Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 10

Zehnt es
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,uii einer Wirlsamleii auf ihsre lungelung gchört sitr eine
===?
Frau ein besonderer Siun. Gabenn des Geistes und Gitte des
Herzens khun es nicht allein. Es ist dazu eine Beobachtung
nöthig, welche das Bedirfen der Andern verstehht und errath,
und jener selbstlose guie Wille, der das eigene Bedinnfen im
Verhälinisse zu demn sremden uichi iiberschäizi. Aigelila war
von einer Mutter erzogen, welche diese Eigenschafien in hohem
Grade besaß und welche es verst..d, ihren Gutsinsassen eine
hilfreiche Herrin zu sein. wie sie ihren Kindern eine treffliche
Muiter war. So hatte Angelika es frih gelernt, fitr Aidere
zu sorgen, und jetzt, da sich ihr in Richten ein eigener Wirlungs-
kreis eröffnete, wie zu ihre Mutier von je gehabt hatte, fing sie
- -- un, sich recht als Hausfuuiuu und als Herrin zu empfinden.
oz-s -
=-- alte Dienerschaft der Familie war ihr zusagender als
c1.-
d ------ wvelche der Baron für die Dauer ihres Aufenthaltes
, N,-s=snf- s
in der Hauptstadt angenommen hatte; die großen, hellen Sale,
die man theilweise in ihrer alterthümlichen Pracht belassen, die
wohlerhaltenen, schweren und geschnitzten Eicheumöbeln derselben
waren ihr noch lieber als die Zinnner, welche man modisch er-
nenert, und sie sprach es bald nach ihrer Ankuunft in Richien
zuversichtlich auus, das; sie sich hier nie einsam fihlen könne.
E sei ihr, als lebten alle die verehrten Vorfahren mit ihr,
hier in unuunierbrochener Neihhenfolge geschasft und gewaltet,
ihr den Wohzüsiz z lerrilen, aus en sie slolz sei une wen
die
usn
sie

-- 16! -
die Zukunft zu erhalten und zu schmücken ihr wie ein Pri.ster-
dienst erscheine. Sie besaß jenen lebendigen, historischen Sinn,
der eine grosße Stitze für den Menschen, un den ererbter Besiz
in bevorzugten Naturen zu enkwickeln geeignet ist.
Es verging daher nuur krze .-, bis sie die Lebenverhhält-
D.ls
nisse der Leute kannte, welche ihr dienten, lis sie wusßte, was
geschehen müsse, sie zufrieden zu stellen, und was im weiteren
Kreise in der Herrschaft ihres Mannnes fin: bas Wohl ihrer
Bewohner noch zu leisten und zu schaffen sei. Es war das
nch Folge neugieriger, gewaltsamer Fragen, nichi absichtliches
Erforschen. Weil sie thheilnehmend war, kam ihr iberall das
Vertrauen entgegen. und der Gaplan stand ihr mit Rath und
Aufschlusß iberall zur Seite. Die ersten A age i: Richten flegen
ihr auf solche Weise wie Siuunden schnell dahhin, und das schöne
Frühlingswetter erhohte ihr Behagen.
Der Baron, der es seit dem Tode seiner Muiter entbehrt
=e, eine Hansfrau im Schlosse walten zu schen, hatte Freude
s.Fss -
an der stillen Thätigkeit seiner jungen Gattin, ja, er gestand
-=-- das; sie hier erst recht an ihrem Platze sei, das; sie ihm nie
Is.s
zuvor besser gefallen habe, als hier in seinem Schlosse. Er
verließ sie auch wenig, sein Auge folgte ihr überall, aber es
kam Angelika bisweilen vor, als ziehe oft plözlich ein schwer-
=thiger Ernst durch sein Gesicht, wenn er sie betrachte, als
sisif
sei es nicht nur seine Lebe für sie, welch. h--- -= --ähe
-- -ss ss-us- 9;
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z s--=-se, sondern als bewache er sie und die Personen, welche
, sie bedienten, mit einer ihr unerklärlichen Achisamkeit. Sie
neckte ihn damit, er ließ es gelten; indessen von Tag zu Tag
fiel es der Baronin mehr und mchr auf, daß in dem Betragen
ihres Mannes auch hier in Nichten ein fortdauernder Wechsel
l.s-s-s
=--;ute, dasß er oft sehr reizbar, oft noch schwermithn=-----
epv spsnr
als in der Stadt, ja, das: er recht eigentlich launenhaft ge-
F. Le walb, Von Geschlecht zu Geschlechi. l.

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A
worden und eine Unruhe über ihn gekommen sei, welche siej
früher nicht an ihm wahrgenommen hatte.
z
Er machte im Hause Anordnungen, fir welche sich kein Grund ;
absehen ließ. Er fand die ganze Eintheilung der Zinmer, welche
er vor seiner Verheiraihung selbst veranlasßt hatte, unzwecäsig.!
Bald wurde Dieses geändert, bald Jenes, und man war noch !
nicht vierzehn Tage im: Schlosse, als der Baron seine nal der
a.errasse und dem Flusse hinauussehenden Gemächer ein für alle ;
e-
Mal verließ und ein paar andere Zimmer fiir sich auswählte,-
welche nach der entgegengesetzten Seite gelegen waren.
Jede Frage, welche Angelika in diesem Betrachte an ihn
richtete, verschlimmerte seine Stimmung, so daß sie sich in ihrer
Sorge an den Caplan wendete, um von seiner Erfahrung sich
Rath zu erholen. Der aber schob die Veränderung, welche mit
dem Freiherrn vorgegangen sei, leichthin auuf eine Hypochondrie,
mit der man Nachsicht haben müsse, und ersuchte die Baronin,,
es ihren Gatten nicht merken zu lassen, daß man seine gesteigerte
Reizbarkeit und seine Unruhe bemerke und beobachte. Geduld ?
und Zeit würden Alles wieder heilen.
Angelika ließ sich die Trostgrinde des Caplans gefallen,?
und der treue, herzenskundige Mann wusßte sie so vielfach zu
beschäftigen, so zuversichtsich auf bessere Tage hinzuweisen, daß;
seine Nähe ihr mehr und mehr zum Bedirßuiß wurde. Auch(
der Freiherr schien die Gesellschaft seines alten Freundes jezt!
in Richten nicht enibehren zu können. War er allein in seinem?
Zimmer, so forderte er fast immer die Anwesenheit des Caplans,
und selbst wenn er sich bei der Baronin befand, zog er ihn ?

meistens als Dritten hinzu.
Seine Lust an Geselligkeit, an Zerstreuungen schien er in-
der Nesidenz völlig gesäitigt zu haben, denn er verließ das
Schloß sehr selten, und selbst die nothwendigen Besuche in der'
Nachbarschaft, von denen häuufig die Rede war, wurden immer!

-- ,iZ--
noch hinausgeschoben. Der Baronin fiel es nicht auf, wie ein-
sam und still man in dem sonst so gastlichen Schlosse lebte.
Sie war hingenomten von den neuuen Verhältnissen, in denen
sie sich bewegte, von der Sorge um ihren Gatten, von der
Hofnuung auf ihr Kind, und der Verlehr mi! den beiden
Männern gab ihrem Herzen und ihrem Geiste reiche Nahrung
aller Ari.
E waren bald literarische, bald künstierische Gegenstände,
welche die Unterhaltung bildeten, aber oor Allem liebte der
Freiherr es jezt, die großen Grundsäze der sitilichen Welt-
ordnung in den Bereich des Gespräches zu ziehen. Ethische
und dogmatische Fragen, die angeborne Sündhaftigkeit des
Menschen und die Nothwendigkeit seiner siitlichen Erhebung
lagen ihm ossenbar sehr am Herzen, während der Gedanke an
den Tod, an die Usterblichkeit und an die Art der Foridauer,
welche dem Menschen gegeben sei, ihn jezt nicht minder lebhaft
als in Berlin, wennschon in weniger phantastischer Weise be-
schäfiigte. Aber auuch das Nchstliegende wucde erwogen. A-
gelika und der Caplan fanden nach solchen Gesprächen den
Gutsherrn meist geneigt, Verbesseruugen in der Lage seiner
Leute zu bewilligen und manchen vorhandenen Mißständen Ab-
hülfe zu bereiten.
Es war seit Monaten festgesetzt worden, daß die gräfliche
Familie von Berka zu dem Osterfeste, das diesmal spät im
N,
Jihre siel, ihren ersten Besich bei der Tochter machen sollie,
und man fing bei Zeiien an, sich darauf vorzubereiten. Der
Baron, dessen Stimmung sich nicht bessern wollte, ließ seiner
Gattin in allen ihren Vorkehrungen freie Hand, ja, er willigte
endlich sogar darein, die lange verschobenen Antritisbesuche zu
machen, damit es seinen Schwiegereltern bei ihrer Auwesenheit
nicht an Gesellschaft fehlen möge. Indeß er ließ sich zu allen
diesen Dingen nur bestimmen, er hatie, wie es schien, fir den
z; -

-- 1ßF--
Augenblick alle Lust uw Kraft zu irgend welchem selbstständigen
Entschlusse verloren. Wo aber der Hausherr krank. wo das
Oberhaupt der Familie selbst der Schonung bedürftig ist, muß
die Hauusfrau nothwendig an seine Stelle kreten, und Angelika
fand sich unter des Caplans Beistand schnell und leicht in diese
Pfiicht.
ae näher die Aluuifi der Ihrigen heranlamn, um so fr .-
diger sah sie ihr entgegen. Sie winschte, vor ihrer Familie
Ehre mit den Besizungen ihres Mannes einzulegen. als deren
uheilnehmerin sie sich jetzt fihlle, und sie hatte eben die lange
Reihe der Zimmer mit Wohlgefallen an ihnen durchschritten,
als sie sich zu ihrem Manne begab. um ihn zu einer gleichen
Besichtiguung aufzufordern. Bei dem Freiherrn eintretend, fand
sie ihn aber it dem Eaflan in einem Gespräche, das plözlich
abgebrochen wurde. Der Caplan steckte einen Brief in seine
Tasche, der Baron wendete sich flichtig ab. Jener verlies das
Zimmer, und voll Bestirzung fragte Aigelila, ob etwas ln-
angenehmes gemeldet, etwas Schlimnies vorgefallen sei?
Der Freiherr versicherie, das; dies nichi der Fall sei; sie
ersuchte ihn, ihr zu sagen, wovon er eben jetzt mit dem Caplan
gesprochen habe, und dies zu thun, schlg er ihr ab. Weil sie
aber grade heiter und gnuten Muthes war, wollte sie ihren
Willen durchsetzen. Sie bat, sie schmeichelte, sie umarmte ihren
Mann, es half ihr nicht, und wie man denn, eben wenn man
in guter Laune ist, eine abschlägige Antwwort oft um so schwerer
fühlt, rief sie plötzlich betribt und gegen ihre Gewohnheit heftig
werdend, die Worte aus Es ist aber wirklich, als sollte ich mich
nie mehr recht von Herzen freuen!
D- Ton, ihre Mienen waren noch bezeichnender für ihre
N
äraurigkeit, als ihre Worte. Der Freiherr wurde davon ge-
rührt. Er ging an sie heran, nahm ihre beiden Hände, sah
ihr lange und prüfend in die Augen, und fragte dann mit


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einem Auödruuc ernster Trauer: Siehsst Tu wohl, daß Deine
Hssz-iifsns O,zs. zsss s.nsfom
=-==---b-s -- --=- - -z-- - daß Dein ersies Emhyfiden hei
dem Begeguen mit mir Dich eich- Jetäusct hat?
s H.
Sie war auf solche Frage nicht vorlerritc., und dieselbe
sand sie daher fassingslos. Was musßte seit;. -. dem: Herzen
or iis
des Freiherrn vorgegangen sein, das -
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- -=- -- lonnte? Sie hut.i. thmt mit ei:nemu
ss,-
was sie fihhlie, aber das war -.. eitem
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ssz-rF.
is-=--l. Hatte er denn nicht gesehe., wic
diese Frage an sie
Worie sagen nögen,
Worte nicht auszu-
sie ihn liebte, nicht
msn-s?
- ae1-- . -. vie sie sich um: hn sorgte? Beucete ----- -----
- Z Aozi -:if e
ss.-
Dg äuseres Thunn ? Der Gedanke, das; e- ==s-=- --- -b--
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,s»sis s,-ss lnfsmor
D5 -
-- z ersten Male an ihr Eipfinden denle, überwältigte
;e, und verstuummend lehnte sie den Kopf aun seine Brust.
Er zog sie an sich und luuszte ihree. Armes Weib!
- Tii--
sagle er, ! . = u- hättest ein heiteres Loos, einen anderen Mann
,it H.
nn»dipsii !
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--igelila erschral vor dieser Gedauo;olge des =uonS,
1,is-
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und beide Arme um seinen Hals schlingend. rief sie: Franz!
Un Goileövilleu, das snge, das denle uichi! Was fehlt mir
denn, als u- tch wieder heiter zu sehen? Was peinigt
mi.- ed«
isFß Aipffs
-----=----. als die Sorge, Dich von einem: Kummer beherrscht
zu wissen, denn Du mich uicht theilen lah. - oH =-- das
V F -,s-
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Dich etwas b=- - vaßß Du mir etwas verbirgst, daß auf Deinem
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Leben etwas lastet, und ich darf Niemanden frage., was es
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s, d. =ut es mir ver;»»-== -i-- Oft ist es mtr, als wisse es
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---- .der uuster -ir, als lon, als müsse ic es erfahren, es
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ablesen können von diesen Wänden, es aeschrieben finden in den
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=-s-- -- -- -- - =-=- -«a ulilsel, -wo lcs VzäJe DüUll ili -s
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selhst, an meinem Herzel, 6 ------------g«uDe, .= -=»--= -
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Liebe zu ==--; denn ich meine, die Lebe mütsse mich seherisch
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machen -- aber es ist Alles umsonst! Du =-; --=- -====s-
.lss üssd- l8s.ss
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UIgs==-=g, seit wir hier sind, und ic dg=- ---=s- --=- -
liisn z-is miindiz-,!

-- 16--
Die Thränen traien ihr in die Auuugen, der Baron sah
finster aus und war sehr bleich geworden. Kaum bemerkte sie
das, so fielen ihr die Rathschläge des Caplans ein. Sie nahm
sich zusammen, warf scherzend den Kopf zurück, zerdrückte die
Thränen in ihren Augen und sagie mi! lächelnbem Munde:
Aber wie komme ich mir denn vor? Ich wollie Dir erzählen,
wie gliicklich und wie stolz ich bin, die Eliern ibermorgen f'r
in unserem Schlosse zu empfangen, und ich weine, weil Du
es mir verweigerst, mir einen Brief zu zeigen, der mich sicher-
lich nichts angeht. Vergieb mir, geliebter Mann, und se!
wieder gut!
Sie reichte ihm ihren Muund zum Kusse, er drickte ihr
ernst die Hand. Armes Weib, wiederholte er, Du duldest,
was Du nicht verschuldet hast, und wir sprechen von einer
himmlischen Gerechtigleit!
Er wendete sich von ihr und entfernte sich schnell. Rath- - I
los blickte sie ihm nach. Die Ahnuung, daß irgend eine schwere -
Verschuldung das Gewissew ihres Manies belaste, regte sich -
wieder in ihr. Aber was konnte es sein? Was war ge-
schehen? Wann war es geschehen?
Sie wollte ihm nacheilen, ihn auf ihren Knieen beschwören,
ihr zu vertrauen. Juung, wie sie war, fühlte sie jhie Krafi, -
Alles mit dem Manne zu tragen, den sie liebte; indeß die Ge- -
wohnheit der Achtung hielt sie ab, ihrem Gatten auszusprechen, -
daß sie ihm ein Schuldbewußtsein zuerkenne, und selbst dem -
Caplan wagte sie nicht zu entdecken, was sie beschäftigte und
bekümmerte.
Die Nacht verging ihr ohne Ruhe, und da die Jugend
vor langen. unansgesezten Qnalen zuriückschreckt, fing sie am
andern Morgen wieder an, die Gedanlen auf die Ankuunft der
Ihrigen hinzuwenden. Das erschlosß ihr das Herz. Sie snchte
Gründe hervor, sich zu beweisen, daß sie zu schwarz ßesehen
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' habe, sie wollte selbst ihre Sorgen verscheuchen, um den Ihrigen
P ein heiteres Agesicht zu zeigen.
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Amt Mittage, als es warm und schön war, trat die Ba-
ronin aus dem großen Saale des Erdgeschosses auf die Teerasse
hinans und blieb eine Weile unter der Thhire stehen, sich des
Auiblicks zu erfrenen. Leer und weit, wie die Terrasse ohne
den Schmuck der Orangenbäume sich ausnahm, hatte sie in
ihrer Anlage doch, e!wwaö Grosßartiges, das auch in solchem
Zustande gefallen und imponiren konnte. Die Hermen mit
f
h den Köpfen der griechischen und römischen Dichier sanden
z feierlich auf der Höhe und sahen ernsihaft auf den Beschauer
Z hin, aber rund um sie her waren die Bäume noch kahl, und
h der Blick schweifte, durch die Freiheit in die Ferne gelockt, bald
F von den Steingebilden zu dem Lebendigen hiniber, das sich in
ß der Natur zu regen begann.
-ährend die Baronin die Treppe hinabstieg, hielt sie sich
s mehrmals damit auf, die Sträuuche und Bische zu beiden Seiten
, derselben zu betrachten, denn überall färbten die Stengel sich
F schon röthlich oder grin, iberall waren die Knospen geschwellt,
, daß man meinte, gleich heute' müsse der warme Sonnenstrahl
F se zum Aufbrechen bringen, gleich heute müßten die Blätter
z sich entfalten und den ersten wunderbaren T.ft des frischen
is
P Grüns durch die Lfte strömen.
F Unten an der Buchsbaum-Einfassung der sternförmig sich
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-z wie ein Teppich ausbreitenden Beete schimmerten weiße Köpfchen
L
,z hervor. Die Schneeglöckchen hatten sich in der Frühe herans-
nF gemacht, und Angelika bickte sich, die halberblühten zu brechen,
s-
-g um sie zu schnellerem Erschließen in ihre Zimmer mitzunehmen,
, , und sie dann ihrem Gaiten zu bringen, wie sie seit ihrer ersten
h Kindheit alljährlich den kleinen Strauss von Schneegldckchen der!;,
I; utter als Aebesgabe, als erstes Zeichen des Frlhlings zu! 'ee
zh bringen gewohnt gewesen war. Das bewegte ihc im Jnnersten
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das Herz, das ohnehin von all dem quuellendenn Werden um sie
her bei dem Gedanken an das z- - == --- das sie ihrem
snr. N,s,nss
Manne nun bald selbst nls Erstlingögahe ihrer Ehe in die
Arme legen werde, in schnelleren Schhlägen pochle. Ihrr ganze
Seele war ein Gebet. Sie war vol! a..l gegen den Schöpfer,
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der ihr Lebendloos bestiuml und geleilel, voll Lebe sitr die
Eltern, voll Sorge und Zärtlichkeit fitr ihren Gatten und voll
der seligsle:n Freude bei der Hossuz auis ihsr K id.
Alles, was sie umgal, hatte jezt dreiface. ----- -- I
s ,1I=-s. ss.- s'
Alles, was sie liebte, wward in ihren Geiste neben einander
nur noch enger verhunden duurch das ersehnte Kind. Sie sah
es schon wachsen und gedeihen und spielen auf diesen Plätzen,
uunter dem Schatten der Bäuume, der hiex Geschlecht nach Ge-
i=-===- -b=------, es dinkte ihr unmöglich, das; der Sinn des
sFal,.s s..-s8»----s -
Vaiers sich -=- - seinem Kinde erhetern sollie. Hosfnung
zsi»sis -i
und Zuuversicht reichten sich in ihrem Herzen die Hand, daß die-
Freude ihre Schritie beflitgelte und sie weite und weiter am
Ufer des Fluusses vorwäris ging, mit sich selbst beschäfiigt und
doch fortgelockt von jedem neuen Anreize, den der Frihling
darbot.
Hart am Wasser, wo das dichte Gebitsch den Sonnen-
strahlen wehrte, lag am Nande noch eine leichte Eisschichi als
= -- - daß die Nach. noch kalt gewesen sei.-- === w=--
L,dRFiißo
D,Fi
Dohlen hüpften prüfend darüber hin, wendeten die Köpfe mit
den klugen Augen vorsichtig nach all..=-- -- - -=====---v-u
oss F,isSs fi-i- f.zs s Zsz
Czs.szsozpA ni: isnfnin
o=---=---- ---- -==--- und schwangen sich dann in die Höhe, um
bald darauf an anderer Slelle niederzufallen und das gleiche
Nz-s-isib-
n fnin dormeloss 9ss,n»- issiffnis iss doiss sibfs-if.-s H,,iss.
---u.uulu zi. uwuu » =-» -f =eH= s s - »s== z li sss=s- zi s aslss =?- s - - 1»1s zaeui;juüz
da, wo die Sonne es erwärmte un. - -ü-== -, schossen schon
d. soe,p
lK,s- s
=--=--- die kleinen Fische aus der Tiefe herauf, sich zu
s.s=ssss8s
sonnen und der euen Wärme zu genießßen, während die neu-
angekommenen Schwalben mit schnellem Fligelschlagz g, bid
sif

-- ,ß-
tief auuf die Fluth herabsinken ließen und im Streifzuge über
das Wasser wieder die erste Jagd versuchten.
Angelika sah dem Naturleben lange sinnend zu. Mit
einem: Male schien es ihr, als hinge an der Wurzel einer
Weide, die sich weithin in das Wasser ersireckte, eiwas, das
sich hin und her bewegle, ohne doch von der Stelle zu lommen.
Sie betrachtete es genauer, es dikte sie ein Stitck Zeug zu
sein, das sich vou dem: Wasser auuufblähie, und bald lam e ihr
vor, als sähe sie unter der Hiülle und unter dem Wasser die
Formen einer menschlichen Gestalt. Sie ging erschrocken vor-
wärts nach der Brücke, wo der Gärtner beschäftigt war, und
machte ihn aufmerksam. Er blickte hin, erschrak gleichfalls, und
sagte, es werde wohl irgend ein alter Lumpen sein, den man,
Gott weiß wo, in das Wasser geworfen und den der aufgehende
Strom bis hierher mit sich gefihrt habe. Dabei versuchte er
aber, indem er sich nach der anderen Seite wendete, die Ba-
ronin zum Mitgehen und zum Verlassen des Plazes zu be-
wegen; indeß diese ließ sich so leicht nicht bestimmen, wo sie
ihrem Auge trauen zu können glaubte. Sie hieß den Gärtner,
F ihr zu folgen; es waren inzwischen auch ein paar der Frauen,

s welche die Wege für die erwartete Ankunft der Gäste reinigten -
F und harkten, bis an das Ufer angelangt, und als die Baronin
; mit dem Gärtner zum zweiten Male die Stelle am Flusse
F erreichte, hatten schon die Frauen sich hinabgebückt, und zogen
= mühsam den Leichnam eines Weibes aus dem Wasser, der kaum
noch menschliche Züge verrieth.
i
Um Goties willen, gnädige Frau Baronin, kommen Sie
?
h fort von hier, das ist nichts füür Sie! rief der Gärtner dringend.
h Aber Angelika, obschon sie vor Eutsezen schauderte, meinte
h ua
überwinden zu müssen.
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Ist hier denn Jemand ertrunken? fragte sie.
Der Gärtner verneinte es. Wer weiß, von wo die Leiche

--- ( 7ßs-
herabgekommen ist! sagte er, und auch die Frauen schwiegen
vorsichtig. Aber ein kleines Mädchen, die Tochter eines Garten-
arbeiters, das von der anderen Seite neugierig herbeigelaufen
war, als es den ungewöhnlichen Vorgang bemerkte, sagte ganz
verwundert: Kennt Er denn die Pauline nicht mehr, Herr
Weisghold? Das ist ja die Pauline aus Noihenfeld, die sich
ins Wasser gestürzt hat, den Morgen. wie der Herr Baren
zr Hochzei! gefahren isi!
Unsinn, Unsinn! rief der Gärtner und schob das Kind
mit heftigem Stoße auf die Seite.
Aber die Baronin, welche keine Sylbe von den Worten
der Kleinen verloren hatte, hielt sie zurick, und bleich, mit
erstarrenden Züigen fragie sie: Au Rothenfeld ist diese Todie?
Ja wohl, aus dem Hause, das jezt eingerissen wird, ver-
setzte das Kind mit aller Bestimmtheit, welche Kinder in ihre
Rede zu legen wissen, wenn man dieselbe bezweifelt. Ja wohl,.
es ist die Mamsell aus Rothenfeld.
Und Pauline heißt sie? wiederholte die Baronin, aber es
waren die lezten Worte, welche sie sagen konnte. Sie grif
mit der Hand nach dem Gärtner, als suche sie eine Stüütze,
und sank ohne Laut besinnungslos zusammnen.
Man trug die Ohnmächtige in das Schloß; der Schrecken,
die Aufregung waren allgemein. In wenigen Minuuten wußte
die ganze Dienerschaft, was vorgegangen war. Die Sorge um
die junge Herrin, das Mitleid mit ihr ließen sich vernehmen,
wo zwei Menschen beisammenstanden. Ein reitender Bote ward
zuum Arzte in die nächste Stadt geschickt, man spaunte den
Wagen an, der jenem folgen sollte. Die Kammerfrau und der
Caplan waren um die Leidende beschäftigt, der Baron stand,
ein Bild der Vernichtung, an ihrem Lager.
Es währte lange, ehe ein leiser Seufzer den Geängstigten
verrieth, daß Angelika dem Leben wiedergegeben sei. Als sie

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erwachte, fielen ihre ersten Blicke auf den Boron. Er hatte
sich zu ihr geneigt und kiste, niederknieend, leise ihre Hände.
Sie wehrte es ihm nicht, aber ihr Auge ruhte mit einem Aus-
druck der Trauer auf ihm, der ihm das Herz durchbohcte.
Er wagte kaum zu fragen, wie sie sich fühle, denn ihre Klage
wäre eine Aillage fir ihn gewesen, und gleichsam um sie zu
beruhigen, sagte er ihr, dasß nach dem Arzte gesendet sei und
dasß er sicher nichl as sich warlen lassen werde!
Sie bewegke leise verneinend das Haupt: Ich bedarf bes
Arztes nicht, entgegnete sie. Das ist der Arzt, den wir brau-
chen, und er wwird uns nicht verlassen!-- Sie reichte dabei
dem Caplan die Hand, er legte sie in die ihres Gatien, so
blieben sie eine Weile schweigend beisammen. Es war ein Un-
abänderliches geschehen, man mußte versuchen, zu sich selber zu
kommen, und die Baronin war es, welche sich zuerst ermannte.
Sie hatte kein Urtheil über die Zeit, welche seit ihrer Ohn-
macht verflossen war, und fragte danach. Man sagte ihr, das
es Mitiag sei.
Morgen um diese Stunde werden sie kommen! meinte sie,
ihrer Eltern gedenkend. Dann richtete sie sich auf und verlangte,
sich zu erheben. Der Baron wünschte sie davon zurück zu
halten, auch der Caplan und ihre Kammerfrau machten Ein-
wendungen, sie wollte nicht darauf hören.
Ich musß wohl sein, wenn meine Eltern kommen, sagte
se, und ich habe auch keine Schmerzen. Laßt nicht mehr da-
von die Rede sein; aber ich habe Ruhe nöthig, ich möchte
, allein bleiben fir einige Stunden.-
Man fügte sich ihrem Wunsche. Als der Caplan und
Zhre Kammerfrau sich entfernt hatten, trat der Baron an sie
Aeran, um ihr die Hand zu geben und ihr zuzusprechen, ehe er
Fie verlies;; aber sie nahm die dargebotene Hand nicht an.
- Es hat keinen Segen gebracht, sagte sie, daß wir uns die
-

-- 17-
Hände reichten, und wenn es wieder geschieht, so muß es in j
einem anderen Sinne und in einem anderen Geiste sein. Auf j
dem alten Wege kann ich nicht weiter gehen - - -
Höre mich, Angelika, bat der Baron.
Nein, jezt nicht! versezte sie mit groser Festigkeit. leber- j
lege auch Du, was uns beiden frommt. Ich hatte mir ge- j
schworen, mich ganz und iherall Deiner Führung zu über'?ssen, j
als ich Dir Trene gelobte. Den ersten Eid kann ich nichtz
mehr halten, den zweiten- werde ich halten, und Gott wird mir j
helfen und mir sagen, auf welche Weise ich es thun, auf welche s
Weise ich Dir meine Treue bezeugen soll. Ls; mich mit mir
und meinem Gott allein! -
Der Baron blieb vor ihr stehen; es überkam ihn die l
Ahnung. daß in dieser jungen Frau eine Stärte des Willens j
und des Charakters verborgen liege, die er nicht in ihr ver-j
muthet hatte, und in die widersprecheuden Gefühle, die ihn er-
schiütterten, in das Entsezen, welches das Auftauchen der Leiche j
in ihm hervorgerufen, in den Schmerz und in die Sorge,?
welche die Ohnmacht seiner Gattin ihm verursacht hatie, in ?
das Bangen vor der Zukunft seiner Ehe, in das Widerstreben !
endlich, mit dem er in diesem Augenblicke an das Eintreffen ?
der gräflichen Familie gedachte, mischten sich eine Scheu undj
ein Widerwille gegen die Herrschaft, welche Angelika über ihns
erlangen zu wollen schien.
Bedenke, was =. thust, sagte er nachdrlicklich; bedenk,s
D
daß Verzeihen und rösten die schönsten Vorrechte des Weihes
sind, und daß man Geschehenes zum Guten wenden muß, daj
es unmöglich ist, es ungeschehen zu machen! Hilf mir in dem?
Zwiespalt, der mich bedrängt, und es wird mich glicklich!
g
machen, es Dir zu danken!
Er war bewegt, als er das aussprach; in Angelika'sz
Mienen regte sich kein Zg. D, Gott gebe, das: ich uns ,
N,
s

helfen laut, so Dir wie mir, sagte sie seuuszend, ihre Auugen
mit dem Ausdrucke tiefer Traurigkeit auf ihn gerichtet, aber
keine Thräne milderte ihren Ernst. Das peinigte den Baron.
Er versuuchte, sie zum Sprechen zu bringen, iha Erklärungen z
geben -- es war umsonst, sie wollte ihn nicht hören, che sie
sich gesammelt hatte, und er mußte endlich darein willigen, von
ihr zu gehen, so ungern er sie sich selber überließ. Er firchtete
Angelika, das lonnie er sich nichi verbergen, und eine Frau,
welche er auch nur einen Anugenblick gefichiet hat, die liebt
ein Man wie der Baron nicht mehr.
Als Angelila sich allein in ihrem Zimmer fand, rang sich
ein Aufschrei der Verzweiflung und des Jammers aus ihrer
Brust hervor. Sie hätte beten mögen, aber sie vermochte es
nicht. Das Herz in der Brust war ihr wie gelähmt. Sie
hing an dem Baron siärker, leidenschaftlicher, als es ihr ge-
geben war, dies äusßern zu können. Sie war sein Weib gewor-
den in der reinsten Hingebung, mit dem Gefihle des Glickes,
und er hatte sie an sein Herz geschlossen, einer Anderen, Pauli-
nen's gedenkend, die eben in jenem Augenblicke, der Heirath
des Barons fluchend, sich den Tod gegeben hatte!
Diese Vorstellung erdriickte die Baronin. Sie fihlte sich
entwürdigt und mißhandelt, ihre Ehe wurde ihr dem eigenen
Gatten gegenüber zu einer Schmach. Der Baron, zu dem sie einst
mit verehrendem Vertrauen emporgesehen hatte, stand als ein
Schuldbeladener vor ihr, und wie ihr Herz sie auch drängte
und mahnte, sich dem Vater ihres Kindes zuzuwenden, wie es
sie auch zog, Hülfe gegen all das Elend bei ihm selbst zu
suchen, ein uniberwindliches Entsezen hielt sie davon zurück.
Wohin sie das Auuge richtete, woran sie auch dachte, Paulinen's
Schatten stieg überall vor ihr enpor. Jezt begriff sie es, wa-
rum der Baron die Zimmer gewechselt hatte, warum er es
nicht hatte ertragen kdnnen, auf den Fluß hinab zu schauen.

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Bangle es doch ihr selbst am hellen Tage in ihrem eigenen
Zimmer, daß sie nicht wagte, an das Fenster zu treten, aus
Furcht, zu sehen, was sie nicht glaubte ertragen zu können.
Das Alleinsein ängstigte sie, aber sie konnte sich nicht entschließen,
ihre Bedienung zuriic zu rufen. Es wuste ja ein Jeder, was
in diesem Hause vorgegangen, und auf welche Weise, iber wessen
Leiche sie al Herrin in dasselbe eiugezogen war.
Beient, belen! ries sie imimerfori, indes dc Gebet wollte
ihrem Herzen nicht entsirömen, sie vermochle ihren Geist nicht
aus seiner Niedergeschlagenheit zu erheben. Sie kau sich selbst
als eine schwere Sünderin vor, und doch wollte sie beten, nichi
nur für sich, sondern auch füür ihren Gatien und die Todie.
Sie fühlte, als habe sie eine ihr unerreichbare Höhe zu er-
klimmen, sie sehnte sich nach einer hilfreichen Hand, sie empor
zu fihren, ihr das Thor des Himmels zu öffnen, in den sie
ihre Gebete zu schicken winschte; da fiel ihr Auuge auf Amanda's
Betring, den sie am Fingzer trug, und wie ein Lubsal ertönien
die Worte: ,Mein Freund in der Noth, der Stab, der mich
hielt, da ich schwankte, die Stütze, an der ich mich erhob, das
===-- dessen Leuchten mir die lange Nacht erhellen wird! in
V1,s
ihrem Herzen plötzlich wieder.
Du sollst mein Beispiel sein; Dn Heilige ud Neine!
rief sie auus. Selbstiberwindung und Entsagung! dad ift's.
Sie sank auf ihre Kniee nieder, und ein heißes Gebet um
Hilfe und Erlösung befreite ihr das Herz.
Sie blieb lange allein in ihrem Zimmer. Als sie dann
aus demselben hervorkam, begab sie sich graden Weges zu dem
Baron. Er ging ihr schweren Herzens entgegen, weil er niht
wußte, was er von ihr zu erwarten habe, und weil er Mitleih
mit ihr finhlte. Auf seine Frage nach ihrem Ergehen sagte ße::
Trage keine Sorge um mich, es ist mir besser, als in den
Tagen angsivoller Unngewißheil. Ich weiß jezl, was mein Berus.

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ist, und so gewiß als ich Dich liebe, ich werde trachten, ihn
nach besten Kräften zu erfüllen.

Sie reichte ihm die Hand zum Zeichen hres Versprechens;
und da sie nicht weniger gerührt war, als er selbst, schloß er
sie in seine Arme. Sie wehrte ihm das nicht, ja, es wollte
ihn bedünken, als sei ihre Hingebung weicher und freier als
seit langer Zeit. Er leiiete sie zu einem Sessel und knieete
an ihrer Seite nieder, sie sanft umfassend. Sie legie ihre
Hände auf seie Schultern, und da sie in sein ernstes Antliz,
in seine Augen blickte, die so fragend und schmerzlich auf sie
gerichtet waren, fing sie noch einmal zu weinen an.
Siehst Du es wohl, daß Du ein besseres Loos, einen
andern Mann verdient hättest, als eben mich? wiederholte er
' in der Erinnerung an ihr gestriges Gespräch.
Sie schiüttelte leise das Haupt. Mir fehlie nichts als Dein
Vertrauen, Dein volles, ganzes Vertrauen! betheuerte sie. =- .
e
wenn Du es gewußt hättest, wie biiter es mir oftmals ankam,
?- mich als eine Fremde in Deinem Leben zu fühlen, während
, ich doch Dein Weib war! Wenn Du ahnen könntest - -
i- Sie brach plötzlich ab und fragte leise: Wer war die Todte?
, wer war sie? das muß ich wissen.
j -
Es kam dem Freiherrn hart an, das erste Wort zu sprechen,
t
F aber da er es gethan hatte, erleichterte es ihm das Herz. Er
j; erzählte ihr Alles, Alles,Jwas er einst dem geistlichen Freunde
; gestanden hatte. Angelika hörte schweigend zu. Die Dämme-
? rung brach allmählig herein, des Freiherrn Mitiheilungen wur-
? den dadurch begünstigt. Er konnte nicht sehen, welche Wirkung
se auf seine Gattin übten. Mit, lebhaften Worten schilderte
z er ihr den Zustand, den Zwiespalt, in welchem er sich in den
; Tagen vor seiner Hochzeit befunden hatte.
z? Was ich in jenen Angenblicken auch an Dir verschuldet,
? wie sehr meine Verirrung Dich auch gepeinigt haben mag,

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zZh, F 1? ===
sagte er, mein Leiden war noch unerträglicher. Ich konnte?
meine Gedanken nicht sondern, ich war, ein Verzweifelnder,
umhergerissen zwischen den widersprechendsten Enpfindungen.
Wenn ich Dich sah, in Deiner Liebe, in Deiner Unschuld und
in Deinem Vertrauuen, so rief es in mir: Dn bist ein Mörder
und verdienst sie uicht! Wenn der Schmerz um Pauline mir
das Herz vergiftete, so lockie es mich in Deine Nhe, un ich
dachte: ihre Liebe wird dich erlösen, bei ihr wohnt Friede, bei
ihr werde ich vergessen, an ihr werde ich süühnen, was ich dork
verschuldei habe. Ich war meiner selbst nicht mächiig! Nur
daß ich unglicklich war und dasß ich Dich gliicklich zu machen
wüünschte, das stand fest in mir.- Da, an dem Abende vor -
unserer Hochzeit, als man im grauen Saale den Kaffee einge-
nommen hatte, kam man auf die körperliche Erscheinung der
Verstorbenen zu sprechen. Man wuszte nichi, was man uig ,
that, als man meine Ansicht darüber zu hören verlangte. Iäh,
vermochte mich nichi zu überwinden, nichi auf die Scherze Deines
Bruders einzugehen, als er mich neckend anrief, aber unwill- ;
kürlich sah ich nach der Stelle, auf die er zeigte, und als man!
die Thüre öffnete, als das Licht in den Saal einströmte, da!
sah ich unwiderleglich und völlig klar Pauline auf dem Hinter-?
grunde dieses Lichtes vor mir, das Auge finster und klagendI
auf mich gerichtet.
Er hielt inne, und mit leisem, melancholischem Tone fuhtß
er nach längerem Schweigen fort: So habe ich sie gesehen, fast!
alltäglich in der Einsamkeit meiner Zimmer, so hat sie sich oft!
emporgerichtet zwischen mir und Dir. Nur unter dem Menschen-?
gewühl, nur in der völligen Zerstreuung war ich sicher vor ihr.,
Keine innere Kraft schitzte mich gegen sie. Das war es, was
mich in der Residenz von Dir entfernte, was mich die Gesell-ß
schast als eine Besreiung suchen ließ; das war es, was mich
hier bestimmte, die Zimmer zu verlassen, die mich mit denß

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Blicke auf den Strom an ihren Untergang erinnerten; das ist
es, was mich zur Verzweiflung bringt. Ich habe sie mehr ge-
liebt, als ich es ahnte und wußte; ich liebe Dich, Angelika,
Dich, Du reines, edles Weib! mehr, als Du es ermessen kannnst.
Ich kann sie nicht vergessen, Dich nicht entbehren; sie habe ich
in den Tod getrieben, Dein Leben habe ich vergällt! - Ich
hatte immer gemeint, einen starken Geist zu haben, ich habe
mich iber mich selbst geläuscht. Schwach, wie ich mich fühle,
möchte ich mich im Glauben erheben und sühnen und büßen;
aber der Glauube versagt sich mir. Was bleibt mir übrig?
Sage selbst- was bleibt uir ibrig?
Angelika hörte den Ton seiner tiefen, verzweifelnden Ver-
zagtheit, sie sah in dem lezten Scheine des Dämmerlichtes, der
durch die Fenster drang, die Versunkenheit, in der ihr Gatte
das Hauupt auf seine Hände fallen ließ, und Alles vergessend,
außer dem Leiden des Mannes, dem sie Treue gelobt für gute
und fin böse Stunden, rief sie: Dir bleibt die Barherzigkeit
Goites, die büßende und sühnende Reue, und die Liebe!--
, Ja, die Lebe! wiederholte sie, und schloß ihn an ihre Brust,
-die Liebe, die mit Dir leiden und büßen und sühnen will, was
Du verschuldet hast, um ihretwillen. Komm, richte Dich auf!
Ich bin bei Dir, Franz! ich will bei Dir sein in jedem Augen-
Iblicke, und mit Dir beten um Beruhigung und Frieden, und
z ßott wird uns helfen. Er hat mir den Weg gezeigt! Nicht
umsonst ist die Mahnung Deiner Schwester an mich erklungen,
J nicht umsonst ist Amanda's Angedenken in meine Hand gelegt
, worden. Ihr Wort hat mich heute aufgerichtet, es soll uns
überall gegenwärtig sein. Wir haben einander! wir haben in
dem Caplan einen treuen Freund und Führer, und unser Er-
-lser ist ja auch fir uns gestorben. In seinem Namen reiche
-. mir aufs Neue Deine Hand, in seinem Namen laß uns vor-
, F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

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wärts gehen. Komm, komm, mein Freund! komm, und richte
Dich auf!
Sie schlossen einander in die Arme, der Baron sah zu
ihr wie zu einer Heiligen empor. Er knieete vor ihr nieder,
er küsßte ihre Hände voll inbrünstigen Dankes, er gelobte sich
ihrer Führung finr alle Zulunft an. So innig verbunden
waren sie eiander nie gewwesen. Angelila erhsol sich zun si.
Sie hing sich an ihres Gatten Arm, und ihn mit sich fort-
ziehend, führte sie ihn in das erleuchtete Nebengemach, in
welchem das helle Licht ihnen zu Hülfe kam, die Aufregung
ihrer Herzen allmählich zu besiegen und sich äuserlich in das
Geleise des alltäglichen Lebens zuriüczufinden, während die Feier
der verwichenen Stunde noch in ihrem Herzen nachzitterte.