Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 11

Elftes Ca pitel.
H folgenden Morgen, ganz in der Frühe. begrub man
=='
Pauline, fern von den anderen Todten in einer Ecke an der
Mauer, auf dem Kirchhofe von Neudorf. Am Vormitiage
uhr der grose Reisewagen der gräflich Berka'schen Familie auf
den Hof des freiherrlichen Schlosses.
Die Baronin weinte vor Freude, als sie die Eltern wie-
Jersah; aber man fand, daß sie wohl aussehe, daß sie etwas
ßber ihre Jahre Ernstes und eine gebietende Haltung gewonnen
habe. Mit grosßer Genugthuung führte sie ihre Eltern in dem
Fchlosse, in dem Parke umher, und sie verweilte am Mittage
znit ihren Gästen lange auuf der Terrasse, damit den Leuten
hus dem Dorfe, wenn sie die Eltern ihrer Herrschaft sehen
hvollten, die Zeit und die Gelegenheit dazu nicht fehle.
F Man hatte in dem chinesischen Häuschen am oberen Ende
Fer Terrasse ein Frihstick aufgetragen. Die Diener in ihrer
ßala-Lvröe standen bereit, es umher zu geben, während die
ßerrschaften noch auf und nieder gingen. Sie waren schön
ßuzusehen, die vier hohen, stolzen, heiteren Gestalten. Der Graf
ßud der Baron in ihren Sammetröcken, die goldbesetzten drei-
häigen Hite auf deu wohlfrisirten Köpfen, die feinen, blanken
ßala -Degen an der Seite; die Baronin an dem Arme der.
Mutier so freundlich plaudernd, die Mutier so voll Zärtiichteit
hür ihre Tochter. Die seidenen Schleppkleider schimmerten in -
Fo hellen Jarben, die kleinen Federhite sasen so fröhlich auf

- , Zß -
den hochgetragenen Häuuptern. Sie wußten die Fächer so schön ;
zu handhaben, daß die Flittern in der Sonne glänzten. Ea -
sah an ihnen Alles anders aus, als an anderen Leuten, und
selbst das kleine Schooßhündchen der Baronin und der dicke
Mops der Gräfin gingen hinter den Frauen so bedächtig ein-
her, als wären sie eigens dazu angelernt.
Die Gräfin lobie ihre Tochter, daß sie die Rücksis füt
die Leute nehme, ihnen ihre Eltern gleich zu zeigen. Der Graf
sagte seinem Schwiegersohne, er müsse seinen Leuten wohl ein
guter Herr sein, daß sie so begierig wären, seine Schwieger- I
eltern kennen zu lernen. Es kam allmählich das halbe Dorf
zusammen. Die Leute standen unten am Parke, nicht weit
vom Flusse. Näher ließ der Gärtner sie nicht heran.
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Sollt's Einer denken, sagte er zum Kämmerer, wie die F
gnädige Fran hier gesiern erst gelegen hat, und was geslern z
hier passirt ist!
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Der Kämmerer zuckte die Schultern. Ihre Schuld war's (
nicht, meinte er; und was soll sie machen? Es hängt Keiner (
z
gern seinen Schandfleck vor die Thiire.
Das ist schon wahr! rief die Gärtnersfrau; aber daß sie
so vergnügt aussehen allesammt, der gnädige Herr sowohl al? l
unsere gnädige Frau, die doch sonst so gut ist! Keine ruhig z
Stunde könnt' ich auf der Welt mehr haben, hätt' ich so etwas j
auf dem Gewissen!
Es ist ja kein vornehm Fräulein gewesen, sagte der Jäget;
und lachte spöttisch und bitier; s war ja nur des Jägers Kindlz
Was macht das solch nem Herrn, und gar der gnädigen Fraul
Die wird froh sein, daß sie die Pauline los ist. Ob Unsereiner?
umkommt oder lebt, wen kiümmert da?
Der Gärner hieß ihn still sein. D. Iäger ging mitj
einem Fluche davon. Sie sagten, er habe selber ein Auge auf
die Pauline gehabt, ehe der Baron sie genommen.
-

-- 18! --
- E kommt Ihnen doch einmal zu Haue und Dach! wandte -
Einer ein, der des Jägers Freund war..
Verbrennt Euch den Mund nicht! oarnte drohend der
Gärtner. Seine Frau aber meinte, so reich und so vornehm
zu sein und Alles vollauf zu haben, ohne das; man seine Fnger
rühre, das sei doch das wahre Glück.
Und auch der Graf und seine Frau priesen in ihrem
Jnnern daä Loos ihrer Kinder, weunschon. es ihnen als ein
ganz natirliches erschien. Der Graf dachte, dasß er sich nicht
getäuscht habe, als er seiner Tochter die Herrschaft in der Ehe
vorausgesagt, die Gräfin gestand sich mit Genugihuung, daß
die Besorgniß, welche sie für Angelika's Zukunft bei deren Ab-
reise aus der Heimath gehegt hatte, eine ungegründete gewesen sei.
Die Anhänglichkeit, die Zärtlichkeit der Eheleute lies nichts zu
wiinschen ibrig, der Baron zeigte eine wahre Anbetung für
z seine Frau. Man sah es ihm allerdings noc an, daß seine
z Gesundheit gelitten hatie, aber er und Agelika versicherten
F beide, das; er sich auf dem Wege völliger Genesung befinde,
Jund seine freundliche Zwvorkommenheit, seine sichtliche Zufrieden-
heit bestätigten die Aussage.
Man machte und empfing viele Besuche, das alte Leben
-lehrte nach Schloß Richten wieder zurück. Daß die Baronin
z sich Abends bisweilen früher als die Anderen in ihre Zimmer
Perfiigte, daß sie am Morgen stets eine Stunde mit dem aplan
ällein blieb, war dabei nicht auffallend. Eine Herrschaft wie
, -Richten legt ihren Besizern mancherlei Sorgen und Verpflich-
Ptngen auf; das wuußten Angelika's Eltern, und sie freuten
Fsich daran, wie sehr die junge Herrin ihrem Berufe entsprach,
g
t wie ruhig und klar sie aussah, wenn sie von der Axbeit kam,
NS
ßwoie achtungsvoll und väterlich zugleich der Freund des Hauses,
fder Caplan, der offenbar ihr Helfer und ihe Beistand war, sich
fsgen sie bezeigte. Nuur Eines machte die Eiiern Angelita's
k

-- 18!--
besorgt: es war die Hiuneiguung zum Katholicismus, welche
man an ihr zu bemerken glaubte. Aber man mochte dies nicht
gegen sie aussprechen, um nicht in ihr wach zu rufen und zum
Bewußtsein zu bringen, was man zu verhindern wimnschte, und
Graf und Gräfin Berka verliesßen nach einem vierzehntägigen
-==- -=- =ochter mit dem festen Glauben, das das Glück
Ns. is.-= K
-i)
derselben ein wohlbegriündeles sei und auuch ein daueru - P
bleiben verspreche.
=- - -=-un begleitete seine Schwiegerellern zu Pferde bis
Az- ßh,sz
an die Grenze seiner Besizungen. Es war seit langer Zeit das
erste Mal, das; er ein Pferd bestieg. Angelika stand in ihrem
Zimmer am Fenster und sah ihnen nach; der Caplan war bei
ihr. Als der ezt. =«ugeu um die Ecke gebogen war, wendete
s- Me
sie sich zu dem Geistlichen in das Zimer zurick.
Das ist vollb..,.. sagte sie, nun helfen Sie mir weiter!
GHfpzs
Sie sezte sich dabei nieder, als wenn sie mide, sehr müde ski.
Gott hat bis hicher geholfen, Gott wird weiter helfen!
ermuthigte der Caplan.
D, das hat er und das wird er! rief die Baronin. Und
N,-
ernte ich -=- chon jezt die Früchte der Selbstüberwindung
s..s s
in der Ruhe, die auus meines Gatien Mienen zu mir spricht?
Fühle uu, nicht schon jezt die Befreiung, die mir geworden iß,
s,s-
seit ich Ihnen mein ganzes Herz enthullte, seit Sie mir llar!
gemacht hau., auf welchem Leidenspfade Gott mich suchen geH
xpis
kommen ist, und daß er den ziichtigt mit seiner strengen Hand,s
den e- ---. p-« z ruufen und zu erlösen gedenll durch seine 1
v -isssl
N.e

Gnade?
Der Caplan y-- -sr --.- und schweigend zu. Es istz
Szs. s
osss
ein großes Glick, sagte er endlich, einen Irrenden auf denj
rechien Pfad zu leiten. Man nen. dies Christenpflicht, und
sollte es eine Gnade Gottes heißen, die uns zu Theil wiwd.j
Ich danke ihm, daß er sie mir vergönnt hat. Un--
R. Hiis: i

-- 183---
H.
Sie, meine Freuundin, auf demn Wege seh: der Sie z .rem
Ziele fihren wird, uun lassen Sie uns durauf sinnen, wie wir
dem Freiherrn zu der völligen Beruhigung verhelfen, deren er
benöthigt ist. Seine Phhantasie isi immer noh erregt, er bedarf
der Ableitung von dem, wwas ihn gepeinigt z.k. - -edarf einer
siss
.s s.
neuen Jdee, die ihn beschäftigt. Die Erinnerung an die Un-
glückliche mnuss ihu von ausßen her lebendig vor Augen gehalten
werden, um ihre Schrecken fitr seinen Gest zu verlieren. In
seiner inneren Zerrissenheii und Verzagiheii hal er dad lleine
Haus abbrechen lassen, welches sie einst hewohnte. DaS =-
nicht wohlgethan. E hälte erhalten, abee einer anderen Be-
stimmung gewidmet werden müssen. Man p== -=-- - - - -
s.ßss.- dif
Eine Capelle gründen solle., rief die Baronin, und das
miißte man uoch thun! Dort eine Capelle zu erbauen, das
würde dem Sinne des Barons entsprechen, würde seine Ahatng-
keit in Anssruch nehmen- -
Der Caplan unterbrach sie. Sie vergessen, gnädige Frau,
dasß die Provinz nicht mehr zu den katholischen gehört, das -=-
- sfsif
uns in einer protestantischen Provinz, unter einem protestanti-
schen Volke, in ecolsia gresea, befindun. Dte Freiherren
von Arten haben sich des;halb, seit dte Refermation die Gottes-
häuser unserer Kirche hier in der Provinz zrrstörte, stets nur
mit einer Capelle in ihrem Schlosse genigen lassen, u-- ----=--
r fpffnofn
Anstoß zu erregen.
Anstos;? fragte Angelka, die jung C---ii--»=e, alle zin-
dernisse und Bedenlen gering zu schätzen, wo es von hr auf
eine geisiige Befriedigung abgesehen war. Haben die Leute doch
ihren Gottesdienst, ihre Kirchen nach -=- pre und nach ihrem
i sis-=- N,l.
Glauben. Wer kann uns hindern, Gott anzuleten nach unserer
Weise und ihm eine Capelle zu erbauuen, m dec wir ihm dienen
können nach unserer Neberzeugung?
Wir? fragie der Caplan. Sie sind nicht katholsch, Frau

---- 18--
Baronin, und mich will bedünken, als würden ihre Eltern, als'
wüürden der Herr Graf und die Frau Gräfin einem Wechsel
Ihres Glaubensbekenntnisses nicht ruhigen Herzens zuzusehen
vermögen.
Angelika zdgerte zu aniworten. Dann sagte sie Was
Sie mir einwenden, ist richtig, mein verehrter Freund! Meine
Mutter und mein Vater haben Andeutungen gegen mich f' In
lassen, die mir, wennschon sehr vorsichtig, ihre Besorgniß in dem.
Punkte verriethen. Aber die Schicksale der Menschen sind ver-
schieden. Gott hat meiner Eltern Leben so gefüührt, daß sie
nicht Gelegenheit hatten, ihre Unzulänglichkeit und die Schwäche
unserer Natur kennen zu lernen. Sie hatten ihm nur zu
danken für seine Huld und Gnade, und ich will hoffen, daß
er es ihnen so vergönnen werde, bis er sie einst abruft. Mir
ist das nicht zu Theil geworden.
Sie machte eine Pause, ihre Lippen ziterlen leise von
unterdrücktem Schmerze; aber sie überwand sich und fuhr ge-
faßt und ruhig also zu sprechen fort: Gott hat mich einem von
mir sehr geliebten Manne zur Gattin gegeben, dessen Leben
nicht frei von Irrthum und von Schuld geblieben, dessen Sinn
vom Glauben zum Aberglauben abgeirrt, dessen Gewissen schwer
belastet ist, und der fast die Kraft verloren hatte zu der Um-
kehr, die ihm Genesung seines Herzens bringen soll. Er be-
darf meiner, ich muß Eins mit ihm werden auch im Glauben, -
denn Mann und Weib sollen Eins sein; und schwach und -
sündhaft, wie wir Irrenden es sind, haben wir nach meiner
festesten Neberzeugung eines sichtbaren Vermitilers, einer sicht-
baren Kirche, haben wir der Zeichen und Symbole nöthig, uns
täglich daran zu mahnen, was zu thun uns obliegt. Daß Sie,
Hochwwüürden, das tiefste Innere unserer Herzen kennen, Sie,-
dessen Verschwiegenheit unverbrüchlich ist; Sie, den kein anderes
Interesse an uns bindet, als die Liebe, deren Verkünder Sie-

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sind, das Sie uns rathen, uns zuurechtwe:sen, das ist ein Be-
dürfniß fir uns. Es ist ein Bedirfniß für us, körperlich und
geistig uuns zuu demithigen, uns Busßen aufzuuerlegen, denn d.-
zerknirschte Herz verlangt seine Strafe, um sich mit dem Be-
wußtsein, gelitten zu haben, weil es leiden machie, wieder er-
heben zu lönnen. Uid das ich weisß, durc sichibare Zeichen
weiß und es erfahren habe, wie die edelstenu der Frauen unseres
Hauses, wie meines Gatten früh verklärte Schwester und die
fromme Tante Esther mir im Geiste nahe, wie sie meine Fir-
bitierinnen uud Helferinnen sind bei dem Wecke der Bekehrung,
das mir an mir selbst und an meinem Ganten zu vollziehen
obliegt, das ist mein Trost und meine Hffnnng. Ic. -
at dem Auugenblicke hörte man das Pferd des Freiherrn
in dem Hofe. Angelika trat an das Fns!er, grißte ihren
Gatten freundlich mit der Hand, und sich dann zu dem Geist-
lichen wendend, sagie sie schneller, als sie vorhin gesprochen:
N
D gehöre zu meinem Manne, ich gehöre in dieses Haus. De
Freiherren von Arten sind katholisch und sollen es bleiben durch
al .-- deni der Katholicismus bietet un die göitliche, durch
. N,s
den Priester vermittelte Hülfe in unserer Sündhaftigkeit, in
unserem Streben nach Erhebung viel erfaslicher und tröstli ,er,
als ich es bssher gekaunt habe. Der Mensch hat des sichtlaren
d
,elfers nöthg, um zu seinem unsichtbaren Helfer und Erlöser
F durchzudringen. . wenig Tagen hoffe ich mein Glaubensbe-
-as
?Hs-:-s--1s s E-
- -=-»---u--- a=-- Hände ablegesn zl =-lten und so Gott will,
7z
? werden mein Mann und ich vereint in nicht ferner Zeit
F unsere Gebete um Vergebung an derselben Stelle zum Himmel
- emporschicken, an welcher so Schweres verschulde! .d gelitien
worden ist.
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eas walte Goti! sagte der Caplan. Angelika knieete vor
N
ihm nieder, er segneie sie. Die Saai, die er behutsam und
liebevoll aus fester Ueberzeugung auusgestreut, war durch die

--- 18G -
z
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Gunst der Verhältnisse weit schneller und weit vollständiger zur
Reife gekommen, als er es hatte hoffen und erwarten könten.
Er füühlte sich dadurch erhoben, stark und mächtig. Er genoß
den Lohn füür die Beschränkung, in welcher er sein Leben zuges
brachi hatie, er eupsand den Segen der einsl Geliebten, de er
in seinem Herzen als Heilige und als seinen Schutzgeist ehrte,
als sein unverlierbares Glick.
, =e
-
Der Baron fand Angelika noch aif ihren Knieen. Bei
seineu Eitlritle erhob sie sich und wars sich an seine Brust.
au Theurer! rief sie, ich danke Dir, da; = meinen
g. ex.
Eltern so gute, schöne, herzerquickende Stunden in unserem
Hause bereitet ,ust. Und nuun wir Eins sind, nnn wir ein-
sin
ander ganz und ungetheilt besizen, nun laß uns vorwärts
gehen auf dem Wege, den unser Freund, sie reichie dem Caplan
ihre Hand, uns führen wird. Er hat es ausgesprochen: Es
giebt nichts, was nichi duurch khätige Nene zu sihhnen wäre,
nichts, wofüür die Kirche aus dem reichen Scaze ihrer Gnade
nicht die Vergebung spenden könne. Wir wollen sie erringen,
erringen mit einander, und . -
Wie verdiene ich Dich? rief der Baron, und schloß sie mit
Zärtlichkeit und Freude an sein Herz. Wie verdiene ich Dich? j
Sehen Sie den Besiz dieses schönen Herzens, sagte der j
Caplan mit feierlichem Ernste, als ein Geschenk des Himmelsg
ze i
als ein Pfand der Gnade an, und überlassen Sie sich ih-,z
damit Sie und Ihr Haus sich im wahren und im neuen Sinnej
auferbauen.
Das will, das werde ich! betheuerte der Baron, und sein
Auuge leuchtete heller, sein Kopf hob sich freier und leichter, alsj
z
es seit langer Zeit geschehen war.
Und nicht nur im Innern wollen wir uns auuferbaueht, ;
rief Angelika, auch ein äußeres Zeichen unserer inneren Be-
kehrung, ein Zeichen der Reue, de---ue, der Versöhnmng
9Tz
l

z
-- 1H?-
muß errichtet und hingestellt werden fir alle Zeit. Daran
hängt mein Herz, darauuf richten sich meine schönsten Hoffnuun-
gen. Versprich mir, daß Du mir gewähcen willst, was ich
von Dir erbitie.
ate srahlie in wahrer Begeisterung bei den Worten. -e
er,.
Freiherr blickte sie mit Bewunderung an. Sage, was «at be-
cd.
- gehrst, Geliebie! es sosl Alles, Alles geshehen! sprach er zärt-
lich und bestimmt,
Aigelila's Miennen wurden ersihaft, und ruhiger uls vor-
her sagte sie: Du hast das Haus in Rothenfeld zerstören und
niederreißen lassen, als Du noch glaubtest, Dir selbst entfliehen
zu kdnten. Nun Du eit.=g l! = uug sclber, nun wir ge-
cd1.s
s.-s.--ss
meinsam die Einkehr in das Vaterhaus im Himmel suchen,
richte dort in Rothennfeld eine Capelle auf, in der wir uns er-
innern mögen, .u der Mensch ein Sinder, und daß Gott
- s-
dem Siinder gnüdig ist. Dort wisl ich mit Dir ktieen, mit
Dir beten, und dort wollen wir einst bei einander ruhen, wenn
der Herr uns abruft!
Es lag etwas Unwiderstehliches in ihren Worten, mm ihrer
ganzen Erschei.g, denn Selbstüberwindung und Liebe haben
eine verklärende Gewalt. Sie umleuchten den Menschen wie
F ein Heiligenschein. Der Freiherr war hingerissen von der See-
lengröße, von der Liebe seiner Frau, der Caplan g=---
J,uss.ss fnmr
durch sie gerüührt. So verschieden die drei Menschen waren,
s so verschieden sie auch in diesem Augenblicke empfanden, sie
tu
- zuhlten sich eng verbunden in einer gemeinsamen Jdee, und
grade die Hindernisse und Schwierigkeiten, welche der Grün-
, dung eine. -=golischen Capelle mitten in dem protestantischen
=- f,iss
Ez-
=-uude imn Wege stehen konnten, reizten den Baron zunächst.
Es begann mit diesem Plane ein neues Lrben füür ihn, weil sich
ihm mit demselben wenigstens fiür einige Zeit eine lebhafte
- und vielseitige Thatigkeit darbot.

-- , ZZ-
Die Bedenken der Behörden, die bittenden Eimwendungen
seines protestantischen Pastors regten seine angeborne Herrsch-
sucht auuf, und es galt endlich, vor Allem dem Zorne und der
Betrübnis seiner Schwiegereltern zu widerstehen, die von einem
Religionswechsel ihrer Tochter nicht reden hören wollten. Aber
alle diese Hindernisse führten Mann und Frau nuur näher zu
einander und steigerten den Eifer der Neunbekehrten. Ange' a
war eine starke enthusiastische Natur. Sie wuchs mit jedem
Tage mächtiger zur Selbstbestimmung heran, sie stand bald
neben ihrem: Gatten, als wäre sie ihm gleich an Jahren und
Erfahrung, und ihr fester Sinn fing an, ihn zu beherrschen,
ohne daß er es gewahrte, ohne daß sie sich dessen klar be-
wußt war.
In Thätigkeit, in Lebe, in religiösen lebungen kam der
Herbst heran, und mit ihm der Jahrestag ihrer Hochzeit, der
von dem Freiherrn und von Angelika zu einer dreifachen Feier
ausersehen wwar.
Der Baron hatte die Wochen vor demselben theils in der
Hauptstadt, theils in der Kreisstadt der angrenzenden latho-
lischen Provinz, in welcher der Firstbischof residirte, zugebracht.
Er kehrte mit der frohen Nachricht heim, das der Bau der
Capelle zugestanden sei und das; der Fiestbischof selbst sich habe
bereit finden lassen, der Weihung des Plazes und der Grund-
steinlegung beizuwohnen. Weil man es wußte, wie wenig die
Gutsleute dem Capellenbaue geneigt waren, hatte der Freiherr
für die Einsenkung des Grundsteins einen Maurer mit seinen
Gehülfen aus der Stadt nach Richten beordert.
Der Freiherr hatte viel zu melden von seinen Mühen
und Erlebnissen, der Caplan wies mit Freude die Documente
vor, welche man in das Fundament der Capelle zu versenken
beabsichtigte. Es waren die Geschlechtstafeln der Herren von
Arien und eine Chronik über das Geschlecht, die er während

-- 18ß --
des Sommers ausgearbeitet hatte. Man beschäftigte sich lange
damit, Angelika war von ganzer Seele dabei.
Und hast Du mir nichts Neues mitzuiheilen? fragte er
endlich die Baronin, nachdem die Männer ihce Angelegenheiten
durchgesprochen hatten.
Nichis als diesen Brief und die Versicherung, daß ich ruhig
bin in meinem Gewissen wie in meinem Herzen.
Sie reichte ihm den Brief; er war von dem Grafen, hrem
Vater, und von ihrer Mutter geschrieben. Dir Mutier beschwor
die Tochter noch einmal mit den dringendsten Bitten und Vor-
stellungen, nicht abzufallen von dem rechten Glauben. Was
die Mutterliebe Zäriliches, was die religiöse leberzengung Eifri-
ges und Flehendes einem Kinde sagen konnten, war in dem
Briefe enthalten. Der Graf hatie nichts als seinen Zorn.
Er drohte der Tochter mit völliger Verstoßung, er erklärte, ihr
soweit als möglich ihr Erbe entzichen zu wollen, wenn sie sich
beikommen lasse, sich von dem protestauntischen Bekenntnisse ab-
zuwenden. Er wolle seine Enkel nicht als Pfaffenknechte sehen,
schrieb er; er habe das Vermögen seines Hauses davor zu wah-
ren, daß es durch sie nicht etwa einmal ein Raub der ultra-
montanen Kirche werde. Er sei ein Protestant, er könne nur
eine Protestantin seine Tochter nennen, die Katholikin sei sein
Kind nicht mehr.
Der Freiherr las das Schreiben und blickte Angelika voll
Besorgniß an. Er wußte, mit welcher Liebe sie an ihren El-
tern gehangen hatte, und war also bekümmert um den Eindruck,
welchen das Schreiben auf sie gemacht haben wüürde. Aber sie
ließ seiner Sorge keinen Raum.
Sei ohne Furcht fir mich, sagte sie. Es steht geschrieben,
das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne
folgen. Meine Eliern haben mich Dir gegeben, daß ich Dir
folge in Deine irdische, vergängliche Heimath, wie sollte ich an-

-- 19ß--
stehen, Dir in die wahre, ewige Heimath zu folgen? Und
habe ich nicht Vater, nicht Mutter mehr auf dieser Welt -
ihre Stimme zitterte, in ihren Augen perlten Thränen --- so
habe ich Dich und habe unsern Heiland, und werde, so Gott
will, auuch bald das Kind haben, es zu ihm hinzufihren. Ich
bin nicht allein, nicht verzagt; ich bin glicklicher, als ich je zu
werden glauben konnte.