Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 10

Zehntes Capitel.

lsamu und verdistert ging der Freiherr in seinen Ge-
mächern umher. Er hatte die weiten Räume sonst immer gern
gehabt, heute waren sie ihm zuwider. Sie kamen ihm leer vor.
Er begab sich nach dem Fliigel, den seine Fran bewohnie; dort
war noch Alles zugeschlossen. Er kehrte also wieder um, er
wußte auch selbst kaum, was er dort gewollt. Jn Vorübergehen
trat er bei Renatus ein. Der Knabe war ganz vonu dem Wieder-
sehen seines Hundes hingenonmen, hatie seine Spielgeräthschaften
ausgekraml und achtete wenig auf den Vater. Der Freiherr
fverweilte nur lurze Zeit bei ihm und fand sich bald wieder in
seinen Zimmern allein.
? C üübersiel ihn eine markernde Unruhe. Sein Schloß schien
Ahm wie ausgestorben. Er haite geglaubt, allen Zuusammenhang
smit der Baronin verloren zu haben, jetzt fehlte ihm die unsicht-
bare Füürsorge, mit der sie ihn umgab, ohne daß er ihr Ein-
heeifen und Thuun gewahrte; ihm fehlte eben so die Nhe des
Faplans, so selten er diesen in der letzten Zeit auch im Ver-
Frauen gesehen; es fehlte ihm eben Alles, selbst der Pendelschlag
er Ühren, den er zu hören gewohnt war. Sie waren alle ab-
Felaufen. Er ging sie selber aufzuziehen. Es war eine Mühe,
Fie er sich sonst nie zuvor gegeben, aber er mußte etwas thun,
Fum das unheimliche Gefihl der Vereinsamung zu überwinden.
Fr kam sich wie ein irres, iber den Nuinen seines eigenen
Faseins wandelndes Gespenst vor, und plözlich dachte er mit

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Grauen der Tage, in denen einst Paulinens Gestalt ihn in
diesen Zimmern spukhaft umschwebt hatte. Dann wieder sah
er die bleiche, hinsinlende Angelika und den Knaben vor sich,
der ihn mit so starrem, angstvoll flammenden Blicke angeschen.
Es war ihm, als presse die Luft in diesen Näumen, die
ihm eben noch so leer gedäucht, ihm Kopf und Brust zusammen,
er mußte die Fenster öffnen. Es regnete noch immer, auch das
Gewitter war noch nicht vorüber. Die feuchte Kühlung, welche
herein drang, erfrischte ihn, aber sie vermochte seine Ungeduld
nicht zu besänftigen. Er verlangte nach einer Ableitung fir
dieselbe, und rasch seine Hand erhebend, schellte er dem Diener.
Es sol sogleich ein Bote nach Neudorf reiten, befahl er, und
den Pfarrer zu mir rufen !
Es ist sechs lhr vorüber, gnädiger Herr! bemerlie der
Diener.
Und? fragte der Freiherr, indem er ihn gelielerisch an-
blickte.
Der Diener verneigte und entfernte sich schweigend. Ehe
der Reikknecht sattelte und nach Neudorf kam, ehe der Pfarxer
anspannen ließ und in Richten sein konnte, mußte es halb neun
Uhr werden und der Freiherr bei dem Abendbrode sein.
Er ist wie ausgetauscht! dachte der Diener, während er
die Treppe hinunterstieg, und es widerstrebte ihm, den Befehl
zu überbringen; denn es war sonst nie des Freiherrn Art ge-
wesen, seine Untexgebenen zur Unzeit zu bemühen oder sg jn
ihren Feierstunden zu stören, und eben seine rücksichtsvolle Mensch-
lichkeit gegen den Geringsten seiner Leute hatte ihm deren Liebe
und Perehrung erworben.
Er hatte den Diener auch kaum entlassen, als er sich selbep
die Berechnung machte, wie er sich ein lästiges Erwarten einee
lästigen Besprechung aufexlegt; indeß er liebte es nicht, seine
Befehle zu widerrufen, und um die langsam schleichenden Stunden

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--rr J Ju F -==-
zu bewältigen, setzte er sich endlich an seinen Schreibtisch nieder,
die Postsendung zu mustern, welche fie ihn nach der Abreise
des Caplans in Richten angekommen war.
Aber er hatte die Tasche kaum geöffnet, als er die Zeitung
und alles Nebrige zur Seite legke, um ein Couvert zu betrachien,
dessen Handschrift ihn in eine lebhafte lleberraschung versezte.
Er hatte sie seit Jahren nicht gesehen und doch war sie ihm
vertraut genug. Mit einer Hast, die gegen seine sonstige Ge-
messenheit sehr abstach, erbrach er das Siegel, auf dem mit festem
Drucke das gräflich Berka'sche Wappen auusgevrägt war, um
den Brief zu lesen, den ersten Brief, welchen sein Schwieger-
vater seit dem Familicnzerwürfniß an ihn richtrte.
--a« bin lange mit mir zu Rathe gegaugen,! schrieb der
NF
Graf, , ob ich Ihen schreiben, oder mich auf den Weg machen
sollte, Sie aufzusuchen; und uun ich mich zuu dem ersteren ent-
schlossen, da ih Sie nichl zu iberraschen und durch die Gewalt
des Augenblickes zu
mit welchem Namen
langen, ungetrübten
bestimnmen wüünschie, weiß ich kaum noch,
ich Sie nennen soll. aBo sich nach einer
Lebensgemeinschaft, die man von beiden
Seiten als einen Vorzug zu schätzen wuste, ein Bruch aufthut,
der durch viele Jahre offen bleibt, verändert die Zeit, die uns
in unserem eigensten Wesen umgestaltet, auch nothwendig die
beiderseitigen Verhältisse, und kein Erfahrener kann an die
Möglichkeit glauuben, das alte Band und die früheren Zuustände
wieder zu finden oder wieder herzustellen. Trotzdem mag es
zwischen uns, wo die nächsten und heiligsten Bande des Blutes
ihre Anspriüche geltend machen, vielleicht gelingen, sich in neuer
Weise und auuf neuem Boden zu vereinigen, und ich biete Ihnen
die Hand, lieber Arten, um diesen Versuch zu machen,
,Ich verhehle Ihnen nicht. daß ein bestimmtes Ereigniß
mir den nächsten Anlaß zu diesem Briefe gegeben und den
Entschluß, Ihnen eine Versöhnuung vorzuschlagen, in mir zur
er

1 e -
Reife gebracht hat. Ich habe meinen sechzigsten Geburtstag
begangen, und vorwärts blickend auf die Jahre, die mir noch
gegönnt sein können, zuriickschauend auf den Weg, den ich ge-
gangen bin, wird Alles einheitlicher, sieht Alles sich milder und
weniger ungewöhnlich an.
,Was ich meiner Tochter einst nicht verzeihen zu können
glaubte, den Abfall von der Lehre, in der sie mit uns ver-
einigt war, und ihren lebertrikl zur römischen Kirche, das habe
ich als eine Thatsache hinnehmen lernen, wofern sie ihhr Glic
und ihren Frieden in ihrem uenen Belenntnisse findet. ,In
meines Valers Hause sind viel Kämmerlein, -- mag sie weilen,
wo ihr die Sonne am wärmsten scheint. Sie ist um ihret-,
nicht um meinekvillen in der Welt; sie isi uns eine gule Tochler
gewesen, sie ist Ihnen sicherlich eine würdige Gailin geworden.
Glaubie sie dazu der kirchlichen Gemeinschafi mit Ihnen nölhig
zu haben, so that sie vielleicht wohl, dieselbe zu suchen, und
Gott wird ihr mit seinem Trosie nahe geblieben sein, in welcher
Form sie sich auch zu ihm gewendet hat, sofern nur ihr Streben
ein Gott wohlgefälliges gewesen ist.
=-a« habe unsere Angelika, ich habe meine Tochter schwer
g,
vermißt, als ich gestern ein Decennium meines Lebens abschloß,
und auch Angelika's Gedanken werden bei mir gewesen sein.
Ich und ihre Mutter haben die Härte bereut, mit der wir sie
von uns gewiesen, unser täglicher Segenswunsch hat das Ver-
dammungs-Urtheil längst entlräftet, das wir einst gegen sie ge-
fällt, und ihr eigenes Mutierherz wird sie gelehrt haben, dass
die Elternliebe zwar beleidigt, aber nicht zerstört werden, daß
sie irren, aber auch bereuen kann.
,Man sagt mir, Angelika sei krant, Sie hätten sie nach
der Stadt gebracht, einen der dortigen Aerzte zu Nathe zu ziehen.
Hat sie nicht verlangt, uns zu sehen? Hat sie nicht daran ge-
dacht, uns Kunde von sich zu geben? Und wollen Sie uns

s ez D
dieselbe zukommen lassen, wenn Sie dieses Schreiben empfan-
gen haben werden ? Ihre Mutter und ich sind in schwerer Sorge
um sie.
, Unsere Glaubensstrenge hat den Buuuc veranlasßt, der
uns, mein heurer Arten, so lange von unserem Kinde und von
Ihnen, mein alter, werther Freund, entfernt gehalten hat. An
unk, die wir die Trennung verschuldeten, ist es daher, eben so
offen und unuumwoiinden die Versöhnung zu versuchen; und mich
dinkt, diese Erklärung kann und musß allen Ihren Annforderun-
gen und Bedelen Genige thun. Es ist ein Freund, der von
Ihnen die alie Freundschaft, es sind Eltern, die von Ihnen
ihre Tochter wieder zu erhalten wüünschen, Groseltern, die sich
danach sehnen. Ihrem Nenaius die segnende Hand auf das
Haupt zu legen. Wir haben Angelika's Sohn noch nichk geschen.
, Meinem älteslen Sohn isi nach zwei Tichtern vor wenig
Wochen der Erbe geboren, der ihm und meinem Hause fehlte.
Wir haben ihn an meinem Geburtstage tauufen lassen, die ganze
Familie ist bei mir versammelt. Wollen Sie lommen, den
Kreis vollzählig zu machen, in dem wir Sie entbehren? Oder
verlangen Sie es, fordert es Ihr Gefühl, erheischt es Angelika's
Befinden, daß wir Sie in Ihrer Heimath suchen kommen? -
Ich überlasse Ihnen die Enischeidung.
, Für unsere Tochter füüge ich von mir und ihrer Mutier
nichts hinzu. Es gibt Dinge, die über das Wort erhaben,
weil sie selbstverständlich sind. Unsere besten Winsche, unsere
Liebe, unser Segen sind mit ihr und mit Ih en Allen! Und
so lassen Sie uns denn in Zukunft wieder immerdar zusam-
menstehen, wie wir einst zusammenstanden, als Verwandte und
Freunde in Neiguung und in anerkennender Achtung.!
Der Freiherr las den Brief noch einmal, nachdem er ihn
beendet hatte, und es wäre schwer gewesen, aus seinen Mienen
die Wirkung zu erkenten, welche er auf ihn machte, denn er

1 e:,e
- -- aa7 - -
konnte sich selber keine Rechenschaft darüber geben. Freude war
es nicht, was er empfand.
=-.. Dinge milssen zur rechlen Zeit lommen, um uns an-
?.-
genehm zu sein! rief er endlich im Selbstgespräche aus, während
er sich von seinem Plaze am Schreillische erhob und den Brief
aus den Händen legte.
Wre dem Freiherrn ein solches Schreiben, ein solches
Eingeständniß und eine solche Aufforderung zur Versöhnung
bald nach demt Zerwiirfnis; dargeboken worden, so wüirde er sie
ohne alle Frage bereitvillig und mit Freuden auufgenommen
haben und damals sehr zufrieden gewesen sein, in dem alten,
gcwohnten Geleise mi! so viel Zuugeständnissen ud Nachsichien,
wie jedes Familienleben sie erheischt, weiter fortzugehen. Aber
das Zuusammmenleben innerhall der Familie hat, weil es kein
siitlich frei gewähltes, sondern ein zufällig bestinintes isi, als
erstes Bedingnis; die unuunterbrochene Dauer, die duldsam
mtachende und den Blick beschränlende Gewalt der langen Ge-
wohnheit fir sich nöthig. Werden diese vermittelnden Elemente
einmal zerstört, ist der Zauuber gebrochen, der uns üiler Charak-
kerverschiedenheit, ungleiche Lebensansichten und leberzeugunge.
der uns über Alles dasjenige leicht fortsehen machie, was uns
an den uns angeborenen Menschen störte und von ihnen im
Grunde krennie, so ist auch die Schranle aufgehoben, welche
alle Theile innerhalb eines gewissen Gleichmaßes zusamen und
einzelne derselben eben deßhalb in ihrer freien und völligen
Entwicklung -= im Guten wie im Schlimunen - zurickgey=--
,elsof-
hatte. Jeder nimmt dann frei den Weg, den er bedarf, bildet
ssf npf-sZssli-o=-
i- - -i=--==-- - eigenartiger aus; macht man später einmal
wieder den Versuch, das Ungleichartige in die alten Bande und
Verhältnisse zuruczufihren, so ist dies eigentlich in Wahrheit
niemals möglich, und der alte Ausspruch, das; man über seinen
Zorn die Sonne nichi untergehen lassen solle, beweisi sich alä

sehr.
eine tiefe Weisheit, wofern man überhaup: eine Herstellung der
früheren Verbindungen ersehnt.
Ale Eingeständnisse und Zgeständnisse, welche Graf Berka
seinem Schwiegersohne und alten Freund: in diesem Versöh-
nungsbriefe machte, hatten fi.r den Freiherr nur etvas Pei-
nigendes. Er war der Berka'schen Familie nun einmal ent-
wö hnt. E hatie in derselben bei grosien Vorzügen, die er auch
jetzt noch anerlanute, immer eine gewisse Familienbeschränktheit
geherrscht; man hatte dem Ergehen und Thun des Einzelnen
eine viel zu große Bedeutung beigelegt und damit geringfigige
Ereignissc zum Gegenslande weilläuusiger Besprechnigen und an-
verdienter heilnahme gemacht. Das war ihm auffällig erschienen,
so lange er auuserhalb der Familie gestanden hatte, war ihm
als Angelika's Verlobter ein wenig lästig gewesen, und er hatte
sich auus dieser ibertriebenen Famnilienliebe späier die Zige in
Angelika's Charakter erklart, die er als Empfindsamkeit und als
z grosße Aspriiche an die Leistungen und Eupfinduungen der
Anderen zu belämpfen fir nöthig gehalten.
Jezt --- er fuhr sich unmuthig mit der Hand über die
Stirn -- jezt kam diese Versöhnung ihm sehr ungelegen, und
zurückweisen konnte, durfte er sie nicht, wollte er nicht gegen
Angelika, die in ihres Herzens Tiefen nie aufgehört hatte, sie
zu wünschen, ein Unrecht begehen, wollte er der Kranken nicht
einen ihr erwünschen =,t entziehen. Und selbst um der Mei-
K. -.s
nung seiner Umgangsgenossen willen mußte er die dargebotene
Hand seines Schwiegervaters freundlich zu ergreifen scheinen!
Aber je länger er darüber nachsann, um so schwerer und un-
willkommener dünkte ihm diese erneute Annäherung.
Er wußte, wie wenig die Geistesrichtung der Herzogin uud
ihre Ansprüche und Gewohnheiten mit denen der Berka'schen
Familie zusammenstimmten. E kam ihm daneben nicht mull-
kommen, die Berka's so nahe in seine Verhältnisse blicken zu

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lassen. Er konnte sich denken, mit welchen Auugen sie den Kir-
chenbau betrachteten, welche Fragen der Graf, der in der eigenen
Bewirthschaftung seiner Güter große Befriedigung fand und
glänzende Erfolge erzielte, wegen der Ausschlagung der Wälder
und wegen der Entlassung der Steinerts an ihn richien würde.
Es beunruhigte ihn, daß seine Schwiegereltern gerüchtweise von
seinen augenblicklichen Geldverlegenheiten, von dem Verkaufe des
Hauses erfahren haben könnten, und vor Allem dachte er mit
Schrecken daran, wie sie die Tochter, die er einst so blühend
und so hoffnungsreich aus ihrer Hand erhalten, jezt wieder-
finden mußten.
Er nahm den Brief noch einnal auf, aber er konnte sich
nicht iberwinden, ihn noch einmal zu lesen, und ihn auf den
Tisch schlederd, ries er ärgerlich: Ich wllie, sie hüliien mich
mit ihrer späten Versöhnlichleit verschont!
Trozdem mußte er zu einem Entschluusse kommen, und rasch,
wie man eiwad Läsliges abzuthun sucht, warf er mit fesier
Hand die folgenden Zeilen auf das Papier:
, Empfangen Sie, theurer Freund, meinen nachträglichen
Glückwunsch zu Ihrem Geburtötage, den wir doppelt zu segnen
haben, da er Sie zu einer fiür uns so erwüinschten Einsicht und
Entschließung geführt hat. Ich nehme die Versöhnung, welche
Sie mir bieten, ohne alles weitere Erörtern an, und meine
Frau wird glicklich sein, ihren verehrten Eltern die Hand kissen
und ihren Segen wieder empfangen zu können.- Leider war
ich genöthigt, da Geschäfte mich hieher riefen, sie unter der
Obhut des Caplans noch in der Stadt zurüczulassen. Ein
Brustübel, dessen Symptome sich schon vor der Geburt unseres
Sohnes zeigten und in Zwischenräumen immer wieder bemerkbar
machten, hat sich plözlich entschieden ausgebildet und sie vor
wenig Wochen mir zu rauben gedroht. Auf dem Wege der
Genesung, ist sie der größten Schonung bedürftig, und ich bin

z czre
eben deßhalb noch nicht im Stande, Ihnen, tgeurer Graf, und
der Gräfin, die ich meiner aufrichtigen Ergebenheit zu versichern
bitie, anzugeben, wie und wann ich meiner Frau die Mi!thei-
lng Ihres Briefes werde machen können und in welcher Weise
wir unser Wiedersehen mit Ihnen einzurich en haben, damit es
auf die Kranke nicht zu erschütiernd wirke. Ich hoffe, daß ich
Angelika in acht Tagen ihre Reise nach Richten antreten lassen
darf, und ich will noch heute den Caplan vcn Ihrem Briefe
in Kenntniß sczen, oder besser ihm Ihr Schreiben übermachen,
damit dieser erfahrene und bewährte Freund. der mein und
Angelika's Vertrauen ganz und gar besizt, vorsichtig den Augen-
blick wähle, in welchem wir meiner Frau die von ihr sicherlich
ersehnte, sie aber eben so gewis: sehr erschiitternde Kuunde zu-
gänglic uiechenn diirsenn.
, Meinen Sohn habe ich aus der Stedt mit mir hieher
genommen. Er sieht seiner Mutter völlig gleich und wird, wie
ich hoffe, Ihre Lebe gewinnen, da er ja das älteste Ihrer
Enkeltinder ist. In der Ervartung, Sie, bester Grof, und die
Gräfin bald persönlich zu begrüsien,
der Ihrige.
Er las das Geschriebene zu wiederholten Malen, ohne recht
damit zufricden zu sein. Er wollte nicht entgegenkommen, er
Zwwollte sich nicht ablehnend zeigen, und er ersah an der Art und
Weise seines Erwägens, wie fremd die Familie seiner Frau
zhm geworden war und wie fest die Abneigung gegen sie in
-seinem Innern gewuurzelt hatte. Jetzt, da sie ihm, wie er es
Fannte, grundlos eine Versöhnung aufnöthigten, nachdem sie
zsch einst eben so grundlos von ihm und von ihrer Tochter los-
sgesagt, weil diese sich freiwillig dem Bekenntnisse ihres Gatten
gangeschlossen, fühlte er sich fast erbitterter gegen sie, als zuvor,
fund baß er dieser Erbitierung nicht Worte geben durfte, daß
er gezwungen war, sich aus Rücksicht auf Angelika und auf die

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Welt einer fremden Willkitr hinzugeben, verdüüsterte seine Seele
nuur noch mehr. Hätie er mit einem Federsiriche Alles, was
ihn umgab, vernichten können, er würde ihn gethan haben, auf
die Gefahr, selbst dabei zu Grunde zu gehen; und mitten in
seinem zornigen Grimme dünkte ihm eben dieser doch wieder
seiner und seiner Natur so unangemessen, daß er grade davon
am allermeisten litt. Er konnte das ideale Bild, welches er
von sich selber stets vor Auugen gehabt und im Herzen getragen
hatie, nie mehr in seiner Reinheit wiederfinden: das heißt, er
wuste, das; er ein fir alle Mal sich selbst verloren hatte.
Grade, als der Freiherr den Brief an den Caplan beendete,
meldete man ihm den Pfarrer.
Er soll lommen! befahl er lurz. und ibergab dem Diener
die Briefe an den Grafen und an den Gaplan mit der An-
weisung, sie sofort nach der Stadt zu senden, damit die am
nächsten Morgen durchpassirende Posi sie noch mitiehmen kdnne.
Mit raschem Schritte ging er dem einlretenden Geistlichen'
entgegen. Der Pfarrer hatie sich auuf eine harte Stude vor-
bereitet. Er war nicht unterrichtet gewesen von dem Vorhaben
seines Sohned; er beklagte und verdamnte von Grund der
Seele die in Rothenfeld geschehenen Frevelihaten und Ver-
brechen, denn er besaß nicht des Candidaten wilden Glaubens-
eiferz er war duldsam und gelassen, und er hatte ßch, als er
zu so ungewohnter Stunde vor den Freiherrn beschieden worden
war, fest gelobt, daß er, seine Wirde und seine Neberzeugung
wahrend, dennoch versuchen wolle, den gerechten Zorn des Guts-
herrn zu besänftigen. Aber der Empfang, welcher ihm zu Thei!
ward, ließ ihn das Aeußerste befürchten.
A
Ohne ihm, wie er es sonst stets gethan, die Hand zum?
Gruße zu bieten, ohne ihm einen Sessel anzuweisen, sagte der'
Freiherr, während er den Greis inmitten des Zimmers stehen.
bleiben ließ: Ich habe Sie gleich kommen lassen, weil ich zuvor;

-- hF---
mit Ihnen im Klaren sein wollte, ehe ich weiter gehe, und
weil Sie, Pastor, Sie ganz allein, mir finr all den Schaden
und für all das Unheil verantwortlich sind, die hier angerichiet
worden! Wer hieß Sie, den frechen Burschen meine Kanzel
besteigen zu lassen? Wer hieß Sie..
Gnädiger Herr! fuhr der Pastor auf, den sein Vaterherz
wie seine gekränkte Amtsehre alle seine Vorsätze vergessen machten,
-- gnädiger Herr, Sie sprechen zu einem Vater von seinem
Sohne! Sie sprechen zu einem Geistlichen, zu dem bestallten
Pfarrer dieser christlichen Gemeinde, der ohne Frage die Be-
fugnis: hat, sich von seinem Sohne, von einem unbescholienen
jungen Mane, einem gepriften Onneliättus hhirologine in
-seinem Amte verlrelen zu lassen, weun er diese? nöihig sindei!
Ja. allerdings, das ist es grade! Ich spreche zu bem
,Bater! bekonle der Freiherr scharf, eben weil er mir als Vater
veinzustehen hat fie die Frechheit seines Solnes! Ich spreche
zu dem von mir erwählten und eingesetzten Pfarrer, weil er
sich unterfangen hat, gegen meinen Glauuben, gegen die Neligion,
Izu der ich und mein Hauus und bekennen, in meiner Kirche
e RUM D?- -
MKirche ist des Herrn, die Kanzel ist ihn heilig und der Wahr-
Zhet, Her. Saron, auuf die wir getauft sind, auf die wir unser
-=-
ZBekenntniß abgelegt und die rein und lauter zu verkünden wir
Fmit unserem Amlseide beschworen haben! rief der Pfarrer, und
Fseine Stinme und seine Haliung hoben sich, je länger er vor
Fdem Freiherrn stand. Freilich steht es geschrieben: Es solt
Friede sein auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
ßnd so weit es an mir gewesen, habe ich Frieden zu halten
hgestrebt, obschon es meinen Auugen - -Vohlgefallen gewesen
.-ls M
Fst, hier, mitien in unserer lutherischen Gemeinde, die katholische
Meche sich erheben ud ihre Heiligenbilder aufrichten zu sehen!
F. Lewald, Von Geschlecht zu Geschlecht. Ü.

- , Zßs-
Aber, Herr Baron, es steht eben so geschrieben: Ich bringe euch
nicht den Frieden, sondern den Krieg! Und wie ich für mein
aäheil danach getrachtet habe, den Frieden hier zu Lande nicht
zu stören, so vermag ich vor meinem Gewissen den jiüngeren
Slrelier uicht darob zu tadeln, das: er von helliger Siäile dle
Gemeinde warnte, daß er ihr die Gefahren zeigte, welche ihr
drohen, daß er verkündet hat, was ihm sein Herz geboten! Cs
kommt für Jeden einmal der Tag, an dem er mit unserem
Mariin Luther rufen mus: Hier stehe ich! Ich kann nicht
anders! Gott' helfe mir! Amen!
Der Pfarrer hatie die Hände gefaltet, er war sehr gerihrt.
Seit Jahren haile er sich mil dem Gedaulen gelrugen, das; es
ihm einmal beschieden sein könne, nach dem Vorbilde des herr-
lichen Paul Gerhard von Heimaih ued Amt veririeben zu
werden; jezt fiühlte er sich dem Augenblicke nahe, und seine
Erschüütterung wiirde zuu jeder aunderen Stude auf seinen Patron
ihre Wirlung nicht verfehlt haben, denn des Freiherrn Herz
war leicht bewegt und die kirchlichen Streitigkeiten waren ihm
bei seiner religiösen Gleichgiltigkeit im Grunde sehr verhaßt-
Aber er sah auch in dieser ganzen Angelegenheit nur eine Auf-
lehng gegen seine gutsherrliche Macht, und bitter, wie sein-
Ton es gegen den Pfarrer heute von Anfang an gewesen war,
sagte er: Lassen Sie die Beispiele und die Bibel-Eitate! Was
ich mit Ihnen abzumachen habe, dazu finde ich den Auusdruck
in mir selbst, und wenn denn einmal durchaus die Bibel die
Belege liefern soll, so mag das Wort Ihnen und der Gemeinde
zur Richtschnur dienen, daß Jedermann der Obrigkeit unterthan,
sein soll, die Gewalt über ihn hat! -
!
Er machte eine kurze Pause und sprach danach: Ich bin
Herr auf Richten, in Nothenfeld und in Neudorf! Die Kirche
in Neudorf ist mein! Sie haben Ihr Amt von mir, Sie
wohnen in meinem Hause, auf meinem Grund und Boden,

--- L K
unter meiner Jurisdickion; die Leute, welch: Ihre Gemeinde
bilden, sind von mir abhängig, zum großen Theile mir hörig
--- bedenlen Sie das wohl! -- Ich hindeue Sie in Ihrem
lutherischen Bekenntnisse nicht; beten Sie, singzen Sie, predigen
=-le, wie Sie wollen --- das isi Ihnen und meinen Lenten
e
von den Staatsgesetzen gewährleistei! Aber merken Sie es sich:
wo Sie es sich beikommen lassen, etwa au.h einmal als Glau-
bensstreitcr, von - Ihrem Gewissen getrieben, meine religiöse
Freiheit auf meinem Grund und Boden anzutasten, da hört
==-e religiöse Freiheit auuf, da beginnt meine gutsherrliche
»s.--
Machtvollkonmenheit, und --- der Freiherr wurde roth vor
Zorn - - das; der Goiihhrd sich nichl uniersäuugl, sich jemal
wieder innerhalb meiner Grenzen blicken zu lassen. - -
Herr Baron! fiel der Pastor ihm in die Rede, Herr
Baron!-- Die Slimme versagte ihm, und wie der Zorn des
Freiherrnn Wauge geröthet, hatie der Schrecken das Autliz des
Greises enlsäibl. Aber er nahm sich zusauuen, und mil ruhiger
ya
=aurde an den Freiherrn herantretend, sngte er: Es ist ein
Amt des Friedens, das dex Herr in meie Hand gelegt hat.
Ich habe es bis hieher verwaltet nach bestem Wissen und Ge-
wissen, und ich hatte fest gehofft, in demseiben fortarbeiten zu
könen bis an meinen Tod. Indeß Gott hat es anders be-
schlossen. -- Er hielt aufs Neue inne, und mit bebender Stimme,
aber dem Freiherrn ruhig in das Auge sehend, sprach er:
Menschenfurcht soll die lezten Tage meines Lebens nicht entehren.
N,
« werde meinen Sohn nicht abweisen von der Thitr seines
Vaterhauses, auch wenn er irrte und sein heiliger Eifer ihn zu
weit gefiührt hat; ich werde ihm und mir nicht Schweigen auf-
erlegen, wo der mir anvertrauten Heerde Gefahr zu drohen
scheint, und- bin ich doch der Einzige nichn, dessen Bleiben
hier firder nichi mehr ist!

-- 1ZZ--
Er verneigte sich tief und wollte sich zum Gehen wenden.
Der Freiherr hielt ihn nicht zurick.
Thun Sie ganz nach Ihrer Neberzeugung, sprach er, aber
verlassen Sie sich darauf, das; ich mir hier Ordnung und Ge-
horsam schaffen werde!
Der Pfarrer ging still hinwweg. Der Freiherr sah ihm
mit kaltem Auge nach. Meine Läßlichkeit hat es verschuldet;
sie fühlen sich alle hier als Herren ! Es war Zeit, ein Ende
damit zu machen und die Ziigel in die eigene Hand zu nehmen,
sagte er zu sich selber, während er nach der Uhr sah. Dann
klingelte er und befahl, das Abendbrod herzurichten und die
Fran Herzogin zu benachrichtigen, wenn es geschehen sein wiirde.
Der Pfarrer aber fuhr, als er vom Schlosse kam, im
Amthofe vor. Er wollte Fassung gewinnen, ehe er seine greise
Lebendgefährlin wiedersah; er muusle auch einen Menschen haben,
zu dem er sprechen konnle, denn in sich zu verschliesen, was
ihn bestiürmte und bedrängie, bis er nach Neudorf lam, das,
fürchtete er, würde über seine Kräfte gehen. Und der Aam
hatte es ja auch erlebi.
Und osfene Arme, osfene Herzen, und ein volles Mitgesiihl
empfingen den schwer gekränkten Mann. Man hatte die Heim-
kehr des Freiherrn gescheut, man hatte es mit Besorgniß an-
gesehen, daß er so plözlich und unangemeldet eingetroffen, und
doch kam Allen unerwartet, was geschehen war. Sie waren
im Amte dem Gotthard eben nicht freund; sie gönnten es ihm,
daß sein Hochmuth eine grindliche Lection erhielt; aber den
Pfarrer, den Greis, den sie zu verehren gelernt von Kindes-
beinen an, so herzzerrissen zu sehen, das betraf sie selber tief.
Sie mochten ihn nicht allein in die Pfarre zurückkehren lassen,
denn allerdings, der Amtmann wuußte, was es heißt, die Schwelle
AA IR

fahren, zu Fuuse gehen, man ricte zusammen, und Alle fuhren
sie, so spät es war, mit dem Pastor: der Amtmann, die Eva
und der Architekt.
Die Pfarrerin hatte, die Minuten zählend, am Fenster
gestanden, seit ihr Mann durch die Botschaft des Freiherrn ab-
gerufen worden war. Sie wußte nicht, was sie denken sollte,
äls der Wagen voll Gäste vor ihrer Thire hielt; sie konnte
nicht fassen, was geschehen war, als man es ihr meldete. Sie
weinte, sie klagte, sie schalt den Sohn, sie idelte ihren Gatten,
daß sie sich nicht figsamer gezeigt. und nannte doch gleich
darauf den abwesenden Sohn ihres Lebens Stolz und Freude,
und dankte Gott, daß er ihrem Manne Kraft verliehen, als
sein Streiter auuszuharren bis zum Ende.
Der Psarrer sezie sich nieder, seine Gedanlen zu sammel.
Er wollte dem Sohne schreiben, seine Meldung an das Consi-
storium macen, aber ihm fehlte noch die Ruhe für solch ein
ahun, und Aam hielt ihn auch davon zurick.
aVarlen Sie, Herr Pfarrer, warten Sie bis morgen, bat
er. Ec war ein Aideres zwischen dem Freihherrn und zwischen
mir; ich stand für mich allein, Sie stehen fir Ihr Amt; ich
konnte gehen, Sie müssen zu bleiben trachten, oder wollen Sie
sich fxeiwillig einen Nachfolger hieher sezen lassen, der sich dem
a.illen der Herrschaft besser figt, der Herrendienst dem Gottes-
gy
dienst voranstellt?
Die Pfarrerin trat schnell auf Adan's Seite. Sie hoffte,
der Freiherr werde in sich gehen, die gitige Baronin werde
wiederkehren und vermitteln; sie meinte, Goithard könne, auch
ohne seinem Gewissen etwas zu vergeben, sich einlenkend an
den Freiherrn wwenden. Sie wollte von dem Amtmante, von
Herbert, von Eva und von ihrem Manne Zuspruch haben;
aber sie hatten sich alle über den Freiherrn zu beschweren, und

-=- 1Z--
wie vermochte man ihm beizukommen, was hatte man noä
weiter mit ihm zu befahren?
Man louuuie zu leinem besriedigenden Alschlusse gelangen
und es war schon spät, als man sich trennte.
Das Gewitter war voriber, die Wolken hatten sich zer
theilt, der Mond stand hell am Himmel und gos sein volle
F s
=-==- uber die blihenden und duftenden Lindenbäume vor dek
Pfarrers Thure, von denen unter dem leisen Windhauche di:
Regentropfen niederfielen. Die Nachtigall, welche in den Büscher
rechts vom Hauuse nistete, lockte und flötete in längen Tonen
durch die stille Nacht, man sah die Falter langsam schweben,
die Mondesstrahlen glänzten und zitterten in dem leicht bewegten
Teiche, von dem der Nebel silbern in die Höhe slieg.
Der Pfarrer und seine Frau begleikeien ihre Gäsie vor
das Haus hinaus. Nach dem Umwetier und neben ihrer Auf-
regung wirlte die friedensvolle Schönheil der Naiur doppeli
stark auf sie. Der Greis sah mit stillem Blicke um sich her.
Dann nahm er sein Käspchen von dem weisßen Haar, und
seiner Frau Hand in seine gefalteien Hände schliesend, sprach
er, an die Dichtung seines Vorbildes Paul Gerhard denlend,
fromm und gläubig, während es feucht in seinen Augen schimmerte:
Der Sonne, Mond und Winden
Weist ihre eig'ne Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da mein Fuß wandeln kann!