Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 35

Achtzehntes Capite l.
Ferbert war kaum in die Stadt zurücgelehrt, als er zu
Seba hinunterging, ihr die Nachricht von seiner Verlobung zu
bringen. Sie kamnte seine Erwählte nicht, aber sie kannte den
Amtmann, und die einfache Tüchtigkeit desselben und das Gute,
welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Flies'schen
Hause von der Schwester gerühmt, haiten sie für das Mädchen
eingenommen und sie Herbert's wachsendes Wohlgefallen an
Eva lange mit Freude bemerken lassen. Sie hatte von je ge-
hofft, daß es Eva's Gradheit gelingen werde, den beunruhigen-
den Einfluß zu brechen, den die Baronin auf Herbert übte,
und als er ihr jetzt mit Lebhaftigkeit von Eva's klarem, nur
auf das Nächste gestellten Sinne, von ihrer schlichten Wahr-
haftigkeit, von der unverhohlenen Wärme sprach, mit welcher
sie ihm ihre Reigung immer kund gegeben, da füllten sich
Seba's Augen schnell mit Thränen, und ihre Hände auf seine
Schultern legend, sagte sie mit freudiger Bewegung: D, Gott
segne Sie! Gott segne Sie und all Ihr Gluck!
Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren, er-
griffen sie den Freund. Werde ich Ihnen denn einen solchen
Segenswunsch nicht einst erwiedern kömnen? fragte er, indem
er ihre Hände küßte.
Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt. Sie sind so
gut, so edel, sagte er, Sie müssen Liebe finden, denn Sie ver-
dienen sie! Sie müssen lieben können, wie wenig andere Frauen!

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Ja, versezte sie, das habe ich Alles einstmals selbst ge-
glaubt, aber --
Sie wollte nicht weiter sprechen, er nöthigte sie jedoch
dazu. Da glitt jenes melancholische Lächeln, das lange Zeiten
hindurch nicht von ihrem Antlitze gewichen war, wieder einmal
über ihre Mienen, und mit einem Tone, der den Schmerz
ihrer Seele nicht zu verbergen wußte, obschon sie bemüht war,
ihn zu unterdrücen, sagte sie: Damals, als ich glaubte, ich
müsse glücklich werden können, weil ich es zu werden wünschte,
kannte ich die Einrichtung der Welt noch nicht. Damals wußte
ich noch nicht, daß man auf seinem Posten bleiben und ge-
duldig und bescheiden sein muß, um nicht in wilder Hast an
seinem Ziele vorüber zu eilen. Damals sah ich es auch noch
nicht ein, daß wir nicht alle die gleiche Rolle im Leben spielen
können und daß es auch Zuschauer für das Glück der Andern
geben muß. Sie und Ihre Eva, Sie sind an Ihrem rechten Plaz
geblieben, Sie sind zwei Glückliche. Jch - ich verkannte meinen
Platz, ich komnte mich nicht bescheiden, ich verstand nicht, zu
warten, ich stürzte mich mit blinder Hast ins Leben - ich habe
meine Rolle schlecht begriffen, schlecht gespielt, und muß sehr froh
sein, daß ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke erfreuen
kann. Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende, und Sie
sollen es erleben, welche Genugthuung Sie mir damit gewähren.
Herbert wollte sich damit nicht beruhigen. Als Eva's
Verlobter fühlte er sich Seba gegenüüber freier; aber sie wollte
nun von sich selber nicht mehr sprechen hören. Nur von Her-
bert sollte die Rede sein, und da inzwischen auch ihre Eltern
hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte, wie seine
Angelegenheiten ständen, sagte er, gegen Herrn Flies gewendet:
Rathen Sie mir, was soll ich thun?
Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu chun gerathen? fragte
der Juwelier.

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Ich habe ihm noch gar Nichts von meinem Verlöbniß ge-
schrieben, um ihm nicht von der Weigerung des Freiherrn
sprechen zu müssen, den er immer für seinen Gömner, seiner
Freund gehalten hat. Und mein Vater ist in einem Alter,
in welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht
verschmerzt.
Man muß jung und gut sein, meinte Herr Flies, um
also von dem Alter zu denken, das vielmehr den traurigen
Vorzug hat, von solchen Verlusten nicht mehr überrascht zu
werden. Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht, wenn Sie
Ihrem Vater eine Unannehmlichkeit ersparen, da Sie ohnehin
in dieser Sache gar nichts thun können, als.. - -
Nun, was denn ? fragten Herbert und Seba wie aus
Einem Munde.
Nichts als abwarten! sagte der Juwelier.
Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert? rief mit
sichtlichem Verdrusse der Architekt, welcher auf einen ganz an-
deren Rath gerechnet zu haben schien.
Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr
gelegen ist! bedeutete der Andere. Wenn Herr Steinert aus
seinem bisherigen Verhältniß zu dem Freiherrn austritt.. - -
Würden Sie dies billigen und wünschen, lieber Vater?
fiel ihm Seba in die Rede.
Ja, wenn er der Mann ist, für den ich ihn halte, und
wenn er so empfindet, wie er an den Herrn Architekten schreibt!
meinte Herr Flies. Denn es soll Niemand dienen, der die
Möglichkeit hat, auf eigenen Fißen zu stehen!
Aber wie lange soll denn Herbert warten? meinte Seba,
die es in der lebhaften Theilnahme für ihren Freund schon
wieder vergessen zu haben schien, daß sie ruhiges Abwarten
eben erst für eine Tugend angesehen hatte. Wie lange sollen
Eva und ihr Bräutigam denn warten ? wiederholte sie.

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Bis die Umstände ihnen entgegenkommen, antwortete Herr
Zlies. Es gehen so viele Wege durch das Leben; von irgend
einem Bege kommt das Rechte seiner Zeit, wenn wir ihm
damn nur Thor und Thüre öffnen. Warten Sie es ab, lieber
junger Freund, was sie dort in Richten thun werden und was
dort geschieht; warten Sie das ab.
Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise,
welche der vorsichtige Geschäftsmann sich in seinem langen Ber-
kehre mit Menschen der verschiedensten Stände angeeignet hatte,
ewwas sehr Beruhigendes, selbst dann, wenn er, wie eben jetzt,
üine Meinung nicht ganz kund gab. Alle fühlten, daß er etwas
verschweige, was auf die gethane Frage nicht ohne Einfluß sei;
indeß sie kannten ihn darauf, daß man ihm nicht entlocken könne,
was er nicht freiwillig gewähre, und er selber gab dem Gespräche
uit der Frage, wie viel Zeit die Vollendung des Kirchenbaues
in Rothenfeld noch fordern würde, eine andere Wendung.
Herbert meinte, daß man im nächsten Sommer nicht fertig
werden könne, wenn man nicht die Mittel fände, den Bau
dehr zu fördern, als es in den beiden letzten Jahren, eben der
icht ausreichend bewilligten Mittel wegen, möglich gewesen sei.
Rrr Flies wollte die Summe kennen, deren man noch für den
dau bedurfte, und er fand sie groß, da Jener sie ihm nannte.
Vrbert begann sich zu vertheidigen, aber Herr Flies ließ es
zu nicht kommen. Verstehen Sie mich recht, sagte er, ich
turtheile nicht den Bau und seine Erfordernisse, denn ich habe
won keine genauen Kenntnisse!
Und doch nannten Sie die Summe groß?
Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron, gab er z?
Intwort. Er ist freigebig, zu freigebig vielleicht, und frigebg
en Personen, die nicht bedentlich sind, von seiner Freigebig'
den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. Nun jeder Stand
eine eigene Ehre, und unsere Herren vom Adel hier scheinen

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noch nicht zu merken, was um sie her geschieht, scheinen noch
zu glauben, daß hier Alles beim Alten bleiben könne und werde,
wenn rund um uns her das Bestehende längst gewandelt und in
seinen Grundlagen vernichtet ist.
Einer seiner ComptoirGehülfen, welcher ihm ein Packet
Briefe aushändigte, unterbrach seine Bemerkungen. Er be-
trachtete die Briefe der Reihe nach, bevor er sie eröffnete, sah
sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück; nur zwei
davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Auf-
merksamkeit. Nachdem er den einen gefaltet und in seine Brust-
tasche gesteckt hatte, sagte er: Es freut mich, daß ich mich in
dem Manne nicht getäuscht habe! Ihr künftiger Schwager
nimmt seine Sache, wie er muß, und was an mir ist, werde
ich ihm helfen! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Stei-
nert für Sie dabei, in welchem dann freilich von anderen
Dingen als von Geschäften die Rede sein wird. --
Es war das erste Schreiben, das Herbert nach der Sen-
dung durch den Boten von seiner Braut empfing. Sie meldete
ihm die Abreise des Marquis, welche sie natürlich als ein Zu-
geständniß an ihres Bruders Beschwerde ansah; sie sprach von
einem Besuche, den der Caplan bei ihnen gemacht habe, und
schilderte, wie er den Bruder habe überreden wollen, sich dem
Freiherrn zu nähern und Vergebung für seine Heftigkeit von ihm
zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über dieselbe aus-
zusprechen. Aber, berichtete sie, der Bruder ist wie umgewandelt
seit dem Tage, und sein ganzes Dichten und Trachten ist
nur darauf gestellt, so bald als möglich von hier fortzulommen.
Und so war es in der That. Der Amtmann gehörte
zu den Menschen, die mit Geduld eine lange Zeit hindurch
Unbequemlichteiten, Siörnisse und Widerwärtigkeiten ertragen
und sich damit beruhigen können, daß dies mit ihren Verhält-
nissen zusammenhange. Er hatte mancher unbilligen Anfor-

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derung des Freiherrn zu genügen gesucht und sich gesagt, die
Herren wären das einmal von Alters her gewohnt. Er hatte
sich manchen Tadel gefallen lassen, weil der Freiherr ihn von
klein auf gekannt, weil, wie er wußte, den Herren von Arten
das befehlshaberische Wesen einmal im Blute lag, und weil es,
als der Amtmann seinen ererbten Posten angetreten, doch im
Grunde nur Geringfügiges gewesen war, um das es sich bei
den gelegentlichen Streitigkeiten gehandelt hane. Seit den letzten
Jahren aber war das anders geworden.
Adam hatte sich nicht mehr wohl in seiner Wirhschaft
gefühlt, aus welcher so viel als irgend möglich für unfruchtbare
Ausgaben herausgezogen wurde, ohne daß die nöthigen Mittel
zur Unterhaltung und Weiterförderung der Cultur zur Hand
geblieben wären. Seine Vorstellungen hatte der Freiherr immer
ruhig angehört, ohne ihnen jedoch Folge zu geben. Von einem
Jahre hatte er die wirthschaftlichen Verlangnisse seines Amt-
mamnes auf das andere hinausgeschoben, nothwendige Arbeiten
hatten unterbleiben müssen, weil Wälder für den Verkauf gefällt
werden sollten; nothwendige Bauten waren ausgesetzt worden dem
Kirchenbau zu Liebe, und wie Adam sich auch anstrengen mochte,
dem Verfalle der Güter entgegen zu arbeiten, so komnte er sich
am wenigsten dagegen verblenden, daß sie in sich an Werth ver-
loren, wesentlich verloren hatten, und daß wenig Aussicht vor-
handen war, sie in den nächsten Jahren wieder empor zu bringen
und damit ihr weiteres Herunterkommen zu verhüten.
Sich in solcher vergeblichen Arbeit abzumühen, war dem
Amtmanne schon lange schwer geworden, und oftmals hatte sich
in ihm der Gedanke geregt, was er mit seinem Fleiße, mit seinen
Kenntnissen zu schaffen im Stande sein würde, wo er allein zu
bestimmen, wo er allein das Gleichgewicht zwischen den Ausgaben
und Einnahmen zu erhalten hätte. Aber wer mit seiner Arbeit,
wie der Landman, nicht auf den Erwerb des Tages und auf

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den augenblicklichen Erfolg seines Schaffens gestellt ist, dessen
Wesen nimmt etwas von der langsam wirkenden Thätigkeit
seines Berufes an. Adam hätte sicherlich viel Zeit gebraucht, aus
freiem Antriebe zu einem selbständigen Entschlusse zu gelangen;
jetzt, durch einen äußeren Anlaß zu demselben hingedrängt, ergriff
er ihn mit Lebhaftigkeit und hielt ihn kräftig aufrecht.
Mif dem Momente, in welchem er vor dem Freiherrn
zum ersten Male einer blinden Willkür gegenüber gestanden
hatte, war seine Abhängigkeit von diesem ihm wie eine Schmach
erschienen, und all das erlittene kleine Unrecht, alle die erdul-
deten Widerwärtigkeiten, alle seine gehabten Sorgen und seine
unfruchtbaren Mühen hatten sich zwischen ihn und seine Ver-
gangenheit, zwischen ihn und seinen bisherigen Herrn gestellt
und ihn von demselben abgetrennt.
Es war eine schwere Stunde gewesen, als der Freiherr ihm
den Dienst gekündigt. Es war eine schwere Stunde gewesen, in
der sich Adam im Geiste von der Heimath seiner Väter losgesagt
hatte; aber nun der Kampf gekämpft war, fühlte er sich als
einen anderen Menschen. Er war glücklich in dem Gefühle seiner
Kraft, in dem Befize seiner Kenntnisse und seines ererbten und
durch seinen Fleiß vermehrten Capitals. Er wußte seinen Vor-
fahren für dasselbe Dank, aber es genügte ihm nicht mehr, was
ihn sonst befriedigt hatte, in ihre Fußstapfen zu treten. Nicht
mehr ein treuer Diener, wie sie, ein freier Herr auf eigenem
Grund und Boden wollte er werden und sein, und wie er im
Geiste das Joch der Dienstbarkeit von seinem starken Nacken
warf, hob er den Kopf mit schönem, schnell erwachtem Ehrgeize
hoch empor, und sein starkes Selbstbewußtsein machte ihn geduldig.
Grade wie der Juwelier, verwiesger Eva's und ihres Verlobten
Ungeduld auf die nicht allzu ferne Zeit, in welcher seine Schwester
ihre Volljährigkeit erreicht und er den Dienst des Freiherrn
verlassen haben würde. Er wollte nicht zum zweiten Male als

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ein vergebens Bittender vor einem Herrn siehen, nicht Gewährung
fordern, wo er bald selber zu gewähren im Stande sein konnte,
und nicht nur in dem Amtmanne, auch in seiner Schwester
hatte die erfahrene Unbill das eigene Selbstgefühl und die Ab-
neigung gegen die fremde Willkür gestärkt und aufgeregt.
Darüber glitten die Tage hin. Der Winter kam voll
herauf, Herbert's praktische Arbeiten ruhten, aber er war mit
neuen Entwürfen mannigfach beschäftigt, und wie langsam auch
in jenen Zeiten und in jenen Gegenden die Postverbindungen
noch waren, wurde doch zwischen dem Amthofe und dem
Flies'schen Hause ein lebhafter Briefverkehr erhalten, an dem
sich bald nicht nur Seba, sondern auch Herr Flies betheiligte.
Im Amthofe ging Alles seinen ruhigen Gang, obschon es
feststand, daß der Amtmamn den freiherrlichen Dienst verlassen
würde. An jedem Tage wurde das Nothwendige mit Voraussicht
auf die Zukunft gethan, und wenn die Geschwister es dabei auch
fortwährend inne wurden, daß ihre Zukunft von der Zukunft
des Freiherrn und der Arten'schen Güter fortan geschieden wären,
so halfen die lange Gewohnheit dessen, was zu leisten war, und
die Plane und Aussichten, mit denen Adam sowohl als Eva für
sich selbst beschäftigt waren, ibnen über den Zwiespalt fort.
welcher sich etwa in ihnen bei ihrer Arbeit hätte erzeugen können.
Um so größeres Aufsehen machte es in den Dörfern, daß
der Amtmann, daß einer der Steinerts den Dienst der Herren
von Arten zu verlassen dachte. Die Reiseknechte, welche in die
nächsten Marktslecken geschickt wurden, die Wirthschafter, welche
mit den gedroschenen Saaten in die Kreisstadt fuhren, wußten
nichts Wichtigeres zu erzahlen. Die Viehhändler, die Hausirer,
die nach den Gütern kamen, wurden mit der Nachricht empfan-
gen, trugen sie weiter fort, und bald wußten sie alle Land-
wirthe und Gewerbtreibende der ganzen Provinz. Wo immer
man sie aber erfuhr, erregte sie Erstaunen. Denn daß die

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Steinerts Rothenfeld nicht ohne Grund verlassen würden, davon
war Jeder, der sie kannte, überzeugt, und es währte nicht lange,
so sagte man es auch schon hier und dort, daß die Steinerts
achtsame und vorsichtige Leute wären, die, gleich den klugen
Ratten, ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verließen.
Weßhalb man das alte, gute Haus nicht mehr für baufest
halten mochte, das hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen
gewußt, welche diese Meinung äußerten; aber die plötzliche Ab-
reise des Marquis, die gleich darauf bekannt gewordene Nach-
richt, daß der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide,
waren viel zu auffallend gewesen, als daß man nicht die Frage
nach dem Grunde der Ereignisse hätte aufwerfen sollen, und,
wie das oft geschieht, fand die einfache Wahrheit schwerer
Glauben, als das phantastische Gewebe, welches halbes Wissen
und übelwollendes Vermuthen zusammenspannen. Niemand
glaubte es, daß der Freiherr nicht in die Verlobung Eva's
und Herbert's gewilligt habe, denn gegen diese war ja gar
nichts einzuwenden; man glaubte auch nicht, daß der Freiherr
den Marquis entfernt habe, weil der Franzose den Frauen und
Mädchen zu sehr nachgestellt und schließlich der Amtmann sich
darüber beschwert hatte. Wegen solcher Dinge schickte, wie man
meinte, hierlands kein Edelmann, und am wenigsten der Frei-
herr von Arten, seinen Gastfreund fort, und deßwegen gng
auch kein verständiger Mensch wie Adam Steinert aus einem
Dienste, in welchem seine Familie seit hundert Jahren gelebt
hatte und reich geworden war. Die Sache verhielt sich viel-
mehr, wenn man es sich recht überlegte, wahrscheinlich ganz
anders. Nicht auf Mamsell Eva mußte der Marquis es mit
seinen Besuchen im Amthause abgesehen haben, sondern auf
Zusammenkünfte mit der Baronin, die in der letzten Zeit erst
wieder mehrmals im Amthause gewesen war. Um der Baronin
willen hatie der Freiherr wahrscheinlich den windigen Fran-

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zosen weggeschickt; wegen der Rendezvous im Amthofe hatte es
vermuthlich Streit mit dem Amtmanne gegeben, deßhalb war
Adam auch entlassen worden, und daß der Freiherr dann im
Aerger seine Zustimmung zu Eva's Verheirathung versagt hatte,
das konnte möglich sein, obschon er, wie alle Welt es auf den
Gütern wußte, sonst auf den Architekten gerade viel gehalten hatte.
Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfs-
arbeiterinnen erfuhr, welche gelegentlich im Schlosse verwendet
wurden und die bisweilen einzelne Reden und Bemerkungen
der Dienerschaft vernahmen, das bestätigte Alles nur die Ver-
muthung, daß zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas
vorgefallen sei, obschon sie es nicht merken lassen wollten, denn
die Baronin hatte den Tag vor der Abreise des Marquis einen
ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte immerfort.
Damals, als die Baronin nach der Auffindung von Pau-
linens Leiche auch so lange gekränkelt und im Schlosse auch so
zerstörte Verhältnisse obgewaltet hatten, da hatte man Mitleid
mit ihr gehegt; jetzt war das anders. Trug sie doch ganz
allein die Schuld des Kirchenbaues, an den vorher kein Mensch
gedacht und von dem alle Welt zu leiden hatte, und wer weiß,
ob sie nicht doch noch davon abgestanden haben würde, ohne
die französische Herzogin und ohne alle die Franzosen, welche
sich im Schlosse und in der Umgegend wie die Kuckucke in
fremde Nester eingenistet hatten. Man dachte nur mit Unwillen
an das ganze Schloß und an seine sämmtlichen Bewohner, und
es war auch Niemandem im Schlosse wohl zu Muthe, außer
der einen Frau, gegen welche die Abneigung der Leute sich am
entschiedensten aussprach, außer der Herzogin. Aber die Plane
der Herzogin waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so
geschickt gemischt, daß Alles, was sich in dem Schlosse ereignen
mochte, sich immer zu ihrem Besten wenden mußte.