Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 36

Neunzehntes Capite l.
iige Tage nach der Abreise des Marquis saß der
Gaplan tief in seine Gedanken versunken, den Kopf auf die
Hand gestützt, an dem Fenster seines Zimmers und sah dem
bleichen, winterlichen Sonnenuntergange zu. Es war etwas in
diesem Anblicke, das ihm das Herz bewegte.
Wie feurig, wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont
empor! rief er unwillkürlich aus, und eben so unwillkürlich glitt
sein Auge hinüber nach der Wand, an welcher, von dem letzten
scheidenden Tageslichte getroffen, ein Bild des Freiherrn hing.
Aber der Seufzer, welcher der Brust des Sinnenden ent-
quoll, galt nicht allein dem Freunde, er galt dem eigenen Ge-
schicke; denn immer häufiger drängte sich dem Geistlichen die
s Frage auf, ob er nicht den rechten Weg für sich verfehlt, ob er
nicht geirrt habe, als er, der Bitte einer Sterbenden und dem
eigenen erschütterten Gemüthe folgend, sein Leben einer Aufgabe
gewidmet, die er zu leisten nicht vermocht hatte. Friede und Hei-
ligkeit hatte er diesem Hause bringen und erhalten wollen, aber
sie waren nicht für lange Zeit in demselben heimisch gewesen.
Nur draußen erhob sich ein neuer, stolzer Bau, ein Gotteshaus
von kaltem Stein; der Gott der Liebe, dem er diente, hatte den
Tempel, den der Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten
gestrebt, nicht darin gefunden -- und doch hatten diese ihm so
theuren Menschen eine Einkehr in sich selbst, eine Versöhnung
unter einander eben jetzt nöthiger als jemals.

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Er war in diesen letzten Tagen, ohne dazu von dem Frei-
herrn ermächtigt zu sein, im Amthofe gewesen, um Adam zu einer
Annäherung an den Herrn zu vermögen. Er hatte sich an den
Pastor in Neudorf gewandt, damit dieser in gleichem Sinne
mit ihm auf die Geschwister wirke, und es in Aussicht gestellt, daß
es vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe, den
Freiherrn sein Wort zurücknehmen zu machen, der ja im Grunde
gütiger Gemüthsart sei, und in der rechten Stimmung auch
wohl allmählich in die Heirath Eva's willigen werde. Indeß er
hatte schon lange weder im Amthause noch in der Pfarre das
frühere Gehör für sich gefunden, und erkannte die Gründe, welche
die Herzen ihrer Untergebenen allmählich von der Herrschaft und
damit auch von ihm und seinem Mittleramte abgewendet hatten.
Was aber konnte geschehen, diesem Uebel zu begegnen?
Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinaus-
reichen, da dasjenige, was ich über die Verhältnisse der wenigen
mir anvertrauten Menschen weiß, mir so schwer zu tragen wird!
dachte der Caplan und blieb in ernster Selbstprüfung und Selbst-
betrachtung still auf seinem Platze am Fenster sitzen, obschon die
frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte.
Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte, über-
gab er dem Geistlichen ein Billet, und dieser erkannte auf dem-
selben die Handschrift der Herzogin, welche, da sie eine Meisterin
des Briefstyls war, die müßige Gewohnheit hatte, selbst ihre
kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht
mümndlich durch die Dienerschaft, sondern schriftlich auszurichten;
aber der Gaplan war bisher in all den Jahren noch keiner
solchen Botschaft von ihr gewüirdigt worden.
Was will sie mir? rief er unmuthig, als er das Billet
eröffnete. Es enthielt nur wenige Zeilen.
,Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, hochwürdiger
Herr,? schrieb sie, ,wem ich mich Ihnen einmal als Mit-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlechu l.

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arbeiterin bei Ihrer heiligen Mission anbiete. Es giebt Ge-
fahren, in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen
muß, und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch
dem Laien eine priesterliche Kraft zu. Lassen Sie uns gemein-
sam handeln, um das Unheil zu verhüten, das über den Häup-
tern von Personen schwebt, deren Schicksal und deren Gewissens-
ruhe Ihnen nicht theurer sein können, als mir. Was ich Ihnen
zu sagen habe, müssen Sie je eher je besser erfahren, Ihr Besuch
wird mir also zu jeder Stunde ein erwünschter sein !r
Sie kann nicht ruhen, nicht rasten! rief er aus und warf
das Blatt auf seinen Tisch. Damt nahm er es wieder auf,
las es noch einmal, verschloß es und verließ das Zimmer.
Aber nicht zur Herzogin begab er sich, sondern grades
Weges zu dem Freiherrn, obschon dieser darauf hielt, daß keiner
seiner Hausgenossen ihn ohne die dringendste Noth aufsuchte,
wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte. Als der Caplan
nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat, fand er
diesen lesend am Kamine sitzen, und er emppfing ihn mit der
Frage, was denn geschehen sei.
Nichts Ungewöhnliches, entgegnete der Caplan; ich wünschte
nur, Sie einmal wie in früheren Zeiten ungestört zu sprechen,
Herr Baron, und dazu fehlt mir seit lange die Gelegenheit,
wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche.
Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen, wie er
den unerwarteten Besuch und diese Anrede aufnehmen solle, in
deren Ton eine gewisse Feierlichkeit nicht zu verkennen war, aber
er traf schnell seine Wahl und sagte mit der vornehmen Sorg-
losigkeit, die ihm immer so wohl anstand: Was wollen Sie,
mein Freund? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum
selber eine Stunde allein gewesen, so voll von Besuchen haben
wir das Haus gehabt! Ich weiß, das ist nicht Ihr Geschmack.
und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im

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Schlosse wohler. Aber warten Sie nur, ich habe meine Maß-
regeln im Geiste bereits getroffen, und ich denke, Sie sollen
künftig mit meinen Anordnungen zufrieden sein!
Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Plaz
genommen; indeß er verstand nicht gleich, worauf derselbe hinaus
wollte, und sagte: Ich kam nicht hieher, für mich selber etwas
zu begehren. Herr Baron!
Darauf kenne ich Sie, mein alter Freund, rief der Frei-
herr, aber um so mehr ist es an mir, die Sorge für Ihr
Wohlbefinden zu übernehmen, und verlassen Sie sich darauf,
ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren!
Der Gaplan sah jezt, daß der Baron es wußte, weßhalb
er gekommen sei, und daß er es ihm unmöglich machen wolle,
davon zu sprechen; er sagte also ruhig, aber sehr bestimmt:
Ich suchte Sie auf, Herr Baron, weil ich in Sorgen bin, in
Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses, in Sorgen als
der geisiliche Berather der gnädigen Frau!
Der Baron erhob sich, und während er noch mit sich kämpfte,
ob und in welcher Weise er seinem Mißfallen an den Worten
des Caplans Ausdruck geben sollte, fuhr dieser fort: Es ist
freilich eine lange Reihe von Jahren her, Herr Baron, daß
Sie mir in den schweren Stunden, welche Ihrer Hochzeit voran-
tmngen, das. Recht zugestanden, Sie an eben diese Stunden und
die unheilvollen Ereignisse zu mahnen, deren Folge sie waren,
wenn ich dies jemals nöthig finden sollte!
Und Sie glauben, der Augenblick sei jetzt gelommen, dieser
Augenblick sei der rechte, mir es in das Gedächtniß zu rufen, fel
der Baron ihm, plötzlich seine Haltung ändernd, in die Rede,
mit welchen Hoffnungen, mit welchem völligen Vertrauen ich
mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab? -
Ein leises, bitteres Lachen tönte von seinen Lippen. In der
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That, mein Freund, heute werde ich zum ersten Male an Ihrer
Menschenkenntniß, ja, selbst an Ihrem richtigen Empfinden irre!
Der Gaplan beachtete den Vorwurf nicht. Nicht allein
um glücklich zu werden, Herr Baron, auch um zu beglücken,
nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in die Ihrige!
sagte er. Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach
mit sanfter Eindringlichkeit: Es war viel geschehen, das Gemüth
eines so jungen Wesens zu beunruhigen, die junge Frau hane
viel zu vergessen, viel zu ragen, und sie hat das redlich gethan.
Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre Pflicht, an
ihren Gatten geklammert, sie hat ihre Familie aufgegeben, um
mit ihm in seinem Glauben Eins zu werden, aber leider blieben
Sie und die Frau Baronin nicht allein, und . - - -
Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung
an jene ersten Zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können; bei den
lezten Worten des Geistlichen fuhr er aber auf: Mahnen Sie mich
daran nicht, ich bitte Sie darum! Ich mag nicht daran denken!
Der Caplan ließ sich nicht beirren. Ich kenne das Herz
der Frau Baronin besser, als sie selbst es kennt; ihre Seele
ist schuldlos, ihr Thun ist ohne Matel! sagte er bestimmt; eine
unbestimmte Sehnsucht ihres reinen Herzens.. - -
Sie nennen ihr Herz rein? Und ich selbst, ich selbst,
Caplan, unterbrach ihn der Baron, habe von ihrem Munde,
ohne all mein Zuthun, ja, fast ohne meine Frage, hören müssen
--- er trat an den Geistlichen heran und sagte leise, seinen
Zorn gewaltsam niederkämpfend - daß sie diesen Herbert liebe,
daß sie ihn geliebt habe, seit er in mein Haus getreten, daf
Herbert und Sie und die Herzogin und wer sonst noch diese
schmähliche Verirrung kennen! - Und das nennen Sie reines
Herzens sein? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel
sein? - Sie sind sehr nachsichig, mein Freund! Ihre Moral
ist wenigstens nicht unerbittlich!

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Er ging hefiig im Zimmer umher. Des Caplans Miene
wurde immer sanfter, sein Ton noch milder. Es war nicht
der junge Mann, auf den ich hinwies. sagte er, als ich die
lleberzeugung aussprach, es wäre diesem Hause besser gewesen,
wäre kein Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten, es
war die Frau Herzogin, an die ich dabei dachte!
Der Baron blieb vor ihm stehen. Die Frau Herzogin?
wiederholte er. Sehen Sie, wie Ihre Voreingenommenheiten
Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden! Die Herzogin ist es
gewesen, die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen, die... -
Die die Frau Baronin gelehrt hat. nahm der Caplan das
Wort, Nachsicht mit der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens
zu haben, als jene den ersten Kampf mit einer augenblicklichen
Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst zu
lämpfen dachte. O, mein verehrter Freund, rief der Geistliche,
indem er sich erhob und an den Freiherrn herantrat, nur dieses
Eine Mal hören Sie mich, mich allein, und glauben Sie mir! --
Ieh bin ein einsamer Mann. Kein Band der Blutsverwandt-
schaft, kein persönliches Verlangen, kein Ehrgeiz, kein Begehren
knüpft mich an die Welt! Mein Wünschen habe ich früh begraben.
All mein Wollen und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft.
und es gab eine Zeit, in welcher ich mit froher Zuversicht auf
dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte, denn diejenigen, die
es trugen und stützten, hatten sich in Liebe vereinigt und standen
kest zusammen. Jetzt, wo der Geist einer wilden, neuen Zeit
iberall drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt, wo die
alten Geschlechter durch Würde und Selbstvollendung das an-
deingende neue Geschlecht mit sich versöhnen, wo ihr innerer
Adel es darthun müßte, daß sie die Vorzüge verdienen, welche
man ihnen mißgönnt und streitig macht, jetzt, wo das ganze
Leben des deutschen Adels darauf hin gerichtet sein müßte, es
darzuthun, wie er nichts gemein hat mit jener französischen Aels-

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kaste, deren Sittenlosigkeit und Hochmuth sie ihrem Volke mit
Recht verächtlich gemacht haben, und wo das Bestreben aller
Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte, das die alten
eingeborenen Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen
der Güter verbindet, jetzt muß ich hier von allem dem das
Gegentheil erfolgen sehen, und es ist Niemand da, Niemand
außer mir allein, der Ihnen zuruft: halten Sie ein, versöhnen
Sie, stellen Sie her um jeden Preis - da es noch Zeit ist!
Des Freiherrn Aufregung hatie einem tiefen Nachdenken
Platz gemacht. Er ging gesenkten Hauptes, die Hände auf den
Rücken gelegt, mit langsamem Schritte in dem großen Zimmer
auf und nieder. Dieses Nachdenken ermuthigte den Geistlichen.
Denken Sie des Abends, sprach er, da Sie mir hier an der-
selben Stelle den Schmuck zeigten, den Sie der Frau Baronin
zur Morgengabe bestimmien. Es ist Sitte unter uns, daß für
jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrößert werde!
sagten Sie mir damals, und ich dachte in meinem Innern:
das ist in der Ordnung, sind doch auch das Ansehen und die
Lebe, welche das Geschlecht derer von Arten hier im Lande
genießt, von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen! - Und mit
welchem Zutrauen, mit welcher Liebe empfing man Sie und die
Frau Baronin hier bei Ihrem ersten Kommen! Keinem Königs-
paare wurde mehr verehrende Neigung entgegen gebracht - keine
Frau der Welt war mehr geeignet, mehr gewillt, diese Liebe zu
verdienen - bis.... Er hielt inne und zuckte die Schultern.
Sprechen Sie es aus, rief der Freiherr, da ich ja doch
weiß, was Sie denken!
Aber der Gaplan gab dieser Aufforderung nicht Folge. Er
wußte, daß nicht immer der nächste Weg der beste ist, und sich
vorläufig von dem Gegenstande, der ihn hieher geführt, anschei-
nend zurücziehend, sprach er: Ich habe Sie oftmals und mit
Recht uber jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören, das

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jetzt in den Geistern rege ist. Sie aber, Herr Baron, befinden
sich ja in der glücklichen Lage, daß man von Ihnen nur die Er-
haltung der früheren Zustände begehrt. Es ist gut, daß ein mir
unbekannter Anlaß den Herrn Marquis entfernte, die Leute
freuen sich darüber und wären gern bereit, es als eine ihnen
gewährte Gunst zu betrachten, wenn Sie daneben nur den Amt-
mann in seiner Stelle lassen wollten. Die Steinerts gehören
für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden. Es
ist ihnen also, als ob der Boden unter ihnen wanke, seit es heißt,
daß Steinert fort soll, und da im Laufe der Jahre im Schlosse
einige der Domestiken durch Franzosen ersetzt worden sind, so
fürchten die Leute.. - -
Die Leute und immer die Leute, fuhr der Freiherr auf,
das ist's ja eben! Was kümmert es die Leute, wem ich die
Verwaltung meiner Güter überantworte? Was kümmert es die
Leute, wenn ich es vorziehe, mich lieber von gewandten Franzo-
sen, da der Zufall sie mir bietet, bedienen zu lassen, statt erst
mühsam die hiesigen tölpischen Burschen zu ungeschicktenDomestiken
auszubilden? Sie werden mich ungeduldig, mich mißtrauisch
machen mit Ihrem beständigen Hinwwweis auf das Wollen und
Nichtwollen der Leute, lieber Caplan! Haben die Gedanken der
Neuerer auch Sie ergriffen? Haben die in Frankreich gemachten
und zu machenden Erfahrungen auch Sie noch nicht belehrt, daß
man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche Schwäche verräth?
- Hätte ich auch damals nachgeben sollen, mein lieber Caplan,
als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich
so widerwillig zeigten?
Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung
gesprochen; aber er war sichtlich überrascht, als der Gaplan ohne
ein Zeichen von Mißmuth ruhig sagte: Vielleicht wäre es weiser
gewesen, den Bau zu unterlassen; vielleicht irrte ich, als ich
damals mein augenblickliches Bedenlen gegen denselben unter-

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drückte, und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im Geiste
meines Amtes gehandelt, wenn es mir gelungen wäre, Sie und
die gnädige Frau von dieser äußerlichen Befriedigung einer religiö-
sen Empfindung zurückzuhalten und Sie dafür um so lebhafter
auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen, in deren Heilig-
thum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde. Aber
das ist jetzt nicht mehr zu ändern!
Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen. Sie würden
also, das sehe ich, sich in Frankreich auch zu den Geistlichen
gehalten haben, die den Eid auf die Verfassung leisteten! rief
er vorwurfsvoll.
Ganz gewiß! entgegnete der Caplan.
So hatte die Herzogin doch Recht, sprach der Freiherr wie
zu sich selbst; aber die Worte entgingen dem Ohre des Geist-
lichen nicht und sie klärten ihn über die Wege auf, welche die
Herzogin eingeschlagen hatte, um ihm den Freiherrn abgeneigt
zu machen; auch ließ dieser ihn darüber nicht im Ungewissen.
Es bewegt mich sonderbar, nahm der Baron nach kurzem
Schweigen im Tone ruhigster Unterhaltung und Betrachtung
wieder das Wort, zu sehen, wie wenige Naturen sich dem mäch-
tigen Strome der Zeit entgegensetzen, wie Wenige sich ihrem
umgestaltenden Einflusse entziehen. Sie nannten sich vorher
einen einsamen Mann. - Sie sind nicht einsam in der Welt,
die uns umgiebt, mein lieber Freund, denn Sie haben die große
Menge für sich, die überall zusammenhält, iberall für sich Zu-
geständnisse begehrt, überall zum leicht errungenen Gemeingut
machen mochte, was unser altes, wohl erworbenes Erbe ist. Ich
tadle Sie nicht, hob er nach flüchtiger Unterbrechung seiner Rede
wieder an, wenn Sie in sich die Kraft nicht fühlen, gegen einen
solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem fortreißen-
den Zuge zu widersetzen. Aber haben Sie sich wohl jemals
gefragt, wohin dieses Nachgeben Sie führen wird, oder haben

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Sie geglaubt, bis hieher, bis zu uns, könnten die Fluthen des
Unheils nicht dringen, welche in dem unglücklichen Frankreich
Thron und Kirche, das Leben des edelsten Königspaares und
das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache
in sich begraben haben? Es ist gar zu verlockend für die rohen
Massen, zügellos zu sein und keine Gewalt über sich anzuerkennen,
als die eigene blinde Willküür. Sie haben den König ermordet,
den Adel seines Besizes, seiner Rechte beraubt und das Blut
vergossen, dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu ver-
nichten vermochten; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis
zum Wahnsinne der Gottesleugnung erhoben.. . -
Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes,
und das eigene Bedürfniß wird die von ihrem Hochmuth Ver-
blendeten wieder, Rettung vor sich selber suchend, zu den Füßen
des Gekreuzigten führen! Es geht nichts unter, was unsterblich
ist, und wandelbar in seiner Form, erhält das Ewige sich un-
wandelbar! rief der Gaplan, während die Innigkeit seiner leber-
zeugung sein würdiges Antliz erleuchtete. Nicht uns dem Strome
widersetzen könen wir, denn er ist mächtiger, als der Wille des
Einzelnen, und mächtiger, als das Zusammenhalten und Entgegen-
stemmen Vieler. Aber zu einander stehen sollen wir Alle dennoch
in Liebe, damit wir uns erhalten in der Zeit der Noth, damit
wir eine Gemeinschaft bilden, in welcher der rechte Sinn lebendig
bleibt und die versöhnend und gewinnend und überzeugend die
Kräfte wieder sammelt und zur Einheit bindet, wenn der Kampf
der blinden Selbstsucht sie bald genug vereinzelt haben wird.
Liebe und Friede in jeder Gemeinschaft, das ist es, was uns
jetzt Noth thut, und um dieser Nothwendigkeit, um der Selbst-
erhaltung willen, zur Beruhigung derjenigen, welche seit Hunderten
von Jahren zu Ihrem Hause emporgesehen und demselben in
Liebe angehangen haben, beschwöre ich Sie, Herr Baron! machen
Sie Frieden mit denen, mit allen denen, die zu Ihnen gehsren

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und die, ich versichere Ihnen es aus voller Ueberzeugung, Ihnen
in Ergebenheit und Liebe eigen sind, selbst wo sie ein Schwanken
zu sehen, einen Zweifel erheben zu müssen glauben! - Er war
damit wieder auf den Ausgang der Unterhaltung zurückgetehrt
und hoffte jetzt besseres Gehör zu finden, da er dem Freiherrn
bereits Gelegenheit gegeben hatte, sich vielfach auszusprechen.
Der Baron war sehr erregt. Bald ging er lebhaft, bald
langsamer, in dem Gemache umher, bald blieb er stehen; er
schien nicht mit sich fertig werden, den Kampf nicht zum Ab-
schlusse bringen zu können, der offenbar in seiner Seele vor sich
ging, und plötzlich aus seinen Sinnen auffahrend, fragte er:
Was denken Sie sich unter diesem Friedenmachen?
Versuchen Sie es nur einmal wieder eine lurze Zeit, eme
ganz kurze Zeit, ohne alle andere Gesellschaft an der Seite der
Frau Baronin zu leben! bat der Geistliche dringend. Hören
Sie ihre Geständnisse mit dem Glauben an ihre reine Seele an!
Glauben Sie auch mir, auch mir, dem sein Beruf nicht heiliger
ist, als Ihre Ehre, Herr Baron, daß es die gewissenhafte
Aengstlichkeit eines unschuldigen, aber irregeleiteten Herzens war,
die sich vor Ihnen, durch Ihren Zorn gereizt, zu einer Untreue
bekannte, welche nichts, nichts als eine flüchtige, durch fremde
Schuld erregte Gedankensünde war! Hören Sie sonst Niemanden,
fragen Sie Niemanden um Rath, als Ihre eigene Menschen-
kenntniß, als Ihr eigenes Herz; und Sie werden nicht lange
an der Mutter Ihres Sohnes zweifeln, Sie werden den Stein
nicht werfen können auf eine Frau, die, rein und edel, nur
Ihres Glaubens und Ihrer Liebe nöthig hat, um wieder fest
und unwandelbar zu Ihnen zu sehen in guten und bösen Tagen!
Der Freiherr hatte wieder auf dem Sessel Platz genommen,
aber er erwiederte dem Geistlichen nichts. So blieben sie lange
einander gegenüüber sizen. Als die Glocke der großen Pendeluhr
auf dem Simse des Kamins die siebente Stunde schlug, richtete

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der Baron sich auf. Ich danke Ihnen, sagte er, daß Sie
Ihrem Gewissen, Ihrer leberzeugung folgten. Sie haben Ihre
Pflicht gegen mnich, Sie haben überhaupt in edelster Weise Ihre
Pflicht erfüllt. Denn wie peinwoll mir diese Unterredung auch
gewesen ist, hat sie mir doch wohlgethan und mich veranlaßt,
unerbittlich gegen mich selbst, noch einmal in mein Inneres zu
blicken. Ich danke Ihnen dafür, mein theurer Caplan. - Er
reichte ihm die Hand, der Geifiliche ergriff dieselbe mit Wärme;
die Haltung, die Redeweise des Freiherrn schienen ihm Gutes
zu verkünden, und doch hatte er sich, so sicher er ihn zu kennen
meinte, zum ersten Male über dasjenige getäuscht, was in dem
Freiherrn vorging. Aber er sollte nicht lange im Dunleln
bleiben, den Jener fing von selber zu sprechen an.
Wir beide, mein Freund, Sie und ich, sind eben verschieden
geartete Menschen, und Sie kennen meinen Glauben in diesen
Dingen, wir müssen unserer Naturbestimmung folgen. Sie hätie
Ihr Charakter, in welchem Stande Sie auch geboren worden
wären, zur Kirche und innerhalb derselben zur Entsagung und
zu ausgleichender Vermittlung geführt; ich hätte unter allen
Verhältnissen nicht entsagen, mich nicht bescheiden, nicht ver-
mitteln können. Ich verlange nach einer Ganzheit, nach einem
vollen Genügen; ich kann nicht vermitteln zwischen Recht und
Unrecht, ich bin absolut - und muß und will das bleiben nach
allen Seiten und in jeglichem Betracht!
Er erhob sich bei den WVorten und stellte sich, den Arm
auf die hohe Brüstung gelehnt, sei es zufällig oder absichtlich.
in solcher Weise neben dem Kamine hin, daß er von Zeit zu
Zeit seines eigenen Antlizes in dem hellen Spiegelglase ansichtig
werden mußte. Als ich mich mit der Baronin verband, war
ich kein Jüngling und kein Schwärmer mehr, sagte er. Wäre
ich meiner Reigung, meiner innersten leberzeugung gefolgt, se
würde ich mich niemals verheirathet haben, denn darüber habe

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ich mich nie getäuscht, die arme Pauline, an die ein dämonisches
Geschick mich band --- und heute noch bindet - ist, wie ich es
mir später auch wegläugnen wollte, die einzige Liebe meines
Lebens und das einzige: Weib von unabänderlicher Herzenstreue
gewesen, das ich je gekannt habe. Das Geschlecht ist schwach!
Aber, Herr Baron! wendete der Geistliche mit wachsendem
Erstaunen ein. Indeß der Freiherr ließ ihn nicht zu Worte
lommen. Kein Aber, mein Freund! rief er; Sie sollen mich
bis zu Ende hören, damit wir über diesen Gegenstand ein Mal
und ein für alle Mal in das Klare und zu Ende kommen. --
Als ich mich aus Standesrücksichten, aus Rücksicht auf das
Fortbestehen meines Hauses dann zur Ehe entschloß, wünschte
ich in der Baronin eine Mutter für meine Kinder, eine Frau
für mein Haus zu finden, und ich würde zufrieden gewesen sein,
hätte sie mir nur ein achtungsvolles Vertrauen mitgebracht. Die
Baronin glaubte mich zu lieben, obschon sie, wie sie es mir ja
selbst in Ihrem Beisein einst gestanden, Anfangs ein lebhaftes
Abmahnen gegen mich gefühlt hat, und da diese anscheinend?
Liebe nach dem schmerzlichen Zwiespalte, in welchen der Unter-
gang der armen Pauline mich geworfen, die Neigung der Ba-
ronin nicht von mir wandte, so nahm ich die Liebe meiner Frau
dankbaren und vertrauensvollen Herzens auf und schätzte sie um
so höher, als ich - bemerken Sie das wohl, mein Freund -
diese Liebe nicht erwartet, nicht gefordert hatte. Ich genoß sie
als eine frei gewährte Gunst, und ich habe auch den Uebertritt
zu unserer Kirche nie von meiner Frau begehrt; ich habe es
nicht verlangt, daß sie um meinetwillen mit ihrem ganzen Hause
breche - ich bin, Sie wissen das ja selbst, nicht orthodox und
eigentlich nicht einmal kirchlich. Was ich mit mir, mit meinen
Erinnerungen abzumachen hatte, das würde ich allein oder mit
Ihrem Beistande in meinem Herzen abgeschlossen und zu versöhnen
getrachtet haben. Ich bedurfte der sichtbaren Versöhnung, der

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Buße, der Opfer, der Auferbauung nicht. Sie selber legen ja
auch, wie Sie mir heute bewiesen, nicht grade den höchßen
Werth darauf. Der Uebertritt der Baronin zu unserer Kirche
war ihr ein Bedürfniß; der Kirchenbau und obenein der Bau
in Rothenfeld, das ich gern meide, war aber ein selbst in mate-
rieller Hinsicht sehr schweres Zugeständniß an meine Frau!
Er hatte das bestimmt und lebhaft gesprochen; nun hielt
er plötzlich inne. Sagen Sie selbst, ref er, habe ich mich in
dieser Darstellung beschönigt?
Nicht eigentlich, entgegnete der Caplan, mur möchte ich Sie
daran erinnern. - - -
Das nachher! Das nachher, mein Freund! fiel der Freiherr
ein. Lassen Sie mich vollenden. Es genügt mir, daß Sie mir
gerecht sind. - Er sammelte sich darauf abermals und fuhr
fort: Wir leben allerdings in einer schweren Zeit, in welchen.
wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, der Adel die Pflicht hat.
sich in seiner ganzen angestammten Würdigkeit zu behaupten.
Dieser Pflicht zu genüügen, öffnete und bot ich einer flüchtigen
und edeln Verwandten mein Haus und meinen Beistand; aber
auch bei uns ist das Unheil, ist der Uebermuth der unteren
Glassen so weit gediehen, daß selbst meine Diener urtheilen, wo
se zu gehorchen hätten, und sich Vorstellungen erlauben, die über
ihre Befugnisse hinausgehen. Der Amtmann, welcher sich als
Herrn fühlt, weil unsere Nachsicht seinen Voreltern die Möglich-
keit gegeben hat, sich in unserem Dienste zu bereichern, unterfängt
sich seit einiger Zeit, mir Vorhaltungen wegen meiner Ausgaben
zu machen - während ich seine Einnahmen nicht controlire -
und fühlt sich beleidigt, wird aufsässig, wie das ganze Volk.
weil ich nicht darein willige, seine Schwester mit einem junge
Manne zu verheirathen, der, ebenfalls in meinen Diensten,
frech genug war - er unterbrach sich und sprach dann schnell
und bitter -- sein Auge und seine Wünsche bis zu der Baronin

1ßg--
von Arten zu erheben, und von dem die Baronin, welche mich
einst, ohne daß ich es begehrte, und vielleicht mehr als ich's
verdiente, liebte, jetzt, nach achtjähriger Ehe, nach acht Jahren
eines vollen, unbedingten Zutrauens in ihre Ehre und Tugend,
mir eingesteht, daß sie ihn liebe, ihn schon lange geliebt habe,
und daß ich ziemlich der Einzige sei, der dieses noch nicht wisse!
Er ging wieder umher; die Lust, sich im Spiegel zu be-
trachten, mußte ihn verlassen haben. Er schöpfte tief Athem,
nahm die Dose heraus und hielt sie mechanisch in der Hand,
ohne sie zu öffnen. Als er die Dose wieder eingesteckt hatte,
sagte er: Solchen Ereignissen gegenüber giebt es für einen
Mann wie ich nur Einen Weg. - Ich habe der Baronin
nichts zu verzeihen, denn ich kann sie nicht dafür verantwortlich
machen, daß sie nicht stärker ist, als ihr Geschlecht, und daß
ich thöricht genug war, sie für eine Ausnahme zu halten. Aber
erinnern Sie sich, was ich Ihnen oftmals sagte: meine Sinne
haben mich niemals beherrscht, wo mein Herz mit ihnen nicht im
Bunde war, und mein Herz hat sich der Baronin abgewendet. -
Um Gottes willen, Herr Baron, wie ist das möglich?
Wie darf ein flütchtiger Irrthum das Vertrauen, die Neigung.
die Liebe langer Jahre unwiederbringlich vernichten? Wie dürfen
Sie in solcher Weise richten, Herr Baron?
Lassen Sie das, mein Freund. Ich richte, ich verdamme
nicht, aber Sie kennen das Geheimnißvolle in der Liebe nicht, Sie
haben nie ein Weib geliebt, niemals Ihr Herz einem Weibe an-
vertraut! entgegnete der Baron mit dem Tone der Empfindung, und
so beschäftigt und hingenommen war er von sich selbst, daß er das
sanfte, traurige Lächeln nicht bemerkte, welches wie ein Schein
des Abendlichtes über des Caplans mildes Antliz glitt. Es giebt
keine Wiederkehr in der Liebe, fuhr der Freiherr fort, oder glauben
Sie, ich könnte es vergessen, was die Baronin mir gestanden
hat? Würde nicht, so oft sie mir von Liebe spricht, jenes: ich

-=- IJ--
liebe Herbert, ich, die verheirathete Frau, die Gattin des Freiherrn
von Arten, liebe diesen Herbert - mir in das Ohr klingen?
Er ergriff abermals des Caplans Hand, und mit zusam-
mengepreßter Stimme sprach er: Das ist nicht die Eitelkeit des
älteren Mannes, Freund, die es nicht ertragen kann, neben
einem geliebteren Manne zurüczustehen! Gs ist das nicht zu
besänftigende Ehrgefühl des Edelmannes, und die Baronin kemnt
meinen Entschluß! Unsere Kirche, welche stets die Schwäche
und Hülfsbedürftigkeit des Menschen im Auge behält, hat uns
auch für den Fall, in dem ich mich befinde, das Mittel an die
Hand gegeben! Erkennt sie doch in dringendem Falle auch dem
Laien eine priesterliche Machtvollkommenheit zu!
Ach, Herr Baron, rief der Caplan erschreckt und schmerzlich,
Sie haben sich der Herzogin vertraut, Sie sprachen mit der
Herzogin davon!
Der Baron stuzte. Was soll der Ausruf?
Sie bitten, Sie beschwören, dies nicht zu thun! Entfernen Sie
die Herzogin nur wenig Wochen, nur wenig Tage! Um alles Guten,
um Ihrer und Ihres Sohnes willen flehe ich Sie darum an!
Nicht doch, mein Freund! Wozu sollte das führen? versetzte
der Freiherr; ich bin fest entschlossen und mir völlig klar. Ich habe
mein Leben von dem der Baronin in meinem Herzen ein für
alle Mal geschieden. Sie weiß das seit diesem Abende, und
ich habe ihr gesagt, daß ich Sie, mein Freund, und die Frau
Herzogin, die das Geheimniß kennen, deß zu Zeugen nehme;
im Uebrigen soll kein Mensch davon erfahren. - Und wie ich
hier gethan, was dem Mamne und dem Edelmamne gebührt, so
denke ich überhaupt mein Recht zu wahren. - G bleibt dabei,
daß Adam fortgeht! Ich kann keine Beamten brauchen, welche
es vergessen, daß ich hier zu gebieten habe, daß ich der Herr
bin; un es ist mir ganz recht, daß ich dieses Exempel an dem
ersten, dem obersten meiner Leute statuiren kann. Die Anderen

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werden sich um so besser danach zu richten wissen. Ich dränge
ihn nicht, fortzugehen, er mag seine und meine Angelegenheiten
in Ruhe abwickeln. Ist dies gethan, so soll er gehen!
Der Caplan neigte das Haupt. Dann freilich habe ich
nichts mehr zu sagen! sprach er und stand auf, um sich zurüc
zuziehen. Der Freiherr hielt ihn nicht zurück.
Erst als jener der Thüre zuschritt, sagte er: Nur Muth,
mein alter Freund; man muß den Kopf hoch tragen, wenn
man ihn in diesen Tagen des Mißgeschickes überhaupt oben auf
seinem Numpf behalten will! Sie thaten, was Ihres Amtes
ist, ich thne das Meinige! Geschieht das überall, weicht Niemand
von seinem Platze, vergiebt man nichts von seiner Würde, von
seinem Rechte, zeigt man sich unerschütterlich, wer und was
sollte uns da erschüttern? - Ich habe leider nach einer Seite
kein Glück gehabt, lassen Sie mich also an meiner alten Ueber-
zeugung um so fester halten, daß ich Glück in der Freundschaft
habe, daß ich mich zu den nicht eben zahlreichen Personen
rechnen darf, die es verstehen, die Freundschaft zu ehren und
zu pflegen! Und glauben Sie mir, die Frau Herzogin theilt
meine Freundschaft, ja, meine Sorge für und um Sie. Nur
Geduld bis in den Sommer, bis wir die Kirche fertig haben
und die Steinerts fort sind; dann schaffe ich Ihnen ein eigenes
Haus, ein Asyl, in dem es Ihnen wohler sein soll, als hier
unter uns, die wir ja leider einmal Weltkinder sind und bleiben!
»I, ich kenne den Antheil, den die Frau Herzogin an mir
nimmt! sagte der Gaplan, während ein schmerzliches Lächeln
um seine Lippen spielte. Aber der Freiherr schien dies nicht
zu bemerken, und die Bedeutung nicht zu verstehen, welche der
Geißtliche in seine Worte legte. Er reichte ihm mit freiem
Anstande freundlich die Hand und begleitete ihn bis gegen die
Thüre hin, obschon jener die ihm zum Abschiede dargebotene
Rechte zum ersten Male nicht ergriffen hatte.