Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 21

Viertes Capite l.
lg waren durch alle die Jahre hindurch immer sehr ge-
mischte Empfindungen, mit denen Herbert nach Schloß Richten
kam. Seine Bauarbeit versprach ein schönes Gelingen, aber
sie schritt nicht so schnell vorwärts, als er es wünschte, weil
die Schwierigkeiten alle zugetroffen waren, auf welche er gleich
Anfangs aufmerksam gemacht hatte, und weil man ihm von
Seiten der Gutsherrschaft nicht immer mit den zugesagten Ar-
beitskräften und Mitteln zur Seite stand, da sich die Kosten
des Baues, wie Herbert es gleichfalls vorausgesagt hatte, eben
durch die Ungunst des Terrains weit bedeutender gesteigert
hatten, als der Freiherr es erwartet haben mochte. Indeß der-
selbe beschwerte sich darüber in keiner Weise; die wachsende
Geldausgabe regte in ihm vielmehr nur das Verlangen an,
nun auch etwas vollständig Gelungenes und Bedeutendes zu
schaffen, und da er bei Beginn des Unternehmens von dem
Baumeister einmal auf die gute Wirkung hingewiesen worden
war, welche ein Bauwerk, vom Schlosse und von der Terrasse
aus gesehen, auf der Höhe machen würde, so kam er immer
wieder darauf zurück, dort oben irgend ein Monument als
Aussichtspunkt zu errichten, bis er endlich auf den Gedanken
gerieth, da man nun die Kirche in Rothenfeld erbaute, die
zuerst beabsichtigte Capelle auf der Höhe im Parke aufzuführen.
Es war dabei von ihm nur auf einen kleinen, aber mit seinen
Kreuze weithin sichtbaren Bau abgesehen; dennoch stieß der

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Freiherr auch in diesem Falle auf ein abmahnendes Wider-
streben bei Angelika.
Oh die Baronin nicht zu übersehen vermochte, welchen den
Gesammteindruck krönenden Abschluß man mit dem Gapellenbau
erzielen könnte, ob es richtige ökonomische Bedenken waren, oder
ob irgend ein anderer Grund sie bestimmte, sich gegen den
Plan auszusprechen, das konnte Herbert nicht ergründen. Er
komnte überhaupt über diese Frau und namentlich über ihr Ver-
halten gegen ihn selbst durch all die Jahre nicht in das Reine
kommen. Wenn er sich zu ihr hingezogen, von ihrer Theil-
nahme, ihrer Güte und Schönheit gefesselt, ja beherrscht fühlte,
so stieß sie ihn im nächsten Augenblicke wieder einmal gewaltsam
ab, und grade diese Ungleichheit ihres Betragens trug dazu bei,
seine Phantasie mit ihrem Bilde zu beschäftigen. Er konnte
ihr mur zürnen, wenn sie ihm gegenüberstand, wenn ihr kaltes
Wort, ihr stolzer Blick ihn einmal trafen; war er fern von
ihr, so erschien sie ihm stets in dem sanften Schimmer ihrer
Schönheit, er freute sich darauf, sie bald einmal wiederzusehen,
er hatte eine Genugthuung daran, etwas für ihren Dienst zu
übernehmen, und wenn er sie auch foridauernd im Vollbesitze
aller Glücksgüter sah, ertappte er sich oft darauf, daß er sie in
seinem Geiste immer nur die arme Baronin nannte, und daß
er ihrer mit Hingebung gedachte, weil sie ihm, er wußte selber
kaum weßhalb, beklagenswerth erschien.
Anders verhielt es sich mit dem Baron. Er war völlig
wieder der frühere, selbstgewisse Herr geworden, und hatte es
kein Hehl, daß er diese günstige Stimmung der Gesellschaft
seiner Freundin, der Herzogin, verdanke, deren leichtlebiger
Gleichmuth ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe, welche
üuellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze, der weise
enug sei, sich den Sinn frei zu erhalten, sich nicht von Zu-
dllen beunruhigen und sich nicht vor der Zeit altern zu lassen.

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Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der Vergangenheit
hatte er vollkommen abgeschlossen, ja, er begriff es, Dank dem
Zuspruche der Herzogin, kaum noch, wie sie ihn jemals in so
sinnverwirrender Weise hatten peinigen können. War es denn
seine Schuld, daß der gewaltsame Starrsinn Paulinen's sie ver-
hindert hatte, sich nach hergebrachter Weise in das Vernünftige
und Nothwendige zu fügen, daß sie ihrer Leidenschaftlichkeit
mehr als der Vernunft Gehör gegeben? Oder was konnte er
dafür, daß ein unglücklicher Zufall seiner Gattin ein Geheimniß
enthüllt hatte, welches ihr besser verborgen geblieben wäre?
Er hatte Stunden, in denen er mit seiner Gattin um
ihres Ernstes willen recht unzufrieden war, und wenn er auch
von dieser Unzufriedenheit, welche sich nicht nur auf Angelika,
sondern auch auf den Gaplan erstreckte, der sich mehr und mehr
von der im Schlosse herrschenden Geselligkeit zurüchog, nicht
viel merken ließ, so kamen doch die Augenblicke immer häufiger,
in denen die Herzogin ihm das Geständniß derselben abzulocen
wußte. Das gute Eiwvernehmen zwischen den beiden alten
Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester, und, wie Herbert
es bezeichnet hatte, die Herzogin bestimmte und leitete das Leben
im Schlosse fast ausschließlich.
E war ein herrlicher Sommertag, an welchem der Bau-
meister nach jenem Mittage im Flies'schen Hause wieder in
Richten eintraf. Die Fenster des unteren Geschosses, welche
bis zum Boden herniedergingen, waren geöffnet, die Luft regte
sich nicht, die Wolken schwebten wie flüssiges, durchsichtiges
Silber an dem blauen Himmel. Neberall hörte man Vogel-
sang, überall spielten aufsteigend und sich in sich selber drehend
zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine. Oben auf
der First des alten Thurmes sah die junge Storchfamilie nach
den heranfliegenden Alten aus, und aus dem fetten Grün des
Rasens wuchsen, von der Wärme gelockt, die Butterblumen-

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nie Campanula, die Scabiosen und eine Fülle farbiger Gräser
hervor. Aus den Volieren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher
und das Singen ihrer gefiederten Bewohner, und die großen
Windspiele des Barons sprangen in langen Sätzen neben ein-
ander her, ohne auf den kleinen Mops der Herzogin zu achten,
der ruhig in der warmen Sonne da lag, leise und träge mit
den großen, schwarzen Augen blinzelnd, wenn eines der Wind-
spiele in raschem Sprunge über ihn fortsetzte.
Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel
gespeist und seine kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Frei-
herrn gehabt, ehe dieser sich zurüczog. Nun war die Zeit der
Mittagsruhe vorüber, die Wärme fing an nachzulassen, und
der Kaffee sollte deßhalb im Freien eingenommen werden. Eine
chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet, um
gegen die Feuchtigkeit zu schützen, welche von dem Gewitterregen
des frühen Morgens etwa noch im Erdreiche zurückgeblieben
sein konnte.
Die Herzogin, welche nur selten einmal geneigt war, sich
Bewegung zu machen, saß ruhig im Sessel und drehte die
lleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde der Königin Marie
Antoinette in der Hand, während die Diener mit den silbernen
Theebrettern herbeikamen, um den Kaffee in kleinen Tassen von
Sövres-Porzellan herumzugeben. Sie war heller gekleidet
als gewöhnlich, und als der Freiherr ihr die Bemerkung machte,
daß ihr dies vortheilhafter stehe, meinte sie, man müsse es dem
Wetter nachthun, das jetzt so freundlich sei, und es sei ihr
hier ja auch so heiter, so völlig heimisch zu Sinne, daß sie es
aus Dankbarkeit darauf angelegt habe, ihm zu gefallen.
Der Baron machte ihr das Gompliment, welches diese
deußerung verlangte, man begann zu scherzen, und obschon
Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten entfernt
zewesen war, fiel es ihm doch wieder auf, wie das Leben und

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das Behaben seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten,
seit er zum ersten Male dorthin gekommen war.
Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und
mit dem Caplan seine Muttersprache geredet, jetzt sprach er,
wo dies irgend thunlich war, das Deutsche nicht, während der
Marquis, der sichtlich bemüht war, es zu erlernen, Herbert's
Anwesenheit, mit welchem er fast gleichen Alters war, zur
Uebung in der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen
liebte. Sie waren auf diese Weise in eine Art von näherer
Bekanntschaft gerathen und auch an dem Nachmittage auf der
Terrasse plaudernd umhergeschlendert, bis ein Zufall sie in das
geöffnete Billardzimmer führte, in welchem man die Rapiere,
die Fleurets und überhaupt die Geräthschaften bewahrte, deren
man zu körperlichen Uebungen bedurfte. Der Marquis, welcher
ein Meister in denselben war, forderte den Architekien auf, ein
paar Gänge zu machen, und nachdem man sich damit genug
gethan hatte, nahm der bewegliche Franzose schnell ein Racket
in die Hand, Herbert zum Federballspiele einladend.
Jeder Müßige nimmt, ohne es zu wollen, an der Beschäf-
tigung Theil, welche er vor seinem Auge ausüben sieht, und bald
hatte die Sicherheit der Spielenden die Zuschauer so lebhaft
gefesselt, daß deren Unterhaltung sich nur noch auf sie bezog.
Herbert schlägt den Ball so sicher, wie er den Zirkel und
das Richtmaß führt, bemerkte der Freiherr, indem er dem Diener
seine geleerte Tasse reichte.
Ja, meinte die Herzogin, welche kurzsichtig war und das
Glas vor die Augen genommen hatte, er ist Meister in dem
Spiele, er übertrifft selbst den Marquis, den man sonst dafür
bewunderte und der es, ich kenne diese kleine Eitelkeit an ihn.
auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat, um die gewohnte Be-
wunderung zu ernten.
Kaum irgend eine andere Nebung ist so geeignet, die

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Schönheit und Anmuth der Gestalt zu zeigen, als eben dieses
Spiel, hob der Freiherr nach einer Weile, in welcher man ihnen
schweigend zugesehen hatte, wieder an, und Herbert ist in der
That ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann. Sehen Sie,
wie schlank der Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei
der kräftige Nacken sich auf den breiten Schultern bewegt. Er
gleicht seinem Vater ungemein, der selbst in Jtalien, in dem
Lande der schönen Mannesgestalten, noch durch seine Wohl-
gestalt Aufsehen erregte. Dazu hat er viel Verstand und ein
schickliches Betragen.
Gewiß, bekräftigte die Herzogin, die sich seit langer Zeit
darin gefiel, Herbert's Beschützerin zu machen und seine Vorzüge
an das Licht zu bringen. Finden Sie nicht, liebe Angelika, daß
er wirklich die Tournüre eines Mannes aus unserer Gesellschaft
besizt? Und er hat mehr Geist, mehr Herz, mehr Schwung,
als Mancher der Unserigen.
Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und
ofjenbar der ganzen Unterhaltung nicht zugehört; denn erst, als
man ihr die Frage wiederholte, fuhr sie wie aus tiefem Sinnen
auf und bejahte sie flüchtig.
Die Herzogin wollte wissen, was sie beschäftigt hätte; sie
vermochte es aber nicht zu sagen. Sie meinte, das Werden
des Frühjahres und die Herrlichkeiten des Sommers hätten sie
tets gerührt, und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig, daß sie
sich versucht fühle, eine Ahnung darin zu erkennen. Man
redete ihr das aus, der Baron pries ihr gutes Aussehen, ihre
blühende Farbe, und die Herzogin rief: Es ist zu viel Gesund-
heit, zu viel Lebensfülle, lieber Freund, die unsere Angelika so
schwermüthig machen. Gewiß, meine Theure, Sie dürfen um
meinetwillen Ihre Jahre nicht vergessen, Sie haben starke
Fpaziergänge, Sie haben Bewegung nöthig.
Ich promenire täglich! versicherte die Baronin.

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Ja, Sie promeniren, so viel als meine Bequemlichkeit et
zuläßt und begehrt, meinte die Herzogin. Aber fragen Sie
Ihren Mann, wie leichtfüßig ich war, wie schnell zu Pferde,
wie schnell zu jedem Spiel, als ich Ihr Alter hatte! Allons,
meine schöne Gousine, dort ist ein Mittel, Ihre Schwermuth
los zu werden. Schnell ein Racket, meine Herren, die Frau
Baronin wünscht von der Partie zu sein.
Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen,
der Marquis, welcher sich alle die Jahre hindurch vergebens
bemüht hatte, der kalten Deutschen, wie er die Baronin nannte,
eine wirkliche Theilnahme abzugewinnen, eilte in den Saal,
das Racket zu holen, und obschon widerstrebend, ließ Angelila
sich endlich von den Bitten der beiden jungen Männer und
von dem Zureden des Freiherrn bestimmen, sich als Dritte zu
den Spielenden zu gesellen.
Es war lange her, daß sie sich einem solchen Vergnügen
überlassen hatte. Die lebhafte Bewegung, der fröhliche Zuruf
des Marquis erheiterten sie, die große Geschiclichkeit und die
vollendete Anmuth Herbert's reizten sie, es ihm gleich zu thun,
und der Beifall der Herzogin, das zustimmende Lachen ihres
Mannes regten ihren Ehrgeiz auf. Sie wollte der Herzogin
beweisen, daß auch eine Deutsche der Sicherheit und Grazie
nicht entbehre, und wie sie sich in dem leichten, wallenden Ge-
wande hinbewegte, wie die blaßblauen Bänder von ihrem schlan-
ken Leibe niederflossen und vom Lufthauche bewegt in ihren
blonden Locen spielten, sah sie so schön aus, daß ihr aus dem
entzückten Auge Herbert's, der sich mit der Freude eines Künstlerd
und mit der heißen Seele eines jungen Mannes an ihrer Schönheit
ergözte, ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz z-
Sie vergaß es, wie schwermüthig sie sich eben erst gefühlt
hatie, sie vergaß, daß es ein Sterben gäbe, so voll Leben klopfte
es in ihren Adern.

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Immer rascher flogen die Balle von Einem zum Andern,
immer lebhafter wurden die Wendungen, mit denen man ihnen
begegnen mußte; da, als die Lust der Spielenden ihnen Allen
ßlügel geliehen zu haben schien, rief plötzlich die Herzogin, daß
nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und daß
man sie über das Ballspiel nicht vergessen möge.
Sie war gewohnt, seit sie in Richten lebte, Nachmittags
ihr Whist zu spielen. Der Baron und der Marquis machten
dann ihre Partner, und wie dieser sich auch dagegen sträubte,
wie jener auch für die Jugend sprach, da die Fröhlichteit seiner
Gattin ihm Freude gewährte, die Herzogin bestand mit scherzen-
dem Eigensinne auf ihrem Willen. Der Spieltisch wurde in
einem der Zimmer aufgestellt, der Baron führte sie hinein, und
als der Marquis mit komischem Seufzer sein Racket aus der
Hmd legte, wollten auch die Baronin und Herbert ihr Spiel
beenden, aber die Herzogin gab das nicht zu. Sie behauptete,
auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen, wenn Angelika sich
dadurch in ihrer Unterhaltung und im Genusse des schönen
Tages stören lasse, und da auch der Baron seine Frau auf-
forderte noch im Freien zu bleiben, so gab sie nach.
Indeß sie war durch die Unterbrechung, wie sie meinte,
aus dem rechten Zuge gekommen, und das mußte auch bei
Herbert der Fal, sein, denn nun sie ohne den Marquis und
ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren, wollte es mit
dem Spiele nicht mehr gehen. Die Baronin schlug nicht weit
zenug, der Ball verfehlte sein Ziel, sie fing ihn auch nicht
immer so sicher, obschon Herbert sein Bestes that, und nach
verschiedenen Versuchen, sich wieder in den früheren Gang zu
bringen, reichte sie das Nez und ihren Ball dem Architekten
hm, weil sie zu müde sei, das Spiel noch fortzuführen.
Sie wollte sich niedersetzen, Herbert warnte sie davor, da
he sich erhitzt hatte, und nachdem sie eine Weile in mamnigfach
F Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

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wechselndem Gesyräche auf und nieder gegangen waren, kam
Herbert, als sie die Höhe im Lichte der sinkenden Sonne vor
sich liegen sahen, natürlich auf den Gapellenbau zu sprechen.
Da dem Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen
Dingen am Herzen lag, so erbat er sich von der Baronin die
Gunst, sie durch den Park noch einmal auf die Höhe und an
den für die Capelle bestimmten Plaz hinaufgeleiten zu dürfen,
weil er es seiner Beredtsamkeit zutraute, sie für das Vorhaben
an Ort und Stelle gewinnen zu können. Sie zeigte sich jedoch
Anfangs nicht geneigt dazu; da er aber seine Bitte wiederholte
und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese Besichtigung
vorgeschlagen hatte, so willigte sie ein, und sie machten sich auf
den Weg.
Wie sie nun so durch den Garten hinschritten, ging Her-
bert gleich daran, der Baronin die Sache noch einmal vor-
zutragen, und sein Plan war so wohl erwogen, er setzte ihn
so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander, daß
es fast unmöglich war, sich nicht dafür einnehmen zu lassen.
Auch begriff Angelika ihn gar wohl, das verriethen die Zwischen-
fragen, welche sie that. Da aber jedes Verstehen und jedes
Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen, so wurde,
je weiter man kam, sein Erklären wärmer, ihr Eingehen auk
dasselbe lebhafter, und mit der geistigen Erregung der Beiden
steigerte sich die Schnelligkeit ihres Ganges, bis Angelika, als
man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand, plötzlidh
stehen blieb und tief aufathmend eine kurze Rast verlangte.
Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke, und
wie die lang herniederhangenden Zweige derselben, an denen
die warmen, duftigen Blätter mit ihrem hellfunkelnden Grün
sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten, das rosige, von
raschen Gange leicht gefärbte Antliz der Baronin umspielten.
gestand sich Herbert, daß er niemals eine schönere Frau gesehen

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habe. Er hätte es ihr gern sagen mögen, der Ausruf der
Ireude drängte sich ihm auf die Lippen; indeß er hielt ihn
vor der hochgebornen Frau zurück, aber er hätte in dem Augen-
blicke viel darum gegeben, ihr aussprechen zu dürfen, wie ihr
Ablick ihm das Herz entzücke.
G mußte davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein,
denn Angelika lächelte ohne zu wissen weßhalb. Wie ihm ihre
Schönheit wieder einmal so beseligend aufgefallen war, so fiel
es ihr in demselben Momente plötzlich ein, daß sie ohne Be-
gleitung mit ihm fortgegangen sei, und sie sagte, diesem Gedan-
ken folgend: Kommen Sie, wir find weit vom Schlosse und
haben noch eine Strecke zu steigen. Es könnte dunkel werden,
wenn wir uns nicht beeilen!
Er ahnte ihre Befangenheit, wie sie seine Bewunderung
errathen hatte, und das brachte sie ihm näher. Er fragte, ob
sie ihm erlauben wolle, ihr seinen Arm anzubieten? Sie wagte
nicht, seinen Beistand auszuschlagen, eben weil sie besorgte, er
lömne darin entweder eine Geringschätzung sehen. die sie dem
jungen, von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen
Künstler nicht anthun mochte, oder er könne etwa gar auf den
Einfall gerathen, daß sie das Alleinsein mit ihm unsicher mache,
und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch mehr. Sie gab
ihm also den Arm, und wie er nun das schöne Weib an seiner
Seite fühlte, wie ihr Schritt mit dem seinen rhythmisch zusammen-
fel, ihr flatterndes Haar, da er sich zu ihr wendete, seine Wange,
ihre Schulter die seine berührte, da vergaß er Alles, außer
dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft. Die Luft,
das Lcht, der Duft, welcher aus der frisch aufquellenden Erde
und aus den tausend Blätterknospen strömte, der Vogelsang,
der von allen Enden sich hören ließ, und die eigene Lebensfülle
und der Wiederschein des Himmels aus Angelika's strahlenden
ugen machten ihn von Herzen froh. Er ging schneller und
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schneller, aber Angelika beschwerte sich nicht darüber, denn auch
ihr war der Fuß beflügelt und die Brust erweitert. Es schien
ihr, als hebe er sie mit sich empor, es freute sie, sich von seinet
Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit seiner Rüstig-
keit halten zu können.
Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen,
als sie die Höhe erreichten, und doch war ihnen beiden ganz
anders zu Muthe, als da sie ihren Weg begonnen und als in
dem Augenblicke, in welchem sie gerastet hatten. Sie befanden
sich nun auf dem Punkte, auf den Herbert sie zu führen ver-
langt hatte. Die Sonne war schon im Sinken, oben auf der
Höhe wehte die Luft frischer. Die Baronin blieb eine Weile
in Betrachtung versunken stehen. Sie dachte nicht daran, daß
ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe, und
er hütete sich, sie daran zu erinnern. Mit dem Weben der Natur,
mit dem Hinblick in die Ferne war eine Reihe von Gedanken
in ihm rege geworden, und der schwungvollen Freude folgte
ihre Schwester, die Wehmuth. Es war ohnehin das erste Mal,
daß er Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und
jugendlich froh gesehen hatte, und daß dieser Frohsinn so schnell
entschwand, daß sich über ihr Antliz schon wieder der Schleier
der Melancholie herniedersenkte, das vermehrte seine elegische
Bewegtheit.
Wir sind an der Stelle, hier müßte die Capelle stehen!
sagte er endlich, aber er konnte sich nicht überwinden, ihr hier
die früheren Erklärungen zu wiederholen. Es kam ihm Alles
so gering vor neben dem, was er empfand, was auch Angelile'
-- er zweifelte nicht daran -- empfinden mußte, denn auch
sie stand in sich versunken da. Als sie emporblickte, schaute ße
ihn an, es däuchte ihr, als sähe er traurig aus. Sie mache
sich von ihm los, aber sie wagte die Frage nicht, weßhalb c
nicht ,mehr heiter sei, und er ließ ihr dazu auch nicht die Zeit

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Daß wir so vergänglich sind! rief er aus, wir und der Früh-
ling und die Jugend und die Schönheit! So vergänglich,
während das Unbeseelte dauert!
Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben, und er
bewegte sie; aber sie nahm sich zusammen und entgegnete: Und
doch wollen wir hier einen Bau errichten, der Dauer haben soll!
Ja, rief er, indem er in die Ferne hinabwies, wo die
Mauern der Kirche mächtig emporstiegen, ja, Dauer, Dauer so
lange als möglich! Seit Jahren weilt mein Sinn an diesen
Orten, noch Jahre lang wird er sich hierher wenden! All
mein Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht! Und
wenn dann der Tag kommen wird, an welchem das goldene
Kreuz drüben von dem Thurme und hier von der Höhe in die
Ferne leuchtet, wenn diese Bauten vollendet sein werden, damn
-- werde ich gehen, um nicht wiederzukehren, dann ist meines
Weilens hier nicht mehr! -
E war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in
seiner Arbeit, es war die alte Klage, daß der Mensch vergäng-
lcher ist als das von ihm Geschaffene, welche ihm durch den
Sinn zog, und in der Jugend überrascht uns die grausame
Nothwendigkeit des Untergehens, des Sterbenmüssens immer
wieder auf das Neue.
Er hielt inne, nachdem er gesprochen hatte, faßte Angelika's
Hand und fuhr fort: Aber früh und spät, Sommer und Winter
wird Ihr klares Auge sich hierher richten, wenn Sie an Ihr
Fenster treten; hier werden Sie knieen im Gebet! O, möge
nie die Stunde kommen, in welcher Sie hier Trost suchen müßten
in dem Kummer Ihres Herzens - denn der Schönheit soll der
Schmerz nicht nahen!
Angelika war wie verzaubert. Das hatte sie nicht erwartet.
Einen Ton des Herzens, wie er aus den Worten dieses Mannes
ctllang, hatte sie nie vernommen, und er erweckte in ihrer

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Seele ein Etwas, das noch nie in ihr so klar gesprochen hatte.
Glück und Erschrecken, Freude und Pein, ein stolzes Aufjauchzen,
eine herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal. Es kam
ihr vor, als fühle sie eben jetzt zum ersten Male, daß sie lebe
und welcher Seligkeit sie fähig sei. Es zog sie mit süßer, mäch-
tiger Gewalt zu Herbert, und doch scheute sie diese Gewalt.
Sie sehnte sich, seinen Blick zu genießen, und wendete sich von
ihm ab; und wie sie sich von ihm wendete, da sah sie hinunter
in das Thal, und weithin zogen sie sich, die langen Windungen
des schnellen, tiefen Flusses, der so hell und so heiter dahin-
schoß durch das Land, und sie waren eben so hingeflossen über
Paulinen's Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült, an
das Ufer hier unten im Park, vor ihren eigenen Augen!
Schrecklicher, furchtbarer als jemals stand das Bild jener
Stunde vor ihrem Geiste, und heute zum ersten Male mischte
sich in ihr Entsetzen und in ihre Verzweiflung über jenes Ereig-
niß eine zornige Empörung gegen ihren Gatien, eine Auflehnung
gegen ihr Geschick, gegen die Vorsehung.
Warum war er in ihr Leben getreten, der ältere Mamn
mit der schuldbefleckten Vergangenheit, dem die Herzogin im
Grunde mehr galt und näher stand als sie? Warum hatte
der Himmel es ihr auferlegt, ein Verbrechen büßen zu helfen,
das sie nicht begangen und das denjenigen, der es verübt hatte,
jetzt lange nicht mehr so schwer bedrückte, als sie, die Schuld-
lose? Warum hatte Gott ihr das Glück versagt, die reine, die
erste, heiße Liebe eines edeln Jünglings zu genießen und freien
Herzens die Empfindung zu fühlen, die jezt plötzlich wie ein
belebendes Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte?
Es wat das Alles kein langsames Denken, keine Folge
von Ueberlegungen; es war jenes plözliche, allumfassende Er-
kennen, das in einzelnen, entscheidenden Momenten dem Men-
schen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit ver-

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leiht. Neber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augen-
blices, überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten
Zusammenhange und begreift seine Zukunft mit einer seherischen
Klarheit, die ihm das Ziel und das Ende derselben, die ihm sein
lünftiges Schicksal wie in einem untrüglichen Spiegelbilde darstellt.
Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Fluth der
Gedanken und Empfindungen, welche sie überfiel. Mit einem
unterdrückten Ausrufe des Schmerzes ließ sie sich, ihr Gesich
in ihre Hände verbergend, auf die Steinbank niedersinken, und
unaufhaltsame Thränen entströmten ihren Augen.
Wie außer sich warf der junge Mann sich ihr zu Füßen.
Um Gottes willen, rief er, was ist geschehen? Reden Sie,
reden Sie! Was habe ich gethan? Was habe ich denn gesagt?
Er hatte ihre Hände ergriffen. Sie wollte ihn nicht sehen
lassen, daß sie weinte, und wendete das Antlitz von ihm, indem
sie sich erhob. Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren
Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich. Er schlang seine
Arme um sie, und fragte, das Schicksal anklagend: Muß sie,
muß dieser Engel weinen? -
Das war mehr, als sie ertragen konnte, denn es sprach
sgmpathetisch ihre eigenen Gedanken aus. Sie ließ ihr Haupt
auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen
heißer, schmerzlicher, als sie je zuvor geweint. Er hielt sie um-
langen, er wußte selber nicht, wie ihm geschah. Er fühlte sich
wie berauscht, aber er wagte es nicht, den Kuß auf ihr Haupt
zu drücken, das seine Lippen berührten, ihr Unglück machte sie
ihm heilig!
Als sie sich endlich emporrichtete, war sie erschöpft und
bleich. Die Sonne war nun völlig untergesunken, die Däm-
merung spamnte leise webend ihre duftigen Schleier über die
Gegend aus. Langsam begann die Mondessichel, die im Nebel
des Abends schwamm, aus ihm heraufzusteigen, sich aus dem

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Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen, hellen Lichte
zu verklären. Kein Laut regte sich, kein Vogel sang, selbst das
leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört. Die
Einsamkeit, die Stille waren vollkommen, es ward dem jungen
Manne märchenhaft zu Muthe.
Unten im Schlosse zündete man die Lichter in den Sälen
an. Dorthin gehörte sie, dorthin mußte sie wiederkehren, dort-
hin mußte er sie geleiten, dorthin mußte sie gehen.
Sie hielt sich das vor, aber sie sagte sich innerlich: Hier
auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück! Hier, wo se
zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe, die
eine Sünde für mich ist!
Sie hatten beide keine Worte mehr, sie standen fern von
einander und hätten doch ewig hier weilen mögen, hätten ver-
gessen mögen, daß es noch eine Welt und Menschen gäbe außer
dieser Stelle und außer ihnen Beiden. Keiner fühlte den Muth,
das Wort zu sprechen, das sie von diesem Plaze scheiden hieß.
Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte
ihr. Ihre Glieder, ihre Bewegungen waren kraftlos; er bot
ihr schweigend seinen Arm, und schweigend nahm sie ihn wieder
an. So ging sie neben ihm her in stiller, glücklich-unglücb-
seliger Feier, voll Schmerz und ohne Hoffnung, und doch eine
Flamme, eine Gluth in ihrem Herzen, die sie erwärmte, die
sie vertröstete und sie in die Ferne, in die Zukunft hinauszur
weisen schien, damit sie den Augenblick nur überstände.
Als sie hinunterkamen in den Park, wo das Unterholz
und die Gebüsche dicht belaubt waren, schlang Herbert seinen
Arm wieder um den Leib Angelika's, und sie wehrte es ihm
nicht. Ihr Auge hing an seinen Blicken, sie sah im Mond-
lichte wie verklärt aus. Jn den Hecken schlugen die Nachti-
gallen; der süße, flötende Ton löste ihnen die Seelen auf; er
nahm ihre Hand und küßte sie wieder und wieder.

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Wie schön ist die Welt, wie schön die Nacht! sagte er
endlich-
Ja, für die Glücklichen! fügte sie seufzend hinzu - aber
sie ist lang, lang und finster, wenn man sie durchweint!
So kamen sie vor das Schloß. Sie werden doch nicht
in den Saal gehen? fragte er, und es war ihm eine süße
Empfindung, daß er für sie sorgte und ihr rieth, daß er ein
Geheimniß mit ihr hatte.
Nein, ich kann nicht! antwortete sie; sagen Sie, die Abend-
kühle habe mich unwohl gemacht!
Die Diener' hatten sie kommen sehen und öffneten die
Thüre. Angelika reichte Herbert die Hand. Er küßte sie ihr,
wie Abschied nehmend, und da er sich vor ihr neigte, sprach
sie, nur ihm hörbar: Da oben dürfen wir keine Capelle bauen