Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 20

Zweites Capite l.
,m Flies'schen Hause erregten der bevorstehende Krieg
gegen Frankreich und das Einrücken der Truppen, welche be-
stimmt waren, der revolutionären Bewegung in Frankreich wo
möglich ein baldiges Ende zu machen, also keine Freude, denn
man hatte allen Grund, der Sache den Sieg zu wünschen, die
zu betämpfen das Heer entsendet wurde, und es war dem
Juwelier recht erwüünscht, daß der Kriegsrath die Offiziere bei
sich ins Quartier nahm. Brauchte Herr Flies es nun doch
nicht mit anzuhören, wie verächtlich die jungen Edelleute von
den Franzosen sprachen, wie sie die in Paris verkündigte An-
erlennung der Menschenrechte verspotteten und mit welchen
Schmähungen sie die Namen der großen Männer begleiteten,
welche in Frankreich die Aufhebung aller Privilegien und Stan-
desvorrechte ausgesprochen hatten!
Es waren aber schöne junge Männer, vornehme Offiziere,
die oben bei der Kriegsräthin die großen Vorderstuben bewohnten.
Sie gingen täglich vielmals durch das Haus und grüßten dabei
Seba immer sehr verbindlich. Nur auf einige Tage hatte man
die Einquartierung angemeldet, aber sie blieb und blieb, und
wie man überall auch vom Kriege und von seinen Schrecken
sprach, die Offiziere schienen ihn wie eine Vergnügung anzu-
sehen. Das Leben, das man jetzt im Orte führte, war auch
luftig genug. Die Offiziere stolzirten prächig durch die Straßen,
wurden gehegt und gepflegt, ritten und fuhren umher und saßen

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und scherzten mit den Frauen und Mädchen, die sich gar keine
besseren Gesellschafter wünschen konnten, und sich schmückten, als
wären es lauter Feiertage. Auch die Kriegsräthin trug jetzt
immer ihre guten Kleider und war von früh bis spät in bester
Laune, wenn die Offiziere, so nannte sie den Hauptmann und
den Grafen, bei ihr im Zimmer waren. Abends gab es noch
häufiger Besuch als sonst, man spielte oftmals, man tanzte auch
bisweilen, und selbst der Kriegsrath schloß sich jetzt von der
Gesellschaft selten aus, denn des Grafen Onkel war der Kriegs-
Minister, von dessen Gunst und Meinung des Kriegsrathes
ganze Zukunft abhing. Am Morgen fuhren die beiden jungen
Edelleute die Kriegsräthin bisweilen spazieren, und nach einer
solchen Ausfahrt war es, daß die schöne Laura eines Tages
mit dem Grafen in den Laden des Juweliers hineinkam, als
Seba dem Vater eben eine Schnur werthvoller Perlen wieder-
brachte, die er ihr aufzureihen gegeben hatte.
Herr Flies fragte, womit er dienen könne, weil er annahm,
der Graf wünsche irgend einen Kauf zu machen; aber die
Kriegsräthin sagte, sie komme nur, um Paul zu suchen, der
doch gewiß hier unten bei seiner Seba sein werde. Sie lächelte
dabei sehr freundlich, und auch Seba lachte, denn der Knabe hatte
wirklich wieder bei ihr unter den Wallnußbäumen im Garten gen
spielt, unter deren jungem Laube es am Mittage sehr schattig war.
Die Kriegsräthin ging über den Hof in den Garten hin-
aus, den Knaben zu holen, Seba begleitete sie und der Graf
folgte ihnen nach. Madame Flies saß draußen und pflücte
Rosenblätter und Lavendelblüthen zum Aufbewahren in einen
Topf. Paul half ihr dabei, und obschon die Kriegsräthin ihm
sagte, daß er hinaufkommen solle und daß sie gehen müsse,
weil es bald Mittag sei, ließ sie sich doch auf der Bank unter
den Bäumen nieder und schickte Paul ins Gartenhaus, für den-
Herrn Grafen einen Stuhl zu holen.

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Der Graf fand den Garten äußerst angenehm. Er rühmte
ben Rasen und den Schatten und die Blumen, er sagte, daß
es in seines Vaters Park nicht frischer sei, und er fragte die
Kriegsräthin, weßhalb sie ihre Gäste bei diesem schönen Wetier
nicht lieber in dem Gartenhause als oben in ihren Zimmern
bewirthe?
Wir haben die Benutzung des Gartens nicht, Herr Graf,
bedeutete die Kriegsräthin.
Er steht ja immer zu Ihrer Verfügung, verehrte Frau
Kriegsräthin! versicherte dienstbeflissen und zuvorkommend die
Hausfrau.
Die Eine dankte, die Andere meinte, es bedürfe des Dankes
nicht, und dabei überhörten sie beide, was der Graf zu Seba
sagte. Es mußte aber etwas Angenehmes und nichts Ge-
wöhnliches sein, denn Seba ward roth, obschon sie lächelte,
und blickte den Grafen an, nachdem sie sich hatte abwenden
wollen. Es lohnte auch der Mühe ihn anzusehen, denn er war
schön, der schlanke junge Mann mit seiner zuversichtlichen Miene
und den tolz geschwellten Lippen.
Die Kriegsräthin und der Graf blieben nicht lange im
Garten, und doch war es Seba, da Jene sich entfernten, als
hätte sie viel erlebt, als sei etwas ganz Besonderes geschehen.
Sie überlegte, was der Graf zu ihr gesprochen, was sie ihm
geantwortet habe. Sie hätte wissen mögen, wie sie ihm er-
schienen sei und ob ihre Redeweise, ihr Betragen, ihre Haltung
die richigen gewesen wären. Sie war so unsicher über sich
selbst, sie genügte sich plötzlich nicht. Das war ihr sonst nie-
mals geschehen.
Am Nachmittage kam Paul herunter.
Seba, sagte er, sieh' mich doch einmal an!
Bozu das? fragte sie.
Ich will nur sehen, ob Du schön bist!
E Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. s.

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Wie kommst Du darauf? entgegnete sie.
Der Graf hat es gesagt! versetzte Paul, weit entfernt, zu
ahnen, was er seiner Freundin damit that.
Sie hätte sich den Anschein geben mögen, als achte sie
nicht auf des Knaben Worte, aber sie konnte das Wohlgefühl,
das sie durchströmte, nicht verbergen. Sie umfaßte Paul, sie
drückte ihn an ihr Herz, sie küßte ihn wieder und wieder. So
lieb wie heute hatte sie ihn nie gehabt.
Sie sang und lachte, wo sie ging und stand. Nie zuvor
war sie an einem Tage so oftmals an den Spiegel getreten,
nie zuvor hatte ihre Schönheit sie so erfreut. Noch spät am
Abend, ehe sie sich zur Ruhe legte, schlang sie bald dieses, bald
jenes Band durch ihre Locken, hing sie bald dieses, bald jenes
Geschmeide um Hals und Arme. Sie wollte erproben, was
ihr am besten stände, um es morgen anzulegen, und sie dachte
mit einer Wonne an den nächsten Morgen, an den nächsten
Tag, daß sie den Schlaf darüber lange gar nicht finden konnte.
Morgen, sagte sie sich, als die Nebelgebilde des Traumes
ihren Sinn zu umfangen begannen, morgen! Was wird mor-
aer sein? - Und der Traum bemächtigte sich der heimlichen
a Knken und Hoffnungen, die sich in ihr regten, und spann
sie aus und stellte sie ihr dar, und machte ihr deutlich, was
sie fühlte; denn der Traum ist der verführerische Gefährte der
aufdämmernden Liebe, der schneller und kühner als sie, ihr
stets voraus ist und sie verlockt, ihm in Gebiete zu folgen, in
die ihr Ahnen und Wünschen sich noch nicht gewagt hat, und
von denen sie nicht mehr zurückkehrt, wenn sie sich erst darin
verloren hat.
Und Seba hatte sich am folgenden Tage nicht vergebens
geschmückt, und die Mutter hatte nicht vergebens der Kriegs-
räthin den Garten zur Verfügung gestellt, denn sie begann ihn
fleißig mit ihren Gästen zu benutzen. Morgens spazierte sie

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mit dem Hauptmanne in den Alleen umher, Mittags suchte
man unter seinen Bäumen den Schatten auf, Abends kam man
noch hinunter, die Kühlung zu genießen, und der Graf war
immer dabei.
Das ging Tag für Tag so fort. Die Kriegsräthin und
Madame Flies wurden immer bessere Freundinnen, da sie sich
näher kemnen lernten, und Jene betheuerte, daß sie es sich gar
nicht vergeben könne, so manche Jahre mit Madame Flies und
mit der guten Seba unter einem Dache gelebt zu haben, ohne
zu begreifen, welche Hausgenossen sie an ihnen besize. Sie
mochte sich von Seba kaum noch trennen. Sie versicherte, daß
se dieselbe wie eine jüngere Schwester, wie eine Tochter liebe;
sie erzählte im Vertrauen, wie der Hauptmann und vor Allen
der Graf die schöne Seba bewunderten, und es war im Grunde
gar nicht nöthig, daß sie ihr das sagte, denn der Graf hatte
es Seba oft genug ausgesprochen und wiederholt, und Seba
dachte schon lange an nichts mehr, als an ihn.
Dem Vater kam das Alles nicht gelegen. Er kannte die
Edelleute und er kannte auch die Kriegsräthin. Er glaubte
ncht an die plötzlichen Wandlungen und war klug genug, o
eine solche sich vor seinen Augen vollzog,. nach der Ursache d
Tunders zu fragen. Hier aber reichten der Name des Grafen
und die sichtliche Bewunderung, welche derselbe für Seba an
den Tag legte, vollkommen hin, dem Juwelier die Gefälligkeit
der Kriegsräthin zu erklären, und weder diese noch der Graf
durden ihm dadurch lieber. Er hätte der ganzen Sache gern
tmn Ende gemacht; indeß Seba hatte solche Freude an der Ge-
digteit, in welche sie durch die Kriegsräthin gezogen ward,
und sie war ja klug genug, die Kluft zu ermessen, welche die
Iochter ihres Vaters von einem Grafen Berka trennte. Mochte
st also die kurze Freude genießen, sich von einem Grafen be-
undert zu sehen, da es ja obenein möglich war, daß sich aus
zn

= - -
den gegenwärtigen Verhältnissen zu der Weißenbach'schen Fa-
milie für Seba ein Umgang entwickelte, wie sie ihn sich lange
ersehnt hatte, wie sie und ihre Eltern ihn wohl auch bean-
spruchen durften.
Aber nicht Seba allein war befriedigt durch die Besuche,
welche sie bei der Kriegsräthin machte, auch Paul, ihr kleiner
Freund, hatte seine Lust daran, denn sie sah gar zu schön aus,
wenn sie Abends in ihren weißen Kleidern zur Gesellschaft
herauf kam.
Einmal, am Geburtstage der Kriegsräthin, hatte man noch
mehr Gäste geladen als gewöhnlich, und zum ersten Male waren
auch Herr Flies und seine Frau dabei. Seba hatte rothe Ko-
rallen durch ihr schwarzes Haar geschlungen, und man lachte
und scherzte und tanzte, und unter all den schönen Mädchen
und Frauen war Seba bei Weitem die Schönste. Das sah
Paul ganz deutlich, das sagte auch Jedermann, und das sagte
ihr auch der Graf, dem die Uniform so straff saß, dem die
Lebenslust aus seinen blauen Augen lachte und der heute gae
nicht von Seba's Seite wich.
Paul konnte das nicht leiden. Er konnte den Grafen
überhaupt nicht leiden, demn Seba beachtete den Knaben nicht,
wenn Jener in ihrer Nähe war, ja, sie schien Paul überhaupt
beinahe vergessen zu haben. Nachdenklich stand der Kleine in
der Ecke und sah dem Grafen nach, wie dieser Seba in seinem
Arme hielt und wie die beiden sich leise und sanft in den
weichen Schwingungen des Schleifers durch den Saal bewegten.
Niemand kümmerte sich um Paul, und Niemand wußte, wie
sonderbar fremd ihm heute der Saal erschien, den man mit
Guirlanden und Kränzen aufgeputzt hatte und der wie nie zue
vor voll Menschen war. Die Hitze, der Geruch der Blumen,
das Blinken der Uniformen, das Drehen und Wenden der
Tanzenden verwirrten ihm den Blick und den Sinn, und doch

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mußte er immerfort nach Seba und nach dem Grafen Berka
hinsehen, mußte er immerfort den Namen Graf Berka, Graf
Berka in sich wiederholen. Seit Monaten hatte er diesen Na-
men täglich nennen hören, und nun mit einem Male, wie er
neben dem Gewühl der Tanzenden, unter dem Klange der
Musik, unter all dem Sprechen und Tönen und Duften so in
seiner Ecke stand, meinte er, den Namen Berka habe er schon
lange gekannt. Indeß er wußte nicht, wo er ihn gehört hatte,
und er wußte auch nicht, was ihm dabei einfiel. Aber es
tauchte etwas vor ihm auf, es kam ihm vor, als habe er ein-
mal etwas gewußt, als sei einmal etwas geschehen, woran er
lange nicht mehr gedacht habe, und immer wieder kam er dabei
auf den Namen Berka zurück, den er doch nicht liebte.
Er war froh, als der Tanz zu Ende war und das Drehen
um ihn her ihn nicht mehr quälte. Er sah, wie Seba in das
Cabinet ging, welches an den Saal anstieß, und er folgte ihr
nach. Sie hatie auf einem Sessel neben dem Ecktische Plaz
genommen, die Kriegsräthin, die ganz entzückt von ihr zu sein
schien, hielt sie bei der Hand und der Graf saß an ihrer Seite.
Das Cabinet war voll Menschen, denn man hatte im Saale
die Fenster geöffnet, weil die Nacht trotz der frühen Jahreszeit
so heiß war. Wein wurde umhergegeben und mit den Gläsern
angellungen. Auf das Wohl der Kriegsräthin tranken sie, und auf
das Wohl der schönen Frauen und auf Sieg und baldige Heim-
kehr für die Truppen, vor Allem aber auf ein frohes Wiedersehen.
Sie sprachen oft Alle durch einander, daß Paul gar nicht
recht verstehen konnte, was sie meinten. Einer freute sich dar-
auf, in Frankreich Ruhe zu schaffen, ein Anderer auf das un-
euhige Kriegsleben, das ihnen bevorstand und in jedem Augen-
blicke beginnen konnte, und Graf Berka erzählte lachend, wie
man ihn von Hause nur mit Thränen habe scheiden lassen, als
gabe es aus dem Kriege keine Wiederkehr.

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Ja, sagte der Hauptmann, auch bei uns gab es, als wir
aus der Garnison aufbrachen, eine Rührung, die uns hätte
eitel machen können!
Und dazu, meinte Graf Berka, haben Sie sich noch das
Vergnügen gegönnt, vorher in der ganzen Provinz umher zu
reisen, um die Abschiedsthränen Ihrer sämmtlichen Frau Tan-
ten und Ihrer sämmtlichen Gousinen einzuernten, wobei Sie
gewiß nicht zu kurz gelommen sind!
Paul wußte nicht, was das heißen sollte und weßhalb
das Alle so komisch fanden, denn ihm gefiel die Rede nicht,
weil Seba darüber nicht lachte, wie die Andern. Sie hatte
ihre Augen auf den Grafen gerichtet, und ihre Augen waren
so ernst und still. Der Knabe wurde traurig und immer trau-
riger. Er kam sich so vergessen, so verlassen vor, daß er's
endlich nicht mehr ertragen konnte. Er trat hervor aus seiner
Ecke, ging an Seba heran und lehnte sich mit seinen Armen
auf ihren Schooß.
Und er hörte immerfort, wie sie sprachen und lachten und
lachten und sprachen, immer schneller, immer lauter, Alle durch
einander; und dabei mußte er immerfort nachsinnnen und wußte
noch nicht worüber, und immerfort an etwas denken, und
wußte doch nicht woran. Er ward müde und betäubt von all
dem Treiben. Nur bisweilen schlug ein einzelnes Wort, wie
ein Ton aus der Ferne, stärker, vernehmlicher an seiü Ohr,
und mit einem Male hörte er, daß der Hauptmann sagtet
Graf Berka, Sie sind doch gewiß auch noch bei Ihrem Schwa-
ger, bei dem Baron von Arten in Richten gewesen?
Da fuhr der Knabe auf, als falle ihm ein, was er bis
dahin vergebens gesucht hatte, und sich emporrichtend, rief er
laut und deutlich, daß Jedermann es hören mußte: Das ist
Schloß Richten, das gehört dem Baron von Arten, der Baron

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von Arten ist mein Vater -- und meine Mutier liegt im
Teich!. - -
Alles verstummte, Alles sah nach dem Knaben hin. Sein
Aufschrei, der ganze Vorgang waren wie ein Blitzstrahl in die
Gesellschaft gefahren. Paul hatte, erschreckt von seinem eignen
Thun, seine Arme um Seba's Hals geschlungen, die, noch
mehr verwirrt als die Uebrigen, ihn fortzuführen suchte. Seba's
Mutier und die Kriegsräthin und der Kriegsrath folgten ihnen
nach, die Betroffenheit war allgemein.
Man fragte, was es mit dem Kinde auf sich habe, das
man bis dahin bereitwillig für eine Waise gehalten hatte. Man
drang in den Juwelier, der inzwischen herbeigekommen war,
um eine Erklärung, man wendete sich an den Grafen, neu-
glerig, zu sehen, wie er den Vorfall aufgenommen habe; und
obschon Herr Flies und der Kriegsrath, der bald zurückgekehri
war, die Sache so gut es gehen wollte in das Gleiche zu brin-
gen suchten, war die Heiterkeit der Gesellschaft doch ins Stocken
gerathen. Die Verstimmung des jungen Grafen war gar zu
unverkennbar, und wie sehr er sich auch mühte, sie zu verber-
gen, es gelang ihm nicht; denn auch in ihm waren Erinne-
rungen aufgestiegen, Erinnerungen, die er gern gemieden hätte.
Er stand mit einem Male deutlich vor ihm, der klare
Herbstmorgen, an welchem er sich vor Jahren mit dem Frei-
herrn auf der Terrasse von Schloß Richten befunden hatte,
um zur Hochzeit nach Berka zu fahren. Er erinnnerte sich ganz
genau, wie man in jener Stunde unten am Flusse nach einer
Erirunkenen gesucht hatte. Eine Menge von kleinen That-
sachen, welche sich auf das damalige Verhalten seines Schwa-
gers. auf die ersten Monate von Angelika's Ehe, auf manche
ihrer brieflichen Aeußerungen in jener Zeit, auf ihren eber-
tritt zum Katholicismus und auf das Zerwürfniß mit ihrer
Familie bezogen und an die er bisher immer nur wie an un-

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zusammenhängende Ereignisse gedacht hatie, fingen an, sich in
seinem Geiste zu einem Ganzen zu gestalten, von dem er seinen
Simn nicht abwenden konnte. Er übersah dasselbe nicht vollständig,
nicht ganz klar, aber es erfüllte ihn mit Mitleid für die Schwester,
es wecte seine Sehnsucht nach ihr auf, und er dachte mit er-
höhtem Zorn an ihren Gatten.
Jetzt wußte er es plötzlich, was ihn so bekannt und doch
so befremdlich aus Paul's Augen angesehen hatte und weßhalb
der Knabe ihm so unheimlich gewesen war. Er begriff nicht,
daß ihm die Aehnlichkeit mit dem Freiherrn nicht gleich deutlich
gewesen sei. Es waren seine Augen, seine hohe, gewölbte Stirn,
sein festgeformter Mund. Selbst den Nacken und den Kopf
trug der Knabe so stolz wie der Freiherr, und weil der Graf
seinen Schwager in diesem Augenblicke haßte, so haßte er auch
dessen Bastardsohn.
Indeß dem Grafen vor allen Anderen mußte daran ge-
legen sein, über den peinlichen Eindruck fortzukommen, die
Scene vergessen zu machen, welche man eben erlebt hatte, und
seine Keckheit und sein Leichtsinn kamen ihm dabei zu Hülfe.
Er lachte über sein Erschrecken, über die Bestürzung der Gesell-
schaft, und wie er die Worte des Kindes verlachte und ver-
spottete, so lachte er mit seinen Cameraden auch über die Fa-
milie des Kriegsraths, in welcher man den Knaben so geheimniß-
voll erzog. Was war ihm denn auch diese ganze Gesellschaft?
Was focht es ihn an, was man in derselben vermuthete und
meinte? Er hatte oft genug mit seinen Cameraden Epigramme
über diesen Kriegsrath gemacht, der in seiner rechtschaffenen
Beschränktheit die ganze Welt für rechtschaffen und für eben
so blind hielt, als er selber war. Es belustigte den Grafen
in diesem Augenblicke, daß die Kriegsräthin ihm den Weg zu
Seba gehahnt hatte, und daß sie so zufrieden und glücklich die
Galanterien und Betheuerungen des Hauptmanns annahm, den

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er ihr als Lockspeise dargeboten hatte, um sich selber von ihr frei
zu machen. Sie war ihm lächerlich, diese Kriegsräthin, und sie
war ihm komisch, diese Madame Flies, die sich gar viel damit
wußte, daß die vornehmen Cavaliere ihre Seba so schön fan-
den, daß ein Graf Berka mit ihrer Tochter, an deren Erziehung
man nichts gespart hatte, die feinsten und erhabensten Unter-
haltungen führte.
Auch über den klugen Kopf, über den Vater, mußte er
lachen, der Allem und Jedem vorsichtig mißtraute, und dessen
Vertrauen in die Tochter doch so groß war, als habe das schöne
Kind nicht ein Weiberherz mit aller seiner mädchenhaften Sehn-
sucht und aller seiner thörichten Schwäche in der Brust.
Er hätte auch gern über Seba lachen mögen, die eben
jetzt in das Zimmer zurückkehrte und deren Augen ihn suchten,
ihn allein; aber über sie vermochte er niemals zu lachen -
und sie war doch nichts als eine Jüdin und er war der Graf
von Berka, der schöne Gerhard von Berka - eben er!
Er ging ihr entgegen, sie mit einem Scherze anzureden,
doch komnte er das Wort nicht dazu finden. Sie sah ihn so
fragend und so ängstlich an, daß er Mitleid mit ihr fühlte.
Es war ihr gar so ernst mit ihrer Liebe, heiliger tiefer Ernst,
das wußte er.
Süßes Herz, sagte er, von ihrem Blicke überwältigt, und
nahm sie bei der Hand. Mehr bedurfte sie nicht. Sie meinte,
er müsse verstehen, was eben jetzt in ihrer Seele vorging, und
seine Zärtlichkeit wolle ihre Sorge beschwichtigen. Sie lächelte
ihm freundlich zu, und leise den Druck seiner Hand erwiedernd,
svrach sie: O, ich bin nicht traurig, sorge nicht!
Ihr Ton drang ihm zu Herzen; es war ihm lieb, daß
dan aufs Neue zum Tanzen rief, daß er sie in seine Arme
schließen, sie nahe haben komnte. Er tanzte nur mit ihr; er
hätte sie keinem Andern gegönnt.

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Es war spät in der Nacht, als man sich trennte, aber
schlafen komnte Seba nicht. Wort für Wort wiederholte sie
sich die Liebesschwüre, welche der Graf ihr seit Wochen gethan
und heute leidenschaftlicher als jemals wiederholt hatte. Jede
Stunde, jede Minute, die sie mit ihm durchlebt, wußte sie sich
vorzustellen. Sie erinnerte sich, daß er sich einmal im Ver-
gleiche zu seinem ältesten Bruder, dem Erben seines reichen
Stammbesitzes, einen Mittellosen genannt hatte, und sie freute
sich ihres Reichthums um seinetwillen. Sie hielt sich alle die
Schranken und die Hindernisse vor, welche sie von dem Grafen
trennten, um sie im nächsten Augenblicke mit den Schwingen
der Liebeshoffnung spielend zu überfliegen. Vom Wahrschein-
lichen zum Unwahrscheinlichsten war für sie der Weg nicht weit,
und zwischen Hoffen und Wünschen, Fürchten, Sorgen und
Verzagen blieb nur Eines in ihr fest bestehen, ihre Liebe für
den Grafen, ihr Vertrauen zu seinen Schwüren und zu seinem
Versprechen, daß er um sie werben und sie heimführen wolle,
aller Welt zum Trotze.
Mitten aus ihren wachen Träumen schreckte sie empor.
Die Trommeln rasselten durch die Gassen und auf den Plätzen,
an den verschiedenen Häusern wurden die Thürglocken heftig
gezogen, Alles gerieth in Aufregung, der Generalmarsch wirbelte
durch die graue Morgenfrühe, die Regimenter hatten die lang
erwartete Marschordre erhalten.
In allen Häusern war man wach. Die Thüren und
Portale wurden geöffnet, die Soldaten mußten zum Appel.
Damit hatte nun Seba freilich nichts zu thun, aber sie
stand am Fenster und sah hinab auf die Straße, wie sie heraus-
kamen, die Soldaten, hüben und drüben aus den Häusern,
und wie sie fortzogen, eilig, eilig, mit Sack und Pack.
Auch in ihrem Hause rüsteten sie sich, und im Stalle
sattelte man die Pferde. Der Hauptmann, welcher im Zwischen-

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stocke wohnte, war schon fort. Nun kam es von oben die
Treppe hinunter. Den Tritt kannte sie. Es mußte an ihrer
Thüre vorüber.
Der Graf hatte nie ihr Zimmer betreten, indeß er wußte,
wo es lag. Sie lauschte bange. Sie meinte, heute müsse er
stehen bleiben, heute müsse er zaudern an ihrer Thüre; aber
mit dem gleichmäßigen Schritt der Ruhe ging er vorüber, und
sie eilte an das Fenster, um ihm nachzuschauen, um zu sehen
wie er aufstieg und ob er nicht den Kopf hinwende nach der
Stäte, an der sie weilte. Auch diese Hoffnung täuschte sie,
und müde und traurig blickte sie nach dem Himmel empor, der
zwwischen den Reihen der Häuser, grau und kaum noch licht-
durchhaucht, herniedersah. Die Sterne waren untergegangen
und die Sonne wollte noch nicht kommen. Wenn Gerhard
mich vergessen könnte! seufzte sie.
Die Eltern hatten sich wieder zur Ruhe gelegt, Seba blieb
am Fenster sitzen. Schlafen hätte sie doch nicht können; sie
wollte seine Rückkehr abwarten, denn heute war er noch da,
heute konnte sie ihn doch noch sehen.
Arglos wie ein Kind hatte sie sich dem Zauber hingegeben,
den der Graf auf sie geübt. Seine Schönheit, sein fröhlich
gebicterisches Wesen hatten sie entzückt. Er war ihr nicht ge-
naht, wie mancher ihrer Glaubensgenossen, mit vorsichtiger Be-
werbung, die ihr Zeit zum Ueberlegen ließ. Wie ein Götter-
sohn. wie die biblischen Könige der Magd aus ihrem Volke,
so war er Seba erschienen, gebieterisch Liebe fordernd, weil er
sie begehrte, und sie hatte ihm ihr Herz zu eigen und ihren
Verstand gefangen gegeben und sich nicht gefragt: Wird er dir
halten, was er dir gelobt, und wie kann das enden zwischen
dir und ihm?
Aber jetzt, da die Trennungsstunde vor der Thüre stand,
leßt drängte sich mit dieser Frage der Zweifel an sie heran,

-- Zg-
und bange stand sie am Fenster und sah in die dunkle Nacht
hinaus, nach der Seite hin, von wo die Sonne kommen mußte.
Die Dunkelheit beängstigte sie,
Der Tag dämmerte bereits, als die Truppen vom Appel
wiederkehrten. Seba zog den Vorhang am Fenster zu; es sollte
Niemand sehen, daß sie wachte, daß sie nach ihm ausschaute.
Nur verstohlen gönnte sie es sich, auf den Geliebten hinzusehen.
Sein Brauner tanzte leicht die Straße hinab, leicht und ge-
wandt schwang der Graf sich aus dem Sattel. Als der Reit-
knecht ihm den Zügel abnahm, hob der Graf den Kopf empor
zu ihrem Fenster.
Ob er es ahnt, daß ich hier warte und nach ihm spähe?
fragte sie sich. Sie trug das größte Verlangen, ihm irgend
ein Zeichen zu geben, daß sie wache, seiner denke; sie hatte ihm
so viel zu sagen, sie sehnte sich so sehr nach einem letzten ver-
trauten Worte mit ihm, aber sie konnte sich nicht entschließen,
sie zdgerte. Da pochte es leise und vorsichtig an ihr Zimmer.
Erschreckt, erfreut, eilte sie nach der Thüre und blieb doch auf
halbem Wege regungslos stehen.
Es klopfte noch einmal. Seba, öffne, ich bin's! flüsterte
eine Stimme, die ihr das Herz bewegte.
Sie faltete die Hände über ihre Brust; sie hoffte er werde
vorübergehen, und doch lauschte sie ängstlich und sehnsüchtig auf
noch einen Ton, auf noch ein Wort von außen, und sie ließen
nicht lange auf sich warten.
Seba, bat es noch einmal, Seba, ich bin es!
Sie komnte dem Tone nicht widerstehen. Sie trat an die
Thüre, öffnete, und mit dem Ausrufe: Wie habe ich Dich er-
wartet und ersehnt! reichte sie ihm ihre Hände entgegen-
Aber er breitete nicht wie sonst, wenn sie sich im Garten
oder bei der Kriegsräthin allein gesehen hatten, die Arme aus
sie zu umfangen, und fast spöttisch sagte er Erwartung und

b- I8J -
Sehnsucht haben Dich, wie es scheint, doch ruhig schlafen lassen.
Ich bin schon lange an Deiner Thüre.
Schlafen lassen? wiederholte sie schmerzlich; wie könnte ich
schlafen in dieser Nacht! Ich stand am Fenster und wariete
auf Dich; ich sah Dich kommen und, fügte sie leise hinzu, das
Auge schüchtern senkend, ich hörte Dich gleich!
Du hörtest mich, und Du öffnetest mir nicht, da Du doch
wußtest, daß wir scheiden müssen?
Seba war ihrer selbst nicht Herr. Die Kälte des Grafen
und der sonderbare Ausdruck seiner Mienen verwirrten sie. Sie
komnte es sich nicht deuten, weßhalb er gekommen war, wenn
er ihr nicht wie sonst die zärtlichen Worte seiner Liebe aus-
sprechen oder ihr sagen wollte, was er für sie auf dem Herzen
hatte. Nur sein Blick ruhte auf ihr unverwandt, und es dünkte
sie, als freue, als weide er sich an ihrer Verwirrung und an
ihrer Pein. Es wurde ihr immer beklommener um das Herz;
endlich konnte sie die Stille nicht ertragen, es nicht ertragen,
daß Gerhard so gebieterisch ihr gegenüber stand.
Ach, rief sie, als müsse sie wider ihren Willen ihm die
Wahrheit sagen, ich fürchtete mich, ich wagte es nicht!
Seba! rief er vorwurfsvoll, als kränke ihn das Wort,
während doch ein Strahl unheimlicher Freude über sein Gesicht
flog, daß es ihr trotz seiner Schönheit wie verwandelt erschien.
Aber er faßte sich schnell, und mit dem kühlen spöttischen
Lächeln, das ihr so quälend war, fügte er hinzu: Du bist sehr
vorsichtig und klug, liebe Seba, das rechte Kind Deines Vol-
kes! Aber Du hast Recht, und vielleicht habe grade ich Dir
am meisten dafür zu danken, daß Du überlegen konntest, wo
mich meine Liebe und mein Verlangen unbesonnen hinrissen!
Ich will auch gehen!
Jedes seiner Worte fiel schwer auf sie hernieder. Sie
wollte sprechen, sich veriheidigen, er ließ sie nicht dazu kommen.

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Lebe denn wohl, sagte er, die Zeit drängt, und mögest Du
bald den Mann finden, dem Du mehr vertraust als mir!
Nur von Liebe hättest Du nicht sprechen sollen, Kind, einem
Manne nicht sprechen sollen, der bereit war, Dir Alles zu
opfern, und dessen letztes Wort Dein Name sein wird! Deine
Kälte, Dein ruhig überlegender Verstand bringen auch mich zum
Ueberlegen! Lebe denn wohl -= und laß uns scheiden! Du
hast Recht!
Er wandte sich von ihr, sie warf sich ihm zu Füßen.
Nicht über diese Schwelle, rief sie, indem sie seine Hände er-
faßte, nicht über diese Schwelle, ehe Du mich nicht gehört, mir
nicht verziehen hast! - Er that, als wolle er sich von ihr frei
machen, sie hing sich nur fester an ihn. Nicht Dir mißtraute
ich, rief sie, nicht Dir!
Sie war außer sich, sie konnte vor Weinen und vor Er-
regung nichts weiter sprechen. Reizender hatte er sie nie ge
sehen, solcher Leidenschaft hatte er das schöne junge Geschöpf
nicht für fähig gehalten. Dieser Flamme, dieser hingebenden
Liebe gegenüber bedurfte es seines berechneten Schürens nicht.
Er schwor sich ihr zu mit den heiligsten Eiden, er war
nahe daran zu glauben, was er ihr sagte und gelobte und be-
schwor, und der Tag mit seinem Leben war schon emporgee
kommen, als sie endlich schieden.

Drittes Capite l.
Hee Abmarsch der Truppen, die, erst zu einem Feldzuge
gegen Rußland zusammengezogen und dann als Reserven für
den Krieg in Frankreich bestimmt, den ganzen Winter und
das halbe Frühjahr hindurch in der Stadt gewesen waren, ver-
ursachte an dem entscheidenden Tage viel Handel und Verkehr.
Herr Flies hatte in seinem Comptoir mit Wechselgeschäften
vollauf zu thun, die Mutter, welche sonst derlei Hülfe schon
seit Jahren nicht mehr zu leisten brauchte, hatte heute wieder
einmal den Verkauf im Laden übernehmen müssen, denn manch
ein Ring und manch ein Andenken wurden noch erhandelt.
Die Hausthüre stand nicht still, die Thürklingel kam nicht
viel zur Ruhe. Auch auf der Treppe war beständige Bewegung.
Seba sah den Grafen mehrmals gehen und wiederkehren. Jetzt
wird er kommen, jetzt ist er da, jetzt muß es sein! sagte sie sich,
jedesMal zusammenschreckend, wenn er sich ihremZimmer näherte,
aber wieder ging er vorüber, und das angstvolle Hoffen und das
Horchen und das Sinnen und das Grübeln begannen auf's Neue.
Draußen schien die Sonne strahlend hell, aber Seba ver-
mochte sich nicht daran zu erfreuen. Es war ihr, als leuchte
die Somne heute so unerbittlich in ihr Herz, daß es sich ihr
in der Brust krampfhaft zusammenzog. Sie hätte die Augen
gern von sich selber abgewendet.
Den ganzen Morgen blieb sie mit sich allein, nicht Vater,
nicht Mutter fragten heut' nach ihr. Erst um elf Uhr, als

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die Kinder aus der Schule heimkehrten, kam Paul zu ihr und
verlangte bei ihr zu bleiben, da die Kriegsräthin ausgegangen
sei, den Abmarsch der Soldaten anzusehen.
Ja, entgegnete Seba, bleibe bei mir! Aber er verlor
beinahe die Lust dazu, denn ihr Gesicht war traurig, und noch
ehe sie ihm ein anderes Wort gesagt hatte, trat der Graf zu
ihnen ein. Ohne des Knaben Anwesenheit zu beachten, fiel
Seba dem Grafen um den Hals, indeß auch dieser sah nicht
so heiter und so selbstzufrieden aus, als sonst.
Er umarmte Seba, er küßte sie, und küßte sie immer
wieder. Er sprach leise mit ihr, daß Paul es nicht verstand,
und endlich riß er sich aus Seba's Armen los, und Seba
weinte bitterlich und laut.
Als der Graf schon auf der Schwelle stand, schrie Seba
auf. Es schnitt dem Knaben durch das Herz. Gerhard, rief
sie, Gerhard, so kannst Du von mir gehen?
Sie eilte ihm nach, sie klammerte sich an ihn, als wollte
sie ihn ewig halten, und küßte ihn unter Thränen. Er war
erschüttert, er bat sie, sich zu beruhigen, sich zu fassen, auf ihn
zu bauen. Indeß sein Wort war eilig, sein Ton war kälter
als sein Wort, und zum ersten Male glaubte sie ihm nicht.
Da, als er sich entfernen wollte, faßte sie seine Hand,
und mit einer Kraft, die aus dem Tiefsten ihres Herzens kam,
sagte sie: Gerhard, Du weißt es, ich liebe Dich sehr, sehr,
und -= fügte sie klanglos und bebend hinzu - es ist furcht-
bar, aber mir ist heute, als fühlten wir beide jetzt nicht das-
selbe! Wenn Du mich vergessen, mich verlassen könntest! D,
nur das nicht, nur das nicht! rief sie flehend aus, indem se
ihre Hände ängstlich wie zum Gebet faltete.
Der Graf blickte sie an, es zuckte durch sein Antlitz, er
drückte sie noch einmal an sein Herz, und ohne ein Wort z
sprechen, eilte er von dannen.

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Seba blieb mitten in dem kleinen Gemache stehen. Sie
hörte, wie er fortging, die Treppe hinunter, wie er die Haus-
thüre öffnete, sie hörte den Vater und die Mutter mit ihm
sprechen, sie hörte den Hufschlag seines Pferdes, und hörte den-
selben weiter und weiter verhallen. Horchend, als hinge ihr
Leben an dem Schalle, hatte sie die Augen geschlossen, die
Arme hingen ihr schlaff herab.
Das mißfiel dem Knaben. Er ging zu ihr, ergriff und
schüttelte ihren Arm und sagte: Seba, mach' doch die Augen
auf! Der Graf ist ja fort!
Sie folgte dem Worte unwillkürlich, und wie sie um sich
her blickte, wie sie sich mit dem Knaben allein fand, dessen
dunlle Augen unverwandt in ihren Mienen zu lesen suchten,
da faßte sie mit beiden Händen nach ihrem Herzen und entfloh
aus dem Gemache. Sie konnte an dieser Stätte nicht mehr
bleiben, sie konnte das Geräusch und das Pferdegetrappel und
das Rollen der Wagen nicht aushalten, die sich von der Straße
vernehmen ließen, sie konnte die Sonne und das Licht dcs
Tages nicht ertragen.
Paul hingegen sah zum Fenster hinaus, und das bunte
Leben und Treiben belustigte ihn; es war kaum durchzukommen
vor dem Hause. Die Packpferde, welche die Zelte und die
Beiien und die sonstigen Bequemlichkeiten der jungen Officiere
lrugen, die schweren Feld»Equipagen, welche den älteren Offi-
eieren nachgefahren wurden, die Fourgons und alles, was zum
Train gehörte, kam zum Vorschein und machte sich breit, aber
don den Truppen war noch nichts zu sehen.
Seit dem frühen Morgen standen die Soldaten auf dem
Paradeplatze, von unbarmherziger Disciplin zusammengehalten,
daß bein Glied sich regte, keine Miene sich verzog, wie auch
PLR? =- ==

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Zuunge ihnen am Gaumen klebte. Aber nur die Gemeinen
hatten es so übel, die Herren Officiere waren besser daran.
Schöne Frauen trippelten auf ihren Absatzschuhen unter
den Bäumen umher, welche den Platz umgaben, und manches
zärtliche Wort ward noch gewechselt, mancher heimlich geleistete
Eidschwur heimlich wiederholt; denn sie hatten recht fröhlich und
recht vertraut mit einander verkehrt, die fremden Herren Offi-
ciere und die Frauen und Mädchen der Stadt, und sie hatten
deß kaum ein Hehl.
Die Officiere rechneten es sich zur Ehre an, eine so schöne
Begleitung zu haben, die Frauen waren stolz auf ihre vor-
nehmen und prächtigen Verehrer. Wie zu einem Spiele zogen
die jungen Herren aus, wie zu einer Lustreise gingen sie in
den Krieg gegen die elende Rotte von Empörern jenseits des
deutschen Iheines. Sie erbaten und erhielten Aufträge für
Paris, das auch diese Heeresabtheilung früher oder später zu
erreichen hoffte.
Die Kriegsräthin schärfte es ihrem Freunde, dem Haupt-
manne, noch besonders ein, den Grafen Berka an den goldenen
Chignonkamm zu erinnern, den er ihr aus Paris mitzubringen
versprochen hatte, und sie that sicherlich wohl mit dieser Mah-
nung, denn der Graf, der auf der anderen Seite des Platzes
eben vor seiner Schwadron hielt, sah nicht danach aus, als ob
er an solchen Auftrag in diesem Augenblicke dächte.
Er hatte die Kriegsräthin gar nicht bemerkt, als sie dem
Vorüberreitenden ihren Gruß zugewinkt, er bemerkte überhaupt
nicht viel von dem, was um ihn vorging. Nur zwei Augen
sah er - zwei große, dunkle Augen schwebten ihm vor der
Seele, die sich thränenschwer zu ihm erhoben, und zwei Arme
streckten sich flehend gegen ihn aus, und er hörte den bangen
Aufschrei eines verzweifelnden Herzens.
Er hätte sie gern vergessen mögen, diese Augen und diesen

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Ton! Er hätte lachen mögen über die Scherze seiner Game-
raden, die ihn fragten, warum er keine Begleitung habe und
wie es mit der Wette von neulich stehe. Aber so leicht sein
Sinn auch war, das Lachen und Scherzen gelang ihm heute
nicht, und seine Gedanken wollten ihm nicht gehorchen. Sie
kehrten, wie er sich auch vorwärts wendete, in jenes stille Ge-
mach zurück, zurück zu eines armen Weibes Schmerz!
Er athmete erst auf, als er die Stadt verlassen hatte,
als das Thor schon lange hinter ihm lag und die Landstraße
sich vor ihm in weiter Ferne aufthat. Seine Cameraden hatten
ihn nie so finster und so still gesehen, und finster sah heute
manche Stirne aus, still war es heut' in manchem Hause.
Die ganze Stadt kam ihren Bewohnern nach dem Ab-
zuge der Truppen recht verödet vor. Mit den Festtagskleidern,
die man zu Ehren der kriegerischen Gäste getragen, legte man
bald auch die Leichtlebigkeit ab, in der man sich die Zeit her
bewegt hatte. Die Rührigsten schienen müde zu sein und ruhten
unwillkürlich aus, ohne Freude an der Ruhe zu haben. Die
Einen hatten mehr Kräfte, die Anderen mehr Zeit und mehr
Geld aufgewendet, als sie gemerkt und gewollt, und in gar
vielen Häusern, in denen man noch vor wenigen Tagen fröhlich,
als ob die Heiterkeit gar kein Ende haben könnte, beisammen
gewesen war, weilten jetzt die Frauen einsam in ihren Stuben,
ohne Lust, ihre Freundinnen aufzusuchen, und ohne Reigung,
sich es vom Gesichte ablesen zu lassen, wie ihnen eigeutlich an
diesem Aschermittwoch nach dem militärischen Carneval zu
Muthe war.
Die Zeit wurde den Frauen lang, nun sie nicht mehr so
heiter unterhalten wurden, aber Seba wurde die Zeit nicht
dng, wenn schon die Tage und die Stunden auf ihr lasteten,
daß sie fast davon erdrückt ward. Finster und schweigend saß
se in ihrer Stube oder auf dem gewohnten Platze der Mutter
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gegenüber, die Lippen zusammengepreßt, den Kopf brennend und
schwer von einem Denken, das ohne Ausweg sich mit zermal-
mender Schärfe immerfort im Kreise drehte, von zagender
Hoffnung, von zweifelndem Vertrauen und schwerem Bangen
umhergetrieben.
Im Hause und in des Vaters Geschäften ging Alles den
gewohnten Gang. Die Eltern sahen es wohl, daß Seba nieder-
geschlagen war, aber sie hofften, da nun des Grafen Besuche
und Galanterien ein Ende hatten, werde sie ihn bald vergessen
und sich mit ihrem guten Verstande den ganzen kleinen Liebes-
handel aus dem Sinne schlagen. Man dachte darauf, sie einmal
durch eine schon lange geplante Reise zu zerstreuen, und der
Vater ergriff jetzt doppelt gern jede Gelegenheit, seine Tochter mit
Fremden in Berührung zu bringen, von deren Unterhaltung er
sich ein Vergnügen für sie versprechen konnte.
Eines Morgens, es war nur wenige Wochen nach dem
Abmarsch der Truppen, kam gegen den Mittag hin der Archi-
tekt zu ihm, der nun schon seit Jahr und Tag im Orte wohne.
Denn seit Herbert den Kirchenbau in Richten übernommen hatte,
waren ihm auch andere Bauten in der Provinz übertragen wor-
den, und in jedem Betrachte noch frei und ledig, hatte er sich
aus seiner rheinischen Heimath in diese entlegene Provinz über-
gesiedelt, um seine mannigfachen Arbeiten auf diese Weise sicher
leiten und beaufsichtigen zu können.
Weil nun der Freiherr von Arten seine Geldgeschäfte alle
dem Herrn Flies überantwortete, war Herbert mit demselben
bereits hier und da im Auftrage des Freiherrn in Berührung
gekommen, und einem Auftrage des Barons galt auch sein
heutiger Besuch.
Es war nämlich neuerdings in Richten mehrmals von
einem mittelaltrigen Waschgeräthe gesprochen worden, welches
die Herzogin in Vaudricour hatte zurücklassen müssen und dessen

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Verlust sie stets beklagte. Der Freiherr hatte es, da es ein
Jamilien-Erbstück und ein hochgehaltenes Meisterwerk aus dem
fünfzehnten Jahrhundert war, seiner Zeit in Vaudricour be-
wundert, und der Marquis bei der Unterhaltung eine ungefähre
Zeichnung davon entworfen, die von dem Architekten vervoll-
kommnet und unter dem Beirathe der Herzogin so lange um-
gemodelt worden war, bis sie zu ihrer Freude einen völlig
richtigen Abriß des ihr werthen Gegenstandes vor sich zu haben
erklärie. Aber eben das Betrachten der Zeichnung machte an
jenem Abende das Bedauern der Herzogin über den Verlust
und die wahrscheinliche Zerstörung des schönen Geräthes erst
recht lebhaft. Auch die Baronin äußerte ihr Wohlgefallen an
den edeln Formen und den sinnreichen Verzierungen, und so
entstand in dem Freiherrn, der es liebte, den Personen seiner
Umgebung Freude und eine Ueberraschung zu bereiten, der Ge-
danke, heimlich zwei solcher Waschgeräthschaften anfertigen zu
lassen: das eine für die Herzogin, das andere, bei welchem an
die Stelle des Duras'schen Wappens das Arten'sche angebracht
werden sollte, für die Baronin. Aber das Arten'sche Wappen
ließ sich seiner Gestalt nach nicht so leicht als das Duras'sche
in die auf dasselbe berechneten Formen der Geräthschaften ein-
fügen, und eben deßhalb hatte der Baron, der nicht leicht einen
Einfall aufzugeben pflegte, von dem er sich eine Genugthuung
versprach, sich schriftlich an Herbert gewendet, und ihn um eine
genaue Besprechung der Arbeit mit dem Juwelier gebeten.
Der Auftrag war in künstlerischer Hinsicht anziehend und
in seinem Geldwerthe sehr bedeutend. Die beiden Sachverstän-
digen ließen sich also Zeit bei ihrer Unterredung und Madame
Flies kam, ihren Mann an die Mittagsstunde zu erinnern, t=e
man noch zu einem völligen Abschlusse über die Arbeit gelangt
war. Abbrechen mochte man die Unterhaltung nicht, und da
man sie eben so gut bei Tische beenden konnte, thaten die gaft-

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freien Eltern, deren Haus in letzter Zeit sich noch häufiger als
früher unerwarteten Gästen aus den verschiedensten Lebenskreisen
geöffnet hatte, dem Architekten den Vorschlag, ihre Mahlzeit
zu theilen.
Der Baumeister hatte Madame Flies und Seba noch nicht
gesehen. Die Schönheit der Tochter zog ihn an, die etwas
dringliche Gastlichkeit der Mutter fiel ihm komisch auf, ohne
ihm jedoch unangenehm zu werden, und da sich ohnehin beim
Essen und bei einem guten Glase Wein manches Ungefüge
schneller fügt, so war man bald mit den Verabredungen über
die Gefäße und Geräthschaften im Klaren. Herbert versuchte
es also, Seba, welche an diesem Tage sich grade wieder doppelt
unglücklich fühlte, weil die wöchentliche Post ihr noch immer
keine Kunde von dem Geliebten gebracht hatte, in eine lebhaftere
Unterhaltung zu ziehen, aber Herr Flies kam ihm mit einer
Frage nach dem näheren Ergehen der freiherrlichen Familie
und nach dem Leben der Herrschaften auf Schloß Richten un-
willkürlich hindernd in den Weg.
Herbert wußte davon gar Mancherlei zu melden. Er
schilderte die glänzende Geselligkeit, welche dort herrschte, und
den heiteren Ton, der durch die Herzogin in Richten eingeführt
sei. Weil sie selbst sich in der Gegend und unter dem dortigen
Adel wohlbefand, hatten sich auf ihren Rath in den benachs
barten Städtchen verschiedene ihrer ebenfalls flüchtigen Lands-
leute niedergelassen, und diese ganze ausländische Gesellschaft
hatte, wie Herbert erzählte, allmählich Richten und den Salon
der Herzogin zu ihrem Mittelpunkte gemacht.
Sie sprechen von dem Salon der Frau Herzogin, bemerkte
Seba's Mutter, als ob sie die Herrin von Schloß Richten wäre!
Nun, meinte Herbert lächelnd, in gewissem Sinne ist sie
das in der That. Sie bestimmt und befiehlt dort ziemlich un-
umschränkt, und wenn der heimische Adel jetzt viel mehr als

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vor zwei, drei Jahren nach Richten eingeladen und in Richten
gesehen wird, so geschieht dies, glaube ich, gleichfalls nur auf
den Antrieb der Frau Herzogin, damit die französische Ein-
wanderung dort nicht gar zu auffallend erscheine, und das Hof-
halten der Herzogin ein wenig verdeckt werde.
Herr Flies schüttelte mißbilligend das Haupt. Wäre es
nicht eine so gute Sache, daß die Franzosen den verrotieten
Zuständen in Frankreich zu Leibe gehen, und solch ein Glück
für die ganze Welt, wemn sie in ihrem Lande eine vernünftige
Staatsform begründeten, deren Rücwirkung auch auf uns nicht
ausbleiben würde, sagte er, so möchte man wirklich wünschen,
die deutsche Coalition könnte diese ganze Emigranten»Gesellschaft
wieder über den Ihein zurückführen, nur damit wir sie los
würden, und zwar je eher, je lieber!
Herbert bemerkte, daß die Emigranten»Gesellschaft, welche
sich im Schlosse zusammenfinde, den Freiherrn gewiß große
Summen kosten müsse, denn man führe jetzt dort ein wahrhaft
fürstliches Leben.
Ja, versetzte der Juwelier in seiner kurzen und stets be-
stimmnten Weise, der Herr Baron von Arten braucht jetzt viel,
sehr viel.
Und was sagt die Frau Baronin dazu? fragte Madame
Flies, die sich nach Frauenweise augenblicklich in die Lage der
Hausfrau versetzte, deren Rechte ihr bedroht erschienen.
Die Frau Baronin ist schwer zu beurtheilen, antwortete
Herbert zurückhaltend, und sowohl der Juwelier als seine Frau
bemerkten, daß er eine nähere Erklärung vermeiden wolle. Indeß
Herr Flies mußte Gründe haben, das Gegentheil zu wünschen,
und den Architekten bei dem Gegenstande festhaltend, rief er:
Warum schwer zu beurtheilen? Die Berka's sind solide Leute,
Leute, die, so viel ich von ihnen weiß, auf ihre Art still, man
lömnnte sagen, bürgerlich in Berka leben. Einer Frau, die so

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erzogen ist, kann, glaube ich, der Train nicht recht gefallen,
der jetzt in Richten geführt wird. Das französische Wesen is
nebenher auch nicht der Berka's Sache. Wir haben das ja,
bemerkte er, sich gegen Frau und Tochter wendend, an dem
jungen Grafen hier gesehen. Und für Herbert fügte er er-
klärend hinzu: Wir hatten hier im Hause den zweiten Bruder
der Frau Baronin, den jüngsten Grafen Berka, im Quartier.
Einen schönen Menschen! Etwas obenaus, wie all die jungen
Herren, aber sonst ein artiger junger Mann!
Seba hätte vergehen mögen. - Ihr Vater, ihr guter ver-
trauensvoller Vater, rühmte den Grafen!
Herbert jedoch legte, wie es schien, auf dieses Lob des
jungen Edelmannes kein Gewicht. Ja, ich kenne ihn, sagte er
flüchtig: er ist ein schöner Officier. Schön, sehr schön ist seine
Schwester auch, aber sie besitzen beide den Adelstolz und Hoch-
muth, der ja, wie ich höre, hier zu Lande von den Berka's
sprüchwörtlich sein soll.
Nun, doch mit Ausnahme, doch sehr mit Ausnahme, wen-
dete die Mutter wohl- und selbstgefällig ein. Von dem Herrn
Grafen Felix, dem Majoratsherrn, der manchmal bei uns im
Laden gewesen ist, und von den alten Herrschaften mag das
wahr sein, aber von dem jüngsten Herrn Grafen, der oben bei
dem Kriegsrath im Quartier war, konnte man das nicht sagen.
Er ist viel bei uns aus- und eingegangen; ein liebenswürdiger
junger Mann und, wie mein Mann schon sagte, wirklich gar
nicht stolz, im Gegentheil, man hätte sagen können - - -
Laß es gut sein, fiel der Vater ihr in die Rede, und ein
bitteres Lächeln spielte um seinen fein geschnittenen Mund.
Man kennt diese Herablassung der Herren Edelleute, und vielleicht
haben der Herr Architekt auch schon gelegentlich etwas davon
erfahren oder bekommen noch einmal davon zu reden. Ich habe
Dir und Seba Euer Vergnügen an der Gesellschaft des Herrn

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Grafen und der anderen jungen Herren nicht stören mögen -
warum sollte ich das auch? Aber es ist gut, daß Ihr nicht
nothig gehabt habt, ihn auf die Probe zu stellen und zu sehen,
ob er je vergessen hat, wer er ist und wer wir sind.
Und dem Vater gegenüber saß seine Tochter, saß die arme
Seba, die jedes dieser Worte wie ein Dolchstoß traf.
Sie haben Recht, Herr Flies, mein Mann ist der Graf
Berka auch nicht! rief der Architekt. Ich habe ihn vor Wochen,
als ich hier in einem Speisehause zufällig mit Bekannten in
seiner Nähe saß, in einer Weise von den Frauen und von seinen
Eroberungen reden, und in der Weinlaune Wetten über den von
ihm zu erreichenden Besiz eines jungen Mädchens eingehen hören,
wie nur ein ganz frecher Wüstling sie zu machen vermag! Ob
er daneben - Herbert hielt inne, eine plötzliche Jdeenverbin-
dung machte ihn verstummen. Auch die Eltern wurden acht-
sam, denn Seba wechselte die Farbe und fuhr matt mit ihren
Händen nach der Brust.
Sie ertrug es nicht länger. Der Tag, das Licht, das
Leben ängstigte sie heute wieder so, wie an jenem Morgen.
Das Dasein that ihr wehe. Es faßte nach ihrem Herzen, nach
ihrem Hirn, von allen Seiten drang es auf sie ein - spottende
Blicke, höhnisches Lachen und die ganze eigene Unseligkeit!
Sie wollte fliehen, das Zimmer verlassen, aber die Glieder
versagten sich dem Dienste, der Kopf schwindelte ihr. Sie stand
auf, und sich mühsam aufrecht erhaltend, eilte sie davon.