Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 18

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Wie durfte sie sich unglücklich fühlen, wahrend sie das Wert-
zeug einer höheren Macht gewesen war, deren Einwirkung sie
ja unablässig anerkannt und empfunden hatte! Und war es
vielleicht der Wille dieser höchsten Fügung, daß eben jetzt in
jenem jungen Manne, in Herbert eine Versuchung an sie her-
antrat? Wollte der Himmel sie prüfen, sie kämpfen, sie unter-
liegen oder siegen lassen?
Wie sehr sie sich dagegen sträubte, immerfort sah sie ihn
vor sich, hoch aufgerichtet, stolz und schön und trotzig. Und
was hatte er denn im Grunde genommen verbrochen ? Er hatte
eine Meinung geäußert, die abzugeben er als Fachmann ver-
pflichtet war. Man bezahlte ihm sein bestes Wissen, er mußte
es also für diejenigen nutzen, denen zu dienen er sich anheischig
gemacht hatte. Sie aber hatte ihm gleich Anfangs mit Herbig-
keit widersprochen, ihn beleidigend behandelt, nur weil ihr seine
Tracht unangenehme Vorstellungen erweckt, oder weil sie ge-
fürchtet hatte, in ihren Gästen durch dieselbe unangenehme Er-
innerungen erzeugt zu sehen. Sie fing an, sich vor sich selbst
zu schämen. Sie gestand sich's ein, daß sie dem Architekten
ein Unrecht zu vergüten habe. Aber mitten in der Ueberlegung.
wie sie das anstellen solle, mitten in der Frage, was sie thun
und ihm sagen und wie er das aufnehmen und dabei aussehen
würde, erfaßte sie der Gedanke Woher kommt es, daß du dich
so viel mit ihm beschäftigst? Ist das nicht schon jenes Ge-
fühl, das jetzt Sünde für dich ist? Beginnt die Prüfung.
welche der Himmel dir auferlegt hat, schon jetzt? -- Und sie
schlug an ihre Brust und gelobte sich, fest und stark zu bleiben
und es der Herzogin nie zu vergessen, daß dieselbe sie wie eine
Mutter treu gewarnt. Jetzt wußte sie es, jetzt wußte sie es
zuversichtlich, daß die Sterne ihr nicht gelogen, als sie ihr in
der Herzogin eine Freundin verheißen hatten!

Achtzehntes Capitel.
, den Augenblicken, in welchen Angelika sich also mit
ihrem Gewissen berieth und zweifelnd und bange auf ihr ganzes
Dasein blicte, fühlte sich die Frau, welche die Baronin geneigt
war als ihre mütterliche Freundin zu verehren, so heiter, wie
sie es in Richten noch nicht gewesen war. Denn ein Zufall
hatte ihr ganz plötzlich dargeboten, was sie bisher vergebens
gesucht hatte: eine Handhabe zur Herrschaft über ihre jetzige
Umgebung, eine Beschäftigung für ihre leere Zeit
Das kühle und doch einschmeichelnde Wesen der Herzogin
war zum Herrschen geschaffen, und sie hatte wie jeder Mensch
das Bedürfniß, die Fähigkeiten zu brauchen, welche sie besaß.
Während ihres Wanderlebens hatte der Wechsel ihrer Verhält-
nisse sie zerstreut, die Sorge sie gelegentlich gefangen genommen.
Nun hatte das aufgehört, die Tage in dem Schlosse erschienen
ihr sehr lang, und sie mußte sich doch sagen, daß es für sie
gerathen sei, sich in demselben möglichst festzusetzen. Indeß sie
hatte bisher keinen Boden für die Ausführung dieser Absicht
enidecken können, so auffallend Vieles ihr in der Ehe ihrer
Gastireunde auch erschien. Sie sah den Freiherrn, den sie als
einen Lebemann gekamnt, völlig unter der Herrschaft einer jun-
gen Frau, die sich kaum die Mühe gab, ihm zu gefallen oder
ihre Vorzüge geltend zu machen. Sie hörte Angelika häufig
don ihrem und ihres Gatten Gelöbnisse reden, und neulich,
als sich bei der Tafel das Gespräch zufällig darauf gerichtet,

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hatte der Baron, der in seinem früheren Leben sich in mancher
Verlegenheit befunden und ihr ruhig Stand gehalten, seine
Fassung ganz und gar verloren. Nicht er, nein, Angelika hatte
es übernommen, die unangenehme Scene zu beenden. Die
junge Baronin fühlte sich also offenbar den Ereignissen, dem
Geschehenen gegenüber freier als ihr Gatte, und unwiderleglich
hatte sich an jenem Mittag in der Herzogin die Gewißheit fest-
gesetzt, wie irgend ein Unrecht gegen das, was Angelika die
Heiligkeit der Ehe namnte, den Anlaß zu dem Gelöbniß und
der Baronin die Herrschaft über ihren Mann gegeben hatte.
Die Herzogin hatte sich sdes Lachens kaum erwehren kön-
nen, als dieser Gedanke sich ihr aufgedrängt. Der Baron er-
schien ihr gegenüber der religiös-pedantischen Sittenstrenge seiner
jungen Gemahlin beklagenswerth und komisch zugleich. Wie
viele Kirchen hätte er gründen müssen, dachte sie, wenn er jede
Gunst, deren er genossen, mit einem ähnlichen Gelöbnisse hätte
bezahlen sollen. Wäre er noch der Alte gewesen, hätte in
seinem Hause der Ton geherrscht, nach welchem er und die
Herzogin in Frankreich einst mit einander verkehrt, so würde
sie nicht angestanden haben, jhm augenblicklich dieses scherzende
Wort zu sagen. Aber sie befanden sich in Deutschland, An-
gelika war, wie die Herzogin es nannte, eine fromme deutsche
Schwärmerin, und die Fremde hatte die Sitten und den Brauch
des Hauses Fchon aus Rücksichten der Klugheit so lange z
schonen - bis es ihr gelang, sie allmählich nach ihrem Be-
dürfnisse und nach ihrem Geschmacke umzuwandeln, wozu sie
sehr entschlossen war. Noch ehe man sich an jenem Tage von
der Tafel erhob, hatte sie beschlossen, dem Baron zu Hülfe
zu kommen und ihren alten Freund, den liebenswürdigen frohen
Genossen mancher schönen Tage und Stunden, aus der Knecht-
schaft seines Ehejoches zu befreien.
Sie war noch immer mit sich zu Rathe gegangen, wie

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dies zu machen sei, bis in dem stillen Beisammensein mit der
Baronin die widerwilligen Aeußerungen, welche diese über den
Baumeister aussprach, die Herzogin auf den Einfall brachten,
gleich jetzt einmal die junge Frau an einen Scherz zu ge-
wöhnen; denn nur als einen solchen hatte sie ihre Warnung
vor Herbert ausgesprochen. Erst die Bestürzung und das Er-
schrecken Angelika's erinnerten die achtsame Französin daran,
wie viel damit gethan sei, wenn man einen Menschen in seinem
Glauben an sich selbst erschüttert, wie schnell man in der Regel
an das Ziel gelangt, wenn man die Personen, auf die man
wirken will, selbst zu Werkzeugen und zu unbewußten Gehülfen
für dasjenige macht, was mit ihnen und an ihnen gethan
werden soll.
Noch während sie Angelika umarmte und küßte, hatte sie,
über dieselbe in das Freie hinausschauend, bemerkt, daß der
Baron den Billardsaal bereits verlassen und sich auf die Ter-
rasse hinaus begeben hatte. Jn der Nähe der Baronin war
für den Augenblick nichts mehr zu thun. Die Herzogin drängte
es also, den Freiherrn zu sehen und zu erfahren, in wie weit
bei ihm ihre Voraussetzungen berechtigt sein möchten.
Leichten Schrittes eilte sie durch die Gemächer, durch den
langen Corridor, stieg dann die Treppe, welche aus dem Sei-
tenflügel auf die Terrasse führte, hinunter, als käme sie graden
Weges aus ihren Zimmern, und trat an den Baron mit der
Frage heran, wo ihr Bruder sei.
Der Baron, welcher seinen Knaben auf dem Arme hatte,
gab ihr Bescheid und wollte das Kind der Wärterin reichen,
aber die Herzogin hinderte ihn daran. Nicht doch, nicht doch,
rief sie ihm zu, Sie sehen prächtig mit dem Kinde aus, lieber
Freund! Der schöne kleine Renö kleidet Sie vortrefflich! -
Sie kam mit diesen Worten, leicht auf ihren kleinen Absaz-
shuhen einherschreitend, an den Freiherrn heran, nahm ihm

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den Kleinen ab, drückte ihn an das Herz und meinte: Gz is
sonderbar, ich liebe die Kinder, ich liebe sie sehr, und doch
habe ich es nie bedauert, kinderlos zu sein!
Ein Beispiel Ihres widerspruchsvollen Geistes! meinte der
Baron.
Durchaus nicht, mein Lieber! Es ist nur ein Beweis
dafür, daß ich mich und mein Herz wohl kamnte. Ich war
nicht edel, nicht tugendhaft genug, um glücklich zu werden durch
eine Selbstverleugnung ohne Ende, um mein Leben lang immer
eine gute Mutter zu sein!
Und doch erzogen Sie nach dem frühen Tode Ihrer Mut-
ter den Marquis! wandte der Freiherr ein.
O, das war etwas Anderes, das war nur ein Bruder;
das veryflichtete zu nichts, den konnte man aufgeben wie jeden
Anderen, wenn man seiner überdrüssig war! Aber ein Kind,
das bleibt, das ist unser eigen, das hat unabweisliche For-
derungen an uns und ist eine bindende Fessel; gewiß eine
süße, aber auch eine schwere Fessel -= gerade wie die Ehe!
rief sie und fügte lachend hinzu: Ihnen darf man das freilich
nicht mehr sagen, denn Sie sind auch iugendhaft und ernst-
haft geworden, sehr tugendhaft, sehr ernsthaft, und ich allein
bin die Alte geblieben, das alte Kind einer jüngeren und fröh-
licheren Zeit! - Sie wiegte dabei den Knaben tändelnd in
ihren Armen und reichte ihn danach der Wärterin. Geh',
geh', du reizendes, kleines Memento mori, sagte sie, und
erinnere uns nicht mit deinen hellen Augen daran, daß du
den Frühling noch schauen wirst, wenn uns längst sein grünee
Teppich deckt!
Dann nahm sie den Arm des Barons, der sie mit Ueber-
raschung betrachtete, und fing an, langsam mit ihm auf der
Terrasse umher zu wandeln, während sie das schwarze Spißen
aapuchon ihres Entredeux über die Frisur zog, daß die Kanten

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auf ihr leichtgepudertes Gelock herniederfielen. Sie rühmte die
anmuthige Lage des Schlosses, die gute Luft dieser Gegend
und pries ihr Wohlbefinden in derselben. Sie sprach von
ihrer Heimath, von ihren gemeinsamen Erinnerungen und Be-
kamnten, und schien es lange gar nicht zu bemerken, daß sie
allein die Unterhaltung führte. Auch der Baron beachtete es
nicht; er hatte seine eigenen Gedanken.
Wie er so neben ihr einherging in aller seiner Stattlich-
keit, die kleine, feine Gestalt am Arme führend, war es ihm,
als komme mit der Berührung dieses Armes, der sich so weich
und leicht dem seinen anschmiegte, ihm eine langvergangene
Zeit zurück, eine Zeit, in der er voll Feuer, voll Hoffnung,
voll jugendlicher Wünsche und zugleich mit einer Freiheit in
das Leben getreten war, die ihm - wie er sich dagegen auch
träubte - jetzt noch reizend und begehrenswerth erschien. Er
sehnte sich nach den Empfindungen der Leichtlebigkeit, die er in
der letzten Zeit in sich zu bekämpfen gestrebt, und er konnte
nicht anders, er mußte in seinem Innern der Herzogin darin
Recht geben: die Ehe, wie nothwendig ihre strenge Beschrän-
ung auch sein mochte, war eine Fessel, die wohl drücken konnte.
Was denten Sie? fragte die Herzogin ihn endlich.
Der Baron nahm sich zusammen. Ich freue mich daran,
wie wenig Gewalt die Zeit über Sie und Ihren Geist gehabt
hat! gab er ihr zur Antwort. Sie sind noch heute ganz die-
selbe, die Sie in Vaudricour gewesen sind!
TM.==-- - == =--
ldgin hütete sich, ihm schnell eine Entgegnung darauf zu machen.
Sie schritt jetzt nur, als sei sie des Auf- und Niedergehens
aüde, die breite Trepye der Terrasse hinunter und wendete sich
damn einer der Alleen zu, welche vom Schlosse aus den ganzen
Bark in langen Linien durchschnitten.

LS -
Die Bäume waren noch blätterlos, aber die Knospen hat-
ten sich bereits stark gefärbt und begannen zu platzen und sich
zu entfalten, daß es wie ein farbiger Duft hier bräunlich roth,
dort gelblich, und daneben auf den anderen Gipfeln wie ein
leichter, grüner Schleier anzusehen war. Die Sonne schien
warm, nur hie und da wehte ein leichter, kühler Hauch durch
die Luft, und wohin das Auge sich wendete, verküündete der
helle frische Rasen das neue Werden der Natur.
Die Herzogin ging wie in stillem Genießen versenkt lang-
sam fort und fort. Erst als sie sich eine Strecke vom Schlosse
entfernt hatten, hob sie den Kopf zu ihrem Begleiter empor,
sah ihm mit ihren sanften Augen, aus welchen der Frohsimn
ganz entschwunden schien, prüfend in das Antliz und sagte:
Sie haben Recht, mein Freund; und einem Manne, der so
viel Philosophie besitzt, wie Sie, kann man das wohl aus-
sprechen, ohne ihn damit zu verletzen: Sie sind allerdings älter
geworden, als Ihre Jahre, welche auch die meinen sind, es
nöthig machen. Ich komme mir jünger vor, als Sie, aber
mich dünkt, Sie tragen daran selbst die Schuld!
Von einem Anderen die Bestätigung eines Gedankens zu
erhalten, der uns nicht angenehm ist und den man sich wege
leugnen möchte, ist immer eine sehr peinliche Sache. Aber der
Freiherr wollte sich nicht weniger philosophisch zeigen, als die
Herzogin ihn nannte, und er fragte sie deshalb mit anscheinen-
dem Gleichmuthe, in wie fern er nach ihrer Ansicht die Schuld
an seiner Wandlung tragen kömne.
Ich weiß nicht, meinte die Herzogin, ob ich mich itne.
Es ist indeß mit uns Menschen wie mit den Pflanzen. Je
wede fordert ihr eigenes Erdreich, ihre eigene ihr angemessene
Wärme und Behandlung, und auch wir sind nicht überall hn
zu versetzen, nicht für jede Umgebung gemacht. Ich mein
Sie hätten sich nicht aus der großen Welt zurücziehen sollen.

== ZZZ -==
Der Baron zuckte die Achseln. Ich war ihrer müde ge-
worden, meinte er, und die Baronin. . - -
Die Baronin ist ein Engel, fiel die Herzogin ihm in die
Rede, ein Engel an Güte und an Tugend! Sie besizt in der
That alle die Vorzüge, welche ein Mamn wie Sie von einer Frau
nur fordern kann, aber - denn eine alte Freundin darf ja
wohl aufrichtig zu Ihnen sprechen?.. - -
Aber, rief der Freiherr in einem Tone, der nicht eben
ermuthigend klang, den jedoch die Herzogin nicht zu beachten für
gut fand.
. Aber, sagte sie, mich dünkt, für Sie, eben für Sie, Coufin,
, war sie vielleicht nicht die glücklichste Wahl. Sie find lebhaf,
, lebenslustig, beweglich, ein wenig eitel und ziemlich egoistisch.
Solche Männer sind in der Regel nicht darauf gestellt, immer-
, fort das Gleiche zu empfinden. Solche Männer wollen auch
, bewundert werden, wollen etwas zu erringen haben, und an
, dem Vollendeten bleibt ihm nichts zu erringen, nichts zu thun
übrig, als fortdauernd zu bewundern und zu verehren. Die
l Baronin ist vielleicht zu gut für Sie!
! Sie sprach das in einer Weise, die es ihm anheimstellte,
s ob er ihre Worte ernsthaft oder scherzhaft nehmen wollte.
s luch zögerte der Baron, ihr zu antworten, und erst nach einer
leinen Pause erwwiederte er: Jn gewissem Sinne könnten Sie
Recht haben. Die Verehrung ist nicht immer ein Beförderer
der Liebe, und Nachsicht finden, Nachsicht gewähren, Verzeihen
und Verzeihung erhalten, kann sehr süß sein, kamn die
Vrzen sehr nahe zusammenführen, sie sehr dauernd ver-
dinden!
Er hatte das mit einer gewissen inneren Bewegung ge
bgt. Die Herzogin wußte jetzt, woran sie war; aber sie wollte
s och hier nicht absichtlich, nicht zudringlich erscheinen, und sie
s nzgte bei sich, daß man um zu herrschen nicht eilig sein,

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daß man verstehen müsse, zu warten, um sicher vorwärts zg
kommen. Mit jenem spielenden Lächeln, das selten von ihren
Lippen wich und das ihren feinen Zügen so wohl anstand,
ging sie völlig wieder zum Scherze über. Nun, rief sie, i
diesem Falle, mein Cousin, sind Sie durch reichliche Erfahrmg
competent! Zum Verzeihen haben Sie uns immerdar Anlaß
gegeben und - ich rühme Ihnen das nach -= Sie waren
liebenswürdig, wemn man Ihnen Nachsicht zeigte!
Und bedurften Sie der Nachsicht weniger als ich, theute
Herzogin? fragte der Baron, dem mit diesem Lächeln und
diesem Tone seiner Begleiterin eine Vergangenheit wach wurde,
deren zu gedenken er bisher der Herzogin gegenüber nicht g-
wagt hatte. Die Treue . - - -
Treue! Wer spricht davon? Ich habe das Wort ne
leiden mögen.
Weil Sie sich nie entschlossen, es zu einer Wahrheit u
machen!
Als ob es Ihnen Vortheil gebracht hätte, wäre ich neu
gewesen wie die Heldinnen der Fabliaux! Treu sein, heiß
beschränkt sein, Nichts weiter! In Einem Menschen sein gandk
Leben lang die ganze Welt sehen, das heißt ja sich Augen und
Ohren verbinden und Herz und Geist ertödten! Treue iß enn
halber Selbstmord. Warum denn von Treue sprechen in einn
Welt, in welcher Alles wechselt.. - -
Und Alles eigentlich so schön ist! unterbrach sie der Baron
der sich mehr und mehr erheiterte. Der Frühling hat sin
Blüthen, der Sommer seine Blumen und seine heiße Gluth---
Und der Herbst? fragte sie, indem sie ihm mit einnenl
langen Blicke, dessen Wirkung sie früher oft genug erprobt
die Augen schaute, und der Herbst?
O, rief der Freiherr, der Herbst hat seine klare, heit
Wärme, der Herbst hat oft das Licht des Frühjahres und

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Duft des Sommers, und darüber hinaus die süße, erquickende
Traube des Weines, dessen Feuer beständig ist und dessen Werth
sch steigert mit der Zeit.
Er hatte den Arm der Herzogin fester an sich gezogen,
und -= war es der magische Glanz des hellen Sonnenlichtes,
das seinen glühenden Schein über das Gesicht der Herzogin
ergoß, oder war es der Reflex des dunkelrothen, kleinen Fächers,
mit dem sie ihre Augen überschattete - sie kam dem Baron
noch jung vor und er fand sie noch reizend. Freilich sah er
die Fältchen in ihren Augenwinkeln, aber sie erhöhten nur die
Freundlichkeit ihres Blickes. Er sah auch die feinen Furchen
auf ihrer Stirn und die tieferen Züge, welche die Leidenschaft
und die Jahre um ihren Mund gezogen hatten, aber er sah
sie nur mit dem Bedauern, daß auch diese einst so anmuth-
volle Bildung der Vergänglichkeit zum Raube fallen müsse, und
obschon weit davon entfernt, jetzt noch ein Gefühl der Liebe
für die Herzogin zu fühlen, wie er es einst vorübergehend auch
für sie gehegt, hatte er sie doch nie höher gehalten, als eben
in dieser Stunde.
Sie war ihm werth, unschätzbar werth! Er sprach ihr
das aus. Er gestand ihr, daß er in diesem Augenblicke, in
welchem er finde, was er so lange entbehrt, erst inne werde,
wie schwer er einen Menschen, eine Freundin vermißt habe,
die seine Erinnerungen mit ihm theile, die durch Menschen-
lemntniß, durch Welterfahrung ihm nahe stehe, die in sich selbst
die Schwäche des Herzens und der menschlichen Natur erfahren
habe, die ihm helfen könne, den zu ernsten Sinn Angelika's
zu erheitern, ihr Lust an den Freuden ihres Alters zu geben.
Und, so schloß er, ich bin glücklich, theure Herzogin, daß ich
in Ihnen, meine Freundin, jene Jugend des Geistes und des
Herzens wiedergefunden habe, die auch mir noch nicht ent-
schwunden ist, und die in meiner Angelika zu beleben mir sicher-

= ZJH -
lich gelingen wird, wenn Sie, theure Margarethe, mir die Hand
dazu bieten!
Er hielt ihr die Hand hin, sie reichte ihm die kleine zier-
liche Rechte, deren reichberingte Finger blendend aus dem
schwarzen Halbhandschuh von Filet hervorsahen, und er führe
sie an seine Lippen. Sie gefielen einander gar wohl in dieser
Lage, demn sie betrachteten einander mit den Augen früherer
Tage, und in den neuen Freundschaftsbund schlossen sie siil-
schweigend die einstige kurze Liebe mit ein.
Wie segne ich die Stunde, sagte der Baron, in welcher
Sie sich entschlossen, uns hier aufzusuchen!
Machen Sie mir den Aufenthalt durch Ihre Freundschaft
nicht zu werth, das Exil wird mir zu schwer und zu hart
danach erscheinen!
O, rief der Freiherr, das muß feststehen zwischen uns,
Cousine, daß Sie uns nicht verlassen, bis wir selbst Sie nach
Vaudricour zurückgeleiten können! Ihr Wort darauf!
Was hilft Ihnen das Versprechen einer Treulosen, di
obenein wetterwendisch ist wie alle alten Frauen? meinte sie
mit guter Laune, während sie umlenkte, um den Rücweg nach
dem Schlosse anzutreten.
Nun demn, so appellire ich an die Vergangenheit, um mir die
Zukunft zu ichern, meinte der Baron. Wir haben es uns einst ver-
sprochen, Freunde zu bleiben und einander nicht zu fehlen, wo wit
einander nützen kömnen. Denken Sie noch daran, Margarethes
Ich denke daran, erwiederte sie anscheinend gerührt, denn
ich erinnerte mich dieses Versprechens in der Stunde der Sorge.
und ich kam zu Ihnen.
Wohlan denn, Herzogin, an der Seite meiner jungsk
Frau fehlte mir immer meine alte Freundin Margarethe. Ie
verlange von ihr, daß sie nicht von mir geht, ehe ich sie enk'
behren kann! Wird sie mir das versagen?

-- B5?--
Nein, o nein, gewiß nicht, mein alter theurer Freund,
mein lieber Vetter, rief die Herzogin, als überwältigten fie das
Zartgefühl und die Großmuth des Barons, aber gewähren auch
Sie mir eine Bitte!
Befehlen Sie, theure Freundin! Ihnen einen Wunsch zu
erfüllen, wird mich glücklich machen!
Nun denn, Baron, gönnen Sie es mir, die Vermittlerin
zwwischen Ihnen und den Wünschen unserer lieben Angelika zu
machen. Die fromme Seele hat ihr Herz einmal an den Bau
der Kirche in Rothenfeld gehängt, geben Sie ihr darin nach.
Sie wünschen die Gute ein wenig leichtlebiger, ein wenig füg-
samer zu finden; gehen Sie ihr mit gutem Beispiele voran
und fordern Sie Nachgiebigkeit um Nachgiebigteit.
Wie gern, meinte der Baron, nur daß wir eines schönen
Effectes entbehren, wenn wir den Vortheil nicht benutzen, welchen
der Bau auf der Höhe uns bieten würde.
O, Cousin, das ist Monsieur Herbert's Sache! Sie rühmen
sein Genie, seine Erfindungsgabe; er wird einen anderen Vor-
schlag machen, er wird da oben eine Gapelle, ein Kreuz errich-
ten, und wenn die gute Angelika sich in ihrem heiligen Eifer
genug gethan hat, nun, so wird sie allmählich auch ihren Sinn
mehr den Freuden des Lebens und ihres Alters zuwenden und
das beschämende Gefühl von unseren Häuptern nehmen, daß
wir jünger, o, weit jünger sind, als unsere liebe junge
Schwärmerin.
Sie lachte und wandte ihr Haupt ab; ihr Nacken und ihr
Ohr waren noch zierlich und sehr hübsch. Wie haben Sie es
gemacht, Cousine, so jung zu bleiben ? fragte der Baron.
Ich habe meine Freiheit nicht darangegeben, nachdem ich
fe durch den Tod des Herzogs einmal wiedergewonnen hatte,
anhgegnete sie.
F. Lewald, Von Geschlech zu Geschlecht. K

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Der Baron antwortete ihr nicht darauf, aber ße gauä
ihn seufzen zu hören.
Am Abende erllärte der Freiherr seiner jungen Gani
daß er sich hinsichtlich des Baues ihren Ansichten und Bünhe
füge. Sie war davon gerührt und überrascht. Aber ße ahr
nicht, daß sie die Gewährung ihres Verlangens einer fenoa
Frau verdankte, die wohl wußte, was sie damit gethan, alsß
dem Freiherrn seinen und seiner Gattin Lebenswege als ge
von einander abweichende Pfade bezeichnet hatte,