnee hinweggeschmolzen und die Lerchen eben so gesnngen
hatien?
Damals war ihre Seele verwirrt gewesen durch ihre Eifer-
sucht auf die Gräfin Eleonore; damals hatte sie sich nach dem
Bräutigam gesehnt und mit banger Zärtlichkeit die Tage und
die Stunden gezählt, die bis zu seiner Heimkehr noch vergehen
mußten. Jezt war Nenatus da, sie sah, sie sprach ihn täglich,
sie hatte ihm das Geständniß abgenommen, daß er die Gräfin
Haughton trotz ihrer verfiührerischen Neize nie geliebt, ja, daß
er ihre Hannd, die sie ihm in selbsigewissem Freimuihe ange-
boten, zuricgewiesen habe, und doch konnie Hildegarh sich's
nicht verbergen, daß sie in den Tagen jenes bangen und doch
so zuversichtlichen Sehnens gliicklicher als jezt gewesen sei.
Sie beneidete Cäcilie um ihre unausgesetzte gute Laune,

- ZHß-
um ihre gedankenlose Fröhlichkeit. Sie beneidete Renatus, der
sich mit Valerio und ihrer Schwester, von dem Augenblicke ganz
hingenommen, an dem bloßen Sonnenscheine erfreuen konnte.
Ihr war das nicht gegeben. Der frühe Tod ihres Vaters, dessen
sie sich mit allen Nebenumständen klar erinnerte, die mannig-
fachen Sorgen. die sie uit ihrer Multer zeitig schon geiheilt
hatte, ihre heimliche Verlobung und endlich alle die Erfahrungen,
welche sie während der Kriegsjahre hatte machen müüssen, hatten
ihr den glücklichen Leichtsinn der Jugend geraubt. Ihr Sinn
war von jeher ernster als der ihres Bräutigams gewesen, und
wie lieb sie ihn hatte, er lam ihr immer noch nicht fertig vor.
Sie erschien, sie fihlte sich reifer ald er, ihm überlegen. Als
sie das einmal in einer vertraulichen Unterredung gegen den
Grafen Gerhard auSgesprochen, halie dieser ihr lächelnnd er-
wiedert, sie lönne eben nichts fiür ihre Berla'sche Abslammuung.
Den Berka lägen die Verständigkeit und die Energie so gewiß
im Blute, wie den Arten der Leichtsinn und der Wankelmuth,
und sie sei eben desßhalb wie ausersehen, mit ihren grosßen Ei-
genschaften den Schwächen seines Neffen zu Hülfe zu kommen.
Ihr werde naturgemäß die Herrschaft im Hause und in der
Ehe zufallen, und sie solle bei Zeiten darauf denken, sich des
Einflusses zu bemächtigen, welchen sie auf einen Charakter wie
den ihres Bräutigams, zu dessen eigenem Heile, nothwendig er-
langen müsse.
Sie war sich bewusßt, diesen Nathschlägen mit all ihrer
Kraft gefolgt zu sein, aber sie erntete davon die Früchte nicht,
die sie erhofft hatte. Renatus, wie leichtgesinnt er sich auch
gab, hatte das feinste Gefühl füür jede ihrer Absichten und war
nichts weniger als gewillt, ihr irgend einen Einfluß auf seine
Maßnahmen und Entschließungen einzuräumen. Sie hatte es
nach den ersten vierzehn Tagen völlig aufgeben müssen, seiner
Geschäftsverhältnisse gegen ihn zu erwähnen. Spottend und

= gF ===-
dann wieder scherzend haite er sie Schritt für Schritt von dem
Boden zurückgewiesen, auf dem sie sich in bester Absicht heimisch
gemacht hatte. Was sie ihm leisten, ihm sein konnte und wollte,
das begehrte er von ihr nicht; was er in ihr zu finden wüünschte,
den fröhlichen, ihn stets belustigenden Sinn ihrer um mehr als
sechs Jahre jiingeren Schwester, den besaß sie nicht. Sie war
nicht jung geung dazu, sie war üüberhaupt nicht mehr jung.
Das waa es, was ihr heute so weh im Herzen that, was
ihr das erste Frihlingsahnen in der Lft so schmerzlich machte,
und ihr die Thränen in die Augen preßte. Der Frühling war
jeht nahe amn Wiederkehren, aber ihre Juugend war dahin und
kehrte niemals wieder - niemals wieder!
Heute, bei dem ersten hellen Sonuenscheine, hatte sie es
gesehen, hatte ihr Spiegel es ihr umwiderleglich dargethan, sie
war verblihht! Die Fälichen in den Augemwinleln, die Fuurchen
auf der Slirn, die Züge, welche sich von ihrem Munde nach
dem Kinn hinuntersenkten, wie leise, wie wenig sichtbar sie auch
waren, sie hatte sie heute zum ersten Male an sich bemerkt, und
sie zweifelte nicht daran, Nenatus hatte sie vor ihr wahrge-
nommen, denn er liebte sie nicht mehr, und was das Auge der
Liebe übersehen hätte, dem Blicke des gleichgültigen Beobachters
war es sicher nicht entgangen.
Sie hatte das Fenster längst geschlossen, war längst an
ihren Nhtisch zurückgekehrt. Was sollte ihr das helle, unver-
wüstliche Sonnenlicht? Es vermochte jg nuur der Erde, nicht
ihr, nicht ihrem Antlize neue Jugend zu verleihen. Aber war
es ihre Schuld, daß sie verblüht war, daß Renatus sich erst
jezt zu seiner vollen Kraft, zu voller Männlichkeit entfaltete,
während ihre schönste Zeit vorüber war? Hatte sie es zu ver-
antworten, daß er sie erwählt, daß er sie an sich gebunden hatte
durch alle die langen Jahre? Durch alle die langen Jahre, in
denen ein frisches, wechselvolles Leben im vollen Weltgetriebe

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sein schönes Loos gewesen war und die sie theils in schwerer
Pflichterfüllung, theils, weil er es also angeordnet, hier in der
Einsamkeit vertrauert hatte?
Mit keinem Worte hatte er, seit er zu Hause war, daran
gedacht, den Zeitpunkt ihrer Verbindung festzusezen. Aus mäd-
chenhafiem Zarlgefihl, aus Ehrgesiihl halte sie nichi nach dem-
selben fragen, nicht auf dieselbe dringen mögen; aber auch der
Zustand, in dem sie gegenwärtig mit Renatus lebte, beleidigte
ihr Zartgefihl, trat ihrem Ehrgefühl zu nahe, und doch wuußte
sie nicht, wie sie ihn ändern, wie sie sich aus demselben befreien
könnte.
Es half ihr nicht, daß sie sich schmückte! Sie konnte den
verlorenen Jugendreiz damit nicht ersezen. Es half ihr nicht,
daß sie sich in nicht endender Gefälligkeit um Renatus Mühe
gab. Das Zufällige, das Vittoria, das Cäcilie ihm leisteten, war
immer mehr nach seinem Sinne und haite den Vorzug, ihm,
weil es unerwartet kam, eine Ueberraschung zu sein. Sie hatte
es allmählich aufgegeben, ihn zu suchen, weil sie bemerken mußte,
wie wenig es ihn freute, sie zu finden; und selbst der Muth,
ihn zu berathen, hatte sie verlassen, weil er durch ihre Nath-
schläge seine Selbständigkeit von ihr angetastet glaubte und oft,
sie zweifelte nicht daran, gegen seine eigene Neberzeugung handelte,
um ihr darzuthun, daß er nicht gewillt sei, sich der ihrigen an-
zuschließen oder gar zu fügen.
Gestern hatte sie, gekränkt von der Sorglosigkeit, mit welcher
er sie mehr und mehr sich selber überließ, es ihrer Mutter zum
ersten Male ausgesprochen, daß sie fühle, Renatus wolle sie ver-
lassen; er wolle mit ihr brechen und wolle, das Mas; seiner
selbstsiichtigen Grausamkeit zu fiillen, sie dazu nöthigen, die
Trenung zwischen ihnen zu vollziehen.
Die Gräfin hatte dies zu längnen, die Thatsachen in Abrede
zu stellen, ihre Tochter zu bernhigen versucht; indeß Hildegard

--- Zß--
war jezt nicht mehr zu täuschen. Sie litt mehr als sie es sagen
konnte. Alle ihre Hoffnungen waren auf die Ehe mit Renatus
begründet gewesen, ihre ganze Vergangenheit, ihre Zukunft
wurden ihr mit Einem Schlage zertrümmert, wenn Renatus
sich ihr entzog, und, fir sie war es gewiß, er hatie sich ihr
bereits entzogeu.
Es verging lein Tag, an dem sie nicht Ursache hatte, ihm
zr zürnen, es war schon mancher Tag gekommen, an dem sie
siä gesagt hatte, daß sie ihn von einer unmännlichen Charakter-
schwäche finde. Wenn sie seiner dachte, und wann dachte sie
nich: an ihn? war oft eine Bitterkeit in ihrem Herzen, vor der
sie slbst erschrak und die nicht ihm alleie galt. Sie zürnie ihrer
Mutker, weil diese sich einst ihrer heimlihen Verlobung mit
Renaus nicht widersetzt hatte. Sie klagte die Gräfin eines
Mangels an Menschen- und an Weltkenntniß an, weil sie nach
des alten Freiherrn Tode nicht gleich auf die eheliche Verbindung
der Verlobten, oder auf die Lösung des Verlöbnisses gehalten
hate. Denn damals war Hildegard noch jung, noch hübsch,
noch voller Lebensmuth gewesen, damals hatte Renatus sie noch
geliebt und damals hätte es ihr im schlimmsten Falle an anderen
Bewerbern nichk gefehlt, damals wäre sie noch fähig gewesen,
sich zu trösten, zu vergessen und ihr Herz neuer Liebe hinzugeben.
Aber jezt?
Mit selbstquälerischer Grausamkeit trat sie an ihren Spiegel
heran. Sie strich die Locken, die sie seit der Heimkehr ihres
Verlobien wieder zu tragen angefangen, weil er sie einst geliebt
hatte, mit einer heftigen Bewegung von ihrer Stirn, sie riß das -
Bändchen mit dem kleinen Kreuze, das ihr am Halse hing, mit
heftiger Hand entzwei. Sie wollte sich nicht mehr schmücken.
E freute sie, das die blauen Adern unter ihrer schlaffer ge-
wordenen Hant, auf ihrer Stirn, in ihren Schläfen stärker als
in jungen Tagen sichtbar waren. Es freute sie, daß die Linie,

-- Fl --
auf der sich Hals und otacken einen, jetzt in bräunlicher Farbe
scharf hervortrat. Renatus sollte es sehen, was sie um ihn
gelitten hatte. Er sollte es sehen, das; er sie verblüihen machen,
daß er, er allein sie um Jugend und um Gliick betrogen hatte.
Und er mußte ja kein Mensch, er muste nicht Nenatus, nicht
ihr Renatus, nicht ihr angebeteter Geliebter sein, wenn ihr
Verfall ihn nicht rihren, wenn er nicht zu ihr wiederkehre
sollte, ihr Jgend und Schhöheil, Hossmng, Glaben und Glick
mit einem einzigen Liebesworte, mit seiner Liebe wiederzugeben.
Sie verstummte in bittern Thränen, als sie auf weiem
Wege wieder zu dem alten Ausgangspuunkte gelangt war. Mitten
in dem Weinen erhob sie sich aber, und noch einmal lrt sie
an ihren Spiegel heran. Sie erschrak vor ihrem eigeneu An-
blicke. So hatte sie, so zersiört hatie sie noch niemals ausge-
sehen. Den Schmerz konte sie der Mutter, den Triumph konnte
sie Vittoria nicht bereiten. Sie durfte, sie wollte sich nicht sinken-
lassen, sich nicht verloren geben. Sollte Vittoria die Genuug-
thuung genießen, sie von dem Schlosse gehen zu sehen? Sollte
sie, sie selbst mit ihren armen, weinenden Augen, den Tag er-
leben, an welchem die Mutter in ihren vorgerückten Jahren aus
dem Schlosse, das derselben zu einer lieben Heimath geworden
war, auf!s Neue hinausziehen, und sich in der kalten, fremden
Welt eine neue Stätte bereiten solle?- Das konnte, das durfte
nicht geschehen. Um ihrer Mutter willen mußte sie ausharren
und' bleiben, mußte sie ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Be-
dürfen opfern.
Und wenn es dann trotzdem geschah, wenn Renatus es
vergessen konnte, was er ihr schuldig war, nun, so sollte sein
die Schuld, sein ganz allein auch das Verbrechen sein, das er
damit an ihrer armen Mutter, an der edelsten der Frauen, zu
begehen sich nicht scheute.
Daß sie selber bei ihren Planen für die Zukunft immer

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auf die Entfernung ihrer Mutter und ihrer Schwester gerechnet
hgtie, so lange diese Plane noch auf ein ausschließßliches Liebes-
glück begrüündet gewesen waren, daran freilich erinnerte Hilde-
gard sich in dieser Stunde nicht.
Noch weniger machte Renatus sich bei seinem fröhlichen
Ritte eine Sorge um die Gedanken und um die Zweifel, mit
welchen Cäeiliens daheimgebliebene Schwesier sich eben beschäftigte
and quälle.
Es war ein strahlend schöner Tag. Die drei Neiter hatten
ihr Entzüicken an demselben. Die frische Luft, die sonnebeleuchtete
Ebene, die sich nach der einen Seite weit wie der Horizont,
und nur von ihm begrenzt, vor ihnen öffnete, hatten für die
Phantasie etwas Verlockendes, und sie ritten schnell und schneller,
wie man das immer thut, wo dem Auge kein festes Ziel gesetzt ist.
In den ersten Tagen nach seiner Ankunft in Richten hatte
Renatus noch mit erneutem schmerzlichem Bedauern die prächtige
Allee vor dem Schlosse vermißt, deren Verschwinden ihn einst
so ergriffen hatte, als er in den russischen Krieg gegangen war.
Jezt war er schon völlig daran gewwöhnt, das Schloß ohne seine
Baumeszierde vor sich zu sehen, und selbst den Verfall an den
Häuusern und an den andern Baulichkeiten fand er doch nicht so
arg, als er es nach Tremann's Darstellungen befürchtet hatte.
Seine Feldzüüge hatten ihn mit dem Anblicke so entsetzlicher Zer-
störungen vertraut werden lassen, daß es ihm keinen bedenklichen
Eindruck machte, wenn die Dächer der Scheunen und Ställe,
denen einst eine schöne Deckung mit Dachsteinen nicht gefehlt
hatte, nur nothdürftig mit Stroh gedeckt waren, wo die Ziegel
schadhaft geworden waren. Er hatte so viele Häuser ohne Thüre
und ohne Fenster stehen sehen, daß eine eingesunkene Schwelle
und schief hängende Thürfligel, daß Verschläge von Brettern
statt der Fenster, besonders, wo es sich um die Wohnung von
Leuten handelte, die im Grunde doch zufrieden waren, wenn sie

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unter Dach und Fach nuur warm beisammen saßen, ihm nicht
als ein Unglück erschienen. Und wie man in einer elenden
Baracke bei rauchendem Feuer und auf hariem Boden, selbsi
wvenn man an Nahhruigömnilteln keinen Neberfls haite, doch
gesund und arbeitsfähig und selbst guten Muthes bleiben könne.
das hatte er in seinen Feldziügen an sich selbst mehr als einmal
erfahren.
Heute nun vollends, wo die Sonne so herrlich schien und
der frische Wind im Walde die Aeste der alten Bäume so lustig
knarren machte, heute, wo die Lerche sang, als wisse sie, daß es
mit dem Winter nun bald zu Ende sein und über der Furche
sich in Kurzem wieder die grnen, weichen Halme schiützend
wölben würden, heute, wo die kluge Krähe so bedächtig auf dem
letzten Neste des Schnee's umherging, als wolle sie mit dem
Schnabel ermessen, wie hoch er denn noch liege und wie lange
die Sonne wohl noch zu ihun habe, bis sie mit ihm fertiig
werden und die schöne Jahreszeit beginnen könne, heute erschien
auch dem Freiherrn seine Lage bereits wieder in ganz anderem
Lichte, als an dem Morgen, an welchem er in sein Schloß zu-
rückgekehrt war.
Er war in diesen Wochen überall selbst herumgewesen,
hatte überall selbst nachgehört, und mehr noch als bei diesen
Ausflügen hatte er von den Leuten erfahren und gelernt, die,
weil er ihnen das gestattet hatte, zu ihm gekommen waren, ihm
ihre Beschwerden und Wünsche vorzutragen. Sie hatten aller-
dings geklagt, aber Renatus hatte schon in Friedenszeiten bei
seinem Dienste, und dann vollends im Kriege, mit dem ge-
meinen Manne verkehren lernen. Er wußte, daß derselbe immer
klage und das er leicht zu irösten, daß er mit dem geringsten
Zuugeständnisse fir den Auugenblick zu beschwwichtigen, ja, zufrieden
zu stellen und zu geduldigem Warten wie zu muthigem Hoffen
leicht zu bewegen sei.

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Der Amtmann war wirklich ein harter Mann, der Justi-
tiarins konnte nichts bewilligen, der verstorbene Freiherr hatte
mit den Leuten, deren schwerfällig langsames Wesen ihn be-
lästigle, deren Klesder, sellst wenn sie in ihrem besten Anzuuge
vor ihm erschienen, nach ihren schlecht gelifteten Wohnungen
übel rochen, nichts zu thun haben mögen. Er war ihnen, na-
mentlich in den späkeren Jahren seines Lebens, als der Bau
der katholischen Kirche, die Entlassung des Neudorfer protestan-
tischen Pfarrers, und der Todtschlag der französischen Kammer-
jungfer böses Blut zwischen der Herrschaft und den Leuten er-
zeugt hatte, nur noch eine Schreckgestalt gewesen, und sie hatten
mit ihm gar nichts gemein gehabt. Erst hatte er, wie sie sich's
noch jezt erzählten, die kleine französische Herzogin und den
hasenfüßigen Marquis in's Land gebracht, vor dem kein Frauen-
zimmer Nuhe gehabt; nachher hatte er sich die schwarze Jialienerin
geholt, mit der auch kein Christenmensch im Lande in seiner
Muttersprache reden konnte, und wenn das auch Niemand laut
zu sagen wagte, im Stillen waren die Leute sammt und sonders
doch der Meinung, daß der alte Freiherr es heimlich mit den
Franzosen gehalten habe und nicht dawider gewesen wäre, wenn
sie heute hier noch im Lande ihr Wesen getrieben hätten. Er
hatie ja im Schlosse auch meistens nur Französisch parlirt mit
Frau und Kind.
Jezt mit dem jungen Freiherrn war das, wie die Leute
sagten, ganz was Anderes. Man brauchte ihn nnr anzusehen:
die helle Ehrlichkeit sah ihm aus seinen großen, blauen Augen.
Der hatte seine Knochen und sein Veben nicht geschont. Der
war mitgegangen wie der gemeine Mann, als es noth gethan
hatie. Der hatte seln Blut ehrlich vergossen fin Gott, flr König
und fir's Vaterland, wie der gemeine Mann. Mit dem Wilhelm,
mit des Neudorfer Schulzen Aeltestem, war er zusammen in
Leipzig im Hospital gewesen, und als der Freiherr, dessen Wunde

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rascher geheilt war, als des Wilhelm's Bein, dann aus dem
Lazarethe abgegangen war, hatte er dem Wilhelm noch eine
Flasche Alten und zwei harte Thaler zurückgelassen, daß er sich
pflegen und recht zu Kräften bringen solle, ehe er wieder zum
Regimente käme. Und nun hier zu Hause! Das war ein ganz
anderes Wesen.
Der junge Herr halte es im Kriege gelernt, dasß ein Mensch
des andern Menschen Kaamerad und Brüeder sei. Keinen, auuch
den ärmsten Einlieger nicht, behandelte er, wie der Alte es ge-
than hatie. Er sagte zu Niemandem Er, er nannte Jedweden
Du, und wie er neulich beim Schulzen in Neudorf gewesen
war, da hatte er den Wilhelm eigens rufen lassen, hatte ihn
gefragt: Nun, Kriegskamerad, wie geht's Dir? Und wie er
danach weggeritten war, hatte er dem Wilhelu die Hand ge-
geben und geschüttelt. Jeder Mensch konnte zu ihm kommen,
und nicht blosß auf die eine bestimmnte Stunde, wie zum Alten,
sondern wann er wollte.
Dem Berning hatte der junge Herr gleich die Latten geben
lassen, die er zum Verschlage hatte haben ioollen, und der Back-
ofen war auch in Stand gesetzt, mit dem die Frauen sich alle
die Jahxe her so hatten quälen müssen. Der Amtmann, der
ließ jezt freilich den Kopf hangen, nun der Herr über ihn ge-
kommen war; aber das war dem hartherzigen Geizhalse recht
gesund; und wenn es nun wahr wäire, daß sie den Bonaparte
fest in Sicherheit gebracht hätten und daß man den Frieden
behielte und der junge Herr zu Hause bleiben konnte, dann
mußte Alles noch ganz anders werden. Dann schaffte der Herr
den Atmann ab, dann fing er selber zu wirthschaften an;
und daß der Herr dann nicht irgend eine Ausländische in sein
Schloß führen, sondern eine Fran von hier zu Lande nehmen
würde, daran war gar kein Zweifel. Man brauchte ja nur
zu sehen, wie der junge Herr und die junge Gräfin einander
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Augen machten! Die im Schlosse behaupteten zwar, es sei die
blasse Gräfin, gegen die man freilich auch nichts sagen konnte,
denn gut und
barmherzig und mitleidig mit den Kranken war
so ein schöner, junger Herr wie der Freiherr,
sie auch; aber
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den Augen und platzte die Gesuundheit fast auä den rothen Backen
-herauns.
Die Frauen und die Kinder erzählten es sich in den Dör-
fern, wie der Freiherr und die rothe Gräfin sich mit dem Junker
am Sonntage auf der Terrasse lustig mit Schneeballen geworfen
hätten, und als sie neulich einmal beim Neiten zu Dreien das
Lied gesungen hatten, das der Wilhelm auch immer sang, der
es aus dem Felde mitgebracht, da hatte das lustige ,Juchhei-
rassassa und die Preußen sind da!' so durch die Luft geschmet-
tert, das: denen im Walde beim Holzfällen sich das Herz in
der Brust vor Vergnügen ordentlich gehoben hatte.
Die ganze Vorliebe, welche das Volk, und mit Necht, für
die Jugend, fir die Schönheit, fir die Gesundheit hegt, hatte
sich auf Renatus und auf Cäcilie gewendet, in welchen sie die-
selben verkörpert fanden, und die Leichtlebigkeit, welcher der junge
Gutsherr sich halb mit Bewußtsein, halb aus
überlies, wo er es sich nicht schuldig zu sein
Würde besonders aufrecht zu erhalten, machte
den Dörfern und unter seinen Leuten beliebt.
Bequemlichkeit
glaubte, seine
ihn vollends in
Wohin er kam,
überall begegneten ihm freundliche Gesichter. Die Kinder blieben
stehen und grüßten, die Alten gingen nicht ohne einen herzlichen
Anruf an ihm vorüber, und sahen ihn mit Cäcilien und dem
Bruder niemals kommen, ohne in die Thüren zu treten und
ihm lange nachzublicken.
Mit jedem Tage längeren Verweilens wuchs diese An-
s hänglichkeit dem Jungen Freiherrn mehr ins Herz. Er hatte

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bis dahin nur den Grund und Boden geliebt, auf dem er gen
boren war und der ihm gehörte; jetzt begann er die Menschen
zu lieben, unter denen er geboren war und die sich als zu ihm
gehörend betrachteten. Er fand ein Vergnügen darin, ihre rauhen
und doch so freundlichen Gesichter zu schen, es war ihm eine
Genugthuuung, wenn er einen Bedrängten so weit als möglich
erleichtert von sich entlassen konnte, und mit einem stolzen Selbst-
gefühle genoß er das Vertrauen, welches man ihm entgegen-
brachte, noch ehe er eö hatte verdienen können, als eines der
schönsten Erbtheile, die er von seinen Vätern überkommen hatte.
Er fand es ganz begreiflich, daß Paul Tremann und daß
selbst sein Onkel mit so leichtem Sinne von dem Kaufe oder
von dem Verkaufe eines Gutes sprechen mochten. Sie hatten
beide lein Gut ererbt, das seit Jahrhuunderlen von dem Vater
auf den Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen war;
sie wußten nicht, was es heißt, auf eigenem Grund und Boden
leben, unter seinen Leuten heimisch sein.
Die Bäume, die konnte man niederschlagen und entwwurzeln
lassen, wenn die Noth es heischte, wie sein Vater es gethan
hatie. Sich selbst zu entwurzeln, sich loszureißen von seiner
eigentlichen Heimath, das war noch etwas Anderes, und ehe
Renatus sich dazu entschloß, mußte seine Lage schlimmer sein,
als er sie jetzt vor Augen hatte, mußte er die Neberzeuguny.
gewonnen haben, daß ihm gar kein anderer Ausweg bleibe.
Noch aber hegte er diese Neberzeugung nicht, und er versprach sich,
nichts zu übereilen, sondern sich zu genauem Kennenlernen und-
Prüfen, zu reiflicher Neberlegung die Zeit zu gönnen.
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Kapitel 04

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Viertes Capitel.
Ae;
,sarüber laun der Frihling siegreich in das Land. An
- allen Ecken und Enden begann das Treiben und das Blühen.
Renatus hatte seit langen Jahren die Güter nicht im Schmucke
der guten Jahreszeit gesehen. Die keimenden Saaten, die knos-
penden Bäume, die grünenden Büsche frenten ihn ganz anders,
als je zuvor, jezt, wo er sie mit dem Auge des Besitzers ansah.
Wind und Wetter, Regen und Sonnenschein bekamen eine Be-
deutung fir ihn, und die Arbeiten wie die Hoffnungen des ge-
ringsten Mannes wurden ihm yvichtig, weil sie mit seinen eigenen
Nothwendigkeiten und Aussichten zusammentrafen. Es gesiel
ihm immer mehr, Grundbesitzer und Hausherr zu sein, er fand
auch Behagen an dem Verkehr mit dem Adel der Gegend, mit
welchem er durch alte Familienbeziehungen verbunden war; und
da der Mensch so glicklich oder so unglücklich geartet ist, daß
die Gewohnheit ihn allmählich auch mit demjenigen versöhnt,
was ihm Anfangs unertragbar erschienen ist, so war es nicht
zu verwundern, wenn Renatus, dessen Natur ohnehin allem
Gewaltsamen abhold war, in Bezug auf Hildegard die Dinge
gehen ließ, wie sie eben gingen, und von der Zeit eine Ent-
scheidung erwartete, die er zu treffen sich nicht entschließen mochte.

Kam ihm dann doch bisweilen der Gedanke, daß diese Hand-
lungsweise oder vielmehr dieses Abwarten nicht redlich, daß es
nicht männlich sei, so beschwichtigte er sich mit der Vorstellung,
daß es bisweilen edler sei, den Schein der Schwäche und der

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Unredlichkeit über sich zu nehmen, als sich selbst mit einer Grau- !
samkeit gegen einen Andern, und obenein gegen ein Weib, eine
Genugthuung und einen Abschlus; zu bereiten, und Hildegard
irrte also in der Voraussetzung keineswegs, daß Renatus von
ihr die Lösung ihres Verhältnisses erwarte, weil er selber den
Muth zu einer solchen nicht in sich fand.
Mil der bestimlen Absichl, sich über die Gmlsverwwallung
zu unterrichten und aufzuklären, nahm er bei seinem Verkehr
mit den benachbarten adeligen. Gutsbesizern jede Gelegenheit
wahr, von der Landwirlhschaft wie von den Audsichien fir die
Zukunft der Provinz zu sprechen, und alles, was er dabei hörte
und erfuhr, stand mit den Ansichten und Masznahmen, welche
Tremann ihm als die einzige zweckmnäßige Handlungsweise vor-
gezeichnet hatte, sehr im Widerspruche. Das hatte indessen seine
guten Gründe.
Es ist ein beschwerlicher Beruf, einem Manne unangenehme,e
Wahrheiten zu sagen, und vollends Jemanden zu entmuthigen,
der für sein Wünschen und Hoffen Zuspruch von uns erwartet,
ist eine unerfreuliche Sache. Die älteren Edelleute, die Lebens-
genossen und Freunde seines Vaters, bei denen der junge Frei-
herr sich wegen seiner Angelegenheiten gesprächsweise Rath zu
holen suchte, gaben ihm zu verstehen, daß die Zeiten für den
grundbesitzenden Edelmann allerdings verändert und nicht zum
Vortheil verändert wären, seit jeder im Schacher reich gewor-
dene Bürger Besizer der alten adeligen Güter werden könne.
Grade darum aber sei es Pflicht, wenn irgend möglich, den
adeligen Grundbesitz nicht zu zersplittern. Ehe man die Güter
an Schlächter und Brauer, an Branntweinbrenner und Fa-
brikanten übergehen lasse, müsse man diese Gewerbe lieber auf
den Gütern selbst betreiben und mit neuem Erwerbe die alten
Familien aufrecht zu erhalten suchen, bis man wieder so weit
gekommen sein werde, die Oberhand zu haben und die Dinge
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- Fß --
auf den guten, alten Standpunkt zurückführen zu kdnnen. Vom
Hofe aus werde dieses Verhalten ganz und gar gebilligt; man
köne sich von dort her jeder Förderung getrösten, und wenn
der verstorbene Freiherr Franz auch kein sonderlicher Landwirth
gewesen und vielleicht, ohne streng zu rechnen, ein wenig stark
ins Zeug gegangen sei, nun, so sei Renalus nicht der erste
Sohn, der solche kleine välerliche Unlerlassngssiinden ausgleichen
füsse. Der und Jener -= man nannte die Namen angesehener
Grundbesizer -- habe sich in ganz gleicher Lage befunden und
, , sich mit einem tiichkigen Inspector oder Amtmann wieder ganz
s und gar herausgearbeitet. Es komme also hanptsächlich darauf
s an, ob Renatus sich auf seinen, Amtmann verlassen könne, und
das werde er ja wissen.
Die jüngeren Edelleute faßten die Sachlage noch anders
, auf. Sie hatien davon gehört, daß Angebote auf Neudorf und
s auf Rothenfeld geschehen wären, daß eine fabrikmäßige Aus-
f beutung der Steinbrüche und der Torflager in Aussicht ge-
j nommen sei; indeß sie hegten,- wie sie sagten, zu Renatus das
s feste Vertranen, daß er nicht verkaufen werde. Sie läugneten
f nicht, daß die Güter nicht im besten Stande wären, aber das
! gäbe doch noch keinen Grund, sie loszuschlagen. Wenn Andere
! sie kaufen wollten, so sei das nur ein Zeichen, daß sie sich -
große Vortheile davon versprächen, und es sei thöricht, ihnen
aus hastiger Muthlosigkeit in den Schooß zu werfen, was man
f mit einiger Geduld selbst ernten könne. Diejenigen, welche
F während des Krieges oder gleich nach demselben Jhre Güter
F verkauft hätten, bereuten es schon jetzt wie ein Verbrechen gegen
die Ihrigen, und es werde sicherlich Keinem anders damit er-
F gehen. Wenn man zugebe, daß die Krämer und die Juden
1 sich hier im Lande auf den Gütern einnisten dürften, so werde
l
!
dem Edelmanne bald nichts mehr übrig bleiben, als das flache
Land ganz und gar aufzugeben und in die Städte zu ziehen;
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

-=- Jlß--
denn Umgang, Gesellschaft wolle der Mensch doch haben, und
mit solchem Volke könne man doch nicht leben, lönne man doch
seine Frauen und Töchter nicht verkehren lassen.
In dem weichen Sinne des Freiherrn blieb von allen
solchen Anssichten und Gesprächen dasjenige haften, was seinen
persönlichen Wintschen am meisien diente, und es lag nicht im
Vortheile seines Auntmamues, ihnn anderen Siunnes werden z
lassan.
Paul hatte in verständiger Voraussicht der verschiedenen
Möglichkeiten den neuen Coniract mit dem Auuuhmanne der Art
geuacht, das der Freiherr nach seiner Heimlehr darüber ent-
scheiden konnte, ob der Contrack, wie bisher, immer auf drei
neue Jahre oder, wie es eben jetzt geschehen war, nur auf ein
Jahr verlängert werden solle, und der junge Gutsherr hatte seine
Gischlieszung endlich bis zum lezten Tage hinansgeschoben, auf
welchen man die Zulässigleit einer solchen für ihn festgesezt hatte.
Er war ohne alles Vertrauen in sich und seine Einsicht
auf seinen Gütern angelangt; indeß eben weil ihm eine gründliche
Kenntniß der Wirthschaft abging, war er leicht dahin gekommen,
sein gelegentlich und schnell erworbenes Wissen von den Dingen
sehr hoch zu veranschlagen und sich auf sein richtiges Auge, auf
seinen natürlichen Blick, auf seinen gesunden Verstand, mit Einem
Worte, auf alle jene angeborenen Fähigkeiten zu verlassen, in
deren Besiz die Unkenntniß sich beruhigt fühlt und die sich immer
als unzulänglich erweisen, wo ein umsichtiges Wissen und ein
folgerechtes, auf genaue Einsicht und Erfahrung begründetes
Handeln vonnöthen sind.
Trotzdem konte Renatus in der Nacht, welche dem ent-
scheidenden Morgen voranging, keine Nuhe finden. Alles, was -
er erlebl halle, seil er denn deuischenn Voden wieder belreleu,
alles, was er innerlich erfahren hatte, seit er wieder in seinem
Schlosse weilte, zog in seinem Geiste an ihm vorüber, und wie

====- HF J--- -
er sich nun von Stunde zu Stunde mehr gedrängt fand, mit
sich ins Klare zu kommen, sah er deutlich ein, daß die Maß-
regel, welche er jezt unabweislich treffen mußte, ihn zu einer
Erklärung gegen Hildegard nöthigen, ihn zwingen würde, auch
mif ihr zu eineu Abschlusse zu gelangen, ued sie erleichterie ihm
dieses nichk.
Wenn er die drei Giiter, dieses alte Erbe seines Hauses,
zuusammen z ehalien suchle, weun er in Nichien blieb, und die
Wirthschaft mit Hilfe eines den Ansprüüchen der neu Zeit
gewachsenen Ispektors, der freilich erst noch gefunden werden
muste ud bei dessen Wahl man ebenfalls fehlgreifen konnte,
selbst zu fihren übernahm, so fehlte ihm jeder Grund, seine
Verheiraihung hinauuszuschieben. Hildegard war seine Verlobte,
der Ael der Umgegend erwartete mit Recht läglich die öffentliche
Erklärung seiner Verlobug, die Gräfin sprach beständig von
der jetzt nahe bevorstehenden Verbindung des jungen Paares,
nur Renatus und Hildegard erwähnten derselben nicht, und der
Verkehr der beiden war allmählich ein ganz besonderer geworden.
Hildegard hatte sich nicht vortheilhaft entvickelt, indeß der
Grund ihres Wesens war ursprünglich rein und edel gewesen,
und wo sie fehlte und irrte, geschah es in der Regel durch
ebertreibung eines an sich Guten und Lobenswerthen. Sie
besaß in hohem Grade jenes Schamgefihl, das der verschmähten
Liebe eigen ist, und jene Selbstachtung, die sich im Unglücke zu
bescheiden weiß. Seit dem Tage aber, an welchem sie es sich
zum ersten Male deutlich gemacht hatte, daß die Zeit ihrer
Juugend vorüber sei, daß Nenatus sie nicht liebe, daß er daran
denken könne, sie zu verlassen, war eine jrner Wandlungen mit
ihr vorgegangen, die sich in religiösen Frauuennaturen oft mit
einer unerwartelen Plötzlichkeit vollziehen. Sie hatte es auf-
gegeben, ihr Schicksal selbst bestimmen und gesialten zu wollen,
und mit einer aus Entmuthigung und Frdmmigkeit zusammen-
F r

r es
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gesetzten Ergebung, Alles der Fügung des höchsten Wesens
anheimgestellt, dem sie sich in Demuth unterzuordnen beschlos;: Was
Gott zulassen, was er bestimmen wirde, das sollte, so hatte sie
es sich gesagt, auch ihr erwählies Theil sein; und wie edel und
richtig von ihrem religiösen Standpunkte aus diese Entsagung
auuch sein mochte, war ihr dieselbe doch in ihrem Verhältnisse
zu Nenatus nicht förderlich gewesen, sondern nur ihm allein zu
Siatten gekonmen.
Sonst hatte sie seine Zärklichkeit gesucht und ihm die ihrige
mit unverhehlter Lebe kundgegeben; jezt hielt sie sich zurück.
obschon das Herz ihr blutete, wenn Nenaius ihre Liebesbeweise
nichl forderte, nicht einmal verißte. Sie bellagle sich nicht,
weun er ihre Gesellschas nichi verlangte, sie lies: ihn gewähren,
wenn er sich oft für mehrere Tage entfernte, sie sezte Vittoria's
Bemühungen um ihn lein Hindernisß in den Weg. Konnte
Renatus seinen Schwüren untreu werden, obschon er's sehen
mußte, das der Kummer ihre Wange bleichte, konnte Cäciliens
beständige und oft so grundlose Fröhlichkeit ihn mehr befriedigen,
ihm mehr werth sein, als ihr treues Herz, nun so hatie er sie
nie geliebt, so hatie Gott es zugelassen, daß sie ihre Lebe einem
Unwvirdigen zugewendet hatte, und sie muste in Demuuth hin-
nehmen und tragen, was ihr von Gott beschieden war, auch
wenn sie seine Wege nicht verstehen konnte.
Das Schweigen, die Entsagung, welchen Hildegard sich -
überließ, täuschten den Freiherrn, deun wo die Blindheii ihnen
Voriheil bringt, strengen die Wenigsten ihr Auge zum Sehen
an. Er meinte, sie erkenne es jetzt bereits, daß sie nicht für
einander paßten, und sie wolle es ihm erleichtern, sich von ihr
loszusagen, ohne deßhalb ihr einstiges, schönes Jugendverhäliniß
zu verläugnen. Er wußte ihr Dank für ihre Zurückhaltung.
Dank dafür, daß sie ihn seinen freien Weg und Willen haben
ließ, und während er Anfangs sich davor gefürchtet hatte, ihr

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von seinen Planen zu sprechen, begegnrte es ihm jetzt bisweilen,
daß er ihr erzählte, was er zu thnn, wie er sich einzurichten
denke, ohne das; bei diesen Vorsäzen irgendwie von ihr die Rede
gewesen wäre. Er gewann zu ihr jene unbedingte Zuversicht,
welche grausam macht, und weil ihr Ehrgefühl sie hinderte, sich
zu beklagen, überließ er sich bereitwillig dem Glauben, daß sie
keinen Schmerz empfinde. So begann er, sich seine Unent-
schlossenheit, und sein feiges Zuuwarten zum Verdienste und als
eine Maßregel milder Klugheit anzurechnen, für welche alle
Theile ihn zu loben hätten, und er bestärkte sich an seinem eigenen
Verhalten in der Lehre: daß man gewaltsame Schritte überall
vermeiden milsse, daß man die Dinge nur gehen zu lassen brauche,
damii sie in die richlige Vahn und zu einer nalurgemäsen Ent-
wicklung hingeleiket wüürden.
Als er sich niedergelegt, hatte er sich an dem betreffenden
Abende gefragt: Was werde ich mit Hildegard machen, wenn
ich die Güter behalte? - Am Morgen, da er sich erhob, stand
er noch vor derselben Frage, und als sich dann im Laufe
des Vormittags zur anberaumten Stunde sein Amtmann bei
ihm einfand, war Nenatus auch noch nicht üüber seine Ungewißheit
hinausgekommen. Er fand es nach wie vor eben so unwwürdig,
sein Wort zu brechen, als grausam gegen ein Weib zu sein;
denn von seinen käglich wiederkehrenden keinen Grausamkeiten
hatte er kein Bewustsein, und daneben sagte er sich dennoch
immer wieder, daß ihm gar nichts ührig bleiben werde, als
seinem Worte, seiner Ehre und seinem Gewissen zuwider zu
handeln, wenn er sich nicht gegen sein eigenes Glück versündigen,
wenn er nicht ein gealtertes, kränkelndes Mädchen zu seiner
Gattin, zur Mutter seiner Kinder, zur Mutier eines Geschlechtes
machen wolle, das mit Fuug und Recht bisher auf seine schönen
und kräfiigen Männer und Frauen so stolz gewesen war.
aeßt, wo die Stunde der Entscheidung da war, drohte

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seiy Glaube an die eisheit des Abwartens wankend zu werden,
und doch verljeß ihn ein Selbstbewußtsein nicht, das ihn erhob:
er stand auf seinem Grunde und Boden, in seiner Väter Schloß, -
er zwar hiex der Herr. Die Vergangenheit dieses Hanses war
die seinige, sch die Zukunft in demselben zu bewahren, stand -
jn seiner Macht. Er hegle das volle Herrenbewuslsein, jene
Peherzeugung von der eigenen Bedeutung, welche ricksichtslose
Selbßerhaltuug und Selbstbefriedigung als ihr angeborenes Rech!
etrachtet. Er meinte seines Vairrs Geist in sich zu füühlen,
zmdd er gelobte sich, in diesem Geiste auch zu handeln. Er durfte,
er wollte sich von dem Boden nicht trennen, aus dem er ihm
erwuchs. Nur mit Hildegard mußte er zu einem Abschlusse,-
einem Ende gelangen!
Er war eben von seinem Spaziergange mit Cäcilien heim-
gefoupnen, als man ihm den Amtmann meldete. Die Jahre -
hatten diesen wenig angefochten. Er war jetzt allerdings aug
Lein jungex Mann mehr, aber er sah besser aus, als in früheren -
Zeiten, denn er war stark geworden und blickte selbstzufrieden -
und behaglich lächelnd um sich her. Nur aus den kleinen, -
zrauen Aügen, deren schwere Lider sich beinahe schlossen, wenn-
er den Mund zur Freundlichkeit verzog, schoß hier und da ein -
Ausdruck achtsamer Schlauheit unheimlich hervor, der sonderbar
zegen das offene Wesen abstach, dessen der Amtmann sich sonst
heflejßigte und rühmte.
Demüthig und doch nicht ohne Zuversicht trat er bei dem -
Freiherrn ein, Er sagte, daß er gekommen sei; die Befehle und
die leztlichen Entschließungen des gnädigen Herrn zu vernehmen. -
und er hoffe, daß diese nicht zu seinem Schaden sein wüürden.
Die Herren von Arten hätten ja treue Dienste immer zu wür-
digen verstanden, und so werde denn ja auch der jezige Freiherr I
wohl das Gleiche an ihm thun.
Renatus hatte den Amtmann seine Anrede kuhig vollenden -

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laen. Dann nöthigte er ihn, sich zu setzen, und ohne ihm
irgend eine Anerkennung auszusprechen oder ihn zu einer Hof-
nmg zu ermuthigen, blieb er selber, den Arm auf die Lehne
seines hohen Schreibtisches gestitzt, vor dem Sizenden stehen,
so das; er auf ihn herniedersah. Er genosß in diesem Augen-
blicke das Bewstsein seiner Herrschaft, er wollte sie den Ami-
mann auch empfinden lassen, und erst nach längerem Schweigen
sagle er mit jener nur auf das eigene Juteresse gerichteten Weise,
in welcher ie Fürsten gegen ihre Unterthanen, die Besizenden
gegen die Nichtbesizenden in der Regel Meister sind, und welche
sie oft sogar verhindert, sich die Zeit zu nehmen, dem Ange-
redeten auch nur die Ehre seiner Namensnennung zu gewähren:
Ich höre ans Ihren Worien, daß Sie die Ansichten kennen,
welche mein Bevollmächtigter, der Kaufmann Tremann, in Bezug
auf diese Güter hegt, und ich lasse es vorläufig dahingestellt
sein, in wie weit er mit denselben Recht hat. Ich war bei
meiner Ankunft allerdings der Meinung, daß ich hier durch-
greifende Veränderungen machen mißte, indeß ich mag nicht? -
übereilen, und dg, wie Sie richtig bemerken, wir in unserem
Hause es nicht lieben, unsere Beamten und Diener oft zu
wechseln, so wäre ich in gewissem Sinne nicht abgeneigt, auch
mit Ihnen einen neuen Versuch, einen neuen Contract zu machen,
obschon ich mich während meines langen Aufenthaltes im Auslande
davon iberzeugte, daß Ihnen in der That, darin hat Herr Tre-
mann Recht, die Kenntniß der Fortschritte mangelt, welche man
in der rationellen Bewirthschaftung und Verwerthung großer
Giter in den letzten Jahrzehenden überall gemacht hat.
Er hielt inne, nahm eine Feder zur Hand, prüfte auf dem
Nagel des Daumens ihre Spize, legte sie dann wieder fort und
streifte nzit dem Auge ülber den Amtmann hin, der, die Hände
lber dem Leibe gefaltet, andächtig und unbeweglich, als ob er
vor der Kanzel säße, die Aussprüche des jungen Freiherrn, von

-- Jh--
dessen landwirthschaft. ,k Kenntnissen er hinwiederum auch seine
besondere Meinung hegte, über sich ergehen ließ. Er fand es
weder nöthig noch zweckmäßig, ihm eine Antwort zu geben, ehe
eine solche unvermeidlich war, und Renatus sah sich dadurch
also gezwungen, seiner ersten Rede die Bemerkung hinzuzufüügen,
daß große Verbesserungen auf den Gütern, wie er sich iberzeugt
habe, unerläßlich wären, und den Amtmann daran zu erinnern,
wie derselbe es ihm für möglich erklärt habe, die Ameliorationen
ohne alle Hllfe von answärls, aus den eigenen Milieln zu
bewerkstelligen. Aber auch hierauf antwortete der Amtmann
nur mit einer stummen Kopfneigung, und der Freiherr mußte
also auf's Neue zu sprechen beginnen.
Da Sie wußten, sagte cr, daß ich heute die Entscheidung
treffen muß, werden Sie Sich die Verhältnisse wohl durchdacht
haben. Erklären Sie Sich also nach Ihrem besten Wissen und
Gewissen darüber, ob und wie Sie es für möglich erachten, daß,
wir, ohne zu neuen Geldaufnahmen unsere Zuflucht zu nehmen
und ohne eines der Güter abzutrennen, -= er vermied das Wort
verkaufen geflissentlich, die Wirthschaft weiter führen und den
Schaden ersetzen können, den die Kriege uns gethan haben. Man
hat mir, ich verhehle Ihnen das nicht, nicht nr gegen Ihre
Einsicht und Ihre Kenntnisse, sondern auch gegen Ihre Person
Mißtrauen eingeflößt, aber ich gestehe Ihnen mit Vergnüügen ein,
daß ich glaube, man habe Ihnen Nnrecht geihan. Ich habe
nichts, gar nichts wider Sie, im Gegentheil! Die Frau Baronin
hat mir Ihre gefällige Dienstfertigkeit gerühmt. Sie können
also zuversichtlich sprechen und der billigsten Beurtheilung, der
genauesten Erwägung des Für und Wider Sich versichert halten.
Ohne eine zwingende Nothwendigkeit entferne ich Sie nicht!
Renatus war äußerst wohl mit sich und mit dieser Rede

zufrieden; sie war eben so bestimmt, wie er meinte, als menschlich
und gerecht gewesen, und der Amtmann hatte sie auch mit der s
-

--- H?
( tiefstes. Ergebenheit vernommen. Er hatte nur zu verschiedenen
P Malen gewichtig mit dem Kopfe genickt; dann wieder hatte er
! gelächelt, wie einer, dem das Gehörte nicht unerwartet kommt,
und sich zur Antwort und zum Neberlegen bedächtig Zeit lassend,
, sagte er endlich: Gnädiger Herr, ich habe mich nicht heran-
h gedrängt, Ihnen meine Meinung zu sigen; ich habe gedacht.
! Sie sollten Sich nur, wie Sie das ja auch gethan haben, hier
h -zu Lande umsehen, denn die Verantwortung, die Unsereiner auf
! sich uumt, iss hgar zu gros. Nen Sie hier Veschesd wissen
F und, wie das in der Ordnung ist, überall selber herumgehört
(' haben, was von mir geglaubt und gehalten wird, nun sind Sie
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doch wenigstens so weit in Ihpem Zutrauen zu mir gekommen,
geworfen haben, das ist das ganze Elend! Sonst hat es noch
keine Noih, wenn man nur erst wieder gelassen an die Arbeit
gehen kann. Verschuldet sind die Gliter, schwer verschuldet, das
ist wahr; wer verlangt denn aber, daß man morgen oder über-
die Spekulanten, die am liebsten Alles zu Geld und alles Geld
mann, alljährlich drei, vier Mal durch ihre Hände laufen und
l
immer etwas davon kleben bleiben kann? Im Gutsbesitz, im
Landbesiz ist es just das strice Gegentheil. Da will Alles
seine Zeit und seine Nuhe haben. Und wenn Sie, gnädiger
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Herr, mir ganz allein vertrauen und Sich auf mich allein ver-
lassen wollten, so sollten Sie erleben, ob ich mich auf mein Fach
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den Tremann an der Spitze, die ihre Augen auf die Giter hier
morgen die Schulden abbezahlt? Wer verlangt das anders, als
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also, gnädiger Herr, es sind die Spekulanten, den Steinert und
in der Welt flissig machen möchten, damit es, wie bei Tre-
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daß Sie meine Stimme zu vernehmen wünschen. Gerade heraus
verstehe und ob ich meines Herrn Vortheil mit meiner alten
Wirhschaftsmanier nicht besser wahrzunehmenweiß, alsdieAnderen
mit all ihren neuen Künsten.
Der Amtmann gab dem Freiherrn zu bedenken, wie leicht


-- ZZ--
es die Steinert, sa.üe Vorgänger im Amte, während der langen
Friedensjahre gehabt hätten, die dem siebenjährigen Kriege gefolgt
waren, und unter wie ungünstigen Umständen er die Verwaltung
, übernommen habe. Er wies den unverhältnißmäßigen Geld-
verbrauch des Freiherrn Franz nach, er erinnerte an die furcht-
baren Kriege und Kriegszüüge, an den allgemeinen Nothstand,
an die Aufhebung der Leibeigenschaft, um zu erklären, wie un-
möglich es bisher fiir ihn gewesen sei, an irgend eine Verbesserung
auf den Gütern, oder gar an die Erzielung von Neberschüüssen
zur Schuldentilgung denken zu können. Nun, sagte er, sei noch
der völlige Mißwachs des vorigen Jahres dazu gekommen, in
welchem man das eigene Vieh zu schlachten versucht gewesen sei,
weil man nicht gewußt habe, wie man es ernähren solle, und
trotzdem habe er in diesem Jahre am ersten Quartale allen
Verpflichtungen genügen können, die auf den Gütern und auf
dem gnädigen Herrn persönlich gehaftet hätien.
Sehen Sie, gnädiger Herr, rief er und wies in die Länd-
schaft hinaus, Gott der Herr hat doch endlich wieder eine Einsicht!
Seit man gedenken kann, haben die Saaten nicht so gestanden,
haben wir kein so frühes Jahr gehabt, haben die Bäume nicht
solche Bllthenlast getragen. Wenn Gott uns weiter gnädig ist,
gibt das eine Ernte, die manches Loch verstopft! Denn die
Theurung ist noch immer ungeheuer und die Preise halten sich
nothwendig noch bis in das nächste Jahr. Es ist nichts mit
den Spekulanten und mit den Fabriken, von denen sie' immer
- reden! Aus dem Boden muß man es herausholen mit Egge
und Pflug! Langsam geht das freilich, dafür jedoch ist's sicherer,
sicherer wie der Dampf, mit dem sie jetzt in England ihr Wesen
zu betreiben anfangen und der auch dem Steinert im Kopfe spukt,
seit er den Sohn in Amerika da drüben sizen hat. Mit Dampf
wollen sie brennen und brauen in Marienfeld, mit Dampf
möchten sie Steine schleifen in Neudorf, und dazu sollen die
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-- Zß---
Toü;tiche in Rothenfeld die Feuerung liefern. Aber wir können
ja selber Torfstiche eröffnen, wenn wir nur erst so weit sind,
die Bauten in Angriff nehmen, neue Häuser aufführen und
Leute zur Arbeit hieherziehen und ernähren zu können. Auch
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die Wege müssen wir erst wieder so weit im Stande haben,
daß man den Torf bis zum Wasser bringen kann. Machen
können wir das alles, nuur Geduld müssen wir haben, nur
Geduld! Das Geld wird sich schon finden, wenn man uns
ntr Zeit läßi. Und weil sie das Alles wissen, so gut wie ich,
darum drängen sie den gnädigen Herrn so gewaltig zum Ver-
kaufen. Diese Spekulanten haben ja ihre Augen überall. Wie
die Stoßoögel hangen sie in, der Luft, und ehe man's gewahr
wird, schießen sie herunter und haben's in den Krallen!
Der Amtmann lachte, als er von den Summen hörte,
welche Tremann für die Hebung der Güter als unerläßlich be-
zeichnet hatte. Daran allein können der gnädige Herr ja sehen,
daß es ihnen bloß darauf ankommt, den gnädigen Herrn ab-
zuschrecken. Und das nennen diese Leute Landwirthschaft!
Kaufen, Alles fertig kaufen, Alles baar bezahlen! Nichts er-
schaffen, nichts erziehen, das ist ihre neue Weisheit! Sie wollen
die Ziegel nicht streichen zum Baue und das Thier nicht aus-
tragen lassen im Mutterleibe; Stallungen aufrichten im Hand-
umdrehen und fremde Heerden einführen, ohne zu denken, ob
sie sich hier zu Lande halten; Hunderttausende in die Güter
hineinstecken und sie dann verkaufen und das Doppelte heraus-
ziehen! Und dann sieh' Du zu, was nun aus dem Grunde
und Boden wird! Spekulanten und Roßtäuscher - die sind
Einer wie der Andere! Elendes Gesindel, das der Landwirth
sich vom Hofe und vom Leibe halten muß!
Der Amimann hatte sich in Zorn gesprochen, denn die
Sache ging ihm an das Leben. Er kannte seinen jungen Herrn
h wenig, indeß langjähriges Dienen hatte ihn die Edelleute der
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,

-- (ß
Gegend im Allgememen kennen gelehrt, und er hatte bewußt
und unbewußt den rechten Ton getroffen, um auf seinen Herrn -
zu wirken. Renatus liebte es nicht, in denjenigen, mit welchen ,
er Geschäfte abzumachen hatte, seines Gleichen oder gar einer s
Neherlegenheit zu begegnen, und Tremann's völlig freie Bil- .
dung war ihm eben so unangenehm gewesen, als die Leichtigkeit, !
mil der er sich in allem Geschäsilichen bewegle, und die rasche
Entschiedenheit, welche er von dem Freiherrn forderte. Des
Amtmanns Ansichten vom Abwarten stimmten zudem auf das
genaueste mit denen seines Herrn überein, und da jede fest aus-
gesprochene Meinng ihre Wirkung auf den Unerfahrenen nie
verfehlt, verlangte Nenatus, dessen Zutrauen zu seinem Beamten
sich steigerte, von demselben endlich eine genaue Auseinander-
sezung über die Wege, welche dieser bei der Ausführung seiner
Plane einzuschlagen denke.
Der Amtmann zuckte die Schultern. Gnädiger Herr, sggte
er, ich allein kann's nicht machen und Einer allein kann's äber-
haupt nicht. Aber wenn der gnädige Herr selber mit dazu
thun wollen, so ist's keine Hexerei und gar kein Zweifel, daß
wir vorwärts und zu Stande kommen.
Renatus befahl ihm, sich deutlicher zu erklären; der Amt-
mann ließ sich das nicht zweimal sagen. Es war ihm, als er
vor seinem Herrn erschienen war, nicht besonders wohl gewesen,
jetzt aber begann er, Muth zu fassen. Er knöpfte den braunen
Oberrock auf, daß die großgeblümte, wollene Weste in ihrer
ganzen Farbenpracht zu sehen war, zog sein blaues Taschentuch
hervor, und sich die Stirn und die feisten Wangen trocknend,
während die kleinen Augen in freundlicher Zuversicht listig
zwinkerten, sagte er: Was sie dem gnädigen Herrn auch von
den neuen Wirihschafts -Meihoden und neuen Theorieen ge-
sprochen haben mögen, es gibt zum Vorwärtskommen, um in
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oie Bbe bnne. er ur ve ene vratiswe Neorn
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viel a.änehmen und wenig brauchen, daß man Neberschuß erzielt.
So haben sie's ja auch gemacht, die Steinert und der alte
Flies, die ihr Schäfchen so vorsichtig in's Trockene gebracht
haben, während sie den seligen Herrn in die Patsche füührten.
Warum soll's denn jetzt, da es nicht ihren, sondern des gnädigen
s Herrn Voriheil gilt, mit neuen Milteln angefangen werden?
Er begann darauuf, dei Freiherrn die Eriräge der Güter
s , und die zunächst nothwendigen Auusgaben vorzurechnen, wobei
s. die Verhältnisse sich allerdings weit günstiger als nach den An-
s nahmen von Tremann auswiesen, schilderte darauf aber die
s grosen Mühen, welche man in den kommenden Jahren haben
s werde, die mancherlei Unsichexheiten, denen man immer in der
, Wirihschaft ausgesezt sei, und nachdem er Nenatus mit jener
s Menge von Einzelheiten, die finr den Uneingeweihten stets etwas
h Beunruhigendes und Verwirrendes haben, ermüdet hatte, so daß
F derselbe bedenklich zu werden begann, tcat der Amtmann ganz
unerwartet und plözlich mit dem Vorschlage hervor, die Güter
j in Pacht zu nehmen, falls der Freiherr es unter den obwal-
j tenden Umständen etwwa vorziehen sollte, im militärischen Dienste
s zu verbleiben, wo ihm bei seinen jungen Jahren ein schönes
s Vorwärtskommen nicht entgehen könne, da jetzt nach dem Kriege
viele der älteren Offziere ihren Abschied fordern oder erhalten
, wnden.
Renatus stand noch immer an dem Schreibtische, aber seine
( Stirne sah nicht mehr so heiter und so klar aus. Der Vor-
ß schlag des Antmanns beunruhigte ihn sehr; denn auch Tre-
F mann hatie ihn darauf hingewiesen, daß es gerathen für ihn
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l
sein würde, in seiner militärischen Laufbahn zu beharren und
zu versuchen, in wie weit sich mit dem festen Ertrage eines
Pachtzinses seine Vermögens-Umstände verbessern ließen. Wenn
man aber von zwei so verschiedenen Ausgangspunkten, wie die
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von Tremann und von dem Amtmanne es waren, an das

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gleiche Ziel gelangen konnte, so mußte dies ein richtiges sein;
indeß es widerstrebte dem Freiherrn immer noch, an die Ver- ß
pachtung seiner Güter zu denken.
Er hatte die Feder wieder zur Hand genommen und riß, l
ohne zu wissen, was er that, ihre Fahne in kleinen Stücken ;
herunter, bis er den nackten, kahlen Kiel erblickte. Stückveise! l
murmelte er kaum hörbar zwischen den Zähnen hin, knickte die ;
Feder um und warf sie mit einer heftigen Bewegung fort.
Der Almann beobachlele ihn genau, aber er dringte ihn j
mit keinem Worte zu einer entscheidenden Antwort hin. Er
erklärte sich sogar aus freiem Antriebe bereit, das Belieben des
gnädigen Herrn noch acht Tage zu erwarten, damit derselbe
volle Zeit habe, die Sache reiflich zu erwwägen. Und als man
danach auf die Bürgschaft zu reden kam, welche der Amtmann
als Pächter der Güter zu leisten haben würde, meinte er, be-
scheiden und vertrauensvoll lächelnd, er sei ja nicht nackt und
bloß gewesen, als er in den Dienst der Herrschaften getreten -
sei. Er habe sich in all den schweren Jahren schlicht und recht
und kümmerlich wie der ärmste Mann beholfen, habe also immer
doch etwas zurückgelegt, und wenn der Freiherr von ihm die
Bürgschaft nicht über die Gebühr hoch begehre, so hoffe er mit
Gottes Hülfe und mit dem Beistande seiner Freunde wohl im
Stande zu sein, sie aufzubringen.
Damit waren für's Erste diese Verhandlungen beendet,
aber der Sinn des Freiherrn blieb mit ihnen immerfort be-
schäftigt, und wie er sich's auch vorhielt, daß es ja noch völlig
in seinem Belieben und in seinem Ermessen liege, was er thun
wolle, kam er sich nicht mehr so frei, so selbständig als noch
vor wenigen Stunden vor, denn, mochte er sich auch gegen die
Einsicht sträuben, das erkannte er deutlich, er komnte das Leben
nicht in der Weise seineö Vaters weiterfüühren; er war herunter-
gelommen, und Alle um ihn her, Alle, die in seinen Diensten
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f gearbeitet, selbst gearbeitet hatten, wacen im Wohlstande fort-
s aschritten.
Er hakte den Neid niemals gekannt, jetzt aber regte sich
s in ihm eine zornige Empfindung gegen alle jene Emporkömm-
linge, und obschon er sich durchaus in der Lage befand, den
Werth und die Bedeutung des Geldes schdtzen zu lernen, dünkte
das Geld ihn an und für sich als etwas Verächtliches, weil
der gemeine Mann, weil Jedweder es erwerben konnte, der eine
j schpiellge Hand uichl scheute, der sich entschließen mochte, die
h Gggenwart um der Zukunft willen darnn zu geben, und, wie
F der Amtmann es nanute, gleich einem gemeinen Manne zu
f arbeiten und zu leben. Es lag für des Freiherrn Empsinden
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auch etwas sehr Gemeines in dem beständigen Denken an Hab
und Gut, an Vermehrung des Besizes. Er hatte eine Er-
innerung an die Zeiten, in welchen in seinem väterlichen Schlosse
von Geld und Besiz niemals die Rede gewesen war, weil man
ihr Vorhandensein als ein Selbstverständliches angenommen hatte.
Damals hatte man sich selbst gelebt, man hakte Muße und
Freiheit gehabt, sich seinen Neigungen, seinen Gefühlen zu über-
lassen; jezt trat überall die zwingende Noihwendigkeit zwischen
ihn und seine Wünsche, und sogar in dem Augenblicke, in
welchem er sich enger als je zuvor mit seinem Besize verwachsen
fühlen gelernt, trachteten die Emporkömmlinge ihm von allen
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Seiten die Neberzeugung aufzudrängen, daß fir ihn die alten
Zustände nicht mehr aufrecht zu halten seien, daß er ohne ihren
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Beistand nothwendig zu Grunde gehen müsse.
Er hatte es durchaus vorgehabt, auf seinen Gütern und
unter seinen Leuten, die ihm lieb geworden waren, zu weilen
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F und zu leben. Nun sollte er das menschliche Verhältniß, das
ß sich zwischen ihnen zu bilden begonnen hatte, plözlich wieder
F zerstdren, indem er sie einem fremden, Willen lberließ; n
sollte er wieder von seiner Heimath scheiden und das Erbe seiner

-- he -=-
Väter einzig als den Boden behandeln, von dessen Frucht er
sich ernährte - es wollte ihm nicht eingehen!
Es war gegen den Mittag hin, als der Amtmann sich
von dem Freiherrn verabschiedete. Nenatus blieb eine Weile
an seinem Schreibtische sizen. Das Haupt auf den Arm ge-
slützt, sah er unverwandten Auges auf die Berechuungen nieder,
welche der Amtmann ihm vorgelegt hatte. Er zähhlte die Reihen
zusammen, er verglich die verschiedenen Posten, es wurde damit
nicht viel für ihn gefördert.
War das aber eine Aufgabe, die sich für ihn, fir einen
Edelmann geziemte? Tag für Tag nur dem Erwerbe, dem
elenden Gelderwerbe leben! Heute dem Gewinne eine kleine
Summe hinzufügen, morgen sie von den Schulden abstreichen;
und das Jahr aus, Jahr ein, und das Alles ohne die be-
stimmte Aussicht auf einen sicheren Erfolg? Es dimkte ihn
eine sehr untröstliche Beschäftigung. Hinter dem Pfluge her-
zugehen, die Furche in dem fruchtgebenden Poden aufzureißen,
die goldenen Samenkörner dem warmen Schooße der Erde an-
zuvertrauen, die reife Frucht des Feldes einzuernten, den Kampf
mit des Wetters Ungunst zu bestehen, dieses Thun und Er-
leiden des gemeinen Mannes däuchten ihm ein Genuß neben
dem Zuwarlen aus der Ferne, zu welchem der Edelmann. zu
welchem er selber verdammt war, wenn er sich des persönlichen
Eingreifens in seine Angelegenheit durch die Verpachtung seiner
Güter mehr noch als bisher begab.
Er konnte zu keinem Entschlusse kommen, und von der
inneren Ungeduld hinweggetrieben, verließ er sein Gemach. Er
stieg die Treppen hinunter und ging in den Garten hinaus.
Gleich an der rechten Seite, wo die große Allee sich anschloß,
ging er von der Terrasse hinunter und durch den Park.
Die Bäume, die Püsche hatien schon ihr volles Laub.
Der Schatten war tief und erquicklich, aber die Stille und die

---- ßJ--
Einzumkeit waren ihm heute nicht erwünscht. Er hätte gestört
werden mögen in den Gedanken, die auf ihm lasteten, er hätte
die Trompeten seines Regimentes einmal wieder schmetrern hören
mögen, um sich an ihrem muthigen Klange das Herz zu er-
frischen. Und während er noch vor wenigen Stunden seinen
Besiz als eine Ehrensache angesehen häite, erschien ihm jetzt der
ärmste Soldat, der in seinem Degen sei: ganzeö Erbe besas
und am Tage den Tag zu leben vermochte, bei Weitem als
der Glücklichese. Warum war es gerade ihm denn auferlegt,
einzustehen für die Ehre und das Ansehen einer Reihe von
Altvordern, deren Genitsse und Befriedigungen er nicht getheilt,
und an deren Irrthiümern er doch so schwer zu tragen hatte?
Er war jetzt seit einer Reihe von Jahren an ein bewegtes
Dasein, an Thätigkeit gewöhnt, er verstand das Waffenhandwerk,
das er biöher getrieben hatte. Auch in seinem Regimente kannte
man ihn, auch in seinem Regimente vertraute ihm der gemeine
Mann und liebte man ihn so gut wie hier auf seinem Grunde
und Boden. Auch in seinem Regimente hatte er eine Heimath,
eine Bedeutung, eine Wirksamkeit, und sie waren völlig unab-
hängig von allem, was von seinen Ahnen als Erbe auf ihn
gekommen war, sie waren mehr als alles Andere sein eigen.
Weßhalb sollte er darauf verzichten? Weßhalb sollte er sich auf
seine Güter zurückziehen, wenn er sich dazu verdammen mußte,
auf ihnen als ein Einsiedler und in der halben Abhängigkeit
von einem ihm untergebenen geringen Manne zu leben? Welche
Verpflichtungen hatie er gegen den Adel der Nachbarschaft, der
ihm so dringend vom Verkaufe der Güter abrieth? Sie waren
ihm im Grunde sammt und sonders fremd, diese Edelleute. In
seinem Regimente hatte er Freunde, hatte er die Kameraden,
mit denen die Erinnerung an Noth, an Gefahr und Sieg ihn
eng verband. Er sehnte sich nach seinem Negimente. Dort hatte
er seiner Sorgen nicht in jedem Augenblicke denken müssen, dort
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

b- ßiHj--
hatte er sich jung gefühlt; hier lastete das Leben schwer auf ihm
und drückte ihn hernieder. Er wollte seinen Frohsinn, seine Freunde j
wieder haben, er wollte sich die schönen Tage der goldenen
Jugend nicht verkümmern lassen. Mochte der Ernst beginnen,
wenn die Jugend ihm entflohen war.
Er hatte den Park verlassen und war hinausgetreten in die
Rothenfelder Feldmark. Die Kirche lag in stiller Nuhe vor ihm.
Sie sah sehr mächtig aus mit ihrem hohen Thurme, mit dem
schönen Eingangsthore; aber er konnte es sich nicht verbergen,
es war für ihre Erbauung keine Nothwendigkeit vorhanden ge-
wesen. Seine Eltern hatten damit einem ganz persönlichen Be-
dirfen und Belieben nachgegeben und sie halten, wie es ihm
heute erschien, damit auch Recht gehabt. Ee sollte Jeder vor
allem Anderen sich selbst geng zu thun trachten. Er fine seinen
Theil bedurfte dieses Gotieshauses freilich nicht, denn des Amt-
manns Vorschlag, das: er im Regimente bleiben solle, war im
Grunde sehr verständig. Wenn er wirllich im Regimente blieb,
wenn er sich künftig nicht für immer in seinem Schlosse aufhielt,
brauchte man z. B. auch die Pfarre für's Erste nicht fortbestehen
zu lassen. Man konte den Füürstbischof ersuchen, den Pfarrer
zurückzuberufen und anderweitig zu verwenden. Die Baronin
Vittoria konnte, so oft sie es begehrte, nach einer der Städte,
welche eine katholische Kirche hatten, zur Messe fahren, und die
Gräber zu bewachen, war der Sakristan geng.
Je länger Nenatus über die Ersparungsvorschläge, welche
der Amtmann ihm im Laufe ihrer Unterredung gethan hatte,
nachsann, um so mehr leuchteten ihm dieselben ein. Die Ent-
lassung der sämmtlichen noch im Schlosse vorhandenen Diener-
schaft war verständig; nur Gaetana und der alte Kammerdiener
sollten bei der Baronin bleiben. Seinen Bruder Valerio, welcher
der weiblichen Hand durchaus entwachsen war, wollte der junge
Freiherr mit sich nehmen, um ihn in einer der militärischen Er-
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--- (? ---
ziehungsanstalten unterzubringen; und wie er in solcher Weise
das Schloß zu entvölkern begann, wurde sein eigenes Verlangen,
es zu verlassen, immer größer.
Vor wenigen Tagen hatte ihn die Liebe überrascht, welche
er fie dasselbe, fir seine Besizungen hegte, jetzt erschreckte ihn
die Gleichgiltigkeit beinahe, in welcher er an die theilweise Zer-
störung der Verhältnisse denken konnte, mit denen er sich so un-
auflöslich yerbunden geglaubt hatte; und wie er tiefer in sein
Herz hineinsah, wie er mit dem grübelnden Sinne, der ihm
von der Mutter angeboren war, sich fragte: was ist es, das
mir die Aussicht in die Ferne plötzlich so erheitert? da blieb er
sich die Antwort schuldig, denn er sah Hildegard den kleinen
Seilenussad von der Margarelhenhöhe heruunlerlommen, und er
muste gehen, sie zu begrißen.
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Kapitel 05

Fiünftes Capite l.
Jßes uur heue i sie gefahren st! sage an dem
Nachmittage der Kammerdiener verdrießlich zu Vittoria's Dienerin,
mit welcher er in dem Laufe der Jahre eine Freundschaft auf
Tod und Leben geschlossen hatte. Seit der junge Herr zu Hause
ist, hatte doch Alles wieder eine Manier bekommen, aber heute
stieben sie aus einander, als hätie der Bliz dazwischengeschlagen!
Was haben sie deny vor?
Der junge Herr ist fortgeritten! bedeutete Gaetana ge-
heimnißvoll.
Freilich, ich habe ihm ja das Pferd bestellt! versezte darauf
der Diener.
Aber wissen Sie, weßhalb er fortgeritien ist? fragte die
Jtalienerin, und ihre dunklen Augen blitzten unter den breiten,
schwarzen Brauen scharf hervor.
Ja, er war ärgerlich, weil er mit dem Amtmanne nicht zu
Stande gekommen ist! sagte der Kammerdiener.
Gaetana machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
Nein, Padrone, Ihr irrt, Ihr irrt Euch ganz und gar! -=
Und sich vorsichtig umblickend, fügte sie hinzu: Die Gräfin
Cäcilie kam blaß wie eine Leiche zu meiner Signorina in das
Zimmer! Sie schickten den Junker fort, sie schickten auch mich
hinaus! Gleich darauf sendete die Gräfin ihre Jungfer zu uns
und ließ sagen, sie und die älteste Comtesse würden auf ihrem
Zimmer speisen. Die Gräfin Hildegard reist ab!
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-- ßß--
Sie konnte ühr Vergnügen bei den Worten nicht verbergen,
F der Kammerdiener zuckte ungläubig mit den Schultern. Sie
! denkt nicht daran! meinte er - die Herzogin, als wir die noch
zu des seligen Herrn Zeiten bei uns hatten - ich war damals
noch ein Junge, der nur hier und da zur Hand ging - die
Herzogin machte es gerade so, wenn sie ihren Willen durchzu-
setzen dachte! Packen werden sie und Pferde bestellen auch! Aber
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Nein, sie geht, sie geht! versicherte ihm Gaetana, als die
Klingel aus dem Zimmer der Baronin Vittoria sie von der
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nachbarten Edelmannes in den Hof geritten kam.
Er brachte einen Zettel von dem jungen Freiherrn, der
den Kammerdiener anwies, ihn heute nicht mehr zu erwarten,
sondern ihm einen Mantelsack zu packen und ihm denselben durch
einen Boten zu übersenden, da er mit seinem gegenwärtigen
Wirthe auf einem zndern Gute bei andern Freunden noch einen
Besuch zu machen denke.'
Nun? fragte Gaetana, da sie im Auftrage ihrer Herrin
eilig durch den Flur ging.
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zu Ende kommen, bis sie der Herr dabei betrifft, und dann .. -
Unterhaltung abrief, und fast gleichzeitig der Neitknecht eines be-
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se werden die Pferde stehen lassen und mit dem Packen nicht
Sie könnten Recht haben, meinte der Kammerdiener; es
ist etwas passirt! Aber fortgehen? Ich glaub's nicht! Wo sollen
sie denn hin? fügte er mit einem geringschätzigen Zucen des
Mundes hinzu.
Er war noch zu den guten Zeiten in die Dienste des ver-
storbenen Freiherrn getreten, hatte noch die Baronin Angelika
in aller ihrer Vornehmheit gekannt und, wie alle Diener reicher
Häuser, immer eine große Verachtung gegen unbemittelte Herr-
schaften gehegt. Es war daher gar nicht nach seinem Sinne ge-
wesen, als nach dem Tode des Freiherrn die Gräfin Rhoden
mit ihren Töchtern in das Schloß gekommen war. Er hatte

-- 7J--
es auch in all den Jahren und bis zu dem Tage von des jungen
Freiherrn Rückkehr hartnäckig geläugnet, daß es zwischen seinem
jungen Herrn und der Gräfin Hildegard jemals etvas werden
könne. Jedem, der ihn darum befragt, hatte er geaniwortet,
daß sein Herr der Gräfin Rhoden und ihren Töchtern in den
schweren Zeiten zu Hülfe gekommen sei und sie so mit durch-
gehalten habe, und das sei schön und recht von ihm gewesen,
denn der verstorbene Herr Baron habe es ja seiner Zeit mit der
Frau Herzogin gerade so gehalten; aber heirathen? Nein! Hei-
rathen sei doch etwwas Anderes, und an eine Heiraih sei hier
nicht zu denken! Die Herren von Arten nähmen sich keine Frauuen,
deren Hab und Gut man in zwei Wagen und sin paar Koffern
von der Siadt nach Richten bringen könne!
Selbst als nach des jungen Freiherrn Heimkehr die äußeren
Zärtlichkeitsbeweise zwischen Renatus und Hildegard ihr Ver-
lobtsein für die Schlosinsassen auser Frage stellten, hatte der -
Kammerdiener immer noch den Kopf geschüttelt und war von
seinem verzweifelnden ,ich glaub's nicht! nicht abgegangen;-
denn, hatte er zu Gaetana stets gesagt, so wie der gnädige
Herr die Gräfin Hildegard anfaßt, so faßt solch ein junger Herr
kein Frauenzimmer an, bei dem ihm warm wird! Mit den
Beiden wird es nichts!
Ihm machte es also keinen Kummer, im Gegentheil, er
sah es mit der stillen Genugthuung eines Propheten, dessen
Vorausverkündigungen sich erfüllen, als man die alten Koffer
der Gräfin Nhoden aus der Nemise hervorbrachte, als die Kammer-
jungfer den Sattler vom Hofe herbeiholte, die Riemen und die
Schnallen nachzusehen. Er that keine Frage, er ließ die Dinge
gehen und an sich kommen.
Die Mahlzeit war vorüber. Die Baronin Vittoria und der
Junker hatten mit großer Eßlust gespeist, aus den Zimmern der
Gräfin waren die Speisen fast unberührt nach der Küche zu-
s


rückgebracht worden, und in der Stube der Dienerschaft saßen
der Kammerdiener, die beiden Kammerfrauen und der alte
Kutscher jetzt bei ihrem Mittagbrode, bei welchem die Köchin
die Vorschneiderin machte und eine der Küchenmägde die Speisen
zutrug.
Wird denn oben nicht mehr gepackt? fragte der Kammer-
diener, während er sich zu dem Hammelbraten, den die Köchin
ihm vorgelegt hatte, eine küchtige Portion der Spargel geben
ließ, welche fitr die Tafel der Gräfin bestimmt gewesen waren.
Wird deun oben jetzl nicht mehr gepackt?
Wir machen nur eine kleine Pause, enfgegnete die Kammer-
jungfer, welche ihre gute Berliner Sprache, wie sie immer sagte,
hier auf dem Lande nicht verlernen wollte. Meine Comtesse hat
sich ein wenig hingelegt, sie hat Migräne, und es muß doch
auch geschrieben werden.
Was denn geschrieben? erkundigte sich der Kutscher, es ist
ja heut' nicht Posttag!
!
Sie haben wohl nicht gesehen, daß der Reitknecht von
Brasteck in den Hof gekommen ist? Der soll den Brief an den
Herrn Baron gleich mit sich nehmen.
Der Kammerdiener fragte, wer den Brief denn schreibe?
Mamsell Caroline entgegnete, die Frau Grafin schriebe ihn.
Da soll sie sich sputen, meinte der Kutscher, indem er das
große Bierglas an die Lippen sezte, denn der Reitknecht hat
gefüttert und sattelt wieder.
So sagen Sie ihm, gebot die Kammerjungfer, daß er
warten muß, bis meine Gräfin fertig ist! Ich will sie aber
avertiren gehen.
Sie stand auf, besah sich in dem Spiegel, rlckte ihre Brill-
locken und ihre schwarze Schiirze zurecht und sagte der Köchin,
sie brauche heute Abend weiter nichts.
Also Sie gehen mit, Mamsell? rief der Kutscher. Nun,
t

da soll mir's ein Vergnügen sein, zu fahren - besonders, wenn
Sie nicht wiederkommen wollen! brummte er in seinen Bart.
Aber er hatte es nicht so leise gesprochen, um von den Andern
nicht verstanden zu werden, wenn schon Mamsell Caroline sich
das Ansehen geben konte, als habe sie nicht gehört, was er
gesagt, und als wisse sie nicht, was das Lachen um sie her bedeute.
Oben lag Hildegard bleich und regungslos auf ihrem Lager.
Die Vorhänge waren niedergelassen, der Geruch von Aether er-
füllte das Gemach. Die Gräfin hatte ihren Brief an den Frei-
herrn eben beendet. Sie wollte ihn der Tochter zu lesen geben,
aber Hildegard machte eine matte, abwehrende Bewegung. Die
Mutter siegelte ihn also und wollte schellen, um ihn hinunter
zu senden. Cäcilie saß müßig in einem der Lehnsiühle. Weil sie
jedoch wußte, wie empfindlich ihre Schwester während ihrer
Anfälle von Kopfsöeh gegen das geringste Geräusch zu sein
pflegte, wollte sie ihr das Schellen und das Kommen des Dienex?
bereitwillig ersparen.
Sie stand leise auf, trat an die Gräfin heran und erbot
sich, den Brief selbst hinunter zu tragen. Aber wie von einem
elektrischen Schlage getroffen, sprang Hildegard, die anscheinend
mit geschlossenen Augen da gelegen hatte, von ihrem Ruhebette
empor, und Cäcilie mit so gewaltsamem Griffe um das Hand-
gelenk fassend, daß sie im Schmerze zusammenzuckte, rief sie mit
funkelnden Augen in wilder Leidenschaft: Du, rühre den Brief
nicht an! Du nicht!
Ganz erschrocken trat Cäcilie zurück. Sie wollte antworten,
-' die Thränen stürzten ihr aus den Augen, und die Hände ent-
setzensvoll zusammenschlagend, rief sie: Gott im Himmel, sie ist
wahnsinnig! Hilda ist wahnsinnig geworden!
Hildegard lachte hell auf. Nein, nein, rief sie, noch bin
ich's nicht, noch sehe ich sie ja, die heuchlerischen Thränen, die
Dir über die rothen Backen niederrinnen!. Aber ich werde es
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werden, wahnsinnig wird es mich machen, wenn ich es sehen
muß, wenn ich Dich sehen muß... Sie war unfähig, den Saz
zu vollenden; sie warf sich der Mutter mit beiden Armen um
den Hals und barg ihr Gesicht an deren Brust. Es bricht mir
das Herz, es nimmt mir den Verstand! wiederholte sie immer
und immer wieder. Die Gräfin bemühte sich, sie zu besänftigen,
Cäcilie war neben der Schwester hingeknieet und küßte ihr die
Hände, aber Hildegard stieß sie mit Heftigkeit von sich, und die
Gräfin hieß die jüngere Tochter endlich sich entfernen.
Weinend und bleich, wie Gaetana es dem Kammerdiener-
geschildert hatte, war Cäcilie in dem Zimmer der Baronin an-
gelangt. Athemlos, in der höchsten Aufregung, erzählte sie der-
selben, was geschehen war; aber wider ihr Erwarten machte, sie
auf die ältere Freundin mit ihrem Berichte nicht den gewünschten
Eindruck.
Vittoria hatte sich eben erst, dem schönen Wetter zu Liebe,
ihr Ruhebett bis hart an die großen Fensterthüren ihres Zimmers
tragen lassen und blieb, von den aufgespannten Vorhängen mild
beschattet, ruhig liegen, während sie sich langsam und ohne jede,
Unterbrechung fächelte. Sie zog Cäcilie neben sich auf die Polster
nieder, und mit ihrem Tuche die Thränen von der jungen
Gräfin Wangen trocknend, sagte sie mit ihrer weichen, tiefen
Stimme: Weine nicht, weine nicht, mein Kind! Die Thränen
ziehen Furchen, und aus den Furchen in eines Weibes Antliz
wächst kein Glück hervor! - Komm, sei heiter, lächle wieder.
Sieh mich an!
Sie nahm den Kopf Cäciliens in ihre Hände, schaute ihr
in das Auge, küßte dann ihre Augenlider und rief: Hildegard
war nicht für das Glück geschaffen, nicht für das eigene, nicht
flir fremdes; ihr Blick ist unheilvoll! Wir werden' alle, alle
glücklich werden, wenn ihre unheilvollen Augen uns nicht mehr
verfolgen!

-- FF--
Cäcilie tröstend und Hildegard anklagend, sich ereifernd
und dann wieder schmeichelnd und scherzend, ließ Vittoria Cäcilie
nicht zu Worte kommen, als diese ihr Erschrecken über den
zwischen ihrer Schwester und dem jungen Freiherrn erfolgten
Bruch und ihr Bedauern über Hildegard's Schicksal auszusprechen
wünschte. Und wenn es immer nicht leicht war, sich Vittoria's
Einfluß zu entziehen, wo sie es mit Absicht darauf anlegte, s
Jemanden für sich und ihre augenblickliche Stimmung z ge-
winnen, so fand Eäcilie es heute mehr als je uumöglich.
Sie sowohl als die Mutter hatten seit Jahren von dem
traurigen Verhältnisse zwischen Hildegard und Nenatus viel zu
leiden gehabt. Daß es ein unhaltbares geworden sei, das hatte
Eäeilie gleich an dem Tage gefitrchiel, an welchem sie den Jigend-
gespielen nach so langer Trennung zum ersten Male wiedersah.
E war ihr überhaupt mit Renatus sonderbar ergangen. Von
allen den Erinnerungen ihrer ersien Jugend, von denen Hilde-
gard und auch die Mutter zu erzählen liebten, wußte Cärllie
nichts. Sie war um mehr als fünf Jahre jiinger denn der
junge Freiherr, sie war fast noch ein Kind gewesen, als Ne-
natus in den russischen Feldzug gegangen war; aber sie hatte
es oft behauptet, daß dies eigentlich der Tag sei, dessen sie sich
aus ihrem ganzen Leben am deutlichsten entsinne, und daß sie
erst von diesem Tage ab völlig klare und zusammenhängende
Vorstellungen von ihren Erlebnissen habe, die freilich einfach
gennug gewesen waren.
Sie hatte ihre Kindheit während und nach der Wittwen-
trauer ihrer Mutter auf dem Lande, in dem Schlosse der ihnen
verwandten Familie verlebt, von wo aus sie nach Richten ge-
kommen waren. Dann hatte sie in der Hauptstadt in einer der
Erziehungsanstalten einzelne Unterrichtsstunden erhalten, bis man
zu Anfang der Freiheitskriege wieder auf das Land und nach
Schloß Richten gezogen war, das die Mutter und Hildegard

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F nur verlassen hatten, als sie zur Pflege der Verwundeten und
f Krauken sich in die Stadt begeben hatten. Ceilie, die für eine
ß solche Aufgabe noch zu jung gewesen, war unter Vittoria's
Obhut in Richten geblieben, denn damals hgtten die Gräfinnen
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-sich erst später, erst als Hildegard, wie sie das namnte, zum
Bewußtsein über sich und über ihre Pflichten, und über den
Und läugnen konnte Cäcilie es nicht, das viele Nachdenken und
die große Tugend hatten ihre Schwester nicht liebenswürdiger
gemacht.
-
Cäeilie war Hildegardens völliges Gegentheil. Sie dachte
wenig nach. Sie kante die Welt und die Menschen eigenklich
nur aus den Schilderungen ihrer Mutter und aus den wenigen
Büchern, welche sie nach der Wahl der Gräfin gelesen hatte.
Zwischen die Gefühlsschwzärmerei ihrer Schwester und die von
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Die Zerwirfnisse zwischen Hildegard und der Baronin hätten
Beruf des deutschen Weibes gekommen war, so schroff herausgebildet.
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und Vittoria noch im besten Einvernehmen mit einander gelebt.
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gestellt, hatte sich ihrer nicht etwa ein Verlangen nach ähnlichen
Empfindungen, sondern nur die Neugier bemächtigt, ob sie solcher
Empfindungen wohl fähig sei; und weil sie bei ihrer sehr zu-
rückgezogenen Lebensweise nur wenig Männern begegnet war --
denn fast die ganze männliche Jugend des Landes stand seit
Jahren unter den Waffen - so hatie sie in alle jene Träume,
ohne welche kein Mädchen sich entfaltet, das Bild des Jünglings
verwebt, den sie am besten kannte, das Bild des jungen Frei-
herrn, des Verlobten ihrer Schwester. Schlank und schmächtig,
l?
A-
leidenschaftlichen Erinnerungen durchglühte Phantasie Vittoria's
schüüchtern und ein wenig schweigsam, mit den sanften, blauen
Augen freundlich lächelnd, so hatte sie sein Bild in ihrem Ge-
dächtnisse bewahrt, und wie vor einem völlig Fremden hatte sie
am Tage seiner Heimkehr vor dem stattlichen Manne gestanden,
zu welchem die Jahre, die Strapazen des Krieges und das

-- 7J--
Leben in der bewegtesten und gewähltesten Gesellschaft von
Europa den jungen Freiherrn ausgebildet hatten.
Sein Haar war dunkler, seine Gestalt sehr kräftig, sein s
Blick, seine Sprache waren lebhaft geworden, und Cäeilie hatte s
in freudiger Bewunderung seiner Schönheit sich gesagt, daß ihre ,
Schwester sehr glücklich sein müsse. Aber das Glick, das sie ,
an dem liebenden Paare zu sehen erwartete, wollte nicht zum I
Cdellie bemerlte mit steigender Verwuderung die schwer- !
Vorschein lommen.
müthige Zärklichkeit ihrer Schwester und die Verlegenheit, mit j
welcher Renatus dieselbe eher zu ertragen als zu suchen schien.
Wenn sie sich an die Stelle ihrer Schwester dachte, so mußte
es gewiß ganz anders sein, sagte sie sich; denn sie war doch
nicht des jungen Freiherrn Braut, sie liebte er nkcht und sie
liebte ihn auch nicht, aber es war doch Alles Lust und Freude
zwischen ihnen, wenn sie einmal beisammen sein konnten, ohne
daß Hildegard's ernsthafte Betrachtungen ihnen in ihrem Froh-
sinne Schranken setzten. Sie begriff es endlich gar nicht mehr,
wie Renatus es mit ihrer Schwester nur auszuhalten vermöge;
sie selbst hatte Hildegard nie so quälerisch und so mit sich und
ihren kleinen Leiden ausschließlich beschäftigt gesehen, als eben
jetzt. Sie war sonst mit der Schwester immer einig gewesen,
oder doch gut mit ihr fertig geworden, denn ihre Neigungen und
Gewohnheiten hatten sich, eben weil sie so ganz und gar von
einander unterschieden waren, nicht gekreuzt; aber seit Renatus
wieder in der Heimath lebte, hatte auch das gute Verhältniß
zwischen den beiden Schwestern sich mit Einem Male geändert.
Hildegard hatte sich von Anfang an über die laute Fröh-
lichkeit ihrer jüngeren Schwester wie über die Nastlosigkeit be-
schwert, mit welcher sie bald Dies, bald Jenes mit Renatus
unternehmen wollte, und sich vor Allem darüber beklagt, daß sie
es ihr so schwer mache, ihren Verlobten zu irgend einer Samm-

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lung zu bewegen oder auch nur ernsthaft mit ihm zu verkehren.
Cäcilie hingegen war empfindlich darüber geworden, daß die
Schwester sie wie ein Kind behandle, mit dem oder in dessen
Gegenwart man nichts Wichtiges besprechen könne. Sie haite
geklagt, daß Hildegard Alles an ihr tadle, von ihrer Art, sich
zu kleiden, bis zu der Weise, in welcher sie mit dem Jugend-
freunde, mit dem künftigen Schwager verkehre; und als Cäcilie
allnählich ans Ungeduld die Nähe der Schwester zu meiden
angefangen, halte Nenalus sich zu ihr gesellt, um Hildegard zu
zggen, daß er ihr Betragen gegen Cäcilie nicht billige.
Laß ihr doch Zeit, über ihre Sorgen nachzudenken! hatte
Eäcilie übermiithig ausgerufen, wenn sie und Valerio den jungen
Freiherrn zu irgend einem fröhlichen Unternehmen zu überreden
getrachtet hatten; und nachgebend und von der eigenen Neigung
angetrieben, hatte Nenatus sich mehr und mehr an Cäcilie an-
geschlossen, deren blühende Frische ihm das Herz erfreute.
Es war ihm ein Vergnügen, Cäcilie laufen zu sehen, sie
hatte die Anmuth eines Nehes. Es war ihm ein Vergnügen,
sie reiten zu sehen, das Thier selbst schien von ihrer Lebenslust
beflügelt zu werden; und sie mit ihrer hellen Stimme lachen zu
hören, war für Renatus vollends ein Genuß. Cäcilie aber ge-
hörte nicht zu denen, die sich Sorgen machen, die Mutter und
. die Schwester ihaten's, wie sie meinte, zur Genüge; sie war
immer guter Dinge.
Sie lachte mit ihrem reizendsten Lachen, wenn Renatus
sich bei ihr über seine Braut beklagte. Sei nicht böse auf sie,
sagte sie; sie ist ein wenig altjüngferlich geworden. Heirathe sie
nur bald, dann wird sie eine- junge Frau und auch wieder
munter und vernünftig werden. Sie hat sich gar zu sehr nach
Dir gesehnt.
Und hast Du Dich nicht nach mir gesehnt? fragte Renatus
s sie dann wohl.

-- ZF--
Ich?Wie käme ich ouzu? Ich war ja nicht mit Dir verlobt!
Nur als Du in den Krieg gegangen bist, dachte ich, es würde mir
das Herz zerbrechen, wenn Du sterben solltest! Ich konnte mich
damals gar nicht von Dir trennen! Aber Du hast's nicht
bemerkt, ich war ja damals auch nur noch ein dummes Kind!
Renatus sah sie betroffen an. Ganz plözlich kam es ihm
in das Gedächtniß zurück. Wie hatie er das vergessen können?
- Deutlich, aber ganz deutlich, erinnerte er sich jetzt, wie die
leidenschaslllche Umarung des kaum vierzehnjührlgen Mädchens
ihn in jener Abschiedsstunde erschreckt hatie. So hatte Hildegard
ihn nie umarmt. Er fihlte unwillkitrlich ein lebhaftes Ver-
langen, einer solchen Umarmung noch einmal, von Cäcilien noch
einmal theilhaftig zu werden. Wie bittend hielt er ihr die Hand
hin, sie schlug herzhaft ein, er umarmte und küßte sie und sie
gab ihm den Kuß mit ihren schwellenden Lippen fröhlich lachend
wieder. Weßhalb sollte sie ihrem künftigen Schwager, weßhalb
sollte se Renatus auch einen Kuß versagen? Sie that es niemals,
wenn er sie darum bat, und er kißte sie jetzt oft genug. Nur
jene erbebende Leidenschaft, die er wieder einmal, nur einmal
wieder noch zu genießen wünschte, jene Leidenschaft nahm er an
ihr nie wieder wahr. Es war Alles an und in ihr arglose, auf den
Augenblick gestellte ßröhlichkeit, und diese war es auch, was ihre
Nähe für Vittoria so angenehm machte, was Valerio an sie fesselte.
Heute zum ersten Male in ihrem ganzen Leben hegte Cäcilie
einen wahrhaften Zorn, und er war gegen ihre einzige Schwester
gerichtet. Sie hatte es Vittoria verschweigen wollen, was oben
unter der eigenen Mutier Augen zwischen Hildegard und ihr
geschehen war; aber der Schwester ungerechtes Mißtrauen, ihre
Härte und ihre Heftigkeit waren gar zu groß. gar zu grausam

gewesen. Vittoria hatte Recht: Hildegard war nicht zum Glick
geschaffen, nicht für das eigene, nicht für fremdes Glick. Wie
hätie sie sonst die Schwester, die ihr in mitleidvoller Liebe zu
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! helfen u.. zu dienen bemüht gewesen war, so herzlos, so un-
natürlich von sich stoßen können?
Ceilie llagie, Villoria hörie ihr ermuthhigend zu. Als jene
! geendet hatie, sagte die Baronin: Und könntest Du jemals so
l voll Argwohn sein, wie Deine Schwester?
- Nein! nein! ganz gewiß nicht! rief Cäcilie. Wie kann
s man auch einem Menschen ein lebel, ein Unrecht zutrauen,
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wezn man . - -
- Sie hiel iunr, deu die Gewohnheil der Schwesterliebe --
und die Familienliebe ist ja überhaupt zu einem großen Theile
Gewohnheitssache = hielt sie zurück, den Gedanken auszusprechen,
der ihr eben erst gekommen war; aber Vittoria ergänzte ihn sofort.
Siehst Du es, siehst Du es nun, mein Kind, daß sie voll
Arglist ist? Weil sie von Jugend auf mit unermüdlicher Be-
harrlichkeit ihr Netz gesponnen und meinen armen Renatus, als
er fast noch ein Knabe war, damit umgarnt hat, darum, darum
allein hält sie Dich für fähig, das Gleiche zu thun; darum
traut sie Dir es zu, Du könntest, arglistig wie sie, ihr das
Herz des ersehnten Bräutigams abwendig machen wollen. Als
ob sie nicht selber alles dazu gethan hätte, ihn von sich zu ent-
fernen, als ob ein Mann, so schön, so gut, so fröhlich und so
gesand wie mein Nenatus, dazu geschaffen wäre, sie seufzen zu
hören und unter ihren kühlen Blicken zu erfrieren! ler baeeo!
Vittoria brauchte, wenn sie heiteren Muthes war, wie eben jetzt,
wohl einmal einen heimathlichen Schwur -- ger bs.eco, wir
werden Ursache haben, diesen Tag zu segnen, und mich verlangt
danach, Renatus in seiner neu gewonnenen Freiheit zu um-
armen! Er wird schön aussehen, wenn er wiederkehrt und seinen
Willen hat, denn er sehnte sich nach seiner Freiheit.
Sie war so aufgeregt, daß sie sich erhob, um einen Gang
hinaus in den Garten zu thun, und sie forderte ihren Schützling
auf, sie zu begleiten. Anfangs weigerte Cäcilie sich dessen. Die

-=- Zß ---
Stunde war nahe, welg,. man für die Abreise der Schwester
anberaumt hatte, sie wollte sie in dieser nicht verlassen, ihr dabei
nicht fehlen.
Vittoria nahm sie bei der Hand. Lügst Du auch, fragte
sie, oder hast auch Du kein Blut in Deinen Adern, kein Feuer
in der Brust, das in zorniger Flamme emporschlägt, wenn man
Dich beleidigt? Schäme Dich, Cäcilie, ich hatte besser von Dir
gedacht! Und ihren Arm in den der jungen Gräfin legend,
sagie sie, während sie mil ihr die Terrasse euilang und in den
Garten hinunter ging: Komm, mein Herz, es wäre nicht hibsch
von Dir, Dich an ihrem Schmerze zu weiden, denn leiden -
leiden muß man im Verborgenen!
Cäcilie gab endlich nach. Sie war selbst aufgeregter und
in sich unentschiedener, als je. Sie hätie nicht sagen können,
wie ihr eigentlich zu Muthe sei. Sie hörte auch nur halb auf
die Schilderung, welche Vittoria ihr von dem ganzen Zusammen-
hange zwischen ihrem Stiefsohne und Hildegarden machte, denn
Renatus hatte es der Baronin in seinem Mißmuthe einst an-
vertraut, wie er sich Hildegarden, von ihr dazu angetrieben,
gerade in dem Augenblicke versprochen habe, in welchem er ge-
kommen war, sich von ihr los zu sagen. Nur das Eine entging
Cäcilien nicht, und die Baronin wiederholte es auch wieder und
wieder: Renatus hatte Hildegard niemals geliebt!
Also ist Renatus jetzt nicht zu beklagen! sagte Cäcilie sich
mit einer Genugthuung, die sie überraschte, und gleich darauf
fiel ihr die Schwester ein. Sie sah nach der Uhr. Jetzt hatte
Hildegard das Schloß bereits verlassen.
Wider ihren Willen seufzte Cäcilie tief. Sie dachte daran,
daß auch ihres Bleibens jetzt hier nicht mehr lange sein werde,
und die Thränen traten ihr bei der Vorstellung in die sonst so
fröhlichen Augen. Sie hatie das Schloß und die Baronin
Vittoria und Renatus und Valerio so lieb!
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Kapitel 06

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Sechätes Capitel.
Gens Gerhard hatte eine Krankheit überstanden. Mitten
, in einer Gesellschaft, bei einem Feste, das ein Kreis von alten
s Junggesellen sich gegeben hatte und- bei dem es fröhlich geng
s hergegangen war, denn die Jugenderinnerungen waren den
z Herren bei dem Weine reichlich zugeflossen, hatte ein schlimmer
s Auau h ereili.
Wie ein Schwindel, wie ein plötzliches Vergehen der Sinne
war es über ihn gekommen. Man hatie ihn mit dem Bei-
stande eines Arztes nach seiner Wohnung gebracht; dort hatte
er sich bald erholt, und die Krankheit hatte nicht lange gewährt.
Jetzt war sie ganz vorüber. Nur eine Schwäche war ihm noch
zurückgeblieben, und das Zittern in den Händen, das Renatus
bei dem Wiedersehen seines Oheims aufgefallen war, hatte zu-
genommen, wenngleich der Graf es mit großer Geschicklichkeit zu
P verbergen wuste.
Die Fenster seines Zimmers waren geöffnet, die Wärme
F des Tages drang voll herein, obschon man mit den herunter-
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gelassenen Markisen das Licht abdämpfte. In den großen Vasen
auf den Ecktischen dufteten die schönsten Frühlingsblumen, Früchte,
welche die Jahreszeit im Freien noch nicht darbot und die also
aus Treibhäusern geliefert sein mußten, standen auf dem Tische
vgr dem Sopha, und in seinen seidenen Schlafrock gehüllt, genoß
der Graf, von Polstern beguem gestützt, einer sehr behaglichen
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Ruhe. Bald sah er, wie das Sonnenlicht milde über die Bilder
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.

- 8?--
an den Wänden hinglitt, dann betrachtete er die Blumen in
den Vasen. Ein Schmetterling, der sich in das Zimmer verirrt
hatte, flog von der einen Vase zu der anderen, wiegte sich bald
auf dieser, bald auf jener Blume und flatterte dann gaukelnd
auf und nieder, wo die Sonne ihm am wärmsten schien. Der
Graf hätte stundenlang dem Spiele dieser bunten Flügelchen
zusehen können, ohne an etwas Anderes zu denken, hätte der
Brief, den er in seinen Hinden hieli, ihn nichi beschäsligi.
Es war ein langer Brief. Er hatte ihn schon am ver-
wichenen Tage erhalten und gelesen, aber er wollte ihn noch
eiumal lesen. Der Brief halle ih sehr geriihrl, der Seelen-
zustand der Schreiberin hatte etwas Poetisches für ihn. Er
klingelte, befahl dem Diener, ihm die Brille zu reichen, welche
er in seinem Schlafzimmer zurückgelassen hatte, ließ sich aus
der feinen Krystallflasche ein Glas Orgeade einschenken, und
nachdem er getrunken und den goldenen Theelöffel mit weiblicher
Genaußzkeit quer über den Nand des Glases gelegt hatte, um
dem Diener ohne Worte anzuzeigen, daß er das Glas nicht
wieder füllen solle, zog er den Brief aus seiner Umhüllung
hervor und begann ihn zum zweiten Male zu lesen. Er war
aus Pyrmont datirt und von Hildegard geschrieben.
,Ich bin unfähig gewesen zu irgend einem Thun, hob
der Brief an, ,das mag Ihnen erklären, mein verehrter Freund,
weshalb Sie erst heute von mir erfahren, daß ich in Pyrmont
bin, daß ich mich vierundzwanzig Stunden in Berlin aufge-
halten, ohne Sie, ohne irgend Jemanden davon zu benachrichtgen,
und daß ich Richten verlassen habe. Ach, ich habe mehr ver-
lassen, als den Ortt?
Der Brief brach an der Stelle plötzlich ab, und erst am
folgenden Tage war die Fortsetzung desselben geschrieben worden.
, Es ist eine lange Zeit vergangen, hieß es in derselben,
, ehe ich die Fassung gewann, mir selbst meine Zustände klar
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! zu machen, und gestern, als ich mich stark genug glaubte. Sie,
!
dessen tröstliche Theilnahme mir seit manchem Jahre das Hoffen
erleichterte, in meine entmuthigte Seele, in mein gebrochenes
Herz blicken zu lassen -- gestern übermannte mich die Ver-
zweiflung wieder mit ihrer ganzen Stärke. Jeder meiner
Gedanken war wieder nur ein Aufschrei, ein Aufschret der
; FF? ? == == - ==- =
,Ich habe des Tages nicht vergessen, an welchem ich Ihnen,
s,als wir in Richien zum ersten Male nach dem Kriege die Mar-
gareihenhöhe hinaufsliegen, die einfache Geschichte meines Lebens.
die unbewußte Weise schilderte, in welcher mein Herz sich, von
früher Kindheit an, dem schönen, verwaisten Knaben zugewendet
hatte. Meine Lebe ist stets eine Kraft gewesen, die ich nur
genoß, wenn ich sie im Dienste für Andere, in der Hingebung
an Andere verwerthen konnte. Ich war sein, so lange ich mich
meiner selbst erinnern kann, und seit sieben langen Jahren hat
jeder meiner Athemzige ihm gehört. Weshalb soll ich noch
j leben, da mein Dasein ihn nicht mehr begllickt?--
, Schatten der Liebe, welche den Gegensatz zu ihrem Lichte
blden, haben Sie die bangen Zwweifel geheißen, von denen meine
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Seele damals sich beunruhigt fühlte. Ach, ich wußte, daß mein
ahnend Herz mich nicht betrog, daß es nicht vergebens sorgte
und erbebte! Der Unglückselige hat sein Blut vergossen für des
Vaterlandes Ehre, und während ich in brünstigem Gebete jedes
Haar seines Hauptes der Huld des Höchsten anempfahl, ist Re-
natus nicht nur von mir, ist er von der wahren Ehre abge-
fallen, ist er sich selbst verloren gegangen, ist er abwendig ge--
worden der Liebe und der Treue, die er mir gelobt hat.
,Als er heimkehrie! Wie soll ich sie Ihnen aussprechen,
die Wonne und das Gllick, die ich empfand, die Seligkeit, mit
der ich ihn in meine Arme schloß! Aber in jenem ersten Auf-

-- Sg--
zuchn meineß Hexzens fühlte ich es - nur ich war glücklich, ex
wax es njcht-
,Was hghe ich nicht alles gethan, ihn wiederzugewinnen,
was gelitten, in zu sich selbst zurüczuführen! Es ist Alles ver-
gebens gewesen, und meine Kraft isterschöpft, meineLebenslust dahin,
,Fast fünf Monate sind in diesem stillen Kampfe ent-
shwunden. Der Termin für die neuen Contracke mit seinen
Beamten war gekommen. Ich hatte ihn am Morgen heiterer
als sonst gesehen, er sprach von seinem Vorsaze, auf seinen
Gütern zu leben, ich knüipfte wider meinen Willen meine Hoff-
nungen daran. Aber der Mittag war nahe, der Amtmann hatte
sich schon lange entfernt, und Nenatus ließ sich nicht sehen,
Seine Sorgen waren stets die meinigen gewesen, ich kannte seine
Angelegenheiten besser als er selbst, ich hatte mich darauf vor-
bereitet, sie leiten zu können, wenn es ihm nach unserer Ver-
heiratßung nicht gefallen hätte, sich niit ihnen zu beschäftigen,;
und eben deßhalh hatje ich dem Nathe beigepflichtet, daß er die'
beiden andexn Gitter verkaufen solle. Glicklich mit ihm zu sein,
war in dem herrlichen Richten ja immer noch des Naumes geuug,'
,Den ganzen Morgen, hatte ich mich gefragt: Was wird
er thun, wozu wixd ex sich entschließen? Die Ungewißheit ließ
mir endlich keine Nuhe. Ich schicte nach seinem Zimmer, er
war nicht dort. Man sagte, er sei in den Park gegangen. Ich
konnte nicht anders, ich mußte ihn sehen. Man reißt nothge-
drungen sein Herz von dem geliebten Herzen eines Mannes los
und verlernt es doch nicht, um den zu sorgen, der uns von
Ich stoßt.
-a ging in den Park hinab, ich suchte Nenatus in den
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Wegen, welche ihm die liebsten waren, nur seine Fußtapfen sah
jch, er war nicht dort.. Er fand die Laune spazieren zu gehen,
und sagte sich njcht mehr: Hildegard wird am mich denken,
wird um mich sorgen!
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--- Zß-
,Bis an die Wiese folgte ich seiner Spur. Dann ging ich
s auf die Margarethenhöhe hinauf, und kaum dort angelangt, sah
h ich ihn von dem Rothenfelder Kirchpfade dHn Weg in die Höhe
! kommen. Das Herz schlug mir vor Freude, wie ich ihn in
seiner Schönheit so leicht einhergehen snh. Ich wußte nicht,
s was ich that, als ich, der inneren Stimme folgend, so schnell
! ich konnte, ihm entgegeneilte.
, Sonst, nzenn ich, noch ein halbes Kind; so im Laufe
s von der Höhe zu ihm heruntergeflogen war, hatten seine Arme
?, sich mir entgegengebreiiet und ich hatie mich an seine Brust ge-
! worfen mit dem Glicsgefühle, daß ich im Hafen sei Iezt,
als ich athemlos vor Freude und Erregung vor ihm sand,
f musßte ich beschämt die Augen niederschlagen, um es nicht zu
z sehen, wie wenig die unerwartete Begegnuung ihn erfreute.
, Wo konnst Du her? fragte er mich, ohne mir auch nur
! die Hand zu reichen.
!
,Ich habe Dich gesucht, gab ich ihm zur Anhwwort; ich
F befürchte, das; Du keine gute Verhandlung mit dem Amtmann
ß haktest, daß es zu keinem Abschlüsse gekommen ist! - Und als
ß ich das ausgesprochen hatte, fiel mir's auf das Herz, daß zwischen
f mir und ihm schon seit lange inimer nur von seinen Geschäften
f die Nede gewesen war.
,Obschon die Mittagssonne heiß herniederbrannte, wollte
j ich über die Wiese den Nückweg nehmen, weil es uns an
F schnellsten nach dem Schlosse gebeacht hätte, und ich scheutr mich.
F mit ihm allein zu sein, weil es mir dann immer am schnierz-
h lichsten fühlbar wurde, wie er mir gar nichts mehr zu sagen hatte.
, Wider mein Erwarten äußerte er die Absicht, über die
!
Höhe nach Hause zu gehen. Als wir hinaufstiegen, bot er mir
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den Arm. Ich wollte fragen, mich erkundigen; er hieß mich
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schweigen, meine Brust zu schonen; aber auch er sprach nicht
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zuu mir. Die Sonne erwärmte das Laul und die Stämme,

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daß uns aus den dicht verschatteten Gängen überall ein warmer
Blätterduft ntgegenauoll. Von Zweig zu Zweig huschten die
Vögel an uns vorüber, es sang und zwitscherte rund um uns
her, es blühte, wohin man sah, und dazwischen zuckte und flammte
das Sonnenlicht bald hier, bald dort zwischen der dichten Blätter-
fülle hervor und streute seinen glühenden Wiederschein über das
grasige Erdreich hin, daß man wie auf dunkelrothen Blumen
ging. Mitien in der Traurigkeit, die sich während dieses schwei-
genden Ganges immer lähmender auf mich herniedersenkte, wirkte
die Herrlichkeit des Tages doch noch auf mich ein, und um nur
die Stille zu unterbrechen, um nur nicht zu merken, wie einsam
ich an seiner Seite sei, sagte ich: Siehst Du denn nicht, wie schön
es hier ist?
, Gewiß! entgegnete er mir, es wird mir schwer geng
werden, es wieder zu entbehren.
, Ich war nicht gleich im Stande, ihm auszudrücken, wie
unerwartet mir seine Antwort kam, aber er mochte mein Er- -
staunen in meinen Mienen lesen, und ehe ich noch ein Wort
gesprochen hatte, sagte er: Mein Urlaub geht zu Ende, unser
Regiment kommt in den nächsten Wochen über den Nhein zurüück.
Ich muß es zu erreichen suchen, um meine Compagnie doch
- selbst in die Hauptstadt einführen zu können.
,Er sprach das so einfach, so natürlich - und welche
Grausamkeit wäre einem treulos gewordenen Herzen nicht na-
Lürlich?- daß er mich täuschte. Ich war es schon gewohnt
worden, ihn nur an seine eigenen Wünsche denken zu sehen,
und das Verlangen, mit den Tapfern, in deren Mitte er ge-
Tämpft hatte, unter unseres geliebten Königs Augen in die
Hauptstadt einzuziehen, war ja ein berechtigtes. Ich selbst sehnte
mich danach, ihn an der Seinen Spitze, im Siegesschmucke, im
deutschen Eichenkranze zu erblicken. Indeß ich unterdrückte diesen
Wunsch, und nur die Frage that ich, wann er gehen wolle.
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, Ja, als Pächter! enigegnete er kurz.
,Mein Erschrecken war groß, indeß ic hatte seit lange die
Erfahrung gemacht, das: meine Bitten, meine Vorstellungen ihn
nicht bestimmten. Du hast also Deine Absichren geändert, Du
willst die Giter nicht selbst bewirthschaften, wie Du es noch
vor wenig Tagen vorgehabt hast? erkundigte ich mich.
,Nein! sprach er sehr bestimmi.
.Ich wusßte uir nicht zu erklären, was geschehen sein
konnte, ich schwieg also; aber das reizte seine Ungeduld, und
heftiger, als es zu verantworten wvar, rief er: Sprich es doch
aus, was Du denkst, und hülle Deine Unzufriedenheit nicht in
eiumal von den Sorgen freizukommen wünsche, die mein Erb
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,Du denkst also, ihn zu behalten? erlundigte ich mich.
theil gewesen sind von Jugend auf! Was habe ich denn bis
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, Sovald ich hier mit dem Amtmann abgeschlossen habe!
dieses Schweigen, das mich verdammt, weil ich endlich, endlich
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jetzt von meinem Leben, von diesen Gütern anders gehabt, als
Sorgen? Von unseren übeln Vermögensumständen habe ich den
Caplan sprechen hören, als ich mich, ein Knale, noch an Märchen
zu ergözen wünschte! Um unserer Vermögensverhältnisse willen
schickte man mich in das Heer, in einem Alter, in welchem mein
Väter in wahrhaft königlicher Freiheit mit seinem Erzieher die
halbe Welt durchreiste! Als ich nach längerer Zeit ins Vater-
haus zurückkam, empfing mich die Kunde, daß unsere Lage es
für meinen Vater nöthig mache, auf mein mütierliches Erbe zu-
rüczugreifen, und ich gab es hin! Im Feldlager, am Vor-
abende der größten Schlacht, erreichien mich mit der Nachricht
von meines Vaters Tode die Berichte über unseren sich ent-
werthenden Besiz! Am Beiwachtfeuer, auf dem Siechbette im
Lazareth, in den Sälen von Paris, bei dem Wiedersehen des
nkels, in dem Bureau von jenem Tremann und hier in
meinem Hause höre ich immer und ewig nur dasselbe alte Lied!
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Und wenn einmal der Schatten meiner Bäume mich still um-
fängt, wenn ich endlich einmal aufathmen möchte in Gottes
freier Luft, spricht Dein schon wieder sorgenvoller Blick Schaffe
Eath, schaffe Ordnung, so ist's nicht zu halten!- Nun denn
-- verzeihen Sie mir, mein edler, theurer Freund, daß ich den
Ausdruck wiederhole, den ich mit Beschämung von seinem Munde
hören mußte -= nun denn, so mag zum Teufel gehen, was
nicht zu halten ist! Ich verkaufe Rothenfeld und Neudorf, ich
verpachte Richten, ich gehe zu meinem Regiment zuriick! Ich
will wissen, woran ich bin, ich will nicht länger die Last auf
meinen Schuliern fiühlen, welche die Vergangenheit mir aufge-
bürdet hat. Ich will die Irrthümer meiner Voreltern und auch
die meinigen nicht als eine mich ewig hemmende Kette durch
das Leben schleppen! Ich will ein eigenes, neues Leben leben,
ich will endlich einmal mein eigener Herr, endlich einmal frei,
endlich frei sein!
,Renatus hatte sich erhoben und ging auf dem engeß
Raume heftig auf und nieder. Noch an dem Morgen dieses
Tages hatte er, wie ich schon. erwähnte, davon gesprochen, daß
er die Güter selbst bewirthschaften wolle; es mußte also etwas
geschehen sein, das ihn verstimmt, das ihn andern Sinnes ge-
macht hatte. Ich vermochte mir nicht zu denken, was es gewesen
sein könne, und ich wußte mir keinen Rath. Freilich hielt ich
die Maßregeln, von denen er gesprochen hatte, soweit sie den
Verkauf der beiden andern Güter betrafen, für richtig; aber ein
Entschluß, in solcher Verfassung vollzogen, mußte mir immer als
ein unheilvoller erscheinen, und ich wagte nicht, ihn zu billigen,
nicht, wider ihn zu sprechen. Dazu kam das unabweisliche
Gefühl, daß Renatus sich in solcher heftigen, in solcher über
das erlaubte Maß hinausgehenden Weise nicht geäußert haben
würde, hätte er einen Andern, hätte er nicht eben mich zur
Seite gehabt. Ich glaubte es zu sehen, daß mein Erschrecken,
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meine Angst ihm eine Genugthuung bereiteten, ich hatte in diesen
letzten Monaten so viel, ach, so unaussprechlich viel von ihm
ertragen, und keine Sylbe und kein Laut in seiner ganzen Rede
dachten meiner! Ich war nicht mehr für ihn vorhanden!
,Oft, unsäglich oft hatte ich es empfunden, daß ich zu
seinem Glicke nicht mehr nöthig sei. Jezt traf es mich aus
seinen Worien wie ein Schlag, und wie ein Bliz drang die
- nicht mehr zurückzuweisende Erkenntnisß in mein Herz. Er
wollie frei sein, frei vor allen Dingen, frei von dem Worte,
das ihn an mich band! Ich war es, die er fliehen wollte,
wenn er zum Regimente ging! Die Liebe, die er mir geschwo-
ren hatte, war der Irrthum, vgn dem er loszukommen wünschte;
und es kostete ihn nichts, sich von dem Erbe seiner Väter los-
zureißen, wenn er sich damit nur von mir zu trennen vermochte.
,Wir waren nahe bei einander. Er war stehen geblieben
und sah, an einen der starken Stämme angelehnt, in den Laub-
gang hernieder. Dieselbe Sonne beschien uns noch, dieselben
sanften Töne des lockenden Vogelsang berüührten noch unser Ohr,
aber es war mir, als hätte sich eine Kluft aufgethan zwischen
mir und ihm, und als träte er fern und ferner von mir zurück.
Jn jedem Augenblicke wollte ich die Frage thun. Drei, vier
- Mal versuchte ich es, aber immer fehlte mir dazu das Wort,
und mit jeder Sekunde schien er mir fern und ferner zu treten,
wuchs in mir die Angst, daß mein Ton ihn nicht mehr er-
reichen könne. Ich war meiner Sinne fast nicht mächtig. Nur
das Einzige fühlte ich noch klar: auch ich mußte frei werden,
und wenn auch durch den Wahnsinn oder durch den Tod, von
dieser Stunde martervoller Pein.
,Nenatus, fragte ich ihn, und meine eigene Stimme klang
mir wie eine fremde, und die Frage klang mir so fremd, als
hätie ich nichts mit ihr zu schaffen, Nenatus, Du sprichst von
Deinen Irrthümern, von deren Folgen Du frei zu sein wünschest?

-- ßß--
Siehst Du die Liebe, die Du mir geschworen hast, auch als
einen Irrihum an? Willst Du frei sein auch von den Banden,
die uns an einander ketten? Sprich es aus!
, Renatus fuhr zusammen, aber er antwortete mir nicht,
und, die Arme über die Brust verschränkt, den Blick zu Boden
gerichtet, starrte er finster vor sich nieder.
,Wad da in meiner Seele vorging! Wie lönnie ich Ihnen
das beschreiben? Ich hatie mir gesagt, das er mich nicht mehr
liebe, ich hatte ihm angeboten, ihm seine Freiheit wiederzugeben,
und, denlen Sie nicht ibel von mir, weil ich es Ihnen ein-
gestehe, ich erwartete, ihn zu meinen Füßen niedersinken zu
sehen, und meine Arme waren wie meine Seele offen, ihn
liebend und verzeihend zu umfangen. Indeß Nenatus regte sich
nicht, und wie von einem inneren Feuer schnell und hoch empor-
getrieben, schos; ein Gefühl des Zornes in mir auf. Da er
mich nicht mehr liebte, sollte er künftig mit Beschämung an
mich denken, wollte ich den Triumph genießen, ihn zu demüthigen,.-
und ich hatte es bis dahin nicht geahnt, welche Kräfte der Grimm
und die Empörung uns verleihen können.
,Ich blieb sehr ruhig sizen, als er vor mir stand. Sieh'
nicht so finster drein, Nenatus, sagte ich. Es ist eine böse
Stunde über Dich gekommen, aber ich habe mich Dir ja
angelobt für gute und für böse Stunden, ich will Dir
helfen, über diese hier hinauszukommen. Es ist gut, daß sie
mich nicht unvorbereitet trifft. - Ich mußte innehalten, denn
das Klopfen meines armen Herzens versetzte mir den Athem
und ich brauchte eine kleine Zeit, ehe ich wieder meiner Herr
geworden war.
,Du willst frei sein, sagte ich, Du möchtest ein neues
Leben leben! - Ich streifte den Ring von meinem Finger, den
ich seit sieben Jahren, seit sieben langen Jahren nicht von mir
gelassen hatte, und reichte ihm denselben hin. - Nimm das

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g! Pfand zurück, das Dich an die Vergangenheit bindet, ohne Deine
! Lebe begehre ich Dein ncht. Ich gebe Dich feei!
, Renatus trat mit rascher Bewegung auf mich zu. Sein
F Auge belebte sich, aber ich sah es, ich konnte mich nicht darüber

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bat er, alö ein Adenlen an mich, und ich will den Deinigen
heilig halten in Pewuunderung Deines edlen, grosen Herzens!
,Ich konnte ihm nicht antworten; ich schüttelte verneinend
, mein Haupt. Ich hätte es nicht vermocht, den Ring wieder
an meiner Hand zu tragen. Er war mir einst ein Pfand des
Glücks gewesen, er wäre mir jetzt eine mahnende Erinnerung
an ein langes Leid geworden. Aber ich war es so gewohnt,
ihn zu tragen, meinen Finger von dem kleinen Reif umspannt
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die es erglänzen machte. - Behalte ihn, o, behalte den Ning,
zuu fühlen; es fehlte mir etwas, es wurde mir kalt, es fiel mir
Alles, Alles auseinander, da ich ihn fortgegeben, da Renatus
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täuschen, es war kein Schmerz, es war eine aufzuckende Freude,
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gewesen, nun war der Bann gelöst und die Entzauberung brach
schnell heran.
, Ich war mit meinen Gedanken, mit meiner Kraft zu
Ende. Ich sah das Spielen der Blätter, ich fühlte den Son-
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ihn zurückgenommen hatte. Es war ein Zauberring für mich
nenschein, ich hörte die Vögel singen; es bedeutete mir nichts
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mehr. Ich athmete, das war Alles! Nicht einmal mein Leiden
- fühlte ich. Nur eine Stumpfheit, nur eine Leere empfand ich.
Es war mir Alles ein Räthsel, es war mir Alles klar und
doch so unverständlich. Ich hätie nicht sagen können, ob ich
wache, ob ich träume.
,So saß ich eine Weile. Die Zeit kam mir sehr lang
vor. Ich wunderte mich, daß die Sonne noch immer schien,
daß die Vögel noch immer sangen. Es war mir, als hätte ich
Ewigkeiten durchlitten und durchlebt.
, Renatus sprach zu mir. Er sagte mir, wie er seit Jahren
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vor der Stunde sich gefürchtet hätte, in welcher der Irrkhuni
unserer Herzen uns deutlich werden würde. Er habe lange
gefühlt, daß er in jugendlicher Verblendung den Frevel begangen
habe, mich an sich zu ketten, ehe er sich seines eigenen Wesens
recht bewußt geworden sei. Er gestand mir, daß er mich nie
geliebt, daß er sich vergebens bemüht habe, sich mit der Freund-
schaft, der Verehrung, der Bewuunderung, zu begniigen, die er
für mich fiühle, die er mir bewahren werde . - -
,Ich fühlte ein Verlangen, laut aufzulachen, aber ich un-
terdrückte es, denn mit diesem Lachen hätte ich dem Wahnsinne
Raum gegeben, der mit seinen grauen, verwirrenden Flügeln
sich auf mein Haupt herniedersenken wollte.
, Ich ließ Nenatus sprechen fort und fort. Es war der
Anfang der Befreiung, die er sich bereitete. Mit lebhaften
Worten schilderte er mir die Leiden, die Schmerzen, die er um
mich getragen hatte. Er um mich! - Ich unterbrach ihn nicht;
auch nicht, als er es mir ausmalte, das Glück, das er sich -
einst mit mir geträumt, das er ersehnte, das er von der Zu-
kunft sich erhoffte.
,Ach, er kannte die Liebe, er kannte sie sehr wohl! Und
angstvoll, von Minute zu Minute harrend, strebte ich, zu er-
kennen, wer ihn fühlen lehren, was er nicht für mich gefühlt
Die Liebe hatte er ertödtet in meiner Brust; wie ein böser
Geist stieg aus ihrer Asche die Eifersucht, diese niedrigste der
Leidenschaften, in mir empor. Ich sehnte mich danach, den
Namen Eleonore von seinem Munde zu vernehmen, denn mich
verlangte nach einem Gegenstande für den Haß, der in mir
brannte, aber ich hatte mich betrogen. Er hatte Eleonore Haugh-
ton nicht geliebt. Nur seine Phantasie hat sie beherrscht, nur
seine Eitelkeit hat sie beschäftigt. Sie war für ihn zu mächtig,
wie meine Liebe für ihn zu mächtig gewesen ist - und nicht
einmal der elende Trost war mir gegönnt, das Wesen hassen
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! zu dürfen, das er, ich erkannte es in jener unheilvollen Stunde,
das er liebte und auf das sein Sinn gerichtet war.

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, Ich war sehr elend, sehr unglicklich, mein theurer Freund!
,Als Nenatus endlich zu sprechen aufhörte, schien er eine
Antwort zu erwarten, aber was sollte ich ihm sagen? Ich
erhob mich und wollte gehen. Er hielt mich bei der Hand zurüc!.
Das dinkte mir der Gipfel seiner Herzenshärtigkeit.
- , Ic zog weine Hand aus der seinigen. Du bist jetzt
frei, was willst e noch von mir? fragte ich ihn.
, Deine Vergebung! sagte er, und dem bittenden Klange
seiner Stimme konnte ich nicht widerstehen. Wie eine leuchtende
Flut strömten sie auf mich ein, alle die Erinnerungen jener
goldenen Tage der Jugend. Die Fülle meines einstigen Glickes,
die Gewalt meines Schmerzes überwältigten mich. Ich breitete
meine Arme aus, ich warf mich an seine Brust, und an seinem
Herzen, an seinem treulosen Herzen weinte ich um ihn - um mich!
, Mait wie eine Sterbende, riß ich mich endlich von ihm
los. Ach, er hielt mich nicht! Wo willst Du hin? fragte er
mich, da ich, nicht wissend, was ich that, mich nach dem Dorfe
wendete. Wo willst Du hin?
, ,In die Verbannung! gab ich ihm zur Antwort. War
die Welt mir doch öde und leer, wohin ich immer ging. Er
bot mir seinen Beistand an,
kleinste Hülfsleistung von ihm
schienen. Ich hieß ihn gehen.
lassen. Ich bin des Alleinseins
ich ihm.-
er wollte mich begleiten. Die
wäre mir wie eine Schmach er-
Er trug Bedenken, mich zu ver-
lange schon gewohnt! versicherte
,Dir gegenüber habe ich nur zu gehorchen! sprach er, und
mir die Hand noch einmal reichend, die zurückzuweisen ich zu
stolz war, ging er, ohne sich auch nur noch einmal nach mir
umzusehen, langsam die Höhe hinab.
,Trockenen Auges blickte ich ihm nach. Es war mir Alles

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werthlos, Alles gleichgültig, selbst mein eigenes Unglück. Nur
das Eine fihlte ich, ich konnte mein Haupt unter seinem Dache
nicht mehr zur Ruhe legen, ich konnte ihn nicht wiedersehen.
,Als ich in das Schlos; kam, sagte man mir, Renatus
sei ausgeritten und werde erst am Abende wiederkehren. So
sehr war ich an seine rücksichislose Grausamkeit gewohnt, daß
ich es ihm Dank wußte, mir Freiheit für den einen Tag ge-
schafft zu haben. Ich konnte Vittoria, ich mochte Cäcilie nicht
um mich haben. Ich bat meiner Mutter, sich mit mir zurück-
zuziehen; ich sagte ihr Alles, Alles!-- Auch sie begriff es,
daß ich nicht bleiben konnte, auch sie wünschte, sich zu entfernen;
nur so schnell, wie ich es begehrte, konnte es für sie und mich
und für Cäcilie nicht ausgeführt werden; und ehe ich über
diesen Abend hinans in seinem Hause geblieben wäre, häite ich
mein Haupt auf freiem Felde betten und des Himmels Sterne
mir zum Zelte machen mögen.
,Meine Mutter sah meine Angst. Es fiel ihr ein Aus-
kunftsmittel ein. Am folgenden Tage sollte, wie wir wußten,
eine meiner näheren Bekannten ihr Vaterhaus verlassen, um
nach dem Fräuleinstift zum heiligen Grabe aufzubrechen, in
welchem der König ihr eine der freigewordenen Stellen gnädig
zuertheilt hatte. Ich konnte ihren Wohnsiz noch vor der Nacht
erreichen, und sie hatte, da sie nur mit ihrem Mädchen reiste,
einen Plaz für mich in ihrem Wagen; sie hatte es mir sogar
angeboten, sie zu begleiten, falls ich die Hauptstadt und unsere
Freunde wiederzusehen wünschte.
,Wie hnir zu Muthe war, als ich das Schloß verließ,
welches ich mich gewöhnt hatte, als meine Heimath zu betrachten
-- ich finde keine Worte, es Ihnen auszudrücken. Vom Leben
scheiden, ist für den Gläubigen nicht schwer, die Hoffnung leiht
ihm ihre tragenden Schwingen; aber sich loszureißen von all
seinem Glauben, von seinem Lieben, von all seinem Hoffen
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und in das Leben, in die kalte, fremde Welt hinauszugehen,
das, mein theurer Freund, das ist sehr schwer, sehr bitter, und
ich habe es ertragen.
, Unsere Neisetage gingen still dahin. Ferdinanden's Ver-
lobter war auf dem Schlachtfelde gefallen, sie war vereinsamt
wie ich, und doch die Glücklichere, denn hr Schmerz war rein.
Wir fuhren die ganzen Tage, wir rasteten die Nächte; sie fühlte
keine Neigung ud ich hatte nicht die Kraft, unsere Freunde
in der Hauptstadt wiederzusehen. So langien wir im heiligen
Grabe, im Stifte an, und so habe ich es nach kurzem Auf-
enthalte unter dem Schutze einer der Stiftsdamen wieder ver-
lassen und mich derselben mit Bewilligung meiner Mutter fir
den Besuch von Pyrmont angeschlossen. Meine Gesundheit, die
nie starl gewesen ist, hat sehr gelitien, der Arzt verlangte fiir
mich den Gebrauch jener Quellen, und ich durfte mich seinem
Raihe nicht widersezen, denn ich habe eine Multer, die von
meinem Siechthume leiden, die mein Tod betrüben würde. Ich
muß ein Leben zu erhalten suchen, das mir völlig werthlos ist.
, Am Beginne jedes Morgens frage ich mich mit schmerz-
licher Ermüdung: was soll mir dieser Tag? Ich werde mich
dies fragen bis an mein Lebensende! Die Liebe, wie ich sie
fühlte, ist eine Blüthe, die, einmal entblättert, nicht wieder blüht,
und wenn ich zurückblicke in die Vergangenheit und ich finde
alles verwelkt, was ich in mir gepflegt um seinetwillen, der es
nicht verdiente, und wenn ich mich frage: wie konnte das ge-
schehen, wie durfte er es wagen, wie vermochte er es zu thun?-
so fimde ich keine Antwort in mir, wie ich kein Verschulden in
mir finde. Nur das Lied des Dichters fällt mir immer ein,
und Tag und Nacht klingt sein trauriges Wort: ,Mußt es eben
leiden !'' in meiner Seele wieder.
, Wenn Gott Erbarmen mit mir hat, wenn er mein Gebet
f erhört und mir es nicht zu fern steckt, meines Daseins Ziel,

-- Iß --
dann, mein verehrter, mein theurer Freund, Sie Einziger, der
schon seit Jahren meinen Kummer in selbstloser Güte zu iheilen ,
nicht verschmähte und gegen den mein Herz zu erschließen mir
jetzt ein trauriger Genuß ist, dann lassen Sie mir diese Worte
auf den Grabstein setzen; und so lange der rohen Willkür und
dem Leichtsinne eines Mannes noch Gewalt gegeben ist über s
eines Weibes liebend Herz, wird ihnen der Wiederhall in mancher ;
Brust nicht fehlen.
, Leben Sie wohl, mein theurer, väterlicher Freund! Sie j
haben mir einst gestanden, daß ich Ihnen den Glauben an die z
höchsten Güter des Menschen wiederzugeben so glicklich gewesen
bin, und Sie haben mir damit einen Trost gewährt, an dem
ich mich jetzt oft zu halten genöthigt bin, wenn mein ganzes
Dasein mir als ein verfehltes vorkommt, wenn ich mich frage:
Wozu habe ich gelebt und wozu soll ich leben? -
, Ihnen, mein Freund, bin ich doch etwas werth, zu etwas ,
gut gwesen, und ich weiß Ihnen fiir die Ermuthigung, welche
diese Gewißheit mir gewährt, nicht besser zu danken, als indem
ich Ihnen mich mit allem meinem Kummer nahe. Nehmen Sie,'
der, wie Sie mir selber sagten, das Leben von seinen Höhen
bis zu seinen Tiefen kennt, und den diese Kenntniß nachsichtig
gemacht hat, nehmen Sie mich duldsam auf und denken Sie
in irgend einer guten Stunde an die arme Hildegar d.?

Kapitel 07

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. Fli fou im Zorn nicht handeln, im Zorn tine Emt-
schlisse fassen! so' latet eine alte Regel; aber jede Regel scheint
uur um ihrer Ausnahme willen da zu seu, und Jeder erfährt
es wohl einmal in seinem Leben, daß sein Zorn ihn aus dem
trägen Gange seiner Unentschlosenheit emporgerissen, und ihn
wie mit einem heftigen Spornstoße zu einem Ansprunge und
in einen neuen Weg getrieben hat, den eingeschlagen zu haben
man sich spääler freut. Renatus wenigstens meinte, an sich eine
solche Bemerkung machen zu können.
Sieben ganze Jahre hatie er sich in dem völlig unwahren
Verhältnisse zu Hildegard bewegt, weil er sich es beständig vor-
gehalten, daß es einein Manne, einem Edelmanne, nicht anstehe,
ein gegebenes Wort zu brechen. Nun es geschehen war, nun
da er Hildegard, er täuschte sich darüber nicht, endlich dazu ge-
nöthigt hatte, ihn seiner Verpflichtung gegen sie zu entlassen,
nun fühlte er sich so leicht, so frei, und trotz seines edelmännischen
Bewußtseins so völlig in seinem Nechte, daß er dieses Wohl-
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Siebenteö Capite l.
behagens nicht wieder verlustig zu werden wünschte.
, Mag zum Teufel gehen, was nicht mehr zu halten ist!?
hatis er in seiner Entrüstung zu Hildegard gesagt, und je mehr
er auf seinem Nitte darüber nachsann, um so mehr beschloß er,
jenen in der Zorneshize gethanen Ausspruch zu einer Wahrheit
zu machen. Es war sein beeinträchtigtes Menschenrecht, das
ihm jene Worte eingegeben hatte; weßhalb sollte er anstehen,
es zu wahren?=-
F. Le wald, Von Geschlech! zu Geschlecht. 1.

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Die Zeiten, in welchem der Adel selbstherrlich auf seinen
Gütern gesessen hatte, waren in seinem Vaterlande für immer
dahin. Er haite keinte Unterthanen mehr, die von ihm abhingen
und isber die er zu Gerichi susi. r uid sle wa ren glelchmüissig
Biirger des Staates geworden, fast in allen Fällen derselben
Gerichisbarkeit unterworfen; aber Einen Weg gab es noch, auf
welchem der Edelmann sich der Vorrechte seines Standes, denn
solche waren freilich noch genug vorhanden, voll bewußt werden
konnte: es war die militärische Laufbahn. Der, Offizierstand,
war noch eine besondere Kaste, der Offizier hatte noch seinen
besonderen Gerichtsstand, und je mehr die bürgerliche Gesell-
schaft seit der französischen Revolution im Staate an Bedeutung
gewonnen, um so entschiedener hatten in Deutschland, und
namentlich in Preußen, die Edelleute sich im Heere zusammen-
geschlossen.
Weßhalb sollte Nenatus sich mit der Sorge für einen
großen, ihm zwar Ansehen verleihenden, aber auf lange hinaus
keine Vortheile versprechenden Besiz belasten, wenn Ansehen und
Ehre ihm schon aus der großen Adelsverbindung im Heere
erwuchsen, der er sich auch künftighin nur anzuschließen brauchte,
um neben seinen angeborenen Ehren auch noch? Mer ganz be-
sonderen sogenannnten militärischen Ehre theilhaftig zu werden
und für sich eine Menge von Rechten und von Schranken auf-
gerichtet und benutzbar zu finden, die alle darauf berechnet waren,
auf künstliche Weise dem Adel jene bevorzugte Stellung zu er-
halten, die auf natürliche Weise vor dem Urtheile der gesunden
Vernunft und vor dem Bewußtsein des Bürgerstandes nicht
mehr zu behaupten war.
Sein Vater hatie die Giter mit Schulden belastet, halte
des Sohnes müttterliches Erbe aufgezehrt; aber er hatte ihn,
wie Renatus jetzt erkannie, wahrscheinlich eben deßhalb frühzeitig
in das Heer, als in die ihm angemessene Laufbahn, eingeführt.

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F Es war nicht des jungen Freiherrn Schusd, wenn seine Vor-
F fahren nicht durch Stiftung eines Majorats der ungemessenen
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Wilifiie des Einzelnen Schranken gesezt hatten, es konnte also
achh ni hi seie Pslihl sein, herzuuslellen, wus er nicht zerslöri,
auufzuurichten, was er nicht untergraben haite. Es war getutz,
dasß er unter der Verschwenduung seines Vaters litt, daß er
, Fehler büßte, die er nicht begangen hatte. Und endlich, was --
-änderte sich denn in seiner Stellung, wenn er jene Rathschläge
befolgte, welche ihm von Erfahrenen gegeben worden waren?
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Richten noch Neudorf und noch Nothenfeld gehörten oder nicht.
Und wenn es vollends möglich war, sich, durch Entäußerung der
beiden andern Güter mit weniger Sorgen zu einem größeren
Wohlstande als dem gegenwärtigen emporzuarbeiten, so wäre es
ja gegen alle Klugheit und Vernunft gewesen, sich nicht dazu
entschließen zu wollen.
Er war in heftiger Aufregung von seinem Hofe fortgeritten;
aber je weiter er sich von demselben entfernte, je mehr ließ er
dem Pferde Freiheit, seinen Schritt zu wählen, und während
er so langsam durch den Wald hinrikt, gediehen seine Meinungen:
, und Vorsätze immer mehr zur Reife. Auf den Beistand des--
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Er blieb der Freiherr von Arten-Richten, gleichviel, ob zu diesem
Königs, auf den Hildegard und sein Oheim ihn hingewiesen
und den zu erbitten, beide ihm Hoffnung gemacht hatten, durfte:
er jetzt nicht rechnen. Er selbst war dem Könige ganz unbe-
kannt, und sein Vater hatte seit den Religionswechsel der Ba-
ronin Angelika die Gunst des streng protestantischen Herrschers
niHht mehr besessen. War dem jungen Freiherrn daran gelegen,
sie wieder zu erwerben, so bot sich ihm, bei der entschiedenen
Vorllebe, welche der König für den Soldatenstand hegte, in dem
Heere die beste Gelegenheit dazu; kurz, Renatus mochte die Sache
ansehen, wie er wollte, er konnte nach seiner Ansicht gar nichts-
Angemesseneres thun, als im Heere bleiben; und in diesem Falle
-=

-=- Pßß--
war der Verkauf der Nebengüüter, die Verpachtung von Richten
durch die Umstände geboten und nothwendig, und das Noth-
wendige mußte er thun, gleichviel, wer es ihm zuerst als ein
solches dargestellt hatie.
Es war am Abende, als der Neitknecht seines Freundes
mit dem von Richten herbeigeholten Mantelsacke des jungen Frei-
herrn nach Brastnick wiederkehrte. Er brachte ihm ein kurzes
Schreiben der Gräfin Rhoden mit. Renatus saß in dem Fa-
milienkreise seines Gastfreundes beim Abendessen, als der Diener
ihm den Brief auöhändigte. Er erkannte die Handschrift und
steckte ihn in die Brustiasche.
Ein Billetdoux? scherzle der Hausherr.
Durchaus nicht! eutgegnete Renatus, nur irgend eine Nach-
richt von meines verstorbenen Vaters alter Freundin, von der
Gräfin Rhoden!
Erst später in der Nacht, als Nenains sich in seinem Zinmer
allein befand, die Männer haiten lange beim Weine gesessen, öffnete
er den Brief der Gräfin. Er enthielt nur die wenigen Neihen:
, Wenn Sie diese Zeilen erhalten, wird meine Tochter
Richten bereits verlassen haben. Mit welchen Empfindungen ich
Ihnen dieses schreibe, sage Ihnen .r eigenes Herz .g habe
N,
az
mir erlaubt, meine Tochter in Ihrem Wagen nach Namsdorf
fahren zu lassen: sie wird ihre Freundin in das Stift begleiten.
Für einige Tage bin ich, wegen der Ordnung meiner Angelegen-
heiten, noch auf Ihre Gastfreundschaft angewiesen, die mir jezt
nicht leicht zu tragen sein wird; und ist es mit Ihren Ge-
schäften nicht unvereinbar, so wäre es vielleicht für uns Alle
eine Erleichterung, wenn Sie den Besuch bei Ihrem Freunde
so lange ausdehnen wollten, bis ich mit meiner jiingeren Tochter
Ihr Schloß verlassen haben werde. Ich will dazu thun, diesen
Zeitpunkt möglichst zu beschleunigen.-
Anrede und Unterschrift wara durchaus förmlich gehalten,
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- 10-
aber in der Stimmnng, in welcher Renatus sich befand, focht
der Brief ihn wenig an. Man hatte mit ihm über seine in
Aussicht stehende Heirath mit der ältesten Gräfin Nhoden ge-
scherzt, und er hatte alle darauf hinzielenden Bemerkungen mit
der Versicherung zurückgewiesen, daß davon gar nicht die Rede
sei. Als man derselben nicht glauben wollen, hatte er unum-
wunden eingestanden, daß er vor dem Feldzuge allerdings eine
- Anhänglichkeit fitr sie gehabt habe, aber die Gräfin sei jg älter
als er, sei kränklich, und daß nach seiner Heimkehr von jener
blöden Jugendschwwärmerei nicht mehr die Rede gewesen sei, könne
man am besten daraus abnehmen, daß er sich eben noch völlig
frei befinde, während ihn doch nichts abgehalten haben wüürde,
sich zu verloben und zu verheirathen, hätte er dazu irgend einen
Antrieb in sich verspürt. Er rühmte dabei die Mutter als seine
älteste und theuerste Freundin, welcher Gastfreundschaft zu ge-
währen ihmn ein Glick gewesen sei. Er sprach von den un-
schäzbaren Eigenschaften der ältesten Tochter, erwähnte der ihn
entzückenden Fröhlichkeit derjüngeren Gräfin, sagte, daß er die beiden
Schwestern wirklich als seine eigenen Schwestern liebe, und die
Aufnahme, welche diese Ansprüche bei seinen Genossen fanden,
ließ ihn deutlich erkennen, daß man im Allgemeinen seine Ver-
heirathungmit Hildegard als eine unpassende betrachtet haben würde.
s
Man bezeichnete eine solche Zufriedenheit, sich in der Vor-
aussetzung getäuscht zu haben, daß Renatus sich in der Neber-
zengung bestärkte, das Richtige und das Berechtigte gethan zu
haben; und wie man ihm von verschiedenen Seiten zu dieser
und zu jener Heirath anrieth, ihm diese und jene Tochter aus
den Familien des benachbarten Adels als die für ihn schickliche
Frau bezeichnete, genoß er seiner Freiheit mit wirklichem Ver-
aTPce ==- ==-
Auch am Morgen, als er frischen Sinnes erwachte, fühlte
-

-- 10 ----
er keine Reue über seine Handlungsweise. Er beklagte Hildegard,
als ob er gar nicht an ihrem Misgeschicke beiheiligt wäre, und
als er dann den kleinen Brief der Gräfin wieder in die Hand
nahm, that es ihm leid, daß diese von ihm gehen wollte. Er
hatte eine Weile sogar den Gedanken, noch an demselben Tage
nach Hause zu reiten, um es zu verhindern; aber das Wieder-
sehen nach dem eben Statt gehabten Bruche und die unver-
meidlichen mündlichen Erklärungen mußten nothwendig eine er-
schüütternde Scene herbeifiühren, eine jener Scenen, vor denen
Renatus eine wahre Scheu trug. Er beschloß also, schriftlich
abzumachen, was er der Gräfin zu sagen wiinschte, und wie sie
sich kurz zusammengefaßt hatte, that er es auch.
,Meine theure Mutter!' schrieb er ihr, , denn eine Mutier
sind Sie dem verwaisten Knaben ja gewesen, lange ehe er daran
denken konnte, diesen Namen durch ein engeres Anschließen an
Sie sich zu verdienen, gehen Sie nicht im Unmuthe von, mir
fort. Der Bruch, der gestern geschehen ist, wie plözlich er Ihnen
auch erschienen sein mag, war nach meinem Empfinden längst
ein nothwendiger geworden, und ich zweifle nicht, daß selbst
Hildegard und Sie ihn als einen solchen anerkennen müssen.
Wenn mich mit Necht der Tadel trifft, daß es mir an Muth
gefehlt hat, gleich, als ich den Irrthum meines Herzens einsah,
und das ist lange her, ihn auch auszusprechen, so trifft Sie,
theure Mutter, doch auch der Vorwurf, daß Sie, die Sie des
Menschen Herz und die Welt, und meine und Hildegard's Un-
erfahrenheit wohl kannten, uns vor sieben Jahren nicht abgehalten
haben, ein Bündniß einzugehen, das so wenig Aussicht auf eine
baldige Erfüllung darbot. Aber wir leiden in diesem Augen-
blicke Alle gemeinsam, wir dürfen nicht mit einander rechten.
Lassen Sie uns vielmehr gemeinsam danach streben, dieses noth-
wendige Leid so viel als möglich zu mildern und so viel als
möglich dem Auge der Welt zu entziehen.
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, Ich werde Richten in kurzer Zeit verlassen. Gönnen Sie
mir die Gunst, Sie bis dahin in meinem Schlosse zu behalten.
Wir waren Freunde, ehe wir Verwmmdte zu werden hofften;
lassen Sie uns Freunde bleiben, da jene Hoffnung sich leider
nicht erfüllt, und mein Herz wird bemüht sein, Sie und die
geliebte Cäcilie, und hoffentlich einst auch Hildegard, mit mir
und meiner Handlungsweise auszusöhnen. Lassen Sie mich Sie
- in Richien wiederfinden! Aber was Sie auch beschließen, rechnen
l-
Sie auf mich wie auf Ihren Sohn, denn ich werde nicht auf-
hören, mich als Ihren Sohn zu fihlen.?
Er war mit dem Schreiben sehr wohl zufrieden, ein Bote
war schnell bei der Hand, znd ohne weiteren Aufen:halt machte
man sich darauf gegen Mitiag zu dem beabsichtigten Besuche
auf den Weg.
Weil die ganze Familie seines Wirthes Theil an dem
Ausfluge nehmen sollte, hatte man in dem viersitzigen Wagen
nicht Pläze geng; man nahm also ein Gig zu Hülfe, dessen
Renatus und sein Freund sich bedienten.
Der schöne Sommertag, die hübsche Hausfrau, die fröh-
lichen Kinder, die aus dem rasch dahin rollenden Wagen so
neugierig und so ungeduldig wie flügge werdende Vögel aus
- ihrem Neste in die Welt hinaussahen und mit ihren Antufen,
Zeichen und Winken den Vater aus der Ferne bald auf dieses
und bald auf jenes Wunder aufmerksam machten, belustigten
Renatus. Es lag in der Unschuld dieser Kinder für ihn, der
an die kecke Frühreife Valerio's gewohnt war und sonst mit
s Kindern wenig oder keinen Verkehr gehabt hatte, etwas ungemein
Reizendes; und nur wenn es ihm einfiel, daß Hildegard jetzt
unterwegs sei und daß die Gräfin in Richten nun seine Antwor
bald erhalten werde, legte sich ein Schatten über seine Heiterkeit
Pg und es fiel ihm Etwas schwer aufs Herz, daß er aufathmen
F und sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne fahren
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-- Pß==-
mußte. Indeß sein Gefährte merkte nichts von dem dunkeln
Boden, über dem die Fröhlichkeit des jungen Freiherrn aufwuchs,
und man war im vollen Genusse des schönen Tages, des ange-
nehmen Weges und des erfreulichen Beisammenseins, als ein
schwerbeladener Lastwagen, der von der Höhe herunterkam, den
s
Fahrenden nöthigte, scharf zur Rechten auszubiegen. Aber der -'
Landweg war nur schmal, der Wagen mit Fässern und Kisten -
in der Mitte ungewöhnlich breit beladen, und wie der neben dem
Wagen gehende Fuhrman seine Pserde auuch nach der linlen
Seite hinüberzerrte, die Räder des Frachiwagens und des Gig
geriethen in einander, die Pferde des Frachiwagens zogen auf
des Fuhrmannes Anruf mit scharfem Rucke an --- ein Knack,
und das leichte, schwache Nad des Gig fiel in Stücken von
der Achse.
Es war ein unangenehmer Vorfall. Man war ein paar
Meilen von dem Orte der Ausfahrt, ein paar Meilen von demze
Gute entfernt, nach dem man sich begeben wollte. Einen be-
sonderen Kutscher hatte man fiür den kleinen, nr zweisizigen
Wagen nicht innegehabt, und den Diener, der auf dem Wagen
der Frauen und der Kinder saß, mochte man nach der eben ge-
machten Erfahrung nicht mit dem Pferde nach Hanse senden,
um ihn für alle Fälle zur Hand zu behalten.
Man fing an, sich in der Gegend umzusehen; man war
kaum eine Viertelstunde von Marienfelde enlfernt, und eben als
der Besizer des zerbrochenen Gefähres darauf dachte, sich dorthin
zu wenden, um seinen Wagen unterzubringen, und wo möglich
irgend einen anderen zur Fortsetzung der Fahrt zu borgen, ward
in der Entfernung zwwischen den Feldern ein Neiter sichtbar, der,
als er die beiden Wagen auf der Landstraße halten und einen
derselben zerbrochen sah, mit seinem tüchtigen Pferde schnell
a?
herankam.
Der Mann und sein Pferd sahen wie ans Einem Gusse

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aus, so fest saß er in seinem Saitel, so gut paßten der große,
starke Neiter und sein Schimmelhengst zusammen. Es war ein
schönes, ein erbeutetes Pferd; und der Gutsbesitzer Steinert
wußte sich etwas mit dem fenrigem Andalusier, in dessen stark
hervortretenden Aern unter der feinen Haut das arabische Blut
ganz unverkennbar war. Es kam seiner Pfepdezucht zu Statten.
Steinert erkannte seinen adeligen Gutönachbar schon aus
änsehnlicher Feune, und mit der weithin schallenden Stimme,
welche in manchem Kamfe ermuthigend an seiner Leute Ohr
s und in ihr Herz gedrungen war, rief er: Guten Morgen, Herr
von Brinken! Haben Sie ein Unglck gehobt?
Steinert war während dessen nahe heran gekommen und
; erst jezt erblickte er auch Nenatus, der hinter dem Gig gestanden
s hatte. Ohne irgend an die Zurückweisung zu denken, welche er
, von dem jungen Freiherrn vor Jahren auf der Landstraße er-
, fahren hatte, reichte er ihm die Hand hin, und mit einer Freund-
lichkeit, welche sein dunkel gebräuntes Gesicht angenehm erhellte,
und seine Lippen unter dem dicken, bereits ergrauenden Schnurr-
s barte schön umspielte, rief er: Willkommen zu Hause, Herr von
j Arten! Ich hörte schon, daß Sie zurücgekommen wären.
, Nenatus konnte nicht anders, als die dargebotene Hand
h ergreifen und den Handschlag Steinert's erwiedern; aber es fiel
h ihm auch jetzt noch auf, daß Steinert ihn völlig als seines
s Glelchen behandelte. Nicht einmal Herr Baron nannte er ihn,
F sondern Herr von Arten, ganz schlechtweg. Es war jedoch für
F Renatus zu besonderen Betrachtungen in diesem Augenblicke nicht
F die Zeit. Denn Steinert war vom Pferde gestiegen, besah mit
F Kennerblick den Schaden an dem Wagen, und machte sofort
F den Herren den Vorschlag, mit ihm nach Marienfelde zu kommen,
F von wo er einen Knecht mit einem Baume zur Unterlage für
F das Gig abschiken wolle, damit man dasselbe nur erst nach dem
ß Dorfe brigen löne, und spdter stehe dann den Herren sein

-=- 1ß -
Fuhrwerk zum Weiterfortkommen zu Diensten. Man nahm das
dankbar an.
Ein scharfer Pfiff, den Steinert über die hohlen Hände
that, rief einen seiner Arbeiter vom Felde herbei, den man bei
dem Fuhrwerke zurückließ; der Wagen, den Frau von Brinken
und die Kinder inne hatten, setzte seinen Weg fort, und den
Zügel seines Pferdes über den Arm nehmend, führte Steinert
die beiden Edelleute den Weg nach seinem Hause zu.
Es ist hier siir uns auf dem Lande nichts mit diesen
kleinen, zerbrechlichen Wagen, sagte er, als Herr von Brinken
die Bemerkung machte, daß nicht nur das Nad zerbrochen sel,
sondern daß auch das Gig selbst bei dem Zusammenstoße eine
Beschädigung erlitten habe, welche es nöthig machen werde, es
zur Herstellung nach der Hauptstadt zu schicken. -- Soll dem
etwas Fremdes bei uns eingebürgert werden, so lasse ich mir
noch eher den englischen oder den vlaemischen zweirädrigen Txans-
portkarren gefallen; dessen Räder halten etwas aus, und unsere
Pferde sind stark genug, ihn selbst die Höhen hinaufzuziehen,
obschon er für die Ebene besser paßt. Ich habe mir, als ich aus
dem Felde kam, ein paar solcher Karren versuchsweise zusammen-
schlagen lassen.
Herr von Brinken wünschte, sie zu sehen; Steinert war
bereit, sie ihm zu zeigen. Er meinte, der Herr von Arten müsse
diese Karren zur Genütge gesehen haben, und wie von selbst
knüpfte sich daran die Frage, ob Renatus während der Feldzüge
wohl Gelegenheit genommen habe, auf die verschiedene Art und
Weise der Wirthschaft in den verschiedenen Gegenden und Ländern
Acht zu geben.
Der junge Freiherr verneinte das mit der Bemerkung, er
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sei darauf nicht vorbereitet gewesen.
Schade! sagte Steinert. Da man denn doch zulezt jeder F
Sache eine gute Seite abgewinnen soll. so kann es nicht in F

s
-- 10? --
s Abrede gesteslt werden, daß es uns und unsern Leuten vortheil-
j haft gewesen ist, uns auch einmal auf fremdem Boden und in
s fremder Wirthschaft umzuthun. Mir zum Beispiel sollen die
! mannigfachen Erfahrungen, die ich bei dem Hin- und Hermar-
f schiren machen konnte, wie ich denke, nicht verloren gehen.
Wie sich das von selbst versteht, kamen die beiden Männer
s, von den Feldzügen im Allgemeinen auf ihre einzelnen eigenen
j - Erlebnisse zu ßnechen, und man war mitten in den besten Kriegs-
s geschichien, als man auf dem Hose in Marienfelde anlangte.
Von dem einstigen Schlosse stand jezt nnr der Mittelbau,
j und selbst der Thurm war von demselben abgebrochen. Das
s Hauus sah dadurch eigeutlich plump und unschön aus, dafür
! aber stand links von dem Teiche die große Brennerei. Die
f Scheunen, die Ställe und die Insthäuser waren aus guten
e Ziegeln gebaut, und was der Krieg auch hier zerstört hatte, das
? war, wie die vielen neuen Dachsteine, Fensterläden, Thüren
h und Zäune verriethen, längst wieder vollständig hergestellt worden.
Es war still auf dem Hofe, auch im Hause ließ sich Nie-
, mand sehen. Erst als der große Huund hell anschlug. guckte ein
s Mädchenkopf zum Fenster hinaus, und den Vater erblickend, trat
,. die Tochter schnell zurück, um ihm entgegen zu eilen oder um
h der Mutter zu melden, daß er Fremde mit nach Hause bringe.
Steinert war unterdessen mit den beiden Gästen in dem
F Flur seines Hauses angelangt. und enatus, der nie zuvor in
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diesem Hause gewesen war, fühlte sich mit Neberraschung in einer
ganz vertrauten Umgebung.
Auch hier in Marienfelde hingen sie rund umher an den
Wänden, die Erntekränze jeden Jahres, wie Renatus sie in
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seines Vaters Amtshause hatte hangen sehen, als er noch ein
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Kind gewesen war; hier wie dort stand. sie der Hausihüre ge-
genliber, die große englische Stehuhr, das Erbstlck der Steinert!-
s
schen Familie, und tickte mit ihrem gewichtigen Pendelschlage

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von Sekunde zu Sekunde die Tage und Jahre hinweg. Und
als dann aus dem Zimmer zur Linken das große, starke, kaum
siebenzehn Jahre alte Mädchen, die blonden Zöpfe um das
Haupt gewunden, zum Vorschein kam und sich mit unbefangener
Freundlichkeit vor den Gästen verneigte, glaubte Nenatus vol-
lends, einer Verzauberung zu unterliegen, denn gerade so, aber
gerade so, hatte, wie er sich zu erinnern meinte, einst Steinert's
Schwester ausgesehen, als sie- jung gewesen war.
Und nmn willkommen unter meinem Dache, mein lieber
Herr von Arten und mein verehrter Herr Nachbar! sagte Steinert,
während er den Beiden die Hüte abnahm. Lassen Sie Sich's
bei uns gefallen, bis Ihr Wagen herkommt und man Ihnen
Ihr Pferd vor meine Britschka gelegt haben wird; treten Sie
näher, ich bitte! Nach dem Garten hinaus haben wir jeßt
Schatten. Treten Sie näher! -- Und sich zur Tochter wendend,
fragte er: Eveline, weiß die Mutter, daß ich zurückgekommen bin?
Eveline hate nicht zu antworten nöthig, denn die Haus-
frau erschien bereits in der Thüre, und der Tochter den Knaben
hinreichend, den sie, um schneller fortzukommen, auf dem Arme
getragen hatte, bewillkommte auch sie die Gäste mit guter Art.
Als das Kid des Vaters ansichtig wurde, rief es ihn laut
an und streckte, sich von der Schwester losmachend, die derben
Arme nach ihm aus, so daß Steinert ihn zu sich und bei der
Hand nahm.
Der Bursche ist ein Nachschößling, sagte er lachend, während
er ihn küßte und ihn mit Vaterfreude in die Höhe hob. Er ist
unser ganz besonderes Friedenspfand, und- weil er sich gleich bei
seiner Geburt als einen tüchtigen Kerl erwiesen hat, habe ich
ihm denn auch die allerbesten Namen ausgesucht.
Herr von Brinken, selbst ein zärtlicher Vater, freute sich
des Jungen, der kaum zwei Jahre zählte und auf seinen Beinen
schon wie eingewurzelt da stand.
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Wie heißt er denn? fragte Renatus.
Juunge, wie heißt Du? wiederholte der Vater. Sag's selber,
F aber deutlich, damit man Ehre mit Dir einlegt!
Gebhard Leberecht Steinert! brachte der Kleine zwar noch
! mit schwerer Zge, aber mit so dreister Entschlossenheit hervor,
j daß er die Erwachsenen alle lachen machte, und Renatns un-
willkürlich ausrief: In Dir steckt ja der ganze Husar!
Steinerh nickte mit dem Kopfe. Ja, für den Nothfall, Herr
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! von Arten. - Im lebrigen haben wir des Krieges und ich für
mein Theil des Soldatenwwesens nun genng gehabt, und ich
denke, meine Jmgen sollen, es nicht nöthig haben, sich lange
!
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ruhig bei der Arbeit bleiben könen.
Während sie noch sprachen, schlug die Uhr im Hausflur
die Mittagsstunde und auf dem Hofe läutete die Glocke. Eveline,
welche bald nach dem Eintritte. der Mutter das Zimmer ver-
lassen hatie, kehrte jetzt zurück
Ist angerichtet? fragte Steinert, und auf die bejahende
Antwort nöthigte er die Fremden, es sich auf gut Gllck an
seinem Tische gefallen zu lassen. Man nahm den Vorschlag
dankbar an.
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Der Tisch war in dem großen Saale zu ebener Erde ge-
deckt, und seine Größe und Schwere zeigten, daß er hier seine
feste Stelle haben mußte. Glänzendes, selbstgewebtes Leinenzeug
bedeckte ihn; man hatte den Gästen zu Ehren auch einen Blu-
menstraus; auf die Tafel gestellt, aber Silberzeug war nicht,
wie sonst, vorhanden. Was man davon besessen hatte, und der
Vorrath im Hause war ansehnlich genug gewesen, das war beim
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Ausbruche des Krieges auf den Altar des Vaterlandes nieder-
gelegt worden, und auch jetzt noch brauchte man das Geld zu
anderen Dingen, als zum Ankaufe von Werthgegenständen, die
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mit dem Wehrstande abzugeben, sondern im Nährstande und
sch nicht verzinsten.
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Die Wirthin, welche troz ihrer fünfundvierzig Jahre noch
wie das Leben selber aussah und durch die Geburt ihres Lebe-
recht, auf den beide Eltern einen wahren Stolz besaßen, eher
erfrischt als angegriffen worden war, die Wirthin und Steinert
nahmen die Mitte des Tisches ein, die beiden Fremden saßen
zu ihren Seiten, und außer den Kindern kamen einer nach dent
andern noch einige junge Leute in ihren Arbeitsröcken, mit hohen -
Sliefeln in das Zimmer, die sich mit fliichligem Gruße auf ihre ,
Plätze setzten. Nuur Einen von ihnen, einen hibschen, kräftigen -
Mann, der von Eveline mit einem Händedrucke begrißt ward,
stellte Steinert, ehe Jener sich neben der Tochter niederließ, als !
deren Verlobten vor, für den er sich hier in der Gegend schon
seit längerer Zeit nach einem passenden Ankaufe umsehe.
Kenatus wurde es bei der Bemerkung plötzlich heiß. Der
also ist's, dachte er, fiir den sie auf meine Giter spekuliren!
Und er konnte sich der alten, feindseligen Empfindung nicht er-
wehren. Aber Niemand ahnte, was in seiner Seele vorging, sie
waren Alle munter und gut aufgelegt.
Die Hausfrau hatie in der Eile noch rasch einen Fisch
aus dem Teiche nehmen und herrichten lassen, eine süße Speise
war eben so schnell bereitet worden, an Erdbeeren und Kirschen.
gab es eben jetzt Neberfluß, und so war denn mit der tüchtigen
alltäglichen Kost des Hauses ein vollständiges Mahl zu Stande
gekommen, das Frau Steinert mit freier Gastlichkeit ihren Gästen
darbot, und auch der Wein fehlte beim Nachtische nicht.
Eveline selbst war aufgestanden, ihn aus dem Wasserkübel.
herbeizuholen, und als Steinert die erste Flasche entkorkt und-
den goldig klaren Rheinwein in die Gläser gefüllt hatte, welche
die Tochter herumgab, erhob er sich und sagte, sich zu Renatus
wendend: Es ist das erste Mal, Herr von Arten, daß Einer
von Ihnen auf meinem Grunde und Boden an meinem Tische
sitzt, und ich freue mich darüber. Wir sind jetzt drei Jahre
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lang Kriegskameraden gewesen, lassen Sie uns nun auch künftig
gute Nachbarn werden und stoßen Sie mit mir darauf an --
er hielt das Glas mit dem funkelnden Weine hoch empor -
daß wir hier zu Lande diesen Wein immer und immerdar für
uns allein trinken! Es hat Blut genug gekostet, ihn uns wieder
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zu gewinnen! Der freie deutsche Rhein und der Friede! -
Hoch, hoch! erklang es von allen Seiten. Die Mutter, der
küinftige Tochtermanu, die Wirthschafter, von denen auch zwei
in dem letzten Feldzuge mitgewesen waren, erhoben sich und
kamen zu dem Hausherrn und zu den Gästen, mit ihnen an-
zustoßen. Eveline, welche die,eigentliche Wärterin des Jüngsten
machte, war schnell in die Nebenstube geeilt und hatte den Lebe-
recht herbeigeholt, damit er sein Hoch auch mitrufen und seines
Tröpfchens Wein nicht entbehren solle; und als Steinert ihm
sein Glas hinhielt, that der Bursche einen langen Zug und
wollte sich zu des Vaters Freude das Glas, das er mit beiden

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Händen fest umklammert hatte, nicht entreißen lassen.
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Die Zufriedenheit, der Lebensmuth, die Herzensgüte keuch-
teten jedem Mitgliede des Hauses aus den Augen. Man mußte
mit diesen Menschen fröhlich werden, man konnte der kleinen
Verstöße gegen die höhere Gesellschaftssitte und ihren sogenamnten
Ton gar nicht gedenken. Es war Alles anders, als Renatus es
in seinem Hause gewohnt war, Alles derber, naturwüchsiger,
s
aber es schien dafür auch Alles auf eine lange, gesunde Dauer
t
F angelegt und berechnet zu sein, und während Steinerts männlich
F schöner Freimutth und seine Würdigkeit des jungen Freiherrn
F Herz fast wider dessen Willen bewegten und gewannen, meinte
. ß er zwischen all dem lauten Sprechen und mitten durch das helle
F Lachen der Hausfrau und ihrer Tochter, doch immer die schweren
z F Pendelschläge der alten englischen Uhr zu hören, und es klang
; ß ihm, als riefen sie immerfort: Sie kommen empor und Du herab!
Er suchte den Gedanken zu verscheuchen, aber es gelang
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ihm nicht. Das Landleben, die Einsamkeit machen mich schwer-
müthig, und Hildegard's krankhafte Melancholie hat mich an-.
gesteckt und schwarzsehend gemacht. sagte er sich endlich. Es ist
Zeit, daß ich unter Menschen und in die Welt und in das
Leben zurückkehre!- Und doch entging es ihm nicht, wie
Steinert, als man von der Tafel aufgestanden war und die
Wirthschafter sich entfernen wollten, sie zurückhielt, mit Jedem
von ihnen kurze und bestimmte Abrede nahm, wie sie alle voll
Eifer und voll Theilnahme bei der Sache waren und dann still
geschäftig ihres Weges gingen. Darin war freilich auch ein
Leben, und Steinert's Welt war unter diesen Menschen, die er
heranbildete, während sie seine Angelegenheiten in seinem Dienste
förderten. Aber, dachte Renatus, man muß nichts Höheres
kennen, um sich darin zu befriedigen, man muß sich nicht als
einer bevorzugten Kaste angehörend empfinden, um seine Unter-
gebenen als seines Gleichen behandeln zu kdnnen, und man muuß;
als ein Arbeiter geboren sein, um vorauszusetzen, daß Jedweder
für die Arbeit auf der Welt sei.
. Inzwischen war der zerbrochene Wagen des Herrn von
Brinken in den Hof gekommen und Steinert hatte den Befehl
gegeben, das Pferd, wenn man es gefütiert haben werde, vor
einen seiner kleinen Wagen vorzulegen. Während man noch
damit beschäftigt war, erkundigte Steinert sich bei dem jungen
Freiherrn, was er denn wegen seiner Wirthschaft beschlossen
habe; und von dem klugen und ehrlichen Gesichte des Mannes,
wie von seiner unverkennbaren Theilnahme doch allmählich über-
wunden, sagte Renatus: Es sind mir Rath- und Vorschläge
der verschiedensten Arten zugekommen, noch aber bin ich unent-
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schieden. Sie kennen ja die Güüter. Anfangs der nächsten Woche
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bin ich bestimmt in Nichten. Kommen Sie herüber, sehen Sie F
Sich die Güter und die Wirthschaft einmal an. Ich möchte
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Ihre Meinung hören, ehe ich mich endgüültig entscheide.

ge?
=== h, J. e,? ===
Steinert lächelte. Der verstorbene Freiherr stand ihm in
i
f diesem Augenblicke leibhaftig vor Augen. Es war die alte, fürst-
I liche Weise des Edelmannes, zu befehlen, wo er zu bitten nicht
j für angemessen fand, und sich einzubilden, daß er demjenigen
! eine Ehre erweise, dessen Meinung er zu hören fordere, um
F dann mit der eigenen, weit geringeren Einsicht über jene zu
F Gericht zu sizen. Aber er ließ den jungen Mann seine ble
F Angewohnheit nich, entgelten, und von einer gewissen Anhäng-
lchkeit an das Arten'sche Geschlecht, von der Liebe fie die Güter,
F welchen seine Voreltern und er selber durch so lange Jahre ihre
P Kraft ud Arbeit zugewendet hatien, wie von deu Gedanken
an seinen eigenen Vortheil gleichmäßig bestimmt, versprach Stei-
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nert dem Freiherrn, wenn es seine Zeit erlaube, an einem fest-
gesezten Tage nach Richten zu kommen, obschon, wie er sagte,
dies kaum nöthig sei.
Denn, fügte er hinzu, ich weiß, Sie haben meinen Freund
Tremann in der Stadt gesprochen, und seine Ansicht ist auch
die meinige. Sie haben keine Wahl, Herr vcn Arten! Sie
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können die Güter nicht wohl mehr halten! Verkaufen müssen
Sie! Wir wollen aber einmal sehen, ob wir über Rothenfeld
nicht Handels einig werden können. Das Gut ist groß, es
ließe sich sehr wohl in zwei hübsche Theile heilen. Den einen
Theil möchte mein künftiger Schwiegersohn gern übernehmen,
der eigenes Vermögen hat und sich mit Eveline nach dem eigenen
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Herde schnt, und auf dem andern könnte man allmählich zu
bauen beginnen, damit mein Sohn bei seiner Heimkehr doch
auch Dach und Fach vorfindet. Die Kinder sind arbeitsam,
fortkommen werden sie, wenn's auch Anfangs Mühe kosten
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wird, und wir behielten sie doch gern in unserer Nhe!
Der Wagen, welcher die Gäste weiterbefördern sollte, war
nun vorgefahren. Die ganze Familie begleitete sie vor die Thlre
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hinaus. Steinert selbst sah nach, ob Alles in Ordnmng, ob von
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
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dem kleinen Gepäck der beiden Edelleute nichts vergessen worden z
sei. Man sagte ihnen herzlich Lebewohl, die Hausfrau bat, bald
wieder, wo möglich auf der Rückfahrt vorzusprechen, auch Lebe-
recht blieb ihnen sein Adieu und seinen schönen Gruß mit der
Hand nicht schuldig, und Nenatus wie dem Herrn von Brinken
die Nechte schittelnd, rief Steinert ihnen noch ein ,Auf Wieder-
sehen!'' nach.
Rdenatus aber trng jezl nach demselben kein Begehren mehr.
Sein eben erst erwachtes Wohlgefallen an dem früheren Diener
seines Hauses war schnell vorübergegangen. Sein Verlangen,
aus dieser Gegend fortzukommen, war lebhafter als je.
Ein wackerer Mann, sagte Herr von Brinken, nachdem sie
den Hof verlassen hatten, und es war hübsch, wie er sich durch
Ihren Besuch geehrt fand. Ich liebe es an- solchen Leuten,
wenn sie ihres Ursprunges nicht vergessen, und, wie er es that,
besonders vor denjenigen, welche ihnen dienen, daran denken. ,e
Alles Berechnuung! entgegnete der junge Freiherr mit weg-
werfendem Tone. Er speculirt auf Rothenfeld und möchte mein
Zutrauen gewinnen.
Er ist übrigens ein tüchtiger Wirth, bemerkte darauf Herr
von Brinken.
Ja, es scheint ihm wohl zu gehen, er hat Glück, versetzte
Renatus, während der Andere sich die kurze Reisepfeife stopfte.
Der junge Freiherr rauchte nicht.
Herr von Brinken paffte seinen Taback an. Er hatte manche
bürgerliche Gewohnheiten angenommen, seit er während des
Krieges selbst zu wirthschaften angefangen hatte, weil es ihm
an Wirthschaftern gemangelt.
Sie fuhren gegen den Wind,' es dauerte lange, bis der
Schwamm Feuer fangen wollte, bis die Pfeife brannte, und
den ersten Zug aus derselben mit sichtlichem Behagen genießend,
wiederholte Herr von Brinken: Ein tüchtiger Wirth! Wenn Sie
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, verkaufen wollen, Arten, so werden Sie mit dem Steinert
F vielleicht am besten fahren. Denn was aus einem Gute zu
F machen ist, das weiß er daraus zu machen. Er wird nicht leicht
F zurücgehen, wenn er ein Angebot gethan hat, und wird zahlen,

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was er kann.
Nenatns antwortete darauf nicht. Eö war auch von der
gauzen Angelegenheit weiter nicht die Rede.
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Kapitel 08

Achtes Capitel.
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,Mioch vor der von ihu seslgesezle Zeil langle der Frei-
herr in Nichien wieder an. Er hatte nirgends rechte Nuhe.
Vittoria empfing ihn, wie immer, mit der größten Zärt-
lichkeit; sie und Valerio hatien es kein Hehl, daß sie sch der
Euntfernung Hildegard's erfreuten, und Renatus war zum Oefteren
gendthigt, die übermithige Laune des jungen Buurschen zurück-
zuweisen, der sich darin gefiel, Hildegard in allen ersinnlichen
kragikomischen Stellungen zu zeichnen, und ihre Mienen wie
ihre Ausdrucksweise mit der Meisterschaft nachzuahmen, die ihm -
von früh auf eigenthümlich gewesen war.
Die Gräfin hatte iroz des Schreibens von Renatus die
Vorkehrungen für ihre Abreise von Richten gemacht; indeß da
dieser eben unerwartet zeitig von seinem Ausfluge heimkehrte,
fand er sie und Ceilie noch im Schlosse. Er begab sich, sobald
er Vittoria begrüßt hatie, zu ihr. Sie schrieb grade an die
entfernte Tochter. Cäcilie saß am Fenster und machte einen
Hut zurecht, den sie auf der bevorstehenden Reise zu tragen dachte.
Wls Nenatus gemeldet wurde, entfuhr ihren Lippen ein
freudiger Ausruf. Sie stand auf, um ihm, wie sie das ge-
wohnt war, entgegen zu gehen, aber ein Blick der Mutier bannte
sie an ihren Plaz und hieß sie schweigen.
Nenatus bemerkte das im Eintreten. Sie thun mir Un-
recht, liebe Mutter! war alles, was er sagte, nachdem er ehr-
erbietig ihre Hand geküßt und sich auf dem Sessel zu ihrer Seite
niedergelassen hatte.
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Die Gräfin war eine gefaßte und viel erfahrene Frau, in
s Des Herzelesd hrer Tochter hane se sehe k erschütter unn
diesem Augenblicke konnte sie jedoch den rectenn Ton nicht finden.
h trotz dem Briefe des jungeu Freiherrn drickte es sie, daß sie
j Nichten noch nicht hatte verlassen lönnen.
Ich hatie gehofft, sagte sie, gehofft und gewünscht, uns
P diese Begegnnng und dieses Wiedersehen ersparen zu können;
! indes: Sie wissen, es, ich habe keine Wohung in Berkin, und
ich kann die Antwort meiner Cousine Welding, bei der ich ab-
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Es lag in dieser Mittheilimg der Gräfin das stillschwei-
gende Geständniß ihrer beschränkten Vermögensverhältnisse. Ob-
wohl Nenatus diese von jeher kannte, kränkte es die Gräfin,
derselben gerade jetzt gedenken zu müssen, und es nahm sie gegen
den jungen Freiherrn ein, daß er ihr auch diese Mißempfindung
verursachte.
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Renatus ließ sich jedoch durch die geflissentliche Kälte und
Zurückhaltung der Gräfin nicht beirren. Seine im Grunde
gute Natur machte sich in diesem Falle, wie iberall, wo er sich
nicht durch fremde Ansprüche beeinträchtigt und deßhalb zur Ab-
wehr und Vertheidigung gezwungen glaubte, liebenswürdig geltend.
Sie thun, liebe Mutter, sprach er, als hätten Sie mein
Schreiben nicht erhalten. Ist es denn nicht genug, daß ich
sehen muß, wie sehr das beklagenswerthe Erlebniß, das uns
Allen nicht zu ersparen war, Sie angegriffen hat, daß Cäcilie
sich von mir wendet? Glauben Sie, daß ich mit leichtem Herzen
vor Ihnen stehe, daß es uich nichts kostet, Sie nach Hildegard
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für uns gefunden haben werde, por acht bis zehn Tagen nicht
erhalten.
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, zusteigen und zu bleiben denke, bis ich eine passende Wohnung
zu fragen?
Die Augen wurden ihm feucht. Er seufzte, reichte der
Gräfin seine Hand hin und sagte bittend: Bestrafen Sie mich

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nicht dafür, daß ich mit zwanzig Jahren mich selbst nicht besser
kannte, nicht weiser war. Ich glaubte in jenem Augenblicke,
nach innerster Nothwendigkeit zu handeln, ich handle jetzt nach
reifster Neberlegung, und - liege ich denn auf Nosen?
Die Gräfin schwieg, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht.
Sie hatte den andern Arm auf die Lehne des Sopha's gestützt
und verbarg ihr Gesicht in ihrem Tuche. Die zerstörten Hoff-
nungen ihres ältesten Kindes machten ihre Augen fließen. Die
Mutter in Thränen, Renatus so unglücklich zu sehen, das konnte
Gäcilie nicht ertragen.
Sie stand auf, lnieeie vor der Muiier auf dem Nuhe-
kissen nieder und sagte, während sie zärtlich ihre Arme um sie
schlang: Liebe Mutter, sieh ihn doch nur an, er weint! -
Und da die Gräfin ihrer Aufforderung nicht gleich entsprach,
rief Cäcllie mit jener anmuthigen Zuversicht, welche die Kinder
so unwwiderstehlich macht und welche manche Frauen bis in das,-
Alter nicht verläsßt: Komm, Nenatus, komm, umarme die Mutter!
Sieh ihn nur wieder an, liebe Mutter, es ist ja unser Renatus!-
Er kann ja nicht dafiir, wenn er die arme Hildegard nicht liebt!
Wenn er nun im Kriege geblieben wäre, hätte Hildegard sich
doch auch beruhigen müüssen, und wir wären noch weit, ach,
weit unglücklicher gewesen! - Er lebt jg doch! - Sie wendeie
sich von der Mutter zu dem Freunde und legte die Hände auf
seine Schultern. Er hatte sich aufgerichtet und sah ihr in das
Antliz.
Du bist sehr gut, Cäcilie! sagte er, während er ihre Hände
ergriff und klsßte.
Du auch! entgegnete sie, indem sie ihn umarmte und ihm
ihren Mund darbot.
Liebe, liebe Cäcilie! wiederholte er, und sie küßten ein-
ander herzlich.
Wir können ja nicht in Unfrieden' von einander gehen,
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rief sie, es wird ja ohnehin schwer genug s:in, wenn man sich
künfiig nicht mehr sieht!
Ihr geht nicht fort, die Mutter bleibt noch bei mir! ver-
sicherte der junge Freiherr.
Ich muß wohl! erwiederte die Gräfin; aber die Antwort
hatte nicht mehr den fremden, gezwuungenen Ton, mit welchem
sie Renatus zuerst empfangen hatte, und da eine Bewegung,
zie man sie eben durchgemacht, nicht lange bauern kann, so ge-
wann man demi jetzt auch, bald wieder so viel Ruhe, daß der
Freiherr die Frage ihun durfte, ob Hildegard lange im Stifte
zu bleiben denke und ob man schon eine Nachricht von ihr habe.
Die Gräfin verneinte das Peztere und gab ihm die begehrie
Auskunft. Eine Frage, eine Antwort knüpfte sich an die andere.
Da Nenatus sich von der Verpflichtung befreit sah, sich mit
Hildegard verheirathen zu müssen, beuriheilte er sie nachsichtiger
als sonst, ja, er dachte mit sorgendem Mitleid an sie. Es that
ihm leid, daß es ihm nicht möglich gewesen war, sie glücklich
zu machen; alle seine Aeußerungen waren mild, er klagte nur
sich selber an, forderte Rachsicht für sich, und obschon die Gräfin
entschlossen gewesen war, auch zwischen sich und dem jungen
Freiherrn die Trennung aufrecht zu erhalten, die zwischen ihm
und seiner Braut erfolgt war, wurde im Verlaufe des Gespräches
ihr Ton doch völlig umgestimmi. Es geschah ihr unwillkürlich,
daß sie Nenatus, wie sie es seit seiner frühesten Kindheit ge-
wohnt gewesen war, wieder mit Du ansprach. Sie verbesserte
es sofort, aber Nenatus beschwor sie, ihm diese Gunst nicht zu
entziehen.
Wenn über einem Hause, sagte er, lange ein Unwetier ge-
droht hat und der Bliz, den man gefürchtet,
niedergefahren, ist es dann weise, daß man
brochenen Verwirrung blindlings aus einander
es nicht besser, daß man sich verbindet, um
endlich zerstörend
in der hereinge-
lauft? Oder ist
den Folgen des

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geschehenen Unglücks so woeit nur immer möglich ihre Macht zu
rauben?
Er erinnerte die Gräfin daran, dasß sie ihm einst, lange
ehe er sich mit Hildegard versprochen, eiumal zugesagt halte, er
solle die Stüze ihres Alters, der Freund und Bruder ihrer
Töchter sein. Er nahm dics auch jetzt noch als sein Recht in
Anspruch. Er bestand daraus, das; die Gräsin Nichien nicht jezt
gleich verlassen diirfe; er versicherie, dass nichi er allein, sondern
duss uuc Billoria buurlsler üiulrbstlich sei wüsrde, bie il Liele
an Cäcilien, mit Verehrung an der Gräfin hange und gege
welche Hildegard mit ihrem strengen Pflichtgefihl wirklich nicht
imimer gerecht gewesen sei. Er sprach und sagle uur, was er
in der That empfand, und er erreichte damit, was die größte
Berechnuung vielleicht nicht errungen haben würde.
Die Gräfin hörte ihn ohne jede Unterbrechung an, und
mußte viele seiner Behauuptungen gelten lassen. Sie hatte ohnehin
ihrem gekränkten Mutterherzen und ihrem beleidigten Ehrgefihle -
den ersten vollen und bittern Ausdruck nicht gestatien dürfen,
weil sie sich genöthigt fand, noch einige Zeit in dem Schlosse
, zu verweilen, wenn sie es nicht auf gut Glück als eine Fliehende
verlassen und den böswilligen Vermuthungen einen noch größern
Spielraum vergönnen wollte, die nach jedem ähnlichen Zer-
würfnisse wie giftige Schwämme aus der Erde aufschießen, daß
man Mühe hat, sie zu zertreten, um ihr Wuchern nicht über-
hand nehmen zu lassen. Wer aber, sei es durch was es wolle,
unfrei ist, nimmt an seinem Nechtsgefühle Schaden, ist gezwuun-
gen, bald hier, bald dort ein Zugeständniß zu machen, und
kommt dann allmählich dahin, sich seine Unfreiheit wegläugnen
zu müssen, um als freie Entschließung gelten zu lassen, was
man von der Nothwendigkeit zu thun getrieben wird. Sich frei
erhalten, ist daher ohne alle Frage das erste und das höchste
Gebot der Sitilichteit.
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Die Gräfin gab den Bitten des Freiherrn nach, weil sie
, es mußte, aber es kam ihr hart an. Sie ging mit ihm und
mit Ceilien zu Vittoria hinunter, sie ließ es sich gefallen, daß
ß man die Angelegenheit in dem Beisein derselben noch einmal
durchsprach, sie iberwand sich sogar zu einem Danke, als die
f Baronin ihr versicherte, wie glücklich sie sich fühlen würde, wenn
s die Gräsin und Caeilie auch nach der Enisernung ihres Sohnes
f noeh bei ihr verwweslen woslten.
Dle Gr isi war eben eie millellose Frau, und es war
s eine stillschwveigende Eutihronung vor sich gegangen. Sie war
f plözlich wieder der Heimath beraubt, deren sie sich finn ihren
Lebensabend sicher geglaubt hakte, und die Sorge für ihre und
? ihrer Töchter Zukunft drückte sie jezt weit schwerer, als in jenen
s Tagen, in welchen sie mit ihnen, ohne bessere Aussichten als die
z gegenwwärtigen zu haben, in der Residenz gelebt hatte. Sie
F war eine Matrone geworden, Hildegard war nicht mehr jung,
F beide Töchier hatien sich an eine Menge von Bedifnissen ge-
j wöhnt, die zu befriedigen sie künftig keine Aussicht hatten, und
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beide waren also auf den Glücksfall einer annehmbaren Heirath
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angewiesen. Fin Hildegard war auf eine solche vernünftiger Weise
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jetzt nicht mehr zu rechnen, und wo würde sich für Cäcilie eine
solche bieten? Man saß schweigsam und verstimmt beisammen.
Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, nun am Abende
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F? ließ der Negen nach, aber das Erdreich war naß und dampfte
Fß im Sonnenuntergange; von den Bäumen tropfte es langsam
, hernieder. Die Luft in dem Zimmer war drückend schwül,
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gF Vitioria hatte sich an das Klavier begeben. Sie sang nßit
F Selbstgenuß italienische Stanzen, zu welchen sie die Melodieen
F, während des Singens erfand. Weder die Gräfin noch die beiden
FF anwern boren r -
F Die Gräfin dachte immer auf das Neue darüber nach, in
hf welcher Weise sie das Geschehene ihren Freunden darstellen, wie
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sie vor ihnen ihr gegenwärtiges Verweilen in dem Schlosse recht-
fertigen solle. Dazwischen beschäftigte sie der Wunsch, fir ihre
dlteste Tochter in einer der fitrstlichen Hofhaliungen eine Auf-
nahme, eine Austellung zu finden, und so dem nicht mehr jungen
Mädchen einen Lebensunterhalt und eine angemessene gesellschaft-
liche Stellung zu verschaffen, was durch die Gnade, welche die
Prinzessin für sie hegte, nicht unmöglich schien, sobald sich nur
eine freie Stelle in ihrem Hofhalte fand.
Nenatus und Cäcilie standen an dem Fenster und sahen
in den Garten hinaus. Er fragte, ob man während seiner
Abwesenheit Vesuche im Schlosse gehabi habe, ob sie mit Valerio
ausgeritten sei. Die Fragen lagen ihm aber offenbar uicht sehr
am Herzen. Cäcilie, die ihre Schnellkraft bei der Begegnung
zwwischen ihrer Multer und deu juugen Freiherrn erschöpsl haile,
gab kurze Antworten, und das Gespräch war allmählich ganz
in's Stocken gerathen, als mit Einem Male die untergehende
Sonne plözlich aus den Wolken hervorhrach, mit ihrem glühen-
den Noth die ganze Gegend überstrahlend.
Grade den Fenstern von Vittoria's Zimmer gegenüüber
stand in einer gewissen Entfernung ganz einsam die schönste
Edeltanne des Gartens, ein Baum, der in der ganzen Gegend
eben so wohl durch seine Höhe als durch seinen regelmäßigen
Wuchs und das pyramidenartige Aufsteigen seiner Aeste berühmt
war. Wie nun die Sonne sich tief und tiefer neigte, daß sie
hinter der Tanne zu stehen kam, brachen sich ihre Strahlen in
den Tropfen, die an jeder Nadel hingen, und schnell, wie durch
einen Zauber angefacht, schimmerte und funkelte der Baum von
seinem breitesten Aste bis hinauf zu seinem Wipfel in dem viel-
farbigen Glanze von Myriaden Lichtern. Es war ein wunder-
voller Anblick, eines jener Zauberfeste, in welchen die Natur
vor den Augen der Menschen ein Traumbild verwirklicht, das
sie in derselben Weise nicht leicht wiederholt und auch nicht zu

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s wiederholen braucht, weil Niemand, der es gesehen hat, es je
ß vergist. Entzückt von dieser Herrlichkeit und gleichsam firchtend,
s die Schönheit, wie das im Märchen und im Traume geschieht,
s mit dem Aussprechen eines Wortes zu zrstören, hatte Nenatus
F schweigend die Hand seiner Gefährtin ergriffen, und selbst von
dem Lichte des scheidenden Tages übergossen, rief Cäcilie: Ach,
F ein Weihnachtsbaum - und am Johannisiage! Das muß Gluck
F bedeuten! sezte Fe hinzu. Indeß ihr fröhlicher Ausruf schien
F- wirklich den Zauber aufzuheben, denn der Lichtglanz verminderte
F sich, die Farben wurden blasser, die einzelnen Flammen er-
F loschen; schiell, wie die Herrlichkeit aus dem Nebel aufgetaucht
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merung hiillte die ganze Gegend ein, noch eho Cäeilie ihre Er-
wartung, daß dies sicherlich ein Glck verkünde, zum zweiten
Male völlig ausgesprochen hatte.
Gllck? wiederholte ihr Gefährte, und schwermüthig gewor-
den, fügte er hinzu: Wir könnten es brauchen!
So standen sie noch eine kleine Weile neben einander,
aber länger hielt es Renatus in dem Zimmer nicht mehr aus.
Komm in's Freie, sagte er; es liegt mir wie ein Reifen um

aas Haupt, wie ein Reifen um das Herz! Komm hinaus -
ich denke, draußen muß mir besser werden!
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war, enlschwand sie auch wieder, und eine graue matte Däm
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gingen neben einander in den breiten Wegen zwischen den Beeten
hin. Indeß, obschon sie die Alleen und die buschigen Gänge
mieden, kam keine Erfrischung über sie. Die Luft war voller
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Er trat in den Garten hinaus, Cäcilie folgte ihm. Sie

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Elekteicität, sie lastete schwer auf ihnen, selbst sprechen konnte
Nenatus nicht. Er wußte nicht, was ihm war, er war aufge-
regt und abgespannt zu gleicher Zeit. Nun er mit Cäcllie im
Garten war, meinte er, es sei vorher im Zimmer besser gewesen;
aber auch das mochte er ihr nicht sagen, und dazwischen fiel es
ihm ein, daß es schon dunkle und daß er mit ihr allein sei.
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Er war freilich oft genug mit ihr Abends einsam umhergegan-
gen, ohne daran besonders zu denken; indeß damals war sie
auch seine Schwägerin gewesen. Jetzt war sie das nicht mehr.
Es that ihm leid, das er dieses Atrecht an sie verloren hate.
Er stellte sich vor, wie es sein werde, wenn die Gräfin und
Cäcilie von Richten fortgegangen sein würden, wie sie in der
Stadt leben und Cäcilie sich hoffentlich dort vortheilhaft ver-
heirathen werde, denn sie war liebenswüürdig und gut und hübsch,
sehr hiibsch. Sie ging auf den schmaler gewordenen Pfade,
ihre Kleider mit beiden Händen in die Höhe hebend, um sie
vor der Nsse des Weges zu bewahren, schweigend vor ihu her.
Obschon es dunkelte, konnte er doch noch sehen, wie fein der
Hals auf ihren Schultern saß, wie kcäftig ihr Oberleib sich aus
den vollen Hüften hervorhob, und wie schön ihr Fuß und ihr
Knöchel gebaut waren. Sie war recht ein Mädchen, wie ein
Mann sich es zum Weibe wüünschen mußte: froh, gut und gesund-
Hätte ich sie statt Hildegard's mir erwählt, wie Manches
wäre nicht geschehen, wie Vieles wäre anders, wäre besser ges
worden! dachte er, und er wußte es nicht, daß sich ein lautes
Ach! seiner Brust entrang.
Cäcilie aber hörte es, und sich umwendend, fragte sie ihn:
Was fehlt Dir, Nenatus?
Ach, rief er noch einmal, ich sollte es nicht sagen, dennt es
ist unmännlich, es auszusprechen, aber ich bin schon lange mit
mir selbst zerfallen, ich bin recht unglicklich!
Du? Du bist unglücklich - aber weßhalb denn jetzt noch?
erkundigte Cäcilie sich, während sie sich zu ihm gesellte und ihren
Arm unaufgefordert in den seinigen legte.
Er antwortete ihr nicht, und so gingen sie mehrmals um
den großen Nasenplatz herum. Er fühlte mit Vergnügen ihren
schönen entblößten Arm auf dem seinen ruhen, er bog sich zu
ihr, um ihre Schulier zu berühren, und wenn sie den Kopf zu
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ihm emporhob und er sich neigte, so daß seine Lippen nicht fern
über ihrer Stirn schwebten, mußte er sich zurückhalten, daß er
sie nicht küßte. Er hatte bisher diese Empfindung überströmender
Zärtlichkeit niemals neben ihr gehegt, er hatte sie oft genng
geküüßt, ohne dabei etwas zu denken, ohne dabei besonders warm
zu werden. Heute, wo er ein wahrhaftes Verlangen danach
trug, sie zu umarmen, wagte er es nicht, und seine Unruhe
wurde immer größer. Er schlug den Nückveg nach der Terrasse
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s ein. Ceilie schilielie nisilligend ihr Haupi.
! - Hildegard halie doch Necht, sagte sie mit Einem Male;
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Ihr Mäner wißt ulcht, was ihr wollt, und zwar weder im

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Kleinen, noch im Grosßen. Erst konntest Du's im Zimmer nicht
ertragen und wir mus;ten in den nassen Garten hinaus; nun,
da es hier draußen aussieht, als wollte es frischer werden, als
köinte der Wind aufstehen und man könnte Luft schöpfen, nun
soll man hinein! - Sie zuckte mit den Schultern, schien weiter
sprechen zu wollen, unterdrjckte ihr Wort und sagte dann nach
einem längeren Schwanken dennoch: Und hast Duu es denn mit
Dir selbst nicht eben so gemacht? Erst bestandest Du darauf,
Dich mit Hildegard zu verloben, die für Dich viel zu alt war
und, so gut sie sonst auch ist, nie für Dich gepaßt hat; dann,
als sie Deine Braut war, liebtest Du eine Andere, wolltest frei
werden --- das merkte auch ich Dir an, sobald Du den Fuß
nur aus dem Wagen gesetzt hatiest - und nun Du frei bist -
und
nicht
Was
Dir die Gräfin Eleonore holen kannst, nun bist Du auch
glücklich! Was willst Du denn eigentlich?
Wie kommst Du auf Eleonore? rief Renatus auffahrend.
weißt Du von ihr?
Alles! entgegnete Cäcilie von seinem Tone ganz betroffen.
Hildegard hat ja der Mutter Alles anvertraut, und sie am letzten
Täge noch darum gebeien, dasß sie jezt es mir auch sagen sollte.
Daran erkenne ich Hildegard! sties Nenatus hervor.

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Sie waren während dessen ganz in die Nähe des Schlosses -
gekommen, ohne weiter mit einander ein Wort zu wechseln. Als Z
sie auf dem Punkte standen, einzutreten, sagte Cäeilie: Siehst
Du, Nenatus, Ungliick habe ich, nicht Du! Ich wollte Dir eine P
Liebe thun, Dich erheitern, Dir sagen, daß ich mich freuen o
würde, Dich endlich einmal recht froh, recht glücklich und auch P
recht reich zu sehen, und statt dessen erzürne ich Dich gegen mich.
Ich mag's im Leben machen, wie ich will, ich treffe nicht das
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Rechle. Nichl bel der Meiler, nichl bei Dir! Ich habe eben
kein Gllck und lein Geschick!
Es kam ihm vor, als bebe ihre Stimmie; er machie sich
einen Vorwurf daraus, daß er ungerecht, daß er hart gegen sie
verfahren sei, und sich zu entschuldigen und sie aufzuklären,
sprach er: Ich habe Eleonore Hanghton nie geliebt, Ceilie! Sie
hat mich beschäftigt eine kurze Zeit hindurch, sie hat mich ver-
wirrt durch wenig Stunden; aber sie hat mich nie geliebt uud
ich habe sie nie geliebt - niemals, Cäeilie, betheuerte er, und
Hildegard hat das sehr wohl gewußt!
Aber weßhalb hat sie mir's denn sagen lassen? rief Ccilie.
Weißt Du's nicht? fragte er und schlang den Arm um
ihren Leib.
Sie antwortete ihm nicht; er fühlte aber, wie das Herz
ihr unter seiner Hand erbebte. Sie konnte nicht vorwärts, nicht
zurück. Sie wollte ihn verlassen, aber obschon es ihr ein Leichtes
gewesen wäre, sich von ihm los zu machen, kam sie nicht von
der Stelle.
Weißt Du's nicht? fragte er noch einmal; und sie fester
umschlingend und sie an sich ziehend, sprach er, nur für ihr
Ohr vernehmbar: Wie solltest Du, da ich's ja selbst erst jezt
erkenne!
Ach, rief Cäcilie, ich war ja so unglücklich, als Du in's
Feld gegangen bist!
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Damals, damals schon hast Du mih geliebt? klang es mit
F unterdrücktem Jubel aus seiner Brust hervor.
Immer, immer! das war alles was Cäcilie unter seinen
j glihenden Kissen hervorzubringen vermochte.
Er hatte sich in der Nische unter dem Portale, die der
s Regen am Tage nicht hatte erreichen können und die tief im
j Schalten lag, niedergelassen und Cäcilie auf sein Knie gezogen;
s - sie umfaste ihn mit beiden Armen. Der letzte Sang der Nachti-
, gall, der voll euporslrömende Dust der Rtosen und Levkojen
h, berauschten ihn, und sie iner und immer wieder an sich
g pressend, rief er: Komme jetzt, was mag, wenn Du mir nur
h bteuf
Er mußte sich endlich mit Gewalt ermannen, um Herr
! über sich zu bleiben, und mit einer nie gelannten Seligkeit im
F Herzen umschlang er Cäcilie noch einmal, ehe er mit ihr in das
ß Zimmer trat, in welchem Vitioria und die Gräfin beim Scheine
F der Lampe ihrer warteten.

Kapitel 09

Neuntes Capitel.

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zzuun, Signora, habe ich richtig prophezeit? fragie am
nächsten Morgen die treue Gaetana, als sie mit breitem Kamme
das noch immer üüppige Haar der Baronin Vittoria schlichtete
und ihr dann die reichen Flechten um das schöne Haupt wand.
Habe ich richtig prophezeit, daß Alles sich zum Guten wenden
werde, sobald wir nur die Gräfin mit dem bösen Auge nichk
mehr im Schlosse haben? Ist nicht Alles wie umgewandelt?
Ist unser Herr Baron nicht fceudestrahlend? Jubelt unser Valerio
nicht? Ist die theure Signora Cäcilie nicht glückselig, und wird
nicht die Frau Gräfin selber es bald erkennen, daß erst jezt die
Dinge sich fügen, wie sie sein mußten? Nur Geduld, nur ein
Bißchen Geduld ist nöthig! habe ich immer gesagt. Jetzt sehen
Sie es selbst, meine theure Signorina!- Geduld ist nöthig,
das ist Alles!
In der That schien es, als sei im Schlosse ein neues Leben
aufgegangen. Renatus empfand wirklich zum ersten Male jene
volle Liebesleidenschaft, welche den ganzen Menschen in Bewe-
gung bringt, und da ein helles Licht seine Strahlen überall,
soweit ihm keine Schranke entgegensteht, verbreitet, meinte er,
von seiner Leidenschaft aufgeklärt, auch die Vergangenheit jetzt
besser zu verstehen.
Er erinnerte ßch ganz deutlich, wie ihm die Heftigkeit und
die Inbrunst aufgöfallen waren, mit denen die vierzehnjährige
Ceilie ihn umarmt hatie, als er sich vor dem russischen Feldzuge
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von unn getremnt. Er bewunderte die Krcft des jungen Kindes,
jh die Festigteit, mit welcher Cäcilie durch alle die Jahre ihrer -
ganzen Umgebung ihre Liebe verschwiegen hatte, und er schätzte
sie nuur um so höher, wenn sie ihm versicherte, sie habe es sich
nie eingestanden, daß sie ihn liebe, weil das eine Sünde gewesen
sein wirde, so lange er der Verlobte einer Anderen war. Nur
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beneidet habe ich Hildegard, sagte sie offenherzig, denn ihr fiel,
- weil sie die Aeltere war, Alles von selber zu: erst der Mutter
ganz besondere Liebe und dann auch noch die Deine. Was
Hildegard nur sagen, wie sie sich verwwundern wird? wiederholte
Gäcilie danach immer auf das Neue. Ihr Glick erschien ihr
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offenbar durch den Vergleich znit dem Loose ihrer Schwester nur
noch grösßer, und der Gedanke, das; es Hildegard's Schmerz noch
steigern könne, sich durch die eigene Schwester so schnell in dem
Herzen des Geliebten ersezt zu finden, kam in diesen Stunden
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der Freude bei Cäcilien nicht in Betracht. Sie hatte an Hilde-
gardens Glick stets mit Entsagung gedacht, mochte diese jetzt das
Gleiche zu khun versuchen; denn vergessen und vergeben konnte
Cäcilie es der Schwester nicht, daß dieselbe ihre wohlgemeinten
Trostbezeigungen mit Bitterkeit von sich gestoßen hatte.
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jezt in voller Wahrheit. Er schien sich wirklich neu geboren
und ein Anderer geworden zu sein. Alles Unentschiedene, alles
Schwankende war mit Einem Male von ihm genommen. Wie
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Renatus verdiente seinen Namen, wie er einmal äußerte,
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im Triumphe hatte er am verwichenen Abende Cäcilie zu der
Gräfin geführt, und ihr wie der nicht minder überraschten Vit-
toria seine Liebe für Cäcilie und seine Absicht, sofort seine Ver-
lobung mit ihr bekannt zu machen, offenbart.
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Die Gräfin hatte Bedenkzeit, hatie Ruhe zur Neberlegung
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gefordert; aber alles was sie erlangen können, war das Zuge-
- ständniß gewesen, daß Nenatus sich anheischig gemacht, in den
ersten achtundvierzig Stunden keinem seiner Verwandten oder
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. .

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FFreunde zu schreiben, oder vielmehr nur, keinen seiner Briefe
nach der Stadt zu schicken; denn daß die Gräfin wirklich einen
Einspruch thun könne, daß sie daran denken könne, ihm die Hand
des begehrten Mädchens zu verweigern, während er bereits die
Tage bis zu der Stunde zählte, in welcher er die Geliebte be-
sizen würde, hielt er fir ummöglich.
Er war von einer brennenden Ungeduld verzehrt, als die
Gräfin ihm am Morgen den gewohnten Spaziergang mit Cäcilie
verweigerle, als sie es ihm rundweg abschlug, ihn mil der Tochier
allein verkehren zu lassen, ehe sie ihren Entschluß gefaßt habe.
Sie hielt es ihm vor, wie sie Alle ja eben jetzt noch unter den
Folgen seiner zu schnell und in der Erregung eines Augenblickes
geschlossenen Verlobung zu leiden hätten, und wie es also für
ihn doppelt geboten sei, sich sorgsam zu prüfen, ehe er sich zunr
zweiten Male binde. Auch sie erinnerte ihn an den Eindruck,
welchen die Gräfin Haughton auf ihn gemacht habe, an ,die
Gerüchte, welche sich über sein Abenteuer mit ihr bis nach. Verlin
verbreitet hatten, und sie bekannte ihm unumwunden, daß so-
wohl die natürliche Rücksicht auf das Empfinden ihrer ältesten
Tochter als die Sorge um Cäciliens Zukunft sie anstehen
lasse, eine Entscheidung zu treffen. Sie nannte ihn jedem neuen
Eindrucke zugänglich, sie zweifelte, ob er treu zu sein vermöge,
und sie machte es ihm endlich zu einem Vorwurfe, daß er
mit seiner Erklärung gegen Cäcilie, mit seiner Werbung nicht
gewartet habe, bis die Gräfin das Schloß verlassen hatte, und
nicht mehr durch seine Gastfreundschaft in ihren Maßnahmen
gehindert war.
Trotz der würdigen und festen Haltung, mit welcher sie
ihm entgegentrat, war sie aber innerlich in einen Kampf mit sich
verwickelt, der ihr schwerer fiel, als sie verrieth. Ihr Zutrauen
zu Nenatus hatie wirklich einen Stoß erlilten, sie mißhraule
seinem Herzen, sie klagte ihn der härtesten Selbstsiucht, der

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gewesen, so hätte sie nicht angestanden, dem jungen Freiherrn
die Hand ihrer zweiten Tochter, nach der Beleidigung, welche er
der ältesten Tochter zugefigt hatte, unbedenklich zu verweigern.
Sie sah voraus, in welcher Weise man es beurtheilen werde
und müüsse, wenn sie in eine Ehe zwischen Renatus und Cäcilie
willige; sie fürchtete fich vor dem Zwiespalt, in welchen diese
- Ehe sie mit ihrer ältesten Tochter und diese mit Cäcilie und
Nenaius bringrn müsse. Sie sagte sich, daß die geringste Bir-
gersfrauu sicherlich einer solchen unerwarteten und wenig zarten
Bewerbung ihre Zustimmung versagen wirde; aber sie war eben
keines schlichten Bürgers Frau, sie war die Gräfin Rhoden, sie
hatte sich und zwei Töchter zu versorgen, und sie war noch
üttelloser, als sie es vor dem Kriege gewesen war.
Eine Bürgersfrau konule daran denken, mit ihren Töchtern
gemeinsau sich des Lebens Nothdurft zu erwerben. Eine Bürgers-
frau brauchte vielleicht in solcher Lage und in solchem Augenblicke
auf nichts als auf ihr beleidigtes Mutterherz und auf die Em-
pfindung ihrer Töchter Rücksicht zu nehmen, denn Bürgermädchen,
wenn sie kein Vermögen besitzen, werden von Jugend an darauf
hingewiesen, sich selbst zu helfen, sie können arbeiten, um ihrem
Ehrgefühle zu entsprechen, arbeiten, um ihren Kummer zu über-!
käuben, arbeiten, um sich eine getäuschte Liebeshoffnung aus dem!
Sinne zu schlagen - aber Hildegard und Cäcilie, die Gräfinnen!
Rhoden, konnten das doch nicht.
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Schaache an, und wäre sie reich, wäre sie auch nur wohlhabend
Sie hatten eine gute, standesmäßige Erziehung erhalten,
sie besaßen, wie die wohlhabenden Frauen überhaupt, von
Menge von Dingen, von Kunst, von Literatur und Wissen-
schaft genau so viel Kenntnisse, als unerläßlich waren, über die
ernsthaften Leistungen Anderer falsch und oberflächlich aburtheilen
zu können; aber sie hatten nichts so griindlich erlernt, daß es -
sie irgendwie befähigte, darauf eine Zukunft zu banen, und sie

- 18 - -
»egg
hatten vor allen Dingen nicht arbeiten, das Leben nicht als eine
ernste, foridauernde Arbeitszeit betrachten lernen.
Die Leistungen, welche Hildegard während des Krieges über
sich genommen hatte, waren von der Begeisterung des Augen-
blickes erzeugt und getragen worden. Sie hatte dieselben mit
vielen Andern geiheilt, sie waren eine anerkannte, eine bewun-
derte und bis zu einem gewissen Grade auch eine absehbare
Thätigkeit für Andere gewesen. Mit der Arbeit um die eigene
Existenz, nm das tägliche Brod war es nicht dasselbe. Das
Ende einer solchen ist schwer vorauszusehen, Niemand bewuunderl,
laum irgend Jemand lheili oder versiehl sie in den gesellschafi-
lichen Kreisen, denen die Gräsinnen angehörien. Wenn sich in
ihnen auch Männer fanden, welche ihr Eilommen duurch die
Dienste erwarben, die sie dem Fürsten oder dem Staale leisteten
so hrat doch das Arbeitenmissen der Ehre der Frauen, nach den
Begriffen ihrer Standesgenossen, osfebar zu nahe; und dieuen
konten Frauen ihres Nanges nach denselben Anschamngen
eben nur den Fürsten, welche über ihnen standen. Es war
nicht anders, die Gräfin mochte es ansehen, wie sie wollte,
sie mußte ihr beleidigtes Herz, sie mußte ihr Ehrgefihl über-
winden, weil der Ehrbegriff ihrer Umgangsgenossen die Arbeit
für entehrend erachtete, und Hildegard mußte sich darein ergeben,
ihren früheren Verlobten den Gatten ihrer Schwester werden zu
sehen. Die Mutier durfte es nicht hindern, das; Cäcilie sich
mit einem Manne verheirathete, zu dessen Charakter ihr das
rechte Vertrauen fehlte. Ihre Armuth zwang sie, um der Stan-
desehre willen zu thun und geschehen zu lassen, was allen ihren
Gefühlen, was ihrer Neberzeugung widersprach.
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Es kam ihr deßhalb sehr gelegen, als Vittoria sich zur
that, hörte die Gräfin es gern an, wenn die Baronin ihr aus
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Vermittlerin zwischen den Wünschen ihres Stiefsohnes und den
Bedenken von Cäciliens Mutter machte. Obschon es ihr weh
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einander setzte, wie übel die Gräfin jezt daran sei. Im Tone
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mit Renatus vorzeitig gealtert habe, daß die Mutter und die
Töchter durch ihr langes Verweilen in dem Hause eines unver-
heiraiheten Mannes, wenn dieses nicht seine Heirath mit einer
der Töchter zur Etschuldigung habe, in einem bedenklichen Lichte
-erscheinen müßten. Sie erinnerte daran, daß man, falls sich
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wie das Zerwürfniß zwischen ihren Töchtern ja bereits ein altes,
wie es eben jezt nur völlig zum Aussprechen gekommen sei, und
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geliebie Cäeilie auf Kosten der älteren Schwester gliücklich werden
zu lassen, als beide mit gebrochenem Herzen und ohne Liebe
für einander in bedrängter Lebenslage dauernd neben sich zu
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fitgen lönnten; und schliesßlich gab sie der Muutter zu bedenlen,
das; es doch in jedem Falle weiser und rathsamer erscheine, die
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sollie, diese doch meist nur mit jungen und hübschen, vor Allem
Herrinnen ohne jede Ricsicht über ihre dieuenden Damen ver-
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behalten.
Einen Menschen von der Nothwendigkeit dessen zu über-
zeugen, was zu thun er innerlich entschlossen ist, hält nicht
schwer, und Cäciliens unter Thränen lächelnde Augen, vereint
mit den Vorstellungen der Baronin und den dringenden Bitten,
und den festen Betheuerungen des jungen Freiherrn, trugen
denn auch bald den Sieg davon.
Weil Nenatus sein früheres Verlöbniß geheim gehalten hatte,
war er und war die Gräfin jetzt der Meinung, daß man die
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Hildegard duurch den langen, nicht öffentlich erklärten Brautstand
aber mil rechl gesunden Mädchen zu besezen pslege, damil die
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der Anklage gegen Renatus stellte Vittoria es ihr vor, daß
selbst am Hofe der Prinzessin eine freie Hofdamen-Stelle finden
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neue Verbindung nicht schnell genng verösfentlichen kdnne. Aber
man mußte doch eine Form dafür finden, das Auffallende des
Vorganges denjenigen, welche die Verhältnisse mehr oder weniger
kannten, wenn auch nur einigermaßen zu erklären oder an-


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nehmbar zu machen; und die Gräfin, welche vor allen Dingen I
um Hildegard besorgt war, hatte schnell einen Plan entworfen, (
der zu Gunsten dieser lezteren berechnet war. Man sollte, so
forderte sie, aus Cäciliens früher und dauernder Neigung z
Renatnes kein Geheimnis machen, man sollte auch eingestehen,
das dessen Liebe zu Hildegard nichk mehr so feurig als frilher
gewvesen und dasz er bel der Helnkehr vo der Auuuih und
von der nicht zu verbergenden Leidenschaft der jiingeren Schwester
gerührt worden sei. Dann aber solle man die Dornenkrone
der armeu Hildegaro in einen Helllgeusceit verwuidel' und er-
zählen, wie die Großmuuih und die Eutsagung dieser schönen
Seele das Unheil, welches hereinzubrechen gedroht, durch ihren
heldenmithigen Gutschlus; verhindert, wie sie durch eine Ent-
fernng, von welcher selbst die Mutter nichts gewust, die Ver-
wirrung gelöst und in einem zuuriickgelassenen Schreiben den
Wunsch ausgesprochen habe, die beiden ihr kheuersten Menschen,,
den Geliebten und die Schwester, verbunden und so glücklich
zu sehen, als es zu werden ihr von Gott nicht beschieden
gewesen sei.
Die Gräfin konnie sich in ihrer Rührung der Thränen
kaum erwehren, als sie den schnell erfundenen Ausweg vor ihren
erstaunten Hörern darlegte. Vittoria, die jetzt plözlich ihr müt-
terliches Recht auf Renatus und ihre Freundschaft für Cäcilie
geltend machte, so daß man sie bei keiner Besprechung und Be-
rathung übergehen konnte, hatte Mühe ernsthaft dabei zu bleiben,
und Cäcilie und Renatus, welche in der Erdichtung der Gräfin
keine üble Rolle spielten, waren mit allem zufrieden und ein-
verstanden, was sie auch nur eine Stunde früher an das ersehnte
Ziel zu füühren verhieß.
Sie waren beide sehr bereit, an Hildegard zu schreiben,
ihre Nachsicht, ihre Verzeihung zu erbitten, ihr jede möglichen
geschwisterlichen Dienste für die Zuukunft' anzubieten und ein
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; treues Zujammenhalten zu geloben; aber beide waren so voll
f von ihrem Gliicke, so voll von Lebenslust und Hoffnung, das:
s sie sich in den Gemüthszustand des verlassenen Mädchens gar
z nicht hineinzuversetzen wusßten und dasß die Gräfin es endlich
h gerathener fand, die Briefe des Brautpaares an die Entferntr
s zu unlerdricken und die Darsiellung des Geschehenen allein aus
! sich z nehe
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Kapitel 10

Zehntes Capitel.
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Alie Plane und Vorsätze, mit welchen der Freiherr in
Bezug auf seine Güter letzllich umgegangen war, erhielien durch
seine neue Verlobung eine wesentliche Befestigung. Ecilie, die
seit ihrem finfzehnten Jahre in dem Schlosse gelebt hatie und
nur selten nach der Kreisstadt gekommen war, hegte, wie schon
Hildegard ihm dies siels geschrieben halle, eine Sehnsucht danach,
die Hauptstadt, die schöne Welt, den Hof kenen zu lernen, und
die Schilderungen, welche Renatus ihr von seinem Pariser Leben,
machte, steigerten jene Sehnsucht zu einem wahrhaften Verlangeu.
Vittoria ihrerseits, welche aus ihrem Kloster grades Weges nach
Richten und in das Ehebett des greisen Mannes gekommen war,
hatte der Einsamkeit nun auch die Fille genossen. Sie begehrte
nach einer Zerstreuung. wenn die Gesellschaft ihrer Freundin
Cäcilie ihr entzogen und Valerio ihr genommen werden sollte;
und weil man, wenn die Verlobten sich jetzt zwanglos in Vittoria's
Zimmer gehen lassen durften, sich allseitig so wohl befand, so
heiter war, so wurde ein solches Beisammensein auch für die
Zukunft als das Erfreulichste und zugleich als das Einfachste
in's Auge gefaßt.
Man hatte niemals an einen gemeinsamen Haushalt mit
Vittoria denken können, so lange noch die Rede von der Heirath
mit Hildegard gewesen war. Jezt, da es sich von selbst verstand,
das; die Mutter mit ihrer ältesten Tochter vereinigt bleiben wiirde,
ward es eben so fraglos, daß Vittoria sich an das junge Paar
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lebhaftes Vergnigen darin, mit einander die Gntwürfe für ihre
Einrichtung zu machen, die Straße auszuwahlen, in welcher
man sich, wenn es möglich sei, niederlassen wolle, die Zahl der
Zimmer, die Art ihrer Vertheilung durchzusprechen und die Weise
im vorauus festzusezen, nach der man leben wolle.
- Nenains haiie den berechiigten Wuusch, da er seine Giter
verkaufen und im inilitärischen Dienste bleiben wollte, was beides
ioch lein Stamnhaller seines Hauses jemal? geihan hatte, durch
ein würdiges Auftreten in der Hauptstadt es darzuthun, daß
seine Umstände immer noch giinstig wären- wenn er sich auch
zu entschiedenen Schritten fitr ihre Befestigung und Sicherung
bewogen sinde. Selbst Tremann, der nicht zum Veschönigen
derselben geneigt gewesen war, hatte es ihm ausgesprochen, daß
seine Lage keineswegs eine verzweifelte, sonhern eine halibare
und der Verbesserung fähige sei, wenn er sich zu den Maßnahmen
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F enschließen köue, die er anszuführen jezt im Begrife stand.
Nenatus empfand ein Zutrauen zu sich und zu seiner Zn-
tj kunft, welche ihm bisher in den lezten Jahren völlig gemangelt
ß hatte, und er dachte mit großer Heiterkeit an den nicht mehr
F fernen Zeityunkt, in welchem er, aller seiner Sorgen entladen,
s nur seinem Dienste und seinem Glücke an der Seite einer ge-
s zten Frau, in Gesellschaft seiner Stiefmuner und ihres Sohnes'
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l? werde leben tdnnen.
Er freute sich auf die Nückkehr zu seinem Regimente, er
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meraden finden werde. Er entwarf sich ein lockendes Bild von
dem hübschen Hause, das er machen wolle, versprach sich, Vittoria
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freute sich auf den Beifall, welchen seine Frau bei seinen Ka-
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und seiner Braut große Genugthuung von der Bewunderung,
welche die nusikalische Bildung der beiden Frauen, denn auch
Cdeilie war unier der Baronin Anleitung eine vortreffliche
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Sängerin geworden, am Hofe erregen mußte; und weil bei diesen
Planen der Gedanke an das Landleben völlig ausgeschlossen
war, so schwand des jungen Freiherrn Widerstreben gegen den
Verkauf seines halben Besizes endlich ganz und gar.
Ein paar Tage nach seiner Verlobung, gleich nachdem er
die Meldung derselben an seine nächsten Anverwandten ausge-
führt hatte, setzte er sich wohlgemuther, als er es bei solchem
Anlasse jemal fir möglich gehalten hatie, nieder, seinem Amt-
manne zu schreiben, wie er sich eulschlossen habe, sbald sich
ihm die Gelegenheit dazu biete, die beiden Nebengiter zu ver-
kauufen, das: er aber nicht abgeneigt sei, ihm Nichten, je nachdem
man sich darüber einigen könne, zur Verwaliung oder zur Ver-
pachtung zu überlassen. Bis über den Verkauf der Güter ent-
schieden sein werde, wünsche er also, falls dem Amtmanne dies
auch genehm sei, Alles beim Alten zu lassen, und es werde sich
dann voraussichtlich so fiügen, dasß der neue Contract mit ihm,
statt jezt im Beginne des dritien Quartales, zu Ende desselben
abgeschlossen und mit dem Anfango des letzten Quuartales in
Kraft gesetzt werdeg köne.
In derselben Stunde zeigte er auch Steinert an, daß er
verkaufen wolle, weil er sich mit der Gräfin Cäeilie Nhhoden
verlobt habe, welche in der Stadt zu leben wünsche, wohin ihn
selber die eigene Neigung für den Kriegsdienst und die Nücksicht
auf die Erziehung seines Bruders ziehe. Könne er mit Steinert
Handels einig werden, und zwar so, daß Steinert und der
Baurath Herbert, der, wie er von dem Amtmanne gehört zu
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Insassen willen das Erwünschteste sein. Er werde dann die
Leute, welche seit Hunderten von Jahren zu seinem Hause gehört
hätten, in Steinert's Vorsorge, der den Leuten lieb und bekannt
sei und ein Herz fiir sie habe, wohl berakhen und wohl geborgen
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? wissen. Einer persdnlichen Besprechung bedürfe es für's Erste
k. deßhalb nicht, und leider habe er zu diesr, von dem Ablaufe
? seines Urlaubs bedrängt, auch nicht mehr die Zeit. Zudem be-
h fänden die sämmtlichen Akten sich augenllicklich in der Haupt-
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stadt, in seines Oheims Händen. Dorthin gehe er und sei bereit,
auf Anfrage, aus den Akten jede gewüünschie Auskunft zu er-
theilen, wie es sich deni auch von selbst verstehe, daß der Amt-
mann und der Jpstitiarius den Käufern Einsicht in die geführten
Bicher gewälhren wüirden, wenn sie eiwwa nach Nichien lommen
, sollten, sich die gegenwärtige Sachlage anzusehen.
Er hatie ein angenehmes Selbstgefihl, als er diese beiden
Schreiben durchlas. Es dünkte ihn, als sei er plözlich ein ganzer
Geschäftsmann geworden, und er begriff, wie der Freiherr sich
an solche Verhandlungen allmählich gewöhnen und Geschmack an
? ihnen habe finden können. Es beruhigte ihn, daß er sich bei
z seinen Planen mit Autheil an das Loos seiner Leute erinnert
I? hatte; er dachte, das; Steinert sich ohne alle Frage über seine

, beporstehende Verheirathung erfreuen werde, und wenn derselbe
e dan, hier im Lande lebend und selbst arbeiiend, mehr aus den
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j? Gütern herausschlagen konnte, als es den Freiherren von Arten
zß möglich gewesen war, nun, so war das einmal nicht zu ändern,
J? und er wollte es ihm gönnen, daß er vorläufig den Vortheil.
! - davon zog, wenn er die Güter hob. Vielleicht war es dem
ß; nächsten Herrn von Arten, vielleicht war es seinem Sohne einst
! - beschieden, die Giner zurüczukaufen, wen Renatus jezt Ord-
l , nung in die Verhältnisse des Hauses brachte. Er selbst freilich
,h me sich fur die Vergongenbeit un fr die Zutunft zum
Z; Ipfer bringen; aber in seiner militärischen Laufbahn, an Cäciliens
ß s Seite, in der Residenz, und mit einem immer noch bedeutenden
lh Grunpbesiz als Nichalt, ließ das Len sich ernagen.
Er fuhr mit leichiem Herzen an dem Tage auf das Gut
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I? eines Frenndes, um dort, begleitet von der Gräfin und von
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Vittoria, mit seiner Braut den ersten Besuch zu machen, und
man hatte in dem Hause gute Sitte genug, es nicht merken zu
lassen, wie überrascht man war, nicht Hildegard, sondern Cäcilie
als des Freiherrn Erwählte zu empfangen. Die Gräfin selbst
mußte das Gespräch darauf bringen, mußte die Frage auufwerfen,
ob man sich nichl wuundere, ihre zweile Tochler mll dem Fres-
herrn verlobt zu sehen, ehe sie ihre romanlische Erklärung z
Hildegard's Bestem abgeben konnie; und weder Renatus noch
Eäeilie wuusten ihr dies Dank.
Die Mulier hal Hildegard iuner vorgezogen! sagke Eäicilie,
als sie sich mit Renatus allein befand. Nun müssen wir beide
Hildegarden wieder zur Folie dienen und uns dafür bedanken,
daß sie vor jenen Jahren Dich mit ihrer Leidenschaft um Deine
vernünftige Ueberleguung zu bringen und sich mit Dir in dew
Augenblicke zu verloben verstanden hat, als Du Dich von ihr
loszumachen winschtest. Die Mutter wird's noch dahin bringen,
daß ich die Schwester hasse!
Beneidest Du sie, Cäcilie? fragte Renatus, auf dessen schon
von Natur weichen und gütigen Sinn die Erziehung des Caplans
noch verschönend und zur Nachsicht stimmend eingewirkt hatte,
während sein Glick, sein erstes Liebesgliick, ihm das Herz noch
mehr erschloß. Hast Du Grund, sie zu beneiden?
Eäcilie antwortete ihm nicht, aber sie umschlang ihn und
küßte ihm die Hand. Er war sehr glücklich in dem Besize
dieses Mädchens, degz, gg, ßch. inuer überlegen, fühlte, und das
hinwiederum so liebevoll zu ihm emporsah.
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Kapitel 11

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Eilftes Capitel.
,hlebergeschlagen ud muthlos haite der junge Freiherr
vor einigen Monalen die Haupistadt verlassen, nun kehrte er
voll der besten Zuversicht in dieselbe zurück.
Er meldete sich bei seinen Vorgesetzten, und ward auf das
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Beste aufgenommen. Man lobte es, daß er sich nicht auf seine
Besitzungen zurückziehen, sondern im Dienste bleiben wolle, denn
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Familien im Heere ihren Weg machten; und die Stadt, die
Straszen sahen fitr Renatus jezt ganz anders aus, seit er sie
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der König sah es gern, wenn die jungen Männer aus den alten
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mit dem Hinblicke auf eine künftige Häuslichkeit betrachtete.
Obschon er sich vorgenommen hatte, sich Zeit zu lassen und
nichis zu übereilen, konnte er der Neugier nicht widerstehen, in
die verschiedenen Häuser einzutreten, in welchen Wohnungen zur
Miethe ausgeboten wuurden, ihre Räumlichkeiten anzusehen, um
ihren Preis zu fragen, und sich Alles in das Notizbuch zu ver-
zeichnen, das er eigens zu dem Zwecke mitgenommen hatte.
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Er sprach dann noch in dem Laden eines Goldschmiedes
vor, um für Cäcilie den Ring zu kaufen, den er ihr als Pfand
ihrer Verlobung zu geben wünschte, und wie er nun die ein-
zelnen Kasten mit den Geschmeiden vor sich stehen sah, fiel ihm
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bei einem Saphirschmucke plözlich ein, wie schön die blauen
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Steine auf dem weißen Halse und an den vollen Armen der
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Gellebigun aussehen wihrden. Es ist ein so natüürlicher Wunsch,
das, was man liebi, zu schmicken.
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Er erkundigte sich nach dem Werthe des Geschmeides, und
er fand ihn hoch. Aber Cäeiliens schöner Nacken, ihr reizendes,
kleines Ohr ließen ihm keine Ruhe. Er meinte sie vor sich zu
sehen, er konnte sich die Freude seiner Geliebten bei dem Empfange
eines solchen Geschenkes lebhaft vorstellen, und es fiel ihm ein,
daß sie ihm einmal, mehrere Wochen vor ihrer Verlobung, ge
klagt hatte, wie sie aber auch gar nichts von Schmuck besitze,
da die Mutter alles, was sie der Art gehabt, schon sehr früh
der älteren Schwester gegeben habe. Allepdings bekam Cäcilie
einst den ganzen Arten'schen Familienschmuck; indeß das waren
schwere Brillanten, wie nur eine Frau sie tragen konnte, und
zt, da er daran dachte, kam Renatus erst wieder darauf, daß
der Freiherr den Familienschmuck seiner Zeit Vittorien gegeben
hatte, die berechtigt war, ihn, wenn sie wollte, der Frau ihoes
Stiefsohnes durchaus vorzuenthalten. Es fiel ihm dabei aber
auf, daß Vittoria, welche in früheren Jahren an diesen Brzlan-
ten so viel Wohlgefallen gehabt und einzelne Stücke des Schmnuckes
immer getragen hatte, sich desselben gar nicht mehr bediente, und
er nahm sich vor, deßhalb einmal Nachfrage zu thun.
Inzwischen jedoch mußte Cäcilie durchaus irgend etwas
geschenkt bekommen, und der Goldschmied hatte nicht den ersten
Liebenden vor sich, der zwischen seines Herzens Lust und seinen
vernünftigen Bedenken einen Vermitiler zu Gunsten der ersteren
zu finden wünschte. Nach kurzem Zureden, kurzem Verhandeln
erstand Renatus den Schmuck und befahl, ihn mit dem Ringe,
wohl. verpackt, nach seinem Gasthofe zu senden. Es war ein
Geschenk, wie seiner Zeit der verstorbene Freiherr es der Gräfin
Angelika darzubringen vollauf berechtigt gewesen war. Für
goldenen Sonnenscheine des Glückes nicht einmal seinegn Herzen
folgen soll, so lohnt es sich ja nicht, zu leben!
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Renatus jedoch war die Ausgabe viel zu groß, und er hielt
sich das auch selber vor; aber, sagte er sich, wenn man im ersten

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Froh über die Freude, welche er der Braut zu bereiten
jetzt gewiß war, ging er nach der Wohnung seines Oheims.
Er meinte, so gut aufgelegt, wie er sich jetzt eben fühlte, mit
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den Vorstellungen und Einwendungen, welche derselbe, als Hil-
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vorenthalten werde, am leichtesten fertig werden zu können, und
es war ihm sehr erwünscht, als er auf seine Anfrage die Ant-
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wort erhielt, daß der Graf zu Hause, und ihn zu empfangen
bereit sei.
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Der Graf stand mitten im Zimmer, als Renatus bei ihm
einirat. Er sah nicht übel gus, aber er stüzte sich auf einen
Stock, und wie es dem Neffen schon auffiel, daß er ihm nicht
wie sonst entgegenkam, daß er ihm nicht die Hand reichte, fiel
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es ihm noch mehr auf, daß der Graf eine sonderbare Art sich
zu bewegen angenommen hatte. Er trug sich immer noch sehr
gnt, indeß seine Haltung sah so absichtlich aus, und erst als er
nach seinem Lehnsessel gegangen war, sich fest niedergesetzt und

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degard's geschworener Freund und Verehrer, ihm sicherlich nicht
seine Beine in eine bequeme Lage gebracht hatte, sagte er: Nun,
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mein Lieber, Du kommst wohl, Dir meinen besonderen Glück
wunsch zu Deiner neuen Verlobung abzuholen? Seit wann
bist Du denn zurückgekehrt?
Es fuhr wie ein kalter Luftzug über den jungen Freiherrn
hin. Der Anblick seines Oheims hatte ihn, er wußte selbst
kaum, weßhalb, erschreckt; der unverkennbare Spott in seinem
Tone beleidigte ihn. Er hatte sich indessen darauf gefaßt ge-
macht, hier auf Tadel und Mißbilligung zu stoßen, zu welchen,
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er läugnete sich das keineswegs, seine Handlungsweise Jedem,
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der die Verhältnisse nicht wie er selber kannte, auch ein volles
Recht gab. Er überwand also seine Mißempfindung und sagte:
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Ich habe Ihnen, lieber Onkel, denke ich, nicht nöthig, eine lange
Rechtfertigung meines Thuns zu machen! Sie sind ein Menschen-
kenner und kennen mich und Hildegard - wir paßten nicht zu
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einander! Mich ditnkt aiso. wie der Augenblick einer solchen z
Einsicht auch schmerzlich sein mag, man hat sich jmmer glücklich Z
zu preisen, wenn man sie gewinnt, che es zu spät ist, den Fglgen F
seines Irrthums vorzubengen! Wir pasten wirklich in keiner Weise I
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für einander, selbst die Gräfin Nhoden gibt uns dies jezt zu! P
Er hatte sich einen Sessel genommen, ohne das; der Graf, g
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der solche Form der Höflichkeit sonst nie vergas, ihn dazu auf-
gefordert hatte. Nun, als Renalus seine Behauplung wieder-
holle, sagle sein Ohheim Ere Unzusammengehörigkeit streite ich
Dir nicht ab, mein Lieber, wennschon ich Dir damit kein Com-
pliment zu machen glaube!
Onkel! fuhr Nenaius auf. Aber der Graf, der bis dahin
mit voller, kräftiger Stimme gesprochen hatie, senkte diese plözlich.
und seine kalte Hand auf die des jungen Freiherrn legend,
sagte er: Gemach, mein Leber, und mäsige Dich! Du siehst, ich
bin noch etwas angegriffen, Deine Brust ist stärler, als die meine.
Nenatus schwieg, weil seine gute Erziehung ihn dem älteren
Manne gegenüber Ricksicht nehmen hieß; aber er preßte die
Hand unwillkitrlich fest um den Griff des Säbels zusammen,
den er zwischen seinen Knieen hielt, und er nahm sich vor, sein
Herz vor dem kranken Bruder seiner Mutter im Nothfalle eben
so fest zusammenzufassen.
Du sagst, hob der Graf nach kurzem Schweigen an. Ihr
hättet nicht für einandek gepaßt, und ich streite Dir dies, ich
wiederhole es, nicht ab. Aber, mein Lieber, wer zwang Dich,
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oder vielmehr, was berechtigte Dich, vor sieben Jahren, als Du

noch sehr unfertig und völlig unselbständig warst, das Schicksat 1
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eines schon damals sehr reifen und im edelsten Sinne in seiner
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Bildung abgeschlossenen Mädchens an Dich zu binden? Erinnere
Dich, daß ich Dich damals, weil ich Deinen leicht beweglichen
Arten'schen Sinn sehr wohl erkannte, vor dem Umgange mit
den Nhodenö warnte!
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Nena.us war keiner Antwort fähig. Zum zweiten Male
gelang es seinem Oheim, ihn durch die Dreistigkeii seiner Heuchelei
und Unwahrheit förmlich zu erschrecken. Er mußte erst Herr
über sein Erstaunen werden, ehe er die Bemerkung machen konnte,
daß er sich jener Warnung seines Onkels sehr wohl und sehr
oft erinnert, ja, daß er sie als eine durchaus berechtigte aner-
kannt habe, denn er sei damals in der That, wie der Graf es
- fir fn besorgt habe, ohne selbst recht zu wissen, wie, in die
; Verlobung mit dens älteren und fertigeren Mädchen hineinge-
zogen worden.
Ohne zu wissen, wie? sprach der Graf ihm immer in
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; demselben Tone spöttelnden Tadels nach. Mich dünkt, mein
, Leber, dies zu behaupten, hättest Du kein Necht! Ein Mädchen
f « von dem Seelenadel Hildegard's konnte es nicht glauben, daß
f es nur auf ein leeres, empfindsames Spiel von Dir hgemünzt
f war! -- Er machte eine jener berechneten Pausen, welche Arg-
f listige so wohl zu benutzen verstehen, und fuhr dann fort:
j Hildegard hat mir geschrieben. Ich wußte alles, was vorge-
; gangen war, noch ehe ich sie seltsame Kunde erhielt, daß Du
s Hildegard's Entfernung kaum abgewartet hattest, um Dich mit
F ihrer leiblichen Schwester zu verloben. Hildegard wird das nie
h verschmerzen, und wirklich, mein Lieber, es ist keine Heldenthat,
F mit dem Lebensglücke eines reinen, edlen Mädchens sein Spiel
h zu treiben!
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Er hatte sich in eine tugendhafte Entrüstung hineinge-
sprochen, in welcher er sich offenbar sehr wohl gefiel, denn er
zupfte sich den Hemdkragen und das Jabot zurecht, fuhr sich
mit der Hand aus alter Gewohnheit nach dem Haupte. und
durch das Haar, obschon dieses zu einer solchen, seine Fülle
ordnenden Bewegung gar keine Veranlassung mehr bot, und
lehnte sich behaglich in den Sessel zurück.
Seine letzte, wiederholte Behauptung war dem jungen
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
1

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Freiherrn aber doch zu b.. geworden, und sich erhebend, sagte ;
er, die schöne Oberlippe unter dem blonden Schnurrbarte in Z
die Höhe werfend: Diese Bemerkung aus Ihrem Munde über- -
rascht mich sehr!
Was soll das heißen? fragte der Graf kurz und bestimmt.
E soll Sie nur an Seba Flies erinnern, entgegnete der
Freiherr in derselben Weise, fir deren einstige Seelenreinheit,
fitr deren Seelenadel mir die Freundschaft, welche meine Mutter
für sie hegte, ohne alle Frage eine Birgschaft sein darf!
Der Graf lachte hell auf. Wie man, einmal von dem
, rechten Wege entfernt, sich gleich ganz ud gar verliert! rief er
! aus. Das ist in der That naiv! ein Cavalier und ein Juden-
! mädchen! Wer fragt danach? - Aber das Verhalten eines
! Edelmannes gegenüber einer Dame seines Standes, das ist etwas
! Anderes! Das Judenmädchen konnte, ohne die Neberspanntheit,
mit der es sich mir völlig in die Arme warf, es gar nicht fir
möglich halten, daß es die Meine werden könne; und hätte
Seba es gewollt, sie hätte auch nach dem Abenteuer mit mir,
von dem damals Niemand etwas wußte, unter ihres Gleichen
noch Männer genug zur Answahl haben können, denn sie war
schön und reich! Aber eine Hildegard, eine Gräfin Rhoden
war berechtigt, auf das Wort eines Edelmannes zu vertrauen!
Alle Welt wußte von Eurer heimlichen Verlobung, sieben Jahre
ihres Lebens sind Dir geweiht gewesen -- es ist unerhört!
Verlaß Dich aber darauf, man wird dies übel, sehr übel ver-
merken ! Der König ist gegen solche Handlungsweise äußerst
streng! Von dem Darleheg auf Deine Gütter ist unter diesen
Umständen natürlich keine Rede mehr! Es war dabei sehr
wesentlich auf die Gunst gerechnet, deren Hildegard genießt,
und..- -
Der Freiherr konnte es bei aller Selbstbeherrschung länger
nicht ertragen. Ich denke weder Sie noch Hildegard in meinen


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z Angelege-, ten zu bemühen, sagte er. Ich bedarf des könig-
F lichen Darlehens nicht!
Wie das? fragte der Graf.
Ich verkaufe Nothenfeld und Neudorf, ich verpachte Richten,
h denn ich werde im Dienste bleiben, schon um meiner Familie
f oen
So? sagte der Graf mit einer leisen Kopfbewegung, während
! Nengtus sich nach seinem Czako uwsah.
- Er war erbitieter, als er sich je gefühlt hatte. Sich von
f einem Wüstlinge, wie der Graf es gewesen war, so lange seine
s Kraft fur die Befriedigung seiner Gelüste ausgereicht hatte, sich
f von einem Verräther des Vaterlandes, von einem Ehrlosen zu
F Sitie, Pflicht und Ehre ermahnen zu lassen, empörte den Frei--
g; herrn. Er hätte ihm mit Einem Worte seine gonze Verachtung
F aussprechen, ihm sagen mögen, wie er des Grafen Heuchelei
1
verabscheue, aber über dieses vollberechtigte Empfinden des Frei-'
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herrn trug Eine Erwägung den Sieg davon und nöthigte ihn,
nach seiner Meinung, zum Schweigen.
Er hatte aus seiner intersten Natur heraus, aus jenem
E warmen und menschlichen Gefühle, dessen er fähig war, wo
F seine Standesvorurtheile ihm nicht den Sinn und das Herz
F veröngten, den Grafen an seine Schandthat gegen Seba ge- ;
F mahnt; indeß er selber erkannte, bei seiner Anschauungsweise,s
ß; sobald sein Oheim ihn daran erinnerte, daß zwischen Seba und s
der Tochter eines alten, gräflichen Hauses allerdings eine wesent- !
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lche Verschiedenheit obwalte. In der Gesellschaft, welcher die
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beiden Männer angehörten, wog des Grafen ehrloser Verrath
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an Seba sicherlich nicht so schwer, als der für Renatus zu einer
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inneren Nothwendigkeit gewordene Treubruch gegen eine Gräfin
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Rhoden, und die Männer sowohl als die Frauen seines Standes
waren der Mehrzahl nach ohne Frage eher geneigt, den Grafen,
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als seinen Neffen freizusprechen. Er hatte also das verdrießliche
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Bewußtsein, einen Schlag gegen seinen Gegner ausgeführt zu F
haben, den Jener so geschickt von sich abgewendet hatte, daß er
sich aus dem Angegriffenen in einen Angreifenden verwandeln
können, und Renatus kannte seinen Oheim darauf, daß dieser
ihm nicht vergessen, nicht verzeihen werde, was eben jetzt zwischen
ihnen vorgegangen war. Er wußte, daß er von jetzt ab den
Grafen als seinen Feind betrachten müsse, und er fühlte aich
den nie ganz besiegten Widerwillen gegen denselben in sich so
gros geworden, dasß er, gereizt, wie er es war, jetzt ein fir alle
Mal seine Slellung gegen den Ohel zu nehmen beschlosi.
Er stand aufrecht vor dem Grafen, der seine begueme
Lage nicht verließ, und sagte, während er seine Handschuhe anzeg.
in einer Weise, welche sein Oheim noch nie zupor von ihm ver-
nommen hatte Wir haben, wie ich sehe, wenig Aussicht, uns
zu verständigen, und ich wußte das im voraus, da ich Ihre
Vorliebe für Cäciliens Schwester kannte. Ich kam auch nicht,
mich wegen meiner Handlungsweise zu rechtfertigen, sondern
weil es mir lieb gewesen wäre, sie Ihnen, dem Bruder meiner
Mutter, einsichtlich zu machen, und weil ich Sie um die Rüäk-
gabe der Akten ersuchen wollte, die in Ihren Händen zurückb-
geblieben sind.
Da ich von dem Tage Deiner Ankunft nicht unterrichtet
war, habe ich sie gestern, wohl versiegelt, Deinem Chef zur
Uebergabe an Dich zustellen lassen, denn ich verreise morgen,
antwortete der Graf mit gleicher Kälte.
Renatus dankte, ohne sich nach dem Neiseziele seines Oheims
zu erkundigen, und wollte sich entfernen; aber der Graf sagte
von selbst, daß er eine Badekur beabsichtige.
Man hat mir zu einem Stahlbade gerathen, und ich habe
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Renatus fragie also pflichtschuldigst, wohin er zu gehen
beabsichtige.

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f mich füt Pyrmont entschieden. Ich bleibe etwa sechs Wochen
f dort. Wirst Du bei meiner Rückkehr hier sein?
Ohne alle Frage!
Du denkst also nicht, Dich versetzen zu lassen?
Wie käme ich dazu? fragte der Freiherr, sichtlich von der
s Aa nteroia
Ich meinte, daß Deine Vermögensverhältnisse und auch die
f Nücsicht auf die arme Hildegard es Dir vielleicht wünschens-
! werlhs erscheinen liessen, uichhl in der Residenz, nichl eben hier
, = =
Durchaus nicht! entgegnete der Neffe sehr bestimmt. Ich
! denke vielmehr, mich mit meiner' ganzen Familie hier nieder-
h zulassen, und bin schon heute darauf ausgegangen, eine Woh-
F nung zu suchen, in der ich uns und meine Stiefmutter und
f meinen Bruder bequem einrichten kann!
So, so! wiederholte der Graf in dem früheren Tone, und
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eine Prise nehmend, setzte er hinzu: Auf Wiedersehen also, auf
Wiedersehen, mein Lieber!
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sich, ohne sich die Hand zu geben, wie zwei Fremde, wie zwei
Feinde.

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Nenatus gab ihm dieses Lebewohl zurück, und sie trennten

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Kapitel 12

Zwölftes Capitel.
öthh eine Welt ist das! rief Nenatus innerlich aus,
als er sich wieder auf der Straße befand. Aber es gilt, sich
durchzuschlagen! fügte er hinzu - und sich durchzuschlagen, war
er glücklicher Weise ja gewohnt.
Sein Lebensmuth war entschieden im Wachsen. Er war

in sich beruhigt ülber die Haltung, welche er gegen seinen Onkel
behauptet hatte, und wenn er es sich recht überlegte, war es für
ihn kein Unglück, vielmehr ein Gewinn, daß es zu einem ent-
schiedenen Bruche zwischen ihm und dem Grafen gekommen war.
Der Graf liebte es, sich als einen Beschützer darzustellen;
er hatte in den Zeiten der Franzosenherrschaft sich an ein zwei-
ihren eigenen Lebensverhältnissen mancherlei zu verbergen haben,
äußerst scharf; was konnte also für des jungen Freiherrn Fa-
milie aus einem Zusammenhange mit diesem Manne Heilsames
erwachsen?
nicht ab, daß er jetzt noch in die Lage kommen könne, desselben
zu bedürfen. Seine Vermögensverhältnisse ordnete er in der
durchgreifendsten Weise selbst, mit dem Kommandeur seines Ne-
gimentes hatte er immer auf das beste gestanden, und er hatte
gleich bei dem ersten Besuche von demselben erfahren, daß wirklich
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Den Schuz und Einfluß des Grafen irgendwie in Anspruch
nehmen zu wollen, war sein Neffe weit entfernt; er sah auch
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deutiges Vermittleramt gewöhnt, er war müßig, sah viele Leute,
beobachtete, wie alle diejenigen, die kein gutes Gewissen und in
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eine grose Anzahl von Dienstentlassungen und von Abschieds-
gesuchen im Werke, also filr das Heraufrüicken der jiingeren
Offiziere die günstigsten Aussichten vorhanden seien. Wozu
konnte ihm der Oheim denn auch nützen? Ihn, der Cäcilie nicht
freundlich, der Vittoria feindlich gesinnt war, der von der inneren
Familiengeschichte des Arten'schen Hanses weit mehr als gut war
wzßte, nicht in seiner Familie aufnehmen zu dürfen, dünkie den
Fieiherrn ein weseuilicher Vorkheil zu sein. Wendete Hildegard
sich von der Schwesler ab, schloß die Muiter sich mehr an die
,hr bleibende, als an die verheirathete Tochter an, so waren das
Dinge, die eben nicht zu ändern waren, und auf einen recht
verträglichen Verkehr zwischen Vittoria und jenen beiden Frauen
hatte Nenatus sich ohnehin nicht Nechnmng machen dürfen. Es
war also am besten, wie es sich eben gefügt hatie, und er konnte,
nachdem der Einzug seines Negimentes voriber war, gleich an
seine wichtigsten Geschäfte, an die Vorkehrungen für seine Ver-
heirathung gehen.
Man hatte die Hochzeit, um nicht in zu später Jahreszeit
reisen zu müssen, auf die ersten Tage des Oktober verlegt;
Nenatus hatte also für seine Besorgungen keinen weiten Spiel-
rgum vor sich. Er war froh, als er in einer ihm passenden
Gegend eine Wohnung gefunden hatte, welche ihm die nöthigen
Bequemlichkeiten für alle Betheiligten neben jenen größeren
Näumen darbot, deren man für eine schickliche Geselligkeit be-
durfte. Nur für Valerio wollte sich, wenn man ihm, wie seine
Mutter es gewünscht hatte, einen Erzieher annahm, kein rechtes
Unterkommen in dem Hause finden, und wie jeder, der an neue
Verhältnisse herangeht, nach dem alten Sprüchworte oft ge-
zwungen ist, aus der Noih eine Tugend zu machen, ließ Re-
natus sich von dem ihm nahe befreundeten Adjutanten seines
Regiments -Chefs, mit dem er gelegentlich von seinen Planen,
von seiner Einrichtung und von seinen kleinen Verlegenheiten
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sprach, dahin überreden, -ß es für den durch mütterliche Schwäche -
in jedem Betrachte verwöhnten Knaben fraglos das Angemessenste ,
sein würde, ihn von Hause zu entfernen, und daß Renatus also
mit seiner ursprünglichen Jdee, ihn einer öffentlichen Erziehungs-
Anstalt zu übergeben, das Richtige für ihn getroffen habe. Die -
Kadetienhäuser waren nach den Kriegen in sihren Einrichlungen -
wesentlich verbessert worden ; Valerio zu einem: Siudium zu
überreden, welches ihn für den bürgerlichen Staatsdienst geschickt -
machen konnte, hielt Nenatus bei der Art des Knaben nicht für,
angebracht, und da es in einer neuen, jungen Ehe in keinem '
Falle bequem war,Zeinen solchen frühreifen Burschen zum täg- -
lichen Gesellschafter zu haben, machte Nenatus seine Stiefmutter
und den Knaben mit seiner Absicht bekannt, ihn in eine der !
militärischen Erziehungs-Anstalten zu bringen, um ihn sein Heil s?
einmal im Heere, dieser Zufluchtsstätte adeliger Mittellosigkeit -
s
und jüngerer Brüder, versuchen zu lassen.
Mitten in diesen Vorkehrungen kamen denn allmählich auch'-
die großen Wagen voll Hausrath und voll Möbeln an, welche --
Renatus, um der neuen Wirthschaft und dem neuen Hause das --'
alte, würdige Gepräge zu geben, von dem Schlosse nach der -
Stadt kommen ließ. Nenatus wollte die großen Spiegel, sofern -
sie sich in die kleineren Zimmer des städtischen Hauses einfügen
ließen, er wollte die schönen Möbel und Geräthschaften, die guten,
alten niederländischen Landschaften, die italienischen Statuetten
und vor Allem die Bilder seiner Eltern und Großeltern nicht - -
entbehren; er wollte die alten werthen Erinnerungen mit sich in
die neue Lebenslage hinübernehmen. Er hing an diesen Gegen- -
ständen, er hatte zudem auch in dem Palaste der Herzogin er- -
fahren, wie wohlihuend das Althergebrachte in der Ausstattung-
eines Hauses wirke, und mochte der neu erworbene Neichthum
der emporgekommenen bütrgerlichen Gesellschaft ihr auch jede Art
von Luxus zugängllch machen, gegen die Wülrdlgkelt einer solchen-z
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F überkomuekenen Einrichtung erschien alles kalt, was der Tapezierer
, und die Magazine an Neuigkeiten liefern konnten.
Mit wachsendem Behagen sah er aus den leeren Räumen,
, die er gemiethet hatte, allmählich die schöne Wohnung entstehen,
j in welcher es ihm mit der Geliebten wohl werden sollte, und
f es fügte sich eigen, daß er eben an dem Tage, an welchem er
j die lezlen Schrnke i die Zimmer seiner zuklinfligen Frau
s stellen ließ, einen Brief Cdciliens erhielt, in welchem sie ihm
s erzählte, daß sie gestern, wo man zu einer größeren Gesellschaft
s in die Nachbarschaft gefahren sei, zum ersten Male den Schmuck
h habe anlegen wollen, den er ihr gesendet. Er sei jedoch für alle
s ihre Kleidungsstücke viel zu prächtig gewesen, und sie habe sich
h also das Vergnüigen vorläufig versagen müüssen.
Daran hatte der Bräutigam allerdings nicht gedacht; indeß
s
, nun er darauf, wenn auch sicher absichtslos, hingewiesen wurde,
ß mußte dem Mangel nothwendig abgeholfen werden. Renatus
F hatte sich es ohnedies von der Gräfin erbeten, für Cäcilie die
F ganze Ausstattung besorgen zu dürfen, damit der älteren Schwester
F nichts von dem, was ihr bestimmt gewesen sei, entzogen werde.
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Die verhältnißmäßige Dürftigkeit Cäciliens rührte den Liebenden
deßhalb nur noch mehr, und da die leeren Schiebladen und
Schränke nach einem Inhalte förmlich zu verlangen schienen,
machte er sich ein Fest daraus, sie in einer Weise anzufüllen.
welche der Geliebten nichts zu wüünschen übrig lassen und der
jungen Frau von Arten die Möglichkeit gewähren sollte, ihrem
Stande gemäß in den Kreisen aufzutreten, in denen zu leben
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j, ßedern und Blumen, Jächer und Handschuhe auswählte und mit
F fast weblicher Sorgfalt in die Schränke räumte, sah er mit
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vorgenießender Freude die Geliebte schon damit belleidet; und
weil er eben daran dachte, beschloß er, noch an diesem Tage
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- sich um den Familienschmuck, den der Freiherr nach Vittoria's j
Angabe bei dem Ausbruche der Freiheitskriege in der königlichen P
Hauptbank niedergelegt haben sollte, erkundigen zu gehen. Den ,
Niederlegungsschein hatten die Frauen in Nichten nicht auffinden
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könnenz es mußte aber in der Bank wohl zu ermitteln sein,
wann der Schmuck übergeben worden war, und Nenatus machte
sich also dorthin auuf den Weg.
Die Bankbeamten nahmen die Anfrage des Offiziers, des
Mannes mit. altem Namen, sehr zuvorkommend auf; man fand
auch den Niederlegungstag, wie es sich gebüührte, genau verzeichnet,
aber der Nücklieferungsschein lag daneben, und er ergab, daß
auf des Freiherrn eigene handschriftliche Anordnug der Schmuck
nach Jahresfrist dem Hofjuwelier des Königs Behufs einer Um-
fassung ausgehändigt worden war. Das war kurz vor dem s
Tode des Freiherrn gewesen, und sorglos, wie Vittoria in allen
solchen Dingen sich erwies, schien es nicht unmöglich, wenn schog
es auffallend gewesen wäre, daß die Diamanten sich noch in
dem Gewahrsam des Juweliers befinden konnten. Indeß diese
Erwartung zeigte sich als trügerisch. Der Juwelier hatte die
Brillanten im Auftrage des Freiherrn verkauft; die Berechnung
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gezahlt hatte. Der reiche Arien'sche Familienschmuck, dieses F
Erbe, an welchem man von Geschlecht zu Geschlecht gesammelt F
hatte, war dahin, und Renatus durfte sich nicht einmal mit dem A
Gedanken trösten, daß es, wie so mancher andere Schmuck, für g,
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die Befreiung seines Vaterlandes hingegeben worden war.
Es war ihm lieb, daß sein Dienst ihn an diesem Tage
ganz in Anspruch nahm; er mochte an den Schmuck nicht denken,
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und es blieb ja auch nichts übrig, als sich die Angelegenheit
aus dem Sinne zu schlagen. Er freute sich nur, daß er für
Cäcilie die Saphire schon gekauft hatte, er würde sonst vielleicht
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des Muihes dazu ermangelt haben, und ganz ohne Schmuck
durfte seine junge Frauu in der Gesellschaft auch nicht auftreten,
wenngleich in diesen Zeiten sich gar Viele solcher Zier aus
Vaterlandsliebe entäußert hatten.-
Mit jedem Tage, den Nenatus vorwärks ging, befestigte
sich jetzt seine Zuversicht, daß Alles sich nothwendig zum Besten
wenden werde, und in der That nahten auch die Verhandlungen
über den Verkauf der Gliter sich einem günstigen Abschlusse.
Es war noch in der ersten Hälfte des September gewesen,
als Panl von der einen Seite und Steinert von der anderen
nach der Provinzial - Hauptstadt, kommend, in dem einstigen
Flieö'schen Hauuse eingeroffen wären, das der Baurath Herbert
an sich gebracht hatte, als Herr Flies nach der Nesidenz gezogen
war. Von Hause aus vermögend und durch Eva's väterliches
Erbe unterstützt, wie durch ihre Sparsamkeit und Tichtigkeit ge-
fördert, war Herbert von den Zeitereignissen verhältnißmäßig
weniger als die beiden anderen Männer in seinen Umständen
bedroht und beeinträchtigt worden. Auch die Feldzüge hatte er
nicht mitgemacht. Ein unglücklicher Fall, den er bei Besichtigung
eines Baues einst gethan, hatte ihm einen Armbruch und in
dessen Folge eine Schwäche des rechten Armes zugezogen, die
ihn zwar in seiner Thätigkeit nicht behinderte, es ihm aber doch
unmöglich gemacht haben würde, die Waffen zu tragen. Er und
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seine Eva hatten sich also seit ihrer Verheirathung nicht viel
getrennt, und wenn die fünfzigjährige Frau den Titel und das
Ansehen ihres Mannes auch sehr wohl zu tragen wußte, so war
ihr von der frischen Fröhlichkeit des Landmädchens doch noch
genug geblieben, um es Jedem wohl und behaglich werden zu
lassen, der unter ihrem Dache weilte.
Jezt besonders, wo ihr Aeliester, der, wie ihres Bruders
Sohn, kaum dem Knabenalter entwachsen, in das Feld gezogen,
f nun endlich wieder in die Heimath zurückgekehrt war und wo

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sie Adam und Tremann zu Gästen hatte, war sie recht in ihrem
Elemente. Die schönen Augen blickten hell aus den weißen
Spitzen ihrer neuen Haube hervor, die breiten rosa Bindebänder
umgaben das rundeste Kinn; und die Grüibchen in den freilich

etwas zu stark gewordenen Wangen blieben den ganzen Tag
sichkbar, weil die glückliche Hausfrau aus dem still zufriedenen
Lächeln nicht herauskam. Jeder sollte es ganz nach seinen Be-
dürfnissen und Wünschen bei ihr haben. Der Bruder mußte
- seine Leibgerichte auf dem Tische finden, der Sohn sollte es
merken, dasi es, wie schön es in Frankreich, in Berlin und in
all den großen Städten und schönen Gegenden auuch gewesen
sein mochte, doch im Vaterhause stets am besten sei; und daneben
wollte Eva es dem Herrn Tremann auch beweisen, daß man in
der Provinz ebenfalls zu leben wisse.
Die beiden Töchter, von denen die ältere auf Eva's aus-
drückliches Verlangen den Namen Angelika erhalten hatte und vg
der man in der Familie immer behauptete, sie sehe der verstorbenen
Baronin ähnlich, weil Eva vor der Geburt dieses Kindes immer
und immer daran gedacht hatte, daß dieses zweite Kind, wenn
es ein Mädchen sei, den Namen der Baronin führen solle, welche
einst Eva's und Herbert's Hände in einander gelegt hatte -
die beiden Töchter gingen in stiller Geschäftigkeit die Treppe
hinauf und hinab. Sie trugen das Sonntagsgeräthe, das feine
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Krystall und die eingekochten Früchte auf die Tafel, die oben
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im Saale schon gedeckt war; und unten in der Kiche glänzte e-
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der Nehrücken, welchen Steinert von Marienfelde mitgebracht ?
hatte, schon in bräunlicher Farbe an dem sich rastlos drehenden ?
Spieße, als in dem Arbeitszimmer des Bauraths die drei Freunde F
noch berathend bei einander saßen.
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Die Gutskarten, die Akten waren freilich schon bei Seite F;
gelegt, die Bedingungen des Kaufkontraktes, die Termine der P?
Nebernahme und der Zahlungen nach des Freiherrn Vorschlägen ??
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verabreoet worden; auch die verschiedenen Abkommen unter den
drei Männern, welche die Güter gemeinsam kaufen wollten,
waren zum Abschluß gelangt. Die Steinbuiche jenseit Noihenfeld,
der Torfstich zwischen Nothenfeld und Neudorf sollten ebenso
wie die Bewirthschaftung der Güter und die Errichtung der
Fabrik auf gemeinsame Kosten unternommen und betrieben werden.
Herbert selbst wollte die Leitung der Steinbrüche und die Be-
arbeitung und Verwerthung des Materials auf sich nehmen.
Steinert's künftszer Schwiegersohn, der in einer torfreichen Ge-
gend heimisch und des Torfstiches kundig war, sollte unter Her-
bert's Beistand zunächst die für solches Beginnnen nöihigen Kanal-
arbeiten machen lassen, durch wehhe man dem ohnehin zu feuchten
Boden von Rothenfeld eine zweckmäßige Ableitung zu verschaffen
hoffte; und sobald als thunlich sollten dant vornehmlich Del-
pflanzen auf den Gütern angebaut werden, da es eben auf die
Gründung einer Delfabrik in großem Maßstabe abgesehen war,
zu deren Vorstand man Steinert's Sohn bestimmte. Tremann
lieferte den bei Weitem größten Theil der Kapitalien für dieses
Unternehmen und behiest sich, des kaufmännischen Betriebes in
allen Fächern Meister, die Oberleitung über dasselbe aus der
Ferne vor, während seine Bankgeschäfte in der Hauptstadt ihren
ungestörten Fortgang hatten und ihn nach allen Seiten hin in
den weitverzweigtesten Verbindungen erhielten.
Endlich war man so weit gediehen, daß Herbert die sämmt-
lichen Papiere zusammenlegen konnte; die Geschäfte waren ab-
gethan. Steinert füüllte sich die kurze Pfeife, an die er sich,
z wie mancher Andre, im Felde gewöhnt hatte, Paul brannte sich
? eine der Eigarren an, die er von Jugend auf in Amerika hatte
h - rauchen lernen und deren Gebrauch sich jetzt mehr und mehr
F auch in Europa zu verbreiten anfing. Nur Herbert rauchte nicht.
f Er hatte eine Flasche Wein geöffnet, schenkte davon in die bereit
, stehenden Gläser und sagte: Auf gutes Gelingen und daß es
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uns und den Unseri, wohl werde auf dem nenen Besizthume!
Uns? wiederholte Tremant. Denken Sie denn Sich selbst s
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nach einem der Güier üsberzusiedeln?
Herbert lächelle. Ich denke zwar nicht daran, sagte er;
aber Sie wissen, es heißt im Sprichwort: was die Frau will,
das will Gott! Und ich werde, wie es mir scheint, allmählich
aus der Stadt und auf das Land geführt werden. Meine Eva
ist die Sehnsucht nach Feld und Flur nie recht los geworden.
Obschon wir den großen Garten am Hause beibehalten und ich
ihr hier auf dem Hofe die schönsten Hüühnerställe und einen
Taubenschlag gebaut, ihr auch alle Sorten von Gethier hinein-
gesetzt habe, fehlt ihr doch, wie sie behauptet, die freie Natur.
Seit nun von dem Ankaufe von Nothenfeld die Rede war,
läßt's ihr vollends keine Nuhe mehr, und ich denke, wenn mein,
Sohn gut einschlägt, wenn er seine Studien beendet hat und sich
Vertrauen erwirbt, so mag er hier künftig den Baumeister an
meiner Stelle machen. Er soll meine Arbeiten fortfüühren, meine
Kundschaft erben, und er mag uns denn als Altentheil das
Rothenfelder Amtshaus ausbauen, wohin meiner Eva Gedanken
jetzt doch unablässig wandern werden.
Steinert nickte dem Plane Beifall zu. Daß dies wahr
werde, Schwwager! sagle er und slies; aus's Nene mli lhu an,
während er sich mit der Hand den Nauch von Tremann's
Eigarre gegen das Gesicht wehte, um ihren Geruch zu prüfen.
Woher beziehst Du das Kraut? fragte er.
Direkt von der Havannah, antwortete Paul. Willst Du
davon haben, so stehen Dir tausend Stück zu Diensten.
Steinert meinte, er wolle.ihn nicht berauben. Der Andere

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versicherte, daß er in jedem Monate frische Zufuhr haben könne,
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da er Freunde in der Havannah habe, die ihn wohl versorgten ß;
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und mit denen er in fortdauernder Verbindung stehe. Er schreibe z;
ihnen ohnehin in wenigen Tagen, und wenn Steinert's Sohn, gs
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, wie e« ,: im Werke sei, seinen Rüickweg iiler die westindischen
s Inseln einschlage, so könne der am füglichsten eine gute Ladung
s fiir die ganze Verwandtschaft und Bekanntschaft zu besorgen
s übernehmen.
Der Junge wird sich wundern, sagte Steinert, und es
s glitt ein selbstzufriedenes Lächeln über sein braunes Gesicht, wenn
s er erfährt, daß wir die Güter kaufen! Und, daß ich es Euch
j ehrlich eingestehe, oft ist es mir selbst eine Art von Wunder,
s wie die Welt sich um uns her gewandelt hat. Ich habe noch
s den Großvater des jetzigen Freiherrn gekannt. Der saß noch
s- im Vollen und wie ein Fürst in seinem Schlosse. Wenn der
s jt aufstehen müßte! oder wenn mein Vuter aufstehen könnte!
Ja, nahm Herbert, als jener mit einem nachdenklichen
( Kopfschütteln seine Nede plözlich abbrach, ja, nahm Herbert das
f Wort, das Hofhalten verstanden sie vortreffiich. Noch als ich
F nach Richten kam, hatte Alles dort einen schönen und würdigen
F Anstrich. Man betrachtete es gern, nnd doch hatie man schon
, damals das Gefähl, daß die Axt geschliffen sei, den Baum zu
F fällen. Was man sah, waren schöne Dekorationen, vor denen
F und hinter denen zwei ganz verschiedene Stücke spielien, und
g eben darin lag etwas, was die Phantasie beschäftigte und ver-
F wirrle uud deu ua slch nir schwer entzog. Es war gut fin
F mich, daß der Kirchenbau mich zu Euch nach Rothenfeld hin-
F überbrachte und in gesunde Luft. Mehe Lebe als an diesen
F Kirchenbau habe ich sicherlich an leine meiner Aufgaben je
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Die Erinnerung an seinen Jugendtraum stieg wie ein leuch-
F iendes Gewölk vor seinem inneren Auge auf; indeß es zog
I schnell vorüber, und eben Herbert war es, der gleich darauf die
z ß Frage aufwarf, was man denn jetzt mit der Kirche beginnen
zz? nende.
Steinert meinte, das sei selbstverständlich. Die protestantische

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Kirche in Neudorf sei ümer ein jämmerlicher Bau gewesen,' j
aus ßeldsteinen roh und elend zusammengefigt, der hölzerne
Thurm seit lange dem Einsturze nahe. Innen hätten die Russen
die Kirche arg verwüstet; sie sei danach, wie die Umstände der
Gutsverwaltung es mit sich brachten, kaum auf das Nothdürftigste
hergestellt worden. Nicht an der ganzen Kirche und an dem
Pfarrhause sei niet- und nagelfest. Man müsse also die prote-
staniische Psarre, was auch ohuehin bei der Lge der Dörfer
immer das Zweckmäßigere gewesen sein würde, von Neudorf
nach Nothenfeld zu verlegen suchen. Die nöthigen Schritte bei
der Negierung müsse Herbert, und wenn es etwa bis vor das
Kultus»Ministerium und den König käme, Tremann zu thun
übernehmen. Die Gemeinde würde sie sicherlich unterstützen,
denn ihr, die sich eng und ärmlich habe helfen müssen, sei die
prächtige und leere katholische Kirche stets ein Dorn im Auge
gewesen, und es sci, da in der ganzen Gegend jetzt keine zehn
Katholiken mehr zu finden wären, auch nicht die geringste Noth-,.
wendigkeit zur Erhaltung eines besonderen Gotteshauses für die-
selben mehr vorhanden. Nur wegen der Arten'schen Familiengruft
habe es noch Schwierigkeiten.
In wie fern? fcagte Paul, der diesen Erörterungen bis
dahin schweigend gefolgt war.
Der Freiherr verlangt als eine der Verkaufsbedingungen,
daß der Zugang zu der Gruft von der Seite der Kirche ver-
von dem eisernen Gitter eingehegten Garten, den die Gutsherr-
schaft als Dus unterhalten soll, zugesichert werde.
Paul schlug ungeduldig mit der flachen Hand auf den
Tisch. Sie sind unverbesserlich, aber ganz und gar unverbesserlich!
rief er aus. Sie haben die Geschichte der lezten dreißig Jahre
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mauert werde, und er will, daß ihm und seinen Nachkommen
für ewige Zeiten der Besiz dieser Gruft mit dem sie umgebenden,



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vor sich und sie können sich das verdammte Wort,ewig' nicht
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abgewöhnen; als ob sie nicht gerade daran zu Grunde gingen,
dasß sie sich in den nothwendigen Wechsel der Zeiten und der
Dinge nicht fügen wollen! Dieser junge Arten sieht es jetzt mit
eigenen Augen, was es mit den Dingen ist, die man für ewig
gegründet zu haben glaubt. Sein Vater baute, einer Stimmung
zu geuigen, eine Kirche, die siir ewige Zeiien dem kalhollschen
Kulius und den religiösen Bedirfnissen seines Geschlechies ge-
widiel sei sollle. Noch lein Menschenalter ist seiidem verflossen,
und die Kirche wird unser, und wir beraihen heute hier in kalter,
veeständiger Ueberlegung, waö wir mit dem Prachtbaue machen
sollen, in welchem die Aufregung eines Tages sich ein ewiges
Denkmal zu sczen meinte. Noch weiß es jedes Kind im Dorfe,
daß es die Herren von Arten gewesen sind, welche die Kirche
auuferbauten, denn bis heute ist ein Arten Besizer derselben ge-
wesen. Wer aber wird nach zwanzig, nach dreißig Jahren
daran denken, davon wissen? Ludwig der Sechszehnte und Marie
Antoinette sind guillotinirt, die Welt ist umgestaltet, ein Ad-
vokatensohn Kaiser und Veherrscher der Herrschenden, seine Brüder
sind Könige geworden, und Alle sind sie niedergeworfen worden,
als ihre Zeit vorüüber gewesen ist - und dieser junge Edel-
mann will ein ewiges Erbbegräbniß für die Gebeine seiner Väter,
für' die Freiherren von Arten errichtet haben. Es ist abgeschmackt!
; - Er stand ärgerlich auf.
Du meinst also, daß man diese Bedingung nicht eingehen
, soll? fragte Steinert.
Warum nicht? Wenn der junge Arten die
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h der Gruft und des Gariens übernehmen will!
F dazu nahe geuug, und die paar Ruthen Land
Unterhaltung
Richten liegt
können wir
f, entbehren.
E ist üübrigens keine schwere Last, wendete Herbert ein,
F dem begreiflicher Weise an der Erhaltung alles dessen gelegen
F war, was zur Zierde der Kirche gereichte und mit ihrem Baue
, F. Lew ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. B.
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-- 16----
ng
organisch zusammenhing; es ist leine schwere Last, welche wir
oder die Gemeinde mit der Erhaltung dieses Blumengärtchens
auf uns nehmen würden.
Wir haben aber kein Recht, durchaus lein Recht, denen,
die nach uns kommen werden, eine Pflicht, wie leicht sie uns
auch bedünken mag, aufzuerlegen, da sie ihnen doch weniger
leicht erscheinen könnte. Soll der Garten gepflegt werden, so
mag's geschehen, so lange wir die Herren der Gütter sind, und
ich für meine Person habe keinen Grund. mich dem zu wider-
setzen. Aber wwas könnenn unusere Kinder, oder was werden die-
jenigen, die vielleicht nach diesen die Güter erwerben, mit den
Ewigkeiisgelüsten des Barons Renatus zu schaffen haben? Wir
haben kein Recht, wislkitrlich übernommene Gefälligkeiten als
Verpflichtungen auf Dritte zu vererben. Mag der Freiherr.. -
Du denkst als Kauufmann schon an den Verkauf der Güter,
ehe wir sie noch erworben haben, fiel Steinert ihm in das ,
Wort, der wie ein rechter Landmann fest an seiner Scholle hing;
da freilich kann von Dauer oder gar von Ewigleit auch nicht
die Nede sein, da ist nichts ewig!
Paul lachte. Adam der Siebenuundsiebzigste! rief er, schnell
wieder heiter geworden, den Freund an eine frühere Neckerei
erinnernd. Aber beruhige Dich, mein alter Freund, es gibt
ein Ewiges, es gibt unumstößliche, ewige Wahrheiten; nur daß
gerade diejenigen, die fir ihre Namen ud füür ihre Geschlechter
und Gebeine so gern auf die Ewigkeit vertrauen, von diesen
ewigen, unumstößlichen Gesetzen und Wahrheiten meist nicht gern
sprechen hören und eben daran untergehen.
Was meinst Du damit? fragte Steinert, der troz seines
gesunden Verstandes immer ntnr langsam dachte und langsam faßte.
Es ist sicherlich eine ewige Wahrheit, daß zweimal zwei
vier macht und daß ich drei von zwei nicht abziehen kann! gab
Paul ihm mit der friheren Lebhaftigkeit zur Antwort. Ich habe
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diese uuuumstösiliche und ewige Wahrheit schon hier in diesem
Zimmer einsehen lernen, als es noch dem alten Flies zum Laden
diente und die Neger und die Palmen und die Elephanten auf
seinen Ühren und Tafelaufsätzen mir eine kindische Sehnsucht
nach den fernen Gegenden und Welttheilen emflößten, in denen
ich die Neger und die Palmen und die Elephanten heimisch
wußte. Aber was haben diese alten adeligen Geschlechter, die
geich den Herren von Arten arbeitslos den Tag am Tage
leben und dafir die Möglichkeit einer ewigen Dauer erwarten,
von jeuer ewig unuuslös:lichen Grudwahrheit begrisfen? - Nichts!
- Sie sind sehr streng, liebster Tremann! bemerkte Herbert,
- der um der Baronin Angelika nillen eine gewisse Vorliebe für
ihren Sohn bewahrt hatte, welche Steinert aus anderen Em=
, pfinduungen und Erinnerungen gleichfalls mit ihm theilte.
Soll ich nachsichtig gegen das Unvernünftige sein? ent-
gegnete Paul.

Du siehst nun aber doch, daß der junge Freiherr unserm
, verninftigen Nathe zu folgen begiunt! gab Steinert ihm zu
bedenken.
Weil das Wasser ihm bis an die Kehle steigt! sagte Paul.
Er darf nicht stehen bleiben, er muß sich bewegen, er muß
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Es entstand eine Unterbrechung in dem Gespräche. Nach
j einer kleinen Weile meinte Steinert: Ein guter Wirth ist der
! junge Arten freilich auch noch nicht!
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Sieh, fuhr Paul auf, das ist's, was mich so empört! Es
ist so einfältig, zwei Thaler für dasjenige auszugeben, was man
fir einen erlangen Jann; es ist sinnlos, sich der Mittel für ein
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künftiges freies Wollen zu berauben. Es ist so dumm, so un-
verantwortlich dumm, ein Verschwender zu sein. Jeder Schul-
bube hat einem solchen gegenüber, mag er sein, was eu immer
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--- 16T---
wolle, das unbestreitbare Recht, ihm sein ,Drei von zwwei kann
ich nicht abziehen' in das Gesicht zu schleudern. Leichtsinnige
Verschwenduung ist nicht einmal ein Laster. Sie ist nur eine
Dumuheit, die aber den Charalter mi! Noihwendigleit verdirbt
und die den Menschen, wenn er nicht von ihr abläßt, früher
oder später ehrlos machen muuß. Sie ist mir verächllich!
Es widersprach ihm Niemand von den Andern. Sie waren
beide auch Männer, welche die Arbeit kannten und an ihr den
Erwerb hailen schäzen leren, Muner, welche es wuusiten, was
die innere Freiheit, die biirgerliche Unabhängigleit werth sei;
die ihren Slolz darein sezlen, sie, wenn es seiu musie, auch
mit schweren Enbehrungen zu erkaufen, und sie hatten sammt
und sonders Freude an der Arbeit selbst, wie an ihrem Berufe.
Steinert vor Allen war von dem seinigen so eingenommen, daßz
er unbedenklich annahm, ein Jeder müsse danach trachten, früher
oder später aus den Städten auf das Land, in die freie Natug
hinaus zu kommen, um wenigstens am Abende seiner Tage,
wie er es nannte, mit dem Herrgott gemeinsam für des Lebens
Nothdurft zu arbeiten, und um mit der Erde wie mit dem
Himmel ordentliche Bekanntschaft gemacht zu haben, ehe man
von ihr scheiden muß. Er kam also, wie sie nun länger bei
einander sasen, mit groser Zufriedenheit auf den Gedanken
seines Schwagers, sich vielleicht späier in Nothenfeld anzusiedeln,
zurück und fragte Tremann, ob ihn nicht auch bisweilen das
Verlangen nach freier Naiur überkomme, ob er nicht auch die
Neigung hege, einmal Grundbesiz zu erwerben, wie. - -
Wie meine Altvordern? fiel ihm Paul in die Nede, der
vor diesen beiden Freunden einen solchen Scherz zu wagen kein
Bedenken trug. Aber schon im nächsten Augenblicke sagte er:
Es ist gewiß etwas Schönes und Erfreuliches darum, wenn
wir eln Sliick Erde unser eigen nennen können, und ich habe
mich auch beeilt, sobald es fiir mich thunlich war, mir Haus
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und Hof für mich und die Meinigen zt erwerben, denn eigenes
Haus ist doppelte Heimath. Aber es ist zuletzt doch nicht der
Boden, sondern es ist vor Mllem unser Zusammenhang, unser
Zuusammemwirlen mit den anderen Mensch, durch dic wir uns
den rechten Mittelpunkt für das eigene Dasein erschaffen. Wenn
ich mir also auch nicht, wie Du, mein alter Freund, etwas auf
das direkte Zusammenarbeiten mit einem höheren Wesen, das
- ich mir nut einmal nicht zu denken vermag, zu Gute thun

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Geois;! bekeäsligie Herbext. Schon als ich Sie vorhin so
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beiläufig Ihrer Verbindungen -in der Havannah erwähnen hörte,
als handle es sich dabei um den Verkehr mit irgend einer Nach-
barschaft, trat es mir wieder einmal entgegen, wie farbenreich
das Leben eines Kaufmannes sein müüsse.
Das Beiwort, welches Sie brauchen, verräth den Sinn
des Künstlers, meinte Paul. Jndeß es ist doch noch etwas
Anderes, was mich von meinem Berufe so groß denken und ihn
immer aufs Neue lieben macht. -- Er hielt einen Augenblick
inne und sagte dann: Der Handel ist für die Menschheit so
nothwendig wie die Luft, die wir athmen, und wie diese ist er
eine große, bewegende Kraft. Wie ein geüübter Steuermann auf
offenem Meere steht der Kaufmann in der Handelswelt fest auf
seinem Plaze. Die stille Mondnacht, die sanft hingleitende
Woge dürfen seine Wachsamkeit nicht einschläfern, der Aufruhr
der Elemente und das Toben des Sturmes seinen Sinn nicht
verwirren; denn nicht allein sein eigenes Wohl und Wehe, das
Wohl und Wehe Anderer ist seiner Hand anvertraut. Mitten
im kobenden Kampfe, mitten im wilden Kriege muß er des
Friedens und der Ruhe, in der Ruhe an die Möglichkeit des
Kampfes denken. Er muß das Bedlrfnlß des Augenblicks er-
kennen, das Beditrfniß der Zukunft voraussehen. Um die eigene

-- 16.---
Sicherheit, den eigenen Wohlstand zu begründen, mns er jeden
vorhandenen Mangel zu errathen wissen und ihm abzuhelfen
trachten. Wo ein Neberfluß sich zeigt, wo eine Noth sich fühlbar
macht, tritt er ein. Nord und Sitd, Ost und West treffen in
seinem Geiste zusammen, erhalten ihre Ausgleichung und ihre
Vermittlung durch seinen unternehmenden Sinn, und wie er bei
den großen geschichtlichen Ereignissen ihre Ausfihrung ermög-
lichen hilft, so begegnet er dem alltäglichen Anspruche in der
entlegensten Hüütte. Was der grübelnde Forscher entdeckt, was
der tiefsinnige Denker ergründet, der Kaufmann versucht, es für
die Allgemeinheit durch seine Thätigkeit nuzbar zu machen.
Alles Vorhandene mus: ihm dienen, weil auuch er sich allem Vor-
handenen dienslbar macht; und der Handel wird es auch jetzt
wieder sein, der Kaufmann wird es sein, welcher jenen gewal- -
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1
tigen Erfindungen, welcher der Benuuzung der Dampfkraft, wie
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jie in England und Amerika schon jezt im Gange ist und wie, -
- wir sie in unserer Neudorfer Fabrik bald selbst auwenden werden,
jene Ausbreitung über den ganzen Erdball sichert, durch welche,
sich Zustände und Verhältnisse entwickeln können, die wir noch
kaum vorauszusehen vermögen, obschon sie vielleicht eine ganz
neue Zeit fitr die Menschheit heraufzuführen geeignet sind.
Er brach nachsinnend ab; aber die beiden Anderen, von
Paul's Begeisterung für seinen Beruf mit ihm fortgerissen, er-
warteten schweigend, ob er nicht weiter sprechen würde. Es war
selten, daß er sich in solcher Weise gehen ließ, denn er war
durch seine große Thätigkeit gewohnt, sich in der Unterhaltung
meist nuur auf das Thatsächliche zu beschränken, und es über-
raschte ihn selbst, als er so warm geworden, war.
Es muß wahrhaftig hier in diesem Zimmer liegen! rief
er wohlgemuth, als Herbert seine schöne Wärme pries. Als
Knabe schwärmte ich hier fir eine Zukunft, die mir in nebelhaft
wechselnden, aber stets sehr phantastischen Bildern vor den Augen


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schwebte; nun, am erreichten Ziele, im Mannesalter schwärme
ich fir meinen Beruf und sehe in neuen Nebelbildern eine neue
Zeit für die ganze Menschheit erstehen. Steinert begnügt sich
doch wenigstens, mit- einem Schöpfer ge neinsame Sache zu
machen; ich möchte schaffen aus eigener Gewalt, und wer ein
Kaufmann in großem Sinne sein will, muß in der That ein
Stlck Allwissenheit für sich zu erringen trachten, denn wir sitzen
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Hor allen Anderen, wie es der Dichter singn, auch mit an dem
sausenden Webstuhl der Zeit und wirken, wenn auch nicht der
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Gottheit, so doch der Menschheit lebendiges Kleid.

Kapitel 13

Dreizehntes Capitel.
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Hg ersten Oktober sollte die lebergabe der beiden Arien-
schen Güter an ihre neuen Besizer vor sich gehen und gleich-
zeitig auch die Verpachlng von Richten an den bisherigen Amt-
mann ihren Anfang nehmen. Das veranlaßte den jungen Frei-
herrn, von seiner kinftigen Schwiegermutier die Festsezung des
Hochzeitstages in die dritte Woche des Sepiembers zu begehren,
und die Gräfin widersprach diesem Wunsche nicht.
Sie fand es natirlich, daß Nenatus noch in der Kirche
getraut zu werden wünschte, so lange sie sein eigen war, und
ihr selbst war daran gelegen, so bald als möglich mit Hildegard
zusammenzutreffen, die, aus dem Bade zurückgekehrt, nicht figlich
länger bei ihrer Freundin in dem Stifte verweilen konnte.
Weil man es unter den obwaltenden Umständen in keiner
Ricksicht angemessen fand, eine grose Feierlichkeit bei der Hochzeit
zu veranstalten, hatte man leine besonderen Vorkehrungen fiür
dieselbe zu treffen. Nenatus hatte seinen ältesten Oheim, den
Majoratsherrn Grafen Feli; Berka, aufgefordert, Zeuuge seiner
Vermählung zu sein; indeß derselbe hatte geschrieben, dasß ein
Unwohlsein ihn daran hindere. In früheren Jahren würde
Renatus gegen eine solche Angabe keinen Zweifel gehegt haben
jezt fragte er sich, ob sein Oheim wirklich krank sei oder ob er
nur eine Krankheit vorschiize, um einem Begegnen mit dem
Neffen und einem Besuche in Richten auszuweichen, und leider
irrte er sich in dieser Voraussetzung nicht.

------ 1ßH--
Der Graf war immer ein guter Hus halter gewesen, und
Erfahrung haite ihn llug und noch vorsichiiger gemacht. Die
Arten'sche Lebensweise hatte seinem Sinne nie zugesagt; er hatte
die zweite, späte Heiraih seines Schwagerö, des Freiherrn Franz,
eben so mis;billigt wie die frühzeitige Verlobung von Nenatus.
dessen jezige Handlungsweise er vollends hart beurkheilte; und
eben weil er gern auf seiner Hut war, weil er sich gern be-
rihmte, ein tüchhhger Landwirth zu sein und wie ein solcher auch
seinem einfachen Bauernverstande zu folgen. hielt er es fir ge-
rathen, die Hand von einem Wagen loszulassen, der von einer
Höhe in das Hinunterrollen gekommen war.
Nenatus hatie Tag und Stunde seiner Ankuunft festgesezt.
Eäcilie und Valerio waren ihm bis zu de: bekannten letzten
Anhaltspunkte entgegengeritten, und da der warme Mittag des
sonnigen Herbstiages es ihm möglich gemacht hatte, das Verdeck
seines Wagens zuriickschlagen zu lassen, sah und erkannte er die
Geliebte schon von Weitem. Er war glücklich, als er die schlanke
und doch so volle Gestalt vom Pferde hol, glicklich, als er sie
nach den Tagen eines schmerzlichen Entbehrens wieder in seine
Arme schloß, als er sie neben sich im Wagen hatte und ihr von
den mannigfachen Mühen und kleinen Plagen erzählen konnte,
welche er für ihr künftiges Wohlbefinden in der gemeinsamen
Heimath gelragen hatte.
Indeß diese Zufriedenheit verminderte sich, als man auf
die Arten'schen Giter kam; denn umwillkitelich drängte es sich
dem jungen Freiherrn in den Sinn, daß dies gleichsam Cäciliens
Brautfahrt sei und wie ganz anders sein Vater einst seine Mutter
in Nichten eingefihrt habe. In mancher guten Stunde seiner
Kindheit hatte die Mutter ihm mit gerihrter Erinnerung davon
erzählt, wie die Schulzen und Schulmeisier der Ddrfer, geführt
von dem Neudorfer greisen Pfarrer und von der ganzen Schaar
der Kinder gefolgt, sie unter der Ehrenpforte hegrüßt, die man

--- 17--
an der Grenze der Giter zu ihremn Gupfange aufgerichet hatle.
äer aber von den Bauern und Jnsileuten machte heute in
Neudorf und Nothenfeld Vorbereitungen finr die am nächsten
Morgen bevorstehende Hochzeit des jungen Freiherrn? Sie
wisßten, das; die lebergabe der Giter in wenig Tagen vor der
ihür stand, und wenn sie von dem jungen Herrn auf ihre
Weise auch viel hielten, so war es ihnen doch willkommen, den
jetzigen Amtmann los zu werden und es künftig wieder mit
einem von den Steinert' zu thun zu haben, die aif den Gütern
heimisch waren und ek wuusten, was möglich sei und wwas einmal
nicht möglich sei.
Cäeilie konnte nicht begreifen, was ihren Bräntigam so
ernsthaft stimme, was die weiche, wehmüüihige Zärtlichkeit bedeute,
mit der er sie umarmte und behandelte, und er liebte sie so
sehr, dass er ihr's nichi sagte. Aber diese Liebe ward ihm selbst
zum Troste und zur Beruhigung, denn in ihr, in seiner Reinheit
in seinem ungetheilten Epfinden konte er seiner kinftigen
Gattin bieten, was sein Vater seiner Mutter nicht hatte ge-
währen können, und er gelobte es sich fest, daß Ccilie gliicklicher,
als seine Mutter es gewesen, daß seine Ehe eine schöne und
würdige werden solle. Sein Wille, seine Vorsätze waren die
allerbesten.
Er hatte an dem Tage noch eine Menge alter Familien-
papiere zu ordnen, die er mit sich nach der Stadt zu nehmen
wüünschte, und Cäcilie, vor der er kein Geheimniß hatte, leistete
ihm dabei freundlich ihren Beistand. Dieses erste gemeinsame
Arbeiten half ihm über das Unbehagen fort, das ihn bei dem
Eintritte in die altbekannten Näume zuerst befallen hatte, demn
eben aus dem Arbeitszinmer seines Vaters und aus den eigent-
lichen Wohnzimmern hatte er die Möbel und Kronleuchter, die
Bilder und die Zierathen in seine künftige Wohnung hinüber
genommen, und die leeren Gemächer starrten ihn mit kalter,

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vorwurssvoller Dede an. Er war froh, als er seine Arbeit
beendet, als er die nothwendigen Besprechungen mit dem Amt-
manne gehall haiie, unnd als er gegen den Abend hin sein muiides
Haupt in Vittoria's Zimmer, an den Busen seiner Eeilie lehnen,
und an ihrer Schulier ruhen lassen lonnie.
Die Gräfin sah er wenig. Sie war den ganzen Nach-
mittag in ihrer Wohnng geblieben, sie schrieb an Hildegard;
die Neuvermählter sollten am anderen Tage die Briefe bis zur
Hauptstadt mit sich nehmen.
Die Trauuung war gleich auf den nächsten Mitiag fesi-
gesezt, denn Renatus hatte nur einen möglichst kurzen Urlaub
fordern mögen. Der Morgen brach mit leichkem Nebel an,
aber die sirahhleünde Freüde seiner Brant ersetzte fiir den Bräuligam
das Licht der Sonne, das nicht recht zum Vorschein kam. Cäcilie
liesß hier in Nichten nichts zuriick, wonach ihr Herz sich sehnen
konnte, und ihre höchsten Wünsche sollten heute in Erfiislung
gehen. Sie wuurde wider all ihr Hoffen und Erwarten dem
Manne verbunden, den sie von frühester Jugend an geliebt hatte,
und sie kehrte mit der Aussicht auf die erwiünschtesten Verhältnisse
in die Siadt zurück, nach der ihre heimliche Sehnsucht nie er-
loschen war. Freilich sah sie den Schatten, der sich oft über
des Geliebten klare Stirne senkte, aber sie beunruhigte sich darüber
nicht. Es dünkte sie ganz natürlich, daß er, der andere Nu..
.
erinnerungen hatte, sich dieser eben heute nicht erwehren konnte.
Sie glaubte, es sei der Gedanke an Hildegard, der ihn bewege,
und sie mißgönnte das der Schwester nicht.
Sie sprach das dem Bräutigam auch aus. Er nannte sie
ein schönes Herz, er küßte sie, er verhieß ihr, daß sie dieses
Tages stets mit Freude denken solle, aber seine Wehmuth wollte
doch nicht schwinden.
A.:
==- z erheitern, schlug sie ihm vor, als Brautleute noch
einen letzten Spaziergang zu machen. Er zeigte sich bereit

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dazu. Arm in Arm gingen sie aus dem Parke in das Freie
hinaus.
Der Sommer war schr güünstig gewesen. Große und lang
andauernde Wärme halle mit reichlichem Negen abgewechselt und
das Wachöihum der Bume wie das Neifen der Frucht unge-
wöhnlich gefördert. Alles war in diesem Jahre, wie der Aini-
mann es dem jungen Freiherrn im Frihlinge richtig vorauus-
gesagt hat... mächtig vdrwärts gekommen, Alles frih geerntet
worden; aber weil die Wärme noch im Herste fortdauerte und
überall noch neues Leben erschiuf und daö Vorhandene erhielt,
merkte man es nicht sonderlich, das; die Felder schon lahl waren
und das Laub an den Bäumen sich je nach seiner Weise rokh
und gelb gefärbt hatte. Wo es zur Erde fiel, wuuchs noch
überall frisches, neues Gras empor und verdeckte den Niederfall,
so das; die wellen Bläiter nur wie Bluumen aus dem Grün
hervorsaheu und das Abgestorbene selbst nuur dazu beitrug, das
Lebendige zu verschönen. Neber den griünen Kronen der Eichen
und Linden leuchteten die Wipfel schon herbstlich gelb, und feuer-
roth umgaben die Blätter des wilden Weines, mit seinen lang-
stengligen violetten Trauben, den von unzähligen Silberfäden
übersponnenen Schlehdorn, der auf den Rainen zwischen den
einzelnen Feldern wuchs und grünte.
=- - =ag hellte sich selbst gegen den Mittag nicht voll-
ezz- e
kommen auf, aber die Luft war mild. Der feine Nebel, der
über der ganzen Gegend liegen blieb, hakte noch nichts Herbst-
liches an sich. Nur wie ein vorübergehender Gast zog er durch
die Gegend, man fiihlie, das: er noch nicht schwer und dicht
geng sei, sich dauernd in ihr fesizusezen. Er zeg gewis in
wenig Stunden fort.
Ach, auch Nenatus zog in wenig Stunden fort, und wenn
er wiederkehrte - war dies alles nicht mehr sein!
Wie ihr Weg sich wendete, kam der Duuft der lezten Heu-

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mahd zu ihnen herüber, traf der Geruch des abwelkenden Kar-
toffelkrautes hier und da den Sinn. Auf den frisch geackerten
Feldern streiften Dohlenschwärme hüpfend umher, die Nahrung
z suche, welche Pslig und Egge sin sie auns der Tiefe hervor-
geholt hatien, und schwangen sich dann rauuschend in die Luft,
im schellen Flge einen andern Acker zu besichen. Hier sgrang
ein Hase mik gespiztem Ohr in weiien Sätzen durch ein Kohl-
fekd in das Weig, dort schos: aus einem Kartoffelfelde, dicht
vor den Augen der Frauen, welche die Ernte in Säcke ein-
Fammelten, ein Volk Rebhühner, den Hahn an der Spitze,
lnailernd eupor. Die Gänse auf dem nahen Sloppelfelde reckten
darüber verwundert die Hälse in die Höhe, und bellend folgte
ihnen der Hund des Verwalters, der die Aufsicht über die
Ernte führte.
Welch prächtige Jagden hakte man zu des verstorhenen
Freiherr Zeiien auf diesen Felderu gehabt! Walch lstige Jagden
noch in den Jahren, als Renatus mit semem Negimente vor
dem russischen Kriege nach Richten gelommen war!
Er mußte sich heute der rückblickenden Gedanken zu ent-
schlagen suchen, sie thaten ihm nicht wohl; an den Genuß der
Stunde mußte er sich zu halten suchen, und fie sahen ja auch
so schön aus, diese rothblühenden Tabacköfelder, sie waren ihm
schon in seiner Kindheit mit den fremdländischen Blättern und
Blüthen eine Augenlust gewesen.
Die Vögel sangen noch in den Zweigen, aber sie lockten
nicht mehr. Es war Alles erreicht, Alles gesättigt. Es lag die
sanftesie Nuhe iber der Gegend, jene Nuhe, die es errathen läßt,
daß die Siunde des Schlunmmners nicht mehr fern ist und daß
er sich bald herniedersenlen werde. Die schwermüthige Empfin-
dung des Freiherrn wurde immer mächtiger. Er hatte stets ein
lebhaftes Gefühl fin die Schönheit der Natur gehabt, und sie
war ihm nirgends lieblicher, nirgends anmuthender erschienen,

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als auf dem Boden, =.t er sein eigen genannt hatte bis auf
diesen Tag. Jezt erst gewahrte er, wie viel Autheil er in
diesem letzten Sommer mitielbar an den wechselnden Beschäfti-
gungen auf den Gütern genommen hatte, wie viel Freude das
Wachsen und Gedeihen desscn, was sein gewesen, ihm, fast ohne
daß er sich dessen bewußt gewesen war, bereitet hatte. Er mußte
seiner Braut den Vorschlag zur Heimkehr machen, wenn er sie
nicht erkennen lassen wollte, was in ihm vorging -=- und es war
ja ihr Hochzeitsiag.
Ulun zwei llhhr fuhr unan nach der Kirche. Vorauf der
Edelmann, mit welchem Eenatus bei Steinert gewesen war, und
ein anderer seiner näheren Bekannten aus der Nachbarschaft.
Sie waren die Trauzeugen des freiherrlichen Paares. Dann die
Gräfin und Vittoria mit ihrem Sohne: das Brautpaar machte
den Schlus.
Sonst hatten die Landleute sich von der katholischen Kirche
fern gehalten, heute war sie voll von Menschen. Sie waren
aus allen drei Dörfern herbeigekommen, der Trauung beizu-
wohnen, den jungen Herrn noch einmal zu schen; und sie, die
trotz ihrer verhältnißmäßigen Armuth sich die lustige Hochzeit
nicht leicht versagten, hatten Mitleid mit dem Freiherrn, der
nicht mehr ihr Herr war. Es war anders gewesen vor jenen
Jahren, als der Vater und vollends als der Grosvater des
jungen Freiherrn geheirathet hatien. Es lebten noch alte Leute,
die von ihren Eltern davon erzählen hören, wie dazumal die
Wagen vorgefahren waren vor das Schloß, wie das ganze
Schloß und der Park erleuchtet gewesen waren und die großen
Pechtonnen überall gebrannt hatten.
Etwas von diesen Erinnerungen mochte wohl auch in dem
Geiste des Bräutigams wieder lebendig werden. Er war sehr
ernst, das war natürlich; aber er war auffallend bleich. Was
er dachte? Er konnte es in diesem Augenblicke nicht sagen;

=== h, F gß -F=
indeß Cääue verstand ihn, und es ging ihr tief zu Herzen, als
der Geistliche sie fir die Ehe einsegnete und sie den festen treuen
Druck von des Geliebten Hand empfand.
Auf gute und auf böse Tage, fiir Leben und Tod sollte
dieses unauflösliche Testament sie verbinden, und Nenatus wußte
was er damit übernahm, und war in sich entschlossen, es zu
halten. Seit er zu einem eigenen Urlheile gekommen war, hatte
er immer gros von der Ehe gedacht, und seine Liebe für Cäcilie
machte ihm zu Bllcke, was er ohnehin als seine Pflicht
erlaunle.
Durch das hohe Portal des schönen Baues fiel hell die
Sonne herein, als das Brautpaar, vom Altar lommend, in das
Freie trat. Sie war zum ersten Male an diesem Tage zum
Durchbruche gekommen.
Das soll uns ein gutes Zeichen sein, sagte Nenatus zärtlich,
fasse Muth wie ich, wir werden glücklich sein!
Die Worte erschreckten Cäcilie. Sie hatte nie an ihrem
Gllicke gezweifelt, sie war gliicklich und es freute sie Alles der
Sontenschein und die Glückwüünsche der beiden sie begleitenden
Freunde, welche sie Frau Baronin nannten, und der Zudrang
der Frauen ans den Dörfern, die ihr schönes Hochzeitskleid so
nahe als möglich sehen wollten, und das oft wiederholte: Leben
Sie wohl, gnädiger Herr! Leben Sie wohl, gnädiger Herr! -
bei dem die Alten weinten und das dem Freiherrn fast das
Herz zerriß.
Während man noch unter dem Portale stand und der
Wagen vorfuhr, fielen die- Augen der jungen Frau auf das
Gärtchen, welches die Gruft umgab. Die weißen Rosen, welche
der verstorbene Kaplan dort nach dem Kriege neu gepflanzt hatte
und zu deren Fülßen er begraben worden war, bliihten, von dem
nilden Herbste begünstigt, noch in voller Pracht. Auch Renatus
hatte seine Blicke dorthin gewendet. Sollte dieser kleine Raum

=== Z F lF -=
doch bald das Einzige, ., was ihm von dem Besitze der beiden
grosen Güter Neudorf und Rothenfeld verblieb; und als errathe
seine junge Frau, was in seinem Jnnern vorging, sprach sie
den Wunsch aus, eine von diesen weißen Rosen zum Andenken
mit sich zu nehmen.
Valexio eilte, einen Zweig zu brechen, und reichte ihn der
Schwägärin, wie er Eäeilie mil Selbsibewuszlsein nannle; als
sie die Bluie aber an ihrer Brsi besesligen wollle, hielt ße-
natus sie davon zurick. Die weiße Nose hatte in dem Arten-
schen Geschlechte, wie Mamsell Marianne ihm als Knnaben er-
zählt, immer eine krauurige Bedeutung fiür die Frauen gehabt;
er wollte nicht, daß seine Frau sich heute, eben heute mit den
weißen Rosen schmücken sollte, die vor der Familiengruft er-
wachsen waren, und ihr die Rose abnehmend, steckte er sie in
das Kopfloch seines Nockes. Selbst den Schatten einer übeln
Vorbedeutung wollte er von dem Weibe abwennden, das er liebte
und das sich und seine Wohlfahrt ihm finr die Zukunft an-'
vertraute.
Das Mittagbrod war, weil die eigentlichen Empfangszimmer
jezt der gehörigen Einrichtung entbehrten, in dem Ahnensaale
hergerichtet worden. Man hatte ihn mit Laub und Blumen
freundlich aufgeschmückt, aber er war zu gros, viel zu groß für
die kleine Tafel, finr die geringe Anzahl von Personen, und
Nenatus wie seine beiden Freunde empfanden dieses Mißver-
hältniß lebhaft. De Trinkspriche, welche sie anszubringen fir
Pflicht erachteten, die Erinnerung an die Ahnenreihe, die man
eben in diesem Naume bei solchem Anlasse wachzurufen kaum
unterlassen konnte, haiten etvas Peinliches fir alle Theile, und
die schlecht verhehlte Traurigkeit, die bei jedem Anlasse hervor-
brechenden Thränen der Gräfin, waren auch nicht dazu angethan,
dem jungen Freiherrn die Seele zu befreien. Er wusßte, wem
vor Allen diese Thränen flossen. Das Einzige, was ihm das

==- lh, F F -====
Herz -=yob, war Cäciliens ungetrübte Frrude, war die Hin-
gegebenheit, mit welcher sie in seine Arme sank.
Er war froh, als er am andern Tage sein Schloß ver-
lassen hatte, als die Grenzsteine der Arten'schen Güter hinter
ihm lagen und er mit seinemt jungen Weibe einem eigenen,
neuen Leben enlgegengig. Das öde gewordene Schloß halte
allen heimathlichen Neiz für ihn verloren, es war ihm nur noch
eine trauurige Mahnuung an bessere Tage gewesen, und er hatte
die Stunde, es zu verlassen, laum erwarien können.
Die jungen Eheleute legten den Weg nach der Nesidenz so
schnell zurick, alö die damaligen Verhältnisse es gestaiten wollten.
Eäeiliens tüchtige Gesundheit hatte eine solche Anstrengung nicht
zu scheuen, und Nenaius war nicht mehr sein eigener Herr.
=-- =ieust nöthigte ihn, Zeit und Stunde einzuhalten.
D,. ce
Voll der hellsten Erwartungen langie die junge Frau in
der Hauptstadt an, und ihres Gatten Lebe hatte all ihr Hoffen
zu übertreffen gewnusßt. Gegen daö weite, in jedem Sinne un-
wirthlich gewordene Schloß nahm sich das wohnliche Siadthaus
um so freundlicher as, und selbst den Freiherrn wollte es be-
dünken, als genieße er die Gegenstände, welche er aus Richten
hieher verpflanzt haite, hier mehr als dort, weil man sie näher
beisamnnen hatte. Eäcilie aber, die sich erst jezt als die Be-
sizerin dieser Einrichtung zu denken anfing, die nebenher ihrem
Gatten fiür die vorsorgliche Großmuth zu danken hatte, mit
welcher er allem ihrem Bedürfel begegnet war, kannte in ihrer
Freude keine Grenze, und das Bewusßtsein, hier von jezt an
unumschränkte Herrin zu sein, Alles nach eigenem Gefallen und
Ermessen ordnen und bestimmen zu können, gab ihr schnell ein
gewisses Selbstgefihl, das ihr sehr wohl anstandJ
Wohin Renatus mit seiner jungen Gatrin in den ersten
Tagen lam, auf den Spaziergängen, bei den Fahrten im Parke,
im Theater und in dem zufälligen Zusammentreffen mit seinen
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. .

-- 17F --
näheren Bekannten, , g er es mit Genugthuung, wie die Blicke
der Männer ihr wohlgefällig folgten, wie die unverhohlene
Aeußerung ihres Vergnügens ihr schnell die Neigung aller der-
jenigen Personen gewann, welche sich an der Natürlichkeit und
Urspriünglichkeit eines Andern zu erfreuen vermögen; aber es
entging ihm daneben nicht, das; die Frauen ihr die gleiche
Gunst nicht angedeihen ließen. Ihr selber fiel es auf, wie ge-
flissentlich man sich danach erkundigte, ob ihre Muiter auch nach
der Hauptsiadt konmen werde, ob sie der Trauuung beigewohnt
habe, oder ob dieselbe bei ihrer leidenden Tochter im Stifte
gewesen sei. Und ehe Cäcilie noch auf solche Fragen Antwori
ertheilen konnte, war man in der Regel in eine so übertriebene
Lobpreisung der abwesenden Schwester verfallen, daß sie zu einer
Kränkung fir Cäcilie wuurde.
Es ist unerträglich! rief Nenatus ungeduldig aus, als er
seine Frau einer ihrer Anverwandten zugeführt hatte, welche
Ober-Hofmeisterin und von dem Könige wohl gelitien par.
Diese Heiligsprechung Deiner Schwester soll mir und Dir ein
Vorwurf sein, und wir danken sie ohne Frage eben so wohl
Hildegarden selbst als Deiner Mutter und meinem Oheig Ger-
hard! Wir werden nöthig haben, auf unserer Hut zu sein!
Cäcilie, welche die Welt nicht kannte, wollte davon nichts
hören. Sie war in dem Besize ihres Gatten so wohlbefriedigt,
daß sie der Schwester, welche solch ein Glick entbehrte, jede
Anerkennung, daß sie ihr alles, was dieselbe nur irgend erfreuen
konnte, von ganzem Herzen wünschte, und ein förderliches Er-
eigniß kam dazu, Cciliens unbedingtes Vertrauen in ihre Zu-
kunft zu erhöhen und zu festigen.
In den Regimenlern, welche eben jetzt erst and Frankreich
zurückgekehrt waren, fand die erwartete Entlassung der älteren
Offiziere Statt, und da auch einige jingere Ofsiziere nach dem
beendeten Feldzuge den Abschied forderten, erhielt Nenatus kurz

-- 17P-
nac, jeiner Hochzeit und wenige Tage. nachdem die Uebergabe
seiner Gitter an ihre neuen Eigenthümer erfolgt war, seine Er-
nennung zum Major.
Er hatte darauf mit einer gewissen Sicherheit rechnen
können, dennoch iberraschke ihn das Zutreffen dieser Voraussicht
angenehm. Er gewann damit eine neue, selbsterworbene Be-
deutng in dem Augenblicke, in welchem er auf den größeren
Theil seiner ererbten Giter hatte verzichten missen, und der
Besiz des neuen Grades würde ihn noch mehr befriedigt haben,
wäre durch die Erlangung desselben nicht seinem Selbstgefühle
eine Beschränkung auferlegt worden, die er vielleicht in keinem
andern Zeitpunkte als eine solche angesehen haben würde, gegen
die er aber eben jetzt empfindlich war.
Er war sehr jung Offizier geworden, hatte im Felde die
fortschreitenden Grade und frühzeitig die Schwadron erhalten;
aber er war der Gesellschaft gegeniber und überall, wo er sich
nicht im militärischen Dienste befunden hatie, der Freiherr von
Arten geblieben. Niemand hatte ihn Lieutenant oder Nittmeister
genannt, seine persönliche Bedeutung als ein Edelmann aus
altem Hause hatie über seinem Amte gestanden. Er hatte auch
seinen Dienst immer nuur als eine freiwillig übernommene Leistung
angesehen, von der er sich entbinden konnte, sobald es ihm be-
liebte, sich auf seine Güter zurückzuziehen und dort in der vollen
Unabhängigkeit des grundbesizenden Edelmannes seine Tage zu
perleben. Das Gehalt, welches er als Offizier bezogen, war
ihm stets unwesentlich erschienen neben den standesmäßigen Be-
dürfnissen eines Freiherrn von Arten-Richten, und er hatte sich
und Annderen oft den Ausspruch seines Vaters wiederholt: daß
ein Edelmann immer dem Könige ein Opfer bringe, wenn er,
fern von seinen Gittern im Heere dienend, auf alle die An-
nehmlichkeiten verzichte, deren er in seinem Schlosse und auf
seinem Grund und Boden sicher sei, während er in der Stadt
1

----- 1Z0- --
zn einem Geldaufwande genöihigl werde, welcher in gar keinem
Verhältnisse zu seinem Solde stehe.
.rzt aber war da alles anders geworden. Nenaius konnie
D? -
zwar noch an jedemn Tage den Alschhied uehmen, umn als ein
«uindedelmann auf seinem Grunde und Boden zu leben; aber
N,
die Audehnuung dieses Grundes uund Bodens war nichi mehr
die alie, er war kaumn noch zum driltent Thheile sein eigen, und
selbst über dieses Drillheil seines eisligen Besizes hulle er ni-hl
mehr die Möglichkeit einer völlig freien Verfigung. Nr im
Schlosse und im Parle lonute er noch nach seinem Belieben
schalien, und auch da Schlos: war jezt nicht uehr die alte
wohnliche und prächlige Heimaih, nach welcher seine Gedanken,
wo er sich auch befunden halte, immer geru gewvandert waren.
Die Eindrücke, welche er in seiner letzten Anwesenheit in Richter
empfangen halt.. waren ihm sehr qälend gewesen. Die blosße
Vorstellung, duures - eudorf und durch Rothenfeld als ein Freet-
, gs
der hinfahren zu sollen, widerstrebte ihm. Er mochte auch mit
dem Amtmanne nichks zu thun haben, der für sech? Jahre jezt
s,sf«z Hpzz ssio
in Ng=-- z---», er wüirde sich in seinem Parke wie ein
Gefangener erschienen sein, da er auszerhalb desselben nicht mehr
unmschränkt gebot, mit Einem Worte, er mochte nicht mchr
gern an Nchten denken, es hatte auufgehört, die Heimah fiir
ihn zu sein, und sein Maforsgehalt- Iht nicht mehr ein
sii
unwesentlicher Thetnl in seinen Einkiinften, er war auf dasselbe
mit seinen Bedürfnissen zum Theile angewiesen. Die Pferde,
der Diener, wwelche der Staat jedem Offizier hält, waren ihm
jetzt eine Erleichterung, die er nicht wohl enlbehren konnte. Er
mußte darauf sehen, sich auszuzeichnen, wenn er vorwärts kom-
men, wenn er seine gesellschaftliche Stellung behaupten wollte,
und vorwärts kommen hieß jetzt für den Freiherrn im mili-
tärischen Dienste Stufe um Stufe ersteigen. Er war mit seiner
-o-»--- uu den Dienst geketiet. Er lebte, wo der Dienst es
NiKüz- ff s

-- 1Z!-
fo.u -ke, er ging, wohin man ihn scickte, er that, was man
ihm gebot, er lrug das Kleid, welchee der Geschmack des Königs
ihm vorzuschreiben sir gut befand, er duurfte an des Königs
Rock nach sreier Wahl nichts ändern. und er muste ihn hin-
wiederuuun ändern und ihn anlegen, wie des Königs Willkir
es besiinmie. Er schniil sein Haar, wie es befohlen war, und
Zeil und Slunde waren ichl mehr sein.
Siine mehhr sein eigener Herr, lein frrier
mehr der wchre Freiherr von Arten-Richten.
ss -
Von eiesl, er wwar eit Dienter - wenn
Er war in keinem
Mani mehr, nicht
Er wau der Major
auch eines Königs
Diener geworden, und es lebte geuuug von dem alten freiherr-
lichen Siolze seines Hauses in ihm, ihn seine Abhängigleii in
einzeluen Augenblicken bitier und schwer empfinden zu lassen.
Er konnte es Anfangs nicht verschmerzen, daß man ihn
mnicht mehr als Baron, nicht mehr als Freiherr von Arien an-
sprach, das; man ihn nicht mit seinem Namen, sondern mit
seinem Atel anredete, um ihm eine Ehre zu erweisen; cr hatte
wie sein Vater und dessen Väler alle nur er selber, nue = --
G,ee
auf seinem Schlosse sein mögen -- aber es war zu spät. Er
hatte keine Wahl mehr, er mußte vorwärts!
Vorwärts ging er also, und die umgestaltende Ueberlegung,
die Trösterin aller derjenigen, welche einer Beschönigung für
ihre Verhältnisse bedirfen, kam auch ihn zu Hilfe, indem sie
ihn antrieb, seinen besonderen Fall in dem Lichte einer allge-
meinen Nothwendigkeit zu betrachten.
Er sagte sich, daß seit Jahrhunderten der Adel in allen
enropäischen Staaten sich um die Throne geschaart, und in den
-ienst der Fürsten begeben habe, mit denen er auf diese Weise
ein wenn auch nicht ausgesprochenes Schutz- unl =.utzbüündniß
« As
eingegangen sei. Die Fürsten und der Ad.. ,.anden jezt fast
hs s
immer und fast überall für einander ein, waren, wie Renatus
dessen eben erst in Frankreich Zeuge gewesen war, auf einander

-- 18F--
angewiesen und stand. und fielen mit einander. Nenaius folgte
also gleichsam enem Naturgeseze, wenn er sich der Minderheit
so fest als möglich anschloßß, in welcher er geboren worden war,
jener Minderheit, die sich das Herrschen als ihr angestammies
Recht zuschrieb und sich nur erhalten konnte durch Einigkeit in
sich und Einigkeit wider alles, was sich ihr widersezte.
Er war, als er sich noch im vollen Besize allcr seiner
Güter geglauubt hatte, nur mit Widerstreben in das Heer ge-
treten, und die Zeikverhälknnisse hatten ihm in demselben zu bleiben
geboten, obschon sein Sinn von Natur dem Kriege eben so
wenig als der strengen Disciplin geneigt gewesen war. Jezt
aber waren das Heer, der Dienst ihm eine Zuflucht und ein
Anhalt, jezt bedurfte er des königlichen Schuzes, der Gnade
seines Herrn. Er wünschte, für sich und die Seinigen die per-
sönliche Gunst des Königs zu erwerben. Er haite es in Frank-
reich kennen gelernt, welche Vortheile es gewähren kann, sich in,
dem Kreise der Gnnadensonne zu bewegen, und wie er bei dem
Beginne seiner Ehe voll der besten Vorsäze fir dieselbe gewesen
war, so war er bei der Uebernahme seines neuen Amtes auch
entschlossen, mit Selbstverlängnung ein unbedingt ergebener Diener
seines Herrn und Königs zu sein.

Kapitel 14

Fünfies Zuc.

Erstes Capitel.
Ilzwee Leben würde sehr leicht sein, wenn wir uns an
dem Tage, an welchem wir es aus eberzeugung oder aus
Nothwendigkeit umgestalten wollen, nicht eben auf demselben
Boden befänden und auf ihm weiter gehen müßten, aus welchem
unsere ganze Vergangenheit erwachsen ist; es würde gar leicht
sein, wenn unser neues Gewand bei dem Fluge, mit dem wir
uns emporzuschwingen denken, nicht hier an den dürren Aesten
eines alten Baumstammes hängen bliebe, den vielleicht einer
unserer Altvorderen gepflanzt und den rechtzeitig aus unserem
Wege fortzuräumen wir verabsäumt haben; wenn nicht dort
Gestrüpp und Ranken, in deren Bereich wir uns umhergetrieben,
unsere freie Bewegung hinderten; wenn wir es allein mit uns
und mit der Zukuuft, statt mit der Gesammtheit, der wir an-
gehören, und mit ihrer und unserer ganzen Vergangenheit zu
hun hätien. Das sollte der Major von Arten an sich selbst
erfahren.
Allerdings fand er es in keiner Weise schwer, sich in seinem
Regimente so zu stellen, wie er es beabsichtigte. Man hatte ihn
immer gern gehabt; er besaß nichts von jener herausfordernden
Selbständigkeit, welche einen Mann unhequem für seine Vor-
gesetzten oder drückend für seine Untergebenen macht, und in
einer Zeit, in welcher in der Armee der militärische Geist und
das Gamaschenwwwesen, im Gegensaze zu dem biirgerlicheu Geiste
und dem auf den Universitäten noch nicht unterdrückten Frei-

--- 1ZG--
heitssinne, mit gcoßer Geflissenheit beginstigt wurden, konten
der Diensteifer und die peinliche Genauigkeit, mit welchen der
Major von Arten auch die kleinlichsten Dienstvorschriften zur
Ausführung zu bringen strebte, nicht unbeachtet bleiben. Dazu
wollte es das Glick, dasß einer der königlichen Prinzen Inhaber
des Regiments war, daß Renatus also seine Thätigkeit unter
dessen Augen entwickeln konnte und daß der Prinz selber ihn
dem Könige mit einem anerkennenden Worte vorzustellen sich
geneigt erwies.
E war schon im Beginne der lalten Jahreszeit, als man
zn Ehren eines von seinen Neisen nach Nusland zurickkehrenden
Grosgfirsien noch eine der grosen Paraden abhielt, welche sonst
in diesen Monaten nicht mehr Statt zu finden pflegten. Die
Straßen, welche nach den Linden führten, waren fir den Per-
kehr gesperrt, und die Fremden, welche in ihren eigenen Wagen,
denn von der Zeit der Eisenbahnen war man noch weit enternt,
während dieser Stunden in der Hauptstadt eintrafen, hatten
Noth, nach den Unter den Linden gelegenen Gasthöfen zu ge:
langen. Sie musten ihre Fuhrwwerke jenseit der abgesperrten
Straßen unter Aufsicht ihrer Leute stehen lassen und ihren Weg
nach den gewählten Häusern zu Fuuß zu finden suchen.
So langte denn während jener großen Parade, als die
allgemeine Aufmerksamkeit der Menge sich auf den König und
den russischen Gast gewendet hatte, welche, von ihrem prächtigen
Gefolge begleitet, langsam an den regungslos da stehenden Reihen
der Regimenter vorüberritten, in dem berühmtesten Gasthofe
jener Tage auch eine Fremde ohne ihren Wagen an. Der
Diener, welcher sie begleitete, forderte zwei herrschaftliche Zimmer
und zwei Stuben für die Dienerschaft, nebst einem Unterkommen
fir den Reisewagen, mit dem die Kammerfrau jenseit des ge-
zogenen Cordons zurückgeblieben war.
Die Fremde war in einen langen und weiten Reisemantel

-- 18?---
eingehüllt, ein tiefgehender Hut, ein dichker Schleier verbargen
ihr Gesicht; aber ihre hohe Gestalt und ihre gebieterische Hal-
tung kennzeichneten sich trozdem. Sie hörte der flüchligen Ver-
handlung, welche ihr Diener mit dem Hesitzer des Hanses pflog,
schweigend zu und folgte dann dem Wirthe, der, mit sicherem
Blicke eine vornehme Frau in seinem ncuen Gaste erkennend,
ihr mit Dienstbeflissenheit voranschritt, um ihr die von ihr ge-
winschten Näyme anzuweisen.
Aber kaum in ihrem Zimmer angelangt, warf sie, noch
ehe ihr Diener oder der Wirth ihr dabei Hilfe leisten konnten,
Huut und Mantel von sich, und sich zu dem Wirthe wendend,
fragte sie, Französisch sprechend, ob er ein Verzeichniß der Fremden
besitze, welche sich in diesem Augenblicke in der Siadt befänden.
Betroffen von der Jugend der Fremden wie von ihrer
Schönheit, die troz ihrer Blässe und den Leidensspuren in ihrem
Antlitze noch etwas Neberwältigendes hatten, bejahte der Wirth
die Frage, und alle seine andern Anerbietungen von sich wei-
send, befahl sie ihrem Diener, mit dem Wirthe hinab zu gehen,
und ihr das betreffende Blatt herbei zu schaffen.
Unruhig schritt sie während dessen in dem saalartigen,
großen Gemache auf und nieder. Sie trat an das Fenster und
blickte hinaus; aber weder die fremde Stadt, noch das kriege-
rische Gepränge, das sich vor ihren Augen entwickelte, selbst
nicht der Schall der Musik vermochten ihre Aufmerksamkeit auch
nr für Sekunden zu fesseln. Gleichgültig, als hätte sie in eine
Oede oder in die Dunkelheit hineingeschaut, wendete sie sich in
das Zimmer zurück, und nur nach ihrer Uhr sah sie zu ver-
schiedenen Malen, als vergesse sie von einer Minute zu der
andern, was sie gesehen habe, und als hange doch Alles für sie
daran, genau zu wissen, wie weit die Stunde vorgeschritten sei.
Mit einer Ungeduld, welche sich in jeder ihrer Bewegungen
verrieth, trat sie ihrem Diener entgegen. Sie nahm ihm das

-- ,ZZ--
Zeitungblatt ans der H-und, und es mit raschem Auge durch-
fliegend, blieb ihr Blick endlich aus einer Stelle des Verzeich-
nisses hafien. Sie las sie zwei, drei Mal, als wolle sie sich
ihrer Sache sicher machen, als wolle sie die Namen nicht ver-
gessen, und das Blatt auf den Tisch niederlegend, befahl sie dem
Diener, während sie die Notiz in ihr Taschenbuch verzeichnele,
ihr den Mantel zu reichen.
Zögernd blieb der Alie siehen. Sie wollen wieder fort,
Mylady ? fragie er mit sichilicher Besorgniß. Vier Tage und
R D-
Hast Du die Phrase auch gelerut? rief sie, und ein eisiges
Lcheln glitt über ihr stolzes, schönes Antliz. Sei ohne Furcht,
Du sollst schlafen diese Nachhi, jrht aber loum!
Sie hatte ihren Mantel selbst über ihre Schultern gewor-
fen, und der Thüre zuschreitend, gebot sie dem Alten, einen
Lohndiener anzunehmen, der sie nach dem Gasthofe führen lönne,
dessen Namen sie dem Diener angab.
Der Alte aber trat ihr in den Weg. Mylady, sagte er,
nur das nicht, nur das ihun Sie nicht! Ich habe die selige
Frau Gräfin noch auf meinem Arme getragen und das Wappen-
eg
schild über der Thüre befestigt, als wir sie verloren haben. aas
Sie von mir verlangt haben, ich habe es gethan, Mylady, und
ich habe mich nicht unterfangen, zu fragen, was Sie beabsichtigten,
denn das war nicht meines Amtes. Aber heute, heute beschwöre
ich Sie: gehen Sie den Weg nicht, den Sie jezt eben gehen
wollen -- gehen Sie ihn nicht! Es ist Ihr Untergang, Mylady!
Sie blieb stehen; das gab dem Alten Muih. Lassen Sie
mich gehen, schreiben Sie, Mylady! Ich will eilen, schneller,
als Sie jezt durch die abgesperrien Straßen und durch die
Menschenmenge dringen können - - -

-=- , Zß-
Ich lann nich! -- lann nichi schreiben! rief die Herrin
ungeduldig.
So will ich ihm sagen, das: Sie hier find, will ihn holen. . -
Di?-- ihn? Sie lachte. Du-- ihn --- wenn meine
flehenden Billen, meine verzweifelden Thränen ihn nicht halten
konnken?
Aber was hoffen Sie, was wünschen, oa? wollen Sie
denn jezt, Mylady?.
Sie gab ihm keine Auiwort, und mit festent Schriite an
ihm vorübergehend, verließ sie das Gemach. D Alte folgte
ihr mit einem schweren Seufzer nach.
aurch Seilenslrasßen, auuf weiien Uunvcgen fühhrte der Lohr-
diener sie nach dem Gasthofe, dessen Namen man ihm aufgege-
ben halte. E war gegen den Mittag hin, die Kellner in dem
Hause mit Vorbereitungen fie die Mahlzeit beschäftigt. Das
Kommen der Fremden ward nur von dem Hausvart bemerkt.
Sie selber erkundigte sich, ob derjenige, den sie suchte, zu Hause
sei. Der Hauswart verneinte es, wusßte aber, dus er z. -=uhl-
i-- WP,-
zeit wiederkehren werde.
Deffnen Sie mir sein Zimmer, ich werde ihn erwarten!
befahl die Dame in einem Tone, welcher es he-= - -== -=-
giss?, n-»-pss
sie sei gewohnt, daß man ihr gehorche. Trotzdem zögerte der
Hauswart, ihr Folge zu leisien, und erst die Weisung des ihm
bekannten Lohndieners bestimmte ihn, dem Verlangen der Frem -
den zu willfahren.
Fest enischlossen, wie ihr ganzes Wesen sich kund gab. ---
v..s»--s
sie das Gemach. Sie schien ruhiger zu werden, als sie sich in
demselben befand. Sie legle den Maniel und den Huut von
sich und sezte sich nieder. Sie hatte das noch nicht gethan, seit
sie ihren Wagen verlassen hatie. Ihr Diener und der Führer
entfernten sich auf ihren Wink.
Wie sie vorhin rastlos auf und nieder gegangen war, blieb

---- 190---
sie jetzt regungslos au, dem erwählten Plaze sizen. So oft
ein Fuusßtritt auf der Treppe hörbar wurde, so oft man sich
von außen im Vorübergehen dem Zimmer näherte, schreckte sie
znsaumen, schien sie sich erhebeu zuu wollen; indes; sie überwand
sich, und die Hand auuf die Lehne des Sessels gepresßt, die
-ppen sest geschlossen, hielt sie ihr Age mil höchster Span-
Ii:
nung auf die Thire gerichtet, während ihre Wangen noch blässer
wurden und ihr Busen sich unter ihrer wachsenden Aufregung
angstvoll hob und senkte. Denn abermals kam es die Treppe
hinauuf, wieder schrilt es de:n Gang entlang, wieder näherte sich
a-aand mit raschem Schritie dieser Thure, und diesen Schritt,
E,-
den kanike sie.
Mit beiden Händen fuhr sie sich nach dem Kopfe, nach
dem Herzen, als sich drausßen eine Hand auuf den Dricker legte.
,-ts
=-pk öffneie die Thinne sich, jezt trat er ein!
Und wie sie sich erhob, wie sie hoch aufgerichiet vor ihm
stehen blieb, da wich auch ans seinen Wangen ihm das Blut,
und wider seinen Willen erschreckend über die Verheerung, welche
die kurze Spanne Zeit in dieses Weibes hoher Schönheit an-
gerichtet hatie, rief er, die Hände wie zur Abwehr gegen sie
erhoben: Eleonore- Sie hier?
Indeß sein Anblick, -« -on seiner Stimme schienen sie
v.i-=- N
zu beruhigen; gleichviel, was er auch sagte, sie sah, sie hörte
ihn doch! Sie ließ sich auf den Sessel niederfallen, ihre Arme
sanken schlaff herab, und mit einer Weichheit, welche gegen ihre
bisherige Gewaltsamkeit noch auffallender erschien, sagtesie, während
ih. Auge auf ihm ruhte: Und wo soll ich denn sonst sein?
Die furchtbare Wahrheit ihres Tones machte ihn fassungs-
los. Wie er auch gewohnt war, sich zu beherrschen und seine
===-- zu erwägen, dieses Mal wußte er nicht, was er damit
MlJissb
that, als er noch einmal die Frage auufwarf: Wie kommen Sie
hierher? Was wollen Sie, Eleonore?

-- 1ß!-
Was ch will?-- Dich sehen! gab sie ihm zur Antwort,
und als habe sie jetzl alles erreicht, was sie winsche und begelne,
stizte sie das Haupt auf ihre Hand und blieb schweigend sizen.
Unenschlossen, was er thun solle, ging der Abl in dem:
engen Naume auf und nieder. Drausen rief der harte, lang
anhallende Ton einer Gloce die Gäste des Hauses zur Tafel;
auf den Treppen, auf den Gängen wurde es lebhaft; laute,
lachende Stimmen erklangen und verhallten und wurden durch
neues Sprechen und durch fröhliches Lachen ersetzk. Innen war
es todtenstill.
Eundlich schien der Abbs seiner wieder Meister geworden zu
sein. Er irai an die Erschöpfie heran, nahm sie bei der Hand
und sagte: Sie sind krank, Eleonore! Und dies ist nicht der
Ort, an dem wir einander wiedersehen, einander Nede stehen
können. Ermannen Sie Sich! ein Wagen soll sofort zu Ihren
Diensten sein. Lsseu Sie mich Sie nach Ihcer Wohnuung
hingeleiten, dort. - -
Sie hob ihre mächtigen Augen zu ihm empor, und langsam
mit dem Haupte nickend, rief sie: Ja, ich bin krank, sehr krank!
aSie soll ich auch leben ohne meine Seele, die Du mir ent-
wendet hast? Wie soll ich leben, wenn D.. Duch mir entziehst.
der Du mir alles zu ersezen angelobtest, was ich um Dich ver-
loren und verlassen habe? Wollte ich nicht leben, um Dich zu
sehen, ich wäre lange, lange schon gestorben!
T.. Thränen, welche sie bis dahin mihsam zurückgehalten
d.-
hatte, brachen jezt hervor; sie verhitllte ihr Antliz.==- -==e.
e,a- Iss.
da er sich von ihr nicht beobachiet sah, schloß, vom Schmerze
überwältigt, seine Augen. Dann fuhr er sich mnt der Hand
flüchiig iber die bleich gewordene Stirne, und sich zu ihr nieder-
sezend, bat er, indem er ihre Rechte in die seinige nahm, daß
sie ihn hören möge.
Sie schüitelte verneinend daö Haupt. Ich habe Dich nur

-- P9F--
zu oft gehört, sagte si.. was kannst Du mir noch sagen,
ich zu glauben vermöchte? Ich habe Dich gehört, als Du
das
mir
vorgehalten, Eleonore Haughton sei nicht dazu geschaffen,
das
Loos des gewöhnlichen Weibes zu iheilen! Wer war es, als
=--u, der mir den Stolz im stolzen Herzen nährte, daß ich nur Einen,
nur Einen als meines Gleichen ansah, mit dem mich hinweg-
zusetzen und mit dem hinwegzuschreiten über das Wollen und
Wünschen aller Andern mir als ein verlockendes Ziel erschien?
Losgetrennt von der Welt, wie Du es bist, trenntest Du auch
mich von ihr los! Festgewuurzelt in Deinem Glauben, zerstörtest
Du mir den meinen! Und als ich, verschmäht von dem Manne,
auf dessen Lebe Du mich verwiesen hailest, obschon Du wstest,
daß ich ein Verbrechen begehen wüirde in dem Auugenblicke, da
ich sie mir zu eigen machte; als ich, ausgestoßen von der Ge-
sellschaft, in welcher ich bis dahin heimisch gewesen war, zurück-
gewiesen von den Edeln des Landes, deren Pair ich bin, als
ich mich da gedemükhigt und verzweifelnd in die Einsamkeit
meines Schlosses zurickzog -= wer hies; Dich damals meinem
Hülferufe folgen? Wer hieß Dich. . -
Ihre Stimme war lauuter geworden, je länger sie sprach;
der Abbä versuchte vergebens, sie zu beruhigen, beschwor sie
vergebens, zu bedenlen, das; man sie in den Nebenzimmern
hören könne. Sie beachtete seine Worte, seine Vorstellungen nicht.
Lasß mich! rief sie. Mag die ganze Welt es wissen, daß
ich elend bin, weil ich mich elend und verlassen fühle!-- Oder
hast Du ihn vergessen, den Tag, fragte sie, und noch jetzt glitt
ein seliges Lächeln über ihre Züge. hu=-=u den schönen Tag
»s ed.
vergessen, an dem Du mir gestandrn hast, daß Du nie geliebt
und daß Du mich liebiest? Hast Du vergessen, daß ich Dich
auf meinen Knieen angefleht, hinzunehmen alles, was ich bin
und habe, mein zu werden als mein Gatte und mein Herr,
und das; ich sie gefihlt auf meinem Haupte, Deine heißen

--- 1IZ- -
TThränen, daß ich sie noch fühle, Deine heißen Küsse, unter
denen ich zu vergehen wünschte? Hast Du es vergessen, wie
Du mich mit heiligem Eide schwören lassen, das; ich nie einem
Manne angehören würde, weil Du geschworen, keines Weibes
Mann zu sein? Hast D bas alles, alles ganz vergessen, Mann?
Der Abbe war aufgestanden und hatte sich von ihr entfernt.
Er preßte seine Hände gegen seine brennende Stirn, auch sein
Herz schlg ihm gegen die Brust, daß es ihm den Athem ver-
setzte; aber des Mitleids mit sich selbst von Jugend auf ent-
wöhnt, hatte er es auch fir Eleonore nichk.
Wir uissen zu Gide lommen, sagle er, sich mit Gewalt
beherrschend, wenn wir nicht Beide, Beide untergehen sollen!
-- Er hielt inne, und mit jener grausamen Offenheit, die sich
nicht scheut, Alles zu bekennen, weil sie nichts mehr zu verlieren
hat und firchtet, sprach er: E ist wahr, wie Du es sagtest,
Alles wahr!-- Ich habe mit dem bestimmten Zwecke, Dich
der Miterkirche wiederzugeben. mein Auge üler Dir gehabt,
seit ich Dich lannte! Ich habe Dir frih gestanden, daß ich zu
Grosßem Dich berufen glaubte, ich habe danach gestrebt, Dein
Vertrauen zu gewinnen, Deine Seele zu beherrschen! Aber wann
hat je die Stuunde geschlagen, in welcher ich es Dich vergessen
machen gewollt, daß ich füür mich von Dir nichts zu begehren
hatte? Du wußtest, wer und was ich war! Du sahst das
Kleid, das mich von der großen Menge trennte, Du wußtest,
daß ich ein Diener unserer Kirche bin! Habe ich sie je vor
Dir verborgen, die Dornenkrone der Entsagungg, die wir tragen
als das Siegeszeichen unserer Selbstüberwindung? War ich es.
der von Liebe zu Dir gesprochen hat? War ich es, der die
heißen Wünsche Deines Herzens angefacht? Ich hielt Dich für
ein Höheres geschaffen ! Du solltest sie kennen lernen in ihrer
Nichtigkeit, die Gunst der Mächtigen, die triigerischen Freund-
schaften der Welt, die urtheilslose Gesellschaft Deiner Standes-
F. Le wald, Von Geschhlechi ze Geschlecht. l.

19e---
genossen, um zu ermessen, was es heisßt, in fester Gliederung
einer unwandelbaren Einheit anzugehören, die, ein geheimniß-
volles Wesen, der Menschen Schicksale mit kluger Herrschaft lenkt!
.n, ich liebte Dich -- ich liebe Dich noch, das fihle ich an
dem Verlangen, das ich hege, Dich einzureihen in den Kreis
der Herrschenden! Aber -- D bist kleiner, als ich Dich ge-
glaubt! Du hast sie nicht verstanden, jene Liebe, die ich fir Dich
hege! Nichi ein Wille, Dei:te Siine haben Dich lesirickl, das:
ich kaum wußte, wie ich Dich und mich erretten sollte aus dem
Sturme, deu. -uu über uns heraufbeschworen! Mit aller Gewalt
, eg
mußte ich Dich und mich hinfliichten zu den Füßen des Gottes,
der fitr uns gestorben ist, um es zu vergessen, das: ich ein Mann
bin, ein Mensch, und Du ein schönes Weib! Ich musgte Dich
meiden, um Deiner selbst willen! Denn rein solltest Du nieder-
knieen, ein reines Weib, zu den Fiszen der unbeflecten Jungfran,
der Du Dch angelobt in jener Stunde, da ids ---g aufge--
e. gz1?
nommen in den Schoos; der Kirche, die jezt iiber ich und mich
ihre schüützenden Fittige ausgebreitet hat und zu deren Werkzeug
Gott Dich sicher auserkoren hat! Ich habe fitr Dich ge-
khan,
kann
was ich gemusst, was mein Glaube mir geboien! Ich
nichts weiter fitr Dich khun -- ich gehöre nicht mir
selber an!
Hoch und erbarmungslos stand er ihr gegenüüber, aber er
. As; -
wagte sein. «cke nicht auf sie zu richien. Er wendete sich von
ihr ab. Sie glaubte, daß er sich entfernen wolle, und auf-
springend aus der tiefen Versunkenheit, mit welcher sie ihn an-
gehört hatke, warf sie sich ihm zu Füsßen, und mit ihren Armen
seine Kniee umklammernd, rief sie: Ich sierbe, wenn Du von
mir gehst!
Er zuckte zusammen vor dem Jammerli.ü.e, aber er erhob
Asif
sie mit fester Hand, und mit einer Nuhe, die ihhn älter erscheinen
machte, als er war, versetzte er: Jeder von uns muß in sich

- 1IJ
den Tod erleiden, um ein neues Leben zu beginnen, und das
wirst auch Du. Glaubst Du, ich habe sie nie gefühlt, diese
Schmerzen der Entsagung? Glaubst Dne. ich habe sie nie ge-
kannt, die Angst vor der eigenen Ohnmiacht und die Zweifel
an des Höchsten Kraft verleihender Hilfe? Glaubst Duu, ich habe
nicht gesorgt um Dich, nicht zu Goti gefleht fnr Dich? Whust
Dun, das: meine Seele nicht bei Dir ist, wenn Dein Auge mich
nichi siehs1? - Er halle ihre Häinde i die seinen genonnnen,
jezt hob er sie in die Höhe, und den Blic! zum Himmel ge-
,wendei, bewegte er seine Lippen in lautlosem Gebet. Die Gräfin
stand ihm wie gebrochen gegenüber. Als er geendet hatte, legte
er seine Hände segnend auf ihr Haupt, und machtlob und
schweigend sank sie vor ihm nieder, seine Kniee noch einmal in
Thränen zu umfassen.
Er lies; sie einen Augenblick gewähren, dann führte er sie
nach dem Sessel und ging hinaus. Sie war betäubt vor Schmerz.
Drausßen fand der Abb0 den Diener der Gräfin. Er befahl
ihm, einen Wagen herbeizuschaffen; der Alte hatte schon dafür
gesorgt
In das Zimmer zurickgekehrt, trug der Abbe selbst dafür
Sorge, die Gräfin einzuhillen. Sie ließ es willenlos geschehen.
Kommen Sie, Gräfin, sagte er, hier ist Ihres Bleibens nicht!
- Er nahm ihren Arm in den seinen, und mit dem welt-
männischen Anstande, dessen Niemand mehr Meister war, als
er, fihrte er sie die Treppe hinab und nach ihrem Wagen. Sie
mochte erwartet haben, das; er sie begleiten werde, denn erst,
als er sie hineingehoben hatte und, ihr die Hand noch einmal
reichend, von der Thire desselben zurücktreten wollte, erwachte sie
aus ihrer Versunkenheit, und sich emporrichtend, rief sie: Wann,
wann sehe ich Sie wieder?
Nicht eher, bis Sie es verlernten, ür Sich selbst zu
wünschen und zu hoffen, nicht eher, bis Sie den Schleier ge-
z O s

1
nommen haben, der Sie abtrennt von dem irdischen Verlangen!
Auf Wiedersehen also in dem ewigen Rom! sagte er fest und
feierlich; und dem Kutscher das Zeichen gebend, daß er fahren
solle, ging der Abb mit ruhigem Schritte und hochgehobenen
Hauptes in sein Gemach zurück. Eine Stunde später hatte er
die Stadt verlassen und seinen Weg gen Siden fortgesetzt.

Kapitel 15

Zweite Capitel.
P
,enatus hatie, als die Parade beendet war, sein Pferd
dem Reillnechie übergeben, um nch eiige Besuche und Gänge
alzumachen. Er befand sich bereits wieder auuf dem Heimwege,
als er vor dem Gasthofe, in welchem die Gräfin abgestiegen
war, einen MiethSwagen halten sah, mit dem es ewwas Be-
sonderes auf sich haben mußte, denn der Wirth und die Kellner
umgaben ihn mit unverkennbarem Erschrecken. E kamen die
Wirthin und ein anderes Frauenzimmer aus dem Hause herbei,
man rief nach einem Sessel, nach einem Arzte, und mit jener
Neugier, welche man in einem müßigen Augenblicke empfindet,
trat Renatus, der zur Zeit seiner Niickkehr aus Frankreich selbst
in dem Hauuse gewohnt hatte, an den Besizer desselben heran
und fragte, was es gäbe.
Ach, versetzte dieser, eine junge, vorurhme Dame, die vor
zwwei Stunden bei uns angekommen ist, hat gleich danach zu
Fuße das Haus verlassen und wird uns nun ohnmächtig oder
vielleicht gar todt in diesem Wagen nach Hause gebracht. Ihr
Diener ist hinauf gegangen, ihre Kammerfrau zu holen, und
wir versuchen eben, wie wir sie am besten von der Stelle bringen.
Er wendete sich dabei wieder zu seinen Leuten, und von
der Seltsamkeit des Vorfalles angezogen, icat Renatus an die
andere Seite des Wagens heran, um hinein zu sehen. Kaum
aber hatte er die Gestalt erblickt, die ganz zusammengesunken
und bleich wie eine Todte mit geschlossenen Auugen dalag, als

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er die Thire des Wu,,. ns aufriß und mit dem Ausrufe:
Eleonore, um Goltes willen, wie kommen Sie hieher? Was ist
geschehen, Eleonore? in den Wagen sprang und sie in seinen
Armen in die Höhe hob.
Die Umstehenden traten vor Verwunderung zuriück; nur
der Wirth sah es, wie die Fremde vor des Freiherrn lautem
Anrufe matt und langsam die Augen aufschlug und, als habe
sie ihn erkannt, ihr Haupt auf seine Schulter legte.
Niemand wußte, was er von dem Vorgange denken solle;
aber als nun vollends die Leute der Gräfin herbeigekommen
waren, als der Diener und die Kammerfrau den Freiherrn bei
seinem Namen nannten, als die Letztere Gott dafür dankte, daß
er den Baron hieher geführt habe, da schien dem Wirthe plözlich
die Einsicht in die obwaltenden Verhältnisse zu kommen, und
den Kellnern ein Zeichen gebend, daß sie sich entfernen sollten,
leistete er in Person, mit den Leuten Eleonorens, dem Frei-
herrn den Beistand, dessen er bedurfte, um die ihrer selbst nicht
Mächtige in das Haus und in ihre Gemächer zu tragen.
Die Kranke war entkleidet, war zu Bette gebracht, ein Arzt
herbeigeschafft; aber von ihr selber konnte man keine Art von
Auskunft über ihr Befinden erhalten. Sie vermochte ihre
wandernden Gedanken nicht zusammen zu halten, obschon sie
Renatus wiedererkannt hatte And nach ihm verlangte, wenn sie
in einzelnen Augenblicken ihrer Sinne Herr war.
Er und der alte Diener hatten den Arzt, so weit als
nöthig, mit den obwaltenden Verhältnissen bekannt gemacht, und
wie derselbe sich auch weigerte, in diesem ersten Augenblicke ein
festes Urtheil auszusprechen, ließ er es doch errathen, daß man
es hier mit mehr als einem vorübergehenden Leiden, daß man
es allem Anscheine nach mit einer ernsten und schweren Krank-
heit zu thun haben werde. Er wollte sich, nachdem er seine
Verordnungen gemacht hatte, entfernen, und Nenatus schickte sich

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an, ih zu begleiten; aber Eleonore bemerkte es, als der Freiherr
seine Hand auns ihrer in Fieberhize glihunden Rechten zog, und
ihn festhaltend, rief sie angstvoll Sie dirsen nicht fort! Sie
nicht! Nein, Sie nicht!
Es lag etwoas völlig Jrres in ihren Blicke und in ihrem
Tone, das ihn entsezte. Er hatte ein unbegrenztes Mitleid
mit dem schönen, einst so selbstgewissen Mädchen, das er so
hilflos vor sich sah; aber auch seine eigene Lage macht ihm
Sorge. Daß es für ihn, nach den vereinzelte: Gerüchten, welche
über seine Beziehungen zu der Gräfin in Umlauf gekommen
waren, nicht möglich sei, ihren Krankenpfleger zu machen, darüber
wäre er mit sich ganz im Klaren gewesen, auch ohne die An-
wandlung von Eifersucht, mit welcher seine junge Frau die
Gräfin Haughton stets betrachtet hatie.
Er hätte viel darum gegeben, wäre er nicht so unvorbe-
reitet, so plötzlich in dieses Abenteuer hineingezogen worden,
häiten die Leute in dem Gasthofe es nichi gesehen, wie er die
Gräfin, wie sie ihn wiedererkaunt, wäre de. Arzt nicht Zeuge
gewesen, wie Eleonore ihn nicht lassen wollen, wie sie sein
Bleiben gefordert hatte, als habe sie ein Recht darauf. Er konnte
es sich nicht verbergen, daß er jedem in die Verhältnisse nicht
Eingeweihten als der Mann erscheinen mußte, dem Eleonore
gefolgt war, der an ihrer Krankheit Schuld trug, und er hatie
eben erst die langjährige Verlobung mit Hildegard aufgelöst,
hatte sich eben erst verheirathet, eben erst seine Frau in die
Gesellschaft eingeführt, deren Verhalten gegen seine junge Gattin
ihm ohnehin nicht wohlwollend erschienen war.
Die Kranke sich und ihrem Schicksale zu überlassen, daran
dachte er nicht; aber er sann darüber nach, wem er sie über-
geben, wen er in die Lebens- und Herzensverhältnisse der Un-
glücklichen, so weit er selber sie zu beurtheilen im Stande war,
einweihen dürfe, ohne sie dadurch gegen Eleonore einzunehmen,

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und er konnte Nieme... en finden. Die Gräfin Rhoden war
nicht in der Stadt, Cäcilie, wie sehr er sie auch liebte und ihr
vertraute, war Eleonoren nicht gewachsen. Sie konnte er un-
möglich zur Pflegerin Eleonorens machen, von ihr konnte er
fiir diese keinen Anhalt hoffen; er mochte auch den Schatten
dieses disteren Geschickes nicht auf die ersten, schönen Tage seiner
Ehe fallen lassen, er mochte die harmlose Fröhlichkeit seines
jngen Weibes nicht stören und nicht missen.
Wie er nun so, zwischen einer berechtigten Selbstsucht und
seinem Mitgefihl getheilt, vor- und rückwärts blickte, drängtt
sich ihm uuwilllirlich der Gedanle in die Seele, das; seiner
Familie von der Annäherung an die verslorbene Herzoginu von
Duras nichts als Unheil gekommen sei. Er grollte dem Tage,
an welchem die Herzogin zuerst sein Vaterhaus betreten hatte,
er verwünschte es, sie in Paris aufgesucht zu haben. Er begriff
kaum, wie er überhaupt auuf den Gedanken versallen war. Hatte
er doch sein Leben lang niemals vergessen können, wie heiter die'
Herzogin stets gewesen, als seine Mutter in dem Flies'schen
Hause schon zum Tode lrank darnieder gelegen hatte; wie sie-
an nichts gedacht, als an sich und ihr Behagen, während die
treue Seba Tag und Nacht am Lager seiner Mutier gesessen
und wie ein freundlicher Schutzgeist an demselben Wache ge-
halten hatte.
Wie Jemand, der im Dunkeln, seines Weges ungewiß,
angstvoll umhergetastet hat, plözlich stehen bleibt und sich zurecht
zu finden trachtet, wenn ihn aus der Ferne ein Lichtschein die
rechte Siraße ahnen läßt, so hielt Nenatus plözlich inne: denn
jetzt wußte er, wo er Hülfe finden könnte. Eine Frau wie
D ,
Seba that Eleonoren Noih, eine Frau wie Seba fehlte an
diesem Krankenbette. Seba hatte die volle Einsicht in das
Menschenleben, welche duldsam und barmherzig macht. Sie hatie
die Schmerzen seiner Mutter in ihrem Buseu ireu bewahrt;

-- W1
seine auutter hatte ihres starken Verstandes, ihres großen Herzens
in den Tagebüchern oft erwähnt, die in den Besiz ihres Sohnes
übergegangen waren und die ihn bestimmi hatten, Seba auf-
zusuchen, als er vor neun Jahren zuerst nach der Haupistadt
gekommen war. Aber was lag alles zwischen dem heutigen
Tage und jener fernen
Freilich haite er
Zeit! --
nur mit tiefstem Bedauern, nur mit
die Mitiheilungen s ines Oheims über
innerstem Widerstreben
dessen Liebeshanbel ut Seba angehört und geglaubt; indeß er
hatte sie doch geglauult! Er hatke sie auf das Wort eines Mannes
hin geglaulk, dessen Chharalterlosigkeit er kannte, dessen frevel-
haften Leichtsinn in Bezug auf Franen. ja. dessen niedrige
Sinnlichkeit ihm immer ein Gegenstand dcr Abneiguung und des
Misztrauuens gewesen waren. Er hatte Seba, von der er nichiö
als Gutes wusßte und erfahren hatte, ohne eine Anfrage an sie,
ohne sie zu hören verurtheilt. Seine Schwiegermutter, die sie
schätzte, seine damalige Verlobte, die an Seba hing, hatte er
von ihr enifernt, sich selber in schnöder Weise von ihr losge-
sagt, und das alles, weil ein Mann mit den leichten und sichern
Umgangsformen der vornehmen Gesellschaft sich schamlos be-
rühmt hatte, die Gunst dieser Frau besessen zu haben, als sie
noch ein halbes Kind gewesen war. Als ob es eine Heldenthat
oder eine große Kunst gewesen wäre, das Vertrauen der Un-
schuld zu gewinnen und zu mißbrauchen! Und Seba hatte
vielleicht einst eben so elend, eben so verzweifelnd, mit sich und
mit dem Leben gerungen, wie jetzt die ungliückselige Eleonore,
die in ihren Phantasieen bald die heilige Juungfrau zu ihrem
Beistande anrief, bald mit flehendem Verlangen den Namen
des Mannes aussprach, den sie liebte und von dem sie, wie sie
immer wiederholte, ihre Seele wiederhaben wollte.
Alle diese Gedanken und Erinnerungen zogen in rascher
Folge durch sein aufgeregtes Hirn, während er an dem Lager

ocH
der Kranken saß. Der Z Jer der Uhr, welche auf dem Spiegel-
tische zwischen den beiden Vasen voll kimnstlicher Blumen stand,
rückte mit melancholischer Sicherheit von Minute zu Minute
vorwärts, und jede Minuute steigerte mit der Unruhe und der
Angst des Freiherrn ein nicht abzuweisendes, lastendes Schuld-
bewußtsein in seinem Innern. Er, der meist immer mit sich
wohl zufrieden gewesen war, der sich stets mit selbstischer Leich-
tigkeit zurechtzusetzen gewust, wenn er sich in irgend welchem
inneren Zwiespalt befunden hatke, konie heute dies Schuldbe-
wuuszisein eichl ilberwinden, und es bezoz sich nichl aus eine be-
slimmle Person oder auf eine bestimmie Handlung, es war eine
allgemeine Unzufriedenheit mit sich selbst, die sich seiner be-
mächtigte.
Er fühlte sich schuldig gegen Seba, er war weniger al?
jemals darüber beruhigt, daß er den Grafen Gerhard einst so
nahe an sich herangelassen hatte. Er warf sich seine frühe Ver-
lobung mit Hildegard vor, er tadelte sich, daß er Eleonoren
von derselben nicht gleich unterrichtet, daß er dem Abbe, ohne
ihn genauu geng zu kennen, sein Vertrauen gewährt hatte; und
er bereute das alles hauptsächlich, weil er, der danach getrachtet
hatie, sich in dem ihm angeborenen Kreise unter seines Gleichen
recht festzusetzen und auszubreiten, jetzt, da er einer Leidenden
die Hand bielen, sie aufrichien und tragen wollte, sich es ein-
gestehen mußte, daß es ein trügerischer Boden sei, auf dem er
sich bewege, und daß er Niemanden, aber Niemanden in seiner
ganzen nächsten Umgebung und Verwandtschaft habe, von dem er
in einem außergewöhnlichen Falle auf einen außergewöhnlichen'
Beistand rechnen dürfe.
An wen von allen seinen Standesgenossen sollte er sich
wenden, um Hülfe zu fordern für eine junge Gräfin Haughton,
die, von der Liebe fir einen katholischen Geistlichen über alle
Schranken der gesellschaftlichen Zucht und Sitte fortgerissen,

--- W--
ihren Glauen gegen ihre Neberzengung abgeschwworen hatte, und
nun in halbem Jrrsinne ihren Bekehrer mit ihrer Leidenschaft
verfolgte?
Es war in Eleonorens Lage und Verhalten Alles dazu
angethan, jene Frauen abzustoßen, welche in die Bewahrung
ihres guten Nufes, in die strenge Unterordnung unter die her-
gebrachte Sitte, und in das Beharren innerhalb der ihnen durch
ihren Stand und ihre Geburt angewiesenen Schranken ihre Ehre
sezten. Renatuus hakte von frühester Jngend an auus voller
leberzeugpungz die engeu und uuwandelbaren Formnen und Gesetze
der sogenannten guien Gesellschaft als ein Heilsames und Noth-
wendiges anerkannt. Er hatte es von den Frauen seines Standes
als ein Unerläfliches gefordert, das: sie selbst den geringsten
übeln Schein zu meiden suchen sollten, und er wirde noch in
dieser Stunde jedem, auch dem leisestek Zweifel an einer zu ihms
a U
Hier aber lag nun Eleonore, dem härtesten Urtheile ge-
rechten Anlaß bietend, unglicklich und verlassen, und doch nicht
schuldig.
Jmmer und immer wieder kam Renatus auf die eine
Frage zurick: Wen soll ich rufen, ihr beizustehen und mir zu
helfen?
Einen Priester seiner Kirche? Der Arzt hatte dies eben
so entschieden verboten, als die Zulassung eines protestantischen
oder englischen Geistlichen, auf welchen die Dienerschaft der
Kranken ihre Hoffnung gerichtet hatte. - Eine der älteren Frauen
seiner Bekanntschaft? Man war gegen ihn selöer nicht ohne
Voreingenommenheit, wie konnte er hoffen, für Eleonore ein
gerechtes, ein nachsichtiges Urtheil zu gewinnen? Wie konnte er
erwarten, von denen, welche sich für makellos, finn ei ie besondere
und bevorzugie Menschenklasse betrachteten, das Erbarmen mit

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den Irrthümern und Fehlern eines Mädchens zu erlangen, das
sich eben durch dieselben von dem Herlommnen ihres Hauses und
ihres Standes so auffallend entferute!
Und er selber? Nun, er hatie es ja auch fitr Pflicht er-
achtet, selbst den Schein des Unrechtes von sich fern zu halten,
weil die Welt berechtigt sei, nach dem Scheine zu urlheilen -=
und der Schein war ganz entschieden gegen ihn. Heute, jetzt
verstand er es, weßhalb der Heiland, an den er glaubte, nicht
die Pharisäer und Schriftgelehrten zu seinen Schilern und
Aposteln auserkoren hatic, weßhalb er sich mit seiner Lehre von
der Liebe und von der Vergebung zu den Armen hingewendet,
die der Liebe und der Vergebung sich selber bedinftig gefihlt
hatien; heuie verstand er zum erslen Male, was Chrisius hin-
gzogen zu der Sünderin.
Nur Seba lounie ihuu helsen, und was es ihn auch losiele,
ihr zu nahen, gegen die er sich versündigt hatte, er muste ihren
Beistand fordern.
Vorsichtig, um Eleonore nicht zu erwecken, die in Schlaf
versunken war, zog er seine Hand aus der ihrigen, und ihren
Leuten die noihwendigen Weisüngen zurüüclassend, machie er sich
zu Seba auf den Weg.
E war zwei Uhr vorüber, als er an Tremann's Thüre
den öffnenden Hauswart fragte, ob Fräulein Flies zu Hause
sei. Die Herrschaft speise, gab man ihm zur Autwvork, und
HHerr Tremann habe streng befohlen, daß man während der
Mahlzeit Niemanden melden dirfe. Der Freiherr schiützte drin-
gende Geschäfte vor; der Hauswart blieb bei seiner Weigerung.
bis die Unruhe, welche Nenatus nicht verbergen konnte, jenen
anderen Sinnes machte. Er zog eine Schelle, welche in das
Innere des Hauses ging; der Diener kam heraus, und auf die
Erklärung, daß der Herr Major das Fräulein zu sprechen,
wünsche und sich nicht abweisen lasse, forderte der Diener des

--- W
Freiherrn Karte, nöihigie ihn, in das Borzimmner einzuireten,
und entfernte sich dann, den Bescheid fir ihn zu holen.
Wie sie das gelernt haben! sagte Renatus unwillkürlich
und mit Erstaunen; als ob die Gewöhnung an Bequemlichkeit
und an jene häuslichen Einrichtungen, welche vor unwillkommenen
Störungen und Ansprüchen bewahren, das Vorrecht einer be-
sonderen Menschenklasse wäre. Wie sie das gelernt haben!
Der alte Flies sprgig noch behende von seinem Tische auf, wenn
man im Laden schellte -- und nun gar für Unsereinen!
E blieb ihm jedoch zu diesen Betrachtungen nur kurze
Zeit, denn der Diener brachte ihm, die Antwort, daß die Herr-
schaft ihn zu empfangen bereit sei, und ging vorauf, ihn nach
Seba's Zimmer zu geleiten.
Er fand sie seiner bereits warkend; aber sie war nicht
allein. Paul war bei ihr; denn nach den Erfahrungen, welche
Graf Gerhard ihn bei Anlaß von Seba's Briefen hatte machen
lassen, und uach der Weise, in der Renatut sich von dem
flies'schen Hause zurückgezogen, meinte Paul seine Freundin vor
jeder Begegnung mit diesen beiden Munern, so viel an ihm
war, behüten, oder ihr bei einer solchen doch mindestens zur
Seite stehen zu müssen. Es lag daher auch wenig Ermuthi-
gendes in seinem Tone, als er den Freiherrn fragte, welchem
Zufalle man die Ehre seines Besuches zu verdanken habe.
- Auf Paul zu treffen, wo er darauf gerechnet hatte, Seba
allein zu finden, war dem Freiherrn nicht willkommen; aber er
Füberwand sich, weil die Nothwendigkeit ihn dazu zwang, und
Fohne auf eine Entschuldigung zu sinnen, sagte er mit der Sicher-
sheit derjenigen, welche es gewohnt sind, für sich um ihrer
Jtellung und ihrer Persönlichkeit willen schließlich doch immer
Jeine gute Aufnahme zu finden: Sie haben ein Recht, diese Frage
ßin solchem Tone an mich zu richten, und ich würde, ehe ich es
gewagt hätte, Fräulein Flies nach einer so lcngen Versäumniß

-- W0.--
aufzusuchen, mich sicherlich vor ihr zu rechtferligen getrachtet
haben, wäre der Anlaß, der mich heute, der mich eben jezt
nöthigte und trieb, mich an Fräulein Flies zu wenden, nicht
ein plözlich eingetretener, und häite ich Zeit, an etwas Anderes
zuu denken, als an die Hilse, die ic von ihr si:r eine llnngliickliche
zu fordern gelounnen bin!
Seba hatte ihn genöthigt, sich niederzusezen, und den Faden
seiner Mittheilungen wieder aufnehmend, sagte er: Sie werden
Sich, ich weiß es, wundern, daß ich mich eben an Sie wende..
Nein, Herr Major, fiel Seba ihm mit ihrer sanften Würde
in die Rede, o nein! Sie sind nicht der Erste meiner Freunde,
der mich versäuumte und mir wiederkam, der mich in seinem
Glücke vergaß und sich an mich erinnerte, wenn er mich brauchte.
Ich habe dies, füügte sie mit einem Lcheln hinzu, das sie noch
immer sehr schön erscheinen ließ, ich habe dics aber immer als
mein besonderes Aelsdiplom betrachtet, und Ihr hentiger Besach,
Ihr Anspruch an mich sind mir eine Bestäiigung desselben.
Seien Sie also willkommen -- sie hielt ihm ihre Hand hin -=
in der That willkommen, Herr Major! Und uu, waö wünschen
Sie von mir?
Renatus kißte ihr die Hand, die sie ihm dargeboten hatte;
aber das Roth der Scham trat ihm auf die Stirne, denn Paul
war Zeuge der freundlich vornehmen Verzeihung, mit der sie
ihren einstigen Freund behandelte, der Gnade, welche Seba ihm
angedeihen ließ. Indeß Renatus mußte dies zu vergessen, sich
darüher fortzusetzen suchen, und Seba und Paul erleichterten,
nachdem die Erstere sich die ihrer würdige, aber unerläßliche
Genugihuuung bereiie! hatle, ihm dies beide durch ihre Fragen
und durch die Art, in welcher sie seiner Miltheilung ihr Ohr
liehen.
So schnell, so gedrängt und so schonend, als es nur möglich
war, suchte Renatus sie von den Verhältnissen der Gräfin, von

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dem, was er selber mit ihr erlebt hatte. in Kenntniß zu sezen.
Er hatte dabei seiner Verheirathung, er hatte Cäcilien's wie
Vitioria's zu gedenken, und von dem E.fet seiner Mittheilungen
fortgerissen, sagte er: Sie werden meine Stiefmutter, Sie werden
meine Frau ja leunen lernen. Keiner von beiden, ich darf das
zuversichllich sagen, würde der guie Wille fehlen, der Gräsin bei-
zustehen, aber der gute Wille ersetzt die Kraft, die Einsicht, die
Erfahrung nicht. Sie sind meiner theuren Mutter einst ein
solcherTrost gewesen -- nehmen Sie Sich der Gräfin Haughton an.
Seba antvortete ihm nicht gleich, als er geendet hatte;
das beunruhigte ihn.
Sie zögern? fragte er. Sie wollen oder Sie können ihr
nicht beistehen?
Ich sinne nur darüber nach, entgegnete ihm Seba mit jener
Einfachheit, deren nur die höchste Bildung und die höchste Güte
fähig machen, ich sinne nuur darüher nach, wie ich es anfange,
gleich jezt mit Ihnen zu Ihrer Kranken hinzufahren. Sie sagen
mir, daß Sie nach Hause müssen, um Frau von Arten nicht
zu beunruhigen, und ich habe fir den Nachmittag eine andere
Verabredung getroffen.
Das ist leicht zu ändern, bedeutete ihr Paul, der gewohnt,
das Steuer zu führen, es unwwillkürlich und überall, bei kleinen
wie bei großen Anlässen ergrif; und die Schelle ziehend, befahl
er dem Diener, daß man anspannen, schnell anspannen, und
ihm aus dem Comptoir einen Boten senden solle. Dann schlug
er dem Freiherrn vor, die Baronin duurch ein paar Zeilen über
sein Asbleiben zu beruhigen; er selber ülberuahm es, Seba von
ihrer genommenen Abrede zu befreien, und während diese sich
entfernie, um sich anzulleiden und Davide von ihrem Ausgehen
zu benachrichtigen, blieben Paul und Nenatus in Seba's Wohn-
zimmer zurüück.
Die zwei Worte an die Baronin von Arten waren schnell

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geschrieben, der Bote damit fortgeschickt, und Nenatus ward es
nun mit einer peinlichen Empfindung inne, daß er sich mit
Paul allein befand. Indeß auch jezt wieder kam der Leztere
ihm zu Hilfe.
Wie nannten Sie den Naumen der jungen Gräfin? fragie
er, um eine Unterhaltung einzuleiten. Ih mochte Sie vorhin
N
in Ihrer Mittheilung nicht unterbrechen und habe ihn nicht
verstanden.
Gräsin Eleonore Hauughlon! auiborlele der Freiherr.
Paul besann sich. Den Namen habe ich schon gehört,
meinte er; und plözlich sich erinnernd, sagte er: Irre ich nicht,
so ist die Gräfin bei unserm Hause accreditirt und uns in dem
Ereditive warm empfohlen; aber ich vermulhele in jener uns
zugewiesenen Dame naiiürlich leine junge Fraun, noch weniger
ein junges Mädchen, und darum fiel mir der Name nicht gleich
am Anfange auf.
Renatus erwwiederle darauf nichls; das Gespräch drohle
in's Stocken zu gerathen, und doch mochte er sich nicht inuner wieder
von Tremann vorwärts helfen lassen, mochie er nicht eben diesem
Manne gegenüber den Aschein auf sich laden, als fehlten ihm
die Leichtigkeit und Sicherheit, welche sein Vater in so hohem
Grade besessen hatie, oder als fühle er sich in der Gesellschaft
Paul's nicht frei. Er suchte nach einer neuen Auknüpfung; die
lange Parade am Morgen, die erschüütternde Begegnung mit der -
Gräfin, das Wiedersehen von Seba, kurz, alles, was er in den
wenigen Stunden durchgemacht und durchempfunden, hatte ihn
jedoch ermüdet, und zu der unerfreulichen Ahnung, daß er durch
Eleonorens Ankunft in den Bereich neuer Verwicklungen getreten
sei, gesellte sich noch der Gedanke, wie Paul sich jetzt nicht nur
im Besize dieses Hauses, sondern zum Theil auch bereits in
dem Besize der Arlen'schen Glter befinde. Das befing Nenatus
vollends. Er konnte, wie er sich auch mihte, keine jener all-

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geeeinen, gleichgülltigen Bemerkungen nachen, mit denen man
sonsi einem Freuden gegenüber eiüige Minuten gemeinsamen
Wartens auszufillen pflegt. Aber dise Unbeholfenheit wurde
ihm immer drückender, ja. sie steigertc sich allmählich bis zum
Verdrusse iber sich selbst, bid zu einer Angst; uid als müsse
er sich von derselben um jeden Prei befreien, als müsse er es
durchaus erklären, was ihn beschäftige, sagte er plözlich mit einer
durch die Uustände in leiner Weise gerechifertigten Lebhaftigkeit:
Sie sehen, ich habe Iren Naih befolgi; Nothenfeld und Neu-
dorf sind verkauft!
Paul neigte kaum merklich das Haupt. Und Sie sind im
Militär geblieben, figie cr hinzu, ud haben die Frucht dieses
Enischltsses, wie ich mit Vergnügen hörie, schnell geng ge-
erniet. Man ha- .oen z gratiliren; Sie sind frih Majjor
.s »,
geworden!
Er hatte die Absicht gehabt, Nenatus mit dieser Wendung
von den ihm unerfreulichen Erinnerungen auf ein anderes Gebiet
zu lenken, auf welchem ihm Butes widerfahren und erwachsen
war. Ueber diesen war jedoch uil der ersten Stuunde, in welcher
er sich zu dem Verbleiben in der ailitärischen Laufbahn ent-
schlossen ha... die rastlose Unzufriedenheit des Ehrgeizes ge-
ss,-
kommten, die sich nicht an dem Erreichten zu erfreuen vermag,
wenn Anderen das Gleiche zu heil geworden ist, und Tre-
manns Anerlennuung von sich weisend, entgegnete Renatus: Ich
bin nicht wesentlich früher als Sie im Heere vorwärts gekommen;
Sie waren ja auch zu Ende des ersien Feldzuges bereits Major!
Während des Krieges war die Gelegenheit mir günstig,
bemerlie Paul; das Avancement in der Landwehr machte sich
bei den ungeheuren Verlusten, die wir erlitten hatten, schnell.
Und wieder hatte troz der beiderseitigen guten Absicht das
Gespräch nach diesen wenigen Worten noch einmal sein Ende
erreicht. Es war, als läge eine unausfillbare Kluft zwischen
J. Lc wald, Von Geshlehi zu Geshlecht.

--- Z0-
ihnen, die zu übersc;reiten keiner von beiden die Brücke fand.
Renalus meinte, es sei in seinen Verhältnissen geboten, seine
Würde mit Zurückhaltung zu behaupten, und Paul fannd keinen
Grund in sich, dem Freiherrn eine besondere Zuvorkommenheit
zu beweisen. Indeß die Unfreiheit, welche auf dem Anderen
lag, fing Paul, dessen ganze Natur auf Freiheit gestellt war,
zu belästigen an. Das Mitleid, welches er mit Nenatus hegte,
konnte ihn nicht verhindern, dieses Beisammensein beschwerlich
zu finden. Unwillktrlich zog er die Uhr hervor, um zu ermessen,
ob Seba noch nicht kommen, der Wagen noch nicht fertig sein
könne. Das entging Renatus nicht, und als wolle er wenigstens
in diesem Falle seine gesellschaftliche Ueberlegenheit behaupten,
sagte er, sich gewaltsam überwindend, um eine neue Unterhaltung
anzulnilpsen: Sie ssrachen, als ich Sie bei meiner Ricklehr
hier aufzusuchen veranlasst war, von Einbußen und Verlusten,
welche Ihr Haus während Ihrer Feldzüge erlitten hätte. Derlgi
stellt sich wahrscheinlich auch in Jaer Lage so leicht nicht wieder
her. Wie ist es Ihnen ergangen, was haben Sie gethan, seit ich
Sie damals sah?
Paul's schönes Antliz hellte sich auf. Es war ihm eine
Erleichterung, daß Renatus sich von seiner Befangenheit loszu-
machen trachtete, und da er, wie alle tüchtigen Menschen, troz
der Enttäuschungen, denen Niemand mehr als eben solche unter-
worfen sind, doch immer wieder zum Glauben an den Menschen
und zum Hoffen auf das Gute in der Natur desselben geneigt
war, sprach er freundlich, wenn auch über die Art der Frage
unwillkürlich lächelnd: Fir Unsereinen, der mit seinem Thun
und Lassen auf sich selbst gewiesen ist, läst sich eine solche Frage
nicht rundweg, nicht mit Einem Worte abthun. Indeß ich darf
wohl sagen: ich habe nicht gefeiert! -- Dann, als besorge er,
den Freiherrn mit solch kurzem Bescheide wieder in das frühere
Unbehagen zurüczuwerfen, fügte er hinzu: Es sind nicht allein

die großen Unternehmungen, es sind eben so wohl die kleinen
täglichen Erfolge, welche unö vorwärts bringen; und das Wachsen,
das Gedeihen vollzieht sich überall in der Regel geräuschloser
und weniger sichkbar, als das Zerstören und das Zugrunde-
gehen. Es liegt fir den Dritien, fir den Zuschauer daher
vielleicht kein besonderes Jnteresse darin, uns auf unserm Wege
zu begleiten, unserm immer gleichen und doch in sich sehr wechsel-
reichen Arbeiten zuzusehen, selbst wenn es, wie dies meist der
Fall ist, mit den allgemeinen Nothwendigkeiten eng genug ver-
bunden ist. Wir haben keinen Nang, keine äußeren Anerken-
nungen, als diejenigen, welche das Urtheil unserer Standes-
genossen und Milbüürger uns zu Theil werden läßt; denn jene
Titel und Orden, welche der König einem Gewerbtreibenden
gelegeullich verleiht, zäihlen nicht vor den Tüchtigen und Ver-
ständigen unter uns. Wir schaffen uns unsern Namn, unsere
Stellung in der kaufmännischen wie in der büürgerlichen Welt
aus eigener Machwvollkommenheit. Unsere tägliche Arbeit wird
erst merkbar, wenn sie ihre Erüte getragen hat, obgleich wir
uns derselben stets bewusßt sind und unserer Freude an unsern
mit tausendfachen Sorgen schwer errungenen Erfolgen nicht ent-
behren. Und da es und an Sorgen und Hoffnungen dabei
durchaus nicht mangelt, so brauchen wir nach Erregungen und
Zerstreuungen nicht zu suchen, uns Lst und Pein nicht erst zu
schaffen. Das hat auch sein Gutes, besonders für denjenigen,
der in der freien Arbeit an und für sich schon seine wahre Be-
friedigung genießt!
Er brach ab, weil er besorgte, mit der Schilderung seiner
Zustände wider seinen Willen ein Gegenbild zu denen des Frei-
herrn geboten zu haben; und in der That lag in des Kauf-
manns stolzer Selbstgenüügsamkeit ein Vertrauen zu dem Leben
und in die Zukunft verborgen, um welches der Freiherr ihn
beneidete. Er konnte sich jedoch nicht überwinden, ihm dies aus-
1 -

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= FF l. Fa ===
zusprechen, und ohne eine Bemerkung auf Paul's Auseinander-
sezungen hinzuzufügen, sagte er: Und Sie sind auch verheirathet?
Sie haben Kinder?
aa, ich habe einen Knaben und Aussicht auf ein zweiies
Kind. Dazu geniese ich das Gllck, Fränlein Flies, die mir
und meiner Frau eine Muulier gesoesen, und die ja leider un-
vermnühll gellielen isl, in meinemn Hauuse eie Heiaihs bielen
zu können; und wir befinden uns in einer Lage, in welcher
wir uns in vollster Freiheit nach eigenem Bedürfen regen und
bewegen lönnen. - Er hielt abermals inne und sagte danach:
Das ist freilich nichts Besonderes, das haben hundert Andere
auch, das ist viel und wenig, wie man es betrachtet. Mir ge-
nügt es! Ich könnte also Ihre erste Frage wohl mit dem
schlichten Worte beantworten: es geht uns Allen in jedem
Sinne wohl!
Nicht so, Seba? fragte er, sich mit seinem hellen Blücke
und seiner volltönenden, männlichen Stimnne, deren bloßer Klang
erfrischend wirkte, an die Freundin wendend, welche, für die
Ausfahrt angelleidet, eben in das Zinnner lrat.
Gewiß! entgegnete sie; aber weßhalb soll ich das besonders
erst versichern?
O, rief Nenatus, und eine weiche, schmerzliche Eupfin-
dung, wie er sie diesen Menschen gegenüber, wie er sie in
solcher Weise überhaupt noch nie gefühlt hatte, bewegte ihn und
drohte, ihn zu überwältigen, o, bereuen Sie diese Versicherung
nicht! Es ist ein Segen und es ist sehr selten, Glückliche zu
sehen!
Seine Erschütterung überraschte die beiden Anderen, und
ein V..ck des Einverständnisses zwischen ihnen bezeugte, waö se
1sl-
dachten. Indeß die Meldung des Dieners, daß der Wagen
vorgefahren sei, trat eben jezt dazwischen.
Nenatus, sich schnell ermannend, bot Seba seinen Arm;

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== SF Z t -
Paul begleitete sie. Als sie eingestiegen war, wendete Renatus
sich zu Jenem und sagte, indem er, was er sonst nie gethan
haite, ihm die Hand reichte und schittelte: Leben Sie wohl,
und erhalte der Himmel Ihnen Ihr Glick und Ihre Zufrieden-
heit! Leben Sie wohl!
Auf Wiedersehen! enigegnele Paul, ihm den Händedruck
vergellend. llnnd iu dus Hauus zurilclehrend, dachle er: Wenn
er ein Egsehen hätie - wie gern wollte man ihm helfen!

Kapitel 16

eF
-writteä Capitel.
mz
Zze Zeil und das Leben warez damals uoch nichl so
bewegt, das: ein Ereignis wie die Auluinft und Erlranlung einer
vornehmen Fremden mit den diese Erkrankung begleitenden auf-
fallenden Nebenumständen in der Nesidenz unbeobachtet und un-
besprochen hätte bleiben können. Der und jener Voriberkom-
mmende hatte gesehen, wie man die Kranke aus dem Wagen ge-
hoben, wie ein Major in voller Uniform dabei behülflich gewesen
war; und die augenblicklichen Mitbewohner des Gasthofes hatten
sich bei den Kellnern erkundigt, was es mit der Kranken für
eine Bewandtniß habe. Die Fragen waren, wie das in solchen
Fällen stets geschieht, über die ersten Antworten hinausgegangen.
die nächsten Antvortenden hatken mit Vermuihungen zu ergänzen
gestrebt, was sie an Wissen entbehrten, und schon an einem der
folgenden Tage brachte die verbreitetste Zeitung der Stadt unter
ihren allgemeinen Berichten die Kunde: daß eine vornehme
Engländerin, die Gräfin E. H...ton, deren Abenteuer am fran-
zösischen Hofe wie in der vornehmen Welt ihres Vaterlandes
viel von sich reden machen, in der Hauptstadt angekommen sei,
wohin ein Herzensverhältniß sie gezogen habe. Wider ihr Er-
warten habe sie aber den Man, welchem sie gefolgt sei, einen
höheren preussischen Offizier, bereits anderweitig verheiraihet ge-
fuunuden unnd sei auis Verzweislung darilber wahusiunig gewworden.
Der Name des sie behandelnden Arztes schloß diesen Bericht.
Die bürgerliche Gesellschaft las üiber denselben hinweg, wie

-=--- Sah-
man im Allgemeinen über derlei achklos fortgeht; aber in den
Kreisen, in denen Renatus lebte, und in denen man gewohnt
war, sich um die Vorgänge an den verschiedenen Höfen zu be-
kümmern, fiel die Nachricht auf.
Man erinnerte sich, das; vor ungefähr drel Viertel Jahren
eine junge Engländerin vom französischen Hofe verwiesen worden
war. Man enisann sich, daß es die berühmte Schönheit, die
Gräfin Haughton-Lanzun gewesen sei, die Nmliche, welche nach
den Berichien der englischen Zeitungen in London am Hofe zu
der üblichen Vorstellung nicht zugelassen worden, und späier
zum Katholicimus übergetreten war. Eine der Hofdamen,
welche mit der gräflich Nhoden'schen Familie verwandt war,
hatte damals von ihrem bei der preußischen Gesandtschaft in
Paris beschäftigten Bruder die briefliche Mittheilung erhalten,
daß der Freiherr von Arten in die Abenteuer der Gräfin
Haughton verwickelt, daß er einer ihrer Liebhaber gewesen sei; und
die in der Zeitung angegebenen Buchstaben paßten auf die Gräfin.
Das machte die Neugier rege. Man lleß sich die Frem-
denblätter holen; unter den ,Eingetroffenen' fand sich, zu all-
gemeiner Genugthuung, der Name der Gräfin Haughton, und
als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig
bei ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr, sah sie, daß man
vor und neben dem betreffenden Gasthofe die Straße, um das
Nollen der Wagen abzudämpfen, weit hinaus mit Stroh be-
schiittet hatte.
Abends erzählte die Hofdame der Ober - Hofmeisterin in
dem Zimmer ihrer Herrin von dem romantischen Ereigniß, und -
so leise sie auch sprachen, hatte die Prinzessin doch ein Wort
davon gehört. Sie verlangte, zu wissen, wovon die Nede sei.
Dle Ober-Hosmeislerin, sroh, einen Gegenstand der Unterhal-
tung fir die unbeschäftigte Prinzessin zu haben, erzählte, was
sie wußte.

-=- aa J-==
Htc
Die Prinzess sagte, sie habe der Sache schon früher er-
wähnen hören, als sie im Auftrage des Königs das Fräulein-
Stift zum heiligen Grabe besucht, und dort zu ihrem Erstaunen
die Gräfin Hildegard von Nhoden gefunden habe, die nach ihrem
Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren ver-
sprochen gewesen sei. Sie wunderte sich, wie Hildegard's Mniter,
nach der Weise, in welcher der Freiherr sich gegen Hildegard
benommen hatte, und nach den Gerüchten über ihn, die ihr doch
kaum verborgen geblieben sein konnnten, den Muth besessen habe,
ihm die zweite Tochier anzuverlrauuen.
Die Hofdame, welche mit Hildegard in gleichem Alter und
eine Freundin von ihr war, wagle die bescheidene Bemerkung,
Hildegard habe sich fitr die Schwester aufgeopfert, als sie deren
Leidenschast sir ihren Verloblen wahrgenomen hale. Die
Prinzessin, ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutierliebe,
schütielte mißbilligend das schöne Haupt.
Wie traurig ist es, daß selbst ursprünglich edle Naturen,
denn ich habe früher nur Günstiges von dem Baron von Arten
gehört, sich zu solchen Verirrungen hinreißen lassen können, die
ihre Strafe in sich selber tragen. Die Zeit bleibt sicherlich nicht
aus, in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das
glücklichere zu preisen haben wird ! Wenn Sie ihr schreiben,
so sagen Sie ihr, daß ich ihrer denke und daß ich sie zu sehen
hoffe, wenn sie wiederkehrt.
Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war fir die Per-
sonen, welche zu ihrem Hofstaate gehörten, die Weise vorgezeichnet,
in welcher man die Angelegenheiten der Arten'schen und der Nho-
den'schen Familie aufzufassen hatte; und da man einmal auf
dem Wege war, sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zun
Gegenstande der Unterhaltung zu machen, gab es in den nächsten
Tagen kaum einen Theetisch, kaum ein Plauderstündchen, in
welchem sie nicht den Stoff für weit zurückreichende Erinnerun-

- I1?---
gen, fitr eben so weit gehende Vermn thungen und Voraussichien
geboten hätten.
Von der Nhoden'schen Familie hatte man wenig zu sagen.
Da Leben, die Ehe der Gräfin warrn einfach und tadellos ge-
wesen; um so reicheren Stoff aber boten die Ueberlieferungen
aus deu Arten'schen Hause für die sagenbildende Kraft der
Menschen dar. Die Eigenartigkeit des Fräuleins Esther, die
Schönheit der hüh gestorbenen Amanda von Arten, die sich in
einer heimlichen Leidenschaft zu einem Manne niederen Standes
verzehrt haben sollte; der Tod der Baronin Angeli!a, welcher
ein Liebeshandel das Herz gebrochen, den ihr Gatte mit der
Herzogin von Duuraö unlerhallen hallt, wwaren Den und Jenem
aus yersönlichen Anschaunngen und Erinnerungen belannt, und
man war nich! algeneigl, eine Art von sitilicher Gerechtigkeit
darin zu finden, wwenn die Nichte der Herzogin an einer un-
glücklichen Liebe finr den Sohn der Baronin zu Grunde ging.
ohne daß man diesen deßhalb nachsichtiger beuriheilt hätte. Selbst
die Entschuldigungen, welche man ihm angedeihen ließ, dienten
nicht zu seinem Segen.
Man beklagte ihn, daß er von einem Vater erzogen worden
war, der, obschon er ein vollkommener Cavalier gewesen sei,
doch sich selbst nicht zu zügeln verstanhen und noch an der
Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus vornehmem
Hause aus dem Kloster entführt hatte. Man wußte darüber
freilich nichts Genaues, aber man hane von einem päpstlichen
Dispens sprechen hören, -den zu erwwirken der Freiherr Franz
lange Jahre in Jtalien gelebt hatte und der mit einem nam-
haften Theile des Arten'schen Vermögens erkauft worden war.
Die junge Frau sollte den greisen Gatien leidenschaftlich geliebt
und das Gelübde gethan haben, fortan dte Witwentrauer nicht
mehr abzulegen. Man war gespannt, zu sehen, ob sie diesen
Vorsaz auch in der Nesidenz, auch in dem Hause ihres Stief-

--- LZ--
sohnes zur Ausführung bringen werde, in dem sie, wie man
berichtete, gerade in diesen Tagen erwartet wurde. Und da nun
Jeder, in dessen Beisein von diesen Gerüchten die Nede war,
sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine
Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte,
so erwuuchs um den Kern von Wahrheit, der diesen Behauptun-
gen überall zum Grunde lag, eine Dunisischichk von Einbilduungen,
die sich in dem Bewusßtsein der Leute um so sester sezlen, je
weniger die Personen, um welche diese Märchen sich bewegten,
eine Ahnung von ihrem Vorhandensein besasßen und in der Lage
waren, sich gegen diese Erfindungen zu erheben und zu ver-
iheidigen.
Was Renatus anbetrifft, so hatte er eben in diesen Tagen
vollauf mit der Wirklichkeit zu ihun. Cäcilie war doch noch
tiefer, alö er es befüirchtet hatte, durch die Ankunft der Gräfin
erschittert worden, und wenn es ihm auch gelugen war, sie
bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache
in ihrem rechten Lichte erkennen zu machen, so fügte es sich
doch nicht glücklich, daß gerade jezt auch Vittoria mit ihrem
Sohne von der einen Seite anlangte, während von der anderen
die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf.
Vitioria, die in allen praktischen Angelegenheiten unbehllf-
lich wie ein Kind geblieben war, wollte in ihren Zimmern ein-
gerichtet sein und mißfiel sich in ihnen, während sie über die
ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich untröstlich zeigte.
Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr
auälend. Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt. Die beiden
von Renatus mit Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch aus-
gewählten Zimmer diünkten sie eng und niedrig, denn sie ver-
glich sie umwillkitrlich mii den grosßen, hohen SAlen ihres Klo-
sters und den stattlichen Näumen des Arten'schen Schlosses.
Die ihr fremde Heizungsweise belästigte sie, die Häuserreihen,

--- I9-
die ihr den Horizont verengten, machten sie tra.rig, sie verlangte
mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft, nach Licht; und
wollte man sie nicht in Thränen ausbrechen sehen und in schwer-
müthigem Brüten sich selber überlassen, so blieb nichts übrig,
als auf ihre Zerstreuung zu denken, wie denn, nach des jungen
Freiherrn Ansicht, Ceilie ebenfalls Zerstreuung nöihig haile.
Weder dnc Alleinnsein mii Villvria, in welcem, wie na-
liirlich, Eleonore Hauughlon den einzigen Gegensta der Unter-
haltung machte, noch die Begegnungen mit der Mutier und der
Schwesler, bei denen derselbe Gegenstand und noc andere, eben
so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen musten,
lonnten dem aufgeregten Gemüülhe der jungen Frau zu einer
Besänftigung gereichen, und Renatus selber fühlte das Bedirf-
niß, sich, wenn auch nur für einzelne Stunden, von den pein-
, lichen Eindrücken, von den Sorgen abzuziehen, die auf ihm
lasteten.
; Er hatte gehofft, Hildegard werde sich wenigstens für die
F erste Zeit von seinem Hause fern halten, und er hatte dies nicht
, erst besonders gefordert, weil es ihm das Natürliche gedäucht
hatte. Aber er kante weder die Neigung gewisser Frauen, sich
und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen, noch die
furchtbare Berechnung, welcher eben solche Frauen fähig sind.
Er hatte es nicht vorausgesehen, daß Hildegard, um die von
he übernommene Rolle großmithiger Entsagung aufrecht zu
erhalten, sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines un-
nützen Zusammenkommens auferlegen würde; er hatte noch
weniger erwartet, daß die Mutter ein solches Verhalten als
nöthig bezeichnen und also es begünstigen werde.
. Renatus saß, von der Parade kommend, mit Cäeilien bei-
sammen, als die beiden Frauen, von deren Ankunfi in der
Stadt man noch nicht unterrichtet worden war, ich zum ersten
Male in dem neuen Haushalte melden ließen. Mit einer Be-

--- F0--
fangenheit, mit einer Vestürzung, welche in diesen Verhältnissen
sehr erklärlich waren, erhoben die jungen Eheleute sich, den Ein-
tretenden entgegen zu gehen. Cäcilie warf sich der Schwester
in die Arme und barg, in Thränen ausbrechend, ihr Gesicht
an Hildegards Brust, während Renatus, nachdem Cäeilie sich
aufgerichtet hatte, die Hand seiner Schwägerin ergrisf und sie
an seine Lippen fihrte.
Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es, Dir
als ein Bruder zu vergillen, was ich Dir gethan ! Das war
alles, was er sagte, aber obschon er sehr blaß geworden, war
seine Stimme doch vollkommen,fest und ruhig.
Hildegard hatie ebenfalls die Farbe gewechselt; indeß das
Lächeln, mit dem sie in das Zimmer gekommen war, wich weder
vor Cäeiliens Thränen, noch vor ihres Schwagers Worten von
ihren Lippen; und sich zu der Mutter wendend, sprach sie:
Hatte ich nicht Necht, das: wir, ohne sie darauf vorzubereiten,,
hieher gegangen sind? Ihr solltel es gleich sehen, das: ich nichi
um meinetwillen komme, Ihr solltet nicht darüber in Zweifel.
sein, wie ich für Euch gesonnen bin, und daß die Rücksicht auf
Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist, als mein eigenes
Empfinden. Wer darf Euch tadeln, wenn ich für Euch bin?
Aber wie geht es Euch? Es scheint, die Stadtluft thut Euch
nicht recht, wohl. Nicht wahr, liebe Mutter? Caeilie sieht nicht
guut aus und Nenatus auch nicht!
Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu
einer Unmöglichkeit, ihr auf ihre ersten Erklärungen zu ant-?
worten, und weil'Cäeilie sich von der Herablassung der Schwester,!
von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt fühlte, als?
der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand, beeilte die junge?
Frau sich, der Unterredung ein Ede zu machen, indem sie dies
Mutier und die Schwester aufforderte, sich in ihrem Hause?
umzusehen.

Hezz
Die Sohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und
immer noch reich ausgestattet. Sie mußte fir prächtig gelten,
wenn man sie mit den Möglichkeiten der Gräfin Rhoden ver-
glich, und die Muiter hielt ihr Wohlgefallen an den Einrichtungen,
welche Nenatus geiroffen hatte und in denen sie ihre Tochter
wiedersah, auuch nicht zuric, so daß Cäciliens unschuldige Be-
sizeöfreude sich an der Theilahme der Mutier steigerte, und
ihr Gaite sich fie seine Mihe wohl belohnt fand.
Nur Hildegard ging langsam hinter den Annderen her und
musterte die einzelnen Gegenslände mit dem Augenglase in der
Had. Ach, die Lehnsessel aus dem lieben Bilder-Cabinetie!
rief sie. Ach, also auch, die antiken Statuetien aus der Mutter
Wohnziumer habt ihr von Nichten fortgenommen! sprach sie.
Wie nur die guten, alten Familienbilder sich hier in der Siadt
behagen mögen ? scherzte sie; und jedes ihrer Worte, jede ihrer
Bemerlungen war ein Nadelsich für den Freiheren.
Es ihat ihm wehe, wenn sie erwähnte, wie öde die Zimmer
jezt in seinem Schlosse sein müüßten, es verdroß ihn, wenn sie
die neuen Anschaffungen mit einer auffälligen Verwunderung
bemerkte, und das Blut stieg ihm zu Kopfe, als sie zum zweiten
Male gegen ihre Mutter den Ausspruch that, daß Cäcilie und -
Renatus wirklich ganz artig, aber ganz artig eingerichtet wären.
Schon trat ein Wort des ausbrechenden Zornes ihm auf die
Lppe, aber er unlerdrückte es wieder. Er hatie jenen edeln
- Sinn, der eine Buße entschlossen auf sich nimmt, wo er ein
Unrecht gegen Andere begangen hat, und seine Mißempfindung
gewalisam überwindend, brach er, um nicht in der Nede stecken
zu bleiben, den begonnenen Saz zu der Frage um, ob Hilde-
gards angeborene Kurzsichligkeit in dem Grade zugenommen
habe, daß sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jezt selbst
im Zimmer nöthig mache.
Wundert Dich das ? entgegnete sie ihm. IF habe viele
N,

. H Oz ez
Nächte durchwacht uuo viele Tage durchweint; das dient den
Augen nicht!
Dann, als sie sich überzeugt hatte, daß auch diese Bemer-
kung ihres Eindrucks auf Renatus, auf den einst geliebten und
eben deßhalb jetzt gehasßten Mann nicht verfehlte, reichte sie ihm,
als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige Stimmung
darthun, das Augenglas hin und sagte, plötzlich in den Ton
,
gleichmüthigster Unterhaltung ibergehend . habe jezt sogar
weit stärkere Gläser nöthig, und Dein Dnkel, der sich meiner
in Pyrmont mit der grösßten Güte angenommen, hat mir dieses
schöne Lorgnon geschenkt. Sein und mein Auge tragen ganz
gleich weit, und wir sehen auch geistig die Dinge und die Men-
schen häufig unter gleichen Gesichtspunkten an. Er ist vor-
gestern zurüück gekommen; wir waren eben bei ihm.
Nk..
-=e wart bei ihm ? fragte Nenatus, und heute schon?
Ist den der Dukel krant?
Nicht eigentlich, gab Hildegard zur Aivort; er ist schmer-
zensfrei und heitern Geistes. Das Bad hat ihm sehr wohl-
gethan, nuur das Gehen wird ihm schwwer. Doch hält der Arzt'
die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich.
Die Lähmung ? wiederholte der Freiherr, seit wann ist der
Onkel denn gelähmt?
Wußtest Du das nicht? fragte Hildegard, statt ihm zu
antworten. O, das ist nicht hübsch von Dir! Das Uebel zeigie
sich ja gleich nach seinem Anfalle, er suchte nur, es zu verbergen,
weil er die Anderen nichi zu beunruhigen wüinschte! Aber man
sieht es, daß Du Dich um unsern guten Grafen wenig küm-
merst, und er nimmt doch so viel Theil an Dir! Das Erste,
wovon der Onkel mit uns sprach, war nicht sein Befinden,
sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich!
Renatus hob das Haupt empor, und der neuen Schwä-
gerin mit einem scharfen Blicke ins Auge sehend, fragte er be-

-- eD
stimmt: aas soll das heißen? Was hat d Onkel zu besorgen
für mich und meine Frau ?
Hildegard seufzte, und die Stimme senkend, sprach sie:
Die Unüberlegtheit, mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist. die
Nicksichtslosigkeit, mit der sie sich in dem ersten Gasthof: der
Stadt unter ihrem eigenen Namen emauartierte, beunruhigen
ihn um Euretwillen, und - - -
- Und Du hast hoffentlich, fiel Nenatus ihr in die heuch-
lerische Nede, da Du die Wahrheit kennst, es dem Dukel gleich
gesagt, dasß Eleonore nicht mir gefolgt ist, daß ich gegenwärtig
mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe, als in dem-
jnigen, in welchen ein Zefall mich verstrickte, ein Zufall, den
ich nicht einmal beklägen darf, denn Cäcilie ist eben so ver-
ständig als meiner Liebe sicher, und die Gräfin Haughton wäre
hier sehr verlassen, hätie sich Seba Flies ihrer nicht auf meine
Bitte angenommen!
Seba Flies? rief Hildegard mit einem allerdings begreif-
lichen Erstaunen, Du hast Deine alte Bekanntschaft mit der
Flies wieder aufgenommen? Das ist ja elwas völlig Neues!
--- Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend, sagte
sie: Stelle Dir vor, Mama, Renatus hat sich mit der Flies,
vor der er mich einst mit Recht gewarnt hat, wieder in Ver-
bindung gesetzt, hat ihr die Gräfin Haughton anempfohlen! -
Du hast also wohl auch Cäeilie zu ihr hingeführt? Das ist
sonderbar!
Nenakud war empört über Hildegard, denn sie reizte und
kränkte ihn mit einer Art von Wollust, weil sie von ihm auf
die Schonung und Nücksicht rechnen durfte, die er ihr mehr als
jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse ge-
zungen war.
Das ist sonderbar, höchst sonderbar! wiederholte sie; aber
Du bist freilich oftmals unbegreifiich! fügte sie hinzu.

eH,
Ich finde es ni.g- unbegreiflich, entgegnete Renatus, daß
man, so lange man jung und unreif ist, sich von augenblick-
lichen Eindrücken zu unbesonnenen Handlungen fortreißen läsßt,
und nicht sonderbar, das; ein Mann, wenn er zur Einsicht in
seine Irrthümer gekommen ist, ihren nachtheiligen Folgen, so
weit er es vermag, vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut
zu machen trachtet! Ich habe äcilie noch nicht zu Seba fihren
können, aber ich denke es zu thnun, sobald die Gräfin Haughton
Seba's Beisiand weniger bediiren wird!
Du bist natürlich Herr, zu thun und zu lassen, was Duch
gut diünkt, meinte Hildegard, welche in der Aeusßerung des
Freiherrn über seine jugendlichen Irrihüümer eine fir sie krän-
kende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden hatte; und
=u has« =- j auuch die Freiheit, nach Deiner wechselnden Er-
u O-
kenntniß zu verfahren, immer und in allen Lebensverhältnissen
unbedenklich zuerkannt! Nur wundern wird man sich über diese
Sinnesänderung, und der Oukel nicht am weuigsten!
Sie erschrak, als sie diese Worte auögesprochen hatte, denn
öenatus überflog sie mit einem Blicke voll stolzen und irium-
phirenden Erstaunens, vor dem sie unwillkurlich die Augen
niederschlug. Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten und in
die Geheinnisse des Onkels, sagte er. Gleichviel aber, ob die
Beichte, die er Dir offenbar gethan hat, seiner von Dir ge-
rühmten Sinnesänderung vorausgegangen oder ob sie eine Folge
der Bekehrung gewesen ist, die Du an ihm gemacht hast, in
jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger Geheim-
nisse nicht zu beneiden! Ich fir meinen Theil finde solche Ge-
ständnisse empörend, und ich würde es einem Manne nie ver-
zeihen, der sich unterfinge, sie einer mir in irgend einer Weise
angehörenden Frau nach seinem Belieben aufzudrängen ! Die
Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre finn eine =uun,
z )
und für eine Frau - - -

--- IF?--
Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten, das
vernichtende Wort anszusprechen, das auf seinen Lippen schwebte.
Sie hatte bisher anscheinend nur auf Ceiliens Mitihei-
lngen hingehört, doch war ihr nichls von der Unterreduung der
beidenn Andern und von der immer bitterer werdenden Wendung
enhgangen, welche sie genommen hatte. Einzig der Wuuusch, es
zuu keinem ösfentlichen Zerwüirfnisse in ihrer Familie kommen zu
lassen, halfe sie bis dhi algehhalien, das uierfrenliche Gespräch
zu unlerbrechen, und eben das nämuliche Verlangen war es jetzt
R :; -
Renakuus autwortete darauf, wie seine gegenwärtige Ge-
reiztheit es ihm eingab. Er sprach, ohne im Grunde viel davon
zuu wissen, von der ausgezeichneten Verehrung, deren Seba genieße,
von den würdigen Verhcltnissen, in denen sie sich bowege. Er
erwähnte ihrer ginstige Vermögenölage, ihrck glicklichen Familien-
kreises, und er hegie bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung,
das; es Hildegard zuwwider sein, das es sie wo möglich noch mehr
verletzen werde, als er Verlezungen von ihr erlitten hatte.
Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Gite auf.
Sie äusterte ihre Genugihnung darüber, sich in Seba, mit der
sie zu den Zeiten des Tugendbundes viel verkehrt hatte, nicht
getäns.=- z haben; sie nannte cs sogar einen glicklichen Ge-
.s.i -
danken, das; Nenatus Seba zu der Kranlen hingerufen habe,
da sie hilfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren aus-
harren werde, bis sie selber, sie und Hildegard, die Pflege der
Gräfin Haughton übernehmen könnten, wnzu sie gleich in den
---==- -- agen, wenn sie nuur ihre nöthigsten Einrichtungen gen
z-Fss.s K
troffen haben wirden, gern erbötig wären.
Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter
für den Augenblick um seine Fassung, obschon
er nicht läuugnen, in vielfachem Beirachte eben
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. 1.
brachte Renatus
es, das konnte
so natüürlch als
1

OHo
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zweckentsprechend war. Wenn die Mutter und die Schwester
seiner jungen Frau, wenn die Gräfin Nhoden, deren Charakter
über jeden Zweifel erhaben und deren geseslschaftliche Stellung
eine so wohl begrimndete war, sich der Gräsin Haunghton an-
nahmen, musßten alle Gerichte, welche iber Eleonore wie üüber
ihre Beziehuungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren,
davor versiu uimten, iunnd Elcunore halle slir dein Fall ihsrer Her-
stellung an der Gräfin gleich den Anhalt, dessen sie bedurfte.
Er hätte daher den Vorschlag seiner Schwiegermutter, als ein
gllckliches Ereigniß, mit tausend Dank begrist, wäre Hildegard
in demselben nicht bekheiligt gewesen und hätte er nicht auf das
unwiderleglichste gefühlt, das; die Feindschaft zwischen dieser und
zwischen ihm eine unversöhnliche sei, daß Hildegard ihn und
Cäcilie hasse, daß die Mutter, aus einem sehr erklärlichen Mit-
gefühle fir ihre weniger glickliche Tochter, Partei fir diese
nehme und daß also auch die Hülfsleistung, zu der man sich
für die Gräfin Haughton erbot, ohne alle Frage nur dazu benutzt
werden würde, einen neuen Heiligenschein für Hildegard daraus
zu machen.
Es ist ein unvergeßlicher, es ist oft ein entscheidender
- Moment fir einen Menschen, went er sich zum ersten Male
eingestehen muß, daß er Feinde, unversöhnliche Feinde habe,
wenn er es in sich fühlt, wie er diejenigen zu hassen vermag,
an deren Haß gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann, und es
war ein doppelt schmerzlicher Augenblick füür den im Grunde
seines Wesens guten und nicht charakterfesten Freiherrn, der
bisher nur selten auf Widerstand gestoßen war. Er hatte in
seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hilfe nöthig
gehabt. Er war überall gern gesehen worden, weil er nicht?
zu begehren gebraucht, er haite es also auch nicht gelernt, wie
man sich mit seinen berechtigten Ansprichen denen gegenüber zu
behaupten hat, die aus irgend einem Grunde nicht gewillt sind,

-- A?- -
jene Anspriiche anzuerkennen und zu befriedigen. Nach der Lehre
seiner Kirche hakte er umwillkürlich an dem Glauben festgehalten,
das; wie vor Gott, so auch den Menschen gegenülber, die Nee
geung lhne fiir den Jrrihum, und die Busse fiir den Fehl. Er
hatie sich über sein Verhalten und iber sein Unrechl gegen
Hildegard in keinter Weise verblendet, er hatke nur nicht sich
allein, nichl sichh aeschliesilich fir den Schuildigen beirachlel,
sondern vielmehr erwartet, dasi auch Hildegard ed allmählich
einsehen werde, in wie weit sie selber zu ihren schmerzlichen Er-
lebnissen die Veranlassung geboten habe, und eben deßhalb hatte
er sich der Hosfnung hingegeben, frilher oder späier zu einer
Ausgleichung mit ihr gelangen zu können, über welcher, wie
auf einem neuen Unterbau, sich ein schöncs und friedliches Fa-
milienleben errichten lassen würde. Hildegard's Güte, ihr liebe-
volles Gemüth, ihre Hhngebung für Andere, ihre Entsagungs-
und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie
und von Fremden immerdar bewundert worden; sie hatte ihren
Verlobten auch beständig und mit einer Vertrauen fordernden
Kraft auf diese ihre Tuigenden und Eigenschaften hingewiesen,
und er hatie also darauf gerechnet, daß sich dieselben auch in
diesem besonderen, in seinem besonderen Falle bewähren würden.
Nun fand er sich plözlich in dieser Voraussetzung auf das Un-
erbittlichste getäuscht.
Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte
es ihm unwwiderleglich dargethan, daß er in ihr eine Feindin
besize, daß sie fir ihre Feindschaft in dem Grafen Gerhard
einen Bundesgenossen gewonnen habe, und daß die Gräfin
Rhoden, troz ihrer Mutterliebe für Cäcilie, sich, wie gesagt,
verpflichtet halte, vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch
unverheiratheten, der unversorgten Tochter oder, wie sie es in
der Sprache der Gesellschaft bezeichnete, auf das Empfinden und
die Beruhigung lhrer armen Hildegard Nücksicht zu nehmnen, die
zh r

ezDg
sich nur in Thaten deu Intsagung und in Werken der Liebe
genug ihun lonnte.
Er hätte nicht gleich, nicht mit Sicherheit anzugeben ver-
mocht, was er davon befirchtete, wenn die Gräfin Nhoden und
Hildegard sich mit Eleonore in Verbinduung sezten, er hatte nur
die Neberzenguung, dasß er es zu hindern suchen und das; er vor
allem Andern darauf denken müsse, sich in seinen Angelegen-
heilei nor jeher Bepiznslssiing dirchs die Fainilie zu lewahren.
Obschon er bei seinem Wiebersehhe mnil Seba dieser von seiner
Frau gesprochen, hatte er damals nicht die bestinmte Absicht
gehabt, ein Umgangsverhältis zwischen seinem und den Tre-
maun'schen Hause eizugehen; jezt aber fihlie er sich dazu ge-
neigt, denn er übersah mit jener Klarheit, die uns bei entschei-
denden Anlässen oft in ungewöhnlich hohem Grade und plöhzlich
zu Gebote steht, wie er dadurch eine Scheidewand zwischen sich
und seinem Oheim aufrichtete, die nicht leicht zu übersteigen
war, und daß er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen
werde. Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem
Hause haben. Seine Frau sollte nicht, wie einst seine Mutter.
von heimlicher Böswilligkeit beunruhigt werden, und weitergehend,
als es in diesem Augenblicke nöthig gewesen wäre, lehnte er
den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin
entschieden ab. Er sagte, daß Eleonore noch auf lange Zeit
hinaus vor jedem sie aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben
müsse und daß es eine Undankbarkeit gegen Seba's Alles ver-
gessende und vergebende Gütte sein würde, wollte man sie wie
einen Nothbehelf behandeln, den man beseitige, sobald man
seiner nicht ganz unumgänglich bedirfe, eine Undankbarkeit, deren
er sich gegen sie zum zweiten Male nicht schuldig machen wolle.
Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu; wer
sie aber näher kannte, den vermochte diese Gelassenheit nicht iber
ihren Unmuth zu täuschen. Es war ein gutgemeinter Vorschlag.

.
-- LI--
sagte sie, und Du hast sehr Necht, mein Sohn, ihn abzulehnen,
wenn er Deinen Absichten nicht entspricht. Ob Du aber meine
Tochter grade jezt, grade in Deinen gegenwärtigen und beson-
deren Verhältnissen, zu Seba Flies und in das Haus von Tre-
mann fihren sollst, das, meine ich, würde doch erst reiflich zu
erwäge sein. Ich belenne Dir, ich bin ncht dafür.,
Und darf ich fragen, was Sie dawider haben ? erkundigie
Fich Neuuln, gru ein Elwas in dein Tonne seiner Schwieger-
muller schr eupsindlich aussiel.
Du hattest sonst, und ich habe dies nuur zu begreiflich ge-
funden, eine Abneigung dagegen, mit diesem Herrn Tremann
in Berührng zu kommen! entgegnete sie ihm, ihre Worte nach-
drücklich bezeichnend.
Renatus fühlte, daß er erröihete, und das bestimmte ihn,
sich gegen die verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter
aufzulehnen. Es mußte heute, gleich heute, ein füür alle Mal
entschieden werden, wer der Herr in seinem Hause sein solle,
und entschlossen, nöthigenfalls seine ganze Vergangenheit an die
Sicherung seiner. Zukunft zu sezen, sagte er Es ist nicht gut,
liebe Mutter, daß Sie mich an alle die Fehler und Irrthümer
erinnern, die ich mir habe zu Schulden kommen lassen! Schieben
Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr einseitigen Erziehung,
aber glauben Sie mir, daß ich gesonnen bin, sie abzulegen und,
so viel an mir ist, zu vergüten!
Es ist also Dein Vorsaz, Dich - sie hielt inne, als sträube
sich ihre Empfindung dagegen, das Wort auszusprechen -= dem
Sohne Deines Vaters, den Dein Vater nicht anzuerkennen doch
sicherlich seine guten Gründe hatie, jezt brüderlich zu nähern
und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd
den Schwager zuzuführen? - Darauf war ich wirklich nicht
gefaßt!
Renatu, der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner

-- Z--
Mutter geerbt hatte, wurde jezt eben so bleich, als er vorhin
mit Röihe übergossen worden war. Es ist nicht meine Absicht,
sagte er, vor der Welt ein brüderliches Verhältnis mik Paul
aremann aufnehmen zu wollen, das eben vor ihr einmal nicht
zu Recht besteht! Aber es ist mein Vorsaz, mein fester Vorsaz,
einen Mann, von dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiß,
einen Mann, dem ich das Höchste schulde, was ein Mensch dem
andern schulden kann, und der sich mir, ganz abgesehen davon,
soweil ich seiner anderwweil behursie, dieusigesäällig uud mil ehr-
licheu Nalhe bewäihrl hal, linslig nicl mehr, llos; uum dess-
halb von mir zu weisen, weil er der uneheliche Sohn meines
Vaiers ist.
Die Gräfin schiittelte mißbilligend das Haupt. Sähle
Deine Ausdriücke etwas vorsichtiger, lieber Nenaius. sagie sic;
meine Töchter sind an solche Unumnwundenheiten Gottlob nicht
gewöhnt!
So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen, sie ist eines
Soldaten Frau! entgegnele der Freiherr, der, gleichmäßig von
seinem Zorne wie von dem Bewußtsein fortgetrieben, daß er
viel weiter gegangen war, als er je beabsichtigt hatte, den Anschein
einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu erhalten wünschte.
Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer!
bedeutete ihn die Gräfin, indem sie sich erhob.
Hildegard war schon vorher aufgestanden und an das Fenster
getreten, als die Unterredung sich auf Paul gewendet hatie. Sie
machte sich an Cäciliens Nähtisch mit der Betrachtung jhrer
Stickerei zu thun. Die junge Frau blickte verlegen und bittend
bald die Mutter, bald den Gatten an. Sie war beständig dem
Weinen nahe, und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus
gegen die Gräfin und gegen Hildegard noch unversöhnlicher.
Die Gräfin sah nach der Uhr, Hildegard sagte, sie habe
die Mutter bereits daran erinnern wollen, daß es .- zun
D.

--- ZZ!--
Geh.i. sei, weil man mit dem Mittag auf sie warten werde.
Eäcilie fragte, ob sie nicht zu Hause äßen, die Mutier verneinte
es, sagte jedoch nicht, wohin sie geladen sei, und Cäcilie zog es
vor, sich danach nicht zu erkundigen.
Das unbehagliche Gespräch war plözlich und mit einem
entschiedenen Misßtone abgebrochen worden, man redete nur noch
von den allergleichgültigsten Dingen, während der Diener den
Damen die Mäntel in das Zimmer brachte. Als er sich ent-
fernt hatie, fragie Eäeilie, ob ihre Mutier' die Baronin Vittoria
nicci legrisen, ol mai nichl noch eiuen Auugennblick zu ihr gehen
wolle; aber Hildegard bestand darauf, dass es zu spät sei, das
man sich beeilen müsse.
So gelangte man in das Vorzimmer. Mit einem Male
blieb die Gräfin stehen. Du wirst also, sagte sie, sich zu Ne-
natus wendend, voraussichllich in nicht zu ferner Zeit Cäcilie zu
Seba und zu Tremann bringen, der sich ja wohl auch verhei-
rathet hat, und es ist jhre Pflicht, sich Dir, auch wo es ihr
schwer fallen wird, durchaus zu fügen! Wolltest Du mich aber,
damit ich diesen in der That für Dich sehr auffallenden Schritt
doch zu erklären und vor der Gesellschaft zu begrinden im
Stande bin, vielleicht wissen lassen, welches der große Dienst
oder welches die große Aufopferung ist, fir die Du TTremann
Dich verpflichtet fühlst, so würdest Du mich verbinden, und
Cäcilien würde Deine Forderung dann vielleicht auch weniger
überraschend dünken!
O! rief Renatus, fir den es in diesem Augenblicke der
Ueberreizung keine Zurückhaltung mehr gab --- o, Cäcilie wird.
wenn es sie anders glicklich macht, mein Weib zu sein, gewiß
mit Frenden zu dem Manne gehen, dem ich meine Erhaltung,
dem ich mein Leben zu verdanken habe!
Dein Leben? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde.
Ja, mein Leben! wiederholte der Freiherr, dem es plötzlich

--- W3L--
wohler und frei um's , erz ward, als er den ersten Schritt zu
der Genugthuuung gethan hatie, welche er auus Hochmuth seinem
Netter bisher schuldig geblieben war. Ohne Tremaun's männliche
Entschlossenheit, ohne seinen Muth läge ich begraben unter den
Tausenden, die bei Möcern ihren Tod gefunden haben! Und er
sah meinem, unscrem Vater in dem Augenblicke, in welchem er
mir zu Hüilfe eilte, so vollkonmen gleich, er rief mich so völlig
mit mteines Vaters Stimie an, das; ich lange wähnuke, eine
Vision gehull zu haben, duust ich ersl, ulS ich ihn spüiler, als ich
ihn in Nuhe wiedersah, zu der Erleuniniß lam, das; es ein
sterblicher Mensch wie ich, daß es Tremann und nicht mein
Schutzgeist in der ehrwürdigen Geslalt meines damals eben erst
dahingegangenen Vaters gewesen war, der den Todesstreich von
meinem Haupte abgewendet haite!-
Es war gesagt. Nuun war es ausgesprochen, und doch
hatte Nenatus auch jezt noch nicht die Kraft besessen, sich in
voller Wahrheit von dem früheren Märchen loszureisen, er hatte
sich einer Nuwoüürdigkeit nicht zeihen mögen.
Es entstand eine Pause. Eicilie hing sich an ihres Gatten
Arm, die Gräfin war unentschlossen, was sie sagen sollte, Hilde-
gard's Mienen verriethen ihren Zweifel an dem Sachverhalte.
Die Mittheilung war Allen so spät, so unerwartet gekommen,
daß man nicht wußte, wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu
verhalten habe, und die kühle Weise, mit welcher sie von der
Mutter und von Hildegard aufgenommen wurde, lähmte den
Aufschwung, zu dem die Seele des Freiherrn sich eben erst er-
hoben hatie.
Das verändert die Sache freilich! meinte die Gräfin endlich,
das sind Gründe, die man gelten lassen muß und die man an-
zugeben vermag! Hüte Dich aber, daß Deine schöne Dankbarkeit
Dich nicht zu weit fihrt, lieber Sohn! Sei vorsichtig auch in
diesem Punkte! Wir sprechen bald einmal davon, recht bald!

esO D
- Ja LFs,? --===
N z.s.= i
r-ie umarmte die ====---- umarmte auch den Schn, und
man lrennte sich mit deum herkömmlichen-- -; « iedersehen l''=-
A.? 1
zss»sii
s-s-
legte
Die Frauen hatten aber die Schwvelle des Hauses noch
überschritten, als Hildegard ihren Arm in den der Mutter
- kss - Ps
und, sich an sie schmiegend, leise s.g- --ama, sci ruh,
ganz ruhig üüber Deine Hildegard, Du wirst sie nicht mehr klagen
hören, nicht mehr weinen sehen, Gott hat es wohl mit mir ge-
meiui! D war nichi der Main, mil deun ic gliicklich werde:n,
das war nici bns Haus, in dem ic Frieden sinden lounie!
Renatuus hat doch iuu Grunde seines V. ..rs, hu. -och den Arten-
kiffn
schen Sinn. d. g zu allem demjenigen hingezogen fühlt, was
os- s,s
vps Hz-. iinidoors
unseren Begriffent von Sitte und von wdahs- =---=- --=-
sf.-F! W,
is-= - a-« wäre an seiner Seite zu Grunde gegangen wie die
Cousine Angelika an seines Vaters Seite, das sehe ich immer
ll.... ---- - --s uus hoffen, Mama, daß Cäcilua -=-b-8- i---
for Si; ! N,is
szisino=- fßfzs
empfindet, und vor allen Dingen, l=- = == -, laß uns ihr zur
sl.. Mss
, »isz-i
Seite stehen und über ihr wachen. Sie wurd das, wie l-« --=-
nothg haben.

Kapitel 17

Vierteä Capitel.
ez
.aie mehr oder weniger großen Kreise von Menschen, welche
sich als eine duurch gewisse leberzeugungen, Sitten oder Lebens-
gewohnheiten zusammengehörende Gesellschaft betrachten, sind in
der Negel sehr geneigt, sich von einem ihrer Mitglieder einen
bestimmten Anstos; geben und von diesem in irgend eine beliebige
Bahnn hieinschlebeu zu lusse, in der sie baun, je nach den
Fähigleiten der Einzelen, vorwwwärlöschreiten und die Bewegung.
zu der sie getrieben worden sind, wie eine von ihnen selbst aus-
gegugene eisrig sorlzusehen pslegen. Deu wie die Gemeipschasi,
die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch
belebend auf den Einzelnen zurickwirft, so empfängt sie noch
häufiger ihre Gedanken und Meinngen von einer einzelnen
Person, und es sind leider nicht immer die Edelsten und Besten,
nicht immer die Unparteiischen, nicht immer die Selbstlosen,
welche den Ton angeben und bestimmen. Irgend ein Zufall,
irgend eine Schicksalögnusl, irgend ein das billige Mitleid an-
regender Unglücksfall, vermögen einem bisher mißachteten Cha-
rakter nicht nuur Verzeihung, sondern eine Anerkennung, eine
Geltung und einen Einfluß auf seine Umgebung zu verschaffen,
die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen ließ und
die geschickt zu nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versieht,
oder doch sehr bald erlernt.
Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren
kaum von ihren beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurück-

. che
-- ---- aS---
- gekehrt, als sie es bemerken konnten, daß sie von ihren Umgangs-
genosseu mit einer ungewöhnlichen Zuvorlon menheit empfangen und
aufgenommen wurden und daß man ihnen eine Stellung, eine
Theilnnahme und eine Bedeutung eiuräuuuir, welche beide in einem
solchen Grade nie zuvor besessen hatten. Bei jedem Antritis-
besuche, welchen Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten
machte, erwähnte man des Wohlwollens, mit welchem die Prin-
zessin sich nach ihr, erkundigt, und der großen Billigung, mit
der sie Hildegard's edles Verhalten aufgenommen habe. Man
freute sich, Hildegard so gefaßt, so erholt zu schen, man be-
handelte sie mit jener Achtsamkeit und Schonng, welche man
einer Genesenden entgegenbringt. Mai schwieg von Renatus,
wie das in diesem Falle auch natiürlich war, und wenn man
gelegentlich einmal seiner jungen Fran gedachte, so geschah es
unur, um die arme Cäcilie zu bedauern, weil das große Opfer,
welches ihre Schvester ihr gebracht, weil Hildegard's edle Ei-
sagung fir die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig frucht-
lose, ja, vielleichi ein Unglück gewesen sei.
Die edle Hildegard und die arme Cäcilie, das waren für
diesen Augenblick gleichsan- die Stichworte und Erkennungszeichen
des gesellschaftlichen Kreises geworden, der sich um die Prinzessin
bewegte, und wenn Cäcilie auch nicht die entfernteste Ahnung
davon hatte, daß man sich dort darin gefalle, sie als eine un-
glickliche Galtin, als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten,
so fand doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein,
die Nolle, welche sie bis dahin nur in der Familie gespielt hatte,
fortan auch in der Gesellschaft durchzuführen, da der Zufall ihr
dies, wenn auch auf Kosten ihrer Schwestr, möglich machte.
Renatus hatte nach der Art, in welcher der erste Besuch
seiner Schwägerin in seinem Hause verlaufen war, darauf ge-
rechnet, daß ein solcher sich nicht so bald wiederholen, ja, daß
er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde. Er hatte sich aber

ez,
=--= ae(7Pß =====
in dieser Voraussezung geläuuscht. D.. Muiier und die Tochter
kamen beide schon an einem der nächsten Tage wieder, um die
Baronin Vittoria aufzusnchen. Sie wünschten, wie Hildegard
es ausdrücklich bezeichete, es den lieben Geschwistern darzuthun,
daß sie die neulichen kleinen Miszverständnisse so leicht genomen
hatten, wie man dies unter nahen Anverwandten thun müüsse,
und obschon der Freiherr wußte, was er von diesen Versiche-
rungen zu halten habe, bewog ihn seine Nücksicht auf dasjenige,
was er als den Familienanstand und die gute Sitle bezeichnete,
sein interes Abmahnen zu besiegen und den Schein eines freund-
lichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner
Schwiegermutter aufrecht zu crhalten. Das war aber alles, was
Hildegard fir sich und ihre Absichten bedurfte.
==»=r, der es schen wollte, konnte sich jetzt also davon
-,i
überzeugen, daß die Untreue des Freiherrn und Cääciliens, wie
man es doch mindestens bezeichnen muste, schr unschwesterlighes
und keineswegs edles Betragen auf Hildegard's großherzige Ge-
sinnung keinen Einflus; geibt hatten. Sie behandelte das junge
Paar mit der größten Freundlichkeit, sie war es, die seine Ver-
theidigung iübernahm, wo man Miene machte, es anzugreifen;
sie bestimmte den Grafen Gerhard, den Neuvermählten auf alle
Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen, und wo immer in
Eäciliens Abwesenheit von ihr die Nede war, machte die ältere
Schwester sich zu ihu.u aobrednerin und Beschitzerin.
z- Cs
Sie gab es den Leuten zu bedenken, daß die arme Cäcilie
kein leichtes Leben habe. Es sei für eine junge Frau nichts
Kleines, gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe eine Erfahrung
zu machen, wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie auf-
erlegt; es sei auch keine geringe Aufgabe, mit einer Schwieger-
mutter wie die Varonin Vittoria sich in das rechte Verhältniß
zu sezen und die Auuwwesenheit ihres Sohnes ruhig hinzunehmen.
Fragie man sie, was diese lezte Adeuiung besagen wolle,

ezerf
so brach Hildegard stels plözlich ab, schien erschrocken üiber die
Aeuszerung zu sein, die ihr entfahren war, und ging mit unver-
kennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von Vittoria's phan-
tastischen Lebensgewohnheiten üüber, bei dHen Ausmalung sie
gegen ihre sonstige schwermüthige und elegsche Weise eine gute
Laune und einen Huumor zu entwickeln verstand, welche die Hörer
unterhielten und sie zum Wiedererzählen des Vernommenen ver-
eiten musten. ,
Vitioria hatie noch keine Besuche in der Stadt gemacht,
als üiber sie bereits die widersprechendsten Gerichte im Umlauf
waren. Man unterhielt sich lachend davon, daß sie sich trotz
der vierzehn Jahre, seit denen- sie im Norden lebe, noch nicht
an das Klima habe gewöhnen können, das: sie beim Beginne
des Winters, am Tage schlafend und in den Nächten wachend,
sich förmlich in ihren Zimmern vergrabe, um von der schlechten
Jahreszeit so wenig alö möglich gewahr zu werden; daß sie sich
nur von Früchten und von Süsigkeiten nähre, das sie, unter
dem Vorgeben, um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu
trauern, beständig schwarz, und zwar in einem nonnenartigen
Gewande einher gehe, während diese schwarze Tracht ihr doch
als eine Buße fir ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt wor-
den sei; und neben diesen aus mißdeuteter Wahrheit und aus
absichtlicher Erfindung zusammengesezten Erzählungen tauchten
hier und da bedenklichere Gerüchte auf, welche sich in anderer
Weise mit der Baronin Vittoria zu thun machten. Sie bezogen
sich auf ihre eheliche Treue, auf ihr früheres und auf ihr ge-
genwärtiges Verhältniß zu ihrem Stiefsohne, auf ihre Feind-
schaft gegen Hildegard, auf ihre außerordentliche Freundschaft
für ihre Schwiegertochter und endlich auch auf ihren Sohn, der
sich jetzt bereits in der grosen militärischen Erziehungs-Anstalt
befand.
Woher die Geriiche stammten, welche den Ruf und die

--- W8---
Ehre Vittoria's so emofindlich antasteten und dem Hause des
jungen Freiherrn selbst in jedem Betrachte zu nahe traten, das
wußte Niemand zu sagen; aber man nahm sie nichts desto
weniger als alle, ganz belanite Tssatsachen anf. Hildegard und
die Gräfin Rhoden hatten, wie man versicherte, wohl' gelegentlich
iber Vittoria's Eigenheiten einmal gescherzt, indes; von ihnen
war ein Wort des ernsten Tadels gegen Cäcilien's Schwieger-
muiier, so weit man sich erinnerie, nichi auögegangen. Das;
Graf Gerhard, der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen
so vorsichtig zu Werle ging, nichts wider die Sliefmuller seines
Neffen geäusert haben lönne, davon waren alle, die ihn kannten,
überzeugt, und doch empfanden Renakus und Cäcilie immer
aufs Neue, daß man sie mehr und mehr mit einer peinigenden
Neugier beobachtete, das; man sich in einer sonderbaren Weise
nach der - Baronin Vittoria erkundigte und daß überall und
immer die Frage aufgeworfen wurde, ob der Freiherr denn für;
sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe nachzusuchen denke.
Die Lage wurde beiden Gatten unbequem. Man that im
Grunde durchaus nichts Entschiedenes wider sie, aber sie trafen
nirgends auf einen festen Voden, und überall war es, als wachse
ein Unkraut unter ihren Schritten auf, das sich ihnen hemmend
und hindernd um die Füsße legte. Wollten sie es nicht weiter
wuchern, sich nicht davon völlig umgarnen lassen, so mußten sie
es mit festem Auftreten niederzuhalten suchen. Es war ohnehin
Zeit, sich in die große Gesellschaft einzuführen, wenn man über-
haupt sich ihr anzuschließen beabsichtigte, und Nenatus wünschte,
wie schon erwähnt, sowohl fin Cäcilie als für Vittoria einen
sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang. Als man jedoch
daran gehen wollte, die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten,
fand es sich, daß Vittoria durchaus nicht für das Leben in der
Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette eingerichtet war.
Dem Uebelstande muszle abgeholfen werden, denn Renatuk

-- I--
hielt sich den alten Grundsatz vor, daß, wer den Zweck wolle,
auch die Mittel wollen müisse. Man ging also guten Muthes
daran, eine neue und vollständige Auusstaktu ig fitr Vitturia zuu
beschassen. und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des
Freiherrn eine grosse Frende daran. Weil sie niemals eine
Stadi bewohnt, niemals das für die meisten Frauen so ver-
führerische Vergnüügen genossen hatte, reich versehene Magazine
zi besichen üd -sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Be-
diirfnis zu versorgen, reizte und erfreute si: alles, was ihr vor
, die Augen kam. Allerdings blieb sie ihrem Vorsatze, die Trauer-
farbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen, kren, aber auch fir
eine solche Tracht war rs möglich, einen großen Geldaufwand
zu machen, und Vittoria besaß, wenn er bisher in ihr auch
niedergehalten worden war, den Sinn ihres Volkes für das
Reiche und das Prächtige, das obenein ihrer besonderen Art
von Schönheit sehr entsprechend war.
Sie hatie das Verlangen, in der grosen Welt zu leben,
zwar seit dem Tode ihres Gatten lebhaft gehegt, aber sie war
es doch nicht gewesen, welche die Veranlassung zu der Aus-
führung dieses ihres Wunsches gegeben hatte, und eben deßhalb
sah Renatus es als seine Pflicht an, ihr bei ihren jetzigen Aus-
gaben keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen. Er würde sich
geschämt haben, die Witwe' seines Vaters, die Baronin Vittoria,
die neben dem Namen seines Hauses den stolzen Namen der
Giustiniani trug, nicht ihrem Stande gemäß und nicht nach
ihrer Neigung auftreten zu lassen, und er hatie daneben, da
der Schönheitssinn seines Vaters auch auf ihn übergegangen
war, eine wirkliche Freude daran, Vittoria in einer Weise ge-
kleidet und geschmüückt zu sehen, welche die immer noch auffallende
Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen ließ.
Jetzt erst, da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte, fing
auch sie nach dem Schmuck zu fragen an, welchen ihr verstor-

-- ZF0--
bener Gatte ihr einst als ihr Eigenthum und als das Erbe des
Hauses übergeben hakte, und Renatns konnte sich nicht über-
winden, ihr oder gar seiner Frau das Geständnis; zu machen,
wie von demn vielbessrocheuen Arien schen Familienschmucke jetzt
nicht mehr ein Stein vorhanden sei. Er meinte der Ehre seines
Vaters damit zu nahe zu lrelen, und, wie er mil sich in seinem
Imnern des:hall auch ßrifend utd iberlegend zu Naihe ging.
es war nicht persönliche Eitelleit, auch nichi einmal der Wunsch,
seine Frau und seine Stiefmukter in reichem Schmucke erscheinen
zu lassen, sondern ganz eigentlich die Rüicksicht auf das Andenken
seines Vaters, es waren seine Kindesliebe und ein Gefihl fir
das, was er sich und seinem Hause schuldig sei, die ihn be-
wogen. sowohl fitr Vittoria als finr Ceilie heimlich Ankäufe
von Schmuck zu machen. Sie kamen natirlich den einstigen
Familien»Diamanten. wie die Baronin Angelika sie aus ihres
Gatten Hand empfangen hatte, in keiner Weise gleich; indeß
Eäcilie hatte die alten Brillanten niemals, Vittoria sie seit langer
Zeit nicht mehr gesehen, und Nenatus hatte also keine große
Müihe, es den beiden Frauen glaublich zu machen, das: der ver-
storbene Freiherr während der Kriegsjahre einige der Werih-
stücke verkauft und das; er selbst jetzt den übrig gebliebenen
Brillanten, Behufs der Theilung zwischen seiner Frau und seiner-
Mutter, eine neue Fassung habe geben lassen. Es gewährte
ihm dabei eine Freude, zu sehen, wie wenig Vittoria zur Hab-
sucht geneigt war, wie bereitwillig sie die Hälfte des, wie sie
glauben muste, ihr allein zu Recht gehörenden Schmuckes an
die Schwiegertochter abtrat; und da nebenher auch Cäcilie ein
außerordentliches Vergnigen über den Besiz dieser Diamanten
kund gab, so schlug sich Nenatus endlich die Sorge wegen dieser
nenen und fitr seine gegenwärtigen Verhälmnisse viel zu grosßen
Ausgaben auus dem Sinne. Er tröstete sich damit, das die
Vorsehung, welche ihm so mamnigfache, unerwwartete Hindernisse

L---
bereitet und Prüfungen jeder Art auferlegt habe, ihm doch endlich
auch auuf irgend eine unvorherzusehende Weise zu Hülfe kommen,
daß sie es ihm möglich machen miisse. die guten und fesien
Vorsäze, die er schon in friher Juugzend fisr seine einstige Ehe
gehegt hate, zur Ausfihrung zu bringen, damit cr sich jenes
schöne und wührdige Familienleben auufrichten köne, welches ihm
von jeher als das Ziel vorgescwebt hatle, nach welchem vor
Allem der wahre Edelmann zu streben habe. Daß ihm fir
diesen idealen Ba die beiden Hauptbedinguungen: der feste Boden
gesicherter Vermögensverhältnisse oder die Fähigkeit der zu jeder
Euutbehrung bereiten Selbsibeschränlung, fehllen, daran allerdings
dachie der Freiherr nicht.
Mit seinem Namen, mit seinen Verbindungen und bei seiner
militärischen Stellüg fand er für seine Vorstellung bei Hofe
keine Schwierigkeit; dennoch war der Empfang, welcher ihm und,
seiner Familie in den verschiedenen Hcfstaaten zu Theil ward,
je nach den, in den einzelnen Schlössern herrschenden Gesinnun-
gen und Lebensgewohnheiten, sehr verschiwen. Dasß er von Seiten
der Prinzessin, welche sich zu Hildegard's Beschüzerin gemacht
und deren Gunst Graf Gerhard sich erworben, auf keine gin-
stige Stimmung fir sich rechnen konnte, hatte sich Renatus im
, voraus gesagt. Aber die Gnade, welcher die Gräfin Rhoden
sich von Seiten der Prinzessin von jeher erfreut hatte, machte
es trozdem fir Cäcilie und für ihren Gatten zu einer Pflicht
der Dankbarkeit, die Vorstellung bei der Prinzessin nachzusuchen,
und Renatus, der in dem Negimente diente, dessen Chef eben
der Gemahl der Prinzessin nach dem Kriege geworden war, fand
sich damit ab, daß er wenigstens doch die Zufriedenheit und
Geneigtheit dieses Lezteren besize und es in seiner Gewalt habe,
sie durch die strengste Pinulllichleit im Dienste in immer höherem:
Grade zu verdienen.
Diese Pinktlichkeit im Dienste war es auch, welche den
F. Le wald, Von Geschlehhl zu Geschlecht. 1

-- LPL--
König auf den jungen Major von Arten aufmerksam hatte wer-
den lassen. In der ganzen Garde gab es bei den Cavallerie-
Regimentern kaum eine andere Schwadron, deren Exercitien so
vollendet, in welcher der Mann und sein Pferd so Eins, in der
die Leute eine so in einander gefestete Masse und jeder Knopf
und jede Schnalle so der strengsten Dienswvorschrift ensprechend
gewesen wären, als in der des Majors von Arten. Aber wenn
die Armee und ihre äuustere Siaitlichkeit auuch der Stolz des
Königs und die Freude an der regelrechien, seelenlosen Front
jetzt nach den Kriegen noch mehr als vor denselben seine eigent-
liche Liebhaberei geworden war, so bestimmte doch der strenge,
bis zur Uebertreibung gehende Ordnungssinn des Königs, aus
welchem der ganze militärische Gamaschendienst entsprang, seine
Anschauungen und Ansichten auch nach andern Seiten. Er er-
kannte überall nur mit Widerstreben die Noihwendigkeit oder die
Berechtigung zu einer Ausnahme von der festen Regel an. Feste
Gesetze fir eine möglichst einförmige Menscheumasse, das är
es, was ihm als Jdeal vorschwweben mochte. Er verabscheute
jene Selbständigkeit des Einzelnen, welche sich ihre Lebensver-
hältnisse nach eigenem Vedirfen zu geslalten unternimmt; und
wie er selber einst in seiner Ehe dem Volke nach den zügellosen
Zeiten seineö Vaters ein treffliches Vorbild der guten Sitte ge-
liefert hatte, so verlangte er, daß auch von seiner Umgebung
kein böses Beispiel gegeben, daß der Anstand und die Zucht in
den Familien mit Gewissenhaftigkeit aufrecht und heilig erhalten
und überall dasjenige vermieden werden sollte, was von sich
sprechen machen, was Aufsehen oder gar ein Aergerniß erregen
konnte.
Es waren also nicht eben besondere Anstrengungen dazu
nöthig, den Major von Arten in der guten Meinung des Königs
zu beeinträchtigen. Man bedurfte dazu keiner Künste, keiner
Verleumdung, keiner Unwahrheit, die Sache machte sich ganz

-- L4Z---
von sälbst. Die Prinzessin, welche nach dem frühen Tode seiner
Gemahlin dem Könige nur noch näher getreten war, erwähnte
nur einmal zufällig und bedauernd der armen, guten Gräfin
Nhoden, die uun nach so langer Entfernung von der Haupt-
stadt unter so trauurigen Verhältnissen wieher in dieselbe zurück-
gekehrt sei.
Der König, dessen nach Fürstenweise wohlgeschultem Ge-
dächiniß nicht leicht eine Thatsache verloren ging. von der er
einnal hatte sprechen hören, und der ebenfalls nach Fürstenweise
von den Siadt- und Familiennenigleiten unier der Hand guui
unlerrichtet zu sein liebte, meinte, sich zu erinnern, daß die Tochter
der Gräfin mit dem jetzigen Major von Arten frühzeitig ver-
sprochen worden war; und wie dann eine Frage nun die andere
gab, erfuhr der König alles, was man über die Familienge-
schichte der Freiherren von Arten wußte, vermuthete und fabelte.
Das war aber durchweg danach angethan, dem Könige zu miß-
fallen.
Nicht hibsch, gar nicht hübsch von dem Major, sagte er,
ein Mädchen Jahre lang warten und dann sizen zu lassen!
Auch von der Schwester nicht hiibsch, gar nicht hüübsch!
Er belobte die Prinzessin dafür, daß sie sich Hildegard's
angenommen habe. Müssen sehen, dem Mädchen eine Versor-
gung, einen andern Mann zu schaffen! -- Schade um den
Maor! sonst ein tüchtiger Offizier! fügte er in seiner abge-
rissenen Redeweise noch hinzu und erkundigte sich dann, was
denn aus der Jtalienerin, aus der ehemaligen Nonne geworden
sei, welche der Vater des Majors seiner Zeit aus dem Kloster
entführt und aus Jtalien mitgebracht habe.
Man berichtete dem Könige, daß die Baronin im Hause
ihres Stiefsohnes lebe, daß dieser den Sohn aus seines Vaters
zwweiter Ehe dem Kadettenhause übergeben habe, und wie von
selbst schlossen sich die Erzählungen über die dem Major von
1

----- I- -- -
Arien sicherlich sehr unervariete und unbequeme Ankunft und
über das Erkranken der zum Kalholizismus belehrlen Gräsin.
Haughton an jene Mittheilungen an. Der König, der in seiner
protestantischen Strenggläubigleil den Neligionswwwechsel an sich,
besonders aber den lleberirill von Proiesianien zum Kaiholizismns
ungern sah, schittelte misbilligend das Hauupt.
Könnte auch was Klügeres thun, als die Arten'sche Genie-
Wirthschaft fortzusezen! Schict sich nicht, schickt sich nicht für
einen Offizier! wiederholte er noch einmal, indem er sich erhob,
und das Urtheil üüber die Arien'sche Familie war mit diesen
Worten fir den ganzen Hof nuur noch entschiedener als durch
die Prinzessin auögesprochen. Ner Einer ließ sich nicht davon
bestinnen, nur auf den ältesten Sohn des Königs, auf den
jngen, geistreichen und phantastischen Kronprinzen übte diese
ganze Unterhaltung eine gerade entgegengesetzte Wirkung aus.
Er liebte die Künste und die Wissenschaften, er war ein
Verehrer der alten italienischen Musik, seine Vorliebe für Jtälien
und für die Gebräuuche der kalholischen Kirche war schon damals
eine entschiedene, und es hatte daher eben nur der Erwähnung
bedurft, daß die Baronin Vittoria von Arten eine entflohene
Nonne und eine Meisterin im Vortrage der alten italienischen
Kirchenmusik sei, um dem Kronprinzen das Verlangen nach ihrer
Bekanntschaft einzuflößen. Eine ehemalige None die alten,
tiefsinnigen Melodieen des finfzehnten und sech?zehnten Jahr-
hunderts inmitten der aufgellärten und zumn Theil so nilchternen
Gesellschaft singen zu hören, bot für die Phantasie des lebhaften,
jungen Prinzen einen reizenden Gegensaz dar, und die Er-
scheinung der verwittweten Baronin war wie dazu geschaffen,
die Gerüichte über ihre Vergangenheik zu bestätigen.
Vittoria selber fühlte sich üüberrascht, als sie sich zum ersten
Male in ihrem Leben in der reichen Tracht erblickte, welche die
Etiquetie bei den großen Hoffesten den Eingeladenen vorschreibt.

------ LH - -
Das schwwere Schleppkleid lies: ihre Gestalt gröster erscheinen.
als sie war, ihre Biste, ihr Nacken zeigten noch die vollendeke
Schönheit der italienischen Formen, und was die Zeit ihrem
mächligen Auilize an Frische geraubt hatte, das ersetzte der
Ausdruck ihrer Augen, das vermiste man nichl, wenn die Leb-
haftigkeit des Gespräches ihre Wangen mit jener feinen Nöthe
färbte, welche eben auch nur den Sidländern eigen ist.
Der Kronprinz, der über das Alter Vittoria's nicht unter-
richtet gewesen war, hatte in ihr, wen auch nicht eine alte, so
doch eine wesentlich ältere Frau zu finden erwartet, und er war
daher erstaunt, in ihr noch eine wirksiche Schönheit zu erblicken.
Ihre stolze, edle Haltung gefiel ihm wohl, der weiche, tiefe Ton
und die vollendete Neinheit, mit welchem sie ihre Muttersprache
redete, erfreute sein gebildetes und füür jeden Wohlklang sehr
empfängliches Ohr, und als er dann am dritten Orie Vitoria
einnal mit Cäcilie gemeinschaftlich singen zu hören die Gelegen-
heit gehabt, hatie er seine Freude iber diesen seltenen Genuß
so offen und waruherzig ausgesprochen, daß man überall, wo
man auf die Anwesenheit des Kronprinzen sich Rechnung machen
durfte, die Arten'sche Familie einlud, sicher, den Prinzen durch
den Gesang der beiden Frauen angenehm zu unterhalten.
Plözlich und wider sein Erwarten fand Renatus sich also
auf diese Weise in eine Parteistellung gebracht, die er nicht
gesucht hatte und die er nicht gewählt haben würde, hätte er es
in seiner Hand gehabt, sie nach seinen Wünschen zu bestimmen.
Er hatte sseine Plane auf ein Vorwärtskommen im Militair-
dienste und auf die Anerkennung und Gunst des Königs gebaut;
aber diese letztere ward ihm nicht zu Theil. Es hatie bei der
einmaligen Einladung, mit welcher der König ihn beehrte, sein
Bewenden; auch an dem Hofe der Prinzessin wurden Renatus
und die Seinen nicht in der Weise, wie sie es wünschen mußten, -
aufgenommen; dafür aber empfingen alle diejenigen sie mit

--- ZG--
offenen Armen, welche zu dem näheren Umgangslreise des Kron-
Prinzen gehörten.
Nenatns, der sich den vorsichkigen Itriguen seinör Schwä-
gerin und seines Oheims gegenilber in die Noihwendigleit ver-
setzt sah, sich nach einem Sizpunle und Anhalte umzuihnn,
und der, wie alle leichl besliibaren: Menschen, sehr dazu ge-
eigzueel wwair, dajenigze ls seiie sreie lFmn!schslinsiii nnzz zu le l rnrhlen,
wwas ihu bon der Gewall der Ulntsiände algezwuu igen oder auf-
genöthigt ward, kam dadurch bald dahin, sich zu üüberreden, wie
es fir ihn, wie es fir jeden jungen und vorwärks strebenden.
Mann gerathener sei, sich uit seinen Hofsnungen eineu gleich-
alterigen Firsten anzuschliesten, als deren Erfi:llung allein von
der augenblickltchen Gunst eines ält..--eannes abhängig z
orois As
ois s.ssz-l.--s
machen, und die Fran.-p-=---lh- - dieser Ansicht. Sie
sss fi-
waren beide in ihrem Jnnern herzlich froh, die Gräfin Nhoden
und mehr noch Hildegard und den Grafen Gerhard so viel als
möglich zu vermeiden. .pnen sagte der jingere, lebenslustige
DA.
-äheil der Gesellschaft besser zu, als die ernsthaften Unterhaltungen
aAt
in den Gemächern der Prinzessin, und Renatus, der es in den
auilerieen und in den Sälen der Herzogin von Duras wohl
erlernt hatie, sich in den durch Geist und Amumuth verfeinerten,
Umgangsformen eines gebildeten Hofes mit Leichtigleit zu be-
wegen, fand sich in der Nähe des jungen, immer angeregten,
jedem neuen Eindrucke offenen, leicht bewegten und die Andern'
mit sich fortreißenden Prinzen völlig wie in seinem Elemente.
Es focht ihn schon nach wenig Monaten nicht mehr be-
sonders an, daß sein inneres Zerwürfniß mit seinen und seiner
Gattin Anverwandten Niemandem verborgen war. Er suchte
die Gesellschasi des Grafen Gerhard und die der Gräsin Nhoden
nicht, aber er vermied sie eben so wenig und hinderte auch ihre
Anwesenheit in semnem Hause nicht. Es war ihm sogar nicht
umwillloumen, wenn sie sich überzeuglen, das-=-« heimliche
Nl.- 1


---- Lg?--
Feindschaft ihn nicht beeinträchtigt habe, daß er sich, wenn auch
nicht in der ihren, so doch inmitten der ihm erwünschtesten Ge-
sellschaft viel begehrt, bewege und daß auch ihm die Gunst eines
Mchtigen nicht fehle.
E freute ihn, wenn Hildegard es hörte, wie man Cäci-
liens bliheude Frische, ihren kinblichen Frohsiun uid ihren Ge-
sag lewuuniderle; ee sreuuie ihn. wveun er seinem Oheim und
seiner Scwiegeruuuiler sagen konnte, das; der Kronprinz am
Abend zum Thee bei ihm erscheinen werde, weil man heute
eine alte Messe in seinem Hause singe; und daß die Art der
Geselligkeit, in die Nenaius, wie er sich sagen durfte, fast ohne
all sein Zuthun hineingezogen worden war, ihn zu einem größeren
Haushalte und zu nanigfachen Ausgaben veranlaßte, den zu
führen und die über sich zu nehmen eigentlich nicht in seinen
Absichten gelegen hatte, darüber durfte er sich kein Bedenken
und keinen Vorwurf machen. Er that ja nur, was von einem
Manne in seiner Stellung und in seinen Verhältnissen gebiete-
risch gefordert ward; er that nur, was die Erfahrensten ihm
auf andern Gebieten zu thun stetö gerathen hatten. Er durfte
die Mittel nicht schonen, wenn sie dem richtigen Zwecke galten,
und wie er Rothenfeld und Neudorf hatte verkaufen müssen,
um die Capitalien für den Betrieb der Nichtener Wirthschaft
flüssig zu machen, so mußte er jezt kein kleinliches Bedenken
dagegen tragen, sich ein paar Tausend Thaler, deren er für sein
breiteres Leben durchaus bedürftig war, auf Wechsel zu verschaffen.
Sich einer solchen geringfügigen Summe wegen aus der
Gesellschaft zurüczuziehen, auf die errungenen Vortheile zu ver-
zichten, den heimlichen Gegnern das Feld zu räumen, statt ihnen
die Slirn zu bieten, das hälte gegen alle Negeln der Kriegs-
kunst arg verstosßen; und vollends sich freiwillig aus der Nähe
des Kronprinzen zu verbannen, freiwillig allen den Aussichten
zu entsagen, welche die beginnende Gunst desselben für die Zu-

----- IgS-
kunft verhieß, das wäre, wie Renatus meinte, eine unverant-
wortliche Unklugheit gewesen, eine Unklugheit, deren er, ohne ein
Unrecht an seiner Familie zu begghen, sich nicht schuldigmachen durfte.
Er konnte sich sagen, daß er sich jetzt in völlig geregelten
Verhältnissen befinde. Er hatte ein festes Gehalt, ein sicheres,
wenn auch nuur allmähliches Avancemenl im Heere vor sich, sein
Gui war den Uuständen nach in vortheilhafie Pacht gegeben,
seine Einnahmen waren leineswegs unbeträchtlich. Nur seine
Ausgaben waren allerdings in diesem lezten halben Jahre iber
alles Voraussehen gros gewesen; aber man haite nichl in jedem
Jahre sich nen einzurichten, nichi in jedem Jahre die völlige
Ausstattung für zwei Frauen und für den Bruuder zu beschaffen,
nicht in jedem Jahre sich in der Gesellschaft festzusczen, und so
lange man sich eine so genane und strenge Rechnung legte, als
er es ihat, hatte es nach seiner Ansicht ohnehin mit seinen Ver-
hältnissen nicht das mindeste Bedenken; denn nur die achilose,
die sorglose Wirthschaft war seinem Vater so gefährlich, so ver-
derblich geworden. Und es handelte sich ja nur um wenig
Monate. Schon im Laufe der nächsten Zeit, wenn die Gesell-
schaft aus einander ging, und namentlich in den Sommer-
monaten ließen sich sehr leicht Ersparnisse machen, mitiels deren
das neue, kleine Anlehen zu bezahlen war. Nenatus war deß-
halb ganz unbesorgt. Er hätte es für eine ganz unnöthige
Grausamkeit gehalten, seine Frau oder seine Stiefmutter mit
der Erwähnung dieser Thatsachen in dem unschuldigen und
fröhlichen Lebensgenusse, dem sich beide zum ersten Male über-
lassen durften, irgendwie zu stören. Er hatte sie dazu zu lieb,
der Beifall, den sie ernteten, that ihm selbst zu wohl, und er
fühlte sich auch Man geung, sie, ohne daß sie eiwas davon
ahnten, an solchen kleinen Klippen still vorbei zu fihren.
Häile er über Eleonoren Schicsal nuur eben so ruhig sein
können!
Iaeugugo egwn IwEwwEweAAöewew a-PggAaeagp

Kapitel 18

Ftüünftes Capitel.
Soa haiie während des Krieges an manchem Kranken-
bette gewaltet und gewacht; sie hatte dabei manchem Kummer,
manchem liefen Scherze, mancher Trauer und schwerem Herze-
leid begegnen und es mit ihren Kranken tragen lernen; aber
eine ähnliche Verzweiflung, wie sie sich in Eleonorens Fieber-
phantasieen kundgab, war nie vor ihr laut geworden, und nur
in den traurigen Erinnerungen an ihre eigene Jugend fand sie
die Kraft, deren sie an diesem Krankenbette bedurfte.
Viele, viele Tage vergingen, ohne daß Eleonore zu irgend
einem klaren Bewußtsein gelangte. Sie hatte in den letzten
Monaten so viel, so Gewaltiges erlebt, so gkoße Erschüütterungen
durchgemacht, daß alles, was ihr begegnet war und was ihr
augenblicklich begegnete, sich bei ihrer Schwäche in ihren Träu-
men und Fieberphantasieen durch einander wirrte. Bisweilen
meinte sie in ihrem Schlosse zu sein und beschwerte sich darüber,
daß man ihr Zimmer so verändert habe; dann wieder glaubte
sie sich in Nom in einer Klosterzelle, und als sie eines Tages
in zufälliger Bewegung mit ihren Händen nach dem Haupte
faßte und die Fille des Haares vermißte, das man ihr auf
des Arztes Anordnung während ihrer Krankheit abgeschnitten
hatte, rang sich der laute Aufschrei: ,Es ist vollbracht!' aus
ihrem Herzen empor, und sich weit über ihr Lager hinausbengend,
uuschlang sie Seba's Leib mit ihren Armen, und ihr Antlitz
auf den Knieen ihrer Pflegerin verbergend, weinte sio bitierlich.

--- L0---
Mit der leidenschaftlichsten Sehnsucht rief sie nach dem
Abbs und verlangte doch, daß man sie vor ihm beschützen solle.
Sie beschwor dann Seba, mit ihr auus den engen Mauern dieses
Klosters zu enkfliehen, heimlich mit ihr forlzugehen aus dem
fremden Lande und sie nach ihrer Heimath zu bringen, unter
den Schatien ihrer eigenen Bäuume, an das Ufer des Flussos,
der durch ihre Wiesen floß. Sie nannte sich bald eine mächtige
Könüigit, hald eine Gefangene.
Wer darf mich halten? Wer hat Gewalt iber mich, went
ich frei sein will? rief sie in wilder Hefiigleil und flehte im
nächsten Auugenblicke, daß man ihr ihre Seele wiedergeben solle,
damit sie nicht wie ein Schemen unter den Menschen uuherzu-
irren brauche. Das Fieber war im Abnehmen, aber die Vor-
stellungen der Kranken Lieben verwirrt, und die Besorgniß,
daß eine dauernde Störung der Denkkraft zurückbleiben könne,
hielt diejenigen, welche an dem Schicksale Eleonorens Autheil
nahmen, in angstvoller Spannuung.
Paul und Davide sahen es mit Sorge, wie Seba in der
Frühe das Haus verließ und erst am Abende spät und ermüdet
von der Kranken wiederkehrte; aber sie wußten es, daß es ver-
gebens sein wülrde, sie von den Liebeswerken abzuhalten, die sie
als ihre Lebendanfgabe betrachtete.
Ihr braucht mich nicht, sagte sie mit ihrer sanften Nuhe,
wenn ihre Pflegekinder ihr doch bidweilen die Vorstellung zu
machen versuchten, daß sie sich ihnen nicht so ganz entziehen,
daß sie an sich selber denken, sich schonen solle. Ihr braucht
mich nicht, denn Ihr seid glicklich. Ihr kenut Euuren Weg und
Euer Ziel; dort aber ist ein armes, völlig verirrtes Geschöpf.
Wie sollte ich anstehen, ihm die Hand zu bieten, damit es nicht
verloren geht? Wer wie ich sein eigenes Leben durch seine
Schuld nicht zur reinen Schönheit gestalten, nicht zu einem in
sich selbständig vollendeten machen konnte, der muß es fir Andere

zu verwerkhen und nützlich zu machen suthen; und Ihr wißt es
ja, ich finde darin ein groses Glick. Velleicht trägt die Natur
den Sieg davon, vielleicht erhalten oit Eleonore dem Leben,
vielleicht kann man sie sich selber wiedergeben. Sie ist so jung,
sie ist ohne Lebe auferwwachsen, und sie ist so schön! füügte sie
dann sieis hinzu und giug voll hosfender Beharrlichleit immer
wieder an das Krankenbett zurück.
DaK Jahr war sasl zu Eie, ehe Eleonore auch nur zu
fragen anfing, wo sie sich befinde oder wer die Fremde sei, die
neben ihrer alten englischen Amme an ihrem Lager weile; und
noch eine geraume Zeit verging, ehe sie zusammenhängend über
sich zu denken, ehe sie ihre Gedanken wieder mitzutheilen im
Stande war.
Was der Beobachtung Seba's zuerst auffiel, war, daß
Eleonore zwar an jedem Morgen und an jedem Abende mit
tiefer Jnbrunst betete, daß sie sich aber nie des Kreuzes dabei
bediente, welches sie an einer goldenen, zugelötheten Kette an
ihrem Halse trng; und die Sone schien schon wieder frühlings-
warm auf die Erde herab, als die Genesende sich eines Tages
erkundigte, ob es ihr geträuumt habe, daß der Freiherr von Arten
bei ihr gewesen sei, als sie erkrankt war.
Man sagte ihr, das; ihre Erinnerung sie nicht täusche.
Sie wollte wissen, weßhalb er nicht wiedergekommen sei. Als
man ihr das Verbot des Arztes, irgend Jemanden zu ihr zu
lassen, vorhielt, erkundigte sie sich, ob Seba vielleicht den Frei-
herrn kenne.
Er hat mich zu Ihnen geholt, mein Kind, antwortete
ihr diese.
Sind Sie mit ihm verwandt? fragte Eleonore.
Nein, aber seine Mutter war meine Freundin, und als
ich jung war, wie Sie jezt, habe ich seine Mutter, die auch
viel Kummer hakte, in meinem Vaterhause lange gepflegt.

. ezr. eh
Eleonore gab sich damit zufrieden. Matt, wie sie es war,
gehörten nur wenig Vorstellungen dazu, sie eine geraume Zeit
zu beschäftigen, und erst nach langem Schweigen richtete sie sich
ein wenig in die Höhe und sprach: Sie sagten, die Mutter des
Freiherrn von Arten habe auch viel Kummer gehabt; Sie wissen
also, daß ich Kummer habe?
Ihre Worte, Ihre unbewußten Klagen haben es mir ver-
ralhen, euigegnele ihr Seba; aber sorgen Sie Sich nicht darum.
Was ich vernommen habe, hat mir Mitleid mit Ihnen, hat
mlr Liebe siir Sie eingeslösil, und eC isl bei mir wohl aus-
gehoben.
Sind Sie katholisch? forschle Eleonore weiter.
Nein, ich bin eine Jidin, antwworteke ihr Seba.
Eleonore sah sie ungläubig und wie erschreckend an, und
als mache sie sich diesen Blick zum Vorwurfe, ergriss sie plözlich
die Hand ihrer Pflegerin und küßte sie zu wiederholten Malen.
Seba hinderte sie nicht daran. Alles, was sie während Eleonorens
langer Krankheit von Renatus über die Vergangenheit dieses
Mädchens erfahren, alles, was Eleonorens Amme ihr über die
Vorgänge in Haughton Castle gesagt, hatte Seba überzeugt, daß
Eleonore einer völligen Umgestaltung ihres ganzen Wesens be-
dürftig sei, wenn sie nicht aus Verzweiflung über sich selber
untergehen solle; und wie man ein Kind langsam und allmählich
auf die Begriffe hinfihrt, die man ihm zu geben wünscht, wie
man es so leitet und führt, daß es sehen muß, was man es
sehen lassen will, so langsam und so vorsichtig leitete Seba die
Gedanken ihres neuen Pfleglings auf den Pfad, auf welchem
sie Heilung und Nettung für Eleonore finden zu können hoffte.
Weil sie selber sich gewöhnt hatte, das Leben eines Menschen
in seinem ganzen Znsammenhange zu betrachten und Ursache
und Wirkung einander gegeniber zu stellen, hatte sie die Kunst
erlernt, sich es in den meisten Fällen klar zu machen, durch

ezr D
welche Umstände ein Charakter sich eben so und nicht anders
gebildel habe. Noch ehe also ihre Kraunke im Slande war, sich
über sich selbst auszusprechen, wßte die feinsinnige Pflegerin,
was Eleonoren von Jugend auf gemangelt hatte, und sann
darüber in stillem Herzen nach, wie sie diesem auf den reichen
und prächtigen Höhen des Lebens geborenen und erzogenen
Mädchen den Segen zuwenden könne, der in der Hütte des
Armen dem Einde selten fehlt -- den Segen der selbsilosen
Liebe, die selbstlos lieben lehrt.
leuore hulie ihre Muller nichl gelauni, ihr Valer, der
Marquis von Lanzun, wwar nicht der Maunn gewesen, einem
Kinde duurch seine Hingebung die Mutterliebe zu ersetzen, und
Arabella Warell, zu deren tccngen Gruundsätzen und zu deren
starkey; Verstande Eleonoren's Mutter mit Recht ein großes
Verirauen gehegt hatle, war sellst eine Waise und in der Er-
ziehung ihres Pfleglings von dem Gedanken geleitet gewesen,
daß sie das verwaiste Mädchen vor allen Dingen dahin gewöhnen
und bilden niüsse, in sich selbst beruhen und den nachtheiligen
Einflüssen widerstehen zu lernen, welche ihm von Seiten der
Herzogin schon frühe drohten. Mit bewußter Absicht hatte ihre
Erzieherin die junge Gräfin mißtrauisch gegen ihre Tante und
gegen die Freunde derselben gemacht. Mit Geflissenheit hatte
sie das ohnehin sehr selbstgewisse Mädchen darauf angewiesen,
nur seinen eigenen Eingebungen, nur seinem eigenen Verstande zu
folgen, und die glänzende Ausnahmestellung, in welcher Eleonore
sich befand, die unausgesetzte Bewunderung und Huldigung,
welche ihr von den Männern seit ihrem ersten Auftreten in der
Gesellschaft dargebracht wurden, hatten die junge Gräfin mehr
und mehr dazu verleitet, nichts hu begehren und zu bedürfen,
als immer neue Nahrung fir ihre eitle Selbstgenülgsamkeit,
immer neue Befriedigung fiir ihren ungemessenen Stolz.
Ihre Erzieherin war in Folge einer Herzensiäuschung un-

--- B54-- --
vermählt geblieben, . wie sie, um sich fitr den Irrthum ihrer
Jugend zu besrafen, sich eben deßhalb zu einer unerbitilich
scharfen Beobachterin gemacht hatte, war auch Eleonore durch
sie gewöhnt worden, an die Menschen, und namentlich an die
Männer, ideale Maßstäbe anzulegen und schonungslos über sie
abzuurtheilen, wo sie diesen Masßstäben nicht entsprachen. Fräu-
lein Warwell hatte gewünscht, Eleonore vor dem Mißgriffe zu
bewahren, den sie seller eiusl begangen, al sie in eiemn ge-
ringen und unbedeutenden Manne die Eigenschafien zu finden.
geglaubt hatte, die sie in ihrem Gatten sich ersehnte; und alles,
was sie für ihre Pflegebefohlene damit erreichte, war die Er-
weckung des Glaubens gewesen, daß kaum ein Mann es werth
sei, von einem edeln, reinen Frauenherzen mit voller Hingebung
geliebt zu werden, daß nur selten ein Mann es verstehe, den
Werth einer großen weiblichen Seele und das Opfer ihrer Hin-
gebung zu wülrdigen, und daß es das höchste, ja, das einzige
Gllck des Weibes sei, den Mann zu finden, den es in A
wunderung lieben, den es über sich stellen könne, während er
in jedem Augenblicke wisse, was diese freiwillige Unterordnung
des Weibes von ihm fordere und ihm auferlege. Mitten in
einer auf den äußern Lebensgenuuß, auf Befriedigung ihres welt-
lichen Ehrgeizes gestellten Gesellschaft hatte Eleonore einsam da
gestanden, in hoher Selbstüberschätzung von dem Leben die Ge-
währung und Erfüllung ihrer idealen und überspannten An-
sprüche erwartend, nach Liebe dürstend und doch in keiner Weise
darauf vorbereitet, sich gn die Liebe liebend hinzugeben.
So hatie der Abbä sie gefunden, und entschlossen, sich ihrer
für seine Kirche zu bemächtigen, hatte er das traurige Werk
ihrer Erzieherin vollendet, Eleonore ganz abzutrennen von dem
Zusammenhange mit ihrer Umgebung, nm sie sich desto leichter
aneignen zu können. Das; seine Schönheit, seine persönliche
Bedeutung Eleonorens Liebe für ihn erweckten, hatie er früh

---- S0H --
geseg.t, früh zu benuzen gewußt; selbst e Leidenschaft, die in
ihm fiir die Gräsin erwwacht war, hatte er seinen Zwecken dienstbar
gemacht. Es hatte ihm das wollüstige Entzücken der Herrsch-
sucht und den Genuuß gewährt, den men empfindet, wenn man
sich seinem Ziele nahe sieht, als er Eleonore, Dank seinen Rath-
schlägen, vom Hofe verwiesen, von dem Freiherrn, dem sie sich
angetragen, verschmäht, völlig vereinsamt gefunden hatte; und
erst ald sie, ausgegelen auch von der Geseslschast ihres Heimath-
landes, sich hilferufend an ihn gewendet, war er vor ihr er-
schienen, erst da hatie er das Kreuz mit dem Bilde des Gekreu-
zigten vor ihr erhoben und es ihr als die Zufluchtsstätte dar-
geboten, in der er und sie sich' begegnen, er und sie sich in einer
ewigen und ausschließlichen Liebe zusammenfinden konnten.
Nicht aus Ueberzengung, nur aus Leidenschaft für den
Geliebten war Eleonore zu der katholischen Kirche übergetreten;
nicht eine Befriedigung ihres Herzens, nicht eine neue Beseligung
hatte sie in dem Anschlusse an den Katholizismuus gesucht, sondern
nur ihn, den Geliebten, der in diesem Gluuben seine Welt zu
haben behauptete, ihn, der ihr verheißen hctte, sich nie von ihr
zu trennen, wenn sie ihn zu suchen käme, wo er seines Lebens,
seines Geistes, seines Wirkens Heimath habe. Und als sie nun
zu seiner Kirche sich hingewendet, da hatte er sich ihr entzogen,
da hatte er das junge Weib, das man gewiegt hatie mit allen
Ansprüchen auf der Erde höchstes Glück und das sich in der
Lage wußte, es einem geliebten Manne und sich selbst in jedem
Augenblicke bereiten zu können, von sich geftoßen mit der grau-
samen Lust der Willtür, der einzigen Freiheit, die sein Eid
ihm gönnte.
Ich muuß Dich fliehen, denn ich liebe Dich! hatte er ihr
gesagt. Willst Du mich wiedersehen, willst Du mich nicht ver-
lieren, so muust Du alles daran setzen, wa Du hasi und bist,
so musgt Du der Welt entsagen, wie ich es gethan habe, und

- ZG--
eines unlöslichen Schwures Schranken müssen aufgerichtet
werden zwischen uns, zwischen mir und Dir, denn wir sind
Menschen!
Eleonore hatte ihm auch diesen Schwur geleistet! Was hätie
ihre Liebe dem Abgotie ihres Herzens versagen könen, so lange
er an ihrer Seite war, so lange sein Blick, sein Wort sie be-
herrschten und in ihre Bande schlugen? Aber die Lebenslust in
ihr war zu -umächlig. Ihre Jngend, ihhre Schönuhseit in der Ge-
fangenschaft eines Klosters verblilhen zu lassen, der Heimalh,
dem Ahnenschlosse ihrer Väier und vor Allemu der löniglichen
Freiheit zu euisagen, deren sie sich iheilhaftig gewuusst und ge-,
fühlt seit ihrer frühesten Kindheit an, das war iber ihre Kräfte
gegangen. Auf ihren Knieen hatte sie den Abbä beschworen,
sie von der Erfillung des Eides zu enibinden, den er ihr auf-
erlegt; mit inbrünstiger Liebe hatie sie von ihm begehrt, sich
begniigen zu lassen mit ihrem Gelöbnisß, das; sie niemals einem
Andern angehören wolle, und ihr Leiter und Führer zu bleiben
in der Welt und in der Freiheit, denen zu entsagen sie sich
nicht entschließen konnte. Sie hatte lein Gehöc bei ihm gefunden.
Voll Mißtrauen in die Zulänglichkeit der eigenen Kraft, mit
dem festesten Glauben an die Gewalt von Eleonorens Liebe hatte
er sie verlassen - sicher, daß sie ihm folgen werde, wohin er
immer gehe, bis er sie hingeführt haben würde zu dem Aliare,
auf dem sie ihre Zukunft opfern und sich und ihren reichen
Besiz der Gemeinschaft einverleiben sollte, der er angehörte, und
deren Unerbittlichkeit er sich verfallen wußte, wenn er ihren Er-
wartungen nicht entsprach, wie er's verheißen, wie man es von
ihm erwartet hatte.
Seine Berechnung hatte ihn auch nicht getäuscht. Wie von
einer Naturgewalt gezwnngen, war Eleonore ihm nach Deutsch-
land nachgeeilt, und noch einal hatte er sich von ihr entfernt.
Noch eiumial hatie sie erleunen müüssen, das; leine Gmnade von

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ihm zu hoffen sei, und überwältigt von der Größe ihres inneren
Kampfes war sie zusammengebrochen, ihrer selbst nicht länger
mächtig.
Es war Herbst gewesen, als die Krankheit sie ergriffen, das
Bewußtsein sie verlassen hatte; nun war es Frühling geworden.
In einfacher Umgebung, unbewundert, von Niemandem bean-
sprucht, fremd und in der Fremde, hilflos wie ein Kind, so
lag sie ba, uugh hie warmenn Smneusiruhslen, die auus dest Wünnden
wie die rieselnden Wellen eines lichten Skromes hin und wieder
slossen, waren ihres Auuges stille Frenude. Sie war zufrieden,
das; sie dieselben sehen lonnte, daß sie noch athmete, daß der
Erde dunkler Schooß sie noch nicht umfing.
' Eines Morgens, als die Sonne auch wieder freundlich in
ihr Zimmer schien, trat in der Frihe Seba bei ihr ein und
legte ein paar Veilchen auf ihr Lager. Es sind die ersten
unseres Gartens, sagte sie. Meiner Pflegetochter Söhnchen hat sie
gepflückt und sendet sie Ihnen mit einem schönen Guten Morgen.
Eleonore nahm die Veilchen in die Hand; ihr Duft, ihre
Form, ihr ganzer Anblick schienen ihr wie neu. Sie drückte sie
an ihre Lippen und die Thränen traten ihr in die Augen.
Seba fragte, was sie so bewege.
Es rührt mich, antwortete ihr Eleonore, daß hier in der
Frende Blumen fir
sie für mich pflckt.
mich wachsen und baß ein fremdes Kind
Lieben Sie die Kinder?
Welche Frage! rief Seba. Wer sollte den Frühling, wer
sollte die Hoffnung nicht lieben? In tiefster, eigener Entmuthi-
gung hat die Beschäfiigung mit Kindern mich aufgerichtet, und
noch heute, wenn ich mich niedergeschlagen fühle, brauche ich nur
auf die schöne Zuversicht hinzublicken, mit welcher die Kinder
in das Leben schauen, um zu begreifen, daß schon in dem bloßen
Wollen, Streben, Hosfen ein Gllck verborgen liegt Und nun
vollends der Gedanle, wie leicht man solch ein Kind erfreuen
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1.
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kann! Diesen holden, genügsamen Geschöpfen gegeniber besitzen
wir ja eine wahrhaft göitliche Allmacht!
Eleonore seufzte und kaum hörbar sagte sie: Ich habe nie
ein Kind bei mir gehabt, nie mit einem Kinde gespielt, und
keinem Kinde je etwas zu Lieb gethan.
Armes Mädchen, sagte Seba, Sie sind eben einsam und
ohne Liebe groß geworden; Sie werden viel nachzuholen haben,
wenn Sie erst genesen sind!
Eleonore schüttelte traurig das schöne bleiche Haupt, Seba
brach von dem Gespräche äugenblicklich ab; indes Eleonore blieb
fort unnd sorl mnil dem Gedanlen an den Kmiaben, der die Blumen
fir sie gesendet hatie, beschäftigt. Sie wollte wissen, wie alt
er sei, sie wollie, das; Seba ihr beschreibe, wie er aussehe, und
als diese von ihhrer llhsrkelle die Kussel lo slösle, in welcher sie
das Miniaturbild ihres Lieblings trug, konnte Eleonore sich an
dem blonden Lockenkopfe und an den hellen, braunen Augef des
Kindes gar nicht satt sehen. Sie fragte nach des Knaben
Mutier, nach seinem Vater, nach Seba's Verwandtschaft mit
ihnen, nach ihrem Thun und Treiben, und Seba konnte es be-
merken, wie die schlichte Darstellung dieses gesunden und be-
gliickten Familienlebens die junge Gräfin, als etwas ihr völlig
Unbekanntes, anzog und bewegte.
Am Abende, da Seba sie, wie immer, verlassen wollte,
hielt Eleonore sie zurück. Sie schien etwas auf dem Herzen zu
haben und Schen zu hegen, es zu offenbaren. Endlich, als
Seba sich erkundigte, ob sie irgend etwas wünsche, was sie ihr
gewähren könne, fragte die Genesende: War meine Krankheit
von der Art, daß meine Nähe Andern Nachtheil bringen konnte?
Ist eine Ansteckung für diejenigen zu befürchten, die mich jetzt
besuchen?
Seba verneinte es auf das bestimmteste. Da richtete sich
Eleonore auf, ergrif die Hände ihrer Pflegerin und sagte: Sie

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haben so viel fir mich gethan; Herr Tremann und seine Frau
haben mir so großmithig durch alle diese langen Monate Ihre
Pflege gegönnt, bitten Sie sie -- Aber es war, als halte eine
unbesiegliche Scheu sie von dem Aussprechen des Wortes zurück.
Sie verstummte plötzlich, und erst als Seba ihre frühere Frage
wiederholte, sagte Eleonore, während ein flichtiges Roth ihre
eingesunkenen Wangen färbte und ein verschämtes Lächeln ihren
schönen Mund umspielte: Wenn es ihm nicht schadet, wenn es
ihm gar nicht schadet, und wenn seine Eliern ihn mir einmal
senden wollen-- bringen Sie mir den Knaben mit!
Manu hatie keinen Grund, ihr die Erfillung dieses Wunsches
zu verweigern, und Davide war so stolz auf ihres Knaben
Schönheil, das; sie sich ein Fest darans machie, ihn auch von
Amiern lewuunuderi zu sehhenn. Schn am nächsien Tage also
führte Seba ihn der Kranken zu. Der Kleine war keines der
Kinder, die durch eine fremde Umgebung befangen werden. Wo
er nur einen der Seinen bei sich hatte und man ihn gewähren
ließ, war er zu Hause oder sezte er sich mit seinen schnellen
und bestimmten Fragen doch sehr bald zurecht.
Eleonore, die des Deutschen nur wenig mächtig war, verstand
den Knaben kaum, der noch unzusammenhängend sprach, aber
sein bloßes Dasein war ihr eine Freude. Sie vergaß sich völlig,
wenn sie zusehen konnte, wie er sich tummelte, sie strengte sich
an, zu errathen, was er wolle, sie ließ aus ihren Koffern hervor-
holen, was ihn freuen, ihn einen Augenblick beschäftigen konnte,
und wenn es geschah, daß der Knabe sich mit einem Worte,
Fmit einem Verlangen an sie wendete, wenn es ihr gelang, ihn
Feben sich festzuhalten, so glänzte ein Ausdruck des Vergnügens
in ihren Augen, der Seba rührte, weil er bei Eleonoren fast
Hedes Mal der Vorbote eines Seufzers und jener Schwermuth
wwurde, die sie bis dahin nicht verlassen hatte.
-' Kein Tag verging jeitdem, ohne daß man ihr den Knaben
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brachte,, bald lonnte auuch Davide mit ihm bei Eleonoren ver-
weilen, und man konnte daran denken, die Genesende an einem
warmen Mittage in den Tremann'schen Garten fahren zu lssen,
damit sie in Nuhe und Stille sich der Luft erfreue. Die ver-
schiedenen Familienmitglieder leisteten ihr dabei abwechselnd Gesell-
schaft. Man holte ihr, weil sie es wünschte, das Töchterchen
herbei, welches Davide ihrem Manne im Laufe des Winters
geboren hatte, und obschon Eleonore noch sehr matt war, ver-
langle sie, das; man ihhr den Säugling geben, das: man das
schlafende Kind auf ihren Knieen ruhen lassen solle. Sie sagle
nicht, waö in ihrem Herzen vorging, aber es war fiir die sie
beobachtende Familie kein Näthsel. Man lies; sie still gewähren,
sie war Allen bereits werth geworden.
Davide, deren Mutterherz sich zu Eleonoren um der Liebe
willen hingezogen fühlte, welche diese ihren Kindern entgegen-
brachte, that schon nach wenig ,agen ihrem Gatten und ihxer
Pflegemuiter den Vorschlag, das man die Gräfin ganz in ihr
Haus übersiedeln möge, wo sie besser als in dem Gasthofe auf-
gehoben sein würde; indeß wider ihr Erwarten wies Paul vor-
läufig diesen Vorschlag noch zurück, und zu noch größerem Er-
staunen der jungen Frau stimmte Seba ihm in seiner Meinung
bei, daß es noch nicht an der Zeit sei, Eleonore von dem trau-
rigen Gefühle ihrer Vereinsamunng zu befreien. Sie waren beide
der Ansicht, man misse der Gräfin Zeit zur Einkehr in sich
selber lassen. Daß sie es bereue, zum Katholizismus über-
getreten zu sein, daß ihr Freiheitssinn vor dem Eide zurückschrecke,
mit dem sie sich vor dem Abbb gebunden haiie, und das mit
der beglückenden Empfindung des Genesens ihr Widerwille gegen
den Eintritt in ein Kloster nur gewachsen set, davon hatten vers
schiedene, ganz beiläufige, ganz unwillkürlich gethane Aeußerungen
der jungen Gräfin Seba iberzengt. Es gab sich fast bei jeden
Anlaß kund, wie schwer Eleonore es fühle, den alten Anhalk

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ihres Daseins verloren und keinen neuen, ihr genügenden dafisr
gefunden zu haben.
Als Seba ihr angeboten, Miß Warwell jerbeizurufen, hatte
die Genesende dies abgelehnt. Ich habe mich freiwillig ron ihr
geschieden, sagte sie, und ihre in jedem Betrachte unduldsame
Strenge kann und wird mir nicht verzeihen, was ich gethan
habe. Sie ist abhängig von ihren vorgefaßten Meinungen, ab-
hängig von Neberzeugungen, die sie auf Treu und Glauben
angenommen hal, alhüiigig auch vor allei: Diugen von der
Ansicht und dem Urtheile ihrer Umgebnng. Ic habe mich los-
gesagt von ihr, mich abgeschworen von ihrer Kirche, ihre Gesell-
schaft hat mich auögestoßen: ich bin fir sie nicht mehr vorhanden!
Und mit einer Bitterkeit, welche sich oftmals in Eleonorens Worten
zeigte, sezte sie hinzu: Ich wollte ja frei sein! Nun bin ich fcei.
frei wie der Vogel in der Luft! Wen kümmert es, wohin er
zieht und wo er endet?
Bisweilen fragte sie, ob Briefe für sie angekommen wären.
Aber sie schien zufrieden, wenn man es ihr verneinte. Merkte
sie dann, daß dies ihren neuen Freunden auffiel, so äußerte sie,
,gleichsam sich entschuldigend, sie habe Nuhe nöthig, sie müsse sich
, erst wieder daran gewöhnen, daß sie weiter leben solle. Und
, als Paul, dessen männliche Bestimmtheit von dem ersten Augen-
-blicke an einen guten Eindruck auf sie machte, sie nach einer
ßsolchen Aeußerung einnal fcagend ansah, sprach sie: Ich habe
hzu sterben geglaubt und war damit zufrieden; denn was soll ich
,noch im Leben und in einer Welt, der nicht mehr anzugehören
fich geschworen habe? Und doch liebe ich noch diese Welt, doch
ßfreut mich noch die Luuft und das Licht, doch enhzückt mich das
fächeln Ihrer Kinder, und ich könnte weinen über die Güte.
Pie Sie Alle mir beweisen; vor Schmerz und vor Freude
T ? = =- =. = === = sn=

Oc H
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Als ihre Kräfte gewachsen waren, verlangte sie nach Re-
natus. Sie wollte ihm danken fir all das Gute, welches ihr
durch seine Vermitilng während der langen Leidenszeit zu Theil
geworden war; aber das Wiedersehen that weder der jungen
Gräfin, noch ihrem Freunde wohl. Sie louuien sich nichi in
einander finden.
Ist das die strahlende Eleonore? Ist dieses Mädchen mit
den sanften, hülfesiichenden Auugen das königliche Wesen, dem
meine Huuldiguung sich kauum zu nahest wagle? sragle Renaius
sich in seinem Innern, und es war ihm, als habe er die Gräfin
in einer ihr feindlichen Verzaunberung vor sich, da ihr die siolze.
Umgebung fehlte, in der er sie bisher zu sehen gewohnt ge-
wesen war.
Er hatte Mitleid mit ihr, aber er schämte sich fast der
anbetenden Epfindung, mit der er einst zu ihr emporgeblickt,
und sie hinwiederum hatte ihre gegeuwärlige Lage nie schserer
als in des Freiherrn Gegenwart gefihlt. Sein Bedanern that-
ihr wehe.
Sie hätte den Freiherrn bitten mögen, sic zu meiden, häite
sie nicht gefiirchiet, den Schein der Undaulbarleit oder den der
Feigheit auf sich zu laden. Sie ließ es also geschehen, daß
Nenakus, um sich und Eleonore vor den Mißdeutungen der gegen?
sie erregten übelvollenden Neugier zu bewahren, auuch seine Frau!
und seine Stiefmutter zu ihr brachte. Aber auch an dem Bei?
sammensein mit diesen beiden Frauen fand Eleonore kein Ge-!
fallen. Sie konnte die Stunde nicht vergessen, in welcher sies
sich dem Freiherrn zur Gattin angetragen hatte. Sie nannke?
es in ihrem Herzen eine durchaus berechligte That, daß er sej
zurickgewiesen hatte; dennoch vermochte sie die Mißempfindung!
gegen die Frau, um derentwillen sie, wie sie glauben mußteF
verschmäht worden war, in sich nicht zu besiegen. Die Zuvor
komumuenheil, mii welcher Eellie ihr begeguele, lau ihr erklinstelß!

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vor und war es auch zum Theil, und die Erzählungen aus der
Gesellschaft, durch welche sie und Vittoria die junge Gräfin zu
unierhalten strebtent, hailen keinent Neiz fitr diese leztere. Eleonore
dachie nich daran, an diesem Hofe zu irscheinen. Die Namen
der Personen, auuf deren Guist oder Uuguust die Gattin und
die Stiefmutier des Majors von Arlen Gewicht zu legen hatten,
waren fitr Eleonore Haughton ohne jegliche Bedeutung, und schon
-uach wenigen Besuchen bei der Kranlen hrauchte Nenatus es
seier juungen Gal!in nichl mehr zuu versichern, das: er Eleonore
zwar bewundert, aber nicht geliebt habe, daß er sie niemals
häite lieben löunen und das: sie iberhauht in ihrer Herzenslälte
ihm nichi fie die Lebe, nicht fir die Ehe geschaffen zu sein
scheine. Wurde doch Eleonore selber oftmalä an sich irre, wenn
sie es ihren Pflegern anözusprechen wünschte, was sie finn sie
fihlte, und wenn sich ihr das Wort, das sie von früüher Juugend
an uit seliener Gewalt bemeistert hatie, jetzt versagte, wo cs sie
drängte, sich ihnen zu erschliesßen und sich ihnen hinzugeben.
Was können wir fir sie thun ? fragte Seba oftmals, wenn
sie und die Ihren das innere Ringen und Käpfen in Eleonorens
Seele wahrnahmen. Soll man so viel Schönheit, so viel Gaben
in Einsamleit verloren gehen lassen? Oder wwie soll man es be-
ginnen, sie mit dem Verstande einsehen zu lassen, was sie ahnend
fihlt: daß sie verloren ist, wenn sie ihrer eigensten Natur ent-
gegenhandelt?
Paul hörte diese Klagen, in denen Davide mit Seha steis
zusammentraf, mit jenem zuversichtlichen Gleichmuthe an, der
ihn fast nie verließ. Auch er hakie Theilnahme für Eleonore
gewonnen, und es waren nicht nur ihre Schönheit, ihre Jugend
und ihr Mißgeschick, welche sie in ihm erregten. Sie ist eine
Kraft, sagte er einmal, aber eine Kraft, die sich noch nicht zu
würdigen weiß. weil sie sich überschäzt. De.n Tode ist ste jetzt
entrissen; ob sie dem Leben zu gewinnen ist, das steht dahin.

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Ihre Gesundheit ist Wachsen, sie bedarf Eurer nicht mehr
wie sonst, überlaßt sie jezt sich selbst.
Und soll es sie ermuthigen, wenn wir, denen sie ihre Nei-
gtng zugewendet hat, uns ihr entziehen? Soll sie, die ohnehin
der übeln Erfahrungen so viele schon gemacht, auch an uns irre
werden, an deren uneigennützige Freundschaft zu glauben ihr
offenbar so wohl thut? wendete Davide ein, deren sanfte Seele
doppelt für die Gräfin sorgte, weil sie neben Eleonorens Ver-
einsamung ihr eigenes Familienglick noch lebhafier empfand.
Paul zog die geliebte Frau in seine Arme. Kennst Du
die Macht der Gutbehrung und der Trennung nicht, obschon wir
lange Jahre von einander fern gewesen sind? fragte er sie, oder
soll ich, dem ihr es immer vorwarst, das; er von den mannig-
fachen Wahrheiten, die in der Bibel enthalten sind, zu wenig
weiß, Euch an ihre Lehren mahnen? Soll ich Euch erst daran
erinnern, dasß nur dem Bittenden gegeben, nur dem Anklopfenden
aufgethan werden soll? Sie mus hungern und durslen nach der
wahren Liebe, ehe sie derselben mit Segen theilhaft werden kann.
-- Das Leben hat diesem Mädchen Alles, ohne sein Zuthun,
gewährt. Es hat des Wünschens kaum bedurft, es hat das
Verlangen, das Entbehren, das Ringen und das Kämpfen um
die Befriedigung eines Bedürfnisses nie gekannt, und kein Mensch
gedeiht, wenn er den eigentlichen Bedingungen des Daseins in
solcher Art entzogen wird. Auch jezt wieder ist Eleonoren unsere
Theilnahme geworden ohne all ihr Zuuthun, ohne ihr Verdienst!
O, rief Davide, fiihlt sie das denn nicht?
Was will das sagen ? entgegnete Paul. Sie genießt das
Gute, das sich ihr bietet, aber es dünkt sie natürlich, daß man's
ihr gewährt, daß wir es ihr leisten. Sie ist an mich empfohlen,
sie ist jung und schön und reich, und der Freiherr von Arten
war bei uns noch außerdem ihr Bürge. Laßt es sie empfinden,
daß es freie Dienste sind, die sie empfängt.

Kapitel 19

Sechstes Capitel.
yald näch der Anluuft Eleonoren's, nur wenige Tage,
nachdem er Seba's Beistand für sie erbeten, hatte Renatus seine
Frau und seine Stiefmutter in das Tremann'sche Haus geführt.
Weil er damit in sich eine Selbstiberwindung vollzogen und in
seiner Frau Familie desßhalb Widerstand gefunden hatte, war
er des Glaubens gewesen, auf Tremann und die Seinigen
jedenfalls einen sehr bedeutenden Eindruck durch seinen förn=
lichen Besuch hervorbringen und in der Art des Empfanges die
Anerleunung fiür diese seine Leistung finden zu müssen. os
g.is
dieser Erwariung halte er sich jedoch geiäuscht.
In dem reichen und angesehenen Kaufmannshause waren
Besuche von Fremden an und für sich kein Ereigniß, auf das
man irgend ein Gewicht legte. Paul's frhe Bekanntschaft mit
dem Fürsten Staatskanzler, seine Neisen, seine Handelsverbin-
dungen hatten ihm zeitig einen weiten Umgangskreis eröffnet,
und weil beständig Leute, den verschiedensten Nationen ange-
hörig, geschäftlich auf ihn angewiesen wurden, so fanden die
Einheimischen an den Fremden und diese an jenen immer eine
Gesellschaft, die ihnen Wesentliches zu bieten und in der man
sich einer von dem umsichtigen und weltgewandten Hausherrn
trefflich geleiteten Unterhaltung zu versehen hatte, welcher dann
durch die Bildung und Liebenswürdigkeit der beiden Frauen
noch ein erhöhter Neiz verliehen ward. Das Tremann'sche
Haus galt daher mit Necht für das gastlichste der Stadt. Kauf-

ae
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leute, Gelehrte, Beamte und Külnstler krafen in demselben man-
nigfach zusammen, und wenn man mil dem Hose selbsi auch
in keiner Verbindung stand, so gab es unter den Edelleuten,
welche zu demselben gehörten, doch immer einzelne, die sich es
zur Ehre rechneten, sich frei nach ihrem Guidinken auch auser-
halb der enggezogenen Schranlen der Etiquuelte zu bewegen und
sich eier Gesellschasl anzuuschliesen, in welcher allein die duurch
Bildung veredelte Sitte die Gesetze vorschrieb, die Aufnahme
bedingte.
It einem Hauuse, in welchem man die Leute um ihrer
alten Familiennamen willen eben so wenig suchke, wenn sie
sonst keine Eigenschaften hatten, als man sie um ihres Adels
willen mied, wenn sie in sich mehr besaßen, als nur eben ihre
alten Titel, konnte man es nicht als eine besondere Ehre an-
sehen oder sich dadurch geschmeichelt fihlen, wenn der Major
von Arten sich in demselben wieder meldete. Es war nur nae
türlich, daß er, der eine Kränkung gegen Seba gutzumachen
und der sich noch dazu plözlich Hilfe suchend bei ihr einge-
funden hatte, seinen Dank für die Bereitwilligkeit auuszusprechen
kam, mit der man ihm die geforderte Hüülfe gewährte, und wenn
Seba und Davide die beiden Baroninnen trozdem noch freund-
licher als vielleicht manche andere Fremde bei sich aufnahmen,
so geschah es in der ganz bewuußten Absicht, es die Frauen nicht
empfinden und nicht entgelten zu lassen, daß man sich früher,
und bis jetzt mit vollem Rechte über Renatus zu beschweren
gehabt habe.
Während dieser sich nun bemühte, seine lange Versäumniß
vergessen zu machen und es kundzugeben, daß in seinem Innern
eine gewisse Wandlung vorgegangen sei, begegnete Paul ihm
mit jener ruhigen Znvorkommenheil, welche dem Gebildeten, der
viel mit Fremden zu verkehren hat, zur anderen Natur wird.
Er war nicht gewohnt, die Gäste seines Hauses um irgend

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==== SVF F =-==
etvas zu befragen, was ihm mitzukheilen sie sich nicht veranlaßt
sihlten; er und die Seinigen kaunlen ohnehin die Arten'schen
Familienverhältnisse genan genug, und da Renatus sich Paul
ohne dessen Zuuthun angenähert haite, fand dieser, nachdem man
dariber einig geworden war, daß Sebn das Arten'sche Hans
muicht besuchen wülrde, um die Möglichkeit eines Zusammen-
lressene uil deu Grasen Gerhard zu vermeiden, keinen Grund
mehr in sich, den Freiherrn zuriczuweisen, besonders da eben
Seba eine Vorliebe fitr denselben bewahrt hatie, welche sie ge-
neigt machte, das Geschehene zu verzrihen und zu vergessen.
Man haile also Nenains und die Seinigen zu einem der
ersten Gesellschaftsabende eingeladen; Cäcilie und Davide, die
ziemlich gleichen Alters waren, sagten einander zu, und Eleonoren's
Krankheit hatte dann die Verbindung langsam fortgeführt. Ne-
natus war gelegentlich zu Seba gekommen, sich nach dem Er-
gehen der jungen Gräfin zu erkundigen; man hatte es auch
nöthig gehabt, von ihm über Eleonoren's Verhältnisse unter-
richtet zu werden, und ohne das es zu einem engeren Verkehre
zwischen den beiden Familien gekommen wäre, waren sie auf
diese Weise doch in einem Zusammenhange geblieben, der es den
Einen wie den Anderen möglich machte, beständig von den Vor-
gängen innerhalb der beiöen Häuser bis zu einem gewissen
Grade unterrichtet zu sein.
Man wußte es in dem Tremann'schen Hause, daß Nenatus
mit seiner Schwiegermutter und mit Hildegard nicht auf gutem
Fuße stehe; Davide erfuhr es von Cäcilien, welche Unstände
die Mißverhältnisse zwischen ihr und den Ihrigen veranlaßt
hatten, und wie selbst ihres Gatten Oheim wider sie Partei
genommen habe. Eäcilie klagte, daß er ihnen dadurch mannig-
fach im Wege stehe, das er sie grosßer Vortheile beraube; aber
man sah den Freiherrn und seine junge Gattin immer heiter,
und selbst mit der Baronin Vitioria schienen sie gut zurecht zu

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kommen, obschon das Leben mit dieser, seit sie in die Stadt
gezogen, nichts weniger als leicht war.
Vitioria hatte, wie sie behauptete, keine großen Bedirfnisse,
sie machte, wie sie beständig sagte, nur sehr einfache Ansprüche;
aber ihrer kleinen Bedirfnisse und ihrer einfachen Ansprüche
waren viele, und sie hatte es nicht gelernt, sich die Befriedigung
eines augenblicklichen Verlangens zu versagen, oder je zu über-
legen, ob diese Befriedigung zu dem Koslenauswaunde. den sie
veranlaßte, in irgend einem Verhältnisse stehe.
Es war zum Beispiel allerdings nur nakürlich, daß eine
Frau von Vittoria's musikalischer Begabung und Bildung die
Oper und die Concerte zu besuchen wünschte. Es ging ihr
damit, wie sie eö mit Entziücken nannhe, ein neues geisliges
Leben auf, und die schöne, sechsuunddreißigjährige Frauu war auch
noch jung genng, es geniesßen zu wollen und auf eine neue
Juugend, auf eine höhere künstlerische Ausbildung fir sich denkgn
und hoffen zu dürfen. Sie hatie sich bis dahin nuur in alter
Kirchenmusik und hier und da im Vortrage von Volksliedern
ihrer Heimath versucht. Jezt, seit ihrer Uebersiedelung in die
Stadt, lernte sie die dramatische Musik, die gros artigen musi-
kalischen Dichtungen der Deutschen und der Franzosen kennen,
und da eine jede Künstlernatur nothivendig das Verlangen hegen
muß, sich ihrer Kraft bewußt zu werden, und zu gestalten und
darzustellen, was sie in sich trägt, so bemächtigte Viktoria sich
schnell, und mit aller Gewalt ihres Talentes, des neuen musi-
kalischen Gebietes, das sich vor ihr aufthat. Vor allem waren
es die Mozart'schen und die Gluck'schen Opern, von denen sie
sich ergrifen fühlte; aber sie glaubte zu bemerken, daß ihr für
den Vortrag derselben eine gewisse Fertigkeit fehle, die sie nur
durch Uebung erlangen könne; und weil in jenen Tagen einer
der Haupträger dieser Opern, der erste Tenor der königlichen
Bühne, zugleich ein gründlicher Musiker und ein gebildeter Lebe-

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mann war, hatte sie bald gewünscht, seine Belanntschaft zu
machen, um sich von ihm Naths zu erholen.
Das erstere hatie sich fast ohne ihr Zuthnn gemacht. Der
beliebte Sänger war in der Gesellschaft gern gesehen; man traf
ihn in den verschiedensten Kreisen, und da unter den Dilettanten
der vornehmen Gesellschaft eine zweitc Sängerin wie die Ba-
ronin Vitioria nicht zu finden war, siigie sich eine Auniäherung
der beiden guz von selbst. Der Sänger - die Baronin
nannte ihs, weil sein deutscher Familienname ihrem Ohre nicht
gefiel, nach der Weise ihrer Heimath nur mit seinem Tauf-
namen: Signor Emilio - machte sic ein Vergnilgen daraus,
eine der Partieen, die er mit Vittoia in einer befreundeten
Familie singen sollle, eigens mit ihr zu stndiren. Sie empfand
das als eine große Förderung, sie sprach ihm dies mit Wärme
auns, und er lies; sich denn auch sehr bald iberreden, der schönen,
reich begablen Frau auusnahmsweise Unterricht zu ertheilen.
Niemand hatte daran ein Arg, Vittoria selbst war davon
entzück. Freilich vermochte Emilio, ehen weil er bei dem Theater
angestellt und durch seine Proben und Dienstgeschäfte sehr in
Anspruch genommen war, die festgesezten Stunden nicht immer
regelmäßig einzuhalten; aber bei einer Frau, die so vollkommen
frei über ihre Zeit gebot, wie die Baronin, hatte das wenig
zu bedeuten. Sie war ohnehin dem Zwange, der Regelmäßigkeit
und jedem Missen abhold; sie mochte auch nicht immer singen,
wenn Emilio zur Stunde kam, und dem beiderseitigen Hange
zur Ungebundenheit Folge gebend, war zwischen ihnen von einem
eigentlichen Unterrichte bald nicht mehr die Rede.
Emilio kam, wenn er eben konnte; man sang, man mu-
sicirte, wenn man eben mochte. Vitioria versäumte keine Oper
und kein Concert, in welchem Emilio beschäftigt war; sie wurde
durch ihn mit anderen Musikfreunden und Musikern bekannt
gemacht, und in die vielfachen Nebungen hineingezogen, in denen

g
die Musikliebhaber der Hauptstadt sich damals schon ergingen.
So bildete sich für Vittoria neben der Gesellschaft, in welcher
sie durch ihre Verhältnisse und durch Renatus heimisch geworden
war, noch ein weiterer Umgangskreis, in dem sie, wie sie be-
hauptete, zum ersten Male ihre wahre Heimath gefunden hatte,
und in dem sie um ihres Talentes und auch um ihrer Schön-
heit willen eine große Bewunderung erregte, einer enthusiastischen
Aufnahme theilhaftig wurde.
Die Baronin Viktoria von Arten war bald in aller Leute
Mund. Die Künstlerinnen, und die Haupistadt war damals
reich an grosßen Sängerinnen, waren von ihr und ihrer An-
muth schnell bestochen. Sie rihmien die gänzliche Anspruchs-
losigkeit, mit welcher sie sich ihnen hingab, sie waren bereit, der
schönen, vornehmen Jialienerin jeden Dienst zu leisten, und es
kostete Vittoria also nur ein Wort, die ersten musikalischen Kräfte
der Stadt in ihres Sohnes Hauuse zu versammeln. Der Frei-
herr fand das Afangs eben so geneßreich, alö seinen Absichien
entsprechend. Um sich ein Ansehen zu geben und um Vittoria
eine Freude zu machen, sezte man regelmäßige Empfangsabende
fest, an denen man musicirte, und deren Gäste zu sein die
Prinzen selber nicht verschmähten. Aber man mußte den Künst-
lern, auf deren Mitwirkung man sich angewiesen sah, doch auch
eine Entschädigung für ihre Mühe, eine Erwiederung fir ihre
Gefälligkeit bieten, und da Nenatus nicht große Gesellschaften
zu geben wüünschte, in denen er seine Standesgenossen und die
Künstler in auffälliger Art vereinen oder in einer hier nicht
angebrachten Weise von einander hätte trennen müssen, ließ er
es, wenn auch mit einem Widerstreben von seiner und seiner
Gatiin Seite, allmählich doch geschehen, daß Vittoria in ihren
Zimmern Abends nach eigenem Ermessen ihre musikalischen Be-
kannten bei sich sah.
Anfangs war das nur bisweilen vorgekommen und die

oepz
Zahl ihrer Gäste war nicht groß gewesen. Man war jedoch
damals überhaupt noch geselliger, als jetzt; es verging daher
bald kaum ein Abend, an welchem Vittoria ihre Freunde nicht
empfing. Eine Weile sah Cäcilie das mit an; da sie aber,
Dank ihrer Erziehung, eine achtsuume Haushälterin geworden
war, fand sie sich bald veranlaßt, ihrem Manne die Mitthei-
lung zu machen, daß Vittoria's Weise, ein offenes Haus zu
haben, Außgaben verursache, welche sie mit den ihr von Nenatus
für den gesammten Haushalt festgesctzten Summen nicht zu decken
vermöge.
Renatus, dem es Ernst damit war, seine Vermögensver-
hältnisse zu ordnen, erklärte also seiner Stiefmutter, daß er sie
bitten müsse, eine Aenderung in ihrer Lebensweise einzuführen,
und er gab ihr auch die Mittel und Wege an, wie eine solche
ohne alles Aufsehen leicht einzuleiten sein wüürde, wenn sie sich
entschließen wolle, ihre Abende gelegentlich außer dem Hause zu-
zubringen. Aber Vittoria, die von ihren Gatten stets wie, ein
Kind behandelt worden, war auch ein Kind geblieben. Sie
weinte, wo sie je auf einen Widerstand gegen ihren Willen
stieß, sie hielt es Nenatus, als er auch wieder einmal mit großer
Schonung nur einige Nicksicht für sich forderte, in leidenschaft-
licher Heftigkeit und jede Rücksicht vergessend als eine unedle
Handlung vor, daß er ihr, die auf seine Großmuth angewiesen
sei, das Gnadenbrod, welches er ihr reiche, zum Vorwurf mache;
sie erinnerte ihn an die Liebe, die er einst für sie gehegt, sie
gab ihm ihre freudlose Jugend zu bedenken, sie klagte seinen
Vater und ihr Schicksal an, und aufgelöst in Thränen warf sie
sich dann Renatus doch wieder in die Arme, der, in allen seinen
Empfindungen beleidigt, sie endlich nur zu beruhigen suchen
mußte, wollte er die Aufmerksamkeit seiner Leute nicht auf diese
Scene ziehen.
Vittoria ließ sich danach zwei Tage lang nicht sehen; ihre

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Dienerin meldete, daß sie krank sei. Erst am dritten Tage er-
hob sie sich; aber auf der Herrin Befehl wies Gaetana die Per-
sonen ab, welche gekommen waren, die Baronin zu besuchen.
Nur Emilio wurde vorgelassen, und bald war er's allein, mit
dem Vittoria fast allabendlich nach dem Theater den Thee in
ihren Zimmern einnahm. Auch dagegen mußte der Freiherr
Einspruch thun. So schwer es ihm fiel, mußte er es seiner
Stiefmutter zu bedenken geben, daß eine solche Vertraulichkeit
mit einem Manee, der in der Geseslschafi durch seite glicklichen
Abenteuer von sich sprechen mache, nicht statthaft sei, und er
hatte dabei natirlich neuen Thränen, nenen Scenen zu begegnen,
die ihm mit jedem neuen Anlasse peinlicher und lästiger werden-
mußten.
E kam Nenatus hart an, aber er konnte sich jetzt der
leberzeugung nicht mehr verschließen, daß sein Vater nicht wohl
daran gethan habe, den Fehltritt Vittoria's zu verbergen nnd
ihm die Sorge fiür eine Frau, deren leidenschafiliche Verirrung
er gekannt hatte, ihm die Sorge für einen jungen Menschen
aufzubiirden, der nicht sein Bruder war und der, wie seine ganze
Entwickelung es verrieth, mit der Begabung ,einer Mutter auch
ihre völlig rcksichtslose Phantastik ererbt haiie.
Das Selbstvertrauen und die Zuversicht, mit denen der
Freiherr im Beginne seiner Ehe auf seinen neu errichteten Haus-
stand und in das Leben und in seine Zukunft geblickt hatte,
hielten vor den oftmals wiederkehrenden Verdrießlichkeiten mit
Vitioria nicht Stand. Er wünschte lebhaft, daß er sie nicht
von Richten fortgenommen, daß er sie nicht zu seiner Haus- -
genossin gemacht hätte. Nun es aber einmal geschehen war, -
hielt er es doch nicht fir gerathen, eine Aenderung herbeizu-
führen. Da er bereits, wie man es wußte, mit den nächsten !
Anverwandten seiner Frau und mit seinem Oheim, dem Grafen ?
Gerhard, in keinem guten Einvernehmen lehte, konnte er sich
?
s
1

-- F7Z--
mit der Wittwe seines Vaters nicht wohl verfeinden, ohne die
Meinung der Gesellschaft wider sich zu haben, welche durch die
blendenden Eigenschaften Vittoria's sehr für dieselbe eingenommen
war. Sie hatte sich zum Theil auf seine und auf Cäciliens
Kosten den Nuf der höchsten Liebenswürdigkeit gewonnen, ihre
Weise, sich gehen zu lassen, hatte etwas so Natürliches, daß man
sie überhaupt für einfach und natürlich hielt, und Renatus, der
eine gerechte Scheu trug, die unbesonnene und leidenschaftliche
Frauu aussichlslos sich selber zu überlassen, ward auch noch durch
andere Ricksichten abgehalten, sich von ihr zu trennen. Er mußte
sich sagen, daß eine besondere Haushaltung für die Baronin
ihm noch lästiger werden und ihm noch mehr kosten würde, als
ihr Aufenthalt in seiner Familie. Er konnte es sich auch nicht
verbergen, daß Vittoria, wenn er sie nicht mehr bei sich behielt,
genöthigt ward, diese Trennung vor ihren Freunden als eine
von ihr gewünschte darzustellen; und ob sie das nicht in einer
Weise thun würde, welche für ihn und für Cäcilie nachtheilig
werden konnte, dessen hielt Renatus sich bei ihrer Unvorsichtigkeit
auch nicht versichert.
s
Seine Güte, seine Großmuth und seine rücksichtsvolle
Schonung für Vittgria, seine Ehrfurcht vor seines Vaters Willen
hatten ihm die Hände gebunden. Er konnte seine eigenen freund-
lichen und liebevollen Urtheile über sie nicht zurücknehmen, ohne
von denen, vor welchen er sie ausgesprochen hatte, für einen
Thoren gehalten zu werden; er konnte auch kaum Glauben für
Anschuldigungen zu finden hoffen, welche seinem früheren Lobe
entschieden entgegengestanden hätten, und er mußte jetzt zusehen,'
wie er mit den Folgen seiner uneitigen Großmuth fertig werden
konnte, auf die Vittoria in ihrem Leichtsinnne sich zu verlassen
gewohnt worden war. Er trug auch in diesem Falle die Folgen
eines fremden Verschuldens; es war wieder die Rückwirkung an
und fiir sich gnuler, aber nicht an rechter Stelle angewendeter
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. M,
us

-- Lg---
Empfindungen und Thaten, unter welcher er zu leiden hatte
und die ihn mißtrauisch nicht nur gegen die Menschen, sondern
auch gegen sich selber zu machen begann.
Seine grübelnde Sinnesart, sein alter Glaube, daß er
einmal nicht zum Glücke geboren sei, fingen wieder an, sich in
ihm zu regen. Das rasche bewegte Leben während des Krieges
hatte diesen Grundion seines Wesens übertäubt, der ihm, wie
er glaubte, durch die Schwermuth angeboren sein mochte, mit -
welcher seine Mutier ihn unter ihrem Herzen gelragen halte.
Nun, da er troz seiner guten Vorsäze und seiner redlichen Be-
strebungen, sich ein ruhiges und würdiges Leben zu errichten,
immer auf neue Behinderungen sties, kauchte jener melancholische
Zug auf das Neue so stark in ihm empor, daß er die Noth-
wendigleit füühlte, sich dagegen aufzulehnen, wenn er duurch sein
Schwarzsehen nicht Cäciliens ihn beglückende Heiterkeit zersiören
wollte. Sie machte ihm ohnehin aus Liebe stets den Vorwurf,
daß er in seinen Besorgnissen weiter gehe, als es nöthig sei.
Sie übernahm es gutwillig, Vittoria in ihren Ansprüchen all-
mählich einzuschränken, sg bat ihren Gemahl, keine weiteren Er-
klärungen mit der Stiefmutter herbeizuführen, keine bindenden
Versprechungen von ihr zu begehren. Sie erbot sich, Vittoria
des Abends zum Ausgehen oder zu einer gemeinsamen Gesellig-
keit zu überreden, sie verhieß, in ihrer Wirthschaft solche Er-
sparungen zu machen, daß man die Möglichkeit behielte, der
Stiefmutter eine gewisse eigene Geselligkeit zu gestatten, und da
Vittoria, von der jungen Baronin gutem Willen gerührt und
beruhigt, sich dieser immer wieder mit der alten Neigung an-
schloß, übernahm Cäcilie ihr Mitileramt in der That mit Zu-
versicht und Freude.
Sie, die zuerst auf Vittoria's Unbesonnenheiten warnend
hingewiesen hatte, gab es dem Freiherrn doch zu bedenken, daß
Vittoria's Unstätigkeit erst seit ihrer Trennung von Valerio her-

-- F7?--
vorgetreten sei. Sie verlangte also, daß man Valerio so oft
als möglich nach Hause kommen lasse. Sie setzte es durch, daß
er, in dem sich auch eine auffallend schöne Stimme herauszu-
bilden begann, die Mutter, wenn es sich irgend thun ließ, in
die Theater begleitete; und Mutter und Sohn verlangten es
nicht besser. Die Baronin verzichtete, wenn sie Valerio bei sich
hatte, am Abende auf geselligen Besuch in ihren Zimmern, sie
Fang mit dem Sohne, dessen musikalisches Gedächtniß ein ganz
ungewöhnlicheö war, und selbst Nenakus und Cäcilie hatten ihr
Vergniigen daran, wenn Valerio mit seiner feurigen Lebendigkeit
ganze Scenen aus den Opern, in welche die Mutter ihn an
den Sonntagen zu führen pflegte, vor ihnen nachzuspielen und
zu singen unternahm.
Seine Vorliebe für das Zeichnen schien dadurch plözlich in
. - den Hintergrund zu treten. Er hantierte allerdings noch immer
mit dem Bleistifte und der Feder, aber es waren nur noch
Opern-Scenen, die er entwarf, wenn er nicht Karrikaturen auf
seine Mitschüüler und Vorgesetzten zeichnete, deren komische Wir-
kung bei unverkennbarer Aehnlichkeit in der ganzen Anstalt von
sich sprechen machte.
Von Valerio's Verhalten in dem Kadettenhause war über-
haupt nicht viel zu rühmen. Seine Zeugnisse erkannten zwar
seine Begabung an, rüügten jedoch seinen Mangel an Ausdauer
Iud wahrer Arbeitslust, und kaum eine Woche verging, in
welcher es für ihn nicht irgend ein Vergehen gegen die Disciplin
der Anstalt zu büßen gegeben hätte. Wennn er auf solche Weise
dn einem Sonntage den Besuch bei der Mutter verscherzte, wußte
Fr das nächste Mal durch verdoppelte Liebenswüürdigkeit seine
Bestrafung vergessen zu machen, und selbst Ndenatus, der sich
Porgenommen hatte, ihn streng zu behandeln, fühlte sich oftmals
Joider seinen Willen von ihm hingerissen. Man mußte sich
Jagen, das: ein Knabe, der in so schrankenloser Willkür aufge-
z

-- A7ß =-
wachsen sei, es schwerer als Andere finden müsse, sich dem
strengen Zwange zu fügen; sogar unter seinen Lehrern fanden -
sich Einer und der Andere, die für ihn sprachen, die der Ansicht ;
waren, das: man mehr als mii Aundern Geduld mit ihm haben
und ihm Zeit vergönnen müsse, sich allmählich unterordnen und -
beherrschen zu lernen, wenn man seine ungewöhnliche Lebendigkeit j
nicht zu einem Nachtheil für ihn selber verkehren und ihn dahin (
bringen wolle, seinen fröhlichen Freimuth hinter der Maske I
einer erhennchelien Sinnesänderung zu verbergen, die vorzunehmen
und aufrecht zu erhallen, eben ihu, bei seiner Lust au Dar-'
siellen, verlockend werden lönnle.
-
Wie dem aber auch sein mochie, Valerio war in dem Ka- ;
dettenhause eben so schnell der Liebling seiner Mitschiler geworden, j
als seine Mutter die Gesellschaft fir sich gewonnen hatie. Seine !
auffallende fremdartige Schönheit, die Leichtigkeit, mit welcher j
er neben dem Deutschen das Französische und das Itglienische j
sprach, die Bereitwilligkeit, mit der er Jedem zeichnete, was s
man von ihm verlangte, und seine erfinderische Phantasie, die ?
ihn immer neue Spiele und neuen Zeitvertreib ersinen ließ,
führten ihm die Herzen seiner Altersgenossen zu, während seine j
ungewöhnliche Frühreife die älteren Kadetten belustigte. In der j
Einsamkeit seines heimathlichen Schlosses hatte er, Dank ek ?
Achtlosigkeit seiner Muiter, mehr von dem Leben erfahren, als j
es Knaben seines Alters sonst geschieht, und der freie Gebrauch,j
den er bis zu der Nückkunft seines Bruders von des verstorbenenj
kRaK l
Es war eine Hauptbelustigung der älteren Zöglinge dess
Hauses, Valerio erzählen zu machen, sei es, daß er von seinemf
Leben auf dem Lande oder von seinen gegenwärtigen Besuchen;
in seineö Bruders Hause und bei seiner Mutter plauderte. Sein:
lebhaftes Mienenspiel, seine Beobachkungs- und Nachahmungss

-- F7?-
gabe, die Keckheit seiner Bemerkungen gewährten den jungen
Leuten einen heitern Zeitvertreib. Sie hielten vor ihm auch
nicht, wie vor den andern Knaben zurick. Mit Cherubin, dem
schönen Pagen, wie sie ihn hießen, brauchte man sich auch nicht
in Acht zu nehmen. Er wußte, wak er sagen und wovon er
schweigen sollte; er halte das in Richten zwischen den beiden
feindlichen Haushaltungen frih erlernt, und er hörte es gern,
wenn man in den Pagen hieß.
Er halie schon in der Heimaih seinen Figaro gelesen, er
hatie daö Pagenlied stetö vor allem Andern geliebt; und nun
volleds, seil er mil der Muller Mozari's Figaro auf der Bühne
gesehen und gehört hatte, seit die Mutier und Emilio es rühmten,
wie genau er das Mozart'sche Pagenlied behalten habe, ließ er
sich den Namen im Kadettenhause doppelt gern gefallen. Vittoria
selber nannte ihn bald nicht anders, und ihren Cherubino Sonn-
tags, wenn sie Leute bei sich hatie, das ,oi ohe speten
zum Flügel singen, ihren Cherubino von der Gesellschaft be-
wundern zu lassen, das war, wenn Renatus es nicht hinderte,
ein Genuß, den sie sich und ihrem Sohne selten nur versagte.

Kapitel 20

Siebenteö Capitel.
Ahie Aurikeln blihten schon, und die grofen Dolden der
Fliederbüsche strömten ihren Duft über die weiten Nasenplätze
des allen Garlend von Tanute Esther aus, als Seba eines Tages -
auch wieder ihren Kranz auf das Monument gehängt hatte und
langsam, des schönen, warmen Frihlingwetters froh, durch die
breiten Wege nach dem Zelte vor dem Gartensaale zurückging.
Die Gräfin Eleonore war an ihrer Seite.
Die Genesene hatte noch nicht ihre völlige Frische wieder-
gewonnen, aber das Leben war doch wieder mächtig, in ihr,
und sie bedurfte des stüzenden Armes ihrer Freundin nicht mehr.
Sie ging frei und festen Schrittes neben ihr her, nur ihr Auge
war nicht mehr so strahlend, als in den Tagen, in welchen -
Renatus sie hatte kennen lernen, und auch die stolze Zuversicht
jener Zeit war nicht mehr in ihr.
Eine Weile schritt sie schweigend durch die Alleen, dann,
als sie sich schon dem Zelte genähert hatten, unter welchem ;
Davide saß, die ihr Töchterchen nährte, während der Knabes
mit seinen von der Sonne schon gebräunten Armen sich in dem ?
großen Garten, recht nach Menschenart, seinen eigenen Garten ;
zu machen strebte, wendete Eleonore sich in einen der Seiten-
wege, und Seba's Arm in den ihren legend, führte sie sie mit!
sich fort.
- =raa.U -A
Zelte, dann gehören Sie mir nicht mehr allein, dann gehörens

- I7P--
Sie Ihren Kindern und Ihren Enkeln= Eleonore bezeichnete
Tremann und die Seinen gegen Sebu stets mit diesem Namen
--- und nicht nur Ael, wie es das französische Sprüchwort
sagt, legt uns Verpflichtungen auf: auch Güte verpflichtet. Sie
müüssen gütig zu mir sein, weil Sie so gut gegen mich gewesen sind.
Seba drickie ihr mit freundlichem Worte di: Hand, und
Eleonore meinte nach einer kurzen Pause: Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, wie tröstlich es mir ist, wenn ich Sie an jedem
Tage mit derselben Herzenslreue das gleiche Liebeswerk verrichien
und immer befriedigt von demselben wiederkehren sehe. Anfangs
ging ich dazu mit, weil ich eben bei Ihnen bleiben, Sie be-
gleiten wollte. Jezt denke ich schon, wenn ich zu Ihnen komme,
daß wir die Blumen pfliücken und nach dem Denkmal tragen
müssen, und ich glaube, wären Sie nicht hier, ich thäte, ohne
Ihre Todien hier gekannt zu haben, ganz dasselbe. Es ist etwas
Schönes um ein alltäglich Thun, es verbindet jeden unserer
Tage mit der Vergangenheit und Zukunft, es gibt jedem Tage
einen Mittelpunkt. Wenn ich --- ihre Stimme wurde weich
-- wenn ich, fern von Ihnen sein werde, liebe Seba, werde ich
zu Ihrem und der Ihren Angedenken an jedem Tage auch
einen solchen Herzenskultus üben, und wie Sie unter den Le-
benden der Todten denken, werde ich in meiner Einsamkeit mit
noch größerer Liebe - ach, und mit welcher Sehnsucht! --
an Sie Alle, die ich hier verlasse, denken.
Sie waren während dieser Worte nach der Seite des
Gartens gekommen, an welcher Paul's Arbeitszimmer lagen,
und dieser, der eben sein Tagewerk beendet hatte, trat, als er
sie gewahrte, zu ihnen in den Garten hinaus.
Er sah sich zuerst nach seiner Frau und seinen Kindern
um, erkidigte sich dann nach Eleonorens Ergehen und nannte
es einen bequemen Zufall, daß sie eben da sei, da er einen
Brief für sie erhalten habe. Sie fragte, woher derselbe sei.

-- Z80--
Er ist uns duru, emen unserer römischen Geschäftsfreunde
vor einer halben Stunde zugekommen, und ich hoffe, daß man
ihn noch nicht zu Ihnen in das Hötel geschickt hat, gab er ihr
zur Antwort, während er hineinging, sich nach dem Briefe um-
zusehen.
Die Gräfin war bei der Nachricht bleich geworden, und
die Bewegung, mit welcher sie das Schreiben aus Paul's Hand
empfing, ließ ihre Freunde nichl dariber im Uugewissen, von
wem es ihr kam. Auch wollten beide sich entfernen, ihr Zeit
und Ruhe zum Lesen zu geben; aber wie ein Kind, das sich
vor dem Mlleinsein fürchtet, langte die Gräfin unwillkürlich nach
der älteren Freundin Hand, und sich auf die nahe stehende
Gartenbank niederlassend, bat sie leise: Bleiben Sie!
Es war ein langer Brief. Die Gräfin hatte ihn gelesen
und noch einmal gelesen, dann ließ sie die Hand, mit der sie
ihn hielt, auf ihre Kniee niedersinken und sah sinnend vor sich
hin. Seba saß schweigend an ihrer Seite. Sie kannte die
Erlebnisse der Gräfin jetzt in allen ihren Einzelheiten durch diese
selbst, und Eleonore hatte auch vor Paul und vor Davide kein
Hehl aus ihnen zu machen gewünscht, wennschon sie den Beiden
nicht direkt davon gesprochen hatte. Nur von dem Religions-
wechsel und von ihren religiösen Zweifeln war zwischen ihr und
Paul zum Defteren die Rede gewesen, und er hatte es ihr nie
verborgen, wie er über das blinde, unbedingte Glauben, wie er
über den Glauben an positive Religion, wie er über den Gott-
glauben überhaupt denke und was er von jener Anschauung
halte, die im neunzehnten Jahrhundert die Veredlung und
Selbstvollendung des Menschen noch durch seine Einsamkeit er-
reichen zu können wähne. Aber er hatie diese Gespräche nie
geflissentlich gesucht. Denn gerade weil Eleonore durch augen-
libckliche Entschlitsse, durch gewaltsame Eindricke und durch die
Macht einer ihr Herz beherrschenden mächtigen Leidenschaft zu

-- L8---
einem Abfalle von ihrer wahren Neberzeugung und zu einem
Handeln gegen die eigentlichen Bedinguungen ihrer Natur verleitet
worden war, meinte er, daß, wenn überhaupt eine Hüülfe für sie
möglich sei, ihr diese nur auf dem Wege der eigenen Einsicht
und der ruhigen, sie zur Erkenntniß langsam führenden Er-
fahrung mit Erfolg bereitet werden könne.
So lies: den auch Seba ihr eine Weile Zeit, sich zu
sammeln, und erst als sie bemerkte, daß Eleonore es schwer
finde, in diesen Augenblicke von sich zu sprechen, sagte sie: Sie
haben einen Brief von dem Abbs erhalten?
Eleonore bejahte es, und was sie nie zuvor gethan hatte,
sie reichle der Freundin das Schreiben hin.

, Ich komme von einer Reise zurück, also hob es an,
, die ich im Auftrage meiner Oberen unternommen und die
mich durch den ganzen Winter und das ganze Frühjahr in den
Geschäften unsers Ordens fern im Drient gehalten hat. Von
den Ufern des Nil, an den heiligen Wassern des Jordan, von
der Schädelstätte und an des heiligen Grabes geweihter Schwelle
sind meine Gedanken zu Ihnen gegangen, und ich habe für Sie
gebetet, Eleonöre, gebetet, daß auch Ihnen der Friede kommen
möge, mit dem ich an Sie denke; daß Ihre endliche Bekehrung
zu der einzigen und alleinig wahren Lehre Sie reinigen und Ihren
Sinn erheben möge, wie sie mich hinaushebt über mich selbst
und über all mein menschliches Verlangen und Begehren. Ich
habe Ihnen geschrieben und meine Briefe in unser Frauenkloster
nach Trinitä di Monte gesendet. Zurückgelehrt nach Nom, bin
ich gegangen, Sie in den heiligen Mauern aufzusuchen, in denen
ich Sie zu finden glauben mußte. Aber Sie waren nicht dort,
und erst auf Umwegen habe ich erfahren, wo Sie weilen und
daß Sie krank gewesen sind.
,Weßhalb schrieben Sie mir nicht, weßhalb riefen Sie mich
nicht? Ein Wort von Ihnen, das mich hätte ahnen lassen, Sie

n
-=- W--
bedirften meines Trostes, hätte mich zu Ihnen geführt. Streng,
wie unsere Gesetze uns binden und unsere Oberen üüber uns
walten, wüsrde man es mir als mein Recht zuerkannt und nicht
geweigert haben, Ihnen, deren Seele ich dem Lichte gewonnen,
in den Stunden der Krauukheit und der möglichen Entmuthigung
meinen Beistand leisten zu diürfen, und Sie zu ihm und auf
ihn hinzuweisen, der uuser Siab ui unsere Leuchle, unser ewiges
Heilmitkel und der Weg zu unserem ewigen Leben ist.
, Sie waren dem Tode nahe, Sie sind genesen und Sie
haben, ich weiß es, nicht einmal danach verlangt, Sich dubch
den Genuß des heiligen Abendmahles, Sich durch das erlösende
Sakrament, der Gemeinschaft anzuschließen, der Sie angehören,
Sich der Gnade und Vergebung zu versichern, die uns den Weg
durch dieses Leben und den dunkeln Pfad in das Jenseitige
ebnet und erhellt. Was soll ich davon denken? Was be-
deutet das ?
,Wäre es möglich, daß Ihre Seele wankend geworden ist?
Wäre es möglich, daß Du sie vergessen könntest, die Schwüre,
mit denen Du Dich mir und meinem Glauben zugeschworen?
Daß Du sie vergessen könntest, die gesegnete Stunde, in der
meine blutigen Thränen und die Angst meines durch Dich ge-
marterten Herzens Dich und mich neugeboren haben zu dem
ewig unauflöslichen Bündnisse unserer Liebe in Goti? Solltest
Du abfallen, untreu werden können mir, Dir selbst und ihm,
dem Du gelobt hast, Dein Leben ausschließlich seiner Anbetung
zu weihen?
,Meine Seele erbebt vor dem Gedanken! Ich liege auf
meinen Knieen, und meine starke, feurige Liebe fie Ach ersehnt
und erfleht von dem Höchsten Deine Treue für ihn. Ich zähle
die Stunden, bis mir Kunde kommen wird von Dir, die Stunden,
, bis ich, an das Gitter des frommen Hauses tretend, mir werde
sagen dürfen: es birgt wie ein goldener Heiligenschrein den

-- WJ---
Schaz, den dn der heiligen Gemeinschaft zugefüührt, es umschließt
das edle Herz, das du der Kirche zu gewinnen durch Gottes
Gnade würdig befunden bist, und es eroächst in dieser gesegneten
Mauern stiller Huth eine jener Frauenseelen für das Herrscher-
amt innerhalb der Kirche, der die Starken sich mit Anbetung
und Wonne neigen.
, Koum, meine Schvester! Komnmn, Du Ersehnte meiner
Seele, las; pnich die Stunde nicht mehr lange erwarten, in welcher
unsere Seelen sich als zwei reine Flammen in der glühenden
Begeisterung Eines Liebens, Eines Glaubens, Eines Hoffens zu
Gott erheben. Meine ganze Seele schmachtet nach dem Glickeg
-- Komm, denn ich erwarte Dich!-
Seba faltete, ohne ein Wort zu sprechen, den BriefFzu-
sammen, und eben so lautlos warf Eleonore sich mit beiden
Armen der Freundin um den Hals und weinte bitterlich. Seba
drüückte sie an sich und hielt sie sanft umfaßt.
Es war sehr still in dem Garten, Davide hatte sich ent-
fernt, um das Kind, das an ihrem Busen eingeschlafen war,
zur Nuhe zu bringen, der Knabe war ihr gefolgt, und Paul
saß, die französischen Zeitungen lesend, in dem Schatten der
großen, vor dem Gartensaale stehenden Bäume. Kein Lüftchen
regte sich. Man hörte die Bienen leise summen, ehe sie sich in
die Kelche der Blumen niedersenkten, in dem dichten Buschwerke
sang und lockte die Nachtigall.
Richken Sie Sich auf, Eleonore, sagte Seba endlich. Es
ist gut, daß dieser Brief gekommen ist. Sie hatten ihn er-
wartet; ich fühlte es Ihnen immer an. Was denken Sie zu
antworten? Was wollen Sie thun?
Wels ich's denn selbst? entgegnete die Gräfin, und nachdem
sie noch einmal in ihr schwermüthiges Sinnen versunken war,
sagte sie plözlich: Es ist mir wie einem Träumenden zu Muthe.
Was ich am deutlichsten wissen glanbte, was mich das Leben-

digste, das Nothwendigste dünkte, Alles, worauf ich mich stützen
zu können wähnte, zerrinnt mir wie Nebel, wenn ich mein Auge
darauf richte, und es ihut sich mir hinter demselben eine Ferne,
eine Weite auf, die mir fremd ist und in der ich mich nicht
zurecht zu finden weiß. Ich möchte, wenn es möglich wäre -
sie zögerte und schwieg.
Sie möchten Geschehenes ungeschehen machen können! fiel
ihr Seba in die Nede, um ihr zu Hüülfe zu kommen.
Ja! rief Eleonore, als habe Seba mit dem bloßen Aus-
sprechen dieses Wortes eine Fessel von ihr genommen, ja! Ich .
wünschte, ich hätie mein ganzes Leben nicht gelebt!
So vergessen Sie es und beginnen Sie ein besseres, ein
neues!
k
-- ZZF--
Kann man dac? fragte Eleonore. Kan man es sich
selber vergessen machen, was man empfunden hal?
Seba nahm sie bei der Hand. Sehen Sie, Elepnore,
sprach sie sanft, seit mehr als zwanzig Jahren schaue ich dem
Leben jener Bäume zu, die da drüben, jenseit des Flusses, in
dem Garten stehen. Als ich zum ersten Male im Herbste ihr
Laub erbleichen und zu Voden fallen sah, war ich jung wie
Sie, und unglücklich, weit unglücklicher, als Sie, denn ich hatte
mein Herz mit seiner reinsten Liebe einem Manne zugewendet,
den ich verachten mußte, ich hatte durch meine Schuld mich selbst
verloren; und ich sah in jenem Herbste auf die entblätterten
Bäume hin und dachte: sie sind dein Bild, dein und ihr Früh-
ling, deine und ihre Blüthenzeit sind hin, es ist Winter ge-
worden und Alles ist todt und öde, todt und öde für immer!
Sie hielt inne, die Gräfin küßte ihr die Hand. Da glitt ;
ein melancholisches Lacheln lber Seba's Autliz, und ihr Haupt
mit seinen schönen Augen zu ihrer jungen Freundin wwendend,
sagte sie mit einem Tone, welcher dieser tief in's Herz drang:
Und nun blicken Sie hinüber, ob ich mich nicht irrte? Ob das

--- I8?--
Leben nicht viel mächtiger, die Welt in ihrem ewig waltenden
Werden nicht viel wunderthätiger ist, als unser armes Herz in
seinem kleinmüthigen Verzagen es fir möglich Jält? Jener
Winter ist entschwunden, und mancher andere nach ihm, und jeder
neue Frühling hat meinen alten Bäumen drüben neues Leben und
neues Blühen gebracht, und in allem ihrem Blühen und Ver-
gehen sind sie gewachsen und gewachsen, und der Abfall ihrer
Blätter selbst hat dem Boden, der sie erzeugte, noch Wärme
und noch neue Kraft verliehen! Und Sie wollten dem Leben
entsagen, weil Sie einmal irrten? Sie wollten Sich gebunden
glauben durch den Eid, den Sie in einer geflissentlich durch
fremden Willen in Ihnen erregten leidenschaftlichen Neberspannung
geleistet haben? Wie dürfen Sie nur daran denken, einen un-
freiwilligen Irrthum Ihres Verstandes, eine Nebereilung Ihres
Herzens zu einer bewußten Lüüge zu machen? Nimmermehr,
Eleonore! Das darf, das kann nicht geschehen!--
Sie hatte die letzten Worte unwillkürlich mit erhobener
Stimme gesprochen, so daß Paul und Davide, die herangekommen
waren, sie vernommen hatten, und Paul die Frage aufwarf,
wovon die Rede sei.
Seba gab ihm eine andeutende Antwort, aber Eleonore
sagte sehr bestimmt: Wir sprachen von einem traurigen Gegen-
stande, von mir und meiner Zukunst, und es ist gut, daß Sie,
meine Freunde, jezt dazugekommen sind, denn ich fühle mich
halt- und raihlos! Ich habe Stunden, in denen ich mich in
Lebenslust an das Dasein klammern, und Tage, an denen ich
aus Widerwillen gegen mich selbst, mich vor der Welt verbergen
und ein Herz in Einsamkeit begraben möchte, das . .. -- Sie
brach plözlich ab, und nach kurzem Schweigen heftig auffahrend.
rief sie: Wenn Sie es wüßten, wie man mich umworben hat,
wenn Sie wüßten, wie ich in dem Glauben an eine große,
reine Liebe mich mit Stolz zurückgehalten habe, von den Spielen

E
g

-=- I8G--
des Herzens, in denen die Mehrzahl der Frauen sich gefällt und
genüügt! Rein und ganz in meinem Empsinden, so hatte ich mich
und alles, was ich habe und bin, mit meiner Liebe einst dem
Manne hinzugeben gehofft, der mich zu seiner Gattin nehmen
würde! Und sich jetzt sagen zu müssen, dasß ich dies alles, daß
ich diese große, diese umfassende Liebe, daß ich die tiefste Ver-
ehrung meines Herzens einem Manne entgegenbrachte, der mit
kaltem Auge auf mich herniedersah, dem ich nichts, nichts ge-
wesen bin, als der Gegensiand einer Berechnuung, und der, als
ich in Liebe zu seinen Fißen niedersank, es vielleicht bedachie,
was mein Besiz dem Orden werth sei, in dessen Dienste er sich
meiner zu bemächtigen wünschte..-- Sie hrach noch einmal ab
und sagte dann nach einer Pause wie im Selbstgespräche: Das
denkt keines Menschen Seele aus!
Doch, rief Paul, der ihr achisam zuhörend gefolgt war,
doch! Und Seba's Hand Jergreifend und schüttelnd, sagte er:
Fragen Sie Seba, ob sie es nicht nachzudenken vermag,' ob sie
nicht Gleiches, ob sie nicht Schwereres erduldet hat! Und sie
hat sich aufgerichtet in sich selbst, daß sie die Stüze und die
Zuflucht aller derer geworden ist, die einer starken und geduldigen
Liebe für sich nöthig haben! Was ist Ihnen denn geschehen,
was haben Sie denn erlitten und erlebt?
Die Gräfin sah ihn betroffen, ja, mit Erstaunen an. Es
ist wahr, fuhr er fort, Sie haben ein großes, ein schönes Ca-
pital von Liebe falsch angelegt, das ist aber auch Mlles! Sie
haben Sich in dem Manne betrogen, dem Sie es anvertrauten,
und nur Sie, nicht er, tragen die Schuld davon! Sie sahen
das Kleid, das er trug, Sie kannten die Grundsätze der Ge-
meinschaft, der er angehört! Wer hieß Sie der eiteln Ver-
lockung nach Herrschaft nachgeben, mit der er zuerst verführend
an Sie herantrat? Nicht er, Ihr Stolz hat Sie verleitet, die
Freiheit, deren Sie nach allen Seiten hin genossen, gegen die

-- ? ---
Ulnfreiheit zu veriauschen, die Ihien Herrschaft i:ber Aidere und
die blinde Unlerordnung Anderer als ein Glick vorspiegelte!
Nicht Ihre Lebe finn den Abbe allein, .- Has gegen Ihre
N-
Tan-- .. die ganze müfige, selbstsüchtige Abgeschlossenheit, in
»ff-
der Sie, wie Sie es mir geschildert haben, lebten, haben Sie
dem Abbe in die Arme getrieben! Und jetzt, da Sie ihn kennen,
jezt wollen Sie aus falschem Ehrgefihl hingehen, Sich in einem
Kloster zu verbergen? Sie wollten auuch jezt och nach jener
hochniihige Selbsibesriediguuug scen, die Sie der Erde und
.hren Mitmenschen enifremdet? Wie lönnen Sie nur daran
denlen, noch länger ein Dasein zu füühren, welähes in unserer
Zeit und bei unseren Erkenntnissen nicht mehr werth ist, daß
man's lebt? -- Er schittelte mißbilligend sein ernstes Haupt,
und der Gräfin fest in's Auge scauend, sprach er: Da wär's
besser, Sie wären nichi genesen!
Die Frauen blicten besorgt auf Eleonore hin. Sie sah
schweigend vor sich nieder. Pauul slörte sie in ihrem Sinnen
nicht. Ein paar Mal schien es, als ob sie sprechen wolle, aber
sie fand das Wort nicht oder sie vermochte sich nicht von den
Vorsiellunge loszureißen, mit denen sie sich bisher getragen
hatte, und Davide, welche ihr dies nachempfand und ihr zu
Hilfe kommen wollte, fragte: Aber was soll Eleonore denn
jezt thun?
Sie soll sich befreien und sich durch Selbstüberwindung
selbst wieder gewinnen, wie unser Aller Vorbild, wie unsere
Seba es geihan hal! Sie soll hem Abb und der Habsucht
seines Ordens den Triumph nicht vollenden, den sie ihnen zu
bereiten auf bestem Wege war! rif Paul.
Er hielt inne. Ihr fragt mich, was die Gräfin thun soll?
Errellen soll sie von dem schlecht angelegten Capitale ihrer Liebe,
ihrer Freundschafi, was sie kann! Sie soll ihr Herz tapfer in
die Hand nehmen, sie soll sich muthig ihren Irrthum, ihre Ver-

-- Z8Z--
blendung eingestehen! Sich soll sie anklagen, nicht die Andern
oder gar ihr Schicksal, und sie soll lieben, ihre Mitmenschen
lieben lernen . -
O, rief Eleonore, und ihr Antliz leuchtete in einer Ver-
klärung, deren es friher nie theilhaftig geworden war, liebe ich
Euch denn nicht? Wie eine zrkliche Mutier, wie liebende Ge-
schwister seid Ihr mir gewesen! Muiierliebe und Geschwisterliebe
und die Seligkeit, welche in der Ehe, in dem Lächeln eines ?
Kindes liegen kann, Alles habe ich kennen und empfinden lernen
hier bei Euch!-- Aber wenn ich von Euuch geschieden seh.
werde . -
Scheiden? fiel ihr Davide in das Wort, und die Gräfin
in ihre Arme schließend, rief sie: Wer denkt denn an Scheiden,
Eleonore? Du hast mich ja selbst Deine Schwesier genannt!
Du bleibst bei uns, bei Seba, bei Paul, bei mir, bei unseren
Kindern! - Seba, Paul, sagt es ihr doch, daß sie nicht gehen
soll, nicht gehen darf, daß sie unser, unsere Eleonore ist!
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Gräfin hing an ihrem
Halse, Seba legte ihre Hand sanft auf der beiden jungen Frauen
Häupter, selbst Paul war sehr erschüttert. Die Blumen aber
dufteten ruhig fort, die Bienen tauchten tief in ihre Kelche .
hinein, und die Nachtigallen lockten und sangen, während in dem
leise aufgestiegenen Winde die Zweige der Bäume sich nickend
hin und wieder bewegten und die Sonne ihre warmen Strahlen
funkelnd durch die Blätter niedersendete.
Als Eleonore ihrer wieder mächtig geworden war, hielt sie
Paul ihre Hand hin. Er schlug mit festem Schlage ein und
schüttelte sie ihr wie einem Manne. Muth, Gräfin! sprach er
mit der vollen Stimme, die schon in ihrem bloßen Klange etwas
Ermuthigendes hatte. Die Welt geht nicht unter, wenn ein
Stein unter unseren Füßen fortrollt, auf den wir mit Sicherheit
treten zu können meinten! Irgendwo findet sich ein Ast, an dem

-- IZ9-
man sich halten kann, und -- er reichte ihr mit schöner, herz-
gewinnender Freundlichkeit noch einmal seine Rechte hin -- zur
Noih bin ich auuch noch da! Frugen Sie Seba und Davide, ob
ich loszulassen pflege, was ich in die Hand genommen habe!
Lieber, lieber Freund! rief die Gräfin und hlickie wie eine
Tochier ergeben und verlrauensvoll zu ihm empor. Was soll ich
thun? Sagen Sie's, ich folge Ihnen ubedingl!
Pgul machte eine abwehrende Bewegung. Kein blindes
Gehorchen, kein unbedingtes Vertrauen, liebe Gräfin! warnte er.
Ich bin kein Priesier! Aber ich würde mich freuen, wenn Sie
mir den Brief zu lesen geben wollten, den Sie dem Abbä auf
seine heutige Zschrift senden.
Was soll ich ihm sagen? fragte sie, von dem Gedanken
dieser unerläszlichen Annäherung ergriffen und erschreckt. Was
soll ich ihm sagen?
Die Wahrheit! entgegneke ihr Paul.
Wird er Eleonore nicht festzuhalten streben? Wird er nicht
Alles amwvenden, sie uns zu entreißen? wendete Davide ein.
Gewisß! aber Eleonore ist ja nicht mehr allein in ihrem
stolzen Haughton Castle! Sie ist in eines Bürgers Hause, sie
hat sich ja eben freiwillig als der Unseren Eine unter meinen
Schuz gestellt, und wenn wir auch nicht wie sie in ihrem freieren
Vaterlande von uns sagen können: ,Mein Haus ist meine
Burg!'' so bin ich doch Herr in meinem Hause, und sie soll,
wie wir alle ruhig leben, ruhig schlafen, und sich frei bewegen
unter meinem Dache und unter meinem Schutze, bis sie uns
nicht mehr braucht, bis sie gelernt hat, wieder aus eigenem
Antriebe ihren eigenen und, ich denke, einen schönen, neuen
Weg zu gehen!
F. Le wald, Von Geschlechi zu Geschlect. N.

Kapitel 21

Achtes
Capitel.
en
zNach großen Stürmen pflegen, wie in dem Leben der
Völker, so auch in dem Leben der einzelnen Menschen, wemnn
die aufgeregten Wogen sich geebnet haben, lange und tiefe Wind-
stillen einzutreten, in denen die Wasser sich beruhigen und all-
mählich so sanft hingleiten, daß man es leicht vergißt, wie es
eben noch anders gewesen ist und was unter der glatten Ober-
släche in der Tiese schlmmeri. W mian erlebie, was man
erlitt, wird von dem Einzelnen mehr und uehr vergessen, Von
der Gesammtheit überwunden und ausgeglichen. Man meint,
es sei des Erfahrens nun genng gewesen, man hofft, der ge-
wonnenen Einsicht in Ruhe froh werden zu können, man sieht
rund um sich her vielfach ein Wachsen und Gedeihen, und da
man ohne sein besonderes Zuthun von dem allgemeinen Elende
sein reichlich Theil getragen, so wird man zu der Meinung ver-
führt, daß man auch ohne sein besonderes Zuthun des Guten
theilhaftig werden müsse, das sich um uns her entfaltet hat.
und daß das allgemeine Wachsen und Gedeihen mit seiner
Segensfülle zudecken müsse, was der Eine oder der Andere sich
nicht gern eingestehen und gern verbergen möchte.
Handel und Wandel standen denn auch, nachdem wenig
mehr als ein Jahrzehend seit der Befreiung Deutschlands von
der Fremdherrschaft verflossen war, wieder in voller Blüthe.
Die Industrie und der Landbau waren zu einem Aufschwunge
gekommen, von dem man bis dahin in unserem Vaterlande noch

--- W9!--
kaum eine Vorstellung gehabt hatte, und an der Spitze der be-
deutendsten- Unternehmungen fand man fast immer das mit
jedem Jahre mächtiger werdende Tremann'sche Handlungshaus.
Paul war einer der reichsten und zugleich einer der angesehensten
Männer der Stadt und des Landes geworden. Sein Einfluß
kam nicht nur dem eigenen Schaffen, sondern auch den Ange-
legenheiten der mit ihm verbundenen Menschen sehr zu Siatten.
Er selber hatg sich freilich schon von den Fabrik- und indu-
striellen Geschäften zurückgezogen, die er bald nach Beendigung
des Krieges mit Steinert und Herbert gemeinsam unternommen
hatte, - um sich gänzlich wieder dem großen Geldgeschäfte zuzu-
wenden; dafür arbeiteten aber die Söhne und Schwiegersöhne
seiner beiden Freunde mit diesen jetzt gemeinschaftlich und ein-
ander in die Hände.
Eva war, wie sie das gewinuscht hatie, in dem alten, auf
das bese ausgebaulenn Amtshause in Nothenfeld mit ihrem
Herbert angesessen. Sie sah in behaglicher Nuhe ihrem Lebens-
abende entgegen, während der junge Steinert, der seine Cousine
Angelika geheirathet hatte, und Steinert's Schwiegersohn mit
seiner Eveline, der Eine auf dem von Nothenfeld jetzt abge-
zweigten Vorwerke, der Andere in Neudorf sich tüchtig regten.
Auf den Gittern, deren Ertrag nach dem Abgange von Aam
Steinert in den letzten Lebensjahren des Freiherrn Franz so
tief heruntergekommen war, daß er die Bedürfnisse der Herren
von Arten nicht mehr deckte, fanden jetzt drei Familien ein
reichliches Auskommen und ein immer wachsendes Gedeihen,
weil sie selber schufen und erwarben, was sie brauchten, weil sie
ihre Bedirfnisse und ihre Einnahmen in Einklang erhielten und-
weil ihre eigene Tüchtigkeit und Arbeitsamkeit den Arbeitern um
sie her zu einem Antriebe und zu einer Ermuthigung gereichten,
die den Gutsbesizern ebenfalls zu Nutze kamen.
Ein Jahr nachdem Herbert sich in dem Rothenfelder Amts-
z

aH
hause niedergelassen hatte, war Seba in der Mitte des Som-
mers in ihre heimathliche Provinz zurückgekehrt, um ihr altes
Vaterhaus einmal wiederzusehen und Herbert auf seinem Gute
zu besuchen, und Eleonore hatke sie dabei begleitek. Seit die
Gräfin in das Tremann'sche Hans gezogen und gleichsam ein
Mitglied seiner Familie geworden war, trennte sie sich von Seba
nicht. Sie waren einander in kiefem Verständnis; nahe getreten.
Di hsi s- Viele gesslegi ud gehegl. sagie die Gräfin
bisweilen, das; es nur in der Ordnuung ist, weun sich endlich
aiemand sinde!, der Dich nun hegt und pslegk. Davide hat
ihren Mann, hai ihre Kinder; ich hale Niemanden als Dich,
und es kommt Dir zu, das; ein Wesen um Dich ist, iber welches
Dn ganz verfiigen kannst. Wo Du bist, da bin ich, wo Du
hingehsl, gehe ich uii Dir!
Seba wollte das nicht gelten lassen, denn sie wiünschte,
Eleonore in einer ihr angemessenen Ehe glicklich zu sehen; aber
es war, als hätie das Gemüüth der Gräfin noch ein Ruhen
nöthig, nachdem es ihr in schweren Kämpfen gelungen war, sich
mit Hülfe ihrer Freunde völlig von den Banden frei zu machen,
in denen der Abbä sie gehalten hatte; und Paul bestärkte sie
in ihrer Hingebung an Seba.
Laßt sie ungestört gewähren, rieth er, wenn Davide in
ihrem Glücke Heirathsplane für die Freundin machte. Fünr eine
Eleonore kommt gewiß der Tag, an welchem die Freundschaft
ihr nicht mehr allein genigt; laßt uns ihn erwarten.
Sie und Seba hatten in den letzten Jahren verschiedene
große Neisen gemacht, sie waren auch einen Sommer in Haughton
Eastle gewesen. Aber Eleonore hatte in England nur ihre
nächsten Anverwandten aufgesucht, und obschon von ihnen jezt
wieder bereitwillig empfangen, hatte sie sich doch nach Vauisch-
Bz
land und in das Haus zurüückgesehnt, in dem ihr zuerst selbst-
lose Liebe begegnet war und in dem sie es erlernt hatte, sich

---- W9Z ----
im Anschlusse an ihre Umgebung, im engverbundenen Zuusam-
menhange des Familienlebens durch Hingabe zu bereichern, durch
Unterordnung zu erheben. Man dachle nicht daran, sie besonders
aufzullären. sie zu erzichen. Die Luft macht eigen und die
Luft befreit. Man ließ das Leben walten.
Freilich wuunderten die Lenle, vor Allen: Nenalud und die
Seinigen sich darüber, daß die Gräfin Hauughton der Aufforde-
rung ihres Gesadie, sich bei Host vorslellen zu lassen, nichi
nachlam, das; sie noch immer in Dauutschland, noch imner als
eine Genossin des Tremaun'schen Hauses lebte; man fand sich
jedoch endlich damii ab, es ihr fiir eine ihrer englischen Grillen
auszulegen, und des Freiherrn Angelegenheiten waren nicht der
Art, ihm eine besondere Theilnahme an den Seelenzuständen
der Personen einzuflößen, die nicht im nächsten Zusammenhange
mit ihm lebten.
Renakus mochte es ansehen, wie er wollte, das Glück
wendete sich ihm nicht wieder zu. Während in Paul's Hause
eine ganze Schaar von Kindern in Kraft und Gesundheit heran-
wuchsen, war das einzige Töchierchen, welches Cäcilie ihren
Manne geboren hatte, ein schwächliches Kind gewesen, das bald
gestorben war, und er hatte bisher vergebens auf die Geburt
eines Sohnes gehofft, der seinen Namen erben und in die Zu-
kunft tragen sollte. Die Aussicht, daß Valerio, daß der seinem
Vater untergeschobene Sohn vielleicht der einzige Erbe des alten,
schönen Namens derer von Arten werden könne, widerstand dem
Freiherrn bei der eigenartigen Entwicklung dieses jungen Menschen
mit jedem Jahre mehr, und etwas, woran er sich recht von
Herzen freuen konnte, hatte Renatus nirgend.
Allerdings war seine Ehe eine würdige und friedliche;
aber Vittoria war eine schwere Last für ihn und seine Frau,
und auch seine Dienstverhältnisse gestalteien sich nicht so günstig,
als er es erwartet hatte. Er wurde tcoz der größten Pflicht-

-- ZIF--
treue nicht befördert, das Avancement im Frieden war sehr
langsam, und er konnte sich des Gefühles nicht erwehren, daß
ein unbekanutes Etwas, das: ein heimliches Uebelwollen ihm,
wohin er sich auch wende, hindernd im Wege slehe. Dazu lam
er auuch mit seinen Vermögensverhältnissen nicht, wie er es ge-
ssziss-
hofft, in die Ordnuung. =e Pächter halte nicht den=---s
O,-
seine erarbeiteten Capitalien in das fremde Gut zu stecken, und
der Freihserr keizie susilalien, mil deen er seller aiif deiii Gute
etwas hätte unternehmen lassen können. Das Pachlgeld, welches
regelmäßig genng einging, blieb immer nicht lange in des Frei- ;
herrn Händen, weil er gleich bei seiner Verheirathung eine
Summe aufgenommen, die er zu verzinsen hatte; und es fanden
sich, da die geseslschasllichen Beziehugen des Freiherrn sich mit
jedem Jahre ausdehnten und das Leben in der Residenz mit
dem wachsenden Reichthume ihrer Bewohner auch glänzender
und üppiger wurde, mit jedem Jahre irgend welche neue Aus-
gaben, denen man sich anstandshalber nicht zu entziehen ver-
mochte und die ein Abzahlen des gemachten Anlehens hinderten.
Hier und da, wenn Cäcilie es sah, daß Renatus sich in
Geldverlegenheii befand, wenn es sie drickte, daß man die ein-
gehenden Nechnungen nicht gleich bezahlen konnte, wenn man
die Handwerker und sonstigen Lieferanten um Geduld angehen -
mußte, hatte sie den Vorschlag gemacht, Nenatus solle sich von -
der Garde zu einem der Linien - Negimenter versezen lassen. -
==enn man indessen von der Hauptstadt fortging, wenn man s
N
sich also auch aus den Kreisen des Hofes entfernte, so gab man?
damit alle die Vortheile auf, welche in monarchischen Staaten ?
dem Staatsdiener aus der persönlichen Bekanntschaft mit seinem ;
Herrn gelegentlich erwachsen können, und die man im Laufe der ;
a-»ee zu erreichen eben bemisht gewesen war. Eine Versezung ?
N,s.
von der Garde zur Linie, eine Nebersiedelung in eine Provin-ß
zialsiadt ließ sich aber, ganz abgesehen davon, daß sie dem Frei-I
-
D

-- W9B-
herrn wie ein Herabsteigen erschieeen wäre, ohne einen nam-
hafien Geldaufwand auch nicht betoerkstelligen, den man denn,
wie die beiden Gatten meinten, doch besser und dem Zwecke
entsprechender in der esidenz verwwertlen lonnte.
Ma blieb also beständig in einem Zuustande bes Wollens,
des Erwwägens, des Hoffens und det Sichiröstens, wenn wieder
einmal, wie das mehrmals geschah, eine günslige Aussicht, auf
deren Erfiillung man zuversichtlich gerechnet hatte, selhlgeschlagen
waar. Nennluus uocle es äieilien nicht eupfinden lassen, daß
er Sorgen hatie; Eäeilie bemühte sich. ihm ihr Unbehagen zu
verbergen, und mit ihren gegenseitigen Ermuthigungen täuschten
sie sich selber und einander. Cäcisie hätte sich ein Gewissen
daraus gemacht, der Mulier oder gar der Schwester, die sie
ohnehin beide nur selten sah, einen Einblick in ihre Lage zu
gestatten, und die Mutter und die Schwester befragten sie nicht
darum. Sie waren zufrieden, daß Renatus und Cäcilie sich
innerhalb ihrer Mittel mit Anstand z erhalten schienen, daß
die Hiülfe und die maunigfachen Förderungen, welche die Gunst
der Prinzessin Hildegarden gewährte, es dieser möglich machten,
in jedem Jahre die Badereise zu unternehmen!, ohne welche sie
bei ihren Nervenleiden nicht mehr bestehen zu können glaubte;
und wie denn bei jedem Uebel sich meist noch ein Gutes finden
- läßt, so figte es sich, wie Hildegard sagte, doch sehr glücklich,
daß sie und Graf Gerhard seit Jahren immer dieselben Bade-
F orte zu besuchen hatten.
Der Graf war indessen in seiner Gesundheit durch den
Gebrauch der Bäder nicht sonderlich gefördert worden. Die
, Lähmung seiner Glieder nahm im Gegentheile, wenn auch nur
, sehr allmählich, zu, und obschon er sich vortrefflich zu befinden
behauptete, schütielten seine Aerzte doch die Köpfe. Seine Zeit-
EaDD

---- 9ß--
Jahren hatten kennen lernen oder die im Stande waren, einem
Manne um seiner Liebenswwürdigleit willen seine unwwirdige
Vergangenheit zu vergessen, sagten, Graf Gerhard sei wie alter
Wein, der durch die Jahre nur feuriger und anregender werde,
und in der That schien er an Lebhaftigkeit des Geistes zu ge-
winnen, was er an körperlicher Beweglichkeit verlor.
Weil er sich nicht gern daran erinnern mochte, daß er ohne
Hülfe sich nur mühsam aufrecht halten und bewegen konnte,
ging er wenig aus. An jedem Miltage fnuhr er eine Skunde
in das Freie, gab bei diesem oder jenem Freunde eine Karte.
ab, sendele der einen Damne ein Buuch hinauns, schickie der andern
ein Billet mit einer Aufrage z, und da es in jeder großen
Stadt und an jedem Hofe eine Anzahl von Misigen gibt, die
froh sind, ein Sielldichein zu haben, an dem sie eine ihrer leeren
Viertelstunden mit ihres Gleichen gemeinsau unterbringen können,
so ward durch den Rest des Tages das Zimmer des Grafen
von Besuchern selten leer. In dem Plaudern und Schwatzen
erfuhr er, was ihm mitgetheilt zu haben man sich kaum bewußt
war, und es währte gar nicht lange, bis sich der Glaube fest-
gestellt hatte, daß Graf Gerhard einer der am besten unterrich-
teten Männer des Hofes sei, bei dem man nicht nur sichere
Auskunft über alles, was im Augenblicke geschehe, sondern auch
sehr wesentliche Aufschlüsse über die Vergangenheit im Allgemei-
nen erhalten könne.
Es ward Mode, mit dem Grafen bekannt zu sein und ihn
zu besuchen, und da die fromme Mildihätigkeit der Prinzessin unter.
den ihrem Hofstaate angehörenden Frauen auch die Barmher-
zigkeit zum guten Tone stempelie, so fand man es schön und
lobenswerth, als die Gräfin Hildegard. auf eine größere Ge-
selligkeit fast ganz verzichtend, sich freiwillig zur Gesellschafterin
ihres alten Freundes machte, der einst bestimmt gewesen war,
ihr als Oheim noch näher verbunden zu werden.

--- II? ---
Sie und ihre Mutter brachten fast jeden Abend bei dem
Oukel, wie sie ihn jetzt beständig nannte, zu. Sie machte seine
Vorleserin, sie besorgte seinen Briefwechsel, wenn er sich einmal
ermüdet fihlte, und einander stüzend, tragend und lobpreisend,
wo sie vor Dritten von einander zu sprechen hatten, gelangten
sie dahin, sich ein Ansehen und eine Geltung, sich eine Aner-
kennung für ihr gegenseitiges Verhältniß zu erwerben, welche
keiner voau ihnen für sich allein jemals gewonnen haben wüürde,
ganz abgesehen davon, daß der Gräfin durch ihre täglichen
Abendbesuche bei dem Freunde eine ökonomische Erleichterung
erwuchs, die sie heimlich doch in Aschlag brachie.
Es war früher einmal die Rede davon gewesen, dem Gra-
fen, welchen seine Sprachlenninisse und seine feinen Uigangs-
formen sehr wohl zu einem solchenn Amnie befähiglen, zum Kam-
merherrn der Prinzessin zu ernennen; seine Krankheit hatte aber
die Ausführung dieser Absicht verhindert, während dieser Krank-
heitszustand doch gerade seine Bedürfnisse erhöhte und ein ver-
mehrtes Einkonmen fir ihn wüünschenswerih machte. Der Graf
besaß allerdings ein mütterliches Vermögen, das ihm spät genug
zugefallen war, um von ihm vortrefflich angelegt und gut zu
Rathe gehalten zu werden; indeß als jüngerer Sohn war er
doch nichts weniger als reich, denn die Berka'schen Güter waren
Majorate. Er hatte es also doppelt hoch zu schätzen, daß ihm -
durch die Verwendung der Prinzessin eine jener Präbenden ver-
liehen wurde, welche über die Zeiten der Reformation hinaus
zu Gunsten des Adels erhalten worden sind und deren geist-
lichen Titel Niemand mit mehr Anstand und mit besserer Laune
zu tragen sich getrauen durfte, als Graf Gerhard Berka.
Man war schon wieder mitten im Sommer, und der Graf
hatte eben eine jener kleinen Mittagsgesellschaften um sich ver-
sammelt gehabt, die er, seit er Domherr geworden war, scher-
zend nur noch seine Capitel nannte, als man ihm einen der

-- 298-
russischen Gesandtschannsräthe meldete, der ihn persönlich zu
sprechen wünsche. Der Graf kannle den Legationsrath, aber er
hatte kein persönliches Umgangsverhältniß mit ihm. Ein Besuch
desselben zu so ungewohnter Stunde mußte also irgend eine
besondere Veranlassung haben, und der LegationSralh ließ den
Grafen darüüber auch nicht lange im Ungewissen.
E ist uns heute, sagte er nach einigen einleilenden Be-
grisungsworten, mit dem Pekersburger Courier eine Privat-
uission zliprhpigrn, bie er hiesigzen Gesunls-hasl gzz uus-
drücklich von dem Ministerium anempfohlen worden ist. Es
handelt sich um eine Todesnachricht, um den Brief eines Ver-
storbenen an eine Dame der hiesigen Aristokratie, die, wie ich
aus zuverlässiger Tuelle weis, Ihhnen befreundet ist, mit Einem
Worte, um einen Brief a die Gräfin Hildegard von Nhoden.
Wissen Sie zufällig, ob die Gräfin irgend eine nähere Be-
ziehung zu einem Herrn von Kabeniew gehabt hat, der zux
Zeit des ersten Feldzuges Major gewesen ist, und der danach
eben seiner Wunden wegen den Dienst verlassen hat?
Der Graf besann sich eine Weile, dann sagte er: Ich habe
den Namen von der Gräfin nennen hören, dünkt mich.
Und Sie wissen nicht, ob Herr von Kabeniew ihr nahe
gestanden hat, ob man befürchten müßte, ihr mit der Nachricht
seines Todes eine Erinnerung zu erwwecken, die, ihr von fremder
Hand nahe gebracht, vielleicht peinlich für sie sein könnte?
Der Graf hatte dem Legationsrathe mit jener verbindlichen
Achtsamkeit zugehört, welche ein Zeichen guter Erziehung ist.
Jezt wurde seine Miene plötzlich ernst und kalt, und mit dem
Tone bestimmtester Abwehr sagte er: Ich meine mich zu er-
innern, daß die Gräfin gegen mich hier und da eines Mafors
Kabeniew erwähnte, den sie in einem unserer Hospitäler durch
eine lange Zeit gepflegt hat; aber wo oder wie sie den Gestor-
benen auch kennen gelernt hat, so wird sie sicher da Andenken

---- II--
an ihn nicht zu scheuen haben; dessen dürfen Sie versichert sein,
mein Herr!
Der Legationsrath machte eine zustimmende Verbeugung.
Ich war dessen selbst gewis, Herr Grak, betheuerte er. Aber,
was wollen Sie - es waren aufgeregt: Zeiten, die Bewegung
der Gemülther war eine gewaltige, und-= er lächelte - nun,
wir waren Alle jung, juger vielleicht als unsere Jahre! Wo
eine Welt in Flamnen steht, fasit auuc der Einzelne leichi Feuer,
unu es hal bauu bisweilen doch seiu Scmerzliches, auf eine
solche alie Brandstätie zurickgefihrt zu werden! - Gerade die
auserordenlliche Verehrung aber, deren die Gräfin gemeßt, machte
es den Gesandien wünschen, sie wo möglich vor jeder Erschüt-
terung zu bewahren, und die Auskunfi, die ich von Ihnen,
mein Herr Graf, zu erhalten die Ehre habe, bestätigt nur eine
Vermuthung, die wir selber hegten. Herr von Kabeniew, ich
darf Ihnen dies als einem Freunde der Gräfin wohl vertrauen,
der unvermählt und ohne nahe Verwandte gestorben ist, hat der
Gräfin Nhoden sein ganzes, äußerst beträchtliches Baarvermögen
hinterlassen, das, falls sie etwa nicht mehr am Leben gewesen
wäre, den hiesigen Hospitälern überwiesen werden sollte. Ich
will mich also beeilen, noch heute mich des Auftrages meines
Gesandten bei der Gräfin zu entledigen.
Er erhob sich; man wechselle noch einige Worte, welche
sich zum Theil um die edlen Eigenschaften der Gräfin bewegten,
und der Legationörath hatte sich kauum empfohlen, kaum das
Haus verlassen, als um die gewohnte Stunde die Gräfin und
Hildegard sich bei dem Grafen einstellten. Sie fanden ihn erhitzt
und aufgeregt. Sein Auge glänzie, seine Hände waren kalt
und selbst der Ton seiner Stimme schien seinen Freundinnen
ein veränderter zu sein.
Sie fragten, was ihm widerfahren sei. Er wich der An-
worl auus, erlundigle sich nach ihreu Ergehen, nach den Vor-

-- Z00--
kommnissen des Tages; aber Hildegard sowohl als ihre Mutter
fühlten ihm an, das er zersireut, das; er nicht bei der Unter-
haltung sei, und man nahm also zu dem Buche seine Zuflucht,
mit welchem ma sich schon seil mehreren Abenden beschäsligt
hatte. Indeß auch dieses Auskunftsmitiel wollte heute nicht
verschlagen. So oft Hildegard, welche die Vorleserin machte,
ihr Auuge von dem Buche aushob, fand sie den Blick des Grafen
in einer Weise auf sich gerichtet, die sie beunruhigte, und als
sie einmal ihre Linke auf dem Tische ruhen ließ, so daß der
Graf sie von seinem Platze aus erreichen konnte, ergriff er ihre
Hand und fihrte sie an seine Lippen.
Das war sonst auch geschehen, und doch lag heute etwas
Besonderes in des Grafen Thun, etwas Besonderes in dem
Seufzer, mit dem er sich in seinen Sessel zuricklehnte und seine
Augen mit seiner feinen, durchsichtig gewordenen Hand bedeckte.
Hildegard konnte nicht weiter lesen. Sle legte das Buch
nieder, und sich über den Tisch zu dem Grafen neigend, sprach
sie Es ist etvas geschehen, lieber Hnkel, etwoas, das Sie be-
trübt, das also auch uns nicht gleichgültig sein kann. Ich fühle
es unwiderleglich, ich empfinde es wie eine Ahnung und es
ängstigt mich! Sagen Sie es, sprechen Sie es aus, geliebter
Onkel, was haben Sie, was ist vorgefallen?
Der Graf stüützte mit der geschlossenen Hand sein Haupt.
und es leise und traurig wiegend, sagte er: Wir werden nicht
mehr oft beisammen sizen!
Was soll das heißen ? riefen Mutter und Tochter wie aus
Einem Munde.
Aber statt ihnen zu antworten, entgegnete der Graf: Wie
durfie ich daraus auch rechen? Wie konie ich nr wähnen,
daß so viel Anmuth, Geist und Gite allein dazu geschaffen
wären, den Niedergang eines Daseins wie das meinige zu ver-
schönen! Und Hildegarden's Hände ergreifend, zog er sie näher
T
,

----- Z0--
an sich heran und nöthigte sie damit unmerklich, sich von ihrem
Plaze zu erheben.
Sie begriff nicht, was der ganze Vorgang bedeuten konnte,
indes: sie war stels geneigl, bei irgend einer Gefithlsergießung
mitzuwirken, und sich auf dad Polster niederlassend, das zu des
Grafen Füsßen lag, sagte sie, die Muuter anblickend Mama,
frage Du den Hkel, womil Deine Hldegard es verschuldet hat,
daß er ihx mit seinem Zweifel an der Treue ihrer Freundschaft
heut' so wehe thut!
Nein, rief der Graf, schweigen Sie, schweigen Sie, meine
Freundin, damit ich uich fassen, mich überwinden lann! Ihre
Ankunft überraschte mich und ließ mir nicht die Zeit, mich zu
sammeln. Sie wissen es ja, ich bin ein Egoist, ich kann nicht,
kann nicht selbstlos lieben, wie Sie beide, wie die theure Hil-
degard. So - eigensiichtig, so ganz auf dieses lieben Wesens
Nhe ist mein Sinn und mieine Zuversicht gestellt, daß selbst
sein Glück mich nicht mit dem Gedanken aussöhnt, es küünftig,
es vielleicht bald entbehren zu mülssen.
Die Worte des Grafen wurden den Frauen immer räihsel-
hafter, aber seine Erregtheit kheilte sich ihnen mit, und die
Gräfin, welcher der Vorgang doch bedenklich scheinen mußte, ver-
langte endlich eine bestimmte Erkläruung desselben.
Der Graf gewährte ihnen dieselbe nur auf seine Weise.
Er fragte, ob er sich irre, wenn er glaube, von Hildegard den
Namen eines Mafors von Kabeniew gehört zu haben. Ob er
sich täusche, wenn er meine, daß der Major ihr seine Hand
angetragen und sie dieselbe wegen ihrer Verlobung mit Renatus
ausgeschlagen habe.
Nein, nein, rlef Hildegard, Sie irren nicht! Aber was
ist's mit dem Mafor?
Da legte der Graf seine Hand auf Hildegard's Schulter
und sagte: Was es mit ihm ist? -- Er entreißt mir meines

---- Z0F--
Lebens einziges, wahres Gllck! Er is gesiorben -- und Sie,
Hildegard- - Sie sied seine Erlin. Seint Tesiament liegt auf
der russischen Gesandlschasl; mau hal sich bei uir erkuundigl, ol
man's Ihnen unvorbereitet übermachen düürfe. Morgen schon
wird es in Ihren Händen sein, morgen sind Sie eine reiche
Erbin!-- Und was werde ich Ihnen dann noch sein?--
Was kann mein mäßiges Vermögen, das einst das Ihrige wer-
den sollte, Ihnen dann noch bedeuten?
Es entstand eine lange Pause, denn man geht aus großer
Beschränkung nicht zu groser Lebensfreiheit über, ohne eine
Wandlung, eine Erschitterung in sich zu spiren. Hildegard
hatte den Neichthum steis ersehnt und ihre verhältnißmäßige Ar-
muth war ihr nach der fehlgeschlagenen Hoffnuung auf ihre Ver-
heirathung doppelt drückend gewesen. Sie wuste, das; Herr
von Kabeniew sehr reich gewesen war, und die Aussicht, jezt
plözlich zu einem bedeutenden Vermögen zu gelangen und vor
allen Dingen dadurch unabhängiger, reicher, freier zu werden
als Nenatus, als Cäeilie, schwellte ihre Brust mit einer nie ge-
kannten Freude. Nicht nur ihr Glick genoß sie, sie genoß im
voraus auch bereits das Erstaunen und wo möglich die De-
müüthigung der beiden Menschen, die sie ködtlich hasßte, denn sie
gehörte zu den verbitterten Naturen, deren Freude der Unterlage
eines fremden Schmerzes nöthig hat, um voll und ganz zu sein.
Kein Wort, nur ein lauut aufgeschrieenes Ach! entrang sich ihrer
Brust, und beide Arme um der Mutier Nacken werfend, weinte
sie, als solle es ihr das Herz zersprengen.
Die' Gräfin weinte ihre Freudenthränen mit ihr. Auch
ihr fiel eine schwere Lst vom Herzen. Graf' Gerhard saß in
seinem Sessel und wendete sein Auge nicht von ihnen. Endlich,
als er meinte, daß die Frauen sich mit ihren Gefühlsergüssen
geng gethan hätten, richtete er sich empor, die Schelle zu ziehen.
Das lenkte Hildegard von sich selber ab. Sie eilte hin-

-- Z(Z--
zu, ihm die Miihe zu erspuren, und erlundigte sich, was er
wimnsche.
Ich will den Diener nach einem Wagen finn Sie senden,
sagte er.
Sollen wir Sie verlassen? fragte Hildegard.
Der Graf sah schwermüüthig zu ihr empor. Sie werden
zu Hause möglicher Weise schon die Dokumente finden, welche
der Legatjonsrath Ihnen auszuliefirn hatte. Es ist natürlich,
dasß Sie dieselben zu lesen, das; Sie Sich mit der Mutter zu
besprechen wünschen, und ich habe Sie, liebe Hildegard, ja nun
gesehen! Fahren Sie nach Hause, theures Kind!
Die Gräfin und Hildegard weigerten sich dessen; er bestand
jedoch auf seinem Vorschlage. Ich habe ja Freude, sprach er,
wenn ich Ihrer denke, und -- an das Alleinsein werde ich mich
gewöhnen müssen! Er reichte ihr di: Hand. Als sie sich zu
ihm neigte, zog er sie, als lönne er seiner Empfinduung nicht
widerstehen, auf das Polster zu seinen Füßen nieder, und ihr
Haupt in seine beiden Hände fassend, küßte er ihr Haar mit
leiser Lippe.
Einmal, einmal nuur, rief er, wie seiner selbst nicht mächtig,
einmal, Du sanfter Engel, sollst Du es im Beisein Deiner
edlen Mutter von mir hören, daß Du mein Erlöser gewesen
bist, das ich, der das Leben von seinen höchsten Höhen bis hinab
in seine reulosen Tiefen ausgekoslet zu haben wähnte und der
an nichts glaubte, auf nichid veriraute, in Dir das Jdeal ge-
funden habe, das mich bereuen, wünschen, glauben, hoffen und
mich auferbauen lehrie! Einmal muß ich es Dir sagen, daß
ich Dich liebte, seit ich Dich kennen lernte, daß ich den thörich-
- ten Knaben haßte, der Dich und DAne reine Liebe nicht zu
würdigen verstand, und daß ich jetzt die Stunde segne, in der
er Dich von sich stieß, denn Du bist jezt frei, und das Leben
wird Dir seine schönsten Kränze nicht versagen!

=- ZßH.-
Er brach ab und hillte sein Gesicht in seine Hände. Hil-
degard haite ihr Hauupt an des Grafen Schulter gelehnt, sein
Arm umfing sie; die Gräfin stand bestirzt an ihrer Seite, aber
die Verherrlichung des von ihr sg vorzugSweise geliebten Kindes
that ihr wohl. Hildegard erschien ihr wieder jung und schön,
wie sie jezt, von dem letzten Schimmer des Abendsonnenscheines
umflossen, vor dem Grafen knieete, dessen gehobene Stimmung
den ursprünglichen Adel seiner Züge troz seiner Jahre und
seiner Krankheit mehr als gewöhnlich hervortreken ließ.
Endlich richtete er das Haupt der jungen Gräfin empor,
und noch einen Kus; auf ihre Stirn drickend, während er ihrer
Muter die Hand hiniberreichte, sprach er: Nun ist's gut! Nun
geh', nuun geh', Du lieles Kind, und denk' nicht mehr an mich!
Leb' wohl!-- Leben Sie wohl, Hildegard ! Leben auuch Sie
wohl, theure Mutter! Wir sehen uns nicht wieder!
Dnlel, mein Freund, mein kheurer Freund, rief Hildegard,
was soll das heißen? Nehmen Sie das Wort zurick!
Er schitttelte verneinend das Haupt und gab ihr, als könne
er nicht sprechen, ein Zeichen, sich zu enifernen.
Hildegard blieb vor ihm stehen. - Ich komme morgen
wieder! sagte sie!
Er wendete sich von ihr ab.-- Nein, das geht über meine
Keaft! Wie soll ich kinftig schweigen, da das unselige Ge-
ständniß meinen Lippen nun entflohen ist? sprach er dumpf in
sich hinein.
Hildegard regte sich nicht; der Gräfin begann die Scene
peinlich und bedenklich zu werden. Sie nahm die Tochter bei
der Hand.- Komm, komm, mein Kind, sagte sie, der Onkel
ist zu sehr ergrifßen, und auch Du bist sehr erschütiert. Wir
haben Alle, Alle Fassung nöthig!-- Sie wollte die Tochter
mit sich fortführen. Hildegard wendete ihr Antliz nach dem

-- Z0ß--
Grafen zurück; er hatte das Haupt uf seine Arme niedersinken
lassen, die auf dem Tische ruhten.
Da machte sich Hildegard vo:n ber Mutter los, und noch
einmal vor dem Grafen niederknieend, rief sie: So kann ich
ihn doch nicht verlassen! Und warum soll ich denn auch von
ihm gehen?-- Weinen Sie nicht, weine nicht, mein Freund,
ich bleibe! Wo soll ich denn auch bleiben, als bei Dir, der mir
beigestanden hat in meiner größten Noth?
Engel des Lichtes, sprich es, sorich es noch einmal aus.
dieses Wort, das mich beseligt! rief der Graf, und es war ver-
gebens, daß die Mutter es versuchte, dem Vorgange das Ge-
präge einer förmlichen Verlobung zu entziehen.
Hildegard lag in des Grafen Armen, er kisßte ihr Haupi.
ihre Häde; sie nannte sich glicklich in dem Besize seiner Liebe,
und noch einmal genoß der finfzigjährige und krante Mann
den Triuph, sich eines Weibes zu bemächtigen, dessen er nicht
werth war, weil die unklare Herzensüberspanntheit Hildegard's
ihm dazu die Handhabe darbot.
Es dunkelte schon, als die Gräfin mit der Tochter sein
Haus verließ. Er war sehr mit sich zufrieden. Es war ihm
ein Meisterstreich gelungen, und er häitte nur gewünscht, ihn
irgend Jemandem mittheilen zu können. Nie zuvor hatte er
daran gedacht. Hildegard zu seiner Erbin einzusetzen; er hatte
sich überhaupt nie mit seinem Testamente beschäftigt. Es war
ihm stets zuwider gewesen, auf sein einstiges Ende hinzublicken,
denn er fühlte in sich noch Lust, zu leben, und die Nachricht
von der reichen Erbschaft seiner Freundin Hildegard hatte ihm
plözlich die Aussicht eröffnet, sich größere Lebensbequemlichkeit,
sich noch größere Lebensfreiheit zu verschaffen, als bisher.
Er konnte sich eines Lchelns nicht erwehren, als er sich
sagen mußte, er sei Bräutigam, er habe sich verlobt., Ward
je in dieser Laun' ein Weib gefreit? Ward je in dieser Laun'
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. E.
N

--- Zß--
ein Weib gewonnen?' fragte er sich selber, Shakespeare's Worte
brauchend, den er anzuführen liebte.
In seine Genugthnung mischte sich jedoch ein Schmerz.
Die Anspannung seiner Kräfte hatte ihn erschöpft. Es kam wie
eine Reue über ihn. Er hätte jung, er hätte noch ganz er selber
sein mögen! Aber er nannte diese rückblickende Wehmuth eine
Schwäche, eben eine Folge der Anstrengung. die er sich zuge-
mulhel haile. Er ließ sich gegen seine Gewohheit Wein hin-
stellen, trank ein Paar Gläser davon, und als er dann sein
Lager aufsuchte, und das auf dem Nachttische liegende Buch
aus der Hand legte, waren es philosophisch -religiöse Fragen,
Fragen, mit denen sein völliger Uiglaube sich zu beschäftigen
liebte, unter denen ihm endlich das Bewuußtsein schwand und
Schlaf und Traum ihn sanft umfingen.

Kapitel 22

Neuntes Capite l.

,ßie Gräfin und Hildegard halten die Ruhe nicht so leicht
gefunden. Das Erbe, welches der Lezteren zugefallen, war noch
weit beträchtlicher, als man es erwartet hatte, und der Gedanke,
die Tochter ohne alle Nothwendigkeit mit dem Grafen Gerhard
sich verbinden zu sehen, dessen Vergangenheit, troz der Gunst
und königlichen Gnade, deren er sich gegenwärtig rühmen durfte,
doch immer eine bedenkliche blieb und für den eine Herstellung
nicht zu hoffen war, während man ein langes, furchtbares
Siechihum fiir ihn befürchten mußte, widerstrebte der verständigen
Einsicht der Mutter auf das höchste. Aber ihre Vorstellungen,
ihre Bitten, ihre Ermahnungen scheiterten an Hildegard's Ent-
schlossenheit.
Der Graf hatie sich seit Jahren ihrer Neigung zu bemeistern
gewußt, er hatte sich ihr so geschickt und mit so vielem Be-
hagen an der von ihm verübten Täuschung immer als einen
durch sie Bekehrten dargestellt, ihre Neugier auf die Geheimnisse
in seiner Vergangenheit war von ihm so unmerklich geweckt und
befriedigt worden, seine halben Bekenntnisse hatten ihre Begrife
von Sitie, von des Mannes ihm oft verderblicher Freiheit und
von des Weibes großmüthig verzeihender Liebe so versälscht, daß
die Gräfin es plözlich mit Erstaunen wahrnahm, wie der Boden
sich verändert hatte, auf welchem ihre Tochter stand. Es fiel
ihr schwer, zu glauben, daß Hildegard, obschon sie in der Mitte
der Dreißiger war, für den um zwanzig Jahre älteren, kranken
Na

-- Z0 - --
Mann je etwas Anderes als antheilvolles Mitleiden, als eine
dankbare Ergebenheit empfunden haben könne. Indeß Hildegard
haiie sich so fest in den Gedanken eingelebt, der Schutzengel des
Grafen zu sein, und dieser hatte während ihres ersten gemein-
samen Aufenthaltes in dem Badeorte die leidenschaftlich erregte
Empfindung und die nicht minder aufgeregte Sinnlichkeit des
von Renatus verlassenen Mädchens von Anfang an so geschickt
ni: sl?enaiiis auus sich ze ilerlrngen gewssi, dus: Hilhegard
schon lange an den Grafen gekettet gewesen war, ohne sich
dessen bewsi zu sei. Troz aller Vorslellngen der Mller
nannte sie sich entschieden glicklich, dem geliebten Manne, dem
sie, und sie allein, den Glauben an alles Edle und Erhabene
wiedergegeben hätte, den Abend seines Lebens verschdnen z
können, und in seiner reinen, sie anbetenden Liebe einen reichen
Ersaz fir die Leiden zu finden, welche der Leichtsinn des Frei-
herrn Renatus ihr bereitet hatte.
Alles, was die Gräfin von der Tochter an dem Abende
erlangen konnte, war das Zugeständuiß, daß die Verlobung nicht
bekannt gemacht werden solle, ehe man nicht die Prinzessin,
welche sich Hildegarden stets als eine so gnädige Beschitzerin
gezeigt, davon in Kenntniss gesezt und ihren Nath und ihre
Zustimmung dazu erbeten haben würde. Aber schon bei ihrem
Erwachen begrüßten ein Brief und eine Sendung des Grafen
seine Braut, und noch ehe die Stunde gekommen war, in
welcher man daran denken konnte, die Prinzessin aufzusuchen
und bei ihr vorgelassen zu werden, brachte einer ihrer Lakaien
Hildegarden ein paar Zeilen von der Prinzessin eigener Hand,
mit denen sie ihr zu der Wendung, welche ihr Schicksal ge-
nommen habe, ihren Glückwunsch aussprach. Sie nannte es
schön, daß ihr früheres Liebeswerk ihr die Möglichkeit gewähre,
in Werlen der Liebe forizufahren, und die Prinzessin rihmte
dabei die Herzensfeinheit des Grafen ganz ausdricklich, der ihr

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vor allen Andern die Mittheilung des geschlossenen Bundes habe
zukommen lassen, da er sicher gewesen sei, daß sie sich jedes
Gmtten freuen wüirde, welches Hildegarden von der Vorsehuung
beschieden sei.
Damit stand nun die Verlobung als eine Thatsache fest.
Denn der Graf hatte sich nach seiner früheren Geschäftserfahrung
rechtzeitig daran erinnert, das es Fälle gibt, in denen man
raschh hameln uund dei: Aidern zuv orloiumnen muß, wenun an
seiner Sache sicher sein will, und die Gentgthuung, die er über
seine Elschlosseüuhell süihlle, verlich ihm, wie er meinte, wirllich
eine neue Kraft.
Es war noch friih am Morgen, als er schon bei der Braut
erschien, und es sah aus, als habe er heute des Dieners, auf
dessen Arm er sich zu stiützen pflegte, kaum noch nöthig. Hilde-
gard eilte ihm auch gleich entgegen, ihm ihren Arm zu reichen,
und der Graf hatte es so geschickt erlernt, sich mit allerlei kleinen'
Küinsten von einem Plaz zu dem andern fortzuhelfen, daß selbst
die Gräfin Nhoden sich es nicht versagte, heute der Hoffnung
auf seine Herstellung Naum in sich zu geben.
Die Mutier hatte gewünscht, ihrer verheiratheten Tochter
gleich am Morgen die Nachricht von Hildegard's Erbschaft und
Verlobung zukommen zu lassen, aber diese war anderer Meinung-
Sie beabsichtigte, der Schwester die Kunde selbst zu überbringen,
und das konnte nicht sogleich geschehen. Der frühe Besuch des
Grafen, eine Besprechung mit dem Gesandten, die gerichtlichen
Vollmachten, welche die neue Erbin auszustellen hatte, nahmen
Zeit in Auspruch. Es verstand sich von selbst, daß die Ver-
lobten sich ihrer Beschützerin, der Prinzessin, präsentirten, und
es war natürlich, daß die Braut ihre jezigen Möglichkeiten zu
benzen und sich fir die Vorstellung bei der Prinzessin und
eben so fiir den Besuch bei ihrer Schwester nach ihren neuen
Verhältnissen einzurichten begehrte.

-- Zß----
Unter Besorgungen, Berathungen und Einkäufen gingen
die Stunden hin. Hildegard und der Graf waren beide nicht
die Stärksten, die ungewohnten Anstrengungen ermideten sie,
Einer war finr den Adern auf Schonuung bedachl, man mußte
etwas Nuhe haben, und der späte Nachmiktag kam also heran,
ehe man sich anschickte, zu der Schwester hinzufahren.
Die Stadt war schon leerer geworden, der König hatte
sich, wie allsährlich, in ein böhmisches Bad begeben, die iibrigen-
HHofslaaten risteten sich ebenfalls zum Aufbruche, und obgleich
die Residenz damals noch nicht so gros: war, dasß man nicht
bald vor dad Thor gelommen wäre und ausßerhalb desselben
nicht noch Feld und Wald und Wiesen geng gefunden hätte,
suchte doch, wer es ermöglichen konnte, sich auch damals eine
Veränderung des Aufenthaltes zu bereiten. Cäeilie und Vitioria
aber weilten in der Stadt, denn Renatus war im Beginne des
Sommers längere Zeit zum Ankaufe der Nemonte-Pferde aus-
wärts gewesen und war nun wieder seit einigen Tagen mit
seinem Regimente zu den großen Manövern nach einer der be-
nachbarten Provinzen kommandirt. Man konnte seiner Rückkehr
erst in einigen Wochen entgegensehen.
Die Sonne brütete über der Straße und glänzte blendend
aus den gegenülberliegenden Fensterreihen wieder. Hier und da
wirbelte der Südostwind die Staubmassen empor, daß man sie
wie Wolken vorüberziehen sah. Vor dem Hause belud man
einen großen Reisewagen mit Koffern und Schachteln. Der
Wirth, ein reicher Kaufmann, der das Erdgeschoß bewohnte,
ging mit seiner Familie in ein Bad und wollte die kühlere
Nacht für den Beginn seiner Neise benutzen. Cäcilie und Vittoria
saßen schon eine geraume Zeit schweigend neben einander. Endlich
erhob Cäcilie sich, und die Fensterfligel öffnend sagte sie: Welch
ein staubiger Brodem auf diesen Straßen liegt!
Ja, entgegnete Vittoria, ich dachte es eben! Was fiir ein

=-ee 1 Z zh, -==
Launo und was für ein Leben ist es, in denen man mitten in
der besten Jahreszeit sich den grausigen Winter ersehnt!
Cäeilie sezte sich wieder zu ihr. I: Richien muß es heute
schön sein! hob sie nach einer Weile an.
Iu dem leeren, wüsten Schlosse? entgegnete die Andere,
und sich fächelnd, wie es ihre Gewohnheit war, rief sie nach
längerem Schweigen: Wenn man nur wenigstens eine Stunde
in das Freie fahren könnte!
Nenaluh hat die Pferde verlauft und noch keine ihm
passenden gefunden -- wir müssen uns gedulden, bis er wieder-
kommt! bedeuteie Cäeilie wie entschuld gend, und schloß mit der
Bemerkung, das: es innen, in dem Zimmer erträglicher als
draußen sei, das Fensier, welches sie eben erst geöffnet hatte.
Sie nahm ein Buch zur Hand und fing zu lesen an,
aber man konnte sehen, dasß sie nicht dabei war. Sie blätterte
hin und her, legte es fort, grif nach einem Zeitungsblatte und
schien auch von diesem nicht gefesselt zu werden. Vittoria sah
ihr gelangweilt und ermüüdet zu.
Die Aussicht, einen ganzen Sommer in diesen engen Stuben
zu derbringen, rief sie dann mit Einem Male aus, ist mir wirklich
ganz entsezlich! - Und nach einer neuen Pause sagie sie, ihre
eben erst gethane Aeußerung halbwegs vergessend: Ich wollte,
Nenatus hätte mich wenigstens gelassen, wo ich war - was
hatte ich hier in der Stadt zu suchen?
Caeilie antwortete ihr nicht gleich. Sie fühlte sich selbst
gedrückt. Die neue Trennung von ihrem Manne ward ihr
schwer, der ungerechte Vorwurf, den die Stiefmutter ihm machte,
that ihr weh.
Renatus hat es gut gemeint, sagte sie endlich, und mich
dünkt, Du von uns Allen hättest die meiste Befriedigung hier
in der Siadt gefunden. Wenigstens hast Du oft geng ver-
sichert, das: Dir hier ein neues Leben afgegangen sei. Du hast

Freunde gefunden, der Kronprinz zeichnet Dich aus, Du hast
Genüsse aller Art.. -
Beklage jch mich denn? fiel Vitkoria ihr nach der Weise
aller Derer in das Wort, die, keines zusammenhängenden Denkens
gewohnt, - von jeder in ihnen angeregten Vorstellung auf einen
völlig veränderten Standpunkt geführt werden. Ich beklage mich
ja nicht! Ich meine, ich hätte es von jeher bewiesen, daß ich
mich in das Unabänderliche zu fügen und daß ich auch zu
schweigen weiß!
Was nennst Du das Unabänderliche? fragte Cäcilie.
Glaubst Du, entgegnete die Stiefmutter, daß es behaglich
ist, dasß es sir eine Fran, die, wie ich, Herrin in ihrem Hause
zu f:in gewohni war, behaglich ist, abhängig wie eine Kloster-
schllerin zu sein?
Mich dünkt, Du wärst so ziemlich die Herrin in unserem
Hause! wendele Eieilie ein.
Vittoria lachte. Nennst Du es Herrin sein, wenn mein
Sohn, wenn Renatus mich förmlich unter Deine Kontrole stellt?
Wenn er mir die Weisung hinterläßt, daß ich in seiner Ab-
wesenheit keine Besuche machen, Niemanden empfangen soll.. - -
Vitioria, rief die junge Baronin, entstelle die Thatsachen
nicht! Nenatus hat Dich nur gebeten, Emilio nicht bei Dir zu
sehen, weil.. -
Weil Emilio Dir den Hof macht! warf Vittoria ein.
Cäcilie wurde blaß vor Zorn. Laß das, ich bitte Dich!
sagte sie sehr fest. Emilio's plözliche Galanterie für mich täuscht
weder meinen Mann noch mich! Sei zufrieden, wenn wir
schweigen -- das Schweigen ist nicht immer leicht!
Und schweige ich denn nicht, füge ich mich denn nicht in
alles, was Renatus fordert? meinte Vittoria, die von ihrem
früheren Klosterleben her ein Vergnüügen in dem kleinlichen

se=ege mit ihrer Umgebung fand, dns sie sich, sobald sie Lange-
weile haiie, nichl versagle.
O ja, rief Cäeilie, gewiß, Du schweigst, aber man sieht
es Dir an, wie unbehaglich Du Dich fühlst, wie widerwillig
Du Dich dem unerläßlich Gebotenen fügst! Und glaube mir,
das lastet so schwer, so schwer auf meinem Manne und auch
auf mir, fuhr sie, wider ihren Willen heftig werdend, fort, daß
wir. . - --- Sie brach plözlich ab.
Vittorka fragte, ob sie nicht vollenden wolle.
Iiesß die junge Frau hatte sich schon wieder zusammen-
genommen. Sie bereute ihre Aufwallung, denn Renatus wollte
durchaus den Frieden in seinem Hause ausrechi erhalien haben,
und bemiht, dieses Ziel zu erreichen, bemiht, ihrem Manne
vielleichi duurch eine Erörlerung mit seiner Stiefmuitex das Leben
zn erleichtern, sagie sie, sich iberwinhend: Du bist wirklich nicht
gerecht gegen uns, besie Viitoria! Dut weißt es, glaube ich,
wirllich nicht, wie schwer der arme Nenatus es hat! Er thut
für Dich und für uns alle, was er kann, aber. . - - - sie
zögerte auf's Neue und sagte dann endlich, als müsse es einmal
ausgesprochen werden: Er will freilich nicht, daß Du darum
weißt, indeß Du kannst ja ohne das seine Handlungsweise nicht
begreifen, und ich lenne ja auch Deine Lebe für ihn und mich,
wennschon Du manchmal an die unsere für Dich nicht glauben
willst!-- Sie machte eine Pause, dant fuhr sie fort: Heute
zum Beispiel - wie gern wollte ich Dir einen Wagen holen
lassen! Ich führe ja auch selbst gern vor das Thor hinaus!
Aber unsere Einkünfte sind nicht groß, und das Leben kostet
hier so viel! Dazu . - - - - sie näherte sich der Stiefmutter,
nahm ihre Hand und sagte: Versprich mir, daß Niemand, am
wenigsten Nenatus darum erfährt, und laß es Dich nicht kränken,
wenn ich sage, daß das ganze Unheil nur von des Vaters falscher
Großmuth herrührt - dazu ist Renatus seit den beiden letzten

-- Zhg--
Jahren immer in großer Geldverlegenheit gewesen. Wir haben
schon im vorigen und in diesem Winter überlegt, wie wir es
machen könnten, uns zurüückzuziehen, ohne ein unangenehmes
Aufsehen zu erregen, und nöthig wäre es, denn Renatus hat,
von einem Wechselgläubiger gedrängt, sich schon vor anderthalb
Jahren entschlossen, von unserem Pächter Vorschisse zu nehmen.
E bleibt ihm in diesem Jahre also nichis mehr übrig, als die
auf ihn laufenden uiglickseligen Wechsel verlängern zu lassen,
was neuue, grösßere Koslen machen wird, während woir mil unseren
Gehalte beim besten Willen nicht im Stande sind, unsere Aus-;
gaben zu bestreiten! Häiest Dn ihn je gesehen, wie ich, wemn
die Zahlungstermine nahe lommen -= und er hat ja schon in
dem zweiten Jahre unserer Ehe die Hypokhekenlast auf Nichten
noch erhöhen missen-- Du wütrdest Dich nicht mehr über ihn
beschweren!
Die Siiefmuller hörte ihr ruhig zu, aber Cäeilie uerkie,
daß sie mit ihren Worten nicht den erwarteten Eindruck auf sie
machte, denn Vitioria sagte, offenbar gelangweilt, sie versiehe
von diesen Angelegenheiten nichks.
Gewiß, hob die junge Baronin, weil sie lebhaft wünschte,
ihrem Manne vor Vittoria's Ansprüchen Ruhe zu schaßen, so
freundlich als sie konnte, noch einmal an, Du verstehst das nicht'
genau, und ich -- ich habe ja auch davon nichts verstanden
oder vielmehr nie recht daran gedacht, bis ich es Nenatus endlich
anmerkte, daß ihn ekwas drickte! Nuun ich ihn aber gefragt habe,
nuun er mir Mlles vertraut hat, nun ich weiß, weshalb Renatus
fir den Sommer unsere Wagenpferde verkauft und den Kutscher
und den Diener bis zum Winter abgeschafft hat, nun ertrage
nch, weil es ja dem geliebten Nenatus zu Hülfe kommt, den
heißen, einsamen Sommer hier in unserem Hause auch weit
besser! Und ich meine, auch Du wirst Dich gedulden um seinet-
willen, Liebe! Er hat's gewis: nicht leichi, er hai oft schwere

---- ==- H Z; H -- -=-
Tage, und er ist ein Herr von Arten, von dem man in der
Gesellschaft und im Regimente etwas erwartet! Er muß doch
leben, wie es einem Arten zukomni!
Eäcilie fand eine Beruhigung darin, das; sie dies endlich
ausgesprochen hatte. Sie hoffte durch diesen Beweis ihres un-
bedingten Vertrauens ihre Schwiegermutter mit den Einschrän-
kungen auuszusöhnen, die sich aufzuerlegen sie ihrem Manne ver-
sprochen hakie; aber Vilioria faste es anderö auf.
Ich habe Dich nicht unterbrechen mögen, Kind, sagte sie;
indes; ich begreife nicht, weshalb Du mir solche Mitiheilungen
machst, obenein, wenn Nenatus Dir dies verboten hat. War
ich es, die den Eintritt in die Welt begehrte, die unsere Vor-
stellung am Hofe forderte? Oder meinst Duu, das; mein Lxus
Deines Mannes Geldverlegenheit verschuldete?
Nein, nein, gewiß nicht! besänftigte sie Cäcilie, die bereits
einzusehen begann, das: sie einen Mißgrisf gethan hatte. Aber
=eu hegtest doch so gut wie ich die Neigung. die Gesellschaft
cg
kennen zu lernen, und Renatus hielt und hält es noch fir nöihig,
daß wir uns in ihr bewegen!
So muß er auch die Mittel schaffen, daß wir's können,
entgegnete Vittoria mit großem Gleichmuthe, und er hat Unrecht,
daß er Dich und mich mit Angelegenheiten peinigt, in denen
wir ihm doch nicht helfen können! Sein Vater khat das nie!
Er machte Alles mit sich selber ab. Er war nicht kleinlich!
Nenatus weiß davon zu sagen! fuhr Cäcilie auf; aber sie
unterdriickte, was sie noch hatte hinzufüigen wollen, und schweigend
und in sich versunken blieb sie in dem Zimmer neben ihrer
Schwiegermutter sizen.
Sie war dieses Zusammenlebens mit Vittoria von Herzen
müde, sie war der Nothwendigkeit des Scheinenmüssens höchlich
satt. Wäre sie nicht in der Liebe ihees Mannes so gllicklich
gewesen, häile sie sich nicht damit geiröstet, daß er sich glicklich

- Zß- -
in seiner Ehe mit ihr fihle, sie würde Hildegard oft um das
ruhig bescheidene Leben in ihrer Mutter Hause beneidet haben.
Bisweilen, wenn die Zahlungstermine für die Wechselschulden
ihres Mannes herankamen, wenn sie berechnen konnte, wie jedes
fortschreitende Halbjahr sie mit wachsender Gewalt in eine immer
tiefere Verwirrung ihrer Verhältnisse hinabzog, hatten ihre Sorge
und ihre Liebe fiür den Gatien ihr die verschiedensten Plane zu
seinemn Beislannde eingzegelen. Tie haile sich uu Eleonore, an
Seba, an Tremann, an dent Kronpritzen wenden und ihn um
ein Darlehen angehen wollen, das mäßig zu verzinsen und dann!
allmählich alzuzahlen, nichl liber ihre Kräsle gegaugen wäre;
indes die leiseste Andeutung einer solchen Möglichkeit hatte stets
ihres Gatten Zorn erregt, und sich bescheidend, weil sie nichts
zu ändern vermochte, hatte sie sich gewöhnt, am Tage den Tag
zu leben und sich mit den kleineren und grösßeren Entbehrungen
und Ersparnissen zu beschwichtigen, die sie unter anehmbaren
Vorwänden sich aufzuerlegen und den Ihren abzugewinnen geschickt
erlernt hatie. Ward Renatus das gewahr, so schlng es ihn
nieder, und seine Zärtlichkeit suchte dann nach einem Anlaß,
Gäcilie für ihr Opfer freigebig zu entschädigen; aver sie hatte
die Sorglosigkeit verloren, sich daran zu freuen, und auch jetzt
war sie in trübe Befürchtungen versunken, als ein Wagen vor
ihrer Thüre vorfuhr und der Diener des Grafen ihr seinen
Herrn und die Comtesse Rhoden meldete.
Um diese Stunde? riefen beide Frauen, da der Graf,
wenn er nicht das Theater oder ausnahmsweise eine Gesellschaft
besuchte, gegen den Abend nicht mehr ausfuhr; es blieb ihnen
jedoch nicht lange Zeit, über den Anlaß seines Kommens nach-
zudenken, denn auf Hildegard's Arm gelehnt, trat der Graf in
. , e ,
das Ziuuer ein, und sich auf den Sessel miederlassend, den sein
Diener ihm schnell herleiholie, sagle er: U Vergebung, meine
Freundiunen, das; wir Sie zuu ungesoohnler Slunde sidren, aber

Hs rf
Gliick ist etwas so Seltenes, das; ich neinte, ein paar Gliickliche
müßten zu jeder Zeit willkommen sein! Erlauben Sie also,
fügte er lächelnd hinzu, daß wir uns Ihnen als Verlobte'
vorstellen!
Als Verlobte? wiederholten Cdcilie und Vittoria, ihren
Ohren kaum verlrauend, und währen die Lezlere sich noch be-
müühte, ihr Erstaunen über dieses unerwarkete Ereignis; in Gliick-
wülesche zu verbergzen, hautle Hildegurd der Scwesler Häinde
bereiis ergrissen, und ihr lies in die Auugen blickend, sprach sie
in ihrem sanftesten Tone: Sieh', Cäeilie, nun ist Alles zwischen
Dir und mir vergessen und Alles wieder, wie es war! Ich
darf wohl sagen, wie es geschrieben sleht: sie dachten es bdse
mit mir zu machen, aber der Herr hat es wohl gemacht!--
.h bin sehr glicklich, so glicklich, das: ich Dir Dein Glück von
N,
Herzen gönne! Schreibe das Renütus, oder ich will es lieber
selber thun! Nicht wahr, geliebter Gerhard, wir wollen an Ne-
natus schreiben? Ich denke, es soll ihm wohlthun, und auch
Dir, Cäcilie, wird es das Herz befreien, daß ich glücklich, ja
daß ich sehr glicklich bin!
Sie umarmte Cäcilie, sie umarmte Vittoria, sie war voller
Zärtlichkeit, voller Vergebung für die Schwester, und doch war
jedes ihrer Worte wie darauf berechnet, Cäcilie zu verwunden.
Mit großem Geschicke wußte sie, ohne der Gegenstände
irgend zu erwähnen, die Schwester auf die neue, reiche Kette,
an der sie ihre Uhr trug, auf den feinen florentiner Hut, auf
den prächtigen tirkischen Shawl aufmerksam zu machen, und
von ihrer nahe bevorstehenden Hochzeit wie von der Badereise
zu sprechen, die sie gleich nach der Hochzeit unternehmen würden.
Nur ganz beiläufig erzählte sie, das sie einen neuen Reisewagen
kaufen werde, weil auf des Grafen Wagen für ihre Kammer-
juugser nichi der nölhige Plaz vorhnhen sei, und von allen
ihren beabsichligten Aschaffungen sprechend, gelangte sie endlich

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an das von u=r ersehnte Ziel, der Schwester die Mittheilung
von dem reichen Erbe zu machen, welches ihr anheimgefallen war.
Dann erhob sie sich plözlich mit der Bemerkung, daß es
Zeit zum Aufbruche sei, und noch im Fortgehen wiederholte sie
es der Schwester, daß sie und der Graf dem Freiherrn schreiben
wüürden, um ihm Kenntniß von ihrem Glicke zu geben.
Gaetana brachte eben die Lampe in das Zimmer, als der
Graf mit Hildegard sich enifernte.
Isi dac Vorha schon erlenuchlel? sragle Geille lebhast.
Die gnädige Frau haben ja befohlen, die Lampe in dem
Vorhause immer so spät als möglich anzuzüünden! wendete die
Dienerin ein.
Cäcllie schwieg und bisß sich in die Lippe. Hildegard wird
immer einen gut erleuchteten Vorsaal, wird immer einen Be-
dienten haben! dachte sie in ihrem Innern, und von einer
bittern Empfindung hingenommen, verließ sie das Gemach. Sie
wollte wenigstens allein sein.
zpnwogg sgoaowEneaeonoeaoegoapgggugggnppgguggu

Kapitel 23

Zehntes Capite l.
G,f Gerhard halie es iu Scherze steis gesagi, er halle
es mit Montecuculi, denn zum Leben wie zum Kriegfiühren
brauche man Geld und Geld und Geld, und er verstand es in
der That vortrefflich, das große Vermögen seiner Frau mit
Anstand zu benuzen.
Die Hochzeit des Grafen war wenig Wochen nach seiner
Verlobung gefeiert worden; die Neuvermählten waren in ein
Bad, aus diesem zu einem Winteraufenthalte in den Süden
gegangen, und nach ihrer Rückkehr in die Heimath hatien sie
das inzwischen nach des Grafen Angabe eingerichtete Haus be-
zegen, welches sie nun bereits seit drei Jahren inne hatten.
Kein Haus in der ganzen Stadt war so geschmackvoll und so
wohnlich als das des Grafen Berla ausgestattet. Pracht und
Bequemlichkeit gingen in demselben Hand in Hand, und wie
seine Wohnung, so war alles, was ihm gehörte, auf das Beste
ausgewählt.
Er ließ seine Wagen und seine Pferde aus England kommen,
er hielt sich einen französischen Koch, sein Keller war der best-
versehene der Nesidenz, seine Kleidung von der zweckmäßigsten
englischen Fagon; nur seine Gesundheit und seine Kraft konnte
das Vermögen seiner Frau, das er seit seiner Nückkehr aus
Jtalien durch mannigfache Spekulationen sogar noch zu ver-
mehren gewußt hatte, ihm nicht mehr erkaufen.
Aber man bewuunderte die Selbsibeherrschuung, mit der er

-- Z0--
seine wachsendea Beschwerden trug, den Muth, mit dem er gegen
seine fortschreitende Lähmung ankämpfte, und vor Allem pries
man die schöne Hingebung, mit welcher die Gräfin Berka ihn
vergessen zu machen strebte, daß ihr an seiner Seite doch eine
schwere Aufgabe zu Theil geworden war.
Es gal nich! leichl ein Ehepaar in der Geseslschaft des
hohen Aels, das mehr der allgemeinen Gunst und Theilnahme
genos, als Graf Gerhard und die Gräfin Hildegard; man
konnte sich auch lein würdigeres Familienverhältniß denken, als
das, welches zwischen der alten Gräfin Rhoden und den Berka's
herrschte, bei denen sie jezt lebte. Die Einigkeit der Mutiek
und der Tochter, die schönen weltmännischen Manieren des
Grafen, der Gräfin edler Sinn fir Häuslichkeit machten, daß
es Jedem wohl ward, der über ihre Schwelle trat; und da
man wegen der Kränklichkeit des Grafen große Gesellschaften zu
geben so viel als möglich vermeiden mußte, so hatte Hildegard
sich entschlossen, Mittags immer ein paar Pläze für gute Freunde
an ihrem Tische bereit zu halten und allabendlich für dieselben
um die Theestunde zu Hause zu sein.
Man rechnete es ihr sehr hoch an, daß sie ihrem Gatien
zu Liebe auf alle Geselligkeit ausßer ihrem Hauuse verzichtete, und
selbst die Prinzen und Prinzessinnen suchten sie dafür zu ent-'
schädigen, daß sie sich's versagte, an den Hof zu gehen. Ihre
Beschitzerin, die alte Prinzessin, empfing sie in den Morgen-
stunden, in denen sie sonst Niemanden anders bei sich sah; die
jüüngeren Prinzessinnen fuhren gelegentlich bei der guten Gräfin
Berka vor, die an der Spitze aller wohlthätigen Unternehmungen
stand und deren Neligiosität, obschon sie eine Katholikin war,
sich von jeder Asschlieszlichkeit, vor aller Unduldsankeit fern zu
As
hallen wusle. Selbst auf ihren Gatien, der es mit der Religion
sonst leichl genng genonmen halle, wirlle der scomme Sinn der
Gräfin Hildegard mit Segen ein. Der Graf fuhr regelmäßig

Hcsz
an jedem Sonntage in die Kirche, die der Hof besuchte, und
das Einzige, was seine Frau bedauerte, war ihr einstiger Ueber-
tritt zur katholischen Kirche, zu welchem sie von der Mutier in
ihrer Kindheit bestimmt worden war und der sie jezt in ge-
wissem Sinne von ihrem Gatten und von ihren fürstlichen Be-
schiitzern und Freunden lrennle.
Es war durchaus angenehm, mit den Berka's eng ver-
bunden zu sein, und Hildegard war für ihren Umgang sehr
wählerisch geworden. Sie hielt eo für nothwendig, Jeden und
Alles zurückzuweisen, was den Grafen aufregend oder störend
berühren konnte, den man nach des Arztes Ausspruch vor hef-
ligen Gemüihsbewegungen bewahren sollte, und sie nannte es
gegen ihre vertrauten Freunde eine Nücksicht auf das Empfinden
ihrer Mutter, daß sie den Freiherrn von Arten und seine Familie
troz ihrer sehr verschiedenen Lebensansichten bei sich sah. Denn,
sagte sie eines Tages zu einer ihrer näheren Freundinnen, der
Graf ist mit dem ganzen Thun und Treiben seines Neffen gar
nicht einverstanden, und selbst mein Zuusammenhang mit meiner
armen Schwester ist leider ein sehr oberflächlicher geworden. Ich
komme so selten in Eäciliens Hauus. Sie wissen's ja, ich ver-
lasse den Grafen ungern, und, ich bekenne Ihnen offen, die
Baronin Vittoria ist mir nicht sympathisch, ist mir's nie gewesen!
Sie lehnte sich mit diesen Worten in ihren Sessel zurück
üind nahm ihre Stickerei wieder zur Hand, die für eine der
Weihnachts-Ausstellungen bestimmt war, welche sie alljährlich in
den schönen Räumen ihres Hauses abhielt. Die Freundin, an
welche diese Worte gerichtet wurden, war die Mutter von des
Königs Adjudanten. Ihr Mann war General gewesen, ihr
zweiter Sohn bekleidete eine Instrnckorstelle im Kdelienhauuse.
Die Mitiheilng der Gräfin Bcrkc hatte sie nicht iberrascht.
z
--kan wussle, daß die belden Familien wenig Gemeinschaft hielten,
und eben deßhalb konnte die Generalin die Frage an die Gräfin
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. 1

Te)e
richten, ob sie .n von der Unannehmlichkeit schon unterrichtet
sei, die den Major von Arten eben in diesen Tagen be-
troffen habe.
Eine Unannehmlichkeit? wiederholte Hildegard. Was ist
dent geschehen? Ich weiß von nichts, die Arten's waren scit
mehr als vierzehn Tagen nicht in unserm Hause. Ich bitie,
sprechen Sie; Sie beunruhigen mich auf das Aeußerste. Die
arme Cäeilie!
Dh- Geierülii lies; sich nichi lange lillent. -- Ee he!üissi
gliicklicher Weise, sagte sie, dieses Mal den Major nicht selbst;
es ist nur eine widerwwärlige Sache mit dem jingeren Arten.
Man hat ihn von der Asialt forkgewiesen.
Fortgewiesen? wiederholte Hildegard, und sich zu ihrem
Manne wendend, meinie sie: Dn behältst also auch damit leider
wieder Rechl, lieber Gerhard! Also von der Atslall forige-
wiesen?
Es war unnöglich, ihn zu halten! versicherte die Generalin.
Mein Sohn sagte mir, er habe in Nücsicht darauf, daß der
junge Arten zu Ihrer Familie gehört, das Aeußersie gethan,
diese Maßregel zu hindern; aber der Leichtsint des jungen
Menschen sei unverbesserlich gewesen und man habe um der
übrigen Kadetten willen nicht länger Nachsicht iben diürfen.
Der Graf wollte wissen, was man Valerio zur Last lege.
Die Generalin sagte, wie sie von ihrem Sohne erfahren habe,
sei der junge Arten immer kein sonderlicher Schiler gewesen
und habe seit Jahren vielfachen Anlass zu Klagen gegeben.
Einen Liebeshandel mit der Tochter eines der unteren Beamten,
dem man vor einigen Monaten auf die Spur gekommen sei,
habe man vertuscht; man habe ihn oftmals weggy seines Hanges
zum Spotte verwarnt, die Karikaturen, die er gezeichnet und in
der Anstalt in Umlauf gesezt, geflissenllich übersehen, bis man
neulich ein getuuschtes Blatt in verschiedenen Exemplaren vorge-

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funden habe, durch welches die Liebhaberei Sr. Mafestät fitr
das Theater und namentlich fir das Ballet in wahrhaft empö-
render Weise zum Gegenstande des Spottes, zu einer Karikatur
gemacht worden sei.
Und was ist danach geschehen? erkundigte sich der Graf.
Die Generalin zuckte die Schultern.- Es wäre natürlich
meines Sohnes Pflicht gewesen, sagte sie, betreffenden Ortes
davon Anzeige zu machen, aber eben weil mein Sohn um Ihret-
willeii glich un dein Major Aiihsil ini!, hal er davon ab-
geslanden. Er hai den Major sofort von dem Vorfglle benach-
richligk, man hat den jungen Arten in seine Familie zurückge-
schickt, nd der Direllor der Astalt hak dem Major den Raih
ertheilt, den jungen Menschen so bald als möglich von hier fort
und in eine andere Lebensbahn zu schaffen, da er ohnehin sehr
phanlastisch sein soll.
Das kommt von der Mutter! meinte der Graf, während
Hildegard die Gräfin Nhoden, welche hinzugekommen war, mit
einem Bedauern, dem der Ausdruck ihrer Zilge völlig wider-
sprach, von dem Geschehenen in Kenntniß setzte.
sei
Die Generalin bemerkte, der verstorbene Freiherr Franz
auch sehr phantastisch gewesen.
vom
Der Graf fragte, was sie mit der Erinnerung sagen wolle.
Die Generalin erwiderte, daß leider der Apfel selten weit
Stamme falle.
Wenn ihn der Baum getragen hat, gewiß nicht! entgegnete
der Graf; aber an wie manchen alten Baumes Stamm findet
man Frichte, die von außen hinübergeworfen worden sind und
auf die das Sprüchwort also wenig paßt.
Die Generalin sah ihn überrascht und neugierig an. Hil-
degard, der die schweren seidenen Kleider und die kleinen weißen
Spizenlücher, die sie über ihre noch immer lang herniederfallen-
den, röthhlich-blonden Locken zu knüssfen pflegie. ein jugendlich
An

-- ZF-
matronenhaftes Anzeyen gaben, hob die Augen mit ihrem sanf-
testen Blicke bittend zu ihrem Gatten auf, und der Graf ver-
sagte es sich also, die Neugier der Generalin zu befriedigen.
Aber diese gab ihre Erwartung so leichten Kaufs nicht für
verloren.
Nehmen Sie es mir nicht übel, rief sie, als müsse sie ihr
Herz endlich einmal von einem schweren Zweifel zu befreien
suchen, ist denn irgend eiwas daran, das; die Vergangenheit der
Baronin nicht ganz makellos ist, und ist's denn wirklich wahr,
was man sich von der Liaison der Baronin Vittoria mit Emilio
erzählt? Ich wiürde mir, darauf kenten Sie mich ja, eine solche
Frage sicherlich nicht gestalten, weun ich nicht zuverlässig hossle,
von Ihnen zu erfahren, daß man der Baronin Unrecht thue,
aber - unvorsichtig bleibt es doch, daß man Emilio auch jetzt
noch in des Freiherrn Hause sieht.
Die Gräfin Nhoden, deren Mutierherz durch den neuen
Kummer, welcher jetzt über Cäcilie wieder hereinbrach, doch be- .
wegt ward, sagte, die Generalin irre, wenn sie glaube, daß
Emilio noch zu den Umgangsgenossen ihrer Kinder zähle. Man
empfange ihn seit nahezu einem Jahre nicht mehr.
Es war auch gar nicht möglich, länger ein Auge zuzu-
drücken, figte Hildegard hinzu, als müsse sie diese Erklärung
geben, denu Emilio trieb seine Schauspielkust in meines Schwa-
gers Hause so oon arore, daß er, um sein Verhältniß zu der
Baronin Vittoria zu verbergen, nicht ibel Lust bezeigte, sich
als den Verehrer meiner Schwester darzustellen.
Das wird ihm nicht eben schwer gefallen sein, meinte die
Generalin, denn die Baronin Cäcilie wird mit jedem Jahre
schöner. Sie wird Ihnen, liebe Nhoden, seit sie voller geworden
ist, nnur immer ähnlicher.
Die Mutter nahm das Lob der Tochter, das ihr zugleich
schmeichelte, freundlich auf. Hildegard sagte, Gäcie werde doch

ze zu stark, und kaum hatte die Generalin sich entfernt, als
Hildegard die Mutter fragte, ob sie nicht anspannen lassen solle
und ob sie nicht gemeinsam zu Gteilie fahren wollten, nachzu-
hören, was dort wieder vorgefallen sei und was man etwa für
sie thun könne.- Eäeilie bemitleiden zu gehen, war die Gräfin
Berka immer bei der Hand, und ihr Mitleid war der Schwester
und dem Schwager nicht das Leichteste. das sie zu tragen hatten.
Auch jezl wieder lasteken ihre Zstände schwer auf diesen
Beiden. Valerio war seit dem vorigen Tage in des Freiherrn
Hause. Es hatte heftige Auftritie und die unangenehmsten Ver-
handlungen gegeben. Cäcilie sah mit Kummer, wie die Furchen
aus ihres Gallen Slirn sich mii jedeun nenen Jahre vertiefien,
wie sein ganzer Sinn sich verdüsterte und seine Reizbarkeit sich
krankhaft steigerte. Auch der Vorfall mit Valerio hatte ihn
wieder sehr niedergeschlagen, während der Jüngling selber und
seine Mutter das Geschehene äußerst leicht zu nehmen schienen.
Vittoria sagte, sie habe immer die Ueberzeugung gehegt-
ihr Sohn sei nicht dazu geschaffen, in dem geistlosen Zwange
der militärischen Disciplin seine glänzende Begabung untergehen
zu lassen. Ihr Blut, das Bliit eines glücklicheren Volkes, lebe
in seinen Aern. Die Natur habe ihn bestimmt, ein Kinstler
zu werden, und die Natur lasse sich nicht überwinden, sie räche
sich, wenn man ihr Gewalt anthue. Auch Valerio sprach von
seinem eigentlichen Berufe, von seinem inneren Müssen. Der
Freiherr beachtete ihre Worte kaum. Der Gedanke, daß der
Jüngling, den er in großmüthiger Liebe als seinen Bruder
gelten lassen, der seinen Namen trug, daß ein Freiherr von
Arten wegen einer unwürdigen Handlung aus dem Kadetten-
hause ansgestosen worden sei, brannte als eine Schmach in des
Freiherrn Seele, und es hatte ihn e:ne große Neberwindung
gekostet, sich heute zur Parade zu begeben. Allerdings hatte
Niemand mit ihm von dem Vorgange gesprochen, aber der Major

Depg
=)= gE? z1? ===--
zweifelte nicht daran, das er vielen seiner Nebenoffiziere bereits
bekannt gewesen sei. Es war gestern ein Sonntag gewesen;
die Kadetten hatten ihren Urlaub gehabt, in Hunderten von
Familien haite ma das Ereigniss gestern fraglos mitgetheilt,
und Nenaluus halle es aus der Parade in den Mienen seiner
Kameraden zu lesen gemeiut, das; sie sich Gewall anlhälen, der
Augzelegzenuuhseil nicl zuu ersväihen.
eer Freiherr brachle au Miliage leinen Bissen über seine
=- ppen. Er siand vomn Tische auuf, weil er es nicht ertragen
Is-
lonnle, Vilioria's Gleichmulh und die unverminderte Eszluust an-
zusehen, mil der Valerio sich Genige lhai.
Als man sich von der Mahlzeit erhob, folgte Eäcilic -=----
szwo in
Gailen in sein Zimer. Er bemerlte sie kaum. Gesenken
Hauptes, die Hände auf den Nucken gelegt, gig er auf und
nieder. So pflegte sein Vater umherzuwandern, wenn ihn
,ioi- A-Fs,fs
==- -h-- -=====---, wanl er etwas mtit sich abzu utaOelz h===- s
KAfi: -
aber Renatus war nicht mehr, wie einst der Freiherr, in den
großen Gemäch. des Ruchtener Schlosses, in denen man seiner
z N.«
isis s
=-==i=g»1g wweit ausschreitend Luft machen kon., uund dt. ==--
szsfs-sen
wegung in dem engen Zimmer steigerte seine Heftigkeit, tatt
sie zu mäisigen. Er kam sich wie ein Gefaugener vor, er meinte,
die Wände immer näher zusammenrücken zu schen, es versezte
ihm den Athem, und sich ru;y umwwendend, wie Einer, der sich
--s,
Z=- -
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A.of
l,siöp soibf- ins s-,llsp oe doiss I,fsb=- !
s=»==V 1 K z=sb 11lss Pp !V9=»G-- =- s =s1l -==-ü1 -z
Eäeilie fragte, was er winsche.
Ichh muß mit dem Burschen zu Ende kommen! gab er ihr
ziikoss
Antwort und befahl dem Duener, ihm Valerio z----
..uf dem andern Fliügel bei d.- --- =eh==-
os- HsF,zs fp si
ifn
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fii dz-sll. s..s is.:
=.e eigpe BefCegllll( zll ==- s-= - - -=- =- -;-=- =-- -gl -
szn sp i 1zss
ein. Er war zu einem vollendet schönen Jiünglinge erwachsen.
Seine Gestalt war hoch und tadellos, =- quliener war in
pz- s,-
ei.id üs Is ss,.
si iss
jedem seiner Zige, in seiner gatzen Haltz --- -=----

---- Z?-
seinem Mienenspiele und in seine: Geberdensprache unverkennbar,
und selbsi die steif machende n ili ärische Schulung hatte den
freien Ael seiner Bewegungen nicht zu unterdrücken vermocht.
Dii hast mich rufen lassen, Brüder? fragke er, als er bei
Renaluus einiral.
Dieser halle sich niedergesezt, als wolle er sich damit zur
Niihe zinzr. iu lunzzsuuer ssrechend, als er soust pslegie,
sagie er Ic habe Dich kouen lussen, um von Dir selber zu
erfahrens, welche Vorstellug T.. Dir von Deiner Zukunft
machst. Das; Du fort muust, weisßt Dn, das; Du kein Vermögen
hasi, auf welches D Dich irgend sliizen dinnftest, habe ich De
gesagt, als ich Dir den Nath ertheilte, in das Heer einzutreten,
und als die Gnade unseres Königs Dir die Aufnahme in das
Kadelienhaus bewilligte.
Er hielt inne. Valerio regte sich nicht. Er hatie den
Arm auf einen kleinen Schrank gestüützt, der dem Spiegel ge-
genüberstand, und Cäcilie, die besorgt der Unterredung folgte,
konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß Valerio auch in
diesem Augenblicke noch mehr mit sich und seiner schönen Siel-
lung, als mit den Worten seines Bruders beschäftigt sei.
--« spreche nicht davon, hob der Freiherr, da Valerio
A,.
schwieg, auf's Neue an, ich spreche nicht davon, wie Du Sr.
Majestät dem Könige die Gnade gedankt hast, die er Dir an-
gedeihen lassen; das würde, wie Du Dich erwiesen hast, eine
vergebene Mühe sein. Laß uns also kurz zur Sache kommen!
Was soll aus Dir werden? Was denkst Du mit Dir anzu-
fangen?
Valerio änderte seine Stellung nicht; aber er hob den Kopf,
den er bis dahin gesenkt gehalten haiie, in die Höhe und sagte:
Fragst Du mich das im Ernste, Bruder?
Mich düult, eutgegnete der Freiherr bitter, Deine Lage ist
nicht dazu angeihan, mir Lust zum Scherzen einzuflößen!

---- I8 -- --
Nun denn, rief Valerio, wenn es Dein Ernst ist, wenn
Du mir jetzt wirklich endlich die Freiheit geben willst, über
mich selber eine Meinung zu haben und über mich zu verfügen,
so will ich Dir sagen, was ich wiünsche!-- Er zögerie, als
habe er ein Bedenken, es auszusprechen; dann aber faßte er
sich ein Herz. zg mit rascher Bewegung einen Sessel heran,
und sich seinem Bruder gegenüber niederlassend, sagte er: Du
bisi immer gul grgr mich gewesen, uun ic hale Dich immner
lieb gehabt, Nenalus; aber Du hasl meine Naluur nichl ver-
standen, hast mich nie auflommen lassen . - -
Du machst Vorirse, wo Di: Dich enschldigen solltest,
fiel der Freiherr ihm in die Nede; die Taktik ist nicht nen,
aber sie ist hier nicht angebracht. Ich habe es heute nicht mit
Deinen Beleunlnissen, uichi mit Beirachlgen über die Ver-
gangenheit zu thnn, die jezt zu nichts mehr fihren. Beant-
wworte mir rund und nackt die Frage: Was soll aus Dir werden?
Da hob der junge Mann seinen vollen Blick äuf den
Freiherrn und meinte Wenu D auf mich geachtet hättest,
brauchte ich Dir das nicht erst zu sagen! Ic werde zur Bühne
gehen!
Valerio! rief der Freiherr, als traue er seinen Ohren
nicht, und plötzlich die stolze Oberlippe aufwerfend, daß seine
Miene, so wenig seine Züge dem Vater glichen, dem Ausdruce
des verstorbenen Freiherrn von Arten äußerst ähnlich wurde,
sprach er mit schneidender Kälte: Aber freilich, Du bist kein
Arten!
Er wurde blas, als das Wort seinem Munde entflohen
war. Er hätte viel darum gegeben, es nicht ausgesprochen zu
haben, sehr viel! Denn er erschrak vor dem wilden Blicke des
jngen Manes, der ihm gegenübersas, vor dem unheimlichen
Zucken seines schönen Mundes.
Sie schwwiegen beide; Eellie klopse daa Herz, dass sie

-- ZF --
wähnte, die Andern müüßten es hören können. So entschwanden
ein paar Minuuten. Renatus konnte zu keinem Entschlusse kommen.
Einmal stand er auf dem Punkte, seinen Ausspruch als eine
bildliche Redeform auuszugeben, dann wieder meinte er mit der
Enthillung dieses Geheimnisses einen Zilgel gewonnen zu haben,
durch den er den unruhig phantastischen Sinn des jungen
Mannes wirksam lenken könute; aher Valerio's heißes Blut
iriel iln zu schielleren Eilscheiduungen, als Nenaius sie zu sassen
gewohnl woar, ued sich hoch auusrichlend wie ein lragischer Held,
denn bei seiner Künstlernatur war er sich selbst in diesem Augen-
blicke noch eiu Gegensiand der Darstellung, sagte er: Ich hoffe,
meines Vaters Namen wirst Duuu mir wohl lassen müssen, da
er diesen nicht, wie seinen Besiz, auusschließlich nr auf Dich
vererben lonnie! Meinen Namen wenigslens danke ich doch
Deiner brisderlichen Gnade nicht!
Nicht? rief Nenatus, der jezt seiner selbst nicht länger
Herr war, nicht? - Und er hätte in seiner zornigen Empörung
Tausende hinzuwerfen vermocht, hätte er die Beweise von Vit-
toria's Untrene, von Valerio's unrechtmäßiger Geburt dem Jüng-
linge unter die Augen halten können, der ihm zu trozen wagte,
nachdem er Unehre aus den alten Namen seines Hauses gebracht
hatte. - Frage Deine Mutier, ob Du ein Arten bist! Frage
Deine Mutter, ob sie und Du nicht meinem Schweigen, meiner
Ehrfurcht vor dem Namen meines theuren Vaters die Stellung
verdanken, die ihr einnehmt! Ein Wort von mir . -
Er brach ab und bedeckte sein Gesicht mit seinen Händen.
So weit hatie man ihn gebracht, so weit war er von sich selber
und von den Ehrbegriffen seines Hauses abgefallen, daß er dem
Leichtsinue eines Jünglings wie Valerio das Geheimniß anver-
traute, welches der verstorbene Freiherr der Ehre seines Sohnes
zu hüten gegeben hatte! So weit hatte er sich vergessen, daß er
Vitioria, die Freundin seiner Kindheil und Juugend, daß er die

HOc
=-- eßegß 1? ---==
Mutter blo,,.ellte vor dem Urtheile ihres Sohnes - eines jungen
Menschen, dessen Keckheit vor keinem Aeustersten zurickschrak!
Seine Unzufriedenheit mit sich selber kannte keine Grenzen,er
schämte sich vor seinem eigenen Weibe; und wie konnte er jezt
noch darauf hoffen, ein irgend erträgliches Verhältniß zwischen
Vitioria und Cäcilien auufrecht zu erhalen, da er selber Vitioria
als eine Ehelrecherin angellagt, da erJes Eäeilien jezt verrakhen,
was er auuch ihr bisher mit ängsilicher Geflissenheit wverborgen
und fern gehalten hatte!
Wie ein Wetterstrahl war das unglüückselige Wort zwischen
sie Alle niedergefahren, Alles zerstörend, Alle lähmend. Renatus
rang nach Fassung; aber es war Valerio, der sich zuerst be-
zwang, der sie zuerst erlangte.
Die wilde Aufregung in seinen Mienen hatte nachgelassen,
seine Stimime klang weich, und in einer Weise, welche seine
große Erschitterung verrieth, sagte er: Du hast ein Wort aus-
gesprochen, über das ich in's Klare kommen muß!' Es zwingt
mich, Dir eine Frage vorzulegen: War es nur der Zorn, der
Dich jene Worte brauchen ließ, oder sagtest Du die Wahrheit?
Bin ich des Freiherrn Sohn. oder bin ich's uuicht? -- Ist's
deßhalb, daß ich fast ohne Antheil an unseres Vaters Erle blieb,
obschon unsere Giter nicht Majorate sind?-- Ist's deßhalb,
daß meine Mutter in einer Weise von Deinem guuten Willen
abhängt, die fiir die Witiwe unseres Vaters mir schon seit lange
unbegreiflich erschienen
nicht?= Und wieder
heftig a- us doch
. ,.
ist? Bin ich Dein Bruder, bin ich's
diese Wahrheit habe ich
in seinen Troz zurückfallend, rief er
wissen, wer ich bin! Dies wenigstens,
von Dir zu fordern!
Der Freiherr maß ihn vom Wirbcl bis zur Sohle. Das
Pathetische in des Jünglings Erscheinuung, das ihm immer miß-
fällig gewesen war, reizte ihn jezt doppelt. Alles, was er seit
Jahren und Jahren Lästiges und Schwexes um Vittoria's

z -d s
wegen auuf sich genommen, alle die Opfer, die er füür sie und
auch fir Valerio gebracht, die quälenden Eindriücke, welche er
seit gestern um des Letzteren wullen durchzumachen gehabt hatte
und mit denen er noch nicht zu Ende war, bclasteten den Frei-
herrn wie ein eiuziger, gewalliger Druck. Sein ganzes Leben
war von Rücksichien auf seines Vaters Willen, auf die Ehre
seine Hauses und Namiens geleitl und bestimmt worden, und
was hatke er damit erreicht? Ec war genug der Opfer, der
Rücksichten auf Andere! Nur an sich selber, an seine persön-
lichen Verhältnisse, an die Aufrecht:haltung seines Namens und
seiner Ehre hatie er noch zu denken; es war Zeit, seine Rech-
nung mit denen abzuschlicßen, die ihmn dies erschwerten. Int
ihm, dessen war er sich bewußt, lebte der wahre Sinn seines
Geschlechies, er muste sich und fir sich die Möglichkeit des Fort-
bestehens zu erhalten suchen. Wollte er nicht uniergehen zu-
sammt dem Weibe, das sich ihm in Liebe anvertraut, so mußte
er, wie bei einem Schiffbruche, endlich Alles von sich stosßen,
was sich hemmend an ihn klammerte, was sich wider ihn zu
erheben drohte, und finster, wie der Geist, der über dieser Siunde
waltete, sagte er: Was fragst Du mich? Lege diese Frage
Deiner Mutter vor!
Valerio erhob sich, sein Antliz war todtenblaß geworden;
auch der Freiherr war aufgestanden. Wo willst Du hin? fragie
er, da Jener sich zur Thir wendete.
. gehe, meiner Mutter die Frage vorzulegen, die. -
er hielt inne und sagte dann sehr fest: mir Freiheit schaffen soll!
Halt, rief der Freiherr, vergiß es nicht, daß Du unseren
Namen trägst und daß i., Dein Vormund, daß ich fir Dich
verantwortlich bin!
Besorgen Sie nichts, Herr von Arten! entgegncte der
e
.üngling mit einer Entschiedenheit und zugleich mit einem Tone
des Spottes, der ihn für Renatus und Cäcilie völlig zu einem

O Ocz
Fremden maaz --- besorgen Sie nichts! Aber zum Dienen bin -
ich nicht geschaffen! Wäre es mir nicht gelungen, mich durch
jene Zeichnung von diesem Nocke- er ris; die Unisorm vom
Leibe und trai sie in wild auufwallender Heftigkeit unter die
Füße -- von diesem Nocke und von der Sllaverei, zu der er mich
verdammie, zu befreien, so hätte ich mir durch die Flucht ge-
holfen; denn mich des Namens zu entäusern, der mir nicht? -
werth ist in der Laufbahn, die ich einzuschlagen denke, war ich -
ohnehin eutschlossen! -- Ich begehre Ihres Naens nicht!
Nenaius lral in rascher Bewegung auf ihn zu, seine Hand
erhob sich-- -- aber wie im Entsetzen über sich selber blieb
er mitten im Zimner stehen. Geh! sagte er so tonlos, daß er -
seine eigene Stimme nicht erkannte.
Valerio hörte es nichi mehr. Er hatte da Gemach bereiis
verlassen, seine Uniform blieb auf dem Boden licgen.

Kapitel 24

Eilftes Capitel.
-
zz -s die Gräfin Berla fast um dieselbe Siunde bei der
Schwesier vorfuhr, wuurde ihr Besuch nicht angenommen, und
Hildegard erzählte dies ihrem Gatten und der Mutter mit dem
Zsatze, daß sowohl Ceilie als Vittoria zu Hause gewesen wären,
denn in ihren beiden Zimmern habe sie Lcht gesehen.
.h habe das Meine gethan, ihnen meine schwesterliche
N,
Theilnahme zu beweisen, sagte sie; man muus jezt abwarten,
bis sie kommen.
Jdeß der nächste Morgen brachte nur ein paar Zeilen
von Cäcilie, in denen sie der Schwester ihr lebhaftes Bedauern
aussprach, daß es ihr gestern unmiglich gewesen sei, sie zu
empfangen. Eine unangenehme Angelegenheit, die ihr und ihrem
Manne allerdings nicht unerwartet gekommen sei, habe sie hin-
genommen und gebe ihnen eben in diesen nächsten Tagen man-
chherlei zu bedenken und zu ordnen. Sei das geschehen, so
wüürden Hildegard und die Mutter die Ersten sein, zu denen sie
eile, um ihnen Nachricht von der neuen Einrichtung zu geben,
die sie und Renatus fir sich zu machen beschlossen hätten.
Die Schwestern waren schon seit lange auf den Fuß jener
Fganz äußerlichen Rücksicht und Höflichkeit gekommen, hinter denen
die völlige Entfremdung sich verbirgt. Hildegard lächelte, als sie
kdem Grafen das Billet der Schwester hinhielt. Die Mutier aber
-hatte Mitleld mit Cellien. Sie fuhr am Nachmittage zu ihr.
An dem Zimner Vittoria's vorüübergehend, bemerkte sie,

83e ---
z
wie man in demselben einen Koffer packte, und sie war kaum
bei ihrer Tochter eingetreten, als sich Renatus zu ihnen gesellte.
Obschon er sich auf Cäcilie unbedingt verlassen konnte, sah
er es doch seit lange nicht mehr gern, wenn sie mit einem der
Ihrigen allein beisammen war. Er wußte das Gemüth seiner
Frau mannigfach belastet und bedrückt; und er besorgte, die
Macht der Gewohnheit und der alten Zuusammengehörigkeit möchte
ihr der Mutier oder der Schwester gegenüber doch einmal Ge-
ständnisse oder Klagen iber ihre Lage entlocken, die er laut
werden zu lassen nicht wiünschen konnte.

Noch ehe die Muikter eine Frage gekhan hatte, dankte der -
Freiherr ihr dafir, daß sie gekommen sei, und sagte, sie kenne
ja von seinem Vater her die alte Arten'sche Maxime, Verdrieß- j
lichkeiten mit sich selber abzumachen, und sie werde sich also !
deßhalb gestern nicht gewundert haben, daß er seine Frau ab- s
gehalten, den Besuch der Schwester anzunehmen.
-D
ergriffen sieht, und ich war das gestern in der That! Wir haben ;
große Unannehmlichkeiten mit Valerio!
Die Gräfin gab sich das Ansehen, als wisse sie noch nicht, ;
was vorgegangen sei. Sie wollte ihrem Schwiegersohne mit Z
feinem Takte die Freiheit lassen, ihr in der ihm zusagendsten- !
Weise zu berichten, was er eben fir angemessen hielt.
Dem Freiherrn war das sehr willkommen. In leicht hn- s
geworfener Weise erzählte er, wie wenig ernsthaft Valerio seine j
Studien belrieben, wie schwer er sich in die militärische Zucht -
gefunden und wie nachtheilig die an und für sich edle und schdneg !
Kunstliebe seiner Mutter auf den Jüngling eingewirkt habe. Ee l
erinnerte die Gräfin daran, wie Valerio habe Maler werder
wollen, nun, seit Emilio und Vitioria es ihm in den Kops
gesetzt hätten, das er eine der seltensten Stimmen sesize, sei er

, auf noch viel verkehrtere Plane gekommen. Er habe nichis als
, seine thörichten Liebhabereien betrieben, hcbe sich in der Astalt
f unmöglich gemacht, und nach längeren Berathungen sei man denn
, gestern dahin übereingekommen, ihn auuf eine süddeutsche land-
, wirthschaftliche Akademie zu senden. Valtrio verlange durchaus
, nach einer grösieren Freiheit; man wolle also versuchen, ob er
, Neigung fir die Ldwirthschaft gewiunen könne, und misse
l öann zusehen, wse man späler finn ihn ei Forilommen ermög-
, liche, uit dem es nichi so dränge, ald man es ihm darstelle,
, den er s-i iu Grede doch erst achnzehn Jahre alt.
Die Gräfin nahm das ganz so auf, wie Renatus es auf-
, genommen zu sehen wünschte. Sie sagte, er ihne wohl daran,
Iwen er die Sache nicht so chwer als Callie auffasse. ßalerio
Fsei ja nicht der erste junge Mensch, der den Seinen einmal
Sorge mache; man möge bedenken, das seine Erziehung fciher
Zverabsäumi worden sei, das; sie und Hildegard schon lange vor
Fdes Freiherrn Heimkehr darauf gedrugen hätten, den lebhaften
FKaben einer mäunlichen Auufsicht zu ibergeben und ihn von der
FMutter fortzunehmen. Sie und Hildegard hätien sich auch stets
jfdarüber gewuundert, ud Graf Gerhard -- sie kdnne das jezt
jswwohl sagen --- habe es nie gebilligt, daß Renatus es Vittoria
lhnsaubt, den Sohn in alle Opern und Concerte mitzunehmen
lhd ihn in hren Soiren singen zu lassen -
Sie war bei aller Milde und bei allem Miileid dennoch
, ßuf dem besten -u ge, es der Tochter und dem Schwiegersohne
, ßu beweisen, daß ihnen nur geschehe, was sie verdienten und
, ßerschuldet hätten, und weil Cncilie fürchtete, ihr Gatte könne
, Jarauf in seinem Uimuthe eine die Gräfin verlezende Ent-
, ßanng machen, bemerkte sie, natinlich trage Vittoria's grose
, Fhwäche an deu ganzen Unheil Schuld, und die Munter sei
P auch, die ihnen gestern die meisten Schwierigkeiten in den
P ß-a aiea bae.

H H.
-==== e,e(z II! --=-
Ihre Eigemwmugkeit, ihre Launen werden wirklich immer
störender für uns, unser bester Wille, meine größte Nachgiebig-
keit vermögen ihr nicht geng zu thun, und, Eäeilie konnte ihr
Empfinden nicht mehhr beherrschen, und Herr mus; Renatus in
seinem Hause zulezt doch bleiben! fuhr sie unwislkürlich auf.
Dem Freiherrn kam die plözliche Aufwallung seiner Frau
nicht ungelegen, denn sie gab ihm Anlasi, mit der Thaisache
heranszuriicken, die man der Gräsin vor allent Dingen mitzu-
lheilen halle. Nuhig, r hig, mein Kied, sagle er, Du weisl, dass
Du von Vilioria's Grillein nichl lange uehr zu leiden haben wirst.
Die Gräfin sah ihn, sah die Tochter fragend an. Renatus
bemerlte das. Ic muus: eine Aenderung machen, sagte er.
-
Eäeilie lommt wirllich neben Vilkoria nich zur Nuuhe. . habe
,
daher meiner Stiefuulier gestern den Vorschlag gemacht, sich
selbständig einzurichien. Sobald sie eine ihr zusagende Wohnung
gefunden haben wird, verläßt sie unser Haus.
Gotllob! eief die Gräfin, die in der That sich dieses Ent- -
schlusses um der Tochter willen freute; aber Nenatus hörte darin
nur einen Vorwurf, den ihm die Mutter machte, und, wie alle
schwachen und eben desßhalb eitlen Menschen, stet? geneigt, von
einer zu der anderen Meinung überzugehen, wenn sie ihr eigenes
Ansehen oder ihre eigene Einsicht dadurch aufrecht erhalten zu
müssen glauben, erklärte er plözlich, daß die Trennung von j
seiner Stiefmutier uaiirlich nicht heute und nicht morgen vor;
sich gehen könne und werde. Er sagte, daß er Vittoria, ==g-« vas,h
snl sF s
von selbst verstehe, nicht drängen, daß er ihr Zeit lassen wolle,;
z
-illes nach ihrem Belieben einzurichten, und das leicht möglich, s
da eben jezt, inmitten des Vierteljahres, die Zahl der frei-
stehenden Wohnungen eine beschränkte sei, der Winter darübers
verstreichen könne.
Die Gräfin nahm das auf, wie es ihr von ihrem Schwieger-1
sohne dargestellt wurde; sie überlegte jedoch innerkch. daß Ne-j

H H r
nains vielleicht eben jezt die Augaben fiir einen solchen Uuzug
und fir Vittoria's besondere Einrichtung zu machen scheue, da
die bürgerliche Ausstattung und die Neise Valerio's schon Kosten
verursachen musten, und nach Mittheilungen und Fragen, von
deren Oberflächlichkeit und innerer Unwwahcheit beide Theile über-
zeugt waren, fuhr die Gräfin wieder ork, ohne sich die vöslige
D.=-
.=islörkheit in dem Wesen ihres Schwiegersohnes recht erklären
zu löen. -
Der Vorfall it Valerio war freilich arg geung; aber je
uudhr die Gräsin darilber uachsann, uu so weniger hieß sie es
gui, wenn duurch dieses Ereignis; ein öffentlicher Bruch in dem
Arten'schen Familienleben herbeigefiihrt werden sollte. E war
nach ihrer Meinung eine Sache, die man möglichst im Stillen
ablhrn, um dereutvillen man nicht an die große Glocke schlagen
muußte. Zn Hause wieder angekommen,- lagte sie es, daß
..K
Nenatus und Cäcilie, roz mancher gar vortrefflichen Eigen-
schaften, so wenig Talt besäßen, und sie bedauerte es, daß man
ntcht wagen dirfe, ihnen einen unumwunden... Rath zu ertheil.i,
weil man leider nicht mehr wissen könne, in wie weit sie ihm
vuachzzkommen im Stande wären.
Hildegard bemerkte darauf, sie danke Goit täglich dafür,
daß er ihr so schöne, so einfache Lebensverhälnisse zubereitet
habe und daß sie hier in ihrem Hanse mit ihrem Gaiten und
zifis
-= der Mulier ein so llares, rhigeb aasein hätien.
s e
Eben darum, bat die Gräfin, müsse man nachsichtig gegen
die arme Eäcilie sein. Man müsse die Hände liebevoll iiber sie
breiten, denn sie irage an ihrem Leben schrecklich schwer.
Der Graf meinte, wem -g- zu rathen sei, dem sei auch
s-s
siFis
--=- zu helfen. Renatus habe ihm nichi folgen wollen, als er
hn vor Jahren darauf hingewiesen, daß er wohl daran ihun
wurde, sich von der Sorge fir Vittoria und Valerio möglichst
,T1 ---= =-
ze

-- ZZZ-
und es sei keine von seines Neffen kleinsten Thorheiten, den
völlig mittellosen Sohn Vittoria's jetzt auf eine landwirth-
schaftliche Akademie zu senden. Es ist geradezu unbegreiflich,
rief der Graf, denn ich möchte wissen, wessen Güter Valerio
einst verwalten soll!
Während man aber noch in dieser Weise uil denn Vor-
güign i der Arlei schhenn Fmilie leschisligzl wr, lies; sich
durch einen seiner Conzloir-Beamtlen bei Tremann ein junger
Mann melden, der ihn zu sprechen winsche, und gleichzeilig ?
mit dem Diener, welcher die Lnuse auus den Schreiblisch seines ,
Herrn niedersezte, lrat Valerio bei ihm ein.
Paul hatte ihn nur einmal an einem Gesellschaftsabend
im Arten'schen Hause gesehen, als der Jüngling uit seiner
Mutter und mit Emilio unter grosem Beifalle verschiedene
Terzette gesungen hatte. Das war aber über anderthalb Jahr -
her, Valerio war in der Zeit völlig herangewachsen, der frühe
Bart der Sidländer kräuselte sich bereits voll auf seiner Ober-- I
lippe, und die bürgerliche Kleidung veränderte ihn noch mehr,
so daß Paul ihn mit der Bemerkung empfing, daß er ihn kaum
wiedererkenne.
Das darf mich nicht wundern, entgegnete der junge Mann,
denn ich habe ja nur einmal die Ehre gehabt, Sie im Hause
des Herrn Majors von Arten zu sehen; trozdem aber habe ich
eine Bitte an Sie zu richten.
Es fiel Paul auf, daß Valerio von seinem Bruder in so
gezwungener Weise redete, und es lag überhaupt etwas khn Be-
fremdendes in der ganzen Haltung des Jünglings. Er nöthigte
ihn also, sich zu setzen und ihm zu sagen, was er wünsche.
Ich würde es nicht wagen, Sie mit meinen Angelegen-
heiten zu behelligen, hob Valerio fest und ohne alle Verlegenheit
an, wären Sie nicht ein paar Jahre lang mein Vormund ge-
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wesen und hätte ich nicht von meiner Mutter es eäuunal zufällig
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erfahren, daß Sie auch i-- o-- - Ilgend aus Verhältnissen
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entflohen sind, die Ihnen unerträglic geworden waren. .
befinde mich in der gleichen Lage . - -
Hurchaus nicht! fiel ihm Paul .. -e Nede, und da Valerio
-z- zs
vor diesem Worte inne hielt, sagtn Jener: Sie haben eine
--uller am Leben, sind unler deimn Shuuze eines älieren Bruuders
Ps).
isn eiie zzrwiesmner Luisluhnu zun lrelrnn, inn welcer Ihr Name
Ihen von Nze isi: das sind Vozige, deren ich mich nichl
ersreunle. Wenn Sie dieselben angehlic lich elwa nichi hoch an
schlagen sollien. werden Sie bei der Lnuusbahn, die Sie er
wählten, wahrsceiulich später anders dariber denken!
Erlauben Sie uir, Ihuen eine Bemerkung zu machen,
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sagte der junge Man. I habe die militärische Laufbahn
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n»- iibii. A,ill ,
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zwwungen worden. Meine ganze Seele war von meiner frithesten
Kindheit an nur auuf Ein Zel, aus die Kuust gestellt. Als
Knabe wollte i., Maler werden, weil ich ein Höheres nicht kannte.
».
Und was hinderte Sie daran ? fragle Paul.
=., rief Valerio, ich war ja ein Herr von Arten! Ein
y
Edelmann, ein Herr von Arten kann kein Maler werden; er
Na-ss
kann malen, sagte mir der Major, wenn er Zeit und ==g dazu
hat, so viel er mag. Ein Herr von Arten kann nicht von seiner
Hände Arbeit leben, kann nicht um Geld für Kreihi und Ple.,.
ss.?
Bilder-malen. Ein Edelmann lebt für sich auf seinen Gütern,
von seinen Renten oder in seines Königs Dienst.
K.=- K
Ue.. Paul's Antliz flog ein leisck ==geln, es entging
»=
dm- s.fsis N
= - --= - »eobachtung de- .oglings nicht, und durch dasselbe
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noch ermuthigt, sagte er: Das =- des Freiherrn Franz,
K ,sfffsnff
das mich und meine Mutker ganz von dem guten Willen seines
Sohnes abhängig machi, hat Sie wahrscheinlich, al Sie es
kennen lernten, iber Verhältnisse auufgeklärt, die mich, -- --«
s. s.is 1.s.
darüber nachzudenken vermochte, viel beschäftigten, und -= er
czHze

-- Z0-
siockle ein wenig, sehle jedoch mit Selbsibeherrschug hinzu: die
ich seit gestern verstehen gelernt habe. Vor sechs Jahren indessen,
als wir Richten verließen, war ich ein Knabe und hatte zu ge-
horchen. So wuurde ich für den Soldatenstand bestimmt. -
Aber, fiel ihm Paul, der die Unterredung nicht über die
Gebihc verlängert zu schen wiinschte, in die Rede, Sie sind
nicht in Uniform! Was bedeutet das?
Ich bin aus dem Kadeitenhause auögestosßen, antwortete
Valerio, ohne eine Miene zu verziehen, und ich bin überhaupt
ein Ausgesiosener! Ich sihre den Namen der Freiherren von,
Arten jezt nicht mehr!
Sie fihren den Namen Ihres Vaters nicht mehr? Wat
wollen Sie damit sagen? fragte Paul, dem die Festigkeit des
anglings Wohlgefallen an ihm einzuflößen anfing.
ez
Valerio zog einen Brief hervor und reichte ihn Tremann
hin. Er war von Renatus an Valerio geschrieben. Der, Frei-
herr hielt dem juungen Manne in strengen, krockenen Worten
noch einmal den Fehltritt vor, dessen derselbe sich schuldig ge-
macht hatte, erwähnte des Streites, der gestern zwischen ihnen
vorgefallen war, sprach von der Unmöglichkeit, daß er Valerio,
wie dieser und seine Mutter es forderten, seine Einwwilligung zu
einer Kinsiler-Luufbahn auf der Bühue geben lönne, so lange
er den Namen eines Herrn von Arten trage, und wies ihn an,
reiflich zu überlegen, was er jezt anzufangen denke, da der
Freihexr sich weder in der Lage, noch veranlaßt fände, ihn lange
und kostspielige Versuche mit seiner Berufswahl anstellen zu lassen.
Paul fragte, weßhalb der Freiherr ihm dies geschrieben
und nicht gesagt habe.
Valerio entgegnete, er habe des Freiherrn Haus mit Be-
willigung seiner Mutter gleich gestern verlassen, um es nicht
wieder zu betreten.
Und was beabsichtigen Sie jezt zunächst? kundigte sich

----- ZF---
Paul, der uun einsah, daß die Sache ernster war, als sie ihm
zuerst erschienen.
Ich will einen Namen nicht mehr fihren, sprach Valerio
mit einem Selbstgefühle, das seine ohnehin edle Gestalt noch
höher adelte, den man mich nur aus Gnade bisher hat tragen
lassen. Ich habe dem Major geschrieben, dasß ich entschlossen sei,
fortan auf den Namen seines Vaters zu verzichten und mir
meinen Weg zu schen, wo er für mich zu finden ist. Mit
meiner Stimme, mit meiner muusikalischen Begabung und mi
mmeiner Begeisterung für die Kunst kann es mir nicht fehlen,
mir als Sänger eine unendlich glänzendere und unabhängigere
Zukuft zu bereilen, als sie mir im Heere und im Dienste
werden könnte. Mein eigenes Bewußnsein und meines bis-
herigen Lehrers und Freundes Emilio Ausspruch sind mir dessen
Birge.
Der junge Mann brach ab, als schäme er sich dieses eigenen
Lobes. Paul schwieg ebenfalls.
Wie jedem auf sein eigenes Lehen achtsamen Menschen,
war es Paul bisweilen wohl begegnet, daß er in irgend einem
bestimmten Augenblicke bei irgend einem ganz plötzlich eintretenden,
unvorherzusehenden Ereignisse die Empfindung gehegt hatie, als
habe er das schon einmal erlebt oder als habe er gewußt, daß
und wie dies eben jetzt geschehen müsse; aber nie zuvor war er
von diesem Eindrucke so betroffen worden, wie von dem Ge-
genbilde, welches Valerio's Vorhaben ihm zu seinen eigenen
Jugenderlebnissen jezt vor Augen stellte.

«, dem unbezweifelten Erben seines Blutes, dem Sohne
seiner Liebe, hatte der Freiherr Franz einst den Namen derer
von Arten aus Standeöricksichten versagt, während er mit eben
diesem Namen, aus denselben Standesriicksichten den im Ehe-
bruche von Vittoria erzeugten Knaben zu bedecken sich verpflichtet
gehalten hakte. Und vor Paul, der einst entflohen war, weil

--- ZL -
sein Vater ihm die Anerkennung und seinen Namen geweigert
hatte, stand jetzt eben jener dem Freiherrn untergeschobene und
von ihm doch anerkannte Sohn, entschlossen, den Namen Arten
von sich abzuwerfen, um in Freiheit der ihm angeborenen Be-
gabung zu entsprechen. Schnell wie diese Gedanken in Tre-
mann sich erzeugten und an einander reihten, entstand durch sie
doch eine Unterbrechung in dem Zwiegespräche; und mit unruhiger
Spannung blickte Valerio zu dem ältereit Manne hinüber, bis
dieser die Frage an ihn richtete, welchen Beistand und welche
Hülfe er von ihm begehre.
Ich habe davon sprechen hören, daß Sie Mitbesizer der
Schiffe sind, die zwischen Hamburg und England den Personen-
verkehr besorgen, sagte der Jüngere. Meine Mittel sind be-
schränkt... Er hielt inne, und eine heiße Röthe überflog sein
schönes Antlitz; er war des Bittens, er war es noch nicht ge-
wohnt, Hülfe begehren zu müssen. -- Ich möchte nach ondon
gehen, den Unterricht des dort lebenden größten Sängers zu
genießen. Verschaffen Sie mir eine freie Neberfahrt, und -=
in Ihrem Hause lebt die Gräfin Haughton; sie hat sicherlich
Verbindungen in England. Ich möchte, bis ich zur Bühne
gehen kann, Unterricht zu ertheilen versuchen, portraitiren. Ich
hreffe gut!
Seine Festigkeit drohte ihn zu verlassen, und er wartete
mit sichtbarer Unruhe auf die Antwort Tremann's, als dieser
statt derselben die Frage an ihn richtete, ob der Major von
Arten von diesen Absichten und von dem Besuche, welchen
Valerio ihm jetzt eben mache, unterrichtet sei. Der Jüngling ver-
neinte dies.
So erlauben Sie, versetzte Paul, daß ich mich erst mit
dem Herrn Major verständige, ehe ich Ihnen sage, ob ich etwas
und was ich für Sie thun kann.
Valerio erhob sich. Sie weisen mich zurück! meinte er,

-- ZgZ=-
und man konte ihm den gekränkten Stolz und die schmerzliche
Enttäuschung in jeder Miene ansehen.
Nein, enigegnete ihm Paul, aber Sie sind unmündig. Ich -
muß erst wissen, wie Ihr Vormund über Ihre Plane denkt.
Valerio blieb zögernd stehen; er schien etwas sagen zu wollen
und den Muth dazu nicht zu finden. Endlich stieß er rasch
die Worte hervor: Entflohen Sie demn mit Erlaubniß?
Paul blickte den Jüngling ruhig an und sagte mit seinem
schönen, ruhigen Ernste: Nein; aber ich hatte Niemandem von
meinem Vorhaben gesprochen und von Niemandem Hülfe dabei
begehrt! Ich verließ mich auf mich selbst!
Valerio schlug beschämt die Augen nieder. Paul hatte
indeß durchaus nicht beabsichtigt, ihn zurüczuscheuchen, und stets
zum Begütigen geneigt, fügte er sofort hinzu: Ich war ein
Kind, das man zur Verzweiflung getrieben hatte. Ich wußte,
ich übersah nicht, was ich that, denn ich kannte vom Leben und
von der Welt weit weniger, als Sie, und ich tadle es durchaus
nicht, daß Sie Sich an mich wandten, im Gegentheile!-- Er
sann einen Augenblick nach, blickte auf einen Kalender, der zur
Seite seines Schreibtisches hing, und sagte dann: Kommen Sie
morgen um die gleiche Stunde wieder zu mir, und Ihre Hand
darauf, junger Mann, jezt, da Sie mit mir über Ihre Zukunft
Rücksprache genommen haben, treffen Sie keine Entscheidung
über Sich, ohne daß ich davon weiß!
Er hielt ihm die Hand hin; Valerio schlug mit neu be-
lebter Hoffnung herzhaft in die dargebotene Rechte. Dann hieß
Paul ihn gehen, und kaum hatte der Jüngling ihn verlassen,
so setzte Jener sich nieder, an Renatus zu schreiben.
gggggggggggggggg

Kapitel 25

Zwölftes Capitel.
,ser Verkehr und der Zsamenhang zwischen den Fa-
- ; ==I
milien von Paul und von Renatus, die nach Eleonorens Ge-
nesung Anfangs eine Art von Lebhaftigkeit gewonnen hatten,
waren allmählich wieder geringer geworden und hatten sich in
den letzten beiden Jahren auf jene Einladungen zu grosen Fest-
lichkeiten beschränkt, mit denen man sich gleichgültigen Herzens
und oft widerwillig geng gegen die große Anzahl derjenigen
sogenannten guten Freunde abzusinden suchk, die zu sehen oder
gar zu sprechen man kein sonderliches Verlangen trägt und die
man doch nicht durch gesellschaftliche Vernachlässigung zu Feinden
werden lassen mag. Wenn man einander traf, ergingen Vittoria
und Cäcilie sich immer in Erklärungen und Betrachtangen dar-
über, wie es habe geschehen können, daß man einander so lange
nicht gesehen, und Seba's und Daviden's Arglosigkeit war stets
bereit, die Gründe gelten zu lassen, welche von Jenen vorge-
bracht wurden. Paul aber, der, ohne von Natur zum Miß-
trauen geneigt zu sein, die Menschen besser als die Frauen
kannte, sah und beurtheilte die Gründe, aus welchen Renatus
sich von ihm zurückhielt, in einer anderen Weise.
Er kannte die Einkünfte des Freiherrn so genau, als dieser
selbst, und Nenatus wußte, daß Paul ein guter Rechner sei.
Es konnte also dem Freiherrn, der sich füür verpflichtet erachtete,
einen Aufwand zu machen, welcher bei Weiten über seine Mittel
ging, in keinem Falle erwimnscht sein, einen Boobachter neben
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sich zu haben, der nach seinen Gruundsäzen eine solche Hannd-
lungsweise eutschieden tadeln mußte, und Paul trug seinerseits
auch kein Verlangen danach, näher i: die gegenwärtigen Ver-
hältnisse des Freiherrn eingeweiht zu werden. Was er davon
gelegentlich und zufällig erfuhr und sah, bestätigte ihm nur die
Lehre von der wachsenden Schnelligkeik, mit welcher die einmal
ins Gleiten gerathene Lawine dem Abgrunde zurollt. Was ge-
schehen wüürde, dariber war Pauil schon lange nicht mehr im
Zveisel; wan und wie es geschehen winde, lies; sich fast auch
mit Sicherheit berechen.
Richten war so verschuldet, daß die Zinszahlungen von
einem Vierteljahre zum andern immer schwerer wurden. Sieinert
schrieb, das; es ein Jammer sei, in welcher Weise der Amtmann,
dessen Neich in Kurzem dort zu Ende gehen mußte, auf dem
Gute wirthschafte, und wenn Paul in den kauufmännischen Krei-
sen, in welchen er arbeitete, von den Wechseln auch nichts zuu
sehen bekam, die in den Händen der Wucherer auf Renatus in
Umlauf waren, so erfuhr er doch hirr und da, daß der Major
von Arten mancherlei bedenkliche und gefährliche Spekulationen
für sich machen ließ, und sein Zutrauen zu des Freiherrn Um-
ständen ward dadurch natürlich nicht gehoben.
Renatus selber war dabei nicht wohl zu Muthe. Er hätte
es anders, er hätte gern geordnete Verhältnisse haben mögen,
aber wie konnte er zu diesen je gelangen, ohne sein Leben völlig
umzubrechen, ohne dem Grafen Gerhard und dessen Frau das
Feld zu räumen, ohne sich ihrem Urtheil und dem Urtheil aller
seiner Siandesgenossen auf Gnade oder Ungnade zu üüberliefern?
Daß Hildegard ihm und Cäcilien nie vergeben werde, daß
sie ihn und die Schwester hasse, und das Graf Gerhard ihm
übel wolle, darüber war Nenatus ganz im Klaren. Aber er
sagte sich nicht, daß es in solchen Verhältnissen gerathen sei, die
Treunung zwischen sich und seinen Feinden zu einer vollstän-

----- ZG---
digen zu =wpen. Er mochte in dem sehr angeschenen und viel
besnuchlen Hause seines Oikels und seiner Schwvägerin nicht
fehlen; er meinte, durch seine bloße Anwesenheit in demselben
Hildegard's feindseligeu Aeuserungen eine Schranke sezen zu
können, und in der That hörte auch von der Gräfin Berka
Niemand ein hartes Wort i:ber den Freiherrn oder über dessen
Familie. Sie beklagte ihre Schwester nur, und dazu hatte sie
jezt mehr als jemals Grund.
lage
Mamu wuuszie es in der Geseslschasl, das; die Vermögens-
des Mafors von Arien sehr zerrütiet sei, man sprach über
das immer noch fortdauernde bedenkliche Verhältniß zwischen
Vitioria und dem Sänger, von Valerio's Entfernung aus der
Anstalt, von der zwischen Renatus und seiner Stiefmutter be-
absichtigten Trennuung. und Nenatus lonnie sich endlich nicht
darüber täuschen, daß man um alle diese Dinge wußte, daß
Jeder sie nach seiner Weise beurtheilte und besprach. -
Er befand sich in einer Verfassung, in welcher nichts ihn
überraschie und Alles ihm gleichgültig zu werden begann, weil
er keinen rechten Ausweg mehr vor sich sah. Das Ende des
Jahres stand vor der Thüre, es waren Forderu-tgen aller Art
=z
in nächster Zeit zu befriedigen. Er wuste es, daß ihm dies
unmöglich sein werde, daß Richten zum Verkaufe kommen mußte,
und er konnte sich es nicht vorstellen, wie er leben holle ohne
den, wenn auch nur noch anscheinenden Besiz dieses seines
Siammgutes. Er wußte eben so wenig, wie er sich und die
Seinigen von dem Einkommen erhalten solle, das seine mili-
kärische Stellung ihm eintrng und das obenein durch Abzüge
aller Art verliürzt zu werden drohte, wenn man es erst erfahren
hatte, daß er ruinirt sei. Er fühlte sich wie ein Schiffbrüchiger,
der auf leckem Boote im offenen Meere treibt, er mußte sich
sagen, daß Reltung ihm nur durch ein Wunder werden kdnne,

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und wie er auf ein snlches auc bisveilen hoffen zu können
l
wüünschte, er vermochte es nicht.
In dieser Lage fand ihn de Anfrage, welche Tremann
wegen Valerio's an ihn richtete, und wenn schon Paul durch
dieses Ereigniß lebhaft
erinztert worden war,
noch weit stärker. Er
mögen, .das: er sich an
Hilfe gewendet habe;
an den Wechsel der Dinge und der Zeiten
so war die Wirkung auf den Freiherrn
hätte Valerio Vorwürfe darüber machen
einen Dritten, das; er sich an Paul um
aber er siihlte sich jezt dazu nicht mehr
berechtigt. Er hatte den Brief noch nicht beantvortet, in welchem
Valerio ihm, unter Emilio's Anleitung, den Vorschlag gemacht,
daß er den Namen von Arten ablegen und unter dem italieni-
schen Namen seines wahren Vaters auf die Bihne gehen wolle,
wenn Renatus ihm nur für sdie nächsten Jahre noch das ihm
zustehende, freilich sehr geringe Jahrgeld zu zahlen geneigt sei,
welches Valerio nach dem Testamente des Freiherrn Franz z
anspruchen das Recht besaß.
.. =ä r k
das Boot, das ihn trug, sank immer tiefer hinab, es war im
Grunde ein Glück zu nennen, wenn er es, gleichviel wie er-
leichtern konnte; aber es krampfte ihm das Herz in der Brust
zusammen, als er sich dies nicht mehr wegzuläugnen vermochte.
Er mußte froh sein, wenn er sich Valerio's auf gute Art ent-
ledigen konnte, er mußte den Handel - der Freiherr brauchte
dieses Wort mit einem Gefühle tiefer Selbsterniedrigung - er
mußte den Handel mit
zuverlässig wußte, daß
sprechen zu halten, auf
das er ihm zu leisten
gen fand.
dem jungen Manne eingehen, obschon er
er nicht im Stande sein werde, das Ver-
welches Valerio sich stüützen wollte, und
sich endlich doch von der Noih gedrun-
Tremauun's Vermilllung kam ihm dabei, wie unwillkom-

----- ZZs--
men sie ihn im ersten Augenblicke auch bedünkte, endlich als eine
sehr erwünschte vor. Er schrieb ihm gleich in der Frühe des
nächsten Morgend, das: er ihm fitr die Mitiheilg danke, die er
eben jetzt von ihm empfangen habe, und daß er ihn sogar bitte,
mit dem jungen Manne, der sich seiner brüderlichen Fürsorge
zu entziehen wünsche, in seinem Namen zu verhandeln. Da
Valerio eine glänzende musikalische Begabung zeige, keine Nei-
gung für die ihm bestimmte militärische Laufbahn hege, in der
er sich ohnehin unmöglich gemacht habe, und da er sich zu keinem
ander, seinem Slande angemessenen Lebenswege entschlicßen
wolle, so finde er sich, so schwer ihm dies auch anlomme, doch
genöihigt, der Elfernung Valerio's und seiner musikalischen
Ausbildung - von der Bühne zu sprechen, konnte Renatus
auch jezt noch sich nicht entschließen-- Nichts in den Weg zu
legen. Dasz Valerio den Namen von Arten unter diesen Ver-
hältnissen nicht fiihren könne, verstehe sich von selbst. Gerade
deßhalb sei er selber aber behindert, den Weg deö jungen Mannes
zu fördern, und er werde sich daher Paul und der Gräfin Eleonore
verpflichtet fühlen, wenn sie Valerio die Hand zur Ausführung
seines Vorhabens bieten wollten, bei welcher derselbe auf das
ihm zustehende Jahrgeld rechnen könne.
Dem Briefe war eine Summe als Neisegeld und als
vierteljährige Pensionszahlung für Valerio beigefügt, und das
ganze Schreiben war in einer Form gehalten, die man unter
den obwaltenden Uuständen schicklich nennen und gelten lassen
konnte. Aber dem Freiherrn zitterte die Hand, mit welcher er
die fünf Siegel mit dem Arten'schen Wappen auf den Geld-
brief drückte, und das alte kortis in sararsis brannte ihm
wie eine schwere Mahnung in die Seele. Er hatte sein Lebens-
schiff in einer Weise erleichtert, die er vor sich und seinem Ge-
wissen nicht verantworten konnte, und er hatte dazu noch das
Bewustsein, sich auuch damit keine wirkliche Netiug sdreitet zu haben.

--- Z10 -
Es litt ihn nicht in seinem Hause; er mochte auch keinen
der Seinigen sehen. Trotz des übeln Wetters machte er einen
langen Spaziergang in den Park. Er hatie ein Bedürfniß,
allein zu sein und die schwer beladene Brust zu dehnen. Als
er am Mittage wiederkehrte, war Vittoria abwesend. Cäcilie
sagte, die Mutter habe den Wagen anspannen lasscn, um Valerio
seinen Koffer hinzubringen, und auch um sich in ber Stadt nach
einer Woßnung für sich umzusehen.
Der Wagen kam ohne Vittoria zurick; sie haiie sich bei
einer Freundin absezen lassen, bei der sie speisen wollte. Der
Freiherr und seine Frau nahmen ihre Mahlzeit einsam ein; man
war überzeugt, daß Vittoria mit ihrem Freunde und ihrem
Sohne bei der Freundin zusammentreffe. Renatus äußerte sich
heftig darüber; Ceilie, die seine Gereiztheit und seine Ver-
düsterung gewahrte, versuchte eben fitr diesen Tag und diesen
Jall Vittoria zu entschuldigen.
Am Abende wvar auSnahmSweise einmal eine geladene Ge-
sellschaft bei der Gräfin Berka. Cäcilie und Renatus hätien
sich gern von dem Besuche derselben befreit. Weil sie aber die
Sicherheit in ihren Verhältnissen verloren hatten, wollten sie
durch ihr Fortbleiben keine Fragen veranlassen, sondern auf
dieselben, weun sie etwwa gethan werden sollten, lieber durch per-
söuliche Zurechtlegungen antworten, und eiwas später, als die
Einladung es bestimmte, langten sie in dem Berka'schen Hause an.
Die Gesellschaft war bereits versammelt, und täuschte die
Verstimmung und Unruhe die beiden Eheleute oder herrschte
wirklich eine augenblickliche Pause in dec Unterhaltung, geng.
sie glaubten Beide zu bemerken, daß man bei ihrem Eintreten
schwieg und daß man sie mit einer Art von Neugier betrachtete.
Das raubte Ccilien die Fassung, welche sie ohnehin den Tag
hindurch nuur mühsam in sich aufrecht erhalten hatte, und sich
an die Schwester wendend, machte sie eine iberflissige und eben

=-- ZJß -
darum nicht geschickte Entschuldigung für ihr verspätetes Er-
scheinen.
Hildegard, die gerabe von den ausgezeichnetsten Personen
ihres Kreises umgeben war, Phielt Cäcilie mit der ganzen vor-
nehmen Anmuth, die sie sehr wohl zu entwickeln verstand, die
Hand entgegen und sagte freundlich: Wie magst Du darüber
nur ein Wort verlieren! Ich versichere Dich, ich habe den
ganzen Tag an Euch gedacht und immer zu Dir fahren wollen,
weil ich glaelle, Düi wlrdest Dich ichl ausgelegl sihlen, anE-
zugehen. Indesß es ist gut, das: Ihr Euch iberwunden habt,
es zersireut Euch doch. Sei herzlich willlommen!
Sie kißte die Schwester dabei, was sie sonst in der Ge-
sellschaft nie gethan hatte; aber es überlief Cäcilie kalt bei
ihren Worten, und sie wendete sich ängstlich um, zu sehen, ob
Renatus Hildegard's Aeußerung nur nicht vernommen habe.
Den aber hielt Graf Gerhard neben seinem Sessel fests und
Cäcilie konnte nicht gleich zu ihm kommen, denn Hildegard
hatte den Arm der Schwester in den ihrigen gelegt und führte
sie mit sich herum. Es war von ihr offenbar auf eine beson-
dere Schaustellung abgesehen; sie wollte darthun, daß sie ihre
Schwester aufrecht zu erhalten und in Schuz zu nehmen denke.
Aber weßhalb das? Was bedeutet das? fragte diese sich mit
wachsender Beklemmuing.
Renatus seinerseits verstand eben so wenig, was die Gräfin
Berka mit ihrer auffallenden Zärtlichkeit fiür Cäcilie, mit ihrer
besonderen Zuvorkommenheit für ihn selbst beabsichtige, die
ihm den ganzen Abend drückend blieb. Er fühlte sich so nieder-
geschlagen, so gepeinigt, so bennruhigt, daß er es bereute, gegen
seine Neigung und Stimmung unter Menschen und in Gesell-
schaft gegangen zu sein. Er hatte keine Nuhe zu irgend einer
Unterhaltung; er ging. gegen seine sonstige Ggvohnheit, von
einer Gruppe zur andern, er hätte sich gern heiter, sorglos zeigen,

---- Z5 ----
sich und Andere täuschen mögen, und doch wuußte er, daß in
wenig Tagen oder Wochen seine Luuge vor Aller Augen offen
sein würde, daß der Concurs über ihn hereinbrechen müsse, dem
durch ein Abkommen vorzubeugen oder aus dem sich zu erheben
für ihn kaum eine Möglichkeit vorhanden war. Ein Schmerz,
der sich bis zur Verzweiflung an sich selber steigerte, fraß an
seinem Herzen, und mit ungeheurer Gewalt wälzte sich wie ein
Alp das Bevusztsein über ihn: das: sein Ungliick gröser sei,
als er sells! uid seine Krast.
Zwwischen dem lleinen Eupfangszimmer und dem großee
Saale befand sich ein Cahinet, das von beiden Seiten mit
schweren Thürvorhängen versehen war. In der runden Ver-
tiefung am oberen Ende stand ein Sopha. Es war, went
man aus dem Saale kgm, nicht sichtbar, und als Renatus vorhin
durch das Cabinet gegangen war, hatte er es leer gefunden, da
die Gesellschaft nicht sehr zahlreich war. Sich einen Augenblick
Ruhe zu verschaffen, trat er hinein und sezte sich in die Sopha-
Ecke nieder.
Aber kaum hatte er den Platz eingenommen, als sich zwei
Männer plaudernd in die Brüstung der Thüre stellten, deren
Stimmen Renatus sofort erkannte. Der ältere von ihnen, Graf
Aurel, war ein Jugendgenosse des Grafen Gerhard, einer der
bekanntesten Lebemänner der Stadt, der andere ein Gesandt-
schafts-Sekretär, dem Berka'schen Hause eng befreundet. Sie
sprachen in gleichgültiger Weise über die Verhältnisse der an-
wesenden Personen.
Es war bereits von Diesem und Jenem die Rede gewesen,
wie Nenatus aus den einzelnen, zu ihm dringenden Worten hatte
sentnehmen können, als er plötzlich seinen Namen zu hören glaubte.
Er hätte diese Maßregel, wie die Gräfin richtig bemerkte,
znur früher treffen müssen, sagte scherzend der Gesandtschafts-
Sekretär.

Was wollen Sie? entgegnete der Graf; die Baronin
Vittoria soll ein bedentendes Legat von dem verstorbenen Frei-
herrn in Händen haben, und der Major ist ruinirt! Da hat
er wohl ein Auge zugedrückt, und - der Graf lachte- die
Baronin Cäcilie ist ja auch eine leidenschaftliche Sängerin; er
wird das Terzett, denn ein solches soll es in der That gewesen
sein, nicht haben siören wollen.
In dieseun Auzenblicke, noch ehe der in allenn Nerven er-
bebende, unfreiwillige Hörer sich von seinem Size zu erheben
vermochte, wurdenn die beiden Sprechenden in ihrer halblaut ge--
fiihrten Unterhalkung duurch die herantretende Hauöfrau unter-
brochen, welche den Gesandtschafts»Sekretär aufforderte, irgend
eine Nachricht aus der Hauptstadt seines Landes, die er ihr bei
seiner Ankunft mitgetheilt hatte, einem Kreise neugieriger Gäste
bekräftigend zu wiederholen. Der junge Diplomat folgte der
Gräfin Berka in den Saal, und Graf Aurel, der bei-Hilde-
gard's Anfrage an den Marquis sich höflich einige Schrilte
zurüczuziehen wünschte, trat fir einen Augenblick in das oben
erwähnte Seitengemach.
Er war lange im Militär gewesen und ein Mann von
erprobtem Muthe, aber er konnte sich einer Aeußerung des Er-
schreckens nicht erwehren, als er sich plözlich und unerwartet dem
Freiherrn von Arten gegenüber sah, dessen von der Blässe des
Todes überzogenes, von Leidenschaft entstelltes Antliz ihm ver-
steinernd entgegenstarrte. Als ein Mannn von Welt übersah er
sofort die nothwendigen Folgen des unglückseligen Zufalles, der
den Freiherrn zum Hörer jener beleidigenden Worte gemacht
hatte; allein der Umstand, daß der Marquis sich bereits entfernt
und daß jezt kein anderer Zeuge als der Beleidigte selbst zugegenZ
war, ließ den Grafen einen Augenblick lang an die Möglichkeit!
irgend einer Ausgleichung oder doch an die Abwendung des.
Aeußersten denken.

== ZFe(? e---
Jn Erwäguung der fürchterlichen Lage, in welcher der Frei-
herr sich befand, schien es dem Grafen, dem ohnehin ein solches
Begegnen mit den nächsten Anverwandten des ihm eng befreun-
deten Hauses höchst imwillkommen sen mußte, sogar von der
Ehre als eine Pflicht geboten, selbst einen Schritt iber das ge-
wöhnliche Mas; hinaus zu lhun, und schon begann er an den
noch imnmter ihhm scwweigrnd Gegenülerslehhenden in diesem Siuune
dus Wort zu richien, als der Freiherr mit einer nicht mißzu-
deutenden Bewegung ihm die Rede abschnitt.
Die Lhne des Sessels, die Nenatus' Rechie umkrampft
hielt, brach unier dem Drucke, als er mit hohler, vor innerem
Grimme bebender Stimme die Worte hervorstieß: Sagen Sie
Ihrem Partner, das Duett, das ich so eben von Ihnen Beiden
vortragen hörte, sei eben so falsch, als der, der es anstimmte,
ehrlos ist! - und seiner selbst nicht n ehr mächtig, den abge-
zogenen Handschuh dem Grafen in das Gesicht schleudernd,
verließ er hoch aufgerichtet das Gemach.
Ein Gefihl wilder Befriedigung war über ihn gekommen.
Er hatte jetzt endlich einen Gegenstand gefunden, gegen den er
die Empfindungen richten konnte, welche kurz zuvor in seinem
Busen gegen ihn selbst gewendet gewesen waren. Er fühlte sich
befreit von dem Alpdrucke, der auf ihm gelastet hatte.
Sein Schicksal selbst, jenes Schicksal, das über seinem
Hause noch immer gewacht und die Glieder dieses Hauses vor
offenbarer Schmach und Schande noch stets bewahrt, es hatte
ihm den Ausweg gewiesen, den er zuweilen im Drange und in
der geheimen Noth dieser letzten Wochen durch Selbstmord sich
zu öffnen gedacht hatte. Jetzt war er sicher, wie es ihm zukam,
als ein Edelmann zu sterben - und er war des Daseins und
des Lebens von Herzensgrunde mülde.
Siolz, sicher, mit festem Blicke des blizenden Auges die
Anwesenden messend, durchschritt er den Saal und näherte sich
F.Le wald, Von Geschlecht zu Geschlechl. .

dem Gesandtschafts-Sekretär. Graf Aurel wünscht Ihnen, Herr
Marquis, eine Mitiheilung zu machen! sprach er mit lächelnder
Miene zu dem jungen Diplomaten, der sich bei diesen Worten
zum Erstaunen der Nchststehenden sichtbar entfärbte, aber, schnell
wieder gefaßt, sich eilig zu dem Grafen in das Nebenzimmer
begab.
Es entstand eine kleine Bewegung, man sah sich nach den
betheiligten Personen um; indeß es waren alles Leute von'
Weli, die ormen der guien Gosellschaft zogen sich über der
angenblicklichenn Slöruug, deren Ulrsache Niemand mit hestiger
Neugier aus die Spr zu kommen suchle, schnell wieder zusan-
men, und da der Abend schon vorgerückt war und man im
Berka'schen Hause um des Grafen willen nie spät zusammen
blieb, fiel es nicht auuf, das; Graf Aurel und der Marquis sich
bald empfahlen und auch Renatuus seine Gattin zum Aufbruche
anmahnle.
Früh am anderen Morgen, als Renatus noch mit Cäcilie
beim Frihstücke war, meldete man ihm den Besuch eines seiner
Kameraden. Cäcilie wunderte sich über den frühen Besuch,
indeß er flößte ihr keinen Argwohn, keine Besorgniß ein, und
auch der Name des Gemeldeten fiel ihr durchaus nicht guf.
Es war ein Vetter des Grafen Aurel, der mit Renatus in
demselben Negimente diente und mit dem der Freiherr immer
auf gutem Fuusße, in einem angenehmen kameradschaftlichen Ver-
hältnisse gestanden hatte.
Der Besuch währte fir die frihe Stunde ungewöhnlich
lange, so daß Cäcilie, als Renatus endlich zu ihr wieder zu-
rückkam, sich erkundigte, was der Rittmeister ihm gebracht habe.
Er sagte, sie solle nicht neugierig sein, und klagte sich an, daß
er sie verwöhnt habe; da er das alles aber freundlich, ja, scher-
zend aussprach, gab sie sich auch bald zufrieden .,und es war
davon die Rede nicht mehr.

--- I5!--
Der Tag verging unter Besorguungen aller Art äußerlich
in gewohnter Weise. Am Vormiktage erhielt Renatus einen
Brief von Paul, in welchem dieser ihm anzeigte, daß er und
die Gräfin Haughton fiür Valerio die nöihigen Schreiben be-
sorgt häten und daß er den jungen Mann, da in drei Tagen
das nächste Packetboot nach London abgehe, angewiesen habe,
sich für die heutige Abendpost zur Neise nach Hamburg ein-
schreiben zu lssen. In einem Billet von Valerio, das beigefügt
war, ersüchie dieser den Freiherrn, ihmn persdnlich Lebewohl
sagen zu diirsen, und Nenaius war jezt dazu geneigt, dem: Ver-
langen z willsahren.
Valerio war, da er ain Nachmittage zu dem Freiherrn
kam, weich und sehr bewegt. Nicht als ob er in sich unsicher
oder in seinem Vorhaben und in seinen Hoffnungen schwankend
geworden wäre, uuur der Abschied von den Seinen schien ihm
schwerer zu fallen, als man es erwartet hatke.
Er hatte, wie er es gleich nach der Stunde ihres Zusam-
menstoßes gethan, den Freiherrn als einen Fremden mit seinem
Titel anreden wollen; aber da er nun vor Renatus hintrat,
fiel es ihm auf, daß dieser bleicher und sehr ermüdet aussah,
und weil der Jüüngling meinte, es sei der Kummer über ihn,
der den Freiherrn also verwandelt habe, warf er sich demselben
mit Leidenschaftlichkeit an die Brust.
Ich lerne es nicht, ich lerne es nicht, Dich als einen
Fremden anzusehen! rief er mit überströmender Empfindung
- habe ich Dir doch mehr, weit mehr zu danken, als wenn
Du mein Bruder wärest, und ich habe Dir es schlecht gelohnt!
Nenatns drückte ihn an sein Herz und redete ihm ernsthaft
zu. Valerio wollte, daß er ihm ganz ausdrücklich seine Ver-
zeihung aussprechen solle, und der Freiherr that es. Er zeigte
sich ebenfalls erschlitiert, schloß Valerio's Haupt in seine Hände
ud küüßte ihn, da sie schieden, als ob er segnend einen Sohn
A

-- ZI--
entliese. Cäeilie weinte, indes; es wurde ihr doch leichter, da
sie sich jetzt sagen lonnie, ihre grose Bangigkeit und die Schwer-
muth ihres Mannes, die ihr im Lauf des Tages aufgefallen
war, würden durch die Trennung von Valerio herbeigeführt.
Sie verließ den Gatten so wenig als sie konnte, und er
schien es gern zu sehen, daß sie blieb, selbst als er am Abende
lange Zeit schreibend an seinem Arbeitstische saß. Ein paar
Mal meinie sie ihn seüifzen zu hören, und sie woslte ihn fragen,
wwas ihn drice, aber sie unlerlies; es, weil sie wuszte, dasß er
dies nicht liebe, das: er eben jezi, am Ende des Jahres, der
unerfreulichen Geschäfte die Menge habe.
Abends, als sie den Thee einnahmen, zu dem Vittoria sich
eingestellt hatte, war Renatus ruhiger, als in den ganzen letzten
Wochen. Er schien die Andern und sich selber zerstreuen zu
wollen und machte die Uiterhaltung fast ganz allein. Er kam
mehrmals auf seinen Vater, auf seine verstorbene Mutter, aüf
die Zeit zu sprechen, in welcher er noch ein Knabe gewesen und
Vittoria in sein Vaterhaus gekommen war. Dann erging er sich
in Betrachtungen über das, was man in dem Leben des Menschen
die höhere Fügung nenne, und über die geheimnnißvolle Grenze
zwischen dem sogenannten freien Wollen und dem unabweislichen
Müssen. Es war das schon ein Lieblingsthema seines Vaters
gewesen, und Renatus hatte, wenn er sich dem Nachdenken und
Sprechen über dasselbe hingab, es stets geliebt, den Menschen
mit einem Baume zu vergleichen. Auch jetzt kam er bald wieder
auf dieses ihm genehme Bild zurück.
Wie kann von einem freien Willen die Rede sein, sagte er,
wo wir, wie der Baum, unser eigentliches Wesen und Gepräge
als ein angestammtes in uns tragen und Boden und Luft, die
wir auch nicht frei erwählen, unsere Entwicklung bedingen? Der
Baum mag seine Blätter im Winde spielen lassen und seine
Aesie nach der Sonne wenden; ds isl seine ganze Freiheil, und

=- FFH F ===
selbst diese geringe Freiheit ist Naturnolhwendigleit. Alles fitr
ihn und Alles fin uns ist vorbestinmtes Müssen. Wir genießen
und erleiden, was uns zuerkannt ist, wir können dem uns zu-
gewiesenen Loose nicht entgehen, gleichviel, ob wir's aus den
Händen eines blinden Schicksals oder einer göttlichen Alweisheit
zugetheilt erhalten.
Vittoria achiete auf solche Auseinandersezungen in der Regel
F wenig. sie war dazu, wie sie es zu ueunen pslegle, sich nicht
wichlig geg. Eieilie aber meinte es sich erklären zu können,
wie ihr Gatte eben henie zu solchen Betcachlungen gedrängt
werde, und sie bemerkte zu ihrem Troste, daß ihn dieselben
sichkbar beruhigten. Er verlangte, als man sich schon trennen
wollte, die beiden Frauen noch singen zu hören, und da Vittoria,
von der Musik erschüttert und an Valerio rinnert, plötzlich zu
weinen begann, schlos Nenatns sie in seine Arme und sprach ihr
liebreich und tröstend Muth ein.
Du bist auch ein armer, aus seiner Heimatherde unfreiwillig
herausgenommener Baum, sagte er, und Du hast eben deßhalb
des Erleidens auch Dein Theil gehabt. Laß uns hoffen, daß
es dem jungen Stamme, den wir jezt Luft und Erde nach
seinem Belieben suchen lassen, besser gehen werde, wenn es uns
im Augenblicke auch schwer gefallen ist, ihm seinen Willen zu
vergönnen.
Er schlief in der Nacht nicht viel und erhob sich zeitig.
Er hatte Cäcilien gesagt, daß er in der Frühe ein wichtiges
Geschäft zu ordnen habe, und da sie wußte, wie drückend solche
Angelegenheiten in der Regel für ihn waren, fiel es ihr nicht
auf, daß er bei ihrem gemeinsamen Frühstücke weniger als sonst
genoß. Als er sich dann angekleidet hatte und sich entfernen
wollte, sah Eäcilie, daß er in voller Uniform war. Der Gedanke,
daß Renatus eben jetzt zu seinem Chef gehe, um ihm die ible
Lage, in der er sich besinde, zu enldecken und mit ihm Rath zu

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halten über die Schritte, die er thun solle, ein öffentliches Auf-
sehen möglichst zu vermeiden, fuhr ihr erschreckend durch den
Sinn. Sie wollte ihn fragen, aber sie firchtete, ihm dadurch
nur noch eine neue Pein aufzulegen, und von Liebe und Mitleid
überwältigt, schlang sie ihre Arme um seinen Nacken und küßte
ihn. Er drickke sie mit tiefer Inbrunst an sich, sie gaben sich
die zärtlichsten Namen, Cäcilie mußte weinen.
Wir lieben einander doch! rief sie endlich, als wolle sie
ihm den Trost vorhalten, der ihnen schon über manchen Kummer
fortgeholfen hatie.
a, und ich liebe Dich sehr, denke daran und vergiß das
nicht! gab Renatus ihr zurück. Auch ihm war das Auge feucht
geworden, aber er riß sich los und ging die Treppe festen Schrittes
hinunter.
Eäcilie trat an das Fenster und sah, wie er in den Wagen
stieg. Er blickte noch einmal aus dem Schlage zu ihr hinguf
und grüßte mit der Hand. So schieden sie.

Kapitel 26

Dreizehnte= Capitel.
cA
,U Mitiage duurchlief das Gerücht die Stadt, daß der
Major Freihetr von Arten im Duell erschossen sei.
Man erzählte es Paul, als er eben in die Börse eintrat,
denn man wußte, das er mit dem Freiherrn in mannigfachem
Verkehr gestanden habe. Txotz seiner gewohnten Festigkeit be-
merkte man, daß ihn die Nachricht sehr erschrecke. Er suchte sich
so schnell als möglich frei zu machen, gab seinem Disponenten
die nöthigen Aunweisungen für die heute zu ordnenden Geschäfte
und fuhr angenblicklich nach dem Artenschrn Hause.
Alles war dort in der völligsten Zerstörung. Vittoria lag
in heftigen Krämpfen, Cäcilie rang an der Leiche ihres Gaiten,
die man vor einer Stunde in seinem Wagen nach Hause gebracht
hatte, verzweiflungsvoll die Hände, ihre Mutter und ihre
Schwester waren bei ihr. Die Gräfin Beuka war die Einzige,
die ihrer selber Herr war und große Fassung zeigte.
Sie war es auch gewesen, die in dem Zimmer des ver-
storbenen Freiherrn einen bon ihm an seine Gattin zurückge-
lassenen Brief aufgefunden hatte. Ein paar andere Briefe hatien
daneben gelegen, einer davon war an Paul gerichtet, und Hilde-
gard, welche die Leitung aller Angelegenheiten übernommen zu
haben schien, händigte ihm denselben aus. Er lautete:
, Wenn Sie, diesen Brief empfangen, bin ich nicht mehr
am Leben, und es sind die Wünsche eines Hingegangenen, die
er Ihnen überbringt. Möge Ihr großer Sinn sie Ihnen heilig
machen.

--- Zß(s--
,Die Vors.g.ug, die uns aus Einem Stamme erstehen ließ
und unsere Lebenswege dennoch trennte, hat uns in den letzten
Jahren in ihrer Weisheit einander angenähert, als wolle sie mir
den Pfad zeigen, auf dem ich zu gehen, und die Weise angeben,
in welcher ich das Erlöschen unseres alten Stammes in dem
Augenhlicke zu verhindern habe, in welchem der Lezte Derer,
die bis jetzt den Namen unseres Hauses mit Recht besessen, von
der Erde scheidet.
,Das Blut der Freiherren von Arten fließt in Ihren Adern;
meines hingegangenen Vaters Ebenbild, die Züge unseper Ahnen
leben in Ihnen, und selbst - ich habe, da der Himmel mir
keine Kinder gegeben hat, dies stets mit schmerzlicher Nührung
wahrgenommen- in Ihren Söhnen leben sie noch fort. Wie
mein Vaier in demn Sinne unnd nach dem Ehreugebole unseres
Standes und unseres Hauses handelle, als er es sich versagte,
Sie öffentlich als seinen Sohn anzuerkennen, so handle ich, ich
bin deß sicher, in seinem Geiste und in demn Geiste unseres
Hauses, wenn ich danach trachte, den edlen, alten Namen der
Freiherren von Arten-Nichten nicht untergehen zu lassen.
, Meine Vermögensverhältnisse, die Sie kennen, machen es
für die Baronin Cäcilie unmöglich, die Nichtener Güier zu be-
halten, und ich weiß es aus dem Munde meines verstorbenen
Lehrers und Erziehers, des Caplans, daß Ihre Mutter am Vor-
abende ihres freiwilligen Todes Sie ermahnt hat, nach dem
Besize des Schlosses zu streben, das sie Ihnen an jenem Abende
als Ihres Vaters Haus bezeichnete.
, Es war das eine Vorstellung, die mir alle Zeit quälend
gewesen ist, seit sie, es war als ich in den russischen Feldzug
gitg, zuerst in mir erweckt wurde, und sie hat mich, wie eine
unheimliche Ahnung, stets befallen, so oft ich in Ihre Nhe ge-
kommen bin. Dieses Geständniß, welches Ihnen zu machen ich
jetzt kein Bedenken trage, wird Ihnen Vieles in meinem Ver-

-- --
halten gegen Sie erklären, das Ihnen vielleicht bisher nicht ver-
ständlich gewesen ist und Sie zu nachtheiligen Ansichten iber
mich verleitet haben mag.
, Was mich einst von Ihnen fern hielt, finhrt mich jezt,
da ich mein Leben und das Schicksal unseres Hauses in großem
lleberblicke betrachte, auuf Sie und zu Ihnen zurick.
,Ich habe Seiner Königlichen Hoheit dem Kronprinzen,
der sich als den ersten Edelmann seines Landes anzusehen geruht
und dessen Gnade ich mich versichert zu halten Ursache habe,
die Verhältnisse unseres Hauses aus einander gesetzt. Wenn
dieser Brief in Ihhre Hände loumt, hal Seine Königliche Hoheit
auch mein Ansuchen bereits empfangen, und ich zweifle nicht,
das: es bei ihmn eine geneigle Stäite finden und daß Er Selber
wüinschen wird, den Namen eines allenu Geschlechtes, das schon
vor den Hohenzollern in unserer Heimath angesessen gewesen ist,
auch fiir die Zuuluuuft zu erhalten.
, Richten muß verkauft werden; kaufen Sie es an! Ver-
einigen Sie die Güter wieder, deren mich zu entäußern ich ge-
zwzngen war, und führen Sie in Sich und Ihren Kindern den
Namen unseres gemeinsamen Vaters weiter fort. Unser Wappen
wird in Ihren Händen wohl aufgehoben sein. Sie haben sein
lortis in aärersis! beherzigt und bewährt.
, Und so empfgngen Sie mit dem Segen und den Wünschen,
die ich Ihnen über mein Leben hinaus für das Gedeihen unseres
Geschlechtes zurufe, auuch meine letzten Bitten. Es sind ihrer
nichi viele, und sie sind selbstverständlich. Nehmen Sie Sich
berathend und hülfreich meiner theuren Cäcilie, meiner Witwe
an; stehen Sie auch der Baronin Vittoria und ihrem Sohne
mit Ihrer Erfahrung großmüthig zur Seite und sorgen Sie
dafür, daß ich in unserer Familiengruft in Rothenfeld bestattet
werde. Es ist ein erhebender Gedanke in jenem biblischen , zu
seinen Vätern versammelt werden'!

- Z--
, Und damit ,rebewohl''! Möge der neue Stamm, den
Sie begriinden, gliicklicher sein, als ich es gewesen bin! Des
Himmels Segen über sein Gedeihen!''
Schweigend und in tiefe Gedanken versunken, hielt Paul
das Blatt eine Weile in seinen Händen; schweigend und in
tiefe Gedanken versunken stand er an des Freiherrn schöner Leiche.
Eäcilie war wie vernichtet.-
Noch vor dem Ende des Jahres ward der Sarg, in dem
Renaluus ruhie, nach Rothenfeld gebrachl. Eäeilie hatle ge-
wiinscht, die Leiche ihres Gatien zu seiner letzten Stälie zu be-
gleilen, und Herbert war ihr eine Strecke entgegengereist, um
die trauernde Witwe zum Verweilen in seinem Hause heinzu-
laden. Man mochte sie nicht in das verödete Schloß nach
Richten gehen lassen. --
Im Frühjahr kam Nichten zum Verkauf. Es war zwischen
den Freunden, zwischen Steinert, Herbert und Paul, von Anfagg
an fast selbstverständlich gewesen, daß Einer von ihnen, daß
Paul es an sich bringen müsse. Er hatte schon lange daran
gedacht, einen Landbesitz zu erwwerben, auf welchem er alljährlich
ein paar Monate mit den Seinen in ruhiger Zurückgezogenheit
verleben könne, und bei seinem großen Vermögen war es ohnehin
gerathen, einen Theil desselben in Grund und Boden festzulegen.
-lllerdings gab es sidlichere Gegenden, deren Naturschönheit
verlockender gewesen wäre; aber die Aussicht, Steinert und
Herbert zu Nachbarn zu bekommen, die Gewißheit, daß ihre
Aufsicht und Erfahrung seinem Besitze zu Statten kommen werde,
waren hoch zu veranschlagen, unt über dies alles hinaus, Paul
Pugnete sich das keineswegs fort, wirkten seine Jugend-Eindrücke
bestimmend auf ihn ein.
Es war ein eigenartiges Empfinden, mit welchem er den
Kauf - Contract über die Nichtener Giter unterzeichnete, eine

-- I6I ---
ergreifende Erinnerung, mil welcher er als Besizer mit den
Seinen in Schloß Richten einzog.
Die Erntezeit war, als er in Fichten eintraf, schon vor-
über, denn es hatte der unerläßlichen Instandsetzungen in dem
seit Jahren nicht bewohnten Schlosse doch so viele gegeben, daß
troz der Bemühungen der beiden Herbert's der Monat August
herangelommen war, ehe man daran denken konnte, das Schloß
mit Behagen zu beziehen.
Nun hakien die neuen Eigenfhiümer sich in demselben heimisch
eingerichlet, und am ersten Sonnkage, den man mit Ruhe dort
verlebte, waren die befreundeten Familien von Neudorf und von
Rothenfeld mit ihren verheiratheten Kindern und Enkeln nach
Richten herübergekommen.
Mit großer Genuugthuuung, aber doch innerlich bewegter, als
er es zeigte, saß Paul an dem Mitiage mit seiner Familie und
seinen Gästen auf der Terrasse, die nach dem Parke hinunter-
führte. Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen
Ende der Terrasse, das Herbert nicht verändern lassen, ein Früh-
stück für die große, buntgemischte Gesellschaft aufgetragen. Es
waren stattliche Greise, tüchtige Männer und Jinglinge, heitere
Matronen, fröhliche junge Frauen und dazu Kinder beiderlei Ge-
schlechtes, die sich in ihrer lauten Lust kaum Genüge zu thun wußten.
Seba mit ihrem sanften Ernste saß an Eleonorens Seite;
sie konnte nicht aufhören, an die Baronin Angelika zu denken,
die hier an derselben Stelle einst ihre Eltern bewirthet, die hier
in solcher milden Herbstessonne die lezien Tage ihres Lebens
zugebracht hatte, und auch in Herbert tauchte ein altes, schönes
Erinnern mit seiner stillen Wehmuth auf. Fast in Allen lebte
mehr oder weniger deutlich das Bewußtsein der großen Wand-
lungen, welche sich in ihnen selber und während der lezten vierzig
Jahre auch in der Erkenntnis; und in den Gemeingefiihl der
ganzen Menschheit befreiend und erlösend vollzogen hatten.

-- ZhF---
Während mau m gutem Gespräche so beisammen saß, brachte
der Diener dem neuen Besitzer von Richten die Briefe, welche
von seinem Geschäftsfiührer ihm regelmäßig nach dem Gute ge-
sendet wurden. Paul legte sie ruhig zur Seite, da er in diesem
Augenblicke sie doch nicht zu erledigen und zu beantworten ver-
mochte; nur ein Bries schien ihm durch Foru und Siegel auf-
znnfallen, und er eröffiete ihni. Ey kamn anns dem: Kahineiie des
Kronprinzen.
Eine flichlige Nöihe und ein feines Lächeln flogen über
das Anngesichi des Lsenden. Seba uud Davide blickten ihn
fragend an.
E ist eine Gnade, die man mir anzuthun denkt, sagte er
gelassen. Der König ist, wie es in dem Schreiben heißt, nicht
abgeneigt, mich in Anerkennung meiner Verdienste um die heimische
Industrie und als jezigen Besitzer der Güter eines edeln Hauses
unter Beilegung des Namens und Titels der Herren von Arten,
wie der Letzte dieses Hauses und Stammes es von ihm erbeten
hat, in den Aelstand zu erheben.
Die Anwesenden sahen einander an und blickten dann
fragend auf den Sprechenden.
Paul hatte das Schreiben bereits wieder zur Seite gelegt.
Die Sache kommt mir nicht unerwartet, sagte er. Der Staat
ist klug genng, sich der Besitzenden so viel als möglich versichern
und den finanziellen Schwerpunkt so viel als möglich dem Bür-
gerthum entziehen zu wollen. Ich hatte es für sehr wahrscheinlich
gehaltcn, daß man mir dieses Anerbieten machen wüürde.
Und Du hast es nicht gehindert? fragte Steinert, dessen
fester, aber eben deßhalb zum Argwohn geneigter Bürgersinn sich
nicht gleich in die Handlungsweise des Freundes zu finden wußte.
Wie sollte ich ablehnen, was man mir noch nicht ange
boien hatte ? entgegnete Paul. Aber sei unbesorgt, aller Freund,
ich gehöre weder zu denen, die Gnaden zu erbitten, noch zu

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denen, die unerbetene Gnade anzunehmen gewohnt sind!=- Er
schwieg einen Augenblick, dann sagte er: Der verstorbene Frei-
herr Renatus hat es auf seine Weise wohlgemeint und er hat
als ein wahrer Repräsentant seiner Kaste nur an sich und seine
Ehre, an sich und seinen Slaun un an die Erhallung seines
Namens gedacht, nicht an mic, an mneine Ehre uund an meinen
Slai. Er kounte es sich voht seinem Standpunkte aus nicht
denken, dns; ich leines andern Namns begehren kann, als dessen,
welchen ich selber mir erschaffen habe, und das; derjenige, der
mich auus meinem Stande in einen andern nicht nur versetzen,
sondern sogar erheben zu können glaubt, mich und meine ganze
Vergangenheit beleidigt; denn er erniedrigt in mir nicht nur
mich selbst, sondern alle Diejenigen, welche mit mir bisher als
mit Ihresgleichen in achtendem Vertrnuuen verbuunden gewesen sind.
Und ich lebe der sichern Hoffnung: von uns Allen, die wir
heute hier in meinem Hause beisammen sind, soll leiner je danach
verlangen, etwas Aunderes zu sein, als ein unbescholtener, unab-
hängiger Mann, ein nüzlicher Birger seines Vaterlandes! Darauf
laßt uns anstosßen, daß ein starker, freier Bürgersinn auch unter
unsern Kindern und Kindeskindern mächtig sein und daß er die
Freiheit, deren wir nach allen Seiten noch bedürfen, heraufführen
helfen möge über unser Volk und über die ganze Welt!
Er hob sein. Glas, sie drängten sich Alle um ihn; seine
Brust athmete frei und stolz.
Amt Abende, da alle seine Gäste unter seinem Dache bereits
die Nuhe gesucht hatten, trat er mit Daviden noch einmal aus
seinem Zimmer auf die Terrasse hinaus. Er hatte seinen Arm
um seines Weibes schlanken Leib gelegt, und in stillem Frieden
wandelten sie langsam und schweigend hin und wieder.
Der Mond war inzwischen emporgestiegen, die Nacht war
sehr warm, der volle Duft der Levkojen und des Reseda erfüllte
die ganze Luft. Fortgezogen von der Schönheit der Nachi,

- ItG ---
stiegen die Beiden von der Terrasse hinunter und gingen dem
Flusse zu, über dessen Wasser die Mondstrahlen eine goldene
Briücke bauten.
Jenseit des Wassers blieben die beiden Eheleute stehen.
Das Schloß lag vor ihnen, der Mond erhellte es in seiner
ganzen Staitlichkeit.
Sieh, sagte Paul, hier habe ich gestanden, hier an dieser
Sielle, mil meiner armen Munller an demn ?age, ele sie sich
das Leben nnahhm. Aber es war ein rauher, laller Abend, dr
Nebel stieg von dem Wasser eupor, die wellen Bläiler flogen,
in der Lust empor. Ich wuunnderle mich damals über die vielen
Schornsteine des Schlosses und iber die vielen Feuster, denn ein
so großes Gebäude hatte ich nie zuvor geschen, und weil die
untergehende Sonne sich in den Fenstern spiegelte, fragte ich die
Mutter, wer darin wohne. -- Er hielt inne, dann sagte er sehr
bewegt: Du kommst nicht hinein, sprach sie zu mir; hinter den
blanken Fenstern, in denen die Sonne sich spiegelt, werden
glückliche Kinder wohnen - - -!
Er konnte nicht weiter sprechen, kroz seiner Kraft über-
wältigte ihn diese Erinnerung doch. Davide umschlang ihn, in
Verehrung, in Glick und Liebe zu ihm emporsehend.
=.. mögen sie immer, immer glitcklich sein, die geliebten
Kinder, denen Du dieses Haus bereitet hast! rief sie mit hoffen-
dem Wunsche aus.
Sie werden es bleiben, sprach Paul, der sich schnell wieder
ermannte, wenn Du mir hilfst, sie dahin zu erziehen, daß sie, in
sich selbst beruhend, in der Arbeit ihren Beruf, in der Freiheit
ihre Ehre, in der ganzen Menschheit ihre Brüder erkennen lernen,
und wenn sie maßvoll und ohne Eitelkeit im Glücke, wie der
Wappenspruch dieses Hauses lautet, ,stark im Ungemache sind'.
Las; uns danach lrachien, laß uns darauf hossen und vertrauen!
--- -- »»I -»SHlktgfE=-F== - --