Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 09

Neunteä Ca z - - - --
si s f = 1
-e,
-=-.. Tod und das gewaltsame Ende ilrer Kammerjungfer
Al,..-
erschüütterten die Herzogin nicht in dem Grae, in welchem der
Freiherr es gefirchtet hatte. Die Nevolulion mit ihrer Schreckens-
herrschaft hatte die Menschen ihres Landes hart gewöhnt, und
die Herzogin hatte mehr verloren, hatte unter dem Beile der
Guillotine zahlreiche Opfer fallen sehen, die eiten anderen An-
spruch an ihr Herz und an iht Mitgefihl gehaIt, als ihee Die-
nerin, wie sehr dieselbe ihr auuch ergeben und bequem gewesen
war. Häkte die Herzogin sich in Richten befunden, hätte sie heute
die Dienste von Mademoiselle Lise empfangen und sie morgen
entbehren, morgen mühsaun einen Ersaz fir sie suchen müüssen,
so wiirde sie ihren Verlust schmerzlicher bedauuert haben und von
dem Ereignisse mehr ergriffen worden sein. So aber übte die
Entfernung ihre abschwächende Kraft. Die Herzogin hatte da-
neben die Bemerkung gemacht, daß die junge Kammerjungfer der
Baronin eben so brauchbar und weniger launenhaft als die alte
Mademoiselle Lise sei, und die Herzogin machte niemals einen
unnüzen Gefühlsaufwand, wo sie nicht etwas Bestimmtes damit
zu erreichen dachte. Sie nannte die Todte ein Opfer ihres
frommen Glaubens, eine arme Martyrin, und kaum hatte sie
diese Bezeichnng fir sie gefunden, als sie dies-lbe mit so viel
Leichtigkeit handhabte, als wäre es der Eigenname der Erschla-
genen gewesen. Sie war mit jedem Ereignisse fertig, sobald sie
diö Forn gefüunden haile, in der sie es belrachien und drn

1 ---
Anderen darstellen wollte, und wichtiger als alles Uebrige war
ihr jezt die Frage, ob sie den Freiherrn nach Nichten begleiten
.? ?-
Daß man der Kranken den Vorfall in Richten verbergen
misse, verstand sich von selbst. Indeß fir die plözlich beschlossene
Abreise des Freiherrn mußte man ihr doch Grinde angeben,
und während man überleg.r, was man ihr sagen sollte, ging
die Herzogin mit sich selbst zu Nathe. Angelika hatte seit ihrem
Erkranken sich weniger als sonst die Müihe genommen, den An-
schein eines guten Einvernehmens zwischen sich und ihrem Gaste
aufrecht zu erhalten. Die Frauen sahen sich oft in mehreren
Tagen uichi; weuu die Herzogi sich euiserule, wirde also in
ihrem Verhältnisse zur Baronin nichk eben viel verändert. Sie
hatte neben ihr nicht zu gewinnen und nicht zu verlieren, aber
dem Freiherrn konnte sie ihre Freuundschafi beweisen, wenn sie
sich erbot, ihn in einem Auugenblice zu begleiten, in welchem
widerwärtige Ereignisse und unangenehme Pflichten ihn in An-
zp-eh nahmen.
Cszis
==-grend er es noch mtit gewwwohnnter ===zg ilberda.g.,
nNs
N,»s
-sisd
wie er in seiner Abwesenheit am bestenn fitr das Behagen der
Herzogin sorgen könne, hatte diese ihren Etschluß gefast, und
sanft ihre Hand auuf seinen Arm legend, sagte sie: Heute, mein
Freund, behandeln Sie mich nicht nach meiner Wütrde, denn
zs7Fs Hsiif
---=- -= in der Ehe, auch in der Freundschaft verbindet man
sich fir gute und finr üble Tage. Sie köuien nichi glauben,
daß ich hier verweilen werde, wo ich Niemandem von Nutzen
bin, und daß ich Sie allein nach Nichten gehen lasse, wo es mir
vielleicht doch =-- und da gelingt, Ihnen mit meinem Geplauder
s.spi ii
über eine verdrießliche Stunde fortzuhelfen, und wo Sie an mir
wenigstens eine verständnißvolle Zuhörerin besitzen, wenn Sie
NF
i- z irgend welchen Mitiheilungen aufgelegt fühlen. Das muß

10J--
feststehen unter uns, das; ich Sie jezt begseit:, und ich ueine,
auch unsere Kranke wird den Caplan ruhiger bei sich behalten,
wenn sie weisß, das; Sie, mein Freund, desthalb nicht ohne Ge-
sellschaft lleiben missen.
Oz,s.s-
Der Freiherr, der wie gar viele Menschen jedes -- -.---
welches ihm die Seinigen brachten, als selbstverständlich ansah,
aber die geringste Gefälligkeit, welche ihm von Fremden bewiesen
ward, hoch anzuschlagen liebte, weil er darin eine doppelte Be-
fricdigung seiner Eitelteit fand, nahm das Anbieten der Her-
zogin mit warmer Erkenntlichkeit auf und an, und nachdem man
sich über diesen einen Punkt verständigt hatte, legie alles Uebrige
sich leicht zurecht. Mau sagie der Baronin. bas eine schoere
Kranlheit von Mademoiselle Lise den Caplan so lange in Richten
zuruckgehalten habe, daß die Kranke nach der Herzogin verlange,
und daß diese sich bewogen fiühle, den Wunsch ihrer vieljährgen
Dienerin zu erfiillen. -lllein reisen konnte man die Herzogin
nicht lassen, und da der Caplan eben erst angekommen, der Frei-
herr aber lange von Richtenn entfernt war, so lag es nahe, das;
bhs- N,.
=-- =-ztere die Harzogin nach Hauuse geleitete und daß er den
Vorschlag khat, auch Renatus mit sich zu nehhmen, fir welchen
man den Aufenthalt in der Stadt bei der heisßen Jahreszeit
nicht vortheilhaft glaubte.
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=ne Varonin zeigte sich mit dieser Einrichtung einverstanden,
s -
z l, sie selber machte den Vorschlag, der Herzogin ihre Kammer-
jugfcr ein fir a.- =al abzutreten, da sie sich künftig von
ss.. N.
Mamsell Marianne bedicnen zu lassen d.«-- und Seba hatte
-» Azsp
, kaum davon gehört, als sie sich erbot, die Pflege und Wartung
F der Baronin ausschließlich über sich zu nehmen bis Marianne,
z die man sogleich benachrichtigen wollte, aus der Residenz bei
ß ührer Herrin eintreffen wirde. Indeß dem Freiherrn wollte
das nicht gefallen. Er war gerecht genug, die Dienste zu schätzen,
F welche Seba der Baronin bisher geleistet hatte, aber er konnte
F-

--- ,ßß --
den Zuusammenstos: nichi vergessen, den er um Paul's willen
mit Seba gehabt. Allerdings hatie ihr ruhiges und gleichmäßiges
Bekragen ihm später keinen Grund zum Miszfallen gegeben, und
wenn er die Agelegenheit nuur von Seiten der Bequemlichkeit
betrachtete, so konnte er es gar nicht besser wüünschen. Beide
Frauen, die Herzogin und Angelika, wurden zufrieden gesiellt,
beide wußte er bedient, wie sie es bedurften, die Abreise brauchte
durch die Wahl einer Kammerjungfer fir die Herzogin nicht um
eine Stunde verzbgerl zu werden, und man halle fitr die Zukunft
eine angemessene Verwendung fir Marianne gefunden, während
man den Auufwand für die Bedienung der Baronin sparte. -
, s, I-
Aber mit der fortschreitenden Erholung seiner Fran regk- p= = -
dem Freiherrn ein immer lebhafteres Bedenken dagegen, sie iber-
haupt in dem Hause des Juuweliers zu lassen, weil Herbert in
z
demselben wohnte.
Er hatte augenbliclich daran gedachn, als die Baronin er- ?
kranlte, aber .e hatie Herberi abwesend gewuust und sich damitF
beruhigt, daß Angelika das Hauus verlassen haben werde, ehe
jener in dasselbe wiederkehre. Nun, da er seine Gattin allein
zuriclassen sollte, muste er sich fragen, ob sie von jenem Um-j
stande Kenntnis; habe, ob und in wie weit Seba von den ob-F
waltende. o.rhälknissen unterrichtet sei und in wie fern er sich
ss N,.
ünessT
auf ihre Zurückhaltung verlassen köune. Mit Angelika jezt -z
Herbert zu sprechen, helt er nich- - khsam, gegen die Flies'sch
zs ffsz- zsi
Familie irgend eine -=-mahnng zu äuußern, hätte ihm eine BeZ
ls.:
leidigung seiner eigenen Ehre gedinkt, und nachdem er in seinem
Geiste das Für und Wider schnell erwogen, gab ein Blick aus,
die Gestalt Angelika's fin seine Entscheidung den Ausschlag. z
Er hatie immer nur von der baldigen und völligen Herß
stellung seiner Frau = =»ehen, weil es ihm thöricht dünlhßF
Fser
s=d
sich unabweidlich. .übsal im Voraus zu vergegenwärliget; »g
. VI
ieut da er seine Eischlisse danach zu fassen hatie, verbarg tj

-=- h ß?--
Fich es nicht, was selbst der Arzt ihm kaum verhehlen mögen:
Alngelika hatte keine völlige Herstellung zu erwarten, er hatte
won der Zukunft dieser Frau nicht viel zu hoffen, nichts mehr
zu befahren. Er konnte und mufßte ihr zu seiner cigenen Genug-
thuung gewähren, was sie wiünschte, was sie freute. Er gönnte
sihr also auch die Gesellschaft Seba's, er gönnte ihr den Aufent-
Jalt im Flies'schen Hause, in dem man zu größerer Beruhigung
ser Scheidenden auch sem Caplan ein Unterkommen anbot, und
Hufrieden, sich allen Theilen gefällig zeigen zu können, durfte
Fer. Freiherr sich das Zeuguiß geben, daß er unt diesen Um-
ständen das Richtige thne, wenn er Angelika der Pflege Seba's
ßberlasse, und sich getrösten, das er auch in Nichien das Noth-
ßoendige und Rechie zu thun nicht versäumen weue.
? Die Zurüstungen für die bevorstehende Abreise wurden denn
Fun schnell gemacht, und da die Baronin zuversichtlich hoffte,
Faß sie in nicht zu ferner Zeit den Scheidenden werde folgen
Flönnen, trennte sie sich von ihrem Gatten und selbst von ihrem
jßohne weniger schwwer, als man es für sie gefürchiet hatte.
j? Sowohl für den Freiherrn als für die Herzogin waren
Fie Ereignisse traurig geung, welche ihre Abreise aus der Stadt
fberanlaßten, und doch athmeten beide freier auf, als sie sich auf
hdem Wege fanden. Keiner von ihnen vermißte die arme Kranke,
jeder von ihnen fihlte sich fern von ihr erleichtert. Der Freiherr
, ztte doch gar manche Stunden, in denen er es sich nicht weg-
j äen konnte, daß er, von aufgestachelter Eifersucht verblendet,
uze schwere Ungerechtigkeit gegen seine Frau begangen habe,
l
Ache sie mit einer Ergebung trug, die ihm dieses Unrecht bestän-
ig ins Gedächtniß rief. Es kamen Augenblicke, in welchen er
de
, Trennung, die er freiwillig und vermessen über sich und
e Frau verhängt hatte, als einen unheilvollen Schritt beklagte,
in denen Gewohnheit und aufwallende Neigung ihn zu ihr
. Fen wollten; aber wo in einer Ehe selbstsüchtiger Stolz einmal
Gu=z

108
die Alles umfassende und tragende Liebe zurückgedrängt hat,
wo das volle Vertrauen einmal anbrüchig geworden ist, da
flüchtet die kleinste Mißhelligkeit sich in den Niß, nistet sich ein,
schlägt Wurzel und wächst mit der nächsten noch unbedeutenderen
Mißhelligkeit zusammen, bis sie stark genng werden, den Riß
zu erweitern, und der Bruch wird vollends unheilbar, wenn,
wie in dem freiherrlichen Hause, ein scharfes Auge und eine
geschickte Hand bereit sind, dem natürlichen Lauf der Dinge arg-
listig nachzuhelfen. Der Freiherr wuuste, daß seine Gattin un-
glücklich war, er fihlie sich auch nicht gliicklich, aber die Herzogin
versiand es, jede der Baronin güünstige Stimmung in dem Fcei-;
herrn eniweder zu verbillern oder zu unterdricken, und was imj
Beginne nur ein missiges Spiel fi:r sie gewesen, war ihr allmäh-
lich zum Lebenszwec gewvorden.
Sie hatte am Afange weder finr den Freiherrn uoch füh
Angelika eine besondere Vorliebe gefihlt, aber die Leichtiglei,;
mit welcher dieser sich fie ihre selbstsichiigen Zwece benuzeij
und ausbeuten ließ, und das heimliche Widerstreben gegen ihrnF
Einfluß, das zu allen Zeiten immer wieder in der Baronn,
rege geworden war, bis es sich zu einem entschiedenen MisßtrauenF
und einer nicht mehr verhehlten Abneigung gegen die HerzoginF
gesteigert, hatten auch die Eupsindungen der lezteren bestinmt,
und sie fand ein Wohlgefallen daran, es sich auszusprechen, daß!
sie ihrem guten Vetter, dem Freiherrn, eben so ergeben sei, als!
sie dessen kränkelnde, empfindsame und für ihn in keiner Weißj
passende Gemahlin hasse! Ja, dieser Haß war ihr zum eigenfZ
lichen Genusse geworden, weil er eine starke, mächtige, sie immeß
belebende und antreibende Empfindung war. Sie liebte, ie
pflegte diesen Haß in sich.
Es versezte sie in die beste Laune, nun einmal aller Rücöß
sichtnahme fir Angelika enthoben zu sein, und auch der Freihn,
fand es leichter und angenehmer, die geistreiche, wizige, mig

==- ,ßß--
jallen Dingen leicht und schnell fertige Herzgin zu unterhalten,
sgls eine Kranke neben sich zu haben, deren kummervolles Herz,
deren besorgter Sinn sich nicht von den Gegenständen abziehen
Jießen, mit denen sie erfüllt und beschäftigt waren.
f
z Das Wetter war schön, die Gegend, durch die man fuhr,
zeigte sich im günstigsten Lchte, die Unbequemlichkeiten, welche
das Reisen in jenen Tagen immer noch mit sich brachte, wurden
Zei der guten Jahreszeit wenig fihlbar, und die Hrzogin hatte
in ihrem Wanderleben so mannigfache Beschwerden und Ent-
Jehrungen ertragen lernen, daß diese Reise an des Freiherrn
Seite ihr in der That Vergnügen bereitete. Seine Zuvor-
zommenheit und ihre Dankbarkeit, seine Galanierie und die
Heiiere Gefallsuchi, die geistvoslen Franen nie verloren geht und
Fie selbst im spte Aller dei Mäitern noch zu erwinnschten
Hesellschafterinnen macht, steigerten sich an einander, und ihre
Fleichaltrigkeit ließ sie beide immer leicht vergessen, daß die
Fage der Jugend so fern hinter ihnen lugen. Der Freiherr
Petraf sich mehrmals bef dem Bedauern, dasi er der Herzogin
Zicht vor zwanzig, vor füünfundzwanzig Jahren so nahe gestanden
abe als jezt; auch sie selber dachte daran, daß es sich mit
Zinem Manne von den Eigenschaften des Freiherrn wohl hätie
Fben lassen, wenu er ihr, wie ihr Gatie, eine Herzogstitel zu
Fieten gehabt hätte; und wie die Kindheit es liebt, sich spielend
Fn das Alter der Erwachsenen hinein zu denken, so gefielen die
Meisenden sich darin, von ihren Erinnerungen die hellen Jarben
Per Jugend zu entlehnen, um sich mit ihnen vor sich selbst zu
Fchmücken. Sie spielten mit einander Juugend, wie die Kinder
fälter spielen, und auf das beste unterhalten durch den Selbst-
jetrug, einander noch mehr angenähert als je zuvor, schwanden
ßie Reisetage ihnen so anmuuthig dahin, daß der Freiherr fast des
Enlasses vergaß, der ihn in die Heimath zurückgerufen hatte.
Indeß mit der Annäherung an seine Grenzmark konnte er

--- ,hß-
sich der Gedanken, die er gern geflohen, doch nicht mehr eni
schlagen, und die Herzogin bemerkte, wie er still und stillerF
wurde. Es war spät am Nachmitkage, als sie den Wald er-!
reichten, der sich von der Grenze bis nach Neuudorf hinzog. DieF
Hitze war während der lezlen Wochen sehr gros gewesen; ditj
Sonne stand noch hoch. Wie mit rothem Golde ibergossen,!
glihten die brauunen Slänmne der Kiefern, uid iber ihren breiten,s
grinen Dächern, auf ihren leuchtenden Wipfelit flaute das!
heiße Lchi. Kein Lfihauch siörle die Sisle in deu weitmF
Walde, dessen mächlige, schlanke, von ihren reichen KronenF
überwölbte Stänme sich wie die Hallen eines Tempels weithinF
vor den Reisenden ausdehnten. Man meinte es zu sehen, wie!
die brüütende Hitze den harzigen Siäumen ihren balsamischenF
Duft entlockte und wie aud den einzelnen moorigen Wiesen, die
sich zwischen dem Walde hinzogen, die letzte Feuchtigkeit entwichF
Lautios flogen die Vögel von Zwweig z Zweig, nir die Käfenj
summten, und langsam, wie beladen mit zu schwerer Birde,
flogen einzelne Bienen iber den Wagen hin, während heslfarbig
Schmetterlinge ihm in gankelndem Fluge paarweise folgten. ,
Auf den Befehl ihres Herrn hatten die Diener geschäfiig!
den Wagen zurückgeschlagen, und in dem Walde umherschanendF
sagte der Freiherr, indem er sich mit leichter Hand die Stin,
trocknete: Ah, endlich auf eigenem Grund und Boden, endlih!
in freier, heimischer Natur!
Die Herzogin sah ihn an, als wolle sie sich überzeugenF
ob er ernsthaft spreche, und sagte dannn lächelnd: Gewisse Dinge
kann ich auch meinen ältesten und besten Freunden immer nurj
mit Mühe glauben, und das Sie, mein Cousin, sich wirllichg
an der rohen Natur erfreuen können, daß es Ihnen Vergnigenj
macht, das G?.äuf einer Wiese und das Wasser in einenF
Bache zu betrachten, davon werden Sie mich nicht überredenF
eberlassen wir das den Lenten, die, wie der Apostel der »r

ztz
Jußgg, pie der grillenhafie, unerzogene Nousseau, in der Gesell-
fHäft ihren Pß üichi zuu behaupten ud n it hres Gleichen
znicht zu leben verstehen. Wir, die wir in unserer Väter
Schlössern geboren wuurden, dinkt mich, sind nicht dazu gemacht,
zdie Neigungen der gesiederien Waldbewohner und der in Hülten
Weborenen zu iheilen. Dte Bewunderung der Natur ist mir ;
ein zu biirgerliches Vergnigen, isi revolefionärer, als es scheini,-
und ich fitr meine Thei! -- ich fiihle sie nihi!
f
Der Freiherr, bei welchem solche Einfälle der Herzogin
sonst einen schnellenu Wiederhall fanden, nahm diesen nichi mit
Fer erwarteten Bereitwilligkeit auf. Das verdroß sie; sie lehnte
Hich in die Wagenece zurick, in der Gewishseii, das ihr Neise-
Fgefährte seine Unachlsamkeit bald zu vergiten streben werde.
Alber ihre Voraussczungen käuschten sie, und von der Wäirme
ermüdet, von der sanften Beweguung des Wagrns gewiegt, ließ
sie die Augenlider sinken, uu bald haiie der Schlummner sie
Füberwltigt
ß Dem Freiherrn kam das sehr gelegen. Seine Freude an
Fem eigenen Grund und Boden währte dieses Mal nicht lange.
Fchon als er nach der Stadt gefahren, hatte er mit Mißver-
Fgnigen gesehen, wie stark die Waldungen mitgenommen waren.
Frade die mächtigsten Stämme, die Zieroen und der Stolz des
Fsaldes, waren mit diesem Theile der Waldungen der unbarm-
ßherzigen Axt erlegen, und jezt, wo er, von der andern Seite
ßommend, in die Ferne sah, fand er die Gegend so verändert,
Fdaß sie ihm fast wie fremd erschien. Gleich am Eingange des
zlaldes konnte man die Neudorfer Kirche, welche sonst erst am
Alusgange desselben sichtbar gewesen war, erblicken. Es nahm
Fsich nicht übel aus; es mochte auch vortheilhaft sein, daß man
ßdas große Terrain zur Seite des Weges gercdei hatie, denn es
Fwar schwerer Boden, der nach gehöriger Behondlung guten Er-
ßrag versprach. Aber alle diese Aenderungen waren nicht frei-

- 11N-
willig gemacht; sie waren von einer Nothwendigkeit geboten
wworden, und es war nicht mehr das heitere Auge des zufriedenen
Besizers, mit dem der Freiherr auf den weiten, schönen Theil
des Waldes blickte, der nach den abgeschlossenen Contracten im
nächsten Herbste auf Betrieb des Käufers fallen mußte. Er genoß
diese Natur nicht mehr rein, er berechnete ihren Ertrag.
Er konnte sich nicht verbergen, daß er eine völlige Aenderung
in seiner Lebensführung cintreten lassen müsse, wenn er erhalten
wollte, was noch sein war, wenn er auf Nenatus vererben wwollte,
was er überkommen hatte. Aber wie er auch darüber sann, er
fand nicht, das er ein llngehöriges gethan, er haite immer nur
das von seinen Verhällnissenn Gesorderie geleisiel, und er war
so völlig mit seinen Gewohnheiten und Anschauungen verwachsen,
daß ihm eine wirkliche Einschränkung unmöglich dünkte. Daß
ei Edelmnaaun von Haus uud Hos veririeben, wie seine Freundin
heimathlos und flichtig werden könne, das begriff er, und fast
däuchte ihm dieses Loos erträglicher, als inmitten seiner Stand.-
voä=
und Lebensgenossen von seinen Gewohnheiten abzuweichen, oder
eine Stufe von der Höhe hinunter zu steigen, auf welcher die
Herren von Arten sich hierlands seit Generationen behauptel hatten.
Er wiederholte es sich, daß er in seinem vollen Nechte sei, er
versuchte endlich, sich es klar zu machen, dasß im Grunde gar
nichts geschehen sei, ihn zu beunruhigen; denn was war es denn
so Wichtiges, das: man ein altes, unbehagliches Haus verkauufte,
oder daß man Wälder ausschlagen ließ, um die Mitiel finr einen
grosartigen Bau und fiir neue Eultivirungen zu schaffen? Man
konnte in der Residenz, wenn man es wollte, ein schöneres,
bequemeres Haus erbauen, und die Herrschaft hatte des Waldes
von allen Arten noch geng. Indeß wie oft er sich dies Alles
auch wiederholte, es wollte ihm das Wohlgefühl nicht wieder-
geben, mit welchem sonst der erste Schatten seines Waldes ihn

== ,, z,, e,? -
Firfällt, und es waren lauter unerfreuliche Bilder, lauter trübe
Worsiellungen, die sich in seinem Geiste entwickelten.
Ein scharfer Luftzug schreckte ihn aus denselben empor Er
wwurde achtsam, die Sonte schien nicht mehr durch das Laub.
FEr hörte den Ton des Regenpfeifers, und nich: fern vom Wege
flopfte und hämmerte der Specht. Das Wetter hatte sich ge-
ändert, während sie durch den Wald gefahren waren. Es überlief
den Freiherrn fröstelnd. Auch in seiner Seele klopfte und mahnte
es heute gar vernehmlich, und sich in seinen leichten, weißen
Reisemantel hillend, sagke er halblaut und seufzend zu sich selber:
G ändert sich eben Alles; es währt hienieden nichts!-- Aber
er unierdritcie die Gedanlenreihe, welcher der Audruf enisprunugen
, war, wie jene, welche sich an ihn knilyfen wollte.
Von dem Luftvechsel erwachte die Herzogin. Man hatte
das freie Feld erreichl; einzelne Dohlen schwangen sich mit ver-
suchendem Fligelschlage von dem Boden auf, hoben die Köpfe,
als wollten sie sehen, woher der Wind komme, und flogen dann
dem Walde zu. Krächzend und mit schallendem Flaitern folgte
ihnen die ganze Schaar. Wir bekommen ein Gewitier, sagte der
Freiherr; die Krähen schen Schuz. Aber ich hoffe, daß wir
, Richten noch erreichen, bevor das Wetter aufkommt.
Die Kutscher trieben die Pferde an, man fuhr schnell an
- den Gegenständen und an den Menschen vorüber. Auf den
k Wiesen war Alles in voller Thätigkeit; man war in der Heu-
F Ernte und hastete sich bei dem heraufziehenden Wetter, wenigstens
die wartenden Wagen noch voll zu laden, um sie womöglich
Ftrocken unter Dach zu bringen. Trozdem erregte das Erscheinen
ßder beiden Reisewagen ein großes Erstaunen. Niemand war
Fvon der Heimkehr des Freiherrn unterrichtet gewesen, und man
Fhielt erschrocken mit der drängenden Arbeit inne. Die Mützen
ß' flogen bei dem Anblicke des Freiherrn mit gewohnter Unter-
z.F =- == =--

-=- ,jg--
freudig wie sonst, wenn der Freiherr nach längerer Abwesenheit;
heimzukehren spflegte. Man fragte einander, was diese uner-
wartete Ankunft zu bedeuten habe, aber man war nicht begierig.s
die Antwort des Befragten zu vernehmen; und daß die Herzogins
bei dem Freiherrn saß, während die Baronin nicht mitgekommen?
war, das steigerte die unheimliche Angst, von welcher die Leute;
sich in der Erinnerung an ihre Missethat ergriffen fühlten.
Jeder Einzelne wollte nicht gern besonders wahrgenommenh
werden, Jondern trat lieber hinter seinen Nebenmann zuriä;l
denn sie dachten, wen der Herr ins Auge fasse, auf den richte!
sich sein Verdacht so wie sein Zorn. So geschah es, daß die,
?
zu deulen. Man fitrchiele in ihu den Nichler, dad sollle und-
mußte so lein. Er war nach Hause gekommen, um ßlrenges
Gericht zu iben, aber nichts desto weniger lam es hm bitter,
an, denn er fühlte sich dadurch von den Leuten geschieden, diez
er bis dahin gewissermaßen mit ssich Eins gewust hatie, undF
1
ihre scheuen, mißtrauischen Blicke mißsielen ihm.
Jm Pfarrhause saß die Pfarrerin wie immer am Fensterz
in dem großen Lehnstuhle; sie sah hinaus, als sie die Wagens
kommen hörte, aber sie fuhr schnell mit dem Kopfe zurück, unöß
als man an dem Hause vorüberkam, war sie verschwunden. I
Jezt wird der Herr Pfarrer von Ihrer Nückehr unterF
richtet, bemerkte die Herzogin, und er wird keine Hymne singenF
wenn er sie erfährt.
T
Gewiß nicht, entgegnete der Freiherr, aber ich finde eß
unangenehm, Schrecken zu erregen und Furcht einzuflößen. - F
Trösten Sio sich mit dem Sturme, der über das Land
fährt. - Er erschreckt uns auch, aber wir beugen uns seineZ
Gewalt und er befreit die Luft, damit wir ungehindert und fre
in ihr athmen.

11? --
Er antwortete ihr nicht. Man hatte den Wagen und die
Fenster schließen müssen. Wie Binsen bogen sich die jungen
Bäume zu beiden Seiten der Landstraße unter dem schweren
Drucke des Sturmes, der Himmel verdüsterte sich mehr und mehr,
die dunklen Wolkenmassen rückten einander nach jedem Windstoße
näher, ballten ßich zusammen, senkten sich tifer hinab, und
zvirbelnd flogen die hohen Staubsäulen empor, vo der Wind
cen ausgedörrten Boden berührte. Bisweilen hör:e man fernen
Domner jrollen, und dann zuckte es hell durch die dunkle Luft,
daß man nichl wus;te, ob ein Sonnenstrahl noch einmal seinen
Weg durch die Wollen gefuiden oder ob es der Bliz sei, der
die Gegend erhelle. Das Welier drohte sehr schwer zu werden,
Fund Jedermann hat es auuf dem ossenen Lande zu firchten,
wenn dad Gewöll sich grinlich sfärbt, als berge es den zer-
Fchmetternden und vernichtenden Hagel in seinem Schooße.
Vor der Kirche in Rothenfeld lies; der Freihherc das Fenster
Jerunter. Ein Blick ließ ihn Alles übersehen. Vorn, dicht an
sem eisernen Gitter, erhob sich der Grabhüügel, oelcher die Neste
Fon Mamsell Lise umschloß. Von dem Crucifixe war der rechte
Flügel mit dem Arme des Heilandes heruntergeschlagen; ohne
Fopf, die Hände verstimmelt, knieete die Büßerin zu seinen
Hüßen. Der Freiherr mochte den Gräuel nicht sehen, die Her-
Fogin war blas: geworden und biß die Lppen zusammen. Sie
Fprachen besde ncht.
- Im Amte liefen ein paar Knechte umher, die Fensterladen
hd Thorfligel festzuhaken, während der Hirt die eilende Schaf-
Frde in den Hof trieb. Oben in ührer Stube schloß Eva das
häenster, aber sie konnte es nicht gewältigen, und es bog sich ein
Mann heraus, ihr Hülfe dabei zu leisten. Der Freiherr erkannte
ßhn, es war Herbert. Der Caplan hatte ihm nichts von dessen
Anwesenheit berichtet, er mochte vielleicht auch erst nach der Ab-
Fcse des Geiftlichen in Nothenfeld eingetroffen sein, und es war
z

-- ,hß--
natürlich, jg, sogar gefordert, daß er sich hier aufhielt, daß er
im Amte wohnte. Der Freiherr wirde unzufrieden gewesen;
sein, hätte er den Baumeister nicht bei seinem Werke gefunden,
und er war nun eben so unzufrieden, ja, noch unwilliger darüber,.
als er ihn eben da erblickte, wo er hin gehörte. Es war fürs
den Freiherrn nicht mehr herauszukommen aus dem Misßmuthes
und aus den Verdrießlichkeiten, und ärgerlich sagte er zu sihs
selber: Mag er sein, wo er will, heirathen soll er nicht, eheer
seine Arbeit hier vollendek hat und so lange die Steinerts in,
meinem Dienste stehen!
Ie mehr er an innerer Nuhe verlor, je mehr er sich aus
seineun gewohnten Gleichmasie herausgerissen fihlie, um so rei-
zender wurden ihm die Macht und die Gewalt, iber die er zu
verfigen halte, und während ihm noch vor einer halben Siunde;
die Scheu, mit welcher man ihn empfing, einen beirübenden?
Eindruck erzeugt hatie, fing er jetzl uit einem ihm bis dahins
völlig fremden Vergnüügen zu überlegen an, wie er die Misso-z
thäter strafen, wie er sie entgelten lassen wolle, das sie sich gezeF
seinen Willen aufgelehnt und Hand angelegt haiten an dah
Heiligthum, das er errichtet.


Der Regen strömte vom Himmel, es blizte nicht, aber ein?
elektrisches Feuer flammie zittexnd durch die ganze Luft, als dieF
beiden Reisewagen in das große eiserne Gatterthor einfuhreen,j
rasch die Allee durchflogen und auf der Nampe vor dem Porials
hielten. Die Diener sprangen von ihren Sizen, triefend undj
mit nassen Händen hoben sie Nenatus aus dem Wagen, dis
Bonne und die Kammerjungfer folgten, und vorsichtig half deäs
Freiherr selbst der Herzogin auszusteigen und die Stufen zu übetg
schreien, welche der woltenbruchartige Regen schnell unter Wossßj
gesetzt hatte.
Im Schlosse war Alles in der größten Bestürzung. Ej
war noch niemals vorgekommen, daß der Freiherr in solchgß

===== h J ? -
Feise, ohne sich anzumelden, nach Hanse zurückgelehrt war. In
Fen Zimmern hatie man, weil man Hagel besorgt der Vorsicht
Jvegen die Lden geschlossen, die Möbel waren während der
Flbwesenheit der Herrschaft mit Decken verhillt, die Dienerschaft
haite es sich in ihren Räumen beguem gemacht und mußte erst
r:
getroffen, und während Alles durch einander lief und Jedermann
Fich hastete, um zur rechten Zeit ein Abendbrot bereit zu haben
zud die Zimmer wohnlich herzustellen, hielt man doch die aus
der Stadt zuriiclommende Dienerschafi, wo man ihcer habhaft
-werden konite, fesi, umn in aller Eile zu erfahren, was es bedeute,
Faß die Baronin nichi miigelommen sei, um zu fragen, wie der
Freiherr die Nachrichten aus Rothenfeld und Neudorf auf-
enemmen, und umn ek mil ungläuubigem Erstaunen zu vernehmen,
Faß die kranke Baronin noch immer bei den Juden wohne, bei
Fenen der Ufall sie betroffen; daß die Tochter dieser Juden
ßhre Pflegerin ud ihre Herzendfreundin sei, das der Freiherr
Fein Haus in der Residenz verkauft habe, und daß die alte,
Fpulhafte Mausell Mariane zur Bedienung der Baronin nach
Fichten berufen worden, weil die Kammerjungfer jezt die Stelle
ßer sranzösischen Mansell bei der Herzogin vertreien solle, was
hr auch nichi an der Wiege vorgesngen sei. Dazwischen ließ
han ahnen, daß es die Baronin sicherlich nicht weit in Jahren
hringen werde. =.e Kammerdiener vertraule dem Secr.-
T,s-
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Pgß der octor sie eigentlich aufgegeben habe, und wen die
Erau Baronin ihre Augen schließe, dann wolle er nicht hinsehen.
hs Der Secretär fragte, ob er es denn fir möglich halte,
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Iß der Freiherr
. - er sagte nicht zu Ende, was er dachte.
s «ac Kammerdiener antvortete, man müsse sie lennen, wie
O.-
ß: ße sei falsch und schlan, wie kein Mensch es sich nur denken
Iine. Auch er nante keinen Namen, und doch meinte nach

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einer halben Stunde Einer wie der Andere im Schlosse: nur
davor sollte der liebe Herrgott sie bewahren, und das werde der
Freiherr auch nicht thun. ---
Draußen tobte das Wetter in ununterbrochener Heftigkeit,.
aber selbst die alte, schreckhafte Beschließerin, welche es sonst
nicht leicht versäumte, bei solchem sichtlichen Zorne Gottes ihr
Vaterunser zu beten, merkte heute gar nicht, was um sie her
geschah. Die überraschenden Neuigkeiten, das Verwundern, das
Vermuthen und Prophezeien nahmen sie wie alle ganz und gar;
in Beschlag; dennn wie allen Menschen von beschränktem Gesichts-
und Gedankenkreise verschwand ihnen vor dem Nächsten, das sie
beschäfiigie, die ganze ibrige T-l, und es häite eines Erdbebens.
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bedurft, um das Hauspersonal von dem Ersiaunen über die,
plözliche Ankunft der Herrschaft und von der Frage, was demn.
nuun kommen und geschehen werde, abzuziehen.