Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 22

Fünftes Capitel.
zMlargarethe, sagte der Marquis, als er an dem Abende,
an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit
des Parkes gewesen waren, sich in den Zimmern seiner Schwester
mit ihr allein zusammen fand, Margarethe, was hat denn dieser
Baumeister heute gehabt, daß er so gesprächig und so witzig war?
Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Puder-
mantel gehüllt auf ihrer Bergöre. Sie ließ sich von Mademoiselle
Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen
und für die Nachtruhe ordnen, während sie den Orangenblüthen-
Thee trank, der die Nerven beruhigen und dem Teint seine
Frische erhalten sollte.
Sie gab dem Bruder keine Antwort; er schien ihrer auch
nicht zu bedürfen, denn er lächelte, nahm das emaillirte Puder-
messer, welches auf dem Tische lag, trat damit an den Spiegel,
dessen Lichter angezündet waren, und sagte, indem er sich be-
hutsam die Schläfen säuberte: Und Madame, die sich zurüe-
zieht! Sie ist sehr belustigend, diese verrätherische Unschuld!
Weil ich sie kenne, diese Deutschen, meinte die Herzog-
rieth ich Dir, auf Deiner Hut zu sein. Ihre Poeten haben
sie verdorben, sie sind schwerfällig und empfindsam, selbst in
ihrer Freude, und sie verstehen das Genießen nicht!
Eine so schöne Schülerin verdiente aber, daß man sie des
Besseren belehrte! rief der Marquis, der sich der Schwester
gegenüber in einen Sessel niedergeworfen hatte.

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Ein flüchtiger Blick, den die Herzogin nach ihrer Dienerin
richtete, legte dem Bruder Schweigen auf, aber das Lächeln,
welches um seine Lippen spielte, konnte er nicht unterdrücken,
und während er mit der feinen Hand die Nadel in seinem
Halstuche anders zu stecken versuchte, sagte er: Nur unter seines
Gleichen kann man fröhlich leben, und es war Zeit, daß diese
keusche Erhabenheit zu uns herniederstieg! Man könnte den
Seladon beneiden, wenn seine strahlende Freude nicht auf die
bisherige Armuth seines Lebens schließen ließe. Man kömnte
ihn beneiden, diesen armen Burschen!
Und beneidenswerth kam Herbert sich auch vor, als er in
der Stille der Nacht an seinem Fenster stand! - Er glaubte
sie noch zu fühlen, die schlanke, volle Gestalt, die er in seinen
Armen, an seiner Brust gehalten hatie. Sein Herz klopfte,
sein Sinn war aufgeregt, aber hell und klar. Er erinnerte
sich jeder ihrer Mienen, jedes ihrer Worte, er fühlte sich von
frischem Leben durchdrungen, wie über sich und seine ganze
Vergangenheit erhoben. Er hätte es laut ausrufen mögen, wie
voll Freude und voll Wonne er sei.
Das große, hohe Zimmer war ihm zu eng, er konnte nicht
auf einem Flecke, nicht ruhig bleiben. Er mußte in das Freie,
auf die Terrasse hinaus. Mit schneller Hand öffnete er die
Flügelthüren, die frische Luft strömte ihm voll entgegen, es
war hell wie am Tage. Der Mond stand hoch am Himmel,
Wölkchen, so klar, daß sie kaum die funkelnden Sterne ver-
decten, zogen langsam schwebend vorüber. Der Sang der
Rachtigallen lockte in weichen, herzlösenden Tönen aus den voll-
begrünten Büschen. Herbert war es, als sei das Alles nur
um seinetwillen da.
Mit dem stolzen, frohen Empfinden, das der Besitz ver-
leiht, ging er auf der Terrasse umher. Es schlief Alles im
Schlosse, Niemand theilte mit ihm die Wonne dieser Stunde,

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dieser Nacht, sie war ganz sein. So allein, so einsam hatte
er vor wenig Jahren die Nächte durchlebt, wenn es ihn nicht
ruhen lassen, am leise rauschenden Meeresstrande zu Neapel
und zu Bajä; so einsam war es gewesen auf den steinernen
Sitzen des Colosseums zu Rom, und doch, es war ihm jetzt
noch anders zu Sinne, als damals. Denn wie sich in der
Stunde des Schmerzes alles Leid vergangener Jahre unabweis-
lich an uns herandrängt, so nahen sich uns in dem Augenblicke,
der uns günstig ist, wie von magnetischer Kraft herbeigeloct,
die schönsten Erinnerungen unseres Lebens, daß wir unsere
Vergangenheit und unsere Gegenwart als Eines, als ein großes,
ganzes Glück empfinden; und wer solche von guten Geistern
umschwebte Wonnestunden nie gekannt hat, der geht arm aus
der Welt und aus dem Leben!
An seinen Vater dachte Herbert, und wie der ihn ein-
geführt in das erhabene und doch so offenbare Reich der Schön-
heit und der Kunst; seine Mutter hatte er neben sich und sie
erzählte ihm, dem einzigen Kinde, wie da oben hinter den
weißgeflügelten Wölkchen die unsichtbaren Englein im goldenen
Himmelslichte sich wiegten und den guten Kindern rosige Träume
herabträufelten mit dem Thaue der Nacht. Und die Lieder
seiner Mutter hallten in seiner Seele nach und die Töne lösten
sich auf und gestalteten sich neu, bis sie in jenen wunderbaren
Melodien verklangen, in welchen die Gondoliere auf den Ga-
nälen von Venedig die Stanzen ihres Tasso singen. Und dann
wieder umstricte ihn die Stille der Nacht so sanft, daß kein
Gedanke Form und Gestalt amnehmen konnte und er nichts
empfand, als ein liebevolles Glück, als die Womne, zu leben
und zu athmen inmitten der Natur.
Vor einem der Gartentische blieb er stehen. Sein Auge
heftete sich an das Federball-Spiel, welches auf demselben lie-
gen geblieben war. Er nahm das Racket in die Hand, dessen

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Angelika sich bedient hatte. Der rothe Sammetreif umspannte
das Nez von goldenen Schnüren, der Thau hatte es mit seinen
Perlen übergossen. Das war der Zauberstab, der ihm den
heutigen Abend, der ihm diese selige Stunde heraufbeschworen.
Der gefiederte Ball lag noch darauf, er warf ihn fast absichts-
los ein wenig in die Höhe und fing ihn mühelos wieder auf.
So war es ihm heute überhaupt gegangen, so war ihm das
wundervolle Abenteuer, das süße Erlebniß fast ohne sein Zu-
thun von der Stunde Gunst beschieden worden, und es dünkte
ihm darum noch lieblicher und zauberischer.
Aber sie irrten beide, der Marquis und dessen Schwester;
Herbert war kein solcher Neuling im Leben und er liebte die
Baronin nicht. Es war kein Liebesrausch, keine Verblendung
durch ein eitles Hoffen gewesen, die ihn an dem Abende so
gesprächig und so witzig gemacht, wie der Marquis die Erregt-
heit des Baumeisters bezeichnet hatte. Es war ein zärtliches
Mitleid, eine großmüthige Sorge, die er für Angelika in seinem
Herzen trug, und leise, aber doch erlennbar genoß er die Ge-
nugthuung, den Stolz dieser vornehmen Frau, der ihn manch-
mal beleidigt und verletzt hatte, so hingeschmolzen, und sie trost-
suchend an seiner Brust gesehen zu haben. Er erinnerte sich
des Augenblickes, da er mit freier Seele vor sie hingetreten
war und sie ihm das Bewußtsein aufgedrängt hatte, daß er
ihr mißfalle. Jetzt, deß war er sicher, dachte sie anders über
ihn; aber wenn er sich auch fcagte, was Angelika bestimmen
mdgen, einen Mamn, den sie nicht geringschätzen konnte, alle
die Jahre mit so wechselnder Launenhaftigkeit zu behandeln, so
war er sich seines Werthes doch zu sehr bewußt und zu sehr
gerührt von den Thränen der schönen Frau, als daß sich in
sein befriedigtes Selbstgefühl und in seine Theilnahme für die
Baronin ein Tropfen von Bitterkeit gemischt hätte.
Er wollte versuchen, ihr näher zu treten, ihr Vertrauen

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zu gewinnen. Er stellte sich vor, daß sie gegen ihren Wilen
des weit älteren Mannes Frau geworden sei, daß man sie ge-
zwungen habe, einer früheren Liebe zu entsagen. So wie mit
ihm, mochte sie einst mit dem Geliebten ihres Herzens durch
die duftende Dämmerung des Frühlings gewandelt sein, so
mochte sie mit einem Geliebten von milder Höhe hinabgesehen
haben in ein stilles Thal, und nun hatte Herbert ihr die Er-
innerung an verlorenes Glück, an dauerndes Entbehren wach
gerufen. Sie hatte dem Entfernten, dem Vermißten nachgeweint,
Thränen der Erinnerung waren es sicherlich gewesen, welche
sie an seiner Brust vergossen hatte; und wie er sich mehr und
mehr in diese Vorstellung versenkte, so standen auch jene Frauen
vor ihm, denen er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens
Neigung und Liebe und Leidenschaft entgegengebracht hatte. Die
schöne Empfindung jener wechselnden Stunden erwärmte und
durchglühte ihn, und er liebte seine Erinnerungen und die
Frauen und das Lieben, und wenn er sich seiner fröhlichen
Vergangenheit und seines Glückes freute, so dachte er dazwischen
doch immer wieder der Baronin, die solchen Glückes Fülle
sicher nicht gekannt hatte, und der Vorsatz, ihr beizustehen, ihr
nahe zu bleiben, entzücte ihn, weil die Liebe ihn so entzückte.
Der Tag kam herauf, als er endlich in sein Zimmer zu
rückkehrte, um sich zur Ruhe zu legen; aber er konnte nicht
mehr schlafen, und hätte er es vermocht, es wäre ihm nicht
viel Zeit dafür vergönnt gewesen. Er mußte früh hinaus, da
er mit dem Amtmanne nach einem Steinbruche reiten wollte,
der noch innerhalb der Herrschaft, aber doch mehr als zwe
Meilen von Richten entfernt lag und dessen Material man für
den Bau zu verwenden gedachte.
Durch den frischen Morgen ritt er über den weiten Hof-
an den die große und lange Allee von Lerchen- und Ebereschen
Bäumen sich anschloß. Die thaufrischen Blätter und Spitzen

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der Zweige nickten, von dem leisesten Lufthauche bewegt, und
sprühten ihre Thautröpfchen auf den Reiter herab. Zu beiden
Seiten wogte das dichte, kurze Grün der lang sich hinstreckenden
Hafer- und Gerstenfelder, daß es wie ein wallendes, glänzendes
Wasser anzusehen war, wenn die Sonne sich in dem Thaue
bespiegelte. Aus dem Walde von Aehren schossen die Lerchen
empor und schwangen sich mit schwirrendem Flügel zum Himmel
auf, die kleinen Kehlen in schmetterndem Gesange bewegend.
An dem Rande der Gräben, an den Rainen blühte die Korn-
blume, nickte der rothe Mohn, und über die Dornhecken und
die blühende wilde Rose schlang die Winde, sich weithin span-
nend, ihre Ranken. Wohin man blickte, war Alles voll Leben,
voll Bewegung, voll Klang und Sang. Die Biene, der Käfer,
der Schmetterling und der Vogel, jeder that sich was zu Gute
in dem warmen Sonnenscheine, und selbst die Hunde vor den
Häusern sprangen heraus, kläfften und bellten, liefen dem Pferde
nach, liefen ihm voraus und wendeten wieder um, und man
komnte es den klugen Thieren wohl anmerken, daß sie das
Pferd und den Reiter nicht anzuhalten dachten, sondern nur
ihr Spiel haben wollten.
Nach der sanften Feier des letzten Abends, nach der ma-
gischen Stille der Nacht war dieser Morgen voll frischen Lebens
dem jungen Manne ein doppeltes Vergnügen, und mit seinen
strahlenden Augen hinaus in die Ferne schauend, ließ er das
Pferd weit ausgreifen und athmete mit tiefem Behagen den
Luftstrom ein, der ihm entgegenkam.
Da, wo der Weg sich wendete und wo der Wegweiser
tand, der nach Rothenfeld wies, blickte Herbert nach dem
Schlosse zurück. Die grünen Fensterladen waren noch überall
geschlossen. Der Baron und Angelika, der Marquis und die
Vrzogin, Alles lag sicher noch im tiefen Schlafe, und sammt
und sonders thaten sie ihm leid. Es war ihm so wohl, er

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hätte überhaupt mit Niemandem tauschen mnögen, und selbss
Angelika's leise Mahnung: ,Da oben bauen wir keine Capelle!r
machte ihm keine Sorge. War es keine Capelle, so konnte
man irgend einen Tempel, einen Freundschafts»Tempel da oben
errichten, und zu einem solchen Angelika's Zustimmung zu ge-
winnen, hoffte er zuversichtlich, weil er ihre Freundschaft zu
erwerben trachtete.
Wohlgemuth ritt er durch das Thor des Amtshofes ein.
Er war ein gern gesehener Gast auf demselben und es behagte
ihm dort immer, wenn er von dem Schlosse kam. Denn wie
das Stattliche und Schöne ihn erfreute, das Vornehme im
Leben und in der Kunst ihm einen großen Eindruck machten,
so hatte er daneben doch eine angeborene Freude an dem Nüz-
lichen und Nothwendigen, und nach der breiten Terrasse des
Schlosses, nach dem hohen Porticus und den Bogenfenstern
desselben, nach den Taxushecken und Springbrunnen gefielen
ihm der Wirthschaftshof mit seinem Röhrbrunnen, an welchem
die große Heerde getränkt ward, das schwerfällige, alte Haus
mit der niedrigen Thüre und der breiten Rampe, über der sich
die Aeste der Lindenbäume von beiden Seiten her dicht in ein-
ander verschlungen hatten, immer ganz besonders wohl.
Man sah es den dicken Mauern auch an, daß das Haue
im Winter warm, im Sommer kühl sein müsse. Gleich vor
der Thüre luden die breiten Bänke und der große steinerne
Tisch zum Sitzen und zum Verweilen ein, und die Blumen-
stöcke, welche auf den Fensterbrettern die volle Morgensonne
genossen, die Rabatten des kleinen Gartens, aus deren fetter,
brauner Erde sich schon die vollen Levkoien und die glänzenden.
vielblätterigen Nelken hervorhoben, waren so wohlgepflegt, der
gefleckte Jagdhund auf der Schwelle, der aufsprang, als der
Reiter in den Hof ritt, und die gelbe Katze, welche nur blin-
zelnd die schläfrigen Augen öffnete und den dicken Kopf dann

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langsam niedersenkte, um die somnenerwärmte Stelle wieder
einzunehmen, waren so rund und so blank, daß man es merkte,
hier leide Niemand Mangel.
Auch dem Hausherrn, dem jungen Amtmamne, konnte
man das ansehen. Er war fast gleichen Alters mit dem Bau-
meister und auf dem Gute geboren und erzogen. Schon sein
Urgroßvater hatte die Arten'schen Güter bewirthschaftet und von
Vater auf Sohn hatte sich das Amt, und mit ihm die Liebe
für den Grund und Boden und die Anhänglichkeit an die
Herrschaft vererbt. Die Steinert's waren hier zu Hause und
angesehen, beinahe wie die Herren von Arten selbst. In der
ganzen Umgegend hatten sie Verwandte, überallhin waren sie
durch die Heirathen ihrer Töchter und Söhne mit den Amt-
leuten, den Gutsbesitzern, den Pfarrern und Förstern ver-
schwägert, und wer im Lande Rath und That bedurfte, der
ging zum Amtmanne nach Rothenfeld, denn die Steinert's
waren Landwirthe, wie es wenige gab, und der jetzige Amt-
mann hatte es wohl bisweilen ausgesprochen, daß er einmal
sehen möchte, was aus dem Herrn werden würde, wenn man
im Amtshause nicht das Auge auf Alles hätte und gelegentlich
die Hand auf Manches legte, was nicht angetastet werden
dürfte, ohne daß dem ersten Capitalangriffe der zweite nach-
folgen müsse.
Ein treuer Diener muß auch widersetzlich sein, wo's Noth
thut! hatie der Vater des jungen Amtmannes einmal gesagt,
und sie lag so zu sagen den Steinert's im Blute, diese treue,
ehrliche Widersezlichkeit. Man brauchte die Männer nur an-
zusehen. Sie waren ein großes, starkes, vollblütiges Geschlecht,
die Männer wie die Frauen, und der junge Amtmann und
seine Schwester machten keine Ausnahme davon, wie er denn
auch Adam hieß gleich seinem Vater und Großoater und gleich
denen, die vorhergegangen waren. Weil aber Adam der ein-
F. Lew ald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

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zige Sohn gewesen und erst neun Jahre nach ihm ein Mädchen
in das Haus geboren worden war, so hatte der Vater gemeint,
wenn der Adam doch einmal keine anderen Gesellen habe, so
müsse er wenigstens in der Schwester seine Eva bekommen,
und Adam und Eva waren auch die einzigen Kinder geblieben,
waren mit einander groß geworden, hatten von Vater und
Mutter den tüchtigen Sinn geerbt, die Arbeit und die Wirth-
schaft erlernt und befanden sich so wohl mit einander, daß noch
keiner von ihnen an das Heirathen gedacht hatte, obschon der
Amtmann dreiunddreißig Jahre alt war und die Eva auch
schon in den ersten Zwanzigen stand.
Sie glichen einander recht wie Bruder und Schwester.
Beide waren sie groß, beide stark von Bau und von frischer
Farbe mit hellen, blauen Augen. Des Amtmanns Krauskopf
war eben so blond wie das dicke, gewellte Haar, welches Eva's
Schläfen umgab, und beide sahen jung und lachend wie der
Morgen aus, als sie bei Herbert's Ankunft vor die Thüre und
auf die Rampe hinaustraten.
Die grüne, breitschooßige Petesche mit den blanken Knöpfen,
die gelbe Lederhose und die faltigen Reitstiefel saßen dem Amt-
manne wie aufgegossen. Man sah, daß er etwas auf sich hielt,
daß er etwas auf sich wenden konnte, und obschon er sein
Haar nicht mehr puderte, weil es damit, wie auch Herbert der
Baronin bedeutet hatte, in Wind und Wetter nichts war, so
hatte er es doch noch mit einem schönen Bande in breitem
Haarbeutel zusammengebunden, grade wie der Herr Baron, und
der kleine dreieckige Hut saß ihm keck auuf dem Kopfe und warf
seinen Schatten über seine starke, feste Stirne.
Willkommen, werthester Herr Baumeister! rief er dem
Reiter entgegen, als dieser vor der Thüre hielt. Sie sind ein
Mann von Wort! Er zog die Uhr mit der schön geflecten
Schildpattkapsel hervor und hielt sie ihm hin. Halb sieben

-- ZZ-
Uhr auf den Punkt. Damit trat er an das Pferd heran,
und er und Herbert schüttelten einander die Hände.
Man ist ja in dem Wetter froh, versetzte dieser, wenn
man herauskommt, und den Mann möchte ich sehen, den's
schlafen ließe, wenn er weiß, daß Mamsell Eva die Langschläfer
nicht leiden mag!-=- Er nahm den Hut grüßend vom Kopfe;
Eva nickte ihm freundlich zu und meinte, sie könne gar Vieles
nicht leiden, zum Beispiel das Warten nicht.
Haben Sie denn auf mich gewartet? fragte er.
Gott bewahre, Mosje Herbert, dazu habe ich Morgens
keine Zeit; aber ich warte jetzt auf Sie!
Auf mich -- wie das ?
Mit dem Frühstücke! entgegnete sie.
Herbert meinte, es solle gleich fortgehen, indeß der Amt-
mann und Eva wollten davon nichts hören.
Sie werden doch nicht der Erste sein wollen, Herr Architekt,
meinte der Amtmann, der um die Frühstücksstunde hier ohne
Imbiß fortgeht? Und Eva sagte: Sie können immer einmal
die gnädigen Herrschaften im Muschelsaale ihre Chocolade allein
einnehmen lassen und mit unser Einem frühstücken. Wennn
man gute Gesellschaft am Morgen hat, giebt's immer einen
guten Tag; denn daran glaube ich ganz fest, Gutes und Böses
lommen nie allein!
Schönen Dank, Mamsell, daß Sie mich für etwas Gutes
halten! rief Herbert, während er vom Pferde stieg; der Amt-
mann hatte einen Knecht herbeigewinkt, der ihm das Pferd
obnahm, und die beiden Männer folgten Eva in den Hausflur,
m welchem auf dem großen Eichentische Brod und geräuchertes
Fleisch aufgetragen waren, neben denen der zinnerne Bierkrug
und die feine Flasche mit Kirschbranntwein nicht fehlten.
Den Hausflur hatte Herbert gar so gern. Die großen,
oltersgeschwärzten Eichenschränke, welche auf ihren massiven
A;

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Kugelfüßen die beiden Seitenwände des Flures einnahmen, der
schwere Tisch in der Mitte, die alte, große Hausuhr, welche
einen Monat ging und die seit mehr als fünfzig Jahren auf
dieser Stelle stand, ohne je einer Reparatur bedurft zu haben,
die handfesten Stühle und die dreifachen Reihen von Ernte-
kronen und Erntekränzen, die an den Wänden hingen und
deren Bänder zum größten Theile schon ganz verblichen waren,
das Alles zeugte von Dauerhaftigkeit; und dazu warf das
Sonnenlicht, welches durch die Blätter der Linden in den Flur
hineinfiel und um die welken Aehrenkränze spielte, daß sie ganz
frisch darunter aussahen, eben seine hellsten Strahlen auf das
goldene Haar von Eva, welche, am Tische stehend, den Rücen
der Hausthüre zugewandt, die beiden sitzenden Männer bediente.
Sie haben übrigens Recht, Mamsell Eva, nahm Herber
das Wort wieder auf; ich finde auch, daß das Glück niemals
allein kommt. Denn ich habe eine köstliche Nacht verlebt, und
der Morgen beginnt mir eben so günstig und schön! - Er
verneigte sich dabei, um ihr das Compliment anzueignen. Sie
beachtete es aber nicht, sondern fragte: Was haben Sie demn
die Nacht gethan?
O, ich habe sie fast ganz im Freien durchwacht, sie war
so still und schön! - Eva sah ihn an, als erwarte sie eine
Fortsetzung seines Berichtes, und da er nichts hinzufügte, fragte
sie: Und das war Alles? Weiter nichts?
Der Amtmann lachte, Herbert mußte mitlachen; Eva's
unbefriedigter Blick und der Ton ihrer Stimme forderten dazu
heraus, aber Herbert war dabei doch nicht wohl zu Muthe.
Es verdroß ihn, daß Eva komisch finden komnte, was ihn so
hoch entzückt hatte, und dabei wußte er kaum, ob er mit den
Mädchen, oder mit sich selber nicht zufrieden wäre. Sie schei-
nen auch das Wachen also nicht zu lieben, meinte er, und er
sagte das mit absichtlichem Spotte.

= ZIJ--
Sie nahm es aber nicht so auf, sondern antwortete ruhig:
Nein, gar nicht, wenn es zu nichts führt. In guter Gesell-
schaft und wenn's einen Tanz giebt, oder wenn es bei einem
Kranken nöthig ist - ja, dann ist's etwas Anderes. Aber
sonst - sie hielt inne und sagte, als könne sie den rechten
Ausdruck nicht finden und müsse sich auf andere Weise helfen:
Nachts ohne alle Ursache wachen und am Tage schlafen, wie's
im Schlosse oft geschieht, das wäre mir grade, als sollte ich
den rechten Handschuh auf die linke Hand ziehen! Das geht
mir wider den Strich!
Sie wandte sich dabei von den Männern fort, um aus
dem einen Schranke noch ein Messer herbeizuholen. Als Her-
ber ihr nachsah, fand er ihre kräftige, große Gestalt in dem
aufgeschürzten blauen Zitzkleide, mit dem sauber gefalteten Tuche
um Brust und Schultern außerordentlich schön, und die Röthe
des Nackens und der Oberarme sah so gesund aus, daß er
unwwillkürlich den Ausruf that: Ich glaube, Sie kömnten gar
nicht anders als Eva heißen!
Der Bruder, welcher seine Freude an dem Mädchen hatte,
verstand, was Jener meinte, und gab ihm Recht; Eva aber
stüzte sich mit den Händen vor ihnen auf den Tisch und sagte:
Mosje Herbert, ich glaube, für Sie ist's auch Zeit, daß der
Bau bald fertig wird und daß Sie aus dem Verkehr mit dem
lächerlichen Herrn Marquis fortkommen, der hier zuweilen wie
eine Bombe einfällt! Sie lernen ihm nur seine Redensarten ab!
Das mit dem Eva heißen habe ich nun schon zweimal hören
müssen, und man möchte doch auch einmal etwas Neues haben!
Sie nahm dabei eine schmollende Miene an, die sie vollends
eeizend machte, und Herbert fühlte so großes Vergnügen in
ihrer Gesellschaft, daß der Amtmann ihn an den Aufbruch
arter

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schmeckt habe, so möge er bald und vor allen Dingen zum
Erntefeste wiederkommen. Er reichte ihr die Hand zum Abs
schiede, und als er schon im Fortgehen war, fragte sie, was
denn die gnädige Frau mache und ob sie wohl sei. Er berich-
tete, daß die Baronin sich am Abende nicht gut befunden habe.
Eva machte ein ernsthaftes Gesicht dazu und schüttelte bedenklich
den Kopf.
Die wird auch nie mehr ganz gesund, sie hat's nie ver-
wunden, sagte sie seufzend und mitleidsvoll, und ich möchte
auch nicht an ihrer Stelle sein! Herbert wollte wissen, weßhalb
nicht. Sie antwortete nur, indem sie, ohne eine Erklärung zu
geben, mit einem: O nein, gewiß nicht! ihre vorige Aeußerung
bekräftigte, und da inzwischen die Pferde vorgeführt worden
waren, so trennte man sich, ohne daß Herbert eine Antwort
von dem Mädchen erhalten hatte.
Während des Rittes bot sich Herbert keine rechte Gelegen-
heit zu weiteren Fragen dar, obschon Eva's Aeußerung ihm
nicht aus dem Sinne wollte. Die Gegend, durch welche sße
kamen, war Herbert neu, und der Amtmann hatte seine Genugs
thuung daran, den Fremden mit allen Vorzügen des Bodens
bekannt und auf alle die Vortheile aufmerksam zu machen,
welche eine sorgfältige Gultur diesem Boden abzugewinnen ver-
standen hatte. Dafür aber verlangte er dann auch von Herbert
zu hören, wie es sonst in der Provinz und in der Welt aue-
sähe, auf deren Händel und Entwickelungen das Auge des jungen
Landwirthes wie das eines jeden Mannes in jenen Tagen ge:
richtet war. Indeß so lange man zu Pferde blieb, war an
ein rechtes zusammenhängendes Sprechen nicht zu denken, aber
als man in der Nähe des Steinbruches, wo der Boden auf
stieg und das Thal sich verengte, absteigen mußte, um den Rest
des Weges am Ufer des Flusses fortzusetzen, ward die Gelegen:
heit zur Unierhaltung günstig. Man ließ die Pferde an den

I? - -
Hause eines der Steinbrecher zurück, und wie man nun in
dem kühlen Thale vorwärts ging, richtete der Amtmann seine
Fragen auf sein Lieblingsthema, auf die Männer und die
Ereignisse, von denen die Zeitungen ihrer Zeit berichtet hatten
und noch berichteten. Herbert sollte ihm von den Helden der
französischen Revolution erzählen, bei deren Beginn der Bau-
meißter sich noch in Paris befunden hatte und deren wahrschein-
lcher Ausgang jezt alle Geister beschäftigte.
Er sollte Mirabeau beschreiben, und schildern wie Camille
Desmoulins aussehe, die er gesehen, er sollte erklären, wie ein
Volksaufstand sich mache, und während der Amtmann mit lei-
denschaftlicher Spannung an seinen Berichten hing, erwärmte
sich Herbert mehr und mehr an seinen eigenen Worten, bis
beide junge Männer sich wieder einmal lebhaft für die Gleich-
heit der Stände, wider alle Vorrechte und wider jede Art von
Vorurtheilen ausgesprochen hatten, die ihnen in ihrem Leben
bereits hindernd entgegengetreten waren oder von denen sie spä-
ter eine Beeinträchtigung fürchten konnten, wie verschieden ihre
Berufsthätigkeiten und selbst ihr Bildungsgrad auch waren.
Herbert, welcher in der Schloßgesellschaft beständige Rick-
sichten zu nehmen hatte, fand es angenehm, sich frei gehen
lassen zu können und einen so dankbaren Zuhörer zu haben.
Der Amtmann, der sich nach seinen Kenntnissen, seiner Tüchtig-
leit und auch nach seiner Wohlhabenheit manchem der Edel-
leute überlegen wußte, die in der Nachbarschaft und zu Zeiten
auch im Schlosse die großen Herren spielten, und vor denen er
sch, wie gering er sie auch schätzte, zu demüthigen und zu
Rugen genöthigt war, fühlte sich stets gehoben in dem Verkehre
und in der Unterhaltung des Architekten, welchen der Freiherr
als seinen Gastfreund und Hausgenossen ehrte, während dieser
ßch als ein Gleicher neben den Amtmann stellte; und da die
Igend überhaupt zu geselligem Anschließen geneigt ist, fanden

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die beiden sich bald in einem Zwiegespräch begriffen, das ihnen
recht von Herzen kam.
Man war von den Mittheilungen über Frankreich und
die Revolution auf die Emigranten im Allgemeinen zu reden
gekommen und dadurch auch auf die Gäste im Schlosse geführt,
und der Amtmann meinte: Es muß solchen Herrschaften spa-
nisch vorkommen, wenn für sie das Befehlen und Besitzen auch
einmal ein Ende hat. Wenn man aber hört, wie sie's dort
getrieben haben, und weiß, wie's auch hier herum vieler Orten
zugeht, so kann man sich denken, daß sie drüben kein groß Mitleiden
mit ihnen fühlen. Ich wollte nicht sehen, was hier passirte,
wenn's auch hier einmal zum Klappen käme!
Glauben Sie denn, daß hier zu Lande das Material für
eine Revolution vorhanden ist? fragte der Baumeister.
Der Amtmann besann sich, ehe er antwortete, die Vorsicht
des Bauers steckte auch ihm im Blute. Es kommt darauf an,
sagte er dann nach reiflichem Ueberlegen, was man Revolution
nennt!
Nun! versetzte Herbert, mich dünkt, das wäre klar. Ist
man hier unzufrieden? Hat man große Beschwerden gegen den
König und sein Regiment?
Gegen den König und sein Regiment? wiederholte der
Amtmann, das könnte ich nicht sagen. An den König denken
sie hier nicht viel, d. h. sie denken an ihn nur, wie an den
lieben Herrgott, der ebenfalls weit weg ist und von dem sie
auch nicht wissen, ob er sie hört oder nicht hört. Die Leute
hier sehen nicht über die Feldmark hinaus. Jeder hat hier
sein Theil Plage für sich und steht also meist auch nur für
sich. Er hat's mit mir zu thun, der ich hier befehle, und mit
der Herrschaft, für die ich befehle. Was er zu fürchten und
zu hoffen hat, seine Anhänglichkeit und seine Aufsässigkeit, das
liegt Alles hier, Alles dicht neben einander wie sein Haus und

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sein Grab. Darüber hinaus hat er sich sonst nicht leicht um
ewwas getümmert, und wenn's ihm nicht allzu schlecht gegangen
ist, ist er zufrieden gewesen.
Und jetzt! ist's jetzt anders?
Der Amtmann besann sich wieder eine Weile, dann sagte
er sehr bestimmt: Ja! anders als vor fünf und vor zehn Jah-
ren, als zu den Zeiten, da ich von der Schule und von der
Universität kam, denn mein Vater hat mich anderthalb Jahre
auf die Universität geschickt, schaltete er mit Selbstgefühl in
seine Rede ein, anders ist's jetzt hier allerdings. Es ist, als
ob's in der Luft läge. Sie pariren nicht wie sonst, sie rai-
somniren viel.
Aber worüber?
leber Alles!
Also zum Beispiel? fragte Herbert.
leber die Frohnen, über die Hand- und Spanndienste,
über Alles! Und wie das geht, da sie immer zusammenstecken,
hezt Einer den Andern auf, und was der Eine nicht ausheckt,
das llaubt der Andere hervor. Man wird bald Noth haben,
sie zur Arbeit zu bekommen, denn um Ausreden sind sie ohne-
hin niemals verlegen.
So etwas pflegte aber doch überall einen Ausgangspunlt
zu haben, oder es pflegte irgend Jemand da zu sein, der den
Anführer macht. Ist vielleicht ein bestimmter Anlaß zu der
lnzufriedenheit gegeben worden, ist irgend Einem ein besonderes
Unrecht zugefügt?
Sie gingen, als Herbert diese Frage that, über die lange
und schmale, aus Knüppeln und Rasen gemachte Brücke, welche
hier den Fluß überspannend auf die Seite desselben leitete, auf
welcher der jetzt bearbeitete Steinbruch lag, und da Herbert
ieiner Freude an dem Schönen und Lieblichen in der Natur,
do er diesem begegnen mochte, nachgab, so blieb er stehen und

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betrachtete, wie die weichen Binsen und das Schilf sich nicend
in dem Wasser spiegelten, daß es zu Zeiten aussah, als hingen
die goldenen Sonnenreflexe wie strahlende Blumen an den
schwankenden grünen Halmen. Er pflückte eine kleine breit-
blättrige Farre, die in dem Moose auf der Brücke gewachsen
war, steckte sie an seinen Hut und folgte dann dem Andern,
der ihn drüben am Ufer erwartete.
Als Herbert sich wieder an des Amtmanns Seite befand,
der offenbar mit der Frage seines Begleiters beschäftigt geblieben
war, sagte Jener: Eine Ursache und einen Anfang muß freilich
Alles haben, aber die Dinge haben meist mehr als Eine Ur-
sache, und hier die Veränderung unter den Leuten hat deren
viele. Und wieder brach er zögernd ab, bis der Baumeister
ihn mit erneuter Frage zum Weitersprechen nöthigte.
Sehen Sie, Herr Baumeister! fing nun der Amtmamn
an, als sei er nun zu dem Entschlusse gekommen, herauszusagen,
was er eigentlich dachte: sehen Sie, unser Herr Baron ist ein
guter Reiter, und wer ein guter Reiter ist und es weiß, daß
kein Pferd ruhig bleibt, wenn man's heute gehen läßt, wie's
eben mag, und morgen scharf zusammennimmt, ohne daß es
was verfehlt hat, wer's aus Erfahrung weiß, daß man das
beste, frommste Thier im Handumdrehen verreiten und stöckisch
machen kann, der, meine ich, sollte das auch auf den Menschen
appliciren. Ess ist schwer auskommen mit dem Herrn Baron!
Mein Vater hat's schon immer gesagt, es war besser unter dem
seligen Herrn!
Herbert bemerkte, daß der Freiherr ihm weder streng noch
hart erscheine, daß er im Gegentheil nur wohlwollende und men-
schenfreundliche Aeußerungen von ihm vernommen habe.
Der Amtmann machte eine zustimmende Bewegung mit dem
Kopfe. Das ist's eben! meinte er. Streng und hart ist gar
nicht das Schlimmste, dabei kann Alles gehen, denn der Mensch

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gewöhnt sich allmählich an das, was gleichmäßig geschieht, und
besonders denkt der Bauer in solchem Falle: es könne denn eben
nicht anders sein. Wäre der Herr Baron nur immer streng, und
machte er es wie sein Vater und sein Großvater, die sich um
gar nichts kümmerten, als um's Verzehren und Genießen, so
ständen wir Alle uns besser. Aber er ist leider Goties
menschenfreundlich und hat ein weiches Gemüth, und dazu mag
er im Grunde seines Herzens selbst zuweilen denken, daß es
wohl nicht immer so auf der Welt bleiben werde, wie bisher.
Da kommt's denn, daß er heute nachgiebt, was er morgen ver-
weigert, daß er dem Einen erlaubt, was er dem Andern ver-
bietet. Das macht böses Blut. Die Einen denken, wenn er
das zugesteht, kann er auch mehr zugestehen; die Andern sind
ihm aufsässig, weil sie ihre Forderung nicht durchgesetzt haben,
und zuletzt bade ich es aus, denn zuletzt muß ich vor den Riß
treten, und mit mir macht er's dann auch nicht besser. Man
weiß nicht, wie man mit ihm daran ist. Seit er geheirathet
und die Pauline sich ertränkt hat, ist das Alles schlimmer ge-
worden, und seit wir nun gar den - verzeihen Sie, daß ich
es einmal sage - verwünschten Kirchenbau hier haben, isi vollends
der Teufel los!
Der Amtmann sagte das offenbar mit fester Ueberzeugung-
Indeß obschon dies Herbert nahe genug anging und ihn lebhaft
beschäftigte, so erregte doch die Erwähnung eines Frauenzimmers.
das sich ertränkt haben sollte und das offenbar in einem nahen
Zusammenhange mit dem Freiherrn gestanden haben mußte,
um der Baronin willen vor allem Andern seine Neugier. Er
kagte nach den näheren Umständen, erfuhr den ganzen Hergans
der Sache und alle ihre Einzelheiten, wie man sie eben in der
Imgebung und Dienerschaft des freiherrlichen Paares kannte
und betrachtete.
Herbert war sehr von dieser Kunde betroffen und ergriffen,

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denn jetzt glaubte er plötzlich den Schlüssel für alles dasjenige
zu haben, was ihm gestern überhaupt in dem Wesen und in
dem Verhalten der Baronin auffallend erschienen war. Dag
arme, arme Weib! rief er unwillkürlich aus, als der Amtmam
geendet hatte.
Der Amtmann stimmte ihm bei, denn er glaubte, Herbert
spreche von Pauline, und er rühmte deren Schönheit und gute
Eigenschaften.
Herbert aber dachte nur an die Baronin. Er bedauerte,
daß er dies Alles nicht schon gestern gewußt habe, er fürchtete,
der Baronin nicht verständnißvoll genug begegnet zu sein, und
machte sich Vorwürfe darüber, daß er durch seine Aeußerung
ihr wundes Herz getroffen, oder daß sie gar in derselben eine
unberechtigte Andeutung auf ihr schweres Schicksal gefunden
haben könne.
Während er mit dem Amtmann den Bruchstein besah und
Farbe und Gehalt desselben prüfte, während man mit dem
Aufseher und dem Meister überlegte, welcher Art von Be-
arbeitung und Polirung der Stein fähig sei und in wie viel
Zeit man die geforderten Quadern und Säulen herstellen und
beschaffen könne, blieb das Bild der Baronin ihm immer gegen
wärtig, und die Vorstellung, daß er mit seinem Baue ihrem
innersten Herzensbedürfnisse genüge, daß er ihr dazu helfe, ein
Gelübde zu erfüllen, eine Buße zu üben, von der sie sich eine
Befreiung ihrer Seele versprach, wurde ihm ganz besonders werth.
Es fiel dem Amtmann auf, daß Herbert während der
Verhandlungen so dringend wurde, daß er die Termine, welche
er am Anfange der Unterredung und der Besichtigung leichthin
als die früheste Ablieferungszeit bezeichnet hatte, bald als die
letzte angesehen haben wollte, und er erinnerte ihn also daran,
daß er ja selbst sechs Jahre für den Bau beansprucht, daß man
also noch eine geraume Zeit vor sich habe. Auch der Baron

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habe, wie der Amtmann bestimmt wisse, bei seinen Geldmitteln
und Geldbewilligungen mindestens an eine sechsjährige Dauer
es Baues gedacht und auf die gleichmäßige Vertheilung der
für denselben bestimmten Summe während dieser sechs Jahre
gerechnet. Endlich, meinte er, hätten, um die Wahrheit zu
sagen, diese ersten vier Jahre die ganze ursprünglich festgesetzte
Summe verschlungen, so daß ein Innehalten und Zögern sehr
geboten sei. Herbert hingegen machte geltend, daß er vor dem
Baue der Kirche in Rothenfeld, eben der Kosten wegen, gewarnt
habe und daß man um der auswärtigen Arbeiter willen nicht
imnehalten und nicht feiern dürfe.
Das mußte der Amtmann halbwegs zugeben, und nach
mamnigfachem Hin und Wider und nachdem Herbert einige Pro-
ben des Gesteins hatte abschlagen lassen, die er versuchsweise nach
der Stadt mitnehmen wollte, um dort mit Sachkundigen über
ihre Behandlung sich noch zu besprechen, trat man den Rückweg
an. Indeß der Amtmann fand Herbert nicht so gesprächig als
vorher. Er schob dies auf die eben gehabte Erörterung, auf
die Wärme des Tages, und sie schlenderten dann, auch nur
hier und da ein paar Worte mit einander wechselnd, langsam
durch das Thal, bis sie zu der Stelle kamen, an welcher des
Steinmetzen Bube mit den Pferden ihrer wartete. Hier mußten
sie sich trennen. Der Amtmann, welcher noch vor dem Mittage
in den Forst zu reiten dachte, lud den Baumeister ein, ihn zu
begleiten, weil es dort im Nadelholze schattig und kühl sei;
Herbert meinte jedoch, daß der Freiherr eine Auskunft von ihm
erwarten könne, und wollte deßhalb bei guter Zeit wieder in
Richten eintreffen.
Er stieg also auf, der Amtmann that desgleichen; als
diser jedoch den Fuß in den Bügel setzte und sich aufschwingen
wollte, bemerkte er, daß sein Sattel nicht fest saß, und stieg
ab, um den Sattelgurt fester zu schnallen. Und während er

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sich dazu bückte, sagte er, Französisch sprechend, wie er das
gelegentlich gern that, um seine gute Erziehung zu beweisen:
Ich darf wohl darauf rechnen, daß Alles, was wir heute durch-
gesprochen haben, unter uns bleibt?
Herbert versicherte, daß sich das von selbst verstände, und
Jener fügte lächelnd hinzu: Es ist hier doch im Grunde immer
noch so gut, wie rund herum, und wer die Herrschaften kennt,
hängt ihnen an. Aber, lieber Gott! ste sind einmal, wie sie
sind! Cien äe okasse, ohasse de rsee! Die Männer
wollen leben, und die Frauen wissen sich denn auch auf eine
oder die andere Art zu trösten!
Er lachte dazu, denn er kam sich offenbar bei dieser Aeu-
ßerung wie ein Weltmann vor, und mit guter Manier den klei-
nen dreieckigen Hut zum Abschiedsgruße bewegend, während er
dem Architekten ein: s reroir, Klonsieur Herbert! zurief,
sprengte er davon.