Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 33

Sechszehntes Capite l.
Hem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums
Herz. Er hatte zu viel Ehrgefühl und Stolz, um es nicht
schwer zu empfinden, wenn er sich sagen mußte, daß er einem
seiner Untergebenen ein Unrecht gethan, und in diesem Fallc
befand er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber. Dazu hing
er am Hergebrachten, am Gewohnten mehr als er es sich selber
eingestand, und die Herren von Arten hatten sich immer etwas
damit gewußt, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlechk
in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehdrten nach
der richtigen Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz
und noch war er niemals in der Lage gewesen, sich eines
Theils desselben zu entäußern. Es wäre ihm hart angelommen,
sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Ge-
räthe zu trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen
Familie so lange mit den Erinnerungen seines Hauses ver-
bunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und er hatt.
den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, dae
komnte und mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen,
tüchtige und brave Menschen. Einen treueren Beamten als den
Adam konnte er nicht finden.
Er ging mit sich lange und ernsthaft zu Rathe. Wären
die Zeiten gewesen wie früher, so würde er vielleicht nicht an
gestanden haben, am nächsten Tage den Amtmann kommen z
lassen, ihm, der im Grunde ja noch ein junger Mensch war

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Lopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen,
daß er ihm vergeben, ihn in seinem Dienste behalten wolle,
ud Adam würde das dankbar angenommen haben. Aber die
Fiten hatten sich gewaltig geändert, seit die Revoluton in
stankreich ausgebrochen war, seit man dort den edeln, unglück-
ichen König enthauptet und eine Staatsverfassung, eine Republik
eingeführt hatte, in der Gewerbtreibende und Gelehrte, Leute
ohne Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines
angefammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und
ds Blut der edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten.
In Adam's Worten: Ich bin ein freier Mann! hatte der
Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die Men-
shenrechte verkündet, all diesen Leuten im Kopfe spukte, und
das war es gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch
Hi ein verzeihendes Einlenken als völlig unthunlich erscheinen
lß; denn undenkbar war es nicht, daß der Amtmamn, wie
de Welt jetzt aussah, es verschmähte, die dargebotene Begnadigung
anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden!
Iam war auch ganz der Mannn danach, mit jeinem ansehnlichen
kemögen lieber selbst den Gutsherrn machen zu wollen -
dnd was dann?
Der Freiherr konnte, durfte nach seiner leberzeugung nicht
derrufen, was er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit
e Menge von Unbequemlichkeiten und Sorgen über sich ge:
dmen, aber es blieb ihm nichts übrig, als den Sohn des
Vaven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über einen
Er von dannen gehen zu lassen. Demn gegen Herbert und
war er thatsächlich nicht gerecht gewesen, und an Allem den
g. wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder die Schuldl
ßnwwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brß-
brannte er ihn immerfort, der Schmerz: Angelia lieke
ert, sie selbst hatte es ihm gestanden, fast ohne sein Zutd-

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freiwillig gestanden! Er war sehr unglücklich! -- Der Caplan,
die Herzogin wußten es, ja -= und was das Schlimmste war,
es wußte es auch der Marquis!
Er hatie diesen niemals gern gesehen. Die große Leicht-
fertigteit desselben, seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die
Weise, in welcher er sich über seines Königshauses, seines Vater-
landes und über sein eigenes Schicksal fortzusetzen wußte,
däuchten dem Freiherrn eines Edelmamnes nicht würdig. Daß
der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von
dem Amtmanne, von einem seiner Diener, anklagen zu hören,
daß der Marquis ihn dazu zwang, ihm Vorstellungen zu
machen, war ihm widerwärtig -- und ernstliche Vorstellungen
mußte er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach ähnlich
klagende Berichte zu des Freiherrn Ohr gedrungen.
Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen.
Seine Nerven waren abgespannt, sein ganzes Wesen bedrückt,
und das nasse, bleifarbige Gewölk, das keinen Somenstrahl
hindurchließ, die unbewegte, schwere Luft des schwülen Herbst-
tages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben.
Die Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber
gegangen, der Baron, äußerst mäßig in Speise und Trank,
hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein getrunken, um
zu vergessen, was ihn drückte, oder um sich wenigstens über die
ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Haus-
genossen hinweg zu helfen. Während man speiste, bestellte er
sein Pferd, um auszureiten, indeß der Nebel, welcher den ganzen
Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener Regen ver-
wandelt, denen man es ansieht, daß sie lange währen; und
weil er Luft und Bewegung nöthig hatte, nahm er wieder z
der Gallerie -- so nannte man jenen Saal im Erdgeschosse
seine Zuflucht. Dorthin folgte ihm wie gewöhnlich der Marquis.
Es war dem Freiherrn eben recht.

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Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals
schweigend in dem Zimmer auf und nieder gegangen waren,
sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht davon gehört, Marguis,
daß ich meinen Amtmann entlasse?
Nein, versetzte der Marquis, aber Sie thun sicherlich sehr
wohl daran!
Weßhalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den
dourgeois gentilhomme. Er ist sicherlich einer von denen,
die auch bei Ihnen gerades Weges auf die sogenamnte Freiheit
und Gleichheit lossteuern würden, wenn man sie nicht im Zügel
hielte. Er wußte ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und
wer er war! rief der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich
dem Freiherrn damit angenehm zu machen.
Aber er verfehlte seine Wirkung. Es verdroß den Baron,
seinen Amtmann von dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam
dorwerfen zu lassen, daß er ein Ungebührliches unter seinen
Leuten geduldet habe, und mit der ihm eigenthümlichen stolzen
Würde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so
ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind
und was uns ziemt!
Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegen-
wärtigen Abhängigkeit jenes Ehrgefühl nicht verloren, an welches
der Freiherr seine Mahnuung erhob, es hatte sich im Gegentheil
durch seine jezige Lage steigern müssen, da es mit seiner an-
muthigen Person das Einzige war, was ihm von den Umständen
nicht genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf
hochfahrend zurückgeworfen, um sich damit der hohen Statt-
lichkeit seines Beschüzers wenigstens im Aeußern so viel als
möglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch.
zu erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
Es war seit gestern das zweite Mal, daß ein jüngerer

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von ihm abhängiger Mann, ein Mann, dem der Baron sich
in jeder Rücsicht überlegen wußte, sich ihm herausfordernd und
auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwwillkürlich sagte
er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den
Marquis ermuthigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes
Blut in Wallung, und lebhaft auffahrend, rief er Vor allen
Dingen hätte es Ihnen wohl geziemt, es mir zu ersparen, daß
meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten
meines Gastes beklagen müssen. Sie haben die Tochter meines
Reitknechtes verführt, mein Unterförster hat sich über Sie zu
beschweren gehabt, der Amtmann - . - -
Aber der Zorn des Barons brachte auf den jungen Fran-
zosen, entweder weil er diese Art von Vorwürfen nicht eben
erwartet haben mochte, wirklich eine komische Wirkung heroor,
oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der Ver-
legenheit entziehen zu können, denn er rief lachend: Earbleu,
mein Herr Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wäre mir
allerdings lieber gewesen, aber weßhalb wollen Sie einem
jungen Manne einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib gleich
zum Verbrechen machen? Jrre jch mich nicht, so haben auch
Sie sich seiner Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl
zu bescheiden verstanden, Herr Baron!
Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm
in den Falten seines Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen,
nicht von mir, Marquis! sagte er mit scharfer Betonung. Der
Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht
wider Sie zu brauchen, und ich wüßte nicht, wie ich's ihm
wehren könnte!
Der Marquis sprang einen Schritt zurück, seine Wange
erbleichte. Ich war lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.
Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich
noch in die Lage bringen, einen Edelmann als Gast an

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neinem Tische zu sehen, an den einer meiner Leute seine Hand
ggt hat
Siher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der
Köglichteit entheben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre
ggn mich in solcher Weise geltend zu machen! sagte der
Krguis und verließ mit einer förmlichen und gemessenen
knbeugung die Gallerie.
Der Baron konnte nach seiner letzten Aeußerung nichts
deres von dem Marquis erwartet haben, und doch stand
a mit einer guälenden Empfindung still, als er den Tritt
Helben in dem Nebenzimmer verhallen hörte. Nicht daß eben
zA Marquis sich entfernte, berührte den Freiherrn so unan-
eehm, denn dieser war ihm grade heute wieder sehr miß-
Ig gewesen, aber er selber fand sich wie vewwandelt, und
d war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu
am würdevollen Gleichmaße herangebildet, der eine Aufgabe
ed eine Befriedigung darin gefunden hatte, dies in allen
enslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten, er
dd sch in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn
kies Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen
Atrieb, die er selbst als ungehörige bezeichnen mußte und die
N zu immer neuen, widerwärtigen Erörterungen drängten, in
n Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.
G giebt solche Augenblicke, ich habe solche Zeiten schon
, sagte er, sich zu beschwichtigen, wahrend er mit festem,
Vem Schritte, als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbst-
?ichen Kraft, langsam in der Gallerie umherwanderte-
Mh ein Zeityunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren
von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dan
Vline, die arme Pauline, als ein Glückspfand in mein
aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte. Ee
R ange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild

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ihm wieder lebendig vor die Seele getreten, und er komnte es
jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue, die
ihn sonst gequält hatte. Pauline hatte ihm allein angehört
mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod,
sie hatie keinen Anderen geliebt, als ihn!
Er preßte die Lippen gewaltsam auf einander. Das war
es! Das war es, was ihm seine Ruhe, seine Fassung raubte,
was ihn kein Auge hatte schließen lassen in der Nacht!
Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fühlte
sich in seiner Ehre angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe
seiner Gattin gekostet hatte, stand so tief unter ihm, daß er
die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter Edelleuten
üblich, hätte rächen können, auch wenn er dies gewollt hätte.
Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt, nie wahrhaft be-
glüct; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grund-
bedingungen seines Daseins gehört, und nicht mehr auf dieselbe
rechnen und bauen zu kdnnen, war ein schwerer Verlust für
ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte
dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche
die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren.
Es konnte nicht fehlen, daß er die Frau, welche ihm diese
Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache aller
seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah.
E war sein innerer Kummer, es war sein unterdrückter
Schmerz und Grimm, die ihn sich selbst entfremdeten und die
ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise, fast bis zur
Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelila.
deren Schuld den Bruch mit Adam veranlaßt; auch der ver-
drießliche Handel mit dem Marquis, der ihn die Gesellschaft
seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte be-
rauben komnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude
und eine Ehrensache gewesen war, ließ sich schließlich auf An-

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gelila's Schuld zurückführen, und doch mußte er sie, wemn er
sich nicht selber Preis geben wollte, um seiner eigenen Ehre
willen nach wie vor zu lieben scheinen, während eine kalte Ah-
neigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte.
Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden.
Das wenigstens mußte er zu verhindern suchen. Hatte sie doch
gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr
Haus mit Mißtrauen begrüßt und eben in diesen Tagen ihn
vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen
zugewendet. Er durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie
er meinte, zu spielen gewillt war, aber er versprach sich, daß sie
es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner Freundin Kosten
als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.