Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 19

Fueiten
Fuc.

Erstes Capite l.
,n dem grünen Parke von Schloß Richten hatten die zah-
men Rehe und Hirsche sich bereits gewöhnt, das Brod aus den
Händen des kleinen Renatus zu nehmen, wenn die Wärterin ihn
an das Gitter des Geheges führte, und in Rothenfeld stieg
die Kirche schon stattlich aus der Tiefe hervor, als die Kriegs-
trommel durch das Land rasselte, weil der Feldzug, mit welchem
man dem bedrängten Könige von Frankreich zu Hülfe kommen
wollte, nun eine beschlossene Sache war.
leberall im Lande gab es Truppenmärsche, in allen Häu-
sern hatte man Einquartierung; auch das große, schön gelegene
Haus des Juweliers Flies war natürlich nicht davon verschont.
Angenehme Gäste waren diese, von Werbern aus allen vier
Weltgegenden zusammengebrachten Truppen, diese Söldlinge,
welche nur mit Gewalt bei der Fahne erhalten werden konnten,
eben nicht, und der Kriegsrath Weißenbach hatte es von dem
Juwelier Flies als einen Freundschaftsdienst gefordert, daß
dieser die auf das Haus gewiesenen Gemeinen in sein Quar-
tier nahm und dem Kriegsrathe die beiden Offiziere überließ,
mnit denen doch ein Verkehr und ein anderes Auskommen mög-
lch war.
Der Kriegsrath, dem der Caplan vor einigen Jahren auf
den Vorschlag des Juweliers den Sohn Paulinen's übergeben
hatte, stand aber auch mit seinem Hausherrn immer auf dem
besten Fuße. Herr Weißenbach war ein Mann, der seine

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Ruhe liebte, der seine festen Gewohnheiten hatte und der füt
das Muster eines ruhigen und fleißigen Beamten galt. An
jedem Morgen ging er um die bestimmte Stunde in sein
Bureau, an jedem Mittage kehrte er um die gleiche Stunde
heim, und eben so regelmäßig pflegte er dann in den Laden
des Juweliers zu treten, der schon lange neben seinem Gol-
und Juwelenhandel ansehnliche Bankgeschäfte machte und von
dem Gouverneur der Provinz, wie von dem hohen Adel mit
mannigfachen Geld -Operationen beauftragt wurde. Dadurch
war er meist wohl unterrichtet über alles, was in den Fami-
lien des Adels und des Bürgerstandes vorging. Der Kriegs-
rath seinerseits, obschon er sehr gewissenhaft über seinen Amts-
eid dachte, wußte doch immer Dies und Jenes von den Maß-
regeln der Regierung zu erzählen, was er freilich nur al
Muthmaßungen bezeichnete, was aber dem scharfsichtigen und
gut zusammenreimenden Kaufmanne gelegentlich doch zu Nutz und
Frommen gereichte, und da man auf diese Weise für einander z
gleich unterhaltend und förderlich war, so liebten beide Männer
es, alltäglich ein Viertelstündchen zusammen zu verplaudern.
Sie sprachen daneben vor Fremden auch günstig von einandett,
und befestigten und steigerten auf diese Weise gegenseitig ihren
guten Ruf und ihren Eredit, ohne daß sie deshalb einen eigen
lichen gesellschaftlichen Verkehr unterhalten hätten. Denn de
Flies'sche Familie zu sich einzuladen, fand die Kriegsräthnn
nicht passend; aber sie verschmähte es deßhalb nicht, sie hier
und da einmal allein zu besuchen, von ihr jeden Dienst ß
fordern und anzunehmen, welchen dieselbe zu leisten nur irgene
geneigt und im Siande schien, und beide Theile glaubten nicht.
sich damit etwas zu vergeben. Der Kriegsrath, wie weit ck
auch von der höchsten Stufe der Macht entfernt war, fühltt
sich doch als einen Theil der Beamtenwelt, die in des Königk
Namen das Land regierte, und der Juwelier, welcher seine

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Schwerpunkt in seinem wachsenden Vermögen hatte, gönnte
dem Kriegsrath seinen Beamtenstolz und sein gemessenes feier-
liches Wesen. Konnte er doch berechnen, wie weit diese Vor-
nehmheit ungefähr zu gehen vermochte!
Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegen-
seitigen Verhältnisse nichts. Denn wie abweichend der Haus-
herr und sein Miether auch über die Dinge dachten, welche in
Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt ge-
schahen, so waren beide doch vorsichtig genug, die obwaltende
Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch
nur ernst zu berühren. Der Kriegsrath wünschte es mit einem
Manne nicht zu verderben, der nachzusehen wußte, wenn die
Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten ließen. Auch
um Paul's willen mußte man mit Herrn Flies jn gutem Ver-
nehmen zu bleiben suchen, und dieser Letztere hielt beharrlich
an der Erfahrung fest, daß man jeden Menschen einmal brau-
chen könne und also Niemanden unnöthig von sich weisen dürfe.
Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das
Abkommen wegen des Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben,
mit welcher er alle seine Geschäfte abzumachen liebte, und er
hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt. Einmal hatte er ge-
wünscht, sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen,
der ihm ein guter Kunde war, und zweitens hatte er geglaubt,
es könne ihm in jedem Betrachte nur vortheilhaft sein, wenn
die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe steiger-
ten, welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr
als den Betrag des Miethzinses ausmachte. Aber erst, als sie
das Kind bereits im Hause hatte, war die Kriegsräthin auf
die Frage gekommen, in welcher Weise sie dasselbe vor den
Leuten aufzuführen haben werde. Eingestehen, daß sie den
Batard eines Edelmannes bei sich aufnehme, das mochte sie
nicht gern, und ein Kind von solcher Herkunft für den Sohn

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eines seiner Verwandten auszugeben, verweigerte der Kriegsranh.
Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel, den Knaben als
eine Waise darzustellen, deren man sich angenommen habe,
und damit schienen die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf
einmal gelöst.
Man hatte eine Form, in welcher man den kleinen Paul
den zahlreichen Bekannten und Freunden des Hauses vorsiellen
konnte, es war gerechtfertigt, wenn man den Knaben in allen
Dingen sparsam hielt, es gab für die Großmuth und Herzens-
güte der Pflegeeltern ein schönes Zeugniß, und es erzog, wie
die Kriegsräthin sagte, ihren Pflegling auf die einfachste Weise ,
zu der Fügsamkeit, die für ihn am angemessensten schien, weil s
seines Gleichen doch in der Regel keinen glatten Lebensweg z ,
haben pflegten.
Die Kriegsräthin war überhaupt eine gescheite und daneben ,
eine hübsche Frau, die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem s
älteren Manne zusammenstimmte. Er war ein wenig troen s
und pedanisch; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch. Er
liebte die Arbeit, sie die Muße; er hielt auf seine Gewohn-
heiten, sie sehnte sich nach Wechsel und nach Neuem; ihm ge
nügten sein Amt und seine Lebenslage, sie besaß den Ehrgehs
für ihren Mann ein höheres Amt, für sich eine glänzender
gesellschaftliche Stellung zu begehren, und sie war der Meinung.
daß eine hübsche, gescheite Frau ihrem Manne vielsach nütze
könne. Es war ja nicht das Verdienst allein, daß man in
Siaate belohnte, nicht allein die Kenntnisse und die Tüchtig
keit, welche den Beamten vorwärts brachten. Vornehme Ber-
wandtschaften und einflußreiche Bekanntschaften fielen ganz ander?
in die Wagschale, und Frau Weißenbach, welche sich eine Pfiich
und eine Ehrensache daraus machte, ihrem Manne solche Ee-
kanntschaften zu vermitteln, hatte sich eben deshalb auch I?
schnell bereit erklärt, das Kind des angesehenen Freiherrn vok

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a:rNaar:
s rechnen zu dürfen.
Wenn man aber mit einflußreichen Leuten in Berührung
, zu kommen wünschte, so mußte man, wie die Kriegsräthin be-
hauptete, einen gewissen äußern Anstand zeigen, weil sich mit
einer Familie einzulassen, von welcher man in jedem Augen-
blicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muß, der An-
gesehene und Vielvermögende, der wie jeder Andere um seiner
selbst willen aufgesucht sein mag, überall Bedenken trägt; und
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lange vor, und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu
tragen, daß alles an ihr einen besonderen Anstrich erhält. Es
war auch gar nicht nöthig, daß der Kriegsrath sich viel in der
Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte. Sah man
die Frau nur im Theater, wenn die Schauspielertruppe sich
am Orte aufhielt, traf man sie nur in dem Kaffeegarten,
in welchem die angesehenen und gebildeten Familien der Stadt
sich zusammenfanden, so konnte der Mann in Gottes Namen
bei seiner Arbeit bleiben. Hier und da ein Abendbrod zu
geben, oder einige Personen zum Spiel bei sich zu sehen, das
komnte man leicht ermöglichen. Man schränkte sich dafür in
der Familie ein wenig ein, und ließen die Ausgaben und Ein-
nahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche sezen, so ver-
sand Laura es vortrefflich, den mahnenden Handwerkern mit
dem Hinweise auf ihres Mannes einflußreiche Stellung Geduld
, predigen, und sie auf die mancherlei Lieferungen zu vertrö-
, sten, welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da
! eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward.
Auf solche Art geschah es, daß die Kriegsräthin ihre
s dandwerker und diese die Weißenbach'sche Familie lobten, daß

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Herr Weißenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war, daß
Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten
leitete und daß man die Familie Weißenbach durchaus als eine
sehr achtungswerthe bezeichnete. Wem die Menschen aber, sei
es mit Grund oder ohne Grund, einmal wohlwollen, dem
legen sie das Gute doppelt und dreifach als ein solches aus,
und Frau Weißenbach hatte selbst nicht voraussehen können,
welch ein Gewinn ihr durch die Aufnahme von Paul erwachsen
sollte, da man einmal günstig für sie gestimmt war.
Die Leute, welche sich nur an die materiellen Verhältniße
hielten, meinten, daß verständige Personen sich nur dann die
Sorge für eine Waise aufladen, wenn ihnen dies ein Leichtes
sei. Die weichen Seelen rühmten das liebevolle Herz der
Kriegsräthin, welches sich in der Hingebung an ihren Gatten
noch nicht genug zu thun wisse, und kam dem Kriegsrath in-
zwischen doch einmal die Frage, wie seine Laura es nur anfange.
mit seinen Mitteln so weit auszureichen, so wußte diese, sei
Paul in ihrem Hause war, Alles auf die für ihn bezahlte
Pension zu übertragen und es deutlich zu beweisen, was sch
leisten und bestreiten lasse, wenn neben der ausreichenden Summe
für das Unerläßliche noch eine sichere Einnahme zur Beschaffung
des Ueberflüssigen und Angenehmen vorhanden sei. -- Es machten
sich also, wie gesagt, die Dinge alle ganz vortrefflich, und Jedet-
mann war recht zufrieden, bis auf den Knaben, der in den
Weißenbach'schen Hause seine Heimath haben sollte und der es
deutlich genug empfand, daß er von der Kriegsräthin, die ßh
seine Mutter nannte, nur geduldet, nicht geliebt ward; daß se
ihn entfernte, wenn sie konnte; daß sie ihn ängstlich bewachs.
wenn man mit ihm sprach, und daß sie ihn zum Schweigesl
verwies, sobald er von seiner wahren Mutter und von seines
Erinnerungen zu reden begann.
Dieses Letztere währte jedoch gar nicht lange, denn kk

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hatte des Neuen in der Stadt so viel zu sehen, daß es die
alten Eindrücke zurückdrängte, und nachdem der Knabe in den
ersten Wochen täglich nach seiner Mutter verlangt hatte, sprach
er bald gar nicht mehr von ihr und schien es nach Jahr und
Tag völlig vergessen zu haben, daß er je eine andere Heimath
gehabt hatte. Aber mit seinen ersten Erinnerungen hatte Paul
auch seine kindliche Fröhlichkeit verloren. Er war ein ernsthafter,
stil' beobachtender Knabe geworden, der sich in den Willen und
die Weise der Personen, von denen er abhängig war, früh zu
schicken lernte.
Morgens, wenn der Kriegsrath sich in sein Bureau ver-
fügte, und der alte, reiche Herr Präsident der schönen Laura
seine alltägliche Morgenvisite machte, ging Paul bald ganz von
selbst hinaus. Er hatte es ja auch schon so oft gesehen, wie
der alte Herr der Pflegemutier zärtlich die vollen, weißen Hände
küßte und ihr mit zierlicher Armbewegung und gespitzten Fin-
gern den frischen Strauß oder die gefüllte Bonbonniere über-
reichte, in der neben dem Zuckerwerk wohl auch ein zierlich
gefaltetes Briefchen oder ein kleines, werthvolles Geschenk sich
verbargen. Abends hingegen, wenn die Herren Offiziere und
die geputzten Damen mit den hohen Flatteusen auf dem Kopfe
zum Spiele kamen, dann sollte Paul freilich in der Gesellschaft
bleiben, aber er mußte es dann stets aufs Neue rühmen hören,
wie gut, wie großmüthig seine Pflegemutter, und wie sie zu
bellagen sei, daß ihr Pflegesohn nicht freundlicher, nicht fröh-
licher, daß er, trotz seiner schönen Augen und seines lebhaften
Gesichtes, ein so verschlossener, ein so wenig liebenswürdiger
Knabe sei.
Er war herzlich froh, wenn er endlich die Weisung erhielt,
das Zimmer zu verlassen, wenn er aus den lichten Räumen
sich über den Corridor in die lezte Stube der Wohnung flüch-
ken konnte, in welcher der Kriegsrath, zwischen Actenstößen ver-

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graben, bei seiner Arbeit saß, oder wenn er hinuntergehen
durfte zu dem Hauswirthe in die große Stube, welche an den
Laden anstieß.
Unten bei Herrn Flies, da kamen Morgens keine beson
deren Besuche zu der Hausfrau und Abends war keine Geseß
schaft zum Spiele dort. Da hieß man ihn nicht reden und
nicht schweigen, da ließ man ihn nicht hart an, ohne daß er
wußte, was er verbrochen habe, da küßte und lobte man ihn
nicht vor Fremden, ohne daß er einsah, womit er dies verdient
hätte. Herr Flies saß auch Abends niemals so, wie der Kriegs-
rath, ganz allein in einer stillen, dunkeln Arbeitsstube.
Freilich hatte Herr Flies auch vollauf zu thun von fth
bis spät, aber sein Thun war lustiger, als das des Kriegs-
rathes, es war nicht einsam und nicht immer dasselbe. Demn
vorn im Laden, der nach der Straße hinaussah, da standen
die spiegelhellen Silbervasen, auf denen allerlei Figuren: Men-
schen, Thiere und Pflanzen nachgebildet waren, vor dem Fenster.
Da führte der silberne Mohr mit goldenem Schurz den schnee-
weißen Elephanten an goldener Kette, da ringelten sich goldene
Schlangen um silberne Palmbäume, da gab es in kostbaren
Geschmeiden die rothen Korallen und die schimmernden Perlen,
welche man, wie ihm Herr Flies sagte, aus der Tiefe de
Meeres hervorholte, und daneben funkelte der rothe Rubin und
leuchtete der blaue Saphir über dem strahlenwerfenden Tias
manten und dem glänzenden Smaragd, die man in jenen Ge-
genden finden komnte, in denen die Schlange sich um de
Palmbaum ringelte und der Neger und der Elephant und dc
Hindu und der Löwe zu Hause waren, die Paul am Fuße
eines großen Tafelaufsatzes zu bewundern liebte.
Alles gefiel ihm in dem Laden. Er hatte immerfort etw
zu betrachten. Er hörte es gern, wenn Herr Flies den Kän'
fern die Schönheit seiner Waaren rühmte, er sah ihm gern s

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wenn er das eingenommene Geld im Zählen so blizschnell aus
der Rechten in die Linke gleiten ließ, um es dann in gleich-
mäßigen Haufen neben einander aufzustapeln, oder wenn die
Leute kamen, denen man Geld zu zahlen hatte, und der Cas-
strer es im Comptoir mit nie fehlender Sicherheit in richtigem
Betrage auf den Zahltisch hinschießen machte. Die Handlungs-
gehülfen an den Stehpulten hinter den hölzernen Gittern, welche
in den großen, schweren Büchern schrieben, der Hausknecht, der
Päce von Waaren nach der Post trug oder Säcke voll harter,
blanker Thaler in das Haus brachte, das alles beschäftigte des
Knaben Phantasie, das alles liebte er zu sehen. Mehr aber
noch als alles das liebte er Seba, und Seba war es werth,
daß man sie liebte.
Sie war das einzige Kind des Juweliers. Seinen größten
Schatz nannte sie der Vater, einen wahren Edelstein nannte sie
die Mutter, die schöne Seba Flies, die schöne Jüdin hieß man
sie in der Stadt. Des Vaters namhaftes Vermögen war für
sie erworben; was Liebe gewähren, Geld erkaufen konnte, Pflege
und Unterricht aller Art waren ihr zu Theil geworden. In
der Liebe ihrer Eltern hatte sich ihr Herz entfaltet, durch Bil-
dung ihr Geist sich entwickelt, sie wußte, was sie werth war,
und gerade darum lasteten die Verhältnisse, in denen sie ge-
boren war und lebte, so schwer auf ihr.
Was half es ihr, daß sie weit schöner war, als die meisten
der reichen Bürger- und Kaufmannstöchter und selbst als die
Edelfrauen und Fräulein, welche in ihres Vaters Laden den
Schmuck für ihre Feste und den Trauring für ihre Hochzeit
kauften? Was half es ihr, daß sie nur zu sprechen, nur zu
wollen brauchte, um die Edelsteine zu besitzen, welche ihr be-
gehrenswerth erschienen? Keiner der Männer, für welche jene
Frauen sich schmückten, war für die Jüdin vorhanden, keines
oon all den Festen, auf denen Jene sich vergnügten, öffnete

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seine Thüren für Seba, und sich zu schmücken und zu putzen
für die Gesellschaft ihrer Stammes- und Standesgenossen machte
ihr keine Freude. Die Verachtung, die Zurücksetzung, welche
auf den Juden lasteten, drückten sie. Mit unerbitilicher Klar-
heit sah sie die Schwächen und Widrigkeiten, welche den von
der Allgemeinheit ausgeschlossenen Juden anhafteten, und schon
oftmals war ihr der Gedanke durch die Seele gegangen, daß
Bildung und Erziehung zum Schönen und zum Edeln für
denjenigen keine Wohlthat sein könnten, dem es nicht vergönnt
sei, sich frei und gleichberechtigt unter den Gebildeten zu bewegen.
Eine heimliche Unzufriedenheit, die auszusprechen schon die
Zärtlichkeit und Liebe für ihre Eltern sie abgehalten haben
würde, arbeitete, seit sie herangewachsen war, in ihrem Innern
fort, und ihre phantastische Hoffnung auf einen Wechsel ihrer
Lebensverhältnisse, auf eine Aenderung der allgemeinen Zu-
stände sog ihre Nahrung aus der großen gesellschaftlichen Um-
gestaltung, die sich jenseit des Rheines durch die Revolution
vollzog und auf welche auch ihr Vater sein Auge und seine
Erwartungen gerichtet hielt. Denn, wie Herr Flies auch ge-
legentlich zu schweigen wußte, wenn man sich mit Entrüstung
über die Revolutionäre in Frankreich äußerte, welche weder vor
göttlichen noch vor menschlichen Gesetzen Achtung hegten - in
seines Herzens Innerem dachte er anders, und er hatte dessen
vor seiner Familie und vor seinen Freunden auch kein Hehl.