Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 30

Dreizehntes Capitel.
Fe Gaste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der
Laronin, als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief
ds Architekten überbrachte. Er kannte die Handschrift, steckte
das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine Ge-
shäfisanfrage vermuuthen mochte, den Boten anzuweisen, daß
e die Antwort erwarten solle.
Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen
Gäßen, erheitert von dem glücklichen Witzworte, welches einer
dnielben gesprochen, kehrte er in das Zimmer der Baronin
müc, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke
eggeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.
Die Herzogin und Angelika saßen am Kamine einander
iamnüber, der Marquis und Renatus ließen das Hündchen der
öaronin auf den Hinterfüßen tanzen oder warfen einen Ball
Inch das Zimmer, dem das kleine, schnellfüßige Thier dann
Vgroßen Sätzen eifrig folgte, und der Caplan höre, den
Ien gegen das Fenster gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das
Me Renschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden, dem helle
Nden und dem Jubel zu, mit welchem der hübsche Knabe
Kn Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchen?
geiiete,
Iuch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seine?
es, aber er hatte nicht mehr Jugend geng, sie dun
Mnliche Theilnahme an dem Spiele zu erhöhen, und noE
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dem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock
geküßt, sezte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, daß
er Herbert's Brief beinahe vergessen hätte, das Schreiben zur
Hand, welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete, nachhdem
er es gelesen.
Angelika's Auge hing mit Spamnung an den Mienen
ihres Gatten. Die Herzogin, wie immer bereit, den Wünschen
der Baronin zuvorzukommen, übernahm es, mit ihrer gewohn-
ten Gelassenheit die Frage zu thun, was das Lächeln des Ba-
rons bedeute.
Wenn Sie sich herbeigelassen hätten, unsere Sprache zu
lernen, liebe Freundin, antwortete der Freiherr, so würde ih
sagen: lesen und entscheiden Sie! Denn die Sache gehört im
Grunde vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen! Es
sind Herzensbelemntnisse, ein kleiner Roman!
Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel
ihm auf, daß sie die Jarbe plözlich wechselte. Er fragte, ob
sie sich nicht wohl befände, sie versicherte das Gegentheil; aber
während er der Herzogin erzählte, daß der Baumeister um des
Amtmanns Schwester, um die hübsche Eva werbe, die sein
Mündel sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb,
wie von einem Schwindel erfaßt, plötzlich stehen, sich mit ge:
schlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Ka-
mins haltend.
Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei
auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter, da er
die Erwachsenen um sie besorgt sah. Die Baronin nahm sch
jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter
nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!
Sie trat an das Fenster, welches man für sie öffnete,
schöpfte mehrmals tief Athem und kehrte dann, den Knaben
an der Hand haltend, zu den Uebrigen zuritck, obschon die

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Bässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar
Rühe hatte, ihre Fassung zu behaupten.
G war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis
dahin so heitere Stimmung der Anwesenden gekommen. Der
ßceiherr wußte, daß seine Gattin vor Paulinens Leiche zum
ersien Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher
sidem bei heftigen Gemüthsbewegungen mehrmals wiedergekehrt
war, und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich. Was
det Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen
haben komnte, war ihm unbegreiflich; indeß er mochte in Ge-
genwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemüht,
den Vorgang vergessen zu machen, sagte er, auf den letzten
begenstand der Unterhaltung eingehend: Herbert drückt sich sehr
gut aus, man sieht, daß er seine Dichter nicht umsonst gelesen
ht. Er ist für Eva eine sehr schicliche Partie. Er ist tüchtig
in sinem Fache, und da er das Mädchen, wie er sagt, seit
dnge im Herzen trägt und .. - -
Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der
Narquis, und mit einem leisen Aechzen, die Hände auf das
Ez gepreßt, sank Angelika ohnmächtig zurück.
Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer
tnfert, die Herzogin folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der
Nde liegen, Niemand dachte jetzt an seine Angelegenheiten.
Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht
chr in augenblicklicher Sorge zu schweben brauchte und der
öaton seine Freundin in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, lan
n sammerdiener fragen, ob der Bote aus Rothenfeld noch
ger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdroß die Mah-
tng den Baron.
ein, schicke Er ihn fort. Ich würde die Antwort sendenl
Pe er. Der Kammerdiener verließ mit dem Bescheide da?
Igmer. Der Freiherr sezte seine Unterhaltung mit der O

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zogin fort, indeß er war zerstreut, es lag ihm Etwas im Sinne,
dem er nicht Gehör geben wollte, aber er komnte den Blie,
den flüchtigen, lächelnden Blick nicht vergessen, den der Marquis
der Herzogin zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen
war. Und was hatte es bedeutet, daß die Herzogin mit zart-
licher Stimme der Leidenden zugeflüstert, sich zu fassen, sich
um Gottes willen zu beherrschen?
Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn
peinigten, in sich zum Schweigen bringen, aber sie ließen ihm
keine Ruhe. Er hörte, was die Herzogin- sprach, indeß er
komte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen. Ihre Worte
berührten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das
auch bald, denn leise ihre Hand auf die seinige legend, sagte
sie im Tone sanftester Begütigung:
Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer
theuren Angelika, Sie machen sich überhaupt unnöthig Sorge
und begehen in der That ein Unrecht, mein theurer Cousin!
Der Baron fuhr jäh empor. Was soll das heißen?
fragte er, und seine Stirne erglühte in stolzem Zorn. Von
wem sprechen Sie?
Weßhalb zögern Sie, fuhr ste einlenkend und bittend fort,
dem Architekien die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll
Ungeduld entgegen sieht?
Der Freiherr athmete auf; aber damit war der Herzogi
nicht gedient, darauf hatte sie es nicht abgesehen, und ihm
keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer Entgegnung gonnend.
sprach sie:
Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat
er denn nicht schnell begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da
er das Unglück hatte, Ihnen zu mißfallen, sich nicht selber die
verdiente Strafe und Buße auferlegt, indem er sich freiwillig
aus Ihrer Nähe und aus Ihrem Hause verbante?

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Die Vorbitte der Herzogin mußte dem Freiherrn auffallen.
Es lag daneben in ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das
in in seiner Unruhe nur noch bestärkte, obschon er sich be-
nühte, es nicht zu hören. Selbst der freundliche Blick der
Hnzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nähe
dieses eindringlichen Blickes zu entgehen, sprach er:
Ich wußte nicht, daß Sie so viel Antheil an meinem
Architekten nehmen, meine Freundin, und Herbert selber war
sch dessen sicher nicht vermuthend.
Die Herzogin lächelte. Antheil an Ihrem Architekten?
widerholte sie. Was ist mir dieser Herbert? Was kann ein
Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es nicht verstehen,
mein Freund, weßhalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern
wollen, sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäußern,
weßhalb Sie ihn hindern wollen, sein zärtliches Herz für die
Zuhunft der Schwester Ihres Amtmannes zu überantnvorten!
ich dünkt, dazu hätten Sie, mein Freund, doch wirllich keinen
knnd, und es ist ja so süß, ein paar Glücliche zu schaffen,
demn die Gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigtl
Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit.
k gänzlicher Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit
dner Ruhe. Er hörte, er fühlte, daß sie ihm etwas hinterhielt.
eß sie ihn etwas errathen lassen, ihm eine Mittheilung machen
dchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von irgend
ölem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis
meiden wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Auf-
g drängte ihn zu dem einen hin - aber er zauderte, ihn
betreten. Nur eines Augenblickes leberlegung bedurfte er
Mn war sein Entschluß gefaßt. Er mußte der Herr bleiben
N jedem Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei. nie
erzogin selbst, reichte er ihr die Hand-
Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, imnlc

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gütiger als wir Anderen, meine Freundin! Sie haben mich
zur rechten Zeit daran erinnert, daß meine selbstsüchtige Sorge
um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen machte,
grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte
wohl zufrieden bin. Erlauben Sie, daß ich mich entferne, um
mein Unrecht zu vergüten!
Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue
sie sich, ihn umgetimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund,
sie errieth seine Absicht und sie hatte sich auch dieses Mal
nicht geirrt.
Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandie
sich geraden Weges nach dem Zimmer seiner Frau. Er, mußte
wissen, ein für alle Mal wissen, woran er mit ihr war.
Angelika sah müde und niedergeschlagen aus, als er bei
ihr eintrat. Die Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange
erst verlassen hatte, kam ihr unerwartet, seine Haltung, seine
Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt. Er hatte sich
ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche
die ritterliche Sitte dem vornehmen Manne selbst da als Pflicht
gegen eine Frau auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich
manche Verhandlungen zwischen ihm und seiner Gattin, so
schwer und quälend sie namentlich in früheren Zeiten oft ge-
wesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegel
sie herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfaßt.
Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Thüren, welche
in die Nebenzimmer gingen, geschlossen waren. Dann ließ er
die Portieren nieder und nahm auf einem Sessel der Baronin
gegenüber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre
Besorgniß; es fröstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich
und kalt aus.
Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelila.
und Du fragst mich nicht, weßhalb ich wiederkomme, hob er.

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nchdem er tief Athem geschöpft hatte, mit fester Stimme an,
das beweist für uns beide, was uns zu wissen Noth thut.
Da er sah, daß sie ihm antworten wollte, legte er seine
Hand auf ihren Arm und hielt sie davon zurück. Nur eine
leine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen habe, wird kurz
sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich
hbe Dir keine Vorwürfe zu machen, im Gegentheil, Du wirst
Dich immer in der Lage befinden, mir sagen zu können, daß
Du mit mir das Glück nicht gefunden hast, welches Du Dir
mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.
Höre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres
Mannes mit wachsender Bewegung folgte und auf diese Art
der Unterredung in keiner Weise vorbereitet gewesen war, ihm
angstvoll in die Rede.
Nein, laß mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich,
wie ich Dir einmal sagte: hätte ich die abmahnende Stimme
gekamnt, die Dich bei unserer ersten Begegnung von mir zurück-
helt, so würde ich nie um Dich geworben haben! Denn es
it wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach
aus einander, Du bist nicht glücklich mit mir geworden. Du
gat mir auch viel verzeihen, viel mit mir ertragen müssen in
den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach Deiner
leinung zu verzeihen hattest - dieses Eine gestehe mir wenigstens
i -, das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir
drrbunden. Oder welcher Untreue könntest Du mich zeihen,
dit ich Dir mein Wort verpfändet?
Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz.
Bas ste innerlich auch empfunden hatte, diesen Ton, diese
Irache verdiente sie nicht. Sie war gewissenhaft und demüthig
teit gewesen, sich eines Unrechtes anzullagen, sich einer Ge-
dankensünde zu zeihen, aber gegenüber den Vorwürfen, welche

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ihr Gatte ihr machen zu wollen schien, empörte sich ihr gerechtes
Bewußtsein, verstockte sich ihr Herz.
Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete,
wiederholte er sie mit dem Zusatze, daß er eine einfache Ant-
wort erwarte. Das steigerte in ihr das Gefühl der Kränkung,
und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich habe
mich über gar nichts zu bellagen, im Gegentheil!
Was soll das heißen? fragte der Baron.
Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden An-
wandlungen des Schmerzes, denen die sanfteste Natur nur
schwer widersteht. War es doch genug, was sie leiden mußte,
war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender Pein,
an Herzenskränkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein
unglücklich sein, nicht allein die Schmerzen der verschmähten
Liebe fühlen. Es sollten Andere unglücklich sein wie sie, und
vor Allem sollte der Mann sich nicht ungestraft als ihr Richter
vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren Frieden, ihr
Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!
Mit jener Wollust des Rachegefühls, die dem Beleidigten
ein wilder, berauschender Genuß ist, sagte sie: Du hatiest sicher-
lich kein Recht zu dem Tone dieser Unterredung, wenn Du mit
Deinen Voraussezungen Unrecht hattest. Aber Du hast Dich
nicht geirrt! -- Sie zdgerte, es stieg noch einmal, wie in
solchen Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen-
ein letztes Besinen in ihr auf; indeß ihr Zorn wollte sich ge:
nugthun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich liebe Herbert!
Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!
Angelika! rief der Baron und schloß die Augen, während
seine Hand krampfhaft die Lehne seines Sessels ergriff.
Es war süill im Zimmer. Beide Eheleute vermochten nichl
zu fassen, nicht zu glauben, was geschehen war. Beide litten.
beide kämpften schweigend in ihren Herzen. Jedem von ihnen

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uochte die Ahnung kommen, daß es jetzt vielleicht noch Zeit
sii, jedem von ihnen mochte die heiße Aufwallung durch die
Seele gehen, jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die
Bunde zu heilen, die sie einander geschlagen hatten und die
unheilbar werden mußte, wenn man sie nicht augenblicklich
shloß. Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbst-
suh, die man als gerechten Stolz, als Ehrgefühl bezeichnet,
und satt einander helfend zu befreien, dachten beide nur daran,
sch würdig gegen einander zu behaupten.
Des Freiherrn Züüge waren völlig ruhig, als Angelika
eudlich ihren Blick zu ihm erhob. Weiß Herbert, daß Du ihn
lebs? fragte er bestimmt.
Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen,
wie schwer es ihrem Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu
ehalten.
Weiß er es durch Dich?
Ja! wiederholte sie.
Und die Herzogin - sie weiß es auch?
Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben
sdlte, kam wie mit Einem Schlage das Bewußtsein der Her-
Aoerblendung über sie, die sie fortgerissen und in der die
Egzogin sie gehen lassen, sie bestärkt und weiter geführt hatte.
be sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Füßen und flehte:
sanz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahn-
Ign, der mich ergriffen hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so
Iuldig, als Du wähnst! Glaube mir selber nicht, den Worten
t, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir entrissen.
Vdine Strenge, Deine Kälte brachten mich außer mir. Rur
M7n Herz war Dir nicht treu, nur meine Phantasie lonnte
dergessen. Ich bin ja Dein, Dein allein, wie ich es fet?
esen! Komm! mir zu Hülfe, Franz! Komm' der Muttee
es Sohnes zu Hülfe -- daß sie sich wiederfinde i

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Lebe zu Dir und ihm! Komm' mir zu Hülfe, Franz, durch
Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie - ich Dir einst durch meine
Liebe und Geduld zu Hülfe gelommen bin!
Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da
sie sich in seine Arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand
und nöthigte sie, sich niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre,
seine Eitelkeit hatten eine Kränkung erfahren, die er nie ver-
gessen konnte. Er hatte Angelika niemals leidenschaftlich geliebt,
aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau. Jetzt,
da er zu erkennen glaubte, daß er sie überschätzt, jetzt, da sie
sich selber eines Treubruches anzullagen hatte, auf dessen Mög-
lichleit manche Aeußerungen der Herzogin, wie er jetzt nach-
träglich begriff, ihn schon öfter behutsam hingewiesen hatten,
jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor ihr gede-
müthigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn er-
hoben, und zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein, daß es
einst einen Tag gegeben, an dem er diese Frau und ihre strenge-
makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte.
Was er in diesem Augenblicke verlor, komnte keine Zu-
kunft ihm wiederbringen, aber Eines konnte er erretten =- Eines
konnte er gewinnen, und er war entschlossen, diesen Vortheil
nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und seine Ge-
walt und Herrschaft über die Baronin neu und ein für alle
Mal begründen.
Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe,
und sei unbesorgt, Du hast es mit mir, mit einem Edelmanne
e er betonte das Wort sehr scharf, und sie verstand seine Mei-
nung -- mit einem Edelmanne zu thun, der nie vergessen kann-
was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu
sagen hätte, das wird Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparrn-
denn ich wiederhole Dir: ich habe das Wort als Mann geha:
ten, das ich Dir einst verpfändet. Du hingegen - - - -

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Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die
Wränen ihr aus den Augen stürzten, muß ich Dir es wieder-
holen, muß ich es noch einmal aussprechen, das Bekenntniß,
daß mur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
Der Baron preßte in heftigem Schmerze seine Lippen zu-
smmen. Dafür habe ich sicherlich nicht Dir allein zu danlen!
euhgegnete er, und es that ihm wohl, wie seine Gattin unter
diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg. Bald aber
ethob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen,
ich wünschte, ich konnte es; jezt, nach diesem Worte, vermag
ich es nicht mehr! rief sie, und die Klage rang sich wie ein
Schrei aus ihrer Brust.
Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre
Pand fest drückte. Oder willst Du uns zum Gespötte unserer
Lete machen?- Er schwieg, sie weinte mit unterdrückter
Stümme.
Bist Du gefaßt genug, mich jezt zu hören? fragte er nach
einer Pause, in welcher er langsam auf dem weichen Teppiche
hergegangen war. Sie bejahte es.
Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vor-
wurf! Gs ist schwer, der Stimme des Herzens zu gebieten -
habe sie auch einst gehört und bin ihr gefolgt, wie Du!
bieleiht irrke ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein
ntet, zur Gattin wählte; vielleicht irrte ich, als ich Dich
i sehr Dir selber überließ, aber für beides wirst Du mich
Dt tadeln! Ich irrte im Vertrauen, im festen, höchsten Ver-
uemn auf Dich und Deinen Adel! Ich verlange lein Ge-
Indniß von Dir, ich will nicht wissen, was zwischen Dir und
?emn Manne vorgegangen ist, der sein Auge nicht zu der Ee-
hlin des Freiherrn von Arten erheben konnte, wenn sie selbst
nicht dazu ein Recht gab -
Er brach mitien in seiner Rede ab und sagte dan, N

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seiner Aufwallung zurückkommend: Ich will auch nicht erfahren,
ob und was Deine rücksichtslose Verblendung der Herzogin
etwa verrathen, oder was des Architekten allerdings nur zu
berechtigte Eitelkeit dem Marquis Preis gegeben haben mag,
denn man kennnt die Indiseetion der Leute seines Standes; -
Alles, was ich verlange, ist, daß ein Schleier gebreitet werde
über das Geschehene, dicht geng, auch dem schärfsten Auge zu
verbergen, daß mit dem Augenblicke, in welchem ich den Glau-
ben an mein Weib verlor - --- das Band für immerdar
zerrissen ist, das mich ihm verbunden.
Die Lippe bebte ihm, als er die Worte sprach, aber er
stand hoch aufgerichtet und gebieterisch vor ihr, und sie fühlte,
daß es ihm eine grausame Lust war, sie zu demüthigen. Da
begamn aufs Neue in ihr jener unheilvolle Kampf zwischen
ihrem besseren Selbst und ihrem Stolze, aber der grausam
triumphirende Blick des Freiherrn fachte auch in ihrer Seele
die gleiche Empfindung an, und bleich und kalt, wie er, ver-
setzte sie: Du hast zu befehlen, ich gehorche!
Die Herzogin hat mir heute angedeutet, sagte er, daß ich,
eben ich, keinen Grund hätte, mich der Heirath Herbert's zu
widersetzen und ihn zu hindern, seine Freiheit aufzugeben.
Er hielt inne. Ich muß ihr zeigen, daß ich keinen Grund
habe, Herbert's Gebundenheit zu wünschen. Ich werde die
Einwilligung zu Eva's Verheirathung nicht geben, Bedenkzeit
fordern, und wenn Herbert wieder hieher zurückkehrt, wird er
unser Gast im Schlosse sein, und Du wirst ihn sehen und
empfangen wie zuvor!
Unmöglich, rief Angelika, die Herzogin weiß Alles!
Der Baron verstummte. Er schien unentschlossen, was er
thun solle. Mit Einem Male besann er sich So soll sie die,
Versöhnungsrolle spielen! sagte er. Pöre es wohl, Angelika, ih -
sage, spielen! Denn Du und ich, wir sind für immerdar getrennt! j

= gZ! --
Da warf Angelika sich ihm noch einmal zu Füßen. Um
Renatus willen höre mich! Gehe nicht zur Perzogin, sprich
nicht mit ihr! Sprich mit dem aplan! Er sol Dir Alles,
Alles offenbaren, Wort für Wort, was ich ihm anwertraut im
heiligen Vertrauen. Er wird Dir sagen, daß ich Deiner nicht
unwerth bin, Dir sagen, daß Du mir verzeihen kamnst. Sprich
mit ihm, ach, sprich mit ihm! Ihm wirst Du glauben, wenn
Du mir nicht glaubst!
Sie konnte nicht weiter sprechen. Das ganze Gewicht des
Unheils, welches sie auf sich und ihr Haus herabgezogen, indem
sie der Aufwallung ihres gekränkten Stolzes nachgegeben, lastete
auf ihr. Sie erkannte mit Schrecken, was sie gethan, aber sie
hielt es für unmöglich, daß sie ihren Gatten nicht überzeugen,
mit ihren Thränen, ihrer Reue nicht überzeugen können sollte,
wie sie seiner Achtung, seiner Verzeihung, seiner Neigung nicht
unwerth sei.
Indeß des Freiherrn frühere Erfahrungen standen mit
seinem gegenwärtigen Schmerze und Zorne im Bunde. Weit
entfernt, ihn zu besänftigen, beleidigte ihn der Gedanke, daß
auch der Geistliche um ein Geheimniß wisse, welches der ßrei-
herr um jeden Preis verborgen haben wollte, und mit einem
Ausdrucke des Widerwillens rief er: Es fehlte nur noch, daß
Du Deine Leute zu Zeugen für Dich aufrufst!
Die Baronin zuckte zusammen, dann erhob sie sich. Ich
wollte, Du hättest das nicht gesagt! sprach sie mit einer Ruhe,
die beängstigend gegen ihre bisherige Aufregung abstach, und
sch von ihm wendend, schritt sie der Thüre des Nebenzimmers
in. Der Freiherr stand mitten im Gemach. Als sie die
Portiöre aufhob, hinter der sie seinem Blice entschwinden mußte,
fühlte er eine Anwandlung von Mitleid mit seiner Frau, und
kast unwwillkürlich rief er: Angelika, wir sind allein . - - -
Nein, unterbrach sie ihn, nein! Was ich gefürchtet und

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geahnt, noch ehe sie kam, was ich mir zu meinem und Deinen
Unheile weggeleugnet habe, wie mein Herz mich auch lang
davor gewarnt, - wir sind nicht allein, - die Herzogin stelß
zwischen uns!
Der Freiherr lachte hell und höhnisch auf. Er hörn
einen Vorwurf, wo er die Hand zu großmüthiger Hülfe unp
Erhebung zu bieten sich nicht abgeneigt gefühlt hatte. Da
hatte er am wenigsten erwartet, und mit dem Ausrufe: Dg
alte Taltik! verließ er zornig das Gemach.