Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 27

Zehntes Capitel.
Fer Feldzug, zu welchem die Regimenter so fröhlich aus
der Hauptstadt ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewährt
und war ein fruchtloses, ja, ein unheilvolles Unternehmen
gewesen sowohl für diejenigen, denen er helfen und dienen, als
auch für jene Anderen, welche die Hülfe hatten bringen sollen.
Die Revolution war in Frankreich immer energischer und sieg-
reich vorwärts geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der
Goalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt.
Graf Gerhard, dem es an persönlichem Muthe nicht gebrach
und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo
viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden, war als
Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgelehrt.
Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in
der Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich
nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern
nach Berka begeben. Er hatte die Familie Flies nicht auf-
gesucht, auch zu der Kriegsräthin war er nicht gegangen. Seba
erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben be-
deutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch
weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien,
welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Miethers
unterhielt.
Gott soll mich bewahren, daß ich Sie anklage, theuerste
Frau Kriegsräthin, sagte Madame Flies eines Nachmiitags, als

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viese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirthin gekommen war
-- Gott soll mich bewahren, daß ich Sie verkemne; Sie haben
es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und
Gott lenkt!
G ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura,
indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirthin
i der Hand wog, der doppelt so schwer war, als die ihrigen,
daß ich die unschuldige Veranlassung zu Seba's Lebe für den
Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr.
Sie ist wirklich schöner als je, und sie schlägt es sich ja endlich
auch wieder aus dem Sinne.
Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht,
lebe Frau Kriegsräthin, Seba hat des Vaters Kopf! Die
dengißt nicht, was sie einmnal gewollt hat; und wenn sie
auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch
shön ist wie sonst, - Sie sollten sie nur sehen, wemn sie sich
unbeachtet glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften
sideraugen nicht mehr!
Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem kühlen
Bedauern der Gleichgültigkeit, das der Leidende als eine schwere
beleidigung empfinden würde, wäre er nicht in der Regel zu
hr in sich versunken, um darauf zu achten. Die Kriegsrathin
aber glaubte der Theilnahme, die man von ihr fordern konnte,
ait jenem Ausruf vollauf genügt zu haben, und da man der
femden Klage am leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu
lagen beginnt, wiederholte sie mit einem Seufzer ihr: Wie
Vtaurig! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es trägt
Jedermamn von uns sein Theil, liebste Flies, und was Sie
dden, leiden Sie mit Ihrem eigenen Kinde, das ja jung und
Idn st, und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren
nen, auch früher oder später glücklich werden wird. Nehmen
dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles

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für den Knaben schon gethan, und Alles das umsonst! Nur
an Seba hängt er und an meinem Mamne, als wäre ich gar
nicht da - und im Grunde ist das noch das Wenigste!
Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drücte,
konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht wider-
stehen, einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten. Es trifft
Alles so schlimm zusammen, -= sagte sie fast gegen ihren Willen,
-- so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten
Verdruß und Sorge bereitet werden. Nicht genug, daß der
Knabe immer verschlossener wird, daß ich mir Seba's Kummer
zu Herzen nehme, habe ich mich eben in diesen Tagen auch
mit unserem alten, guten Freunde und Gönner, dem Präsiden-
ten, erzürnen müssen.
Mit dem Herrn Präsidenten? fragte näher rückend Madame
Flies, die seit der ganzen Reihe von Jahren gewohnt war,
den alten Herrn täglich zu seiner Freundin gehen zu sehen.
Wie ist das denn zugegangen?
Weiß ich's? rief die Kriegsräthin und knüpfte, weil ihr
warm wurde, das Band auf, mit welchem ihre Flatteuse unter
dem Kinn zugebunden und das mit einem Liebesknoten an dem
Brustlaze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein
und aus gegangen; wir waren so an einander gewöhnt, ee,
mein Mamn und ich; wir wußten, wie wir einander zu nehmen
und wie weit wir auf einander zu rechnen hatten; da bringl
ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Bilet in
die Hände.. - -
Ein Billet - ja, was denn für ein Billet? forschte die
Andere, deren Augen vor Ungeduld und Neugier zu funkeln
begannen.
Ach, ein Billet des Hauptmannes = ein Billet, das er mir
am Tage nach der Rückkehr schrieb - die Kriegsräthin lächelte
und wendete den Kopf nach dem Spiegel, der zwischen den

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biden Fenstern hing - ein Billet, wie jede halbwegs an-
gmnehme Frau deren unzählige erhält! Ein paar Verse, wie
et sie mir, seit er damals hier war, bisweilen schickte, reine
Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet, sie vergessen, sie lagen in
neinem Nähtischchen, da fand sie der Präsident.. - -
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Frage der Anderen gar nicht beachtete; und stellen Sie sich vor,
aus diesem ganz gleichgültigen Briefe macht er mir ein Verbrechen.
Et etlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte Erllärungen, als
wäre ich ein Kind und nicht eine Frau, die weiß, was sie zu
thun hat.
Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche
Treue verstand sie keinen Spaß. Aber wie kamen den der
Herr Präsident darauf und was sagen der Herr Kriegsrath
dau? fragte sie bedenklich.
O, der ahnt davon noch gar nichts, der würde mir es
nicht vergeben!
Hören Sie, brach nun Madame Flies plötzlich aus, hören
Sie, liebe, gute Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken!
Sie wissen, wie viel ich von Ihnen halte, liebe Frau Kriegs-
nnäthin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine ver-
himathete Frau.... Sie brach ab, schüttelte das Haupt, daß
de echten Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn
aederfielen, und reichte, als wolle sie gut machen, was sie noth-
rungen hatte sagen müssen, ihrer Freundin, obschon dieselbe
ßh eben erst bedient, noch einmal die silberne Zucerschale mit
em freundlichen: Ist's gefällig? hin.
Die schöne Laura lachte plözlich ganz hell auf, und sie
d wirllich noch sehr hübsch aus, wenn sie lachend die weißen
Ihne und die tiefen Grübchen in den vollen Wangen sichtbar
Rden ließ. Sie meinen, um die Verse kümmere sich mein

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Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse
an seine Frau, die werden doch einen verständigen Mann nicht
in Harnisch bringen, auf die muß jeder Mann gefaßt sein, der
sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen hat. Abee-
daß ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner
Weise zu behandeln wußte, das wird mein Mann mir nicht
vergeben -= und ich vergebe mir es selber nicht!
Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrathes Chef!
bemerkte Madame Flies, um doch etwas zu sagen, da die Hei-
terkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.
Ja, freilich, das ist's ja eben, bekräftigte Laura, sich be-
sinnend, mit ganz verändertem Tone, da sie die zweifelhafte
Miene ihrer Hauswirthin bemerkte. Das ist es eben, wir sind
abhängig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie über
diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und
wir haben kein Vermögen! - Sie hielt abermals inne, sah
ihre Freundin prüfend an und sagte dann ernst und nieder-
geschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in
Ihres Mannes Casse haben, Sie können gar nicht wissen, wie
schwer in diesen Zeiten das Auskommen für den Beamten ist.
Jedes zu Ende gehende Quartal hat seine Nothwendigkeiten,
jedes beginnende macht seine Ansprüche; die Rechnungen kommen,
die täglichen Ausgaben laufen fort, man muß nach außen an'
ständig auftreten, wie man sich in seinem Hause auch beschränlt,
die Miethe iß zu zahlen - Sie glauben nicht, welche Verlegen
heiten das bereitet!
Madame Flies versicherte und erinnerte sie, daß es mit der
letzteren nicht eile, daß ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
Gewiß, gewiß, rief Laura, der Kriegsrath besitzt ja einen
wahren Schatz an Ihres Mannes Freundschaft! Aber was
hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie ängstlich, wie genon
der Kriegsrath ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes Theater:

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hlet und jedes Biscuit muß verzeichnet werden und wird be-
hittelt, wenn es verzeichnet ist. Da half demn des Präsidenten
Galanterie gelegentlich ein wenig aus - versteht sich, nur leih-
weise - für Tage nur - nur um den lieben Hausfrieden
nicht zu stdren! Und da muß mir nun nach elf Jahren der
Präsident die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich
habe schon gedacht, ob Sie, liebe Madame Flies.. . -
Sie brach plötzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht
hatte; demn das Gesicht ihrer Wirthin verrieth ihr, daß sie sich
wahrscheinlich eine umnütze Blöße gegeben hatte. Das Kaffee-
zug war fortgeräumt, die Hausfrau erhob sich, um den sußen
Wein und das Confect zu holen, die den Imbiß vervollstän-
digen sollten, aber wie mild und glatt der alte Malaga die
sehle auch hinabglitt, die Unterhaltung wollte nicht wieder in
Jluß gerathen.
Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freun-
di gehegt, hatte einen schweren Stoß erlitten, und die Kriegs-
ähin hatte auch besser von ihrer Wirthin gedacht. Nach der
drglosen Weise, in welcher sie Seba früher ihren Beg gehen
dsßen, hatte sie die Muttter nicht für so spießbürgerlich und
oamentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten. Sie waren
deide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen,
ßber deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vor-
clung machten.
Seba's erstes Emyfinden nach jenem unheilvollen Morgen
d nach den Tagen, welche ihr die Ueberzeugung aufgedrangt.
Nß ße gewissenlos von einem Elenden verrathen und verlaßen
. war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu Füßen
i werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war geng-
ihr eigenes Herz gefoltert ward, daß sie sich selbst verloren
tte, daß sie elend geworden war, daß sie sich verachtete und
It mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts zu blicken wags-
F Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l

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Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht:
nur Eine Gewißheit und nur Ein Gefühl waren unwerändert
in ihr geblieben: sie wußte, daß sie das Glück ihrer Eltern
war, und sie liebte ihre Eltern. Daran mußte sie sich halten!
Es wäre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen,
ein Trost, sich zu demüthigen; denn es ist für ein recht-
schaffenes Herz leichter, verdienten Tadel, als unverdientes Lob
zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen, deren
es sich nicht mehr würdig glaubt. Aber was sie selber auch
empfand, wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie ver-
urtheilten, wie tief sie sich erniedrigt fühlte, den Eltern mußte
und wollte sie zu bleiben suchen, was sie ihnen gewesen war:
ihr Stolz und ihre Freude. Sie mußte schweigen, sie mußte
die Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens
rang, mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte, und
Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, daß die feinen Furchen
um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden
waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in ver-
gangenen Tagen entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie
sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten, wie ängstlich die
Eltern danach spähten, einen Strahl der alten Lebenslust in
der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie hätte sie selber suchen,
finden mögen, neuen Muth und neues Wollen und Streben;
aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Er-
niedrigung und Herzgebrochenheit?
Traurig, den Kopf auf die schmale, weiße Hand gestizt-
saß sie eines Abends an dem Fenster ihrer Stube. Draußen
war das Wetter schlecht. Es war noch früh im Jahre, ein
kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf
ihn klatschend zur Erde. In den großen Lachen spiegelten sich
die Lichter der Laternen, welche die Leute, die unter ihren
Schirmen in das Theater gingen, sich vortragen ließen. Es

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par eine Schauspieler-Gesellschaft angelommen, welche für einige
Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der
Aufsührung von Schiller's ,Fiesco begomnen hatte. Kein
Gebildeter hatte bei diesem Anlaß fehlen dürfen, auch Seba hatte
er Darstellung beigewohnt, und Verrina's: ,Was that jener
eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so - wie nenn'
ih's nur - auch so artig fand? lag noch schwer auf ihrer Seele.
Sie war von Herzen traurig, sie komnte nicht deutlich
denlen, nur daß sie müde, bis zum Tode leidensmüde sei, das
fühlte sie mit dumpfer Schwere. Sie hatte keinen religiösen
Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der sie beten
lomnte, denn der Gultus, dem sie durch ihre Geburt angehdrte,
war ihr fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beicht-
vaterJdem sie sich anvertrauen komnte, sie hatte keinen Erlöser,
an den sie sich wenden konnte. Sie war ganz allein, ohne
eme Stütze, ohne einen anderen Halt, allein mit der unver-
bnchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte,
daß sie gefehlt, daß sie sich entehrt habe vor den Menschen und
nehr noch vor sich selber, und daß kein fremder Trost und
rine fremde Hülfe von ihr nehmen könne, was sie selber auf
ßh geladen hatte.
Paul, der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter
glommen war, um seine Freundin zu besuchen, hatte sich
almählich daran gewöhnt, ihr schweigend Gesellschaft zu leisten.
Ene geraume Zeit sah der große, schlanke Knabe geduldig zu.
de auf der Straße die Lichter flackerten und wie die Leute
dt dem Winde kämpften. Endlich mochte er dessen überdrüssig
n, denn sich zu Seba wendend, bat er: Sprih doch mit mir!
Sie überhörte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie
h nicht mit ihm beschäftigen würde, dann sagte er ganz
ddzlich: Seba, Du wirst Dich gewiß auch noch einmal ins
losir stürzen!
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Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief
sie, indem sie ihn bei den Händen erfaßte.
Ihre Stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hane
sie ihn niemals angefaßt. Er fürchtete sich vor ihr. Laß mich
los, rief er erschreckend, laß mich los!
Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wieder-
holte sie.
Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.
Was denn? Was siehst Du denn? drängte ihn Seba.
der das Herz fast hörbar klopfte; denn das schweigende Leiden
unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft, und schwarze, un-
klare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der
Straße das Wasser in den Lachen so gezittert und geglänzt
Eine schmerzliche Sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem
Herzen gezogen. Sie hätte fortgehen mögen, fort von Vater
und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre
bitteren Thränen laut zu weinen und damn endlich nichts mehr
fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden, mit
Einem Male für immerdar.
Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre
milder gewordene Stimme löste des erschreckten Knaben Lippen.
Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte
er, und weinst immer wie sie, Du wirst Dich auch noch wie
fie ins Wasser stürzen!
Seba schlug die Hände vor dem Gesichte zusammen, sie
erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken; des Knaben
Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein heißes Mitleid
für die Todte mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene
Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Theilnahme für
einen Andern zu empfinden vermag, reicht wenigstens in dem
Momente über die eigene Noth hinaus. Die Thränen schossen
ihr in die Augen, indeß diese Thränen thaten ihr nicht so

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ehe, als die unzahligen andern, welche sie seit der Unglücks-
funde bis auf diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer
Hülfslosigteit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf,
daß sie sich erlösen müsse, wenn sie nicht ihr Leben enden
wolle; daß sie wählen müsse zwischen Selbstvemnichtung und
Selbsterhaltung durch ein klar bewußtes Thun, durch Selbst-
erhebung und durch Selbsterlösung.
Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte
ine reine, schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie
kmnte Paulinen nicht mehr helfen; aber sich selber konnte sie
belsfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und dieser Knabe,
Seba und Paul, sie gehörten zu einander, das war die Vor-
telung, die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war
ei Verstoßener, einer Verstoßenen und Verlassenen Sohn, und
war sie doch auch entehrt und verrathen und wie seine Mutter
verlassen worden.
Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner
Nutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute
kagte sie ihn, was er von seiner Mutter wisse. - Er hatte
en llares Gedächtniß von dem letzten Gange mit ihr bewahrt;
n erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimath, des Bagens,
d welchem der Baron zu kommen gewohnt war, und er wußte,
daß der Baron von Arten sein Vater sei. Aber mit der Festig-
dt, welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er, nachn
dmn der Zufall ihm einmal einen Theil seines Wissens ent-
dlt, wieder geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des
Iugenblickes entsann er sich, da er die Kunde von dem Tode
diner Mutter erhalten hatte.
Ich weiß es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte
d die Stube voller Menschen war. Sie schrieen alle, die
lutter sei ins Wasser gestürzt, und die Magd, welche bei uns

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diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe
in der Hand und weinte.
Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden,
wenn sie es nicht vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit
ihrer Schuld, mit ihrem Unglücke? Wenn sie sich in grübeln-
der Verzweiflung auf dem Wege gehen ließ, auf welchem sie
sich eben angetroffen? Was sollte aus ähren Eltern werden,
wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten, ihnen des ein-
zigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen?
Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und um-
schlang den Knaben, als müsse sie sich an sein blühendes Leben
halten, um sicher vor dem Tode zu sein. Ich will nicht unter-
gehen, ich will und werde nicht zu Grunde gehen! Ich will
leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern,
bei meinen guten, armen Eltern, lieber Paul!
Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle
Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt,
weinte mit ihr. Er hielt ste mit seinen Armen umfaßt, und
es war ihr, als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn,
als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durch-
ziehe eine milde Wärme ihre Brust. Ihre Thränen hörten
zu fließen auf, auch sie umfaßte den Knaben zärtlich, und ihn
an sich drückend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!
Ja, antwortete er ihr ernsthaft.
Und wir wollen recht gut sein, Paul!
Ja, entgegnete er ihr wieder.
Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen!
Hörst Du, rechte Freude, Paul! Und hier än meiner Stube
wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen, und Du
mußt recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb
haben, wie Deine Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul!
rief sie, und es kamen Kraft und Freude in ihre Stimme bei

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ven Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du
sollst mein Sohn sein, das heilige Vermächtniß Deiner armen
Mutter! wiederholte sie.
Kommen wir dann auch in das Schloß und in den Park?
fiel ihr der Knabe in die Rede, der sich nach Kinderwweise
schnell erheiterte und dadurch auf die angenehmen Vorstellungen
veffiel, welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt haben mochten.
Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn nieder-
blickte, nie! Wir kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht
ih! Aber leben wollen wir bleiben, leben will ich bleiben für
die Eltern und für Dich! - Leben! rief sie noch einmal, tief
Athem schöpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben,
helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!