Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 05

Füünftes Capitel.
A
---ie ganze gräfliche Familie war bereits im Schlosse bei-
!
sammen, als der Baron in Berka eintraf. Der Schwieger-
vater, die neuen Vettern, kamen ihm bis in die Halle entgegen.
Bei dem Scheine der Windleuchter, welche die geschäftige Die-
nerschaft herbeigetragen, hies: man ihn mit aller Feierlichkeit
willkommen, und dem Baron war jeder Aufenthalt, war Alles
erwünscht, was ihm die Veranlassung zum eignen Handeln
ersparte, was die erste Begegnung mit seiner Braut, wenn auch
nur fir Minuuten, hinausschob.
Oben in seinen Zimmern, in die man ihn gefihrt hatie,
um ihm Zeit für seine Umkleidung zu geben, warf er sich er-
schöpft auf das Canape, und die Herzbeklemmung, die er den
ganzen Tag ertragen und überwunden hatte, machte sich in
=hränen Luuft.
Gut geschult, verließ sein Kammerdiener ihn, sobald er
die Gemüthsbewegung seines Herrn gewahrte, und es dauerte
eine Weile, ehe der Baron demselben schellte, um sich annkleiden
zu lassen. Er war sonst äußerst sorgsam für seine Toilette,
heute blieb dieselbe gänzlich dem Kammerdiener überlassen.
Der Baron beachtete es nicht, in welcher Weise jener ihm
die vollen Seitenlocken puderte; er sprach kein Wort, während
der Diener ihm das Haar flocht und die Schleifen des breiten
Bandes an dem Hharbeutel befestigte. Er merkte es kauum,
als er ihm das kleine, goldene Messer reichte, den Puder von

=F F ! -F
der Stirne fortzubringen, und wäre der Diener nicht selbst
stolz gewesen auf die vornehme Erscheinung seines Herrn, so
hätten die weißseidenen Strümpfe sich ziehen können, wie sie
mochten, und weder die kantenbesezte weiße Halsbinde, noch
das Jabol und die Spizenmanschetten wiirden di: rechten vollen,
vornehmen Falten geworfen haben. Erst alh der Baron das
Zimner verlassen wollte, um sich zu seiner Braui zu verfüügen,
und der Diener ihm den Parfimerie-Kasten hinreichte, damit
er sir sein Tascheniuch den Parsiun nach Wohlgefallen wählen
könne, erlauubie sich derselbe die Anfrage, ob der gnädige Herr
nicht in den Spiegel sehen wolle, und sein zufriedenes Lächeln
schien von diesem Vorschlage Erheiterung fir den Baron zu
erwarten. Indesß der Blick desselben wendete sich kalt von dem
Spiegel ab, nachdem er ihn sliichlig daraus gerichiel haite, und
mit einem Seufzer, den er nicht zu unterdrüücken vermochte, ver-
ließ er das Zimmer.
Er hatte leine Sylbe gesprochen, er hatte es nicht einmal
für nöthig gehalten, dem Diener Verschwiegeheit zu befehlen.
Er lannte sich und seine Leute. Er wuußte, daß sie trene
Diener waren, weil er sie immer empfinden ließ, daß er ihr
Herr sei.
Langsam und schwerer, als es seine Art war. schritt er die
D.«
=--eppe hinab, durch die Vorzimmer, an der iheils wartenden,
theils beschäftigten Dienerschaft vorbei, bis die Flügelthür des
Saales vor ihm geöffnet wurde. Aber das -=, das helle ===--
I
V1s
welches ihm aus demselben entgegenstrahlte, war ihm un-
angenehm. Es blendete ihn heute zum ersten Male in seinem
Leben und erinnerte ihn damit, wie heiße Thränen er geweint
hatte. Indeß es blieb ihm keine Zeit, an sich zu denken. Er
hatte seine Braut zu begrisen, er mußte ihr sagen, was er in
diesem Augenblicke leider ganz und gar nicht empfand, daß er
gliücklich sei, sie wiederzuschen.

ihm
=== ? Jh ==
Wie hold sie isi! hörte er ausrufen, als Gräfin Angelika
mit unverhehlter Freude und Zärtlichleii entgegenkam.
Die schlanke Gestalt sah so leicht auus in dem Kleide von
rosenfarbener Seide. Das schöne Haar, nur von einem rosa
Bande gehalten, puffte sich hoch iber ihrer schmalen Stirne
empor und fiel hinter beiden Ohren in langen Locken weich
und schwer auf ihren Hals und ihren Busen hinab.
.i jedemn anderen Momiente wüirdent ihre Juugend und
N.
ihre Schönheit dem Baron eine Entziückung bereilet haben; heule
bewegien sie ihn nicht, obschon er sie gewahrle. Er liste
Angelika's Hand und umarmte sie, aber sie mußte die Be-
grüfung nicht gefunden haben, wie sie dieselbe erwartet hatte,
denn es legte sich ein Schatten iber ihr Gesicht und ihr Auge
blieb ängstlich auf den Baron gerichtet, als man sich nach kur-
zer Zeit in den Speisesaal verfiigle.
Dte Unterhaltung belebte sich an der -afel schnell. Man
A,
befand sich noch in den Zeiten, in welchen Mäunei und Frauen
es kein Hehl haiien, das: sie in die Gesellschafi gingen, um
einander zu iressen und das; sie einander zu gefallen wimnschten.
Die Geselligkeit, die Unterhalkug wuurden noch als eine Kuunst
betrachtet, in welcher geibt und geschickt zu sein fitr einen Ge-
bildeten als eine Ehrensache galt. Der Baron, als tresflicher
Gesellschafter gerihmt, hatte seinen Nuf aufrecht zu erhalten
und hätte ihn selbst in seiner gegenwärtigen Stimmuuung, in
dem Kreise seiner neuen Familie und unter den Augen seiner
Braut nicht einbüsßen mögen. Er nahm sich also zusammen,
und da man fiür den Moment durch Ueberreizung seiner Kräste
ihre Abspanung am leichtesten besiegt und verbirgt, so steigerte
er sich allmählich zu einer Lebhaftigleit, welche die allgemeine
Aufmerksamleit auf ihn richtete und ihn zum Mittelpunkte des
ganzen Kreises machte.
Er kam aus der St it, war vor nicht langer Zeit in
AeR

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==--=-l gewesen und halte viel Gutes vonn den Freunden zu
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erzählen, welche er an beiden Orten gesehen. Er konnte, weil
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-p die heroorragendsten Persön..g«üiten dee Hofes und der
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==.olomalie bekaunnt warett, gew= -===-o-i- -===« - den Stand
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=- - =--händel geben, welche damals noch tcht so offen und so
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p=- - vor al-. --- -ulgent gebracht wurden, als in unsern
Tagz. , und was die Literatur anbelal.g-- --- - -=l zl
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w-- - - - in der guten Gesellschaft weit mnehr .i.lheil nahmt
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als heute, so fiihrie er als das Neueste und Badeutendste in sei-
o---- -eisewagen auszer Gdethe's Geschwisteu noch die ersteü
msoiss
=-u -icten Bruchstücke des Don Carlos mit sich. Er mußte
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vom Konige erzahlen, von der Gräfin Lichtenan, deren Charak-
=. und deren Ahun und Treiben seit der neuerdings erfolgt.
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=-p-onbesteigung Friedria, -=uhelu's de ,-= en eine noch
C-- aichligleit belommnen hatien, und wie sehr er die Ab-
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---»g1g seiner Zuhörerinnen gege =-- - ugliche Maitresse auch
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=-=»=;-pklgte und schonte, konnte er doch l.=g- -111, ;- als
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eine Frau von Geist, von Geschmack nd von
bezeichnen. Hier und da verrieth ein Blick, eii
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=--ünnern, das er noch mancherlei Besonderes
was den Vertrautesten ui-zgullen sich wohl eue
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Kuunsisinn zu
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gute Stunde
finden lassen werde, und selbst die Frage - - ===uua« -uach -en
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neuen Moden in Kleidung -- =-»-PuuungSeinrichtuun ==pltch
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zu befriedigen, leß der Baron sich aefällg hea.. bis al. -n-
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wesenden voll von seinem Lobe waren, bis er selbst sich fort-
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--=-- --- oie viel Herrschaft er über sich habe und über welche
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ü------; das geniigte ihm fir de Augenblick und
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vorwärts.
Nur Eine Person in der Gesellschaft schien die allgemeine

--- Zh--
Zufriedenheit und den allgemeinen Frohsinn nichi zu kheilen,
nuur Comtesse Angelka blieb ernst und schweigsam. Das fiel
dem Baron auuf, und, besorgl und ein wwenig empfiudlich zu-
gleich, fragte er sie: Fehl Ihen eiwas, meine Beste, oder was
g N
ist geschehen, das aücheln von Ihrem lieben Aitlize zu ver-
Z.
scheuchen?
wa richielen sich ihre sanflen Auugen ruhhig sorschend auf
die seinen, und mit leiser Klage sagte sie: Sie erzählen so viel
Schönes, aber Sie sagen mir Nichts!
Der Scharfblick des jungen Mädcens erschreckte, der or-
----- ---- -, indeß schnell gefasßt neigte er sich zu ihr und
fiis sz-A-s »s.
sprach flisternd: Wollen Sie, dasi ich =- - ------= - der Familie
szih i siii f.f
und der Gäste die Selbsibeherrschung verliere, die uir Ihnen
gegenisber, Süiszeste, zu behauupten so schwer wird, das: ich, um
-- - -- -- » zu bleiben, mich mit Plaudern beschwichligen
H,z .= iss,
musß? Was soll ich Ihnen sagen, das Sie nicht wisten,
meine holde Braui?
Sie lächelte und er.uthete, ohne jedoch durch seine Schmei-
chelrede beruhigt zu werden. Sagen Sie unr, das: Sie sich
----. bei mir zu sein, das; ich Ihnen gesalle! bai sie mit
zisoi:
- --- Tone, der scherzend sein soslte, der aber ihre Besorgniß
ossniin
nicht verbergen lonnte.
Angelika, rief der Baron und sah sie mit einem Blicke
an, vor dem sie erglithend die Augen senkte, bestes, ihenersic?
=-»=»=-- was ficht Sie an, wie kommt Ihnen dieser Zweifel?
Asoi
N,
Hwss;- p zs.s !
-,? »7K1s - ===.=- 1s i=K -
Sie lächelte verwirrt, sie schalt sich selbst ein verwwöhntes
o- -s s-- -s- -z-- =-==--==--- -g - Fl VNele!!, l1 relcste
K..is ssibi N,»l iif.ss
ih-b
ss.-
s.-
ioi
z--- --- z.Üd Il, =-- - - zs=-=p =- =s=-=-; C==- -. .olsld ;uys;
szz-s H sii
»s-ssl,s. = -ss. -
ssimis b. C..s
i, e
daß er sich vor Angelika zu y-=-- zube, und seine Stimmung
s.GFpss H=
--p -p- heuute n. ==---- -- = -z. auf dent er sich behanlg=.s
s- lsinis ,,.
szi,ss
1I.s ssmss
konnte.

- 8---
Er hatte bis dahin seine Braut mit all der strengen
Zurückhaltung behandelt, welche Reinheit und Unschuld von dem
Maine zu fordern berechtigi sid. Jetzt, da er im Jiiersen
erschiliierl und bedrängt, keiner freien Emipfindung mächtig,
seine Brant beunruhigt und zum Argwozu geneigi sch,
jezt muste der Schein der Leidenschaft und des Verlangens
ersezen, was Augelila an ihm vermisßte, und e? fiel dem er-
fahrenen Frannenkenner nicht schwwer, das Herz dee jungen Mäd-
chens lebhaft zu beschäftigen. . den folgenden Tagen gab es
N,s
der Zerstreuungen, welche ihm zu Hiilfe kamnen, auch mancher-
ll
--, denn die grose Familie, welche jezt im Schlosse zusammen
l.s.s:
--. nahm beide Verlobten sehr in Anspruch. Das neue Ei :-
treffen des einen oder des anderen noch fehlenden Gastes brachte
immer ueue,-oischenfälle, welche dem Freiherrn seine Haltung
Ds:
szHi
wesenklich erleichterten, und da --zulka, aus ihner friedlichen
Ruhe auufgeschreckt, das Alleinsein mit ihm zwar suchte, aber es
eben so schiell wieder flohh, so verflos: die guzn -«oche ohne
My
besondere Störungen. Die Männer zogen in der Fruhe u;
-is
die Jagd, man speis'te gemeinsam und am Abend vereinigten
Unterhaltng und Spiel die Gesellschaft in verschiedenen Grup-
pen, während die Juitgeren hier und da zu« auunze ihre Zn.-
N:
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flucht nahmen.
Amt Vorabende der Hochzel- =» - länger als gewöhn-
p szfiip sfn
lch bei der Mittagstafel verweilt und sich dann inn ==- --- --
bz.-R P,siins
zimmer begeben, um dort den Kaffee einzunehmen. Der Baron
ed, den Ricken aeaen die Stubenthilre gekehrt, die kleine Tasse
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von meißener Porzellan in der Hanl', -- --b--- z=---- -i leb-
A sfnif pssssnois Epfoss iss
O,-s.fis iiid
hafter Unterhaltung an dem Kamine. Man sprach von -=--- -=-
pisnmi
--=---. mnan neckie denu Baron dann-,-p -e zrrsireut sei, weil.
P »,s f
die bevorstehende Hochzeit ihm im Sinne liege; und der Ge-
.: s.,.ss ossd s
danke an dieselbe füührte die Männer, welche zun- -=- -- Gbü--
freunde und Lebensgenossen des Freiherrn waren, auf die Er-
F. Le wald, Von Geschlecht zu Geschlecht. l.

- -
innerungen an ihre eigenen Hochzeiten und auf manches gemein-
same Erlebniß zurück. Es
jener kleinen Züge, welche
Frauen hinüber schauend,
und wie das zu geschehen
fehlte dabei nicht an einer Menge
man einander, vorsichtig nach den
mit Lächeln und Flüstern erzählte,
pflegte, waren die Männer, welche
am ruhigslen das friedliche Joch ihrer Ehe erirugen, unier den-
jenigen, die aun eisrigsien gegen den ZZwwaug der Bestäudigleit roie-
stirten und sich am dreistesten des Uebermuthes berühmien, mit dem
sie die Tage ihrer Freiheit und Ehelosigkeit genossen haben wollien.
Sie waren der Klügsie von uns Allen, Baron ! sagle einer
seiner Verwandien, der mit ihm gleichen Aliers war. Sie
haben sich Ihre Freiheit nach Gebühr zu Nuutze gemacht, und
nuun, da ich armer Thor bereiis meines Sohnes Erslgebornen
aus der Taufe gehoben habe, nun führen Sie, als ob das eben so
sein mütste, das schönste Mädchen des Landes heim, um das
die ganze Schaar unserer jungen Edelleute sich vergebens be-
mihte. Ihre Franu wird grosßes Aufsehen machen, wenn Sie
sie am Hofe präsentiren.
Das köunte sein, versetzte der Baron, ich habe aber nicht
die Absicht, an den Hof zu gehen, und meine Braut hat vollends
keine Neiguung fir das Leben in der Residenz.
Weil sie ed nichi lemt! meinte einer der jingern Männer,
denn ich halte es fir unmöglich, sich nicht von dem schwuung-
vollen Sinne, von dem Geiste und von der Bildung gefesselt
zu fühlen, welche sich dort zur Verschönerung des Lebens und
zum Genuß desselben verbinden.
Schon die grose Zahl von Franzosen und Engländern,
von Fremden überhaupt, machen den Hof jetzt anziehender, als
er seit lange gewesen ist, bemerkte der Edelmann, der zuerst
gesprochen hatie, und sich zu dem Freiherrn wendend, sagle er:
und nicht allein Fremde erscheinen dort, auch Geister lassen sich
sehen. Was haben Sie denn über die Sache erfahren?

Sie meinen
welche man dem
88
die Erscheinung des Grafenn von der Mnrk,
Könige bereitet hat? fragte der Freiherr.
Eben diese! versetzte der Andere, und der Freiherr berich-
tete, was er davon gehört und wie sehr der König sich =--
diz-
den Anblick dieses von ihm geliebten und als K nd verstorbenen
Sohnes erschiiieri gefihli haben sollie.
Einige der Mäminer, sesie, alie Vollairiner, zuellen mi!-
leidig und verächilich die Achseln, als die Uuterhaltunng sich nach
dieser Seiie wendele. Ies; die Geisterseherri war Mode ge-
worden, Jeder haite seine Meiug über ihre Möglichleit, und
die Frauuen, deren weiceu Herzen der Tod ja fast immer als
eine Grausamkeit erscheint, sprachen sich zum aheil sehr lebhaft
fitr eine Antsichi auuS, welce ihnen einen surtdauernden Zut -
samnenhang mit ihren dahingegangenen Lieben in Aussicht zuu
stellen versprach.
Der Baron, dessen Meinung man zu verschiedenen Malen
herausgefordert hatte, vermied es, sie zu äustern. Er war zurüc-
. ?,-i.s.-
haltender, als er es soust üiber ähnliche--=l zu sein pflegie,
und weil sich Niemand in der Gesellschaft befand, der die
l-=--===kg verständig leikeie und beherrschte, verlor sich die-
lzss»-1.ßl
selbe, je mehr dte Dämmerung hereinbrach, immer liefer in das
Gohiet des Geheimniswollen und Senfimnentalen. Ma erzählie
die Erfahrungen, die man selbst von dem Uebergreifen der
Geisterwelt in den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren gemacht
zu haben glaubte, mtan erinnerte an die damals vielbesprochene
Geschichte der jungen Schauspielerin, der ihr verrathener Ge-
liebter sich auf die wuundersamste Weise kundgegcben haben sollie.
eas Fiür nD-=-=--e äußerte sich noch einmtal und noch
s ,1.
lebhafter, als zuvor, bis einer der älteren Edelleuie, welchem
diese weichlich uysteriöse lnierhhaliung nicht behagrn mochie, ir
mit einem Scherze ein Ende zu machen beschloß.
Man könnte sich es schon gefallen lassen, sagte er, einer
g;

81 --
ungetreuen Schönen zu einem allgegenwrtigen und unvermeid-
lichen Memento mori zu werden, wenn man nuur vor Re-
pressalien sicher wäre! Stellen Sie sich doch aber vor, meine
-.---, was sollte aus uns Ehemännern und aus demn Frieden
Hzppeoi:
unseres Hauses werden, wenn jedes hübsche Lärvchen, das uns
einmal das Herz gerührl hal, so ganz ad libilum in unserem
häuislichen Kreise erscheinen und unsere ehheliche Eintracht stören
köntnte? Unsere Damen, die jezl so sehr sihr diese nee Wel!-
anschauung schwärmen, « uen ja die Ersien sein, umt Goiles
szi-
willen gegen eiuen solchen sichibaren Zuisammenhang mit der
Geisterwelt zu protesliren.
Man la.D-«. uian belobte hier und da den gesunden, heite-
-s,
ren Einsall des alien Herrn, uan sagie, dus: der rechle Froh-
sinn jetzt nur noch bei den Alten zu finden sei, und stachelte
damit den Ehrgeiz des jngen Grafen Gerhard auuf, den Wiz
und die Heiterkeit der Juugend lund zu khun. Ungli clicher
Weise waren aber Mas; halten und ruhiges lleberlegen nichl eben
seine Sache. Der reichlich genossene Wein hatten ihn heute noch
unbesonnener und kecker als gewöhnlich gemacht, und sich an
seinen Schwager wendend, dessen Erust ui dessen Schweigen
ihm aufgefallen sein mochten, rief er: =- --ü.kel Kammerherr
D.-
zas
hat wahrhaftig Recht! Stellen Sie sich doch vor, -aron, was
N.
aus Ihnen werden sollte und was Agelika sagen würde, wenn
alle die Frauen, denen Sie um Angelika's willen das Herz
gebrochen, Ihnen erscheinen sollten? Stellen Sie sich vor, wenn
-- er wies mit dem Kopfe nach dem Eingange des Zimmers
und der Baron und die Aeren folgten umwilllirlich seinem
Winke -- wenn dort sich zum Beispiel plözlich die Thur öff-
nete und . -
Ein Schauer durchflog
Thlire lhal sich wirllich wie
ein blendendes Lcht strömte
die Glieder
mnii Eiten
herein, und
des Barons, denn die
Sclage slözlich aus,
mit krampfhafter Be-

8 --
wegung den Arm des ihm Nchststehenden ergreifend, sanl der
Baron auf den Sessel am Kamine nieder.
Aber nur wenige wwuurden das gewahr, denn die Diener
brachte:n eben jetzl die vielarmigen Leuchier in das Zimmer,
deren helles Lcht die Mehrzahl der Aüwesennen blendeie, und
der Einirili des Gaplans, dessen Aulunsi man lurz vorher
gemeldet hatte, nahm die Aderen in Anss rnc. Der Graf
unnd die Daen des Hauses bewilllom:unlei den ueuen Gast,
und der Baron gewaun inzwiscen J=. sic zu sammeln und
V,ii
sich zu erholen. Dennoch uecie man ihn mit seiner leber-
raschung, mil seinem Schrecen; man wollie wissen, welche Er-
scheinuung er gehabt habe, indeß der Baron entzog sich mit
guier Ari iind groster Sellsileherrschung allen daraus zielenden
Fragen und Neckereien, und mitten in der allgemeinen Unter-
haliuung, z der er sich genöthigt fand, fragte er, als der Caplan
an ihn herangetrelen war, denselben leise und beklommen: Hat
man sie gefunden?
Alle Mihe war vergeblich! antworteie jener ebenso.
Und Paul? fragte der Baron mit derselben Dringlichkeit.
Ist fiirs Erste wohl aufgehoben in der Stcdt.
Wer brachte ihn dorthin?
Ich selbst! versezte der Caplan.
=- --=n drückte ihm schweigend die Hand, andere Per-
D,z- N,is-
sonen traten mit Ansprache und Bewillkommung dazwischen,
der Abend verging in bewegter Geselligkeit und der Baron fand
sich erst wieder mit seinem Hausgenossen zusammen, als dieser
ihn am späten Abende noch in seinen Gemächern besuchie. Er
f»-is Rof- KPAe»-ss
--- ---- -===-, der sonst noch vor dem Schiafengehen lange
in seinem Zimmer zu lesen pflegte, bereits im Beite.
Wundern Sie sich nicht, das; ich uich schon niedergelegt
habe, redele der Baron den einireienden Caplan an, ich bin
sehr mide. Der Stand eines Bräuutigams isi an und fie sich

- 8i---
eine Unnatur und legt uns eine abgeschmackte Rolle auf. Wenn
ein fertiger Mann ein Mädchen zur Frau begehri, so sollte
man es ihm geben und ihn mit der Erwählten ziehen lassen.
Was soll dieses wartende Verlangen von der einen und von
der anderen Seiie? EZ ist so viel Zwang und Heuchelei darin,
,a, es liegt im Bruutsiande, wenn man von einuer Gesellschasi
umgeben ist, wie die hier im Schlosse versammelte, sogar eine
Art von Cynismus, der mich beleidigt. Ich wollte, wir wäiren
zwvei Tage weiter und fort von hier.-- Er machte eine kleine
Pause und warf dann die Bemerlung hin: Ich schlafe auch
schlecht! Ai Tage Ermiduung, in der Nacht wenig Schlaf
und während desselben quälende Träuume! Wahrhaftig, man
könnte. -
. er vollendete den Saz nicht, fuuhr mit der Hand,
wie es seine Gewohnheit war, ein paar Mal über Stirn und
Gesicht und stiesß dann ein Ach! hervor, in welchem sich sein
ganzer Zuustand offenbarte.
Der Caplan fand ihn iibel aussehend, auch die Stimung
des Barons kam ihm bedenklich vor. Weil es spät war und
er die Weise seines Freundes kannte, sich möglichst lange auf
Umwwegen von dem Gegenstande fern zu halien, den zu erörtern
er Scheu truug, kam er ihm zuvor, indem er ohne Vorbereitung
davon zu sprechen begann.
Sie fragten mich heu... hob er an, wo Paul sich befinde,
nfo
und ich sagte Ihnen, das: ich selbst ihn nach der Siadt ge-
bracht habe. Da es an dem Morgen nichl gelang, die Mutter
aufzufinden, so machte ich
Knaben auf den Weg, weil
nicht eine Stuunde unnöthig
mich noch am Abende mit dem
uch ihn nach den. Vorgegangenen
in Rothenfeld verweilen lassen
wollie. Umnenischieden, wo ich ihn unterbringen solle, da er bei
seinem Alter noch fir lein öffeniliches Pensionak geeignel isi,
fiel es mir ein, mnc, weil ich leine Zel zu verlieren haiie,
an Herrn Flies zu wenden.

----- »? -
Und Sie sagten ihm, wem der Kabe gehöre? unterbrach
ihn der Baron.
Ich hatie das nicht nöthig, obschon er A nfangs mit der
Zurickhaltung, welche Sie an ihm rühuien, nicht merlen ließ,
was der erste Aublick des Knaben ihm verrathen hatie.
Also Sie finde auuch, das; der Knabe mir so ählich sieht?
fragie der Baron in eier -beise, die schwer erkennen ließ,
N,
welcher Eupfindung sie entsprossen war, und ohne des Gaplans
Antwort abzuwarten, wollte er wissen, ob sein Sohn sich jezt
bei demJzuwelier befinde.
Nein, eutgegnete der Andere; ihn dauern' in einer jdishen
Famile zu lassen, wäre doch nichi wohl thuunlich gewesen, und
ich zwweifle auch, das: Herr Flies sich dazu vrsianden
würde, ihn auufzunehmen, da - - -
Unnd .---- -- der früher in dem Fies'schen
Ns.=- N1,-si.s-
z -s,-ois
wohnte? unnterbrach ihn der Baron; ich hab. a =----
und dessen Frau gedacht. - -
=-- --uute sind kinderlos, bemerkte der Caplan.
I. E.-:
Eben deshalb! meinte jener lebhaf.
haben
Hause
Vetter
Meine Verwwandten sind so sehr an eine ruhige Häuslich-
keit gewöhnt, daß eine Störung derselben ihnenu durch Nichts
aufgewogen werden könnte, sagte der Caplan allehnend.
Der Baron verstand ihn, das bewies das unwillkürliche
Znsammenpressen seiner Lippen; der Caplan lis; ihm aber zu
seiner Mißempfindung nichi lange Zeii, denn er berichtete, wie
der Juwelier Rath geschafft und ihn an die Fmilie gewiesen
habe, welche jezt den dritten Stock seines HauusS als Miether
bewohnte.
Wer sind die Leuie? fragte der Baron dazwischen, - -
dps
sich im Belle aufgerichiei uid den Kopf auf die weise, wchl-
gepflrgie Hannd gesliizi haiie, die vornehm u den Spitzen-
manschetten des weitärmeligen Nachthemdes hervorsah.

- 88
Eine ebenfalls kinderlose Beamtenfamilie, wie meine Ver-
wandten. Die Frau zeigte sich ohne Weiteres bereit, auf den
Vorschlag einzugehen, da das Gehalt des Kriegsrathes nur
beschränkt und die Familie doch zu einem gewissen Aufwande
genöthigi ist. Eine Vermehrung der Einahmen schien ihr also
sehr erwüinscht. Der Kriegsrath hatte Bedenken, sie wurden
aber von der Gewandiheit des Juweliers ohne asl mein Zuthun
besiegt
Bedeulenn ? wwiederholle der Baron uil einen Auslgge jenes
empfindlichen Stolzes, der sich wuundert, wenn sich Jemand
seinen Wüiuschen nichi gefigig zigt.
Sie galten der Herlunft des Knaben, der möglichen Un-
gelegenheit, welche dieselbe verursachen könnte, und endlich auch
der Sicherheit der Pensionszahlngen, fir die Herr Flies sich
dann natürlich alsobald verbürgte, während er zugleich auf die
Förderung hindeuieie, welche dem Kriegsrathe durch Ihre Ver-
d
mitilung zu Theil werden lönnte.
Sie glauben also, daß der Knabe dort gut aufgehoben
ist? fragte der Baron, über die Aniwort des Caplans leicht
hinweggehend.
De. Jwelier versicherte es mir, und eilig, wie ich war,
-z- g
fand ich es am besten, ihn in dem Hause zu lassen, da Herr
Flies und seine Frau ein Auuge auf ihn zu haben versprachen.
Der Baron nickte zustimmend. . danke Ihnen, sagte
N,
er, Sie haben mir einen Dienst geleistet; ich bin über den
Knaben beruhigt, wenn Flies ihn in seiner Nähe und Aufsicht
behält. Wollte Gott, ich könnte mich auch sonst beruhigen!
Man hätie vielleicht der Unglicklichen Zeit lassen, Sie häiten
ihr nachgeben, ihr gestatten sollen, den Winter oder wenigstens
noch einige Wochen in Roihenfeld zu bleiben. Ich beurtheilte
Pauline richiiger, als Sie!
Der Caplan war, wie er den Baron lannie, darauf vor-

- S
bereitet gewesen, daß er es zu seiner Selbstbe uliguung versuhen
=--- dem Freunde eiten gewissen Antheil an dem Unheile
ssiip-d.n
aufz=-==-n, welches er selber angerichtet hotte. Er ließ ulso
s s.i-d
diese Aeuseruugen absichtlich unbeachtet, und dawuurch genöthigt,
sich weiter sund zu geben, sagte der Baron, oon dem DD .-
c' s.infs
sächlichen der traurigen Angelegenheit abbrechend:
Gewisse Erfahrungen muns man an sich selber machen, und
so theuer man sie er--;. bezahlt man sie boch wahrscheinlich
-f,-sss
nichi zu hoc. Sie werden sic liiusig, mei veriher Freund,
über
mich nicht mehr zu bellagen haben!
Der Cplan bat um eine Erllärung dieser Worie.
=., versetzte jener, mich d=.-, darüber lönten Sie nicht
e
ü»7
in Zweifel sein! Ich habe wohl sonst Ihr- strengen Moral-
lehren als unnaliürliche Beschränkungen, Ihee ganze Weltan-
sfiAi iiirr
-=-=-=g und Lebensführung als die Frucht eines furcht-
samen Aberglaubens angesehen, und Sie in mteinu.- Jleen
ssss »iss
=--=»»u=. daß Sie sich in Folge Ihrer Gellibte nicht zu ge-
s.Sfs,eb
nießen erlaubten, was uns zum Genusse ladet und für
denselben geschaffen ist. I den letzten Tagzen, sagte er mit
einem schweren Seufzer, habe ich mich aber oftmals des Ge-
danlens nicht erwwehren lönnen, das; Sie jetzt der Glicklichere
von uns beiden sind. Ja, ich habe Sie recht eige--- -----
zisss, iiin
Ihre Gemüüthsruhe, um Ihren Seelenfrieden beneidet und oft
aedacht, dasß man schon aus Selbstsucht un- -=»=-»»lß --
R M1p-s-pFliisin
wii:
N,his siliwi: issisip sl1:sn
pisif.
---s s=s-p-H, V1S «==- -- s--p--- ---s-p- - ===- -l lcs dhsey lh
meiner Ehe mut Gräfin Angelika Kinder halen so=... so will
lss,-
ich sie Ihnen und Ihrer Füührung ausschließlich anvertrauen,
und Sie sollen mich an diese Stunde erinnern, leber Freid,
wenn ich gegen dieses Versprechen handle. Es ist sicher ein
-»i--« ==-lg um ein unibeflecktes Gewissen und un! =- -ig
. Pss
Hz61, H;
lichkeit des Glaubens und des Gebetes!
wer Geisiliche sah ihn prisend an. Er vuuszte, welcer
eF.

- I --
schnell wechselnden Ansichten der Baron fähig war, und pflegte
deßhalb auf seine Aeußerungen, sofern sie aus einer ungewöhn-
lichen Stimnmung hervorgingen, kein großes Gewicht zu legen.
Esz däuchte ihm aber, als sei es Pflichi des Chrisien und vor
Allen des Geistlichen, einem Schwerbeladenen und Nieder-
gebeugten, und ein solcher war der Freiherr jetzt in jedem
Betrachte, in der Siunde der Noth die Hand zu reichen,
und ihmn dent Trosi zu bieien, an welchem man sich in der
eigenen Ohumachl gehalten und an dem man sich aufgerichiei hat.
Haben Sie es dennn verscht, fragte er ihn deßhalb sanft
und ernst, sich einmal innerlich Ihr ganzes bisheriges Leben
darzulegen? Haben Sie es versucht, recht in sich zu gehen und
sich mit dem Gedanken an die Folgen Ihres Handelns Rechen-
schaft über dasselbe zu geben, als wäre diese Rechenschaft von
einer Machi gesordert, die den Zesammenhang der Dinge besser
kennt, als wir? Haben Sie sich denn in letzter Zeit wohl
jemals der Religion mit dem Beditrfnis; um Erlösüg ze
gewendet?
Sie wissen, bester Freund, sagte der Baron zdgernd und
mit Bedauern, das; dies leider nichi geschehen ist. Bei meinem
lebhaften Sinne und einem starken Selbstgefi:hle ist mir die
Religion seit lange nur als eine Stütze und ein Heilmittel
erschienen, deren der Gesunde und Kräftige entrathen und nach
denen mich persönlich niemals verlaugen könne. Indes; die
Erfahrungen, welche ich jetzt an mir und in dem Leben über-
hauupt gemacht, und ein Eindruck, eine räthselhafte Erscheinung,
die ich gehabt, eben heute gehabt habe - Er brach ab und
sagte: Ich wiederhole Ihnen, ich wollte, ich könnte heute glau-
ben und beten wie Sie, mein Freund, und mir damit das
Herz entlasten.
Und was hindert Sie daran? fragte der Caplan, ihm fest
ins Auge blickend.

--- I!--
Mir fehlt die Zuuversicht, der Glaube, dasß Gebet mich
trösten könne, daß für mich auf diesem Wege die begehrte Hilfe
zu finden sei, wendete der Freiherr mit einer Weise ein, die
sehr von jener Leichtigkeit abwich, mit welcher er solche Materien
sonst zu behandeln gewohnt war.
Der Caplan schwieg eine Weile wie im Nachdenken ver-
sunken, dann sprach er ernsthaft und bewegzt, wie man eine
tiefe leberzengung, eine an sich selbst erprobte Erfahrung kund
giebt: Mich uiszte Alles trigen, oder Sie stehen auf einem
jener Wendepuunkie des Lebens, Herr Baron, auf welche der
Mensch, nach meiner festen Ueberzeugung, nur dann gestellt
wird, wenn das Einschlagen eines völlig neuen Weges für ihn
das einzige Rettungsmitiel geworden ist.= Eir machte darnach
wieder eine Pause und sagte endlich, als habe er lange nach
der Form gesuchi, in welcher er seinen Glauuben dem Freiherrn
zugänglich machen könne: Sie haben vor nicht langer Zeit selbst
gegen mich über die mystische Grenze gesprochen, welche in unseren
Handlungen das freie Wollen von dem Missen und Erleiden
scheidet, und ich erinere Sie an diese Ihre eigene Ansicht,
um in derselben Ihnen ein Gleichniß und in gewissem Sinne
auch die Erkläruung fir Ihren jezigen Zstanh zu bieten. Ist
irgendwo eine solche uystische Grenze zwischen der Freiheit des
Menschen und der Fihrung des Höchsten vorhanden, so offen-
bart sich dieselbe, wenn wir Ihr Leben einheitiich iberschauen,
an Ihnen. Alles, was Sie unternahmen, sich eine höchste Be-
friedigung im weltlichen Sinne zu schaffen, erfillte den Zoeck
nicht, Sie innerlich wahrhaft zufrieden zu stellen. Da fallen
Sie auf einen Gedanken der Menschenliebe, aber auch ihm legt
ein weltliches Element zu Grunde. Sie machen ein Geschöpf
Gottes, das Ihnen durch eine Verknitpfung von Umständen zur
Pflege zugefihrt wird, nicht zu einem Gegenstande Ihrer selbst-
losen Sorgfalt, sonderu zu einem Spiele Ihrer Phantasie, zu

- ---
einemu Glickspsande, und nuur zu bald wird das armne Wesen
«=- Opfer, wird durch Sie um Unschuld, Glauben und Hoff-
s.--
nung gebracht. Jetzt lomnmt der Augenllick, in welchem Sie
selbst das Bedirfniß fühlen, sich ein neues und geläutertes
aeben inIhrem Hauuse aufzuerbauen, und nun erwwächsi Ihnen
aus Ihrer Vergangenheit, auus früherem Verschulden ein Unheil,
das Sie selbst wie einen Fluch empfinden, vor dessen An-
mahuung Sie sich nich! zu bergen, gegen dessen Last Sie sich
nicht zu wehren und vor dem Sie keine Rettung zu finden wissen,
von dem Sie auch nirgends Rettung und Erlösung finden
werden, als an der Quelle, aus welcher alle Erlösung und alle
Gade quillt. --
Er machte eine Pause. Der Baron hatie noch immer
das Haupt auf den Arm gestiützt und sah, in tiefes Sinnen
versunlen, vor sich nieder. Der Caplan wartete, ob Jener zu
sprechen beginnen wüürde, indes: nur die Traurigkeit und Weich-
heit seiner Mienen verrieih, was in seinem Herzen vorging,
und der Caplan hielt es für seine Pslicht, dem Bereuenden
weiter entgegen zu kommen.
Sie sind in diesem Augenblice, sagte er, wie der verlorene
Sohn, wie der Sohn, der im Nebermuthe seiner Kraft es ver-
lernt hat, sich als Kind in seines Vaters Arme zuriück zu slüchien.
Sie wissen, Sie kennen den Weg, der Sie an das Ziel Ihrer
Sehnsucht fiühren k.. aber Sie scheuen sich, ihn zu betreten,
weil Sie verlernt haben, ihn zu gehen. Sie möchten beten
können; heißt das nicht beten? Sie möchten sich zu Gott,
zu Ihrem Erlöser wenden; heißt das nichi zu ihm gewendet,
zuriickgekehrt sein zu ihm? Sie verlangen nach Hilfe, nach Beistand,
nach Gade- aber die göttliche Gnade ist so unerschöpflich,
daß das bloße brinstige Verlangen nach ihr, wenn es ein fort-
gesetzter Zuustand der Seele wird, schon die Birgschast fir ihre
Gewährung in sich irägt, dennn der Allhelfer fehlt dem Menschen

3
niemals, wveun es bon ihhm ist, das; muat Hilfe und Erlisung
erwartet.
Der Freiherr haite den Kopf erholen; e:-.g den Euh.-
s.-s
His
ss.n F-kpssis lsifenis ß,.
forschend ann, und mnit detn l== -=--=-= -- =e Na Ugzelt, einne
Widerleguung seines noch ucht iüberwuundenen Zveifels zu er-
h-=-. seagte er: Könnle Unglauben so ri;g zum Glau..
zs.si
!.o ss
.ls,is -
sinidohs Z
l z. L Kpklss
Moses schluug voll Glauubens gegen den Fels, und aus
=---- =-- --. verschlossenen Gesteisi ---==g di: helle Flut des
s sszpi:
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== -als hervor, g gü1zes «e.l zu erauuicun. -- ?.-- .-
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rückte bei diesen Wortenn seinen Sessel nahe a. de.===--
sisss sil.ils.
= -=, eigle sic zl p.- und sagte, udem er-- i-=-=g be-
lipe
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wegiem Herzen die Haid desselben ergriss: O, löule ich Ihnen
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==- ---- -=- a uudrngllch machen, was als feste, erhebende
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s-- - --g in mir leht! Der Glaube, -- - ------- -- I--
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au einer Weise sierben mnac.., welch. hren- -- ==l ersi die
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Lebensgenossen h--- - sollen! Aber glauben Sie mir,
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Freund, wie gering der Aiheil auch gewesen ist, den
Rlinf -ss Sswwmi: (,,lislöliis h üs s f.: j. 1.ßs1id -ssi
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--glp --- =-- - aa ist mir der Gedantke an die wunder-
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bare. --u uund Figungen des Himmels i.ustlich zu Hilfe ae-
ri:
kzmiissnss ! P,-z- sin
--------- -- - = - =ul uns wull es ermessen, oh Gpli nicht dad
11lß- --=, ob er na Pauline, die das Opfer Ihrer Sinn-
ss ,s-
,s.s N

- ßg ----
lichkeit geworden war, sich ausersehen hat als ein Werkzeug zu
Ihrer Bekehrung? Ob nicht Pauline sterben muste, das eigene
Vergehen zu bilßen und Sie hinzufihren an die Gnadenauelle,
aus der das Geschlecht, welches fortzupflanzen Sie morgen Ihre
Ehe schließen, sich erquicken und erstarken soll zu nenem Glau-
ben, zu neuem Wandel auf dem rechten Wege?
Der Baron halle deun Freuunde mil sleigender Erschiiierung
zugehört. Weichherzig wie er war, hatten schon die tiefe und
ernste Bewegung. die fromme Liebe und die fesie Treue des
alten Lebensgenossen ihn gerüihrt und aufgerichtet, aler bei des
Gaplans letzten Worten erhellten die ganzen Mienen des Barons
sich wuundersam. Der zuversichtliche Glaube an die räihsel-
haften Wege einer allweisen Vorsehuung, welcher dem Caplan
den Gedanlen eitgegeben hatte, das; Pauline nach Gotes Raih-
schluß habe sterben missen, um den Freiherrn und sein Haus
dem Glauben wiederzugeben, trug fir den Lezteren schon eine
halbe Erlösung in sich und leuchtete ihm ein, da er seiner
persönlichen Eigenliebe wie dem Stolze auf sein Geschlecht plötz-
lich in der erwünschtesten Weise entgegenlam. Er war, nach
solcher Annahme von den Fügungen des Himmels, nicht mehr
völlig und ausschließlich verantwwortlich fir seine Thhat und ihre
schwere Folge. Er war nicht mehr der allein Schuldige. der
Frevler, welcher Pauline in den Tod gestiirzt. Nur ein Werk-
zeug war er gewesen, wie sie, in der starlen Hand des Herrn.
Nicht mehr ein Simder war er, der sich demüthigen mus:te,
um die Verdammtuung von sich abzuwenden, er war ein Aus-
erwählter, ein Begnadigter; denn Gott hatte das Leben eines
armen Weibes bestimmt und darangegeben zum Opfer fir ihn
und sein Geschlecht, und erleichterten Herzens und nach Be-
ruhigung düürstend, fragte er: Und hegen Sie den Glauben, daß
Reue ganz versöhnt?
D. ich hege diese Zuuversicht! rief der Caplan mit festem,
N,

- -- 9?----
innig vertrauuendem Glauben. Ja, ich hege die Zuversicht, daß
Reue, daß bißende und zugleich fruchtbar lhätige Rene eine
Erlösung in sich verbirgt! Wollten Sie sich in dumpfem
Schmerze der Erinnerung an dad von I,hnen verschuldete Un-
gliic iberlassen, so würde damit sicher Nichts geholfen, Nichts
gebessert sein. Aber wenu Sie die Möglicleit der erlösenden
Versöhhuung nici nur aus sich selbst beziehen, wenn Sie die-
selbe zugleich als eine Aussöhnung uit dem eigenen Bewußtsein
betrachien; wenn Sie sich sagten, ein Mädchrn, das mich liebte,
ist untergegangen durch mich, dafür soll das Weib, das ich mir
erwählte, um so glicklicher werden; wenn Sie mit Selbstver-
gessenheit fie die Fran, sinn die Familie z leben versuchten,
welche sich um Sie her bilden wird, wenn Sie die Seelen, welche
die Vorsehug Ihnen anverkrauut, im Glauben und in Heiligung
erziehen --- mich din., mein Freund, das wwürde so viel Licht
über Ihhr Dasein ausbreiten, daß davor die Schatten, welche
jezt Ihr Leben umdistern, allählich weichen lönnen. Gebet
und Reue sind erlösend, wenn sie eine Selbsterlenntnisß und ein
Gelöbnis, zugleich demiüihig und muthig sind.
Der Caplan hielt inne, denn der Baron hatte sonst immer
eine große Ungeduld bewiesen, wenn sein geisilicer Freund ühn-
liche Gespräche oder ähnliche Erörterungen herbeizuführen gesucht
hatte. Heute war das anders. Es that ihm wohl, die Stimme
des Freundes und seinen ermuuthigenden Zuspruch zu hören,
denn sie waren milder, als sein eigenes Gewissen, und fast
bittend sagie er: Sie sind nicht zu Eide, enthalten Sie mir
Nichts vor, mein Freund!
Was könnte ich noch hinzufigen, eutgegnete der Caplan,
vas nicht in dem Gesagien schon enthalten wäre, das Ihr
igenes Herz Ihnen nicht kund giebt? Jede Sünde ist eine
Verfehlung gegen das Gute und gegen das Necht! Machen
Sie sich von diesen Verfehlungen frei, stelen Sie sich als


=----»- =-----==-=i--, als tadelloses Famtilienoberhaupt, als
püidos- -swb-osis F,Ksifß
kadelloser Gutsherr den Menschen aegenüüber, und ich zweifle
----. daß sich zwischen diesen beiden Polen finr Sie der Weg
s:i,sus
und die Mittel zuu einer Befreiung Ihres Herzene u==- Ihres
z. g
Gewissens finden lassen werden, dasß Sie eines Gliickes theil-
haftia und einer dauernden Zufriedenhe. gulg 1e=- -=-==--
vR.ss fjzssisoss
- sIt-
von den ,pre Vergangenleii Ihne noch lein Vild gegeben hai!
. es.
wer Freiherr aihhmele aus. Er riclele sich eupor, er sah
ed
die Mög.-g- --- o«, wwieder erhobene. -g-uPle? zl - =----
s EHi
l .sioof:
N,k.-s hi ss.s.
da er den Vorsaz hegte, sein Hauus im Geisie des Chhrisienihumes
aufzubauen. Er konnte in =-;---- -b--=lu-- elbst an Pauline
dsoii: Al mi.o-milil'
-. ?
wieder denken, ohne die herzzerreisßenden Gewissensbisse zu en-
s-- -, welche ihm seii ihrem Tode leine Nuhe unehr gelassen
sisis sdos
hatien. Er versank noch einmal iu ein kiefes Sinnen. Der
Gaplan, dessen innere Wahrhafiigleit in diesem Falle die Selbsi-
--=zyuuugen des Freiherrn nicht vorauSsah, sas: hm, seinen
sIi:C,
eigenen ernsten Betrachkugen nachhangend, schweigsam gegeniber.
Seine ganze Seele war Gebet. Eidlich reichte der Baron dem
Geisilichen die Hand.
N.
----- z-- --. sagzle er, ch dD«- ,hsen von Herze,
,isI,« Ss,is.is
-sis f,« -
sisb W, s..-s.i--s N..s.s! H,.! F,- s:
- --- z-- -- =-= - - O -=-- gabent Recht! E ist eine großße
Nt.i
==-plthat des Himmels, er brauchie diesen = -druc mit
Bs-e
u==pss.sHfiisis
=-=--w-ü---u - es isi ein Segen von Gott, einen Freund, =--
süi.n
uiin si d..-- 7Is..
=------ - -== z haben, sich -. einem Freunde wie Sie
iinis
zpFs ss
s ds: -
i: EFsssois -
Ti-SFrmlis
-=p- =--s- z,? -z-s- ülljge -- = ss ss -=s sss= ss z ==-s= s=s s -.u: Pche
iid.
ii. s,-lfi-s:
ich -- - der Zersireutheit der vergangenen Jahre diese «- -
.s
issis js:
s.-? -
ßeng=g gewähri! - - Er bog sich ein wenig uach hinienu iiber,
doIisss.- 9z ss -:sfd. N7,,
=-- =----=----;- --»- ==s=l, uud mei:te: Ic glaube i! - -==p6,
d.- N,
dips. ?,Fi He. s- s,s.s,is.zs 7ismnmis N, sss.s,- iinisi -
1ünni
-==; - -»6l=Fs .==z =s -g ss87)ss-ss ==1is.sss- z)P 1ß»z 1suu-z uiluisz» -
n - als in den verwichenen Tagest. --«« der Gedanke an
Pz
E-pz
Richten qusi- ----- unaufhörlich; und ich gäbe viel darum,
ss s:i. -

-= cz?
gE F --- =
wenn ich es jetzt noch nicht wiederzusehen. es noch nict mit
meiner Frau wiederzusehen brauchte.
Und giebt es dafir keinen Ausweg? fragte der Ciplan,
dem die Beruhigung seines Freundes, vot welcher er sich die
sittliche Erhebung desselben versprach, le=-=-- -=-- = -ze lag.
sis..sss -mfs ,w- -
=--e haben ja das Hauus, welches Fräulein Eslher Ihnen hmler-
li
lassen hat, eigenklich noch gar nicht bewohnt. Wie wäre el? -. -
Wen wir nach der Nesidenz giugen? siel der Baro i ih
in die Rede, daran habe ich selber schon gedaeh-, 1- dap --
s At tt
-? -
wie Sie wissen, auf unsern Aufenthalt in Richten angelegt und
angeordnet war und das; in der Stadt gar Nichts fir unsere
Aufnahme vorbereit. --- a« habe das Haus meiner uah.«
.s E,s
n f
als ich es bei meinem lezlen Auufeuthalte in der Residenz üüber-
nahm, doch recht vernachlässigt und kraurig aefunden, und man
wvitrde es vollsländig erueler. b- -- - ut es angenehmt und
n in üss=ss
uns angemtessen zu mtachen. Indeß davon zu reden wird morge«
Zeit sein, mein leber Freund! Fitr heute wiinsche ich gesammelt
zu bleiben und noch eine Weile mit mir allein zu sein. Schlafe
Sie wohl! Gewis;, ich hosfe auuch endlich wieder eine gute Nacht
zu haben.
Er gab dem Geistlichen nochmals die Hand und dieser
verlies; ihn mit dem beruhhigenden Bewusgtsein, gethan zu haben,
was ihmt oblag. Er hatte den Zerknirschten nichi mit harter
Verdammung niedergeschmtettert, sondern ihn bz=-=-- -- Es=-
fhizsriss monf,s
da er seine Erhebuung anstrebte und ersehnte; und es eröffnete
sich ihm jezt=- die Aussicht, der Kirche ein ihr ent-
vd.fisz-
fremdetes Glied, das Haupt einer einfluszreichen und vornchmen
Familie, dem Glauben und der Sitie einen Menschen von
vielen Gaben und von einem an sich guten Herzen wieder zu-
v-sirkApFo onnn
zuführen, während ihm selbst der Freund z--=-wü - z werdent
olr no szAiifp
i- -, a! dett er immer mit warmer Neiglulg ß=------ =-s -
sF=is
seit der Baron einst sein Zögling gewesen war.
F. Le wald, Von Geschlechn zu Geschlecht. l.

- - 9--
Der Caplan betete also an dem Abende noch länger und
noch inniger als sonst, und der Freiherr schlief seit Paulinen's
Tode in dieser Nacht den ersten traumlosen und ruhigen Schlaf.
Das sezte ihn wieder völlig in den Gebrauch seiner Kräsle ein.
Er fühlte sich erfrischt und befreit, er erschien sich verjingt, als
er sich im Spiegel betrachteke, und er sah mit wachsender Span-
nung und freudiger Bewegung der bevorstehenden Ceremonie
et lgegen-
Am Mittage wurde die Trauuung des Barons mit der Gräfin
Angelika, wie es in den Ehepacten festgesetzt worden war, nach
aatholischem Nitus vollzogen. Der Baron hatte am Morgen
noch eine lange llnterreduung mit dem Gaplan gehabt, und beide
waren bemüht gewesen, sich auf dem Wege zu erhalten, auf
welchem der Freiherr gestexn die erste trostreiche Beruhigung
gefunden. Er hatte dem aplan die feierliche Zsage gegeben,
dahin zu wirken, daß auch seine Töchter, falls er deren haben
sollte, in der katholischen Kirche auuferzogen winden, und er
war danach während der Trauung ernster und feierlicher ge-
stimmt, als die Gesellschaft, welche ihn im Schlosse ungab, es
von ihm erwartet hatle. Die Eltern der Braut erfreuten sich
dessen als einer Bürgschaft finr das Gliick der Tochter; die junge
Gräfin selber war gegenüber der Junigleit, mit welcher ihr
Gatte sich gegen sie bezeigte, voll demuihsvoller Zärtlichkeit und
Liebe, und es war sicherlich Niemand unter den amvesenden
Gästen, welcher diesem von dem Schicksal so vielfach bevorzugten
schönen Paare nicht eine glickliche Zukunft vorausgesagt hätte.
Bei der Tafel, als eine der Tanten den Schmc bewun-
derte, mit welchem der Baron seine Braut zur Hochzeit beschenkt
hatte, erklärte dieser, das; er seiner Frau noch ein anderes An-
gebinde, oder vielmehr noch eine leberraschung vorbereitet habe,
welche ihr, wie er hoffe, willkommen sein werde. Er bat sie,
zu errathen, was er für sie im Sinne führe, aber sie traf das

--- 9 ---
Rechie nicht, und endlich fragte er: wie n ürde es Dir gefallen,
meine Beste, wenn wir morgen, stait unsern Weg nach Richten
einzuschlagen, uns nach der entgegengesezten Seite wenden und
nach der Residenz begeben wiirden, um dorr den Wintrr zu-
zubringen ?
wer Vorschlag erregte bei Allen ein grußes Erstaunen, denn
seit der Verlobung hatte man es festgesetzt gehah., oaß die Neu-
s -
vermnähllen das erste Jahr ihrer Ehhe in Richten verleben sollten.
Atss,.
--. Plane des Barons waren darauf begrindet, alle seine Briefe
voll gewwesen von der Schilderung der Aniehlichkeiten, welche
er sich von dieser Einrichtung versprochen hatte. Nui sollie das
plözlich Alles anders werden. Man wusßke sich nicht gleich in
eine so unerwartete Veränderung hineinzudenken, wußte sich ihre
= --=- --==- zu deuten, und besonders Angelika vermochte bei
!z-sßsßo ffsi -
diesem Vorschlage des Barons, der ihren Neiguungen und Hoff-
nngen gleichmäszig widersprach, vollends keine Freude zu em-
pfinden.
=-e gräflich Berla'sche Famzilie gehörte zu jenen alten guten
c1.
Adelsgeschlechtern, welche das Leben im eigenen Hause und auf
eigenem Gruund uns «oden als die einem Edelmtanne am meisten
Kz
zuständige -benöweise erachteten. Nur einmal und nur fir
N,
eine kurze Zeit hatte Agelika in der Stadt verweilt, als eine
Krankheit der Mutter die Berathuung eines=--gen beriihmten
dewisf
s-s
-s-zes nothwendig gemacht hatte. In der Residenz war sie nie-
e Desss
mals gewesen, und an ein ruhige- ==-=l, an einr einförmige Folge
der Tage gewöhnt, reizte das Neue sie weniger, als das Fremde
sie beunruhigte. Alle -. idyllischen Hoffnungen, welche sie fir
v.i
ssieo fsIhssz »zf zffs .siofi snskif- Henr
-z -s=s»j Izss - S- z-z- s»ss -=ss == - ==» --s -n==sus: zlCt h?HZ
- Aoff: noisofs Ps
Gaiten in Nichis zusanen, und rasche llebergänge aus einem
Gedanken- und Vorstellungskreise in den andern zu machen, war
ihr nichk gegeben. Ihre Mienen verrielhen haher nichts we:üiger
als Freude bei der Eröffnung des Barons, und als er ihr im
ez z

----- 100--- -
Besondern die Frage vorlegte, ob er ihrer Neigung mit seiner
Absicht begegnet sei, verneinte sie es mit der Bemerlung, es
schmerze sie, daß ihr auf diese Weise das erste ruhige Beisammen-
sein mit ihtn verlimmer! und ihr die Gelegenheil genomnnen
werde, sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm
und lieb zu machen.
Er siuchle ihhr buuus uzureden, er bemnilhhle sic, ihr begreis-
lich zu machen, das; sie in gewissem Bekrachte in der Residenz
weit miehhr auuf einannder angewiesen sein wiirdesn, als is: Richhien,
wo Familienbesuche sie vielsach beanspruchl und ihunen die Zeii
einsamen Verkehrs beschränki haben wüirden, und sie lies; das
endlich gelten. Aber der Baron hatte bei diesen Auseinander-
sezungen zum ersten Male Gelegenheit, sich zu iberzeugen, daß
seine Fran zwar ihre liebsien Hossungeu sreündlich seinen Wimschen
unterzuordnen wußte, daß es jedoch -g- leicht sei, sie ihren
zfi»us
Sinn ändern zuu machen oder ihr fremde Gedanken unterzuuschieben.
Man speiste lange, man ianzte nachher. Dte Braut fand
allmählig ihre Heiterkeit wieder, sie war lieblicher und an-
nuuihiger, als je zuvor, und der Baron sah schön aus in der
freudigen Erregung. die ihn durchglihte. Dte Töne der
Gavotte und der Quadrille ü lt. ldine erklangen noch immer,
nachdem er schon lange seine junge Gatiin in den stilleren
-äheil des Schlosses entfihrt hatie, m welchem die Zimmer fir
die Neuvermählten eingerichtet worden waren.
Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen.
Nach der Gewohnheit des Hauuses frühstickten die Gsie auf
ihren Zimmern. In dem Wohngemache der gräflichen Hauus-
herrin war das neue Ehepaar mit den Eliern und dem Grafen
Gerhard, dem jüngsten Bruder der Braut, beisammen; der
ältere Bruder und Majoratserbe befand sich bei einer Gesandi-
C,,ss »ispz- N,=-
d=-- ---u - =uides. Man wünschte, sich der scheidenden Tochter
noch einmal in Ruhe zu erfreuen.

-- 10!---
Der Graf sah es mit Vergnügen, wie zirtlich sein Schwie-
gersohn der jungen Frau begegnete, wie -r vor Entzücken auf-
flammte, wen sein Auge sich auf die schöne Gattin richtete.
Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig, er war da-
duurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärilich, und er ver-
argte es derselben ganz euischieden, das; ihre Blicke so ängstlich
ud so sragend aus die Tochier gehefiet blieben. Er verargte es
der Tochter, das sie so schweigend da saß, daß sie die liebevolle
Zwvorlommenhhei! ihres Mamnes nich! wärmer auufnahm, sie
nicht ein einziges Mal erwiderte.
Sie ist nicht wie ihre Mutter! dachte der Graf, und in
seinem Innern sagte er ihr jene völlige Herrschaft über den
Baron voraus, welche kalte Frauen über waanherzige Männer
stets gewinnen. Aber er haite Angelika nict finn so kält ge-
halten, er hatte erwartet, sie am ersten Tage ihrer Ehe eben
so heiter und zärtlich zu finden, als der Baron sich bezeigte.
Je näher der Augenblick der Trennung kam, je weniger
verbarg sich die Schwermuth der beiden Frauen. Keine von
ihnen sprach sich über ihre Empfindungen aus; indeß die Mutter
hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen, daß
sie wußte, der tribe Ernst in dem Auge derselben, die festge-
schlossenen Lippen mißten noch etwas Anderes zu verbergen
haben, als den Schmerz des Scheidens von dem Vaterhause,
den einzugesiehen Kindespflicht und Dankbarkeit ihr fast geboten.
Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer
Mutier nicht, um sich von ihr verstanden zu fühlen. Was ge-
schehen sei, vermochte die Gräfin nicht zu enträthseln; nur das
stand für sie fest, ihre Tochter sah anders aus, wenn Glück
und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten.
Eedlich schlug die zur Abreise angesezte Stunde. Mitten
aus dem Kreise der nächsten Familie und der männlichen Gäste,
welche der Tochter des Hauses bis hinab auf die Nampe das

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Geleite gaben, hob der Baron seine Frau in den Wagen. Noch
ein letzier Blick von dem Auge der Muiter. noch ein Zuuruf
von Vater und Bruder, noch Grüsße und Grisße von der alien,
treuen Dienerschaft, noch ein Peitschenknall durch die frische
N.
=-.- ein lrästiger Ausaz der vier seurigen Rosse, und das
Vaterhaus war verlassen fir immer. Die Baronin von Arten
halie sortan aus eigenen Begen zu gehen, Aungelika haile sich
eine Heimalh in dem Hause unnd in de Herzen ihres Mannes
zu errichten.
Aber still und traurig, wie sie den ganzen Morgen hin-
durch gewesen war, sas sie in dem Reisewagen an der Seite
ihres Gatten, und all seine Zärtlichleit, all seine Betheuerungen,
daß er für sie leben, daß er sein Glitck darin suchen wolle, sie
gliiclich zu machen, waren nichi im Siande, die Schweruuth
von ihrer Stirne zu bannen oder den Zuug des Schmerzes von
ihrem Muie zu vertilgen. Ed war umsonsi, das; der Baron
sich damit trdstete, die Trauer einer Tochter bei dem Abschiede
von den Eltern sei natirlich; umsonst, das: er sich sagte, diese
starke Liebe fitr die Eliern verspreche ihm Gutes. Es beschlich
ihn eine Unruhe, es bemeisterte sich seiner eine Ungeduld, die
ihn allmählig verstimmten; und als am Nachmittage die Sonne
sank und der Abend sein bleiches Grau über die weiten, kahlen
Flächen des Landes auszubreiten begann, war das Herz ihm be-
klommen, und sein niedergedrückter Geist hatte Mühe, sich von
den Erinnerungen fern zu halten, denen er seit der Unterredung
mit dem Caplan entfliehen zu önnen gehofft hate.
Eine geraume Zeit war vergangen, in welcher weder der
Baron noch Angelika ein Wort gesprochen hatien, als diese ganz
plötzlich mit anscheinender Nuuhe die Frage ihat: Heist Jemand
Pauiline uuter den Frauen, die Dit kennst?
Den Baron traf es wie ein Stich durch's Herz, das
Räthsel begann sich ihm in erschreckender Weise zu lösen.

1R
Pauline? wiederholle er, den Schauer nieerlämpfend, der ihn
beim Aussprechen dieses Namens ilbersiel, wie lonmst Nu zu
der Frage, Geliebteste?
sie:
Angelika war unsicher, ob sie antwortin solle, endlich sagte
==- . Du mich mehrmals so genannt hast.
Mi1.ll
Ec war ein Gliick, das; die Laleren des Wagens noch nicht
angezindel waren und das; Angelika die Blässe und den Audruck
seines Gesichtes nichl sehen lonnte, als er sic bemüihte, sie an
einen Irrthuum, an ein Mißhören von ihrer Seite glauuben zu
machek. Aber obschon sie schwieg, war er gewiß, sie nicht
überzeugt zu haben, und in die Nothwendigkeit versezt, ähnl-.=-
is
Möglichleiten vorzubeugen, sagte er: Es knnn wohl sein, daß
ich den Namen auSgesprochen habe, denn eiue Frau, die ihn
--ug, ist mir einst werth gewesen, und es ist leicht möglich,
daß in Deiner lieben Nähe die Erinnerung an sie mich un-
willlüürlich iberschlich. Aber Duu hast von dieser Erinnerung
nichts mehr zu füürchten, fügte er mit einem schweren Seufzer
hinzu, und Duu, meine Angelila, bist zu vernünftig, -p- P
s.ss
llug, als das; Du häitest hoffen lönnen, die Gedächinißtafeln
eines Mannes so rein und unbeschrieben zu finden, als die
Deinen es zu meiner Freude sind, Du süßes Weib!
Die Baronin sah ihn an, der Schein der Laternen, die
man inzwischen mit Licht versehen zutte, zegte ihr seine Mienen
in
uhig und gefaßt. Und wer ist diese Pauline? wo lebt sie?
fragte sie, um Beruhigung bittend.
Sie lebt nicht mehr! antwortete der Baron, und wieder
überflog der Schauer des Entsetzens seine Glieder. Sie lebt
nicht h..,- . -6s «.. dad gelillgesl. ----- a---i- -i- ==1,
e1.
-s! 1s c,
iil.s-! s
Pss,ls Ni
w ein autschlieslich, daö gelobe ich Dur! so vahr ein Goii iber
un waltel. Die Vergangrnheil, die eichl Dein war, isi nicht
=-- und es ruh allein in Deiner lieben Hand, sie mich völlig
ssnmz-
vergessen zu machen.

-- 1ß--
Er sprach das mit großer Aufrichtigkeit, mit fester Zuver-
sicht; indeß er sah, daß er Angelika nicht befriedigt hatte, und
es war ihm ein ungewohntes und peinliches Gefühl, sich für
alle Zeiten gebunden zu denken, sich eingestehen zu missen, daß
in der That das Glick und der Friede seiner kommenden Jahre
von dem Willen und den Eigenschaften einer jungen Frau ab-
higen, von welcher man bis dahin kaum die Wahl der eigenen
Kleidung und sicherlich keine ihrer eigenen Handlungen abhängig
gemacht hatie. Ohne daß er es verrieth, drückte ihn der erste
Ring der Fessel, mit welcher er sich gebunden hatte. Es wäre
ihm sehr erwüünscht gewesen, jezt ein freundliches Wort von
der Baronin zu vernehmen, und daneben verdros; ihn die Be-
merkung, das; er eben auf ein gutes Wort zu warten sich ge-
nöthigt fand. Aigelila jedoch blieb in sich gelehrt in ihrer
Ecke sizen, und weil sie dabei so gar traurig aussah, nahm er
sie in seine Arme, schlos: sie an sein Herz und fragte sie, ob sie
ihm denu nicht glaube, nicht vertraue?
Ja! versezte sie, o ja! ich glaube Dn, aber ---
Aber? wiederholie er besorgt.
Sie wollte sprechen und fand den Ausdruck nicht, bis sie,
in Thränen ausbrechend und in Scham erglihend, mit einer
ihr freuden Hast die Worte hervorstiesß: Sie stehen zwischen
mmir und Dr, diese ungliickseligen Erinnerungen, und ich kann
und kann es nicht vergessen, wenn Dn mich in Deine Arme,
an Dein Herz ninmst, daß schon Andere an Deiner Brust ge-
ruht, an welcher ich meines Lebens heilige Zsluchisstälte zu
finden hoffte!
Sie schien sich in diesem Augenblicke wirklich so unglick-
lich zu füühlen, das sie dem Baron Miileid einflösste. Er be-
dauerte sie, er bedauerte auch sich selbst und dachte uit auf-
rReS

--- 1ßJ-
seiner Frau und ihre Wahrhaftigkeit waren ihm achtungswerth
und erfreulich, nur musten sie ihn nicht beläst gen; und wie er
es auch vorhatte, ein gewissenhafter Ehemann zu werden, so
war ihm die Aussicht, das; Angelika zur Ei-ersucht geneigt sein
könne, vollends unbehaglich.
Er hatte Ruhe, Frieden, Erheiterung, Zerstreuung nökhig,
hatie sie von dieser Reise mit seiner jungen Fraun erwartet, und
sollte nun als Angeschuldigter da sitzen, sollte sich rechtfertigen,
Trost sprechen und Vernuunft predigen! Dos dünkte ihn ald
widerwärtig und bald lächerlich. Er fühltc sich in einzelnen
Augenblicken zu dem Wunsche, den er sich selbst als einen läster-
lichen bezeichnete, veranlaßt, das; er eine weniger sittenstrenge
Gattin besizen möge, vorausgesetzt, daß sie nuur leichlebiger und
fröhlicher sei; denn als der Baron sich zu verheirathen beschlosß,
hoffte er, nicht nur zufrieden gestellt zu werden, sondern auch
zufrieden zu stellen; und er hatie nach seiner Meinuung ein Recht,
dies als eine nothwendige Auusgleichung für seine aufgegebene
Ungebundenheit und Freiheit zu begehren.
Er schwanlle, ob er sich gegen Angelila erzürnt zeigen
oder ob er sie besänftigen solle, aber die ernsten und guten
Vorsätze, welche er fir seine Ehe gefast ,.h-. trugen den Sieg
s.hs
davon. Er machte seiner Frau einige von jenen allgemeinen
unbestimmten Bekenntnissen über seine Vergangenhent, welche
Nichts verriethen und doch hinreichten, einer liebevollen und
N.
sittenreinen jungen Frau Gelegenheit zum Beklagen des Da,. l-
digen, zum Verzeihen gegen den Bereuenden zu bieten; und
als das unerfahrene, liebende Herz der Baronin den geliebien
Mann nur beklagen und ihm verzeihen und -ine zärtliche Ber-
söhnung mit ihm geniesßen konnte, war es fir den Augenblick
gar leicht beschwichtigt und iber seine Zweifel fertgetragen.