Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 26

Neuntes Capite l.
, einer Stunde war sein Gepäck gemacht, eine halbe
Stunde später war er auf dem Wege nach Rothenfeld. Als
er dort ankam, war der Amtmann im Felde; Eva empfing
ihn mit heller Freude. Er gab die nöthige Auskunft über den
außeren Anlaß seiner Wiederkehr und bat um Nachsicht, wemn
er ihr freundliches Willkommen nicht, wie er müsse, anerkenne.
Sie blickte ihn an, wurde plötzlich ernsthaft und sagte,
indem sie ihm die Hände reichte: Mosje Herbert, Ihnen ist
ein Unglück geschehen. Vertrauen Sie es mir, denn ich werde
keine Ruhe haben, ehe ich es weiß!
Er sagte, er habe nur etwas Sammlung nöthig, um einen
Brief zu schreiben, und wenn er das gethan, so werde er wieder
munter sein.
Sie drang darauf nicht weiter in ihn und führte ihn in
das Zimmer, welches er während der beiden letzten Tage inne
gehabt hatte. Mit leiser, eilender Hand zog sie die Vorhänge
auf und rückte die Möbel zurecht, wie er es brauchte. Sie
dar so natürlich in dieser Dienstbarkeit, daß er dieselbe wie
tmn Selbstverständliches ohne Danken hinnahm. Sie half ihm
den Mantelsack öffnen und legte ihm die Papiere, welche er
dnausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann verließ sie
hn, aber man hätte in ihrer sorgenwollen Miene nicht das
chende Mädchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen
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hatte. Noch unter der Thüre wendete sie sich nach ihm um.
Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte
zu ihm znrückkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog
sie die Thüre leise zu und ging traurig von dannen und an
ihre Arbeit.
Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er
seinen Brief beginnen wollte, wurde er gewahr, daß er imnerlich
fassungslos und also nicht zu schreiben im Stande sei. Er
konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich jedes ge-
sprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen
Personen deutlich erinnerts. Es kam ihm Alles unglaublich
vor, weil er es mit der Vergangenheit in keinen deutlichen
Zusammenhang zu bringen wußte.
Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung
empfangen, eine Beleidigung, für welche er Rechenschaft zu
fordern hatte; indeß die Art der Genugthuung, nach welcher
er verlangte, komnte er, der bürgerliche Baumeister, von dem
Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wußte, daß man
sie ihm mit Lachen verweigern würde. Herbert war von seinem
Vater, der eine ansehnliche Kundschaft unter dem Adel besaß
und manchen Gömner unter ihm zählte, in der Achtung vor
dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner bürgerlich
gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich
eben nicht viel um die Vorrechte des Adels gekümmert oder,
wenn dies doch geschehen war, bisher nicht Ursache gehabt, se
ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den
Schranken, welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und
in seinem privaten Leben von dem Edelmanne trennen, und
er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn bis auf diesen
Tag nicht fühlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher ver-
ehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für
das freiherrlich von Arten'sche Haus er nach Richten gelommen

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er die Eifersucht des Freiherrn erregt, daß ein Zerwürfniß und
eine Versöhnung zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben
müsse, weil er sich daraus die Zärtlichkeit Angelika's für ihren
Gatten herzuleiten wünschte. Aber wie sollte er diese wieder
zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit
welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraus-
setzungen bot eine völlig genügende Erklärung dar, keine seiner
Empfindungen war rein, alle waren sie gebrochen, und, empört
gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich selber,
rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen
und den Haß!
Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron,
um von ihnen eine Aufklärung zu heischen und sich über die
Herzens- und Ehrenkränkung zu beschweren, die man ihm zu-
gefügt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit denen
man zu thun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden
befindet, wird selbst das Zugeständniß einer begehrten Gerech-
tigkeit zu einer freiwilligen Gunstbezeigung, und eine solche von
dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das Widerstrebendste.
Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch
lösen konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der
Bau stieg edel und schön empor, und Herbert war Künstler ges
nug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk nur mit höchstem
Widerstreben zu verlassen; indeß die Aussicht, eben um dieses
Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen
Vorgängen doch in fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen,
war ihm so quälend, daß sich von dieser Abhängigleit zu bes
freien ihm für den Augenblick als das Nothwendigste erschien.
Jn dieser Stimmmung ergriff er die Feder auf das Neue.
aHochgeborener Herr Baron !? - schrieb er - ,Eure
Gnaden haben mich heute mit Recht und sehr zur Zeit daran
erinnert, daß ich nur um einer Arbeit willen und als Künstler

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nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit
ihr den gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden
nach besten Kräften zu entsprechen, ist mir eine Ehren- und
Gewisenssache gewesen, und die huldvolle Güte wie die Zu-
ftiedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Muth und
Aufmunterung gegeben. Zu meinem großen Bedauern habe
ih aber die Bemerkung machen müssen, daß Sie mir Ihre
Zufriedenheit entzogen haben, und ich möchte Ihnen weder mit
meinen Diensten noch mit meiner Person beschwerlich fallen,
wenn beide aufgehört haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben
Eure Gnaden mir also die Versicherung, daß ich bereit bin,
Ihnen alle von mir gemachten Pläne und Detailzeichnungen
ur Verfügung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem
Grunde wünschenswerth sein sollte, den Bau durch einen anderen
Baumeister fortführen und vollenden zu lassen. Ich wage wohl
leme vergebene Bitte, wenn ich Eure Gnaden ersuche, mich
Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen.?
Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu
schaffen, der denselben nach dem Schlosse trage. Als er das
Schreiben unterwegs wußte, wurde ihm leichter um das Herz
Beil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung gethan hatte,
glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn
ttgen Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jezt,
da er sich nicht mehr um das Weßhalb der erlittenen Belei-
dgung kümmerte, sondern sich nur der Thatsache gegenüberstellte,
trwwachte in ihm das Selbstgefühl, welches überall verloren
Mht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen,
iu schaffen macht.
Er verließ sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Ab-
Idht, hinunter in das Haus. Der Amtmann war zurüc
glehrt; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den Mittagstisch.
e hatnte den Bruder von Herbertks Ankunft schon in Kenntniß

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gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was ee
gegeben habe.
Herbert fühlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mit-
zutheilen. Es widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere
des ihm geschehenen Unrechtes einzugestehen, da er es ohne
Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig konnte und
durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und
um sein neuliches Erlebniß mit der Baronin stand. Er be-
richtigte also nur, daß man ihn, gegen die frühere Weise, kalt,
ja daß man ihn ungebührlich behandelt habe, und daß und
was er dem Baron geschrieben.
Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und Jagte dann mit
einem Lächeln, das seinem gescheiten Gesichte einen noch größeren
Ausdruck von Klugheit gab: Ich hätte es Ihnen voraussagen
können, wie es mit Ihnen kommen würde, Herr Baumeister.
Es ist ein ordinäres Sprüchwort, aber wahr ist's darum nicht
minder: ,Es ist nicht gut mit den großen Herren Kirschen
essen !? Und, fügte er hinzu, um wieder einmal vor dem
Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's
oft zur Eva gesagt, es ist wie mit Jen Granatäpfeln in der
Mythologie; man muß nichts von den Herrschaften geschenkt
nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei bleiben will.
Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen Hause
seit Menschenaltern dient? wendete Herbert ein.
Das sage ich Ihnen eben deßhalb; denn wir haben unsere
Manier probat gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schul-
digkeit thun, seinen Lohn empfangen, nichts darunter, nichts
darüber, und Herr und Diener sein, rein weg!
Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronn
dem Amtmann ebenfalls Gelegenheit zur Unzufriedenheit ge:
geben hätten.
Nicht daß ich's sagen könnte, meinte dieser. Aber das

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ht sch bei uns so fortgeerbt von Einem auf den Andern,
es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen hierlandes den
Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere
Herschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie
der Andere!
Ea meinte, die Herrschaften kömnten aber doch sehr freund-
lch sein und hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen
sie tets so gezeigt.
O ja, rief der Amtmann, aber es würde bald damit aus
gewesen sein, hätte ich mich darauf eingelassen, wie sie's mit
Dir und mir versuchten! Heute hieß es, weil ich denn doch
dies oder jenes mehr gelernt hätte, als es sonst hier im Amte
zu geschehen pflegte, so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei
der oder jener Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre!
mur weil er mich leiden und mich um sich haben möchte! Und
morgen meinten sie, die Eva sähe gut aus und hätte recht
antändige Manieren; sie könnte also, wenn sie wollte, bis-
weilen auf das Schloß kommen und der Frau Baronin etwas
dorlesen und mancherlei im Schlosse annehmen und lernen.
Aber wir kemnen das! Für einen Finger, den sie uns reichen,
wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich
de ganze Hand von uns, und will man sich dann dafür auch
einmal an ihrer Hand halten, so wird's ihnen gleich zu viel,
und sie ziehen die Hand zurück und nehmen's uns noch übel,
daß wir ihnen die Mühe machen, uns abzustoßen! = Er lachte
dabei und sagte zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Nücen
dmnen wir! Sie dort und wir hier! Guter Dienst und gutes
secht! Wir sind uns hier selber gengl
Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung P-
war, als sprächen sein eingeschläfertes Gewissen, seine heim-
che Einsicht selbst zu ihm, und zu seiner eigenen Beruhigung
öge er Ich sehne mich eigentlich auch danach, dieses Gon-

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traces und des ganzen Verhältnisses, an das ich mit so gutem
Glauben gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den
Kopf. Herbert fragte, ob er an der Wahrheit dieser Wore
zwweifle. Nein, versetzte Jener, daß Sie es in diesem Augenblick
wünschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los.
Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das muß man ihm
lassen, und wie er selbst sein Wort hält, so besteht er darauf,
daß ihm Wort gehalten werde. Freiwillig entläßt er Sie
Ihres Contractes nicht, und contracbrüchig werden Sie doch
schließlich auch nicht heißen und nicht werden wollen!
Sie sprachen hin und her; der Baumeister verrieth nichts
von dem, was ihm widerfahren war, aber der Amtmann, welcher
gut zu fcagen und zu hören wußte, kam durch einzelne Aeuße-
rungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er
von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte
trugen doch alle das Gepräge der Abneigung, welche er gege
die Herrschaften hier in der Gegend, wie er den Adel nannte,
in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche Gesinnung
aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine
hielt, so wußte Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht
und dem Stolze, den Galanterieen und den Liebesabenteuern
der adeligen Damen zu erzählen, wie sie als Gerüchte von
einem Amthause in das andere getragen wurden, daß Herber
den letzten Rest des sanften Zaubörs schwinden fühlte, in welchem
sein Verhältniß zu dem freiherrlichen Hause und zu Angelila
ihm erschienen war. Er begann sich in seinem Jnnern einen
eiteln Thoren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er
malte es sich aus, wie man ihn im Schlosse jetzt geringschäßs
verlachen möge, und während der Amtmann und seine Schwester
mit Vergnügen davon sprachen, daß sie Herbert nun bei sich
behalten würden, während sie ihm vorschlugen, wie er es sich

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hei ihnen bequem machen könne, dachte er nur daran, über-
haupt aus der Gegend fortzukommen. Eoa's zuversichtliche
Betheuerung, daß er bleiben werde, weil ihr Bruder gesagt
habe, daß er bleiben müsse, steigerte seine Sehnsucht, sich los-
zareißen. Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des
Boten kaum erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva
und trotz der Unterhaltung mit dem Amtmanne war er inner-
lch nur damit beschäftigt, sich die Art und Weise vorzustellen,
in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contraces willigen
und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der Thüre sitzen zu bleiben,
als er den Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah;
selbßt Eva wurde unruhig über die Langsamkeit, mit welcher
derselbe die Weste aufknöpfte, unter der er das Schreiben des
Barons, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche
umwwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses
Schreibens machte Herbert betroffen. Es war ein kleines
Blättchen, leicht zusammengelegt, wie man es einem Unter-
gebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet;
und wie sein Aeußeres war auch der Ton, in dem es gehalten.
,Machen Sie sich keine Sorge', schrieb der Baron. Ich
bin durchaus nicht unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistun-
ge, im Gegentheil! Ich pflege auch nicht aufzugeben, was
c unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem Manne,
der ßch zu respecäiren weiß. Bleiben Sie also ruhig in Rothen-
fld, das ist Ihrem Werke sicher förderlich, besonders da Sie
öteinert zur Hand haben. Wegen meines anderen Vorhabens
echen wir bald das Nähere. Ich werde Sie in den nächsten
Igen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen.'
Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine
snterschrift, als das mit langem Zuge versehene A., mit welchem
Rde Freiherr wie ein König die Erlasse an den Amtmann P

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unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar nichts
vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschäftliche Be-
ziehung zwischen diesem und dem freiherrlichen Hause Stan
gefunden, als könne des jungen Mannes Wunsch, sich von der
ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen, gar keine andere Ur-
sache haben, als seine Besorgniß, daß der Freiherr mit seinen
Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine An-
mahnung zur Pflichterfüllung enthielt das Schreiben, kein Wor!
der Begütigung, wie die Einleitung von Herbert's Brief sie
forderte, wenn man ihn festzuhalten wünschte und ihn nicht
hatte kränken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch
einmal. Es war die schwerste Demüthigung, welche er empfan-
gen hatte! Eva, die ihn während des Lesens genau beobachtete,
hatte bemerkt, daß er blaß geworden war. Ihre großen Augen
hingen ernst an seinen Mienen.
Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die
Tasche steckte.
Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die Hände empor, un
sie vor Vergnüügen zusammen zu schlagen, ließ sie aber, als sie
in sein verstörtes Antliz blickte, eben so schnell wieder sinlen
und meinte kleinlaut: Das thut mir leid, wenn es Ihnen so
hart ankommt!
Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dies
selben sprach, bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung
bitten, ihr eine Freundlichkeit erwidern, indeß er konnte es in
diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut, Eva! sagte er-
indem er ihr die Hand gab.
Was nützt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? ent-
gegnete sie, indem sie sich von ihm losmachte und sich entfernte.
Es war bei ihr immer, in Fröhlichkeit und Betrübniß, derselbe
gute und werkthätige Sinn; aber es war Herbert doch erwünscht.

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alein zu sein. Er konnte eben jetzt keine Hülfe und keine
Gesellschaft brauchen.
Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn
atbeiten, vorwärts kommen, hieß jezt für ihn, seiner Freiheit
näher rücken. Aber wie er den Sinn auch auf die Verknüpfung
der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem
Jnnern: Sie haben dich, weil sie dich nicht für ihres Gleichen
halten, nicht nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache
behandelt, die man aufnimmt oder liegen läßt, je nach Be-
leben! - Und je länger er das dachte, um so öfter richtete
sein Blick sich nach Frankreich hinüber, und er fragte sich:
Wann wird denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hoch-
müthigen den Nacken beugt? -
Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vor-
nhm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende
Marquis: beide flüchtig, beide das Gnadenbrod der Fremde
eßend und beide so ungebeugt, so sicher in dem Glauben an
die unwergängliche Neberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes,
daß der Haß gegen dieses alte Blut in Herbert entbramnte
und es ihm vorkam, als könne er dieses Blut kalten Auges
detgießen sehen, als könne er sie sterben sehen, sie Alle mit
amander: den hochgemutheten Freiherrn, die zarte Herzogin,
den fröhlichen Marquis, und auch sie, die -schöne, lächelnde
Baronin, wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen
drmnochte, wie sie ihn geflissentlich beleidigt, wie gedemüthigt er
on ihnen gegangen war. Er haßte sie nicht nur für dasjenige,
as sie ihm zugefügt, sondern mehr noch deßhalb, weil er's
Magen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten mußte,
m seiner Pflicht nachzukommen, welche jenen gegenüber seine
ozge Ehre war. Er haßte sie!