Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 34

Siebzehntes Capite l.
Elen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im Schlosse
nie erlebt. Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis
leistete ihr Gesellschaft. Der Freiherr aß gar nicht zu Nacht,
und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die
aufgetragenen Schüsseln kaum berührt.
Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der
Diener die Koffer des Marquis. Der zweite Kutscher hatte
Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche fertig zu halten, ein
Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der
Stadt geschickt worden.
Man fragte den Diener des Marquis, was dem geschehen
sei, daß sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche. Er
komnte das nicht sagen. Man wollte erfahren, ob dent die
Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wußte er
nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Aus-
kunft erwarten durfte, ließ sich gar nicht sehen. Des Ver-
muthens, des Fragens, des Meinens und des Prophezeiens
war auf den Treppen, in den Vorsälen und in den Dome-
stikenzimmern gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem
festen Abschlusse. Nur das Eine wußte man sicher, die Kam-
merfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen
Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht-
Die Herzogin läßt auch packen, sagte der Dieer, welcher
nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen

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gehabt hatte, und als ich eben fortging, kam der Herr Baron
den Corridor entlang und ging zu ihr.
E geschah sonst niemals, daß der Freiherr die Herzogin
in ihrer Wohnung aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher förmlich
anmelden zu lassen, denn er wünschte ihr auch in seinem
Schlosse das Gefühl zu erhalten, daß sie Herrin bei sich sei.
Heute jedoch klopfte er selbst an ihre Thüre. Die Kammerfrau
öffnete ihm und ließ ihn ein, aber die Herzogin war nicht an-
wesend. Erst als er nach ihr fragte, trat sie aus dem Neben-
zimmer hervor.
Ihre Haltung, ihr Blick waren noch ruhiger, noch würde-
voller als gewöhnlich, und ohne abzuwarten, was er ihr zu
sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit
sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Gousin, da stehen
wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich
Ihnen oft gesprochen habe, vor einem jener Zufälle, die uns
unerwartet daran mahnen, daß nichts in unserem Leben Dauer
hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen
Sicherheit zu überlassen!
Sie hatte sich mit den Worten auf das Ganapee geseßt,
und während der Freiherr ihr zur Seüe auf einem Sessel
Platz nahm, wies sie, mit einer leichten Bewegung ihn um
Entschuldigung dafür bittend, daß sie in seinem Beisein eine
solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibge-
räthschaften, welche auf dem Tische standen, in ihre Schatulle
einzupacken.
Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr,
indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie
uns nicht dem Schicksale aufbürden, was in unserer Hand
ltegt, meine Freundin! Gönnen wir einem Zufalle, gönnen
wir der Unüberlegtheit und dem heißen Temperamente eines
Ungen Mannes nicht die Macht, dasjenige zu zerstören, was

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wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben, unsere Freund-s
schaft, und uns dessen zu berauben, was mir wenigstens eins
Unersezliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ichs
bitie Sie darum!
Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig,!
denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht.-
Er liebte es, mit großmüthigem Herzen die Menschen, welche
in seiner Nähe lebten, zu beglücken, und wohin er in diesem
Augenblicke sah, wußte er, daß man seiner mit Unzufriedenheit
gedachte. Das Schloß, das Amthaus, Alles stand in düsterm
Lichte vor ihm. Alles versagte sich ihm, Alles verließ ihn,
worauf er sich gestützt hatte; und nun wollte auch sie, die be-
währte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit
verknüpfte, der er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand:
eine Heimath und eine Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem
Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne das Gefühl ernie-
drigender Wohlthat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in
Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wäre ihm
ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und
schwere Kränkung seiner Ehre, seiner Standes- und Familien-
ehre gewesen. Sie kamnte ihn auch genugsam, um seine Em-
pfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu
beurtheilen, und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht
verlassen.
Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und
dem Marquis gegeben. Sie befand sich nicht mehr in der
Lage, in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille
durchgehen lassen und jeder seiner Thorheiten mit ihrem Ver-
mdgen und Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit wider-
strebendem Herzen gelernt, sich in die Verhältnisse zu schicken,
und sich beschieden, für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit
als möglich in der Herrschaft Ersatz zu suchen, welche sie über

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diejenigen ausübte, von denen sich abhängig zu wissen ihr
Stolz nur schwer ertrug; denn es ist das Glück der Herrsch-
üchtigen, daß sie in dem Herrschen an und für sich einen
Genuß empfinden und daß ihre Befriedigung nur bis zu einem
gewissen Grade von dem Gegenstande, über den sie herrschen,
abhängig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhältnisse
jezt lagen, zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile
dabei zu empfinden; sie brauchte nur wie ein geübter Schach-
spieler die Figuren, welche man von beiden Seiten in das
Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um
den rechten Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein ge-
shickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen mußte. Sie
hatte sich ihre Stellung in Schloß Richten zu gewinnen und
zu behaupten gewußt, und sie war ihr lieb und lieber ge-
worden, je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Ver-
hältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution
geeigt hatte.
Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der
Provinz gewesen war, und Hof gehalten hatte in ihrer Weise,
so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Theile Deutsch-
lands festgesetzt, und das Zartgefühl der Baronin, die Groß-
muth des Barons hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen
ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet. ja, der Freiherr
hatte es in der schonendsten und liebenswürdigsten Art dahin
gebracht, ihr allmählich in Form eines Darlehens ein Nadel-
Eeld auszusetzen, groß genug, auch den Marquis zu versorgen;
nd wenn die Herzogin auch über die Summen, welche sie
empfing, jedes Mal einen Schuldschein zu unterzeichnen ver-
Iangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, daß die
Summen in den Büchern nicht auf ihren, sondern auf des
Freiherrn Namen eingetragen wurden, und daß dieser die
Nuittungen, welche sie ausstellte, stets selbst vernichtete, damit

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sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen die Hec
zogin geltend gemacht werden konnten.
Aus diesem Zustande, dem wünschenswerthesten, welchez
sich augenblicklich für sie denken ließ, hatte der Leichtsinn de j
Marquis sie aufgeschreckt, und wenn dieser seinerseits in de!
Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten Ehrgefühlls
auch an nichts weiter denken komnte und mochte, als den Anj
forderungen des letzteren geng zu thun, so sah die Herzogins
mit jener schnell arbeitenden Phantasie, welche die unentbehrlich.s
und unzertremnliche Gefährtin eines scharfen Verstandes ist,j
sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber, und sits
konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen kömne, wal
ihr zu thun obliege.
Daß der Marquis nicht bleiben, wenigstens für jetzt nichkh
in Richten bleiben kömne, verstand sich von selbst. Aber ebenj
weil er gehen mnßte, war sie zu bleiben genöthigt, denn nurj
auf diese Weise komnte sie ihm die Mittel zu seinem Unterhaltej
schaffen; indeß freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da siej
ihren Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte, unds
nach den ersten lebhaften Erörterungen zwischen ihr und demj
Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben, daß sie sich zus
ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dems
Bedauern der Baronin in die traurige Rothwendigkeit versetzts
finde, auf seine großmüthige Gastfreundschaft verzichten und inj
eine ihr so leere und fremde Welt zurückkehren zu müssen,s
gegen deren Dede und Schrecken sie unter seinem Dache, anj
seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnen-s
schlosses eine so friedliche und beglückende Zuflucht gefundenj
habe. Alles, um was sie sich erlaube, ihn noch zu bitten, sei,s
daß er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch einmal anweisen lasse,;
und daß er ihr vergönnen möge, sich seiwes Wagens und seiner!
Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu

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uernachten denke und in der sie Postyferde für ihr weiteres
Fortkommen finden kömne.
Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen
slch ein Schreiben eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn
machen würde, und sie hatte sich nicht darin getäuscht. Es war
i der Voraussicht seines Besuches gewesen, daß sie Befehl ge-
geben hatte, hier und da einen der Gegenstände und der Ge-
nüthschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der
Freiherr an ihrem bestimmten Platze zu sehen gewohnt war,
aus dem Gemache zu entfernen, und in der That bedünkte ihn
diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten Form ver-
ktaut gewordenen Umgebung unheimlich.
Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schloß
nicht zu verlassen, nur mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer
Mienen antwortete, sprach er nach kurzem Schweigen: Hören
äie, meine Freundin, wie draußen der Wind die starren Aeste
der Bäume schüttelt, das Jahr geht abwärts, das Wetter ißt
chlecht! Er hielt inne, nahm dann ihre Hand und sagtet
Iuch unser Leben, Margarethe, wie wir uns gegen diese Er-
lemntniß in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen, ist kein
aufßteigendes mehr, der Weg wird übersichtlich, welcher noch
ddr uns liegt, und was wir auf demselben an Glück noch
ekwa finden könnten, das sollten wir freiwillig nicht vermindernl
Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie dürfen
öie Ihr Schicksal dem meinigen vergleichen, theurer Freund?
öie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen fröhlich und gesund
ranwächst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimath, Sie besen
e Liebe einer jungen, edeln Frau! -- Aber was fehlt Ihnen-
eln Freund? rief sie, sich plözlich unterbrechend. Was habe
den gesagt, das sie betrübt? Oder ist es nur der flacerde
Vchein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich erscheinen mack?
Der Freiherr zögerte, ihr zu aniworten, weil er zum erI
F Le wald, Von Geschlecht zu Gesclecht. I

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Male die Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete
es, daß sie ihn auf die Liebe seiner Gemahlin hinwies, sie, der
Angelika das unglückliche Geheimniß ihrer Liebezu dem Architekten
anvertraut hatte? Es widerstrebte ihm, sich der Täuschung
hinzugeben, die sie ihm schmeichlerisch bereiten zu wollen schien,
es widerstand ihm eben so, ihr zu bekennen, daß er ihre Ab-
sicht durchschaute; aber sie ließ ihm zum Ueberlegen keine Zeit,
denn mit größter Wärme seine Hände ergreifend, rief sie O,
mein Freund, wäre ich so unglücklich gewesen, eine schmerzhafte
Saite in Ihrem Leben zu berühren? Wüßten Sie etwa, was
ich Ihrer Kenntniß vorenthalten zu sehen hoffte, daß selbst
diese schöne, edle Natur . . - -
Der Freiherr machte eine abwehrende Bewegung mit der
Hand. Lassen Sie das, lassen Sie das, meine Freundin!
sagte er. Es ist nicht weise, von einem Unwiederbringlichen zu
sprechen und seine Gedanken damit zu beschäftigen, besonders
wenn man sich nicht mehr mit neuen Täuschungen über eine
erlittene Täuschung fortzuhelfen vermag; und ich darf es leider
sagen: meine letzte Täuschung liegt jetzt hinter mir! -- Er
seufzte, unterdrückte, was er noch sagen zu wollen schien, und
sie schwiegen beide.
Sie lönnten mich tadeln, nahm nach einer Weile die Her-
zogin das Wort, daß ich Sie nicht benachrichtigt, daß ich über-
haupt das Vertrauen der armen Angelika angenommen habe.
Aber das erregte Herz verlangt sich auszusprechen, und da mir
der Eindruck, welchen jener junge Mann auf die Baronin seit
dem ersten Tage seiner Ankunft gemacht hatte, nicht entgange
war, wußte ich keine besseren Hände für die Bewahrung des
traurigen Geheimnisses, als die meinigen. Ich brachte sie dahin,
sich mitzutheilen, ich selbst enthüllte ihr, was in ihrer Seele
vorging, damit sie sich dem Zuge nicht blindlings und ahnungslos
iberließ; ich that, was in meinen Kräften stand, sie zu zerstreuen.

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O, es war nicht meinetwegen, daß ich Sie immer wieder an-
trieb, neue Gäste einzuladen, auf neue Vergnügungen zu simnen!
Und es ist wahr, die Baronin hat mit sich gekämpft, mit sich
gerungen lange Zeit; aber Sie kemnen das Frauenherz und
seinen zärtlichen Eigensinn! Sie kennen die unbezwingliche Ge-
walt der Leidenschaft! -- Sie brach plözlich in ihrer Rede ab.
Ja, ich kenne sie, sprach der Freiherr dumpf, ich kenne
sie! - Er erhob sich und trat an das Fenster. Die Nacht
war sehr finster. Eine Weile ließ die Herzogin ihn stehen, dam
näherte sie sich ihm, legte ihren Arm leise auf den seinigen und
sagte: Es thut Ihnen nicht gut, mein Freund, so schweigend
in das Dunkel hinaus zu sehen. Richten Sie sich auf, mein
Freund! Es giebt kein Nebel, das unheilbar wäre, wenn man
es ernstlich zu heilen wünscht!
Sie irren, meine Freundin! entgegnete der Freiherr.
O, rief sie, ich glaube an das Eisen, das die Wunde
heilen kann, welche es geschlagen!
Eine Fabel, eine Fabel, wie so vielesAndere, an das wir
auch geglaubt haben! bedeutete er mit trübem Lächeln.
Lassen Sie es mich wenigstens versuchen, mein Cousin!
bat die Herzogin.
Des Freiherrn Züge- belebten sich. Heißt das, daß Sie
nicht von uns gehen, Margarethe?
Könnte ich Sie und unsere arme Angelika sich in solchem
Zustande einander überlassen? rief sie. Muß ich denn nicht
bleiben, um von Ihnen zu erlangen, was Sie mir gewähren,
gleich jetzt gewähren müssen?
Sprechen Sie, sprechen Sie, meine theure Margarethel
sagte der Freiherr.
Ich verlange nichts für mich, und doch ist es die höchste
Beruhigung für mein Herz, die ich begehre, sagte sie. Ich ver-
lange, daß mein Freund, der selbst im Leben viel geirrt und
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viel gefehlt hat, und mancher Vergebung benöthigt gewesen ist,
seiner Gattin verzeihe, und daß ich es sei, der den Verzeihenden,
den Versöhnten noch an diesem Abende wieder zu ihr führt!
Der Freiherr atwortete nicht. -= Ich kann nicht verzeihen,
was erlitten zu haben ich nicht vergessen kamn! entgegnete er endlich,
und die frühere Düsterkeit lagerte sich wieder über sein Antlitz.
So beruhigen Sie wenigstens die Frau, welche Ihnen
Ihren Sohn geboren hat, befreien Sie ihr den Sinn, damit
das Kind nicht weiter von ihrer Schwermuth leide, und lassen
sie die Zeit walten und mich versuchen, was die Freundschaft
kann! bat sie aufs Neue und noch dringender, als zuvor.
Sie sind der gute Engel unseres Hauses! rief der Freiherr.
Nicht doch, nur eine verläßliche alte Frau, entgegnete ihm
die Herzogin, nur eine Frau, der es die höchste Befriedigung
gewähren würde, Ihnen endlich einmal zu irgend etwas nütze
sein zu können.
Sie reichte dem Baron die Hand, er küßte sie ihr, und
ihren Arm in den seinen legend, gingen sie ohne zu sprechen
mehrmals in dem Gemache auf und ab, bis der Freiherr das
Wort nahm und sie bat, ihr Vermittleramt nun auch zwischen
ihm und dem Marquis zu üben, da er sie nicht der Gesellschaft
ihres Bruders zu berauben und ihr den Aufenthalt in diesem
Schlosse dadurch für die Zukunft nicht weniger angenehm zu
machen wünsche.
Aber davon wollte sie nicht hören. Es sei nothig, sagte
sie, ihrem von ihr verwöhnten Bruder zu beweisen, was er hier
in der großmüthigen Gastfreundschaft des Freiherrn besessen und
leichtsinnig verscherzt habe, ndthiger noch, daß er strebe, sich eine
ihm angemessene Thätigkeit im Heere oder sonst im Dienste
des Königs zu suchen, bei welcher sein lebhafter Sinn sich
geuug thue, seine Anlagen und Kenntnisse ihre entsprechende
Verwerthung finden könnten. Ihr Bruder sei zu jung, un

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dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu
verzichten sie ein großes Opfer gekostet haben würde; und da
der Freiherr ihre Meinung theilte, verstand es sich von selbst,
daß er sich erbot, den Scheidenden mit den Empfehlungen und
Anweisungen auszurüsten, deren er für die Erreichung seiner
Zwecke bedürftig sein konnte. Er sagte sodann, daß er ihr
sofort die Summe senden werde, um welche fie ihn gebeten
hatte, und ersuchte sie selbst, ihm darüber den gewohnten Schuld-
schein auszufertigen.
Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreib-
zeug wieder aus und bringen Sie es her! befahl sie.
Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte
sich ausschließlich mit dem Marquis. Während sie dann den
Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit einem tiefen Seufzer:
Das wird hinreichen, seine Bedürfnisfe zu decken, bis er eine
Anstellung erhält.
Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen
Beweis zu geben wünschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich be-
halten zu können, diese Summe muß Ihnen bleiben, Sie können
sich deren nicht entäußern, Theuerste! Den Marquis zu ver-
forgen, bis er dies selber thun kann, dies, theure Freundin, it
meine Sache. Die Ihrige ist's, ihn zu vermögen, daß er die
Vorsorge Ihres alten Freundes nicht von sich weist, weil dieser
sich einmal in der übeln Lage befunden hat, ihm einige kleine,
nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm
orgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute
Racht, theure Herzogin; gute Nacht, meine theure, treue Freundin!
Er wollte sich entfernen, ihr die Nothwendigkeit des Tanles zu
ersparen; sie aber hielt ihn zurück. Und Angelika? fragte sie.
Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit,
mich zu fafsen, mich zu überwinden, lassen Sie der Baronin die
Zeit, zu überdenken, was sie gethan hat! Sie bleiben ja mit uns!