Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 24

Fe
Siebentes bapite l.
hatte seinen Vorsatz, graden Weges nach dem
Amthause zu gehen, nicht ausgeführt. Er war, von dem schönen
Tage verlockt, eine tüchtige Strecke in der Gegend umhergerannt,
und die Somne stand beinahe schon im Mittag, als er nach
dem Amthofe kam.
Dort war der Feiertag schon von Weitem zu erkemnen.
Die Arbeitswagen, die Eggen und Pflüge standen wohlgeordnet
vor den großen Scheunen, ein paar Stadtkinder kletterten auf
den Deichseln herum und genossen die Feiertagsfreiheit. Der
Hof war sauber gekehrt wie eine Tenne. Langsam zogen im
Teiche die Enten umher, während am grasigen Ufer der glän-
zd gefiederte Hahn unter seinen Hühnern umherstolzirte und
slbst eifrig die Körner aufpickte, welche heute die Hand der
frmden Kinder und Mchen dem Federvieh verschwenderisch
geßreut hatte.
Unten vor der Thüre saßen trotz der früihen Stunde die
Männer schon beim Tarockspiel. Es waren städtische Freunde
de versiorbenen Amtmanns und daneben der Herr Oberförster
und der Herr Pfarrer von Reudorf, welcher nach der Kirche
zm Essen mit hinübergekommen war, weil am Nachmittage
sin Neffe aus der Stadt für ihn die Predigt hielt. Sie
uhteten auf Herbert's Antunft nicht. War doch so viel junges
Volk über den Hof und durch das Haus gegangen, seit sie
te die Erntefeste feiern halfen! War es doch auch allmahlich
s re wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

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älter geworden, hatte seine Kinder hergeschickt und war zum
Theil gestorben! Das kam und ging, und ging und kam!
Wer konnte die Menschen alle kennen?
Aber die große zinnerne Kanne, in der das Bier frisch
vom Fasse auf den Tisch kam, und den zinnernen Leuchter
und den Fidibus-Becher von Zinn, die neben dem Tabackskasten
standen, die kannten die Männer, wie sie einander kannten; die
waren mit ihnen alt geworden und hatten sich nicht verändert.
Ess ist auch immer noch das gute, alte Bier und der gute,
gelbe Knaster, bemerkte einer der Städter; der Adam hält auf
seines Vaters Art!
Ei, warum sollte er denn nicht? meinte der Förster. Er
ist in der Welt herumgewesen, weiß zu leben und ist wohl auf!
Er ist der Mann für den Plaz!
Der Pfarrer, welcher immer erst bedächtig den Dampf
aus der holländischen Kalkpfeife blies, ehe er vor einer so ge:
mischten Gesellschaft eine Meinung abgab, nickte dem Ober-
förster beistimmend zu. Ja, sprach er, ja, Herr Oberförster,
sie sind gut eingeschlagen, alle beide, unseres werthen seligen
Amtmanns Kinder! Selbst meine Frau, die das nicht von
einer Jeden sagt, weil sie es genau mit solchen Dingen nimmt.
nennt die Eva eine Wirthin, welche es mit mancher älteren
aufnehmen könne, und was man hier davon im Hause sieht
und was gelegentlich von hier zum Pfarrhofe kommt, das läßt
nichts zu wünschen, gar nichts zu wünschen übrig! Wir halten
viel auf sie, ich und meine Frau; und auch mein Sohn hält
in der Stadt, und trotz seiner Studien, die alten Spielgenossen
werth! Wollte nur unser Herrgott, es wäre auch sonst hier
Alles noch so bei dem guten Alten geblieben!
Er seufzte, der Oberförster schien ihn zu verstehen, aber
sie mochten vor den Fremden mit der Sprache nicht weiter
heraus, und hätten sie es auch gewollt, sie hätten ihre eigenen

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Worte kaum noch vernehmen und verstehen können vor dem
Lärmen um sie her.
Demn kaum war man oben in der Giebelstube, wo Eva's
Gaste, die jungen Mädchen, wohnten, des Architekten ansichtig
geworden, so war auf Eva's Anschlag auch schon ein Plan
gefaßt. Auf den Fußspitzen liefen sie die Treppe hinunter,
damit man das Klappen der Stelzchen nicht höre, zur Hinter-
hüre schlichen sie hinaus ins Freie und durch das große Hof-
thor kamen sie wieder herein, und ehe sich Herbert dessen versah,
waren sie an seiner Seite und hatten mit ihren losgelösten
bunten Bändern ihn umschlungen, und wenn. er den einen
Arm frei machte, sich der Einen zu erwehren, so umwand die
Andere ihm den anderen Arm, und eine Dritte versuchte ihm
das Band um die Augen zu winden, und ihn haschend und
sich befreiend, und sich wehrend und ihn verfolgend, und lachend
und schäkernd rannten sie rechts und links um den Teich und
über den ganzen Hof, daß die Enten, welche sich aus dem
Teiche herausgemacht hatten, sich überstürzend in das Wasser
flüchteten, die Tauben sich mit klatschendem Fluge in die Höhe
schwangen, die Hühner mit gespreizten Flügeln das Weite
uchten und die Hunde aus allen Ecken und Enden bellend
dawwischen fuhren.
Gefangen, gebunden! rief es hier und dort, um ihn dafür
z rafen, daß er nicht schon gestern gekommen war, als man
den lezten Wagen in die Scheune gefahren hatte. Es war
tmn Lärmen und ein Lachen, ein Laufen und ein Jubeln! Und
die helle Sonne funkelte auf all den blühenden Gesichter und
dtamnte auf die entblößten Arme und Nacken und auf die
däigen Scheitel der fröhlichen Mädchen. Gefangen, gebunden,
befnaft! schallte es immer wieder, bis Adam mit seinen Freun-
dn herbeikam, die Partei für Herbert nahmen, bis die hübschen
Inder, athemlos, sich der Verfolgung der Männer nicht mehr
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entziehen konnten und Herbert, nun er es nicht mehr mit
Allen auf einmal zu thun hatte, Eva's, als der Anführerin,
habhaft wurde.
Gefangen, gebunden! rief jetzt auch er, und umschlang
sie trotz ihres Sträubens und hielt sie fest und küßte sie nach
Herzenslust auf die heißen, rothen Lippen. Das wirkte an-
steckend, die Andern thaten es ihm bei den eingefangenen
Mädchen nach, und sich von Herbert losmachend, rief Eva:
Nun haben wir den Mosje zur Ernte doch wenigstens nach-
träglich gebunden, nun kommt er auch nicht fort, so lange ihr
Alle bei uns seid!
Aber wer sagt denn, daß ich gehen will? Ich kam ja,
um zu bleiben, Sie Gewaltthätige! versicherte Herbert, indem
er sie auf's Neue in seine Arme zu schließen suchte, und es
wollte ihn dünken, als widerstrebe sie ihm nicht sehr. Herbert
war recht von Herzen vergnügt. Selbst die Männer am Tarock-
tische, wie sie auch schmählten, daß man sie aus ihrer Ruhe
aufgeschreckt habe, sahen nicht böse drein. Es glitt ein helles
Licht durch ihre alten Augen und es zuckte ihnen lächelnd um
die Lippen. Sie hatten wohl auch an manche fröhliche Stunde
zu denken, die ihnen nicht wiederkehren konnte und die Jenen
noch zu kommen hatte.
Der Amtmann und Eva waren die Seele von Allem,
genügten Allem, waren jung mit den Jungen und alt mit den
Alten. Das ging den ganzen Tag so fort.
Wenn ich nur wüßte, meinte Herbert am Abende, warun
ich nicht alle Tage hergekommen bin?
Das will ich Ihnen sagen, entgegnete Ewa und flüsterte
ihm etwas in das Ohr. Er wollte nicht wahr haben, was sie
sagte, aber die Mädchen behaupteten, er sei roth geworden und
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Freilich, freilich, bekräftigte Ewa, es steckt noch immer
etwas von der alten Burg darin!
Die Andern fragten, was das heiße. O, rief sie, ihr
wißt's ja! Da oben sind vor jenen Jahren die Herren von
Arien Raubritter gewesen, und nun ist's damit wie in der
verkehrten Welt! Sonst raubten die Ritter den andern Leuten
ihre Frauen, jetzt halien die vornehmen Damen die Männer
gefangen!
Man lachte über den Einfall; sie neckten Eva, und einer
der jungen Leute meinte: Sorgen Sie nicht, Mamsell Eva!
Monsieur Herbert sieht nicht aus wie einer, der so leicht zu
fangen wäre!
Wer denkt den jetzt an Mosje Herbert? warf sie schnip-
pisch und doch verlegen hin.
Ich bin geduldig und werde warten, sagte er, sich mit
sherzender Demuth vor ihr neigend.
Sie that, als höre sie seine Worte gar nicht mehr, und
sie hatte ja auch alle Hände voll zu thun. Das blanlste Leinen,
die besten Teller, selbst das Silberzeug mußte heute und in den
folgenden Tagen auf den Tisch. Alles sollte reichlich, Alles
vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem Hause, da man
so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder
einmal in den Scheunen hatte.
Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im
Amthofe nicht viel zu merken. Aber der Pfarrer selber drückte
ein Auge zu. Er hatte seine Absichten mit Eva, und sie gefiel
hm, wenn sie sich in Haus und Küche also regte und bewegte,
uch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen Ge-
schäftigteit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wußte dieselben
nutzen und, des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben
ch fest und immer in so guter Laune zu erhalten, daß er gar
ichts sah und gar nichts denken konnte, als nur sie den lieben,

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langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte
es gar nicht besser.
Nur Abends, als er allein war, in der nächtlichen Stille,
da kehrte es wieder, wundersam!
Da sah er sie plötzlich vor sich, die schöne, hehre Gestalt,
da sah er es wieder, das sanft bethränte Antlitz, und es zog
ihn fort, es rief ihn von dannen, daß er nicht wußte, wie er
hier verweilen könne, wie es ihm möglich gewesen sei, von dem
Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr nahen
konnte; wie es ihm möglich gewesen sei, ungleich und gering
von ihr zu denken, von ihr!
Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natür-
liche Gefallsucht ihn versetzten, ließ ihn nur mit gesteigertem
Verlangen an die Baronin denken, und die Feindin der Wahr-
heit, die Enfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die Bilder
der beiden Frauenzimmer, wie unähnlich sie einander auch
waren, sich zu mischen und Einzelheiten von einander zu ent-
lehnen begannen, daß er Mühe hatte, es aus einander zu halten,
was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt, was
er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrücken und
Empfindungen verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles
Schöne wendete sich immer auf Angelika's Seite, und wie er
sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fühlte er sich jezt
wieder schuldig gegen sie, je länger, je mehr.
Als sich ihm der zweite Tag in Rothenfeld zu Ende neigte
und das junge Volk, welches in der nächsten Frühe das Amt-
haus verlassen und in die Stadt zurückkehren sollte, in seiner
Fröhlichkeit nur immer weiter ging, als müsse nun in den
letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden.
als man bei der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die
Punschterrine auftrug und Eva mit lachenden Augen und mit
ihren flinken Händen die Gläser immer auf's Neue füllte, bis

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ze Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den
Jungen sangen, und selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die
Polonaise, welche man in Vorschlag brachte, mittanzten durch
hie Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo der
Amtmamn endlich auf dem grünen Platze vor dem Hause die
Gousine im Schleifer zu drehen begamn - da bemächtigte sich
Herbert's eine große Traurigkeit. Er konnte sich nicht helfen,
er wußte sich nicht zu finden, nicht zu rathen.
Er hielt Eva im Arme und tanzte mit ihr, die ihm mit
ehricher Zuversicht in das Auge blickte, und er sagte sich:
Wie schlecht bin ich, dieses liebe Geschöpf nur als Zeitertreib
zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, daß ich hieher
gng, daß ich mich von ihr, von jener schönen, edlen Frau
enferte, die nicht so glücklich, ach, lange nicht so glüüclich ist,
als diese guten Menschen hier!
Er fühlte eine wahre Sehnsucht, wieder in Richten zu
sein. Was mochte die Baronin von ihm denken, daß er sie
mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was sollte er ihr sagen,
wemn sie ihn deßhalb befragte? Wie es tragen, wemn sie
ihm zürnte?
Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreutheit
fel zuletzt seiner Tänzerin auf, und es ging ihr wie Jedem,
de von einem Gedanken vollständig beherrscht ist: sie sezte
denselben auch bei dem Andern voraus.
Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie plözlich und
arglos, wir bleiben ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie
die Andern fort!
Er hätte sich darüber freuen mögen, aber er konnte es
nicht. Er besorgte, weiter gegangen zu sein, als er sich dessen
btwußt war, Wünsche und Hoffnungen erregt zu haben, die er
diesem Augenblicke durchaus nicht theilte. Seine Ehren-
daftigkeit schreckte davor zurück. Er sagte, daß ja auch seines

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Bleibens hier nicht sei und daß auch er nicht eben lange mehr
in dieser Gegend verweilen werde.
Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wieder-
sehen zu freuen, denn Sie kommen ja doch wieder!
Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was
er noch vor wenig Tagen selbst gewesen war. So gesund, so
frisch, so zuversichtlich hatte er in die Ferne geblict; jetzt komnte
er sich nicht klar machen, was er fühlte, was er wünschte und
was der nächste Tag ihm bringen würde. Er wußte kaum
noch, weßhalb er von Richten fort, weßhalb er hieher gegangen
sei. Es war Alles verwirrt in ihm.
Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der
Sonne erhob, rief er ein Gottlob! als stehe er am Ende einer
Trübsal und vor der Thüre eines Glückes, und doch war und
blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor.
Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf;
sie wollten theils vor der Mittagshitze, theils vor Abend in
ihrer Heimath sein. Ihn nöthigten die beiden Geschwister noch
zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er müsse gegen zehn
Uhr nach dem Schlosse und sie könnten mitsammen hinauf-
reiten. Es sei Zeit genug, da der Baron nicht früh aufstehe
und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft abmache. Aber
Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies übel nahm
und mit ihm schmollte und ihn kalt entließ, war ihm das
lieber als die Zuversicht, mit welcher sie sich gestern an ihn
gewendet hatte.