Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 25

Achtes Capite l.
lg war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er
ging die große Mittelallee hinauf, die durch den ganzen Park
führte, und bog erst in einen Seitenweg ab, als er meinte,
vom Schlosse aus gesehen werden zu können. Er hätte gern
vergessen machen mögen, daß er fort gewesen sei, weil er selbst
die Ursache seines Fortgehens zu vergessen wünschte. Wie er
nun durch die sauber gehaltenen Wege wandelte, durch deren
blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen, goldenen
Lchtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsam-
keit so wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von
den Menuetten, den Anglaisen und den Schleifern, welche die
Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett gespielt und
nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte,
Er freute sich, daß die Baronin dies nicht gesehen hatte, und
er ichämte sich dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten
noch viel unbegreiflicher, daß er gestern tanzen - sich mit
Anderen hatte vergnügen können, während Angelika's Bild in
dnem Herzen wohnte und während sie- es konnte gar nicht
onders sein - an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigs;
ouf dessen Theilnahme sie vielleicht ihre Hoffnuung, ihren Trost
acbaut, mit dem sie selbst sich durch die Worte: Dort oben
dürfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse
derbunden hatte.
Wie war es zugegangen, daß er dies Alles vergessen, wie

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hatte die natürliche Zurückhaltung einer reinen, schönen Seele,
wie hatten die dreisten Aeußerungen des Amtmannes, der in
seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog, ihn irre
machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen
können selbst an ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch
je begegnet, der er je genaht war? -
So trat er in das Schloß und in sein Zimmer. Die
Dienerschaft empfing ihn wie Einen, der hier heimisch war.
Herbert erkundigte sich, ob die Herrschaft etwa nach ihm gefragt
habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn
Baron zu sagen, daß er zurückgekehrt wäre und seine Befehle
erwarte.
Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag über
dem seinen. Er hörte oben die Fenster öffnen, die Sommer-
laden schließen, die Tische rücken. Er dachte, ob sie schon wach
sein möge, und auf jedes leise Geräusch achtend, fühlte er sich
ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt. Sich zu be-
ruhigen, setzte er sich vor dem Tische nieder, auf welchem seine
Zeichnungen und Plane ausgebreitet lagen, denn für Angelila
und ihre Absichten arbeiten, hieß ja auch bei ihr sein; und
eben hatte er sich gelobt, daß nichts ihn so leicht wieder von
ihr und ihrem Dienste abwendig machen solle, als einer der
Diener ihn ersuchen kam, sich in das Frühstückszimmer hinauf
zu bemühen, da die Herrschaft ihn zu sprechen wünsche,
Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und
mochte doch nicht danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe
hinauf; er wünschte und hoffte, die Baronin vielleicht allein
zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war es, der ihn
erwartete.
Er hieß ihn willkommen, fragte, ob er sich gehörig in der
Gegend umgesehen habe, und ließ ihm dann, obschon er ihn
mit gewohnter Güte begegnete, doch nicht zur Antwort Zeit-

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sondern ging gleich zu der Angelegenheit über, wegen welcher
er ihn hatte kommen lassen.
Mit unserem Gapellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert,
sagte er heiter, als habe er gar niemals irgend einen Werih
auf diesen Plan gelegt und nicht von dem Architekten bereits
die eingehendsten und ausführlichsten Arbeiten dafür beansprucht.
Die Baronin will davon nichts hören, und da guter Rath
über Nacht kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben,
ohne deßhalb auf eine Verzierung der Höhe zu verzichten, die Sie
mir provisorisch vielleicht noch in diesem Herbste zu Stande bringen
müssen. Ich denke da oben nämlich einen Pavillon zu errichten.
Einen Pavillon? fragte Herbert überrascht.
Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform,
der eine schöne Aussicht bietet. Man könnte ihn der Flora,
der Pomona, der Freundschaft weihen - das findet sich! Ent-
werfen Sie mir einmal eine Zeichnuug dazu. Sie kömnen die
Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten amnähern,
um die Harmonie mit dem Style der Kirche aufrecht zu er-
halten, die wir herzustellen wünschten; nur muß das Ganze
natürlich auf den bestmöglichen Effec berechnet werden.
Herbert wagte es nicht, die Frage zu thun, welche ihm
in diesem Augenblicke vor allem Anderen am Herzen lag, die
rage, ob es Angelika gewesen sei, welche den Vorschlag zu
dem Pavillonbau gethan hatte. Er glaubte, nur sie allein
lnne seinem eigenen Gedanken in solcher Nebereinstimmung
dgegnet sein, und während sie so gleich mit ihm gefühlt,
während sie darauf gesonnen hatte, ihn in so schöner und lieber
Beise neben sich zu beschäftigen, hatte er sie gemieden, se in
diem Herzen angeklagt und verdammt!
Beschämt und gerührt wollte Herbert fragen, ob die Frau
daronin mit der neuen Anordnung einverstanden sei, als sie
rber mit der Herzogin in das Zimmer eintrat.

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Der Freiherr ging den Frauen ein paar Schritte ent-
gegen, aber Angelika, welche sonst sehr gemessen in ihrer ganzen
Haltung war, eilte auf ihren Gatten zu und umarmte und
küßte ihn. Dann begrüßte sie Herbert mit dem heiteren Vor-
wurf, daß er so plözlich fortgegangen sei und sie und seine
Arbeit im Stiche gelassen habe, um im Amthause eine ihm
zusagendere und angenehmere Geselligkeit aufzusuchen. Das
war Alles völlig gegen ihre sonstige Art.
Herbert hatte das Bedürfniß gefühlt, sobald als möglich
der Baronin zu gestehen, wie tolle Ungeduld und sträflicher
Zweifel an ihr ihn aus ihrer ersehnten Nähe fortgetrieben
hätten, wie er bereuend wiedergekehrt sei, und nun sollte er
sich scherzend wegen einer kleinen Formlosigkeit entschuldigen,
welche man ihm leichter verzieh, als er es wünschen konnte!
Er stand vor der Baronin wie vor einem unheimlichen Räthsel.
Er kannte diese Miene, diese Stimme, und kannte sie auch
nicht. Es war Angelika und sie war es doch auch nicht. Daß
sie ihn täuschte, eine Rolle spielte, das war seine ganze Hof-
nng. Aber weßhalb that sie das? Woher ihre Heiterkeit.
woher ihre auffallende Zärtlichkeit gegen ihren Gatten? Zürnte
sie Herbert? Wollte sie ihn strafen, weil er ihr durch seine
Entfernung wehe gethan, so mußte er das tragen, ja, er hatte
sich dessen zu freuen! Wie jedoch vermochte sie es, seiner z
spotten in Gegenwart des Mannes, an dessen Seite sie nicht
glücklich war, wie konnte sie es vergessen, doß sie in Herbert's
Armen über diesen Mann geweint?
Ihre Worte, ihr Ton schnitten ihm in das Herz und
beleidigen ihn um so tiefer, je weniger er sich in der Lage
befand, eine Erklärung ihres veränderten Betragens zu begehren-
Ihr Scherzen zu erwidern, war gegen sein Gefühl, und sich mit
raschem Entschlusse auf den Boden zurückziehend, auf welchen
er sich mit Sicherheit behaupten konnte, sagte er, sich zur Ruhe

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zwingend: Ich glaubte, hier nicht vermißt zu werden, ehe die
Herrschaften sich völlig über ihre Wünsche entschieden hatten
und. - -
Angelika ließ ihn aber, grade wie der Freiherr, nach Art
er Vornehmen, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen, seine
Antwort gar nicht erst vollenden. So haben Sie also schon ge-
hör, daß ich unnachgiebig auf meinem Sinu beharre? fiel sie ein.
Herbert verneigte sich. Sie sprachen es mir ja neulich,
als ich die Ehre hatte, Sie, gnädige Frau, nach der Birken-
höhe hinauf zu führen, bereits aus, daß da oben keine Gapelle
erbaut werden dürfe! antwortete er, während sein Blick auf
uhr mit so ernstem Ausdrucke ruhte, daß sie ihr Auge verwirrt
zu Boden senkte vor der Erinerung, welche er ihr damit wach-
ref, und Ihre Absicht, statt der Capelle einen . . - -
Aber er konnte den Satz abermals nicht vollenden, denn
der Baron gab ihm lebhaft und heimlich ein Zeichen, zu
schweigen, und er bemerkte an den Mienen Angelika's, daß sie
ncht wußte, weßhalb man ihm Schweigen auferlegte. Sie
also hatte den Vorschlag zu dem Tempelbau nicht gemacht!
Seine Hoffnung hatte ihn getäuscht! Wie aber war der Frei-
herr denn auf den Bau dieses Freundschafts-Tempels gekommen?
Es entstand eine Pause, und die Herzogin, welche bis
dahin sich gar nicht in die Unterhaltung gemischt hatte, kam
llen zu Hülfe, indem sie plözlich von dem Feste zu reden
anhub, das zu veranstalten man in den letzten Tagen beschlossen
habe und für welches man sich vielfach auf die Hülfe des Bau-
meisters angewiesen hielt.
Herbert hatte bisher davon kein Wort vernommen, der
an mußte also vermuthlich eben so wie der neue Bauplan
den beiden letzten Tagen entstanden sein, und die Verhält-
uhse wurden ihm immer unbegreiflicher. Man sprach von den
Rtrschiedenen Vorlehrungen für das Fest; der Marquis, welcher

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inzwischen auch dazu gekommen war, erkundigte sich bei Herben
um Costume und Decorationen, man sagte zuversichtlich: Herber
werde dieses schaffen, jenes thun, ein Drittes besorgen müssen,
und Niemand fragte ihn, ob er geneigt sei, die Dienste zu
leisten, welche man von ihm begehrte. Selbst Angelika be-
stimmte anscheinend ohne alles Bedenken über ihn, und wie sie
bei der ganzen Begegnung auch empfinden mochte, die Gewohn-
heit der Vornehmen, über jede Kraft zu verfügen, die sich
ihnen nicht gradezu entzieht, und der Glaube, daß sie eine
Gunst gewähren, wenn sie Dienste für sich fordern, lagen auch
ihr im Blute.
Aber Herbert war nicht der Mann, seine Kraft wider
seinen Willen verbrauchen zu lassen, noch eine solche Rücksichts-
losigkeit geduldig hinzunehmen. Man schien offenbar geneigt.
ihm plötzlich die Stellung zu bestreiten, welche man ihm bisher
eingeräumt hatte und welche zu behaupten er eben deßhalb als
sein Recht ansah. Man stellte an ihn bestimmte Forderungen
für ein Unternehmen, über das man mit sich selbst noch nicht
im Klaren war. Die Baronin sprach von Gästen, welche man
laden wolle. Es war die Rede davon, daß man für den be-
treffenden Fall das ganze linke Erdgeschoß zum Unterbringen
der Fremden brauchen würde; aber eben in dieser linken Seite
des Erdgeschosses wohnte Herbert, und mit einem Male tauchte
der Gedanke in ihm auf, daß die Baronin es bereue, sich ihm
auch nur einen Moment mit ihrem Herzen zugeneigt zu haben.
und daß sie ihn aus ihrer Nähe zu entfernen wünsche. Das
wies ihn vollends auf sich selbst zurück.
Ich fürchte, daß ich mich nicht in der Lage befinden werde,
sagte er höflich, aber fest, den Herrschaften, wie sie es wünschen-
meine Dienste widmen zu können.
Wie, rief die Baronin, die über ihre sonstige formelle
Weise hinausgetrieben wurde, da sie eine Freiheit und Heiter:

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eit zur Schau zu tragen hatte, die sie zu fühlen weit entfernt
war -= wie, mein Herr, Sie wollen sich unserem Dienste ent-
zehen, da wir gerade jetzt uns zu einem künstlerischen Unter-
nehmen rüsten?
Ich habe hier immer länger verweilt, entgegnete er, von
bem Tone ihrer Stimme wie von ihrem Blicke wieder shnell
beherrscht, als ich es im Grunde vor meinen anderen Unter-
nehmungen verantworten konnte, und ich.. :
Und Sie bedauern das, wie es scheint, und wollen sich
in Zukunft davor wahren, das ist in der Ordnung! sprach
Angelika, während sie die schönen Lippen spöttisch aufwarf.
Dem Freiherrn, welcher seine Gattin mit Befremdung
beobachtete, schien ihr Verhalten zu mißfallen, denn er sagte
mit entschiedener Kälte: Du darfst nicht vergessen, Beste, daß
unser junger Freund nicht zu seiner oder unserer Unterhaltung,
sondern des Baues wegen hergekommen ist!
Das traf Herbert wie ein Schlag, obschon es wie eine
Rechtfertigung für ihn gesprochen worden war, und sich ver-
ntigend, sagte er: Daran dachte ich eben, Herr Baron, und
ich wollte mir um deßhalb die Erlaubniß erbitten, nach Rothen-
feld hinüberzuziehen, um an Ort und Stelle die Arbeit zu
überwachen, so lange ich hier verweile und so oft ich in die
Begend wiederkehre.
Das Herz schlug ihm, als er so sprach, und wider seinen
Villen hegte er doch im Jnnersten die heimliche Hoffnung, daß
oan ihn nicht gehen lassen werde. Er sah, daß Angelika die
Zarbe wechselte, aber weit entfernt, ihn für die Kränkung zu
tntschädigen, welche ihre herausfordernde Weise ihm von dem
örriherrn zugezogen hatte, sagte sie: Ja, freilich, Ihr Beruf
nd Ihre Arbeit gehen vor, denn es haben ja Andere an Sie
Re gleichen Ansprüche wie wir! - Sie gab damit ihre Zu-
nnmung zu seinem Scheiden ebenfalls zu erkennen und er-

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innerte ihn, wie er glaubte, ebenfalls daran, in welchem Ver-
hältnisse er sich neben ihr befinde. Herbert, der dies nie vet-
gessen hatte, der sich bewußt war, eine solche Erinnerung nicht
zu verdienen, empfand sie schwer und sich zusammenfassend,
sagte er mit möglichster Ruhe: So gestatten Sie, gnädigste
Frau, daß ich diese Bemerkung als das Zeichen meiner Beur-
laubung betrachte und mich jetzt gleich nach Rothenfeld begebe!
Sie entgegnete ihm nichts; nur der Baron sagte leicht-
hin, aber mit gewohnter Freundlichkeit, während er schon der
Herzogin den Arm bot und der Marquis sich der Baronin
näherte, um sie zum Frühstücke zu führen: Machen Sie das,
lieber Herbert, wie Sie wollen, ganz wie Sie wollen, Lieber!
aber er forderte ihn nicht wie sonst auf, ihnen wenigstens jetzt
noch zum Frühstücke zu folgen, sondern schritt ohne Weiteres
dem kleinen Speisezimmer zu. Alles Blut strömte Herbert nach
dem Herzen zurück. Er verbeugte sich und verließ bleich vor
Zorn und unterdrückter Bewegung das Gemach.
Gehen Sie nicht fort, ehe ich Sie nicht noch über die
bewußte Angelegenheit gesprochen habe, lieber Herbert! hörte er
den Freiherrn ihm nachrufen; aber er beachtete es nicht, obschon
er die Worie vernahm.
Draußen im Vorsaale begegnete ihm der Caplan, welchet
sich zum Frühstück begab. Was ist geschehen? fragte diesn.
als er die Verstörung des jungen Mannes sah.
Ich habe eine Lehre erhalten, die mir nöthig war! gae
Herbert ihm zur Antwort.
Der Caplan wollte ihn so nicht gehen lassen, wollte ihn
zum Sprechen bringen: Herbert wies ihn zurück. Ein Dienet
kam nach dem Caplan sehen, den man beim Frühstück vermißte
Gehen Sie, gehen Sie, Hochwürden, rief Herber, Z
müssen ja gehorchen! Ich aber bin noch frei und, bei Gott.
ich denke es auch zu bleiben!