Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 29

Zwölftes Capitel.
zn der Lage, eine ernste Selbstprüfung zu scheuen, be-
fand die Baronin von Arten sich seit langer Zeit. Sie war
nicht wieder Herr über sich selbst geworden, seit sie es sich und
der Herzogin eingestanden, daß sie Herbert liebe, und seit dieser
vollends durch ihre Schuld das Schloß verlassen hatte, konnte
sie nicht mehr zur Ruhe kommen.
Geheilt zwischen ihrem Pflichtgefühl und zwischen der
Leidenschaft einer ersten Liebe, die um so stärker in ihr brannte,
als sie nicht in dem blöden Herzen eines Mädchens, sondern
i der vollbewußten Seele einer reifen Frau entstanden war,
eben so bange vor der Hoffnung, geliebt zu werden, als vor
der Besorgniß, ihre Liebe nicht erwiedert zu finden, suchte sie
Anfangs Trost in dem Rathe des bewährten Freundes, des
Caplans; aber ihr eigener aufgeregter Sinn und der Einfluß
dtn Herzogin hatten auch Angelika's Verhältniß zu ihrem Beich-
ger angetastet und getrübt.
Wenn der Caplan ihr bewies, daß die Entfernung Her-
ber's nothwendig gewesen sei, sofern sie nicht habe eidbrüchig
derden wollen, so konnte er bemerken, wie sich statt der Reue
ßber ihre Liebe eine Empörung gegen ihre Ehe in ihr erhob
und wie sie sich jetzt mit einer gewissen Befriedigung der Ver-
1ngenheit und der Abenteuer ihres Gatten erinnerte, um in
nen eine Beschönigung für ihr eigenes schwankendes Herz zu
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mit der Herzogin durchgesprochen, und da die Frauen trotz der
großen Verschwiegenheit, deren sie fähig sind, in ihrem Ver-
trauen keine Grenze kennen, wenn sie den ersten Verrath an
ihrem eigenen Geheimniß begangen, so erfuhr die Herzogin
nicht nur Alles, was Angelika wollte und wünschte, hoffte und
fürchtete, sondern auch Alles, was zwischen ihr und ihrem
Beichtiger geschehen war und geschah. Selbst das stille, heilige
Geheimniß seines Herzens, welches er der Baronin einst als
Zeichen seines Glaubens an sie enthüllt, wurde der Herzogin
Preis gegeben und von ihr gegen den Caplan benutzt.
Sie tadelte ihn nicht, im Gegentheil, sie lobte, sie be-
wunderte seine Entsagung, aber sie beklagte es, daß sein Leben
nicht reicher, seine Erfahrung nicht ausgebreiteter gewesen, daß
er immer in den engen Kreis der freiherrlichen Familie gebannt
geblieben sei. Sie nannte es ein Unglück, daß er auf diese
Weise nicht habe begreifen lernen, wie es nicht Jedem gegeben
sei, seinen Frieden auf die gleiche Weise zu finden, auf die
gleiche Weise zum Abschlusse zu kommen, und sie erinnerie
daran, daß es leichter sei, sich von einer sterbenden Heiligen
loszureißen, deren achtender Liebe man sich sicher fühle, als von
einem Manne, dem man in der Absicht, sich selbst zu erretten,
eine Beleidigung zugefügt habe.
Für einen irregeleiteten Sinn giebt es aber nichts Ge«
fährlicheres, als einen falschen Freund, der ausspricht, was man
sich nicht einzugestehen wagt, der vorschlägt, was man heimlih
ersehnt, und der dadurch in demselben Grade an Herrschafs
über den verblendeten Menschen gewinnt, wie dieser sie über siäs
verliert. Der Einfluß der Herzogin gründete sich auf Angelika'l
Liebe, an deren Entstehung jene weit mehr Antheil hatte, alt
die Baronin es für möglich erachtet haben würde. Diese Liebs
und das aus ihr entspringende Schuldbewußtsein mußten alsj
erhalten, mußten gesteigert werden, wollte die Herzogin ihrd

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detschaft bewahren. Sie wurde überflüssig, wenn Angelika
gm Frieden mit sich selbst gelangte; ihre Macht in der freiherr-
khn Familie wurde größer, wenn es ihr gelang, Angelika
ud Herbert einander näher zu bringen jund dem Freiherrn
auch nur den leisesten Zweifel an der unverbrüchlichen Tugend
siner Gattin einzuflößen.
Die Herzogin hatte es daher seiner Zeit kaum bemerkt,
daß Angelika die Härte bedauerte, mit welcher sie Herbert von
sh aus und aus ihrer Gesellschaft entfernt, und daß sie ihn
oiderzusehen, ihm die Kränkung zu vergüten wünschte, die sie
hm zugefügt, so war sie auch schnell bereit, den Fehler unge-
shehen zu machen, den sie mit ihrem ersten Rathschlusse be-
gngen zu haben fühlte. Sie gestand der Baronin, daß sie
ich über die Stärke ihrer Leidenschaft getäuscht, daß sie gehofft
Abe, eine kurze Entfernung werde genügen, das Bild des
uagen Mannes in der Phantasie der Baronin erbleichen zu
dien, und wie sie derselben jetzt keinen anderen Beg zu rathen
osse, als sich nun durch ein völliges und rückhaltloses Aus-
Nechen mit Herbert, wozu ihr bei der nächsten Anwesenheit
jungen Mannes die Gelegenheit nicht fehlen könne, die
dhwendige Befreiung ihres Herzens zu bereiten.
Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche
r iebenden Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen,
dm ihre ganze Seele gefangen. Indeß Angelika war es noch
V gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen
V ßnden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres
Gns ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie
i empfinden, was er ihr antworten werde, so warf ein
I auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurüc und sie
te ßch unfähig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirnne
JI =oue wa uo opo r
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-- ßg--
Ihre Liebe steigerte sich an ihrem innern Kampfe, und
Herbert zdgerte, zu kommen. In jeder Woche, an jedem Tage
durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn die Zeit der Ar-
beitseinstellung nahte für dieses Jahr heran, und auch der
Amtmann hatte Gründe, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
Endlich, gegen das Ende des Dctober, traf Herbert an
einem Morgen im Amthause ein, und ritt am Nachmittage, als
er den Bau in allen seinen Theilen besichtigt, nach Richten
hinüber. Es war eine sehr quälende Empfindung, mit welcher
er das Schloß betrat. Man sagte ihm, daß Besuch im Hause
sei; er ließ sich melden, wurde angenommen, und heiter und
zutraulich wie in den besten Tagen kam der Freiherr ihm ent-
gegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er Herber
als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte, als den
Sohn eines Freundes, an dem er also doppelt Theil nehme.
Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen
Manieren an den Tag, die ihn so vortrefflich kleideten, aber ß
machten auf Herbert nicht mehr den wohlthuenden Eindruck wi
sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fühlte, daß diese liebens-
würdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher
der Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel, und er sagte sc
daß er ihn selbst mit seiner Freundlichkeit beleidige, da ea
indem er sich es erlaube, ihn nach seiner jedesmaligen Neignnß
zu behandeln, das Rechtsverhältniß zwischen ihnen aufhebe, na
welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mß
denen er verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebührende gleicß
mäßige Behandlung zu verlangen habe.
Der Freiherr führte Herbert darauf in sein Arbeits-Eabinch
das Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, G
war auch gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Ten
pels wieder die Rede, und Herbert, der jetzt eben so viel Schs
davor trug, der Baronin zu begegnen, als er in früheren Tages

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Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen, wußte
n Gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals
glaubte er jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen,
welches ihm sonst das Herz bewegt hatte. Aber Niemand er-
iien; und als er auf des Freiherrn Worte, daß er ihn morgen
wiederzusehen hoffe, daß er ihn morgen zur Mittagstafel er-
warie, nothwendige Geschäfte vorgab, die ihn in der nächßten
Frihe abzureisen nöthigten, nahm Jener das an, ohne ihm für
de gegenwärtigen Tag eine Einladung zu machen, und entließ
ihn freundlich, aber eilig.
Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das
Porial des Schlosses hinter sich hatte und als er, durch den
alten, windigen Nachmittag den wohlbekamnten Weg nach
Nothenfeld zurückreitend, die Rauchsäule aus dem breiten Schorn-
fem des Amthauses über die dasselbe umgebenden Bäume em-
powwirbeln sah.
Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte.
Einer der Knechte nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener
he in die bereits geheizte Stube trat, fand er sie leer. Er
ite sich an das Fenster, in welches die helle Gluth des Abend-
nhes hineinstrahlte. Draußen fuhr ein vierspänniger Wagen,
kt einem gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den
df, während die letzten Schläge der Dreschenden auf der Tenne
tllangen, und die Krähen in wählerisch kreisendem Fluge ihr
Iachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe auf-
Ihten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abn
nnte, wie man sie in die Ställe führte, wie die Thüren der
geunen geschlossen wurden, wie die Arbeiter einer nach dem
demn sich entfernten und wie die Gluth und Farbenpracht
B Pimmels erloschen, und in die Dämmerung versanken-
milde Zwielicht, die Warme des Zimmers, das bekamnte
Iaen der alten Uhr, das vom Flur hereintönte, waren ihnt

b Hlsß--
äußerst angenehm. Er wußte, daß seines Bleibens auch hier
nicht sei, aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser
Umgebung, in welcher Alles von der ruhigen Dauer einge-
wohnter Zustände Kunde gab, angenehm besänftigt.
Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das große
Schlüsselbund am Gürtel, in das Zimmer trat und in der
Nähe des Ofens die Hände gegen einander rieb, die ihr beim
Schaffen in Küche und Kammer kalt geworden waren.
Ich denke, wie heimisch Eh hier bin!
Heimisch? wiederholte sie; und das fällt Ihnen heute ein,
da Sie eben so lange von uns fort gewesen sind?
Ja, eben deßhalb, denn es ist mir, als sei ich endlich
wieder nach Hause gekommen! Ich bin so gern hier!
Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben
so einfach auf, ohne sich in ihrer häuslichen Thätigkeit stören
zu lassen. Sie langte einen Fruchtkorb aus dem großen Glas-
schranke herunter, füllte ihn mit den frischduftenden Aepfeln
und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zündete darauf
die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster.
Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie nach
einer Weile. Er hat arbeiten lassen, so viel er irgend konnte,
und mir scheint auch, als wäre man im Jnnern mit dem Baue
tüchtig vorwärts gekommen.
Waren Sie dort, liebe Eva?
Ja, alle Tage, versezte sie, und ich habe den Bruder recht
darum geguält, daß er hübsch viel Leute anstellen sollte, fügte
sie hinzu; aber Sie glauben gar nicht, wie er von allen Ecken
und Enden geplagt wird. Sie gönnen ihm jetzt keine Stunde
Ruhe, und es wäre bald nöthig, daß er und ich Alles mit
eigenen Händen thäten. Denn wo ein Knecht oder eine Magd
nur irgend anstellig ist, da werden sie jetzt zur Aushülfe aufs
Schloß und zu den neuen Anlagen in den Treibhäusern befohlen-

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und alles Andere mag sehen, wie es fertig wird. Auch nach
Ihnen haben sie in den letzten Wochen schon einige Male gefragt!
Der Freiherr wußte ja, bedeutete der Architekt, daß ich vor
Ende dieses Monates nicht zu kommen brauchte.
Das hatte er längst vergessen, meinte Eva, denn er hat
jezt an ganz andere Leute und an ganz andere Dinge zu den-
en, als an Sie und Ihren Bau. Meine Mutter pflegte schon
immer zu sagen: Die Herrschaften haben ein gehorsames Ge-
dächtniß! Was sie nicht eben selbst angeht, was ihnen nicht
nöthig oder unterhaltend ist, das vergessen sie.
Eva hob dabei den Kopf mit einer kleinen wegwerfenden
Miene in die Höhe, und Herbert schwieg. Er hatte Gelegen-
het gehabt, ähnliche Erfahrungen zu machen, aber er mochte
nicht davon sprechen, sondern verlangte zu hören, wie es Eva
während seiner Abwesenheit ergangen sei.
L, meinte sie, davon ist mancherlei zu erzählen. Ich habe
hier zuweilen sehr vornehmen Besuch gehabt. Die Frau Ba-
ronin ist selbst mehrmals bei uns gewesen, und hat bei mir
achgefcagt, ob wir die Herbstlieferungen auch zur rechten Zeit
und gehdrig besorgen würden.
Sie sprach das mit unverkemnbarem Spotte, und Herbert
dagte, über die Thatsache erstaunt, ob denn die Baronin eine
kandwirthin sei.
O nein, rief Eva; sie wußte auch eigentlich gar nicht,
das sie sagen oder wonach sie fragen sollte,
War sie denn nie zuvor im Amte?
Va, einmal vor Jahren, als sie mit dem gnädigen Herrn
Richten eingetroffen war, und damit half sie sich auch, als
t jzt zum ersten Male hieher kam. Sie sagte, sie wolle das
Ius sehen, ich sollte es ihr zeigen, aber das ganze Haus. Ic
nßte also auch Ihr Zimmer aufschließen, Mosje Herbert, den
s verlangte ausdrücklich zu wissen, wo Sie hier untergebracht

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wären; und als ich dann die Laden oben bei Ihnen auf-
gemacht hatte, setzte sie sich eine Weile auf Ihren Stuhl an
das alte Bureau, an dem Sie schreiben, sah da zum Fenster
hinaus und rief immer: Welch' schöne Aussicht! Welch' liebliche
Aussicht! Aber von hier sieht man ja das Schloß nicht! Hat
Sie denn kein Zimmer, Mamsell Eva, das nach dem Schlosse
hinaussieht? Das hätte Sie dem Herrn Architekten geben
sollen! - Ich mußte ihr darauf auch die Hinterstuben öffnen,
denn sie wollte nicht glauben, daß man hier vom Amte das
Schloß gar nicht sehen könne.
War der Baron mit ihr? fragte Herbert, und es fiel ihm
auf, wie gleichgültig er sich nach der Frau erkundigen konnte,
an die er einst mit so leidenschaftlicher Verehrung und Hin-
gebung gedacht hatte.
Nein, sie kam ganz allein, entgegnete ihm Eva. Sonsst
freilich, als sie noch öfter nach den Leuten, nach den Armen und
Kranken sehen fuhr, da pflegte der Herr Caplan sie bei ihren
Ausfahrten zu begleiten. Seit aber die Frau Herzogin immer
mit ihr ist, haben die Krankenbesuche fast ganz aufgehört, und hier-
her - nun, hier wollte sie wohl die Herzogin nicht bei sich haben!
Herbert meinte, das sei also der eine Besuch gewesen, was
die Baronin denn bei den anderen Besuchen gewollt habe?
O, gar nichts, entgegnete Ea. Die anderen Male ließ
sie nur hier halten und erkundigte sich, wann Sie kämen, weil
sie gern ein paar Zeichnungen für die Betschemel in ihrer Kirche
von Ihnen gemacht haben wollte. Vorgestern aber stieg sie aus
das Wetter war sehr schön, und weil sie Durst hatte, befahl se,
daß ich ihr ein Glas frische Milch in den Garten bringen sollte.
Als ich sie dorthin geführt hatte und rasch nach dem Milchkeller
laufen wollte, rief sie mich zurück und sagte, sie hätte damalb
oben in Ihrer Stube ihr Notizbuch liegen lassen, wegen dessen
sei sie eigentlich gekommen, und ich sollte ihr das holen.

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Hatten Sie es denn nicht gefunden? fragte Herbert, dem
hie Erzählung immer auffallender wurde.
Gott bewahre! Ich sagte das auch gleich, aber die Frau
Baronin meinte, es müsse da sein, und als ich wiederholte, daß
ih selbst eben erst das Zimmer in Ordnung gebracht, weil wir
Sie jezt alle Tage erwarteten, bestand sie darauf, selbst nach-
zushen, weil ihr an dem Notizbuche, in das sie sich nothwendige
Sachen eingeschrieben, gar zu viel gelegen sei. Es müsse auf
dem Bureau liegen geblieben sein, behauptete sie. Sie ging
denn auch gleich gerades Weges an das Bureau, schob die paar
Bücher, welche Sie zurückgelassen hatten, hin und her - als
ob ih das nicht selbst beim Abstäuben gethan hätte -, zog die
gwoße Schieblade auf, was nun erst ganz überflüssig war, und - . - -
Und? fragte Herbert lebhaft gespamnt.
Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte, da ging
ße gerade so fort, wie sie gekommen war, und ich mußte sie
noch daran erinnern, daß sie so starken Durst gehabt und Milch
bsohlen hatte.
Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden
Beise ab, in welcher sie ihn begonnen hatte, Herbert ließ es
auch dabei bewenden. Das war Eva aber offenbar nicht recht.
Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn
zmn Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken
hen, rief sie plözlich Daß Ihnen all diese Besuche nicht
tnmal auffallen, Mosje Herbert, und daß Sie sie ganz ne
ärlich finden würden, das hätte ich nicht gedacht! - Nein,
dGs hätte ich wirklich nicht gedacht - von Ihnen nicht gedachtl
Irderholte sie mit einer Stimme, der man den unterdrückten
en anhörte, und ging hastig von dannen, ohne darauf z
Ien, daß Herbert ihr folgte und sie zu bleiben bat
Ta sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden bego-
deren Gegenwwart er sie doch nicht sprechen konnte, nahn r?

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sein Licht und ging auf sein Zimmer. Hier also war An-
gelika gewesen!
Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von An-
gelika's Anwesenheit, aber er fühlte kein Vergnügen dabei. Ihn
überkam ein Mißtrauen und eine Unruhe, die er nicht mehr
empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor
Allem verdroß es ihn, daß er Eva unzufrieden wußte, denn er
hatte sie lieb und war sicher, daß auch er ihr theuer sei. Es
lagen so viel Unschuld und Wahrhaftigkeit in der Weise, in
welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die ganzen Ver-
hältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr, daß
er fühlte, wie es für ihn im Grunde nur seiner einfachen An-
frage bedürfe, damit er in Eva eine Frau gewinne, wie sem
Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie er sie
zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschäfts-
reisen heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben
mussen. War es ihm doch gerade heute bei seiner Ankunft in
Rothenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's freundlichem
Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so
erquicklich, daß er sich kaum enthalten können, sie in seiner Freude,
als gehöre sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drücen.
Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war
auf das vorsorglichste für ihn bereitet; trotz der späten Jahreszeit
stand noch ein frischer Strauß auf der Commode unter den
Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem Bureau.
Er wußte Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigunge
von Herzen Dank, und er hatte sie dafür noch lieber. Inden
zog er die große Schieblade auf, um eiwas aus seinen Papieren
herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben aufgehobc
hatte, hielt er plötzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren-
welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezoge-
lag ein versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen i

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Petschaft: aber er zweifelte nicht, von wem er kämne, und ihn
hastig eröffnend, las er die Herder'schen Worte:
Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu dulden,
Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn!
Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte
seine Augen nicht von dem Blatte und von den Worten ab-
wenden. Wenn es wahr wäre? Wenn sie dich dennoch liebte
und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und hätte dich nur
von sich gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwich-
tigen? dachte er.
Er fühlte sich aufgeregt, er fühlte eine freudige Geng-
thuung, aber das währte nur einen kurzen Augenblick und
machte bald einer entgegengesezten Empfindung Platz. Sein
Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel zurück, und
die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht
mehr jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst
mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht
wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder gar das
Spielzeug in den Händen einer Frau werden, die sich, gerade
wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkemnen schien, ihn nach ihrem
Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustoßen, und der
Gedanke, was Eva empfunden haben würde, hätte ein Zufall
oder ihre eigene zärtliche Neugier ihr dieses Papier in die Hände
gespielt, nahm ihn noch entschiedener gegen die Baronin ein.
Er dachte daran, ihr dieses Blätichen zurüczusenden, aber
er war Mannes genug, eine Frau unter keinen Verhältnissen
bloßzustellen, und mit raschem Entschlusse zerriß er das Papier,
nm der Baronin in der Weise zu antworten, die seiner Nei-
Ing für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens
entheben mußte, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden
irauen bewegt.
Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bin-

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dende Entscheidung zu treffen, mit welcher er ein für alle Ma!
seiner Freiheit entsagte, überkam ihn jedoch jene Unsicherheit,
welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muß. Er war
entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; indeß noch war
er Herr, es zu thun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor
Augen. Sie erschien ihm nur schöner, nur reizender, wenn er
sie sich hier in diesem schlichten Raume vorstellte, wenn er es
sich ausmalte, wie eine Frau gleich ihr am Heerde eines ge-
liebten Mannes walten möge, und ohne daß er es beabsichtigte,
versank er in Träume eines Glückes, das ihn schwindeln machte
und das weit ablag von dem Vorsatze, den er eben noch gehegt.
Der Hufschlag eines Pferdes riß ihn in die Wirklichkeit zurück.
Der Amtmann kehrte heim. Herbert fuhr sich mit der Hand
über die Stirne; es war ihm erwünscht, daß man ihn wecte,
daß er mit seinen thörichten Phantasieen nicht länger allein
blieb. Er versprach sich, daß sie ihm nicht wiederkommen sollten.
Als er die Wohnstube betrat, sah er beim ersten Blicke,
daß der Amtmann nicht gut aufgelegt war; auch Ewa zeigte
sich mißmuthig und ging ihm aus dem Wege. Man setzte sich
zum Essen nieder, aber es wollte mit der Unterhaltung nicht
gehen. Der Amtmann that einige kurze Fragen an seine Wirth-
schafter, die mit zu Tische saßen, Eva gab die Speise umher,
man sättigte sich, aber es ward kein gemeinsames Mahl, und
nach jedem Versuche, die obwaltende Verstimmung zu verbergen
oder zu besiegen, fühlte man sie nur schwerer auf sich lasten.
Als die Wirthschafter sich erhoben, erkundigte sich der Amt-
mann, wie ein Befehlender sich das angewöhnt, ob in seiner
Abwesenheit etwas vorgefallen sei, das des Berichtens bedürfe,
Nein, versetzte der älteste der jungen Männer, nichts!
Denn daß der Herr Marquis hier war, wissen ja der Herr
Amtmann wohl!
Ja, entgegnete dieser; aber Herbert sah, daß die Stirne

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des Amtmanns sich röthete, daß Eva's Wangen ebenfalls er-
glühten, und auch ihm stieg es heiß vom Herzen in die Höhe.
Jndeß keiner von ihnen sprach ein Wort. Erst als die Wirh-
shafter hinaus gegangen waren, fragte der Amtmamn, als
lönne er es nun nicht länger zurückhalten: Warum habe ich
das nicht erfahren, Eva?
Weil ich Dir ansah, daß Du selbst Verdruß gehabt hast!
gab sie ihm zur Antwort, und auf ihren beiden Gesichtern sprach
sich eine Bitterkeit aus, welche Herbert früher nie in ihnen wahrge-
nommen hatte. Eva räumte, wie immer, die Geräthschaften fort,
der Amtmann ging in seine Schreibstube, die Schwester folgte ihm
bald nach. Er hörte den Amtmann mit ihr sprechen; der Ton
verrieth, daß es keine ruhige Unterhaltung sei, und er setzte sich wieder
an der entgegengesetzten Seite des Zimmers in die Fensterbrüstung,
um nicht zu vernehmen, was vielleicht nicht für ihn bestimmt
sein mochte. Noch vor wenig Stunden hatte er sich hier so
zufrieden, so heimisch gefühlt, jetzt empfand er mit mamnigfach
erregtem Sinne, daß er doch noch als ein Fremder zwischen
diesen ihm so lieb gewordenen Menschen betrachtet werde.
Indem kam Eva heraus und gesellte sich zu ihm. Sie
sahen beide schweigend zum Fenster hinaus. Der Mond war
euporgestiegen, man konnte den Hof mit allen seinen Einzel-
heiten unterscheiden, auch auf Eva's Stirne fiel ein heller
Schein. Sie pflegte sonst gern ihr Haupt auf die Hand zu
slützen, wenn sie einmal müßig war - heute hatte sie, obschon
die Wärme des Zimmers es nicht nöthig machte, ihre Arme
fest in ihre Schürze gewickelt und über einander geschlagen-
Sie war noch immer verstimmt, und Herbert, der sich und ihr
darüber forthelfen wollte, sagte scherzend: Weßhalb machen Sie
ßch so unnahbar, liebe Eva?
Sie antwortete ihm nicht. Er kam auf die Vermuthug-
daß sie mit ihm um der Baronin willen schmolle, und da ee

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eben aus einer Stimmung in die andere geworfen, also selbst
nicht ruhig war, sagte er mit jenem gebieterischen Tone, den
fast jeder Mann sich gegen das Mädchen erlaubt, von dem er
sich geliebt weiß und das er sich zum Weibe ausersehen hat:
Ich hasse das stumme Schmollen, Eva!
Als ob ich daran dächte! und als ob ich es liebte! ent-
gegnete sie, und er hörte, wie das unterdrückte Weinen ihr die
Stimme zusammenpreßte. Indeß ehe er sie noch fragen komnte,
was geschehen sei, hatte eine der Mägde sie abgerufen, und
rasch entschlossen stand er auf und begab sich nach des Amt-
manns Stube. Er mußte wissen, was hier vorging.
Adam stand am Pulte bei seinen Rechnungsbüchern, und
Herbert äußerte, um die Unterhaltung anzufangen, sein Be-
fremden darüber, daß jener sich noch so spät an die Arbeit ge-
macht habe und sich nicht Ruhe gönne; aber der Amtmann
sagte achselzuckend: Arbeit ist ein Sorgenbrecher, und billiger als
Wein, den man sonst den Sorgenbrecher nennt. Ich weiß mir
nichts besseres, als Arbeit, wenn mir der Kopf recht voll ist, und
wenn ich auf die Weise an den eigentlichen Gegenstand meiner
Sorge gar nicht denke, kommt mir in der Regel der beste Rath.
Der Amtmann hatie damit seinen Platz am Pulte ver-
lassen und angefangen, im Zimmer auf und nieder zu gehen-
Da legte Herbert seine Hand auf Adam's Arm und fragte :
Sollte sich denn guter Rath nicht auch im Aussprechen mit
einem Freunde finden lassen? Ich sehe, daß hier nicht mehr
Alles bei dem Alten steht, und ich mochte nicht fragen, was
geschehen sei, weil ich es allmählich zu erfahren hoffte. Nun aber
mag ich nicht auf meine eigene Einsicht warten, und bitte Sie,
lieber Freund, sagen Sie mir, was Sie und Ihre Schwester drüct,
und ob ich es Ihnen nicht tragen helfen, nicht erleichtern kamnl
Er hatte das mit so herzlicher Wahrhaftigkeit gesprochen-
daß Adam ihm dankbar die Hand dafür drückte. Aber, meinte

=-- PJ--
er, Hülfe und Beistand kann man nur für ein bestimmtes
Vorhaben benutzen, und ich weiß noch nicht, was ich thun soll
und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich möchte!
-- Er hielt ein wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht
vewwirthschaften sehen, was wir hier seit Menschenaltern schaffen
hulfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir mit Herr-
shaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden
baben, ich mag auch die Eva hier nicht länger lassen, und darum
möchte ich selber fort von hier!
Sie, Steinert? Sie möchten fort von hier?
Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal
dunh das krause Haar, wie er es zu thun pflegte, wenn ihm
ewas nicht nach seinem Sinne ging. Hart ankommen würde
eK mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom Liede
sin. Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten; als
ob sie es noch nie bemerkt hätten, daß Roggen, Weizen, Kar-
ofeln und Rüben hierlands nicht wie im Paradiese bloß auf
Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, daß die Bäume sich
nicht von selber pflanzen und fällen, daß man nicht erntet, wo
man nicht gesäet hat, und daß man kein Geld schaffen kamn,
demn man nicht zur rechten Zeit zu verkaufen im Stande ist!
Ran hat kaum Hände genug, jetzt, wo die Kälte und das
schlechte Wetter vor der Thüre stehen, an jedem Tage das
Köchigste zu leisten, und muß Menschen und Pferde nach allen
Elen und Enden herumsprengen, als ob man die Jahreszeit
ausschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
Gas haben sie denn eben jetzt auf dem Schlosse vor?
Iagte Herbert, dem des Amtmanns Aeußerung über Eva im
Nnne lag und der ihn gern von den Beschwerden über die all-
Oeinen Uebelstände zu bestimmten Mittheilungen bringen wollte-
eiß ich's! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigket; ße
en ja alle Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfeß.

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bald ein Schäferspiel, wie sie es in Trianon gefeiert, ehe die
Hirtentänze in den Tanz übergingen, den sie ihnen dort mit
der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden,
zu denen Gesellschaft geladen wird! Sie können ja nicht ruhen!
-- Und sich dann besinnend, fügte er hinzu: Jetzt nun ifi's,
wie alljährlich, der Hochzeitstag! Und Gott weiß, ob ein
Mensch lebt, der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Epa
mit dem Allem zu thun? fragte der Architekt, weil ihm das
am meisten am Herzen lag.
Indeß der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Ge-
danlen beschäftigt, um sich durch eine Zwischenfrage von ihnen
abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu Muthe, sagte er,
als stände ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn sich
eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift,
man legt auch wohl die Hand an, es an einer Stelle zu be-
wältigen, aber ehe man sich's versieht, ist's an zehn anderen
Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist verloren.
Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die Hände. Heute, wie
ich nach Hause komme, finde ich eine Anweisung des gnädigen
Herrn, in der nächsten Woche viertausend Thaler auf einen
Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier die Gelder der
königlichen Bank im Vorrath liegen hätte, und wer diese ange:
nehme Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebührt, der
Secretair oder der Diener einer, sondern wieder einmal der
Herr Marquis, welcher immer verdammt dienstfertig ist und immer
gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu bestellen giebt!
Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das
Blut stieg ihm bis zum Halse empor. So muß Eva gleich
morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das
heißen?

-- g1? ----
Jn dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage
ires Bruders zu beachten, nahm der Baumeister sie bei der
Hand. Sie haben vorhin mit mir geschmollt, Epa, sprach er,
und snd so rasch davongegangen, daß ich Ihnen gar nicht sagen
lomnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf
dem Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es is1?
Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge, während
die helle Röthe mädchenhafter Scheu sie überslog. Liebe Eva,
und was antworten Sie mir? fragte er, indem er auch ihre
andere Hand ergriff.
Das würden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht
wüßten! entgegnete sie ihm. Und noch ehe sie das freudestrah-
lende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den bräutlichen Kuß
auf ihren Mund gedrückt und ihre Arme seinen Nacken um-
slungen. So hielt er sie eine kurze Weile umfangen
Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem
ause zu so manchem Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte
als Zeichen ihrer Gegenwart ihren klaren Pendelschlag zu ihnen
hiein, der Bruder blickte bewegt und schweigend auf die Lie-
benden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fühlte
tt doch eine ihm fremde, ernste Ruhe über sich gekommen, seit
des lieben Mädchens Kopf vertrauensvoll an seinem Herzenn
dg, denn in seiner Seele regte sich mit der Liebe für das er-
ddhlte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit,
delche sich für die Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt
nd ein Vorbild der Vaterliebe und Vatersorge in sich schließt-
Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte
llühlt, um dies schnell vergessen zu lömnen. Sie machte sich
us des Geliebten Umarmung los, warf sich an des Bruder?
Ils und rief, in Thränen ausbrechend: Adam, sei nicht bdse.
lonnte aber doch nicht anders!
Rein, Du solltest auch nicht anders! engegnete er ßelke?-
i Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. s.

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indem er Herbert die dargebotene Rechte schüttelte; aber die
Augen waren ihm doch feucht geworden, denn er wußte, daß
er diese Schwester, daß er dieses selbstgewisse, thätige und frohe
Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frühe reite ich
aufs Schloß!
Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt
nach dem Schlosse mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu
schaffen habe, und der Amtmann sagte ihm, daß der Freiherr Eva's
Vormund sei, und daß man also dessen Einwwilligung begehren müsse.
Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde nachdenklich. Es
machte sie besorgt, daß ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in
gewohnter Weise entlassen worden war, daß es eben heute Ver-
drießlichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die
Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von
einem Unmuthigen müsse man nichts begehren, denn der suche
gern seinen Unmuth auf Andere zu wälzen. Zudem konnte
von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rothenfeld
zu entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte
sich dies selbst, nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehr-
gefühls besänftigt war.
Der Amimann konnte bei der vielverzweigten Wirthschaft
die Hausfrau nicht entbehren; ein Ersaz für Eva war nicht
leicht, nicht gleich zu finden, und wie lästig ihr die gelegent-
lichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva selbst
in ihnen jezt, da sie verlobt war, noch weniger als früher
irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die
Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie, ohne daß sie Gründe
dafür angab, und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage
verlassen mußte, wünschte sie, daß dieser selbst in einem Briefe
die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Ein-
willigung zu ihrer Heirath fordern möge.