Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 32

Fißnfzehntes Capitel.
lg war ein schwerer, gewichtiger Schritt, mit dem der
Amtmamn durch die breiten Gänge, durch die hohe Eintritts-
Alle und über die weit hingelagerte Rampe hinabschritt, aber
du Herz war ihm noch schwerer. Was er jetzt erlebt hatte,
os ihm eben jetzt widerfahren, war keine Kleinigkeit. Sieben-
undzwanzig Jahre hatte sein Urgroßvater die Arten'schen Güter
ewaltet, achtundvierzig Jahre sein Großvater. Zu seines
katers Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige Dienstzeit
dn Steinerts auf Schloß Richten feierlich ,Jegangen. Der
=ihverzierte silberne Pokal, den der Freiherr damals seinem
Imtmanne verehrt, stand noch mit dem Eichenkranze, der frei-
c wel! geworden war, voran im großen Glasschranke. Seit
oI Jahren, seit seines Vaters Tode, wirthschaftete Adam nnn
Ir den Baron, und als er die Stelle angetreten, war er mit
M guten, festen Glauben darangegangen, hier zu leben und
schaffen und zu sterben wie die Amtleute vor ihm, wie sein
Iater und dessen Vater auch.
Illerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände
I sehr verändert. Er konnte nicht mehr, wie sein Vater
? gethan, am Neujahrstage es dem Herrn vermelden, daß
welchen Neberschuß die Giter eingetragen. E war set
acht Jahren immer mehr aufgegangen, als man eingeneIk
7 hatte; der Kirchenbau, die Unterstüzung der vielen FlüEf

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linge, das breite, keinen Zeitverhältnissen sich unterordnenO
Gesellschaftsleben und die große Prachtliebe des Barons, welc j
von der Herzogin genährt ward, hatten in wenig Jahren nicj
nur die angesammelten Gapitalien aufgezehrt, sondern, da ma j
in den letzten Jahren oft schnell das Geld gebraucht, mamnigj
fache Anleihen nöihig gemacht, für die man bei den unruhige.,
Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen, die man nichj
immer gleich zu decken im Stande gewesen war und welchs
neue Anleihen erfordert hatten. Freilich waren diese Verlegen!
heiten durch Aufnahme einer Hypothek auf Rothenfeld, ins
welcher Adam, um keine fremden Hände an das Gut heran,
zulassen, durch Herrn Flies sein und Eva's Vermögen angelegts
für den Augenblick beseitigt worden und wenn Adam sich auchs
Sorge darüber machte, daß schon wieder neue Wechsel für denj
Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als
ein Anderer die Hülfsquellen der Arten'schen Besitzungen ge!
kannt und sich damit beruhigt, daß Alles noch auszugleichens
und herzustellen sei, wen man einmal mit dem umnützent
Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig ges
worden sein würde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechß
nungen, seine Plane angelegt; all sein Sinnen, all seine Krafj
und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser Güter geß
knüpft. Von früh auf, durch eine hundertjährige Vergangenß
heit, durch alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt, das
Schicksal der Steinert's mit dem der Herren von Arten, denen sie
dienten, unzertremnlich verbunden zu denken, war ihm erst inj
den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommenF
daß es so nicht immer gehen, daß Verhältnisse eintreten könnF
ten, unter denen er nicht im Stande sein würde, die Herrschafs
weiter zu bewirthschaften. Gs hatten ihm das jedoch so ent(
nrnnarrar l

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-er von den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem Hause in
zTehenfeld gesessen, von einem der Freiherren, von seinem
zeihern mit Schimpf und Schande von Haus und Hof ge-
Aeben werden könne, daran hatte er in keiner Stunde seines
Aens noch gedacht. Um so härter trat das Ereigniß vor
: hin, um so fester mußte er sich ihm gegenüberstellen, und
e hat das auch. War er doch nicht der erste Mensh, dessen
Shicsal eine plötzliche Umwälzung erfuhr; war er doch nicht
Ailos, wenn er diese Güter nicht mehr bewirthschaftete! Die
äeinerts hatten ein hübsches Vermögen zusammengebracht im
ihen Dienste der Herren von Arien, und es stand ja in
Ar Bibel, daß denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten
Fechen müsse. Wer weiß, wozu es gut war, daß es hier
nt Einem Male mit ihnen zu Ende ging! Stand es doch
icht in den Sternen geschrieben, daß die Steinerts immer nur
Itleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnn-
m Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Füße stellen, besser als
undert Andere, denn sie hatten die Kemntnisse und das Ga-
al dazu.
Es half aber nichts, daß Adam sich dies Alles vorhielt
daß dies Alles seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch
ht sich nicht mit Einem Schlage von seiner Vergangenheit
und wo er's thun muß, blutet die Wunde noch lange nae-
Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und it
vertrauten Auge über die Gegend hinsah, fand er sich mit
sm durch seine Sorgfalt dafür verknüpft. Er kamnte jeden
Vm, jeden Strauch. Für jeden Acker hatte er gesorgt, Vc
V bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in de
I Jahren pflanzen lassen. Die Pferde, welche der Kneet
Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem lezten Markte
Vuft; der Knecht war auf dem Hofe in Rothenfeld gekecs
I twwwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Pirt, mnn M

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Mittag vorüber war, noch einmal auf die Stoppeln hinaus-
führte, hatte Adam's Großvater den Stamm gekauft, und
Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in
Sachsen gewesen, von dort her eine edlere Race einzuführen.
In wessen Hände das nun kommen wird? dachte Adam.
Es wird's nicht leicht einer so gut halten, wie wir gethan!
Es wird Manches drunter und drüber gehen, wenn einer
darüber geräth, der's nicht zu übersehen und zusammenzuhalten
weiß! Und gar, -= wenn ein Unredlicher darüber käme!
Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es den
gelommen, das arge Zerwürfniß? Was war denn eigentlich
geschehen? Und war es denn nicht zu vermeiden gewesen?
Er komnte es noch nicht begreifen. -- Mit großem Bedachte
ging er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort für
Wort wiederholte er sich Alles. Er brachte die Anwesenheit
des Marquis, die Gemüthsart des Barons, sein gebieterisches
Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag,
die der Herr über ihn geübt, weil er ihn von Kindesbeinen
aufwachsen sehen. Er erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf
die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn gesprochen, aber er
komnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefühl und
sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der bloßen,
launenhaften Willkür brauchie er sich nicht zu unterwerfen. Er
konnte mit seiner einzigen Schwester Zufriedenheit und Glück
nicht also spielen lassen, denn es war klar, aus welchem Grunde
immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demüthigen und kranken
wollen, und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage,
dies hinnehmen und ertragen zu müssen. Es war also gut-
ganz gut so, wie es gekommen war.
An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon
glaubte er vollstandig Meister über den erlittenen Eindruck ge-
worden zu sein, als sein Wagen in das Thor des Amthofes

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einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich unter den
mächtigen Bäumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgroß-
vater es erbaut. Die Bäume aber waren weit älter. Neber
diese Treppe war sein Vater als Bräutigam mit seiner Mutter
eingezogen, über diese Treppe hatten sie Vater und Mutter zur
letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der
Treppe hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach
der Kirche gefahren waren. Alle seine Erinnerungen knüpften
sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus; alle seine Hoff-
nungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt, und
es that ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner Thüre
anlangte, der Gärtner ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte
und über den Zaun hinauswarf.
Entwurzelt! murmelte er unwillkürlich, und es lief ihm
kalt durch die starken Glieder. Aber der Mensh ist kein Ge-
wächs! sagte er sich zum Troste, denn eines Trostes fühlte er
sich bedürftig.
Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fuß auf
den Boden gesetzt.
Geduld, versetzte er, laß mich nur erst in die Stube hin-
ein! -- Sie sah, daß etwas ganz Unerwartetes geschehen sein
mußte, ließ ihn vorangehen und folgte ihm.
Der Amtmann hing den Hut an den Ragel, legte die
Handschuhe zur Seite und wandte sich nach seiner Stube, um
seine Kleider zu wechseln. Es drängte ihn nicht, das Schwere
auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die Schwester
erkrug es nicht länger. Sie trat behutsam an ihn heran,
legte den Arm auf seine Schulter und sagte: Du bringst
nichts Gutes, Bruder! Du hast um meinetwillen Unannehm-
lichkeit gehabt!
Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlech. l.

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Aber dennoch Unannehmlichkeiten? = Er bejahte es kurz. -
So billigt der Baron die Heirath nicht? fragte sie kleinlaut.
Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst
jetzt wieder in den Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich
selber denkend, sagte er: Ach, das ist ja das Wenigste!
Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief
Eva, der des Bruders sichtliche Erschütterung allmählich immer
klarer wurde, um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Er sezte sich hin und zog sie neben sich. Mach! Dich
bereit, Schwester, sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hören;
es hat mich auch gefaßt, als ich's vernahm! -- Er hielt inne
und sagte damt: Es ist aus zwischen uns und ihnen - wir
gehen fort von hier!
Adam, rief das Mädchen, Adam, das ist ja gar nicht
möglich! Wir, wir sollen fort von hier, von hier?
Ihr Ton erwecte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du
wärst ja doch bald fortgegangen! sagte er, um sie und sich
zu trösten.
Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn
mit ihren Armen, und ihre Thränen fielen nieder auf seine
Brust, und das Herz ward ihm so weich, daß er keines Wortes
mächtig war. Draußen tickte die große, englische Stehuhr ihren
altgewohnten Pendelschlag, im Hofe plätscherte das Wasser des
Rohrbrunnens in das weite Becken.
Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das
Wasser werde ich nicht lange mehr fallen hören! dachte er,
und er hatte Noth, die eigenen Thränen zurückzuhalten, deren
er sich schämte.
Mit tiefem Athemzuge siand er auf. Jetzt, da Eva es
wußte, hatte er überwunden. Sei verständig, Mädchen, sagte
er, und mach' uns beiden das Herz nicht umnütz schwer!

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Richten und Rothenfeld sind nicht die Welt, und ich denke,
wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns
befehlen kann - und bald Gott dafür danken, daß wir frei
sind, Du und ich! Laß den Christian satteln, er soll hente
bis Feldheim reiten, so erfährt Herbert morgen Mittag in
Kerben, was geschehen ist, und Du mußtest es ja auch erfahren!
= Komm' zu mir, wenn Du den Befehl gegeben hast.