Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 14

Vierzehntes Capitel.
Ilaheeud dessen lebte die Baronin stille friedliche Tage s
in Gesellschaft ihrer Freundin und ihres geisilichen Berathers. ?
Man hatte ihr im Garten unter den großen Bäumen ein
leichtes Zeltdach aufschlagen lassen, in welchem sie vom Morgen ?
bis zum Abend weilte. Die Nhe der bevorstehenden Trennung
machte die Freundinnen nur des Glickes bewußter, welches sie,
jetzt genossen, und doch meinte Seba zu fiihlen, das; Angelila ?
sie in einer ihr sonsl nicht eigenthümlichen Weise beobachte, daße
sie ihr etwas sagen wolle, etwas auuf dem Herzen habe, und eK?
im Hauuse war, das Ge-
fiel ihr auf, das: sie, seit der Caplan
spräch so häufig auf religiöse Fragen
die sie sonst geflissentlich vermieden
Familienverhältnissen sprach sie jezt
und Gegenstände richtete, j
haiie. Auch von ihren;
noch öfter und noch rückF
haltloser, als sei ihr daran gelegen, der Freundin ein Zeichenz
ihres Vertrauens zu geben, und es wollte Seba überhaupt beH
dinten, als suche die Baronin jezt geflissentlich ihr nahe unß!
näher zu treten, als walte neben dem natüürlichen Zuge ihresß
Herzens noch eine Absicht in ihr vor. Es war, wie gesagt.j
regelmäßig der Caplan, welcher die Unterhaltung ablenkte, wemn,
die Baronin in seinem Beisein der geisligen Wandlungen geßj
dachte, die sie erlebt, wenn sie des Trostes erwähnte, den sej
in dem Anlehnen an einen unsichtharen Helfer und in demß
DA nr

hatie er sich iroz seiner Zuurückhaltung bald genug in das Leben
der Flies'schen Familie hineingefunden und das Zutrauen der
Eltern und der Tochter eben durch seine Zuurückhaltung gewonnen.
Er besas; alte Bekaunte und Freunde n der Siad:, hatte
mit seinen geisilichen Amtsgenossen, der:u es mehrere an der
katholischen Kirche des Ortes gab, von Aiters her Verkehr, und
da er aunszerdem in den Morgensluunden die Bihliothelen zu be-
uchen pflegte, während auuch die noch immer nicht aufgegebenen
Nachforschungen nach Paul einen Theil seiner Zeit beanspruchten,
waren Seba und die Baronin nach den erstcn Morgenstmden,
in welcheu Angelila mil dem Caplan die gewohnten religiösen
Betrachtungen wieder aufgenonmen hatte, sich bis zum Mittag
selber überlassen.
Eines Morgens hatten sie in dem hellen Sommerwetter
lange und ruhig plandernd bei einander gescssen. Man erwartete
gm folgenden Tage das Eintreffen von Mamtsell Marianne,
und die Heimkehr der Baronie sollte dann in kleinen Tage-
reisen vor sich gehen. Die Freuundinnen hatten die Möglichkeit
eines Wiedersehens besprochen, das duurch den Umzug der
Flies'schen Familie nach der Residenz gar sehr erschwert ward;
gin ausführlicher Briefwechsel war verabredet worden, als die
Garonin sich erhob, um. auf Seba's Aru gestiizt, in den
Hängen des Gartens umher zu wandeln. Man konnte dabei
hnige der Nchbarhäuser sehen; die Varonin wollte wissen, wem
ße gehörten, und plözlich den Kopf nach dem Flies'schen Hause
zurückwendend, fcagte sie, ob Herbert's Zimmer nach der Seite
hes Gartens gelegen wären.
;- Herbert's Zimmer? Also Sie wuusten es, das er in
ßnserem Hause wohnt? eief Seba und wurde roth, als habe
He sich ein Unrecht vorzuwerfen und als bereue üe den Ausruf.
; Zweifeltest Du daran ? entgegnete die Baronin; s.,, da
.?
ßn ich scharfsichtiger gewesen. Ich erkannte grade an der

- 1e----
Sorgfalt, mit welcher Ihr es vermiedet, Herbert's vor mir zu;
gedenken, daß Ihr Alle wußtet, was ich fir ihn empfunden'
habe, und ich hatte mir vorgenommen, es Dir zu sagen -=
T. F -- b-»== « == -
Sie verlangte sich niederzusetzen, und Seba meinte sie nie
schöner als in diesem Augenblicke gesehen zu haben. Ihre Augen
glänzten, obschon dio Lder sie verschäil l edeckleit, ihr Mund
lächelte, während der Schmerz ihn leise unspielte, und es lagen
in ihrer Stimmme wie in ihremn ganzen Auddrucke eine Uuschuld
und Wahrhafiigleit, die evas leberwältigendes sir Seba hatien.
«p habe viel gelitten, liebe Seba! nahm die Baronin das
N,
Wort: denn schön, wie die Empfindung war, die mich zu
Herbert zog. war sie mir nicht mehr erlaubt. -- Sie hielt
wieder inne und sagte dann: Es war sein Mitleid mit mir,
das mich rührie; es waren seine Jngzend und seine Waruy
herzigkeit, die mich zu ihm zogen. Ich trug eine Sehnsucht
nach Liebe in der Brust, und ich vergas, das; Goil nich j,dem
Menschen die Erfüllung seiner Wüusche finn zuträglich erkent.
Ich wollte glücklich sein nach meinem Ermessen, nicht das Glück
erkennen, welches Gottes Rathschluß mir zuertheilt hat, und ich
habe noch immer Stunden, in denen ich ohne den Beistand
meines guten Beichtigers mich nicht auf mich selber verlassen
könnte, obschon der Tod ein guter Lehrmeister ist und man in
seiner Nähe mit neuen Augen sieht. Ich habe viel, recht viel
gelernt, als ich mich ihm verfallen glaubte, und ich habe mit
Gottes Beistand noch Vieles zu vergiten in der Welt. Auch
Herbert habe ich Unrecht gethan und will versuchen, es ihn ver-
gessen zu machen. Sage ihm das, Liebste, wenn Du ihn wieder-
siehst, und -- fügte sie mit tiefer Traurigkeit hinzu - Du
sollst es wissen, Dn ganz allein: ich fürchte, ich werde daran
ferben, daß ich mein ungenügsam Herz und meine Pflicht nicht

init einander zu vereinen, das; ich mir niht genilgen zu lassen
wußte.
Seba hätte ihr Muth einsprechen mögen, aber sie vermochte
es nicht. Eine Traurigkeit wie diese schien ihr über den Trost
erhaben zu sein, und die Baronin hatte es auf einen solchen
auch nicht abgesehen, denn sie ergriff Sebn's Hand, schloß sie
in die ihrige und jagte: IIch wollte Dir d gern sagen, liebe
Seba, duit Dn siehsl, wie sehr ich Dir verirane, wie ich Dich
liebe und lein Geheinnis; vor Dir haben will! Aber -- und
sie schlang ihren Arm eit mädchenhafier Zärtsichleit um Seba's
Nacken --- auch von Dir, Liebe, weiß ich mehr, als Du mir
anvertraut hast, und auch das wollte ich Dir eigentlich sugen,
ehe Mariaune morgen kommt und ehe wir von einander gehen!
Seba bog sich zuriick, daß sie sich von dem Arme An-
gelila's freimachie, sah sie mit starrem Auuge an und sprach lal!
und tonlos: Sie wissen Nichis!
Doch, Lebe, ich weis:! sagte jene, die nicht fassen konnte,
was mit Seba vorging.
Aber diese ergrif die Hand der erschreckten Frau, und sie
eben so schnell, als sie dieselbe erfaßt hatte, wieder von sich
stoßend, rief sie hart und fest: So vergessen Sie, was Sie wissen!
Die Baronin verstummte; Seba sah sinster brütend vor
sich nieder. Sie hatte es wohl vernommen, wie Angelika ihr
zmaufgefordert zum ersten Male das schwesterliche Dun gegönnt;
zsie hatte sich dessen gefreut, sie war gerührt worden von der
Hingebung, mit welcher ihr die Baronin ihr Vertrauen gewährt
atie, um das ihrige zu erhalten. Nie hatie ihr Herz sich mehr
befriedigt, nie hatie sie sich glücklicher, als in ber Lebe dieser
Frau gefihlt, und eben durch das fliichtigs Glick heraufbe-
Fchworen, trat das Schrecken ihrer Vergangenheit plözlich wieder
dämonisch vor sie hin. Sie kämpfte einen bittern, schweren
Fampf. Das menschlich berechtigte Verlangen, einmal in ihrem

=== h F 1ß===
Leben ihr Herz zu entlasten, die Schen es auszusprechen, was,
sie erlitien und gefehlt hatten, und vor Allem die Sorge, der
kranken Angelika ein Mitwissen und einen Schmerz aufzuladen,
welche fir sie, finr Gerhard's Schwester, schwerer als füür jeden
Andern zu tragen sein musßten, stritten in Seba's Inneren mit
wechselnder Gewalt, aber die Liebe fitnr Aigelila trug iiber jedes
selbstsichtige Verlangen den Sieg davon, und makt und wie
erschössi von ihrem stillen Nigen und Sellstiberwinden, sagte
sie: Die Sluude isi uun buu, vor ber uir osl gzelangzl hal und
in der ich aus Deine Lele verzlchlen oder sordern ms, wad
nir grosie Liebe gewähren lanni! Glaube, dass ich nichi unwerth
bin der Liebe und des Vertrauens, deren Du mich würdigst;
glauube, das; sie mein Glick, mein höchstes Gul sind -- aber
frage mich Nichis!
In ernstem Schweigen blieb sie an der Seite der Baronin
sizen. Aiigelika war auf eiuen solchen Ausgang nicht gefaßt
gewesen. In ihr Mitleid mit der Freundin mischte sich ein
Gefühl der Kränkung. Sie war es nicht gewohnt, sich zurück
gewicsen zu sehen, und was konnte, was mußte zwischen ihrem
Bruder und Seba vorgegangen sein, das diese vor der Er-
innerung mit so kranker Scheu zurücvich? Sie mochte die
Gedanlen nicht verfolgen, welche sich ihr aufdrängten, und
beiden Frauuen kam das Dazwischentreten des Caplans gelegen,
der, eben heimgekehrt, gleichzeitig mit den brieflichen Nachrichten
des Freiherrn auch ein Schreiben der Gräfin Berka erhalten und.

diese nun beide der Baronin zugänglich zu machen hatte.
Angelika war sehr ergriffen, als sie zum ersten Male wieder
ein direktes Lebens- und Liebeszeichen der Ihrigen erhielt. Und
on
ich sollte meine Leiden nicht segnen, ich sollte nicht erkenn..
das die Vorsehung ihre wundersamen Wege hat und daß se
und fir unsere Schmerzen himmlische Belohnngen zu bereiten
weis;! rief sie, während ihre bebenden Hände die Briefe ihrer

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=- - g, F ! ======
z Eltern an -«- - =--- -== -- und ihre Augen in Freuden-
isss-s- Csznnois dz.-Gs,,-:
chränen glänzte-- .-- -=u. rs ß- ==-===== -=usgleichungen
zis;s isi ssdwslie; Hs
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F und Herzensirosi, wenn man desselben eben nönhig hat! --
Sie mochle kaum bedenken, wie wwehe se Seba .- -----
iisis d.i--spis
ß ===-- -=, denn die ganze Rücksichislosigkeit des Gllickes war
M,zssis sshs
k über sie gekonmen; aber der Caplan sah die Niedergeschlagenheik
d .
h f, --dches Vene. d es eniging hm eben so wenig.
APs;
z =-s dne Baronin dest Auedruue! ihhrer Frende nichi so anis-
schliesAlich wie sousi uun ihre Freuundin riclele. Ed muszte elwad
z zuschen ihnen vorgesallen sei, es uuste sic ein Zviespalt
; zz=n ihnen aufgelhan haben, und dem: Geistlichen kam dies
l5-as
T usi HoHssb
F =- --=uuscht; denn die Gesellschaft eines Freidenkenden,
F eines Zweislers h.., selbsi wenn er seine Meiugsauserung
, zn=uhalk, immer ihre Gesahren fitr die Nuhe eines Herzens,
-,
F dak man in den Banden des zweifellosen Glaubens und in den
ß geistigen Schran-- - zuhalten ----=-- i welche der kirchliche
sü»ss '
s,nis s.-ss -
ß As-i--
g =---zg die Seelen bannen muß, um seine Gewalt ütber sie nicht
sßz -=-=i und ohne den -zhein d.. - engier auf sich zu
s .
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? l=.; hatie der Caplan dennoch in den verschiedenen Unter-
edoss
sss::
z z=lgen mit Madame Flies und mtt der KriegDp-- --l
.-?ss.iss doös
F Namen des Manies erfahren, welche. a.ba geliebt hatte. Er
s .-
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p === -. wwie Seba's «aa;es sich ihm -.d gab, z- -e1 =-=- --
N.?
Ks.
sis
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z überzeugt, das sie dem Grafen näher gesianden, als ihre Eltern
ß und ihre Freunde wsten, daß sie.=-« nschuld an ihn verloren
- s.-= 1
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P8=- uund das: eine Feslig ---- --»geschlossenheit wie die
-»,-is issd 9ss.s
Fihrige nicht aus einem jngfraulich unentwoeihten Herzen er-
fdachsen konten.
Aber weit mehr als die kleine Verstimmung, welche die
ßFreundinnen aeaen einander agenblicklich hegen, seinen Ab-
ß schten entsprach, war die Versöhnnng mit ihrr Famil =--
s sli-ii
eRls Kf,sl=- s..K,sifslb
F1e u-- - ==--e, 1a - ib-us- =«, ob in diesemt Falle
b- =i- si-i sl,
F' eß nicht geboten sei, die Freudschaft und den Zsammenhang
? s z.Lewald. Von Geschlecht zu Geschlech. 1.
Ds-
z es

-- -- 17---
seines Beichtkindes mit Seba zu begüünstigen, um in dieser ein
Gegengewicht gegen den Einfluß zu gewinnen, den der erneute
Verlehr mit ihrer Familie auf die Baronin anszuüben nicht
verfehlen konnte. Er hielt es fir wahrscheinlich, das; die Gräfin
Berka die liebevolle Hingebung der Baronin an die Tochter
ihres Juuweliers sehr auuffallend finden und nicht billigen wüürde;
er sah es voraus, daß bei den Grade von Selbstständigkeit,
den die Baronin eben jezt gewonnen hatle, ein Widerspruch
ihrer Familie sie nur fester an Seba binden mitsse, und er hielt
es fiür gut und heilsam, wenn sich gleich Aufangs irgend ein
lrennendes Element zwischenn sein Beichilind und dessen prote-
stantische Angehörige stellte, wenn dem Herzen der Baronin auch
von dieser Seite kein volles Genilgen gebolen, wenn ihr viel-
mehr Hidernisse und Beunruuhigungen in den Weg gesiellt
wurden, welche zu beseikigen. zu beschwichtigen und iragen zu
helfen, sie ihres religiösen Glaubens und seines Beistande?
nöthig haben muuuszte.
Da der Freiherr . von dem Ermessen
Aa
von den a.ülnschen der Baronin abhängig
welcher Weise das Wiedersehen mit ihren
=
des Gaplans und
gemacht hatie, in
Eltern auusgeführt
werden sollte, erklärte Angelika sich sofort bereit, auf den Vor-
schlag ihrer Mutter einzugehen, die sich erboten hatte, die Tochter
holen zu kommen und sie selber nach Richten zu geleiten, wo
der Vater sie erwarten und wohin die übrigen Familienmit-
glieder sich erst begeben sollten, wenn das Befinden der Baronin
ohne Nachtheil den Verkehr mit einem größeren Menschenkreise
zulassen wülrde.
s
Ein reitender Bote des Grafen hatte die Anfrage und daE
Anerbieten der Gräfin überbracht und sollte den Bescheid de;
Tochter mit zurück nach Berka nehmen. Der Graf hatie ihm,
einen zweiten Boten nachgesandt, der die Wiederkehr des ersten;
auf halbem Wege erwwarten sollte, um dann mit dem Relais«

17
pferde den ersehnten Brief der Tochter so schnell als möglich
in die Hände der Eltern zu bringen. Am Abende des nähsten
aages lonnle er in Berla, am Morgen des fiinften Tages
konnte die Gräfin in den Armen ihrer Tochter sein.
z Die erste Freude keunt nicht Raum, nicht Zeit; sie über-
flügelt beide, um dann in sehnsiüchtiger Ermidung das uner-
bittlich gleichmäsige Fortschreiten der Secunen desto schwerer
zu empfinden. Sie leui Nichts, als i=- .l, und vergißt mit
üs- 9.
erbarmungsloser Gleichgiltigkenl, was hinler .,. liegt, was sie
- il.-
mich von ihrem Ziele irennt uid was sie opfern musi, es zu
erreichen. Nuir Ei:n Gedanke, nur Eine Emnzsfindung waren in
Fer Baronin mächiig: das Glick isber die ihhr bevorsiehende
Vereinigung mil ihren Eltern ud Geschwistcrn.
Das; sie sich von ihren Pflegern kreunen, dasß sie Seba
wverlassen muste, schien ihr völlig zu entfallen; sie schien sich
-nicht zu erinnern, wie ihr vor dem Abschiede gebangt, wie sie
noch vor wenig Siunden alle ihre Hoffnug darauf gerichtet
His-
-=---, sich den Znsammenhang mit der Freundin zu erg=----
-s,-lf.ss
Fwor der kein Geheimnis zu haben ihr eine Herzensbefriedigung
gewesen war. Selbst der Zurickveisng, die sie erfahren, ge-
,dachte sie in diesem Agenblicke nicht, und Seba liebte sie zu
,sehr, um sie an sich zu mahnen und die Freude der Baronin
zdurch ein Zeichen ihres eigenen Schmerzes beeinträchtigen zu mögen.
Angelika haike beabsichkigt, u ihren Zimmern Nichid rüühren
T
;und Nichts einpacken zu lassen, bis Marianne dies thun könnte;
ezt ließ die Ungeduld sie nicht rasten. Sie hatte ihren Eltern
Felbst geschrieben ud den Caplan beaufiragt, den Freiherrn,
Fnit genauer Angabe der getroffenen Verabreduungen, von ihrem
Fntschlusse in Kentnis zu sezen. Mit dem Kalender in der
As:b lss sss- -s.
F-- =-== - - age gezählt, welche bis zu ihrer Ankunft
Fn Richten noch verfließen musßten. Man hutie die Nacht-
gtartiere ansgewählt und die Maßregeln so geiroffen, daß mit
g5-
zch s

-- 1Z0 --
der Estafette, die man dem Freiherrn sandte, auuch die Benach-
richtigungen an die verschiedenen Gasthausbesizer mitbeförderi
wurden, und kaum waren diese Geschäfte abgethan, so verlangte
die Baronin, selbst Hand an das Einpacken wenigstens der kleinen
Geräthschaften zu legen, deren sie sich zu bedienen pflegte.
Da sie zu schwach war, sich längere Zeit stehend zu erhalten
und in den Stuuben umher zu gehen, trug Seba ihr die Scha-
tullen und Käsichen zu, holie die verschiedenen Gegenstände;
welche Angelika nicht mehr nöthig zu haben glaubke, herbei, und
dle Baronni:i lal innd sorderle, esliiule und begehhrie, svickelie
ein und packke und war so von ihrer Arbeit hingenommen, daß
sie es gar nicht bemerkle, wie Seba slill geworden war und
welche Traurigleit sich über sie gelagerl halle.
Auf den Wunsch der Baronin muste der Caplan hinunter-;
gehen, um Herrn Flies und seine Fra von dem Geschehenen
in Kenntnis: zu setzen. Sie lamen beide herauf, es wurde Alles
noch einmal besprochen; das sichtliche Bedauern ihrer Wirthe,.
sie bald scheiden zu sehen, rührte die Baronin und erweckte ihre;
ganze Dankbarkeit. Sie war gut und herzlich gegen Seba's,
Eltern, sie sprach auch dieser zu, aber es war elwas Nasches,!
Flüchtiges in ihrer Weise, es war der Ton nicht mehr, den,
Seba kannte, der aus dem tiefsten Herzen kam, und mit auf-
steigendem Zweifel fragte sie sich: Hätie ich auch sie vergehen
geliebt?
Am anderen Tage kam Mamsell Marianne. Man hatteß
sie zu der Baronin beschieden, ohne sie von dem geschehenenz
Verkaufe des Hauses, in welchem sie ihr ganzes Leben zugesß
bracht, in Kenntiß zu sezen, und es kostete Mühe, sie zu be-F
ruhigen, als sie es erfuhr. Die Baronin behielt sie bei schn;
nahm augenblicklich ihre Dienste an, um ihr durch die Gewiß-?
heit, daß sie ihrer Herrin nothwendig sei, die Trennung von?
der alten und den Nebergang in die neue Heimath zu ersezenä

--- IZ!--
Marianne that ihr Bestes, aber fiür sie war dr Absiand, welcher
die Nichte ihres Fräulein Esther, die Freifrau von Arten-Richten
von den Personen trennte, m deren Hause sie ihue Frau Barcnin
zufällig antraf, ein gar zu groser. Sie konntc sich nicht darin
v=t, die gnädige Frau ohne ihre Dienerschaft zu sehen, es lränlie
slss.s
sie, wenn nicht ein Kaunerdiener, sondern Seba der Baronin
den Tisch bereitete und die Speisen zutrug, und S beleidigte alle
ihre Vorstellngen, weun Angelika, was sie jezt immer ihat, die
Freundi Du hies; und ihr mit Schmeichelnamen und mit den
seenidlichstei Worlen: sir ilre Dieisle daikie. nier deiu Vor-
wande, ihr die Mihhe abzuuehhmen, strebt. -iarianne danach, Seba
. )
von diesen Thuun zuriickzuhallen, und die Baronin sellst ersuchie
die Freundin auus Ricsicl siir Mariaune, die alle Dienerin walten
zu lassen. Seba erkannte und ehrte die Beweggri nde Angelikn's,
aber mit den feinen Sinnen eines zärtlichen Herzens empfand
sie, wie mil de Hinzulommen von Maiusell Mariaune eine
is----= --t zwischen sie und Agelila geireten sei. Sie mußte
NN1.s
sppsssd
eine stumme Zuhörerin machen, wenn Marianne von den zahl-
reichen Verwandten und Belannten der Häuser von Arten und
von Berka erzählte, die in der Residenz ansässig waren, wenn
sie von der Herrschaft sprach, die zu ihres Fräuleins Zeiten in
das Haus gekommen oder die Gäste der Baronin gewesen waren,
als diese die Residenz bewohnte. Sogar die feierlich unter-
würfige Art, in der sie zu der Baronin redete und mit der sie
sie bediente, fiel Seba auf, und während sie sich bis dahin des
Gedankens erfreut hatte, das; Angelika es in ihrem Hause und
?.
Z in ihrer Pflege so gut als möglich gehabt habe, fing es sic zu
- beunruhigen an, daß sie doch Mancherlei entbehrt hab.. --une,
z« 7K
und das that ihr wehe. Sie kam sich arm vor, weil sie fürchtete,
daß sie nicht Alles zu schaffen und zu gewährrn vermocht habe,
was lange Gewohnheit ihrer Freundin zu einem, von der weniger
- N.=-i.:s
=====«-hnten nicht gelannten und also a=g --=- ==-uuSgesehenen
pß zfspszf nmee

--- 18F----
Bedürfniß gemacht. Der Dank Angelila's, den sie bis dahinj
mit gutem Glauben aufgenouuen hatte, begann sie zu ängstigen,s
aber die Baronin, die sonst mit höchstem Verständniß jeder!
Regung in dem Herzen der Freundin zu folgen pslegte, hate?
jetzt keinen anderen Gedanken, als den an ihre Mutter.
Es war schon spät am Abend, als die Gräfin Berka, an
dem festgesezten Tage, vor dem Flies'schen Hause vorfuhr. Man
haiie Angelika willfahren und ihr das Wiedersehe der Mutier,
gleich nach deren Ankuft gestatten mülssen, um der sie auf-
rrzze lmuii Ssuinliisigz isni ' i wiul lisigz e li isin zl siiüiihhrii. Selg
halle die Gräsin zu ihrer Tochler hinausbegleilei, sie halle ge,
sehen, wie sie einander in die Arme gesunken waren; dann hatie
sie sich entserni. Mehr als eine Stunde war vergangen, ehe
die Baronin durch Mausell Marianne den Caplan zu sich be-
scheiden und daun auuch Seba und ihre Eltern biiten liesß, sich
zu ihr zu bemüühen.
F
Die Gräfin kannte Herrn Flies und seine Frau. Sie?
hatte manche Bestellung, manchen Einkauf bei ihnen gemacht-
und sie immer für rechtschaffene Leute gehalten. Sie erinnerte?
sich, das; Graf Gerhard einmal in ihrem Hause gewohnt habe,
und wußte es ihnen recht sehr Dank, daß sie sich der Baronin
so eifrig angenommen. Aber es dünkte ihr so natürlich, daß
eine Familie wie die Flies'sche sich eine Pflicht und eine Ehre
daraus machte, der Baronin von Arten beizustehen, sie fand es
so selbstverständlich, daß Seba sich glücklich füühlen müssen, ihrer
ochter, ihrer Angelika, helfen und dienen zu dürfen; und es?
waren nicht Seba's Hingebung und Liebe, die sie schätzte und ?
anerkannte, sondern der richtige Tact, mit welchem diese sich
zurüczog, seit die Gräfin ihre Stelle neben der Tochter wieder
einnahm.
Angelika war wie von einem Zauber befangen und gelähmt.;
Sie fühlte es, wie die herablassende Freundlichkeit ihrer Mutter

-- h8Z---
ihre Gastfreunde und vor Allen Seba kränkei muste, sie hörte
so gut wie diese das Absindende und Veralschiedende in dem
=-nkesworte der Gräfin; aber sie mochie die Mutier nicht
D=
tadeln, von der sie so lange getrennt gewesen war, sie wagle
--==-- -hr in diesen ersten Stunden des Beisammenseins es zu
s-s-s ?
h»?
aülären, welch lebhasle Neigung, welche Fr-undschafi si: fir
Seba fühlie, und Seba's Verschlossenheit hutte sie in ihremn
eigenen Eipfinden irre gemachk.