Von Geschlecht zu Geschlecht. Roman in zwei Abtheilungen. Neue, von der verfasserin veranstaltete, revidirte Ausg.
Fanny Lewald
Kapitel 16

Secszehnte ä Capiiel.
l? war eine traurige Neise, welche die beiden Frauen
zuriczulegen hatten. Graf Gerhard, der, von der Hochzeit
eines Cameraden kommend, zufällig mit seiner Mutter in dem
- Gasthofe zusammengetroffen war, hatte die Stadt noch in der
, nämlichen Stunde verlassen; die Abreise der Frnuen hatte wegen
, der Erschöpfung der Baronin bis zum Nachmitiage hinaus-
F geschoben werden misfen.
? Die Gräfin wwar tief erschittert. Agelita völlig herz-
uR RNR D
Z Vorgang jemalö von ihren Lppen kommen solle, und die Gräfin
s hatte, von ihrem Sohne ein gewandeltes Leben fordernd, ihm
f das gleiche uwerbrichliche Schweigen zugesagt. Her Gedanke,
ß daß ihres Sohnes Ehre der Welt gegeniber also nicht ange-
F tastet werden würde, das war der Trost, an dem sie sich empor-
richteie, wenn das vernichtende Urtheil, welches Seba über ihn
( gesprochen, in seiner unerbittiichen Strenge in dem Herzen der
FGrafi achkiang.
Der Caplan, dem es nicht hatte verborgen hleiben können,
ß daß Seba die Baronin nach dem: Gasthofe begleiet und daß
h sie dort mit dem Grafen Gerhard zusammengetroffen war, hatte
Fleine Mühe, sich das Geschehene zu deuten, und die Stimmung
F der beiden Frauen, deren Begleiter er war. zu erklären. Er
F richtete keine Frage an Angelika, aber er verstand eh, weßhalb

---- 1G ---
sie mehr als je zuuvor von der Sorge um die Erziehung undj
Charakterbildung ihres Sohnes hingenommen schien, und er
suchte sie bei diesen Gedanken festzuhalten.
1
Da man um der Baronin willen immer erst spät am?
Morgen aufbrechen konnte, war ek schon gegen Abend, alss
man auf der Herrschaft anlangte, und Angelika's Traurigleitj
ward mit der Ankunft auf ihrem eigenen Grund und Bodenj
nicht vermindert. Der Ablick des Pfarrhauses, des AmthofesF
des frischen Grabes auuef deu katholischen Kirchhofe riefen ihrs
kene lröslllchen Eriieruigen und Vurslelliugen in das Ge-F
dächtnisß. Als sie an der schönen, nenen Kirche voriberfuhrnJ
wagte sie nicht, die Muiier auf dieselbe aufmerksam zu machen,ß
s
und die Gräsin äuszerie sich nichl dariber.
Es wurde der armen Angelika immer banger um das HerzF
Mit Einem Male rief sie: U Golles willen, was ist das? j
Man sah zum Bagen hiae; das ganze Gehösl, welchesj
zwischen Nothenfeld und Nichten gelegen, aus zwei kleinens
Wohnhäusern und einer Gruppe von Siäslen ud Scheunenj
bestanden hatte, war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Dies
nackten Schornsteine sahen gespenstisch und geschwärzt aus demß
sie umgebenden Schutthaufen hervor, die dicken, schweren Nauch!
säulen qualmten mit ihrem erstickenden Geruche zu dem blauen,j
leuchtenden Himmel hinauf.
Einer der Wirthschafter, welcher bei dem Auseinanderlegenß
und Ldschen der noch brennenden und schwelenden Balken di!
Aufsicht führte, kam auf einen Anruf an den Wagen heraß-j
- Er meldete, daß das Fener mitien in der Nacht in beidenj
Scheunen fast gleichzeitig ausgebrochen und, wie es sich hes-!
ausgestellt, wahrscheinlich von dem stumpfsinnigen Sohne deß
Hirten, den man gestern mit einer Prügelstrafe zum Abschiehej
aus der Haft entlassen hatke, angelegt worden sei. Die Bo-!
wohner der beiden Häuser hatien nur ihr Leben retien kömnent,

I?
h=- M,=-
Fie ganze Heuerute war verbraunt, d.. ul si, selbst die Bau-
Aichkeiten abgerechnet, sehr empfindlich. Man zatt. nun aber-
mgls ein nenes Verbrechen gegen das Eigenlhuiun des Gutöherrn
zu bestrafen.
Ud ich bin so schwwach! seufzte Angelika Sie fihlte, haß
e== -
ssio sioif
-=- ---- z kragen auferlegt war, als ihre Krüüfte ihr gestatteten.
Dy
=--uni mnochle es unachen, wie man wollte, die Gräfin er-
fuhr scho jehl von den auuf den Gitieru obwalieden Verhäli-
nissen uchr, als ihre Tochier wiiischle. Sie versucht. -lugella
a 9
danut zu beruhigen, das; solche Ereignisse ja öster vorlämen,
daß man vor dergleichen Vöwilligleiken nirgends sicher sei, und
die Baroni gal sich diesem arosle, so gut sie lonnte, hm.
Als man vor dem Schlosse vorfuhr, waren seine Be-
wohner heruuniergeloneun, die heiulehrende Heurin und deren
Mulier zu begrisen; aber man fand sich allseitig nicht wohl
,aussehen. Der Freiherr und der Graf, welche die Nacht hin-
gdurch von dem Brande wach erhal... wworden wwaren und beide
fps:
I d.s -e,-
- --- - -- Jhren standen, in denen AnstrenggOl«.»==-==--- ===e
s F-pkof- iifd
Sorgen sich nicht so leicht als in der Jugend ilberwinden lassen,
sahen ermüdet aus. Den Grafen betriübte dazu die Hinfällig-
R8 siwsm-
;-- --- Tochter; der Freiherr bemig= g«. smuer Schwieger-
s.- C,
mutter die friühere. -- zb== 1 zelgen; indeß er war
1.s.f.-l
- swpin
derdüsterten Sinues, er mußt. g « zn heiteren Rücksichinahme
-- N,
,ür seine Gäste zwingen, und der Gräfin Herzs=..- ebenfalls
ebeschwert, nicht dazu angethan, hm seine Aufgabe zu erle-=---
sfliidfs
faz.s-
===-- die Herzogin besas: sich ganz und gar und kam durch ihre
Ie-
»-? =8g -alen wesentlich zu Hülfe.
As
G.iss
Sie ,. Ich völlig matronenhaft gekleidet, und Augelkt
s.his,- s
-ssfso ms-st
-=o--==- --==gt unhin, so genal sie di. z eezogin kue, sie doch
-zsf,
= G.
fos: Esz=
i»s M,psi-
=---- = ouu nderuunlg z beobachlen und zu beldig=--- o-
Stirn war erust geworden. --=--s- =-- den schmelzenden
s P1,
s.,sss
Ausdruck verloren, ihr Munnd sein anmuthiges Lächeln. o= --
I,Rv-

-- 18---
der die Herzogin jezt zum erslen Male sah, muste sich sagen,
diese Frau habe ein schweres Schicksal mit Ergebung getragen-!
und überwunden. Bescheiden jede Rücksichtnahme für sich zu-
rückveisend, wusßte sie alle ihre Sorgfalt als auf die Baronin ;
gerichiet darzustellen, und wie bei jeder solchen Täuschung, wie
bei jeder solchen heuchlerischen Schaustellung zwang grade die
Dreisligleil derselben diejenige zum Schweigen, welche sich von
ihr beleidigt und abgesosten fihlen muste.
Angelika konnte ihren Eltern nicht sagen, das: die Herzogin
sie ungliiclich gemachk, das: sie ihr ihres Gatten Lebe entzogen,
ihre Ehe zerstört, ihren Seelenfrieden vernichtet habe; denn wie
bei dem ersten Besuche, welchen Graf Berla und seine Frau
der Tochter abgestattet, hatte diese die Ehre ihres Mantes und
ihres Hauses vor den Eltern zu verkreken, und es wollte sie
bedünken, als sähen ihre Eltern schärfer, als sie wünschte, als
wären sie iber gewisse Dinge und Verhältnisse besser uterrichiei,
als ihr lieb war
Jn Erinnerung an die frihere Anwesenheit des gräflichen
Ehepaares, bei welcher man das erste Frühstück auf der nach
dem Parke gelegenen Terrasse eingenommen hatte, damit die,
Leute aus den Dörfern die Eltern ihrer Herrschaft sehen könnten,
hatte man auch jetzt an dem Tage nach der Rückkehr der Ba-
ronin, der ein Sonntag war, am Nachmittage den P.l ge-.
d=-'
öffnet und ein Vesperbrod im Freien aufgetragen. Ganz wie!
damals war die Mahlzeit an dem oberen Ende der Terrasse
vor dem chinesischen Häuschen hergerichiet. Wie damals standen
die Diener in ihrer Gala-Livree bereit, es zu präsentiren; die
Baronin ging nur nicht mehr so freundlich plaudernd und so
schön an dem Arme der Gräfin einher, der Graf und der Frei-
herr trugen nicht mehr die stattlichen Nöcke aus farbigem Sammt,
auch sie halen allnählich die goldbesezien dreiecigen Hüle und
die wohlfrisirten Perriücken abgelegt. Aber die runde, breit-

-- sß-
Främpige Kopfbedecng, die weiten, schmnucklosen Tuchröcke, die
reitklappigen Westen, die dicken Halstücher machten immer noch
einen fremden Eindruck an ihnen, und sie schienen den Degen
an ihrer Seite doch immer noch zu vermissen.
Ausgestrec! aus ihrem Nuhebelte, u ihren weißen Klei-
dern, mit dem weis;en Schleier iber dem blonden Haare, sah
die Baronin einer Nonne gleich. Sie war nichi mehr die hohe,
gebietende Gestalt, deren Schleppkleid einst so prächtig ihren
gemessenen Bewegngen gefolgt war; sie und die Gräsin hatten
nicht mehr die lleinen Federhüütchen auf, und es war auch Nie-
mand aus den Dörfern gelonmen, sich an der Schönheit und
Siattlichkeit der Herrschaften zu erfreuen. Dte Leute waren
nicht begierig, dem Freiherrn unter die Auugen zu ireten, und
noch weniger begierig, ihu zu sehen. Die Gartenarbeiter, welche
im Voribergehen verstohlen nach den Herrschaften hinaufsahen,
zeinten, das: die Diener sich jezt besser als die Herren aus-
vKsis
==len. De Zeiten hatien sich eben geändert, und die Menschen
mit ihnen.
- Die Gräfin sasß mit ihrem Sonnenschirme an der Seite
Zhrer Tochter und hielt ihr das zu grelle aicht ab; die Herzogin,
iit einer Filetarbeit beschäftigt, leistete ihnen Gesellschaft. Den
Enkelsohn an der Hand haltend, spazierte der Graf mit seinem
Schwiegersohne umher; aber es waren nicht die sie zunächst
uumgebenden Dinge, nicht die leuchtende Pracht des Abends,
kicht die Schönheit des Parkes, welche sie beschäftigten. Der
Krieg hatte die Grenzen Frankreichs lange schon überschritten,
große Ereignisse, große Gefahren standen an dem Horizonte, -= =-
, M.ss
ging unverkennbar einer Neugestaltung mit raschem Schritie ent-
gegen, und es fragte sich, ob man darauf hoffen dürfe, sich in
ihr zu behauuslen, wen man ihr Schranlen zu sctt,en versuchte,
gder ob man sich ihr fiügen müsse, um nicht - gr nnlerzugehen.
- -ss (s
. Des Grafen und des Freiherrn Meinungen waren sehr

Zßß--
verschieden; sie verständigten sich nicht wie sonst, und weil siß
entschlossenn waren, das kaum hergestellte gute Einvernehmen
zwischen sich aufrecht zu erhalien, sprach leiner von ihnen seines
letzte Neberzeugung aus. Man gab von beiden Seiten mitj
vorsich!iger Zuuriickhaltg nach, man iiberwand sich, man schwiegH
man beobachtete einander, man suuchte zu errathen, waö ders
Andere meinie, sich ihm gesällig z zeigen, ohne der eigenen,
Ansicht etwas zu vergeben. Ein solcher Verkehr ist aber eine?
schwere Arbeit und kein Genusi, und die Mäiner wendeten sichs
bald wieder der Gesellschaft der Frauuen z, in welcher diej
Unierhaliungsgabe der Herzogin die Freuden zu fesselu und von
allem Siörenden mit kluger Berechnuung abzulenlen wuszte. s
azwwischen sann der Freiherr üüber die Weise nach, in der?
er der Flies'schen Familie seine Erkennilichkeit fir die der Va-z
ronin geleisleien grosen Diensie bezeigen uöchte, und bei demZ
Wohlstande jenes gastlichen Hauses war das keine leichte Sache.
Man konnte nicht daran denlen, Herrn Flies eie Eulschädigungj
für die gehabten Kosten anzubieten; eines jener Geschenke von?
Werthgegenständen, denen man den Charakter eines Andenkensj
verleiht, war in diesem Jalle auch nicht angebracht, denn dies
Frau und die Tochter des Juwweliers hatten unter seinen Vor-;
räihen nur zu wählen, und weil der Freiherr glaubte, daß erß
sowohl den Wimschen seiner Fran als dem Gefihle ihrer Pflegerinj
gleichzeitig am besten begegnen kdnne, wenn er sich zu einers
jener Liebesgaben erbötig zeigte, die man sonst nur mit seines
Gleichen ausiauscht, that er der Baronin den Vorschlag, Sehas
mit der Copie ihres bald nach ihrer Verheirathung in der No-
sidenz gemalten MinialurBildes zu beschenken. Man hatie dies
Copie damals gleich nach der Vollendung des Driginals nehmens
lassen, um sie der Gräfin zum Weihnachtsfeste zu bescherenF
Das Familienzerwürfniß hatte diese Absicht vereitelt; jetzt mochtz
man auf eben diese Gabe fitr die Gräfin ans begreiflichen!

-- 1----
PGrunde nicht zurückkommen, und einfach in in:n emaillirten
-Goldreif als Medaillon gefaßt, schien das Portrait vor allem
Andern geeignet, den Dank des Freiherrn und die Freundschaft
der Baronin am edelsten und ehrenvollsten auszusprechen.
.=ess wider sein Erwarien sand der Freiherr bei Angella
Nh,
nicht gleich die srendige Zstimmuung. aus welche er gerechnet
hatie. Sie war verlegen, ihre Biicke richtelen sich nach ihrer
- Wziss==-
-=---- - als sei sie unsicher, ob diese eine solihe Liebesgabe
bllgen wiirde; aber grade dieses Leziere besimmie den Frei-
liozei:
=--- seinen Vorschlag geliend zu machen, un Angelila z-
infn
kl=
u« dann auch schnell und völlig mit der Absicht einverstanden.
,s-
=--. Freiherr selber schrieb den eeef, denn er sesbst wollte der
1-?.-
Geber des Angedenkens sein und in einer über jedes Abwägen
hinauusgehenden Weise sich mit der Flies'schen Famiiie abgefunden
l..ss:is
=--=-; aber er ermnächtigle Angelila, ire. =-=- zlnzuzufiigest-
-s c
d,is-s s.
was bedingte sowohl, was sie schreiben, als die Art, in
welcher sie schreiben lounie, sie uusste sich an --lgemeines
e sl
s.lfSi- PAs-
o---- - am Ende ihres Briefes wiederholte sie den von
ihrem Gatten gebrauchien Ausdruck, das; eö ig. eine große
N-
Freude sein würde, den ihr so theuer gewordenen Freunden
jemals diensilich sein zu können; und sie fügte dieser Ver-
sicherung den fi.r Seba völlig verständlichen Nnchsaz hinzu :
,Glau..--, das; der Gedanke an Dich und an unser letztes
l.n siie
Beisammensein uich nie verlassen, das mein Herz fitr Dich
beten wird wie fir mich selbst, und daß Du mir die höchste
Liebe erweisen wirdest, wenn Duu es mir sagen wolliesi, ob ich
irgend etwas fir Dich, fir Dein Gllck und für den Frieden
Dpifin=- Vi fzsss ssii k- imis! --
sl1H = z 1s1b111isl 1sslli Clivl s
ccd.s-
=-« Freiherr sah es, wie Angelika eine Locke ihres Haares
abschnitt und in die Rickseite des Medaillons einlegte. Er las
die von uhr geschriebene.- .-=-l, ohne eine Beimterlung -===- -
vvn p-sszu-
i: N,l.s
zu machen. Die Ausdruucksweise jener Zeit war eine conven-

- HczH
tionell gesteigerte, man bediente sich großer Worte fir die leb-
haften Empfindungen, die man geflissettlich in sich nährte, und
daß es au Gefühlsergüssen zwischen der Baronin und Seba
nicht gefehlt haben würde, darauf war der Freiherr gefaßt
gewesen. E gefiel ihm freilich nicht besonders, daß seine Frau
das Judenmädchen mit Du ansprach, er tadelte es auch gegen
seine sonstige Weise im Beisein der Gräfin, und diese gab ihm Necht.
Sie äuserte sich überhaupt nicht beifällig über Seba; Aigelika
wagte es nicht, sie zu vertheidigen, maun konnte es jedoch in
ihren Mienen lesen, dasß diese abfälligen Urtheile sie bekrübten.
. lebxigeu gingen die Tage im Schlosse ruhig hin.
Nach der Ermüsdung duurch die Neise muus:ie mian der Varonin
Zeit zur Erholung gönnen, durfie man nicht daran denken,
Gesellschaft zu sehen; und da der Besuch der Eltern ohnehin
nicht eben lange währen sollte, wümnschten sie, sich der Tochter
ohne Störung zu widmnen. Alles wad man uniernahm, wuurde
mit ücksicht auf die Kranke gethan. Man konnte sich nicht
darüüber täuschen, daß fir sie leine Herstellung zu hosfn sei und
daß nur Schonug und Nuhe ihr Dasein noch zu fristen ver-
möchien. Jedes Gespräch, das sie erregen lonnte, wurde ver-
mieden, sie selber schien vor allen Erörterungen iber ihr Leben,
üüber den Freiherrn, iber die Herzogin, über die Plane, welche
sie fitr die Erziehung ihres Sohnes hegte, Scheu zu tragen.
Auf die mißbilligende Bemerkung ihres Vaters, daß man im
Schlosse fast nur noch Franzosen im Dienste habe, entgegnet
sie, die Noth dieser geflüchteten Leute und die Rücksicht auf di:
Fürbitte der Herzogin hätten sie dazu gebracht, sich ihrer zu be-
dienen. Und, fügte sie mit einer gewissen Neberwinduung hinzu,
wenngleich ich selbst fir Nenatus die alten, uns angestammten
deutschen Diener lieber gehabt hätte, so ist es doch andererseiis
viel werth, daß er jetzt nur Personen um sich findet, die ihr
in seinen religiösen Begriffen nicht verwirren. Kinder haber
des völligen Einklanges in ihrer Umgebung sicherlich am nöthigsten

L!
Die Elteru liesßen diese Unierhaltung fa'lei; aber es gab
der Gegenstände in Schloß Richten gar zu v ele, die man nncht
berühren mochte. Der Graf, der schon aus der Ferne von ben
schwankenden Vermögenöverhälinissen seines Schwiegersohnes
-Kunde gehabt haiie, iberzeugte sich, daß der Schade tiefer gehe,
hals er geglanbt, und versuchte, da er viel prakti'ch. Umsicht besaß,
dem Freiherrn unter der Hand zu rathen, wie man mit dem
Verkaufe eines T heiles der Güüter den andern sichern und dauernd
erhalten möge. Der Freiherr wies jedoch jede Mittheilung und
jeden Rath zuriick. Man war und blieb also beisammen, ohne
-mit einander zu leben. Man häile einander lieben mögen,
brachte es aber nicht weiter, als bis zu einer gegenseitigen nach-
sichtigen und uilleidigen Duldsamkeit. Wie die Eliern auch
an der hinsiechenden Tochter hingen, wie schwer die Trennung
ihnen werden muuusste, sie sprachen nicht davon, ihren Besuch über
die festgesezte Zeit zu verlängern, und weder der Freiherr noch
Angelika vermochten sie dazu aufzufordern, dent die Einweihung
der Kirche siand nahe bevor, es gab für diese noch mancherlei
zu ordnen, und man durfte nicht wünschen, den Grafen und
seine Gaitin zu Zeugen derselben zu haben.
Der zweite Besuch, welchen ihre Eltern der Baronin in
Richten machten, war dem ersten in vieler Beziehung ähnlich,
und Angelila erfuhr an sich selber, wie wuundersam oftmals in
unserem Leben entfernte Zeikpunkte einander gleichen, wie sich
zu wiederholen scheint, was wir erleben, währrnd wir selbst
uns gewandelt finden und Alles um uns her gewandelt ist.
Weil yian sich vor dem Scheiden gefiürchtet hatie, fühlte
zman sich leichter, als es überstanden war, und wie nach der
Kersten Abreise ihrer Eltern wuurden auch dieses Mal der Frei-
fherr und Angelika durch eine äußerliche Thätigkeit in Anspruc
Igenommen.